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UNIVERSITÄT FÜR MUSIK UND DARSTELLENDE KUNST WIEN

Simon PIBAL

Die Pariser Weltausstellung im Jahr 1900

Matrikelnummer: 01501473
Studienkennzahl: UT 139 070 068

SEMINARARBEIT aus dem Lehramtstudium Bachelor im Fach


Instrumentalmusikerziehung

Erstellt innerhalb des Seminars „Kulturgeschichtliches Seminar 2“

Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

Leitung der Lehrveranstaltung: ao. Univ.-Prof.in Dr.in Margareta Saary

Wien, April 2021


Inhalt

1. Weltausstellungen: Leistungsschauen des Fortschritts .................................................... 2

2. Zur Idee der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 und ihre Bedeutung ........................ 3

3. Überblick über das Ausstellungsgelände und die nationalen Repräsentationsgebäude


entlang der Seines (Rue des Nationes) .............................................................................. 6
3.1. Ein Ausstellungsgelände als architektonisches Gesamtkonzept ................................. 6
3.2. Die Rue de Nationes..................................................................................................... 7

4. Ein kleiner Überblick über die technische Innovation ...................................................... 9


4.1. Pont Alexandre III......................................................................................................... 9
4.2. Plate-forme roulante ................................................................................................. 10
4.3. Der Elektrizitätspalast ................................................................................................ 11

5. Musik bei der Weltausstellung ........................................................................................ 12


5.1. Jean Sibelius in Paris 1900 ......................................................................................... 14
5.2. Gustav Mahler und die Wiener Philharmoniker in Paris 1900 .................................. 16

6. Abbildungsverzeichnis...................................................................................................... 18

7. Literaturverzeichnis .......................................................................................................... 19

8. Online-Quellen ................................................................................................................. 20

1
1. Weltausstellungen: Leistungsschauen des Fortschritts

Im Jahr 1851 fand in London mit der Great Exhibition oft he Works of Industry of All Nations
die erste internationale Ausstellung in großem Ausmaß statt. In einem Zeitraum von 164
Tagen haben insgesamt 14.000 Aussteller aus 25 verschiedenen Ländern innovative
Errungenschaften präsentiert. Mehr als 6 Millionen Menschen besuchten das 10,4 Hektar
große Gelände im Hyde Park.1 Die Hauptattraktion der Besucher*innen war der monumentale
Kristallpalast:

Ein Gebäude wie dieses hatte die Welt noch nicht gesehen. Es war siebenmal größer als
die St. Pauls-Kathedrale, aber nicht in festem Mauerwerk, sondern aus Eisen und Glas
erbaut. Man nannte es »Crystal Palace«, Kristallpalast, und schon in diesem Namen
schwang so etwas wie Ehrfurcht mit. Das Bauwerk war ein Zeichen der neuen Zeit. In
nur sechs Monaten war das gewaltige Gebäude aus vorgefertigten Eisen- und
Glasteilen im Hyde Park errichtet worden, 563 Meter lang und 124 Meter breit. In seiner
Mitte überragte ein 33 Meter hohes Glasgewölbe das Querschiff.2

Die Eröffnung der ersten Weltausstellung fand am 1. Mai 1851 im Kristallpalast im Beisein von
Königin Victoria und zigtausenden von Besucher*innen statt.3 Es war eine gigantische Feier
und der Beginn einer Ausstellungsleidenschaft, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts immer
wieder übertroffen werden sollte.4 In den kommenden Jahren wurden weitere
Weltausstellungen in Städten wie Paris, London, Wien, Philadelphia, Melbourne, Barcelona,
Chicago und Brüssel veranstaltet. Sie alle waren „technische Leistungsschauen und dienten
den nationalen Selbstdarstellungen ebenso wie dem Ländervergleich, dem Vergnügen und der
Belehrung.“5 Diese riesigen Feste boten für die Besucher*innen einerseits Unterhaltung,
andererseits konnte man sich über die unterschiedlichsten technischen Errungenschaften
anderer Länder informieren, diese bewundern, sich daran erfreuen und neue Kulturen

1
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 288.
2
Ebenda, S. 15.
3
Vgl. Ebenda, S. 16 – 20.
4
Vgl. Stelzle, Martin: Das Eigene im Fremden. Gustav Mahler und der ferne Osten, Hildesheim 2014, S. 138.
5
König, Gudrun M.: Der Schauwert der Dinge. Weltausstellung und Museum als Institutionen des Zeigens, in
Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-Forschungsprojekts „Wege in
die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im Germanischen Nationalmuseum,
8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014, S. 13.
2
kennenlernen. Gudrun M. König6 schreibt über die Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts:
„… [sie] zelebrierten mit den Massenfeiern der Dinge den Fortschritt.“7

Abbildung 1 Kristallpalast, London 1851

2. Zur Idee der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 und ihre


Bedeutung

Mit dem Näherrücken der Jahrhundertwende machten sich zwei Staaten schon frühzeitig
Gedanken über eine Jahrhundertausstellung: Deutschland und Frankreich. Wirtschaftsleute in
Deutschland berieten sich im Jahr 1892 und sprachen sich für eine Weltausstellung in den
Jahren 1896/97 in Berlin aus. Die Regierung stand diesem Plan allerdings skeptisch gegenüber.
Sie befürchtete, dass die Planungen der ohnehin schon stattfindenden Teilnahme

6
Gudrun M. König, Professorin am Institut für Kunst und Materielle Kultur der TU Dortmund, studierte
Empirische Kulturwissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Tübingen
7
König, Gudrun M.: Der Schauwert der Dinge. Weltausstellung und Museum als Institutionen des Zeigens, in
Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-Forschungsprojekts „Wege in
die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im Germanischen Nationalmuseum,
8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014, S. 13.
3
Deutschlands an der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 dadurch ins Stocken geraten
könne.8 Es gab also Unstimmigkeiten zwischen den Wirtschaftsleuten aus Berlin, welche einer
Weltausstellung gegen Ende des 19. Jahrhunderts entgegensehnten und der Politik. Die Pläne
aus Berlin standen still.

