Sie sind auf Seite 1von 672

t ; - V; t ..

Dieser Band der Korrespondenz von


Adorno und Horkheimer umspannt den
Zeitraum von 1938 bis 1944 und setzt mit
den letzten Wochen Adornos in England
ein, die von der Arbeit an seinem Wagner
und der Vorbereitung auf seine Mitarbeit!
3.1t d em von Paul Lazarsfeid geleiteten
Princeton Radio Research Project be¬
stimmt sind. Er endet, als die Forschungs¬
projekte des Instituts für Sozialforschung
über den Antisemitismus abschließend ge¬
bündelt sind.
Horkheimer ist in New York als Berater
des American Jewish Comittee tätig, Ador¬
no entwirft in Los Angeles zahlreiche Pro¬
jekte und koordiniert die empirischen
Untersuchungen, die gemeinsam "mit der
Public Opinion Study Group der Berkeley-
,

Universität unternommen werden. In die


Zwischenzeit aber fallen das Ende der zu¬
letzt in englischer Sprache erscheinenden
Zeitschrift des Instituts und die Bemühun¬
gen um Forschungsstipendien für die Mit¬
arbeiter des Instituts, die nicht mehr aus
eigenen Mitteln finanziert werden können.
Adornos und Horkheimers Hauptsorge ist
jedoch, Zeit für die gemeinsame Arbeit zu
finden. Deren erster Niederschlag sind die
Philosophischen Fragmente, die später den
Titel Dialektik der Aufklärung erhielten.
Zahlreiche, zumeist unveröffentlichte Do¬
kumente, die im Anhang wiedergegeben
werden, ergänzen diesen zweiten Band des
Briefwechsels zwischen Theodor W. AdoU
no und Max Horkheimer, der einen faszi¬
nierenden Einblick in die Werkstatt der
soziologischen Aufklärer' zu Zeiten des
Exils gewährt. _ ^ V
(Boston (PuSCic LiSrary

Qift oftfie
Qoethe-Institut
Digitized by the Internet Archive
in 2017 with funding from
Kahle/Austin Foundation

https://archive.org/details/briefwechsel192700ador
Theodor W. Adorno
Briefe und Briefwechsel
Herausgegeben vom
Theodor W. Adorno Archiv

Band 4
Theodor W. Adorno
Max Horkheimer

Briefwechsel
1927-1969
Band II: 1938-1944
Herausgegeben von Christoph Gödde
und Henri Lonitz

Suhrkamp
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004
Alle Rechte Vorbehalten,
insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf' in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages
reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz und Druck:
Memminger MedienCentrum AG
Printed in Germany
Erste Auflage 2004
isbn 3-518-58423-5

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.ddb.de abrufbar.

1 2 3 4 5 6 - 09 08 07 06 05 04
Inhalt

Briefwechsel 1938-1944 7

Anhang . 425

1. Briefe Adornos an Dritte und von Dritten .... 427

Adorno an Lazarsfeld. 427


Lazarsfeld an Adorno. 436
Adorno an Lazarsfeld. 447
Adorno an Jean Wahl. 450

2. Entwürfe und Notizen. 453

Notizen zur neuen Anthropologie . 453


Ad Chaplin und Hitler. 472
Contra Paulum . 475

3. Memoranden . 503

Fragen und Thesen. 503


Ergänzungen zu »Fragen und Thesen« ...... 524
Ein Vorflihrungsabend elektrischer
Musikinstrumente . 533
Nationalsozialismus und Antisemitismus. 539
Zum Filmskript von William Dieterle . 601
Zum »Labor Project«. 608
Fragebogen flir Geschäftsleute. 620
Research Project on Social Discrimination . . . 623
Research Project on Childhood Antisemitism . . 625
Ad Child Study. 630

Editorische Nachbemerkung . 633

Register 639
Briefwechsel 1938-1944
158 Adorno an Horkheimer
San Remo, 4.1.1938

BITTE DRAHTET RASCHESTENS HIERHER SCHIFFS¬


TERMIN ZWECKS ZEITDISPOSITION

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

159 Horkheimer an Adorno


New York, 5.1.1938

RESERVED PASSAGE STEAMER PARIS LEAVING


SOUTHAMPTON JANUARY NINETEENTH STOP IN-
STRUCTED LONDON FRENCHLINE OFFICE TO WIRE
CONFIRMATION SAN REMO STOP PLEASE INFORM
US WHETHER YOU HEARD FROM FRENCHLINE
HORKHEIMER

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

160 Adorno an Horkheimer


San Remo, 6.1.1938

EVERYTHING ALRIGHT CORDIALLY

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

9
i6i Horkheimer an Adorno
New York, ii.1.1938

11. Januar 1938.

Lieber Teddie,
Die Plätze in der »Paris« waren schon gebucht, als wir die
Mitteilung erhielten, daß der Dampfer nicht fährt. Während
der Verhandlungen mit der Agentur, welches Schiff Sie nun
nehmen sollten, traten eine Reihe von Gründen auf, die uns
den Aufschub von einigen Wochen nahelegten. Es handelt sich
samt und sonders um Kleinigkeiten, die ich zum Teil schriftlich
garnicht auseinandersetzen will. Sie werden mir so weit ver¬
trauen, daß Sie a priori annehmen, Sie selbst hätten an meiner
Stelle unter Berücksichtigung derselben Momente die gleiche
Entscheidung getroffen. Ich nenne bloß zwei Faktoren: Erstens
ist es zwar nicht sicher, aber immerhin möglich, daß in den
nächsten Wochen ein Besuch für das Institut erledigt werden
muß, der zwar nicht außerordentlich wichtig ist, aber einiger
Geschicklichkeit bedarf. Angesichts des Umstands, daß Lazars-
feld, wenn auch ungern, mit der Verzögerung einverstanden ist,
wollten wir uns der Chance nicht berauben, Sie, falls notwen¬
dig, zu dieser Mission zu verwenden. Zweitens wären Ende Ja¬
nuar, also gerade in den Tagen nach Ihrer Ankunft, wahrschein¬
lich weder Pollock noch ich hier available gewesen. Wir haben
daher den Ausfall der Paris für eine Art Wink des Schicksals ge¬
halten, Ihre Ankunft bis zur Fahrt der Champlam zu vertagen.
Ich hoffe, daß meine durch Kabel an Brill übermittelte
Nachricht über die Vertagung Sie noch so rechtzeitig erreicht
hat, daß Sie sich in Ihren Dispositionen bequem danach rich¬
ten konnten.
Eher gibt es garnichts Neues, was vor unserer persönlichen
Aussprache mitzuteilen wäre. Ich selbst suche, soweit es über¬
haupt möglich ist, Zeit zu gewinnen, um den Montaigne-
Aufsatz zu starten. Leicht ist es in diesem Betrieb nicht. Wenn
Sie da sind, werden wir eiserne Regeln aufstellen, damit jeder

10
von uns soviel wie möglich zur Arbeit kommt und sich mög¬
lichst wenig mit dem Betrieb befassen muß.
Mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

ein Besuch für das Institut: Woran Horkheimer dachte, konnte nicht ermit¬
telt werden.

Kabel an Brill: Nicht erhalten.

162 Adorno an Horkheimer


Brüssel, 13.1.1938

PARIS FAEHRT NICHT STOP TAUSCH AQUITANIA


MOEGLICH DOCH VORZOEGEN NORMANDIE
DRAHTET RASCHESTENS TERMINORD BRUXELLES
AB FREITAG ABEND LONDON HERZLICHST WIESEN¬
GRUND

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

163 Horkheimer an Adorno


New York, 13.1.1938

ABREISE VERSCHOBEN AUF CHAMPLAIN SECH¬


ZEHNTEN FEBRUAR BRIEF UNTERWEGS HERZ¬
LICHST
HORKHEIMER

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.
i64 Horkheimer an Adorno
New York, 19.1.1938

19.Januar 1938.

Lieber Teddie,
Seit meinem Telegramm und Brief wegen der Verschie¬
bung Ihrer Überfahrt habe ich nichts von Ihnen gehört. Ich
hoffe, daß bei Ihnen alles in Ordnung ist. Die Verschiebung
erweist sich in jeder Hinsicht als mäßig. Ihre Ankunft wäre in
Tage gefallen, die für den Start Ihrer Arbeit höchst ungeeignet
sind. Ich nehme an, daß Sie mit der French Line in London
alles Nötige besprochen haben, so daß Sie auch auf der Cham-
plain eine gute Kabine bekommen.
Einliegend sende ich Ihnen [den] Durchschlag eines Briefes
an Löwe. Wir fuhren zuweilen eine theoretische Korrespon¬
denz. Aus dem Schluß sehen Sie unsere offizielle Version für
die weitere Zurückstellung des Mannheim. Das Nähere dar¬
über werden wir hier besprechen.
Es gibt nichts Neues, und ich bin in größter Eile. Wann
wird Ihr Wagner fertig sein ?
Mit herzlichsten Grüßen

ÜBERLIEFERUNG O: Ts (Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

165 Adorno an Horkheimer


London, 19.1.1938

19. Januar 1938.

Lieber Max:
verzeihen Sie, wenn ich heute nur relativ kurz schreibe,
aber ich fühle mich etwas vergrippt und habe mich ins Bett
gelegt, um eine wirkliche Grippe zu vermeiden. Was die Ver¬
schiebung der Reise anlangt, so haben wir natürlich das vollste

12
Vertrauen zu Ihnen und haben uns die Gründe fast genau so
konstruiert, wie Sie sie uns in Ihrem letzten Brief angeben.
Was weiter die europäische Mission anlangt, so hatte ich auch
damit bereits gerechnet. Sollte sie nach Paris fuhren, so wäre
mir das insofern recht lieb, als Kracauer mich dringend bat,
ihn vor der Übersiedlung nochmals zu sehen, sowohl wegen
seiner Arbeit wie wegen seiner eigenen amerikanischen Pro¬
jekte. Aber selbstverständlich überlasse ich die Entscheidung
auch über ein solches meeting ganz Ihnen und Pollock, vor al¬
lem schicken Sie mich nicht lediglich amicitiae causa, um mir
das Vergnügen zu machen, nach Paris, denn die Freude, die
ich hier an der Textierung des Wagner habe, ist für jene Reise
ein reichliches Äquivalent. Dankbar wäre ich nur für baldi¬
ge, eventuell telegraphische Disposition. Ich habe nämlich
Farquharson zugesagt, meinen Vortrag bei ihm am io. Februar
zu halten, und wenn ich ihm wegen jener Mission absagen
müßte, so glaube ich, es wäre im Interesse unserer guten Be¬
ziehung zu ihm praktisch, wenn das rechtzeitig geschähe. Ja,
wenn möglich möchte ich dafür plädieren, daß wir so dispo¬
nieren, daß eine solche Absage überhaupt vermieden wird.
Durch eine, im übrigen lediglich durch Farquharson selbst
verursachte, Konfusion (er hatte mir versprochen nach San-
remo Bescheid zu geben, und das dann verbummelt) war
nämlich der Vortrag am 14. Januar nicht zustandegekommen,
und ich möchte vermeiden, daß sich der Anschein einer
Gegendemonstration von uns ergibt. Daß ich dabei lediglich
institutspolitisch denke, und daß mir das Zustandekommen
des Vortrags als solches völlig gleichgültig ist, brauche ich Ih¬
nen nicht zu sagen. Alles Anstößige werde ich strikt vermei¬
den, bm aber freilich der festen Überzeugung, daß Herr
Mannheim sich die Chance, mich als Marxisten zu apostro¬
phieren, nicht entgehen lassen wird. Dankbar wäre ich übri¬
gens, wenn Sie mir etwas über das Fatum meines Fibells gegen
diesen mitteilen würden; vor allem welche Bedenken sich
neuerdings gegen diese vorher akklamierte Giftblüte erhoben.
Wir waren bei der French Fine und haben von der Reser-

13
vierung der eigentlich zur Cabin Class gehörenden Außenka¬
bine vernommen. Wir sind darüber ganz gerührt gewesen: das
Gefühl der Geborgenheit bis in solche Details des Lebens, das
Sie und Pollock uns geben, ist von einem moralischen Wert
für uns, und für meine Produktion, den Sie kaum abschätzen
können. Dies um so mehr, als wir unsere deutsche ökonomi¬
sche Basis jetzt definitiv verloren haben. Nicht nur ist es nach
Ansicht aller, auch meiner Eltern, absolut ausgeschlossen, daß
wir Deutschland besuchen, (das mindeste wäre der Verlust
meines kostbaren Passes) auch meinen Eltern ist die Möglich¬
keit, uns zu sehen, genommen worden. Sie haben keine Aus¬
landspässe mehr, und obwohl mein Vater alles tat, um sich und
meiner Mutter die Erlaubnis zu erwirken, uns in Brüssel zu be¬
suchen, (er hatte als Garantie für die Reichsfluchtsteuer ein
Viertel seines Vermögens durch die Bank sichergestellt) und
obwohl ihn dabei alle möglichen Instanzen unterstützten, hat
ihm, wie übrigens nach meiner Kenntnis allen Juden, die Ge¬
stapo die Pässe verweigert. Ob ich meine Mutter überhaupt
noch einmal sehe, weiß ich nicht. Es ist nicht leicht, mit solchen
Erfahrungen fertig zu werden, und wenn Sie nicht wären,
wüßte ich nicht, wir wir es vermöchten. Gretels Mutter, seit
dem Tode ihres Mannes rearisiert, hat uns in Brüssel besucht.
Oppenheims scheinen dem armen Carl ernsthaft behilflich
gewesen zu sein, wenn auch die Angaben über den Grad die¬
ser Hilfe schwanken; bis Sie diesen Brief erhalten, dürfte er in
Buenos Aires sein. Oppenheims, bzw. Käthe Hirsch, haben
ihm, wie erstere mir erzählten, auch eine Empfehlung an
Anita Gonzala gegeben. Ich möchte annehmen, daß wir we¬
gen ihres Konflikts mit Felix mit dieser in gespannten Bezie¬
hungen stehen, und möglicher Weise ist es Ihnen unlieb, wenn
Carl, so lange er irgendwie von uns unterstützt wird, mit die¬
ser in Kontakt kommt. In diesem Falle wäre es wohl ange¬
bracht, ihm umgehend zu depeschieren. Die Adresse ist:
Carl Dreyfuß, c/o Hilfsverein deutschsprechender Juden,
Cangallo 1479, Buenos Aires, Argentinien.
Zu technischen Fragen möchte ich noch sagen, daß wir in

14
einem gewissen Sinn uns in der Zwangslage befinden, rasch
eine Wohnung zu finden, da die Unbedenklichkeitserklärung
wegen unserer Möbel, des »Auswandererguts« bald abläuft und
nicht verlängert werden kann. Vielleicht sind Sie so lieb, die¬
sen Punkt »Wohnung« ebenfalls mit Pollock zu besprechen.
Wenn wir recht bald in eine reguläre Lebensordnung kom¬
men, so ist das nicht bloß im Interesse der Arbeitsdisposition,
sondern außerdem auch wesentlich billiger als eine Hotel¬
existenz. Den Schlußsatz Ihres Briefes, der sich darauf bezieht,
daß wir den Betrieb möglichst reduzieren wollen, um wirk¬
lich freie Hand für unsere großen Arbeiten zu gewinnen, habe
ich mit ganz besonderer Freude und Zustimmung gelesen.
Vom Montaigne hat mir Benjamin kurz berichtet; die Idee
finde ich ausgezeichnet, meine aber, sie müßte gerade die Re¬
zeption Montaignes in erheblichem Maße berücksichtigen, in
der Skepsis gegen die Skepsis sind wir völlig einig. Beim Wag¬
ner hat es sich ergeben, daß die Zwischenschaltung eines Ex¬
poses zwischen Schema und Text zu große Schwierigkeiten
bereitet hätte. Bei der Textierung selber, die rüstig voran¬
schreitet, zeigt sich mehr und mehr, als Hauptschwierigkeit,
die Anforderung, die Arbeit bei dem ungeheuren Material der
Vorarbeiten in einem Umfang zu halten, der einigermaßen
der Idee eines Zeitschriftenaufsatzes entspricht. Schlimmsten¬
falls müssen wir in New York uns zusammensetzen und strei¬
chen oder die Arbeit über zwei Hefte fortlaufend publizieren;
das letztere würde ich aber lieber vermeiden.
Das Manuskript von Bloch habe ich »angelesen«, und um
uns ist es dunkel geworden. Ich sehe kaum eine Möglichkeit
für uns, das zu publizieren. Da ich aber die Verantwortung für
die Ablehnung der Arbeit eines uns immerhin sehr naheste¬
henden Mannes von Blochs Kaliber nicht gern allem auf mich
nehme, so möchte ich Sie bereits heute schonend darauf vor¬
bereiten, daß Sie ebenfalls dem Monstrum ins Auge schauen.
Noch möchte ich Fritz Pollock bitten, uns, falls das noch
möglich ist, das Februargehalt nicht mehr nach Oxford zu
überweisen, sondern in New York für uns zu lassen, damit wir

15
dort gleich über einen gewissen Betrag disponieren können.
Die Sorgfalt, mit der er den Januarbetrag schon früher dispo¬
niert hatte, war uns nicht entgangen. Als Resultat von San-
remo kann außer den sehr fruchtbaren Gesprächen mit Benja¬
min jedenfalls eine gewisse Reproduktion meiner Arbeitskraft
berichtet werden.
Von Lazarsfeld erhielt ich gestern em umfangreiches Kon¬
volut und bitte ihn, sich wegen der Antwort ein paar Tage ge¬
dulden zu wollen.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden
Ihr alter
Teddie.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

Kracauer . . . seine eigenen amerikanischen Projekte: Kracauer hatte im Früh¬


jahr 1937 Kontakte zur New Yorker Film Library geknüpft, wo er durch
Vermittlung Meyer Schapiros eine Stelle zu finden hoffte und die Mög¬
lichkeit, eine Arbeit über Filmsoziologie zu schreiben.

Farquharson: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 107.

mein Vortrag: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 149.

mein Libell: Der Aufsatz »Neue wertfreie Soziologie«, eine Kritik Mann¬
heims.

Gretels Mutter: Emilie Karplus, geb. Cahn.

Oppenheims: Gabrielle und Paul Oppenheim; s. Band I, die Anm. zu Brief


Nr. 15.

Carl: Zu Carl Dreyfuss s. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 6.

Käthe Hirsch: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 141.

Anita Gonzala: Felix Weils Schwester.

Montaigne: Horkheimers Aufsatz »Montaigne und die Funktion der Skep¬


sis« erschien im ersten Heft — einem Doppelheft — des Jahrgangs 1938 der
Zeitschrift für Sozialforschung; vgl. jetzt Horkheimer GS 4, S. 236-294.

Manuskript von Bloch: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 123.

16
166 Adorno an Horkheimer
London, 28.1.1938

28.Januar 1938.

Lieber Max:
heute sende ich Ihnen nur meinen Antwortbrief auf das
Memorandum von Lazarsfeld und eine Art Gegenmemoran¬
dum von mir. Obwohl ich Ihnen natürlich nicht zumuten
kann, die ganze Entwicklung des Radioprojekts dauernd mit¬
zuverfolgen, wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar, wenn
wir wenigstens die Prmzipienfragen gemeinsam behandeln
könnten. Ich glaube das um so eher verantworten zu können,
als es mir scheint, daß man aus dem Radioprojekt bei wirk¬
licher Energie in der Tat auch in unserem Sinne etwas machen
kann: gerade dazu bin ich aber zumindest in den Anfangssta¬
dien auf die Stütze Ihrer Autorität sehr angewiesen, d. h. es
wird möglicher Weise bei einigen der von mir angerührten
und zum Teil recht ungewohnten Fragen sehr gut sein, wenn
Sie Lazarsfeld gegenüber klarstellen, daß sie einen guten Sinn
haben und nicht wilde Phantasien sind. Im übrigen habe ich
mich bemüht, die Sache möglichst vorsichtig abzufassen.
Natürlich möchte ich Sie vor allem auf die Fragen und
Thesen aufmerksam machen. Sie sind in gewisser Weise ein
Gegenstück zu den Verifikationsthesen, aus denen seinerzeit
der Jazz entstanden ist, und geben Ihnen zugleich eine Vorstel¬
lung davon, was ich eigentlich von dem Krenekschen Aufsatz
erwartet hätte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß man
aus diesen Thesen einen Aufsatz für die Zeitschrift macht.
Daß ich bei ihrer Abfassung in erster Linie an Sie gedacht
habe, ist ja selbstverständlich. Was aus den Thesen wird,
möchte ich Ihnen überlassen, d. h. Ihrer Einschätzung, wie
weit wir uns als Institut mit dem Radioprojekt als solchem be¬
fassen können. Natürlich kann ich von hier aus weder das Ver¬
hältnis des Instituts zum Radioprojekt übersehen, noch die
Art, in der Sie sich meine Arbeit geteilt denken.

17
Lassen Sie mich heute Ihnen nur noch den Abschluß des er¬
sten Kapitels des Wagner melden. Sowohl den Schluß des Ka¬
pitels wie das Radioexpose habe ich während meiner Grippe
diktiert. Jetzt bin ich wieder halbwegs hergestellt und treue
mich herzlich auf die baldige Überfahrt.
Ihnen und Maidon alles Liebe, auch von Gretel,
Ihr alter
Teddie.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Elorkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

mein Antwortbrief: S. Anhang, S. 427-435.

das Memorandum von Lazarsfeld: Wahrscheinlich handelt es sich um den im


Horkheimer-Archiv erhaltenen »Draft of Program«, der nicht datiert ist.
Das Memorandum ist an Hadley Cantril und Frank N. Stanton gerichtet.

eine Art Gegenmemorandum: Das sind Adornos »Fragen und Thesen«, die
im Anhang dieses Bandes, S. 503-524, wiedergegeben werden.

die Verifikationsthesen: S. Band I, Brief Nr. 29 und die Anm. dort.

der Krenekschc Aufsatz: Kreneks »Bemerkungen zur Rundfunkmusik« er¬


schienen 1938 in der Zeitschrift fiir Sozialforschung.

167 Adorno an Horkheimer


London, 28.1.1938

28. Januar 1938.

Lieber Max;
schönsten Dank fiir Ihre Zeilen und den Löwebrief. Mit
diesem stimme ich vollständig überein, und es ist eine merk¬
würdige Koinzidenz, daß meine Gespräche mit Benjamin sich
vorwiegend um dieselben Fragen bewegten, und daß ich ihm
| gegenüber den Anspruch der Autonomie gegen den Konfor¬
mismus und zwar den russischen anmeldete. Die Schwierig-

18
keiten, einen Begriff der Autonomie in unserem Sinn, d. h.
von der idealistischen Vorstellung vom Subjekt emanzipiert,
zu formulieren, sind allerdings außerordentlich. Ich halte diese
Formulierung für einen sehr wesentlichen Teil unserer ge¬
meinsamen Aufgabe zum dialektischen Materialismus.
Wegen des Mannheimkomplexes sprechen wir denn also in
New York. Daß das abermalige und überraschende Nicht Er¬
scheinen der Arbeit mich ein wenig traurig macht, ist ja wohl
nur menschlich, und nach dem Nicht Erscheinen des Husserl
gewiß zu begreifen. Sie bezeichnen die Löwe gegenüber ge¬
nannten Motive als die offiziellen. Um so gespannter bin ich
auf die wirklichen. Ich bin mir nicht bewußt, mich im Falle
Mannheim irgend bockig benommen zu haben, und Sie hat¬
ten gerade diesen Aufsatz sehr gebilligt — mehr, will es mir
scheinen, als es im Ton der Sätze zum Ausdruck kommt; in
denen Sie sich Löwe gegenüber zwar mit Gedanken und Ar¬
gumenten, aber nicht mit dem Text des Aufsatzes selber
identifizieren. Doch haben Sie wahrscheinlich gerade dafür
taktische Gründe, die ich von hier aus nicht übersehen kann.
Bitte fassen Sie dieses leise Winseln des verwundeten Rehs,
das diesmal ich selber bin, nicht als Ausdruck der privaten
Eitelkeit auf. Aber ich glaube, es ist doch einfach so, daß es
zum Lebenselement des Schriftstellers gehört, seine belaste¬
ten Arbeiten gedruckt zu sehen, und wenn sie über längere
Zeiträume hm dem Mechanismus der Erwägungen zum
Opfer fallen, in dem ich eine, wie Sie wissen, gewisse Ten¬
denz zur Nivellierung sehe, dann ist es wohl auch verständ¬
lich, wenn selbst bei einem wirklich aufgehellten und kon¬
trollierten Menschen Symptome einer Lähmung auftreten,
von der ich nicht glaube, daß sie im Sinne der gemeinsamen
Kräfteökonomie liegt. Um aller dieser Dinge willen bin ich
froh, bald in New York zu sein, damit wenigstens in unserer
Assoziation die Hoffnung sich erfüllt, die Sie seinerzeit in
dem dann unterdrückten Motto zu »Egoismus und Freiheits¬
bewegung« angemeldet hatten. Verzeihen Sie mir, wenn ich
mir so offen Luft gemacht habe; ich glaube aber, daß gerade

19
Klarheit in solchen Dingen dem gemeinsamen Klima sehr
förderlich ist.
Ihre Frage nach dem Abschluß des Wagner zeigt mir, daß
Sie die Depression erraten haben, in der ich mich befinde. Ich
hatte ursprünglich gehofft, die Arbeit bis zur Überfahrt fertig
zu haben. Das stellt sich nun allein des Materialumfangs wegen
als unmöglich heraus. Trotzdem aber komme ich in der Tex¬
tierung rüstig vorwärts und hoffe, das Ganze in den ersten
Wochen in New York abzuschließen, so daß es wohl für das
nächste Heft der Zeitschrift recht kommen dürfte. Die Schwie¬
rigkeiten sind einzig solche der Darstellung.
Hoffentlich haben Pollocks beide sich gut erholt, und Sie
und Maidon sind so wohl und munter, wie es in der grauen¬
vollen Zeit möglich ist. Die letzten Meldungen aus Deutsch¬
land und ebenso die fernöstliche Lage sind von einer
Schwärze, der man kaum standhalten kann, wenn man, wie
wir, weiß, wie es um die Elemente bestellt ist, die v/ir doch als
die einzigen der Hoffnung haben betrachten müssen.
Ihnen und Maidon alles Liebe, auch von Gretel, die unun¬
terbrochen tippt,
Ihr alter
Teddie

P. S. Zu der Theorie des Hörstreifens, (3) der Fragen und The¬


sen, möchte ich noch hmzufugen, daß die Behauptung über
das Verhältnis von Musik, Hörstreifen und Zeit voll verständ¬
lich wird nur durch die Konfrontation mit einer, in der Ihnen
seinerzeit gesandten »zweiten Nachtmusik« exponierten
Theorie des Symphonischen. Kurz könnte man so sagen: die
symphonische Musik macht sich den Zeitverlauf zu ihrem In¬
halt und scheint ihn dadurch aufzuheben: der erste Satz der
Eroica dauert der Uhr nach genau siebzehn Minuten, dem
Sinn nach wenige Augenblicke. Beim Erscheinen von Musik
auf dem Hörstreifen tritt das Entgegengesetzte ein. Die Musik
wird durch ihre Projektion auf den Hörstreifen der realen Zeit
konfrontiert. Sie hat keine Macht mehr über diese. Das be-

20
deutet einmal, daß die reale Zeitdauer fühlbar bleibt, dann
aber auch, daß sich die durch Rundfunk übertragene Musik in
»Bilder« d. h. gewissermaßen stillstehende Augenblicke disso¬
ziiert. Sollte Lazarsfeld an dieser entscheidenden Stelle Auf¬
schluß suchen, so wäre es sehr lieb von Ihnen, wenn Sie ihm
diese These auseinandersetzen wollten. Gott vergelts.
Meinen innersten Gedanken habe ich in das Expose doch
nicht aufzunehmen gewagt, will ihn aber Ihnen verraten: Ich
glaube, daß Musik, die »überläuft«, d. h. der überhaupt niemand
zuhort, zum Bösen ausschlägt. Darüber eine Enquete anzu¬
stellen, dürfte freilich nicht leicht sein. Aber kein Musiker mag
spielen, wenn nicht irgendwer zuhört und ich glaube aus mehr
als narzißtischen Gründen.
Herzlichst!

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1937-1940, S. 3 70 ff.

Ihre Zeilen: Nicht erhalten.

der Löwebrief: Horkheimer hatte Adorno einen Typoskriptdurchschlag


seines Briefes vom 4. Januar 1938 an Adolph Lowe geschickt (vgl. Hork¬
heimer, Briefwechsel 1937-1940, S. 351-359), in dem er auch über die
Gründe des Nichterscheinens von Adornos Mannheimkritik in der Zeit¬
schrift spricht.

eine merkwürdige Koinzidenz: Horkheimer schreibt in dem Brief an Lowe:


»Die Alternative zwischen Massenbeherrschung und Konformismus, die
ja gar keine wahre Alternative ist, weil beide Elemente geschichtlich zu¬
sammengehören, ist mir deshalb zu pessimistisch, weil im Begriff des
Konformismus die Bejahung von Zuständen, die besser nicht wären und
die zum Besseren geändert werden könnten, mit eingeschlossen ist. Es ist
kein Zufall, daß dieser Begriff von den einen mit Recht als Ausdruck der
Verurteilung und von den andern mit Recht als ein Ausdruck der Hoch¬
achtung gebraucht wird. Wird er als entscheidende soziologische Katego¬
rie verwandt, so besteht die Gefahr, daß die Gegensätze des sacrificium
und der conservatio mtellectus, der menschlichen Abhängigkeit und
Spontaneität, der Vernunft und Widervernunft in ihm nicht aufgehoben

21
werden, sondern untergehen. Er hat dann eine bedenkliche Tendenz zum
Formalismus, diesem Grundübel aller Soziologie. In der Theorie der Ge¬
sellschaft, insbesondere dort, wo die Zukunft in Frage steht, kommt es ge¬
rade auf eine Begriffsbildung an, in der jene Gegensätze sichtbar bleiben.
Sie sollen ja nicht bloß im Geiste oder gar durch Worte, sondern in der
Praxis überwunden werden. Dem Begriff der Massenbeherrschung ist
dann nicht so sehr derjenige des Konformismus entgegenzusetzen, der ge¬
rade heute schon mit ihm identisch ist, als eben die Vernunft oder Auto¬
nomie, was in der großen bürgerlichen Philosophie in der Tat auch ge¬
schehen ist. Ich weiß wohl, daß auch Sie im Konformismus das Moment
der Autonomie erhalten wissen wollen. Aber warum gerade das zum
Moment machen, was doch das Wesentliche ist! [. . .] Als besonders be¬
denklich erschiene es mir, wenn der Begriff des Konformismus in einer
zukünftigen Gesellschaft den Gedanken einschlösse, daß sich das Indivi¬
duum deshalb irgendeiner Kritik enthalte, damit keine Unruhe gestiftet
wird. Daß zwischen der erklärten Feindschaft gegen das Neue, die unmit¬
telbar mit den früheren Machtverhältnissen zusammenhängt, und der Äu¬
ßerung kritischer Gedanken in einer Gesellschaft ohne verfestigte soziale
Gegensätze kein prinzipieller, sondern bloß ein willkürlich gesetzter Un¬
terschied bestehe, werden Sie gewiß nicht behaupten. Daß die Menschen
lediglich infolge der Anwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten sich
auch dann einander zerfleischten, wenn die Struktur ihrer materiellen In¬
teressen sie einmal nicht mehr in feindliche Gruppen aufspaltet, sondern
zur Kooperation treibt, wäre eine Anschauung, die mehr der Sphäre der
Paretoschen als unserer Sozialpsychologie entspräche. Sie scheint mir allen
geschichtlichen Erfahrungen zu widersprechen. Es haben sich bisher die
Ideen in der Regel nach den Interessen und nicht die Interessen nach den
Ideen gerichtet. Soweit gerade in den beherrschten Klassen die wahren
Interessen nicht ins Bewußtsein dringen konnten, lag es an eben den hem¬
menden Verhältnissen, deren Beseitigung der Beginn einer neuen Ord¬
nung ist. Wenn wir auch erwarten, daß das Verhältnis zwischen Ideen und
Interessen in der Zukunft bestimmte Änderungen erfahren wird, so mei¬
nen wir dies gewiß nicht in dem Sinn, daß nun gerade die verkehrten und
unmöglichen Ideen die Interessen verwirrten.« (Ebd., S. 352-355)

die Löwe gegenüber genannten Motive: »Wie Sie wissen, hat Herr Wiesen¬
grund schon vor einigen Monaten anläßlich des letzten Mannheimschen
Buchs eine Auseinandersetzung mit der Wissenssoziologie geschrieben.
Wir konnten sie in der ursprünglichen Form nicht publizieren, weil sie zu
lang war, und haben Herrn Wiesengrund gebeten, den Artikel zu kürzen.

22
Die gekürzte Form ist dann in Satz gegangen und sollte in diesem Heft er¬
scheinen. Da Herr Wiesengrund seine Arbeit in der ursprünglichen Ge¬
stalt Mannheim gezeigt hatte, so hielt ich es für richtig, daß er ihm nun
auch die gekürzte Fassung wenigstens in den Fahnen zugänglich mache.
In meinem Schreiben an Herrn Wiesengrund fugte ich hinzu, daß ich ge¬
gebenenfalls bereit sei, einzelne Stellen, die Mannheim für besonders hart
oder mißverständlich halte, in der Korrektur zu ändern, falls Mannheims
Gründe uns als stichhaltig erschienen. Aus einem Brief Wiesengrunds
habe ich nun ersehen, daß Mannheim zwar keine Änderungen vorge¬
schlagen, aber den Wunsch geäußert hat, in unserer Zeitschrift eine Er¬
widerung zu bringen. Diese Mitteilung hat mich in ernste Verlegenheit
gesetzt. Sie wissen, daß unsere Zeitschrift im Gegensatz zu anderen
geisteswissenschaftlichen Organen wie etwa dem Liebertschen keine Dis¬
kussionsplattform darstellt. Wir haben immer wieder, zum Beispiel im
vorletzten Heft, erklärt, daß einerseits über jede Art fachlicher Leistung
auf unseren Gebieten berichtet und die verschiedensten theoretischen
Strömungen kritisch gewürdigt werden sollten, daß wir jedoch anderer¬
seits bestimmte theoretische Gedanken durchhalten wollten. Gerade dies
scheint uns angesichts der allgemeinen intellektuellen Ratlosigkeit zu den
wichtigsten Aufgaben einer philosophisch orientierten Zeitschrift zu ge¬
hören.« (Ebd., S. 3 56 E.)

[das] unterdrückte Motto: S. Band I, Brief Nr. 47 und die Anm. dort.

168 Horkheimer an Adorno


New York, 2.2.1938

2. Februar 1938.

Lieber Teddie,
In grösster Eile danke ich Ihnen flir Ihren Brief vom 19. Ja¬
nuar. Es ist im Augenblick wirklich so, dass ich keine Minute
flir mich habe. Die Verwaltungs- und Institutsarbeiten haben
einen Höhepunkt erreicht. Ich will alles tun, daß es Anfang
März etwas ruhiger aussieht. Dabei gibt es kaum etwas Neues,
das eine Mitteilung vor Ihrem Eintreffen forderte.

23
Die offizielle Version wegen des Mannheim-Artikels erse¬
hen Sie aus meinem Brief an Löwe. Die sachlichen Momente
werden wir erörtern.
Es sieht im Augenblick so aus, als ob wir Sie bis zur Abfahrt
ruhig in London lassen können, so daß Sie Ihren Vortrag bei
Farquharson bequem halten können.
Ich nehme an, dass sich die Reservierung der Kabine, über
die Sie berichten, auf den Champlain bezieht. Sollte irgendet¬
was nicht stimmen, so erbitte ich Ihr Telegramm, hoffe je¬
doch, daß alles glatt geht.
Der Gehalt für Februar war leider schon vor Eintreffen Ihres
Briefes überwiesen, wir konnten ihn daher nicht mehr zu¬
rückhalten. Beim Gehalt für März fällt das Problem ja weg.
Mit der Wohnungsfrage werden wir uns rechtzeitig befas¬
sen, nicht bloß damit es keinen Anstand wegen des Auswande¬
rerguts gibt, sondern auch damit Sie hier rasch in eine ge¬
regelte Arbeit hineinkommen. Was Sie wegen Ihrer Eltern
sagen, gehört zu all dem Bedrückenden, das Ihnen hoffentlich
durch die gemeinsame Arbeit erleichtert wird.
Auf den Wagner sind wir alle äußerst gespannt. Mit mei¬
nem Montaigne habe ich vor einigen Tagen (in den Zwi¬
schenpausen) neu begonnen. Ich hatte als Einleitung etwa
zwanzig Seiten über die Rezeptionsgeschichte geschrieben.
Dann bemerkte ich, daß diese Einleitung angesichts dessen,
was ich in dieser Hetze in einem Aufsatz bieten kann, viel zu
pompös ist. Es wäre dispositorisch eine Unmöglichkeit gewe¬
sen. Ich lege sie zunächst zurück, um sie später einmal zu be¬
nützen. Manche von den Zitaten kann ich natürlich auch ver¬
wenden.
Ich freue mich auf Sie beide — diesmal auf ein exakteres Da¬
tum!
Herzlichst

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

24
169 Adorno an Horkheimer
London, 8.2.1938

8. Februar 1938.

Lieber Max:
dies ist heute nur ein Zwischenbericht, der Ihnen sagen
soll, daß Gretel und ich wieder völlig hergestellt sind und ganz
in Arbeit versunken. Wir haben während der Wochen, die wir
nochmals in London zubringen, praktisch überhaupt keinen
Menschen gesehen, und ich habe mich vollständig auf den
Wagner konzentriert. Die Pedanterie der Vorarbeiten, Sche¬
mata usw. beginnt sich auszuzahlen, und ebenso zeigt es sich
immer mehr als ein großer asset, daß ich alle meine Texte Gre¬
tel ins Stenogramm diktieren kann: das gibt die Möglichkeit
zusammenhängend sehr lange Gedankenfolgen zu fixieren,
die man sonst unterbrechen müßte. Resultat: heute ist das
fünfte Kapitel im Stenogramm fertig geworden, ein weiteres
dürften wir noch schaffen, und der Abschluß in New York
sollte dann nicht mehr als höchstens drei Wochen in Anspruch
nehmen. Allerdings beziehen sich diese Angaben auf eine Fas¬
sung der Arbeit, in der diese trotz strengster Kontrolle über
den Umfang eines Zeitschriftenaufsatzes erheblich hinaus¬
geht. Sie wird den eines kleinen Buches erreichen. Wie man
dann weiter verfährt, wird man sehen. Daß man sie als ganzes
noch viel weiter wird zusammenstreichen können, als ich es
ohnehin versuche, halte ich für ausgeschlossen, wenn man
nicht entweder die Deutlichkeit des Gedankenganges oder die
Solidität der Belege sehr gefährden will. Im Augenblick sehe
ich zwei Wege: entweder daß man die Arbeit, so wie damals
die zur gesellschaftlichen Lage der Musik in zwei Fortsetzun¬
gen publiziert, oder daß Sie für die Zeitschrift einige Kapitel
auswählen und wir das ganze als Broschüre von 100 bis 150
Druckseiten separatim, etwa in der geplanten Reihe kleiner
Schriften publizieren. Es tut mir leid, daß ich diesmal die vor¬
gesehene Aufsatzform trotz besten Willens nicht habe inne-

25
halten können. Sehen Sie darin aber bitte keinen Ausdruck
unbilliger Geschwätzigkeit, solange Sie nicht die Sache gele¬
sen haben. Es steckt einfach zu viel darin.
Von den vollendeten Kapiteln behandelt das erste Wagners
Sozialcharakter in betonter Anknüpfung an Egoismus und
Freiheitsbewegung; das zweite entwickelt die Wagnersche
Gestik als Vermittlungskategorie zwischen Gesellschaft und
Kunstwerk. Das dritte expliziert diese Gestik in der Wagner-
schen Melodik und Formbildung und kommt damit zur er¬
sten Bestimmung der Wagnerschen Antinomien. Das vierte
entfaltet diese Antinomien an der Wagnerschen Harmonik,
das fünfte an der Instrumentation. Es ist der erste Versuch
einer wirklich dialektischen Theorie der Instrumentations¬
technik und terminiert in dem Satz, daß die Wagnersche
Instrumentationstechnik der Idee untersteht, aus dem objek¬
tiv erscheinenden Klang, die Momente von dessen Produk¬
tion durch die Instrumente, mit anderen Worten das Moment
der Arbeit zu eliminieren. Von den noch ausstehenden Kapi¬
teln wird das nächste (VI) den Begriff des Ausschlusses des
Produktionsmomentes aus dem ästhetischen Phänomen zu
einer Theorie der Phantasmagorie als der entscheidenden
Wagnerschen Kategorie bearbeiten. Ich bin besonders froh,
fähig zu sein, den Begriff der Phantasmagorie in exakten tech¬
nischen Kategorien zu fassen und zwar solchen, die ich an
Tannhäuser und Lohengrin gewonnen habe. Das siebente
Kapitel wird vom Begriff der Phantasmagorie aus den
Wagnerschen »Stil«, sein Verhältnis zur Romantik und die
Idee des sogenannten Gesamtkunstwerks behandeln; daran
schließt sich das achte Kapitel, das die Bedeutung der mythi¬
schen Stoffschicht bei Wagner analysiert und das Verhältnis
von Regression und Moderne bei W. zu formulieren sucht.
Im neunten Kapitel wird dies Verhältnis in gesellschaftliche
Kategorien zurückübersetzt und jene Theorie der verratenen
Revolution expliziert, die ich Ihnen im Herbst schon andeu¬
tete. Das zehnte Kapitel wird dann versuchen, die Dialektik
von Regression und Fortschritt auf die Spitze zu treiben in

26
einer Interpretation des Wagnerschen Nihilismus. Es wird
wesentlich das Tristankapitel.
Schon jetzt ist so viel an Text da, daß, wenn ich wider Er¬
warten doch noch hier vergast werden sollte, das Institut aus
diesem, zusammen mit den restlichen Aufzeichnungen, eine
ganz ansehnliche Nachlaßpublikation machen könnte.
Daß der Gedanke ans Vergastwerden uns wieder sehr be¬
schäftigt, ist wohl nicht allzu erstaunlich. Obwohl es infolge
der völlig kontradiktorischen Informationen diesmal beson¬
ders schwer ist, sich ein Bild zu machen, möchte ich doch die
letzte Entwicklung in Deutschland im allernegativsten Sinne
verstehen, einem, der nur die Wahl läßt zwischen der Stabili¬
sierung des Schlimmsten oder der unabwendbaren Aussicht
auf Krieg. Manche Leute meinen, die letzten Vorgänge in
Deutschland bedeuteten insgeheim einen Sieg der Konserva¬
tiven über die Nazis. Ich halte das für eine Borkenautheorie;
wie es mir denn überhaupt immer mehr zum Problem der po¬
litischen Analyse zu werden scheint, daß zwar auf der einen
Seite der Dialektiker nichts at its face value nehmen darf, an¬
dererseits aber auch nicht die marxistische Theorie so frisch
fröhlich operieren, daß er die Tatsachen nach ihr befiehlt und
darüber das Moment der grauenvollen Roheit und Sinnlosig¬
keit vergißt, mit dem gerade unsere Theorie selber als einem
integrierenden Moment der Situation zu rechnen hat. Wenn
die ökonomische Situation in Deutschland sich wirklich im¬
mer mehr zuspitzt, so scheint mir das keineswegs zur Züge¬
lung der Nazis beizutragen, sondern im Gegenteil. Ich bin fest
überzeugt, daß man gewaltsame Versuche inbezug auf die
Tschechoslovakei machen wird, da die viel beredete friedliche
ökonomische Durchdringung viel zu langsam geht, auch auf
große Widerstände stößt. Andererseits scheint es ja wirklich so
zu sein, daß die Schwierigkeiten der Italiener in Abessynien
zusammen mit dem spanischen deadlock, diese paralysieren.
In der jetzigen Situation ist das aber ein negativer Faktor, denn
was die Nazis bis jetzt von einem coup in Mitteleuropa abge¬
halten hat, war in Wahrheit allein die Angst vor ihren Bundes-

27
genossen, und wenn sie diese nicht mehr zu furchten haben,
werden sie es riskieren. Wenn sich die Sache auf Österreich
beschränkt, besteht die Möglichkeit, daß international nicht
viel geschieht, und die Nazis auf dem Niveau des furcht¬
barsten Terrorismus sich stabilisieren; greift die Bewegung auf
die Tschechoslovakei über, so bedeutet es Krieg. Außer dieser
Alternative sehe ich keine Möglichkeit. Die Lage der in
Deutschland Verbliebenen halte ich flir verzweifelt. Daß ich
bei einer solchen Auffassung der Lage die Tage zähle, bis wir
drüben sind, bedarf keines Wortes.
Frau Lepman haben wir an Anita Warburg empfohlen, und
diese scheint ihr eine Arbeit im Woburn House zu verschaf¬
fen. Ich wäre sehr froh, wenn ich diese Sache hier noch eini¬
germaßen regeln könnte.
Noch möchte ich sagen, daß es vielleicht praktischer ist,
wenn Gretel und ich, bis wir eine Wohnung haben, in einem
serviced flat oder etwas entsprechenden — doch nur mit Früh¬
stück, nicht Pension — wohnen, als wenn wir in einem Hotel
blieben. Unter Umständen dürfte ich Sie oder Fritz Pollock
bitten, zwei geeignete Zimmer (möglichst beides Wohn¬
schlafzimmer, wir schlafen immer getrennt) reservieren zu las¬
sen. Wir legen auch diese Disposition völlig in Ihre Hand.
Halten Sie uns den Daumen, daß wir in den verbleibenden
vierzehn Tagen der Trennung vom Hurrikan und Bomben¬
fliegern verschont bleiben.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt am Main. — E: Horkheimer, Briefwech¬
sel 1937-1940, S. 383 ff.

die letzte Entwicklung in Deutschland: Am 25. Januar waren neue Schutz¬


haftbestimmungen in Kraft getreten, die die unmittelbare Verbringung
von »volks- und staatsfeindlichen Personen« in Konzentrationslager durch
die Gestapo ermöglichten. — Hitler hatte als Kriegsvorbereitung seine Re-

28
gierung umgebildet und Joachim von Ribbentrop zum Außenminister
ernannt. — Am 12. Februar hatte Hitler den österreichischen Bundeskanz¬
ler Schuschnigg unter Androhung des Einmarschs der Wehrmacht ge¬
zwungen, die Nationalsozialisten an der Regierung zu beteiligen.

Frau Lepman: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 145.

Anita Warburg: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 141.

170 Adorno an Horkheimer


London, 15.2.1938

London, 15. Februar 1938.

Lieber Max,
wir fahren denn wie vorgesehen morgen mit der Cham-
plain ab und der Augenblick wird absehbar, wo wir uns bei
dem Buchstaben W der Tourist Class am Pier der French
Line — hoffentlich diesmal dem richtigen Platz — treffen.
Es ist psychologisch und möglicherweise auch im hand¬
greiflichsten Sinne, ohne alle Übertreibung, der letzte Augen¬
blick. Die europäische Situation ist völlig verzweifelt; die Pro¬
gnosen meines letzten Briefes scheinen sich zu bestätigen im
schlimmsten Sinne: Österreich wird Hitler zufallen und er
wird sich dadurch, in einer vom Erfolg völlig faszinierten
Welt, wieder ad indefmitum stabilisieren und auf der Basis des
grauenvollsten Terrors. Es ist kaum mehr daran zu zweifeln,
daß in Deutschland die noch vorhandenen Juden ausgerottet
werden: denn als Enteignete wird kein Land der Welt sie auf¬
nehmen. Und es wird wieder einmal nichts geschehen: die an¬
deren sind ihres Hitlers wert. Ich weiß nicht, wie und ob ich
die letzte Entwicklung ohne Sie ertragen hätte: aber ich weiß,
daß, wenn ich sie heute überstehen kann, es nur mit Ihnen ge¬
meinsam sein wird.
Sonst ist nichts Wesentliches zu melden, außer daß das
Phantasmagoriekapitel der Wagnerarbeit programmäßig fertig

29
wurde. Ich möchte aber gerade dieses besonders wichtige und
exponierte Kapitel erst noch einmal aufs gründlichste durch¬
arbeiten, ehe ich es Ihnen gebe.
Der Vortrag bei Farquharson, gut besucht, ist ein wirklicher
Erfolg gewesen und während die Engländer nett auf die Sache
eingingen und durchaus positiv reagierten, hielt nur Herr
Mannheim es für notwendig, zu erklären, er als Engländer
könne solche Dinge nicht verstehen. Jede leiseste politische
Anspielung war im Vortrag und ebenso auch in der Diskussion
vollständig vermieden. Farquharson selber hat in der Diskus¬
sion eingehend und vernünftig gesprochen; in seinen Einlei¬
tungsworten hat er die Freundschaft mit dem Institut nett
betont. — Meine These war einfach die, daß die Gesellschafts¬
theorie der Kunst sich nicht an den Ursprüngen und der Psy¬
chologie der Künstler und auch nicht primär an der Wirkung
und Rezeption der Kunstwerke, sondern an deren eigener
Technik als der repräsentierenden Instanz ihrer Produktion zu
betätigen habe und das habe ich durch reichliches Material er¬
läutert. Ich sprach frei englisch, nicht ganz eine Stunde.
Von Lazarsfeld freundliche Antwort auf meinen Brief, aber
noch nicht auf das große Expose.
Alles Liebe Ihnen und Maidon, auch Gretel ist überglück¬
lich aus Europa und gar aus England fortzukommen. Ihr alter
Teddie.

Eben rief Frau Lepman an um sich zu verabschieden, auch sie


tief deprimiert wie alle Vertriebenen, die hier bleiben.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. - E: Horkheimer, Briefwechsel
1937-1940, S. 392 f.

Der Vortrag: Thema der Diskussionsrunde am 10. Februar im Institute of


Sociology, die dessen Direktor Alexander Farquharson leitete, war »The
Sociology of Art«.

Von Lazarsfeld freundliche Antwort: Lazarsfelds Brief vom 3. Februar 1938.

30
iyi Horkheimer an Adorno
New York, 21.2.1938

RUECKKABELT OB NETTE WOHNUNG MIT FLUEGEL


HOCHBAHNNAEHE GERAEUSCHSHALBER UNAK¬
ZEPTABEL
HORKHEIMER

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; xMax-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

172 Adorno an Horkheimer


SS Champlain, 22.2.1938

LEIDER UNGEEIGNET DA SEHR GERAEUSCHEMP-


FINDLICH = TAUSEND DANK

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

173 Adorno an Horkheimer


New York, 31.5.1938

New York, 31. Mai 3 8.

Lieber Max,
hier sende ich Ihnen eine kleine aber vielleicht nicht un¬
wichtige Ergänzung zu Kracauer, die ich nach S. 3 ins Manu¬
skript Sie einzufugen bitte und ebenso die Kopie in das Lö-
wenthalsche Exemplar.
Die Einfügung geht im übrigen auf die Gretel zurück. Sie
ist das Resultat eines langen Gesprächs über die Wirkung der

3i
faszistischen Reklame. In Ks Original war die Frage so gar
nicht gestellt. Aber gerade hier glaube ich, daß wir uns auf die
gemeinsame deutsche Erfahrung wirklich verlassen können.
Wir hatten ein ungemein hübsches Weekend im puritani¬
schen New England.
Alles Herzliche
Ihr Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

Ergänzung zu Kracauer: Zu Kracauers flir die Zeitschrift für Sozialfor¬


schung geschriebenem Aufsatz »Die totalitäre Propaganda Deutschlands
und Italiens«, der dort jedoch nie erschien. — Die Ergänzung ist nicht er¬
mittelt.

174 Adorno an Horkheimer


New York, 11.6.1938

New York, den n.Juni 1938.

Lieber Max:
Folgendes ist zu melden: wie ich Ihnen neulich sagte, lebt
die Schwester Steuermanns Frau Salka Viertel, die Frau des
Regisseurs Berthold Viertel — der einer der engsten Freunde
von Karl Kraus ist — in Los Angeles. Sie muß eine recht merk¬
würdige Frau sein und bildet sozusagen das geistige Zentrum
von Hollywood, das sie dadurch zu beherrschen scheint, daß
die Garbo geistig vollständig von ihr abhängt. Außerdem ist
sie, keineswegs mehr eine junge Frau, die Geliebte des Sohnes
von Max Reinhardt; dies nur zur Orientierung, damit Sie
nicht bei ihr so auf Reinhardt schimpfen, wie ich es z. B. gern
möchte. Wie immer es jedenfalls sich damit verhalte, Steuer¬
mann hat ihr Ihretwegen geschrieben, und Sie bei ihr ange¬
kündigt, und ich glaube, es wäre jedenfalls eine good show,

32
hinzugehen. Steuermann selber wird übrigens in den näch¬
sten Wochen ebenfalls hinkommen und freut sich jetzt schon
sehr darauf, Sie dort zu treffen. Die Adresse ist:
Frau Salka Viertel, 165 Mabery Road, Santa Monica Ca,
Tel: West Los Angeles 2 60 86.
Mit gleicher Post schreibe ich an Rudi Kolisch und an
Schönberg, für den Fall, daß Rudi bereits nach Fiawai abge¬
reist sein sollte.
Wir haben uns entschlossen, die hübsche Drei-Zimmer-
Wohnung zu mieten, nachdem auch Fritz Pollock seine Un¬
bedenklichkeitserklärung abgegeben hat. Wir werden wahr¬
scheinlich nur im Juli verreisen und im August unsere Sachen
in der neuen Wohnung aufstellen.
Ihnen beiden so viel Glanz wie nur möglich. Alles Flerz-
liche auch von Gretel
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

Salka Viertel. . . Berthold Viertel: Die Schauspielerin Salomea Steuermann


(1889-1978) war mit ihren drei Söhnen 1928 nach Amerika gekommen.
Berthold Viertel (1885-1953) — der Dichter, Schriftstellerund Regisseur -
hatte Karl Kraus 1905 anläßlich der Erstaufführung von Wedekinds
»Büchse der Pandora« kennengelernt und gehörte seitdem zum engsten
Kreis um Karl Kraus.

der Sohn von Max Reinhardt: Der Schauspieler und Regisseur Gottfried
Reinhardt (1911-1994) war bei Metro Goldwyn Mayer persönlicher Assi¬
stent von Ernst Lubitsch; 1935 schrieb er das Drehbuch »I live my hfe«.

33
175 Adorno an Horkheimer
New York, 28.6.1938

28. Juni 1938

Lieber Max,
Dies ist nur, Ihnen für Ihre Zeilen zu danken. Ich bin froh,
daß es mit Viertels geklappt hat, und daß Sie etwas davon hat¬
ten. Hoffentlich haben Sie weiter eine hübsche Zeit. Gern er¬
führe ich natürlich etwas über Ihren Eindruck von Schönberg.
Ihr Lakonismus scheint mir anzuzeigen, daß dieser Eindruck
nicht absolut positiv war, und ich wäre darüber nicht im min¬
desten erstaunt. Die Schönbergsche Leistung ist mit einem
Maß an Unmenschlichkeit bezahlt, das jede Beziehung zu ihm
äußerst schwierig macht.
Heute habe ich mit Marcuse und Finkelstem zusammen die
englische Übersetzung Ihres programmatischen Aufsatzes
durchgesprochen. Die Übersetzung als ganze scheint mir
durchaus geglückt. Die Punkte, von denen ich glaube, daß sie
diskutiert werden müssen, sind durchwegs von einer solchen
Art, daß wir gemeinsam der Ansicht sind, abwarten zu müs¬
sen, bis Sie wieder hier sind.
Donnerstag werden denn Gretel und ich die Wohnung in
Christopher St. verlassen. Wenn ich an die vier Monate dort
zurückdenke, kann ich sagen, daß es eine schöne Zeit gewesen
ist, und der Abschied aus dem Zimmer mit dem großartigen
Blick fällt uns beiden sehr schwer. Die Wehmut wird gestei¬
gert durch den Gedanken an die lenkende Vorsorge und Um¬
sicht, die uns dieses Quartier ohne all unser Zutun bereitet
hat. Wir sind beide von Herzen dankbar.
Wenn wir uns nun auf die neue Wohnung freuen, so ge¬
schieht es vor allem in Gedanken an die gemeinsame Arbeit.
Ich denke, sie wird keine schlechte Folie dafür machen.
Heute hatte ich von Benjamin einen sehr eingehenden
Brief über den Wagner. Sehr positiv mit der Einschränkung,
daß ihm das Moment der »Rettung« Wagners zu kurz gekom-

34
men scheint oder, wie er es ausdrückt, daß die gegenwärtige
kritische Konzeption Wagners mit der Kindheitserfahrung
von ihm nicht ganz harmoniere. Im Tenor scheint mir das
nicht sehr verschieden von Ihrer Stellungnahme. Vielleicht ist
zur Erklärung nicht unwesentlich, daß ich selber jene Art po¬
sitiver Erfahrung an Wagner, sei es in der Kindheit oder in ih¬
ren präsenten Kategorien, selber nicht eigentlich gemacht
habe.
Ich bin so voll von literarischen Entwürfen, daß ich mir
»Ferien« diesmal nur recht schwer vorstellen kann. Auf jeden
Fall hoffe ich, nicht mit leeren Händen zurückzukommen.
Gretel und ich segeln am Freitag los; Egon Wissing wird uns
fiir eine Woche in New England herumfahren, und wir wer¬
den ein Domizil suchen. Die Adresse gebe ich Ihnen, sobald
ich sie nur irgend weiß. In die neue Wohnung 290, Riverside
Drive, ziehen wir am 15. August ein.
Ihnen und Maidon recht schöne Tage und alles Liebe von
uns beiden, herzlichst
stets Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Florkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt am Main.

Ihre Zeilen: Nicht erhalten.

Finkeistein: Der Althistoriker Moses I. Finkeistein (1912-1986), der später


den Namen Finley annahm, war zu der Zeit Mitarbeiter des Instituts.

Ihr programmatischer Aufsatz: Gemeint ist wohl der Aufsatz, der posthum
unter dem Titel »Idee, Aktivität und Programm des Instituts fiir Sozialfor¬
schung« veröffentlich wurde; vgl. Horkheimer GS 12, S. 135-164.

von Benjamin ein sehr eingehender Brief: Benjamins Brief vom 19. Juni, vgl.
Adorno/Benjamin, Briefwechsel, S. 334-340.

Egon Wissing: S. Band I, Brief Nr. 42 und die Anm. dort.

35
176 Adorno an Horkheimer
Boston, 2.7.1938

Boston, 2. Juli 38.

Lieber Max, dies von der ersten Etappe der Reise, in New
England aber doch sehr munter — hoffentlich haben Sie beide
es schön im nicht nur wilden sondern auch goldenen Westen,
wenn die Börse in die Höhe geht. Es lebe die Dialektik! Brin¬
gen Sie, bitte, den Skalp einer schönen Filmschauspielerm mit
Ihrem getreuen Teddie
Und auch herzlichst Gretel.

ÜBERLIEFERUNG Bildpostkarte: »The Keyhole« at The Copley


Square Hotel, Boston, Massachusetts; Stempel: Boston, JUL 2, 1938. - O:
Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek,
Frankfurt a. M.

177 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 8.7.1938

Bar Harbor (Maine)


Hotel de Gregoire
8.Juli 1938.

Lieber Max, die Nachrichten und Bilder aus Reno sind herr¬
lich, tausend Dank — auf 486 ist nicht nur ein George Groß,
Mackie Messer und die Lenja, sondern weiter zurück mit
Brille und Schnurrbart auch Walter Benjamin — geradezu an¬
heimelnd. - Wenn es dort so grauslich ist, warum kommen Sie
nicht raschestens hierher? Es ist sans blague wunderschön, teils
wie Cronberg, teils wie Binz, teils wie Südfrankreich, himm¬
lischer Friede, herrliche Wege, Meer und Berg — ich habe sel¬
ten etwas so Schönes gesehen. Uns beiden geht es ausgezeich-

36
net. Wir erholen uns und arbeiten: ich schreibe mit Muße und
Lust den Husserl um und lese Hegelsche Logik, die ihrerseits
wieder dem Husserl sehr bekommt. Wir bleiben bis io.
August hier, dann muß Gretel die Wohnung einrichten — ich
bleibe sogar vielleicht noch 8 Tage länger. Es wäre herrlich
wenn Sie kämen. Hotel ist vorzüglich, dabei nicht teuer. Kön¬
nen Sie es nicht wirklich machen? Sogar 2 Kinos sind da, wo
man die Luis’ sehen kann. Ihnen und Maidon alles Liebe von
uns beiden
Ihr alter Teddie

ÜBERLIEFERUNG Postkarte; ohne Stempel. — Original: Ms; Max-


Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

die Nachrichten und Bilder aus Reno: Sie sind nicht erhalten.

der Husserl: »Zur Philosophie Husserls«; vgl. Adorno GS 20-1, S. 46-118.

die Luis’: Vermutlich die 1910 in Wien geborene Schauspielerin Luise


Rainer, die Adorno später in Los Angeles kennenlernte.

178 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 23.7.1938

De Gregoire
Bar Harbor, Maine

23.Juli 1938.

Lieber Max:
der einliegende Brief ist von der Freundin von Gräfenberg,
der immer noch in Untersuchungshaft sitzt. Es will mir schei¬
nen, daß dies einer der Fälle ist, in denen man wirklich ver¬
suchen sollte, ob der Einfluß des Instituts etwas vermag. Gräfen¬
berg hat, wie Sie wohl wissen, das einzige wirklich zuverlässige,
unschädliche und nicht hemmende Anticonceptionsmittel, die

37
»Ringe«, erfunden. Ein Verdienst, das gerade wir kaum hoch
genug einschätzen können. Er ist ein so hervorragender Arzt,
daß ich sicher bin, daß er, erst einmal hier, sich mühelos
durchbringen wird. Seine Schwerbeweglichkeit, die ihn ver¬
hinderte, aus Deutschland fortzugehen, sollte man ihm kaum
zu sehr ankreiden. Gewiß nicht in der gegenwärtigen Situa¬
tion. Zu deren Charakteristik will ich Ihnen heute nur sagen,
daß ein direkter Vetter meines Vaters Ludwig Kahn, ein Mann
von 72 Jahren, ohne Angabe von Gründen nach Dachau ge¬
schafft wurde, und daß seine Frau nach wenigen Wochen die
lakonische Mitteilung von seiner Einäscherung erhielt. Mein
Vater hat mir das direkt aus Deutschland geschrieben.
Wie diese Dinge auf uns lasten bedarf keines Wortes. Sonst
fuhren wir ein friedliches Leben und hatten eine besonders
nette Woche mit Egon und Lotte. Die letztere fand ich viel
reifer geworden und wirklich entwickelt.
Wir arbeiten kontinuierlich und mit großer Freude am
Husserlaufsatz, der bestimmt zum Termin fertig wird. Ich
fühle bei jedem Schritt der Arbeit, was es bedeutet, daß die
Isolierung aufgehört hat, in der ich vier Jahre lang habe den¬
ken müssen. Ihre Einwände sind aufs genaueste berücksich¬
tigt. Sonst lese ich viel Hegel und bemühe mich, in das Hus-
serlsche Dickicht Licht zu bringen durch die Konfrontation
mit jenem. Alles bürgerliche Denken nach ihm ist wirklich
völlig zurückgegangen und hat an seinen bedeutendsten Stel¬
len nur gerade eben die Rockschöße dessen erwischt, der
wirklich in der bürgerlichen Welt das Absolute ist — das höch¬
ste Maß von Selbstbewußtsein, das diese hat erreichen kön¬
nen.
Mit einem Gegenstück zu Reno kann ich Ihnen nicht die¬
nen. Aber auf dem Probeauto eines Muckerbundes fanden wir
die Inschrift: where will you spend etermty, in heaven or in
hell?
Und noch eine trouvaille: neulich aßen wir in einem
Blockhauscamp zu Mittag. Ich durchstöberte die Bücher und
fand einen amerikanischen Roman mit einem Motto von Mi-

38
chelet. Dies lautet: Hommes sensibles qui pleurez sur les inaux
de la Revolution, versez donc aussi quelques larmes sur les
maux qui l’ont amenee.
Hoffentlich kommen Sie und Maidon nach der anstrengen¬
den Reise nun zu ruhiger und gründlicher Erholung.
Alles Liebe von uns beiden Ihnen und Maidon
stets Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

der einliegende Brief. . . von der Freundin von Gräfenberg: Der Gynäkologe
Ernst Gräfenberg (1881-1958) konnte mit Hilfe des Instituts noch 1938
nach Amerika emigrieren; er ließ sich in Chicago nieder.

Ludwig Kahn: Näheres nicht ermittelt.

Egon und Lotte: Egon Wissing und Liselotte Karplus.

Motto von Michelet: Weder der amerikanische Roman noch die Herkunft
des Mottos sind ermittelt.

179 Gretel Adorno an Maidon Horkheimer


Bar Harbor, 5.8.1938

5. August 1938.

Liebe Maidon:
hoffentlich haben Sie es jetzt zum Ausruhen genau so gut
getroffen wie wir. Es war friedlich und sehr schön. Spätestens
in einer Woche ist die Zeit leider abgelaufen, die Möbel
schreien dann nach mir.
Ihnen und Max alles Liebe und noch recht viel Vergnügen
von uns beiden
Ihre Gretel W-A.

39
ÜBERLIEFERUNG Postkarte; Stempel: BAR HARBOR, AUG 6,
1938. - Original: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universi¬
tätsbibliothek, Frankfurt a.M.

180 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 8.8.1938

De Gregoire
Bar Harbor, Maine

8. August 1938.

Lieber Max:
haben Sie vielen Dank für die beiden Karten . Da unterdes¬
sen alle jüdischen Arzte in Deutschland ihre Lizenzen verloren
haben, ist der Fall Gräfenberg noch schwieriger geworden.
Ich bin glücklich, daß Sie bald wiederkommen. Der An¬
blick der Welt ist in allem Ernst für mich ohne Sie und die ge¬
meinsame Arbeit nicht mehr zu ertragen.
Der Husserl ist in der neuen Fassung fertig. Ich bin äußerst
gespannt, was Sie dazu sagen werden. Wir fahren am Freitag
zurück, und ich werde die nächsten Wochen hauptsächlich
dazu benutzen, etwas fiir Lazarsfeld zu tun, um dann für un¬
sere Arbeit von jener entlastet zu sein. Ich habe zwei kleinere
Sachen zur gesellschaftlichen Theorie der Musik geschrieben:
einen Aufsatz über die Wirkung von Sibelius und eine Ana¬
lyse der Erfolgsbedingungen dreier berühmter Salonstücke.
Außerdem ist die Arbeit über die Regression des Hörens weit¬
gehend vorgeschritten.
LJnsere Adresse ist ab 15. August: 290 Riverside Drive, 13 D.
Eines noch: hier im Hotel befindet sich ein Hund von ganz
außerordentlicher Schönheit, ein Saluki (persischer Wind¬
hund). Nicht ganz so dünn wie die üblichen Windhunde, der
Kopf etwas an einen Jagdhund erinnernd: rehbraun. Er heißt

40
Raak. Wir haben kaum je ein ähnlich edles Tier gesehen.
Auch Löwenthal war ganz fasziniert von ihm. Heute sagte mir
nun der Hoteldirektor, daß er mit dem Gedanken umgehe,
den Hund, für den der Zwinger minimal ioo $ berechnet, an
sehr gute Hände umsonst weiterzugeben, da ihm die Haltung
des Tiers Schwierigkeiten bereitet. Er ist einen Teil des Jahres
hier und einen Teil in South Carolina, und der Hund ist fiir die
dreiwöchentliche Autoreise eine große Belastung. Ich dachte
nun sogleich daran, daß Sie in Riverdale möglicher Weise Lust
haben, sich wieder einen Hund zu halten. Sollte das der Fall
sein, so lassen Sie es mich bitte möglichst bald wissen, damit
ich mit dem Hoteldirektor deswegen korrespondieren kann
und sehen, Ihnen das wirklich einzigartige Tier zu sichern.
Ich hoffe, daß Lake Louise wirklich so schön ist, wie es auf
der Karte aussieht. Dann muß es allerdings ein Ort sein, der es
mit dem Schönsten in den Dolomiten und in der Schweiz auf¬
nehmen kann.
Ihnen und Maidon alles Liebe, auch von Gretel
Ihr alter
Teddie . /.

Ernst Bloch ist in Amerika eingetroffen.


Aus einem Brief von Benjamin geht hervor, daß mittler¬
weile Brecht auch ein Haar in der offiziellen Suppe gefunden
hat — freilich noch nicht, daß er endlich den Teller stehen ge¬
lassen hat. Wegen des Baudelaire haben wir nochmals drin¬
gend an Benjamin geschrieben.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

die beiden Karten: Nicht erhalten.

ein Aufsatz über die Wirkung von Sibelius: Der Aufsatz — zugleich eine Re¬
zension von B. de Törnes Buch »Sibelius. A Close Up« (1937) - wurde im
dritten Heft des Jahrgangs 1938 der Zeitschrift flir Sozialforschung publi¬
ziert und von Adorno unter dem Titel »Glosse über Sibelius« in die »Im¬
promptus« aufgenommen (vgl. jetzt Adorno GS 17, S. 247-252).

41
eine Analyse der Erfolgsbedingungen dreier berühmter Salonstücke: Das sind
»Ave Maria von Gounod«, »Prelude cis-moll von Rachmanmoff« und
»Humoreske von Dvorak« (vgl. jetzt Adorno GS 16, S. 284-288).

die Arbeit über die Regression des Hörens: Der Aufsatz »Über den Fetischcha¬
rakter in der Musik und die Regression des Hörens« eröffnete das dritte
Heft des Jahrgangs 1938 der Institutszeitschrift (vgl. jetzt Adorno GS 14,
S. 14-50).

Lake Louise: In Kanada.

ein Brief von Benjamin: Benjamins Brief vom 20. Juli aus Skovsbostrand an
Gretel Adorno, vgl. Benjamin, Gesammelte Briefe VI, S. 13 5-139, die
Passage über Brecht, S. 138 f.

181 Adorno an Horkheimer


New York, 15.8.1938

429 WEST II7TH STREET


NEW YORK, N. Y.

August 15, 1938

Lieber Max:
Wir sind gut emgetroffen und Gretel ist im Begriff, den
Umzug in unsere neue Wohnung durchzufuhren, vor dem ich
geflohen bin, nun angelegentlich damit beschäftigt, die Da¬
men im Institut aufzuhalten.
Ihre Zeilen und den Brief von Frl. Hirschberg finde ich hier
vor. Ich schreibe sofort an Anita Warburg und schreibe außer¬
dem auch, vorsichtig, an Frl. H. selber.
Sonst hat hier schon wieder der Ärger mit meinem Plage¬
geist eingesetzt, der mir einen unbeschreiblichen Brief ge¬
schrieben hat, weil irgendein Amerikaner irgendwo das Ge¬
genteil von dem sagt, was ich sage. Ich glaube, es wird ftir
unsere gemeinsame Arbeit recht wichtig sein, daß Sie dem
Plagegeist einmal ms Gewissen reden.

42
Eigentlich hatte ich gehofft, bis Sie zurückkommen, noch
die Arbeit über den Fetisch-Charakter in der Musik und die
Regression des Hörens fertigzustellen. Leider wird das nun
nicht gehen, einmal weil mich der Plagegeist bis zu Ihrer
Rückkunft völlig in Beschlag belegt, dann auch, weil nur hier
niemand zum Schreiben zur Verfügung steht, während Gretel
der Wohnung wegen es nun beim besten Willen nicht machen
kann. Da der Husserl aber fertig ist, so glaube ich, daß die Sa¬
che jedenfalls publikatorisch nicht so dringend sein wird; und
das Diktieren des genau durchschematisierten Textes wird sich
in den nächsten Monaten zwischendurch ohne weiteres
durchfuhren lassen.
Hoffentlich haben Sie beide weiter recht schöne Tage. Da
die Hitzewelle hier [aus] gebrochen ist, herrscht eine geradezu
unvorstellbare Glut. Alles Liebe für Sie beide, auch von Gretel,
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihre Zeilen: Nicht erhalten.

Frl. Hirschberg: Trude Hirschberg, die Cousine Erich Fromms, hatte in


den Frankfurter Zeiten Sekretärsarbeiten im Institut übernommen; ihr
Brief ist nicht erhalten. Sie flüchtete 1938 nach London, wo sie in einer
medizinischen Buchhandlung arbeitete.

Mein Plagegeist. . . ein unbeschreiblicher Brief: Lazarsfelds Brief ist im Nach¬


laß Adornos nicht erhalten.

43
182 Horkheimer an Adorno
New York, August 1938

an Adorno Sept. *38

An Ihrem Geburtstag heute sind meine Gedanken mehr als


je bei Ihnen. Ihre Worte: »Wenn wir’s nicht machen . . .« klin¬
gen jetzt wie ein Programm; es muß blind, oder vielmehr mit
aller Umsicht, gehalten werden. Härter als je müssen wir um
das Glück unsrer Arbeit kämpfen, denn die äußeren Verhält¬
nisse sind düsterer als je. Als ich diese Ferienfahrt antrat,
glaubte ich, wenigstens unsre finanzielle Lage sei den Umstän¬
den angemessen, beruhigend. Als dann die Katastrophennach¬
richten von der Börse eintrafen, erfuhr ich, daß meine Vor¬
stellungen über Ausmaß und Solidität unserer Investitionen
höchst ungenau waren. Ich hatte mich in falschen Sicherhei¬
ten gewiegt; wir verloren einen Teil unsres Vermögens, dessen
Höhe ich mich scheue, Ihnen schätzungsweise auch nur anzu¬
deuten. Mein erster Impuls war, sogleich zurückzukehren,
nicht so sehr deshalb weil ich so rasch etwas hätte unterneh¬
men können, aber weil ja nun an eine Entspannung kaum
mehr zu denken war. Dann entschloß ich mich jedoch, diese
lang ersehnten Wochen mit Maidon wenigstens nicht ganz so
rasch aufzugeben. Wir wollen versuchen, die Fahrt, wie ge¬
plant, zu Ende zu fuhren und an Kraft zu gewinnen, was mög¬
lich ist. Und dann werden die Pachyderme zusammensitzen
und beraten, was geschehen soll. Auch Sie brauchen ja dann
Ihren ganzen Witz und Ihre Energie und sollen Ihre wahrlich
wohlverdiente Erholung hinter sich haben. Ich kann Ihnen
nicht sagen, wie beruhigend der Gedanke an uns in diesen so
vielfach erregenden Tagen für mich ist.
Wenngleich ich aufgescheucht bin, wie es selten der Fall
war, kreisen meine Gedanken doch um unsere Dialektik.
»Wegen der Moral«, wie wir gern sagen, will ich wenigstens
eine Anmerkung machen. Die dialektische Methode scheint
mir einen Grund darin zu haben, daß Philosophieren in der

44
Arbeitsteilung sich vollzieht, ja seinem Wesen nach ein Pro¬
dukt der Arbeitsteilung ist. Die Tendenz über sich hinaus zum
Besseren hin jedoch ist universal und die Möglichkeit der Re¬
flexion dieser Tendenz wenigstens allgemein menschlich. Bei¬
des drückt sich in den Handlungen und Gesten aus, in allem
Geistigen. Worte und Sätze sind davon ein abstraktes Mo¬
ment, wenn auch ein ausgezeichnetes. Indem es — in der »Phi¬
losophie« — unmittelbar mit der zu sich selbst kommenden
Tendenz identifiziert wird, — und jede Philosophie, ist sie
nicht mystisch, birgt diesen Idealismus in sich —, erhalten die
abstrakten Züge eine ihrem Vermögen ganz unangemessene,
bombastische Funktion. Der Versuch der Sprache, sich, wie
Sie sagen würden, am eigenen Zopf aus diesem Wasser zu zie¬
hen, ist die Anstrengung, den Prozeß der Abstraktion durch
Rekonstruktion der einzelnen Stufen rückgängig zu machen.
Das ist der Sinn der Einführung des Gesprächs als philosophi¬
scher Methode, die — in ihrem Ursprung wenigstens — kenn¬
zeichnend genug zum Nachweis der Unwahrheit der ersten
Behauptung — nämlich der aus bloßem, monologischen Den¬
ken hervorgegangenen — fuhrt. Die Schriften sind immer nur
Bericht. Der Charakter des Berichts ist dann rasch abgestreift
worden, das Philosophieren wurde ebenfalls zum Beruf und
der Schreiber machte sich als solchen zum Subjekt der Wahr¬
heit. Als Fichte und Hegel die Dialektik wieder aufnahmen,
faßten sie ihre Schriften notwendig als Vorgänge im Absoluten
auf, wenngleich auch bei ihnen ein Moment des Berichts
noch erhalten zu sein scheint: Bericht über Setzung und Ge¬
gensetzung, nicht Setzung und Gegensetzung unmittelbar.
Die moderne Philosophie hat dies ganz wieder fallen lassen.
Sie leistet die Rekonstruktion des Abstraktionsprozesses rein
in sozusagen autonomen, sich selbst genügenden, Worten und
versucht, die Konkretion ganz in der eigenen Sphäre herzu¬
stellen. Ob sie dabei wie der Historismus zum Begriff der rea¬
len Geschichte oder wie Bergson zu dem der Erstarrung des
Lebensprozesses oder wie Husserl zu dem der transzendenta¬
len Reduktion greifen, ist hier nicht entscheidend. Jedesmal

45
soll die Unwahrheit des begrifflichen Denkens dadurch über¬
wunden werden, daß man die Ableitung aus der Wirklichkeit
angibt. — Genau kraft dieser, im Rahmen des philosophischen
Faches sich haltenden Aktivität, sind die Philosophen nun in
der mißlichen und lächerlichen Situation, [zu der] Wirklich¬
keit als Ganzes, dfem] Unbedingte[n], d[er] Wahrheit schlecht¬
hin ähnlich sich verhalten zu sollen wie die Chemiker zur
Essigsäure, nämlich die richtige Formel zu finden. Sie sind
die kurpfuschenden Konkurrenten von Einstein, mit etwas
mehr oder weniger Kultur. Jener Ausspruch meines Vaters
nach dem Besuch bei Husserl: »Was soll er schon sagen, er
ist halt ein Philosoph«, heißt eigentlich: Gerade im Hinblick
auf die Menschheit, auf jene Reflexion der Tendenz zum
Besseren, ist der Philosoph verdorben. Er hat sie zum Ge¬
genstand seiner Profession gemacht und muß nun eigentlich
immer darüber sprechen und schreiben. Als ob nicht spre¬
chen und schreiben längst einen präziseren Sinn gewonnen
hätten. Eben deshalb ist er verarmt, seine Interessen, sein
Stolz, sein Glück haben eine falsche Richtung genommen. —
Dialektik ist der verzweifelte Versuch, der im Philosophieren
angelegten, in der Reduktion aufs Wort beschlossenen Ge¬
fahr der Verdummung zu entgehen. Ob er freilich nicht not¬
wendig zur Erkenntnis seiner eigenen Unzulänglichkeit
führt, wie es ja in der Hegelschen Schule wirklich geschehen
ist, weiß ich nicht. Das müssen wir aneinander und mitein¬
ander erfahren.
Während ich dies schreibe, sehe ich in den Schlagzeilen der
Zeitungen, daß erneute und noch ärgere Börsenkatastrophen
eingetreten sind. — Das einzige, was ich jetzt tun will, ist —
während dieses Monats vollends — meine Augen von allem,
was nicht zur Erholung gehört, abzuwenden. Ich glaube
nicht, daß es viel Wert hat.
Alles Liebe — auch für Gretl — Ihr Max.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M. — E: Horkheimer, Briefwechsel 1937-1940, S.478fr.

46
Zur Datierung: Der mit Bleistift geschriebene Brief — ein Entwurf wohl,
denn die Transkription enthält eine hier in eckigen Klammern wiederge¬
gebene Ergänzung — ist bereits im August geschrieben. Zu Adornos Ge¬
burtstag am 11. September war Horkheimer wieder zurück in New York.

183 Adorno an Horkheimer


New York, 18.9.1938

T. W. Adorno
429 WEST II7TH STREET
NEW YORK, N. Y.

New York, 18. September 38.

Lieber Max,
hier eine kleine Sammlung von Ausschnitten aus der Frank¬
furter Zeitung um die Wende August-September. Sie wird
ganz sprechend erst durch Montage.
Heydrich ist der Chef der Gestapo, der den 30. Juni 1934
gemacht hat.
Herzlichst Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ausschnitte: Sie sind im Horkheimer-Archiv nicht erhalten.

Heydrich: Adorno bezieht sich auf den Artikel »Der Komponist Heydrich
gestorben«, der in der Frankfurter Zeitung vom 28. August auf der zwei¬
ten Seite stand: »Berlin, 2. August. Der Komponist und Musikpädagoge
Richard Bruno Heydrich ist in Halle gestorben. Heydrich wurde 1863 in
Sachsen geboren. Er erregte schon als Kind im Meißner Knabenchor da¬
durch Aufsehen, daß er ohne Schulungjedes Instrument spielte. Im Dres¬
dener Königlichen Konservatorium errang er nach dreijährigem Studium
die höchste Auszeichnung. Wüllner entdeckte Heydrichs Tenor und ver-

47
schaffte ihm eine Freistelle im Königlichen Konservatorium. Heydnch
wurde ein berühmter Heldentenor, er ist auch in Frankfurt aufgetreten.
1899 gründete er in Halle ein Konservatorium für Musik, Theater und
Lehrberuf. Er wurde damals Mitbegründer des Verbandes der Direktoren
deutscher Konservatorien. Heydrich war der Vater des SS-Gruppenfüh-
rers und Chefs der Sicherheitspolizei.«

184 Horkheimer an Adorno


New York, 18.11.1938

18. November 1938.

Lieber Teddie,
Einliegend die Dokumente über den Verlobten meiner Ku¬
sine. Sie selbst ist zu Verhandlungen sehr wenig geeignet. Es
wäre daher gut, [wenn] Sie die Vorbereitung soweit übernäh¬
men, dass für meine Kusine selbst nicht mehr viel zu sagen
bleibt.
Herzlichsten Dank im voraus

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

die Dokumente: Die folgende maschinenschriftliche Notiz vom 18. No¬


vember 1938 und der Lebenslauf von Max Lexandrowitsch befinden sich
irn Horkheimer-Archiv: »Wenn Herr Stfaudinger?]. die Liebenswürdig¬
keit besitzt, das Dokument auszustellen, sollte er vor allem betonen, daß er
an Herrn Lexandrowitsch nicht bloß aus menschlichen, sondern aus be¬
ruflichen Gründen Anteil nimmt. Auf Grund der Unterlagen, die ihm
von Persönlichkeiten vorliegen, deren Urteil er unbedingt anerkennt, sei
er der festen Überzeugung, daß Herr L. hier eine sehr [große] Karriere
machen wird. Er selbst wolle ihm nach Kräften dazu behilflich sein. Er sei
der Überzeugung, daß gerade zuverlässige Musiker in seinem Fach beson¬
ders benötigt würden, und er könne daher ruhigen Gewissens die Bürg¬
schaft dafür übernehmen, daß dieser Mann niemals den Vereinigten
Staaten oder einem Teil davon zur Last fallen würde.« — »Ich, Max Lexan¬
drowitsch, bin am 4. März 1890 in Ostrow (Gouvernement Pskrow),

48
Rußland geboren. Nach gründlicher Ausbildung im Gesang war ich an
der Berliner Volksoper und verschiedenen anderen Theatern, dann von
1923 bis 1933 an der Berliner Staatsoper. Durch den Umsturz mußte ich
die Staatsoper verlassen und war bis zur Gegenwart am Jüdischen Kultur¬
bund als Baßbariton (Chor und kleine Solopartien).«

185 Adorno an Horkheimer


New York, 6.1.1939

New York, 6. Januar 1939.

Lieber Max,
es scheint mir richtig, Sie im Falle des Lazarsfeld über einige
Details zu unterrichten, die auf unser Verhalten von Einfluß
sein mögen. L. stellt die Situation so dar, als befinde sich der
musikalische Teil des Projekts in einer »Krise« auf Grund der
Stellungnahme seiner amerikanischen Codirektoren zu mir.
Es blieben zwei Wege: entweder man könne, mit großer Aus¬
sicht auf Erfolg, sich gewissermaßen »zurückziehen« auf die
Position eines Konsulenten mit 100, äußersten Falles 150 $;
oder man könne versuchen die jetzige Position zu halten — er
sagte sogar: unter Umständen materiell zu verbessern —, aber
mit dem Risiko, daß dann die Herren Lynd und Taylor negativ
votieren könnten und beide Chancen wegfielen.
Diese ganze Konstruktion hat man, wie den durch und
durch illoyalen Mann insgesamt, mit der äußersten Vorsicht
aufzunehmen und wenn ich Ihre Intervention für das einzig
mögliche halte, so darum, weil ich von uns allen Ihnen allein
die diplomatische Fähigkeit zutraue ihn zu doublecrossen. Vor
allem ist es äußerst wahrscheinlich, daß er die ganze soge¬
nannte Krise des Projekts manipuliert und die Amerikaner ge¬
gen mich aufgehetzt hat, um mich auf diese Weise dann billi¬
ger zu bekommen oder als unbequem abzuschieben. Jener
Brief, den er mir im September schrieb, würde sich dann er¬
klären als ein erster Schritt in dieser Richtung. Zu jener Zeit,

49
als die Krise ausgebrochen sein soll, konnten nämlich die an¬
deren von meiner Arbeit gar nichts wissen außer durch ihn -
und zwar deshalb, weil die Durchführung des Musikprojekts
und bereits die Fertigstellung meines großen Memorandums
durch L. selber (möglicherweise schon mit Absicht) maßlos
verzögert war. Er hat überhaupt bis heute alles getan, um die
Durchführung eines jeden meiner eigenen Pläne endlos hin¬
auszuzögern — um nun möglicherweise damit zu operieren,
daß nicht genug research-Resultate vorliegen. Die einzelnen
Punkte werde ich Ihnen oder Fritz Pollock noch genau dar¬
stellen, wenn Sie es für nötig halten.
Weiter: sein Vorschlag, mit Ihnen und mir einen gemeinsa¬
men strategischen Plan aufzustellen, verdient das äußerste
Mißtrauen. Möglicherweise will er gerade den anspruchsvol¬
leren Plan, das gesamte Musikprojekt weiterzuführen, nur
Vorbringen um das Ganze sabotieren zu können. Wenn wir
dann diesen Plan gebilligt oder an ihm mitgewirkt hätten,
wäre er uns gegenüber gedeckt — während sonst die ganze In¬
trige ihm uns gegenüber doch etwas peinlich wäre. Gretel
meint, er halte sich, nach meiner Arbeit während des Jahres,
für theoretisch »eingedeckt« und glaube daher nun auf mich
verzichten zu können: ich habe also gewissermaßen zu viel
getan. Der Konsulentenvorschlag kann einmal entspringen im
Wunsch, mich soweit ans Projekt zu fesseln, daß ich andere
Arbeiten einrenke. Oder aber — und das scheint mir wahr¬
scheinlicher — er hat Angst, daß ich sonst das Buch über Radio
für uns und nicht fürs Projekt schreiben werde. Und das wäre
dann wohl der Punkt, an dem sich taktisch einsetzen ließe.
Wie, müssen wir überlegen. Die Hauptsache ist: ihm nichts,
kein Wort glauben.
Daher halte ich es für so wichtig daß Sie mit ihm sprechen
und nicht Fritz Pollock. Ich hatte, als ich ihn nach seiner Be¬
sprechung mit L. kurz sprach, den Eindruck, daß er diesen für
viel zu anständig hält und ihm zuviel glaubt (möglicherweise
selbst von den Dingen, die L. gegen mich unter pädagogischer
Maske vorbringt). Da aber L. ganz sicher auf die Aktion sich

50
Monate lang vorbereitet hat (das Dinner bei ihm ist ein Glied
der Kette), so ist es von äußerster Wichtigkeit, ihm auch nicht
den kleinen Finger zu reichen und ihm von vornherein zu zei¬
gen, daß man ihn übersieht. Ich glaube, das verwundete Reh
muß wieder in Aktion treten. Das aber sind Sie und nur Sie.
Wenn er bei F. P. auch nur einen Schatten von Zustimmung zu
seinen wahrscheinlich sehr geschickt getarnten Beschwerden
herausfiihlte, hätten wir einen schlechten Stand. Wenn Sie
ihm aber sagen: Floren Sie, Lazarsfeld, Sie werden mir doch
nicht erzählen - und, wenn er doch erzählt, mit den Tat¬
sachen aufwarten, die ich Ihnen noch gebe, so wird er wahr¬
scheinlich zusammenknicken. — Da nächste Woche die Kom¬
mission Zusammentritt, wäre es wohl gut, die Sache bald in die
Hand zu nehmen und evt. Lynd zu präparieren (womit L.
kaum rechnet: das ist ein Vorzug). Ich selber möchte keines¬
falls dabei sein, vielleicht vermeide ich es sogar ganz, L. vorher
zu sehen.
Lassen Sie mich dem ein Wort der schlechten Individualität
hinzufugen. Der ganze Handel hat für mich etwas äußerst Be¬
schämendes — am meisten, daß ich Sie hereinziehe, und daß
Ihnen mein Affekt dabei nicht entgeht. Darf ich an Ihren Sinn
für Sekurität appellieren? Franchement, ich habe ihn auch.
Wenn man L. den Bettel vor die Füße werfen könnte, wäre
alles gut — aber gerade das verbietet doch die Situation, soweit
ich sie kenne. Und wenn Fritz P. mir neulich auf meine Aus¬
sage hin, es sei widerlich, mit L. zu arbeiten, leicht erziehend
antwortete, so sei das Leben überhaupt, so ist das zwar gewiß
richtig, trägt aber rebus sic stantibus zur Entwicklung der dia-
noetischen Tugenden in mir nicht durchaus bei. Durch all das
bm ich ein wenig verängstigt — und ich habe keinen, absolut
keinen Menschen außer Ihnen und natürlich der Gretel, dem¬
gegenüber ich mich ganz rückhaltlos und unverstellt verhal¬
ten kann — auch wenn ich einmal Angst habe; zumal auch
deren Genesis keiner außer Ihnen wirklich nachzudenken
vermag. Also seien Sie mir wegen des Mangels an Würde
nicht böse. Auch Würde hängt von objektiven Bedingungen

5i
ab und die Abhängigkeit von Lazarsfeld zählt nun einmal
nicht zu diesen.
Ich bin den Dienstag den ganzen Tag zuhause bis 7 Uhr
abends; am Mittwoch ist Dee bei uns, der ich Stunde gebe.
V

A bientot Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Lynd: Der Soziologe Robert S. Lynd (1892-1970), berühmt geworden mit


der von ihm und seiner Frau Helen Merrell Lynd (1896-1982) 1929 veröf¬
fentlichten Untersuchung »Middletown. A Study in Contemporary
American Culture« und der Fortsetzung von 1937 »Middletown in Transi¬
tion. A Study in Cultural Conflicts«, lehrte an der Columbia University in
New York.

Jener Brief: S. Anhang, S. 436-447. Dort auch Adornos Antwort vom


6. September (S. 447-450).

Taylor: Nicht sicher zu ermitteln; möglicherweise Davidson Taylor (1907


bis 1979), der Programmdirektor der CBS war.

mein großes Memorandum: »Music in Radio«.

Dee: Andree Pollock.

186 Gretel Adorno an Horkheimer


New York, 18.1.1939

18.Januar 1939.

Lieber Max:
heute morgen hatten wir ein Telegramm aus Frankfurt, daß
die Krise vorüber und Oscar auf dem Wege der Besserung. —
Nach dem Telefongespräch mit Fritz Pollock nach dem es
bei unserer Verabredung für morgen, Donnerstag bleibt, er¬
warten wir Sie morgen um 1 Uhr zum Lunch. Ihnen und
Maidon viele Grüße
herzlichst Ihre Gretel

52
ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und
Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Krise . . . Oscar: Oscar Wiesengrunds Gesundheitszustand hatte sich nach


seiner mehrwöchigen Flaft im Eierbst 1938 nur langsam gebessert.

187 Adorno an Horkheimer


New York, 30.4.1939

429 WEST II7TH STREET ,


NEW YORK, N. Y.

30. April 1939

Lieber Max;
Hier sende ich Ihnen einen Brief, den Jean Wahl auf Grund
meiner Kritik seines Kierkegaard-Buches im Journal of Philo-
sophy an dieses gerichtet hat, zusammen mit dem Entwurf
meiner Antwort an ihn. Ich möchte den Brief nicht abschik-
ken, ohne Ihr Placet und evtl. Ihre Änderungsvorschläge zu
haben, denn Wahl ist immerhin als Ordinarius der Philosophie
an der Sorbonne etwas wie eine intellektuelle Großmacht, ob¬
wohl man es ihm weder persönlich noch intellektuell zutraut.
Für seine Physiognomik ist entscheidend die Ubiquität; ein
zwerghafter Mann, Ur-Franzose etwa wohl wie Koyre, von
dem man glaubt, daß man ihn in sämtlichen Amphitheatern
der ehrwürdigen Anstalt gleichzeitig erblickt, wie er wesenlos
sein Unwesen treibt. Die Sache hat im übrigen noch ihre so¬
zusagen institutspolitische Pointe. Zur Zeit der Groethuysen
Affaire wegen der Essais de Philosophie Materialiste hatte ich
durch Klossowski einen Fühler bei Wahl ausgestreckt, ob er
etwa geneigt wäre, die Einleitung jenes Bandes zu schreiben,
aber, wie auch aus diesem seinem Brief hervorgeht, die ganze
Richtung paßt ihm nicht. Er hatte das damals Klossowski sel¬
ber bereits angedeutet. Ob des letzteren Bekehrung zum Ka-

53
tholizismus Koyre, Wahl oder unmittelbar dem Oberrabbiner
von Paris zuzuschreiben ist, vermag ich nicht zu entscheiden.
Aber offensichtlich warten sie alle zusamme n auf den Tag, wo
endlich Himmler in Paris Ordnung macht.
Meine Kritik im Journal of Philosophy hatte im wesent¬
lichen denselben Inhalt wie die Anzeige, die ich für die Zeit¬
schrift geschrieben habe.
Herzlichst

für Dr. Wiesengrund: L. Beck

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. — E:
Horkheimer, Briefwechsel 1937-1940, S. 597f.

ein Brief: Jean Wahls Brief ist weder in Adornos noch in Horkheimers
Nachlaß erhalten.

Jean Wahl: S. Band I, Brief Nr. 97 und die Anm. dort.

meine Kritik: Adornos Kritik von Jean Wahls 1938 erschienenen »Etudes
Kierkegardiennes« war Teil einer Sammelrezension; vgl. jetzt Adorno GS
20-1, S.232-235.

der Entwurf meiner Antwort: S. Anhang, S. 450-452.

Koyre: S. Band I, Brief Nr. 61 und die Anm. dort.

die Groethuysen Affaire: S. Band I, Brief Nr. 32 und die Anm. dort.

Klossowski: S. Band I, Brief Nr. 61 und die Anm. dort.

54
i88 Theodor und Gretel Adorno an Max und
Maidon Horkheimer
Bar Harbor, 1.8.1939

Bar Harbor, 1. August 1939

Lieber Max und liebe Maidon, sende Ihnen folgende Message:


Frage Ihres Hierherkommens ist überhaupt keine Frage stop.
Erholmöglichkeit ideal Cronberg plus Cöte d’or stop. Don’t
wait too long. Herzlich neigt das Gehörn das Große Rindvieh
Liebe Maidon, lieber Max:
Das große Rindvieh ist den drei Lämmergeiern so überlegen,
daß sie sich nur ganz bescheiden auf einen Gruß von E. Wis-
sing beschränken, der zu unserer Magenuntersuchung zwei
nüchterne Morgen braucht. — Wir freuen uns schon schreck¬
lich, Ihnen all das Schöne hier zu zeigen herzlichst Ihre Gretel

ÜBERLIEFERUNG Bildpostkarte: Hotel De Gregoire, Bar Harbor,


Maine / »Only Hotel on the Shore«; Stempel: BAR HARBOR, AUG 2,
39. — O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbiblio¬
thek, Frankfurt a. M.

189 Theodor und Gretel Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, Anfang August 1939

Weather Excellent. Come, the sooner the better.


(Signed) Gretel Teddie

ÜBERLIEFERUNG Telegramm. - Max-Horkheimer-Archiv der


Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

55
190 Theodor und Gretel Adorno an Max und
Maidon Horkheimer
Bar Harbor, 8.8.1939

Bar Harbor, 8. August 1939.

Lieber Max und liebe Maidon, hier sitzen zwei traurige Läm¬
mergeier und krächzen: es wird doch nicht Gott behüte in
Scarsdale kühl sein! Lassen Sie die sanften Tiere nicht länger
allein in ihrem Naturschutzpark lämmergeiern und kommen
Sie recht bald. Ca vaut la peine! Alles Liebe von Ihrem
Teddie
Gretelchens Lämmergeier sind doch die besten, auch wenn sie
hier zu reinen Lämmern geworden sind, es lohnt sich, das Na¬
turwunder zu bestaunen. Hope to see you very soon
stets Ihre Gretel

ÜBERLIEFERUNG Bildpostkarte: American Eagles in Nest, Acadia


National Park, Mt. Desert Island, Maine; Stempel: BAR HARBOR,
AUG 9, 39. — O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universi¬
tätsbibliothek, Frankfurt a.M.

191 Horkheimer an Adorno


New York, 9.8.1939

9. August 1939

Lieber Teddy:
Anbei die Fahnen desjudenaufsatzes. Bitte senden Sie sie mit
Ihren eventuellen Bemerkungen möglichst bald hierher zu¬
rück. Wir wollen, Ihrer Ansicht folgend, in diesem Stadium
wirklich nur noch das Nötigste korrigieren. Sollten Sie an ir¬
gendwelchen Stellen noch Bedenken wegen rechts haben, so
bitte ich um Mitteilung. Die Stelle, an der ich Bedenken wegen
links habe, ist, wie schon erwähnt, der Satz »Wer Politik nur spie-

56
len kann . . .« Im übrigen habe ich die Fahnen selbst jetzt erst
bekommen und die Arbeit noch nicht wieder durchgesehen.
Bitte nehmen Sie es nicht übel, daß ich nicht mehr schreibe,
ich bin tatsächlich zu faul. Wir waren über das Weekend bei
Pollocks, Frau Pollock geht es leider schlecht, und wir müssen
wohl dieses Weekend wieder hin. Ob wir nach Bar Harbor
kommen, ist mehr als fraglich.
Erholen Sie sich beide recht gut! Ich freue mich sehr auf
den Herbst.
Herzlichst,

flir Herrn Prof. Horkheimer

Herr Professor mußte eilig fort und konnte daher nicht mehr
unterschreiben. Herzliche Grüße und recht gute Erholung,
Ihre

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

der Judenaufsatz: Horkheimers Aufsatz »Die Juden und Europa« (vgl. jetzt
Horkheimer GS 4, S. 308-331).

der Satz »Wer Politik nur spielen kann . . .«: Vgl. die Druckfassung in
Horkheimer GS 4, S. 330.

