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Sebastian Luft / Maren Wehrle (Hg.

Husserl
Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Sebastian Luft / Maren Wehrle (Hg.)

Husserl-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung

J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Sebastian Luft ist Professor für Philosophie an der Marquette
University, Milwaukee/Wisconsin (USA); Herausgeber
von Husserliana XXXIV, des »Routledge Companion to
Phenomenology« und Autor mehrerer Bücher zur Phäno-
menologie.
Maren Wehrle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am
Husserl-Archiv in Leuven. Sie hat eine Monographie und
zahlreiche Artikel (u. a. in Husserl Studies) zu Husserl und
der Wichtigkeit seiner Einsichten für die interdisziplinäre
Forschung verfasst.

Bibliografische Information
der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar. J. B. Metzler ist Teil von Springer Nature. Die eingetragene
Gesellschaft ist Springer-Verlag GmbH Deutschland.
ISBN 978-3-476-02601-9 www.metzlerverlag.de
ISBN 978-3-476-05417-3 (eBook) info@metzlerverlag.de

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Inhalt

I Einleitung Sebastian Luft/Maren Wehrle 1 16 Die Idee der Phänomenologie


Hanne Jacobs 125
17 Phänomenologie als Erste Philosophie
II Leben und Kontext Faustino Fabbianelli 135
18 Eidetik Julia Jansen 142
1 Persönlichkeit und Leben Thomas Vongehr 8 19 Genetische Phänomenologie
2 Das universitäre und soziale Umfeld Dieter Lohmar 149
Egbert Klautke 19 20 Phänomenologische Psychologie
3 Einflüsse auf Husserl Carlo Ierna 22 Thiemo Breyer 157
4 Die Husserls in Briefen Thomas Vongehr 32 21 Logik und Erkenntnistheorie
5 Die Geschichte der Rettung von Husserls Dieter Lohmar 165
Nachlass Thomas Vongehr 39 22 Wissenschaftstheorie Andrea Staiti 173
23 Phänomenologie und Mathematik
Mirja Hartimo 179
III Werk 24 Ethik Sonja Rinofner-Kreidl 184
25 Urteilstheorie Andrea Staiti 196
A Veröffentlichte Texte 26 Phänomenologie der sinnlichen Anschauung
6 »Philosophie der Arithmetik« Eduard Marbach 204
Mirja Hartimo 48 27 Phänomenologie des Raumes und der Bewegung
7 »Logische Untersuchungen« Karl Mertens 216
Henning Peucker 55 28 Phänomenologie der Intersubjektivität
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie Iso Kern 222
und phänomenologischen Philosophie« 29 Die Lebenswelt Christian Bermes 230
Nicolas de Warren 65 30 Grenzprobleme der Phänomenologie
9 »Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins« Natalie Depraz 237
Nicolas de Warren 75
10 »Formale und transzendentale Logik. Versuch
einer Kritik der logischen Vernunft« IV Wirkung
Michela Summa 83
11 Die »Cartesianischen Meditationen« / A Personen
»Méditations Cartésiennes« Dermot Moran 90 31 Kitarōo Nishida Tetsuya Sakakibara 244
12 »Die Krisis der europäischen Wissenschaften 32 Max Scheler Annika Hand 246
und die transzendentale Phänomenologie« 33 Aron Gurwitsch Alexandre Métraux 251
Christian Bermes 97 34 José Ortega y Gasset
13 »Erfahrung und Urteil« Jagna Brudzińska 104 Agustín Serrano de Haro 254
35 Martin Heidegger Thomas Nenon 257
B Nachlass 36 Alfred Schütz Emanuele Caminada 262
14 Überblick über Husserls Nachlass Sebastian Luft / 37 Jean-Paul Sartre Thomas Bedorf 268
Maren Wehrle 114 38 Emmanuel Levinas Matthias Flatscher 272
15 Systematischer Überblick über Husserls 39 Maurice Merleau-Ponty Sara Heinämaa 278
phänomenologisches Projekt Ullrich Melle 116 40 Paul Ricœur Natalie Depraz 284
VI Inhalt

41 Michel Foucault Arun Iyer 290 50 Feminismus Lanei Rodemeyer 336


42 Jacques Derrida Alice Mara Serra 292 51 Psychologie und Psychiatrie Thomas Fuchs 341
52 Soziologie Thomas Szanto 348
B Bewegungen 53 Kulturphilosophie Thiemo Breyer 355
43 Neukantianismus Andrea Staiti 299 54 Pragmatismus Stefan Niklas 360
44 Hermeneutik Sebastian Luft 304
45 Logischer Positivismus / Analytische
Philosophie Harald Wiltsche 309 V Anhang
46 Strukturalismus Beata Stawarska 315
47 Philosophy of Mind Maxime Doyon 320 Werkausgabe 368
48 Ontologie und Metaphysik Inga Römer 327 Autorinnen und Autoren 370
49 Kritische Theorie Thomas Bedorf 332 Personenregister 372
I Einleitung

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_1, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
Einleitung der Herausgeber/innen nicht leisten, und so ist das Projekt der Phänomenolo-
gie von Beginn an ein intersubjektives und intergene-
»Mitunter winkt uns nach langen Mühen die ersehnte ratives, müssen sich die Beschreibungen ergänzen
Klarheit« (Hua X, 393): In diesem kleinen Satzteil ver- und die Einsichten kritisch gegenseitig geprüft wer-
birgt sich die Essenz von Husserls Werk, das er zu- den, und das in einer endlosen Anzahl von Forscher-
gleich als seine Lebensaufgabe verstand. Ganz deut- generationen. Die Phänomenologie macht darauf auf-
lich wird hier das ersehnte und erkämpfte Ziel: Klar- merksam, dass jede Wahrnehmung der Welt notwen-
heit, sowie die etwas melancholische Einsicht, dass dig perspektivisch und jede Einsicht partiell ist. Damit
diese, wenn überhaupt, nur unter Mühen erreicht trägt jede vermeintliche Klarheit einen Horizont an
werden kann. Und letztendlich kann die vermeintli- Undeutlichkeit mit sich, der zukünftig und mit Hilfe
che Klarheit für Husserl, der durch unermüdliches anderer Perspektiven und Einsichten ergänzt werden
Beschreiben und Differenzieren versucht, zu den ›Sa- muss. Das unendliche Programm der Phänomenolo-
chen selbst‹ zu gelangen, immer nur ein Etappenziel gie muss von endlos Vielen angepackt und arbeitsteilig
sein, eine kleine trügerische Ruhepause auf dem Weg vorangetrieben werden. Dies war Husserls großer
zur adäquaten Einsicht, ein im Unendlichen liegendes Traum, den er zeit seines Lebens jedoch nur unzurei-
Ziel. Denn nach erneuter Prüfung treten alsbald neue chend verwirklicht sah. Dennoch war der Traum für
Wiedersprüche und Undeutlichkeiten auf: »Die Ar- ihn selbst nie »ausgeträumt«, wie die berühmte Passa-
beit und der Kampf beginnt von vorn« (ebd.). ge in einer Beilage der Krisis oft fehlinterpretiert wird
Nicht umsonst bezeichnet Husserl seine Philoso- (vgl. Hua VI, 508). Ausgeträumt war er nur für die, die
phie, die Phänomenologie, welche die Dinge, Welt vom rechten Weg abgekommen waren, etwas, was
und Andere vorurteilsfrei und im Rückgang auf das Husserl selbst mit Argwohn mit ansehen musste. Für
erfahrende Bewusstsein bestimmen will, als ein »un- ihn stand fest, dass die Zukunft seine Philosophie (sei-
endliches Programm« (Hua I, 178). Die Phänomeno- nen Nachlass) »suchen« und die phänomenologische
logie muss ihren Ausgang dabei immer bei der jeweils Forschung wieder erwachen würde (Hua Dok III/3,
eigenen Erfahrung nehmen, sie ist eine Übung in radi- 287), wie er mit großer Selbstsicherheit behauptete.
kaler Selbstbesinnung. Diese Selbstbesinnung ist je- Noch vor zwei Jahrzehnten belächelt, zeigt sich nun,
doch kein Selbstzweck oder eitle Nabelschau, sondern dass Husserls Vorhersage eingetroffen ist.
lediglich der Ausganspunkt einer universalen und we- In der Tat folgten nur wenige Husserls Ruf in aller
sensmäßigen Reflexion, die den allgemeinen Sinn und Konsequenz; Einfluss und Rezeption der Phänome-
Ursprung der Begriffe Welt, Natur, Raum, Zeit, nologie blieben zu Lebzeiten, im Vergleich etwa zu
Mensch, soziale Gemeinschaft und Kultur aufzuklä- seinem Schüler Martin Heidegger, eher verhalten.
ren versucht (vgl. 180). Um zu den berühmten ›Sa- Dies liegt zum einen daran, dass Husserl seine aka-
chen selbst‹ zu gelangen, muss man diese nach Husserl demische Karriere in der Philosophie erst spät begann
zunächst durch Epoché – durch Einklammerung aller (erst studierte er Astronomie und Mathematik) und
Kenntnisse und Vorurteile, sowie des natürlichen lange auf eine institutionelle Anerkennung warten
Glauben an deren Sein – verlieren. Erst dann lässt sich musste, und zum anderen, dass er zu Lebzeiten nur
die Welt und mit ihr die Dinge vorurteilsfrei und in wenig veröffentlichte. Husserl habilitierte sich 1889 in
›universaler Selbstbesinnung‹ wieder gewinnen (vgl. Halle bei Carl Stumpf Über den Begriff der Zahl und
183); wohl nicht umsonst hat Husserl dieses biblische bekam erst 1901/02, mit über vierzig, den Ruf auf eine
Motiv aufgenommen, um den wahrhaft existentiellen Professur in Göttingen, nach vierzehn Jahren als Pri-
Anspruch seiner Phänomenologie zu betonen (vgl. vatdozent in Halle (s. Kap. II.1). Im selben Jahr wurden
Lukas 9,24–25; Matthäus 10,38–39). auch die Logischen Untersuchungen veröffentlicht, das
Ein solches Projekt, das sich explizit als Arbeitsphi- erste Werk, das ihm zu einiger Bekanntheit und An-
losophie, als handanlegende Arbeit an den Phänome- erkennung verhalf. Bis zu seinem Tode, im Jahre 1938,
nen, versteht, kann aber eine einzelne Phänomenolo- arbeitete Husserl zwar unermüdlich an seinen berüch-
gin oder ein einzelner Phänomenologe alleine gar tigten privaten, in Gabelsberger Stenographie verfass-
Einleitung der Herausgeber/innen 3

ten Forschungsmanuskripten, ca. 40.000 an der Zahl, dass jedem prädikativen Urteil die passive, d. h. auto-
veröffentlichte jedoch insgesamt nur sieben Bücher matisch vor sich gehende Wahrnehmung vorangehen
(ein weiteres, Erfahrung und Urteil, wurde 1938 kurz muss, und jede Wahrnehmung selbst wieder mit einer
nach seinem Tod von seinem Assistenten Ludwig passiven Affektion beginnt. Weiterhin finden sich im
Landgrebe herausgegeben) und wenige Aufsätze und Nachlass Beschreibungen zu den verschiedensten For-
Rezensionen. men der Intersubjektivität – von der Ich-Du-Bezie-
Die Rezeption Husserls war deshalb zunächst auf hung, gemeinsamer Intentionalität, bis hin zu sozialen
diese wenigen Werke beschränkt, und viel dement- Verbänden. Vor allem Husserls Ethik, die in engem
sprechend einseitig aus. Zudem wurde Husserl als Jude Zusammenhang zur Methode und den Zielen des phä-
(wenn auch christianisierter, was für die Nationalso- nomenologischen Projekts steht, kann hier allererst
zialisten allerdings nicht zählte) nach seinem Tod in entdeckt werden: Beginnend um 1909 mit einer for-
Deutschland totgeschwiegen und seine Bücher entwe- malen und praktischen Axiologie, die als apriorische
der schwer zugänglich oder nicht neu aufgelegt. Der Wissenschaft jede Praktik der Vernunft aufzuklären
negative Einfluss des nationalsozialistischen Regimes versucht, bis hin zu einer Erneuerungs- und Liebes-
war so groß, dass Husserl auch nach dem Krieg in ethik, die bei der radikalen Selbstbesinnung anknüpft
Deutschland fast unbekannt war, was sich unter ande- und diese als »nie endende[ ] Selbsterziehung« im Sin-
rem daran zeigte, dass der erste Herausgeber der Hus- ne der Vernunft auch ethisch einfordert (Hua XXVII,
serliana, der belgische Pater Van Breda, in Deutschland 38). Darüber hinaus beschäftigte sich Husserl in seinen
keinen Verlag finden konnte, der bereit war, dieses ver- Forschungsmanuskripten ausgiebig mit der Vorgege-
meintliche verlegerische Risiko einzugehen. Erst der benheit und Horizonthaftigkeit der Welt, sowie mit
Martinus Nijhoff-Verlag in Den Haag in den Nieder- den Grenzen der Phänomenologie, der Sache nach
landen war bereit, die Husserliana-Serie zu überneh- (Geburt, Tod, Gott), sowie in Form einer Metakritik
men, und auch das erst, nachdem die Edition finanziell ihre Methode und der Evidenz ihres Gegenstands-
durch Zuschüsse seitens der UNESCO gesichert war. bereichs (vgl. Hua XLII; Hua VIII; Hua XXXIV).
Im Oktober 1938 wurde am Husserl Archiv in Leu- Beschränkt man sich also auf die zu Lebzeiten ver-
ven damit begonnen, die 40.000 Manuskriptseiten, die öffentlichten Schriften, ergibt sich ein ganz anderes, in
Husserl bereits thematisch in Gruppen geordnet hatte, der Tat hochgradig verzerrtes Bild von Husserl, als
zu transkribieren und zu edieren (s. Kap. II.5). Bis zum wenn man den Nachlass hinzunimmt. So zeichnen
heutigen Zeitpunkt sind 43 Bände der Husserliana, der viele Interpreten bis heute ein Bild von Husserls Phä-
Gesammelten Werke Husserls, erschienen, sowie zahl- nomenologie, das diese als intellektualistisch und so-
reiche Dokumente, Briefe und Materialien. Der Haupt- lipsistisch erscheinen lässt, indem das Bewusstsein
teil der Edition gilt damit nun als abgeschlossen. Die allmächtig und transparent ist und die Welt zum In-
Rezeption dieses ertragreichen und vielseitigen Nach- halt einer Vorstellung degradiert wird. Andere wollen
lasses beginnt hingegen erst. Dies macht die Besonder- in der Phänomenologie hingegen lediglich eine Form
heit der Rezeptionsgeschichte von Husserl, aber auch der Introspektion sehen, die nach Herzenslust die ei-
seines Werkes aus, das zum größten und wichtigsten genen inneren Erlebnisse und Gefühle beschreibt.
Teil in diesem Nachlass beschlossen liegt. Viele derje- Beides erweist sich vor allem im Hinblick auf den
nigen Themen, die den Kern der Phänomenologie bil- Nachlass eher als Karikatur denn als eine angemesse-
den, werden erst hier systematisch eingeführt oder al- ne Beschreibung dessen, worauf die Husserlsche Phä-
lererst sichtbar, da, wie Husserl selbst bereits zu Leb- nomenologie abzielt.
zeiten feststellte, »der größte und wie ich sogar glaube
wichtigste Theil meiner Lebensarbeit noch in meinen Ein besonderes Anliegen dieses Handbuches ist es da-
durch ihren Umfang kaum noch zu bewältigenden her, diesem Nachlass, den in ihm behandelten The-
Manuskripten steckt« (Hua Dok III/3, 90). men, seiner Entstehung, und der sich durch diesen
In den Manuskripten aus dem Nachlass treffen wir ausdrückenden Arbeitsweise Husserls, gebührend
etwa auf Husserls genetischen Ansatz, der die passiven Raum zu geben. Die Betonung des Nachlasses in der
Leistungen des Bewusstseins aufzudecken versucht Auswahl der in diesem Handbuch behandelten The-
(vgl. Hua XI). In diesem Kontext zeigt sich, dass Inten- men ist in der Forschung zu Husserl ein Novum.
tionalität sich nicht auf die Vorstellung oder das Den- Im ersten Teil, über das Leben Husserls, wird nicht
ken beschränkt, sondern zunächst in passiven oder nur auf die ›Persönlichkeit und das Leben‹ Husserls,
praktischen Formen auftritt. Husserl macht deutlich, sein ›universitäres und soziales Umfeld‹, seine Ein-
4 I Einleitung

flüsse, Familie und Briefe eingegangen, sondern vor fundierenden Grundlagen in der Wahrnehmung zu-
allem auch die Entstehung und Rettung des Nachlas- rückzubinden. Dieses Werk birgt bereits die Grund-
ses dargestellt. annahmen einer genetischen Phänomenologie, die
Das Werk gliedert sich dementsprechend in zwei erst durch die Edition der Nachlassmanuskripte zu ih-
Rubriken, die der zu Lebzeiten veröffentlichten Werke rer vollen Gestalt kommen sollte. Die vielen Unter-
(III.A), und den Nachlass, der in den Gesammelten titel, die auf den einführenden Charakter des jewei-
Werken (Husserliana) veröffentlicht ist (III.B). ligen Werkes hinweisen, machen vielleicht deutlich,
Trotz des Schwerpunkts auf dem Nachlass werden wie sehr Husserl in den einführenden Werken immer
freilich die veröffentlichten Werke ausführlich be- wieder den Versuch unternommen hat, in seine Phä-
sprochen, sind sie doch bis heute der erste Anhalts- nomenologie einzuleiten, worüber die Details seines
punkt für an Husserls Philosophie Interessierte. Ent- Denkens oftmals zu kurz kommen.
sprechend widmet sich in Teil A jeweils ein Beitrag ei- In Teil B wird der Nachlass Husserls, d. h. die kriti-
nem zu Lebzeiten von Husserl veröffentlichten Werk sche Edition dieses Nachlasses thematisch dargestellt.
und seiner Rezeption; beginnend mit der überarbeite- Die kritische Edition wird in den nächsten Jahren ih-
ten Habilitationsschrift Husserls Philosophie der ren Abschluss finden. Bereits in diesem Handbuch be-
Arithmetik (1891), darauf folgt dasjenige Werk, das rücksichtigt wurde die vierbändige Edition der Studien
Husserls philosophischen Durchbruch bedeutete und zur Struktur des Bewusstseins, die 2017 erscheinen
von vielen noch heute als sein wichtigstes Buch ange- wird, ebenso wie die im letzten Jahrzehnt veröffentlich-
sehen wird, die Logischen Untersuchungen (1900/01); ten neueren Bände. Vorliegendes Handbuch ist inso-
daran schließt sich eine Studie an, welche Husserls fern in der Fülle der Literatur zu Husserl einzigartig, als
Wende zu einer transzendentalen Philosophie einlei- es diesen Nachlass, zentriert um seine Methoden und
tete, die Ideen zu einer reinen Phänomenologie und wiederkehrenden Hauptthemen (unter Bezug auf die
phänomenologischen Philosophie (1913); Jahre später jeweils relevanten Bände der Husserliana), zum ersten
erst wird die Formale und transzendentalen Logik Mal systematisch und (beinahe) vollständig darstellt.
(1929) publiziert, in der Husserl versucht, seine Ein- Dieser Darstellung ist eine kurzer Überblick der
sichten zur Logik auf einer transzendentalen Ebene Herausgeber zur Ordnung und Form des Nachlasses
weiter zu denken. Kurz zuvor erschienen im Jahrbuch (s. Kap. III.B.14), sowie ein inhaltlicher Überblick von
für Phänomenologie die von Heidegger herausgegebe- Ullrich Melle, des ehemaligen Direktors des Husserl
nen »Vorlesungen zum inneren Zeitbewußtsein« Archivs in Leuven, über das gesamte Projekt der Hus-
(1928), in welchen Husserl seine einflussreiche Theo- serlschen Phänomenologie (s. Kap. III.B.15) vorange-
rie des Zeitbewusstseins entwickelt. Im Jahre 1931 stellt. Die folgenden drei Beiträge beschäftigen sich
wurden Husserls Pariser Vorlesungen, die Méditations mit der ›Idee der Phänomenologie‹ (s. Kap. III.B.16)
Cartésiennes (1931) – allerdings nur in der französi- und ihren methodischen Zugängen und Ausrichtun-
schen Übersetzung –, publiziert, in welchen er, neben gen, als erste (transzendentale) Philosophie und Eide-
einer allgemeinen und knappen Einführung in die tik (s. Kap. III.B.17/18). Die Abschnitte sechs und sie-
transzendentale Phänomenologie, seine Theorie der ben präsentieren zwei Ausformungen bzw. Anwen-
Intersubjektivität und Einfühlung erstmals vorstellte. dungen dieser Methoden, die ›genetische Phänome-
In Husserls letzten Lebensjahren erscheint das wohl nologie‹ und die ›Phänomenologische Psychologie‹ (s.
bekannteste und am breitesten rezipierte Werk Hus- Kap. III.B.19/20). Die folgenden Beiträge befassen sich
serls, die Krisis der Europäischen Wissenschaften und mit philosophischen oder formalwissenschaftlichen
die transzendentale Phänomenologie. In dieser kultur- Teilbereichen, in Bezug auf welche sich die Phänome-
und wissenschaftskritischen Studie, die gleichzeitig nologie positioniert bzw. ihre eigenständige Theorie
(und erneut) eine Einführung und Rechtfertigung der entwickelt: ›Logik und Erkenntnistheorie‹, ›Wissen-
Phänomenologie sein soll, prägt Husserl den Begriff schaftstheorie‹, ›Phänomenologie und Mathematik‹,
der Lebenswelt (1936), der nun in vielen Wissenschaf- ›Ethik‹, ›Urteilstheorie‹ (s. Kap. III.B.21–25). Die wei-
ten wie auch in der Alltagssprache wie selbstverständ- teren Einträge beschreiben zentrale Themenkomplexe
lich gebraucht wird. Abschließend das kurz nach sei- der Phänomenologie Husserls, wie die ›sinnliche An-
nem Tod von Ludwig Landgrebe herausgegebene schauung‹, ›Räumlichkeit und Bewegung‹, ›Intersub-
Werk Erfahrung und Urteil, das anknüpfend an seine jektivität‹ und ›Lebenswelt‹ (s. Kap. III.B.26–29). Den
frühere Auseinandersetzung mit der Logik versucht, Abschluss dieser Sektion bildet ein Beitrag zu den
höhere kognitive Akte und Prädikationen auf ihre ›Grenzproblemen der Phänomenologie‹ (Hua LXII).
Einleitung der Herausgeber/innen 5

Als Begründer der Bewegung der Phänomenologie zensionen und andere Information rund um die Phä-
hat Husserl den Weg geebnet für andere phänomeno- nomenologie anbietet.
logisch, hermeneutisch, oder existentialistisch ori- Blickt man in dieser Hinsicht auf die gegenwärtige
entierte Denker, die seine Gedanken, Ideen oder Me- phänomenologische Forschung, stellt man auf der ei-
thoden auf verschiedenste Weise aufgenommen, kriti- nen Seite fest, dass diese über den Kreis der deutsch-
siert oder sich gegen diese abgegrenzt und erst da- sprachigen Forschung hinaus international äußerst le-
durch ihre eigene Position gefunden haben. Trotz der bendig ist und neuerdings auf vielfältige Weise phäno-
komplizierten Rezeptionssituation hatte Husserl auf menologische Methoden und Themen bearbeitet,
zahlreiche Philosoph/innen seiner Zeit und auch neue Bezüge und Verbindungen zu philosophischen
nachfolgend einen maßgeblichen Einfluss, der in der Richtungen und Themen herstellt (Politik, Kritische
Sektion Wirkung nachgegangen wird. Die Auswahl Theorie, Feminismus), sowie philosophiegeschichtlich
derjenigen Philosoph/innen, die von den Herausge- die frühen Phänomenologen (Adolf Reinach, Max
bern ausgewählt wurden (s. Kap. IV.A), ist dabei nicht Geiger, Alexander Pfänder, Dietrich von Hildebrandt,
vollständig, sondern eine aus Platzgründen notwen- Johannes Daubert) und zum ersten Mal auch die frü-
dig beschränkte Auswahl. Neben den hier präsentier- hen Phänomenologinnen, wie Gerda Walther, Edith
ten Beiträgen zu Kitarōo Nishida, Max Scheler, Aron Stein und Hedwig Conrad Martius, (wieder-)entdeckt.
Gurwitsch, José Ortega y Gasset, Martin Heidegger, Auf der anderen Seite erfreuen sich die Methode der
Alfred Schütz, Jean-Paul Sartre, Emanuel Levinas, Phänomenologie sowie ihre deskriptiven Resultate
Maurice Merleau-Ponty, Paul Ricœur, Michel Fou- steigender Beliebtheit in anderen Disziplinen und fin-
cault, und Jacques Derrida (s. Kap. IV.A.31–42) hätte den vielseitige interdisziplinäre Anwendungen im Be-
man sicherlich noch andere hinzunehmen können, reich der Psychologie, Psychiatrie, Psychopathologie,
wie etwa Michel Henry, Simone de Beauvoir, Helmuth Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaften, So-
Plessner, Edith Stein oder Theodor W. Adorno. Zu- ziologie, Pädagogik, Medizin, Ethnologie, Anthro-
mindest letztere finden sich im Teil über die Wirkun- pologie und Archäologie. All diese Rezeptionslinien
gen Husserls auf philosophische und wissenschaftli- zu verfolgen, hätte für einen Band dieser Größenord-
che Bewegungen wieder, zum Beispiel im Beitrag nung zu weit geführt, aber an entsprechenden Stellen
zu ›Feminismus‹ und ›Kritischer Theorie‹ (s. Kap. (etwa der weiterführenden Literatur am Ende jedes
IV.B.49/50). Weiter zeigt sich der Einfluss von Hus- Kapitels) wurden Verweise eingefügt, wo sich interes-
serls Phänomenologie nicht nur in den philosophi- sierte Leser/innen weiter informieren können. Ob-
schen Bewegungen des ›Neukantianismus‹, der ›Her- wohl sich also Husserls Traum nach einer teleologisch
meneutik‹, des ›Logischen Positivismus/Analytischen fortschreitenden Weiterführung des phänomenologi-
Philosophie‹, der ›Philosophy of Mind‹, des ›Struk- schen Projekts, das eine universale Vernunft verwirk-
turalismus‹, der ›Ontologie und Metaphysik‹ (s. Kap. licht, vielleicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Post-
IV.B.43–48), ›Kulturphilosophie‹ und dem ›Pragma- moderne und der Kritischen Theorie nicht mehr so
tismus‹ (s. Kap. IV.B.53/54), sondern vor allem auch in einfach weiter träumen lässt, kann doch zumindest
anderen Disziplinen wie der ›Psychologie und Psy- festgehalten werden, dass die Saat der Phänomenolo-
chiatrie‹ und der ›Soziologie‹ (s. Kap. IV.B.51/52). gie trotz der erschwerten Rezeptionsgeschichte auf-
Anders als viele Kompendien dieser Art verfügt gegangen ist, wenn auch anders als von ihrem Grün-
dieses Handbuch über keine Auswahlbibliographie im dungsvater antizipiert. Die Herausgeber/innen dieses
Anhang. Hierfür sprechen mehrere Gründe. Zum ei- Bandes freuen sich, in dieser Hinsicht etwas Entschei-
nen verfügt jedes Lemma über eine Bibliographie, die dendes beitragen zu können und danken hierfür vor
die Primär- und Sekundärliteratur (klassische und allem den Autorinnen und Autoren, die dies mit ihrer
neuere) anführt. Interessierte Leserinnen und Leser Expertise und ihrem Einsatz möglich gemacht haben.
werden hier Weiterführendes finden. Weiterhin gibt Wenn es diesem Band gelingen sollte, die Bedeutung
es neuerdings im Internet zahlreiche Recherchemög- der Husserlschen Phänomenologie für die heutige Phi-
lichkeiten und Ressourcen. Vor allem empfehlen wir losophie und die genannten Zweige der empirischen
die umfassende Seite zur Phänomenologie, die Open Wissenschaften zu demonstrieren, ist die Hoffnung
Commons of Phenomenology (http://www.ophen. der Herausgeber/innen erfüllt.
org), die neben einer umfassenden (ständig auf den Die geneigte Leserin oder der geneigte Leser wird
neuesten Stand gebrachten) Bibliographie zu allen feststellen, dass den Autorinnen und Autoren nahege-
großen Phänomenolog/innen auch Primärtexte, Re- legt wurde (ohne irgendeinen Zwang auszuüben), die
6 I Einleitung

genderneutrale Version »Philosoph/in« zu verwen- oder außerhalb irgendwelcher Geschlechtsmarkie-


den. Dies geschieht im Sinne der sich allmählich rungen anzusprechen.
durchsetzenden Gepflogenheit, die die Intention ver-
folgt, Gender-Balance zu erreichen und nicht, um ir- Am Ende ein Wort des Dankes. Die Herausgeberin
gendwelchen Moden hinterherzujagen. Genauso wie und der Herausgeber danken den folgenden Personen:
also zuvor die Bezeichnung Philosoph oder Phänome- Ute Hechtfischer vom J. B. Metzler Verlag, die das
nologe generisch verwendet wurde, um sowohl männ- Projekt angeregt und anfangs mit großem Engage-
liche als auch weibliche Philosophen und Phänome- ment betreut hat. Franziska Remeika, die nach einem
nologen zu bezeichnen, verwenden wir nun Philo- internen Wechsel beim Verlag das Projekt von Frau
soph/in und Phänomenolog/in in derselben Weise. Hechtfischer übernommen und mit gleichem Engage-
Wenn also ›Phänomenologen‹ oder ›Phänomenolo- ment und Gründlichkeit zu Ende geführt hat. Wir
gin‹ zu lesen ist, soll darauf aufmerksam gemacht wer- danken ferner Ferdinand Pöhlmann, der die Satzvor-
den, dass es sich dabei ausdrücklich um nur männ- bereitung übernommen hat. Prof. Dr. Ullrich Melle,
liche oder eben nur weibliche Vertreter handelt. Der bis Ende Juni 2017 Direktor des Husserl-Archivs in
Begriff Phänomenolog/innen kann sich hingegen in Leuven, war hilfreich in der Planung und Konzeption
generischer Bedeutung sowohl auf beide Geschlechter des Bandes. Wir danken schließlich allen Autorinnen
als auch auf eine nur männliche oder nur weibliche und Autoren für ihre ausgezeichnete Arbeit. Es war
Gruppe beziehen. In diesem Band wurde auf die fol- uns ein Vergnügen und eine Ehre, mit ihnen zusam-
gende Bezeichnung Phänomenolog*innen, die auch men arbeiten zu dürfen.
explizit nicht-binäre Geschlechtsformen anspricht,
aus praktischen Gründen des Leseflusses verzichtet. Milwaukee und Leuven
Wir wollen deshalb darauf hinweisen, dass es uns ein Sebastian Luft und Maren Wehrle
Anliegen ist, unsere Leser*innen unabhängig von
II Leben und Kontext
1 Persönlichkeit und Leben Laufbahn. Im Januar 1883 promoviert er unter Lei-
tung des Weierstraß-Schülers Leo Königsberger
Edmund Husserl wird am 8. April 1859 in dem damals (1837–1921) mit einer mathematischen Arbeit über
zur österreichischen Monarchie gehörigen Proßniz in Variationsrechnung. In Philosophie – nun sein Ne-
Mähren (heute tschechisch: Prostějov) geboren. Er benfach im Studium – wird er von Robert Zimmer-
stirbt 79-jährig am 27. April 1938 in Freiburg in mann (1824–1898) und Theodor Vogt (1835–1906)
Deutschland. Wer war dieser Husserl, der die Phäno- geprüft. Nach einem weiteren Aufenthalt in Berlin im
menologie und damit eine der einflussreichsten phi- Sommersemester 1883, wo Husserl im Auftrag von
losophischen Strömungen unserer Zeit begründete? Weierstraß bei der Bearbeitung von dessen Vor-
lesungsmitschriften hilft, und der anschließenden Ab-
leistung eines einjährigen Militärdienstes (Oktober
Husserls Weg in die Philosophie. Er studiert 1883 bis Oktober 1884), setzt Husserl seine Studien in
in Leipzig, Berlin und Wien. Erst spät reift in Wien im Wintersemester 1884/85 fort. Seine anfäng-
ihm die Entscheidung, Philosophie als liche Absicht, sich dort mit einer Fortführung des
›Lebensberuf‹ zu wählen Themas seiner mathematischen Dissertation zu habi-
litieren, hatte er zwischenzeitlich wieder aufgegeben.
Husserl entstammt einer angesehenen und altein- Aus »bloßer Neugierde« (Hua XXV, 305), aber wohl
gesessenen jüdischen Familie. Seine Eltern, Adolf auch auf den wiederholten Rat seines 9 Jahre älteren
Abraham Husserl (1827–1884) und Julie Husserl, geb. Studienfreundes, Thomas Masaryk (1850–1937), hin,
Selinger (1834–1917), führen in Proßnitz ein Geschäft besucht Husserl in Wien die Vorlesungen von Franz
für Modewaren. Sie erziehen ihre vier Kinder liberal Brentano (1838–1917). Masaryk, der Jahre später der
und religiös indifferent. Nach Beendigung der Volks- erste Staatspräsident der neugegründeten tschecho-
schule besucht Husserl für etwa ein Jahr lang ein slowakischen Republik werden sollte, bezeichnete
Gymnasium in Wien und anschließend das etwa 20 sich selbst als Schüler Brentanos und hatte 1876 in
Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt liegende Wien promoviert. Nach längerer Studienzeit in Leip-
Gymnasium in Olmütz, wo er bei Gastfamilien wohnt. zig, wo er gemeinsam mit Husserl sowohl philosophi-
Unmittelbar nach dem Schulabschluss beginnt der sche Vorlesungen als auch Veranstaltungen des Aka-
17 1/2-jährige Husserl im Herbst 1876 in Leipzig mit demisch-Philosophischen Vereins sowie des Studenten-
dem Studium der Astronomie. Er hört Vorlesungen in vereins der Siebenbürger Sachsen besuchte, habilitier-
Physik, Mathematik und – aus Interesse (nicht als ein- te sich Masayrk an der Universität in Wien und wurde
geschriebenes Fach) – auch Vorlesungen in Philoso- dort 1879 Privatdozent.
phie u. a. bei Wilhelm Wundt (1832–1920). Nach drei Husserl hat später (1919) betont, dass Brentanos
Semestern gibt Husserl das Studium der Astronomie Persönlichkeit, bei dem er vom Wintersemester
wieder auf. Da er sich nun hauptsächlich mit Mathe- 1884/85 bis zum Sommersemester 1886 studierte,
matik beschäftigen will, wechselt er im Sommer 1878 ausschlaggebend dafür war, dass er sich für die Phi-
an die Berliner Universität. Dort studiert er bei dem losophie als ›Lebensberuf‹ entschieden habe:
Mathematiker Karl Weierstraß (1815–1897), dessen
wissenschaftliches Ethos ihn nachhaltig beeindruckt, »Zuerst aus seinen Vorlesungen schöpfte ich die Über-
und hört Vorlesungen in Philosophie u. a. bei Fried- zeugung, die mir den Mut gab, die Philosophie als Le-
rich Paulsen (1846–1908). Nach sechs Semestern in bensberuf zu wählen, nämlich, daß auch Philosophie
Berlin – wegen des sich hinziehenden Studiums wur- ein Feld ernster Arbeit sei, daß auch sie im Geiste
de sein Vater schon ungeduldig und drängte darauf, strengster Wissenschaft behandelt werden könne und
dass sein Sohn seinen Abschluss in Österreich macht somit auch müsse« (Hua XXV, 305).
– geht Husserl im Sommersemester 1881 an die Uni-
versität in Wien. Er hofft dort als gebürtiger Österrei- An der Dankbarkeit, ja an der Verehrung Brentanos
cher auf bessere Chancen für seine weitere berufliche hat Husserl ein Leben lang festgehalten: »Ohne ihn

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_2, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
1 Persönlichkeit und Leben 9

[Brentano] u. seinen Impuls wäre ich mit keinem Ge- »Macht [der] Persönlichkeit« (Hua XXV, 305) Brenta-
danken, der ich bin« (Hua Dok III/2, 11). Husserl hat nos oft unterlegen fühlt – er ist von ihm angezogen,
allerdings 1919 auch andere, wohl tiefer reichende kann sich ihm aber auch nur schwer entziehen –,
Gründe genannt, nämlich, dass »die entscheidenden scheint ihm der 11 Jahre ältere Stumpf zugänglicher
Antriebe (die [ihn] von der Mathematik in die Phi- gewesen zu sein. Vielleicht muss man den tieferen
losophie als Berufsstätte gedrängt hatten) in über- Grund für das oft spannungsvoll wirkende Verhältnis
mächtigen religiösen Erlebnissen u. völligen Umwen- zwischen Brentano und Husserl in Brentanos Verwur-
dungen« (Hua Dok III/4, 408) gelegen hätten. Auch zelung in den »alten süddeutschen Anschauungen«
hier hatte sein Freund Masaryk großen Einfluss, regte und in dessen Antipathie gegen die »preußische Art«
er Husserl doch 1882 zur Auseinandersetzung mit (Hua XXV, 307) suchen – letztere liegt Husserl offen-
dem Neuen Testament an. Es sei »die gewaltige Wir- sichtlich mehr (zumindest erwirbt er Ende 1896 die
kung des N[euen] T[estaments]« gewesen, so Husserl, preußische Staatsangehörigkeit).
die ihn dazu motiviert habe, »mittelst einer strengen 1889 verlässt Stumpf Halle und wechselt an die Lud-
philos[ophischen] Wissenschaft den Weg zu Gott und wig-Maximilians-Universität in München. Dennoch
zu einem wahrhaften Leben zu finden« (Hua Dok entwickelt sich zwischen beiden Philosophen eine per-
III/4, 408). Mit 27 Jahren wendet er sich zum Protes- sönliche Beziehung, die weit über die Hallenser Zeit
tantismus und lässt sich im April 1886 in der Stadtkir- hinausreicht. So setzt sich Stumpf u. a. engagiert für
che der evangelischen Pfarrgemeinde Augsburgischen Husserls spätere Berufung nach Göttingen ein. Zum
Bekenntnisses zu Wien taufen. Auch Malvine Stein- 80. Geburtstag von Stumpf im Jahr 1928 wird Husserl
schneider (1860–1950), die er noch aus seiner Hei- nach Berlin reisen, um an den Feierlichkeiten seines
matstadt kannte, konvertiert ein Jahr später vom jü- alten Lehrers und Freundes teilzunehmen. Für die Ha-
dischen Glauben zum Protestantismus. Kurz danach, bilitation bei Stumpf wählt Husserl ein Thema, das sei-
im August 1887, heiraten Malvine und Edmund in der ne Verbundenheit mit der Mathematik deutlich zeigt;
evangelischen Stadtkirche in Wien. Über ihre ehema- allerdings ist er nun mehr an Grundlagenproblemen
lige jüdische Religionszugehörigkeit und die ihrer der Arithmetik interessiert, die er im Sinn Brentanos
Verwandten hat das Ehepaar Husserl später größten- und Stumpfs psychologisch lösen möchte. Im Herbst
teils geschwiegen; auch haben sie es wohl viele Jahre 1887 wird seine Habilitationsschrift mit dem Titel
vermieden, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Über den Begriff der Zahl. Psychologische Analysen
Erst der aufkommende Nationalsozialismus in den (Hua XII, 289–338) zwar in Teilen gedruckt, erscheint
1930er Jahren hat die Husserls in bedrohlicher Weise aber nicht im Buchhandel. In einer überarbeiteten
mit dieser Vergangenheit konfrontiert. Form wird sie Husserl dann 1891 unter dem Titel Phi-
losophie der Arithmetik. Psychologische und logische
Analysen (Hua XII, 1–283) veröffentlichen. Es ist seine
14 Jahre als Privatdozent. Die schweren erste Publikation und – abgesehen von zwei kleineren,
Anfangsjahre in Halle in einem Aufsatz abgedruckten Abhandlungen (»Psy-
chologische Studien zur elementaren Logik«), die 1894
Da Brentano als Privatdozent in Wien Habilitationen in den Philosophischen Monatsheften (Hua XXII, 92–
nicht betreuen darf, schickt er Husserl im Herbst 1886 123) erscheinen, sowie einzelnen Aufsätzen bzw. Re-
zur Habilitation im Fach Philosophie nach Deutsch- zensionen zur Logik – auch seine einzige größere Pu-
land, und zwar nach Halle an der Saale zu seinem äl- blikation in der Hallenser Zeit. Ein angekündigter
testen Schüler Carl Stumpf (1848–1936). Wie Husserls zweiter Band der Philosophie der Arithmetik, in dem
Frau später berichtet: »Aller Einwand von H[usserl], sich Husserl u. a. mit der philosophischen Begründung
daß er ja ein krasser Anfänger in der Philosophie sei, der Euklidischen Geometrie beschäftigen wollte, wird
nützte nichts« (Hua Dok I, 17). Im Jahr 1883 ver- nicht fertiggestellt (s. Kap. III.A.6).
öffentlichte Stumpf die Tonpsychologie (Stumpf 1883), Mit Abschluss der Habilitation beginnt Husserls
an deren zweitem Band er gerade in Halle arbeitet, als Weg in die Philosophie als Lebensberuf. Kurz vor des-
Husserl zu ihm kommt. Sein Buch Über den psycho- sen Ende, fast fünf Jahrzehnte später, wird er mit dem
logischen Ursprung der Raumvorstellung (Stumpf ihm eigenen Pathos sagen: »Ich habe als Philosoph ge-
1873) ist von Husserl genau studiert worden, als dieser lebt und will als Philosoph zu sterben versuchen«
etwa 1893 im Anschluss an seine Habilitation ein ei- (Hua Dok I, 488). Ab dem Wintersemester 1887/88 ist
genes Raumbuch plant. Während sich Husserl der Husserl an der Universität Halle-Wittenberg als Pri-
10 II Leben und Kontext

vatdozent angestellt. So wie seine Entscheidung, sich seine Hallenser Jahre von einem »völligen Sinken al-
voll und ganz der Philosophie zu widmen, erst all- len Selbstvertrauens«, sogar von »langen Anfällen von
mählich in ihm reift, so entwickelt sich jedoch auch Depression« (Hua Dok III/4, 21). Unter ähnlichen Zu-
seine akademische Karriere nur schleppend. Später ständen – oft im Anschluss an Phasen intensivster Ar-
wird er im Rückblick auf die Hallenser Zeit feststellen, beitsanstrengung – hat Husserl wohl auch in späteren
dass es »keine Seligkeit [war,] 13 Jahre lang Privatdo- Jahren gelitten.
cent [...] zu sein« (Hua Dok III/1, 137). Tatsächlich Die von Husserl im Vorlesungsverzeichnis der Uni-
waren die Jahre in Halle auch für die neugegründete versität Halle angekündigten Lehrveranstaltungen
Husserl-Familie eine schwere Zeit. Und das nicht nur weisen ein breites Spektrum auf. Ob die Themen aus-
aus finanziellen Gründen. schließlich seine eigenen philosophischen Interessen
1892 kommt die Tochter Elisabeth zur Welt, die dieser Jahre widerspiegeln, lässt sich indes nur schwer
Söhne Gerhart und Wolfgang werden 1893 bzw. 1895 beurteilen. Husserl zufolge seien es besonders Ber-
geboren. Husserl muss sich und seine Familie größ- nard Bolzano (1781–1848), Hermann Lotze (1817–
tenteils aus Stipendiengeldern, für die er sich jedes 1881) und David Hume (1711–1776) gewesen, für die
Jahr aufs Neue bewerben muss, und aus den Mitteln, er sich Anfang der 1890er Jahre interessierte. Aber als
die er als Dozent von den Hörern seiner Vorlesungen junger Privatdozent wird Husserl nicht nur verpflich-
gezahlt bekommt, finanzieren; er lebt so in einer ste- tet gewesen sein, bestimmte Themengebiete zu be-
ten Unsicherheit. Vielleicht hat ihn seine Familie fi- handeln, sondern er wird wegen des zu erwartenden
nanziell unterstützt, wie es seine Brüder, nämlich der Hörergeldes auch Themen angeboten haben, die den
zwei Jahre ältere Heinrich (1857–1928) und der zehn Student/innen interessant erschienen. In Halle hält
Jahre jüngere Emil (1869–1942), zumindest in den Husserl Vorlesungen über Erkenntnistheorie und Me-
ersten Göttinger Jahren ihres Philosophen-Bruders taphysik, über die Grundprobleme der Psychologie,
taten. Nach dem Tod des Vaters 1884 übernehmen die über Geschichte der Philosophie, über Logik, Ethik
beiden Brüder das Familiengeschäft (Adolf Husserl & und Rechtsphilosophie, über die Philosophie der Ma-
Sohn, Kleider- und Wäschefabrik) und erweitern es thematik, über den Theismus und über die Beweise
u. a. durch eine Niederlassung in Wien. Vor allem zu über das Dasein Gottes, über die Freiheit des Willens,
seinem Bruder Heinrich, der später, wie ab 1912 auch über Locke, Descartes, Schopenhauer, Hume, Spino-
die Mutter, in Wien lebt, hat Husserl zeitlebens ein gu- za, Kant und Mill.
tes Verhältnis. In späteren Jahren schreibt Heinrich Seine Auseinandersetzung mit der Brentano-
Gedichte, veröffentlicht mehrere schmale Gedicht- Schule findet in diesen Jahren vor allem ihren Nieder-
bände, von denen einer, Die stummen Wünsche (Hus- schlag in einer im Sommer 1894 geschriebenen, aber
serl 1921), seinem Bruder Edmund gewidmet ist. Ne- zu Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Schrift
ben der finanziellen Unsicherheit plagen Husserl in über »Intentionale Gegenstände« (Hua XXII, 302–
Halle aber auch Selbstzweifel, ob er überhaupt die Eig- 338; Schuhmann 1990/91), die eine Reaktion auf Ka-
nung zur Philosophie habe und – damit zusammen- simir Twardowskis (1866–1938) Zur Lehre vom In-
hängend – wie sich eine akademische Zukunft gestal- halt und Gegenstand der Vorstellungen (Twardowski
ten lässt. Auch hadert er mit seiner »schwerfälligen 1894) ist. Darüber hinaus steht Husserl brieflich in
Gründlichkeit und skeptischen Selbstkritik« (Hua teilweise lebhaftem Austausch mit anderen Schülern
Dok III/9, 136). Anfang Januar 1898 fasst der nun fast Brentanos, insbesondere mit Alexius Meinong (1853–
40-jährige resigniert zusammen: »Die Geschichte 1920), Anton Marty (1847–1914) und Alois Höfler
meiner letzten Lebensjahre ist rasch beschrieben: (1853–1922).
ernstes Streben, ernste Arbeit und trotz all dem innere In Halle entwickeln sich zahlreiche Freundschaf-
Unfertigkeit und nach außen kein Erfolg« (Hua Dok ten, auch zu Kollegen anderer Fachgebiete – außer mit
III/1, 196). Täglich soll Husserl an dem Gebäude des Stumpf ist Husserl mit dem Philologen Hans von Ar-
Frankeschen Waisenhauses in Halle vorbeigegangen nim (1859–1931), mit den Mathematikern Hermann
sein. Der über dem Eingangstor befindliche Spruch – Ernst Grassmann (1857–1922) und Georg Cantor
ein Zitat aus Jesaja 40: »Die auf Gott harren, kriegen (1845–1918) näher befreundet –, aber sonst scheint
neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler« sich Husserl, vor allem nach dem Weggang Stumpfs,
– bringt nicht nur seine seelische Disposition dieser in einer gewissen (philosophischen) Isolation befun-
Jahre zum Ausdruck, sondern wurde zu seiner Le- den zu haben. Als Frucht von einem »Jahrzehnt ein-
bensdevise. So spricht Husserl 1930 im Rückblick auf samer mühseliger Arbeit« (Hua XX/1, 272) erschei-
1 Persönlichkeit und Leben 11

nen dann 1900 bzw. 1901 die Logischen Untersuchun- Die Göttinger Jahre. Die Phänomenologie
gen (Hua XVIII; Hua XIX/1; Hua XIX/2). Sie bilden wird zur Bewegung. Auf dem Weg zur trans-
den Abschluss seiner Hallenser Zeit und geben ihm zendentalen Phänomenologie
den entscheidenden Impuls für all sein weiteres Phi-
losophieren. Husserl stößt nämlich während der Aus- Die zum Wintersemester 1901/02 erfolgende Beru-
arbeitung der Logischen Untersuchungen auf die ihn fung Husserls an die Georg-August-Universität in
von nun ab bewegende philosophische Grundfrage. Göttingen steht unter keinem günstigen Stern. Ob-
Er sei sich »ungefähr im Jahre 1898«, so Husserl 1936, wohl ihm das preußische Unterrichtsministerium ein
zum ersten Mal des »universalen Korrelationsapriori« Extraordinariat an der Universität Göttingen übertra-
(nämlich von »Erfahrungsgegenstand und Gegeben- gen wollte, hatte sich die dortige Philosophische Fa-
heitsweisen«) bewusst geworden, und das habe ihn so kultät zunächst dagegen gestellt. Nach längerem Ab-
tief erschüttert, »dass seitdem [seine] gesamte Lebens- warten – Husserl interessiert sich zwischenzeitlich
arbeit von dieser Aufgabe einer systematischen Aus- auch für Stellen in Erlangen, Basel und Wien – wird
arbeitung dieses Korrelationsapriori beherrscht war« ihm dann doch noch eine nicht-etatmäßige Stelle in
(Hua VI, 169). Der erste, im Jahr 1900 veröffentlichte Göttingen als außerordentlicher Professor angeboten.
Band (Prolegomena zur reinen Logik), in dem Husserl Die beruflichen (und wohl finanziellen) Unsicherhei-
eine schlagende Argumentation gegen den zu seiner ten bleiben bestehen.
Zeit herrschenden Psychologismus entwickelt, beruht In Göttingen – damals das ›Mekka der Mathematik‹
auf einer Vorlesung, die er 1896 in Halle gehalten hat. – trifft Husserl auf ein intellektuell anregenderes Klima
Husserl argumentiert, dass man den logischen Denk- als in Halle. David Hilbert (1862–1943) ist ihm beson-
gesetzen nicht gerecht werden kann, wenn man sie ders freundschaftlich zugeneigt; er möchte, dass Hus-
psychologisch zu erforschen versucht und sie als Na- serl an einer philosophischen Begründung der Mathe-
turgesetze des Ablaufs menschlicher Denkprozesse matik mitarbeitet. Auf seine Einladung hin hält Hus-
auffasst. Der umfangreiche zweite Band der Logischen serl schon Ende 1901 einen Doppelvortrag in der Ma-
Untersuchungen, der u. a. wegen Problemen bei der thematischen Gesellschaft in Göttingen (Schuhmann
Druckherstellung erst 1901 erscheint, zerfällt in sechs 2011). Hilbert schätzt Husserl und setzt sich für ihn
nur locker zusammenhängende Einzeluntersuchun- ein. Obwohl er im Jahr 1905 etliche positive Sonder-
gen. Insbesondere die V. Untersuchung (»Über inten- gutachten über Husserl einholt, scheitert die vom Mi-
tionale Erlebnisse und ihre ›Inhalte‹«), in der Husserl nisterium vorgeschlagene Ernennung Husserls zum
in kritischer Auseinandersetzung mit seinem Lehrer ordentlichen Professor wiederum am Widerstand der
Brentano den Begriff der Intentionalität bestimmt, ist Göttinger Philosophischen Fakultät, insbesondere sei-
für die Entwicklung der Phänomenologie wegwei- ner Kollegen Julius Baumann (1837–1916) und Georg
send. Wenngleich sich Husserl ausdrücklich der Tra- Elias Müller (1850–1934). Ein »Mangel [s]einer wis-
dition Brentanos verpflichtet fühlt, wird er drei Jahre senschaftlichen Bedeutung« wird als Begründung ge-
später die Kennzeichnung seines methodischen Vor- nannt. Husserl notiert daraufhin in sein Tagebuch:
gehens als ›deskriptiver Psychologie‹ als ein »selbst- »Nun bitte ich den Himmel um Kraft, nicht zu erlah-
verschuldetes Missverständnis« (Hua XX/1, 313; Hua men in meinem wissenschaftlichen Streben« (Hua
XXII, 206 ff.) bezeichnen. Damit beginnt Husserl aus Dok I, 90). Die Ernennung zum ordentlichen Profes-
dem großen Schatten Brentanos herauszutreten. Die sor erfolgt dann endlich im Juni 1906. Husserl ist nun
Logischen Untersuchungen galten Husserl als das 47 Jahre alt. So wie die erste akademische Anstellung in
›Durchbruchswerk‹ (Hua XX/1, 293) zur Phänome- Halle die Familiengründung nach sich zog, so gibt es
nologie. Persönlich bekennt er 1930: auch jetzt eine Veränderung, die die gesamte Familie
betrifft: Die Husserls ziehen in ihr erstes eigenes Haus.
»Und schliesslich ist in den schweren 14 Jahren meiner Philosophisch gesehen bemüht sich Husserl in Göt-
Hallenser Privatdozentenzeit doch ein Anfang gewor- tingen über das beschränkte Themengebiet der Logi-
den – die Log[ischen] Unters[uchungen], die mir nun- schen Untersuchungen hinauszukommen; er arbeitet in
mehr Halt und Hoffnung gaben. Mit ihnen habe ich diesen Jahren an einer zunehmend an kantischen Ge-
mich selbst kurirt« (Hua Dok III, Bd. IV, 22). danken orientierten und von der Auseinandersetzung
mit dem Neukantianismus inspirierten Grundlegung
Der Erfolg des Werkes und die damit erhoffte An- einer phänomenologischen Vernunftkritik. Von den
erkennung stellen sich indes nur allmählich ein. Neukantianern schätzt Husserl besonders Paul Natorp
12 II Leben und Kontext

(1854–1924), mit dem er über Jahrzehnte in briefli- kutieren, und im August 1905 trifft er sich mit ihnen im
chem Kontakt steht. In einem Tagebuch aus diesen Ferienort Seefeld (Tirol). Hier begegnet er auch Ale-
Jahren findet sich der Eintrag, dass er »wahr und wahr- xander Pfänder (1870–1941), dem ältesten Schüler von
haftig nicht leben« könne, wenn er nicht eine »Kritik Lipps, für dessen 1900 erschienene Schrift Phänome-
der Vernunft« zumindest den Grundzügen nach ent- nologie des Wollens (Pfänder 1900) Husserl großes In-
wickeln könne. Ja, er müsse diese Aufgabe lösen, wenn teresse zeigt und der in der Beherrschung der deskrip-
er sich »soll einen Philosophen nennen können« (Hua tiven Methode vielleicht der konsequenteste und talen-
XXIV, 445). Für die Lösung dieser Aufgabe greift Hus- tierteste Schüler von Lipps ist. Später wird Husserl no-
serl zum Teil auf Untersuchungen zurück, die noch aus tieren, dass er »Begriff und korrekten Gebrauch« (Hua
seiner Hallenser Zeit stammen; dort hatte er sich u. a. Dok I, 92) der Grundmethode der Phänomenologie,
mit Fragen zur Konstitution des Raumes und in direk- die er ›phänomenologische Reduktion‹ oder ›Epoché‹
tem Anschluss an Brentano mit Analysen zu Wahr- nennt, schon in Manuskripten vorfände, die er wäh-
nehmung und Phantasie beschäftigt. Einige dieser Un- rend dieses Seefelder Aufenthaltes niedergeschrieben
tersuchungen wollte er in einem Fortsetzungsband der hat. Um eine befriedigende Erklärung dieser Methode
Logischen Untersuchungen veröffentlichen, zu dem es wird sich Husserl allerdings bis zu seinem Lebensende
aber nicht kam. In Göttingen hält Husserl Vorlesungen vergeblich bemühen.
und Seminare über Wahrnehmung, Phantasie, über Viele der Münchener Lipps-Studenten, wie Adolf
Zeit, Raum, über die Konstitution des Dinges und wei- Reinach (1883–1917), Moritz Geiger (1880–1937),
terhin zu erkenntnis-, urteils- und bedeutungstheo- Fritz Weinmann (1878–1905), Alfred Schwenninger
retischen Themen, aber auch zur Ethik. Alle diese Vor- (1881–1975), Johannes Daubert, Theodor Conrad
lesungen dienen dem Ziel, eine universale Bewusst- (1881–1969), Dietrich von Hildebrand (1899–1977)
seinsanalytik hinsichtlich der intellektiven, emotiona- und andere, gehen ab etwa 1905 für kürzere oder län-
len und volitiven Akte durchzuführen und damit die gere Zeit zu Husserl nach Göttingen, um bei ihm (spä-
Grundlagen für eine phänomenologische Kritik der ter auch bei Reinach, der dort ab 1909 Privatdozent
Vernunft zu schaffen. ist) zu studieren. Die Münchener treffen auf einige der
Schon kurz nach der Veröffentlichung der Logischen Göttinger Student/innen Husserls, zu denen zeitweise
Untersuchungen begann an der Ludwig-Maximilians- Alexandre Koyré (1892–1964), Winthrop P. Bell
Universität in München der Schüler/innenkreis des (1885–1965), Hedwig Conrad-Martius (1888–1966),
Psychologen und Philosophen Theodor Lipps (1851– Helmuth Plessner (1892–1985), Roman Ingarden
1914) mit dem sorgfältigen Studium von Husserls (1893–1970), Wilhelm Schapp (1884–1965), Fritz
Werk. Die deskriptiv-psychologische Methode, ver- Kaufmann (1891–1958), Hans Lipps (1889–1941),
standen als eine getreue und detaillierte Beschreibung Edith Stein (1891–1942) und andere zählen. Max
von Bewusstseinserlebnissen, hatte Lipps schon seit Scheler (1874–1928), den Husserl schon 1901 in Halle
Jahren und ganz unabhängig von Husserl und Brenta- kennengelernt hatte und den er dann Anfang der
no angewandt sowie durch seine vielseitigen Analysen 1930er Jahre zusammen mit Martin Heidegger (1889–
immer weiter verfeinert, wovon seine zahlreichen Ver- 1976) als seinen »Antipoden« (Hua Dok III/3, 274)
öffentlichungen Kenntnis geben. Lipps hat diese Me- bezeichnen wird, kommt auch nach Göttingen, um in
thode auch in seinen Lehrveranstaltungen mit seinem der Philosophischen Gesellschaft (eine 1907 gegrün-
großen Schüler/innenkreis eingeübt. Diese Vorbildung dete Organisation der dort ansässigen Phänomeno-
der Münchener Studenten mag mit ein Grund dafür log/innen) Vorlesungen zu halten.
gewesen sein, dass Husserls Intentionen dort auf einen Selbst wenn sich Husserl als Initiator und Ober-
fruchtbaren Boden fielen. 1902 fährt der Münchener haupt dieser Bewegung verstand, so entwickelten die
Student Johannes Daubert (1877–1944) nach Göttin- einzelnen Phänomenolog/innen doch eigenständige
gen, um mit Husserl persönlich zu sprechen. Nach dem Gedanken und veröffentlichten auch kritische Beiträ-
Gespräch soll Husserl zu seiner Frau gesagt haben: ge zur Phänomenologie. So wird schon bald eine Dy-
»Hier ist jemand, der meine Logischen Untersuchun- namik erkennbar, die über Husserl hinausdrängt und
gen gelesen und voll verstanden hat« (Hua Dok I, 72). die in ihren feinen Verästelungen immer noch Gegen-
Das war die Geburtsstunde der Phänomenologischen stand der Forschung ist (Salice 2015). Husserl scheint
Bewegung, wie man sie schon zu Lebzeiten Husserls sich dieser Disparatheit, ja Buntheit durchaus bewusst
bezeichnete. Im Mai 1904 reist Husserl nach München, gewesen zu sein, als er 1913 (erste Planungen gehen
um mit Lipps und den Lipps-Schüler/innen zu dis- auf das Jahr 1907 zurück) in Gemeinschaft mit Sche-
1 Persönlichkeit und Leben 13

ler, Pfänder, Geiger und Reinach ein Publikations- sung der Phänomenologie neigen und Husserls eideti-
organ für die Phänomenologie gründet. Im Vorwort sche Methode der transzendentalen Reduktion vor-
des ersten Bandes des Jahrbuch für Phänomenologie ziehen (Conrad-Martius 1965) – wollen ihm darin
und phänomenologische Philosophie, von dem bis ein- nicht folgen. Die Ideen sind das erste größere Werk
schließlich 1930 insgesamt elf Bände und ein Ergän- Husserls zwölf Jahre nach Erscheinen der Logischen
zungsband erscheinen, heißt es ausdrücklich, dass es Untersuchungen. Ursprünglich hatte er noch zwei Fol-
»nicht ein Schulsystem sei, das die Herausgeber ver- gebände angekündigt – die sogenannten Ideen II (Hua
bindet, und das gar bei allen künftigen Mitarbeitern IV) und Ideen III (Hua V) –, für die er auch schon um-
vorausgesetzt werden soll« (Husserl u. a. 1913, V). fangreiche Manuskripte niedergeschrieben hatte. Der
Husserls umfangreiche Vorlesungstätigkeit der Ausbruch des Ersten Weltkrieges mag mit dazu beige-
Göttinger Zeit zieht immer mehr Student/innen an. tragen haben, dass diese Bände, in denen, anders als in
Sein Vorlesungsstil macht indes nicht auf alle gleicher- dem mehr programmatisch konzipierten ersten Band
maßen Eindruck. Hans-Georg Gadamer (1900–2002) der Ideen, eine Reihe konkreter phänomenologischer
berichtet von der monologischen Sprechweise Hus- Analysen zum Beispiel zu Phänomenen des Leibes
serls und davon, dass dieser im Hörsaal »wie ein wahn- und des Sozialen zu finden sind, zu Lebzeiten nicht
sinnig gewordener Uhrmacher« gewirkt hätte, da er – fertiggestellt wurden. Wahrscheinlich hätte Husserl
wohl um den Spannungsbogen seiner Konzentration seine Intentionen bezüglich eines phänomenologi-
halten zu können – »bei seinem Vortrag [stetig] die schen Idealismus auch im Kreise der Phänomenolog/
ausgestreckten Finger der rechten Hand hin und her innen überzeugender darlegen können, wenn es zu ih-
drehte und in der hohlen linken Hand kreisen ließ«. rer Veröffentlichung gekommen wäre.
Husserl habe »ohne Nachdruck [gesprochen], mit Der Krieg und Husserls Weggang nach Freiburg
gleichmäßiger Stimme und einer weichen, leise örtli- 1916 zerstören die Kontinuität und Fruchtbarkeit des
chen Aussprache« (Gadamer 1988, 14). Emmanuel Le- Austausches zwischen den Phänomenolog/innen. Die
vinas (1906–1995) berichtet etwa von Husserls »Aus- Bewegung, die größtenteils aus jüngeren Student/in-
strahlung am Katheder«, die »ein wenig majestätisch nen und einigen angehenden Privatdozenten bestand,
und gleichsam distanziert [gewesen sei] – professorale wird auseinandergerissen. Viele von ihnen nehmen
Würde; doch sogleich ein Sprechen, das auf die seinen aktiv, meist freiwillig und mit Begeisterung als Sol-
Leser/innen wohlvertraute Terminologie rekurriert daten am Krieg teil. Und kaum einer von ihnen ist in
und den unveränderlichen Rhythmus seiner Texte an- der Kriegszeit in der Lage, philosophisch zu arbeiten.
nimmt« (Levinas 1988, 29). In den Seminaren stand Der in Göttingen neben Husserl als Privatdozent leh-
Husserl, so berichtet der Husserl-Schüler Herbert rende Adolf Reinach, der als große Hoffnung in der
Spiegelberg (1904–1990), »meist hoch aufgerichtet Phänomenologie gilt, fällt 34-jährig in Flandern. In
und die Zuhörer scharf fixierend vor der ersten Bank den Kantstudien und in der Frankfurter Zeitung ver-
oder wandelte besinnlich auf und ab«. Er beschreibt öffentlicht Husserl einen berührenden Nachruf (Hua
»Husserls monologisierendes Philosophieren« und XXV, 296–303). Andere, der Phänomenologie nahe-
dass dieser eine »eigentümlich insistierende hohe stehende, aber wegen ihrer jungen Jahre kaum in Er-
Stimme mit dem österreichischen Tonfall« gehabt ha- scheinung getretene Studenten kehren nicht mehr aus
be. In den Seminaren sei »seine Rede [...] frei und nur dem Krieg zurück, so zum Beispiel Rudolf Clemens
selten unterbrochen [gewesen], aber nicht ohne eine (1890–1914), der in Husserls Auftrag an einem Index
gewisse Geschraubtheit. Ein etwas grotesker Humor, für die zweite Auflage der Logischen Untersuchungen
selbstkritisch, aber oft auch auf Kosten eines Seminar- arbeitete. Fritz Frankfurther (1889–1914), Husserl zu-
mitgliedes, fehlte nicht« (Spiegelberg 1988, 40). folge einer seiner »treuesten Schüler« (Hua Dok III/3,
Es kommt zu einem Bruch in der Phänomenologi- 337), fällt zu Beginn des Krieges. Auch Heinrich Ri-
schen Bewegung, als Husserl in seinem phänomeno- ckert jr. (1890–1917), der Sohn des Philosophen, des-
logischen Hauptwerk, den Ideen zu einer reinen Phä- sen Lehrstuhl Husserl in Freiburg übernimmt, war
nomenologie und phänomenologischen Philosophie Husserls Student. Er fällt 1917. Waldemar Conrad
(Hua III/1), die 1913 im Eröffnungsband des Jahr- (1878–1915), der im Wintersemester 1903/04 bei
buches veröffentlicht werden, einen phänomenolo- Husserl studierte und 1908/09 eine phänomenologi-
gisch geprägten transzendentalen Idealismus vertritt. sche Studie über den ästhetischen Gegenstand (Con-
Viele Schüler/innen – insbesondere diejenigen, die zu rad 1908/09) veröffentlichte, stirbt an den Einwirkun-
einer mehr realistischen bzw. ontologischen Auffas- gen des Krieges. Hermann Ritzel (1880–1915) fällt in
14 II Leben und Kontext

Galizien. Seine in München als Dissertation ein- tem seiner Phänomenologie und hält seine Vorlesun-
gereichte Arbeit Über analytische Urteile wird von gen und Seminare. Er veröffentlicht auch keine
Husserl posthum im Jahrbuch veröffentlicht (Ritzel ›Kriegsschrift‹, wie es zum Beispiel sein Schüler Diet-
1916). »Der Krieg hat hoffnungsvollen Nachwuchs rich Mahnke (1884–1939) (Mahnke 1917) und beson-
vernichtet« (Hua Dok III/5, 149), so schreibt Husserl ders Scheler (Scheler 1915) getan haben. Obwohl er
1922 kurz und knapp an Natorp. Im August 1914 äu- deren Kriegsschriften und die anderer Autoren durch-
ßert er sich noch ebenso enthusiastisch über den Aus- aus schätzt, hätte er das für sich selbst, wie er kurz
bruch des Krieges wie viele andere in Deutschland. nach dem Krieg, 1919, schreibt, »als ein prätentiöses
Stolz berichtet er seinem Bruder Heinrich, dass seine Philosophengethue angesehen«, denn er sei »nicht
beiden Söhne nun als Soldaten ausgebildet würden. zum Führer der nach ›seligem Leben‹ ringenden
Die Kriegsereignisse haben aber nicht nur Einfluss auf Menschheit berufen. [...] Vollbewußt u. entschieden
die Phänomenologische Bewegung, sondern auch auf lebe ich rein als wiss[enschaftlicher] Philosoph« (Hua
die geistige Produktivität von Husserl selbst. So be- Dok III/4, 407). Es hat dann aber doch einen fast ana-
klagt er zum Beispiel, dass er in den ersten zwei chronistischen Zug, wenn Husserl kurz vor Kriegs-
Kriegsjahren nicht habe arbeiten können, und nach ende, zwei Tage vor dem Waffenstillstandsabschluss in
dem Krieg muss er sich nach eigenem Bekenntnis erst Compiègne, nämlich am 6., 7. und 9. November 1918,
einmal darum bemühen, auf die geistige Höhe seiner vor Student/innen der philosophischen Fakultät in
Reflexionen aus der Vorkriegszeit zurückzugelangen. Freiburg Vorträge über Fichtes Menschheitsideal
(Hua XXV, 267–293) hält, in denen er mit Fichte-
schem Pathos die deutsche Nation (und seine Zuhö-
Husserl in Freiburg. Die Kriegsfolgen, der rer) zum Durchhalten aufruft.
Wille zur Erneuerung und die Krisis des Der Erste Weltkrieg hat aber nicht nur einen erheb-
europäischen Menschentums lichen Einfluss auf die Entwicklung und Ausbreitung
der Phänomenologie als nationale und internationale
Mitten im Krieg, Anfang des Jahres 1916, erhält Hus- Bewegung gehabt, sondern auch einen noch nicht völ-
serl einen Ruf an die Albert-Ludwig-Universität in lig geklärten Einfluss auf die persönliche Denkent-
Freiburg als Nachfolger von Heinrich Rickert (1863– wicklung Husserls (de Warren 2015). Deutlich zeigen
1936). Anders als bei seiner ersten akademischen Po- sich Husserls Bestrebungen in den Nachkriegsjahren,
sition in Halle fällt ihm diesmal der Abschied von der die Phänomenologie, die er als eine »radikale Selbst-
Universitätsstadt, wo er fünfzehn Jahre mit seiner Fa- besinnung« (Hua Dok III/3, 498) verstand und auch
milie gelebt und gearbeitet hat, nicht leicht; er habe als solche praktizierte, mit ethischen, d. h. mit Fra-
»gerne [...] in der Göttinger Atmosphäre, unter den gestellungen zu verbinden, die das »Menschentum« –
trefflichen und meiner Phänomenologie anhäng- wie Husserl in einem Wiener Vortrag von 1935 sagt
lichen Studenten« (Neumann 1916) gewirkt. (Hua VI, 314) – als Ganzes betreffen. Während sich
Anfang März 1916 – Husserl befindet sich gerade in Husserl in den Göttinger Jahren darum bemühte, über
Freiburg, um Vorbereitungen für den Umzug der Fa- das logische Gebiet in Richtung auf eine alle Bewusst-
milie zu treffen – erreicht ihn die Nachricht, dass sein seinsakte umfassende Kritik der Vernunft hinaus-
jüngster Sohn Wolfgang am 8. März vor Verdun gefal- zugehen, so sind die Freiburger Jahre davon geprägt,
len sei. Sein Selbstvertrauen, das durch den Erfolg und aufzuweisen, was die Phänomenologie zur mensch-
die Anerkennung der Arbeit vor allem der letzten lichen Sinnbestimmung beitragen kann.
Göttinger Jahre zugenommen hat, ist nun einem Husserl hat sich schon in seinen Göttinger Vor-
schockartigen Erlebnis ausgesetzt. Als sein Sohn lesungen (1908–1914) mit ethischen Fragen beschäf-
stirbt, ist Husserl 57 Jahre alt. Die weiteren Kriegs- tigt (Hua XXVIII). Dabei orientiert er sich aber weit-
ereignisse, dessen langes Andauern, das Ereignislose, gehend an seinem Lehrer Brentano und schließt an
der Stillstand während des Grabenkrieges, schließlich dessen Lehre vom kategorischen Imperativ bzw. vom
die Gewissheit, dass Deutschland den Krieg nicht ge- höchsten praktischen Gut an (s. Kap. III.B.24). Beson-
winnen kann, haben auf Husserl einen tiefen Ein- deren Wert legt Husserl dabei auf die Klärung einer
druck hinterlassen. Aber anders als viele seiner Kolle- Analogie, wonach sich formale Gesetze, wie in der Lo-
gen gibt Husserl keine öffentlichen Stellungsnahmen gik zum Beispiel der Satz vom Widerspruch, auch in
zum Krieg ab (Luft 2007), er hält sich aus der lebhaften Ethik und Axiologie finden lassen. Husserl verfolgt in
Diskussion heraus, er arbeitet zurückgezogen am Sys- der Göttinger Zeit das Ziel, ohne jede materiale Impli-
1 Persönlichkeit und Leben 15

kation, nämlich rein formal, apriorische Strukturen Sehnsüchten. Philosophie sei sein »a-religiöser Weg
des Handelns und Wertens herauszustellen, denen je- zur Religion, sozusagen [s]ein a-theist[ischer] Weg zu
der, auch nicht-menschliche Geist folgen muss, will er Gott« (Hua Dok III/9, 124). Husserl verbietet es sich
vernünftig und der Vernunft gemäß handeln und wer- jedoch, über solche höherstufigen (und für ihn inte-
ten. Die materiale Seite der Ethik hat Husserl dem- ressanten Fragen) phänomenologische Überlegungen
gegenüber so gut wie gar nicht bearbeitet. Erst seine anzustellen, bevor nicht die methodischen Grundpro-
nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Unter- bleme der Phänomenologie gelöst sind (z. B. die Aus-
suchungen, nämlich von konkreten Wertsituationen, bildung der phänomenologischen Methode betref-
zeigen ihm, dass ethisches Handeln nicht einfach in ei- fend). Philosophie soll strenge Wissenschaft sein: Al-
nem Berechnen und Erstellen von Werthierarchien be- les, »was darüber hinausgeht, verschweige ich princi-
steht, dass es nicht um ein Addieren, Subtrahieren und piell, mag es mich noch so sehr innerlich beschäftigt
Multiplizieren von positiven und negativen Werten haben« (Hua Dok III/3, 422). Husserls innere Über-
geht, sondern dass es Werte gibt, nämlich Liebeswerte, zeugtheit, mit der phänomenologischen Methode den
die Einzigkeitsstellung haben, nur für die jeweilige Per- Schlüssel zu den philosophischen Rätseln in der Hand
son zugänglich sind und die daher nicht in ihrer Wer- zu haben, ist allerdings auch schon in frühen Jahren
tigkeit verglichen werden können. Im Zuge dieser vorhanden. So notiert er Anfang 1903, wobei er sich
Überlegungen wendet sich Husserl etwa Mitte der der noch zu leistenden, also noch vor ihm liegenden
1920er Jahre auch gegen Brentanos Ethik (Hua XLII, philosophischen Arbeit durchaus bewusst ist:
390 ff.). Schon Husserls programmatischer und popu-
lär gehaltener Aufsatz »Philosophie als strenge Wissen- »Zeitweise hebt mich ein Bewußtsein von Sicherheit,
schaft«, der 1911 in der unter seiner Mitwirkung he- daß ich in der Erkenntniskritik weiter gekommen sei
rausgegebenen Zeitschrift Logos erscheint (Hua XXV, als irgendwelche meiner Vorgänger, daß ich in erhebli-
3–62), ist insofern von ethischen Motiven bestimmt, cher und zum Teil vollkommener Klarheit geschaut,
als Husserl dort aufzuzeigen versucht, auf welche Weise was meine Vorgänger kaum geahnt oder in Verwirrung
die Pseudowissenschaftlichkeit des Naturalismus und gelassen haben« (Hua Dok I, 74).
der Weltanschauungsphilosophie in eine Krise führt
und ganz allgemein, welche Bedeutung die Wissen- Dieser hohe Ton, nämlich der unbedingte Glaube an
schaft für die Lebensgestaltung hat. Husserl zufolge die erneuernde, die revolutionäre Kraft der Phänome-
fordern »die höchsten Interessen menschlicher Kultur nologie und an ihr und sein eigenes Sendungs-
die Ausbildung einer streng wissenschaftlichen Phi- bewusstsein, wird in den letzten Freiburger Jahren, al-
losophie« (Hua XXV, 7). Erfüllen kann sich diese For- so in der 1930er Jahren, immer deutlicher vernehm-
derung für Husserl nur in der Arbeit des Phänomeno- bar. Es scheint sich hier eine Art Gegengewicht he-
logen oder der Phänomenologin. Diese Gedanken rauszubilden zu den doch oft niedergeschlagen
wird Husserl in einer aus Vorträgen in Wien und Prag klingenden Stimmungslagen vor allem seiner An-
hervorgegangenen Abhandlung, die er 1936 im ersten fangsjahre. Husserl war sich allerdings selbst der darin
Band der von Arthur Liebert in Belgrad herausgegebe- liegenden ›Hybris‹ bewusst, und ihm selbst schien
nen Zeitschrift Philosophia unter dem Titel »Die Krisis manchmal auch nicht ganz wohl dabei zu sein, sich
der europäischen Wissenschaften und die transzen- und der Phänomenologie derartige philosophische
dentale Phänomenologie« (Hua VI, 1–276) veröffent- Verantwortung auf die Schultern zu laden. An seinen
licht, aufnehmen und weiterentwickeln. Die Idee einer langjährigen Freund und Taufpaten Gustav Albrecht
notwendigen ethischen ›Erneuerung‹ der Menschheit (1858–1943) schreibt Husserl 1933:
steht auch im Mittelpunkt der Aufsätze, die Husserl für
die japanische Zeitschrift The Kaizo (›Erneuerung‹) »Aber der Zukunft bin ich absolut sicher, ganz sicher,
schrieb. Sie erscheinen 1923 und 1924. Es handelt sich daß es nie mehr eine Philosophie von dem alten Stil
um eine Abfolge von drei Aufsätzen; weitere Aufsätze, wird geben können, daß mit der transzendentalen
die Husserl schon vorbereitet hatte, sind nicht erschie- Phänomenologie Methode, Sinn, Problematik der Phi-
nen (Hua XXVII, 3–124). losophie eine totale Verwandlung, und eine endgülti-
Zugleich tritt in den Nachkriegsjahren Husserls ge, erfahren haben. Ist eine solche Überzeugung nicht
Glaube an den missionarischen Charakter seines eige- eine tolle Hybris? Aber ich kann nicht anders als es so
nen Philosophierens immer stärker hervor und ver- anzusehen aufgrund nüchternster und unzählige Ma-
bindet sich mit seinen latent vorhandenen religiösen le überprüfter Arbeit« (Hua Dok III/9, 99).
16 II Leben und Kontext

Ein ganz bodenständiges Problem für Husserl bestand serls »Die Krisis der europäischen Wissenschaften
jedoch darin, dass er seine Einsichten oft nicht zur und die transzendentale Phänomenologie« (Hua VI)
Sprache bringen, dass er sie der weiteren Öffentlich- erscheint 1936 und beruht auf den schon genannten
keit nicht in Publikationen zugänglich machen konn- Wiener und Prager Vorträgen.
te. So beklagt er zum Beispiel seine »Unfähigkeit, Obwohl der innere Zusammenhalt der phänome-
[sich] zu verendlichen« (Hua Dok III/5, 151), das nologisch Interessierten in Freiburg nicht mehr so
meint, es gelingt ihm nicht, aus den vielen Aufzeich- deutlich hervortritt wie noch in der Göttinger Zeit
nungen seiner Forschungsmanuskripte kohärente, Husserls, bildet sich doch auch dort ein »Phänomeno-
veröffentlichungsreife Texte zusammenzustellen. log/innenkreis«, der zumindest zeitweise, wie Husserl
Mehr und mehr verlässt sich Husserl daher auf die im Juli 1920 feststellt, »selbst die besten G[ötting]er
Hilfe seiner Assistent/innen. 1916 ist Edith Stein für Zeiten hinter sich zurücklässt« (Hua Dok III/3, 204).
etwa eineinhalb Jahre seine Assistentin. Als Husserl Im Wintersemester 1918/19 wird in Freiburg die Phä-
1923 auf Drängen der Fakultät einen Ruf nach Berlin nomenologische Gesellschaft gegründet. Er habe, so
als Nachfolger von Ernst Troeltsch ablehnt, erhält er Husserl in Bezugnahme auf die Student/innen seiner
für die Dauer seiner weiteren Lehrtätigkeit einen Un- Vorlesungen, »in den Jahren [19]18–23 ein ganz unge-
terrichts- und einen Forschungsassistenten bewilligt. wöhnliches Hörermaterial« (Hua Dok III/3, 223) ge-
Neben Ludwig Landgrebe (1902–1991) wird sich in habt. Freiburger Schüler/innen Husserls sind u. a.: Os-
späteren Jahren besonders Eugen Fink (1905–1975) kar Becker (1889–1964), Ludwig Landgrebe, Eugen
für Husserls Nachlass engagieren. Die Assistent/innen Fink, Fritz Kaufmann, Aron Gurwitsch (1901–1973),
haben die Aufgabe, thematische Zusammenstellun- Karl Löwith (1897–1973), Günther Anders (1902–
gen von Husserls Manuskripten, die zum Teil aus ver- 1992), Roman Ingarden, Edith Stein, Arnold Metzger
schiedenen Zeitperioden stammen, abzuschreiben (1892–1974), Emmanuel Levinas, Gerda Walther
und überhaupt Vorschläge zu machen, wie sich aus (1897–1977), Dorion Cairns (1901–1973) und Jan Pa-
dem vorhandenen schriftlichen Material Publikatio- točka (1907–1977). Unter seinen vielen Freiburger
nen realisieren lassen könnten. Trotz vieler Projekte Schüler/innen ist es besonders Martin Heidegger, an
wurden nur die 1916 von Edith Stein zusammen- dem Husserl etwas liegt. Seit 1919 steht er mit Heideg-
gestellten Zeitvorlesungen Husserls (größtenteils aus ger in engem Kontakt. Husserl hat vor der geistigen
dem Wintersemester 1904/05 stammend) veröffent- Kapazität Heideggers eine große Achtung, er lässt ihn
licht, und zwar 1928 auf die Initiative Heideggers hin seine unveröffentlichten Manuskripte lesen und för-
(vgl. Hua X). Kurz nach Husserls Tod veröffentlicht dert ihn in allen Richtungen. Husserl setzt sich auch
Landgrebe eine noch mit ihm abgesprochene Aus- dafür ein, dass Heidegger 1928 sein Nachfolger wird.
wahl seiner Manuskripte unter dem Titel Erfahrung Die Dissonanzen zwischen den beiden spitzen sich je-
und Urteil (Husserl 1939). doch zu, so dass es schließlich zu einem Bruch kommt,
So kommt es, dass Husserl (gemessen an dem Um- dessen Folgen Husserl als eine große Enttäuschung
fang seiner schriftlichen Aufzeichnungen) zu Lebzei- empfindet. Dieser Bruch deutet sich schon an, als die
ten relativ wenig veröffentlicht hat und dass zum Teil beiden Ende 1927 an einem Artikel über phänomeno-
recht große Pausen zwischen seinen Veröffentlichun- logische Psychologie für die angesehene Encyclopaedia
gen liegen. In seiner Freiburger Zeit sind die schon ge- Britannica arbeiten (Hua IX, 237–301) und sie sich we-
nannten Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren gen gravierender Meinungsverschiedenheiten auf kei-
Zeitbewußtseins aus dem Jahr 1928 seine erste größere ne gemeinsame Fassung einigen können.
Veröffentlichung nach den 1913 erschienenen Ideen. In der Freiburger Zeit scheint Husserl die Früchte
Wenig später (1929) veröffentlicht Husserl die in der seines zum Teil mühselig wirkenden Philosophen-
Literatur recht wenig beachtete Formale und transzen- daseins endlich einfahren zu können. Seine Leistung
dentale Logik (Hua XVII), mit der er an die Logischen und Arbeit wird nun in Deutschland und auch inter-
Untersuchungen anknüpfend seine frühen Gedanken national anerkannt. So übernimmt er vom April 1919
zur Logik auf das mittlerweile erreichte transzenden- an für ein Jahr das Dekanat der Philosophischen Fa-
tale Niveau zu heben versucht. 1931 folgen dann die kultät. Die Juristische Fakultät der Universität in Bonn
Méditations Cartésiennes (Husserl 1931); dabei han- ernennt ihn im August 1919 zum Ehrendoktor. Hus-
delt es sich um die französische Übersetzung von Vor- serl ist der erste deutsche Philosoph, der nach dem
trägen, die Husserl im Februar 1929 an der Sorbonne Krieg im Juni 1922 nach London zu Vorträgen ein-
in Paris gehalten hat. Die letzte Veröffentlichung Hus- geladen wird. Im selben Jahr wird er zum correspon-
1 Persönlichkeit und Leben 17

ding member der Aristotelian Society gewählt. Husserl wie der Schwiegersohn Husserls, Jakob Rosenberg,
ist u. a. korrespondierendes Mitglied der Münchener mit dessen Familie.
und Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit Husserl leidet daran, dass ihm, der seine philoso-
1928 Mitglied der American Academy of Arts and phische Arbeit immer als einen Beitrag auch zur Wei-
Sciences in Boston und wiederum als erster Deutscher terentwicklung der deutschen Kultur ansah, das Sein
nach dem Ersten Weltkrieg seit 1932 korrespondie- als Deutscher und damit die Zugehörigkeit zur Tradi-
rendes Mitglied der Académie des sciences morales et tion dieser Kultur plötzlich abgesprochen wurde:
politiques de l’Institut de France. Er wird zu Vorträgen
in Amsterdam und Groningen (April 1928), Paris (Fe- »Denn ich fühlte mich, seitdem die Phänomenologie in
bruar 1929), Frankfurt, Berlin und Halle (Juni 1931), mir aufgekeimt war, von oben her berufen, und ich faß-
Wien (Mai 1935) und Prag (November 1936) eingela- te bisher meinen Beruf bewußt immerfort als Beruf in
den. In Berlin spricht Husserl im Juni 1931 in der dem und für das deutsche Volk und durch dieses hin-
Kantgesellschaft vor etwa 1600 Zuhörern über »Phä- durch für die Menschheit« (Hua Dok III/3, 432).
nomenologie und Anthropologie«. 1933 erhält Hus-
serl einen Ruf an die University of Southern California Aber Husserl sieht sich auch immer weniger von sei-
in Los Angeles, den er aber ablehnt, da seine Forde- nen ehemaligen Schüler/innen verstanden; manche
rungen u. a. nach einem ständigen Assistenten nicht von ihnen stehen nun, wie er argwöhnt, unter dem
erfüllt werden können. Einfluss Heideggers. Es hat etwas Bitteres, wenn man
in den Briefen Husserls liest, wie er auf der einen Seite
seinen Schüler/innen in aller Schärfe seine Enttäu-
Die Jahre nach der Emeritierung. Husserl schung darüber zum Ausdruck bringt, dass sie ihn und
und sein Assistent Eugen Fink: zwei kom- die Grundidee der Phänomenologie nicht verstehen
munizierende Gefäße würden und dass er sie daher nicht als Phänomenolog/
innen anerkenne; auf der anderen Seite stehen aber
Nach seiner offiziellen Emeritierung im März 1928 seine Versuche, jene wenigen treuen Schüler/innen an
verwaltet Husserl auf Bitte des Kultusministeriums sich zu ziehen, sie verschiedentlich, ja fast sehnsüchtig
noch für ein weiteres Semester den Lehrstuhl, da sein zum gemeinsamem Philosophieren einzuladen. Dabei
Nachfolger Heidegger erst zum Wintersemester wirft er den Abtrünnigen vor allem vor, die phänome-
1928/29 aus Marburg zurückkehren kann. Bis ein- nologische Methode, die Reduktion oder Epoché, um
schließlich Sommersemester 1929 wird Husserl noch deren Klärung er von ihrer ersten Entdeckung im Jahr
Lehrveranstaltungen ankündigen. Danach gerät er 1905 an bis zuletzt gerungen hat, nicht zu verstehen.
immer mehr in die Isolierung. Etwa sechs Jahre nach In der Zeit nach seiner Emeritierung, also fast ge-
seiner offiziellen Emeritierung notiert er jedenfalls, nau zehn Jahre lang von 1928 bis 1938, hat Husserl un-
dass es »still, fast unheimlich still um [ihn] herum ge- ermüdlich am System seiner Phänomenologie weiter-
worden« (Hua Dok III/7, 189) sei. Seine zunehmende gearbeitet. Eine besondere Rolle kommt dabei seinem
Vereinsamung ist auch auf die politischen Verhältnis- letzten Assistenten Eugen Fink zu, der in engem, fast
se zurückzuführen. Er sei, so Husserl, »zwar Luthera- täglichen Kontakt mit ihm steht. Husserl hat seine
ner, aber jüdischer Abstammung« (Hua Dok III/3, Wertschätzung Fink gegenüber, aber auch seine Ange-
430), was für die gesamte Husserl-Familie zu Folge wiesenheit auf ihn, deutlich zum Ausdruck gebracht,
hatte, dass sie unter das von den nationalsozialisti- so benutzt er das Bild von »zwei kommunizierende[n]
schen Machthabern 1935 erlassene ›Rassegesetz‹ fie- Gefäße[n]« (Hua Dok III/7, 89), um die Enge ihrer
len und mit Repressalien rechnen mussten. »Eine Zusammenarbeit zu verdeutlichen. Husserl hat sich
merkwürdige Zeit. Ob ich arbeiten kann, leben kann, aber auch gegen Vorwürfe gewandt, Fink transportie-
als Nicht-A[rier] entnationalisiert etc.?« (Hua Dok re Heideggers Gedanken in seine eigene Philosophie.
III/3, 291). Mit Ende des Kalenderjahres 1935 wird In den letzten Lebensjahren bemüht sich Husserl in
Husserl die Lehrbefugnis entzogen. Die Reisen zu der Zusammenarbeit mit Fink und seinem langjähri-
Kongressen und der Beitritt zu philosophischen Orga- gen Assistenten Landgrebe um eine Ordnung seines
nisationen werden kontrolliert und beschränkt. Der philosophischen Nachlasses (geschätzte 40.000 Sei-
Sohn Husserls, Gerhart, der eine akademische Lauf- ten). Bezüglich seines Nachlasses hatte Husserl die in-
bahn als Jurist begonnen hatte, wandert 1936 wegen nere Gewissheit: »Die Zukunft wird ihn suchen« (Hua
Berufsverbotes in Deutschland in die USA aus, ebenso Dok III/3, 291). Verhandlungen mit dem Masaryk-In-
18 II Leben und Kontext

stitut in Prag, wohin der Nachlass gebracht werden tion), http://plato.stanford.edu/archives/win2015/entries/


sollte, um ihn allen interessierten Forschern zugäng- phenomenology-mg/ (31.1.2017).
Scheler, Max: Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg.
lich zu machen, und wohin das Ehepaar Husserl selbst
Leipzig 1915.
umsiedeln wollte, kamen aber zu keinem befriedigen- Schuhmann, Karl: Husserls Abhandlung ›Intentionale Ge-
den Abschluss. genstände‹, Edition der ursprünglichen Druckfassung. In:
Husserl ist am 28. April 1938 nach mehrmonatiger Brentano Studien 3 (1990/91), 137–176.
Krankheit (als Folge einer durch einen Sturz ausgelös- Schuhmann, Elisabeth/Schuhmann, Karl (Hg.): Husserls
ten Brustfellentzündung) in seiner letzten Wohnung Manuskripte zu seinem Göttinger Doppelvortrag von
1901. In: Husserl Studies 17/2 (2001), 87–123.
oberhalb von Freiburg gestorben.
Spiegelberg, Herbert. In: Hans Rainer Sepp (Hg.): Edmund
Husserl und die phänomenologische Bewegung: Zeugnisse
Literatur in Text und Bild. Freiburg/München 1988, 40–42.
Conrad, Waldemar: Der ästhetische Gegenstand. Eine phä- Stumpf, Carl: Tonpsychologie. 2 Bde. Leipzig 1883–1890.
nomenologische Studie. In: Zeitschrift für Ästhetik und Stumpf, Carl: Über den psychologischen Ursprung der Raum-
allgemeine Kunstwissenschaft 3 (1908), 71–118, 469–511; 4 vorstellung. Leipzig 1873.
(1909), 400–455. Twardowski, Kasimir: Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand
Conrad-Martius, Hedwig: Die transzendentale und die on- der Vorstellungen: eine psychologische Untersuchung. Wien
tologische Phänomenologie. In: Schriften zur Philosophie. 1894.
Dritter Band. In Einverständnis mit der Verfasserin hg.
von Eberhard Avé-Lallemant. München 1965, 393–402. Thomas Vongehr
De Warren, Nicolas: Deutsche Philosophen im Ersten Welt-
krieg: Der Fall Edmund Husserl. In: Transit 47 (2015), 45–
55.
Gadamer, Hans-Georg: In: Hans Rainer Sepp (Hg.): Edmund
Husserl und die phänomenologische Bewegung: Zeugnisse
in Text und Bild. Freiburg/München 1988, 13–16.
Husserl, Edmund, zusammen mit Geiger, Moritz/Pfänder,
Alexander/Reinach, Adolf/Scheler, Max (Hg.): Jahrbuch
für Philosophie und phänomenologische Forschung. Erster
Band, Teil I. Halle/Saale 1913.
Husserl, Edmund: Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur
Genealogie der Logik. Ausgearbeitet und hg. von Ludwig
Landgrebe. Prag 1939.
Husserl, Edmund: Méditations Cartésiennes. Introduction à
la phénoménologie. Traduit de l’allemand par Gabrielle
Peiffer et Emmanuel Levinas. Paris 1931.
Husserl, Heinrich: Die stummen Wünsche. Wien 1921.
Levinas, Emmanuel: Husserl – Heidegger. In: Hans Reiner
Sepp (Hg.): Edmund Husserl und die phänomenologische
Bewegung: Zeugnisse in Text und Bild. Freiburg/München
1988, 27–32.
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War by Two Representatives of German Philosophy: Max
Scheler and Paul Natorp. In: Clio, Internet Portal on His-
tory. Themenportal Erster Weltkrieg, http://www.erster
weltkrieg.clio-online.de (31.1.2017).
Mahnke, Dietrich: Der Wille zur Ewigkeit: Gedanken eines
deutschen Kriegers über den Sinn des Geisteslebens. Halle/
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(Kopie im Husserl-Archiv Leuven).
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Ritzel, Hermann: Über analytische Urteile. Eine Studie zur
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Salice, Allessandro: The Phenomenology of the Munich and
Göttingen Circles (2015). In: Edward N. Zalta (Hg.): The
Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2016 Edi-
2 Das universitäre und soziale Umfeld 19

