Sie sind auf Seite 1von 187

1

Physikpraktikum
für Minor Physik und Pharmazie

Physikalisches Institut der Universität Bern

2016
2017
3

Ausgabe 2017
Skript übernommen im Januar 2016:

Neu aufgelegt und überarbeitet von K. Seiferlin

Änderungen:

2016
Titelseite
Fehlerrechnung (alt) in Anhang verschoben
Fehlerrechnung neu geschrieben
Beispiel zur Fehlerrechnung im Anhang ergänzt
Abschnitt zu Plagiaten und Täuschungsmanövern ergänzt.
Leitercharakteristiken ergänzt, zugehörige Aufgaben detaillierter beschrieben
Inhaltsverzeichnis pro Kapitel ergänzt.
Testat-Tabelle am Ende ergänzt
Einheit für Dichte im Kapitel Hydrodynamik korrigiert
Anleitung zum Einfüllen von Gasen in cp /cv an Versuchsaufbau angepasst.

2017
Reihenfolge der Versuche geändert (Mechanik, Thermodynamik, Elektrodyna-
mik, Atomphysik, Kernphysik)
Abschnitt zu Signifikanten Stellen ergänzt
Kleinere Fehlerkorrekturen
Testattabelle in Notenübersicht getauscht
4

Theoretisch gibt es keinen Unterschied zwischen


Theorie und Praxis.

Praktisch schon.
Inhaltsverzeichnis

Einleitung 7

Fehlerrechnung 15

1 Trägheitsmoment 35

2 Erzwungene Schwingungen 43

3 Dichte von Gasen 55

4 Bestimmung von cp /cV 59

5 Hydrodynamik 69

6 Leitercharakteristiken 81

7 Wechselstrom (entfällt) 99

8 Beugung und Atomspektren 121

9 Radioaktivität 143

Anhang 165

A Fehlerrechnung 165

B Beispiel zur Fehlerrechnung 183

C Testate und Noten 187


6
Einleitung

Inhalt
Vorbereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Experiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Aufbau des Praktikumsberichts . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Beispiel eines Laborberichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Plagiate und Täuschungsversuche . . . . . . . . . . . . . . . 13

In dieser Einführung werden die Vorbereitungen zu Hause, die Arbeitstechnik im


Praktikum und die Auswertung und der Aufbau eines Praktikumberichtes skiz-
ziert. Der Besuch des Praktikums allein genügt nicht für die Testierung. Die allge-
meinen Anforderungen werden in diesem Bericht erwähnt. Die genaue Definition
der Anforderungen ist dem jeweiligen Assistenten überlassen, der bei Erfüllung
das Testat pro Versuch erteilt.
Das Schlusstestat wird durch PD Karsten Seiferlin erteilt. Die Testat-
tabelle befindet sich am Ende des Skripts. Bitte tragen Sie umgehend
dort Ihren Namen ein.

Vorbereitung
Die Theorie zu den Versuchen muss im Selbststudium vorbereitet werden. Dazu
dienen in erster Linie die zu den Versuchen gehörenden Skripte. Daneben sollen
aber auch die Skripte der Vorlesung Experimentalphysik und Lehrbücher (Biblio-
thek) verwendet werden. Bitte notieren Sie Unklarheiten und besprechen Sie sie
in der Arbeitsgruppe oder mit dem Assistenten. Die Ziele der Vorbereitung sind:

• Verstehen der theoretischen Grundlagen zum Experiment; Vertiefen der


theoretischen Kenntnisse durch Lösen ausgewählter Übungsaufgaben.

7
8

• Erfassen des Prinzips des jeweiligen Experiments; Verstehen der experimen-


tellen Vorgehensweise und der Anordnung
– Welche Messergebnisse werden erwartet? (Tabellen und eventuell Dia-
gramme vorbereiten). Abschätzen einer anzustrebenden, sinnvollen Mess-
genauigkeit. Wie genau und wie häufig sollen die verschiedenen Messwer-
te abgelesen werden?
– Welche Bauteile sind mit Vorsicht zu behandeln? Gewisse Komponen-
ten können bei unsachgemässer Behandlung zerstört werden. (Span-
nungsgrenzen bei Halbleitern beachten, korrekte Handhabung der Gas-
druckflaschen, eigene Sicherheit, ...)
– Welche Hilfsmittel (Messinstrumente, Stromquellen etc.) braucht man
zur Messung und wie funktionieren sie?
• Bereiten Sie das Messprotokoll schon zu Hause vor. Schreiben Sie die zur
Berechnung benötigten Gleichungen schon einmal hin. Legen Sie eine Ta-
belle für die auftretenden Einzelfehler an, damit Sie bei der Fehlerrechnung
alles parat haben. Schreiben Sie die Gleichung für die Fehlerrechnung für
den konkreten Fall hin (keine Kopie der allgemeingültigen Formel). Viel-
leicht kann man auch schon Diagramme vorbereiten, d.h. Achsen zeichnen
und benennen.
Die Assistenten werden diese Vorbereitungen kontrollieren.
• Der Assistent oder die Assistentin wird zu Beginn eine Eingangs-
prüfung mit Ihnen durchführen. Ziel ist es, dass Sie, die Teilneh-
menden, den Assistierenden erklären, was sie messen wollen, und
wie. Diese Eingangsprüfung verschafft Ihnen das Eingangstestat
(siehe Testattabelle am Ende des Skripts). Ohne Eingangstestat
können Sie nicht am Versuch teilnehmen!

Experiment
• Mitbringen: Laborheft (A4 gebunden, keine losen Blätter), Rechner, Skript,
Formelsammlung, Millimeter-Papier, Massstab, Zeichenmaterial.
Es werden zwei Laborhefte benötigt, weil meistens eines der beiden bei
einem der Assistierenden zur Kontrolle verbleibt und erst in der nächsten
Woche zurück gegeben wird.
• Jede(r) Teilnehmer(in) führt ein eigenes Protokoll. Es ist in Ordnung, zu
zweit zusammen zu arbeiten. Grössere Gruppen sind nicht zweckmässig.
Tauschen Sie Ihre Ergebnisse und Auswertungen nicht mit anderen Teil-
nehmer(inne)n aus! Bei offensichtlichen Kopien müssen Sie mit Ausschluss
vom Praktikum rechnen.
9

• Verschaffen Sie sich einen Überblick über die zur Verfügung stehenden Hilfs-
mittel.

• Skizze oder kurze Beschreibung der Versuchsanordnung (evtl. Inventar der


vorhandenen Hilfsmittel).

• Notizen zum Messablauf (z.B. Nummerieren der Messwerte gemäss der zeit-
lichen Abfolge; Handgriffe: 1. Gaseinlass beim mittleren Ventil, 2. ...’; Ein-
stellung am Oszilloskop notieren). Diese Angaben sind unter Umständen
wichtig für die spätere Auswertung.

• Alle direkten Messungen werden in Rohform in übersichtlichen Tabellen mit


den notwendigen Angaben (z.B. Einheit, Fehlerabschätzung) ins Laborheft
eingetragen.

• Provisorische Auswertung während der Messung: Kontrollrechnung und Über-


prüfen der Messwerte durch Eintragen in ein Diagramm. Damit soll über-
prüft werden, ob der Versuch richtig läuft. Fragwürdige Werte können so-
gleich verifiziert und eventuelle zusätzliche Messungen durchgeführt werden.

Auswertung
• Jede(r) Teilnehmer(in) führt ein eigenes Protokoll. Es ist in Ordnung, zu
zweit zusammen zu arbeiten. Grössere Gruppen sind nicht zweckmässig.
Wichtig: wenn Sie mit ihrem Partner Teile des Protokolls teilen, schreiben
Sie den Namen dieser Person deutlich mit in das Protokoll!

• Tauschen Sie Ihre Ergebnisse und Auswertungen nicht mit anderen Teil-
nehmer(inne)n bzw. Teams aus! Bei offensichtlichen Kopien müssen Sie mit
Ausschluss vom Praktikum rechnen. Ausnahme: innerhalb eines Zweier-
Teams können Sie sich zum Beispiel die Fehlerrechnung teilen (siehe im
Kapitel zur Fehlerrechnung den Abschnitt am Ende).

• Berechnung der gesuchten Daten aus den Rohdaten.

• Bestimmung der Toleranzen (Fehler) der Resultate mittels Fehlerfortpflan-


zung aus den gemessenen statistischen oder abgeschätzten Fehlern.

• Diagramme auf Millimeter-Papier (mit Einheiten, Titel und Anschrift der


Kurven) zeichnen. Die Messwerte werden mit Kreuzen eingezeichnet. Die
Toleranzen der Messwerte werden durch die Breite der Fehlerbalken darge-
stellt (vgl. Beispiel).

• Auswertung der Diagramme (z.B. Ausgleichsgerade berechnen, Regresseion,


Bestimmung der Extrema, ...)
10

• Übersichtliche Zusammenfassung der Resultate und der ermittelten Fehler.

• Diskussion der Resultate. Vergleich der Resultate mit den theoretischen


Werten oder mit den Literaturangaben.

• Erfolgsbestätigung: Ist das Experiment gelungen? Wurde die vorausgesetzte


Genauigkeit erreicht? Konnte die Theorie im Rahmen der experimentellen
Toleranzen (Fehler) bestätigt werden?

Aufbau des Praktikumberichts


• Titel, Autor, Datum, Zeit

• Motivation und Ziel des Praktikums

• Kurzer Theorieteil mit den wichtigsten Formeln

• Skizze, Schaltschema der Versuchsanordnung

• Messprotokoll mit den Rohdaten mit den geschätzten Fehlern (Ablaufnoti-


zen, Kontrolldiagramme und -rechnungen)

• Auswertung mit Fehlerrechnung (Statistik)

• Kurze Zusammenfassung der Resultate mit Angabe der Fehler

• Diskussion der Resultate und Vergleich mit den Tabellenwerten

• Literaturangaben, Referenzen, Theorie

Beispiel eines Laborberichts


Auf den nachfolgenden Seiten finden Sie einen kurzen Beispielbericht.
11
12
13

Plagiate und Täuschungsversuche


In den letzten Jahren ist es in den Wissenschaften und in anderen Fachbereichen
hin und wieder zu unerfreulichen Fällen gekommen wie Plagiaten, Veröffentli-
chung gefälschter oder fremder Daten. In der Folge wurden Veröffentlichungen
zurückgezogen, Wissenschaftler gefeuert, Doktoren wurde der Titel entzogen und
Studierende wurden von der Uni verwiesen. Politiker mussten zurücktreten. Prä-
ventiv müssen nun in der Regel eingereichte Bachelor-, Master- oder Doktorar-
beiten auf Plagiate überprüft werden (durch unabhängige automatisierte Text-
vergleiche).
Die Uni Bern und diverse Fachbereiche haben zum Thema Plagiate sehr klare
und strenge Regeln erlassen. Der Schweizerische Nationalfond zur Forschungsför-
derung nimmt sich ebenfalls dieses Themas an.
Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was das mit diesem Praktikum zu tun hat.
In vergangenen Jahren sind Fälle aufgetreten, in denen einzelne Seiten des Prak-
tikumsheft schon vor Versuchsbeginn ausgefüllt waren – samt Messergebnissen,
Rechnungen, Diagrammen... Es ist auch vorgekommen, dass Teilnehmer die Ver-
suchsprotokolle anderer Gruppen mit dem Smartphone fotografiert und dann
vom Smartphone kopiert haben. Ich vermute, es gibt zahlreiche weitere techni-
sche Möglichkeiten und Strategieen zur “Arbeitserleichterung”. Gewöhnen Sie sich
so eine unethische Arbeitsweise nicht an.
Sollten Sie erwischt werden, müssen Sie mit einem Ausschluss vom
Praktikum (des ganzen Semesters!) rechnen.
14
Fehlerrechnung

Inhalt
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Arten von Fehlern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Absolute Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Relative Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Maximalfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Mittlerer Fehler (auch “Standardfehler”) . . . . . . . . . . . . 18

Systematische Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

Zufällige Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

Precision vs accuracy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

Statistischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Fehlerfortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Signifikante Stellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

15
16

Einleitung

Achtung:
Im Anhang auf Seite 165 findet sich eine ausführliche Einfüh-
rung in die Fehlerrechnung, die unbedingt studiert werden
sollte und zum Verständnis dieses Kapitels hilfreich, wenn
nicht sogar notwendig ist. In diesem Kapitel wird eine knap-
pe aber in vielen Fällen ausreichende Anleitung versucht, die
auf der Fehlerfortpflanzung basiert, aber auf einige wenige
leicht merkbare “Kochbuchregeln” reduziert.

Der Begriff Fehler ist sehr unglücklich gewählt, denn es geht in diesem Zusam-
menhang nicht darum, dass man etwas falsch gemacht hat. Man könnte versucht
sein, sich für einen grossen Fehler zu schämen, und darum versuchen, den Fehler
kleiner zu rechnen als er ist. Das wäre fatal und das Gegenteil dessen, was der
Begriff “Fehler” in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wir sollten den “Fehler” vielmehr als ein Vertrauensintervall ansehen, dass jedem
Messwert mit auf den Weg zu geben ist. Gebräuchlich und ebenfalls sinnvoller als
“Fehler” ist auch der Ausdruck Messunsicherheit. Denken Sie zum Beispiel an ein
Schild an einer Autobahnbrücke, dass die lichte Höhe mit 4.2 m angibt. Der Bus,
in dem Sie sitzen, ist laut Busfahrer 4.19 m hoch. Wären Sie nicht froh, jetzt zu
wissen, wie genau die beiden Angaben denn sind?

Für das Praktikum und darüber hinaus gilt es also, den “Fehler” korrekt zu be-
stimmen, und ihn ehrlich anzugeben.

Ein weiteres Missverständnis in diesem Zusammenhang ist es, eine gefundene


Abweichung zwischen einem Tabellenwert und dem eigenen Messwert als “Fehler”
anzugeben. Der Tabellenwert kann falsch sein!

Einen korrekt bestimmten Fehler auch so anzugeben, ist korrekt. Diesen Fehler
aber unkritisch zu “akzeptieren” ist in aller Regel nicht sinnvoll. Insbesondere
dann, wenn der Fehler relativ gross ist. Man sollte vielmehr versuchen, bei gros-
sen Fehlern nach den Hauptfehlerquellen zu suchen und diese zu minimieren –
sei es durch verbesserte Messinstrumente oder eine verbesserte Verfahrensweise.
Wir werden im Folgenden sehen, wie man erkennen kann, an welcher Stelle man
möglicherweise ansetzen kann.
17

Der Begriff Fehler ist sehr unglücklich gewählt, denn es


geht in diesem Zusammenhang nicht darum, dass man etwas
falsch gemacht hat. Man könnte versucht sein, sich für einen
grossen Fehler zu schämen, und darum versuchen, den Fehler
kleiner zu rechnen als er ist. Das wäre fatal und das Gegenteil
dessen, was der Begriff “Fehler” in diesem Zusammenhang
eigentlich meint.

Arten von Fehlern


Absolute Fehler
Absolute Fehler werden in der gleichen Einheit angegeben wie der zugehörige
Messwert selbst. Der Absolutfehler ist manchmal zweckmässig – insbesondere,
wenn die Fehlerangabe im “wirklichen Leben” verwendet werden soll und es sich
um eine Messung handelt, die irgendwie wichtig oder allgemeingültig ist. Im fol-
genden Beispiel ist der absolute Fehler für X plus/minus 20 Zentimeter:
X = 142.0 m ± 0.2 m oder auch X = [142.0 ± 0.2] m

Relative Fehler
Relative Fehler sind dimensionslos bzw. werden in Prozent, Promille, ppm oder
ähnlichen Einheiten angeben. Der relative Fehler ergibt sich aus dem absoluten
Fehler, indem der absolute Fehler durch den Messwert dividiert wird. Der relati-
ve Fehler sagt etwas über die Qualität der Messung aus und wird deswegen oft
bevorzugt, wenn es weniger um einen konkreten Wert geht, der ja nur für eine
einzige konkrete Messung gültig wäre, sondern wenn es um eine von vielen ähn-
lichen Messungen geht, und deren Präzision im Vordergund steht. Im folgenden
Beispiel ist der absolute Fehler für X zwanzig plus/minus zwanzig Zentimeter,
und der relative Fehler ist demnach 0.2 m / 142.0 m = 0.1 %
X = 142 m ± 0.1 %

Maximalfehler
Der Maximalfehler ist der Fehler, der alle – auch extreme – Abweichungen des
Messwerts vom wahren Wert beinhaltet. Der Maximalfehler ist grösser als der
mittlere Fehler (siehe nächster Abschnitt), und ist häufig “unzweckmässig” gross.
Andererseits möchte man genau diesen Fehler angeben, wenn man ausschliessen
will, dass der wahre Messwert ausserhalb der Fehlerangabe liegt. Denken Sie an
das Beispiel mit dem Bus...
18

Der Maximalfehler muss auch dann angegeben werden, wenn sich einzelne Feh-
lerbeiträge nicht statistisch ausgleichen können. Wir werden weiter unten sehen,
dass diese Bedingung bedeutet, dass die Einzelfehler nicht linear unabhängig sind.

Mittlerer Fehler (auch “Standardfehler”)


Der mittlere Fehler macht sich zu Nutze, dass sich einzelne Fehlerbeiträge gegen-
seitig kompensieren können und es selten vorkommt, dass alle Einzelfehler in eine
Richtung wirken. Der mittlere Fehler ist kleiner als der Maximalfehler (siehe vor-
heriger Abschnitt). In anderen Worten: es kann vorkommen, dass der wahre Wert
ausserhalb des Fehlerintervalls liegt – aber nicht sehr oft. Vergleichbar in Konzept
und Grössenordnung ist der mittlere Fehler mit der Standardabweichung.
Insbesondere dann, wenn man an einem typischen Vertrauensintervall als typi-
sches Mass für die Genauigkeit des Messwerts interessiert ist, bietet sich der
mittlere Fehler an. Wir werden weiter unten sehen, dass der mittlere Fehler nur
dann berechnet werden kann und darf, wenn die Einzelfehler linear unabhängig
sind.
Der mittlere Fehler darf nicht verwendet werden, wenn sich einzelne Fehlerbeiträ-
ge nicht gegenseitig kompensieren können, oder wenn die Fehlerangabe kritisch
für die Sicherheit von Gegenständen oder Lebewesen ist.

Zusammenfassung
Wir haben jetzt zwei Paare von Fehlerdefinitionen kennen gelernt: Absoluter Feh-
ler und relativer Fehler sind zwei alternative Arten, wie ein Fehler angegeben
werden kann. Der Maximalfehler und der mittlere Fehler schliessen sich gegen-
seitig aus, d.h. es ist nur jeweils eine der beiden Definitionen angemessen oder
erlaubt. Andererseits kann man den Maximalfehler sowohl als relativen Fehler als
auch als absoluten Fehler angeben. Das Gleiche gilt für den mittleren Fehler. Für
die konkrete Anwendung bedeutet das, dass zum Beispiel nach dem “mittleren
relativen Fehler” gefragt werden kann, oder nach dem “absoluten Maximalfeh-
ler”, oder auch nach dem relativen Maximalfehler oder dem absoluten mittleren
Fehler. Aber niemals nach dem mittleren Maximalfehler oder dem relativen Ab-
solutfehler.

Systematische Fehler
Um den Begriff des systematischen Fehlers zu verstehen, ist es nützlich, die
Abbildung auf Seite 20 anzuschauen. Ein systematischer Fehler beeinflusst al-
le Messwerte (meistens) in dieselbe Richtung (“Offset”). Systematische Fehler
entstehen unter anderem durch Unzulänglichkeiten der Messmethode (Vernach-
lässigen von Nebeneinflüssen wie Reibung und Luftwiderstand).
19

Eine weitere mögliche Quelle für systematische Fehler sind bauartbedingte Un-
genauigkeiten von Messinstrumenten. Bei Thermometern ist meist der absolute
Fehler (beispielsweise 0.1 K oder 0.5 K), bei elektrischen Messinstrumenten ein
Klassenzeichen angegeben. Das Klassenzeichen 1.5 bedeutet dann, dass der ma-
ximale systematische Fehler 1.5 % des Endausschlages des Instrumentes beträgt.
Solche instrument-spezifischen Ungenauigkeiten führen insbesondere bei falscher
Kalibration zu systematischen Fehlern. Denken Sie zum Beispiel an ein Lineal
mit Zentimetermass, das aus Holz gefertigt ist. Je nach Feuchtigkeitsgehalt kann
Holz schrumpfen oder sich ausdehnen...
Aber es ist nicht gesagt, dass ein ungenaues Messinstrument den Messwert tat-
sächlich systematisch, also immer im gleichen Sinne, verfälscht, oder ob es nicht
auch zu zufälligen Schwankungen kommen kann, die dann im nächsten Abschnitt
zu behandeln wären. Wenn Sie zuhause eine digitale Personenwaage verwenden,
können Sie sich ein paar mal unmittelbar hintereinander auf die Waage stellen
– sie werden zufällige Schwankungen in der Grössenordnung der Anzeigegenau-
igkeit (typischerweise Schwankungen von wenigen hundert Gramm bei 0.1 kg
Anzeigegenauigkeit) beobachten!
Im Praktikum werden Irrtümer und systematische Fehler oft erst am Schluss
bemerkt. Um zu vermeiden, dass ganze Messreihen wiederholt werden müssen,
ist es deshalb von grossem Vorteil, Messungen möglichst laufend auszuwerten.
Graphische Darstellungen sind dabei sehr hilfreich.
Systematische Fehler bestimmen die “accuracy” (siehe unten und die Abbildung
auf Seite 20).

Zufällige Fehler
In der Abbildung auf Seite 20 sind zufällige Fehler für die Streuung der Messwerte
verantwortlich.
Zufällige Fehler werden durch zum Beispiel die begrenzte Präzision der Mess-
instrumente (Achtung, Messinstrumente verursachen v.a. bei falscher Eichung
auch systematische Fehler, siehe oben!), aber auch durch den Beobachter selbst
verursacht (begrenztes Unterscheidungsvermögen des Auges, Unruhe der Hand,
Unsicherheit beim Drücken einer Stoppuhr usw.). Zufällige Fehler haben viele
unkontrollierbare Ursachen und schwanken in Grösse und Vorzeichen.
Zufällige Fehler von Einzelmessungen müssen manchmal vom Experimentator
geschätzt werden. Eine Längenmessung mit einem gewöhnlichen Massstab kann
beispielsweise kaum besser als auf 0.5 mm genau abgelesen werden. Eine Stoppuhr
ist wohl nicht genauer als mit 0.2 Sekunden Ungenauigkeit zu bedienen.
Besser sieht es aus mit der Ermittelung der zufälligen Fehler, die durch Mess-
instrumente verursacht werden können. Hier geben Handbücher, Etiketten auf
den Geräten, die Anzeigegenauigkeit oder andere bauart-bedingte Eigenheiten
ein Mass für den Fehlerbeitrag des betrachteten Geräts vor.
20

Für eine Fehlerrechnung – insbesondere mit der Methode der Fehlerfortpflanzung


– müssen Sie solche Einzelfehler, die bei Ihrer Messung auftreten können, ermit-
teln. Machen Sie sich deshalb damit vertraut, die Genauigkeit der verwendeten
Geräte nachzuschauen oder, falls keine Angaben verfügbar sind, zu schätzen.
Zufällige Fehler bestimmen die “precision” (siehe nächster Abschnitt).

Precision vs accuracy

Abbildung 1: Precision vs accuracy

Im Englischen wird sinnvollerweise sprachlich unterschieden zwischen precision


und accuracy. Man kann zwar auch im Deutschen von Präzision und Genauigkeit
21

sprechen, aber beide Begriffe haben andere Bedeutungen oder werden anders
gebraucht und sind deswegen leider weniger gut geeignet, um den Unterschied
zwischen beiden Begriffen zu verdeutlichen.
Bei der precision geht es darum, mit welcher Auflösung ich einen Wert bestimmen
kann, und wie sehr Wiederholungsmessungen streuen können.
Bei der accuracy geht es darum, wie nahe man am wahren Wert liegt oder wie
nahe der Durchschnitt vieler Einzelmessungen am wahren Wert liegt. Es ist denk-
bar, eine sehr gute accuracy zu erreichen, aber eine sehr grosse Streuung der
Einzelmessungen zu beobachten.
Bei hoher precision ist die Streuung klein, aber der Mittelwert kann sehr weit
vom wahren Wert entfern sein!
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man das Konzept des Systema-
tischen Fehlers verstanden hat. Kleiner systematischer Fehler = grosse accuracy.
Grosse precision = kleine Streuung, kleine Standardabweichung.
Die Distanz zwischen dem Mittelwert einer Messung und dem wahren Wert ent-
spricht dem systematischen Fehler. Offensichtlich findet man diesen nicht durch
Fehlerrechnung.
22

Der Standart-Fehler: es heisst Standard, nicht Standart


Ein schlimmer aber leider immer häufiger gesehener Fehler in der Rechtschreibung
wäre, wenn man Standard hinten mit “t” schreibt. Eine Standarte ist ein Wimpel
oder eine Fahne, die vorn an einer Limousine mit Ehrengast angebracht wird,
oder die früher vom Standartenträger vor dem Heer getragen wurde.
Gewöhnen Sie sich die richtige Schreibweise an. Machen Sie sich nicht lächerlich.
Zeigen Sie, dass Sie gebildet sind.

Abbildung 2: Eine Standarte


23

Statistischer Ansatz
Bei einer Messreihe, die mehrere mit der gleichen Methode gewonnene Messwerte
enthält, ist man versucht, den Fehler mit einem statistischen Ansatz zu ermit-
teln, und die Standardabweichung anzugeben. Dieser Ansatz ist zwar korrekt,
hat aber diverse fundamentale Nachteile, die anderswo selten erwähnt werden
und deswegen hier besonders hervorgehoben sind:

• Für eine statistische Behandlung werden mehrere (ausreichend viele) Ein-


zelmessungen benötigt. Das ist zwar bei kurzen und wenig aufwendigen
Messungen machbar, aber bei komplizierteren Messungen nicht erreichbar
– jedenfalls nicht im Rahmen eines 3-stündigen Praktikumsversuchs.
• Nicht selten ist es klüger, eine Einzelmessung über einen längeren Zeitraum
durchzuführen anstatt zahlreiche kurze Messungen statistisch auszuwerten.
Beispiel: anstatt 100 mal die Dauer einer Pendelschwingung zu bestimmen
und dabei 100 mal einen Messfehler bei der Bedienung der Stoppuhr in
Kauf zu nehmen, der gross ist im Vergleich zur Schwingungsdauer, ist es
klüger, die Dauer von 100 Schwingungen zu bestimmen und den Fehler bei
der Zeitmessung nur einmal zu machen.
Mit dieser nun vermutlich deutlich genaueren Einzelmessung kann man kei-
ne Statistik betreiben. (“Einmal ist keinmal” - daher auch der 1 durch n-1
Faktor in der Formel für die Standardabweichung).
• Wenn eine Messreihe wiederholt wird, muss auch die ganze statistische Aus-
wertung erneut durchgeführt werden. Das gilt auch, wenn man mit der
Standardabweichung nach n Messungen unzufrieden ist und weitere m Mes-
sungen durchführt.
• Die Berechnung der Standardabweichung kann naturgemäss erst nach be-
endeter Messkampagne erfolgen. Wenn man dann bemerkt, dass der Fehler
(= die Standardabweichung) unbefriedigend gross ist, muss man von vorn
beginnen.
• Der statistisch ermittelte Fehler gibt keinen Hinweis darauf, an welcher
Stelle der Messaufbau oder das Messverfahren möglicherweise zu optimieren
ist.

Diese profunden Nachteile lassen eine statistische Auswertung als unbefriedigend


erscheinen. Sie gleicht einer passiven Bestandsaufnahme, anstatt einer proaktiven
Planung eines Versuchs, der schon vor Beginn einen ausreichend kleinen Fehler
verspricht.
Deswegen wird diesem Kapitel nicht weiter auf den statistischen Ansatz eingegan-
gen, da Begriffe wie Standardabweichung, Mittelwert etc. oft bereits in der Schule
24

behandelt werden, und mit Hilfe der meisten Taschenrechner oder einer Tabel-
lenkalkulation wie Excel oder Numbers schnell zu erledigen ist. Im Anhang ab
Seite 165 findet sich eine ausreichend detaillierte Einführung in den statistischen
Ansatz.
Abschliessend wird daran erinnert, dass der statistische Ansatz nicht in der Lage
ist, systematische Fehler zu erfassen. Es kann also nur die Streuung der Werte,
also die precision, ermittelt werden.

Fehlerfortpflanzung
Nachdem im letzten Abschnitt der statistische Ansatz als wenig attraktiv dar-
gestellt wurde (auch wenn man manchmal keine andere Möglichkeit hat), geht
es im Folgenden um einen analytischen Ansatz, der in grossen Teilen mit der
Fehlerfortpflanzung nach Gauss identisch ist.
Diese Methode hat einige Vorteile, die der statistische Ansatz nicht bieten kann.
Insbesondere:

• Der (zu erwartende) Fehler kann und sollte bereits vor Messbeginn be-
stimmt werden!

• Ist der erwartete Fehler unbefriedigend gross, sucht man in den Beiträgen
der Einzelfehler nach Optimierungsmöglichkeiten.

• Für beliebig viele Messreihen oder Messungen, die nach der gleichen Metho-
de und mit den gleichen Instrumenten durchgeführt werden, gilt die gleiche
Fehlerrechnung.

Eine detailliertere Einführung in die Fehlerfortplanzung ist im Anhang ab Seite


165 zu finden. Im nächsten Abschnitt in diesem Kapitel gehen wir der einfachen
Frage nach, wie ein Wert (das durch die Messungen und anschliessende Berech-
nung bestimmte Ergebnis) von den involvierten Grössen abhängt. Wann immer
man wissen möchte, welchen Einfluss eine Grösse auf eine andere Grösse hat,
leiten wir die gesuchte Grösse nach der beeinflussenden Grösse ab. Beispielswei-
se würde man die Position s(t) zum (fehlerbehafteten) Zeitpunkt t eines sich
bewegenden Fahrzeugs bestimmen, indem man die Geschwindigkeit – also die
Ableitung des Ortes nach der Zeit – heranzieht und mit dem Fehler für die Zeit
∆t mutlipliziert:

ds
s(t) = s0 + · ∆t (1)
dt
Die Geschwindigkeit ist hier quasi der “Fehler” bei der Ortsbestimmung. Man
erkennt auch, dass hier stillschweigend die Annahme gemacht wurde, dass die
25

Geschwindigkeit konstant ist, denn ansonsten müsste man die zweite Ableitung
(Beschleunigung) und ggf. weitere Ableitungen höherer Ordnung in Betracht zie-
hen. Für die Gültigkeit und Anwendbarkeit dieses Konzepts bei der Fehlerbe-
stimmung gilt analog, dass innerhalb des Fehlerintervalls um den Messwert die
Funktion hinreichend linear ist. (An dieser Stelle sei wiederum auf das lange
Fehlerkapitel im Anhang verwiesen).
Dieses Konzept erkennen wir beim im Folgenden beschriebenen Ansatz wieder.

Tipp:
Ob man dem folgenden Ansatz folgen möchte oder lieber dem exak-
teren Weg im Anhang, spielt keine grosse Rolle. Wichtig ist lediglich,
zu verstehen, dass der Einfluss eines Einzelfehlers auf den berechneten
Endwert der partiellen Ableitung der für die Berechnung verwendeten
Funktion f (x) nach der fehlerbehafteten Grösse(n) entspricht.

Ansatz
Physikalische Grössen sind im allgemeinen durch Gesetze miteinander verknüpft.
Besteht ein funktioneller Zusammenhang zwischen zwei Grössen x und z mit

z = f (x) (2)

dann erhebt sich die Frage, wie gross der Fehler von z ist, wenn x mit dem
Fehler ∆x behaftet ist. Das heisst, es ist folgende Aufgabe zu lösen (x̄ sei hier
der fehlerbehaftete Messwert für x und z̄ der nun ebenfalls fehlerbehaftete weil
aus x̄ berechnete Wert für z):

Bekannt: z = f (x), x̄, ∆x


Gesucht: z̄, ∆z
Lösung: Der aus x̄ bestimmte Wert z̄ ist gegeben durch

z̄ = f (x̄) (3)

Zur Berechnung von ∆z gibt es ein einfaches Verfahren: Wir werten z an der
Stelle x = x̄ und x = x̄ + ∆x aus und bilden die Differenz der Funktionswerte.
Der Betrag der Differenz ist dann eine gute Schätzung des Fehlers von z:

∆z = |f (x̄ + ∆x) − f (x̄)| (4)

Sinngemäss kann z auch an der Stelle (x̄ − ∆x) berechnet werden:

∆z_ = |f (x̄ − ∆z) − f (x̄)| (5)


26

Lässt man gedanklich das Intervall ∆x gegen null laufen, entspricht


dieser Ansatz der Ableitung von f (x) nach x.
In den meisten Fällen stimmen ∆z und ∆z_ gut überein. Sollte aber der Unter-
schied einmal signifikant sein, so gibt man einfach beide Fehler an:
+∆z
z = z̄−∆z _
Gleichung 4 kann auch auf Funktionen mehrerer Variablen ausgedehnt werden:
Bekannt: z = f (x, y, ...), x̄, ȳ, ∆x, ∆y, ...
Gesucht: z̄, ∆z
Lösung:
z̄ = f (x̄, ȳ, ...)

Maximalfehler oder mittlerer Fehler

An dieser Stelle sind die einzelnen Fehlerbeiträge jeder Messgrösse x, y etc. bei-
sammen, und es ist Zeit, sich zu überlegen, wie sich diese Einzelfehler summieren.
Für den Fall, dass die Einzelfehler sich gegenseitig beeinflussen, oder mathema-
tisch ausgedrückt die partielle und die totale Ableitung nach beispielsweise x
nicht gleich sind, müssen die Beträge der Einzelfehler einfach addiert werden,
und es ergibt sich der Maximalfehler (siehe oben zur Definition).