Frankreich nutze diese Gelegenheit und kündigte noch im selben Jahr (am 13. Juli 1892) die
Exposition Universelle für das Jahr 1900 in Paris an.9 Diese Jahrhundertausstellung sollte alle
vorangegangenen Weltausstellungen übertreffen und die großartigsten Errungenschaften des
19. Jahrhunderts zusammenfassen und präsentieren. Dafür wollte Paris den Besucher*innen
die schönste Bühne bieten. Nämlich die Innenstadt rund um den Eiffelturm und entlang der
Seine.10 Eine derartige Vergrößerung der Ausstellungsfläche erforderte auch Neuerungen im
Bereich des Transports. Um die Beförderung von Millionen von Besucher*innen zum und über
das „Ausstellungsgelände“ zu erleichtern, wurde in Paris die erste Untergrundbahn erbaut.11
Der Bau dieser Untergrundbahn war in Paris zu jenem Zeitpunkt schon längst überfällig. Die
Pariser*innen waren sehr stolz auf ihre Stadt und bezeichneten sie als das Zentrum der Welt.
Nachdem London aber bereits 1863 seine Untergrundbahn eröffnete, hinkte Paris beim
Fortschritt des Verkehrsnetzwerkes gegen Ende des 19. Jahrhunderts weit hinterher. Der Stolz
der Pariser erlaubte es nicht noch länger mit dem Bau einer eigenen Untergrundbahn
zuzuwarten, nachdem Städte wie Chicago, New York, Berlin und Wien ihnen ebenfalls
zuvorgekommen waren. Spätestens seit der letzten Weltausstellung in Paris 1889, bei der es
aufgrund der überwältigenden Besucherzahlen zu zahlreichen Staus kam, war es vollkommen
klar, dass eine neue Untergrundbahn bis zur Weltausstellung 1900 gebaut werden musste.12

Für die Beförderung der Besucher*innen am Ausstellungsgelände selbst, wurde ein „rollender
Gehsteig“ installiert, der die sie wie auf einem Förderband durch die Stadt und an den
Ausstellungen vorbei bewegte. Dieses kuriose Fortbewegungsmittel war bei den

8
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 140.
9
Vgl. Ebenda, S. 141.
10
Vgl. Ebenda, S. 141f.
11
Vgl. Geppert, Alexander C.T.: Weltausstellungen. Europäische Geschichte Online: http://ieg-
ego.eu/de/threads/crossroads/wissensraeume/alexander-c-t-geppert-
weltausstellungen?set_language=http://ieg-ego.eu/de/threads/crossroads/wissensraeume/alexander-c-t-
geppert-weltausstellungen (letzter Aufruf: 18.04.2021)
12
Vgl. Vortrag von Weaver Chapin, Mary (Portland Art Museum) vom 09.06.2019:
https://www.youtube.com/watch?v=Dc5Cx-gNGUA (letzter Aufruf: 24.04.2021)
4
Besucher*innen so beliebt, dass es selbst zu einer Hauptattraktion auf der Weltausstellung
wurde.13

Die Ausstellungsgebäude wurden in bedeutenden Baustilen der jeweiligen Nationen entlang


der Seines errichtet:

Für den Bau der nationalen Repräsentationsgebäude stellte die Pariser


Ausstellungsanleitung den gesamten Abschnitt des Quai d’Orsay an der Seine zur
Verfügung. Die Rue des Nations von 1900 lag mitten im Zentrum des Ausstellungsareals
zwischen der Pont Alexandre III. und dem Eiffelturm und bildete damit erstmals einen
Schwerpunkt im Gesamtkonzept einer Weltausstellung.14

Abbildung 2 Karte vom Ausstellungsgelände, Paris 1900

13
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 147.
14
Sigel, Paul: „Mit ausgesprochenem Nationalcharakter“. Länderpavillons auf Weltausstellungen als Medien
staatlicher Selbstdarstellung, in Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-
Forschungsprojekts „Wege in die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im
Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014, S. 43.
5
Die Idee hinter der Weltausstellung im Jahr 1900 war gewaltig. Es sollte die bisher größte und
fantastischste im Zentrum der Großstadt Paris werden und Innovationen aus sämtlichen
Bereichen der Technologie, Architektur, Kunst und Kultur zeigen. Es geht aber nicht nur um
das Zeigen von neuen Errungenschaften. Mindestens genauso wichtig erscheint das
Zugänglich-Machen fremder Kulturen und das Darstellen von Gegensätzlichkeiten anderer
Staaten. Die Rue des Nationes veranschaulicht dies deutlich.

3. Überblick über das Ausstellungsgelände und die nationalen


Repräsentationsgebäude entlang der Seines (Rue des Nationes)

In den nun folgenden Kapiteln soll etwas genauer auf die Konzeption des
Ausstellungsgeländes eingegangen werden. Aufgrund der gewaltigen Größe des Projektes
Exposition universelle et internationale de Paris 1900, musste man für die Umsetzung eine
Fläche von insgesamt 230 Hektar erschließen.15 Des Weiteren wird auf eine Auswahl der
unterschiedlichen Repräsentationsgebäude eingegangen.