2 Das universitäre und soziale berufen. Berühmt wurde Masaryk jedoch nicht als
Umfeld Wissenschaftler, sondern als Publizist und als Politiker.
Zunächst wurde er einem weiteren Publikum bekannt,
als er, zum Ärger der tschechischen Nationalisten, die
Edmund Husserl wurde am 8. April 1859 als Sohn ei- Echtheit der angeblich aus dem Mittelalter stammen-
nes jüdischen Tuchhändlers in Proßnitz (Prostějov), in den Königinhofer und Grünberger Handschriften be-
Mähren, nahe der Provinzhauptstadt Olmütz (Olo- zweifelte. 1899 prangerte er antisemitische Vorurteile
mouc) geboren. Er entstammte der deutschsprachigen an, als er sich für den wegen eines angeblichen Ritual-
jüdischen Mittelschicht des multinationalen Habsbur- mordes angeklagten Leopold Hilsner stark machte.
gerreiches, die von der allmählichen wirtschaftlichen Von 1891 bis 1893 und von 1907 bis 1914 war Masaryk
und politischen Liberalisierung der Habsburger-Mo- Abgeordneter im österreichischen Reichsrat, ehe er
narchie nach Ende der neoabsolutistischen Phase pro- sich während des Ersten Weltkrieges an die Spitze der
fitierte und wesentlich zum allgemeinen wirtschaft- tschechischen Unabhängigkeitsbewegung setzte und
lichen Aufschwung seit den 1860er Jahren bis zum nach dem Zusammenbruch der Österreichisch-Unga-
Ersten Weltkrieg beitrug, der zu beeindruckenden rischen Monarchie im Jahr 1918 zum ersten Präsiden-
Wachstumsraten im mitteleuropäischen Vielvölker- ten der Tschechoslowakei gewählt wurde. Obwohl sich
staat führte. Nach dem Besuch der Volksschule in sei- Husserl und Masaryk nach drei Semestern in Leipzig
ner Heimatstadt besuchte Husserl das Gymnasium im aus den Augen verloren und nur noch sporadisch in
nahen Olmütz, wo er 1876 die Hochschulreife erwarb Briefkontakt traten, hatte die Begegnung mit dem spä-
und damit die Eintrittskarte in den Kreis des zahlen- teren Gründungsvater der Ersten Tschechoslowaki-
mäßig kleinen Bildungsbürgertums löste. schen Republik Folgen für Husserls weitere Entwick-
Im gleichen Jahr besuchte Husserl die Universität lung. Masaryk spielte für den jungen Husserl die Rolle
Leipzig im nahen Königreich Sachsen, zu dieser Zeit eines väterlichen Freundes und scheint ihn von seinen
eine der führenden Hochschulen im deutschen Kul- konventionellen deutschnationalen Ansichten abge-
turraum und von seiner mährischen Heimat aus leicht bracht zu haben. Er bekräftigte ihn in seinem Ent-
zu erreichen. Neben Berlin, Heidelberg und München schluss, zum lutherischen Glauben zu konvertieren;
hatte sich die Universität Leipzig zu einem der univer- vor allem aber empfahl er ihm seinen Doktorvater, den
sitären Zentren des deutschen Reiches entwickelt und Philosophen Franz Brentano, der an der Universität
trug zu der herausragenden internationalen Stellung Wien lehrte, als philosophischen Lehrer und Mentor.
und Reputation der deutschen Wissenschaft bis zum Zunächst setzte Husserl 1878 sein Studium an der
Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei. Einer von Hus- Universität Berlin bei den Mathematikern Karl Weier-
serls Lehrern an der Universität Leipzig war der Philo- straß und Leopold Kronecker fort, ehe er 1882 an der
soph Wilhelm Wundt, der seit 1875 als Ordinarius für Universität Wien bei Leo Königsberger, einem Schüler
Philosophie in Leipzig lehrte und als einer der Be- von Weierstraß, mit einer mathematischen Arbeit pro-
gründer der modernen, naturwissenschaftlich orien- moviert wurde. Akademische Lehr- und Wanderjahre
tierten Psychologie gilt. Der Ausbildung nach Medizi- mit mehrmaligem Universitätswechsel, wie sie Hus-
ner, vertrat Wundt einen an der Einheit der Wissen- serls Studienzeit kennzeichneten, waren bis weit in das
schaften orientierten, holistischen Ansatz, der natur- zwanzigste Jahrhundert im deutschsprachigen Raum
wie geisteswissenschaftliche Perspektiven verband. üblich, und dank eines weitgehend ungeregelten Lehr-
Philosophie blieb für Husserl, der sich in seinem Stu- und Prüfungsbetriebs, der ganz auf die Person des Or-
dium auf Physik, Astronomie und Mathematik kon- dinarius ausgerichtet war, administrativ unproblema-
zentrierte, zunächst eine Nebenbeschäftigung. tisch. Als Nebeneffekt und gewissermaßen Korrektiv
An der Universität Leipzig schloss Husserl Freund- zur personenzentrierten Struktur der Ordinarienuni-
schaft mit dem neun Jahre älteren und bereits promo- versität vermittelte der häufige Ortswechsel – neben
vierten Tomáš G. Masaryk, der ebenfalls aus Mähren dem Fach- und Disziplinenwechsel – dem studieren-
stammte und sich in Leipzig als Privatlehrer seinen Le- den Nachwuchs verschiedene Denkstile, Forschungs-
bensunterhalt verdiente. Masaryk habilitierte sich richtungen und -methoden; avant la lettre wurde so
1879 an der Universität Wien mit einer Arbeit über ›Interdisziplinarität‹ weniger diskutiert als praktiziert.
den Selbstmord als sociale Massenerscheinung in der Nach seiner Promotion blieb Husserl zunächst in
modernen Civilisation und wurde 1882 an die neu er- Wien, wo er sich unter dem Einfluss von Franz Brenta-
öffnete tschechische Abteilung der Universität Prag no zunehmend von den Naturwissenschaften und der

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_3, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
20 II Leben und Kontext

Mathematik zur Philosophie hinwendete. Brentano, auf dem Freiburger Lehrstuhl, der Technikphilosoph
der ältere Bruder des Wirtschaftswissenschaftlers und Günther Stern (Anders), der Rassen- und Völkerpsy-
›Kathedersozialisten‹ Lujo Brentano und Neffe der ro- chologe Ludwig Ferdinand Clauss, sowie die Philoso-
mantischen Schriftsteller Clemens Brentano und Bet- phen Eugen Fink, Dietrich von Hildebrand und Lud-
tina von Arnim, war 1880 an auf einen Lehrstuhl für wig Landgrebe.
Philosophie an die Universität Wien berufen worden. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Na-
Er gab diese Stelle jedoch auf, nachdem er, selbst ordi- tionalsozialisten im Jahr 1933 wurde Husserl ein
nierter Priester, aus Kritik an der Lehre der päpst- Opfer der antisemitischen Ausgrenzung der neuen
lichen Unfehlbarkeit aus der katholischen Kirche aus- Machthaber, als er, obwohl bereits emeritiert, auf der
getreten war; bis 1895 lehrte Brentano als einfacher Grundlage eines Sondererlasses des Landes Baden
Privatdozent an der Universität Wien. Brentano gilt zum »Reichsgesetz zur Wiederherstellung des Berufs-
als Begründer der Aktpsychologie und lehrte Psycho- beamtentums« beurlaubt wurde und ihm damit die
logie vom empirischen Standpunkt, so der Titel seines Lehrtätigkeit untersagt wurde. Dieses Gesetz war eine
1874 erschienenen Hauptwerkes. Neben Husserl und der ersten Maßnahmen der nationalsozialistischen
Masaryk gehörte Sigmund Freud zu den Schüler/in- Machthaber, das sich sowohl gegen politische Gegner
nen Brentanos, ebenso wie Alexander Meinong (Graz) wie auch gegen jüdische Staatsbürger richtete. Das
und Kasimir Twardowski (Lemberg), die auf je ver- Gesetz erlaubte es, politische Gegner des Dritten Rei-
schiedene Weise Brentanos Begriff der ›Intentionali- ches in den Ruhestand zu versetzen oder zu entlassen;
tät‹ in ihren Arbeiten aufnahmen. ebenso konnte mit jüdischen Beamten verfahren wer-
Da Brentano eine Habilitation Husserls an der Uni- den, insofern sie nicht bereits vor 1914 verbeamtet
versität Wien als Privatdozent nicht betreuen konnte, worden waren oder während des Ersten Weltkriegs
wechselte dieser 1886 an die Universität Halle/Saale, Militärdienst geleistet hatten. Der Beschluss, den
wo er sich im folgenden Jahr bei Carl Stumpf, einem bereits emeritierten Husserl in den Ruhestand zu
Schüler von Brentano und wie Wundt einem Vorreiter versetzen, war offensichtlich widersinnig und wurde
der modernen Psychologie, mit einer zwischen Psy- im Juli 1933 revidiert. Zudem fiel Husserl, dessen
chologie und Mathematik angesiedelten Arbeit Über Sohn im Weltkrieg gefallen war, unter das ›Front-
den Begriff der Zahl habilitierte. Im Anschluss lehrte kämpferprivileg‹. 1936 wurde ihm aber, nach der Ver-
Husserl vierzehn Jahre als unbesoldeter Privatdozent schärfung der rassischen Verfolgung mit der Einfüh-
an der Universität Halle, ehe ihm 1900/1901 seine als rung der »Nürnberger Rassengesetze«, tatsächlich die
Logische Untersuchungen veröffentlichten Arbeiten ei- Lehrbefugnis entzogen. Sein Schüler Martin Heideg-
nen Ruf als außerordentlicher Professor an die Uni- ger, für dessen Berufung nach Freiburg sich Husserl
versität Göttingen einbrachten. 1906 wurde Husserl in vehement eingesetzt hatte, begrüßte dagegen den
Göttingen zum ordentlichen Professor für Philoso- ›neuen Geist‹ des Dritten Reiches stürmisch, trat der
phie befördert, und 1916 folgte er während des Ersten NSDAP bei und übernahm das Amt des Rektors der
Weltkriegs einem Ruf an die Universität Freiburg Universität Freiburg. Wenngleich Heideggers Ver-
i. Br., wo er den Lehrstuhl des Neukantianers Heinrich such, den ›Führer zu führen‹, bald scheiterte, traf
Rickert übernahm. Husserl die offene Politisierung seines ehemaligen
Zu diesem Zeitpunkt hatte Husserl sich zum füh- Musterschülers hart. Als Husserl 1938 in Freiburg-
renden deutschsprachigen Philosophen entwickelt, Günterstal beigesetzt wurde, war der Historiker Ger-
der einen breiten Schüler/innenkreis um sich scharte hard Ritter als einziger Vertreter der Universität Frei-
und im In- und Ausland, trotz der prekären Lage der burg anwesend.
deutschen Wissenschaft nach dem verlorenen Welt- Husserl war in mehrfacher Hinsicht, nicht nur in
krieg, öffentliche Anerkennung erfuhr. 1923 erhielt seinem wissenschaftlichen Werk, ein Grenzgänger.
Husserl einen Ruf an die Universität Berlin, den er Der Wechsel Husserls zwischen den wissenschaftli-
aber ablehnte. Er wurde zum Mitglied der Heidelber- chen Disziplinen, von der Mathematik über die Psy-
ger Akademie der Wissenschaften und der American chologie zur Philosophie – was in der ›alten‹, noch we-
Academy of Arts and Sciences gewählt und erhielt nig ausdifferenzierten Philosophischen Fakultät, die
Ehrendoktorwürden der Universitäten London, Pa- die Natur- wie die Geisteswissenschaften einschloss,
ris, Prag und Boston. Zu seinen Schüler/innen gehör- nicht unüblich war – war ebenso wie sein häufiger Stu-
ten Edith Stein, seine erste Assistentin in Freiburg, dienortwechsel nicht die einzige wichtige Grenzüber-
Martin Heidegger, sein Musterschüler und Nachfolger schreitung in seinem Leben. Ebenso wechselte er seine
2 Das universitäre und soziale Umfeld 21

Staatsangehörigkeit, als er 1896, nachdem er bereits grieren und für deren Expansion nutzbar zu machen,
sechzehn Jahre in ›Norddeutschland‹, also dem Deut- und diese gleichzeitig auf Abstand zu den Zentren der
schen Reich gelebt und gearbeitet hatte, die preußi- akademischen Macht, den Ordinariaten, zu halten.
sche Staatsbürgerschaft annahm. Der Wechsel zwi- Husserls Lebensweg durch das ›Jahrhundert der
schen den beiden Staaten, dem deutschen Reich und Extreme‹ reichte vom Höhepunkt des weltweiten
seiner österreichischen Heimat, hinterließ Spuren in Ruhms der deutschen Universitäten und Wissenschaft
seinem wissenschaftlichen Werk, das weniger von den im Kaiserreich bis zu deren Niedergang nach 1933,
preußisch-deutschen Größen der Philosophie von von dem Husserl persönlich betroffen war. Nach der
Kant über Fichte zu Hegel geprägt war, dafür wesentli- sogenannten Machtergreifung durch die Nationalso-
che Anregungen Franz Brentano (trotz seiner reichs- zialisten wurden die Universitäten im Deutschen
deutschen Herkunft) oder Bernard Bolzano verdank- Reich durch den erzwungenen ›Auszug des Geistes‹ –
te. Bereits 1887 hatte Husserl seine Religionszuge- der Vertreibung von jüdischen und oppositionellen
hörigkeit gewechselt, als er sich kurz vor seiner Ehe- Wissenschaftlern – und durch die Politisierung der
schließung in Wien evangelisch-lutherisch taufen Wissenschaften durch die neuen Machthaber ge-
ließ. Er gehörte damit zu einer Minderheit jüdischer schwächt. Husserl durchlebte und erfuhr die dramati-
Staatsbürger im deutschen Kulturraum, die ihren an- schen politischen Regimewechsel mit dem Untergang
gestammten Glauben aufgaben und zum Christentum des Deutschen Kaiserreichs und Österreich-Ungarns,
übertraten. Bezeichnenderweise konvertierte Husserl die Entstehung und den Niedergang Weimarer Repu-
nicht zum Katholizismus, der dominierenden Konfes- blik, sowie die ersten Jahre der nationalsozialistischen
sion und quasi-offiziellen Staatskirche in Österreich- Diktatur, wobei ihn nur sein Tod im Jahr 1938 vor wei-
Ungarn, die für das zahlenmäßig kleine, liberale und terer Verfolgung bewahrte.
aufgeklärte Bürgertum in der Doppelmonarchie die
Rückständigkeit ihres Staates verkörperte und leiden- Literatur
schaftlich abgelehnt wurde. Stattdessen schloss er sich Bell, David: Husserl. London/New York 1990.
dem vermeintlich fortschrittlicheren Protestantismus Cohen, Gary B.: Education and Middle-Class Society in Im-
perial Austria, 1848–1918. West Lafeyette IN 1996.
an, dem in Wien nur eine kleine Minderheit angehör- Schuhmann, Karl: Husserl and Masaryk. In: Josef Novak
te, der in Preußen aber eine ähnliche Funktion ein- (Hg.): On Masaryk. Texts in English and German. Amster-
nahm wie der Katholizismus in Österreich. Die Ent- dam 1988, 129–156.
scheidung zur Konversion erleichterte Husserls wis- Schuhmann, Karl (Hg.): Husserl-Chronik. Denk- und Le-
senschaftliche Karriere im deutschen Reich, war aber bensweg Edmund Husserls. Den Haag 1977.
Smith, David Woodruff: Husserl. Abingdon/New York 2007.
nicht aus Opportunismus, sondern aus aufrichtiger
Smith, Barry/Smith, David Woodruff: Introduction. In: dies.
Überzeugung gefallen, wobei Masaryks Einfluss von (Hg.): The Cambridge Companion to Husserl. Cambridge/
Bedeutung gewesen sein mag. Die Diskriminierung New York 1995.
und Ausgrenzung Husserls durch die Nationalsozia-
listen konnte sie jedoch nicht verhindern. Egbert Klautke
Als langjähriger Privatdozent verkörperte Husserl
eine jener beiden preußisch-deutschen Institutionen,
die die gesellschaftlichen Eigentümlichkeiten und Be-
sonderheiten des Deutschen Kaiserreiches erklären
helfen (neben der Institution des Reserveoffiziers, die
die bürgerlichen ›gebildeten Stände‹ in die von Adel
und Militär dominierte kaiserliche Gesellschaft inte-
grierte): den Status des Privatdozenten. Die unbesol-
deten und nicht verbeamteten Privatdozenten, aus-
gestattet mit Lehrverpflichtung und Prüfungserlaub-
nis, waren eine Voraussetzung und Quelle der außer-
gewöhnlichen Kreativität und Produktivität an den
deutschen Universitäten des Kaiserreichs. Die Ein-
richtung des Privatdozenten ermöglichte es, zahlrei-
che jüdischen Gelehrte, deren Chancen auf einen
Lehrstuhl gering waren, in die Universitäten zu inte-
22 II Leben und Kontext

3 Einflüsse auf Husserl »Während ich am Anfang dieser Periode [= die sechs
Semester in Berlin] vorwiegend mit mathematischen
Einleitung Studien beschäftigt war, überwog späterhin das Inte-
resse für Philosophie mehr und mehr. [...] In Rücksicht
Das vorliegende Kapitel setzt sich zum Ziel, die wich- auf die Mathematik wirkten namentlich die Herren
tigsten Einflüsse auf Edmund Husserls vor-transzen- Professoren Weierstraß und Kronecker, deren Schüler
dentale Philosophie darzustellen. Äußere Einflüsse ich wurde, nachhaltig auf mich ein« (Ms. X IV 3 II, zit.
spielen besonders in den Anfängen von Husserls Phi- nach Schuhmann 1977, 6 f.).
losophie eine Rolle, in der späteren Weiterentwicklung
der Phänomenologie zu einer transzendentalen Phi- In seinen ersten Werken versucht Husserl, das Projekt
losophie lassen sich diese nicht mehr so deutlich nach- von Weierstraß, die Arithmetisierung der Analysis,
weisen. Daher wird dieser Beitrag sich vor allem auf durchzuführen, und zitiert ausdrücklich die »epoche-
die Anfänge von Husserls Philosophie konzentrieren. machenden Vorlesungen« von Weierstraß aus dem
Die Gliederung dieses Kapitels kombiniert zwei tra- Sommersemester 1878 und dem Wintersemester
ditionelle Betrachtungen, einerseits aufgrund von 1880/81 in der Philosophie der Arithmetik (Hua XII, 12
Husserls räumlicher und akademischer Position (Stu- Anm.):
dent in Berlin und Wien, Habilitand und Privatdozent
in Halle, Professor in Göttingen und Freiburg), ande- »Weierstraß pflegte seine epochemachenden Vor-
rerseits aufgrund der Werke und der in ihnen vertrete- lesungen über die Theorie der analytischen Funktio-
nen philosophischen Positionen (die Brentanistische nen mit den Sätzen zu eröffnen: Die reine Arithmetik
Habilitationsschrift und Philosophie der Arithmetik, (oder reine Analysis) ist eine Wissenschaft, die einzig
die vor-transzendentale Phänomenologie der Logi- und allein auf den Begriff der Zahl basiert ist.«
schen Untersuchungen, der transzendentale Idealismus
der Ideen I). In beiden Fällen wird chronologisch und Während Weierstraß jedoch dachte, dies sei eine Auf-
genealogisch vorgegangen, aber oftmals mit einem ge- gabe, die von und in der Mathematik gelöst werden
wissen Nachdruck auf die Übergänge und scheinbar konnte, meinte Husserl, dass die Grundlagen hierfür
scharfen Brüche in Husserls Denken. In diesem Kapi- in der Philosophie und Psychologie zu finden seien.
tel wird hingegen der Versuch gemacht, die Kontinui- Schon seit der Zeit, als er Student von Weierstraß war,
tät von Husserls philosophischer Entwicklung in den war Husserl also nicht nur an der Mathematik an sich,
Vordergrund zu stellen. Dabei soll Husserl weder als sondern auch an ihrer Begründung interessiert:
passiv den Einflüssen seiner Lehrer/innen ausgesetzt, »Mein großer Lehrer Weierstraß war es, der in mir
noch als genialer Einzelgänger dargestellt werden. [...] das Interesse für eine radikale Begründung der
Da in den früheren Perioden von Husserls philoso- Mathematik weckte« (Ms. B II 23, 8a, zit. nach Schuh-
phischem Wirken entsprechende Einflüsse oftmals mann 1977, 7). In Über den Begriff der Zahl und Phi-
durch persönliche Kontakte oder brieflich vermittelt losophie der Arithmetik versucht Husserl, eine solche
wurden, sind einige Überlappungen mit den mehr Begründung des Zahlbegriffes zu geben: »Mit der
biographischen Kapiteln des vorliegenden Bandes un- Analyse des Zahlbegriffes muss daher jede Philoso-
vermeidlich. phie der Mathematik beginnen. Diese Analyse ist das
Ziel, welches die vorliegende Abhandlung sich stellt«
(Hua XII, 295).
Husserls Mathematische Studien In dieser Hinsicht ist es interessant zu betrachten,
welche philosophischen und methodologischen Ideen
Edmund Husserl beginnt 1876, noch keine achtzehn Weierstraß in seinen Vorlesungen darlegte. Laut Hus-
Jahre alt, sein Studium in Leipzig. Er »studiert drei Se- serls Vorlesungsnotizen sagte Weierstraß in seiner
mester« dort und »hört Vorlesungen in Mathematik, Einleitung in die Theorie der analytischen Funktionen
Physik, Astronomie und Philosophie« (Schuhmann (gehalten in Berlin im Sommersemester 1878):
1977, 4; vgl. Ierna 2005; 2006). 1878 setzt er das Studi-
um der Mathematik und der Philosophie in Berlin »Denn die reine Analysis ist eine Wissenschaft, die kei-
fort, wo er Weierstraß und Kronecker begegnet, die, ner Postulate bedürfen soll und nicht bedarf als einzig
wie Husserl selbst erzählt, einen bedeutenden Ein- und allein des Begriffs der Zahl (im Gegensatz zu ande-
druck auf ihn machten: ren mathematischen Wissenschaften wie der Geo-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_4, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
3 Einflüsse auf Husserl 23

metrie, analytischen Mechanik, mathematische Physik, und Finitist bezeichnet werden könnte und (noch)
die vielfach auf der Erfahrung fußen)« (Ms. Q 3/I, 1). nicht als Platoniker. Darin könnte man einen mögli-
chen Einfluss Kroneckers vermuten. Gegen diese Hy-
Hier sehen wir schon bei Weierstraß die Idee, dass die pothese spricht allerdings, dass Husserl als Finitist ei-
Arithmetik nicht empirisch zu begründen sei im Ge- gentlich noch radikaler war als Kronecker: »Kronecker
gensatz zu den anderen naturwissenschaftlichen Dis- läßt nämlich nur solche Begriffe zu, die in endlich vie-
ziplinen. Genauso versuchte es Husserl in Über den len Schritten konstruiert werden können«, während
Begriff der Zahl, indem er nicht die äußere, sondern Husserl »das Gebiet der ›eigentlichen‹ Zahlen noch en-
die innere Erfahrung als maßgeblich betrachtet, und ger [fasst] als Kronecker, da er dieses auf die vorstell-
die Methoden und Hilfsmittel der deskriptiven Psy- baren Zahlen beschränkt« (Schmit 1949, 35 f.). Einen
chologie anwendet. Husserls Nachschrift von Weier- nachweisbaren Einfluss hat es also wohl kaum gegeben:
straß’ Vorlesung fährt fort: Husserl übt in der Philosophie der Arithmetik nur Kritik
an Kronecker (er beschuldigt ihn des Nominalismus)
»Zum Begriff der Zahl gelangen wir am besten da- und räumt selbst einen viel größeren Einfluss seitens
durch, daß wir die Operation des Zählens verfolgen. Wir Weierstraß, Brentano und Stumpf als Kronecker ein.
betrachten ein vorgelegtes Aggregat von Dingen; wir Weiterhin ist es deutlich, dass einige zentrale Be-
suchen solche unter ihnen auf, die ein bestimmtes in griffe in Husserls Früharbeiten von Bernard Bolzano
der Vorstellung aufgefaßtes Merkmal besitzen, indem stammen.
wir sie der Reihe nach durchgehen; dann fassen wir die
einzelnen Dinge, welche das Merkmal haben, in eine
Gesamtvorstellung zusammen, so entsteht eine Viel- Bolzano
heit von Einheiten, und diese ist die Zahl« (Ms. Q 3/I, 1).
Anfänglich waren es vor Allem die Paradoxien des Un-
Auch Husserl legt dem Begriff der Zahl eine Operation endlichen und noch nicht die Wissenschaftslehre Bol-
zugrunde, nämlich die der Kollektion, bei welcher ein zanos die einen bedeutenden Einfluss auf Husserl aus-
einheitliches Interesse und Bemerken verschiedene übten, da Husserl seine akademische Karriere als Ma-
Gegenstände heraushebt und umfasst (vgl. Hua XII, thematiker angefangen hat, und somit zunächst mit
333). Laut Husserl kann man aber vollkommen will- den eher mathematischen Aspekten von Bolzanos
kürliche und beliebige Gegenstände kolligieren, und Werk in Kontakt gekommen war.
nicht nur Gegenstände, die ein bestimmtes Merkmal
besitzen (vgl. Hua XII, 298). Wie Weierstraß gesteht »Auf Bolzano als Mathematiker wurde ich (als Schüler
aber auch Husserl zu, dass man solche Gegenstände von Weierstraß) durch eine Abhandlung von Stolz in
nur der Reihe nach, also in zeitlicher Sukzession, auf- den Mathematischen Annalen und vor allem durch ei-
fassen kann. Danach bildet man das Ganze, die Ge- ne Auseinandersetzung Brentanos (in seinen Vor-
samtvorstellung oder das »zusammengesetzte Vorstel- lesungen) mit den ›Paradoxien des Unendlichen‹ und
lungsganze« (Hua XII, 307), welches die Zahl ist. Die durch G. Cantor aufmerksam« (Hua XX/I, 297 Anm.).
gewöhnlichste Bestimmung lautet: »Die Zahl ist eine
Vielheit von Einheiten« (Hua XII, 297). Hierbei steht In Stolz’ Artikel von 1881 werden die Paradoxien zwar
Husserl also wörtlich im Einklang mit Weierstraß. genannt, jedoch inhaltlich kaum verwendet. Ansons-
Schwieriger ist es, Kroneckers vorgeblichen Einfluss ten ist dies eine rein technische Abhandlung. In phi-
zu bestimmen. Husserl spricht häufig von Weierstraß, losophischer Hinsicht ist es sicherlich die ausführliche
Kronecker dagegen nennt er auch, jedoch seltener. In Behandlung in den Vorlesungen von Brentano im
den Jahren nach 1880 wütete ein Streit zwischen Kro- Wintersemester 1884/85 gewesen, die Husserls Inte-
necker und Cantor über die Existenz mathematischer resse auf Bolzano gelenkt hat.
Entitäten wie unendlicher Mengen (vgl. Schmit 1949,
17). Auch Weierstraß befasste sich hiermit und wählte »In den Vorlesungen über elementare Logik behandel-
die Seite seines Schülers, Cantor, der die Existenz von te er [= Brentano] besonders ausführlich und offenbar
abgeschlossenen unendlichen Mengen verteidigte. In in schöpferischer Neugestaltung die deskriptive Psy-
der Philosophie der Arithmetik werden unendliche chologie der Continua mit eingehender Rücksichtnah-
Mengen nur als potentiell-unendliche behandelt, wo- me auf Bolzanos ›Paradoxien des Unendlichen‹«
durch Husserl in dieser Periode eher als Konstruktivist (Schuhmann 1977, 14).
24 II Leben und Kontext

Viele Autor/innen (vgl. Schmit 1981, 23; Hill 2000b; (z. B. ›A und B und C usw.‹) konstituiert wird. Bolzano
Grattan-Guinness 2000, Kap. 4.6.1: »A follower of wie Husserl meinen ebenfalls, dass vollkommen will-
Weierstraß and Cantor«; Smith 2007, 89, 105, 411; kürliche Dinge zusammen einen Inbegriff konstituie-
Centrone 2010, 21, Anm. 81) meinten, dass Cantor in ren können, gleich »ob physisch oder psychisch, abs-
dieser früheren Periode einen Einfluss auf Husserl ge- trakt oder konkret, ob durch Empfindung gegeben
habt hat (hinsichtlich seiner Mengen- und Mannigfal- oder durch Phantasie, etc.« (Hua XII, 298), wie im
tigkeitslehre), aber es ist fragwürdig, ob es Cantors Beispiel Bolzanos eine Rose und ihr Begriff.
Einfluss gewesen sei, der Husserl zum Platonismus in Bolzano charakterisiert weiterhin Mengen als Viel-
der Mathematik führen würde. Husserl selbst schreibt heiten von Einheiten, die unter einen bestimmten Be-
diesen Wandel eher Lotze, Leibniz und Bolzano zu griff fallen, gibt Beispiele von Inbegriffen von In-
(vgl. Hua XX/I, 297 f.). Ähnlichkeiten in Husserls und begriffen (Summen) und erörtert kurz die Relationen
Cantors Stellungnahme zu den Grundlagen der Ma- Mehr und Weniger in Bezug auf Mengen und deren
thematik ließen sich auch durch ihren gemeinsamen Teile. Auch wenn Husserl seine Definitionen nicht
Hintergrund als Weierstraß-Schüler erklären. buchstäblich Bolzano entnimmt, so kann man Bolza-
Ein durchaus grundlegender Begriff in Husserls nos Text dennoch als eine wesentliche Anregung be-
Frühphilosophie, der von Bolzano angeregt wurde, ist zeichnen, da die Parallelen zu markant sind, um auf
der des Inbegriffs. Dem Begriff des Inbegriffs begeg- reinem Zufall oder lediglich auf Brentanos Vorlesun-
nen wir bei Bolzano im dritten Paragraphen der Para- gen zu beruhen (in welchen es fast ausschließlich um
doxien des Unendlichen, wo er ihn wie folgt definiert: den Begriff des Kontinuums geht). Folgende wichtige
Unterschiede können jedoch festgehalten werden.
»Ein Inbegriff gewisser Dinge oder ein aus gewissen Husserl charakterisiert im Gegensatz zu Bolzano ei-
Teilen bestehendes Ganze, glaube [ich] ausdrücken zu nen Inbegriff weiterhin im Wesentlichen als kollekti-
können, wenn nämlich festgesetzt wird, daß wir diese ve Verbindung (eine Bestimmung, die er Brentano
Worte in einer so weiten Bedeutung auslegen wollen, verdankt, vgl. Husserl, Ms. Y 2, 108). Bolzano sieht
daß sich behaupten lasse, in allen Sätzen, wo man das hingegen schon einen einzigen Gegenstand als In-
Bindewort und anzuwenden pflegt, also z. B. in den begriff an, während Husserl dies entschieden ablehnt
gleich folgenden: ›Die Sonne, die Erde und der Mond – und zumindest zwei verschiedene Teile voraussetzt,
stehen in gegenseitiger Einwirkung aufeinander‹; ›die die kollektiv verbunden sind; auch, weil Husserl be-
Rose und der Begriff einer Rose – sind ein paar sehr ver- hauptet, Eins und Null seien keine Zahlen im eigentli-
schiedene Dinge‹; ›die Namen Socrates und Sohn des chen Sinn des Wortes, da sie keine Vielheiten von
Sophroniskus – bezeichnen einerlei Person‹ – sei der Einheiten seien (vgl. Hua XII, 129 ff.). Wenn ein ein-
Gegenstand, von dem man in diesen Sätzen spricht, ziger Gegenstand aber schon einen Inbegriff bilden
ein gewisser Inbegriff von Dingen, ein aus gewissen könnte, so wäre das ein Widerspruch, sofern Husserl
Teilen bestehendes Ganze« (Bolzano 1851, § 3). Inbegriff als (quasi) synonym mit Vielheit, Mehrheit,
Menge verwendet.
Ein Inbegriff ist also zum Beispiel ›A und B und C Nach einer kurzen Periode, in der er für Weier-
usw.‹ für ein beliebiges A, B, C usw. Bolzano fordert straß arbeitet (Sommersemester 1883), und einem
bloß, dass A, B, C usw. verschieden sind, da man sonst Jahr, in dem er als Freiwilliger seinen Wehrdienst leis-
nicht von einem Inbegriff sprechen könne. tet, kehrt Husserl zurück nach Wien, wo er ab 1884
Husserl definiert den Inbegriff am Anfang seiner vor allem bei Brentano Philosophie studiert (vor al-
Über den Begriff der Zahl eigentlich gar nicht, er stellt lem, aber nicht ausschließlich, wie von Peter Varga,
ihn lediglich als gleichbedeutend mit Vielheit und 2015, detailliert dargestellt). Husserl hat nämlich ne-
Menge dar (vgl. Hua XII, 297). Später charakterisiert ben Brentanos Vorlesungen in Wien ebenfalls u. a.
er ihn als das Ganze, das aus der kollektiven Verbin- diejenigen von Robert von Zimmermann besucht. Es
dung seiner Teile konstituiert wird (vgl. Hua XII, 301). stellt sich aber heraus, laut Varga, dass Zimmermann
Von dieser Verbindung sagt er wiederum: »Eine bloß für Husserl keineswegs eine »Geheimroute« zu Bolza-
kollektive Verbindung drückt die Sprache dadurch no gewesen ist, und dass seine Bedeutung am Ende
aus, dass sie die Namen der zu befassenden Einzeldin- »als eher peripher« zu bewerten sei (Varga 2015, 109).
ge durch das Bindewörtchen Und vermittelt« (Hua Husserl schloss sich explizit der Brentanoschule an,
XII, 334). Wie Bolzano beschreibt er also den Inbegriff dessen Einfluss weitaus sichtbarer und viel deutlicher
als ein Ganzes, das durch Aufzählung seiner Teile nachweisbar ist.
3 Einflüsse auf Husserl 25

Husserls Position in der Brentanoschule »Der Psychologie ist aber [außer die Aufgabe des Auf-
stellens der Gesetze, die den (kausalen) Zusammen-
»In einer Zeit des Anschwellens meiner philosophi- hang von Leib und Seele regeln, welches die Aufgabe
schen Interessen und des Schwankens, ob ich bei der der genetischen Psychologie ist] auch noch eine andere
Mathematik als Lebensberuf bleiben oder mich ganz Aufgabe gestellt: Klarheit darüber zu geben, was die in-
der Philosophie widmen sollte, gaben Brentanos Vor- nere Erfahrung unmittelbar zeigt; also nicht eine Gene-
lesungen den Ausschlag. Ich besuchte sie zuerst aus sis der Tatsachen, sondern zunächst erst Beschreibung
bloßer Neugierde, um einmal den Mann zu hören, der des Gebietes. Dieser Teil ist nicht psychophysisch, son-
im damaligen Wien soviel von sich reden machte« dern rein psychologisch. Vorweg müssen wir wissen,
(Husserl, »Erinnerungen an Franz Brentano«, Hua XXV, wie die Tatsachen aussehen: und dies zeigt ein innerer
304 f.). Blick ins Psychische. Wollen wir solches beschreiben, so
rufen wir Erscheinungen durch Wiederholung der phy-
In seinen ersten philosophischen Werken übernimmt sischen Reize hervor; in dieser Weise wird also auch
Husserl wichtige Grundgedanken von Brentano: die hier Körperliches zu berücksichtigen sein. Sonst kommt
Methode der deskriptiven Psychologie und das Kon- ganz und gar bloß die innere Erfahrung in Betracht.
zept der Intentionalität des Psychischen, die Eintei- Diesen Kreis der Psychologie nenne ich die deskriptive«
lung in psychische und physische Phänomene; die (Brentano, Ms. Q 10, 4.).
Einteilung der psychischen Phänomene in Vorstellen,
Urteilen und Lieben/Hassen; die innere und äußere Brentanos deskriptive Psychologie bietet uns somit
Erfahrung; die kollektive Verbindung; das eigentliche »Einsicht in das innere Gefüge der vielverschlungenen
und uneigentliche Vorstellen (vgl. Rollinger 1999; Ier- Gedankengewebe« (Hua XII, 295), wie Husserl sagt.
na 2006). In Über den Begriff der Zahl will Husserl sich aus-
Husserls frühestes datierbares Manuskript (über schließlich mit der Frage »nach dem Inhalt und Ur-
Homogene und inhomogene Continua) stammt aus der sprung des Begriffes der Zahl« (Hua XII, 295) beschäf-
Zeit, in der er bei Brentano studierte (Wintersemester tigen. Hierbei muss man beachten, dass es sich keines-
1884/85 bis Sommersemester 1886). Diese erste Ar- wegs um eine zunächst deskriptive und dann geneti-
beit beruht wahrscheinlich größtenteils auf Brentanos sche Untersuchung handelt: Husserls Beschäftigung
Vorlesungen, die »besonders ausführlich und offenbar mit der Frage nach dem Ursprung und Inhalt des
in schöpferischer Neugestaltung die deskriptive Psy- Zahlbegriffes ist völlig innerhalb der deskriptiven Psy-
chologie der Kontinua« (Husserl, »Erinnerungen an chologie zu stellen. Husserl meint (mit Brentano),
Franz Brentano«, vgl. Hua XXV, 307) behandelten. dass in der deskriptiven Psychologie jeder Begriff in
Husserls erstes gedrucktes philosophisches Werk ist der Anschauung nachgeprüft werden kann. Dieses ist
das erste Kapitel seiner Habilitationsschrift: Über den dann der gemeinte Ursprung der Begriffe: die Inhalte
Begriff der Zahl, Psychologische Analysen. Gerade mit der Anschauung, nicht die sinnlichen Reize, die ihnen
Bezug auf diese Art der psychologischen Analysen psychophysisch zugrunde liegen. Eine Theorie der
kann deutlich gezeigt werden, wie stark der Einfluss sinnlichen Reize würde den Naturwissenschaften an-
von Brentano und Stumpf, der Brentanoschüler der gehören und somit nur Hypothesen liefern können.
seine Habilitationsschrift in Halle betreut hatte, auf Die Kraft der Methode der deskriptiven Psychologie
den frühen Husserl war. liegt darin, dass sie eben alles klar zutage bringen kann
Husserl meint, dass die Grundprobleme der Phi- in der inneren Erfahrung: Hier kann es absolute Si-
losophie der Mathematik nur durch eine Analyse der cherheit und Wahrheit des Wissens geben. Anstelle
»an sich einfacheren, logisch früheren Begriffe« (Hua von Definitionen gibt Husserl also, wie Brentano es
XII, 294) gelöst werden können, beginnend mit dem wollte, Beschreibungen der Phänomene in der An-
Begriff der Zahl. Denn alle komplexeren Zahlbildun- schauung, die der Begriffsbildung zugrunde liegen:
gen (z. B. gebrochene, irrationale, negative Zahlen »Zunächst sei bemerkt, dass es uns nicht um eine De-
usw.) »haben ihren Ursprung und Anhalt in den ele- finition des Begriffes Vielheit, sondern um eine psy-
mentaren Zahlbegriffen« (Hua XII, 294). Die de- chologische Charakteristik der Phänomene, auf wel-
skriptive Psychologie ist unerlässlich bei solch einer chen die Abstraktion dieses Begriffes beruht, zu tun
Analyse, und darum verwendet Husserl ihre Hilfs- ist« (Hua XII, 301).
mittel. In seinen ersten Werken folgt Husserl genau der
Methodologie Brentanos. Husserl gibt dort eine De-
26 II Leben und Kontext

skription und eine Analyse in der inneren Wahrneh- Wichtigkeit der Zeichen als Hilfsmittel hingewiesen,
mung von den Prozessen der Kollektion und Abstrak- um die Schwierigkeiten des eigentlichen Vorstellens
tion, die zur Bildung des Zahlbegriffes benötigt sind. zu beseitigen (Husserl, Ms. Y 2, 28 f.). Wie Brentano
Husserl beschreibt schrittweise den Prozess, durch meint auch Husserl, dass die Zahlworte als Zeichen
welchen wir den abstrakten Vielheitsbegriff erreichen, die viel komplexere eigentliche Auffassung der Zahlen
und zeigt, wie aus diesem die Zahlen entspringen. (bzw. Prozesse des Kolligierens, wie 1 + 1 + 1 usw.) er-
Dies alles erreicht er mit den Hilfsmitteln der deskrip- setzen können.
tiven Psychologie. Was er allein tut, ist, den Weg von Oft ist es recht schwierig, genau zu unterscheiden,
der Anschauung der konkreten Mengen zu ihrer Zahl- was Husserl von Stumpf und was er von Brentano
bestimmung zu beschreiben. Wie man also sieht, wen- übernommen hat. Stumpfs Einfluss auf Husserls
det Husserl Brentanos Lehre bezüglich der deskripti- Frühwerk beschränkt sich größtenteils auf Themen,
ven Psychologie in zentralen (methodologischen und die ursprünglich von Brentano stammen. Dieses zeigt
argumentativen) Stellen seiner Habilitationsschrift an. sich zum Beispiel in manchen terminologischen Ent-
Dabei spielen der Prozess des Kolligierens und der scheidungen Husserls. Oft bevorzugt er eine Stumpf-
Begriff einer kollektiven Verbindung eine zentrale Rol- sche Terminologie für Brentanosche Konzepte, ver-
le. Die Idee der kollektiven Verbindung als Grundlage mutlich da er sich bei Stumpf habilitierte.
für den Inbegriff und die Zahlen hat Husserl eindeutig Alle drei, Brentano, Stumpf, und Husserl, charakte-
direkt aus Brentanos Vorlesungen über Die elementare risieren das Kollektivum als bloße Summe. Husserl
Logik und die ihr nötigen Reformen vom Wintersemes- entnimmt die Definition eines Kollektivums mittels
ter 1884/85 entnommen (Husserl, Ms. Y 2, 107 ff.). Be- der kollektiven Verbindung aus Brentanos Vorlesun-
merkenswert ist, dass Husserl in Über den Begriff der gen, fügt einige Ideen Bolzanos hinzu (der Begriff des
Zahl sogar wortwörtlich Brentanos Worte wiederholt: Inbegriffs und die Charakterisierung der kollektiven
die kollektive Verbindung sei »eine im Vergleiche mit Verbindung mittels des Bindewortes ›und‹), aber ver-
anderen Fällen der Verbindung lose und äusserliche zu wendet auch Stumpfsche Argumentationen. Im zwei-
nennen« (Hua XII, 301). Husserl weicht davon nur mi- ten Kapitel von Über den Begriff der Zahl und später
nimal ab, einerseits indem er die Gleichartigkeit der im entsprechenden Teil der Philosophie der Arithmetik
Elemente des Inbegriffs bestreitet (es können völlig behandelt er fünf gegnerische Theorien. Die Positio-
willkürliche Gegenstände sein), andererseits, indem er nen, die in diesen vertreten werden, und die Erwide-
die Gleichheit auf einem höheren Abstraktionsniveau rungen Husserls scheinen alle aus Stumpfs Vorlesun-
wieder einführt (jedes Element der Vielheit ist als gen zu stammen. Ebenfalls im Abschnitt zur »Enge
bloßes ›Etwas‹ jedem anderen gleich). des Bewusstseins und ursprüngliche Assoziation« se-
Den Unterschied zwischen eigentlichem und un- hen wir typische Theorien der Brentanoschule, die
eigentlichem Vorstellen ist ein weiterer Fundamental- Husserl nachweisbar aus Stumpfs Vorlesungen kannte
begriff von Über den Begriff der Zahl und der Philoso- und in seiner Widerlegung und Korrektur der fünf
phie der Arithmetik, bei dem Husserl seinem eigenen Theorien verwendet. Darüber hinaus wurde Husserl
Zeugnis zufolge (vgl. Hua XII, 193 Anm.) von Brenta- auch zweifellos von Stumpfs Begriff der Verschmel-
no inspiriert worden ist. Schon in seiner Habilitations- zung angeregt.
schrift macht Husserl deutlich, dass »wir nur von den Stumpfs Einfluss läuft wie ein roter Faden durch die
allerersten Zahlen eigentliche Vorstellungen erlangen, gesamte Habilitationsschrift. Terminologie, Beispiele,
während wir grössere Zahlen bloss symbolisch, gewis- und Erwiderungen stammen größtenteils aus Stumpfs
sermassen nur auf Umwegen, denken können« (Hua Vorlesungen. In Husserls Habilitationsschrift finden
XII, 322). In der Philosophie der Arithmetik wird dieser wir die grundlegenden methodologischen Prinzipien,
Unterschied eines der wichtigsten Elemente und sogar die Husserl in seiner Arbeit verwendet. Viele von die-
der Anlass für die Zweiteilung der ersten Bandes. Hus- sen ähneln den methodologischen Voraussetzungen,
serl dankt Brentano in der Philosophie der Arithmetik die Stumpf in seinem Werk Über den Psychologischen
ausführlich für das »tiefere Verständniss der eminen- Ursprung der Raumvorstellung aufstellte. Zum Beispiel
ten Bedeutung des uneigentlichen Vorstellens« (Hua will Husserl eine psychologische Analyse des Zahl-
XII, 193 Anm.) und das Bewusstsein der Wichtigkeit begriffes durchführen, weil der Zahlbegriff »das erste
des Unterschieds zwischen eigentlichem und un- Glied« der naturgemäßen Reihe der zu analysierenden
eigentlichem Vorstellen überhaupt. Begriffe ist. Man solle nämlich »zunächst die an sich
Brentano hatte schon in seinen Vorlesungen auf die einfacheren, logisch früheren Begriffe und Relationen,
3 Einflüsse auf Husserl 27

hierauf in weiterer Folge die kompliziert[er]en und von Brentano. Der Gestaltbegriff wurzelt somit in der
abhängigeren« analysieren (Hua XII, 294). Weiterhin: Brentanoschule, jedoch wurde vor Ehrenfels dem Ge-
»Die erste Frage, die wir zu beantworten haben, ist staltbegriff kaum eine wichtige Rolle zugeteilt und ›Ge-
diejenige nach dem Ursprunge der in Rede stehende stalt‹ war kein terminus technicus (vgl. Ierna 2009).
Begriffe« (Hua XII, 298). Ähnliches meinte Stumpf: Wie Ehrenfels gleich am Anfang seines Artikels be-
merkt, war seine eigene technische Verwendung dieses
»Unter der Aufsuchung des psychologischen Ursprun- Wortes durch Ernst Machs Beiträge zur Analyse der
ges einer Vorstellung verstehen wir die Aufsuchung der Empfindungen (1886) inspiriert und durch Brentanos,
Vorstellungen, aus welchen dieselbe sich gebildet hat, Stumpfs, und Meinongs Theorien weiter entwickelt.
und der Art und Weise, wie sie sich daraus gebildet. Vollkommen parallel dazu, vor demselben Hinter-
Man wird hierbei zunächst an die Auflösung zusam- grund, hat auch Husserl um 1890 einen philosophisch-
mengesetzter Vorstellungen in einfachere und ein- technischen Gestaltbegriff verwendet, gänzlich un-
fachste denken« (Stumpf 1873, 4). abhängig von und sogar vor Ehrenfels. In der Philoso-
phie der Arithmetik hatte Husserl aber von »figuralen
Stumpf meint also von den komplexen zu den ein- Momenten« gesprochen (Hua XII, 203 ff.) und dabei
fachen Vorstellungen vorgehen zu müssen, Husserl Ehrenfels’ Artikel nur erwähnt, um seine eigene Priori-
dagegen versucht, aus den einfachen die komplexen tät geltend zu machen aufgrund einer geteilten Quelle
aufzubauen. Husserl stellt nämlich schon in der Ein- in Machs Beiträge (Hua XII, 210 f. Anm.). Husserl be-
leitung zu Über der Begriff der Zahl die Reihe dar, des- hauptet sogar, seinen eigenen Gestaltbegriff bereits ein
sen erstes Glied der Zahlbegriff ist. Die höhere Ana- Jahr vor dem Erscheinen von Ehrenfels’ Artikel er-
lysis gründet in der Arithmetik, die Arithmetik wiede- arbeitet zu haben, also rund 1889. Tatsächlich kann so
rum in den elementaren Zahlbegriffen (vgl. Hua XII, etwas auch belegt werden, da Husserl in einem Vor-
294). Daher zerlegt Husserl nicht erst die komplexen lesungsmanuskript vom Wintersemester 1889/90 über
Vorstellungen in den Teilen, aus welchen sie sich ge- den Zahlbegriff sowohl von »Gestalt« als auch von
bildet hat, sondern er kann gleich anfangen mit der »Gestaltmoment« spricht (Husserl 2005, 298).
Analyse des Ursprungs der einfachsten Begriffe. Dann Der Einfluss auf Husserl ist somit ziemlich eindeu-
muss er sich aber auch fragen, wie man »von konkre- tig nicht Ehrenfels, sondern Mach. Mach verwendet
ten Inbegriffen zum Allgemeinbegriff der Mehrheit, den Begriff ›Gestalt‹ anfänglich in seinem gewöhnli-
des Inbegriffes, der Zahl« gelangt (Hua XII, 299). Wie chen, umgangssprachlichen Sinn, um eine qualitative
Stumpf schon sagt, muss Husserl hier erklären »wie sie Eigenschaft von geometrischen Figuren hervorzu-
[die komplexe Vorstellung] sich daraus [den einfache- heben (nämlich ihre Form), aber wendet ihn dann
ren Vorstellungen] gebildet« hat. Auch wenn die Ana- auch in einem weiteren Sinne bildlich-analogisch auf
lyse bei Stumpf und Husserl vielleicht nicht in dersel- Melodien an (Mach 1886, 128). Laut Mach kann man
ben Richtung läuft, so ist ihre Methodologie doch an- unmittelbar eine bestimmte Gleichheit wahrnehmen
nähernd die gleiche. in unterschiedlichen sinnlichen Wahrnehmungs-
inhalten, wie die Ähnlichkeit von zwei räumlichen Fi-
guren aufgrund der Gleichheit ihrer Komponenten
Der Gestaltbegriff (wie z. B. gleiche Winkel bei verschieden rotierenden
Dreiecken). So bezeichnet die Gestalt bei Mach be-
Der Begriff ›Gestalt‹ wird normalerweise Christian stimmte Eigenschaften höherer Ordnung, die einem
von Ehrenfels und seinem einflussreichen Artikel Ganzen als solchem zukommen (Mach 1886, 45).
»Über ›Gestaltqualitäten‹« (1890) zugeschrieben. Die- Husserl übernimmt dann diesen Begriff und verwen-
ser Begriff wurde dann in der Berliner Schule der Ge- det ihn für die symbolische Vorstellung von Collectiva
staltpsychologie, vor allem von Max Wertheimer, Kurt in seiner Vorlesung vom Januar 1890. Diese Vorlesung
Koffka und Wolfgang Köhler, und in der Grazer Schule, beruht zum Teil auf Husserls Habilitationsschrift von
u. a. von Stephan Witasek und Vittorio Benussi, weiter- 1887 und weist voraus auf die weitere Ausarbeitungen
entwickelt. Wenn man aber von diesen Autoren einen in der Philosophie der Arithmetik. Hier, nachdem Hus-
Schritt zurückgeht, sehen wir, dass Ehrenfels und die serl Ehrenfels’ Artikel zur Kenntnis genommen hat,
Grazer Psychologen sämtlich Studenten von Alexius wurde die Terminologie von ›Gestalt‹ in ›Figurales
Meinong waren und die Berliner alle Studenten von Moment‹ geändert, um es deutlicher von Ehrenfels’
Carl Stumpf, also alle direkt oder indirekt Schüler neuerer Definition zu unterscheiden.
28 II Leben und Kontext

Die Frege-Frage Jahren nach Husserls erster explizit anti-psychologis-


tischer Stellungnahme, die er dann in seinen Logik-
Laut einer weit verbreiteten Ansicht in der Sekundär- Vorlesungen aus dem Jahr 1896 findet (Hua Mat I,
literatur hat Freges sehr negative Rezension von der z. B. 22–28). Somit stellt Føllesdal fest, dass Husserls
Philosophie der Arithmetik Husserl in 1894 auf einen Konversion zwischen Freges Rezension und den Lo-
Schlag vom Psychologismus kuriert (vgl. Beyer 2010, gik-Vorlesungen stattgefunden haben muss. Nachdem
888; Smith 2007, 18; vgl. dagegen Ierna 2012). Das Føllesdal diesen Zeitraum, 1891 bis 1900, und noch
Thema ›Husserl und Frege‹ ist über Jahrzehnte zu ei- spezifischer 1894 bis 1896, als Rahmen angenommen
nem beträchtlichen Sub-Genre der Husserl-Literatur hatte, fand jegliche Debatte zur Frage in Bezug auf die-
angewachsen. Als Urheber des Themas wird meistens ses Zeitfenster statt. Tatsächlich haben auch Føllesdals
Dagfinn Føllesdal (1958) aufgeführt, doch schon zu Kritiker sich an diesen Rahmen gehalten und lediglich
Husserls Lebzeiten, 1934, wurde die Frage, ob Frege den möglichen Einfluss anderswo gesucht, wie bei
Husserl beeinflusst hatte, von Andrew Osborn (Os- Natorp, Twardowski und Bolzano oder sogar James.
born 1934a, Kap. 4; 1934b, 378) aufgeworfen. Husserls Wenn wir aber berücksichtigen, wie Husserl sich zu
Stellung zu Osborns Arbeit war sehr negativ und ab- seinen Kritikern verhalten hat, dann ist seine Reaktion
lehnend. Nach Osborns Besuch 1935 schrieb Husserl auf Freges Rezension sehr kurios. Wenn man zum Bei-
an Dorion Cairns, dass man Osborn als Philosoph gar spiel die Kontroverse mit Andreas Heinrich Voigt
nicht ernst nehmen könne und dass »die ersten Seiten (ausgetragen in der Vierteljahrsschrift für wissen-
genügten zur Erkenntnis der völligen Nutzlosigkeit ei- schaftliche Philosophie 17/18, 1893/94) sowie seine
ner wirklichen Lektüre« (Hua Dok III/4, 313–315). spätere Reaktion zu Melchior Palàgys Buch (1902,
Danach hatte Marvin Farber (1940, 12) einen bedeu- mehr oder weniger eine lange, negative Rezension zu
tenden Einfluss von Freges Rezension abgewiesen, je- den Logischen Untersuchungen) heranzieht, sieht man,
doch wurde die Frage erneut 1957 in Royaumont ge- dass Husserl seine Arbeit jedes Mal stark verteidigt
stellt in einem Vortrag von Walter Biemel (1959), der hat. Weiterhin hatte Husserl auch eine vehemente Er-
dazu wiederum Osborn heranzog. widerung (Ms. K I 52/1–2) zu Adolf Elsas Rezension
In Bezug auf die Frage nach Husserls eventuellem der Philosophie der Arithmetik aufgestellt, welche
Psychologismus und Freges Einfluss kann man zwei ebenfalls 1894 erschienen war. Dies zeigt, dass Husserl
historiographische Stellungnahmen unterscheiden: 1894 bestimmt noch die Philosophie der Arithmetik
einerseits, Føllesdal folgend, kann man argumentie- gegen Kritik zu verteidigen suchte. Jedoch hatte er auf
ren, dass Husserl in den frühen 1890er noch in seinem Freges sehr kritische und negative, und dazu in man-
›psychologistischen Schlummer‹ war und dass erst chen Hinsichten auch ungerechte, Rezension ganz
Freges Rezension im Jahr 1894 ihn zum Antipsycho- und gar nicht reagiert. Tatsächlich nimmt er wenige
logismus erweckt hat (vgl. die Debatten in Dreyfus Jahre später seine Korrespondenz mit Frege wieder
1982); andererseits haben Interpreten wie Mohanty auf, als ob gar nichts vorgefallen wäre, soweit wir von
(1995) und Hill (2000a) gezeigt, dass die Rezension Freges Antwortbriefen wissen, in denselben freundli-
unmöglich der determinierende Faktor in Husserls chen Tönen wie zuvor. Die meisten Autoren, die mei-
Entwicklung gewesen sein könnte, da bereits um 1891, nen, Freges Rezension habe Husserl nicht beeinflusst,
also vor Freges Rezension, Änderungen in seiner Po- berufen sich auf die Philosophie der Arithmetik oder
sition bemerkbar werden. Ihre Schlussfolgerung ist andere Texte um 1891 (u. a. Husserls Rezension von
darum, dass Frege Husserl nicht bedeutend beein- Schröder), um zu zeigen, dass Husserls Position sich
flusst habe. Jedoch sollte man hierbei nicht vergessen, schon früher geändert haben soll (vgl. Mohanty 1982,
dass beide Interpretationen sich in sehr engen Schran- 44). Wenn aber Freges Einfluss vor 1891 zu bestätigen
ken bewegen. Føllesdals Formulierung hat alle späte- ist, dann würde das nicht nur die Føllesdal-Kritiker
ren Debatten zur Frege-Frage auf einen sehr spezi- unterhöhlen, sondern die ganze Debatte um Freges
fischen Zeitraum eingeschränkt: »Did Frege influence Rezension schier irrelevant machen. Die Frage, die
Husserl’s development during these decisive years man sich bezüglich Freges Einfluss stellen sollte, ist
(1891–1900)?« Føllesdal interpretiert alle Verweise nicht die von Føllesdal, sondern: »Did Frege influence
auf Frege in der Philosophie der Arithmetik als kritisch Husserl’s development before 1891?«. Zuallererst ist
und negativ, folgerte dann, dass Husserl ein überzeug- Frege der meistzitierte Autor in der ganzen Philoso-
ter Psychologist geblieben sei bis zur Rezension im phie der Arithmetik. Husserl wird sich nach 1891 nie
Jahr 1894. Føllesdal sucht erst in den darauf folgenden mehr so ausgiebig mit Frege befassen. Nicht nur ist er
3 Einflüsse auf Husserl 29

der meistzitierte Autor, sondern zwei Drittel der Ver- dass Husserl vor seiner Auseinandersetzung mit
weise finden sich genau in den Kapiteln der Philoso- Twardowski den Begriff ›intentional‹ eigentlich kaum
phie der Arithmetik, die höchstwahrscheinlich wäh- verwendet:
rend der Umarbeitung der Habilitationsschrift hin-
zugefügt worden sind. Gerade diese Passagen befassen »Husserls früher Intentionalitätsbegriff verdankt sich
sich in größerem Detail mit Freges Ansichten, wäh- seiner Auseinandersetzung mit Twardowski. [...] Ent-
rend man in den weiteren Kapiteln Verweise auf Frege gegen einer weitverbreiteten Auffassung ist Husserls
bloß in kurzen Paragraphen findet, die möglicherwei- Intentionalitätsbegriff nicht die direkte Weiterent-
se auch später eingefügt worden sind, da sie den Text- wicklung der entsprechenden Auffassungen seines
fluss nicht beeinträchtigen. Lehrers Brentano.«
Das weckt stark den Eindruck, dass Husserl be-
deutsame Änderungen durchgeführt hat bei der Um- Viel stärker als Freges Rezension also, stellt um 1894
arbeitung seiner Habilitationsschrift zur Philosophie Twardowskis Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand
der Arithmetik aufgrund seiner Lektüre von Frege. der Vorstellungen einen wichtigen Einfluss auf die Ent-
Diese Hypothese eines Einflusses zwischen 1887 und wicklung von Husserls erster Phänomenologie dar.
1891 wird unterstützt durch die Tatsache, dass Husserl Twardowski versucht hierin das Problem der gegen-
Freges Grundlagen der Arithmetik genau 1887 erwor- standslosen Vorstellungen zu lösen, also das Problem,
ben hatte (Schuhmann 1977, 18). dass laut Brentano alle Vorstellungen einen Gegen-
In ihrer frühen Korrespondenz war der Psycho- stand haben müssen (»Kein Vorstellen ohne Vor-
logismus kein Thema, aber beide äußerten sich zu ei- gestelltes«; Brentano, Ms. Y 2, 54), jedoch nicht allen
nem möglichen Einfluss von Frege auf Husserl. Frege Vorstellungen ein Ding in der Außenwelt entspricht.
war Husserl sehr dankbar, weil er seine Werke so weit- Durch den Unterschied zwischen Inhalt und Gegen-
gehend, mehr als jemand anders zu dieser Zeit, be- stand meinte Twardowski, diese Schwierigkeit lösen
rücksichtigt hatte (Hua Dok III/6, 108). Daraufhin zu können: »Was in einer Vorstellung vorgestellt wird,
antwortete Husserl mit einer expliziten Anerkennung ist ihr Inhalt; was durch eine Vorstellung vorgestellt
und Bestätigung der »großen Anregung und För- wird, ist ihr Gegenstand« (Twardowski 1894, 18). Im
derung«, welche er aus der Lektüre der Grundlagen Falle der sogenannten ›gegenstandslosen‹ Vorstellun-
gezogen hatte: »Unter den vielen Schriften, die mir bei gen würde immer noch ihr Inhalt als inneres, imma-
der Ausarbeitung meines Buches vorlagen, wüßte ich nentes, intentionales Objekt vorhanden sein, auch
keine zu nennen, die ich annähernd mit solchem Ge- wenn kein wirklicher, äußerer Gegenstand damit kor-
nuße studirte, als die Ihre« (Hua Dok III/6, 111). respondieren würde. Diese ›Lösung‹, jedoch, impli-
Wenn man also aus Føllesdals Schranken ausbricht, ziert, dass man im Falle gewöhnlicher ›gegenstands-
sieht man viel deutlicher einen unkontroversen Ein- haftiger‹ Vorstellungen gleich zwei Objekte hat: ein in-
fluss von Frege auf Husserls Philosophie der Arithme- neres und ein äußeres. Husserls Kritik bezieht sich di-
tik, also vor 1891 und vor der Rezension, welche somit rekt auf diese Verdoppelung. Für Husserl ist es
wohl kaum die beste oder einzige Quelle für solch ei- verfehlt, zwischen zwei Gegenständen der Vorstellung
nen Einfluss darstellen dürfte. nach Twardowskis Art zu unterscheiden:

»Die Bilder sollen die vorgestellten Gegenstände sein,


Der Weg zu den »Logischen Unter- von denen es wahrhaft heißt: Jede Vorstellung stellt ei-
suchungen«: Der Intentionalitätsbegriff und nen Gegenstand vor. Die entsprechenden Dinge sollen
die Auseinandersetzung mit Twardowski andererseits die vorgestellten Gegenstände sein, von
denen es abermals gültig heißt: Nicht jeder Vorstel-
Im Allgemeinen wird immer auf Brentano verwiesen lung entspricht ein Gegenstand. Aber wie, ist in dem
als den Urheber des gegenwärtig gängigen Intentiona- Sinne der oben erörterten, scheinbar oder wirklich
litätsbegriffes. Natürlich hat auch Husserl diesen Be- kontradiktorischen Sätze nicht gelegen, daß jeweils
griff erstmals von Brentano und durch die Brentano- derselbe Gegenstand, der vorgestellt ist, existiert bzw.
schule rezipiert. Jedoch hat Husserl ihn auch in kriti- nicht existiert? [...] Den Gegenstand selbst stellen wir
scher Auseinandersetzung mit Brentano und ver- vor, über ihn urteilen wir, auf ihn beziehen sich Freude
schiedenen Brentanoschülern weiterentwickelt. In und Trauer, Wunsch und Wille« (Husserl, Ms. K I 56, zit.
diesem Sinne hat Schuhmann (2004, 119 f.) bemerkt, nach Schuhmann 1992, 144).
30 II Leben und Kontext

Husserl verlangt also eine ganz andere Lösung für das Wie und wo und wann dieser Fund genau stattgefun-
Problem der gegenstandslosen Vorstellungen. Die den hat, ist aber noch umstritten. Das transzendentale
Unterscheidung zwischen »bloß intentionalen« und Ego hat nun ein absolutes Sein, während alles natürli-
»wirklichen« ergibt keinen Sinn für die Gegenstände che Sein sekundär und davon abhängig ist. Ob dieser
selbst, sondern nur für die Weise, wie sie in Vorstel- Durch- oder Umbruch eher einer eigenen inneren
lungen vorgestellt werden (Husserl, Ms. K I 56, zit. Entwicklung folgt oder äußeren Einflüssen zufolge
nach Schuhmann 1990, 150 f.; vgl. Schuhmann 2004, auftritt, ist in vielen Hinsichten eine offene Frage. Man
125 f.). Husserls Theorie in seinen Logischen Unter- hat auf verschiedene mögliche Einflüssen gewiesen,
suchungen basiert dann weiterhin auf seiner kritische von welchen keiner als einziger weder als notwendig
Analyse von Twardowski und der Einsicht, dass man noch als hinreichend aufgefasst werden kann.
nicht zwischen den Gegenständen, sondern nur zwi- Einerseits hat man auf Kant, den Neukantianismus,
schen ihren Vorstellungsweisen zu unterscheiden hat: und hier insbesondere Paul Natorp, hingewiesen (vgl.
»daß der intentionale Gegenstand der Vorstellung Kern 1964, 324). Die Psychologismuskritik in den
derselbe ist wie ihr wirklicher und gegebenenfalls ihr Prolegomena wäre durch Natorp (1887, 1888) beein-
äußerer Gegenstand und daß es widersinnig ist, zwi- flusst worden, mit welchem Husserl seit 1894 eine in-
schen beiden zu unterscheiden« (Hua XIX/1, 439). tensive Korrespondenz führte. Auch Husserls ›Ent-
Husserl wiederholt hier und anderswo (Hua XIX/1, deckung‹ des transzendentalen Egos würde dann mit
§ 45, 527 ff.) kritische Bemerkungen, die er bereits in Natorp zusammenhängen, doch sind hier auch weite-
seiner früheren Auseinandersetzung mit Twardowski re mögliche Einflüsse zu berücksichtigen. Wie von
aufgestellt hatte. Somit war Twardowskis Abhandlung Schuhmann (1973, 86) und Marbach (1974, 218–246)
die Anregung, welche Husserl zur Weiterentwicklung hervorgehoben, spielten in dieser Umbruchszeit auch
des Intentionalitätsbegriffes angeregt hatte und in die- Theodor Lipps und Alexander Pfänder eine nicht zu
sem Sinne den entscheidenden Einfluss darstellt. Die vernachlässigende Rolle. Nebst dem Seefelder Manu-
Frage nach der Rolle der Intentionalität in der Relati- skript von 1905, in dem Husserl später selbst meinte,
on zwischen Akt und Gegenstand, und allgemeiner den ersten korrekten Gebrauch der phänomenologi-
zwischen Ich und Welt, wird dann zum Fundamental- schen Reduktion finden zu können, gibt es auch weite-
problem der Phänomenologie. re aufschlussreiche Kontakte mit und Lektüren von
den Münchener Philosophen. Noch abgesehen davon,
dass Lipps und Pfänder unabhängig von und vor Hus-
Von den »Logischen Untersuchungen« serl den Terminus ›Phänomenologie‹ für die Beschrei-
zu den »Ideen«: Ausblick bung der Bewusstseinsinhalte verwenden, hatte Pfän-
der auch bereit ein empirisches und ein reines Ego un-
In der Periode zwischen dem Erscheinen der ersten terschieden. Husserl war gut bekannt mit Lipps’ Ar-
Auflage der Logischen Untersuchungen und den Ideen beiten und besaß gleich drei Auflagen von dessen
findet laut den meisten Interpreten eine radikale Um- Leitfaden der Logik (1903; 1906; 1909; im Husserl-Ar-
gestaltung der Phänomenologie statt. Von den eher chiv Leuven mit Signatur BQ 267, BQ 268, BQ 269),
›metaphysisch neutralen‹ Logischen Untersuchungen alle mit Annotationen und Querverweisen versehen.
ändert Husserls Position sich in eine explizit transzen- Gerade die Passagen der Auflage von 1909, die das Ego
dental-idealistische in den Ideen. Das psychologische, als zentraler Beziehungspunkt betreffen, sind von
empirische Ego, welches nicht über oder hinter den Husserl unterstrichen und mit der Randbemerkung
Erfahrungen stand sondern »einfach mit ihrer eige- ›Ich‹ und ›Pol‹ versehen (Lipps 1909, BQ 269, 3, 6). In
nen Verknüpfungseinheit identisch« war, wurde spä- der Auflage von 1903 hatte Husserl erst ein Fragezei-
ter zu einem transzendentalen, alle Erfahrung konsti- chen am Rand eingefügt, wo Lipps vom reinen Ich als
tuierendem, Ego. Bekanntlich hatte Husserl in der Zentralpunkt des Bewusstseins sprach, überschrieb
Erstauflage der Logischen Untersuchungen von 1901 dies jedoch später ebenfalls mit ›Pol‹ (Lipps 1903, BQ
noch deutlich behauptet: »Nun muß ich freilich geste- 267, 2). Dies entspricht auch Husserls eigener Ego-
hen, daß ich dieses primitive Ich als notwendiges Be- Konzeption in den Ideen. Weiterhin hatte Pfänder
ziehungszentrum schlechterdings nicht zu finden ver- Husserl ein Exemplar seiner Einführung in die Psycho-
mag« (Hua XIX/1, 374). In der zweiten Auflage von logie geschickt, und zwar nach Husserls Besuch in
1913 wurde diese Passage dann aber ergänzt mit einer München 1904. In diesem Werk argumentiert Pfänder
Fußnote »Inzwischen habe ich es zu finden gelernt«. ebenfalls für ein Ego, das über ein einfaches Bündel
3 Einflüsse auf Husserl 31

der mentalen Akte hinausgeht und für ihre synchro- de la philosophie de Husserl. In: ›Cahiers de Royaumont‹
nische und diachronische Einheit erforderlich ist Philosophie 3 (1959b), 32–62.
(Pfänder 1904, 202). Dazu sind verschiedene Manu- Bolzano, Bernard: Paradoxien des Unendlichen [1851]. Leip-
zig 1920.
skripte zum reinen Ego entstanden nach Husserls Be- Centrone, Stefania: Logic and Philosophy of Mathematics in
such bei Pfänder um 1909 und Husserl hat um diesel- the Early Husserl. Dordrecht 2010.
be Zeit Passagen zum Ego aus Pfänders Buch exzer- Dreyfus, Hubert (Hg.): Husserl, Intentionality and Cognitive
piert. Also gerade in den Zeitraum, in dem Husserls Science. Cambridge MA 1982.
Position sich einem scheinbar (neo-)kantischen Ehrenfels, Christian von: Über ›Gestaltqualitäten‹. In: Vier-
teljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 14 (1890),
Transzendentalismus nähert und er die Idee eines rei-
249–292.
nen Egos ernst zu nehmen beginnt, kann man auch Elsas, Adolf: Husserls Philosophie der Arithmetik. In: Phi-
weitere mögliche Einflüsse aus einer ganz anderen losophische Monatshefte 30 (1894), 437–440.
Richtung nachweisen. Farber, Marvin: Edmund Husserl and the Background of his
Da solche Einflüsse in dieser und späteren Perio- Philosophy. In: Philosophy and Phenomenological Research
den immer weniger eindeutig belegt werden können 1/1 (1940), 1–20.
Føllesdal, Dagfinn: Husserl und Frege, ein Beitrag zur Be-
und Husserls Auseinandersetzung mit anderen Phi- leuchtung der Entstehung der phänomenologischen Philoso-
losophen und Strömungen in den weiteren Kapiteln phie. Oslo 1958.
des vorliegenden Bandes noch ausführlicher bespro- Frege, Gottlob: Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch ma-
chen werden, sind weitere Angaben potentiellen Ein- thematische Untersuchung über den Begriff der Zahl. Bres-
flüsse hier nicht mehr so fruchtbar und aufschluss- lau 1884.
Frege, Gottlob: Rezension von dr. E. Husserls Philosophie
reich. In den früheren Entwicklungsphasen von Hus-
der Arithmetik. In: Zeitschrift für Philosophie und Philoso-
serls Theorien sind, wie hier zum Teil dargelegt, Ein- phische Kritik 103 (1894), 313–332.
flüsse als solche oftmals ziemlich deutlich erkennbar Grattan-Guinness, Ivor: The Search for Mathematical Roots,
und nachweisbar in den überlieferten Quellen, wie 1870–1940: Logics, Set Theories, and the Foundations of
Annotationen, Nachschriften, Briefe, etc., weswegen Mathematics from Cantor through Russell to Gödel.
diese auch im Detail besprochen werden konnten, wie Princeton/Oxford 2000.
Hill, Claire Ortiz: Frege’s Attack on Husserl and Cantor. In:
im Falle von Husserls Habilitationsschrift und seines Husserl or Frege? Chicago/La Salle 2000a, 95–107.
ersten Buches. Wie die Fälle von Ehrenfels und Frege Hill, Claire Ortiz: Did Georg Cantor Influence Edmund Hus-
zeigen, ist es aber oftmals schwierig, einen Einfluss serl? In: Husserl or Frege? Chicago/La Salle 2000b, 137–160.
auszuschließen oder korrekt zu datieren. Das Fehlen Ierna, Carlo: The Beginnings of Husserl’s Philosophy. Part 1:
von Evidenz für einen Einfluss ist aber keine Evidenz From ›Über den Begriff der Zahl‹ to ›Philosophie der
für das Fehlen eines Einflusses, so dass Quellenfor- Arithmetik‹. In: The New Yearbook for Phenomenology and
Phenomenological Philosophy 5 (2005), 1–56.
schung in Manuskripten unentbehrlich bleibt. Ierna, Carlo: The Beginnings of Husserl’s Philosophy. Part 2:
Mathematical and Philosophical Background. In: The New
Literatur Yearbook for Phenomenology and Phenomenological Phi-
Verwendete unveröffentlichte Manuskripte von Edmund losophy 6 (2006), 23–71.
Husserl: Ierna, Carlo: Husserl et Stumpf sur la Gestalt et la fusion. In:
Ms. K I 52: Erwiderung zu Adolf Elsas Rezension (1894). Philosophiques 36/2 (2009), 489–510.
Ms. Q 3/I und II: Einleitung in die Theorie der analytischen Ierna, Carlo: Husserl’s Psychology of Arithmetic. In: Bulletin
Funktionen (Vorlesungsnachschrift von Weierstraß, Som- d’analyse Phénoménologique: Le problème de la passivité
mersemester 1878). (Actes n°5) 8/1 (2012), 97–120.
Ms. Y 2: Die elementare Logik und die in ihr nötigen Refor- Kern, Iso: Husserl und Kant. Den Haag 1964.
men I (Vorlesungsnachschrift von Brentano, Winter- Lipps, Theodor: Leitfaden der Psychologie. Leipzig
semester 1884/85). 1903/1906/1909.
Ms. Q 10: Descriptive Psychologie (Vorlesungsnachschrift Mach, Ernst: Beiträge zur Analyse der Empfindungen. Jena
von Brentano, Wintersemester 1887/88). 1886.
Marbach, Eduard: Das Problem des Ich in der Phänomenolo-
Beyer, Christian: Edmund Husserl. In: Dean Moyar (Hg.): gie Husserls. Den Haag 1974.
The Routledge Companion to Nineteenth Century Philoso- Mohanty, Jitendra Nath: Husserl and Frege: A new look at
phy. London 2010, 887–909. their relationship. In: Hubert Dreyfus (Hg.): Husserl, In-
Biemel, Walter: Die entscheidenden Phasen der Entfaltung tentionality and Cognitive Science. Cambridge MA 1982,
von Husserls Philosophie. In: Zeitschrift für Philosophische 43–52.
Forschung 13 (1959a), 187–213. Mohanty, Jitendra Nath: The Development of Husserl’s
Biemel, Walter: Les phases decisives dans le developpement Thought. In: Barry Smith/David Woodruff Smith (Hg.):
The Cambridge Companion to Husserl. Cambridge 1995.
32 II Leben und Kontext