∆zmax = |f (x̄ + ∆x, ȳ, ...) − z̄| + |f (x̄, ȳ + ∆y, ...) − z̄| + ... (6)
Lässt man wiederum gedanklich die Intervalle ∆x etc. gegen null laufen,
entspricht dieser Ansatz der partiellen (!) Ableitung von f (x) nach x, y
etc.
Kann man davon ausgehen oder zeigen, dass die Einzelfehler sich nicht gegenseitig
beeinflussen, d.h. wenn mein Fehler für x grösser wird, wird nicht auch automa-
tisch der Fehler für y grösser, dann kann man auch davon ausgehen, dass sich
diese Fehler statistisch kompensieren können. Mathematisch ausgedrückt sind
die Einzelfehler “linear unabhängig”, was wiederum bedeutet, dass sie in einem x-
y-... Raum senkrecht aufeinander stehen. In zwei Dimensionen denkt man hier zu
Recht an Pythagoras: man betrachte die beiden Katheten als Einzelfehler, und die
Hypothenuse als Gesamtfehler. Offensichtlich ist der Gesamtfehler kleiner oder
maximal gleich gross wie der Maximalfehler (=Summe der beiden Katheten). Die
Länge der Hypothenuse ergibt sich aus der Wurzel der Quadrate der Katheten.
Ganz analog wird der mittlere Fehler bestimmt: man quadriere die Einzelfehler,
bilde die Summe und berechne dann die Wurzel aus der Summe:

∆z 2 = [f (x̄ + ∆x, ȳ, ...) − z̄]2 + [f (x̄, ȳ + ∆y, ...) − z̄]2 + ... (7)
In den eckigen Klammern stehen die Beiträge, mit denen jede einzelne Variable
zum Fehler beiträgt.
27

Tabelle
Tipp:
Im Folgenden finden sich sehr einfache konkrete Anwendungen des
oben geschilderten Ansatzes. Insbesondere Formeln 8 und 9 sind sehr
einfach zu merken und reichen aus, um 85.7% ± 14.3% dieses Prak-
tikums abzudecken. Merken Sie sich unbedingt diese einfach “Koch-
buchregeln”.

Durch Verallgemeinerung der Formel 7 mittels Differentialrechnung lassen sich


die Fehler analytischer Funktionen berechnen. Hier die mittleren Fehler der häu-
figsten Funktionen (für den Maximalfehler entfallen die Wurzel und das Quadrat
– es werden einfach die Beträge addiert):

Kochbuchregel 1: für Summen und Differenzen


z = x + y und z = x − y

q
∆z = (∆x)2 + (∆y)2 (8)

Kochbuchregel 2: für Produkte und Divisionen


z = xy und z = xy
• v
!2
u ∆x 2
u
∆y
∆z = z · t
+ (9)
x̄ ȳ

• z = xn
∆x
∆z = z̄ |n| (10)

• z = ln x
∆x
∆z = (11)

• z = ex
∆z = z̄∆x (12)

Fallstricke

Die beiden Kochbuchregeln aus dem letzten Abschnitt gelten für Summen bzw.
für Produkte. Was aber ist zu tun, wenn eine Gleichung zur Berechnung des
Messwerts sowohl Summen als auch Produkte enthält?
In diesen Fällen muss von Innen nach Aussen gerechnet werden. Innen meint hier
die kleinste Ebene in der Gleichung, in der zum Beispiel nur Summen/Differenzen
oder nur Produkte/Divisionen stehen. Aussen meint hier die vollständige Formel.
28

Bei der schrittweisen Berechnung muss dann jedesmal zwischen absoluten und
relativen Fehlern umgerechnet werden, wenn in der Formel Punktrechnung zu
Strichrechnung oder umgekehrt wechselt. Steht beispielsweise eine Summe im
Nenner einer Funktion, so ist zunächst der absolute Fehler der Summanden zu
addieren und dann in den relativen Fehler des Nenners umzurechnen. Danach
werden die relativen Fehler aus Zähler und Nenner addiert. Erst jetzt kann, wenn
verlangt oder gewünscht, der absolute Fehler des Messwerts aus dem gerade be-
rechneten relativen Fehler bestimmt werden.
Umgekehrt müssen bei einer Summe zunächst alle Einzelfehler der Summanden
in absolute Fehler umgerechnet werden, die dann addiert werden. Erst jetzt darf,
wenn verlangt oder gewünscht, der absolute Fehler der Summe in einen relativen
Fehler umgerechnet werden. Die manchmal lockende Abkürzung, doch gleich die
relativen Fehler der Summanden zu addieren, geht schief.
Im Anhang wird diese sukzessive und mühsame Bastelei an einem Beispiel vor-
geführt (siehe Seite 183).

Zusammenfassung
Zur Unterscheidung: Der Maximalfehler wird dann angegeben, wenn entweder
die Fehlerbeiträge nicht voneinander unabhängig sind oder wenn es “um Leben
und Tod” geht. Der Maximalfehler wird wie folgt ermittelt:

∆zi für den absoluten Fehler (13)


X
∆z =
i

Dabei ist das Subskript i ein Platzhalter von allen beteiligten Messgrössen, und
nicht etwa ein Index der durchgeführten Messungen. (Zur Erinnerung: hier geht
es nicht um die statistische Auswertung von Messergebnissen, sondern um die
Ermittlung des Einflusses von Einzelfehlern auf den Gesamtfehlern.)

∆z X ∆zi
= für den relativen Fehler (14)
z i zi

Der Standardfehler oder auch mittlere Fehler wird angegeben, wenn sich die Feh-
lerquellen nicht beeinflussen und somit auch durch Zufall gegenseitig kompensie-
ren können. Das so erhaltene Fehler-Intervall enthält “fast alle” Einzelmessungen
bzw. ist “fast sicher” gross genug, um das wahre Ergebnis zu erhalten. Er wird be-
rechnet als Wurzel aus der Summe der Fehlerquadrate und ist kleiner oder gleich
dem Maximalfehler (man denke an den Satz des Pythagoras: die Hypotenuse ist
i.A. kleiner als die Summe der beiden Katheten).
sX
∆z = ∆zi2 für den absoluten Fehler (15)
i
29

v
2
∆z uX ∆zi
u 
=t für den relativen Fehler (16)
z i zi

Meist gibt man in der Praxis den Standardfehler an. Die Kochbuchregeln:

• Bei Produkten und Divisionen addieren sich die relativen Fehler nach For-
mel (14) oder (16). Ist der absolute Fehler gefragt, muss zunächst der re-
lative Fehler ermittelt werden. Der absolute Fehler ergibt sich dann durch
Multiplikation mit dem Messwert. Der absolute Fehler kann dann nicht
nach Formel (13) oder (15) berechnet werden!

• Bei Summen und Differenzen addieren sich die absoluten Fehler nach Formel
(13) oder (15). Ist der relative Fehler gefragt, muss zunächst der absolute
Fehler ermittelt werden. Der relative Fehler ergibt sich dann durch Division
des absoluten Fehlers mit dem Messwert. Der relative Fehler kann dann
nicht nach Formel (14) oder (16) berechnet werden!

Die folgenden beiden Tabellen fassen die Kochbuchregeln jeweils für Standardfeh-
ler und Maximalfehler zusammen. Mit diesen beiden Tabellen kommt man durch
die Übungen, das Praktikum und das Leben.

Tabelle 1: Tabelle zur Berechnung des Standardfehlers

Rel. Fehler abs. Fehler

Summe oder Differenz aus dem absoluten Fehler nach Formel (15)
Formel (15) und Division durch Messwert Quadratsumme der abs. Einzelfehler
nicht aus Formel (16)

Produkt oder Division Formel (16) aus dem relativen Fehler nach
Quadratsumme der rel. Einzelfehler Formel (16) mit Messwert multiplizieren
nicht aus Formel (15)
30

Tabelle 2: Tabelle zur Berechnung des Maximalfehlers (selten verlangt!)

Rel. Fehler abs. Fehler

Summe oder Differenz aus dem absoluten Fehler nach Formel (13)
Formel (13) und Division durch Messwert Summe der abs. Einzelfehler
nicht aus Formel (14)

Produkt oder Division Formel (14) aus dem relativen Fehler nach
Summe der rel. Einzelfehler Formel (14) mit Messwert multiplizieren
nicht aus Formel (13)
31

Synthese
Bis hierher haben wir den statistischen Ansatz und die Fehlerfortpflanzung quasi
als sich ausschliessende Alternativen angesehen, und aus den weiter oben auf-
geführten Gründen den analytischen Ansatz der Fehlerrechnung höher bewertet.
Oft schliessen sich die beiden Ansätze aber gar nicht aus – im Gegenteil.
Es ist eine gute Idee, beide Ansätze zu verfolgen (sofern dem Versuch angemes-
sen). Da das Praktikum bevorzugt in Zweier-Teams absolviert werden soll, könnte
je ein Partner diesen und der andere jenen Ansatz verfolgen (und hinterher jeweils
vom Partner übernehmen). Anschliessend sollten beide Ergebnisse verglichen wer-
den. Stellt man dann fest, dass die Standardabweichung und der Standardfehler
(mittlerer Fehler) sehr unterschiedlich sind, so ist dies ein wichtiger Hinweis auf
ein Problem:

• Ist die Standardabweichung deutlich grösser als der Standardfehler, so wur-


de entweder unsauber gearbeitet und die Genauigkeit des Messaufbaus nur
unzureichend ausgenützt, oder die geschätzten oder angegebenen Einzelfeh-
ler sind zu optimistisch.

• Ist die Standardabweichung deutlich kleiner als der mittlere Fehler, so hat
man entweder Glück gehabt und wiegt sich zu unrecht auf der sicheren Seite,
oder die geschätzten bzw. angegebenen Einzelfehler sind sehr vorsichtig–
pessimistisch gewählt.

Versuchen Sie, aus den beiden Fehlern, die Sie bestimmt haben, konservativ einen
vernünftigen Wert zu wählen.

Signifikante Stellen
Taschenrechner verderben den Charakter.
Ganz automatisch wandert die Hand zum Taschenrechner, tippt schnell ein paar
Werte ein, drückt auf “=”, und das Display zeigt so etwas wie

4.083677902
an. Und da Taschenrechner sich nicht verrechnen, muss das ja stimmen, und
dieses Ergebnis wandert dann auch ins Messprotokoll. Tabellenkalkulationen wie
Excel oder Numbers sind da auch nicht besser, es sei denn, man bedient sie mit
Verstand und limitiert die Anzahl der signifikanten Stellen auf ein vertretbares
Mass.
Ein vertretbares Mass ist durch die Anzahl der signifikanten Stellen gegeben.
Wikipedia definiert Signifikante Stellen wie folgt:
32

Stellen einer Zahl werden signifikante Stellen (auch: geltende/gültige


Stellen/Ziffern) genannt, wenn diese Zahl innerhalb der Grenzen der
Abweichung der letzten dieser Stellen liegt. Dazu zählen die aussage-
kräftigen Ziffern ohne führende Nullen. Ob endende Nullen signifikant
sind, muss fallweise hinterfragt werden.

Das bedeutet, man sollte nicht mehr signifikante Stellen verwenden und angeben,
als die ermittelte Messgenauigkeit (also zum Beispiel der ermittelte Standard-
fehler) erlaubt. Bei einem Standardfehler von 10% wären das also 2 signifikante
Stellen, bei 1% Fehler können wir 3 signifikante Stellen angeben.
Auch ohne bereits eine Fehleranalyse vorgenommen zu haben, kann man die
Anzahl der signifikanten Stellen gut abschätzen: sie sollte nicht grösser sein als
die der am wenigsten genau angegebenen beteiligten Grösse sein.
33

Literatur
Einführende Bücher Bibliothek
Frauenfelder/Huber Physik I, Basel, 1967. ODD 137
Gränicher, W.H. Messung beendet - was nun?, KSD 201
Stuttgart, 1994.
Leaver/Thomas Versuchsauswertung, PDA 136
Braunschweig, 1977. KVZ 150
Linder/Berchtold Elementare statistische Methoden, KAE 167
Basel, 1979.
Squires, G.L. Messergebnisse und ihre Auswertung, PDA 134
Berlin, 1971.
Walcher, W. Praktikum der Physik, PDA 133
Stuttgart, 1966.

Weiterführende Werke
Kreyszig, E. Statistische Methoden und ihre KAE 201
Anwendungen, Göttingen, 1968.
Bevington, P.R. Data Reduction and Error Analysis for KSD 139
the Physical Science, New York, 1969. KSD 140

Skripte, die die Fehlerrechnung weiterführen


Schmid, J. Würfelversuch.
von Steiger, R. Statistische Verteilungen.
Kopp/Meier/Moor Radioaktivitätsversuch.
34
1 Trägheitsmoment

Inhalt
1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.2 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.2.1 Repetitionsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.2.2 Berechnung von Trägheitsmomenten . . . . . . . . . . 36
1.2.3 Übungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
1.3 Versuchsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.4 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
1.4.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
1.4.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
1.4.3 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
1.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

1.1 Einleitung
Der Versuch des Trägheitsmoments soll als Einstieg ins Physikpraktikum dienen.
Es wird das wichtige Konzept der Rotationsbewegung repetiert und vertieft. Die
elementaren Messprozesse des Experiments lassen dem Ausführenden genügend
Freiraum, um sich auf den Ablauf des Versuches und auf das Verfassen des La-
borberichtes zu konzentrieren. Ausserdem kann mit den gemessenen Daten eine
umfassende Fehlerrechnung durchgeführt werden.

1.2 Theoretische Grundlagen


Als Einstieg ins Thema empfiehlt es sich, folgende Grundlagen zu erarbeiten:

35
36 1 Trägheitsmoment

Punktmechanik: - Winkelgeschwindigkeit ω
- Drehimpuls L
- Drehmoment M

Körper- und Punktsysteme: - Massenmittelpunkt (Schwerpunkt)


- innere und äussere Kräfte
Rotation eines starren Kör- - Trägheitsmoment J
pers um eine feste Achse: - Hauptträgheitsmoment
- Satz von Steiner
- Drehimpulssatz
- Rotationsenergie
- Formale Analogie zwischen Translation
und Rotation

Harmonische Schwingung: - mathematisches und physikalisches Pendel


- Federpendel/Drehpendel

1.2.1 Repetitionsfragen
1. Wie lautet der Drehimpulssatz (in Formel und Worten)? Welcher Gleichung
entspricht er formal bei der Translationsbewegung?

2. Berechnen Sie die Rotationsenergie und a a


den Drehimpuls des gezeichneten Sys- m m
tems von zwei Massenpunkten.

3. Ein Hohl- und ein Vollzylinder, beide mit Masse m und Radius R rollen
eine schiefe Ebene hinunter. Welcher ist zuerst unten? Berechnen Sie die
Geschwindigkeit als Funktion der Höhe. Der Neigungswinkel α sei gegeben.
4. Berechnen Sie das Trägheitsmoment eines dünnen Stabes bezüglich einer
Achse senkrecht zum Stab durch den Schwerpunkt. Vergleichen Sie das
Resultat mit den exakten Formeln (Formelsammlung) für einen runden und
einen quadratischen Querschnitt.

1.2.2 Berechnung von Trägheitsmomenten


Beispiel 1: Trägheitsmoment eines homogenen Quaders {l, b, h} bezüglich einer
kantenparallelen Achse durch den Schwerpunkt
Nach Definition lässt sich das Trägheitsmoment jedes Körpers wie folgt schreiben:
Z Z Z
J= a2 dm = a2 %dV = % a2 dV, (1.1)
m V m
1.2 Theoretische Grundlagen 37

S
a y
h x
y
z
r
dm
x
b

Abbildung 1.1: Trägheitsmoment bezüglich der z-Achse

wobei a der Abstand des Volumenelements dV von der Drehachse und dV =


dx dy dz ist. Nun schreiben wir das Volumenintegral als Dreifachintegral in den
drei Richtungen x, y und z und setzen die Integralgrenzen ein:
Zl/2 Zb/2 h/2
Z
J =% dx dy dz(x2 + y 2 ) (1.2)
−l/2 −b/2 −h/2

Dieses Integral berechnet sich wie folgt:


Zl/2 Zb/2 h ih/2 Zl/2 Zb/2  
2 2
J = % dx dy x z + y ) =% dx dy x2 h + y 2 h
−h/2
−l/2 −b/2 −l/2 −b/2

Zl/2 #b/2 Zl/2


y3 b3
" !
2 2
= %h dx x y + = %h dx x b +
3 −b/2
12
−l/2 −l/2
#l/2
x 3 b b3 x l3 b lb3
" !
1 2 
= %h + = %h + = % · lbh · l + b2
3 12 −l/2
12 12 12
m 2 
= l + b2 (1.3)
12
Beispiel 2: Berechnung der Hauptträgheitsmomente eines homogenen Rotati-
onszylinders {R, h}
Die drei Hauptträgheitsmomente beziehen sich auf die Hauptachsen des Träg-
heitsellipsoids. Eine dieser drei Hauptträgheitsachsen, die alle durch den Schwer-
punkt gehen und senkrecht aufeinander stehen, ist die Zylinderachse (weshalb ist
das so?).
38 1 Trägheitsmoment

dz

h
r
dr
z

y

ϕ

Abbildung 1.2: Volumenelement in Zylinderkoordinaten

Das Trägheitsmoment J lässt sich wieder schreiben als


Z Z Z
J= 2
r dm = 2
r %dV = % r2 dV. (1.4)
m V m

Die Integration wird besonders einfach, wenn Zylinderkoordinaten (r, φ, z) ver-


wendet werden, also wenn dV = r dx dy dz gilt:
Z2π ZR Zh
J =% dφ dr dz r3 . (1.5)
0 0 0

Nach kurzer Rechnung (analog zum Quader) erhält man


1 1
J = %πR4 h = mR2 (1.6)
2 2
Die beiden anderen Hauptträgheitsmomente sind wegen der Rotationssymmetrie
gleich gross: Z
J = % d2 dV (1.7)
V
1.2 Theoretische Grundlagen 39

wobei wiederum dV = r dx dy dz und neu d2 = z 2 + (rsinφ)2 ist. Dies ergibt


folgendes Integral:
Z R Z 2π Z h/2  
J= dr dφ dz rz 2 + r3 sin2 φ . (1.8)
0 0 −h/2

Wir integrieren zuerst über r und φ, wobei wir die folgende Beziehung verwenden:
Z 2π
dφ · sin2 φ = π (1.9)
0

und erhalten ein Einfachintegral über z:


1
Z  
J= % πR2 z 2 + πR4 dz. (1.10)
4
Interpretieren wir kurz dieses Zwischenresultat. Der erste Summand des Integran-
den %πR2 dz·z 2 ist nichts anderes als dm·z 2 , wobei dm die Masse einer infinitesimal
dünnen Scheibe und z der Abstand dieser Scheibe zum Schwerpunkt des Zylin-
ders ist. Andererseits ist 41 %πR2 dzR2 gerade gleich 14 dmR2 , was seinerseits dem
Trägheitsmoment dJ 0 der infinitesimal dünne Scheibe bezüglich einer Achse A0
parallel zu der uns interessierenden Hauptträgheitsachse A entspricht. Wir sehen
also, dass der Integrand dem Trägheitsmoment einer infinitesimal dünnen Scheibe
bezüglich der Hauptträgheitsachse A entspricht:

dJ(A) = dJ 0 (A0 ) + dm z 2 (1.11)

Die Integration in (1.10) kann damit so interpretiert werden, dass man sich einen
Zylinder aus unendlich vielen solcher dünnen Scheiben zusammengesetzt denkt
und deren Trägheitsmomente addiert. Als Resultat ergibt sich

h2 1 m
J = %πR2 + πR4 h = (h2 + 3R2 ). (1.12)
3−4 4 12

1.2.3 Übungsaufgaben
1. Trägheitsmoment J und Federkonstante k eines physikalischen Pendels (z.B.
Drehtisch) können bis auf 1% genau bestimmt werden. Mit welcher Genau-
igkeit kann die Schwingungsdauer des Pendels angegeben werden?

2. Das H2 O-Molekül schliesst einen Winkel von 105o ein. Der Abstand H-O
beträgt 0.096 · 10−9 m. Berechnen Sie die Hauptträgheitsmomente (Atome
= Massenpunkte).

3. Berechnen Sie das Trägheitsmoment eines geraden Kreiskegels mit Masse


m bezüglich der Kegelachse (R: Radius der Grundfläche).
40 1 Trägheitsmoment

4. Leiten Sie eine Formel zur Berechnung des Trägheitsmomentes einer Kugel
her. Benützen Sie dazu Kugelkoordinaten (r, φ, theta), wobei 0 ≤ r ≤ R,
0 ≤ φ ≤ 2π und 0 ≤ θ ≤ π und dV = r2 sinθ dr dφ dθ.

5. Berechnen Sie die Schwingungsdauer des gezeich-


neten physikalischen Pendels und vergleichen Sie l
diese mit dem entsprechenden mathematischen
Pendel. R

6. Berechnen Sie die Winkelbeschleunigung ω̇


des in der Figur dargestellten Vollzylinderra-
des mit der Masse m1 und Radius R, wenn
R am Seil eine Masse m2 angehängt wird.
m1

m2

1.3 Versuchsaufbau
Zur experimentellen Bestimmung von Trägheitsmomenten wird ein Drehtisch ver-
wendet, der als Drehpendel eingesetzt wird. Das rücktreibende Moment des Dreh-

0o

ϕ 4 5 6
2 3
0 1

Spiralfeder

Abbildung 1.3: Skizze Drehtisch

tisches ist proportional zur Auslenkung:

M = −kφ. (1.13)
1.4 Praktische Aufgaben 41

Der Drehimpulssatz liefert für die Bewegung des Drehtisches folgende, bekannte
Differntialgleichung:
J φ̈ + kφ = 0. (1.14)
Sie kann durch den Ansatz φ(t) = A · cos(ωt + φ0 ) gelöst werden, wobei A und
φ0 Konstanten
q sind, die durch die Anfangsbedingungen festgelegt werden, und
ω = k/J beträgt. Ersetzt man ω durch T = 2π/ω erhält man
T 2k
. J= (1.15)
4π 2
Durch Messung der Federkonstanten k und der Periode T der Schwingung des
Systems kann das Trägheitsmoment bestimmt werden.

1.4 Praktische Aufgaben


Zu allen Resultaten ist eine sorgfältige Fehlerrechnung durchzuführen.

1.4.1 Aufgabe 1
Messen Sie die Periode der Schwingung (10 Messungen, Mittelwert) für
1. Tisch mit grossem Zylinder (m = 600 g) in Position 0
600g
JT isch + JZylinder
T02 = 4π 2
k
2. Tisch mit den zwei kleinen Zylindern (m = 300 g) in Position 6
300g
JT isch + 2JZylinder + 2md2
T62 = 4π 2
k
Bestimmen Sie aus diesen zwei Messungen unter Verwendung von JZylinder
600g
=
2JZylinder die Federkonstante k. Fehler? (Hinweis: Die Messung wird genauer,
300g

wenn nicht T sondern 10T gemessen wird.)

1.4.2 Aufgabe 2
Bestimmen Sie durch Messen der jeweiligen Schwingungsdauer das Trägheitsmo-
ment des Quaders und der Scheibe. Vergleichen Sie mit den Werten, die man aus
folgenden Formeln erhält:
m
JQuader = (a2 + b2 )
12
1
JScheibe = mR2
2
(Hinweis: Vergessen Sie JT isch nicht.)
42 1 Trägheitsmoment

1.4.3 Aufgabe 3
Verifizieren Sie den Satz von Steiner (kleiner Zylinder in Position 0 bis 6, T als
Mittelwert aus 5 Messungen). Fertigen Sie eine graphische Darstellung an und
berechnen Sie die Ausgleichsgerade nach der Methode der kleinsten Quadrate.

Was bedeuten Steigung und Achsenabschnitt?

1.5 Literatur
Busch Anleitung zum physikalischen Praktikum an
der ETH (Versuch 2)
Gerthsen/Kneser/Vogel Physik, Kap. 2.2ff.
Halliday/Resnick Physics, chap. 11/12
Frauenfelder/Huber Physik, Band 1 (Anhang)
2 Erzwungene Schwingungen

Inhalt
2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.2 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.2.1 Die freie, ungedämpfte Schwingung . . . . . . . . . . . 43
2.2.2 Die freie, gedämpfte Schwingung . . . . . . . . . . . . 44
2.2.3 Die erzwungene, gedämpfte Schwingung . . . . . . . . 48
2.3 Versuchsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.4 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.4.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.4.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.4.3 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

2.1 Einleitung
Differentialgleichungen kommen in der Physik häufig vor. Dieser Versuch ver-
sucht, einen Überblick über das Gebiet zu verschaffen. In einem ersten Teil, wer-
den die verschiedenen Formen von Schwingungen und deren mathematische Be-
schreibung aufgezeigt. Im praktischen Teil sollen diese Gesetze praktisch erfahren
werden.

2.2 Theoretische Grundlagen


2.2.1 Die freie, ungedämpfte Schwingung
Die Bewegungsgleichung für die Rotation eines starren Körpers um eine feste
Achse lautet
(2.1)
X
J · ϕ̈ = Mi ,
i

43
44 2 Erzwungene Schwingungen

wobei ϕ der Lagewinkel, J das Trägheitsmoment und M das Drehmoment be-


züglich der Drehachse ist.

Bei der freien, ungedämpften Schwingung wirkt nur ein einziges (z.B. von einer
Feder herrührendes) rücktreibendes Moment MF , dessen Betrag proportional zur
Auslenkung ist:
MF = −kϕ (2.2)
Setzen wir ω02 = k/J so lautet die Differentialgleichung für die freie, ungedämpfte
Schwingung
ϕ̈ + ω02 ϕ = 0. (2.3)
Ihre allgemeine Lösung hat die Form

ϕ(t) = A1 cos(ω0 t) + A2 sin(ω0 t). (2.4)

Die beiden Integrationskonstanten A1 und A2 werden durch die Anfangsbedin-


gungen festgelegt.

Beispiel: Zur Zeit t = 0 sei ϕ(0) = ϕ0 und ϕ̇(0) = 0. In (2.4) eingesetzt ergibt
sich ϕ0 = A1 und A2 = 0, und somit für die spezielle Lösung der Schwingungs-
gleichung
ϕ(t) = ϕ0 cos(ω0 t). (2.5)

2.2.2 Die freie, gedämpfte Schwingung


2.2.2.1 Bewegungsgleichung

Zum rücktreibenden Federmoment MF bei der freien, ungedämpften Schwingung


tritt nun zusätzlich ein die Bewegung dämpfendes Reibungsmoment MR , welches
proportional der Winkelgeschwindigkeit ist:

MR = −Rϕ̇. (2.6)

Für die Bewegungsgleichung ergibt sich somit

J ϕ̈ + Rϕ̇ + kϕ = 0, (2.7)

was eine homogene, lineare Differentialgleichung 2. Ordnung darstellt. Setzen wir


den Ansatz ϕ(t) = Ceκt in die Differentialgleichung ein, erhalten wir

JCκ2 eκt + RCκeκt + kCeκt = 0 (2.8)

und daraus
R k
κ2 + κ + = 0. (2.9)
J J
2.2 Theoretische Grundlagen 45

Für κ ergeben sich aus dieser Bestimmungsgleichung die beiden Lösungen


s
R R2 k
κ1,2 =− ± 2
− . (2.10)
2J 4J J
q
Mit den Abkürzungen α = R/2J und ω0 = k/J erhalten wir
q
κ1,2 = −α ± α2 − ω02 . (2.11)

Je nachdem wie sich der Term unter der Wurzel verhält (grösser, kleiner oder
gleich Null), erhalten wir verschiedene Arten von gedämpften Schwingungen. Im
Folgenden wollen wir diese drei Fälle (α2 < ω02 , α2 > ω02 und α2 = ω02 ) betrachten.

2.2.2.2 Gedämpfte, harmonische Schwingung: α2 < ω02

Die Aussage α2 − ω02 < 0 bedeutet, dass die Grössen κ1 und κ2 komplex werden.
Setzen wir in diesem Fall q
ω = ω02 − α2 (2.12)
so ist κ1,2 = −α ± iω und es folgt für die beiden Lösungen von (2.7)

ϕ1 = Ceκ1 t = Ce−αt+iωt
(2.13)
ϕ2 = Ceκ2 t = Ce−αt−iωt .

Die allgemeine Lösung von (2.7) ergibt sich wiederum als Linearkombination von
ϕ1 und ϕ2 :  
ϕ(t) = A1 eiωt + A2 e−iωt e−αt (2.14)
Mit der Umformung

ϕ1 + ϕ2 eiωt + e−iωt
ϕ∗1 = = Ceαt = Ce−αt cos(ωt) (2.15)
2 2
ϕ1 − ϕ2 e iωt
− e−iωt
ϕ∗2 = = Ceαt = Ce−αt sin(ωt), (2.16)
2i 2i
lässt sich die allgemeine Lösung von 2.7

ϕ(t) = B1 ϕ∗1 + B2 ϕ∗2 (2.17)

auch in der leichter interpretierbaren Form

ϕ(t) = (B10 cos(ωt) + B20 sin(ωt)) e−αt = Ae−αt cos(ωt − β) (2.18)

schreiben. Diese Gleichung stellt eine harmonische Schwingung mit exponentiell


abfallender Amplitude dar.
46 2 Erzwungene Schwingungen

Die beiden Integrationskonstanten werden wiederum durch die Anfangsbedingun-


gen festgelegt.

Beispiel: Zur Zeit t = 0 sei ϕ(0) = ϕ0 und ϕ̇(0) = 0. In (2.18) eingesetzt erhalten
wir
ϕ(0) = ϕ0 = A cos(−β)
˙ (2.19)
ϕ(0) = 0 = −αA cos(−β) − Aω sin(−β),
und daraus
α
tan β = (2.20)
ω s
ϕ0 α2
A = = ϕ0 1 + (2.21)
cos β ω2

Diskussion: α2 < ω02 bedeutet schwache Dämpfung. Der Körper führt harmo-
nische Schwingungen mit exponentiell abfallender Amplitude aus (s. Abbildung
2.1).

φ0

Ae-αt
φ(t)

Abbildung 2.1: Gedämpfte, harmonische Schwingung

2.2.2.3 Aperiodische Bewegung: α2 > ω02

Nun soll die Reibung grösser als das rücktreibende Moment sein, also soll α2 −
ω02 > 0 gelten. Somit sind die beiden Grössen κ1 und κ2 reell. Setzen wir
q
ω= α2 − ω02 (2.22)
2.2 Theoretische Grundlagen 47

ergibt sich für die beiden Lösungen der Gleichung (2.7)

ϕ1 = Ceκ1 t = Ce−αt+ωt
(2.23)
ϕ2 = Ceκ2 t = Ce−αt−ωt .

Die allgemeine Lösung von (2.7) stellt eine Linearkombination von ϕ1 und ϕ2
dar:  
ϕ(t) = A1 eωt + A2 e−ωt e−αt (2.24)
Die Integrationskonstanten A1 und A2 werden wiederum durch die Anfangsbe-
dingungen festgelegt.

Aufgabe: Zur Zeit t = 0 sei ϕ(0) = ϕ0 und ϕ̇(0) = 0. Bestimmen Sie A1 und A2 .

Diskussion: Der Ausdruck α2 > ω02 bedeutet starke Dämpfung. Gelten die in der
Aufgabe genannten Anfangsbedingungen, so kehrt der Körper nach einer Auslen-
kung stark gedämpft in die Ruhelage zurück. Es kommt zu keiner Schwingung (s.
Abbildung 2.2).

2.2.2.4 Aperiodischer Grenzfall: α2 = ω02

Die Lösung für diesen Fall ergibt sich aus (2.18) für
q
ω= ω02 − α → 0, (2.25)

was bedeutet
ϕ(t) = lim (B10 cos(ωt) + B20 sin(ωt)) e−αt . (2.26)
ω→0

Mit den üblichen Anfangsbedingungen erhält man für die Integrationskonstanten


B10 = ϕ0 und B20 = ωα ϕ0 . Dann gilt
α
   
ϕ(t) = lim ϕ0 cos(ωt) + sin(ωt) e−αt . (2.27)
ω→0 ω
Durch Entwickeln der Winkelfunktionen ergibt sich

(ωt)2 (ωt)3
( " ! !# )
α −αt
ϕ(t) = lim ϕ0 1 − + ... + ωt − + ... e
ω→0 2! ω 3!
= ϕ0 [1 + αt] e−αt (2.28)

und daraus
ϕ(t) = (A1 + A2 t)e−αt (2.29)
Diskussion: Der aperiodische Grenzfall tritt ein, falls α2 = ω02 . Der Körper
kehrt gedämpft in die Ruhelage zurück. Es erfolgt ebenfalls keine Schwingung (s.
Abbildung 2.2).
48 2 Erzwungene Schwingungen

φ0

φ(t)

α2 > ω02

α2 = ω02
0
t

Abbildung 2.2: Verlauf der aperiodischen Bewegung (α2 > ω02 ) und des aperiodi-
schen Grenzfalls (α2 = ω02 )

2.2.2.5 Zusammenfassung

In Abbildung 2.3 ist für T = 1 s und für die Anfangsbedingungen ϕ(t = 0) = ϕ0


und ϕ̇(t = 0) = 0 die Funktion ϕ(t) für verschiedene Dämpfungskonstanten α
entsprechend den Beziehungen (2.24), (2.18) und (2.29) aufgezeichnet.

Aufgabe: Bestimmen Sie für jede der vier Kurven die explizite Funktionsglei-
chung ϕ(t).

2.2.3 Die erzwungene, gedämpfte Schwingung


2.2.3.1 Bewegunsgleichung

Neben dem rücktreibenden Federmoment MF und dem Reibungsmoment MR soll


nun ein zusätzliches zeitabhängiges Moment Mt wirken:
1 iΩt
Mt = M0 sin Ωt = M0 (e − e−iΩt ). (2.30)
2i
Die Bewegungsgleichung lautet somit
1 iΩt
J ϕ̈ + Rϕ̇ + kϕ = M0 (e − e−iΩt ). (2.31)
2i
Sie stellt eine inhomogene, lineare Differentialgleichung 2. Ordnung dar. Glei-
chung (2.7) ist die zugehörige homogene Differentialgleichung.
2.2 Theoretische Grundlagen 49
1
α = 15

0.5

α = 2π
φ(t)

α=1
-0.5

α=0
-1
0 1 2 3 4 5
t [s]

Abbildung 2.3: Eine Auswahl harmonischer Schwingungen mit verschiedener


Dämpfung α

Satz: Die allgemeine Lösung von (2.31) erhält man, indem man zur allgemeinen
Lösung von (2.7) eine spezielle (partikuläre) Lösung von (2.31) addiert.

