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htm

"Die größte Fälschung in der Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Menschheit",
so der Mathematiker und Geschichtsanalytiker Eugen Gabowitsch. Mit dieser Ansicht steht er
nicht allein. Eine Schar Kritiker hat sich aufgemacht, unser modernes Geschichtsbild
zurechtzurücken. Ihre kühne These: Große Teile der "Historie"' entstanden erst zu Beginn der
Renaissance und im Barock: In jener Zeit wurde das Altertum und das Mittelalter erfunden:
Urkunden wurden aufgesetzt, Abschriften erstellt, Ereignisse rückdatiert. Wie, wann und aus
welchen Motiven, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Vorbemerkung

Der vorliegende Text ist eine Bearbeitung von Christoph Pfister eines Artikels, der in der
Zeitschrift ZEITGEIST, 2004, 1, Seite 20 -23 erschienen ist. - Die Publikation auf dieser
Webseite erfolgte im Einverständnis mit dem Autor.

Vgl. auch die eigenen

Thesen zur Geschichts- und Chronologiekritik (2009)

Eugen Gabowitsch (1938 - 2009)

Das Altertum – eine Erfindung der Renaissance?

Vgl. auch die Rezension des Buches von Eugen Gabowitsch:

Die Geschichte auf dem Prüfstand

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Der berühmte Parthenon auf der Akropolis von Athen

Wurde das Bauwerk als heidnischer Tempel in der "Antike" oder als christliche Kathedrale im
"Mittelalter" erbaut?

Nach Ansicht von CP ist der Parthenon vielleicht vor etwa 300 Jahren errichtet worden. -
Ebenfalls sind die im Text unten genannten Datumsangaben auf diesen Zeithorizont
zurückzunehmen.

Abbildung aus: Lambert Schneider: Die Akropolis von Athen; Darmstadt 2001, S. 7

Geschichte wird uns an den Hochschulen im Allgemeinen als Faktum präsentiert: So und
nicht anders ist es früher gewesen. Wir lernen, daß es verschiedene Epochen gab: die Vorzeit,
das Altertum, das Mittelalter und schließlich die Neuzeit, in der wir heute leben und die in
etwa mit der Renaissance (französisch: Wiedergeburt, gemeint ist die Wiedergeburt der
Antike) begann. Es herrscht der Glaube vor, man wisse bestens Bescheid über vergangene
Geschehnisse und deren zeitliche Abfolge. Gut, die Übergänge stehen nicht genau fest, und
auch einige Lücken wie "Dunkle Zeitalter" (z.B. in der griechischen Antike oder im
Mittelalter) gesteht man sich zu. Tatsächlich steht das Wissen um unsere
Geschichtsschreibung jedoch auf gänzlich unsicherem Grund. Denn Historiker sind in erster
Linie Philologen, die Analysen historischer Texte durchführen. Archäologie wird von ihnen
bloß als Hilfswissenschaft betrachtet. Mit anderen Worten: Die heute gelehrte Geschichte
beschreibt nicht die Vergangenheit selbst, sondern lediglich unsere Vorstellung davon.

Untersucht man z. B. überlieferte Quellen des Mittelalters, stellt man erstaunt fest, daß damals
überhaupt noch nichts über das Altertum bekannt war. Keine Urkunde, kein literarisches
Kunstwerk belegte die Existenz der so genannten klassischen Antike. Dies läßt die ketzerische
Frage aufkommen, ob es überhaupt jemals die klassische Antike gab oder ob sie eine
Erfindung der Renaissance ist, die dann von Schöngeistern des 18. und Professoren des 19.
Jh. in die uns heute bekannte Form gebracht wurde. Sind dann Alexander der Große,
Hannibal, Julius Cäsar, aber auch Karl der Große oder Iwan der Schreckliche womöglich nur
Sagen-Gestalten? Und wie verhält es sich mit der Einteilung nach Epochen? Sind sie
überhaupt gerechtfertigt oder nur Fiktionen der neueren Geschichtsschreibung?