Natorp, Paul: Ueber objective und subjective Begründung 4 Die Husserls in Briefen
der Erkenntniss. In: Philosophische Monatshefte 23 (1887),
257–286. Husserl war nicht nur ein Vielschreiber philosophi-
Natorp, Paul: Einleitung in die Psychologie nach kritischer
Methode. Freiburg 1888. scher Texte, sondern auch ein fleißiger, manchmal lei-
Osborn, Andrew Delbridge: The Philosophy of Edmund Hus- denschaftlicher und zum Pathos neigender Brief-
serl in its Development from his Mathematical Interests to schreiber. Zehn Bände umfasst seine Korrespondenz,
his first Concept of Phenomenology in Logical Investigati- die 1994 von Karl Schuhmann in Verbindung mit Eli-
ons. New York 1934a. sabeth Schuhmann herausgegeben wurde (Hua Dok
Osborn, Andrew Delbridge: Some Recent German Critics of
III/1–10). Von den insgesamt 2018 Schriftstücken in
Phenomenology. In: The Journal of Philosophy 31/14
(1934b), 377–382. dieser »Gesamtausgabe der Briefe von und an Husserl«
Palàgy, Melchior: Der Streit der Psychologisten und Formalis- (Hua Dok III/1, IX) waren zuvor nur etwa ein Zehntel
ten in der modernen Logik. Leipzig 1902. veröffentlicht, darunter die Korrespondenz Husserls
Pfänder, Alexander: Einführung in die Psychologie. Leipzig mit Gottlob Frege, Roman Ingarden, Alexius Meinong,
1904. Georg Simmel und Thomas Masaryk. Aus diesen so-
Rollinger, Robin: Husserl’s Position in the School of Brentano.
Dordrecht 1999.
wie aus den verstreut in den Nachlässen verschiedener
Schmit, Roger: Husserls Philosophie der Mathematik. Bonn Autoren liegenden Brief-Dokumenten wurde schon in
1981. der Vergangenheit gerne und häufig zitiert. Die Inte-
Schuhmann, Karl: Die Dialektik der Phänomenologie I (Hus- ressen am Briefwechsel waren und sind dabei so viel-
serl über Pfänder). Den Haag 1973. fältig, wie es wohl allgemein dem Charakter von Brie-
Schuhmann, Karl: Husserl – Chronik (Denk- und Lebensweg
fen entspricht. So erfährt der oder die Leser/in aus
Edmund Husserls). Husserliana Dokumente I. Den Haag
1977. Husserls Briefen neben Philosophischem auch über
Schuhmann, Karl: Husserl’s Abhandlung ›Intentionale Ge- dessen Privatleben: Er berichtet von Arbeitsprojekten,
genstände‹. Edition der ursprünglichen Druckfassung. In: von seinem Arbeitsethos, von Vorträgen, Vorlesungen,
Brentano Studien (1990/1991) 3 (1992), 137–176. von Einladungen und Berufungsfragen; man hört von
Schuhmann, Karl: Intentionalität und Intentionaler Gegen- seiner Familie, von den Menschen, mit denen er in
stand. In: Cees Leijenhorst/Piet Steenbakkers (Hg.):
Kontakt stand, und von seinen Urteilen über sie. Nicht
Schuhmann: Selected Papers on Phenomenology. Dord-
recht 2004, 119–135. selten teilt Husserl seine Stimmungslagen mit, die
Smith, David Woodruff: Husserl. Routledge Philosophers. meist mit seiner philosophischen Arbeit zu tun haben
Abingdon 2007. und zwischen Euphorie, Niedergeschlagenheit, Hoff-
Stolz, Otto: B. Bolzano’s Bedeutung in der Geschichte der nung und Enttäuschung schwanken. Deutlich wird,
Infinitesimalrechnung. In: Mathematische Annalen, Bd.
wie verbissen Husserl an der Ausgestaltung seiner Phä-
XVIII. Leipzig 1881.
Stumpf, Carl: Über den Psychologischen Ursprung der Raum- nomenologie gearbeitet hat. Über die vielen biogra-
vorstellung. Leipzig 1873. phischen Details hinaus bekommt die interessierte Le-
Twardowski, Kasimir: Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand serschaft aber auch Einblicke in die akademische Le-
der Vorstellungen. Wien 1894. benswelt, an der Husserl über fünf Jahrzehnte – von
Varga, Peter Andras: Was hat Husserl in Wien außerhalb den 1880er bis in die 1930er Jahre hinein – aktiven An-
von Brentanos Philosophie gelernt? Über die Einflüsse auf
teil nahm. Neben der von Karl Schuhmann 1977 ver-
den frühen Husserl jenseits von Brentano und Bolzano.
In: Husserl Studies 31 (2015), 95–121. öffentlichten Husserl-Chronik (Hua Dok I) ist der
Husserl-Briefwechsel längst zu einem wichtigen In-
Carlo Ierna strument der Forschung geworden.
Dass im Titel dieses Artikels der Plural gebraucht
wird, also von ›den Husserls‹ die Rede ist, hat seinen
Grund. Mehr als ein Zehntel der Briefe sind von Hus-
serls Frau, Malvine Husserl, geschrieben; viele Briefe
hat das Ehepaar Husserl gemeinsam verfasst. Manch-
mal schrieb sie seine Briefe bloß ab; was vor allem
dann nötig war, wenn er die ihm seit Schulzeiten ver-
traute Kurzschrift (Gabelsberger System) benutzte,
die nur wenige lesen konnten (wohl nur Dietrich
Mahnke, Martin Heidegger, Ludwig Landgrebe, Eu-
gen Fink und Edith Stein). Die Wahl des Schreibmedi-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_5, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
4 Die Husserls in Briefen 33

ums war für Husserl nicht unwichtig. Was für seine serl konnte solche und ähnliche Aufgaben deshalb so
philosophischen Arbeitsgewohnheiten gilt, muss auch zuverlässig übernehmen, weil sie nicht nur mit den
auf sein Briefschreiben übertragen werden, denn, wie Absichten ihres Mannes vertraut war, sondern die
er 1920 seinem Schüler Winthrop P. Bell mitteilt: »[...] Briefpartner meist aus persönlichem Umgang kannte.
wenn ich recht von innen her mich ausströmen soll, Und diese wussten, wie innigen Anteil sie an der phi-
philosophisch, aber auch persönlich, muß ich steno- losophischen Laufbahn ihres Mannes nahm, und
graphieren« (Hua Dok III/3, 10). So verwundert es konnten sich daher sicher sein, dass in ihren Briefen
nicht, dass sich Husserl, wenn er einen intensiveren auch die Meinung ihres Mannes zum Ausdruck kam.
Austausch wünschte, vorsichtshalber bei seinem Da Husserl, wie er 1931 einmal anmerkt, »unmensch-
Briefpartner erkundigte, so zum Beispiel 1897 bei lich viel Briefe zu schreiben« (Hua Dok III/9, 400) hat,
Paul Natorp: »Stenographieren Sie Gabelsberger und half seine Frau nicht nur bei der »überreiche[n] Cor-
darf ich künftig in stenographischer Schrift schrei- respondenz« (Hua Dok III/4, 76), sondern auch bei
ben?« (Hua Dok III/5, 64). In diesem Fall scheint seine der Abschrift von Manuskripten und bei der Druck-
Anfrage allerdings ebenso abschlägig beantwortet vorbereitung seiner Werke (Hua Dok III/9, 16). An-
worden zu sein wie die über drei Jahrzehnte später an lässlich der Feierlichkeiten zu ihrem 76. Geburtstag
Aron Gurwitsch gerichtete: »Stenographieren Sie Ga- im März 1936 schreibt sie in einem Familienbrief:
belsberger? Dann könnte ich Ihnen ausführlicher »Papa [Husserl] hielt eine große Rede [...] über den
schreiben« (Hua Dok III/4, 105). Schwierig wird es, Abschluß seiner Arbeit, die die Summe seiner Lebens-
wenn Husserl zu fragen vergisst. Seiner Schülerin, mühen bedeutet u. die er mir widmet« (Hua Dok
Gerda Walther, schreibt er in Kurzschrift, die sie aber III/9, 472). Malvine Husserl war aber nicht nur die ers-
nicht lesen kann, weshalb sie auf fremde Hilfe ange- te Sekretärin und Assistentin ihres Mannes, sie blieb
wiesen ist: »Endlich ist es mir gelungen«, so Walther in es auch über seinen Tod hinaus, als sie sich für seinen
ihrem Antwortbrief an Husserl, »den Inhalt Ihres Nachlass einsetzte (vgl. Bernet 2015). Jean Hering –
Briefes in grossen Zügen zu erfahren; einige, zum Teil Schüler Husserls und Freund der Familie – hat in sei-
sehr wichtige, Wörter fehlen zwar noch, aber im gros- nem Nachruf auf die 1950 in Freiburg verstorbene
sen Ganzen weiss ich doch nun den Sinn.« Sie »hoffe«, Malvine Husserl nicht nur ihre »scrupulous exact-
so Walther weiter, »doch noch jemand zu finden, der ness« (Hering 1950/1951, 610) beim Korrekturlesen
auch den Rest lesen kann. Das Schlimme ist eben, dass hervorgehoben, sondern darüber hinausgehend da-
die meisten Leute nur die moderne Gabelsberger Ste- rauf aufmerksam gemacht, dass sie ihr Leben ganz
nographie können, die von dieser doch erheblich ab- und gar in den Dienst ihres Mannes und der Familie
weicht« (Hua Dok III/2, 257). gestellt hat: »It is easy to realize the great effort of self-
»Im Auftrage von Prof. H[usserl]« (Hua Dok III/4, denial that was imposed upon Frau Malvine Husserl
27) oder auch »im Auftrage Edmunds« (Hua Dok by her situation as a philosopher’s wife« (Hering
III/9, 58) – so oder ähnlich beginnen einige der von 1950/1951, 610). Malvine Husserl hat einmal ein er-
Malvine Husserl verfassten Briefe. Manchmal gibt staunlich drastisches Bild verwendet, mit dem sie
Husserl seiner Frau bloß kurze Anweisungen, so im wohl zum Ausdruck bringen wollte, dass die Arbeits-
März 1915, wenn er sie daran erinnert: »Bitte vergiß leistung, die das Werk ihres Mannes ermöglichte, auch
nicht an Fräulein Stein zu schreiben und an Daubert« auf ihren Schultern getragen wurde: »Ich habe ja nur
(Hua Dok III/9, 299). Nicht ohne Grund bezeichnet Pflasterstein sein wollen in unserer Ehe, auf den er
sie sich daher 1928 in einem Brief an Roman Ingarden tritt« (Jaegerschmid 1981, 137; vgl. Vongehr 2008).
als »Sekretärin von Prof. Husserl« (Hua Dok III/3, In den insgesamt zehn Bänden sind die Briefe nicht
239); entsprechend kündigt dieser einen von ihr ge- nach streng chronologischen Gesichtspunkten an-
schriebenen Brief als den »meines getreuen Sekretärs« geordnet (Hua Dok III/10, 51 ff.). Ihre Ordnung folgt
(Hua Dok III/3, 247) an. Manchmal setzt Husserl einer von den Herausgebern getroffenen Gliederung
noch einige Zeilen unter ihren Brief – eine Geste der der Briefpartner Husserls nach insgesamt neun Per-
Höflichkeit, mit der er aber zugleich den Inhalt auto- sonengruppen. Diese Gruppierungen geben den Ein-
risiert –, so in dem Brief an Ingarden aus dem Jahr zelbänden ihre Titel. Die ersten vier Briefbände (Hua
1918: »Meine Frau hat ihren Brief so vortrefflich u. Dok III/1–4) orientieren sich dabei auch an den ver-
ganz wie es meinen Intentionen entspricht, beantwor- schiedenen Phasen der gedanklichen Entwicklung
tet, dass ich nur einige herzlich-persönlichen Worte Husserls. In jedem Band sind die von und an Husserl
beizufügen habe« (Hua Dok III/3, 181). Malvine Hus- geschriebenen Briefe in alphabetischer Reihenfolge
34 II Leben und Kontext

nach Personen und innerhalb dieser Einheit dann je- kung, sie führt aber nicht zu einer mit der Göttinger
weils chronologisch angeordnet. Im ersten Band (Hua Zeit vergleichbaren Geschlossenheit und Ausprägung,
Dok III/1), der zugleich der schmalste ist, befindet die die Rede von einer ›Schule‹ rechtfertigen würde.
sich Husserls Korrespondenz mit den Mitgliedern der Die Herausgeber haben dem vierten Band des Brief-
»Brentanoschule« (vgl. den Titel des Bandes), der er ja wechsels (Hua Dok III/4) daher mit Bedacht den Titel
selbst in der Zeit vor etwa 1900 angehörte. Neben »Die Freiburger Schüler« gegeben, »weil ein gemein-
Franz Brentano finden sich in diesem Band als Brief- samer philosophischer Nenner, wie es in Göttingen
partner u. a. Anton Marty, Alexius Meinong und Carl Reinachs Realismus [...] gewesen war, den Freiburger
Stumpf. Für die Entwicklung der Phänomenologie hin Studenten Husserls fehlte« (Hua Dok III/10, 53). Zu
zu einer lebendigen, fruchtbaren und wirkungsmäch- Husserls Briefpartnern dieses Bandes zählen u. a. Dori-
tigen Philosophie ist der Kontakt Husserls etwa ab on Cairns, Marvin Farber, Eugen Fink, Aron Gur-
1902 zum Psychologen und Philosophen Theodor witsch, Yosuke Hamada, Charles Hartshorne, Martin
Lipps, der seit 1894 als Nachfolger von Carl Stumpf an Heidegger, Felix Kaufmann, Ludwig Landgrebe, Jan
der Universität in München lehrte, und zu dessen Stu- Patočka, Alfred Schütz und Hajime Tanabe. Die zuneh-
dent/innen von entscheidender Bedeutung. Ihre Kor- mende Internationalisierung der Phänomenologie, wie
respondenz mit Husserl, die zugleich die allmähliche sich etwa seit den 1920er Jahren vollzieht, wird in der
Ablösung der Schüler/innen von ihrem Münchener Korrespondenz dieses Bandes in ihrer Vielschichtig-
Lehrer dokumentiert, befindet sich im zweiten Band keit und in ihren Entwicklungslinien deutlich.
des Briefwechsels (Hua Dok III/2), der mit »Die Mün- Die weiteren Bände des Briefwechsels (Hua Dok
chener Phänomenologen« tituliert ist und neben Theo- III/5–9) lassen sich nicht mehr bestimmten Phasen der
dor Lipps als Briefpartner/innen u. a. Hedwig Conrad- philosophischen Entwicklung Husserls zuordnen; sie
Martius, Johannes Daubert, Moritz Geiger, Alexander orientieren sich, wie es die Herausgeber formulieren,
Pfänder, Adolf Reinach und Max Scheler versammelt. »an der sachlichen Nähe der Korrespondenzpartner zu
Im Jahr 1901 wechselt Husserl von Halle/Saale nach dieser Philosophie« (Hua Dok III/1, IX). Die schon er-
Göttingen und kann dort vor allem durch die Inter- wähnte Hinwendung Husserls zu einem transzenden-
aktion mit den Münchener Phänomenologen, von de- tal-phänomenologischen Idealismus vollzieht sich ab
nen ihm einige nach Göttingen folgen, eine Schule, die etwa 1908 in Auseinandersetzung mit Kant, aber vor
Phänomenologische Bewegung, begründen, zu der u. a. allem in der lebendigen Auseinandersetzung mit den
Jean Hering, Dietrich von Hildebrand, Roman Ingar- Vertretern des Neukantianismus, was im fünften Band
den, Hans Lipps, Dietrich Mahnke und Edith Stein des Briefwechsels mit dem Titel »Die Neukantianer«
zählen. Deren Korrespondenz mit Husserl ist im drit- dokumentiert ist (Hua Dok III/5). Unter den hier ver-
ten Band des Briefwechsels dokumentiert (Hua Dok sammelten Korrespondenzpartnern, u. a. Ernst Cassi-
III/3), der entsprechend den Titel »Die Göttinger rer, Jonas Cohn, Emil Lask, Heinrich Rickert und Hans
Schule« trägt. Eine Zäsur in der Entwicklung der Phä- Vaihinger, sticht vor allem Paul Natorp hervor. Der
nomenologischen Bewegung bedeutet nicht nur der philosophisch bedeutsame Briefwechsel zwischen
Erste Weltkrieg, an dem viele der jungen Phänomeno- Husserl und Natorp erstreckt sich über einen Zeitraum
logen aktiv teilnehmen (und der manchen von ihnen von fast exakt drei Jahrzehnten (von der Hallenser Zeit
das Leben kostet), sondern auch Husserls zeitlich in- Husserls, 1894, bis hin zu Natorps Todesjahr 1924). Im
mitten des Krieges (1916) fallender Wechsel an seine sechsten Band finden sich die sogenannten »Philoso-
neue Wirkungsstätte an der Universität in Freiburg. Es phenbriefe«, d. h. die Briefwechsel mit jenen Philoso-
ist aber vor allem die seit der Veröffentlichung des ers- phen, die nicht im engeren Sinne zur Phänomenologie
ten Buches der Ideen zu einer reinen Phänomenologie bzw. zu den für Husserl einflussreichen Denkströmun-
und phänomenologischen Philosophie (Hua III/1) im gen (wie die Brentanoschule und der Neukantianis-
Jahr 1913 deutlich hervortretende Hinwendung Hus- mus) zählen (Hua Dok III/6). »Entsprechend bunt ist
serls zu einem phänomenologisch verstandenen Idea- das Gewimmel in diesem Band« (Hua Dok III/10, 54),
lismus, der innerhalb der Phänomenologischen Bewe- so der Hinweis der Herausgeber. Von den Philosophen
gung kontrovers diskutiert wird und schließlich zu ei- des sechsten Bandes seien wieder nur in Auswahl ge-
nem Bruch führt. Die Phänomenologie Husserls hat nannt: Henri Bergson, Wilhelm Dilthey, Hans Driesch,
zwar auch in der Freiburger Zeit, die mit seinem Tod Rudolf Eucken, Gottlob Frege, Karl Jaspers, Ernst
im Jahr 1938 endet, eine die Phänomenologische Be- Mach, Bertrand Russell und Georg Simmel. Es ist be-
wegung langfristig inspirierende und fördernde Wir- dauerlich, dass in einigen Fällen (z. B. bei Bergson und
4 Die Husserls in Briefen 35

Russell) nur ein einzelner Brief existiert oder aufgefun- und Persönlichkeit Interessierten zu empfehlen ist
den werden konnte, so dass diesbezüglich von einem (Hua Dok III/10, 1–70). Darin wird nicht etwa die Bio-
Briefwechsel eigentlich nicht die Rede sein kann. Der graphie Husserls chronologisch nachgezeichnet, son-
siebte Band versammelt die »Wissenschaftlerkorres- dern es werden Charakterzüge, Eigenarten und Ziel-
pondenz« (Hua Dok III/7), d. h. Husserls Briefwechsel setzungen Husserls vorgestellt, die jeweils durch weit-
mit Fachwissenschaftlern als auch mit Personen des läufige Zitate aus dem Briefwechsel veranschaulicht
Geisteslebens seiner Zeit. Aus der Fülle der Briefpart- werden. Einige der in dieser »Einführung« behandel-
ner Husserls seien hervorgehoben: Émile Baudin, Lud- ten Themen seien hier schlagwortartig genannt: Hus-
wig Binswanger, Georg Cantor, Richard Courant, Da- serls Umgang mit seiner Korrespondenz, sein Glaube
vid Hilbert, Hugo von Hofmannsthal, Lucien Lévy- an eine philosophische Mission, seine Lebensaufgabe
Bruhl, Albert Schweitzer, Max Wertheimer und Her- und sein Arbeitsstil, seine zunehmende Wertschät-
mann Weyl. Im achten Band sind »Institutionelle zung des deutschen Idealismus und seine patriotische
Schreiben« abgedruckt, d. h. die von Husserl – er selbst Einstellung, sein distanziertes Verhältnis zu seiner ei-
war von 1919 bis 1920 Dekan in Freiburg – stammen- genen jüdischen Religionszugehörigkeit und zur Got-
den oder an ihn gerichteten Schreiben von Aka- tesfrage im Allgemeinen (Husserl ließ sich mit 27 Jah-
demien, philosophischen Gesellschaften, Ministerien, ren evangelisch taufen; später bezeichnete er sich als
Universitäten (auch die zahlreichen Korreferate Hus- »Lutheraner, aber jüdischer Abstammung«). Die He-
serls zu Dissertationen sind in diesen Band aufgenom- rausgeber zeichnen nach, wie Husserl den Ersten Welt-
men), Verlagen und Zeitschriften (Hua Dok III/8). krieg erlebte und mit welchem Unverständnis und
Eine stark persönliche (und oft auch unterhaltende) welcher Enttäuschung er später auf den Nationalsozia-
Note besitzt der neunte Band, in dem die »Familien- lismus reagierte, da dieser ihm, wie Husserl 1933 an
briefe« der Husserls zusammengestellt sind (Hua Dok seinen Freund Gustav Albrecht schrieb, »mit der Ge-
III/9). Es wurden aber nur solche Briefe von den He- genübersetzung von ›Deutschen‹ und ›Nichtariern‹
rausgebern ausgewählt, die, wie sie bemerken, »un- das Deutschtum abgesprochen« (Hua Dok III/9, 92)
ersetzliche Hintergrundinformationen zum Verständ- habe. In der Einführung wird weiterhin deutlich ge-
nis von Husserls Leben und gesellschaftlichem Um- macht, inwiefern sich Husserl als geistiger Führer einer
feld« (Hua Dok III/10, 50) liefern. Dabei haben die He- philosophischen Bewegung, nämlich der Phänomeno-
rausgeber neben den Briefen der Husserls im engeren logie, verstand, und in dieser Funktion verantwortlich
Sinn – wie die der Tochter Elisabeth (»Elli«), des älte- fühlte für seine Schüler/innen und Freund/innen, wie
ren Sohnes Gerhart (der jüngere Sohn Wolfgang fiel im er sich dann aber von vielen wieder distanzierte und so
Ersten Weltkrieg, seine zahlreichen Kriegsbriefe an die in den letzten Lebensjahren, auch infolge der politi-
Familie sind nicht im Briefwechsel veröffentlicht) und schen Umstände, in seinen Briefen über eine zuneh-
die ihrer später gegründeten Familien und den weni- mende Vereinsamung klagte. Das, was Schuhmann
gen Korrespondenzstücken, die das Ehepaar Husserl schon für seine Husserl-Chronik in Anspruch genom-
miteinander ausgetauscht haben, sowie der nicht sehr men hat (Hua Dok I, IX), gilt ganz besonders für den
umfangreichen Korrespondenz mit Familienangehöri- Husserl-Briefwechsel, nämlich einen wichtigen Bau-
gen Husserls (wie mit der Mutter und den Brüdern) – stein für die noch fehlende Husserl-Biographie zu lie-
auch die Briefe der engen Freund/innen der Husserl- fern. Unter den ausführlichen Registern in diesem
Familie (z. B. Paul Jensen, Hans von Arnim, Flora Dar- zehnten Band (Namen- und Institutionenverzeichnis,
kow) in diesen Band aufgenommen. Besonders her- Verzeichnis geographischer Namen sowie Verzeich-
vorzuheben ist dabei der umfangreiche Briefwechsel nisse der Veröffentlichungen, Vorlesungen, Werke,
der Husserls mit der Familie von Gustav Albrecht, der Manuskripte und Vorträge Husserls) findet sich auch
sich über den Zeitraum von 1893 bis 1938 erstreckt. ein chronologisches Verzeichnis der von und an Hus-
Mit Gustav Albrecht war Husserl seit seinem Studium serl geschriebenen Briefe (Hua Dok III/10, 77–132).
in Berlin (1878–1881) befreundet; philosophisch be- Selbst wenn dadurch die Verfolgung chronologischer
deutsam ist vor allem der Briefwechsel mit ihm aus den Zusammenhänge erleichtert wird, lässt sich eine alter-
1930er Jahren (vgl. z.B. den Brief an Albrecht vom native Anordnung eines derart umfangreichen Brief-
26. November 1934, in: Hua Dok III/9, 106 ff.). materials jedoch nur mühsam realisieren, was zugleich
Der zehnte Band des Briefwechsels (»Einführung die Grenzen herkömmlicher Bucheditionen aufzeigt.
und Register«) enthält die äußerst kenntnisreiche Ein- Eine chronologische Anordnung wäre aber, um ein
führung der Herausgeber, die jedem an Husserls Werk konkretes Beispiel zu geben, gerade für jene Briefe
36 II Leben und Kontext

wichtig, die Husserl im Verlauf des Ersten Weltkriegs Jahre begleitete. Hier ist besonders Dietrich Mahnke
mit seinen Briefpartnern gewechselt hat. Da Husserl zu nennen, mit dem Husserl zwischen 1905 und 1934
bekanntlich keine »Kriegsschrift« (Hua Dok III/4, 409) einen umfangreichen Briefwechsel pflegte. Im An-
geschrieben hat, wäre es interessant, seine Stellung- schluss an die Lektüre von Mahnkes Monadologie
nahmen zum Krieg (zu Beginn überwiegt bei ihm die (Mahnke 1917) berichtet er ihm in einem Brief aus
Begeisterung, die aber spätestens nach dem Tod des dem Jahr 1919 von einem besonderen Gemeinschafts-
jüngsten Sohnes Wolfgang am 8. März 1916 zuneh- gefühl: »Wie merkwürdig. Vielfach ist es mir, als ob
mend in Skepsis umschlägt) aus den Briefen zu ent- sich ein Stück meiner Seele mit meinen Gedanken ab-
nehmen, und zwar synchron zu den Kriegsereignissen gezweigt u. in der Ihren sich fortentwickelt hätte« (Hua
und in der zeitlichen Abfolge des Briefwechsels mit Dok III/3, 422). Auch zu Paul Natorp, zu dem Husserl,
seinen Briefpartnern. wie schon erwähnt, einen über mehrere Jahrzehnte
Die hier kurz gegebene Übersicht über die Einzel- reichenden Briefwechsel unterhielt, fühlt er sich hin-
bände sollte die Breite des Briefwechsels (Philosophen- gezogen, wie er ihm 1918 schreibt: »Alle Ihre Schriften,
und Wissenschaftlerbriefe, institutionelle Schreiben auch die abstraktesten, haben auf mich nicht nur durch
und Familienbriefe) und damit auch die Vielzahl der ihren Sachgehalt, sondern als Bekundungen einer Per-
Anlässe aufzeigen, die Husserl zum Briefeschreiben sönlichkeit gewirkt u. meine hohe Verehrung für Sie
aufgefordert haben. Es stellt sich die Frage nach der hat wesentlich darin ihre Quellen« (Hua Dok III/5,
(philosophischen) Bedeutung des Husserl-Briefwech- 137). Zuneigung und Vertrauen beruhen in diesem
sels. Einige Aspekte, die eine Beschäftigung mit dem Fall auf Gegenseitigkeit. Schon 1897 versichert Natorp
Briefwechsel nicht nur für den Husserl-Forscher Husserl eine geistige Übereinstimmung, nämlich dass
fruchtbar erscheinen lassen, sind schon anderweitig es ihm – es geht hier um die Bestimmung der reinen
hervorgehoben worden (vgl. Haller 1996–1997; Hua Logik und ihre Abgrenzung von der normativen Logik
Dok III/10, 1–70; Orth 1996; Sivak 2005; Smith 1995; – »ein so seltner u. doch so unentbehrlicher Trost [sei],
Steiner 1996). Abschließend sei lediglich auf Folgen- mit Andern auf gleichem Wege sich zu begegnen. Die
des aufmerksam gemacht. Übereinstimmung ist um so merkwürdiger, da wir von
Vielleicht ist es nicht so sehr der philosophische In- ganz verschiedenen Seiten u. unberührt von einander
halt und die philosophische Auseinandersetzung in auf das Gleiche gekommen sind« (Hua Dok III/5, 56).
der Sache, wie man sie zum Beispiel in Husserls Kor- Eine Geistes- bzw. Gesinnungsverwandtschaft ver-
respondenz mit Frege, Natorp, Brentano, Baudin, Feu- spürt Husserl auch im Fall seines Schülers und zeit-
ling, Lévy-Bruhl, Ingarden, Cairns und Mahnke fin- weiligen Assistenten Arnold Metzger. Hier ist zwar
det, die den Briefwechsel so wertvoll für das Verständ- der Umfang des Briefwechsels (1915–1933) relativ ge-
nis der Husserlschen Philosophie machen. Gerade in ring, aber einmal ist es ein Manuskript Metzgers, die
jenen Briefen, in denen Husserl sich über seine per- Phänomenologie der Revolution (Metzger 1979), des-
sönlichen Motive, die ihn zum Philosophieren antrei- sen Lektüre Husserl zu seitenlangen, persönlichen
ben, ausspricht bzw. ›ausströmt‹, erreicht der Brief- Auslassungen treibt. In seinem Brief an Metzger aus
wechsel seine beeindruckendsten Momente. Vom dem Jahr 1919 macht Husserl eigens darauf aufmerk-
›Ausströmen‹ sprach Husserl ja, als er seine Stenogra- sam, dass das ›persönliche Ethos‹, das sein Werk trägt,
phie als das optimale Mittel schriftlicher Mitteilung in diesem nicht selbst zum Thema wird, sondern ge-
und des Ausdrucks charakterisierte. Wenn Husserl wissermaßen nur ›gefühlt‹ werden kann. Eine längere
Vertrauen zu seinem Briefpartner fasste – dessen phi- Passage aus diesem Brief, in dem Husserl (wie auch in
losophische Fähigkeiten und Persönlichkeit schät- anderen Briefen) sein Ethos charakterisiert, soll hier
zend, aber auch sein eigenes philosophisches Streben zitiert werden:
in ihm wiedererkennend –, konnte er mit seinem,
dem aufmerksamen Leser oder der aufmerksamen »Daß Sie mir übrigens Ihre Schrift zugeschickt haben –
Leserin übrigens stets merklichen Verlangen, sich diese Schrift –, das erweist ein großes und diese selbe
selbst über seinen philosophischen Weg und seine Gesinnung bei mir schon voraussetzendes Vertrauen,
Ziele klarer zu werden, nicht an sich halten und fand für das ich Ihnen herzlich danken darf. Es kann nur so
dann einen erstaunlich deutlichen Ausdruck für das- sein, daß Sie durch die phrasenlose Nüchternheit und
jenige, was ihn philosophisch motivierte. Seine bevor- radikale Sachlichkeit meiner Schriften hindurch das sie
zugten Briefpartner/innen sind diesbezüglich meist tragende persönliche Ethos fühlten. Und in der That,
ehemalige Schüler/innen, deren Lebensweg er über das musste wohl echt sein, denn sie sind (wie die Ihre
4 Die Husserls in Briefen 37

[Schrift]) aus der Not geboren, aus unsäglicher see- soph‹ werden zu wollen u. am Ende zu werden – es
lischer Not, aus einem völligen ›Zusammenbruch‹, in wär’ doch wirklich zu dumm. Doch das liegt weit weg,
dem es nur die eine u. einzige Rettung gab: ein völlig solange Sie Briefe von solcher Seelenheiterkeit u. Frei-
neues Leben in der verzweifelten u. verbissenen Ent- heit schreiben« (Hua Dok III/4, 132).
schlossenheit, es in radikaler Ehrlichkeit von vorn an-
zufangen und fortzuführen und schlechthin vor keiner Weihnachten 1921 berichtet Husserl in einem Brief an
Consequenz zurückzuschrecken« (Hua Dok III/4, 408). Ingarden, dass Heidegger »seine kraftvoll merkwürdi-
ge Eigenart auch weitergebildet« habe und er »wirkt
Eine andere Form des Angezogenseins und der stark«, was wohl heißen soll, dass Heidegger einen
freundschaftlichen Gemeinschaft lässt sich dem Brief- großen Einfluss auf sein Publikum habe: »Was auch
wechsel Husserls mit Heidegger entnehmen. Schon immer in ihm wird, es wird ein Hochwertiges sein«
früh – ihre Korrespondenz beginnt im Jahr 1916 – (Hua Dok III/3, 215). Eine gewisse Unentschiedenheit
drückt Husserl seine tiefe Bewunderung für die geisti- und Unsicherheit, wohin die »merkwürdige Eigenart«
ge Kapazität Heideggers aus. Fast scheint es dabei, als Heideggers hinführen werde, klingt auch im Septem-
ob sich Husserl dem Jüngeren im Sprachduktus an- ber 1927 in einem Brief an Ingarden an: »Nun, er ist
zupassen versuche. So schreibt er zum Beispiel im eine Potenz, absolut redlich und nicht ehrgeizig, rein
September 1918 an den zu diesem Zeitpunkt 29-jähri- auf die Sachen gestellt. Jede große Einseitigkeit, die von
gen Heidegger: echten Selbstdenkern, bricht Neuem die Bahn. Hoffen
wir also« (Hua Dok III/3, 234). Die ab etwa 1929 –
»Kann ich einen schönern Rückzug in den Schwung u. nach seiner Rückkehr aus Marburg übernahm Heideg-
die Erquicklichkeit eines labenden Lebens finden als Ih- ger den Lehrstuhl Husserls in Freiburg – deutlich wer-
nen zu schreiben? O Ihre Jugend, wie ist es mir Freude dende Distanzierung beschreibt Husserl in seinen
u. rechte Herzerquickung, daß Sie mich durch Ihre Brie- Briefen nicht als einen plötzlichen Bruch, sondern als
fe an ihr theilnehmen lassen. Und es ist einmal eine einen schleichenden Prozess. Husserl kommt auf jeden
wirkliche u. echte Jugend, die noch urquellend fühlen Fall Anfang 1931 in einem Brief an Mahnke, in dem er
u. sich schauend der Welt an den Hals werfen u. dann die »ungeheure Enttäuschung, die ich mit Heidegger,
aber auch von ihr ein echtes Bild in der Seele saugen den ich ein Jahrzehnt lang als meinen nächsten Freund
kann. [...] Dabei sind Sie ›gelehrt‹ wie nur irg[en]d ein ansah, erfahren mußte«, zum Ausdruck bringt, zu der
Primus in [der] Prima u. doch haben Sie noch Augen u. Einsicht, »daß seine ›Phänomenologie‹ mit der mei-
Herz u. Worte« (Hua Dok III/4, 131 f.). nen nichts zu tun hat und ich [in] ihrer Pseudo-Wis-
senschaftlichkeit ein Hemmnis der philosophischen
Bei der weiteren Lektüre des leider nur zum Teil erhal- Entwicklung sehe« (Hua Dok III/3, 473).
tenen Briefwechsels zwischen Husserl und Heidegger Im Briefwechsel finden sich auch Briefe an Philoso-
– viele Briefe sind 1941 bei einem Brand der persönli- phen, mit denen Husserl zwar keine engen Kontakte
chen Habe der Witwe Husserls vernichtet worden – hatte, deren Schriften er aber schätzte. Auch hier
drängt sich aber der Eindruck auf, als sei Husserl, der konnte er Gemeinsamkeiten entdecken, die er durch
sich selbst wohl eher als ein bodenständiger philoso- seine Briefe zu verstärken versuchte; so schreibt er in
phischer Arbeiter (also fern von Genialität) verstand einem an Eduard Spranger gerichteten Briefentwurf
(vgl. z.B. den Brief an Brentano vom 3. Januar 1905, in: aus dem Jahr 1918, »daß die Phänomenologie nach
Hua Dok III/1, 26), von der Geistesgröße und Jugend [dem] sicheren Zeugnis Ihres Aufsatzes bereits in Ih-
Heideggers so überwältigt gewesen, dass er eigentlich rem philosophischen Horizont liegt. Ich könnte dafür
nicht in der Lage war, zu ihm als einem Gleichstehen- auch sagen: In höherem Grade, als Sie es wissen, ist Ihr
den oder -gesinnten zu sprechen. Schon früh mischt geistiger Horizont mit dem meinen eins geworden«
sich in die anteilnehmende Sorge um die Person Hei- (Hua Dok III/6, 418). In der wohl umfangreichsten
deggers auch Furcht, wie es um die bzw. seine Philoso- Korrespondenz des Husserl-Briefwechsels, nämlich
phie stehen werde, wie er sich weiter entwickeln wer- der mit Roman Ingarden aus den Jahren 1916 bis
de. Die möglichen Horizonte solcher Entwicklung 1938, überwiegt die philosophische Auseinanderset-
thematisiert Husserl in seinem Brief von 1918: zung um Sachthemen, die wegen ihrer Tiefe auch in-
nerhalb der phänomenologischen Schülerschaft eine
»Daß aus Ihnen ein Faxenmacher würde, [...] um ein Sonderstellung einnimmt. Trotz der spürbaren Sym-
sich drapierender u. posierender ›berühmter Philo- pathie für seinen Schüler und aller Hilfsbereitschaft
38 II Leben und Kontext

hält sich Husserl jedoch mit persönlichen Bekenntnis- inneren Hemmungen zu kuriren. Denn auch ich hatte
sen auffallend zurück. Es scheint, als sei der zwischen es in meiner Jugend schwer, litt an langen Anfällen von
den Beiden gepflegte Stil des philosophischen Diskur- Depression, bis zum völligen Sinken allen Selbstver-
ses zu konfrontativ gewesen, als dass sich jenes Ver- trauens, machte auch den Versuch mich mit einem
trauensverhältnis bzw. Gemeinschaftsgefühl, von dem Nervenarzt zu beraten, obschon nicht mit solchem Er-
Husserl in dem oben zitierten Brief an Mahnke folg wie Sie. Zum grossen Theil lag es an meinem phi-
spricht, und dessen er offenbar bedurfte, um sich über losophischen Versagen, von dem ich erst sehr spät er-
seine philosophische Motivation aussprechen zu kön- kannte, dass es ein Versagen der zeitgenössischen Phi-
nen, einstellen konnte. Das schließt nicht aus, dass losophie sei, deren Unklarheit und scheinhafte Wis-
Husserl Ingarden persönliche Meinungen und Ein- senschaftlichkeit ich mir zunächst anrechnen musste.
schätzungen anvertraute. Dass sich Husserl auch [...] In der philosophischen Arbeit entschloss ich mich
Landgrebe gegenüber trotz des äußerst umfangrei- allen großen Zielen zu entsagen und glücklich zu sein,
chen Briefwechsels (insgesamt 113 Schriftstücke) wenn ich in den Sümpfen haltloser Unklarheit nur da
kaum zu persönlichen philosophischen Äußerungen und dort einen kleinsten festen Grund mir erarbeiten
hinreißen lässt (vgl. Hua Dok III/4, 275 f.), lässt sich könne, auf dem ich wirklich stehen könne, in der Evi-
wohl in der Hauptsache aus der Tatsache erklären, denz eben dieses festen Stehens. Nur was ich immer
dass Landgrebe damals noch recht jung war und dass wieder ›selbst sehen‹ (zur ›Selbstgegebenheit‹ brin-
sein Verhältnis zu Husserl zunächst durch ein Arbeits- gen) kann, soll mir, sagte ich, gelten. So habe ich von
verhältnis (als Assistent) bestimmt war, was auf der Verzweiflung zu Verzweiflung, von Wiederaufraffen zu
anderen Seite einschloss, dass sie sich (zumindest zeit- Wiederaufraffen fortgelebt. [...] Der Kampf mit sich
weise) täglich im persönlichen Gespräch austauschen selbst und um sein Selbst ists, der den wahren Men-
konnten. Aber Landgrebe ist auch ein gutes Beispiel schen und in besonderer Weise in der intellectuellen
für die Hilfsbereitschaft, die Husserl seinen Schüler/ Sphäre den wahren Philosophen macht« (Hua Dok
innen gegenüber an den Tag legte. Nahezu unermüd- III/4, 21 ff.).
lich sind seine Versuche, Landgrebe bei seinen Habili-
tationsbemühungen zu unterstützen (auch für Hei-
degger als seinen Nachfolger setzte sich Husserl ein). Literatur
Manchmal äußert sich Husserls Anteilnahme an sei- Bernet, Rudolf: La vie secrète de Madame Husserl sous l’oc-
nen Schüler/innen, seine Empathie, auch in gutge- cupation allemande. In: Sigila: revue transdisciplinaire
franco-portugaise sur le secret = revista transdisciplinar
meinten, aber etwas hilflos wirkenden Ratschlägen. So luso-francesa sobre o segredo 36 (2015), 113–124.
empfiehlt er Mahnke zur Überwindung einer intellek- Haller, Rudolf: Husserls Briefwechsel. Bemerkungen zu Ed-
tuellen Krise: »Wenden Sie Ihren Blick jetzt nach mund Husserl: Briefwechsel. In: Grazer Philosophische
außen und freuen Sie sich der so herrlich erwachten Studien 52 (1996/97), 221–235.
Natur. [...] Trinken Sie zu allen Mahlzeiten ein großes Hering, Jean: Malvine Husserl. In: Philosophy and Phenome-
nological Research 11 (1950/51), 610–611.
Glas Milch und vermeiden Sie den Kaffee und Tee«
Jaegerschmid, Adelgundis: Die letzten Jahre Edmund Hus-
(Hua Dok III/3, 396). serls (1936–1938). In: Stimmen der Zeit 199 (1981), 129–
Überhaupt zeigte sich Husserl immer dann interes- 138.
siert und hilfsbereit, wenn er sich mit Schüler/innen Mahnke, Dietrich: Eine neue Monadologie. In: Kant-Studien
austauschte, die mit ähnlichen depressiven Verdüste- Ergänzungshefte 39. Berlin 1917.
rungen zu kämpfen hatten, wie er sie selbst vor allem Metzger, Arnold: Die Phänomenologie der Revolution. Eine
politische Schrift über den Marxismus und die liebende
aus seiner frühen Zeit kannte. Solche Gemeinsamkei- Gemeinschaft. In: ders.: Phänomenologie der Revolution.
ten wurden dann gerne von ihm zum Anlass genom- Frühe Schriften. Frankfurt a. M. 1979, 15–104.
men, die eigene Disposition als Triebfeder seines Phi- Orth, Ernst-Wolfgang: Rezension zu Edmund Husserl.
losophierens zu deuten, so zum Beispiel in einem 1930 Briefwechsel. 10 Bände (1994). In: Philosophische Rund-
an Dorion Cairns gerichteten Brief. Abschließend soll schau, 43/1 (1996), 34–45.
Sivak, Jozef: Husserl’s Mission of Sovereignty of Thought. In
ein längeres Zitat aus diesem Brief wiedergegeben
the Light of his Briefwechsel. In: Anna-Teresa Tymienie-
werden: cka (Hg.): Phenomenology of Life: Meeting the Challenges
of the Present-Day World. Dordrecht 2005, 45–67.
»Wären Sie schon damals in Freiburg vertrauensvoll zu Smith, Barry: Book Review: Edmund Husserl, Briefwechsel.
mir gekommen, da Sie doch meine Sympathie für Sie In: Husserl Studies 12 (1995), 98–104.
merken mussten, ich hätte mich getraut, Sie von Ihren Steiner, George: Trusting in Reason – Husserl (Review of
5 Die Geschichte der Rettung von Husserls Nachlass 39

Edmund Husserl, Briefwechsel). In: ders.: No Passion 5 Die Geschichte der Rettung von
Spent. Essays 1978–1996. London 1996, 253–266.
Vongehr, Thomas: »Der liebe Meister« – Edith Stein über
Husserls Nachlass
Edmund und Malvine Husserl. In: Dietrich Gottstein/
Hans Rainer Sepp (Hg.): Polis und Kosmos. Perspektiven
einer Philosophie des Politischen und einer Philosophischen Als Husserl am 28. April 1938 in Freiburg starb, hatte
Kosmologie. Eberhard Avé-Lallemant zum 80. Geburtstag. man keine Vorkehrungen getroffen, was mit seinem
Würzburg 2008, 272–295. umfangreichen philosophischen Nachlass geschehen
Thomas Vongehr solle. Dieser besteht nicht nur aus mehreren tausend
beschriebenen Seiten, sondern auch aus einer großen
Bibliothek, die Husserl während seiner langen aka-
demischen Laufbahn erworben hat. Zahlreiche Bände
und Sonderdrucke aus dieser Bibliothek sind mit
Kommentaren und Anstreichungen von seiner Hand
versehen und bilden so eine wichtige Quelle für das
Verständnis seines Denkens.
Aufgrund ihrer ehemaligen jüdischen Religions-
zugehörigkeit – in den 1890er Jahren war das Ehe-
paar Husserl zum evangelischen Glauben konvertiert
– hatten die Husserls in den 1930er Jahren Repressa-
lien durch die nationalsozialistischen Machthaber er-
fahren müssen. Husserl, der schon seit 1928 offiziell
emeritiert war, wurde u. a. 1936 die Lehrbefugnis
entzogen, seine Teilnahme an Kongressen wurde
kontrolliert und beschränkt. Er empfand es »als
größte Kränkung [s]eines Lebens«, dass ihm »mit
der Gegenübersetzung von ›Deutschen‹ und ›Nicht-
ariern‹ das Deutschtum abgesprochen ist, wie das
Millionen anderer« (Hua Dok III/9, 92). Der Sohn
der Husserls, Gerhart, der eine juristische Univer-
sitätslaufbahn begonnen hatte, und der Schwieger-
sohn, der Kunsthistoriker Jakob Rosenberg, waren
1936 mit ihren Familien in die USA ausgewandert, da
ihnen in Deutschland Berufsverbot erteilt wurde.
Noch zu Lebzeiten, im März 1935, erkannte Husserl:
»Wie immer die deutschen Schicksale sich gestalten
werden – daß hier für meinen Nachlaß noch ein op-
ferbereites Interesse erwachsen wird, halte ich für
äußerst unwahrscheinlich« (Hua Dok III/9, 242). Ab-
gesehen von der anzunehmenden Geringschätzung
des Nachlasses durch die Nationalsozialisten bestand
aber auch die konkrete Gefahr von dessen physischer
Vernichtung. Die Witwe Husserls, Malvine Husserl
(geb. Steinschneider), konnte in unsicheren Zeiten
keinen dauerhaften Schutz für die Manuskripte ihres
Mannes und den Erhalt der Bibliothek gewährleisten.
Die Familie war sich also wohl bewusst, dass Deutsch-
land keinen sicheren Platz für Aufbewahrung und
Auswertung des Nachlasses bieten würde. Wer den
Nachlass retten wollte, würde ihn aus Deutschland
herausschaffen müssen.

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_6, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
40 II Leben und Kontext

Wie der Nachlass entstand. Husserl als sowie das dann manchmal erfolgende plötzliche Auf-
Vielschreiber, seine Arbeitsweise brechen von neuen Einsichten sind charakteristische
Merkmale der Husserlschen Forschungsmanuskripte.
Dass es überhaupt einen umfangreichen und rettens- Sie bieten eine echte Herausforderung, manchmal
werten Nachlass gibt, liegt in der Arbeitsweise Hus- Strapaze, für Leser/innen, aber auch für den Editor. Es
serls begründet. Er war ein unermüdlicher Schreiber, liegt daher nahe, Husserls Gedankengänge mit dem
der gewissermaßen nur schreibend denken konnte. In Gang durch die Straßen einer Stadt zu vergleichen.
seiner bevorzugten Kurzschrift – eine ältere Form der Manchmal sind es oft gegangene Hauptstraßen, denen
Gabelsbergerschen Stenographie, die er noch in der er schreibend folgt, dann spaziert er durch Neben-
Schulzeit gelernt hatte – beschrieb er ca. 40.000 Manu- straßen, gerät in neue, bislang unbetretene Gegenden.
skriptblätter. Zu einem großen Teil handelt es sich da- Gedankengänge können in Sackgassen münden,
bei um Reflexionen, die er zwar nicht zur Veröffent- wenn es eben Gedanken sind, die nicht weitergeführt
lichung vorgesehen hatte, die ihm aber bei der Klä- werden. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich
rung der ihn beschäftigenden philosophischen Fragen Husserl gerne mit einem »Forschungsreisenden in ei-
helfen sollten. Die ›allmähliche Verfertigung der Ge- nem unbekannten Weltteile [vergleicht], der sorgsam
danken‹, die Heinrich von Kleist in seinem bekannten beschreibt, was sich ihm auf seinen ungebahnten We-
Prosafragment von 1805 beschreibt, vollzieht sich bei gen, die nicht immer die kürzesten sein werden, dar-
Husserl in der Bewegung der schreibenden Hand. Da- bietet« (Hua III/1, 224). Und manchmal ist es auch ein
her schreibt Husserl in seinen sogenannten ›For- Dschungel oder »ein wahrer Urwald von Schwierig-
schungsmanuskripten‹ nicht nieder, was er weiß, son- keiten [mit] in ihm lauernden Ungeheuer[n]« (Hua
dern er versucht sich schreibend über das klar zu wer- XXVIII, 205), in dem sich der Phänomenologe (Hus-
den, was er noch nicht weiß (Hua XIII, XIX). Neben serl) verliert.
den Forschungsmanuskripten gehören auch die Ma- Auch den Vergleich der phänomenologischen Ver-
nuskripte seiner Vorlesungen zum Nachlass. Auch sie fahrensweise mit der des Archäologen oder der Ar-
haben einen beachtlichen Umfang, da Husserl den chäologin zieht Husserl heran. Wie bei der Archäolo-
Text seiner Vorlesung oft wortwörtlich stenographier- gie geht es in der Phänomenologie um »Rekonstrukti-
te – was in der Regel erst kurz vor Beginn der Vor- on, Verstehen im ›Zick-Zack‹« (Hua Mat VIII, 357).
lesung geschah –, sogar die an seine Zuhörer gerichte- Und wie Archäolog/innen vorsichtig Schicht für
ten Begrüßungssätze und rhetorische Fragen sind Schicht freilegen, um vom Sichtbaren zum noch Un-
ausformuliert. sichtbaren und Verborgenen vorzudringen, so geht
Typisch für Husserls Schreibstil in den Forschungs- Husserls Blick durch die intentionalen Schichten und
manuskripten ist das so zu nennende ›Einschreiben‹, Strukturen des Bewusstseins hindurch. Allerdings
das man mit einer Lockerungsübung, mit dem Auf- entstehen Verwirrungen und Unsicherheiten da-
wärmen, mit den Fingerübungen eines Pianisten ver- durch, dass die Phänomenolog/innen, ganz wie echte
gleichen kann. Einfache Fragestellungen, die Wieder- Archäolog/innen, die Schichten nicht immer in der
holung früherer Einsichten oder die erneute Beschrei- gewünschten Klarheit voneinander abheben können.
bung eigentlich schon bekannter Sachverhalte dienen Wie in der archäologischen Praxis hängt eine Schicht
ihm zu (Blatt-)Beginn dazu, sich selbst erst einmal in nahezu unentwirrbar an der anderen, und die Abhe-
Sach- und Problemnähe zu bringen, sich so das zu lö- bung der einen bedeutet oftmals die Zerstörung einer
sende Problem vor Augen zu führen und anschaulich anderen. Das Bild des Schichtenbaus prägt Husserls
zu machen. Erst wenn er, wie Husserl sich ausdrückt, Terminologie. So spricht er von einem »Bau der Phä-
»Wind in den Segeln hat« (Hua Dok III/9, 276), wenn nomenologie«, von ›höheren und niederen Schich-
er sich selbst motivierend »in den großen Arbeitszug ten‹, von ›Unterschichten und Oberschichten‹, so
hineingekommen« (Hua Dok III/4, 374) ist, beginnt er, auch von »der außerordentlichen Komplexion des
einen neuen gedanklichen Weg auszuprobieren. Even- Baus, die in der ersten sozusagen makroskopischen
tuell knüpft er einen oder mehrere Tage später wieder Betrachtung sich als solche gar nicht ankündigt« (Hua
an diese Überlegungen an. Es ist eben dies der typische III/2, 569), er scheidet »makroskopische und mikro-
Stil der phänomenologischen Zirkumskription, also skopische« (Hua XXIV, 361) Untersuchungen usw.
der um ihren Gegenstand kreisenden Beschreibung. Das in diesen Deskriptionen praktizierte Verfahren in
Die stete Wiederholung von Bekanntem – genau ge- seiner ganzen Komplexität, zu der auch die Gefahr des
nommen: die Variation eines und desselben Themas – Abbruchs und der damit einhergehenden Gefährdung
5 Die Geschichte der Rettung von Husserls Nachlass 41

des seelischen Gleichgewichtes gehört, bringt Husserl Dieser Arbeitsstil Husserls hat zu einem beträcht-
einmal sehr plastisch und mit dem ihm eigenen Pa- lichen Ungleichgewicht zwischen veröffentlichtem
thos zum Ausdruck. Das folgende, längere Zitat sei und unveröffentlichtem Werk geführt. Abgesehen von
hier wiedergegeben, da sich darin auch Husserls per- einigen Aufsätzen und seiner Dissertation hat er etwa
sönliche Erfahrung des Philosophierens ausdrückt: sieben Werke zu Lebzeiten veröffentlicht: 1891 die er-
weiterte Fassung seiner Habilitationsschrift Philoso-
»Mitunter winkt uns nach langen Mühen die ersehnte phie der Arithmetik (Hua XII), 1900/01 die Logischen
Klarheit, wir glauben die herrlichsten Resultate uns so Untersuchungen (Hua XVIII; Hua XIX/1; Hua XIX/2),
nahe, daß wir nur danach zu greifen brauchten. Alle 1911 die Philosophie als strenge Wissenschaft (Hua
Aporien scheinen sich zu lösen, die kritische Sense XXV), 1913 die Ideen zu einer reinen Phänomenologie
mäht die Widersprüche reihenweise nieder, und nun und phänomenologischen Philosophie (Hua III/1),
bleibt noch ein letzter Schritt: wir ziehen die Summe, 1928 die Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren
wir beginnen mit einem selbstbewußten ›Also‹: und Zeitbewußtseins (Hua X), 1929 die Formale und trans-
nun entdecken wir mit einemmal einen dunklen zendentale Logik (Hua XVII), 1931 unter dem Titel
Punkt, der sich immer vergrößert; er wächst empor zu Méditations Cartésiennes die französische Fassung
einem greulichen Ungeheuer, das alle unsere Argu- von Pariser Vorträgen (Husserl 1931) und schließlich
mente verschlingt und die so[eben] niedergemähten 1936 die aus Vorträgen in Wien und Prag hervor-
Widersprüche mit neuem Leben beseelt. Die Leich- gegangene Abhandlung Die Krisis der europäischen
name werden wieder lebendig und grinsen uns hohn- Wissenschaften und die transzendentale Phänomenolo-
lächelnd an. Die Arbeit und der Kampf beginnt von gie (Hua VI). Einige seiner Werke tragen im Untertitel
vorn« (Hua X, 393). den Hinweis, dass es sich lediglich um eine ›allgemei-
ne Einführung‹ oder ›Einleitung‹ in die Phänomeno-
Es scheint daher verständlich, dass es Husserl in den logie handele; einige Werke sind unvollständig, sind
Forschungsmanuskripten nicht immer gelingt, eine Fragmente geblieben, weil in Aussicht gestellte Fort-
einmal eingeschlagene thematische Richtung ein- setzungsbände, für die Husserl oftmals schon erhebli-
zuhalten. Manchmal kommen ihm assoziativ andere che schriftliche Vorarbeiten geleistet hatte, nicht fer-
Probleme in den Sinn oder systematische und metho- tiggestellt wurden. Die vergleichsweise geringe An-
dische Fragestellungen bedrängen ihn, die von der zahl der von Husserl selbst veröffentlichten Werke –
Ausgangsfrage ablenken. Gelegentlich entwickelt er oft lag zwischen einzelnen Publikationen eine
auch bewusst falsche Lösungsansätze – für den bzw. die Zeitspanne von mehr als einem Jahrzehnt – macht al-
Leser/in oft kaum merklich –, so als wolle er sich wäh- so nur einen kleinen Teil seiner philosophischen Pro-
rend des monologischen Schreibens zur Reaktion, zur duktion aus. Husserl war sich der Bedeutung seines
expliziten Antwort und Gegenargumentation zwingen. Nachlasses bewusst, wenn er 1931 feststellt:
Gerade deshalb ist es erstaunlich, dass er seine Gedan-
ken in den Forschungsmanuskripten zum allergrößten »[D]er größte u. wie ich sogar glaube wichtigste Theil
Teil sprachlich ausformuliert, und zwar in einer weit- meiner Lebensarbeit steckt noch in meinen, durch ih-
gehend korrekten Syntax und Grammatik, selten ha- ren Umfang kaum noch zu bewältigenden Manuscrip-
ben seine Überlegungen nur notizartigen Charakter; ten« (Hua Dok III/3, 90).
außerdem ist das Schriftbild der Manuskripte seines
Nachlasses fast immer deutlich und klar. Auf Letzteres
hat Husserl wohl auch deshalb achten müssen, weil er Husserls Sorge um den Nachlass. Seine
etwa ab seinem 50. Lebensjahr Schwierigkeiten mit sei- Zusammenarbeit mit Assistentin und
ner Sehkraft hatte. Erst in den letzten Lebensjahren, in Assistenten
den späten 1920er Jahren und dann vor allem in den
1930er Jahren, wird sein Schreibstil rhapsodischer, Schon im Jahr 1922 schreibt Husserl an Paul Natorp:
kryptischer, syntaktisch unvollständiger und undeutli- »Vielleicht arbeite ich mit aller menschlich möglichen
cher, auch schwankender, was die Terminologie anbe- Anspannung der Kräfte, nur für meinen Nachlaß«
langt. Die zeitliche Bedrängnis, in der sich der alternde (Hua Dok III/5, 152). Husserl hat aber nicht nur für,
Husserl befand, da er doch für sein eigenes Lebenswerk sondern schon recht früh mit seinem stetig sich ver-
einen systematischen Abschluss zu formulieren ver- größernden Nachlass gearbeitet. Wenn er bei der Nie-
suchte, mag mit ein Grund dafür gewesen sein. derschrift seiner Forschungsmanuskripte auch nicht
42 II Leben und Kontext

an deren Veröffentlichung gedacht hat, so war sein ten und mit einer Einleitung versehenen Manuskripte
disziplinierter Schreibstil (vor allem was die Lesbar- zu Erfahrung und Urteil (Husserl 1939).
keit seiner Texte anging) doch eine wesentliche Vo- Die Arbeitsweise Husserls haben seine Assistent/
raussetzung dafür, dass er (und später andere) sich innen aus nächster Nähe miterlebt. Von Schwierigkei-
auch noch nach Jahren, ja Jahrzehnten mit diesen Ma- ten in der Zusammenarbeit hat vor allem Stein berich-
nuskripten beschäftigen konnte. So waren ihm seine tet. Viele Vorschläge, die sie Husserl betreffs mögli-
Manuskripte, gleichgültig aus welchen Perioden sei- cher Publikationen machte, wurden von ihm kaum
nes Denkens stammend, immer Anlass zur erneuten zur Kenntnis genommen, da er sich zwischenzeitlich
Auseinandersetzung – entsprechend seiner Arbeits- schon wieder mit anderem beschäftigte. Fink hat Hus-
maxime: »Immer wieder die alten Manuskripte lesen, serls Denken und Schreiben als »geradezu infinitesi-
bessern, abschreiben« (Hua XXIV, 447). Oft greift mal subtil« (Fink 1959, 226) charakterisiert. Er hebt
Husserl auf alte Aufzeichnungen zurück, die er entwe- Husserls »minutiöse Akribie« hervor, seinen Versuch
der bloß lesend mit zahlreichen, verschiedenfarbigen einer »gigantischen Vivisektion des Bewußtseins«
Unterstreichungen versieht oder durch Hinzufügung und eine »unheimliche Schärfe der Beobachtung, der
ausführlicher Bemerkungen oder kurzer Kommenta- es auf winzigste Sinn-Nuancen ankommt« (Fink 1959,
re – wie ›So geht es nicht‹, ›schlecht‹ oder sogar ›Oho!‹ 219). Der Hang zu immer weiter getriebenen Ana-
– zu bearbeiten versucht. Manchmal beginnt er mit lysen und Deskriptionen führt aber bei Husserl zu der
der bloßen Abschrift alter Manuskripte – gewisserma- von ihm selbst eingestandenen und beklagten »Un-
ßen eine Variante des oben erwähnten Einschreibens fähigkeit mich zu verendlichen« (Hua Dok III/5, 151),
– und geht schon bald zu neuen Überlegungen über. d. h. es ist sein Unvermögen, in der literarischen Pro-
Etwa ab Mitte des 50. Lebensjahr bemüht sich Hus- duktion zu einem Ergebnis, also Abschluss zu kom-
serl darum – zunächst in der Zusammenarbeit mit sei- men. Schon 1908 klagt Husserl: »[I]ch bin gefesselt
ner Assistentin Edith Stein (von 1916 bis 1918) und und kann nicht zusammenschließen und zur wirk-
später mit seinen Assistenten Ludwig Landgrebe (von lichen Vollendung bringen!« (Hua Dok III/9, 41). Der
1923 bis 1930) und Eugen Fink (von 1928 bis 1938) –, phänomenologische Deskriptionsstil scheint der li-
aus der Fülle seiner Forschungsmanuskripte geeig- terarisch einheitlichen Publikations-Form, zu der sich
netes Material für Publikationen zusammenzustellen. Husserl zeitlebens gezwungen fühlt, zu widerstre-
Manuskripte, die manchmal aus einem Zeitraum von ben. Husserls Selbsteinschätzung zufolge sei ihm das
mehr als zwei Jahrzehnten stammen, werden für diese »[s]ich vom Innersten Aussprechen und Wirkenkön-
Publikationsvorhaben in eine neue Ordnung ge- nen« erst im Alter »in besonderem Maße zugewach-
bracht; dafür werden sie von seinen Hilfskräften u. a. sen«, während es ihm »besonders schwer geworden
mit Randtiteln versehen, Inhaltsverzeichnisse werden [sei,] einen literarisch brauchbaren Aufsatz zustande
erstellt, um Orientierung und Überblick zu schaffen, zu bringen«, was er – wie er ehrlich hinzufügt – »übri-
Manuskriptzusammenstellungen werden mit der gens nie so recht konnte« (Hua Dok III/9, 123 f.).
Schreibmaschine abgetippt und Husserl zur Begut- Schon die Logischen Untersuchungen sind kein ein-
achtung vorgelegt. Das »Zusammendenken, Ausglei- heitliches Werk, sondern nur ein lockerer Verbund
chen, Ergänzen der alten Gedanken und Entwürfe« von sechs Einzeluntersuchungen. Und die Philosophie
macht Husserl jedoch große Mühe, die Manuskripte der Arithmetik, die Ideen und die Formale und trans-
besitzen ja meist nicht, wie er weiß, »den Charakter zendentale Logik konnte Husserl wohl nur deshalb in
fertiger Entwürfe, sie stammen aus verschiedenen einem Zug und in kürzester Zeit, d. h. »wie im trance«
Entwicklungsstufen, und alles muß auf das letzte Ni- (Hua Dok III/4, 413) niederschreiben, weil sie ähnlich
veau gebracht werden, das dabei selbst noch im Stei- einer Eruption aus dem Untergrund langjähriger Re-
gen ist« (Hua Dok III/9, 75). Der Erfolg der Assisten- flexionen und Studien emporbrachen.
tenarbeiten ist – wohl gemerkt, gemessen an den vie-
len Publikationsprojekten – dürftig: Nur die von Stein
1916 bearbeiteten frühen Zeitvorlesungen Husserls Husserls Traum von einem Husserl-Archiv
werden mehr als ein Jahrzehnt später von Martin Hei-
degger unter dem Titel Vorlesungen zur Phänomenolo- An der Unfähigkeit, aus den vielen schriftlichen Ent-
gie des inneren Zeitbewusstseins (1928) herausgege- würfen und den in Zusammenarbeit mit seinen Assis-
ben; und kurz nach Husserls Tod erscheinen die noch tent/innen geplanten und zum Teil im Detail durch-
mit ihm durchgesprochenen, von Landgrebe redigier- gesprochenen Projekten Publikationen zu machen, lei-
5 Die Geschichte der Rettung von Husserls Nachlass 43

det Husserl – wir wissen von seinem diesbezüglichen »Abschrift und Bearbeitung meiner unveröffentlichten
Gemütszustand aus vielen persönlichen Mitteilungen Msc., in denen das Wichtigste meiner Lebensarbeit be-
in seiner Korrespondenz. Doch so wie er sich über die schlossen ist, unter meiner persönlichen Leitung erfol-
Jahre immer bewusster wurde, dass er eine philosophi- gen könnte. Sicherlich würden sehr bald, bei dem jetzt
sche Mission habe, dass die Philosophie seine Beru- überall in der Internationalität sich zeigenden Interes-
fung sei, so war er sich ebenso sicher, dass sein schrift- se für meine Phänomenologie, ausländische Forscher
licher Nachlass, die vielen tausend stenographierten Prag aufsuchen, um dort (im Masarykinstitut) die Msc.
Blätter, einen Wert darstellt, den er der Nachwelt zur zu studieren und mit mir in persönlichen Connex zu
Auswertung weitergeben wollte, ja musste: »Das aber treten« (Hua Dok III/4, 225).
ist meine Pflicht, u. daher die sorgenvolle Arbeit: ein
brauchbarer Nachlaß« (Hua Dok III/3, 287). Und Aber dieser Plan, von dem Malvine Husserl im März
selbst wenn sich Husserl über die dafür ungünstigen 1935 in einem Brief an ihre Tochter schreibt, nämlich
Umstände in Zeiten des Nationalsozialismus im Kla- »im zukünftigen Masaryk-Institut ein Husserl-Archiv
ren war, so hatte er, was seinen Nachlass anbelangt, erstehen« (Hua Dok III/9, 452) zu lassen, scheiterte an
doch feste Zuversicht: »Die Zukunft wird ihn suchen, den Forderungen Husserls und den beschränkten fi-
die Forschung sub sp[ecie] aet[erni] wird wieder er- nanziellen Mitteln in Prag. Husserl starb im April
wachen und Zukunft wird wieder schätzen, was Zu- 1938, bevor irgendeiner seiner Pläne zur Bewahrung
kunft (echte Z[ukunft]) ist« (Hua Dok III/3, 291). seines Nachlasses Gestalt annehmen konnte.
Im letzten Lebensjahrzehnt setzt Husserl seine
Hoffnungen bezüglich des Nachlasses zunehmend auf
seine Assistent/innen. Zuerst ist es Heidegger, der sei- Wer rettete den Nachlass und wie wurde er
ne »Msc. übernehmen, das Gereiftere herausgeben« gerettet?
(Hua Dok III/2, 181) soll; nach dem Bruch mit ihm
soll Fink den »Nachlaß [...] übernehmen« (Hua Dok Der Retter des Nachlasses Husserls, also derjenige, der
III/4, 94) bzw. »den Nachlaß u. so die Vollendung li- Husserls Traum von einem Archiv, in dem sein phi-
terarisch besorgen« (Hua Dok III/3, 98). Im Oktober losophischer Nachlass nicht nur aufbewahrt, sondern
1934 erwähnt Husserl dann zum ersten Mal den Forschern zugänglich gemacht und ausgewertet wür-
de, Wirklichkeit werden ließ, war ein Student von der
»Plan, internationale Mittel zu beschaffen, um ein Ar- katholischen Universität im belgischen Leuven. Pater
chiv (wie in Prag das Brentano-Archiv) für meine Msc. Herman Leo Van Breda war 27 Jahre alt, als er die Wit-
(einige tausend Blätter, stenographisch) zu begründen we Husserls Ende August 1938 in Freiburg besuchte.
und diese nach und nach zunächst so wie sie sind zu Er hatte gerade sein Lizentiatsexamen in Philosophie
Druck zu bringen, außerdem Fink die systematische am Institut supérieur de philosophie in Leuven abge-
Ausarbeitung zu ermöglichen« (Hua Dok III/9, 105). schlossen und wollte sich auch in einer anschließen-
den Dissertation mit Husserls Phänomenologie be-
Dafür steht er mit dem Cercle philosophique in Prag schäftigen. Er hatte von den vielen Nachlass-Manu-
in Verhandlungen. Landgrebe hielt sich schon seit skripten gehört, die er nun in Freiburg im Hinblick auf
1933 in Prag auf und begann dort ab 1935 mit der fi- sein Dissertationsthema über Husserls Reduktion stu-
nanziellen Unterstützung durch ein Rockefeller-Sti- dieren wollte. Da er begriff, dass es in Deutschland für
pendium, das er durch die Vermittlung des Cercle die Veröffentlichung von Husserls Nachlass so schnell
philosophique erhalten hatte, mit der maschinen- keine Gelegenheit geben würde und dass der Umfang
schriftlichen Transkription von Husserls Manuskrip- des Nachlasses keine schnelle Durchsicht vor Ort
ten. Im März 1935 reiste Landgrebe im Auftrag des möglich machte, fasste er den Gedanken, in Zusam-
Cercle philosophique für etwa drei Wochen nach Frei- menarbeit mit der Leuvener Universität für dessen Er-
burg, um zusammen mit Fink und Husserl den Nach- schließung und institutionell gesicherte Bewahrung
lass systematisch zu ordnen und eine Übersicht zu er- zu sorgen und dieses Angebot der Witwe zu unterbrei-
stellen (Luft 2004). Im November desselben Jahres ten. Er zählte dabei auf das Interesse, das am Leuvener
hält Husserl auf Einladung des Cercle philosophique Institut schon seit längerem an der Phänomenologie
Vorträge in Prag. Zu dieser Zeit dachte das Ehepaar bestand. Dessen Direktor, der belgische Thomist
Husserl daran, auch selbst nach Prag zu ziehen, denn Monsignor Léon Noël, hatte 1910 in der Revue néo-
es war Husserls Wunsch, wie er 1936 schreibt, dass die scolastique de philosophie einen Artikel über Husserls
44 II Leben und Kontext

Logische Untersuchungen veröffentlicht (Noël 1910) bringen zu können. Es war aber abgemacht, dass die-
und war damit wahrscheinlich der Erste im franko- ser Vertrag nach dem erfolgreichen Transport nach
phonen Raum, der auf Husserls Werk aufmerksam Belgien wieder annulliert werden würde, denn die
machte. Noch vor dem Ersten Weltkrieg begann auf Rechte über die Manuskripte Husserls sollten bei der
seine Anregung hin sein Doktorand, René Kremer, ei- Familie bleiben. Lediglich die Bibliothek Husserls
ne Arbeit über Husserls Philosophie zu schreiben. Al- wurde wenige Monate später von der Familie an das
le weiteren Schritte Van Bredas bei den Verhandlun- Institut in Leuven verkauft.
gen in Freiburg geschahen in Absprache mit Noël und Als Gründungsdatum des Husserl-Archivs gilt der
seinem Doktorvater, Professor Joseph Dopp, sowie 27. Oktober 1938. An diesem Tage erfolgte die positive
mit Professor Louis De Raeymaeker, der ebenfalls am Entscheidung der belgischen Francqui-Stiftung, finan-
philosophischen Institut in Leuven lehrte. zielle Mittel für zunächst zwei Jahre bereitzustellen.
Van Breda muss eine besondere Ausstrahlung ge- Der Nachlass war nun zwar außerhalb von Deutsch-
habt haben, denn es ist ihm gelungen, nicht nur das land, aber er war längst nicht in Sicherheit, da der
Vertrauen von Malvine Husserl und ihrer Familie, Krieg begann und wenig später Belgien durch die
sondern auch der Freund/innen und ehemaligen As- Deutschen besetzt wurde. Landgrebe und Fink, die
sistent/innen Husserls zu gewinnen, die sie zur Unter- ehemaligen Assistenten Husserls, die Van Breda ge-
stützung bei der schwierigen Entscheidungsfindung winnen konnte, um in Leuven an der Transkription
und bei der Beratung in rechtlichen Fragen herbeige- der Manuskripte zu arbeiten – niemand sonst war zu
rufen hatte. Van Breda konnte sie jedenfalls davon diesem Zeitpunkt mit der speziellen Kurzschrift Hus-
überzeugen, dass die Universität in Leuven einen si- serls vertraut –, wurden im Mai 1940 verhaftet und
cheren und zukunftsträchtigen Platz für den Nachlass nach Südfrankreich deportiert. Später kehrten sie nach
von Edmund Husserl bieten würde. Natürlich muss- Deutschland zurück. Van Breda musste den Nachlass
ten einige Vorkehrungen und Absprachen getroffen in der Kriegszeit an verschiedenen Orten aufbewah-
werden, bevor sich dieser Plan realisieren ließ. ren, zeitweise befand er sich auch in der Universitäts-
Van Breda hat die eigentliche Rettung des Nachlas- bibliothek, die im Mai 1940 von den Deutschen in
ses spannend und in allen Details erzählt (Van Breda Brand gesetzt wurde. Glücklicherweise hatte er die
2007). Das soll hier nicht wiederholt werden; nur so Manuskripte kurze Zeit vorher an einen anderen Ort
viel: Da der Transport der Manuskripte Husserls gebracht. Van Breda fand fähige Mitarbeiter, mit denen
nach Belgien ohne Wissen der nationalsozialistischen er die Transkriptionsarbeit nach dem Weggang von
Behörden geschehen musste, wurden verschiedene Fink und Landgrebe fortsetzen konnte. Lärm musste
Möglichkeiten erwogen, wie man ihn sicher aus zumindest in der Zeit der Besetzung durch die Deut-
Deutschland herausbringen könnte. Adelgundis Jae- schen vermieden werden; statt mit der Schreibmaschi-
gerschmid, eine Ordensschwester aus dem Kloster ne transkribierte man handschriftlich und an verschie-
Lioba in Günterstal bei Freiburg und ehemalige Schü- denen Orten. Unter schwierigen Umständen gelang es
lerin Husserls, bot an, den Nachlass zunächst in ein Van Breda, die Vision Husserls von einer Stätte der
nahe der Schweizer Grenze bei Konstanz gelegenes Husserl-Forschung zu realisieren. Seine vielfältigen
Kloster zu bringen, um die Manuskripte dann von Kontakte und Bekanntschaften, zum Teil auch familiä-
dort aus nach und nach in die Schweiz zu bringen. Als re Hilfe, ermöglichten ihm allmählich das Husserl-Ar-
sich dieser Plan aber wegen der offensichtlichen Ge- chiv zu institutionalisieren und ihm eine Organisati-
fahr für die dort lebenden Nonnen, die ja diese Auf- onsstruktur zu geben, die zwar eng mit der Leuvener
gabe des Transportes über die Grenze übernehmen Universität verbunden war, aber trotzdem genügend
sollten, zerschlug, entschloss sich Pater Van Breda, Selbständigkeit hatte, um eigene Entscheidungen zu
den in drei großen Koffern verpackten handschriftli- treffen und umsetzen zu können.
chen Nachlass Husserls selbst mit dem Zug in die bel- Eine entscheidender Schritt zur langfristigen Insti-
gische Botschaft nach Berlin zu bringen. Es wurde ein tutionalisierung des Husserl-Archivs gelang Van Bre-
Scheinvertrag aufgesetzt, der den Nachlass Husserls da, als er unmittelbar nach Kriegsende, unterstützt
als Eigentum des belgischen Staatsbürgers Van Breda durch zahlreiche Empfehlungsschreiben von Phäno-
auswies. Dies war die Voraussetzung, um ihn später menolog/innen aus aller Welt, finanzielle Unterstüt-
auf diplomatischem Weg von der belgischen Botschaft zung von der Unesco bewilligt bekam. Bestrebungen
aus als Diplomatengepäck deklariert sicher über die von den in den in USA lebenden Phänomenolog/in-
deutsche Grenze an sein Bestimmungsziel in Belgien nen – viele Schüler/innen Husserls waren dorthin aus-
5 Die Geschichte der Rettung von Husserls Nachlass 45

gewandert – den Nachlass dort zu erschließen, konnte Husserl-Ausgabe. In: Walter Jaeschke u. a. (Hg.): Buchsta-
Van Breda abwehren. Er wusste, dass er mit der Ver- be und Geist. Zur Überlieferung und Edition philosophi-
öffentlichung von Husserls Werken in einer eigenen scher Texte. Hamburg 1987, 137–146.
Ingarden, Roman: Über die gegenwärtigen Aufgaben der
Reihe, der Husserliana, möglichst schnell beginnen Phänomenologie. In: Archivio di Filosofia 1 (1957), 229–
musste, um zu beweisen, dass das Husserl-Archiv in 241.
Leuven seinen Auftrag ernst nahm. Luft, Sebastian: Die Archivierung des husserlschen Nachlas-
Die Witwe Husserls, deren Situation in Deutsch- ses 1933–1935. In: Husserl Studies 20 (2004), 1–23.
land zu gefährlich wurde, hatte Van Breda schon im Ju- Melle, Ullrich: Die Husserl-Edition, ihre Wirkungsgeschich-
te und die Rezeption des Nachlasses. Stadien einer Wech-
ni 1939 vorsorglich nach Leuven gebracht. Dort lebte
selwirkung. In: Annette Sell (Hg.): Editionen – Wandel
sie verborgen in einem Kloster und wartete auf ein Vi- und Wirkung. editio Beihefte 25. Tübingen 2007, 221–237.
sum, um zu ihren Kindern in die USA reisen zu kön- Mödersheim, Sabine: Husserls Nachlaß und seine Erschlie-
nen. Das wurde aber erst nach dem Krieg im Jahr 1946 ßung. In: Hans Rainer Sepp (Hg.): Edmund Husserl und
möglich. Während der langen Jahre ihres Aufenthaltes die phänomenologische Bewegung: Zeugnisse in Text und
in Belgien half sie beim Aufbau des Husserl-Archivs, Bild. Freiburg/München 1988, 103–115.
Noël, Léon: Les frontières de la logique. In: Revue néo-scolas-
u. a. durch die weitläufige Korrespondenz mit den in tique de philosophie 17 (1910), 211–233.
der ganzen Welt verstreuten Schüler/innen ihres Man- Van Breda, Herman Leo: Das Husserl-Archiv in Löwen. In:
nes. Van Breda hat in seiner Schilderung der Rettung Zeitschrift für philosophische Forschung 2 (1947), 172–176.
von Husserls Nachlass betont, dass »Frau Husserl alles Van Breda, Herman Leo: Die Rettung von Husserls Nachlaß
andere der Ermöglichung der Rettung und Verwer- und die Gründung des Husserl-Archivs/The Rescue of
Husserl’s Nachlass and the Founding of the Husserl-Ar-
tung des Nachlasswerkes ihres Mannes und damit der
chives. In: Husserl-Archiv Leuven (Hg.): Geschichte des
Erfüllung seiner philosophischen Sendung unter- Husserl-Archivs/History of the Husserl-Archives. Dordrecht
geordnet« hat, und weiter: »Dieser von Leiden geprüf- 2007, 1–37/39–69.
ten, doch niemals gebrochenen Frau dankt die phi- Vongehr, Thomas: Kurze Geschichte des Husserl Archivs in
losophische Welt in erster Linie die Erhaltung und die Leuven und der Husserl-Edition/A Short History of the
Sicherstellung der sämtlichen Originaldokumente, die Husserl-Archives Leuven and the Husserliana. In: Hus-
serl-Archiv Leuven (Hg.): Geschichte des Husserl-Archivs/
sich heute im Besitz des Husserl-Archivs befinden« History of the Husserl-Archives. Dordrecht 2007, 71–
(Van Breda 2007, 6). Malvine Husserl, die in ihrem 98/99–126.
letzten Lebensjahr mit ihrem Sohn nach Freiburg zu- Wagner, Hans: Kritische Betrachtungen zu Husserls Nach-
rückkehrte, starb dort 90-jährig im November 1950. lass. In: Philosophische Rundschau 1 (1953), 11–22/93–
Kurz zuvor war der erste Band der Gesammelten Wer- 121.
ke ihres Mannes unter dem Titel Cartesianische Medi- Thomas Vongehr
tationen und Pariser Vorträge (Hua I) erschienen.

Literatur
Bernet, Rudolf/Kern, Iso/Marbach, Eduard: Notiz zu Hus-
serls Nachlaß. In: dies. (Hg.): Edmund Husserl. Darstellung
seines Denkens. Hamburg 1996, 225–228.
Depraz, Natalie: Gibt es ein phänomenologisches Schrei-
ben? Die Ambiguität der husserlschen Schreibweise. In:
Ekkehard Blattmann/Susanne Granzer/Simone Hauke/
Rolf Kühn (Hg.): Sprache und Pathos: zur Affektwirklich-
keit als Grund des Wortes. Freiburg i. Br./München 2001,
83–105.
Fink, Eugen: Die Spätphilosophie Husserls in der Freiburger
Zeit. In: ders.: Nähe und Distanz. Phänomenologische Vor-
träge und Aufsätze. Hg. von Franz-Anton Schwarz. Frei-
burg i. Br./München 1976, 205–227.
Husserl, Edmund: Méditations Cartésiennes. Introduction à
la phénoménologie. Traduit de l’allemand par Gabrielle
Peiffer et Emmanuel Levinas. Paris 1931.
Husserl, Edmund: Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur
Genealogie der Logik. Ausgearbeitet und hg. von Ludwig
Landgrebe. Prag 1939.
IJsseling, Samuel: Das Husserl-Archiv in Leuven und die
III Werk
A Veröffentlichte Texte

6 »Philosophie der Arithmetik« Arithmetik ausgehen müsse, in welcher sie gründe.


Dieser aber hat in der Tat ihr alleiniges Fundament in
Die Philosophie der Arithmetik ist Husserls erstes dem Zahlbegriffe oder, genauer gesprochen, in jener
Buch, das auch den Weg in den Buchhandel fand. Das endlos fortzusetzenden Reihe von Begriffen, welche
Werk ist ein Ergebnis der Arbeit, die Husserl 1886 die Mathematiker ›ganze positive Zahlen‹ nennen. [...]
nach seinem Umzug von Wien nach Halle begonnen Mit der Analyse des Zahlbegriffes muss daher jede Phi-
hatte, wo er seine Habilitationsschrift unter Carl losophie der Mathematik beginnen« (Hua XII, 294 f.).
Stumpfs Betreuung schreiben wollte (für detaillierte
Erläuterungen der Entstehung siehe Ierna 2005). Als Methode hat Husserl dabei die deskriptive Psycho-
Schon 1887 habilitierte Husserl sich mit der Schrift logie angewandt, die er hauptsächlich von seinen Leh-
»Über den Begriff der Zahl«, die nur als Teildruck un- rern Franz Brentano und Carl Stumpf übernommen
ter dem Titel Über den Begriff der Zahl. Psychologische hat. Diese Methode versucht, die Gegebenheit des Be-
Analysen (Heynemannsche Buchdruckerei, F. Beyer, griffs der Zahl in unserer gewöhnlichen Erfahrung
1887) veröffentlicht wurde, aber nie in den Buchhan- sorgfältig zu beschreiben und so auch eine konkrete
del gelangte (vgl. Hua XII, xiiv; Ierna 2005). Über den Anschauung von schlicht erfahrbaren Mengen ver-
Begriff der Zahl. Psychologische Analysen präsentiert schiedener Gegenstände zu beschreiben (s. Kap. II.3).
eine Analyse der Anzahl, die aus dem Akt des kollekti- Um diese Ideen zur deskriptiv psychologischen
ven Verbindens konstituiert wird. Von vielen Mathe- Analyse eines Grundbegriffs der Mathematik als Buch
matikern, und besonders auch von Husserls Berliner auszuarbeiten, hat Husserl die Philosophie der Arith-
Lehrer Karl Weierstraß (1815–1897), wurde in der metik geschrieben. Schon im Februar 1890 meldet er
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angenommen, seinem Mentor Carl Stumpf, dass er ungefähr 200 Sei-
dass sich die Analysis, also die Differential- und Inte- ten von der Arbeit vollendet habe. Gleichzeitig äußert
gralrechnung, auf der Arithmetik der natürlichen er aber bereits selbstkritische Zweifel an seiner ur-
Zahlen gründen sollte. Die Mathematiker glaubten, sprünglichen Einsicht, der gemäß sich die Arithmetik
dass die Analysis mit solch einer Basis einen notwen- auf den Begriff der Anzahl gründen sollte: »Die Mei-
digen Rigorismus erreichen könne, um besonders von nung, von der ich noch bei der Ausarbeitung der Ha-
Beziehungen zur geometrischen Intuition befreit zu bilitationsschrift geleitet wurde, daß der Anzahlbegriff
werden (vgl. Hartimo 2006). Husserls Versuch der das Fundament der allgemeinen Arithmetik bilde, er-
Klärung des Grundkonzepts der elementaren Arith- wies sich bald als falsch«, schreibt er (Hua XXI, 245).
metik – der Zahl – in »Über den Begriff der Zahl« Insbesondere hob Husserl hervor, dass die allgemeine
kann damit als eine natürliche Fortsetzung des Pro- Arithmetik sich in der Anwendung nicht nur auf An-
gramms der Arithmetisierung der Analysis von Karl zahlen, sondern auch auf Ordinalzahlen, stetige
Weierstraß und Leopold Kronecker verstanden wer- Quantitäten oder n-fachen Ausgedehntheiten (Zeit,
den. Demgemäß schreibt Husserl in der Einleitung zu Raum, Farbe usw.) beziehen kann. Er hatte erkannt,
Über den Begriff der Zahl. Psychologische Analysen: dass diese verschiedenen Anwendungen der Arithme-
tik keine notwendigen Verbindungen zum Anzahl-
»Es ist heutzutage eine allgemeine Überzeugung, dass begriff (ebd.) haben. Trotz dieser Zweifel erschien
eine strenge und konsequente Entwicklung der höhe- Husserls erstes Buch Philosophie der Arithmetik. Psy-
ren Analysis (der gesamten ›arithmetica universalis‹ chologische und logische Untersuchungen (von jetzt an
im Sinne Newtons) mit Ausschluss aller geometri- PA) 1891. In der Husserliana-Ausgabe des Buches ist
schen Hilfsvorstellungen allein von der elementaren der Untertitel als »Logische und psychologische Un-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_7, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
6 »Philosophie der Arithmetik« 49

tersuchungen« nicht richtig wiedergegeben worden. So haben wir eine eigentliche Vorstellung eines Hau-
Der richtige Titel findet sich auch in Husserls Selbst- ses, wenn wir es wirklich betrachten. Wenn aber je-
anzeige des Buches, in der er den Aufbau des Werkes mand ein Haus ohne direkten Anschauungsbezug
in Übereinstimmung mit dem Untertitel folgender- charakterisiert, zum Beispiel dass es in der Ecke dieser
maßen erläutert: oder jener Straße liegt, haben wir eine symbolische
Vorstellung davon (vgl. ebd.). Symbolische oder un-
»Der eben erschienene I. Band zerfällt in zwei Teile. Der eigentliche Vorstellungen sind also jene, die ihren Ge-
erste umfaßt die der Hauptsache nach psychologischen genstandsbezug nicht durch anschauliche Präsenz,
Untersuchungen, die Begriffe Vielheit, Einheit und An- sondern durch zeichenhafte Vermittlung gewinnen.
zahl betreffend, soweit sie uns nicht in symbolischen Der erste Teil der PA untersucht diejenigen Anzahlen,
(indirekten) Formen gegeben sind. Der zweite Teil be- die uns direkt, d. h. eigentlich gegeben sind. Der zwei-
trachtet die symbolischen Vorstellungen von Vielheit te Teil untersucht die Zahlen, die nicht mehr eigent-
und Anzahl und versucht in der Tatsache, daß wir fast lich gegeben sind. Außer den psychologischen Unter-
durchgehend auf symbolische Anzahlvorstellungen suchungen der Begriffe der Zahl, entweder sym-
eingeschränkt sind, den logischen Ursprung einer all- bolisch oder eigentlich, enthält der zweite Teil der PA
gemeinen Arithmetik nachzuweisen« (Hua XII, 287). außerdem auch logische Untersuchungen der Anzah-
len-Arithmetik und ihrer Operationen.
Nach Husserls eigenen Worten reproduziert darin der Demgemäß beschäftigt sich der erste Teil mit der
Teil mit den psychologischen Untersuchungen seine Gegebenheit der eigentlichen Vielheiten und Anzah-
Habilitationsschrift »nahezu wörtlich« (Hua XII, 8; len. Deren Gegebenheit wird analysiert als abstrahiert
vgl. Ierna 2005 zu Differenzen zwischen den beiden von der Gegebenheit von konkreten Phänomenen der
Schriften). Die PA kombiniert also Material aus Hus- Inbegriffe. Dafür, dass jedes Vorstellungsobjekt zu-
serls Habilitationsschrift von 1887 mit seinen späteren sammen mit jedem und beliebig vielen anderen zu ei-
Einsichten, die mit den früheren nicht übereinzustim- nem Inbegriff vereinigt und entsprechend gezählt wer-
men scheinen. Dies hat zu verschiedenen Rekonstruk- den kann, ist Husserls Beispiel ein Inbegriff von eini-
tionen der Entwicklung des Denkens von Husserl und gen Bäumen, Sonne, Mond, Erde und Mars; ein Ge-
zu Diskussionen über sogenannte Entwicklungsstufen fühl, ein Engel, der Mond und Italien usw. (16). Sie
geführt, von der psychologischen Analyse der Zahlen, umfassen zusammen eine Vielheit von einer bestimm-
zur logischen Analyse und schließlich zu den Mannig- ten Zahl, bei der es in keiner Weise auf die Natur der
faltigkeitstheorien‹ von denen Husserls Einsichten be- einzelnen Inhalte ankommt. Es bedarf dazu einerseits
stimmt sind (Ierna 2005; Miller 1982; Peucker 2002; eines besonderen psychischen Aktes für die Auffas-
Willard 1984). Ungeachtet dieser Inkonsequenzen sung eines jeden der kolligierten Inhalte. Deren Zu-
enthält die PA jedoch schon manche Grundideen von sammenfassung erfordert andererseits einen psy-
Husserls späterer Phänomenologie. chischen Akt zweiter Ordnung, der jene gliedernden
Wie der Untertitel anzeigt, verbindet die PA die Akte mit ihren Inhalten in sich schließt. Nach Husserls
psychologische Untersuchung der Begriffe von Viel- Analyse sind die so gebildeten Ganzheiten durch den
heit, Einheit und Anzahl, die im ersten Teil bespro- Akt einer kollektiven Verbindung gegeben. Die kollekti-
chen werden, mit einer Untersuchung der symboli- ve Verbindung ist ein psychischer Akt, der mehrere
schen Anzahlbegriffe und der logischen Quellen der Objekte als ein Ganzes begreift, ohne dass diese ihre
Anzahlen-Arithmetik im zweiten Teil des Werkes. Individualität verlieren, obwohl jedes davon nur als ein
Husserl benutzt den Unterschied zwischen »symboli- irgendetwas betrachtet wird. Diese kollektive Verbin-
schen« und »eigentlichen« Vorstellungen, den er von dung beliebig vieler Inhalte ist eine einfache Relation,
Brentano übernimmt (Hua XII, 193). Nach Husserl ist die in der gewöhnlichen Sprache im Wort ›und‹ ihren
Ausdruck findet (vgl. 75). Nach Husserl spielt die kol-
»[e]ine symbolische oder uneigentliche Vorstellung lektive Verbindung für unser gesamtes geistiges Leben
[...], wie schon der Name besagt, eine Vorstellung eine höchst bedeutsame Rolle, weil jedes komplizierte
durch Zeichen. Ist uns ein Inhalt nicht direkt gegeben Phänomen, um überhaupt entstehen zu können, kol-
als das, was er ist, sondern nur indirekt durch Zeichen, lektive Verbindungen voraussetzt (vgl. ebd.).
die ihn eindeutig charakterisieren, dann haben wir von Die abstrakte Vorstellung der kollektiven Verbin-
ihm statt einer eigentlichen eine symbolische Vorstel- dung gewinnt man durch die Reflexion auf den psy-
lung« (ebd.). chischen Akt, welcher die Einheit der vorliegenden,
50 III Werk – A Veröffentlichte Texte

verbundenen Inbegriffe erstellt. Vermittels der abs- Eins oder die Null Zahlen nennen oder nicht, gehören
trakten Vorstellung der kollektiven Verbindung bil- sie zur Zahlenreihe und werden in Rechnungen ange-
den wir den Begriff der Vielheit als eines Ganzen. Der wandt. Das gibt Anlass zu einem anderen, erweiterten
allgemeine Begriff der Vielheit ist von einer konkreten Begriff der Zahl fortzuschreiten, der durch gewisse
Anschauung abstrahiert, so dass wir die bestimmten Relationen gestiftet ist. Demnach ist die Zahl jedes
Einzelinhalte nur als irgendwelche Inhalte oder eben denkbare Glied der Zahlenreihe und jede mögliche
als »irgend etwas« beachten (79). Also enthält der Be- Antwort auf die Frage ›wieviel‹ (Hua XII, 133 f.).
griff der Vielheit mit ›und‹ in dem Begriff der kollekti- Diese Überlegungen führen dazu, dass das Gebiet
ven Verbindung auch denjenigen des Etwas. ›Etwas‹ der eigentlichen Zahlbegriffe erweitert werden muss.
ist ein Name, mit dem wir jeden physisch und psy- In der Tat führt Husserls Betrachtung der Relationen
chisch denkbaren Inhalt bezeichnen können. So ge- von Mehr oder Weniger schon zu den Grenzen unse-
winnt man, von der besonderen Beschaffenheit der res geistigen Vermögens. Beim Vergleich von zwei
zusammengefassten Einzelinhalte absehend, mit kleinen Quantitäten ist es noch leicht, unmittelbar
Rücksicht auf die kollektive Verbindung derselben, die festzustellen, welche von den beiden mehr Einheiten
zu der vorliegenden Vielheit gehörige allgemeine Viel- als die andere umfasst. Wenn wir aber größere Quan-
heitsform, mit welcher ein bestimmter Zahlname as- titäten miteinander vergleichen, wo die unmittelbare
soziiert ist (82). Der Unterschied zwischen den Begrif- Anschauung entweder gänzlich versagt oder leicht ir-
fen Anzahl und Vielheit besteht darin, dass der Begriff ren könnte, tun wir dies mit gewissen Hilfsmitteln,
der Anzahl eine Unterscheidung der abstrakten Viel- und zwar mit Zählen und Rechnen.
heitsformen voneinander voraussetzt, derjenige der Tatsächlich taucht dieses Problem schon in der un-
Vielheit aber nicht. Der Begriff der Vielheit trägt eine mittelbaren Anschauung der Inbegriffe auf. Nach
vage Unbestimmtheit in sich, während der Begriff der Husserl sind wir nämlich nur fähig, höchstens ein
Zahl ein scharf bestimmtes ›Wieviel‹ charakterisiert Dutzend von Elementen in einer kollektiven Verbin-
(vgl. 83). Die bestimmten Zahlen setzen eine Verglei- dung anschaulich genau zu erfassen (vgl. 197, 222).
chung und Unterscheidung in abstracto gedachter Wenn uns mehr Objekte präsentiert werden, müssen
Vielheiten nach Mehr und Minder voraus. Daher geht wir sie durch die charakteristische Beschaffenheit der
Husserl weiter, um eine psychologische Analyse der einheitlichen Gesamtanschauung der Menge begrei-
Relationen des Mehr und Weniger zu geben. Diese Re- fen. Dementsprechend reden wir in der Sprache des
lationen setzen nach Husserl voraus, dass uns der ur- gewöhnlichen Lebens »von einer Reihe Soldaten, ei-
sprüngliche und der erweiterte Inbegriff zugleich und nem Haufen Äpfel, einer Allee Bäume, einer Kette
in einem Akt gegenwärtig sei (vgl. 91). So setzt sie ei- Hühner usw.« (203), die wir jeweils mit einen Blick
nen psychischen Akt zweiter Ordnung auf der Grund- wahrnehmen, ohne dabei auch die einzelnen Einhei-
lage jener Akte erster Ordnung voraus, und bei In- ten daraus explizit zu erfassen. Dies gelingt uns gemäß
begriffen von Inbegriffen von Inbegriffen auf dritte die Husserl, weil wir die Dinge gemäß einer »charakteris-
Ordnung usw. (vgl. 92). tischen Beschaffenheit«, den ›figuralen Momenten‹,
Husserls Definition der Zahl stimmt mit der alten fassen. Jede individuelle Zahl hat zahlreiche figurale
Definition von Euklid und auch der von Weierstraß Momente, von denen auf eine »erhebliche Rolle« auf
überein: Die Zahl ist eine Vielheit von Einheiten. An »die Vereinigung ihre besonderen Differenzen« abs-
dieser Definition hat man Kritik geübt, weil sie offen- trahiert werden kann. Durch sie können wir dann »ei-
bar nur auf die Zahlen ab der mit Zwei beginnenden ne bestimmte Menge in anschaulicher Einheit heraus-
Zahlenreihen anwendbar ist und so die Null und Eins heben«. Interessanter Weise decken sich Husserls Be-
ausgeschlossen erscheinen. Husserls Einwand gegen schreibungen hier mit denen der zeitgenössischen Ge-
diese Behauptung ist zu betonen, dass die Bezeich- staltpsychologen (s. Kap. II.3). Husserl selbst verweist
nung der Null und Eins als Zahlen eine Übertragung auf Christian Ehrenfels’ Aufsatz »Über Gestaltqualitä-
dieses Namens auf andersartige Begriffe sei. Hier anti- ten« für »umfassende Untersuchung« der »figuralen
zipiert Husserl seine logische Konstruktion des Be- Momente« (210).
griffs der Zahl, womit wir uns unten noch beschäfti- Husserl verwendet den Begriff der figuralen Mo-
gen werden. Die Einordnung der Eins und der Null in mente, um die uneigentliche Vorstellung von größe-
die Zahlenreihe beruht darauf, dass Beziehungen von ren Gruppen von Objekten verständlich zu machen.
Mehr und Weniger auch zwischen den eigentlichen Während uns die figuralen Momente direkt anschau-
Anzahlen bestehen. Unabhängig davon, ob wir die lich gegeben sind, geben sie uns eine uneigentliche
6 »Philosophie der Arithmetik« 51