192 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 10.8.1939

De Gregoire
Bar Harbor, Maine

10. August 1939.

Lieber Max:
hier erhalten Sie die Fahnen des Judenaufsatzes zurück. Ich
glaube, er präsentiert sich so, wie wir es wünschen können,
und gelegentliche Lücken haben ihren deutlichen Ausdruck:

57
den von Zensurlücken. Daß mich jede Milderung brennt,
versteht sich von selbst. Aber der Substanz des Aufsatzes ist
kein Leid geschehen. Dagegen haben sich eine Reihe kleine¬
rer Unebenheiten ergeben. Ich habe diese in der Fahne be¬
zeichnet, auch sonst alles mir etwa wichtig Erscheinende dort
vermerkt. Ernsthafte Bedenken hatte ich nur bei zwei Stellen,
bei einem Satz über Rußland, der zwar wolkig, aber immer
noch zu deutlich ist und den man wohl weglassen kann, ohne
daß der Zusammenhang leidet, und bei der Einfügung des
Wortes grotesk, wo von den Grausamkeiten in Deutschland
die Rede ist. Hier würde ich dringend anraten, das ursprüng¬
liche Wort (..»ins Absurde«) wiederherzustellen oder sonst
einen Ausdruck zu wählen, aus dem man uns keinen Strick
drehen kann. Dagegen halte ich die Stelle »wer Politik nur
spielen kann« nach sorgfältigster Lektüre nach wie vor für
unbedenklich. Wir könnten ihn sogar zu unserer Entlastung
zitieren.
Die Kritik von Marcuse scheint mir recht schwach, auch
lieblos. Er tritt die Gedanken des Positivismusaufsatzes breit
und verdirbt sie; und hütet sich sorgfältig, einen eigenen zu
produzieren. Nichts ist wirklich argumentierend aus dem Zu¬
sammenhang entwickelt, alles, wie Husserl sagen würde, »von
oben hin« dekretiert. Zu der Ohnmacht der Argumentation
stimmt der schwache und zahme Schluß. Der Aufsatz ist sich
selber nicht gut. Wenn wir polemisieren, sollen wir es nicht so
tun, wie Sozialdemokraten Politik machen, aggressiv genug,
um zu reizen, aber zu weich, um zu vernichten. Das Carnap-
zitat am Schluß ist schön, aber durch die alberne Auslassung
über seine Komik wird ihm die vis comica entzogen. Ich
würde sagen, wir sollen diese Kritik nicht bringen, wenn das
möglich ist, ohne Marcuse zu verbittern.
Wir beide erholen uns buchstäblich zusehends, Gretel ist
schon kaum mehr zu erkennen. Wir können die Hoffnung
nicht aufgeben, daß Sie und Maidon doch noch kommen,
wäre es auch bloß für zehn Tage. Die Erholung wäre Ihnen so
notwendig wie uns. Was Sie über Dee schreiben macht uns

58
traurig, grüßen Sie sie doch aufs herzlichste. Ich las wieder
einmal die Histoire contemporaine von Anatole France, nun
mit ganz anderen Augen — es gibt wenig Schriftsteller, die die
Interpretation so lohnten wie France und am meisten viel¬
leicht dies Werk, das alle Züge des Fascismus wie die zierlichen
Intarsien eines Rokokoschränkchens als Miniaturen versam¬
melt. Für alle Fälle unsere Telefon-nummer: Bar Harbor 610.
Ihnen und Maidon alles Liebe auch von Gretel
Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

ein Satz über Rußland: Er findet sich nicht mehr im Druck; die Fahnen
sind nicht erhalten.

die Einfügung des Wortes grotesk: Horkheimer befolgte Adornos Rat, vgl.
Horkheimer GS 4, S. 329.

Die Kritik von Marcuse: Vgl. Herbert Marcuses Besprechung der ersten
Hefte der »International Encyclopedia of Unified Science« mit Beiträgen
von Otto Neurath, Niels Bohr, Charles W. Morris, Rudolf Carnap und
Victor F. Lanzen im ersten Heft des Jahrgangs 1939/40 der Zeitschrift für
Sozialforschung (S.228-232).

der Positivismusaufsatz: Horkheimers »Der neueste Angriff auf die Meta¬


physik« von 1937.

die Histoire contemporaine von Anatole France: Es sind dies die vier zwischen
1896 und 1901 geschriebenen Romane: »L’orme du mail«, »Le manne-
quin d’osier«, »L’anneau d’amethyste« und »M. Bergeret ä Paris«.

59
193 Adorno an Horkheimer
Bar Harbor, 15.8.1939

BITTE DRAHTET OB WIR ZURUECK SOLLEN SONST


KOMMEN SIE DOCH MIT MAIDON UND FRITZ HIER¬
HER ALLES LIEBE
TEDDY

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

194 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 17.8.1939

De Gregoire
Bar Harbor, Maine

17. August 1939.

Lieber Max:
haben Sie vielen Dank flir Ihr Telegramm, das wir gestern
mittag erhielten.
Der Tod der armen Dee ist uns sehr nahe gegangen — es hat
etwas tief Beängstigendes, sich von einem Menschen flir ein
paar Ferienwochen zu verabschieden und ihn dann nie wie¬
derzusehen. Wir wären selbstverständlich sofort gekommen,
wenn wir irgend etwas hätten tun können. So aber möchten
wir uns nicht aufdrängen: wenn es flir Fritz irgendetwas Tröst¬
liches gibt, dann ist es die Wiederherstellung der alten ge¬
meinsamen Empirie mit Ihnen und Maidon.
Trotzdem meine ich, daß es nicht nur Egoismus ist, wenn
wir Sie nochmals aufs allerherzlichste bitten, hierher zu kom¬
men. Die Milieuveränderung, zugleich der tief beruhigende
Charakter der Landschaft, die einen oft die Gasolinstationen

60
und Lichtreklamen vergessen läßt, könnte heilsam sein, und
aufrichtig gesagt, ich fühle einen sehr starken Impuls, gerade
jetzt nach der schweren Erschütterung, die der Tod Dees auch
für Ihr Leben bedeutet, mit Ihnen zusammen zu sein. Verzei¬
hen Sie mir, wenn ich diesem Impuls nachgebe und machen
Sie wahr, was Ihr Telegramm als Möglichkeit in Aussicht stellt.
Wir könnten dann hier auch wohl das Heft zusammen fer¬
tig machen. Wir hatten heute einen Brief von Benjamin, nach
dem ich annehmen darf, daß der Baudelaire in Ihren Händen
ist. Die Andeutungen des Briefes berechtigen zu der Hoff¬
nung, daß der neue Baudelaire wirklich etwas darstellt. Ich
wäre überglücklich, wenn das so wäre: dann würde das Heft
mit den Juden, dem Wagner und dem Jochmann wirklich ein
Stück Sehnsucht wahr machen.
Ein wenig beunruhigt sind wir wegen der Erwähnung Bo¬
stons in Ihrem Telegramm. Fühlen Sie sich nicht gut? Geben
Sie uns doch aufjeden Fall ein Wort darüber.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden
immer Ihr
Teddie

Bitte verzeihen Sie das äußere Bild des Briefes — die Schreib¬
maschine ist out of order.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihr Telegramm: Nicht erhalten.

ein Brief von Benjamin / der neue Baudelaire: Benjamins Brief vom 6.
August 1939, in dem er »Über einige Motive bei Baudelaire« ankündigt,
vgl. Benjamin, Gesammelte Briefe VI, S. 315-317.

der Jochmann: Benjamins Redaktion von Carl Gustav Jochmanns »Die


Rückschritte der Poesie«, die mit einer Einleitung von Benjamin in der
Zeitschrift erschien; vgl. jetzt Benjamin GS IE 2, S. 572-598.

61
195 Gretel Adorno an Horkheimer
New York, 3.11.1939

3. Nov. 1939.

Lieber Max:
anbei eine Liste von englischen Vokabeln, an die Sie sich
vielleicht im Moment nicht mehr erinnern. — Würde es Ihnen
nicht zu viel Mühe machen, wenn Sie mir ein paar Briefe von
sich (Musterbriefe für Sekretärinnen oder wirkliche, das ist
gleich) zum Übersetzen mitbrächten damit ich mich allmäh¬
lich an Ihre Anforderungen für die englische Korrespondenz
gewöhnen kann.
Einen hübschen Sonntag für Sie drei
Ihre
Gretel

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

eine Liste von englischen Vokabeln: Die maschinenschriftliche Liste trägt das
Datum des 1. November 1939 und enthält die Vokabeln: dog’s ear, appro-
priation, allocation, devoid, contagious, new-fangled, nakeshift, sky-
rocket, a check to which there were no strings attached, booth, lapel,
weeds, mittens, pail, to tidy, filthy, core, rodent, hiccough, beacon, obste-
trician, to loathe, pungent, facetious, snug, ruler, dandelion, varnish,
dusk, to harass, distressing, landshp, bog, lean, hoop skirt, altercation, sur-
reptitious, scrimpiness, nauseous, scattered, mignonette, gallow, to
launch, throe, honeycomb, arson, to forfeit.

Sie drei: Maidon und Max Horkheimer sowie Friedrich Pollock.

62
196 Adorno an Horkheimer
New York, 14.1.1940

INTERNATIONAL INSTITUTE OF SOCIAL RESEARCH


429 WEST II7TH STREET
NEW YORK, N. Y.

Tel. UNiversity 4-3200


Ext. 276

Columbia University 14. Januar 1940.

Lieber Max:
es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen zu schreiben, was sich so
recht im Gespräch doch nicht sagen läßt: wie sehr ich Ihnen
dafür dankbar bin, daß Sie meine Emanzipation von Lazarsfeld
möglich gemacht und gleichsam unmerklich die Vorbedin¬
gungen dessen realisiert haben, was ich seit nun sehr langen
Jahren mir aufs leidenschaftlichste gewünscht. Gerade die völ¬
lige Unauffälligkeit des Übergangs, die gewissermaßen den
Dank von sich abwehren möchte, ist es, die bei mir das Be¬
wußtsein dieser Dankbarkeit aufs äußerste steigert. Ich habe
nur die eine Hoffnung, es möchte die Zukunft auch für Sie et¬
was von dem Glück bedeuten, dessen Möglichkeit Sie mir ge¬
schaffen haben.
Immer Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. - E:
Horkheimer, Briefwechsel 1937-1940, S. 696.

meine Emanzipation von Lazarsfeld: Adorno hatte eine volle Stelle am Insti¬
tut bekommen, nachdem die finanzielle Unterstützung der von Adorno
geleiteten »Music Study«, die Teil des »Radio Research Projects« war,
durch die Rockefeller-Foundation im Herbst 1939 nicht verlängert wor¬
den war. Adorno arbeitete aber weiter an dem Buch »Current of Music«,
das die Ergebnisse seiner Studien enthalten sollte.

63
197 Adorno an Horkheimer
New York, 2.3.1940

2. März 1940.

Lieber Max:
hier sende ich Ihnen zwei Ergänzungsseiten zur Kierke¬
gaardarbeit, die S. 14 unten, vor dem neuen Abschnitt, einzu¬
fugen wären.
Im übrigen möchte ich zu der Arbeit noch sagen, daß ich
glaube, daß vor der Publikation der Abschnitt über den
»Nächsten« (neighbor) noch einiger Verbesserung bedarf, vor
allem was die gesellschaftliche Interpretation der Kategorie
des Nachbarn anlangt. Es handelt sich hier wiederum um jene
Art äußerst delikater Dinge, die ganz von der Darstellung ab-
hängen. Denn die Kritik am »Nächsten«, die ich in der Arbeit
gegeben habe, ist ja nur die halbe Wahrheit. So wie sie da steht,
kann sie im Sinn des Kultus der Organisation oder dessen, was
Grossman die »objektiven Bedingungen« nennt, mißverstan¬
den werden, und es sind durchaus historische Situationen
denkbar, in denen die Wahrheit, paradox genug, gerade wie¬
der bei jener Unmittelbarkeit Unterschlupf sucht, die ich in
ihrer ungebrochenen Gestalt angegriffen habe. Ich wäre Ihnen
sehr dankbar, wenn wir die notwendigen Änderungen ge¬
meinsam durchfuhren könnten.
Ich fuge gleichzeitig den kleinen Entwurf eines englischen
Heftes der Zeitschrift aus unseren Vorräten bei. Nach meiner
Berechnung haben wir bequem 5-6 Bogen englischen Textes
zur Verfügung, ohne daß ein neues Wort geschrieben zu wer¬
den braucht, und länger ist ja der Aufsatzteil einer normalen
Nummer auch nicht. Abschnitte aus Marcuses Hegel abzu¬
drucken (ich dachte 2V2 Bogen), erschiene mir aus mehr als
einem Grunde günstig.
Der Geburt Ihres Kindes sehe ich mit größter Spannung
entgegen. Ich muß dabei an das Traumnilpferd Archizella
denken, das im Augenblick die folgende Karte verschickt:

64
DAS TRAUMNILPFERD ARCHIZELLA
GIBT SICH DIE EHRE
SEINE MÖGLICHKEIT ANZUZEIGEN

Alles Liebe
Ihr Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Kierkegaardarbeit: Adornos »On Kierkegaards Doctrine of Love« erschien


im dritten Heft desjahrgangs 1939/40 in der in »Studies in Philosophy and
Social Science« umbenannten Zeitschrift; die deutsche Fassung, vgl. jetzt
Adorno GS 2, S. 217-236.

Entwurf eines englischen Heftes: Der Entwurf ist nicht erhalten.

Marcuses Hegel: Herbert Marcuses Buch »Reason and Revolution. Hegel


and the Rise of Social Theory« erschien 1941 in New York. — Im dritten
Heft desjahrgangs 1939/40 erfolgte der Abdruck der Einleitung zum er¬
sten Teil des Buches unter dem Titel »An Introduction to Hegels Philoso¬
phy«.

Ihr Kind: Wahrscheinlich ist Horkheimers Aufsatz »Autoritärer Staat« ge¬


meint, der im Frühjahr 1940 geschrieben und 1942 im Gedenkheft des In¬
stituts »Walter Benjamin zum Gedächtnis« zuerst veröffentlicht wurde;
vgl. jetzt Horkheimer GS 5, S. 293-319. — Möglicherweise ist aber auch
der Aufsatz »The Social Function of Philosophy«, der im oben genannten
Heft der Zeitschrift erschien, gemeint; vgl. Horkheimer GS 4, S. 3 3 2-3 51.

198 Adorno an Horkheimer


New York, ca. Frühjahr 1940

Im Zusammenhang der Studie über Likes und Dislikes hat sich


mir folgender Gedanke ergeben: im Bereich der leichten Mu¬
sik gibt es eigentlich keinen Erfolg mehr, d. h. alles kann vir¬
tuell Erfolg werden. Eine undialektische Auffassung des Mo¬
nopolkapitalismus sollte nun erwarten, daß infolgedessen die

65
Anarchie der Produktion abgebaut wird, d. h. daß die verfilz¬
ten Monopole der Verleger, Plattenproduzenten und Radio¬
gesellschaften nur noch die paar Schlager herausbringen, die
als große Erfolge designiert sind. Das Gegenteil ist wahr. Auf 2
oder 3 große Erfolge kommen hunderte von »flops«, und dies
trotzdem man allen Grund hat anzunehmen, daß die Erfolge
selbst von der Industrie designiert werden. Leichte Musik ge¬
hört nicht zu den unmittelbaren Lebensbedürfnissen, sondern
zum »Luxus«. Es kann daher nicht zynisch eingestanden wer¬
den, daß der Luxus aufgezwungen wird, sondern die Illusion
einer gewissen Unabhängigkeit muß wenigstens in einer
Richtung aufrecht erhalten werden, obwohl auf der andern
Seite das Schrumpfen dieser Illusion und das autoritäre Gebot,
dies besondere Produkt zu schlucken, ebenfalls eine Voraus¬
setzung dafür ausmacht, daß das antagonistische System weiter
funktioniert, wie es nun einmal ist. Dazu kommt eine struktu¬
relle Notwendigkeit: die Apperzeption der Schlager, ihre Li¬
bidobesetzung durch plötzliches, scheinwerferhaftes Wieder¬
erkennen, funktioniert nur gegenüber einem Hintergrund des
Indifferenten, wobei die Entscheidung über das, was indiffe¬
rent und was charakteristisch ist, selbst bei den manipulieren¬
den Mächten liegt. Nur gegenüber einem ununterbrochenen
Musikstrom haben die als Schlager designierten Stücke eine
Chance, sich als solche abzusetzen. Würden nur sie gespielt, so
würden sie selber indifferent, sie würden sich abnutzen, und
der gewünschte Effekt würde ausbleiben. Die strukturelle
Notwendigkeit setzt sich bei den Magnaten in Überlegungen
der letzteren Art durch: um unser Material aufzuzwingen,
müssen wir es mit einem Haufen von scheinbar freibleiben¬
dem umgeben, das Verhältnis zwischen beiden aber sorgfältig
regulieren.
Dieses Problem eines besonders verkommenen Zweiges
der Luxusindustrie gibt aber vielleicht Anlaß zu einer viel
prinzipielleren ökonomischen Betrachtung. Sie betrifft die
Frage des Generalkartells. Dieser Begriff ist ganz undialek¬
tisch. Daß heute noch im monopolisierten Amerika Schein-

66
konkurrenz zwischen Konzernen existiert, die sich nur durch
die Zusammensetzung ihrer Administration und die Eigen¬
tumstitel von einander unterscheiden, während ihre Produk¬
tionsweise und die Produkte selber einander völlig gleichen,
sodaß überhaupt kein rationaler technologischer Grund für
ihre Trennung mehr besteht — dies Überleben der Pseudo¬
konkurrenz zwischen den Monopolen mag zwar historisch
daraus hervorgehen, daß gewissermaßen die Resultate des
Konkurrenzprinzips gefroren sind. Aber das so wenig wie das
Trustverbot genügt zur Erklärung, daß man an dieser »unra¬
tionalen« Form festhält. Sondern es steht offenbar eine tiefe
gesellschaftlich-ökonomische Notwendigkeit dahinter, die
Monopolisierung an dieser Stelle zu stoppen, an der sie die
Form der Konkurrenz noch zuläßt und in vereinfachter Form
reproduziert. Offenbar ist es so, daß ökonomisch nur dieser
gewissermaßen künstlich beibehaltene Konkurrenzmechanis¬
mus es überhaupt noch möglich macht, den Mehrwert an¬
zueignen, während gesellschaftlich in dem Augenblick, in
dem diese Konkurrenz verschwände, der Vorwand für die
Ausbeutung und die Herrschaft verschwinden würde. Wir
sprechen von Institutionalisierung. Wären aber die Monopole
reine Institutionen, d. h. gäbe es nur noch je eines, so wäre der
Sozialismus nicht mehr zu hintertreiben (diese Grenze der In¬
stitutionalisierung und Etatisierung scheint sich mir politisch
in Deutschland darin anzukündigen, daß dem Staat immer¬
während das »Volk« gegenübergestellt wird und auf diese
Weise die eindeutige Formulierung eines rationalen Staats¬
kapitalismus hintertrieben wird). Wenn wir geschrieben ha¬
ben, daß die Chance des integralen Etatismus darin besteht,
daß sich nicht etwa ein Generalkapitalismus, sondern zwei
sich befehdende Staatsblöcke wechselnder Zusammensetzung
bilden, so scheint mir dieses Prinzip bereits innerhalb zumin¬
dest des monopolistisch fortgeschrittensten Landes insofern
vorgebildet zu sein, als der Fortbestand der Monopole an den
Fortbestand ihres Kampfes gebunden ist. Es scheint mir von
entscheidender Wichtigkeit für die Formulierung der Frage

67
des Staatskapitalismus, den präzisen ökonomischen Grund zu
bezeichnen, der dem weiteren Bestand des Konkurrenzprin¬
zips — aber in einer vom Markt weithin emanzipierten Form,
die in jedem Augenblick zwischen den unmittelbaren nackten
Machtkämpfen und der Liquidierung der Gegensätze der blo¬
ßen Schemgegensätze schwankt — zugrundeliegt.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — Die Tatsache, daß diese theoreti¬
sche Überlegung in den Bereich der fortwährenden Diskussion mit Hork-
heimer gehört, hat die Hrsg, bewogen, sie in das Corpus der Briefe mit
aufzunehmen.

die Studie über Likes und Dislikes: Diese Studie, an der Adorno im Frühjahr
1940 für das Radioprojekt arbeitete, gehört zu dem geplanten Buch »Cur¬
rent ofMusic«.

Wenn wir geschrieben haben ..Adorno bezieht sich auf den Aufsatz
»Autoritärer Staat« von Horkheimer, an dem er offenbar mitgearbeitet
hatte. Die Stelle, die Adorno zitiert, vgl. Horkheimer GS 5, S. 310.

199 Adorno an Horkheimer


New York, 4.7.1940

4. Juli 1940.

Lieber Max,
hier der Entwurf des Briefes an Mrs. Mitchell. Unter Um¬
ständen wäre es gut, noch den einen oder anderen Satz über
das Institut hinzuzufiigen und ihr etwa auch das letzte Pam¬
phlet beizulegen, wenn nicht die finanziellen Angaben des
Pamphlets flir den gegenwärtigen Zweck zu positiv klingen.
Uber unser gestriges Gespräch habe ich, wie Sie sich den¬
ken können, sehr intensiv nachgedacht. Heute möchte ich Ih¬
nen nur sagen, daß ich, soweit es an mir liegt, alles zu den Dri¬
ves beitragen will, was ich nur tun kann. Nicht nur, daß die
Situation es mir als moralische Verpflichtung auferlegt, und

68
daß man an unserer Stelle im Augenblick kaum etwas Sinnvol¬
leres tun kann. Ich meine auch, daß die Verbindung von
Theorie und Praxis, an der wir festhalten, heute gerade in sol¬
chen Dingen sich realisiert. Ich hoffe, daß Sie noch vor Ihrer
Abreise Zeit finden, mich mit den basic facts der Drives soweit
vertraut zu machen, daß ich, noch ehe wir in Ferien gehen, —
wenn wir überhaupt gehen - etwas unternehmen kann. Ich
denke dabei natürlich in i. Linie an Professor Mitchell. Nicht
verschweigen will ich Ihnen, daß es mich sehr glücklich ma¬
chen würde, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten, auch in die¬
sem Bereich.
Alles Liebe
Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

der Entwurf des Briefes an Airs. Mitchell: Mrs. Charles E. Mitchell gehörte
zu einem Förderkreis neuer Musik in New York. — Der Entwurf für
Horkheimer, der die Adresse trägt Mrs. Charles E. Mitchell, Southamp¬
ton Beach, Long Island, N. Y., lautet:

»My dear Mrs. Mitchell:


Although I have not the honor of your personal acquaintance I write you
in a matter which is of considerable importance to our Institute and which
may also, as I feel, interest you.
Our Institute, formerly at Frankfurt University, now at Columbia, New
York, consists of a group of exiled German scholars. We try to preserve
certain elements of German cultural tradition which may be valuable for
the American intellectual life — this country being the only place where
this tradition has any chance of surviving.
We succeeded in saving parts of our funds from Germany, but not enough
to maintain the Institute entirely by our own means. The moral Obligation
to assist victims of nazi persecution arnong University people which we
obeyed to the utmost, put a heavy strain on our resources. Hence we had
to fmance part of our scientific work for a considerable time by the aid of
American foundations and of private American friends.
Thus my friend, Dr. T. W. Adorno, a member of our Institute, besides his

69
work for us, directed the Music Study of the Princeton Radio Research
Project, financed by the Rockefeiler Foundation. He wrote great parts of
his book »Current of Music«, devoted to a theoretical analysis ofthe pre¬
sent social and aesthetic Situation of music. As, at present, the music study
ofthe Office of Radio Research (formerly Princeton Project) has stopped
for lack offunds, the completion of Dr. Adornos very important book is
endangered. Moreover, the financial Situation of the Institute would no
longer permit Dr. Adorno to stay at New York. Like other members ol the
Institute he would have to retire to some small Umversity town in the
West. This would not only imply that he had to give up all his chances and
connections in New York, but also that the New York musical life would
be deprived ofhis initiative whichjust began to make itselffelt here.
Dr. Adorno told me about you. He informed me about your decisive
influence in New York musical life. He also mentioned that you read parts
ofhis book and took a positive attitude toward it. >Therefore I hope not to
appear obtrusive by asking you, lf you see any possibility of raising in your
circle the amount that would enable Dr. Adorno to stay here and to finish
his book. A contribution of $ 1500 would be sufficient. I feel certain that
this amount could be obtained as soon as your authority and energy were
mobilized for such a purpose.
It would be important to us to obtain an early decision. You will cer-
tainly understand that one cannot make up one’s mind about staying or
going away in the last moment.
There are good chances, though no certainty, that the Rockefeller
Foundation will renew lts grant in Fall. It is selfunderstood that in such a
case we would refund the amount raised by you immediately.
The great confidence that your personality inspired in Dr. Adorno en-
courages me to approach you in this matter. It appears to me that the ob-
jective cultural mterest mvolved in this matter might help to explain and to
justify this letter. Be assured of the deep and genuine gratitude ofour Insti¬
tute as well as of myself.
Very sincerely yours,
(gez MH)

das letzte Pamphlet: Gemeint ist wohl einer der Tätigkeitsberichte, die
Horkheimer im Namen des Instituts unter anderen fxir den Präsidenten
der Columbia University verfaßte.

die Drives: Horkheimer bemühte sich zu der Zeit beim American Jewish
Committee, dem seit längerer Zeit ein Antisemitismusprojekt des Instituts

70
vorlag, um eine Finanzierung dieser Untersuchungen. Adorno sollte of¬
fenbar bei der Vorbereitung der empirischen Untersuchungen mitarbei-
ten.

200 Horkheimer an Adorno


Estes Park, 21.7.1940

THE STANLEY HOTEL


ESTES PARK
COLORADO

21. Juli 1940

Lieber Teddie!
Ich teile Ihre Vorliebe flir das Y nicht. Es kommt im Eng¬
lischen zu oft vor und bringt griechisch auf dasselbe level. Es
erinnert mich an die Aufschrift »Le Parisian Cafe«, die ich
über einem alkoholfreien Restaurant gelesen habe.
Einen Brief dürfen Sie jetzt nicht von nur erwarten, wohl
überhaupt von dieser recht anstrengenden Reise nicht. Ich
möchte Ihnen und Gretel nur wiederholen, was ich in den Ta¬
gen vor der Abreise gesagt und was mich in der ganzen letzten
Zeit beherrscht hat. Ich bin Ihnen für die Solidarität, die Sie
mir bezeugen dankbar; ich glaube, daß unsere Verbindung die
Garantie dafür bietet, daß wir etwas zustande bringen, auf das
wir stolz sein dürfen. Ich bin sehr glücklich darüber.
Heute ist ein Ruhetag. Ich habe starkes Kopfweh, das wohl
vom Höhenunterschied gegenüber der Ebene herrührt. Estes
Park, wo wir uns von der Hitze in Kansas erholen, ist etwa
2500 m hoch. Die Universität in Kansas stünde uns offen, aber
das hielte keiner von uns aus.
Ich bm also heute besonders dumm und schreibe bloß, weil
Sie doch wissen sollen, wie mir zumute ist. Gretel würde sa¬
gen: Max Sie müssen sich erst einmal ausruhen. C’est ce que
je fais et vous voyez bien que je ne vous oublie pas.
Zwei geschäftliche Sachen: Sobald das Heft herauskommt,
sollten an die wichtigsten Leute Exemplare mit Begleitbriefen

7i
individuellen Inhalts gesandt werden, unter anderem an Wal¬
lach. Besonders an Mc Iver sollten wir feierlich schreiben.
Vielleicht machen Sie die Entwürfe gemeinsam mit Löwen¬
thal. Den Brief an die Mitglieder des advisory comittee müßte
Pollock unterzeichnen, andere können ruhig Sie selbst ver¬
senden. Der Brief an Wallach, der besonders heikel ist, müßte
an unseren großen anschließen. Vielleicht ist es besser, die
Sendung an Wallach ganz zu unterlassen, bis wir später das
neue Projekt senden, damit wir nicht durch zu häufige Sen¬
dungen uns etwas vergeben!
In der cubanischen Aktion für Benjamin haben wir den
spanischen Professor Mendizabal (?) erwähnt. Da die Bitte,
daß wir uns für diesen einsetzen, von Nanda Brodsky her¬
rührt, die sich ja auch um Benjamin bemühte, so sind wir ver¬
pflichtet, ihr stattzugeben. Ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen,
daß Nanda, in ihrem letzten Brief, in dem sie Bergsons Appell
für Mendizabal zitiert, geraten hat, daß wir uns mit Maritain
seinetwegen in Verbindung setzen. Die Telefonnummer Ma-
ritains ist in dem Brief angegeben. Wenn Sie also Lust haben,
sich mit Maritain, den ich persönlich nicht kenne, einmal zu
treffen, so lassen Sie es bitte durch Fräulein von Mendelssohn
arrangieren[.]
Über die Arbeiten, über die Aktion für Benjamin schreibe
ich nicht. Ich weiß ja, daß alles geschieht, was möglich ist. Ich
weiß auch, daß wir nun nicht mehr bloß die theoretischen
Probleme gemeinsam haben. Das gibt mir auf dieser Reise
eine große Beruhigung.
Herzlichst
Ihr
Max

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

Wallach: Sidney Wallach (1905-1984) war Executive Director des Ameri¬


can Jewish Committee.

72
Mc Iver: Der aus Schottland stammende Soziologe Robert Maclver (1882
bis 1970) lehrte an der Columbia Umversity und war zu der Zeit Präsident
der American Sociological Society.

die cubanische Aktion für Benjamin: Auf Anraten von Adolph Kates aus Ha¬
vanna, der Horkheimer von Judge Brodsky — vermutlich der Vater von
Ruth Nanda Anshen — empfohlen worden war, kam die Verbindung des
Instituts zu Dr. Pastor del Rio zustande, den Kates als »one of the Cubas
outstandmg mtellectuals and [. . .] Secretary ofthe Asociacion de Escrito-
res y Artistas Americanos« benannt hatte. - Am 17. Juli 1940 schrieb
Adorno an Pastor del Rio: »Dr. Benjamin is an extremely distinguished
scholar. For about ten years he has been engaged, on our behalf, on a study
of the history of Paris in the i^th Century. The collection of documents
which he has assembled for this purpose is very extensive and of the great-
est value, and part ofit, in the form of photostats, is already in our posses-
sion. Apart from the considerable amount of Capital which our Institute
has invested in this work, Dr. Benjamin has devoted his very outstanding
talent to it. It is supposed to be completed withm the next two years and
we are certain that it will be a product of the greatest scientific value. [Ab¬
satz] Dr. Benjamin has already applied for an ordinary Immigration visa to
the U. S. Since, during the last years, his intensive work on this study has
prevented him from teaching, he does not fulfill the conditions required
for exemption from quota restrictions. In accordance with the U. S. legis-
lation, ifa scholar wishes to obtain exemption from the quota restrictions,
he must show that he has engaged in teaching for two years previous to his
immigration mto this country. [Absatz] I wonder, therefore, lf it would be
possible for Dr. Benjamin to immigrate to Cuba in Order to continue his
work while waiting for his American Immigration visa? I fully realize that
Immigration restrictions have to be stringent in Cuba, and that is why I am
approachmg you, as one of the most outstanding representatives of Cuban
mtellectual life. I am taking the liberty of asking your help because I am
convinced that the loss of Dr. Benjamins work would mean a serious mis-
fortune for science. [Absatz] Our Institute would naturally continue to pay
Dr. Benjamin’s salary as it has done in the previous years, for Dr. Benjamin
is one of our permanent members. Our charter does not allow us to set up
a trust fund for him but we are perfectly willing to assume full judicial re-
sponsibility for his maintenance. [Absatz] If it would facilitate Dr. Benja-
min’s immigration to Cuba, we should be very glad to loan him to the
University of Havana for lectures in the fields of philosophy, sociology or
history, provided that he would still have sufficient time to continue his

73
own work. Of course we do not know whether at the beginning of his stay
in Cuba, he would be able to lecture in Spanish.«

Professor Mendizabal (?): Der aus Franco-Spanien nach Frankreich ge¬


flüchtete Rechtsphilosoph Alfredo Mendiazabal (1897-1981), der an der
Universität von Oviedo gelehrt hatte und Sekretär der spanischen Sektion
der katholischen Union für internationale Studien gewesen war, hatte
1937 in Frankreich das Buch »Aux origmes d’une tragedie, la politique
espagnole de 1932 ä 1936« publiziert, zu dem Jacques Maritain ein Vor¬
wort geschrieben hatte. — Adorno schrieb in seiner Sache an Pastor del
Rio in dem vorstehend zitierten Brief: »There is a second case which I beg
to bring to your attention: that of Professor Mendizabal, formerly profes-
sor ofthe philosophy oflaw at the University of Oviedo. Professor Mendi¬
zabal is not a member of our Institute. But we have heard from Professor
Henri Bergson, the well-known French philosopher, that Mr. Mendiza¬
bal, this very outstanding scholar, is in the greatest danger. He developed
a philosophy oflaw founded on the Catholic religion, and this had made
him famous throughout the world. On the other hand, it has also provided
him with a large number of enemies. In Spain he sided with the Catholic
Opposition to General Franco. He is, therefore, unable to return to Spam,
at the present time. Do you think there is any possibility that Professor
Mendizabal might be given a temporary appomtnrent at the University of
Havana? I enclose his Curriculum vitae, so that you may see his qualifica-
tions.«

Nanda Brodsky: Ruth Nanda Anshen (1900-1985).

Bergsons Appell: Rmth Nanda Anshen hatte am 26. Juni 1940 an Horkhei-
mer geschrieben: »Dear Max, [Absatz] I am enclosing the curriculum vi¬
tae of Professor Alfred Medizabal which you have so graciously consented
to consider. M. Bergson has written ofhirn: >. . . he is one ofthe most di-
stinguished ofhumanists and one ofthe most gifted ofscholars.< His Situa¬
tion in France is exceedingly critical since he has with infinite eloquence
denounced fascism both in France and in Spain. Do what you can, I beg
of you! M. Maritain will be pleased to discuss Professor Mendizabal’s
plight with you. He can be reached at 30 Fifth Avenue, New York City;
Orchard 4-2972. [Absatz] Such men as you, dear friend, restore one’s
moribund faith in mankind. Durate! Die List der Vernunft will yet con-
quer and Truth in the end will have revenge.«

Maritain: Der französische Philosoph Jacques Maritain (1882-1973) war

74
Bergson-Schüler gewesen und später unter dem Einfluß von Leon Bloy
vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert. Im Januar 1940 war
er zu einer Vortragsreise in die Vereinigten Staaten gekommen und blieb
während der Besetzung Frankreichs dort.

201 Adorno an Horkheimer


New York, 29.7.1940

29. Juli 1940.


<-

Lieber Max,
heute kann ich Ihnen die Geburt des Entwurfs unseres
neuen Judenprojekts melden, nämlich dessen zweiter Fassung,
die nun ergänzt, gekürzt und mit Belegen gepolstert werden
muß, damit eine englische Rohübersetzung in Angriff ge¬
nommen werden kann. Die Arbeit daran hat Gretel und mir
viel Freude gemacht und ich hoffe von ganzem Herzen, daß
sie ihren Zweck erfüllt.
Haben Sie den herzlichsten Dank für Ihren Brief. Ich be¬
antworte zunächst die beruflichen Punkte. Die feierlichen Be¬
gleitbriefe zur Zeitschrift werde ich organisieren. Ich teile Ihre
Ansicht, daß man die Sendung an Wallach aufhalten sollte, bis
Sie zurück sind, und ich möchte in diesem Zusammenhang
fragen, ob es überhaupt so geraten ist, die Zeitschrift gerade
jetzt während der Ferien an die Notabein zu senden. Die Sa¬
che Mendiazabal habe ich in dem Brief an Del Rio, nach dem
Modell Ihres Briefes an Kates, verfolgt und ihm auch die An¬
gaben über Mendiazabal schicken lassen. Zu Maritain bm ich
noch nicht gekommen, will aber sehen das zu arrangieren, so¬
bald ich von Del Rio Antwort habe.
Sonst ist hier sehr viel zu tun. Sie haben ganz recht, das Er¬
ledigen der Korrespondenzen und die Gespräche sind ein Be¬
ruf. Die Briefe an Shotwell und Merriam werden jetzt nach
vielen Umarbeitungen wohl endlich herausgehen. Frau Ra-
zovsky habe ich gesehen und hatte einen recht guten Eindruck

75
von ihr: unprätentiös und mit einem gewissen Verständnis. Sie
hat mir in Aussicht gestellt, auf Grund der von mir in den
stärksten Ausdrücken hervorgehobenen ganz exzeptionellen
Qualität Benjamins zu versuchen, trotz seines nicht Lehrens
ihm durch einen Mann namens Trautmann ein non quota Vi¬
sum verschaffen zu lassen. In Genf setzt sich jener Burckhardt
für ihn em. Heute sandte uns Frau Favez einen Brief von Ben¬
jamin, in dem dieser schreibt, daß er seiner Nerven und seines
Kopfes mächtig sei, aber natürlich aufs dringendste hoffe,
recht bald herauszukommen. Wir haben jetzt immerhin drei
leidliche Eisen im Feuer: Staudingerliste, Razovsky und
Burckhardt. Unterdessen ist die ganze Welt entschlossen, Kra-
cauer um keinen Preis untergehen zu lassen und ich stehe ihr
widerstrebend darin bei, - ohne uns damit zu belasten.
Heute hat Fritz mich gebeten, nochmals die ganze Um¬
bruchkorrektur der Zeitschrift zu lesen.
Morgen habe ich eine Kommittejüdin hier, die über den
deutschen Antisemitismus gearbeitet hat und von der man
vielleicht Material bekommen kann. Wie weit Fried brauch¬
bar ist, kann ich noch nicht ganz übersehen, habe jedoch den
Eindruck, daß er sich nicht überanstrengt.
Wegen der Sache Lockwood-New School hatte ich Mar-
schak (der das New School Projekt entscheidend bestimmt)
mit Fritz zusammen eingeladen, er hat aber im letzten Mo¬
ment abgesagt, weil er unmittelbar vor der Abreise stand. Ich
bin aber auch der Ansicht, daß man sich in der Sache mit der
New School verständigen muß, und könnte z. B., wenn Sie es
für richtig halten, mit Feiler sprechen, den ich von Frankfurt
her kenne, wenn Sie nicht meinen, daß das besser Fritz tut.
Lockwoods Brief habe ich beantwortet, Fritz hat unterzeich¬
net.
Von meinem Vorschlag, das neue Deutschlandprojekt auf
den »Unterbau« zu beschränken und anstelle der Kultursek¬
tionen eine über Propaganda einzusetzen, hat Ihnen Löwen¬
thal berichtet. Den Entwurf des Propagandaabschnitts würde
ich im Anschluß an den Kracaueraufsatz, der uns doch einmal

76
zu etwas gut sein soll, selber ausarbeiten; das andere wird hof¬
fentlich Neumann machen.
Ich hoffe sehr, daß Ihre Reise, je weiter sie in den wilden
Westen fuhrt, um so mehr ferienhaften Charakter annehmen
wird, mit Mustangs und Lassos. Hier freilich würden einen
nicht einmal diese inspirieren: man transpiriert zu viel. Die
Hitze ist dauernd um ioo Grad, selbst für mich nahezu uner¬
träglich, und Gretel ist es sehr schlecht dabei ergangen. Wir
hoffen, um den 20. August herum doch noch 14 Tage nach
Bar Harbor zu kommen. Schon damit ich bei Ihrer Rückkunft
nicht gar zu schwachsinnig bin. Schwachsinn ist im übrigen
das Stichwort meiner augenblicklichen theoretischen Interes¬
sen. Es drängt sich mir immer mehr die prästabilierte Harmo¬
nie zwischen dem System und seinen Opfern auf, und ich
habe immer mehr das Gefühl, daß alles daran hängt, wie man
aus diesem Zirkel herauskommt. Daß der Faschismus ein Exe¬
kutor ist, zeigt sich abgesehen von den firing squads wesent¬
lich darin, daß die Menschen immer schon vorher genau so
sind, wie sie dann vom Faschismus erst gemacht werden. Die
entsetzliche Gewalt dessen, was heute geschieht, hat den
Grund, daß die Formen des politischen Grauens gesellschaft¬
lich gesehen nur eine Formalität sind, durch die das bestätigt
wird, was eigentlich schon geschehen ist. Daher wohl auch das
Gefühl der Unausweichlichkeit. Lotte und Egon haben mich
auf den neuen riesigen La Guardia-Flughafen geschleppt. Er
könnte in Deutschland sein. Die konkurrierenden Fluglinien
sind offensichtlich nur noch Sektionen eines ausdrücklichen
oder unausdrücklichen Konzerns, und die Verkehrsflugzeuge
sind so modern, daß sie von Bombern und Stukas schon nicht
mehr zu unterscheiden sind.
Der cut, den ich Ihnen beilege, ist beinahe von der Art, wie
wir uns den »Anlaß« zu unseren programmatischen Dingen
vorgestellt haben. Diese verliere ich keine Sekunde aus den
Augen und meine im übrigen nach wie vor, daß wir für unsere
heiligen Texte an unserer Sprache festhalten sollten.
Das Zitat aus Rauschmng dürfte Sie interessieren.

77
Lassen Sie mich heute nur noch sagen, daß es ohne Sie hier
sehr einsam ist und daß wir beide von ganzem Herzen wün¬
schen, Sie wären wieder hier — und daß wir darauf spitzen, daß
Sie hier bleiben.
Sehr herzliche Grüße für Maidon. Hoffentlich gefällt es ihr
wieder so gut wie das erste Mal.
Alles Liebe, auch von der tippenden Giraffe Moderne
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1937-1940, S. 734 ff

der Entwurf unseres neuen Judenprojekts: Nach kritischen Bemerkungen von


Franz Neumann stellte Adorno eine dritte Fassung seines Memorandums
»Nationalsozialismus und Antisemitismus« her, die im Anhang abgedruckt
ist (s. Anhang, S. 539-595)-

Ihr Brief an Kates: Horkheimer hatte am 29. Juni an Adolph Kates in Ha¬
vanna geschrieben, der ihm Pastor del Rio empfohlen hatte, um ein kuba¬
nisches Visum für Walter Benjamin zu erhalten.

die Briefe an Shotwell und Merriam: Vgl. Horkheimer, Briefwechsel 1937


bis 1940, S. 73 8 f. und S. 741-744. — Horkheimer hatte den in New York
lehrenden Historiker James Thomson Shotwell (1874-1965) gebeten, den
Entwurf des Projekts »German Economy, Politics, and Culture 1900 bis
193 3«, das auf Grund mangelnder Finanzierung nicht weiter verfolgt wer¬
den konnte, zu beurteilen. Das Expose dieses Projekts datiert auf den
29. Juli 1940 und enthält folgende Kapitel: »German Economy, Political
History, The Labor Movement, Philosophy, Literature, Theater and Mo¬
tion Picture and Music«. — Der in Chicago lehrende Politologe Charles
Edward Merriam (1874-1953) hatte zuvor sein Einverständnis erklärt, als
Mitglied des Advisory Board des Instituts zu fungieren.

Frau Razovsky: Cecilia Razovsky (1891-1968) war Sozialarbeiterin; sie ar¬


beitete in den zwanzigerJahren mit dem »National Council ofjewish Wo¬
men«, in den dreißiger Jahren mit dem »National Refugee Service« zu¬
sammen; während des Krieges kümmerte sie sich um »displaced persons«.
Durch ihre Vermittlung hatte Benjamin im Januar 1940 ein Affidavit von
Milton Starr aus Nashville, Tennessee, erhalten.

78
t

Trautmann: Nicht ermittelt.

jener Burckhardt: Benjamin hatte am 25. Juli 1940 aus Lourdes an Carl Jacob
Burckhardt geschrieben: »Meine Freunde bemühen sich für mich um ein
Visum außerhalb der Quote, gegebnenfalls um ein Visum für einen der
amerikanischen Staaten, in dem ich die Einreisebewilligung nach USA
abwarten könnte. Das erfordert aber weit mehr Zeit als mir aller Wahr¬
scheinlichkeit nach hier noch zur Verfügung steht. [. . .] In dieser Situa¬
tion bliebe nur der einzig erdenkliche Ausweg, mich solange in die
Schweiz zu begeben bis ich ein Übergangsvisum für einen außereuropä¬
ischen Staat (oder für Portugal) erhalten kann.« (Benjamin, Gesammelte
Briefe VI, S. 473). Burckhardt erinnerte sich später, daß seine Bemühun¬
gen, Benjamins Einreise nach, Spanien zu ermöglichen, zu spät gekom¬
men seien.

Staudingerliste: Else Staudinger (1889-1966) war im »American Commit¬


tee for Refugee Scholars, Writers, and Artists« in New York tätig.

Kracauer: Lili und Siegfried Kracauer erhielten zwar wie Benjamin Ende
August 1940 ihr Immigration-Visa für die USA, konnten aber erst Anfang
1941 von Marseille aus über Portugal in die USA reisen, die sie Ende April
erreichten.

Fritz: Friedrich Pollock.

Kommittejüdin: Es war die aus Berlin stammende Juristin und Journali¬


stin Margaret Edelheim-Mühsam (1891-1975), die 1938 über England
nach Amerika emigriert war. Sie hatte für das »AmericanJewish Commit¬
tee« 1938 und 1939 eine Untersuchung über die Auswirkungen der natio¬
nalsozialistischen Gesetze auf die Lage der deutschen Juden verfaßt (s.
Brief Nr. 203), die nicht publiziert worden zu sein scheint. Margaret Edel-
heim-Mühsam, die 1914 bis 1922 für den Ullstein-Verlag tätig und 1934
bis zu ihrer Emigration stellvertretende Chefredakteurin der »Zentral-
Vereinigung-Zeitung« gewesen war, arbeitete zu der Zeit, als Adorno sie
kennenlernte, oder wenig später im Pressedienst des »National Refugee
Service«. Von 1955 bis zu ihrem Tode war sie Mitarbeiterin des Leo
Baeck-Instituts.

Fried: Der aus Wien stammende Jurist Hans E. Fried war seit 1938 Mitar¬
beiter des Instituts.

die Sache Lockwood-New School: William Wirt Lockwood (1919-1977) war


zu der Zeit Research Secretary des American Council of the Institute of

79
Pacific Relations. Vermutlich gab es Verhandlungen über einen For¬
schungsauftrag, den die New School für Lockwoods Institut ausfuhren
sollte.

Marschak: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 56 und die Anm. dort.

Feiler: Der Wirtschaftswissenschaftler Arthur Feiler (1879-1942) hatte in


Frankfurt und Heidelberg studiert. 1932 war er Professor in Frankfurt ge¬
worden, ging aber noch im selben Jahr nach Königsberg. Feiler war auch
Redaktionsmitglied der »Frankfurter Zeitung«. Er war 1933 in die USA
emigriert und lehrte bis zu seinem Tode an der »New School for Social
Research«.

das neue Deutschlandprojekt: Es trug den Titel »German Economy, Politics


and Culture, 1900-1933«. Für das Projekt konnten keine Geldmittel be¬
schafft werden.

der Kracaueraufsatz: Für seine in Paris geschriebene Arbeit »Die totalitäre


Propaganda Deutschlands und Italiens« hatte Kracauer ein Stipendium des
Instituts erhalten. Adorno kürzte 1938 für eine Veröffentlichung in der
Zeitschrift das 171 Seiten lange Manuskript auf 39 Seiten — »Zur Theorie
der autoritären Propaganda« —, dessen Publikation Kracauer aber ab¬
lehnte.

Neumann: S. Band I, Brief Nr. 8 und die Anm. dort.

100 Grad: Gemessen in Fahrenheit = 38° Celsius.

Lotte und Egon: Liselotte Karplus und Egon Wissing.

Der cut: Nicht ermittelt.

Das Zitat aus Rauschning: Hermann Rauschning (1887-1982), politisch


zunächst Anhänger der Nazis und Vertrauter Hitlers, hatte das 1933 er¬
rungene Amt des Senatspräsidenten von Danzig im November 1934 nie¬
dergelegt und war 1936 111s Exil gegangen; er publizierte zwei Bücher, die
als sogenannte Innenansichten der NS-Diktatur weite Verbreitung fan¬
den: »Die Revolution des Nihilismus« (1938) und vor allem »Gespräche
mit Hitler« (1940). Rauschning war 1941, nach Aufenthalten in der
Schweiz, in Frankreich und England, in die USA gekommen. — Das Zitat
ist nicht sicher zu ermitteln; möglicherweise ist es das, welches Adorno in
seinem Memorandum »Nationalsozialismus und Antisemitismus« gibt (s.
Anhang, S. 563 u. 598 f.).

80
202 HORKHEIMER AN GRETEL UND THEODOR W. ADORNO
Hollywood, Anfang August 1940

CHRISTIE HOTEL
ON HOLLYWOOD BOULEVARD
HOLLYWOOD • CALIFORNIA

Liebe Gretel und lieber Teddie!


Nur mit einigen Zeilen möchte ich Ihnen beiden für alle
Anstrengung danken, die Sie in den letzten heissen Wochen
gemacht haben. Es geht ja vielleicht um unsere Zukunft. Auch
das von Fritz an Sie gerichtete Ansinnen, sich um das neue Fa¬
schismusprojekt zu kümmern, geht auf mich zurück. Ich habe
Angst, daß Gurland allein (I don’t know him at all) unter F.’s
Leitung zu ökonomistisch und feuilletonistisch arbeitet. Dabei
scheint gerade diese Sache keine schlechten Aussichten zu ha¬
ben, wenn man Lynds Intentionen folgt. — Sie brauchen Bar
Harbor und Sie wissen, wie ich Ihnen Erholung gönne; aber
bitte kehren Sie mit viel Energie zurück! Mein weiteres Blei¬
ben in New York, unsere Zusammenarbeit hängt ja weit¬
gehend von der Finanzierung eines der Projekte ab! — Wenn
das neue Munich, das die amerikanische Diplomatie verzwei¬
felt anstrebt, nicht zustande kommt, verliert England offen den
Krieg. Beides muss die Anlagen ruinieren. Zusammenbrüche
werden wohl schon nächste Woche kommen.
Ich denke viel an uns und freue mich aufs Wiedersehen —
hoffentlich in den ersten Septembertagen — spätestens Mitte.
Berichte über die Reise gebe ich sehr kurz an Fritz — im übri¬
gen mündlich. Wegen Feiler habe ich ebenfalls an F. geschrie¬
ben. Vielleicht warten wir damit bis zu unserer Rückkehr.
Der cut und alles, was [S]ie sachlich sagen, ist zu gemeinsa¬
mer Formulierung reif. — Einliegend ein Bildchen vom Grand
Canyon.
Alles Liebe an Giraffe und Nilpferd
von Ihrem
Max

81
ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Brietkopf; Theodor W.
Adorno Archiv, Frankfurt a.M.

Gurland: Der Ökonom Arkadij R.L. Gurland (1904-1979) arbeitete von


1940 bis 1945 am Institut. Er hatte den ökonomischen Teil des Entwurfs
des »German Project« kritisch gelesen.

ein Bildchen: Nicht erhalten.

203 Adorno an Horkheimer


New York, 5.8.1940

5. August 1940.

Lieber Max,
auf Ihre Nachricht hin habe ich mir die Glassche Kurzfas¬
sung des German Project angesehen und fand Ihre Bemer¬
kung, der Literaturteil sei am schwächsten, nur allzu gründlich
bestätigt. Da nun von diesem Teil und dem darin enthaltenen
Abschnitt über den Film für Hollywood besonders viel ab¬
hängt, so habe ich mich entschlossen, den ganzen Teil umzu¬
schreiben. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, ihn so zu formu¬
lieren, daß wir dafür stehen können, ohne daß er schwieriger
geworden ist als zuvor oder auch nur wesentlich länger. Dem
Filmabschnitt habe ich besondere Aufmerksamkeit gewidmet,
diesen nochmals mit Löwenthal durchgesprochen und zu
meiner eigenen neuen Fassung zusammen mit ihm noch eini¬
ges über den Film hinzugefugt. Frl. Mendelssohn hat eine
Vorübersetzung gemacht und Davis wird sie durchsehen,
(Glass ist nicht hier). Sobald es abgeschrieben ist, erhalten Sie
das neue Elaborat.
Zum Judenprojekt: ich hatte in der vorigen Woche Frau
Dr. Edelheim hier, die für das jüdische Kommitte eine große
Studie über die Gesetzgebung des Antisemitismus gemacht
hat. Ich habe mir das Inhaltsverzeichnis der Arbeit angesehen,
die recht viel Material zu enthalten scheint und sicherlich kei-

82
nen Gedanken. Frau Edelheim würde mir auch ihr Manu¬
skript geben, ich habe aber ihren Vorschlag nicht angenom¬
men, denn es ist selbstverständlich, daß in unserem Projekt
manches vorkommt, was in ihrem Manuskript steht, und sie
ist ein Typ, dem ich ohne weiteres Zutrauen würde, daß er aus
einer solchen Koinzidenz zumindest moralische, wenn nicht
materielle Vorteile ziehen würde. So habe ich mich denn da¬
mit begnügt, mich allgemein mit ihr zu unterhalten und ihr
vaguement Aussichten zu machen, wenn unser Projekt zu¬
standekommt, sie in irgendeiner Weise daran zu beteiligen.
Wichtig an ihrem Besuch dürfte das Folgende sein: die Pu¬
blikation und wohl auch völlige Ausführung des Plans von
Frau E. ist seinerzeit an dem Einspruch von Wallach geschei¬
tert, den sie zu hassen scheint. Ich habe aus ihren Äußerungen
entnommen, daß in Wahrheit alle Entscheidungen, die re-
search zur Frage des Antisemitismus betreffen, von Wallach
abhängen, der unter anderem das Kommitte mit seinen Ver¬
wandten und Freunden (7 an der Zahl) durchsetzt haben soll.
Sein letzter Brief an Sie scheint nur nicht eben angenehm. Ich
sollte denken, daß das Schicksal dieses Projekts wesentlich da¬
von abhängt, ob es uns gelingt, mit Wallach fertig zu werden.
Wallach scheint ein Mann von etwas unbestimmtem Hinter¬
grund zu sein (Frau E. zufolge war er früher Journalist und hat
es als solcher nicht weit gebracht), völlig beherrscht von Ehr¬
geiz und Eitelkeit. Bei dieser müßte man ihn packen und in
eine Situation manövrieren, in der es für ihn einen Prestige¬
gewinn bedeutet, als unser Freund aufzutreten. Jedenfalls
hielte ich es für gut, in Ihrer Antwort ihn durchfühlen zu las¬
sen, daß das Schicksal des Projekts von ihm allein abhängt, was
ihm gleichzeitig schmeichelt und den in seinem Brief schon
beschrittenen Rückweg verlegt, alles hinge vom Kommitte ab.
Vielleicht können wir ihn nach Ihrer Rückkehr gemeinsam
handlen; ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich schon jetzt
Ihre Stellung zum Problem Wallach wissen ließen.
Löwen thal hat meinen Entwurf des neuen Antisemitismus¬
projekts mit großer Sorgfalt gelesen und Anmerkungen dazu

83
gemacht; wir werden von morgen ab daran arbeiten. Von
Neumann noch keine Antwort.
In der Antisemitismusliteratur, die ich gelesen habe, fand
ich ein Buch von Herrmann Steinhausen, einem Mann, der
offenbar von der dialektischen Theologie herkommt. Es ste¬
hen darin viele anständige und sogar einige recht wichtige
Dinge trotz einer gewissen provinziellen und pfarrerlichen
Beschränktheit. Bei aller Anständigkeit hat aber auch dieser
Mann den Aberglauben an die geheimnisvolle Andersheit der
Juden. Mir geht es allmählich so, auch unter dem Eindruck der
letzten Nachrichten aus Deutschland, daß ich mich von dem
Gedanken an das Schicksal der Juden überhaupt nicht mehr
losmachen kann. Oftmals kommt es mir vor, als wäre all das,
was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt wa¬
ren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden überge¬
gangen. Ich frage mich, ob wir nicht, ganz gleich wie es mit
dem Projekt wird, die Dinge, die wir eigentlich sagen wollen,
im Zusammenhang mit den Juden sagen sollten, die den Ge¬
genpunkt zur Konzentration der Macht darstellen.
Gestern waren wir in Portchester und hatten einen unge¬
mein positiven Eindruck. Die Straßen in Greyrock und die
neuen Häuser in Alden wirken in der Tat bezaubernd. Die be¬
klemmende Atmosphäre von Verfall, die im Anfang zu spüren
war, ist völlig gewichen. Dazu kommt das Gefühl der wirklich
großen und beruhigenden Loyalität von Ferdi. Er hat Herrn
Nadel scharf zurechtgewiesen, weil dieser sich einige unver¬
schämte Bemerkungen über die Zeitschrift gestattete.
Lassen Sie sich doch in Hollywood von Kolisch mit seinem
Bratschisten Veissi bekannt machen, der dort über sehr weit
reichende Konnexionen verfugt. Wenn schon nichts Prakti¬
sches dabei herauskommt, würden Sie sicherlich durch ihn
manches zu sehen bekommen. Sollten Sie noch nach San
Francisco kommen, so wäre es gut, wenn Sie dort mit Walter
Herbert (Seligman, der Kapellmeister, Sie kennen ihn von
Königstein her), in Verbindung treten würden, er kennt alles,
was dort gut und teuer ist und wird Sie sicherlich aufs herz-

84
lichste empfangen. Die Adresse habe ich nicht, sie dürfte aber
mühelos festzustellen sein (wahrscheinlich von Kolisch).
Alles Herzliche Ihnen beiden von uns beiden
Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihre Nachricht: Nicht erhalten.

Glass: Der Soziologe David Victor Glass (1911-1978), der später an der
London School of Economics lehrte, hatte einen 2iseitigen Entwurf des
Projekts »Germany, 1900-1933« geschrieben, von dem im Horkheimer-
Archiv ein Typoskript-Durchschlag erhalten ist.

Dem Filmabschnitt habe ich besondere Aufmerksamkeit gewidmet: Die überar¬


beitete Fassung des Projekts »German Economy, Politics, and Culture
1900-1933« trägt das Datum des 29. Juli 1940; der Abschnitt über »The
Motion Picture in Germany« lautet in dieser Fassung: »The section analy-
zing the development of the Film will discuss one of the most decisive Prob¬
lems of modern art history. The film is the only sphere of art where an at-
tempt has been made to directly utilize the means and methods of modern
industrial technique for the creation of art. This reciprocal effect between
technique and art serves as a means for domination of the masses. This
control of the masses assumes various forms in the pre-fascist period,
which were expressed in the development from the silent picture to the
talkie, and in the sequence of the many types of film (the historical epic,
the comedy, the individual tragedy). The motion picture was closely con¬
nected with literature and the theater. The mutual Stimulation between
Germany and America is found, to an even higher degree in this field. At
the time of the silent picture Americas superfilm, and new type of co¬
medy, combined with Germany’s artistic achievements (particularly dur-
mg the period of the silent picture 1919-1925), its expressionist-fantastic
and social pictures, greatly contributed to the progress ofthe film mdustry.
There was also a steady personal exchange of directors and actors of both
countries. At the beginning of the twenties, Germany had already sent
some ofits best talents to Hollywood. The development ofthe sound pic¬
ture more rapidly follows the pattern of the silent film. With the exception
of the operetta form, the sound films were donrinated by the trend of New

85
Realism, and were finally guided to the social picture. Here again the best
German talent was received in America. [Absatz] The special documen-
tary material collected by the author will be made available for this pro-
ject.« (S. 47f. des Typoskripts im Horkheimer-Archiv)

Davis: Vermutlich ein Tippfehler für Edward M. David, der als Übersetzer
und englischer Redakteur für das Institut arbeitete.

ein Buch von Herrmann Steinhausen: Vgl. Herrmann Stemhausen, Die Ju¬
denfrage - eine Christenfrage, Luzern 1939.

Ferdi: Der Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer (1898-1985), der ab


1925 mit dem Stadtrat und Baudezernenten Ernst May arbeitete und als
Leiter der Abteilung für Typisierung sachgerechte und preisgünstige In¬
neneinrichtungen entwarf, später als freier Architekt tätig war, und 1937
von den Nazis Berufsverbot erhielt, war 1938 mit seiner Frau in die USA
emigriert.

Herr Nadel: Der Rechtsanwalt Arthur E. Nadel aus Rotterdam, der in


Port Chester lebte.

Veissi: Jascha Veissi (1909-?) war von 1939 bis 1942 Mitglied des Kolisch-
Quartetts.

Walter Herbert: Der in Frankfurt geborene und aufgewachsene Walter


Herbert Seligmann (1893-1985), der von 1919 bis 1922 als Privatschüler
bei Schönberg Kontrapunkt und Formenlehre studiert hatte, war der erste
Dirigent der ihm gewidmeten »Sechs kurzen Orchesterstücke« von
Adorno (16. Februar 1929 in Berlin). Herbert war mit Rudolf Kolischs
Schwester Maria verheiratet.

204 Adorno an Horkheimer


New York, 14.8.1940

14. August 1940.

Lieber Max,
haben Sie vielen Dank flir Ihren Brief, Maidons Karte und
das Bildchen. Wir waren sehr froh damit — und freilich auch
traurig über die Traurigkeit des Briefs. In der Beurteilung der

86
Situation stimmen wir nur zu gründlich mit Ihnen überein. Es
ist sehr schwer für uns, diese Wochen ohne Sie zu überstehen,
und wir haben große Sehnsucht nach Ihnen. Die Ohren müs¬
sen Ihnen so klingen, daß ich anfange wegen Ihrer Nachtruhe
besorgt zu werden.
Gretel ist dabei, die 3. Fassung des neuen Antisemitismus¬
projekts abzuschreiben, und wir schicken sie Ihnen Ende der
Woche. Ein Problem ist die Ubersetzungsfrage. Wir wollen es
unbedingt vermeiden, Geld für die Übersetzung auszugeben
(die dies Mal sehr sorgfältig sein muß), ehe wir nicht Ihr placet
haben. Auf der andern Seite wird sich im ersten Drittel des
September ein Übersetzungsrush ergeben, da ja dann auch das
neue German Project und eventuell das Neumannprojekt
übersetzt werden müssen. Es wäre deshalb gut, wenn Sie das
Projekt wenigstens durchlesen würden, um sich ein Bild zu
machen. Unter Umständen könnte man nämlich die Überset¬
zung machen lassen, ehe das German Project spruchreif ist.
Zum neuen German Project schicke ich Ihnen heute ein
ausführliches Memorandum, das gleichzeitig an Fritz geht. In
den nächsten Tagen arbeite ich ein Schema aus und ergänze
die mir von Fritz übermittelten Fragestellungen. Auch in Bar
Flarbor werde ich daran arbeiten. Ich bm aber sehr froh, daß
wir in Bar Harbor wenigstens ein bißchen Luft schnappen
können. Meiner Arbeit an den Projekten wird das nicht scha¬
den, sondern nur nutzen, und an Energie wird es nicht fehlen.
Wegen der New School, Feiler usw. würde ich es auch für
das Beste halten, bis zu Ihrer Rückkunft zu warten. Bis dahin
wird übrigens auch Marschak zurück sein, der für mich die
bequemste Verbindung dorthin darstellt.
Mit Richard Rothschild möchte ich auch den Kontakt erst
aufnehmen, wenn Sie das neue Judenprojekt gelesen haben.
Von Dienstag, den 20. ab sind wir denn also in Bar Flarbor,
Hotel de Gregoire, und ab 5. September wieder hier zurück. —
Maidon soll wegen des versäumten Bruno Walter-Konzerts
nicht traurig sein — ich wenigstens hätte dann immer noch
mehr Freude an den Filmstars.

87
Leider ist ein zweiter Cut verloren gegangen, der über eine
Mutter berichtet, die man 14 Tage ins Gefängnis gesperrt hat,
weil sie bei der Verurteilung ihres Sohnes »schrie«. Wobei die
englische Sprache es offen läßt, ob das Schreien nicht Weinen
war.
Möchte Ihre Mammutnatur siegreich sich durchsetzen. Das
wünschen Giraffe, Nilpferd und die ganze Menagerie.
Alles Liebe
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Maidons Karte . . . das Bildchen: Die Karte ist nicht erhalten; das Bildchen
ist nicht identifiziert.

das Neumannprojekt: Wahrscheinlich ist Franz Neumanns Beitrag zu dem


German Project gemeint, der »The Social History of German Labor« als
Gegenstand hatte; möglicherweise ist aber auch der Buchplan »Behe¬
moth« gemeint.

ein ausführliches Memorandum / ein Schema: Sie konnten nicht identifiziert


werden.

Richard Rothschild: Richard Charles Rothschild (1895-1986) gehörte zum


Survey Committee des American Jewish Committee, wo er von 1940 bis
1950 Director der »Campaign against Antisemitism« war.

205 Adorno an Horkheimer


New York, 18.8.1940

New York, 18. August 1940.

Lieber Max,
hier erhalten Sie die dritte Fassung des neuen Antisemitis¬
musprojekts. Für etwaige Tippfehler usw. bitte ich um Abso¬
lution. Gretel hatte einen äußerst schweren Migräneanfall und

88
konnte daher das Ms nicht selber zuende tippen, sondern hat
die mittleren Abschnitte einer Stenotypistin diktiert, und ich
möchte nicht mit der umständlichen Korrektur die Sendung
an Sie um einen weiteren Tag verzögern, zumal wir die näch¬
ste Adresse noch nicht haben.
Der Brief Neumanns bezieht sich nicht auf die vorliegende,
sondern auf die vorhergehende (zweite) Fassung, die unter¬
dessen »gepolstert« wurde und zu der III C und IV ganz neu
hinzutraten, während auch alles andere — längst ehe N.
schrieb — weitgehend umgearbeitet war. Im übrigen kann ich
mir gut vorstellen, daß Sie auf Neumanns Brief ebenso rea¬
gierten wie ich.
Fritz hat sich zu meinem Memorandum zum neuen Ger¬
man Project sehr freundlich gestellt. Unterdessen habe ich
einen ausführlichen Plan von 12 Seiten ausgearbeitet, wie man
nach den neuen Gesichtspunkten das Ganze organisieren
kann, und außerdem detaillierte Antwort- und Thesen-Vor-
schläge zu den Lyndschen Fragen. Beides möchte ich Ihnen
auf Ihrer Reise ersparen: aber ich bin auch hinter dem Ger¬
man Project mit aller Energie her, und sollte denken, daß des¬
sen Ausarbeitung nach den neuen Gesichtspunkten keine
besonderen Schwierigkeiten mehr bereitet.
Zu den Musikern. Selmar Meyerowitz kenne ich nicht per¬
sönlich und auch musikalisch nur vaguement. Er ist ein Diri¬
gent der älteren Generation (wohl um die 60 herum) von gu¬
tem Ruf. Ich habe nie etwas Unanständiges von ihm gehört,
freilich auch nicht, daß er sich für irgendwelche Dinge, die mit
uns etwas zu tun haben, eingesetzt hätte. — Um so besser kenne
ich Paul Stefan. Er war mein Redaktionskollege am Anbruch
und ist einer der feigsten, charakterlosesten und konformisti¬
schesten Menschen, die mir je vorgekommen sind —als solcher
beinahe weltberühmt: man hat ihn das »Weichbild von Wien«
genannt und er kommt auch in der Fackel vor. Steuermann
kann Ihnen Näheres sagen und Schönberg, über den Stefan
ein jämmerliches Buch geschrieben hat. Aber ich möchte hin¬
zufugen: St. ist ein armer Kerl und in schwerer Gefahr, da er

89
Agent der französischen Regierung war, und nun bestimmt
sitzen gelassen wird. Insofern verdient er Mitleid — aber
irgendwelche Verantwortung, gleichgültig welcher Art im¬
mer, können wir keinesfalls flir ihn übernehmen (er ist auch
sachlich ganz unfähig). Von Meyrowitz kann ich mir nicht
vorstellen, daß er irgend gefährdet sein sollte. Übrigens ist man
wegen Stefan auch an mich herangetreten, ein Musiker na¬
mens Pisk; vielleicht steckt er auch hinter dem Versuch, Sie für
St. zu interessieren.
Ich wußte nicht, daß wir noch die Möglichkeit haben, je¬
mand auf die (Kingdon-)Liste zu setzen. Sollte das aber der
Fall sein, so möchte ich Sie aufs inständigste bitten, es für mei¬
nen Freund Hermann Grab zu versuchen, der es mehr ver¬
dient als fast alle anderen die ich wüßte: einer der zartesten,
differenziertesten und richtigsten Menschen, die ich kenne.
Ich weiß bestimmt, daß er Ihnen ebenso gefallen wird. Er ist
schwer gefährdet, weil er in Paris flir die Tschechen tätig war.
Seine Adresse ist z. Z. Lissabon, Hotel International. Materiell
sind die Anforderungen der Liste erfüllt: er hat Geld draußen.
Es wird verwaltet von Ing. Robert Schwarz, 1557, North Fair¬
fax Avenue, Hollywood, und es wäre schrecklich lieb wenn
Sie mit diesem kommunizieren wollten. Ich habe versucht,
auf Grund jener finanziellen Garantie, und einer Beziehung
zwischen Hermann Grab und der Universität Prmceton, dort
eine pro forma-Anstellung zu erreichen, aber man hat mich
jämmerlich im Stich gelassen, obwohl man ihm im vorigen
Jahr selber dort lectures angetragen hatte. Grab ist Musiker,
spielt glänzend Klavier, ist Dr. phil. und jur. (Scheler-Schüler,
aber abtrünnig), hat einen Roman geschrieben, der interes¬
sant ist, kann den ganzen Proust auswendig aufsagen und sämt¬
liche Opern von Strauss auswendig spielen — also schon ein
Naturwunder; und daß er einmal unwahrscheinlich viel Geld
hatte, sollte bei ihm — der sich wirklich vom monde emanzi¬
piert hat — kein Hindernis sein.
Sie wissen, ich habe Sie in solchen Dingen kaum je um
Hilfe gebeten. Aber wenn wir noch helfen können, ohne daß

90
es das Institut belastet — warum dann nicht lieber einem uns
Nahestehenden als Leuten von außen. Natürlich kann ich von
hier nicht übersehen, ob Sie nicht Leuten in Hollywood ge¬
genüber ein besonderes Interesse haben, etwas für M. und S.
zu tun. Sollte das aber, wie Cornelius zu sagen pflegte, zu¬
nächst nicht der Fall sein, so wäre ich Ihnen aufs innigste
dankbar, wenn Sie den Rüssel Hermann über den Ozean
strecken würden.
Morgen fahren wir denn also los. Ich stecke schon wieder
voll von Plänen und bin glücklich, sie bald mit Ihnen bespre¬
chen zu können. Hoffentlich haben Sie und Maidon noch ein
paar wirklich schöne und erholsame Wochen. Die Trennung
ist schwer zu ertragen und ich will alles dazu tun um zu ver¬
hindern, daß sie sich über eine längere Periode erstreckt. In
diesem Sinne verstehe ich meine Ferien.
Alles Liebe von Ihrem treuen
Teddie

Ich protestiere! Es heißt nur Rüssel Max (und nicht Rüssel


Hermann). Archibald hätte wenigstens »entgegen« hinzufu¬
gen müssen. Um auch das entfernteste Mißverständnis auszu¬
schließen.
Es neigt ihren langen Hals und kreuzt anmutig die Vorder¬
hufe die
Giraffe Gazelle

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. handschriftlicher Beischrift von Gretel


Adorno; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek,
Frankfurt a. M.

Der Brief Neumanns: Franz Neumann hatte am 14. August Adorno einen
kritischen Brief über die zweite Fassung seines Memorandums zum Anti¬
semitismusprojekt geschrieben und einen Durchschlag an Fiorkheimer
geschickt.

Fritz hat sich . . . sehr freundlich gestellt: Pollock schrieb am 15. August
Adorno: »Ihr Memorandum ist most impressive. Der Versuch, alle Einzel¬
tatsachen einem übergreifenden theoretischen Gedanken zu subsumieren

91
ist hier besser gelungen als bei allen Vorgängern. Es versteht sich, daß eine
sehr gründliche Nachprüfung notwendig ist, aber der approach ist sehr
fruchtbar. Darüber später mehr. [Absatz] Besonders viel gelernt habe ich
aus dem zweiten Teil (»Kultur«). Sie sind gewiß damit einverstanden, daß
die These vom »Schein des Chaos« sehr dialektisch behandelt wird. Für
die versinkenden Schichten ebenso wie für große Teile des Proletariats
war dieser Schein höchst wirksame Wirklichkeit.«

Selmar Meyerowitz: Der Dirigent Selmar Meyerowitz (1875-1941) hatte in


Leipzig und Berlin studiert; zwischen 1900 und 1903 war er an der Metro¬
politan Opera in New York Assistent Felix Mottls gewesen. 1924 bis 1927
war Meyerowitz an der Berliner Staatsoper engagiert. Er emigrierte 1933
nach Frankreich, wo er zahlreiche Schallplatten emspielte. Meyerowitz
starb in Toulouse.

Paul Stefan: Der Österreicher Paul Stefan (1879-1943), der seit 1923 die
»Musikblätter des Anbruch« geleitet hatte, veröffentlichte 1924 »Arnold
Schönberg. Wandlung, Legende, Erscheinung, Bedeutung«. In Karl
Kraus’ »Fackel« Nr. 622 (Juni 1923) kommt Paul Stefan auf den Seiten 78
bis 91 vor. Stefan war 1938 in die Schweiz emigriert und kam 1941 in die
USA.

Pisk: Paul A. Pisk (1893-1990) war Schönbergschüler und leitete Wiener


Arbeiterchöre.

die (Kingdon-)Liste: Der amerikanische Theologe und Publizist Frank


Kingdon (1894-1972) war in den Jahren 1940 und 1941 Chairman des
»Emergency Rescue Committee«.

Hermann Grab: Der aus einer Prager Familie stammende Musiker und
Schriftsteller Hermann Grab (1903-1949), der nach einem Studium der
Philosophie und Musik und einer juristischen Promotion konzertierte
und schrieb, war 1939 zu einem Konzert nach Paris gereist und nach
Kriegsausbruch in Frankreich geblieben. Ende Juni 1940 hatte er bereits
Lissabon erreicht. Im Dezember desselben Jahres kam Grab in New York
an, wo er als Klavierlehrer und Leiter des von ihm gegründeten »Music
House« tätig war. Adorno, der einen Nachruf auf seinen Freund schrieb,
und Grab kannten sich seit 1924 oder 1925. Grabs Roman »Der Stadtpark«
war 1935 erschienen.

92
206 Adorno an Horkheimer
Bar Harbor, 21.8.1940

De Gregoire
Bar Harbor, Maine

21. August 1940

Lieber Max,
haben Sie tausend Dank flir Ihren Brief vom 19., mit dem
Sie uns beiden eine sehr große Freude bereitet haben. Hof¬
fentlich erholt Maidon sich recht schnell. Wir sind gestern an¬
gekommen und haben uns sozusagen kopfüber in die Erho¬
lung gestürzt. Es ist schöner hier als je, und wir bilden uns ein,
schon den einen Tag zu fühlen.
Ich habe sofort veranlaßt - oder es zu veranlassen gesucht —
daß Sie erhalten:
Listening habits (d. h. die sogenannte Like-Dislike-study).
The radio voice.
Damrosch study.
Den Vortrag »On a social critique of radio music«.
Einen Sonderdruck des Kierkegaard-Aufsatzes aus unserem
letzten Heft sende ich von hier. Sonst gibt es an Gedrucktem
auf Englisch nur den Husserl-Vortrag im Journal of Philo-
sophy — leider kann da eben niemand dran. Sonderdrucke
meiner anderen, deutschen Aufsätze aus der Zeitschrift (Jazz,
Fetisch-Charakter, Wagner) sind, soviel ich weiß, nicht im In¬
stitut. Man müßte schon die ganzen Hefte schicken — und ich
weiß nicht, ob Sie das möchten.
Fritz hat mir heute Ihr Telegramm wegen des German
Project gekabelt. Ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich von
Anfang an dafür war — und bin — nicht die Analysen und
»Materials« zu trennen sondern zu vereinen. Sonst gibt es
Wiederholungen, wird langweilig, und Lynds Rat ist nur
halb befolgt. Ich konnte Fritz nicht überzeugen. Sollten Sie
aber — wie es mir fast scheint — meine Ansicht teilen, so

93
könnte wohl ein Wort von Ihnen, in dieser Richtung, den
Ausschlag geben.
Da Sie nun doch einmal mit dem Projekt belastet sind, so
bitte ich nun doch Löwenthai, Ihnen mein Schema zu schik-
ken, das die beiden Gruppen vereint, ohne sonst alles auf den
Kopf zu stellen, sodaß Fritz keine Mehrarbeit daraus erwächst.
Von Benjamin ein rührender Brief — er war glücklich über
Ihr Statement und den Briefbogen. Heute die Nachricht, daß
er auf Veranlassung des amerikanischen Konsuls in Marseille
ist.
Sehr froh bin ich, daß Sie am Rudi etwas haben. Grüßen
Sie ihn schön und die Josie.
Es ist so schade, daß Sie nicht hier sind.
Ihnen beiden alles Liebe
vom Großen Rindvieh
und den 3 Lämmergeiern
(Aase, Beese und — Ceese)

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf und einem Gruß


von Gretel Adorno; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universi¬
tätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihr Brief vom ig.: Nicht erhalten.

Listening habits . . . »On a social critique of radio music«: Die genannten


Arbeiten Adornos sind im Zusammenhang des Radioprojekts entstanden
und gehören zum Buchplan »Current of Music«. — Die Damrosch study ist
die »NBC Music Appreciation Hour«, aus der Adornos Aufsatz »Die ge¬
würdigte Musik« (vgl. GS 15, S. 163-187) hervorging. On a social critique
oj radio music verlas Adorno am 26. Oktober 1939 vor den Mitgliedern des
Princeton Radio Research Project. — Horkheimer hatte die Sendung die¬
ser Arbeiten wohl veranlaßt, weil er Adorno bei seinen Unterredungen
mit Universitätsangehörigen an der Westküste gewissermaßen vorstellen
wollte.

Ihr Telegramm: Nicht erhalten.

Von Benjamin . . . ein Brief: Benjamins Brief vom 2. August 1940 aus
Lourdes, vgl. Adorno / Benjamin, Briefwechsel, S. 441-443.

94
Ihr Statement und der Briefbogen: Horkheimer hatte Benjamins Zugehörig¬
keit zum Institut offiziell auf dem Briefpapier des Instituts, das Benjamins
Namen als Mitglied trug, bestätigt.

die Nachricht: Löwenthal hatte telegraphiert: HAPPY TO SAY FAVEZ


CABLED BENJAMIN MARSEILLE HAVING RECEIVED AMERI¬
CAN CONSULS INVITATION REGARDS LOEWENTHAL

Rudi / Josie: Rudolf Kolisch (1896-1978) und seine erste Frau, die Piani¬
stinjosefa Rosanska (1904-1986).

207 Horkheimer an Adorno


Hollywood, 16.9.1940

Hollywood, 16. SepL/40

Lieber Teddie,
In den nächsten Tagen können wir nun hoffentlich von hier
weg fahren. Wir werden in San Francisco nicht länger als 2
Tage bleiben und dann so rasch wie möglich heim reisen. Ich
kann Ihnen kaum sagen, wie sehr wir uns freuen.
Der längere Aufenthalt in Hollywood war hauptsächlich
dadurch bedingt, daß ich möglichst gute Unterlagen fiir die
Besprechungen über den Westplan gewinnen wollte. Nach al¬
lem, was ich heute weiß, spricht gegen die Übersiedlung nur
das politische Bedenken, daß es hier vielleicht schlimmer
wird, als im Osten. Alles Andere ist hier besser. Wenn sich die
politische Lage nicht sehr rasch ändert, können sowohl Sie als
auch ich in relativ kurzer Zeit hier akademische Positionen
beziehen. Dasselbe gilt fiir Marcuse. Da wir aber schließlich in
der Zukunft einmal darauf angewiesen sein werden, wenig¬
stens einen regelmäßigen Nebenverdienst zu haben, so ist dies
ein gewichtiges Argument. Dazu kommt, daß das Leben hier
wesentlich billiger ist. Ich denke daran, in den ersten Monaten
des nächsten Jahres hierher zu ziehen und Sie werden dann im
Sommer nachkommen. Ich bitte Sie jedoch, diese Gedanken

95
noch nicht allgemein zugänglich zu machen, denn selbstver¬
ständlich wollen wir erst alles gemeinsam besprechen.
Ob man hier für das Projekt Geld bekommt, ist fraglich.
Daß die Chancen schlechter sind, als im Osten glaube ich
nicht. Jedenfalls werden wir nach meiner Rückkehr auch dort
alles nur Erdenkliche versuchen. Trotzdem aber muß für den
Beginn unserer Arbeit Zeit bleiben. Ich halte mich an unsere
gemeinsame Überzeugung, daß wir, mit oder ohne grant, an
den Antisemitismus gehen wollen. Es ist mir inzwischen klar
geworden, daß auch logische Exkurse in einer solchen Arbeit
ihren guten Platz haben. Nicht umsonst fällt mir bei der Be¬
kämpfung der diskursiven Logik immer der Satz ein: »Das ist
ein Jude«. Übrigens gilt die prästabilierte Harmonie, die Sie
zwischen den Funksendungen und ihren Hörern feststellen,
auch für die traditionelle Logik und die Objekte, von denen
gesprochen wird. Die Menschen sind schon so, daß sie durch
schlechte Allgemeinbegriffe zureichend zu bestimmen sind.
Sie »sind« irgend etwas.
Zum Verständnis der letzten Jahrzehnte ist mir ein Gedanke
gekommen, dessen Tragweite noch lange nicht genug gewür¬
digt wird. Die Wurzel des Zusammenbruchs der Demokratie
bilden die Kriegsschulden der Westmächte an Amerika. Eng¬
land und Frankreich waren seit 1918 eigentlich pleite, wie hät¬
ten sie wirksam aufrüsten sollen? Amerika als Gläubiger
drückte auf die gesamte europäische Entwicklung. Was früher
die nationale Wirtschaft kennzeichnete, gilt jetzt internatio¬
nal: der ökonomisch schwächere ist gehandikapt. Deutschland
spielt dabei die Rolle der kleinen Werkstatt, die plötzlich ganz
neue Methoden anwendet und die alte Konkurrenz überrennt.
Die Westmächte haben sich an die Gesetze der Zirkulations¬
sphäre gehalten, sie stehen und fallen mit dem Prinzip des Pro¬
fits, während Deutschland den Mehrwert in einer fortgeschrit¬
teneren Form zum gesellschaftlichen Motor gemacht hat.
Separat sende ich das Programm der Earl Carroll Revue."'

* Bitte behalten Sie das Dokument bis ich zurück bin.

96
Die Annonce für das Begräbnis-Institut in der Mitte des Pro¬
gramms, das »40 gorgeous girls! New laughs! Unique fun!«
anzeigt, entbehrt auch in Amerika nicht des Reizes. Hier sind
wirklich Lachen und Friedhof so nahe gerückt, wie in der Re¬
aktion Herrn Randalls auf die Stelle in Kierkegaard. »The
world of pleasure« im Sinne Randalls und Carrolls fällt mit der
»Time of Sorrow« zusammen, die so verführerisch angeprie¬
sen wird. Darüber, daß die nackten Mädchen, die nach der
Annonce sich selbst als zur Welt der Confusion gehörig de¬
nunzieren, das Traurigste sind, das man sich denken kann,
wird der Zuschauer nicht im Zweifel gelassen. Wenn Randall
im Angesicht des Friedhofs lacht, so werden wir in der Revue
zu Tränen gerührt.
Einliegend finden Sie einen Brief von Verwandten Sohn-
Rethels. Da ich hier schon so viele Charakter-Affidavits gege¬
ben habe, wäre es gut, wenn dieses z. B. von Pollock ausgestellt
werden könnte, der jetzt Amerikaner ist. Bitte sprechen Sie
mit ihm darüber und sorgen Sie dafür, daß das Affidavit [mit]
Flugpost an die angegebene Adresse abgeht - unter Bezug¬
nahme auf mich."'
Ich weiß, daß Sie gegenwärtig alle Ihre Kräfte anstrengen,
damit die Arbeiten im Institut in unserem Sinne laufen. Es
wird leichter werden, wenn ich wieder da bin.
Darauf freut sich
Ihr Max.
Alles Liebe für Gretel.
Herzlichste Grüße von Maidon.

* Soeben sprach ich telefonisch mit den Verwandten. Es ist


verabredet, daß vorerst nichts geschehen soll, da die Einwan¬
derung auf ordentliche Quotennummer betrieben wird.
Falls sich das ändert, werde ich an Fritz oder Frl. v. M. depe¬
schieren: »Rethel absenden«.
Für Grab bemüht sich Liesel Frank.

97
ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. handschriftlichen Ergänzungen; Theo¬
dor W. Adorno Archiv, Frankfurt a.M. — E: Florkheimer, Briefwechsel
1937-1940, S. 758ff.

das Programm der Earl Carroll Revue: Es ist nicht erhalten.

die Reaktion Herrn Randalls: John Hermann Randall (1899-1980) lehrte


Philosophie an der Columbia University. Die Reaktion zeigte Randall ver¬
mutlich während der Diskussion nach Adornos Vortrag »On Kierkegaards
Doctrine of Love« am 23. Februar in New York; vgl. den Schluß der dt.
Fassung von »Kierkegaards Lehre von der Liebe« (Adorno GS 2, S. 234-
236), wo der Friedhof ebensowenig erwähnt wird wie in der englischen
Buchfassung.

Ein Brief von Verwandten Sohn-Rethels: Joan Levi (1907-1980), die Sohn-
Rethel 1945 heiratete, hatte sich bereits am 2. Juli 1940 an Horkheimer
gewandt und um Hilfe für Sohn-Rethei gebeten, der auf eine Übersied¬
lung nach Amerika hoffte. Sohn-Rethels Bruder Hans-Joachim (1905 bis
1955) lebte mit seiner Frau Hetty seit 1939 in Los Angeles, wo sie mögli¬
cherweise mit Horkheimer Kontakt aufgenommen hatten. Horkheimer
stellte im Namen des Instituts ein Charakter-Affidavit flir Sohn-Rethel
aus, von dem dieser aber keinen Gebrauch machte. Nach seiner Entlas¬
sung aus der Internierung auf der Isle of Man, lebte Sohn-Rethel in Bir¬
mingham.

208 Adorno an Horkheimer


New York, 18.9.1940

18. September 1940.

Lieber Max,
schönsten Dank flir das Telegramm: es ist rührend, daß Sie
in dem Trubel, in dem Sie stecken müssen, an den Tag gedacht
haben. Daß ich heute erst schreibe, hat seinen Grund darin,
daß wir alle par force an der Vollendung des neuen German
Project gearbeitet haben. Ich finde, daß es in seiner jetzigen
Form sich recht wohl vertreten läßt. Hoffentlich hat es Eifolg.
Das Antisemitismusprojekt hat so lange geruht. Ich möchte
auch nicht an die Übersetzung gehen, ehe Ihre detaillierte

98
Kritik vorliegt oder — was ich mir natürlich egoistischer Weise
viel mehr wünsche — ehe Sie hier sind. Der Verzicht auf theo¬
retische Gedanken hatte sich mir aus meiner Kenntnis der Si¬
tuation beim Judenkomitee ergeben und der empfehlende
Charakter wahrscheinlich aus Furcht vor den Wallachen. Daß
es für uns auf eine wirkliche Theorie des Antisemitismus an¬
kommt und nicht etwa auf einen »rechtssoziologischen Kom¬
mentar«, ist selbstverständlich.
Als kleines Zeichen dafür, daß ich daran keinen Augenblick
vergessen habe, fuge ich Ihnen ein paar — noch ganz unformu-
lierte - Gedanken zur Theorie des Antisemitismus bei. Sie
sind so waghalsig, daß ich sie außer Ihnen niemand zeige —
andrerseits aber kann ich mich des Gefühls nicht erwehren,
daß wir mit diesen Erwägungen, wie sehr sie auch der Modifi¬
kation bedürfen mögen, an eine wirklich wichtige Stelle her¬
angekommen sind, nämlich an eine zugleich einheitliche und
nicht rationalistische Erklärung des Antisemitismus.
Ob und in welcher Gestalt dieser theoretische Entwurf ins
Projekt eingehen kann, ist mir noch dunkel, und ich wäre
froh, Ihre Meinung dazu zu wissen. Auf jeden Fall würde ich
aber sagen, daß wir neben dem German Project das Antisemi¬
tismusprojekt als drive weiter verfolgen sollen. Die nächsten
14 Tage, die ja doch mit der Lektüre des deutschen Projekts
durch die Sachverständigen draufgehen werden, scheinen mir
für die Arbeit daran recht geeignet. Ich sollte denken, daß für
die Zwecke des drive der Gesichtspunkt der Abwehr als lei¬
tender auf jeden Fall beibehalten werden sollte. Da die Juden
allenthalben abbauen und einsparen, so glaube ich, daß ein
Projekt nur dann Erfolg verspricht, wenn sie einen unmittel¬
baren Vorteil darin sehen.
Alles Liebe Ihnen beiden auch von Gretel
Ihr alter
Teddie

Die Tiefe und Flartnäckigkeit des Hasses gegen die Juden läßt
die üblichen mehr oder minder rationalistischen Erklärungen

99
des Antisemitismus als unzulänglich erscheinen. Nicht nur da¬
tiert der Antisemitismus in eine Periode zurück, in der viele
der »rationalen Gründe« für seine Entstehung, wie der Anteil
der Juden am Kapitalismus und Liberalismus, noch nicht
wirksam waren. Der Antisemitismus selber trägt gewisse ar¬
chaische Züge, die über die gewöhnlich angegebenen Ursa¬
chen hinausdeuten. Insbesondere deutet die Abgesperrtheit
des Antisemitismus gegenüber Argumenten darauf hm, daß
sehr alte und längst zur zweiten Natur gewordene Motive da¬
bei im Spiele sein müssen — Motive, die weder mit dem Ver¬
hältnis der Juden zum Christentum noch mit dem zur Geld¬
wirtschaft noch mit dem zur Aufklärung unmittelbar etwas zu
tun haben, obwohl die letzteren vermutlich selber in einer tie¬
fen Beziehung zu den archaischen Motiven stehen. Eine zu¬
reichende und über den Pluralismus einzelner »Gründe für
den Judenhaß« hinausgehende Theorie des Antisemitismus
dürfte vom Gelingen einer Urgeschichte des Antisemitismus
abhängen. Diese Urgeschichte kann nicht, wie Freud es ver¬
sucht hat, als psychologische gegeben werden, sondern muß
versuchen, den Ursprung in archaischen, aber gesellschaftlich
realen Bewegungen aufzusuchen.
Vielleicht ist ein Hinweis dem gegenwärtigen Bild zu ent¬
nehmen, das die Antisemiten sich vom Juden machen. Sozio¬
logen pflegen dabei das Moment der »Fremdheit« zu betonen.
Der Begriff ist zu abstrakt und zu unspezifisch. Es gibt zahllose
Fremde, die zwar in bestimmten Situationen den Haß auf sich
ziehen, aber deren Stellung mit der der Juden gar nicht vergli¬
chen werden kann. Es mag hier nur daran erinnert werden,
daß in der gesamten Folklore »das Mädchen aus der Fremde«
das durch die Ehe rezipiert wird, eine große Rolle spielt und
zwar eine durchaus positive (z.B. das schwarzbraune Mäd¬
chen des deutschen Volkslieds). Es gibt kein entsprechendes
Bild der Jüdin. Andrerseits hat die deutsche Folklore des
Juden Züge, die über die des Fremden hinausgehen. Es sind
solche der Wanderschaft, des Uralten, des Schnorrers (wahr¬
scheinlich impliziert das Bild des Schnorrers das eines rei-

ioo
chen Bettlers, eines der einen Sack mit Talern über der
Schulter trägt).
Es scheint mir nun, daß alle diese Züge und mehr noch I
die eigentümliche Konfiguration, die sie bilden, nicht aus
der Geschichte der Juden seit der Diaspora erklärt werden
können und ebensowenig der jüdische Charakter. Dagegen
sehe ich die folgende Erklärung: in einem sehr frühen Sta¬
dium der Geschichte der Menschheit haben die Juden den
Übergang vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit entweder
verschmäht und an der nomadischen Form festgehalten oder
diesen Übergang nur unzulänglich und schemhaft, in einer
Art von Pseudomorphose vollzogen. Es müßte darauf hin
die biblische Geschichte genau analysiert werden. Sie scheint
mir reich an Hinweisen darauf. Die wichtigsten sind der
Auszug aus Ägypten und dessen Vorgeschichte mit dem Ver¬
sprechen des Landes, wo Milch und Honig fließt, und die
kurze Dauer des jüdischen Königtums und dessen imma¬
nente Schwäche. Der spezifische Zug des »Alters« der Juden
dürfte mit dem Festhalten der archaischen Lebensform des
Nomadentums in einer seßhaften Welt aufs engste Zusam¬
menhängen. Die Juden sind die heimlichen Zigeuner der
Geschichte. Der Monotheismus, dessen antimythologische
Gestalt und dessen Beziehung zur Aufklärung außer Frage
!
steht, ist ebenfalls eine Funktion des Festhaltens am Noma¬
dentum. Ebenso sind jene Züge der Juden, die man im all¬
gemeinen die »fortschrittlichen« nennt, in Wahrheit nicht
jünger sondern älter als die Mythologie. Es gibt nur soviel
Mythologie in der Welt, wie es Bindungen an die Erde und
den bestimmten Wohnsitz gibt. Die Juden sind prämatri-
archal. (Daher ist der jüdische Patriarchalismus mit dem der
modernen und hochantiken Gesellschaft so völlig mcompa-
tibel.) Daß die Juden sich geweigert haben, irgendwelche
partiellen und lokalen Götter anzunehmen, hängt damit zu¬
sammen, daß sie sich geweigert haben, irgend eine und be¬
schränkte Heimat anzunehmen. Wieweit das auf Willen und
Entschluß und wieweit es auf politische Fehlschläge zurück-

IOI
geht, ist dunkel. Immerhin könnte ich mir vorstellen, daß
die politischen Fehlschläge ihren Grund genau in jenem
Festhalten an der Vorzeit haben. Jedenfalls würde das die
eigentümliche Exterritorialität der Juden zur gesamten
abendländischen Geschichte erklären, die heute im Antise¬
mitismus und in der Reaktion der Juden auf ihn gleicherma¬
ßen zum Ausdruck kommt.
Das Überleben des Nomadentums bei den Juden dürfte
aber nicht nur die Erklärung fiir die Beschaffenheit der Ju¬
den selber sondern mehr noch die für den Antisemitismus
abgeben. Offenbar war das Aufgeben des Nomadentums
eines der schwersten Opfer, welches die Geschichte der
Menschheit auferlegt hat. Der abendländische Begriff der
Arbeit und alles mit ihr verbundenen Triebverzichts dürfte
mit dem Seßhaft-Werden genau zusammenfallen. Das Bild
der Juden repräsentiert das eines Zustands der Menschheit,
der die Arbeit nicht gekannt hat, und alle späteren Angriffe
gegen den parasitären, raffenden Charakter der Juden sind
bloß Rationalisierungen. Die Juden sind die, welche sich
nicht haben »zivilisieren« und dem Primat der Arbeit unter¬
werfen lassen. Das wird ihnen nicht verziehen und deshalb
sind sie der Stern des Anstoßes in der Klassengesellschaft. Sie
haben sich, könnte man sagen, nicht oder nur widerwillig
aus dem Paradies vertreiben lassen. Noch die Beschreibung,
die Moses von dem Land, wo Milch und Honig fließen,
gibt, ist die des Paradieses. Dies Festhalten am ältesten Bild
des Glücks ist die jüdische Utopie. Es verschlägt dabei nichts,
ob der nomadische Zustand in der Tat der des Glücks war.
Wahrscheinlich war er es nicht. Aber je mehr die Welt der
Seßhaftigkeit, als eine der Arbeit, die Unterdrückung repro¬
duzierte, um so mehr mußte der ältere Zustand als ein Glück
erscheinen, das man nicht erlauben, dessen Gedanken man
verbieten muß. Dies Verbot ist der Ursprung des Antisemi¬
tismus, die Vertreibungen der Juden sind Versuche, die Ver¬
treibung aus dem Paradies seis zu vollenden seis nachzuah¬
men.

102
ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und
Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. - E: Horkheimer, Briefwechsel
1937-1940, S. 760ff.

das Telegramm: Nicht erhalten.

209 Horkheimer an Adorno


Hollywood, 24.9.1940

THE MONTECITO
6650 FRANKLIN AVENUE HOLLYWOOD, CALIFORNIA

24. September 1940.

Lieber Teddie!
Vielen Dank flir Ihren Brief vom 18. Diese letzten Tage, die
ich nun noch hier bleiben mußte, sind eine ganz große Plage.
Ich versuche, so gut es eben geht, dafür zu sorgen, daß wir bei
einer späteren Rückkunft hier, eine Situation antreffen, die
wirklich Chancen bietet. Das ist nicht leicht.
Über das Antisemitismusprojekt werden wir ja nun hoffent¬
lich bald sprechen können. — Für die Bemerkungen danke ich
Ihnen sehr. Ich glaube, Sie haben einen entscheidenden Ge¬
danken formuliert, entscheidender für die Erklärung des Anti¬
semitismus vielleicht als desjudentums. Das heutige Judentum
(oder besser die Judenheit) ist nachgerade nur noch negativ,
aus dem Abfall von seinem Gott, zu begreifen. Der Wert Ihrer
Einsicht freilich bewährt sich auch hier. Nach solchem Abfall
bleibt den Juden nichts anderes mehr. Für die falschen Götter
sind sie verdorben und niemand glaubt ihnen, wenn sie sich da
anschmusen. Sogar in England werden sie ins Konzentrations¬
lager geschickt. Und das gründet in der Vorgeschichte. — Ich
bin davon überzeugt, daß die Judenfrage die Frage der gegen¬
wärtigen Gesellschaft ist — da sind wir mit Marx und Hitler
einig, sonst aber hierin so wenig wie mit Freud.

103
Ins Projekt wird der Entwurf am besten als ein Exkurs zur
Auseinandersetzung mit Freud, als der letzten Theorie des
Antisemitismus eingesetzt werden. Das machen wir zusam¬
men.
Sagen Sie der Giraffe, sie soll nicht ungnädig auf mich her¬
absehen, wenn ich endlich, endlich wieder da bin.
Alles Liebe Ihnen beiden
von
Ihrem
Max.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a.M. - E: Horkheimer, Briefwechsel 1937 bis
1940, S.765.