Tatsache ist, daß die Chronologisierung unserer Vergangenheit erst im 18. Jh. begann. In
diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung des Buches der Chroniken von Hartmann Schedel
(auch als Weltchronik bezeichnet). Es war die erste deutschsprachige Abfassung über
Geschichte und Geographie und entwickelte sich zum Standardwerk, das über lange Zeit
hinweg von sehr vielen gelesen wurde. Die Niederschrift enthielt jedoch noch keinerlei
Zeitrechnung im heutigen Sinne, sprich die Zuordnung einzelner Ereignisse zu konkreten
Jahreszahlen. Die ganze Geschichte wird vielmehr in nur wenige Zeitalter unterteilt. Es fehlte
zu seiner Zeit noch die Grundlage für eine durchgängige Datierung: Die Anno-Domini-
Jahrzählung ist später entstanden.

Die heutige Sichtweise unserer Vergangenheit stammt von dem Hugenotten Joseph Justus
Scaliger (angeblich: 1540-1609). Der Erfinder der durchgehenden Chronologie galt als einer
der bedeutendsten Geister. Er gab jeder Begebenheit aus der Bibel und der Antike erstmals
ein genaues Datum. Seine ersten Zeittafeln veröffentlichte er im Jahr "1583". Scaligers
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Chronologie wurde in der Folge von dem französischen Theologen und Jesuiten Denis Pétau,
latinisiert Petavius ("1583-1652") etwas korrigiert. In der Version Pétaus wurde sie
schließlich zur Grundlage der Weltgeschichte. Nachfolgende Generationen haben diese
Chronologie auf andere Länder und Epochen ausgeweitet.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit der zeitlichen Einordnungen Scaligers und Pétaus, aber auch
an der kreierten Geschichte selbst, kamen schon sehr früh auf, setzten sich jedoch nicht durch.
Auch der große Gelehrte Isaac Newton ("1643-1727") stellte sie in Frage. Er bediente sich
dabei anderer historischer Quellen als Scaliger und erstellte eine eigene Chronologie, die um
Jahrhunderte von der Scaligers abwich. Newton zeigte dadurch, daß eine einheitliche
Chronologisierung unmöglich ist. Die von Historikern benutzten Quellentexte widersprachen
einander oft und konnten daher keine Grundlage einer begründeten und verläßlichen
Zeitrechnung darstellen.

Die moderne Geschichtsforschung entzog sich dem Dilemma, indem eine Übereinkunft
getroffen wurde, welche Zeugnisse und Textpassagen als authentisch zu gelten haben und
welche nicht. Die dabei entstehenden Widersprüche ignorierte man schlicht.

Ein Zeitgenosse Newtons war es, der den Mut aufbrachte, öffentlich zu erklären, die
Geschichte des Altertums sei vollständig erfunden worden und die so genannte antike Kultur
habe niemals so bestanden, wie wir es heute annehmen. Der Mann hieß Jean Hardouin
(angeblich "1646-1729") und war wie Pétau Jesuit und Theologe. Bereits in jungen Jahren
wurde er als Kenner der alten Schriften zum Direktor der königlichen Bibliothek in Paris
berufen. Später wurde er als Herausgeber aller katholischen Konzilienakten berühmt. Als
angesehener Forscher konnte er die Archive und Bibliotheken vieler Klöster studieren. Für ihn
war klar, daß die gesamte klassische Literatur der Antike im späten Mittelalter entstand.
Spätere Versuche, die bestehende Chronologie in Frage zu stellen, konnten sich nicht
durchsetzen, da die Erfindungen des Humanismus und der Renaissance bereits miteinander in
Einklang gebracht worden waren und damals schon ein geschlossenes System bildeten.

Verschiedene kritische Historiker und Theologen des 19. Jh. widmeten sich dem
Erdichtungsprozeß antiker Literatur in der Renaissance und meinten in einem italienischen
Humanisten namens Poggio Bracciolini (angeblich "1380 - 1459"), der nicht nur päpstlicher
Sekretär und Kanzler von Florenz, sondern auch Historiker war (Geschichte von Florenz in
acht Bänden), einen der wichtigsten Geschichtserfinder auszumachen Die Germania des
römischen Politikers und Historikers Tacitus (angeblich: "55 - 115 AD") gilt als Auftragswerk
Poggios.

Der Theologieprofessor Edwin Johnson, ein Vertreter des Superkritizismus ging in seinem
1894 erschienenen Buch The Pauline Epistles sogar noch weiter. Seinen Erkenntnissen
folgend, sollen die Bibel und dementsprechend auch das Christentum vor 1530 noch gar nicht
existiert haben und das Neue Testament von Luther und Erasmus verfaßt worden sein.