2.2.3.2 Ansatz für die partikuläre Lösung der Bewegungsgleichung

Man vermutet, dass nach einer gewissen Zeit die erzwungene Schwingung in ihrer
Frequenz mit der Störung übereinstimmt, jedoch gegenüber dieser eine Phasen-
verschienung aufweist. Daher wählen wir folgenden Ansatz:
A i(Ωt+δ)
(e
ϕ(t) = A sin(Ωt + δ) = + e−i(Ωt+δ) ) (2.32)
2i
Durch zweimaliges Ableiten und Einsetzen in (2.31) erhält man
JAΩ2 RAΩ kA
" ! #
M0
eiΩt eiδ − + + − = (2.33)
2i 2 2i 2i
JAΩ2 RAΩ kA
" ! #
M0
e−iΩt
e −iδ
− − + − , (2.34)
2i 2 2i 2i
was eine Gleichung mit zwei Unbekannten darstellt. Da die Gleichheit jedoch zu
jedem beliebigen Zeitpunkt erfüllt sein muss, folgt
 
M0 = eiδ A −JΩ2 + iRΩ + k und (2.35)
50 2 Erzwungene Schwingungen
 
M0 = e−iδ A −JΩ2 − iRΩ + k (2.36)

Durch Multiplikation der beiden Gleichungen ergibt sich


   
2 2
 2
M02 =A 2
k − JΩ 2
+R Ω 2 2
=A J 2 2
Ω − ω02 2
+ 4α Ω 2
(2.37)

und
M0 1
A= q . (2.38)
J (Ω2 − ω 2 )2 + 4α2 Ω2
0

Division von (2.35) durch (2.36) liefert analog

−JΩ2 + iRΩ + k 2 2
2iδ ω0 − Ω + 2αΩi
1 = e2iδ = e (2.39)
−JΩ2 − iRΩ + k ω02 − Ω2 − 2αΩi
und
2αΩ
tan δ = − . (2.40)
ω02− Ω2

2.2.3.3 Allgemeine Lösung der Differentialgleichung für die erzwun-


gene, gedämpfte Schwingung

Die allgemeine Lösung ergibt sich nach dem oben erwähnten Satz als Summe von
(2.32) und (2.24) bzw. (2.18) bzw. (2.29) zu

ϕ(t) = A sin(Ωt + δ) + (B1 eωt + B2 e−ωt )e−αt für α2 > ω02


ϕ(t) = A sin(Ωt + δ) + Be−αt cos(ωt − β) für α2 < ω02 (2.41)
ϕ(t) = A sin(Ωt + δ) + (B1 + B2 t)e−αt für α2 = ω02

Sie stellt somit eine Superposition dar aus einer abklingenden, gedämpften Bewe-
gung (gemäss vorigem Kapitel) und einer harmonischen, ungedämpften Schwin-
gung der Frequenz Ω und der von Ω abhängigen Amplitude A.

2.2.3.4 Resonanz

Für die Frequenzabhängigkeit der Amplitude gilt


M0 M0
Ω = 0 : A(0) =
2
= (2.42)
Jω0 k
Ω → ∞ : A(Ω → ∞) = 0 (2.43)

Zur Bestimmung der Resonanzfrequenz ΩR , welche eine maximale Amplitude der


Schwingung bewirkt, setzen wir
−3/2 h
∂A M0  2
 2   i
=− Ω − ω02 + 4α2 Ω2 · 4Ω Ω2 − ω02 + 8α2 Ω . (2.44)
∂Ω 2J
2.2 Theoretische Grundlagen 51

Daraus ergibt sich h  i


4Ω Ω2 − ω02 + 2α2 = 0 (2.45)
und q
ΩR = ω02 − 2α2 . (2.46)
Die sogenannte Resonanzkurve zeigt somit eine nicht symmetrische Frequenzab-
hängigkeit (s. Abbildung 2.4).

α=0

α = ω0/10

α = ω0/8
A(Ω)

α = ω0/6

α = ω0/4

α = 3*ω0/8
α = ω0/2
α = ω0/1.41
α = ω0
M0/D
α = 2*ω0
α = 8*ω0
0
0 2 4 6 8 10 12 14

Abbildung 2.4: Eine Auswahl harmonischer Schwingungen mit verschiedener


Dämpfung α

2.2.3.5 Resonanzbreite

Für kleine Dämpfung ist die Resonanzkurve für Ω ≈ ΩR ≈ ω0 in guter Näherung


symmetrisch.

Definieren wir für diesen Fall die neue Variable


ε = Ω − ω0 (2.47)
und setzen diese in (2.38)ein, so ergibt sich unter Vernachlässigung der Werte mit
ε2 , αε2 , α2 εω0 gegen εω0 und α2 ω02
M0 M
A(ε) = q = √0 . (2.48)
J 4ε2 ω02 + 4α2 ω02 2Jω0 ε2 + α2
52 2 Erzwungene Schwingungen

Diese angenäherte Resonanzkurve ist symmetrisch um ω0 ≈ ΩR und besitzt das


Maximum
M0
Amax = A(0) = . (2.49)
2Jω0 α
Für die Werte ε1,2 soll gelten
Amax
A(ε1,2 ) = √ . (2.50)
2
ε1 und ε2 ergeben sich aus
Amax M
√ = √ 0 (2.51)
2 2 2Jω0 α
und
M0
A(ε1,2 ) = q (2.52)
2Jω0 ε21,2 + α2
zu
ε1,2 = ±α. (2.53)
Dies bedeutet nichts
√anderes, als dass die halbe Breite der Resonanzkurve, welche
in der Höhe Amax / 2 gemessen wird, gerade gleich der Dämpfungskonstanten α
ist.

2.3 Versuchsaufbau
Die Apparatur besteht aus eine Drehscheibe mit rücktreibender Spiralfeder. Mit
Hilfe einer elektrisch gespeisten Wirbelstrombremse lässt sich eine zusätzliche
Dämpfung erzeugen. Eine rotierende Scheibe mit kontinuierlich verstellbarer Dreh-
frequenz liefert ein periodisches, externes Moment. Die Drehfrequenz kann mit
einer Stoppuhr gemessen werden.

2.4 Praktische Aufgaben


2.4.1 Aufgabe 1
Beobachten Sie die Amplituden ϕ(nT ) (n = 0, 1, 2, ...) und messen Sie die
Eigenfrequenz der freien Schwingung in folgenden Fällen:

1. ohne Dämpfung

2. mit Dämpfung (0.45 A)

3. mit Dämpfung (0.60 A)


2.4 Praktische Aufgaben 53

- Notieren Sie sich schriftlich wie der zeitliche Verlauf von ϕ(nT ) logarithmisch
aufgetragen erwartungsgemäss aussieht.
- Stellen Sie den gemessenen zeitlichen Verlauf von ϕ(nT ) graphisch auf logarith-
mischem Papier dar (mit Diskussion).
ϕ(nT )
- Tragen Sie ebenfalls die Verhältnisse graphisch auf. Kommentar?
ϕ((n + 1)T )

2.4.2 Aufgabe 2
Nehmen Sie die Resonanzkurve für die unter Aufgabe 1 erwähnten Fälle auf.
Wählen Sie vernünftige Messintervalle! Wo empfiehlt es sich, viele Messpunkte
zu erfassen, und in welchem Beriech genügen wenige Datenpunkte?

2.4.3 Aufgabe 3
Bestimmen Sie die Dämpfungskonstante α

1. aus ϕ(t) ≈ e−αt (logarithmische Darstellung; Ablesen der Steigung der Ge-
raden) und

2. aus der Breite der Resonanzkurve nach Abschnitt 2.2.3.5.


54 2 Erzwungene Schwingungen
3 Dichte von Gasen

Inhalt
3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2 Theoretische Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2.1 Auftrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2.2 Druckmessung mit dem U-Rohr-Manometer . . . . . . 56
3.2.3 Restgas im Kolben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
3.2.4 Vergleich mit Literaturwerten . . . . . . . . . . . . . . 56
3.3 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.3.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.3.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

3.1 Einleitung
In diesem Experiment soll eine Methode zur Bestimmung der Dichte von Gasen
erarbeitet werden. Da die Messungen im Allgemeinen wenig Zeit in Anspruch
nehmen, gönnen Sie sich die Musse, die Messungen unter Berücksichtigung der
nachfolgenden Hinweise genau zu überlegen.

3.2 Theoretische Hinweise


3.2.1 Auftrieb
Die Gase können nicht einfach gewogen werden, weil der Auftrieb in dem sie umge-
benden Medium nicht vernachlässigt werden kann. (Man stelle sich die Messungen
unter Wasser vor.)
Das Gesetz des Archimedes besagt, dass die Auftriebskraft gegeben ist durch

FA = %gV (3.1)

55
56 3 Dichte von Gasen

wobei % für die Dichte und V für das Volumen der verdrängten Flüssigkeit bzw.
des Gases und g für die Gravitationsbeschleunigung stehen.
Erstellen Sie die Buchhaltung der Kräfte, die in den drei möglichen Fällen (eva-
kuierter Kolben, luftgefüllter Kolben, Kolben mit dem zu messenden Gas gefüllt)
auf den Glaskolben wirken (und mit der Waage gemessen werden) und leiten Sie
daraus eine Gleichung für die Dichte des zu messenden Gases ab.

3.2.2 Druckmessung mit dem U-Rohr-Manometer


Das Manometer im Praktikum besteht aus einem U-förmigen Rohr, an dessen
einem Ende das zu messende Volumen angeschlossen wird, während der andere
Schenkel bei Atmosphärendruck vollständig mit Quecksilber gefüllt ist. Beim Ab-
pumpen beobachtet man, dass sich das Quecksilber im oben geschlossenen Schen-
kel nach unten bewegt, wobei es ein luftleeres Volumen zurücklässt. Dieses Volu-
men kann unter Vernachlässigung des (geringen) Dampfdruckes von Quecksilber
als Vakuum angesehen werden. Der Unterschied der Steighöhen der Quecksil-
bersäulen in den beiden Schenkeln des Manometeres stellt den Druckunterschied
dar. Dieser Druckunterschied kann direkt in Millimetern Quecksilbersäule (mm-
Hg) abgelesen weren. Die Druckeinheit mmHg (auch Torr gennant) kann mit der
Beziehung 760 mmHg ≡ 1.013 · 105 Pa in SI-Einheiten umgerechnet werden.

3.2.3 Restgas im Kolben


Da die Pumpe den Glaskolben nur bis zu einem bestimmten Enddruck evakuiert,
bleibt eine kleine Menge Luft im Kolben. Bei der Leermessung muss dies auf
jeden Fall berücksichtigt werden. Ob diese Restluftmenge auch bei der Wägung
des gasgefüllten Gefässes berücksichtigt werden muss, hängt von Ihrem Vorgehen
beim Einfüllen des zu messenden Gases ab: Wenn Sie den Kolben evakuieren, das
Gas einfüllen und dann durchspülen, kann angenommen werden, dass die Luft
im Messvolumen nur noch stark verdünnt vorhanden ist und somit vernachlässigt
werden kann. (Tipp: Nach dem Gesetz für ideale Gase p · V = const., kann
ein endlicher Enddruck auch als Volumenverminderung um denselben Bruchteil
angesehen werden.)

3.2.4 Vergleich mit Literaturwerten


Die Literaturwerte sind üblicherweise bei Normalbedingungen gegeben (STP =
standard temperature and pressure); diese sind definiert als 101’325 Pa und
273.15 K.
Dem „Handbook of Chemistry and Physics “ (63, 1982-1983), sind die folgenden
Werte entnommen:
3.2 Theoretische Hinweise 57

• %Argon = 1.7837 g/l (STP)


• %Stickstoff = 1.2506 g/l (STP)
• %Kohlendioxid = 1.977 g/l (STP)

Die Umrechnung dieser Werte auf die Druck- und Temperaturbedingungen im


Labor kann mit der Zustandsgleichung der idealen Gase vorgenommen werden:

pV = N RT (3.2)

wobei p der Druck in Pascal, V das Volumen in m3 , N die Anzahl Mol, R die
universelle Gaskonstante 8.314 J/(K mol) und T die Temperatur in Kelvin ist.
Durch Umstellen und Einsetzen erhält man ein Molvolumen von 22.4 l bei STP.
Einsetzen der Druck- und Temperaturwerte im Labor liefert die Anzahl Mol im
Glaskolben. Da das Gewicht eines idealen Gases proportional zur Anzahl Mol ist,
können damit die Literaturwerte umgerechnet werden.
Die aktuellen Luftdruckwerte im Labor werden Ihnen vom Assistenten mitgeteilt
(Barometer am Eingang zum grossen Hörsaal).
58 3 Dichte von Gasen

3.3 Praktische Aufgaben


3.3.1 Aufgabe 1
Überlegen Sie sich den Versuchsaufbau und die damit auszuführenden Messungen.
Folgendes Material steht Ihnen zur Verfügung:

• Glaskolben mit zwei Hahnen

• Balkenwaage (Genauigkeit ungefähr 5 mg)

• Messzylinder zur Volumenbestimmung des Glaskolbens

• Vakuumpumpe

• Thermometer (im Praktikumsraum aufgehängt)

• U-Rohr-Manometer

3.3.2 Aufgabe 2
Bestimmen Sie die Dichte von Stickstoff, Argon und Kohlendioxid und vergleichen
Sie sie mit den Literaturwerten.

dickwandige
Vakuumschläuche

Pumpe
Manometer
Glaskolben

Abbildung 3.1: Möglicher Versuchsaufbau


4 Bestimmung von cp/cV

Inhalt
4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.2 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.2.1 Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.2.2 Thermodynamischer Zustand, Zustandsänderung . . . 60
4.2.3 Erster Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . 60
4.2.4 Anwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4.2.5 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.3 Versuchsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
4.4 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
4.4.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
4.4.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

4.1 Einleitung
Anhand eines einfachen Experiments sollen einige, thermodynamische Grund-
lagen repetiert und vertieft werden. Ziel ist es, die Grösse κ = cp /cV einiger
alltäglicher Gase zu bestimmen.

4.2 Theoretische Grundlagen


Im Folgenden fassen wir kurz die Grundlagen der Thermodynamik und der sta-
tistischen Mechanik zusammen.

4.2.1 Definitionen
In ein Gas mit Masse m werde eine Wärmemenge δQ hineingesteckt (δQ ist posi-
tiv, wenn die Wärme dem Gas von aussen zugeführt wird); die dadurch bewirkte

59
60 4 Bestimmung von cp /cV

Temperaturänderung sei dT .
δQ ∝ mdT
δQ = CmdT
. 1 δQ
C = C = Spezifische Wärme
m dT
. δQ
c = c = Wärmekapazität
dT

4.2.2 Thermodynamischer Zustand, Zustandsänderung


Der thermodynamische Zustand eines Gases wird durch die Zustandsgrössen p,
V und T eindeutig festgelegt. Im thermodynamischen Gleichgewicht gibt es eine
Beziehung zwischen diesen Grössen:
f (p, V, T ) = 0 Zustandsgleichung (4.1)
Beispiel: Die Zustandsgleichung für ideale Gase lautet
pV = nRT,
wobei n für die Anzahl Mol des Gases und R für die universelle Gaskonstante
steht.

Weitere Zustandsgrössen sind die innere Energie U und die Entropie S. Spezielle
Zustandsänderungen:
dV = 0: isochor
dT = 0: isotherm
dp = 0: isobar
δQ = 0: adiabatisch

4.2.3 Erster Hauptsatz der Thermodynamik


Der erste Hauptsatz der Thermodynamik lautet
dU = δQ + δW, (4.2)
wobei dU die Änderung der inneren Energie ist; δQ und δW sind die Wärme und
die Arbeit, die dem Gas von aussen zugeführt werden.

Beispiel: Volumenarbeit bei Ausdehnung eines Gases (vgl. Abbildung 4.1)


Es gilt:
δW = F~ · d~s = −pAds = −pdV (4.3)
Falls dV positiv ist, so wird δW negativ, d.h. dass bei unserer Vorzeichenkonven-
tion die Arbeit, die das Gas bei einer Ausdehnung gegen den Aussendruck leisten
muss, negativ gerechnet wird.
4.2 Theoretische Grundlagen 61

F A
p, V

s
ds

Abbildung 4.1: Das sich ausdehnende Gas drückt einen beweglichen Kolben mit
Querschnittsfläche A gegen eine Kraft F~ nach aussen, leistet also Arbeit.

4.2.4 Anwendung
1. cp − cV
cp : Spezifische Wärme für p = const.
cV : Spezifische Wärme für V = const.

Führt man einem Gas Wärme zu, so erhöht sich seine Temperatur. Bei
konstantem Druck (dp = 0) muss nach der Zustandsgleichung (pV = nRT )
auch das Volumen zunehmen; das Gas leistet also gegen den Aussendruck
Arbeit. Das bedeutet, dass nur ein Bruchteil der Energie, die dem Gas
in Form von Wärme zugeführt wird, zur Erhöhung der inneren Energie
(oder gleichwertig: zur Erhöhung der Temperatur) verwendet wird. Den
Rest der Energie gibt das Gas als Arbeit wieder ab. Hält man andererseits
das Volumen konstant (dV = 0), wird die gesamte zugeführte Energie zur
Erhöhung der Temperatur verwendet. Will man die Temperatur eines Gases
um einen bestimmten Betrag erhöhen, einmal bei konstantem Druck und
einmal bei konstantem Volumen, muss man dem Gas im ersten Fall mehr
Wärme zuführen als im zweiten:
δQp δQV
cp = > = cV
dT dT

Bei gleicher Temperaturänderung in beiden Fällen ist auch die Änderung


der inneren Energie gleich gross:
dU = δQ + δW 1. Hauptsatz
= δQp − pdV für p = const.
= δQV für V = const.
Nach der Zustandsgleichung für ein Mol eines idealen Gases (pV = RT )
gilt bei konstantem Druck
pdV = RdT.
Daraus folgt nun
62 4 Bestimmung von cp /cV

δQp − pdV = δQp − RdT = δQV


δQp − δQV = RdT | : dT
cp − cV = R für ein Mol
2. Adiabatengleichung

Für einen adiabatischen Prozess gilt δQ = 0. Somit reduziert sich der erste
Hauptsatz zu
dU + pdV = 0. (4.4)
Für ein Mol eines idealen Gases gilt für jeden Prozess

pV = RT
cp − cV = R
dU = cV dT (4.5)

(Zum Beweis der letzten Gleichung leite man den ersten Hauptsatz nach
der Zeit ab und halte das Volumen konstant (dV = 0). Man erhält also
dU
dT
= δQ
dT
V
, wobei aber die rechte Seite gerade gleich cV ist. Nun multipliziere
man die Gleichung noch mit dT .)

Somit können wir den ersten Hauptsatz folgendermassen schreiben:


RT
cV dT + dV = 0 |:T
V
dT dV
cV +R = 0
T V
dT dV
cV + (cp − cV ) = 0 | : cV
T V
dT dV
+ (κ − 1) = 0
T V
Z V Z T
dV dT
(κ − 1) = −
V0 V T0 T
V T T0
(κ − 1) ln = − ln = ln
V0 T0 T
 κ−1
V T0
=
V0 T

Durch entsprechendes Auflösen und mit T = pV /R erhält man die Adiaba-


tengleichungen:

T V κ−1 = T0 V0κ−1 = const. (4.6)


pV κ = p0 V0κ = const. (4.7)
4.2 Theoretische Grundlagen 63

4.2.5 Kinetische Gastheorie


Betrachten wir das Modell eines idealen Gases. Die wichtigsten Forderungen, die
wir an ein ideales Gas stellen, sind:

• Das Gas besteht aus N Molekülen, deren Eigenvolumen gegenüber dem


Gesamtvolumen V vernachlässigt werden kann.

• Zwischenmolekulare Kräfte (z.B. Van der Waals) werden vernachlässigt.


Energieübertragung zwischen Teilchen kann nur durch Stösse erreicht wer-
den.

Jedes Molekül des Gases weist bestimmte Freiheitsgrade in seiner Bewegung auf:

• Ein Molekül kann sich in drei Raumrichtungen fortbewegen, man spricht


von drei Translations-Freiheitsgraden.

• Ein Molekül, bestehend aus zwei oder mehr Atomen, weist Rotations-Frei-
heitsgrade auf; es kann sich um seine Hauptträgheitsachsen drehen.

• Ausserdem können sich bei mehratomigen Molekülen die Atome relativ zu-
einander schwingen. Man spricht dann von Schwingungs- oder Vibrations-
Freiheitsgraden.

Wir wollen nun im Folgenden ein einatomiges Gas mit nur drei Translations-Frei-
heitsgraden betrachten. Dazu treffen wir folgende Annahmen:

• Das Gas sei in ein würfelförmiges Gefäss mit Seitenlänge l eingeschlossen.

• Jedes der N Moleküle besitzt die Masse m.

• Die Geschwindigkeitsverteilung der Moleküle sei isotrop (d.h. keine Rich-


tung ist ausgezeichnet).

• Die Stösse der Moleküle mit den Gefässwänden erfolgen vollkommen ela-
stisch.

Der makroskopische Druck auf eine Gefässwand kommt zustande durch die Im-
pulsüberträge der Moleküle auf eben diese Wand, gemittelt über die Zeit. Beim
elastischen Stoss des Teilchens mit der Gefässwand geht der Impuls P~k = (Pkx , Pky , Pkz )
über in P~ 0 k = (−Pkx , Pky , Pkz ). Der Impulsübertrag auf die Wand beträgt also
2Pkx . Ein Molekül trifft in der Zeit T = 2l/vkx einmal auf die Gefässwand. Der
Beitrag des Moleküls k zum Druck auf die Wand errechnet sich aus

Fk 1 2Pkx m 2
pk = = = vkx , (4.8)
A A 2l/vkx V
64 4 Bestimmung von cp /cV

vk

x
l

Abbildung 4.2: Impulsübergang von Teilchen auf die Gefässwand

wobei F k der zeitliche Mittelwert der Kraft ist, die das Molekül k auf die Ge-
fässwand ausübt. Für den Gesamtdruck p gilt nun
mX 2
(4.9)
X
p= pk = v .
k V k kx

Aus der Isotropie der Geschwindigkeitsverteilung folgt


1 X 2  1X 2
2 2 2 2 2
(4.10)
X X X
vkx = vky = vkz = vkx + vky + vkz = ~v
k k k 3 k 3 k k

und mit E kin für die mittlere kinetische Energie eines Moleküls folgt weiter

m X 2 2 X m~vk2 2 X 2 2N
p= ~vk = = Ek,kin = Ekin = E kin . (4.11)
3V k 3V k 2 3V k 3V 3V

Mit der Zustandsgleichung für ideale Gase


2N
pV = E kin = nRT (4.12)
3
erhalten wir
3nR 3nR 3
E kin = T = T = kT, (4.13)
2N 2nNA 2
wobei NA ∼= 6.02 · 1023 mol−1 die Avogadro-Konstante und k = R/NA = 1.38 ·
10−23 JK die Boltzmann-Konstante ist.
−1

Betrachtet man allgemeiner ein Gas mit f Freiheitsgraden der Bewegung, so gilt
der Gleichverteilungssatz: Die totale (innere) Energie verteilt sich gleichmässig
auf alle Freiheitsgrade der Bewegung.
4.3 Versuchsaufbau 65

Es gilt dann:
kT
E=f (4.14)
2
mit E als mittlerer Bewegungsenergie eines Moleküls. Für die innere Energie
erhalten wir
k
U = NE = Nf T ∼ =T
2
.
cp /cV = κ

δQp δQV + pdV pdV nRdT


cp /cV = = =1+ 1+
δQV δQV δQV N δE
nRdT 2nR 2
= 1+ =1+ =1+
N f k2 dT nNA f k f

und somit
f +2
κ= . (4.15)
f

4.3 Versuchsaufbau
Ziel des Versuches ist es, κ von verschiedenen Gasen zu bestimmen. Dazu steht
folgender Versuchsaufbau zur Verfügung:
x
x=0

pa
pi , V

Abbildung 4.3: Versuchsaufbau

Der Glasbehälter kann mit verschiedenen Gasen gefüllt werden. Durch Messen
der Schwingungsdauer T einer Kugel im dünnen Teil des Behälters und Lösen
66 4 Bestimmung von cp /cV

der Bewegungsgleichung, kann κ bestimmt werden. Bei x = 0 ist die Kugel im


Gleichgewicht zwischen Innendruck pi (x) und Aussendruck pa = const. Wir defi-
nieren p0 = pi (0) und V0 ist das Volumen im Gleichgewichtszustand.

Für die folgenden Berechnungen gehen wir von adiabatischen Prozessen aus. Dies
stimmt gut für Prozesse, bei denen die Zeit nicht für einen Wärmeaustausch aus-
reicht und bei grossen Volumina, denn dann ist die zugefügte Wärme δQ gegen-
über der im System gespeicherten Energie verschwindend klein.

Es wirken folgende Kräfte auf die Kugel:

F = pi A − pa A − mg = (pi − pa )A − mg (4.16)

Für positive x gilt:

V = V0 + Ax
p0 V0κ = pi (V0 + Ax)κ Adiabatengleichung
 κ

V0 1 

pi = p0 = p0 
V0 + Ax 1 + Ax
V0
−κ
Ax

pi = p0 1+
V0
2
Einen Ausdruck der Form (1+ε)−κ lässt sich in eine Potenzreihe 1−εκ+ κ(κ+1)ε2

... entwickeln, falls ε  1, in unserem Fall falls Ax  V0 . Näherungsweise erhält
man also für den Innendruck
Ax
 
pi ∼
= po 1 − κ (4.17)
V0

und Gleichung (4.16) wird so zu

κAx
 
F = p0 − p0 − pa A − mg (4.18)
V0
Die Bewegungsgleichung F = mẍ für unser Problem lautet also

κA2 p0 A
ẍ + x = (p0 − pa ) − g. (4.19)
mV0 m
Die rechte Seite muss identisch Null sein, da p0 der Druck im Gleichgewicht ist.
Wir erhalten also eine Differentialgleichung für eine harmonische Schwingung
s
κpo A2
ẍ + ω 2 x = 0 mit ω= (4.20)
mV0
4.4 Praktische Aufgaben 67

Diese Gleichung lässt sich mit dem Ansatz x(t) = A cos(ωt) + B sin(ωt) mit ω als
Winkelgeschwindigkeit lösen. Aus der Beziehung
s
2π κpo A2
ω= = (4.21)
T mV0
erhält man κ in Abhängigkeit von T :

4π 2 mV0 mg
κ= mit p0 = pa + (4.22)
p0 A2 T 2 A

Ergänzung

Der vorherige Ansatz der ungedämpften Schwingung gilt nur näherungsweise. Es


zeigt sich, dass die Reibung nicht vernachlässigt werden darf. Wir haben es hier
mit einer gedämpften Schwingung zu tun. Die Bewegungsgleichung ändert sich
also in
ẍ + 2λẋ + ω 2 x = 0 (4.23)

mit der Lösung x = Ce−λt (Aeiωt + Be−iωt ), wobei ω = ω 2 − λ2 . Die Grösse λ
kann anhand der Abfallzeit τ (Zeit, bis die Amplitude auf den e-ten Teil abge-
sunken ist) ermittelt werden: λ = 1/τ .

Für eine schwache Dämpfung gilt λ < ω; ferner gilt T = 2π/ω > T = 2π/ω.

4.4 Praktische Aufgaben


Hinweis: Zum Füllen des Glaskolbens mit einem Gas, das leichter ist als Luft
(z.B. He) muss man dieses zuerst unten einströmen lassen, während schwere Gase
(z.B. CO2 ) zuletzt unten eingefüllt werden.
Vorsicht: Die Gasflaschen stehen unter hohem Druck.

4.4.1 Aufgabe 1
Messen Sie für verschiedene Gase (CO2 , Ar, N2 oder Luft) die Schwingungsdau-
er T der Metallkugel, und bestimmen Sie daraus den Wert κ. Führen Sie jede
Messung fünf Mal durch.

4.4.2 Aufgabe 2
Vegleichen Sie die gemessenen Werte mit den Literaturangaben und diskutieren
Sie die Resultate (systematische Fehler, statistische Fehler, Genauigkeit).
68 4 Bestimmung von cp /cV
5 Hydrodynamik

Inhalt
5.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
5.1.1 Versuchsziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
5.1.2 Motivation für die Chemie . . . . . . . . . . . . . . . . 70
5.2 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
5.2.1 Dynamik reibungsfreier, inkompressibler Flüssigkeiten 70
5.2.2 Laminare Strömung in Röhren bei Berücksichtigung der
inneren Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
5.2.3 Kirchhoff’sche Gesetze bei laminarer Flüssigkeitsström-
ung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.2.4 Korrektur für den laminaren Strömungswiderstand . . 72
5.2.5 Turbulente Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.2.6 Der Regelkreis in Kürze . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.3 Versuchsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
5.4 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
5.4.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
5.4.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.4.3 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.4.4 Aufgabe 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.4.5 Aufgabe 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

5.1 Einleitung
5.1.1 Versuchsziele
Das Praktikum soll von folgenden Erlebnissen geprägt sein:

• Erfahren des Hagen-Poiseuille’schen Gesetzes durch experimentelle Verifi-


kation: Der Durchfluss durch ein Rohr mit kreisförmigem Querschnitt wird

69
70 5 Hydrodynamik

auf Druck- und Radiusabhängigkeit untersucht. Anzubringende Korrektu-


ren zeigen auf, dass physikalische Gesetze in der Praxis oft nicht in Reinform
vorkommen, sondern dass auch andere Effekte mitgemessen werden.

• Verstehen, warum in kleinen Gefässen - trotz ihrer gesamthaft grösseren


Querschnittsfläche - mehr Druck abfällt als in grossen Gefässen.

5.1.2 Motivation für die Chemie


Hydrodynamik ist für experimentelle Bereiche der Chemie (z.B. Schlenk-Technik)
massgebend. An diesem Versuch soll das Verständnis für das Gesetz von Hagen-
Poiseuille vertieft werden. Auf der einen Seite kann die Wahl der Rohrquer-
schnitte das Experiment wesentlich beeinflussen. Wegen der 1/r4 -Abhängigkeit
des Strömungswiderstandes kann so die Zufuhr den momentanen Erfordernissen
angepasst werden. Auf der anderen Seite können kleinste Verschmutzungen oder
Druckänderungen eine Abweichung von der optimalen Durchflussmenge verur-
sachen. Falls durch diese scheinbar geringfügigen Änderungen auch noch Wirbel
auftreten, entstehen gleichzeitig Staupunkte, wodurch wiederum Anlagerungspro-
zesse beschleunigt werden. Vor allem Verzweigungsstellen und Querschnittsände-
rungen im Kapillarsystem sind sehr anfällig für ungewollte Anlagerungen.

Der Wasserstandsregler ist ein einfaches technisches Beispiel für Regelungsabläu-


fe. Die genaue Funktionsweise des PID-Reglers wird später genauer erklärt.

5.2 Theoretische Grundlagen


Im Folgenden werden einige theoretische Grundlagen zur Hydrodynamik erklärt.
Ausserdem werden in Anlehnung an die Elektrodynamik die Kirchhoff’schen Re-
geln und das Ohmsche Gesetz verwendet.

5.2.1 Dynamik reibungsfreier, inkompressibler Flüssigkei-


ten
Kontinuitätsgleichung: Für inkompressible Flüssigkeiten (%i = const. und un-
abhängig vom Druck) gilt die Kontinuitätsgleichung

Ai · vi = Q = const. (5.1)

vi Geschwindigkeit der Strömung am Ort i [m/s]


Ai Querschnittsfläche des Rohres am Ort i [m2 ]
Q Durchflussmenge [m3 /s]
5.2 Theoretische Grundlagen 71

Gesetz von Bernoulli: Die Druckverhältnisse in einer strömenden, inkompres-


siblen Flüssigkeiten werden bei Vernachlässigung der Reibung durch das Gesetz
von Bernoulli beschrieben. Längs einer Stromlinie gilt

%i vi2
pi + + %i ghi = const. (5.2)
2

pi Statischer Druck [Pa]


%i Dichte der Flüssigkeit am Ort i [ m 3]
kg

hi Höhe in der Strömung bezüglich [m]


beliebigem Referenzniveau
g Schwerebeschleunigung [m/s2 ]

5.2.2 Laminare Strömung in Röhren bei Berücksichtigung


der inneren Reibung
Analogie zur Elektrizitätslehre: Q entspricht I, ∆p entspricht U , R entspricht R.
„Ohmsches Gesetz“:
∆p = RQ (U = RI) (5.3)
Für Rohre mit kreisrundem Querschnitt und bei laminarer Strömung gilt nähe-
rungsweise das Gesetz von Hagen-Poiseuille:

8ηl
R= (5.4)
πr4
Für sogenannte Newton’sche Flüssigkeiten ist die Viskosität η nicht vom Druck
abhängig, dagegen zeigt sie meistens eine ausgeprägte Temperaturabhängigkeit.

Beispiele: Blutplasma verhält sich in weiten Bereichen wie eine Newton’sche


Flüssigkeit mit einer Viskosität von ca. 1.5 · 10−3 Pa s. Blut hat eine höhere
Viskosität von 3 bis 5 · 10−3 Pa s, was auf die Gegenwart der Blutkörperchen
zurckzuführen ist. Genau genommen ist Blut keine Newton’sche Flüssigkeit, weil
η druckabhängig ist. Die Viskosität ihrerseits ist abhängig von Alter, Geschlecht,
Körpertemperatur und Gesundheitszustand einer Person. Auf dieser Tatsache
basiert die Blutsenkung als unspezifischer Indikator für den Gesundheitszustand
eines Patienten.

Auch bei Wasser gilt das Gesetz von Hagen-Poiseuille nur nährungsweise. Bei kur-
zen Kapillaren müssen ausserdem sogenannte Einlaufeffekte berücksichtigt wer-
den, indem ein Korrekturwiderstand zu R addiert wird. Diese Korrektur wird im
übernächsten Abschnitt behandelt.
72 5 Hydrodynamik

5.2.3 Kirchhoff’sche Gesetze bei laminarer Flüssigkeitsström-


ung
Basierend auf Gleichung (5.3) gelten die Kirchhoff’schen Regeln sowohl in der
Elektrizitätslehre als auch in der Hydrodynamik.
Knotenregel: Die Summe der zufliessenden Durchflussmengen ist gleich der
Summe der abfliessenden Mengen (Konsequenz des Kontinuitätsgesetzes):

(5.5)
X X
Qi,zuf liessend = Qi,abf liessend
i i

Maschenregel: Über mehrere in Serie geschaltete Leiter betrage die gesamte


Druckdifferenz ∆p. Dann gilt

(5.6)
X X
∆p = ∆pi = Ri Qi .
i i

Als Konsequenz erhalten wir (wiederum analog zur Elektrodynamik) für die Se-
rieschaltung von Kapillaren

(5.7)
X
Rtot = Ri ,
i

und für die Parallelschaltung gilt wegen (5.5)

1 X 1
= . (5.8)
Rtot i Ri

5.2.4 Korrektur für den laminaren Strömungswiderstand


Eine wichtige Korrektur entsteht durch den oben erwähnten Einlaufeffekt bei
kurzen Kapillaren. Ein zusätzlicher Widerstand entsteht durch die Tatsache, dass
die Strömung erst nach einer gewissen Distanz laminar, in den Bereichen des Ein-
und Ausganges einer Kapillare aber turbulent ist. Es gilt Rtot = R+RE und somit
nach (5.3)

∆p 1.14%
QE = , wobei RE = QE . (5.9)
R + RE π 2 r4

QH Durchflussmenge nach Hagen-Poiseuille [m3 /s]


QE Durchflussmenge mit Einlaufkorrektur [m3 /s]
RE Einlauf-Strömungswiderstand [Pa s m−3 ]
R Strömungswiderstand nach Hagen-Poiseuille [Pa s m−3 ]
5.2 Theoretische Grundlagen 73

Beachte: In diesem Fall ist der Strömungswiderstand von der Durchflussmenge


abhängig, es besteht also nicht mehr ein rein linearer Zusammenhang zwischen
Durchflussmenge und Druckdifferenz. Auch bei gewissen elektrischen Leitern kön-
nen wir solche Verhältnisse beobachten. Bei einer l = 20 mm langen Kapillare
vom Radius r = 0.5 mm beträgt RE bei einem Druckabfall von ∆p = 2500 Pa
rund 10% von R. Verdoppeln wir nur den Kapillarradius ist RE bereits von der
gleichen Grössenordnung wie R.