Vorstellung solcher Gruppen. Wenn uns ein intuitiv kommen die symbolischen Begriffe von unendlichen
gegebenes Ding mit bestimmten Charaktereigen- Mengen zustande. Wir können nicht unser Erkennt-
schaften gegeben ist, wissen wir, welche weiteren Ob- nisvermögen erweitern, um dieses zur wirklichen, ei-
jekte zu dieser Gruppe gehören (vgl. 213). Dies ist au- gentlichen Vorstellung oder auch nur der sukzessiven
ßerdem die Grundlage für unsere Fähigkeit, weitere Ausschöpfung solcher Mengen zu befähigen. Nach
Elemente zu einer Gruppe hinzuzufügen und damit Husserl hat unsere Kraft zur Idealisierung hier seine
unendlich voranzuschreiten (vgl. 220). Figurale Mo- Grenze (vgl. 219). Trotz der Absurdität des Gedankens
mente helfen uns außerdem dabei, die Anzahl von vie- haben wir eine natürliche Neigung, der Vorstellung der
len Einzelobjekten abzuschätzen, indem wir diese in unendlichen Menge die Intention auf die Bildung der
kleinere Gruppen von zum Beispiel jeweils vier Ob- entsprechenden wirklichen Kollektion unterzuschie-
jekten zerlegen. Diese vier Objekte sind uns dann als ben. Dennoch ist die Vorstellung eines bestimmten un-
figurales Moment anschaulich gegeben. Mit Bezug auf beschränkten Prozesses logisch unanfechtbar. So ent-
Experimente aus der Wahrnehmungspsychologie be- steht der imaginäre Begriff der unendlichen Menge,
hauptet Husserl, dass wir so die Anzahl der Elemente der gemäß Husserl nicht mehr ein Mengenbegriff im
von Gruppen mit 20 oder gar 30 Objekten abschätzen wahren Sinne des Wortes ist (vgl. 218–221).
können (vgl. 254). So überwinden wir die Schranken der anschauli-
Die symbolischen Repräsentationen der Vielheiten chen Zahlkonstitution mit Hilfe von Symbolen. »Dazu
bilden die Grundlage für die symbolische Repräsenta- brauchen wir inhaltsreichere symbolische Bildungen,
tion der Anzahlen durch Zeichen (vgl. 222). Nach welche, in scharfer Sonderung den wahren, uns aber
Husserl gibt es einen strengen Parallelismus zwischen unzugänglichen Zahlbegriffen ›an sich‹ zugeordnet,
den Begriffen und Zeichen, den Regeln der Begriffs- wohl geeignet sind, diese zu vertreten« (223). Dies
verknüpfung zu Urteilen und den Regeln der Zeichen- führt Husserl zur Einführung eines Zahlensystems,
verknüpfung zu Formeln. Dieser Parallelismus er- mit dem gleichzeitig eindeutige Zeichen für Zahlen
möglicht es, die Schranken der anschaulichen Zahl- und die korrespondierenden Zahlbegriffe konstruiert
konstitution mit Hilfe von Symbolen zu überwinden. werden (vgl. 229, 234). Die Zeichen sollen dabei so
Wir können Zahlzeichen nicht nur als allgemeine Na- fungieren, dass sie uns ohne die Verwendung unseres
men für irgendwelche beliebigen Mengen unter dem Gedächtnisses auf einen Blick künstlich große Vielhei-
Begriff der Zahl anwenden, sondern wir können auch ten symbolisieren können. Solche Zeichen bietet das
Zeichen für arithmetische Operationen anwenden, dekadische Zahlsystem, das mit der Grundzahl 10 auf-
zum Beispiel die Multiplikation als abkürzendes all- gebaut ist. Diese Systematik bietet zwei Seiten: auf der
gemeines Zeichen zur Erleichterung unseres Denkens einen liefert sie die Reihe der Zahlbegriffe, auf der an-
und Sprechens. So können wir zur Abkürzung von deren Seite die Reihe der Zahlzeichen (vgl. 237). Diese
3 + 3 + 3 + 3 auch ›Vier mal Drei‹ sagen und ebenso die Doppelseitigkeit der Systematik ermöglicht es, dass
Potenzen der Arithmetik als höchst abgekürzte man sowohl bei Aufgaben zur praktischen Zählung ge-
Schreibweisen für Produkte der gleichen Faktoren gebener Mengen als auch bei solchen der rechnenden
verwenden (vgl. 185–187). Betrachten wir zum Bei- Herleitung von Zahlen aus Zahlen die Lösung rein me-
spiel den Begriff der unendlichen Menge von Zahlen. chanisch gewinnen kann. So kann man die Namen den
Der Prozess der Hinzufügung einer Einheit zu einer Begriffen substituieren und in rein äußerlicher Proze-
beliebig gegebenen Zahl führt zu neuen und immer dur Namen aus Namen herleiten, wobei schließlich
neuen Zahlen, ohne Rückkehr und ohne Schranken Namen resultieren, deren begriffliche Deutung das ge-
(vgl. 219 f.; 222 f.). Diese symbolische Begriffsbildung suchte Resultat notwendig ergibt (vgl. 239). Ebenso er-
basiert auf einer starke Idealisierung unseres Vorstel- möglicht sie die Erweiterung des Zahlengebiets. Nach
lungsvermögens. Faktisch fehlt es allerdings an Zeit Husserl benutzen fast alle Völker lange vor aller wis-
und Kraft für die immer erneute Geistesbetätigung so- senschaftlichen Reflexion über die Erweiterung des
wie an Merkzeichen zur Unterscheidung für ihre neu- Zahlgebiets diese Doppelsystematik. Husserls kon-
en Bildungen. Dennoch können wir von diesen Be- sequente Diskussion des Beginns der Völkerentwick-
schränkungen unserer Fähigkeit idealisierend abse- lung lässt sich übrigens erstaunlich gut mit seinen Un-
hen und in dieser Hinsicht symbolische Begriffe kon- tersuchungen des Ursprungs der Geometrie in den
zipieren (vgl. 223). 1930er Jahren vergleichen (s. Kap. III.A.12).
Mit einer symbolischen Vorstellung eines unbe- Die Doppelsystematik ermöglicht den Begriff des
schränkt fortsetzbaren Prozesses der Begriffsbildung Rechnens als die Methode der sinnlichen Zeichen.
52 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Nach Husserl in der PA, entgegen seinen späteren Ein- behauptet, dass dem Mathematischen in uns ein Ma-
sichten in den Logischen Untersuchungen und später, thematisches außer uns entspricht. Nach Baumann,
ist die Methode der sinnlichen Zeichen, also Rechnen, wie auch nach Husserl, beruhen die Allgemeinbegrif-
die logische Methode der Arithmetik (vgl. 257). Er de- fe ›Vielheit‹ und ›bestimmte Zahl‹ auf psychischen
finiert den Begriff des Rechnens als »jede geregelte Art Tätigkeiten; aber womit Husserl bei Baumann nicht
der Herleitung von Zeichen aus Zeichen innerhalb ir- einverstanden ist, ist, dass dieser auf der anderen Seite
gendeines algorithmischen Zeichensystems nach den ein Wiederfinden der Zahl in der Außenwelt, ein Zu-
diesem System eigentümlichen ›Gesetzen‹ – oder bes- sammensein in und mit dem Raum lehrt (vgl. 45).
ser: Konventionen – der Verknüpfung, Sonderung Husserls Argumente gegen Kant, Lange und Bau-
und Umsetzung« (258), die ähnlich aussehen wie der mann betonen die Rolle der kollektiven Verbindung
Begriff der Berechnung in der heutigen Berechnungs- als die Auswahl zwischen den Objekten, worauf
theorie (vgl. Centrone 2010). Trotzdem hält Husserl Rücksicht in der Vorstellung der Zahl genommen
daran fest, dass die den Begriffen und deren Begriffs- werden soll. Diese Auswahl kann weder von einer
beziehungen den arithmetischen Rechenmethoden umspannenden Raumform noch von der Zeitform
zugrunde liegen (vgl. 259). erreicht werden, und sie kann auch nicht in der
In der PA bietet das oben dargestellte Zahlensys- Außenwelt gefunden werden.
tem bei idealisierender Abstraktion die vollkom- Husserl fügt auch eine ausführliche Kritik von Fre-
menste Gegenspiegelung des Reiches der Zahlen an ges Analyse des Anzahlbegriffs hinzu, die bemerkens-
sich, »d. i. der uns im allgemeinen unzugänglichen werterweise die Verschiedenheiten zwischen Freges
wirklichen Zahlen« (260). Aber es gibt symbolische Logik und Husserls Phänomenologie im Allgemeinen
Zahlbildungen auch außerhalb des Systems, zum Bei- widerspiegelt. Husserl betont zuerst, dass Freges Ana-
spiel 18 + 49, 7 × 36. Diese unsystematische Bildung lyse ganz und gar keine psychologische Analyse des
gibt uns eine Aufgabe zu lösen, die mit einer systema- Anzahlbegriffes ist, sondern eine Fundierung der
tischen Zahl zu beantworten ist. Dies gelingt mit Hilfe Arithmetik auf einer Reihe von formalen Definitio-
des Rechnens »nach bestimmten Regeln« so dass die- nen, aus welchen sämtliche Lehrsätze dieser Wissen-
se unsystematischen Zahlen auf die systematisch ein- schaft rein syllogistisch gefolgert werden könnten
geführten Zahlen reduziert werden können. Dieser (vgl. 118). Nach Husserl kann nur das logisch Zusam-
Umstand führte Husserl auf »die erste Grundaufgabe mengesetzte definiert werden, aber die letzten, ele-
der Arithmetik, alle erdenklichen symbolischen Bil- mentaren Begriffe kann niemand definieren. In sol-
dungsweisen von Zahlen in ihre verschiedenen Ty- chen Fällen kann man nur die konkreten Phänomene
pen zu sondern und für einen jeden sichere und mög- aufweisen, aus denen sie abstrahiert sind, und die Art
lichst einfache Methoden jener Reduktion aufzufin- dieses Abstraktionsvorganges auslegen. Man kann die
den« (Hua XII, 262). In der Forschungsliteratur wur- diesbezüglichen Begriffe scharf umgrenzen und so
de betont, dass Husserls Diskussion von diesen Verwechslungen derselben mit verwandten Begriffen
Reduktionen auf Normalzahlen dem Begriff von verhindern. Die Begriffe von Vielheit, Einheit und der
›Term-Rewriting‹ in der heutigen Informatik gleicht Anzahlbegriff sind solche undefinierbaren Begriffe.
(vgl. Hartimo/Okada 2016). Sie beruhen auf letzten psychischen Daten, die nur ei-
In der PA entwickelt Husserl seine eigene Konzep- ne psychologische Analyse aufdecken kann (vgl. 119).
tion von Zahlen in kritischer Abgrenzung zu konkur- Somit erklärt Husserl: »Das Ziel, das sich Frege setzt,
rierenden Auffassungen, wie etwa denen von Kant, ist also ein chimärisches zu nennen« (120). Außerdem
der die Anschauungsform der Zeit als das Fundament erklärt er, wie Frege von der Definition der ›Gleich-
des Zahlbegriffs betont, oder Friedrich Albert Langes, zahligkeit‹ ausgehend den Zahlbegriff gewinnen will.
der die Zahlen aus der Raumvorstellung abgeleitet. Husserls letztes Urteil über Freges Versuch ist, dass,
Husserls Argument ist, dass man ohne die Idee der
kollektiven Verbindung nicht erklären könne, warum »was diese Definition aussagt, ist richtig. [...]. Leider
bestimmte Inhalte verbunden sein sollen, während können wir aber nicht zugestehen, dass, was diese De-
andere von einer solchen Kollektion ausgeschlossen finition aussagt, auch nützlich sei, dass sie uns das ge-
sind. »Ist der Raum allumfassende Form, dann einigt ringste leiste, dass sie uns in irgendeiner Hinsicht be-
er nicht bloß die eben gezählten, sondern diese mit lehre [...]. Wir wünschen etwas über den Inhalt des An-
allen überhaupt vorhandenen Inhalten« (Hua XII, zahlbegriffes zu erfahren, und man nennt uns den Um-
41). Außerdem kritisiert Husserl Julius Baumann, der fang« (124).
6 »Philosophie der Arithmetik« 53

Trotz seiner gelegentlich nominalistisch klingenden begriffe, dasselbe vom Größenbegriffe usw. Und diese
Sympathien gegenüber symbolischen Hilfsmitteln und Begriffe selbst sind keine logischen Spezialisierungen
Rechnungspraktiken fand Husserl es sachdienlich, den der Anzahlbegriffe. Tatsache ist, daß die ›allgemeine
Kritizismus des nominalistischen Zahlbegriffs von Arithmetik‹ (inkl. Analysis, Funktionentheorie etc.) An-
Helmholtz und Kronecker anzufügen. Nach Helm- wendung findet auf Anzahlen (›Zahlentheorie‹), des-
holtz wird eine Zahl von ihrer Position in einer gewis- gleichen auf Ordinalzahlen, auf stetige Quantitäten,
sen gesetzregulierten Zeichensequenz definiert. So de- auf n-fache Ausgedehntheiten (Zeit, Raum, Farbe, 15
finiert Helmholtz alle Grundformeln der Kalkulation Kraftkontinuum etc.)« (Hua XXI, 245).
mit positiven Ganzzahlen als schiere Äquivalenzen
zwischen bestimmten Komplexen von Symbolen. Während Husserl also noch an dem veröffentlichten
Husserl kritisiert den Zahlbegriff von Helmholtz da- Band der PA arbeitete, verschob sich sein Interesse auf
für, dass er nur willkürliche Zeichen umfasse. »Vergeb- das Gebiet einer ›Allgemeinen Arithmetik‹, die er
lich suchen wir aber im weiteren Verfolge seiner Darle- dann im zweiten, nicht mehr erschienenen Band dis-
gungen, was denn diese eigentlich bedeuten« (173). kutieren wollte. Diese Tatsache lässt seine Analysen
Gemäß Husserl vermischt Helmholtz auch die Zahl- aus der veröffentlichten PA etwas (provisorisch) er-
begriffe mit den Ordinalzahlen, und dann erklärt er scheinen. In Erwartung der Herausgabe des zweiten
diese nominalistisch als schiere Symbole. Folglich Bandes schrieb z. B. ein Rezensent in Mind, die die PA
kann Helmholtz nicht erklären, warum die Zahlenrei- bekannt gemacht hatte, dass die PA »is likely to be of
he als »natürliche« betrachtet wird. Nach Helmholtz especial interest to those who are concerned with the
wäre jede andere Anordnung der Zeichen ebenso gut Theory of Knowledge. We hope to furnish a more ex-
wie die Zahlenreihe (vgl. 176). tended notice of it when the second volume, which the
Es wurde allgemein angenommen, dass dem he- author promises shortly, comes to hand« (1892, 565).
rausgegebenen Band der PA bald ein zweiter Band fol- Da der zweite Band nie erschien, wurde keine umfas-
gen würde, in dem Husserl das Wesen der allgemeinen sende Rezension in Mind herausgegeben. Die PA er-
Arithmetik besprechen wollte. Man ging davon aus, regte aber berüchtigtes Aufsehen in der Form der Kri-
dass er die Besprechung des Logischen auf eine auf ne- tik von Frege, die 1894 erschien. Die PA enthält eine
gative, imaginäre, gebrochene und irrationale Zahlen kritische Besprechung der Definition des Fregeschen
angewandte Untersuchung des arithmetischen Algo- Anzahlbegriffes. Seinerseits hat Frege die PA z. B. da-
rithmus fortsetzen würde. Die kritischen Betrachtun- für kritisiert, dass Husserl keinen deutlichen Unter-
gen hatten Husserl zu der Einsicht gebracht, dass iden- schied zwischen einer Anzahl und der Vorstellung
tisch derselbe Algorithmus – dieselbe arithmetica uni- von einer Anzahl machte, was für den Psychologismus
versalis, eine Reihe wohl zu sondernder Begriffsgebie- charakteristisch ist. In den Logischen Untersuchungen
te beherrscht. Obgleich es in Husserls ursprünglicher nimmt Husserl dann seine Kritik zurück und bezeich-
Absicht lag, einen arithmetischen Algorithmus als net seine frühere Einsicht der Philosophie der Mathe-
Arithmetik der Anzahlen zu entwickeln, wurde er so matik als psychologistisch (Hua XVIII, 214 f.).
zu einer Idee geführt bei der die arithmetica univer- Dieser Ereignisverlauf hat Anstoß zu einer um-
salis nicht mehr von einer einzigen Begriffsart abhän- fangreichen Forschungsliteratur darüber gegeben, in
gig ist, sei es den Anzahlen, Ordinalzahlen oder ande- welchem Umfang Husserl seine Einsicht änderte und
ren. Dies zeigt Husserls Schwierigkeiten und die oben ob die Änderung auf die Kritik von Frege zurück-
genannte Sinnesänderung. Dementsprechend schrieb zuführen ist. Die Debatte hat zur Differenzierung ver-
Husserl in dem oben erwähnten Brief an Stumpf: schiedener Verständnisse vom Psychologismus ge-
führt (vgl. Mohanty 2008, 63–65). Heute ist man im
»Die Meinung, von der ich noch bei der Ausarbeitung Allgemeinen damit einverstanden, dass Husserls
der Habilitationsschrift geleitet wurde, daß der An- Selbstkritik an der PA nur seine Begriffe von Logik
zahlbegriff das Fundament der allgemeinen Arithme- und Mathematik betrifft, d. h. den logischen Psycho-
tik bilde, erwies sich bald als falsch. (Schon die Analyse logismus, wonach die Logik von Bewusstsein abhän-
der Ordnungszahl führte mich darauf.) Durch keinerlei gig ist und logische Objekte als Geistiges, also nicht als
Kunststücke, durch kein ›uneigentliches Vorstellen‹ etwas Objektives, betrachtet werden (vgl. Føllesdal
kann man die negativen, rationalen, irrationalen und 1958; Hartimo 2012; Hill/Rosado Haddock 2000; Mil-
die mannigfachen komplexen Zahlen aus dem Anzahl- ler 1982; Mohanty 1984; 2008; Peucker 2002; Willard
begriff herleiten. Dasselbe gilt vom Ordnungszahl- 1984; siehe auch Hua XVII, 160).
54 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Husserls eigenes Urteil über die PA in seinen Per- Anschauung, der erst in den Logischen Untersuchun-
sönlichen Aufzeichnungen vom 25. September 1906 gen entwickelt wurde.
ist unerbittlich: Trotz Husserls Selbstkritik an der PA enthält diese
viele Ansätze seiner späteren Einsichten. Husserl äu-
»Ich las viel in der Philosophie der Arithmetik. Wie un- ßert später in seiner Formalen und transzendentalen
reif, wie naiv und fast kindlich erschien mir dieses Logik (1929) Kritik an der PA, die ihre Wichtigkeit
Werk. Nun, nicht umsonst peinigte mich bei der Publi- dennoch knapp zusammenfasst:
kation das Gewissen. Eigentlich war ich darüber schon
hinaus, als ich es publizierte. Es stammte ja im wesent- »Die bestimmte Blickrichtung auf das Formale und ei-
lichen aus den Jahren 86/87. Ich war Anfänger, ohne ne erstes Verständnis seines Sinnes gewann ich schon
rechte Kenntnis der philosophischen Probleme, ohne durch meine Philosophie der Arithmetik (1891), die, so
rechte Übung philosophischer Fähigkeiten. Und wäh- unreif sie als Erstlingsschrift war, doch einen ersten
rend ich mich mit den Entwürfen zur Logik des mathe- Versuch darstellte, durch Rückgang auf die spontanen
matischen Denkens und insbesondere des mathe- Tätigkeiten des Kolligierens und Zählens, in denen Kol-
matischen Kalküls abmühte, peinigten mich die unbe- lektionen (›Inbegriffe‹, ›Mengen‹) und Anzahlen in ur-
greiflich fremden Welten: die Welt des rein Logischen sprünglich erzeugender Weise gegeben sind, Klarheit
und die Welt des aktuellen Bewußtseins, wie ich heute über den eigentlichen, den ursprungsechten Sinn der
sagen würde, des Phänomenologischen und auch Psy- Grundbegriffe der Mengen- und Anzahlenlehre zu ge-
chologischen. Ich wußte nicht, sie in eins zu setzen, winnen. Es war also, in meiner späteren Redeweise aus-
und doch mußten sie zueinander Beziehung haben gedrückt, eine phänomenologisch-konstitutive Unter-
und eine innere Einheit bilden« (Hua XXIV, 442 f.). suchung und es war zugleich die erste, die ›kategoriale
Gegenständlichkeiten‹ erster und höherer Stufe (Men-
Hier betont Husserl, dass sein Problem darin lag, die gen und Anzahlen höherer Ordnungsstufe) verständ-
Welt der reinen Logik und die Welt des Bewusstseins lich zu machen suchte aus der ›konstituierenden‹ in-
zu vereinigen. Nur hatte er in der PA weder eine ent- tentionalen Aktivität, als deren Leistungen sie originali-
wickelte Begründung des rein Logischen, die un- ter auftreten, also in der vollen Ursprünglichkeit ihres
abhängig von Bewusstsein ist, noch waren seine de- Sinnes« (Hua XVII, 86 f.).
skriptive psychologischen Untersuchungen von der
subjektiven Seite zureichend, um das Subjektive und Der Ausgangspunkt von Husserls Analysen ist die
das Objektive miteinander korrelieren zu lassen. Ähn- konkrete Anschauung, die er später als Feld der reinen
lich äußert er sich im Vorwort der Logischen Unter- Phänomene deutet. Die deskriptiv-psychologischen
suchungen: Analysen des ersten Teils der PA sind rudimentäre
Analysen der Konstitution des Begriffs der Zahl im
»Da auf solche Weise meine ganze, von den Überzeu- Sinne der genetischen Phänomenologie des späteren
gungen der herrschenden Logik getragene Methode – Husserl. Wie oben angedeutet, scheinen Husserls Un-
gegebene Wissenschaft durch psychologische Ana- tersuchungen des Ursprungs der Arithmetik seine rei-
lysen logisch aufzuklären – ins Schwanken geriet, so fere generative Phänomenologie zu antizipieren, wel-
sah ich mich in immer steigendem Maße zu allgemei- che die Historizität der Tradition berücksichtigt, in
nen kritischen Reflexionen über das Wesen der Logik der sich Konzepte entwickelt haben. Husserls Einsicht
und zumal über das Verhältnis zwischen der Subjekti- über die kollektiven Verbindungen antizipiert seine in
vität des Erkennens und der Objektivität des Erkennt- den Logischen Untersuchungen konzipierte Theorie
nisinhaltes gedrängt« (Hua XVIII, 7). der kategorischen Anschauung, und seine Analyse
über etwas überhaupt stellte seine Betrachtung über
In der PA schlägt Husserl eine psychologische Analyse das Formale der Mengen- und Anzahlenlehre dar. Sei-
der Logik vor. Dabei hatte er noch keine Idee von der ne Einsichten zum Rechnen verwandelten sich weiter-
Korrelation der Subjektivität der Akte des Denkens hin zur Theorie der Spielbedeutungen in den Logi-
mit der Objektivität des Gedachten, welche Husserl schen Untersuchungen. Was jedoch im Vergleich mit
laut seiner Krisis-Schrift im Jahre 1898 gefunden habe dem Logischen Untersuchungen in der PA im Wesent-
(Hua VI, 169). Um eine Korrelation des Bewusstseins lichen fehlt, ist seine Idee der reinen Logik, die die
mit der Idee der reinen Logik zu bilden, brauchte er Grundlage der Logik als Kunstlehre ist. Weil die Idee
noch einen differenzierten Begriff der kategorialen der reinen Logik als einer von der Psychologie gänz-
7 »Logische Untersuchungen« 55

lich unabhängigen Disziplin ein Grundstein für seine 7 »Logische Untersuchungen«


Argumentation gegen den Psychologismus ist, konnte
die PA sich noch nicht klar genug vom logischen Psy- Die Logischen Untersuchungen (LU) gelten als das
chologismus abgrenzen. Husserl hat im Nachhinein Gründungsdokument der gesamten Tradition der
auch den Begriff der kategorischen Anschauung in der phänomenologischen Philosophie. Das Werk geht aus
PA vermisst, den er brauchte, um die Korrelation der jahrelangen Auseinandersetzungen Husserls mit zeit-
objektiven Logik mit dem subjektiven Bewusstsein genössischen Arbeiten zur Logik und Psychologie
verständlich zu machen (s. Kap. III.A.7). hervor. Als Privatdozent hat er sich in seinen Hallen-
ser Jahren sehr intensiv mit der aktuellsten Literatur
Literatur der Mathematik und Logik auseinandergesetzt und
Centrone, Stefania: Logic and Philosophy of Mathematics in dazu auch zahlreiche wichtige Rezensionen veröffent-
the Early Husserl. Dordrecht/Heidelberg/London/New licht. Außerdem sind in diesen Jahren einige zeichen-
York 2010.
Frege, Gottlob: Rezension von: E. G. Husserl, Philosophie
und wahrnehmungstheoretische Abhandlungen ent-
der Arithmetik, I. In: Zeitschrift für Philosophie und phi- standen, die Vorstufen für die Theorie des intentiona-
losophische Kritik 103 (1894), 313–332. len Bewusstseins aus den LU bilden. Das »Werk des
Føllesdal, Dagfinn: Husserl und Frege. Ein Beitrag zur Be- Durchbruchs« (Hua XVIII, 8) zur Phänomenologie
leuchtung der Entstehung der phänomenologischen Philoso- als einer neuartigen philosophischen Methode macht
phie. Oslo 1958.
Husserl schnell bekannt und verschafft ihm 1901 seine
Hill, Claire Ortiz/Rosado Haddock, Guillermo: Husserl or
Frege? Meaning, Objectivity and Mathematics. Chicago/La erste Professur an der Universität Göttingen. Dort bil-
Salle, Illinois 2000. det sich ein Schüler/innenkreis um ihn, zu dem auch
Hartimo, Mirja: Mathematical Roots of Phenomenology: Studierende von der Universität München kommen,
Husserl and the Concept of Number. In: Journal of History die besonders von dem in den LU proklamierten
and Philosophy of Logic 27/4 (2006), 319–337. Rückgang auf die »Sachen selbst« (Hua XIX/I, 10) an-
Hartimo, Mirja: Husserl and Algebra of Logic. In: Axio-
gezogen sind. Das Werk wird mehrfach rezensiert,
mathes 22/1 (2012), 121–133.
Hartimo, Mirja/Okada, Mitsuhiro: Syntactic Reduction in wobei eine der wichtigsten Rezensionen zum ersten
Husserl’s Early Phenomenology of Arithmetic. In: Synthe- Band der LU von Paul Natorp verfasst wird (zur Re-
se 193/3 (2016), 937–969. zeptions- und Entstehungsgeschichte der LU vgl. auch
Ierna, Carlo: The Beginnings of Husserl’s Philosophy, Part 1: die »Einleitung des Herausgebers« von Elmar Holen-
From ›Über den Begriff der Zahl‹ to ›Philosophie der stein in: Hua XVIII). Später hat Heidegger in seinen
Arithmetik‹. In: The New Yearbook for Phenomenology and
Phenomenological Philosophy 5 (2005), 1–56. Marburger Logikvorlesungen die LU vor allem wegen
Miller, J. Philip: Numbers in Presence and Absence. A Study of drei für die Philosophie richtungsweisenden Ent-
Husserl’s Philosophy of Mathematics. Den Haag/Boston/ deckungen gepriesen: die Psychologismuskritik, die
London 1982. phänomenologische Analyse der Intentionalität und
Mohanty, Jitendra Nath: Husserl, Frege and the Overcoming die Theorie der kategorialen Anschauung (vgl. Hei-
of Psychologism. In: Kay Kyung Cho (Hg.): Philosophy
degger 1925/1994; 1925/1995). In rezeptionsge-
and Science in phenomenological Perspective. Dordrecht/
Boston/Lancaster 1984, 143–152. schichtlicher Hinsicht ist außerdem der Einfluss der
Mohanty, Jitendra Nath: The Philosophy of Edmund Husserl. LU auf den Neukantianismus signifikant.
A Historical Development. New Haven/London 2008. Die LU erschienen in zwei Bänden, die zusammen
Peucker, Henning: Von der Psychologie zur Phänomenologie. weit mehr als 1000 Seiten umfassen: 1900 erschien die
Husserls Weg in die Phänomenologie der ›Logischen Unter- Prolegomena zur reinen Logik und 1901 die wieder-
suchungen‹. Hamburg 2002.
Willard, Dallas. Logic and the Objectivity of Knowledge. rum in zwei Teilbänden gedruckten sechs Logischen
Athens OH 1984. Untersuchungen, Untersuchungen zur Phänomenolo-
gie und Theorie der Erkenntnis. Davon enthält der ers-
Mirja Hartimo te Teilband die ersten fünf, der zweite die sechste Lo-
gische Untersuchung. Das Gesamtziel des Werkes ist
der Aufbau und die Begründung einer umfassenden
Logik als Wissenschaftstheorie, die sowohl eine Lehre
von Begriffen, Sätzen und Theorienformen als auch –
korrelativ dazu auf Gegenstandsseite – eine Lehre von
den allgemeinsten formalen Bestimmungen des Sei-
enden, also eine Ontologie ist. Vervollständigt wird

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_8, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
56 III Werk – A Veröffentlichte Texte

all dies durch eine erkenntnistheoretische Begrün- dige Einbeziehung der Gegenstandsseite, also der
dung der Logik, die in den beiden letzten Logischen Noemata, deutlich gemacht.
Untersuchungen durch eine detaillierte phänomeno-
logische Analyse der Struktur und Erfüllung von in-
tentionalen Bewusstseinserlebnissen erfolgt. Husserl Band I, »Prolegomena zur reinen Logik«,
selbst bezeichnet die LU als »Versuche zur Neu- 1900
begründung der reinen Logik und Erkenntnistheo-
rie« (Hua XVIII, 7). Der erste Band der LU, die Prolegomena zur reinen Lo-
Da Husserl seine Phänomenologie in den Jahren gik, hat eine lange Vorgeschichte. Schon als Student
nach der ersten Veröffentlichung der LU deutlich wei- hat Husserl Logikvorlesungen bei Franz Brentano in
terentwickelt, hat er versucht, das nach dem Erstdruck Wien (1884/85) und bei Carl Stumpf in Halle (1887)
bald bereits vergriffene Werk für eine zweite Auflage gehört, die sein Verständnis der Logik viele Jahre prä-
so gut wie möglich auf das Niveau seiner neuen trans- gen. In Halle hat er dann eigene Logikvorlesungen
zendentalphänomenologischen Einsichten zu brin- ausgearbeitet, von denen insbesondere die von 1896
gen. Weil er bei diesen Arbeiten die ursprüngliche Pa- (vgl. Hua Mat I) eine wichtige Vorstufe der Prolegome-
ragrapheneinteilung der LU jedoch nicht vollkommen na bilden. Hier zeichnet sich bereits seine Kritik an
erneuern will, finden letztlich nur wenige der von ihm der damals verbreiteten Auffassung ab, wonach die
im Zuge der Umarbeitungen (vgl. Hua XX) notierten Logik ihr wesentliches Fundament in der Psychologie
Änderungen auch Eingang in den Drucktext der zwei- habe. In den Prolegomena verwirft Husserl diese Auf-
ten Auflage. Die zweite Auflage der Prolegomena und fassung und kritisiert damit nicht nur seine Lehrer/in-
des ersten Teilbandes des zweiten Bandes erscheint nen, sondern auch so namhafte Fachvertreter wie etwa
1913, die des zweiten Teilbandes erst 1921. Die auffäl- Wilhelm Wundt, Theodor Lipps, John Stuart Mill,
ligsten Neuerungen betreffen dabei eine Reihe von Ernst Mach, Richard Avenarius, Christoph Sigwart
Themen (vgl. hierzu Ursula Panzer, Einleitung der He- oder Johann Eduard Erdmann. Die schroffe Kritik
rausgeberin, Hua XVIII), von denen an dieser Stelle macht den Privatdozenten schnell bekannt und been-
nur drei erwähnt seien: (1) In der zweiten Auflage det zugleich die Herrschaft des Psychologismus in der
wird Husserls methodische Abgrenzung von der Psy- Logik. Fortan geht Husserl – zusammen mit Gottlob
chologie deutlicher, indem er seine Phänomenologie Frege – als berühmter Kritiker des Psychologismus in
nun nicht mehr als deskriptive Psychologie bezeich- die Philosophiegeschichte ein.
net, sondern ihre eidetische Ausrichtung unter- Die Schrift nimmt ihren Ausgang von der Frage,
streicht. Wie er in den Ideen I erklärt, ist seine Phäno- wie der Begriff der Logik angemessen zu verstehen
menologie eine Wesenslehre der transzendental rei- ist. Über das richtige Verständnis der Logik gab es da-
nen Erlebnisse und ihrer korrelativen Gegenständ- mals viele Kontroversen, die Husserl als Streitfragen
lichkeiten. In der Neuauflage der LU betont Husserl zum Ausdruck bringt: Ist die Logik eine theoretische
mehrfach, dass seine Analysen einen apriorischen oder eine praktische Disziplin? Ist sie von der Psycho-
Charakter beanspruchen, der mit den Methoden der logie abhängig oder nicht? Ist sie eine apriorische
Psychologie gar nicht erreicht werden kann. (2) Au- oder eine empirische Disziplin (vgl. Hua XVIII, 23)?
ßerdem ändert sich in der zweiten Auflage sein Ver- Husserl beantwortet diese Fragen mit einem Sowohl-
ständnis des Ich der Intentionalität. Hatte Husserl es als-auch, denn seine Antworten hängen davon ab,
1901 noch als bloße Gesamtheit aller intentionalen welcher Begriff der Logik jeweils gemeint ist. Seinem
Erlebnisse begriffen und damit ähnlich wie Hume ei- Verständnis nach ist die Logik im umfassenden Sinne
ne Bündeltheorie des Ich vertreten, erkennt er 1913 eine Theorie der Wissenschaften, d. h. eine Wissen-
ein reines Ich an, das größere Nähe zu einer kanti- schaftslehre, die nach den idealen Bedingungen fragt,
schen Konzeption hat. Diese philosophisch wichtige die Wissenschaften überhaupt zu Wissenschaften
Änderung hat für das Gesamtanliegen der LU aller- machen (vgl. 27). Wissenschaften sieht er dabei im
dings kaum Konsequenzen. (3) Weitere Änderungen Wesentlichen dadurch definiert, dass sie über Wissen
betreffen die Abkehr von der noch 1901 propagierten im strengen Sinne verfügen, welches sie in die syste-
Beschränkung der Analysen der LU auf den reellen matische Einheit eines Begründungszusammenhangs
Bestand der intentionalen Akte und somit die noeti- bringen. Anders als die jeweiligen wissenschaftsspe-
sche Seite des Erlebens. Hier wird bei der Neuauflage zifischen Inhalte sind die Begründungsformen dabei
die für die Bewusstseinsanalyse de facto stets notwen- von den einzelnen Wissensgebieten unabhängig und
7 »Logische Untersuchungen« 57

können folglich als solche in einer Theorie der Wis- logie als empirische Wissenschaft würde damit
senschaft gesondert untersucht werden (vgl. 37). Von zum Verlust der notwendigen und apodiktischen
diesen Begründungsformen her lässt sich sowohl die Geltung führen, die logischen Gesetzmäßigkeiten
Idee der Wissenschaft bestimmen als auch normativ eigentümlich ist. Logik wäre von raum-zeitlichen
prüfen, ob eine empirisch vorliegende Wissenschaft Bedingungen abhängig und keine von den Tatsa-
gegen sie verstößt und damit ihren Status als Wissen- chen prinzipiell unterschiedene Vernunftwissen-
schaft zu Unrecht beansprucht. Husserl versteht da- schaft mehr. So folgt aus den psychologistischen
her die Logik im weiteren Sinne als eine normative Ansätzen ein Relativismus in Bezug auf die Gel-
Disziplin. Im weitesten Sinne ist sie für ihn auch eine tung der Logik. Husserl macht klar, dass der Rela-
Kunstlehre von der wissenschaftlichen Erkenntnis, tivismus in der Konsequenz zu einer impliziten
d. h. eine Lehre von den Methoden der Wissenschaf- Selbstwidersprüchlichkeit des Psychologismus als
ten und der Wissensgewinnung, die mithin durchaus theoretischer Position führt, weil er damit die im-
einen praktischen Charakter hat. Anders als verschie- manenten Sinnbedingungen von Theorien einer-
dene andere Logiker seiner Zeit ist Husserl allerdings seits relativiert, sie andererseits aber in Anspruch
nicht der Auffassung, dass die Definition der Logik als nimmt, wenn er für seine Aussagen Geltung be-
normativer und praktischer Disziplin bereits ihren ansprucht. Gemäß Husserl verkennt der logische
»wesentlichen Charakter« (46) treffe. Vielmehr be- Psychologismus so das Wesen der Theorie und
tont er, dass die Logik als Kunstlehre einer Begrün- hebt sich aufgrund seiner Konsequenzen letztlich
dung bedarf, die von einer rein theoretischen Dis- selbst auf.
ziplin her geleistet werden muss. Erst bei der Frage, ob 2. Außerdem kritisiert Husserl Grundannahmen des
diese fundierende Disziplin die Psychologie sein psychologistischen Forschungsprogramms, die er
kann, kommt es dann zu Husserls Streit mit den logi- als Vorurteile enthüllt. Dabei betont er, dass der
schen Psychologist/innen. Diese meinen, dass die wesentliche Charakter der Logik als Wissen-
Grundlagen der umfassenden Logik aus einer Psy- schaftslehre gar nicht in den psychologisch-fak-
chologie des Denkens her gewonnen werden müssen, tischen Gesetzen des Denkens, sondern in idealen
da das Denken, Urteilen, Schließen und Erkennen als Gesetzmäßigkeiten der reinen Logik liegt. Anders
Themen der Logik am besten von der Psychologie aus als die Psychologist/innen meinen, geht es in der
erhellt werden können. Den Psychologismus gibt es Logik nämlich um Urteile, Schlüsse oder Beweise
in verschiedenen Formen (vgl. Peucker 2002), und in nicht als psychische Phänomene, sondern um den
Bezug auf die Logik wird er am deutlichsten vom frü- idealen Inhalt dieser Phänomene. Die Logik sagt
hen Theodor Lipps vertreten. Lipps war der Ansicht, daher nichts über faktische Verhältnisse aus, son-
dass sich die Fundamente der umfassenden Logik als dern sie hat es mit idealen Bedeutungseinheiten
Kunstlehre von der Psychologie her bestimmen las- zu tun. Der logische Psychologismus verkennt ge-
sen, so dass die Logik am Ende nur mehr eine Sonder- mäß Husserl jedoch den »schlechthin unüber-
disziplin der Psychologie ist (vgl. 64). brückbare[n] Unterschied zwischen Idealwissen-
Husserl weist in den Prolegomena die begrün- schaften und Realwissenschaften. Die ersteren
dungstheoretischen Defizite des logischen Psycho- sind apriorisch, die letzteren empirisch« (181).
logismus auf. Dabei argumentiert er gegen ihn vor Außerdem sei es ein Vorurteil zu glauben, die Lo-
dem Hintergrund seiner eigenen Konzeption, nach gik gründe in Evidenzen, die wie subjektive Ge-
der die Grundlagen der Logik nur in einer rein theo- fühle von der Psychologie zu untersuchen seien.
retischen, apriorischen Disziplin liegen können, die er Stattdessen wird die Evidenz logischer Gesetz-
reine Logik nennt. Gegen den Psychologismus argu- mäßigkeiten in den Prolegomena von der Idealität
mentiert er auf zwei unterschiedlichen Wegen: der logischen Wahrheiten her interpretiert.
1. Zuerst kritisiert Husserl die skeptisch-relativisti- Im Hintergrund von Husserls Kritik am logischen
schen Konsequenzen, die die psychologische und Psychologismus steht sein Verständnis von Wissen-
jede andere empirische Begründung der Logik schaft. Diese hat für ihn das Ziel, ein an sich beste-
nach sich ziehen. So würde die Logik bei einer tat- hendes Reich von Wahrheiten in einem System von
sachenwissenschaftlichen Begründung ihren Sätzen und Begründungen zu erkennen und zu glie-
apriorischen Geltungscharakter verlieren und mit dern. Logik ist als Wissenschaftslehre die Theorie der
empirischen Unbestimmtheiten behaftet werden. Form solcher möglichen Satzsysteme, die prinzipiell
Die Unterordnung der Logik unter die Psycho- von nichtempirischer Struktur sind und daher auch
58 III Werk – A Veröffentlichte Texte

nicht von der Psychologie als empirischer Einzelwis- die Aufgaben der Logik. Als Wissenschaftstheorie soll
senschaft aus begründet werden können. Husserl be- sie die idealen Bedingungen der Möglichkeit von
tont in den Prolegomena wiederholt, dass der Beach- Wissenschaft erfassen. Als ›Wissenschaft‹ wird da-
tung des fundamentalen Unterschieds zwischen dem bei kein anthropologisches oder soziologisches Phä-
Bereich des Idealen und des Realen für die Lösung nomen, sondern ein durch Begründungen gestifteter
des Streits um die wesentlichen Grundlagen der Lo- systematischer Zusammenhang von Sätzen und
gik die entscheidende Rolle zukommt (vgl. XVIII, Wahrheiten begriffen. Dieser Zusammenhang grün-
79 f., 87, 181). Um Wissenschaft streng begründen zu det im Inhalt der Erkenntnisse und er kann in der Lo-
können, wird daher von Husserl »alle Mühe [...] da- gik »abgesondert von aller Beziehung zum denken-
ran gewendet, den Leser zur Anerkenntnis dieser den Subjekt und zur Idee der Subjektivität überhaupt
idealen Seins- und Wissenschaftssphäre zu bestim- betrachtet und erforscht werden« (240). Ziel dieser
men« (Hua XX/1, 277). Die idealen Bedeutungen als Betrachtung – an die Husserl in seiner Formalen und
Thema der reinen Logik sind also ebenso wenig reale transzendentalen Logik später wieder anknüpft (vgl.
Tatsachen oder deren Eigenschaften, wie die in ihnen Hua XVII, § 28; s. Kap. III.A.10) – ist es, die idealen
gründenden Bedeutungsgesetze oder logischen Ge- Konstitutionsbedingungen von möglichen wissen-
setze, und sie können daher auch nicht in einer Tatsa- schaftlichen Theorien zu erforschen, so dass die Logik
chenwissenschaft angemessen untersucht werden. »die Theorie der Theorien, die Wissenschaft der Wis-
Deshalb sind die in der Sphäre der Bedeutungen senschaften« (244) ist.
herrschenden logischen Gesetzmäßigkeiten von den Die Erreichung dieses Ziels soll gemäß Husserl in
empirischen Naturgesetzen als Kausalgesetzen strikt drei Schritten erfolgen. Zuerst müssen die elementa-
zu unterscheiden. Diese Unterscheidung findet in ren Kategorien oder Begriffe fixiert werden, die den
den LU dadurch eine besonders drastische Ausprä- Zusammenhang von Erkenntnissen überhaupt er-
gung, dass hier der für die reine Logik allein relevante möglichen. Diese Begriffe bezeichnet Husserl als Be-
Forschungsbereich als ein idealer, an sich bestehen- deutungskategorien und nennt als Beispiele »Begriff,
der herausgestellt wird. Die Logiker untersuchen die Satz, Wahrheit usw.« (245). Darauf aufbauend sollen
logischen Gesetze und die möglichen Gliederungs- die in diesen Kategorien gründenden Gesetze ermit-
formen von Sätzen, in denen Wahrheit auftreten telt werden, die einen sinnvollen Zusammenhang
kann, wobei sie sich in einer idealen »Welt der Sätze« von Sätzen zu Theorien ermöglichen. Hierfür kann
(Hua Mat I, 142; vgl. Hua XVII, 267) bewegen. Dieser als Beispiel die Syllogistik genannt werden, die die
Bereich ist in einem derart ›starken‹ Sinne objektiv, formalen Verknüpfungsmöglichkeiten von Sätzen
dass er gegenüber dem Wandel der Zeit sowie natür- analysiert. Die komplexeste Stufe der reinen Logik
lichen Sprachen und Personen invariant ist: »Dieser ist dann eine umfassende Theorie von den über-
objektive Gehalt der Wissenschaft ist, soweit sie ihrer haupt möglichen sinnvollen Theorieformen, also
Intention wirklich genügt, von der Subjektivität der die anvisierte »Theorie der Theorien«. Da Husserl
Forschenden, von den Eigenheiten der menschlichen bereits in den LU die Korrelation von Bedeutung
Natur überhaupt völlig unabhängig, er ist eben objek- und Gegenstand erkannt hat, gehört zu seinen pri-
tive Wahrheit« (166). mär bedeutungstheoretischen Überlegungen über
Den entscheidenden Impuls zur Konzeption eines die drei Stufen der reinen Logik auch eine formal-
Reichs von an sich bestehenden, idealen Wahrheiten ontologische Seite. Den apriorischen Bedeutungs-
hat Husserl aus Bernard Bolzanos Wissenschaftslehre kategorien korrelieren nämlich formal gegenständli-
(1837) und von Rudolf Hermann Lotzes Interpretati- che Kategorien über Grundstrukturen des Seins
on der platonischen Ideenlehre aus dessen Logik überhaupt. Am Ende der Prolegomena weist Husserl
(1874) erhalten. Husserl weist selbst darauf hin, dass schließlich darauf hin, dass der konkrete Aufbau der
Bolzanos Lehre von den »Wahrheiten an sich« für reinen Logik in Gestalt einer Arbeitsteilung erfolgen
seine Psychologismuskritik und eigene Entwicklung soll. Dabei soll die Konstruktion der möglichen
»von unschätzbarem Wert« war (Hua V, 57), ja hierzu Theorieformen von den Mathematiker/innen geleis-
Bolzano und Lotze »die entscheidenden Einflüsse« tet werden, während die Philosophen generell das
zu verdanken seien. (XXII, 156; vgl. XVIII, 229; Bey- Wesen von Theorien erforschen sollen. Zu dieser
er 1996). Aufgabe gehört dann auch die Klärung der erkennt-
Im wichtigen Schlusskapitel der Prolegomena, »Die niskritischen Probleme der Logik, die Husserl im
Idee der reinen Logik«, skizziert Husserl schließlich zweiten Band der LU leistet.
7 »Logische Untersuchungen« 59

Band II, »Logische Untersuchungen. auch als Spezies. Gemäß seiner Speziestheorie der Be-
Untersuchungen zur Phänomenologie deutung verhält sich die Bedeutung zu den verschiede-
und Theorie der Erkenntnis«, 1901 nen Akten, in denen sie instanziiert wird, so, wie sich
die Röte zu den verschiedenen Rottönen verhält (vgl.
Die sechs Logischen Untersuchungen sollen die am 105, 111). Bedeutungen als ideale, allgemeine Einhei-
Ende der Prolegomena entworfene Idee der reinen Lo- ten vereinzeln sich demnach in einzelnen Momenten
gik durch eine »erkenntnistheoretische bzw. phänome- von subjektiven Bedeutungsintentionen.
nologische Grundlegung« fundieren (Hua XIX, 7). Auf besondere Schwierigkeiten stößt diese Bedeu-
Husserl versteht die sechs Untersuchungen als »Vor- tungstheorie bei der Rekonstruktion von sogenannten
arbeiten zur erkenntnistheoretischen Klärung und zu okkasionellen oder indexikalischen Ausdrücken, bei
einem künftigen Aufbau der Logik« (Hua XIX, 21 f. denen die Bedeutung je nach Situation ihrer Äußerung
[A]), denn sie haben es zuletzt »abgesehen auf eine Si- schwankt. Zu solchen okkasionellen Ausdrücken ge-
cherung und Klärung der Begriffe und Gesetze, die al- hören etwa Personalpronomina, Demonstrativa und
ler Erkenntnis objektive Bedeutung und theoretische andere Ausdrücke, deren Bedeutung von der jewei-
Einheit verschaffen« (7). Das Ziel seiner »Phänomeno- ligen raum-zeitlichen Lage der gerade Sprechenden
logie des Logischen« (XIX/2, 533) besteht mit anderen abhängt. Husserl widmet den okkasionellen Ausdrü-
Worten darin, »die logischen Ideen, die Begriffe und cken ein Kapitel in der I. Untersuchung. Darin argu-
Gesetze zu erkenntnistheoretischer Klarheit und Deut- mentiert er dafür, dass bei diesen Ausrücken gar nicht
lichkeit zu bringen« (9). Da Husserl die logischen Ideen die Bedeutung schwanke, sondern nur die Akte des
als objektiv gültige Bedeutungseinheiten begreift, geht Bedeutens. Er meint, dass jeder subjektive Ausdruck
es ihm bei der erkenntnistheoretischen Fundierung bei gleichbleibender Bedeutungsintention durch ei-
auch darum, verständlich zu machen, »wie das ›an sich‹ nen objektiven Ausdruck vollständig ersetzt werden
der Objektivität zur ›Vorstellung‹, ja in der Erkenntnis kann, wodurch die »Schrankenlosigkeit der objek-
zur ›Erfassung‹ komme, also am Ende doch wieder tiven Vernunft« gewährleistet bleibe (95). Dadurch si-
subjektiv werde« (12 f.). Diese an die Theorie der rei- chert er seine These von der Eigenständigkeit der
nen Logik aus den Prolegomena anschließenden Klä- idealen Bedeutungseinheiten gegenüber den subjekti-
rungen erfolgen in einer Kette von sechs Untersuchun- ven Akten des Bedeutens. Am Ende der I. Unter-
gen, die im Folgenden vorgestellt seien. suchung betont er dies in zugespitzten Formulierun-
1) Da uns das Logische zunächst im Medium der gen, wonach der Idealität der Bedeutungsspezies als
Sprache gegeben ist, geht es Husserl in der I. LU um ei- allgemeinem Gegenstand das Gedacht- und Ausge-
ne Klärung des Verhältnisses von »Ausdruck und Be- drücktwerden immer äußerlich bleibt (vgl. 110). Die
deutung«. Was einen Ausdruck zu einem solchen ideale Bedeutungseinheit »ist, was sie ist, ob sie je-
macht, verdankt sich gemäß Husserl stets einer bedeu- mand im Denken aktualisieren mag oder nicht« (99).
tungsverleihenden Intention. Von dieser Intention – 2) In der II. Untersuchung, »Die ideale Einheit der
und damit auch vom Ausdruck – grenzt er die Eigen- Spezies und die neueren Abstraktionstheorien«,
ständigkeit der Bedeutungen klar ab. Bedeutungen als macht Husserl zum einen seine Auffassung von den
ideale, identische Einheiten unterscheidet er von der Bedeutungen als idealen, allgemeinen Gegenständen
Mannigfaltigkeit der Akte, in denen sie sprachlich zum deutlicher und kritisiert zum anderen eine Reihe
Ausdruck gebracht werden können. Genau genom- von anderen Theorien des Allgemeinen. Die Unter-
men unterscheidet er die in der Relation eines seman- suchung hat dabei einen eindeutig phänomenologi-
tischen Dreiecks stehenden Elemente von sinnlichem schen Charakter, denn Husserl insistiert in ihr immer
Ausdruck, idealer Bedeutung und dem Bezugsgegen- wieder auf den evidenten Unterschieden der Bewusst-
stand, der für die phänomenologische Untersuchung seinsweisen, die zwischen der Bezugnahme auf Ein-
aber weitgehend außer Acht bleibt. Ausdrücke bezie- zelnes und auf Allgemeines bestehen: Der »Akt, in
hen sich dabei mittels ihrer Bedeutung auf Gegenstän- dem wir Spezifisches meinen, [ist] in der Tat wesent-
de (vgl. 54). Den Bedeutungen kommt gegenüber den lich verschieden [...] von demjenigen, in dem wir In-
Ausdrücken und den Gegenständen eine eigene Iden- dividuelles meinen« (113). Zu dem, was Husserl das
tität zu. Husserl konzipiert die Bedeutungen als abs- Spezifische nennt, gehören die Bedeutungen, die die
trakte, allgemeine Gegenstände, die sich in zahlreichen Domäne der reinen Logik bilden. Mit der Verteidi-
einzelnen Akten konkret vereinzeln können. Diese Be- gung von ihrer Eigenständigkeit und Irreduzibilität
deutungen als allgemeine Gegenstände bezeichnet er beabsichtigt Husserl »das Hauptfundament für die
60 III Werk – A Veröffentlichte Texte

reine Logik« zu sichern (112). Den Ausgangspunkt postasierung von allgemeinen Gegenständen zu realen
bildet dafür die getreue Analyse jener Akte, in denen mentalen Entitäten vor. Schließlich kritisiert er an die-
wir allgemeine Gegenstände wie etwa eine Zahl, die sen Theorien die Umdeutung von Individuellem oder
Röte, den Satz des Widerspruchs oder die Idee des Sondervorstellungen zu Allgemeinem, wodurch die
gleichseitigen Dreiecks vorstellen. Husserl betont, phänomenologischen Befunde des Allgemeinheits-
dass solche und andere Universalien nicht nur anders bewusstseins erneut missachtet werden.
als reale Gegenstände vorgestellt werden, sondern Die Untersuchung schließt mit einem Kapitel, in
dass »die Eigenberechtigung des idealen Seins [durch] dem Husserl mehrere verschiedene Begriffe von ›Abs-
keine Interpretationskunst der Welt« (131) eliminiert traktion‹ und ›abstrakt‹ sorgsam unterscheidet. In
werden kann und sie auch nicht nur auf einer bloßen diesem Zusammenhang erwähnt er zuletzt auch kurz
fa‫ذ‬on de parler beruht. Ideale allgemeine Gegenstände seine eigene Theorie der ideierenden Abstraktion, der
sind anders als reale nicht durch die Zeit individuiert, gemäß die allgemeinen Gegenstände so vorgestellt
sondern haben als zeitlose Einheiten (vgl. 146) ein un- werden, dass wir angesichts von einzelnen Anschau-
zeitliches Sein (vgl. 129). Sie lassen sich auch nicht aus ungen einen besonderen Akt vollziehen, der auf das
der bloßen Gleichheit von mehreren ähnlichen Din- Allgemeine gerichtet ist (vgl. 226). Husserl ist sich da-
gen oder Eigenschaften ableiten, da bereits jeder sol- rüber im Klaren, dass es »aussichtslos [ist], die Eigen-
che Vergleich einen identischen Gesichtspunkt des geltung der Rede von allgemeinen Gegenständen
Vergleichs implizit voraussetzt (vgl. 117 f.). überzeugungskräftig dartun zu wollen, wenn man
Husserls Konzeption der idealen, allgemeinen Ge- nicht den Zweifel behebt, wie solche Gegenstände vor-
genstände wird in der II. Untersuchung vor allem da- stellig werden können« (128), aber seine eigene Klä-
durch verdeutlicht, dass er sie mit drei andersartigen rung dieses Vorstellens liefert er nicht in der vorwie-
Auffassungen der Universalien kontrastiert: (1) dem gend kritisch ausgerichteten II. Untersuchung, son-
platonischen Ideenrealismus, (2) dem Nominalismus dern erst in der Theorie der kategorialen Anschauung
und (3) den empiristischen Abstraktionstheorien. Mit aus der VI. Logischen Untersuchung (vgl. ebd. § 52).
Ersterem setzt er sich nicht en détail auseinander, da er 3) Die Untersuchung »Zur Lehre von den Ganzen
ihn »als längst erledigt« (128) betrachtet und jede me- und Teilen« hat das Ziel, ganz allgemeine Charakteris-
taphysische Hypostasierung des Allgemeinen ablehnt. tika von Gegenständen im weitesten Sinne des Wortes
In der Tat ist Husserls eigene Auffassung der idealen begrifflich klar zu fixieren. Gegenstände können zu-
Gegenstände als nicht zeitlicher Geltungseinheiten al- sammengesetzte oder einfache sein, d. h. Teile haben
lerdings stark von Herrmann Lotzes Interpretation der oder keine Teile haben. Den Begriff des Teils eines
Platonischen Ideenlehre beeinflusst, die auf Husserl Ganzen differenziert Husserl, indem er selbstständige
große Wirkung gehabt hat (vgl. XVIII 229; Beyer 1996; und unselbstständige Teile unterscheidet, die er als
Lotze 1880, 505 ff.). Dem Nominalismus wirft Husserl Stücke bzw. als Momente bezeichnet. Anders als die
eine fehlerhafte Umdeutung des Allgemeinen in Ein- Momente lassen sich die Stücke gesondert von einem
zelnes vor, die die deskriptiven Unterschiede zwischen zugehörigen Ganzen vorstellen oder denken. Für die
den Erlebnissen des Allgemeinen und des Einzelnen ontologische Zielsetzung der III. Untersuchung ge-
wegerklären will und die daher nicht phänomengetreu nügt Husserl aber eine derart subjektive Grundlage
ist. Am ausführlichsten setzt sich Husserl jedoch mit zur Begriffsbestimmung alleine nicht. Was einen
den empiristischen Abstraktionstheorien auseinander, selbstständigen oder unselbstständigen Teil nämlich
wobei er vor allem auf die unterschiedlichen Theorien zu dem macht, was er ist, hängt nicht von unseren
von John Locke, George Berkeley, William Hamilton, mentalen Kapazitäten, sondern von objektiv notwen-
John St. Mill, William James, David Hume, Hans Cor- digen Gesetzmäßigkeiten ab, die unbedingt all-
nelius oder Johann E. Erdmann eingeht. In seiner viel- gemeingültig sind. Demgemäß sind Stücke so de-
schichtigen Kritik an deren Theorien tauchen manch- finiert, dass sie ihrem Wesen nach auch unabhängig
mal ähnliche Argumente mehrfach auf. So wirft Hus- von anderem existieren können, wohingegen Mo-
serl den empiristischen Ansätzen ähnlich wie in seiner mente nur als Teile eines Ganzen sein können. Husserl
Psychologismuskritik eine Verwechselung der psycho- verdeutlicht diese Gesetzmäßigkeiten mit mehreren
logisch-genetischen Erklärung von Abstraktionserleb- Beispielen. So kann das Bein eines Stuhls – ein Stück –
nissen mit der logischen Analyse von deren gedank- auch ohne den Rest des Möbelstücks existieren, aber
lichem Gehalt vor. Des Weiteren wirft er den empiristi- eine Farbe – als Moment – ohne Ausdehnung ebenso
schen Abstraktionstheorien eine psychologische Hy- wenig sein wie eine Tonhöhe ohne Tonintensität. Die
7 »Logische Untersuchungen« 61

hierbei herrschenden apriorischen Gesetzmäßigkei- sich bedeutsam sind, sondern der Ergänzung durch
ten können formaler, analytischer oder materialer, andere Bedeutungselemente bedürfen, sind erstere
synthetischer Art sein, womit Husserl zentrale Ele- selbstständig. Husserl betont, dass diese sprachlichen
mente seiner späteren Unterscheidung zwischen for- Unterschiede ihren Grund in innerhalb des Bedeu-
malen und materialen Ontologien vorwegnimmt. tungsgebiets herrschenden Wesensgesetzmäßigkeiten
Während formale Gesetze nur Begriffe enthalten, die haben. Diese sind Gesetze, die den möglichen Aufbau
frei von sachhaltigen Materien sind, kommen den ma- von zusammengesetzten Bedeutungseinheiten a prio-
terialen Gesetzen diese sachhaltigen Begriffe zu, wo- ri regeln. Husserls Ziel ist es, alle diese formalen Ge-
für erneut das material-ontologische Gesetz, dass Far- setzmäßigkeiten in einer »Formenlehre der Bedeu-
be nicht ohne Ausdehnung vorkommen kann, ein tungen« zu ermitteln. Er ist davon überzeugt, »daß die
Beispiel ist. Bedeutungen unter apriorischen Gesetzen stehen,
Die Untersuchung führt des Weiteren einen für die welche ihre Verknüpfung zu neuen Bedeutungen re-
gesamte Phänomenologie zentralen Begriff der Fun- geln« (325). Die Ermittlung dieser Gesetze in der For-
dierung ein, der mit der Ergänzungsbedürftigkeit er- menlehre der Bedeutungen bildet zugleich die unters-
läutert wird. Demgemäß ist ein A fundiert, wenn es zu te Stufe in der von Husserl konzipierten reinen Logik.
seiner Existenz der Ergänzung durch ein B bedarf (vgl. Die Formenlehre behandelt noch keine Wahrheits-
§ 17). A und B stehen hier in einem Fundierungsver- und Geltungsfragen, sondern nur die Bedingungen,
hältnis, von denen Husserl einseitige und wechselsei- unter denen überhaupt Bedeutungsverknüpfungen
tige unterscheidet. Ein Beispiel für eine einseitige sinnvoll möglich sind, dient also der Ausscheidung
Fundierung ist, dass ein Urteils- oder ein Willensakt von Unsinn. Diese Lehre von den Bedeutungsformen,
nicht ohne einen zugrundeliegenden objektivieren- bzw. vom möglichen Aufbau sinnvoller Bedeutungs-
den Akt bestehen kann; ein Beispiel für eine wechsel- komplexionen, bezeichnet Husserl auch als reinlogi-
seitige Fundierung ist, dass Farbe nicht ohne Ausdeh- sche Grammatik. Gemäß der Idee einer rein logischen
nung und umgekehrt sein kann. Außerdem unter- Grammatik gibt es universell gültige Regeln, von de-
scheidet Husserl mittelbare und unmittelbare Fundie- nen der Aufbau aller zusammengesetzten Bedeu-
rungsverhältnisse von einheitlichen Ganzheiten. tungseinheiten a priori abhängt. Husserl betont, dass
Den in dieser Untersuchung entwickelten Unter- diese Universalgrammatik keine empirischen (psy-
scheidungen und insbesondere dem Fundierungs- chologischen oder bloß sprachlichen) Grundlagen
begriff kommt in den LU an mehreren Stellen eine hat, sondern in den idealen Wesensgesetzmäßigkeiten
wichtige Funktion zu. So können Husserls Analysen des Bedeutungsgebiets gründet.
des ›Inhalts‹ von intentionalen Erlebnissen, die sich in 5) Die Bedeutungen und idealen Gegenstände der
der V. LU finden, ebenso vor dem Hintergrund der reinen Logik werden in dieser und der folgenden Un-
hier gewonnenen formal-ontologischen Begrifflich- tersuchung auf ihren Ursprung in besonderen inten-
keiten verstanden werden wie die IV. Untersuchung tionalen Erlebnissen zurückgeführt. Diese beiden
durch sie vorbereitet wird. »phänomenologischen Hauptuntersuchungen« (780)
4) In dieser Untersuchung »Der Unterschied der spielen daher für Husserls erkenntnistheoretisches
selbständigen und der unselbständigen Bedeutungen Ziel der Klärung und Begründung der reinen Logik
und die Idee der reinen Grammatik« wendet Husserl eine Schlüsselrolle. Der V. Untersuchung »Über inten-
die in der III. Untersuchung aufgewiesenen Gesetz- tionale Erlebnisse und ihre Inhalte« kommt das Ver-
mäßigkeiten auf das Gebiet der Bedeutungen an. Aus- dienst zu, den zentralen Begriff des Bewusstseinsaktes
gangspunkt ist dabei die Beobachtung, dass auch Be- in seinen wesentlichen Elementen phänomenologisch
deutungen in sich einfach oder aus mehreren Bedeu- genau zu analysieren. Am Anfang steht dabei eine
tungselementen zusammengesetzt sein können. Der Klärung des vieldeutigen Terminus »Bewusstsein«.
allgemeine Unterschied zwischen einfachen und Husserl unterscheidet drei Bedeutungen dieses Be-
komplexen Gegenständen findet sich somit auch im griffs: Bewusstsein als Einheit des Erlebnisstroms, als
Bedeutungsgebiet. Ebenso unterscheidet Husserl zwi- inneres Gewahrwerden eigener Erlebnisse und als Be-
schen selbstständigen und unselbstständigen Bedeu- zeichnung für intentionale Erlebnisse (vgl. 356). Im
tungen – ein Unterschied, der sich auf der Ebene des Mittelpunkt seines Interesses steht der dritte Begriff,
sprachlichen Ausdrucks u. a. in der Unterscheidung denn die intentionalen Erlebnisse sind es, in denen die
zwischen kategorematischen und synkategoremati- rein logischen Bedeutungen ebenso wie alle anderen
schen Ausdrücken spiegelt. Während letztere nicht für von uns erfahrenen Dinge ursprünglich gegeben sind.
62 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Das Ziel der V. Untersuchung besteht darin, die we- Neben Husserls wirkungsmächtigen Analysen der
sentlichen Elemente von intentionalen Erlebnissen intentionalen Erlebnisse enthält der hintere Teil der V.
herauszuarbeiten, um dann in der folgenden Unter- Untersuchung (Kapitel  3–6) detaillierte Ausführun-
suchung die Besonderheiten der Bedeutungsintentio- gen zum Begriff der Vorstellung. Anlass ist dafür er-
nen und ihren Erfüllungen in den Blick zu nehmen, da neut eine These von Brentano, der nämlich behauptet
diesen bei der Begründung der reinen Logik die ent- hatte, dass alle psychischen Akte entweder selbst Vor-
scheidende Rolle zukommt. stellungen seien oder in solchen fundiert seien, wie et-
In enger Auseinandersetzung mit der Theorie sei- wa Urteile und Willensakte. Vorstellungen sind ge-
nes Lehrers Franz Brentano bestimmt Husserl die in- mäß Brentano eine eigene, für alle anderen intentio-
tentionalen Erlebnisse als solche, die eine Ausrichtung nalen Erlebnisse grundlegende Aktklasse, die uns ur-
auf eine Gegenständlichkeit und einen ›Inhalt‹ haben. sprünglich erst den Gegenstandsbezug ermöglicht.
Brentano hatte die Intentionalität im Rahmen seiner Husserl kritisiert diese vermeintliche Sonderfunktion
deskriptiven Psychologie wieder in die philosophische von Vorstellungen, da sie für ihn lediglich Akte mit ei-
Diskussion gebracht. Husserl knüpft an die Bestim- ner spezifischen Qualität sind, die aber denen von an-
mungen aus dem ersten Band von Brentanos Psycho- deren Akten, wie zum Beispiel den Urteilen oder Wil-
logie vom empirischen Standpunkt kritisch an und ent- lensakten, keineswegs vor-, sondern nur nebengeord-
wickelt auf dieser Basis sein sehr ausdifferenziertes net sind. Brentanos These von den fundierenden Vor-
Verständnis der intentionalen Erlebnisse. Anders als stellungen veranlasst Husserl außerdem zu einer
Brentano hält er nicht alle psychischen Phänomene äußerst differenzierten Betrachtung des vieldeutigen
für intentional, da er innerhalb der intentionalen Er- Vorstellungsbegriffs, an deren Ende er 13 verschiede-
lebnisse Aufbaustücke, wie zum Beispiel Empfindun- ne Bedeutungen von ›Vorstellung‹ unterscheidet. Im
gen, als ›reelle‹, aber nicht selbst schon intentionale Zuge seiner Kritik an Brentano kommt Husserl außer-
Momente begreift (vgl. 387, 411 ff.). Von diesem ›reel- dem zur Einführung seines wichtigen Begriffs der ob-
len Inhalt‹ der Bewusstseinsakte unterscheidet er den jektivierenden Akte (498 ff.). Ähnlich wie Brentanos
›intentionalen Inhalt‹, worunter er drei verschiedene ›Vorstellungen‹ sind diese aufgrund der in ihnen lie-
Momente versteht: den »intentionalen Gegenstand« genden intentionalen Materie selbst ursprünglich ge-
als den Bezugsgegenstand des Aktes, die »intentionale genständlich gerichtet und haben darüber hinaus die
Materie« als den Sinn, der dem Akt »allererst die Be- »einzigartige Funktion, allen übrigen Akten die Ge-
ziehung auf ein Gegenständliches verleiht« (429), und genständlichkeit zuallererst vorstellig zu machen«
das »intentionale Wesen« als die Einheit von Materie (515). Intentionale Erlebnisse sind damit gemäß den
und Qualität des Aktes. Unter der Qualität versteht LU stets entweder objektivierende Akte oder sie haben
Husserl die Weise, in der wir auf einen Gegenstand solche zur Grundlage. In späteren Jahren, und vor al-
Bezug nehmen, was etwa in Form von Wahrnehmun- lem im Kontext der Entstehung von Husserls geneti-
gen, Erinnerungen, Erwartungen, Urteilen, Phan- scher Phänomenologie, hat Husserl dann diese Auf-
tasien usw. geschehen kann. Sowohl die intentionale fassung deutlich modifiziert (vgl. Melle 1990).
Materie als auch die intentionale Qualität sind im Sin- 6) Nachdem zuvor die intentionale Struktur des Be-
ne der III. Untersuchung unselbstständige Bestandtei- wusstseins als ein Wesensmerkmal herausgestellt wur-
le von Akten, können also nur gemeinsam in der Ein- de, fragt diese umfangreiche Untersuchung »Elemente
heit des intentionalen Wesens auftreten. Bei den für einer phänomenologischen Aufklärung der Erkennt-
die Begründung der reinen Logik besonders wichti- nis« nach den spezifischen intentionalen Verhältnissen
gen Bedeutungsintentionen bezeichnet Husserl diese bei den Erkenntnisakten. Durch deren Analyse soll der
Einheit als »bedeutungsmäßiges Wesen«. Den Zu- erkenntnistheoretische Grundstein für die Begrün-
sammenhang zwischen den Empfindungen als reel- dung der reinen Logik mit ihren idealen Gegenstän-
lem Inhalt und dem Gegenstandsbezug des intentio- den, also für die Erreichung des »Ziel[s], den Ursprung
nalen Erlebnisses konzipiert Husserl so, dass mit dem der Idee Bedeutung klarzulegen« (538), gelegt werden.
Akt eine gegenständliche Auffassung oder Apperzep- Reinlogische Gegenstände haben gemäß Husserl ihren
tion der Empfindungsgehalte vollzogen wird; erst phänomenologischen Ursprung in einer besonderen
durch diese Auffassung der erlebbaren, aber selbst Klasse von Akten, nämlich den Bedeutungsintentio-
noch keinen Gegenstandsbezug habenden Empfin- nen, deren Analyse daher im Zentrum der VI. Unter-
dungen wird ein gegenständlicher Bezug ermöglicht suchung steht. Husserl untersucht den Ursprung von
(vgl. 397–400). diesen in Bedeutungsfunktion stehenden Akten und
7 »Logische Untersuchungen« 63

ihren Gegenständen. Er stellt fest, dass die Wahrneh- Übereinstimmung zwischen Gemeintem und Gege-
mungen oder Anschauungen zwar selbst keine Bedeu- benem als solchem« (651 f.) und als der in der Evidenz
tungsträger sind, sich die Bedeutungsintentionen aber gegebene »wahrmachende« Gegenstand verstanden
auf ihrer Grundlage aufbauen. Zwischen den An- werden (vgl. § 39). Außerdem kann sie als das ideale
schauungsakten und den Akten, in denen wir einen Verhältnis der erwähnten Deckungssynthesis und
Gegenstand bloß meinen, kann es hinsichtlich der in- auch als richtige, sachangemessene Intention be-
tentionalen Materien zu einer identifizierenden De- stimmt werden. Husserl vielschichtiger Wahrheits-
ckung kommen. Solche Deckungssynthesen zwischen begriff gründet in seinen minutiösen Intentionalana-
leer meinendem und anschaulich gebendem Akt sind lysen, aus denen sich das Verständnis der Wahrheit
die phänomenologische Basis von Erkenntnis. Gemäß vor dem Hintergrund der Deckungssynthesis ergibt
Husserl liegt Erkenntnis dann vor, wenn ein gemeinter (vgl. Tugendhat 1970; Bernet 1981).
Gegenstand in einem Anschauungsakt auch gegeben Die Analysen der Erfüllung von kategorial geglie-
ist, bzw. das in der Anschauung Gegebene angemessen derten Bedeutungsintentionen bauen auf den Er-
zum Ausdruck kommt. Solche Synthesen können so- gebnissen der zuvor erörterten Erkenntnisphänome-
wohl bei einfachen Ausdrücken, wie vor allem den no- nologie auf. Die Erfüllung dieser komplexeren Be-
minalen Akten, als auch bei komplexen Akten und den deutungsintentionen ist jedoch mit der Schwierigkeit
kategorial gegliederten Sätzen auftreten. Der erste Ab- verbunden, dass diese Akte Bedeutungselemente ent-
schnitt der VI. Untersuchung analysiert die Grund- halten, die nicht direkt in der Anschauung gegeben
lagen der Erkenntnis im Fall der elementaren Akte und werden können. Solche kategorial gliedernden Ele-
der zweite jene von kategorialen Akten. mente werden sprachlich etwa durch Formworte wie
Bei der Analyse der Erkenntnis zeigt Husserl, dass »ein, einige, viele, wenige, zwei, ist, nicht, welches, und,
sich die Erkenntnis ermöglichende Identitätssynthese oder usw.« (658) zum Ausdruck gebracht. Mittels ihrer
zwischen den intentionalen Materien der bloß mei- konstituieren wir Sachverhalte, die neben sinnlich geb-
nenden und der gegenstandsgebenden Anschau- baren Gehalten auch nicht-sinnliche Formelemente
ungen nicht immer im vollen Maße einstellt. Daher enthalten, mit denen die stofflichen Gehalte in eine
unterscheidet Husserl verschiedene Erkenntnisstufen, Synthese zusammengeführt werden. Kategoriale Akte
die davon abhängen, mit welchem Grad an Fülle, d. h. liegen außerdem dort vor, wo sich die Intentionen auf
Vollständigkeit und Lebendigkeit, ein Gegenstand in allgemeine Gegenstände wie zum Beispiel die Farbe,
der Anschauung gegeben ist. Hier sind Steigerungs- die Idee eines Dreiecks, die Röte, aber auch logische
oder Vollkommenheitsstufen möglich, die in einem Kategorien wie Sein, Nicht, Einheit, Allheit usw. bezie-
Ideal der kompletten Selbstdarstellung des Gegen- hen. Diese unterschiedlichen kategorialen Gegen-
standes kulminieren. Dieses Erkenntnisideal ist aller- ständlichkeiten lassen sich zwar in keiner sinnlichen
dings in der sinnlichen Wahrnehmung nicht realisier- Anschauung geben, aber sie sind gemäß Husserl doch
bar, da diese prinzipiell keinen Gegenstand allseitig erkennbar und nicht bloß denkbar. Die Weise der Er-
und damit vollständig geben kann. Dennoch führt das füllung von den auf solche Gegenstände gerichteten
Ideal der adäquaten Selbstdarstellung eines Gegen- Denkakten nennt Husserl kategoriale Anschauung. Sie
standes zu dem für Husserls Erkenntnisphänomeno- ist zwar in den sinnlichen Wahrnehmungen fundiert,
logie ebenso entscheidenden wie problematischen Be- also keine intellektuelle Anschauung, aber doch auf
griff der Evidenz. Evidenz, das Erlebnis der Gegeben- Nicht-Sinnliches bezogen. Husserl erweitert den Be-
heit von etwas, hat je nach dem Charakter der ihr zu- griff der Anschauung über den der sinnlichen An-
grundeliegenden Deckungssynthesis zwischen dem schauung, da auch kategoriale Gegenstände mehr oder
Gemeinten und dem Gegebenen verschiedene Stile. weniger vollständig anschaulich gegeben und nicht nur
Im prägnanten Sinne liegt die Evidenz im engeren leer gemeint bzw. gedacht sein können. Die fundierten,
Sinne bei dem Idealfall der vollkommenen Deckungs- kategorialen Gegenstände teilt Husserl weiter in solche
synthesis von meinendem und anschaulich gebendem ein, bei denen »die synthetischen Intention auf die Ge-
Akt vor, denn darin ist alles Gemeinte auch vollstän- genstände der fundierenden Wahrnehmungen mit ge-
dig gegeben. Husserls Erkenntnisanalysen führen am richtet« (690) ist – wie zum Beispiel bei den Sachver-
Ende des ersten Abschnitts der VI. Untersuchung halten –, und solche, bei denen dies nicht der Fall ist.
schließlich zur Einführung des Wahrheitsbegriffs, den Letzteres geschieht dort, wo sich eine Intention auf all-
Husserl hier auf unterschiedliche Weisen versteht. So gemeine Gegenstände, also zum Beispiel die Röte oder
kann Wahrheit als die in der Evidenz erlebte »volle das Dreieck als nichtempirischen Gegenstand bezieht.
64 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Insofern auch die idealen Bedeutungen als Gegenstän- nem ›wirklichen Vollzug‹ auch realisieren lassen. Die-
de der reinen Logik allgemeine Gegenstände sind, ist se Konzeption der Erfüllung von kategorialen An-
die Analyse der Erfüllung der auf sie gerichteten Inten- schauungen durch den wirklichen Vollzug hat Husserl
tionen für Husserls »Phänomenologie des Logischen« bei den Umarbeitungen zur Neuauflage der LU eben-
(533) in den LU besonders entscheidend. Allgemeine so wie manch anderes Theoriestücke aus der VI. Un-
Gegenstände sind gemäß Husserl in einer besonderen tersuchung erheblich verändert (vgl. Lohmar 1990;
Form von kategorialer Anschauung gegeben – den ›all- 1998). Dennoch enthalten die Analysen aus dieser
gemeinen Anschauungen‹. Sie richten sich auf der Ba- Untersuchung grundlegende Einsichten in die Struk-
sis von mehreren fundierenden Anschauungen mit tur von Erkenntnis als eines Verhältnisses der Erfül-
ähnlichen intentionalen Materien auf das sich darin lung von Intentionen, an denen Husserl sein Leben
durchhaltende Gemeinsame und machen dieses zur lang festgehalten hat.
Auffassungsgrundlage für die Erfassung des Allgemei-
nen. In den LU bezeichnet Husserl diese Anschauung Literatur
des Allgemeinen auch als »ideierende Abstraktion« Bernet, Rudolf: Logik und Phänomenologie in Husserls
(vgl. § 52), in späteren Werken dann als Wesenser- Lehre von der Wahrheit. In: Tijdschrift voor Filosofie 43
(1981), 35–89.
schauung oder Wesensschau. Da die gesamte Phäno- Beyer, Christian: Von Bolzano zu Husserl. Eine Untersuchung
menologie Erkenntnisse von nichtempirischen, all- über den Ursprung der phänomenologischen Bedeutungs-
gemeinen Wesensstrukturen beansprucht, hat die Me- lehre. Dordrecht 1996.
thode der ideierenden Abstraktion für den Wissen- Dahlstrom, Daniel O. (Hg.): Husserl’s Logical Investigations.
schaftscharakter von Husserls Philosophie eine Dordrecht/Boston 2003.
Grünewald, Bernhard: Der phänomenologische Ursprung des
herausragende Bedeutung. Auch für die erkenntnis-
Logischen. Eine kritische Analyse der phänomenologischen
theoretische Begründung ist die allgemeine Anschau- Grundlegung der Logik in Edmund Husserls ›Logischen
ung zentral, denn wenn es in der Logik auch um kate- Untersuchungen‹. Kastellaun 1977.
goriale Formen als solche geht, gründet deren Gege- Heffernan, George: Bedeutung und Evidenz bei Edmund
benheit in einer hochstufigen »kategorialen Abstrakti- Husserl. Das Verhältnis zwischen der Bedeutungs- und Evi-
on« (707, 713), die auf der Grundlage von kategorialen denztheorie der ›Logischen Untersuchungen‹ und der ›For-
malen und Transzendentalen Logik‹. Bonn 1993.
Anschauungen die in diesen liegenden Formelemente
Heidegger, Martin: Prolegomena zu einer Geschichte des Zeit-
als Allgemeine erfasst. Die logischen Kategorien erwei- begriffs [1925]. Hg. von Petra Jaeger. Frankfurt a. M.
sen sich so als nichtsinnliche, aber in der Sinnlichkeit 31994.

fundierte allgemeine Formelemente von Bedeutungs- Heidegger, Martin: Logik. Die Frage nach der Wahrheit
intentionen. Rein logische Kategorien wie zum Beispiel [1925/26]. Hg. von Walter Biemel. Frankfurt a. M. 21995.
»Einheit, Mehrheit, Beziehung, Begriff« (713) gehören Lohmar, Dieter: Wo lag der Fehler der kategorialen Reprä-
sentation? In: Husserl Studies 7 (1990), 179–197.
für Husserl zwar in den Bereich des reinen Verstandes, Lohmar, Dieter: Erfahrung und kategoriales Denken. Dord-
aber sie haben ihren Ursprung in den kategorialen Abs- recht 1998.
traktionen, die sich auf die wesenhaften Formelemente Lotze, Hermann: Logik. Drittes Buch. Vom Erkennen [1880].
aus kategorialen Anschauungen beziehen, die ihrer- Hg. von Gottfried Gabriel. Hamburg 1989.
seits in sinnlichen Anschauungen fundiert sind. Mayer, Verena (Hg.): Edmund Husserl, Logische Unter-
suchungen. Berlin 2008.
Aufgrund der Korrelation von Anschauung und
Melle, Ullrich: Objektivierende und nicht-objektivierende
Gegenstand haben Husserls Analysen der kategoria- Akte. In: Samuel Ijsseling (Hg.): Husserl-Ausgabe und
len Anschauungen auch formal-ontologische Kon- Husserl-Forschung. Dordrecht 1990, 35–49.
sequenzen. Für Husserl ist klar, dass die Bedingungen Mohanty, Jitendra Nath: Edmund Husserl’s Theory of Mea-
der Möglichkeit von kategorialen Anschauungen auch ning. Den Haag 1969.
die Bedingungen der Möglichkeit von den Gegenstän- Mohanty, Jitendra Nath: Readings on Edmund Husserl’s Logi-
cal Investigations. Den Haag 1977.
den solcher Anschauungen betreffen (vgl. 718 f.), so Peucker, Henning: Psychologismen und ihre Kritik in Hus-
dass mit der Bestimmung der ideal möglichen For- serls Phänomenologie. In: David Carr/Christian Lotz
men von kategorialen Anschauungen auch die ideal (Hg.): Subjektivität – Verantwortung – Wahrheit. Neue As-
möglichen Formen von Gegenständen überhaupt be- pekte der Phänomenologie Edmund Husserls. Berlin/New
stimmt werden. Welche Gegenstandsformen am Ende York 2002, 149–162.
Peucker, Henning: Von der Psychologie zur Phänomenologie.
nicht nur denkbar, sondern in kategorialen Anschau-
Husserls Weg zur Phänomenologie der ›Logischen Unter-
ungen auch tatsächlich erfüllt gegeben werden kön- suchungen‹. Hamburg 2002.
nen, hängt gemäß den LU davon ab, ob sie sich in ei-
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« 65

