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Auswirkungen Präzessionssprünge

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Hardouins Zweifel zu Dante

Berlin Dez. 2011 Uwe Topper

Hardouins Zweifel an der Zeitstellung der Göttlichen Komödie von Dante

Die Schriften des Erzkritikers der Chronologie, Jean Hardouin, sind heute nur noch
schwer zugänglich, vor allem seine zerstreuten kurzen Abhandlungen. Hardouin hat sich
auch sehr präzise über die Zeitstellung von Dantes Göttlicher Komödie geäußert, doch
ist dieser Aufsatz nur in einer längst verschollenen Zeitschrift 1727 erschienen. Zum
Glück gibt es eine englische Ausgabe (London 1847), noch dazu mit Anmerkungen des
Herausgebers, die es uns ermöglicht, Einblick in diese Gedanken Hardouins zu gewinnen.
Bei Abfassung meiner Artikel über Dantes Zeitstellung (klick hier: Dante) kannte ich
diesen Traktat noch nicht. Er unterstützt meine Überlegungen nur teilweise, dennoch
möchte ich ihn zitieren.
Diese Schrift verwendet freizügig, wie damals üblich, verschiedene Sprachen, hier
Französisch, Toskanisch und Latein, dazu die Anmerkungen in Englisch, weshalb ich, um
unseren deutschen Lesern die Lektüre zu erleichtern, das gesamte Traktat ins Deutsche
übertragen habe. Einen Reprodruck der Ausgabe von 1847 findet man im Internet.

Zweifel am Alter Dantes


von P. H. J. (Pater Hardouin, Jesuit)
Mit Anmerkungen von C. L.

(Gedruckt) in Paris bei Benjamin Duprat, Buchhandlung, rue du Cloître-Saint-Benoît, no. 7


und in London bei C. F. Molini
1847
Das Exemplar trägt einen Stempel der Bibliotheca Bodleiana

Vorbemerkung des Herausgebers

Die folgende Abhandlung des gefeierten Paters Harduinus wird hauptsächlich deswegen
wiedergedruckt, weil damit eine Lücke in der Bibliothek des Herausgebers gefüllt
werden soll, die sich rühmen kann, eine reichhaltige Sammlung von Ausgaben der
Göttlichen Komödie Dantes und Arbeiten zu ihrer Erklärung zu besitzen.
Die Abhandlung konnte man nur im Journal de Trévoux von 1727 finden, das der
Herausgeber lange vergeblich gesucht hat. Schließlich hat sich Herr B. Duprat aus Paris
mit seiner Verbindung zur Königl. Bibliothek und der Bibliothek des Institutes Zugang zu
dem Werk verschafft und dieses dankenswerterweise abgeschrieben und das
Manuskript dem Herausgeber geschenkt.
Es ist so seltsam widersprüchlich und bezeichnend für den Autor, daß das Werk in der
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literarischen Welt und der des Danteforschers zumal anerkannt werden muß, weshalb
einige Exemplare mehr gedruckt wurden als für die Verbreitung unter den Freunden des
Herausgebers nötig gewesen wäre.
Die Abhandlung behauptet mit historischen Tatsachen zu beweisen, daß die Göttliche
Komödie nicht von Dante Alighieri, dem berühmten Dichter und exilierten Florentiner,
der 1321 starb, geschrieben sein kann; und zeigt aus seinem inneren Geist heraus die
starke Vermutung, daß sie von einem Schüler des englischen Ketzers und Reformators
Wiclif, der 1384 starb, dreiundsechzig Jahre nach Dante, geschrieben wurde.
Eine fähige und ausgearbeitete Antwort auf die Abhandlung wird im ‚Verona-Dante‘ 1749
gegeben, die Pater Hardouins Paradox völlig umwirft, soweit es die historischen Fragen
betrifft; aber der Schreiber lehnt es ab, die theologische Frage und die vermutete
Böswilligkeit der wiclifschen Ketzerei zu berühren, indem er den Leser zwecks
Beantwortung dieser Punkte auf den beigegebenen Kommentar von Pater Venturi
hinweist.
Venturis Kommentar wurde zuerst 1732 in Lucca veröffentlicht. Er ist Papst Clemens XII
gewidmet, und im Vorwort erklärt Venturi seine Überzeugung, daß Dante nicht nur fest
im katholischen Glauben stand sondern auch von Gefühlen einzigartiger Frömmigkeit
bewegt wurde. Er gibt aber auch zu, daß in diesem Gedicht einige Meinungen
ausgedrückt werden, die nicht mit der reinen Lehre übereinstimmen, und weniger noch
mit der nötigen Achtung vor dem Heiligen Stuhl; und er sagt auch, daß er es wegen der
großen Autorität des Dichters für nötig hielt, alle solche tadelnswerten Stellen
aufzuzeigen und eine Berichtigung ihrer gefährlichen Meinungen zu liefern.
Der Herausgeber hat einige kurze Bemerkungen zu den Zweifeln Hardouins zugefügt
und besonders zu den Versen Dantes, denen er ablehnend begegnete.
Venturi scheint diese Veröffentlichung von Hardouin nicht gekannt zu haben, obgleich
die beiden Zeitgenossen waren und beide Mitglieder des Jesuitenordens.
Die folgende vermutliche Grabinschrift für Hardouin von Herrn Vernet, Professor für
Theologie in Genf, zeigt in schlagender Weise die literarischen Verdienste und Mängel
dieses bemerkenswerten Mannes:
In Erwartung des Jüngsten Gerichts ruht hier der Angehörige der Literaturwelt, von
französischem Volke und Römischer Religion, ein widersprüchlicher Mann, Verehrer,
Pfleger und Räuber der Vergangenheit, von überragender Gelehrsamkeit, der kühle und
unerhörte Erklärungen wachsam herausgab, kritisch und fromm handelnd, gläubig als
Knabe, mutig als Jungmann, verwirrt als Greis. Mit einem Wort gesagt: Hier ruht
Harduinus, gest. 1729 im Alter von 83 Jahren.