Aufgabe: Zeige durch Einsetzen von RE in Gleichung (5.9) und Auflösen nach
QE , dass gilt:
q
16π 2 η 2 l2 + 1.14%π 2 ∆pr4 − 4πηl
QE = . (5.10)
1.14%

5.2.5 Turbulente Strömung


Bei grossen Druchflussgeschwindigkeiten, bei lokal stark variierenden Strömungsgeschwindigkeiten
und bei kantigen Hindernissen im Rohr bilden sich Wirbel. Die Strömung ist dann
nicht mehr laminar sondern turbulent. Beim Umschlagen der laminaren in tur-
bulente Strömung erfolgt ein markanter Anstieg des Strömungswiderstandes. Die
kritische Druchflussmenge Qk , bei deren Überschreitung ein Umschlag erfolgt,
lässt sich für kreisrunde Röhren folgendermassen abschätzen:

kηπr
Qk = , (5.11)
2%
wobei k als Reynold’sche Zahl bezeichnet wird. Kritisch für den Strömungsum-
schlag im langen Rohr gilt k = 2300 (k: dimensionslos).

5.2.6 Der Regelkreis in Kürze


Ein Regelkreis besteht allgemein aus der Regelstrecke und dem rückgekoppelten
Regler:

X
- Regelstrecke -

Z -
6
Y
Regler  ?

(X-W) -W

Abbildung 5.1: Schematische Darstellung eines Regelkreises


74 5 Hydrodynamik

Erläuterung der Symbole:


X: Regelgrösse oder Ist-Wert: Die physikalische Grösse, deren Wert
durch die Regeleinrichtung konstant gehalten werden soll.
-W: Führungsgrösse oder Soll-Wert: Die physikalische Grösse, deren
Wert dem gewünschten Sollwert von X entsprechen soll.
Y: Stellgrösse: Die Ausgangsgrösse der Regeleinrichtung. Sie reguliert
unmittelbar den Eingang der Regelstrecke am sogenannten Stellort.
X-W: Die Regelabweichung, die Differenz zwischen Soll- und Ist-Wert.

Die Regelstrecke: Sie ist die zu regelnde Apparatur, in unserem Versuch die
Tauchpumpe und das Druckrohr mit dem Kapillarensystem.
Der Regler: Er soll die Regelstrecke so beeinflussen, dass die Abweichung von
Ist- und Soll-Wert minimal wird (Abweichung vom Ist- zum Soll-Wasserstand).
Eine Störung, die diese Abweichung vergrössert, soll vom Regler rasch und genau
kompensiert werden. Der Regler besteht in unserem Beispiel aus:

• einer Kapazitätssonde zum Registrieren des Ist-Wasserstandes,

• einem Vergleicher, mit welchem die Differenz zwischen Ist- und Soll- Was-
serstand elektrisch gebildet wird,

• einer sogenannten PID (Proportional Integral Differential) Signalformung


und

• einer Einrichtung zum Steuern der Drehzahl der Tauchpumpe.

Es gibt drei wichtige Reglertypen; sie reagieren auf ein sprunghaftes Eingangssi-
gnal xe (t) mit folgenden Sprungantworten xa (t):

Proportional-Regler xa (t) = KR · xe (t)

Integral-Regler xa (t) = KIR · xe (t)dt


R

Differential-Regler xa (t) = KDR · dxe (t)


dt

Abbildung 5.2: Drei Regler-Typen

Die drei Typen werden in unserem Regler als Signalform kombiniert eingesetzt,
um ein optimales Einwirken auf die Regelstrecke zu erreichen.
5.3 Versuchsaufbau 75

5.3 Versuchsaufbau
Der Versuchaufbau ist in den Figuren 5.3 und 5.4 schematisch dargestellt. Eine
kleine Wasserpumpe, welche mit einer kapazitiven Regelungsschaltung gekoppelt
ist, hält den Wasserstand im Vorratsbehälter konstant auf der eingestellten Höhe,
dem Sollwert. Der Sollwert, und damit der hydrostatische Druck am Eingang der
Kapillaren, kann am Regelgerät eingestellt werden gemäss

p1 = %w qh + Luftdruck, (5.12)

wobei h die Höhe der Wassersäule im Vorratszylinder bezogen auf das Niveau
des Kapillareingangs ist. Das Wasser fliesst durch die auswechselbaren Kapilla-
ren, entweder durch eine einzelne oder durch zwei parallel oder seriell geschaltete
Kapillaren. Es fliesst anschliessend über das Ventil V2 oder V3 in den Messzylin-
der. Der Ausfluss bei V2 und V3 ist auf der gleichen Höhe wie der Kapillareingang.
Damit kann der Druck im Vorratsgefäss (Gewichtskraft der Wassersäule der Höhe

Ventile
h

V1
Kapillaren

V3 V2

Messzylinder

Regelgerät Wasserpumpe
für Wasserpumpe

Abbildung 5.3: Versuchsaufbau

h pro Grundfläche) berechnet werden mit p = %w gh. Vor jedem Kapillarwechsel


ist darauf zu achten, dass die Ventile V1 , V2 und V3 geschlossen sind, da sonst
76 5 Hydrodynamik

Bypass E4
rechts

E1 E2

Kapillare 1
V1
Vorrat Behälter 1

Bypass Kapillare 2
links

E5 Behälter 2
E3

Behälter 3
Kapillare 3

V3 V2

Abbildung 5.4: Schema Versuch Hydrodynamik

Luft in das System eintritt. Sollte durch Fehlmanipulation eine grössere Luftblase
im System auftreten, muss entlüftet werden. Dazu wird nach dem Öffnen von V1
auch das entsprechende Entlüftungsventil E1 , E2 oder E3 geöffnet, bis Wasser
austritt. Um die Entlüftung zu beschleunigen, können die Übergangswege (By-
passes) gebraucht werden. Während dieser Prozedur bleiben die Ventile V2 und
V3 geschlossen. Die Entlüftung muss insbesondere auch zu Beginn des Versuches
durchgeführt werden. Beim Einsetzen der Kapillare führe man ein Ende zuerst in
die linke Öffnung ein, da die rechte Öffnung einen Anschlag besitzt. Man achte
darauf, dass beim Wechseln der Kapillaren keine Querkräfte auftreten (Bruchge-
fahr).
Am Ende des Versuches sind die Kammern mit Wasser zu füllen und
zu entlüften.

5.4 Praktische Aufgaben


5.4.1 Aufgabe 1
Messen Sie die Wassertemperatur zu Beginn des Versuches und halten Sie ihren
zeitlichen Verlauf fest (ca. jede halbe Stunde messen). Grund: Die Viskosität ist
stark temperaturabhängig. In der Regel nimmt die Viskosität bei Flüssigkeiten
mit steigender Temperatur ab. Bei Gasen nimmt die Viskosität mit steigender
Temperatur zu.
5.4 Praktische Aufgaben 77

5.4.2 Aufgabe 2
Überprüfen Sie experimentell die Druckabhängigkeit des Durchflusses für die Ka-
pillare mit d =1.01 mm. Messen Sie dafür die Durchflussmenge Q für fünf bis zehn
verschiedene Höheneinstellungen der Wassersäule und tragen Sie die Messwerte
in Abbildung 5.5 ein, in der bereits der erwartete Verlauf mit und ohne Einlaufs-
korrektur eingezeichnet ist.

Durchfluss ohne Einlaufskorrektur


[ml/min]
40

30
mit Einlaufs-
korrektur
20

10

0
0 10 20 30 40 50 60
Höhe [cm]

Abbildung 5.5: Durchfluss Q als Funktion der Wasserhöhe (Kapillarradius


0.505mm)

5.4.3 Aufgabe 3
Verifizieren Sie die r4 -Abhängigkeit im Gesetz von Hagen-Poiseuille, indem Sie
die Durchflussmengen bei gegebener Höhe der Wassersäule (nur für eine Höhe)
für die Kapillaren d =0.60 mm, 0.95 mm, 1.01 mm und 1.17 mm messen und in
die Tabelle mit den Werten QH (nach Gleichung 5.3) und QE (nach Gleichung
5.10) eintragen.

Die Kapillarlänge beträgt 20 cm.


%H2 O = 998 kg/m3 (bei T = 20 o C)
78 5 Hydrodynamik

h=

∆p =

rKapillare [mm] Qgemessen [ml/min] QH [ml/min] QE [ml/min]

0.300

0.465

0.505

0.585

5.4.4 Aufgabe 4
Verifizieren Sie experimentell die Gesetzmässigkeit für Parallel- und Seriell-Schaltung
von Kapillaren, indem Sie die Durchflussmenge für eine gegebene Höhe der Was-
sersäule für die beiden Kapillaren d = 1.01 mm je einzeln, in Serie und parallel
geschaltet messen.

Kapillare 1 Kapillare 2 Seriell Parallel

Qgemessen [m3 /s]

R = ∆p/Qgemessen

Die Widerstände für Seriell- und Parallelschaltung sollen aus den Widerständen
der Kapillaren berechnet werden. Stimmen die Resultate mit den Erwartungen
überein?

5.4.5 Aufgabe 5
1. Messen Sie für die Kapillare d = 2.00 mm die Durchflussmenge in Abhän-
gigkeit des Druckes (Höhe der Wassersäule) und tragen Sie die Messwerte
in Abbildung 5.6 ein.

2. Bestimmen Sie den Umschlagpunkt laminar-turbulent graphisch und be-


stimmen Sie daraus die Reynoldszahl. Bestimmen Sie die kritische Durch-
flussmenge, für welche der gemessene Durchfluss vom theoretischen Wert
5.4 Praktische Aufgaben 79

abzuweichen beginnt. (Achtung: Qk in Gleichung (5.11) steht für die Durch-


flussmenge nach Hagen-Poiseuille. Sie erhalten Qk , indem Sie den Um-
schlagpunkt von Ihrer Kurve auf die Hagen-Poiseuille-Gerade vertikal pro-
jizieren.)

Durchfluss
[ml/min]
600
ohne Einlaufskorrektur

500

400

300

mit Einlaufs-
200 korrektur

100

0
0 10 20 30 40 50 60
Höhe [cm]

Abbildung 5.6: Durchfluss Q als Funktion der Wasserhöhe für laminare Strömung,
mit und ohne Einlaufskorrektur (Kapillarradius 0.9975 mm)

Was ist die physikalische Bedeutung der Abflachung der Kurve nach dem
Umschlagpunkt?
80 5 Hydrodynamik
6 Leitercharakteristiken

Inhalt
6.1 Versuch einer Motivation für Chemikerinnen und Che-
miker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
6.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Beleh-
rungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
6.2.1 Ohmsches Gesetz – Widerstand – Leitfähigkeit . . . . 82
6.2.2 Schaltkreise – Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
6.2.3 Ideale und reale Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . 83
6.2.4 Ampèremeter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
6.2.5 Voltmeter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
6.2.6 Kennlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
6.3 Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
6.3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
6.3.2 Das Halbleitermaterial – freie Ladungsträger . . . . . 86
6.3.3 Dotierung – der p- und n-Halbleiter . . . . . . . . . . 87
6.3.4 Der p-n-Übergang – die Halbleiterdiode . . . . . . . . 87
6.3.5 Sperrrichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
6.3.6 Durchlassrichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
6.3.7 Diodenkennlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
6.4 Innenwiderstand von Quellen . . . . . . . . . . . . . . 93
6.5 Theoretische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
6.6 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
6.6.1 Bestimmung von Kennlinien (Charakteristik) . . . . . 96
6.6.2 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
6.6.3 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
6.6.4 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

81
82 6 Leitercharakteristiken

6.1 Versuch einer Motivation für Chemikerinnen


und Chemiker
Grundkenntnisse der Elektrizitätslehre sind unerlässlich, um Vorgänge in der Che-
mie (wie auch im „richtigen“ Leben...) zu verstehen, zu messen und zu steuern.
Viele Messinstrumente und Prozesssteuerungen beruhen auf der Verwendung von
elektronischen Schaltkreisen und Bauteilen.
Im folgenden Versuch sollen die Grundlagen der Elektronik kennen gelernt wer-
den: Wie misst man Strom und Spannung? Wie verhalten sich häufig verwendete
Bauteile (Metalle, Halbleiter) in einem Stromkreis und was sind deren charak-
teristischen Eigenschaften („Kennlinie“)? Von herausragender Bedeutung in der
Elektronik sind die Halbleiter. Sie werden daher in diesem Versuch besonders
berücksichtigt.
Messinstrumente sind meist selbst elektronische Bauteile mit entsprechendem
Innenwiderstand und daher bereits Teil der jeweiligen Schaltung. Sie können z. B.
auf Grund von Kriechströmen und unerwünschten Spannungsabfällen erheblichen
Einfluss auf die Messung haben.
Der Wechselstrom, spezielle Schaltkreise, die Bauteile Kondensator und Spule
sowie das Kathodenoszilloskop werden im Versuch Elektronik II diskutiert.

6.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und


Belehrungen
6.2.1 Ohmsches Gesetz – Widerstand – Leitfähigkeit
• Legen wir an einen Leiter eine Spannung U an, so fliesst ein Strom I. Der
Widerstand R des Leiters ist definiert als der Quotient aus Spannung und
Strom: R = U/I.

• Der Widerstand R hängt vom Material (charakterisiert durch den spezifi-


schen Widerstand) sowie von Querschnitt und Länge des Leiters ab. Nur
im Idealfall ist der Strom für jede Spannung wirklich proportional zur an-
gelegten Spannung (R = const.).

• Die elektrische Leitfähigkeit von Metallen (∼ 1/R) beruht auf den Elek-
tronen, die im metallischen Gitteraufbau frei beweglich sind. Bei konstan-
ter Temperatur (unter Kühlung, da sich der Leiter beim Durchgang der
Elektronen erwärmt!) ist der Widerstand tatsächlich unabhängig von der
angelegten Spannung und es gilt das ohmsche Gesetz. Bei höheren Span-
nungen nimmt die Zahl der Elektronenstösse im metallischen Gitter zu. Der
Durchgang der Elektronen wird erschwert, der Widerstand nimmt zu.
6.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 83

• Isolatoren sind Materialien, die nicht leiten. Ihr Widerstand ist idealerweise
unendlich.

6.2.2 Schaltkreise – Elemente


Die in elektrischen Schaltkreisen verwendeten Schaltungselemente werden in zwei
Klassen eingeteilt.

• Energiequellen (Spannungs- oder Stromquellen) wie Batterie (Gleichstrom),


Stadtnetz (Wechselstrom), Netzgerät („Power Supply“) oder Signalgenera-
tor.

• Verbraucher sind allgemein der elektrische Widerstand (Glühlampe, Heiz-


elemente, Elektromotor...) oder Messinstrumente.

Eine elektrische Spannung zwischen den Punkten A und B wird mit UAB be-
zeichnet. UAB ist positiv, falls das Potential von A höher als dasjenige von B ist.
Die Richtung des Stromes wird in einer Schaltung durch Pfeile in den Leitungen
festgelegt. Wie man Spannungs- und Strompfeile einzeichnet ist prinzipiell belie-
big, vorausgesetzt, man versieht alle Spannungen und Ströme konsistent mit den
entsprechenden Vorzeichen. Aus historischen Gründen fliesst der Strom gemäss
technischer Stromrichtung vom höheren zum tieferen Potential.

6.2.3 Ideale und reale Elemente


Man unterscheidet zwischen idealen und den herstellbaren realen Elementen.

• Ideale Elemente sind der ohmsche Widerstand, die Induktivität und die
Kapazität.

• Reale Elemente sind dementsprechend der Widerstand, die Spule und der
Kondensator.

Näherungsweise können reale Elemente durch ein aus idealen Elementen zusam-
men gesetztes Netzwerk (Ersatzschema) dargestellt werden.

6.2.4 Ampèremeter
Ein Ampèremeter misst den Strom. Bei Drehspulinstrumenten wird die Wirkung
auf einen Strom durchflossenen Leiter (Spule) im Magnetfeld ausgenützt (Lor-
entzkraft). Der Ausschlag des Zeigers ist dabei ein Mass für die Stromstärke.
Drehspulinstrumente sind für Gleichstrom konstruiert (Achtung! Polarität be-
achten). Für Wechselstrom können sie in Verbindung mit einem Gleichrichter
84 6 Leitercharakteristiken

(siehe Abschnitt 6.3.4) verwendet werden. Das Ampèremeter wird in SE-


RIE in den Stromkreis geschaltet. Gute Ampèremeter haben einen kleinen
Innenwiderstand Ri (siehe Abschnitt 6.4), da sich der Gesamtstrom durch das
Ampèremeter um R/(R + Ri ) verringert (R ist der Gesamtwiderstand der zu
messenden Schaltung). Der Spannungsabfall über dem Ampèremeter soll mög-
lichst klein sein.
Frage: Wie werden Zusatzwiderstände (Shuntwiderstände) in Ampèremetern ge-
schaltet, wenn der Messbereich erweitert werden soll (vgl. theoretische Aufgabe
5)?

6.2.5 Voltmeter
Ein Voltmeter ist ein umgeeichtes Ampèremeter (ein Drehspulinstrument mit
Widerstand in Serie, siehe Abb. 6.1). Gemessen wird also eine Stromstärke. Bei
allen Messbereichen ist der für Vollausschlag benötigte Strom gleich gross. Das
Instrument ist umso besser, je geringer dieser Strom ist (typisch 50 µA), Volt-
meter sind also hochohmig, damit sich der Laststrom aus der Quelle und damit
die zu messende Klemmenspannung möglichst wenig verändert (siehe Abb. 6.8).
Das Voltmeter wird PARALLEL zum zu messenden Bauteil geschal-
tet. Voltmeter wirken wie eine zusätzliche Last im Stromkreis. Die meisten in der
Praxis verwendeten Geräte sind sowohl als Ampère- wie auch als Voltmeter (oft
auch als Ohmmeter) verwendbar (Multimeter). Die gewünschte Funktion kann
am Gerät durch Umschalten eingestellt werden.
Achtung! Messgeräte richtig in den Stromkreis schalten (Ampèremeter
in Serie, Voltmeter parallel)! Zuerst immer den unempfindlichsten Be-
reich einstellen. Erst dann Messgerät mit dem Stromkreis verbinden
und Strom einschalten!
Neben den Zeigerinstrumenten, in denen magnetische Kräfte auf Strom durch-
flossene Leiter in Zeigerausschläge umgesetzt werden, gibt es auch Geräte mit Di-
gitalanzeige. Die Spannung wird dabei elektronisch gemessen. Die Eigenschaften
geeigneter Kombinationen von p- und n-Halbleitern (siehe Abschnitt 6.3) kön-
nen nämlich u. a. von der angelegten Spannung, der Temperatur, einem äusseren
Magnetfeld und sogar eineräusseren mechanischen Spannung abhängen.
6.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 85

Voltmeter
R1 U = IV(Ri+Rx)
R2 Ri = Innenwiderstand
des Voltmeters
R3

R4 IV = Strom durch
Voltmeter
Ri

R5
Rx = geeichte Zusatz-
widerstände für
I 5 Messbereiche

Abbildung 6.1: Ein Voltmeter mit fünf Messbereichen, bestehend aus einem (um-
geeichten) Ampèremeter und einem in Reihe geschalteten, wählbaren Widerstand.
86 6 Leitercharakteristiken

6.2.6 Kennlinie
Der Strom, der in Abhängigkeit einer bestimmten angelegten Spannung durch
ein Bauteil fliesst, variiert beträchtlich für die verschiedenen Bauteile und ist für
diese charakteristisch. Die gemessenen Ströme, aufgetragen über der angelegten
Spannung, ergeben die charakterische Kennlinie eines Bauteils. Ist der Zusam-
menhang von U und I linear, so spricht man von einem linearen Schaltelement.
Bei der Berechnung von Strom und Spannung in komplexen Schaltkreisen füh-
ren lineare Elemente zu linearen Differentialgleichungen. Das bedeutet für die
Wechselstromelektronik, dass keine neuen Frequenzen entstehen. Weiterhin gilt
das Superpositionsprinzip: Die Wirkungen verschiedener Spannungs- und Strom-
quellen überlagern sich, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen.
Gehorcht ein Bauteil dem ohmschen Gesetz, so ist die Kennlinie des Bauteils eine
Gerade, die durch den Ursprung des I-U -Diagramms geht und die Steigung R
aufweist. Die Kennlinie einer Diode wird in weiter unten im Detail diskutiert.

6.3 Halbleiter
6.3.1 Einleitung
Zwei wichtige elektronische Bauteile sind die Diode und der Transistor. Sie wer-
den aus Halbleitermaterial gefertigt. Elektronische Schaltungen, insbesondere in-
tegrierte Schaltkreise („IC“ von integrated circuit), in denen Tausende von Transi-
storen, Widerständen und anderen Bauteilen sehr kompakt auf kleinste Kristall-
plättchen aufgebracht sind, werden in vielen Bereichen der heutigen Technologie,
z. B. bei Computern, elektronischen Steuerungen, der Telekommunikation und
der Unterhaltungselektronik eingesetzt.

6.3.2 Das Halbleitermaterial – freie Ladungsträger


Die elektrische Leitfähigkeit von Halbleitern liegt zwischen denjenigen von Isola-
toren und Leitern (Metallen). Typische Vertreter sind die vierwertigen Elemente
Silizium (Si) und Germanium (Ge). Die Kristallstruktur dieser Elemente gleicht
dem Diamantgitter: Jedes der vier Valenzelektronen bildet mit dem Valenzelek-
tron der vier Nachbaratome eine kovalente Bindung. Die Bindungsenergie der
Valenzelektronen ist ∼1 eV (Ge: 0.74 eV, Si: 1.17 eV; wobei 1 eV (Elektronen-
volt) die Energie ist, die ein Elektron beim Durchlaufen der Spannung 1 V erhält:
1 eV = 1.602·10−19 J). Sie ist damit viel grösser als die mittlere kinetische Energie
von ∼0.04 eV, die freie Elektronen bei Zimmertemperatur besitzen (berechnet aus
3/2 kT mit der Boltzmannkonstante k = 1.38·10−23 J/K). Deshalb erhalten bei
Zimmertemperatur nur wenige Elektronen genügend Energie, um eine Bindung
aufzubrechen (∼ jedes 1010 te Elektron).
6.3 Halbleiter 87

Die freien Elektronen bewegen sich im Kristallgitter ähnlich wie Moleküle in


einem Gas, man spricht daher von einem Elektronengas. Die Anzahl der freien
Elektronen hängt stark von der Temperatur ab. Wenn ein Elektron seine Bindung
überwindet und das Atom verlässt, so entsteht ein „Loch“, welches wiederum von
einem freien Elektron aufgefüllt werden kann. Diese Wanderung von „Löchern“
erscheint makroskopisch als eine Bewegung von positiven Ladungsträgern. Die
Verschiebbarkeit von positiven und negativen Ladungsträgern bewirkt die Eigen-
leitung des Halbleiters.

6.3.3 Dotierung – der p- und n-Halbleiter


Die Anzahl der freien Ladungsträger kann wesentlich erhöht werden durch den
Einbau von Fremdatomen in das Kristallgitter des Halbleiters. Man „verunrei-
nigt“ oder dotiert den ansonsten hochreinen Halbleiter mit einer kleinen Anzahl
fünfwertiger Atome wie Phosphor (P), Arsen (As) oder Antimon (Sb) so, dass
jedes Fremdatom von Halbleiteratomen umgeben ist (ca. ein Fremdatom pro 106
Halbleiteratome). Das fünfte Valenzelektron ist dann nur sehr schwach gebun-
den (Bindungsenergie ∼0.05 eV) und kann das Atom leicht verlassen. Bereits
bei Zimmertemperatur lösen sich viele dieser Elektronen und bewegen sich frei
im Halbleiter. Die Folge ist eine stark erhöhte Leitfähigkeit (um ∼ einen Faktor
104 ) eines mit fünfwertigen Atomen dotierten Halbleiters im Vergleich zum rei-
nen Kristall. Da die Fremdatome Elektronen abgeben, nennt man sie Donatoren.
Ein derart dotierter Halbleiter heisst n-Halbleiter, da seine Leitfähigkeit durch
zusätzliche negative Ladungsträger vergrössert wird.
Wenn man den Halbleiter mit dreiwertigen Atomen wie Bor (B), Gallium (Ga)
oder Indium (In) dotiert, fehlt dem eingebauten Fremdatom ein Valenzelektron
zur Bildung der vierten Doppelbindung im Halbleiterkristall. Mit geringem Ener-
gieaufwand (∼0.05 eV) kann ein Elektron aus einer benachbarten, vollständigen
Bindung entfernt werden und das fehlende Elektron ersetzen. Die Stelle des feh-
lenden Elektrons, das „Loch“, bewegt sich durch den Kristall wie ein freier posi-
tiver Ladungsträger. Die Leitfähigkeit eines mit dreiwertigen Atomen dotierten
Halbleiters wird durch die positiven Ladungsstärker stark vergrössert. Man nennt
ihn daher p-Halbleiter. Da die Fremdatome Elektronen aufnehmen, werden sie
Akzeptoren genannt. Beachte, dass bei beiden Formen der Dotierung der Kristall
elektrisch neutral bleibt.

6.3.4 Der p-n-Übergang – die Halbleiterdiode


Fügt man einen n-Halbleiter und einen p-Halbleiter, also Körper mit verschiede-
nen Konzentrationen der Ladungsträger, aneinander (Abb. 6.2), so diffundieren
die Ladungsträger durch die Grenzfläche hindurch und die Elektronen rekom-
binieren mit den „Löchern“. Es entsteht eine schmale Grenzschicht, die an La-
88 6 Leitercharakteristiken

_ + Wirkung der Diffusion


p-Leiter Grenzschicht n-Leiter
_ _ _ _ _
+ + + + +
_ _ _ _ _
+ + + + +
_ _ _ _
+ + + + _ +
_ _ _ _
+ + + + _ +
an Gitterplätze
gebundene und
zur Raumladung
+ beitragende
Raumladung Ladungsträger:
_ +
_

Potential ϕ0

Abbildung 6.2: Der p-n-Übergang. Die beweglichen Ladungsträger sind durch −


und + gekennzeichnet. Die durch Diffusion entstandenen Raumladungen an der
Grenzschicht führen zu einem elektrischen Feld, das eine weitere Verbreiterung
der an Ladungsträgern armen Grenzschicht verhindert.

dungsträgern beider Art verarmt ist und daher eine kleine Leitfähigkeit (oder
einen grossen Widerstand) aufweist. Die Grenzschicht bleibt auf einen sehr klei-
nen Bereich um die Grenzfläche herum beschränkt. Dies kann man durch den
folgenden Mechanismus erklären:
Durch die Rekombination der Elektronen, die in den p-Halbleiter hinein diffun-
diert sind, mit den dort vorhandenen Löchern, lädt sich der p-Halbleiter an der
Grenzfläche negativ auf. Umgekehrt lädt sich der n-Halbleiter durch Rekombinati-
on an der Grenzfläche positiv auf. Wegen der positiven und negativen Raumladun-
gen baut sich in der Grenzschicht ein elektrisches Feld mit dem entsprechenden
Potentialgefälle auf. Der weitere Ladungsaustausch und damit das Anwachsen der
Grenzschicht wird dadurch behindert. Er hört ganz auf, sobald das Sperrpotential
(ϕ0 ) gross genug ist.
6.3 Halbleiter 89

6.3.5 Sperrrichtung
Die Breite der Grenzschicht kann durch ein äusseres Feld verändert werden. Ist die
äussere angelegte Spannung so gepolt, dass der n-Halbleiter positiv ist gegenüber
dem p-Halbleiter (Abb. 6.3), so wird das Sperrpotential erhöht. Die „Löcher“
wandern in Richtung der negativen, die Elektronen in Richtung der positiven
Elektrode. In Folge werden das Raumladungsgebiet und damit die Grenzschicht
verbreitert und die Grenzschicht verarmt noch mehr an Ladungsträgern. Die Leit-
fähigkeit des p-n-Übergangs verringert sich und es kann nur ein kleiner Reststrom
fliessen. Der p-n-Übergang ist in Sperrrichtung gepolt.

Sperrichtung: Wirkung des äusseren Felds


+ _

+ + + _ _ _
_ + _ _ _ _
+ + + +
+ + + _ _ _
+ + + + _ _ _ _

Potential
Angelegte Spannung
Sperrpotential ϕ0 ohne
angelegte Spannung

Abbildung 6.3: Ein p-n-Übergang in Sperrrichtung gepolt. Durch die angeleg-


te Spannung ist die Grenzschicht verbreitert. Das zu überwindene Potential ist
erhöht.
90 6 Leitercharakteristiken

6.3.6 Durchlassrichtung
Polt man die angelegte Spannung um, so dass der p-Halbleiter positiv wird gegen-
über dem n-Halbleiter (Abb. 6.4), so wird die Grenzschicht schmaler. Es gelangen
Elektronen in den p-Halbleiter und „Löcher“ in den n-Halbleiter und das Sperr-
potential verringert sich. Dies bedeutet, dass durch die Grenzfläche ein Strom
fliessen kann. Der p-n-Übergang ist in Durchlassrichtung gepolt.
Der Strom kann also nur in einer Richtung durch den p-n-Übergang fliessen.
Ein Bauteil mit einem solchen Übergang hat die Eigenschaft eines Gleichrichters
und wird Diode genannt. In einem Schaltungsschema wird eine Diode durch das
Symbol in Abb. 6.5 gekennzeichnet. Symbole anderer elektronischen Bauteile sind
zum Vergleich angegeben.
6.3 Halbleiter 91

Durchlassrichtung: Wirkung des äusseren Felds


_ +

+ + + + + _ _ _ _ _
_ _ _ _ _
+ + + + + _
+ + + + + + _ _ _ _
+ + + + _ _ _ _ _

Potential
angelegte Spannung
Sperrpotential ϕ0 ohne
angelegte Spannung

Abbildung 6.4: Ein p-n-Übergang in Durchlassrichtung gepolt. Die angelegte


Spannung verkleinert die Grenzschicht. Das zu überwindene Potential ist gegen-
über dem Sperrpotential ohne angelegte Spannung verringert.

Widerstand (auch Kondensator


Heizdraht, Elektrolyt)

Spannungsquelle Schaltelement

Ampèremeter Voltmeter
I U

Diode

_ (Durchlassstrom)
+

Abbildung 6.5: Symbole verschiedener elektronischer Bauteile


92 6 Leitercharakteristiken

6.3.7 Diodenkennlinie
Die Abhängigkeit des Stroms I, der bei angelegter Spannung U durch eine Diode
fliesst, d. h. also die Diodenkennlinie, ist in Abb. 6.6 aufgetragen. Die Span-
nung sei positiv, wenn die Diode in Durchlassrichtung betrieben wird. Schon
bei kleinen positiven Spannungen steigt der Durchlassstrom stark an. Achtung!
Der Durchlassstrom darf einen Maximalwert Imax nicht übersteigen, da
sonst die Struktur des Halbleiters thermisch zerstört wird.

Durchlassstrom
Imax

Sperrspannung
U
-U Ud
Usperr max Durchlassspannung

Sperrstrom
-I

Abbildung 6.6: Die charakteristische Kennlinie einer Diode

Für negative Spannungen zwischen 0 V und einem bestimmten Wert Usperr max
fliesst nur ein kleiner, spannungsunabhängiger Reststrom. Erst bei negativen
Spannungen, die kleiner sind als Usperr max , steigt der Sperrstrom stark an. Dies
ist auf zwei Effekte zurückzuführen. Einerseits ist das elektrische Feld so gross,
dass kovalente Bindungen im Halbleitergitter aufgebrochen und freie Elektron-
„Loch“-Paare produziert werden. Andererseits werden die freien Elektronen im
grossen Potentialgefälle so stark beschleunigt, dass sie genug Energie haben, um
ein Atom bei einem Zusammenstoss stark zu ionisieren. Dieser Prozess wächst
für Sperrspannungen kleiner Usperr max lawinenartig an und bewirkt einen hohen
Sperrstrom. Achtung! Halbleiterdioden dürfen wegen der Gefahr ther-
mischer Zerstörung in diesem Bereich nicht betrieben werden.
6.4 Innenwiderstand von Quellen 93

6.4 Innenwiderstand von Quellen


Reale Quellen unterscheiden sich von idealen Spannungsquellen durch ihren in-
neren Widerstand. Dies ist symbolisch in Abb. 6.7 dargestellt.

Ri
+ A B
_
B U0

reale Quelle ideale Quelle

Abbildung 6.7: Eine reale Spannungsquelle kann man näherungsweise darstellen


durch eine Kombination aus idealer Quelle und innerem Widerstand.

Werden die Klemmen A und B einer Quelle kurzgeschlossen (UAB = 0), so fliesst
der Kurzschlussstrom IK . Dieser wird lediglich durch den Innenwiderstand Ri
der Quelle bestimmt. Er ergibt sich aus Ri = U0 /Ri bei UAB = 0 V. Die Klem-
menspannung UAB einer Quelle ist am grössten im unbelasteten Zustand (Leer-
laufspannung): UAB (I = 0) = U0 . Jede zugeschaltete Last verringert diese Span-
nung: UAB = U0 − ILast Ri , wobei ILast der aus der Quelle fliessende Strom (Last-
strom) ist. Die lineare Abhängigkeit der Klemmenspannung vom Laststrom ist
in Abb. 6.8 dargestellt.
Gute Spannungsquellen haben einen kleinen Innenwiderstand Ri , um den Einfluss
des Laststroms zu verringern. Die im Praktikum verwendeten Labornetzgeräte
sind fast ideal. Sie sind allerdings zur Kurzschlusssicherung mit einer automati-
schen Strombegrenzung ausgestattet.
94 6 Leitercharakteristiken

UAB (Klemmenspannung)

U0 Leerlaufspannung

Kurzschlussstrom

Steigung: -Ri
ILast
IK

Abbildung 6.8: Die Klemmenspannung UAB einer realen Spannungsquelle hängt


von dem aus ihr fliessenden Laststrom ILast und dem Innenwiderstand Ri ab.
6.5 Theoretische Aufgaben 95

6.5 Theoretische Aufgaben


1. Erläutere die Begriffe Serienschaltung und Parallelschaltung und leite die
Formeln zur Berechung von R her.

2. Erläutere die Regeln von Kirchhoff („Knoten“ und „Maschen“, Ladungs- und
Energieerhaltung).

3. Bestimme damit in unten stehender Schaltung die Spannungsabfälle über


die einzelnen Widerstände.

