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Ein kritischer Denker und glänzender Organisator ist nicht mehr:

Dr. Eugen Gabowitsch †


(30.8.1938 - 21.1.2009)
Geboren 1938 in Dorpat in Est- auffindbar, was vor allem auf seine
land, und daher mit drei Sprachen Initiative zurückgeht, nicht immer
gesegnet: Estnisch, Russisch und zur Freude seiner Mitarbeiter, die
Deutsch, hat er in diesen drei Län- zuweilen eher bescheiden vor sich
dern sowie in Englisch publiziert. hinarbeiten wollten oder zumindest
Seine Ausbildung in angewandter abwarten wollten, bis eine etwas aus-
Mathematik schloss er 1969 in Sankt gereiftere Form zur Veröffentlichung
Petersburg mit dem Doktortitel fertig war. Denn das war eine seiner
ab und spezialisierte sich auch auf Eigenschaften: vorpreschend das
technische Anlagen und Umwelt- Neueste aus dem Forschungslabor
forschung. Mehr als zwanzig Jahre in die Welt posaunen, Diskussionen
arbeitete er im Forschungszentrum in auslösen und Gewohnheiten aufbre-
Karlsruhe. Nach seiner Pensionierung chen, ja Schockieren.
zog er nach Potsdam, wo er einige an- Seine beiden neuen geschichts-
genehme Jahre in höchster Forscher- kritischen Bücher in Russisch waren
aktivität lebte, bevor ihn ein schweres sofort ein großer Erfolg, was nicht
Krebsleiden nun auslöschte. häufig Anlass zu unpassenden Streitig- nur der Neuigkeit seiner Ideen zu-
Zur deutschen Chronologiekri- keiten bot, weshalb er sich später ent- zuschreiben ist, sondern auch dem
tik stieß er erst vor etwa zehn Jahren, schloss, das Forum aufzuteilen in eins für humorvollen Stil, der vor allem im
war dann aber sofort eifrig bei der Einsteiger und Gegner und ein zweites Russischen seine Schriften kenn-
Sache und setzte viele neue Marken, für die altbewährten Mitarbeiter. zeichnet und ein Lesevergnügen
die ihn als Pionier dieser recht jun- Dank seiner Kenntnis der russischen bereitet.
gen Forschungsrichtung erweisen. Sprache stand er in regem Kontakt mit Die außergewöhnliche Wodka-
Dabei erschloss er immer neue The- den russischen Geschichtsrevisionisten flaschen-Sammlung von Gabowitsch
men, lernte sogar Chinesisch und und stellte deren Werke in Vorträgen in steht im Guinness-Rekordbuch als
reiste nach China, um die dortige Deutschland vor, besonders die Bücher die größte Wodkasammlung der
Historiografie in die geschichtsa- des russischen Klassikers der Chronolo- Welt. Er sammelte seit 1986 nicht nur
nalytische Arbeit einzubeziehen. giekritik, Nikolaj Morosow. Gabowitsch Flaschen sondern auch Literatur zum
Eine seiner Veröffentlichungen in versuchte, eine engere Kooperation zwi- Thema und schrieb auch über Wod-
Efodon-Synesis trug den provozie- schen den deutschen und russischen ka, aber getrunken hat er die Flaschen
renden Titel: „Wurde die Chine- Kritikern der Chronologie zu initiieren, nicht: Sie sind noch alle voll! Denn,
sische Mauer im 20. Jh. erbaut?“ vor allem mit den Mathematikern Prof. wie er zu sagen pflegte: Echte Männer
Wollte ich alle Schriften, Auf- Dr. Anatolij Fomenko, Dr. Gleb Nos- trinken Wodka ... in Maßen.
sätze, Bücher, Abhandlungen usw. sovskij, Prof. Dr. Vladimir Kalashnikov, Seine letzte große Leistung war
von Eugen Gabowitsch aufzählen, Prof. Dr. Alexander Guts u.a. die von ihm initiierte und geleitete
ergäbe das ein Buch für sich! Auch an der amerikanischen In- vierte Internationale Tagung zur
Als ausgesprochen humorvoller ternetz-Seite von Igor Shumakh hat er Geschichtskritik, die im Septem-
und gastfreier Mensch, dazu maß- mitgearbeitet. ber vergangenen Jahres in Potsdam
los arbeitsam, scharte er zahlreiche Unvergesslich ist mir die Reise mit stattfand. Höhepunkt inmitten der
Freunde und Zuhörer um sich und Eugen Gabowitsch und Christoph zahlreichen Beiträge in Deutsch,
gründete 1999 den Karlsruher Ge- Marx nach London zu einem Treffen Russisch und Englisch war die Ein-
schichtssalon (in Anlehnung an der ISIS-Gruppe am 7. Nov. 1998, wo weihung seiner „Kulturscheune“
den ersten Geschichtssalon in Ber- wir erstmals persönlich Gelegenheit anlässlich seines 70. Geburtstags.
lin), der monatlich tagte und un- hatten, die deutsche Szene zu vertreten Damals hatte er schon eine schwere
gewöhnlich vielseitige Themen zur und unsere eigenen Forschungsergeb- Operation hinter sich und hoffte auf
Diskussion gestellt hat. Nach seiner nisse vorzutragen. weitere Gesundung, was sich später
Pensionierung und dem Umzug Als Ersatz für den inzwischen einge- jedoch als unmöglich erwies. Nach
nach Potsdam 2002 gründete er schlafenen ersten Berliner Geschichts- mehrmonatigem Leiden entschlief
hier zusammen mit Uwe Topper den salon riefen wir 2006 den Neuen Ge- er in seinem Haus im Kreis seiner
Geschichtssalon Potsdam, wo die schichtssalon zu Berlin ins Leben, der Familie am 21. Januar 2009.
neuen Thesen in monatlichen Tref- (außer im Sommer) ebenfalls monatlich Dr. Eugen Gabowitsch war Mit-
fen lebendig vorgestellt wurden. tagte, allerdings nur geringe Beteiligung glied des EFODON e.V. und hat
Seit dem Jahr 2000 gab Gabo- verzeichnete. „Synesis“ mit zahlreichen Beiträgen
witsch eine elektronische Zeitschrift Viele unserer gemeinsamen Arbeits- bereichert. Wir werden ihn in eh-
im Internet heraus, deren Diskus- gebiete sind heute schon Geschichte rendem Gedenken bewahren.
sions-Forum viel besucht wird und und in zahlreichen Internetz-Rubriken (Uwe Topper)

46 SYNESIS-Magazin Nr. 2/2009