210 Adorno an Horkheimer


New York, 7.11.1940

7. November 1940.

Lieber Max,
hier ist der neue Entwurf des Briefs an Lynd.
Wenn ich meine eigene Meinung dazu sagen darf, so
möchte ich abraten. Einmal wirkt er durch die Konzilianz als
Zugeständnis, während wir allen Grund hätten, Lynd und
Simpson nichts durchgehen zu lassen. Dann ist die Aussage,
das Institut habe mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu
tun, in der jetzigen Form nicht ganz zutreffend, weil wir ja den
Artikel drucken und die ganze Kampagne sich auf diese Publi¬
kationsfrage bezieht. Geht man darauf gar nicht ein, so gibt
man sich eine Blöße. Es sieht so aus, als wollten wir in einer
Sache ausweichen, in der doch weiß Gott alles Recht auf un¬
serer Seite ist. In dem alten Entwurf hatte sich jener Passus nur
auf den spezifischen Vorwurf der Ausbeutung bezogen, wäh-

104
rend wir zu den anderen Punkten viel stärkere Argumente
hatten. Jetzt sieht es aus, als zögen wir uns durchaus auf diese
formale Position zurück. Das halte ich flir um so unprakti¬
scher, als Lynd sehr konkrete Fragen aufwirft, auf die wir im
ersten Entwurf konkret geantwortet haben.
Ich weiß nicht, ob Lazarsfelds Bedenken wegen Lynds Re¬
aktion zutreffen. Vielleicht hat er recht. Dann würde ich aber
Lynd überhaupt nicht schreiben, sondern Sie sollten ihn anru-
fen und etwas mit ihm ausmachen. Wahrscheinlich hat Lynd
selber sich so etwas vorgestellt: der letzte Absatz seines Briefes
scheint mir dafür zu sprechen. Eine solche Aussprache schiene
mir ganz gut.
Alles Liebe
Ihr
Teddie,
Großes Rindvieh

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Brief an Lynd: Ein Typoskript-Durchschlag ist im Horkheimer-Archiv


nicht erhalten; auch der Brief Lynds ist nicht vorhanden.

Simpson: George Simpson (1904-1998) war Adornos Mitarbeiter beim


Radioprojekt.

der Artikel: Vermutlich ist Adornos Aufsatz »On Populär Music« gemeint,
der 1941 in der Zeitschrift des Instituts erschien. Adorno schrieb ihn unter
Mitwirkung von George Simpson.

105
211 Adorno an Horkheimer
New York, 3.5.1941

3. Mai 1941.

Lieber Max,
haben Sie schönsten Dank für Ihre beiden Karten. Wir sind
sehr froh, daß Sie sich gut erholt haben und sich so frisch füh¬
len, daß Sie sich gleich an die Arbeit gemacht haben. Sie kön¬
nen mir glauben, daß auch ich mich in meine — die ja als Prole-
gomenon zur gemeinsamen zählt — mit Feuereifer gestürzt
habe.
Über die Absage von Rockefeiler sind Sie informiert. Was
die Interpretation des Bescheids anlangt, so sind die Meinun¬
gen geteilt. Im Institut haben wir alle zunächst den Bescheid
als definitiv aufgefaßt und geglaubt, daß er weitere Verhand¬
lungen allenfalls als Rückzugsgefechte zuläßt, aber kaum et¬
was erwarten läßt. Lazarsfeld, der die Gepflogenheiten der
Foundation am ehesten übersieht, ist nicht der Ansicht. Er
meint im Gegenteil, der Hinweis von Kittredge sei em hmt an
uns, gerade nach einem solchen negativen Bescheid weiterzu¬
verhandeln. Die Foundation könne niemals offiziell irgend¬
welche Gegenvorschläge von sich aus machen, da sie selber
niemals als wissenschaftliche Institution fungiere. Sie erwarte
aber solche Vorschläge von uns. Jessup, mit dem Neumann ge¬
stern gesprochen hat, meint wiederum, Kittredge neige zum
Enthusiasmus (welch ein Bild des Enthusiasten) und verspre¬
che allemal mehr, als Willits zu halten gesonnen sei. Kittredges
Äußerungen seien für die Foundation ganz unverbindlich.
Auf jeden Fall meine ich, daß man die Verhandlungen fort¬
setzen soll und habe mich zusammen mit Leo sogleich mit La¬
zarsfeld deswegen beraten. Dieser wird nächste Woche, nach
seiner Rückkehr aus Minnesota sich unverbindlich mit Kitt¬
redge unterhalten. Dasselbe wird Jessup tun, der aber eine
offizielle Intervention abgelehnt hat, da er selber ein Projekt
laufen habe. Natürlich wäre es gut, wenn die weiteren Ver-

106
handlungen mit Rockefeiler von einem amerikanischen
Schirmherrn geführt würden. Aber der ist nicht leicht aufzu¬
treiben. Es soll jetzt mit Lindsay Rogers versucht werden, aber
ich erwarte nicht, daß er viel tut. Maclver rät von sich ab, da
ihn die Foundation überhaupt nicht kenne (? Ich habe in die¬
ser Angelegenheit nicht selbst mit ihm gesprochen). Lynd
kommt aus den bekannten Gründen nicht in Betracht. Nun
liegt wieder Tillich in der Luft, aber der will mir auch nicht
recht gefallen. Any way, ich für meinen Teil hielte es für das
Beste, wenn man Anderson allein oder vielleicht mit Fritz hin¬
schicken würde, aber damit dringe ich nicht durch. Was mei¬
nen Sie?
Meine eigene Beurteilung der ganzen Sache ist die, daß
man zwar vielleicht schließlich eine Kleinigkeit bekommen
wird, daß es aber ganz unsinnig ist, sich große Hoffnungen zu
machen, auch etwa mit Rücksicht auf die Carnegie Founda¬
tion. Die besondere Böswilligkeit uns gegenüber muß nicht
einmal der Grund sein, will doch Marshall selbst dem Lazars-
feld sein Budget um die Hälfte kürzen. Die Aufrüstungsten¬
denz wird alles andere verschlingen. Selbst die Hoffnung, daß,
wenn man eine Kleinigkeit bekommt, sich später daran Grö¬
ßeres anschließe, halte ich für überholt. Viel eher wird man
versuchen uns einmalig abzuspeisen. Sie haben ganz recht, es
wäre unsinnig, wenn Sie Ihre Dispositionen auch nur im ge¬
ringsten von diesem Gezerr abhängig machen wollten. Ich
möchte heute mit all der Feierlichkeit, die von Pachyderm zu
Pachyderm möglich ist, Ihre These unterstreichen, daß es auf
nichts als auf unsere Arbeit ankommt und daß man hier ab¬
brechen soll. Und das aus den empirischen so gut wie aus den
intelligiblen Gründen. Hier haben wir nichts zu verlieren als
uns selbst. Wie traurig es ohne Sie ist, brauche ich Ihnen gar
nicht erst zu erzählen. Es ist noch trauriger wahrscheinlich, als
Sie es sich vorstellen. Völlig einsam, die Unmöglichkeit, auch
nur mit einem Menschen über das zu reden, worauf es uns an¬
kommt.
Unser Dunkerque scheint durch die jüngste Entwicklung

107
jenen triumphalen Aspekt zu gewinnen, der neuerdings den
Evakuationen eigentümlich ist. Von dem Zwischenfall mit
Egbert wissen Sie. Ich glaube, es ist nicht zu narzißtisch, wenn
ich den Umschlag meiner Intervention bei Maclver zu¬
schreibe. Ich habe den Mund recht weit aufgerissen und ge¬
sagt, gerade in diesem Augenblick, wo wir hofften, daß uns die
Eingliederung gelänge, sei das ein besonders schwerer Schlag,
der unbedingt wieder gutgemacht werden müsse. Er ist dar¬
aufhin nicht nur gleich zu Egbert gegangen, sondern hat dar¬
über hinaus die Initiative ergriffen, das Institut in irgendeiner
Form ans Department anzugliedern. Im Gegensatz zum allge¬
meinen Defaitismus möchte ich annehmen, daß es ihm gelingt
oder vielmehr, daß er es nicht gesagt hätte, wenn er nicht sehr
bestimmte Möglichkeiten sähe. Bei einigem Geschick müßte
sich das Problem Neumann auf diese Weise lösen lassen. Es
wäre mir, entre nous soit dit, eine sehr große Beruhigung,
wenn ich die Verhandlungen mit Maclver fuhren könnte, weil
ich das Gefühl habe, daß ich ihn wirklich gut behandeln kann.
Aber das ist ein sehr delikater Punkt, nicht nur Neumanns we¬
gen, sondern auch wegen der Offiziersehre unseres Freundes.
Ich meine darüber hinaus, daß man versuchen sollte, vom So-
ciology Department eine Einladung an Sie zu einer Semestral-
Vorlesung (etwa über philosophische Grundprobleme der So-
zialwissenschaften) zu erhalten und meine, daß die Chancen
dazu besser sind als im Philosophiedepartment. Mit Maclver
und Lynd kann man immer noch eher fertig werden als mit
Schneider und Randall (Friess soll im Philosophiedepartment
nicht viel Einfluß haben). Aber auch in diesem Punkt ist FP
anderer Ansicht als ich, und ich möchte in der Angelegenheit
nichts unternehmen, ohne Ihren Wunsch und Willen und
Ihre Einschätzung der Lage genau zu kennen. Bei einigem
Geschick und Elan müßte aus der Columbiasache ernsthaft et¬
was herauszuholen sein, aber Sie kennen die Situation. Sie
werden verstehen, daß ich sogar daran dachte — freilich wohl
auch, weil es ohne Sie so scheußlich ist —, Sie hierher zu Hilfe
zu bitten, aber mein besseres Ich, unterstützt von den 3 Läm-

108
mergeiern, hat dann bis auf weiteres doch gesiegt. Übrigens
möchte FP mich auf die Liste derer setzen, die im Herbst für
Vorlesungen an der Columbia zur Verfügung stehen. Aber mir
ist auch dabei nicht wohl, denn solche Versprechungen ma¬
chen und nicht halten und wirklich verfügbar sein ist ungün¬
stig, und der Gedanke, daß ich dieser Sache zuliebe ohne Sie
hierbleiben sollte, ist absurd. Sicherlich wäre ein Wort von Ih¬
nen gut, daß meine Übersiedlung nach Californien durch
keine Erwägungen, die den taktischen Zustand hier betreffen,
gefährdet werden darf. Seinem Bewußtsein nach ist FP natür¬
lich auch dafür. Aber eine unwillkürliche Äußerung in diesem
Zusammenhang, etwa »einer muß doch hier bleiben« hat
mich etwas stutzig gemacht. Möglicher Weise ist Eifersucht
im Spiel, daß ich zu Ihnen kommen werde und er hier bleibt.
Gestern habe ich den Spengler im Muckerbund vorgelesen
mit großem Erfolg besonders bei Friess und Gutmann'"'. Sonst
war die Diskussion unsäglich, Tillich hatte den Kroner mitge¬
bracht, und dieser hat seinem Haß gegen die Möglichkeit, aus
der Fatalität der Geschichte auszubrechen, in wahrhaft unge¬
heurer Weise Ausdruck verliehen. Darin waren überhaupt alle
einig. Ach Max.
Zum Spengler habe ich eine Reihe Erweiterungen ge¬
schrieben und werde Ihnen das Ganze erst schicken, wenn es
einigermaßen fertig ist. Ihre Anregung, ms nächste Heft den
Spengler und nicht den Veblen zu nehmen, ist nun doch
durchgedrungen, worüber ich sehr froh bin, da die Nieder¬
schrift und Ausarbeitung des Veblen in der kurzen zur Verfü¬
gung stehenden Zeit eine schreckliche Hetzjagd geworden
wäre, während ich hoffe, daß die Ausarbeitung des Spengler
für unsere Dinge wirklich eine Vorarbeit bedeutet. Freilich er¬
gibt sich damit zugleich das doppelte Problem der Schwierig¬
keit und der Expomertheit, aber ich hoffe, mit beiden fertig zu
werden. David hat sich übrigens bei der Vortragsfassung sehr

Randall, Schneider, Riezler hatten abgesagt.

109
gut bewährt und funktioniert überhaupt gut, sobald er einen
gewissen Druck fühlt. — Gestern ist der zweite Teil der Arbeit
»Zur Philosophie der Neuen Musik« in der Rohfassung fertig
geworden. (Die Disposition der Arbeit werde ich übrigens
weitgehend ändern.)
Die Ankunft Kracauers und der lieben Welke hat die Ein¬
samkeit noch wesentlich erhöht. Seine Rettung gibt Anlaß zu
Betrachtungen über die Abstraktheit der Individualität. Er ist
gerettet. Aber was ist das Er. Dieses hat freilich schon nächste
Woche ein Interview mit John Marshall. Ich stelle mir vor, daß
er zwar für sich nichts erreicht, aber dafür meine laufenden
Verhandlungen mit Marshall torpediert. Zu all dem ist nur Ihr
Motto aus Gide gut.
In der Beurteilung des Krieges stimme ich ganz mit Ihnen
überein. Ich stehe zwar zu meiner alten Ansicht, daß Deutsch¬
land den Krieg nicht gewinnen wird, aber ich möchte sie
durch die Antithese ergänzen, daß die Engländer es fertigbrin¬
gen ihn zu verlieren.
Als ich diesen Brief begann, hatte ich die redliche Absicht,
ihn ganz kurz zu fassen. Es hat nicht sollen sein. Bitte hauen
Sie nicht mich mit dem Rüssel darum. Alles Liebe von uns
beiden, Sehnsüchtigen; der Giraffe geht es recht gut. Hoffent¬
lich finden Sie es beide weiter schön dort und Maidon ge¬
wöhnt sich gut ein. Ich stelle mir nach Kräften jenen Hügel
vor mit dem Blick über den Stillen Ozean.
Immer Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihre beiden Karten: Nicht erhalten.

die Absage von Rockefeiler: Sie betraf die Finanzierung des Projekts »Cultu-
ral Aspects of National Socialism«, das eine Neuformulierung des »Ger¬
man Project« darstellt und unter der Leitung von Eugene N. Anderson
und Elorkheimer stehen sollte. Das Expose trägt das Datum des 24. Fe-

I IO
bruar 1941 und enthält die folgenden Kapitel: »Bureaucracy (Frederick
Pollock), Mass Culture (Leo Löwenthal), Anti-Christianity (Max Hork-
heimer), The War and Post-War Generation (Herbert Marcuse), Ideolo-
gical Permeation ofLabor and the New Middle Classes (Franz Neumann),
Literature, Art and Music (Theodore W. Adorno)«. — Zur Begründung
des Projekts heißt es zu Beginn der Introduction: »The project aims to
provide an understanding of National Socialism by placing the movement
in its cultural setting. It is guided by the interest to determine the forces
that produce totalitarian society and hold it together. The time has arrived
to analyze in all its aspects this menace to the value System of Western civi-
lization and to do so with the different instruments Science places in our
hands. The economic problems of totahtariamsm are covered by other
studies now in progress, but the cultural problems have not yet been
treated on the basis of an integrative method. They will form the subject
matter of this project.«

Kittredge: Tracy B. Kittredge war zu der Zeit als Assistant Director der
sozialwissenschaftlichen Abteilung der Rockefeiler Foundation tätig.

Jessup: Philip Caryl Jessup (1897-1986) lehrte zu der Zeit Internationales


Recht an der Columbia University.

Will its: Joseph H. Willits (1889-1979) war von 1939-1954 Director for the
Social Sciences bei der Rockefeller Foundation.

Leo: Leo Löwenthal.

Lindsay Rogers: Der Jurist Lindsay Rogers (1891-1970) lehrte an der Co¬
lumbia University; er war von 1934-1936 Direktor des »Social Science
Research Council«.

Anderson: Eugene Newton Anderson (1899-1984) lehrte in Washington


Europäische Geschichte.

Marshall: James Marshall (1896-1986) war zu der Zeit Präsident des New
York Board of Education.

Egbert: Nicht ermittelt.

unser Freund: Pollock.

Einladung an Sie zu einer Semestral- Vorlesung: Horkheimer hielt in diesem


Jahr keine Vorlesung an der Columbia University.

III
Schneider: Herbert W. Schneider (1892-1984) lehrte Philosophie an der
Columbia University.

Friess: Horace Leland Friess (1900-1975) lehrte an der Columbia Univer¬


sity Philosophie.

FP: Friedrich Pollock.

meine Übersiedlung: Gretel und Theodor Adorno folgten Horkheimer


Mitte November an die Westküste.

der Spengler: Adornos Vortrag, dessen Aufsatzfassung unter dem Titel


»Spengler Today« 1941 im zweiten Heft des Jahrgangs 1941 der »Studies in
Philosophy and Social Science« erschien; vgl. jetzt die deutsche Fassung
»Spengler nach dem Untergang« Adorno GS io-i, S. 47-71.

Muckerbund: So Adornos Bezeichnung für die »Columbia-Union Philo-


sophical Group«.

Gutmann: Nicht ermittelt.

Riezler: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 8.

Kroner: Der Philosoph Richard Kroner (1884-1974) hatte 1935 in


Deutschland die Lehrbefugnis verloren und war 1938 nach England, 1940
in die USA emigriert. Er lehrte zu der Zeit wie Tillich am »Union Theo¬
logical Seminary«.

der Veblen: Adornos »Veblen’s Attack on Culture. Remarks Occasioned by


the Theory of the Leisure Class«, im Herbst 1941 als Vortrag im Institut für
Sozialforschung gehalten, erschien im dritten Heft des Jahrgangs 1941 der
Zeitschrift; die dt. Fassung vgl. Adorno GS io-i, S. 72-96.

Ihr Motto aus Gide: »Tout cela sera balaye.« S. Band I, den Nachweis zu
Brief Nr. 47.

112
2i2 Horkheimer an Adorno
Los Angeles, 6.5.1941

West Los Angeles, 6. Mai 1941

Lieber Teddie!
Vielen Dank fiir Ihre Nachrichten. Ich bin mit den beiden
scheinbar kontradiktorischen Thesen Ihres Briefs ganz einver¬
standen. Wir müssen nach besten Kräften versuchen, aus der
Columbiasache etwas zu machen und dabei wissen, daß es
einzig auf unsere Arbeit ankommt und daß man den Betrieb
abbrechen soll. Ich möchte hinzufligen, daß unsere Arbeit nur
als im wahrsten Sinn gemeinsame das werden kann, was wir
uns von ihr versprechen. Das erfahre ich hier bei meinen Be¬
mühungen um den Plan jede Stunde. Ich kann Ihnen schwer
sagen, wie sehr ich mich danach sehne, endlich die richtigen
Bedingungen verwirklicht zu sehen. Wenn keine Force ma¬
jeure dazwischenkommt, sind wir jetzt auf gutem Weg dazu.
Auch ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen,
wer jetzt zu Rockefeller hingehen soll, falls die Auskunft, die
Jessup von Kittredge erhält nicht jeden weiteren Schritt als
aussichtslos erscheinen läßt — was ich freilich annehme. Ich
schlage — falls ich unrecht habe — folgenden Weg vor. Sie allein
oder mit irgendjemand gehen zu Keppel und setzen diesem
ziemlich offen unsere Situation auseinander. Keppel ist der
maßgebende Mann bei Carnegie und Fritz hat früher schon
ziemlich erfolglos mit ihm verhandelt. Er wird jedoch allge¬
mein als ein an kulturellen Dingen recht interessierter Herr
geschildert. Ich habe gehört, daß er im Begriff steht, bei Car¬
negie zu resignieren; umso leichter könnte man die Chancen
des Projekts bei dieser und anderen Foundations mit ihm
durchsprechen. Er hat bei Willits offenbar mit den größten
Einfluß und wäre vielleicht bereit, wenn wir es geschickt an¬
fangen, sich fiir uns einzusetzen. Mögliche Verbindungen zu
Keppel sind: Mankiewicz, Shottwell, Lynd. Nach Mankie-
wicz’s Angaben kann man ihn einfach anrufen und um eine
Audienz bitten. — Sie müssen darauf achten, Neumann, der ja
diese Dinge in der Hand hat, keinen Vorwand zu bieten, der
Verantwortung zu entgehen. Am besten sagen Sie ihm gar-
nicht, daß wir über diese Sache korrespondieren, sondern zei¬
gen sich einfach interessiert. Ich glaube übrigens daß Neu¬
mann selbst an Keppel denken wird. - Wichtig: mit Keppel
keine offizielle Aussprache zu haben, sondern ihn vertraulich
um einen Rat zu bitten.
Daß Sie in den Verhandlungen mit Maclver der richtige
sind, hat sich ja nun eindeutig gezeigt, und ich halte es fiir gut,
daß Sie da mindestens wieder dabei sind. Auch Ihren Gedan¬
ken wegen der Vorlesung über philosophische Grundlagen
halte ich fiir fruchtbar; ist doch Maclver selbst Professor für
political philosophy. - Mir ist nicht ganz klar, ob [es] sich bei
meinen beziehungsweise Ihren Vorlesungen um 1941 oder 42
handeln soll. Das Vorlesungsverzeichnis für Herbst dieses Jah¬
res ist doch wohl schon gedruckt! — Daß wir — Sie und ich —
Einladungen für 1942 erstreben sollen, scheint mir äußerst
ratsam zu sein. Das gibt uns hier einen sehr guten Rückhalt
und ein halbjähriger Aufenthalt in New York 1942 ist bei
angemessenem Honorar recht erwägenswert — unsere Arbeit
ist dann schon in einem Stadium, in dem sie das vertragen
kann. Ich fürchte freilich, daß uns die Verhältnisse solcher
Entschlüsse und Erwägungen überheben werden. Amerika
scheint jetzt in einen ganz unabsehbaren, traurigen Krieg hin¬
eingezogen zu werden, der zu alldem so unpopulär ist, wie
kaum je ein nationales Unternehmen. Trotz aller Gallup-poles
behaupte ich auf Grund zahlreicher Gespräche, die ich wäh¬
rend dieser Reise mit jeder Art Leute geführt habe: England
ist hier der Gegenstand der Antipathie — nicht Hitler. — Wegen
Ihrer Übersiedlung werde ich nochmals in unserem Sinn an P.
schreiben. Entweder wir erhalten in New York auf die eine
oder andere Weise so viel Geld, daß es sich lohnt, daß ich den
Winter dort verbringe, oder Sie übersiedeln im Herbst. Es
müßte sich aber wirklich lohnen, daß wir dort bleiben, wir
müßten nicht bloß Geld bringen, sondern unsere Position
müßte Aussichten haben. — Nach außen hin aber muß es jetzt
noch unbedingt so aussehen, als ob Sie dort blieben und ich im
Herbst sicher zurückkäme, denn sonst sind ja ohnehin alle Be¬
mühungen vergeblich. Versprechungen zu machen und sie
dann nicht zu halten, ist in diesem Fall nicht so schlimm: Et¬
was, was diese Leute als favor betrachten, darf man sehr wohl
abschlagen, wenn es nicht eine große favor ist — und die würden
wir ja annehmen. —
Ich arbeite und freue mich, bis wir zusammen sind. Das
Haus sieht so weit recht gut aus und es gibt in der Nähe viele
Häuser mit Gärten zu mieten. — Meine Arbeit bezieht sich auf
den Plan und auf Notizen wie sonst. Ich mache freilich aller¬
hand Gänge — zum Beispiel gehe ich jetzt zu Reichenbach.
Wenn Marcuse eintrifft, fahre ich mit ihm zu den Colleges
around hier und vielleicht nach Berkeley.
Ich erwarte mit großer Freude die »Philosophie der Neuen
Musik«.
Einliegend einige Bildchen von der Reise (beachten Sie die
Rückseiten)
Herzlichst
Ihr Max

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M.

Keppel: Frederick B. Keppel (1875-1943) war der Präsident des Kuratori¬


ums der Carnegie Corporation.

Mankiewicz: Vermutlich der Drehbuchautor und Filmproduzent Joseph L.


Mankiewicz (1909-1993).

Reichenbach: Der Philosoph Hans Reichenbach (1891-1953), 1938 aus der


Türkei in die USA gelangt, lehrte bis zu seinem Tod an der University of
California in Los Angeles.

einige Bildchen: Sie sind nicht erhalten.


213 Adorno an Horkheimer
New York, 20.5.1941

20. Mai 1941.

Lieber Max,
gestern habe ich das Diktat der Arbeit »Zur Philosophie der
neuen Musik« abgeschlossen. Das bedeutet natürlich nicht,
daß sie fertig sei, sondern die Aufgaben der Darstellung, ins¬
besondere die Loslösung aus der terminologischen Hülle, fan¬
gen erst jetzt an, und es werden sechs Wochen vergehen, bis
ein leidlich endgültiges Manuskript vorliegt. Aber es ist doch
eine große Beruhigung für mich, daß der Text, wie immer
auch roh, existiert. Ob er gelungen ist, kann ich noch gar nicht
sagen. Ich habe noch gar keine Distanz, und die Schwierigkei¬
ten sind diesmal nach jeder Richtung besonders groß, zumal
dieser Arbeit zu allem anderen auch noch die Beweislast ihrer
eigenen Existenz obliegt, denn man kann sich zunächst
schwer etwas Absurderes vorstellen als die philosophische
Auseinandersetzung mit den subtilsten Details einer Kunst,
von der kein Mensch etwas wissen will. Trotzdem, oder sollte
ich sagen gerade deswegen, glaube ich Ihnen wenigstens das
versprechen zu können, daß dieses exzessive Prosaunterneh¬
men — ungefähr von der Länge der ganzen Wagnerarbeit — für
die gemeinsame Arbeit etwas beiträgt. Es ist eine Art Kreuz¬
weg vieler Motive. Es gliedert sich im Groben in vier Teile, die
Darstellung des musikalischen Expressionismus und der Mo¬
tive darin, die zur neuen Sachlichkeit treiben; die Ableitung
und Darstellung der Zwölftontechnik und deren Dialektik als
des Umschlags ästhetischer Naturbeherrschung in Unterdrük-
kung; die technologische Analyse der Antinomien im Kom¬
ponieren heute; und schließlich etwas wie eine Rettung des
»Sinnlosen«. Es ist im wesentlichen zentriert um Schönberg
und sozusagen der Abschied von ihm. Er würde mir es nie ver¬
zeihen, wie mich überhaupt diesmal alle außer Ihnen zu den
Wahnsinnigen rechnen werden. Helfen Sie mir hoffen, daß
der Haß, den ich mir von allen Seiten zuziehen werde, wenig¬
stens verdient sei.
In der Rockefellersache ist eine Stockung eingetreten, weil
Lasswell nach seiner ersten Zusage nicht weiter reagiert hat.
Bemühungen sind im Gange, sein Schweigen zu brechen. So¬
lange die Verhandlungen mit ihm schweben, kann man die
andern Wege nicht verfolgen, weil sie alle auf dieselben Perso¬
nen fuhren (insbesondere Archibald Mac Leish) und man die
Notabein nicht durch Koordination anderer Notabein belei¬
digen darf. All das wird Ihnen ja geschrieben worden sein. Ich
möchte Sie aber trotzdem heute eines fragen. Im Zusammen¬
hang mit der Verbindung unseres Projekts mit schon laufen¬
den hat Kittredge die New School genannt. Meinen Sie nun
nicht, daß man, wenn die Sache Lasswell scheitert, versuchen
sollte, mit der New School in Bezug auf das Projekt zu einer
Kooperation zu gelangen, die über die bloße »Neutralisie¬
rung« wesentlich hinausgeht? Ich habe das deutliche Gefühl,
daß Rockefeller sich so etwas vorstellt, und da es sich ja in er¬
ster Linie um das Problem der Unterbringung einiger Men¬
schen handelt, so kann ich in der Idee nichts so Grauenvolles
erblicken. Aber ich stehe damit ziemlich allein. Die andern
haben Einwände, deren Gewicht ich nicht verkenne: insbe¬
sondere daß die New School nichts sich mehr wünsche als
eine Situation, in der sie uns einen refus erteilen könnte, daß
die Wunderlich ein Politikum daraus machen würde u. ä. Ich
meine aber, man könnte dieser Schwierigkeiten Herr werden,
wenn man sich des Löwen geschickt bedient. Ich hatte damals
von der Besprechung mit der New School zumindest den
Eindruck, daß jene großen Respekt vor uns haben und daß
ihnen eine solche Kooperation gar nicht nur unwillkommen
wäre. Aber die Sache ist natürlich äußerst heikel. Ich möchte
nur anzeigen, daß ich hier vag eine Möglichkeit sehe, das
ganze Problem zu lösen. Ich glaube auch gar nicht, daß im Fall
einer solchen Kollaboration unsere Stellung der New School
gegenüber so schwach wäre.
Keppel ist schwer krank und liegt in der Klinik, aber er wird
nicht vergessen. Im übrigen habe ich Mr. Berlin aus Oxford
für das German Project interessiert und ihn mit Fritz zusam-
mengebracht. Er kennt Gott und die Welt und redet dem Teu¬
fel ein Ohr ab, und wenn man ihn aktivieren könnte, so würde
das etwas bedeuten. Aber auch das ist eine zarte Pflanze, um so
mehr als er ein offenbar sehr schlechtes Buch über Marx ge¬
schrieben hat.
Wegen der Frage der philosophischen Vorlesungen hat Fritz
mit Tillich gesprochen, der versuchen will, Schneider und
Friess zu gewinnen. Randall ist nicht da, schon sehr gut.
Auf Anregung Maclvers reicht jeder von uns diesem eine
Reihe von Vorlesungstiteln mit kurzen Erläuterungen ein.
Maclver will sehen, welche dieser Vorlesungen er durchsetzen
kann. Ich habe heute festgestellt, daß Sie davon nicht verstän¬
digt worden sind, weil man glaubte, daß Ihr Entwurf für
Sproul für diesen Zweck zu brauchen sei; eine irrige An¬
nahme, da die Themen hier so formuliert sein müssen, daß sie
sich nicht mit denen der Columbia Departments überschnei¬
den, also vor allem nicht zu allgemein. Ich habe mir vorläufig
einmal ambulando ein paar Vorlesungstitel für Sie mit Erläute¬
rungen ausgedacht, die mir mammutesk erscheinen. Ich lege
Ihnen den (ungecheckten) und ganz unverbindlichen engli¬
schen Entwurf bei und bitte Sie, ihn mit Gegenvorschlägen,
Korrekturen oder placet möglichst umgehend zurückzuschik-
ken. Eine Verzögerung des Ganzen tritt nicht ein, da die Be¬
sprechung mit Maclver sowieso erst im Laufe der nächsten
Woche stattfindet. (Jetzt sind Examina) Meine eigenen Vorle¬
sungsthemen sind: Einleitung in die dialektische Kunsttheo¬
rie; die Philosophie Kierkegaards; Elemente der Musiksozio¬
logie und Einleitung in die Phänomenologie mit besonderer
Berücksichtigung der phänomenologischen Tendenzen in der
Soziologie. Die definitive Verteilung steht natürlich bei Ihnen.
Vielleicht wählen Sie überhaupt für sich ganz andere Themen.
Die Sache Alfred Stern habe ich in so tadellos korrekter
Form erledigt, daß daraufhin Paul Oppenheim mich gefragt
hat, ob wir nicht die Aufsätze in der Zeitschrift drucken könn-

118
ten. Es war nicht leicht, darauf die tadellos korrekte Form zu
wahren. — In der Sache Meyer-Lindenberg habe ich festge¬
stellt, daß der Mann, der alle südamerikanischen Projekte,
auch die von Rockefeller, irgendwie unter sich hat, mein alter
Bekannter Cantril aus Princeton ist. Ich habe diesem darauf¬
hin sofort geschrieben.
Während der letzten Wochen bin ich so völlig in Arbeit un¬
tergetaucht gewesen, daß ich sonst schlechterdings nichts zu
berichten wüßte. Im Institut läuft alles glatt und reibungslos.
Zu den high spots haben Ihre Photographien gezählt. Der er¬
ste Teil der Prophezeiung »auf einem Wagen« ist ja damit dank
jener Spontaneität, welche aus den Orakelsprüchen Parolen
macht, in Erfüllung gegangen. Ich hoffe aufs dringendste, daß
es mit dem zweiten Teil, »nach Haus« ebenso gehen möge.
(Ich auch, Giraffe Gazelle.) Und was die Akribie des musikali¬
schen Zitats anlangt, so könnten sich daran sämtliche Mitar¬
beiter des Instituts ein leuchtendes Beispiel nehmen. Im glei¬
chen Geiste haben wir die Zoos in der Bronx und im Central
Park besucht. Das Okapi ist quite an experience. Haben Sie es
gesehen? Mit einem Snobismus, der bei Proust nicht weniger
als 50 Seiten füllen würde, ist es ganz unscheinbar im Antilo¬
penhaus untergebracht und findet kaum Zuschauer. An diesen
wiederum fehlt es Käthe Hirsch nicht, die mit vielen überein¬
andergeschlagenen Beinen angekommen ist und einem Ak¬
zent, englischer als der Churchills. Ein Nilpferd habe ich ge¬
streichelt und ein anderes hat laut gebrüllt. Werfen Sie mir
deshalb Narzißmus vor? Im Institut war heute Ruth Fischer,
sah aber aus wie eine Frau von Korsch. An den Elefanten ist
immer enttäuschend, daß sie keine Mammuts sind. Wir zählen
die Wochen bis zum Wiedersehen. Ihnen und Maidon alles
Liebe auch von der törichten Giraffe
Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.
Lasswell: Der Politikwissenschaftler Harold D. Lasswell (1902-1978), der in
Chicago und Washington gelehrt hatte, war bis zum Kriegsende »Director
of War Communication Research« in Washington. In der Zeitschrift war
im ersten Heft des Jahrgangs 1941 sein Aufsatz »Radio as an Instrument of
Reducing Personal Insecurity« erschienen.

Archibald Mac Leish: Der amerikanische Dichter Archibald MacLeish


(1892-1982) war Direktor der Library of Congress; nach dem Kriegsem-
tritt der USA wurde er stellvertretender Direktor des »Office of War In¬
formation«.

mit der New School . . . eine Kooperation: Sie kam nicht zustande.

die Wunderlich: Die Arbeitswissenschaftlerin Frieda Wunderlich (1899-?)


gehörte zu den Gründungsmitgliedern der University in Exile an der
New School und war 1939 zum ersten weiblichen Dean gewählt worden.

der Löwe: Gemeint ist Adolph Lowe (vor der Emigration Löwe).

Mr. Berlin: Der Philosoph Isaiah Berlin (1909-1997), der mit seiner in
Riga beheimateten Familie 1919 vor den Bolschewiken nach England ge¬
flüchtet war, hatte in Oxford studiert und gelehrt. Den Zweiten Welt¬
krieg verbrachte Berlin im diplomatischen Dienst in Washington und —
für eine kurze Zeit — in Moskau. — Sein Buch »Karl Marx. His life and en-
vironment« war 1939 erschienen.

Ihr Entwurf für Sproul: Robert Gordon Sproul (1891-1975) war von 1930
bis 1958 Präsident der University of California. — Der Entwurf scheint das
Memorandum vom 12. Dezember 1940 zu sein, mit dem die Eröffnung
des Los Angeles-Zweigs des Instituts vorbereitet wurde, dem Horkheimer
und Herbert Marcuse angeboren sollten. Es wird darin der Vorschlag ge¬
macht, neben dem »research-work on present trends in the history ofideas
(parts of the Research Project on the Collapse of German Democracy
would be mcluded)« Horkheimer und Marcuse Lehrveranstaltungen an
der UCLA zu ermöglichen, für die die Trägergesellschaft des Instituts der
UCLA 8000 Dollar jährlich bereitzustellen versprach. — Als Themen für
Vorlesungen und Seminare sind genannt: »1) The history of social and po-
litical ideas, especially in Antiquity and the Middle Ages. 2) The Helleni-
stic philosophy. 3) The great controversies in medieval philosophy. 4) The
rise of European authoritarianism a) The preparatory stages (the Refor¬
mation, Absolutism, German Idealism) b) The attack on Chnstianity and
Liberalism (Richard Wagner, Nietzsche, Spengler). 5) European philoso-

120
phy and the American Constitution (the influence of Locke and the
French Enlightment on the American Constitution). 6) A History ofMa-
chiavellism. 7) The Philosophy of the Restoration (Burke, Bonald, De
Maistre). 8) Modern doctrines of man (Bergson, Dilthey, Freud, Scheler).
9)History ofsociology from Comte to Pareto. 10) Ideas in transition (basic
changes in the conception of culture, Sciences, art, government, econo-
mics, etc. during modern times). 11) Cultural trends of modern Europe
(Recent developments in philosophy, religion, arts, and politics).« Auf
einem anderen Blatt, das diese Liste nahezu unverändert wiedergibt, steht
eine Ergänzung: »12. American intluences in pre-war Europe«.

ein paar Vorlesungstitel für Sie: Adornos Vorschläge scheinen nicht erhalten
zu sein.

Die Sache Alfred Stern: Der österreichische Philosoph Alfred Stern (1899
bis 1980) war 1934 nach Frankreich emigriert und hielt — unbesoldete —
Vorlesungen an der Sorbonne, außerdem lehrte er in Brüssel am »Institut
/

des hautes Etudes de Belgique« während der Wintersemester. Alfred Stern


meldete sich im Herbst 1939 als Freiwilliger zur französischen Armee und
ging nach der Demobilisierung im Dezember 1940 nach Algier. Anfang
1942 gelang ihm die Ausreise nach Mexiko, und 1944 konnte er in die
Vereinigten Staaten einreisen, wo er auch an der New School lehrte. (Vgl.
Deutsche Intellektuelle im Exil. Ihre Akademie und die »American Guild
for German Cultural Freedom«. Eine Ausstellung des Deutschen Exilar¬
chivs 1933-1945 der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main, Katalog,
Frankfurt a.M 1993, S.270-276.) — Vermutlich hatte Stern bei Horkhei-
mer und dem Institut oder bei Paul Oppenheim um Unterstützung für die
Einreise in die USA gebeten. Die erwähnten Aufsätze sind nicht ermittelt.

die Sache Meyer-Lindenberg: Der Jurist Hermann Meyer-Lindenberg, der


schon in den dreißiger Jahren ein Stipendium des Instituts erhalten hatte
(s. Band I, Brief Nr. 66 und die Anna, dort), lebte zu der Zeit als Anwalt in
Bogota (Kolumbien). Wahrscheinlich hatte er sich an Horkheimer und
das Institut gewandt, um Mittel für eine Forschungsarbeit zu erhalten.

Cantril: Der Soziologe Hadley Cantril (1906-1969) war einer der Grün¬
dungsväter der Untersuchungen zur Massenkommunikation; 1937 bis
1939 war er einer der Direktoren des »Princeton Radio Research Project«
und zugleich Leiter des »Princeton Office of Public Opinion Research«.
Dieses Office untersuchte seit Ende der dreißiger Jahre die öffentliche

121
Meinung im Auftrag der Roosevelt-Administration; diese Researchauf¬
träge waren mehr oder minder geheim.

»auf einem Wagen« / »nach Haus«: Adorno hatte im Februar 1941 »Rüssel¬
mammuts Heimkehr. Lied flir eine Singstimme und Pianoforte von Archi-
bald Bauchschleifer« getextet und komponiert. Der Text lautet: »Was fährt
denn dort auf einem Wagen und streckt den langen Rüssel aus ? Was fährt
denn dort auf einem Wagen und streckt den langen Rüssel aus? Es ist ein
Mammut, es ist ein Mammut, es ist ein Mammut und er fährt nach Haus.
Es ist ein Mammut, es ist ein Mammut und er fährt nach Haus, er fährt
nach Haus.«

Käthe Hirsch: S. Band I, die Anm. zu Brief Nr. 141.

Ruth Fischer: Das ist Elfriede Eisler (1895-1961), die Schwester Hanns und
Gerhart Eislers, die Philosophie, Nationalökonomie und Politik studiert
hatte, gehörte 1918 zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei
Österreichs. Ein Jahr später ging sie nach Berlin, wo sie zum hnksradikalen
Flügel der KLPD gehörte, wurde 1926 aus der Partei ausgeschlossen, blieb
aber bis 1928 Reichstagsabgeordnete. 1933 emigrierte sie nach Paris und
1941 in die USA, wo sie als Kritikerin des Stalinismus publizistisch wirkte.

214 Horkheimer an Adorno


Los Angeles, 26.5.1941

West Los Angeles, 26. Mai 1941

Lieber Teddie!
Natürlich hat es mit dem Bau länger gedauert als vorgese¬
hen war. Wir können erst nächste Woche einziehen. Ich habe
jedoch die Zeit hier in der Cabm nicht ungenützt verstreichen
lassen. Es gibt einen Sack voll Notizen zu den von uns festge¬
legten Punkten. Ich möchte nun in den Monaten, in denen
wir noch nicht zusammen sind, als Vorübung in Ihrem Sinn,
den Nanda versprochenen Aufsatz über Dialektik schreiben.
Die Anwesenheit von David gibt mir Gelegenheit, im Zusam¬
menhang damit wenigstens eine notdürftige Technik auszu¬
bilden, englische Versionen unserer Gedanken herzustellen.

122
In den nächsten 14 Tagen freilich werde ich mit Marcuse Be¬
suche machen müssen, so daß ich nur die zweite Hälfte Juni
zur Arbeit an dem Aufsatz habe — vielleicht noch die erste Juli¬
woche. Dann kommt Fritz und damit eine mehrwöchige Un¬
terbrechung, die zur Erholung verwandt wird. Bis wir im
Herbst zusammen beginnen können, soll der Aufsatz fertig
sein und darüber hinaus schon einiges Rohmaterial für uns
vorliegen. Was meinen Sie zum Gedanken des Aufsatzes? Ich
glaube, er ist für uns nicht unwichtig, und einiges davon habe
ich nun so lange im Kopf, daß ich es ganz gern los werden
möchte, ehe wir uns die neue Form schaffen.
Zum Abschluß des Diktats gratuliere ich Ihnen und der Gi¬
raffe Gazelle. (Ich habe mir lange überlegt, ob Gazelle hier mit
lateinischen Buchstaben zu schreiben sei, möchte jedoch die
deutsche Schreibweise vertreten.) Da, wie Sie schreiben, ein
endgültiges Manuskript erst in geraumer Zeit zu erwarten
steht, so wäre ich dankbar, einstweilen einmal das Urteil be¬
sagter Giraffe kennen zu lernen.
Ich danke Ihnen für die Sorgfalt, mit der Sie die Angelegen¬
heiten des Projekts und der Vorlesung verfolgen. Ich selbst
kann von hier aus nicht viel mehr tun, als darauf hinwirken,
daß nichts ohne Sie geschieht, und daß Sie überall dort, wo Sie
es selbst für richtig halten, persönlich mitwirken. Außer bei
Maclver scheint mir Ihr Auftreten ganz besonders bei Lasswell
angezeigt. Ich habe darüber wiederholt an Fritz, sowie an Lö¬
wenthal geschrieben. Sie gehören überall dorthin, wo es gilt,
auch nur einen vagen Eindruck von unseren wissenschaft¬
lichen Qualitäten zu vermitteln. Jedenfalls hoffe ich, daß Sie
dieses Mal nicht mehr das Gefühl haben, über wichtige Dinge
nicht unterrichtet zu werden.
Der Emwand, daß die New School, besonders nachdem
sie jetzt so fest im Sattel sitzt, uns sehr gerne eines auswi¬
schen würde, ist, glaube ich, nicht von der Hand zu weisen.
Es ist daher wirklich große Vorsicht geboten. Andrerseits
sollte man jedoch keinesfalls die mit so großer Umständlich¬
keit angebahnten Beziehungen wieder sich lockern lassen.

123
Ich rate dazu, eine wenn auch informelle Zusammenkunft
mit einigen der Herren noch in diesem Semester herbeizu¬
führen, oder — falls das nicht geht - auf Beginn des nächsten
zu vereinbaren. Als Zweck darf kein praktisches, sondern nur
ein wissenschaftliches Thema bezeichnet werden. Außerdem
muß man mit unseren Leuten vorher wieder reden wie das
letzte Mal und Grossmann soll draußen bleiben. Vielleicht
genügt aber wirklich die Vereinbarung, die Löwe vermitteln
kann.
Die Vorlesungsliste ist ausgezeichnet. Ich hatte übrigens
zwei Tage vor ihrem Eintreffen an Löwenthal geschrieben,
wir sollten so etwas zur Hand haben. Ich gebe im folgenden
einige Anregungen, deren Ausführung oder Ablehnung ich
Ihnen überlasse. Sie sind näher dabei! ad i): Ich würde einen
Satz anfugen, der auf parallele Strömungen in anderen Län¬
dern hinweist. Vielleicht sollte eine Einleitung über die fran¬
zösische Aufklärung gegeben werden, ad 2): Wäre es nicht gut
mit Namen zu protzen, z.B. St. Simon (Begriff der Soziolo¬
gie, Abgrenzung zwischen Staat und Gesellschaft), Comte
(Begriff des Systems), Lorenz von Stein (Begriff der Klasse),
Dilthey (Begriff der Epoche) ? Als Problem könnte neben dem
Relativismus etwa die Beziehung zwischen Soziologie und
Geschichte, Soziologie und Philosophie bezeichnet werden -
auch der Unterschied zwischen genereller und historischer
Soziologie (im Simmelschen Sinn), ad 3) »by the middle Has¬
ses« sollte durch »modern democracy« oder so was ersetzt wer¬
den. Außer den damned Germans Schiller und Hegel sollten
Franzosen, Engländer, Amerikaner genannt werden. Viel¬
leicht wäre ein Punkt wie »the interconnections between the
American Revolution and European philosophy« ganz ange¬
bracht. — Der letzte Satz klingt ein bißchen vag. Man müßte
schon etwa sagen: The use and function of the name ofliberty
in particular historical movements such the Reformation, the
French Revolution and Restauration, German Nationalsocia-
lism. ad 4) Die Namen sind overwhelming, aber es sollten
coute que coute noch einige Angelsachsen hmzugefligt wer-

124
den. Vergessen Sie nicht daß nächstes Semester der Nationalis¬
mus schon Orgien feiern kann! — Zum Ganzen wäre es viel¬
leicht gut anzufugen, daß auch jede andere Vorlesung aus dem
Gebiet der Kultursoziologie sowie der Geschichte der Sozio¬
logie und der political philosophy zur Verfügung steht. Viel¬
leicht könnte man noch eine Vorlesung über die Sozialtheo¬
rien der französischen Aufklärung erwähnen. — Das wenige,
was Sie über Ihre eigene Liste sagen, klingt mir zu bescheiden
und zu spezialistisch-philosophisch. Wie wäre es mit »Society
and Music, historisch soziologische Analysen der Rolle dieser
Kunstform in der neueren Gesellschaft«, ferner »Religious
criticism and apology of modern society« (oder sogar »of de-
mocracy«). Da könnte man bei der französischen Gegenrevo¬
lution anfangen und über Kierkegaard zu Tolstoi kommen.
Aus der Masse der Verteidiger wären einige kennzeichnende
auszuwählen. Außerdem haben Sie doch Spengler und andere
Lieblinge, über die sich ganze Reihen von Vorlesungen halten
lassen. Auch bei Ihnen würde ich am Schluß Gebiete nen¬
nen.*
Ich habe die Frage der Listen (ich lege Ihren Entwurf bei)
mit einiger Ausführlichkeit behandelt, weil ich glaube, daß
wir damit einen tieferen Eindruck machen können als mit
sachlichen Diskussionen. Die sollen sich sagen, daß sie an uns
eine first dass faculty haben, die sie bis jetzt nicht auszunutzen
wußten. —
Über das allgemeine kann ich jetzt nicht schreiben. — Die
Friedensanstrengungen sind sehr heftig. I think Hess is in Ber¬
lin — don’t you?
Alles Liebe Ihnen beiden
auch von Maidon Ihr Max

* Natürlich stehen Ihnen auch alle bei mir genannten Titel


zur Auswahl. Warum nicht Themen aus der Soziologie nen¬
nen? Schließlich haben Sie so viel über Mannheim und
Simmel geschrieben wie ich!

125
ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt
a.M.

der Nanda versprochene Aufsatz: Horkheimer plante einen Aufsatz mit dem
Titel »Science and Man« fiir die »Science of Culture Series«, deren Fier¬
ausgeberin Ruth Nanda Anshen war.

Hess is in Berlin: Der »Stellvertreter des Führers« Rudolf Ließ (1894-1987)


war am 10. Mai 1941 allein in einem Jagdflugzeug nach Schottland geflo¬
gen, um die Briten davon zu überzeugen, daß Hitler England nicht ver¬
nichten wolle, wenn man Deutschland in Europa freie Hand ließe und die
ehemals deutschen Kolonien zurückgebe. Dieses >Friedensangebot<
wurde vom Duke of Hamilton, den Heß während der Olympischen
Spiele kennengelernt hatte, an Churchill weitergeleitet. Heß wurde in
Kriegsgefangenschaft genommen.

215 Adorno an FJorkhelmer


Rutland, 31.5.1941

31. Mai 1941. Rutland (Vermont)


Alles Liebe von einem verlängerten Pfingst- Weekend, das Ihre
Ohren muß klingen gemacht haben. Dieser Tage kommt die
vorläufige Fassung des Spengler nach EJollywood; bitte lesen
Sie es aber erst wenn David die neuen Teile gecheckt hat. —
Ein Drittel der Carenz-Zeit ist um!
Herzlichst Ihr Teddie
Alles Liebe Maidon und Ihnen. Wir sahen heute Daniel Web-
sters Geburtshaus. Fderzlichst Ihre Giraffe Gazelle

Viele herzliche Grüße Ihnen beiden


Ihre Lotte

126
ÜBERLIEFERUNG Ansichtskarte: Big Squam Lake from Webster’s;
Stempel: Rutland, JUNE i, 1941. — O: Ms m. Beischriften von Lotte und
Egon Wissing; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbi¬
bliothek, Frankfurt a. M. - Auf der Bildseite von Egon Wissings Hand [?]
über dem Lake eine gezeichnete Seeschlange mit der »Legend«: »Loch-
Ness-Sea-Monster / Smoking her / favorite pipe«.

Daniel Webster: Der Jurist und Politiker Daniel Webster (1782-1852), der
auch ein bedeutender Redner war und fiir die amerikanischen National¬
interessen eintrat.

216 Adorno an Horkheimer


New York, 2.6.1941

2.Juni 1941.

Lieber Max,
haben Sie tausend Dank flir Ihren großen Brief, der mir in
jedem Betracht ein Trost und eine Freude war. Die vorge¬
schlagenen Änderungen im Plan Ihrer Vorlesungen habe ich
durchgeführt; nur an amerikanischen Zeugen für die Verin¬
nerlichung der Freiheit und für die Geschichtsphilosophie
mangelt es bedenklich. Zu Schiller und Liege] habe ich
Shaftesbury hinzugenommen, zu den Geschichtsphilosophen
Burke, aber es wäre gut, wenn Sie dazu noch einige Anregun¬
gen geben würden, da ich danach hier schlecht jemanden fra¬
gen kann — es ist ja nicht ausgeschlossen, daß ein solcher Ex¬
perte dann den Entwurf zu sehen bekäme.
Wie Sie aus dem Telegramm Löwenthals ersehen haben
werden, sind wir uns hier über die Frage Ihrer Vorlesung nicht
einig. Ich meine, daß es lächerlich wäre, einen solchen Vorle¬
sungsplan emzureichen, in dem nichts von Ihnen steht und
glaube auf Grund Ihres letzten Briefes, daß auch Sie der An¬
sicht sind, daß etwas von Ihnen dabei sein müßte. Dem gegen¬
über meinen die andern, die Chancen für einen refus des Gan-

127
zen seien sehr groß und während wir andern es darauf ankom¬
men lassen könnten, sei das nicht in Ihrem Sinn, um so weni¬
ger, als Tillich bereits mit den Leuten vom philosophy depart-
ment gesprochen hat. Ich glaube deshalb, daß die Gefahr des
refus nicht schwer genommen zu werden brauchte, weil sie
sich ja wahrscheinlich darauf herausreden werden, daß es fürs
nächste Semester zu spät sei. Außerdem wird man das Ganze
selbstverständlich nicht offiziell »einreichen«, sondern ich
werde zu Maclver gehen, diesen um seine inoffizielle Stel¬
lungnahme bitten, um davon alles weitere abhängig zu ma¬
chen. Der Gedanke, daß hier ein Vorschlag gemacht werden
soll, in dem Sie einfach nicht erscheinen, ist mir äußerst un¬
sympathisch und die dabei vorgeschobene Rücksicht auf Ihr
Prestige scheint mir lediglich eine Rationalisierung des easy
way. Es ist selbstverständlich, daß ich die Frage Ihrer Vorlesung
mit äußerster Vorsicht betreiben würde, aber Sie zu streichen,
heißt die Vorsicht überspannen. Bitte verzeihen Sie, daß ich
Sie damit befasse, aber manchmal bleibt wirklich nichts ande¬
res übrig.
Mit Rockefeiler ist es wohl definitiv aus und zwar nicht
durch Kittredge sondern durch die higher ups. Unter anderm
hat man uns diesmal vorgeworfen, daß wir uns zu viel adap¬
tierten, daß Anderson ein drittrangiger Mann sei, daß das Pro¬
jekt und zwar insbesondere die von Anderson redigierte Sek¬
tion über Massenkultur schlecht formuliert sei u.A. Hätten
wir es anders gemacht, so hätte man uns das Gegenteil vorge¬
worfen. Sie können mir glauben, daß alles Erdenkliche ge¬
schehen ist und daß hier wirklich keinen von uns die Schuld
trifft. Mit Ausnahme vielleicht von Tillich (von uns?!). Wie
Sie wissen, hatte ich veranlaßt, daß dieser das Union Theolo¬
gical Sennnary dazu brachte, das Anti-Christiamty-Project
unter seine Fittiche zu nehmen. Der mit Recht so genannte
Coffm hat in der Tat an den Rockefeller Fosdick deshalb ge¬
schrieben. Aus dem Antwortbrief Fosdicks geht aber hervor,
daß Coffm nicht etwa verbindlich vom Union Theological
Seminary aus sich hinter das Projekt gestellt hätte, sondern sei-

128
nerseits nur von Tillichs Interesse an der Sache geschrieben
hat, was ohnehin bekannt war. Die Antwort ist entsprechend
ausgefallen. Tillich ist tief unzuverlässig, und wenn Sie nicht
da sind, funktioniert er schon überhaupt nicht.
Wegen der New School habe ich das Nötige veranlaßt:
Löwe soll die Herren diplomatisch dazu bringen, nun uns zu
einer Besprechung einzuladen, am liebsten über Fragen der
Massenkultur, an denen ja auch Speier und Kries interessiert
sind.
Lazarsfeld ist eben auch einmal wieder recht unzuverlässig,
aber das will ich Ihnen ersparen/'1' Sie können sich ja ohnedies
alle diese Reaktionsweisen recht gut vorstellen. Wenn es
einem um das zu tun ist, was mit den Menschen möglich wäre,
so kann man den wirklichen Menschen nur schwerlich gut
bleiben. Es ist schon so weit gekommen, daß Menschen¬
freundlichkeit beinahe ein Index von Gemeinheit ist (so habe
ich zum Beispiel gefunden, daß ein besonderer Typus der
Hilfsbereitschaft mit Aggression verbunden ist und mehr dar¬
auf abzielt, solche, um deren Hilfe man wirbt, zu kränken oder
zu schädigen, als den Opfern zu helfen). Die Gemeinheit in
der Menschenfreundlichkeit dürfte darin stecken, daß die
Güte einen Vorwand bietet, an den Menschen genau das zu
bejahen, wodurch sie sich selber nicht bloß als Opfer sondern
als virtuelle Henker bewähren. Daß im Prinzip immer nur den
Falschen geholfen wird, ist ohnedies ein Axiom.
Der Spengler ist mittlerweile an David abgegangen. Dieser
soll die neuen Teile recht sorgfältig checken, da nach meinem
Eindruck Glass, der fast nichts verbessert hat, es so lieblos ge¬
tan hat, daß die Ergänzungen noch äußerst korrekturbedürftig
sein werden. Dann erst lesen Sie es bitte. Obwohl ich Sie so
wenig wie nur möglich behelligen möchte, wäre ich Ihnen in
diesem Fall doch um kritische Vorschläge ganz besonders

* [Zwischen] Diktat und Absendung des Briefes habe ich ihn


schon wieder gebändigt.

129
dankbar. Der Aufsatz wird der einzige philosophische in dem
Heft sein, und es ist doch vielleicht nicht unwichtig, daß er so
ist, daß er unsere Position einigermaßen repräsentiert. Vor al¬
lem sagen Sie mir auch bitte, ob Sie die neuen Teile, an denen
mir natürlich am meisten liegt, englisch halbwegs kommuni¬
zierbar und kommuniziert finden. Wenn Sie es für nötig hal¬
ten, schicke ich Ihnen die deutschen Teile nach.
Wir beide wünschen Maidon und Ihnen alles Erdenkliche
Gute zum neuen Haus. Möchte es wahrhaft eine Bleibe sein.
Alles Liebe
Ihr alter
Teddie

Ich finde die neue Arbeit äußerst interessant. Beim Verbessern


versuchen wir uns immer auch Ihre Einwände vorzustellen.
Herzlichst
Ihre Giraffe Moderne
Gretel

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv, der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

das Telegramm Löwenthals: Das Telegramm vom 2. Juni lautet: »OPINION


YOUR LECTURES DIVIDED: TEDDIE WISHES PRESENT TO
MACIVER YOUR PROPOSALS WITH OTHER MEMBERS PRO-
POSALS SINCE PLAN SEEMS WEAK WITHOUT YOUR NAME.
OTHERS FEAR POSSIBLE REJECTION. SUGGEST ONLY ORAL
DISCUSSION YOUR READINESS TO LECTURE IF INVITED.
THEY STRESS TILLICHS CONVERSATIONS FRIESS SCHNEI¬
DER INFORMING HIM OF YOUR CHANCES NOT BEFORE
FALL 1942 PLEASE WIRE DECISION VIA WESTERNUNION
CORDIALLY= L L. — Horkheimer drahtete postwendend zurück: DE¬
CISION PRESUPPOSING CLOSED KNOWLEDGE OF ALL
FACTS AND IMPONDERABILIA IMPOSSIBLE FROM HERE
BUT AGREE DECIDEDLY WITH TEDDY DISCUSSION WITH¬
OUT FULL DATA TOO LOFTY. FM CONVINCED TILLICHS
FAILURE PARTLY DUE TO HIS AMBIVALENCE PARTLY TO
LACK OF PRECISE DATA ABOUT TEDDIE AND MYSELF. IF

130
TRANSFERRING ALL PROPOSALS TO IVER AS PERSONAL
REMINDER SEEMS IMPOSSIBLE WITHOUT DANGER OF
SOMETHING LIRE REJECTION. ADVICE STRONGLY TO
POSTPONE ALL STEPS UNTIL FALL WHICH IN VIEW OF VA-
CATION SEEMS BEST ANYWAY. WE CANNOT AFFORD SIMI-
LAR SETBACK IN IVERS DEPARTMENT AS IN SCHNEIDERS.
PLEASE MAKE APPOINTMENT WITH PINTHUS FOR THURS-
DAY INSTRUCTIONS UNDER WAY. CORDIALLY= M H.

das Anti-Christianity-Project: Es war der geplante Beitrag Horkheimers


zum Institutsprojekt »Cultural Aspects of National Socialism«, den er An¬
fang 1941 auszuarbeiten begonnen hatte.

Coffin: Henry Sloane Coffin (1877-1954) war Priester und von 1926 bis
1945 Präsident des »Union Theological Seminary«.

Fosdick: Raymond Blaine Fosdick (1883-1972) war Jurist und Autor; er


hatte die Präsidentschaft der Rockefeller Foundation von 1936 bis 1948
inne.

Speien Der aus Berlin stammende Soziologe und Politikwissenschaftler


Hans Speier (1905-1990) war 1933 in die USA emigriert; er lehrte von
1933 bis 1942 und 1947/48 an der »New School for Social Research«. Ab
1942 analysierte er flir amerikanische Regierungsstellen die Kriegspropa¬
ganda.

Kries: Wahrscheinlich ist der österreichische Kunsthistoriker und Psycho¬


analytiker Ernst Kris (1900-1957) gemeint, der 1934 mit Otto Kurz (1907
bis 1975) die Studie »Die Legende vom Künstler« veröffentlicht hatte. Kris
war nach der Annektion Österreichs zunächst nach England und dann in
die USA emigriert.

die neue Arbeit: Gretel Adorno folgt mit der Beischrift Horkheimers Bitte
um ihr Wort zur »Philosophie der neuen Musik«.
217 Adorno an Horkheimer
New York, 4.6.1941

4. jum 1941.

Lieber Max,
Folgendes ist zu melden: vor einigen Wochen hat mich ein
Mann namens Dagobert Runes, Herausgeber des Journal of
Aesthetics, auf Grund des Aufsatzes über leichte Musik einge¬
laden, an einem in Vorbereitung befindlichen Dictionary of
the Arts mitzuarbeiten, an dem alle möglichen Prominenzen
wie Thomas Munro, T. M. Greene, Gropius usw. teilnehmen.
Gestern habe ich Runes, einen geschäftigen Ostjuden, der
den Vorzug hat, keinerlei Sachkenntnis zu prätendieren, gese¬
hen. Er hat mir die Leitung des gesamten Musikteils angebo-
ten, ich habe aber abgelehnt, da das ein solches Maß an Arbeit
bedeuten würde, daß es ernsthaft unsere Dinge stören würde.
Dagegen habe ich mich bereit erklärt, ihm eine Reihe Stich¬
worte zur modernen Musik zu behandeln und außerdem das
Stichwort Musiksoziologie. Das ist quantitativ sehr wenig, ich
werde aber als associate editor des Diktionärs aufgefuhrt, was
für eine Reihe von Dingen, gerade auch in Cahfornien, recht
günstig sein dürfte. Im Zusammenhang mit Musiksoziologie
hat mich Runes nun gefragt, ob ich den ganzen Teil Kunstso¬
ziologie übernehmen möchte. Auch das habe ich abgelehnt,
kam aber auf die Idee, daß man diesen Teil des Planes vielleicht
aufs Institut umlenken könnte. Etwa so, daß Sie einige theo¬
retische Stichworte über Kunstsoziologie behandeln, Schardt
unter unserer Kontrolle Soziologie der bildenden Kunst, Lö¬
wenthal Soziologie der Literatur (Runes möchte aber mög¬
lichst wenig über Literatur in dem Diktionär haben), ich
Musiksoziologie; Marcuse könnte sicher auch herangezogen
werden. Ich habe mit allem Vorbehalt die Idee vorgebracht,
und Runes wird zunächst Sie einladen. Ich fände es ganz
schön, wenn man dem Institut diese publicity verschaffen
könnte, zumal sicher keine erhebliche Arbeit damit verbun-

132

i
den ist. Ich stelle mir vor, daß unsere kunstsoziologischen
Lexikonartikel sich mühelos als Nebenprodukte der gemein¬
samen großen Arbeit ergeben werden. Die ganze Sache macht
einen höchst akademischen und repräsentativen Eindruck.
Über Ihr Telegramm habe ich mich, wie Sie sich leicht vor¬
stellen können, ganz besonders gefreut und mit Fritz verabre¬
det, daß wir beide zu Maclver gehen und mit ihm mündlich
den Vorlesungsplan besprechen, aber überhaupt nur dann et¬
was Schriftliches emreichen, wenn er uns positive Zusagen
macht. Alle halten das für unwahrscheinlich. Andrerseits ist
aber der erweiterte Vorlesungsplan selber doch von Maclver
ausgegangen, und man sollte meinen, daß er darum sich ein
wenig verpflichtet fühlt.
Ein paar Worte zum Plan des Aufsatzes über Dialektik. Die
Idee erscheint mir ausgezeichnet. Meinem Gefühl nach sollte
man in einem solchen Aufsatz nicht das Problem der Dialektik
als ganzes behandeln, sondern lieber von irgendeinem ent¬
scheidenden Punkt ausgehen und das Ganze durch eine mög¬
lichst spezifische Fragestellung beleuchten. Dazu sehe ich zwei
Möglichkeiten. Die eine wäre, etwas über Dialektik und Tota¬
lität zu sagen. Unsre Kritik am Systemcharakter der Dialektik
könnte man dadurch ergänzen, daß man ausführt, in welchem
Sinn die bestehende Gesellschaft tatsächlich ein System ist und
inwiefern daher gerade die Dialektik der Realität angemesse¬
ner ist als der Positivismus, der diesen Systemcharakter, ihre
reale Geschlossenheit, vergißt. Das würde zugleich den Ansatz
einer Kritik der Dialektik selber einschließen, wie ihn der
»Staatskapitalismus« enthält und in andrer Weise, im Zusam¬
menhang mit dem Begriff des Schicksals, meine neue M usik¬
arbeit. — Die andere Möglichkeit, von der man sich nach
außen hin viel versprechen kann, wäre die, der positivistischen
Kritik in einigen ausgeführten Analysen das Recht dialekti¬
scher Kategorien entgegenzustellen. Man müßte einige von
den Positivisten besonders befehdete dialektische Begriffe,
z. B. die Bestreitung des Satzes vom Widerspruch oder die
Lehre vom Umschlag der Qualität in Quantität, vielleicht

133
auch den Begriff des Wesens herausgreifen, die positivisti¬
schen Einwände und deren Voraussetzungen im einzelnen
prüfen und ihnen gegenüber den Sinn jener dialektischen Be¬
griffe festhalten. Ich könnte mir vorstellen, daß eine solche Sa¬
che, wie sie im Positivismusaufsatz angelegt ist, uns zur Selbst¬
verständigung helfen und gleichzeitig erhebliche Wirkung
machen würde. Es ist jedoch eine Zeitfrage: würde man so Vor¬
gehen, so müßte man wahrhaft gepanzert verfahren, und ob
vierzehn Tage ausreichen, weiß ich nicht. — Endlich sehe ich
noch eine Möglichkeit, den Aufsatz um die Fragestellung Dia¬
lektik und Wissenschaft zu gruppieren, die Doppelstellung der
Dialektik zur Wissenschaft zu explizieren und dabei einiges zur
Kritik der Wissenschaft selber zu sagen. Das dritte schiene mir
das einfachste, würde aber am meisten im Bereich der Interpre¬
tation der Dialektik in ihrer historischen Gestalt bleiben und am
wenigsten auf unsere eigenen Interessen kommen.
Dies ist nur etwa, was ich mir in meinem Nilpferdekopf
ausgedacht habe, wahrscheinlich reicht der Rüssel aber längst
viel weiter.
Alles Liebe
Ihr
Teddie.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — E: Elorkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 5 off.

Dagobert Runes: Der Philosoph und Schriftsteller Dagobert David Runes


(1902-1982), in dessen Verlag das »Dictionary« ursprünglich erscheinen
sollte.

Aufsatz über leichte Musik: Vgl. Adorno, On Populär Music. With the as-
sistance of George Simpson, in: Studies in Philosophy and Social Science
9 (1941), S. 17-48.

Dictionary of the Arts: Es erschien 1946 in New York und enthielt die
»Neunzehn Beiträge über neue Musik« — privat auch »Neunzehnzitzen¬
schwein« geheißen —, die Adorno dafür schrieb, nicht; vgl. Adorno GS 18,
S. 57-87.

134
Tlromas Munro: Der Philosoph und Kunsthistoriker Thomas Munro
(1897-1974) lehrte in Cleveland.

T.M. Greene: Theodore Meyer Greene (1897-?) lehrte seit 1938 Philoso¬
phie in Princeton, 1940 hatte er das Buch »The arts and the art of criti—
cism« veröffentlicht.

Gropius: Der Bauhausarchitekt Walter Gropius (1883-1969), seit 1938 in


den USA, lehrte ebenfalls in Princeton.

einige theoretische Stichworte über Kunstsoziologie: Horkheimers Beitrag »So-


ciology of Arts« erschien als einziger aus dem Umkreis des Instituts in der
Enzyklopädie; eine deutsche Übersetzung, vgl. Horkhenner GS 5, S. 360
bis 363.

Schardt: Der Kunsthistoriker Aloys Jakob Schardt (1899-1955) hatte in


Halle gelehrt und war 1933 Leiter der Berliner Nationalgalerie geworden.
1936 in die USA emigriert, arbeitete er am Institut mit, für das er eine Stu¬
die »Development of the Arts under National Socialism« schrieb.

Ihr Telegramm: Gemeint ist Horkheimers telegraphische Antwort auf Lö¬


wenthals Telegramm; s. die erste Anm. zum vorigen Brief.

der Staatskapitalismus: Gemeint ist Horkheimers zu der Zeit noch unveröf¬


fentlichter Aufsatz »Autoritärer Staat« und nicht Pollocks »State Capita-
lism«, der im zweiten Heft des Jahrgangs 1941 der Zeitschrift erschien.

Positivismusaufsatz: Horkheimers Aufsatz »Der neueste Angriff auf die


Metaphysik« von 1936.

218 Horkheimer an Adorno


Los Angeles, 4.6.1941

West Los Angeles, 4. Juni 1941.

Lieber Teddie!
Soeben traf Ihr Brief vom 2. ein. Die weiteren Anregungen
zum Plan, das heißt noch einige Namen sende ich gerne,
wenn Sie mir eine Kopie des Vorschlags schicken, wie er jetzt

135
aussieht. Ich habe keine Abschrift behalten. Man kann notfalls
die Namen nachträglich ergänzen. — In meiner Antwort auf
Löwenthals Telegramm habe ich Ihnen zugestimmt. Entwe¬
der man gibt unseren gesamten Vorlesungsplan ab oder man
unterläßt die ganze Aktion. Nach Absendung meiner Ant¬
wort kam mir noch der Gedanke, daß Sie bei der Unterhal¬
tung mit Maclver die Listen gemeinsam mit ihm durchgehen
sollten, unter dem »universitätspolltischen« Gesichtspunkt,
wie wir den Lehrplan des departments am besten bereichern
können. Wenn man Maclver dann dazu bringt, selbst Anre¬
gungen zu geben, ist das schon ein guter Schritt nach vor¬
wärts. Ich habe das Vertrauen, daß Sie das recht machen. — Was
die philosophische Fakultät angeht, so sind da offenbar eine
Reihe von Ungeschicklichkeiten passiert. Der Gedanke war,
durch Tillich die Frage beiläufig und unverfänglich bei Fries
einmal anschneiden zu lassen. Anstelle dessen ist jetzt vom
mehr als zweifelhaften Freund Paulus eine Aktion bei Leuten
unternommen worden, die nicht bloß unsere natürlichen
Gegner sind, sondern noch nicht einmal sehr viel zu sagen ha¬
ben. Der Mann mit dem wir uns hätten aussprechen müssen,
ist weder Schneider noch Randall, sondern der senior philo¬
sophier, ein kleiner Dicker mit einer versoffenen Nase, der bei
Nanda verkehrt, und durch sie zum dinner mit Ihnen und
Fritz eingeladen werden kann. Das habe ich nicht geschrie¬
ben, als ich meinen Einfall mit den Vorlesungen nach New
York mitteilte, aber schließlich kann so etwas ja nur an Ort
und Stelle ausgearbeitet werden. Außerdem ist mein A und O,
daß diese Dinge Ihnen übertragen werden sollten. Vielleicht
kann man die Einladung bei Nanda noch zustandebringen
und dann die ganze Frage unserer philosophischen Vorlesun¬
gen unverbindlich mit dem Kleinen diskutieren, vielleicht
aber unterläßt man es bis zum Fherbst (falls wir dann noch oder
wieder dort sind). Ich werde mit jeder Entscheidung, die Sie
darin treffen, einverstanden sein. Gut wäre es freilich, wenn
der Eindruck, den Paulus angerichtet hat, nicht gerade der
bliebe, der sich nun während der Ferien verfestigen wird. Dies

136
könnte schon durch eine Unterhaltung zwischen Ihnen und
einem der Friese vermieden werden, die offiziell aus einem
anderen Motiv — etwa einer Konsultation über die idealisti¬
sche Phase der amerikanischen Philosophie (Emerson) oder
sonst was — herbeigeführt würde, und bei der [S]ie unsere Ab¬
sicht kundgäben, für den Fall unsrer Anwesenheit im Flerbst
mehr am philosophischen Betrieb teilzunehmen. Er soll sich
nur ein wenig gebauchpinselt fühlen und nicht denken, wir
sprächen bloß mit ihm, wenn wir ihn brauchten. Fries und
Randall, ja auch Schneider sind, glaube ich, sehr dankbar,
wenn einer von uns sie ernst nimmt.
Die Weltlage ist wohl nie trüber gewesen. Es ist ein
schmerzlicher Trost, daß im Lauf der kriegerischen Ereignisse
doch Vernunft zu finden ist. Sie kehrt, wie Hegel sagen würde,
ihre negative Seite hervor. Das Veraltete bricht zusammen,
wie es in der Bibel zu lesen steht. In den letzten Monaten habe
ich die Augen offen behalten. Nur an der Oberfläche herrscht
die Konformität mit der alten Ideologie auch hier. Insgeheim
glimmt die Feindschaft gegen die verschleierte Hierarchie und
die Identifikation mit der offenen. Die Menschen nehmen die
Rede von der Vorurteilslosigkeit, von zweckmäßiger Organi¬
sation und Cooperation ernster als gut ist. Sie gehen mit der
Entwicklung. Aus einem tiefen Argwohn gegen die Macht
überhaupt halten sie es mit der stärksten. Die Weltgeschichte ist
in der Tat das Weltgericht, ein Riesencourtroom, in dem das
Unrecht der Gewalt hervortritt, die an der zeitgemäßen ihren
Meister findet. Wird auch diese im Prozeß nicht gerechtfer¬
tigt, so erfährt doch jene ihre Widerlegung. — Im gleichen
Maß, in dem der Ausblick auf den Verlauf der gesellschaft¬
lichen Entwicklung und gar unsres eigenen Lebens dunkler
wird, glaube ich geübter in die Tiefe zu sehen. Im gleichen
Maß aber empfinde ich auch unsere Trennung schmerzlicher,
unverantwortlicher — denn es ist für einen allein zu schwer.

Alles Liebe für Sie und Gretel


Ihr Max.

137
Anmerkung für Giraffe Moderne:
Der letzte Satz schloß ursprünglich: » — ich bin allein zu dumm
dazu — und ganz ohne ein bischen Lämmergeiern geht es auch
nicht.« Ich habe ihn aber aus Eitelkeit ausradiert.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M.

219 Adorno an F:Iorkheimer


New York, 8.6.1941

8. Juni 1941.

Lieber Max,
sehr herzlichen Dank für Ihren Brief vom 4. Juni. Ich bin
von LIerzen froh, jetzt öfters von Ihnen zu hören und hoffe
nur, daß Sie mir nicht böse sind, wenn ich Sie mit allen mög¬
lichen Institutssorgen befasse und damit Ihre Antworten pro¬
voziere. Maclver ist nicht mehr zu erreichen gewesen und so
dürfte das Problem der Vorlesungsliste bis zum Herbst sich er¬
ledigt haben. Was Nanda anlangt, so ist diese mit Fritz und ein
paar musikalischen Notabein nächsten Samstag bei uns. Sie
war schon eingeladen, ehe Ihr Brief kam. Ich werde die Gele¬
genheit ergreifen, die Philosophenfrage bei ihr zu sondieren.
In der Beurteilung des sogenannten Goldpaulus stimme ich
völlig mit Ihnen überein. Sie wissen aber, daß ich an den Be¬
sprechungen mit ihm nicht teilnehme und so nicht die Gele¬
genheit habe, die Tillichdiplomatie fortzusetzen, in der Sie
und ich in Frankfurt so wohl erfahren waren. Daß diese Dinge
mir übertragen worden wären, wie Sie es wünschten, davon
kann keine Rede sein. Von der ganzen Aktion Tillichs bei der
Columbia habe ich Details erst erfahren, als sie daneben ge¬
lungen war und ebenso konnte ich ihm meine Idee eines
backing durchs Union Theological Seminary nicht selbst sa-

138
gen — was wohl zum Teil dafür verantwortlich ist, daß er es
verbockt hat. Verstehen Sie mich recht, es spielen keinerlei
Prestigeinstinkte für mich eine Rolle und ich bin froh, wenn
ich mit Tillich nicht Zusammensein muß, aber ich kann mir
nicht helfen zu glauben, daß ich nach Ihrer Abreise der einzige
bin, der diese Dinge hier handeln könnte. Und es ist ein be¬
drückendes Gefühl fiir mich, daß all dies dauernd anders ver¬
läuft, als Sie es sich vorgestellt hätten.
In diesem Zusammenhang muß ich Ihnen unter äußerster
Diskretion und in der Hoffnung, daß Sie mich nicht mißdeu¬
ten, von einer wirklich sehr ernsten Sorge reden. Sie bezieht
sich auf den Aufsatz von Fritz. Er hat mir ungefähr 3 5 Seiten
davon gegeben, und ich habe ihm auf seine Bitte kritische Vor¬
schläge dazu gemacht. Diese kritischen Vorschläge konnten
sich aber nur auf Details und Darstellungsfragen beziehen, und
es war mir schlechterdings unmöglich, meine Bedenken in
ihrer wirklichen Tragweite anzumelden. Unmöglich, einmal
weil ich als Nicht-Ökonom nicht die Autorität hätte, die nötig
wäre, solche Bedenken zu vertreten, dann aber weil eine Kritik,
die aussprechen würde, wie ich die Sache sehe, psychologisch
sich von mir nicht hätte verantworten lassen. Ich kann meine
Ansicht über diesen Aufsatz am besten dahin zusammenfassen,
daß er eine Umkehrung von Kafka darstellt. Kafka hat die
Hierarchie der Büros als Hölle dargestellt. Hier verwandelt
sich die Hölle in eine Hierarchie von Büros. Dazu ist das
Ganze so thesenhaft und im Husserlschen Sinne »von oben
her« formuliert, daß es der Eindringlichkeit völlig enträt, ganz
ä part von der undialektischen Annahme, daß in einer anta¬
gonistischen Gesellschaft eine nicht antagonistische Ökono¬
mie möglich sei. Ich sehe eine wirklich aporetische Situation
voraus. Erscheint der Aufsatz in dieser oder einer ähnlichen
Fassung, so wird er der Reputation des Instituts, vor allem aber
der von Fritz, nur schaden und das hämische Triumphgeheul
aller Löwen, Neumänner e tutti quanti entfesseln. Erscheint er
aber nicht, so ist es für das Staatskapitalismusheft eine schwere
Schlappe, denn was von dem Neumannschen, von Lynd inspi-

139
rierten Artikel über die Möglichkeit eines demokratischen
Staatskapitalismus zu erwarten sein wird, darüber brauchen wir
nicht zu reden. Mein Spengler ist nur als eine philosophische
Querverbindung zum Problem des Staatskapitalismus möglich,
aber viel zu bescheiden, um ein Heft solchen Anspruchs zu tra¬
gen. Ich habe lange gezögert, Ihnen mit dieser Sorge zu kom¬
men, aber ich sehe schlechterdings keine andere Möglichkeit,
zumal, wie Sie ohne weiteres verstehen, mein eigener Aktions¬
radius in dieser Sache ungemein beschränkt ist, obwohl Fritz,
wie ich nicht stark genug hervorheben kann, in der rührend¬
sten Weise mir jeden neuen Abschnitt gibt. Aber das Problem,
um das es geht — das seiner theoretischen Produktion in einem
Augenblick, in dem er sich selbst das Größte davon verspricht —
ist von einer so tiefliegenden, menschlich und sachlich so deli¬
katen Art, daß es mir nicht bloß als unklug, sondern als ernsthaft
ungebührlich erscheinen würde, wenn ich unverhohlen sprä¬
che. Immerhin möchte ich den Komplex bei Ihnen nicht an-
schneiden, ohne Ihnen wenigstens zu sagen, was ich für den
einzigen Ausweg hielte. Nämlich: daß Sie den Aufsatz unter
Benutzung der Motive in Ihrem »Staatskapitalismus« und unter
Mitwirkung von David umschrieben. Es würde das sich sogar
recht plausibel machen lassen. Denn die Motive des Aufsatzes
von Fritz stammen ja ersichtlich aus dem Ihren und sind nur in
einer Weise simplifiziert und entdialektisiert, die sie ins Gegen¬
teil verkehrt. Wenn man Fritz davon überzeugen könnte, daß
hier eine Möglichkeit bestünde, im Zusammenhang mit seiner
Arbeit Ihre Theorie zu publizieren, und die beiden Dinge zu
verschmelzen, so bin ich ziemlich sicher, daß er auf alles ein¬
ginge und Sie aus der Sache das machen könnten, was uns vor
Augen steht. Unter Umständen könnten Sie beide den Aufsatz
gemeinsam zeichnen, was sicherlich flir Fritz eine große Be¬
friedigung darstellen würde. Ich weiß nicht, ob Sie dazu die
Zeit haben werden und die Lust und kann mir sehr wohl vor¬
stellen, daß Sie die Aussicht nicht gerade fasziniert. Ich meine
aber, daß man nur so mit einer sonst fast unlösbaren Sache fertig
werden kann. Das Argument, daß es schade und unökono-

140
misch sei, Ihren Aufsatz zum Staatskapitalismus in einem sol¬
chen Heft einfach unter den Tisch fallen zu lassen, dürfte recht
durchschlagend sein. (Hugh, ich habe gesprochen.)
Sie schreiben: »Die Weltgeschichte ist in der Tat das Weltge¬
richt, ein Riesencourtroom, in dem das Unrecht der Gewalt
hervortritt, die an der zeitgemäßeren ihren Meister findet.
Wird auch diese im Prozeß nicht gerechtfertigt, so erfährt doch
jene ihre Widerlegung!« Dazu möchte ich Ihnen ein paar Sätze
aus dem neuen Musikaufsatz schreiben: »Die Idee des Schick¬
sals selber mag an der Erfahrung der Herrschaft gebildet sein.
Sie ist hervorgegangen aus-der Übermacht des Daseins als Na¬
tur über den Menschen. Was da ist, ist stärker. Sein selber aber
hat Schwingen gleichsam, ihn zu vernichten. Seine Ohnmacht
reflektiert sich in der Idee des Schicksals. An ihr wiederum ha¬
ben die Menschen gelernt, selber stärker zu sein und Natur zu
beherrschen. Damit aber hat das Schicksal sich reproduziert. Es
gibt allemal bloß soviel Herrschaft wie Vernichtung. Hat die
Übermacht der Natur als Schicksal sich dargestellt, so kehrt
Schicksal wieder in der Herrschaft über Natur. Sie entfaltet sich
zwanghaft Zug um Zug; zwanghaft, weil ihr jeder Schritt von
der alten Übermacht der Natur vorgeschrieben wird. Schicksal
ist Herrschaft auf ihre reine Abstraktion gebracht, und sie droht
unabwendbar dem Herrschenden die gleiche Vernichtung an
wie dem Beherrschten.« Sie sehen, daß meine Gedanken um
das Gleiche kreisen wie die Ihren.
Von uns ist wenig zu berichten. Ich habe mir während unsres
weekend-Ausflugs einen Sonnenbrand am Kopf zugezogen,
der sich nicht nur auf der Haut, sondern unangenehmer Weise
auch durch fast ununterbrochene Kopfschmerzen bemerkbar
macht. — Ich habe die Rickertkritik ms Englische übersetzt und
eine des dritten Bandes von Newman geschrieben, der übri¬
gens recht interessant ist. Besonders unter dem Gesichtspunkt,
daß Wagner als virtueller Nazi bereits ganz deutlich die Dop¬
pelstellung gegen Feudalität (als Progressiver) und gegen Libe¬
ralismus (als Monopolist) einnimmt. Dazu Cosima, eine gera¬
dezu ungeheuerliche Figur, von der übrigens die tödlichste
Gestalt des Antisemitismus herrührt. Der einzig Anständige in
der ganzen Geschichte, gleichsam der Repräsentant der Ver¬
nunft, ist der für wahnsinnig erklärte König von Bayern.
Die Giraffe Gazelle, die sich über Ihre Anmerkung ganz be¬
sonders gefreut hat, lernt bei dem von Fräulein von Mendels¬
sohn vermittelten Lehrer eifrig chauffieren und hat dies Mal,
wenn man so sagen darf, Benzin geleckt. Sie ist völlig erfüllt da¬
von. In diesem Zusammenhang nicht anders als in dem der
rasch voraneilenden Zeit wird die Frage jenes Autos aktuell,
das, wie wir hoffen, uns nach Hollywood transportieren soll.
Heißt es viel, Sie bitten, die Sache brieflich Fritz gegenüber zur
Sprache zu bringen? Wir wären über das Auto sehr glücklich;
die Preise gehen in die Höhe, so daß eine rasche Anschaffung
auch ökonomisch sein dürfte, und je eher wir zu dem Wagen
kämen, um so mehr hätte Gretel Gelegenheit, sich auf den trip
von coast zu coast vorzubereiten. (Wir würden ihn gern schon
nach Bar Harbor mitnehmen.) Auf der andern Seite habe ich
die alte und Ihnen gewiß gerade jetzt sehr verständliche Hem¬
mung, den Komplex von mir aus bei Fritz anzurühren. Wenn
Sie ein erhabenes Machtwort sprechen würden, so wäre das
ganz großer Mammut. Bitte führen Sie aber mein Erdreisten
nicht auf die ausgiebige Beschäftigung mit Wagner zurück und
befürchten Sie nicht, daß ich das Heim in Hollywood Niflheim
(Nifl - Nil, in Wagnerischer Philologie) nenne und von oben
bis unten mit lila Samt drapiere. Auch erklärt die Giraffe unter
Eid, daß sie unter keinen Umständen Mammut und Archibald
nur entfernt so lückenlos verwalten wird, wie es der Wahnfrie¬
der Tradition entspricht. Andrerseits ist aber auch nicht zu be¬
fürchten, daß die Lämmergeier durch Schwäne, Tauben und
ähnliches affirmatives Gevögel substituiert werden.
A propos: ich habe ein versifiziertes Alphabet geschrieben,
aber es eignet sich schlecht zur brieflichen Kommunikation.
Ich begnüge mich mit dem Buchstaben S:
Die Sodomie kommt meist aus Not,
Sadismus macht die Backen rot.
Hoffentlich sind Sie nun in Ihrem Haus emgezogen, sitzen in

142
einer großen Bibliothek, schreiben und radieren mit dem Rüs¬
sel. Ich stelle mir vor, daß wir neben der großen Arbeit systema¬
tisch Aufzeichnungen zu etwas wie einem neuen Gratian sam¬
meln sollten.
Alles Liebe auch an Maidon
von der Giraffe und
Ihrem alten
Teddie,
der die größte Sehnsucht hat und froh ist überjeden Tag, der die
Karenzzeit verkürzt!

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. - E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 53 ff.

der Neumannsche [Artikel]: Zeitweise war daran gedacht, ein Kapitel aus
Franz Neumanns Buch »Behemoth«, das im Sommer 1941 abgeschlossen
wurde, für das Heft der Zeitschrift zu nehmen; ein Aufsatz Neumanns er¬
schien jedoch nicht in der Zeitschrift.

ein paar Sätze aus dem neuen Musikaufsatz: Vgl. GS 12, S. 68.

die Rickertkritik: Adornos Kritik der 1939 erschienenen Aufsatzsammlung


Heinrich Rickerts »Unmittelbarkeit und Sinndeutung« erschien 1942 im
dritten, dem letzten, Heft der Zeitschrift; die deutsche Fassung, vgl.
Adorno GS 20-1, S. 244-250.

der dritte Band von Newman: Der Band von Ernest Newman’s »The Life of
Richard Wagner« umfaßt die Jahre 1859-1866. Adornos englische Rezen¬
sion stand im letzten Heft der Zeitschrift; vgl. jetzt Adorno GS 19, S. 400 bis
403-

Auch erklärt die Giraffe unter Eid, daß sie unter keinen Umständen Mammut und
Archibald nur entfernt so lückenlos verwalten wird, wie es der Wahnfrieder Tradition
entspricht: Anspielung auf die Passage über Cosima Wagner in der New-
man-Rezension: »The type ofwoman to whom life dissolves itselfinto a se-
quence of situations which she has to manipulate administrative^ is ofa so-
cietal impressiveness which far transcends the psychological case.« (Adorno
GS 19, S. 402)

ein versifiziertes Alphabet: Es scheint nur der Buchstabe S erhalten zu sein.

143
220 Adorno an Horkheimer
New York, 12.6.1941

GRETEL W. ADORNO
290 RIVERSIDE DRIVE
NEW YORK, N. Y.

12. Juni 1941

Lieber Max,
Hannah Arendt, die frühere Frau von Günther Stern, hat
uns eine Kopie der geschichtsphilosophischen Thesen von
Benjamin gegeben. Gretel hat sie abgeschrieben, und hier er¬
halten Sie sie.
Benjamin hatte in Briefen die Arbeit — als einen Entwurf—
mehrfach erwähnt. Sie ist aber, nach meiner Kenntnis, niemals
ans Institut gelangt. Ich habe sie erst aus dem Arendtschen Ex¬
emplar kennen gelernt.
An eine Veröffentlichung hatte Benjamin nicht gedacht. In
einem Brief an Gretel vom Frühjahr 1940 spricht er sich aus¬
drücklich dagegen aus. Das Unfertige, Entwurfhafte des Gan¬
zen liegt auf der Hand. Eine gewisse Naivetät in den Partien,
in denen von Marxismus und Politik die Rede ist, läßt sich
auch diesmal nicht verkennen.
Trotzdem meine ich, wir sollten das Manuskript publizie¬
ren. Leo schlägt vor, es an den Anfang des mimeographierten
Heftes zu stellen, und ich stimme dem zu.
Es handelt sich um Benjamins letzte Konzeption. Sein Tod
macht die Bedenken wegen der Vorläufigkeit hinfällig. An
dem großen Zug des Ganzen kann kein Zweifel sein. Dazu
kommt: daß keine von Benjamins Arbeiten ihn näher bei un¬
seren eigenen Intentionen zeigt. Das bezieht sich vor allem auf
}
die Vorstellung der Geschichte als permanenter Katastrophe,
die Kritik an Fortschritt und Naturbeherrschung und die Stel¬
lung zur Kultur. Da gibt es eine Koinzidenz, die mich sehr be¬
wegt hat. Der Satz in These VII über Kultur als Barbarei steht

144
wörtlich im letzten Absatz des Spengler (— im Deutschen; eng¬
lisch wird das, wie alles, verwaschen sein). Wir beide wußten
nichts von der Formulierung des anderen.
Vielleicht sollte man in einer Vorbemerkung sagen, daß die
Thesen nicht zur Publikation bestimmt waren, und auf jene
Zusammenhänge verweisen.
Die »Philosophie der neuen Musik« ist Satz für Satz durch¬
gearbeitet und kein Stein ist auf dem anderen geblieben, aber
die Mauern stehen. Ich werde aber das ganze Monstrum noch
einmal durchkorrigieren, ehe ein soit-disant endgültiges Ma¬
nuskript abgeschrieben wird. Es ist freilich jetzt im Stadium
wo, mit Borchardt zu reden, seine Unzulänglichkeit anfängt
meine eigene zu werden.
Wie recht Sie haben, daß einer allein zu schwach ist, wer¬
den Sie an jenem Traktat nur allzu deutlich sehen.
Alles Liebe Ihnen und Maidon,
auch von der Giraffe Moderne,
Ihr Teddie

Sollte ich den Punkt bezeichnen, wo wir von Benjamins The¬


sen differieren, ich würde wohl die XIII. herausgreifen. Denn
so gewiß das konformistische Geschichtsbild die Vorstellung
von der Zeit als homogenem Kontinuum impliziert, so wenig
ist es doch auf die Zeiterfahrung zu reduzieren. Weit eher ist
diese vom permanenten Inhalt der Tradition der Herrschaft
abstrahiert als daß sie deren ontologische Voraussetzung aus¬
machte. Hier scheint mir Benjamin idealistisch befangen, ob¬
wohl an der Frage der Zeit als einer sui generis etwas daran ist
(sie kommt übrigens in der Musikarbeit vor). Es ist kein Zufall
wohl daß danach die XIV. These dem xaiQÖö unseres Tillich
nicht ganz unähnlich sieht. Und schließlich —ganz läßt sich an
der Utopie das Bild der Zukunft doch nicht ausrotten, wenn
man nicht in Mythologie zurückfallen will. Das bleibt in den
Thesen zumindest unerörtert. Übrigens würden wir schwer¬
lich von der »Hure« deprekativ reden.

145
ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-
mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — E:
Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 59ff.

die geschichtsphilosophischen Thesen; Benjamins Thesen Ȇber den Begriff


der Geschichte« eröffneten die mimeographische Publikation »Walter
Benjamin zum Gedächtnis«.

In einem Brief an Gretel vom Frühjahr 1940: Benjamin hatte geschrieben:


»Daß mir nichts ferner hegt als der Gedanke an eine Publikation dieser
Aufzeichnungen (nicht zu reden von einer in der Dir vorliegenden Form)
brauche ich nicht zu sagen. Sie würden dem enthusiastischen Mißver¬
ständnis Tor und Tür öffnen.« (Benjamin, Gesammelte Briefe VI, S. 436) —
Das Manuskript scheint Benjamin in den Kriegswirren nicht mehr abge¬
schickt zu haben.

Der Satz in These VII: »Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zu¬
gleich ein solches der Barbarei zu sein.« (Benjamin GS 1-2, S. 696)

im letzten Absatz des Spengler: »Vielmehr ist das Element der Barbarei an
der Kultur selber zu durchdringen.« (Adorno GS io-i, S. 71)

mit Borchardt zu reden: Das Konrad Burdach gewidmete Nachwort zu sei¬


ner Übertragung der »Divma Comedia« beginnt Rudolf Borchardt mit
dem Satz: »Die Arbeit, von der ich nach zwanzig Jahren ablasse, nicht weil
sie vollendet wäre, sondern an der Stelle, an der ihre Unzulänglichkeit
meine eigene zu werden beginnt, würde auch unter anderen Umständen
in Ihnen, lieber und hochverehrter Herr, ihren ersten Leser und Richter
gesucht haben.« (Rudolf Borchardt, Gesammelte Werke in Einzelbänden.
Prosa II, hrsg. von Marie Luise Borchardt unter Mitarbeit von Ernst Zinn,
Stuttgart 1959, S. 472.)

die Frage der Zeit ... in der Musikarbeit: Wahrscheinlich denkt Adorno an
den Abschnitt »Totale Duchführung«, wo von der Zeit gehandelt wird
(vgl. Adorno GS 12, S. 57-62).

146
221 Adorno an Horkheimer
New York, 15.6.1941

15.Juni 1941.

Lieber Max,
hier sende ich Ihnen einen größeren Aufsatz — eigentlich
eine Zitatensammlung — zu der Arbeit On populär Music. Er
stand heute im Herald Tribüne. Virgil Thomson ist neben
Olm Downes der einflußreichste Musikkritiker hier. Ich
denke, es ist ein erheblicher äußerer Erfolg.
Die nachgelassene Arbeit von Benjamin ging, mit meinem
letzten Brief, noch an Ihre alte Adresse. Hoffentlich hat es Sie
erreicht.
Der Nanda-Ton[?] war adäquat. Ich sehe sie nächster Tage
zum Lunch wegen der schwebenden Dinge.

Alles Liebe
vom Großen Rindvieh

[Beigefiigter Zeitungsausriß:] The old police rule, »cherchez la femme«,


was invoked again last night, and resulted in the capture of Lorenzo D’A-
gostino, 19, who broke out of Raymond St. jail, Brooklyn, onjune 3.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-EIorkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

ein größerer Aufsatz: Vgl. Virgil Thomson, How Populär Music Works, in:
New York Herald Tribüne, Sundayjune 15, 1941. — Der Komponist Vir¬
gil Thomson (1896-1989), der bei Nadja Boulanger in Paris studiert hatte,
wo er Jean Cocteau, Erik Satie und Igor Strawinsky kennenlernte, hat in
Zusammenarbeit mit Gertrude Stern zwei Opern komponiert: »Four
Saints in Three Acts« und »The Mother of Us All«.

Olin Downes: Er schrieb für die »New York Times«.

147
222 Gretel Adorno an Horkheimer
New York, 18.6.1941

GRETEL W. ADORNO
290 RIVERSIDE DRIVE
NEW YORK, N . Y.

18. Juni 1941.

Lieber Max,
es ist immer schrecklich traurig, daß Sie gar so weit fort
sind, aber heute ist es wirklich unerträglich. Teddie war vor¬
mittags bei John Marshall; der Besuch war von Lazarsfeld
äußerst sorgfältig vorbereitet. Marshall war sehr liebenswürdig
und interessiert an Teddies Arbeiten, im Augenblick aber, da
Teddie das erlösende Wort über den Grant in aid erwartete, er¬
klärte Marshall, aus administrativen Gründen sei die Rocke -
feller Foundation leider nicht in der Lage, ihm Geld zu geben.
Teddie ist nun entsetzlich deprimiert und verzweifelt. Die Ab¬
lehnung kam völlig unerwartet und plötzlich, Lazarsfeld
meint, auf einen Wink der higher ups hin. Ich weiß mir gar
keinen Rat, wie ich den guten Archibald trösten soll. Das
könnte nur ein Mammut fertigbringen. Lazarsfeld will sich
überlegen, ob noch etwas in der Angelegenheit geschehen
könne. Auf Marshalls Veranlassung hat Virgil Thomson von
der Herald Tribüne sich mit Teddie in Verbindung gesetzt und
ihn auf Samstag Abend zu sich gebeten, um die Situation
durchzusprechen. — Bitte verzeihen Sie mein wirres Gestam¬
mel, mündlich ist alles so viel leichter.
Ihnen und Maidon alles Liebe
stets Ihre Giraffe Gazelle

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

Teddies Arbeiten: Adorno hatte sich bei der Rockefeller Foundation um


ein Stipendium beworben, um seine aus dem Radio Project hervorgegan¬
genen Arbeiten zu dem Buch »Current of Music« ausarbeiten zu können.