Ende der Vorbemerkung (10 Seiten)

Es folgt der französische Text von Hardouin

Memoiren der Geschichte der Wissenschaften und der Schönen Künste


Trévoux, August 1727, Beitrag 76

Zweifel am Alter Dantes


von P. H. J. (Pater Hardouin, Jesuit)

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Wenn man Dante oder Tasso sagt, meint man normalerweise die Dichtung, und man
bezeichnet nur indirekt den Autor derselben. Hier handelt es sich jedoch zugleich um
das Alter des Gedichtes und das seines Dichters. Die allgemeine und wahrscheinliche
Auffassung ist die, daß Dante 1321 in Ravenna gestorben ist. Der sicherste Autor, von
dem wir das erfahren, ist Raphael Volaterranus (Anm. 1), der in seiner Anthropologie,
Band 21, S. 638, ihn 1265 geboren und 56 Jahre alt geworden sein läßt. Er wußte das aus
der Überlieferung der Gelehrten seines Landes oder durch irgendein anderes
Dokument, das echter war als das einzige Zeugnis von Jean Villani (Anm. 2) oder dessen
Nachfolgern.
Diese Überlieferung hat den Dichter dazu bestimmt, wenn er ein anderer als Dante war,
unter den Nachkommen von Hugo Capetinger nur Philippe und Ludwige aufzuzählen.
Denn Karl der Schöne, der der erste dieses Namens der dritten Abstammungslinie (der
Könige) ist, begann am 2. Januar 1322 zu regieren. Der Dichter hätte zu den Philippen
und Ludwigen auch Karle (Carli) aufführen müssen, wenn er dessen Herrschaft erlebt
hätte, und wäre es nur für sechs Jahre.
Wenn der Dichter aber diese Regierung nicht erlebt hatte, nicht einmal teilweise, wie
kommt es dann, daß er im 20. Gesang des Fegefeuers bei den Namen der Heiligen auch
Thomas von Aquin (Anm. 3) erwähnt, dessen Heiligsprechung erst 1323 erfolgte?
Und wenn er nicht die ganze Herrschaftszeit von Karl dem Schönen miterlebt hat, wie
konnte er dann im 27. Gesang des Paradieses den Einzug von Ludwig dem Bayern in
Rom (Anm. 4) voraussagen, wo als Gegenpapst Petrus Corberia 1328 eingesetzt wurde,
im ersten Regierungsjahr von Philipp von Valois? War Dante Prophet? (Anm. 5)
An dieser Stelle verbreitet er wilde Beschimpfungen gegen den Heiligen Stuhl, die stark
an die Schule von Wiclif erinnern. (Anm. 8) Er läßt dort nämlich den St. Petrus sagen, daß
außer seinen ersten sechzehn Nachfolgern bis zu St. Urban der Stolz und die Habgier der
anderen ihn stöhnen läßt, besonders aber die Unmäßigkeit der französischen Päpste. Es
ist ein übles Bild, das er von ihnen entwirft, das ich nicht wiedergeben würde, wenn es
nicht nötig wäre, wie man im Folgenden sehen wird, um die Eigenheit dieses Gedichtes
zu zeigen, das man zu sehr lobt, und seines Dichters, den man nicht genug kennt.

Originaltext: La vesta di pastor lupi rapaci … io non ascondo (vier Terzinen):

„Im Kleid des Hirten sieht man von hier oben


auf jeder Weide gier’ge Wölfe gehn;
Schutz des Herrn, was zögerst du so lange!
Gascogner rüsten sich und Kahorsiner,
von unserm Blut zu trinken. Hoher Anfang,
zu was für schnödem Ende mußt du sinken!
Doch die mit Scipio Rom, den Ruhm der Welt,
erhielt, die hohe Vorsehung, zur Hilfe
wird bald sie, wie ich schon erkenne, eilen.
Und du, o Sohn, der ob der Erdenschwere
noch dorthin wiederkehrst, tu auf den Mund,
und birg den andern nicht, was ich nicht berge.“

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Der kahorsinische Papst, von dem er (Vers 58) spricht, ist Johannes XXII, geboren in
Cahors; der gasconische ist Klemens V, sein Vorgänger, geboren in der Diozese von
Bordeaux (Gascogne). Der Dichter läßt damit St. Petrus voraussagen, und dieser befiehlt
ihm, das zu veröffentlichen, daß die Vorsehung durch den Arm eines zweiten Scipio
demnächst Rom helfen wird und ihr wie der erste damals den Vorzug zurückgeben wird,
die ruhmreichste Stadt der Welt zu sein, indem er den Papst und das Papsttum dorthin
bringt und es Avignon entzieht. Wenn der Dichter kein Prophet ist, konnte er St. Petrus
so nur nach dem Ereignis sprechen lassen. Der Dichter hatte hier die Revolte von Ludwig
dem Bayern gegen den Heiligen Stuhl und Johannes XXII, den er abgesetzt hatte, im Blick;
eine Revolte, die ihn dazu führte, einen Gegenpapst in Rom einzusetzen und dort ein
Gesetz zu erlassen, das Raynaldus als Nr. 21 des Jahres 1328 überliefert, und das besagt,
daß der Papst von nun an verpflichtet sei, fortwährend in Rom zu residieren, andernfalls
er das Pontifikat einbüße, ipso facto; und das hieße, sagt der Dichter, Rom seinen alten
Glanz zurückgeben, ein Akt, der eines Scipio würdig sei, eines obersten Befehlshabers
der römischen Armeen.
Man ist überrascht, daß Dante, der ein Welfe war, in seinem ganzen Gedicht den Kaiser
und das Reich bevorzugt. Einige schließen daraus, daß er zum Verräter wurde und zu
den Ghibelinen überlief. Eher ist es so, daß der Dichter die Päpste haßte, wie Wiclif, und
die Kaiser, selbst wenn sie exkommuniziert waren, bevorzugte, wie der echte Dante in
seinem Buch „Von der Monarchie“, womit er durch Bartole, Voleterran und St. Antonin
und den Heiligen Stuhl zum Ketzer erklärt wurde. Dieser siegreiche Einzug von Ludwig
dem Bayern in Rom und die Einsetzung eines Gegenpapstes Petrus von Corberia
geschah erst 1328, wie ich sagte. Das Gedicht ist darum jünger als der Tod des echten
Dante (Anm. 7).
Und mehr: Ich glaube im 20. Gesang des Fegefeuers zu erkennen, daß es mehr als
neunzig Jahre jünger als der echte Dante ist. Das ist die Stelle, an der er Hugo Capet
sagen läßt (nach der Ausgabe Venedig 1491, die mir die genaueste zu sein scheint):

Originaltext : Chiamato fui di lá Ugo Ciapetta ...in panni bigi (zwei Terzinen)

„Man nannte mich dort jenseits Hugo Capet;


die Ludwigs zeugt ich alle und die Philipps,
von denen Frankreich neuerdings regiert ward;
mein Vater war ein Schlächter in Paris.
Als bis auf einen, der die Kutte trug,
erloschen war das Haus der alten Fürsten,
fand ich in meiner Hand der Herrschaft Zügel
so sicher ruhn ...