Tugendhat, Ernst: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Hei- 8 »Ideen zu einer reinen
degger. Berlin 21970.
Zahavi, Dan/Stjernfelt, Frederik: One Hundred Years of Phe-
Phänomenologie und
nomenology. Husserl’s Logical Investigations Revisited. phänomenologischen
Dordrecht 2002.
Zahavi, Dan: Intentionalität und Konstitution. Eine Einfüh-
Philosophie«
rung in Husserls Logische Untersuchungen. Kopenhagen
1992. Verfasst innerhalb von sechs Wochen »wie im trance«,
Henning Peucker wie Husserl seiner Assistentin Edith Stein anvertraute
(Hua Dok III/4I, 413), und publiziert mehr als zehn
Jahre nach den Logischen Untersuchungen (1900–
1901), offeriert Husserl mit den Ideen I (1913) eine
transformierte phänomenologische Philosophie als
›neue Wissenschaft‹ ohne direkten historischen Vor-
gänger. Wie Husserl in seiner Einleitung betont, stellt
diese neue Wissenschaft einer reinen Phänomenolo-
gie gewöhnliche Denkmuster und etablierte philoso-
phische Annahmen auf den Kopf. Mit seiner selbst-
ernannten Neuartigkeit muss Husserls reine Phäno-
menologie und phänomenologische Philosophie sei-
nen ersten Leser/innen mit Sicherheit aufgestoßen
sein, wie dies auch wohl heute noch aufgrund seines
Wagemuts, eine neue Wissenschaft des Phänomens
oder des Logos des Phänomens zu erklären, der Fall
sein dürfte. Während Husserl in seiner Einleitung ein-
räumt, dass dieses Unternehmen fremdartig und in
der Tat seltsam erscheinen mag, so ist dieses phäno-
menologische Unternehmen nichtsdestotrotz dazu
gedacht, ein vollkommen bekanntes und erkennbares
Desideratum zu erfüllen. Obwohl es Husserls Intenti-
on in den Ideen I war, einen neuen Anfang in der Ge-
schichte der Philosophie zu machen, strebt dieser
neue phänomenologische Anfang danach, das ur-
sprüngliche historische Ziel der Philosophie, eine
strenge Wissenschaft zu werden, zu erfüllen. Husserl
bestimmt die Idee der Philosophie als strenger Wis-
senschaft als den ursprünglichen Impuls der Philoso-
phie in dessen platonischen Anfang und appelliert in
seinem früheren Aufsatz von 1911 »Philosophie als
strenge Wissenschaft« an seine Zeitgenossen, noch
einmal dieses edle Streben zu verfolgen. Wenn auch
Husserls Ideen I auf diese Weise danach trachten, die-
ses ursprüngliche Streben der Philosophie zu realisie-
ren, so nähern sie sich ebenso einer Ausschöpfung des
genuinen Durchbruchs von Husserls Denken in den
Logischen Untersuchungen mit transzendentalen Mit-
teln. In den Jahren nach den Logischen Untersuchun-
gen hat sich Husserls intensive Lektüre Kants und sei-
ne kritische Aufmerksamkeit bezüglich seiner neu-
kantianischen Zeitgenossen mit dem Ehrgeiz verbun-
den, eine phänomenologische Kritik der Vernunft
nach transzendentalem Vorbild zu entwickeln. In ei-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_9, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
66 III Werk – A Veröffentlichte Texte

ner Weise, welche beträchtliche Zurückhaltung Hus- Phänomenologie‹ besteht, wie kann eine solche Ein-
serls eigener Student/innen zu jener Zeit hervorrief, stellung mittels der Ideen I gelehrt oder beigebracht
stellen die Ideen I eine wesentliche transzendentale werden, und zwar mittels jeglicher Form der sprach-
Neufassung des phänomenologischen Zugangs in den lichen Verständigung? Vieles von Husserls Denken in
Logischen Untersuchungen dar. In beiden Beziehun- den Ideen I ist aus der phänomenologischen Einstel-
gen, jener zur Geschichte der Philosophie und jener lung heraus geschrieben, und dennoch adressieren die
zu Husserls eigenem Denken, setzen die Ideen I eine Ideen I eine Leserschaft, für welche diese Einstellung
zweifache Erneuerung in Gang: einen neuen Anfang und dieses Unternehmen definitionsgemäß neuartig
in der Geschichte der Philosophie mit dem Projekt ei- sein muss. Auf der einen Seite kann Husserl die Ein-
ner reinen Phänomenologie als strenger Wissenschaft stellung, von welcher die Phänomenologie spricht,
anzustreben und einen erneuerten Anfang der phäno- nicht schon voraussetzen, und dennoch kann auf der
menologischen Philosophie mit dessen transzenden- anderen Seite Husserls Unternehmen von außerhalb
taler Transformation der zentralen Einsichten der Lo- dieser Einstellung nur als unverständlich erscheinen
gischen Untersuchungen zu markieren. oder aufs schwerste missverstanden werden. Ange-
Diese verschlungene doppelte Erneuerung wird im sichts dieser offensichtlichen Zirkularität gestalten
Titel von Husserls Buch mit der Präposition zu und sich die Ideen I als eine phänomenologische Pädago-
der Unterscheidung zwischen ›reiner Phänomenolo- gik: ihre Herausforderung besteht darin, eine neue
gie‹ und ›phänomenologischen Philosophie‹ ange- Einstellung beizubringen, eine neue Methode anzulei-
zeigt. Der Tenor und die Intention der Ideen I äußern ten und dessen angemessene Motivation und leitende
sich in diesem vorausblickenden Vorstoß in Richtung Idee anzustoßen.
reiner Phänomenologie und mittels der reinen Phäno- Husserl eignet sich in dieser Weise stillschweigend
menologie in Richtung phänomenologischer Philoso- das Platonische (aber auch Cartesianische) Motiv des
phie. Diese Dynamik des ›zu‹ ist im Verlauf der Ideen I philosophischen Gedankens als dem Einsetzen eines
gebrochen und wird in Husserls Metapher der Unter- Bruches mit der Welt an. Entgegen der Platonischen
suchung reflektiert: die Phänomenologie wird charak- Bedeutung aber, welche diesem Abwenden von der
terisiert als die Entdeckung ›einer ganz neuen Welt‹ Welt hin zum übersinnlichen Bereich der Ideen gege-
und der phänomenologische Philosoph wird vergli- ben wird, oder der Cartesianischen Bedeutung des
chen mit einem ›Entdecker‹ von neu entdeckten ›Er- Zweifels an den Gegebenheiten der Welt um die
fahrungsfeldern‹. Wie Husserl bemerkt, wir »suchen selbstsichere Innerlichkeit des cogito und dessen im-
den Weg« (vgl. Hua III/1, 1) in den Ideen I in Richtung manente Idee Gottes zu entdecken, gibt Husserls radi-
einer reinen Phänomenologie und phänomenologi- kale Transformation der Einstellung nicht die Welt der
schen Philosophie. Erfahrung auf oder weicht vor ihr zurück. Im Gegen-
Ein philosophisches Werk wie die Ideen I, welches teil, wie dies im Begriff ›Phänomenologie‹ eingefan-
eine neue Form des Denkens verspricht, muss in der gen ist und wie Husserl selbst betont, begründet ›die
Lage sein, die Motivation, die Methode und das leiten- phänomenologische Fundamentalbetrachtung‹ eine
de Ideal für ein solch ambitioniertes Unternehmen zu Wissenschaft des Phänomens und damit der Welt als
liefern. Wie Husserl in der Einleitung anzeigt, hängt Phänomen. In welchem Sinne jedoch kann die reine
jedoch der Radikalismus dieser geplanten phänome- Phänomenologie behaupten, eine neue Wissenschaft
nologischen Reform der Philosophie nicht nur von vom Phänomen zu sein?
adäquater Motivation, Methode und adäquatem Ideal Wie Husserl in seiner Einleitung bemerkt, waren
ab. Es braucht viel ausdrücklicher eine Transformati- die Naturwissenschaften lang auf das Phänomen aus-
on der Einstellung zur Welt und der Übernahme eines gerichtet, wenn man unter diesem Begriff weitest-
genuin philosophischen Standpunkts der Besinnung, gehend die ›Gegenstände der Erfahrung‹ oder die ›Er-
oder was Husserl als ›die phänomenologische Fun- scheinungen‹ versteht. In der Tat betrachtet Husserl
damentalbetrachtung‹ bezeichnet. Ein Großteil des als eine der hauptsächlichen Errungenschaften der
argumentativen Erfolgs hängt vom Aufschlussreich- modernen Naturwissenschaften, dass verdunkelnde
tum des Übernehmens und Kultivierens dieser grund- metaphysische Annahmen zugunsten einer theoreti-
legenden Einstellung des phänomenologischen Den- schen Rückkehr zur Erfahrung verworfen wurden.
kens ab. Aber wenn die zugrundeliegende Vorausset- Die philosophische Bedeutung des 19. Jahrhunderts
zung der Ideen I in der Übernahme dieser neuen Ein- kann als Triumph der wissenschaftlichen Unter-
stellung und Weise des Denkens so genannten ›reinen suchungsweise über den weltlichen Umfang des Phä-
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« 67

nomens betrachtet werden. Jede Art von Phänomen schaften betrachtet wird (und in der Tat von der all-
hat seine Wissenschaft gefunden: biologische Orga- täglichen Erfahrung), so gänzlich verschieden erweist
nismen, physische Materie und Energie, menschliche sich auch der Sinn von etablierten Begriffen der Wis-
soziale Interaktionen, anorganische Stoffe, etc. Sogar senschaftlichkeit, in welcher die Phänomenologie den
das Bewusstsein als die letzte Grenze der mensch- Rang der Wissenschaft einfordert. Die Weise, in wel-
lichen Erforschung wurde mit der Entwicklung der cher die Phänomenologie eine Wissenschaft ist, hängt
empirischen und experimentellen Psychologie im von dessen einzigartiger Methode (der Methode der
19. Jahrhundert zum Gegenstand der wissenschaftli- Reduktion) und ihrer systematischen Ambition ab.
chen Methode des Verstehens, auch wenn der mut- Aber insofern die Phänomenologie die Idee einer
maßliche Anspruch der modernen Psychologie auf Grundwissenschaft der Philosophie zu verwirklichen
den Status einer Wissenschaft umstritten geblieben beansprucht, zielt die Phänomenologie darauf ab, eine
ist. Wie dies durch die Unterscheidung (und metho- philosophische Grundlage der Wissenschaften inso-
dischen Konflikt) zwischen Naturwissenschaften und fern zu liefern, als sie die transzendentale Frage da-
Geisteswissenschaften, die das Denken des späten nach verfolgt, wie Objekte in der Erfahrung als sol-
19. Jahrhunderts in Deutschland bewegt hat, Aus- cher möglich sind. Reine Phänomenologie ist daher in
druck findet, sind beide, Natur und Geist und damit zwei zusammenhängenden Bedeutungen fundamen-
die Totalität der Phänomene, Gegenstände der Wis- tal: fundamental für die Verwirklichung der Idee der
senschaft. Welchen Platz gibt es hier für eine neue Philosophie als Wissenschaft, d. h. als phänomenolo-
Wissenschaft des Phänomens? gische Philosophie, und fundamental für die Wissen-
Diese Herausforderung bereitet den Weg für den schaften, insofern sie deren philosophische Grund-
Einstieg in die Ideen I. In welchem Sinne ist die Phä- lage bereitstellt.
nomenologie eine ›neue Wissenschaft‹? In welchem Die Ideen I sind in der Tat eines von drei Büchern,
Sinne geht diese neue Wissenschaft mit dem ›Phäno- mit welchen Husserl sein transzendental-phänome-
men‹ um? Wie Husserl betont, beachtet oder betrach- nologisches Unternehmen zu entwickeln sucht. Die
tet die reine Phänomenologie das Phänomen auf eine Ideen I führen in die Methode der Reduktion und die
ganz anderer Weise, wie das Phänomen zum Unter- allgemeinen Strukturen des Bewusstseins ein, im Mit-
suchungsgegenstand in den anderen Wissenschaften telpunkt das Motiv der Intentionalität, und identifizie-
wird (vgl. Hua III/1, 1). Dieser Unterschied hängt ent- ren eine Reihe von ›Problemgruppen‹, welche sich mit
scheidend von der Leistung der einzigartigen Metho- Leitproblemen der Konstitution auseinandersetzen,
de und Einstellung der Phänomenologie ab. Die Wei- nämlich wie das transzendentale Bewusstsein Gegen-
se, in welcher die Welt als Totalität des Phänomens in stände möglicher Erfahrung in der Struktur der Inten-
die Betrachtung der Phänomenologie eingebracht tionalität konstituiert. Die Ideen I sind in vier Haupt-
wird, wird jedoch nicht nur von dessen Methode be- abschnitte unterteilt: Abschnitt 1 über das Wesen und
stimmt, sondern auch in der besonderen Art und Wei- die Wesenserkenntnis, welcher als eine innere Vor-
se, in welcher das Bewusstsein zu einem Objekt, oder bereitung der phänomenologischen Analyse des rei-
besser: zu einem Feld der phänomenologischen Un- nen Bewusstseins fungiert; Abschnitt 2 »die phäno-
tersuchung wird. Die Kennzeichnung ›rein‹, wie in menologische Fundamentalbetrachtung«, in welchem
›reinem Bewusstsein‹ und ›reiner Phänomenologie‹, die Ausschaltung der natürlichen Einstellung, die Me-
kennzeichnet den Unterschied im Zugang zum Phä- thode der Reduktion und die vorläufige Beschreibung
nomen, während zugleich der Vorrang des Bewusst- des Motivs des reinen Bewusstseins vorgestellt wird;
seins als Erfahrung der Welt beibehalten wird. Husserl Abschnitt 3, in welchem die Struktur der Intentionali-
ist daher erpicht darauf, jedes Vorurteil gegenüber der tät (»noetisch-noematische Korrelation«) mittels ei-
Phänomenologie zu entschärfen, welches auf Missver- ner Gruppe von Problemen im Detail untersucht
ständnissen seiner früheren Logischen Untersuchun- wird; Abschnitt 4 »Vernunft und Wirklichkeit«, in
gen beruht, und zwar mit der Betonung, dass die reine welchem eine Phänomenologie des reinen Bewusst-
Phänomenologie nicht mit jedweder Form der intro- seins sich nun der Konstitution der Erkenntnis und
spektiven oder empirischen (d. h. nur deskriptiven) der Vernunft (»Phänomenologie der Vernunft«) zu-
Psychologie verwechselt werden darf. wendet. Die Ideen II bestehen aus einem Bündel sach-
So sehr die Phänomenologie das Phänomen in ei- licher Probleme (Leib, materielle Natur, etc.), welche
nem gänzlich anderen, modifizierten, Sinn (vgl. Hua das Thema der Intentionalität, wie es von den Ideen I
III/1, 1) betrachtet als das Phänomen in den Wissen- angeschnitten wurde, zugleich weiterführen und er-
68 III Werk – A Veröffentlichte Texte

weitern. Husserl untersucht in diesem Werk auch die lichen Gegebenheit ist die Anschauung, durch welche
Relation zwischen Phänomenologie und Psychologie ein Gegenstand sich zeigt. Die paradigmatische Form
und den Geisteswissenschaften. In den Ideen III be- einer Anschauung ist die sinnliche Wahrnehmung.
trachtet Husserl die Idee der Philosophie und den sys- Dieses »Prinzip aller Prinzipien« (§ 24, 52) ist nach
tematischen Aufbau seiner phänomenologischen Auf- Husserl gültig für alle genuinen Fälle von wissen-
fassung der Philosophie als »Grundlagenwissen- schaftlicher Erkenntnis, ebenso für die Phänomenolo-
schaft«. Die Ideen II und III blieben jedoch zu Husserls gie in Bezug auf dessen spezifischen Untersuchungs-
Lebzeiten unveröffentlicht. bereich: das reine Bewusstsein.
Husserl formuliert dann einen entscheidenden Un-
terschied zwischen ›Tatsachen‹ und ›Wesenheiten‹.
Wesen und Wesenserkenntnis Ein reales Sein ist ein individuelles Ding: ein ›Dies-da‹
oder tode ti. Ein reales Sein ist ›Ding-etwas‹: es ist de-
Abschnitt 1 »Wesen und Wesenserkenntnis« führt in monstrativ ein Dieses (dieser rote Stuhl), wie auch ›ein
Husserls phänomenologisches Unternehmen ein mit Etwas‹, oder in anderen Worten, eine gewisse Ding-
einer Erörterung darüber, was wissenschaftliche Er- art (dieser rote Stuhl). Für Husserl ist jedes individuel-
kenntnis und dessen Vorannahmen konstituiert. An- le Sein oder jede Tatsache als ein ›Dieses-etwas‹ ein In-
gesichts dessen, dass Husserl die Phänomenologie als dividuelles, zu welchem in dessen eigener Weise eine
eine ›gänzlich neue‹ Form der Wissenschaft ankün- Reihe von wesentlichen Prädikaten (§ 2, 12) gehören,
digt, ist es angemessen, dass die Ideen I mit einer all- oder Kategorien, bezüglich welcher etwas ausgesagt
gemeinen Abhandlung darüber beginnen, was die und daher etwas von diesem individuellen Etwas er-
Denkbarkeit oder wissenschaftliche Intelligibilität der kannt werden kann (vgl. ebd.). Erkenntnis gründet in
Welt konstituiert. Diese Überlegungen zu Wesen und der Erfahrung eines realen Seins, und gerade weil rea-
Wesenserkenntnis erinnern an die starke Verteidi- les Sein immer individuell und alle Individualitäten
gung von Idealität und idealen Bedeutungen in den akzidentell sind, kann es keine wissenschaftliche Er-
Prolegomena der Logischen Untersuchungen; während kenntnis des Individuellen geben: es gibt eine Wissen-
jedoch Husserls Verteidigung in seinem früheren schaft des Lebens, jedoch keine Wissenschaft irgend-
Werk mit seiner Kritik am Psychologismus und Logi- eines individuellen Lebens (d. h., meines oder deines
zismus größtenteils polemisch war, legt Husserl im oder das meiner Hauskatze). Während in Husserls
Abschnitt 1 der Ideen I eine Analyse der Beziehung Ansicht wie auch für Aristoteles individuelle Dinge
zwischen ›Tatsache‹ und ›Wesen‹ und der Zentralität (dieser rote Stuhl, etc.) real sind, sind nur ›Allgemein-
der Wesenserkenntnis einer jeden Wissenschaft, auch heiten‹ oder in Husserls Sprache ›Wesenheiten‹ er-
seiner eigenen, vor. kennbar. Da Tatsachen (reale Dinge qua individuelle
Husserl beginnt diese Überlegungen mit einer De- Dinge) und Wesenheiten (erkennbare Strukturen ei-
finition seiner Auffassung der Welt. Die Welt ist der nes ›dieses etwas‹) untrennbar sind (es gibt keine Tat-
»Gesamtinbegriff von Gegenständen möglicher Er- sachen ohne Wesen), können sie bestimmt werden,
fahrung und Erfahrungserkenntnis« (§ 1, 10). Was und in der Tat betrifft Erkenntnis im strikt wissen-
Husserl »natürliche Erkenntnis« oder Erkenntnis der schaftlichen Sinn die Wesenheiten der Tatsachen
Welt, wie sie von den Naturwissenschaften entwickelt (oder Wesenheiten als solche) und nicht Tatsachen
wird, nennt, ist immer in einem Horizont der Welt per se ohne jegliche Struktur der Intelligibilität. Um
verortet und einer Hinwendung zur Welt verschrie- diese Untrennbarkeit von Tatsache und Wesen zu be-
ben, wie sie von der »natürlichen Einstellung« de- tonen, bestimmt Husserl ein Wesen als »das im selbst-
finiert wird. Jede Wissenschaft hat eine bestimmte eigenen Sein eines Individuum als sein Was Vorfindli-
Seinsregion (anorganische Natur, Lebewesen, etc.) als che« (13). Obwohl jedoch ein Wesen einem Sein eines
ihre theoretische Domäne. Wissenschaftliche Er- Individuellen innewohnt, kann ein Wesen als selbst-
kenntnis zielt nicht nur auf Erkenntnis, sondern auf ständiger Gegenstand betrachtet oder erkannt wer-
Erkenntnis des wahren oder realen Seins derart ab, den: die Erkenntnis von Wesenheiten ist das wahrhaf-
dass die Aussagen der Wissenschaft, wenn wir Wis- te Thema der Wissenschaften.
senschaft als ein System von Aussagen über die Welt Husserl betrachtet ›das Wesen‹ (oder das eidos) als
verstehen, auf Begründung in der Form einer ur- »ein[en] neuartige[n] Gegenstand« (14). Wie auch bei
sprünglichen Gegebenheit »eines Realen« basieren anderen Wissenschaften ist die reine Phänomenologie
müssen. Die grundlegende Form einer ursprüng- eine eidetische Wissenschaft, und ein Großteil des Ab-
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« 69

schnitts 2 wird der Vorstellung der Methode gewid- Aufbau der Ideen I in zweifacher Weise: sie leitet die
met, mit welcher die Phänomenologie ihr spezifisch Bedeutung her, in welcher die Phänomenologie eine
eidetisches Forschungsobjekt entdeckt. Da alle Er- eidetische Wissenschaft ist, und verortet die Bezie-
kenntnis auf der Anschauung basiert, muss jede We- hung der reinen Phänomenologie als eidetischer Dis-
senserkenntnis wiederum auf Wesensanschauungen ziplin vom reinen Bewusstsein zu den empirischen
basieren. Dieser Begriff der Wesenserkenntnis erfor- Wissenschaften, im Besonderen zur Psychologie. Es
dert, wie Husserl ausführt, eine Erweiterung der her- ist dies die Verbindungsstelle, an welcher Husserl
kömmlichen Vorstellungen von Anschauung und Ge- zum ersten Mal die phänomenologische Methode der
genstand. Es gibt verschiedene Grade der anschauli- Epoché als Außerkraftsetzung der ›natürlichen Ein-
chen Wesenserkenntnis; überdies gehört jede einzelne stellung‹ vorstellt. Husserl begründet hier sein Unter-
davon zu einem Wesensbestand und ebenso ist jedes nehmen der transzendentalen Phänomenologie ex-
Wesen ein Bereich von möglichen einzelnen Gegen- plizit mithilfe einer durch Kant inspirierten Kritik am
ständen. Auf diese Weise können wir zu einer Wesens- Empirismus und Dogmatismus. Während der Psy-
erkenntnis mittels Variation möglicher einzelner Ge- chologismus als neue Form des Empirismus mit skep-
genstände kommen, durch welche eine Struktur der tischen Implikationen für jegliche strenge Grundlage
Beständigkeit (›das Wesen‹) erfasst werden kann. der Erkenntnis belastet ist, sind die modernen Natur-
Husserl unterscheidet zwischen Tatsachen- und wissenschaften trotz ihres theoretischen und prakti-
Wesenswissenschaften. Erstere werden insofern nicht schen Erfolgs einer philosophischen Naivität in Be-
rein genannt, da die Gegenstände solcher Wissen- zug auf die Erkenntnismöglichkeit (einschließlich ih-
schaften empirische Gegenstände sind, während die rer eigenen) verpflichtet. Wie Husserl bemerkt (vgl.
letztgenannten Wissenschaften, beispielsweise die § 26), sprechen die empirischen Wissenschaften von
Geometrie, nicht-empirische Gegenstände (Linien, der Mathematik und der eidetischen Erkenntnis in
Ebenen, Kreise, etc.) behandeln. Husserl führt aus, skeptischer Weise und operieren stillschweigend dog-
dass materielle Gegenstände (physische Gegenstände) matisch, da jede Tatsachenwissenschaft eine Form
zu einer regionalen Ontologie (die ontologische Regi- der eidetischen Erkenntnisform insofern voraussetzt,
on der Natur) gehören, so dass jede Tatsachenwissen- als die Wissenschaft keine Wissenschaft des Einzel-
schaft in einer regionalen Ontologie, welche durch nen, sondern des Allgemeinen (oder Wesensstruktu-
grundlegende Kategorien (Substanz, Qualität, etc.) ren einzelner Dinge) ist. Das Paradox der modernen
strukturiert wird, gegründet ist. Für jede ontologische Naturwissenschaften, wie Husserl dies in größerem
Region gibt es eine korrespondierende Wissenschaft, Umfang und entschlossener in seinem späteren Werk
beispielswiese die Physik (materielle Dinge) und Bio- Die Krisis der Europäischen Wissenschaften artiku-
logie (lebendige Dinge), und jede gründet in einer liert, besteht darin, die Bedingungen ihrer eigenen
Ontologie der Natur. Es gibt auch formale eidetische wissenschaftlichen Intelligibilität und ihres theoreti-
Wissenschaften oder eine rein formale eidetische On- schen Erfolgs in philosophischer Hinsicht unmöglich
tologie, wie beispielsweise Geometrie und Mathe- zu machen. Die Motivation für Husserls phänomeno-
matik. Husserl unterscheidet weiter zwischen zwei logisches Unternehmen antwortet auf diese offen-
Arten von Kategorien: Aussagekategorien (Bedeu- sichtliche Sackgasse zwischen Skeptizismus und Dog-
tungskategorien) und formalen Wesenskategorien matismus. In ausdrücklicher Aufnahme kantischer
oder Kategorien, die eine ontologische Region struk- Terminologie wird die Phänomenologie als kritische
turieren (was er Substratkategorien nennt). Während Untersuchung der Bedingungen der Erfahrung und
syntaktische Bedeutungskategorien die begrifflichen Erkenntnis charakterisiert. Husserl tritt daher für die
Verbindungen unter den Gegenständen strukturieren theoretische Notwendigkeit ein, die ›eigentliche Di-
und gliedern, so strukturieren Substratkategorien die mension‹ einer Erkenntnistheorie mittels Reflexion
ontologische Struktur eines Gegenstandes (vgl. § 10). darüber, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist, zu
Die Welt als Totalität möglicher Erfahrungs- und Er- entdecken (vgl. § 26); solch eine Form transzenden-
kenntnisgegenstände ist theoretisch in verschiedene taler Erkenntnis muss umgekehrt auf entsprechenden
Seinsregionen (materiell und formal) mit korrespon- Anschauungen und Einsichten gründen. Husserl ver-
dierenden eidetischen Wissenschaften (materiell und teidigt angesichts dessen den Begriff der ›Wesenser-
formal) gegliedert. schauung‹ und formuliert, was er als »Prinzip aller
Husserls Behandlung von Wesen und Wesens- Prinzipien« (§ 24, 52) bezeichnet, nämlich dass jede
erkenntnis (§§ 1–18) liefert eine Grundlage für den »originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der
70 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Erkenntnis sei« (ebd.), welche die Wesenserkenntnis werden nie explizit in diesen Paragraphen in Bezug
beinhaltet. auf ihre noetische und noematische Struktur ge-
nannt), welche fortschreitend als das Hauptthema der
phänomenologischen Analyse entdeckt werden, so-
Die phänomenologische Fundamental- bald die Methode der Außerkraftsetzung und der Re-
betrachtung duktion vollzogen sind.
Diese prä-transzendentale Beschreibung der Er-
Erst mit Abschnitt 2 »Die phänomenologische Fun- fahrung kulminiert im Ausweis dessen, was Husserl
damentalbetrachtung« (56 ff.) wendet sich Husserl die ›Generalthesis der natürlichen Einstellung‹ (vgl.
dem ›fundamentalen Standpunkt‹ des phänomenolo- § 27 ff.) bezeichnet. Diese Generalthesis unterliegt
gischen Denkens zu, aber auch hier ist der Einstieg in stillschweigend der Erfahrung und der Welterkennt-
die reine Phänomenologie weder unmittelbar noch nis. Der Anfang der phänomenologischen Einstellung
ohne Umschweife. Abschnitt 1 stellten für Husserl ei- setzt einen radikalen Wechsel in der Haltung zur Welt
ne Reihe ›logischer Betrachtungen‹ (vgl. § 23) in ihrer voraus (vgl. § 31) in Form der Außerkraftsetzung der
vorläufigen, jedoch entscheidenden Erörterung von Generalthesis der natürlichen Einstellung. Im Unter-
Wesen und Wesenserkenntnis dar. Im Unterschied zu schied zu Descartes’ Methode des Zweifels in den Me-
dieser zuweilen extrem technischen Abhandlung be- ditationes verleugnet diese Außerkraftsetzung weder
ginnt Husserl den Abschnitt 2 mit einer erweiterten die Gegebenheiten der Welt, noch weist sie sie zurück.
und zugänglichen Beschreibung (vgl. § 27) der alltäg- Stattdessen schaltet die phänomenologische Epoché
lichen Erfahrung der Welt aus der Ersten-Person-Per- die naive Annahme der Gegebenheit der Welt aus und
spektive. Diese Aufnahme der Ersten-Person-Per- entschärft ebenso jegliche metaphysische Theorie,
spektive als Vehikel für Husserls Beschreibung der na- welche sich auf die Wirklichkeit anders oder jenseits
türlichen Einstellung ist ein heuristisches Verfahren, dessen, wie Welt erscheint, bezieht. Ebenso bedeut-
welches dazu gedacht ist, den Übergang zur genuin sam ist, dass Husserls Außerkraftsetzung der natürli-
phänomenologischen Einstellung zu erleichtern; es ist chen Einstellung den Vorrang der Frage ›Was ist die
strategisch vor dem Einsatz der Außerkraftsetzung der Welt?‹ oder ›Warum gibt es eine Welt?‹ durch die ge-
natürlichen Einstellung und der Methode der Reduk- nuin phänomenologische Frage danach, wie die Welt
tion platziert. Auf unserem Weg zur reinen Phänome- in ihrer mannigfachen Gegebenheit für das Bewusst-
nologie beginnen wir zuerst mit der natürlichen Ein- sein konstituiert wird, ersetzt.
stellung. In der Tat hat Abschnitt 2 den primären Diese Ausschaltung der Seinsgeltung der objekti-
Zweck, den Übergang von der natürlichen zur phäno- ven Welt befreit die immanente Bewusstseinssphäre
menologischen Einstellung einzuleiten und bei- von ihrer Überschneidung mit der Welt. Durch die
zubringen. Husserls erweiterte Beschreibung der na- transzendentale Methode der Reduktion wird die
türlichen Einstellung (§§ 27–30) liefert eine Beschrei- phänomenologische Untersuchung auf die ursprüng-
bung auffälliger Merkmale der Erfahrung vor der liche Sinngebung der immanenten Bewusstseinsleis-
transzendentalen Wiederholung dieser Merkmale in tung zurückgeführt; es ist das Bewusstsein, welches
Abschnitt 3. Diese auffälligen Merkmale sind aus un- die Welt in ihrer objektiven Gültigkeit und ihrem
serer alltäglichen Erfahrung bekannt: verschiedene Seinssinn konstituiert. Die Reduktion ermöglicht es,
Formen des Bewusstseins (Wollen, Denken, Wahr- dass das Bewusstsein sichtbar wird, in theoretischer
nehmung, etc.), der Horizont der Welt als wahrneh- Hinsicht, in dessen transzendentalem Erwerb. Die Re-
mungsmäßige Umwelt; die räumliche und zeitliche duktion enthebt das Bewusstsein nicht aus dessen
Struktur der Erfahrung; die Gegenwart anderer Sub- weltlicher Haltung, lockert jedoch die Bezogenheit
jekte; das cogito oder das Erste-Person-Selbstbewusst- des Bewusstseins zur Welt, um damit die Intentionali-
sein; die Weise, in welcher Erfahrungsgegenstände in tät zum Thema der Betrachtung zu machen. Die Au-
einem Netzwerk von wirklichen und möglichen Er- ßerkraftsetzung ermöglicht die Untersuchung über
fahrungen eingeschrieben sind; und die Weise, in wel- »das Wesen des reinen Bewußtseins von Etwas« (§ 34,
cher andere Welten (die ideale Welt der mathemati- 69) »in der ganzen Fülle der Konkretion« (70), oder in
schen Gegenstände, imaginäre Welten, etc.) in einem anderen Worten, als Feld für konkrete phänomenolo-
umfassenden Horizont der natürlichen Einstellung gische Forschung und Beschreibung. Das reine Be-
verortet sind. Diese Beschreibungen nehmen die kon- wusstsein bildet, was Husserl das »phänomenologi-
stitutiven Strukturen der Intentionalität vorweg (sie sche Residuum« oder die »Region« (§ 33, 68) nennt, in
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« 71

welcher die Welt für das Bewusstsein erscheint. Hus- und daher in diesem Sinne ›subjektiv‹ zu begründen,
serl bezeichnet dieses Residuum des immanenten Be- als erschaffen durch das reine Bewusstsein; die Gültig-
wusstseins als »eine eigenartige Seinsregion« (ebd.). keit der Welt in dessen Seinssinn ist nicht auf diese
Innerhalb dieses ›Residuums‹ wird die Intentionalität Weise vom reinen Bewusstsein abhängig. Dies wäre,
zum Hauptthema der Untersuchung der folgenden wie Husserl bemerkt, ebenso unsinnig, wie zu behaup-
Abschnitte und Paragraphen der Ideen I. ten, dass geometrische Gegenstände und deren Eigen-
Sobald dieser geeignete Bereich der phänomenolo- schaften willkürlich durch das Bewusstsein konstruiert
gischen Betrachtung also gesichert wurde, fährt Hus- wären. Stattdessen ist die Reduktion dazu gedacht, vor
serl fort, die verschiedenen Strukturen des reinen Be- »einer philosophischen Verabsolutierung der Welt«
wusstseins als intentional verfasste im Detail zu unter- (120) zu schützen, insofern gezeigt wird, dass der Sinn
suchen. Wichtig ist für Husserl, dass diese phänome- der Weltgeltung die Bewusstseinsleistung in dessen
nologische Analyse des reinen Bewusstseins nicht mit transzendentaler Tätigkeit der Sinngebung voraussetzt
Psychologie oder einer empirischen Selbstbeobach- (vgl. § 55).
tung verwechselt wird. Was hier zur Untersuchung Die Außerkraftsetzung der Generalthesis der Welt
steht, ist das ›Wesen des reinen Bewusstseins‹. Frei- ist die methodische Operation, die unseren Blick auf
lich, was für Husserls Erörterung von Bedeutung ist, das reine transzendentale Bewusstsein richtet, wel-
ist zu zeigen, dass das reine Bewusstsein eine ›Region‹ ches wiederum als ›Region‹ oder ›Feld‹ der Erfahrun-
oder ein ›Feld‹ ist und damit der Gegenstand, für wel- gen entdeckt wird, jedoch nicht als Erfahrungen im
chen die Phänomenologie die (geeignete) eidetische empirischen Sinne, als bereits konstituiert, sondern
Wissenschaft ist. Im Gegensatz zu anderen Gegen- vielmehr als transzendental konstituierend. Diese Au-
ständen der Wissenschaft ist dieser Gegenstand oder ßerkraftsetzung schließt auch Gott mit ein (vgl. § 58).
diese Region nicht unmittelbar innerhalb der natürli- Was in diesem Residuum der Reduktion (§ 57) bleibt
chen Einstellung (wie z. B. Pflanzen unmittelbar in der und gesehen oder betrachtet werden kann, ist, wie
natürlichen Einstellung und noch vor dem theoreti- Husserls schreibt, »eine Transzendenz in der Imma-
schen Standpunkt der Botanik gegeben sind) ersicht- nenz« (124) – die Struktur der Intentionalität. Mit die-
lich. Der Gegenstand des reinen Bewusstseins muss in ser Leitidee stellt Husserl die Hauptlinien der Orien-
einer Weise methodisch offengelegt werden, die im tierung für den Abschnitt 3 und dessen Streben vor,
Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Gegenstän- die »wesentlichen Quellen« (132) der Erkenntnis zu
den steht. entdecken und damit eine Grundlegung zu liefern.
Vieles von Abschnitt 2 widmet sich einer Beschrei- Phänomenologie ist daher ein kritisches Unterneh-
bung des reinen Bewusstseins, wie es durch die Reduk- men und übernimmt insofern die Grundintention
tion offengelegt wird. Husserl bespricht hier das cogito Kants (vgl. § 62).
(§ 35), das Bewusstsein als intentionaler Akt (§§ 36–
38), die intentionale ›Gerichtetheit‹ des Bewusstseins
auf Gegenstände und die transzendente Konstitution Methode und Problem der reinen
von Erfahrungsgegenständen (§§ 41–42). Husserl Phänomenologie: Noesis und Noema
führt weiter aus, dass die Realität eine Form der Sinn-
gebung sei und führt damit das Scharnier für seine Der größte Abschnitt in den Ideen I, Abschnitt 3, »Zur
transzendentale Argumentation ein: Da alle Realität Methodik und Problematik der reinen Phänomenolo-
Gültigkeit oder Sein durch Sinngebung besitzt, muss gie: Noesis und Noema« (§§ 63–135), behandelt das
dieser Seinssinn durch eine korrespondierende sinn- reine Bewusstsein, dessen Strukturen der Intentiona-
gebende Tätigkeit des Bewusstseins konstituiert sein lität und das Problem der transzendentalen Konstitu-
(§ 55). Husserl nimmt den möglichen Einwand vor- tion. Das Hauptstück dieser Analyse ist Husserls Ent-
weg, dass die transzendentale Phänomenologie damit wurf der Intentionalität in Bezug auf eine Korrelation
auf eine Art subjektiven Idealismus hinauslaufe. Hat zwischen ›Noesis‹ und ›Noema‹. Das allgemeine phä-
nicht Berkeley etwas Ähnliches argumentiert, als er es- nomenologische Thema der ›Transzendenz in der Im-
se est percipi formulierte? Ist die Welt vom Bewusstsein manenz‹, welche die Frage der Konstitution verankert,
und dessen Seinssinn abhängig? Husserl entgegnet je- wird hier mittels dieser Analyse der Intentionalität
doch, dass nichts vom Geist und der Intention seines entwickelt. Eine Reihe an Paragraphen (§§ 63–75) er-
transzendentalen Idealismus weiter entfernt wäre. Der öffnen diese Untersuchung mit einer fortgesetzten
Zweck der Reduktion ist nicht, die Welt als willkürlich Ausarbeitung dessen, in welchem Sinne die reine Phä-
72 III Werk – A Veröffentlichte Texte

nomenologie eine eidetische Wissenschaft in ihrer de- halt ›reell‹ immanent im Bewusstsein sind, so ist der
skriptiven Tätigkeit (§ 69–71) darstellt, und der Zen- noematische Gegenstand nicht reell immanent (vgl.
tralität der Wesensanschauung; ebenso der Differenz § 88; § 97).
zwischen Phänomenologie als einer eidetischen Wis- »Zur Problematik der noetisch-noematischen
senschaft und anderen eidetischen Disziplinen, wie Strukturen«, der Titel für eine beeindruckende Reihe
beispielsweise der Mathematik und der Geometrie. an Paragraphen (97–127), stellt eine zentrale Erörte-
Während die Naturwissenschaften von der Norm der rung für den Beginn der reinen Phänomenologie und
Exaktheit geleitet werden, ist die Phänomenologie ei- der phänomenologischen Philosophie dar. Wie Hus-
ne deskriptive Wissenschaft des reinen Bewusstseins serl im § 84 konstatiert, ist die »Intentionalität das
und der reinen Erfahrung, d. h. von Strukturen der Hauptthema einer gegenstandsorientierten Phäno-
Erfahrung in deren eidetischen Form und Tätigkeit. menologie«. Als einzigartiger Gegenstand der phäno-
Mit diesen methodischen Klärungen schreitet Husserl menologischen Untersuchung und als der prinzipielle
fort, die vielen Facetten der Intentionalität und dessen Erwerb der Methode der Epoché und der Reduktion
noetisch-noematische Struktur der Korrelation zu un- charakterisiert die Intentionalität wesentlich die ›ab-
tersuchen. Husserl ist hier erpicht darauf, die Methode solute Region‹ des reinen Bewusstseins und dessen
der phänomenologischen Betrachtung, mit welcher Feld der phänomenologischen Strukturen. Diese
reine Erfahrungen und Strukturen des reinen Be- ›Hauptthemen‹ der phänomenologischen Forschung
wusstseins beschrieben werden können, von der treten unter dem allgemeinen Titel und der Erörte-
Selbstbeobachtung (§§ 77–78) zu unterscheiden; eine rung der noetisch-noematischen Strukturen in §§ 97–
weitere bedeutende Voraussetzung dieser gesamten 127 in deutlichere Sichtbarkeit ein. Wenn wir den Ver-
Analyse ist die kritische Ausscheidung des inneren lauf der Ideen I bis »Zur Problematik der noetisch-
Zeitbewusstseins (vgl. § 81) aus dem Bereich der Ideen noematischen Strukturen« (§§ 97–127) überblicken,
I. Diese Ausscheidung ist bedeutsam, da Husserl zu- dann erkennen wir eine klare Strategie: nach der Ein-
erst die Reduktion als den Weg vorgestellt hat, der zur führung und dem Vollzug der Außerkraftsetzung und
absoluten Region des reinen Bewusstseins führt, als der Reduktion in §§ 27–32 werden wir zu einer vor-
transzendentaler Grund für die Konstitution mögli- bereitenden Beschreibung der grundlegenden Struk-
cher Erfahrung. Husserl räumt nun ein, dass in der Tat turen des Bewusstseins in §§ 33–46 geführt, wo Hus-
dieses Absolute selbst im inneren Zeitbewusstsein serl bedeutsamer Weise nicht explizit von der Inten-
gründet, welches jedoch aus den Analysen der Ideen I tionalität spricht und in der Tat nie die Begriffe Noesis
ausgeschlossen bleibt. und Noema anführt. Es ist in der Tat von Bedeutung,
Die Struktur der Intentionalität wird detailliert be- dass die Terminologie von Noesis und Noema in die-
schrieben und die Intentionalität als das Hauptthema sen Paragraphen nicht in Erscheinung tritt und genau
der phänomenologischen Untersuchung identifiziert. gesagt nicht in Erscheinung treten kann; solche Kon-
Husserl formuliert eine grundlegende dreifache Un- zepte bleiben unverständlich ohne die angemessene
terscheidung zwischen noetischen Akten (Wahrneh- phänomenologische ›Bildung‹. In dieser Erörterung
mung, Vorstellen, Erinnern, etc.), deren Gerichtetheit des Bewusstseins, in welcher Husserl heuristisch die
auf transzendente Gegenstände (noematische Objek- Erste-Person-Perspektive aufnimmt (und später in
te) und nicht-intentionale sinnliche hyle (immanenter §§ 97–127 ablegt), wird uns stattdessen eine ›Vor-
Inhalt; vgl. § 85). Diese dreifache Unterscheidung schau‹ auf die grundlegenden Strukturen des reinen
stellt eine weitere Ausarbeitung und Transformation Bewusstseins gegeben, ohne dass wir uns bisher ganz
der grundlegenden Struktur der Intentionalität dar, in einem reifen und beständigen Vollzug der Redukti-
wie sie in der V. Logischen Untersuchung präsentiert on befänden. Wie Husserl beobachtet, haben wir bis-
wurde. Jeder noetische Akt ist gerichtet auf einen her noch nicht vollständig die Reduktion vollbracht,
transzendenten Gegenstand. Dieser Gegenstand ist obgleich wir gerade von ihr gelernt haben. Diese eide-
transzendent und nicht im Bewusstsein enthalten, tischen Beschreibungen dienen als Vorwegnahmen
und dennoch ist es dieser transzendente Charakter, dessen, was nur wirklich im Übergang zur Analyse der
der im immanenten Bewusstsein gründet und mittels »Probleme der noetisch-noematischen Strukturen« in
sinngebender noetischer Akte konstituiert wird. Da- §§ 97–127 gesehen und verstanden werden kann. Erst
her die allgemeine Form des Bewusstseins als ›Trans- jetzt, nach der Periode der phänomenologischen Aus-
zendenz in der Immanenz‹. Während die noetischen bildung, welche sich über die §§ 27–62 erstreckt, er-
Akte und deren zugrundeliegender immanenter In- halten wir Zugang zu den ›universalen Strukturen des
8 »Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie« 73

reinen Bewusstseins‹ aus der genuin transzendentalen grundeliegenden ›hyletischen‹ nicht-intentionalem


Betrachtung heraus, wie dies im Abschnitt 3 der Ideen I Inhalt, den qualitativen Aspekt des Glaubens und die
(§§ 63–127) entwickelt wird, wenn auch nur in einer komplexe Struktur des noematischen Gegenstandes.
vorbereitenden Weise. Inmitten dieser dichten Behandlung nimmt Husserl
Die Reduktion legt einen genuin transzendentalen die Noesis- und Noema-Struktur in Bezug auf die Er-
Sinn der Transzendenz als Transzendenz des Sinns of- fahrung (§§ 88–92) auf; in Bezug auf den Urteilsakt
fen, den noematischen Sinn, aus einer ontologischen höherer Ordnung (§ 93–94; §§ 124–127); mit Blick auf
Deutung der Transzendenz. Wie Husserl schreibt: die Einheit des noematischen Gegenstandes (§§ 98–
»[D]ieses Noema mit seinem ›Baum‹ in Anführungs- 100); in Beziehung zur Dimension des Glaubens und
zeichen [ist] ebensowenig in der Wahrnehmung reell dessen Modifikationen (§§ 103–107); in Hinsicht auf
enthalten [...], wie der Baum der Wirklichkeit« (226). die Vorstellung (§§ 111–112); und mit Blick auf das,
Das Noema muss immer in Anführungszeichen ge- was Husserl »Neutralitätsmodifikation« (§§ 111–114)
dacht werden, d. h. unter Vollzug der Reduktion: der nennt. Im Verlauf dieser Darstellungen ist die synthe-
Baum ist eine Sinneinheit, dessen Seinssinn als Baum tische und konstitutive Funktion des reinen Bewusst-
(mit seinen Farben, seiner Form, etc.) ist ein transzen- seins durch dessen komplexes Gewebe von verschie-
denter Bewusstseinsgegenstand (d. h. nicht darin ent- denen strukturellen Aspekten inmitten der allgemei-
halten), ebenso wie der wirkliche Baum nicht in mei- nen Struktur der Intentionalität umrissen.
nem Kopf enthalten ist. Ist der wirkliche Baum daher
identisch mit dem Baum als Noema (›volles Noema‹)
– mit der Einheit des Baumes als Sinneinheit? Diese Vernunft und Wirklichkeit
bedeutende Frage übersteigt den Rahmen von Hus-
serls erster Darstellung der noetisch-noematischen Den Forschungsreisen-Charakter von Husserls »all-
Struktur der Intentionalität in den Paragraphen 97– gemeiner Einführung« in die reine Phänomenologie
127. In der Tat ist Husserls Darstellung des Noema auf in den Ideen I ruft noch einmal der Eröffnungssatz von
zwei Abschnitte in den Ideen I (§§ 88–108 und §§ 128– Abschnitt 4 »Vernunft und Wirklichkeit« in Erinne-
135) verteilt. Nur mit der Behandlung von »Der noe- rung. So erinnert Husserl seine Leserschaft daran:
matische Sinn und die Beziehung auf den Gegen- »Die phänomenologischen Wanderungen des letzten
stand« in Abschnitt 4, und damit nur inmitten des Ti- Kapitels haben uns so ziemlich in alle intentionalen
tels einer Phänomenologie der Vernunft, ist der ge- Sphären geführt« (§ 128, 295). Diese »Wanderungen«
samte Umfang von Husserls Überlegungen zum durch die noetisch-noematische Struktur der Inten-
Noema und damit der Intentionalität vollständig. tionalität führt Husserl zu »den großen Problemen
Für Husserl enthüllt diese ursprüngliche Unter- der Vernunft« (297). Das Ziel dieses finalen Ab-
scheidung und das »Gegenüber« in der Immanenz, schnitts 4 in den Ideen I ist es, dieses große Problem
inmitten des reinen Bewusstseins, »die Urquelle [...] der Vernunft auf dem transzendentalen Boden des
für die einzig denkbare Lösung der tiefsten Erkennt- reinen Bewusstseins aufzuklären. Es ist also hier, wo
nisprobleme« (228). Die Reduktion eröffnet eine Un- der Übergang zwischen ›reiner Phänomenologie‹ zur
tersuchung der verschiedenen Wesensbeziehungen ›phänomenologischen Philosophie‹ insofern gemacht
zwischen noetischen und noematischen Dimensio- wird, als für Husserl, wie er im vorletzten Paragraph
nen. Das Noema bezeichnet beides, die Gegenständ- seines Werkes (§ 153) bemerkt, eine gründliche Lö-
lichkeiten des Bewusstseins als solche (der Baum als sung des transzendentalen Problems der Konstitution
solcher) und die Formen noematischen Sinnes, näm- in Bezug auf die verschiedenen Aspekte der noetisch-
lich die Weise, in welcher der Gegenstand gegeben ist, noematischen Struktur der Intentionalität gleichbe-
dessen »noematische Seinsweise«. Das Noema ist deutend mit der kompletten Phänomenologie der
Husserls phänomenologischer Begriff, mit welchem Vernunft wären. Der Übergang der Analyse der Inten-
das Leitproblem der Transzendenz des Sinns als trans- tionalität zum Problem der Vernunft reicht von der
zendentaler Hinweis für ein Verstehen der Konstituti- Beziehung zwischen der noematischen Sinneinheit zu
on von intelligibler Erfahrung verfolgt wird. Husserls dessen intentionalem Gegenstand. Wie Husserl seine
reichhaltige Analyse reicht über den gesamten Um- Leser/innen erinnert (§§ 129–131), ist das Bewusst-
fang der komplexen und dynamischen (konstituieren- sein als Bewusstsein von etwas eine intentionale Ge-
den) Korrelation zwischen noetischen Bewusstseins- richtetheit nicht nur auf einen Gegenstand, als noe-
akten (Wahrnehmung, Vorstellen, etc.), deren zu- matische Sinneinheit, sondern auf ein Ding (Gegen-
74 III Werk – A Veröffentlichte Texte

stand); das Bewusstsein, wie Husserl schon in Ab- Weise eine transzendentale Grundlage finden (§ 148).
schnitt 1 beteuert hat, zielt nicht nur auf Erkenntnis, Diese transzendentale Grundlage der Vernunft ist
sondern auch auf das wahre Sein ab. Daher die Not- wiederum im Problem der Konstitution und dem
wendigkeit, eine Analyse der Intentionalität auf eine transzendentalen Leitfaden der Gegenstandskonstitu-
Konstitution der Erfahrung der Wahrheit zu erwei- tion als res temporalis, res extensa und der res materia-
tern, oder in anderen Worten, darauf, wie wirkliches lis (§§ 150–152) verankert. Es ist dieser transzenden-
Sein im Bewusstsein gegeben ist. Die Beziehung je- tale Leitfaden, welchen Husserl im zweiten Buch sei-
doch zwischen noematischer Sinneinheit (Objekt) ner allgemeinen Einführung in die reine Phänomeno-
und dessen Gegenstand ist nicht eine Beziehung der logie mit den Ideen II weiter erkunden wird.
Referenz auf etwas der Intentionalität oder dem Noe- Die transzendentale Wende, die von Husserl in den
ma Externes. Im Gegenteil, die Offenheit der Intentio- Ideen I vorgenommen wurde, führte in Husserls eige-
nalität für wirkliches Sein wird von Husserl in Bezug nem Schüler/innenkreis in Göttingen unmittelbar zu
auf die verankernde Funktion und darauf, was er das kritischen Reaktionen. Viele von Husserls Student/in-
Prinzip aller Prinzipien (vgl. § 136, § 24) nennt, näm- nen lehnten Husserls transzendentalen Idealismus ab
lich dass jede »originär gebende Anschauung eine (u. a. Alexander Pfänder, Max Scheler, Adolf Reinach,
Rechtsquelle der Erkenntnis sei« (§ 24, 52), verstan- Edith Stein und Roman Ingarden). Unter Husserls
den. Wie Husserl erklärt (§ 135), so wie jede intentio- Kollegen neukantianischer Prägung, vor allem Paul
nale Erfahrung auf einen noematischen Gegenstand Natorp, wurden die Ideen jedoch freundlicher auf-
als Sinneinheit gerichtet ist, welche sich wiederum auf genommen. Innerhalb der französischen Rezeption
einen Gegenstand bezieht, ist jeder Gegenstand gege- von Husserls Phänomenologie war es Emmanuel Le-
ben oder erfahren im Rahmen eines wirklichen und vinas, der 1929 einen ersten Artikel zu den Ideen I ver-
möglichen Bewusstseins. Von einem Gegenstand zu öffentlichte, und im Jahre 1950 schloss Paul Ricœur
sprechen, meint das wirkliche und wahrhafte Sein ei- dort seine beeindruckende Übersetzung der Ideen I
nes Gegenstandes; solch ein wahrhaftes Sein eines Ge- ab, die er mit einem Kommentar versehen hatte. Hus-
genstandes ist immer ein intentionales Korrelat für serls Theorie der Intentionalität aus den Ideen I war
das Bewusstsein. Die Weise, in welcher dieses wahr- seit den 1970er Jahren Thema einer intensiven Debat-
hafte Sein eines Gegenstandes sich offenbart oder be- te innerhalb der amerikanischen Rezeption der Phä-
zeugt, ist die ursprünglichste Form der Vernunft: »das nomenologie (vgl. Dreyfus 1984; Drummond 1990;
originär gebende Sehen« (§ 136, 314). Diese Form der Welton 1983; Mohanty 1982).
anschaulichen Gegebenheit wird von Husserl als Evi-
denz bezeichnet, und alle wahre Erkenntnis dessen, Literatur
was ist, muss auf dieser Erkenntnis beruhen, auch Brainard, Marcus: Belief and its Neutralization: Husserl’s Sys-
wenn Husserl verschiedene Stufen von anschaulicher tem of Phenomenology in Ideas I. New York 2002.
Dreyfus, Hubert (Hg.): Husserl, Intentionality and Cognitive
Erfüllung und Grade der Evidenz (§§ 137–141) an- Science. Cambridgde MA 1984.
erkennt. Für Husserl werden »wahrhaft seiender Ge- Drummond, John: Husserlian Intentionality and Non-Foun-
genstand« und »vernünftig zu setzender Gegenstand« dational Realism: Noema and Object. Dordrecht 1990.
als gleichbedeutende Ausdrücke (§ 142, 329) verstan- Embree, Lester/Nenon, Thomas (Hg.): Husserl’s Ideen.
den. Vollständige oder gänzlich erfüllte Erkenntnis Dordrecht 2013.
Lévinas, Emmanuel: Sur les ›Ideen‹ de M. E. Husserl. In: Re-
des wahren Seins hat sein Ideal in der Form der ade-
vue philosophique de la France et de l’Etranger, mars-avril
quatio rei et intellectus, wenn auch Husserl diesen An- 1929, 230–265.
spruch mit der bedeutenden Anmerkung einschränkt, Mohanty, Jithendra Nath: Husserl and Frege: Studies in Phe-
dass solch eine Form der Adäquation als regulative nomenology and Existential Philosophy. Bloomington
kantische Idee verstanden werden muss. Die finalen 1982.
Paragraphen des Abschnitts 4 beschreiben die Umris- Staiti, Andrea (Hg.): Commentary on Husserl’s ›Ideas I‹. Ber-
lin 2015.
se von Husserls vorgestellter Phänomenologie der
Welton, Donn: The Origins of Meaning: A Critical Study of
Vernunft in Bezug auf dessen dreifache Struktur: the Thresholds of Husserlian Phenomenology. Dordrecht
apriorische Strukturen der Erkenntnis, apriorische 1983.
Strukturen der Axiologie und apriorische Strukturen
der Praxis. Wissen, Werten und Handeln, oder in an- Nicolas de Warren
deren Worten, Vernunft in ihrer theoretischen, axio- (aus dem Englischen von Christian Sternad)
logischen und praktischen Ausübung würde auf diese
9 »Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins« 75

9 »Phänomenologie des inneren in der Edition von 1928 unterschiedlich Phasen von
Zeitbewußtseins« Husserls Denken zusammengenommen wurden. In
der publizierten Darstellung des Textes nutzten Edith
Stein und später Heidegger verschiedene Manuskrip-
Husserls Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren te aus den Jahren zwischen 1904 und 1911, weshalb
Zeitbewußtseins wurden erstmals 1928 von Martin sich weder der ursprüngliche Verlauf der Vorlesun-
Heidegger im Jahrbuch für Philosophie und phänome- gen, noch die Entwicklung von Husserls späterem
nologische Forschung (Band IX) herausgegeben; zitiert Denken genau widergespiegelt findet.
wird im Folgenden nach der 1976 von Rudolf Boehm Ebenso verdeckt diese Edition der Vorlesungen
in den Gesammelten Werken (Husserliana) heraus- und ihre Eingliederung in den Band X der Husserliana
gegeben Edition (Hua Band X). den Umstand, dass die Vorlesungen den letzten Teil
Die Vorlesungen von 1904/05 sind eine Ausnahme der vierteiligen Vorlesungsreihe Hauptstücke aus der
in Husserls ausgiebigen Schriften zum Zeitbewusst- Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis bildeten.
sein. Während andere Texte (vornehmlich in der Über den Teil zur »Phänomenologie der Zeit« hinaus
Form von Forschungsmanuskripten) fragmentarisch beinhaltete diese Vorlesungsreihe des Wintersemes-
sind und/oder bereits eine Vertrautheit mit früheren ters 1904/05 einen ersten Teil zur Wahrnehmung, ei-
Erkenntnissen in Husserls Untersuchungen voraus- nen zweiten Teil zur Aufmerksamkeit und einen drit-
setzen, bieten die Vorlesungen von 1904/05 in der ten Teil zu Phantasie und Bildbewusstsein. Die Vor-
Edition von 1928 eine strukturierte Erforschung der lesungen von 1904/05 »Zur Phänomenologie des in-
»verborgenen Welt des geheimnisreichen Zeitbe- neren Zeitbewußtseins« sind daher ein Fragment
wußtseins«. Obgleich diese Vorlesungen, welche ei- eines umfassenderen Ganzen, welches wiederum Teil
nen erheblichen Einfluss auf das phänomenologische eines weiteren phänomenologischen Horizonts bildet.
Denken des 20. Jahrhunderts ausübten, am Beginn Tatsächlich empfand Husserl seine Vorlesungsreihe
von Husserls Beschäftigung mit dem Zeitbewusstsein Hauptstücke aus der Phänomenologie und Theorie der
stehen, bleiben die zwei Schwerpunkte der Intentio- Erkenntnis von 1904/05 als eine Weiterführung jenes
nalität des Zeitbewusstseins und der Zeitlichkeit des Werkes, das seinen Durchbruch markierte: die Logi-
Selbstbewusstseins zentral für Husserls sich fortent- schen Untersuchungen (1900/01). Wie Husserl selbst
wickelnde Analysen des Zeitbewusstseins bis in die anmerkt, beschäftigen sich die V. und VI. Unter-
1930er Jahre. In der Vorbereitung dieser Vorlesungen suchung primär mit Akten höherer Ordnung, geisti-
für die Publikation gemäß Husserls Vorgaben (unter gen Akten oder dem Urteilen; solche Bewusstseins-
zusätzlicher Beteiligung Heideggers, welcher sie in akte basieren jedoch auf darunterliegenden Akten des
Husserls Jahrbuch veröffentlichte) versuchte Edith Anschauungsbewusstseins. Das Ziel dieser Vorlesun-
Stein bewusst den ursprünglichen Denkweg dieser gen von 1904/05 war es, die Reichweite der phänome-
Vorlesung zu bewahren und diese gleichzeitig Hus- nologischen Analyse der Erkenntnis in den Logischen
serls peniblem Überarbeiten seiner zentralen Ein- Untersuchungen zu erweitern um verschiedene an-
sichten nach 1905 anzupassen. Trotz ihrer Bemühun- schauliche Akte des Bewusstseins, d. h. Wahrneh-
gen erzeugt der Flickwerkcharakter dieser rekon- mung, Phantasie, Bildbewusstsein und Zeitbewusst-
struierten Vorlesungen eine Reihe an Schwierigkei- sein, und damit jene Analyse des Bewusstseins zur
ten, Husserls Erörterung in ihrem Kern und Husserls Vollständigkeit zu bringen, welche in der V. und VI.
geschichtlicher Entwicklung zu begreifen. Die Edi- Untersuchung angestoßen wurde.
tion von 1928 setzt sich zusammen aus Textmaterial Trotz textueller Ablagerungsschichten und Spuren
der ursprünglichen Vorlesungen von 1904/05, da- editorischer Eingriffe bewahrt die Struktur der edier-
rauffolgenden Forschungsmanuskripten und ande- ten Vorlesungen über das Zeitbewusstsein von 1904/05
ren Vorlesungsreihen, welche sich über die kritischen die aufkommende Neuartigkeit und Kraft von Hus-
Jahre zwischen 1904 und 1911 erstrecken, während serls phänomenologischem Denken. Die Einleitung
welcher Husserls phänomenologisches Unterneh- (Hua X, 3–9, §§ 1–2) stellt eine phänomenologische
men, im Besonderen die Untersuchungen zum Zeit- Einleitung in das Problem der Zeit mit seiner metho-
bewusstsein, bedeutende Transformationen erfuhr. dologischen Vorgabe des Außerkraftsetzens der objek-
Wenig überraschend wird die Weiterentwicklung in tiven Zeit und der Spezifikation der Frage nach dem
Husserls Behandlung des Zeitbewusstseins während ›Ursprung der Zeit‹ dar. Als erster Schritt hin zur Wie-
dieser entscheidenden Jahre dadurch verdeckt, dass dergewinnung dessen, was wir von der Zeit als gege-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_10, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
76 III Werk – A Veröffentlichte Texte

ben annehmen, argumentiert Husserl, dass eine phä- Husserl sucht nach einer ursprünglicheren phänome-
nomenologische Analyse sich jeden Verweises auf die nologischen Basis in der inneren zeitlichen Konstitu-
›Existenz‹ oder ›Wirklichkeit‹ der Zeit enthalten muss. tion des Bewusstseins selbst, anstatt anzunehmen, dass
Die Forderung nach dem Außerkraftsetzen der Zeit die Koordination von Erinnerung, Wahrnehmung
sollte nicht mit der Leugnung der Existenz der Zeit und Erwartung die Basis für die Zeitwahrnehmung
verwechselt werden. Wie Husserls Wortwahl andeutet (zeitliche Folge und Ausdehnung) darstelle. Diese
(›Epoché‹; ›Ausschaltung‹), erfordert diese Außer- Hervorhebung der Untersuchung der Zeitlichkeit des
kraftsetzung eine angelernte Form der Naivität und ei- Bewusstseins treibt die phänomenologische Forde-
nen metaphysischen Agnostizismus, in welchem wir rung nach einer Beschreibung der gelebten Erfahrung
gegenüber jedem vorausgesetzten Verstehen der ›Exis- an. Dennoch sollten, wie Husserl zu Bedenken gibt,
tenz‹ oder ›Wirklichkeit‹ der Zeit gleichgültig oder im Zusammenhang einer phänomenologischen Ana-
neutral bleiben, bis die Gegebenheit der Zeit im Be- lyse die ›Erlebnisse‹ oder genauer, die ›Zeiterlebnisse‹
wusstsein der phänomenologischen Prüfung unterzo- nicht im gewöhnlichen Sinne aufgefasst werden. Das
gen wird. Diese anfängliche Gleichgültigkeit erzwingt ›Erlebnis‹ besitzt keinen »psychologisch-empirischen
eher eine Verlagerung als einen Verzicht des theoreti- Sinn« in Husserls nun folgender Analyse. So bemerkt
schen Interesses, die ›Existenz‹ oder ›Wirklichkeit‹ der Husserl:
Zeit zu bestimmen – denn Husserl richtet sein Augen-
merk klar auf ein Verstehen der objektiven Zeit (er »Bezüglich des Zeitproblems heißt das: die Zeiterleb-
nimmt sogar an, eine Grundlage für die Zeitmessung nisse interessieren uns. Daß sie selbst objektiv zeitlich
zu liefern), auch wenn er betont: »Durch phänomeno- bestimmt sind, daß sie in die Welt der Dinge und psy-
logische Analyse kann man nicht das mindeste von ob- chischen Subjekte hineingehören und in dieser ihre
jektiver Zeit vorfinden« (Hua X, 6). Stelle, ihre Wirksamkeit, ihr empirisches Sein und Ent-
Die Subtilität besteht hier darin, dass Husserls stehen haben, das geht uns nichts an, davon wissen
Außerkraftsetzung der objektiven Zeit gleichzeitig die wir nichts« (Hua X, 9 f.).
Einklammerung einer jeden psychologischen Annah-
me über die Wahrnehmung von Zeit beinhaltet. In ei- Dieses phänomenologische Interesse an den »Zeit-
nem breiteren historischen Zusammenhang betrach- erlebnissen« ist weder eine metaphysische Sorge um
tet, setzt Husserl das sogenannte Locke-Brentanosche den kosmologischen Ursprung der Zeit, noch eine
Paradigma außer Kraft, welches die Zeit als eine im- psychologische Sorge um die mentalen Gründe für
manente Folge von Vorstellungen auffasst. Husserl unsere Zeitvorstellungen. Wie Husserl bezüglich sei-
weist auch jene herkömmlichen Darstellungen der ner Herangehensweise in seinem späteren Werk, den
Wahrnehmung zurück, welche auf dem auf der Zeit Cartesianischen Meditationen, bemerkt:
basierenden Zwischenspiel der drei separaten Fähig-
keiten von memoria, perceptio, expectatio beruht, wie »Man wird hier an die altbekannten Probleme des psy-
beispielsweise bei Aristoteles oder Augustinus. Die chologischen Ursprungs der Raumvorstellung, der
Verteilung der verschiedenen Aspekte der Zeit – Ver- Zeitvorstellung, Dingvorstellung, Zahlvorstellung usw.
gangenheit, Gegenwart, Zukunft – auf eine parallele erinnert. In der Phänomenologie treten sie als trans-
Verteilung von separaten Fähigkeiten der Seele hält zendentale und natürlich mit dem Sinn intentionaler
stillschweigend an dem psychologischen Dogma des Probleme auf« (Hua I, 110).
momentanen Bewusstseins und einer metaphysischen
Annahme der Übereinstimmung der Wahrnehmung Wie Husserl erstmals in seinen Vorlesungen von
– im engeren Sinne definiert als Momentan-Auffas- 1904/05 erkennt und wie Heidegger dies in seinen edi-
sung – und dem punktuellen Jetzt fest. So merkt Hus- torischen Bemerkungen von 1928 wiederholt: »Ent-
serl an, dass es auf der Hand liege, dass scheidend wird dabei die Herausstellung des intentio-
nalen Charakters des Zeitbewußtseins und die wach-
»eine Analyse das Wahrnehmungsbewußtseins, des sende grundsätzliche Klärung der Intentionalität
Phantasie-, Erinnerungs-, Erwartungsbewußtseins überhaupt« (Hua X, XXV).
nicht vollendet ist, solange die Zeitlichkeit nicht mit in Der erste Teil der Vorlesungen (Hua X, §§ 3–6) bie-
die Analyse hineinbezogen ist, und daß umgekehrt eine tet eine zweite Form der Einführung in die Phänome-
Analyse des Zeitbewußtseins in weitem Ausmaß dieje- nologie des Zeitbewusstseins. Während die kurze Ein-
nige der genannten Akte voraussetzt« (Hua X, 394). führung (§§ 1–2) das Problem der Zeit aus einem me-
9 »Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins« 77

thodologischen Blickwinkel formuliert, nähert sich Bild des Soeben-vergangen assoziiert ist, bleibt das
Husserl nun dem Problem der Zeit aus einem his- Bewusstsein der zeitlichen Folge unerklärlich ohne
torisch-kritischen Blickwinkel. In diesem Teil erhebt ein wahrnehmendes Verständnis der unmittelbaren
Husserl Einwände gegenüber Brentanos Darstellung Vergangenheit. Das Bewusstsein der zeitlichen Folge
der Zeitwahrnehmung (in der ursprünglichen Vor- kann nicht erklärt werden, ohne ein solche ›Wahrneh-
lesungsreihe legte Husserl auch eine Kritik an Alexius mung‹ der unmittelbaren Vergangenheit anzuneh-
Meinong vor, jedoch kommt diese Erörterung nicht in men, das mit der Wahrnehmung des Jetzt notwendi-
der Fassung von 1928 vor). Diese historisch-kritische gerweise verknüpft ist. Brentanos Scheitern besteht in
Einführung in die Phänomenologie des Zeitbewusst- seiner Unfähigkeit darzustellen, wie eine intuitive
seins verortet Husserls phänomenologische Heran- Auffassung eines Soeben-vergangen im Bewusstsein
gehensweise stillschweigend in den breiteren Bogen verbleiben kann und muss, und nicht etwa ein Bild
der Geschichte des Zeitbegriffs seit Augustins be- oder eine Erinnerung eines Jetzt als soeben vergangen
rühmtem Paradox (si nemo a me quaerat, scio, si quae- seiend. Das zugrundeliegende Problem ist die Dauer
renti explicare velim, nescio; wenn mich niemand dar- eines zeitlichen Übergangs: das Jetzt geht dauernd in
nach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der das Soeben-vergangen über. Wenn das Soeben-ver-
mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht), mit wel- gangen im Bewusstsein als Bild oder Erinnerung blie-
chem Husserl diese Vorlesungsreihe beginnt. Über- be, dann wäre die Einheit des Übergangs (als das Ver-
dies kann Husserls Kritik an Brentano als eine Vor- gehen des Jetzt in ein Soeben-vergangen) in der Tat
bereitung angesehen werden, mittels welcher Husserl unterbrochen; wir würden im eigentlichen Sinne nur
zunächst klärt, was tatsächlich mit dem Problem der das Jetzt und nicht das Jetzt als Vergehen wahrneh-
Zeit gemeint ist, also jene Frage stellt, welche den Ur- men. Da es aber keine echte Wahrnehmung des Jetzt
sprung des Zeitbegriffs in unserer Wahrnehmung be- ohne wahrnehmende Vorstellung von dessen Dauer
trifft. So schreibt Husserl: (oder Vergehens) gibt, würde das jetzt in der Tat gar
nicht als Dauer wahrgenommen werden. Wonach
»Demgemäß führt auch die Frage nach dem Wesen Husserl sucht, ist eine intuitive (i. e., wahrnehmende)
der Zeit zurück auf die Frage nach dem ›Ursprung‹ der Vorstellung des Jetzt als Abschnittsdauer.
Zeit. Diese Ursprungsfrage ist aber auf die primitiven Die Dauer- und Wahrnehmungseinheit des So-
Gestaltungen des Zeitbewußtseins gerichtet, in denen eben-vergangen und des Jetzt als einer Zeitdauer be-
die primitiven Differenzen des Zeitlichen sich intuitiv inhaltet umgekehrt eine zeitliche Dehnung des wahr-
und eigentlich als die originären Quellen aller auf Zeit nehmenden Bewusstseinsaktes selbst, oder was Wil-
bezüglichen Evidenzen konstituieren« (Hua X, 9). liam Stern als »psychische Präsenzzeit« bezeichnet hat
(Hua X, 20). Anstatt den wahrnehmenden Akt als eine
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zog die Frage nach ›momentane oder unmittelbare‹ Vorstellung darzu-
dem Ursprung des Zeitbegriffs in der Wahrnehmung stellen, möchte Husserl die Zeitwahrnehmung lieber
ein weitverbreitetes Interesse in der Experimental- in einem dauernden Akt zu gründen. In der Tat bleibt
psychologie und philosophischen Anthropologie auf ein unmittelbarer Bewusstseinsakt blind für den
sich und richtete sich auf zwei Probleme. Erstens, wie dauernden Übergang der Zeit: ein Bewusstseinsakt,
nehmen wir eine zeitliche Folge als ein einheitliches der selbst nicht zeitlich ist, kann nicht die Basis für ei-
Phänomen wahr? Zweitens, wie entsteht aus dem ne Auffassung von zeitlicher Dauer liefern. Die Be-
zeitlichen Bewusstseinsstrom das Bewusstsein einer schränkung der Zeitwahrnehmung auf die Wahrneh-
zeitlichen Folge? Diese beiden Probleme leiten und mung des Jetzt (jene, die nur wahrnehmen kann, was
gliedern Husserls Analysen in diesen Vorlesungen, gerade gegenwärtig ist) geht Hand in Hand mit einem
wenn auch im Rahmen seines phänomenologischen Bewusstseinsakt, welcher der zeitlichen Ausdehnung
Projekts. beraubt ist. Ausgestattet mit der entscheidenden Er-
Wie Husserl durch seine Kritik an Brentano auf- kenntnis, dass »die Wahrnehmung eines zeitlichen
zeigt, sind diese zwei Probleme in der Tat nicht von- Gegenstandes selbst Zeitlichkeit besitzt«, beschließt
einander zu trennen. Eine Lösung des einen muss eine Husserl seine kritische Einleitung in die Phänomeno-
Lösung des anderen beinhalten. Wie Husserl in seiner logie des Zeitbewusstseins mit einem Stichwort für
Zurückweisung von Brentanos Begriff der ›ursprüng- seine eigenen Bemühungen: »Hier muß nun eine tie-
lichen Assoziation‹ klarlegt, in welcher die Wahrneh- fere Analyse einsetzen« (Hua X, 23).
mung des Jetzt unmittelbar mit dem selbst-erzeugten Der zweite Teil (Hua X, §§ 7–33) ist der größte Teil
78 III Werk – A Veröffentlichte Texte

der edierten Vorlesungen und auch bei weitem der ren, oder an dem, was Husserl als ›Zeit-Objekt‹ be-
komplexeste und bisweilen verwirrendste aufgrund zeichnet (ein Begriff, den er von Meinong entlehnt).
der Zusammensetzung mehrerer Schichten von Hus- Die Bedeutung des ›Zeit-Objekts‹ dient in Husserls
serls Manuskripten während der Jahre 1904 bis 1911. Analyse oft einer zweifachen Absicht. In seiner enge-
Die Schwierigkeit bezüglich dieses Teiles besteht da- ren Bedeutung bezeichnet es einen Gegenstand der
rin, dass er zu einem erheblichen Grad ein klares Erfahrung mit einer inneren zeitlichen Ausdehnung
Verständnis der bisherigen Argumentationsfolge der wie beispielsweise im Falle der Musik oder bei Tönen.
Husserlschen Analyse voraussetzt; es ist sogar gerade In seiner breiteren Bedeutung veranschaulicht es ›Ge-
diese Abfolge von Husserls Analyse, die man nur nach genständlichkeit‹ als solche, insofern jeder mögliche
der Lektüre dieses Teils verstehen kann. Gegenstand der Erfahrung eine zeitliche Einheit oder
Husserls phänomenologische Analysen in diesem eine synthetische Mannigfaltigkeit ist. Husserls An-
Teil werden von zwei Hauptproblemen angetrieben: sicht zufolge muss der chronologische Zeitbegriff als
wie nehmen wir eine zeitliche Folge als ein einheitli- lineare Reihe mathematischer Jetzt-Punkte auf der
ches Phänomen wahr? Wie entsteht aus der Zeitlich- Konstitution von Gegenständen in der Zeit basieren,
keit des Bewusstseins das Bewusstsein einer zeitlichen oder in anderen Worten, ›Zeit-Objekten‹. Objektive
Abfolge? Dieser Teil beinhaltet eine Erörterung der Zeit basiert daher auf der intuitiven Auffassung der
Wiedererinnerung, der Reproduktion und des ›Bild- Dinge in der Zeit, welche umgekehrt von der Erfah-
bewusstseins‹; jedoch verorten sich diese Analysen, die rung des Zeitübergangs, in welchem Dinge andauern,
darüber hinaus die Behandlung der Wiedererinnerung abhängt. Die Einheit eines Gegenstandes für das Be-
und die Phantasie im dritten Teil der Vorlesungen von wusstsein wird nicht trotz, sondern durch und im zeit-
1904/05 wiederholen, in Husserls Ringen, die intuitive lichen Übergang konstituiert.
Auffassung des Soeben-vergangen in der Wahrneh- In diesen Analysen greift Husserl auf das Beispiel
mung zu verstehen. Von diesen zwei Problemen gelei- einer Melodie als eines Zeit-Objekts zurück. Eine Me-
tet, verortet sich Husserls Analyse des Zeitbewusst- lodie mit drei Tönen ist ein Gegenstand der Erfah-
seins ganz im Rahmen seiner Theorie der Intentionali- rung, in welcher jeder Ton dem anderen folgen muss.
tät. Tatsächlich liefert der zweite Teil eine raffinierte Drei Töne müssen deutlich in der zeitlichen Bezie-
Verschiebung und Verpflanzung des Zeitproblems in hung des Vorher-und-Nachher zusammengehört
das phänomenologische Untersuchungsregister. Hus- werden. Würden alle drei Töne zugleich gehört, wür-
serl wendet das psychologische Problem der Zeitwahr- den wir einen Akkord hören; würden die drei Töne
nehmung in das phänomenologische Problem der In- ganz getrennt gehört, würden wir keine Melodie, son-
tentionalität der Zeitwahrnehmung. Ebenso übersetzt dern getrennte Töne hören. In herkömmlicher Dar-
er diese zwei leitenden Fragen der Zeitwahrnehmung stellung, welche sich nach Husserl von Aristoteles
und der Zeitlichkeit des Bewusstseins in das phänome- über Kant und zu Brentano erstreckt, würde die Wahr-
nologische Rahmenwerk der Intentionalität. nehmung einer Drei-Töne-Melodie eine Erörterung
Wie jede Form des Bewusstseins wird die Zeitwahr- umfassen, wie das Bewusstsein den zweiten Ton als
nehmung von Husserl als eine Form der Intentionalität Jetzt wahrnimmt, während der zweite Ton gleichzeitig
angegangen. Mit dieser Verschiebung hin zu einer in- als Soeben-vergangen in der Erinnerung behalten und
tentionalen Auffassung der Zeit entsteht eine unmittel- der dritte Ton als Noch-Nicht vorweggenommen
bare Herausforderung: in welchem Sinne können wir wird. Eine solche Darstellung leidet an zwei läh-
von der Zeit als einem ›Gegenstand‹ sprechen, oder, in menden Problemen: wenn ein einheitliches Bewusst-
anderen Worten, von einem Phänomen? Während sein des Jetzt im zeitlichen Zusammenhang mit dem
Kant daran festhielt, dass Zeit eine reine Form der Er- Soeben-vergangen vom Zusammenspiel zwischen
scheinung ist (aber keine Erscheinung selbst), und Wahrnehmung und Erinnerung abhängt (wobei Er-
Aristoteles’ Definition der Zeit als Bewegungsreihe be- innerung als eine Form der Phantasie betrachtet wird,
züglich des Vorher und des Nachher die noetische Tä- mit der Fähigkeit, jenes zu vergegenwärtigen was
tigkeit der Seele bestätigt, sucht Husserl nach einer nicht gegenwärtig ist), dann würde das voraussetzen,
grundlegenderen Form der zeitlichen Erfahrung, näm- dass der erste Ton schon vergangen ist. Der erste Ton
lich einer intuitiven Erfahrung von Zeit, welche die Er- muss nämlich vergangen sein, damit er überhaupt als
fahrung der Zeit zum Maßstab der Analyse nimmt. soeben vergangen erinnert werden kann: erinnern be-
Eine Analyse des Zeitbewusstseins muss sich daher deutet wieder zu vergegenwärtigen, was einmal gegen-
an der Zeit als Gegenstand des Bewusstseins orientie- wärtig war. Diese Form der Darstellung bringt die
9 »Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins« 79

Schwierigkeit mit sich, dass entweder vorausgesetzt Noch-Nicht), wie sie ein Zeit-Objekt bilden, sind die
werden muss, dass der Ton schon vergangen ist (und intentionalen Korrelate eines Bewusstseinsaktes, wel-
daher als vergehend wahrgenommen wurde) oder cher selbst zeitlich verfasst ist: Bewusstsein selbst ver-
dass auf eine phantasierte Vorstellung des Soeben-ver- geht in der Zeit, wenn es den zeitlichen Fortlauf einer
gangen zurückgegriffen werden muss. In beiden Fäl- Melodie hört, jedoch nicht in einer anderen Zeit als
len wird das Bewusstsein eines Zeit-Objekts auf den jener der eigenen inneren Zeitlichkeit.
Pointilismus des Jetzt reduziert. Solch eine Darstel- Dieses innere Zeitbewusstsein ist aus drei Formen
lung nimmt vielmehr einen zeitlich undifferenzierten der intentionalen Auffassung zusammengesetzt, wel-
und selbst-gegenwärtigen Akt der Wahrnehmung an: che Husserl als ›Retention‹, ›Urimpression‹ und ›Pro-
die Wahrnehmung kann nur das Jetzt wahrnehmen tention‹ bezeichnet; und jede von ihnen intendiert ein
und solche eine Wahrnehmung des Jetzt setzt eine bestimmtes zeitliches Profil der Dauer eines Zeit-Ob-
Selbst-Gegenwart des Bewusstseins voraus: ich kann jekts. Keine dieser drei intentionalen Deklinationen
etwas nur als Jetzt wahrnehmen aufgrund meiner ist ein unabhängiger Bewusstseinsakt, trägt jedoch zur
selbst als jetzt wahrnehmend. Konstitution eines Wahrnehmungsaktes als Ganzen
Anstatt die Konstitution eines Zeit-Objekts hin- bei. Diese dreifache Intentionalität ist dem Wahrneh-
sichtlich drei verschiedener Fähigkeiten oder Kräfte mungsakt des Bewusstseins innerlich; es macht den
der Seele (Erinnerung, Wahrnehmung und Erwar- Bewusstseinsakt als solchen möglich, sowohl in seiner
tung) darzustellen, entdeckt Husserl im wahrnehmen- intentionalen Gerichtetheit auf einen Gegenstand als
den Bewusstseinsakt eine zeitlich differenzierte Form auch in dessen inneren Bewusstsein als gelebter Er-
der Auffassung. Diese Erörterung hängt von der Ver- fahrung. Die dreifache Intentionalität von Retention,
schiebung der Beschreibung der Zeitwahrnehmung Urimpression und Protention beschreibt die ur-
im Kontext der Intentionalität und dem Modell des sprünglich dreifache Deklinationen des Zeitbewusst-
›Auffassungsinhalts der Auffassung‹ ab, welches Hus- seins; nicht die zeitlichen Bestimmungen des Zeit-Ob-
serl in der V. Logischen Untersuchung vorgelegt hat jekts, sondern die Bestimmungen des Zeit-konstituie-
(s. Kap. III.A.7). Dort unterscheidet Husserl zwischen renden Bewusstseins, aufgrund deren ein Zeit-Objekt
dem objektivierenden Akt des intentionalen Bewusst- objektiv konstituiert wird. So bemerkt Husserl:
seins, dem nicht-intentionalen immanenten Inhalt
(oder ›Fühlen‹) und dem transzendenten Gegenstand »Also tatsächlich ist das Wahrnehmen einer Melodie
(andere Unterscheidungen in der Struktur der Inten- ein zeitlich ausgebreiteter, sich allmählich und stetig
tionalität – Akt-Qualität, etc. – spielen keine besonde- entfaltender Akt, der immerfort Wahrnehmen ist, und
re Rolle in seiner Analyse des Zeitbewusstseins). Hus- dieser Akt hat einen immer neu und neuen Punkt des
serls grundsätzliches Argument besteht darin, zu zei- ›Jetzt‹, und in diesem Jetzt wird etwas als Jetzt gegen-
gen, wie jedes zeitliche Profil eines Zeit-Objekts (So- ständlich (jetzt gehörter Ton), während zugleich ein
eben-vergangen, Jetzt, Noch-Nicht, d. h. drei Töne in Soeben-vergangen, und wieder ein Noch-weiter-ver-
Folge) auf der Basis einer inneren zeitlichen Unter- gangen in einigen Gliedern gegenständlich ist; und
scheidung im objektivierenden Akt des Bewusstseins vielleicht auch ein oder das andere gegenständlich
und dessen nicht-intentionalen Inhalt oder Wahrneh- ›als‹ ›künftig‹« (Hua X, 167 f.).
men intendiert wird (›immanenter Inhalt‹).
In dieser phänomenologischen Darstellung nehme Retention, Urimpression und Protention verhalten
ich, wenn ich eine Melodie höre, die zeitliche Ausdeh- sich analog zur Verkettung von zeitlichen Perspekti-
nung dreier Töne als eines einheitlichen Zeit-Objekts ven: ebenso sehr wie ein räumlichen Objekt durch ei-
in jener Form wahr, was Husserl als ›Quer-Intentiona- ne Vielzahl von Perspektiven aufgefasst wird (ich sehe
lität‹ bezeichnet. Jeder Ton der Melodie wird in einer die Vorderseite des Tisches wie auch seine Seiten), so
zeitlichen Folge eines Vorher und Nachher aufgrund wird auch ein Zeit-Objekt in einer einheitlichen Reihe
der zeitlichen Dehnung des Bewusstseins in der Form von zeitlichen Profilen aufgefasst: als Soeben-vergan-
dessen wahrgenommen, was Husserl als ›Längsinten- gen (erster Ton), Jetzt (zweiter Ton) und als Noch-
tionalität‹ bezeichnet, womit er eine Intentionalität Nicht (dritter Ton). Diese drei zeitlichen Profile des
meint, die der Länge des Bewusstseins vom Zeit-Ob- Zeit-Objektes werden durch die innere zeitliche Diffe-
jekt folgt. Beide Formen sind strukturell nicht von- renzierung eines Bewusstseinsaktes als Retention,
einander zu trennen: die zeitlichen Phasen der Melo- Urimpression und Protention konstituiert.
die (die drei Töne des Soeben-vergangen, Jetzt und des Der durchgängige Wahrnehmungscharakter des
80 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Zeitbewusstseins hat sein Zentrum in der ständigen sondern durch genesis spontanea [...]« (Hua X, 100).
Erneuerung der Urimpression und dessen Funktion Trotzdem erzeugt oder errichtet diese Spontaneität
als »Quellpunkt« und »Urquelle« der »Anschaulich- des Bewusstseins nichts. Bewusstsein erschafft sich
keit« als solcher und dessen Verzeitlichung. Jede selbst ständig aus dem Nichts und erschafft dennoch
Urimpression ist in »ständiger Wandlung« begriffen, nichts weiteres. Wie Husserl weiter bemerkt: »Die Ei-
insofern jede Urimpression einer notwendigen Modi- gentümlichkeit dieser Bewußtseinsspontaneität aber
fikation in eine Retention unterliegt (Hua X, 29); jede ist, daß sie nur Urgezeugtes zum Wachstum, zur Ent-
Urimpression wird durch das »Ablaufen« notwendi- faltung bringt, aber nichts ›Neues‹ schafft [...]«. Und
gerweise etwas Anderes als es selbst. Hier wie auch noch weiter: »[E]s ist das Urgezeugte, das ›Neue‹, das
sonst in seinen Schriften zum Zeitbewusstsein ver- bewußtseinsfremd Gewordene, Empfangene, gegen-
dichtet Husserl unterschiedliche Bedeutungsstränge über dem durch eigene Bewußtseinsspontaneität Er-
in eine einzige begriffliche Figur, dessen Bedeutung zeugte« (ebd.).
im Verlauf von Husserls Denken variiert, ebenso wie Wesentlich für Husserls Lösungsvorschlag zur
ein farbiger Gegenstand seinen Farbton im Verlauf des Wahrnehmung des Vergehens als Intervall einer
Tages variiert. ›Urimpression‹ kombiniert zwei Aus- Dauer ist das Argument der intuitiven (d. h. wahrneh-
drücke, von welchen auf den ersten Blick der eine im menden) Auffassung des Gerade-Jetzt in Form der
Lichte der Bedeutung des anderen redundant er- Retention oder des retentionalen Bewusstseins. Die
scheint. Sich über die historische Provenienz bei Retention ist weder eine Form der ›primären Erinne-
Hume annähernd, bezeichnet ›Impression‹ die ›Leb- rung‹, noch ein Bild oder eine phantasierte Vorstel-
haftigkeit‹, ›Unmittelbarkeit‹ und ›Kraft‹, mit welcher lung. So insistiert Husserl:
alle Wahrnehmungen allererst für das Bewusstsein in
Erscheinung treten; ›Impression‹ verweist auf die fun- »Wir haben sodann die Vergangenheit selbst als wahr-
damentale Passivität des Bewusstseins in der Gege- genommen bezeichnet. In der Tat, nehmen wir nicht
benheit der Erfahrung. In Husserls Aneignung jedoch das Vergehen wahr, sind wir in den beschriebenen Fäl-
verweist die ›Impression‹ nicht auf einen Aspekt oder len nicht direkt des Ebengewesenseins, des ›soeben
eine Qualität des intentionalen Gegenstands, welcher vergangen‹ in seiner Selbst-Begebenheit, in der Weise
das Bewusstsein ›trifft‹ oder es ›beeindruckt‹. Noch ist des Selbstgegebenseins bewußt?« (Hua X, 39).
Husserls Verwendung des Begriffs der ›Impression‹
dazu gedacht, die Idee eines ›Zeit-Erlebnisses‹ zu ver- Die Retention von der Wiedererinnerung unterschei-
mitteln. Vielmehr muss Husserls ›Urimpression‹ in dend, entdeckt Husserl mit der Retention die Weise, in
seinem argumentativen Kontext als eine Beschrei- welcher das wahrnehmende Bewusstsein das Soeben-
bung der Jetzt-Phase des Bewusstseins, oder wie es vergangen in seiner folgenden Abwesenheit erfährt. In
Husserl nennt, »impressionales Bewußtsein« (Hua XI, der Wiedererinnerung wird ein schon vergangener
29), verstanden werden. Gegenstand wieder in die Gegenwart gebracht und
Die Bedeutung von Bewusstsein als Passivität, die dadurch wieder gegeben, wenn auch als vergangen.
traditionellerweise mit dem Begriff der Impression be- Retention dagegen holt einen Gegenstand nicht aus
zeichnet wird, wird bei Husserl verschoben hin zu der Vergangenheit zurück, sondern hält noch im Griff
(oder gar ersetzt von) einem Konzept von Bewusstsein, oder bewahrt den Gegenstand in seinem zeitlichen
das sowohl passiv als auch aktiv (kreativ oder schöpfe- Übergang als Soeben-vergangen. Im Gegensatz zur
risch) ist: etwa wenn Husserl der Impression das Prädi- Metapher des ›Anhaltens‹ jedoch konstituiert die Re-
kat ›Ur‹ voranstellt, welches die eigentliche Passivität tention das Vergehen des Jetzt und ermöglicht damit
der Impression als kreativ, produktiv oder spontan er- die Möglichkeit der Wiedererinnerung, insofern als
scheinen lässt. Aktivität und Passivität vermischen sich Wiedererinnerung das ›Gewesen-Sein‹ oder den
dabei zu einer Art Selbst-Affektion, die jedoch eher ›Übergang‹ der Erfahrung voraussetzt. In der Tat kann
den medialen Charakter der Impression beschreibt, im die Wiedererinnerung nur vergegenwärtigen, was
Sinne eines ›Sich-Öffnens‹ oder eines ›Selbst-zeigens‹, einst als ursprünglich jetzt erfahren wurde, weil das
als seine vermeintliche Ursprünglichkeit. Bewusstsein die Welt ursprünglich in Form des zeitli-
Wie Husserl spezifiziert: »Die Urimpression ist der chen Übergangs erfährt.
absolute Anfang dieser Erzeugung, der Urquell, das, Die edierte Version der Vorlesungen von 1904/05
woraus alles andere stetig sich erzeugt. Sie selber aber enthalten Husserls späteren (entwickelt um 1909–
wird nicht erzeugt, sie entsteht nicht als Erzeugtes, 1911) Entwurf des retentionalen Bewusstseins (in des-
9 »Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins« 81

sen dreifacher Struktur von Retention, Urimpression ›dauernder Akt‹ zusammengesetzt aus einem Strom
und Protention), entsprechend dessen das retentionale nicht-intentionalen Inhalts und einer Form der Auf-
Bewusstsein sich auch implizit als Vergehen bewusst fassung); und was er »den absoluten Zeit-konstituie-
ist. Basierend auf einer Analogie mit seiner Analyse renden Fluß des Bewußtseins« oder »absolutes selbst-
der Wiedererinnerung – in welcher das Bewusstsein konstituierendes Zeitbewußtsein« nennt (Hua X, 73).
einen vergangenen Gegenstand der Erfahrung er- Die in diesem Abschnitt enthaltenen Analysen sind
innert, während es ebenso implizit sich selbst als dasje- kritisch für Husserls Verständnis des Bewusstseins
nige Subjekt erinnert, welches einst diesen Gegenstand und dennoch weit davon entfernt, zu einer zufrieden-
als Jetzt Gewesenen erinnert –, ist die Retention nicht stellenden Auflösung dieses schwierigsten aller phäno-
nur ein Bewusstsein des Soeben-vergangen, es ist auch menologischen Probleme zu gelangen.
ein Bewusstsein gerade dieses Bewusstseins selbst: der Husserls phänomenologische Entdeckung des in-
Akt des wahrnehmenden Bewusstseins als ein ›dauern- neren Zeitbewusstseins als einer immanenten Zeit-
der Akt‹ wird selbst bewahrt und konstituiert sich lichkeit des Bewusstseins, aufgrund dessen Bewusst-
selbst zeitlich in der retentionalen Modifikation einer sein sich selbst auf die Welt hin transzendiert, führt
Urimpression als Soeben-vergangen. ein fundamentales Fragezeichen ein, welches die Be-
Husserl argumentiert, dass in dieser ›doppelten In- deutung von ›Immanenz‹ oder ›Interiorität‹ als die
tentionalität‹ des inneren Zeitbewusstseins die ›Quer- vermutlich essentielle Form des Bewusstseins in sei-
intentionalität‹, welche auf ein transzendentes Zeit- ner Selbst-Gegenwart betrifft. Eine erste Frage betrifft
Objekt als zeitlich ausgedehntes gerichtet ist, auf der die Gefahr eines infiniten Regresses, welcher in der
›Längsintentionalität‹ der zeitlichen Ausdehnung des Einsicht, dass ein immanenter Akt des Bewusstseins
Bewusstseins selbst gegründet ist. Husserl spricht von innerlich zeitlich differenziert ist, enthalten ist. Würde
dieser Dehnung des inneren Zeitbewusstseins im Sin- das nicht bedeuten, dass ein Bewusstseinsakt selbst ei-
ne eines immanenten ›Stroms‹ oder ›Flusses‹, in wel- ne Art von innerem ›Zeit-Objekt‹ wäre, für welchen
chem die Transzendenz des Gegenstandes konstitu- ein weiterer Bewusstseinsakt benötigt würde, um des-
iert wird. Dieser ›Strom‹ des inneren Zeitbewusstseins sen Zeitlichkeit zu konstituieren? Was ist die struktu-
sollte weder mit einem objektiven Fluss der Zeit, noch relle Beziehung zwischen innerem Zeitbewusstsein
mit einem psychologischen Ideen- oder Vorstellungs- und Selbst-Bewusstsein? Eine zweite Frage kreist um
fluss im Verstand verwechselt werden. Das Bewusst- die Bedeutung der transzendentalen Konstitution mit
sein ist nicht im Strom wie ein Boot im Wasser, noch dieser Entdeckung des inneren Zeitbewusstseins, oder
ist Zeit im Bewusstsein wie Wasser in einem Behältnis. in andern Worten, als selbst-konstituierend. Bewusst-
Das Bewusstsein ist der Strom als konstitutive Verzeit- sein ist hier nicht in der Zeit, noch ist Zeit im Bewusst-
lichung von Gegenständen der Erfahrung sowie des sein: Bewusstsein ist Zeit genauso wie Zeit Bewusst-
Bewusstseins selbst. Und dennoch, wie Husserl zu zei- sein ist. Inneres Zeitbewusstsein ist in diesem Sinne
gen bemüht ist, besitzt die zeitliche Ausdehnung des absolut oder selbst-konstituierend. Aber was ist hier
Zeit-Objekts eine bestimmte Zeitform von Zeitlich- die Bedeutung von ›ist‹?
keit des Bewusstseins, in welchem Zeit-Objekte kon- Die Vorlesungen von 1904/05 (in der Edition von
stituiert werden. 1928) liefern keine Klarheit in diesen Fragen, welche
Der dritte Teil der Vorlesungen von 1904/05 (§§ 34– das Problem des Zeitbewusstseins als das schwierigste
35) kämpft mit einer direkten Konsequenz von Hus- Problem der phänomenologischen Philosophie kenn-
serls Analysen des inneren Zeitbewusstseins als zeitlich zeichnen. Beide Fragen (wie auch die anderen) riefen
Differenziertem (Retention, Urimpression, Protenti- weitreichende Überlegungen in Husserls Bernauer
on). Wie ist die zeitliche Dehnung des Bewusstseins – Manuskripten und den C-Manuskripten hervor, und
das Strömen des immanenten Bewusstseins – selbst Husserl kam in Bezug auf beide nie zu einer schlüssi-
konstituiert? In Paragraph 34 (einem Text von unge- gen Ansicht. In Bezug auf die erste Frage schlägt Hus-
fähr 1907–1909, welcher also nach der ursprünglichen serl schon in dem in der Edition von 1928 enthaltenen
Vorlesungsreihe datiert ist) differenziert Husserl die Abschnitt Drei eine Lösung vor, um damit jede Gefahr
Konstitutionsebenen seiner Analyse: die objektive eines infiniten Regresses und des sogenannten ›Refle-
Struktur der Zeit und Dinge in der Zeit als identische xionsmodells‹ des Selbstbewusstseins zu verhindern,
Gegenstände in Dauer (d. h. transzendente intentiona- indem er das Selbstbewusstsein als präreflexiv entlang
le Gegenstände); die konstituierenden Bewusstseins- der ›Längsintentionalität‹ charakterisiert. In Husserls
akte als ›immanente Einheiten‹ (d. h.: als einheitlicher Ausführung bewahrt das retentionale Bewusstsein
82 III Werk – A Veröffentlichte Texte

nicht nur die Phase des Soeben-vergangen eines Zeit- Kortooms, Toine: Phenomenology of Time: Edmund Husserl’s
Objekts entlang der Achse der ›Querintentionalität‹. Analysis of Time-Consciousness. Dordrecht 2002.
Angesichts der Doppelintentionalität des Zeitbe- Lévinas, Emmanuel: En découvrant l’existence avec Husserl et
Heidegger. Paris 1949.
wusstseins bewahrt das retentionale Bewusstsein in Henry, Michel: Phénoménologie matérielle. Paris 1990.
einer nicht thematischen und präreflexiven Weise sich Ricœur, Paul: Zeit und Erfahrung, Bd. 1: Zeit und historische
selbst als jenes, das gerade die Phase des Soeben-ver- Erzählung. München 1991 (frz. 1983).
gangen erfahren hat. Das Bewusstsein, welches gerade de Warren, Nicolas: Husserl and the Promise of Time: Subjec-
den ersten Ton einer Melodie gehört hat, bewahrt sich tivity in Transcendental Phenomenology. Cambridge 2009.
selbst als gerade gehört und diese Selbst-Retention ist Nicolas de Warren
eine ›Manifestation‹ des Bewusstseins für es selbst, (aus dem Englischen von Christian Stenard)
wenn auch in einer aufgeschobenen oder ›verzöger-
ten‹ Weise. Auf ähnliche Weise ›erwartet‹ das Be-
wusstsein sich selbst implizit entlang des protentiona-
len Horizonts der ›Längsintentionalität‹ und manifes-
tiert sich in diesem Sinne selbst als ein künftiges
Selbst-Bewusstsein, als das Bewusstsein, das sich
selbst wieder als Bewusstsein, das ich war, finden wird,
und sein werde in der Zukunft. In Bezug auf die zweite
Frage oszilliert Husserl, wie dies in seinen Analysen in
den C Manuskripten aus den 1930ern ersichtlich ist,
zwischen den Alternativen, dass die Zeitlichkeit zum
Bewusstsein gehört, in welchem Falle das Bewusstsein
in Form eines Ego seine eigene Zeitlichkeit für sich
selbst konstituierte, und dem Bewusstsein als zur Zeit-
lichkeit gehörend, in welchem Falle Bewusstsein für
sich selbst durch eine Zeitlichkeit ohne jede Form ei-
nes Ego konstituiert wird, aber wohl in der Form eines
Ur-Ich und primordiale ›Meinigkeit‹.
Die Rezeption von Husserls Analysen des Zeitbe-
wusstseins, in der Ausgabe von 1928, beginnt mit Hei-
deggers Sein und Zeit. Dieses Werk kann, obwohl es
Husserls phänomenologische Analysen an keiner
Stelle explizit erwähnt, als eine kritische Auseinander-
setzung mit Husserls zentraler These, der Verbindung
des inneren Zeitbewusstsein mit der Intentionalität,
gelesen werden. Innerhalb des französischen Erbes
von Husserls Phänomenologie übte die Analyse des
inneren Zeitbewusstseins einen zentralen und facet-
tenreichen Einfluss aus. Emmanuel Lévinas (1949),
Jacques Derrida (1967), Jean-Toussaint Desanti
(1982), Michel Henry (1990), und Paul Ricœr (1983)
nahmen Husserls zentrale Aspekte auf und setzten
sich mit diesen in ihren eigenen Auseinandersetzun-
gen mit der Zeitlichkeit kritisch auseinander.