3.1. Ein Ausstellungsgelände als architektonisches Gesamtkonzept

Die beiden vorangegangenen Pariser Weltausstellungen in den Jahren 1878 und 1889 fanden
auf einem weitaus kleineren Gelände statt. Der für die Ausstellung 1878 errichtete Palais du
Trocadéro und das Champ de Mars (Marsfeld), auf dem 1889 der Eiffelturm eröffnet wurde,
verfügten über genügend Ausstellungsfläche. Für die Vorhabnisse im Jahr 1900 musste
allerdings viel mehr Platz geschaffen werden.16 Deshalb nutzte man in diesem Jahr neben der
bereits bestehenden „Weltausstellungs-Fläche“ auch das Ufer entlang der Seines. In Richtung
Champs Elysées erschloss man eine weitere großzügige Ausstellungsfläche und verlängerte
diese durch eine neue Brücke über die Seines, den Pont Alexandre III. (Abb. 2) Architektonisch
gesehen, war diese Aufteilung des Geländes gut konzipiert. Die beiden Ausstellungs-
Prachtmeilen konnte man bequem mit Schiffen über die Seine oder zu Fuß entlang der Rue de

15
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 295.
16
Vgl. Ebenda, S. 142, 291ff.
6
Nationés erreichen. Hier im Zentrum der Stadt tummelten sich die Besucher*innen. Eine
weitere große Fläche mit Exponaten befand sich in der Stadt Vincennes, angrenzend an Paris.
Man konnte sie mit der neuen Untergrundbahn erreichen.17 Eine eindrucksvolle Beschreibung
des Hauptportals findet sich in folgendem Zitat:

… das von dem Architekten René Binet entworfene monumentale Hauptportal an der Place
de la Concorde, eine 30 Meter hohe Kuppelhalle, die von zwei Minaretten flankiert wurde.
Auf einem Podest an der Spitze der Kuppel thronte eine sechs Meter Frauenstatue, die das
gastfreundliche Paris symbolisierte. Der Clou des Bauwerks zeigte sich aber erst bei
Einbruch der Dunkelheit. Dann erstrahlte das Portal »in herrlichstem Lichterglanz«, aber
nicht im gleißenden Licht der Bogenlampen, sondern eher mit der Wirkung »eines düster
glühenden Ungeheuers«. Wie eine Schuppenhaut überzogen mehr als 3.000 blaue und
grüne Glühlampen die Oberfläche des Portals. Zusammen mit den Scheinwerfern, die an
exponierten Stellen und auf den beiden Minaretten installiert waren, tauchten sie das
Monument abends in ein »feenhaftes« Licht.“18

3.2. Die Rue de Nationes

Am Ufer der Seine zeigte sich eine weitere Idee der Pariser Weltausstellung 1900: Die
Gebäudearchitektur war keinesfalls fortschrittlich und zukunftsorientiert. Man wollte bei der
Ausstellung „die Bilanz eines Jahrhunderts ziehen“ und den Blick noch einmal in die
Vergangenheit werfen.19 Obwohl das Seine-Ufer im Jahr 1900 auf den Fotos dieser Zeit sehr
eindrucksvoll wirkt (Abb. 3), dürfte die Gebäudearchitektur nicht bei allen so gut angekommen
sein. Es wird von einem Schlaraffenland für Stukkateure berichtet, welche die
Gebäudearchitektur der unterschiedlichen Nationen aus vergangenen Jahrhunderten auf
übertriebenste Art und Weise mit Gips auf den Fassaden nachahmten. Der Architekt Hermann
Muthesius, welcher sich begeistert von der Architektur des Eingangsportals zeigte fand in
Bezug auf die Bauwerke an der Seine auch klare Worte und sah darin „schreiende
Anhäufungen ausschreitender Formen“, „wüste[n] Orgien aus Gips“, sowie „bloßen Prunk

17
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 141f.
18
Muthesius, Hermann und Schivelbusch, Wolfgang; zitiert nach: Kretschmer, Winfried: Geschichte der
Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S.144.
19
Ebenda, S. 145.
7
ohne Maß und Ziel“.20 Die Meinung des österreichischen Architektur-Malers und
Schriftstellers Erwin Pendel (1875-1945) sei der vorangegangenen gegenübergestellt:

Und doch haben diese, am Tage so masslos unruhigen Architekturen eine Zeit, in der
eine monumentale Grösse die einzelnen Gruppen umgibt. Wenn sich das ruhige
Firmament der Nacht über Alles wölbt und ein künstlicher, tausendfacher
Lichtschimmer Alles vereinigt, die Architekturen zu Leuchtkörpern verwandelt, wenn
die Hauptlinien markirt hervortreten, die Bauwerke in dunklem Umrisse das
Ungeheuere ihrer Grösse zeigen, dann steht der Beschauer geblendet vor einer am Tage
nicht geahnten Pracht.21

Abbildung 3 Rue de Nations, Paris 1900

Viele der Pavillons an der Seine erinnerten an ihre landestypischen Vorbilder: Ein
monumentales Gebäude mit Kuppel ähnlich dem Kapitol (USA), ein mit Zwiebelkuppeln
versehenes Gebäude ähnlich der Basilius-Kathedrale (Russland), eine gotische Burg (Ungarn),
oder ein barockes Schlösschen (Österreich). Was die Architektur des österreichischen

20
Muthesius, Hermann und Schivelbusch, Wolfgang; zitiert nach: Kretschmer, Winfried: Geschichte der
Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S.144.
21
Pendl, Erwin: Österreich auf der Weltausstellung in Paris 1900, Wien 1900, S. 3. Online Ausgabe:
https://archive.org/details/gri_33125009910445/page/n1/mode/2up (letzter Aufruf: 25.04.2021)
8
Repräsentationsgebäudes betrifft, so fand Erwin Pendel eine Beschreibung aus dem Pariser
Journal erwähnenswert. Darin wird das barocke Palais als „hübsch“ beschrieben, „so hübsch,
dass man davor niederknien möchte, wie vor einer Liebsten.“22 Vom kulturgeschichtlichen
Standpunkt betrachtet, lässt sich hier eine eindeutige Absicht hinter diesem „Minimundus“ an
der Seine im Paris des Jahres 1900 erkennen: Die Länderpavilions hatten in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts die Aufgabe unterschiedliche Nationalitäten in diesen landestypischen
Bauten zu präsentieren. Bereits 1865 hatte man die Idee, das kulturelle Leben der
verschiedenen Nationen der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen: „Jede Nation […] soll
auch durch irgend ein Gebäude, oder durch sonst ein passendes bauliches Unternehmen
vertreten sein, und zwar durch ein solches, welches in möglichst deutlicher und zugleich
interessanter Weise die Eigenthümlichkeiten des betreffenden Volkes in Bezug auf seine
Sitten und Gebräuche, wie auf seine ganze Lebensweise veranschaulicht.“23