2 kΩ 3 kΩ

4 kΩ

1 kΩ
1 kΩ

U0

4. Die folgende Schaltung stellt einen Spannungsteiler dar. Bestimme U2 .


R1

U0
R2

U2
96 6 Leitercharakteristiken

5. Ein Ampèremeter besitzt für den Messbereich 0–1 A einen Innenwiderstand


Ri von 1 Ω. Welchen Widerstand muss man wie schalten, um den Bereich
auf 0–10 A zu erweitern?

6. Als Spannungsquelle für einen äusseren Widerstand Rä werden n gleiche,


in Serie geschaltete Akkumulatoren der Quellenspannung U0 und des In-
nenwiderstands Ri verwendet. Wie muss Rä gewählt werden, damit die im
Lastwiderstand abgegebene Leistung P (P = U · I) maximal ist? Wie gross
ist diese maximale Leistung?

n x Ri

n x U0

6.6 Praktische Aufgaben

6.6.1 Bestimmung von Kennlinien (Charakteristik)

Achtung
Spannungen über 48V gelten als gefährlich.
Das Netzgerät daher erst dann einschalten,
wenn fertig aufgebaut und kontrolliert ist.

Für diesen Teil des Versuchs steht folgendes Material zur Verfügung:
1 Kasten mit verschiedenen el. Leitern
1 Gleichspannungsstromquelle 0 – 240 V/0.5 A
1 Universalmessinstrument (hier als Ampèremeter verwendet)
Verschiedene Verbindungskabel

Schaltzeichen:
6.6 Praktische Aufgaben 97

Amperemeter A

Voltmeter
V

Widerstand (auch für Metall- und Kohlefadenlampe)

Diode (Pfeil zeigt in Durchlassrichtung für den Strom)

Schaltschema für die Aufnahme der Kennlinien von Ohmschen Widerständen,


Metall- und Kohlenfadenlampe (links) und Schaltschema für die Aufnahme der
Kennlinie einer Halbleiter-Diode (rechts):

A A R

U R V U V

6.6.2 Aufgabe 1
Nehmen Sie die Kennlinie von folgenden Elementen auf:

1. Messen Sie I(U) für einen schwach belasteten Ohmschen Widerstand (I soll
6 mA nicht überschreiten). Tragen Sie die Kennlinie graphisch auf.

2. Messen Sie I(U) für eine Metallfaden- und eine Kohlenfadenlampe (U zwi-
schen 0 und 230 V variieren). Tragen Sie die Kennlinie graphisch auf.

3. Messen Sie I(U) für eine Zenerdiode und eine Siliziumdiode in Durchlass-
und Sperrrichtung. Tragen Sie die Kennlinie graphisch auf.

6.6.3 Aufgabe 2
Diskutiere die beobachteten Abweichungen vom ohmschen Gesetz. Handelt es
sich beim ausgemessenen Bauteil um einen Halbleiter oder um einen metallischen
Leiter?
98 6 Leitercharakteristiken

6.6.4 Aufgabe 3
Zeichne die Kennlinien der ohmschen Widerstände R1 = 10 Ω und R2 = 200 Ω
in ein Diagramm. Wie würde die Kennlinie einen idealen Leiters (R = 0 Ω)
aussehen?
7 Wechselstrom (entfällt)

Achtung:
Dieser Versuch wird aus Zeitgründen nicht durchgeführt. Die
Beschreibung und die Theorie bleiben aber bewusst im Skript
und sollten als Gedankenexperiment nachvollzogen werden.

Inhalt
7.1 Versuch einer Motivation für Chemikerinnen und Che-
miker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Beleh-
rungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7.2.1 Der Wechselstrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7.2.2 Spezialfall Sinusförmiger Wechselstrom . . . . . . . . . 100
7.2.3 Analytische Darstellung des sinusförmigen Wechselstroms...103
7.2.4 Wechselstromwiderstand (Impedanz) – Definition . . . 104
7.2.5 Kapazität – Definition . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
7.2.6 Induktivität – Definition . . . . . . . . . . . . . . . . 105
7.2.7 Kombination von Impedanzen, Rechenregeln . . . . . . 107
7.2.8 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
7.3 Messen von Wechselstromgrössen . . . . . . . . . . . . 108
7.3.1 Mittlere Leistung, Effektivwerte von Spannung und Strom-
stärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
7.4 Das Oszilloskop . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
7.4.1 Funktionsweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
7.4.2 Normalbetrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
7.4.3 Trigger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
7.4.4 X-Y-Betrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
7.4.5 Kopplung der Signale . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
7.4.6 Kurzbeschreibung Kathodenstrahloszilloskop Tektronix
TDS 220 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
7.5 R-C-Schaltkreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
7.5.1 Tiefpass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

99
100 7 Wechselstrom (entfällt)

7.5.2 Hochpass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116


7.6 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
7.6.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
7.6.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
7.6.3 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
7.6.4 Aufgabe 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

Achtung:
Dieser Versuch wird aus Zeitgründen nicht durchgeführt. Die
Beschreibung und die Theorie bleiben aber bewusst im Skript
und sollten als Gedankenexperiment nachvollzogen werden.

7.1 Versuch einer Motivation für Chemikerinnen


und Chemiker
Grundkenntnisse der Elektrizitätslehre sind unerlässlich, um elementare Phä-
nomene in der Chemie zu verstehen, zu messen und zu steuern. Viele Anwendun-
gen beruhen auf den besonderen Eigenschaften des Wechselstroms, insbesondere
im Zusammenhang mit den elektronischen Bauteilen Kondensator und Spule.
Das Kathodenstrahloszilloskop („KO“) hat sich zur Darstellung und Analyse von
Wechselströmen als äusserst hilfreich erwiesen. Dieser Versuch soll dazu beitra-
gen, Wechselstromschaltungen und die Funktionsweise des KO zu verstehen und
Hemmungen vor dem KO abzubauen.

7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und


Belehrungen
7.2.1 Der Wechselstrom
Unter einem Wechselstrom versteht man einen elektrischen Strom, der seine Rich-
tung ändert und eine Periodizität (Periode T) aufweist. Abbildung 7.1 zeigt zwei
Beispiele.

7.2.2 Spezialfall Sinusförmiger Wechselstrom


Ein Wechselstrom, der in der Praxis – und sicher auch im Rahmen des Che-
miestudiums – von besonderer Bedeutung ist, ist der sinusförmige Wechselstrom
(Abb. 7.2). Dieser wird z. B. von den Elektrizitätswerken geliefert. Die Amplitude
7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 101

i(t) T i(t)

a b

Abbildung 7.1: Beispiele für den zeitlichen Verlauf von Wechselströmen

dieses Stroms ändert sich in Abhängigkeit von der Zeit gemäss eines Sinusgeset-
zes. Jeder Wechselstrom kann durch eine Linearkombination von sinusförmigen
Wechselströmen dargestellt werden (Fourier-Entwicklung, Abb. 7.3, in der ein
rechteckiges Signal durch die Summe vieler sinusförmiger Funktionen unterschied-
licher Frequenzen und Amplituden dargestellt wird). In diesem Versuch befassen
wir uns ausschliesslich mit dem einfachen sinusförmigen Wechselstrom.

i(t)

i0

π 2π
ωt

ϕ ωT = π2

Abbildung 7.2: Der sinusförmige Wechselstrom ist der am meisten verbreitete


Wechselstrom.
102 7 Wechselstrom (entfällt)

Abbildung 7.3: Jeder Wechselstrom, hier ein „Rechtecksignal“, kann durch ei-
ne Kombination von sinusförmigen Wechselströmen unterschiedlicher Amplitude
und Frequenz dargestellt werden.
7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 103

7.2.3 Analytische Darstellung des sinusförmigen Wechsel-


stroms...
a) ...durch trigonometrische Funktionen

i = i0 sin (ωt + ϕ) (7.1)


i = i0 cos (ωt + ϕ0 ) (7.2)
wobei i Momentanwert des Stroms
i0 Spitzenwert des Stroms
ϕ, ϕ0 Anfangsphase
ω Kreisfrequenz mit ω = 2πf = 2π/T und f = 1/T
f Frequenz
T Periode
Andere physikalischen Grössen, die sich sinusförmig ändern, wie z. B. die Span-
nung, können durch analoge Darstellungen beschrieben werden. Wir werden se-
hen, dass diese Grössen andere Anfangsphasen ϕ aufweisen, aber im gleichen
Stromkreis die gleiche Frequenz ω besitzen.

b) ...durch komplexe Grössen

Man kann eine komplexe Zahl z in der Form

z = a + jb = r (cos α + j sin α) (7.3)

darstellen, wobei a Realteil von z


b Imaginärteil
√ von z
r = a + b , Betrag von z
2 2

α Argument

j = −1, eigentlich i: verwendet, um Verwechslungen
mit der Stromstärke zu vermeiden
Wichtig: Mit dem Theorem von Euler

ejα = cos α + j sin α (7.4)

erhält man eine andere Darstellung (Polardarstellung):

r sin(z) Im(z)
 
z = re jα
mit tan(α) = · = . (7.5)
r cos(z) Re(z)

Das bedeutet, dass eine harmonische Schwingung, wie z. B. der Wechselstrom,


als komplexwertige Exponentialfunktion dargestellt werden kann (setzt man in
Gleichung 7.4 z. B. π/2 für α ein, so erhält man ejπ/2 , ein Ausdruck, der später
noch benötigt wird).
104 7 Wechselstrom (entfällt)

Die momentane Stromstärke i = i0 cos (ωt + ϕ) ist der Realteil des komplexen
Stroms

I(t) = i0 ej(ωt+ϕ) = i0 [cos (ωt + ϕ) + j sin (ωt + ϕ)] = i0 ejϕ · ejωtz = I0 ejωt (7.6)

Ein komplexer Strom hat keine physikalische Bedeutung, aber es lassen sich damit
einige Berechnungen einfacher durchführen. Um eine reale physikalische Lösung
zu erhalten, betrachtet man entweder den realen oder den imaginären Teil der
Lösung. Mit der komplexen Darstellung kann man die Phase als Faktor abspalten
und in die komplexe Amplitude (I0 ) einbeziehen.

7.2.4 Wechselstromwiderstand (Impedanz) – Definition


Wie beim Gleichstrom gilt das Ohmsche Gesetz (vergleiche auch Versuch Elek-
tronik I). Die Spannung U , die über einen ohmschen Widerstand R abfällt, ist
proportional zum durch den Widerstand fliessenden Strom I.
U
Ohmscher Widerstand: R= = const. (7.7)
I
1V
Einheit: = 1 Ohm = 1 Ω (7.8)
1A
wobei U für die Spannung an den Klemmen und I für den Strom durch den
Widerstand steht.
Da ein Widerstand von 1 Ω sehr klein ist, sind folgende Einheiten gebräuchlich:

1 Kiloohm = 1 kΩ = 103 Ω
1 Megaohm = 1 MΩ = 106 Ω

Aus Gleichung 7.7 (nach U umgeformt) folgt, dass die Spannung U am ohmschen
Widerstand dieselbe Phase ϕ wie der Strom I aufweist. Achtung: Dies gilt nicht
für jedes elektronische Bauteil (siehe nächsten Abschnitt).

7.2.5 Kapazität – Definition


Ein Kondensator ist ein Schaltelement, das elektrische Ladung Q speichert. Der
Kennwert eines Kondensators wird Kapazität C genannt und wie folgt definiert:
Q
Kapazität: C= (7.9)
U
1C 1 As
Einheit: = = 1 Farad = 1 F (7.10)
1V 1V
wobei Q für die Ladung und U für die Spannung an den Klemmen steht.
7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 105

Da die Kapazität normaler Kondensatoren viel kleiner ist als 1 Farad, sind fol-
gende Einheiten gebräuchlich:
1 Mikrofarad = 1 µF = 10−6 F
1 Nanofarad = 1 nF = 10−9 F
1 Picofarad = 1 pF = 10−12 F
Gleichstromverhalten: Wird ein Kondensator über einen Gleichstrom aufgeladen,
so baut sich die Spannung
t
1 Z
U (t) = I(τ )dτ (7.11)
C
0

auf, denn für die Ladung Q gilt (unter der Annahme I = 0 für t < 0):
Zt
Q(t) = I(τ )dτ. (7.12)
0

Wechselstromverhalten: Fliesst ein Wechselstrom I(t) = I0 ejωt , so folgt für die


Spannung über dem Kondensator
1 Z 1 I0 jωt 1
U (t) = I(t)dt = e = I(t). (7.13)
C C jω jωC
Aus dem Vergleich mit dem ohmschen Gesetz folgt, dass jωC 1 einem Widerstand
entspricht. Dieser verallgemeinerte Widerstand heisst Impedanz Z. Die Impe-
danz ist eine komplexe Grösse. Der Faktor 1j = e−jπ/2 (Gleichung 7.4) bedeutet
eine Phasenverschiebung der Spannung um − π2 = −90◦ gegenüber dem Strom,
d. h. der Strom eilt der Spannung um eine Viertelperiode voraus. Dies rührt da-
her, dass der Kondensator erst geladen werden muss, bevor sich eine Spannung
aufbaut. Bei einem Gleichstrom (ω = 0) wird die Impedanz unendlich gross,
d. h. es fliesst kein Strom. Bei sehr hohen Wechselstromfrequenzen (ω → ∞) ver-
schwindet die Impedanz und der Kondensator verhält sich wie ein Kurzschluss.

7.2.6 Induktivität – Definition


Eine stromdurchflossene Spule erzeugt in ihrem Inneren ein Magnetfeld. Zum
Aufbau des Magnetfeldes wird Energie benötigt, beim Abbau des Magnetfeldes
wird diese Energie wieder frei. Die gespeicherte magnetische Energie ist propor-
tional zum Quadrat des Stromes. In einer perfekten, d. h. widerstandslosen und
verlustfreien Spule ist die zeitliche Änderung des Stromes proportional zur Span-
nung U an den Klemmen der Spule. Der Kennwert einer Spule heisst Induktivität.
dI(t)
Induktivität L: U (t) = L (7.14)
dt
1 Vs
Einheit: = 1 Henry = 1 H (7.15)
1A
106 7 Wechselstrom (entfällt)

a b
i(t) i(t)

u(t)
u(t)

t t

ϕ =π /2 ϕ =π /2

Abbildung 7.4: Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom bei (a) Kon-
densator und (b) Spule

wobei dI
dt für die zeitliche Änderung des Stroms und U für die Spannung an den
Klemmen steht.
1 Henry entspricht einer sehr grossen Induktivität. Gebräuchlich sind daher eher:

1 Millihenry = 1 mH = 10−3 F
1 Mikrohenry = 1 µH = 10−6 F
1 Nanohenry = 1 nH = 10−9 F

Gleichstromverhalten: Die Induktivität einer Spule bewirkt, dass beim Einschal-


ten einer Gleichspannung keine sprunghafte Änderung der Stromstärke auftritt.
Umgekehrt entsteht beim Öffnen eines Stromkreises, d. h. bei einer schnellen
Änderung des Stromes, eine sehr grosse Induktionsspannung. Hat sich die Strom-
stärke nach dem Einschalten stabilisiert, so verhält sich eine Spule wie ein Kurz-
schluss.
Wechselstromverhalten: Fliesst ein Wechselstrom I(t) = I0 ejωt durch eine Spule,
so folgt für die Spannung

dI(t)
U (t) = L · = L · I0 jωejωt = jωL · I(t). (7.16)
dt
Wie bei der Kapazität erhalten wir eine zum ohmschen Gesetz analoge Beziehung

U (t) = Z · I(t) (7.17)

mit der komplexen Impedanz


Z = jωL. (7.18)
Der Faktor j = ejπ/2 (Gleichung 7.4) bedeutet eine Phasenverschiebung der Span-
nung um π2 = 90◦ gegenüber dem Strom, d. h. der Strom folgt der Spannung mit
7.2 Eine Menge Definitionen, Konventionen und Belehrungen 107

einer Verzögerung von einer Viertelperiode. Dies ist eine Folge der Selbstinduk-
tion der Spule. Im Falle eines Gleichstromes (ω = 0) verschwindet die Impedanz,
d. h. die Spule wirkt wie ein Kurzschluss. Wird die Wechselstromfrequenz sehr
gross (ω → ∞), so wird auch der Widerstand sehr hoch.

7.2.7 Kombination von Impedanzen, Rechenregeln


7.2.7.1 Verallgemeinerter Widerstand

In den vorigen Abschnitten wird vom Begriff des ohmschen Widerstandes ausge-
gangen, wie er vom Gleichstrom her bekannt ist. Der Begriff „Widerstand“ kann
nun auch für Wechselströme verwendet werden. Durch die komplexwertige Dar-
stellung von Strömen und Spannungen können Widerstände, Kapazitäten und
Spulen mit Hilfe der Impedanz Z formal gleich behandelt werden:
U (t) = Z · I(t) mit U (t) = U0 ejωt = u0 ejϕt ejωt
und I(t) = I0 ejωt = i0 ej ϕ̃t ejωt (7.19)
Dabei ist jedoch zu beachten, dass diese Beziehung nichts mehr mit dem ohmschen
Gesetz zu tun hat. Dieses verlangt U ∼ I, d. h. Z = const., was im Falle der
Impedanz nicht mehr gilt.

7.2.7.2 Serienschaltung von Impedanzen

Mit dem verallgemeinerten ohmschen Gesetz kann die Serienschaltung von ver-
schiedenen Impedanzen gerechnet werden. Die angelegte Spannung U entspricht
der Summe aller Spannungsabfälle über Z1 , Z2 , ..., Zn :
U (t) = Z1 · I(t) + Z2 · I(t) + · · · + Zn · I(t) = I(t) · (Z1 + Z2 + · · · + Zn ) , (7.20)
womit sich folgende Ersatzimpedanz ergibt:
Z = Z1 + Z2 + · · · + Zn . (7.21)

7.2.7.3 Parallelschaltung von Impedanzen

Betrachten wir nun die Parallelschaltung von verschiedenen Impedanzen, so muss


der totale Strom I gleich der Summe der Teilströme I1 , I2 , ..., In durch die
einzelnen Impedanzen sein (Ladungserhaltung):
U (t) U (t) U (t) 1 1 1
 
I(t) = + + ··· + = U (t) · + + ··· + , (7.22)
Z1 Z2 Zn Z1 Z2 Zn
und somit gilt für die Ersatzimpedanz
1 1 1 1
 
= + + ··· + . (7.23)
Z Z1 Z2 Zn
108 7 Wechselstrom (entfällt)

Z3
Z2

Z1

Zn
U~

Abbildung 7.5: Serienschaltung von Impedanzen. Die Impedanzen werden ad-


diert.

7.2.8 Zusammenfassung
Widerstand Z = R (7.7)
Kapazität Z = 1 (7.13)
jωC
Induktivität Z = jωL (7.18)
Serienschaltung Z = Z1 + Z2 + · · · + Zn (7.21)
Parallelschaltung 1 = 1 1 1 (7.23)
Z Z + Z + ··· Z
1 2 n

7.3 Messen von Wechselstromgrössen


Zur Messung von Wechselströmen können zwei Arten von Instrumenten verwen-
det werden:

a) Instrumente, die den Schwingungen des Stroms oder der Spannung folgen
können und jeweils den momentanen Wert anzeigen (z. B. Oszillatoren)

b) Instrumente, deren Reaktion unabhängig von der Richtung des Stroms ist
(z. B. Hitzdrahtinstrument)

7.3.1 Mittlere Leistung, Effektivwerte von Spannung und


Stromstärke
Es ist nicht immer nötig, den genauen Verlauf einer Wechselspannung zu kennen.
Die Wechselspannung des gewöhnlichen Stadtnetzes ist mit 220 V angegeben.
7.3 Messen von Wechselstromgrössen 109

I1 I2 I3 In

I Z1 Z2 Z3 Zn

U~

Abbildung 7.6: Parallelschaltung von Impedanzen. Die Kehrwerte der Impedan-


zen werden addiert.

Diese Grösse gibt nicht den genauen zeitlichen Verlauf der Spannung wieder son-
dern einen über die Zeit gemittelten Wert.
Um einen Wechselstrom durch gemittelte Grössen charakterisieren zu können,
müssen zuerst sinnvolle Grössen gefunden werden. Für die mittlere Spannung pro
Zeit könnte man das Mittel über eine Periode T des Spannungsverlaufs ansetzen:
T
1Z u0
u= u0 cos(ωt + ϕ)dt = [sin(ωT + ϕ) − sin(ϕ)] = 0 (7.24)
T ωT
0

Folglich ist dieser Ansatz nicht sinnvoll, da unabhängig von Spitzenspannung


u0 und Frequenz ω u = 0 ist. Eine geeignetere Grösse ist die Leistung P eines
Wechselstroms und der Vergleich mit einem Gleichstrom gleicher Leistung. Wenn
Strom I und Spannung U in Phase sind, dann ist die momentane Leistung P (t):
u0 i0
P (t) = u(t) · i(t) = u0 i0 cos2 (ωt) = (1 + cos(2ωt)) (7.25)
2

Die mittlere Leistung pro Zeit (P ) ist dann


T " #
1Z 1 u0 i0 Z T Z T
P = P dt = dt + cos(2ωt)dt
T T 2 0 0
0
" T #
1 u0 i0 1 u0 i0

= T+ sin(2ωt) = = ueff · ieff (7.26)
T 2 2ω 0 2
Ein Gleichstrom, der die gleiche mittlere Leistung abgeben würde, müsste also
die Stromstärke ieff = √i02 und die Spannung ueff = u
√0 aufweisen. Diese Werte
2
heissen effektive Stromstärke und effektive Spannung des Wechselstroms.

Beispiel: Netzspannung: ueff = 220V , ∼ 50 Hz.


110 7 Wechselstrom (entfällt)

P(t)

Abbildung 7.7: Verlauf der momentanen Leistung eines Wechselstroms


Daraus folgt für die Scheitelspannung u0 = ueff 2 = 311 V . Der Momentanwert
der Spannung ist u(t) = u0 cos(2π · 50 Hzt) = 311 V cos(314 s−1 t).

Bis jetzt wurde angenommen, dass Strom und Spannung in Phase sind. Wenn
zwischen Strom und Spannung eine Phasendifferenz ϕ besteht, berechnet sich die
mittlere Leistung P mit Hilfe von
P (t) = u(t) · i(t) = u0 cos(ωt + ϕ) · i0 cos(ωt) (7.27)
und
2 cos(α) cos(β) = cos(α + β) + cos(α − β) (7.28)
zu
1ZT 1 Z T uo io
P = P dt = [cos(2ωt + ϕ) + cos(ϕ)] dt
T 0 T 0 2
T
1 uo io 1 uo io

= sin(2ωt + ϕ) + cos(ϕ)t = cos ϕ
T 2 2ω 0 2
= ueff · ieff cos ϕ. (7.29)
Die mittlere Leistung P hängt also ab von der relativen Phase ϕ zwischen Strom
und Spannung:
π π
− ≤ϕ≤ P ≥0 Leistungsaufnahme (RLC Kombination)
2 2
π 3π
≤ϕ≤ P ≤0 Leistungsabgabe (Generatoren) (7.30)
2 2

7.4 Das Oszilloskop


Mit einem Kathodenstrahloszilloskop (KO) können zeitlich variable Spannungen
sichtbar gemacht werden.
7.4 Das Oszilloskop 111

y Ablenkung
Kathode Anode
Heizspannung

- + x Ablenkung
Beschleunigungs- Leuchtschirm
spannung

Abbildung 7.8: Schematische Darstellung eines Kathodenstrahloszilloskops

7.4.1 Funktionsweise
Ein wesentlicher Bestandteil eines KO ist die Braun’sche Röhre. Diese besteht
aus einer Elektronenquelle, einer Beschleunigungs- und einer Ablenkvorrichtung
für die Elektronen und einem Leuchtschirm. Die Elektronen werden durch Hei-
zen eines Metalldrahtes (der negativ geladenen Kathode) freigesetzt und durch
eine Spannung zur Anode, einer positiv geladenen Metallplatte, hin beschleunigt.
Durch ein Loch in der Anode wird ein gebündelter Elektronenstrahl emittiert.
Zwei senkrecht zueinander stehende Plattenpaare lenken den Strahl elektrosta-
tisch in die horizontale (x) und vertikale (y) Richtung ab. Die Auslenkung ist
dabei proportional zur angelegten Spannung. Der Elektronenstrahl trifft schlies-
slich auf einen Leuchtschirm, wo die Elektronen als Lichtpunkte sichtbar werden.

7.4.2 Normalbetrieb
Das darzustellende Signal wird normalerweise auf die vertikale Ablenkung gege-
ben, während an der horizontalen Ablenkung eine interne Sägezahnspannung liegt
(Abb. 7.9). Dadurch wird der Elektronenstrahl von links nach rechts geführt und
kehrt dann sehr schnell wieder in die Ausgangslage zurück. Während des Rück-
laufs wird der Strahl gesperrt, so dass der Rücklauf auf dem Schirm nicht sichtbar
ist.
Ein KO hat zwei oder mehr sogenannte Kanäle („channels“). Im Normalbetrieb
wird das Signal eines oder mehrerer Kanäle auf dem Bildschirm dargestellt. Dabei
wird jedes Signal als eigene Kurve dargestellt. Die Empfindlichkeit der einzelnen
Kanäle kann separat eingestellt werden. Dabei wird die Empfindlichkeit mit Dreh-
schaltern in Einheiten von V/cm eingestellt. Die Gitterlinien auf dem Bildschirm
des KO haben einen Abstand von 1 cm. Damit ist das Ablesen der Spannung
leicht möglich. Die Zeitablenkung ist für alle Signale gleich und wird ebenfalls an
einem Drehknopf (in s/cm) eingestellt.
112 7 Wechselstrom (entfällt)

Signalspannung
(y Ablenkung)
Triggerniveau

t
(x Ablenkung)
Zeitablenkung

Ablenkung des Strahls


Rücklauf
Bild auf dem Leuchtschirm

Abbildung 7.9: Funktionsweise eines Kathodenstrahloszilloskops: Durch die get-


riggerte Ablenkung entsteht ein stehendes Bild des Wechselstroms über eine Pe-
riode.

7.4.3 Trigger

Die Zeitablenkung muss immer beim gleichen Wert der Signalspannung begin-
nen, damit sich auf dem Bildschirm des KO ein stehendes Bild ergibt (Abb. 7.9)
Dies wird durch einen Trigger (engl. für Auslöser) bewirkt. Triggern ist also die
Auslösung der Zeitablenkung durch einen Impuls. Dieser Impuls wird meistens
dadurch erzeugt, dass die Signalspannung ein sogenanntes Triggerniveau erreicht.
Dieses Triggerniveau ist am KO einstellbar. Es wird dabei unterschieden, ob das
Signal von einem tieferen Wert kommend das Triggerniveau übersteigt (positive
Flanke), oder ob das Signal von einem höheren Wert unter das Triggerniveau
sinkt (negative Flanke).
Die Ablenkspannung schwingt nach dem Auslösen nur eine Periode lang, d. h. der
Elektronenstrahl läuft einmal über den Bildschirm und wieder zurück. Anschlies-
send bleibt er in Ruhe, bis er durch den nächsten Triggerimpuls wieder ausgelöst
wird.

Werden mehrere Signale gleichzeitig auf dem KO angezeigt, so kann eines der
7.4 Das Oszilloskop 113

Signale als Triggersignal ausgewählt werden. Die restlichen Signale werden dann
synchron dargestellt. Es besteht auch die Möglichkeit, den Trigger durch ein ex-
ternes Signal auszulösen. Dieses Signal wird nicht auf dem Bildschirm dargestellt,
doch hinsichtlich des Triggerniveaus und der Flanke wird es gleich behandelt wie
die darstellbaren Kanäle.

7.4.4 X-Y-Betrieb
Eine weitere Spielart ist der sogenannte X-Y-Betrieb. Dabei wird nicht das interne
Ablenksignal (die Sägezahnspannung) auf die horizontale Achse gegeben, sondern
der zweite Kanal. Dies erlaubt, einen Kanal gegenüber dem anderen darzustellen.
Da keine Zeitablenkung gebraucht wird, gibt es auch keinen Trigger. Der KO läuft
in einem sogenannten freilaufenden Modus.

7.4.5 Kopplung der Signale


Die Signaleingänge eines KO sind hochohmig (typisch 1 MΩ), d. h. es fliesst so
gut wie kein Strom in den KO hinein. Im Gegensatz zu einem Voltmeter ist der
KO jedoch über das Netzkabel geerdet und auch die Signaleingänge haben Er-
dungsausgänge. Somit muss bei der Messung von Spannungen in einer Schaltung
darauf geachtet werden, dass mit dem KO keine Kurzschlüsse produziert werden.
Um dieses Problem zu umgehen, braucht man beim Experimentieren teilweise
zusätzliche sogenannte Differenzverstärker (siehe Aufgabe 6.4.).
Das KO hat noch eine weitere Wahlmöglichkeit bei den Signaleingängen: AC,
Ground, DC. Achtung: Diese Bezeichnungen sind etwas verwirrend. Es geht nicht
darum, Wechsel oder Gleichspannungen zu messen, sondern wie das angelegte
Signal auf die Ablenkplatten geführt wird.

• Ist der Schalter auf „Ground“, wird das KO-interne Nullsignal auf die Ab-
lenkplatte gegeben, d. h. wir sehen die Nullinie auf dem Bildschirm.

• In der Stellung „DC“ wird das angelegte Signal direkt auf die Ablenkplatte
gegeben.

• Bei „AC“ wird eine Kapazität dazwischen geschaltet. Die „AC Kopplung“
eines Signals ist sinnvoll, wenn dieses neben der Wechselstromkomponen-
te noch einen Gleichstromanteil enthält. Der Gleichstrom sorgt für eine
konstante Ablenkung des Strahls, so dass es unter Umständen nicht mög-
lich ist, das Signal auf dem Bildschirm darzustellen. Die Kapazität filtert
Gleichstromanteile und lässt nur die Wechselstromkomponente durch.
114 7 Wechselstrom (entfällt)

7.4.6 Kurzbeschreibung Kathodenstrahloszilloskop Tektro-


nix TDS 220
Dieses Kathodenstrahloszilloskop ist ein Zweikanaloszilloskop, d. h. es erlaubt
gleichzeitig zwei elektrische Spannungen U1 (t) und U2 (t) als Funktion der Zeit
und deren Phasenbeziehung auf dem Bildschirm darzustellen.

Inbetriebnahme:

• Oszilloskop ans Netz anschliessen.

• Andere Kabelverbindungen von der Frontseite trennen.

• Einschalten mit „Power“-Taste an der Oberseite des Gerätes.

• Automatischen Selbsttest abwarten. Bei erfolgreicher Beendigung (3 mal


„in Ordnung“, „Erweiterungsmodul nicht installiert“) weiter mit beliebiger
Taste.

Einfache Darstellung von elektrischen Spannungen:

• Spannungsquelle U1 (t) über ein Koaxialkabel an „CH 1“ anschliessen.

• Eventuell Spannungsquelle U2 (t) über ein Koaxialkabel an „CH 2“ ansch-


liessen.

• Eventuell externes Triggersignal an „EXT TRIG“ anschliessen.

• Taste „AUTOSET“ drücken für automatische Wahl der Einstellungen (ho-


rizontale und vertikale Strahlablenkung sowie Triggerbedingungen).

Erweiterte Darstellung und Messung von elektrischen Spannungen:

• Drehknopf „VOLTS/DIV“: Änderung der Einstellungen für die vertikale


Strahlablenkung (= Amplitude des dargestellten Signals) für einen be-
stimmten Kanal. Der entsprechende Wert wird links unten angezeigt und
entspricht dem vertikalen Abstand zweier benachbarter horizontaler Raster-
linien.

• Drehknopf „SEC/DIV“: Änderung der Einstellungen für die horizontale


Strahlablenkung (= Periode des dargestellten Signals). Der entsprechen-
de Wert wird unten in der Mitte angezeigt und entspricht dem horizontalen
Abstand zweier benachbarter vertikaler Rasterlinien.

• Drehknöpfe „POSITION“: Verschieben des dargestellten Signals in vertika-


ler und/oder horizontaler Richtung.
7.5 R-C-Schaltkreise 115

• Betätigen einer Menütaste: Das Menü erscheint am rechten Bildschirmrand.


Die Menüführung erfolgt mit den fünf rechts neben dem Bildschirm ange-
ordneten Tasten.

• Menütasten „CH1“ bzw. „CH2“: Darstellen/Entfernen eines Kanales sowie


Änderung der Einstellung für den jeweiligen Kanal.

• Menütaste „MATH“: Addition/Subtraktion der Signale (Kanäle).

• Menütaste „HORIZONTAL“: Änderung der Einstellungen für die Horizon-


talskala.

• Menütaste „TRIGGER“: Wahl der Triggereinstellungen. Entsprechende Ein-


stellung wird rechts unten angezeigt.

• Menütasten „SAVE/RECALL“, „MEASURE“, „ACQUIRE“, „UTILITY“, „CUR-


SOR“ und „DISPLAY“: Wahl zusätzlicher Optionen.

Alle weiteren Funktionen sind im Benutzerhandbuch beschrieben und können


selbst ausprobiert werden. Die Taste „AUTOSET“ erlaubt jederzeit wieder die
automatische Wahl optimaler Einstellungen.

7.5 R-C-Schaltkreise
(frequenzabhängige Spannungsteiler)

7.5.1 Tiefpass
Abbildung 7.10 zeigt die Schaltung eines Tiefpasses. Bei einer sinusförmigen Ein-
gangsspannung UE hat der Kondensator bei tiefen Frequenzen einen grossen Wi-
derstand (Gleichung 7.13). Der Widerstand R kann dagegen vernachlässigt wer-
den. Am Ausgang UA liegt praktisch die volle Eingangsspannung. Bei hohen Fre-
quenzen ist der Widerstand des Kondensators gering und die Eingangsspannung
fällt fast ganz über dem Widerstand ab. Mit Aufgabe 1.5.4 aus dem Versuch
Elektronik I („Spannungsteiler“) folgt für das Spannungsverhältnis:
1
UA jωC 1 1 − jωRC 1 ωRC
= = = = −j
UE 1
R + jωC 1 + jωRC 1 + (ωRC) 2 1 + (ωRC)2 1 + (ωRC)2
(7.31)
Für den Betrag folgt mit Gleichung 7.3
v
u !2 !2
UA 1 ωRC 1
u
= t
+ =q (7.32)

UE
1 + (ωRC)2 1 + (ωRC)2 1 + (ωRC)2
116 7 Wechselstrom (entfällt)

und damit die oben beschriebene Frequenzabhängigkeit der Ausgangsspannung.