Literatur
Derrida, Jacques: Die Stimme und das Phänomen. Frankfurt
a. M. 2003 (frz. 1967).
Desanti, Jean-Toussaint: Réflexions sur le temps. Paris 1992.
Rinofner-Kreidl, Sonja: Edmund Husserl: Zeitlichkeit und
Intentionalität. Freiburg 2000.
10 »Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft« 83

10 »Formale und transzendentale zendentalen Logik analysiert und anschließend die


Logik. Versuch einer Kritik der zentralen Themen beider Abschnitte des Werkes kri-
tisch diskutiert werden.
logischen Vernunft«

Husserls schrieb seine Formale und transzendentale Die Unterscheidung von formaler und trans-
Logik zwischen Ende 1928 und Anfang 1929 »in we- zendentaler Logik und die Frage nach einer
nigen Monaten in einem Zuge« (Hua Dok III, 253). radikalen Besinnung auf den Ursprung der
Dieses Werk zählt zu den wenigen Schriften, die Hus- Logik
serl zu seiner Lebenszeit veröffentlicht hat und die
nicht als Einleitung bzw. Einführung in die Phänome- Husserls radikale Besinnung auf den Ursprung der
nologie gedacht sind, und erhebt Anspruch auf eine Logik ist der Versuch, das Verhältnis zwischen der so-
radikale Besinnung auf das logische Denken. Aus- genannten traditionellen Logik und den transzenden-
gehend von historischen Bemerkungen über den Sinn talen Strukturen der Erkenntnis zu bestimmen. In sei-
der Logik als einer schon etablierten Disziplin wird ner Interpretation betont Heffernan (1989, 1 f.), dass
zunächst ein Mangel in der Herausstellung des ur- Husserls Formale und transzendentale Logik zusam-
sprünglichen Sinnes der Logik und in der Themati- men mit Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Wis-
sierung ihres Verhältnisses zur Frage nach der Wahr- senschaft der Logik und Wittgensteins Tractatus logi-
heit festgestellt. Dass die Logik die Regeln für ein auf co-philosophicus eines der wenigen Werke ist, das sich
Wahrheit gerichtetes Denken in einem System um- intensiv mit Umfang und Grenzen der logischen Ver-
fassen soll, wird allgemein angenommen. Wie aber nunft auseinandersetzt und den systematischen Ort
›Wahrheit‹ dabei zu verstehen ist und wie das logische der Logik innerhalb einer umfassenden Erkenntnis-
Denken sich zur wahren Erkenntnis verhält, sind Fra- theorie grundlegend thematisiert. Hegel und Wittgen-
gen, die innerhalb der Tradition der Logik keine be- stein sind für Husserl keine Gesprächspartner. Wie et-
friedigende Antwort finden. Um diese Fragen zu be- wa Cavaillès (2008, 79, 90) argumentiert, wäre der Be-
antworten, ist nach Husserl eine radikale Besinnung zug zu Hegel für Husserls Projekt jedoch wichtig ge-
erforderlich, der zufolge die Auslegung des Sinnes der wesen, denn die Aufgaben, die Husserl sich selbst
Logik »im Modus der Klarheitsfülle« (Hua XVII, 13) stellt, scheinen den Übergang von einer Bewusstseins-
zu verstehen ist. Die Aufgabe dieser Besinnung als ei- philosophie zur »generierenden Notwendigkeit« [né-
ner ›Kritik der logischen Vernunft‹ besteht nicht nur cessité géneratrice] der Dialektik zu erfordern. Kant ist
darin, die interne Struktur der Logik zu beleuchten, aber der Denker, von dem Husserl zumindest die be-
sondern auch darin ihre Relevanz für eine phänome- griffliche Unterscheidung von formaler und transzen-
nologisch begründete Erkenntnistheorie hervorzu- dentaler Logik geerbt hat. Dass Husserls und Kants
heben (Hua XVII, 14 f.). Ansätze sowohl zur formalen als auch zur transzen-
Das Projekt einer radikalen Untersuchung des lo- dentalen Logik unterschiedlich sind, lässt sich durch
gischen Denkens orientiert sich am doppelseitigen verschiedene explizite Kommentare Husserls belegen.
Charakter der Logik, die sowohl als objektive wie Dennoch lohnt es sich, zunächst den Sinn der kanti-
auch als subjektive Wissenschaft bzw. Wissenschafts- schen Unterscheidung in Erinnerung zu rufen, um
lehre betrachtet wird. Nach vorbereitenden Bemer- anschließend die Eigentümlichkeit des Husserlschen
kungen, die die Bedeutung dieser doppelten Besin- Projekts zu verdeutlichen.
nung thematisieren, ist das Werk in zwei Abschnitte Kant betrachtet die Logik im weiteren Sinne als
geteilt. Im ersten Abschnitt werden Strukturen und Wissenschaft der formalen Regeln alles Denkens
Umfang der formalen Logik thematisiert und ins- überhaupt (KrV, B IX); spezifischer wird sie aber auch
besondere die Komplementarität zwischen formaler als »Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt«
Apophantik und formaler Ontologie herausgestellt. angesehen (KrV, B76/A52). Den Leistungen des Ver-
Im zweiten Abschnitt bahnt Husserl den Weg, der von standes entsprechend, lässt sich die Logik in »Logik
der formalen zur transzendentalen Logik führen soll. des allgemeinen Verstandesgebrauchs« und »Logik
Dabei werden die logischen Gebilde auf ihren gene- des besonderen Verstandesgebrauchs« einteilen. Ers-
tisch-phänomenologischen Ursprung befragt und die tere enthält die notwendigen Regeln alles Denkens
Modi ihrer Evidenz betrachtet. Im Folgenden sollen und somit auch alles möglichen Verstandesgebrauchs;
zunächst die Ausgangsfragen der Formalen und trans- sie »geht also auf diesen, unangesehen der Verschie-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_11, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
84 III Werk – A Veröffentlichte Texte

denheit der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein Verständnis dieses Charakters einerseits als zu hoch-
mag« (KrV, B76/A52). Letztere enthält demgegenüber stufig, insofern Kant die Trennung von Sinnlichkeit
die Regeln, »über eine gewisse Art von Gegenständen und Verstand bzw. von transzendentaler Ästhetik und
richtig zu denken« (KrV, B76/A52). Die allgemeine Logik voraussetzt; andererseits ist Husserl zufolge
Logik kann wiederum rein oder angewandt sein, je Kants transzendentale Logik noch zu stark von un-
nachdem, ob sie von allen empirischen bzw. psycho- geklärten anthropologischen Voraussetzungen in der
logischen Bedingungen des Denkens abstrahiert oder Bestimmung der Verfassung des menschlichen Ge-
diese in Betracht zieht (KrV, B76/A52). Kant verwen- müts geprägt (vgl. Summa 2014, 37 f.). Darüber hi-
det den Begriff ›formale Logik‹ nur selten (z. B. KrV, A naus verfehlt Kant nach Husserl den genauen Sinn des
131/B170), um die allgemeine und reine Logik zu be- Verhältnisses von formaler und transzendentaler Lo-
zeichnen. Diese scheint laut Kant seit Aristoteles »ge- gik, weil er die Korrelation beider letztendlich nicht
schlossen und vollendet zu sein [...]« (KrV, B VII). Da- untersucht. Kant unterlasse es, »[e]igentlich transzen-
durch, dass sie von jedem Inhalt der Erkenntnis abs- dentale Fragen der Möglichkeit der Erkenntnis« (Hua
trahiert, kann die allgemeine Logik, für sich allein be- XVII, 267) an die formale Logik zu stellen. Diese fo-
trachtet, nicht als Erkenntnistheorie gelten. Als Logik kussiere nur die idealen und formalen Denkgebilde
des besonderen Verstandesgebrauchs thematisiert die und werde unabhängig von den subjektiven intentio-
transzendentale Logik stattdessen den Bezug auf die nalen Leistungen betrachtet, in denen sich ihr Sinn
Gegenstände möglicher Erkenntnis: Sie enthält die konstituiert. Diese Leistungen kommen bei Kant nur
Regel des reinen Denkens über mögliche Gegenstän- ins Spiel, wenn es um die Betrachtung der Erkenntnis
de und kann in diesem Sinne als Grundlage einer von besonderen Gegenstandsbereichen und um die
transzendentalen Erkenntnistheorie gelten. Die weite- Möglichkeit der Anwendung allgemeiner Gesetzte
re Einteilung der transzendentalen Logik in transzen- geht (vgl. Lohmar 2000, 48 f.). Dieses Desiderat ist für
dentale Analytik und Dialektik dient der Bestimmung Husserl ein Zeichen einer höherstufigen Naivität, die
des Umfangs und der Grenzen einer solchen Erkennt- nicht nur bei Kant, sondern bei den meisten Denkern
nistheorie. der Neuzeit zu bemerken ist. Theoretiker der Logik
Das Erbe dieser kantischen Auffassung ist bei Hus- übersehen die der Logik zugrundeliegenden intentio-
serl nicht nur terminologisch. So ist zum Beispiel die nalen Leistungen und vernachlässigen die Unter-
Idee, dass die formale oder allgemeine Logik von je- suchung des Zusammenhangs zwischen den logi-
dem Bezug zu besonderen Inhalten abstrahiert und schen Gesetzen der korrekten Rede und den Gesetzen
für alle möglichen Inhalte gilt, eine der zentralen The- des ›Meinens‹ als Grundstruktur des Denkens. Hus-
sen in Husserls Formaler und transzendentaler Logik. serl will mit Hilfe seiner Überlegungen zum Verhält-
Dennoch unterscheidet sich Husserls Bestimmung nis von formaler und transzendentaler Logik diese
des Verhältnisses von formaler und transzendentaler theoretische Lücke füllen.
Logik von derjenigen Kants.
In Übereinstimmung mit seiner Kritik an Kants
Anthropologismus (vgl. Hua VII, 208 f., 357 f.; Sum- Formale Logik
ma 2014, 43 f.) betrachtet Husserl die Logik nicht in
Bezug auf den Verstand als unser menschliches Erklä- Im ersten Abschnitt seiner Formalen und transzenden-
rungsvermögen, sondern in Bezug auf einen phäno- talen Logik diskutiert Husserl den Sinn, den Umfang
menologisch umformulierten Begriff der Vernunft, und die Grenzen der formalen Logik. Während der
der alle Schichten und Stufen der sinnlichen und ka- zweite Abschnitt den Weg zur transzendentalen Logik
tegorialen Konstitution umfassen soll (vgl. Hua XVII, bahnt – ohne dass diese im Rahmen des Werkes voll-
32; Hua XVII, 273 f.). Dabei ist die transzendentale ständig entwickelt werden kann (vgl. Hua XVII, 296 f.)
Logik für Husserl nicht eine Logik des besonderen –, stellen die Überlegungen im ersten Abschnitt eine
Verstandesgebrauchs, sondern eine »Welt-Logik« weitgehend abgeschlossene und systematische Einheit
oder eine Logik der Weltkonstitution, deren Grund- dar. Im Folgenden soll insbesondere auf zwei in die-
stufe eine neu gedachte transzendentale Ästhetik ist sem Abschnitt entwickelte Gedanken eingegangen
(Hua XVII, 296 f.). Anders ausgedrückt: Sowohl Kant werden: (1) die Unterscheidung dreier Schichten der
als auch Husserl betonen den konkreten erkenntnis- formalen Logik mit den entsprechenden Modalitäten
theoretischen Charakter der transzendentalen Logik. der Evidenz und (2) die Frage nach dem Verhältnis
Nach Husserls Kant-Lektüre erweist sich aber Kants von formaler Apophantik und formaler Ontologie.
10 »Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft« 85

Schlussfolgerungen, in denen sie vorkommen, be-


Die Dreischichtung der formalen Logik
trachtet. Dabei wird die Grundform des prädikativen
Die Unterscheidung von drei Schichten in der forma- Urteils ›S ist p‹ durch verschiedene Arten von ›Ope-
len Logik und die Hervorhebung des sie verbinden- rationen‹ modifiziert: Ein Urteil solcher Form kann
den Fundierungsverhältnisses zählen zu den ori- zum Beispiel mit anderen Urteilen durch Konjunktion
ginellsten Aspekten von Husserls Analyse der forma- oder Disjunktion verbunden werden; Urteile können
len Logik. Diese Unterscheidung setzt die Formalisie- modalisiert werden, usw. Und jede solcher Operatio-
rung der aristotelischen Apophantik voraus, die nen ist iterierbar, so dass immer komplexere Formen
ihrerseits den ersten Schritt in Richtung der Ausarbei- gebildet werden können. Das Wichtigste dabei ist, dass
tung einer mathesis universalis darstellt. Die Formali- die Betrachtung dieser Urteilsformen unabhängig von
sierung der Urteilsform basiert auf der Ersetzung aller jeder auf Widerspruchslosigkeit und Wahrheit bezoge-
sachhaltigen Termini durch Symbole und Variablen, nen Fragestellung geschieht.
d. h. sie abstrahiert von den jeweiligen materialen Be- Konsequenzlogik und Wahrheitslogik entstehen
stimmungen im Urteil. Jeder sachhaltige Kern wird erst, wenn die Logik sich mit Schlussfolgerungen aus-
durch das Moment ›beliebiges Etwas‹ ersetzt (Hua einandersetzt; sie müssen aber – anders als in der tra-
XVII, 54). Auf Sachverhalte bezogene Urteile haben in ditionellen Auffassung der Logik – deutlich voneinan-
der formalen Betrachtung nur einen exemplarischen der unterschieden werden (Hua XVII, 60 f., 327 f.).
Wert: Sie exemplifizieren eine allgemein formale Die Konsequenzlogik hat zwei Richtungen, indem sie
Struktur und allgemein formale Gesetze, die für jeden sich einerseits auf die Gesetze der Folgerichtigkeit von
möglichen sachhaltigen Kern gelten müssen. Aus- Urteilen und andererseits auf die Gesetze ihrer Wider-
gehend von einer Thematisierung der Bedeutsamkeit spruchlosigkeit, d. h. der formalen Kompossibilität
solcher logischen Formalisierungen unterscheidet und Inkompossibilität von verschiedenen Urteilen,
Husserl die Schicht der reinen Formenlehre, der Kon- konzentriert. Die unterschiedlichen Formen des Syl-
sequenzlogik und der Wahrheitslogik. logismus sind daher nichts anderes als Ausdrücke ver-
In der reinen Formenlehre verfolgt Husserl die Idee schiedener Gesetze der Konsequenz und Wider-
einer rein logischen Grammatik, die bereits in der IV. spruchlosigkeit. Die Konsequenzlogik umfasst ferner
Logischen Untersuchung zentral ist. Damit ist die auch den ganzen Bereich der formalen Mathematik,
Analyse der Urteile gemeint, die ausschließlich ihre ei- indem sie bloß analytisch-formale Ableitungsverhält-
gentümliche Form betrachtet und somit die Möglich- nisse untersucht (s. u.).
keit des formal strukturierten Urteils überhaupt und In diesen ersten zwei Schichten werden alle Fragen
die Systematisierung aller erdenklichen Urteilsformen nach der Wahrheit von Urteilen im prägnanten Sinne
betrifft. Ziel dieser Analyse ist, die wesentlichen for- ausgeschaltet. Denn Wahrheit ist nicht nur an formale
malen Strukturen hervorzuheben, die aus einem Aus- Sinnhaftigkeit, Konsequenz und Widerspruchslosig-
druck ein Urteil machen (vgl. Lohmar 2000, 50). Nach keit gebunden, sondern verlangt eine Betrachtung der
Husserl darf ein Urteil zunächst nach den Gesetzen der Evidenz der Urteile. Mit der formalen Wahrheitslogik
reinen logischen Grammatik keinen Unsinn ausdrü- sollen die logischen Prinzipien der Konsequenz in Ge-
cken. Während Ausdrücke wie ›der Tisch ist rot‹ und setze möglicher Wahrheit umgewandelt werden (Hua
›das Dreieck ist rund‹ gemäß der reinen Grammatik je- XVII, 60 f.). Diese betreffen einerseits die Klarheit der
weils sinnvolle Urteile sind (obwohl das letzte einen Antizipation oder die Art und Weise, wie ein Gegen-
materialen Widersinn darstellt, dem keine Erfüllung stand oder ein Sachverhalt gemeint ist, sowie anderer-
entspricht), ist ›oder Tisch rot arbeiten und‹ rein gram- seits die Klarheit der Selbsthabe solcher Gegenstände
matikalisch Unsinn. Die Möglichkeit korrekten Urtei- oder Sachverhalte in der Synthese der Erfüllung. Das
lens beruht daher in erster Linie auf der formalen Kon- Ziel von Husserls Wahrheitslogik ist die Herausarbei-
struktion grammatikalisch sinnvoller Sätze. Diese er- tung von allgemeinen Prinzipien, die für die Möglich-
geben sich aus der reinen Formenlehre der Bedeutun- keit wahrer individueller Urteile vorausgesetzt werden
gen. Innerhalb der Formenlehre werden dann Urteile müssen (vgl. Mohanty 1994; Lohmar 2000, 46 f.). Die
in einfache (singuläre, partikuläre, universelle) und Art und Weise, wie zum Beispiel die Sätze vom Wider-
zusammengesetzte (konjunktive, disjunktive, hypo- spruch und vom ausgeschlossenen Dritten in der
thetische) Urteile unterteilt. Beide Urteilsformen wer- bloßen Konsequenzlogik und in der Wahrheitslogik
den dabei ausschließlich nach ihrem grammatika- zu verstehen sind, soll die Analogie und den Unter-
lischen Sinn, d. h. unabhängig von den deduktiven schied zwischen beiden verdeutlichen. Innerhalb der
86 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Konsequenzlogik lässt sich zum Beispiel der Satz von ferenzierung der Momente, die das logische Denken
Widerspruch wie folgt darstellen: »Von zwei kontra- ausmachen. Vielmehr ist diese Schichtung auch für
diktorischen Urteilen sind nicht beide als eigentliche die Frage nach der erkenntnistheoretischen Funktion
Urteile möglich, nicht beide zur Evidenz der Deutlich- der Logik bedeutsam: Durch die Explikation des Um-
keit zu bringen [...]. Jedoch eines von beiden hat sie, ist fangs und der Grenzen jeder Schicht der formalen Lo-
zur Evidenz der Deutlichkeit zu bringen« (Hua XVII, gik wird zugleich auf die Funktion hingewiesen, die
71–72). In der Wahrheitslogik lautet er stattdessen: jede Schicht für das ›echte Denken‹ übernimmt, das in
»›Ist ein Urteil wahr, so ist sein kontradiktorisches Ge- jeder Wissenschaft vorausgesetzt werden muss.
genteil falsch‹ und ›von zwei kontradiktorischen Ur-
teilen ist notwendig eines wahr‹; beides in eins ge-
Formale Apophantik und formale Ontologie
nommen: ›jedes Urteil ist eines von beiden, wahr oder
falsch‹« (Hua XVII, 71). Diese Formulierungen ma- Seit den Prolegomena vertritt Husserl die These, dass
chen deutlich, dass das Prinzip innerhalb der Kon- Logik nicht als eine bloße Technologie bzw. Kunstleh-
sequenzlogik die bloße Kompossibilität von Urteilen re des Denkens anzusehen ist und auch nicht primär
betrifft, während es in der Wahrheitslogik einen Be- als eine normative Disziplin, die Vorschriften für das
zug zu einem möglichen Sachverhalt hat. richtige Denken und Schließen systematisiert (Hua
Die Modi der Evidenz in diesen zwei Schichten und XVIII, 40 f.). Zwar hat die Logik auch eine normative
ihren möglichen Graden der ›Vagheit‹ bzw. ›Verwor- Funktion; diese beruht aber auf ihrem grundlegenden
renheit‹ und ›Explikation‹ sind dementsprechend auch Sinn als Wissenschaftslehre, »deren Aufgabe selbst es
jeweils anders zu verstehen (vgl. Heffernan 1989, 79 f.; sein müsste, den echten Sinn von Wissenschaft über-
Lohmar 2000, 48 f.): als Evidenz des deutlichen Urteils haupt klarzulegen und in der Klarheit theoretisch zu
in der Konsequenzlogik einerseits und als Evidenz der explizieren« (Hua XVII, 14). In der Formalen und
möglichen Wahrheit (in der Antizipation) und der transzendentalen Logik konkretisiert Husserl seinen
wirklichen Wahrheit (der Angemessenheit des Urteils Begriff der Logik als Wissenschaftslehre, indem er die
an den intendierten Sachverhalt) in der Wahrheits- Komplementarität zwischen der von Aristoteles und
logik andererseits. Im ersten Fall betreffen die Explika- der scholastischen Tradition stammenden Idee der
tion und der Übergang von einem verworrenen zu ei- Logik als formalisierter Apophantik und der von Leib-
nem deutlichen Urteil die bloße Meinung und die in- niz stammenden Erweiterung der Analytik als mathe-
nere Struktur des Urteils selbst, ohne Bezug zum Sach- sis universalis betrachtet (vgl. Sokolowski 1973). Nach
verhalt. Im zweiten Fall bestimmt sich die Evidenz im Leibniz ist die formale und axiomatisierte Logik ein
Sinne der anschaulichen Erfüllung der indizierenden Teil eines weiteren Systems, das Logik, Mathematik
(d. h. signitiven) Intentionen (Hua XVII, 62). Dabei und alle möglichen streng formalen Disziplinen um-
verweist der Begriff der Angemessenheit auf eine ge- fasst. Bereits in den Prolegomena knüpft Husserl an
wisse Mehrdeutigkeit, indem er sowohl auf die Iden- Leibniz’ Idee der mathesis universalis an (Hua XVII,
tifikation hinweist, durch die ein vorher bloß inten- 84 f., 222 f.), die er in einem engen, einem weiten, und
dierter Sachverhalt zur Selbstgegebenheit kommt, als einem weitesten Sinne versteht. Im engen Sinne be-
auch auf die Bewährung einer solchen Synthese. trifft die mathesis universalis die Wissenschaft der
Husserl hält mit Recht diese Unterscheidung von Quantität oder die Algebra; im weiteren Sinne enthält
drei Schichten der formalen Logik für einen originel- sie auch die Wissenschaft des Ähnlichen und Unähn-
len und bisher unerforschten Forschungsgegenstand. lichen (vgl. Leibniz’ ars combinatoria); im weitesten
Das Verhältnis zwischen diesen drei Schichten lässt Sinne ist mathesis universalis ein formaler Kalkül, der
sich anhand des Fundierungsgesetzes im Sinne der III. sowohl die quantitativen als auch die qualitativen
Logischen Untersuchung (Hua XIX/1, 267 f.) verste- Wissenschaften umfasst. In diesem letzteren Sinne
hen: Die Konsequenzlogik setzt voraus, dass Ausdrü- kann die Logik als echte universale Wissenschaftsleh-
cke keinen Unsinn darstellen – d. h., dass sie gramma- re angesehen werden, denn sie bezieht sich auf alle
tikalisch strukturierte Urteile nach der reinen Formen- möglichen Instanzen des formalen Argumentierens
lehre sind. Darüber hinaus setzt die Wahrheitslogik die und wird somit zu einer »universellen Mathematik in
Konsequenzlogik (und somit auch die reine Formen- einem höchsten und umfassendsten Sinn« (Hua
lehre) voraus, denn kein Urteil kann als wahr gelten, XVIII, 222).
das einen formalen Widerspruch enthält. Der Vorteil Husserls Verständnis des Zusammenhanges zwi-
dieser Unterscheidung ist nicht bloß eine klarere Dif- schen formaler Apophantik und formaler Ontologie
10 »Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft« 87

knüpft an diese Betrachtungen über den Sinn der Lo- Nachweis, warum die formale Logik im umfassenden
gik als mathesis universalis an, der von Bolzano – ob- Sinne sowohl die Apophantik als auch die formale
wohl in einer unvollständigen Weise – schon auf- Ontologie enthalten soll, erfolgt demnach letztlich im
gegriffen wurde (vgl. Hua XVII, 88). Während erstere Rückgang auf die subjektiven Leistungen (wie das No-
die rein formale Theorie möglicher Urteile überhaupt minalisieren und Kolligieren), die Urteilen im All-
ist, erweist sich letztere als die formale Theorie mögli- gemeinen und mathematischer Gegenständlichkeit zu
cher Gegenstände überhaupt: Im ersten Fall sind wir Grunde liegen. Dass diese Leistungen auch mathe-
auf Urteile und deren formale Struktur eingestellt, im matische Begriffe begründen, betont Husserl schon in
zweiten Fall auf mögliche ›Gegenstände-worüber‹ der VI. Logischen Untersuchung (Hua XIX/2, 657 f.).
oder auf die reinen Substrate von möglichen Urteilen. Dieser Gedanke wird im zweiten Abschnitt von Erfah-
Diese werden als ›bloßes Etwas‹ genommen, d. h., als rung und Urteil in genetisch-phänomenologischer
Variablen von möglichen Intentionen, unabhängig Hinsicht weiter entwickelt (Husserl 1999, 231 f.).
von jedweder materialen Bestimmtheit. Die sachhalti- Die gerade dargestellte Idee der formalen Ontolo-
gen Kerne von Gegenständen und Sachverhalten wer- gie ist schon in der Mannigfaltigkeitslehre als Theorie
den, dem Sinn jeder formalen Disziplin entsprechend, der möglichen Theorieformen vorgezeichnet (Hua
in der formalen Ontologie entleert (vgl. Hua XVII, XVII, 93 f.). Die Aufgabe dieser Theorie besteht in der
80 f.). Die moderne reine Mathematik ist dabei die Systematisierung der wesentlichen Typen möglicher
Disziplin, die am besten den Sinn einer solchen for- deduktiver Theorien und ihrer Beziehungen. Sie wird
malen Ontologie erfasst hat. Das Ziel von Husserls von Husserl in drei Teilaufgaben gegliedert, die ihrer-
Überlegungen im zweiten und dritten Kapitel des ers- seits in einem Fundierungsverhältnis stehen: die He-
ten Abschnittes ist die Ausarbeitung der Idee einer rausarbeitung (i) der Bedeutungskategorien (wie Satz,
Theorie, die beide Sinne der formalen Logik, nämlich Begriff, Wahrheit) und ihrer elementaren Verknüp-
als formale Apophantik und als formale Ontologie, zu fungsformen, (ii) der dazu gehörigen Verknüpfungs-
einer synthetischen Einheit bringt oder – was dasselbe gesetze und (iii) der deduktiven Systeme der formal
bedeuten würde – die formale Mathematik in einen axiomatischen Theorien.
umfassenderen Begriff der formalen Logik einordnet. Die Doppelseitigkeit der formalen Logik als forma-
Sie zeigt sich zum Beispiel an der Tatsache, dass die ler Apophantik und formaler Ontologie führt ferner zu
Aussagen der Mathematik, wie auch alle Abwandlun- einer Überlegung über den epistemologischen Wert
gen des ›Etwas überhaupt‹, durch Urteile ausgedrückt der Besinnung über formale Logik. Dies ist ein wesent-
werden müssen (Hua XVII, 83) und daher eo ipso zum liches Moment des Überganges von der Konsequenz-
Bereich der formalen apophantischen Logik gehören. logik zur Wahrheitslogik. Im wissenschaftlichen Urtei-
Darüber hinaus können Urteilsprodukte selbst als for- len sind wir durch das Interesse an der Wahrheit und
male Gegenstände höherer Ordnung, zum Beispiel Richtigkeit der Urteile geleitet. Was uns dabei interes-
durch Nominalisierung, angesehen werden (vgl. Loh- siert, ist ›wirkliches‹ Urteilen, d. h. Urteilen über Sach-
mar 2000, 67 f.). Dass die Idee einer Einheit zwischen verhalte, wie sie in Wirklichkeit sind. Dieses Urteilen
formaler Apophantik und Ontologie erforderlich ist, über material Wirkliches kann aber nur begründet
zeigt sich ferner an Husserls Überlegungen zum Be- sein, wenn Urteile formal richtig sind. Jede materiale
griff ›Sachverhalt‹. Danach wird der Sachverhalts- wissenschaftliche Disziplin setzt daher die Logik als
begriff zu eng aufgefasst, wenn er lediglich als mögli- Wissenschaftslehre voraus, d. h. die formale Wissen-
ches Korrelat von Urteilen verstanden wird. Vielmehr schaft, die die möglichen kategorialen Formen (Ur-
muss man den Begriff des Urteils selbst, und dement- teilsformen) untersucht, die ›Gegenstände-überhaupt‹
sprechend den Begriff des Sachverhaltes, auf die kate- (verstanden als leeres Etwas) sinnvoll und konsequent
goriale Aktivität (kategoriale Anschauung) im All- darbieten können. Bei der Betrachtung der formalen
gemeinen zurückbeziehen (Hua XVII, 82 f.). Diese ka- Logik ist daher eine Wendung von den objektiven Ge-
tegoriale Aktivität ist dieselbe, die Gegenständlichkei- bilden zu den Operationen und den syntaktischen Ak-
ten niedrigerer Stufe (wie das reine Etwas) und tivitäten immer möglich. Das ist für Husserl von zen-
höherer Stufe (wie Mengen und Anzahl) konstituiert. traler Bedeutung für die Erkenntnistheorie: Bei der
In diesem Sinne sind sowohl die formalen Gegenstän- Bewährung wissenschaftlicher Hypothesen und ihren
de der Mathematik als auch Sachverhalte überhaupt Schlussfolgerungen muss die Erkenntnistheorie kon-
Produkte einer spontanen kategorialen Aktivität oder stant die Strukturen und die formalen Ansprüche des
»syntaktische Gebilde in forma« (Hua XVII, 91). Der Urteilens der Kritik unterziehen. Diese Kritik soll es
88 III Werk – A Veröffentlichte Texte

ermöglichen, das Erkenntnisinteresse an der Bewäh- zendentalen Logik impliziert somit sowohl den Über-
rung des Erkannten auf die Evidenz der sinnlichen gang von der rein formalen Wissenschaftslehre zur
oder der kategorialen Anschauung zurückzuführen. materialen Wissenschaftslehre als auch den Übergang
Es handelt sich dabei um ein ›Zickzack‹-Verfahren von einer objektiven Analyse des Sinns der Logik zu
zwischen der bloßen Intention der vermeinten Gegen- einer Analyse von dessen Begründung in der trans-
stände überhaupt und der Betrachtung der Evidenz in zendentalen Subjektivität. Die Wendung zu den sub-
erfüllender Anschauung (Hua XVII, 125 f.). Daraus er- jektiven Leistungen, die der Konstitution von logi-
gibt sich eine Doppeldeutigkeit des Sinns der Wahrheit schen Gebilden unterliegen, darf jedoch nicht in ei-
von Urteilen: einerseits wird sie aufgrund der entspre- nem psychologistischen Sinne missverstanden wer-
chenden kategorialen Gegenständlichkeit und Evidenz den. Husserl widmet einige zentrale Paragraphen im
der kategorialen Anschauung bezogen auf die Richtig- zweiten Abschnitt der Formalen und transzendentalen
keit eines Urteils, andererseits wird sie verstanden als Logik dem Versuch einer erneuten Widerlegung des
selbst gegebene Wirklichkeit (Hua XVII, 132 f.). Psychologismus (in seinen ›transzendentalen‹, ›logi-
Obwohl das Ziel der kritischen Besinnung die Ad- schen‹ und ›erkenntnistheoretischen‹ Formen), die
äquation an die Sachverhalte im Sinne einer vollstän- auch auf einige Missdeutung der aktorientierten Ana-
digen (d. h. adäquaten) Evidenz ist, betont Husserl im- lysen der Logischen Untersuchungen eingeht (Hua
mer wieder, dass Evidenz verschiedene Grade hat und XVII, 157 f.; vgl. auch Bachelard 1957).
dass die Synthesis zwischen bloßer Intention und er- Die Frage nach der Evidenz, die schon in Zusam-
füllender Anschauung nicht nur eine identifizierende menhang mit den formal-logischen Gesetzen dis-
Deckung, sondern auch eine Enttäuschung zur Folge kutiert wurde, ermöglicht nun den Übergang zu den
haben kann. In diesem letzten Fall wird eine erste Evi- spezifischen Problemen der transzendentalen Logik.
denz durch eine neue Evidenz partiell oder vollständig Der strenge Sinn der Evidenz, der innerhalb der phä-
korrigiert. Begründet ist dies in der Möglichkeit der nomenologischen Analysen angestrebt wird, ist nicht
Iteration unserer Reflexion auf Urteile in Akten höhe- zu verwechseln mit der sensualistisch geprägten Kon-
rer Stufe. Lohmar betont daher: »[b]egründet heißt zeption der Evidenzgefühle, die den Bezug von Evi-
ein Wissen dann, wenn der zur Gewinnung dieser denz und Wahrheit zu einem ›Wunder‹ machen wür-
Evidenz notwendige Weg immer wieder und von je- de (Hua XVII, 165 f.). Als »Erlebnis der Wahrheit«
dermann begangen werden kann, so dass die hier ge- (Hua XIX/2, 652) ist Evidenz vielmehr im Sinne der
suchte ›Richtigkeit‹ jederzeit ursprünglich wieder her- »intentionalen Leistung der Selbstgebung« zu verste-
stellbar ist« (Lohmar 2000, 99). hen, d. h. als »die allgemeine ausgezeichnete Gestalt
der ›Intentionalität‹, des ›Bewusstsein von etwas‹, in
der das in ihr bewusste Gegenständliche in der Weise
Von der formalen zur transzendentalen des Selbsterfassten, Selbstgesehenen, des bewusst-
Logik seinsmäßigen Bei-ihm-selbst-seins bewusst ist« (Hua
XVII, 166). So verstanden sind Selbstgebungen »evi-
Die Formale und transzendentale Logik unterscheidet dentes Recht schaffende Akte, schöpferische Urstif-
sich methodologisch von vielen anderen Werken Hus- tungen des Rechtes, der Wahrheit als Richtigkeit«
serls, indem sie nicht von der Thematisierung der (Hua XVII, 167). Hinter diesen etwas emphatischen
transzendentalen Reduktion als Zugang zur Frage Formulierungen steckt die Möglichkeit der Entfaltung
nach der Letztbegründung der Erkenntnis ausgeht des synthetischen Prozesses der erfüllenden Anschau-
(vgl. Lohmar 2000, 1 f.). Die Ausführungen zur for- ung, der die Momente des bloßen unklaren oder ver-
malen Analytik im ersten Abschnitt sind vielmehr in- worrenen Meinens, der Explikation und der eigentli-
nerhalb einer reflexiven Einstellung auf den Sinn der chen gegenständlichen Selbstgebung einschließt. An-
Logik durchgeführt, ohne dabei der Frage nach den ders als die naive Auffassung der Evidenz als Gefühl
unterliegenden konstitutiven Leistungen der Subjekti- soll der phänomenologische Begriff der Evidenz als
vität nachzugehen. Eine solche Analyse scheint daher ein sich zeitlich entfaltender und immer wieder zu
erst dann möglich zu sein, wenn jene Strukturen und überprüfender Prozess der konstanten Bewährung
ihre Fundierungsverhältnisse aufgeklärt sind. Der verstanden werden, der die Möglichkeit einer Durch-
Weg zur transzendentalen Phänomenologie wird streichung früherer Evidenzen durch neue Evidenzen
demnach durch eine Kritik der Wissenschaft und der miteinschließt (vgl. dazu Mertens 1996, 170 f.). Da-
logischen Vernunft eröffnet. Der Übergang zur trans- durch gewinnt die Evidenz eine »universale teleologi-
10 »Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft« 89

sche Struktur, ein Angelegtsein auf ›Vernunft‹ und so- genheit zugrunde liegen. Die Argumentation beruht
gar eine durchgehende Tendenz dahin, also auf Aus- dabei auf einer kritischen Diskussion der bisherigen
weisung der Richtigkeit [...] und auf Durchstreichung Positionen zur Weltbezogenheit der Logik, die gene-
der Unrichtigkeit [...]« (Hua XVII, 168 f.). rell eine Analyse der transzendentalen Leistungen der
Aufgrund dieser, auf die sachhaltigen Kerne erwei- Subjektivität vernachlässigen. Sie enthält auch eine
terten Auffassung der Evidenz wird die transzenden- Auseinandersetzung mit derjenigen Tradition, die für
tale Logik zu einer transzendentalen Kritik der Er- Husserl den Weg zur transzendentalen Phänomenolo-
kenntnis. Diese beruht auf der Kritik der idealisieren- gie gebahnt hat, insbesondere mit Descartes, Hume
den Voraussetzungen der traditionellen Logik und und Kant (Hua XVII, 236 f., 262 f.).
ihrer Anwendung als Norm aller sonstigen Wissen- Der nicht-naive Sinn der Weltbezogenheit der Lo-
schaften (Hua XVII, 191 f.). Methodologisch impli- gik kann erst nach der Analyse des Umfangs und der
ziert dies den Übergang von einer naiven Evidenz der Grenzen der Formalisierung erfasst werden und muss
Grundbegriffe der Logik und der logischen Prinzipien in einer phänomenologischen Analyse der Korrelati-
zur phänomenologischen Evidenz derselben im Sinne on zwischen Subjektivität und Welt enthüllt werden.
der anschaulichen Selbstgegebenheit. Dabei wird der Dieser letzte Schritt kann als eine Phänomenologie
Ursprung des Sinns der Idealitäten in einer Art unter- der Vernunft angesehen werden (Hua XVII, 273). In
sucht, die die genetisch-phänomenologische Richtung einer sehr komprimierten Form diskutiert Husserl im
der Untersuchungen der transzendentalen Logik in letzten Kapitel dieses Werkes die zentralen Themen
Erfahrung und Urteil vorbereitet. So werden zum Bei- seines späteren Denkens, zum Beispiel den Zusam-
spiel Idealitäten nicht als nicht-zeitliche Sinngebilde menhang zwischen sinnlicher und kategorialer Erfah-
konzipiert, sondern als überzeitliche Gegenstände, die rung am Leitfaden der jeweiligen Evidenz, die Frage
zwar nicht kontingent, aber durch die Zeit hindurch nach dem genetischen Ursprung des prädikativen
konstituiert sind. Darüber hinaus wird der Sinn der Denkens, das Problem der Konstitution des objekti-
Idealität der logischen Gesetze im Sinne der Erfassung ven Sinnes durch die Leistungen der transzendentalen
des Invarianten innerhalb eines selbst zeitlichen Va- Subjektivität, die sich ihrerseits notwendigerweise als
riationsprozesses bestimmt, wobei der Bezug auf ein- transzendentale Intersubjektivität enthüllt, die Pro-
zelne Gegenstände exemplarisch verstanden wird blematik des Verhältnisses zwischen transzendentaler
(Hua XVII, 185 f.). Außerdem erweist sich für den und mundaner Subjektivität. Trotz ihres programma-
Sinn dieser Idealitäten die Möglichkeit des ›Und-so- tischen Charakters haben diese Ausführungen den
weiter‹ (die Husserl als die subjektive Basis der Mathe- Vorteil, die erwähnten Themenkomplexe in einer
matik und insbesondere der Mengenlehre ansieht) als kompakten Form darzulegen, die zum systematischen
konstitutiv, die als wesentlicher Zug der prozesshaften Charakter des Werkes beiträgt. Diese Analyse der
Struktur der Intentionalität in der Iterierbarkeit der konstitutiven Leistungen der transzendentalen Sub-
Erfahrung des ›Ich kann‹ begründet ist (Hua XVII, jektivität und der Korrelation zwischen Subjektivität
195 f.). Der ideale Sinn von logischen Gesetzen und und Welt stellt einerseits den Endpunkt einer ›Kritik
Prinzipien erschließt sich demnach aufgrund ihrer der logischen Vernunft‹ dar, die sich auf die Besin-
prinzipiell ins Unendliche wiederholbaren Exemplifi- nung der formalen Logik in ihren unterschiedlichen
zierung und Variation der konkreten Beispiele. Die ei- Schichten bezieht. Andererseits erschließt sich auch
detische Variation, die in diesen Betrachtungen mit- der Sinn einer ›Welt-Logik‹ oder einer Logik der all-
schwingt, ohne wie in Erfahrung und Urteil systema- gemeinen Sinn- und Weltkonstitution (Hua XVII,
tisch untersucht zu sein, beruht auf dieser prinzipiell 296 f.).
offenen Iterierbarkeit und erweist sich im vorliegen-
den Zusammenhang als phänomenologische Rechts- Literatur
prüfung der Logik und der Mathematik. All das weist Bachelard, Suzanne: La logique de Husserl. Paris 1957.
darauf hin, dass die Logik einer Theorie der Erfahrung Cavaillès, Jean: Sur la logique et la théorie de la science. Paris
2008.
bedarf (Hua XVII, 219). Heffernan, George: Isagoge in die phänomenologische Apo-
Die letzten Kapitel von Formaler und transzenden- phantik. Eine Einführung in die phänomenologische Ur-
taler Logik konzentrieren sich demzufolge auf die Er- teilslogik durch die Auslegung des Textes der Formalen und
fahrungsstrukturen der transzendentalen Subjektivi- transzendentalen Logik von Edmund Husserl. Dordrecht
tät (und Intersubjektivität), die der letzten Begrün- 1989.
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Erste Auf-
dung der Wahrheit von Urteilen in ihrer Weltbezo-
90 III Werk – A Veröffentlichte Texte

lage 1781. Kants gesammelte Schriften. Berlin 1903 [KrV 11 Die »Cartesianischen
A].
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Zweite Auf-
Meditationen« / »Méditations
lage 1787. Kants gesammelte Schriften. Berlin/Leipzig Cartésiennes«
1904 [KrV B].
Lohmar, Dieter: Edmund Husserls ›Formale und transzen-
dentale Logik‹. Darmstadt 2000. Die Cartesianischen Meditationen zählen zu Husserls
Mertens, Karl: Zwischen Letztbegründung und Skepsis. Kriti- wichtigsten und einflussreichsten Veröffentlichungen.
sche Untersuchungen zum Selbstverständnis der transzen- Sie wurden zunächst auf Französisch publiziert, in der
dentalen Phänomenologie Husserls. Freiburg/München
Übersetzung von Emmanuel Levinas, Gabrielle Peif-
1996.
Mohanty, Jitendra Nath: Husserl’s ›logic of truth‹. In: Leila fer, und Alexandre Koyré als Méditations Cartésiennes
Haaparanta (Hg.): Mind, Meaning and Mathematics. Es- (Husserl 1931). War diese französische Ausgabe – die
says on the Philosophical Views of Husserl and Frege. Dord- erste französische Ausgabe von Husserls Veröffent-
recht 1994, 141–160. lichungen überhaupt – zwar unmittelbar einfluss-
Sokolowski, Robert: Logic and mathematics in Formal and reich, so verspürte doch Husserl selbst die Notwendig-
Transcendental Logic. In: David Carr/Eduard Casey
(Hg.): Explorations in Phenomenology. Den Haag 1973,
keit den deutschen Text weiter auszuarbeiten, vor al-
306–327. lem in Hinblick auf die Konstitution intersubjektiver
Summa, Michela: Spatio-temporal Intertwining. Husserl’s Erfahrung. In den frühen 1930er Jahren hielt er den
Transcendental Aesthetic. Dordrecht 2014. Text für weitere Über- und Umarbeitungen zurück,
bevor er ihn schlussendlich zugunsten des Vorhabens
Michela Summa
zur Krisis der europäischen Wissenschaften aufgab
(Hua VI). Die deutsche Ausgabe, herausgegeben von
Stefan Strasser, wurde schließlich 1950 als Band I der
Husserliana-Reihe veröffentlicht. Eine englische
Übersetzung erfolgte von Husserls amerikanischem
Studenten, Dorion Cairns (Husserl 1967).
Die Cartesianischen Meditationen bilden Husserls
erste große Veröffentlichung seit seinen 1913 erschie-
nenen Ideen I (Hua III/1), die mit dem Untertitel Eine
Einleitung in die Phänomenologie eine systematische
Darstellung seiner reifen transzendentalen Philoso-
phie bieten. In einem Brief an Dorion Cairns vom
21. März 1930 (Hua Dok III/4, 21–24) nennt Husserl
sie »mein Haupt- und Lebenswerk« (23 f.). Die Carte-
sianischen Meditationen kennzeichnen den Höhe-
punkt von Husserls kreativer Auseinandersetzung mit
Descartes’ Projekt zur Fundierung der Wissenschaf-
ten. So bezeichnet Husserl seine Philosophie aus-
drücklich als einen »Neu-Cartesianismus« (Hua I,
43). Seit seiner 1916 gehaltenen Antrittsrede in Frei-
burg (veröffentlicht 1917; Hua XXV, 68–81) hatte
Husserl seine Philosophie in der Form eines Cartesia-
nismus dargestellt – den Ideen I nachfolgend, in denen
die Epoché eingeführt und Intentionalität in cartesia-
nischer Begrifflichkeit als ego-cogito-cogitatum (Hua I,
72) charakterisiert wurde. Husserls Londoner Vorträge
aus dem Jahre 1922 stellen eine frühere Form dieses
cartesianischen Zugangs dar. Im Juni 1922 gab Hus-
serl eine Reihe von vier Vorlesungen am University
College, London, »an dieser großen Stätte englischer
Wissenschaft«, mit dem Titel »Die Phänomenologi-
sche Methode und Phänomenologische Philosophie«

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_12, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
11 Die »Cartesianischen Meditationen« / »Méditations Cartésiennes« 91

(Hua XXXV, 311–340). Diese Vorlesungen stellten ei- Weg‹ in die transzendentale Philosophie. In ihnen bie-
nen Versuch dar, den Entwurf eines Systems transzen- tet Husserl eine ausdrückliche Verteidigung seines
dentaler erster Philosophie als strenger Wissenschaft transzendentalen Idealismus, wie er sie auch in sei-
zu skizzieren, das umfassende Wirkung hätte und eine nem ›Nachwort‹ zu den Ideen, veröffentlicht 1930 in
Rolle in der Entwicklung einer neuen, universellen, Husserls Jahrbuch (Hua V, 138–162), artikuliert. Hie-
selbstkritischen Humanität spielen würde. Zudem rauf werden in der Krisis-Schrift mindestens drei ›We-
hatte Husserl 1923/24, in seiner Ersten Philosophie, ge‹ zur Durchführung der Reduktion identifiziert: der
Descartes im Rahmen seiner kritischen Ideengeschich- ›cartesianische Weg‹ (Hua VI, 156), der ›Weg von der
te (Hua VII) behandelt und ihn als Entdecker des Psychologie‹ (Hua VI, 212), und der ›Weg von der vor-
transzendentalen Ego porträtiert. gegebenen Lebenswelt‹ (Hua VI, 141). Des Weiteren
Husserls Besuch in Paris im Jahre 1929 wurde von behauptet Husserl in der Krisis, dass der cartesia-
dem in Litauen geborenen, in Frankreich ansässigen nische Weg zu plötzlich – »in einem Sprunge« (Hua
Philosophen, Emmanuel Levinas, unterstützt, der VI, 158) – in den Bereich des transzendentalen Ego
Husserls und Heideggers Seminare in Freiburg wäh- führt, so dass eine Ergänzung durch den Weg von der
rend des Sommersemesters 1928 und des Winter- Lebenswelt aus – ein Konzept, das in den Cartesia-
semesters 1928/29 besucht hatte. Am 23. und am nischen Meditationen kaum erwähnt wird – notwen-
25. Februar 1929 hielt Husserl im Descartes-Amphi- dig ist (s. Kap. III.A.12).
theater der Sorbonne, auf Einladung des Institut d’Étu- Der Titel Cartesianische Meditationen soll aufzei-
des germaniques und der Société française de philoso- gen, inwiefern Phänomenologie eine Radikalisierung
phie zwei je zweistündige Vorlesungen mit dem Titel von Descartes’ grundlegender Methodologie zu Be-
Einleitung in die transzendentale Phänomenologie. ginn der neuzeitlichen Philosophie darstellt. Husserls
Husserl trug auf Deutsch vor, verteilte aber eine Zu- Interpretation von Descartes ist neukantisch, obwohl
sammenfassung auf Französisch, welche im ersten er, sich auf französische Gelehrte wie Etienne Gilson
Band der Husserliana enthalten ist (Hua I, 185–201). und Alexandre Koyré berufend, hervorhebt, inwiefern
Unter den Zuhörern befanden sich Levinas, Lucien Descartes seinen mittelalterlichen Vorgängern ver-
Lévy Bruhl, Jean Cavaillès, Jean Héring, Alexandre pflichtet ist. Husserl stellt Descartes, aufgrund seiner
Koyré, Gabriel Marcel, und möglicherweise der junge Entdeckung des transzendentalen Ego, als Begründer
Maurice Merleau-Ponty. Eingeladen von seinem frü- der transzendentalen Philosophie dar, behauptet je-
heren Studenten, Jean Héring, reiste Husserl an- doch, dass er später in eine dogmatische Metaphysik
schließend nach Strasbourg, wo er zwei ähnliche Vor- zurückfalle. Er bewundert Descartes für den Versuch,
träge hielt, diesmal jedoch mit Schwerpunkt auf die die bisher geltenden Wissenschaften umzustürzen und
sogenannte ›intersubjektive Reduktion‹ (vgl. Hua XV, das unbezweifelbare Fundament einer Ersten Philoso-
69). Diese Arbeit wurde von Husserls Assistenten, Eu- phie, welche »eine Wissenschaft aus absoluter Begrün-
gen Fink, in Paragraphen unterteilt und mit Über- dung« sein soll (Hua I, 43), offen legen zu wollen. Hus-
schriften versehen. serl stimmt weiter mit Descartes darin überein, dass
Mit den Pariser Vorträgen 1929 wollte Husserl le- Philosophie ein reflektives Unternehmen sei, das ihren
diglich einen Abriss der Weite des transzendentalen Ausgang von der Erfahrung in der ersten Person neh-
Lebens geben, um das umfassende Gebiet der trans- men muss, und in dem der Meditierende nur die eige-
zendentalen Phänomenologie zu erschließen. Auf- ne Existenz als absolut unbezweifelbar ansehen dürfe
grund der weiten Verbreitung und ihrer unmittel- (45). Husserl zufolge hat Descartes die grundlegende
baren Popularität wurden die Cartesianischen Medita- Tatsache enthüllt, wonach nur dem transzendentalen
tionen jedoch rasch als kanonischer Ausdruck von Ego absolutes Sein zukommt (103) und alles Sein rela-
Husserls reifer transzendentaler Philosophie betrach- tiv zum Bewusstsein ist, wie er es schon in den Ideen I
tet. Zwischen 1931 und 1933 arbeitet Husserl weiter- § 49 ausdrückt. Husserl vollzieht eine »Art solipsisti-
hin an der deutschen Fassung, gab diese aber zuguns- schen Philosophierens« (45), das in einen »transzen-
ten jener neuen Richtung auf, die er in seinen Wiener dentalen Subjektivismus« führt (46), obgleich er in sei-
und Prager Vorlesungen von 1935 wie auch in der Kri- ner fünften Meditation für eine Einbettung dieses Sub-
sis der europäischen Wissenschaften (1936, vgl. Hua jektivismus in das größere Projekt der transzendenta-
VI) öffentlich ankündigen sollte. len Intersubjektivität argumentieren wird.
Die Cartesianischen Meditationen sind, sodann, ka- Husserls Methode der Epoché (ein Begriff, den er
nonischer Ausdruck von Husserls ›cartesianischem in den Ideen I einführt und für jene Vorgänge steht,
92 III Werk – A Veröffentlichte Texte

welche eine naive, natürliche, objektive Einstellung Husserls fünf cartesianische Meditationen (Des-
zur Welt ausschließen) stellt eine ausdrückliche Radi- cartes’ Werk umfasste sechs Meditationen) spiegeln
kalisierung des cartesianischen Zweifels dar. Bei bei- nicht exakt den Fortgang von Descartes’ Text wider.
den nimmt der Bruch mit der ›natürlichen Einstel- Husserl konzentriert sich primär auf die ersten beiden
lung‹ eine zentrale Rolle ein, dieser soll den Geist auf Meditationen Descartes’, die vom Zweifeln und der
eine wissenschaftliche Einstellung (im Gegensatz zur Entdeckung der absoluten Existenz des Ego handeln.
natürlich, d. h. alltäglichen Einstellung) vorbereiten. Seine Cartesianischen Meditationen folgen nicht dem
Husserl vergleicht denn auch seine ›Reduktion‹ mit von Descartes eingeschlagenen Kurs: Es findet sich
Descartes’ universellem Zweifel, der das »Sein der keine Diskussion von Substanz, von Gott, oder von der
Welt« (Hua I, 45) außer Geltung setzt. Allerdings be- Existenz der Außenwelt. Husserl wirft zwar die Frage
hauptet Husserl, dass sich seine phänomenologische nach der Konstitution von Anderen auf, ist aber be-
Epoché von dem cartesianischen Zweifel (Ideen I § 32; strebt, von Descartes’ Ansicht, der zufolge Andere nur
Hua III/1, 65 f.) insofern unterscheidet, als er im tat- als Objekte in der Welt, niemals aber als Subjekte auf-
sächlichen, historischen cartesianischen Zweifel eine gefasst werden können, abzuweichen. Descartes öff-
Spielart des dogmatischen Skeptizismus sieht, der eine nete die Sphäre der transzendentalen Subjektivität hin-
dogmatische Ablehnung der Existenz der Welt bein- sichtlich einer Selbsterforschung oder Selbstbesin-
haltet, anstatt des eher pyrrhonischen Skeptizismus, nung, die jedoch erst mit Husserl erreicht werden wird.
der sich Existenzaussagen gegenüber enthält. Husserls Die erste Meditation trägt den Titel »Der Weg zum
Interpretation zufolge unternimmt Descartes den transzendentalen Ego« und folgt am ehesten der Ar-
Versuch einer universellen Weltverneinung, während gumentation in Descartes’ erster Meditation. Sie be-
er selbst keine Verneinung, sondern eine Neutralisie- ginnt mit einer kritischen Analyse von Descartes’ Su-
rung weltlicher Annahmen vollziehen möchte. Hus- che nach jenem radikalen Ausgangspunkt auf dem ei-
serl zielt darauf, den echten Sinn des »Rückgang[s] auf ne »universale[ ], bis ins letzte apodiktisch begründe-
das ego cogito« zu enthüllen (Hua I, 47). Seine Metho- te[ ] Wissenschaft« (Hua I, 74) errichtet werden kann.
de besteht darin, Stellungnahmen als bloße ›Geltungs- In seiner Suche nach dem »Zwecksinn[ ] der Wissen-
phänomene‹ zu betrachten, sie zu »Inhibieren«, »Au- schaft« (50) ist Husserl dabei nicht an Descartes’ An-
ßer spiel [zu] setzen« (60). Husserl ist insofern nicht nahme der Mathematik als Modell einer idealen Wis-
an Descartes’ Projekt zur Restitution der Existenz der senschaft gebunden. Dies führt Husserl zu einer Dis-
Außenwelt interessiert. Stattdessen besteht sein Ziel kussion des Wesens von Evidenz, wobei die höchste
darin, die transzendentale Perspektive beizubehalten Form der Evidenz mit der »wirkliche[n] Selbstgebung
und den vollen Umfang transzendentaler Subjektivität der Sachen« (54) erreicht ist. Weiter bezweifelt Hus-
zu erkunden. serl die grundlegende Annahme der Existenz der
In den Cartesianischen Meditationen werden viele Welt, die den vorherrschenden Tatsachenwissenschaf-
neue Themen aufgegriffen, die bereits in Husserls Vor- ten zugrunde liegt, und behauptet, dass dieser naive
lesungen diskutiert wurden, aber nie Eingang in die Glaube als bloße Annahme, als »Geltungsphänomen«
veröffentlichten Bände fanden: Im Speziellen betrifft (58) zu betrachten sei. Außerstande sich auf die Er-
dies seine Diskussion der Reduktion auf die ›Eigen- gebnisse der Wissenschaften oder der Annahme von
heitssphäre‹; die Rolle von Habitualität in der Konsti- der Existenz der Außenwelt, mitsamt der ganzen »Le-
tution des Ego; die Unterscheidung zwischen stati- benswelt« (59), zu verlassen, muss der Meditierende
scher und genetischer Phänomenologie; die Etablie- auf dasjenige zurückgehen, das absolut gegeben ist –
rung der anderen Person in der ›Einfühlung‹, und die den Erlebnisstrom des Ego, den »reine[n] Strom mei-
absolute Abhängigkeit aller Realität vom transzenden- ner cogitationes« (61). Nur das Ego als transzendenta-
talen Ego und seinem konkreten Charakter als »Mo- les Ego ist mit Apodiktizität gegeben, d. h. dessen
nade« (Hua I, 102). Husserl erläutert darüber hinaus Nichtexistenz ist unvorstellbar. Husserl diskutiert fer-
auch die Bedeutung und Struktur von Intentionalität ner auch die Tragweite dieser Apodiktizität. Nur mei-
im Rahmen der Noesis-Noema Korrelation (104), das ne gegenwärtige Erfahrung von mir selbst ist apodik-
Wesen der eidetischen Beschreibung, und die zeitliche tisch gegeben; was mir hingegen in der Erinnerung
Struktur von ›Erlebnissen‹ – auf eine Weise, die sich gegeben ist, ist, wie bereits bei Descartes, bezweifelbar.
bereits in den Ideen I wie auch in seinen Vorlesungen Husserl wirft sogar die Frage auf, inwiefern das trans-
zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins zendentale Ego einer Selbsttäuschung unterliegen
(Husserl 1928; vgl. Hua X) abzeichnet. kann. Einer von Husserls größten Kritikpunkten an
11 Die »Cartesianischen Meditationen« / »Méditations Cartésiennes« 93

Descartes betrifft den Umstand, dass jener das Ego als Struktur der intentionalen, gelebten Erfahrungen frei-
existierende Substanz, oder, wie Husserl es formuliert, zulegen. In der zweiten Meditation werden daher die
als »kleines Endchen der Welt« (63) auffasst, das selbst vom Ego durchgeführten intentionalen Synthesen
dem radikalsten Zweifel gegenüber unanfechtbar diskutiert, insbesondere die ›Identifikation‹ (vgl. 79) –
bleibt. Dies ließ Descartes in einen Naturalismus und jene Grundform der Synthesis, worin ein Gegenstand
eine dogmatische Metaphysik zurückfallen. Husserl als stets derselbe in sich konstant verändernden Profi-
akzeptiert zwar die absolute Existenz des transzen- len und unterschiedlichen zeitlichen Phasen dar-
dentalen Ego, bestreitet aber, dass dieses als ›Stück‹ gestellt wird. Wie Husserl betont, ist »das gesamte Be-
der tatsächlichen Welt angesehen werden könnte (vgl. wußtseinsleben [...] synthetisch vereinheitlicht« (80),
64). Tatsächlich ist es noch nicht einmal menschlich wobei die tiefste, gleichzeitig undurchsichtigste Syn-
(vgl. 64). Es muss als das hingenommen werden, als thesis jene des Zeitbewusstseins ist (vgl. 81). Jedes Er-
was es sich gibt, nämlich als Strom der »transzenden- lebnis hat seine innere Zeitlichkeit, und der gesamte
tal-phänomenologischen Selbsterfahrung« (65). Erlebnisfluss des Bewusstseinslebens wird zu einer
Husserls zweite Meditation, »Freilegung des trans- Einheit synthetisiert (vgl. 79 f.). In dieser Meditation
zendentalen Erfahrungsfeldes nach seinen univer- erklärt Husserl auch, dass jedes Erlebnis über einen
salen Strukturen«, zielt darauf, das Feld des transzen- bestimmten Bestandteil verfügt, der von einem ›Hori-
dentalen Ego, so wie es in der Selbsterfahrung erlebt zont‹ (eine »vorgezeichnete Potentialität[  ]«; 82) der
wird, zu enthüllen. In dieser Hinsicht wird die Phäno- Unbestimmtheit (der selbst eine bestimmte, im weite-
menologie zu einer transzendentalen Egologie, die ren Erfahrungsgang zu erkundende Struktur auf-
mittels ihrer intentionalen, noetisch-noematischen weist) umgeben ist. Daher besitzt jede auftretende
Strukturen, und den verschiedenen Synthesen, die das Wahrnehmung einen Vergangenheitshorizont (vgl.
Ichleben in einen einzigen, einheitlichen Strom brin- ebd.) sowie einen Horizont des umliegenden Wahr-
gen, erschlossen wird. Diese Wissenschaft der trans- nehmungsfeldes.
zendentalen Subjektivität ist für Husserl die Urwis- Der wahre Durchbruch zur transzendentalen Sub-
senschaft; sie bezeichnet die Sphäre der »absolute[n] jektivität erfordert, dass dieses Ego als weltkonstituie-
Phänomenologie« (107): Es »ergibt sich die Deckung rend und ›absolut‹ (vgl. 69) verstanden wird. Es ist ›für
der Phänomenologie dieser Selbstkonstitution mit der sich selbst‹ (vgl. 102) und ›für die Welt‹, anstatt ledig-
Phänomenologie überhaupt« (103). lich eine Entität in der Welt. Die Welt ist ihm nur als
Ferner untersucht Husserl das ins ›Unendliche‹ »die vermeinte Welt« (75) gegenwärtig. ›Sinn‹, ›Sein‹
(69) reichende Gebiet der »transzendentalen Selbst- und ›Seinsgeltung‹ (vgl. 65) der Welt sind alle abhän-
erfahrung« (ebd.) mit seinen zahlreichen Evidenzen. gig vom transzendentalen Ego. Ferner müssen diese
Er grenzt dabei die transzendental-phänomenologi- auf eine Art erkundet werden, in der nichts voraus-
sche Erkundung des Selbst von jeder Psychologie ab, gesetzt wird – in absoluter Vorurteilslosigkeit.
obwohl die beiden Disziplinen parallel zueinander ar- Husserls dritte Meditation, »Die konstitutive Pro-
beiten. Husserl unterscheidet sodann die ›natürliche‹ blematik. Wahrheit und Wirklichkeit«, ist die kürzeste
von der ›transzendentalen‹ Reflexion (72). Die natür- Meditation und bezieht sich vordergründig auf Des-
liche Reflexion verbleibt innerhalb der natürlichen, cartes’ Diskussion von Wahrheit als Klarheit und
die Welt als seiend vorgebenden Einstellung, während Deutlichkeit in dessen eigener dritten Meditation. In
die transzendentale Reflexion innerhalb der Epoché dieser Meditation argumentiert Husserl dafür, dass
durchgeführt wird, in der man die Position eines »un- Vernunft kein zufälliges Faktum des menschlichen
beteiligten Zuschauers« (75) einnimmt und sich jeden Lebens, sondern eine intrinsische Notwendigkeit dar-
Bekenntnisses zu Sein oder Nicht-Sein der Welt ent- stellt, die der transzendentalen Subjektivität über-
hält (vgl. 72). Jede Reflexion modifiziert die ursprüng- haupt zukommt (vgl. 92). Er versteht Vernunft dabei
liche Erfahrung, auf die sie gerichtet ist, jedoch bein- als »Evident-machen« (ebd.). Erfahrung ist selbst-ge-
haltet die transzendentale Reflexion eine ›Ichspaltung‹ bend und jedes Sich-selbst-geben ist auf die Möglich-
(vgl. 73). Der Seinsglaube bleibt der ursprünglichen keit gerichtet, dass etwas in vollständiger Fülle gege-
Erfahrung erhalten, nur in der Reflexion darauf wird ben ist. Darüber hinaus stiften Erfahrungen von Evi-
die Position des uninteressierten Zuschauers ein- denz für das Ego »eine bleibende Habe« (95). Husserl
genommen, der in einem »Universum absoluter Vor- ist überzeugt, dass sich der formale Charakter von
urteilslosigkeit« (74) operiert. Transzendentale Refle- Sein, Nicht-Sein und Möglichkeit auf Basis der Evi-
xion ist notwendig, um die noetisch-noematische denzstruktur und den dem transzendentalen Ego in-
94 III Werk – A Veröffentlichte Texte

härenten Möglichkeiten bestimmen lässt. Diese stel- blematik der phänomenologischen Genesis berührt,
len wesentlich unterschiedliche Formen der Konstitu- und damit die Stufe der genetischen Phänomenolo-
tion dar. Die dritte Meditation gibt allerdings kaum gie« (103).
Hinweise darauf, wie nicht nur eine formale Ontolo-
gie, sondern auch verschiedene materiale Ontologien In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass alles im
(der Natur, Kultur und Geschichte) konstituiert sein Bewusstsein über eine Konstitutionsgeschichte ver-
könnten. fügt, die eine »Urstiftung« (Hua I, 113) enthält, in der
In der vierten Meditation, »Entfaltung der konsti- sich eine Entität zum ersten Mal als bedeutungsvoll
tutiven Probleme des transzendentalen Ego selbst«, etabliert. Jedes existierende Ding ist ein Produkt der
erörtert Husserl weiter das Wesen des transzendenta- transzendentalen Subjektivität (vgl. 118).
len Ego, seine Gewohnheiten und Dispositionen, und In der vierten Meditation wird der absolute Cha-
stellt starke Behauptungen zugunsten eines transzen- rakter des transzendentalen Ego als Quelle von allem
dentalen Idealismus auf. Für ihn ist das Ego eine dy- »Sinn und Sein« (117; »Seinssinn«, 118) erkundet.
namische Entität, ein Selbst, das wächst und sich ent- Das transzendentale Ego umfasst das »Universum
wickelt, das Eigenschaften sedimentiert, die zu Über- möglicher Erlebnisformen« (107), das »Universum
zeugungen werden, und eine Geschichte aufweist. möglichen Sinnes« (117). Auf Basis meiner faktischen
Wenn eine Entscheidung gefällt wird, so ist dies nicht Selbsterfahrung (und ohne ein anderes mögliches
lediglich eine flüchtige Episode, sondern wird zum faktisches Ego vorauszusetzen) kann ich, Husserl zu-
permanenten Besitz (selbst wenn sie später zurück- folge, das Wesen eines jeden möglichen Ego eidetisch
genommen wird). Husserl charakterisiert das ›reine‹ fassen (vgl. 108). Das meditierende Ego geht damit
oder ›transzendentale‹ Ego als einen »Ichpol« (102) zur universellen Struktur des transzendentalen Ego
oder Erlebniszentrum, das alle Aktionen und Affek- als solchem über.
tionen umfasst (vgl. 100), als »Substrat von Habituali- In der langen fünften Meditation, betitelt »Enthül-
täten« (103) und Zentrum eines ›Interessenfeldes‹. lung der transzendentalen Seinssphäre als monadolo-
Das Ego ist kein leerer ›Pol‹ oder Ausganspunkt von gischer Intersubjektivität«, beschäftigt sich Husserl mit
Intentionen, sondern ein konkret lebendes Selbst, ein der Konstitution des Anderen in der Einfühlung und
individuelles, ein »stehendes und bleibendes per- gelangt sodann zu einer Betrachtung der Konstitution
sonales Ich« (101), eine Monade. Mittels Durchfüh- von Intersubjektivität. Dabei unternimmt er eine radi-
rung verschiedener komplexer Synthesen fasst es sei- kale ›Einklammerung‹, die alles Fremd- und Anders-
ne Erfahrungen in eine andauernde Einheit zusam- artige vom Selbst ablöst, bis man schließlich zur tiefs-
men und wird ein Selbst mit Überzeugungen, Wer- ten Immanenz des Selbst durchdringt, die Husserl »Ei-
ten, einem Ausblick, einer Geschichte: »Das ego genheitssphäre« (124) nennt. Die Eigenheitssphäre er-
konstituiert sich für sich selbst sozusagen in der Ein- scheint dabei als der einheitliche, kohärente Strom der
heit einer Geschichte [...]« (109). Es lebt und stirbt. eigenen Erfahrungen des Subjektes, der auch die inten-
Das Ego kann verschiedene Modalitäten einnehmen: tionalen noematischen Objekte dieser Erfahrungen,
schlafend, erweckt, tot oder lebendig, klar oder sowie den eigenen Leib des Subjekts, enthält. Manch-
›dumpf‹. Eine wahre Wissenschaft von der transzen- mal bezeichnet Husserl dies auch, etwas undurchsich-
dentalen Subjektivität muss ein Verständnis dafür tig, als »die primordinale Sphäre« (138).
entwickeln, wie diese Modalitäten a priori gegeben Auf dieser Eigenheitssphäre aufbauend, bei der von
sind und wie sie in der Einheit eines ›Ichlebens‹ (vgl. allem Kulturellen und Sozialen methodologisch abs-
64), die Husserl auch als ›Monade‹ (vgl. 102) charak- trahiert wurde, versucht Husserl die Erfahrung von
terisiert, zusammenhängen. Das transzendentale Le- Anderen und der objektiven Welt zu re-konstituieren.
ben ist niemals ein zufälliger oder chaotischer Erfah- Er möchte jene ›Intentionalitäten‹, ›Synthesen‹ und
rungsstrom, sondern entfaltet sich gemäß a priori ›Motivationen‹ entdecken, durch welche der Sinn »an-
notwendigen Gesetzmäßigkeiten. deres Subjekt« in mir konstituiert wird (122). Husserl
In der vierten cartesianischen Meditation skizziert betreibt immer noch eine transzendentale Egologie, je-
Husserl die Möglichkeit eines statischen wie auch ei- doch eine, die die Grundlage für eine Erkundung der
nes genetischen Fortschreitens: transzendentalen Intersubjektivität schafft. Er ist sich
dabei des ›schwerwiegenden Einwandes‹ bewusst,
»Mit der Lehre vom Ich als Pol seiner Akte und als Sub- demzufolge seine Phänomenologie in einen transzen-
strat von Habitualitäten haben wir schon [...] die Pro- dentalen Solipsismus führe, da der Andere nur als An-
11 Die »Cartesianischen Meditationen« / »Méditations Cartésiennes« 95

derer des eigenen Selbst, buchstäblich als Alter Ego Husserls transzendentale Untersuchung des Ego
konstituiert werden kann (vgl. 121) – eine Art Reflexi- eröffnet eine Bandbreite weiterer Thematiken: die
on oder ›Spiegelung‹ oder ›Analogon‹ des eigenen We- Einheit des Bewusstseins, das Wesen des Selbst, sein
sens. Des Weiteren möchte Husserl untersuchen, wie Personsein, die ›Vergemeinschaftung‹ des Selbst (vgl.
sich innerhalb meines transzendentalen Ego genuin 149) und seine Beziehung zu anderen Personen in der
andere, fremde Subjektivitäten ›bekunden‹, d. h. sich gesamten »offenen Monadengemeinschaft« (158).
mit einer Echtheit und Einstimmigkeit konstituieren, Leibniz rekonstruierend, bezeichnet Husserl diese in-
welche sich wiederholt bewähren kann. Dabei geht es tersubjektive Einheit als »Monadologie« (176). Das
hier nicht um weltliche oder mondäne Subjekte, son- reine bewusste Leben ist die »Selbstobjektivierung der
dern um den reinen Begriff eines anderen Subjekts Monade« (159). Husserl behauptet, dass nur seine
überhaupt, der sich in mir konstituieren kann. transzendentale Phänomenologie das transzendentale
Die sogenannte ›Einfühlung‹ – »die transzendenta- Ego korrekt als ›kommunizierende Subjektivität‹ ver-
le[ ] Theorie der Fremderfahrung« (124) – wird in der standen und seinen a priori Charakter als eine mit-
fünften cartesianischen Meditation als jenes Verständ- einander kommunizierende, offene Gemeinschaft von
nis des subjektiven Lebens des Anderen präsentiert, Subjektivitäten beschrieben hat. (Man denke hier bei-
welches auf analogisierender ›Appräsentation‹ und spielsweise an all die tatsächlichen und potentiellen
›Paarung‹ basiert. Husserls ›transzendentaler Leitfa- Sprecher einer Sprache, die wesentlich dazu beitragen,
den‹ ergibt sich dabei aus der erlebten Tatsache, dass dass die Sprache lebendig und vital bleibt.) Es ist ge-
Andere nicht bloß als physische Körper, sondern als nau diese offene intersubjektive Gemeinschaft, die
organische Einheiten (›Leiber‹) erfahren werden, die den Sinn einer objektiven, andauernden Welt für je-
sowohl ein inneres psychisches Leben aufweisen (das dermann (vgl. 137) hervorbringt. Im Unterschied zu
mir nicht direkt zugänglich ist), als auch über ihre Lei- Leibniz, der Monaden als voneinander abgeschottet,
ber ›walten‹. Darüber hinaus erfahre ich die Welt nicht ohne ›Fenster‹, verstand, befinden sich Husserls Mo-
bloß als meine private Angelegenheit, sondern als eine naden in gegenseitiger Kommunikation und handeln
objektive Welt, die jedem zugänglich, für jeden verfüg- nicht nur für sich selbst, sondern auch für Andere, sie
bar ist (vgl. 123). Ich begegne Anderen zuerst auf ›reichen‹ sogar ineinander hinein (vgl. 159) und füh-
Grundlage ihrer Leibkörper, die eine funktionelle ren spezifisch personale Akte aus (sie erkennen einan-
Ähnlichkeit mit meinem aufweisen. Der Leib des An- der als freie, rationale Personen an). Die Monaden
deren ist das erste objektive Ding, das ich konstituiere. durchdringen sich gegenseitig und vollbringen zu-
Wenn ich beispielsweise eine Frau sehe, die ihren Kopf sammen die Konstitution einer raumzeitlichen Welt,
bewegt und ihre Augen auf die Tür richtet, so erfasse in der sie agieren und der sie alle zugehören.
ich intuitiv, dass die Frau zur Tür schaut. Hier handelt Die Cartesianischen Meditationen enden mit meta-
es sich um eine, im Husserlschen Sinne, analogisieren- physischen Überlegungen zur intersubjektiven Mona-
de Auffassung, die durch eine ›Paarung‹, ähnlich dem dologie, der, Husserls Terminologie zufolge, ›absolu-
aristotelischen Konzept der Analogie, motiviert wird. tes‹ Sein zukommt. Dies scheint anfangs rätselhaft, da
Sie steht dort drüben, und bewegt ihren Kopf wie auch mit Husserls phänomenologischer Methode eigentlich
ich es täte, wenn ich von dort zur Tür schauen würde. alle metaphysischen Spekulationen eingeklammert
Die Erlebnisse des anderen Subjekts sind mir nicht di- worden waren. Er behauptet jedoch, dass nur eine nai-
rekt zugänglich, sondern in einer, wie Husserl es nennt, ve Metaphysik ausgeschlossen werden sollte und er-
›Vergegenwärtigung‹ gegeben, einer direkten quasi- klärt die transzendentale Intersubjektivität zum »an
perzeptuellen Form der Anschaulichkeit, die jedoch sich erste[n] Sein« (182). In den letzten Abschnitten
keine Form von inferentiellem Denken oder Schluss- kehrt Husserl dahin zurück, das cartesianische Ideal
folgern ist. Husserl räumt ein, dass diese Art der analo- (178) einer universalen Philosophie zu bekräftigen,
gisierenden Übertragung Grenzen hat. So ist mein welche die Wissenschaften apodiktisch begründet und
Leib örtlich hier lokalisiert, während das andere Sub- die höchste Form der »Selbstbesinnung« verkörpert –
jekt eine Position dort drüben einnimmt. Ich kann mir eine Verwirklichung der antiken delphischen Auffor-
ein Bild von seiner Perspektive machen, »wie wenn ich derung γνῶθι σεαυτόν (gn۸thi seautón) (183).
dort [...] stünde« (152). Das bedeutet, dass ich den An- Husserls Cartesianische Meditationen können, zu-
deren als eine Position einnehmend konstituieren mindest in Teilen, als unnachgiebige Antwort auf Hei-
kann, die von meiner eigenen genuin verschieden und deggers Kritik betrachtet werden, der zufolge die Hus-
sogar mit ihr inkompatibel ist (vgl. 148). serlsche Phänomenologie in einer unhinterfragten
96 III Werk – A Veröffentlichte Texte

cartesianischen Metaphysik gefangen bleibt. Husserls Marbach, Eduard: Das Problem des Ich in der Phänomenolo-
Phänomenologie ist ganz bewusst ein ›Neo-Cartesia- gie Husserls. Den Haag 1974.
nismus‹, jedoch in einem völlig neuartigen Sinne, in- Smith, A. D.: Husserl and The Cartesian Meditations. Rout-
ledge Philosophy Guidebook. London/New York 2003.
sofern sie innerhalb des Bereiches der transzendenta- Overgaard, Søren: Epoché and Solipsistic Reduction. In:
len Subjektivität verbleibt und seine a priori Struktu- Husserl Studies 18 (2002), 209–222.
ren und Leistungen erkundet. Reynaert, Peter: Intersubjectivity and Naturalism – Husserl’s
Die französische Ausgabe der Cartesianischen Me- Fifth Cartesian Meditation Revisited. In: Husserl Studies
ditationen übte großen Einfluss auf die französische 17/3 (2001), 207–216.
Schütz, Alfred: Edmund Husserl’s Ideas, Volume II. In: ders.:
Philosophie aus, mitunter auf Gaston Berger, Em-
Collected Papers, Bd. III: Studies in Phenomenological Phi-
manuel Levinas, Maurice Merleau-Ponty und Paul losophy. Den Haag 1970, 15–39.
Ricœur. Levinas legte vermutlich die berühmteste Schütz, Alfred: The Problem of Transcendental Intersubjec-
Kritik an Husserls methodologischem Solipsismus tivity in Husserl, in Edmund Husserl’s Ideas, Volume II.
vor. Ihm zufolge muss der Andere immer als Trans- In: ders.: Collected Papers, Bd. III: Studies in Phenomenolo-
zendenz verstanden werden, als ungeeignet, um von gical Philosophy. Den Haag 1970, 51–83.
Staehler, Tanja: What is the Question to which Husserl’s
einem Subjekt repräsentiert zu werden. Die eigentli- Fifth Cartesian Meditation is the Answer? In: Husserl Stu-
che Herausforderung der Phänomenologie bestehe dies 24/2 (2008), 99–117.
darin, der Totalisierung und Objektivierung des An-
deren standzuhalten, und eine Andersheit anzuerken- Dermot Moran
nen, die nicht dem Subjekt selbst entspringt (Levinas (aus dem Englischen von Patricia Meindl)
1961). Im Gegensatz zu Husserl sieht Levinas das Sub-
jekt nicht als primär ›für sich selbst‹, sondern ›für den
Anderen‹ (»pour un autre«; Levinas 1982, 103). Hus-
serls Assistent, Eugen Fink, unternahm, mit Husserls
Zustimmung, die Anfertigung einer Sechsten Carte-
sianischen Meditation, welche die Möglichkeitsbedin-
gungen einer transzendentalen Untersuchung über-
haupt festlegt und Husserls Werk als Fortsetzung von
Kants transzendentaler Philosophie, mitsamt einer
›transzendentalen Ästhetik‹ und einer ›transzenden-
talen Methodenlehre‹, präsentiert (Fink 1988).