4. Ein kleiner Überblick über die technische Innovation

4.1. Pont Alexandre III.

Für die Erweiterung des Ausstellungsgeländes zwischen der Avenue des Champs- Élysée und
dem Dôm des Invalides, wurde eine einzigartige neue Brücke über die Seine gebaut. Benannt
nach dem russischen Zar Alexander III., soll sie an das von ihm in die Wege geleitete
Militärbündnis zwischen Russland und Frankreich erinnern. Die Konstruktion der Brücke war
für die damalige Zeit einzigartig. Sie wurde möglichst Flach über die Seine gebaut, um den
weiten Blick von einem Ende des Ausstellungsgeländes bis hin zum anderen möglichst frei zu
halten. Mary Weaver Chapin, Kuratorin am Portland Art Museum, beschrieb die Brücke in
einem Vortrag über die Pariser Weltausstellung 1900 am 9. Juni 2019 als ein „technisches
Wunder“: „… it was a technological marvel crossing the river in a single steel arch spanning
350 feet.“24

22
Ebenda, S. 15
23
Bericht von der Central-Commission an den Kaiser vom November 1865; zitiert nach: Ebeling, Adolf: Die
Wunder der Pariser Weltausstellung von 1867, Köln 1867, S. 114. Online Ausgabe:
https://books.google.at/books?id=hCrjv7RmGRUC&pg=PA111&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=4#v=onepage&
q&f=false (letzter Aufruf: 25.04.2021)
24
Vgl. Vortrag von Weaver Chapin, Mary (Portland Art Museum) vom 09.06.2019:
https://www.youtube.com/watch?v=Dc5Cx-gNGUA (letzter Aufruf: 24.04.2021)
9
4.2. Plate-forme roulante

Die Plate-forme roulante (rollender Gehsteig) war neben den Ausstellungobjekten eine der
beliebtesten Attraktionen. Diese rollenden Fußwege waren bereits 1893 bei der
Weltausstellung in Chicago in Betrieb: „Der Fortaschritt präsentierte sich in Chicago dennoch
extensiv, vor allem in der breiten Anwendung der Elektrizität. So erleichterten eine fünf
Kilometer lange elektronische Hochbahn und ein elektrisch betriebener rollender Gehsteig
den Besuchern das Fortkommen auf dem weitläufigen Gelände.“25 In Paris führten diese
rollenden Gehsteige die Besucher*innen in einem Rundlauf um das komplette
Ausstellungsgelände. Die Gäste konnten während der Fahrt entweder auf der langsam-, oder
auf der schnellfahrenden Plattform stehen und jederzeit am gewünschten Ort wieder
absteigen. Die Fahrt kostete 1 Franc.26 Der Gebrauch dieses Fahrgeschäftes war jedoch für
viele Fahrgäste kein so leichtes Unterfangen. In einem Ausstellungskatalog des
Kunsthistorikers Georg Malkowsky (1851-1921) von 1900 findet sich folgender Bericht:

Diese Franzosen sind das eigentümlichste Volk unter der Sonne. Vor ihren Augen liegt
eine Ausstellung, die in ihrer gewaltigen Pracht französischem Geiste das glänzendste Zeugnis
ausstellt, aber das bekümmert sie nicht, das überlassen sie den Fremden. Für sie ist nur der
„Clou“ da und das Extrait aller Ausstellungsfreuden ist für den kleinen Epicier als sowohl wie
für den Clubman die Plate-form roulante. […] Aber zu einem ganz bestimmten Studium fordert
die Plate forme roulante den gewissenhaften Besucher geradezu heraus. Wem menschliche
Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit ein Vergnügen bereiten, wer für die unfreiwillige Komik
ängstlicher Tölpelei Sinn hat, der kann hier wahre Orgien feiern. In tiefem Sinnen, von der
Begierde getrieben, von der Angst gehindert, steht eine ältere Dame, die die Zeichen der Zeit
sorgfältig durch die raffinierteste Kosmetik kaschiert, auf dem festen Perron, lange zaudernd,
um endlich mit kräftigem Entschluss – leider allzu kräftig – auf die Plattform zu springen. Aber
der Sprung war zu energisch, sie fällt halb auf die schneller rotierende Bahn und während ihr
Oberkörper mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern in der Stunde die Reise um die
Ausstellung anzutreten sich schickt, folgten ihre unteren Extremitäten nur mit einer
stündlichen Leistung von vier Kilometern, bis ein Herr, ein menschlich Rühren spürend, sie aus
diesem Zwiespalt erlöst, indem er sie aufhebt. Aber während sie schüchtern verwirrt dankt und
ihre Toilette zu arrangieren bestrebt ist, trägt die obere Plattform ihren Hut mit einer
Geschwindigkeit von acht Kilometern von dannen. Aber all diese Gefahren erhöhen in dem
Reigen der Pariser den Reiz ihres „Clou“.27

25
Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 138.
26
Vgl. Vortrag von Weaver Chapin, Mary
27
Malkowsky, Georg (Hrsg.): Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild, Berlin 1900, S. 170
10
In dem folgenden Videodokument, in dem Ausschnitte von Filmaufnahmen auf der
Weltausstellung von Paris zu sehen sind, kann man die stolpernden Fahrgäste sehen:
https://www.youtube.com/watch?v=O_p-Ls1-I3Y