Der Schweizer Philologe Robert Baldauf gelangte vor etwa hundert Jahren - unabhängig von
Hardouin und allen anderen - durch das Studium alter Manuskripte in seiner Schrift Historie
und Kritik (1902) zu der Überzeugung, daß alle Zeugnisse des Altertums in Wirklichkeit von
Schriftstellern der Renaissance stammen.

Heutzutage haben sich die Chronologiekritiker in zwei Lager gespalten. Radikale


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Revisionisten, wie z. B. der Urkundenforscher Wilhelm Kammeier (1895-1959) mit seinem
Buch Die Fälschung der deutschen Geschichte; gehen davon aus, daß unser Blick nur selten
über die Mitte des 17. Jh. zurückreicht. Die alte Zeit (von 1650 zurück bis 1350) könne man
historisch nur äußerst vage überblicken. Von den historischen Geschehnissen in der Zeit von
1350 zurück bis etwa 1000 n. Chr. gebe es kaum Anhaltspunkte, weil eine
planetenumgreifende Katastrophe in der Mitte des 14. Jahrhunderts, wie einige Radikalkritiker
argumentieren, die davor existierenden Zivilisationen zerstört hätte. Über die prähistorische
Vergangenheit der Menschheit wisse man deshalb so gut wie gar nichts, Gemäßigte Kritiker,
lassen die Geschichtsschreibung ab etwa 1000 n. Chr. unangetastet und bewahren damit den
Hochschul-Historikern manche ihrer heiligen Kühe.

Über den tatsächlichen Auslöser der globalen Katastrophe zu Beginn des Hochmittelalters
kann heute nur spekuliert werden (möglicherweise der Einschlag eines größeren Meteoriten).
Die Kritiker gehen davon aus, daß sie den ganzen Erdball erfaßte, als Sintflut in die Thora
Eingang fand und in unseren Breiten als große Mandränke überliefert wurde. Das Ausmaß der
Folgen ist bekannt, z.B. die nachhaltige Klimaverschlechterung, die unter anderem eine
Verschiebung der Weinanbaugebiete vom südlichen Skandinavien bis nach Süddeutschland
und das Ende des Getreidewachstums auf den Britischen Inseln bewirkte, oder die Entstehung
der Wattenmeere in den Niederlanden und im Norden Deutschlands, die Unterbrechung der
Seefahrt, starke Erdbeben in der Alpenregion, aber auch in Form des schwarzen Todes, dem
Massensterben der Bevölkerung Europas (von Historikern häufig vereinfachend als Pest
erklärt). Nahezu alle mittelalterlichen Städte wurden damals zerstört und mußten neu
aufgebaut werden (darum gibt es so viele Neue Märkte in alten Städten).

Die wirtschaftlich und psychologisch bedingten Zwänge nach der Katastrophe sollen auch der
direkte Anstoß zur Entstehung der Geschichtsschreibung und zur Bildung der großen
Weltreligionen im heutigen Sinne gewesen sein. Zwischen den Anfängen von Judentum und
Christentum liegen keine tausend Jahre, schreibt der Berliner Sachbuchautor Uwe Topper in
seinem neuesten Werk Zeitfälschung. Beide Religionen, ebenso wie der Islam, seien erst im
15. Jh. in ihren Frühformen entstanden und in den folgenden 200 Jahren zur Reife gelangt.
Zahlreiche mittelalterliche Urkunden und Chroniken entpuppten sich als Massenware der
Schreibstuben in den Mönchsklöstern der Renaissance. Die Werke der Kirchenväter seien in
der gleichen Zeit als Apokryphen verfaßt worden. Ähnliches gelte für die Autoren der Antike,
die frühen deutschen Dichter oder auch alte Bibelhandschriften: Sie allesamt seien
Schöpfungen von Humanisten und erst nachträglich in die graue Vorzeit verschoben und
fiktiven Autoren eines ebenso fiktiven Altertums zugeschrieben worden.