Die Phasenverschiebung ϕ berechnet sich aus Gleichung 7.5:

−ωRC
 
UA
Im U
1 + (ωRC)2
tanϕ =  E = = −ωRC (7.33)
U 1
Re U A
1 + (ωRC)2
E

UE

C UA

Abbildung 7.10: Schaltungsschema für einen Tiefpass

7.5.2 Hochpass
Abbildung 7.11 zeigt die Schaltung eines Hochpasses (CR-Glied). Bei einer sinus-
förmigen Eingangsspannung UE hat der Kondensator bei tiefen Frequenzen einen
grossen Widerstand. Am Widerstand fällt fast keine Spannung ab. Bei hohen Fre-
quenzen ist der Widerstand des Kondensators gering und die Eingangsspannung
fällt fast nur über dem Widerstand ab. Am Ausgang liegt die volle Eingangsspan-
nung. Analog zu 7.5.1 berechnet sich das Spannungsverhältnis zu

UA R jωRC jωRC · (1 − jωRC)


= = =
UE 1
R + jωC 1 + jωRC 1 + (ωRC)2

(ωRC)2 ωRC
= 2
+j (7.34)
1 + (ωRC) 1 + (ωRC)2
7.6 Praktische Aufgaben 117

der Betrag zu

v
u !2 !2
UA (ωRC)2 ωRC ωRC
u
= t
+ =q (7.35)

UE
1 + (ωRC)2 1 + (ωRC)2 1 + (ωRC)2

und die Phasenverschiebung zu

 
UA ωRC
Im U
1 + (ωRC)2 1
tanϕ =  E
 = 2 = (7.36)
Re UUA (ωRC) ωRC
2
E 1 + (ωRC)

UE

R
UA

Abbildung 7.11: Schaltungsschema für einen Hochpass

7.6 Praktische Aufgaben

7.6.1 Aufgabe 1

Bestimme die Ersatzimpedanz Z für folgende Schaltung:


118 7 Wechselstrom (entfällt)

7.6.2 Aufgabe 2
Speise am Kanal 1 mit einem Koaxialkabel ein Sinussignal vom Frequenzgenera-
tor ein. Stelle dieses Signal mit dem KO dar. Untersuche mit diesem Signal die
Wirkungsweise des Triggerniveaus und der Triggerflanke.

7.6.3 Aufgabe 3
Experimentelle Bestimmung der Impedanz eines RC-Glieds ZRC .

CH2

+
R

~U E CH1

C Erde von
Frequenz-
_ CH1 & CH2
generator

Baue obige Schaltung auf. Das Verhältnis der Spannungsamplituden ist in Glei-
chung 7.31 berechnet und kann verwendet werden, um die Impedanz des RC-
Glieds zu berechnen.
1
UA ZC UA UA 1

jωC
= = ⇒ |ZRC | = · |ZC | =
UE 1
R + jωC ZRC UE UE ωC

a) Bestimme das Verhältnis der Spannungsamplituden für verschiedene Fre-


quenzen. Berechne daraus die Impedanz ZRC des RC-Glieds.
7.6 Praktische Aufgaben 119

b) Vergleiche diese Werte mit dem aus der Formel gewonnenen theoretischen
Verlauf der Impedanz.

7.6.4 Aufgabe 4
Experimentelle Bestimmung der Phasenverschiebung ϕ eines RC-Glieds:

c
CH2

+
R Differenz-
verstärker
+
~U E CH1
b _

C
_ Erde von CH2
Frequenz-
generator

Da die Spannung über dem Widerstand R mit dem Strom I in Phase ist, kann die
Phasenverschiebung ϕ auch zwischen UR und URC gemessen werden. Wenn Punkt
b (im obigen Schaltbild) direkt mit der Erde des Kanals 1 verbunden wird, ist der
Kondensator über die Erde des KO kurzgeschlossen. Deshalb wird die Spannung
UR über einen Differenzverstärker, dessen Eingangsbuchsen erdfrei sind, gemes-
sen. Für diese Anwendung genügt es, den Differenzverstärker als „black box“ zu
betrachten, dessen Ausgangsspannung gegenüber der Masse gleich der Potenti-
aldifferenz der Eingangsbuchsen ist. (Beachte: wenn wir am Frequenzgenerator
die Anschlüsse + und − vertauschen, wird der Differenzverstärker nicht benö-
tigt; C ist dann die gemeinsame Erde der beiden Kanale des KOs.) Mit dem KO
messen wir nun die Phasenverschiebung der beiden Spannungen UR und URC als
Funktion der Frequenz.

a) Bestimme die Phasenverschiebung ϕ zwischen Strom und Spannung für


kleine und grosse Frequenzen?

b) Vergleiche die Messwerte mit den theoretischen Werten für ϕ.


120 7 Wechselstrom (entfällt)
8 Beugung und Atomspektren

Inhalt
8.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
8.2 Experiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
8.3 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
8.3.1 Optisches Gitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
8.3.2 Fraunhofer’sche Beugung am Gitter . . . . . . . . . . 127
8.3.3 Bohr’sches Atommodell . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
8.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141

Zielsetzung
In diesem Versuch geht es darum, die Beugungseigenschaften eines optischen
Gitters zu untersuchen. Zu diesem Zwecke werden Gasentladungsröhren (mit
ein- und mehratomigen Gasen gefüllt) verwendet, welche spektrales Licht aus-
strahlen. Diese Strahlung, welche sich aus einigen genau bestimmten Frequenzen
zusammensetzt, lässt sich mit Hilfe des Atommodelles von Bohr verstehen.

121
122 8 Beugung und Atomspektren
8.1 Einleitung 123

8.1 Einleitung
Beugung versus geometrische Optik
Die geometrische Optik oder Strahlenoptik, welche anwendbar ist bei Linsen und
Spiegeln, geht davon aus, dass sich die Lichtstrahlen geradlinig ausbreiten. Diese
Annahme ist nur zutreffend, falls die Grösse der an- oder durchstrahlten Objekte
die Wellenlänge des Lichtes um ein Vielfaches übertrifft.

Bei der Beugung gelangt Licht an Orte, wo es nach den Gesetzen der geometri-
schen Optik nicht hingelangen kann. Beugungsphänomene treten auf, wenn die
Grösse des „Hindernisses“ (z.B. Spalt oder Gitter) von der gleichen Grössenord-
nung ist wie die Wellenlänge des Lichtes (∼ 500 nm).

Der Ablenkungswinkel bei der Beugung eines Lichtstrahles ist abhängig von der
Wellenlänge des Lichtes. Trifft also Licht mit Strahlung verschiedener Wellenlän-
gen (resp. Frequenz) auf ein Gitter, so wird es in seine spektralen Komponenten
aufgespalten.

Licht von einer Gasentladungsröhre setzt sich aus einigen bestimmten Frequen-
zen zusammen (den Spektrallinien des entsprechenden Atoms oder Moleküls),
die nach dem Gitter einzeln sichtbar werden. Die Emission der entsprechenden
Lichtquanten wird bestimmten Übergängen der Elektronen im Atom zugeordnet.
124 8 Beugung und Atomspektren

8.2 Experiment
Versuchsanordnung
Hinter der vertikal montierten Spektralröhre ist ein horizontal montierter Massstab
aufgestellt. Davor wird das optische Gitter hingestellt (siehe Abb. 8.1). Die Strah-
len, die von der Lichtquelle ausgehen, fallen fast parallel auf das senkrecht zur
Ausbreitungsrichtung stehende Strichgitter. Das Auge glaubt, das zur Wellenlän-
ge gehörende Beugungsmaximum (Spektrallinie) in Y1 resp. Y2 zu sehen. Aus den
Strecken y1 oder y2 lässt sich sinϕ berechnen:

tan ϕ = y
x
(y = Mittelwert aus y1 und y2 )
y
sin ϕ = 1
(x2 +y 2 ) 2
8.2 Experiment 125

Lichtquelle
virtuelles Beugungsbild
y1 y2

Massstab

Y1 Y2
x

Gitter

Beobachter

Abbildung 8.1: Versuchsanordnung


126 8 Beugung und Atomspektren

Versuchsaufgaben
a) Bestimmung der Gitterkonstanten mit dem Mikroskop

Betrachten Sie ein optisches Gitter unter dem Mikroskop. Die Gitterkonstante
kann durch direktes Messen des Abstandes zweier Gitterfurchen grob abgeschätzt
werden.

b) Bestimmung der Gitterkonstanten mit He-Spektrum

Eine He-Entladungsröhre strahlt u.a. Licht folgender Wellenlängen aus:

7065 Å dunkelrot schwach


6678 Å rot stark
5875 Å gelb stark
5015 Å grün stark
4921 Å grün schwach
4713 Å blaugrün mittelstark
4471 Å blau stark
Messen Sie für alle aufgeführten Wellenlängen die Winkel zu den Beugungsmaxi-
ma 1. Ordnung (Tabelle!).
Berechnen Sie nach Gleichung 8.1 zu jeder Wellenlänge die zugehörige Gitterkon-
stante g. Bilden Sie den Mittelwert aus den gewonnen g.
Versuchen Sie, die Beugungsmaxima 2. und 3. Ordnung zu sehen.

c) Vergleich Fehleranalyse zu Statistik


Berechnen Sie die Standard–Abweichung der 7 Messungen. Bestimmen Sie eben-
falls den Standardfehler nach Gauss oder mittels der Kochbuchregeln im Fehler-
kapitel. Vergleichen Sie nun die beiden Vertrauensintervalle (d.h. Standardabwei-
chung zu Standardfehler). Wenn Sie alles richtig gemacht haben, sollten beide
ähnlich sein. Wenn die Standardabweichung deutlich grösser ist als der Stan-
dardfehler, und sie einen Rechenfehler ausschliessen können, haben Sie entweder
unsauber gemessen oder einzelne Fehlerbeiträge im Messaufbau unterschätzt.
d) Messung der Wasserstofflinien
Messen Sie die Winkel zu den Beugungsmaxima 1. Ordnung der zwei gut sicht-
baren Wasserstofflinien.
Berechnen Sie daraus mit dem von Ihnen bestimmten Wert für die Gitterkon-
stante die zwei Wellenlängen nach (Gleichung 8.1).
Zeichnen Sie in die Abb. 8.3 ein, aus welchen Übergängen die von Ihnen beob-
achteten Wasserstoffspektrallinien folgen.
8.3 Theoretische Grundlagen 127

8.3 Theoretische Grundlagen


8.3.1 Optisches Gitter
Unter einem optischen Gitter versteht man ein optisches Element, welches aus
völlig lichtdurchlässigen Furchen und völlig undurchlässigen Balken in gleichen
Abständen besteht. Praktisch wird ein solches Gitter durch eine Glasplatte rea-
lisiert, in welche mit einem Diamanten äquidistante Linien eingeritzt werden.

Fällt Licht auf ein solches Gitter, so wird es gebeugt. Nach dem Huygens’schen
Prinzip gehen von jedem Punkt einer Furche Kugelwellen aus, die sich je nach
Richtung und Wellenlänge durch Interferenz verstärken oder schwächen. Die Rich-
tungen der Beugungsmaxima sind abhängig von der Wellenlänge des einfallenden
Lichtes. Setzt sich das einfallende Licht aus verschiedenen Wellenlängen zusam-
men, so entstehen in verschiedene Richtungen Beugungsmaxima. Eine Folge sol-
cher Maxima, die zu verschiedenen Wellenlängen, d.h. Farben, gehören, bezeich-
net man als Spektrum.

8.3.2 Fraunhofer’sche Beugung am Gitter


Auf dem Schirm treten helle Streifen auf für Winkel ϕ, für welche die Phasendif-
ferenz ∆ zwischen den entsprechenden Randstrahlen zweier benachbarter Spalten
gerade ein ganzzahliges Vielfaches der Wellenlänge beträgt. In diesem Fall tritt
konstruktive Interferenz auf.

#$%&'(

)*+,-'

" ∆

Abbildung 8.2: Optisches Gitter, g: Gitterkonstante, ∆: Phasenverschiebung

Für den Winkel ϕ muss also bei einem Hauptmaximum gelten (siehe Abb. 8.2):
128 8 Beugung und Atomspektren

λ
sin ϕ = n · n = 0, 1, 2,. . . (Hauptmaxima) (8.1)
g
g bezeichnet die Gitterkonstante (Abstand zweier benachbarter Spalten). Die
Breite b der Spalten soll klein sein gegenüber g.

Im mathematischen Anhang wird die genaue Intensitätsverteilung hergeleitet.

8.3.3 Bohr’sches Atommodell


Die behandelten Beugungserscheinungen können also dadurch erklärt werden,
dass man für das Licht Wellencharakter annimmt. Es gibt aber andere Erschei-
nungen, z.B. den Photoeffekt, die nur dadurch erklärt werden können, dass man
dem Licht Teilchencharakter gibt (Photonen). Andererseits gibt es auch bei Elek-
tronen Beugungserscheinungen (an Kristallen z.B.), die auf einen Wellencharakter
der Elektronen hindeuten. Die Widersprüche zwischen Wellen- und Teilchenbild
werden überwunden, indem man den Teilchen (Photonen, Elektronen, usw.) eine
Wellenfunktion zuordnet, deren Amplitudenquadrat (Intensität) ein Mass ist für
die Wahrscheinlichkeit, das Teilchen an einem bestimmten Ort anzutreffen (vgl.
z.B. Dicke-Wittke, Introduction to Quantum Mechanics, p. 21 ff).

Die Rutherford’schen Streuversuche hatten als Modell des Atoms ein Planeten-
system im Kleinen ergeben: die Elektronen bewegen sich, durch die der Gravita-
tionskraft formal gleiche Coulombsche Kraft gehalten, um einen positiven Kern.
Dieses Modell ist aber instabil. Nach den Gesetzen der Elektrodynamik muss
nämlich eine beschleunigte Ladung elektromagnetische Wellen abstrahlen. Die
Elektronen würden also ständig Energie verlieren und schliesslich in den Kern
stürzen.

Das Rutherford’sche Atommodell genügt auch nicht den Beobachtungen bei Beu-
gungsversuchen mit Licht aus leuchtenden Wasserstoffgasen (angeregt z.B. durch
elektrische Spannung). Man findet dabei nämlich, dass nur Licht ganz bestimmter,
diskreter Frequenzen vorkommt, und nicht etwa ein kontinuierliches Spektrum.
Die vorkommenden Frequenzen genügen dabei der sog. Serienformel:
1 1
νmn = R · ( 2
− 2) m = 1,2, . . . ; n = m+1, m+2, . . . (8.2)
m n
mit R =3.288 · 1015 s−1 (Rydberg-Frequenz)

Man unterscheidet verschiedene Serien von Frequenzen:


8.3 Theoretische Grundlagen 129

m = 1 : n = 2,3,... Lyman-Serie
m = 2 : n = 3,4,... Balmer-Serie
m = 3 : n = 4,5,... Paschen-Serie
m = 4 : n = 5,6,... Brackett-Serie
Ebenfalls nur diskrete Frequenzen treten beim Photoeffekt (vgl. Literatur) auf,
der sich mit dem korpuskularen Bild von Lichtquanten oder Photonen deuten
lässt, deren Energie

E = hν
beträgt. Dabei ist

h = 6.63 · 10−34 Ws2 (Plancksche Konstante)


ν = Frequenz des Lichts.

Aufgrund solcher Feststellungen stellte Bohr 1913 drei Postulate auf:

1. In der klassischen Mechanik werden die Planetenbahnen und ihre Energi-


en festgelegt durch die Bewegungsgleichung und die Anfangsbedingungen
für Ort und Impuls. Da die Anfangsbedingungen als beliebig vorausgesetzt
werden, können Bahnen mit beliebigen Energien vorkommen. Bohr lässt für
das Atom zwar die Bewegungsgleichung gelten, setzt aber die freie Verfüg-
barkeit über die Anfangsbedingungen ausser Kraft; nur ganze bestimmte,
ausgezeichnete Bahnen mit den Energien W1 , W2 , . . . , Wn , . . . sollen er-
laubt sein.

2. Diese Bahnen werden durch die Forderung festgelegt, dass der Betrag ihres
Drehimpulses ein ganzzahliges Vielfaches der Einheit h̄ = 2π h
ist. Diese
Forderung heisst die Quantelung des Drehimpulses.

3. Die Bewegung auf diesen Bahnen erfolge strahlungslos. Die Emission von
Strahlung erfolgt in Form von Lichtquanten bei Übergängen von einer Bahn
höherer zu einer Bahn niedrigerer Energie. Es soll also sein:

hνmn = Wn − Wm (8.3)

Zur rechnerischen Durchführung dieses Modells machen wir folgende vereinfa-


chende Annahmen:

• Der Atomkern bleibt in Ruhe, d.h. seine Masse wird, verglichen mit der des
Elektrons, als unendlich gross angesehen.
130 8 Beugung und Atomspektren

• Die Elektronenbahnen sind Kreise um den Kern. Das ist ein Spezialfall der
nach der klassischen Physik im Coulomb-Feld möglichen Ellipsenbahnen.
• Trotz der hohen Geschwindigkeit der Elektronen werden relativistische Ef-
fekte nicht berücksichtigt.

Da auf der Kreisbahn die Zentripetalkraft durch die Coulomb-Kraft ausgeübt


wird, gilt für die „n-te“ Kreisbahn:

Ze2
2
= me rn ωn2 (8.4)
4πε0 rn

Dabei ist
ωn = Kreisfrequenz
Z = Kernladungszahl
rn = Radius der n-ten Bahn
e = Elektronenladung
me = Masse des Elektrons

Von den unendlich vielen dieser Bedingung genügenden Kreisen werden durch
die Drehimpulsquantelung die der folgenden zusätzlichen Bedingung genügenden
ausgesondert:

me rn2 ωn = nh̄ n = 1,2,3, . . . (8.5)


Die Laufzahl n heisst Hauptquantenzahl. Aus (8.4) und (8.5) folgt

4πε0 h̄2 2 aH 2
rn = ·n = ·n (8.6)
me Ze2 Z
me Z 2 e 4 1
ωn = 2 3 · 3 (8.7)
(4πε0 ) h̄ n
Der kleinste Radius des H-Atoms (Z = 1, n = 1) hat den Wert

4πε0 h̄2
aH = = 0.53 · 10−10 m = 0.53Å (Bohr’scher Atomradius) (8.8)
me e2
Die potentielle Energie P(r) im Abstand r vom Kern ist gegeben durch

Ze2
Z r
Ze2
P (r) = dr = − (8.9)
∞ 4πε0 r 2 4πε0 r
Die gesamte Energie auf der n-ten Bahn beträgt demnach:

1 Ze2 8.4) 1 Ze2 8.6 1 me Z 2 e4 1


Wn = me rn2 ωn2 − = − =− · (8.10)
2 4πε0 rn 2 4πε0 rn 2 (4πε0 h̄)2 n2
8.3 Theoretische Grundlagen 131

Mit (8.3) und


me e4
R := (8.11)
820 h3
erhält man schliesslich:

Wn − Wm 1 1
νmn = = RZ 2 ( 2 − 2 ) (8.12)
h m n
Setzt man in (8.11) die universellen Konstanten ein, so erhält man den in (8.2)
angegebenen, experimentell gefundenen Wert für die Rydbergkonstante. Die Fre-
quenzverteilung (Linienspektren) des Einelektronensystems ist damit erklärt:

Der Grundzustand des Wasserstoff-Atoms ist der Zustand tiefster Energie, also
der zur Hauptquantenzahl n = 1; die Energie dieses Zustandes beträgt E0 = W1
= 13.6 eV Die Energie, die notwendig ist, um ein Atom im Grundzustand zu
ionisieren, heisst Ionisierungsenergie. Sie beträgt für das H-Atom also 13.6 eV.
132 8 Beugung und Atomspektren

-B <?>
<=>
!#A%#
%
<*@>
$

#
2)345-*+,-./-

!>A!% "
0)1(-.+,-./-
67*/3)8/7*3-*-.9/-
C*.-9D*93-*-.9/-

&'()*+,-./-

25787-::-;8

> !

Abbildung 8.3: Energieniveaus des Wasserstoffatoms


8.3 Theoretische Grundlagen 133

Mathematischer Anhang
a) Die Beugung am Spalt

Eine ebene Lichtwelle der Frequenz ν, d.h. paralleles monochromatisches Licht,


falle senkrecht auf einen einzelnen Spalt der Breite b (Abb. 8.4). In jedem Punkt
des Spaltes herrscht dieselbe, d.h. nach Amplitude und Phase gleiche, Lichterre-
gung (elektrisches bzw. magnetisches Feld). Nun wirkt jeder Punkt des Spaltes
nach dem Prinzip von Huygens als sekundäres Wellenzentrum; er ist Ursprung
einer Kugelwelle. Zur Zeit t ist die Lichterregung in jedem Punkt P im Abstand
r von einem Element dx des Spaltes
A
dΨ(r, t) = dx cos(ωt − kr) (8.13)
r
A ist ein Mass für die Lichterregung im Spalt, ω = 2πν = 2π
T
ist die Kreisfrequenz
des Lichtes und k = 2π λ
die Wellenzahl.

Es sei r0 der Abstand des Beobachtungspunktes P vom Randpunkt x = 0 des


Spaltes und ϕ der Winkel zwischen Einfalls- und Beobachtungsrichtung. Dann
ist für grosse Abstände

r = r0 − x sin ϕ (8.14)
wobei stets r0  x · sin ϕ sein soll. Somit wird aus (8.13), wobei im Nenner der
Amplitude r mit r0 angenähert werden kann:

A
dΨ(ϕ, t) = dx cos(ωt − kr0 + kx sin ϕ) (8.15)
r0
Die totale Lichterregung in P wird durch Integration über alle Elemente dx des
Spaltes erhalten:

AZb
Ψ(ϕ, t) = cos(ωt − kr0 + kx sin ϕ)dx
r0 0
A
= [sin(ωt − kr0 + kb sin ϕ) − sin(ωt − kr0 )] (8.16)
r0 k sin ϕ

und mit sin α − sin β = 2 sin α−β


2
cos α+β
2

A sin( kb sin ϕ
) kb sin ϕ
Ψ(ϕ, t) = b kb sin2ϕ cos(ωt − kr0 + )
r0 2
2
134 8 Beugung und Atomspektren

kb sin ϕ
= Ψ1 (ϕ) cos(ωt − kr0 + )
2

Die Amplitude Ψ1 der von einem Spalt ausgehenden Lichterregung in P ist somit
(die letzten beiden Terme in der cos-Funktion beeinflussen nur die Phasenlage):

A sin( kb sin ϕ
)
Ψ1 (ϕ) = b kb sin ϕ2
(8.17)
r0 2

Die Lichtintensität in P ist proportional dem Quadrat der Amplitude, also

A2 2 sin2 ( kb sin ϕ
) π
I1 (ϕ) = 2 b 2
|ϕ| < (8.18)
r0 ( kb sin
2
ϕ 2
) 2
2
Dieser Ausdruck vom Typus sinx2 x stellt die Intensitätsverteilung des von einem
Spalt gebeugten Lichtes dar. Der Verlauf der Intensität ist in Abb. 8.5 darge-
stellt. Man erhält

Minima für sin ϕ = pλ


(exakt)
)
b
(p+ 1 )λ p = 1, 2, 3, ...
Maxima für sin ϕ = b2 (Näherung)

Für ϕ = 0 erhält man trotz der Nullstelle des Zählers ein ausgeprägtes Maximum.
8.3 Theoretische Grundlagen 135

Ebene Kugelwelle
Welle x

P
r
b r0
x ϕ
x=0
x sin ϕ
λ

Abbildung 8.4: Beugung am Spalt


136 8 Beugung und Atomspektren

I1(ϕ)

0 λ/b 2λ/b 3λ/b sin ϕ

Abbildung 8.5: Intensitätsverteilung bei der Beugung am Spalt


8.3 Theoretische Grundlagen 137

b) Die Beugung am Gitter

Wir denken uns nun entsprechend Abb. 8.2 ein ebenes Strichgitter aus Z glei-
chen Spalten der Breite b im Abstand der Gitterkonstanten g voneinander durch
paralleles Licht beleuchtet. Für die von einem einzelnen Spalt im weit entfern-
ten Punkte P (Abstand r0 ) hervorgerufene Lichterregung Ψ(ϕ, t) gilt Gleichung
(8.16). Diesen Ausdruck können wir abgekürzt schreiben:

Ψ(ϕ) = Ψ1 (ϕ) cos(ωt − kr(ϕ)) (8.19)

Für Z solcher Spalten im gegenseitigen Abstand g (Fig. 8.2) hat man die Beiträge
Ψ(ϕ) der einzelnen Spalten zu summieren. Dabei hat man den Phasenunterschied
δz zwischen dem nullten und dem z-ten Spalt zu berücksichtigen.

Dieser ergibt sich aus der

Wegdifferenz ∆z = zg sin ϕ zu: δz = k∆z = kgz sin ϕ = f (ϕ)z (8.20)

Somit lautet die auszuführende Summe:


Z−1
(8.21)
X
ΨZ (ϕ) = Ψ1 (ϕ) cos(ωt − kr(ϕ) − f (ϕ)z)
z=0

Für die weitere Rechnung ist es bequem, die cos-Funktion durch den Realteil
ihrer komplexen Darstellung zu ersetzen:
Z−1
Ψ1 (ϕ)Re{ei(ωt−kr(ϕ)−f (ϕ)z) } (8.22)
X
ΨZ (ϕ) =
z=0

Nun ist für komplexe Zahlen die Summe der Realteile gleich dem Realteil der
Summe dieser Zahlen, so dass man schreiben kann
Z−1
i(ωt−kr(ϕ))
e−if (ϕ)z) } (8.23)
X
ΨZ (ϕ) = Ψ1 (ϕ)Re{e
z=0

Die Summe in der Klammer ist aber eine geometrische Reihe:


Z−1
e−if (ϕ)Z − 1
e−if (ϕ)z = = G(ϕ)e−iF (ϕ) (8.24)
X

z=0 e−if (ϕ) − 1

wobei G(ϕ) den Betrag und F (ϕ) die Phase der Summe bezeichnen.

Indem wir für die Summe den zuletzt geschriebenen Ausdruck setzen, (der natür-
lich explizit ausgerechnet werden könnte), können wir die Lichterregung formal
138 8 Beugung und Atomspektren

schreiben:

ΨZ (ϕ) = Ψ1 (ϕ)Re{G(ϕ)ei(ωt−kr(ϕ)−F (ϕ)) }


= Ψ1 (ϕ)G(ϕ) cos(ωt − kr(ϕ) − F (ϕ))

Der zeitunabhängige Faktor (Ψ1 (ϕ)G(ϕ)) stellt die Amplitude der Lichterregung
in der Richtung ϕ dar. Die Intensität I erhält man durch Quadrieren der Ampli-
tude:

IZ (ϕ) = Ψ21 (ϕ)G2 (ϕ) (8.25)


Nun gilt es noch G2 (ϕ) zu berechnen. G(ϕ) ist als Betrag der Summe (8.24) de-
finiert. Wir mulitplizieren mit dem konjugiert komplexen Ausdruck:

e−if (ϕ)Z − 1 e+if (ϕ)Z − 1


G2 (ϕ) = ·
e−if (ϕ) − 1 e+if (ϕ) − 1
2 − [e−if (ϕ)Z + eif (ϕ)Z ]
=
2 − [e−if (ϕ) + eif (ϕ) ]
1 − cos(f (ϕ)Z)
=
1 − cos(f (ϕ))

und mit 1 − cos ϕ = 2 sin2 ϕ


2

sin2 ( f (ϕ)Z )
G2 (ϕ) = 2
(8.26)
sin2 ( f (ϕ)
2
)
Setzt man noch die Funktionen Ψ1 (ϕ) aus (8.17) und f (ϕ) aus (8.20) in die For-
meln (8.25) und (8.26) ein, so ergibt sich unter Berücksichtigung von k = 2π λ
endgültig für die Intensität:

A2 b2 sin2 (π b sin ϕ
) sin2 (π g sin ϕ
Z)
IZ (ϕ) = 2
λ
b sin ϕ 2 2
λ
g sin ϕ (8.27)
r0 (π λ ) sin (π λ )
Die Intensität ist also ein Produkt zweier Funktionen von ϕ, von denen die erste
Ψ21 (ϕ) bereits im Anschluss an Formel (8.18) diskutiert worden ist. Die zweite
Funktion G2 (ϕ) ist von der Form ( sin ) . Diese erzeugt Hauptmaxima der In-
Zx 2
sin x
tensität in jenen Richtungen ϕp , für die der Nenner Null wird, d.h. für
)
x = πg sin ϕ
= pπ
oder λ p = ganze Zahl = Ordnungszahl
g sin ϕp = pλ
8.3 Theoretische Grundlagen 139

Diese Formel ist identisch mit der elementar aufgestellten Beziehung (8.1). Die
Lage der Hauptmaxima ist somit unabhängig von der Zahl und Breite der Fur-
chen, sondern nur eine Funktion der Gitterkonstanten g; ihre Höhe wächst dage-
gen quadratisch mit der Furchenzahl z, wie sich leicht einsehen lässt:
Im Ausdruck ( sin ) werden Zähler und Nenner für x = pπ gleichzeitg Null; er
Zx 2
sin x
hat also hier die unbestimmte Form 00 . Mit der Regel von de l’Hôpital findet man
sofort:

( sin Zx
)2 = Z 2( cos Zx
)2 = Z2 (8.28)

sin x x=pπ cos x x=pπ

Die Nebenmaxima (Maxima des Zählers) werden wesentlich kleiner.

I( ) 0. Ordnung

1. Ordnung
Hauptmaxima

2. Ordnung

Nebenmaxima

0 λ/g λ/b sin sin

Abbildung 8.6: Intensitätsverteilung bei der Beugung am Gitter

Mit zunehmender Furchenzahl werden die Hauptmaxima jedoch immer schma-


ler, da zwischen ihnen stets Z-2 Nebenmaxima (Z-2 Maxima des Zählers) und Z-1
140 8 Beugung und Atomspektren

Minima (Z-1 Nullstellen des Zählers) liegen. Mit steigender Furchenzahl nehmen
daher Helligkeit und Schärfe der Beugungsmaxima und damit das Auflösungsver-
mögen des Gitters zu. Der gesamte Intensitätsverlauf der Beugungserscheinung
eines Gitters ist in Abb. 8.6 dargestellt.
8.4 Literatur 141

8.4 Literatur
Bibliothek
Eichler/Kronfeldt/Sahm Das Neue Physikalische Grund- PDA 208
praktikum, Kap. 44, Berlin, 2001
Dicke/Wittke Introduction to Quantum Mechanics, OHA 154
p. 21 ff, Reading, Mass., 1960
Kneubühl Repetitorium der Physik, ODF 216/168
Stuttgart, 1994 ODF 135/136
142 8 Beugung und Atomspektren
9 Radioaktivität

Inhalt
9.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
9.2 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
9.2.1 Aufbau von Atomkernen . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
9.2.2 In der Kernphysik häufig verwendete Begriffe . . . . . 144
9.2.3 Stabile Kerne, Radioaktivität . . . . . . . . . . . . . . 145
9.2.4 Das Zerfallsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
9.2.5 Aktivität, Zählratenmessung, Poissonverteilung . . . . 150
9.2.6 Wechselwirkung der Kernstrahlung mit Materie . . . . 151
9.2.7 Nachweis der Kernstrahlung mit Hilfe eines Zählrohres 154
9.3 Praktische Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
9.3.1 Aufgabe 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
9.3.2 Aufgabe 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
9.3.3 Aufgabe 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
9.3.4 Aufgabe 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
9.4 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
9.4.1 Dosimetrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
9.4.2 Biologische Wirksamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
9.4.3 Strahlenschutz und natürliche Strahlenbelastung . . . 160
9.4.4 Auszüge aus der Isotopentabelle . . . . . . . . . . . . 162
9.4.5 Massenabsorptionskoeffizient, [µ/%] = cm2 g −1 . . . . . 163
9.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164

9.1 Einleitung
In diesem Experiment soll die Absorption von β- oder γ-Strahlung durch Alu-
minium bzw. Blei gemessen werden. Es wird experimentell nachgewiesen, dass
das Absorptionsgesetz seine Berechtigung hat. Nach kurzer Interpretation der
Messresultate werden die Massenabsorptionskoeffizienten der jeweiligen Materia-
lien berechnet.

143
144 9 Radioaktivität

9.2 Theoretische Grundlagen

9.2.1 Aufbau von Atomkernen

Ein Kern besteht aus Protonen und Neutronen (Sammelname: Nukleonen =


Kernbausteine). Das Proton ist einfach positiv geladen, das Neutron ist elek-
trisch neutral. Die Massen der Nukleonen betragen

mp = 1.6726 ·10−27 kg = 1.00728 u


mn = 1.6750 ·10−27 kg = 1.00867 u

wobei die Einheit u einem Zwölftel der Masse des Isotops 12


C entspricht.

Da nach der Relativitätstheorie Masse eine Form von Energie ist, kann man nach
der Formel E = mc2 Massen auch in Energieeinheiten angeben. Eine in der Kern-
und Teilchenphysik gebräuchliche Energieeinheit ist das Elektronvolt (eV). Dabei
entspricht 1 eV = 1.6 · 10−19 Joule gerade der kinetischen Energie eines durch 1
Volt beschleunigten Elektrons. Für die Angabe der Nukleonenmasse wird häufig
die Einheit 1 MeV = 106 eV verwendet:

mp = 938.3 MeV/c2
mn = 939.6 MeV/c2

9.2.2 In der Kernphysik häufig verwendete Begriffe

Allgemein schreibt man für Atomkerne folgendes Symbol:

E: Chemisches Symbol des entsprechenden Elements


A
ZE Z: Ordnungszahl (Anzahl Protonen)
A: Massenzahl (Anzahl Nukleonen)
N: Anzahl Neutronen = A - Z

Kerne mit gleicher Ordnungszahl Z heissen: Isotope


Kerne mit gleicher Massenzahl A heissen: Isobare
Kerne mit spiegelbildlichem Z und N heissen: Spiegelkerne
Kerne mit langlebigen angeregten Zuständen heissen: Isomere

Beispiel: Die stabilen Isotope von Kohlenstoff sind 6C


12
und 6 C.
13
9.2 Theoretische Grundlagen 145

9.2.3 Stabile Kerne, Radioaktivität


Nicht jede beliebige Kombination von Z Protonen und N Neutronen kann zu
einem stabilen Kern zusammengesetzt werden. Stabile Kerne existieren nur in
einem ganz schmalen Band der N-Z-Ebene wie Abbildung 9.1 zeigt.
80 ät
A konstant: ilit
tab

=Z
S
Isobare ste

N
ch

60
Z konstant:
Isotope
40

20 N konstant:
Isotone
Z

0 20 40 60 80 100 120
N

Abbildung 9.1: Zusammenhang zwischen N und Z

Für kleines Z hat ein stabiler Kern ungefähr gleich viele Protonen wie Neutro-
nen. Ab Z ∼= 20 haben alle stabilen Kerne mehr Neutronen als Protonen. Diese
empirische Tatsache findet eine Erklärung im Rahmen des Tröpfchenmodells.