148
223 Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 23.6.1941

Pacific Palisades, 23. Juni 1941

Lieber Teddie!
Die Ablehnung Ihres grants scheint mir den Beweis dafür
zu liefern, daß von »outside« für das Institut nie und nimmer
etwas zu erwarten ist. Der Wink von oben, daß selbst dieser
Einzelgrant zu verweigern ist, läßt die Vorgänge im board nun
leicht erschließen. Dort ist, in der entscheidenden Sitzung, in
der das project vorkam, einer aufgestanden (oder auch nicht
aufgestanden) und hat etwa folgendermaßen argumentiert.
»Wir kennen diese Leute schon aus Europa. Liier ist ein Be¬
richt unseres damaligen Vertreters, based on reports of Mr.
Marr, Mr. Salomon and other professors of F. University. Das
Dokument ist zwar 12 Jahre alt, aber was ist denn der record
der Leute in diesem Land? Er bestätigt nur jene alten Zeug¬
nisse, daß es sich um eine Gruppe von Freunden handelt, die
keinen anderen in ihre Karten sehen lassen wollen und mit
echter Wissenschaft wenig zu tun haben. Sie haben weder Be¬
weise dafür gegeben, daß sie wirklich social research betrei¬
ben, noch daß sie sich sonst in das hiesige Leben ordentlich
emgliedern wollen. Was wir über ihre anrüchige Gesinnung
gehört haben, wird durch ihren organisatorischen setup bestä¬
tigt. Sie haben sich den hiesigen Gepflogenheiten keineswegs
angepaßt, nach denen in jeder wissenschaftlichen Anstalt —
aber auch in jeder! — der Direktor und mit ihm die sonstigen
Mitglieder von einem board wohl bekannter businessmen —
nicht bloß nominell, sondern — faktisch abhängig sind. Wie
und für welche Zwecke da Geld ausgegeben wird, weiß man
nicht, man kann es bloß — der Gesinnung der Herren entspre¬
chend — vermuten. Jedenfalls bin ich dagegen, daß wir das
auch noch unterstützen.« So etwa dürfte die Rede geklungen
haben und je nach der Vertrautheit des Sprechers mit Einzel¬
heiten, bestand sie in 2 kurzen Phrasen oder dauerte eine halbe

149
Stunde. — Dies aber betrachte ich als die Oberfläche. Darunter
verbirgt sich ein viel allgemeinerer Zusammenhang: Das uni¬
versale Gesetz der monopolitischen Gesellschaft. In ihr ist
auch die Wissenschaft von Vertrauensleuten kontrolliert. Sie
bilden eine mit den ökonomischen Instanzen verfilzte Elite,
deren gelehrte Namen auf diesem Gebiet nicht weniger oft
wiederkehren, als die der großen Direktoren in den board¬
listen der Industrie. Was sich nicht restlos dem Monopol un¬
terwirft — mit Haut und Haaren — ist ein »wildes« Unterneh¬
men und wird — selbst unter Opfern — auf die eine oder andere
Weise erledigt. Die Beurteilung des newcomers als unmora¬
lisch ist wohl begründet in den Verhältnissen, denn mit dem
Übergang einer Form menschlicher Beziehungen, die als ver¬
ächtlich betrachtet war, zur kennzeichnenden der Gesell¬
schaft, setzen ihre Merkmale den moralischen Standard. xMit
Recht lachen wir über den Ideologen, der dort von gang re¬
det, und an die Kontrolle über Abgaben der laundries für »pro¬
tection« in einem Stadtviertel denkt, wenn es sich um den
»Schutz« von Ländern, die Kontrolle über Europa oder über
Industrien und den Staat handelt. Das Ausmaß ändert eben die
Qualität. Und sollte der Wissenschaft gegenüber nicht billig
sein, was dem Funkgewerbe und sonstigen Faktoren des ob¬
jektiven Geistes recht ist? — Wir wollen uns der Kontrolle ent¬
ziehen, unabhängig bleiben, selbst den Inhalt und den Um¬
fang unsrer Produktion bestimmen! — Wir sind unsittlich!
Wer sich eingliedert darf dagegen, zu Zeiten mindestens, auch
Extravaganzen, selbst politische machen. Das ist nicht so
schlimm, kann sogar erwünscht sein. Gelegentlich wird auch
gegen Eingegliederte, mehr aus Disziplmgründen als aus
Angst, ein Exempel statuiert. Emgliedern aber hieße in diesem
wie in anderen Fällen zuallererst: abgeben, sehr viel abgeben,
materielle Garantien dafür liefern, daß die Unterwerfung auf¬
richtig dauernd, unwiderruflich ist. Eingliedern heißt, sich
auf Gnade und Ungnade ergeben. — Deshalb sind unsre Be¬
mühungen aussichtslos, auch bei anderen Foundations — die
Varietät ist ja bloß Schein und wir sollten uns hüten, auch

150
noch sonstwo aufzufallen! Ihnen aber hätte Herr Marshall ge¬
sagt, spielte das alles nicht auf so hohem Niveau: »Verlassen Sie
schleunigst diese Outsiders, schleunigst, sonst gehen Sie da mit
zugrunde. Das rate ich Ihnen im guten. Wenn Sie unseren
Weg gehen, sind Ihre Chancen nicht einmal so schlecht. Nur
müssen Sie unseren Weg gehen, den ordentlichen, ehrlichen,
sittlichen.« So ungefähr hat er es doch auch gemeint, soweit er
eine Ahnung hatte! — Und auch das Institut als ganzes kann das
haben; es braucht bloß sein gesamtes Vermögen einschließlich
zukünftiger Einkünfte in eine Gesellschaft einzubringen, die
nicht etwa bloß juristisch sondern sehr real einem board un¬
tersteht, dessen Mitglieder Herrn Willets Vertrauen einflö¬
ßen. Der board hätte aktiv über die Anstellungspolitik, die
Produktion, die Liquidation des Vermögens zu befinden und
würde für die so notwendige Ari — Verzeihung! Amerikani-
sierung sorgen. — Dürfen wir darüber empört, ja auch nur er¬
staunt sein? Das alles gehört zu den Formen, in denen sich zu
dieser Periode die Reproduktion vollzieht, es sind Herr¬
schaftsformen, denen nicht bloß negative, sondern als produk¬
tiven eben auch eine positive Bedeutung zukommt. Das Prin¬
zip der Civilisation, von der wir historisch wissen, ist mit der
Herrschaft identisch, die Trennung ist das Rätsel, von dem wir
nicht wissen, ob und wie es sich lösen wird. Selbst in unseren
empfindungsmäßigen Reaktionen sollten diese theoretischen
Verhältnisse aufbewahrt sein. Nil admirari — wenn man zufäl¬
lig selbst einmal — anstatt nur bloß die andern — die Lebensbe-
dmgungen der Gesellschaft an sich erfährt: »Idioten« hießen
die Mitglieder der Masse, weil ihnen nichts übrig blieb als ad¬
mirari: die Ehrfurcht oder der Haß. Zwischen Gleichen, zwi¬
schen Patriziern findet, im Gegensatz dazu, das Denken statt.
Wir selbst freilich befinden uns in einer Mittellage, wo weder
das eine noch das andere angemessen ist. Vielleicht war dies
die Situation der Theorie jederzeit — selbst bei Marx.
Ich erhielt Ihre liebe Karte vom 31. Mai, Ihre Briefe vom 4.,
8., 12., 15. Juni, sowie die traurigen Zeilen der Giraffe Gazelle
vom 18. Den Spengler brachte David vorgestern. Der Runes
hat geschrieben, schon vor 14 Tagen. Im Umzugstrubel, der
durch die Etablierung Marcuses noch verstärkt war, konnte
ich ihm nicht antworten und wäre daher dankbar, wenn Sie
ihm einstweilen mitteilen wollten, ich sei im Prinzip gerne
bereit. Mit Ihren Absichten, die Sie im Brief vom 4. Umrissen
haben, bin ich ganz einverstanden, ich bin mir nur nicht klar
darüber, ob Kunstsoziologie nicht ein zu großes Gebiet ist.
Man müßte sich da mit Croce und einer ganzen Reihe von
Theorien ausführlich ausemandersetzen. Wenn Sie für mich
und das Institut überhaupt verhandeln wollen, you are per-
fectly authorized to do so.
Haben Sie die Vorlesungslisten damals ausgearbeitet? Wenn
dem so ist, wäre ich für Übersendung, besonders Ihrer und
meiner, dankbar. Wahrscheinlich werde ich innerhalb der
nächsten 14 Tage Sproul sehen und für solche Zwecke ist es
gut, etwas vorzeigen zu können.
Mit der Dialektik will ich in diesen Tagen beginnen. Für
den gegebenen Zweck kommt eigentlich einzig Ihr dritter
Vorschlag in Frage, da der Aufsatz ja in einem Sammelband
man and Science erscheinen soll. Die anderen Punkte bleiben
uns Vorbehalten. Totality and dialectics bildete ja den Gegen¬
stand unsrer ersten gemeinsamen Formulierungen, es ist Zeit,
daß wir sie wieder aufnehmen.
Wegen des Aufsatzes von Fritz möchte ich am liebsten nicht
mit ihm korrespondieren, sondern warten, bis er hier ist. Ich
erhielt eine Formulierung zum ersten Mal vorgestern, zu glei¬
cher Zeit mit dem Spengler. Fritz scheint, nach seinen Briefen
zu schließen, jetzt recht müde zu sein. Ich weiß daher auch
nicht recht, wie ich Ihrer Aufforderung, ganz großer Mam¬
mut zu sein, und ihm wegen Ihres Autos zu schreiben, am be¬
sten nachkommen soll. Ich könnte wohl nicht verhindern,
daß er bewußt oder unbewußt einen nicht ganz gerechtfertig¬
ten Umweg vermutete, den Sie genommen haben, anstatt di¬
rekt mit ihm zu sprechen. Andrerseits bezweifle ich, ob es gut
ist, daß Sie, unmittelbar nach Bezahlung der beiden Umzüge,
von Marcuse und mir, die Frage jetzt selbst bei ihm anschnei-
den. Um das Problem noch komplizierter zu machen, muß
ich Ihnen wiederum zugeben, daß man angesichts der täglich
steigenden Materialknappheit mit erheblichen Preissteigerun¬
gen zu rechnen hat, und daher nicht lange mehr zuwarten
sollte, von Fräulein Giraffes Wünschen ganz abgesehen. Am
richtigsten wäre es, wenn ich sogleich nach Fritzens Ankunft,
also kurz nach dem io. die Frage mit ihm erörterte, falls Sie
nicht eine Gelegenheit finden, vorher unter günstigen Bedin¬
gungen mit ihm die Zukunft zu bereden. Wann gedenken Sie,
in Ferien zu gehen? — Ich bitte Sie jetzt schon darum, alle
Schwierigkeiten und widrigen Stimmungen, unter denen Sie
in den nächsten Monaten leiden mögen in dem Gedanken zu
ertragen, daß diese Zeit, falls keine höhere Gewalt dazwi¬
schentritt, der letzte Aufschub vor der Realisierung unsres
liebsten Planes ist. — Auf jeden Fall würde ich mich in New
York nach einem Auto schon einmal umsehen — gegebenen¬
falls auch in den Ferien, da man an kleineren Orten zuweilen
real bargains findet. Das Schlimmste, was da passieren kann,
ist, daß Sie nach einigen Verhandlungen absagen, was einem
car dealer wohl schon einmal vorgekommen ist. — Ich habe
freilich noch ein Bedenken. Glauben Sie wirklich, daß Sie,
oder vielmehr G. G. die Fahrt nach dem Westen bewältigen
werden? Es hat sich herausgestellt, daß Marcuses eigentlich
dazu nicht in der Lage waren. Meist hat bei ihnen ein junger
Mitfahrer gesteuert und das ganze war eine sehr große Stra¬
paze — obgleich Frau M. schon ziemlich lange fährt. Wie wäre
es, wenn Sie zunächst ein Auto mieteten und das einmal aus¬
probierten! Wenn ich recht unterrichtet bin, ließe sich das
ohne zu große Kosten machen. — Anyway — die ganze Frage
wird sich lösen. —
Der Spengler — ich sende ihn separat — ist ein Glanzstück. Er
hat mich angemutet, wie ein Brief, den Sie an einen gemein¬
samen jüngeren Bekannten schrieben, dessen Lektüre Sie
lenkten. Seinetwegen hätten Sie sich Spengler noch einmal
genau angesehen. Bei aller Genauigkeit des Blicks, der an der
Besonderheit haftet, halten Sie sich ans Wesentliche. Und

153
melden zugleich die Themen an, über die jetzt nachzudenken
ist — etwa die Geschichtslosigkeit der Gegenwart (S. iof.). Sie
sind sich doch bewußt, daß die These paradox ist — die Gegen¬
wart geschichtslos, wo es wahrhaftig zum Entsetzen genug
Geschichte gibt! Eingehend wird zu erwägen sein, ob Ge¬
schichte eigentlich nicht immer darin bestanden hat, keine zu
sein — von wenigen Momenten abgesehen. Vielleicht bedarf
der Begriff Geschichte zersetzender Kritik. — Der Nachweis,
daß die absolute Freiheit, Subjektivität, Innerlichkeit identisch
mit absoluter Knechtschaft ist (27 f.), ein Nachweis, welcher,
wie ich vermute, im Musikaufsatz am besonderen Material
noch neue Seiten zeigen wird, ist von großer Tragweite. Wir
können von hier aus die Diskussion über Naturdialektik neu
aufrollen. Zum Ende über decadence, zu deren Ruhm Sie ja
auch in der Newmanrezension etwas getan haben, ließe sich
noch einiges Ergänzende sagen, das darüber hinausfuhrte, aber
Sie können emwenden, daß wir diese, positiven, Formulie¬
rungen, an deren Schwäche auch der Schluß der Arbeit über
autoritären Staat krankt, uns eben erst noch zu erarbeiten ha¬
ben. — Meine Kreuzchen am Rand beziehen sich auf taktische
Kleinigkeiten. Manche Fragezeichen können Sie übergehen —
etwa das auf Seite 1, das einen leichten Zweifel an der Richtig¬
keit des betreffenden Statements ausdrückt. S. 2 letzte Zeilen
tun vielleicht manchem Unrecht, was damals geschehen ist.
Die Anerkennung, die Sie Spengler auf S. 4 für eine Erkennt¬
nis zollen, wird auf S. 6 durch deren Kennzeichnung als »ink-
hng« bagatellisiert, wo es sich doch wirklich um eine »insight«
handelt. Das zweimalige production auf S. 5 würde ich aus
taktischen Gründen vermeiden, ebenso wie das zweimalige
dass society auf S. 17 oder substructure 17 b. Der höchst wich¬
tige Gedankengang S. 10 scheint mir durch die summarische
Reflexion über Kunst unterbrochen und abgeschwächt zu
werden. Was dort über Kunst gesagt wird, erträgt überdies die
Verkürzung nicht; es ist zu wesentlich. — Am richtigen Ge¬
brauch des »phoney war« auf S. 10 a habe ich Zweifel, das Wort
bezieht sich nur auf die Periode vor dem Einmarsch in FIol-

154
land und Belgien, Ihre Bemerkungen aber reichen weiter. —
By the way: der Spengler muß natürlich im nächsten Heft ste¬
hen, er paßt ausgezeichnet zum Thema.
Mit Ihnen bin ich glücklich darüber, daß wir Benjamins Ge¬
schichtsthesen besitzen. Sie werden uns noch viel beschäftigen
und er wird bei uns sein. Die Identität von Barbarei und Kultur,
deren Feststellung Ihnen beiden bis auf den Wortlaut gemein¬
sam ist, hat übrigens das Thema eines meiner letzten Gespräche
mit ihm in einem Cafe beim Bahnhof Montparnasse gebildet,
wo ich (oder er) die These vertrat, daß der Beginn von Kultur
im modernen Sinn mit der Forderung sittlicher Liebe zusam¬
menfällt. Die Vorstellung des Klassenkampfes als der univer¬
salen Unterdrückung, die Demaskierung der Historie als
Einfühlung in die Herrschenden sind Einsichten, die wir als
theoretische Axiome zu betrachten haben. — Ihrem und Lö¬
wenthals Vorschlag, die Thesen an den Anfang des mimeogra-
phierten Heftes zu stellen, möchte ich nicht widersprechen.
Hinge das jedoch von mir allein ab — was ich nicht meine! —
so stellte ich es aus rein taktischen Gründen, die er wahrhaftig
gebilligt hätte, mit einer kurzen Einleitung, die den vorläufi¬
gen Charakter der Aufzeichnungen betont, in die Mitte oder
an den Schluß. Die Terminologie, die wir doch kaum abän¬
dern dürfen, ist zu unverhüllt. Da ja das ganze Heft Benjamin
gewidmet wird, so kann das nicht als Mangel an Zartheit er¬
scheinen. —
Von uns hier ist wenig zu berichten. Das Haus werden Sie
hoffentlich bald sehen. Ich glaube, es ist das, was es sein soll.
Die Beziehungen zur Universität sind so gestaltet, daß sie zu
Beginn des Herbstsemesters richtig gepflegt werden können —
falls nichts dazwischenkommt. Den Verkehr habe ich durch
die Wahl einer silent number völlig gedrosselt. Praktisch ge¬
nommen leben wir auf dem Land. Es ist mehr als eine halbe
Stunde nach Holly wood, eine Stunde nach Los Angeles down-
town. Außerdem habe ich mich davon überzeugt, daß im Um¬
kreis von io, ja von 5 Minuten drive genügend hübsche Häuser
(mit Gärtchen!) zu bekommen sind — for rent or for sale.

155
Marcuse hat sich ein Haus gemietet — in Santa Monica, etwa
3 Meilen von unserem. Darin ist ein geräumiges Zimmer, das
als office bezeichnet und eingerichtet wird. Das Haus liegt in
der Professorengegend, was die notwendigen Beziehungen
sehr erleichtert, auch für den Ruf gut ist. - Sie werden sich,
wie Maidon meint, ein sehr anderes auswählen. Maidon übri¬
gens freut sich, bis Sie kommen. Ich auch.
In den nächsten Wochen, bis Fritz kommt, arbeite ich an
der Dialektik.
Alles Liebe Ihnen beiden
Ihr
Max.

Auf der Rückseite des Ausschnitts Cherchez la femme steht


eine Notiz über den Grand Canyon. Omen?

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a. M. — E: Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 81 ff.

Mr. Marr: Der Frankfurter Soziologe Heinz Marr (1876-1940), seit 1926
Professor und 1934 Nachfolger des vertriebenen Karl Mannheim. Gegner
des Instituts. Heinz Marr, der sich vorwiegend mit betriebssoziologischen
und sozialpolitischen Themen beschäftigt hatte, zählte seit 1933 zu den
Soziologen, die ihre Heimat im Nationalsozialismus fanden.

Mr. Salomon: Gemeint ist wahrscheinlich der Soziologe Gottfried Salo-


mon-Delatour (1896-1964), der 1925 außerordentlicher Professor in
Frankfurt geworden und 1933 nach Frankreich geflüchtet war.

Frau M.: Sophie Marcuse (1901-1951).

die Geschichtslosigkeit der Gegenwart (S. iof): »But the era to which Speng¬
ler refers as that of contending States is followed by a >historyless< period in
a most sinister sense; one in which men are objects of political forces no
less than they are objects of the mechanisms of public opimon.« In der
Druckfassung nach »sinister sense« geändert in: »This paradoxical progno-
sis is clearly paralleled by the tendency of present economy to eliminate
the market and the dynamics of competition. This tendency is directed to-
wards static conditions which no longer know of crises in the strictly eco-

156
norme sense of the term. The labor ot others is appropriated, without any
intermediary processes, by those in command ofthe means of production,
and the life ofthose who do the work is maintained planfully from above.«
(Vgl. Studies in Philosophy and Social Science 9 [1941], No. 2, p. 310)

Der Nachweis ... (S. 22/.): Im Typoskript steht: »Thus, the determinism
of Spenglers conception ofhistory appears to yield a second realm offree-
dom. But it only appears to do so. A most paradoxical constellation arises:
everything external becomes an Image of the internal and no actual pro-
cess occurs between subject and object in Spenglers philosophy ofhistory.
His world appears to grow organically out of the substance of the soul, like
a plant from a seed. By being reduced to the essence of the soul, history
gains an unbroken orgamc aspect, closed within ltself. In this way, how-
ever, it becomes even more deterministic. Spenglers philosophy haughtily
pushes aside the nature men have to struggle with in history. Instead ofthis
struggle, history ltself becomes a second nature as blind and fated as vege-
table hfe. What we may call the freedom of man consists in the human at-
tempts to break the rule imposed by nature. Ifthat is ignored and the histo-
rical world is made a mere product of human essence, freedom will be lost
in the resulting all-humanity (Allmenschhchkeit) ofhistory. Freedom de-
velops only through a being’s resistance. As soon as it is made absolute and
its essence, the soul, is elevated into the governing principle of the world,
this selfsame principle falls victim to mere existence. The ideahst haughti-
ness of Spenglers concept ofhistory and the degradation of man implied
in it are actually one and the same thing. Culture is not, as with Spengler,
the life of self-developing collective souls but rather the fight of men for
the conditions of their perpetuation. Culture thus contains an element of
resistance to blind necessity: the will for self-determination through Rea-
son. Spengler severs culture from mankind’s desire to survive. Culture be¬
comes for him a play of the soul with ltself. And this phantasm of culture
stemming from mere inwardness he identifies with the real historical po-
wers — even with primitive natural powers, one might say, since the powers
transcending nature have been omitted, together with the reality on which
they could prove themselves. Thus just Spenglers ldealism becomes sub-
servient to his philosophy of power. Culture fits snugly into the realm of
blind domination. The process that originates from mere inwardness and
termmates in mere inwardness becomes Destiny, and history decomposes
into that timelessness and aimless up and down of cultures which Spengler
blames upon the late civilizations and which actually constitutes the
nucleus of his own world-plan. The element of culture that opposes nat-

157
ural constraint is lost. Pure soul and pure dommation comcide, as the
other in Spengler too the soul violently and mercilessly dormnates lt’s own
bearers. Real history is ideologically transfigured mto a history of the soul
only in order that the resisting, rebellious features ofman, their conscious-
ness, might be the more completely subordinated to blind necessity.« — Die
englische Druckfassung vgl. ebd., S. 321 f.; die deutsche Version vgl.
A_dorno GS io-i, S. 66 f.

Zum Ende über decadence . . . auch in der Newmanrezension: »Spengler has


the prying glance of the hunter who strides mercilessly through the cities
of mankind as if they were the wilderness they actually are. But one thing
has escaped his glance: the forces set free by decay. >How does everythmg
that is to be appear so ill< (>Wie scheint doch alles Werdende so krank<) —
this sentence of the poet Georg Trakl, transcends Spenglers landscape.
There is a passage in the first volume of the Decline of the West that has been
omitted in the English translation. It refers to Nietzsche. >He used the
word decadence. In this book, the terrn Decline of the West means the
same thing, only more comprehensive, broadened front the case before us
today into a general historical type of epoch, and looked at from the bird’s-
eye view of a philosophy ofBecoming.< In the world of violence and op-
pressive life, the decadence is the refuge of a better potentiality by virtue
of the fact that it refuses obedience to this life, its culture, its rawness and
sublimity. Those, according to Spengler, whom history is going to thrust
aside and anmhilate personify negatively within the negativity of this cul¬
ture that which promises, however weakly, to break the spell of culture and
to make an end to the horror ofpre-history. Their protest is our only hope
that destiny and force shall not have the last word. That which Stands
agamst the decline of the west is not the surviving culture but the Utopia
that is silently embodied in the image ot decline.« (Studies in Philosophy
and Social Science 9 [1941], No. 2, p. 325). Die deutsche Version findet
sich GS io -1, S. 71 .-In der Newmanrezension heißt es: »Newmans rectifi-
cations of detail pertain to strictly biograpnical facts as well. He destroys
with truly epical enjoyment the legend of King Ludwigs madness. The
passages in which he does justice to the eccentricities of the Kmg belong
to the most beautiful parts of the book. They fall within a tradition which
can call no lesser witnesses than Verlaine and George against the stupidity
of common sense.« (Adorno GS 19, S. 401)

ein Cafe beim Bahnhof Montparnasse: Sicher das von Benjamin frequen¬
tierte und seit Jahrzehnten verschwundene Cafe Versailles.

158
eine Notiz über den Grand Canyon: Sie lautet: »These will also come in
handy at the Grand Canyon if you motor to Hermit’s Rest and Desert
View, and in Southern California for a trip to Catalina.«

224 Adorno an Horkheimer


New York, 2.7.1941

2.Juli 1941.

Lieber Max,
haben Sie tausend Dank für Ihren ausführlichen Brief vom
23 .Juni, der mich unendlich gefreut hat. In der Beurteilung
der Rockefellersache, wie übrigens der gesamten Foundation¬
probleme, stimme ich ganz mit Ihnen überein: es handelt sich
gesellschaftlich um das Verhältnis von Kartell und selbständi¬
gem Kleinbetrieb. Aber wie in der Ökonomie ist es auch hier,
man kann nicht vorweg sagen, ob es einem nicht doch gelingt,
durch eine der Maschen durchzuschlupfen. Man muß nur fä¬
hig sein, wenn sich das Gegenteil ergibt, rechtzeitig die von
Ihnen als Don Quixotehaft charakterisierten Bemühungen
einzustellen. Die Briefe an die prominenten Experten, die bei
der New York Foundation intervenieren sollen, habe ich mit
Neumann zusammen gemacht.
Unsere Vorlesungslisten lege ich Ihnen bei. Ihre habe ich
nach Ihren Anregungen ergänzt, vielleicht ist es aber gut,
wenn Sie noch ein paar Namen hmzufügen. Meine habe ich
gelassen, wie sie war. Wenn Sie auf Grund Ihrer Kenntnis der
Verhältnisse in Los Angeles meinen, daß man etwas daran än¬
dern soll, so wäre es sehr lieb von Ihnen, wenn Sie das tun
wollen, ganz in dem Sinn, der Ihnen richtig erscheint.
Besonders froh bin ich, daß Ihnen der Spengler wirklich
gefällt. Sie können sich nicht vorstellen, was unsere Überein¬
stimmung in diesen Dingen für mich bedeutet. Ihre Verbesse¬
rungsvorschläge habe ich sämtlich durchgeführt. An ein paar

159
Stellen fanden sich Fragezeichen im Manuskript, von denen
ich nicht wußte, worauf sie sich bezogen. Da sich durch die
Davidschen Korrekturen eine Reihe von Problemen ergeben
haben, schicke ich ihm nochmals das Manuskript mit einer
Reihe von Fragen. Einige beziehen sich auch aufjene Frage¬
zeichen. Ich wäre Ihnen von Herzen dankbar, wenn Sie diese
und einige andre Punkte dann mit ihm noch einmal durch¬
sprechen würden. Es tut mir leid, Sie nochmals mit der Sache
zu befassen, aber es ist mir soviel daran gelegen, daß die Arbeit
in einer Form erscheint, die wir beide vertreten können, daß
Sie mich gewiß verstehen werden.
Die Benjaminschen Thesen werden wir, wie Sie es Vor¬
schlägen, an den Schluß des deutschen Heftes setzen, und ich
werde eine Vorbemerkung dazu schreiben.
Was das englische Heft anlangt, so kümmere ich mich um
die Aufsätze soviel wie möglich und habe unter anderm den
von Kirchheimer mit diesem detailliert durchgesprochen.
Fritz habe ich vorgeschlagen, den letzten Teil seines Aufsatzes,
über demokratischen Staatskapitalismus, in die Form von Fra¬
gen und Problemstellungen für future research einzukleiden.
Mir scheint das die einzige Möglichkeit, diese Schutzvorrich¬
tung einzuschalten, ohne daß man sich den eigenen Freunden
gegenüber eine Blöße dadurch gibt, daß man Thesen inhalt¬
lich zu decken scheint, die inan schlechterdings nicht decken
kann. Was meinen Sie? Sachlich halte ich für das zentrale Pro¬
blem der Arbeit die Frage, ob die herausgearbeitete Tendenz
einer krisenlos von oben gelenkten Ökonomie wirklich die
objektive Tendenz der Realität ausdrückt oder ob die ideale
Reinheit dieser Konstruktion durch den antagonistischen Zu¬
stand der Gegenwart auch für die Zukunft im Prinzip ausge¬
schlossen ist. Ich fühle mich außerstande, die Frage wirklich
zu beantworten. Mein Instinkt dazu ist etwa folgender: richtig
ist an der Konzeption ihr Pessismismus, d. h. die Auffassung,
daß die Chancen der Perpetuierung der Herrschaft in ihrer
unmittelbaren politischen Form größer sind als die herauszu¬
kommen. Falsch ist der Optimismus, auch der für die andern:

160
was sich perpetuiert, scheint mir nicht sowohl ein relativ stabi¬
ler und in gewissem Sinn sogar rationaler Zustand als eine un¬
ablässige Folge von Katastrophen, Chaos und Grauen für eine
unabsehbar lange Periode und damit doch auch freilich wie¬
der die Chance des Ausbruchs, die in der ägyptischen Vision
zu kurz kommt. Ich glaube freilich nicht, daß man diesen
chaotischen Zustand einfach als »politische Machtkämpfe« ab¬
tun kann. In der Eroberung der Welt durch Deutschland
zeichnet sich heute schon ein solches Chaos nicht minder
deutlich ab als die »Neue Ordnung«. Im übrigen scheint der
Zusammenbruch Rußlands so rasch sich zu vollziehen, daß
nicht einmal die Fioffnung auf die »Atempause« sich realisie¬
ren dürfte. Andrerseits jedoch wird die Unterwerfung Ru߬
lands aller Wahrscheinlichkeit nach den chaotischen Aspekt
der neuen Ordnung verstärken.
Zu den wirklich erfreulichen Erscheinungen hier gehört
Langerhans. Ganz abgesehen von seiner Widerstandskraft, die
man nicht genug bewundern kann, hat er einen geistigen
Elan, der mir wichtiger dünkt als die »theoretische Reife«, die
ihm, beinahe möchte man sagen zum Glück abgeht. Was mich
wirklich an ihm so sehr beeindruckt, ist, daß für ihn die Frage
des nicht mehr Mitmachens in unserm Sinn nicht als eine der
Ferne und der »Entwicklung« sich stellt, sondern daß jedes
Wort von ihm auf die unmittelbarste Möglichkeit des Aus¬
bruchs jetzt und hier gerichtet ist. In vielen Dingen stimmt er
mit uns überein, ohne von unserm Standpunkt explizit etwas
zu wissen, so in der Frage der Überholtheit der »Politik« im
alten Sinn, der Massenpartei und andrerseits der Möglichkeit,
gerade durch das Ubersichtlichwerden der Verwaltungs- und
Arbeitsfunktionen bereits heute der ITerrschaftsapparatur zu
entraten. Es liegt etwas Tröstliches darin, daß ein Mensch,
dessen Leben so nahe bei dem verlaufen ist, was heute ge¬
schieht, im Grunde ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat
wie wir in der Distanz unserer Theorie.
Ein paar Worte noch wegen unserer kleinen Sorgen. Ich
habe mit Fritz gesprochen. Er war außerordentlich herzlich

161
und aufgeschlossen. Er teilt Ihre Ansicht, daß es besser ist,
wenn der Pferdetransport per Bahn erfolgt, und wir neigen
eigentlich derselben Ansicht zu. So traurig es auch ist, daß un¬
ser Einzug dort nicht, wie es im Volkslied heißt, auf einem
Wagen statthaben wird, so vertrauen wir doch fest auf Ihre
großherzige Mammutprophezeiung, daß das Autoproblem in
Hollywood sich lösen wird. (Interpolation der Giraffe Ga¬
zelle: nach dem Nilfun sind Giraffen doch besonders dumme
Tiere, weil sie eine so lange Leitung haben. Aus diesem
Grunde hat die Giraffe Gazelle Angst, die mühsam envorbe-
nen Fahrkenntnisse gleich wieder zu verlernen, wenn sie jetzt
nicht noch eine Weile in Übung bleibt. Wegen des Ausleihens
eines Autos habe ich unterdessen nach Bar Harbor geschrie¬
ben, habe aber noch keine Antwort. Theoretisch bestünde
noch die Möglichkeit, sich für zwei bis drei Monate ein Auto
zu kaufen mit der Garantie, es am i. Oktober zurückzugeben.
Das kostet aber, ganz gleich ob alter oder neuer Wagen, ca.
130 $, was den Pferden mit Versicherung und sonstigen Ne¬
benkosten mehr scheint, als sie ausgeben können. Was rät nun
der weise Mammut der dummen Giraffe Gazelle ?)
Aus Ihrem letzten Brief scheint uns eindeutig hervorzuge¬
hen, daß Sie uns Anfang Oktober in Hollywood erwarten,
und wir sind ganz und gar darauf eingestellt. Im Gespräch mit
Fritz war es aber mein Eindruck, daß er mich gern hier behal¬
ten möchte und dafür Gründe sucht wie die drives und unter
Umständen auch Vorlesungen an der Columbia. Ich möchte
Sie nun inständig darum bitten — da ich nicht glaube, daß es
in der gegenwärtigen Situation sinnvoll wäre, wenn Sie im
Herbst wieder hierher kämen —, dafür Sorge zu tragen, daß
sich unsrer Übersiedlung nach Hollywood nichts mehr in den
Weg stellt. Daß bei den drives im Ernst etwas Lohnendes her¬
auskommt, halte ich für äußerst unwahrscheinlich; deshalb
unsere gemeinsame Arbeit auch nur einen Tag aufzuschieben,
erschiene mir absurd. Sollte bei den gemeinsamen Bemühun¬
gen von Lazarsfeld, Marshall und Thomson wider Erwarten
etwas für mich herauskommen, so habe ich feste Abmachun-

162
gen mit Lazarsfeld, daß ich in einem solchen Fall nicht hier
bleiben müßte, sondern die in Betracht kommenden Arbeiten
im Westen abschließen könnte. Im übrigen habe ich mit Fritz
auch über unsere ökonomische Situation gesprochen, und ich
glaube, daß es mir gelungen ist, ihn zu überzeugen. Nach un¬
seren Treueschwüren käme ja unser ITierbleiben nur dann in
Betracht, wenn der Goldstrom sowohl Ihre Reise und Ihren
angemessenen Standard in New York wie für uns wesentlich
bessere materielle Bedingungen als bisher garantieren würde.
Die Vorstellung, daß Sie in Hollywood bleiben und ich in
New York, lediglich damit Gurland und Kirchheimer vom
Institut gehalten werden können, ist ein cauchemar. — Wir
denken in ungefähr drei Wochen nach Bar Harbor zu gehen,
müssen auch bis etwa zum 15. Juli dem Hauswirt wegen der
Wohnung Bescheid geben, und wir wären darum sehr glück¬
lich, wenn Sie bis dahm kategorisch anordnen wollten, daß
wir uns endlich in Hollywood einzufinden haben.
Im Zusammenhang mit unserer Arbeit drängt es sich mir
immer mehr auf, daß wir die Frage der Stellung der Arbeiter¬
bewegung zur »Kultur« in ihrer ganzen Dialektik aufrollen
müssen. Ich denke daran, zu diesem Zweck noch einmal den
ganzen Mehring zu lesen und Notizen dazu zu machen und
wüßte gern, ob Sie das nicht auch für sinnvoll halten.
Die Pferde spitzen ihre Ohren und warten auf le temps re-
trouve.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden,
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. - E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 95 ff.

Die Briefe an die prominenten Experten: Unter ihnen konnte nur der
von Pollock Unterzeichnete Brief an Lynd vom 2. Juli 1941 identifi¬
ziert werden, dessen Durchschlag im Horkheimer-Archiv erhalten ist. —
Der Zweck der Schreiben war es, die Foundation für die finanzielle Un-

163
terstützung des Projekts »Cultural Aspects of National Socialism« zu ge¬
winnen.

Kirchheimer: Der Jurist und Politologe Otto Kirchheimer (1905-1965), der


1933 nach Frankreich und 1937 in die USA emigriert war, gehörte von
1934 bis 1942 zum staff des Instituts. Im zweiten Heft des Jahrgangs 1941
erschien in der Zeitschrift sein Aufsatz »Changes in the Structure of Politi¬
cal Compromise«. Wie aus der späteren Korrespondenz hervorgeht, war
ursprünglich daran gedacht, Kirchheimers Aufsatz »The Legal Order of
National Socialism« zu publizieren, der dann im dritten und letzten Heft
erschien.

Langerhans: S. Band I, Brief Nr. 17 und die Anm. dort.

225 Adorno an Horkheimer


New York, 8.7.1941

290 Riverside Drive


New York City
8.Juli 1941

Lieber Max,
dies nur Ihnen zu sagen, daß die Giraffe Gazelle ihre Auto¬
prüfung - diesmal ohne Repetition — glücklich bestanden
hat. —
Sonst ist von hier nichts zu berichten. Die soit-disant end¬
gültige Fassung der Musikarbeit ist fertig und wird abgeschrie¬
ben.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden
Ihr alter
Teddie
Gi???

ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. Gruß von Gretel Adorno; Max-Hork-


heimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

164
226 Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 11.7.1941

Pacific Palisades, n.Juli 1941.

Einliegend Davids Brief, Ergebnis


der Rücksprache mit mir. — folgt separat.

Lieber Teddie!
Entschuldigen Sie, daß ich auf Ihre lieben Zeilen vom 2.
nur kurz antworte. Ich habe in der letzten Woche recht anhal¬
tend Naturwissenschaft getrieben. Nicht etwa hohe Mathe¬
matik, aber so viel sich eben ohne diese verstehen läßt — und
das ist eine ganze Menge. Im Zusammenhang mit der Arbeit
über Wissenschaft fand ich das als notwendig und schließlich
wird es auch in der Zukunft gut sein, wenn einer von uns sich
über diese Dinge auf dem Laufenden hält. Gestern ist nun
Fritz gekommen und wir müssen in diesen nächsten Tagen
den Aufsatz revidieren, so weit es in so kurzer Zeit möglich ist.
Daher große Zeitknappheit. Ihr Vorschlag, daß man den de¬
mokratischen Staatskapitalismus nur in Fragestellungen be¬
handeln soll, ist wieder einmal wörtlich derselbe, den auch ich
schriftlich als erste Reaktion gemacht habe. Auch mit Ihrer
Bemerkung, daß die Beziehung der Konstruktion zur realen
Tendenz die Hauptsache ist, bin ich ganz einverstanden.
Wegen des Autos schlage ich immer noch vor, eines zu mie¬
ten. Die $ 130 — für zwei bis drei Monate auszugeben, hätte
nur einen Sinn, falls Sie nach Bar Harbor und zurück die
Bahnfahrt dadurch sparten. Außerdem habe ich da vor Repa¬
raturen Angst. Einen Wagen mit Rückgaberecht kann man
nur mit einem erfahrenen Mechaniker kaufen. Ich glaube
nicht, daß Miete ungünstiger ist. Wenn Sie das einmal für eine
Woche versuchen, kann man ja dann weitersehen und mehr
als $ 25 — wird das nicht kosten. — Die anderen, größeren Fra¬
gen werde ich mit Fritz sogleich nach Fertigstellung des Auf¬
satzes besprechen. Für jetzt läßt sich nur sagen, daß die Chance

165
des »Goldstroms« so gering ist, daß wir keinesfalls Ihre Woh¬
nung am 15. Juli verlängern dürfen. Ich würde — aus Prinzip —
versuchen, auch diesmal wieder die Entscheidung hinauszu¬
schieben, denn es könnte ja ein Wunder geschehen, und so
etwas wie Ihre Wohnung — auch ich habe sie liebgewonnen —
bekommt man nicht wieder. Aber Zusagen kann man sie nicht.
Sie sollten jetzt — fiir die Zeit der Erholung — sich aus¬
schließlich eben dieser widmen. Ich bin recht froh.
Ihnen beiden alles Liebe
von Ihrem
Max.

Maidon — im Augenblick ohne Mädchen und mit einem


cold — läßt grüßen.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

Davids Brief: Nicht erhalten.

Arbeit über Wissenschaft: Der geplante Aufsatz »Science and Man«.

227 Adorno an Horkheimer


New York, 19.7.1941

New York, 19. Juli 1941

Lieber Max,
nach der Oppenheim-Adresse habe ich eine wahre Film¬
jagd angestellt und endlich die Ottica-Adresse seiner Postbe¬
vollmächtigten feststellen können, die aber erst Montag er¬
reicht werden kann. Ich hoffe daß Sie dann raschestens ein
Telegramm erreicht — eher war es trotz aller Mühe nicht zu
machen.
Ich habe einen Liederzyklus fertiggestellt, mit dem ich sehr
glücklich bm. Er ist schon prächtig vervielfältigt.
Am Montag fahren wir. Die Adresse: Hotel de Gregoire,
Bar Harbor, Maine.

166
Es geht uns gut, wir spitzen die Ohren!
Hoffentlich ist Maidon wiederhergestellt.
Alles Liebe, auch von der Giraffe,
das Große Rindvieh

Aufjeden Fall hier die Adresse der Post-Frau:


Miss Joan Comins
First National Bank
Princeton, N.J.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

die Oppenheim-Adresse: S. unten Brief Nr. 229.

ein Liederzyklus: Das ist Adornos op. 5 »Klage. Sechs Gedichte von Georg
Trakl für Singstimme und Klavier«; die Lieder sind Gretel Adorno gewid¬
met. (Vgl. Adorno, Kompositionen Bd. I: Alle Klavierliederzyklen, hrsg.
v. Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München 1989, S. 48-65)

228 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 20.7.1941

429 WEST II7TH STREET


NEW YORK, N. Y.
13524 D’Este Drive,
Pacific Palisades, Cal.

Den 20. Juli, 1941.

Lieber Teddie:
Man sollte dem alten Freud so viel Ehre wie möglich antun.
Daß ich meinte, den Spengler an Sie zurückgesandt zu haben,
während er doch wohl verwahrt sich unter meinen eigenen
Manuskripten im Schreibtisch befand, dürfte nach der Ana¬
lyse eine Deutung finden, gegen die ich nicht den leisesten
Widerstand aufbringe. Ich sende den Spengler also jetzt in al¬
ler Eile.
Fritz ist seit acht Tagen hier und recht froh im Haus. Zwei
Tage nach seiner Ankunft hatten wir zum ersten Mal ein paar
Gäste, darunter unseren zukünftigen Nachbarn Thomas
Mann. Einige Kultur kann man ihm quand-meme nicht ab¬
sprechen.
Die Giraffe+Gazelle hat es also geschafft! Fürs nächste habe
ich wesentlich nichts anderes im Auge, als daß sich Ihre An¬
kunft programmäßig vollzieht. Wir können, meiner festen
Überzeugung nach, eine längere Trennung, als die bis zum
Anfang Oktober vorgesehene, nicht mehr verantworten.
Fritz hat bis jetzt an seinem Aufsatz und an anderen Manu¬
skripten der Zeitschrift gearbeitet und eigentlich noch keinen
Tag Ruhe gehabt. Haben Sie meine Anmerkungen zum
Staatskapitalismus gesehen? Leider lassen sich in so kurzer Zeit
nur Einzelheiten ändern. Ich schreibe eine Vorbemerkung
und bitte Sie, mir nach Einsichtnahme in diese mitzuteilen,
was Sie nun über die Frage der Publikation denken. Das glei¬
che gilt übrigens auch von dem Rest des Heftes, über den
Sie noch nichts gesagt haben. Meinem Gefühl nach sollte
man es nun so lassen wie es ist, aber ich erwarte noch Ihre
Nachricht. Immer mehr komme ich zur Überzeugung, daß
man, um der entscheidenden Dinge willen, die Zeitschrift in
dieser Gestalt preisgeben oder sie auch offiziell einem ande¬
ren übergeben sollte. An ihre Stelle müßte eine unseren In¬
tentionen adäquatere Zeitschrift treten. Vielleicht kann man
aber auch mit dieser eine entscheidende Umstellung vorneh¬
men.
Ich nehme an, daß Sie in diesen Tagen nach Bar Harbor
fahren. Auch ich werde nun in den nächsten Wochen mit Fritz
zusammen hier im Haus ein wenig ausspannen. Wenn Sie we¬
nig von mir hören, so heißt dies einfach, daß ich mich in
einem mehr vegetabilen Zustand befinde. Die Ideen für den

168
Wissenschaftsaufsatz sind zum großen Teil gesammelt, vor der
Formulierung möchte ich jedoch Atem schöpfen. Bis Sie
hierher kommen, soll der Aufsatz dann fertig sein.
Runes hat geschrieben und ich habe ihm zugesagt. Das
Thema wird einen glücklichen Übergang zu unseren Fragen
bilden. — Ich habe Schardt eine Andeutung gemacht, daß Sie
sich dafür emsetzen wollen, daß auch er eine Aufforderung er¬
hält. Wenn Sie es fertig brächten, würde es unseren Glanz hier
nur erhöhen.
Den Film unseres Freundes D. habe ich nun vor der öffent¬
lichen Präsentierung, die am i. September im Radio City
stattfinden soll, zwei Mal gesehen. Ich will darüber jetzt nicht
schreiben, weil ich zu müde bin und es nicht eilt. Das nächste
soll der Jazz Film sein und ich furchte, es wird nationalistische
Folklore. Noch schlimmer ist, daß der übernächste im Auftrag
der Gewerkschaften sich mit Samuel Gompers beschäftigen
soll (noch geheim zu halten). Ich habe ihn gebeten, Ihnen das
Jazz Manuskript zu schicken und hoffe, daß er es tun wird.
Sollten wir auf die Entwicklung, die sich in all diesen Schrit¬
ten anzeigt, keinen Einfluß ausüben können, so furchte ich,
daß wir eine prinzipielle Auseinandersetzung auf die Dauer
nicht umgehen können.
Wir sind ja doch allein.
Alles Liebe Ihnen und der Giraffe von dem einzig überle¬
benden
Mammuth.

Die Vorbemerkung zu den Geschichtsthesen ist in Ordnung.


Ich habe nur einige Bedenken wegen des letzten Satzes. Die
Worte »durch Denken« könnten im Sinne einer Einschrän¬
kung aufgefaßt werden und angesichts der radikalen Formu¬
lierung der Thesen billigen Spott hervorrufen. Ich frage mich,
ob wir nicht mit ». . geworden . .« schließen sollten.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a.M.

169
unser zukünftiger Nachbar Thomas Mann: Manns wohnten seit April 1941
in 740 Amalfi Drive, Pacific Palisades. - Über den Abend des 12. Juli bei
Horkheimers notierte Thomas Mann in sein Tagebuch: »Dann zu Hork-
heimer, Riviera, zur House warming Party, die sich, mit vielen >Vogerln<,
zu einem bis in den Abend dauernden Buffett-Dinner und einer histo¬
risch-politisch-philosophischen Gesprächsorgie recht quälender Art aus-
wuchs. Diese Juden haben einen Sinn für die Größe Hitlers, den ich nicht
ertrage.« (Thomas Mann, Tagebücher 1940-1943, hrsg. von Peter de
Mendelssohn, Frankfurt a. M. 1982, S.293)

eine Vorbemerkung: Zu Pollocks Aufsatz im Vorwort zum ganzen Heft (s.


BriefNr. 232).

Runes hat geschrieben: Der Brief ist nicht erhalten.

Der Film unseres Freundes D.: Der Regisseur William (Wilhelm) Dieterle
(1893-1972) lebte und arbeitete seit 1930 in Amerika. Der Film ist »All
That Money Can Buy« nach der Erzählung »The Devil and Daniel Web¬
ster« von Stephen Vincent Benet.

Radio City: In New York.

der Jazz Film: S. BriefNr. 252 und die Anm. dort.

Samuel Gompers: Der erste Präsident der »American Federation of Labor«


Samuel Gompers (1850-1924). — Dieterle drehte den Gompers-Film
nicht.

Die Vorbemerkung zu den Geschichtsthesen: Adornos Entwurf lautet voll¬


ständig: »Von Benjamins Arbeiten ist der geschichtsphilosophische Ent¬
wurf die letzte, die im Umriß vollendet ward. Zur Veröffentlichung war
sie nicht bestimmt. >Der Krieg und die Konstellation, die ihn mit sich
brachte^ heißt es in dem Brief, der das Manuskript ankündigte, >hat mich
dazu geführt, einige Gedanken niederzulegen, von denen ich sagen kann,
daß ich sie an die zwanzig Jahre bei nur verwahrt, ja, verwahrt vor mir sel¬
ber gehalten habe ... In mehr als einem Sinne ist der Text . . . reduziert.
Ich weiß nicht, wieweit die Lektüre Dich überraschen oder, was ich nicht
wünschte, beirren mag. In jedem Falle möchte ich Dich besonders auf die
I7te Reflexion hmweisen; sie ist es, die den verborgenen aber schlüssigen
Zusammenhang dieser Betrachtungen mit meinen bisherigen Arbeiten
müßte erkennen lassen, indem sie sich bündig über die Methode der letz¬
teren ausläßt. Im übrigen dienen die Reflexionen, so sehr ihnen der Cha-

170
rakter des Experiments eignet, nicht methodisch allem zur Vorbereitung
einer Folge des >Baudelaire<. Sie lassen mich vermuten, daß das Problem
der Erinnerung (und des Vergessens), das in ihnen auf anderer Ebene er¬
scheint, mich noch für lange beschäftigen wird. Daß mir nichts ferner liegt
als der Gedanke an eine Publikation dieser Aufzeichnungen (nicht zu re¬
den von einer in der Dir vorliegenden Form) brauche ich Dir nicht zu sa¬
gen. Sie würde dem enthusiastischen Mißverständnis Tor und Tür öff¬
nen.! Er hat dann die Sendung, nach einem Vermerk des gleichen Briefes,
hmtangehalten. Erst lmjum 1941 wurde der Entwurf dem Institut über¬
bracht. [Absatz] Benjamins Tod macht die Veröffentlichung zur Pflicht.
Der Text ist zum Vermächtnis geworden. Seme fragmentarische Gestalt
schließt in sich den Auftrag, der Wahrheit dieser Gedanken die Treue zu
halten durch Denken.«

229 Adorno an Horkheimer


New York, 21.7.1941

WIRES REACH OPPENHEIM GENERAL DELIVERY


22ND AND 23RD JULY YELLOW STONE PARK WYO¬
MING 24TH RAWLINS WYOMING 25TH TILL 30TH
DENVER COLORADO CORDIALLY = TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

230 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 24.7.1941

Bar Harbor, 24. Juli 41.


Lieber Max, tausend Dank für Brief und Spengler. In allem
d’accord, zumal was das Alleinsein anlangt. Ich meine auch,
das Heft sollte, wie es ist, mit einem Vorwort von Ihnen nun
rasch erscheinen. Ihre Anmerkungen zum St-K. kenne ich
nicht. Zur Benjamm-Vorbemerkung hat die Giraffe densel¬
ben Vorschlag wie Sie. — Bald mehr, die Ohren müssen Ihnen

171
unablässig klingen. Sehnsüchtig brüllt das große Rindvieh.
Und die Lämmergeier schlagen mit den Flügeln und kräch¬
zen: »Große Sehnsucht, sehr große Sehnsucht«. Giraffe-Ga¬
zelle
Wir sind aus No. Carolina extra hergekommen, um mit den
Tieren vor Ihrer Übersiedlung zusammen zu sein. Herzlichst
Ihr Egon Wissmg
Sehr herzliche Grüße Ihre Lotte

ÜBERLIEFERUNG Bildpostkarte: Nut Cracker from Maine; Stempel:


BAR HARBOR; JUL 25, 1941. — O: Ms m. Beischnften von Gretel
Adorno, Egon und Lotte Wissmg; Max-EIorkheimer-Archiv der Stadt-
und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

231 Adorno an ITorkheimer


Bar FJarbor, 30.7.1941

Bar Harbor, 30. Juli 1941.

Lieber Max,
entschuldigen Sie, daß ich erst heute die Briefe vom 11. und
20. Juli richtig beantworte und für den Spengler danke, an
dessen Verzögerung mein Narzißmus sich gehörig gewärmt
hat. Über die äußeren Begebenheiten sind Sie durch Karten
informiert. Liier ist es schöner als je. Infolge des Krieges und
des defense boom gibt es jetzt hier überhaupt nur noch alte
Leute, unter denen wir uns recht wohl fühlen, da wir das Ge¬
fühl haben, daß die Alten in der gegenwärtigen Situation im¬
mer noch etwas weniger gemein sind als die Jugend (der Satz
von den alten Leuten, die so böse werden, wie sie eigentlich
schon immer waren, widerspricht dem nur scheinbar. Denn
heutzutage ist den Alten diese Bosheit gleichsam als Prozeß,
als Angleichung an die Faschisierung, aufgegeben, während
sie bei den Jungen zwar noch nicht zum Selbstbewußtsein er¬
hoben, aber dafür in ihrer Unmittelbarkeit verwirklicht ist).

172
Leo hat mir heute mitgeteilt, daß Sie den Kirchheimer
nicht drucken wollen und dafür Art and Communication. Ich
bin darüber sehr froh. Einmal, weil ich der Ansicht bin, daß es
geistig nicht zu verantworten wäre, wenn Ihr Aufsatz einmar-
geriert würde, dann aber, weil ich den Kirchheimer so lang¬
weilig finde, daß die Entdeckung, er sei gefährlich (ich weiß
nicht, ob die gemacht wurde, aber nehme es an), als eine
wahre Entlastung wirkt. Mit dem Kunstaufsatz aber wird das
Heft wirklich nostra res sein und selbst die Gurlandise ertra¬
gen. (Diese ist genau wie die Beschreibung der arbeitslosen
linken Politiker, die sich an den Produktionsziffern der andern
berauschen, wie sie im Staatskapitalismus steht.) Da wir schon
wissen, daß die Zeitschrift den Amerikanern nicht gar zu viel
Freude macht, soll sie wenigstens uns Freude machen. So un¬
gefähr denke ich auch über ihre Zukunft. Was mir vor¬
schwebt, ist, sie irgendwie dem Lazarsfeld für Schund, Füllsel
und Erfolg zu überlassen, aber gleichzeitig mit der Bedingung,
daß wir unsere Sachen jederzeit ohne Beschränkung darin pu¬
blizieren können. Schließlich ist das unser einziges Interesse,
und das andere Zeug kann dann vielleicht sogar eine Funktion
erfüllen, nämlich die der Camouflage. Im übrigen haben wir
uns über den Entschluß zu Art and Communication deshalb
besonders gefreut, weil er uns eine leise, leise Wendung in Ih¬
rer Beurteilung der objektiven Situation anzuzeigen scheint.
Wir konnten uns des Zitats »und streckt den langen Rüssel
aus« nicht erwehren. Wenn wir uns nicht sehr täuschen, so ist
es eine Hoffnungsspur. Natürlich wäre der Gedanke, aus der
Zeitschrift ein bewegliches kritisches Organ für uns selber zu
machen, sehr verlockend. Aber man muß sich darüber klar
sein, daß es dann mit vollkommener Gewißheit und in allem
Ernst Skandal geben wird, und diesen sollte man aufschieben,
bis unsere großen Dinge einigermaßen in der Scheuer sind.
Deshalb meine ich, ist die andere Lösung, also combine mit
Lazarsfeld und uneingeschränkte Publikationsmöglichkeit un¬
serer Sachen vorzuziehen. Es wäre übrigens nicht schlecht,
sich jetzt schon wegen des dritten Hefts einige Gedanken zu

173
machen. Leo hat Bedenken, im nächsten Heft wieder etwas
Größeres von mir zu bringen (es handelt sich um den Dam-
rosch). Ich bm aber nicht nur psychologisch sondern auch
sachlich anderer Ansicht. Sie brauchen sich nur die Liste der
geplanten Aufsätze anzusehen, um zu verstehen, warum ich
der monopolistischen Ansicht bm.
Sehr gespannt bin ich auf Ihre Vorbemerkung zum Heft. Es
wäre vielleicht gut, auf der einen Seite die Verschiedenheit der
Standpunkte mit Bezug auf den Staatskapitalismus hervorzu¬
heben, auf der andern Seite aber die Einheitsmomente und
besonders die Beziehung von Ihrem und meinem Aufsatz zum
Staatskapitalismus kurz anzudeuten, um den Einwand abzu¬
fangen, das Heft befasse sich zu sehr mit dem Überbau. Viel¬
leicht kann man sogar sagen, daß der alte Begriff des Überbaus
im Staatskapitalismus nicht mehr gelte, d. h. daß es für diese
Epoche wesentlich ist, daß sie keine »Ideologie« mehr hat und
daß eben darum die Fragen des Bewußtseins eine Dignität ge¬
winnen, die sie nicht hatten, solange die Kultur das verdecken
mußte, was heute frei ist. Je totaler der Staatskapitalismus und
je planvoller, um so ernster wird sie — sowie ja auch in der
Frühzeit des Bürgertums ihr Ernst ganz anders war als im Li¬
beralismus. Dieser neue Ernst der Kultur und ihre Liquidation
durch die manipulierten Formen des Massenbewußtseins ste¬
hen mit einander in der tiefsten Beziehung. Es gibt nichts
Harmloses mehr und schon dem kleinsten Gedanken wohnt
aus sich selbst heraus eine solche Sprengkraft inne, daß man
das Denken gleich ganz abschaffen muß. Vielleicht kann man
von diesen Dingen in der Vorrede etwas andeuten. Es wäre der
vollkommene Kontrapunkt zu der These, daß es keine Öko¬
nomie mehr gibt.
Ich habe viel über den Willen zur Macht nachgedacht.
Wenn ich mich nicht sehr täusche, so liegt gerade hier und
nicht bei der ewigen Wiederkehr (die mit umgekehrtem Vor¬
zeichen die Reproduktion des Unheils genau genug trifft) die
eigentliche Fehlkonzeption Nietzsches vor. Was er den Willen
zur Macht nennt, ist eigentlich nichts als die Angst, diese zu

174
verlieren, also etwas, was zwanghaft im naturhaften Kreislauf
beschlossen bleibt. Er ist an dieser Stelle der Ideologie verfal¬
len geblieben und nicht kritisch genug gewesen. Wo er meint,
den unrationalisierten und dadurch gewissermaßen »gereinig¬
ten« Trieb vor sich zu haben, geht es bereits um die Rationali¬
sierung, die in letzter Instanz aus dem Entsetzen des Wilden
beim Gewitter in seiner Elöhle den erhabenen Weltgeist
macht. Wohl ist das Entsetzen der Weltgeist, aber er ist dann
eben auch danach. Hätte Nietzsche den Willen zur Macht
wirklich als Angst und blinde Naturbefangenheit gefaßt, und
manchmal ist er dem nahe genug, dann hätte seine Philoso¬
phie wirklich die Wahrheit ausgesprochen. So zerstört sie alle
Lügen außer der letzten und verfällt damit der schlimmsten.
Genau hier ist der Hegelsche Standpunkt viel kritischer und
aufgeklärter als der Nietzsche. Es kommt mir vor, als handle es
sich hier um etwas unmittelbar Aktuelles. Denn wenn man
wirklich sagt, das Profit- und Konkurrenzmotiv spiele in der
alten Form im Faschismus keine Rolle mehr, so gibt es einen
Sinn nur, wenn man den Machtwillen im exaktesten und
zwangshaften Sinn als das Dranbleiben Wollen versteht. Der
politische Umsturz ist für den Faschisten genau das Gleiche
wie für den Kapitalisten der Bankrott, und unausweichlich
folgen daraus alle seine Schritte/1' In dieser Form, scheint es
mir, ist das Konkurrenzmotiv im Faschismus »aufgehoben«,
nicht aber durch den »nackten« Machtwillen ersetzt, der selber
nicht nackt, sondern ein Kleid der blinden Notwendigkeit ist.
Nicht daß die Faschisten Angst hätten. Aber die objektive
Angst des Kapitals oder beinahe schon der Weltgeschichte be¬
darf gerade derer, die das Fürchten nicht gelernt haben. Die
Mythologien von Herakles und Siegfried wissen das ganz gut.
Ich glaube, die Besonnenheit dem Faschismus gegenüber for¬
dert es, daß man das dienende Prinzip im Faschismus, das der
objektiven Angst des Ganzen entspringt und beispringt, sich
vor Augen hält.

[Marginalie von Horkheimers Hand:] sehr wahr

175
Aus Ihrem letzten Brief glaube ich, scharfsichtig wie ich
schon bin, entnehmen zu dürfen, daß unsere Übersiedlung
entschieden ist. Es ist nur um des Friedens dieser Ferienwo¬
chen willen und nicht um Sie zu bedrängen, daß ich Sie
bitte, diese Entscheidung uns doch möglichst bald zu bestäti¬
gen. (Esperance de Walros, eine der maßgebenden Nilstuten,
pflegt zu sagen: »Das Wichtigste für ein Nilpferd ist Ruh«.)
Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Sehnsucht ich danach
habe, daß wir wieder Zusammenkommen. Und unsere Arbeit
ist überreif.
Wie sind froh, daß Sie jetzt zur Erholung kommen. Seien
Sie überzeugt, daß wir die unsere mit Energie betreiben wer¬
den. Egon und Lotte waren eine Woche mit dem Wagen hier,
und nun erst fängt der gemächliche Nilpferdtrab an. Schreiben
Sie uns doch ein paar Wbrte, wie Sie sich in Hollywood fühlen
und wie sich das Leben dort abspielt. Grüßen Sie Maidon und
Fritz sehr schön.
Alles Liebe - die restlichen zwei Monate ziehen sich unter
meinem Blick zusammen, als ob es nur noch Tage wären
immer Ihr
Teddie

Die Giraffe Gazelle grüßt nach Giraffenart, indem sie die Vor¬
derbeine ausemanderspreizt und sich mit steifer Grazie zusam¬
menknickt. Es steht alles im Brehm.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-EIorkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. - E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 111 ff.

Art and Communication: Vgl. Horkheimer, Art and Mass Culture, in: Stu-
dies in Philosophy and Social Science 9 (1941), S. 290-304 (Heft 2); die
deutsche Fassung, vgl. Horkheimer GS 4, S. 419-438.

Gurlandise: Vgl. Arkadij R. L. Gurland, Technological Trends and Econo¬


mic Structure under National Socialism, in: Studies in Philosophy and So¬
cial Science 9 (1941), S. 226-263 (Heft 2).

176
die Beschreibung der arbeitslosen linken Politiker: »Der stellungslose Politiker
der Massenpartei aber, dessen rhetorisches Pathos vom starken Arm ver¬
klungen ist, ergeht sich heute in Statistik, Nationalökonomie und inside
stories. Seme Rede ist nüchtern und wohlinfomiert geworden. Er behält
den angeblichen Kontakt mit der Arbeiterschaft und drückt sich in Ex-
portziffern und Ersatzstoffen aus. Er weiß es besser als der Faschismus und
berauscht sich masochistisch an den Tatsachen, die ihn doch verlassen ha¬
ben. Wenn man sich schon auf gar nichts Gewaltiges mehr berufen kann,
muß die Wissenschaft herhalten.« (Horkheimer, Autoritärer Staat, jetzt in:
Horkheimer GS 5, S. 314)

der Damrosch: Adornos Studie »The NBC Music Appreciation Hour«.

Ihre Vorbemerkung zum Heft: Vgl. jetzt Horkheimer GS 4, S. 412-418.

mein Aufsatz zum Staatskapitalismus: Gemeint ist Adornos Aufsatz über


Spengler.

Es gibt nichts Harmloses mehr: Mit diesem Satz hatte Adorno 1939 seine Be¬
sprechung von Paul Hindemiths »Unterweisung im Tonsatz« (Mainz
1937) eröffnet. Die Kritik sollte in der Zeitschrift für Sozialforschung pu¬
bliziert werden, das Heft erschien aber wegen des Kriegsausbruchs nicht
mehr. Vgl. jetzt Adorno GS 17, S.229.

Esperance de Walros: Vgl. auch Briefe an die Eltern, S. 104.

232 Horkheimer an Gretel und Theodor W. Adorno

Pacific Palisades, 4.8.1941

429 west 117TH Street 13524 D’Este Drive,


new york, n. y. Pacific Palisades, Calif.
Den 4. August, 1941.

Liebe Gretel und lieber Teddie:


Ihre beiden Karten vom 19. und 24. Juli habe ich erhalten
und danke Ihnen sehr, besonders auch für die prompte Ver¬
mittlung der Oppenheim Adresse.
In den letzten drei Wochen habe ich nur wenig arbeiten

177
können, denn neben einer sehr großen Korrespondenz hat die
Zeitschrift noch recht viel Mühe gemacht. Der Kirchheimer
Aufsatz kann unmöglich so veröffentlicht werden, wie er ist.
Wir haben uns hier mit ihm abgequält, um es schließlich auf¬
zugeben. Ich halte es für denkbar, daß man ihn im nächsten
Heft bringt. Man muß jedoch noch viel Energie auf ihn ver¬
wenden.
Da wir das Erscheinen des Heftes nicht weiter verzögern
wollen, so haben wir uns, wie Sie wissen, zur Publikation
meines Kunstaufsatzes entschlossen. Ich weiß, daß Sie damit
einverstanden sind. Löwenthal hat alle politischen Bedenken
zurückgestellt und erklärt, daß er sie heute kaum mehr ver¬
stehe. Wir wollen die Davidsche Fassung und die ersten Ab¬
sätze nach Finkeistein benutzen. David hat sich übrigens bis
jetzt hier recht ordentlich gehalten. Ich bitte Sie, jetzt schon,
die Korrektur dieses Aufsatzes besonders aufmerksan zu lesen.
Neugierig bin ich ferner auf Ihre Reaktion auf mein Vor¬
wort zu Fritzens Aufsatz. Die Sätze, die sich auf die hiesigen
Verhältnisse beziehen, enthalten, nicht ganz ohne Absicht,
eine Inkonsistenz. Es ist unklar in wie fern die conditions, un-
der which a real accord among men permeates the whole, mit
der Gegenwart identisch sind. Ich empfinde eigentlich diese
Konzession als recht unschön und habe schon nach New York
geschrieben, daß ich mit einer Streichung von »The opening
article . . .« Seite 5 bis zum Schluß einverstanden bin. Es
müßte dann nur der Satz: »However the present war may end,
men will have to choose between a new worldera of consum-
mate democracies or the hell of a totalitarian worldorder.«
nach » . . . to get rid of lt.« angefügt werden.
Unsere Besprechungen hier waren bis jetzt nur sehr sum¬
marisch aber ich glaube, Ihnen bestätigen zu können, daß Sie
im Oktober unter Auspizien hier eintreffen, die eine schöne
Periode verbürgen. Das Hauptproblem wird der Umzug mit
den Möbeln bilden, denn solange eine Beförderung durch
Schiff nicht möglich ist, sind die Frachtkosten exorbitant. Sie
werden daher im September mit Fritz die Frage zu erörtern
haben, in wie fern es möglich ist, daß Sie zunächst nur die
wichtigsten Sachen, zum Beispiel den Flügel, mitnehmen
und die anderen zeitweise emlagern. So oder so wird dieser
Zustand einmal vorüber gehen. Ein Auto wird man dagegen
leicht hier erwerben können. Es hat sich herausgestellt, daß
die Preise für gebrauchte Wagen kaum höher sind als im
Osten und wir kennen schon einige Leute, die recht viel von
Wagen verstehen, so daß man nicht betrogen werden kann.
Ein hübsches Haus in der Nähe von unserem zu finden wird
ebenfalls keine Schwierigkeit bilden und man könnte es im
Notfall entweder möbliert mieten oder mit billigen aber net¬
ten Möbeln provisorisch emrichten. Für den Garten garan¬
tiere ich.
Nach den Erfahrungen mit dem gegenwärtigen Heft
möchte ich das Heft No. 3 lieber im Wesentlichen hier redi¬
gieren und es statt der Public Opinion einem für uns leichte¬
ren Thema widmen. Marcuse und ich könnten zum Beispiel
zwei aufeinander abgestimmte Aufsätze über den Fortschritt
schreiben. Ferner könnte der hungernde Günther Stern ge¬
gen ein kleines Honorar eine ergänzende Arbeit liefern. Mit
dem verbesserten Artikel von Kirchheimer wäre dann der
Aufsatzteil voll. Natürlich steht es Ihnen frei, auch etwas zu
diesem Heft zu schreiben aber ich denke, Sie sollten den Au¬
gust zum Ausruhen benutzen. Ich möchte auch aus anderen
Gründen fast vorschlagen, daß Sie sich um diese Sache erst
kümmern, wenn mein Artikel vorliegt. Da ich durch die An¬
wesenheit von Lix und unsere Besprechungen ohnehin nicht
viel arbeiten kann, so will ich den Aufsatz für Nanda zurück¬
stellen und mich dem Fortschritt hmgeben. Ich werde schon
darauf sehen, daß die entscheidenden Fragen, die in den Ben-
jaminschen Thesen angeschnitten sind, uns für später aufbe-
halten bleiben. So wie ich es jetzt sehe, soll der Marcusesche
Aufsatz sich weitgehend auf die Fortschrittsideologie und ihr
Verhältnis zur Entwicklung des Individuums beziehen, wäh¬
rend meine Arbeit die Technik und experimentelle Psycho-
logy in den Mittelpunkt stellt.

179
Ich habe erfahren, daß in einer persischen Veröffentlichung
aus dem Jahre 1887 eine persische Chronik erwähnt ist, in der
sich Angaben über den vorübergehenden Aufenthalt einer aus
Deutschland stammenden Fürstin finden. Da die Daten der
Chronik weitgehend mit denen der Reise des Gongerlie-
schens übereinstimmen, so habe ich Grund zur Annahme, daß
es sich hier wirklich um dieses handelt. Selbstverständlich
gehe ich dem äußerst wertvollen Fund weiter nach und habe
bereits an die persische Akademie der Wissenschaften ge¬
schrieben, um zunächst von dort die Studie von 1887 zu erhal¬
ten. Sollte sich dann meine Vermutung bewahrheiten, so
plane ich die Entsendung einiger jüngerer Kollegen, um die
Chronik in den dortigen Archiven aufzufinden. Diese sollen
dann, mit Flilfe einiger des älteren Persisch kundigen Gelehr¬
ten, eine Übersetzung herstellen und versuchen an Ort und
Stelle der Sache weiter nachzugehen. Es sind bereits Reisen
ins Gebirge, ja einige Ausgrabungen vorgesehen. Leider läßt
sich infolge der gegenwärtigen kriegerischen Wirren all dieses
jetzt nicht durchfuhren aber ich bin mit den Vorbereitungen
für die Zeit nach dem Kriege jetzt schon beschäftigt. Ich darf
hoffen, daß mir einer der hiesigen Maecene einen kleinen
Raum in seinem Schloß zur Verfügung stellt, in dem die Be¬
weisstücke, die von der persischen Reise zu erwarten sind, ge¬
ordnet aufbewahrt werden können.
Alles Liebe
Ihr
Max.

Dr. Th.W Adorno,


Hotel de Gregoire,
Bar Harbor, Maine.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

Der Kirchheimer Aufsatz: Hier ist eindeutig der im dritten Heft publizierte
Aufsatz »The Legal Order of National Socialism« gemeint.

180
mein Vorwort: Gemeint ist die »Preface« zum ganzen Heft, deren Schlu߬
absätze Pollocks Aufsatz zum Thema haben.

Die Sätze, die sich auf die hiesigen Verhältnisse beziehen: »The study is not
confined to authoritarian society alone but conceives the latter as a sub-
species of state capitalism, thus raising the question whether state capital-
tsm might not be workable withm the framework of democracy rather
than terror. For more than eight years the government of this country has
attempted to overcome the difficulties of the prevailing economy by in-
corporating mto it the elements of plannmg, in the industrial as well as the
agricultural sector. The alarming predicament of agriculture in Germany
under the Weimar Republic was an important factor in the rise offascism.
In this the government of the United States has recognized the danger and
has attempted to bring agriculture under its control. The same holds true
for other sectors of economic life. [Absatz] The transition from the old so¬
ciety, however, to conditions under which a real accord among men — and
not merely, understandings among functionaries — should permeate the
whole, will not be achieved without protracted and mcreasingly bitter
struggles. The unprecendented governmental power necessarily associa-
ted with state capitalism is now in the hands of a democratic and humani-
tarian administration. It will be the goal of fascist groups within and with¬
out to wrest it away, and it is not too much to expect that the coming years
will be marked by such attempts. However the present war may end, men
will have to choose between a new worldera of consummate democracy
or the hell ofan authoritarian worldorder.« (Studies in Philosophy and So¬
cial Science 9 [1941], S. 198 f. [Heft 2]; eine deutsche Übersetzung vgl.
Horkheimer GS 4, S. 417)

das Heft No. 3: Sem Aufsatzteil enthielt Horkheimers »The End of Rea-
son« (dt.: Vernunft und Selbsterhaltung), Adornos »Veblen’s Attack on
Culture«, Marcuses »Soine Social Implications of Modern Technology«,
Pollocks »Is National Socialism a New Order« und den oben genannten
Aufsatz von Kirchheimer.

Lix: Felix Weil.

Gongerlieschen: Nicht ermittelt.

181
233 Theodor und Gretel Adorno an Horkheimer
Bar Harbor, 10.8.1941

Bar Harbor, 10. August 1941.

Lieber Max,
haben Sie tausend Dank für Ihren Brief vom 4. August. Ich
kann Ihnen nicht sagen, wie glücklich wir sind, daß nun die
Entscheidung gefallen ist und daß wir endlich wieder Zusam¬
menkommen. Und wenn man den mammuthaften Bedacht
Ihrer Formulierungen kennt, so wie wir, dann weiß man, daß
der Ausdruck »eine schöne Periode« wahrhaft une promesse
de bonheur impliziert — das einzige Glück, um des willen es
sich zu leben lohnt.
Ich weiß nicht genau, ob Sie meinen letzten Brief schon
hatten, als Sie den Ihren schrieben. Auf die Frage der Zeit¬
schrift war ich darin eingegangen. Ich denke, was das gegen¬
wärtige Heft anlangt, so können wir beruhigt sein. Ihr Vor¬
wort zum Aufsatz von Fritz habe ich nicht gesehen, werde mir
aber die von Ihnen bezeichneten Stellen genau ansehen.
(Ebenso natürlich die Korrektur des Kunstaufsatzes)
Was den Plan zum dritten Heft anlangt, so leuchtet er mir
sehr ein. Ein Heft über Public Opmion würde sich, von allem
anderen abgesehen, mit dem communication-Heft sehr über¬
schneiden. Eine Arbeit über Technik und Fortschritt halte ich
für äußerst wichtig — über genau das gleiche Thema haben wir
hier stundenlang Gespräche geführt. Bei dem Marcuseaufsatz
hielte ich es für nicht unwichtig, wenn er nicht zu geistesge-
schichtlich ausfällt. Es müßte vermieden werden, daß der
Reihe nach referiert wird, was alle Philosophen über Fort¬
schritt und Individuum gedacht haben, da sonst eine gewisse
Gefahr besteht, daß diese Aufsätze (der über Wesen, der über
Hedonismus und der neue) trotz verschiedener Inhalte durch
die analoge Art der Behandlung und gewisse abstrakt durch¬
gehaltene Thesen etwas einförmig werden.
Ich folge Ihrem Rat und benutze den August vollkommen

182
zum Ausruhen. Es scheint mir zu gelingen, durch sehr viel fri¬
sche Luft und Inhalieren die unerträglichen Kopfschmerzen
los zu werden, die mich während der beiden letzten Monate
fast ohne Unterbrechung gequält haben.
Im September hoffe ich — und der Nachdruck liegt dabei
auf dem Hoffen, ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird —
einen Entwurf, etwa des Titels »Ideen zur politischen Anthro¬
pologie« herzustellen, als aide-memoire für uns, und um mich
von einigen persistierenden Gedanken zu befreien. Sollte ich
damit zu Rande kommen, so könnten wir dann in Hollywood
entscheiden, ob wir es in irgendeiner Weise ins dritte Heft
nehmen wollen. Ich möchte es zunächst auf deutsch schreiben
und möglichst lose formulieren, um der gemeinsamen Arbeit
nichts vorwegzunehmen. Aufjeden Fall wäre ich sehr froh, zu
wissen, was Sie dazu meinen. In diese »Ideen« müßten auch
einige Thesen über Psychologie eingehen.
Es ist rührend, daß Sie sich heute schon wegen unserer
praktischen Dinge den Kopf zerbrechen. Die Giraffe ist besee-
ligt im Gedanken an das Gärtchen. Es wird uns darum ordent¬
lich schwer, den Punkt zur Sprache zu bringen, in dem wir,
wie der Helvetiussche Mensch, unsere Interessen verfolgen.
Während wir voll Dankbarkeit sind für all das Schöne, das uns
bevorsteht, haben wir in der Möbelsache Angst und mehr, wir
glauben, daß es bei sorgfältiger Erwägung sich als klüger her¬
aussteilen wird, trotz der großen Kosten unsere Siebensachen
zu transferieren. In aller Kürze einige der Überlegungen, die
mich bestimmen, Sie von Herzen zu bitten, uns dabei zu hel¬
fen und die Entscheidung gemeinsam zu treffen. Einmal ist,
nach den Erfahrungen in England und den ersten Monaten
hier der Zustand des Provisoriums, der sich sonst herstellt, für
die Arbeit denkbar ungünstig. Wenn es sich um wenige Wo¬
chen handelte, so würden wir das gewiß gern in Kauf neh¬
men, aber da der Krieg alle Anstalten macht jahrelang zu dau¬
ern, so würde auch dieser provisorische Zustand sich jahrelang
hinziehen und davon geht eine depressive Wirkung aus, die
ich Ihnen nicht beschreiben muß. Die Tatsache, daß unsere

183
paar Möbel das einzige sind, was wir von unserm Besitz zu ret¬
ten vermochten, spielt dabei auch eine Rolle. Es ist aber nicht
nur unsere Psychologie im Spiel. Unsere Wohnung war bisher
nicht nur flir uns — und ich hoffe, dabei darf ich Sie einschlie¬
ßen — etwas Schönes und Erfreuliches, sondern auch ein social
asset, etwas, was uns vor der Bosheit und dem Mißtrauen be¬
schützen half und es uns ermöglichte, unbefangen Menschen
bei uns zu sehen. Nach allen Erzählungen ist in Hollywood
das »offene Haus« so wichtig, daß ich es im Interesse der beruf¬
lichen Verbindungen für unrichtig hielte, wenn man diesen
Vorteils sich begeben würde. Sie selber haben einmal gesagt,
daß Ihnen so viel daran gelegen sei, daß gesellschaftlich der
Pferdestart in Hollywood so sei, daß er Mißverständnissen
vorbeuge. Sie wissen, wie fern unsjede Großmannssucht liegt,
aber gerade deshalb glaube ich, daß der Schutz einer gewissen
bürgerlichen Gediegenheit gar nicht ernst genug genommen
werden kann. Schließlich aber: bei unseren zum Teil alten
Möbeln bedeutet ein längeres Einlagern in New York fast
sichere Zerstörung, und wir würden damit buchstäblich das
letzte bißchen empirisches Europa verlieren, was wir herüber¬
gebracht haben. Das kann nicht Mammuts Wille sein. — Daß
wir uns je wieder auf dem gleichen Standard einrichten kön¬
nen, ist äußerst unwahrscheinlich. — Vielleicht findet sich aber
noch eine andere langsamere Beförderungsmöglichkeit
(Trucks?), welche die Kosten reduziert.
Gleichzeitig geht separat die MusikarbeiU ab. Ich bin un¬
endlich gespannt, was Sie dazu sagen werden. Ich habe mir alle
Mühe dabei gegeben und bin mir dennoch über die Unzu¬
länglichkeiten ganz besonders klar. Sie sind zum Teil in der
außerordentlichen Schwierigkeit des Gegenstandes und der

* Ich schicke den Durchschlag, nicht das Original, aus Angst,


dieses — mögliche Druckvorlage — könnte verlorengehen. Es
ist am besten, beim Lesen ein Blatt weißes Papier je unterzu¬
legen.

184
theoretischen Motive gelegen, zum Teil in meiner Ohnmacht,
zum Teil vielleicht auch in der problematischen Situation aller
Kunst und dem Bedenklichen, das Arbeiten über vorgeformte
Materialien mehr stets anhaftet. Ich wünsche mir nichts mehr,
als daß Ihnen trotz allem die Arbeit nicht ganz vergeblich er¬
scheint. Aus Gründen, die Ihnen bei der Lektüre sogleich ein¬
sichtig sein werden, möchte ich Sie bitten, nicht nur die Ar¬
beit nicht Schönberg zu geben, sondern auch zu vermeiden,
daß er von ihrer Existenz und ihrem Inhalt etwas hört. Er wäre
nicht fähig zu verstehen, daß die Angriffe ihm alle Ehre antun,
und es gäbe nur einen fürchterlichen Krach, der ganz un¬
fruchtbar bliebe.
Wann werden wir diktierend, radierend, lämmergeiernd
zusammen im Garten sitzen? Bald!
Alles Liebe auch an Maidon und Fritz
von den beiden Pferden
Teddie und Gretel
Bitte schreiben Sie uns recht bald.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

»Ideen zur politischen Anthropologie«: Adorno schrieb »Notizen zur neuen


Anthropologie«, die im Anhang, S. 453-468 wiedergegeben werden.

der Helvetiussche Mensch: Vgl. Claude Adrien Helvetius, De l’homme, de


ses facultes intellectuelles, et de son education, das posthum 1772 zuerst
erschien.

185
234 Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 13.8.1941

429 WEST II7TH STREET 13524 D’Este Drive


NEW YORK, N. Y. Pacific Palisades, Calif.

13. August 1941

Herrn Dr.Th. W. Adorno


Hotel de Gregoire
Bar Harbor, Maine

Lieber Teddie,
Vielen Dank für die beiden Briefe vom 30. Juli und 10. Au¬
gust. Machen Sie sich bitte wegen der Möbel keine zu schwe¬
ren Gedanken! Es ist darüber noch gar nichts entschieden. Ich
denke mir, Sie werden vor Ihrer Abreise die Vorbereitungen
für die Versendung treffen und dann mit mir hier endgiltig be¬
stimmen, was geschehen soll. Während der Zeit, in der die
Möbel unterwegs sind, können Sie in einem Motel wohnen,
wie wir es selbst getan haben. Da im Oktober keine Saison
mehr ist, so darf man hoffen, daß Sie eine hübsche Motel Cot¬
tage mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer und Kü¬
che wenigstens zum gleichen Preise wie wir, $ 3.00 pro Tag,
erhalten.
Wenn ich den Gedanken wegen der Möbel überhaupt
äußerte, so geschah es deshalb, weil wir von der Zeit Ihrer An¬
kunft in Los Angeles an gemeinsam mit aller Energie dafür
sorgen wollen, daß der relativ bescheidene Betrag, über den
wir dann verfugen werden, möglichst lange hält. Am Ende da¬
von steht nämlich dann das Nichts. Ich habe das Vertrauen,
daß wir es von nun an ganz richtig machen werden, so ähnlich
wie verbissene Kleinrentner. Da spielen natürlich Differenzen
von $ 1,000.00, um die es sich bei den Möbeln handelt, keine
geringe Rolle. Aber Sie dürfen davon überzeugt sein, daß alles
der gemeinsamen Beratung offen bleibt.

186
Im Augenblick mache ich mir Gedanken wegen des Häus¬
chens. Es wäre sicher das richtigste gewesen, wenn man, wie
ich es ursprünglich beabsichtigte, letzten Winter zu bauen be¬
gonnen hätte. Heute ist so etwas kaum mehr möglich, nicht
nur weil die Preise gestiegen sind, sondern weil man gar nicht
übersehen kann, ob es überhaupt noch fertig wird. Wir stehen
nun vor der Alternative, eines zu mieten oder zu kaufen. Für
das Mieten spricht die größere Beweglichkeit, die einmal sehr
wichtig sein kann. Für das Kaufen spricht die Gefahr der Infla¬
tion. Wenn — was freilich sehr unwahrscheinlich ist — die
Preise in den nächsten Jahren sehr steigen sollten, wäre ein
eigenes Häuschen ungefähr noch das Einzige, in das man sich
im wahrsten Sinne des Wortes zurückziehen könnte. Kauft
man ein Haus im Preise von etwa $ 6,000.-, so müßte man un¬
gefähr $ 1,000.00 anbezahlen. Wenn die Rückzahlung dieser
$ 1,000.00 während der nächsten Jahre zu den Kosten aus der
Hypothek von $ 5,000.00 monatlich geschlagen wird, so wä¬
ren Ihre monatlichen Zahlungen zusammengerechnet wahr¬
scheinlich immer noch nicht höher als der Mietpreis für ein
nettes Haus.
Da sowohl die Hauspreise als die Mieten täglich in die
Höhe gehen und die Auswahl geringer wird, bin ich nun fort¬
während versucht, entweder einen Kauf oder eine Miete für
Sie abzuschließen. Maidon, Fred und ich haben schon eine
ganze Reihe von Häusern angesehen, uns jedoch nie ent¬
schließen können, weil Sie halt nicht hier sind. Ich wäre Ihnen
nun dankbar, wenn Sie mir wenigstens Ihre Meinung zu dieser
Frage mitteilten. Es ist dann immer noch nicht sicher, ob ich
zu einem Entschluß komme, aber ich habe wenigstens einen
Anhaltspunkt. Die Zimmerzahl der Häuser ist überall unge¬
fähr dieselbe: 2 Schlafzimmer, Eiving- und Dining-Room
(entweder getrennt oder zusammen), Küche und Bad — also
ungefähr dasselbe, wie Sie es in der ioist Street gehabt haben.
Dabei muß man in Betracht ziehen, daß man sich zumeist auf
der Terrasse oder im Garten aufhalten kann. Es ist mir nun
wichtig zu wissen, wie Sie zur Frage eines alten oder neuen

187
Hauses stehen. Alte Häuser (io oder 12 Jahre alt) wie das von
Marcuse haben gewöhnlich größere Zimmer und sind besser
gebaut. Aber Maidon und ich finden, daß sie trauriger sind.
Bei neuen Häusern sind die Zimmer kleiner, aber lichter, und
es ist leichter, sie instand zu halten. Es ist natürlich unmöglich,
genaue Angaben zu machen, und ich möchte, wenn irgend
möglich, nicht abschließen, ehe Sie hier sind. Es könnte sich
jedoch unter Umständen eine besonders günstige Gelegenheit
bieten, bei der man sogleich zugreifen muß.
Wir haben nun doch versucht, Kirchheimer’s Artikel so
einzurichten, daß er vielleicht in diesem Heft erscheinen
kann. Natürlich würde mein Aufsatz deshalb nicht etwa weg¬
gelassen, sondern das ganze Heft um ungefähr einen Bogen
stärker gemacht. Diesen Bogen könnte man dann bei der 3.
Nummer emsparen. Ich bm zu diesem Entschluß gekommen,
weil der Artikel infolge des Themas das gegenwärtige Heft
durch Material bereichert, während er im nächsten Heft nicht
mehr gebracht werden könnte. Trotzdem bm ich nicht nur aus
politischen, sondern auch aus stilistischen Gründen noch im¬
mer bedenklich.
Vor einigen Tagen habe ich hier Max Ernst getroffen. Er hat
mir gesagt, Andre Breton sei in New York, und es ginge ihm
so schlecht. Ich versprach ihm, daß wir einmal nach Breton,
der schließlich zu den Anständigsten gehört, sehen wollten.
Vielleicht könnten wir ihm wenigstens einen Rat geben. Am
besten schreiben Sie wohl an Breton, um ein Zusammentref¬
fen mit ihm für Anfang September zu vereinbaren. Seme
Adresse ist: 60 West 9th Street, New York City.
In den letzten Wochen bm ich überhaupt nicht zur ver¬
nünftigen Arbeit gekommen. Zuerst hatte ich mit Fritz seinen
Aufsatz und eine ganze Reihe anderer Angelegenheiten
durchzugehen. Dann kam Lix mit seinen Sorgen, und schlie߬
lich die Arbeit am Kirchheimer, die mich tagelang in An¬
spruch genommen hat. Dazu kommen andere Fragen, z.B.
stehen wir mit Maclver wegen eines Zusammentreffens in
Korrespondenz.

188
Vor etwa 14 Tagen erhielt ich einen sehr langen Brief von
Masloff aus Cuba. Er möchte gern eine Arbeit für uns ma¬
chen, was wir natürlich nicht annehmen können. Der Brief ist
nun durch einen Zufall verloren gegangen, sodaß ich keine
Adresse für die Rückantwort habe. Wenn ich nicht schreibe,
ist er sicher furchtbar beleidigt, und ich weiß nicht recht, was
ich tun soll. Die Post geht, wenn ich mich recht entsinne, über
eine Frau Pleuchot in New York. Könnten Sie über Eislers,
die es ja wahrscheinlich wissen werden, feststellen, wie ich
Masloff erreichen kann?
Ich kann schwer ausdrücken, wie sehr ich mich auf den
Oktober freue.
Alles Liebe für Sie und die Giraffe,
Ihr
Max.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

Andre Breton ... in New York: Andre Breton und seine Familie waren am
24. März aus Marseille mit der »Capitame Paul Lemerle« nach Martinique
abgereist; auf dem Schiff reisten auch Claude Levi-Strauss, Victor Serge
und sein Sohn Vlady sowie der Maler Wilfredo Lam. In New York war
Breton im Juli angekommen, wo er von Peggy Guggenheim, die auch die
Überfahrt bezahlt hatte, monatlich mit 200 Dollar unterstützt wurde. Er
wohnte 1 ith Street West. Der Plan Bretons, an der New School zu unter¬
richten, realisierte sich nicht. Er unterstützte zu der Zeit Peggy Guggen¬
heim bei der Vervollständigung ihrer Sammlung, die eine Galerie — »Art
of this Century« — zu eröffnen gedachte.

Masloff: Arkadij Masloff (1891-1941), in Rußland geboren und in


Deutschland aufgewachsen, gehörte ab 1919 zur KPD, war Redakteur
und Theoretiker des linken Parteiflügels; er wurde 1926 aus der Partei aus¬
geschlossen. Er emigrierte nach Frankreich und dann nach Kuba. In sei¬
nem Brief vom 24. Juni aus Havanna hatte er Horkheimer geschrieben:
»Die gegenwärtige Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen ist
nur zu verstehen, wenn man diese Beziehungen seit dem Entstehen
Sowjetrußlands rekonstruiert. Ich komme damit zurück auf eine Arbeit,
die ich in Paris bis zum Jahre 1938 gebracht hatte. Das Manuskript ist dort

189
mit so vielem anderen untergegangen, aber mir ist sowohl der Plan wie
auch der Weg zu den Quellen noch einigermaßen im Gedächtnis geblie¬
ben, und deshalb schreibe ich Ihnen diesen Brief.« (Horkheimer, Brief¬
wechsel 1941-1948, S. 88) Horkheimer schrieb Masloff, daß das Institut
die Arbeit nicht finanzieren könne. Masloff sandte dann einen anderen
Vorschlag: eine Typologie des Terrorismus, den Löwenthal ebenfalls ab¬
schlägig beschied.

235 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 17.8.1941

17. August 1941.

Lieber Max,
tausend Dank für Ihren Brief vom 13. August. Sein Inhalt
sowohl wie die rührende Eile Ihrer Antwort, an der ich sehe,
wie genau Sie die Rennpferdenatur kennen, und mehr als alles
der Ton haben mich unendlich beruhigt. (Sie können sagen,
es sei töricht und neurotisch, wenn ich beunruhigt gewesen
bm und das ist sicher richtig, aber der depressive Effekt des hal¬
ben Jahres ohne Sie erklärt das vielleicht, und Ihre exakte
Phantasie weiß ohnehin alles besser, als ich es zu beschreiben
vermöchte.) Glauben Sie mir heute, daß ich auch vor dem
Nichts, vor dem wir einmal stehen können, keine Angst habe,
wenn wir gemeinsam davor stehen; denn diese Gemeinsam¬
keit ist die Negation des Nichts. Wir müssen in Hollywood
genau und bald besprechen, wie wir dies Nichts am besten
vermeiden können. Allem schon, weil es zu den Arbeitsbe¬
dingungen gehört zu wissen, daß nicht am Ende einer Periode
der Abgrund steht. Ich weiß, daß Sie darin ganz ähnlich emp¬
finden wie ich und am Begriff der Sekurität ebenso festhalten.
Und ich glaube, daß das sogar mit wesentlichen theoretischen
Motiven Zusammenhänge nämlich dem, daß wir nicht und in
keinem Sinn resignieren. Ich werde den Unbelasteten, unbe¬
denklich Existierenden gegenüber, die keine Angst zu kennen
scheinen, den Verdacht nie ganz los, daß sie nur darum die

190
Angst nicht kennen, weil ihnen längst das Rückgrat gebro¬
chen ist, das wir noch haben, und daß sie sich daher wie die
Hirnverletzten benehmen. Uns ist das Glück viel zu heilig, als
daß wir nicht das Unglück fürchteten.
Die Frage wegen des Häuschens ist, wie Sie sagen, recht
kompliziert und pro und contra so verwickelt, daß es aus der
Entfernung wirklich fast unmöglich ist, einen Entschluß zu
fassen. In der Frage altes oder neues Haus sind wir unbedingt
Ihrer Ansicht: nämlich neues. Licht, Luft* und leichte Han-
tierbarkeit halten auch wir flir wesentlich. Um die Entschei¬
dung nicht unnütz hinauszuziehen und andrerseits dabei
mitzuwirken, was bei den Imponderabilien einer Wohnstätte
sich doch recht empfiehlt, möchten wir Sie heute fragen, ob
es nicht geraten ist, schon früher nach Hollywood zu kom¬
men, etwa so, daß wir bereits Mitte September da sind. Die
frühere Aufgabe der Wohnung in New York ist wohl kein
Argument dagegen. Das einzige, was von uns aus dagegen
spricht, ist, daß ich dann den Anthropologieentwurf nicht
mehr zustandebrächte, aber der ginge auch in Hollywood
nicht verloren. Natürlich wissen wir nicht, wie Ihnen der
Vorschlag paßt und wir möchten Sie nicht durch eine Art
verfrühter Invasion bedrängen. Bitte lassen Sie uns Ihre Ent¬
scheidung wissen.
Um Ihnen nun einige Anhaltspunkte zu geben, worauf es
uns bei einem Häuschen besonders ankommt: 2 Schlafzim¬
mer, Zugang zum Bad möglichst so, daß man nicht durch ei¬
nes der Schlafzimmer hindurch muß; große Badewanne zum
Ausstrecken; Livmgroom groß genug für den Flügel, (lieber
eventuell keinen abgetrennten diningroom, aber nicht dmette
in der Küche); Gasherd, nicht elektrisch; Küche nicht zu
klein; Garage; genügend closets, da es ja keinen Keller, Boden
oder sonstige Nebenräume gibt; Lage nicht an einer der

* [Marginalie von Adornos Hand:| (NB die Giraffe hatte ge¬


tippt: Lust)
Hauptstraßen, damit es nicht zu lärmend ist; beim Kauf eines
Hauses, Vorsicht: Reparatur- und Instandhaltungskosten. -
Sollte sich in der Zwischenzeit etwas sehr Verlockendes bie¬
ten, so wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie sich vor Abschluß
nochmals mit uns in Verbindung setzen würden. — Wegen der
Möbel wird Ihnen Gretel dieser Tage schreiben.
Was den Kirchheimer anlangt, so habe ich, wie Fritz Ihnen
vielleicht erzählt hat, bereits in New York daran herumgeba¬
stelt. Nach meiner Erinnerung besteht der Aufsatz eigentlich
aus zwei Aufsätzen, deren erster das Problem der Zentral¬
notenbanken behandelt, während erst der zweite auf die mo¬
nopolistische Organisation des Nationalsozialismus emgeht.
Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Teilen schien
mir äußerst dünn und außerdem das Problem des ersten so
speziell, daß es gegenüber der viel prinzipielleren Fragestel¬
lung des zweiten zu Disproportionalitäten fuhrt. Wie wäre es,
wenn man unter Verzicht auf den Zentralbankteil nur den
zweiten (er dürfte irgendwo in den zwanziger Seiten des Ma¬
schinenmanuskripts anfangen) brächte? Die Arbeit könnte
dadurch nur gewinnen und fürs Heft wäre es eine gewisse Er¬
leichterung.
Ich bitte Sie sehr zu entschuldigen, daß ich immer noch
weder zu Ihrem Vorwort noch zur endgültigen Fassung von
Art and Communication noch zu der des Aufsatzes von Fritz
etwas sage. Daran bin ich aber ganz unschuldig, da ich trotz
dringendster Mahnungen nach New York bis heute weder
Fahnen noch Manuskripte bekommen habe.
Für den Anthropologieentwurf plane ich ein kleines Kapi¬
tel über Hitler und Chaplin. Bestätigen Sie mir bitte das Ein¬
treffen der Musikarbeit; irgendwie habe ich die Vorstellung,
daß die Post große Schwierigkeiten macht, dies Manuskript
zu Ihnen kommen zu lassen. — Mit Breton setze ich mich in
Verbindung und die Masloffadresse such ich zu eruieren. Für
Breton muß man Meyer Schapiro interessieren. Übrigens hat
mir zufällig vor ein paar Wochen Virgil Thomson erzählt, daß
Breton ein hervorragender Sachverständiger in Dingen der

192
Malerei sei und (wie viele französische avantgardistische
Schriftsteller) sich seinen Lebensunterhalt durch gewisse Zu¬
sammenhänge mit dem Kunsthandel verdient habe.
Lassen Sie mich nochmals mit aller einem Nilpferd zu Ge¬
bote stehenden Wucht meinen Dank wiederholen.
Alles Liebe auch an Maidon und Fritz von uns beiden
Ihr friedlich grasendes großes Rindvieh
Teddie

Zu den Erwägungen, die Ihr Brief ausgelöst hat, gehört auch


die, ob nicht Sie, ich und Gretel uns in unserer Freizeit zu
Analytikern sollten ausbilden lassen, um dann einmal, viel¬
leicht in Verbindung mit Menninger, ein Sanatorium aufzu¬
machen . . .
Im übrigen steht hinter all dem die Überlegung, daß wir
mit langen Zeiträumen zumindest rechnen müssen. Einen
eindeutigen Sieg Hitlers halte ich für unwahrscheinlich, einen
angelsächsischen für sehr möglich; lange Kriegsdauer für so
gut wie sicher. Ich stehe zu meiner These: der bisherige Ver¬
laufhat nicht Hitlers Stärke sondern die organisatorisch-tech¬
nische Schwäche der anderen erwiesen. Kapitalkraft vermag
das zu ändern. Deutschland erinnert mich immer mehr an die
Kukurolfirma, die trotz der fortgeschrittensten Propaganda¬
methode durch Kapitalschwäche fallierte (natürlich geht es
nicht ums Geldkapital). Die Herrschaft dürfte doch den gro¬
ßen, wohlfundierten Monopolen zufallen. Der Verlauf des
russischen Krieges scheint mir zumindest ein Index in der
Richtung meiner Erwägung. Was meinen Sie?

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. handschriftlichem Postskriptum; Max-


Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt
a.M.

ein kleines Kapitel über Hitler und Chaplin: S. Anhang, S. 472-474.

Meyer Schapiro: Der Kunsthistoriker Meyer Shapiro (1904-1996) lehrte seit


1928 an der Columbia University.

193
Menninger: Der amerikanische Psychiater Karl August Menninger (1893
bis 1990) hatte mit seinem Vater Charles Frederick die Menninger Climc
in Topeka (Kansas) gegründet. 1941 entstand die Menninger Foundation
»for research, training, and public education in psychiatry«.