Literatur
Berger, Gaston: The Cogito in Husserl’s Philosophy. Evanston
1972.
Carr, David: The Paradox of Subjectivity: The Self in the
Transcendental Tradition. Oxford 1999.
Fink, Eugen: VI. Cartesianische Meditation. Teil 1: Die Idee ei-
ner transzendentalen Methodenlehre. Hg. von Hans Ebe-
ling, Jann Holl und Guy Van Kerckhoven. Dordrecht 1988.
Husserl, Edmund: Vorlesungen zur Phänomenologie des in-
neren Zeitbewusstseins. Hg. von Martin Heidegger. Halle/
Saale 1928.
Husserl, Edmund: Méditations cartésiennes: introduction à la
phénoménologie. Übers. von G. Peiffer und E. Levinas.
Paris 1931.
Husserl, Edmund: Autour des Méditations cartésiennes
(1929–1932). Sur l’intersubjectivité. Hg. von Iso Kern,
übers. aus dem Deutschen von Natalie Depraz und Pol
Vandevelde. Paris 1998.
Levinas, Emmanuel: Totalité et infini: Essai sur l’extériorité.
Den Haag 1961.
Levinas, Emmanuel: Éthique et infini, Dialogues avec Phi-
lippe Nemo. Paris 1982.
12 »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« 97

12 »Die Krisis der europäischen ren. Und sie darf ihre eigene Position dabei nicht ver-
Wissenschaften und die trans- gessen. »Alle Besinnung aus ›existentiellen‹ Gründen
ist natürlich kritisch« (Hua VI, 60). Ein derart vielfältig
zendentale Phänomenologie« angelegtes Vorhaben eröffnet ebenso vielfältige An-
schlussmöglichkeiten wie es Kritikpunkte bietet.
Die Krisis-Schrift existiert weniger als Buch denn als Das Programm der Krisis-Schrift blieb zwar unvoll-
Vorhaben. Sie ist kaum ein Fragment, eher Fragment endet, das Projekt aber ist umso programmatischer
eines Fragments. Und es gibt sie vielleicht auch nicht ausgefallen. Die Abhandlung ist am Ende von Hus-
im Singular, eher im Plural: in der Form von voraus- serls Leben entstanden, und Husserl selbst hat seine
gehenden Vorträgen, die ausgearbeitet, aber nicht end- Arbeiten an diesem Vorhaben so verstanden, dass mit
gültig abgeschlossen wurden; sowie in Gestalt von Stu- dieser letzten Schrift sein phänomenologischer Ent-
dien, Entwürfen, Änderungen und Neukonzeptionen, wurf abgerundet, vielleicht sogar in einem gewissen
die jeweils einen provisorischen Niederschlag in mehr Sinne vollendet wird. Husserls Briefe dokumentieren
oder weniger langen Textstücken gefunden haben. Die seine ungeheure Anstrengung und Willensleistung,
Schrift hat einen identifizierbaren Autor, jedoch einen das Werk fertig zu stellen. Das Ringen um einen Ab-
nicht ganz so einfach registrierbaren Textkorpus. Es schluss steht symptomatisch für das Ringen um sein
handelt sich um ein Buch, von dem man viele Ab- letztes Wort zur Phänomenologie als einer Philoso-
schnitte kennt, ohne aber genau zu wissen, mit welcher phie der Vernunft. Dieses Vorhaben ist als Schreib-,
Seite es beginnt oder gar endet. Und dennoch handelt keineswegs aber als Gedankenprojekt produktiv ge-
es sich bei der Krisis-Schrift mit und neben den Logi- scheitert; das letzte Wort der Krisis-Schrift ist in einem
schen Untersuchungen und den Cartesianischen Medi- wörtlichen Sinne ein vorletztes. Geradezu symptoma-
tationen um die vielleicht wirkmächtigste Abhandlung tisch ist es, wenn der in Husserliana VI die Krisis-
Husserls und sicherlich eine der bedeutendsten Schrif- Schrift als »Schlusswort« abschließende § 73 den Titel
ten der Philosophie des 20. Jahrhunderts. »Die Philosophie als menschheitliche Selbstbesin-
Die Krisis-Schrift hat das Bild der Phänomenologie nung, Selbstverwirklichung der Vernunft« trägt. Hus-
wie kaum eine zweite Arbeit Husserls geprägt und die serls Ziel ist die Sicherung und die neuerliche Arti-
Interpreten herausgefordert. Vermutet man doch in kulation der Vernunft unter den Bedingungen des
dem letzten Werk das Erbe der Phänomenologie, das beginnenden zweiten Drittels des 20. Jahrhunderts.
es aufzugreifen und weiterzuführen gilt. Dabei handelt Bezeichnend ist aber auch, dass dieser Paragraph wie-
es sich durchaus um eine sperrige Hinterlassenschaft. derum ein Fragment Husserls ist und von dem He-
Denn die Krisis-Schrift ist nicht einfach auf den Begriff rausgeber des Bandes an das Ende des anderen Frag-
zu bringen. Die Überlegungen entwickeln sich nah an ments, die Krisis-Schrift, gesetzt wurde. Der eigentli-
den Auffassungen und Einstellungen der Zeit, ohne che Text schließt nämlich mit § 72.
dass sie aber irgendeiner Mode verfallen. Es wird der Es ist also nicht ganz einfach von der Krisis-Schrift
Positivismus kritisiert, ohne die Wissenschaft zu ver- zu sprechen. Mit der Krisis-Schrift verbindet man
teufeln. Vortheoretische Erfahrungen werden auf- zum einen Husserls Abhandlung »Die Krisis der eu-
gedeckt und in ihrer eigenständigen Sinn- und Seins- ropäischen Wissenschaften und die transzendentale
form ernst genommen, ohne einer selbstgenügsamen Phänomenologie«, die in der in Belgrad neu gegrün-
Lebensphilosophie zu verfallen. Das Vorhaben ver- deten Zeitschrift Philosophia erschienen ist. Auf dem
schreibt sich der Zukunft einer aufgeklärten Subjekti- Band ist das Erscheinungsjahr 1936 genannt, aus-
vität, radikal werden Ansätze der Gegenwart kritisiert, geliefert wird er im Januar 1937. Andererseits wird
nie aber werden die historischen Ursprünge des Ver- unter der Krisis-Schrift der von Walter Biemel edierte
stehens vergessen oder das metaphysische Erbe ein- Band VI der Husserliana verstanden, in den zusätzli-
fach über Bord geworfen. Das Kritische der Krisis- che Texte und Beilagen aufgenommen wurden. Die-
Schrift ist ebenfalls nicht einfach zu haben. Die Kritik ser Band wiederum wird flankiert von Band XXIX
ist stets eine Kritik auf Umwegen. Die Selbstgefälligkeit der Husserliana, der als ›Ergänzungsband‹ zur Krisis-
so manch anderer Wissenschafts- und Kulturkritik Schrift konzipiert ist und erst 1993 erschien. Stellt
wird auf diese Weise entlarvt. Denn eine radikale Kri- man weiterhin in Rechnung, dass dem Buchprojekt
tik steht nicht einfach jenseits des Kritisierten, sie muss Vorträge Husserls vorangingen und die Krisis-Schrift
über den Umweg des vermeintlich allzu Verständli- in der Ausarbeitung, Ergänzung und Komplettierung
chen das wirklich Verständliche erst wieder fokussie- dieser Vorträge besteht, so liegt es nahe, von der Ab-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_13, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
98 III Werk – A Veröffentlichte Texte

handlung als einem »imaginären Buch« (Orth 1999, kennen und die Techniken der Wissenschaften als un-
9) zu sprechen. abhängig von den Leistungen der lebendigen Subjekti-
Husserl arbeitete nach seinen Vorträgen in Wien vität angesehen werden. Die prekäre Deutung der
im Mai 1935 und in Prag im November desselben Jah- Selbstgenügsamkeit der Wissenschaften greift Husserl
res intensiv an der Ausarbeitung der Schrift. Der Wie- auf und berichtigt sie. Nicht selbstgenügsam sind die
ner Vortrag trägt den Titel »Die Philosophie in der Wissenschaften, sie sind im höchsten Maße bedürftig.
Krisis der europäischen Menschheit« (Hua VI, 314– Sie bedürfen nicht nur der leistenden und lebendigen
348), der Prager Vortrag ist mit dem Titel »Die Psy- Subjektivität, um als Wissenschaft auftreten zu kön-
chologie in der Krise der europäischen Wissenschaft« nen, sie gründen auch als entwickelte Formen der Ra-
(Hua XXIX, 103–139) überschrieben. Er treibt dieses tionalität auf einem Fundament oder Boden. Dieser ist
Vorhaben in enger Zusammenarbeit mit Eugen Fink nicht vernunftlos, weil er den Wissenschaften voraus-
im Jahr 1936 voran, obwohl er im Frühjahr von ginge, sondern gerade hier ist Vernünftiges immer
Krankheiten erheblich geschwächt wird. Zeitweilig ist schon im Spiel. Diesen verdeckten, keineswegs immer
er nicht in der Lage, die Arbeit fortzuführen. Am expliziten, und in Praktiken sich ausdrückenden Spiel-
15. Dezember 1936 schließlich schickt Husserl die regeln der Vernunft fahndet Husserl nach. In diesem
letzten Druckfahnen nach Prag, am 7. Januar 1937 er- Sinne zielt das Vorhaben auch darauf ab, die »latente
hält er den Reindruck zurück. Vernunft zum Selbstverständnis ihrer Möglichkeiten
Die Krisis-Schrift, wie sie in der Form der Druck- zu bringen«, um eine »universale Philosophie« wieder
legung in Husserliana VI kanonisch wurde, gliedert »in den arbeitsvollen Gang der Verwirklichung zu
sich in drei Teile: 1. »Die Krisis der Wissenschaften als bringen« (Hua VI, 13).
Ausdruck der radikalen Lebenskrisis des europäi- Den ersten beiden Teilen der Krisis-Schrift, die in
schen Menschentums« (§§ 1–7); 2. »Die Ursprungs- der Philosophia erschienen sind, stellt Husserl ein kur-
erklärung des neuzeitlichen Gegensatzes zwischen zes Vorwort voran, in welchem er seine Ausführungen
physikalischem Objektivismus und transzendentalem einordnet. Er verweist darauf, dass die Schrift noch
Subjektivismus« (§§ 8–27); 3. »Die Klärung des trans- nicht abgeschlossen sei. Sie solle in weiteren Artikeln in
zendentalen Problems und die darauf bezogene Funk- der Zeitschrift »vollendet werden«. Dies blieb eine An-
tion der Psychologie« (§§ 28–73). Die ersten beiden kündigung. Systematisch versuche die Studie »auf dem
Teile sind 1936/37 in der Zeitschrift Philosophia er- Wege einer teleologisch-historischen Besinnung auf
schienen. Der dritte Teil wurde von Husserl im Jahr die Ursprünge unserer kritischen wissenschaftlichen
1936 zurückgehalten, um weiter daran zu arbeiten. und philosophischen Situation die unausweichliche
Dieser Teil ist in Husserliana VI mit aufgenommen Notwendigkeit einer transzendentalphänomenologi-
worden. Er gliedert sich wiederum in zwei Abschnitte: schen Umwendung der Philosophie zu begründen«
»A. Der Weg in die phänomenologische Transzenden- (xiv, Anm. 3). Verbunden damit offeriere die Krisis-
talphilosophie in der Rückfrage von der vorgegebenen Schrift eine eigenständige Einleitung in die transzen-
Lebenswelt aus« (§§ 28–55) sowie »B. Der Weg in die dentale Phänomenologie. Husserl skizziert hier selbst
phänomenologische Transzendentalphilosophie von den Rahmen seiner Überlegungen, den er in der Not-
der Psychologie aus« (§§ 56–73). wendigkeit der transzendentalphänomenologischen
Die Suggestionskraft des Titels wirkt bis heute. Umwendung, der Frage nach den Ursprüngen der Phi-
Wenn von der »Krisis der europäischen Wissenschaf- losophie und Wissenschaften und der Einleitung in die
ten« die Rede ist, wird eine Grundstimmung angespro- Phänomenologie gegeben sieht. Die Ideen der Umwen-
chen, die den Wissenschaften, nicht zuletzt den Natur- dung, des Ursprungs und der Einleitung können die
wissenschaften, skeptisch gegenübersteht. Diese Ein- Überlegungen der Krisis-Schrift strukturieren. Im Zu-
stellung zeichnet nicht erst die zweite Hälfte des sammenhang mit der Auseinandersetzung um den Sta-
20. Jahrhunderts aus, sie bricht sich bereits im aus- tus der Wissenschaften zeigt sich in ihnen das Ziel des
gehenden 19. Jahrhundert Bahn. Husserl jedoch ent- Vorhabens: Die Aufklärung der lebendigen Subjektivi-
täuscht falsche Hoffnungen. Wenn eine Skepsis gegen- tät als eine Besinnung auf die Form der Vernunft. Mit
über den Wissenschaften berechtigt sein sollte, so be- den Titeln Umwendung, Ursprung und Einleitung
zieht sie sich nicht auf die Wissenschaften selbst, son- wird aber zugleich auch deutlich, dass die Krisis-Schrift
dern auf eine prekäre Selbstdeutung derselben. Sie in der Husserlschen Denkbewegung tief verwurzelt ist.
richtet sich auf ein Selbstverständnis der Wissenschaf- Unter diese Trias fallen die meisten Überlegungen
ten, in dem die Idee der Wissenschaft nicht mehr zu er- Husserls seit den 1920er Jahren. Und natürlich handelt
12 »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« 99

auch Husserl in der Krisis-Schrift ausführlich von der er nicht von einer allzu einfachen gesellschaftlichen
Intentionalität (u. a. 235 ff.) oder der Epoché (u. a. Verantwortung der Wissenschaften in dem Sinne, dass
138 ff.) als den auszeichnenden Charakteristika der Wissenschaft und die Organisation von Wissenschaft
Phänomenologie. gesellschaftlichen Zielen zu dienen haben und der Ge-
Der in dem kurzen Vorwort eröffnete Themenho- sellschaft gegenüber rechenschaftspflichtig sind. Die-
rizont ist jedoch noch nicht ganz selbstverständlich, ses sind für Husserl bestenfalls Oberflächenkrisen; die
er könnte sogar in einem hohen Maße missverständ- eigentliche Krise liegt tiefer, sie findet sich in einer Kri-
lich sein. Denn mit der Krisis-Schrift wird immer se der Subjektivität.
auch ein Zauberwort des 20. Jahrhunderts verbun- Das Projekt einer Wissenschaftskritik gewinnt da-
den, dasjenige der Lebenswelt (s. Kap. III.B.29). In mit erst eine nachvollziehbare Gestalt. Wissenschaft
Kombination mit diesem epochemachenden Begriff und Leben stehen sich nicht einfach gegenüber, Wis-
verführt der Titel »Krisis der europäischen Wissen- senschaft ist vielmehr ein Teil der menschlichen Kultur
schaften« zu einer Verkürzung, die etwa ›Krise und als der Welt der geistigen Leistungen des Menschen. Es
Lebenswelt‹ lauten und dazu verleiten könnte, sich in stellt sich vor einem solchen Hintergrund dann erst die
einer schlichten Abkehr von den Wissenschaften, ih- Frage, »was Wissenschaft überhaupt dem mensch-
ren Standards und Methoden zu isolieren und einer lichen Dasein bedeutet hatte und bedeuten kann« (3).
allzu selbstgefälligen Alltäglichkeit nachzulaufen. Die Man könnte es auch anders sagen: Die Krisis der Wis-
Ausführungen könnten somit in einem dem Rationa- senschaften ist immer auch zugleich eine Krisis der
lismus bloß entgegengesetzten Irrationalismus en- Subjektivität, die entsteht, wenn die Lebensbedeut-
den. Auf diesem Weg aber werden für Husserl keine samkeit der Wissenschaften in Frage gestellt und die
Probleme gelöst, denn über die bei einem solchen Subjektivität in ihren spezifischen Leistungen geleug-
Vorgehen gesetzte Opposition zwischen Wissen- net wird. Auf diesem Weg findet Husserl in den §§ 1–2
schaft und Leben lässt sich weder die Idee der Wis- einen Einstieg in seinen Gedankengang.
senschaft noch die Wirklichkeit des Lebens verste- Im Positivismus wird in der Husserlschen Lesart
hen. Beide müssen demgegenüber als Gestalten der die Lebensbedeutsamkeit der Wissenschaften explizit
lebendigen Subjektivität aufgedeckt werden. negiert. Der Positivismus ist gleichsam das Ende der
Der erste Teil der Krisis-Schrift wird deshalb mit ei- wissenschaftlichen Entwicklung, damit aber auch in
ner provokanten Frage eröffnet (§ 1): »Gibt es ange- einem gewissen Sinne ihr Umschlagpunkt. Die Welt
sichts der ständigen Erfolge wirklich eine Krisis der wird im Positivismus in ihren Vorkommnissen regis-
Wissenschaften?« Wenn von der Methode der Wissen- triert, zu denen in letzter Instanz – da der Positivismus
schaften die Rede ist oder wenn die Leistung und der auf eine Totalität der Betrachtung gerichtet ist –
Erfolg wissenschaftlichen Wissens in Frage stehen, so schließlich auch derjenige gehört, der die Tatsachen
ist kaum eine Krise zu erkennen. Die Wissenschaften und damit sich selbst als Tatsache verbucht. »Bloße
schreiten auf den ersten Blick von Erfolg zu Erfolg vo- Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachen-
ran. Rückschläge sind Teil des Erfolgs und werden im menschen« (4). Einen solchen Positivismus, der »so-
weiteren Prozess der Wissenschaftsentwicklung auf- zusagen die Philosophie enthauptet« (7), versteht
gehoben. Erst vermittels einer »Änderung der Be- Husserl als einen historischen »Restbegriff« (6) der ur-
trachtungsweise« (3) könne die Krisis in den Blick ge- sprünglichen Idee der Wissenschaft. Dargelegt wird
raten. Erst dann sind die Wissenschaften einer »ernst- dies in den §§ 3–6 der Krisis-Schrift, in denen Husserl
lichen und sehr notwendigen Kritik« zu unterziehen, eine erste historische Übersicht skizziert, in der die
jedoch ohne dass schlicht ihre Leistungen und ihre Entdeckung der Wissenschaften und die Entdeckung
methodische Sicherheit geleugnet werden. Sie sind erst der Philosophie als gleichursprüngliche Denkbewe-
wirklich kritisierbar, wenn sie als Gestalten der Subjek- gungen geschildert werden, die sich u. a. dadurch aus-
tivität freigelegt und verständlich werden. Kritikwür- zeichnen, dass mit den Fragen der Wissenschaften im-
dig ist dann eine Krisenerfahrung eigener Art, nämlich mer auch die Fragen der Metaphysik ernst genommen
eine Entsubjektivierung der Wissenschaften und eine werden. Für Husserl ist dies nicht anders denkbar,
Entsubjektivierung der menschlichen Welterfahrung. denn beide Fragen sind mit der Stiftung der Philoso-
Dies bedeutet zugleich, dass Husserl nicht einfach, wie phie in der Antike und seit der Renaissance miteinan-
in späteren Technikethiken der zweiten Hälfte des der verschränkt, insofern es um Fragen der Grund-
20. Jahrhunderts, eine Kritik der Wissenschaften im legung von Erkenntnisansprüchen im Kontext von
Sinne einer Folgenabschätzung anstrebt; auch handelt Weltentwürfen und Seinsbestimmungen geht. »Ein
100 III Werk – A Veröffentlichte Texte

bestimmtes Ideal einer universalen Philosophie und ei- tet nicht, dass sie selbstständig im Sinne von autonom
ner dazugehörigen Methode macht den Anfang, so- sind. Die Wissenschaften können sich nicht selbst
zusagen als Urstiftung der philosophischen Neuzeit und vollständig aufklären, sondern bleiben abhängig von
aller ihrer Entwicklungsreihen« (10). Mit einem sol- der Bestimmung durch die Lebenswelt als einer Welt
chen Konzept der Urstiftung verbindet Husserl spä- der in ihren Konkretionen lebenden intentionalen
testens auch seit den Kaizo-Artikeln der 1920er Jahre Subjektivität. Die Idee einer als bestimmbar gedach-
(Hua XXVII) die »Urstiftung des neuzeitlichen euro- ten Totalität der Dinge ist nämlich »nur eine der prak-
päischen Menschentums« (Hua VI, 10). Damit zeigt tischen Hypothesen und Vorhaben unter den vielen,
sich die Krisis als eine »des europäischen Menschen- die das Leben der Menschen in ihrer Lebenswelt aus-
tums selbst in der gesamten Sinnhaftigkeit seines kul- machen«. Und Husserl stellt direkt anschließend die
turellen Lebens, in seiner gesamten ›Existenz‹« (ebd.). rhetorische Frage: Sind
Dem Positivismus aber fehlen die Momente, die
mit der Entdeckung von Philosophie und Wissen- »nicht alle Ziele, ob sonstwie in einem außerwissen-
schaft gegeben sind. Sie sind verloren gegangen. Es schaftlichen Sinn ›praktische‹ oder sonstwie unter
sind dies die Fragen der Metaphysik, zu denen auch dem Titel ›theoretisch‹ praktische, eo ipso mit zur Ein-
die »höchsten und letzten Fragen« (6) gehören. Letzt- heit der Lebenswelt gehörig, wofern wir sie nur in ihrer
lich betreffen diese Fragen nach Husserl die »Probleme ganzen und vollen Konkretion nehmen?« (134).
der Vernunft« überhaupt (7).
Hier dokumentiert sich eine Autonomie im eigentli-
»Alle diese ›metaphysischen‹ Fragen weit gefasst, die chen Sinne, da die lebensweltliche Praxis auf nichts
spezifisch philosophischen in der üblichen Rede, über- mehr gründet als auf sich selbst. Insoweit kann auch
steigen die Welt als Universum der bloßen Tatsachen. von einer asymmetrischen Verschränkung zwischen
Sie übersteigen sie eben als Fragen, welche die Idee der Eigenständigkeit (der Wissenschaften) und der
Vernunft im Sinne haben« (ebd.). Selbständigkeit (der Lebenswelt) gesprochen werden.
Im ersten Fall muss die Begründung sicherer sein als
Darum wird die Philosophie im und mit dem Positi- der Wissensanspruch. Dies ist durch die Eigenständig-
vismus kopflos. keit der Methode gewährleistet. Im zweiten Fall muss
Husserl schildert den Prozess der Negation der der Wissensanspruch sicherer sein als die Begrün-
sinnstiftenden Grundlagen der Wissenschaften sowie dung; dies ist durch die Praxis der Lebenswelt gesi-
der Marginalisierung der Philosophie in dialektischen chert. Der lebensweltliche Wissensanspruch ist durch
Bewegungen, die letztlich zu einer Autosuggestion die Praxis sicher und gewiss. Diese Gewissheit liegt der
führen und einen zentralen Gedanken der gesamten Eigenständigkeit der Methode der Wissenschaften zu-
Überlegungen Husserls in der Krisis-Schrift markie- grunde. Die Wissenschaften, so kann man auch sagen,
ren. Die Autosuggestion besteht darin, dass die logi- können somit nicht aus der Selbstgesetzgebung der le-
sche Eigenständigkeit der Wissenschaften mit einer bensweltlichen Subjektivität herausfallen, wenngleich
praktischen Selbständigkeit derselben verwechselt die Methodik der Wissenschaften in ihrer jeweiligen
wird. Doch zwischen logischer Eigenständigkeit und Anwendung zumindest eine relative Eigenständigkeit
praktischer Selbständigkeit gibt es einen Unterschied, beanspruchen darf. Wissenschaftliches Wissen ist
der, wenn er übersehen wird, zu gravierenden Miss- zwar eigenständig, bleibt aber heteronom, wirkliche
verständnissen führt. Wissenschaften agieren in ih- Autonomie findet sich in der Lebenswelt.
rem regelgeleiteten Handeln eigenständig, sie ent- Aus dieser Grundüberlegung heraus wird auch ver-
wickeln unterschiedliche Logiken der Begründung ständlich, dass Husserl deutliche Worte findet, wenn
und der Prüfung von Wissen, die nicht auf etwas Be- er von der Verantwortung der Philosophie und ihren
zug nehmen müssen, was außerhalb dieser Logik exis- Vertretern spricht. Er begreift sie als »Funktionäre der
tieren könnte – außer der Idee, der sie selbst verpflich- Menschheit« (15). Die Philosophie hat es in diesem
tet sind. Dies ist seit der Neuzeit die Idee einer »an sich Sinne nicht mit irgendeiner Krise, sondern der
fest bestimmt seienden Welt und der sie prädikativ Grundlagenkrise schlechthin zu tun. Und wie bereits
auslegenden, der idealiter wissenschaftlichen Wahr- in der ebenfalls als Programmschrift verfassten Phi-
heiten (›Wahrheiten an sich‹)« (113). Sie sind in die- losophie als strenge Wissenschaft (Hua XXV) aus dem
sem Sinne tatsächlich eigenständig oder autark (in ei- Jahr 1911 distanziert er sich von den »Literatenphi-
nem wissenschaftslogischen Sinne). Doch dies bedeu- losophen«. Nicht einfache Opposition zu den Wissen-
12 »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« 101

schaften und leere Bekenntnisse zum Leben, sondern Methode und die Mathematisierung der Natur gesi-
Durchdringung der tiefsten, und dies heißt für Hus- chert wird, wird als eine selbständige, auf sich selbst
serl transzendentalen Bedingungen von Wissenschaft ruhende Welterklärung verstanden:
und Leben wird gefordert. Weiterhin folgt daraus,
dass die Psychologie eine besondere Rolle spielen »Das Ideenkleid ›Mathematik und mathematische Na-
muss. Sie ist alles andere als ein bloßes Beispiel im turwissenschaft‹, oder dafür das Kleid der Symbole, der
Kontext der Krisis-Schrift. Denn gerade in der Psy- symbolisch-mathematischen Theorien, befasst alles,
chologie wird die Verwerfung von Eigenständigkeit was wie den Wissenschaftlern, so den Gebildeten als
und Selbständigkeit greifbar, insofern hier die leben- die ›objektiv wirkliche und wahre‹ Natur der Lebens-
dige Subjektivität Gegenstand einer Wissenschaft welt vertritt, sie verkleidet. Das Ideenkleid macht es,
wird, jedoch in dieser Gegenständlichkeit als bloßes dass wir für wahres Sein nehmen, was Methode ist«
Faktum nicht aufgehen kann. Die lebendige Subjekti- (52).
vität leistet fortwährend Widerstand gegenüber dem
reduzierten und isolierten Subjekt als Gegenstand der Diese Entwicklung begreift Husserl als zugleich ent-
Wissenschaften. Husserl spricht gar von dem »tragi- deckend und verdeckend (53). Es wird die »mathe-
sche[n] Versagen der neuzeitlichen Psychologie« (Hua matische Natur«, die »universale Kausalität der an-
VI, 17). Aber es wird auch verständlich, dass eine schaulichen Welt« und damit das »›Gesetz der exakten
historische Besinnung notwendig ist, um die Quel- Gesetzlichkeit‹« entdeckt, »wonach jedes Geschehen
len des genannten Missverständnisses aufzudecken: der ›Natur‹ – der idealisierten – unter exakten Gesetzen
»Wir versuchen, durch die Kruste der veräußerlichten stehen muss« (ebd.). Verdeckt wird freilich auf der an-
›historischen Tatsachen‹ der Philosophiegeschichte deren Seite, wie es zu dieser Überzeugung kommen
durchzustoßen, deren inneren Sinn, ihre verborgene konnte, nämlich durch die Präsupposition einer Meta-
Teleologie, befragend, ausweisend, erprobend« (16). physik der Alleinheit, die abbildbar ist, und was diesen
Und schließlich verweist die neuerliche Inkraftset- Überlegungen vorausgeht, nämlich die Lebenswelt
zung der Autonomie der lebensweltlichen Subjektivi- und damit das »Problem der verborgenen Vernunft«
tät auf die Praxis: »Es erweist sich mit der neuerlichen (ebd.). Denn die Lebenswelt als dasjenige Fundament,
Aufgabe und ihrem universalen apodiktischen Boden auf das die Wissenschaften in ihrem Autonomiebestre-
die praktische Möglichkeit einer neuen Philosophie: ben angewiesen sind, wird vergessen, übersprungen
durch die Tat« (17, vgl. 158). oder verstellt. Gleichzeitig, so kann man jedoch auch
Der zweite Teil der Krisis-Schrift widmet sich der sagen, wird die Lebenswelt in ihrer fundamentalen
»Ursprungserklärung des neuzeitlichen Gegensatzes Rolle erst sichtbar, jedoch nicht auf den ersten Blick,
zwischen physikalischem Objektivismus und trans- oder zumindest im ersten Zugang nicht angemessen.
zendentalem Subjektivismus« (18). Es wird der Ur- Denn parallel zur Mathematisierung der Natur ver-
sprung der Idee der Universalität in der Wissenschaft läuft eine Entwicklung, die zur »Naturalisierung des
expliziert, d. h. die Idee, »dass die unendliche Allheit Psychischen« (64) und zugleich zu einer freilaufenden
des überhaupt Seienden in sich eine rationale Allein- Idealisierung des Subjekts führt. Beide Entwicklungen
heit sei, die korrelativ durch eine universale Wissen- durchdringen einander und stützen sich: »Der Philo-
schaft, und zwar restlos, zu beherrschen sei« (20). Am soph hat eben, korrelativ mit der Mathematisierung
Beispiel von Galilei zeigt Husserl, wie sich dieser Ge- der Welt und Philosophie, sich selbst und zugleich
danke der Alleinheit methodisch in den Wissenschaf- Gott in gewisser Weise mathematisch idealisiert« (67).
ten über die Formalisierung der Methode, die einheit- In der Cartesischen Philosophie wird die grund-
liche Symbolisierung unterschiedlicher Erfahrungs- sätzliche Problematik in einer »verborgenen Doppel-
typen und die Mathematisierung der Natur auswirkt, deutigkeit« (80) offensichtlich. Descartes will der Sub-
wobei den sinnlichen Qualitäten oder Füllen eine be- jektivität des Subjekts in höchstem Maße gerecht wer-
sondere Bedeutung zukommt (vgl. 32 ff.). Husserl den. Da es ihm aber nicht gelingt, diese Subjektivität
weist in seinen detaillierten Ausführungen auf, dass außerhalb des Systems einer als Totalität vorgefassten
mit Galilei die »Unterschiebung der idealisierten Na- Welt zu denken, verfehlt er den Kern der Subjektivität:
tur für die vorwissenschaftlich anschauliche Natur«
beginne (50). Dies resultiert schließlich in der ange- »Descartes macht sich nicht klar, dass das ego, sein
führten Autosuggestion. Die Eigenständigkeit der durch die Epoché entweltlichtes Ich, in dessen funktio-
Wissenschaften, die durch die Formalisierung ihrer nierenden cogitationes die Welt allen Seinssinn hat,
102 III Werk – A Veröffentlichte Texte

den sie je für ihn haben kann, unmöglich in der Welt als Husserl ist der festen Überzeugung, dass bislang keine
Thema auftreten kann, da alles Weltliche eben aus die- Philosophie diese Sphäre der Subjektivität, in der
sen Funktionen seinen Sinn schöpft. Also auch das ei- »anonym« aber wirkmächtig die ursprüngliche Sinn-
gene seelische Sein, das Ich im gewöhnlichen Sinne« stiftung geleistet wird, je thematisiert hat (vgl. 114).
(83 f.). Nur die Phänomenologie biete hierfür das erforderli-
che Rüstzeug. Er nähert sich dieser Sphäre, indem
Nur ein »radikale[r] transzendentale[r] Subjektivis- subtil die Bedingungen herausgearbeitet werden, un-
mus« (101), der freilich alles andere als subjektiv im üb- ter denen es sinnvoll ist, die Lebenswelt zum philoso-
lichen Wortsinne ist, kann hier weiterhelfen. Husserl phischen Thema zu machen (vgl. 126 ff.). Die in Hus-
ist sich bewusst, dass solche Formulierungen Befrem- serliana XXXIX zusammengestellten Fragmente ge-
den hervorrufen können. Aber geradezu gefährlich hen darüber hinaus, hier findet sich eine stärkere Kon-
wäre es, wenn sie kein Befremden mehr wecken wür- zentration auf die Strukturen der Lebenswelt. In der
den. Denn der ›radikale transzendentale Subjektivis- Krisis-Schrift liegt das Augenmerk mehr auf der Frage,
mus‹ meint alles andere als eine autistische Egologie, er wie sich die Lebenswelt zeigt, wie über sie gesprochen
meint vielmehr die begründete Autonomie der Le- werden kann und welche Funktionen (etwa die Bo-
benswelt in der lebendigen Subjektivität – und damit dengeltung für die Wissenschaften) sie erfüllen kann.
die Relativierung einer sich überschätzenden Totalität. Dazu wird die Lebenswelt in ihrer je spezifischen Dif-
Wenn Husserl hier von einer Transzendentalphiloso- ferenz zur Idee der Wissenschaft und der Pluralität der
phie spricht, so nimmt er zwar auch Bezug auf Kant Wissenschaften erörtert; es wird diskutiert, welchen
(vgl. 101 f.), doch der eigentliche Referenzpunkt ist Beitrag lebensweltliches Wissen für die Wissenschaf-
Descartes. In der Cartesischen Philosophie und dem ten leisten kann, und ob dieses ›Subjektive-Relative‹ in
Rückgang auf die Subjektivität findet Husserl das »ori- das Feld der Psychologie gehöre. Es zeigt sich für Hus-
ginale Motiv« (100) der Transzendentalphilosophie. serl immer deutlicher, dass der Anspruch der Wissen-
Der dritte Teil der Krisis-Schrift erprobt zwei We- schaften auf Selbständigkeit ein geborgter Anspruch
ge, die in die phänomenologische Transzendentalphi- ist, dass »objektive Theorie in ihrem logischen Sinn«
losophie hineinführen, einmal von der Lebenswelt in der Lebenswelt gründet.
aus (105–193) und einmal von der Psychologie aus
(194–276). »Vermöge dieser Verwurzelung hat die objektive Wis-
Im ersten Zugang geht Husserl von Kant und der senschaft beständige Sinnbeziehung auf die Welt, in
Überlegung aus, »dass die Kantischen Fragestellungen der wir immerzu und in der wir auch als Wissenschaft-
der Vernunftkritik einen unbefragten Boden von Vo- ler und dann auch in der Allgemeinheit der Mitwissen-
raussetzungen haben, die den Sinn seiner Fragen mit- schaftler leben – also auf die allgemeine Lebenswelt«
bestimmen« (106). Unter anderem kommt Husserl in (132).
diesen Ausführungen auch auf die »leibliche Ichlich-
keit« (110) als eine der »selbstverständlichsten Selbst- Gleichwohl darf die Beziehung zwischen Lebenswelt
verständlichkeiten« (112) zu sprechen. In diesen und Wissenschaft nicht zu einfach gedacht werden.
»mannigfaltigen Geltungen-im-voraus« entdeckt Hus- Husserl spricht von »paradoxen Aufeinanderbezo-
serl Seinsfragen »einer neuen und alsbald höchst rät- genheiten« (134) zwischen objektiv wahrer Welt und
selhaften Dimension« (113): Lebenswelt, um deutlich zu machen, dass das philoso-
phische Problem der Lebenswelt noch grundsätzli-
»Es sind Fragen ebenfalls an die selbstverständlich sei- cher ist. Die Lebenswelt steht nicht einfach der Wis-
ende, immerfort anschaulich vorgegebene Welt; aber senschaft gegenüber, man kann nicht einfach auf die
nicht Fragen jener berufsmäßigen Praxis und IJȑȤȞȘ Lebenswelt zugreifen, wie man die Methoden der
[téchne], die objektive Wissenschaft heißt, nicht die Wissenschaften registrieren kann, man kann auch
der Kunst, das Reich der objektiv wissenschaftlichen nicht einfach die Lebenswelt in Dosen als Therapeuti-
Wahrheiten über diese Umwelt zu begründen und zu kum verabreichen. All dies wären allzu einfache In-
erweitern, sondern Fragen, wie das jeweilige Objekt, dienstnahmen der Lebenswelt, in denen das Lebens-
das vorwissenschaftlich und dann wissenschaftlich weltliche nicht vom bloß Alltäglichen unterschieden
wahre, zu all den Subjekten steht, das in den voraus- wäre. Die Lebenswelt markiert für Husserl vielmehr
liegenden Selbstverständlichkeiten überall mit- ein gänzlich Neues und Eigenes, eine allgemeine
spricht« (ebd.). Struktur: »Die Welt als Lebenswelt hat schon vorwis-
12 »Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« 103

senschaftlich die ›gleichen‹ Strukturen, als welche die engste eine Krisis der Kosmologie als philosophischer
objektiven Wissenschaften, in eins mit ihrer (durch Disziplin verbunden ist. Dies wird schon daran sicht-
die Tradition der Jahrhunderte zur Selbstverständ- bar, dass es eine solche Disziplin im 20. Jahrhundert
lichkeit gewordenen) Substruktion einer ›an sich‹ sei- nicht gibt, es zeigt sich aber auch darin, dass das Kon-
enden, in ›Wahrheiten an sich‹ bestimmten Welt, als zept der Welt insgesamt in der Philosophie fraglich
apriorische Strukturen voraussetzen und systematisch wurde (vgl. Bermes 2004). Damit gibt sich Husserl
in apriorischen Wissenschaften entfalten, in Wissen- nicht zufrieden. In einem prägnanten Sinne könnte
schaften vom Logos, von den universalen metho- man sagen, dass diese Kosmologie eine radikale Kos-
dischen Normen, an welche jede Erkenntnis der ›an mologie des Zur-Welt-Seins ist, in der nicht die Sub-
sich objektiv‹ seienden Welt sich binden muss« (142). jektivität der Welt gegenübersteht, sondern Welt nichts
Husserl stößt hier auf den erstaunlichen Befund, dass anderes sein kann als das Zur-Welt-Sein. Welt ist hier
das Kategoriale der Lebenswelt häufig die gleichen weder im Sinne einer schlichten Allheit gedacht noch
Namen hat wie die Kategorien der Wissenschaft, aber als universaler Raum, sondern als identifizierbare
das Kategoriale der Lebenswelt »kümmert sich so- Struktur der lebensweltlichen Erfahrung.
zusagen nicht um die theoretischen Idealisierungen Neben diesem Weg sucht Husserl im letzten Ab-
und hypothetischen Substruktionen der Geometer schnitt der Krisis-Schrift einen Weg in die phänome-
und Physiker« (143). Wenn Husserl in diesen Über- nologische Transzendentalphilosophie, der von der
legungen auf die komplexe und nicht leicht zu be- Psychologie ausgeht. Wiederum im Ausgang von Kant
schreibende Bezugnahme von Wissenschaft und Le- und mit Seitenblicken auf Hume, Locke und Berkeley
benswelt verweist, wenn er hier gar von Paradoxien greift Husserl ein Thema von Neuem auf, das ihn
spricht, so erinnert dies an die Schwierigkeiten, die durchgängig von den Logischen Untersuchungen an
Wittgenstein in Über Gewissheit hat, wenn er das Ver- beschäftigt: die adäquate Fassung eines nichtpsycho-
hältnis von propositionalem Wissen und nicht-pro- logistischen Begriffs der Psychologie. Husserls Urteil
positionalen Gewissheiten beschreibt. Wittgenstein ist eindeutig: Die »Psychologie hat seit Locke in allen
bemüht hierfür ganz eigene, auf den ersten Blick auch ihren Gestalten, auch wenn sie analytische Psycho-
provozierende Bilder, um dies anzuzeigen. So heißt es logie aus ›innerer Erfahrung‹ sein wollte, ihre eigen-
bei ihm: »Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugun- tümliche Aufgabe verfehlt« (Hua VI, 211). Die Grün-
gen angelangt. Und von dieser Grundmauer könnte de hierfür sind nach den bisherigen Ausführungen of-
man beinahe sagen, sie werde vom ganzen Haus getra- fensichtlich. Denn die dualistischen und physikalisti-
gen« (Wittgenstein 1990, § 248). schen Voraussetzungen der neuzeitlichen Philosophie
Doch Husserl bleibt nicht bei der Relation zwischen (Hua VI, 215 ff.) lassen keinen adäquaten Begriff des
Wissenschaft und Lebenswelt stehen, er geht noch wei- Psychischen zu. Und so wie Husserl im ersten Ab-
ter und darüber hinaus. Im Anschluss entwickelt er die schnitt des dritten Teils der Krisis-Schrift eine neue
»formal allgemeinsten Strukturen der Lebenswelt« un- Kosmologie unter den Bedingungen der Moderne er-
ter dem Titel einer »lebensweltlichen Ontologie« an arbeitet, wenn er die Lebenswelt als Struktur des Seins
dem Verhältnis von Ding und Welt (Hua VI, 146 ff.). versteht, so lässt sich auch sagen, dass dieser letzte Teil
Man kann neben den zentralen Überlegungen zur Be- der Krisis-Schrift gleichsam eine psychologia generalis
ziehung zwischen der Eigenständigkeit der Wissen- unter den Bedingungen der Moderne erarbeitet. Diese
schaft und der Selbständigkeit der Lebenswelt hier eine thematisiert die Lebenswelt als Struktur der Subjekti-
zweite markante Pointe der Krisis-Schrift nennen. vität, wobei letztlich die Transzendentalphilosophie
Husserl entwickelt auf wenigen Seiten gleichsam eine den Platz der Psychologie einnimmt
neue cosmologia generalis unter den Bedingungen der Die Wirksamkeit der Krisis-Schrift zeigt sich nicht
Moderne. Die Lebenswelt nimmt funktional den Platz in einer einzelnen Rezeptionstradition. Das Werk ent-
ein, den die Welt in der klassischen Metaphysik besetzt faltet seine Kraft in Reprisen, die in durchaus unter-
hat. »Eine andere Welt haben wir [...] überhaupt nicht schiedlichen Kontexten stattfinden. Es wird im Rah-
als die in Form der Lebenswelt vorgegebene [...], von men der Kulturphilosophie, mit Blick auf eine Phi-
ihr hängt jede erdenkliche Wissenschaft ab« (Hua losophie der Alterität oder in Problemstellungen der
XXXIX, LIII). Husserl spielt nicht Welten gegeneinan- Metaphysik, neu diskutiert und weiterentwickelt. Hin-
der aus, beispielsweise eine individuell erlebte Welt ge- zukommt die Auseinandersetzung mit den Grund-
gen eine objektiv begründete Welt; er zielt vielmehr lagen der Husserlschen Wissenschaftskritik und die
darauf ab, dass mit der Krisis der Subjektivität auf das stete Herausforderung, das Konzept der Lebenswelt
104 III Werk – A Veröffentlichte Texte

adäquat zu fassen. Auch werden, wie beispielsweise in 13 »Erfahrung und Urteil«


Derridas kommentierender Auslegung einer Beilage
aus dem Umfeld der Krisis-Schrift unter dem Titel Erfahrung und Urteil. Studien zur Genealogie der Logik
Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geo- ist das letzte Werk Edmund Husserls, das allerdings
metrie einzelne Theoriestücke herangezogen, um sie nicht vom Autor selbst veröffentlicht, sondern post-
selbständig und neu zu erproben. Merleau-Pontys hum von seinem langjährigen Assistenten Ludwig
Phänomenologie der Wahrnehmung darf wohl als die- Landgrebe herausgegeben worden ist. Das Werk hat ei-
jenige Arbeit angesehen werden, die den Geist der Kri- nen außerordentlich hohen systematischen Stellen-
sis-Schrift virtuos aufgenommen und umgesetzt hat wert für die Husserlsche Phänomenologie, da es die
(s. Kap. IV.A.39). Für Blumenberg ist die Krisis-Schrift ausgereifte Form der genetischen Phänomenologie
nie verstummender Gesprächspartner, um die Grund- präsentiert. Es führt Motive und Ergebnisse jahrzehn-
lagen der eigenen Philosophie zu klären. Die disziplin- telanger Forschung Husserls zusammen, um eine voll
übergreifende Breitenwirkung zeigt sich vielleicht am ausgebildete Form der Theorie der transzendentalen
deutlichsten in der Soziologie, besonders in den Arbei- Erfahrungs- und Erkenntniskritik als intentionalgene-
ten von Alfred Schütz (s. Kap IV.A.36). An der Krisis- tische Begründung der Logik darzulegen. Ihr Ziel be-
Schrift wird bis heute geschrieben, und ein Ende ist steht in der genetischen Zurückführung der höherstu-
nicht in Sicht. Dass Husserl insgesamt mit seinem Vor- figen Leistungen des prädikativen Denkens und des
haben eine Philosophie der Vernunft im Blick hat, allgemeinen Urteils auf ihre Fundierung in niederstu-
markiert sicherlich dasjenige Potential der Krisis- figen Aktivitäten, die immer an Individuelles und
Schrift, das es besonders verdient, immer wieder neu Konkretes gebunden und durch jene immer vor-
entdeckt und bewahrt zu werden. geprägt sind.
Jedoch wurde die Rezeption dieser Arbeit bislang
Literatur erschwert. Eine der gewichtigen Gründe dafür kann in
Bermes, Christian: ›Welt‹ als Thema der Philosophie. Vom der komplizierten Entstehungsgeschichte des Werkes
metaphysischen zum natürlichen Weltbegriff. Hamburg und seiner unklaren Autorenschaft gesucht werden.
2004.
Moran, Dermot: Hussserl’s Crisis of the European Science and
Erfahrung und Urteil ist in die Geschichte als ein zu-
Transcendental Phenomenology. An Introduction. Cam- mindest zum Teil von Ludwig Landgrebe und nicht
bridge/New York 2012. von Husserl selbst verfasstes Buch eingegangen. Otto
Orth, Ernst Wolfgang: Edmund Husserls ›Krisis der europäi- Pöggeler sprach noch 1996 davon, dass es sich um ein
schen Wissenschaften und die transzendentale Phänomeno- Gemeinschaftswerk handelt (Pöggeler 1996, 24).
logie‹. Vernunft und Kultur. Darmstadt 1999.
Zudem vergingen Jahrzehnte bis das Buch einem
Richir, Marc: La crise du sens et la phénoménologie. Autour
de la Krisis de Husserl. Grenoble 1993. breiteren, insbesondere deutschsprachigen Fachpubli-
Ströker, Elisabeth (Hg.): Lebenswelt und Wissenschaft in der kum zugänglich wurde. Dies hängt zum einen mit dem
Philosophie Edmund Husserls. Frankfurt a. M. 1979. historischen Kontext seiner Entstehung zusammen.
Vetter, Helmuth (Hg.): Krise der Wissenschaften – Wissen- Wie Landgrebe in seiner autobiographischen Selbst-
schaft der Krise? Wiener Tagung zur Phänomenologie. darstellung vermerkt, fand die Überreichung des ers-
Frankfurt/Berlin/Bern/New York 1998.
Waldenfels, Bernhard: In den Netzen der Lebenswelt. Frank-
ten Exemplars an den Chef des Prager Akademia-Ver-
furt a. M. 1985. lags Theodor Markus statt als »schon Hitlers Panzer
Wittgenstein, Ludwig: Über Gewissheit. Werkausgabe Bd. 8. durch die Stadt [rollten]« (Landgrebe 1975, 146). Bis
Frankfurt a. M. 41990. auf 200 Exemplare, die sich bereits auf dem Weg zum
Londoner Verlag Allen & Unwin befanden, wurde auch
Christian Bermes
bald die ganze Auflage des Buches vernichtet (vgl. EU,
XX). In Deutschland wurde das Buch erstmalig 1948
von einem deutschen Verlag (Classen, Hamburg) he-
rausgebracht. Von da an entfaltet sich seine Wirkung
auch im deutschen Sprachraum. Doch die gesamte
Wirkungsgeschichte dieses Werkes litt und leidet bis
heute unter den ungelösten Fragen bezüglich der Auto-
renschaft. Mit diesen Fragen hat sich bislang nur Dieter
Lohmar eingehend beschäftigt. Dabei konnte er zeigen,
dass es sich hinsichtlich des Haupttextes des Buches

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_14, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
13 »Erfahrung und Urteil« 105

(§§ 15–98) zweifellos um eine von Husserl autorisierte fenheit, so dass sie sowohl stilistisch als auch termino-
Darstellung handelt (Lohmar 1996, 35 ff.). logisch aneinander angeglichen werden mussten. Not-
wendig wurden entsprechende Überleitungen sowie
die Gliederung in Kapitel und Paragraphen. Verände-
Entstehungsgeschichte rungen und Ergänzungen am Text wurden mit Husserl
meist mündlich erörtert. Dieser zweite, 1930 fertig ge-
Die Entstehungsgeschichte von Erfahrung und Urteil stellte Entwurf versah Husserl erneut mit eigenen An-
als Buch beläuft sich auf fast zehn Jahre. Zwischen merkungen. Zur weiteren, konkreten Arbeit an diesem
1928 und 1938 arbeitet Husserl zusammen mit Lud- kam es dann erst im Jahr 1935, da Husserl zuvor durch
wig Landgrebe daran. Letzterer war zuerst sein Privat- andere Projekte abgehalten worden war (EU, xxiv).
assistent, später in Prag arbeitete er als Privatdozent c) 1935 wurde die gemeinsame Arbeit schließlich
im Austausch mit Edmund Husserl an dessen Manu- fortgesetzt. Es fanden mehrere mehrwöchige Arbeits-
skripten und Kommentaren zu den bereits verfassten treffen mit Husserl statt. Husserl erteilte Ludwig Land-
Entwürfen. Wie Landgrebe berichtet, fügte er auch grebe »unter Verzicht auf eine eigenhändige Fertigstel-
mündliche Mitteilungen Husserls in die Manuskripte lung die Vollmacht, unter eigener Verantwortung die
ein (vgl. EU, xxiii–xxv). In die Buchvorlage wurden letzte Hand an den Text zu legen« (xxv). Landgrebe
Manuskripte aus den Jahren 1910 bis 1934 mitein- versichert allerdings in seinem Vorwort, dass alle Ver-
bezogen (Lohmar 1996, 34; 1998, 229). Die gemein- änderungen und Ergänzungen zumindest mündlich
same Arbeit wurde durch den Tod Edmund Husserls mit Husserl abgesprochen worden waren. Neu auf-
1938 unterbrochen. Landgrebe veröffentlichte das genommen wurden vor allem die Partien über Urteils-
Werk dann etwa ein Jahr später (1939). modalitäten aus der Logik-Vorlesung. Ludwig Landgre-
Es liegen drei Entwürfe zu Erfahrung und Urteil vor: be entwarf darüber hinaus eine neue Einleitung zum
a) Der erste Entwurf ist auf das Jahr 1928 datiert. Haupttext (§§ 1–14). Er entwickelte sie auf der Grund-
Landgrebe erhielt 1928 von Husserl den Auftrag, Ma- lage von Husserls Gedanken aus der Krisis-Schrift und
nuskripte aus dem Bereich der transzendentalen Logik aus der Formalen und transzendentalen Logik und
zusammenzustellen, aus dem Stenogramm abzuschrei- stützte sich außerdem auf mündliche Erläuterungen
ben und eine einheitlich systematische Einordnung je- und Absprachen mit Husserl sowie auf Manuskripte
ner Materialien zu erarbeiten (EU, xxiii). Den Kern und aus dem Jahr 1934. Der fertiggestellte Entwurf dieser
die Struktur des ersten Entwurfes bildete die Vorlesung Einleitung konnte noch mit Husserl selbst »durch-
über die transzendentale Logik aus dem Wintersemester besprochen und von ihm in seinem wesentlichen Ge-
1920/21 in Freiburg (Lohmar 1996, 42). Die Materia- halt und Gedankengang gebilligt« werden (xxv). Doch
lien wurden durch Manuskripte aus den Jahren 1910 bis ließen Worte Malvine Husserls, die sie in zwei Briefen
1914 sowie durch Teile aus den Vorlesungen der 1920er (unveröffentlichter Briefwechsel von Malvine Husserl
Jahre ergänzt. Landgrebe legte als Einleitung zu seiner und Ludwig Landgrebe vom 22.6. und 23.6.1938) an
Zusammenstellung eine kleine Abhandlung über den Landgrebe nach dem Erscheinen von Erfahrung und
Sinn der transzendentallogischen Problematik vor. Je- Urteil formuliert hat, Zweifel an der Autorisierung der
ne Einleitung ergänzte und entwickelte Husserl weiter. einleitenden Paragraphen durch Edmund Husserl ent-
Seine konkrete Arbeit in diesem Zusammenhang kul- stehen. Die Witwe forderte Landgrebe auf, für die Ein-
minierte im Winter 1928/29 in der Abfassung einer leitung namentlich Verantwortung zu übernehmen,
Einleitung, die einen solchen Vollkommenheitsgrad wozu sich Landgrebe jedoch nicht entschieden hat.
sowie einen solchen Umfang erreichte, dass sie 1929 als Dennoch ist festzuhalten, dass Unsicherheiten bezüg-
Formale und transzendentale Logik separat veröffent- lich der Autorisierung nur einige Aspekte der einlei-
licht werden konnte (s. Kap. III.A.10). tenden Kapitel (§§ 1–14) betreffen und auf jeden Fall
b) Der zweite Entwurf zu Erfahrung und Urteil wur- nicht den Haupttext von Erfahrung und Urteil.
de 1929/30 verfasst. Die Abfassung von Formalen und
transzendentalen Logik brachte neue Impulse zur Ge-
staltung des Werkes. Hinzugezogen wurden ferner Inhaltliche Zusammenfassung
Husserls Randbemerkungen und ergänzende Zusätze
zu dem ersten Entwurf sowie weitere ergänzende Ma- Erfahrung und Urteil, so wie es heute in der Meiner-
nuskripte aus den Jahren 1919 bis 1920. Es handelte Ausgabe zugänglich ist, besteht aus den erwähnten
sich um Materialien von sehr verschiedener Beschaf- einleitenden Paragraphen (§§ 1–14) und drei Haupt-
106 III Werk – A Veröffentlichte Texte

abschnitten. Der Haupttext ist durch zwei Beilagen er- Die einleitenden Paragraphen dienen daher der
gänzt. Der erste Abschnitt (§§ 15–46) ist der vorprädi- Vorbereitung und Rechtfertigung des Rückgangs auf
kativen Erfahrung gewidmet, der zweite (§§ 47–79) die niederen Stockwerke der Erfahrung, auf ihre vor-
dem prädikativen Denken und den Verstandesgegen- prädikative Sphäre. Im Einzelnen werden dabei die
ständlichkeiten, der dritte und abschließende der Evidenzfragen, die sich mit diesem Rückgang verbin-
Konstitution der Allgemeingegenständlichkeiten und den, diskutiert. Vor allem werden die Stufen des Evi-
den Formen des Überhaupt-Urteilens. Bereits dieser denzproblems identifiziert und die Evidenz indivi-
Aufbau zeigt, mit welcher Art der Untersuchung wir dueller Gegenstände als Vorbedingung der prädikati-
es hier zu tun haben. Es ist die intentionalgenetische ven Evidenz auszuweisen versucht (vgl. 12). Die Theo-
Analyse, die bei den tiefen Konstitutionsschichten der rie der vorprädikativen Erfahrung als erster Abschnitt
Erfahrung ansetzt, um sukzessive zu höheren und all- der genetischen Urteilsanalyse wird durch die Diskus-
gemeinen zu gelangen. Letztere macht sie aus den ih- sion des Erfahrungsbegriffs eingeführt. Der Erfah-
nen vorausgehenden Konstitutionsleistungen ver- rungsbegriff wird dabei an die Evidenz individueller
ständlich. Gegenstände gebunden.
Mit dieser Zielsetzung schlägt Husserl den Bogen Wir begegnen individuellen Gegenständen nicht in
über sein Gesamtwerk. Er greift in einer neuen, durch formalisierten Operationen. Vielmehr begegnen wir
zahllose, vielseitige und einzigartig differenzierte Un- ihnen – und das sind vor allem die Ergebnisse der
tersuchungen ermöglichten Weise die Leitfrage seiner Phänomenologie der Lebenswelt – in der konkreten
Phänomenologie wieder auf: Die Frage nach der Be- Erfahrung eines lebensweltlichen Subjektes. Die Ana-
gründung der Objektivität der Erkenntnis durch Rück- lysen führen uns hier also zurück auf die doxischen
gang auf subjektive Leistungen. Dieser Rückgang er- Leistungen in der Welt, die konsequent als ›univer-
folgt in Erfahrung und Urteil in aller Radikalität. Das saler Glaubensboden‹ hervorgehoben wird. Diese
logische Urteil wird in seiner Objektivität und All- Welt wird als mir vorgegebene, als Welt der Gegen-
gemeinheit nicht durch Rückverweise auf formal-logi- stände, erlebt. Durch ihre durchgehende Horizont-
sche Evidenzen gewonnen, sondern durch minutiöse struktur sind uns die Gegenstände immer in einer ge-
Untersuchungen der vor-logischen Dynamik seiner wissen Vorbekanntheit gegeben. Wir erfahren sie dort
Konstitution. Die große Herausforderung besteht da- in verschiedenen, unmittelbaren und mittelbaren Evi-
bei darin, die Anschauungsgrundlage jener Konstituti- denzarten. Insbesondere die wissenschaftliche und
on auszuweisen und die Verankerung der logischen Er- formale Auffassung verdeckt jedoch nicht selten die
fahrung in vorprädikativen, lebensweltlichen Eviden- eigentlichen Evidenzquellen, die uns zu Aussagen
zen aufzuspüren. Die einleitenden Paragraphen gelten über die Erfahrungsgegenstände befähigen. An ihre
der Bestimmung des Ziels und der Umgrenzung der Stelle treten verdeckende oder verhüllende Idealisie-
gesamten Untersuchung, die einen »Beitrag zur Ge- rungen. Die Ursprungsklärung des prädikativen Ur-
nealogie der Logik überhaupt« leisten will (1). Die hier teils fordert daher den Abbau solcher »verhüllenden
anvisierte genealogische Perspektive soll allerdings we- Idealisierungen« (13).
der mit einer Betrachtung der Geschichte der Logik, Der erste Abschnitt der Untersuchung ist den vor-
noch mit einer psychologischen Ursprungsklärung, prädikativen bzw. rezeptiven Strukturen der Erfah-
mit dem Ausweisen von psychologischen, oder gar rung gewidmet. Detailliert wird hier die Erfahrungs-
psychophysischen Bedingtheiten und Abhängigkeiten leistung erforscht, die den prädikativen Synthesen
des logischen Urteilens, verwechselt werden. Vielmehr vorausgeht. Im ersten Kapitel, ausgehend vom Feld
geht es hierbei um die Aufklärung von wesensmäßigen passiver Vorgegebenheiten über die Analyse der ele-
Charakteren des prädikativen Urteils, durch die Erfor- mentaren Zuwendungsleistungen des Subjektes, wer-
schung seiner Entstehung und seiner Fundierung in den die Gesetzmäßigkeiten der – wie Husserl sagt –
Sedimentationsschichten der vorprädikativen Sphäre. immanenten Genesis beleuchtet. Die Ergebnisse der
Die Untersuchung ist im Kern der Diskussion um Analysen zur passiven Synthesis verwertend, wird in
die formale Logik verortet, die die Strukturen der Prä- diesem Rahmen die Assoziation als Titel für die vor-
dikation betrifft. Doch zugleich wird hier hervorgeho- prädikative intentionalgenetische Konstitutionsleis-
ben, dass das Gebiet des Logischen, das bislang von tung in ihrer neuen, transzendental-phänomenologi-
der traditionellen Logik, die »in einem verhältnis- schen Deutung bekräftigt. Auch andere sowohl empi-
mäßig hohen Stockwerk« ansetze, behandelte, um ristisch als auch transzendental-idealistisch belastete
Vieles und Wesentliches überschreitet (3). Begriffe, wie Reiz, Affektion, Aufmerksamkeit oder
13 »Erfahrung und Urteil« 107

Interesse, werden hier in der konsequent intentional- druck. Wir haben es hier also mit der antizipativen
genetischen Perspektive systematisch ausgelegt. ›Tätigkeit‹ des Subjektes auf der vorprädikativen Ebe-
Wir begegnen hier Motiven, die bereits in den Logi- ne zu tun, die in Erfüllung oder Enttäuschung resul-
schen Untersuchungen (Motiv der Anzeige bei der tiert. Damit wird die elementare Erfahrungsdimensi-
Deutung der Assoziation, Hua XIX/1, 25), in den Ideen on der Modalisierung aufgedeckt. Es ist dies eine Di-
II (Hua IV, 189), in den Studien zur Struktur des Be- mension, in der die antizipative doxische Gewissheit in
wusstseins und später vor allem in den Analysen zur Zweifel übergeht, wo Interessen behindert oder ge-
passiven Synthesis (Hua XI, 117–179) systematisch er- hemmt, Annahmen enttäuscht oder relativiert werden.
forscht wurden. Das erste Kapitel von Erfahrung und Husserl gelingt damit die Identifikation des Ur-
Urteil vereinigt diese Ergebnisse inhaltlich und fasst sie sprungs der Negation (vgl. 94), einer subjektiven Leis-
vertiefend zusammen. Und es leistet es zu einer Zeit, tung, die bis dato auf sehr hohen Erkenntnisstufen der
zu der weder die Ideen II noch die Analysen zur passi- aktiven Ich-Tätigkeit behandelt worden war. Mehr
ven Synthesis den Leser/innen zugänglich waren. Da- noch, er zeigt, dass nicht nur die Leistung der Negati-
mit präsentiert es einen neuen, bis dahin unbekannten on in der vorprädikativen Sphäre wurzelt; auch andere
Husserl, der nicht in die transzendental-idealistischen Modalitäten des Urteils, als Kernthemen der traditio-
Interpretationsschemata passt und auch nicht bloß nellen formalen Logik, verweisen auf ihren Ursprung
den formal-logischen Forderungen bei der Erfah- in der tiefen Dynamik der vorprädikativen Erfahrung.
rungsdeutung folgt. Die traditionell als Sphäre der pu- Es sind Vorkommnisse des Zweifelns, die auch als
ren Passivität gedeutete Rezeptivität des Subjektes wird Übergangsmodus zur negierenden Aufhebung auftre-
hier als die niederste Stufe ichlicher Aktivität offenge- ten können. In diesem Fall haben wir es mit einer
legt. Jene Aktivität lässt das Subjekt – das transzenden- Hemmung und schließlich mit einer Enttäuschung im
tale Subjekt – in seiner Konkretion und lebenswelt- Erfüllungsverlauf des ichlichen Wahrnehmungsinte-
lichen Bindung erscheinen. Es ist kein Pol bloßer Aus- resses zu tun. Ein anderer Fall liegt vor, wenn wir in
strahlung anonymer intentionaler Akte. Vielmehr ist der Unentschlossenheit verbleiben, d. h. wenn die Er-
es ein geschichtlich gewordenes, durch Erfahrung wartungsintentionen zweideutige Vorzeichnungen er-
strukturiertes, lebensvolles Subjekt von Interessen, Be- geben (vgl. 103).
reitschaften zur Weckung, zur Zu- und Abwendung, Jedem von uns sind solche Widerstreitserfahrungen
die seine affektive Kraft und die ihm innewohnenden bekannt. Wir werden von ambivalenten Glaubensnei-
affektiven Tendenzen manifestieren. Jeder Ich-Akt gungen hin und her gerissen, ohne dass wir eine Ent-
wird in diesem Zusammenhang als ein bereits auf sei- scheidung treffen oder überhaupt treffen können. Mo-
ner niedrigsten Stufe als ein »vom Ich her vollzogenes tivationen für widerstreitende Erwartungsintentionen
Streben« (82) ausgelegt. Dieses Streben weist verschie- bleiben dann in Geltung. Husserl veranschaulicht die-
dene, immer ichlich-gebundene Auswirkungsformen se Dynamiken anhand seines bereits aus den Logischen
auf. Es kann sich ungehemmt oder aber auch gehemmt Untersuchungen bekannten Beispiels des Auffassungs-
auswirken. Immer weist es aber eine Tendenz auf, die wechsels Mensch/Puppe (ebd.). Die hier besprochene
verschiedene Spannungsstärken haben kann. Ob das Modalisierungsart ordnet er unter die allgemeine Ka-
Ich sich auf den Reiz einlässt oder nicht, hängt nicht tegorie der Modalisierung der schlichten Glaubens-
einfach vom Reiz ab. Indem es in der Zuwendung das gewissheit zu Glaubensanmutungen, die in Hinblick
aufnimmt, was durch die affizierenden Reize vorgege- auf den Gegenstandsbezug den Charakter der Seins-
ben ist, zeigt es sich als den Reizen nicht bloß ausgelie- anmutung erlangen: das ist wohl ein Mensch oder das
fert, sondern als auf sie aktiv antwortend. ist wohl eine Puppe. Damit wird aber eine weitere Er-
Die ichliche Art des Folgeleistens einem sinnlichen fahrungssphäre aufgewiesen, die ebenfalls ihren Ur-
Reiz bezeichnet Husserl als Rezeptivität des Ich. Darin sprung im vorprädikativen Bereich ausweist, die Sphä-
kommt das ichliche Interesse zum Ausdruck, das sich re der Möglichkeit: »Möglich-sein, Möglichkeit ist also
im »Tun« des Ich manifestiert. Jenes Tun bedeutet ein ein Phänomen, das ebenso wie die Negation bereits in
»tendenziöses Fortstreben zu immer neuen Gegeben- der vorprädikativen Sphäre auftritt und da am ur-
heitsweisen desselben Gegenstandes« (93). Dies mün- sprünglichsten zu Hause ist« (104).
det in die konkrete Wahrnehmung und damit in die Im Folgenden differenziert Husserl zwischen zwei
Kenntnisnahme des Gegenstandes. Die Tatsache, dass Arten der Möglichkeit, der offenen und der proble-
die Tendenzen immer ich-gebunden wirken, kommt matischen Möglichkeit. Letztere ist durch miteinan-
in der Bildung von Erwartungsintentionen zum Aus- der streitende Glaubensneigungen vorgezeichnet.
108 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Die offene Möglichkeit hingegen stellt uns nicht vor In diesem motivationalen Horizont und unter der be-
Alternativen. Vielmehr haben wir es hier mit einer reits rezeptiv wirksamen Leitungsfunktion des Typus
unbestimmten allgemeinen Erwartungsintention zu schreitet also die Erfahrung als Erkenntnisleistung
tun, die jedoch nach einer Besonderung verlangt. In voran.
diesem Zusammenhang führt Husserl zum ersten Das zweite Kapitel widmet sich weiteren Erkennt-
Mal den Begriff des Typus ein, der eine Leitungsfunk- nisleistungen der vorprädikativen Sphäre: der schlich-
tion bei Weckung und Erfüllung der Erwartungs- ten Erfassung und der Explikation. Hier werden die
intention ausübt, indem er die Forderungen der Be- Modalisierungen zunächst außer Acht gelassen. Hus-
sonderung bestimmt (vgl. 108). In beiden Fällen zeigt serl beschränkt seine Analysen auf den Fall des unge-
die Möglichkeit einen praktischen, in der Erfah- hemmten Verlaufes der Wahrnehmung. Er konsta-
rungsgeschichte gegründeten Charakter. Nicht nur tiert, dass die aktive Erfassung des Gegenstandes (sei-
ihr Ursprung als logische Form gründet in der vor- ne Objektivierung) durch die Tendenzen des Wahr-
prädikativen Erfahrungssphäre, sondern auch ihr nehmungsinteresses motiviert, eine Art Betrachtung
Charakter ist ein nicht bloß formal-logischer, son- des Gegenstandes fordert: »Das Ich, auf Kenntnisnah-
dern ein praktischer, erfahrungsgeschichtlich moti- me gerichtet, tendiert in den Gegenstand einzudrin-
vierter und gebundener. gen« (113). Dieses Eindringen, das den Gegenstand
Dem Typus kommt dabei eine wesentliche Bedeu- allseitig in seinen Einzelheiten betrachten Wollen, be-
tung zu. Auf der rezeptiven Stufe fungiert er einerseits deutet Explikation und diese ist als Prozess der Inte-
als eine Art subjektive ›Habe‹, anderseits als Organisa- ressenserfüllung zu verstehen.
tionsprinzip der protentionalen Erwartungen im Auf- Die Objektivierung leistende Explikation ist kein
bau der Erfahrung. Es handelt sich also um eine in der zeitloser Zugriff, kein abstrakter Akt des Sehens oder
Erfahrung selbst erworbene subjektive Struktur, die in Verstehens. Vielmehr ist es ein dynamischer Vorgang,
der Weckung von Interessen und daraus resultieren- der dem Subjekt viele, auch leibliche (kinästhetische)
den antizipatorischen Vorgriffen in die Erfahrungs- Aktivitäten abverlangt. In diesem Zusammenhang dif-
gestaltung zutage tritt. Und das Vorgreifen findet statt ferenziert Husserl Stufen der betrachtenden Wahrneh-
bevor höhere, prädikative Aktivitäten, wie diskursives mung und gewinnt damit einen Leitfaden für die Ana-
oder reflexives Denken, sprachliche oder sprach-logi- lyse des Explikationsvorgangs (vgl. 114). Die erste Stufe
sche Tätigkeiten in Kraft treten. Vielmehr setzen letz- ist eine Art Anschauung vor jeder Explikation. Husserl
tere erst im Rahmen der zuvor schon geweckten Er- bezeichnet sie als schlichte Erfassung und Betrachtung,
wartungshorizonte an, und zwar durch diese moti- die uns auf der allgemeinsten Weise die Bekanntschaft
viert (Brudzińska 2015, 112 ff.). Auf der gegenständli- mit dem Gegenstand gewährt und deutet es als unterste
chen Seite – was im zweiten Kapitel näher erörtert Stufe niederer objektivierender Aktivität.
wird – sorgt der Typus dafür, dass wir immer mit ge- Hier wirkt das Wahrnehmungsinteresse unge-
wissermaßen vertrauten Objekten zu tun haben, mit hemmt. Es formen sich Erwartungsintentionen und
Objekten, die uns nicht nur bereits im ersten Zugriff (Erwartungs-)Horizonte werden geweckt. Der Gegen-
als Ganzheiten ansprechen, sondern immer auch ei- stand hat für uns den Charakter einer vagen Bekannt-
nen gewissen Grad von Bekanntheit mit sich führen. schaft bzw. einer vagen Allgemeinheit als Gegenstand
Diese Bekanntheit kann in weiterem Verlauf der Er- eines bestimmten Typus. Doch sein So-Sein will näher
fahrung bestätigt oder enttäuscht werden. Im Vollzug bestimmt werden. Auf der zweiten Stufe setzt dann die
solcher Näherbestimmungen unterliegen die Gegen- explizierende Betrachtung an. Die typische Allgemein-
standstypen diversen Modifikationen. Sie bereichern heit wirkt sich in der Weckung protentionaler Erwar-
sich oder verarmen. Immer aber steht der tungen aus, bezogen z. B. auf die ungesehene Rückseite
und auf die weiteren ›Eigenheiten‹ und Aspekte des
»Gegenstand [...] von vornherein in einem Charakter Gegenstandes. Dabei geht das Interesse in die Rich-
der Bekanntheit da; er ist als Gegenstand eines bereits tung der geweckten Erwartungen. Unter Verwendung
irgendwie bekannten, wenn auch in einer vagen All- der Begrifflichkeiten, die bereits in der Krisis-Schrift
gemeinheit bestimmten Typus aufgefaßt. Sein Anblick ihre feste Sinnbestimmung erhalten haben, zeigt Hus-
weckt protentionale Erwartungen hinsichtlich seines serl, wie hier die Explikation des Innenhorizontes des
Soseins [...]. Geht nun die Betrachtung in Explikation Gegenstandes einsetzt (vgl. Hua VI, 165 f.). Das leer
über, so folgt das Interesse der Richtung der geweck- Antizipierte der ›Eigenheiten‹ kommt zur originären
ten Erwartungen« (114). Gegebenheit, und es erfolgt eine Näherbestimmung,
13 »Erfahrung und Urteil« 109

eine partielle Korrektur, evtl. aber auch Enttäuschung tät hergestellt« (136). Husserl spricht hier von einer
der Erwartungen und damit eine Modalisierung. Die vereinheitlichenden Leistung der Assoziationen, wo-
explizierende Betrachtung erschöpft sich jedoch nicht mit der Stellenwert der Assoziation als Gesetz der pas-
in der Auslegung des Innenhorizontes des Gegenstan- siven Genesis noch einmal hervorgehoben wird. Nun
des. Der Gegenstand, so wie er uns anspricht und un- muss man nach den Schicksalen der so erworbenen
ser Interesse weckt, steht nicht in einem Vakuum. Viel- Kenntnisse fragen. In § 25 thematisiert Husserl die Ha-
mehr ist er immer eingebettet in einen Außenhorizont, bitualisierung bzw. die Bildung habitueller Nieder-
in einen Horizont der »mitgegenwärtigen Gegenstän- schläge der Explikation. Er zeigt uns dabei, kraft wel-
de« (EU, 115). Zu diesen Gegenständen steht er in Be- cher passiver Leistungen die dauernde Erfahrungs-
ziehung, und diese Beziehungen sind ebenfalls Thema geschichte als Boden weiterer Erkenntnisse entsteht
der explizierenden Betrachtung, die nun die »relativen und immer in Wirkung bleibt. Im Prozess des Sich-
Bestimmungen« auszulegen sucht (ebd.). Das objekti- Niederschlagens gegenwärtig erworbener Kenntnisse
vierende Interesse richtet sich auf die Frage, was der entsteht ein Horizont jener Kenntnisse als Horizont
Gegenstand in Bezug auf die anderen ist, in welchen der typischen Vertrautheit und Vorbekanntheit. Es ist
Relationen er sich zu den umgebenden Gegenständen ein Horizont, der ständig in Bewegung bleibt und zu-
seines Außenhorizontes befindet. Auch dies wird nicht gleich den Rahmen jeglicher Antizipation vorzeichnet.
abstrakt realisiert, sondern gewichtet im – wie Husserl Die Explikation bedeutet daher immer die Verdeutli-
sagt – gegenwärtigen Feld der Wahrnehmungsakti- chung des horizontmäßig Antizipierten im Prozess der
vität. Betrachtet werden die relevant erscheinenden typisierenden Apperzeption, und als solche unter-
Relationen, die uns den Gegenstand in seinen Be- scheidet sie sich wesentlich von der analytischen Ver-
ziehungen bzgl. dieses Feldes verstehen lassen. Diese deutlichung als Explikation im Leerbewusstsein (142).
Erörterungen führen uns in ein Reich der vorprädika- Weiterhin betrachtet Husserl Unterschiede der Ex-
tiven Erkenntnisleistungen, die in den herkömmlichen plikation in verschiedenen Modi des Bewusstseins,
Analysen der Wahrnehmungsphänomene schlicht vor allem in der Antizipation und in der Erinnerung.
übersehen werden. Hier werden sie jedoch in einer Damit wird deutlich, dass das Erfahrungsbewusstsein
einmaligen Differenziertheit systematisch erfasst, und als Bewusstsein der Evidenz sich nicht auf die gegen-
es wird deutlich gemacht, dass es sich dabei um viel- wärtig erlebte Wahrnehmung beschränkt, sondern
schichtige und zeitliche Prozesse handelt. dass wir verschiedene Evidenzmodalitäten zu berück-
Als nächstes widmet sich Husserl dem zeitlichen sichtigen haben, wenn wir den Prozess der Explikati-
Aspekt (§ 23). Dabei wird die Wahrnehmung als ein on angemessen erfassen wollen. Vor diesem Hinter-
immanent-zeitlicher Vorgang betrachtet. Das Heran- grund thematisiert Husserl weiter die Begriffe von
ziehen des Aspektes der zeitlichen Konstitution der Substrat und Bestimmung. Insbesondere gelingt es
Wahrnehmung erlaubt auf der Ebene der explizieren- ihm dabei, den Begriff des Ganzen in einer neuen und
den Betrachtung, die »Ursprungsstelle der ersten, der vertieften Weise aufzufassen. Diese Analysen, die ab
sogenannten einfachen ›logischen Kategorien‹« (127) § 30 folgen, greifen das bereits in der III. Logischen
auszuweisen. Es handelt sich um die Kategorien des Untersuchung behandelte Problem des Verhältnisses
Substrates und des Explikates (Bestimmung α ...). Der des Ganzen zu seinen Teilen auf. Während jedoch die
Gegenstand wird also sowohl in seiner – immer typi- Logischen Untersuchungen lediglich deskriptiv die no-
schen – Allgemeinheit erfasst als auch in Partialerfas- ematischen, also die den Gegenstands-Sinn betreffen-
sungen näher bestimmt. Wichtig ist dabei, dass wir in den Aspekte berücksichtigen konnten, erlaubt die in-
diesem zeitlichen Prozess der explizierenden Betrach- tentionalgenetische Analyse die Bedeutung der Re-
tung den Gegenstand mehrmals und in verschiedenen zeptivität und die noetischen Leistungen, wie Assozia-
Hinsichten betrachten und näher zu bestimmen ver- tion, Affektion, Affizierend-im-Griff-Behalten in die
suchen. Die einzelnen Vollzüge müssen dann eine Ver- Analyse mit einzubeziehen. Dies ermöglicht eine qua-
bindung eingehen. Auch in diesem Zusammenhang litative Differenzierung von unselbstständigen Mo-
wird das Spiel zwischen Passivität und Aktivität ent- menten der Explikationsleistung wie Verbindung und
scheidend. Leitend ist dabei der Gegenstand als Gan- Eigenschaft.
zes, als Einheit. Seine einzelnen Explikationen im Pro- Von besonderem Wert ist in diesem Zusammen-
zess der Näherbestimmung gehen die Verbindung hang die differenzierte und evidenzgebundene Ana-
nicht kraft der Sonderaktivitäten ein, sondern im Ge- lyse des Begriffs ›Eigenschaft‹, der hier nicht für das
genteil, die Verbindung wird »aus Quellen der Passivi- steht, was unabhängig vom Ganzen verstanden wer-
110 III Werk – A Veröffentlichte Texte

den kann, sondern nur als ein »unmittelbares unselbst- jeglicher Individuation ausgewiesen. Im folgenden
ständiges Moment eines Ganzen«, oder als sein »unmit- Paragraphen diskutiert Husserl die Bedeutung der
telbare[r] Teil« (171). Was die Verbindungsformen an- Phantasie im Hinblick auf die vorprädikativen Sphä-
belangt, so sind auch sie nicht isoliert zu betrachten, ren der Individuation. Obwohl das Phantasiebewusst-
sondern immer als Momente einer Verbindung ver- sein hier als Bewusstsein der quasi-Positionalität so-
bundener Teile zu sehen. Letztere kommen, ähnlich wohl im perzeptiven als auch im reproduktiven Be-
den Eigenschaften, im Vorgang der Explikation des reich eindeutig gewürdigt wird, wird schließlich die
Ganzen zum Vorschein. Auch also ist »die Verbin- These vertreten, dass die Individuation nur innerhalb
dung [...] ein unselbstständiges Moment, das zur Ge- der Welt wirklicher Erfahrung möglich ist (vgl. § 40;
gebenheit erst kommt nach der Explikation des Gan- Lohmar 2017). Was den Zusammenhang zwischen In-
zen, hinsichtlich seiner Teile« (170). Mit diesen Ana- dividuation und Phantasie anbelangt, so wird er im
lysen bereitet Husserl den Boden für die Erweiterung Haupttext nicht weitergeführt. Husserl selbst verweist
und Vertiefung der relationalen Struktur der Erfah- auf die erste Beilage (vgl. 460 ff.). Aufschlussreich sind
rung. Es gelingt ihm, die Leistung der Beziehungs- in diesem Zusammenhang aber auch Analysen aus
erfassung auf ihre Grundlagen in der Passivität zurück den Bernauer Manuskripten, die explizit dem Zusam-
zu führen, womit eine weitere Revision der Position menhang zwischen Phantasie und Individuation ge-
traditioneller Logik erreicht wird. Ausgehend vom widmet sind (Hua XXXIII, Text 16, 19, 20).
Verständnis und der fundierenden Bedeutung des Der zweite Abschnitt, der insbesondere in der an-
Horizontbewusstseins legt er systematisch die Leis- gelsächsischen Diskussion Beachtung gefunden hat
tung des beziehenden Betrachtens aus und weist seine (Føllesdal 1969; Mohanty 1984; Null 1990 u. a.), ist
Wesenszüge auf (vgl. 174). Diese Befunde erlauben es, dem prädikativen Denken und den – wie es Husserl
in einer neuen, vertieften Weise das Problem der Ein- nennt – Verstandesgegenständlichkeiten gewidmet.
heit des positionalen Bewusstseins anzugehen. Dabei Ausgehend von den Einsichten zu den vorprädikati-
werden sowohl die passiv-zeitlichen Strukturen be- ven Leistungen der Urteilsbildung, behandelt Husserl
rücksichtigt (§ 36), als auch die Unterschiede zwi- im ersten Kapitel die allgemeine Struktur der Prädi-
schen der Wahrnehmung, Erinnerung und schließlich kation und die Genesis der wichtigsten kategorialen
der Phantasie behandelt. Formen. Als erstes wird der subjektive Beitrag des Er-
All diese Analysen werden zunächst auf die Leis- kenntnisinteresses herausgestellt und seine Auswir-
tungen eines Ich-Subjektes eingeschränkt, das seine kungen in den prädikativen Leistungen untersucht
Gegenwart, aber auch seine Vergangenheit, seine er- (EU, 47). Hier wird zwischen dem Interesse der
innerte Umwelt und umfassende zeitliche und räumli- Wahrnehmung, das die rezeptive Erfahrung leitet,
che Horizonte hat. Trotz des anfänglichen dezidierten und dem eigentlichen Willen zur Erkenntnis unter-
Ausschlusses der intersubjektiven Aspekte dieser Er- schieden. In der Rezeptivität wurde die spezifische
fahrung verdeutlicht Husserl in § 38 unmissverständ- Aktivität in der Passivität als Aktivität des Erfassens,
lich, dass die Aufklärung der Einheitsleistung der vor- Explizierens und beziehenden Betrachtens identifi-
prädikativen Erfahrung doch im Wesentlichen auch ziert. Sie wurde erkannt als von einer subjektiven
intersubjektive Vollzüge verlangt. Nicht nur meine Tendenz geleitet. Jene Tendenz war darauf aus, den
Umwelten, sondern auch die Umwelten der Anderen »anschaulich gegebenen Gegenstand allseitig zu Ge-
spielen hier eine Rolle. Dabei wird festgehalten, dass gebenheit zu bringen« (232). Diese im Wesentlichen
all die erinnerten oder erinnerbaren Umwelten als passive Tätigkeit terminierte nicht in der Erkenntnis
»Stücke aus der einen und selben objektiven Welt« (189) im engeren Sinne, sondern in der bloßen Kenntnis-
im Spiel sind. Diese eine und selbe objektive Welt trägt nahme des Gegenstandes. Das Ziel der prädikativen
den Titel Lebenswelt (s. Kap. III.A.12, III.B.29), womit Erkenntnis verlangt vom Ich weitergehende Aktivitä-
erneut ein klarer Bezug auf die Ergebnisse der Krisis- ten: »Das Ich will den Gegenstand erkennen, das Er-
Schrift genommen wird. Jegliche Positionalität wird kannte ein für allemal festhalten« (232), nicht bloß
hier als solche gedeutet, die nur auf dem Boden dieser Im-Griff-behalten.
objektiven Welt als Lebenswelt zu begreifen ist. Dort Die einzelnen Schritte dieser Aktivität sind geleitet
hat jede Wahrnehmung und jede Erinnerung »seine von aktiven Willensimpulsen. Somit ist der Erkennt-
Einheit dadurch, dass es in dieser objektiven Welt sei- nisvorgang hier eine Handlung des Ich, bestimmt vom
ne feste Zeitstelle, Stelle in der objektiven Zeit hat« Ziel der Erfassung des Gegenstandes in seiner iden-
(EU, 189). Die Lebenswelt wird somit als der Boden tischen Bestimmtheit. Ihr Ergebnis soll ein dauernder,
13 »Erfahrung und Urteil« 111

über die Erfahrungszeit hinausgehender Erkenntnis- müssen dennoch passive und aktive Synthesen von-
besitz sein. Es handelt sich hierbei um eine objektivie- einander qualitativ unterschieden werden. Erst dann
rende Leistung neuer Art, die ihren Ausdruck und können die verschiedenen Urteilsformen (Ist-Urteile,
Niederschlag im prädikativen Urteil erlangt. Hat-Urteile, bestimmende und beziehende Urteile)
Auf diesem Wege konstituieren sich neuartige Ge- sowie ihre syntaktische Gestaltung in Satzformen bis
genständlichkeiten: die logischen Gebilde, folglich hin zur Bildung von Identitätsurteilen verständlich
kategoriale Gegenständlichkeiten, die Husserl mit gemacht werden. In diesem Zusammenhang wird die
dem Begriff »Verstandesgegenständlichkeiten« fasst Zeitstruktur der Prädikation und abschließend das
(233). Es handelt sich hierbei um eine schöpferische, Problem der Modalisierung des prädikativen Urteiles
neue Gegenstände erzeugende Spontaneität. Husserl behandelt (vgl. Seebohm 1988).
vermerkt wiederholt, dass derartige Gegenstände bis- Der dritte und letzte Abschnitt ist der Konstitution
her im Interessenfokus der Logiker standen, ohne der Allgemeingegenständlichkeiten und den Formen
dass ihre »ursprüngliche Erzeugung und ihr Ent- des überhaupt-Urteiles gewidmet. Während wir im
springen aus den unteren Stufen der Erkenntnisleis- Bereich der Verstandesgegenständlichkeiten lediglich
tung befragt worden wäre« (ebd.). Erlangen die Ver- mit individuellen Urteilssubstraten, d. h. mit Urteilen
standesgegenständlichkeiten in dieser konstitutiven über Individuelles, zu tun hatten, wendet sich jetzt die
Weise ihren Ausdruck, werden sie zum Beispiel in Untersuchung den allgemeinsten Gegenständen zu
Form von Aussagen zum intersubjektiv verfügbaren und thematisiert das begreifende Denken. Die Er-
Besitz (vgl. 234). kenntnis terminiert hier in reinen bzw. in Wesens-
Im Folgenden untersucht Husserl erstens die Struk- begriffen. In diesem Zusammenhang identifiziert
turen der prädikativen Tätigkeiten, um zu zeigen, wie Husserl eine weitere Art spontan erzeugender Leis-
sie sich auf den Leistungen der rezeptiven Unterstufe tungen (EU, 383). In diesen Prozessen findet die letzte
aufbauen. Zweitens wendet er sich der Struktur und Ablösung von situativer Verankerung der Erfahrungs-
der ›Seinsweise‹ von Gegenständlichkeiten zu, die den gegenstände in ihren empirischen Kontexten statt. Es
prädikativen Tätigkeiten entspringen. Drittens behan- ist die »Loslösung vom Jetzt und Hier der Erfahrungs-
delt er das Phänomen der Ablösbarkeit jener Gegen- situation, die in dem Begriff der Objektivität des Den-
ständlichkeiten, der Verstandesgegenständlichkeiten, kens beschlossen liegt« (384). Dabei findet der Über-
von dessen Erzeugungsvorgang und führt das Phäno- gang von empirischer bzw. typischer Allgemeinheit zu
men der Ablösbarkeit auf den Unterschied zwischen Wesensallgemeinheit statt. In diesem Zusammenhang
den anschaulichen und leeren Urteilen zurück. In die- erlangt der Begriff des Typus eine neue Aktualität. Er
sem Unterschied identifiziert er auch den Ursprung wird als die konkrete Allgemeinheit im Aufbau der ei-
der Modalitäten von prädikativen Urteilen, die detischen Erkenntnis ins Spiel gebracht, womit die ei-
schließlich als Modalitäten der Ich-Entscheidung he- detische Einsicht eine Rückbindung an die empiri-
rausgestellt werden und auf dem Hintergrund ihres schen Evidenzen erlangt.
konstitutiven Ursprungs gedeutet werden. Die eidetische Methode in ihrer endgültigen Ge-
Während die Gegenstände der Rezeptivität als in stalt legt Husserl zum ersten Mal in der Vorlesung
der Passivität vorgegeben erlebt werden, d. h., dass wir über die Phänomenologische Psychologie von 1925 dar
sie als eine Art Rezipieren des bereits passiv vorkon- (Hua IX, § 9). Diese Darlegung wird beinah vollstän-
stituierten Sinnes erfassen, können die Verstandes- dig in Erfahrung und Urteil (§ 87) wiedergegeben, aber
gegenständlichkeiten nicht rezeptiv erfasst werden. in einen anderen Kontext eingeführt: In der Phänome-
Sie weisen derartige Vorkonstitution in reiner Passivi- nologischen Psychologie ist es primär der wissen-
tät nicht auf. Husserl deckt aber auf, inwiefern sie in schaftstheoretische Kontext, es geht hier um Gewin-
der prädikativen Spontanität vorkonstituiert werden nung des apriorischen Fundaments der Psychologie
müssen und so in Folge der Erzeugung als spontane als Wissenschaft. In Erfahrung und Urteil geht es um
Prädikationsleistung des Ich vorgegeben werden. Wir den allgemeinen und universalen erfahrungs- und er-
gewinnen dabei den wesentlichen Unterschied zwi- kenntnistheoretischen Begründungszusammenhang.
schen rezeptiver Erfassung und erzeugender Sponta- Der Vollzug der eidetischen Variation ist jedoch in
nität, der jedoch in der rezeptiven Vorgegebenheit als beiden Kontexten gleich und bedeutet ein durch das
Motivationszusammenhang wurzelt. Soll die Struktur Phantasiebewusstsein zu leistendes Verfahren der Er-
der Prädikation und der Prozess der kategorialen Er- zeugung von unbegrenzten Varianten eines faktischen
kenntnisgewinnung sachgerecht ausgelegt werden, Ausgangsexempels. Durch die Unbegrenztheit der
112 III Werk – A Veröffentlichte Texte