Stellt man sich vor, in Abbildung 9.2 wäre die Masse senkrecht zur N-Z-Ebene
aufgetragen, erhält man ein „Tal“, auf dessen Grund die stabilen Kerne liegen.
Kerne, die sich an den Hängen dieses Tales befinden, können sich durch Aus-
senden von α- oder β-Strahlen in andere Kerne umwandeln und sich so dem
Talgrund nähern. Aus dem Tröpfchenmodell folgt, dass der α-Zerfall energetisch
nur für Kerne mit A ≥ 150 möglich ist.
Meistens entsteht nach einem α- oder β-Zerfall ein angeregter Tochterkern, der
die Anregungsenergie in Form vom γ-Strahlung emittiert. Die Masse eines Kerns
setzt sich zusammen aus den Massen der Nukleonen und dem Massenäquivalent
der Bindungsenergie B.
B
m(Z, N ) = Zmp + N mn − (9.1)
c2
Die Bindungsenergie der Nukleonen ist in Abbildung 9.3 aufgetragen.

9.2.3.1 α-Zerfall

A
ZE
A-4
→ Z-2 X + α + Energie
146 9 Radioaktivität

100

β+ 2
α
Z
1


β
1

90 1

60 70
N

Abbildung 9.2: Schematische Darstellung der Kernreaktion

235
92 U
231
Beispiel: → 90 Th + α + 4.5 MeV
Ein α-Teilchen ist ein 42He-Kern. Die Energie der α-Strahlen verschiedener Isotope
variiert zwischen 2 und 10 MeV. Bei den α-Strahlen eines bestimmten Isotops ist
die Reichweite (einige cm in Luft) für alle α ungefähr gleich, d.h. alle haben
dieselbe Energie. Das diskrete Energiespektrum des α-Zerfalls ist in Abbildung
9.4 dargestellt.

9.2.3.2 β − -Zerfall

A
ZE Z+1 X
A
→ + β − + ν + Energie
23
10 Ne
23
Beispiel: → 11 Na + β − + ν + 4.5 MeV

Beim β − -Zerfall verwandelt sich im Kern ein Neutron n in ein Proton p, ein
Elektron (β − ) und ein Antineutrino (ν). Der β-Zerfall tritt also dann auf, wenn
der n-Überschuss in einem Kern allzu gross ist. Die Reichweite des neben dem
Antineutrino zugleich emittierten Elektrons kann in Luft einige Meter betragen.
Man findet, dass im Gegensatz zum α-Zerfall das β − -Spektrum kontinuierlich ist,
wie dies in Abbildung 9.5 dargestellt ist. Diese Tatsache kann nur dann mit dem
Energieerhaltungssatz in Einklang gebracht werden, wenn man annimmt, dass
die für den Zerfall zur Verfügung stehende Energie Emax auf das Elektron und
das Antineutrino verteilt wird:
Emax = Ee + Eν (9.2)
9.2 Theoretische Grundlagen 147

8
B/A (in MeV pro Nukleon)

2
0 8 16 24 30 60 90 120 150 180 210 240
Nukleonenzahl A

Abbildung 9.3: Bindungsenergie pro Nukleon in Abhängigkeit der Massenzahl

Das Antineutrino trägt also Energie weg; es besitzt aber keine Ruhemasse und
keine elektrische Ladung und es tritt mit Materie sehr viel weniger in Wechsel-
wirkung als etwa γ-Strahlung, d.h. es kann dickste Materialschichten ungehindert
durchdringen. Damit hat es aber auch keine Wirkung auf den menschlichen Kör-
per.

9.2.3.3 β + -Zerfall

A
ZE Z-1 X
A
→ + β + + ν + Energie

23
12 Mg
23
Beispiel: → 11 Na + β + + ν + 3.1 MeV

Im Kern verwandelt sich ein Proton p in ein Neutron n, ein Positron (β + oder e+ )
und ein Neutrino ν. Obwohl die Ruhemasse eines Protons etwas kleiner ist als die
Ruhemasse eines Neutrons, kann in einem Kern diese Umwandlung stattfinden,
weil dabei für den gesamten Kern ein energetisch tieferer Zustand erreicht wird.
Das Energiespektrum ist ähnlich wie beim β − -Zerfall. Sobald das Positron seine
kinetische Energie (v.a. durch Ionisation) verloren hat, zerstrahlt es mit einem
Elektron der Umgebung zu zwei γ-Quanten von je 0.51 MeV Energie (Ruhemasse
des Elektrons = Ruhemasse des Positrons = 0.51 MeV).
148 9 Radioaktivität

dW(E)
dE

Eα E

Abbildung 9.4: Energieverteilung der α-Teilchen; dW (E) = Wahrscheinlichkeit,


dass ein α-Teilchen eine Energie zwischen E und E + dE hat

9.2.3.4 Elektronen-Einfang

A
ZE Z-1 X
A
+ e−
k → + ν + Energie

Aus einem Kern entsteht der gleiche Endkern wie beim β + -Zerfall, wenn ein
Elektron aus der Hülle eingefangen wird, meist aus der K-Schale. Dabei entsteht
aus einem Proton des Kerns und dem Elektron ein Neutron, und allfällige Anre-
gungsenergie des Kerns wird als γ-Strahlung ausgesandt. Nach dem Einfang des
K-Elektrons bleibt ein Loch in der Hülle, welches durch ein Elektron aus einer
äusseren Schale aufgefüllt wird. Dabei wird Röntgenstrahlung ausgesandt, deren
Wellenlänge λ für das betreffende Element charakteristisch ist.

9.2.3.5 γ-Zerfall

γ-Quanten werden von angeregten Kernen ausgesandt. Ihre Reichweite in Luft


beträgt bis einige 100 m. Ihre Energie kann aus der Frequenz ν der elektromagne-
tischen Strahlung und dem Planckschen Wirkungsquantum h berechnet werden:

E = hν wobei h = 6.63 · 10−34 Js = 4.14 · 10−15 eVs

9.2.4 Das Zerfallsgesetz


Es ist unmöglich, von einem bestimmten instabilen Kern zu sagen, wann er zer-
fällt, hingegen können über eine grosse Zahl instabiler Kerne statistische Aussagen
gemacht werden.
9.2 Theoretische Grundlagen 149

dW(E)
dE

E
E max

Abbildung 9.5: Energieverteilung beim β-Zerfall; dW (E) = Wahrscheinlichkeit,


dass ein β-Teilchen eine Energie zwischen E und E + dE hat

Die Zahl der Teilchen, die pro Zeiteinheit zerfällt, ist proportional der Anzahl vor-
handener radioaktiver Kerne. (Temperatur- oder Druckänderungen haben keinen
Einfluss; auch das Alter der einzelnen Kerne nicht.)

N (t): Anzahl radioaktiver Kerne zur Zeit t


dN (t)/dt = −λN (t) λ: Zerfallskonstante
−dN (t)/dt: Aktivität

Wenn wir diese Gleichung integrieren, erhalten wir


ln N (t) = −λt + C,
wobei C durch die Anfangsbedingungen N (t = 0) = N0 bestimmt ist:
ln N0 = 0 + C
ln (N (t)/N0 ) = −λt
N (t) = N0 e−λt Zerfallsgesetz (9.3)
N als Funktion der Zeit gibt also an, wieviele Kerne von N0 nach einer gewissen
Zeit noch vorhanden sind: die Anzahl nimmt exponentiell mit der Zeit ab. Die
radioaktiven Proben des Praktikums haben eine zu lange Halbwertszeit, als dass
wir das Zerfallsgesetz prüfen könnten. T1/2 (Halbwertszeit): nach T1/2 ist noch die
Hälfte der Kerne vorhanden:
1
N (t + T1/2 ) = N (t).
2
Daraus folgt
ln 2 0.693
T1/2 = = . (9.4)
λ λ
150 9 Radioaktivität

N(t)
N0

N0
2
N0
4

Τ1/2 2Τ1/2 t

Abbildung 9.6: Zerfallsgesetz: N (t) = N0 e−λt

9.2.5 Aktivität, Zählratenmessung, Poissonverteilung


Definition: Die Aktivität A einer Quelle ist definiert als
Anzahl Zerfälle
A= [A] = 1 Becquerel = 1 Bq = 1 Zerfall pro Sekunde
Zeiteinheit
(9.5)
Eine veraltete Einheit der Aktivität ist:
1 Curie = 1 Ci = 3.7 · 1010 Zerfälle/s,
was ungefähr der Aktivität von einem Gramm Radon entspricht.

Wiederholt man Aktivitätsmessungen mehrmals, so sieht man, dass die gemesse-


nene Raten streuen, auch wenn man das Zeitintervall ∆t noch so genau messen
kann. Dies liegt an der statistischen Natur des Zerfallsprozesses. Man kann für den
einzelnen Kern nie den genauen Zeitpunkt des Zerfalls angeben, sondern nur die
Zerfallswahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Zeitintervall. Die gemessene Rate
ist also eine zufällige Grösse. Nun stellt sich die Frage, was die zugehörige Wahr-
scheinlichkeitsverteilung ist.

Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen eines Ereignisses bei einem Zufalls-
experiment sei p. Die Frage, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass bei N
Versuchen das Ereignis genau k-mal eintrifft, führt auf die Binominalverteilung
(Bernoulli-Verteilung, vgl. Skript über Statistik). Eine Quelle von N instabilen
Kernen entspricht dem Bernoulli-Experiment: Man kennt die Wahrscheinlichkeit
für das Zerfallen des einzelnen Kerns im Intervall ∆t. Die N Versuche führt man
jetzt nicht nacheinander, sondern gleichzeitig mit N identischen Kernen aus. Vor-
aussetzung: ∆t  T1/2 . Damit ändern N und p praktisch nicht mit der Zeit, und
9.2 Theoretische Grundlagen 151

p  1 ist erfüllt.

Die zufällige Grösse k = „Anzahl Zerfälle im Intervall ∆t“ ist also binomial ver-
teilt: !
N k
p(k) = p (1 − p)N −k (9.6)
k
Für den Grenzfall N → ∞, p → 0 (Mittelwert µ = N · p = konst.) geht die
Binomialverteilung in die Poissonverteilung über:
µk −µ
pµ = e , (9.7)
k!
wobei µ der Mittelwert ist.

Beim Ausmessen einer radioaktiven Quelle besteht das Problem darin, aus der
gemessenen Anzahl Impulse k im Intervall ∆t den unbekannten Mittelwert µ
zu „schätzen“. Es lässt sich zeigen, dass der unbekannte
√ √ Mittelwert mit einer
Wahrscheinlichkeit von 68% im Intervall [k − k, k + k] liegt. Diese Aussage
gilt exakt für µ → ∞.

Das Resultat der Messung gibt man dann folgendermassen an:



µ=k± k (68% Confidence-Level) (9.8)
√ √
Relativer Fehler: ∆k/k = k/k = 1/ k, d.h der relative Fehler wird mit wach-
sender Impulszahl k kleiner.

9.2.6 Wechselwirkung der Kernstrahlung mit Materie


9.2.6.1 γ-Strahlung

In der Materie verliert ein γ-Quant seine Energie durch Photoeffekt, Compton-
streuung und Paarbildung.

• Photoeffekt: Dominant bei Energien Eγ ≤ 50 keV


Das γ-Quant verschwindet; es wird ein Elektron herausgeschlagen (meist
aus der K-Schale, falls Eγ grösser ist als die Bindungsenergie der K-Elektronen).
h̄ω = Bindungsenergie des Elektrons + Ekin (e− ) (9.9)

• Comptoneffekt oder Comptonstreuung: Eγ mittelgross


Elastischer Stoss eines Quants mit einem freien Elektron. Das gestreute
Quant hat eine kleinere Energie, d.h. grössere Wellenlänge. Die an das
Elektron abgegebene Energie kann mit Energie- und Impulssatz berechnet
werden.
152 9 Radioaktivität

e- (Ekin)

E γ = h ν = hω

Abbildung 9.7: Photoeffekt

hν’
β
hν α
e- (Ekin)

Abbildung 9.8: Comptoneffekt

• Paarbildung: Eγ ≥ 1 MeV
Aus elektromagnetischer Strahlung entsteht in der Nähe eines schweren
Kernes Materie: ein Elektron und ein Positron. Eγ muss grösser sein als die
Ruheenergie von e+ und e− . Das abgebremste e+ zerstrahlt mit einem e−
zu zwei γ von je 0.51 MeV.

Absorptionsgesetz

Für die Herleitung betrachten wir einen „Modellabsorber“ (Abbildung 9.10).


Denkt man sich den Absorber in dünne Schichten der Dicke dx zerlegt, dann ist
die Wahrscheinlichkeit, dass ein auf eine bestimmte Schicht treffendes Photon
darin eine Reaktion eingeht, für alle Schichten gleich (unabhängig von x).

dJ = −µ · J · dx (J = Photonen pro m2 und Sekunde) (9.10)

J = J0 · e−µx = J0 · e(µ/%)·%·x = J0 · e−µm ·%·x (9.11)


wobei µ der lineare Absorptionskoeffizient (anhängig von der γ-Energie) und
µm = µ/% der Massenabsorptionskoeffizient in cm2 /g.

Haben wir ein dünnes Blättchen der Dicke d eines bestimmten Materials, so sagt
der Absorptionskoeffizient µ, welcher Bruchteil der auftreffenden Photonen dar-
in absorbiert wird. Der Absorptionskoeffizient µ hängt neben der γ-Energie auch
vom Absorbermaterial ab. µ ist proportional zur Dichte des Materials, da die Ab-
sorption sicher von der Menge des Materials abhängt, das durchdrungen werden
muss. Eine wirkliche Materialkonstante (unabhängig von der gerade vorliegenden
Dichte) ist µm . Die „Dicke“ eines Absorbers wird dann als d·% [g/cm2 ] angegeben.
9.2 Theoretische Grundlagen 153

-
e
γ
(E = 0.51 MeV)

e+ γ
(E = 0.51 MeV)

Abbildung 9.9: Paarbildung

Absorber

Detektor


dx
x

Abbildung 9.10: Anordnung des Absorbers

9.2.6.2 β-Strahlung

Im Unterschied zum Photon verursacht das Elektron beim Durchgang durch Ma-
terie sehr viele Reaktionen. In inelastischen Stössen mit Hüllenelektronen verliert
es seine Energie in vielen kleinen Portionen. Da die Reaktionswahrscheinlich-
keit von der Energie abhängt, ist sie in jeder Schicht ein wenig anders. Da die
von einer Quelle beim Absorber eintreffenden Elektronen nicht monoenergetisch
sind, sondern ein kontinuierliches Energiespektrum haben, ist ein kompliziertes
Absorptionsgesetz zu erwarten. Bemerkenswerterweise gilt für nicht zu grosse
Absorberdicken immer noch das Exponentialgesetz

J = J0 · e−µx (9.12)

9.2.6.3 α-Strahlung

Auch α-Strahlen verlieren ihre Energie durch viele Stösse mit Hüllenelektronen.
α-Strahlen sind monoenergetisch und werden kaum gestreut (mα  me ). Deshalb
haben sie in Materie eine einheitliche Reichweite.
154 9 Radioaktivität

9.2.7 Nachweis der Kernstrahlung mit Hilfe eines Zähl-


rohres
Ein Zählrohr besteht im Prinzip aus zwei Elektroden, einem zumeist zylindrischen
Rohr und einem in der Achse des Rohres gespannten Draht (Abbildung 9.11).

C
Uout
Draht

I+
U
e-
Uout
R

HV

Abbildung 9.11: Prinzip des Zählrohres

Beim Durchgang von α-, β- und γ-Strahlen wird das Füllgas (meistens ein Edel-
gas) ionisiert. Die Elektronen wandern im angelegten Feld zum Draht und die
positiven Ionen zur Wand.

Das Zählrohr kann als geladener Kondensator aufgefasst werden. Die Ladungs-
verschiebung durch die wandernden Elektronen und Ionen erzeugt einen Span-
nungsimpuls, der verstärkt und registriert wird.

Unter der Charakteristik eines Zählrohres versteht man das Verhältnis von Elek-
tronen, die auf den Anodendraht gelangen und die eintreffenden ionisierenden
Teilchen in Abhängigkeit der am Zählrohr angelegten Spannung. Die Graphen 1,
2 und 3 in Abbildung 9.12 gehören zu ionisierenden Teilchen mit unterschiedlicher
Energie. Die Elektronik eines Geiger-Müller-Zählrohres registriert nur Stromstös-
se, die oberhalb des Diskriminationsniveaus liegen.

Arbeitsbereiche:

Je nach der angelegten Spannung arbeitet das Zählrohr verschieden: Die ver-
schiedenen Arbeitsbereiche eines Zählrohres werden in 9.12 dargestellt. Die ioni-
sierenden Teilchen erzeugen entsprechend ihrer unterschiedlichen Energien eine
unterschiedliche Anzahl Elektronen. Im Bereich A erreichen nicht alle erzeugten
9.2 Theoretische Grundlagen 155

A B C D E F
#e -, die auf Anodendraht gelangen

Diskri-
minator-
niveau

U (Zählrohrspannung)

Abbildung 9.12: Arbeitsbereiche des Zählrohres

Elektronen den Anodendraht. Im Bereich B erreichen alle Elektronen den Draht.


Ein Zählrohr, das im Bereich B betrieben wird, heisst Ionisationskammer. In den
Bereichen C und D werden die primär erzeugten Elektronen in der Nähe des
Anodendrahtes so stark beschleunigt, dass jedes Elektron selber Atome ionisert.
Im Bereich C („Proportionalbereich“) hängt die Anzahl Elektronen (“Elektronen-
lawine“), welche jedes primäre Elektron produziert, nur von der Spannung und
nicht von der Anzahl primärer Elektronen ab. In diesem Bereich ist die auf den
Draht gelangende Ladung proportional der Energie. Im Bereich D ist die Propor-
tionalität nicht mehr vorhanden. Im Bereich E („Auslösebereich“) breitet sich jede
Elektronenlawine im ganzen Zählrohr aus. Der Stromstoss auf die Anode hängt
nicht mehr von der Energie des ionisierenden Teilchens ab. Ein Zählrohr, das im
Auslösebereich betrieben wird, heisst Geiger-Müller-Zählrohr. Es misst nicht die
Energie der Strahlung, sondern zählt lediglich die Stromstösse, welche über dem
„Diskriminatorniveau“ liegen. Im Idealfall ist die Anzahl Stromstösse gleich der
Anzahl ionisierender Teilchen.

Die Zählrate des Geiger-Müller-Zählrohres ist in einem weiten Spannungsbereich


(„Plateau“, Abbildung 9.13) von der Zählrohrspannung unabhängig. Bei kleineren
Spannungen liegen viele Stromstösse unter dem Diskriminatorniveau (Abbildung
9.12, Bereich D), bei grösseren Spannungen treten im Zählrohr selbständige Ent-
ladungen (Abbildung 9.12, Bereich F) auf.
156 9 Radioaktivität

I
Plateau

3 2 1

US (1) UE UB
U (Zählrohrspannung)

Abbildung 9.13: Charakteristik eines Geiger-Müller-Zählrohres für die ionisie-


renden Teilchen 1, 2 und 3 (US (1) = Schwellenspannung für Teilchen 1, UE =
Einsatzspannung, UB = Betriebsspannung

9.3 Praktische Aufgaben


9.3.1 Aufgabe 1
Bestimmen Sie mit Hilfe eines radioaktiven Präparats das Plateau des Zählrohrs
(beachten Sie die am Zählrohr angeschriebenen Daten). Stellen Sie die Daten
graphisch dar.

9.3.2 Aufgabe 2
Aufnehmen einer Poisson-Verteilung: ca. 100 Messungen der Impulszahl pro Zei-
tintervall (z.B. 10 sec), wobei pro Zeitintervall etwa 5 bis 10 Impulse gemessen
werden sollen (stark abgeschirmtes Präparat). Berechnen Sie aus den Messungen
den Mittelwert und daraus die theoretische Verteilung. (Graphische Darstellung
der experimentellen und der theoretischen Verteilung.)

9.3.3 Aufgabe 3
Bestimmen Sie mit der Nuklidkarte die Zerfallsreihe von 238
U. Was bedeuten die
Farben und Angaben in den Feldern?

9.3.4 Aufgabe 4
Abschirmung von radioaktiver Strahlung (die Zerfallsschemata von 60Co und 90Sr
sind im Anhang zu finden):
9.4 Anhang 157

1. Messung des Nulleffektes. Messdauer 20 bis 30 Minuten, Angabe der Im-


pulsrate (Imp/s) mit Fehler.
90
Sr-Präparat: - Ohne Abschirmung
2. - mit 2 mm Al-Abschirmung
- mit 2 mm Pb-Abschirmung

3. 60
Co-Präparat ohne Abschirmung, mit 2, 4, 6, 8 und 10 mm Blei-Abschirmung
(jeweils 1000 Impulse messen). Nulleffekt abziehen und Impulsrate (mit
Fehler) berechnen. Graphische Darstellung auf halblogarithmischem Papier.
Interpretation?

4. Berechnen Sie den Massenabsorptionskoeffizienten und vergleichen Sie ihn


mit dem Literaturwert im Anhang.

9.4 Anhang
9.4.1 Dosimetrie
Im Folgenden werden einige Artikel aus dem schweizerischen „Bundesgesetz über
das Messwesen“ vom 9. Juni 1977 wiedergegeben:

Einheiten der Radioaktivität und ionisierender Strahlen

Art. 50 Aktivität einer radioaktiven Quelle

Die abgeleitete SI-Einheit der Aktivität einer radioaktiven


Quelle ist das Becquerel (Bq).

1 Becquerel ist die Aktivität einer radioaktiven Quelle, in


welcher im Mittel eine Umwandlung oder ein isomerer Übergang
je Sekunde stattfindet.

1 Bq = 1 Zerfall/s

Art. 51 Energiedosis (absorbierte Dosis)

Die abgeleitete SI-Einheit der Energiebasis ist das Gray (Gy).

1 Gray ist gleich der Energiedosis, die bei Übertragung der


Energie 1 J auf Materie der Masse 1 kg durch ionisierende Strahlung
räumlich konstanter Energieflussdichte und Energieverteilung
entsteht.
158 9 Radioaktivität

1 Gy = 1 J/kg

Art. 53 Ionendosis (Expositionsdosis)

Die abgeleitete SI-Einheit der Ionendosis ist das Coulomb durch


Kilogramm (C/kg).

1 Coulomb durch Kilogramm in Luft ist gleich der Ionendosis,


die erreicht wird, wenn durch Photonenstrahlung, bei räum-
lich konstanter Energieflussdichte und Energieverteilung, in
Luft der Masse 1 kg soviel Ionen eines
Vorzeichens erzeugt worden sind, dass ihre Ladung 1 C
beträgt.

Bei der Expositionsdosis ist der Beitrag der Bremsstrahlung,


welche von den Sekundärelektronen der primären Photonenstrahlung herrührt,
auszuschliessen.

Einheiten mit eingeschränktem Anwendungsbereich, die neben den SI-


Einheiten verwendet werden können

Art. 66 Für die Aktivität einer radioaktiven Quelle in Strahlenschutz


und Medizin

Eine besondere Einheit für die Aktivität einer radioaktiven Substanz


ist das Curie (Ci):

1 Ci = 37 000 000 000 Bq

Art. 67 Für die Dosis von ionisierenden Strahlen in Strahlen-


schutz und Medizin

Eine besondere Einheit für die Energiedosis ist das Rad (rd).

1 rd = 0.01 Gy

Eine besondere Einheit für die Aequivalentdosis ist das Rem


(rem). Für Strahlung mit dem Qualitätsfaktor 1 gilt:

1 rem = 0.01 Gy (siehe ‘Biologische Wirksamkeit’)

Eine besondere Einheit für die Ionendosis ist das Röntgen (R).

1 R = 0.000258 C/kg
9.4 Anhang 159

9.4.2 Biologische Wirksamkeit


Strahlungen mit hoher Ionisationsdichte (α-Teilchen, Sekundärprotonen bei Neu-
tronenbestrahlung) haben bei gleicher Dosis eine stärkere biologische Wirkung
als die Strahlungen niedrigerer Ionisationsdichte (Röntgen, γ, β). Grosse Ioni-
sationsdichte zerstört (ionisiert) einen kleinen Teil des durchstrahlten Materials
sehr stark.

Diesem Umstand wird Rechnung getragen durch Einführung des Qualitätsfak-


tors (Quality Factors) QF, der als allgemein anwendbarer Wert für die relative
biologische Wirksamkeit verschiedener Strahlungsarten festgelegt ist.

Röntgen γ, β (E > 0.03 MeV) QF = 1


β (E < 0.03 MeV) QF = 1.7
α, n, p QF = 10
Schwere Kerne QF = 20

Man definiert dann die biologische Einheit der Strahlendosis so, dass sich nähe-
rungsweise für gleiche Dosis gleiche Wirkung ergibt:

1 rem = QF · 1 rd (rem = radiation equivalent man)


1 Sv = 1 Sievert = 1 J/kg = 100 rem

Die effektive Aequivalentdosis ist als Summe von gewichteten Organdosen defi-
niert; sie stimmt mit der Ganzkörperdosis überein, wenn alle Organe gleichmässig
bestrahlt werden.

Schäden

1. Genetische Schäden: Veränderung der Gene in den Erbzellen = Mutation


(Änderung der Reihenfolge der Basen in der Nukleinsäure).

2. Somatische Schäden: z.B. Katharaktbildung im Auge; Rötung der Haut


(sehr schwer heilend).

Zellen sind besonders empfindlich während der Teilung (Fötus).

Biologische Wirkung einer einmaligen Ganzkörperbestrahlung (Röntgenstrahlen):


100 rem Strahlenkrankheit
400 rem schwere Strahlenkrankheit; Semilethaldosis
700 rem lethal in fast allen Fällen
160 9 Radioaktivität

9.4.3 Strahlenschutz und natürliche Strahlenbelastung


Vorschriften betreffend Strahlenschutz findet man in der „Verordnung über den
Strahlenschutz 1976“. Für verschiedene Bevölkerungsgruppen gilt:

Beruflich strahlenexponierte Personen:

• 5 rem pro Jahr Ganzkörperdosis dürfen nicht überschritten werden, davon


in einem Quartal höchstens 3 rem.

• Dieselben höchstzulässigen Dosen gelten auch für Keimdrüsen und rotes


Knochenmark.

• Für andere Organe sind höhere Grenzwerte festgelegt.

Einzelpersonen der Bevölkerung: 0.5 rem pro Jahr. (In der Schweiz gilt ferner
die Richtlinie, dass keine Einzelpersonen der Bevölkerung durch Emission eines
Kernkraftwerks mit mehr als 0.02 rem pro Jahr belastet werden dürfen.)

Allgemeine Bevölkerung: So niedrig wie möglich.

Patienten in Behandlung: Liegt in der Verantwortung des Arztes.

Die durchschnittliche Strahlenbelastung für die Schweizer Bevölkerung beträgt


(alle Angaben in mrem pro Jahr):

Natürliche Quellen Gonadendosis Effektive Äquivalentdosis


Terrestrische Strahlung 50 65 (20-240)
Kosmische Strahlung 36 36 (30-70)
Körpereigene Strahlung 21 30
Radon und Folgeprodukte noch nicht ca. 125 (40-600)
in Häusern bekannt
Total 107 ca. 260 (120-900)
(in Klammern jeweils die Schwankungsbreite)

Künstliche Quellen
Röntgendiagnostik 49 (1978, mittlere Gonadendosis)
Nuklearmedizin 10 (1976, mittlere Gonadendosis)
Fallout Kernwaffenversuche (1982) ≤4
Leuchtziffern, TV, Rauchen ∼ 1 (bis einige mrem/Jahr)
berufl. Strahlenexponierte (1982) 0.3
Nuklearindustrie und Kernkraftwerke  1 (nur Normalbetrieb)
Total Gonadendosis ca. 60
9.4 Anhang 161

Beim Vergleich zwischen den medizinisch bedingten und den natürlichen Strah-
lenbelastungen muss berücksichtigt werden, dass in der Medizin wesentlich höhere
Dosisleistungen zur Anwendung kommen, so dass deren Wirksamkeit im Vergleich
zur Wirkung der natürlichen Strahlung grösser sein kann.
162 9 Radioaktivität

9.4.4 Auszüge aus der Isotopentabelle

5.27 y
60
27 Co
1.17323 2.5057

2.286

2.158 0.83 2.158

0.7 ps
1.33248 1.3325

60
28 Ni

29.1 y
90
38 Sr
90
39 Y
62 ns
1.75

90
40 Zr
9.4 Anhang 163

9.4.5 Massenabsorptionskoeffizient, [µ/%] = cm2 g −1

hν Ar K Ca Fe Cu Mo Sn I W Pb U H2 0
keV
10 64.5 80.9 96.5 173. 224. 86.2 141. 161. 95.5 133. 178. 5.18
15 19.9 25.0 30.1 56.4 74.2 28.2 47.0 55.2 142. 115. 63.9 1.58
20 8.53 10.8 13.0 25.5 33.5 81.7 21.3 26.0 67.0 85.7 71.0 0.775
30 2.62 3.30 3.99 8.13 10.9 28.8 41.3 8.67 23.0 29.7 41.0 .370

40 1.20 1.49 1.78 3.62 4.89 13.3 19.4 22.7 10.7 14.0 19.7 .267
50 0.687 0.843 0.998 1.94 2.62 7.20 10.7 12.6 5.91 7.81 11.1 .227
60 .460 .560 .648 1.20 1.62 4.41 6.53 7.78 3.65 4.87 6.46 .206
80 .275 .324 .365 0.595 0.772 2.02 3.02 3.65 7.89 2.33 3.35 .114

100 .204 .233 .256 .370 .461 1.11 1.68 2.00 4.43 5.40 1.91 .171
150 .143 .158 .168 .196 .223 0.428 0.614 0.714 1.57 1.97 2.56 .151
200 .121 .132 .138 .146 .157 .245 .328 .372 0.777 0.991 1.28 .137
300 .0996 .108 .112 .110 .112 .139 .164 .178 .320 .404 0.509 .119

400 .0878 .0949 .0979 .0940 .0941 .105 .116 .122 .190 .231 .286 .106
500 .0795 .0859 .0885 .0840 .0836 .0883 .0946 .0976 .136 .161 .193 .0968
600 .0733 .0792 .0814 .0769 .0762 .0788 .0816 .0835 .108 .125 .146 .0896
800 .0641 .0692 .0712 .0669 .0660 .0661 .0669 .0676 .0799 .0885 .0997 .0786
MeV
1 .0576 .0621 .0639 .0599 .0589 .0583 .0578 .0581 .0654 .0708 .0776 .0707
1.5 .0470 .0506 .0520 .0488 .0480 .0470 .0463 .0464 .0497 .0517 .0548 .0575
2 .0407 .0439 .0453 .0425 .0420 .0415 .0410 .0411 .0437 .0455 .0475 .0494
3 .0338 .0366 .0378 .0362 .0360 .0366 .0367 .0370 .0402 .0418 .0438 .0397

4 .0302 .0328 .0340 .0331 .0332 .0349 .0355 .0359 .0400 .0416 .0435 .0340
5 .0280 .0306 .0317 .0314 .0318 .0344 .0354 .0359 .0407 .0424 .0445 .0303
6 .0267 .0291 .0303 .0305 .0310 .0343 .0357 .0364 .0416 .0435 .0455 .0277
8 .0251 .0276 .0289 .0298 .0306 .0350 .0369 .0378 .0439 .0459 .0480 .0243

10 .0244 .0270 .0283 .0298 .0308 .0362 .0385 .0395 .0464 .0484 .0506 .0222
15 .0244 .0268 .0283 .0307 .0323 .0393 .0425 .0438 .0524 .0548 .0573 .0194
20 .0244 .0273 .0289 .0321 .0339 .0470 .0461 .0476 .0577 .0606 .0636 .0181
30 .0255 .0286 .0305 .0345 .0368 .0470 .0517 .0536 .0659 .0696 .0733 .0171

40 .0266 .0299 .0319 .0365 .0391 .0505 .0557 .0578 .0716 .0757 .0799 .0167
50 .0275 .0310 .0331 .0382 .0410 .0532 .0588 .0611 .0760 .0804 .0850 .0167
60 .0284 .0319 .0342 .0394 .0425 .0553 .0613 .0637 .0794 .0841 .0889 .0167
80 .0296 .0334 .0358 .0416 .0448 .0586 .0651 .0676 .0845 .0896 .0948 .0170

100 .0306 .0345 .0370 .0432 .0465 .0609 .0677 .0704 .0881 .0934 .0984 .0172
150 .0325 .0368 .0394 .0458 .0494 .0648 .0721 .0750 .0939 .0996 .106 .0178
200 .0334 .0377 .0005 .0475 .0511 .0672 .0748 .0778 .0976 .103 .110 .0182
300 .0348 .0393 .0422 .0494 .0532 .0700 .0780 .0811 .102 .108 .115 .0188

400 .0356 .0402 .0432 .0506 .0544 .0716 .0798 .0830 .104 .111 .117 .0192
500 .0361 .0408 .0438 .0514 .0552 .0727 .0810 .0842 .106 .112 .119 .0195
600 .0365 .0412 .0443 .0519 .0558 .0735 .0819 .0851 .107 .113 .121 .0197
800 .0371 .0419 .0450 .0427 .0566 .0745 .0831 .0864 .108 .115 .122 .0200
GeV
1 .0375 .0423 .0455 .0532 .0572 .0753 .0838 .0871 .109 .116 .123 .0202
1.5 .0380 .0429 .0461 .0539 .0579 .0762 .0849 .0884 .111 .118 .125 .0205
2 .0382 .0432 .0464 .0543 .0583 .0767 .0856 .0890 .111 .118 .126 .0206
3 .0386 .0436 .0468 .0548 .0588 .0773 .0862 .0896 .112 .119 .127 .0208

4 .0387 .0438 .0470 .0550 .0590 .0777 .0864 .0900 .113 .120 .127 .0210
5 .0389 .0439 .0472 .0551 .0591 .0779 .0867 .0902 .113 .120 .128 .0210
6 .0389 .0440 .0473 .0552 .0593 .0780 .0868 .0904 .113 .120 .128 .0211
8 .0391 .0441 .0474 .0554 .0594 .0781 .0870 .0905 .113 .120 .128 .0211

10 .0391 .0442 .0475 .0555 .0595 .0783 .0871 .0906 .114 .121 .128 .0212
15 .0392 .0443 .0476 .0556 .0596 .0785 .0873 .0908 .114 .121 .129 .0213
20 .0393 .0443 .0477 .0556 .0596 .0785 .0874 .0910 .114 .121 .129 .0213
30 .0393 .0444 .0477 .0557 .0598 .0786 .0875 .0911 .114 .121 .129 .0213

40 .0393 .0445 .0477 .0557 .0598 .0786 .0876 .0911 .114 .121 .129 .0213
50 .0393 .0445 .0478 .0558 .0598 .0786 .0877 .0911 .114 .121 .129 .0213
60 .0394 .0445 .0478 .0558 .0598 .0787 .0877 .0912 .114 .121 .129 .0214
80 .0394 .0445 .0478 .0558 .0598 .0788 .0877 .0912 .114 .121 .129 .0214

100 .0394 .0445 .0478 .0555 .0598 .0788 .0877 .0912 .114 .121 .129 .0214
164 9 Radioaktivität

9.5 Literatur
Evans The Atomic Nucleus
Gerthsen/Kneser/Vogel Physik, Kapitel 13 (18. Auflage)
Marmier Kernphysik I
Mayer/Kuckuck Kernphysik
Segrè Nuclei and Particles

Kernforschungszentrum Karlsruhe Nuklidkarte


A Fehlerrechnung

Einleitung
Diese Anleitung zur Fehlerrechnung soll den Studierenden als Einführung und als
Nachschlagewerk zum ständigen Gebrauch während des Praktikums dienen.

