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Auswirkungen Präzessionssprünge

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Die Erfindung des Landes Israel

Berlin · 2013 Uwe Topper

Shlomo Sand (2012): Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (a.d. Hebr.
durch Markus Lemke; Ullstein, Berlin)
Buchbesprechung

Shlomo Sands vielbeachtetes Buch über die „Erfindung des jüdischen Volkes“ (dessen
Titel Hebräisch lautete: „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“) erschien
2010 auf Deutsch und war aufregend, aufklärend und umstürzend, ja skandalumschrien.
Das neue Buch des Professors für Geschichte an der Universität von Tel Aviv (geboren
1949 in Linz), wendet sich dem geografischen Aspekt desselben Problems zu, es baut auf
das vorige Buch auf und führt es folgerichtig fort. Es wirkt auf den Leser weniger
überraschend, ist dennoch aus wissenschaftlichen und publizistischen Gründen nötig.
„Kein Gott ohne Land“, hatte Sand festgestellt, ganz im Sinne antiker Religiosität, darum
folgt man ihm willig auch auf dem zweiten Pfad: Wenn dieser Gott und sein auserlesenes
Volk erfunden sind, dann deren Land ebenso. Diese Erkenntnis hat allerdings eine noch
stärkere politische Dimension als schon die erste, denn Kriege werden mit der
Begründung von Landesverteidigung und neuen Grenzziehungen geführt, besonders der
heutige im Nahen Orient.
Meine Buchbesprechung läßt den politischen Impakt des Buches weitgehend aus, sie
konzentriert sich auf den geschichtswissenschaftlichen Gehalt, der für unser Thema
„Chronologiekritik“ ergiebig genug ist, um eine Lektüre zu rechtfertigen. Eine derartige
Beschränkung ist möglich, weil der Autor selbst seinen „Essay“ im historiographischen
Sinne verstanden wissen will, wenngleich er sich seiner Wirkung auf die politische
Debatte voll bewußt ist und diese in Interviews auch nicht scheut. Bezüge zur
Tagespolitik kommen zwar vor, sind aber nicht vorherrschender Inhalt des Buches, sind
nur Anlaß für die brennende Notwendigkeit dieser Forschung. Im Grunde geht es wie im
ersten Buch um die Erkenntnis, daß der heutige Zustand von Volk und Land Israel mit
Hilfe „geschichtlicher“ Begründung Wirklichkeit angenommen hat. Die Vorgehensweise
ist also dieselbe wie im ersten Buch, es ist eine Fortsetzung des Themas mit verbesserter
Materialkenntnis, und das sagt Sand auch ausdrücklich (S. 24):
„Und ich begann zu verstehen, dass meine bisherige Arbeit in mehrfacher Hinsicht
unausgewogen war. Die vorliegende Studie ist daher nicht zuletzt dazu bestimmt, eine
bescheidene Ergänzung zu liefern, die versucht, manche Aspekte genauer zu fassen und
Fehlendes hinzuzufügen.“ Die Auswertung von „historischem und historiographischem
Material“ ist seine bevorzugte Arbeitsweise. Da beide Bücher im Titel das Wort
„Erfindung“ führen, können wir schon vom Ansatz her eine enge Beziehung zu unserer
Arbeit annehmen und werden im Laufe der Lektüre nicht enttäuscht. Die
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Schlußerkenntnis lautet: Es gibt kein Erez Israel, „Erde Israel“, das unabhängig von den
ideellen Vorgaben existiert hätte. Erstaunlicherweise ist nicht die Bibel die Grundquelle
für den Begriff des Landes Israel. Das müssen wir dem Autor abnehmen, denn wer
würde die Bibel so gut kennen wie einer, der nach Jiddisch als nächste Sprache
Hebräisch beherrscht. Sand sagt zwar selbst, daß er kein Experte für jüdische Geschichte
ist. Das liegt jedoch daran, daß in Israel schulisch unterschieden wird zwischen jüdischer
Geschichte und restlicher Geschichtswissenschaft. Seine Domaine ist der zweite Bereich.
Vermutlich erlaubt ihm das einen größeren Überblick auch über die jüdische Geschichte.
Dabei ist sein laizistischer Standpunkt von großem Vorteil. Seine Erkenntnis lautet: Die
Bibel wird heute als Geschichtsbuch, ja als Gründungsbuch des Staates Israel benützt,
während sie ursprünglich eine Schrift des Glaubens war.