4.3. Der Elektrizitätspalast

Die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts im Bereich der Elektrotechnik sollten mit diesem
prunkvollen Gebäude gewürdigt werden. Nach außen Hin war dieser Palast eine
eindrucksvolle Sehenswürdigkeit. Aus Eisen und Glas erbaut, mit zahlreichen Glühlampen in
allen Farben und bis zu 70 Meter hoch stand das Gebäude am Marsfeld und damit auf einem
der besten Plätze des Ausstellungsgeländes. Vor dem Palast bot ein „Wasserschloss“ aus
Fontänen und Wasserfällen den begeisterten Menschenmengen ein prachtvolles
Besuchserlebnis.28 Im Inneren des Palastes standen riesige Dampfdynamomaschinen. Das
Wasser aus dem Brunnen vor dem Palast wurde zur Speisung der Kessel verwendet. Die
Maschinen wiederum erzeugten den Strom für die Beleuchtung des Gebäudes. Das
Unternehmen Siemens & Halske mit Sitz in Wien, stellte auch Maschinen dieser Art aus.29
Bereits im Jahr 1890 war dieses Unternehmen zum wichtigsten Elektroindustrieunternehmen
in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie aufgestiegen. Der revolutionäre und in
rasantem Tempo fortschreitende Ausbau der Elektrotechnologien war eine der größten
Errungenschaften zu diesem Zeitpunkt.30 Das sensationelle an der Ausstellung der neuen
Maschinen im Elektrizitätspalast war, dass diese den „Beginn einer neuen Ära der industriellen
»Kraft- Erzeugung und Kraft-Verwertung« signalisierte.“31 Mit den neuen Maschinen konnte
man Kraft erzeugen, diese in elektrischen Strom umwandeln und über Kabel überall hin
verteilen. Das Unternehmen Siemens & Halske errichtete ein Kabelwerk und noch im selben
Jahr 1900 eine Maschinenfabrik in Leopoldau (Wien).32 In Paris wurde der elektrische Strom

Heidelberger historische Bestände – digital: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/malkowsky1900/0184


(letzter Aufruf: 24.04.2021)
28
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 149.
29
Ebenda, S. 150.
30
Vgl. Online-Artikel Siemens & Halske: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Siemens_&_Halske (letzter
Aufruf: 24.04.2021)
31
Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 150.
32
Vgl. Online-Artikel Siemens & Halske: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Siemens_&_Halske (letzter
Aufruf: 24.04.2021)
11
nicht nur für die Beleuchtung, sondern natürlich auch für den Betrieb der rollenden Gehsteige
und der Untergrundbahn genutzt.

Abbildung 4 Elektrizitätspalast, Paris 1900

5. Musik bei der Weltausstellung

Unterhaltung war ein sehr wichtiger Bestandteil der Weltausstellungen. Die Besucher*innen
wollten sich nicht nur über die technischen Neuerungen oder anderen Kulturen informieren,
sondern diese auch selbst hautnah erleben. Möglich gemacht wurde dies durch Fahrgeschäfte
wie die Plate-forme roulante, die Untergrundbahn, zahlreichen Illusionsobjekten wie dem
„verkehrten Haus“ auf der Vergnügungsmeile33, dem Riesenrad, unzähligen Restaurants und
natürlich auch durch Musik:

Exotisches war dementsprechend in allen möglichen Ausstellungszusammenhängen zu


sehen, Tanz- und Musikgruppen begleiteten jede Art von Veranstaltungen und dienten
als Hintergrund- und Beiprogramm zu den verschiedensten Anlässen.34

33
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 146.
34
Kuchenbuch, Thomas; zitiert nach: Stelzle, Martin: Das Eigene im Fremden. Gustav Mahler und der ferne
Osten, Hildesheim 2014, S. 142.
12
Ein weiterer Bericht schildert die Höreindrücke in Paris wie folgt:

Die Luft ist getränkt von Klängen der verschiedensten Orchester. In einem der eleganten
Kiosks spielt eine amerikanische Truppe bekannte Bravour-stücke; eine Zigeunerkapelle
sendet uns Strauss’sche Walzer beim Vorübergehen an einem fashionablen Restaurant
entgegen; spanische Estudiantinas girren uns mit Mandolinenbegleitung andalusisches
Liebeslied und Liebesglück; blonde schwedische Jünglinge geigen nordische Melodien;
Wasserfälle rauschen, das Pusten und Stampfen von Riesenmaschinen durchdröhnt die
Luft; Glockenspiele, Kuhreigen, Nebelhörner, Orchestrions, musikalische
Phonographen, dazu das ferne Tuten der Dampfschiffe auf der Seine und der
elektrischen Bahn, das Gesurr der unzähligen Stimmen des Menschengewühls, das alles
umhüllt die sonnendurchglühte Atmosphäre in den Gefilden der Ausstellung.35

Es herrschte eine regelrechte „Kirmesstimmung“ und „in zahlreichen Cafébuden gab es Mokka
zu trinken, Bauchtänzerinnen, Schlangenbändiger und Zauberer ergötzten Tausende.“36 Auch
die Deutschen hatten ein bayerisches Bierhaus in der Nähe des Eiffelturmes aufgebaut in dem
Blasmusik gespielt wurde.37 In den Städten verbreitete sich das Drehorgel-Spiel besonders ab
der Mitte des 19. Jahrhunderts im öffentlichen urbanen Raum.38 Diese Spielleute wurde
bereits 1833 in der Oekonomischen Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt-
Haus- und Landwirthschaft beschrieben: „[…] Ein Musikant, […] welcher ein Gewerbe daraus
macht, Andere mit seinem Instrumente zu belustigen, nach dieser allgemeinen Benennung
würde es ein Jeder seyn, welcher besonders um Geld andere Leute mit der Musik vergnügt.“39
Aber nicht nur Unterhaltungsmusik in Form von Straßenmusikanten und der Begleitmusik,
wie am Beispiel der Blaskapelle im Wirtshaus, wurde geboten. Am Abend wurden regelmäßig
große philharmonische Konzerte veranstaltet. So dirigierte zum Beispiel Antonin Dvořák bei
der vorvorigen Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 höchstpersönlich seine Symphonie
Nr. 8 Aus der neuen Welt.40 Bei der Weltausstellung in Paris 1900 waren ebenso bedeutende