Die Ausgabe von Mantua 1472 hat statt


„Figliolo fui d'un beccar di Parigi“ (Sohn war ich eines Pariser Schlächters)
„Figliol fui d'un beccaio di Parisi“
was sich nicht auf das folgende „bigi“ reimt.
Die Ausgabe von Venedig 1477, der die Akademie von Crusca folgt, hat:
„Figliol fui d'un beccaio di Parigi“,
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ein grober Vers, dessen Rhythmus gezwungen klingt.
Der Dichter läßt also König Hugo sagen: „Von mir sind die Philippe und Ludwige
ausgegangen, die seit kurzem Frankreich beherrschen. Ich war der Sohn eines
Metzgermeisters aus Paris, als die Linie der alten Könige ausstarb bis auf einen, der zu
einem Mönch degradiert wurde. Damals gab man mir den Namen Hugo Capet.“
Der Dichter scheint hier dumm und böswillig. Aus den ersten beiden Linien unserer
Könige, die in allen unseren Geschichtsbüchern stehen, macht er eine einzige, von der er
sagt, daß der letzte ein Daniel war, alias Chilperich II, der in ein Kloster floh. Sodann
bringt er eine bösartige Deutung des Namens Capet, den er von dem lateinischen
Verbum capere (fangen) ableitet, italienisch chiappare, was rauben, berauben, sich
aneignen bedeutet, um zu verstehen zu geben, daß Hugo sich die Königswürde geschickt
aneignete, als er sah, daß der Thron verlassen war.
In der Folge will er jedoch nicht wörtlich verstanden wissen, daß Hugo Capet der Sohn
eines Metzgers war. Er gibt nicht vor, den Ursprung des Hauses Frankreich zu
erniedrigen. Hätte er das vorgehabt, er hätte sich darauf beschränkt, von einem
Metzgersohn zu sprechen. Denn Metzger von Paris besagt nicht mehr als Metzger von
Vaugirard, solange Metzger nur bedeutet: einer der Rinder tötet, Kälber und Schafe, um
deren Fleisch zu verkaufen. Er wußte, daß Metzger von Paris im 15. Jahrhundert
beträchtlich mehr bedeutete. Er wußte und verleugnet es nicht, daß Hugo Sohn des
Grafen von Paris war, aber er wollte scherzen im Sinne seiner Zeit. Paris war unter Hugo
sehr eingezwängt, und Graf von Paris zu sein hieß: gefürchtet zu sein in Paris, Macht zu
haben und Paris zittern zu lassen. Und das ist, der Dichter weiß es genau, eben das, was
ein Metzger von Paris heute macht mit seinen Helfern, auch wenn Paris jetzt zweimal so
groß ist. Tatsächlich sind die Metzgermeister manchmal die Herren von Paris, Vorsteher
der Händler, und in anderen Roben die reichen Leute, die Begüterten unter dem Volk,
die ihren Beruf nicht im Einzelnen ausüben. Ihr Einfluß wuchs dermaßen, daß sie
Vierzehnhundertelf (das ist der tatsächliche Zeitpunkt des Gedichtes des falschen Dante),
1411, ganz Paris zittern ließen durch die Macht, die sie über Leute dieses Berufes und die
Bevölkerung ausübten, sagt P. Daniel in seiner Geschichte Frankreichs (Band III, Seiten
909 und 910). Das ist sehr verschieden von der groben Vorstellung, die sich die
Gelehrten vom Geist des Dichters gemacht haben! Aber er verriet sich ohne es zu
merken. Wer sich auskennt, dem sagt er damit, daß er neunzig Jahre nach dem Tod des
echten Dante starb. Er ahnte nicht, daß sein Geheimnis einen Ödipus treffen würde.
(Anm. 9)
Einige Verse vorher läßt er die Zeit von Philipp dem Schönen nicht verstreichen, um
dadurch seine Dichtung als Werk von Dante erscheinen zu lassen, indem er einige Taten
unserer Könige darstellt. Er läßt Philipp durch Hugo Capet (im selben 20. Gesang)
beschuldigen (Anm. 10), er habe in Flandern Douai, Gent, Lille und Brügge
eingenommen.

Ma se Doagio, Guanto, Lilla e Bruggia


Potesser, tosto ne farian vendetta.
„Doch hätten Douai, Lille und Gent und Brügge
nur Macht genug, so folgte bald die Rache.“

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Er läßt König Hugo weissagen, daß diese flandrischen Städte, die Philipp der Schöne
eingenommen hatte, sich durch die Vernichtung seiner Armee rächen würden, was 1302
geschah; aber er täuschte sich hier in einigen Punkten. 1294 (einige geben 1297 an)
nahm Philipp der Schöne Douai und die Festungen um Lille ein. Brügge, sagt man,
öffnete ihm seine Tore; aber er wagte nicht, Gent anzugreifen. Könnte ein Schriftsteller
der Zeit von Philipp dem Schönen diese Fakten, die jeder Historiker berichtet, nicht
gewußt haben, und Gent, wo man sich nicht zu zeigen wagte, unter die eroberten Städte
einreihen?

Im 29. Gesang des Fegefeuers sagt er von den Alten der Offenbarung, daß sie
liliengekrönt gingen:

Coronati venian di fior da liso (Anm. 11)


„sah vierundzwanzig Älteste, zu zweien
und zwein bekränzt mit Lilien, ich kommen.“

Das ist das, was wir heute Lilienblüten nennen, aber sie waren nicht die Kronen unserer
Könige, weder auf ihren Statuen noch auf ihren echten Siegeln oder ihren Münzen,
zumindest nicht bis Philipp von Valois, und deren Gebrauch ist sehr selten bis zu Charles
IV . Charles V oder der Heilige selbst ist nur mit Eichen bekränzt an der Kirchentür der
Groß-Augustiner von Paris, wie auch die Statue von Ludwig dem Heiligen an der
Kirchentür der Fünfzehn-Zwanzig. Und Charles VI begann seine Regierung erst 1379.