Zeitsprung von 1800 Jahren

Natürlich wundert sich der deutsche Leser, wenn der Begriff „Bibel“ auf das Alte
Testament beschränkt bleibt, hier könnte man dem Übersetzer einen Vorwurf machen.
In anderer Hinsicht bezieht Sand die christliche Geschichtsschreibung mit ein und
rechnet auch mit christlichen Datierungen. So entgeht ihm nicht, daß zwischen
gebräuchlichen Jahreszahlen und vernünftiger Einschätzung derselben große Lücken
klaffen. Einmal entdeckt er einen Zeitsprung von 1800 Jahren (S. 29): „Als ich während
meines Studiums die chronologische Einteilung der Menschheitsgeschichte seit der
Erfindung der Schrift kennenlernte, kam mir die ‚jüdische Heimkehr‘ nach mehr als 1800
Jahren wie ein absurder Zeitsprung ohne jede chronologisch-rationale
Verhältnismäßigkeit vor. Für mich unterschied sie sich grundsätzlich nicht vom Mythos
der Besiedlung durch Christen – der puritanischen in Nordamerika und der Buren in
Südafrika –, die das von ihnen besetzte Land als das biblische, den wahren Kindern
Israels von Gott verheißene Kanaan ansahen. Ich kam zu dem Schluß, dass die ‚jüdische
Heimkehr‘ vor allem eine wirkungsvolle Erfindung gewesen war, die ein neues
Kolonisationswerk rechtfertigen sollte ...“ In diesen wenigen Sätzen kommt der Geist, der
Sand beflügelt, bestens zum Ausdruck. Mit ein paar Federzügen durch einige befugte
Personen werden Mythen geschaffen, die dann geschichtliche Wirklichkeit annehmen
und zu verhängnisvollen Taten in unserer Zeit führen. Wie unsinnig sie sind, wird am
schärfsten durch den irrationalen chronologischen Rahmen deutlich.
In diesem Fall des Mythos von der Heimkehr des auserwählten Volkes macht Sand
Herkunft und Verwendungsweise ausfindig: Es waren „christlich-protestantische“ Denker,
„denen sogar die Urheberschaft dieser Idee zukommt“ (S. 29). „Die Mär von der
massenhaften Vertreibung (der Juden) durch die Römer“ ist christlicher Natur und wird
Jesus als Prophezeiung von der (zweiten) Vertreibung der Juden in den Mund gelegt
(Anm. 13 mit zwei Zitaten nach Lukas 21).
Der Kreis schließt sich und wird sehr eng: Die tatsächlich wirksamen Mechanismen wie
‚zweite Zerstörung des Tempels, Vertreibung und Hoffnung auf Rückkehr nach
Jerusalem‘ sind junge Mythen aus christlichem Schatz, die von der offiziellen Lehre in
Israel zwecks Bildung einer Nation (Anm. 11) und Führung von Kriegen verwendet
werden. Mag uns diese Ausdrucksweise überraschen, inhaltlich fügt sie sich in die neuen
Erkenntnisse von der späten Herstellung der Bibel und der antiken Literatur.
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Wie absurd die biblischen Erfindungen und ihre gezielte heutige Benützung sind, geht
aus einigen scharfen Sätzen Sands hervor (S. 39): „Zuweilen jedoch kann die Geschichte
recht ironische Züge annehmen, insbesondere auf dem Feld der Erfindung von
Traditionen oder sprachlicher Überlieferungen. Wenige nur machen sich klar oder sind
bereit zuzugeben, dass das Erez Israel der Bibel nicht Jerusalem, Hebron, Bethlehem und
deren Umgebung umfasste, sondern nur Samaria und einige angrenzende Landstriche...“
Mit Erfindungen dieser Art leben und fallen heutige Staaten. Sand benützt dafür einen
zeitnahen Vergleich aus der Computer-Welt: Während das staatliche Territorium die
nötige Hardware ist, erscheint die erfundene Vergangenheit als die Software, das
Programm (S. 48): „Denn so wie das nationale Projekt sich ohne Staatlichkeit und ohne
erfundene Vergangenheit nicht verwirklichen kann, so ist es auch auf die geographisch-
materielle Phantasie von einem eigenen Territorium angewiesen, das ihm als
Ansatzpunkt und leidenschaftlich verfolgtes Ziel dient.“
Dazu gehört selbstverständlich eine eigene Sprache, die das zu bildende Volk einigt und
von allen anderen abgrenzt. Das moderne Hebräisch ist eine Schöpfung zionistischer
Gelehrter, „deren Muttersprache in aller Regel Russisch (und/oder Jiddisch) war“ (S. 49).
Dieser Vorgang wiederholt den von uns mehrfach beschriebenen der Neuschöpfung
klassischer Sprachen wie Arabisch oder Latein. An den Schlüsselwörtern Heimat und
Vaterland macht Sand die vertrackten Wege der Entstehung von politisch verwertbaren
Inhalten anschaulich.
Früher oder später muß dann das Wort Geopolitik fallen, an einer Stelle (S. 54) geht Sand
direkt auf das für uns noch heikle Thema ein. „Diese Disziplin, die auch in
Großbritannien, in den USA und schon früher in Skandinavien Anhänger fand ...“ begann
mit Ratzel (1897) und Kjellén (1899) und wird heute im angelsächsischen Sprachbereich
wieder aufbereitet. Sand scheint sie nur durch D. Th. Murphy (1997) zu kennen, das Zitat
nach Ratzel hätte man vom Quelltext her übersetzen sollen, statt auf dem Umweg über
das Hebräische, das auf eine englische Übersetzung zurückgreift. Sand fügt aber an, daß
Ratzel diesen problematischen Satz nicht mit machtpolitischem sondern kulturellem
Wirken verband, weshalb er nicht zum israelischen Konzept paßt, denn dieses ist ja
gerade nicht auf Glaubensausbreitung bedacht.