Doch weshalb sollten sich weltliche Schreiber und Mönchsorden diese ganze Mühe gemacht
haben? Als wichtigstes Motiv sehen die Chronologiekritiker machtpolitische Ansprüche. Denn
derjenige, der seine Abstammung auf bedeutende Monarchen, wie zum Beispiel Karl den
Großen, zurückführen konnte, hatte Einfluß und Anrecht auf Privilegien. Die Beweggründe
für die kirchliche Geschichtsschreibung waren für Uwe Topper von klugem Verstand und
weitblickender Absicht getragen. Er hält die Niederschrift der antiken Literatur durch unsere
Mönche für einen schöpferischen Vorgang, der sowohl in seinem Ablauf wie auch in seinen
Auswirkungen nirgendwo seinesgleichen finde. Denn mit der Erfindung eines Jahrhunderte
langen christlichen Märtyrer-Mythos gelang es der Kirche nicht nur, die Grausamkeiten der
Inquisition zu rechtfertigen. Das geistige Arsenal im Himmel versammelter Märtyrer brachte

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auch Geld und Gut ein und schaffte Möglichkeiten der Manipulation. Die Gebeine der vielen
ermordeten Christen dienten als Beweis dafür, daß es einmal eine sehr große Volkskirche gab,
die nicht auszurotten war. Mit den Reliquien konnte überdies ein ausgedehnter Kult betrieben
werden, der sich zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelte. Das vielleicht
wichtigste Motiv für die Geschichtserfindung war wohl eine gewisse Eigendynamik des
Zeitgeistes, die aus dem Streben der intellektuellen Schreiber nach Anerkennung durch die
Herrschenden resultierte.

Dafür, daß es sich bei den riesigen Zeiträumen des frühen Mittelalters und der Antike wohl in
Wirklichkeit um Leerzeiten handelt, sprechen auch Studien aus Rußland. Dort wird schon seit
der Zarenzeit am Problem der Geschichtserfindung geforscht. Im ersten Drittel des 20.
Jahrhunderts veröffentlichte der russische Universalgelehrte Nikolaus Morosov (1854-1946)
seine mehrbändige Geschichte der menschlichen Kultur in naturwissenschaftlichen
Beleuchtung. Als Theoretiker des Terrors saß Morosov, der sich der Verwandtschaft mit Peter
I. rühmte, 25 Jahre in zaristischen Gefängnissen ein. Unter Lenin wurde er zur Symbolfigur
der Russischen Revolution und durfte seine ketzerischen Werke deshalb noch in der
erzkonservativen Stalinära verlegen. Er kam in seinen Forschungen zu dem Schluß, daß die
erste monotheistische Religion der Weit in der Nähe des Vulkans Vesuv entstand und nicht in
der Sinai-Wüste. Die mesopotamische sowie die altchinesische Geschichte plazierte er ins
Spätmittelalter.

Morosov stellte dabei detaillierte Berechnungen bezüglich der astronomischen


Überlieferungen aus alten Texten, Sternenkatalogen und Horoskopen an, Solche
Rückrechnungen hatte seinerzeit auch Pétau durchgeführt. Letzterer versuchte jedoch stets,
die vorgegebenen Daten durch überlieferte kosmische Geschehnisse, wie Sonnen- oder
Mondfinsternisse, zu stützen. Dies jedoch zu Lasten der Genauigkeit: Er unterschied
beispielsweise nicht zwischen totalen und partiellen Finsternissen. So fiel es Petavius leicht,
seine Annahmen zu untermauern. Der russische Forscher ging anders vor. Sein Ansatz war:
Vergiß die herrschende Chronologie und überprüfe wertfrei alle astronomischen Ereignisse,
die der historischen Beschreibung in allen Details tatsächlich entsprechen. Es zeigte sich, daß
sich die "historischen Ereignisse" um Hunderte bis Tausende von Jahren verjüngten.

Doch Morosov ging noch weiter. Er verglich die Längen der Herrschaftsdauer verschiedener
Kaiser, Könige und anderer Potentaten aus verschiedenen Epochen und Ländern sowie deren
Reihenfolge innerhalb der Dynastien. Überraschenderweise stieß er auf 15 nacheinander
regierende Herrscher aus dem Hause Habsburg. Es schien als hätten sie in mindestens drei
Fällen als Kopiervorlage für andere Königshäuser im In- und Ausland gedient, Es wurden
einfach die Namen und biographischen Beschreibungen geändert.