Währenddessen müssen wir diesem Dichter zugestehen, daß er uns durch dieses Wort‚
‚da liso’ (von Lilien) den wahren Ursprung der Lilienblüten in den Wappen Frankreichs
lehrt. Es sind die Blumen, die am Ufer des Lilienflusses wachsen, der Artois und
Frankreich von Flandern trennt, seit der Heirat von Philipp August mit Elisabeth von
Hennegau (Hainaut). Der Dichter wiederholt dasselbe Wort, wo er von der Beleidigung
erzählt, die Papst Bonifatius VIII in Anagni widerfuhr, und zwar im selben 20. Gesang des
Fegefeuers.

Veggio in Alagna ... Cristo esser catto.

„Daß alte Schuld und künft‘ge minder scheine,


seh ich die Lilien in Anagni einziehn
und im Statthalter Christum selber fangen.

Petrarca (Anm. 12), geboren in Arezzo in der Toskana und gestorben 1374, hat diese
Dichtung seines Landsmanns nie gesehen. Man könnte sogar sagen, daß er nie geglaubt
hat, daß der echte Dante ein großer Dichter war; denn alles, was er im zweiten Band
seiner Rerum memorabilium (Erinnerungswerte Dinge), Kap. IV, S. 480 sagt, ist dies:
„Dante Alighieri, mir selbst neulich bekannt, war ein Mann der klarsten Volkssprache
aber bescheidener Sitten durch Selbständigkeit und freiere Rede, der im jugendlichen
und lernenden Alter den Ohren und Augen unserer Prinzen angenehm war.“ „Seine
größte Reputation war, daß er seine Sprache gut zu benützen wußte, das heißt die
toskanische Sprache; aber er war ein bißchen unbeliebt wegen seines Stolzes und seiner
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Widerborstigkeit und wegen der zu großen Freiheit, mit der er von den Großen und vor
ihnen zu sprechen wagte. Sie konnten es nicht ertragen, denn er ärgerte sie mit seinen
scharfen Worten.“ Das ist alles, was er (Petrarca) an diesem berühmten Landsmann zu
loben weiß. Danach berichtet er von dessen Exil und seinem Rückzug nach Verona, und
das ist alles.
Raphael mit dem Zunamen Volaterranus (Anm. 13), weil er aus Volaterra in der Toskana
stammte, der gegen Ende des 15. Jahrhunderts wirkte, kannte diese Dichtung gar nicht,
als er den echten Dante im 21. Band seiner Anthropologie, Seite 638, bespricht: „Dante
war ein florentinischer Dichter aus dem Geschlecht der Alighieri, anfangs Durantes
geheißen, später abgekürzt, wie man es bei Knaben tut, geboren 1265 ... Von Kindheit
war er der Dichtung zugetan: In der Jugend liebte er Beatrice, der er viele Lieder
widmete. Erwachsen nach erfolgten Studien schuf er das herausragende Werk, das
erhalten blieb (exstat), wobei er die Lieder in Latein begonnen hatte; deren Anfang
lautet: Ultima regna canam, in denen er höchstes Lob zollt... Seine ganze Hoffnung auf
Ravenna verliert er ... In seiner Muße vollendete er sein Werk ...Voller Schmerz erlosch
seine Seele im Alter von 56 Jahren (das ist im Jahre 1321). Er schrieb außerdem das
kleine Buch „Von der Monarchie“, usw.“
Gibt es da auch nur eine Silbe, in der die berühmte Dichtung, die dreifache Komödie von
Hölle, Fegefeuer und Paradies vorkäme? Sagt er nicht ausdrücklich, daß er außer der
kleinen Abhandlung von der Monarchie nur ein einziges Werk geschrieben habe, das er
zunächst in lateinischen Versen entwarf und, weil ihm das nicht glückte, es danach in
Italienisch umschrieb, in dem er glänzte? Aber dieses Werk ist etwas ganz anderes als die
dreifache Komödie, und es ist verloren. Durch Überlieferung kennt man die Neigung, die
Dante für eine gewisse Beatrix hegte, von der Volaterranus hier spricht. Und diese
Überlieferung benützte der Autor der Dichtung in den letzten Gesängen seines
Fegefeuers, um sie als von Dante erscheinen zu lassen. So ist diese Dichtung des
Begründers und Vaters der toskanischen Sprache, nach dem Urteil von Paul Jove,
welches sein Anteil auch immer gewesen sein mag, in der Lombardei oder sonstwo, am
Ende des 15. Jahrhunderts in der Toskana noch nicht angekommen. Dante war durch
dieses Werk bei seinen gelehrten Landsleuten nicht bekannt, obgleich es (angeblich) in
Venedig seit dem Jahr 1472 gedruckt wurde.
Johannes Villani (Anm. 14) und dessen Bruder Matthias sowie Philipp, der Sohn des
Matthias, die die Historia des Johannes fortsetzen, sind drei Autoren, die eigentlich nur
einer sind, wie auch verschiedene andere, die unter der Bezeichnung „Fortführer“ von
Aimoin, Sigebert, Nangis und ähnlichen auftauchen. Villani jedenfalls, der von Dante
spricht und ihm im 9. Band Kap. 135 die dreifache Komödie von Hölle, Fegefeuer und
Paradies zuordnet, sowie die beiden, die ihn fortführten, wie man sagt, sind nur bekannt
durch diese Namen, die sie selbst geprägt haben, indem sie sie an den Anfang ihrer
Historia setzten. Niemand hat von ihnen oder ihrem Werk vor dem Ende des 15.
Jahrhunderts berichtet. Da ihr Werk mehr als vierzig Jahre jünger sein kann als die
besagte Dichtung, braucht man sich nicht zu wundern, wenn Villani in dieser Weise
davon spricht, sei es, daß er selbst getäuscht wurde oder uns täuschen wollte.
Wer die Dichtung (Anm. 15) des falschen Dante als epische oder Heldendichtung ansieht,
wie es Castelvetro tut sowie der hinlänglich bekannte Autor der italienischen Grammatik