Begriffe wie Israel und Heiliges Land sind nicht deckungsgleich

Fraglich scheint mir, was Sand als „offensichtlich“ ansieht (S. 56): „Ein Anthropologe mit
breiter historischer Bildung sollte außerdem nicht außer Acht lassen, daß es der
menschlichen Rasse, die ihren Weg offensichtlich auf dem afrikanischen Kontinent
begann...“ – nanu? Später werden sich solche Sätze als Produkte ihrer Zeit erweisen, die
man nachsichtig überliest („daß es anders war, konnte der Autor noch nicht wissen“).
Dieselbe Rüge gilt dem nächsten Satz von den flinken Füßen und der Eroberungslust der
Frühmenschen, wobei die längst veraltete These wiederholt wird, daß in der
Vorgeschichte zuerst Nomaden und dann Seßhafte sich breitmachten. Seit längerem
wird akademischerseits erkannt, daß Seßhaftigkeit der ursprüngliche Zustand war,
Nomadisieren eine Notlösung bei veränderten Umweltbedingungen.
Korrigieren möchte ich auch gleich noch Anmerkung 48 zu S. 57: Aschera und speziell
Astarte ist eine Sterngöttin, meist Venus, keinesfalls die Erde.
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Jedenfalls hängen Erde oder Land und Staat innig zusammen, sie bedingen sich
gegenseitig, und das ist bei einem nur ideell oder religiös vorgebildeten Begriff wie Israel
und Heiliges Land nicht deckungsgleich. „Neben dem Geschichtsunterricht, der die
Vergangenheit des nationalen Gebildes ersann, waren es, wie erwähnt, die
Geographiestunden, die das territoriale Gebilde erschufen und Form annehmen ließen.
So wurde die Nation zugleich in zeitlicher wie in räumlicher Dimension geformt.“ (S. 79)
Das Erstaunliche an der Rückschau auf die Entstehung des modernen Staates Israel ist
für mich Sands Diktum: „Die zionistischen Vordenker waren allesamt, wenn auch in
unterschiedlicher Ausprägung, Freidenker, Theologie interessierte sie nicht.“ Die Bibel,
eine Sammlung theologischer Texte, wurde von ihnen umgestaltet zum Nationalepos. (S.
92)
Mit der köstlichen Ironie, die wir von dem Autor schon aus seinem ersten Band kennen,
bringt er in kurzen Sätzen die Absurditäten der mosaischen Geschichte des
auserwählten Volkes, wobei mit Leichtigkeit Sprünge über 400 Jahre genommen werden,
„eine Zeitspanne, die länger ist als die zwischen der puritanischen Revolution in England
und der Erfindung der Atombombe.“ Indem Sand die biblischen Märchen verulkt,
erleichtert er dem Leser den zuweilen etwas schleppenden Gang durch die Jahrhunderte,
den er mit seiner Arbeit nicht vermeiden kann. Wie modern Bruno Bauer oder Arthur
Drews in diesem Gewand auftreten können, gehört zu den Fähigkeiten des Autors. Dazu
paßt auch die Umdeutung des peinlichen Massenmordes von Josua, die mit Rückgriff auf
archäologische Erkenntnisse als pure Erfindung durchschaut wird (S. 100).
An dieser Stelle nähert sich Sand der „Kardinalfrage: Warum präsentiert die biblische
Erzählung die ersten Monotheisten als Einwanderer, als Eroberer, als vollkommen