236 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 18.8.1941

18. August 1941.

Lieber Max,
heute endlich habe ich das Vorwort erhalten. Es gefällt mir
ausgezeichnet. Es enthält eine Menge Formulierungen we¬
sentlicher Motive, die durch den Prozeß des Um- und Um-
formulierens flir die englische Fassung eine große Schlagkraft
und fast möchte man sagen, Eleganz erhalten haben. Zugleich
finde ich, daß das Vorwort ausgezeichnet die taktische Auf¬
gabe löst, das Mißverständnis auszuschließen, als erkenne der
Aufsatz von Fritz in der Tat die Möglichkeit eines nicht-anta¬
gonistischen Staatskapitalismus an, ohne daß Sie doch dem of¬
fiziellen marxistischen Optimismus die leiseste Konzession
machten. Wenn ich Ihnen hier ein paar Einfälle zu dem Vor¬
wort sage, so geschieht es eigentlich nur aus Gewissenhaftig¬
keit und nicht, weil ich im Ernst irgendwelche Kritik hätte.
Meine Erwägungen haben Sie selbstverständlich allesamt auch
angestellt. Wenn ich sie aufzähle, so nur, weil unter Umstän¬
den Koinzidenzen Ihnen etwas bestätigen mögen.
1) Der erste Absatz setzt für mein Gefühl etwas kontempla¬
tiv ein und enthält, flir sich genommen, wesentlich Bekanntes.
Erst im zweiten Absatz merkt man durch den Gegensatz, wie
sorgfältig alle die Formulierungen auf den Kontrast zur gegen¬
wärtigen Phase zugeschnitten sind. Ich frage mich, ob man
nicht das Tempo des Ganzen steigern könnte, wenn man den
Aufsatz sogleich mit dem zweiten Abschnitt begänne undje-

194
weils die Gegenthesen über den Liberalismus hier herein¬
zöge. - Ist übrigens rules of exchange für Tauschgesetze ein¬
deutig? Kann das nicht als Gesetze der Währung mißverstan¬
den werden?
2) Der Aufsatz macht implizit eine Dreiteilung von Kon¬
kurrenzkapitalismus, Monopolkapitalismus und Faschismus.
Der Monopolismus ist nur in dem sehr kurzen zweiten Ab¬
schnittchen behandelt. Würde es sich nicht empfehlen explizit
etwas über das Verhältnis von Monopolismus und Faschismus
zu sagen? Eine Differenzierung hier erschiene mir um so bes¬
ser, als der Aufsatz von Kirchheimer in der Gleichsetzung bei¬
der viel zu grob ist. Man könnte das sehr Hegelisch machen
und den Faschismus als den zu sich selber gekommenen Mo¬
nopolismus fassen. Der Monopolismus schlägt in die neue
Qualität des Faschismus um durch seine Totalität. Durch die
Allherrschaft der Monopole verändert sich die Wirtschaft und
die Gesellschaft, weil sie mit der Eliminierung eben des Mark¬
tes identisch ist, den die Monopole beherrschten.
3) Im Anfang des dritten Abschnitts: der Satz, daß society
has fallen to the mercy of mere individual interests könnte dis¬
kutiert werden. Handelt es sich nicht vielmehr um die unmit¬
telbare Durchsetzung der Interessen der herrschenden Klasse?
Weder sind die Führer im tieferen Sinne Individuen noch
kann ihr Interesse mit dem alten Profitinteresse ohne weiteres
gleichgesetzt werden. Ich würde eine Formulierung Vorschlä¬
gen etwa wie die, daß die Gesellschaft der Gnade der Erben des
alten Profitmteresses zugefallen ist, der paar Führer, die allem
es sich noch leisten dürfen Individuen zu sein und es eben da¬
mit erst recht nicht sind. Aber andererseits haben Sie natürlich
recht, das egoistische Interesse der happy few so stark wie nur
möglich hervorzuheben und vielleicht ist es besser die Dialek¬
tik der Individualität nicht anzuschneiden. (Ich bin gegen die
vorgeschlagene Änderung der Stelle G. G.) — Am Ende des
Absatzes (the unity of fascist leaders) könnte man vielleicht an¬
deuten, daß der Wille zur Macht selber Angst ist.
4) Im übernächsten Absatz schlage ich vor, in dem sehr

195
schönen Satz »Ersatzproduktion« durch einen anderen Be¬
griff, wie Wehrpsychologie, zu ersetzen. Grund: Gurland hat
in seinem Aufsatz gerade versucht zu zeigen, wie die Ersatz¬
produktion Produktivkräfte freisetzt. Ich habe das vage Ge¬
fühl, daß gerade die mit dem Mangel zusammenhängenden
Züge des Faschismus die sind, die wir am wenigsten tadeln
sollten. Zum letzten Satz des Abschnittes möchte ich nur noch
anmerken, daß vielleicht doch im Faschismus nicht nur die
Entfremdung sondern auch ihr Gegenteil anwächst. Vielleicht
könnte man das wenigstens durchblicken lassen.
5) Auf der Fahne 54 im zweiten Abschnitt würde ich aus
taktischen Gründen vorschlagen, den Hinweis auf Marx weg¬
zulassen. Die Eingeweihten wissen es ohnehin, die andern
brauchen es nicht zu merken, und Grossmann soll sich ärgern.
6) Leise Bedenken wegen der Stelle über Amerika. Sie soll
offenbar das Problem des demokratischen Staatskapitalismus
irgendwie konkretisieren. Die Skepsis schlägt aber so durch,
daß ich nicht weiß, ob nicht das Gegenteil erreicht wird und das
Ganze wie ein versteckter Angriff auf die Roosevelt Admini¬
stration wirkt. Meinem Instinkt nach würde ich den Schluß des
Absatzes von »For more than eight years« ab streichen. In dem
Satz, der dann den Absatz schlösse, würde ich dann aus stilisti¬
schen und taktischen Gründen anstatt »inight not be workable«
vielleicht might be workable (ohne not) sagen.
7) Das einzig ernstere Bedenken betrifft den ersten Satz des
folgenden Absatzes (The transition etc). Den Schluß dieses
Satzes, besonders den Ausdruck »will shake the verv founda-
tions of society« halte ich für wirklich und im Ernst gefährlich.
Vorschlag: nach »should permeate the whole« direkt fortfah¬
ren: »cannot be achieved without protracted . . .«
Die Fahne des Aufsatzes von Fritz habe ich ebenfalls erhal¬
ten, und wenn ich noch etwas dazu habe, werde ich ihm sepa¬
rat schreiben. Art and Communication ist noch nicht da.
Alles Liebe
Ihr
Teddie

196
Schardt ist nicht vergessen. Es haben sich aber mit Runes
(bzw. Krenek) gewisse Schwierigkeiten ergeben, deren Ap-
planierung ich abwarten möchte, ehe ich Schardt vorschlage.
Ihr Änderungsvorschlag zum Vorwort aus Ihrem Brief vom
4. August scheint in der Fahne bereits durchgefiihrt. Wenn
nicht (ich kenne ja das Manuskript nicht) dürfte mein Vor¬
schlag 7 Ihrem Desiderat Rechnung tragen.
Herzlichst!

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. handschriftlichem Postskriptum; Max-


Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt
a.M. - E: Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 132 ff.

das Vorwort: Die Fahne hat sich im Horkheimer-Archiv nicht erhalten.

237 Gretel Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 19.8.1941

Bar Harbor, 19. August 1941.

Lieber Max,
es ist wirklich zu dumm, daß ich nicht schnell nach Holly¬
wood hinüberkommen, mit Ihnen gemeinsam ein Häuschen
ansehen und alles besprechen kann. Schriftlich bekommen die
praktischen Dinge so ein falsches Gewicht. Aber da wir zu¬
sammen es ja so gut wie nur möglich machen wollen, muß ich
doch noch einmal von den Möbeln anfangen.
Natürlich sind auch wir unbedingt dagegen unnötig Geld
auszugeben. Aber die Entscheidung über nötig und unnötig
hängt von der Kalkulation ab. Sie sprechen von $ 1000.- für
den Transport unserer gesamten Sachen. Wenn wir nun teilen
würden, in Sachen, die wir unbedingt brauchen und mitneh¬
men müssen:
Aus dem Wohnzimmer: Flügel und Stuhl,
Eßtisch und 6 Stühle,

197
Aus Teddies Zimmer: Bett, Großvaterstuhl
Kommode, 2 Bauernstühle,
Grammophon, Tischchen, Plat¬
ten und 2 Rollschränkchen.
Aus meinem Zimmer: Couch,
Sekretär (von Agathe),
2 Sessel, 2 kleine Tische.
Teppiche, Silber, Wäsche, Kleider, Bücher, Bettzeug usw.
Küchentisch, 2 Stühle.
und in solche, die eventuell in New York eingelagert würden:
Aus dem Wohnzimmer: Biedermeiergarnitur: Sofa, run¬
der Tisch, 3 Stühle, 1 Sessel,
großer Schrank, 2 Notenständer.
Aus Teddies Zimmer: großes Büchergestell,
Tisch und Stuhl.
Aus meinem Zimmer: Kommode, Glasvitrine, 1 Stuhl
Küchenschrank.
so würden sich die Transportkosten meiner Ansicht nach um
höchstens vielleicht $ 400.- ermäßigen. Da wir aber keine
überflüssigen Sachen besitzen, müßten im Westen wieder
neue angeschafit werden, und ich fürchte, daß sich das nicht
unter $ 250.- machen läßt. Dazu käme dann noch das Einlage¬
rungsgeld in New York für längere Zeit. Es ist also die Frage,
ob sich das Zurücklassen der Möbel bei einer Ersparnis von
nur ca. $ 100.- für das Institut wirklich lohnt. Ich wäre Ihnen
sehr dankbar, wenn Sie die Frage auch einmal mit Maidon be¬
sprechen wollten. — Ihr Vorschlag, daß wir alles gemeinsam
erst an Ort und Stelle entscheiden wollen, hat nur den einen
Nachteil, daß ich dann nicht in New York bin und dem Spe¬
diteur nicht angeben könnte, was geschickt werden und was
dableiben soll. Vielleicht wäre es das Beste, wenn man gleich
alles nach den beiden oben angeführten Listen in 2 Lifts pak-
ken würde. Unter Umständen könnte der eine dann sofort ge¬
schickt werden, damit wir das Wichtigste gleich haben, über
den Rest in Ruhe entscheiden können und nicht unnötig;
lange möbliert wohnen und $ 3.- pro Tag zahlen müssen. Das

198
käme natürlich nur in Betracht, wenn die zweimalige Absen¬
dung den Transport nicht verteuerte. Lieber Mammut, ich
hoffe, Sie sehen an meinen rechnerischen Kunststücken we¬
nigstens den guten Willen, zur Lösung der Frage beizutragen.
Ich erwarte mit Aufmerksamkeit Ihre Meinung. Wenn wir
wirklich früher übersiedeln sollten, ist ja Eile am Platz. Wir
müßten uns dann gleich nach unserer Rückkehr mit dem Spe¬
diteur (ä propos welchem?) in Verbindung setzen. Wir fahren
am 30. August hier ab, bleiben 2 Tage in Boston und sind am
Dienstag, den 2. September in New York.
Ahes Liebe Ihnen beiden und bitte grollen Sie nicht dem
Plagegeist
der Giraffe Gazelle
Gretel
Wenn Maidon noch irgendetwas aus New York besorgt haben
möchte, so bitte ich sie sehr herzlich es mir zu schreiben.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

238 Gretel Adorno an FIorkheimer


Bar Harbor, Nach Dem 19.8.1941

Lieber Max,
ich habe heute schon fünf verschiedene Kostenvoranschläge
von Spediteuren eingeholt. Der Transport all unserer Sachen
wird nicht 1.000 $ sondern ca 600-650 vorsichtig gerechnet
kosten. Der Unterschied von Schiff und Bahn dürfte nicht
mehr als 100 $ ausmachen. Es wäre sehr heb, wenn Sie mir ein
Wort der Beruhigung schreiben würden, bis zum 12. Septem¬
ber ist es noch so lange.
Herzlichst
stets
Ihre Gretel

199
ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und
Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

239 Adorno an Horkheimer


Bar Harbor, 21.8.1941

Bar Harbor, 21. August 1941.

Lieber Max,
nun sind auch die Fahnen von »Art and Mass Culture« — der
neue Titel gefällt mir sehr — eingetroffen. Ich kann nur wie¬
derholen, wie froh ich darüber bin, daß die Arbeit erscheint,
und daß sie mir von allen Ihren Texten am nächsten steht. Das
bezieht sich nicht nur auf die einzelnen dann enthaltenen
theoretischen Einsichten, sondern vor allem auch auf den
Ausdruck des Ganzen. Es geht wirklich eine Erfahrung davon
aus - fast könnte man sagen, der Aufsatz stelle eine Gebärde
dar noch mehr als einen Gedanken. Etwa wie wenn .man, ver¬
lassen auf einer Insel, verzweifelt einem davonfahrenden Schiff
mit einem Tuch nachwinkt, wenn es schon zu weit weg ist
zum Rufen. Unsere Sachen werden immer mehr solche Ge¬
sten aus Begriffen werden müssen und immer weniger Theo¬
rien herkömmlichen Sinnes. Nur daß es eben dazu der ganzen
Arbeit des Begriffs bedarf.
Wenn ich durchaus eine Abweichung konstruieren sollte,
so würde sie sich auf die Zuordnung von Kunst und monado-
logischem Individuum beziehen. Sie haben die Dialektik der
Beziehung selber angedeutet, wo Sie von der objektiven Be¬
deutung der isolierten Kunstwerke und ihrem Erkenntnischa¬
rakter reden, der über den des bloßen Symptoms entscheidend
hmausgeht. Aber ich frage mich, ob nicht die Kunstwerke, die
welche waren, von jeher gegen das schlechte Individuum so
gut wie gegen die schlechte Gesellschaft standen. Ich frage
weiter, ob nicht der Bereich der Kunst auch historisch über

200
den des psychologischen Individuums weit hinausgeht. Und
ich frage mich endlich, ob das Ende der Individualität im alten
Sinn — ein Ende, in dem ja doch eben auch die Kritik an etwas
Schlechtem und Veraltetem liegt — so durchaus mit dem Ende
der Möglichkeit von Kunst koinzidiert, wie es wenigstens stel¬
lenweise im Aufsatz erscheinen könnte. Das alles melde ich
heute nur als Fragen zur gemeinsamen Behandlung an und bin
im übrigen aufs äußerste gespannt, was Sie zu den Teilen der
Musikarbeit sagen werden, in denen ich versucht habe, zu die¬
sen Dingen etwas beizutragen.
Lassen Sie mich nun wieder meine Anmerkungen zum
Text machen, einfach dessen Verlauf folgen, so daß Sachliches,
Taktisches und Technisches durcheinander stehen,
1) Fahne fünfundfünzig. In der ersten Fußnote würde ich Ad¬
lers Vornamen Mortimer nennen, um ihn nicht zu groß zu
machen.
2) Im ersten Absatz, kurz nach der Aufzählung fear, awe . . .
ist die Rede vom Urteil des Individuums who abstracts from
prevailing social Standards. Das Mißverständnis ist möglich,
jene außerästhetischen Qualitäten, von denen sich die ästhe¬
tische Erfahrung emanzipiert hat, mit den social Standards
gleichzusetzen, was doch nicht gemeint ist. Da der erste Ab¬
satz in seiner außerordentlichen Verkürzung auf englisch im¬
mer noch äußerst schwierig sein dürfte (weitaus das Schwie¬
rigste des ganzen Aufsatzes), so würde ich unbedingt raten,
etwas gegen dies Mißverständnis zu tun, und wenn es noch
möglich wäre, ein paar ausfuhrende und vermittelnde Sätze in
den Abschnitt einzufügen. Es wäre für die Wirkung (nicht für
die Sache) sicher nur gut.
3) Am Ende des drittletzten Abschnittes das kursive Wort
mondanite würde ich lieber klein schreiben, aber Gott weiß,
wie es die Amerikaner machen.
4) Mit Rücksicht auf die Termini leisure time und free time
könnten wir vielleicht eine einheitliche Terminologie einfüh¬
ren. Ich habe Fritz zu seinem Aufsatz darüber geschrieben. Da
nun aber im zweitletzten Abschnitt dieser Fahne gerade wie-

201
der von free time die Rede ist, so ist mein Vorschlag an Fritz
nicht praktikabel.
5) Kurz nach der Stelle über free time, etwa von »If lt goes
beyond recreation« an, ist es sprachlich nicht mehr deutlich,
daß all diese Sätze quasi indirekte Rede, ironisch im Sinn der
herrschenden Klasse gesprochen sind. Vorschlag: anstatt »it
becomes wasteful« lieber it is regarded as wasteful. Der An¬
schluß des nächsten Satzes »The children« scheint mir auf eng¬
lisch nicht ganz ideal. Vielleicht kann man hier einen »kom¬
mentierenden« Satz einfugen.
6) In diesem zweitletzten Absatz, am Anfang der Zeile 6
von unten, fehlt im Wort unemployment das erste e.
7) Im ersten Satz des letzten Abschnitts würde ich Vorschlä¬
gen anstatt des Semikolons einen Punkt zu setzen und eventu¬
ell vor »in the twentieth Century« Then zu setzen. Sonst ist der
Zusammenhang nicht eindeutig. (Vielleicht mit David be¬
sprechen.)
8) Fahne sechsundfünfzig. Am Anfang des dritten Absatzes
der Satz »Art cannot endure . . . « scheint mir zu krass. Er ist
zwei Mißverständnissen offen: entweder dem, daß wir die Ab¬
schaffung der Kunst proklamierten, oder dem, daß wir den
Untergang des monadologischen Individuums einfach be¬
klagten. Natürlich schließt der weitere Verlauf des Aufsatzes
beides aus. Aber vielleicht wäre es keine zu große Konzession,
wenn man hier schon eine dialektische Verzahnung anbrächte.
Mir ist übrigens eingefallen, daß sehr große Künstler wie
Hebbel und Schönberg den Schutz der Familie nicht gehabt
haben. Bei beiden reflektiert sich das im Werk und anderer¬
seits gehören beide einer Periode an, in der die Familie als ge¬
sellschaftliche Kategorie zentral steht. Aber es gibt doch zum
Einhalten Anlaß.
9) Em sehr leises Bedenken: sollte man Picassos Guernica
nennen? An Guernica ist schockierend wesentlich der Stoff,
aber gerade darum wird der jüdische Bürger dieses Bild eher
verzeihen als die abstrakten. Jedenfalls trifft auf die abstrakten
die Charakteristik des Unkommunikativen genauer zu.

202
io) Der zweite Satz des letzten Abschnitts »But the gulf« hat
offenbar beim Druck Schaden gelitten. Die Konstruktion ist
nicht ganz verständlich, das letzte Satzgliede »art and commu-
mcation are incompatible« scheint mir in der Luft zu hängen.
n) Fahne siebenundfünfzig. Im zweiten Abschnitt, ziemlich
zu Anfang, ist der Zusammenhang des Satzes »The substance
of the individual« mit dem vorhergehenden nicht ganz durch¬
sichtig. Das »however« genügt für mein Gefühl nicht. Hier
würde ich dringend raten, einen kommentierenden Zwi¬
schensatz emzufügen, der etwa sagt, daß jedenfalls unter den
heute in der ganzen Welt vorherrschenden Tendenzen die
Substanz des Individuums in sich verschlossen bleibt und daß
auch beim Gelingen einer planvollen Welt die Drohung für
den Menschen fortbesteht und möglicher Weise anwächst.
(Bitte verzeihen Sie die Trivialität, aber ich glaube wirklich,
daß im Englischen der Sprung zu viel bedeutet, oder kann zu¬
mindest nicht abschätzen, ob er nicht zu viel bedeutet.)
12) Fahne achtundfünfzig. Die Stelle über das Christentum
als scandal im zweiten Abschnitt nach der ersten Fußnote, ist
vielleicht in dieser Form taktisch gefährlich. Entweder man
könnte scandal in Anführungszeichen setzen oder nach world
die Worte einfügen: accordmg to St. Paul.
13) Der in der zweiten Fußnote genannte Kierkegaard¬
übersetzer heißt, wenn mein Gedächtnis mich nicht sehr
trügt, Dorner ohne e.
14) Beim vorletzten Abschnitt möchte ich daran erinnern,
daß, wenn man nun das entscheidende Wort gegen den Positi¬
vismus erwartet, der Hinweis auf das Festhalten an der veralte¬
ten wissenschaftlichen Arbeitsteilung als auf die positivistische
Hauptsünde etwas schwach wirkt. Ich könnte mir einen
Uber-Neurath vorstellen, der damit aufräumt, und die Sache
nur noch schlimmer macht. Aber das bezieht sich nur auf un¬
sere eigenen Überlegungen, nicht auf die Publikation. Ich
glaube, hier ist die Schwelle, wo die verschwiegene Theologie
unabweislich wird. Immerhin könnte ich mir vorstellen, daß
die immanente Kritik der positivistischen Grundkategorien

203
doch recht weit fuhren und die Position erschüttern wird,
ohne daß man aus pragmatischen Gründen den Positivismus
verwirft. Die Motive dazu haben wir jedenfalls bereit. Aber
wie gesagt, das bezieht sich nicht auf diesen Text und die Form
seiner Veröffentlichung.
15) Muß es nicht im zweitletzten Absatz Z. 6 von unten an¬
statt »regressive« retrogressive heißen?
16) Fahne neunundfünfzig. Bei dem Absatz über Film und
Kunst ist mir noch nicht ganz wohl. Daß der Film noch keine
Kunst sei, ist darum vielleicht nicht ganz adäquat zu sagen,
weil ja der Film seiner Potentialität nach, also gerade wenn er
einmal wirklich anständig sein wird, zum traditionellen Be¬
griff des Kunstwerks polemisch steht. Flier kämpfen wir mit
einer doppelten Front: einmal gegen den Schund der Amü¬
siermonopole, zum anderen aber gerade gegen die gehobe¬
nen, »künstlerischen« Filme. Der Absatz könnte zu deren
Gunsten mißverstanden werden. Vielleicht läßt sich hier, am
besten nach dem ersten Satz des Abschnitts, noch etwas Aus¬
fuhrendes einfugen. Bei dem ganzen Satz »But the discrep-
ancy« fühle ich mich nicht ganz zuhause. Vor allem deshalb,
weil angesichts der ungeheuren Schärfe des Ganzen die Rede
von den »achievements« als Konzession nach außen zu durch¬
sichtig ist. Ich könnte mir denken, daß man um die ganze
Schwierigkeit herumkommt, wenn man in dem angeregten
Sinn über die Disparatheit der Kategorien Kunst und Film po¬
sitiv und negativ etwas sagt.
Das etwa ist mir bei der nochmaligen gründlichen Lektüre
aufgefallen. David hat sich mit unseren Sachen große Mühe
gegeben. Vielleicht wäre es ganz hübsch, ihn, etwa im Vor¬
wort, zu nennen.
Bitte verzeihen Sie die Sturzflut von Briefen. Durch das
Zusammentreffen der Fahnen und unserer baldigen Übersied¬
lung hat sie sich nicht vermeiden lassen.
Alles Liebe von uns beiden
immer Ihr
Teddie

204
Es dürfte Sie interessieren, daß der alte Butler in seiner jüng¬
sten Adresse mit größtem Nachdruck auf Spengler hingewie¬
sen hat.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-EIorkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

die Fahnen: Horkheimer hat von den folgenden Ausstellungen Adornos


die meisten berücksichtigt; an der Nennung von Picassos Bild »Guernica«
hielt er allerdings fest.

Adler: Die erste Fußnote des Aufsatzes lautet: »These remarks have been
provoked by Mortimer J. Adlers book, Art and Prudence, New York and
Toronto 1937.«

Butler in seiner jüngsten Adresse: Nicholas Murray Butler (1862-1947) war


seit 1885 Mitglied des Philosophical Department des Columbia College,
das 1896 Univeristät wurde, er war von 1901 bis 1945 Präsident der Uni¬
versität. 1931 erhielt er den Friedensnobelpreis. - Die address ist nicht er¬
mittelt.

240 Horkheimer an Gretel und Theodor W. Adorno


Pacific Palisades, 27.8.1941

Liebe Gretel und lieber Teddie!


Morgen schreibe ich. Heute sende ich nur Grüße, um Ih¬
nen zu sagen, daß die Verzögerung nichts zu bedeuten hat, es
sei denn daß hier vorerst noch großer Betrieb herrscht, ohne
viel Inhalt. Ich bin nur sehr selten zur Arbeit gekommen. Aber
ich glaube, das ist in dieser Woche nun zu Ende. — Die Musik¬
arbeit ist da.
Alles Liebe
Ihr

27. August
Wie lange bleiben Sie noch in Bar Harbor?

205
ÜBERLIEFERUNG Ansichtskarte: Cactus on the desert at Red Rock
Canyon, Calif. - O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a.M.

241 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 28.8.1941

429 WEST II7TH STREET 13524 D’Este Drive


NEW YORK, N. Y. Pacific Palisades, Cal.
August 28, 1941

Lieber Teddie!
Ihre und Gretels Briefe vom 17., 18., 19. und 21. August
habe ich erhalten. Mit dem vom 17.8. haben Sie mir eine be¬
sonders große Freude bereitet. Auch ich glaube, daß wir den
Kampf gegen das Schicksal, wenn wir einmal zusammen sind,
unter guten Auspizien aufnehmen können. Es wird freilich
nicht immer ganz leicht sein. Ihre Anregung wegen der Ana¬
lyse kommt einem alten Gedanken von mir entgegen und ich
bin hier nicht selten mit Simmel zusammen. Seine geschie¬
dene Frau hat sich auf seine Anregung hin bereit erklärt, für
das Institut hier zu volontieren. Gegen die Realisierung Ihres
Gedankens sprechen drei Einwände. Erstens wird die Lage der
nichtmedizmischen Analytiker hier immer prekärer. Zweitens
wird von freier Zeit im nächsten Jahr bei uns beiden nicht viel
die Rede sein. Drittens übt die Analyse, wenn man sich prak¬
tisch mit ihr befaßt, einen furchtbar verdummenden Einfluß
aus. Die Orthodoxen sind natürlich die einzigen, die für uns in
Frage kommen und Sie haben wohl kaum eine Vorstellung,
wie borniert die Lehren, die in unserer eigenen Dialektik eine
positive Rolle spielen, klingen, sobald man sie naiv nimmt.
Trotzdem werden wir den Gedanken, der mir wie gesagt
schon oft gekommen ist und noch einige andere in ähnlicher
Richtung, ernsthaft erörtern.
Für Ihre Bemerkungen zum Vorwort und zum Aufsatz

206
danke ich. Den meisten stimme ich völlig bei. Ich habe jedoch
nicht mehr viel geändert, da ich so wenig wie möglich Kosten
machen wollte. Ich bm Ihren Vorschlägen meist gefolgt, wo es
sich ohne große Änderungen machen ließ. Der Vorschlag fünf
in Ihrem Brief vom 18. August wegen des Vorworts ist noch
nicht berücksichtigt. Nach langer Überlegung bm ich doch zu
keinem Resultat gekommen. Sie werden sich denken können,
daß ich den Namen gerade deshalb hingesetzt habe, weil es
nicht nur, wie Sie schreiben, die Eingeweihten sondern auch
die anderen merken. So schien mir die Nennung eher eine
Distanzierung als eine weitere Identifizierung zu bedeuten.
Ich weiß, daß der Punkt sehr strittig ist und bitte Sie, vielleicht
noch einmal mit Löwenthal darüber zu sprechen und evtl,
noch jemand hmzuzuziehen. In Punkt sechs konnte ich mich
Ihnen nicht anschließen. Aber auch darüber sprechen Sie viel¬
leicht noch einmal mit Löwenthal, denn das läßt sich ja leicht
im Umbruch ändern. In Punkt sieben haben Sie völlig recht.
Wir sind eben in einer schlechteren Lage als die Aufklärer.
Am ersten Abschnitt des Aufsatzes habe ich nichts mehr
korrigiert. Als die Publikation im Lrühjahr akut war, hatten
wir eine ganze Reihe von Änderungen und Einschaltungen
vorgenommen. Sie wurden jedoch schließlich, sei es auf
Grund der Intervention Finkeisteins, sei es aus anderen Rück¬
sichten, wieder zurückgenommen. So habe ich nun die Stelle,
wohl wissend, daß sie übermäßig verkürzt und angreifbar ist,
gelassen wie sie ist. Es schien mir als hätte ich es jetzt in der Eile
nur noch schlechter machen können. Ähnliches gilt für die
Bemerkungen acht und elf (aus Ihrem Brief vom 21.8.). Über
diese Fragen müssen wir uns selbst erst noch gründlich ver¬
ständigen und zu verbindlichen Formulierungen kommen.
Der Bemerkung sechzehn habe ich Rechnung getragen, fer¬
ner den meisten übrigen soweit David ihnen beistimmte. An¬
stelle von Guernica hätte ich schon von Anfang an zwar nicht
ein abstraktes Bild, aber das »Mädchen mit dem Hahn« ge¬
nommen. Ich bin nur deshalb bei Guernica geblieben, weil in
dem Zusammenhang kaum eine Möglichkeit bestanden hätte,

207
ein anderes Bild klar zu bezeichnen. Übrigens kann man
Guernica nicht nachsagen, daß es besonders kommunikativ
sei.
Daß wir David irgendwo nennen sollten, ist unbedingt
richtig. Das inhaltlich belastete Vorwort scheint mir jedoch
nicht der richtige Platz zu sein. Ich werde mit ihm die Frage
besprechen.
Gern hätte ich, daß die Titel des Heftes etwas mehr zusam¬
menstimmten. Ich habe Löwenthal gebeten, mir Vorschläge
zu machen und auch darüber könnten Sie vielleicht nach Ihrer
Rückkehr mit ihm sprechen. Nachdem der Kirchheimer-
Aufsatz jetzt so eingerichtet ist, daß er wahrscheinlich mit her¬
eingenommen werden kann, macht das Heft einen relativ
reichhaltigen Eindruck (bitte sehen Sie sich den Kirchheimer-
Aufsatz, besonders den Anfang und den Schluß, noch einmal
genau unter taktischen Gesichtspunkten an und veranlassen
Sie gegebenenfalls Löwenthal, Änderungen oder Streichun¬
gen bei Kirchheimer durchzusetzen). Die Titel sollten jedoch
im Sinne der Geschlossenheit gewählt werden.
Da dies das erste theoretische Heft in englischer Sprache ist,
das wir herausbringen, muß es unbedingt noch von einem re¬
lativ neutralen, auf diesen Gebieten erfahrenen Amerikaner
gelesen werden, bevor es erscheint. Wir allein können un¬
möglich die Konsequenzen überblicken. Es könnte sein, daß
wir eine Kleinigkeit übersehen oder unterlassen haben, die
uns nachher die größten Schwierigkeiten bereitet. Ich habe
Löwenthal bereits darüber geschrieben und vorgeschlagen,
daß man etwa einen Mann wie Innes darum bittet, das Heft im
Umbruch von der ersten bis zur letzten Seite in wenigen Ta¬
gen gegen ein Honorar durchzulesen und etwaige Schocks zu
verzeichnen. Vielleicht ist aber Innes zu naiv und uninteres¬
siert und man sollte höher greifen. Bestimmt nicht in Frage
kommen Leute wie Finkeistein.
Auf jeden Fall sollte das Heft noch im September erschei¬
nen. Die Leute müßten es bei der Rückkehr auf ihrem
Schreibtisch finden und sich nicht wieder ärgern, daß nichts

208
von uns vorliegt. Damit bei all dem kein Chaos im Institut
entsteht, rate ich Ihnen, in keiner Frage direkt zu handeln son¬
dern die Dinge mit Löwenthal zu erörtern und diesen dann
mit den anderen sprechen zu lassen. Sonst gibt es bloß unnö¬
tige Schwierigkeiten und wir haben ja beide ein Interesse
daran, daß zur Zeit Ihrer Abreise ein möglichst harmonisches
Verhältnis im Institut herrscht.
Wir haben nun noch weitere Häuschen angesehen, ich bin
jedoch schließlich zum Entschluß gekommen, bis zu Ihrer
Ankunft zu warten. Ich habe Angst, daß ich sonst etwas miete,
was Ihnen dann nicht gefällt und wenn ich auch das Lämmer¬
geiern der drei Lämmergeier bei der Ankunft schließlich noch
mutig ertragen würde, so möchte ich umso weniger sehen,
daß sie dann vor Enttäuschung die Flügel hängen ließen. Ge¬
rade das darf nicht sein. Ich glaube, Sie recht zu verstehen, daß
Sie lieber ein Haus mieten als eines kaufen oder bauen wollen.
Die Mietpreise aber werden in den nächsten vier Wochen
wohl kaum sehr stark anziehen. Die Gefahr die wir laufen ist,
daß die Auswahl, die angesichts des großen Bevölkerungszu¬
wachses durch die Verteidigungs-Industrie ohnehin schmal
ist, noch abnimmt. Aufjeden Fall will ich Ihnen daher die bei¬
den Häuser kennzeichnen, die zuletzt zur engeren Wahl stan¬
den. Es ist möglich, daß mir dabei ein Irrtum unterläuft. Im
großen ganzen werden meine Angaben wohl zutreffen.
Das erste Haus liegt in Pacific Palisades, kaum fünf Automi¬
nuten von uns entfernt. Es ist nahezu neu, etwa ein bis zwei
Jahre alt. Die Zimmerzahl ist richtig, jedoch sind die Räume,
wie es bei neuen Häusern meist der Fall ist, nicht sehr hoch.
Das Haus hat den großen Vorzug, daß Eisschrank und Herd,
die man sonst kaufen müßte, vorhanden sind. Die Miete ist
S 55-00. Pacific Palisades ist in Wirklichkeit eine Art Ein¬
kaufszentrum, d. h. Grocery, Drugstore usw. mit einer kleinen
Siedlung herum. Es hegt relativ hoch, sodaß es den Nebeln
vom Meer nicht ausgesetzt ist und hat schöne Aussicht auf die
Berge. Der Nachteil des Hauses besteht darin, daß die Nach¬
barschaft nicht erstklassig ist. Die kleine Siedlung, die aus-

209
schließlich aus fast neuen Häusern besteht, liegt zwar viel zu
weit von aller Industrie, als das etwa Proletarier da wohnten,
aber Maidon war immerhin ein wenig bedenklich. Fritz dage¬
gen ist recht eingenommen von dem Häuschen und hätte es
am liebsten gleich gemietet.
Das zweite Haus liegt in einer wohlhabenden Gegend. Es
liegt von uns aus nach der anderen Seite hin, ungefähr in der
gleichen Entfernung wie das erste, vielleicht sind es zwei
Autommuten mehr. Es ist jedoch viel älter als das erste, ich
schätze etwa io Jahre alt. Die Zimmer sind höher, wahr¬
scheinlich auch etwas größer. Die Zimmerzahl ist richtig, es
ist sogar glaube ich noch ein Raum mehr vorhanden. Die Be¬
wirtschaftung dürfte kaum schwerer sein als beim ersten, weil
auch dieses Haus ein Bungalow ist. Die Miete ist $ 60.00 und
die Bestellung des Gartens vor dem Haus wird vom Vermieter
übernommen, dagegen muß der Mieter sich um den hinteren
Garten kümmern. Ein Herd ist nicht da, dagegen ein großer
Eisschrank, bei dem es freilich nicht ganz sicher ist, ob und wie
er funktioniert. Er befindet sich gegenwärtig in Reparatur.
Ein weiterer Nachteil ist, daß man bei diesem Haus Vorhänge
braucht. Die Verbindungen nach Hollywood und Los Angeles
sind von beiden Häusern aus zwar nicht ganz so schlecht wie
von unserem, aber nicht viel besser. Es gehen nicht sehr zahl¬
reiche Autobusse und man muß sich an den Fahrplan halten.
Nach Hollywood braucht man vom ersten Haus etwa fünfzig,
vom zweiten vierzig Minuten. Nach Los Angeles etwa eine
halbe Stunde mehr. Vom ersten Haus gibt es jedoch eine re¬
gelmäßige Verbindung nach Santa Momca in kaum zehn Mi¬
nuten und das Einkaufszentrum ist wie gesagt an Ort und
Stelle, was man vom zweiten nicht sagen kann. Trotz allem
hätte ich am liebsten das zweite Haus gemietet, denn wenn¬
gleich beide hübsch sind, so macht das zweite eben einen be¬
sonders netten Eindruck.
Beide Häuser sind meiner Ansicht nach durchaus erträglich
und ich hätte wahrscheinlich die Verantwortung übernom¬
men, das eine oder das andere zu mieten, wenn nicht Maidon

210
immer geschwankt hätte, weil sie sich eigentlich in ein Haus,
das es in Pacific Palisades zu kaufen gab, verliebt hatte. Nun
bin ich freilich in Sorge, daß bis zu Ihrer Ankunft, ja vielleicht
schon im Augenblick wo ich dies schreibe, beide Häuser ver¬
mietet sind. Es ist immerhin denkbar, daß es dann in einem
Umkreis von zehn Autominuten von unserem Haus über¬
haupt nichts anständiges mehr gibt, was uns in große Verle¬
genheit setzen würde. Ich weiß nicht recht, was wir dann ma¬
chen sollten. Stellen Sie sich vor, daß wir, um uns telefonisch
zu erreichen, das Fernamt benutzen müßten, was bereits zwi¬
schen Beverly Hills und uns hier der Fall wäre. Sollten Sie sich
beide entschließen das Risiko auf sich zu nehmen, ein Jahr
lang in einem Haus zu wohnen, das irgend einen ernsthaften
Nachteil hat, der flir mich jetzt nicht so in die Augen springt,
dann würde ich es, aus der genannten Sorge heraus, doch ris¬
kieren, einen Mietvertrag ohne Ihre Anwesenheit abzuschlie¬
ßen. Drei Lämmergeier darf dann zwar ein paarmal mit dem
Schnabel hackende Bewegungen ausfuhren (auch das nur ein
paarmal) kemesfallsjedoch so traurig aussehen wie es Geier, in
Käfigen überhaupt, zu tun pflegen. Ich möchte nicht, daß Sie
meine Sorge, nach Ihrer Ankunft noch etwas richtiges zu fin¬
den, allzu ernst nehmen. Sie ist wahrscheinlich übertrieben
und man kann in Santa Momca, von dem ein großer Teil noch
in den io Minuten Umkreis fällt, aller Wahrscheinlichkeit
nach immer etwas finden. Ich wollte Sie eigentlich nur darauf
vorbereiten, daß es dann vielleicht ein wenig schwieriger ist.
Schon früher herzukommen ist meiner Ansicht nach nicht
ratsam. Marcuse hat mit Maclver in Seattle eine lange Unter¬
redung gehabt. In ihr hat Maclver vor einer Verbindung mit
Sproul entschieden gewarnt, da dieser sich in einigen Fällen
der jüngsten Vergangenheit als ungeheuer reaktionär erwiesen
habe. Er empfahl, daß wir mit dem Reed College in Portland
in Verbindung treten und war vor allem wegen der Vorlesun¬
gen in Columbia äußerst positiv. Da diese Verhandlungen in
der zweiten September-Hälfte welterlaufen, so wäre es recht
ungeschickt, wenn Sie vorher abreisten. Zunächst soll jedoch

21 i
nichts unternommen werden, denn zuerst muß Fritz dort
über alles berichtet haben. — Fritz wird auch die Möbel- und
Spediteur-Frage mit Ihnen regeln. Es wird dabei bestimmt
nichts gegen Ihren Willen geschehen.
»Zur Philosophie der neuen Musik« habe ich in den letzten
zwei Tagen gelesen. Wenn ich je in meinem Leben Enthusias¬
mus empfunden habe, so war es bei dieser Lektüre. Sie wissen,
daß ich den Gegenstand eigentlich nicht kenne, trotzdem er¬
scheint mir jede Zeile vertraut und notwendig. Ich glaube, ich
könnte schon nach dieser ersten Durchsicht ganze Stellen aus¬
wendig zitieren. Wenn es literarische Dokumente gibt, an de¬
nen heute die Tloffnung einen Anhalt findet, dann gehört Ihr
Werk zu ihnen. Das ganze erscheint mir wie ein Beweis dafür,
daß Sie der Verantwortung gemäß, von der Sie nach dem Tode
Benjamins gesprochen haben, nicht bloß fühlen, sondern
auch arbeiten können. Ich kann Ihnen garmcht ausdrücken,
wie froh und glücklich ich bin, daß dieses Dokument da ist.
Wenn es uns gelingt, den unbestechlichen Blick, ich möchte
sagen, die Kraft der Passivität, mit der Sie die neue Musik er¬
fahren, von der Erkenntnis der Gesellschaft auf die Gesell¬
schaft selbst zu richten und damit die Kategorieen, von denen
Ihre Darstellung bei allem Offensein für den Gegenstand doch
geleitet ist, mit der Realität zu konfrontieren, dann haben wir
geleistet, was die Theorie von uns jetzt erwarten kann.
Ich weiß nicht, wie ich auf Einzelheiten eingehen soll, da
ich fast zu jedem Satz etwas zu sagen habe. Ich will Ihnen nur
sagen, daß von den Randbemerkungen, die ich gemacht habe,
nur ein sehr geringer Teil als Anregung zu einer Änderung
dienen könnte. Die meisten bezeichnen Fragen, Assoziatio¬
nen oder das Glück, von dem ich bei der Lektüre ergriffen
war. Ich würde viele Tage brauchen, um Ihnen meine Gedan¬
ken mitzuteilen. Diese Arbeit wird unseren gemeinsamen An¬
strengungen weitgehend zugrundeliegen. Was ich jetzt sage,
sind einige zufällig herausgegriffene Bemerkungen, die Sie
keineswegs als die wichtigsten betrachten dürfen.
Die kurzen Sätze geben dem Stil eine Regelmäßigkeit, die

212
an manchen Stellen so äußerlich wirkt, als ob Sie dadurch die
Sinnlosigkeit der Zwölftonreihen demonstrieren wollten. Ich
kann mir wohl denken, was Sie zu dieser unverbrüchlichen
Einhaltung der Regel gebracht hat; sie liegt mir seit dem
Marck-Aufsatz nahe genug. Bei Ihnen gewinnt der Stil jedoch
dadurch eine Schönheit, die noch durch den feierlichen Ernst
mancher Wendungen gehoben wird, während bei mir die
Kürze mit der kritischen Tendenz zusammenhängt. Die nicht
durch Negation vermittelte Beziehung zum Positiven, Theo¬
logischen, die Ihnen im Inhalt wahrhaftig niemand vorwerfen
kann, scheint so in der Form aufrecht erhalten zu sein. Ich er¬
kenne die Angst, die von diesem sprachlichen Halt nicht lassen
möchte und auch sie macht Ihnen Ehre. Aber die Angst
scheint hier durch die Natur des Mittels, sie zu überwinden,
desavouiert. Deshalb glaube ich, daß die Sprache noch un¬
richtig ist. Die, welche wir uns schaffen müssen, soll weder
kommunikativ, noch gar dem Inhalt angepaßt sein. Aber sie
darf meiner Ansicht nach nicht eine Erfahrung des Positiven
ausdrücken, zu der wir nicht mehr stehen können. Die
Schwierigkeit ist gewissen Problemen der modernen Musik
nicht unähnlich, die Sie entwickelt haben.
Der Stil bezeugt zuweilen Gemeinschaften, die nicht mehr
sehr aktuell sind. Beim Anfang des Abschnittes auf S. 19, aber
nicht nur da, stimmt Ernst Bloch das Instrument. Das Diktie¬
ren mancher Sätze kann ich mir nur schwer ohne die Beglei¬
tung eines furchtbaren Lämmergeierns vorstellen, z.B. die
Definition des Musikantentums auf Seite 22: »Musikantentum
heißt die disproportionale Geschicklichkeit, die eine Mate¬
rialschicht zur Perfektion treibt und in den übrigen regre-
diert.« Ihre Abneigung gegen das Musikantentum teile ich aus
vollem Herzen, aber es ist mir so, als ob die Aggression in einer
solchen Formulierung zurückschlüge. Von den meisterhaften
Formulierungen, zu denen der Stil Sie befähigt, spreche ich
nicht. Der Satz von der Ohnmacht des Subjekts vor der Reali¬
tät, dessen Anspruch auf Ausdruck schon die Eitelkeit streift,
obwohl ihm kaum einer sonst gelassen ist, vermöchte für sich

213
allein schon die Ausdruckslosigkeit der modernen Musik
deutlicher aufzuschließen, als alles was je über sie geschrieben
worden ist. Zusammen mit der Kritik des Umschlags der mu¬
sikalischen Protokolle in Unwahrheit, bezeichnet diese Theo¬
rie zugleich einen Ansatz zu einer dialektischen Kritik des
logischen Positivismus, wie wir sie uns bis jetzt noch nicht
träumen ließen.
Abgesehen von den Notizen, die Sie mir vorgelesen haben,
enthält der Aufsatz zum erstenmal Ihre Theorie, daß die Ver¬
mittlung von Überbau und Unterbau unwahr sei.* Sie haben
zugleich einige glänzende Belege geliefert. Ich denke nicht
bloß an Stellen, in denen sich die musikalische Problematik
unmittelbar als die der kapitalistischen Gesellschaft erweist,
sondern auch an jene, in denen die Formulierungen komposi¬
torischer Schwierigkeiten zugleich die des Sozialismus sind:
»Die totale Rationalität der Musik ist ihre totale Organisation«
(ich denke an diese ganze Stelle auf Seite 36, aber auch schon
an den Schluß Seite 35).
Nicht immer freilich scheint mir die Behandlung der Sphä¬
ren als identischer berechtigt zu sein. Die Gefahr der Identi¬
täts-Philosophie und damit des Idealismus, die Ihnen natürlich
bei der Formulierung ebenso bekannt war wie mir beim Le¬
sen, erscheint mir als noch nicht ganz überwunden. Ich glaube
nicht, daß man sagen kann: »Wenn die Suspension des ge¬
schlossenen Kunstwerks aus den Desideraten von dessen eige¬
ner Geschlossenheit hervorgeht, handelt das Subjekt im Auf¬
trag der Freiheit.« Ich glaube es im Grunde nicht, wegen Paul
Colette. Der Ernst, mit dem Sie Kunst erfahren, schlägt, wie
ich glaube, um, wenn sie in zu große Nähe zu Kategorien wie
Freiheit und Richtertum gebracht wird. Damit hängen auch
manche Formulierungen zusammen, die wir bei großem Be¬
dacht eigentlich nicht schreiben dürften, z. B. daß Herrschaft,

* [Marginalie von Horkheimer:] Oder steht im Wagner etwas


darüber?

214
auf ihre reine Abstraktion gebracht, den Herrschenden »die
gleiche Vernichtung« wie den Beherrschten androht, es sei
denn, daß der Hohn einer solchen Aussage deutlicher wird als
an der betreffenden Stelle des Aufsatzes. Im übrigen enthält
diese im Ansatz unser gemeinsames theoretisches Programm.
Sehr wohl habe ich die Gedanken erkannt, die über meinen
Kunst-Aufsatz hinausfuhren. »Falsch ist der Untergang von
Kunst in der falschen Ordnung.« Sie wollen die Geschichte
der Kunst nicht an die des schlechten Individuums heften.
Darüber werden wir sehr viel zu sprechen haben, denn das
hängt mit der zentralen Kategorie der Utopie zusammen, die
eben zu jenen gehört, welche noch aufzuhellen sind. Der Ge¬
danke »Musik entwirft das Bild einer Verfassung der Welt, die
Geschichte nicht mehr kennt«, muß mit jenem anderen zu¬
sammengebracht werden, nach dem die gute Ordnung immer
gefährdeter als die schlechte ist. Wenn Sie an vielen Stellen
über meinen Aufsatz hmausgehen, so könnten manche Sätze
dagegen als Motto über meinen bescheidenen, in Eile entwor¬
fenen Bemerkungen stehen. Man mag wohl fragen, heißt es
bei Ihnen, ob Kunst nicht vielleicht stets ein Verhalten zu die¬
ser Welt gewesen ist, »ihrer Macht zu widerstehen«. Genau das
versuchte ich zu bezeichnen.
Eine der wichtigsten Theorieen des Aufsatzes ist die Dar¬
stellung der Musik als Widerpart der Sprache. Hier ist eine
genaue Übereinstimmung mit der richtig interpretierten He-
gel’schen Philosophie. Hegel geht freilich viel weiter, in einem
furchtbaren Sinn. Es ist, um in der Terminologie des Aufsatzes
zu reden, der Triumph der Philosophie bei Hegel, daß sie sich
als Widerpart des Wissens erweist und doch zu erkennen ver¬
mag. Philosophie bei Hegel weiß immer nur von der Nichtig¬
keit. Seme Denunziation der Schelling’schen Nacht ändert
nichts daran, daß die dialektische Wissenschaft, die er im Ge¬
gensatz zu jenem fordert, zwar den Zusammenhang der Dinge
im einzelnen konstruiert, aber doch um zu zeigen, wie sie
»zugrunde« gehen. Die Aufhebung der Entfremdung ist die
Aufhebung des Wissens vom Gegenstand. Die bestimmte Ne-

215
gation will in ihren einzelnen Schritten nicht Nichts übriglas¬
sen, aber sie kommt am Ende doch zum kunstvollen Nachweis
der Nichtigkeit alles Bestimmten. Wenn die in der Logik ent¬
wickelten Kategorieen, der Geist Gottes vor Erschaffung der
Welt, das Gerippe des Seins bilden, gleichsam die Konstella¬
tion der Ewigkeit, so bedeutet diese Konstellation für den
Menschen doch eben seinen Untergang. In der berühmten
Stelle der Vorrede zur Phänomenologie wird versichert, daß
auch das Verschwindende als wesentlich zu betrachten sei.
Aber ich erinnere mich an den Schlag, den ich jedesmal beim
Lesen erhielt, wenn ich dann erfuhr, daß dieses Wesen gerade
im Entstehen und Vergehen liegt. Die Zurücknahme der Ent¬
fremdung ist zugleich die Zurücknahme jedes Wissens vom
Seienden und die Philosophie ist trotz aller tröstlichen Versi¬
cherungen die Ausführung ihrer ersten These der Identität
von Sein und Nichts, in der das Nichts kennzeichnend genug
das zweite ist und über das Sein schließlich Sieger bleibt, im
Gegensatz zu Heidegger, bei dem der Ton auf dem Sein des
Nichts liegt. Was nach Ihren schönen Sätzen von der Musik
gilt, daß sie als sinnlose zu reden vermag, ist wahr auch von der
Philosophie. Indem sie das Wissen vernichtet, vermag sie
doch zu erkennen. Hegels Versicherung, daß »die bestimmten
Gedanken« positive und notwendige Momente des ganzen
sind, ist hinterhältig. Sein ganzes Werk dient dazu, den Sinn
dieser Positivität und Notwendigkeit als den der Negativität
und des Verschwindens zu bestimmen. Seine Theorie ist un¬
endlich viel pessimistischer als die Schopenhauers. Sie ist zu¬
gleich unendlich freier, weil sie keine Versöhnung enthält oder
ihre Versöhnungen schlecht und durchsichtig sind.
Der Aufsatz meldet, wie ich schon gesagt habe, fast alle
Themen an, die wir auszuführen haben. In der Verkürzung
treten zuweilen die Gefahren hervor. In der Stelle auf Seite 34,
auf die ich vorhin schon hingewiesen habe, wird die Einsicht,
daß die Herrschaft über die Natur gleichzeitig die Unterord¬
nung unter sie bedeutet, so formuliert, daß sie nur schwer von
den bekannten Lehren des 19. Jahrhunderts von der Herr-

216
schaft über Natur durch Unterordnung (seit dem Systeme de
la Nature) zu unterscheiden ist. Ich habe eine Reihe von Stel¬
len angemerkt, in denen differenzierte Abgrenzung nottut.
Ihre Theorie, daß die Kunstwerke erkennen und nicht ihre
Autoren, hat uns nicht selten beschäftigt. Ich glaube nach wie
vor, daß Sie hier die Überwindung des Psychologismus mit
einem Stück Identitäts-Philosophie und Optimismus bezah¬
len. Sie schlagen Ihre eigene Warnung in den Wind und über¬
springen die Differenz. Das fuhrt unmittelbar auf die theolo¬
gische Diskussion, die uns bevorsteht. Unsere Arbeit wird in
weitem Maß davon abhängen, daß wir hier zu gemeinsamen
Formulierungen kommen.
Dafür, daß unsere Gedankengänge auch während der Tren¬
nung auf eine geheimnisvolle Weise konvergieren, enthält der
Aufsatz viele Beweise. Als der stärkste ist mir die architekto¬
nisch überaus exponierte Stelle über die Beziehung von Mu¬
sik und Weinen erschienen. Wie Sie wissen, habe ich seit lan¬
ger Zeit die Beziehung zwischen Schmerz, Kunst und dem
Voyeur verfolgt. Meine ältesten Aufzeichnungen beziehen
sich auf diese Frage. Daß Sie jedoch an dieser Stelle auf die
Physiologie geführt worden sind, ist mir fast wie ein Wunder
erschienen. Seit einigen Wochen nämlich habe ich über die
Rolle des Schmerzes in aller Art Gegenrevolution reflektiert.
Ich zitiere Ihnen eine Stelle aus einem Brief an Wissing, dem
ich auf einen freundlichen Hinweis auf Literatur über Antise¬
mitismus geantwortet habe.
»Die lächerliche Treue zum Einen Gott macht die Juden
(im Bilde des Antisemiten, nicht in Wirklichkeit) unbehol¬
fen und gefährlich zugleich. Die Ermordung der Irren ent¬
hält den Schlüssel zum Juden-Pogrom.
Natürlich steckt in der Bewertung des monotheistischen
Bewußtseins als einer Torheit zugleich eine tiefe Reverenz.
Oder vielmehr eine abergläubische Furcht, daß die eigenen
Taten verkehrt und verderblich sind. Daß sie von den
Zwecken und Zielen, in deren Dienst das Leben der Heuti¬
gen verläuft, nicht ebenso gebannt sind wie die Tüchtigen

217
selbst, macht die Irren zu unheimlichen Zuschauern, die
man wegschaffen muß. Die böse Tat wird ungeschehen,
wenn man den Zeugen umbringt.
Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der
Schmerz. Der Irre erscheint als abgelöst, als draußenste¬
hend, er lebt in einer anderen Welt, dem Zwang des Ge¬
genwärtigen entrückt. Der Schmerz ruft in die Gegenwart
zurück (denken Sie an die verschiedenen Prozeduren des
Aufweckens aus dem Schlaf!), reduziert den Menschen auf
die Abwehrreaktion, auf das einzige Ziel ihm zu entrinnen,
er bannt den Menschen ganz unter den Zweck. Daß die
Ketzer widerrufen sollten, war nur die Rationalisierung der
Tortur, sie sollten in einem viel tieferen Sinn ihren Peini¬
gern gleichwerden: nämlich die Suprematie des praktischen
Zweckes an sich erfahren. Wieder und wieder sollte sich er¬
weisen, daß Freiheit nicht möglich ist.
Die Untersuchung des Antisemitismus fuhrt auf die My¬
thologie und schließlich auf die Physiologie zurück.«
Die Lehre de Sades ist in einer eigentümlichen Weise der Ge¬
genschlag gegen den Zwang des Bestehenden. Ihr Aufsatz er¬
weist eben dies von der Musik. Ich sehe unsere Aufgabe dann,
in Zukunft uns nicht mehr damit zu begnügen, diese Funk¬
tion in kulturellen Phänomenen kritisch aufzuweisen sondern
selbst zu übernehmen. In Ihrem Aufsatz sehe ich dazu nicht
bloß eine Vorarbeit, wie Sie es ursprünglich wollten, sondern
schon den Übergang.
Die allerherzlichsten Grüße für Sie und Gretel.
Ihr
Max.

Verzeihen Sie die Flüchtigkeit des Briefs und jeder Fomulie-


rung. Ich wollte rasch antworten.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts mit gedrucktem Briefkopf u. handschriftli¬


chem Postskript; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M. — E: Hork-
heimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 141 fF.

218
Simmel: Der Arzt und Psychoanalytiker Ernst Simmel (1882-1947) hatte
1920 das Berliner Psychoanalytische Institut mitbegründet und war von
1926 bis 1930 Präsident der deutschen Psychoanalytischen Vereinigung.
Nachdem Simmel 1933 von den Nazis eingesperrt worden war, aber wie¬
der freikam, flüchtete er in die Schweiz und emigrierte 1934 in die USA,
wo er in Los Angeles ein Zentrum schuf, das der psychoanalytischen
Schulung von Ärzten diente. Von 1942 bis 1944 war Simmel Präsident der
Psychoanalytischen Vereinigung von San Francisco. 1946 gab er das Buch
»Anti-Semitism. A Social Disease« heraus, zu dem Adorno, Bernhard Ber¬
liner, Else Frenkel-Brunswik und R. Nevitt Sanford, Otto Fenichel,
Horkheimer, Douglas W. Orr und Ernst Simmel beitrugen.

Seine geschiedene Frau: Alice Simmel.

Innes: John W. Irines gehörte zur sozialwissenschaftlichen Fakultät der


Columbia University.

Reed College in Portland: Das besonders für sein Department »Liberal arts
and Sciences« bekannte, 1908 von Simon und Amanda Reed gegründete,
College.

der Marek-Aufsatz: Horkheimers Aufsatz »Die Philosophie der absoluten


Konzentration« von 1938.

Paul Colette: Paul Colette hatte am 6. August 1941 auf Pierre Laval ge¬
schossen und war gefaßt worden.

Hegel/Seine Denunziation der Schelling’schen Nacht: S. Band I, Brief Nr. 72


und den Nachweis dazu.

Die berühmte Stelle der Vorrede: Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
Werke, hrsg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt
a.M. 1970, Band 3, S.46.

Systeme de la Nature: Das 1770 erschienene Buch des französischen Auf¬


klärers Paul Thiry d’Holbach (1723-1789).

Brief an Wissing: Horkheimers Brief an Egon Wissing vom 26. August


1941; vgl. Horkheimer, Briefe 1941-1948, S. 138-140.

Hinweis auf Literatur über Antisemitismus: Egon Wissing hatte auf Albert Jay
Nocks Artikel »The Jewish Problem in America« (The Atlantic Monthly,
Juni und Juli 1941) und auf die Erwiderung von James Marshall »The
Anti-Semitic Problem in America« (The Atlantic Monthly, August 1941)
hingewiesen.

219
242 Adorno an Horkheimer
New York, 4.9.1941

4. September 1941.

Lieber Max,
tausend Dank für den Mammutbrief, der wahrhaft seinem
und Ihrem Namen Ehre macht. Wir haben ihn hier in New
York vorgefunden. Ich kann Ihnen kaum sagen, wie sehr mich
Ihre Stellung zu der Musikarbeit beglückt hat. Es ist nicht
übertrieben, daß in einer geistigen Existenz wie der meinen
eine solche Resonanz — die einzige, die es gibt und sicher die
einzige, die gilt — im unmittelbarsten und wörtlichsten Sinn
die Bedingung zum Lebenkönnen ausmacht. Anders ließen
sich weder diese Welt noch die ins Absurde gesteigerten ob¬
jektiven Schwierigkeiten der Produktion, noch die psycholo¬
gischen ertragen.
Wir brechen denn also hier unsere Zelte ab und Gretel ist
bereits in vielfältigen Unterhandlungen begriffen. Die Woh¬
nung haben wir aufgegeben. Wir denken in den letzten Sep¬
tembertagen hier loszufahren.
Was die Häuserfrage anlangt, so ist es wohl wirklich das be¬
ste, wenn wir bis zu unserer Ankunft mit der Entscheidung
warten. Bitte fassen Sie das nicht als Undankbarkeit auf, es ist
rührend wie sehr Sie und Maidon der Sache jetzt schon sich
annehmen. Vielleicht ist sogar das Häuschen, das Maidon so
gut gefällt, noch Anfang Oktober zu haben. Aber bei einer
Frage wie dem Haus sind soviel idiosynkratische Dinge im
Spiel, manche ganz töricht und unberechenbar, daß ich
glaube, daß einem die Qual der Wahl selbst der nächste
Mensch kaum abnehmen kann. Daß sich in den paar Wochen
am Wohnungsmarkt noch Entscheidendes ändert, halte ich
zumindest nicht für wahrscheinlich.
Die in Ihrem Brief angemerkten Punkte wegen der Auf¬
sätze, die ich noch mit Löwenthal besprechen soll, werden er¬
ledigt, sobald die neuen Fahnen da sind, wir haben heute des-

220
halb gemahnt. Dann nehme ich mir auch den Kirchheimer-
aufsatz vor und lasse die Sache dann durch Löwenthal mit die¬
sem besprechen: Sie brauchen keine Angst zu haben, daß ich
in einem Anfall tierischer Sturheit den hier anwesenden Mit¬
gliedern des Instituts die von uns als bestimmte Negation be¬
trachtete Wahrheit sage. Meine Beziehungen zu allen sind von
durchaus freundlicher Art und selbst mit dem wilden Kirch-
heimer bin ich gut ausgekommen, als ich seinen Aufsatz mit
ihm durchsprach.
Zum Durchlesen des ganzen Heftes: Innes ist nicht erreich¬
bar. Ich hatte unseren Anderson vorgeschlagen, den ich fiir
gutwillig halte, durchschnittlich genug, um sich an allem zu
stoßen, woran sich die Amerikaner stoßen werden und nicht
so progressiv, um uns zum Selbstmord zu ermutigen. Löwen¬
thal, der ursprünglich an Bernhard Stern gedacht hatte (den
ich nicht kenne), war von der Andersonidee ganz angetan,
Neumann hat aber sehr protestiert und einen seiner Spezis
vorgeschlagen, dessen Namen ich immer wieder vergesse. Ich
wollte keinen case daraus machen und da auch Löwenthal den
Neumannschen Mann fiir ordentlich hält, habe ich nachgege¬
ben. Sollte Ihnen aber der Plan mit Anderson sehr einleuch¬
ten, so würde ich Sie bitten deshalb zu depeschieren.
Lassen Sie mich zu Ihren Anmerkungen zur Musikarbeit,
von denen ich hoffe, daß wir sie bald eingehend behandeln
können, wenigstens ein paar Worte sagen. Zunächst: das Kri¬
tische, was Sie zu dem ganzen Komplex der unvermittelten
Gleichsetzung von Gesellschaft und Kunst sagen, ist mir schon
während der Arbeit am Text nur allzu deutlich bewußt gewor¬
den und ich glaube, ich habe es Ihnen bereits in einem Brief
angedeutet. Ihre Kritik sowohl wie meine eigenen Überle¬
gungen scheinen mir nun in einem Punkt zu konvergieren:
nämlich ob wir wirklich, wie wir es vorhatten, die gemein¬
same Arbeit um die Kunst zentrieren oder nicht doch in Got¬
tes Namen endlich von der Gesellschaft selber reden sollten.
Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich mehr und mehr dazu
gedrängt fühle, gerade auch im Zusammenhang mit der An-

221
thropologie. Die Tatsache, daß gerade ich, der schließlich viel¬
leicht seine entscheidensten Erfahrungen an der Kunst ge¬
macht hat, in diese Richtung drängt, dürfte ein Anzeichen für
einen wirklichen sachlichen Zwang sein. Mir selber ist wäh¬
rend des Schreibens die Musikarbeit immer stärker als ein Ab¬
schied von der Kunsttheorie zumindest für geraume Zeit er¬
schienen. Ich möchte mit all dem nichts präjudizieren, aber
wenn ich Sie recht verstehe, so meinen Sie mit dem Satz, es
käme darauf an, die Kraft der Passivität von der Erkenntnis der
Gesellschaft auf die Gesellschaft selbst zu richten und mehre¬
ren anderen Wendungen etwas Ähnliches, und ich möchte Ih¬
nen heute schon sagen, daß ich nicht nur mit einer Verlegung
des Schwerpunkts auf die Fragen der leibhaftigen Gesellschaft
einverstanden bin, sondern daß gerade die Erkenntnis der
Kunst diesen »Übergang«, von dem Sie am Schluß Ihres Brie¬
fes reden, notwendig zu machen scheint.
Das andere, was mir aus Ihrem Brief ganz deutlich gewor¬
den ist, ist die Notwendigkeit in Bezug auf die Theologie oder
wie immer man es nennen will — ja, alles, was man da sagen
könnte, klingt komisch und naiv und so möchte ich wenig¬
stens nur stammeln: die Augen aufzumachen und auch hier
nicht dem Denken durchs Geheimnis auszuweichen, sondern
eben zu versuchen, noch das Geheimnis zu denken. Ich habe
ein schwaches, unendlich schwaches Gefühl, daß das möglich
sei und auf welche Art, bin aber ehrlich außerstande, das heute
schon zu formulieren. Die Annahme vom Klemer- und Un¬
sichtbarwerden der Theologie ist ein Motiv dazu, ein anderes
die Überzeugung, daß von einem zentralsten Standpunkt aus
der Unterschied des Negativen und des Positiven zur Theolo¬
gie nichts besagt. (Marcuses Buch, das von dem Unterschied
lebt, hat mich darin nur bestärkt.) Vor allem aber glaube ich,
daß all das, was wir als wahr erfahren, und zwar nicht blind
sondern in der Bewegung des Begriffs, und was sich uns wirk¬
lich als Index sui et falsi zu lesen gibt, dies Licht nur als Wider¬
schein jenes anderen trägt. Mir ist das nie so deutlich gewor¬
den als gerade an einer Theorie von Ihnen, nämlich den mit

222
dem Aufscheuchen und der Leiche zusammenhängenden Ge¬
danken. Die Beziehungen zwischen diesen Gedanken und der
Lehre vom Sabbath als zufällig oder äußerlich zu betrachten,
schiene mir nicht möglich zu sein. Wir müssen also den Stier
bei den Hörnern packen — der Wahrheit zuliebe — ohne daß
dabei von diesen Dingen auch nur eines explizit in unseren
Text emzugehen brauchte, denn darin allerdings stimme ich
mit Ihnen und Benjamin überein, daß das Unsichtbarwerden
der theologischen Wahrheit heute ein Element dieser Wahr¬
heit selber ist.
Die letzte Formulierung verrät, wie unauflöslich diese Fra¬
gen mit den Hegel und die Dialektik betreffenden, die Ihr
Brief stellt, Zusammenhängen. Wir haben schon seit Jahren
uns darum bemüht, die Konzeption der Dialektik von der der
Totalität und des Idealismus abzulösen, und ich möchte glau¬
ben, daß unser Standort zur Theologie geradezu durch das
Gelingen oder Mißlingen dieser Bemühung definiert wird.
Vielleicht könnte man es auch so aussprechen, daß es unser
eigentliches philosophisches Anliegen ausmacht zu erkennen,
ob das Hegelsche Motiv vom sich selbst Transzendieren alles
Bestimmten vermöge seiner Bestimmung auch gilt — nämlich
aus den Gegenständen gilt und nicht aus der vorgeblichen
Unendlichkeit der Kategorien —, wenn endgültig die Gegen¬
stände nicht länger als Produkte des Geistes sondern als leib¬
hafte gedacht werden müssen. Es will mir scheinen, als ob die
Hegelsche Kritik an Kant erst recht gilt, wenn die Lehre von
der Identität fallen gelassen wird. Gerade wenn das Endliche
in seiner Endlichkeit, jener Nichtigkeit, auf die Sie alles Ge¬
wicht legen, ganz ernst genommen wird, zwingt es dazu, sich
selber zu übersteigen. Es ist aber genau diese Transzendenz,
die mir nur als theologisch faßbar scheint, eben gerade weil ich
wie Sie nicht annehmen kann, daß das Wesen des Verschwin¬
denden im Entstehen und Vergehen liegt, weil ich aber ja auch
glaube, daß das Verschwindende selber wesentlich ist. Wie ge¬
sagt, all das ist nur Gestammel, aber vielleicht wird es uns zu¬
sammen gelingen, etwas anderes daraus zu machen.

223
Zur Ihrer Kritik des Stils möchte ich Ihnen eine Notiz ab¬
schreiben, die ich 1939 schrieb und die Ihnen zumindest zeigt,
wie sehr ich mir der eigenen Hilflosigkeit bewußt bin. Ich
neige freilich der Ansicht zu, daß es sich hier nicht bloß um
mein Versagen, sondern zugleich auch um eine wirkliche
Antinomie handelt. »Die prohibitive Schwierigkeit der Theo¬
rie heute zeigt sich an der Sprache. Sie erlaubt nichts mehr zu
sagen wie es erfahren ist. Entweder sie ist verdinglicht, Waren-
Sprache, banal und fälscht den Gedanken auf halbem Weg.
Oder sie ist auf der Flucht vorm Banalen, feierlich ohne Feier,
ermächtigt ohne Macht, bestätigt auf eigene Faust. Sucht man
wie Brecht durch Aussparen beidem zu entgehen, so verfällt
man der Neusachlichkeit als Stil, dem Schein des Unscheinba¬
ren, dem zweideutigen Blitzen von Stahl. Ahnungslos voll¬
strecken die logischen Positivisten, die die Sprache durch ma¬
thematische Symbolik ersetzen wollen, einen historischen
Urteilsspruch. Die Sprache verweigert sich dem Gegenstand:
sie ist von einer grauenvollen Krankheit befallen. Kraus hat sie
ohnmächtig mit dem Naturheilverfahren behandelt. Daß die
Gewalt der Fakten so zum Entsetzen geworden ist, daß alle
Theorie, und noch die wahre, sich wie Spott darauf aus¬
nimmt — das ist dem Organ der Theorie selber, der Sprache, als
Mal eingebrannt. Die Praxis, die die Theorie entmächtigt,
kommt als Element der Zerstörung im Innern der Theorie
ohne Blick auf mögliche Praxis zutage. Eigentlich kann man
nichts mehr sagen. Die Tat ist die einzige Form, die der Theo¬
rie noch bleibt.«
Ihren Brief an Wissing hatte mir d ieser gezeigt, und ich war
außerordentlich beeindruckt davon. Es bestehen übrigens die
engsten Zusammenhänge zwischen der Theorie von den Ju¬
den als »Narren« und unserer Auffassung von der neuen Kunst
einerseits und andrerseits der von den Juden als Nomaden,
denn das nicht Seßhaftwerden der Juden und das sich nicht
Binden an verdinglichte Aktionsobjekte dürfte aufs gleiche
herauskommen. Zur Frage der Beziehung von Schmerz,
Kunst und voyeur möchte ich Sie sehr auf die Tagebücher von

224
Baudelaire hinweisen, die ich gerade jetzt in Boston (allerdings
in der wohl sehr bedenklichen Ausgabe Franz Bleis) gelesen
habe. Die Kategorien der Preisgabe seiner selbst als eines Be¬
sitzes, der Kunst, der Prostitution und des Schmerzes sind die
Grundkonstellation der Baudeiaireschen Auffassung. Übri¬
gens habe ich vor mehr als io Jahren in einem kleinen im An¬
bruch gedruckten Stück die Beziehung der Dissonanz in der
modernen Musik und des Sadismus positiv aufgenommen.
(Ich gebe es Ihnen in H.)
Ich habe veranlaßt, daß Ihnen die Hefte des Atlantic ge¬
schickt werden, in denen jener Aufsatz steht über Antisemitis¬
mus. Hier gibt es jetzt das Buch von Erich Fromm. Wie wäre es,
wenn wir zusammen eine Besprechung schrieben? (Äußerst
dämlich, er würde sich viel zu wichtig Vorkommen G. G.)
Gestern sahen wir jenen Domke, der den Nachlaß Benja¬
mins gerettet und dem Institut gebracht hat. Ein wirklich gro¬
ßes Verdienst, allein schon, weil er es den Verwandten entriß.
Domke hat auch die erste zusammenhängende und recht ver¬
nünftige Darstellung der Ursachen von Benjamins Selbstmord
gegeben. Darüber ausführlich mündlich. Morgen sehen wir
das sehr umfangreiche Material zum ersten Mal durch. Ich
fände es das Beste, wenn ich dann das, was für uns wichtig ist,
mit nach Hollywood brächte, und von allem andern abgese¬
hen wäre es mir eine große Beruhigung, es bei Ihnen oder mir
zu wissen und nicht in der 117. Str., wo es kaum liebevoll ge¬
nug behandelt würde und unter Umständen beim Aufgeben
des Hauses verloren gehen könnte. Ein Wort von Ihnen nach
dieser Richtung würde mir eine Last von der Seele nehmen.
Alles Liebe Ihnen und Maidon von uns beiden, und noch¬
mals tausend Dank für den Brief.
Ihr
Teddie

In der Musikarbeit sind ein paar sinnstörende Fehler stehenge¬


blieben. Der schlimmste S. 88 Z. 2, wo es natürlich »roman-
tisch-subjektiven« heißen muß. Der eigentlich technologische

225
Teil über Zwölftonmusik, etwa von S. 38-64, muß stilistisch
noch einmal genau durchgearbeitet werden. Das hängt mit der
komplizierten Entstehung der Arbeit zusammen: dieser Teil
ist durch einen kritischen Prozeß weniger als die andern ge¬
gangen, ihm fehlt einmal Lämmergeiern, das wird aber nach¬
geholt.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 161 ff.

Bernhard Stern: Der Anthropologe Bernhard Stern (1894-1956).

Die Annahme vom Kleiner- und Unsichtbarwerden der Theologie: Vgl. Benja¬
mins erste These »Über den Begriff der Geschichte«.

Marcuses Buch: »Reason and Revolution. Hegel and the Rise of Social
Theory«.

Tagebücher von Baudelaire . . . (Ausgabe Franz Bleis): Vgl. Baudelaires in¬


time Tagebücher, Bildnisse und Zeichnungen, hrsg. von Franz Blei,
München 1920.

ein kleines im Anbruch gedrucktes Stück: Es war 1930 mit anderen Notizen
unter dem Titel »Motive V: Hermeneutik« erschienen: »Die Vertreter der
extremen Reaktion, von denen für alle Fälle mehr zu lernen ist als von de¬
nen des gemäßigten Fortschrittes, weil sie vom erscheinenden Gegen¬
stand wenigstens den Choc notieren, den jene historisch-eilfertig beseiti¬
gen — die Vertreter der extremen Reaktion werden nicht müde, der neuen
Harmonik >Sadismus< nachzusagen; ihre Absicht sei, die Hörer leibhaft zu
quälen. Damit ist Richtigeres getroffen als mit dem Gerede von Resulta¬
ten linearer Kontrapunktik, die ja schließlich, bei einiger Kunst des Kon¬
trapunktes, auch Dreiklänge sein könnten. Die vieltönigen Akkorde sind
zunächst Dissonanzen gewesen; entsprangen ausnahmslos aus schmerz¬
lichen Affekten. Von solchem Ursprung bewahren sie mehr, als die geläu¬
fige Doktrin ihnen konzedieren möchte. Denn Freude ist heute wie da¬
mals der Musik verstellt; in Wahrheit schon, seit Beethoven, im Rezitativ
der Neunten, ihren Namen vergebens beschwor. Das will nun nicht sa¬
gen, es könnten einmal, später, die Dreiklänge in ihr freudiges Recht wie¬
der eingesetzt werden. Dies Recht ist ein bloßes Naturrecht und definitiv
gebrochen. Vielmehr: die Funktion der dissonanten Akkorde ist dialek-

226
tisch; dialektisch wird ihr Dissonanzcharakter negiert, nicht motorisch
vergessen; das mag in Wahrheit von der Niederwerfung des Expres¬
sionsprinzips durchs Konstruktionsprinzip bedeutet sein. Hier kann das
Gleichnis vom >Sadismus< sich bewähren. Wie in jener erotischen Form,
darin Menschen mit Natur wider Natur rebellieren, der Schmerz dialek¬
tisch wird und für eine Lust eintritt, die den Pervertierten leer und schal
mag geworden sein: so gewinnt im Zentrum der Konstruktion Dissonanz
dialektisch Freude oder deren Ahnung, die aus den Liebkosungen selbst
der zärtlichsten Nonenakkorde längst entwich. Der Ort dieser Dialektik
aber ist beide Male der menschliche Leib; beide Male vollzieht unsymbo¬
lisch die Dialektik sich im Umkreis der Empfindungen, ohne an >Aus-
druck< gebunden zu sein: sprengt damit die innersubjektive Region. Die
billige Konsequenz: also seien die neuen Akkorde pervers, ist nicht zu
furchten. Denn der Charakter der Perversion im Sexuellen rührt davon
her, daß dort bloße Natur das letzte Wort behält; daß ihre mythische
Macht aus der Dialektik als beherrschend hervorgeht und schließlich ver¬
schlingt, was immer ihr dialektisch sich entgegenstellte. Anders in Musik,
einem Bereich von Bildern. Ihr Konstruktionsprinzip vermag vordeutend
aus dem blinden Naturzusammenhang sich zu lösen; ihre Dialektik darum
je und je auf Freude sich zu richten, wo der naturalen Wirklichkeit der
Menschen einzig Lust bleibt. Ob beide jemals konvergieren, wird nicht in
Kunst entschieden.« (Adorno GS 18, S. 21 f.)

das Buch von Erich Fromm: Vgl. Erich Fromm, Escape from Freedom,
New York 1941. — Gleichzeitig erschien, ebenfalls in New York, die deut¬
sche Ausgabe »Furcht vor der Freiheit«.

Domke: Der Jurist Martin Domke (1897-1980), den Benjamin vermutlich


im Kreis von Brecht kennengelernt hatte, war 1933 nach Paris emigriert;
Domke kam 1941 in die USA und hatte den größeren Teil von Benjamins
Nachlaß in seinem Gepäck.

227
243 Adorno an Horkheimer
New York, 13.9.1941

13. September 1941.

Lieber Max,
als ich an jenem Morgen des 11. September mich an die
Arbeit begab, klingelte es. Der Telegraphenjunge, den ich vor
der Tür fand, insistierte darauf, mir nicht das Telegramm
einzuhändigen, sondern in die Wohnung einzutreten. Dort
begann er zu meinem ganz namenlosen Staunen mit Stentor¬
stimme Ihr Telegramm mir vorzusingen. Dies eine Mal we¬
nigstens hat die Tatsache, daß ich fast me ins Kino gehe, sich
belohnt. Denn ich wußte daher nichts von der Institution der
gesungenen Telegramme und die Wirkung war schlechter¬
dings überwältigend. Es hat mir eine unendliche Freude ge¬
macht. An diese Einrichtung hat Christian Morgensterns
Phantasie nicht herangereicht. Haben Sie und Maidon tau¬
send Dank.
Gestern früh kam Fritz an. Am Mittag aß er mit Neumann,
Leo und mir. Das Ergebnis des Gesprächs, das die Zeitschrift
betrifft, ist Ihnen als Telegramm übermittelt worden. Ich
glaube wirklich nach sorgfältigster Erwägung, daß absehbare
Gefahrenquellen nicht mehr bestehen. Die Kirchheimerarbeit
habe ich noch einmal aufs Genaueste studiert. Ich habe noch
eine ganze Reihe kleiner Änderungen — allesamt im Sinn der
taktischen Zensur — durchgesetzt. Ich glaube, wir brauchen
uns wegen des Heftes keine Sorgen mehr zu machen, und der
Schaden einer längeren Verzögerung der Publikation scheint
mir größer als irgendein Risiko, das mit der Publikation ver¬
knüpft wäre. Ich muß Ihnen nicht sagen, daß ich mich dabei
nicht für den easy way entschieden habe.
Am Abend waren dann Gretel und ich allein bei Fritz. Die
Besprechung ist aufs angenehmste verlaufen und hat in allen
wesentlichen Punkten Übereinstimmung ergeben.
Im einzelnen ist Folgendes zu berichten: die Wohnung ge-

228
ben wir Ende des Monats auf und wohnen bis zum Pferde¬
transport möbliert. Gretel sucht etwas. Die Möbel kommen in
storage, so daß sie auf Abruf nach Californien gehen, daß aber
wenigstens eine formale Möglichkeit bleibt, wenn wider Er¬
warten hier große Dinge sich eröffnen würden, ihre Einlage¬
rung als den Beginn eines Umzugs in New York zu behandeln.
Ein Problem bildet der große Schrank. Einerseits ist er wirk¬
lich schön und wertvoll, macht einen würdigen Eindruck und
ist mit etwas Affekten besetzt. Andrerseits ist sein Transport re¬
lativ teuer und es ist die Frage, ob in einem Haus in Califor¬
nien, das genügend closets hat, ein solcher Schrank eine prak¬
tische Funktion hat. Wir möchten die letzte Entscheidung
darüber Ihnen überlassen, aber sogleich sagen, daß, falls Sie^c-
gen die Überführung des Schrankes sind, wir den Verzicht auf
ihn als einen kleinen Beitrag zu unserer Transferierung gern
auf uns nehmen. Selbstverständlich kommt für unseren Um¬
zug Stern nicht in Betracht.
Einigkeit herrscht auch in der Frage des Pferdetransports. In
der kühnen Lösung des Autoproblems erkenne ich den langen
Arm des langen Rüssels. Daß die Erwähnung der Nachkom-
mm des großen Zirkulationskomponisten in ihrer doppelten
Eigenschaft als Sekretärin unseres Zukunftsstaats und Reise¬
kameradin einen leichten Schock verursachte, ist wohl als
menschlich zu betrachten. Aber ich habe mich schnell erholt.
Ihre blinde Ergebenheit und ihre nicht minder blinde effi-
ciency macht ihre Bestallung durchaus rational. Auf der Reise
wird man sich verständigen, und schließlich brauche ich auch
nicht neurotischer zu sein als unbedingt notwendig. Dafür
möchte ich nachdrückliche Ansprüche auf anerkennende
Trompetentöne anmelden. Gut wäre es vielleicht, wenn Sie
den Plan Miss von Mendelssohn eröffnen würden. Einmal
weil sie dann weniger Widerstände haben wird, dann auch
weil sie in dem Fall eventuell noch ein wenig auf dem Auto
mit der Giraffe trainieren wird, damit diese einigermaßen ein¬
gefahren ist; denn der Plan ist ja, daß beide abwechselnd fah¬
ren, um sich nicht zu überanstrengen. Ebenso wären wir Ih-

229
nen schrecklich dankbar, wenn Sie uns noch einige Hinweise
für die Südroute geben würden. Wir freuen uns sehr auf die
Reise und danken Ihnen ganz besonders dafür, daß Sie sie
möglich machen, denn es ist natürlich in jedem Betracht der
Bahnfahrt vorzuziehen.
Die heikelste Frage ist die des Termins. Es ist selbstverständ¬
lich, daß ich mich um die Frage der Columbiavorlesung aufs
energischste kümmern werde und ich möchte Sie im Übrigen
bitten, mir einiges Nähere darüber zu schreiben, vor allem
über den Punkt, ob die Verhandlungen Marcuses mit Maclver
sich wieder nur auf die Extention beziehen (das Committee of
Instruction ist, soviel ich weiß, nur für diese zuständig) oder
ob Maclver zu dem mir gegebenen Versprechen steht, zu ver¬
suchen, Vorlesungen von uns an die Fakultät zu verlegen. Ich
meine, wir sollten unbedingt das letztere anstreben. Es ist aber
sehr wichtig, daß ich zu dem ganzen Komplex Ihre detaillierte
Stellung kenne.
Aus Gründen der Columbia-Administration soll, soviel ich
gehört habe, die Entscheidung Ende dieses bis Anfang näch¬
sten Monats fallen. Ich meine also, wir sollten unsere Abreise
nicht länger als bis Mitte Oktober herausziehen, es sei denn,
daß wider Erwarten ein solcher Goldregen auf uns nieder¬
ginge, daß Sie hierher kommen. Vor allem habe ich Angst vor
einem sich hinziehenden interimistischen Zustand, für den ja
das gilt, was Sie von Ihrem eigenen New Yorker Aufenthalt im
Frühjahr sagten: Motive der Unabkömmlichkeit ergeben sich
immer und es kommt nur darauf an, ihnen im rechten Augen¬
blick standzuhalten.
Weder also, meine ich, sollten wir unser Zusammensein
und unsere Arbeit länger wegen den von Ihnen als Don Qui-
choterien charakterisierten Hoffnungen herausziehen noch
einen Zwischenzustand für uns hier auch nur um einen Tag
unnötig verlängern, der der Arbeit ungünstig und notwendig
deprimierend ist. Es versteht sich, daß ich bei wirklich ernsten
Motiven nicht wie ein Beamter Termine fetischisiere, aber es
ist ebenso wichtig, daß wir uns nicht von dem zähen Brei un-

230
absehbarer und nicht positiv aussichtsreicher Verhandlungen
ersticken lassen sollen. Die Trennung beginnt sehr schwer er¬
träglich zu werden. Ich glaube, daß Sie in der Behandlung der
Frage zu unserer Rationalität Vertrauen haben können. Übri¬
gens hatte Gretel, ehe die Autoidee aufkam, wenn auch
schweren Herzens, daran gedacht, mich hier ein paar Wochen
allem zu lassen und schon früher nach Hollywood zu kom¬
men, um dort die praktischen Dinge so in die Hand zu neh¬
men, daß, wenn ich käme, mit deren Einrichtung kaum Zeit
mehr verloren ginge. Aber das ist ja nun überholt.
Fritz hat mir weiter ausgerichtet, ich sollte vor der Über¬
siedlung nochmals die Chancen hier überdenken. Ich glaube,
ich kann Ihnen dazu eine recht eindeutige Antwort geben. Sie
lautet: es bestehen gewisse Aussichten, (die ich keineswegs
hoch veranschlage,) aber diese sind nicht an New York gebun¬
den. Das bringt den Namen Lazarsfeld ins Spiel. Schon als er
den gescheiterten Antrag bei Rockefeiler machte, war es zwi¬
schen ihm und Marshall vereinbart, daß ich die betreffenden
Arbeiten durchführen könne, wo immer ich wolle. Er hat nun
(dies unter striktester Diskretion) und zwar mit Marshall zu¬
sammen den Antrag, den er Rockefeller vorgelegt hatte, in
einer etwas modifizierten Form (der zwei neue Memoranden
von mir zugrundeliegen) der Carnegie Foundation vorgelegt.
Es klingt zunächst absurd, wenn eine Foundation an die an¬
dere herantritt. Da aber ein umgekehrter Präzedenzfall vor¬
liegt, da Carnegie schon Projekte an Rockefeller abgeschoben
hat, so halten beide die Idee für gut (sie stammt übrigens von
Marshall). Die Verhandlungen, die schon im Juni aufgenom¬
men waren, werden dieser Tage weitergehen. Sollten sie zu
nichts führen, so bin ich entschlossen, trotzdem die Beziehung
zu Lazarsfeld weiter zu pflegen und er ist dazu ebenfalls bereit.
In welcher Weise man das macht, ob ich etwa wieder ein¬
zelne Aufträge zur Durchführung längst entworfener Studien
bekomme, muß man sehen. All das hat aber nach Lazarsfelds
wiederholten Aussagen mit meinem Wohnort nicht das min¬
deste zu tun. Wie Sie wissen, erscheint die Arbeit Radio Voice

231
jetzt in Lazarsfeld Buch Radio Research 1941. Ich habe mich
nun mit Lazarsfeld geeinigt, daß man 100 Separata herstellt,
die diese Arbeit mit zwei anderen unter meiner Leitung im
Projekt durchgefiihrten zusammenfassen, wobei mein Name
als der des Verantwortlichen auf dem Titel erscheint, so daß
auf diese Weise eine Art Buch von mir vorliegen wird, das man
bei Verhandlungen wegen Vorlesungen usw. verwerten kann.
Andere Chancen als die der Kooperation mit Lazarsfeld und
die gemeinsamen die Vorlesungen betreffenden sehe ich hier
nicht. Beim Radio schon gar nicht.
Den Nachlaß Benjamins haben wir katalogisiert. Das
Wichtigste, die Passagenaufzeichnungen, ist nicht dabei. Wir
hoffen, daß ein Gerücht zutrifft, dem zufolge sie sich in der
Bibliotheque Nationale befinden sollen. Es gibt nur ein Cou¬
vert, das mit den Passagendingen zusammenhängt, aber es be¬
zieht sich fast ausschließlich auf Baudelaire.
Den einliegenden roten Zettel Benjamins fand ich unter
den Aufzeichnungen, die sich mit seinen Haschischversu¬
chen beschäftigen. Ich schicke ihn wegen des auf der einen
Seite allein stehenden Satzes. Auf einem anderen Blatt stand
der Satz: »So lange es noch einen Bettler gibt, gibt es noch
Mythos«.
Nun beginnen wir die Tage zu zählen. Ihnen und Maidon
alles Liebe von uns beiden
Ihr Teddie

Schönsten Dank für die Karte. Es ist so lieb von Ihnen, daß Sie
alle Dinge von uns so sorglich vorbereitet haben. Wir merken
alles.
Ihre
Giraffe Gazelle

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

das Telegramm: Leo Löwenthal hatte telegraphiert: »Peardon characterising


forthcommg issue thoroughly scholarly extremely interestmg very useful

232
very sound work. Does not deem any changes necessary or desirable. sug-
gests title Pollock omission a tentative Interpretation of. title Kirchheimer
political compromise colon liberal democratic fascist. title Gurland tech-
nology and economic structure under national socialism. inclined putting
Horkheimer before Adorno, suggest accepting all proposals. please wire
decision today. kindly write decision Mead. without your news since sun-
days mghtletter. most cordially LL.«

Christian Morgensterns Phantasie: Sollte Adorno an das Palmström-Gedicht


»Das Warenhaus« gedacht haben?

zwei neue Memoranden von mir: Das eine ist wohl das Memorandum vom
22. Juni 1941 an Lazarsfeld »re: geplante Studien«, das andere das über
»Probleme des neuen Menschentyps« vom 23. Juni 1941, das ebenfalls an
Lazarsfeld gerichtet ist. Im ersten Memorandum formuliert Adorno acht
Studien, die »auf Grund der materialen und theoretischen Entwürfe der
music study« entworfen wurden: »1) Musik und Kommunikation 2) Ra¬
dio Physiognomics 3) Content analysis of serious musical programs
4) Jazztheorie 5) Success analysis of special hits 6) Typologie des musika¬
lischen Hörens 7) Fan mail 8) Pädagogische Vorschläge«.

100 Separata: Davon haben sich in Adornos Nachlaß keine Spuren gefun¬
den.

Der einliegende rote Zettel: Er enthielt Benjamins Notiz: »Zum Haschisch /


Der Zustand des Todes ist identisch mit dem der Herrschaft.« — Vgl. jetzt
Benjamin GS VI, S. 618.

der Satz: Vgl. Benjamin GS Vi, S. 505.

die Karte: Nicht erhalten.

233
244 Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 14.9.1941

429 west 117TH Street 13524 D’Este Drive


new york, n. y. Pacific Palisades, Cal.

9-14-41

Lieber Teddie:
Gretel wird meine Zeilen noch erhalten haben, ehe Fritz
eintraf. In den Fragen der Übersiedlung soll ohne Ihr volles
Einverständnis nichts entschieden werden. Wenn ich ur¬
sprünglich empfohlen hatte, daß Sie über die Möbel erst von
hier aus verfugen, so dachte ich dabei nur daran, daß Sie von
hier aus die Dinge leichter überblicken können. Ich bin je¬
doch auch mit einer anderen Lösung durchaus einverstanden.
Die Ruhe und damit die Fruchtbarkeit unserer nächsten Jahre
wird davon abhängen, wie wir unser hiesiges Leben einrich¬
ten. Wir werden unserer ganzen kollektiven Klugheit bedür¬
fen, um es recht zu machen, denn jeder Fehler bedeutet jetzt
einen Zeitverlust, der sich vielleicht nie wieder emholen läßt.
Ich weiß noch nicht, was Sie wegen Ihres Abreise-Termins
mit Fritz vereinbart haben. Mein Vorschlag war, daß Sie dort¬
bleiben sollten, bis das Committee of Instruction getagt hat
und unsere Verhandlungen mit Maclver positiv oder negativ
beendigt sind. Unter den gegenwärtigen kriegerischen Um¬
ständen liegen unsere akademischen Chancen, wenn sie über¬
haupt irgendwo liegen, zweifellos ausschließlich bei Colum¬
bia. Dazu kommt noch, daß es heutzutage nicht wenig riskant
wäre, die offizielle Verbindung mit dieser Universität zu ver¬
lieren. Selbst wenn die Verhandlungen wegen einer Ausdeh¬
nung der Lehrtätigkeit scheitern, müssen wir daher versu¬
chen, die Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Andererseits haben wir an unsere Finanzen zu denken. Ich
habe immer Zweifel an der Klugheit von Schutzmaßnahmen,
wenn sie den Standards gut bürgerlicher Denkweise wider-

234
sprechen. Angesichts unseres kleinen Vermögens müssen wir
diese Verbindung zu teuer bezahlen. Wenn wir nicht wissen,
wie lange es noch ftir einen einigermaßen auskömmlichen
Unterhalt ftir uns selbst reicht, so dürfen wir doch nicht mehr
als einen Jahresgehalt dafür ausgeben, um den Institutsbetrieb
in Gang zu halten. Mehr, ja weit mehr als einen Jahresgehalt
aber kostet heute das Büro. Denken Sie an Heizung, Licht,
Instandhaltung des Hauses, Sekretärin, Material, Telefon, Te¬
legramm- und Postspesen, Besuche und Einladungen, nicht
zuletzt an eine ganze Reihe von regelmäßigen und unregel¬
mäßigen Unterstützungen, die mit der Aufrechterhaltung
verbunden sind. In kurzer Zeit können noch weitere Ausga¬
ben hinzukommen, die mit der Bekundung des guten Willens
einer solchen Institution in gegenwärtiger Zeit Zusammen¬
hängen. Was aber wird erst geschehen, wenn durch irgend
einen Konfliktsfall, der mit dem Betrieb zusammenhängt, An¬
walts- oder sonstige Kosten entstehen. Glauben Sie ja nicht,
daß durch weitere Sparsamkeit, die ohnehin notwendig ist, an
den Kosten entscheidendes geändert werden kann. Die Vor¬
teile, die wir genießen, sind wirklich sehr hoch bezahlt. Von
der Energie und Zeit, die wir alle zusammen aufwenden müs¬
sen, will ich garnicht reden.
Meiner Ansicht nach sollen wir in den nächsten sechs Wo¬
chen alles anstrengen, damit Maclvers Zusage, daß wir 1942
Fakultäts-Vorlesungen bekommen, verwirklicht wird. Der-
oder diejenigen von uns, die mit Vorlesungen betraut würden,
hätten dann zu diesem Zweck für das nächste Herbst-Seme¬
ster nach New York zurückzufahren, und es würde ja wohl so¬
viel Geld dabei herausspringen, daß dies keine Mehrkosten
bedeutete.
Während der Verhandlungen mit der Universität sowohl
wie mit der New York Foundation soll von Ihrer Abreise und
den Verkleinerungsplänen nichts durchsickern. Ja, es soll
wahrheitsgemäß betont werden, daß im Falle irgendwelcher
akademischer Verpflichtungen oder eines erheblichen grants
sowohl ich wie jeder von uns jederzeit zur Verfügung steht.