Wieso messen wir?


Die Physik will die Natur mit mathematischen Mitteln möglichst genau und voll-
ständig beschreiben. Aus gemessenen Daten sollen Theorien (physikalische Geset-
ze) entwickelt werden. Diese Gesetze sollen durch verschiedene Messungen immer
wieder überprüft werden. Das Messen und die Interpretation von Messungen sind
zentrale Punkte der Physik.

Voraussetzungen
Beim Messen physikalischer Grössen nehmen wir immer gewisse Voraussetzungen
als gegeben an, die nicht selbstverständlich sind.

Wichtige Voraussetzungen, die stillschweigend als richtig angenommen werden:

• Die physikalischen Gesetze gelten global und zu allen Zeiten.

• Es gibt Messeinheiten, die weder vom Ort noch von der Zeit abhängig sind.

• Es existiert ein wahrer und eindeutiger Wert für jede Messgrösse.

Mit derartigen Fragen und dem Problem, wie weit der Mensch überhaupt fähig
ist, Dinge wirklich sicher wahrzunehmen, beschäftigt sich die Erkenntnistheorie,
ein Zweig der Philosophie.

165
166 A Fehlerrechnung

Grenzen der Messgenauigkeit; Zweck der Fehlerrechnung


Braucht auch ein guter Physiker, der keine Fehler macht, die Fehlerrechnung zu
kennen?

Einerseits hat wohl sogar Albert Einstein hin und wieder einen Fehler gemacht.
Anderseits wird hier das Wort „Fehler“ in einem ganz anderen Sinn verwendet.
„Fehler“ steht hier für „geschätzte Abweichung vom wahren Wert“.
Den wahren Wert kennen wir nie genau. Die Fehlerrechnung soll ein Mass für die
zu erwartende Abweichung der Messergebnisse vom „wahren Wert“ liefern. Die
Abweichungen sind eine Folge der beschränkten Genauigkeit jeder Messung.

Die Fehlerrechnung gibt auf folgende Fragen eine Antwort:

• Entspricht ein Resultat innerhalb der Fehlergrenzen dem überprüften Ge-


setz?
• Welche Messfehler liefern den Hauptbeitrag zum Gesamtfehler?
• Wo muss die Methode verbessert werden, wenn der Fehler verkleinert wer-
den soll?

Der Ausdruck „Fehlerrechnung“ ist zwar allgemein üblich, aber teilweise irrefüh-
rend: Einerseits geht es nicht um Fehler im üblichen Sinn, anderseits findet man
mit Rechnen allein die Antwort auf die oben aufgeführten Fragen nicht.

Direkte und indirekte Messungen


Längen, Zeiten, Kräfte und einiges mehr können wir direkt an relativ einfachen
Messgeräten ablesen. Solche Messungen nennen wir direkte Messungen.

Wollen wir die mittlere Fallgeschwindigkeit eines Apfels vom Ast auf den Boden
bestimmen, müssen wir die Höhe des Astes und die Fallzeit messen und die mitt-
lere Fallgeschwindigkeit aus den Messergebnissen ausrechnen. Die Bestimmung
der Fallgeschwindigkeit ist eine indirekte Messung.

Durch direkte Messungen ermittelte Grössen heissen auch Beobachtungsgrössen.


Beobachtungsgrössen müssen immer unmittelbar und ohne vorherige Umrech-
nung im Protokoll notiert werden, damit die wichtige Forderung nach Reprodu-
zierbarkeit eines Experiments erfüllt werden kann.

Würden nur die Resultate indirekter Messungen notiert, wäre es später unmög-
lich, allfällige Rechen- oder Programmierfehler zu finden. Schon die Umrechnung
A Fehlerrechnung 167

von gemessener Frequenz in entsprechende Periode bedeutet, dass letztere nur


indirekt gemessen wurde.

Klassifizierung der Fehler

Systematische und statistische Fehler

Beispiel: Bestimmung der Energie eines schwingenden Pendels durch Messung


der Amplitude des ersten Ausschlags, den das Pendel nach dem Anstossen aus-
führt. Wir machen zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Fehlern:

Zum Einen werden wir die Amplitude nie ganz genau ablesen können. Wieder-
holen wir die Messung, werden wir jedesmal ein etwas anderes Resultat erhalten.
Je häufiger wir die Messung wiederholen, desto genauere Aussagen über die Am-
plitude können wir machen.

Zum Andern lässt sich nicht vermeiden, dass nach dem Anstossen das Pendel be-
reits während des ersten Ausschlags einen Teil seiner kinetischen Energie durch
Luftreibung verliert. Dieser Einfluss wird nicht kleiner, auch wenn wir noch so
oft messen.

Die erste Art Fehler nennen wir statistische Fehler, die zweite systematische Feh-
ler.

Statistische Fehler

Statistische Fehler sind auf eine Vielzahl kleiner Störeinflüsse zurückzuführen, die
die Messergebnisse in von Messung zu Messung wechselnder Weise verändern. Sie
lassen sich mit Methoden der Statistik abschätzen und durch Vergrösserung der
Anzahl Messungen reduzieren.

Systematische Fehler

Systematische Fehler sind Abweichungen, die die Ergebnisse aller Messungen ei-
ner Grösse, die mit einer bestimmten Messmethode ausgeführt werden, im glei-
chen Sinn verfälschen. Sie sind schwieriger zu beurteilen. Oft sind sie nur schwer
zu erkennen. Zu ihrer Abschätzung gibt es keine allgemeinen Regeln, und ihre
Ursachen sind vielfältig.
168 A Fehlerrechnung

Absolutfehler und Relativfehler


Ein Fehler kann in den Einheiten der Messgrösse (Absolutfehler) oder als Bruch-
teil des Mittelwertes der gemessenen Grösse (Relativfehler) angegeben werden.
Der Absolutfehler ergibt sich durch Multiplikation des Relativfehlers mit dem
Messwert; umgekehrt wird der Relativfehler berechnet, indem der Absolutfehler
durch den Messwert dividiert wird.

Statistischer Fehler der Beobachtungsgrösse


Beispiel: Wir bestimmen die Tourenzahl eines Grammophontellers, wenn 33
RPM eingestellt sind. Mit einer Stoppuhr, welche Hundertstelsekunden anzeigt,
messen wir 20 Mal die Zeit, in welcher der Teller eine Umdrehung macht:

Laufnummern (1 ... 20) und gemessene Zeiten [s]


1 1.77 6 1.82 11 1.78 16 1.85
2 1.85 7 1.76 12 1.81 17 1.72
3 1.91 8 1.86 13 1.73 18 1.84
4 1.79 9 1.85 14 1.81 19 1.82
5 1.79 10 1.81 15 1.84 20 1.93

Vermutlich läuft das Grammophon regelmässig; aber wir starten und stoppen
die Zeit nur auf etwas weniger als eine Zehntelsekunde genau, weshalb wir fast
jedes Mal einen anderen Wert ablesen. Als zusammenfassendes Resultat unserer
zwanzig Messungen sollten wir aber einen Schätzwert für die wahre Umlaufszeit
angeben. Mit einer weiteren Zahl sollte das Streuen der Messwerte quantitativ
beschreiben werden.

Der Mittelwert (Durchschnitt) als Schätzwert des wahren


Werts der Messgrösse
Unsere Schätzung der Messgrösse (z.B. „Umlaufszeit des Grammophontellers“)
sollte „möglichst nahe“ beim unbekannten wahren Wert liegen. Der am häufigsten
gebrauchte Schätzwert ist das arithmetische Mittel der Messwerte (der „Durch-
schnitt“):
N
1 X
x= xi , (A.1)
N i=1
wobei xi für die Werte der Einzelmessungen und N für die Anzahl der Messungen
steht. Je grösser N , desto näher wird im Allgemeinen x beim wahren Wert liegen.
Das heisst, je mehr Messungen wir machen, desto besser wird unsere Schätzung.
A Fehlerrechnung 169

Streuung der Messwerte


Standardabweichung

Ein Mass für die Streuung der einzelnen Messwerte ist die Standardabweichung:
v
u N
1 X
(A.2)
u
sx = t (xi − x)2 .
N − 1 i=1

Neben der Standardabweichung sx spricht man such von der Varianz s2x . Die
Standardabweichung, auch Streuung der Einzelmessungen genannt, ist nicht von
der Anzahl Messungen abhängig, weil alle unsere Messungen nach der gleichen
Messmethode ausgeführt werden.

Aufgabe: Berechne den Mittelwert und die Standardabweichung für das Beispiel
in A. [Lösung: x = 1.817s, sx = 0.053s]

Aufgabe: Zeige, dass die Summe (xi − c)2 am kleinsten wird für c = x. Was
P

bedeutet das?

Spezialfälle

Es gibt Fälle, in denen die Standardabweichung offensichtlich kein vernünftiges


Resultat für die Streuung liefert.

Beispiele:

• Der Zeiger der Stoppuhr springt jeweils um eine Zehntelssekunde.

• Digitale Messgeräte, die nur so viele Stellen anzeigen, wie ihrer Eichgenau-
igkeit entspricht.

Der Raster der möglichen Anzeigewerte ist bei diesen Geräten so grob, dass klei-
ne Schwankungen der Messwerte gar nicht bemerkt werden. Meistens kann aus
der Feinheit des Rasters ungefähr auf die Genauigkeit eines Gerätes geschlossen
werden.

Fehler des Mittelwerts


Die Streuung der Mittelwerte gibt ein Mass für die zu erwartende Abweichung
des Mittelwertes vom wahren Wert, d.h. für den Fehler des Mittelwerts. Wir
erwarten, dass der Mittelwert aus mehreren Messungen tendenziell weniger vom
- unbekannten - wahren Wert abweicht als eine einzelne Messung; das ist auch der
170 A Fehlerrechnung

Grund, warum√wir mehrmals messen müssen. Mittelwerte aus je N Messungen


streuen um 1/ N weniger stark als die Einzelmessungen. Wir schreiben also:
v
u N
1 1
(A.3)
u X
sx = t (xi − x)2 = √ sx
N (N − 1) i=1 N

Aufgabe: Berechne den Fehler des Mittelwerts zum Beispiel A.

Beachte: Wir haben einen Mittelwert bestimmt. Wir können nur voraussagen,
dass die aus vielen weiteren Sätzen von N Messungen gewonnenen Mittelwerte
mit sx streuen würden.

Benutzen von Taschenrechnern


Fast alle Taschenrechner verfügen über einen Satz an eingebauten Statistikpro-
grammen. Mit diesen lassen sich Standardabweichung und Mittelwert bequem
berechnen. Es lohnt sich, in der Anleitung nachzusehen und ein Beispiel durchzu-
rechnen, um zu sehen, ob der Rechner wirklich unsere Formel für sx verwendet.

Ein programmierbarer Taschenrechner erlaubt oft, die gesamte Fehlerrechnung


stark zu vereinfachen.

Darstellung der Messergebnisse


Als Resultat einer Messung der Grösse x werden der Mittelwert x und sein Fehler,
d.h. die Streuung sx der Mittelwerte, angegeben. Der Fehler lässt sich meistens
auf ein bis zwei signifikante Stellen abschätzen. Mittelwert und Fehler sollen mit
gleich vielen Dezimalstellen geschrieben werden. Sowohl zum Mittelwert als auch
zum Fehler des Mittelwerts gehören Einheiten. Die Einheit ist für beide dieselbe.

Beispiel:

Umlaufszeit des Plattentellers: T = (1.817 ± 0.012) s


Die Streuung der Mittelwerte kann auch
als relativer Fehler angegeben werden: T = 1.817 s ± 0.65%

Bemerkung: Als „Messung“ können wir statt jeder einzelnen der N Beobach-
tungen auch die Gruppe von N Beobachtungen ansehen, die das Resultat T für
die Grösse T liefert. Darum ist es logisch, als Fehler des Resultats immer die
Streuung der Mittelwerte anzugeben.
A Fehlerrechnung 171

Fortpflanzung der statistischen Fehler

Problemstellung bei indirekten Messungen


In den wenigsten Fällen wird in einem Experiment die gesuchte Grösse unmittel-
bar gemessen werden können. Meistens müssen wir verschiedene Grössen messen
und sie mit Hilfe mehr oder weniger komplizierter Formeln verknüpfen, um das
gesuchte Resultat zu erhalten. Wie wirken sich nun die Streuungen der direkten
Messungen einzelner Grössen auf das Resultat der indirekten Messung aus?

Fehlerfortpflanzungsgesetz von Gauss


Folgende Überlegungen helfen, das Gauss’sche Fehlerfortpflanzungsgesetz zu ver-
stehen:

Nur eine unabhängige Grösse

Wir haben in einer Serie von N Messungen von einer Beobachtungsgrösse den
Mittelwert x und seinen Fehler sx bestimmt. Es stellt sich nun die Frage, welchen
Wert wir für eine von x abhängige Grösse f (x) (indirekte Messung) angeben
sollen.

Wir könnten natürlich die fi = f (xi ) berechnen und den Mittelwert f dieser N
Funktionswerte angeben. sf , der Fehler von f , könnte dann aus den fi bestimmt
werden.

Gesucht ist aber eine Methode, die es erlaubt, f und sf näherungsweise direkt
aus x und sx zu berechnen. Man kennt nämlich nicht immer alle Messwerte xi ,
aus welchen x und sx berechnet worden sind.

Die ersten zwei Terme der Entwicklung von f (x) in eine Taylorreihe erfüllen für
kleine dx die Näherung:

f (x + dx) ∼
= f (x) + f 0 (x) · dx (A.4)

Das heisst: Sind an einer Stelle x die Werte der Funktion f (x) und ihrer Ablei-
tung f 0 (x) ≡ dfdx
(x)
bekannt, so lässt sich der Funktionswert an einer Nachbarstelle
x + dx nach obiger Formel annähern. Die Näherung wird besser, je kleiner der
Abstand dx ist.

Da wir (hoffentlich) in den meisten Fällen nicht mit grossen Fehlern zu arbeiten
172 A Fehlerrechnung

f(x+dx)

df=f’(x)dx
f(x)
dx

x x+dx

Abbildung A.1: Näherung erster Ordnung

haben werden, kann diese Formel


 bei  unserem Problem helfen: Mit den Abkür-
zungen dxi = xi − x und dfi = dfdx
(x)
dxi gilt nach Taylor:
x=x

fi ≡ f (xi ) ∼
= f (x) + dfi (A.5)
Näherung für f : Bei der Mittelbildung f = N1 fi verschwindet die Summe
PN
i=1
der Abweichungen (xi − x) und daher gilt:
f∼= f (x) (A.6)
Näherung für sf :
N
1 1 X
s2f ∼
= (fi − f )2
N N − 1 i=1
N
∼ 1 1 X
= df 2
N N − 1 i=1 i
!2 N
∼ 1 1 df (x)
(dxi )2 (A.7)
X
=
N N −1 dx x=x i=1
Dies bedeutet:
!2 !
∼ df (x) df
sf2 = sx2 oder sf ∼
= sx (A.8)

dx x=x
dx x=x

Wird einmal nur der zahlenmässige Wert von sf gesucht, kann die Formel von
Taylor wie folgt verwendet werden:
!
df
sf ∼
=

sx

= |f (x + sx ) − f (x)| (sx anstelle von dx) (A.9)
dx x=x

Hat man einen programmierbaren Taschenrechner, braucht man dann nur die
Formel für f (x) einzugeben und f 0 (x) braucht gar nicht ausgerechnet zu werden.
A Fehlerrechnung 173

Anwendung auf ausgewählte Funktionen

1. Lineare Funktion
f (x) = ax (a = const.)
!
df
= a
dx x=x
sf2 ∼
= a2 s2x oder
sf ∼
= |a|sx
Dieser Ausdruck wird einfacher, wenn mit dem relativen statt dem absoluten
Fehler gerechnet wird:
sf sx

=
f x
2. Hyperbel
1
f (x) =
! x
df 1
= −
dx x=x
x2
1 2
s2f ∼
= s oder
x4 x
∼ 1
sf = 2 sx
x
3. Potenzfunktion
f (x) = xb
f ∼
= xb
!
df
= bxb−1
dx x=x
s2f ∼
= (bxb−1 )2 sx2 oder

sf ∼
=
b−1
bx sx
sf sx

= |b|
f x
4. Berechnen Sie sf selber für:
f (x) = sin x
f (x) = cos x
f (x) = ex
f (x) = 5x2 + k (k konstant)
f (x) = ax2 − bx (a, b konstant)
174 A Fehlerrechnung

Zwei oder mehrere unabhängige Grössen

Etwas schwieriger wird es, wenn die zu berechnende Grösse f von zwei mit Fehlern
behafteten Beobachtungsgrössen x und y abhängt: f = f (x, y). Die Formel von
Taylor lautet hier
fi ≡ f (xi , yi ) ∼
= f (x, y) + dfi (A.10)
für kleine dxi und dyi und mit
! !
∂f ∂f
dfi = dxi + dyi . (A.11)
∂x x,y
∂y x,y
 
Dabei steht der Ausdruck ∂f
∂x y,...,z
für eine partielle Ableitung der Funktion
f (x, y, ..., z) von mehreren Variablen nach der Variablen x. Darunter versteht
man eine herkömmliche Ableitung, bei der jedoch die anderen Variablen (hier
y, ..., z) als Konstanten betrachtet werden. Die Funktion f kann natürlich nach
jeder ihrer Variablen partiell abgeleitet werden.

Man sieht leicht, dass nun gilt


!2 !2
∂f ∂f
f∼
= f (x, y) und s2f ∼
= s2x + s2y (A.12)
∂x x,y
∂y x,y

Wäre sy = 0, so hätten wir den früher behandelten Fall der Abhängigkeit von
nur einer Variablen !2
∂f
s2f ∼
= s2 (A.13)
∂x x,y x
Für sx > 0, sy > 0 könnte man also auch schreiben:

s2f (x,y) = sf2 (x) + s2f (y) , (A.14)

wobei die Summanden für


!2 !2
∂f ∂f
s2f (x) = s2x und sf2 (y) = s2y (A.15)
∂x x,y
∂y x,y

stehen. Dies ist das Fehlerfortpflanzungsgesetz von Gauss für f (x, y). In Worten
ausgedrückt lautet es: Die von sx herrührenden Fehler sf (x) und die von sy her-
rührenden Fehler sf (y) werden quadratisch addiert.

Die Erweiterung auf eine mehrdimensionale Funktion lässt sich leicht erraten:

sf2 (x,y,z,...) = s2f (x) + s2f (y) + s2f (z) + ... (A.16)
A Fehlerrechnung 175

Anwendung auf ausgewählte Funktionen

1. Summe:

f = x+y
f ∼
= x+y
! !
∂f ∂f
= 1 =1
∂x ∂y
s2f = s2x + s2y quadratische Addition der absoluten Fehler

2. Aufgabe: f = x − y

3. Produkt:

f = x·y
f ∼
= x·y
! !
∂f ∂f
= y =x
∂x ∂y
s2f = y 2 · s2x + x2 · s2y oder
s2f s2x s2y
2 = + quadratische Addition der relativen Fehler
f x2 y 2

4. Aufgabe: f = x
y

5. Konkretes Beispiel: Wir wollen mit Hilfe eines mathematischen Pendels die
Erdbeschleunigung g bestimmen. Wie genau können wir das?

Wenn L die Länge des Pendels ist und T seine Schwingungsdauer, so gilt

L 1/2
!
T = 2π
g

und es folgt daraus


4π 2 L
g= .
T2
Wir messen also die Grössen L und T , die mit den Fehlern sL und sT
behaftet sind.

Bemerkung: Die Schätzwerte für L und T sowie ihre Fehler haben wir
zwar aus einer Mittelwertbildung erhalten, aber für die Fehlerfortpflanzung
spielt das keine Rolle. Wir schreiben deshalb L, T , sL und sT statt L, T ,
sL und sT .
176 A Fehlerrechnung


∂g 4π 2
sg(L) = s = sL

∂L L T2


∂g −8π 2 L
sg(T ) =
s

=
s

∂T T T3 T

s2g = s2g(L) + s2g(T )

Aufgabe: Wie schreibt man das Resultat für g für T = (2.0 ± 0.02) s und
L = (99.8 ± 0.3) cm?

6. In Abschnitt A wird als Fehler des Mittelwerts sx = √sxN angegeben. Beweise


dies mit Hilfe des Fehlerfortpflanzungsgesetzes von Gauss.

Bemerkungen zum Fehlerfortpflanzungsgesetz von Gauss

• Die Streuung des Endresultats ist kleiner als die Summe der Streuungen
der einzelnen Messgrössen (quadratische Addition): sf < sf (x) + sf (y) .

• Die partielle Ableitung gibt das Gewicht an, das die Streuung einer einzel-
nen Messgrösse im Endresultat hat.

• Ohne auf den Geltungsbereich weiter einzugehen, wollen wir annehmen,


dass das Gauss’sche Fehlerfortpflanzungsgesetz bei statistischen Fehlern im-
mer angewendet werden darf, sofern die betrachteten Grössen nicht vonein-
ander abhängig sind.

• Oft wirkt sich die Streuung einer Beobachtungsgrösse viel stärker auf das
Endresultat aus als die Streuung der übrigen Grössen, so dass diese ver-
nachlässigt werden können. Eine grobe Abschätzung erspart oft mühsames
Rechnen.

Systematische Fehler
Systematische Fehler der Beobachtungsgrösse
Ursachen systematischer Fehler: Beispiele

1. Kleine Einflüsse, die oft nur schwer zu erfassen sind, werden vernachlässigt:

• Luftreibung
• Widerstand elektrischer Leitungen
• Reibungskräfte in Lagern
A Fehlerrechnung 177

2. Benutzung von Nährungsformeln zwecks einfacherer Rechnung:

• Abbrechen lassen von Reihen nach wenigen Gliedern: z.B. β statt sin β
für kleine Winkel
• Anwenden von linearen und beschränkt gültigen Gesetzen an Stelle
von allgemeineren, komplizierteren Gesetzen

3. Fehler an Messgeräten:

• zu langes oder zu kurzes Metermass


• Strom wird über schlecht geeichten Widerstand gemessen
• krummer Zeiger am Messinstrument
• Verschiebung des Nullpunkts (mechanisch oder elektrisch)

4. Grobfahrlässige Fehler:

• Verwechslung von Einheiten


• Einstellen eines falschen Messbereichs
• Nullpunkt nicht kontrolliert
• Vergessen von Kommas, Punkten, Exponenten

Verhinderung und Abschätzung systematischer Fehler

1. Solche Fehler sind grundsätzlich nie ganz zu vermeiden. Man sollte aber im-
mer versuchen, die Grössenordnung eines störenden Einflusses abzuschät-
zen. Was immer möglich ist und stets gemacht werden muss: Im Versuchs-
bericht auf mögliche Fehlerquellen hinweisen.

2. Zuverlässigkeit und Näherung überprüfen; im Bericht darauf hinweisen,


dass es sich um eine Näherung handelt.

3. Durch sorgfältiges Kalibrieren können solche Fehler meist stark reduziert


werden. Vorraussetzung ist, dass man sie bemerkt. Oft hilft ein Vergleich
mit Messungen von Zweitgeräten.

4. Besteht der Verdacht auf ein Missgeschick dieser Art, hilft nur eines: Über-
prüfen und eventuelles Wiederholen der Messung.
178 A Fehlerrechnung

Fortpflanzung systematischer Fehler


Die Vorraussetzungen für die Anwendung des Gauss’schen Fehlerfortpflanzungs-
gesetzes sind bei systematischen Fehlern im Allgemeinen nicht erfüllt.

Es gibt keine allgemin gültige Regel, wie sich systematische Fehler fortpflanzen.

Ein Fall, wo ein systematischer Fehler wie ein statistischer Fehler quadratisch
zu den übrigen Fehlern addiert werden kann, ist der Eichfehler eines Voltmeters
(z.B. 1%), wenn man ihn als Standardabweichung der Messungen auffasst, die
man mit vielen Geräten desselben Typs ausführen könnte. Man schaut also das
Voltmeter als Stichprobe mit N = 1 an, wobei sx bekannt ist.

Es ist ein wesentliches Ziel des Praktikums, die Suche nach systematischen Feh-
lern und den Umgang mit ihnen zu üben.

Formelsammlung
Direkte Beobachtung
Arithmetischer Mittelwert

Bei gleichem Gewicht:


N
1 X
x= xi (A.17)
N i=1
Bei verschiedenen Gewichten gi :
PN
gi xi
x = Pi=1
N (A.18)
i=1 gi

Streuungen

Streuung der Einzelmessungen (Standardabweichung):


v
uN
1
(A.19)
uX
sx = √ t (x
i − x)2
N −1 i=1

Streuung der Mittelwerte:


v
uN
1
(A.20)
uX
sx = q t (x
i − x)2
N (N − 1) i=1
A Fehlerrechnung 179

Relative Streuung der Mittelwerte:


sx sx
rx = ≡ · 100% (A.21)
x x

Indirekte Beobachtung: Fehler zusammengesetzter Grössen


Zwischen einer Messgrösse x und ihrem geschätzten Wert (z.B. x) wird im Fol-
genden nicht unterschieden.

Streuung sf von f (x, y, ...) (allgemein)

Fehlerfortpflanzungsgesetz von Gauss:


v
u !2 !2
q u ∂f ∂f
sf = s2f (x) + s2f (y) + ... ≡ t
s2x + s2y + ... (A.22)
∂x ∂y

Spezialfälle

Summe und Differenz (f = x + y und f = x − y):


s2f = s2x + s2y (A.23)

Produkt und Quotient (f = x · y und f = xy ):


!2 2 !2
sf sx sy

= + (A.24)
f x y

Potenz (f = xa ):
sf sx
= |a| (A.25)
f x

Lineare Regression
Auch wenn zwischen zwei Grössen eine lineare Beziehung besteht (y = ax+b), lie-
gen die Messwerte P (x, y) im Allgemeinen nicht auf der Geraden. Infolge Messfeh-
ler werden die beobachteten Werte um den wahren Wert streuen. Deshalb muss
man ein Verfahren entwickeln, um aus vorgegebenen Werten x und den dazuge-
hörigen mit Messfehlern behafteten y(x) den genauen Zusammenhang ŷ = ax + b
rekonstruieren zu können. Oder anders gesagt, man muss die Gerade bestimmen,
die am besten durch die gemessenen P (x, y) gelegt werden kann.
Man setzt eine Gerade mit den Parametern a und b an und berechnet jeweils für
alle x die Differenz r von gemessenem y und dem aus ŷ = ax + b gerechneten.
Diese Differenz wird herangezogen um die Güte der Anpassung der Geraden zu
bestimmen.
180 A Fehlerrechnung

y
P(x
i i , y)
i
ri = yi - y^i
^ , y)
P(x ^
i i i

Abbildung A.2: Regressionsgerade

Schätzung der Geradenparameter

Man nimmt als Mass für die Güte der Anpassung die Summe
N N N
ri2 = (yi − ŷi )2 = (yi − axi − b)2 (A.26)
X X X
Q=
i=1 i=1 i=1

und bestimmt a und b so, dass Q möglichst klein wird. Dies wird als Methode
der kleinsten Quadrate bezeichnet. Die Herleitung der nachfolgend aufgeführten
Formeln zum Bestimmen dieses Minimums können in der angegebenen Literatur
nachgelesen werden.

Die Regressionsgerade ist gegeben durch:


N
sxy 1 X
ŷ = (x − x) + y mit sxy = (xi − x)(yi − y)
s2x N − 1 i=1
N
1 X
s2x = (xi − x)2 (A.27)
N − 1 i=1

Die Parameter a und b sind gegeben durch:


sxy
a= und b = y − ax (A.28)
s2x

Beurteilung der Anpassungsgüte


 2
s2xy
Das Bestimmtheitsmass c = sx sy
(Quadrat des Korrelationskoeffizienten) gibt
an, wie gut die Punkte auf einer Geraden liegen. Dabei steht c = 1 für eine
perfekte Gerade und c = 0 bedeutet, dass zwischen den Messwerten und der
Geraden keinerlei Korrelation besteht.
A Fehlerrechnung 181

Literatur
Einführende Bücher Bibliothek
Frauenfelder/Huber Physik I, Basel, 1967. ODD 137
Gränicher, W.H. Messung beendet - was nun?, KSD 201
Stuttgart, 1994.
Leaver/Thomas Versuchsauswertung, PDA 136
Braunschweig, 1977. KVZ 150
Linder/Berchtold Elementare statistische Methoden, KAE 167
Basel, 1979.
Squires, G.L. Messergebnisse und ihre Auswertung, PDA 134
Berlin, 1971.
Walcher, W. Praktikum der Physik, PDA 133
Stuttgart, 1966.

Weiterführende Werke
Kreyszig, E. Statistische Methoden und ihre KAE 201
Anwendungen, Göttingen, 1968.
Bevington, P.R. Data Reduction and Error Analysis for KSD 139
the Physical Science, New York, 1969. KSD 140

Skripte, die die Fehlerrechnung weiterführen


Schmid, J. Würfelversuch.
von Steiger, R. Statistische Verteilungen.
Kopp/Meier/Moor Radioaktivitätsversuch.
182 A Fehlerrechnung
B Beispiel zur Fehlerrechnung

Vorbemerkungen
Achtung: in diesem Beispiel werden wir jeweils die Maximalfehler ermitteln und nicht
die häufiger verwendeten Standardfehler. Der Grund ist einfach eine bessere Lesbarkeit
des Beispiels.
Um dem Beispiel folgen zu können, sollten Sie das Kapitel zur Fehlerrechnung ab Seite
15 kennen und ggf. als Referenz heranziehen. Insbesondere die “Kochbuchregeln” auf
Seite 27 und die beiden Tabellen auf/ab Seite 29 sollten Sie zur Hand haben.

Beispiel
Die folgende Formel taucht bei einer Bestimmung des Trägheitsmoments mit einem ganz
ähnlichen Aufbau wie dem in diesem Praktikum verwendeten Drehpendel auf. Für die an
diesem Beispiel durchgeführte Fehlerrechnung ist es nicht wichtig, den Ursprung dieser
Formel zu verstehen. Sie dient einfach nur als Beispiel für eine etwas komplexere Formel
mit Produkten/Divisionen sowie Summen/Differenzen. Wie im Kapitel zur Fehlerrech-
nung beschrieben, muss in solchen Fällen der Fehler quasi von “Innen” nach “Aussen”
berechnet werden, und dabei kommt es bei jedem Wechsel von “Punktrechnung” zu
“Strichrechnung” dazu, dass relative in absolute Fehler bzw. umgekehrt umgewandelt
werden müssen. Der im Folgenden eingeschlagene Weg und die eingeführte Nomenla-
tur ist für dieses Beispiel zweckmässig und sollte nicht als allgemeingültige Vorschrift
verstanden werden.
Wir möchten den Fehler in JT ermitteln:

TT2 2π 2 mR2 mR2


JT =  = (B.1)
4π 2 T 2 − TT2
  
T2
2 TT2
−1

Der Ausdruck hinter dem ersten Gleichheitszeichen eignet sich besser für diese Beispiel.
Deswegen sehen wir uns diesen Teil an:

183
184 B Beispiel zur Fehlerrechnung

TT2 2π 2 mR2
JT = (B.2)
4π 2 T 2 − TT2


Für den (Absolut-)fehler von JT gilt:

∆JT = J · JT , (B.3)

wobei J der Relativfehler in J ist.

∆JT
J = (B.4)
JT
Mit der Kochbuchregel 2 (siehe Kochbuchregeln auf Seite 27) für Produkte gilt dann

J = Zaehler + N enner , (B.5)

denn die relativen Fehler von Produkten addieren sich.


Für den Zähler ist der relative Fehler noch recht einfach zu ermitteln, wenn man x2 als
x · x schreibt:

Zaehler = 2 · TT + m + 2 · R , (B.6)

Im Nenner steht eine Addition. Hier addieren sich nach der Kochbuchregel 1 die abso-
luten Fehler:

∆N enner
N enner = (B.7)
N enner
   
∆N enner = ∆ T 2 + ∆ TT2 (B.8)

∆ T 2 + ∆ TT2
 
N enner = (B.9)
4π 2 T 2 − TT2


Nun gilt
 
∆ T 2 = 2 · T · T 2 (B.10)

mit

∆T
T = (B.11)
T
und analog
 
∆ TT2 = 2 · TT · TT2 (B.12)

mit
B Beispiel zur Fehlerrechnung 185

∆TT
TT = (B.13)
TT
Damit wird der relative Fehler des Nenners N enner zu

∆T ∆TT
2· T · T2 + 2 · TT · TT2
N enner = (B.14)
TT2

4π 2 T 2 −
was sich vereinfachen lässt zu zu

2 · (∆T · T + ∆TT · TT )
N enner = (B.15)
4π 2 T 2 − TT2


Nun sind alle benötigten Fehler beisammen. Wir müssen nur noch die beiden relativen
Fehler von Nenner und Zähler addieren.
Wir rekapitulieren noch einmal, wie wir zu dieser Lösung gekommen sind: wir haben nur
zwei oder drei einfache Formeln (Faustregeln) aus dem Anhang des Praktikumsskripts
verwendet, und danach unsere Ausgangsformel schrittweise in kleine Elemente zerlegt,
deren Fehler wir jeweils mit diesen einfachen Formeln berechnen können. Am Ende
fügen wir alles wieder zusammen.
Diese Vorgehensweise ist manchmal etwas mühsam, aber führt mit einfachsten Rechen-
regeln zum Ergebnis.
186 B Beispiel zur Fehlerrechnung
C Testate und Noten
Name:

Versuch Unterschrift Assistent Note Note Note


Praxis Report gesamt
1 Trägheitsmoment
2 Erzw. Schwingungen
3 Beugung and Atomspektren
4 Leitercharakteristiken
5 Wechselstrom / / / /
6 Radioaktivität
7 Dichte von Gasen
8 Bestimmung von cp /cV
9 Hydrodynamik

Schlusstestat

Die Vorbereitung und Versuchsdurchführung wird separat vom Report benotet; die Gesamt-
note für den Versuch ergibt sich zu einem Drittel aus der Praxis-Note und zwei Drittel aus
der Note für den Report. Für eine erfolgreichen Abschluss des Praktikums müssen alle 8
Versuche absolviert werden. Dabei darf höchstens ein Versuch schlechter sein als 3.0, und
die Durchschnittsnote muss mindestens 4.0 sein.

187

Das könnte Ihnen auch gefallen