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von Port-Royal, kennt nicht die einfachsten Regeln und die Grundteile einer epischen
Dichtung, nämlich: den Anfang oder Knoten; die Mitte oder Auflösung des Knotens, und
schließlich das Ende oder Ziel der Dichtung. So ist die Ilias Homers aufgebaut. Der
Knoten ist der Zorn des Achilles, der den Sieg der griechischen Waffen aufhält; die
Auflösung ist der Tod seines Freundes Patrokles, dem er für die Schlacht seine Waffen
geliehen hatte, und der durch Hektor besiegt und entwaffnet wurde; denn die Lösung
des Achilles, der seine Waffen wieder aufnahm und den Tod des Freundes rächte,
zerbricht den Knoten und führte am Ende zur Zerstörung des Hauses Ilion, was sich nach
dem Tod von Hektor ereignete. Diese Ausrottung der Linie von Ilion ist der Titel der
Dichtung, und das ist ihr Schluß. Was wäre damit vergleichbar in den drei Teilen des
falschen Dante?
Pater Rapin gib in seinen Betrachtungen über Dichtung eine sehr mittelmäßige
Vorstellung von diesem Werk. In allen seinen Ausgaben steht nur der Titel ‚Komödie’
(Anm. 16) Es handelt sich eher um eine Reimgeschichte der vergangenen Jahrhunderte,
die der Dichter auf das zusammenkürzte, was er, wie er sagt, in seiner Vision von Hölle,
Fegefeuer und Paradies sah. Im 6. Gesang des Paradieses bringt er eine abgekürzte
Geschichte von Rom und der Lombardei, und im 13. Gesang der Hölle erzählt er, um als
Florentiner zu erscheinen, daß Florenz durch Attila verwüstet wurde, obgleich alle
Historiker ausdrücklich bezeugen, daß Attila nie seinen Fuß auf toskanischen Boden
gesetzt habe. Man könnte auch eher sagen, daß er vornehmlich bemüht war, alle
kirchlichen und weltlichen Autoren vergangener Zeiten zu nennen; dazu die griechischen
und lateinischen Kirchenväter, Philosophen, Redner und Dichter, die damals in den
Bibliotheken zu finden waren. Er läßt sie alle Revue passieren, wie um ihnen den Prozeß
zu machen, denn er schickt einige in die Hölle, andere ins Fegefeuer und die anderen ins
Paradies. Im 7. Gesang des zweiten Teils befinden sich die Kinder, die ohne Taufe
gestorben waren (Anm. 17), an der Tür zum Fegefeuer, einem Vorsaal des Fegefeuers,
allein in der Dunkelheit, ohne Schmerz. Im zehnten Gesang des Fegefeuers befinden sich
die Seelen von Trajan (Anm. 18), Plautus, Terentius, Statius und einigen anderen
Dichtern, darunter ein Agathon, den niemand kennt (Anm. 19).
Einige Male reimt er auch auf Hebräisch; er wollte damit zeigen, daß er das kann; aber
nach den Regeln gewisser Schriftsteller seiner Zeit. Am Anfang des siebten Gesangs des
Paradieses steht:
Osanna sanctus Deus sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horum Malahoth!
statt coelestium regnorum (himmlische Könige).

Gewähre Heil, o du Herr Zebaoth,


den sel’gen Flammen dieser Königreiche,
indem du sie bestrahlst mit deiner Klarheit.

Nach der Grammatik hätte er sagen müssen: Malcuoth, aber seine Regeln erlaubten ihm,
so zu sprechen, wie ich sagte.
Die Religion dieses Dichters ist mir, aus seiner Dichtung zu schließen, sehr verdächtig,
um nicht mehr zu sagen (Anm. 20). Denn abgesehen von seinen wiclifschen Äußerungen
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gegen den Heiligen Stuhl scheint er auch die Ewigkeit der Welt (Anm. 21) im 29. Gesang
des Paradieses zu befürworten, und außerdem zu lehren, daß nur der erste Beweger der
Auslöser der ersten Bewegung sein kann. Paul Jove sagt, daß diese dreifache Komödie
voller platonischer Maximen ist: „Die dreifache Komödie ist von platonischem Licht
erleuchtet.“ Die Gottheit, die der Dichter anbetet, ist nicht nur diejenige, die er anruft,
das heißt sein eigener Geist (Anm. 22), wie Pater Rapin ihm vorhält: eine Wesenheit,
einige und dreifache Gottheit, und damit metaphysisch, die man als Natur oder Schicksal
auffassen kann, die alles bewegt, oben wie unten, mit Selbstliebe und dem Verlangen,
sich mitzuteilen. Im 24. Gesang des Paradieses sagt er:

Ed io respondo: Io credo in uno Deo (Anm. 23)


Solo ed eterno, che tutto il ciel muove,
non moto, con amore e con disio ...

E credo in tre persone eterne, e queste


Credo una essenzia si una e si trina ...

„Ich glaube“, sagt ich drauf, „an einen Gott,


einzig und ewig, der den ganzen Himmel,
selbst unbewegt, bewegt durch Lieb und Sehnsucht.
...
Dann glaub ich an drei ewige Personen,
die so in ihrem Wesen eins und drei sind,...“

Oder, wie er in seinem Glaubensbekenntnis sagt, mit dem er den dritten Teil, das
Paradies, beendet, in der Ausgabe von Venedig 1477:

Credo in una sancta Trinidade,


Padre, Figliuolo e Paraclito santo,
Coeterni in una personalitade.

(Text nicht in der gewöhnlichen italienischen Fassung enthalten:


Ich glaube an die heilige Dreifaltigkeit,
Vater, Sohn und heiligen Tröster,
auf ewig in einer einzigen Person.)

Im Paradies kann sich die glückliche Seele nicht täuschen, wie er sagt, denn vor ihr steht
die Wahrheit. Im vierten Gesang heißt es:

Alma beata non poria mentire,


Perochhé sempre al primo vero è presso (Anm. 24).

Als Wahrheit hab ich fest dir eingeprägt,


daß nie ein seel’ger Geist vermag zu lügen,
weil stets er bei der ersten Wahrheit ist.

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Im 32. Gesang lehrt er, daß der Glaube der Eltern die Kinder erlöst (Anm. 25). In dieser
Dichtung gibt es eine Menge weiterer Punkte, die ich hier nicht anführe, denn diese
liegen meinem Thema zu fern. Ist ein Dichter, der alle diese Fehler hat, die ich aufgezählt
habe, fähig, sein Werk einem Mann, der etwa neunzig Jahre früher starb, zuzuschreiben,
um seinem Gedicht mehr Ansehen zu verleihen und um zu vermeiden, daß er wegen der
darin enthaltenen unrichtigen Doktrin zur Verantwortung gezogen werden könnte? Ob er
noch etwas anderes beabsichtigte, überlasse ich der Findigkeit der gelehrten und
katholischen Kritiker. (Anm. 26)

August 1727

Ende des französischen Textes von Hardouin.