235
Ich bitte Sie, gegebenenfalls auch in unseren Kreisen jeden et¬
waigen Zweifel daran zu tilgen, daß auch ich selbst gern bereit
bin, eine Vorlesung zu übernehmen. Die Liste der von unse¬
rem Kreise anzubietenden Vorlesungen hat Marcuse mit Mac-
Iver schon im Umriß entworfen; sie wird von hieraus über¬
sandt, sobald Näheres über die Tagung des Committees of
Instruction bekannt ist. Heute schon erbitte ich mir Ihre Mei¬
nung zu dem Gedanken, daß Marcuse zu diesen Verhandlun¬
gen nach New York kommt. Maclver scheint ihn recht gern
zu haben, hat auch ausdrücklich darum gebeten, daß er oder
ich bei der Besprechung in New York anwesend sei. Außer¬
dem soll der staff während der Verhandlungen ja möglichst
vollzählig sein, damit Gerüchte des Abbruches leichter zu wi¬
derlegen sind. Ihre Abreise wird es nur erleichtern.
Sollten unsere Schritte bei Columbia oder der New York
Foundation irgendwelche Erfolge zeitigen, woran ich aufrich¬
tig zweifle, so müssen wir auch dann, wenn diese gesichert
sind, eine Verkleinerung durchfuhren. Ich denke entweder an
Hereinnahme Lazarsfelds oder daran, daß wir einen Teil des
Hauses im Hinblick auf die gegenwärtige Raumknappheit
Columbia für eine Zeit lang zur Verfügung stellen. Wir erklä¬
ren, daß einige Mitarbeiter im Westen eine Untersuchung
durchführen und zeigen durch die zeitweilige Überlassung
von Räumen unseren Willen zur co-operation. Wir brauchen
dann praktisch nur noch einen Stock zu behalten. Wählen wir
den dritten, wo jetzt Fritz und Lix sitzen, so sparen wir desto
sicherer die Sekretärin. Besuche verbieten sich unter den ge¬
gebenen Umständen dann von selbst. Ich würde den Zeit¬
punkt für die Ankündigung solcher Maßnahmen unmittelbar
nach dem Druck des Vorlesungsverzeichnisses, also etwa im
Januar, ansetzen. Ähnliches gilt für den Fall, daß die Founda¬
tion einen grant gewährt, der nicht so groß ist, daß sich eine
Aufrechterhaltung des Betriebes lohnen würde.
Sollte es sich bis Ende Oktober zeigen, daß beide Pläne
fehlschlagen, so können wir über den emzuschlagenden Weg
nicht mehr länger im Zweifel sein. Wir können auch dann

236
versuchen, die notwendige Verkleinerung in der eben ange¬
zeigten Weise in die Wege zu leiten. Im ersten Fall hätten wir
jedoch einen gewissen Spielraum. Wir könnten den Gedan¬
ken der Verkleinerung schließlich sogar fallen lassen, falls sich
zeigte, daß wir damit die Verbindung mit Columbia völlig
verlören. Im zweiten Fall jedoch müssen wir diese Eventualität
auf uns nehmen. Nach ergebnislosem Verlauf des Oktober
dürfen wir nicht mehr zögern, mit der notwendigen Um¬
wandlung des Instituts in eine Stiftung, die 4 bis 5 private For¬
schungsaufträge erteilt, Ernst zu machen. Sonst sind wir keine
anständigen bürgerlichen Existenzen mehr, sondern entweder
Spieler, die nach Verlusten glauben, durch Einsatz ihres Letz¬
ten alles retten zu können oder offenkundig schwache Kan¬
tonisten, die aus Angst vor Erpressungen sich ruinieren. Nach
den Satzungen der Stiftung ist ein Institutsbetrieb durchaus
nicht notwendig. Vielmehr kommt es einzig darauf an, daß die
Theorie der Gesellschaft gefördert wird und ich denke, dieser
Absicht wird weit besser genügt, wenn wir hier an unserer Sa¬
che arbeiten und von Zeit zu Zeit ein Jahrbuch herausbringen,
als wenn wir unsere Kräfte und unser Geld auf eine akademi¬
sche Aktivität vergeuden, die wir ohnehin nicht recht verant¬
worten können.
Ich gebe mich keiner Täuschung darüber hm, daß ein Ab¬
gang von der Columbia, zu dem wir vielleicht nach Einleitung
der Verkleinerung gezwungen werden könnten, in der nahen
Zukunft ernste Gefahren mit sich bringen kann. Zu den Geg¬
nern, die wir als jüdische Emigranten haben, kommen noch
unsere speziellen Feinde hinzu, die sich durch die Verkleine¬
rung oder gar Schließung sowohl vermehren als ermutigt füh¬
len werden. Aber wir können schließlich mit dem Betrieb
nicht fortfahren, bis wir garmchts mehr haben.
Soeben trifft Ihr Brief vom 13.ds.Mts. ein. Die Notiz Ben¬
jamins ist eine Nachricht von ihm, daß wir auf dem rechten
Wege sind. Ich orientiere mich gegenwärtig über die Ge¬
schichte des Begriffes der Vernunft. Darauf wurde ich im Zu¬
sammenhang mit der Arbeit über Fortschritt geführt und es

237
sieht jetzt so aus, als ob sie hauptsächlich um den Begriff der
Vernunft zentriert würde. Ich glaube schon jetzt recht interes¬
sante Dinge gefunden zu haben. Für heute möchte ich nur
eine Frage an Sie stellen. Die These der Identität von Vernunft
und Sprache, die jetzt bei den Carnap-Leuten die Hauptsache
ist, hat ihren Ursprung im Begriff des Logos. Sie durchzieht
dann die ganze Geschichte der bürgerlichen Philosophie. Bei
den Franzosen des 16. Jahrhunderts heißt Vernunft eigentlich
garnicht raison sondern discours. Aber so wie die These ge¬
meint war, sollte sie im Grunde eine Leugnung objektiver
Wahrheit bedeuten. Ich frage mich nun, inwiefern wir die
These nicht den Philosophen aus der Hand zu nehmen haben.
Die Sprache intendiert, völlig unabhängig von der psycholo¬
gischen Absicht des Sprechenden, aufjene Allgemeinheit, die
man der Vernunft allein zugeprochen hat. Die Interpretation
dieser Allgemeinheit fuhrt notwendig auf die Idee der richti¬
gen Gesellschaft. Im Dienst des Bestehenden muß die Sprache
sich daher in konstantem Widerspruch zu sich selbst befinden
und dies zeigt sich in den einzelnen sprachlichen Strukturen
selbst. Ich möchte nun gern Ihre Reaktion zu dieser Ansicht,
so formal und vage, wie ich sie jetzt angedeutet habe. So wie
sie da ist, traue ich ihr nämlich selbst nicht. Der Widerspruch
wäre stets der zwischen dem Dienst an der herrschenden Pra¬
xis und der notwendigen Intention auf die richtige Allge¬
meinheit. Glauben Sie nicht, daß ich nicht schon viel Konkre¬
teres zu sagen wüßte, aber die formale These selbst hat bei all
ihrer Positivität etwas höchst Verlockendes! »Kritik der Spra¬
che« wäre so ein Genitivus subjectivus. Aber mir ist auf diesem
Weg nicht wohl, auch wenn er von Mauthner zu Karl Kraus
fuhrt.
Der Widerspruch, den die Sprache aufweist, sofern sie dem
bestehenden Unrecht dient, ist doppelt. Die gesellschaftliche
Repression beraubt die Sprache jeder anderen Funktion als
der eines Mittels der Planwirtschaft. In diesem Prozeß
schrumpft ihre Anwendung, etwas zu bedeuten und auszu¬
drücken, im Vergleich mit ihrer Fähigkeit hierzu rapide zu-

238
sammen. Dies zeigt sich im Mißverhältnis des Reichtums an
Worten und Wendungen gegenüber dem Sinn. Es besteht die
Tendenz, daß alle Sätze, wie sie auch lauten mögen, schlie߬
lich nur noch dasselbe sagen. Diese Tendenz geht Hand in
Hand, ja ist eigentlich dieselbe, mit der Schematisierung. Die
Domäne der Kraus sehen Kritik war die Konfrontation des
Schemas mit dem ursprünglichen Sinn. In der Naivität, mit
der er zu diesem Sinn, der doch selbst historisch ist, gegen das
Schema steht, liegt das Reaktionäre seiner Wirksamkeit. Er
hat die Schematisierung zu harmlos hingestellt, indem er sie
jeweils als einen Fehler zurücknehmen wollte. Aber wir sind
schon in ein Stadium eingetreten, in dem die Konfrontation
mit dem bürgerlichen Ideal nicht mehr genügt. Selbst die Kri¬
tik der politischen Ökonomie, die anders als die der Sprache
sich mit der Konfrontation nicht begnügte, sondern den Ge¬
gensatz entwickelte, ist aus demselben Grund fragwürdig. Und
sie ist insgeheim an den Ideen von Macht, Ordnung, Plan,
Verwaltung orientiert, die bei Kraus offen hervortreten.
Der zweite Sinn des Widerspruchs, der mit dem ersten zu¬
tiefst zusammenhängt, ist der, über den ich um Ihre Meinung
gebeten habe. Die Rede an einen richten, heißt im Grunde,
ihn als mögliches Mitglied des zukünftigen Vereins freier
Menschen anzuerkennen. Rede setzt eine gemeinsame Bezie¬
hung zur Wahrheit, daher die innerste Bejahung der fremden
Existenz, die angeredet wird, ja eigentlich aller Existenzen ih¬
ren Möglichkeiten nach. Soweit die Rede die Möglichkeiten
verneint, befindet sie sich notwendig im Widerstreit mit sich
selbst. Die Rede der Aufseher im Konzentrationslager ist an
sich ein furchtbarer Widersinn, ganz gleichgültig, was sie zum
Inhalt hat; es sei denn, daß sie die Funktion des Sprechers
selbst verurteile. Alle Rede der Gegenwart trägt etwas davon
an sich. Ich glaube, Ihr Gedanke, daß schon der Anspruch auf
Ausdruck heute eitel sei, hat mit diesem Sachverhalt zu tun.
Natürlich ist es möglich, diesen zweiten Sinn des Wider¬
spruchs als Spezialfall des ersten hmzustellen und zu sagen, der
Begriff der Allgemeinheit, der hier eine Rolle spiele, sei eben-

239
sogut bürgerlich wie die anderen Ideale. Schließlich könne er
seine Abkunft aus Kant ja nicht verleugnen. Die Orientierung
an diesem historischen Begriff sei so reaktionär wie die an
sonstigem Erbgut. Es komme einfach darauf an, den Werk¬
zeugcharakter der Sprache noch viel weiter zu treiben als in
der Realität. — Dies ist vielleicht richtig, aber dann gibt es
überhaupt nur noch die Erfahrung und nicht mehr den Aus¬
druck. Auch in der abstrakten Malerei von Picasso, nicht bloß
bei Guernica, dem Mädchen mit dem Hahn usf. erscheint der
Gegensatz zur Freiheit, ja, diese ist eigentlich das Thema, eben
weil auch die Malerei eine Art Sprache ist. Auch die abstrakte
Malerei ist z. B. verzerrt usf. Wenn diese ungewollte Intention
völlig historisch aufgelöst werden könnte, wäre die Logistik
schließlich nicht bloß die Vernunft in ihrer reinen Gestalt,
sondern auch noch die wahre Kunst.
Ihre Abreise setzen Sie am besten selbst und im Einverneh¬
men mit Fritz fest. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß mir
jede Woche, die Sie früher kommen, als gewonnen erscheint.
Die einzige Rücksicht ist die, daß wir wegen ein paar Tagen
nichts versäumen wollen, was uns nachher hier ernsthaft reuen
könnte. Marcuse erklärt, daß er mit Maclver ausdrücklich we¬
gen Fakultätsvorlesungen, nicht etwa wegen weiterer Exten-
tionskurse verhandelt habe. Es scheint mir jedenfalls nicht un¬
wichtig, daß Maclver nicht während der Verhandlungen den
Eindruck gewinnt, das Institut werde abgebrochen. Ein wei¬
terer Punkt, der vor der Abreise noch beachtet werden sollte,
scheint mir wie gesagt die wiederauflebende Front unserer be¬
sonderen Freunde Erich und Karl August e tutti quanti zu
sein. Darüber habe ich ausführlich an Löwenthal geschrieben.
All dies braucht jedoch Ihrer Absicht, Mitte Oktober abzurei¬
sen, keineswegs zu widersprechen. Sie sollen nur New York
mit dem Gefühl verlassen, daß der weitere Verlauf der Dinge,
wenn keine höhere Gewalt eintritt, ungefähr überblickbar ist
und daß wir das unsrige getan haben, um einerseits unnötige
Störungen der Arbeit hier zu verhindern und andererseits
Chancen in New York offen zu halten. Inwiefern man zu

240
diesem Zweck einige Tage vielleicht sogar Wochen zugeben
muß, ist eine Instinktfrage, die in diesem Fall nur Sie allem be¬
stimmen können. Grundsätzlich bin ich durchaus mit der
Mitte Oktober einverstanden. Wenn es keine andere Chance
gibt, ein Auto zu benutzen, halte ich den Gedanken, daß Sie
mit Fräulein von Mendelssohn kommen, für recht gut. Ein
leises Bedenken habe ich, ob ich Fritz schon so bald der Hilfe
Fräulein von M.’s berauben darf. Auch das können Sie von
dortaus besser beurteilen als ich. Vielleicht sprechen Sie jetzt
schon mit ihm über diese Frage und sorgen dafür, daß er sich
rechtzeitig umsieht. Ich selbst will gern an Fräulein von M.
wegen der kombinierten Reise schreiben. Sollte es sich als
wünschenswert erweisen, daß Fräulein von M. noch längere
Zeit dort bleibt, so werden Sie sicher gemeinsam mit Fritz die
Reise auf andere Weise organisieren können.
Den großen Schrank habe ich klar in der Erinnerung. Er ist
wirklich schön. Wenn Sie jedoch hierin ein neues Haus ziehen
sollten, wird er unter Umständen nicht bloß überflüssig sein,
sondern schlecht ins Zimmer passen. Ich schlage daher vor, daß
Sie dort eine Regelung treffen, die uns die Freiheit gibt, von
hieraus die letzte Entscheidung zu treffen. Selbst wenn wir uns
dann entschließen sollten, daß er vorerst in New York bleibt, so
braucht es doch kein dauernder Abschied von ihm zu sein.
Über die Route schreibe ich nächstens. Ich kann mir
schwerlich eine angenehmere Aufgabe vorstellen. Alles Liebe,
auch von Maidon, Ihnen beiden
Ihr
Max.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M. - E: Horkheimer, Briefwechsel 1941 bis
1948, S. 168 ff.

Ich orientiere mich gegenwärtig über die Geschichte des Begriffes der Vernunft:
Horkheimer arbeitete zu der Zeit an dem Aufsatz »Vernunft und Selbster¬
haltung«, den er mit Adorno, nach dessen Ankunft im Westen, abschlie¬
ßend redigierte.

241
Mautliner: Fritz Mauthners dreibändiges Werk »Beiträge zu einer Kritik
der Sprache« war 1923 in der 3. Auflage erschienen.

Erich und Karl August: Erich Fromm und Karl August Wittfogel.

245 Adorno an Horkheimer


New York, 23.9.1941

23. September 1941.

Lieber Max,
bei der Beantwortung Ihres lieben Briefes vom 14. Septem¬
ber komme ich mir noch dümmer vor als im allgemeinen, weil
ich in allen Punkten so mit Ihnen übereinstimme, daß ich
kaum irgendetwas Neues hmzuzufugen habe und mich be¬
gnügen muß, wie Herr Faust im Seminar Rickerts mit dem
Kopf zu nicken.
Wir haben hier zwei äußerst bescheidene Zimmer genom¬
men (mit Anteil an Küche und Bad), da etwas Richtiges mit
wöchentlicher Kündigung nicht zu haben ist und wir uns, in
der Hoffnung so schnell wie möglich zu Ihnen zu kommen, so
mobil wie möglich halten wollen. Die neue Adresse ist ab 30.
September: York Studios, 611 West 113 Street.
Im übrigen herrscht wegen der Frage unserer Abreise zwi¬
schen Ihnen, Fritz und mir die vollste Übereinstimmung: das
einzige ist, daß nicht Marcuse, der ja wohl bei dem Transport
mitgenommen werden soll, aus privaten Gründen die Abfahrt
von New York unnütz hinauszögert. Einen Gesichtspunkt
möchte ich noch geltend machen: es besteht eine sehr große
Möglichkeit, daß Amerika in den nächsten Wochen auch offi¬
ziell in den Krieg eintritt. Der Beschluß der American Legion
ist sehr charakteristisch und die parlamentarische Gruppe der
isolationists scheint in vollster Auflösung. Wir sind aber noch
nicht naturalisiert. Ich würde nun dringend befürworten,
wenn wir vor der Kriegserklärung nach Hollywood kämen. Es

242
wäre doch unabsehbar traurig, wenn unsere Pläne an einer Ver¬
zögerung ganz weniger Wochen scheitern sollten; und daß im
Fall einer Kriegserklärung die Bewegungsfreiheit deutscher
Staatsangehöriger beschränkt wird oder es zumindest endloser
und zeitraubender Formalitäten bedarf, bis man reisen kann,
scheint mir höchst wahrscheinlich. Ich darf Sie bitten, auch
diesen Gesichtspunkt noch in die Erwägungen aufzunehmen.
Was das Problem der Columbia anlangt, so teile ich Ihre
Ansicht vollkommen. Man muß versuchen zu erreichen, was
man kann, aber darf unter keinen Umständen auf neue unab¬
sehbare finanzielle Engagements sich einlassen. Die Schlie¬
ßung des Hauses oder den Transfer an Lazarsfeld befürworte
ich mit größtem Nachdruck. Wir dürfen uns auch nicht
einreden lassen, daß die Schließung des Hauses an sich der
Aufgabe der Verbindung mit der Columbia gleichkäme; be¬
sonders Marcuses gegenüber würde ich dringend raten, diese
beiden Gesichtspunkte scharf auseinanderzuhalten, die er, sei¬
nem Brief nach zu urteilen, unmittelbar zu identifizieren be¬
strebt ist. Meines Erachtens müssen wir, wenn keines der
Wunder eintritt, bestrebt sein, Maclver dafür zu gewinnen,
daß das Institut alle Rechte der Beziehung zur Columbia bei¬
behält und eventuell sogar zusätzliche gewinnt, auch wenn wir
erheblich verkleinern und aus dem Haus herausgehen. Das ist
die Lime jedenfalls, die ich einzunehmen vorschlage, und Ihre
Unterstützung dabei halte ich für äußerst wichtig. Es besteht
sonst doch eine Tendenz, die Verkleinerung zu inhibieren
oder immer wieder zu vertagen.
Im übrigen, meine ich, muß man bei dem ganzen Colum¬
biakomplex zwei Dinge ausemanderhalten: tatsächliche finan¬
zielle Vorteile bzw. Leistungen, die für unsere akademische
Position in der Zukunft wirklich etwas versprechen, und die
sogenannte »Sicherheit«. In Bezug auf die letztere bin ich recht
skeptisch. Wenn es in Amerika keinen Faschismus gibt, so
wäre ich unbesorgt, selbst wenn die Verbindung mit der Co¬
lumbia schließlich zerspringen würde, was man nach meiner
festen Überzeugung auch dann verhindern kann, wenn der

M3
tatsächliche Institutsbetrieb sehr eingeschränkt wird. Gibt es
aber Faschismus, so ist ohnehin nichts zu machen. Vielleicht
kann ich es so ausdrücken: das Risiko der Verarmung, dem wir
uns aussetzen, wenn wir den Columbiabetrieb einigermaßen
im gegenwärtigen Umfang aufrechterhalten, scheint mir grö¬
ßer als das Risiko, das daraus erwachsen würde, daß wir nicht
mehr an der Columbia sind. Verloren ist man nur dann, wenn
man kein Geld hat, an dieser Weisheit kann ich nicht vorbeise¬
hen. Im Zusammenhang mit der Frage der Sicherheit möchte
ich wenigstens noch einmal fragen, ob die Aktion gegen Bonn
wirklich anzuraten ist. Ich weiß, daß ich da mit meinen Be¬
denken ganz allein stehe, und vielleicht sind diese wirklich
übertrieben. Aber ich habe andrerseits eine Reaktion, die Ih¬
nen vertraut sein dürfte: die Regung des Mißtrauens, sobald
irgendein Unternehmen als absolut »sichere Sache« empfoh¬
len wird. Daß umgekehrt aus dem senilen Geschwätz einer
Salonfigur wie Bonn (den ich kenne) uns ernsthafte Nachteile
erwachsen sollen, halte ich für fraglich. Ich meine, wir sollen
uns da in nichts hereinhetzen lassen. Das Vertrauen auf den ab¬
solut sicheren Ausgang einer solchen Aktion setzt eines in eine
Gerechtigkeit voraus, die niemand weniger denn wir als ver¬
wirklicht voraussetzen können. Wie gesagt, dies sind meine
Regungen zur Sache, und ich möchte mir bei meiner mangel¬
haften Kenntnis des ganzen Vorgangs kein Urteil anmaßen.
Aber als Leo sagte, er danke Gott für diesen Zwischenfall, ist
es mir kalt den Rücken heruntergelaufen. (Meine Reaktion
ist genau die gleiche wie die Teddies G. G.) Wir haben allen
Grund, mit jener Art von Freunden vorsichtig zu sein, die uns
zu Husarenritten animieren, und ich glaube, daß die Erkennt¬
nisse, die wir an Bob gewonnen haben, an Rolf und Charlotte
nicht ihre Grenze haben. Ich habe von der ganzen Sache erst
vor ein paar Tagen gehört, sonst hätte ich längst geschrieben.
Nebenbei gesagt, Bonn ist mit Gabi recht gut, vielleicht kann
man Oppenheim zwingen, ihn ins Gebet zu nehmen und die
Sache durch eine Ehrenerklärung beizulegen, ohne daß es zu
einer Klage käme.

244
Im Gegensatz zu den den Schutz betreffenden Erwägungen
halte ich den Gesichtspunkt, daß man versuchen soll, bei der
Columbia etwas Ernsthaftes für uns herauszuholen für äußerst
wichtig. Daß bei einer Gastprofessur finanziell so viel heraus¬
schaut, daß uns keine Mehrkosten durch den doppelten
Wohnort erwachsen würden, möchte ich zwar bezweifeln,
halte aber eine Gastprofessur für einen oder mehrere von uns
für ein gutes Investment.
Ihr Memorandum wegen des Feindbundes habe ich aufs
sorgfältigste studiert. Mein Eindruck ist der, daß der wirkliche
Kristallisations- und Gefahrenpunkt in der ganzen Sache Bob
ist, und mit diesem müßte man irgendwie eine größere Ak¬
tion machen. Damit, daß Fritz einmal oder mehrmals mit ihm
luncht, ist es nicht getan. Und auf meine wiederholte Einla¬
dung zum Musizieren ist Bob nicht eingegegangen. Ich hatte
vorgeschlagen, ihn zu einem Diskussionsnachmittag über das
Staatskapitalismusheft zu bitten, bin aber damit nicht durch¬
gedrungen, weil ihm das angeblich zuviel zumutet. Nach mei¬
nen Erfahrungen schmeichelt aber nichts Menschen so sehr,
als wenn sie den Eindruck haben, als ob man sie sachlich um
Rat frage und sachlich ernst nehme. Bitte überlegen Sie diese
Idee, eine andere wäre, wenn Sie ihm über die ganze Situation
im richtigen Augenblick einen Brief schrieben und quasi auf
Grund der bedrängten Lage in der wir uns befinden, ihn um
seinen Rat bitten. Jetzt noch nicht! Das könnte ihn neutralisie¬
ren. Schließlich könnte ich durch Lazarsfeld den Kontakt mit
ihm herstellen, aber nur, wenn Sie das anregen. Lazarsfeld ist
eben ganz ordentlich, und wenn er uns gegenüber ambivalent
ist, so steht er zu Bob noch viel ambivalenter. Wenn Sie mich
dazu autorisieren würden, könnte ich ihn in der Sache ins Ver¬
trauen ziehen und einen Aktionsplan mit ihm aushecken.
Diesen Plan halte ich eigentlich für den besten! Das wäre
schon deshalb nach meiner festen Überzeugung risikolos, als
Sie und ich mehrmals über die ganze Frage mit Lazarsfeld ge¬
sprochen haben, und er Überraschendes auf diese Weise be¬
stimmt nicht erfahren würde. — Die andern Feinde sind dem

245
gegenüber sekundär. Henryks nehme ich mich gern an. Ich
habe ihn zunächst um seine detaillierte Kritik des Spengler ge¬
beten, Julian ist fiir mich schwierig, da er und Lotte von einem
gewissen Zeitpunkt ab die Beziehung zu uns abgebrochen ha¬
ben. Bei Karl August: plumpste Schmeichelei. Außer Bob
halte ich aus einer Reihe von Gründen Erich für den gefähr¬
lichsten, aber er ist meiner Einflußsphäre völlig entzogen.
Meinem vagen Gefühl nach könnte hier am ehesten noch et¬
was wie eine sachlich kollegiale Erklärung über die theoreti¬
schen Differenzpunkte helfen. Sein Haß ist sicher zum großen
Teil einfach intellektueller Neid. Aber ich halte gerade ihn
auch am ehesten für theoretische Erwägungen zugänglich,
obwohl sicher die Fusion von Geld und Geist in diesem Fall
sehr weit reicht.
Mit Breton esse ich morgen zu mittag. Meine Differenz mit
Runes ist ausgeglichen und ich habe wegen Schardt mit ihm
gesprochen. Dieser ist eingeladen, wird aber vielleicht gut
daran tun, mit Leo Balet, der die Sektion bildende Kunst lei¬
tet, den Kontakt aufzunehmen. Balet teilt Henrvks Ansichten.
Die Einteilung des Dictionaire erfolgt nach sachlich systemati¬
schen Stichworten, nicht nach Personennamen.
Zu den sprachphilosophischen Erwägungen: es ist wieder
eine merkwürdige Koinzidenz; meine jüngsten Aufzeichnun¬
gen zum Anthropologieentwurf haben sich allesamt auf
Sprachprobleme bezogen, schon ehe Ihr Brief kam. Sobald
Gretel zum Abschreiben kommt, erhalten Sie einiges davon.
Wie sehr ich mit Ihren jüngsten Überlegungen überein¬
stimme, können Sie leicht ermessen, wenn Sie sich unsere
Diskussion Ihres Textes über die logische Allgemeinheit ins
Gedächtnis zurückrufen. Ich hatte damals zu dessen These
vom repressiven Charakter des »Ist« (und nach Ihrer Auffas¬
sung ist ja dies Ist eine der Schlüsselkategorien der Sprache)
geltend gemacht, daß das Ist nicht nur die unterdrückende
Funktion besitze, sondern auch die entgegengesetzte, d. h. daß
es die gute Allgemeinheit gegenüber der schlechten Indivi¬
dualität mit repräsentiere. Ich wollte ein gutes Wort für die

246
Sprache einlegen. Ihre neuen Erwägungen zur Sprache schei¬
nen nun dies Motiv zu pointieren. Und, aufrichtig gesagt, ist
es von den beiden dialektischen, die im Spiel sind, das, das ich
geneigt wäre, höher einzusetzen, gerade umgekehrt wie in der
Musik, wo ich ja (in der Musikarbeit) einen weitgehend no-
minalistischen Standpunkt vertreten habe, obwohl auch die
Musikarbeit in einem gewissen Sinn nichts als der Versuch ist,
die Dialektik von Besonderem und Allgemeinem konkret zu
entfalten. Völlig überein stimme ich mit der These vom ant¬
agonistischen Charakter jeder bisherigen Sprache. Hier müs¬
sen wieder einmal die Heinzelmännchen im Spiel gewesen
sein, denn ich habe vor einigen Wochen Pächter bei dessen
sprachkritischer Arbeit über die faschistische Propaganda ge¬
raten, den antagonistischen Charakter der Sprache in den Vor¬
dergrund zu stellen. Wenn die Menschheit bis heute nicht
mündig ist, so bedeutet das im buchstäblichsten Sinn, daß sie
bis heute noch nicht hat sprechen können, während Kraus die
Illusion hatte, sie könne es nicht mehr. Ihre neue Wendung in
der Sprachphilosophie hängt zugleich mit unserer Kritik an
der Psychologie aufs engste zusammen, in der ja die von der
Logik wie sehr auch unzulänglich vertretene Utopie des guten
Allgemeinen ganz unter den Tisch fällt, während das schlechte
Allgemeine, nämlich einfach die Gemeinheit, in ihr um so
entschiedener hervortritt. Ich möchte mich mit aller Leiden¬
schaft für die neue sprachtheoretische Tendenz einsetzen, im
Zusammenhang natürlich mit der dialektischen Gegenthese.
Ja, ich bin davon so sehr überzeugt, daß ich kaum Ihr Zögern
begreife. Es müßte ja nicht Kritik der Sprache heißen, son¬
dern etwa »Sprache und Wahrheit« oder »Vernunft und Spra¬
che«. Vielleicht können Sie den alten Text über »Ist« mit verar¬
beiten! Ein Motiv noch möchte ich Ihnen dazu sagen: nichts
habe ich so stark erfahren, wie die Beziehung zur Wahrheit,
die in der Anrede liegt, und zwar in einer ganz spezifischen
Weise. Es ist mir nämlich immer schwer gefallen und fällt mir
im Grunde auch heute noch schwer zu verstehen, daß ein
Mensch, der spricht, ein Schurke sein oder lügen soll. Mein

247
Gefühl vom Wahrheitsanspruch der Sprache ist so stark, daß es
sich über alle Psychologie durchsetzt und daß ich dem Spre¬
chenden gegenüber zu einer Leichtgläubigkeit neige, die in
schreiendstem Widerspruch zu meiner Erfahrung steht und
die im allgemeinen erst überwunden wird, wenn ich von dem
Betreffenden etwas Geschriebenes oder Gedrucktes lese,
woran ich dann eben erkenne, daß er doch nicht sprechen
kann. Meine fast unüberwindliche Abneigung dagegen, Lü¬
gen auszusprechen, hängt nur mit diesem Bewußtsein und gar
nicht mit moralischen Tabus zusammen. In dem Satz, ein
Mensch habe doch etwas gesagt und deshalb müsse es wahr
sein, den alle Klugheit verlacht, steckt eben die Wahrheit, wel¬
che die Klugheit verrät. Wenn Sie mich zu dieser Frage nach
meiner Meinung fragen, so vermag ich nichts als Ihnen zu sa¬
gen, daß vielleicht die innersten Motive, die mich überhaupt
bewegen, so sehr, daß ich ihnen fast ohnmächtig ausgeliefert
bin, in ebenjener Schicht gründen, von der Sie sprechen.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden
Ihr
Teddie

PS. Ein paar Worte wegen des Antisemitismusprojekts. Es ist


meine Überzeugung, daß jetzt oder nie die Zeit ist, dieses
Projekt zustandezubringen. Durch die Lindberghrede sind die
isolationists in eine Situation gekommen, in der die Admini¬
stration Aussicht hat, durch den Nachweis des Antisemitismus
einen entscheidenden Schlag zu fuhren. Ich meine daher, daß
bei Regierungsstellen jetzt ein zentrales Interesse am Komplex
Antisemitismus bestehen muß, und daß es nicht unmöglich
ist, daß wir von nicht jüdischer Seite ernsthaft etwas bekom¬
men, während die Juden zu feig sind. Mein Vorschlag ist nun
der, daß man an eine Reihe bekannter Publizisten wie z.B.
Raymond Graham Swing, Dorothy Thompson, William Shi-
rer herantritt und sie veranlaßt, ein Kommite zu bilden, das
sich nicht mit der üblichen sponsorship begnügt, sondern ak¬
tiv etwas unternimmt, d. h. sich selber bemüht, Geld für die

248
Untersuchung aufzutreiben. Es fehlt uns nicht an Verbin¬
dungsleuten zu den Personen, die ich im Sinn habe. Neumann
meint, die wichtigste mögliche Geldquelle sei das Council for
Democracy (Marshall Field, der privat unermeßlich reich ist).
Vielleicht könnte man durch das von mir vorgesehene Kom-
mite an diese Leute herankommen. Ich würde mich gern
noch der Sache mitannehmen, wenn Sie dafür sind. So könnte
man z.B. die Thompson durch Tillich »contacten«. Wegen
des anderen — mnerjüdischen — Aspekts der Sache sind Sie in¬
formiert.
r-

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Herr Faust im Seminar Rickerts: Nicht ermittelt.

Der Beschluß der American Legion: Die Veteranenorganisation »American


Legion«, die sicher keine Sympathien für die Bolschewisten hatte, be¬
schloß während ihrer Jahrestagung in Milwaukee am 15. September, die
Sowjetunion gegen Deutschland zu unterstützen.

Bonn: Der in Frankfurt am Main geborene Moritz Julius Bonn (1873 bis
1965) war Bankier und Volkswirtschaftler; er lehrte bis 1933 in Berlin und
emigrierte dann nach England. Bonn hielt sich in Amerika zu Vorträgen
auf und hatte dem Anschein nach nicht nur das Institut als marxistische
Einrichtung bezeichnet, sondern auch Horkheimer politisch als Bolsche¬
wisten oder Kommunisten in Mißkredit zu bringen versucht. Horkhei¬
mer und das Institut klagten nicht.

Bob: Nicht ermittelt.

Rolf und Charlotte: Wahrscheinlich der Journalist RolfNiirnberg (1903 bis


1949), der 1936 nach Amerika emigriert war und sich Ralph M. Nunberg
nannte; er sollte als Vermittler zwischen Horkheimer und Bonn auftreten
(s. auch Brief Nr. 249) und Charlotte Dieterle.

Gabi: Gabrielle Oppenheim-Errera.

Henryk: Henryk Grossmann.

Julian . . . Lotte: Julian und Lotte Gumperz.

249
Leo Balet: Der Kunstschriftsteller Leo Balet (1878-?) hatte 1936 mit E.
Gerhard das Buch »Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur
und Musik im 18. Jahrhundert« veröffentlicht, das in der Zeitschrift für
Sozialforschung besprochen worden war.

unsere Diskussion: Vgl. die Transkription des Gesprächs vom 2. Oktober


1939 in: Horkheimer, Gesammelte Schriften 12, S. 494-498, deren Ge¬
genstand die im Brief genannte Notiz Horkheimers ist (vgl. ebd., S. 70-74).

Pächter . . . seine sprachkritische Arbeit: Vgl. Heinz Paechter, Nazi-Deutsch.


A Glossary of Contemporary German Usage, with Appendices on Gov¬
ernment, Military and Economic Institutions, in association with Bertha
Hellman, Hedwig Paechter and Karl O. Paetel, New York 1944. — Die Ar¬
beit basiert auf Paechters früherem »Dictionary of Nazi Terms« und sei¬
nem Memorandum »Magic Grammar in Totalitarian Propaganda«. —
Heinz Paechter (1907-1980), später Henry M. Pachter, lehrte an der New
School und am City College in New York Geschichte.

die Lindberghrede: Charles Lmdbergh war 1941 dem nicht interventionisti¬


schen »America First Committee« beigetreten und hatte eine Reihe von
Reden in deren politischen Sinn gehalten. Wahrscheinlich meint Adorno
die Rede vom 11. September 1941 in Des Moines, Iowa, wo es heißt: »The
three most important groups who have been pressmg this country toward
war are the British, the Jewish and the Roosevelt administration. Behmd
these groups, but of lesser importance, are a number of capitalists, Anglo-
philes, and mtellectuals, who believe that the future of mankind depends
upon the dominadon ofthe British empire. Add to these the Communistic
groups who were opposed to Intervention until a few weeks ago, and I be¬
lieve I have named the major war agitators in this country.«

Raymond Graham Swing: Er war ein bekannter Radiokommentator.

Dorothy Thompson: Die Publizistin Dorothy Thompson (1894-1941) war


in den zwanziger Jahren Europakorrespondentin gewesen und hatte aus
Wien und Berlin berichtet. Sie war eine frühe Hitlergegnerin. Ihre Ko¬
lumne »On the Record« für »New York Herald Tribüne«, die sie seit 1936
schrieb, war berühmt und wurde vielfach von anderen Zeitungen nachge¬
druckt. Dorothy Thompson war bis 1942 mit Sinclair Lewis verheiratet
und als >Rote< verschrien.

William Shirer: Der Historiker und Publizist William Shirer (1904-1993)


hatte Europäische Geschichte in Paris studiert. Von 1934 bis 1937 hatte er

250
für die New York Herald Tribüne aus Berlin berichtet. 1937 arbeitete er
in Wien für das Columbia Broadcasting System. Shirer, der die Waffen-
stillstandsverhandlungen in Compiegne beobachtete, kehrte 1940 in die
USA zurück.

Council for Democracy: Es vertrat eine interventionistische Politik.

Marshall Field: Marshall Field III. (1893-1956) aus der gleichnamigen


Kaufhausdynastie.

246 Adorno an Horkheimer


New York, 2.10.1941

JOURNAL OF ESTHETICS WANTS TO PUBLISH FULL


TEXT PHILOSOPHY OF MODERN MUSIC IN ENGLISH
PLEASE WIRE VIA WESTERNUNION WHETHER
AGREE. CORDIALLY = TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

247 FIorkheimer an Adorno


Los Angeles, 3.10.1941

Congratulate Journal upon its decision and agree publication


supposing however eventual expenses english translation be
paid by publisher. Shall write tomorrow. Most cordially Max

ÜBERLIEFERUNG O: handschriftlicher Telegrammentwurf; Max-


Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt
a.M.

251
248 Adorno an Horkheimer
New York, 2.10.1941

YORK STUDIOS
611 WEST 113 STREET
NEW YORK CITY. 2. Oktober 1941.

Lieber Max,
gestern den ganzen Tag und heute vormittag haben die Be¬
sprechungen mit Marcuse stattgefunden. Ich will versuchen,
so gut es geht, Sie meinen Eindruck und meine eigene Ansicht
in der recht komplizierten Situation wissen zu lassen.
Dazu muß ich zunächst ein paar Worte über Marcuse sagen.
Dieser befindet sich offenbar in einer Art Panikstimmung oder
prätendiert sie wenigstens. Ich möchte annehmen, daß er in
Hollywood gemerkt hat, daß seine Beziehung zum Institut
merklich gelockert ist. Er hat dann bei seinen Besuchen in
Universitäten Mißerfolg gehabt. Infolgedessen ist ihm bang
vor der Zukunft, und daraus möchte ich ihm gewiß keinen
Vorwurf machen. Aber diese Stimmung beeinflußt sein Ver¬
halten in Imponderabilien in einer Weise, die ich für gefähr¬
lich halte. Er tritt gewissermaßen als Ihr Sprachrohr auf und
wird auch als solches vernommen. Nun möchte ich nicht un¬
terstellen, daß er irgendetwas sagt, was nicht bei Ihnen vorge¬
kommen wäre. Aber er denkt Ihre Gedanken nicht so kom¬
plex, wie sie gedacht waren und hört aus Ihren Erwägungen
im Grunde nur den Wunsch heraus, die Beziehung zur Co¬
lumbia zu erhalten. Das Motiv ist, daß er sich sagt, daß für ihn
die Chancen unterzukommen, um so größer sind, je offizieller
die Position des Instituts. Nun kann man gewiß den Wunsch,
Machtpositionen nicht zu räumen, nicht dringender hegen als
ich. Und wie Sie sich erinnern werden, habe ich ja vor jenem
entscheidenden Gespräch zu dritt immer wieder diesen Ge¬
sichtspunkt geltend gemacht. Ich weiß heute noch, wie sehr
beeindruckt ich dann war, als Sie mir einmal auseinandersetz¬
ten, daß das auf einem Posten Ausharren, wenn man es zu

252
lange tue, ins Gegenteil Umschlägen und sich in eine große
Dummheit verwandeln könne. Diese dialektische Wendung
der Erwägung, die von Ihnen stammt und der ich heute grö¬
ßere Kraft zutraue als je, ist Marcuse fremd. Zum Teil hängt
das mit seinem desinteressement an den Sachen zusammen,
zum Teil auch mit einem akademischen Fetischismus, der ihn
dazu vermochte zu erklären, wenn wir einmal nicht mehr die
Columbia hinter uns hätten, dann wären wir Feuchtwangers
und Günther Sterns. Ich habe darauf sehr gebellt und ihm ge¬
sagt, daß die Qualität unserer Arbeit nicht von der Anerken¬
nung eines akademischen Betriebs abhängt und daß ich es
außerdem in einer Welt, in der seit Schopenhauer und Feuer¬
bach kein ernsthaft in Betracht kommender Denker sein Le¬
ben ohne schwerste Konflikte mit den Universitäten zuge¬
bracht habe, für eine größere Ehre betrachte, ein Literat zu
sein als einer von jenen. Dies nur zur Charakteristik.
Nun soll das beileibe nicht heißen, daß ich der Ansicht
wäre, wir sollten alles hmwerfen und einfach endlich unsere
Dinge tun. Daß mein Impuls nach dieser Richtung geht, will
ich nicht leugnen. Aber ich mache mir die Sache nicht zu
leicht, und mein Bedürfnis nach Sekurität ist nicht geringer als
Ihres. Gerade darum geht es. Die Aktion bei der Columbia ist
im Rollen, aber wir müssen es verhindern, daß der Instituts¬
betrieb wieder ohne greifbaren Vorteil sich weiterschleppt
und das Gegenteil von dem herauskommt, was wir beschlos¬
sen haben. Konkret hat sich etwa folgende Kasuistik ergeben:
gesetzt den Fall, bei Maclver kämen ein paar Vorlesungen her¬
aus. Wir bekämen aber kein Geld von den Foundations und
müßten sogar unter Umständen auch auf das Geld für die Vor¬
lesungen verzichten (Vorschlag Neumann), um keine Schwie¬
rigkeiten mit dem board of trustees zu haben. Dann müßte
man möglicher Weise den Institutsbetrieb auf unabsehbare
Zeit im jetzigen Umfang aufrecht erhalten, nur damit die uns
versprochene Vorlesung nicht wieder zurückgezogen wird,
weil wir keine »research« Gruppe mehr darstellen. Eine solche
Situation würde ich als katastrophal betrachten und mit aller

253
Energie möchte ich dagegen votieren, daß wir uns in solche
oder ähnliche Gefahren bringen lassen. Nach der Darstellung
von Fritz haben wir, wenn wir den Institutsbetrieb hier auf¬
recht erhalten, Geld noch für vielleicht 3 V2 bis 4 Jahre, wenn
wir zumachen für 5V2 bis 6. Dieser Unterschied kann politisch
den vom Überwintern oder Zugrundegehen und sachlich den
zwischen dem Gelingen oder Mißlingen dessen, wofür wir in
Gottes Namen auf der Welt sind, bedeuten. Da sich die Ent¬
scheidung in einer so klaren Form stellt, so kann ich nicht zö¬
gern. Ich bin flir Schließung des Hauses am 31. Dezember und
möglichste Verkleinerung des Institutsbetriebs, es sei denn,
daß wir mittlerweile wirklich viel Geld bekommen, damit das
Geld flir die paar Menschen reicht. Es ist meine tiefste Über¬
zeugung, daß, nachdem Sie einmal weggegangen sind, die
Würfel gefallen sind. Um die Beziehung zur Columbia so po¬
sitiv wie nur möglich zu gestalten, habe ich etwas ausgeheckt,
was ich noch keinem gesagt habe und was ich Sie zu erwägen
bitte: könnte nicht das Institut der Columbia gegenüber sei¬
nen good will auf die Weise bekunden, daß es zwei seiner Mit¬
arbeiter (Marcuse und Leo) für von der Columbia zu bestim¬
mende research Aufgaben für 1 bis 2 Jahre zur Verfügung stellt,
(möglichst ohne Bindung an den Wohnsitz New York)? Bei
Leo könnte man das wahrscheinlich über Lazarsfeld arran¬
gieren, d. h. die Arbeit, die er im Augenblick für diesen ma¬
chen soll, könnte vielleicht als solcher Auftrag gewandt wer¬
den. Marcuse könnte vielleicht etwas Ähnliches für ein ihm
nahe liegendes geistesgeschichthches Thema bei Maclver
erreichen. Wir würden gewissermaßen der Columbia zwei
Volontärassistenten stellen, und sie würde uns dafür unter
ihre Fittiche nehmen. Das Ganze entspricht dem Märchen-
vers: »Lieber Jäger laß mich leben, ich will dir auch zwei
Junge geben«. Unter Umständen könnte man die Sache so
wenden, daß für die beiden amerikanische Doktorhüte dabei
herauskämen. Sollte Ihnen diese Idee, an der die Giraffe
Mutterstelle vertreten hat, einleuchten, so wäre es gut, wenn
Sie sie von sich aus dem Institut kommunizieren wollten. Nie-

254
mand dürfte wissen, daß ich etwas damit zu tun habe - das
könnte die Wirkung nur gefährden. Wenn es aber von Ihnen
kommt, so werden es alle mit Begeisterung schlucken. Übri¬
gens müßte ich Sie schlecht kennen, wenn Sie nicht im Lauf
Ihrer Erwägungen auf ganz Ähnliches verfallen wären. Ich
habe beinah das Gefühl, als ob die Situation objektiv nach
dieser Richtung gravitiere.
In einem anderen Punkt hat sich eine solche Koinzidenz
heute ergeben. In der Diskussion über das Antisemitismuspro¬
jekt nämlich habe ich den Vorschlag gemacht, wir sollten un¬
ter Umständen dieses Projekt auf jeden Fall in Angriff neh¬
men, ganz gleich ob wir Geld bekommen oder nicht, und
Marcuse sagte mir, Sie hätten an einem der letzten Tage wört¬
lich dasselbe gesagt, wovon ich schlechterdings nichts wissen
konnte. Wie wäre es, wenn wir unser Buch — in den ganzen
Besprechungen ist es überhaupt nicht vorgekommen, und als
ich einmal daran zu erinnern wagte, erklärte Leo mit der Ge¬
ste des Großadministrators, die sachlichen Fragen gehörten
doch nicht hierher — um den Antisemitismus sich kristallisie¬
ren ließen? Das würde die Konkretisierung und Einschrän¬
kung bedeuten, nach der wir gesucht haben! Es würde weiter
einen großen Teil der Mitarbeiter des Instituts zu aktivieren
vermögen, während, wenn wir etwas wie eine Kritik der Ge¬
genwart gemessen an der Kategorie des Individuums schrie¬
ben, die Vorstellung mir einen Alptraum bereitet, daß dann
Marcuse nachweisen würde, daß die Kategorie des Individu¬
ums schon seit der Frühzeit des Bürgertums progressive und
reaktionäre Züge enthalte. Dann bezeichnet der Antisemitis¬
mus heute wirklich den Schwerpunkt des Unrechts, und un¬
sere Art Physiognomik muß sich der Welt dort zukehren, wo
sie ihr grauenvollstes Gesicht zeigt. Endlich aber ist die Frage
des Antisemitismus die, in der, was wir schreiben, noch am
ehesten in einen Wirkungszusammenhang eingehen könnte,
ohne daß wir darüber etwas verrieten. Und ich könnte mir so¬
gar ohne chimärischen Optimismus vorstellen, daß eine sol¬
che Arbeit auch nach außen so durchschlüge, daß sie uns wei-

U5
terhülfe. Ich jedenfalls würde, ohne zu zögern, Jahre daran ge¬
ben, es zu realisieren.
In der Sache Gräber habe ich sehr gezögert und bei der End¬
abstimmung mich der Stimme enthalten. Ich wollte es nicht
auf mich nehmen, eine Chance zu sabotieren, die fast alle so
ernst nehmen und die auch ich von allem, was im Bereich der
Projekte bis jetzt aufgetaucht ist, für die beste halte. Dafür
stimmen wollte ich wiederum auch nicht, um die Inkonsi¬
stenz meiner Grundanschauung und meiner Stellung in con¬
creto zu vermeiden. Man hat es halt schwer.
Im Gespräch über diese Angelegenheit hat Fritz die Idee
geäußert, ich müsse bis zum Ende der Gräberaktion (31. De¬
zember) hier bleiben. Dieser Gedanke ist grauslich und sinn¬
los — so sehr, daß ich gar nichts dazu sagen konnte. Die Tren¬
nung von Ihnen, ohnehin schwer erträglich, nimmt in diesen
Tagen zuweilen einen katastrophischen Charakter an. Wenn
Sie ein Pachyderm sind so wie ich, so machen Sie dem ein
Ende und denken Sie an all das, was wir uns versprochen ha¬
ben. Wie scheußlich es hier ohne Sie ist, das auszudenken,
reicht auch Ihre Phantasie nicht aus.
Ihnen und Maidon alles Liebe von uns beiden. Wir bedür¬
fen wieder einmal Ihres Zuspruchs.
Immer Ihr alter
Teddie

Bei der sprachphilosophischen Theorie wäre es vielleicht gut


den antinomischen Charakter der Sprache konkret zu entfal¬
ten. Etwa von den Polen der lebensphilosophischen und der
logistischen Sprachkritik aus. Jene ist wohl unübertroffen im
Chandosbrief Hofmannsthals formuliert. Diese dürfte am
tiefsten bei Moore konzipiert sein. — Unbedingt zuziehen
sollte man »Die Sprache«, die nach dem Tode von Kraus publi¬
ziert ward. Einiges Wichtige dazu steht bei Bergson, zum Bei¬
spiel in der Introduction ä la metaphysique.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

256
Leo . . . die Arbeit. . .für [Lazarsfeld]: Es war Leo Löwenthals Studie »Bio-
graphies in Populär Magazines«, die erst 1944 in dem von Lazarsfeld und
Frank Stanton herausgegebenen Jahrbuch »Radio Research« erschien.

der Märchenvers: Er steht in dem Märchen »Die zwei Brüder« aus der
Sammlung der Brüder Grimm.

unser Buch: Die geplante materialistische Logik. — Die »Philosophischen


Fragmente«, der erste Titel der »Dialektik der Aufklärung«, enthalten be¬
kanntlich einen Abschnitt »Elemente des Antisemitismus«.

die Sache Gräber: Es ging um die Überlegung, den amerikanischen Sozio¬


logen Isaeque Graeber, der sich selbst dafür angeboten hatte, als Geldbe¬
schaffer für das Antisemitismusprojekt einzusetzen, er erhielt dafür drei
Monate Gehalt. Graeber war 1942 Mitherausgeber eines Bandes »Jews in
a Gentile World«.

Moore: S. Band I, Brief Nr. 19 und die Anm. dort.

249 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 4.10.1941

429 WEST II7TH STREET 13524 D’Este Drive


NEW YORK, N. Y. Pacific Palisades, Cal.
October 4, 1941

Lieber Teddie:
Gestern habe ich Ihnen depeschiert, daß ich heute schrei¬
ben will. Ich hätte es aber offen gestanden nicht getan, wenn
nicht soeben Ihr Brief vom 2. Oktober mit der Bitte um Zu¬
spruch eingetroffen wäre.
Es gibt nämlich kaum etwas mitzuteilen. Die meisten Fra¬
gen Ihres Briefes vom 23.9. sind durch ein früheres Tele¬
gramm an Fritz positiv beantwortet, es war einzig noch die
Angelegenheit Bonn offen, in der ich heute an Fritz die Bitte
gerichtet habe, sich mit Ihnen zu unterhalten.
Was Ihren Abfahrtstermin betrifft, so stehe ich zu meinen

257
früheren Bemerkungen. Ich habe zwar wiederholt Ihnen und
Fritz gegenüber erwähnt, daß es gut wäre, wenn Sie noch
während der wichtigsten Verhandlungen anwesend seien.
Dazu kommt jetzt noch, daß der mit dem Ihrigen gleichzeitig
erfolgende Abgang der Mendelssohn das Institut recht ver¬
waist erscheinen ließe. Aber ich habe ebensosehr auch entge¬
gengesetzte Gesichtspunkte geltend gemacht. Ich hielte es für
unrichtig, daß ich von hier aus das exakte Datum autoritativ
bestimme. Sie selbst überblicken die Verhältnisse dort und
wenn Sie mir nach einer Unterhaltung mit Fritz den Termin
mitteilen, werde ich ihn als die gegebene Lösung akzeptieren.
Der 15. November erscheint mir eine Art deadhne für Ihre
Ankunft hier zu sein, nicht so sehr wegen des Kriegs — ich
glaube wir könnten ein Reiseverbot für Ausländer verhältnis¬
mäßig leicht überwinden — sondern wegen unserer theoreti¬
schen Arbeit. Bis dorthin dürfte Ihr Anthropologie-Aufsatz
weit genug gediehen sein und mein Vernunft-Aufsatz, mit
dessen Niederschrift ich jetzt beginnen will, sollte annähernd
fertig sein. Die Diskussion über diese Fragen wäre die gege¬
bene Überleitung zu unseren eigenen Sachen. Aber ich wie¬
derhole, daß Sie zu entscheiden haben und Sie dürfen mir
glauben, daß ich der Angabe des Abfahrttermins, trotz aller
meiner weisen Bemerkungen, mit einiger Ungeduld entge¬
gensehe.
Was Ihren geheimen Gedanken betrifft, so habe ich zwar
nicht denselben, aber einen verwandten gehabt. Aber man
muß jedoch sehr vorsichtig sein, in einer solchen Sache keine
Ablehnung zu erfahren. Geschenke machen mißtrauisch.
Deshalb möchte ich keine offizielle Anregung geben. Viel¬
leicht erwähnen Sie die Sache einmal Fritz gegenüber selbst.
Please do!
Ganz energisch sollten Sie dafür eintreten, daß wir unter
keinen Umständen Vorlesungen akzeptieren dürfen, die nur
zugelassen sind, in sofern das Institut besteht. Selbstverständ¬
lich müssen die Vorlesungen dem Betreffenden und nicht etwa
dem Institut anvertraut werden. Ich kann auch garmcht glau-

258
ben, daß die Columbia eine solche Bedingung stellen würde.
Ist dem aber so, dann wollen wir es ruhig darauf ankommen
lassen. Darüber sollten Sie sogleich mit Fritz reden.
Ich glaube, daß wir auch in der sonstigen Beurteilung unse¬
rer Beziehung zu Columbia übereinstimmen. Wenn Marcuse
nun mit großem Elan darangeht, Vorlesungen herauszuschla¬
gen, so sind ja sowohl Sie wie ich ganz damit einverstanden.
Wenn — wie ich annehme — keine ehrenvolle Fakultätsvorle-
sung herauskommen sollte, dann werden wir wenigstens die¬
sen Punkt eindeutig geklärt haben. Sollte dann auch noch für
kein Projekt ein grant gewährt werden, so ist der Weg klar
vorgezeichnet. Über all dies habe ich ja in meinen früheren
Briefen geschrieben und es herrscht wohl Einigkeit.
Den Gedanken, unsere Arbeit um den Antisemitismus zu
zentrieren, halte ich wirklich für recht erwägenswert. Darüber
werden wir uns hier eingehend verständigen. Ich habe dazu
nicht bloß Gedanken über den Inhalt sondern auch über die
Anlage. Je mehr ich nachdenke, umso richtiger erscheint mir
dieser Plan. Vielleicht arbeiten Sie schon in sofern vor, als Sie
jetzt bereits daran gehen, Literatur zusammenzustellen und
gegebenenfalls sogar eine kleine Bibliothek, die Sie gleich
mitbringen. Ich würde jedoch noch nicht viel davon erwäh¬
nen, denn ich möchte nicht, daß es darüber jetzt zu großen
Debatten kommt.
Die Angelegenheit Gräber ist mir rätselhaft. Sie waren
skeptisch, Fritz war skeptisch (wenigstens so lang er hier war),
Marcuse war dagegen, ich war dagegen, Löwenthal war un¬
entschieden und doch habt Ihr dafür gestimmt. Ich habe heute
noch einmal meine Bedenken Fritz dargelegt. Sollte trotz al¬
lem etwas Gutes bei der Sache herauskommen, so will ich
ganz gewiß froh sein. $ 900. — sind in unserer Situation kein
Spaß.
Die ausschließlich praktischen Bemerkungen, aus denen
dieser Brief besteht, entsprechen gewiß nicht dem Begriff des
Zuspruchs. Sie dienen alle dem ausschließlichen Zweck, die
Zeit unserer Arbeit hier so vorzubereiten, daß wir uns hier

259
nicht allzuviel um äußere Dinge zu kümmern brauchen. Mein
Zuspruch läßt sich in dem Protokoll-Satz zusammenfassen:
Ich warte. Geben Sie der Vorbereitung noch gerade so viel
Zeit als Sie selbst nach Anhörung von Fritz für unbedingt not¬
wendig und richtig halten und reisen Sie dann unverzüglich
entweder mit oder ohne Fräulein von Mendelssohn hierher
ab. Fritz wird schon keine unnötigen Schwierigkeiten ma¬
chen, sondern Ihren Argumenten zustimmen. Ein guter An¬
haltspunkt dabei wird das Urteil der Giraffe-Gazelle sein, die
ich nicht wenig grüßen lasse.
Auf Wiedersehen.
Ihr
Max.

Herzlichsten Dank für die Psychoanalyse des Gentleman. Das


ist wirklich der Kern der Sache.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M.

Telegramm an Fritz: Nicht erhalten.

Psychoanalyse des Gentleman: Nicht ermittelt.

250 Adorno an Horkheimer


New York, 7.10.1941

611 West 113 Str. 7. Oktober 1941.

Lieber Max,
schönsten Dank für den Brief vom 4. Oktober. Wir schei¬
nen danach in Bezug auf die Institutsdinge einer Ansicht zu
sein.
Heute nur kurz wegen der Sache Bonn. Fritz hat mich über
Ihren Brief informiert und ich bin sehr froh, daß Sie offenbar

260
ebenso gern einen Prozeß vermeiden möchten wie ich. Mein
Vorschlag ist nun der: ich rufe Gabi in Princeton an (sie ist seit
ein paar Tagen zurück) und bitte sie, sich mit mir in der Stadt
zum Lunch zu treffen. Dabei erzähle ich ihr, ohne irgendetwas
von Ihrer Stellungnahme zu präjudizieren, (damit die Sache
nicht zu offiziell aussieht und auf Gabi als ein Rückzieher
wirkt), wie unangenehm mir die ganze Geschichte ist, wie
sehr ich dagegen bin, daß es in der Emigration zu öffentlichen
Streitigkeiten komme, wie schade es ist, daß Sie Ihre Zeit mit
solchen Dingen zubringen müssen u. A. Gleichzeitig sage ich
ihr aber, daß die Haltung des Herrn Bonn, wenn er seine Äu¬
ßerungen nicht wirklich eindeutig zurücknimmt, Herrn
Nürnberg keinen andern Weg lasse als die Klage. Ich frage sie,
ob sie nicht eine demarche bei Herrn Bonn unternehmen
will, um die Sache zu applanieren. Ich werde das Ganze so
leichthin behandeln, wie es überhaupt nur geht, und lediglich
an ihre Freundschaft appellieren. Meine Position ist vielleicht
darum nicht ganz ungünstig, weil Gabi mich ja mit Bonn zu¬
sammengebracht hat und ich als das berühmte verwundete
Reh auftreten kann, das sich darüber beklagt, daß sie es mit
dem Jäger zusammen am gleichen Bache zu tränken unter¬
nahm. Es soll ihr nicht leicht werden, nein zu sagen und ande¬
rerseits werde ich keinen Zweifel daran lassen, daß, wenn es
zur Klage kommt, für Bonn ganz schreckliche Dinge auf dem
Spiel stehen. Um in der ganzen Angelegenheit möglichst we¬
nig Zeit zu verlieren, wäre es vielleicht das Beste, wenn Sie mir
gegebenenfalls Ihr »go ahead« telegrafieren würden.
Die letzten Tage habe ich außer mit genauen Instruktionen
an Gräber mit der Liste der Vorlesungen zugebracht. Ich
möchte Ihnen noch ganz besonders für die liebevolle Art dan¬
ken, in der Sie den mir zugedachten Kunstsoziologieentwurf
ausgearbeitet haben. Da man Ihre sozial-psychologischen
Vorlesungen auf Psychologie der Massenbewegungen umzen¬
trieren mußte, weil sie sich sonst mit der Ankündigung von
Kleinberg überschnitte, so habe ich diesen Entwurf etwas um¬
formuliert, hoffentlich in Ihrem Sinn.

261
Ein Wort noch über Breton. Er ist em freundlicher, ange¬
nehmer und wahrscheinlich sehr anständiger Mann; für mei¬
nen Geschmack etwas allzu sehr in Coterien und Cliquen auf¬
gehend. Indessen bedeutet das offensichtlich, daß er hier un¬
zählige Beziehungen hat, darunter äußerst reiche wie den
Maler Seligman. Schlecht scheint es ihm durchaus nicht zu
gehen. Er hat auch offenbar einen beträchtlichen Teil seiner
Sammlung moderner Bilder gerettet. (Übrigens erzählte mir
vor einigen Monaten Virgil Thomson, daß Breton sich in Pa¬
ris sehr weitgehend als Bilderexperte betätigt habe, und er ist
offenbar auch hier in diesem Bereich.) Ich habe ihm vorge¬
schlagen, er solle mit Max Ernst ein surrealistisches Mon¬
tagebuch über New York machen, und die Idee scheint ihm
sehr zu gefallen.
Das Journal of Esthetics hat sich sofort bereit erklärt, meine
Rohübersetzung der Musikarbeit sorgfältig checken zu lassen.
Die Arbeit soll im Frühjahr- und Sommerheft 1942 erschei¬
nen.
Alles Liebe
Ihr
Teddie

Teddie hat zwei Fehler in den Brief hereinverbessert,


herzlichst GG

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

die Liste der Vorlesungen: Zu den lectures, die zwischen dem 7. November
und 19. Dezember gehalten wurden, heißt es auf der Einladung: »The In¬
stitute of Social Research takes great pleasure in inviting you to attend a
course of lectures on: National Socialism«. — Herbert Marcuse sprach über
»State and Individual under National Socialism«, A. R. L. Gurland über
»Private Property under National Socialism«, Franz Neuman über »The
New Rulers in Germany«, Otto Kirchheimer über »Law andjustice under
National Socialism« und Friedrich Pollock fragte: »Is National Socialism a
New Social and Economic System?«.

262
Ihre sozial-psychologischen Vorlesungen: Im Horkheimer-Archiv hat sich ein
Typoskript mit dem Titel »The Social Psychology of Mass Movements«
erhalten, das einer handschriftlichen Notiz zufolge am 7. Oktober an
Maclver geschickt wurde.

Kleinberg: Der Psychologe Otto Klineberg (1899-1992) war Präsident der


»Society for the Psychological Study of Social Issues«.

Seligman: Der Schweizer Maler Kurt Seligmann (1900-1962).

251 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 9.10.1941

Pacific Palisades, 9. Oktober 1941.

Lieber Teddie!
Ich habe eine diplomatische Aufgabe für Sie - Salka Viertel
betreffend. Seit dem Augenblick meiner Ankunft verhielt sie
sich so eindeutig ablehnend, daß ich gern wissen möchte, was
dahinter steckt. Folgendes sind die Tatsachen: ich habe sie an¬
gerufen, nach den ersten paar Wochen. Sie versprach zurück¬
zurufen, nachdem sie sich am Telefon nicht sprechen ließ. Das
wiederholte sich etwa dreimal ohne daß sie es wahr machte.
Anläßlich der »House warming party« rief ich wieder an.
Steuermann war am Telefon und akzeptierte. Vor dem Termin
jedoch verlor sie Kontrolle über das Auto und brach sich das
Nasenbein. Auch Steuermann sagte ab. (Notabene: Zur party
hatte ich — im Hinblick auf unsre Zukunftsinteressen — man¬
ches vom Guten und Teuren geladen: Werfel, Thomas Mann,
Feuchtwanger und was noch. Alle kamen, nur eben Steuer¬
mann nicht.) Nach etwa 14 Tagen rief Salka bei Maidon an
und erklärte, sie käme an dem und dem Tag nach dem Abend¬
essen. Sie kam nicht. Ihres Rats eingedenk, man solle auf ihre
Empfindlichkeit Rücksicht nehmen und ein übriges bei ihr
und Steuermann tun, rief ich nach 14 Tagen nochmals an.

263
Daraufhin kamen Steuermann, Berthold und Hans Viertel,
Salka nicht. Sie habe noch immer so viel zu tun, es gehe ihr
gesundheitlich schlecht und wir würden uns bald im Hause
Viertel sehen — so Berthold Viertel. Es erfolgte nichts, wohl
aber hörten wir, daß sie regelmäßig einlud. Daraufhin trafen
wir sie schließlich — zum ersten Mal — bei Dieterles oben — sie
ist tres peu sympathique. Wir waren kühl. Am Ende versicher¬
ten sie und Berthold, wir sehen uns sehr bald. Ich begegnete
Berthold noch ein paar Mal bei anderen, dann reiste er ab.
Vous pensez bien que la chose m’intrigue peu en elle-meme,
je l’aurais oublie des le premier signe de difficulte, aber da wir
neben der Arbeit gewisse Chancen hier nicht ganz außer acht
lassen wollen, so wäre es nicht ganz unwichtig den EJrsachen
nachzugehen; sie könnten immerhin auch einmal an anderen
Stellen auftreten, wenn sie nicht höchst spezifisch sind. Das er¬
ste woran man zu denken hat, ist der Einfluß von Parteikrei¬
sen, denen Berthold immerhin nahe steht. Das zweite sind
persönliche Feinde. Liesel Frank könnte ihr etwa erzählt ha¬
ben, daß wir für ihren Schützling Ludwig Marcuse nichts tun.
Bruno Frank, Erika Mann und der liebste Reinhardt ver¬
schreien uns im Sinne Bonns und sie könnte fürchten, sich mit
uns noch mehr zu kompromittieren, als sie es schon ist, viel¬
leicht erhielt sie gar vom Brotherrn einen Wink, weise zu
werden*. — Es wäre immerhin worthwhile, es herauszubrin¬
gen, aber man bedarf dazu des Spürsinns eines an Proust ge¬
schulten Rouletabille. Auf eine direkte Frage sind die Betei¬
ligten alle durchaus gewappnet. II faut les prendre ä l’imprevu.
Oder stehen Sie mit Steuermann so, daß er Ihnen vertraulich
den Sachverhalt erzählen würde? Freilich muß jeder Schein
vermieden werden, als hätte die Sache für uns ein Gewicht.
Sie hat es auch kaum. —
Die Trennung wird mit jedem dieser schrecklichen Tage

* das alles ist gar nicht wahrscheinlich, probably some thing


nobody thinks of!

264
schwerer. England verhält sich programmäßig. Es ist in der
Tat, wie Sie sagen, die alte, solide Firma. Aber die hat sich mit
so ungeheuer kräftigen newcomers schließlich immer eher
verständigt als das Ganze aufs Spiel zu setzen. Ich komme im¬
mer wieder auf die orthodoxe Ansicht zurück, die ich schon in
der ersten Phase des phony war vertrat: daß er phony bleiben
wird, es sei denn Deutschland habe es nicht mehr nötig. Ima-
ginez des paysans chmois, des soldats russes mourants par mil-
lions sur les champs de bataille, des pauvres heros executes en
pleine place Vendöme, des jeunes filles sous les potences des
Balkans - et des lords anglais prenant parti pour tout cela!
Mille fois non. Ce serait contre toute tradition, contre nature,
contre la race. S’il est vrai que les gouvernements fran^ais ont
une longue et glorieuse histoire de tortures et de supplices in-
fliges ä des citoyens fran^ais et ä des refugies, on se souvient
que nos bien respectables lords qui du reste ne se sont pas rui¬
nös pour la tete de Marie Antoinette, quelquefois sont sorti du
role de spectateurs, non pas pour proteger la victime mais pour
instiguer les juges. Est-ce qu’on attend que les descendants de
cet Earl of Warwick qui au qumzieme avait trouve un Cau-
chon pour brüler la Pucelle de France, risquant au vingtieme
leur argent pour sauver celle de Yougoslavie! — Zut, meme pas
les tetes de quelques milliers de Tommies, meme pas celles
d’un regiment colonial.
Soeben erhalte ich Ihren Brief vom 7. Ich bin ganz damit
einig, daß Sie mit Gabi sprechen. Da der Anwalt Nürnbergs
erst am Dienstag zur Besprechung Zeit hat, ist bis jetzt kein
weiterer Brief an Bonn gegangen. Er denkt nun, daß N. nichts
unternehmen wird. Ich würde daher vorerst Gabi nur genau
informieren und sie noch zu keiner Aktion animieren, damit
es auf keinen Fall wie Schwäche aussieht. Wenn es möglich
ist, sollten Sie mit ihr so verbleiben, daß Sie sie zur gegebe¬
nen Zeit nur anzurufen brauchen. Sagen Sie nicht, daß N.
klagen wird, denn vielleicht gehen auch wir selbst vor. Sagen
Sie nur, daß N. und wir vor keinem Skandal und keinem Su-
preme Court zurückschrecken, und daß es ihn teuer zu ste-

265
hen kommen kann. Vielleicht können Sie hinzufugen, die
Sache wäre wohl schon im Fluß, wenn Sie nicht im Hin¬
blick auf eine mögliche Intervention noch um Aufschub ge¬
beten hätten.
Alles Liebe — der Giraffe und dem Dickhäuter
vom anderen.

Wie geht es Ihren Eltern? Was sagen sie zur bevorstehenden


Abreise. Bitte grüßen Sie herzlich von uns Beiden, wir schrei¬
ben bald.

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M.

Hans Viertel: Der 1919 geborene Sohn von Salka und Berthold Viertel.

Liesel Frank: Elisabeth (Liesl) Frank (1903-1979), Tochter von Fritzi Mas-
sary, und ihr Mann Bruno Frank (1887-1945) lebten seit 1937 in Holly¬
wood.

Ludwig Marcuse: Ludwig Marcuse (s. auch Band I, Brief Nr. 66 und die
Anm. dort) lehrte seit 1940 an der University of Southern California, Los
Angeles Philosophie. Er hatte Mitte der dreißiger Jahre ein Stipendium
des Instituts erhalten.

der liebste Reinhardt: Gemeint ist wohl Max Reinhardt und nicht sein Sohn
Gottfried.

Brotherr: Salka Viertel arbeitete für MGM.

Rouletabille: Der Zeitungsreporter Joseph Rouletabille ist der Held der


Kriminalromane von Gaston Leroux (1868-1921).

instiguer: Von Horkheimer abgeleitetes Verb des Substantivs »instiga-


tion« = Aufstacheln, Anstacheln.

Earl of Warwick . . . Cauchon: Richard Beauchamp, Earl of Warwick


(1382-1439) hatte Jeanne d’Arc im Mai 1430 in Compiegne gefangenge¬
nommen und ließ sie in Rouen vor ein Tribunal stellen, dessen Vorsitz der
Bischof von Beauvais Pierre Cauchon innehatte.

266
252 Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 15. io. 1941

13524 D’Este Drive


Pacific Palisades, California

October 15, 1941

Lieber Teddie:
Dieterle hat nur schon vor etwa drei Wochen versprochen,
Ihnen das Manuskript zum nächsten Film, mit dessen Aufnah¬
men gestern begonnen wurde, zu übersenden. Offenbar hat er
das nicht getan, und ich schicke Ihnen daher das Manuskript,
das ich selbst gestern erhielt. Es wäre gut, wenn wir möglichst
umgehend unsere Meinung möglichst detailliert zum Aus¬
druck brächten. Wenngleich mit dem »shooting« schon be¬
gonnen ist, kann man doch noch einiges ändern. Ich habe
festgestellt, daß D. alle Änderungen, die wir im Webster-Film
angeregt hatten, wirklich vorgenommen hat, obgleich auch er
damals schon begonnen war. Sogar während des Schneidens
konnte ich noch einiges Schlimme verhindern. Der Charakter
des Ganzen freilich stand fest, und daran wird auch bei diesem
nicht viel zu rütteln sein.
Ich habe das Manuskript selbst noch nicht gelesen und bitte
Sie daher, es so rasch wie nur irgend möglich mit Flugpost zu¬
rückzusenden. Aufgrund Ihres Exposes und meiner eigenen
Lektüre werde ich dann mit ihm sprechen. Je nachdem kann
ich ihm Ihr Expose auch übergeben.
Flaben Sie den Webster eigentlich gesehen? Er heißt jetzt
»All that money can buy«. Den geplanten Gompers-Film hat
D. offenbar aus politischer Anständigkeit schließlich doch ab¬
gelehnt. Er hat im übrigen nicht wenig Schwierigkeiten mit
seinen Geldgebern. Über den Ankauf der Rechte für das Wer¬
fel-Buch werden Sie wohl gelesen haben.

267
Ich bin jetzt eigentlich recht ungeduldig, bis über Ihre Ab¬
reise vollends entschieden ist. Zwar beginne ich erst in diesen
Tagen mit der Niederschrift der Vernunft-Arbeit, und ich
kann mir wohl denken, daß ich während der ersten Woche
nach Ihrer Ankunft noch damit zu tun habe, sodaß ich Ihnen
in jenen Tagen nur in beschränktem Maß zur Verfügung ste¬
hen kann. Aber diese Rücksicht tritt doch gegenüber dem
Umstand, daß nun nichts mehr dazwischen kommen soll, weit
zurück. Ich habe an Fritz recht dringend geschrieben und
warte eigentlich jeden Tag, daß Sie beide mir die Entschei¬
dung mitteilen. Da eine rasche Abreise von Fräulein von
Mendelssohn jetzt nicht wünschenswert ist, so wird es viel¬
leicht das Richtigste sein, daß Sie mit der Bahn fahren. Bei der
Reise von Marcuse haben wir festgestellt, daß man auch hier¬
bei die Kosten verhältnismäßig niedrig halten kann. Ein Pro¬
blem bildet natürlich der Wagen; darüber müssen Sie sich dort
verständigen.
Grade bei Absendung treffen Ihre Notizen ein. Fiaben Sie
vielen Dank. Ich lese sie gleich nachher.
Zum gelben Zettel: die Tiere sollen nach Flaus, es ist jetzt
wirklich an der Zeit. Die Tiere sind nicht ungeduldiger als ihr
Artgenosse.
Notabene: Als Grund für die Verzögerung wird mir von
dort aus immer wieder angegeben, daß Ihre Abreise die Be¬
mühungen Maclvers verzögern könnte. Meiner Ansicht nach
sollte alles geschehen, damit Ihr Weggang möglichst wenig
auffällt. Manchem, dem Sie eine Erklärung geben müssen,
können Sie ja auch sagen, daß es sich wahrscheinlich nur um
einen vorübergehenden Aufenthalt handelt, und daß Sie be¬
absichtigen, bald wieder zurück zu sein. — Alles Liebe Ihnen
Beiden,

268
ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. zwei Zeichnungen Horkheimers; Theo¬
dor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

das Manuskript zum nächsten Film: Der Filmtitel ist »Syncopation«.

Ihr Expose: S. Anhang, S. 601-608.

der Ankauf der Rechte für das Werfel-Buch: Twentieth Century Fox hatte
die Filmrechte an Franz Werfels »Das Lied von Bernadette«, das Werfel ge¬
rade erst abgeschlossen hatte, erworben; der Film mit Jennifer Jones in der
Hauptrolle kam im Dezember 1943 in die Kinos, Regie führte Flenry
King.

Ihre Notizen: Die »Notizen zur neuen Anthropologie«, s. Anhang, S. 453


bis 468.

gelber Zettel: Den »Notizen« lag ein handschriftlicher Zettel bei, auf dem
Gretel Adorno geschrieben hatte: »In dem schönen Volkslied heißt es: >es
ist ein Mammut und es fährt nach Hause Wie aber steht es mit Archibal-
den, Giraffen Gazellen und Lämmergeiern? Sie wollen auch nach Haus.«

253 Adorno an Horkheimer


New York, 18.10.1941

18. Oktober 1941.

Lieber Max,
hier ist Dieterles Script und mein Memorandum. Dies ist ad
usum delphim geschrieben. Es ist in der Grundeinstellung so
positiv und durchwegs so technischer Art, daß ich denke, daß
Sie es ihm ohne weiteres geben können, ohne daß Ihnen wei¬
tere Mühe daraus erwächst. Zugleich ist mir die Hoffnung
nicht ganz fern, daß flir uns irgendetwas dabei herausschaut.
Die gegebene Funktion wäre die eines coordinators der
Handlung und der musikalischen Gestaltung.
Meine wahre Meinung ist die; der Film ist dies Mal absolut
harmlos und soweit er überhaupt eine ideologische Tendenz
besitzt eher anständig. Die Blu-Bo-Spuren sind leicht und das

269
Ganze spielt in einer Sphäre, in der man solche Maßstäbe
überhaupt kaum anlegen kann. Ein B-Film, und das wäre
nach meinem Gefühl eher ein Vorteil. Aber: ich finde wieder,
noch mehr als beim Webster, daß es dramaturgisch schlecht
gemacht und ohne jede Spannung ist und völlig durchfallen
wird, vor allem, wenn nicht so viel Geld dahintersteht, daß der
musikalische und Revueaufwand für die Armseligkeit der
Handlung entschädigt. Diese ist vor allem viel zu diffus und es
schürzt sich überhaupt kein Knoten. Um den Erfolg zu retten,
müßte man entschlossen einen Revuefilm daraus machen, in
dem auch die verschiedenen historischen Typen der Jazzband
»ausgestellt« werden. Ich habe das nur mit äußerster Behut¬
samkeit und versteckt angedeutet; vielleicht können Sie es im
Gespräch stärker herausbringen. Meine Prophezeiung im
Websterfall scheint ja leider in Erfüllung gegangen zu sein und
dies Mal fürchte ich eine Katastrophe. Ich bilde mir ganz ein¬
fach ein, daß ich Dieterle viel Geld hätte ersparen und viel¬
leicht den Hereinfall hätte verhindern können, wenn er Ihrem
Rat gefolgt und mich beim Jazzfilm früher zugezogen hätte.
Sehr glücklich waren wir über Ihren Brief von der weichen
Birne zum Mammut. Daß Ihre Ungeduld der unseren gleicht,
ist die einzige Möglichkeit die letztere zu bändigen. Ich bin
aber der tiefsten Überzeugung, daß wir hier nur fortkommen,
wenn Sie das definitive Wort sprechen und es nicht länger der
gemeinsamen Entscheidung hier überlassen. Denn so sehr
diese sich in Formen der rationalen Argumentation abspielt,
so sehr ist sie vom Unbewußten determiniert. Daß immer
wieder neue und gar nicht einmal schwache Gründe für die
Unabkömmlichkeit auftauchen können, weiß niemand besser
als Sie. Es ist eine unendliche Dialektik, aus der man nur durch
den Entschluß herauskommt. Am 3. November soll die ent¬
scheidende Fakultätssitzung sein und am 7. soll Marcuse in
einem der englischen Seminare reden. Ich möchte feierlich
dafür votieren, daß wir unsere Abreise unmittelbar danach,
also etwa am 10. November ansetzen. Ich stehe unter dem un¬
ablässigen Druck, daß, wenn ich fortgehe und die Verhand-

270
hingen hier danebengelingen, die moralische Verantwortung
fürs Mißlingen mehr oder minder mir zufällt. So wie die
Dinge nun einmal liegen, kann mich aus dieser Verantwor¬
tung aber nur Ihr Votum lösen, und ich bitte Sie inständig
darum, das zu tun. Sie können sich leicht vorstellen, daß eine
Situation, in der ich unablässig mein »Privatinteresse«, nämlich
das, zu Ihnen zu kommen, zu vertreten scheine, während
doch in Wahrheit gerade dies Privatinteresse das objektive ist,
dem unser beider äußerst gewissenhaft erwogene Entschei¬
dung zugrundeliegt, immer peinlicher wird, je länger sie sich
hinschleppt. Nach Haus, nach Haus, nach Haus!
Nachdem Sie mir freigestellt, für das dritte Heft der Zeit¬
schrift einen Aufsatz zu schreiben, habe ich mich entschlossen,
dafür den längst entworfenen Veblen fertigzustellen. Er dürfte
sich dem Charakter des Hefts, in dem es um Kategorien wie
Vernunft, Technik, Fortschritt geht, sehr gut einfügen und
gleichsam die Problemstellung an einem amerikanischen Text
entwickeln, was sich auch pragmatisch empfiehlt. Da vom
Heft bis jetzt nur Ihr Aufsatz, der Marcuses und der Sterns vor¬
gesehen sind, so wird auch reichlich Raum dafür sein. Gerade
da es ja sehr möglich ist, daß dies das letzte Heft der Zeitschrift
sein wird, das wir überhaupt erscheinen lassen, so ist mir be¬
sonders daran gelegen, mit Ihnen zusammen darin zu erschei¬
nen; das muß ich Ihnen nicht erklären. Ich bm in der Arbeit
ganz versunken und ein großer Teil ist auf deutsch bereits tex-
tiert. Ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß auch für
unsere eigenen Dinge ein klein wenig dabei herauskommt.
Am 30. Oktober spreche ich über den Veblen bei uns im Se¬
minar. Daneben arbeite ich mit Neumann an der Präsentation
des Antisemitismusprojekts unter pragmatischem Aspekt.
Mittlerweile haben sich neue Einsichten in der mystischen
Schicht des Panhumanismus ergeben. Wie Sie wissen, erfreut
sich die Nilstute Archinumba religiöser Verehrung. Ihr voller
Name war Archinumba von Bauchschleifer. Ihrer Verehrung
liegt folgende Legende zugrunde: die selige Archinumba fraß
soviel, daß ihr Bauch fest auf der Erde saß und ihre kurzen

271
Beinchen nicht mehr auf den Boden reichten, so daß sie nicht
mehr gehen konnte, bis sie einer längeren Schwimmkur sich
unterzog. Mit andern Worten: sie ist eine Märtyrerin ihres
Namens. Und das ist der Grund, warum wir in diesen Tagen
immerzu »Heilige Archinumba, bitt flir uns« beten.
Ihnen und Maidon alles Liebe
von den beiden Tieren
Archibald und Giraffe Gazelle (Gi!)

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

der [Aufsatz] Marcuses und der Sterns: Vgl. Herbert Marcuse, Some Social
Irnplications ofModern Technology«, in: Studies in Philosophy and Social
Science, Vol 9 (1941), p. 414-439. — Von Günther Stern, wenn er gemeint
sein sollte, stand kein Aufsatz in dem Heft.

254 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, ca. 19.10.1941

William thinking I studied syncopation manuscript these days


insists on havmg my opinion tonight. Since I have not read
manuscript please send me comprehensive dayletter 300400
hundred words here not later than 4 PM Pacific Time summa-
rizing story and drafting criticism and suggestions. Kindly
mention also specific feature 1 can praise
Hoping to see you both soon Max

ÜBERLIEFERUNG O: handschriftlicher Telegrammentwurf; Max-


Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt
a.M.

272
255 Adorno an Horkheimer
New York, ca. 19. io. 1941

MAILED MANUSCRIPT LETTER AND LONG COM-


MENT SATURDAY TWO PM AIR MAIL SPECIAL DE¬
LIVERY PLOT TOO SHOWLIKE TO BE NARRATED
PLEASE WIRE STRAIGHT WHETHER TELEGRAPHIC
REPORT STILL NECESSARY MOST CORDIALLY =
TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

256 Adorno an Horkheimer


New York, ca. 19.10.1941

PLOT ABOUT BEAUTIFUL GIRL KIT LATIMER BE-


TWEEN TWO MEN NONMUSICAL PAUL PORTER AND
POOR HOT JAZZ MUSICIAN JOHNNY. PAUL FALLS IN
WORLD WAR. JOHNNY BECOMES COMMERCIAL
BAND PLAYER BUT FINALLY REALIZES HIS MUSICAL
IDEALS HAPPILY UNITED WITH KIT. ALSO INVOLVES
CONFLICT BETWEEN KITS IDEALISTIC FATHER AND
PAULS FATHER A RECKLESS BUSINESS MAN WHO
TAKES AWAY OLD LATIMERS SECOND WIFE. FINALLY
INVOLVE CAREER OF NEGRO JAZZ PLAYER REGGIE
SON OF LATIMERS OLD SERVANT ELLA FOR WHOM
HE PLAYS WHEN SHE DIES. NO CONSISTENT ACTION
THE WHOLE APPROACHING MUSICAL SHOW. MY
PRIVATE OPINION THAT IT WILL BE FLOP AGAIN
BECAUSE OF DISORGANIZED PLOT AND LACK OF
CLARITY OF MUSICAL ISSUE. PRAISE BASIC IDEA OF
ADVOCATING JAZZ IN ITS BOLDEST FORM AGAINST
PURITAN HYPOCRISY IN COURT SCENE OBJECT TO

273
LACK OF COORDINATION BETWEEN PLOT. EITHER
SHOW CHARACTER OF THE WHOLE OUGHT TO BE
STRESSED BY EXPENSIVE STAGING AND MUSICAL
SETUP OR PLOT SHOULD BE UNIFIED. THIS WOULD
BE DONE BY FINER CONTEST BETWEEN THREE
MAIN BANDS. REGGIE SHOULD WIN. JOHNNY DE-
FEATED WITH HIS BIG BAND SHOULD MAKE GOOD IN
JAM SESSION WITH SMALL ENSEMBLE. REGGIES BAND
OUGHT TO BE EARLY HOT STYLE. JOHNNYS SOPHIS-
TICATED SWING BROWNINGS SWEET LOMBARDO
STYLE. KIT OUGHT TO APPEAR AS A DANCER. EC-
CENTRIC FEATURES OUGHT TO BE MADE OPTI-
CALLY CLEAR BY STUMBLING AND OTHER DEVICES.
CHANGE ELLAS BIG SCENE IN COURT ACCORDING
TO FORMULA OF GETTING INTO TROUBLE AND
OUT AGAIN. SCENE IN RECORD SHOP OUGHT TO BE
HIGH SPOT. SUGGEST KIT PLAYING SIX DIFFERENT
RECORDS FOR DIFFERENT CUSTOMERS. CUSTOM¬
ERS FURIOUSLY OPEN BOXES. SIX RECORDS
SHOULD MAKE SATANIC CONCERT WHICH BY AND
BY IS INTEGRATED INTO ONE MIGHTY JAZZ PIECE.
THIS OUGHT TO BE OCCASIONED FOR KITS BIG
SOLO DANCE SCENE. DONT FORGET TO PRAISE END
OF PICTURE BLUE DANUBE PLAYED IN JUNGLE:
PRAISE ALSO FIGURE OF VERSATILE CYNICAL SEN¬
TIMENTAL JAZZ AGENT JACKSON. MY TELEPHONE
NUMBER IS UNIVERSITY 44433 MOST CORDIALLY=
TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek; Frankfurt a. M.

274
257 Adorno an Horkheimer
New York, 22.io. 1941

New York City


22. Oktober 1941
abends

Lieber Max,
dies nur Ihnen zu sagen, daß soeben die deutsche Rohfas¬
sung meiner Arbeit fertig wurde. Nächste Woche geht Ihnen
ein einigermaßen korrigierter Text zu. In den letzten Tagen
habe ich Tag und Nacht daran gearbeitet, und kann Ihnen nur
schwer den Zustand beglückter und betrunkener Übermü¬
dung ausdrücken in dem ich mich befinde. Hätte ich nur
schon Ihre Reaktion darauf!
Hoffentlich sind die anderen Dinge rechtzeitig und einiger¬
maßen unverstümmelt eingetroffen.
Ihnen und Maidon alles Liebe auch von der G. G.
Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ms; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

258 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 27.10.1941

13524 D’Este Drive


Pacific Palisades, California

October 27, 1941

Lieber Teddie:
Vielen Dank für Ihren Brief vom 18. und den Bericht über
das Dieterle-Manuskript. Auf Grund Ihres Telegramms hatte
ich am Montag bis drei Uhr (hiesiger Zeit) gewartet, ob Ihr

275
Special Delivery noch einträfe. Dann hat Fritz angerufen, und
es ist schließlich alles noch programmäßig gegangen. Das Te¬
legramm war genau so abgefaßt, wie ich es brauchte!
Was den Inhalt des Skripts angeht, so bin ich da wirklich
nicht kompetent. Es scheint mir fraglich, ob man den Idealis¬
mus heute ans Trompetenblasen anheften kann. Ist das nicht
mit dem Trompeter von Säckmgen entschwunden? »Behüt’
Dich Gott, es hat nicht sollen sein!« Für dieses will ich mutig
einstehen, aber mit dem Jazz kann ich diese Moral schwer
zusammenbringen, besonders wenn es zu allem noch gut
ausgeht. Der Zanuk hat bei der Rückkehr von Washington
gesagt, bei ihm bekämen jetzt alle Filme ein happy end, das
erfordere die National Defense — aber bei unserrn Freund
Dieterle soll es doch ernst gemeint sein. Mir ist bei der Sa¬
che wie bei einem amerikanischen Gustav Freytag, den ich
schon auf deutsch nicht gelesen habe. Schuster bleib bei
Deinem Leisten — Johnny bleib bei Deinem Saxophon. Es ist
leider eine der üblichen Geschichten zur Verherrlichung der
Erfolgsideologie. Das Talent, das sich in diesem Fall nicht in
der Stille, sondern im Gegenteil bildet, setzt sich am Ende
durch.
Dieterles Arbeitsaufwand ist heroisch, das muß man zuge¬
ben. Was da geschieht, ist ein Sinnbild des Ganzen: je gewalti¬
ger die Maschinerie und die menschlichen Kenntnisse und
Kräfte sich durchsetzen, umso grauenvoller der Inhalt. Dabei
wird meine Überzeugung, daß D. wirklich noch der Einzige ist,
der an irgendetwas glaubt, immer wieder bestärkt. Vielleicht
können wir doch einmal etwas mit ihm zusammen machen.
Warum soll der Webster eigentlich ein Flop gewesen sein? Ich
habe oben bei Dieterle alle Kritiken gelesen und kann aus die¬
sen keineswegs Ihren und Fritz’ Schluß ziehen. Haben Sie
denn außer den Kritiken sonst noch Anhaltspunkte?
Bei den Reaktionen, die ich hier bei Probevorführungen
beobachtet habe, ist mir übrigens aufgefallen, daß es heute
schon garnicht mehr auf den Inhalt der Theorie ankommt,
damit sie vom öffentlichen Geist verworfen wird, sondern daß

276
überhaupt jeder Gedanke, der über das Faktische hinausgeht,
gefährlich ist. Im Grund hat der Mann von der Straße nicht
weniger als sein Drahtzieher genau dasselbe gegen Webster
einzuwenden wie wir: flag waving and other propaganda. Der
Gedanke ist so verhaßt, daß nicht einmal patriotischer und re¬
ligiöser Inhalt ihn entschuldigen kann. Die Moral des Web-
ster-Films würde gerade noch als Hintergrund für ein paar
Walzerlieder von Grace Moore geduldet. Daß sie ernst ge¬
nommen wird, ist das Unverzeihliche. Wenn man scharfe
Sinne hat, kann man in dieser Attitüde das faschistische
Augenzwinkern sich ankündigen sehen.
Wenn Sie diese Verhältnisse an einem prägnanten Beispiel
studieren wollen, sehen Sie sich den Film an, der wahrschein¬
lich der erfolgreichste, jedenfalls der am höchsten geschätzte
des Jahres ist: Sergeant York. Ich kann mir kaum eine ent¬
schiedenere Desavouierung jedes patriotischen Idealismus
vorstellen als diesen hochnationalistischen Film. Ich glaube, es
kommt noch nicht einmal eine einzige Fahne darin vor! Die
Abwesenheit ist sprechend: sie besagt, daß man die Flagge erst
hervorholen wird, wenn der Zynismus der großen Worte und
die repressive Bedeutung der Symbole keinem Mißverständnis
mehr ausgesetzt sind. Es ist wirklich ein in vieler Hinsicht
lehrreicher Film.
Ich habe mit Fritz wiederholt über den Termin Ihrer Ab¬
fahrt korrespondiert. Ich erklärte ihm dasselbe wie Ihnen, daß
nämlich der genaue Termin der Unterredung zwischen Ihnen
beiden Vorbehalten bleiben soll. Schließlich sind Sie beide in
New York und können die Dinge besser überblicken als ich
hier. Andererseits aber möchte ich Ihnen doch meine ent¬
schiedene Skepsis über das, was bei den gegenwärtigen Bemü¬
hungen in New York herauskommen wird, nicht verbergen.
Wie Sie wissen, war ich schon mehr als zweifelhaft, ob der
Schritt bei der New York Foundation für uns sinnvoll oder
klug war. Der dortige Optimismus, der solange angedauert
hat, bis die Absage kam, hat sich jetzt auf den wesentlich kost¬
spieligeren Versuch mit Graeber übertragen. Ich gebe zu, daß

277
man nun, nachdem man sich auf diese Sache eingelassen hat,
nolens volens auch viel dazu tun muß. Die lecture-Nachmit-
tage in der Universität sind wohl zur Stützung unserer Vorle¬
sungsaktion notwendig. Wenn aber zu allen Opfern an Zeit,
Energie, theoretischer Reinheit und Geld, die wir bei dieser
letzten Aktion noch aufbringen, nun noch irgendein Zwi¬
schenfall eintreten sollte, der etwa Ihre Abreise weiter ver¬
zögerte, so wäre ich wirklich sehr traurig. Wenn ich nicht
fürchtete, durch eine entschiedene Intervention mir den be¬
rechtigten Vorwurf zuzuziehen, daß nun durch Ihre von mir
erzwungene Abreise alle Bemühungen und alles Geld vergeu¬
det seien, so hätte ich längst wegen Ihrer Abreise depeschiert.
Aber ich gestehe, daß mich diese Situation unruhig macht,
und daß ich froh wäre, wenn sie endlich vorüberginge. Haben
Sie schon Ihre Billette?
Bitte senden Sie mir doch noch einmal die genaue Adresse
von Dr. Wertham. Er hat mir eine sehr große Freude bereitet,
indem er mir sein Buch gesandt hat, aber ich habe aus Verse¬
hen den Umschlag weggeworfen, sodaß ich jetzt nicht weiß,
wohin ich meinen Dank zu richten habe. Sollten Sie ihn in der
Zwischenzeit sehen, so bitte ich Sie, ihm meine Freude dar¬
über zu sagen, daß er an mich gedacht hat.
Alles Liebe

P. S. Ihre »Notizen« sind direkt unfair! Ich kann mich dafür,


daß Sie in prägnanter Form das schreiben, was ich mir denke,
nur rächen, indem es mir endlich gelingt, den Zustand herbei¬
zuführen, in dem wir es gemeinsam tun.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts (Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt am Main.

»Behüt’ Dich Gott, es hat nicht sollen sein«: Der letzte Vers der ersten Stro¬
phe des »Trompeterliedes« aus Joseph Victor von Scheffels Versepos.

Der Zanuk: Darryl Zanuck (1902-1979) war ein berühmter Filmprodu¬


zent, der bei Warner Brothers den Tonfilm eingefuhrt hatte.

278
Walzerlieder von Grace Moore: Die amerikanische Sopranistin und Schau-
spielering Grace Moore (1901-1947) spielte in Joseph von Sternbergs
Sissi-Film »The King Steps Out« (1936).

Sergeant York: Ein Film von Howard Hawks mit Gary Cooper in der Titel¬
rolle.

Dr. Wertham/sein Buch: Der Kinderpsychologe Frederic Wertham (1895


bis 1985) arbeitete am Bellevue Hospital in New York. Er stammte aus
Nürnberg und hatte in Würzburg studiert sowie in München gearbeitet,
bevor er 1922 in die USA übersiedelte. — 1941 war sein Buch »Dark Le¬
gend« erschienen, das die Geschichte eines 17jährigen Jungen behandelt,
der seine Mutter getötet hatte. Wertham machte auf den Zusammenhang
der Tat mit dem Verhalten des Jungen aufmerksam, der in einer durch Ra¬
dio, Film und Comics bestimmten Phantasieweit lebte. — Horkheimer
dankte für das Buch in seinem Brief vom 18. November an Wertham (vgl.
Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 216f.).

259 Adorno an Horkheimer


New York, 27.10.1941

429 WEST II7TH STREET


NEW YORK, N. Y.

27. Oktober 1941.

Lieber Max,
Gestern waren wir in Princeton bei Oppenheims. Ich hatte
Gabi angerufen, um mit ihr hier etwas auszumachen, aber sie
bestand darauf, daß wir herauskamen und den Sonntag mit ih¬
nen verbrachten. Meine Absicht war natürlich, sie zur Inter¬
vention in der Bonn-Sache zu veranlassen. Aber es hat sich eine
merkwürdige Konstellation ergeben. Oppenheims sind näm¬
lich selber mit Bonn böse und haben ihn in der drastischsten
Weise wegen seiner Bosheit und Zwischenträgerei charakteri¬
siert. Während sie sich sachlich durchaus auf unsere Seite stel¬
len, scheidet ihres eigenen Konfliktes mit B. wegen jede Inter-

279
vention bei diesem natürlich aus. Gabi meinte, es sollten entwe¬
der Sie oder Fritz einfach zu Bonn gehen und ihm fürchterlich
die Leviten lesen. Dann werde er klein beigeben. Mit der Aus¬
sicht auf einen Skandal in der Emigration habe ich die geplante
Schockwirkung hervorgerufen. Das ganze Gespräch über
Bonn dauerte nicht länger als drei Minuten. Übrigens sind
Oppenheims im Augenblick recht freundlich und angenehm.
Sie haben sich sehr über Ihr Telegramm gefreut. Ich glaube
nicht, daß sie in irgendeiner Weise anders als sehr unbewußt
mit unseren Feinden sympathisieren, und habe den Tag in je¬
dem Betracht zu einer Propagandaaktion benutzt.
In der Sache Salka fand ich Gelegenheit ganz ungezwungen
mit Eduard zu reden; ebenfalls nur ganz kurz. Er hat mit allem
Nachdruck erklärt, es liege bei Salka nicht das Geringste vor.
Im Gegenteil, sie sei sehr erstaunt über Ihre Ablehnung gewe¬
sen. Sie habe nur sehr schwere private Sorgen. Von den letzte¬
ren hatte er mir schon vorher gesprochen und Rudi deutete
mir an, daß es sich dabei in erster Linie um den reizenden
Gottfried handelt. Nach menschlichem Ermessen war das Ver¬
halten Salkas wirklich harmlos und ohne bösen Willen. Ihre
und Eduards Mutter ist gerade jetzt aus russisch Polen nach
einer abenteuerlichen Reise über Moskau und Vladivostok
eingetroffen und sicherlich jetzt bei Salka. Vieheicht bietet das
Anlaß zu einer Anknüpfung. Ich habe so sehr den Eindruck,
daß wirklich gar nichts hinter Salkas Absage steckt, daß ich
glaube, daß wir uns gar nichts vergeben, wenn Sie einmal dort
anrufen.
Wegen des mimeographischen Heftes hat Löwenthal mich
informiert. Ich möchte Ihnen vorschlagen, daß wir darüber
eingehend reden, sobald ich in Hollywood bin, denn die
ganze Sache ist so kompliziert und hat so viele Aspekte, daß sie
brieflich kaum zu behandeln ist. Wenn sich das Erscheinen der
Ausgabe aut diese Weise noch um weitere 14 Tage verzögert,
so meine ich, können wir das in Kauf nehmen.
Ihnen und Maidon alle Liebe von uns beiden
Ihr altes Pachyderm
Teddie
280
ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Fiorkhei-
mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Ihr Telegramm: Nicht erhalten.

Salka / Ihre und Eduards Mutter: Augusta Steuermann (1868-1953).

das mimeographische Heft: »Walter Benjamin zum Gedächtnis« erschien


1942.

260 Horkheimer an Adorno


Pacific Palisades, 3.11.1941

13524 D’Este Drive


Pacific Palisades, California

November 3, 1941

Lieber Teddie:
Vor etwa drei Wochen lud mich Fderr James T. Farrell zum
lunch ms Twentieth Century Fox Studio ein. Er hatte meine
Adresse von Meyer Schapiro und kannte auch Sie. Es war aus¬
gemacht, daß ich ihn zu mir einladen würde, aber als ich ihn
anrief, hatte er Los Angeles schon verlassen.
Die rasche Abreise ehrt ihn. Er konnte sich offenbar der
Umgebung des Studios nicht anpassen. Umso peinlicher wäre
es mir, wenn er dächte, daß ich mein Versprechen nicht ein-
halten wollte.
Einen Tag, nachdem ich vergeblich in seinem Fdotel ange¬
rufen hatte, erhielt ich einen Brief von ihm mit der Ankündi¬
gung, daß er wieder nach New York unterwegs sei. Wollen Sie
so lieb sein, ihn in meinem Namen anzurufen und ihm Grüße
zu bestellen? Ich hielte es sogar für nicht unzweckmäßig,
wenn Sie sich mit ihm treffen würden. Er verfügt über gute
Kenntnisse (nicht etwa des Kinos, sondern der sozialen Ver¬
hältnisse), und es könnte wohl sein, daß wir einmal einen ge-

281
wandten Schriftsteller brauchten, um ein Filmmanuskript
herzustellen. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber wer weiß, was
alles passieren kann. Es macht ihm alle Ehre, daß die einzige
menschliche Beziehung, die er hier pflegte, die kultivierteste
Schauspielerin war, die hier zu finden ist: die Nazimova: Na¬
türlich ist sie ohne j ob.
Im Widerspruch dazu steht FarrelTs Begeisterung für Kra-
cauers Offenbach. Ich bm nicht näher darauf eingegangen.
Farrells New Yorker Adresse ist: 535 West 1 ioth Street, also
in Ihrer nächsten Nähe.
Danke für die Kopie des Briefs der Partisan Revue. So eine
Zustimmung wiegt schon manches andere auf.
Alles Liebe

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

James T. Farrell: Der Schriftsteller und Kritiker James Thomas Farrell


(1904-1979) hatte in den dreißiger Jahren die Studs Lomgan-Trilogie ver¬
öffentlicht; 1936 war die Essaysammlung »A Note on Literary Criticism«
erschienen.

die Nazimova: Alla Nazimova (eigentlich: Alla Lavendera, 1879-1945), in


Yalta auf der Krim geboren, studierte bei Stanislawski in Moskau und
wurde Bühnenschauspielerin; mit dem in Berlin gespielten zionistischen
Stück »Das auserwählte Volk« ging sie auf Tournee in die USA, wo sie seit
1906 großen Erfolg mit Stücken von Ibsen hatte. Sie wechselte später zwi¬
schen Bühne und Film; 1944 stand sie in dem Film »The Bridge of San
Luis Rey« vor der Kamera.

der Brief der Partisan Revue: Der Brief, wohl von Dwight MacDonald (s.
Brief Nr. 262), ist nicht erhalten.

282
26i Horkheimer an Adorno
Pacific Palisades, 7.11.1941

13524 D’Este Drive


Pacific Palisades, California

November 7, 1941

Lieber Teddie:
Natürlich ist der Veblen eingetroffen, und ich habe ihn am
gleichen Tag gelesen. Ich bin unbedingt dafür, daß die Arbeit
ins nächste Heft kommt. Haben Sie etwa einen englischen
Rohentwurf? Dann würde ich David sogleich mit seiner
Durchsicht beschäftigen.
Sie heben Veblen am entschiedensten vom Rationalismus
ab, von Thesen wie der Identität von Denken und Sein, der
Kategorie des Ganzen, der Freiheit. Die sind es gerade, mit
denen ich mich bei der Arbeit am Aufsatz jetzt abgebe. Ich
selbst empfinde, komisch genug, daß wir wider unsern Willen
in eine Front mit dem Rationalismus gedrängt werden, den es
nicht mehr gibt, und als Hauptinhalt meines Aufsatzes denke
ich mir daher die Abgrenzung vom Rationalismus. Aber ich
gestehe, daß ich [mich] im Augenblick recht schwer tue. Die
Trennung beginnt nachgerade von Quantität in Qualität um¬
zuschlagen, in die der ernsthaften Bedrückung. Dazu kommt,
daß bei dem Betrieb, der gegenwärtig dort entfaltet wird,
mein Drängen auf Ihre Abreise mir unweigerlich den späteren
Vorwurfzuziehen muß, daß nur deshalb nichts herausgekom¬
men und schließlich sogar die Verbindung mit Columbia zer¬
stört worden ist. Ich kann und will mich diesem Vorwurf, so¬
weit er berechtigt ist, nicht aussetzen. Es wäre Torheit, wegen
einer kurzen Zeitspanne den Schutz aufs Spiel zu setzen, den
wir in den nächsten Jahren wahrscheinlich sehr notwendig ha¬
ben. Aber das Ganze erfordert ein bißchen viel Nervenkraft.
Vielen Dank für Ihren Brief vom 27. Oktober. Sie haben
das sicher alles ganz recht gemacht, und mit Salka werden wir

283
hier dann schon weitersehen. Meine Briefe vom 27. Oktober
und 3. November werden Sie erhalten haben. Ich erwarte
noch die Adresse von Wertham.
Schreiben Sie oder Gretel ein paar liebe Worte!
Herzlichst
Ihr
Max

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M. — E: Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 208f.