Fremde in dem Land?“ (S. 101) Denn es scheint, daß das Exil eine Grunderfahrung der
Bibelschreiber war (S. 102), und daß Monotheismus von ihnen erfunden sei, Auslöser
des „jüdisch-christlich-muslimischen Eroberungszuges, der am Ende eines langen
Prozesses einen Großteil des Erdballs eingenommen haben würde.“ (S. 104) Hier wirkt
das Ergebnis rückwärts auf unser Verständnis der Entstehung, in der Tat Kardinalthema
des Buches.
Als Anreger kommt auch Platon zu Wort: In den „Gesetzen“ (Nomoi V, 745 B-E) werden
die zwölf Stämme vorgebildet, die in der jüdischen Tradition der Landnahme eine so
große Rolle spielen. Wenn man die Ursprünge der Grundannahmen so leicht aufspüren
könnte wie diesen, wäre die Enträtselung des Mysteriums der Geschichtsbildung leicht.
Erfindung, Prägung durch Erziehung, das bleibt von diesem Versuch übrig. „Doch die
jüdischen Gläubigen, vor allem in Ost- und Mitteleuropa, wollten Mitte des 19.
Jahrhunderts überhaupt nicht in ihr heiliges Land auswandern, um dieses nicht zu
entweihen. Und jene, die im Westen lebten, waren bereits zu verweltlicht, um noch in
eine nationale, pseudoreligiöse Falle zu tappen.“ (S. 311)
Am Ende möchte man Sand den nicht weniger angefeindeten jüdischen Schriftsteller
Arthur Koestler an die Seite stellen („Der Mensch - Irrläufer der Evolution“, 1981, S. 25),
der kategorisch erklärt: „Kriege werden nicht um Territorien geführt sondern um Worte.“
Denn Territorium ist für Koestler der tatsächliche Besitz des Kriegers, sein Haus und
Acker und Fluß. Alles andere ist ideell, von Worten geprägt, ein Sinnbild, eine Idee. Das
hat Shlomo Sand mit seinem neuen Buch bis in Einzelheiten nachgewiesen, wobei

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selbstverständlich nicht alle angeführten ‚Beweissätze‘ diskussionslos hingenommen
werden können.
Dennoch läßt sich pauschal sagen: Sands Forschungsergebnisse haben
allgemeingültigen Charakter hinsichtlich ihrer Kritik an der Geschichtsschreibung und
dem Mißbrauch, der politischerseits damit getrieben wird. Sie bilden ein Muster, das für
alle weiteren kritischen Arbeiten angewendet werden sollte. Daß dieses Muster gerade
am Beispiel Israel aufgezeigt worden ist, gehört zur Tragik der Zeitumstände, es mindert
den Wert der historischen Erkenntnis nicht. Denn die Forderung Sands lautet, daß Israel
seine Außenseiterrolle – in der heutigen Zeit ungewöhnlich und unglaubwürdig –
aufgebe und sich wie ein Staat unter gleichberechtigten Staaten verhalte, also keine
Ethnokratie mehr ausübe, in der Juden einen Sonderstatus innehaben, sondern eine
Demokratie, in der alle Staatsbürger gleiches Recht beanspruchen dürfen.
Dabei wird das Existenzrecht Israels nicht in Frage gestellt, diskutiert wird nur dessen
Staatsform.

Uwe Topper 4. 2. 2013

Die Besprechung des ersten Bandes von Shlomo Sand hier

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