Es folgen englische Anmerkungen unter der Überschrift:

Kurze Bemerkungen zu den „Zweifeln“ des Paters Hardouin

Anm. 1: Raphael (Maffei) Volaterranus, geboren 1450, gestorben 1521.

Anm. 2: Giovanni Villani, geboren 1280 ?, gestorben 1348. Mitbürger und Zeitgenosse von
Dante Alighieri und Autor von so hoher Glaubwürdigkeit, daß wir überrascht sind, daß
Hardouin diesem die Autorität des vergleichsweise wenig bekannten Volaterranus
vorzieht, der 200 Jahre nach Dante starb.

Anm. 3: Thomas von Aquin wird in der Göttlichen Komödie nirgends ‚Sankt’ genannt; er
heißt einfach Tommaso in Fegef. 20, 69; Thomas von Aquin in Parad. 10, 99; Thomma in
Parad. 12, 110; Fra Tommaso in Parad. 12, 144; das ruhmreiche Leben des Tommaso in
Parad. 14, 6.

Anm. 4: Nichts zeigt, daß Dante meinte, den Einzug von Ludwig dem Bayern in Rom
vorauszusagen (in Parad. 27,61). Mit dem Scipio und vorausgesagten Befreier könnte
Kaiser Heinrich VII gemeint gewesen sein, oder Ugoccione della Faggiola, oder Can
Grande della Scala, entsprechend der Zeit, da der Dichter diese Verse einfügte; aber
seine Meinung wird absichtlich dem Leser zum Vermuten überlassen.

Anm. 5: ‚War Dante Prophet?’ Vielleicht genauso wie jeder uninspirierte Dichter, der je
gelebt hat. Es gibt eine seltsam scheinende Voraussage mit scheinbarer Erfüllung im
folgenden Vers:
Il ueltro
Verrá che la (la lupa) fará morir di doglia.
(Inf. II, 102.

Der Hund wird besorgen, daß die (Wölfin) mit Schmerzen stirbt.

In der Göttlichen Komödie ist die Wölfin stets das Sinnbild für die korrupte und
räuberische Kirche Roms; und der Hund (ueltro) (englisch hound, auch gleich Schurke) ist
Sinnbild für den Befreier oder Reformator, der die Christenheit von ihrem schändlichen

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Einfluß befreien wird. Seltsamerweise ist ueltro das genaue Anagramm
(Buchstabenverschiebung) von Luthers italienischem Namen, Lutero; und auf wen würde
nach Ansicht eines Protestanten eine solche Voraussage besser passen? Landinos
Kommentar (1481) zu obigem Vers unterstützt stark die Einzigartigkeit des
Zusammentreffens.

Anm. 6: ‚Er verbreitet wilde Beschimpfungen gegen den Heiligen Stuhl, die stark an die
Schule von Wiclif erinnern.’ Er hätte auch sagen können: Es schmeckt sehr nach der
Schule von Petrarca. Kein Vers in der Göttlichen Komödie ist wütender gegen die Laster
der Römischen Kirche als seine drei berühmte Sonette, CV, CVI, CVII. Aber sogar Petrarca
wiederholte nur, was schon Arnold von Brescia, der 1155 wegen Ketzerei verbrannt
wurde, und andere Reformatoren vor ihm gesagt hatten.

Anm. 7: ‚Das Gedicht ist demnach jünger als das Todesdarum des echten Dante.’ Dies
würde sicher zutreffen, wenn der Dichter tatsächlich auf den Einzug Ludwig des Bayern
in Rom 1328 angespielt hätte, was nicht der Fall ist.

Anm. 8: ‚Ugo Ciapetta’ Wer meint, daß die Ehre der Herrscher Frankreichs durch die
Verse von Dante über Hugo Capet verletzt wird, der wird Pater Hardouin für seine
Verteidigung derselben nicht dankbar sein und nicht für die außergewöhnliche
Wortdeutung, die besagt, daß Ugo Ciapetta ‚Hugo der Thronräuber’ bedeutet.

Anm. 9: ‚Er ahnte nicht, daß sein Rätsel einen Ödipus treffen würde.’ Wir müssen
zugeben, daß dieses Argument Hardouins in gewisser Hinsicht dem Ödipus gleicht, der
sowohl lahm als auch blind war.

Anm. 10: ‚Er behauptet von ihm (Philipp dem Schönen), daß er Gent eingenommen
hätte.’ Dante sagt nicht, daß Philipp jemals Gent eingenommen habe, sondern nur, daß
Gent und andere große Städte Flanderns vereint dessen Angriffe rächen würden.

Anm. 11: ‚Gekrönt mit Lilienblüten kamen sie.’ (Feg. 29, 84) Fiordaliso Giglio, lat. Lilium.
Voc. della crusca. Die Lilie ist gewöhnlich Sinnbild der Unschuld und der Jungfrau Maria,
sie bildet daher einen passenden Schmuck für die Häupter der 24 Ältesten der
Offenbarung, wie sie im Fegefeuer 29 vorkommen. G. Villani sagt, die Lilienblüte war das
Wappenbild der Herrscher Frankreichs seit den Tagen Hugo Capets, A. D. 987: ‚Dieser
Hugo Capet und seine Nachfahren trugen immer goldene Lilienblüten auf blauem
Grund.’ G. Villani I, IV Kap. 3.

Anm. 12: ‚Petrarca sah nie in seinem Leben dieses Gedicht seines Landsmanns.’ Diese
Behauptung ist sehr unwahrscheinlich und scheint der überlieferten Tatsache zu
widersprechen, daß Petrarca 1359 ein schönes Manuskript der Göttlichen Komödie
zusammen mit einem Brief in lateinischen Versen von Boccaccio überreicht wurde.
(Siehe: Mem. des Abt Sade, Bd, III, S. 507. Ebenso: Vorwort zur Göttlichen Komödie von
Roveta 1820). Außerdem hielt Boccaccio 1373 in Florenz Vorträge über die Göttliche
Komödie, das war ein Jahr vor Petrarcas Tod.