262 Adorno an Horkheimer


New York, 10.11.1941

10. November 1941.

Lieber Max,
wenn man den Satz alea est iacta aus dem Cäsarischen in
eine vorsichtigere Sprache übersetzen könnte, so wäre jetzt
wohl der rechte Augenblick ihn zu zitieren. Mir fällt dazu die
Sedanrede des schwäbischen Obersten ein, die Sie sicher viel
schöner sprechen können als wir schreiben: meine Herre,
heut isch komme der Tag, wo vor 30 Jahr der preußische Aar
dem gallische Hahn mit eiserner Faust auf de Schwanz trede
worde iesch. Der Tag ist, wenn alles glatt geht, Samstag. Wir
fahren nach Cleveland, übernachten dort, Sonntag weiter
nach Chicago und am Abend los in den wilden Westen. Die
Ankunft soll am Mittwoch 8.35 Los Angeles Pacific Time
morgens stattfmden. All das, wohlverstanden, ist erfolgt, ohne
daß wir als pressure group gewirkt hätten. Wie Pallas Athene
aus dem Haupt des Zeus, so ist unser Abfahrtstermin aus dem
von Fritz Pollock entsprungen, mit der leisen Einschränkung,
daß Sie den 15. November als deadline bezeichnet hatten und
daß dieses Wort eine gewisse magische Gewalt bewährt zu ha-

284
ben scheint. Wie glücklich wir sind, vermag ich Ihnen über¬
haupt nicht zu sagen. Wenn es jemals eine vollkommene Har¬
monie der intelligibeln und empirischen Interessen gegeben
hat, dann in diesem Fall. Und da ich in den ganzen Verhand¬
lungen mit Maclver überhaupt nicht in Erscheinung getreten
bin, so glaube ich, daß durch meine Abfahrt der von Ihnen mit
Recht sogenannte Betrieb hier keinen Abtrag erfahren wird.
Eine besondere Beruhigung in dieser Hinsicht ist, daß Mar-
cuse noch hier bleiben wird: man könnte da von einer prästa-
bilierten Harmonie der empirischen mit den empirischen
Interessen reden. Eine kleine Schwierigkeit ist im letzten Au¬
genblick aufgetaucht, ich bin nämlich heute mit heftigem Fie¬
ber und einer Grippe aufgewacht und diktiere im Bett. Was
ich aber alles getan habe, um schleunigst gesund zu werden,
das spottet wirklich jeder Beschreibung: ein ganzer Strom von
Hals- und Kopfbinden, Aspirin, Anacin, Kamilleninhalatio¬
nen und fruit juice ist während der letzten 12 Stunden über
mich niedergegangen, und Sie können mir glauben, daß ich es
an keiner Anstrengung fehlen lasse, um am Samstag früh reise¬
fähig zu sein. Dank meiner Krankheit fand übrigens die Ab¬
stimmung im Institut wegen meiner Abreise statt, ohne daß
ich dabei war, worin ich für die beiden Pachyderme eine
wahre moralische Entlastung sehe. Wenn jetzt hier irgendet¬
was schief geht, dann werden wir unerschütterlich sagen: ihr
habt es so gewollt. Bitte verzeihen Sie den übermütigen Ton:
ich weiß mich aber wirklich vor Freude kaum zu lassen.
Ihr lieber Brief, den wir gestern bekamen, ist wohl ge¬
schrieben, ehe Fritz Pollock unsere Abreise vorschlug. Die
darin enthaltene Sorge dürfte durch die Entwicklung der letz¬
ten Tage uns denn also abgenommen sein.
Eine englische Rohübersetzung des Veblen hatte ich we¬
nige Tage nach der deutschen Reinschrift an David geschickt.
Als Sie Ihren Brief schrieben, muß sie bereits in seinen Hän¬
den gewesen sein. Ich bat ihn, wegen aller etwa problemati¬
schen Punkte mit Ihnen zu reden. Hoffentlich hat er das getan.
Unterdessen habe ich ihm noch einen ganzen Haufen Fuß-

285
noten und Ergänzungen (meist auf amerikanische specifica
wie Veblens Verhältnis zum Pragmatismus u. Ä. bezüglich) ge¬
schickt. Ich habe auch sonst noch viel an der Arbeit getan, ins¬
besondere an dem Abschnitt, wo gegen Vehlen der Kitsch ver¬
teidigt wird, der in der Ihnen bekannten Fassung mich noch
nicht befriedigte. Ich bin glücklich in dem Gedanken, daß wir
diesen Abschnitt zusammen in Ordnung bringen können. Aus
einer Art von Aberglauben schicke ich diese jüngsten Ände¬
rungen nicht mehr an David, sondern behalte sie zunächst uns
beiden vor.
Die Billette sind reserviert.
Ach Max, jetzt endlich ist es so weit, und wir wollen es zu¬
sammen schaffen. Ich las noch zuletzt das Sadebuch von Go-
rer, und es sind mir eine Menge Dinge dazu eingefallen, von
denen ich glaube, daß wir sie werden brauchen können. Sie
betreffen wesentlich die Dialektik der Aufklärung oder die
Dialektik von Kultur und Barbarei. Sind Sie übrigens einmal
der tiefen Beziehung zwischen Sade und St. Simon nachge¬
gangen? Ich glaube, da liegt viel verborgen. Ich neige immer
mehr dazu, Sade als einen industriellen Utopisten zu betrach¬
ten. Sollte übrigens nicht der Komplex Sade und Antisemitis¬
\
mus ftir uns einen ersten Kristallisationspunkt abgeben?
Außerdem las ich viel in der Marxbiographie von Mehring,
von der ich nur sagen kann, daß sie genau so ist, wie ich sie mir
vorgestellt habe, nämlich grauslich.
An Farrell habe ich sofort geschrieben, aber noch keine
Antwort bekommen. Werthams Adresse ist: Dr. Frederic
Wertham, 44 Gramercy Park, New York, N. Y. Er hat Ihnen
unterdessen eine andere Arbeit geschickt, die Sendung des
Buches hatte ich veranlaßt. Mit MacDonald und einem seiner
Kollegen hatte ich ein ungemein erfreuliches lunch. Sein Kreis
ist von unseren Dingen so angetan, daß sie jeden Satz drucken
würden. Ich habe ihnen so aufrichtig wie nur möglich erklärt,
daß für uns Mitarbeit unmöglich sei, da mir der Gedanke,
diese Menschen, die wirklich mit uns etwas zu tun haben, mit
Ausreden hinzuhalten, zu unsympathisch war. Sie haben

286
durchaus Verständnis gezeigt. Am liebsten wäre ihnen ein
Aufsatz von einem von uns über die Philosophie im heutigen
Deutschland gewesen. Ich habe sie deshalb an Stern gewiesen.
Was Sie von Ihrer Bedrückung schreiben, das gilt wörtlich
für uns und Sie wissen es. Wenn nun bei uns die Bedrückung
in ihr Gegenteil umschlägt — ist es zu anmaßend zu hoffen, daß
bei Ihnen der gleiche Wechsel sich vollzieht?
Ihnen und Maidon alles Liebe
von den beiden Pferden
Teddie und Gretel

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. - E: Elorkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S.2ioff.

die Sedanrede des schwäbischen Obersten: Ihre Herkunft ist nicht ermittelt.

wo vor 30 Jahr der preußische Aar dem gallische Hahn mit eiserner Faust auf
de Schwanz trede worde iesch: So im Brief.

das Sadebuch von Gorer: Vgl. Geoffrey Gorer, The revolutionary ideas of
the Marquis de Sade, London 1934.

die Dialektik der Aufklärung: Erste Nennung des späteren Titels des ge¬
meinsamen Buchs und Hinweis auf die beiden Kapitel »Juliette oder Auf¬
klärung und Moral« und »Elemente des Antisemitismus«.

St. Simon: Gemeint ist der Frühsozialist Claude-Henri de Rouvray,


Comte de Saint-Simon (1760-1825) und dessen Hauptwerk »Systeme in-
dustriel«.

MacDonald: Der Schriftsteller Dwight MacDonald (1906-1982) war in


den dreißiger Jahren Trotzkist geworden; von 1937 bis 1943 gab er die
linke Zeitschrift »Partisan Review« heraus.

287
263 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 15.9.1942

Los Angeles, 15. September 1942.

Lieber Max,
schönsten Dank für das Telegramm zu unserm Hochzeits¬
tag. — Die Zeit unserer Trennung suche ich, so gut wie mög¬
lich, zur Arbeit auszunutzen. Der Rohentwurf der Massen¬
kultur ist fertig. Ich suche ihn soweit in shape zu bringen, daß
er sich unserem gemeinsamen Text ohne Erröten präsentieren
kann. Gleichzeitig habe ich die Racketsache energisch aufge¬
nommen und zwar von zwei Seiten. Materialiter habe ich
mich auf griechische Kulturgeschichte gestürzt und glaube
besonders bei Jacob Burckhardt eine Unmenge gefunden zu
haben, was direkt verwertbar ist; ich habe eine Liste von Rak-
ketkategorien angelegt und zu jeder einzelnen fast Belege ge¬
funden. Andererseits habe ich mich um den theoretischen As¬
pekt gekümmert und neun »Reflexionen zur Klassentheorie«
geschrieben, teils Formulierungen gemeinsamer Dinge mit
Hinblick auf die Rackettheorie, teils auch ganz neue. Dies Ma¬
nuskript ist so gebaut, daß es sich ohne weiteres wird auflösen
lassen und an ganz verschiedene Stellende nach Bedarf, in das
Endprodukt übernehmen. Auch ein Abschnitt über Verelen¬
dung und einer über formale Soziologie befindet sich darunter.
Sie können sich vorstellen, daß ich mit all dem so ausgefüllt
bin, daß ich zu anderem gar nicht komme. Mit Fritz hatte ich
ein paar sehr ergiebige theoretische Diskussionen, insbeson¬
dere über den Begriff der produktiven Arbeit und bin aufs
höchste gespannt, was Sie zu den hier sich ergebenden unge¬
mein schwierigen und tiefliegenden Problemen sagen.
Ich freue mich zu hören, daß Sie von Ihrem Aufenthalt im
Osten nicht unbefriedigt sind und habe das Gefühl, daß es auf
jeden Fall gut ist, daß Sie gefahren sind, auch wenn beim Anti¬
semitismusprojekt gar nichts herauskommt. Vor allem werden
Sie sich über den tatsächlichen Stand des Kriegs dort ein viel

288
genaueres Urteil bilden können, als es hier möglich ist; ich bin
im übrigen nach wie vor meiner alten Überzeugung.
Die Gefahr der Evakuierung ist endgültig abgewendet, in
einem gedruckten Dokument, das ich besitze, steht ausdrück¬
lich, daß keine Massenevakuierungen mehr vorgesehen seien,
und die neuen Bestimmungen gewähren wenigsten für beruf¬
liche Zwecke einen Umkreis von 15 Meilen.
Sonntag waren wir zu Schönbergs 68. Geburtstag. Dort war
Arlt, der sich mir durch Alma Mahler vorstellen ließ, eine ganz
günstige Situation. Es stellte sich heraus, daß Arlt nicht nur
Germanist, sondern auch Musikologe ist. Er war außerordent¬
lich freundlich, bekundete für unsere Arbeiten das größte In¬
teresse, sagte, er lese in der Zeitschrift, so oft er nur dazu
komme und halte den Austausch mit uns für beide Seiten für
außerordentlich fruchtbar. Er möchte mit Ihnen und mir ein¬
gehend sprechen, und ich sagte ihm, wir würden etwas aus¬
machen, sobald Sie zurück sind. Mit den Werfels sind die Arlts
auf Du, nach der einen Seite ist das eine Beruhigung, nach der
andern beunruhigend, wie alles.
Ich zähle schon die Tage, bis Sie wieder hier sind, und wir
uns in unsere Dinge stürzen können. — Nie habe ich die auf
uns ruhende Verpflichtung stärker gefühlt als jetzt, wo das
Problem des Eingezogen-Werdens immer dringlicher wird.
Gretel hatte wieder sehr mit ihrer Migräne zu tun und ist
wieder in Behandlung, die ihr hoffentlich nutzt.
Alles Liebe auch von der Giraffe
Ihr alter
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 328 f.

das Telegramm: Nicht erhalten.

Der Rohentwurf der Massenkultur: Das ist das im Oktober 1942 fertigge¬
stellte Manuskript »Das Schema der Massenkultur« (vgl. Adorno GS 3,
S-299-335).

289
die Racketsache: Horkheimer und Adorno planten eine »Soziologie des
Rackets« (s. den folgenden Brief), die sie gemeinsam mit Grossmann, Lö¬
wenthal, Pollock und Weil ausarbeiten wollten, und dachten offenbar
auch daran, einen Teil der Veränderung des Kapitalismus und der daraus
sich ergebenden Kritik des Begriffs der Klassengesellschaft zu widmen.
Motive dessen finden sich in der »Dialektik der Aufklärung« im »Begriff
der Aufklärung« und den beiden folgenden Exkursen. Horkheimer schrieb
im folgenden Jahr seinen Aufsatz »On the Sociology of dass relations«
(deutsch in: Horkheimer GS 12, S. 77-104). — Im Horkheimer-Archiv ha¬
ben sich zwei Blätter »Notizen zum Programm des Buches« über Rackets,
ihre Bedeutung von der Antike bis zum Kapitalismus sowie zu einer Theo¬
rie des Proletariats vom 30. August 1942 und dreißig Blätter »Exzerpte aus
Schriften zur Geschichte der Rackets« vom 15. September erhalten. — Die
»Notizen« lauten: »Der Teil über die Verelendungstheorie soll verwandt
werden, um zu zeigen, daß mit der Abnahme der Verelendung, mit dem
Einbau der Arbeiter in die bestehende Gesellschaft, die Klasse sowohl sich
als Inbegriff einzelner Rackets konstituiert, als auch nach außen alles aus¬
scheidet, was zur Klasse dann nicht mehr gehört. Zum ersten Mal soll dieses
Verhältnis nicht mehr wie stets bisher von Gegnern des Proletariats, son¬
dern von einer proletarischen Theorie selbst aus dargestellt werden.
Problem: Soll eine geschichtliche Einheit da sein? Soll man die Geschichte
der Rackets, ihre vorläufige, ausarbeiten? Vielleicht sollte man damit be¬
ginnen, ein Kapitel zu schreiben über die Funktion der Rackettheorie im
Kampf gegen das Proletariat.
Beispiele: Amerikanische Konstitution
Französische Revolution
Verständigung der Rackets gegen den Feind draußen
Conspiracy against the people.
Das Ganze muß sich von all den bürgerlichen Debunking-Versuchen da¬
durch unterscheiden, daß wir die Bedeutung dieser Verständigung für
eine Verallgemeinerung in der Verteilung der Konsumgüter auch erken¬
nen. Nicht zu vergessen ist, daß die Racketbildung in der franz. Revolu¬
tion wiederum eine andere war: daß sie mit der Zentralisierungstendenz
in der Wirtschaft zusammenhängt.
Durch die Bildung von Rackets hindurch verwirklicht sich der soge¬
nannte Fortschritt; nicht bloß die Individuen, wie Hegel gemeint hat,
sondern die Rackets sind die List der Vernunft.
Beispiele: Funktionswechsel der Klubs
Liquidation der Municipalities.

290
Zusammenfassung des ersten Kapitels: Es soll gezeigt werden, daß der Nach¬
weis, daß das Proletariat aus Racke ts besteht, bisher im Dienst der Gegner des
Proletariats stand,ja, daß darüber hinaus der Nachweis, daß Herrschaftüber-
haupt schon immer racketierhaft gewesen ist, dazu diente, j eden Elan, die ge¬
genwärtige Gesellschaft mit einer anderen zu vertauschen, zu ersticken.
Zweites Kapitel:
Die Rackettheorie im allgemeinen.
Daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, bedeutet,
daß die Geschichte eine Geschichte von untereinander und gegen den
Rest der Gesellschaft kämpfenden Rackets ist. Aber dort, wo sich diese
Rackets in den untersten Schichten reproduzieren, sind sie am allerfurcht¬
barsten; Terror, ausgeübt von den Untersten, ist der schlimmste.
Die Familie als Racket.
Zum Wesen dieser Klassengesellschaft gehört es, daß sie notwendig zum
Racket führt; Einfluß der Not.
Satz der formalen Soziologie, den sie nicht ausgesprochen hat: Unter dem
Druck der Herrscherklasse werden innerhalb der beherrschten die Men¬
schen dazu gezwungen, Herrscher gegen die noch ohnmächtigeren zu
werden. Der selbst Unterdrückte wird durch diese Vermittlung immer
noch zum unmittelbaren Henker gegen die weiter unten Stehenden.
Drittes Kapitel: Modelle für Rackets.
Die racketierhaften Elemente im spanischen Bürgerkrieg als Modell für
anti-Rackets: da waren echt anti-racketierhafte Formen, nicht nur politi¬
sche sondern auch in Kunst etc.
Umschlag von nichtrackethaften Gruppen in Rackets,
Impressionismus,
Psychoanalyse (Löwenthal)
Historische und institutionelle Modelle,
Freimaurer und Logen in ihren Anfängen als Gegenbeispiele,
Umschlag von revolutionären Organisationen in Rackets.
Pollock und Weil:
Verelendungstheorie und Gegentheorie,
Kapitalisten, wie die Rackets erst im 19. Jahrhundert undjetzt funktionie¬
ren,
Beispiel: Fox
Grossmann: Inwiefern auch im 19. Jahrhundert die Konkurrenz nicht die
ursprüngliche Akkumulation vermittelte;
Über die Bedingtheit der Entwicklung der Naturwissenschaften aus den
Rackets im 17., 18. und 19. Jahrhundert.

291
Modell für Kultur:
Die Universitäten als Racket: eine Geschichte dieser Rackets darlegen
und zeigen, wie es möglich war, daß die Naturwissenschaften über der ge¬
samten Entwicklung wie ein Verhängnis schweben; inwiefern durch die
Beziehung der Umversitätsrackets und dem industriellen Racket die Na¬
turwissenschaften schließlich zum Typ der modernen Geisteswissenschaft
geworden sind.
Kein besonderes Kapitel über Politik — in den Modellen behandeln.
Problem (Mrs. Andree?): wie wird England jetzt beherrscht und wie
wurde es in den letzten Jahrzehnten beherrscht?«

griechische Kulturgeschichte . . .Jacob Burckhardt: Jacob Burckhardts »Grie¬


chische Kulturgeschichte« hatte Jacob Oeri 1898 bis 1902 aus dem Nach¬
laß herausgegeben; Adorno benutzte die kritische Ausgabe, die 1930/31
in Stuttgart und Basel erschienen war.

neun »Reflexionen zur Klassentheorie« / ein Abschnitt über Verelendung: Vgl.


Adorno GS 8, S. 373-391; die VIII. These handelt von der Verelendung
(S. 383-386).

Arlt: Denn Pennsylvania geborene Germanist Gustave Otto Arlt (1895 bis
1986) lehrte seit 1935 an der University of California., Los Angeles. Arlt
war der Übersetzer der letzten Werke Franz Werfels.

das Problem des Eingezogen-Werdens: Im Horkheimer-Archiv ist dem Brief


ein Zeitungsausriß der Los Angeles Times vom 18. September 1942 bei¬
gefügt, der lautet: »Exhaustion of i-A Group Near; Draft Closer for Mar-
ried Men / SACRAMENTO, Sept. 17 (AP) Married men in California be-
tween the ages of 20 and 45 can expect to be subject to call for military Service
in draft calls which are received in November, Maj. Kenneth H. Leitch, State
Director of Selective Service, said today. The supply of i-A registrants is
nearing exhaustion, he said, and despite pooling of eligibles between the
various draft boards of the State, it will be necessary to summon married
men if the draft calls in November are of the >to be expected size,< he said.
There is no danger, he said, that married men with children will be drafted
in the near future. But those with only collateral dependents will be required.«
(Die Hervorhebungen sind von Adornos Hand.)

292
264 Horkheimer an Adorno
New York, 17.9.1942

September 17, 1942.

Dear Teddie:
Of course, I can’t write, I cant’ even think here. Every half
hour there is another appointment to keep, another visit to
make, and all these appointments and visits are for nothing.
The meeting with the Committee confirmed what Neu¬
mann had written: the man who is now in charge of the re-
search department is in outspoken favor to our project and to
a close Cooperation of the Institute. At least, this was the case
when we met him. It was also quite clear, however, that the
minor spirits of the department feel that we are competitors:
kind of another racket. They hate us and will do everything to
kill the plan. If the decisive session of the Committee would
have taken place a day after our meeting, I should have been
rather optinnstic. But since it takes place at the end of Septem¬
ber, I have not the slightest doubt that the Opposition will suc-
ceed in blocking the way to an understanding.
Similar Situation in the State Department. We presented the
memorandum at the Division of Special Research of that de¬
partment. If the polite gentleman who received us is to be be-
lieved, they were most impressed. Either Neumann or myself
would have been offered a position immediately if the State
Department would employ any naturalized citizens. We are
trying to get some suggesstions on our proposed studies frorn
the State Department. Up to now, such a thing has never been
done and probably will not be done in our case. It is com-
pletely out of routine. If the unprobable thing should happen
it would, of course, be most fortunate. For there is no doubt
that, with a letter ofthe State Department that it is particularly
mterested in one of our studies, we can turn toward Rockefei¬
ler or Carnegie with very good chances. The Division of Spe¬
cial Research will have a meeting this or next week and then

293
notify Neumann by telephone that most of their colleagues
found the project most inspiring, but, unfortunately, they can’t
give any preference to any of the proposed studies, and lf we
should decide to go into all of them, what they, of course,
would welcome most, we should let them have our results.
If, in addition to the glamour which a director of an Insti¬
tute connected with Columbia University possesses, I would
have at least some of the qualities which are expected of such
a functionary, for instance, a mastery of the English language,
a natural behavior free ofagression, a grown up attitude etc., 1
have little doubt that there would not be the slightest difficul-
ties to get the necessary amounts of money. I am, however,
completely deprived ofsuch talents.
Despite all this, I feel that our decision that I should come
here for some weeks, was the right one. Everything concer-
ning the Institute will be much easier, and I shall be able to
solve a lot of minor practical problems which, otherwise,
could have bothered us through the whole next year. I will also
have collected a lot of impressions which will make decisions
easier. There is, for instance, the strengthenmg of my convic-
tion that our enemies in the New School are not a bit more ap-
peased than our friend Bonn. I understand the reasons for this
antagonism better than ever. These people have one aim: to
determine European policies after the war, and they see in us
the only ones whose attitude is irreconcilable with theirs, and
who are able to look through their doings. After Feiler’s death,
the number of the half way decent people in their group has
become smaller. Since their own Situation has become a little
more difficult, their struggle against us is desperate.
There is only one thing which we have to look at: our work.
We are inferior in all fields but in one: that of truth. Unfortu¬
nately, it will be quite impossible for me to do any theoretical
work here. I can only do some thinking which may help us la¬
ter on. I can hardly await the day when we sit down to go
ahead with A4. This and A5 should be fimshed about the
middle of November. After that, we should do some work in

294
connection with the economic projects (sociology ofrackets).
Very soon in the new year we should Start either with what
you wrote on mass culture or with some other subject with
which we can proceed a little faster than with our first para-
graphs. How ever it will be, it will be beautiful.
When I arrived in New York about two weeks ago, I found
again, it was a great city. It has all the advantages of a so-called
metropolis. There is the Jewish element which is responsible
for certain humanistic aspects, I never wanted to deny that.
But there is, together with some other unfortunate circum-
stances, the really terrible climate. Yo know that I don’t like to
take my coat off in the office. Well, I am dictating this letter
with nothing on but my trouser. I was unable to sleep these
nights, and I am changing my shirts two or three times per day.
I really had forgotten what 80 or 90% humidity in the air can
do to people, particularly when there are other reasons why
you want to escape.
Most cordially
Max.
Give my love to Gretel and teil her that I am very grateful for
the last days. Very.

P. S. I shall see your parents during the next days. Up to now, I


was really unable to do so. Of course, I called them up.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt


a.M. - E: Fiorkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 33off.

the Committee: Das »American Jewish Committee«.

what Neumann had mitten: Franz Neumann hatte am 21. August an Elork-
heimer geschrieben: »I have just come back from a two hours Conference
that Graeber and I had with Mr. David Rosenblum, Chairman of the
Public Relations Committee of the American Jewish Committee and of
the Joint Committee of the Anti-Defamation League and of the American
Jewish Committee. The outcome is briefly this: It is likely that we shall get
a grant of$ 10.000.00 for the execution ofthe Anti-Semitism project ifthis
sum is matched by an equal sum supplied by the Institute. Mr. Rosenblum

295
would, however, like to make your acquaintance. The decisive meedng
will take place early in September and it would be good lfyou could make
it possible to be here during the first week of September. He wants to
work out with you the program ofthe research, the Cooperation between
the Institute and the American Jewish Committee and various other mat-
ters. [Absatz] Please let me know as soon as possible whether you can man¬
age to come East. [Absatz] The meeting today started under extremely fa-
vorable auspices. Today, namely, the Contemporary Jewish Record, the
official organ of the American Jewish Committee published the review of
my book, a very long and very enthusiastic review by one of their staff
members who very favorably mentioned the work of our Institute. Be-
sides, Graeber’s book got in the spring issue of the Contemporary Jewish
Record also a very long and very favorable review. These two circumstan-
ces were of great importance. I can assure you that Mr. Rosenblum means
business. He has been for many years director of public relations of the Na¬
tional Broadcasting Corporation and is now on leave of absence with the
American Jewish Committee where he has taken over the work ofSidney
Wallach. He is a very intelligent and extremely shrewd public relations
man who is very well capable of distmguishing fake from serious matters.«

the man who is now in charge of the research department: Der in der vorigen
Anm. genannte David Rosenblum.

the memorandum: Nicht identifiziert.

These people haue one aim: Horkheimer konnte sich darauf berufen, daß
die New School mit dem »Peace Project«, das in engster Kooperation mit
amerikanischen staatlichen Stellen betrieben wurde, Einfluß auf die
Nachkriegsentwicklung zu nehmen beabsichtigte.

A4 / Ay. Vermutlich ist die Zählung geplanter Kapitel für die »Dialektik
der Aufklärung« gemeint.

296
265 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 27.9.1942

27. September 1942.

Lieber Max,
schönsten Dank für die beiden Briefe, der erste hatte sich
mit dem meinen gekreuzt. Ich bin froh, daß Sie von der Reise
befriedigt sind und vor allem, daß Sie bald zurückkommen.
Meinen Eltern haben Sie mit Ihrem Besuch eine große Freude
gemacht, flir die auch ich Ihnen danken möchte.
Von hier ist wenig zu berichten, ich suche so viel an Arbeit
vorzubereiten flir uns, wie nur möglich ist. Der Entwurf zur
Klassentheorie ist abgeschrieben, ich möchte ihn aber Ihnen
erst hier geben. Von dem Rohentwurf zur Massenkultur ist
knapp die Hälfte in vorläufige Ordnung gebracht. Die Mate¬
rialien zu den Rackets, die ich aufgestöbert habe, stelle ich
auch noch zusammen und versuche zugleich, den Marcuse
auch ein wenig dazu zu bekommen.
Am Samstag habe ich wieder Blut gespendet und es ist wie¬
der glatt gegangen.
Von Ernst Bloch hatte ich einen recht verzweifelten Brief.
Eigentlich wollte ich die Sache erst hier mit Ihnen bespre¬
chen, aber habe doch nicht das Herz, sie länger zu verschwei¬
gen. Bloch hat nicht nur sein Asyl — und offenbar auch das
zweite — verloren, sondern ist obendrein aus seiner Stellung als
Tellerwäscher entlassen worden, weil er mit dem Tempo nicht
mitkam, und verdient sich jetzt sein Leben, indem er in einem
dreckigen Loch altes Papier bündelt. Seme Frau hat als Kellne¬
rin gearbeitet, aber wegen Krankheit ihren j ob verloren und
kann als enemy alien in der Rüstungsindustrie auch nichts fin¬
den. Bloch dachte daran, sich an Lix zu wenden, ich habe ihm
aber dringend davon abgeraten. Ich weiß, daß wir flir Bloch,
abgesehen von gelegentlichen Zuwendungen, nichts tun
können. Aber vielleicht haben Sie und Fritz doch eine Mög¬
lichkeit, von außen ihm etwas zu verschaffen. In erster Linie

297
dachte ich natürlich an den Film Fund. Aber vielleicht läßt
sich doch auch in New York etwas erreichen, durch Tillich,
der Leute wie Löwith untergebracht hat, oder durch Manfred
Georg. Soviel auch gegen Bloch zu sagen ist, die Tatsache, daß
auf ihn das ganze Elend sich konzentriert, zeigt eben doch,
daß er besser ist als die anderen und sollte schließlich auch die
Maschinerie der Emigration in Bewegung bringen. Bitte ver¬
zeihen Sie mir, daß ich Ihnen das noch auflade, vielleicht kann
Löwenthal das Technische Ihnen abnehmen. Die Adresse: 2
Appleton Str., Cambridge, Mass.
Maidon war vorige Woche bei uns, morgen sind wir bei ihr,
Freitag ist sie wieder hier, kurz, ein reges Leben und Treiben,
which we thouroughly enjoy. Ich möchte auch mit ihr ins
Kino gehen, leider hat es bis jetzt noch nicht geklappt.
Ich brenne darauf, Ihnen mein Geschreibe zu zeigen, ohne
Sie ist es doch nichts und so lange Sie weg sind, ist es über¬
haupt kein richtiges Leben flir uns beide. Also seien Sie lieb
und kommen Sie wirklich bald.
Immer und ganz
Ihr
Großes Rindvieh

Ich denke viel an Sie und immer nur besonders nett — Sie feh¬
len mir sehr und selbst die Lämmergeier lassen die Flügel hän¬
gen. Alles Liebe von der
Giraffe Gazelle mit den Hörnchen

ÜBERLIEFERUNG O: Ts mit handschriftlicher Beischrift von Gretel


Adorno; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbiblio¬
thek, Frankfurt a. M. — E: Florkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 334h

die beiden Briefe: Offenbar ist nur einer der beiden Briefe Horkheimers er¬
halten.

Bloch . . . ein recht verzweifelter Brief: Bloch hatte in seinem Brief vom 18.
September tatsächlich geschrieben: »Als Tellerwäscher bin ich entlassen,
weil ich mit dem Tempo nicht mitkam. Zähle und bündle jetzt Papiere,

298
verschnüre und bringe sie auf einen Wagen.« (Ernst Bloch, Briefe 1903 bis
1975. Zweiter Band, hrsg. von Karola Bloch, Jan Robert Bloch u.a.,
Frankfurt a. M. 1985, S. 443) - Bloch erhielt von Oktober 1942 für ein hal¬
bes Jahr vom Institut fiir Sozialforschung ein monatliches Stipendium von
fünfzig Dollar. In der Zeitschrift »Aufbau« publizierte Adorno am 27. No¬
vember 1942 seinen Hilfeaufruf »Für Ernst Bloch« (vgl. Adorno GS 20-1,
S. 190-193), der dessen Sympathie nicht fand, so daß in der Ausgabe vom
4. Dezember 1942 Ernst Bloch seine Stellungnahme veröffentlichte: »Ich
bitte Sie mitzuteilen, daß ich den Aufsatz T. W. Adornos [. . .] nicht inspi¬
riert habe, und daß die Ausführungen, so dankenswert ihre herzlich-kol¬
legiale Gesinnung, nicht in meinem Sinne seien.«

266 Theodor und Gretel Adorno an FJorkheimer


San Francisco, 3.8.1943

Tuesday

Both horses are so happy — we thouroughly enjoy the trip and


think of you all. Thursday in Berkeley! »Take good care of
yourself«
Love yours ever Teddie
And Thursday I am on my way back. So long
Yours Giraffe

ÜBERLIEFERUNG Photopostkarte: Hotel Mark Hopkins, Nob Hill,


San Francisco. The Top of the Mark is located high in the sky on the top¬
most floor of Hotel Mark Hopkins. The luxury and glamour of this
unique roorn and the breathtaking panorama from its Windows combine
to make it Americas most spectacular cocktail lounge. Geo. D. Smith,
Gen’l Manager; Datum des Poststempels: AUG 4, 1943. — O: Ms.

Zur Datierung: Am selben Dienstag, den 3. August, schrieb Adorno auf


der gleichen Photopostkarte an seine Eltern.

299
267 Adorno a_n Horkheimer
Mount Pocono, 17.8.1943

CASA LOMA INN


A SUMMER RESORT IN THE POCONOS
RUSSELL L. SANDT
MOUNT POCONO, PA.

TOURIST ACCOMMODATIONS
SUNDAY DINNERS A SPECIALITY

17. August 1943


Lieber Max,
dies nur als ganz kleines Lebenszeichen — ich erhole mich
tierisch-systematisch und fühle mich schon so ausgeruht und
frisch daß ich wieder anfangen kann etwas Vernünftiges zu
denken. Ich kann Ihnen nicht sagen wie sehr ich mich auf den
September freue.
Von San Francisco wird Ihnen die Giraffe erzählt haben, es
war wunderschön und wir haben die Tage sorglos und sehr
genossen. Vom Besuch in Berkeley werde ich ausgiebig be¬
richten. Es sieht da freundlich aus: Sanford und sein Assistent
sind offensichtlich sehr von der Zusammenarbeit mit uns an¬
getan und ich habe getan was ich konnte sie in Stimmung zu
halten, nämlich ihnen bei ihren Bogen geholfen und ein »Syn¬
drom« für destruktiven Rassismus erfunden.
Ich sah auch Ericson ausgiebig und hatte einen recht posi¬
tiven Eindruck. Das Gespräch bewegte sich um unsere »an¬
thropologischen« Probleme, genauer, den nicht-patriarchalen
Menschentypus, und er sieht recht viel davon — auch das tief
Neurotische des vermeintlich Normalen. In diesem Zusam¬
menhang hatte ich sehr stark das Gefühl, daß wir, als näch¬
stes Teilstück unseres großen Planes, nach Fertigstellung des
mimeographierten Heftes, den anthropologischen Teil (im
Schema: »Caput mortuum«) in Angriff nehmen sollten. Die
Arbeit daran ließe sich gewiß mit der an Studie I des Projektes
gut kombinieren. Was meinen Sie?
Sonst denke ich viel über Methodologie nach, über Be-

300
griffe wie Versöhnlichkeit und Unversöhnlichkeit, Übertrei¬
bung, und vor allem die Stellung der Dialektik zur Psycho¬
logie. Es ist mir bei all dem etwas freier ums Herz, seitdem
ich bestimmt glaube, daß es doch zum wirklichen Zusam¬
menbruch Hitlers kommen wird — und daß sich wenigstens
die Möglichkeit noch einmal in unserem Leben zeigen, die
Zwangsläufigkeit mnehalten wird.
Meine Mutter fand ich physisch eher besser als ich erwarten
konnte — sie hat sehr abgenommen und scheint weniger apo-
plektisch. Mein Vater fast unverändert. Wir machen täglich
sehr weite Wege.
Vom 24. bis 31. wohne ich in New York 808 Westend Av¬
enue, Apt. 9 B, c/o Young, im Zimmer meiner Eltern, die noch
hier bleiben. Bitte lassen Sie mich wissen, ob es dort etwas für
mich zu erledigen gibt vor allem mit dem Committee. Ich un¬
ternehme nichts ohne Ihre Nachricht.
Ich danke Ihnen allen sehr, daß Sie sich der Gretel so an¬
nehmen, die vergnügt schreibt.
Hier in der Nähe befindet sich eine Station zur Gewinnung
von Serum, mit hunderten von Pferden. Sie bewegen sich
langsam, denn sie haben keine Hufeisen an, damit sie bei den
Manipulationen nicht ausschlagen können. Gegen Menschen
sind sie äußerst scheu. Ich gehe täglich hin wie Sie es auch tä¬
ten. Die Tiere erinnern mich sanft und unerbittlich an das was
wir zu tun haben.
Werde ich Fred noch treffen? Mein Santa Fe Zug geht am
2. in Chicago ab, ich sollte am 5. in Los Angeles sein. Ich bm
traurig ihn, Fred, wochenlang zu versäumen: bitte erklären Sie
ihm daß es der Arbeit willen geschah.
Im übrigen äuge ich von hier nach dem nahen Europa.
Wann wird es soweit sein? Es kann noch Jahre dauern, aber
kein Tag würde mich überraschen, und ich bin zu allem be¬
reit —
Ihnen, Maidon und Fritz alles Liebe von

Ihrem alten Teddie

301
ÜBERLIEFERUNG O: Ms m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-
mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Sanford: Der Psychologe R. Nevitt Sanford (1909-1995), dessen »Berkeley


Public Opinion Group« gemeinsam mit Adorno für die »Authoritarian
Personality« verantwortlich war.

sein Assistent: Daniel Levinson (geb. 1920) war klinischer Psychologe und
hatte bei Sanford eine »Master Thesis« über den Begriff der Unterdriik-
kung geschrieben. Levinson lehrte später in Harvard.

Ericson: Gemeint ist der in Frankfurt am Main geborene Psychoanalytiker


Erik Erikson (1902-1994), der seine Lehranalyse bei Anna Freud absol¬
vierte. Er war über Kopenhagen in die USA emigriert, wo er sich zu¬
nächst in Boston niederließ und neben seiner Stellung an der »Harvard
Medical School« privat als Kinderpsychologe praktizierte. Er lehrte dann
in Yale und in Berkeley. 1950 schrieb er »Childhood and Society«.

268 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 3.2.1944

Los Angeles
3. Februar 1944

Lieber Max,
dies nur zu sagen daß alles in Ordnung ist. Wir sehen Mai-
don viel, sie ist auch ganz guter Dinge.
Ich sah Sherman vor seiner Abreise nach New York; er
dürfte Mitte nächster Woche dort sein. Er wird das Projekt
seinem Board vorlegen und befürworten. Ob es zustande
kommt, scheint weitgehend von Kellan (Kellin?) abzuhängen,
der das Jewish Labor Committee in Researchangelegenheiten
berät. Ich regte an, ein lunch mit K., Ihnen und Fred zu arran¬
gieren, ehe das Projekt offiziell verhandelt wird. Er hatte die
gleiche Absicht. Mein Eindruck ist, daß wenn man ein bi߬
chen am Budget nachläßt, die Sache durchgeht. Vielleicht
kann man etwas am Interviewposten streichen. Wenn irgend

302
möglich würde ich es vermeiden den Betrag zu reduzieren,
der fürs Institut angesetzt ist.
Karpf konnte diese Woche nicht wegen des Besuches von
Rabbi Wise. Er nebst Fay kommen Sonntag in acht Tagen am
nachmittag zu uns, wir haben es außerdem nur Maidon und
Sascha gesagt.
Frau Golm sandte mir eine Kopie ihrer Brunswik-Ab¬
schrift. Es ist da doch wohl noch mehr Material vorhanden.
Was ich sah, ist nicht sehr reich, man müßte noch etwas daraus
machen, wohl auch das Interviewverfahren modifizieren, da¬
mit etwas Interessantes herauskommt.
Nächste Woche hoffe ich den Tillichentwurf zu schreiben.
Diese habe ich ein wenig ausgespannt und dem Eisler einen
Brocken Zeit und einen Kapitelentwurf hingeworfen. Einen
netten Abend hatten wir mit Mady Christians. Norah ist zu¬
rück und erzählt, es sei in Mexiko jetzt eben so teuer wie hier.
Sonst ist kaum etwas zu berichten. Die Welt kam mir dunkler
vor als je.
Ich las Under Cover. Es hat sich dabei sehr der alte Ein¬
druck in mir festgesetzt, daß es eigentlich gar nicht ganz der
Realität entspricht, von einer »psychologischen Beeinflus¬
sung« durch die faschistischen Agitatoren zu reden. Es ist alles
viel eher ein Ritual. Es wird von den Agitatoren erwartet, daß
sie eine Reihe mehr oder minder fixierter Formeln und An¬
deutungen wiederholen und ihr Erfolg scheint weitgehend
eine Honorierung dessen, daß sie die Spielregeln einhalten,
genau das sagen, was erwartet wird, während die, welche nicht
das vorher schon definierte Ziel treffen, Flops sind. Die
Hauptaufgabe einer empirischen Erforschung des Antisemi¬
tismus (überall das Kernstück der faschistischen Propaganda)
wäre es wohl, diese Konventionen, Rituale, Vereinbarungen
herauszuarbeiten und sichtbar zu machen. Wahrscheinlich ist
es schon ganz ähnlich wie in der Massenkultur: der aufstei¬
gende europäische Faschismus hat gewisse Standards gesetzt,
und die faschismus-reifen Gruppen erwarten, daß genau nach
jenem Modell verfahren wird, daß ihnen das gleiche geboten

303
wird wie drüben (ein Häuptling heißt the Streicher of Chi¬
cago). Die ganze Argumentation, Bankers, War Mongers usw.
ist längst fixiert und eingespielt, es kommt nur noch darauf an,
daß im rechten Augenblick die Stichworte gegeben werden,
mit Überzeugung hat das weder bei den Massen noch bei den
Führern zu tun. Interessant wäre es, Field workers in Ver¬
sammlungen zu schicken und genau aufnehmen zu lassen,
wann es Beifall gibt, wann nicht, und wie die Grade der Be¬
geisterung sind (wahrscheinlich proportional mit Gewaltdro¬
hungen). Das entscheidende Moment der Agitation ist aller
Wahrscheinlichkeit nach das daß der Führer sagt was das Ge¬
folge meint und die Tabus durchbricht, welche die anderen
am Reden hindern. Er trägt gewissermaßen den kollektiven
monologue interieur vor. Darauf, nicht auf die Wirkung der
Parolen, nicht einmal die psychologische, sollten wir die Un¬
tersuchung noch viel weiter als bisher abstellen.
Kommen Sie bald »nach Haus«, wie im Mammutlied!
Alles Liebe Ihr Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 543 f.

Sherman: Adorno berichtete Horkheimer in einem Memorandum über


ein Telephongespräch mit Carl Sherman am 28.Januar 1944: »Exactly
3 hours after Max had left, Mr. Sherman rang me up. He apologized for
the delay, had been to San Francisco in the meantime. He had studied our
memorandum very careful, was very enthusiastic about it (>I liked particu-
larly the whole approach<). He could not make a decision himself but
would present it to their board immediately after his return, at the begin-
nmg of the week after next week. He wants the project to be carried
through. [Absatz] He asked me whether the budget would refer to the
contribution we expect their Committee to make, or whether it were the
sum total to be spent (apparently implying that part ofthis amount should
be paid by us). I told him that it refers to their contribution. He answered,
this would make it >a bit stiff, but he would see what he could do. I replied
that the budget was worked out very carefully in N. Y., that the expenses
were very considerable, and that he should talk it over in N. Y. [Absatz] He

304
wants to see me and to discuss the scientific problem. We shall meet on
Monday or Tuesday. [Absatz] I think lt is important that in the N. Y. nego-
tiations the budget should be explained as having been figured out there —
not by the L. A. group. If the matter is handled skilfully, we should have a
fair chance of obtaining either the full budget or an amount only slightly
reduced. My impression was that he made a more or less feeble attempt to
>Jew us down< but that he, at least, would not put up much ofa fight against
the budget if he realizes that the budget is notjust improvised but based on
conscientious expert calculation. [Absatz] Take good care of yourself.
[Absatz] Teddie L. A., Jan. 28, 1944

Kellan (Kellin?): Nicht ermittelt.

Karpf: Der Psychologe Maurice J. Karpf (1890-1964) war bis 1946 Ge-
schäftsflihrender Direktor der »Federation of Jewish Welfare Organiza-
tions« in Los Angeles.

Rabbi Wise: Rabbi Jonah B. Wise (1881-1959) war Rabbi der Central
Synagogue in New York von 1925 bis zu seinem Tod und von 1931 bis
1938 National Chairman des »American Jewish Joint Distribution Com¬
mittee«.

Fay: Fay Karpf, die wie ihr Mann Psychologin war.

Sascha: Das ist Erna Marcuse, die Frau von Ludwig Marcuse.

Frau Golm . . . ihre Brunswik-Abschrift: Die in Berlin geborene Filmschau¬


spielerin Lisa Golm (1891-1964) spielte in zahlreichen Filmen Nebenrol¬
len, so 1939 in »Confession of a Nazi Spy«, 1941 in »Underground« und
1943 in »Madame Curie«. Sie wohnte zeitweise bei Horkheimers und
schrieb auch für Florkheimer. Lisa Golm starb in Tel Aviv.

der Tillichentwurf: S. Brief Nr. 273 und die Anm. dort.

Eisler . . . ein Kapitelentwurf: Adorno und Hanns Eisler arbeiteten zu der


Zeit an dem Buch »Komposition für den Film«.

Mady Christians: Die in Wien geborene Schauspielerin Mady Christians


(1892-1951), die bei Max Reinhardt studiert hatte, stand vor allem auf der
Bühne, arbeitete gelegentlich aber auch als Stumm- und Tonfilmschau-
spielerin. Sie emigirierte 1933 in die USA, wo sie am Broadway auftrat
und Regie führte. In Amerika stand sie in »Come and get it« (1936) und
»All my sons« (1948) vor der Kamera.

305
Norah: Norah Andreae (1888-1949) aus Frankfurt am Main war mit Ador¬
nos befreundet; vgl. Briefe an die Eltern, passim.

Under Cover. Vermutlich ist das Buch »Under Cover: My Four Years in the
Nazi Underworld of America« von John Roy Carlson gemeint, das 1943
erschienen war.

269 Adorno an Horkheimer


Lös Angeles, 9.2.1944

Los Angeles, 9. Februar 1944.

Lieber Max,
alles Herzliche zum Geburtstag - so schade, daß wir den 14.
nicht zusammen sind. In alle die guten Wünsche, die ich flir
Sie hege, schließe ich den egoistischen ein, daß das neue Jahr
Ihres Lebens das gemeinsamer ungeteilter Arbeit sein soll.
Aber es ist ja längst unmöglich zwischen dem zu scheiden, was
ich Ihnen und was ich mir wünsche.
Lassen Sie sich nicht zutode hetzen und von Angelegenhei¬
ten zudecken und vor allem, bleiben Sie Adamant, was den
Termin der Rückkunft anlangt. Irgend eine alttestamentari¬
sche Figur hat einer anderen im Streit mit den Heiden die
Hände hochgehalten. So etwa fühle ich meine gegenwärtige
Funktion.
Mein Vater, den die Einladung zur Vorlesung sehr freute,
war entzückt von dieser. Ich bin gespannt, von Ihnen Näheres
zu erfahren.
Ich bin nun ganz in die Tillichsache versunken — in der
nächsten Woche sollte der Entwurf fertig werden. Übrigens
gilt flir Tilhch wie für die Neothomisten die völlige Versöhn-
barkeit mit dem Positivismus. Es liegt eine Logik des stursten
common sense unter dem hochtönenden Zeug. Der Entwurf
läßt jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Der Appendix zum Thomas, mit einigen sehr schönen Zi-

306
taten, ist auch fast fertig (etwa 40 Seiten lang). Connie redi¬
giert nur noch die Vorbemerkung dazu; dann erhalten Sie das
Convolut, müssen es aber nicht lesen. Außerdem habe ich
Connie probeweise die Aufgabe gestellt, mit unseren Katego¬
rien die Aufsätze von Pegler über Antisemitismus zu analysie¬
ren. Vielleicht kann eine Studie über Pegler herauswachsen,
die wirklich interessant wäre.
Lewis habe ich mit wiederholten Mahnungen nicht dazu
bringen können, endlich die Memoranden über Phelps und
Thomas abzuliefern. Er ist wohl einfach zu faul. Bitte infor¬
mieren Sie doch Leo davon.
Von uns privat ist, außer dem außerordentlich netten Abend
allein mit der Christians, von einer Begegnung mit der Garbo
zu berichten. Salka hatte uns allem mit ihr zum Tee, ohne uns
vorher etwas zu sagen. Wir haben beide die Garbo erst nicht er¬
kannt, da sie den Namen nicht nannte. Sie war nett und hübsch,
wenn auch keine Großintellektuelle. Als ein unerwarteter Be¬
such erschien, ergriff sie aus immerhin berechtigter Menschen¬
scheu die Flucht. Ali Baba, der vorher auf den Wunsch der
Garbo hereingeholt ward, tat in der Aufregung (nicht wegen
der Garbo sondern wegen der eingesperrten Hunde Salkas) et¬
was Unerhörtes: er hob an einem Bücherregal sein Beinchen.
Wenigstens also hat er vor der Prominenz keinen Respekt.
Gestern abend erschien die Lenja bei uns, sehr nett, wenn
auch recht unheimlich aussehend. Am Sonntag gab es die Ur¬
aufführung des wirklich außerordentlichen Klavierkonzerts
von Schönberg übers Radio, unter Stokowski, mit Steuer¬
mann als Solist.
Sonst ist wenig Neues. Mit Maidon dauernd in Kontakt, sie
isr recht guter Dinge. Sonntag kommt sie zusammen mit den
Karpfs.
Feiern Sie recht schön, und kommen Sie recht bald, wie es
im Mammutlied heißt, auf einem Wagen nach Haus.
Alles Liebe, und eine unendliche Reihe kommender Jahre!
Ihr alter
Teddie

307
ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und
Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Adamant: Im Englischen ein imaginärer Stein von großer Härte, das Ad¬
jektiv bedeutet stahl- und steinhart.

eine alttestamentarische Figur: Mose erfleht den Beistand Gottes gegen die
Amalekiter, vgl. 2 Mose 17, V 11 u. 12.

die Einladung zur Vorlesung: Oscar Wiesengrund besuchte alle fünf Vorle¬
sungen Max Horkheimers, die überarbeitet unter dem Titel »Eclipse of
Reason« 1947 erschienen; deutsch unter dem Titel »Zur Kritik der mstru-
mentellen Vernunft« in Horkheimer GS 6, S. 19-186.

Der Appendix zum Thomas: Vermutlich ist dies die Secdon IV des Drucks,
vgl. jetzt Adorno GS 9-1, S. 114-141.

Connie: Jane Constance Reinheimer, die zu der Zeit noch Studentin in


Chicago war, arbeitete einige Monate als Assistentin am Westküstenbüro
des Instituts.

die Aufsätze von Pegler: Möglicherweise sind die Reportagen über Rack-
eteering in der Labor Union gemeint, für die der amerikanische Journalist
Westbrook Pegler (1894-1969) 1941 den Pulitzer-Preis erhielt.

Lewis: Möglicherweise der Rechtsanwalt Leon L. Lewis, der der erste Se¬
kretär des »Los Angeles Community Relations Committee« war, das 1933
gegründet wurde und Informationen über faschistische und antisemi¬
tische Aktivitäten in den USA sammelte.

die Memoranden über Phelps und Thomas: Sie scheinen nicht erhalten zu
sein; Leo Löwenthal arbeitete über George Allison Phelps, seine Studie
»American Antisemitic Agitators and their Followers« wurdejedoch nicht
veröffentlicht.

Ali Baba: Der schwarze Afghane, der Lull von Bodenhausen gehörte (s.
Briefe an die Eltern), war längere Zeit geliebter Logiergast bei Adornos.

308
270 Gretel Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 9.2.1944

February 9, 1944.

My dear Mammoth:
All the luck of the world for you and many happy returns of
your birthday which we are going to celebrate together. On
the fourteenth I shall think of you still more internally than
usually.
There is little news for me to teil you besides a [x] or hair-
do, the half-feather-out-style.
It might interest you to know that Egon Wissing is in Chi¬
cago for some weeks and if, by any chance, you should like to
meet him on your way back, I am sure that he would be de-
lighted. His address: Captain Egon G Wissing AFJS 166 W van
Buren Str Chicago, 111 —
Perhaps Brecht will give you the handwritten notebook of
Benjamins which Teddie was unfortunate enough to lend
him. As a trick I told Mrs Brecht that the Institute has to look
through theses notes because there might be somethmg apt for
publication. The direct way of reminding them to give the
book back, failed.
Love yours ever
Doller [?]
And please don’t forget to give me a ring when your official
birthday party is over. We shall meet at your favorite night
club, have some drinks, enjoy the show and venture a few
dames. So long

ÜBERLIEFERUNG O: Ms auf einer Valentinskarte; Max-Horkheimer-


Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

[x]: Ein Wort ist durch die Lochung des Blattes verlorengegangen.

309
271 Horkheimer an Adorno
New York, 11.2.1944

February uth, 1944.

Dear Teddie:
I just want to thank you not only for your kind lines but also
in general. I cannot wait until I get home.
I don’t have any time to write. The pressure is terrific al-
though 1 am absolutely certain that nothmg will come out of
the project. Waldman is in Washington. With regard to us he
seems to have yielded to Slawson’s, Rothchild’s and other’s
wishes, that the thmg be killed. I shall try to reach him in the
begmning of next week. He does not make the slightest effort
to do what he promised, namely, to invite a few »key people«
to his home and give me the opportunity to discuss our prob-
lem. Instead, Slawson called up and invited us to come to the
Committee next Friday in order to see him and Rothchild. Of
course, I shall not go.
If my impression that Waldman is simply disinterested
should be corroborated by the telephone conversation at the
beginning of next week, I shall send you a wire with the
words: »Waldman busy«. In this case, 1 think, you should tele¬
phone Karpf and explam that Waldman has handed the matter
of the project over to Slawson. Probably Rothchild, who is
personally interested that we, his competitors, dont get mto
business, had a very good stand after the so-called joint meet-
ings here. They were altogether too academical, and it was
easy to say: what is it gooci for? Ifyou call Karpf, you might teil
him that we are really very disappomted. We certamly realize
that Waldman is a very busy man, but, after all, our project is
not so much less important than some of the other activities of
the Committee. And besides, Waldman has resigned from
many of his duties. If Karpf’s action is to have any effect, it
must be quick and strong. Should you have the Impression that
he cannot intervene with real force, (which is more than possi-

310
ble) then it would be better that he does not do anything. It is
never wise to ask somebody for an Intervention which finally
does not work out: one looses both the case and the uncon-
scious sympathy of the one who mtervened. Therefore, I leave
it to you whether you will telephone at all and how you will
guide the conversation.
So far, I had two lectures. The first one originated a sharp
rencontre with Randall who presided. Since he feit hurt by
what I said, but was unable to argue, he simply pretended that
the problems were not American. The discussion was very
lively and the interest of the audience very outspoken. That
meant that I had to use the greater part of the second lecture
for an analysis of Dewey’s philosophy, which is the credo of
everybody, I think that the effect was not bad. Even Schneider,
who presided (Randall stayed away), joined the discussion and
tried in a feable way to defend Dewey, whose picture is on the
wall.
Your father was present in both lectures and probably one of
those who understood much more than the Professionals. Un-
fortunately, up to now I did not have time to follow his invita-
tion. I am literally tied up day and night. I shall see your parents
as soon as it is humanly possible.
How is Gretl? Please teil her that I will not forget a thing.
Love

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Waldman: Morris D. Waldman (1879-1963) war Executive Secretary des


AJC von 1928 bis 1945.

Slawson: John Slawson (1896-1989) war der Executive Vice-President des


AJC von 1943 bis 1968.

Rothchild: S. die Anm. zu Brief Nr. 204.


272 Adorno an. Horkheimer
Los Angeles, 15.2.1944

FEEL AFTER SUNDAYS TALK WITH KARPFS THAT HIS


INTERVENTION WOULD NOT HELP MUCH SINCE
WALDMAN SHIFTED HIS INTEREST TO EUROPEAN
PROBLEMS. CONTACT WITH SLAWSON PERHAPS
STILL ADVISABLE. IF PROJECT HAS NO CHANCE WE
MAY TRY TO GET FROM COMMITTEE SOME MONEY
FOR PUBLICATION OF COMPLETED STUDIES CALL
WOLF ABOUT MAIDON. HER DIAGNOSIS HARMLESS
NEURITIS SIMILAR TO MY PAIN IN SEPTEMBER. WE
LOOK AFTER HER LOVE =
TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

273 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 17.2.1944

Los Angeles, 17. Februar 1944


Lieber Max,
hier also der Entwurf Contra Paulum — »von Herzen, möge
es zu Herzen gehen«. Ich habe nicht mehr daran weitergeba¬
stelt, um nicht durch den Schein des Geprägten das Weiter¬
treiben zu hemmen. Eine Reihe schöner Zitate sind unausge-
wertet, damit nicht der Brief jede Proportion zu dem Aufsatz
embiißt, den ich beilege. Zu dem Absatz über Utopie muß
wohl noch etwas Theoretisches hmzugefligt werden gegen die
unvermittelte Identifikation der vernünftigen Gesellschaft mit
dem Reich Gottes, eine der gefährlichsten Manipulationen.
Vielleicht kann man auch die Kritik der Erst-nachher-Denk-
weise ergänzen und vor MixßVerständnissen schützen, da ja der
Entwurf selber (z. B. in dem Teil über Egalität) gelegentlich
die Form Erst-nachher benutzt, die freilich hier etwas ganz

312
anderes bedeutet. Als Schluß könnte ich mir hier ein paar et¬
was distanziertere, atemholende Seiten vorstellen, wo wir
gleichsam selber reden. Ich wollte das nicht vorwegnehmen. —
Der Entwurf ist bereits die gemäßigte Fassung des ursprüng¬
lichen.
Sehr froh war ich mit Ihrem Brief. Wegen Karpf depe¬
schierte ich — mein Gefühl ist deutlich, ihn nicht heranzuzie¬
hen, wenn W. wirklich abgesprungen ist. Anders wäre es na¬
türlich, wenn dieser etwa schwankte. Steht die Feindschaft
von Rothchild und Slawson außer Frage? — Wenn Sie die Sa¬
che des Projekts als verloren beurteilen, so ist es wahrschein¬
lich das beste, gar keinen offiziellen Antrag auf Verlängerung
mehr zu stellen, sondern die Anstrengungen auf die Publika¬
tionsfrage zu konzentrieren. Vielleicht finanziert das Com¬
mittee den Druck als eine Art Abschlagszahlung. Die Publika¬
tion wäre nicht ganz unwichtig, damit wieder einmal etwas
vom Institut vorliegt, und damit wir für all die empirischen
Untersuchungen »Credit« bekommen. Wenn das Committee
nur einen Zuschuß gibt, kann man vielleicht ein Jahrbuch ma¬
chen mit den Rackets, Hook und einigen Studien des Pro¬
jekts, zu denen wir freilich — vielleicht im Anschluß an die
Thesen — einen englischen Rahmenartikel zu schreiben hät¬
ten.
Sherman muß jetzt zurück sein; es wäre eine Beruhigung
des Gewissens, jenes Meeting zu arrangieren.
Connie beschäftigte ich mit ein paar theoretischen Seiten
zum Thomas-Anhang (über Wiederholung) und einer Ana¬
lyse der Artikel Peglers über Antisemitismus. Doch meine ich,
wir sollten ihr bald kündigen, und bitte um Ihren Bescheid.
Nun wird auch die Frage San Francisco aktuell. Wird der
Plan vom Stand der Projekt-Angelegenheit tangiert? Wenn
Sie noch meinen, daß es gut ist, daß ich fahre, wäre ich Ihnen
nur dankbar, wenn Sie mich informieren würden, was für Ma¬
terial ich dazu noch brauche. Ich kenne von allem was später
ist als Levinsons Artikel nur die von Frau Golm abgeschriebe¬
nen Brunswik-Berichte. Ist mehr bei Ihnen oben?

3U
Maidon geht es zu unserer großen Beruhigung weiter bes¬
ser. Vorgestern abend hatte sie uns zu einem vorzüglichen
Turkey oben mit dem kleinen Popper, der sich genau so ver¬
hielt wie Sie es beschrieben. Maidon hat auch am Sonntag die
Karpfs geduldig über sich ergehen lassen. Das schlimmste ist
ihr freilich erspart geblieben, seine sogenannten Kompositio¬
nen — sie sind einstimmig —, die er mir vorspielte.
Gretel ist jetzt in Behandlung bei Kling, der uns von den
xAuzten bis jetzt der vernünftigste scheint: er macht eine Hista-
mmkur mit dem Bein selber, anstatt entlegene Ursachen zu
behandeln. Man braucht Geduld: Gretel muß noch über Mo¬
nate hin viel liegen. Aber sie ist guter Dinge und grüßt sehr
herzlich.
Morgen abend mit Rauschning bei Norah. Kurt Weill und
Lenja sind hier, wir sehen sie zuweilen.
Max, wenn Sie mir danken, was soll ich dann sagen? Und ich
sage es: ich danke noch viel, viel mehr!
Nur noch drei Wochen!
Alles Liebe
Ihr Teddie

Haben Sie Lust den Grab zu sehen?

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

der Entwurf Contra Paulum: Horkheimer und Adorno planten Paul Tillich
einen Brief zu dessen Aufsatz »Man and Society in Religious Socialism« zu
schreiben, der 1943 in der Zeitschrift »Christianity and Society« erschie¬
nen war. — Der Entwurf ist im Anhang, S. 475-501 wiedergegeben.

»von Herzen, möge es zu Herzen gehen«: Beethovens Widmung seiner


»Missa Solemnis« an Erzherzog Rudolph, die er auf den Autographen
schrieb, lautet: »Von Herzen — Möge es wieder — zu Herzen gehen!«

ein Jahrbuch machen mit den Rackets, Hook und einigen Studien des Projekts:
Das Jahrbuch kam nicht zustande. — Bei dem Racket-Manuskript handelt
es sich hier um Horkheimers »On the Sociology of dass relations«, Hook

3H
meint Horkheimers geplante Kritik des »wissenschaftlichen Absolutis¬
mus«, der die Aufsätze von Sidney Hook »The Failure of Nerve«, John
Dewey »Anti-Naturalism in Extremis« und Ernest Nagel »Malicious Phi-
losophies of Science«, die 1943 in der Partisan Review erschienen waren,
zugrundeliegen sollten. Horkheimer schrieb die Kritik nicht, benutzte
aber sein Material im zweiten Kapitel der »Kritik der instrumenteilen Ver¬
nunft«.

Levinsons Artikel: Vgl. Daniel J. Levinson and R. Nevitt Sanford, A Scale


for the Measurement of Anti-Semitism, in: The Journal of Psychology,
1944, 17, p. 339-370.

der kleine Popper: Wahrscheinlich ist der Politikwissenschaftler Edward P.


Popper gemeint, mit dem Horkheimer seit 1942 bekannt war.

Kling: Über den Arzt ist nichts ermittelt.

274 Horkheimer an Adorno


New York, 26.2.1944

February 26, 1944.

Dear Teddie:
I thank you for your letters and for the Tillich manuscript.
I cannot answer now. I cannot write. Düring the whole day I
am under a pressure which is almost impossible to describe.
This is all the more difficult to stand since in all probability
nothing tangible will come out of it.
The other day I had my first luncheon with Slawson and he
analyzed the so-called joint meetings in such a lucid way that
you or I could not have done it any better. What he said was
partly so convincing that I forget to answer. He was simply
right. I shall probably see him again 01a Wednesday and Friday,
but I am very sceptical as to any success. There are a few other
contents which might, or might not, work out. I can assure
you that I am almost doing more than I can. I am able to hold
out because there is the prospect of our life in California, a few
quiet days and productive work.

315
I telephoned with Sherman and, if it can be done before my
departure, I shall have a meeting with his Committee members.
Excuse me for not giving you any details. I will report in
person. The kidney colics were not very comfortable and now
I am not permitted to make more movements than is absol-
utely necessary. I commute between Morningside Drive and
the Institute; for the meetings I have to take taxis. The pres¬
sure, combined with this Situation, is also the reason why, up to
now, I have not seen your parents. I have not seen my relatives
either. Your father comes to the lectures. He seems to be
pleased with them. I shall telephone your parents and, if there
is the slightest possibility, I shall see them at least for an hour.
By the way: the lectures have shown me one thing very
clearly: the Opposition against our teaching activity is not poli-
tical, or better: the political angle is nothing but haze. The real
reason is the most vulgär fear that they could not stand the
competition.
I think it would be best if you would teil Reinheimer that
the project will probably not be prolonged. Be careful not to
hurt her because she really has not deserved that, but, on the
other hand, try to make her get a reservation to the East as
soon as possible. I am doing what I can to get her a scholarship
at Columbia. It is not certain whether I will succeed, but she
may rest assured that we do whatever is in our power. Please
give her my greetings and excuse me for not writing.
It is difficult to express my longing to Start our life again. If
anythmg could have deepened my conviction that we are on
the right track, it would have been this trip.
If there is anything which I forgot to answer or which you
want me to remember before I leave here, please let me have a
wire.
In friendship,

Dear Gretl:
Your lmes made me very happy with the only exception
that you still have to lie in bed for such a long time. What I said

316
to Teddie may give you a slight hint about my days here. How
good to know that this will end soon. You too should take
even better care ofyourself that just take care ofyourself.
Love,

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

275 Horkheimer an Adorno


New York, 29.2.1944

February 29, 1944.

Dear Teddie:
I send you some blanks by which Miss Reinheimer should
apply for a grant from Columbia University. Although the
general deadline is the end of February, her application will
probably be favorably considered. Lazarsfeld or Lynd will in-
tervene on her behalf.
I want to teil you that in the meantime I glanced over your
Tillich manuscript. It is a most brilliant essay and could be
even served in its present form. If I suggest that we wait until I
have the time to go over it thoroughly, it is because we have
made a habit of such procedures and I think it is a sound habit
at that. Unfortunately, this will have to wait until after my re-
turn to which I am passionately looking forward. Congratula-
tions and thanks.
Love to Gretl.
Yours,

Encl.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts (Dg); Max-FIorkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

317
276 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 21.8.1944

August 21, 1944.

Dear Max:
Here is the draft of the letter to the Jewish Forum, in true
»Kondolenzbrief« style, and the draft of an answer to the ques-
tions of the Yiddish Research Institute. The latter should be
treated somewhat cautiously. They are apparently fanatical
Zionists and their questions are a kind of a nationalist jewish
trap. I have tried a litte Eiertanz in order to avoid the fallacies
of both naive assimilation and Jewish Nationalism. Since they
plan, however, to publish the answers it might be good to
communicate with the AJC before you send the answer away.
1 have the distmct feeling that this whole busmess is very hot.
As far as the Men of Good Will are concerned, their mate¬
rial is so utterly formalistic that it may hide the most sinister
purposes. The passage of their letter marked by pencil sounds
particularly unpleasant. I should not give our signature unless
we have very definite and concrete reasons to do-so.
I hope you had a nice trip and find it comfortable at the St.
Moritz. Granach who today left for New York told us that he
also might stay at the same place.
With kindest regards from Hippopotamus to Mammoth
yours ever,
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts: Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

the draft of the letter to the fewish Forum: Allem der Brief Horkheimers vom
12. September 1944 an Isaac Rosengarten, den Eierausgeber der damals
seit 26 Jahren erscheinenden Monatszeitschrift »The Jewish Forum«, ist
erhalten: »Your periodical is >devoted to unitingjew and non-Jew in safe-
guarding democracyc It seems to me particularly tnnely to stress this
motto. Formerly, the juxtaposition of the terms, Jew and democracy

318
might have had a somewhat apologetic ring. No one had a stronger inter-
est in invoking basic human laws and the equality of rights than those who
were most often deprived of those rights in practice. It was the weak who
had to rely upon the fundamental pinciples of democracy. Often enough,
the effect achieved was the opposite ofthe aim sought. The appeal to dem-
ocratic ideas was taken as a confession ofweakness. It aroused the strong to
a sadistic hatred of the weak. The true, ideal >democracy< was thus regard-
ed by the strong a mere ideology of those who needed it most badly. [Ab¬
satz] The terrible experience of the last few years have reversed this Si¬
tuation. It has become blatant that racial discrimination in general and
antisemitism in particular are truly a mere spearhead of the forces mak-
ing for the destruction of democracy altogether. Modern antisemitism is
a political weapon in the hands of those who wish to transform our in¬
dustrial culture into a System of fascist oppression. Whoever accuses the
Jews today aims straight at humanity itself. The antisemites have invested
the Jews with the reality of that democracy which they wish to destroy.
Wittingly or unwittingly, the Jews have become the martyrs of civiliza-
tion. To protect them is no longer an issue involving any particular
group interests. To protect the Jews has come to be a Symbol of everything
mankind Stands for. Antisemitic persecution is the Stigma of the present
world whose injustice centers all its weight upon the Jews. Thus, the Jews
have been made what the Nazis always pretended that they were, — the fo-
cal point of world history. Their survival is inseparable from the survival of
culture itself. [Absatz] These are the reflections which induce me to wish
you wholeheartedly the greatest possible success in your efforts.« (Hork-
heirner, Briefwechsel 1941-1948, S. 599)

the draft of an answer to the questions of the Yiddish Research Institute: Die
drei Fragen des »Yiddish Scientific Institute - YIVO« waren: »1. Do you
thmk it is important to have exact data on the immigration of Jews into
this country, or do you see any reasons for refrainmg from collecting these
data? 2. If you do not approve of the decision ofthe Immigration and Na-
turalization Service as to the deletion of the term >Hebrew< from the Classi¬
fication of immigrants, would you simply recommend a r.eturn to the pre-
vious procedure as far as the Jews are concerned, or, if not, what change
would you suggest? 3. Do you consider the Classification of immigrants ac-
cording to >race< appropriate? If not, what other designation would you
suggest?« — Adornos Entwurf der Antwort: »ad 1) It certainly is important
to have exact data on the immigration of Jews into this country. This,
however, is a matter with which Jewish organizations rather than the im-

319
migration officers should be concerned. The names ofimmigrants would
certainly be in most cases a sufficient basis for any interested Jewish Organi¬
zation to approach Jewish immigrants in order to obtain any information
and lt is probably not too difficult to obtain a list ofthose names. I do not
think, however, that it is appropriate to have a special item on the immi-
gration questionnaire asking whether an immigrant belongs to the >He-
brew< race. The main reason is that German experience teaches that the
term >Hebrew< (by lts very difference from Jew) lends itself particularly
easily to antisemitic manipulation. ad 2) The decision of the Immigration
and Naturalization Service to abolish the term Hebrew from the Classifica¬
tion of immigrants seems to me sensible. The term is particularly lll de-
fined and may frighten just those people who got away from Nazi perse-
cution — an effect which could not possibly be advocated because of any
consideration ofjewish pride. An immigrant is either proud ofbeing aJew
or not, but he can and should not be forced to any confession with regard
to his own feelings. It is exactly this pressure making for subsumption un-
der labels and categories by which Nazi terrorism works and it is a symbol
of freedom that nobody should be treated any longer as being of that and
that group rather than as an individual. However, any Jewish immigrant
who is conscious of hisjewishness should also have the freedom to express
this feeling. He should be forced as little to take a hush-hush attitude as a
national Jewish one. In other words, each Jewish immigrant should have
the right to add to his legal nationahty the word >Jew<. ad 3) The Classifica¬
tion of immigrants according to race seems to me incompatible with the
spirit of the American Constitution. I should suggest to ask simply for the
nationahty ofthe immigrant in a strictly legal sense. Ifhe has lost his natio¬
nahty because offascist persecution this should be taken down and should
under no circumstances be held against him with regard to his Status as a
prospective American citizen. Incidentally, the abolition of asking for any
race would automatically solve the complicated problems which you
pointed out with regard to the term Hebrew. [Absatz] I do not believe that
the abolition of the question concerning the Hebrew race foster the m-
vention offantastic numbers ofjewish immigrants. Such inventions took
place precisely under the old System (the Fascist West Coast agitator
Phelps, for example, spoke about millions of alien refugees flooding this
country, around 1940). These figures could be as easily refuted by the sum
total of immigrants as by any specific Information about their race or reli-
gion. The whole approach of counting the Jews in any way of life has
proved to be particularly permcious.«

320
the Men of Good Will: Gemeint ist das »Yiddish Research Institute«.

Granach: Der Schauspieler Alexander Granach (1890-1945) hatte 1909


bei Reinhardt in Berlin studiert, zu dem ihn sein erster Lehrer Emil Mi¬
lan empfohlen hatte, und war 1920 zum Film gegangen. Nach Stationen
in Warschau und Kiew war Granach in die USA emigriert, wo er zu¬
nächst in New York lebte und arbeitete, bevor er nach Hollywood über¬
siedelte. 1945 erschien sein autobiographischer Roman »Da geht ein
Mensch«.

277 Theodor und Gretel Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 25.8.1944

August 25, 1944.

Dear Max:
Today I send you the copy of my notes concerning Mrs.
Brunswiks article. I have gone into details at some length since
I have the feeling that it is good lf we keep our hands on this
study so that they cannot possibly deny our active participation
and responsibility. Apart from that Mrs. Brunswik s draft con-
tains a number of gaucheries and mechanical applications of
psycho-analytic concepts which should be eliminated in order
not to compromise the project.
We have received your wire and wired you immediately Mr.
Taylors address etc. I hope this information has reached you in
time.
Simmel gave me a check of $ 56. — whereas I had liquidated
$ 116. — I do not know whether he plans to »split the expenses«
or whether he will send you another check. At any rate I
should be glad to know what you would do in the whole mat¬
ter. I on my part should ring him up und simply ask what had
happened to the rest of the money but do not want to do so
without your consent.
I shall send you my remarks re: academy pretty soon. I have
also obtained in the meantime the first sixty interviews of the
Labor Project.

321
I am anxious to hear of you, don’t allow anything to mter-
fere with your good spirits.
Most cordially yours ever,
Teddie

Gestern abend hörte ich zu meiner größten Freude von Mai-


don wie günstig die Untersuchung verlief. Ich kann Ihnen
nicht sagen wie glücklich ich bin. Der Gedanke an ein rich¬
tiges Menschenleben zusammen ist ja doch das einzige — alles
andere gilt überhaupt nicht.
Alles Liebe!

Lieber Rüssel,
ich bin überglücklich, daß Grödel nichts Ernsthaftes an Ih¬
rem Herzen gefunden hat. Wenn er Ihnen als Kur nun noch
recht viel Nilpferd und Giraffe verordnet, dann können wir
die nächsten 7X7 Jahre genau so glücklich und sinnvoll bei der
Arbeit verbringen wie die ersten. Unterhalten Sie sich recht
gut in New York
stets
Ihre
Gretel

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. einer handschriftlichen Beilage von Gre¬


tel Adorno; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbiblio¬
thek, Frankfurt a. M.

my notes concerning Mrs. Brunswik’s article: Sie sind im Horkheimer-Arch 1 v


erhalten.

your wire: Dieses Telegramm ist ebensowenig erhalten wie Adornos tele¬
graphische Antwort.

Mr. Taylor: Nicht sicher, ob es sich hier um den in Brief Nr. 185 genannten
Davidson Taylor handelt.

my remarks re: academy: Wahrscheinlich handelt es sich um das titellose, 18


Seiten zählende Typoskript (Max-Horkheimer-Archiv, IX 39. ib), in
dem es auf Seite 15 heißt: »The first step for the drafting of a program

322
would be a Conference ofscholars, artists, and writers, both American and
European. The members of this Conference should consider the various
measures which can be taken for the preservation of European cultural tra-
dition. In this context they should discuss in particular the plan of an inter-
European Academy with a far greater field of activities than any academy
so far established in the world. This Academy would not be a rnere society
of scholars, but also a teaching Institution, an international university.
Eiere the young man destined for a leading role in European economic
and cultural life would have the opportunity to study durmg a few terms
and become acquainted with each other in an international and democra-
tic atmosphere. A plan could be worked out with a view toward granting
scholarships to students of the impoverished countries.«

Labor Project: Die Untersuchung »Antisemitism among Labor« war 1942


mit der finanziellen Unterstützung des »American Jewish Labor Commit¬
tee« begonnen worden; den Abschluß der Arbeit sicherte das Institut für
Sozialforschung. Der vier Bände umfassende hektographierte Forschungs¬
bericht wurde nicht veröffentlicht.

Grödel: Der Kardiologe Franz Maximilian Groedel (1881-1951) stammte


aus Bad Nauheim, leitete nach seinem Studium die Röntgenabteilung des
Hospitals zum Heiligen Geist in Frankfurt und lehrte ab 1925 an der
Frankfurter Universität. Groedel emigrierte 1933 nach New York.

278 Adorno an Horkheimer

Los Angeles, 31.8.1944

PROBLEM EXCEEDINGLY DIFFICULT. FINANCIAL OF-


FER FAR BELOW OUR LIMIT STOP CONSIDERABLE
DIFFERENCE BETWEEN YOUR TELEGRAM AND
FREDS OPINION THAT COMMITTEE IS MORE INTER-
ESTED IN YOU AS CONSULTANT THAN IN RE¬
SEARCH. SERIOUSLY WORRIED ABOUT OUR COM¬
MON WORK ON THE BOOK AS WELL AS ON THE
PROJECT STOP YET FUTURE CHANCES SUCH
WEIGHTY ARGUMENT THAT I DO NOT WANT TO
BEAR ALONE THE RESPONSIBILITY FOR DECLINING.

323
SHALL STAY AT HOME FOR THE REST OF THE DAY
MOST CORDIALLY= TEDDIE

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

your telegram: Nicht erhalten.

279 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 24.10.1944

WRITTEN AGREEMENT WITH SANFORD SIGNED.


DEUTSCH RECOMMENDS ME TO LOEB. BERKELEY
UNIVERSITY STATUS DOES NOT INTERFERE WITH
PART OF MONEY NOT GOING TO BE PAID TO THEM.
SCHMULOWITZ DECISION STILL OUTSTANDING.
PROJECT WELL UNDER WAY. MOST CORDIALLY=
TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Agreement: Es scheint nicht erhalten zu sein. Sanford schrieb einen von


ihm, Else Brunswik und Daniel Levmson Unterzeichneten Brief am 14.
Oktober an Horkheimer, der das Hauptproblem — die Frage der Selbstän¬
digkeit der Berkeley Group — formuliert. Es heißt dort: »We think of our-
selves as a group that might well have a name, eg, Berkeley Public Opmion
Study. This is not because we hke Organization or prestige; we prefer
smallness, intormahty, and close agreement about concepts and methods.
Rather, lt is because it seems to us the best way to handle matters of local
and broader responsibihty, of sohcitmg and acceptmg funds from other
sources, ofbeing represented as an ofhcial University of California Psy-
chology group, and of publication in such a way that people who work
with us can get complete credit for their work. [Absatz] Actually we have,
without verbahzing it, thought of ourselves in this way from the begin-
ning. We were in fact such a group, working on a study of antisemitism,
with plans for a comprehensive study already worked out and with the ex-

324
pectation — an expectation that is still as high as ever — that further support
would be forthcoming, as we needed lt, from Mr Blumenfeld and others,
when you first made funds available to us. It did not occur to us that
accepting funds from you changed our Status in any way. We considered
ourselves fortunate to be able to pursue our independent way, feeling
encouraged that you approved of the general plan of our research and
deriving benefit from the Stimulation and suggestions provided by you
and your colleagues. [Absatz] It has been our hope that things could go
on as before. Indeed, we probably would have made a Start without even
bothermg to discuss the question of Status had we not come upon the
Problems of how much money ought to be given to the University, ofjust
that were the conditions of publication, and of what were to be Dr Ador-
no’s relations with our study Naturally, ifwe are not an independent group
but some kind of member of the Institute there is no point in funds being
placed with the University. On the other hand, lf we are an independent
group and are desirous ofrespectability and willing to accept responsibility
in this community there is good reason why a considerable part of the
funds should be given to this University. [Absatz] As an independent
group, one that accepts funds from different sources, we should have to re-
serve the right to say when and where and in what form our material was
published, and we could notjustly say the work was from the Institute of
Social Research. [. . .] We doubt if Dr. Adorno would wish to consider
himselfa member of the independent Berkeley Study. He already has a Sta¬
tus; he is already a member ofa different group with which we are engaged
in collaboration. As we understand this collaboration, Dr Adorno has
ideas which may be of value to our research, and we have concepts and
techmques which he may wish to use in their present or modified form for
studies which the Institute undertakes. Such interchange should have con-
structive results for both groups.«

Deutsch: Der Philologe Monroe Emanuel Deutsch (1879-1955) war Dean


der University of California in Berkeley und Mitglied des »Board of the
National Conference of Christians andjews«.

Loeb: Vermutlich der Rechtsanwalt Joseph Philip Loeb (1883-1974), der


mit seinem Bruder Edwin Loeb (1886-1970) die Anwaltskanzlei Loeb &
Loeb leitete. Er war Member des »Califorman Board on Education« und
Präsident des »Jewish Orplan Home, United Jewish Welfare Fund«.

Schmulowitz: Nat Schmulowitz (1889-?) war Rechtsanwalt in San Fran¬


cisco und »Officer ofthe Federation ofjewish Charities«.

325
280 Adorno an Horkheimer

Los Angeles, 26.10.1944

Los Angeles 26. Oktober 1944.

Lieber Max,
hoffentlich sind Sie gut gereist, gut installiert und gut ge¬
launt. In der Den ist Ihr Bild an der Wand über dem Schreib¬
tisch mit Reißnägeln befestigt, um Sie zu vertreten, aber doch
provisorisch genug, um den provisorischen Charakter Ihrer
Abwesenheit auszudrücken.
Dienstag abend bin ich von San Francisco gekommen, und
ich glaube, daß ich erfolgreich war. Als ich ankam, herrschte
etwas Durcheinander, Sanford hatte einfach Angst, daß wir
ihm etwas wegnehmen wollen, Levinson geht mit ihm durch
dick und dünn, und Frau Brunswik ist mit ihrer Neigung auf
unserer Seite, fühlt aber doch der alten Gruppe gegenüber eine
gewisse Zugehörigkeit: sie hat sich in der ganzen Sache sehr an¬
ständig und nett benommen, und mein Eindruck von ihr ist
eigentlich wesentlich besser als er bis jetzt war, während Levin¬
son psychologisch bedenklich ist, und Sanford eben in Konkur¬
renzkategorien denkt, ohne dabei uns gegenüber im Ernst ge¬
hässig zu sein. Auf die Idee einer schriftlichen Vereinbarung
war ich schon verfallen, ehe Gretel mir von Ihrer Anregung
schrieb und habe eine mit Sanford zusammen erreicht, die mir
unsere Interessen durchaus zu decken scheint. Sie entspricht in
allem Wesentlichen dem, was wir in unserem letzten Gespräch
ausgemacht hatten. Sie erhalten dieser Tage eine Kopie.
Sanford hat sich offiziell Deutsch als seinen Ko-Direktor
vorgestellt, ich konnte Sanford Deutsch gegenüber nicht
überspringen, obwohl es mir im Prinzip lieber gewesen wäre,
wenn ich diesen allein hätte sprechen können. Wir waren
etwa eine Stunde bei ihm, und er hat sich überaus freundlich
verhalten, war über die ganze Sache bereits recht informiert
und zeigt lebhaftes Interesse. Das Projekt kann sich als under
the auspices of the University of California, oder wie immer

326
wir es formulieren werden, bezeichnen. Auch wenn nur ein
Teil des Geldes über Berkeley University geht, wie es allen Be¬
teiligten angenehm ist, meine ich, der Berkeley Status sei mit
Rücksicht auf die Beziehung zur Columbia wichtig. Deutsch
schlug von sich aus vor, mich durch einen Brief bei Joe Loeb
einzuführen und wird mir noch deshalb schreiben. Ich wäre
Ihnen dankbar, wenn Sie mich Ihre Meinung wissen ließen, in
welcher Richtung die Verhandlungen mit Loeb am besten zu
fuhren sind. Das Problem dabei ist, daß ich mir vorstelle, daß
wir das Loebsche Geld lieber für ein anderes unserer Projekte
hätten, daß es aber, da die Beziehung zu ihm durch Berkeley
geht, nicht ganz leicht sein wird, ihn für Dinge emzuspannen,
die mit diesem speziellen Projekt nichts zu tun haben. Ich
glaube schon, daß ich eine Lösung finde, möchte aber gerade
in dieser verhältnismäßig wichtigen Sache nichts ohne Ihr
Einverständnis tun.
Wegen unserer vergangenen Schwierigkeiten mit UCLA
wollte ich mit Deutsch nicht reden, eben weil Sanford dabei
war. Doch fragte ich ihn wegen einer möglichen Beteiligung
von UCLA am jetzigen Projekt bzw. wegen Kooperation,
wenn ich hier eine analoge Studiengruppe ins Leben rufe.
Deutsch sagte mir offen, wir sollten uns von UCLA nicht zu¬
viel erwarten, es sei da eine starke antisemitische Unterströ¬
mung (im Gegensatz zu Cal.) und insbesondere das head des
Psychologie-Departments Dunlop, sei ein Antisemit; doch
hat mich Deutsch ermächtigt, unter Beziehung auf ihn mit
Fearing (der aber als Radikaler gilt), dem Tierpsychologen
Gilhousen, einem Physiker Caplan und dem Dean Lee zu
sprechen. Natürlich kann ich zu einer bindenden Vereinba¬
rung erst gelangen, wenn ich weiß, ob und wie ein solches
Projekt finanziert wird. Mein Eindruck von Deutsch ist, daß
er wirklich spontan sich für unsere Sache interessiert; Sie wis¬
sen, daß ich mit solchen Aussagen keine Fanfaren blase. Wenn
es darauf ankommt, ihn etwa für uns bei Sproul etwas unter¬
nehmen zu lassen, so glaube ich, daß er das tun wird, ich
wollte aber nicht sogleich mit allzu viel kommen.

327
Von Großjuden sah ich Block und Judge Sloss, Steinhart
sprach ich am Telefon, er war im Begriff nach New York zu
fahren, und Sie werden ihn jedenfalls sehen. Sloss ist ein völlig
indifferenter und kalter Würdenträger, von dem man nichts
Gutes zu erwarten hat, aber auch nichts Böses, wenn man ihm
die Ehre antut. Block, der sich als Vertreter des AJC ohne
Portefeuille betrachtet, ist ein wirklicher Stützpunkt und hat
mir zahlreiche Adressen von Leuten gegeben, durch die man
die jetzt zu untersuchenden Gruppen zusammenbringen
kann. Erwähnen möchte ich, daß er den Namen eines Dr.
Ischlondski nannte, eines Schülers des seligen Pavlow, der die
Reflexpsychologie auf den Antisemitismus anwendet, den er
für ein massenhaftes Auftreten von conditioned reflexes hält.
Ich werde versuchen in Kontakt mit I. zu kommen, der an¬
geblich hier ist, niemand weiß es ganz genau, und ihn gegebe¬
nenfalls an unseren Untersuchungen interessieren. Das wäre
auch geraten mit Bezug auf Blumenfeld und Schmulowitz, die
große Stücke auf ihn halten.
Mit Schmulowitz hatte ich zusammen mit Sanford eine
vielstündige Besprechung (selbstverständlich fanden alle diese
Besprechungen statt, als die Probleme mit Sanford bereits ge¬
klärt waren). An der Besprechung sollte auch Blumenfeld teil¬
nehmen, sagte aber im letzten Augenblick ab. Es sind da ge¬
wisse Schwierigkeiten aufgetreten. Blumenfeld hatte sich
daran gewöhnt, die Berkeleysache als sein eigenes Kmd zu be¬
trachten und fürchtet sich ein wenig, daß sein Beitrag in einem
Riesenprojekt des AJC untergehen könnte. Ich beruhigte
Schmulowitz, indem ich ihm sagte, daß unser Westküstenpro¬
jekt im Rahmen des Gesamtplans so große Selbständigkeit hat,
daß er sich nicht zu furchten braucht, ein Tropfen in einem
Ozean zu werden, und daß ihm selbstverständlich alle Ehre
widerfahren soll, z. B. daß ihm all unsere Ergebnisse hier ver¬
traulich zugänglich gemacht werden. Natürlich darf er keiner¬
lei Einfluß auf den Gang der Untersuchung selber haben.
Weiter war an der Schmulowitzfront eine gewisse Konfu¬
sion entstanden durch D. Jenkins, den Direktor der Labor

328
School. Ich verbrachte einen Abend in seiner Schule und fand
Jenkins einen außerordentlich unangenehmen und brutalen
Labor boss, party line, dem gegenüber äußerste Vorsicht ange¬
bracht ist. Er hatte von sich aus Schmulowitz-Blumenfeld um
Geld flir seine Schule gebeten und dabei als ein Hauptargu¬
ment seine Affiliation mit uns und dem Labor Project ausge¬
spielt und dabei sich insbesondere auf Levinson bezogen, der
doch als einer der senior members des Berkeley Projekts er¬
scheint. (Wenn Sie sich hier nicht auskennen, schadet es
nichts, es bereitet auch mir beträchtliche Schwierigkeiten
und es genügt, wenn einer es übersieht). Ich habe Schmulo-
witz beruhigt und gesagt, daß Jenkins nur einer von zahllo¬
sen expert-contact-Leuten des Labor Project sei und daß wir
Levinson dort beschäftigt hätten, um ihn über das Vakuum
bis zum Start des neuen Projekts hinwegzubringen. In Wirk¬
lichkeit steckt bei der Schmulowitzgruppe politische Angst
dahinter und ich wollte sie in dieser Richtung besänftigen.
Wichtig ist, daß Schmulowitz furchtet, daß der ganze von
Blumenfeld etwa zu stiftende Beitrag dazu verwendet wird,
das AJC zu entlasten. Mein Vorschlag ist, daß Blumenfeld
10.000 $ gibt, davon 5.000 dem AJC zurückgegeben werden,
5.000 zur Erhöhung des Gesamtbudgets verwendet, so daß
beide Parteien je 10.000 $ geben würden. Ob ich mit mei¬
nem Vorschlag durchdringe, weiß ich nicht, irgendetwas
wird aber wohl herauskommen. Schmulowitz ist ein pedan¬
tischer Mann, kleinlich auf den administrativen Aspekt des
privaten Süppchens seiner Gruppe bedacht, aber andererseits
durch Deutsch und auch Block günstig bearbeitet. Das
eigentliche Problem scheint mir zu sein, ob Blumenfeld grö¬
ßere Beträge für die Bekämpfung des Antisemitismus ausge¬
ben oder sie lieber dem Baseballklub zuwenden will, den er
besitzt.
Ungeklärt ist noch die Frage der Zuziehung eines Analyti¬
kers. Gegen Erikson hat sich Sanford gesträubt, obgleich er
mit ihm befreundet zu sein vorgibt; mit der Begründung: E.
sei zu beschäftigt, als daß man etwas von ihm hätte, in Wirk-

329
lichkeit wohl aus Eifersucht. Bei Bernfeld, der kein MD ist
und daher in erster Linie als Theoretiker sich fühlt, besteht die
Gefahr, daß er sich in alles hereinhängen und Schwierigkeiten
machen wird; übrigens konnte ich ihn nicht erreichen, da er,
als ich die Einigung mit Sanford erreicht hatte, mit seiner Frau
weggefahren war. Vorgeschlagen haben Sie mir als Konsulen¬
ten Windholz, einen angesehenen Praktiker; da ich ihn aber
nicht kenne, so wollte ich ihm keinen Vorschlag machen,
ohne Ihre Ansicht zu hören. — Mein Eindruck ist, daß nicht
viel Wissenschaftliches dabei herauskäme, aber vielleicht ist es
aus Gründen des setup doch geraten. Simmel und Fenichel
hier sind den Berkeleyleuten zu orthodox, doch könnte ich
einen von ihnen durchsetzen, zumal ja eine etwaige Honorie¬
rung außerhalb des Budgets erfolgte. In diesem Zusammen¬
hang möchte ich Sie nochmals auf Heinz Hartmann aufmerk¬
sam machen, der gewisse Gedanken über Paranoia entwickelt
hat, die den unseren recht nahe zu kommen scheinen. Er ist
jedenfalls ein außerordentlich gescheiter und allgemein wis¬
senschaftlich gebildeter Mann, nur freilich ist er und seine
über alle Begriffe ehrgeizige Frau, Gretels Cousine Dora, per¬
sönlich mit einiger Vorsicht zu nehmen. Dave Levy soll übri¬
gens gewisse Studien über Aggressivität in der frühen Kindheit
gemacht haben, die für uns von Interesse sein könnten. Viel¬
leicht wäre es möglich, in diesem spezifischen Zusammen¬
hang ihn zu aktivieren.
Ich komme zu den eigentlich wissenschaftlichen Fragen.
Wie Sie sich vielleicht erinnern werden, sagte ich Ihnen von
einer neuen Idee, über der ich brütete. Es handelt sich dabei
um die Ermittlung von potentiellen und aktuellen Antise¬
miten lediglich durch indirekte Indices, also ohne daß Fragen
über Juden oder über Gegenstände, die in einem unmittelbar
einsichtigen Zusammenhang mit Antisemitismus stehen, wie
Negerfeindschaft, politischer Faschismus usw. Vorkommen.
Ein Ansatz nach dieser Richtung waren bereits die »projective
items« des alten Berkeley questionnaire; ich möchte aber dar¬
über erheblich hmausgehen und einen »judenfreien« ques-

330
tionnaire zur statistisch zuverlässigen Ermittlung des Anti¬
semitismus herstellen. Die Vorteile brauche ich Ihnen nicht
auszufiihren. Das Problem ist natürlich, indirekte Indices zu
finden, die nicht nur notwendige, sondern zureichende Be¬
dingungen des Antisemitismus sind, d. h. solche, bei denen
eine so hohe Korrelation zu aktuellem Antisemitismus be¬
steht, daß man etwaige Differenzen vernachlässigen kann.
Den Weg stelle ich mir folgendermaßen vor: man verteilt, in
einer Sitzung, nacheinander zwei questionnaires, erst den ju¬
denfreien, dann einen mit Fragen, die sich auf Juden, Ethno¬
zentrismus usw. beziehen, aber auch mit anderen Fragen, so
daß auch hier das eigentliche Interesse der Forschung nicht
unmittelbar hervortritt. Die Antworten jedes einzelnen Teil¬
nehmers auf beide Fragebogen werden dann verglichen und
diejenigen indirekten Fragen, bei denen sich die höchste Kor¬
relation mit Antisemitismus bzw. Nichtantisemitismus ergibt,
werden allmählich ausgesucht, um ein höchst zuverlässiges in¬
direktes Instrument abzugeben. Besonderes Interesse kommt
in der ganzen Untersuchung dem Verhältnis von wirklicher
psychologischer Tendenz und Rationalisierung zu. Ich gehe
von der Tlypothese aus, daß diese weithin in Gegensatz zuein¬
ander stehen, z. B. daß einer Tendenz zur »Personalisierung« in
der Oberflächenschicht Stereotypie in der tieferen entspricht;
der heftigen Betonung der Männlichkeit verdrängte Homo¬
sexualität usw. Psychologisch ist das vieux jeu, aber es wäre in¬
teressant, wenn man es quantitativ bestätigen könnte, indem
man den Fragebogen so organisiert, daß er, natürlich ganz ver¬
streut, Fragen enthält, die sich je auf die gleiche Problem¬
gruppe, aber auf verschiedene Niveaus von Bewußtheit oder
Unbewußtheit beziehen. Von all dem war die Berkeleygruppe
sehr angetan und, stets ein gutes Zeichen, erklärte, sie habe
von sich aus bereits nach dieser Richtung hin gearbeitet. Da ja
der bisher gebrauchte Fragebogen sehr zusammengestrichen
wird, so wird für eine Reihe neuer Fragen ohne weiteres
Raum sein. Wir haben zunächst zusammen eine große Anzahl
möglicher Fragen indirekter Natur zusammengestellt, aus de-

33i
nen dann der Fragebogen ausgewählt wird, während die rest¬
lichen dann flir die Interviews verwandt werden.
Was die Murray-pictures anlangt, so schienen mir die be¬
sten die, welche nicht in Murrays Sammlung, einem wahren
Strindbergschen Schreckenskabinett, enthalten waren, son¬
dern die Levmson aus Zeitungen und Magazinen herausge¬
schnitten hatte. Der Haupteinwand gegen die Murray-pictures
ist, daß sie durch ihren Ausdruckscharakter fast unausweich¬
lich horror stories provozieren; doch scheint es aus Gründen
des wissenschaftlichen Prinzips nicht ganz leicht zu sein, von
ihnen loszukommen, da sie in sehr großem Umfang »getestet«
sind.
Was die Gruppen anlangt, so sind eine große Anzahl, viel
mehr als ursprünglich geplant, in Aussicht genommen. San-
ford meint, daß das ohne weiteres im Rahmen des Budgets
möglich ist. Der Plan bezieht sich unter anderem auf exklusive
Clubs, business-Organisationen und die technisch-bürokrati¬
sche Schicht, die ja die eigentliche Schlüsselgruppe des Fa¬
schismus darstellt. Sanford schlug außerdem eine Studie unter
Verbrechern und unter Gefängniswärtern vor, und ich halte
das für eine ausgezeichnete Idee. Hier könnte die Forschung
unmittelbar in Propaganda übergehen, d. h. wenn man zuver¬
lässig nachweisen könnte, daß ein besonders hoher Prozent¬
satz von Verbrechern extreme Antisemiten sind, so wäre das
Resultat als solches bereits Propaganda. Ich möchte versuchen
auch Psychopathen in Anstalten zu untersuchen. Zu all den
ms Auge gefaßten Gruppen sind Kontaktleute vorhanden; was
die Verbrecher anlangt, so hat Levinson ein Jahr lang in St.
Quentin gearbeitet. Sobald die Gruppen definitiv designiert
sind, erhalten Sie die volle Liste.
Weiter habe ich Mrs. Brunswik gebeten, bei den Interviews
(die mitstenographiert werden sollen), besonderes Gewicht
darauf zu legen, herauszubekommen, nicht nur daß die Bilder
Projektionen auslösen, sondern wie, konkret, der Projek¬
tionsmechanismus arbeitet. Mit anderen Worten: in welcher
Beziehung die Projektion zu der Realität steht. Denn diese

332
wird ja nicht einfach durchstrichen, sondern ihre Elemente in
einer bestimmten Weise versetzt, und ich halte es für das wich¬
tigste zur Erforschung des ganzen Komplexes genau festzustel¬
len, nach welchen Gesetzen. Nur wenn man den Projektions¬
mechanismus der Paranoiden in Operation kennt, wird es
möglich sein, ihm durch irgendwelche Gegenmittel zu begeg¬
nen. Außerdem habe ich Levinson gebeten, ein vorläufiges
Memorandum über das Verhältnis zwischen der Psychologie
des bürgerlichen und des Arbeiterantisemitismus zu schreiben.
Da er in beiden Untersuchungen mitgewirkt hat, so ist er da¬
für qualifiziert. Vielleicht kann aus einem solchem Memoran¬
dum eine Studie werden; die zur Differenzierung der Ab¬
wehrmaßnahmen nach sozialen Gruppen führt. Endlich bin
ich darauf verfallen, die content analysis auf das Problem der
indirekten Indices auszudehnen. Mit anderen Worten: nach
»Communications« zu suchen, die das Schema des antisemiti¬
schen Charakters enthalten, ohne sich im geringsten auf Ju¬
den- und unmittelbar verwandte Fragen zu beziehen. Dabei
sind mir unsere guten alten pulp magazines eingefallen (z. B.
die Rolle des blonden Retters, des dämonischen Arztes, der
verstümmelnde Operationen vornimmt und vieles andere).
Sanford und Levinson möchten die Funnies heranziehen. Die
Idee würde sein, die allen diesen Dingen zugrundeliegende
Stereotypie herauszuarbeiten und in Beziehung zu dem anti¬
semitischen Syndrom zu setzen. Wenn man wirklich Massen¬
gegenpropaganda mit Funnies usw. betreiben wollte, so wäre
eine solche Studie äußerst wertvoll. Vielleicht könnte man sie
sogar, aus äußeren Gründen, quantitativ, statistisch, in der
Weise der Lasswellschen content analysis führen. Es gibt in
Berkeley einen Kinderpsychologen namens Sheviakov, der an
solchen Fragen lebhaft interessiert ist. Vielleicht könnte man
mit ihm zusammen etwas erreichen.
Ich sah Salome mit der wirklich exzeptionellen Lily Dja-
nel — bei weitem die beste Salome, die ich je gesehen habe.
Tausend Dank für den Hinweis.
Dies ist ein barbarisch langer Brief geworden, aber es ließ

333
sich nicht anders machen. Mein Telegramm werden Sie erhal¬
ten haben. Lassen Sie es sich gut gehen. Nach der Berkeley¬
reise habe ich das deutliche Gefühl, daß wir mit den Proble¬
men der neuen Phase durchaus fertigwerden können und uns
von dem Betrieb unter keinen Umständen ins Bockshorn ja¬
gen lassen sollen.
Alles Liebe
Ihr alter
Teddie

Mrs. Brunswik hätte brennend gern unser Buch, und ich


denke, sie verdient es. Ist es Ihnen recht?
Soeben ein entzückender Brief von Lull. Wir können Ali
Baba einstweilen behalten und sind sehr glücklich darüber. Sie
wohnt im Waldorf Tower, wo sie schwer einen großen Hund
halten kann.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Dunlop: Nicht ermittelt.