35
St. Cére, Anne: Ausstellungs-Plauderei, in: Malkowsky, Georg (Hrsg.): Die Pariser Weltausstellung in Wort und
Bild, Berlin 1900, S. 170, Heidelberger historische Bestände – digital: https://digi.ub.uni-
heidelberg.de/diglit/malkowsky1900/0184 (letzter Aufruf: 25.04.2021)
36
Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 146.
37
Ebenda.
38
Vgl. Grosch, Nils: Die Drehorgel und die Eroberung des öffentlichen Raums durch populäre Musik im 19.
Jahrhundert, in Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-
Forschungsprojekts „Wege in die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im
Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014, S. 106ff.
39
Artikel: Spielmann. In Krünitz, Johann Georg: Oekonomischer Encyklopädie oder allgemeines System der
Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft. Bd. 158, Berlin 1833; zit. nach Online-Ausgabe:
http://www.kruenitz1.uni-trier.de/ (letzter Aufruf: 25.04.2021)
40
Vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999, S. 139.
13
Komponisten mit ihren Orchestern zu Besuch. So zum Beispiel der finnische Komponist Jean
Sibelius (1865-1957). Er war mit dem Orchester der Helsinkier Philharmonischen Gesellschaft
auf Tournee. Das Orchester konzertierte auf dieser Reise in Stockholm, Oslo, Göteborg,
Malmö, Kopenhagen, Lübeck, Hamburg, Berlin, Amsterdam, Den Haag, Rotterdam, Brüssel
und schließlich in Paris.41

5.1. Jean Sibelius in Paris 1900

Auch Finnland war in Paris 1900 mit einem eigenen Repräsentationsgebäude vertreten. Dieses
zeigte sich, neben den Pavillons der anderen skandinavischen Länder und im Gegensatz zu den
Gebäuden der Großmächte an der Rue des Nations, in einem „regionaltypischen Jugendstil“
mit „tief herabgezogenen Dächern“ und „spitzen Türmchen“.42 Die Beziehungen zwischen
Russland und Finnland waren nach dem Februarmanifest nicht die Besten. Nach dem Tod des
Zar Alexander III. von Russland und mit der Machtübernahme durch Nikolaus II. begannen die
Ideen einer Russifizierung Finnlands. Finnland sollte mit Russland auf „verwaltungs-
technischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene“ verschmelzen.43 Finnland wollte jedoch
unabhängig sein und zeigte dies auch auf der Weltausstellung in Paris.

Als Abschluss einer großen Tournee wurde das Orchester der Helsinkier Philharmonischen
Gesellschaft nach Paris eingeladen. Dirigent auf dieser Tournee war der finnische Komponist
Robert Kajanus (1856-1933). Er war auch verantwortlich für die Programmzusammenstellung
der Konzerte in Paris. Neben eigenen Werken und Werken des Finnen Edvard Armas Järnefelt
(1869-1958), lag der Fokus des Programms auf Stücken des Komponisten Jean Sibelius. Von
letzterem standen seine erste Symphonie sowie die Sinfonische Dichtung Finlandia auf dem
Programm. Den Namen Finlandia hatten die Musiker allerdings nur bei den Konzerten in
Schweden und Norwegen als Bezeichnung für das Werk verwendet. In allen anderen
europäischen Ländern wählte man die Namen Vaterland oder La Patrie.44 Der Grund für diese
Namensänderung lag in der spannungsgeladenen Situation zwischen Russland und Finnland:

41
Vgl. Tawaststjerna, Erik: Jean Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005, S.112ff.
42
Sigel, Paul: „Mit ausgesprochenem Nationalcharakter“. Länderpavillons auf Weltausstellungen als Medien
staatlicher Selbstdarstellung, in Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-
Forschungsprojekts „Wege in die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im
Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014, S. 48.
43
Multimediale Geschichte Ungarns und Finnlands Online (Universität Rostock): http://www.philfak.uni-
rostock.de/imd/41/ungarn_finnland/Inhalt/Kapitel5/Fin/Texte/de/T541G.html (letter Aufruf: 25.04.2021)
44
Vgl. Tawaststjerna, Erik: Jean Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005, S.110.
14
„Der neutrale Name La Patrie statt Finlandia ließ Hintertürchen offen; im Notfall konnte man
erklären, daß damit das gemeinsame Vaterland aller treuen Untertanen des Zaren gemeint
war.“45 An seine Frau Aino schrieb Sibelius am 27.07.1900 beunruhigt:

Denk Dir, sie haben Russie auf die Konzertbillets gedruckt. Das wird jetzt ausgestrichen
und an seine Stelle kommt Finlande. Kajus war heute morgen bei mir und sagte, er habe Angst
wegen der Ausstreichung. Man merkt schon Rußlands Einfluss, z.B. kriegt man keine Probezeit
im Trocadéro. Man hat Ausflüchte und ändert dauernd. […] Wir werden sehen, was aus
unseren Konzerten wird. Die prorussischen (chauvinistischen) Zeitungen werden aus allen
Kräften schimpfen, vor allem auf mich, weil ich als national gelte.“46

Die Konzerte in dem riesigen Konzertsaal des Trocadéro Palastes an der Seine kamen
allerdings sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern sehr gut an. Sibelius berichtet von
dem Erfolg der Konzerte und dass seine Symphonische Dichtung Finlandia (in den Pariser
Konzerten La Patrie genannt) im finnischen Pavillon sehr gelobt wurde.47

Die Komposition selbst war eigentlich nicht als eigenständiges Werk geplant worden, sondern
als Teil einer Reihe von mehreren kurzen Stücken. Der Leiter des Finnischen Theaters in
Helsinki beauftragte Sibelius 1899 mit der Komposition von Musik zu verschiedenen
Tableaux48, die im Rahmen der Pressefeiern 1899 präsentiert werden sollten. Die
Pressefreiheit war durch das Februarmanifest massiv eingeschränkt worden und Sibelius
beteiligte sich somit an der „Protestfeier“ der Presse durch seine Musik. Die Tableaux
schilderten die finnische Geschichte und trugen die Titel Die Finnen werden getauft, Die Finnen
im Dreißigjährigen Krieg, Der große Unfriede oder Finnland erwache (auf Finnisch: Suomi
herää).49 Letzteres bezog sich auf die Revolte der Finnen gegen den russischen Zaren. Auf der
Weltausstellung in Paris war es dieses Stück, welches unter dem Namen La Patrie zur
Aufführung kam. Die eindrucksvolle ca. 8-minütige Komposition wurde bald zur inoffiziellen
finnischen Nationalhymne.