Anm.: 13: ‚Raphael mit dem Zunamen Volaterranus, der gegen Ende des 15.
11/15
Jahrhunderts wirkte, kannte diese Dichtung nicht.’ Dies beweist nichts gegen die Echtheit
der Dichtung. Falls doch wahr, ist es sicher außergewöhnlich, denn in jeder
Lebensbeschreibung Dantes wird bemerkt, daß Abschriften der Göttlichen Komödie in
wunderbar großer Zahl gleich nach seinem Tod aufkamen, und daß die Anzahl der heute
in den italienischen Büchereien und anderswo vorhandenen dies bestätigen.

Anm. 14: ‚Johannes Villani und Matthias, sein Bruder ...usw’ Kein Leser wird denken, daß
dieses Argument Hardouins das unbestrittene Zeugnis von G. Villani (L. IX, Kap. 135)
schwächen könnte, das die Göttliche Komödie dem Dante Alighieri zuschreibt und seine
Verdienste hervorhebt.

Anm. 15: ‚Wer die Dichtung des falschen Dante als epische oder Heldendichtung ansieht,
wie es Castelvetro tut, usw. usw.’ Obgleich einige Kritiker die Göttliche Komödie fälschlich
eine epische Dichtung genannt haben mögen, hat Dante doch keine Schuld daran.
Glücklicherweise nannte er sie selbst eine Komödie, und wenige seiner Bewunderer sind
mit dem Titel so zufrieden, daß sie nicht wünschen würden, er wäre dem Rat seines
Ahnherrn Cacciaguida gefolgt und hätte sie „Die Vision“ genannt.

Mach deine ganze Vision offenbar!


(Par. 17, 128)

Anm. 16: ‚In allen Ausgaben heißt sie nur Komödie.’ Es gibt zwei italienische Ausnahmen:
Die Vision, Dichtung von Dante, in Vicenza 1613. – Die Vision, Dichtung von Dante, in
Padua 1629. M. Cary übernahm ebenfalls diesen Titel Vision in seiner englischen
Übersetzung.

Anm. 17: ‚Im 7. Gesang des zweiten Teils befinden sich die Kinder, die ohne Taufe
gestorben waren, an der Tür zum Fegefeuer...usw. usw.’ Dies ist ein irrtümliches Zitat.
Die betreffende Passage befindet sich in Hölle 4, 30, wo das Zwischenreich der Hölle
beschrieben wird. Kein Kommentator nimmt Dante diese Erfindung übel.

Anm. 18: ‚In Hölle, zehnter Gesang, sind die Seelen von Trajan usw.’ Dies stimmt nicht.
Eine Lebensgeschichte Trajans wird in Fegef. 10 gezeigt, in Fels gehauen; aber die Seele
Trajans kommt in Paradies 20, 44 vor, wo sie eine der „Glückseligen Himmelsherrscher“
ist.

Anm. 19: ‚Agathon, den niemand kennt.’ Agatho wird im Fegefeuer 22, 107 gezeigt. Volpi
sagt uns, er sei ein griechischer Dichter gewesen, den Aristoteles in seiner
‚Dichtersammlung’ erwähnt.

Anm. 20: ‚Die Religion dieses Dichters ist mir, aus seiner Dichtung zu schließen, sehr
verdächtig, um nicht mehr zu sagen.’ Kein Leser dieser Dichtung kann seinen Verdacht
unterdrücken, daß Dante der Religion Roms feindliche Grundsätze entgegenstellt, und
nach dem Auftreten Luthers war es für Protestanten selbstverständlich, daß sie ihn als
ihren Vorboten feierten. Pater Hardouins Zweifel sind in dieser Hinsicht nicht
unvernünftig. Seltsamerweise hat er keine Passagen zitiert, die noch viel stärker
beweisen würden, wie wohlbegründet diese Ansicht ist. Die Bösartigkeit von Dantes
12/15
Vorwürfen gegen den Heiligen Stuhl, „seine wiclifschen Äußerungen“, werden heftig
abgelehnt und entsprechen einzigartigerweise denen von Wiclif in seinen ‚Homilien’,
aber Wiclifs Ansichten von einer Reform gingen viel weiter als Dantes, und er nahm
Luther um hundert Jahre vorweg, indem er die Verbreitung der Bibel in Volkssprachen
befürwortete, gegen den Zölibat der Priesterschaft anging und nur eine teilweise
Oberhoheit des Papstes anerkannte, besonders aber eine völlige Ablehnung der
Transsubstantiation (Wandlung beim Abendmahl) aussprach (siehe: Leben des Wiclif von
W. Lebas, London 1846).

Anm. 21: ‚Er scheint die Ewigkeit der Welt zu vertreten .. usw.’ Im Gegenteil, Dante
schreibt im Par. 29, Vers 10 und folgende, die Schaffung von Geist, Materie und
Bewegung des Universums dem Höchsten Wesen zu.

Anm. 22: ‚Die Gottheit, die der Dichter anbetet, ist nicht nur diejenige, die er anruft, das
heißt sein eigener Geist, wie Pater Rapin ihm vorhält, usw. usw.’ Die Kritik scheint
folgende Verse zu betreffen:

Jetzt, Musen, helft mir, hilf erhabner Geist,


Gedächtnis, das verzeichnet, was ich schaute,
hier möge sich dein Adel offenbaren!
(Hölle II,7)

Es wäre herauszufinden, was Pater Rapin an dieser dichterischen Vision anstößig finden
könnte.

Anm. 23: ‚Ed io respondo, Io credo, usw.’ Alle Kommentatoren hielten Dantes
Glaubensbekenntnis für richtig; darum ist sehr zu bedauern, daß Pater Hardouin nicht
aufgezeigt hat, an welchen Stellen präzise er Anstoß nahm.

Anm. 24: ‚ Als Wahrheit hab ich fest dir eingeprägt,


daß nie ein seel’ger Geist vermag zu lügen,
weil stets er bei der ersten Wahrheit ist.‘

Auch hier scheint Pater Hardouin allein dazustehen, in diesem Gefühl etwas
tadelnswertes zu sehen, wo es doch so oft, und immer ohne Venturis Verurteilung, in der
Göttlichen Komödie vorkommt.

Anm. 25: ‚Im 32. Gesang lehrt er, daß der Glaube der Eltern die Kinder erlöst.’ Dantes
Worte lauten so:
Per nullo proprio merito si siede
Ma per l’altrui.
Venturi sagt „L’altrui, das bedeutet: gerettet allein durch die unbegrenzte Gnade Jesu
Christi.“ Weder Jesuiten noch Franziskaner sehen irgend etwas tadelnswert an dieser
Passage.