Fearing: Der Psychologe Franklin Fearing (1892-1962) hatte in Stanford


studiert und war seit 1936 Fakultätsmitglied der UCLA.

Gilhousen: Howard Clarke Gilhousen (1895-1969) war seit 1931 außer¬


planmäßiger Professor für Psychologie an der UCLA; er widmete sich be¬
sonders der Tierpsychologie.

Caplan: Nicht ermittelt.

Dean Lee: Der Pädagoge Edwin A. Lee (1888-1966) war 1940 zum Dean
und Professor of the School ofEducation berufen worden.

Block: Herman W. Block (1874-1970) war Mitglied der »Child Study As¬
sociation of America« und der »Jewish Child Care Association«.

Judge Sloss: Marcus Cauffman Sloss (1869-1958) war Richter am Superior


Court in San Francisco und Vice-President des »Jewish Welfare Board«.

334
Steinhart: Der Jurist Jesse H. Steinhart (1881-1965) gehörte zur Admini¬
stration der Universität.

Di: Ischlondski: Naum Efimovich Ischlondsky (1896-?) hatte 1930 in Ber¬


lin »Neuropsyche und Hirnrinde« veröffentlicht, ein Handbuch der expe¬
rimentellen Reflexologie.

Blumenfeld: Nicht ermittelt.

D. Jenkins: David Jenkins leitete die »California Labor School« von 1942
bis 1949.

Bernfeld: Der Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld (1892-1953) hatte in


Wien zunächst Biologie, Zoologie und Geologie studiert, bevor er sich
flir Psychologie, Philosophie und Soziologie entschied. Er hatte zum so¬
zialistischen Flügel der Jugendbewegung gehört und war nach dem Krieg
in der Jugenderziehung des Zionistischen Zentralrats in West-Österreich
tätig gewesen. In den zwanziger Jahren war er Mitglied der Wiener »Psy¬
choanalytischen Vereinigung«, für die er Kurse über die psychoanalytische
Betrachtung von Erziehungsfragen ausarbeitete; diese Tätigkeit setzte er
ab 1925 in Berlin fort. Bernfeld floh 1934 nach Frankreich und dann in die
USA. Er lebte bis zu seinem Tod in Los Angeles als Lehranalytiker.

Windholz: Emanuel Windholz war ein Schüler und Assistent von Jaroslaw
Stuchik, dem ersten Psychoanalytiker in der Tschechoslowakei. Wind¬
holz ging dann nach Berlin, um sich zum Analytiker ausbilden zu lassen,
und ließ sich in Prag nieder. Im Herbst 1938 emigrierte er über England
nach Amerika; er war nach Ernst Simmel der zweite Präsident der »San
Francisco Society« für psychoanalytische Forschung.

Fenichel: Der Mediziner und Psychoanalytiker Otto Fenichel (1897 bis


1946), der zum marxistischen Flügel der Psychoanalyse gezählt hatte, ar¬
beitete seit 1938 in Los Angeles.

Heinz Hartmann: Der Psychoanalytiker Heinz Hartmann (1894-1970),


der mit seinem 1939 erschienenen Buch »Ego Psychology and the Pro¬
blem of Adaptation« die Ich-Psychologie begründete, war 1935 aus Wien
in die USA gekommen. Er war Direktor und dann Präsident des »Psycho-
analytical Institute of New York«.

Dave Levy: David M. Levy (1892-1977) arbeitete auf dem Gebiet der Kin¬
derpsychiatrie.

335
Murray: Henry Alexander Murray (1893-1988) hatte Medizin, Biologie
und Psychologie studiert; während seiner medizinischen Tätigkeit ent¬
deckte er die Psychoanalyse und befreundete sich mit C. G. Jung. Die
Lektüre der Bücher Herman Melvilles beförderte die Entwicklung seiner
Theorie der Persönlichkeit. — Die Murray pictures sind Teil des »Thematic
Apperception Tests«, den Murray 1943 publizierte.

die Lasswellsche content analysis: Lasswell hatte sie im Zusammenhang seiner


Untersuchung der Feindpropaganda im Ersten Weltkrieg entwickelt. Sie
zielt auf den Inhalt standardisierter Kommunikation.

Sheviakov: Uber George V. Sheviakov konnte Näheres nicht ermittelt


werden.

Lily Djanel: Die Sopranistin Lily Djanel (eigentlich: Emilie Jonmaux; geb.
1900).

unser Buch: Die mimeographierten »Philosophischen Fragmente«, deren


späterer Titel »Dialektik der Aufklärung« wurde.

281 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 30.10.1944

Memorandum to: MH
from: TWA
re: Manual for distribution among Jews.

October 30, 1944.

Going over the interviews of the Labor Study, I find that not
all the ever recurring objections against the Jews are of an en-
tirely spurious, projective, paranoid character. There are a
number among them which, though distorted within the
framework of general aggressiveness, have their basis in certain
Jewish traits which are either really objectionable or at least
likely to evince actual hostile reactions. We have talked about
some ofthese traits and some more can easily be listed. It is not

336
too difficult to distinguish them from the paranoid stereotypes
since they appear, though often repeated, in a fairly concrete
form which at least strongly suggests the possibility that they
have actually been experienced. Moreover, you will find them
often in interviews of people who are articulately non anti-
semitic. Incidentally, many of them are the same traits to
which Jews themselves are particularly sensitive as soon as they
are open to reflexion.
I wish to suggest the idea that a manual may be prepared —
as a counterpart, as it were, to the manual about the Antise-
mites — which lists these traits, explains them and contains
suggestions how to overcome them. I know that some ex-
periments in this direction have been made. The material I
know, however, is utterly insufficient. It consists of moralistic
truisms, employs appeal to the common responsibility of the
Jews, admonitions to well-behaviour, practically amounting
to the hush-hush desiderate of assimilation at any price and ad-
justment and, as a complement, no less unfounded declama-
tions about the pride of being a Jew.
What I have in my mind is somethmg entirely different.
The traits in question should be ascertained as concretely as
possible, on the basis of our own research and that of others.
The traits should be made as specific as possible. One should
not talk e. g. about honesty in general but about the problem
of »glibness«, the misuse oflanguage in order to persuade peo¬
ple, the concept of the Extrawurst etc. Or, one should not pos-
tulate a dignified attitude in abstracto but point out specific
patterns of behavior which contradict it, such as the dispro-
portionate concern with one’s own bodily comfort or with
health. These traits should be traced back to their social and
historical origin (e. g. the middleman function or the aloofness
of the Jews from actual power) and it should be shown why
they are regarded as provocative by the Gentiles.
In order to overcome them we should appeal to the inex-
haustible source ofjewish self-criticism, irony, and should en-
courage the Jews to draw the consequences out of the critical

337
insight into their own deficiencies mstead of being satisfied by
simply laughing about them. This appeal could be immensely
strengthened by employingjewish jokes. I have the strong feel-
ing that there are very few among those traits which have not
been strikingly identified by some anecdote. For example, the
health complex: The Jew who sees a very expensive specialist
and becomes indignant, mvokmg his wife and his children,
when he learns the Doctor’s fees. After the Doctor asks him
why he went to see such an authority as him lf he cannot afford
him, the Jew replies: »Doctor, nothing is too expensive for my
health« (Doktor, für mei Gesund is nix zu teuer). Or: Ifa Gentile
is thirsty, he drinks a glass of water, the Jew sees the Doctor and
gets a test for Diabetes. As a kind of a game, a questionnaire may
be added to the manual by which each reader could test himself
whether he is likely to provoke Antisemitism or not. (Cf. the
questionnaire in magazines by which one can ascertam
whether one is a good husband, whether you are in love with
a girl, etc.) The questions should be very clear and witty and
should prove a very intimate knowledge ofjewish psychology,
its background, however, should be based on the findings of
our research. It may be good to mention that all the traits in
question are ofan essentially harmless character but lend them-
selves easily to malevolence and distortion. This danger point
should be emphasized in each particular case. Moreover, every
masochistic touch of conforming with dubious trends of the
Gentile world, such as the notion of the »gentleman« qua Herr,
should strictly be avoided.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

338
282 Horkheimer an Adorno
New York, 1.11.1944

November 1, 1944

Dear Teddie:
This is just to send you a few lines on the first day of my
activity in the Committee. I simply want to teil you that I am
thinking ofyou and Gretel.
I received your long letter of October 26 and your
agreement with Sanford, which is excellent.
These days I am busy fmding an assistent to attend meetings,
and to get my first impressions of what will have to be accom-
plished here. I know that your thoughts are with me.
Most cordially yours,

Dr. Theodore Adorno


316 So. Kenter Avenue
Brentwood Heights
West Los Angeles
Los Angeles, California

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

339
283 Horkheimer an Adorno
New York, 2.11.1944

The American Jewish Committee 386 Fourth Ave., New York 16, N. Y.
Telephone, Murray Hill 5-0181

November 2, 1944

Dear Teddie:
Today I want to answer your letter of October 26.1 will have
to do it in English because Miss Heller, to whom I am dicta-
ting these lines, is an excellent English secretary and more than
that, but not a great stylist in German.
The first thmg I want to say is that I am enthusiastic about
everything your letter contams. Apart from the practical mat-
ters which you are handlmg so skillfully, I think we should fol-
low all the theoretical suggestions mentioned. I am going to
make short remarks on each point, as it comes to my mind,
without attempting to put them in any order.
You ask for my opinion witb regard to the money Loeb will
possibly contribute to our research. This is the first hint that
Loeb will contribute any money You will probably remember
that originally we thought he should establish a good contact
with Sproul. He is the right man to do this because, as I under-
stand, he will bequeath the greater part of his considerable
estate to U. C. L.A. Naturally, our relationship with him will be
much better and, therefore, will be much better with Sproul
too, ifyou approach him in connection with a concrete project.
It is my idea that we should use the money we can get in Ca¬
lifornia on the one hand, to expand the Berkeley project and,
on the other hand, to Start similar projects at other universities
or institutes. This procedure would give you the right to teil
the prospective Sponsors that the Berkeley study will be not
submerged in a flood of heterogeneous undertakings, but
would be the leading study for a great section of our whole
work.

340
I have known for a long time that Dunlop is an anti-Semite.
The fact is that I saw Gilhousen and Davis (I think that is the
name ofhis colleague in the department). They suggested that
I should join certain meetings, which they arranged, on
minority questions, give a series of lectures, and what not.
Since then, I have not heard from either of them — perhaps
Dunlop vetoed the matter. Possibly, even Sproul played a role
in it.
I was not too sorry about this whole thing, because my feel-
ing is that all these gentlemen are not so very clever. Rue, of
Southern California, is a much better psychologist, particu-
larly with regard to our problems. Ifwe get a project under way
in Los Angeles, we should work with him rather then with
U. C. L.A. However, it might be a good idea that in conversa-
tions with any psychologist of U. C. L.A., as well as with
Southern California, you do not present the project as under-
taken by the Committee. Rather, stress the Berkeley project
and the institute.
Block had mentioned Ischlondski to me a long time ago. I
was never able to reach him. Maybe my subconscious mind
prevented me from seemg him because he is a pupil ofthat aw-
ful Pavlow. Since the hatred of modern physiology is not such
an essential part of your past as of mine, you might try to see
that gentleman anyway. It would be a good idea to substitute
the poor dogs in Pavlow’s experiments by anti-Semites.
Did you see Windholz? Maybe a conversation with him
will be more productive after I have seen Hartmann, Nunberg,
and Dave Levy. With regard to Simmel and Fenichel, I think
we cannot bypass Simmel. On the other hand, Fenichel un-
derstands much more of our problem. The thing to do might
be that, at a later stage of the project, you call a meeting and in-
vite both of them.
Your plan about integrating indirect indices into the general
project is simply wonderful. I am very happy about it. The
same thing goes for your hypothesis on the relationship of the
underlying psychological tendencies and the rationalizations.

34i
I can hardly wait until I see the drafts and the questionnaires.
I think it will be not too difficult to create study groups at one
of the New York universities, and in Chicago, working with
the same questionnaires and usmg the same methods of indivi¬
dual testing. For this reason, we should try to have very good
questionnaires, which can be used among the most different
groups.
1 welcome the program of study among criminals and their
wardens. You know that such a thing has been a pet idea of
mine for a long time.
A further good idea of yours is the preliminary memoran-
dum of Levinson on the differences between the psychology
of middle dass and labor anti-Semites. The problem of a con-
tent analysis of documents on indirect anti-Semitism is very
important. I think we should take it up at a later period, and
then combine it with the analysis of funmes, etc.
No objection to Brunswik having the book, but I would
oblige her to keep it confidential until the date when it will be
distributed publicly, which will probably be the case in a few
weeks, possibly during next week.
Before concluding this letter, I received your memorandum
on a rnanual for distribution among Jews. Once the occasion
arises, I will certamly think of it, but I thmk we should not
consider the matter as one which might be treated in the very
first period ofour activities. The right department to take this
up would be the section for business ethics of the Anti-Defa-
mation League in Chicago. They distribute lots of material,
pamphlets and other, to Jewish merchants, in Order to draw
their attention to such practices which might stir up anti-Se-
mitism. I think they would enthusiastically welcome the idea
of adding to their material a pamphlet such as you have in
mind. Perhaps I will write them at a later date. However, we
might do something ourselves right now.
If you can spare a day or two, why don’t you dictate a very
short memorandum pomting out the traits which you have in
mind. It will then be very easy to draft a questionnaire here for

34-2
the intellectual passtime which you mentioned. If you cannot
do it right now, you might do it at a date when the labor pro-
ject will be in a more advanced stage.
In Chicago, I saw Blumer, Lloyd Warner, Louis Wirth,
Burgess, and many of the younger people. It will be very easy
to organize a study group at that university.
Most cordially yours,
Max.

Dr. Theodore Adorno


317 So. Kenter Avenue
Brentwood Heights
West Los Angeles
Los Angeles, California

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

Davis: Nicht ermittelt.

Rue: Nicht ermittelt.

Nunberg: Der Psychoanalytiker Flerman Nunberg (1883-1976) stammte


aus Polen; er studierte Medizin und wurde während eines Aufenthaltes in
der Schweiz von C. G. Jung und Eugen Bleuler in die Psychoanalyse ein-
gefiihrt. In der Zwischenkriegszeit lebte und arbeitete er in Wien; auf ihn
geht die Forderung zurück, daß jeder Psychoanalytiker sich einer Lehr¬
analyse unterziehen sollte. Nunberg ging 1931 in die USA, wo er sich in
New York niederließ.

Blumer: Der Soziologe Fierbert Blumer (1900-1987) lehrte in Chicago.

Lloyd Warner: Lloyd Warner (1898-1970) war Soziologe und Anthropo¬


loge; er lehrte in Chicago.

Louis Wirth: Der Soziologe Louis Wirth (1897-1952) arbeitete vor allem
über Urbanismus.

Burgess: Ernest W. Burgess (1886-1966) lehrte von 1916 bis 1957 Soziolo¬
gie an der Universität von Chicago.

343
284 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 3.11.1944

3. November 1944.

Memorandum an: Mammuth


von: Archibald

Zum totalitären Antisemitismus: er scheint mir mit der


Monopolisierungstendenz noch auf eine besondere Weise zu¬
sammenzuhängen, sehr verwandt der Racketifizierung der
Gesellschaft. Die Monopole bilden nicht nur die Spitze, son¬
dern die ganze Gesellschaft nimmt monopolistische Struktur
an, tendiert dahin, Konkurrenz auszuschalten, nicht nur in
den obersten Einheiten, sondern auch im gesamten Apparat
der Produktion, Verwaltung und Verteilung. Jede einzelne
Gruppe entwickelt unterm Druck des Monopols die Tendenz
zum numerus clausus, die, keinen hereinzulassen, weil die ge¬
genwärtigen Produktionsverhältnisse immer mehr Menschen
überflüssig machen, so daß jeder neue die gefährdet, die schon
dabei sind. Diese ökonomische Tendenz zum numerus clau¬
sus, wie [sie] sich besonders im Gewerkschaftswesen geltend
macht, ist einer der Gründe für die Ostrazierung der Juden.
Der totalitäre Antisemitismus ist nicht sowohl mehr der des
unterlegenen Konkurrenten als der aller Gruppen, die ir¬
gendwo, und wäre es als Straßenreiniger, gerade dran sind und
eine Chance haben dranzubleiben nur, wenn sie es auf Kon¬
kurrenz überhaupt nicht mehr ankommen lassen, alle Positio¬
nen in Privilegien verwandeln. Die Juden sind bis in die un¬
scheinbarsten Funktionen hinein Opfer der Abschaffung der
Konkurrenz. Ihre Stärke war die des Konkurrenten; das wis¬
sen die andern und machen die Juden unschädlich, indem sie
die Konkurrenz selber abschneiden. Hitler hat ganz im An¬
fang des Dritten Reichs, ich glaube April 1933, eine höchst
charakteristische Verordnung ergehen lassen: es müsse in den
Schulen streng darüber gewacht werden, daß auch nicht etwa
der Anschein entstünde, die jüdischen Kinder seien begabter

344
als die andern. Der Antisemitismus der Massen hat sehr viel
davon: sie bekämpfen, selbst Opfer des Monopols, im Juden
den Konkurrenten, weil sie nur durch Monopolisierung selber
unterm Monopol fortzuleben vermögen.
Herzlichst und:
bonne fortune
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts: Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. — E: Horkheimer, Briefwechsel
1941-1948, S. 601 f.

285 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 9.11.1944

9. November 1944.

Lieber Max,
Ihr ausführlicher Brief vom 2. November nach dem kürze¬
ren und dem lieben Telegramm ist mir eine große Freude ge¬
wesen. Es ist mir ein wahrhafter Trost zu wissen, daß Sie die
Dinge, die ich als babe in the woods versuche, für sinnvoll hal¬
ten und Vertrauen haben, daß ich es nach meinen Kräften
richtig machen werde. Ich muß Ihnen nicht sagen, daß es mir
ebenso mit Ihnen, in Ihrem noch größeren und wahrschein¬
lich noch dichteren Wald, geht, und bin froh zu hören, daß Sie
sich wohl fühlen und daß Ihre Arbeit beim Committee sich
freundlich anläßt.
Ich komme zu den einzelnen Punkten Ihres Briefs. Deutsch
hat brav an Loeb geschrieben und dieser hat — denn wir leben
in einer sehr kleinen Welt — Deutschs Brief sofort an Karpf
weiter gegeben, der mich daraufhin bald mit Loeb zusammen¬
bringen will. Unabhängig davon will Lewis, dessen appease-
ment mir gelungen zu sein scheint, ein meeting einberufen
mit Cole, Silverberg und Loeb. Ich muß jetzt nur dafür sorgen,
daß Karpf und Lewis nicht aus Eifersucht aufeinander Unheil

345
anrichten. Karpf habe ich gesagt, wir wollten hier in einem
kleineren Projekt die Berkeley-Idee duplizieren. Als er mich
um Zahlen bat, sagte ich aufs Geratewohl $ io.ooo.-, ich
glaubte $ 5.000.- werde das AJC geben, wenn aus privaten
Quellen wie Loeb und Silverberg die andere Hälfte käme.
Wenn Sie eine abweichende Meinung haben, schicken Sie
bitte ein night-mare.
Die Aufnahme einer Aktion bei UCLA möchte ich aus fol¬
genden Gründen ein wenig vertagen: Karpf hat arrangiert,
daß ich in der Umversity Religious Conference, die nächste
Woche eine große Tagung in der UCLA abhält, einen hoch-
offiziellen, aber kurzen Vortrag über Kunst und Religion
halte. Die ganze Sache wird geleitet von dem alten Hocking
von Harvard, der junge Hocking, sein Sohn, jetzt unser Nach¬
bar im Torrohaus, hat sich mit mir in Verbindung gesetzt und
ich werde das Manuskript mit ihm durchgehen. Ich schicke
Ihnen einen Durchschlag, sobald es fertig ist. Daß die Sache
zustandekam, dazu hat auch mein Vortrag auf dem Musikkon¬
greß beigetragen. Vom Resultat möchte ich die Aktion bei
UCLA bzw. Sproul abhängig machen. Ich will auch dann erst
mit den Leuten vom Psychology Department reden (die Psy¬
chologin Gordon ist Vorsitzende des Forums, wo ich spreche).
Zu den Analytikern: Sonntag vor acht Tagen war eine
Riesengesellschaft bei Simmel, wo eine Chiromantin einen
Vortrag hielt — ein abscheuliches Konglomerat aus Kaffeesatz¬
aberglauben, faschistoider Ausdruckslehre und pseudowissen¬
schaftlicher Nomenklatur. Als Assistentin fungierte übrigens
Renee, die die Photographien der Handlinien herumzeigte,
ganz in der Haltung des hübschen Mädchens, das mit dem
Ventroloquisten auftritt. In der Diskussion, die auf einem er¬
bärmlichen Niveau war, haben nur Fenichel und ich gegen
den Zinnober protestiert, während Simmel und der persön¬
lich höchst widerwärtige Windholz glühend die Deutung der
Handlinien verteidigten. Es ist danach meine entschiedene
Meinung, daß eine sachliche Zusammenarbeit mit Simmel für
uns nicht möglich ist, während sich mit Fenichel, den man

346
deshalb auch nicht zu lieben braucht, wenigstens ernsthaft
arbeiten ließe. Ich glaube, es würde mir nicht schwerfallen,
Simmel, mit dem ich freundliche Beziehungen unterhalte,
zu besänftigen, wenn wir Fenichel nähmen. Simmel dagegen
in irgendeiner Weise mit dem Projekt zu verbinden, würde
ich dringend abraten. Vielleicht warten wir aber wirklich
mit der Entscheidung, bis Sie mit den New Yorker Analyti¬
kern gesprochen haben. Heinz Hartmann dürfte übrigens
durch Kris einigermaßen über das Berkeley Projekt orien¬
tiert sein.
Zu den indirekten Indices habe ich eine große Anzahl Fra¬
gen, zwischen 80 und ioo, teils in Berkeley ausgearbeitet teils
dorthin geschickt, aus denen jetzt die Fragebogen zusammen¬
gestellt werden, während die nicht verwendeten Fragen für
die case Interviews benutzt werden sollen. Eine Anzahl der
Fragen habe ich durch eine Art von Ubersetzungsarbeit aus
den »Elementen des Antisemitismus« ausdestilliert, was mir
viel Spaß machte. Sie bekommen das alles zu sehen, sobald es
ein wenig weiter ist.
Ich hatte Lunch mit Cole, der mir dies Mal einen wesent¬
lich besseren Eindruck machte. Da seine Arbeit mit der unse¬
ren sich nicht überschneidet, aber berührt, so glaube ich, daß
man zu einer Kollaboration in der Weise kommen kann, daß
er einem aus all seinen educational activities eine Reihe von
Gruppen zusammenstellt, die wir unserem Test unterwerfen
können. Er scheint sehr lebhaft interessiert zu sein. Außerdem
hat er seine Hände in solchem Maße in allen anti-discrimina-
tion-Dingen drin, daß man ihn nicht übergehen kann, und
wenn er freundlich ist, wird man manches von ihm haben
können.
Haben Sie Steinhart gesehen? Nach einem Brief von
Schmulowitz wird sein Votum für Blumenfeld von Wichtig¬
keit sein. Es wäre gut, ihm gegenüber die relative Selbständig¬
keit der Berkeleyuntersuchung in der Weise hervorzuheben,
die Ihr Brief andeutet.
Was die »Jewish traits« für das manual zwecks Selbsterzie-

347
hung anlangt, so werden Sie sehr viel darüber in meinem gro¬
ßen Memorandum für das Labor Projekt finden, dessen Diktat
ich vorige Woche abgeschlossen habe. Sobald Sie es gelesen ha¬
ben, können wir uns entscheiden, ob ich auf der Basis der darin
enthaltenen Ideen einen detaillierten Plan für das manual jetzt
schon ausarbeiten soll. Übrigens glaube ich, daß ein solcher
Plan besser ans AJC als an die Anti Defamation League in Chi¬
cago gehen sollte, die nach meinem Eindruck keine sehr ener¬
gische Institution ist und wahrscheinlich gegen einen so neuar¬
tigen Plan allerhand Widerstände entwickeln wird, während
ich mir vorstellen kann, daß Slawson positiv darauf reagiert.
Übrigens glaube ich daß das Labor Memorandum so wird —
und zwar überall schon mit Angabe von Belegstellen —, daß es
nur noch eine technische Aufgabe sein sollte, daraus einen
Text der qualitativen Analyse herzustellen.
Block erzählte mir, daß Arnheim über das Problem der Ra¬
diopropaganda gegen Antisemitismus gearbeitet hat. A. ist ein
relativ intelligenter Mann und Sie sollten ihn sich einmal
kommen lassen. Seine Adresse erfahren Sie durch die Rocke -
feller Foundation, Lazarsfeld, oder Leo.
Wenn es zur Formulierung eines ökonomischen Projekts
kommt, so meine ich, wir sollten nicht nur den Monopolis-
mus oben und die Ablenkungsfunktion des Antisemitismus,
sondern auch vor allem den anwachsenden numerus clausus-
Charakter innerhalb jeder einzelnen Gruppe der Gesellschaft
bis hinab behandeln, wie ich es in meinem kleinen Memoran¬
dum angedeutet habe. Ich halte es für wichtig, daß eine solche
ökonomische Untersuchung es nicht nur mit den pompösen
Klassen- und Konzentrationsproblemen zu tun hat, sondern
im einzelnen konkret die wirtschaftlichen Mechanismen auf¬
zeigt, die in Wirklichkeit — nicht bloß ideologisch zu den anti¬
semitischen Reaktionen der Massen fuhren.
Uns geht es ganz gut, gestern abend waren wir mit Maidon
aus. Am Samstag sind wir mit ihr bei Dieterles und Montag
abend zum Abschied bei ihr. We thouroughly enjoyed lt!
Alles Liebe Ihr alter Teddie

348
Ich habe an Else Brunswik, als eine Art Vertrauensperson,
nochmals ausführlich geschrieben und ihr auseinandergesetzt,
worauf es uns vor allem ankommt.

Recht gute Besserung für Ihren großen Zeh. Haben Sie noch
genug Colchicin? Granach ist immer noch im Royalton und
bleibt in New York, bis sein Buch erscheint. Unterdessen wird
er aber am Broadway in »A bell for Adano« spielen. Herzlichst
stets Ihre Gretel

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. handschriftlichem Postskriptum von


Gretel Adorno; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbi¬
bliothek, Frankfurt a.M.

Cole: Stewart G. Cole (1892-?) war von 1940 bis 1944 Direktor des »Bu¬
reau for Intercultural Education«, das hauptsächlich vom »American Je-
wish Committee« finanziert wurde.

Silverberg: Der Anwalt Mendel Silverberg (1886-1965) war Vorsitzender


des Community Relations Committee of the Los Angeles Jewish Com¬
munity Council.

ein night-mare: So im Brief.

Vortrag über Kunst und Religion: Vgl. Theses upon Art and Religion Today,
jetzt in: Adorno GS 11, S. 647-653.

Hocking: William Ernest Hocking (1873-1966) lehrte bis 1943 in Harvard


Philosophie.

der junge Hocking: Richard Hocking lehrte ebenfalls Philosophie.

mein Vortrag auf dem Musikkongreß: Wahrscheinlich der am 18. September


1944 gehaltene Vortrag »The Musical Climate for Fascism in Germany«,
vgl. jetzt Adorno GS 20-2, S. 430-440.

die Psychologin Gordon: Kate Gordon (1878-1963) lehrte von 1934 bis 1948
an der UCLA. Kate Gordon, nach ihrer Heirat Gordon Moore, forschte
über Gedächtnis, Aufmerksamkeit und geistige Tests bei Kindern.

349
eine Chiromantin: Nicht ermittelt.

Renee: Renee Nell, die Adorno schon aus Berlin kannte; vgl. auch Briefe
an die Eltern, S. 172 und passim.

mein großes Memorandum für das Labor Projekt: Nicht erhalten.

Arnheim: Rudolf Arnheim (geh. 1904) hatte in Berlin Psychologie stu¬


diert, der Gestaltpsychologe Max Wertheimer war einer seiner Lehrer ge¬
wesen. Arnheim publizierte 1932 »Film als Kunst« und 1936 in England
ein Buch »Radio«. Er verließ Deutschland 1932 und lebte bis 1938 in
Rom, 1939/40 in London. 1940 erreichte Arnheim Amerika und erhielt
ein Jahr später ein Stipendium der Rockefeller Foundation, um am »Of¬
fice ofRadio Research at Columbia University« arbeiten zu können; 1944
erschien im »Radio Research 1942-43« sein Aufsatz »The world of the
daytime serial«.

»A bell for Adano«: Das Stück von Paul Osborn (1901-1988) wurde im
Cort Theatre am Broadway vom 6. Dezember 1944 bis zum 27. Oktober
1945 gespielt.

286 Horkheimer an Adorno


New York, 13.11.1944

523 West 116 St.


NEW YORK, N. Y.

13. November 1944

Lieber Teddie,
Vielen Dank für das Memorandum vom 3. und den Brief
vom 9. November.
Das Memorandum hebt eine höchst wichtige Seite der Sa¬
che hervor: die Ausschaltung der Konkurrenz. Ich möchte ein
Zweifaches hinzufügen.
Erstens. Der Ausschluß jüdischer Individuen als Mitglieder
einer relativ ohnmächtigen Gruppe erfolgt erst im Faschismus
selbst. Natürlich fehlt es nicht an drastischen Vorzeichen aber

350
die Verhältnisse des Vorfaschismus liefern andererseits gute
Beispiele monopolistischer Tendenzen in Gruppen die ganz
von Juden beherrscht sind. Denken Sie an die berühmten 14
Jahre. Da gab es ganze Branchen in intellektuellen und außer¬
intellektuellen Bezirken in denen man ohne jüdische Bezie¬
hungen einfach verloren war. Denken Sie ferner an gewisse
Zirkel in Washington heute die zwar nicht gerade alle Chri¬
sten aber doch alle jene ausschließen, die nicht einer recht
engumrissenen jüdisch-progressiven Clique angehören. Ich
glaube zum Verständnis der gegenwärtigen Lage gehört das
klare Bewußtsein, daß eine kleine Anzahl machthungriger
Bürokratien sich darum reißen das Erbe des späthberalen Ka¬
pitalismus verwalten zu dürfen. Die ganze Gesellschaft ist
einem großen Geschäftsbureau zu vergleichen, in dem die
Angestellten Cliquen gebildet haben, die sich gegenseitig zu
verdrängen suchen. Die Situation hat aber Kafka’schen Cha¬
rakter angenommen, weil es schon fraglich geworden ist ob es
überhaupt noch einen Unternehmer gibt. Es scheint, daß der
bösartige, brutale, ausbeuterische Charakter schon ganz in die
sich bekämpfenden Gruppen der Anwärter eingezogen ist.
Das beste was sich dabei von den Juden sagen ließe, wäre, daß
sie zu dem sich auflösenden liberalistischen Unternehmertum
gehörten oder vielmehr gerade die sind an denen dessen Sün¬
den ausschließlich gerächt werden. Auch hierin ist der Fa¬
schismus das Zerrbild der sozialen Revolution. Die Juden sind
die Stellvertreter der ganzen Klasse.
Zweitens. Die monopolistische Ausschaltung der Konkur¬
renz aus allen Gruppen nimmt im Innern der Staaten unter
dem Faschismus nur gegen die Juden, sonst nur im Äußeren
gegen koloniale und nationale Schichten radikal zerstöreri¬
sche Formen an. Im übrigen, d. h., innerhalb des gesellschaft¬
lichen Lebens der industriellen Großstaaten ist die in Rede
stehende Tendenz bloß eine Nebenerscheinung der neuen
Eingliederung der Massen in den Produktionsprozeß. Die
durch nichts gehemmte Brutalität des individuellen Unter¬
nehmers, Grundbesitzers, Familienvorstandes, und so fort,

35i
wird im Zeitalter des kollektiven Arbeitsvertrages und der
Sozialgesetzgebung gebrochen und durch rationalere, gesell¬
schaftliche Beziehungen ersetzt. Dieser Rationalität auf die
Spur zu kommen, ihren irrationalen Charakter zu erforschen
gehört zu unseren eigensten Aufgaben. Von ihrer Lösung
hängt weitgehend auch die Theorie des gegenwärtigen Anti¬
semitismus ab.
Das ist alles gar nichts Neues; es sind vertraute Assoziatio¬
nen zu Ihren Gedanken. Zu solchen, die weiter fuhren,
komme ich vorerst nicht. Ich sitze meist in einem ganz freund¬
lichen Bureau des Committees und lese einige von den My¬
riaden Broschüren, die im letzten Jahre in die Welt hinausge¬
gangen sind. Im gleichen Zimmer sitzt eine Sekretärin, die
den Auftrag hat, meine Diktate zu nehmen und in der freien
Zeit für Dr. S. arbeitet. Die freie Zeit nimmt den weitaus
größten Teil des Tages ein, denn ich selbst diktiere höchst
selten etwas. Zumeist nehme ich an Meetings teil oder führe
Besprechungen mit einzelnen Mitgliedern des Staffs, in de¬
nen ich höflich meine Ansicht über die Myriaden zum Aus¬
druck bringe. Meine Verhandlungen wegen eines Assisten¬
ten haben vorerst zu einer halbzeitigen Anstellung eines
Herrn Dr. Kornhauser geführt, den ich durch Lazarsfeld
kennen lernte. Er besitzt einen ausgezeichneten Ruf als pub¬
lic opinion expert. Er soll ab i. Dezember mit mir arbeiten.
In den ersten Monaten wollen wir ein Maximalforschungs¬
programm ausarbeiten und bereits einige Untersuchungen
über die Wirkung der Committee Produktion einleiten. Für
das Testen der Radioprogramme hat außerdem Herta Lazars¬
feld ihre Abende und Samstage zur Verfügung gestellt. Viel¬
leicht kommt K. aber gar nicht. Tant pis. Er ist mir ziemlich
dunkel.
Wie schon im letzten Brief erwähnt, möchte ich möglichst
rasch hier und in Chicago parallele Untersuchungsreihen zur
Berkeley Study einleiten. Das hätte eine Anzahl offenkundi¬
ger Vorteile. Unter anderm würde es die »West Coast — New
York Achse« betonen. Sobald ich die ersten Konzepte für die

352
neuen Fragebogen hier habe, werde ich mit einigen prospekti¬
ven Mitarbeitern hier in Verbindung treten. Was die individu¬
ellen Interviews betrifft, so teile ich Ihre Abneigung gegen
den viel zu wenig spezifischen Rorschach-Test. Zufällig hat
sich hier jedoch ein in jüdischen Dingen bewanderter, junger
Professor gefunden, der viele Jahre mit dem Rorschach gear¬
beitet hat. Er hat eine Reihe von Artikeln über die Anwendung
des Tests auf spezifische Phänomene publiziert. Vielleicht kann
man diesen jungen Mann hier verwenden. Bettelheim in Chi¬
cago hat über die Verfeinerung des Murray-Tests gearbeitet.
Ich lasse gegenwärtig sein Manuskript kopieren und werde es
Ihnen mit der Bitte zusenden Ihre Gedanken und Anregungen
dazu mitzuteilen. Bettelheim ist einer der intelligentesten,
jungen Psychologen, denen ich bisher begegnet bin. Wenn¬
gleich seine Zeit übermäßig beansprucht ist, brennt er darauf
für uns etwas zu tun.
Ob es besonders geschickt ist, Fenichel über gelegentliche
Diskussionen hinaus mit unserer Arbeit in Verbindung zu
bringen, ist mir zweifelhaft. Analytiker seines Schlages haben
zuweilen recht brauchbare, theoretische Gedanken, können
aber schwer in eine regelmäßige, über Psychologie hinausrei¬
chende Arbeit eingespannt werden. Meine Absicht ist es, hier
eine Gruppe von Psychologen und Soziologen zusammenzu¬
bringen, die sich einmal monatlich treffen und über den Fort¬
gang unserer Arbeiten diskutieren. Zu diesem Zweck werde
ich nächste Woche unter anderen auch Hartmann und Nun¬
berg aufsuchen. Ich denke an etwa vier bis fünf Analytiker,
dazu die Lazarsfelds, Merton und noch einen oder zwei andere
von der Fakultät. — Ist das nicht alles entsetzlich!
Steinhart war hier, aber ich habe ihn nicht gesehen. Es
schwirrt mir der Kopf von den Leuten, die ich ja gesehen
habe: von japanischen Studentinnen bis herab zu Ernst Cassi-
rer. Vom Governor bis zu meiner Kusine Bertha. Ich bin dazu
nicht geschaffen. Es darf nicht länger dauern als die neun Mo¬
nate, die wir uns vorgenommen haben und wenn es vorher
ausgeht, desto besser. Wenn ich zurückkomme aber sollen alle

353
Dinge, nicht nur die im Committee, so geordnet sein, daß wir
uns nicht mehr um anderes kümmern müssen als um das was
uns angeht. Der Gedanke an diese Zeit gibt mir den Mut zu all
dem schrecklichen Betrieb und zu den falschen Reden und
Handlungen, zu denen er mich zwingt. Ich kann Ihnen nicht
sagen wie gut es ist, daß Sie da sind und daß ich weiß, wozu ich
arbeite.
In den nächsten Tagen werde ich telefonieren, damit ich
wenigstens einmal wieder mit Ihnen beiden sprechen kann,
wenn es auch nur ein paar Worte sind.
Herzlichst,
Ihr
Max.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Theodor W.


Adorno Archiv, Frankfurt a. M. — E: Horkheimer, Briefwechsel 1941 bis
1948, S. 602 ff.

Dr. S.: Wahrscheinlich John Slawson.

Dr. Kornhauser: Es handelte sich um den Psychologen Arthur William


Kornhauser (1896-?), der von 1921 bis 1943 Associate Professor in Chi¬
cago gewesen war und 1943/44 eine Gastprofessur am City College hatte.
Kornhauser arbeitete auf dem Gebiet der »Occupational Psychology, atti-
tudes, motivations and mental health of working people, labor-manage-
ment relations and psychology of social classes«. Kornhauser hatte 1938 im
Public Opimon Quarterly einen Aufsatz über »Attitudes of Economic
Groups« veröffentlicht.

ein . . . junger Professor: Nicht ermittelt.

Bettelheim / sein Manuskript: Der aus Österreich stammende Psychologe


Bruno Bettelheim (1903-1990), der nach dem Anschluß Österreichs an
Deutschland in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald ver¬
schleppt werden war, emigrierte 1939 in die USA und lehrte ab 1947 in
Chikago. Bettelheim arbeitete vor allem auf dem Gebiet der Kinder- und
Jugendpsychologie; seine Forschungen galten dem Autismus. - Das Ma¬
nuskript trägt den Titel »The Thematic Apperception Test as an Educatio-
nal and Therapeutic Device«.

354
Merton: Der Soziologe Robert King Merton (1910-2003) war 1941 an die
Columbia University gekommen, wo er gemeinsam mit Lazarsfeld über
Massenmedien und Propaganda arbeitete. Von 1942 bis 1971 war er Co-
Direktor des »Bureau of Applied Social Research« an der Columbia.

Governor: Der Republikaner Thomas Dewey (1902-1971) war 1943 bis


1954 Gouverneur des Staates New York.

meine Kusine Bertha: Bertha (Berta) Lehmann; näheres nicht ermittelt.

287 Horkheimer an Adorno


New York, 14.11.1944

November 14, 1944

Dear Teddie:
A few weeks ago, Schmulowitz sent in a letter dated, I
think, October 12, which Sanford had written him. In that
letter, Sanford gave a detailed annual budget on our project, as
far as his own study group was involved. The total amount was
somethmg more than $ 23.000. Schmulowitz had sent the let¬
ter on to Mr. Steinhart, and Steinhart gave it to Dr. Slawson.
I explained to Dr. Slawson that Sanford’s letter is no longer
pertinent, but since Stemhart wants a reaction, Dr. Slawson
will insert a casual remark in one of his letters that the project
is indeed sponsored by the Committee, and that any additional
amount will be used to make it even more useful. I teil you this
only for your Information.
The followmg point is utterly confidential. A few of our
friends have the opportunity to discuss matters of public inter-
est with outstanding Gentile businessmen. We discussed the
possibility of asking five or six test questions in the course of
these private talks. The questions might be direct or indirect.
Naturally, they should be stereotyped, as in the labor study.
I, myself, am giving thought to this problem, but I would be
very grateful if you, too, would draft a list of questions, direct

355
\

and indirect ones, which you should like to have used. Perhaps
you will send a larger number, so that we might pick out those
who are best fitted for the particular purpose. Smce the prob-
lem will be discussed here in about ten days, it would be fine
if I could have your reaction soon.
Most cordially yours,

Dr. Theodore Adorno


316 So. Kenter Avenue
Brentwood Heights
West Los Angeles
Los Angeles, California

P. S. I would like to know what kmd of person the writer, Dal-


ton Trumbo, is. Is he intelligent, does he have good relations
with producers? Could he possibly be picked out as the liaison
man between the Committee and the motion picture indus-
try?
Kindly try to get some Information about him without
mentioning to anybody why we want to know it.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

a list of questions: S. Brief Nr. 292 und die Anm. dort.

Dalton Trumbo: Dalton Trumbo (1905-1976) war ein hochbezahlter Dreh¬


buchautor in Hollywood. Er wurde in der McCarthy Ara vom »Commit¬
tee on Un-American Activities« der Mitgliedschaft in der Kommunisti¬
schen Partei beschuldigt — später gab er Verbindungen zu ihr zu — und
mußte wie die anderen Mitglieder der Hollywood Ten, die die Zusam¬
menarbeit mit dem Committee ablehnten, ins Gefängnis und wurde auf
die »Schwarze Liste« gesetzt. Er schrieb später unter Pseudonymen. Sein
Drehbuch für »Roman Holidays« wurde mit dem Academy Award ausge¬
zeichnet.

356
288 Horkheimer an Adorno
New York, 15.11.1944

November 15, 1944

Dear Teddie:
Please find enclosed copy of Bettelheim’s paper. He intends
to publish it and wants our suggestions as well with regard to
the publication, as with regard to our own views. Thank you.
Cordially yours,

Dr. Theodore Adorno


316 So. Kenter Avenue
Brentwood Heights
West Los Angeles
Los Angeles, California

Enc.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

289 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 16.11.1944

16. November 1944.

Lieber Max,
unterdessen dürfte mein großes Memorandum in Ihrer
Hand sein; ein paar addenda habe ich Fritz noch geschrieben.
So gern ich Ihnen sonst die Lektüre solcher Dinge erspare,
wäre ich Ihnen doch dankbar, wenn Sie es lesen würden, ein¬
mal weil die bloße Tatsache, daß Sie es kennen, der Realisie¬
rung dort zugutekommen wird, dann aber auch, wie bereits
angedeutet, wegen der Idee eines manual für Juden.
Miss von Mendelssohn wird Ihnen Ihren Vortrag bei den
Analytikern mit meinen Änderungen geben. Obwohl ich fast

357
an jedem Satz etwas tun mußte (oft mußte ich den Sinn aus
dem Stenographierten erst rekonstruieren), werden Sie sehen,
daß ich mit Ihrem Text äußerst behutsam verfahren bin, ein¬
mal weil ich es überhaupt nicht mag, in Sachen von Ihnen
herumzuwüten und dann weil ich bei meinem letzten Zusam¬
mensein mit den Analytikern wieder so stark den Eindruck
hatte, daß unser beider Dinge ihnen sehr gefallen haben (Kasa-
nen z.B. sagte mir, unsere Vorträge seien weitaus das beste der
ganzen Tagung gewesen), so daß ich keine Experimente ma¬
chen wollte. Es ist ja überhaupt so, daß jeder Schritt in der
Richtung auf Perfektion in unserem Sinn einer weg von der
äußeren Wirkung ist. Mein Votum ist daher, die Vorträge in
der jetzigen Gestalt zu publizieren. Aber es wäre beruhigend,
wenn Sie Ihren wenigstens noch einmal durchläsen. Unbe¬
dingt dagegen bin ich, irgendetwas von unseren praktischen
Vorschlägen der Publikation beizugeben. Wir würden unser
Pulver zu früh verschießen und uns nur Arger damit holen.
Leo habe ich meinen Projektentwurf mit detaillierten Vor¬
schlägen geschickt, wie er mit seinem abgeänderten zu ver¬
schmelzen wäre.
Was Berkeley anlangt, so sind die Nachrichten von dort für
meinen Geschmack allzu stockend. Levinson hat ein Moment
der Unzuverlässigkeit, Else Brunswik etwas Verängstigtes und
Sanford hüllt sich in Schweigen. Das braucht an sich nichts
Böses zu bedeuten, sondern wahrscheinlich hat er Schwierig¬
keiten, alle meine Vorschläge zu konsumieren und möchte
mir erst einen ausgearbeiteten Fragebogenentwurf vorlegen.
Immerhin meine ich, die Zusammenarbeit müßte sich in
einer dauernden Korrespondenz mit Vorschlägen und Gegen¬
vorschlägen ausdrücken und habe Brunswik sehr dezidiert in
diesem Sinne geschrieben. Doch ist es nicht ganz leicht, ohne
Reibereien das zu erzwingen, und ich denke, Brunswik sollte
spätestens Anfang Dezember für ein paar Tage hierher kom¬
men, wenn Sie nicht der Ansicht sind, daß es vorzuziehen ist,
daß ich dann wieder nach Berkeley gehe (eigentlich wollte ich
erst im Januar wieder hin).

358
Schreiben Sie mir doch bitte ein paar Zeilen — und wäre es
mit dem Radiergummi, vom Rüssel nicht zu reden — wie die
Dinge beim Committee sich entwickeln. Fritz deutete an, daß
Sie an einem großen Arbeitsprogramm beschäftigt sind, und
ich wüßte natürlich sehr gern, wie es damit steht — und nicht
aus eitler Neugier.
Der junge Felix Oppenheim hat mir eine Arbeit über logi¬
sche Analyse der Jurisprudenz geschickt, die das tollste an
Idiotie und Komik darstellt, was ich in der positivistischen
Sphäre überhaupt je zu sehen bekam. Die Beispiele darin
(who steals will be punished by imprisonment — who steals is
punishable by imprisonment) sind, wie wenn Sie in Ihren ver¬
wegensten Träumen es sich ausgedacht hätten. Wenn er Sie
nicht schon damit beglückt hat, will ich es Ihnen schicken.
Und da wir schon beim Heiteren sind, wenn Ihnen einmal die
»Internationale Literatur« in die Hände fällt, lesen Sie doch et¬
was von den Übersetzungen einer gewissen Klara Blum. Sie
hat legitime Anwartschaft auf den Titel einer roten Friederike
Kempner. Ein Gedicht gibt es da über den Ural, das ihr so
leicht keiner nachmacht.
Maidon haben wir in den letzten Tagen noch viel gesehen;
sie hat großartig während eines Ungewitters zu Dieterles
chauffiert. Hoffentlich ist sie gut gereist und angelangt.
Alles Liebe auch von Gretel an Sie beide
immer Ihr
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

mein großes Memorandum: Es ist nicht erhalten.

Ihr Vortrag hei den Analytikern: Horkheimer hatte auf dem von Ernst Sim¬
mel im Juni 1944 in San Francisco veranstalteten »Psychiatric Symposion
on Anti-Semitism« über den »Sociological Background of the Psychoana-
lytical Approach« gesprochen; vgl. Anti-Semitism. A Social Disease, ed.
by Ernst Simmel, New York 1946, p. 1-10 (dt. Horkheimer GS 5, S. 364

359
bis 372). - Adorno sprach auf dieser Tagung über »Anti-Semitism and
Fascist Propaganda« (vgl. Adorno GS 8, S. 397-407).

Kasanen: Nicht ermittelt.

Felix Oppenheim: Felix Oppenheim (1913-?) hatte Jura studiert; er hatte


1940 in der belgischen Armee gekämpft und war 1941 in die USA gekom¬
men. Er wurde später Professor für Politikwissenschaft, zuletzt von 1961
bis zu seiner Emeritierung 1983 an der University of Massachusetts in
Amherst. - Die im Brief genannte Arbeit von ihm ist nicht ermittelt.

Klara Blum; Klara Blum (1904-1971), in Czernowitz geboren und ab 1913


mit ihrer Mutter in Wien wohnend, war in ihrer Jugend Zionistin und
lebte ein Jahr in Palästina. Sie war dann als Journalistin tätig und gewann
1934 den Literaturpreis der »Internationalen Vereinigung Revolutionärer
Schriftsteller« - eine zweimonatige Studienreise in die Sowjetunion. Dort
blieb sie bis 1945. Während ihres Aufenthalts verliebte sie sich in den chi¬
nesischen Theaterregisseur Zhu Xiangcheng, der 1938 wegen Spionage
verhaftet und hingerichtet wurde. Auf der Suche nach ihm, da sie über
sein Schicksal nichts erfahren konnte, reiste sie ab 1945 durch Europa und
kam 1947 nach Shanghai. Sie wurde Professorin in Kanton, wo sie bis zu
ihrem Tod blieb, und nahm den Namen Zhu Bailan an.

Friederike Kempner: Werk und Wirkung von Friederike Kempner (1836


bis 1904) wird in der 7. Auflage des Großen Meyer so charakterisiert: »Ihre
ernst gemeinten >Gedichte< wirkten komisch, erlebten dadurch (vor allem
dank einer sie ironisch preisenden Kritik Paul Lindaus) viele Auflagen.
[. . .] Verdienste erwarb sie sich durch soziale Bestrebungen (Leichen¬
schau, Gefängnisreform, Tierschutz usw.).«

290 Horkheimer an Adorno


New York, ca. 17.11.1944

Kindly find out Trumbo’s religious denonnnation and wire


Morningside. Nothing mteresting here. Days pass by with
meetings and meetings.
Love to both of you.
MAX

360
ÜBERLIEFERUNG O: handschriftlicher Entwurf des Telegramms;
Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frank¬
furt a. M.

291 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 17.11.1944

17. November 1944.

Lieber Max,
wunderschön, daß Sie anriefen, und gerade in den ersten
Tagen, da wir hier ganz allein sind. So gut es ist zu wissen, daß
Ihre Dinge beim Committee sich freundlich anlassen, so wohl
tut es doch bestätigt zu hören, daß Sie inmitten des Betriebs so
wenig eine Sekunde lang vergessen, worum es uns geht, wie
ich, der ich es in meinem Tusculum ja leichter habe, von der
besten aller möglichen Welten nicht mich verlocken zu lassen.
Am Prinzip unseres Kurs kann kein Zweifel sein: zu unseren
Sachen kommen und die andern versuchen so zu lenken und
einzuspielen, daß sie, ohne uns mehr von unserer Zeit wegzu¬
nehmen als etwa eine Lehrtätigkeit, uns das Maß an Ruhe und
Sicherheit geben, dessen Sie und ich nun einmal bedürfen, um
etwas schreiben zu können. Ich will mit Freuden nach New
York kommen und alles dazu tun, daß wir zusammen eine sol¬
che Lösung finden.
Vielleicht wäre es gut, jetzt schon wegen der Zeiteinteilung
sich einige Gedanken zu machen. Mein Vorschlag wäre, daß
ich etwa Mitte Januar flir ein paar Tage nach San Francisco
gehe und von dort direkt nach New York fahre und dort drei
bis vier Wochen bleibe, die auch ein denkwürdiges Datum
einschließen würden. Eine Änderung dieses Plans würde sich
freilich ergeben, wenn ich zur Überzeugung käme, daß ich
schon vorher nach San Francisco muß. Das sollte sich während
der nächsten vierzehn Tage entscheiden und ich würde Sie

361
dann sogleich informieren. Bitte schreiben Sie mir rechtzeitig,
ob Sie mit meinem Plan einverstanden sind, damit ich mir die
Billette zusammenstellen lassen kann. Wenn wir es uns anders
überlegen, können wir es ja nach bewährter Regel immer
noch rückgängig machen.
Was den Komplex Schmulowitz-Steinhart-Slawson anlangt,
so glaube ich, es wäre gut, wenn Slawson etwas nachdrück¬
licher an Schmulowitz schriebe. Denn ich habe natürlich den
jüdischen Würdenträgern in San Francisco gegenüber den
Anteil des AJC in der ganzen Sache recht nachdrücklich ge¬
schildert, und es wäre nicht gut, wenn meine Darstellung, die
sich ja im übrigen ganz an die Tatsachen hielt, auch nur der
Form nach leicht desavouiert würde. Mein Eindruck ist, daß
Blumenfelds Entscheidung sehr weitgehend vom Rat Stein¬
harts abhängen wird. Vielleicht wäre es daher geraten, wenn
Slawson an Steinhart schriebe, einmal daß das AJC hinter dem
Projekt steht, dann, daß die Berkeley-Untersuchung relativ
selbständig ist, nicht in einem gigantischen Plan untergeht.
Wenn aber seine Bemerkung bereits in einem Brief an Stern-
hart und nicht an Schmulowitz enthalten ist, dann an den letz¬
teren, der eine besondere Freude an nichtigen Korresponden¬
zen hat. Bitte lassen Sie sich gegen die Drehkrankheit impfen.
Ja, es ist fürchterlich.
Ich will gern ein paar Fragen für die outstanding business
men entwerfen und schicke Sie Ihnen dann. Auch wegen
Trumbo werde ich mich erkundigen.
Nächste Woche nehme ich den Kontakt mit UCLA wegen
der Verdopplung der Berkeleyuntersuchung auf. Die Gordon,
die mir den Eindruck einer beschränkten Wohltätigkeitshyäne
macht, hat mich wiederum an den unvermeidlichen Fearmg
verwiesen. Das Niveau der University Religious Conference
war unbeschreiblich. Ein englischer Dichter namens Noyes
hat da gesprochen, der Religion im Sold der Flerrschenden in
einer Weise gepredigt hat, wie sie selbst unter deutschen
Oberhofpfarrern nur selten mag zu finden gewesen sein. Ich
hatte gerade genug Streit mit ihm, um es nicht zu langweilig

362
zu machen, aber ohne daß es uns bei UCLA kompromittiert
hätte.
Mit den Analytikern hier werde ich also, abgesehen von ge¬
legentlichen Begegnungen, nichts arrangieren. Es ist wirklich
einer immer ärger als der andere. Schreiben Sie mir doch bitte
über Ihren Eindruck von Hartmann und etwa auch Kris. (Kris
und Nunberg sind übrigens Schwäger, sie haben beide
Schwestern Rie geheiratet, Frau Kris ist selber Analytikerin
und er ist offenbar der Anreger der Brunswik.)
Ihre Bemerkungen zur Ausschaltung der Konkurrenz wol¬
len wir gut in Evidenz halten. Wenn wir ein ökonomisches Pro¬
jekt aufziehen, so muß es meinem Gefühl nach auch den gewis¬
sen research-Charakter bekommen, mit Erhebungen, und das
wird sich, wenn wir das Konkurrenzproblem in einem Quer¬
schnitt durch die Bevölkerung untersuchen, viel eher machen
lassen, als in den üblichen Studien über den Fortschritt der Kon¬
zentration, die Abnahme selbständiger Berufe usw. Denn ge¬
rade bei den unselbständigen dürfte der numerus clausus-Cha-
rakter sich besonders deutlich geltend machen, ähnlich wie in
Deutschland längst vor Hitler schon bei der Beamtenschaft, die
in gewisser Weise überhaupt das Schema gewisser Züge liefert,
die heute über die ganze Gesellschaft sich ausbreiten.
Sonst möchte ich Ihnen heute nur sagen, daß ich soviel an
Notizen niederschreibe, wie mir Zeit gelassen ist.
Alles Liebe und nochmals tausend Dank für den Anruf
Ihr alter
Teddie

Lieber Max, es war reizend, daß Sie angerufen haben. Sie feh¬
len mir auf Schritt und Tritt, besonders in der Garage und in
der Den. Und — damit Sie etwas über mich zu lächeln haben —
morgen, am 19. November sind wir genau 3 Jahre in Los An¬
geles, es war eine schöne Zeit. Ihnen und Maidon alles Liebe
stets
Ihre
Gretel

3Q
ÜBERLIEFERUNG Ö: Ts m. einer Beischrift von Gretel Adorno;
Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frank¬
furt a. M.

ein denkwürdiges Datum: Horkheimers fünfzigster Geburtstag am 14. Fe¬


bruar.

die Drehkrankheit: Eine vor allem bei Schafen durch den Drehwurm her¬
vorgerufene Krankheit, die mit Gehirnschwund und daraus resultieren¬
den Bewegungsstörungen verbunden ist.

Noyes: Alfred Noyes (1880-1958).

beide Schwestern Rie: Marianne Rie, selber Psychoanalytikerm, hatte 1927


Ernst Kris geheiratet. Margarete Rie war der Name ihrer Schwester. Ihr
Vater war der mit Freud befreundete Oscar Rie.

292 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 18.11.1944

November 18, 1944.

Dear Max:
Here a few suggestions for questions Gentile big business
men may be asked. As to the indirect questions, they are not
yet tested in the way I envisaged but the few I selected may ne-
vertheless serve their purpose.
I just got Bettelheim’s paper and shall write you about it in
an few days.
Most cordially yours,
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

a few suggestions: S. Anhang, S. 620-623.

364
293 Horkheimer an Gretel und Theodor W. Adorno
New York, 22.11.1944

November 22, 1944.

Dear Teddie and Gretel:


I received both of your letters, the one written before and
the one written after the telephone conversation, I don’t have
them with me right now.
This is just to teil you again that I glanced through your
memorandum concerning the Labor Study and that I think it
is excellent. However, I shall study it more carefully as soon as
I shall have the time for it. I shall see to it that your points are
properly used.
Nothmg important in the Committee. I am still trying to
get acquainted with what is being done and with the whole at-
mosphere. I hired Arthur Kornhauser half-time for a trial pe-
riod of two months. He was working with Lazarsfeld and
might do some good work with regard to testing of pamphlets
etc. I also hired a young Student who writes reports on the va-
rious public opimon studies and methods as developed during
the last years. He also helps me to draw up memoranda, writes
letters, a. s. f.
Last week I had a meeting with the Lewin group and made
a report about the relation of the two research projects. So far
it looks as if Lewin would try to be very cooperative. He had
authorized me to write also those parts of the report which are
concerned with his own program.
It is my intention to have the testmg of Radioprograms
a. s. o. started in January, possibly even earlier. Since this can be
done by Kornhauser with the aid of Herta Herzog, the little
time which I shall have left free of meetings and contacts can
be devoted to the outlming of the projects which we are our-
selves mterested in getting under way. I suppose that February
will be the month in which the final program will be drafted
and discussed with the various boards. This is the time in

365
which I shall possibly ask you to be present, but all this is very
uncertain.
The method for the payments from the Committee to our
Berkeley project is not yet decided. We thought at first it
might be a good idea to let these payments go through the In¬
stitute which would also gather the detailed reports and pre¬
sent them to the Committee. I know that Wild wrote you a
lengthy letter as to how to proceed. However, I found out that
in this case the whole amount would be considered as a grant
to the Institute which would certamly not be desirable. I shall,
therefore, discuss the problem with the Controller of the Com¬
mittee and let you know what we fmally agreed upon.
In great hurry,

PS. Thank you for your suggestions concernmg questions to


Gentile busmessmen.
In the meantime I made up a list of six which partly coin-
cide with your list. I thmk that if we ask our people to insert
more than six Standard questions in their discussions it will lead
to mconvemences. Anyway I might be able to replace one or
two of my suggestions by your formulations. Thanks again
M.H.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

Lewin: Der Sozialpsychologe Kurt Lewin (1890-1947) arbeitete auf dem


Gebiet der Gruppenexperimente, er war der Gründer des ersten For¬
schungsinstituts für Gruppendynamik am Massachusetts Institute of
Technology in Boston.

Wild: Frederick Wild verwaltete die Finanzen des Instituts für Sozialfor¬
schung.

366
294 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 23.11.1944

November 23, 1944.

Dear Max:
Please find enclosed two copies of my memorandum re
Bettelheim. I send you two so that you can send one to B. It is
so worded that he can use it immediately as a basis for rewrit-
ing and editing.
This implies that I have expressed myself more cautiously
than I would have done otherwise. As a matter offact, my im-
pression is not too favorable but au royaume des aveugles le bor-
gne est roi. You will read my objections between the lines and
I feel certain that you share them.
If I can keep the B manuscript I should like to send it to
Brunswik so that she can integrate her own methods with Bet-
telheim’s and perhaps communicate with him (ofcourse, all due
credit will be given to him). Please write me your OK. I should
also like her to read my present memorandum which contains
certain suggestions which may be useful for the case interviews.
Yesterday evening Salka was at our place and I asked her ca-
sually about Trumbo. Although he is a top writer at MGM’s
Salka thinks that he is a decent man, also politically, and a
much more gifted writer than, for mstance, Dore Schary.
Would you kindly ask Miss v. Mendelssohn to send me
Horney’s book on self-analysis which I should know because
it is so threateningly in the air.
Most cordially, also from Gretel.
Yours ever,
Teddie

I am strongly under the impression that the Labor Project


should stop playmg around with technicalities causing delay
and unnecessary expenses, and settle down for the evaluation.
Incidentally, if the present price level at the stock exchange
guarantees a fair profit, I am all in favor of selling. I foresee a

367
peace panic in the nea'r future. We may buy again when prices
are down.
Dixi et animam meam salvavi.
Love
T
Please destroy!

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. einem handbeschriebenen Zettel; Max-


Elorkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

my memorandum re Bettelheim: Es ist im Adorno Archiv erhalten.

au royaume des aveugles le borgne est roi: Das Wort steht in dem 1623 er¬
schienenen Picaro-Roman »La vraie histoire comique de Francian« von
Charles Sorel (1600[?]-1674).

Dore Schary: Der Drehbuchautor und Filmproduzent Dore Schary (1905


bis 1980) gehörte wie Trumbo zu den Hollywood Ten, die eine Zusam¬
menarbeit mit dem McCarthy-Committee ablehnten.

Horney’s book: Das 1942 erschienene Buch »Self-Analysis« der amerikani¬


schen Psychoanalytikerin Karen Horney (1885-1952).

Dixi et animam meam salvavi: Hesekiel 3, 19.

295 Horkheimer an Adorno


New York, 24.11.1944

Murray Hill 3-6700

FIFTEENTH FLOOR
386 FOURTH AVENUE
NEW YORK, N. Y.

12 West 72nd Street


24. November 1944.
Lieber Teddie:
Der überwältigendste theoretische Eindruck, den ich bis
jetzt hier hatte, in und außerhalb des Committees, ist die ra¬
pide Ausschaltung des Subjekts. In aller Eile gebe ich hier zwei

368
Beispiele, eines fiir die Realität und eines für die Wissenschaft,
in der sie sich spiegelt.
Die von links propagierte Ansicht, daß man zwischen Nazis
und Deutschen unterscheiden müsse gehört zum offenen
Übergang aus der Klassen- zur Racketphase der Gesellschaft.
Der Sinn dieser Parole ist kein anderer, als daß die Völker ein¬
fach Viehherden sind, die selbstverständlich jedem Leitham¬
mel nachlaufen oder: moderner ausgedrückt, auf Grund der
Erfahrung in psychologischen Methoden der Verwaltung zu
allem gebracht werden können, zu dem man sie haben will.
Die Russen, die freilich allen Grund dazu haben, plakatieren
diesen Sachverhalt, indem sie mit Regimentern, die aus ru¬
mänischen Kriegsgefangenen gebildet sind, in die rumäni¬
schen Städte einziehen. Das Volk in Waffen braucht bloß ein
paar Monate wissenschaftlich fundierter Propaganda ausge¬
setzt zu werden, um statt für die eine Clique für die entgegen¬
gesetzte in den Tod zu gehen. Im Grund gilt dasselbe für
Frankreich, das von Herriot-Weygand zu Laval-Petain und
von da zu de Gaulle herüberwechselte, jedesmal im Namen de
la grande France sein revolutionäres Blut vergießend. Demsel¬
ben Geist entspringt die Propaganda der Free Germans und
ihrer unvermeidlichen Dorothy Thompson. Wer wird denn
die Deutschen für die Nazis verantwortlich machen: wir wis¬
sen doch ganz genau, daß sie mit der gleichen Begeisterung zu
Stalin oder den General Motors übergehen! Und das ist’s, was
wir brauchen!
Die moderne Psychologie, in die ich anläßlich der Diskus¬
sionen mit Lewin, Merton u. a. einen flüchtigen Blick gewor¬
fen habe, entspricht genau dieser Entwicklung. Sie hat sich
entschieden von der Ideologie, das individuelle Subjekt spiele
eine geschichtliche Rolle, abgewandt. Die ganze Psychoana¬
lyse ist von vorgestern. Das grundlegende Experiment wurde
durch einige Fleischermeister angeregt. Sie veranlaßten eine
Agentur für Foodconsumption, zu untersuchen, ob die con-
sumption von less desirable meat Sorten, z.B. von Nieren,
nicht energisch gehoben werden könnte. Die sogenannten

369
mass media, Radio und Pamphlets, erwiesen sich als unzu¬
länglich. Die Menschen am Empfangsgerät nahmen zwischen
Traviata und Boheme, die beide allerdings mehr mit der
Lunge zu tun haben, von den Nieren nicht genügend Notiz.
Die Nierenkonsumtionskurve wollte und wollte nicht ent¬
sprechend steigen. Das war der Moment, in dem geniale Psy¬
chologen auf die Gestalttheorie zurückgriffen. Radio und
Broschüren wandten sich ja an die Menschen als Individuen so
zu sagen in ihrer atomisierten, chaotischen Form. Tatsächlich
aber lebt der Mensch strukturiert, organisiert, eingegliedert,
gestaltmäßig in Gruppen. Er trifft also Entscheidungen nicht
als Individuum, er akzeptiert Nieren nicht als Individuum. Er
konsumiert, was die Gruppe konsumiert. Daher beeinflusse
man die Gruppe, ändere die »group atmosphere«, stelle man
Bedingungen her, in der die Gruppe Entscheidungen trifft.
Der Weg dazu ist nicht der Zugang von außen zu den einzel¬
nen Individuen, der Appell an die Masse. Dieser entspräche
vielmehr einem mechanistischen, summativen, abstrakten Ge¬
danken. Die Änderung der Gruppenatmosphäre wird durch
Schulung der Leiter, durch diese der Unterleiter und durch
diese der Mitglieder erreicht. Solches konkretes Denken hob
den Nierenkonsum und eroberte alle Zweige der fortgeschrit¬
tenen Sozialpsychologie, damit arbeiten wir in der OSS, OWI,
AMGOT und UNRRA, wo es ja schließlich zumeist auch
um foodconsumption geht. Und warum sollten wir mit sol¬
cher Psychologie nicht auch die Mäuler stopfen, die Böses
über die Juden sagen. Wir experimentieren einfach mit inter-
cultural groups, schulen dann die Leiter, Unterleiter und Mit¬
glieder, und erreichen schließlich, daß die less desirable Men¬
schensorten vergnügter konsumiert werden. - Das ist der
dunkle Weg der Humanität.
Verzeihen Sie, ich muß mich jetzt wieder statistischen An¬
gaben über die letzten Wahlen zuwenden. Quand meme . . .!
Herzlichst
Ihr
Max.

370
PS. Da ich Oppenheims noch nicht gesehen habe, so habe
ich auch den schönen Entwurf von Felix noch nicht zu lesen
bekommen. — Slawson hat an Steinhart geschrieben. Ich
werde versuchen, ihn zu veranlassen, nochmals auf die Sache
einzugehen und vielleicht auch an Schmulowitz zu schrei¬
ben. — Sollte ich eine Frage von Ihnen unbeantwortet gelassen
haben, so bitte ich Sie, dies mir um der Umstände willen zu
verzeihen und sie in einem der nächsten Briefe zu wiederho¬
len.
M.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf; Max-Horkhei-


mer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M. — E:
Horkheimer, Briefwechsel 1941-1948, S. 606ff.

die Free Germans: Horkheimer dachte sicherlich zunächst an die 1936 von
dem Theologen Reinhold Niebuhr gegründete Vereinigung »American
Friends of German Freedom« und an das von Tillich geleitete »Council
for a Democratic Germany«, welches am 3. Mai 1944 gegründet wurde,
dann aber wohl auch an die im Juli 1943 in der UdSSR entstandene Bewe¬
gung »Freies Deutschland«, der deutsche Kommunisten und Kriegsgefan¬
gene angehörten. Ihnen gemeinsam war der Wunsch, das Hitlerregime zu
stürzen und so den Krieg zu beenden. Ob Horkheimer darüber hinaus
von den »Free Germans« in London, nach England emigrierten Gewerk¬
schaftern, wußte, die nach der Landung in der Normandie vom Office of
Strategie Services zu Spionagezwecken in Deutschland eingesetzt wur¬
den, ist ungewiß.

OSS, OWI, AMGOT und UNRRA: Die »Office for Strategie Services«,
die »Office for War Information«, das »Allied Military Government ofthe
Occupied Territories« und die »United Nations Relief and Rehabilitation
Agency«.

371
296 Horkheimer an Adorno
New York, 27.11.1944

November 27, 1944.

Dr. T. W. Adorno
316 S. Kenter Ave.
Los Angeles 25, Calif.

Dear Teddie:
Thanks for the Bettelheim memo which I shall read to-
mght. I shall forward it to Bettelheim.
Since so far I have asked him only whether I may give his
paper to you, I shall now ask his permission to send it to
Brunswik. As soon as I have his answer, I shall let you know.
Most cordially yours,

ÜBERLIEFERUNG O: Ts(Dg); Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

297 Adorno an Horkheimer


Los Angeles, 29.11.1944

Writers denomination controversial. Salka thinks it is hers but


other key [people] disagree. The latter advises caution because
of his too well known allegiances.
T.W.A.

ÜBERLIEFERUNG O: Abschrift des Telegramms; Max-Horkheimer-


Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

his too well known allegiances: Adorno bezieht sich vermutlich auf Trumbos
Verbindungen zur Kommunistischen Partei.

372
298 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 2.12.1944

December 2, 1944.

Lieber Max:
haben Sie tausend Dank flir Ihre Briefe vom 22., 24. und 27.
November. Ich antworte erst heute, weil ich bis über den Kopf
in Arbeit gesteckt habe. Einen Teil davon, mein neues Memo¬
randum über den abschließenden Report des Labor Project,
werden Sie bald sehen. Es ist eine Art Disposition raisonnee,
viel formaler als das vorige Memorandum, das wesentlich aus
inhaltlichen Vorschlägen bestand, und so gearbeitet, daß ich
glaube, daß alles, was das Projekt zustandebrachte, darin Un¬

terkommen kann und seine logische Stelle findet. Ich wäre Ih¬
nen wiederum sehr dankbar, wenn Sie ein Auge darauf hätten,
daß es nicht abgelegt, sondern verwirklicht wird. Dort, wo
wegen Zeit und Geld meine Vorschläge nicht ganz durchge¬
führt werden können, wird man sie vielleicht wenigstens
durch Beispiele demonstrieren können. Ich habe das Gefühl,
daß das Labor Project einen Sinn nur hat, wenn wir nicht ein¬
fach versuchen, es den üblichen Projekten dieser Art anzu¬
ähneln, sondern wenn wir gerade durch einen gewissen
Reichtum an Einsichten unser Eigenes daran zur Geltung
bringen und uns auch nicht durch die bei den andern herr¬
schende Theoriefurcht allzusehr terrorisieren lassen. Das sehr
reiche Material, an das ja theoretische Erwägungen durchwegs
konkret sich anschließen lassen, gibt dazu sehr willkommenen
Anlaß.
Wie sehr ich mit Ihren Gedanken über die Ausschaltung
des Subjekts übereinstimme, können Sie sich vorstellen. Ich
hatte übrigens 1936 in Oxford ein Prosastück über den Krieg
ohne Haß geschrieben, das Sie nicht kennen und in dem ich
auf die gleiche Mobilität der Staaten in Bezug auf außenpoliti¬
sche Kombinationen hmwies, die Sie nun für den Übergang
von Petain zu de Gaulle und die entsprechenden inländischen
Phänomene nachwiesen. Das Ticketprinzip ist wahrhaft uni-

373
versal, weit über den Antisemitismus hinaus. Und was die
»dunklen Wege der Humanität« anlangt, so hat man es mit
einer in der Tat satanischen Dialektik zu tun. Wie nämlich
wenn man, da die Welt heute schon einmal so ist, wie die
Schlächtermeister es sich vorstellen, wirklich den Konsum von
less desirable brands of human beings mit Hilfe der Gestalttheo¬
rie und der Schulung der Unterleiter steigern könnte! Huxley
hat auch das vorausgesehen, wenn er allen Kasten seiner rational
geschlossenen Gesellschaft embläuen läßt, »that even an Epsi¬
lon«, also die Untermenschen, eine notwendige und nützliche
Funktion hätten. Dazu der Gedanke, daß man selbst dazu ja
sagen müßte, wenn es die Ausrottung verhinderte.
Und da Sie schon von der OSS schreiben: diese ist, Gott
weiß warum, an mich herangetreten und hat mich unverbind¬
lich angefragt, ob ich unter Umständen einen Posten anneh¬
men würde. Eingedenk Ihres Prinzips, daß man immer noch
nein sagen kann, habe ich mein prinzipielles Interesse erklärt
und bin nun dabei die unbeschreiblichsten zwölfseitigen Fra¬
gebogen in vier Exemplaren auszufüllen. Meine Meinung ist
aber im Ernst, wenn nicht der Vorschlag außerordentlich günstig
ausfällt (und es ist ganz unsicher, ob es überhaupt zu einem po¬
sitiven Vorschlag kommen wird), nein zu sagen. Die Gründe
scheinen mir zwingend: die Antisemitismusuntersuchungen
und die Aussichten, die sie uns für später bieten, scheinen mil¬
der Art, daß ich bei der Stange bleiben möchte. Ebenso meine
ich, daß es nicht gut im Institutsinteresse wäre, wenn auch ich
noch on leave wäre. Dazu noch Ihr Motiv, daß es Sie beruhigt,
wenn ich wenigstens hier bin und an all unseren Dingen wei¬
termache. Selbstverständlich entscheiden wir auch das wie al¬
les gemeinsam, und ich werde Ihnen, wenn wirklich ein An¬
gebot erfolgen sollte, depeschieren oder Sie anrufen. Es wird
sich sicher über Wochen hmziehen. Wieso man auf mich ver¬
fallen ist, wer mich empfohlen hat und für welche Arbeit man
mich in Aussicht genommen hat, konnte ich nicht feststellen.
Je länger Sie weg sind, um so mehr fehlen Sie, und das Bild
in der Den, auf das ich von dem Sessel aus blicke, ist doch nur

374
ein unvollkommener Ersatz — die Aufklärung ist halt doch zu
weit fortgeschritten, als daß sich die Wirklichkeit der Bilder so
ohne weiteres rekonstruieren ließe.
Wenn ich Ihren Brief richtig verstehe, meinen Sie, daß ich
mir eine reservation erst für Anfang Februar nehmen soll.
Thomas Mann erzählte mir, Borchardt sei von den Deut¬
schen in Italien gefangen und verschleppt worden.
Der Aufsatz von Marcuse im Aufbau ist ganz nett, nur weiß
ich nicht, ob er sehr geschickt ist und die Leute nicht eher vom
Kaufen abhält als dazu ermuntert. Einen ganz leisen Unterton
von Ressentiment glaubte ich dabei zu fühlen. Wir hatten
Marcuses hier zusammen mit Roehn und dem kleinen Pop¬
per, und es war recht nett. Meine nightmares und anderen
Telegramme wegen Trumbo und Herta Lazarsfeld hoffe ich
unverstümmelt in Ihrer Hand. An Trumbo ist das beste, daß er
sich auf Jumbo reimt.
Alles Liebe, auch für Maidon, auch von der Gretel
von Ihrem verwaisten
Großen Rindvieh
Teddie
Könnte Miss v. M. mir ein paar Exemplare jener Aufbau-
Nummer schicken lassen? Schönsten Dank!

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Memorandum über den abschließenden Report des Labor Project: Das dreizehn¬
seitige Typoskript ist in Adornos Nachlaß unter der Signatur Ts 52660 bis
52672 im Theodor W. Adorno Archiv erhalten, s. Anhang, S. 608-619.

ein Prosastück: Es trägt den Titel »Ohne Haß«, vgl. Adorno. Eine Bildmo-
nographie, hrsg. v. Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a.M. 2003,
S. 145 f.

Huxley hat auch das vorausgesehen: In »Brave New World«.

OSS . . . diese ist ... an mich herangetreten: Näheres war nicht zu ermit¬
teln.

wenn auch ich noch on leave wäre: Adorno denkt an Herbert Marcuse, der
zeitweise für die OSS arbeitete.

375
Borchardt sei von den Deutschen in Italien gefangen und verschleppt worden:
Vgl. Rudolf Borchardt, Anabasis. Aufzeichnungen • Dokumente • Erin¬
nerungen 1943-1945, hrsg. von Cornelius Borchardt in Verbindung mit
dem Rudolf Borchardt Archiv, München 2003.

Der Aufsatz von Marcuse: Vgl. Ludwig Marcuse, Weshalb sind wir immer
noch Barbaren?, in: Aufbau, 10. November 1944, S. 22 (vol. 10, no. 45). —
Es handelt sich um eine Besprechung der »Philosophischen Fragmente«
von Adorno und Horkheimer.

Roehn: Franz Roehn (1896-1989) war Schauspieler und Sprechlehrer.

299 HORKEtEIMER AN AüORNO


New York, 2.12.1944

Kmdly wire straight whether you know Herta once at Lazars-


felds office and what your opmion. Love
Max

ÜBERLIEFERUNG O: handschriftlicher Entwurf des Telegramms;


Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frank¬
furt a. M.

300 Adorno an Horkeieimer


Los Angeles, 2.12.1944

KNEW HERTA BETTER FROM HER OWN WORK


THAN FROM OFFICE SHE IS INTELLIGENT AND EX-
CELLENT INTERVIEWER BUT NOT IMAGINATIVE
AND LACKS CONCENTRATION AND INITIATIVE.
HER QUESTIONNAIRE WORK DISAPPOINTING AD-
VISE AGAINST MAJOR ASSIGNMENT LOVE= TEDDIE.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

376
301 Adorno an Horkheimer
Los Angeles, 5.12.1944

MEMORANDUM

to: MH
from: TWA
Dec. 5, 1944

1) Among the most frequent Anti-Semitic Statements on a


quasi-rational level is the contention that »some action had to
be taken« in Germany since the Jews controlled the whole
economic life of the country and threatened to »swallow« it
altogether. In this connection not only banking and com¬
merce ist mentioned but also, which is amazing and points
back to some common source of Propaganda, industry and
particularly real estate. We know well the psychology behind
this contention but this should not deter us from refutmg it
also in objective terms, which could be done very easily on the
basis of material gathered by the Institute during the first year
of the Project, particularly the CV study and the study on the
Position of the Jews in pre-Hitler Germany. I should suggest
that the AJC gives a four week assignment to Gurland who
should prepare the material, with facts and figures, refuting
this contention. This should then be transshaped into an effec-
tive propagandistic form by some literary expert. I should like
to emphasize that the regularity with which this Statement not
only reoccured as answer to question 5 of the Labor Project
but also can [be] heard from supposedly liberal people, and
even Jews, has convmced me that it is one of the most urgent
short term tasks to refute it effectively once and forever.
2) The AJC s Summary of this years Research Conference
suggests (p. 16) that »a developmental study of Anti-Semitic at-
titudes« should be undertaken, »with particular reference to an
analysis of the development of anti-Jewish prejudice among
children«. I feel that we may do something about it. Else

377
Brunswik, Erikson and some other people close to the Prqject
on Social Discrimination are also affiliated with the Berkeley
Child s Welfare Institute and I think an investigation, question-
ing a sample of children in certain time intervals, could be
easily set up there and perhaps even linked up with our major
Project by studying the children as one of our Research
Groups.
Mrs. Brunswik will come here about the middle of next
week and I shall work with her for some days on the basic
questionnaire of the Discrimination Project draft of which I
expect tomorrow. I might well take the occasion to set up with
her the plan for such a study among children. Please let me
know whether you, and the AJC, are mterested and what
amount could be make available. My idea is that a small num-
ber of cases (10-12) should be taken up and studied very care-
fully so that one gets an idea of the concrete formative proces-
ses which make for Antisemitism. Maybe such an investigation
could be paralleled by something in New York.
Everything OK!
Most cordially
Teddie

ÜBERLIEFERUNG O: Ts; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt- und


Universitätsbibliothek, Frankfurt a.M.

the CV study and the study on the position of the Jews in pre-Hitler Germany:
Sowohl die Studie »The Defence Policy of the Central- Fhrein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens« wie auch die über »The Jews in Pre-
Hitler Germany« sind im Report für das AJC vom 30. April 1944 ange¬
führt.

question 3 of the Labor Project: Vermutlich die Frage 5) aus dem Fragebogen
für Geschäftsleute (s. Anhang, S. 621).

the Project on Social Discrimination: S. das Memorandum vom 27. Dezem¬


ber 1944 an Friedrich Pollock, Anhang, S. 623-625. — Mit diesem Memo¬
randum ist die Zäsur zwischen dem alten Antisemitismus-Project und
dem neuen Projekt, das in die »Authoritarian Personality« mündete, ge¬
setzt.

378
302 Horkheimer an Adorno
New York, 7.12.1944

BLUMENFELD IS IN NEW YORK FOR FEW DAYS. IT


MIGHT BE A GOOD IDEA TO GET IN TOUCH WITH
HIM AND TO EXPLAIN HIM THE WHOLE SET UP OF
OUR PROJECT AND THE PARTICULARS OF POSITION
OF THE BERKELEY STUDY MOST CORDIALLY=MAX
HORKHEIMER.

ÜBERLIEFERUNG Telegramm; Max-Horkheimer-Archiv der Stadt-


und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

303 Horkheimer an Adorno


New York, 9.12.1944

90 MORNINGSIDE DRIVE
NEW YORK, N.Y.

12 West 72nd Street


New York City, N.Y

9. Dezember 1944.

Lieber Teddie!
Ihr lieber Brief vom 2., Ihr Memorandum vom 5., dessen
»to: MH— from: TWA« einschließlich des »O.K.« am Ende in
dezenter Form die Warnung vor dem Bereich ausdrückt, vor
dem ich auf Ehre nicht kapitulieren werde, ferner Ihr Tele¬
gramm sind eingetroffen. Es geht mir gesundheitlich nicht
schlecht, ich muß jedoch jetzt schon alle Energie aufbieten,
um die emsigen Tage und Nächte auszuhalten, in denen ich
keinen einzigen vernünftigen Gedanken fassen kann. Es sieht
auch vorerst nicht so aus, als ob irgend etwas fürs Committee
selbst dabei herauskäme. Ich sitze da bei unzähligen Zusam¬
menkünften, bei denen ich zuweilen ein gescheiteres oder
dümmeres Wort einwerfe. Kehre ich in mein respektables

379
Zimmer zurück und will anfangen irgend etwas zu diktieren,
sei es auch nur ein Brief, so kommt ein freundlicher Executive
ins Zimmer und fragt mich, ohne Scheu vor meinem Vorna¬
men, was er wegen des Mayors Committee oder der Kriegs¬
veteranen tun soll, und verläßt mich dann mit dem Gefühl,
daß ich es halt auch nicht besser weiß. Es ist gar nicht so als ob
ein unmittelbarer Druck auf mich ausgeübt würde. Im Ge¬
genteil. Vorerst herrscht ehrwürdige Scheu und die stille Er¬
wartung, daß mit der Zeit irgend etwas Großartiges aus mei¬
ner »Abteilung« hervorgehen wird. Dieser Respekt trägt es
aber schon in sich, daß er eines Tages in grimmige Enttäu¬
schung umschlägt.
Mein Plan (»Der Mensch faßt einen Plan«) ist der folgende.
Ich muß ein paar Mitarbeiter haben, die so rasch wie möglich
research im hiesigen Stil einleiten: intensives testen von Radio
Programmen, die direkt oder indirekt vom Committee veran¬
laßt sind, testen der drastischeren Propagandamittel, die von
anderen Organisationen angewandt und vom Committee für
unzweckmäßig erachtet werden, ferner, Interviews in regio¬
nalen und sozialen Gruppen vor und nach der Bearbeitung
durch kombinierte oder einzelne Propagandamethoden des
Committees. Wenn diese Art research einmal im Gang ist,
wird sich, so hoffe ich, die Atmosphäre zur Vorbereitung un¬
serer eigenen prinzipiellen und auf längere Sicht angelegten
Studien emsteilen. Ein weiterer Grund zu diesem Vorhaben
bildet der Umstand, daß alle Kräfte des Instituts hier bis min¬
destens Ende Januar vollauf mit der Arbeiterstudie beschäftigt
sind. Es hat also gar keinen Sinn, vorher eine Arbeit anzufan¬
gen, bei der das Institut herangezogen wird. Da die Lewin
Leute schon eine fieberhafte Aktivität entwickeln, will ich in¬
zwischen beim Committee nicht mit ganz leeren Händen da¬
stehen. Verwickelt ist die Lage dadurch, daß man einfach
keine kompetenten Textexperts auf dem Markt findet. Mein
Plan ist also nicht leicht durchzuführen.
Bisher habe ich — zur Probe — folgende drei Leute einge¬
stellt: (i) Mr. Glaser, ein junger Student der Psychologie, der

380
gelegentlich bei der Herausgabe der Macdonaldschen Zeit¬
schrift geholfen hat. Er ist seit etwa drei Wochen da und macht
Berichte über die Arbeiten der Lewinschen Schule und an¬
dere psychologische Richtungen, über die wir bei unseren
Studien etwas wissen sollten. Er ist nett, freundlich, aufgeklärt,
schwerfällig, langsam und beschränkt. In den nächsten Wo¬
chen wird er einen Bericht über den Inhalt eines ungeheuer
umfangreichen Pakets machen, das auf unerklärliche Weise in
meinem Büro gelandet ist. Es enthält Sitzungsberichte, Ent¬
schließungen, Programmentwürfe einer der höchsten ein¬
schlägigen Stellen aus den letzten Monaten und ich war ge¬
rade im Begriff, das zu mir irregeleitete Paket weiterzugeben,
als mich die dazugehörige Respektsperson anrief und be¬
schwor, irgend etwas damit zu tun. (2) Herta Herzog. Sie ist
nicht mit John Herma zu verwechseln, der früher einmal mit
Lazarsfeld zusammengearbeitet hat. Sie ist die einzige erreich¬
bare Person, die das Testen von Radio Programmen und ande¬
ren Werbungsmitteln versteht. Um keine Verantwortung zu
übernehmen, habe ich mit ihr vereinbart, daß sie ihre gegen¬
wärtige Stellung nicht aufgibt. Sie wird nur einen Teil ihrer
Abende und die Samstage dem Committee widmen. Sie hat
erst seit acht Tagen angefangen und bisher sind wir über Be¬
sprechungen kaum herausgekommen. (3) Dr. Arthur Korn¬
hauser. Er ist in Milwaukee oder so wo geboren und im Prin¬
zip Professor für angewandte Psychologie an der Universität in
Chicago. Er war nur deshalb zu haben, weil er infolge häus¬
licher Komplikationen sich gerade in New York aufhielt und
im Lazarsfeldschen Büro einige Arbeiten durchführte. Er
dürfte Mitte 40 sein, ist Jude, hat ein scharfgeschnittenes Ge¬
sicht und einen Rest schwarzer Haare um eine große Glatze
herum. Er verbirgt seine Dummheit hinter äußerst fachmän¬
nisch klingenden Statements und seine ständige Wut hinter
einem Lächeln, das stereotyp jede seiner Äußerungen beglei¬
tet. Wenn er etwas negiert — und das tut er immer — schüttelt
er in einer für den Unterredner kränkenden Weise den Kopf.
Am besten könnte man seine Erscheinung als die eines dege-

381
nerierten Halbbruders Sherlock Holmes bezeichnen. Er ist für
ein bis zwei Monate halbtägig zur Probe angestellt. Bis jetzt
war er erst zwei Male da, hat sich aber mit meinen Gegnern im
Committee schon gut angefreundet. Selbst wenn er nichts
sagt, trägt er seine Mißbilligung meiner unsoliden und un¬
amerikanischen Methoden eindeutig zur Schau. Meine Idee
ist, daß er zunächst ein Programm für Interviews mit Gruppen
machen soll. Außerdem soll er die Verhandlung mit den Stel¬
len führen, von denen wir Leute zum Testen bekommen, so¬
wohl für Hertas Radio Tests als für die künftige parallele Stu¬
die zum Berkeley Projekt. Wahrscheinlich werde ich ihn zum
Jahresende entlassen, wenn ich vorher keinen Grund finde.
Da ich gerade von der Berkeley Studie spreche, möchte ich
daran erinnern, daß Sie mir sobald wie möglich den revidierten
Questionnaire senden. Auch wäre ich für eine genaue Angabe
der gegenwärtigen, von Brunswik befolgten Methode dank¬
bar. Ich habe bisher noch nichts zur Einrichtung einer Studien
Gruppe hier unternommen, möchte es aber bald tun. Viel¬
leicht aber fange ich mit der Gruppe in Chicago an, wenn wir es
nicht etwa so einrichten können, daß wir uns bei Ihrer Reise
hierher in Chicago treffen, was natürlich das Schönste wäre. An
Bettelheim kann ich erst dieser Tage schreiben, weil ich einfach
zu nichts komme. Noch nicht einmal die fünf mächtigen Leute,
bei denen Karpf mich durch wunderschöne Briefe eingeführt
hat, habe ich sehen können. — Zum Berkeley Projekt möchte
ich ferner noch daran erinnern, daß der unmittelbare Wert für
das Committee im Nachweis der Verbindung zwischen Antise¬
mitismus, Faschismus und destruktivem Charakter besteht.
Wenn wir den experimentellen Beweis der Bedrohlichkeit des
Antisemitismus für die demokratische Zivilisation führen
könnten, hätten wir schon fast mehr gehalten, als wir verspro¬
chen haben. Damit könnte das Committee in der Tat mäch¬
tige Verbündete gewinnen, vor allem Personen und Stellen,
die im Heer und der Zivilbevölkerung Maßnahmen träfen.
Greenberg, der für den Contemporary Record verant¬
wortlich ist, scheint zu den erfreulicheren Erscheinungen zu

382
gehören. Er hat angeregt, daß wir Teile der »Elemente des
Antisemitismus« im Record herausbringen. Er würde die
Übersetzung selbst besorgen. Außerdem erklärte er sich be¬
reit, Stücke aus Benjamins Nachlaß, auch wenn sie nicht die
geringste Beziehung zum jüdischen Problem hätten, im Re¬
cord aufzunehmen. Ich habe ihm gesagt, ich würde Ihnen
darüber schreiben. Wenn Sie mir zustimmen, bitte ich Sie, mir
möglichst bald Vorschläge zu machen, gegebenenfalls unter
Übersendung der betreffenden Stücke im eingeschriebenen
Brief oder — wenn Sie Bedenken haben, in Abschrift.
Haben Sie von der OSS schon etwas gehört? Ihre Reaktion
war völlig richtig, aber das Angebot muß schon überwältigend
sein, wenn wir uns auf eine weitere Verpflichtung einlassen
sollen, welche die ersehnte Wiederaufnahme unserer Arbeit,
spätestens im Herbst, gefährden könnte. Sie dürfen sich darauf
verlassen, daß wenn nichts ganz unverhofft Schlechtes oder
Gutes eintrifft, die Angelegenheiten des Instituts dann so weit
radikal geregelt sind, daß wir davon nicht mehr gestört wer¬
den. Das sieht auch Fritz jetzt ein.
Ihre Vorschläge im Memorandum kann ich beide verwen¬
den. Den ersten werde ich bei einer Besprechung über ein
Pamphlet anbringen, das in Maliers Department vorbereitet
wird. Den zweiten werde ich in die Liste der Studien aufneh¬
men, deren Umriß ich als Grundlage flir die Programm-Be¬
sprechung unseres »Departments« im Januar vorlegen werde.
Sie könnten mir sehr dadurch helfen, daß Sie mir ein bis zwei
detaillierte und budgetierte Seiten senden, die ich dann ein¬
fach hereinnehmen kann.
Was Ihre Reise betrifft, so halte ich es in der Tat für gut, daß
Sie sich einen Platz für Anfang Februar reservieren. Ich weiß
noch nicht, ob das Committee oder das Institut die Kosten
übernehmen wird. Jedenfalls wird Ihr Hiersein auch im Hin¬
blick aufs Institut wichtig sein. Sollte sich irgend etwas ändern,
so kann man die Reservation ja immer zurückgeben.
Wegen Blumenfeld werde ich recherchieren. Vorerst weiß
niemand etwas von seinem Hiersein.

383
Es gibt noch hundert Dinge, über die ich schreiben
möchte, aber im Augenblick — und nicht nur im Augenblick —
fehlt mir die Zeit dazu. Vielleicht depeschiere ich, wenn mir
noch etwas einfällt. Sagen Sie der Gretel, daß ich im Gedan¬
ken an die Tage lebe, in denen wir wieder vereinigt sind."' Ich
glaube aber, daß sie es weiß. Am I right?
Alles Liebe
Ihr Max.

PS. Ich wiederhole: Wichtiges, Vertrauliches nicht ins Com¬


mittee sondern ins Hotel schreiben.

ÜBERLIEFERUNG O: Ts m. gedrucktem Briefkopf u. mit einem Gruß


von Maidon Horkheimer; Theodor W. Adorno Archiv, Frankfurt a. M.

das Mayor Committee: Es wird das »Mayors Committee on the Umty«, das
von New Yorks damaligem Bürgermeister Fiorello H. LaGuardia am 28.
Februar 1944 eingesetzt wurde, gewesen sein. Das Ziel war »to make New
York City a place where people ofall races and religions may work and live
side by side in harmony and have mutual respect for each other, and where
democracy is a living reality«. Unmittelbare Ursache der Gründung waren
Rassenunruhen im Jahr 1943 gewesen.

»Der Mensch faßt einen Plan«: Vielleicht eine Anspielung auf Brechts »Bal¬
lade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens«.

Mr. Glaser: Wäre da nicht die Berufsbezeichnung Psychologe, so könnte


nur der Soziologe Nathan Glazer (geb. 1924) gemeint sein, der 1944 das
City College in New York abschloß, Leser der »Partisan Review« war und
Dwight MacDonald kannte, als dieser seine neue Zeitschrift »Politics«
gründete. Nathan Glazer war später Mitherausgeber von »Commentary«
und mit David Riesman Co-Autor von »The Loneiy Crowd«.

die Macdonaldsche Zeitschrift: Entweder meint Horkheimer noch die »Par¬


tisan Review«, die Dwight MacDonald bis 1943 leitete oder die von die¬
sem 1944 gegründete Monatszeitschrift »Politics«.

Das wünscht auch Maidon mit herzlichen Grüßen

384
John Herma: Über John L. Herma konnte Näheres nicht ermittelt werden.

Greenberg: Clement Greenberg (1909-1974), dessen beide Eltern aus Li¬


tauen stammten, war mit Englisch und Jiddisch aufgewachsen; er wurde
einer der bedeutenden Kunstkritiker der Moderne und übersetzte Kafka
und Brecht. Er war von 1939 bis 1942 Mitherausgeber der »Partisan Re¬
view«; ab August 1944 war Greenberg »Managing Editor« des zweimonat¬
lich erscheinenden »Contemporary Jewish Record«, der bald in »Com-
mentary« umbenannt wurde.

Maller: Über Julius B. Maller konnte Näheres nicht ermittelt werden.

304 Horkheimer an Adorno


New York, 11.12.1944

Following two points are relatively unimportant but need


quick attention. First, Joseph Roos of Lewis office in Connec¬
tion with Americans United prepares questionnaire for distri—
bution at premiere of »Tomorrow the World«. Since question¬
naire is intended to serve nationwide poll kindly make sure
that he accepts changes as suggested in my tomorrows letter
to you. Second, Kurt Lewins project will cooperate with
Trecker, Professor for group work at Southern California. Can
you find out for our personal Information whether he is really
authority in our actual field.
Most cordially
Max
12/11/44

ÜBERLIEFERUNG Telegrammvorschrift; Max-Horkheimer-Archiv


der Stadt- und Universitätsbibliothek, Frankfurt a. M.

Joseph Roos: Joseph Roos und Leon Lewis, beide Mitglieder der Jüdischen
Gemeinde in Los Angeles, hatten schon 1933 die Vertreter jüdischer Or¬
ganisationen zusammengerufen, um