Der führende russische Mathematiker Anatolij Fomenko machte sich Jahrzehnte später daran,
die Erkenntnisse Morosovs zu überprüfen. Fomenko setzte für die Analyse des historischen
Datenmaterials erstmals Computer ein. Dazu speiste er den Rechner der Universität Moskau
mit Informationen aus zahlreichen Ländern der alten Welt, verglich sie miteinander und
entdeckte zwanzig weitere Übereinstimmungen. Sogar in so weit entfernten Ländern wie
Armenien oder China sollen die Habsburger als Kirchenoberhäupter (Katholikos) oder Kaiser
vorkommen.

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Nach Fomenkos weiteren umfangreichen Untersuchungen, die bereits ein Dutzend Bücher
füllen, sind alle Epochen vor der Habsburgerzeit des 17. Jahrhunderts völlig unglaubwürdig,
Die Herrscherzeiten der Dynastien des Römischen Reichs von der Gründung der Stadt Rom
(laut herrschender Chronologie um 753 v. Chr.) bis zum Ende des Heiligen Römischen
Reiches Deutscher Nation (am Ende der Hohenstaufen) erscheinen anhand seiner exakten
statistischen Vergleiche als Duplikate des Habsburger Herrschergeschlechts von "1273" bis
zum Dreissigjährigen Krieg. Wie läßt sich das erklären?

Es war die Erfindung des Buchdrucks (angeblich etwa um 1460, tatsächlich wohl erst um
1730) und dessen Verbreitung (lange Zeit überwiegend im deutschen Sprachraum), die
wesentlich dazu beigetragen haben dürfte, die Habsburger Chronologien im Herzen Europas
bekannt zu machen. Vermutlich wurde irgendwann in der Mitte des 18. Jh. eine
Dynastiebeschreibung der österreichischen Habsburger von Rudolf bis Ferdinand
veröffentlicht, die nicht nur spannende Geschichten aus der Vergangenheit präsentierte,
sondern erstmals auch Jahreszahlen. Schriftsteller aller Herren Länder waren fasziniert und
nahmen diese erste chronologisierte Darstellung als Grundlage für die Erfindung eigener
geschichtlicher Ursprünge. Nach Fomenkos akribischer Analyse sind oft nicht nur die
Herrschaftsdauer, sondern auch inhaltliche Eckpunkte aus den Biographien einzelner
Machthaber auf kreative Weise ab- und umgeschrieben worden,

Es könnte sich damals folgendermaßen abgespielt haben: Die Herrschenden und die
Kirchenoberhäupter begannen, kistenweise historische Romane, die man dann als Geschichte
verkaufte, in Auftrag zu geben. Es ging darum, eine möglichst glaubwürdige Vergangenheit
zu schaffen. Dabei mußte vor allem darauf geachtet werden, daß die Quasi-Chronik bereits
erschienenen Romanen nicht widersprach. Die Verfasser wurden reichlich entlohnt. Die
Päpste, die erst im 18. Jahrhundert begonnen hatten, sich zu etablieren, wogen jedes Buch mit
Gold auf. Jeder versuchte eine noch weiter reichende Geschichte zu erschaffen als die bereits
niedergeschriebene. Ein richtiggehender Wettbewerb entbrannte. Die Werke fanden reißenden
Absatz. Das goldene Zeitalter der Geschichtsschöpfung war eingeläutet.

Wie noch im 18.Jahrhundert Geschichte gemacht wurde, zeigt sich am Beispiel Katharinas
der Großen (1729-1796). Wie der russische Universitätsprofessor Yaroslaw Kesler
herausfand, fußten die militärischen Erfolge ihres Feldmarschalls Suworow auf der
Vernichtung sämtlicher Einwohner belagerter Städte im polnisch-ukrainischen Gebiet, die es
gewagt hatten, seiner Armee Widerstand zu leisten. Um sich der historischen Verantwortung
zu entledigen, schrieb Katharina die schrecklichsten Untaten kurzerhand den wilden Horden
tatarischer Mongolen im 13. Jh. zu. Für weniger grausame Belagerungen, bei denen Frauen
und Kinder verschont wurden, mußte fortan Iwan der Schreckliche im 16. Jahrhundert
herhalten, Lediglich Eroberungen, bei denen sich Städte freiwillig ergaben, findet man heute
in den Annalen der ruhmreichen Zarin,