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Anm. 26: Wir möchten unsere Bemerkungen beenden mit dem Hinweis, daß die einzigen
Verse der Göttlichen Komödie, die von den Autoritäten öffentlich verdammt wurden,
folgende sind:
Hölle 11, 9: Anastagio Papa, io guardo etc.
19, 106-119: Di voi Pastor etc.
Paradies 9, 136 bis Ende: A questo intende etc.
Der Index der zu vernichtenden Texte von Madrid 1614 befiehlt, diese Verse auszutilgen
in jeder Ausgabe der G. K., dazu alle diesbezüglichen Kommentare von Landino und
Vellutello.
Ein strenger Katholik müßte von zahlreichen anderen nicht weniger harten Versen, als
nur den oben genannten, verletzt sein und wird sich fragen, wie es M. Delécluze tat: „War
Dante Ketzer?“ (Revue des Deux-Mondes, 1884, 1. 370.405)
Die Untersuchung ist von dem Schreiber dieser Anmerkungen etwas ausführlicher
fortgesetzt worden in einem Essay mit dem Titel „Lo Spirito Cattolico die Dante“, am
besten zu lesen in der italienischen Übersetzung des englischen Aufsatzes, bereichert
um Anmerkungen von Signor Gaetano Polidori (London, Molini 1844).

Ende der Anmerkungen, S.46.

Gedruckt bei Paul Renouard, rue Garancière, n. 6

Ende des gesamten Traktates

Kommentar von Uwe Topper

Wie der Schreiber der Anmerkungen am Schluß zu erkennen gibt, ist es seine Aufgabe,
Dante reinzuwaschen und als guten Katholiken darzustellen, weshalb seine Schrift auch
ins Italienische übersetzt wurde, der Sprache Roms, was gewiß wichtiger war als ein
englischer Essay in einem weitgehend antirömischen Milieu.
Immerhin verdanken wir dieser Anti-Ketzerschrift die Erhaltung und Verbreitung des
Textes von Hardouin.
Einzelne Argumente Hardouins mögen widerlegbar sein, auch tatsächlich teilweise auf
Mißverständnissen beruhen (wie etwa hinsichtlich der beiden königlichen Blutlinien),
aber der Tenor ist für Hardouin klar: Die Zeitstellung der Göttlichen Komödie paßt nicht
zu 1300, sie dürfte eher gegen 1500 liegen. Dabei „verrät“ sich der Dichter stellenweise,
sagt Hardouin, indem er Ereignisse berichtet, die für ihn vermeintlich in der Zukunft
liegen würden. Anachronismen sind das Werkzeug der Untersuchung.
Harduoin zitiert Raphael Volaterranus (Ende 15. Jh.); dieser sagt daß zu seiner Zeit diese
Liedersammlung ("Ultima regna canam...") existierte, und sonst nur noch ein kleines
Büchlein. Er kannte die Göttliche Komödie also nicht, folgert Hardouin; und da wir heute
die Liedersammlung nicht kennen, nimmt er sie als verloren an. Der
Anmerkungsschreiber geht auf den Punkt gar nicht ein.
In der offiziellen Danteforschung nimmt man an, diese genannte Liedersammlung sei die
Göttliche Komödie, obwohl es offensichtlich keinen Vers darin gibt, der mit Ultima regna
canam begänne; allerdings wird als Überlieferer nicht Volaterranus sondern Bocaccio

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genannt; man weist auch darauf hin daß der Vers - Ultima regna canam, fluvido
contermina mundo, / spiritibus quae lata patent, quae praemia solvunt / pro meritis
cuicunque suis - überhaupt nicht nach Dante klingt.

Wenn nach den Worten des Kommentators ein Argument Hardouins „der überlieferten
Tatsache widerspricht“ (Anm. 12), dann ist es ja genau das, was Hardouin uns sagen will:
die Überlieferung stimmt nicht. Hier müßte an den Quellen geforscht werden, was der
Kommentator nur selten unternahm. Ein Rückgriff auf die allgemein verbreitete Version
der Geschichte ist kein Argument.

Ich möchte folgende – von Hardouin nicht genannte aber ihm gewiß bekannte – Indizien
hinzufügen: Die Papstliste im 27. Gesang des Fegefeuers, wo (Verse 40-45) Linus,
(Ana)Kletus, Sixtus, Pius, Calixtus und Urban als Päpste und Märtyrer aufgezählt werden,
ist zwar nicht vollständig und es sind auch nicht alle genannten Päpste Märtyrer gewesen
(was der Text erfordern würde), aber sie stehen in der richtigen Reihenfolge; und eine
solche Papstliste, die das ermöglichen würde, hat erst Papst Eugen IV aufgestellt, Mitte
des 15. Jahrhunderts. Der zu früh datierte Dante hätte sie nicht kennen dürfen.
Oder der klare Hinweis auf die Geburt Jesu im Stall („Krippe“) im zitierten 20. Gesang des
Fegefeuers, wo Rom als Wölfin bezeichnet wird und der Heilige Stuhl als Kloake; die
wiclifsche (reformatorische) Welt ist eindeutig erst Luthers Zeit, wie auch der Schreiber
der Anmerkungen feststellt, wenngleich er verbrannte Vorläufer bis ins 12. Jahrhundert
zurück (Arnold von Brescia) anführt. Zeitlich unpassend ist die Stallgeburt Jesu, weil sie
erst spät (im 15. Jahrhundert) in Italien auftaucht.
Ein starkes Argument ist auch Dantes genaue Angabe über die Länge des tropischen
Jahres, die im 27. Gesang des Paradieses, Verse 142f ausgedrückt ist:
„weil das Hundertsteil ihr drunten
nicht rechnet, Jänner aus dem Winter austritt“,
wobei überrascht, daß er den Schaltfehler des Julianischen Jahres statt mit einem
Dreihundertstel eines Tages, wie in der Zeit um 1300 bekannt (siehe Sacrobosco: 1/288),
mit ein Hundertstel Tag ansetzt, was als runde Zahl der modernen Messung (1/128)
entspricht, die erst nach 1450 im Abendland verbreitet wurde.

Die deutschen Verse der Göttlichen Komödie entnahm ich der Übersetzung von Karl
Witte (Reclam Leipzig 1970)

Uwe Topper, 14.12.2011

Nachtrag 2017:
Zu den Anachronismen in Dantes „Göttlicher Komödie“ gibt es jetzt neu Weitere
Hinweise zur Zeitstellung Dantes

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