45
Tawaststjerna, Erik: Jean Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005, S.110.
46
Jean Sibelius in einem Brief an seine Frau Aino Sibelius am 27.07.1900; zitiert nach: Tawaststjerna, Erik: Jean
Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005, S.114.
47
Vgl. Tawaststjerna, Erik: Jean Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005, S.114f.
48
Tableau (Pl.: Tableaux): laut Duden: wirkungsvoll gruppiertes Bild (auf einer Bühne oder Leinwand), Gemälde
(veraltet)
49
Vgl. Ankündigungstext einer Konzertübertragung des Radiosenders Ö1 vom 07.03.2018:
https://oe1.orf.at/programm/20180307/508439/Sibelius-der-Zar-die-Pressefreiheit-und-die-Musik (letzter
Aufruf: 25.04.2021)
15
Der deutsche Kultur-Radiosender WDR 3 hat am 05.04.2020 einen 13-minütigen Beitrag über
Sibelius‘ Finlandia ausgestrahlt. Auf der Website des Senders steht dieser zum Anhören und
Download zu Verfügung:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/meisterstuecke/audio-jean-sibelius-finlandia-
100.html

5.2. Gustav Mahler und die Wiener Philharmoniker in Paris 1900

Ungefähr ein Monat vor den Konzerten des Orchesters der Helsinkier Philharmonischen
Gesellschaft trat der österreichische Dirigent - und zum damaligen Zeitpunkt Leiter - der
Wiener Philharmoniker, Gustav Mahler (1860-1911) mit seinem Orchester in Paris auf. An fünf
Konzertabenden vom 18. bis zum 22. Juni 1900 dirigierte er unterschiedliche
Konzertprogramme. Darunter Werke der Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig
van Beethoven, Louis Spohr, Franz Schubert, Robert Schuhmann, Edvard Grieg, Hector Berlioz,
Richard Wagner, Anton Bruckner, Karl Goldmark u.a.50

Die ersten beiden Konzerte fanden im Théâtre du Châtelet statt und kamen gut an. Kurz vor
dem zweiten Konzert erlitt Mahler einen Schwächeanfall, konnte sich aber rechtzeitig wieder
erholen und das Konzert trotzdem dirigieren. Auch der Wiener Männergesangsverein
beteiligte sich an jenem Konzert des zweiten Abends in Paris.51 Die drei folgenden Konzerte
fanden im großen Konzertsaal des Trocadéro Palastes statt. Auch diese Konzerte fanden
großen Beifall von Publikum und Kritik, jedoch waren die Musiker selbst mit der Akustik des
Saales und dessen kitschiger Dekoration überhaupt nicht zufrieden und schlugen sogar ein
Angebot noch 5 weitere Konzerte für 20.000 Franc zu spielen ab.52

Zu Beginn seines Aufenthaltes in Paris zeigte sich Mahler noch beeindruckt von der neuen
Umgebung. Er besuchte in den ersten Tagen auch das Schloss Versailles. Mit zunehmendem
Stress durch die Konzerte, den Lärm, die Hitze, die vielen Eindrücke und die finanziellen

50
Vgl. Mahler Foundation Online: Informationen zu Mahler in Paris 1900:
https://de.mahlerfoundation.org/mahler/locations/france/paris/palais-du-trocadero/ (Letzter Aufruf:
25.04.2021)
51
Vgl. Stelzle, Martin: Das Eigene im Fremden. Gustav Mahler und der ferne Osten, Hildesheim 2014, S.144.
52
Vgl. Ebenda, S. 145f.

16
Probleme, die durch den schleppenden Kartenverkauf entstanden und eine Bezahlung der
Rückreise des Orchesters erschwerten, war es für Mahler gegen Ende aber doch eher zu einer
leidigen Pflicht geworden, die Konzerte in Paris zu dirigieren.53

Wie sehr sich der Komponist und Dirigent die baldige Rückreise herbeisehnte, lässt er uns in
einem Brief an die ehemalige Freundin seines verstorbenen Bruders, Nina Spiegler, wissen:

Das ganze wüste Treiben um mich herum – unerhört


deplaciert ist es, den Franzosen um diese Zeit der
Weltausstellung, Musik vorzumachen, - ist so
widerwärtig, daß ich mich nicht einmal dieses schönes
[sic] Paris genießen [kann]. – Es ist überhaupt nicht zu
sagen, wie sehr alles nur Phrase, Pose und Lüge ist!
Freitag um 5 Uhr dirigiere ich noch die »Flieg[ende]
Holl[änder]«-Ouvertüre, und um 8 sitze ich schon im
Coupé. Ich kann es wahrhaftig nicht erwarten. – Man
kann wirklich zu alledem nur ein Wort sagen: Pfui! – Die
ersten Tage (vor dem I. Konzert) ging es noch. Da trieb ich
mich draußen in der Umgebung herum, die wirklich so
lieblich ist und voll von Erinnerungen an die Ludwigs und
Napoleos, daß man vielleicht die Vergänglichkeit
nirgends so stark empfindet als in diesen Örtlichkeiten.
Aber jetzt ist täglich Konzert und ich kann mich aus der
Stadt nicht mehr entfernen. […] Ich versichere Euch, es
ging[e] auch ohne Musizieren, und es würde la gloire
darunter nicht im mindesten leiden. – Es ist mir geradezu
komisch, wenn ich den Taktstock ergreifen soll. O! O! O!
O! Herzlichst grüße ich Dich u. Albert. Sonntag früh hoffe
ich schon im Wörthersee zu baden. Weiß Gott, wann ich
dieses Gefühl des Ekels los werde! Mir ist, als ob ich mich
prostituiert hätte.