Bald wurde eine lange Geschichte zur Mode. Wer später kam, konnte sich jeweils eine längere
Geschichte ausdenken: ein Vergangenheitsimperialismus, der bis in unsere Zeit fortgesetzt
wird. Die deutsche Geschichte wurde erst im 18. Jh. aufgezeichnet, die russische und die
chinesische im späten 18., die mesopotamische und die ägyptische im 19., die indische
Chronologie sogar erst im 20. Jh. (und wird noch heute von der nationalistischen Regierung
Indiens weiter geschrieben). Deshalb verfügen heute gerade die Letztgenannten über die
vermeintlich ältesten Überlieferungen.
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Auch die im Rahmen der Geschichtserfindung verwendeten Sprachen bedürfen einer
Überprüfung. Latein, wie wir es heute kennen, ebenso wie andere klassische Sprachen des
erfundenen Altertums (Altgriechisch, Hebräisch und Sanskrit), haben vor 400 Jahren noch gar
nicht existiert. Sie alle sind als Kultursprachen wohl ebenso eine Schöpfung der Humanisten
der Renaissance. Damit soll allerdings nicht die Echtheit aller alten ägyptischen, griechischen
oder römischen Inschriften bezweifelt werden, sondern lediglich deren zeitliche Einordnung.

Einer der bekanntesten Befürworter der russischen Chronologiekritik ist der Diplomphilologe
Garri Kasparow. Dem Schachweltmeister gelang es ebenfalls, zahlreiche Ungereimtheiten in
der dargestellten Geschichte aufzuzeigen. Um der Geschichtserfindung auf die Schliche zu
kommen, bedarf es nicht unbedingt leistungsfähiger Rechner. Oft genügt bereits ein Vergleich
weniger Eckdaten in unseren Geschichtsbüchern.

Das Leben Alexanders des Großen (angeblich 356 - 323 v. Chr.) beispielsweise kennt man
erst seit dem 18. Jh. Seine Geschichte weist eine erstaunliche Übereinstimmung mit der
einiger aus Mazedonien stammenden osmanischen Sultane auf, die im Laufe der Zeit fast die
halbe Welt eroberten. Die Landkarte dieser Unterjochungen hat eine verblüffende Ähnlichkeit
mit jener des mythischen Alexanderreichs. Die Osmanen brauchten jedoch Zeit für ihre
Eroberungen. Dem legendären Alexander fiel das alles (und darüber hinaus noch Persien,
Afghanistan und Indien) in nur 13 Jahren Herrschaft in die Hände. - Papier ist geduldig.

Wie soll nun eine weit zurückliegende Kulturepoche datiert und eingeordnet werden, wenn
plötzlich alles fragwürdig erscheint: Quellen, Traditionswege, Chronologie? Und wie stellt
sich das neue Geschichtsbild vor unseren Augen dar? Während die konventionellen Historiker
dogmatisch an der bestehenden Chronologie festhalten, geben sich die Geschichtsanalytiker
bescheidener. Sie gestehen das Fehlen überprüfbarer Informationen sogar in der - aus heutiger
Sicht - relativ nahen Vergangenheit ein.

Entscheiden Sie selbst, was Sie bevorzugen: eine knappe Abhandlung tatsächlicher
Geschehnisse oder ein aufgeblasenes Modell virtueller Vergangenheit, das zu falschen
Schlüssen für die Zukunft verleitet.

Zur Person des Autors

Eugen Gabowitsch

, 1938 -2009, war angewandter Mathematiker mit Forschungsschwerpunkt Algebra,


mathematische Modelle und Umweltforschung. Der gebürtige Este promovierte 1969 in
Leningrad, arbeitete dann in Tartu, Moskau, Amsterdam, Jülich und Karlsruhe als Dozent und
Forscher. 1999 gründete er den Geschichtssalon in Karlsruhe (heute in Berlin). Zudem war er
Herausgeber des geschichtsanalytischen Online-Magazins Geschichte und Chronologie
(www.jesus1053.com) und veröffentlichte zahlreiche Artikel über Geschichtskritik,
chinesische Geschichte und frühgeschichtliche Technologien.
Der obige Artikel wurde nach dem Tod des Autors vom Betreiber in den Jahrzahlen
dem heutigen Stand der Dinge angepasst.

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