Dein Gustav54

Abbildung 5 Programm des ersten Konzerts


der Wiener Philharmoniker unter Gustav
Mahler im Théâtre du Châtelet, 18.06.1900

53
Vgl. Stelzle, Martin: Das Eigene im Fremden. Gustav Mahler und der ferne Osten, Hildesheim 2014, S.146f.
54
Mahler, Gustav; zitiert nach: Herta Blaukopf (Hrsg.): Gustav Mahler. Briefe, Wien 1996, S. 269f.
17
6. Abbildungsverzeichnis

• Abbildung 1:

Kristallpalast, London 1851

Quelle: https://www.dhm.de/lemo/jahreschronik/1851 (letzter Aufruf: 24.04.2021)

• Abbildung 2:
Karte vom Ausstellungsgelände, Paris 1900
Quelle:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Paris_Exposition%2C_map_i
n_1900.jpg (letzter Aufruf: 24.04.2021)

• Abbildung 3:
Rue de Nations, Paris 1900
Quelle:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Rue_des_nations,_vue_prise_de_la_riv
e_droite,_Exposition_Universelle_1900.jpg (letzter Aufruf: 24.04.2021)

• Abbildung 4:
Elektrizitätspalast, Paris 1900
Quelle: http://www.weltausstellungen.net/index.php?id=80 (letzter Aufruf:
25.04.2021)

• Abbildung 5:
Programm des ersten Konzerts der Wiener Philharmoniker unter Gustav Mahler im
Théâtre du Châtelet, 18.06.1900
Quelle: https://de.mahlerfoundation.org/category/mahler/locations/france/paris/
(letzter Aufruf: 25.04.2021)

18
7. Literaturverzeichnis

• Grosch, Nils: Die Drehorgel und die Eroberung des öffentlichen Raums durch populäre
Musik im 19. Jahrhundert, in Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge
der Tagung des WGL-Forschungsprojekts „Wege in die Moderne. Weltausstellungen,
Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10.
November 2012, Nürnberg 2014

• König, Gudrun M.: Der Schauwert der Dinge. Weltausstellung und Museum als
Institutionen des Zeigens, in Prügel, Roland (Hrsg.): Geburt der Massenkultur. Beiträge
der Tagung des WGL-Forschungsprojekts „Wege in die Moderne. Weltausstellungen,
Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10.
November 2012, Nürnberg 2014

• Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen, Frankfurt/Main 1999

• Sigel, Paul: „Mit ausgesprochenem Nationalcharakter“. Länderpavillons auf


Weltausstellungen als Medien staatlicher Selbstdarstellung, in Prügel, Roland (Hrsg.):
Geburt der Massenkultur. Beiträge der Tagung des WGL-Forschungsprojekts „Wege in
die Moderne. Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert“ im
Germanischen Nationalmuseum, 8. – 10. November 2012, Nürnberg 2014

• Stelzle, Martin: Das Eigene im Fremden. Gustav Mahler und der ferne Osten,
Hildesheim 2014

• Tawaststjerna, Erik: Jean Sibelius. Eine Biografie, Salzburg/Wien 2005

19
8. Online-Quellen

• Geppert, Alexander C.T.: Weltausstellungen. Europäische Geschichte Online:


http://ieg-ego.eu/de/threads/crossroads/wissensraeume/alexander-c-t-geppert-
weltausstellungen?set_language=http://ieg-
ego.eu/de/threads/crossroads/wissensraeume/alexander-c-t-geppert-
weltausstellungen (letzter Aufruf: 18.04.2021)

• Vortrag von Weaver Chapin, Mary (Portland Art Museum) vom 09.06.2019:
https://www.youtube.com/watch?v=Dc5Cx-gNGUA (letzter Aufruf: 24.04.2021)

• Pendl, Erwin: Österreich auf der Weltausstellung in Paris 1900, Wien 1900, Online
Ausgabe: https://archive.org/details/gri_33125009910445/page/n1/mode/2up
(letzter Aufruf: 25.04.2021)

• Bericht von der Central-Commission an den Kaiser vom November 1865; zitiert nach:
Ebeling, Adolf: Die Wunder der Pariser Weltausstellung von 1867, Köln 1867, Online
Ausgabe:
https://books.google.at/books?id=hCrjv7RmGRUC&pg=PA111&hl=de&source=gbs_t
oc_r&cad=4#v=onepage&q&f=false (letzter Aufruf: 25.04.2021)

• Malkowsky, Georg (Hrsg.): Die Pariser Weltausstellung in Wort und Bild, Berlin 1900,
S. 170 Heidelberger historische Bestände – digital: https://digi.ub.uni-
heidelberg.de/diglit/malkowsky1900/0184 (letzter Aufruf: 24.04.2021)

• Online-Artikel Siemens & Halske:


https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Siemens_&_Halske (letzter Aufruf:
24.04.2021)

• Artikel: Spielmann. In Krünitz, Johann Georg: Oekonomischer Encyklopädie oder


allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft. Bd. 158, Berlin 1833;
zit. nach Online-Ausgabe: http://www.kruenitz1.uni-trier.de/ (letzter Aufruf:
25.04.2021)

• Multimediale Geschichte Ungarns und Finnlands Online (Universität Rostock):


http://www.philfak.uni-
rostock.de/imd/41/ungarn_finnland/Inhalt/Kapitel5/Fin/Texte/de/T541G.html
(letzter Aufruf: 25.04.2021)

• Ankündigungstext einer Konzertübertragung des Radiosenders Ö1 vom 07.03.2018:


https://oe1.orf.at/programm/20180307/508439/Sibelius-der-Zar-die-Pressefreiheit-
und-die-Musik (letzter Aufruf: 25.04.2021)

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• Mahler Foundation Online: Informationen zu Mahler in Paris 1900:
https://de.mahlerfoundation.org/mahler/locations/france/paris/palais-du-
trocadero/ (Letzter Aufruf: 25.04.2021)

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