Varianten gelingt die Ablösung von kontingenten 1981, 289–292). In Europa präsentiert Paolo Spinicci
Vorgaben empirischer Fakta. Denn soll die Methode 1985 eine erste Gesamtübersicht in Italien. Er unter-
zur Gewinnung reiner Begriffe führen, muss sie etwas sucht sowohl die vorprädikativen Erfahrungsformen
anderes bieten als bloß empirische Vergleichung und als auch die prädikative Urteilsbildung bis hin zur
Verallgemeinerung begrenzter Erfahrungstatsachen. Konstitution von Allgemeinbegriffen. Darüber hi-
Dank der Leitungsfunktion des Typus, der immer er- naus lassen sich einzelne Kontexte identifizieren, in
fahrungsgebundene Antizipationen bei der Variation denen Erkenntnisse von Erfahrung und Urteil das In-
motiviert, behält jedoch die eidetische Variation ihre teresse auf sich ziehen und in philosophischen Dis-
genetische Fundierung in der Erfahrung, ohne zu ei- kussionen fruchtbar berücksichtig werden. Innerhalb
ner empirisch induktiven Methode zu werden. In der der analytischen Philosophie weckt vor allem Dag-
Durchsicht der Varianten stellen sich spezifische Syn- finn Føllesdal (1958) das Interesse für die Husserlsche
thesen ein, die schließlich das Herausschauen des ge- Logik. Die Diskussionen, die sich an seine Darstel-
meinsamen Sinneskernes möglich machen. Es wird lung anschließen, betreffen insbesondere das Pro-
dabei allerdings kein höheres Individuum erschaut, blem der modalen Logik und Husserls Begriff der
sondern eine »Einheit im Widerstreit« [...] kein Indivi- Modalisierung (vgl. Seebohm 1999, 6 f.). Im deutsch-
duum, sondern eine konkrete Zwittereinheit sich sprachigen Raum arbeitete Antonio Aguirre 1970 ei-
wechselseitig aufhebender, sich koexistenzial aus- ne Interpretation der genetischen Phänomenologie
schließender Individuen« (EU, 417). Diese Zwitter- aus, die auch die Ergebnisse von Erfahrung und Urteil
einheit liegt der Wesenserschauung als spezifische auswertet (Aguirre 1970). 1982 legt Gisela Müller in
Anschauung zugrunde. Mit diesem Befund gelingt es ihrer Dissertation eine eingehende Interpretation von
Husserl, sein Projekt der genetisch-phänomenologi- Husserls Theorie der vorprädikativen Erfahrung vor,
schen Klärung der Urteilsbildung auch in Bezug auf in der sie insbesondere die praktische Anbindung der
die Urteile-Überhaupt zu vollenden. Fundamente der Logik hervorhebt (Müller 1999). Die
These, dass die Logik einer Theorie der Erfahrung be-
darf, um die Geltung von logischen Prinzipien aus-
Rezeption zuweisen, verteidigt vor allem Dieter Lohmar (Loh-
mar 1999). 1998 gelingt es ihm, Husserls Hauptthese
Aufgrund seiner entstehungsgeschichtlich erschwer- von der Eigenständigkeit und Leistung der vorprädi-
ten Rezeptionsgeschichte wurde Erfahrung und Urteil kativen Erfahrung in der Erkenntnisbildung in einem
bislang kaum in seiner umfassenden Bedeutung an- breiteren systematischen Kontext der neuzeitlichen
gemessen gewürdigt. Erkenntniskritik bei Hume und Kant zu verorten und
Eine der ersten Auseinandersetzungen mit diesem damit nicht nur werkimmanent, sondern auch phi-
Werk finden sich zwar bereits 1943 bei Marvin Farb- losophiegeschichtlich die Relevanz jener These zu be-
er, der in den USA auf die vorprädikativen Quellen kräftigen. Dies hat Anstoß zu neuen Interpretationen
der logischen Formen in Husserls Erfahrung und Ur- gegeben, die in den letzten Jahren zu einer Annähe-
teil aufmerksam macht (Farber 1943, 503 ff.). Zu den rung zwischen den vom Pragmatismus von Peirce
frühen Kennern des Werkes zählt mit Sicherheit auch und Quine inspirierten (vgl. Føllesdal 2007) sowie
Alfred Schütz, der 1959 einen Aufsatz unter dem Titel den dem Intuitionismus nahestehenden Auffassun-
Type and Eidos in Husserl’s Late Philosophy (Schütz gen der logischen Prinzipien und der phänomenolo-
2009, 321–357) veröffentlicht, dabei intensiv auf die gischen Deutungen geführt haben (van Atten 2002).
Inhalte von Erfahrung und Urteil angeht. Doch diese Heute erleben wir ein intensiviertes Interesse für das
Rezeptionen bleiben ohne größere Wirkung. 1974 er- Projekt der genetischen Phänomenologie im Ganzen.
scheint in englischer Sprache wohl die erste Rezensi- Es bleibt zu hoffen, dass in diesem Zusammenhang
on des Buches, verfasst von Gilbert T. Null (Null die Rezeption von Erfahrung und Urteil verstärkt und
1974). Im selben Jahr diskutiert Robert Sokolowski das Potential sowie die Stärken dieses Werkes kon-
die Urteilsformen in Husserls Phänomenologie und sequent ausgeschöpft werden. Dazu soll die derzeit
bezieht sich dabei teilweise auch auf die Ergebnisse am Husserl-Archiv Köln edierte kritische Ausgabe
von Erfahrung und Urteil (Sokolowski 1974, 205 ff.). des Werkes beitragen, die in den nächsten Jahren in
1981 stellt Karl Ameriks, einer der Übersetzer des den Gesammelten Werken Husserls, der Husserliana,
Werkes ins Englische, Erfahrung und Urteil in dem unter der Herausgabe von Jagna Brudzińska erschei-
Buch Husserls Shorter Works kurz vor (Ameriks, nen wird.
13 »Erfahrung und Urteil« 113

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Jagna Brudzińska
B Nachlass

14 Überblick über Husserls Nachlass ten, womit Husserl für sich und seine Familie Asyl
hätte beantragen können. Nach dem Einmarsch der
Husserl hat zeit seines Lebens im Vergleich zu dem, Nazis in Prag wurde auch diese letzte Hoffnung zer-
was er tatsächlich zu Papier brachte, nur wenig ver- stört (vgl. Luft 2004).
öffentlicht. Seine Buchpublikationen lassen sich an we- Husserl nahm diese Ordnung zusammen mit sei-
niger als zwei Händen ablesen, und darüber hinaus hat nen Assistenten Eugen Fink und Ludwig Landgrebe
Husserl nur wenige kleinere Texte und Aufsätze bzw. im Jahre 1935 vor. Die verschiedenen Manuskripte
Rezensionen veröffentlicht. Husserl schrieb fast jeden wurden zu Konvoluten geordnet und erhielten eine
Tag eine Art von philosophischem Denktagebuch, Archiv-Nummer. Hierbei gab es die Hauptgruppen
zum größten Teil in Gabelsberger Stenographie ver- mit den Buchstaben A bis F, die wiederum z. T. in Un-
fasste Manuskripte, in denen er Ideen ausprobierte, tergruppen geordnet wurden mit römischen Buchsta-
oder Gedankengänge verfolgte, die er z. T. später wie- ben. Die einzelnen Konvolute in diesen Untergruppen
der verwarf. Zum Teil ähneln diese Texte einem reinen wurden wiederum (v. a. in den Gruppen A, B und E)
Gedankenstrom ohne erkennbare Linie oder Argu- in arabischen Buchstaben gruppiert. Zum Beispiel ist
mentationsrichtung. Allerdings enthält der Nachlass Konvolut B I 21 das Konvolut 21 in der Untergruppe B
auch viele Entwürfe und Texte, die zur Veröffent- I. Jedes Blatt ist nummeriert als a (recto) und b (verso).
lichung gedacht waren, aber aus verschiedenen Grün- Die Konvolute reichen von Manuskripten, die nur we-
den von ihrem Verfasser zurückgehalten wurden. nige Seiten umfassen, bis hin zu mehreren hundert
Dennoch gibt es Aussagen von Husserl, vor allem im Manuskriptblättern, die zum größten Teil auf Blättern
vorgerückten Alter, dass seine unveröffentlichten Ma- im DIN-A-5-Format abgefasst sind (s. Übersicht im
nuskripte das Wesentliche seiner Philosophie enthal- Anhang zu diesem Beitrag).
ten, insbesondere deshalb, weil seine veröffentlichten Nachdem Husserl diese Nachlassordnung vor-
Schriften größtenteils einführenden Charakter haben, genommen hatte, schrieb er natürlich weiter, und die
die Manuskripte hingegen viele Einzelanalysen sowie Texte, die nach seinem Tod gesichtet und archiviert
Entwürfe und Ansätze zu einem systematischen Werk wurden, wurden von den nachkommenden Archiva-
enthalten, welches Husserl ab ca. 1922 verfassen woll- ren in die Gruppe K eingeteilt. Die systematische Ar-
te, er aber nie vollendete. Dass Husserl seinen eigenen chivierung wurde später noch weitergeführt, hierbei
Nachlass nicht systematisch in eine Form zu bringen Husserls Vorlesungsmitschriften aus seiner Studien-
vermochte, die in seinen Augen für die Öffentlichkeit zeit einbeziehend, sowie seine Korrespondenz, seine
bestimmt sein konnte, war für Husserl mitunter Grund Bibliothek (sowohl Bücher und Sonderdrucke mit
für tiefe Unzufriedenheit bis hin zu Depressionen. sowie ohne Annotationen), weiterhin Einlageblätter
Da Husserl vor allem ab der Machtübernahme in Büchern oder Sonderdrucken, sowie schließlich
durch die Nazis ab 1933 einsah, dass er zu einem syste- Druckproben, Reinschriften für Publikationen, und
matischen Abschluss eines solchen Systems der Phä- Arbeiten seiner Assistent/innen Edith Stein, Ludwig
nomenologie nicht mehr kommen würde (abgesehen Landgrebe und Eugen Fink (schriftliche bzw. typogra-
vom Publikationsverbot für Juden), traf Husserl Vor- phische Abschriften), in denen Husserl z. T. umfang-
kehrungen, seinen Nachlass systematisch zu ordnen, reiche Annotationen anbrachte.
um ihn als Arbeitsmittel für spätere Generationen von Zur Geschichte von Husserls Nachlass gehört
Phänomenolog/innen zu archivieren. Unmittelbarer schließlich auch seine Rettung durch den belgischen
Anlass, um die Ordnung vorzunehmen, war der Franziskanerpater Hermann Leo Van Breda. Husserl
Wunsch, sie dem Brentano-Archiv in Prag anzubie- starb, bevor er seinen Nachlass in Sicherheit bringen

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_15, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
14 Überblick über Husserls Nachlass 115

konnte. Van Breda, der 1938 nach Freiburg kam in der • C: Zeitkonstitution als Formale Konstitution
Hoffnung, Husserl über seine künftige Dissertation • D: Primodiale Konstitution (»Urkonstitution«)
zur Phänomenologie befragen und in seinen unver- • E: Intersubjektive Konstitution
öffentlichten Texten lesen zu können, fand Husserls – E I: Konstitutive Elementarlehre der unmittel-
verzweifelte Witwe und die archivierten Manuskripte baren Fremderfahrung
vor. Das Schicksal von Husserls Witwe sowie der Ma- – E II: Konstitution der Mittelbaren Fremderfah-
nuskripte schien bereits besiegelt. In einer aufregen- rung (die volle Sozialität)
den Aktion gelang es Van Breda, den Nachlass mit ge- – E III: Transzendentale Anthropologie (Trans-
tarnt als diplomatisches Gepäck (diplomatic bag) via zendentale Teleologie usw.)
Berlin nach Belgien zu bringen, wo er 1938 das Hus- • F: Vorlesungen und Vorträge
serl-Archiv gründete. Dort – im Hoger Instituut voor – F I: Vorlesungen und Teile aus Vorlesungen
Wijsbegeerte der KU Leuven – liegt auch heute noch – F II: Vorträge mit Beilagen
der Nachlass in der Ordnung, wie sie von Husserl und – F III: Manuskripte der gedruckten Abhandlun-
seinen Assistenten vorgenommen wurde. Die anderen gen mit späteren Beilagen
Husserl-Archive in den Universitäten in Freiburg, – F IV: Lose Blätter
Köln, Paris und New York (New School) enthalten Mi- • K: Manuskripte
crofiches der Originalmanuskripte und Transkriptio- – K I: Manuskripte vor 1910
nen. Die Edition der Husserliana begann im Jahre 1950 – K II: Manuskripte von 1910–30
mit Husserls Pariser Vorlesungen und den Cartesia- – K III: Manuskripte nach 1930 zur Krisisproble-
nischen Meditationen (Hua 1), umfasst inzwischen 46 matik
Bände und wird wohl noch vor Ende des gegenwärti- • L: Manuskripte (Bernauer Manuskripte)
gen Jahrzehnts abgeschlossen sein. Viele der Manu- – L I: Bernauer Manuskripte I
skripte sind inzwischen in den über fünfzig Bänden – L II: Bernauer Manuskripte II
der Husserliana (der kritischen Gesamtausgabe) sowie • M: Abschriften
in der Materialien und Dokumentenserie der Husserl- – M I: Vorlesungen
iana (Veröffentlichungen ohne kritischen Apparat) – M II: Vorträge
veröffentlicht, wobei das Unveröffentlichte weiterhin – M III: Entwürfe für Publikationen
das Interesse der Fachwelt in Beschlag nehmen wird. • N: Nachschriften
• P: Manuskripte anderer Autoren
• Q: Notizen Husserls in den Vorlesungen seiner
Anhang: Die Nachlassanordnung Lehrer
• R: Briefe
• A: Mundane Phänomenologie – R I: Briefe von Husserl
– A I: Logik und Formale Ontologie – R II: Briefe an Husserl
– A II: Formale Ethik, Rechtsphilosophie – R III: Briefe über Husserl
– A III: Ontologie (Eidetik und Ihre Methodolo- – R IV: Briefe Malvine Husserls (nach 1938)
gie) • X: Archivaria
– A IV: Wissenschaftslehre
– A V: Intentionale Anthropologie (Person und Literatur
Umwelt) Luft, Sebastian: Die Archivierung des Husserlschen Nach-
– A VI: Psychologie (Lehre von der Intentionali- lasses 1933–1935. In: Husserl Studies 20 (2004), 1–23.
Van Breda, Hermann Leo: Die Rettung von Husserls Nach-
tät) lasses. In: Thomas Vongehr (Hg.): Die Geschichte des Hus-
– A VII: Theorie der Weltapperzeption serl-Archivs. Heidelberg 2007, 1–37.
• B: Die Reduktion (Vgl. auch die Texte von Ullrich Melle (Kap. III.B.15) und
– B I: Wege zur Reduktion Thomas Vongehr (Kap. II.1, 4, 5) in diesem Band.)
– B II: Die Reduktion selbst und ihre Methodolo-
Sebastian Luft / Maren Wehrle
gie
– B III: Vorläufige Transzendentale Intentional-
analytik
– B IV: Historische und Systematische Selbstcha-
rakteristik der Phänomenologie
116 III Werk – B Nachlass

15 Systematischer Überblick über handelt werden könne und somit auch müsse« (Hua
Husserls phänomenologisches XXV, 305).
Eine Berufswahl der Philosophie erforderte damals,
Projekt wie auch heute noch, schon deshalb Mut, weil es nur
geringe Aussichten auf eine besoldete Stelle gab. Hus-
Die von Husserl selbst veröffentlichten Schriften sind serl hat in Halle zehn Jahre lang als ein auf die Unter-
nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges, die sich stützung der Familie angewiesener Privatdozent aus-
auf einer zehntausende von Blättern umfassenden geharrt, bevor er auf ein Extraordinariat in Göttingen
Masse von stenographischen Manuskripten erhebt. berufen wurde. Aber der Mut, von dem Husserl
Diese Manuskripte bestehen neben umfangreichen spricht, bezieht sich auf die Philosophie selbst, näm-
Vorlesungsmanuskripten und Entwürfen vor allem lich ob sie mit der übergeordneten Lebensentschei-
aus sogenannten Forschungsmanuskripten als den dung Husserls für einen wissenschaftlichen Beruf, und
Niederschlägen von Husserls konkreter alltäglicher zwar einen wissenschaftlichen Beruf, der höchsten
Forschungsarbeit. Viele dieser Nachlassmanuskripte Ansprüchen an wissenschaftliche Arbeit genügt, ver-
sind mittlerweile in einer sich über sieben Jahrzehnte einbar ist. Als Maßstab hierfür galten Husserl die Ma-
erstreckenden Editionsarbeit veröffentlicht worden. thematik und die mathematischen Naturwissenschaf-
Dadurch ist ein facettenreiches Bild von Husserls phi- ten. Kann die Philosophie eine vergleichbare Genau-
losophischem Denkweg und seiner phänomenologi- igkeit, Einsichtigkeit, theoretische Stringenz, Erklä-
schen Forschungsarbeit entstanden, wobei sich im- rungskraft, kurzum, Rationalität gewinnen wie diese
mer deutlicher gezeigt hat, dass die sich über fünf Wissenschaften? Es war Brentano, der, Husserl zufolge,
Jahrzehnte erstreckende Entfaltung von Husserls Phi- ihn davon überzeugte, dass die Philosophie sehr wohl
losophie eine große Folgerichtigkeit und organische eine strenge Wissenschaft sein könne, auch wenn sie
Einheit besitzt. Es lassen sich im Entwicklungsgang nach ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte
dieser Philosophie wichtige Schritte und Stationen noch immer weit davon entfernt ist, es zu sein.
markieren, aber es gibt keine radikalen Umwendun- Brentano selbst erhob den Anspruch, die Philoso-
gen und völligen Neuorientierungen. Immer wieder phie im Geiste strenger Wissenschaftlichkeit zu refor-
lässt sich Späteres und Spätestes latent und öfters mieren. Dazu bedurfte die Philosophie einer empiri-
selbst bereits ausgesprochen schon in viel Früherem schen Grundlage, die Brentano zufolge in der deskrip-
und Frühestem entdecken. So findet sich bereits, um tiven Psychologie aus innerer Wahrnehmung bestand.
nur ein Beispiel zu nennen, in Entwürfen zu einem ge- Husserl konnte es zunächst so scheinen, dass Brenta-
planten, aber nicht zustande gekommenen Buch über no und sein Schüler Carl Stumpf, bei dem Husserl sich
den Raum aus der zweiten Hälfte der 1890er Jahre eine habilitierte, den sicheren Weg zu einer wissenschaftli-
erste Vorzeichnung des in seiner späteren Philosophie chen Reform der Philosophie vorgezeichnet hatten
große Bedeutung erlangenden Rückgangs auf die Welt und dass er selbst somit festen Boden unter seinen Fü-
vortheoretischer Erfahrung, die Lebenswelt, die durch ßen hatte, auf dem er seinen eigenen Beitrag zu dieser
die moderne Naturwissenschaft einer von sinnlichen Reform leisten konnte. Aber schon bald begann dieses
Erfahrungsbestände abstrahierenden idealisierenden Fundament für ihn Risse zu zeigen und schwankend
Bestimmung unterworfen wird (vgl. Hua XXI, 271). zu werden, und so kam Husserl schließlich zu der um-
stürzenden Einsicht, dass es kein Fundament gab, das
er für die konkrete philosophische Arbeit als gesichert
Die Lebensaufgabe: Philosophie als univer- voraussetzen konnte, und dass ihm daher selbst die
sale und letztbegründete Wissenschaft Jahrtausendaufgabe zufiel, der Philosophie dieses
Fundament zu geben. Husserl sah damit die Last einer
Husserl wechselte erst zur Philosophie, nachdem er ungeheuren Verantwortung für das Schicksal der Phi-
sein Studium der Mathematik mit der Promotion ab- losophie und Wissenschaft, an der ihm zufolge nichts
geschlossen hatte. Seinen eigenen Aussagen zufolge weniger als das Schicksal der europäischen Mensch-
waren es Brentanos Vorlesungen, aus denen er zuerst heit hängt, auf seine Schultern gelegt. Es war ihm auf-
die Überzeugung schöpfte, »die [ihm] den Mut gab, gegeben, die europäische Menschheit nach ihrer lan-
die Philosophie als Lebensberuf zu wählen, nämlich, gen Irrfahrt auf dem Meer des Skeptizismus, des Dog-
dass auch Philosophie ein Feld ernster Arbeit sei, matismus und der Unvernunft in ihren vielen Gestal-
dass auch sie im Geiste strengster Wissenschaft be- ten, in den sicheren Hafen einer universalen und

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


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15 Systematischer Überblick über Husserls phänomenologisches Projekt 117

letztbegründeten Wissenschaft zu geleiten und damit werden mit Aufwand wahrhaft heroischer Arbeits-
ein ausschließlich durch Vernunft bestimmtes Einzel- anspannung endlich errungen, und über alle alten
und Gemeinschaftsleben zu ermöglichen. Zielsetzungen reichen überall neue, immer höhere
Die Urstiftung der Idee streng rationaler, d. h. wis- und höchste. Und so leben wir auch, das ist meine fes-
senschaftlicher Welterkenntnis und eines darin grün- te Überzeugung, wenigstens in den Anfängen einer
denden Vernunftlebens durch Sokrates und Platon, wahrhaft großen philosophischen Epoche. Es ist eine
die Neustiftung dieser Idee am Anfang der modernen Lust, jetzt zu leben und sich an all dem Großen, das im
Wissenschaft bei u. a. Galilei und Descartes findet, da- Werden ist, als Mitstrebender zu beteiligen« (Hua Mat
von war Husserl zutiefst überzeugt, ihre Vollendung VI, 6).
in der durch ihn vollzogenen Endstiftung. Mit dieser
Endstiftung endet, so ließe sich überspitzt formulie- Aber wie bei vielen seiner Zeitgenossen war auch bei
ren, die Vorgeschichte der Philosophie und beginnt Husserl diese Begeisterung nicht ungebrochen. So be-
ihre eigentliche Geschichte als letztfundierte, strenge klagt er in seiner frühen Vorlesung »Ethik und Rechts-
und universale Wissenschaft. Husserl sieht sich auf philosophie« von 1897 die herrschende materialisti-
dem Scheitelpunkt der Geschichte nicht nur der Phi- sche Denkweise, »die Labilität der wirtschaftlichen
losophie und Wissenschaft, sondern der Welt- und Verhältnisse«, den »unerträglich gewordenen Kampf
Menschheitsgeschichte. Er sieht das gelobte Land, ums Dasein« und die »enorme Ausbreitung der ethi-
nach dem die neuzeitliche Philosophie bei all ihren schen wie auch der religiösen Skepsis« (Hua XXVIII,
herausragenden Vertretern auf den verschiedensten 381). Die wissenschaftlich-technischen Errungen-
Wegen gesucht hat, vor sich. Es war Husserls persönli- schaften führten nicht automatisch zu sozio-kulturel-
che Tragik, dass nur ganz wenige und diese oft nur lem und ethischem Fortschritt oder zu geistiger Hö-
halbherzig oder mit Vorbehalten, ihm zu folgen bereit herentwicklung, sie beförderten im Gegenteil eine
waren. Dies hat ihn jedoch nicht daran zweifeln las- tiefgehende Orientierungskrise, die bis heute in Be-
sen, dass sich nur auf dem von ihm entdeckten Weg griffen wie ›Entwurzlung‹, ›Entfremdung‹ und ›Le-
die bestehende Krise der europäischen Wissenschaft bensangst‹ bzw. ›Lebensnot‹ umschrieben wird. Nach
und Menschheit wenden lässt. dem Ersten Weltkrieg verstärkt sich in bürgerlichen
Kreisen das Krisenbewusstsein. Bei Husserl gewinnt
es in seinen letzten Lebensjahren unter dem National-
Die Krise der europäischen Wissenschaft sozialismus noch an Schärfe, wie seine späten Vorträ-
und Kultur ge in Wien und Prag (vgl. Hua VI, 314–348; Hua
XXIX, 103–139) und sein letztes Buch über Die Krisis
Es scheint zunächst keinen Anlass zu geben, von einer der europäischen Wissenschaft und die transzendentale
Krise der Wissenschaft zu sprechen. Im Gegenteil: Die Phänomenologie (Hua VI) zeigen (s. Kap. III.A.12).
Wissenschaften erleben im neunzehnten Jahrhundert Die Krise der europäischen Wissenschaft, die Hus-
eine nie dagewesene Blüte. Auf allen Gebieten werden serl zufolge, die eigentliche Ursache der gesellschaftli-
neue wissenschaftliche Entdeckungen gemacht, die chen und kulturellen Fehlentwicklung bis hin zum
zur Grundlage umwälzender Veränderungen auf allen Abgleiten in die Barbarei des Nationalsozialismus ist,
Lebensgebieten werden. Die Wissenschaften und die besteht in der mehrfachen Einseitigkeit und Unvoll-
Nutzanwendung ihrer Erkenntnisse für die Entwick- ständigkeit ihrer Entwicklung und der fehlenden phi-
lung neuer Technologien und Produktionsverfahren losophischen Fundierung. Die moderne Wissenschaft
erwecken bei vielen Begeisterung und geben Anlass wird durchwegs mit der modernen Naturwissen-
zu großem Fortschrittsoptimismus. Auch Husserl teil- schaft, und zwar als mathematische Naturwissen-
te, wie die folgende Textstelle aus seiner Vorlesung schaft, gleichgesetzt. Diese mathematische Naturwis-
»Alte und neue Logik« von 1908/09 zeigt, zeitweise senschaft wird zum Maß von strenger und exakter
diesen überschwänglichen Fortschrittsoptimismus, Wissenschaftlichkeit, dem sich die Geisteswissen-
der dann allerdings durch den Ersten Weltkrieg eine schaften und auch die Philosophie vergeblich anzunä-
tiefe Erschütterung erfuhr. hern versuchen. Während die Geisteswissenschaften
ihren, sei es auch minderen Platz unter den Wissen-
»Man hört unsere Zeit so oft eine Zeit der Dekadenz schaften noch einigermaßen behaupten können,
nennen. Ganz im Gegenteil. Wir leben in einer wahr- scheint die Philosophie nur mehr die Funktion zu ha-
haft großen Zeit. Uralte Ziele menschlichen Strebens ben, aus dem Fonds einzelwissenschaftlicher Erkennt-
118 III Werk – B Nachlass

nisse und traditioneller philosophischer Standpunkte Naturalismus und Positivismus führen in ihrer
eine jeweils an die Person des Philosophen und seine Konsequenz zur Leugnung des Vernunft- und Gel-
Zeitumstände gebundene weltanschauliche Synthese tungsanspruchs der Wissenschaften und liefern uns
und Lebensorientierung zu bilden – ohne jegliche all- an ein unbegreifliches und sinnloses Weltgeschehen
gemeingültige Verbindlichkeit und das heißt Wissen- sowie an die völlige Unverbindlichkeit und Willkür-
schaftlichkeit. lichkeit menschlichen Wertens, Wollens und Tuns
aus. Was zu dieser Konsequenz führt, ist zum einen,
und das war Husserls erster Angriffspunkt, die Ideen-
Naturalismus und Positivismus als natur- blindheit und zum anderen die Blindheit für das Ei-
wissenschaftliches Weltbild genwesen und die Absolutheit des Bewusstseins.

Die Rationalität der modernen Naturwissenschaft be-


steht zum einen in ihrer durch die Mathematik ge- Wesen und Wesensgesetze
währleisteten Exaktheit und zum anderen in ihrem
experimentellen und empirischen Charakter, dem- Was die Ideenblindheit, und das heißt die Leugnung
zufolge letztlich sich jede wissenschaftliche Hypothe- von Wesen und Wesensgesetzen betrifft: Ein Denken
se an den beobachtbaren und messbaren Naturtatsa- und Sein, das nicht unter Wesensgesetzen steht, ist ra-
chen bewähren muss. Die auch durch Husserl nicht dikal kontingent, es hat keinen rational-einsichtigen
bestrittenen Erfolge der modernen Naturwissenschaft Zusammenhang und keine überzeitliche Notwendig-
haben bei den Wissenschaftlern selbst, aber auch in keit und Geltung. Jederzeit ist alles möglich oder
weiteren Kreisen der Gesellschaft, das Weltbild des nichts ist unmöglich, wenn es keinen wesensgesetzli-
Naturalismus und des Positivismus zur Geltung ge- chen Ausschluss bestimmter Möglichkeiten gibt. We-
bracht. Dieser naturwissenschaftlichen Weltanschau- sen sind für jedermann erkennbare ideale Gegenstän-
ung zufolge gibt es nur eine Art des Seins, nämlich die de, die durch ihre Gesetzlichkeiten den unendlichen
der Naturtatsache. Alle vermeintlich andere Arten des Raum der Möglichkeiten für Gegenstände und Sach-
Seins wie geistige Phänomene, Ideen und Werte wer- verhalte beschränken. Wesensgesetzliche Erklärung
den sich demnach letztlich auf Naturtatsachen redu- ist die einzige Form wirklich rationaler Erklärung,
zieren lassen. Diese reduktionistische Scheuklappen- weil nur sie Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit
Metaphysik ist für Husserl das schleichende Gift, das eines bestimmten Soseins gewährt. In seiner berühmt
die europäische Wissenschaft und Kultur zersetzt. gewordenen Widerlegung des Psychologismus in den
Dieser Vergiftung des europäischen Geistes durch den Prolegomena zur reinen Logik, dem ersten Band der
Naturalismus und Positivismus hat Husserl durch das Logischen Untersuchungen (s. Kap. III.A.7), hat Hus-
Gegengift seiner transzendentalen Phänomenologie serls versucht zu zeigen, wie die Leugnung der Ideali-
zu wehren versucht. tät und damit der notwendigen Geltung der logischen
Der zeitgenössische Naturalismus, den Husserl be- Gesetze den Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher
kämpft, ist noch kein reiner Physikalismus. Natur ist Erkenntnis überhaupt und damit auch den Wahr-
demnach nicht nur physische, sondern auch psycho- heitsanspruch psychologischer Erkenntnis des Den-
physische Natur. Es gibt Naturgegenstände, die über kens und seiner psychologischen Gesetze aufhebt.
ihre stofflichen Komponenten hinaus, eine von diesen Husserl war davon überzeugt, dass nicht nur das
abhängige Schicht des psychischen Seins besitzen. Denken und Erkennen, sondern nach genauer Analo-
Diese unselbständige, dem physischen Körper ein- gie auch das Werten und Wollen einen Geltungs-
oder aufliegende Bewusstseinsschicht ist das Unter- anspruch erheben, der für seine Rechtfertigung unter
suchungsfeld der naturwissenschaftlichen Psycho- axiologischen und praktischen Wesensgesetzen steht.
logie, die sich im 19. Jahrhundert als eigene experi- Logik, Axiologie und Praktik sind die Prinzipienwis-
mentelle Wissenschaft formiert und zu Husserls Zei- senschaften des vernünftigen Denkens, Wertens und
ten im Zeichen des Naturalismus in Konkurrenz tritt Handelns (s. Kap. III.A.10; III.B.21; III.B.24).
mit der Philosophie bzw. beansprucht, der wissen- Das sachhaltige Sein gliedert sich in verschiedene
schaftliche Anteil der Philosophie zu sein. In fernerer Seinsregionen, die unter entsprechenden regionalen
Zukunft, so die Erwartung, wird eine entsprechend Wesen und Wesensgesetzen stehen, d. h. unter einer
fortgeschrittene Psychologie dann auch die Geistes- regionalen Ontologie, die die notwendige Seinsverfas-
wissenschaften naturalisieren. sung der entsprechenden Seinsregion bestimmt. Ne-
15 Systematischer Überblick über Husserls phänomenologisches Projekt 119

ben den sachhaltig-regionalen Ontologien gibt es die einer radikalen Umwendung des Blickes von den Ge-
von aller Sachhaltigkeit abstrahierende formale Onto- genständen, seien es empirische oder eidetische, auf
logie mit ihren formalen Wesen und Wesensgesetzen. die Gegebenheit der Gegenstände in den je nach der
Bei diesen formalen Wesen handelt es sich um die lee- Art der Gegenstände verschiedenen Erfahrungs- und
re Form des ›Etwas überhaupt‹ und seiner Abwand- Denkakten, einschließlich der fühlend-wertenden
lungen, zum Beispiel der eigenschaftlichen Bestim- und wollend-handelnden Akte. Die objektiv gerichte-
mung, der relationellen Bestimmung, des Enthalten- te ontisch-ontologische Forschung bedarf der erst ei-
seins, der kollektiven Verbindung etc. gentlich philosophischen Grundlegung in einer kon-
Es liegt nun nahe, die Philosophie als die Sachwal- sequent subjektiv gerichteten Erforschung der Be-
terin des Apriori den empirischen Wissenschaften ge- wusstseinsquellen aller objektiven Erkenntnis und
genüber zu stellen. Die Philosophie ist dann die Wis- Gegebenheit.
senschaft vom den materialen und formalen Wesens- Entscheidend ist nun, dass die hier geforderte Be-
bestimmungen des Seins. Sie gliedert das sachhaltige wusstseinsforschung prinzipiell nicht durch die neue
Sein in seine Regionen, entfaltet die jeweilige Seins- psychophysische Bewusstseinsforschung und auch
verfassung dieser Regionen in entsprechenden regio- nicht durch die sie vorbereitende taxonomische Be-
nalen Ontologien und bestimmt darüber hinaus in ei- wusstseinsbeschreibung geleistet werden kann. Die
ner formalen Ontologie die allem Seienden gemein- naturwissenschaftliche Psychologie, sei es als experi-
samen Formwesen und ihre wesensgesetzlichen Zu- mentelle und erklärende Psychologie, sei es als rein
sammenhänge. immanent die Bewusstseinsphänomene beschreiben-
de und ordnende Psychologie, ist selbst auch naiv on-
tisch auf ihren nun allerdings immanenten Gegen-
Überwindung der Naivität ontischer und standsbereich gerichtet. Dasselbe gilt dann auch für
ontologischer Wissenschaften durch voraus- die zugehörige eidetisch-ontologische Wissenschaft
setzungslose Bewusstseinsforschung vom psychischen und psychophysischen Sein (s. Kap.
III.B.20). Auch sie sind geradehin auf ihre Forschungs-
Die Überwindung der Ideenblindheit, der Schritt vom gegenstände gerichtet, deren Vorgegebenheit als vom
empirisch-faktischen Aposteriori zum eidetischen physischen Substrat abhängige naturale Seinsschicht
Apriori, ist für Husserl jedoch nur ein erster notwen- und deren Erkennbarkeit in einer deskriptiven und na-
diger Schritt, um die eigentliche philosophische Pro- turgesetzlich erklärenden Psychologie als selbstver-
blematik, das eigentliche Feld der philosophischen ständlich und unproblematisch vorausgesetzt wird.
Forschung und Entscheidung zu erreichen. Bei die- Auch die durchaus subjektiv gerichtete empirische und
sem Schritt stehen zu bleiben, hieße nur einer neuen, eidetische Psychologie bedarf selbst noch einer phi-
höheren Naivität anheim zu fallen. Die Naivität, von losophischen Aufklärung und Grundlegung aus den
der hier die Rede ist, besteht in der unbefragten Vor- Bewusstseinsleistungen, den Erfahrungen und Denk-
gegebenheit und Erkenntnismöglichkeit der jewei- akten, in denen psychische Gegebenheit und Er-
ligen Erkenntnisgegenstände. Für die Naturwissen- kenntnis zustande kommt. Natürlich ist auch eine
schaft ist die Natur diese unbefragte Vorgegebenheit, metapsychologische Erforschung der psychologischen
auf die die Forschung sich richtet und von deren Erfahrungs- und Erkenntnisakte möglich, aber als
grundsätzlicher Erkennbarkeit sie, trotz mancher fal- psychologische Forschung teilt sie die genannten Vo-
scher Theorien und Hypothesen, ebenfalls ungefragt raussetzungen der in ihr thematisierten Akte psycho-
ausgeht. Für die Eidetik sind die Wesen- und Wesens- logischer Erkenntnis.
gesetze die neue unbefragte Vorgegebenheit, die in ei- Eine die Naivität aller ontischen und ontologischen
detischer Anschauung erfahrbar und bestimmbar ist Wissenschaften überwindende und diese aus ihren
(s. Kap. III.B.18). Als naiv bezeichnet Husserl jede ge- subjektiven Quellen aufklärende und begründende
radehin auf den jeweiligen Erkenntnisgegenstand ge- philosophische Wissenschaft bedarf einer radikal
richtete Erfahrung und ein darin gründendes, den Ge- nicht-naiven, d. h. radikal voraussetzungslosen Be-
genstand bestimmendes Denken, welches nicht nach wusstseinsforschung. Diese dem philosophischen An-
den Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens die- spruch auf Letztbegründung angemessene Wissen-
ses Gegenstands und den noch voranliegenden Bedin- schaft vom Bewusstsein ist die Phänomenologie als
gungen der Möglichkeit der Vorgegebenheit dieses reine und, in ihrer philosophischen Bedeutung, als
Gegenstands für ein Erkennen fragt. Hierzu bedarf es transzendentale Phänomenologie (s. Kap. III.B.17).
120 III Werk – B Nachlass

Das reine Bewusstsein als absoluter Seins- schungsgebiet einer neuen Wissenschaft, der reinen
boden, die Welt als intentionales Korrelat Phänomenologie, ist.
Dieses reine Bewusstsein ist zunächst das Bewusst-
Jede Wissenschaft hat ihr genuines Forschungsgebiet, sein der jeweiligen Phänomenologin oder des jewei-
einen bestimmten Bereich von Gegebenheiten, eine ligen Phänomenologen, ein in sich abgeschlossenes
Seinsregion oder eine Seinsschicht, die sie in metho- Feld, oder wegen seiner dynamischen Verlaufsform
disch-theoretischer Erkenntnisarbeit erschließt. Mit sagen wir besser ein Strom individuell-tatsächlicher
der Entfaltung und Ausdifferenzierung der Fachwis- Geschehensphänomene, die in einer spezifisch phä-
senschaften im 19. Jahrhundert und zumal mit der nomenologischen Erfahrung als einer von all den ein-
Etablierung der Psychologie als Naturwissenschaft geklammerten Selbstverständlichkeiten gereinigten
vom psychischem Sein, schienen die Einzelwissen- Form der immanenten Anschauung zugänglich wird.
schaften das konkrete tatsächliche Sein, die Wirklich- Dasjenige, worauf der immanente phänomenologi-
keit, sei es im Sinne des Naturalismus als Natur, sei es sche Blick als Erstes trifft, sind die im Bewusstseins-
als Natur und geistige Realitäten, vollständig unter strom verströmenden Erlebnisse, diskrete Gesche-
sich aufgeteilt zu haben. Dabei hat man aber nicht nur henseinheiten von verschiedener Art in Koexistenz
die Ideen bzw. Wesen und die sie erforschenden eide- und Sukzession, ein Wahrnehmen, ein Erinnern, ein
tisch-ontologischen Wissenschaften übersehen, son- Urteilen, ein Wünschen, eine Schmerzempfindung etc.
dern, und das war für Husserl selbst seine entschei- Diese Erlebnisse, so lässt sich feststellen, zerfallen in
dende Entdeckung, auch ein noch ganz unbekanntes zwei markant unterschiedene Gruppen: die Erlebnisse,
und unerkanntes Feld konkreten tatsächlichen Seins: in denen ein Gerichtetsein auf irgendeine Gegenständ-
das Seinsgebiet des reinen Bewusstseins. Husserl ver- lichkeit liegt, die sogenannten intentionalen Erlebnis-
stand sich als wissenschaftlicher Kolumbus, der eine se, und die nicht-intentionalen Erlebnisse, die reines,
neue Welt entdeckt hat. Um dieses bisher unbekannte in sich beschlossenes, nicht auf anderes gerichtetes Er-
Seinsgebiet und Forschungsfeld in den Blick zu be- leben sind, wie zum Beispiel eine Kitzelempfindung.
kommen, bedarf es den Mut zu einer radikalen Vo- Intentionale Erlebnisse wie Wahrnehmungen, Er-
raussetzungslosigkeit. In Anlehnung an Descartes innerungen, Erwartungen, Phantasien, Denkakte, wer-
spricht Husserl in frühen Vorlesungen zunächst von tende Gefühlsakte, Wunsch- und Willensakte haben
einer erkenntnistheoretischen Skepsis, seit 1906/07 einen je verschiedenen Inhalt in Form eines in ihnen
von einer Epoché, einer Einklammerung, und einer bewussten Gegenstandes, sie sind Bewusstsein von ...,
phänomenologischen Reduktion als der Methoden, in ihnen kommt eine Gegenständlichkeit zur Gege-
mit denen wir die Geltung aller unbedachten und un- benheit.
geprüften Selbstverständlichkeiten unseres vorwis- Nach dem schwindelerregenden Verlust der ver-
senschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens mit ei- trauten Weltgewissheit und der Entdeckung des neu-
nem Schlag, das heißt, ohne dass wir uns einer nach en Seinsbodens des reinen Bewusstseins kommt es
der anderen bewusst werden müssen, außer Kraft set- nun zur eigentlich philosophischen Erschütterung:
zen können, indem wir uns von diesen Selbstver- Der neue Seinsboden ist nicht einfach ein neuer Kon-
ständlichkeiten distanzieren, ohne sie jedoch darum tinent neben den anderen durch uns methodisch ein-
zu bezweifeln oder zu verwerfen. Die Selbstverständ- geklammerten Kontinenten, sondern der neue Kon-
lichkeit der uns alle einschließenden Existenz der Welt tinent umfasst alle alten Kontinente und birgt sie in
ebenso wie die Selbstverständlichkeit des Naturalis- sich, nicht im gewöhnlichen Sinn des Enthaltenseins
mus einer allumfassenden, überwiegend physischen von einem Gegenstand in einem Behälter oder von ei-
und auf unserem und vielleicht noch einigen anderen nem Teil in einem Ganzen oder eines Einzelnen in ei-
Planeten zudem noch psychophysischen Natur, sind ner Menge, sondern eben im Sinn des Korrelats eines
jetzt eingeklammert, auf sie können wir nicht mehr intentionalen Erlebnisses oder Erlebniszusammen-
länger bauen. Wenn wir jetzt nicht aus Angst vor der hangs, als das im Erlebnis Erfahrene, Gedachte, Er-
Bodenlosigkeit den Mut verlieren und schnell zu den innerte, Gewünschte etc.
vertrauten Selbstverständlichkeiten zurückkehren, Es lassen sich zwei große Gruppen von intentiona-
dann werden wir uns dessen bewusst, dass wir auf ei- len Erlebnissen unterscheiden: die erste umfasst alle
nem ganz neuen und, wie sich zeigen wird, unerschüt- intentionalen Erlebnisse, die auf wirklich existierende
terlichen und absoluten Seinsboden stehen, dem Gegenstände gerichtet sind, genauer, die ihre Gegen-
Seinsboden des reinen Bewusstseins, der das For- stände als wirklich existierend vermeinen, sei es hier
15 Systematischer Überblick über Husserls phänomenologisches Projekt 121

und jetzt wie die Wahrnehmung und ein daran an- ven Seins- und Wertgegenständen mit ihren jewei-
schließendes Wahrnehmungsurteil, sei es als vergan- ligen Horizonten, wobei die wirkliche Welt der uni-
gen wie die Erinnerung und ein entsprechendes Er- versale Horizont ist, auf den alle anderen Horizonte
innerungsurteil oder auch eine Erwartung, die ihren auf je verschiedene und näher zu bestimmende Weise
Gegenstand als künftig seiend setzt, dann auch ein bezogen sind. Die reine Phänomenologie etabliert
fühlendes Werten und Werturteilen ebenfalls in den sich somit als die konkrete Erforschung der Korrelati-
drei Zeitmodalitäten. Dem stehen die sich auf Nicht- on von Bewusstsein und Gegenstand in seinem jewei-
Wirkliches richtenden intentionalen Erlebnisse ge- ligen Seinshorizont.
genüber, in erster Linie die Phantasieakte, des Weite-
ren alle auf ideale Gegenstände gerichteten Anschau-
ungen und Urteile, die ihre Gegenstände als ideal sei- Phänomenologische Bewusstseins-
end, nicht als wirklich seiend setzen und schließlich forschung
alle Wunsch- und Willensakte, die sich auf nicht exis-
tierende Gegenstände, Ereignisse und Handlungen Die erste Aufgabe der phänomenologischen For-
beziehen, deren Wirklichwerden und -sein eben ge- schung besteht in der strukturellen Analytik der ver-
wünscht oder gewollt ist. Eine Sonderstellung haben schiedenen Bewusstseinsphänomene. Diese beginnt
die religiösen Akte, die sich weder auf ein wirkliches, mit der Klassifikation der Phänomene und der Be-
noch auf ein ideales Sein, sondern auf eine Art Über- schreibung ihrer Teile und Momente. Husserl unter-
sein, eine radikale Seinstranszendenz richten. scheidet drei Grundklassen von sowohl intentionalen
Den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit mit wie nicht-intentionalen Erlebnissen: die Verstandes-,
all ihren vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gemüts- und Willenserlebnisse. Die Beschreibung
Gegenständen, Vorgängen und Ereignissen nennen der einzelnen Erlebnisse stößt gleich zu Beginn auf
wir die Welt. Allen intentionalen Erlebnisse, die ihre grundlegende Formen des Zusammenhangs der Er-
intendierten Gegenstände als wirklich seiend vermei- lebnisse wie die Fundierung eines Erlebnisses in ei-
nen, gelten diese Gegenstände als weltliche Gegenstän- nem anderen Erlebnis, zum Beispiel eines wertenden
de, als Gegenstände, die zur Welt gehören, d. h. darin Gefühls in einer Wahrnehmung. Eine andere, dem
eine zeitliche Stelle und Dauer und einen räumlichen Bewusstsein ganz eigene Form des Zusammenhangs
Ort haben. Die Welt selbst ist dabei kein weiterer Ge- von zentraler Bedeutung ist die Synthesis von zwei
genstand neben den Gegenständen, die zu ihr gehören, oder mehreren intentionalen Erlebnissen im Hinblick
noch ist sie eine bloße Summe der weltlichen Gegen- auf ihre gegenständliche Meinung: Ein prädikatives
stände. Die Welt ist vielmehr der in jedem sich auf Urteil ist zum Beispiel eine synthetische Einheit einer
Wirkliches richtenden intentionalen Akte implizit nominalen Subjektsetzung und einer prädikativen
mitgesetzte universale Horizont, in den das betreffen- Zuschreibung; ein anderes Beispiel sind zwei Wahr-
de Wirkliche durch den Akt eingeordnet wird. nehmungen die als Wahrnehmungen von demselben
Die phänomenologische Einstellung auf den neuen Gegenstand in eine Synthesis der Identifizierung tre-
Seinsboden des reinen Bewusstseins führt zur Er- ten. Die dritte grundlegende Weise, auf die Erlebnisse
kenntnis, dass die Welt als der Gesamtzusammenhang eine Einheit formen, ist die intentionale Implikation
der Wirklichkeit der stets mitgemeinte und mitgesetz- eines Erlebnisses in einem anderen Erlebnis. So ist
te Horizont der auf Weltlich-Wirkliches gerichteten zum Beispiel in einer Erinnerung die vergangene
intentionalen Erlebnisse ist und somit als intentiona- Wahrnehmung des erinnerten Geschehens nicht als
les Korrelat unabtrennbarer Teil von diesem Seins- realer Teil, sondern in der Weise der intentionalen Im-
boden ist. plikation eingeschachtelt.
Nun eröffnet sich dem staunenden Entdecker des Ein nächster Befund der reinen Bewusstseinsfor-
reinen Bewusstseins ein in der Eigentümlichkeit sei- schung ist das, was man das Beachtungs- oder Mei-
ner Phänomene und deren Strukturen und ein in sei- nungsrelief des Bewusstseins nennen kann. Bewusst-
nem Umfang und seiner Vielschichtigkeit unermess- sein im markantesten Sinn sind die intentionalen Er-
liches Forschungsfeld: die ›Welt‹ der Bewusstseins- lebnisse des wachen Ich, das in einem Meinungsstrahl
phänomene, der intentionalen und nicht-intentiona- auf etwas Bestimmtes gerichtet ist. Ein solches poin-
len Erlebnisse in ihrem Geschehenszusammenhang in tierendes Meinen ist immer ein Herausmeinen aus ei-
der Einheit eines Bewusstseinsstroms mit ihren inten- nem mitbewussten, aber nicht eigens beachteten zeit-
tionalen Korrelaten, den wirklichen, idealen und fikti- lichen und räumlichen Hintergrund. Das Nebenbei-
122 III Werk – B Nachlass

und Mitbewusstsein dieses unthematischen Hinter- von gemachten Erfahrungen, erworbenen Erkennt-
grundes hat keinen einheitlichen Charakter, sondern nissen, Wertungen und Handlungen und ihrer Verfes-
das unthematische Bewusstsein ist selbst noch in ver- tigung zu Gewohnheiten, die den weiteren Bewusst-
schiedene Grade und Intensitäten abgestuft. Es er- seinsverlauf prägen. Husserl spricht diesbezüglich von
streckt sich von dem, was noch mit-, aber nicht poin- einer sekundären Passivität, die aus aktiven Vollzügen
tiert gemeint ist, bis zu den dunklen Rändern des Be- entstanden im Prinzip auch reaktiviert und in der Re-
wusstseinsfeldes. Die intentionalen Erlebnisse, die aktivierung auch modifiziert oder ganz aufgehoben
vom Ichblick beseelt sind, in denen das Ich meinend- werden kann.
beachtend lebt, sind die intentionalen Akte im eigent- Das eigentliche Thema der genetischen Phänome-
lichen Sinn, die cogitationes. Sie sind die Bewusst- nologie ist die Genese des vielfältigen Sinnes, in dem
seinsspitze, die aus dem Meer des Noch-irgendwie- wir die intendierten Gegenstände auffassen und mei-
Bewussten momentan herausragt, um dann wieder nen, zum Beispiel einen wahrgenommenen Gegen-
darin zu versinken. stand als Baum oder als Hammer oder eine Reihe von
Das Ich als Einstrahlungspunkt von Affektionen Tönen als Melodie, als Lied, als wohlklingend. Dieser
und als Ausstrahlungspunkt von Ichakten ist ein ei- Sinn entsteht im Bewusstsein aus passiv auftretendem
genes großes und schwieriges Thema der phänome- Empfindungsmaterial und dessen passiven Formie-
nologischen Forschung, das Husserl erst allmählich rungen, an die sich Auffassungsleistungen und aktive
im Übergang bzw. Fortgang van der statischen zur Gestaltungen verschiedenster Art anschließen, die
genetischen Phänomenologie in seiner ganzen Trag- sich sedimentieren und habitualisieren und dadurch
weite entdeckt hat (s. Kap. III.B.19). Dieser Fortgang der erfahrenen Welt ihr gewohntes Gesicht und ihre
von einer strukturellen Analyse der Bewusstseinsakte Vertrautheit geben.
und ihren konstitutiven Leistungen mit ihren jewei- Was im Rahmen der statischen Phänomenologie
ligen gegenständlichen Korrelaten zu einer geneti- eine Strukturanalyse neben anderen ist, nämlich die
schen Prozess- und Lebensbeschreibung des Be- Analyse des intentionalen Erlebnisses der Einfühlung
wusstseins bahnt sich bereits in den Göttinger Jahren als der Erfahrung anderen Bewusstseins, erhält in der
an, um sich dann in den Freiburger Jahren in vollem genetischen Phänomenologie eine zentrale Bedeu-
Umfang zu entfalten. Dass das Bewusstsein kein tung: In der Sinngenese spielt die Intersubjektivität in
Kristall, sondern ein dynamisches Geschehen ist, ein den verschiedenen Formen der Übertragung und
sich entwickelnder und sich mit sich selbst vermit- Überlieferung von Sinn, der Beeinflussung und Kom-
telnder Lebensprozess, ist keine erst mühsam zu er- munikation zwischen Subjekten eine wesentliche
ringende Erkenntnis, sondern ohne Weiteres ersicht- Rolle (s. Kap. III.B.28). Die uns vertraute Welt ist eine
lich. Aber die genetische Forschung ist nicht möglich, gemeinschaftliche Welt geteilten Gewohnheitssinnes;
ohne sich erst die strukturellen Beschreibungsbegrif- sie ist eine geschichtliche Welt traditioneller Sinn-
fe erarbeitet zu haben. bestände, die sich je nachdem kaum merklich oder
Das erste, was es hinsichtlich dieses Geschehens- schnell, kontinuierlich oder revolutionär verändern.
charakters des Bewusstseins zu erforschen gilt, sind Dieser gemeinschaftlich-geschichtlichen, vertrauten
die zeitliche Verlaufsstruktur und die zeitliche Einheit Welt hat Husserl nach einigen anderen Bezeichnun-
des Bewusstseins sowie der Erlebnisse. Das innere gen schließlich den Namen ›Lebenswelt‹ gegeben
Zeitbewusstsein mit seinem unverbrüchlichen Drei- (s. Kap. III.A.12; III.B.29). Es ist die Welt, in der wir
klang von urquellender Impression mit vorgreifender leben, die Welt unmittelbar eigener und geteilter Er-
Protention und rückgreifend-behaltender Retention fahrung, die Welt, auf die wir handelend einwirken,
leistet die dynamisch-generative Selbstverstetigung die wir gemeinsam gestalten, die wir von den uns vo-
der Erlebnisse und ihre feste zeitlich lokalisierte Ver- rangehenden Generationen geerbt haben und die wir
ankerung im sich damit in eins formierenden und ver- den uns folgenden Generationen hinterlassen. Zu
einheitlichenden Bewusstseinsstrom. Das innere Zeit- dieser Welt gehört der erfahrbare, aber in der heuti-
bewusstsein ist eine ursprüngliche, alle Bewusstseins- gen Welt fragwürdig gewordene Unterscheid zwi-
aktivität tragende und ermöglichende passive Selbst- schen Natur und Kultur, den Weltbeständen, die nicht
formierung und Selbstbezüglichkeit der Erlebnisse durch uns gestaltet und beeinflusst sind, und den
und des Erlebnisstroms (s. Kap. III.A.9). Dieses urpas- Weltbeständen, die unsere Artefakte sind oder die
sive Geschehen liegt der spezifischen Geschichtlich- durch unsere Artefakte mehr oder weniger geprägt
keit des Bewusstseins zugrunde: der Sedimentierung werden.
15 Systematischer Überblick über Husserls phänomenologisches Projekt 123

Die moderne Naturwissenschaft, selbst eine kul- Alles, was überhaupt in Frage stehen kann, nach des-
turelle Leistung vieler Generationen von Wissen- sen Wahrheit, Geltung und Sein gefragt werden kann,
schaftlern, will die objektive, d. h. die von allen subjek- ist Bewusstseinsphänomen, sei es im Sinn der Erleb-
tiven Sinnbestimmungen gereinigte, Natur erkennen nisse und ihrer konstitutiven Voraussetzungen in der
und bestimmen. Sie ist somit der paradox anmutende Urpassivität des inneren Zeitbewusstseins, sei es im
Versuch, die Natur zu erkennen, wie sie unabhängig Sinn des Korrelats der intentionalen Erlebnisse. Alle
von der Erkenntnis ist, in der sie erkannt wird, d. h. wie Fragen nach Wahrheit, Geltung und Sein lassen sich
sie ist, wenn die Subjekte mit ihren Erkenntnisleistun- überhaupt nur verständlich machen und angemessen
gen nicht sind. Da es nicht zwei Welten geben kann, die stellen, indem die Bewusstseinszusammenhänge auf-
Lebenswelt und eine davon getrennte naturwissen- geklärt werden, in denen sie erwachsen. Eine wissen-
schaftlich bestimmte Welt, kann nur eine der beiden schaftliche Antwort können sie nur finden durch die
Welten die wirkliche Welt sein. Phänomenologisch ist phänomenologische Beschreibung der intentionalen
es evident, dass nur die Lebenswelt diese wirkliche Akte und Aktzusammenhänge, in denen das Bewusst-
Welt sein kann. Die naturwissenschaftlich bestimmte sein die verschiedenartigen Geltungsansprüche zur
Welt muss als eine eigen- und neuartige, höherstufige Ausweisung in Form evidenter Gegebenheit des ver-
theoretisch-abstrakte Sinnbestimmung der lebens- meinten und mit einer bestimmten Seinsmodalität ge-
weltlich erfahrenen Natur verstanden werden. setzten Gegenstands bringt.
Die reine Phänomenologie kann den Anspruch
Erste Philosophie zu sein aber nur dann erfüllen,
Die reine Phänomenologie als Erste Philo- wenn Epoché und phänomenologische Reduktion
sophie nicht nur den methodischen Sinn eines bloßen Ein-
stellungswechsels haben, sondern wenn sie zu der ra-
Für Husserl hat die im Vorigen in ihrem Forschungs- dikalen metaphysischen Einsicht führen, dass die Fra-
bereich und den Hauptthemen ihrer Forschung um- ge nach einem Sein jenseits und außerhalb der inten-
rissene reine Phänomenologie einen eigenständigen tionalen Korrelation sinnlos ist, dass es keine Welt ge-
Wert; sie kann bis zum einem gewissen Grad selbst ben kann, die irrelativ auf das reine Bewusstsein ist.
unphilosophisch, d. h. ohne Einsicht darin, dass sie Der nächstliegende Gegenstand wie der fernste Stern,
die einzig mögliche Grundlage für eine streng wissen- das jetzt Geschehende wie die fernste Vergangenheit,
schaftliche Philosophie ist, betrieben werden. alles hat nur wirkliches Sein als intentionales Korrelat
Die Philosophie in ihrer streng wissenschaftlichen und Gegebenheit von aktuellen und potentiellen Er-
Vollendungsgestalt wäre in der Lage, alle unsere Er- fahrungen, wobei die potentiellen Erfahrungen als
kenntnis-, Wert- und ethisch-praktischen Fragen so- reale Möglichkeiten selbst wiederum verankert sein
wie die metaphysischen Fragen nach dem absoluten müssen in einer Bewusstseinsaktualität. Das reine Be-
und relativen Sein und nach dem göttlichen Übersein wusstsein ist nicht nur absoluter Erkenntnisgrund,
in letztverantwortlicher und letztgültiger Weise zu be- sondern absoluter Seinsgrund; es ist transzendentales
antworten. Eine solche Philosophie wäre allumfassen- Bewusstsein, und die reine Phänomenologie als Erste
des und absolutes Wissen. Während unser alltägliches Philosophie ist transzendentale Phänomenologie. Die
Erkenntnisstreben sich mit der für ein jeweiliges prak- phänomenologische Philosophie als die einzig mögli-
tisches Vorhaben ausreichenden Erkenntnis begnügt, che streng wissenschaftliche Philosophie begründet
ist Husserl zufolge alles wissenschaftliche Erkenntnis- den transzendentalen Idealismus.
streben in seiner letztendlichen Zielsetzung auf ein
solches universales und absolutes Wissen in Form ei-
ner absoluten Wissenschaft gerichtet. Nur durch die Monadologische Metaphysik
reine Phänomenologie können wir uns der prinzipiel-
len Erreichbarkeit des Zieles, sei es auch, wie Husserl Die Metaphysik des transzendental-phänomenologi-
meint, nur in Form einer unendlichen Annäherung, schen Idealismus ist eine spiritualistische Metaphysik
sowie des Weges zu diesem Ziel, seines Anfangs und im Sinne der Monadologie von Leibniz. Was bei Leib-
seines Fortgangs, versichern. Die Phänomenologie ist niz jedoch auf dogmatischen Voraussetzungen beru-
die philosophische Grundwissenschaft, sie ist Erste hende Konstruktion ist, wird durch die Phänomeno-
Philosophie, weil das reine Bewusstsein der letzte logie von unten, aus absolut evidenten Gründen und
Grund aller Verständlichmachung und Erklärung ist. in absolut einsichtigen Schritten streng wissenschaft-
124 III Werk – B Nachlass

lich begründet: Alles absolute Sein ist geistiges Sein in die strukturanalytischen und sinngenetischen We-
Form von in sich abgeschlossenen geistigen Monaden. sensgesetze des transzendentalen Bewusstseins sind
Jedes transzendentale Ich ist ein absolutes Bewusst- die letztgültigen philosophischen Erklärungsprinzi-
sein, das in seinem Erlebnisstrom eine ihm eigene und pien.
von diesem Erlebnisstrom unabtrennbare Welt kon- Da Wesensgesetze als solche aber in ihrer Erklä-
stituiert. Es ist eine Monade, die allerdings nicht wie rungsmacht nicht heranreichen an die Faktizität,
bei Leibniz fensterlos in sich selbst beschlossen ist, bleibt die Faktizität des transzendentalen Bewusst-
sondern die durch den intentionalen Akt der Einfüh- seins und die Faktizität seiner Impressionen, aus de-
lung mit anderen Monaden in Konnex tritt und steht nen es sich selbst und eine Welt entstehen lässt, einer
und eine Monadengemeinschaft bildet, die die einzel- rationalen Erklärung aus Wesensgründen unzugäng-
monadischen Welten zu der einen wirklichen Welt lich. Will man diese Grenzen rationaler Erklärung im
synthetisch vereinheitlicht. Das Monadenall ist als der Namen der Endlichkeit unseres philosophischen Ver-
Verbund der einzelnen, miteinander durch die Ein- ständnisses nicht einfach hinnehmen, muss man, wie
fühlungsakte in Konnex stehenden Bewusstseinsströ- Husserl es vor allem in späteren Forschungsmanu-
me unaufhörlich weltbildend tätig. Es handelt sich bei skripten getan hat, die transzendentale Phänomenolo-
dieser Weltbildung natürlich nicht um eine demiur- gie durch eine transzendental-phänomenologische
gisch-handwerkliche Weltschöpfung, sondern um Theologie ergänzen (s. Kap. III.B.30). Demnach ist die
passive und aktive Konstitutionsleistungen in den Er- transzendentale Selbst- und Weltkonstitution keine
lebnissen und Akten der vergemeinschafteten mona- Schöpfung ex nihilo, sondern ex deo, aus dem Willen,
dischen Bewusstseinsströme, die die Gegebenheit und der Vorgabe und Leitung des göttlichen Überseins,
mit der Gegebenheit auch das von dieser Gegebenheit das sich in unserem transzendentalen Sein auswirkt
unabtrennbare Sein von Gegenständen und Welt (zu Husserls philosophischer Theologie siehe den
nicht im stofflichen Sinn herstellen, sondern im trans- dritten Teil von Hua XLII, insbesondere die Texte
zendental-geistigen Sinn konstituieren. Diese Welt- Nr. 11 und 12 und Beilage XIX, 160–177, des weiteren
schöpfung im Sinn der Weltkonstitution und Weltbil- Hua XXXIV, 27 f. sowie die oben angeführten Stellen,
dung ist nicht auf die reine Seinskonstitution be- an denen Husserl sich mit der Metaphysik von Leibniz
schränkt, sondern schließt in den fühlend-wertenden auseinandersetzt).
und den wollend-handelnden Akten die Konstitution In unserem alltäglichen Leben wie auch in unserem
der Werte und der seinsollenden Willensziele ein. Die vorphilosophischen wissenschaftlichen Tätigsein sind
dynamisch sich entwickelnde und entfaltende Selbst- wir uns der zweifachen Tiefendimension unserer
und Weltbildung des Monadenalls ist trotz mancher selbst nicht bewusst. Die Welt gilt uns als selbstver-
Hemmungen und Störungen teleologisch auf eine ständlicher, uns übersteigender und uns einschließen-
End- und Vollendungsgestalt gerichtet: Diese besteht der Horizont aller Dinge und allen Geschehens. Wir
in der absoluten Herrschaft der Vernunft, unter der sind als menschliche Lebewesen und als menschliche
das Monadenall und seine gesamte Schöpfung die Personen zusammen mit anderen Lebewesen und
endgültige Vernunftgestalt annehmen (zu Husserls Personen in wechselseitiger Beeinflussung eine kürze-
Auseinandersetzung mit der Monadologie und Meta- re oder längere Zeit in der Welt, in der wir wahrneh-
physik von Leibniz siehe vor allem Hua Mat IX, 435– mend und erkennend, wertend und handelnd tätig
449; Hua XV, 608 ff.; Hua XLII, 137–160). sind. Durch die radikale Einklammerung des Welt-
Die Selbst- und Weltbildung des Monadenalls ist glaubens und der Weltexistenz entdecken wir unsere
nicht voraussetzungslos und völlig willkürlich. Sie transzendentale Innerlichkeit, die die Welt einschließ-
steht unter der unverbrüchlichen Autorität und Ratio- lich unseres Mensch- und Personseins als Korrelat sei-
nalität der Wesen und Wesensgesetze. Dieses ideale ner intentionalen Sinngebungen sich gegenüber hat.
Sein ist somit ein durch das transzendentale Bewusst- Durch die Erweiterung der transzendental-eideti-
sein nicht zu erschaffendes oder zu veränderndes, schen Phänomenologie zu einer transzendental-phä-
sondern nur an ihm selbst durch eidetische Abstrakti- nomenologischen Theologie werden wir uns einer
on zu entdeckendes An-sich-Sein. Der transzendenta- noch tieferliegenden göttlichen Innerlichkeit auf dem
le Idealismus findet seine Begrenzung durch einen Grund der transzendentalen Innerlichkeit bewusst. In
Idealismus der Ideen. Eine transzendentale Phänome- dieser tiefsten göttlichen Innerlichkeit wurzelt das der
nologie muss demnach eine Eidetik des transzenden- transzendentalen Subjektivität und Intersubjektivität
talen Bewusstseins sein. Die Wesensgestalten sowie eigene Vernunftstreben.
16 Die Idee der Phänomenologie 125

Husserls eigenem Verständnis zufolge kann es sich 16 Die Idee der Phänomenologie
bei diesen theologischen Überlegungen nur um Anti-
zipationen einer streng wissenschaftlich, d. h. phäno- Betrachtet man die Geschichte des Begriffs ›Phäno-
menologisch begründeten Gotteslehre handeln. Die menologie‹, ist nicht auf den ersten Blick klar, was da-
konkrete phänomenologische Forschung steht noch runter zu verstehen ist. Wie Schuhmann (1984) he-
ganz am Anfang; in mühseliger Kleinarbeit gilt es rausgearbeitet hat, tritt dieser Begriff in der Philoso-
Schritt für Schritt und in beständiger kritischer Über- phiegeschichte auf, noch lange bevor Edmund Hus-
prüfung die elementarsten Strukturen sowie die äu- serl sich ihn zu eigen machte, um sein eigenes
ßerst komplexen Zusammenhänge der verschiedenen philosophisches Projekt zu beschreiben. Auch hin-
Bewusstseinsphänomene zu unterscheiden, zu be- derte Husserls Versuch, diesen Begriff für die Be-
schreiben und begrifflich zu fassen. Bevor das Klein- schreibung seines eigenen einmaligen Projekts zu be-
geld der analytischen Arbeit in die großen Scheine der anspruchen, seine Zeitgenossen (z. B. Pfänder, Rei-
Antworten auf die höchsten und letzten Fragen ge- nach, Stein) keineswegs daran, denselben Begriff
wechselt werden kann, wird es, so betont Husserl im- ebenfalls zur Beschreibung ihrer jeweiligen Projekte
mer wieder, noch der geduldigen Anstrengung zu- und Methoden zu verwenden. Es versteht sich also,
künftiger Generationen von Forschern bedürfen. dass Husserl selbst beträchtlichen Aufwand betrieb,
um zu definieren, was der Begriff ›Phänomenologie‹
Ullrich Melle
in seinen Augen zu bedeuten hatte. Zum Zeitpunkt
der Publikation des ersten Buches seiner Ideen zu ei-
ner reinen Phänomenologie im Jahre 1913 charakteri-
siert Husserl Phänomenologie als eine neue Wissen-
schaft, die sich von jeder anderen, bereits geschicht-
lich verankerten Wissenschaft wie Physik, Psycho-
logie oder Kulturwissenschaft unterscheidet (Hua
III/1, 1). Diese Darstellung von Phänomenologie lässt
auf Anhieb eine wichtige Abweichung von seiner
einstigen Gleichsetzung von Phänomenologie und
deskriptiver Psychologie in den Logischen Unter-
suchungen (1901) erkennen. In der breiteren philoso-
phischen Landschaft wären angesichts Husserls posi-
tiver Bestimmung dessen, was diese phänomenolo-
gische Wissenschaft ist, möglicherweise auch heute
noch viele genauso irritiert wie einige der damaligen
Teilnehmer des VI. Kongresses für experimentelle
Psychologie, denen Husserl 1914 erklärte:

»Analog wie die reine Geometrie Wesenslehre des ›rei-


nen‹ Raumes bzw. Wissenschaft von den ideal mögli-
chen Raumgestalten ist, ist die reine Phänomenologie
Wesenslehre des ›reinen‹ Bewusstseins, Wissenschaft
von den ideal möglichen Bewusstseinsgestalten (mit
ihren ›immanenten Korrelaten‹)« (Schumann 1914,
144 f.).

Was heute wie damals für ein Verständnis dieser Dar-


stellung von Phänomenologie der Klärung bedarf, ist
Husserls Beschreibung der Phänomenologie als einer
Wesenslehre, d. h. einer reinen oder eidetischen Wis-
senschaft, ebenso wie seine Aussage, deren Unter-
suchungsgegenstand sei das von ihm so genannte rei-
ne Bewusstsein. Nur indem man die beiden Bedeu-

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_17, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
126 III Werk – B Nachlass

tungen von ›rein‹ erhellt, die hiermit angesprochen nahmen, oder genau genommen die Setzungen, die
sind, wird auch deutlich, inwiefern Husserl behaupten für intentionale Bewusstseinserlebnisse charakteris-
kann, Phänomenologie unterscheide sich von ande- tisch sind – die so unterschiedlich sein können wie
ren Wissenschaften: sowohl von empirischen wie Phy- beispielsweise Wahrnehmungen, Urteilsakte und Ge-
sik oder experimenteller Psychologie als auch von an- müts- und Willensakte –, werden eigens thematisch.
deren eidetischen Wissenschaften wie Geometrie und Ebenso wird dasjenige thematisch, was Husserl ›Noe-
deskriptiver Psychologie. Diese Erläuterung zeigt ma‹ oder ›Sinn‹ nennt – d. h. dasjenige, was diese Er-
nicht nur, inwiefern Phänomenologie von all diesen lebnisse jeweils setzen, insoweit und wie es gesetzt ist
Disziplinen verschieden ist, sondern auch, inwiefern (das Wahrgenommene als solches, das Geurteilte als
sie mit ihnen zusammenhängt – und damit ist gerade solches, das Gewertete und Gewollte als solches; Hua
die Idee der Phänomenologie begründet. III/1, 202–204).
Sofern die Epoché unser Bewusstsein von etwas in
den Fokus rückt, ist die phänomenologische Methode
Phänomenologische Methode eo ipso reflexiv (Hua III/1, 165–169); von eben diesem
Ausgangspunkt der Reflexion sucht sie eine Wissen-
Husserl behauptet regelmäßig, mit der neuen, von schaft der möglichen Formen des Bewusstseins zu ent-
ihm ›Phänomenologie‹ genannten Wissenschaft ein wickeln. Mehr noch: sofern es sich bei diesem Bewusst-
neues Forschungsgebiet entdeckt zu haben (Hua III/1, sein um ein intentionales handelt, sucht diese Wissen-
5). Seine oben bereits angeführte Charakterisierung schaft ebenfalls verständlich zu machen, wie etwas in
der Phänomenologie als ›Wesenslehre‹ ist für die Su- verschiedenen Arten intentionaler Akte erscheinen
che nach dem der Phänomenologie eigenen Gegen- kann. Um dies zu bewerkstelligen, vollzieht die Phäno-
standsgebiet für sich genommen wenig instruktiv. menologin oder der Phänomenologe eine von Husserl
Husserl hält so unterschiedliche Disziplinen wie Geo- so genannte Reduktion, d. h. eine Rückführung dessen,
metrie und rein deskriptive Psychologie für eidetische was dem Bewusstsein erscheint (d. h. die Welt) auf das
Wissenschaften; und über die Gegenstände, mit de- Bewusstsein selbst (Hua III/1, 122–132; Luft 2015).
nen sie sich beschäftigen (jeweils Idealgestalten und Diese Reduktion besagt aber nicht, dass dasjenige, was
psychische Zustände) kann wohl kaum behauptet erscheint, zu bloßem Bewusstsein zusammenfällt
werden, sie seien neu entdeckt worden, denn sowohl (denn die Welt erscheint nach wie vor eben als etwas
Euklid als auch Aristoteles hatten diesen Gebieten be- jenseits unseres Bewusstseins, als etwas unserem Be-
reits wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt. wusstsein Transzendentes), sondern die Reduktion
Genauso wenig scheint auf der Hand zu liegen, wo führt vielmehr dazu, dass wir dasjenige, was erscheint,
man sich für weitere eidetische Forschung auf die Su- als Leitfaden verwenden, um rückblickend jenes Be-
che nach einem wissenschaftlichen Untersuchungs- wusstsein zu untersuchen, dem etwas erscheint und
gebiet jenseits der bereits bekannten begeben sollte. um somit eine wissenschaftliche Beschreibung seiner
Um dieses neue Untersuchungsgebiet eidetischer For- Strukturen vorzulegen (Hua III/1, 358).
schung zu erschließen, sei, so Husserl, eine Methode Ganz unproblematisch ist Husserls Beschreibung
vonnöten. Diese Methode rückt das von Husserl so- einer phänomenologischen Wissenschaft, die auf Re-
genannte reine Bewusstsein ins Blickfeld. Der Mangel flexion beruht, allerdings nicht. Wie Kant bereits in
an solcher Methode erhellt gleichzeitig auch, weswe- seiner Ablehnung einer möglichen wissenschaftlichen
gen Phänomenologie bis zu diesem Zeitpunkt noch Psychologie deutlich machte, lässt sich die Wissen-
nicht ausgearbeitet worden war. schaftlichkeit einer Methode in Frage stellen, die sich
Die phänomenologische Methode birgt eine Reihe auf eine Reflexion (oder in Kants Termini: ›Beobach-
von Operationen, die Husserl ›Epoché‹, ›Reflexion‹ tung‹) stützt, die jenes verändert, worauf reflektiert
und ›Reduktion‹ nennt. Die Epoché besteht im Außer- wird (MAN, 7). Dieser Einwand entging auch Hus-
Aktion-Setzen all unserer alltäglichen und wissen- serls Kritikern (wie etwa Henry J. Watt und Natorp)
schaftlichen Stellungnahmen (Hua III/1, 61–66). In- nicht – ein Argument, das ich im Folgenden das ›Ar-
dem dasjenige eingeklammert wird, wozu wir auf die- gument der Verzerrung‹ nennen möchte (vgl. Zahavi
se Weise (implizit oder explizit) Stellung nehmen, 2015). Darüber hinaus – und auch hierauf hatte Kant
rückt das von Husserl sogenannte reine Bewusstsein hingewiesen (ebd.) – wäre es selbst dann, wenn Refle-
und dessen »intentionales Korrelat« ins Blickfeld xion verlässlich wäre, noch unmöglich, auf der Basis
(Hua III/1, 67). Konkret bedeutet das, die Stellung- von Reflexion eine strenge Wissenschaft nach Beispiel
16 Die Idee der Phänomenologie 127

der Physik zu entwickeln. Die Physik ist exakt, weil sie weise der Fall ist (Hua III/1, 12). Eidetische Wissen-
die Natur mathematisiert, und die Mathematik lässt schaften sind reine Wesenswissenschaften und for-
sich nicht einfach auf das Bewusstsein anwenden, wel- mulieren allgemeine Gesetze, welche ausdrücken, was
ches nicht räumlich und in Fluss ist. Dieses Argument notwendigerweise von etwas gilt (vgl. 19). Je nach-
nenne ich im Folgenden das ›Argument der Mathe- dem, ob die reinen Wesen entweder formal/material
matisierung‹. oder exakt/inexakt sind, gehen daraus unterschiedli-
Husserl zufolge, wie ich im Folgenden herausarbei- che Disziplinen hervor.
ten werde, stehen diese Einwände der Entwicklung ei- Eine formal-eidetische Wissenschaft formuliert,
ner phänomenologischen Wissenschaft, wie er sie ver- was Husserl ›analytische Gesetze‹ nennt (Hua III/1,
standen wissen möchte, jedoch nicht entgegen. Ers- 27). Hierunter versteht er Gesetze, welche nur formale
tens ist selbst dann, wenn Reflexion nicht verlässlich Begriffe enthalten. Sowohl arithmetische Gesetze als
wäre, gegen das Argument der Verzerrung einzuwen- auch Gesetze, die Verhältnisse zwischen dem Ganzen
den, dass die Möglichkeit einer Phänomenologie inso- und seinen Teilen betreffen, sind Beispiele für solche
fern nicht gefährdet ist, als Phänomenologie als eideti- analytischen Gesetze. Besonderheiten dieser Gesetze
sche Wissenschaft darauf abzielt reine Wesensaussa- sind Sätze, in welchen die einzelnen Begriffe aus-
gen über das Bewusstsein zu machen, und wenn diese getauscht werden können, ohne dass sich der Wahr-
Aussagen wirklich reine Wesensaussagen sind, dasje- heitswert des Satzes änderte (Hua XIX/1, 258–260).
nige beschreibt, was durch keine Erfahrung, also auch Exakt-eidetische Wissenschaften beziehen sich auf
nicht eine Reflexion, falsifiziert werden kann. Zwei- Ideale (z. B. in der Geometrie auf ideale Raumgestal-
tens, und dies ist gegen das Argument der Mathemati- ten) und sind deduktiv, insofern sie bei einer be-
sierung einzuwenden, differenziert Husserl beharrlich stimmten Anzahl von Axiomen ansetzen, von denen
zwischen zwei Arten von eidetischer Wissenschaft: ein geschlossenes System von Sätzen abgeleitet wird
nämlich zwischen exakten oder mathematischen und (Hua III/1, 151 f.).
inexakten oder deskriptiven Wissenschaften (Hua III, Formale Wissenschaften sind exakt, doch nicht alle
154–158; siehe dazu Dodd 2015, 175–177). Beide be- exakten Wissenschaften sind auch formal, da es auch
trachtet er als genuin wissenschaftlich, ohne dass sich exakte material-eidetische Wissenschaften gibt. Mate-
die eine auf die jeweils andere reduzieren ließe. Drit- rial-eidetische Wissenschaften sind jene, deren Geset-
tens, und hierin lässt sich beiden Argumenten, dem ze Begriffe enthalten, die die in Frage stehende Wis-
der Verzerrung und dem der Mathematisierung, glei- senschaft auf einen ontologischen Bereich festlegen,
chermaßen vorbeugen, ist eine phänomenologische wohingegen formal-eidetische Wissenschaften sich
Wesenslehre für Husserl keineswegs mit Psychologie auf ›Etwas überhaupt‹ anwenden lassen. Deswegen
zu identifizieren (Hua V, 38), und als solches bleibt zu kann Husserl im letzteren Fall auch von einer ›forma-
berücksichtigen, dass Argumente gegen die Anwen- len Ontologie‹ sprechen (Hua III/1, 22 f.). Gesetze, die
dung von Reflexion in der Psychologie und gegen die material-eidetische Wissenschaften bilden und Not-
Wissenschaftlichkeit der Psychologie nicht gleicher- wendigkeiten für individuelle Gegenstände eines be-
maßen im Hinblick auf die Phänomenologie gelten. stimmten ontologischen Bereichs ausdrücken, be-
zeichnet Husserl als ›synthetisch-apriorische‹ (Hua
XIX/1, 256–258) und sie bilden materiale oder regio-
Phänomenologische Wesenslehre als eine nale Ontologien (Hua III/1, 36 f.). Material-eidetische
eidetische Disziplin Wissenschaften können entweder exakt oder inexakt
sein. Ein Beispiel für eine exakte material-eidetische
Sowohl das Argument der Verzerrung als auch dasje- Wissenschaft ist die Geometrie: während sie sich auf
nige der Mathematisierung verlieren zum Teil an ar- ideale Formen bezieht und deduktiv vorgeht, ist sie
gumentativer Kraft, sobald man einen genaueren gleichzeitig auf einen bestimmten ontologischen Be-
Blick auf Husserls Klassifizierung der Wissenschaften reich festgelegt. Gleichwohl sind nicht alle materialen
und insbesondere auf seine Darstellung der Phänome- Ontologien exakte. Das bedeutet Husserl zufolge, dass
nologie als einer eidetischen Disziplin wirft. Gemäß sich materiale Ontologien entwickeln lassen, die inso-
Husserls Standpunkt sind Wissenschaften entweder fern inexakt oder deskriptiv sind, als sie vage oder ty-
empirisch oder eidetisch. Empirische Wissenschaften pische Gestalten beschreiben (z. B. ›gezackt‹, ›linsen-
sind Tatsachenwissenschaften und formulieren all- förmig‹; Hua III/1, 155). Insoweit sie nicht deduktiv
gemeine Gesetze, die ausdrücken, was kontingenter- sind, erlauben sie es, mit der Setzung irgendeiner Aus-
128 III Werk – B Nachlass

sage zu beginnen, um daraus eine Disziplin zu ent- des Bewusstseins handelt oder dass die phänomenolo-
wickeln. Beispiele hierfür sind, was Husserl eine ›ra- gischen Gesetze in der Tat reine Wesensgesetze sind.
tionale Psychologie‹ nennt, die – gleich der reinen Die Frage danach, ob es sich bei unseren Sätzen wahr-
Phänomenologie – die Struktur des Bewusstseins be- haftig um eidetische (und nicht nur um bloße empiri-
schreibt (Hua III/1, 156–158; Hua V, 59–75). sche Verallgemeinerungen) handelt, hängt von der
Fürs Erste lassen wir beiseite, wie genau Husserl Unmöglichkeit ab, die beschriebenen Eigenschaften
zwischen rationaler Psychologie und reiner Phänome- eines Bewusstseinserlebnisses in der Phantasie zu vari-
nologie unterscheidet und fragen stattdessen, wie ieren – was grundsätzlich immer eine offenstehende
Husserls Darstellung von Phänomenologie als Eidetik Möglichkeit ist. Zu Beginn der Wesensforschung wird
des Bewusstseins beide der oben genannten Argu- also vorausgesetzt, dass es in der Tat wesentliche Be-
mente, die die Wissenschaftlichkeit der Phänomeno- wusstseinsstrukturen und dazugehörige eidetische
logie in Zweifel ziehen, einigermaßen entkräftet. Sätze gibt; es kann aber durch diese Forschung nur be-
Das Argument der Verzerrung verliert Husserl zu- gründet werden, wenn wir die Möglichkeit von (empi-
folge an Überzeugungskraft, weil Phänomenologie rischen oder phantasierten) Gegenbeispielen apodik-
das reine Wesen des Bewusstseins beschreibt. Nun tisch ausschließen können (vgl. Sowa 2007).
kommt – selbst dann, wenn Reflexion nicht verlässlich Ein zweiter, damit verknüpfter Vorbehalt besteht
wäre (in dem Sinne, dass sie dasjenige verzerrt, worauf darin, dass die Verwendung von erlebten oder phan-
sie reflektiert) – eine Verzerrung dennoch nicht dem tasierten Beispielen zu unreinen deskriptiven Aus-
Erkennen desjenigen in die Quere, was einer be- sagen führen könnte, weil derjenige, der sich mit einer
stimmten Art von Bewusstseinserlebnis wesentlich phänomenologischen Wissenschaft befasst, immer
ist. Es lässt sich durchaus sagen, Reflexion verzerre die von Beispielen ausgehen muss, die ihr oder ihm zur
Erfahrung, auf welche sie reflektiert, und zwar hin- Verfügung stehen. Das bedeutet, Aussagen über die
sichtlich des Kontingenten dieser Erfahrung; doch in Bewusstseinsstruktur sind nur rein, sofern sie nicht
Bezug auf das Wesentliche ist eine Verzerrung un- Allgemeinheiten unseres menschlichen Bewusstseins
möglich. Korrelativ sagt Husserl: »Wesenswahrheiten beschreiben, sondern dasjenige, was notwendigerwei-
sind absolut bindende, sind unüberschreitbare, durch se charakteristisch für Bewusstsein als solches ist. Wie
keine Erfahrung zu bestätigen oder zu widerlegen« aber sollte man sicherstellen, dass phänomenologi-
(Hua V, 47) – also auch nicht durch eine Reflexion. sche Aussagen in der Tat frei von Bindung an mensch-
Natürlich könnte man Husserl entgegenhalten, dass er liches Bewusstsein sind, wenn die Variation von –
überhaupt erst mit der Annahme eines reinen Be- menschlichen! – Phänomenolog/innen ausgeführt
wusstseinswesens beginnt – was mindestens drei wei- wird? Hierbei könnte die Bandbreite der möglichen
tere Vorbehalte nach sich zieht. phänomenologischen Einsichten geschmälert werden
Erstens könnte man gegen Husserl und seinen Leh- aufgrund eines eingeschränkten Spielraums für Bei-
rer Brentano ins Feld führen, dass Bewusstsein nicht in spiele, der den Phänomenolog/innen zur Verfügung
unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt, die steht (beispielsweise sind ihnen andere Erfahrungs-
sich ihrerseits beschreiben lassen (Hua II, 12). Statt- modalitäten unzugänglich).
dessen könnte man, wie Paul Natorp es tut, angeben, Drittens hält die Tatsache, dass eine Reflexion auf
jede Ausdifferenzierung hänge nicht vom Bewusstsein, Bewusstsein der methodologische Ausgangspunkt ei-
sondern vom Bewusstseinsinhalt ab, der einem außer- ner phänomenologischen Wissenschaft ist, grund-
halb des Wirkungsbereichs der Beschreibung liegen- sätzlich nicht davon ab, Phänomenologie als eine in-
den Ich zugänglich ist (weil eine Beschreibung dieses tersubjektive wissenschaftliche Unternehmung zu be-
wiederum zu einem Inhalt machen würde; vgl. Dahl- trachten, die ihre Grundlinien mit anderen Wissen-
strom 2015). Während Husserls Beschreibungen ver- schaften teilt. Doch auch dann ist Phänomenologie als
schiedener Formen des Bewusstseins dazu beitragen intersubjektive Wissenschaft mit Hindernissen kon-
zu zeigen, wie wir Bewusstseinsformen trotz eines frontiert, die anderen Wissenschaften nicht im Wege
identischen Inhalts voneinander unterscheiden kön- stehen. Eine dieser Schwierigkeiten besteht darin, dass
nen (beispielsweise die Wahrnehmung eines bestimm- sich die Phänomenolog/innen ein neues Vokabular
ten Ereignisses von der Erinnerung daran; oder an ei- zurechtlegen müssen, das phänomenologische Be-
nen Freund zu denken davon, ihn zu treffen), kann schreibungen einzuholen vermag und mitteilbar
Husserl am Ende nur voraussetzen, dass es sich beim macht, um reine Wesensaussagen zu bekräftigen oder
Beschriebenen tatsächlich um reine Wesensformen zu falsifizieren. Husserl arbeitet auf ein solches Vo-
16 Die Idee der Phänomenologie 129

kabular hin, das nicht bloß einem idiosynkratrischen formal ist) und von Geometrie (die rein, exakt und
Jargon gleichkommt, sondern vielmehr die Entwick- material ist) abgrenzt, ist damit noch nicht gezeigt, in-
lung einer Sprache ist, die die Struktur ihres Unter- wiefern eine phänomenologische Wissenschaft von
suchungsgegenstandes – also des Bewusstseins – ein- deskriptiver Psychologie (die, genau wie Phänomeno-
zufangen vermag. logie, eine reine, materiale und inexakte Disziplin ist)
Das Argument der Mathematisierung, welches verschieden ist. Es ist keineswegs eine Übertreibung
ebenfalls die Möglichkeit einer Wissenschaft des Be- zu behaupten, deskriptive Psychologie und Phänome-
wusstseins unterwandern würde, wird durch Husserls nologie voneinander abzugrenzen und deren Verhält-
Ausweitung des Begriffs der Wissenschaftlichkeit un- nis zu bestimmen, habe zu den lebenslangen Auf-
tergraben. Wie gesagt, ist für Husserl nicht aus- gaben gehört, denen Husserl sich gewidmet hatte, und
schließlich Mathematik (und durch Erweiterung auch man mag sich fragen, ob ihm dies gelungen ist. Nichts-
Physik, sofern diese die Natur mathematisiert) ›wis- destotrotz gibt es mindestens zwei erkennbare Unter-
senschaftlich‹, weil sie exakt ist. Stattdessen zieht Hus- schiede, die die Abgrenzung beider Disziplinen von-
serl sowohl empirisch- als auch eidetisch-deskriptive einander im Fortgang erhellen können.
Disziplinen in Betracht. Sein Argument, mit dem er Zunächst liegt für Husserl ein Unterschied darin,
sich für die Wissenschaftlichkeit einer deskriptiven wie deskriptive Psychologie und reine Phänomenolo-
Wissenschaft ausspricht, besagt, diese Art von wissen- gie sich unseren Bewusstseinserlebnissen annähern.
schaftlicher Forschung sei gerade nach dem Maß ihres Das heißt, obwohl beide Disziplinen die Struktur un-
Untersuchungsgegenstandes zugeschnitten. Damit serer Bewusstseinserlebnisse beschreiben, behandelt
schließt die Beschaffenheit des in Frage stehenden wis- die Psychologie diese Erlebnisse als psychische Zu-
senschaftlichen Bereichs – beispielsweise in Bezug auf stände, wohingegen die Phänomenologie diese als von
eine rationale oder deskriptive Psychologie – die Ent- Husserl so bezeichnete reine Erlebnisse betrachtet.
wicklung einer mathematisierten Disziplin aus und Psychische Zustände sind für Husserl Zustände von
fordert stattdessen einen anderen – nämlich deskripti- etwas Realem, was er ›Seele‹ nennt (Hua IV, 120 ff.).
ven – wissenschaftlichen Ansatz. Insbesondere inso- Genau wie für Alexander Pfänder (1904) zuvor, ist die
fern Bewusstsein nicht räumlich ausgedehnt ist und in Seele auch für Husserl eine Realität, die in innerer Er-
konstanter Fluss ist, widersetzt es sich einer Mathe- fahrung zugänglich ist, und es ist die Seele, welche den
matisierung, und nichtsdestotrotz kann Bewusstsein Gegenstand von sowohl empirischer als auch reiner
zum Gegenstand einer deskriptiv-empirischen oder Psychologie ist (Hua III/1, 195). Dass Husserl unsere
deskriptiv-reinen Wissenschaft gemacht werden (Hua psychischen Erlebnisse als Zustände einer Seele mit
V, 44). Dies hielt zeitgenössische Phänomenolog/in- Eigenschaften auffasst, hat damit zu tun, dass er eine
nen nicht von dem Vorschlag ab, Beschreibungen der Analogie anerkennt zwischen der Art und Weise wie
Bewusstseinsstruktur zu mathematisieren (vgl. Yoshi- psychologische und materielle Realitäten Eigenschaf-
mi 2007). Selbst wenn ein solcher Vorschlag Erfolg ten bekunden. Wie etwas Materielles unter bestimm-
hätte, würde es die Phänomenologie den übrigen Na- ten Umständen (beispielsweise, wenn man Druck auf
turwissenschaften dennoch auch in anderer Hinsicht eine Feder ausübt und sie zurückspringt, sobald man
nicht ähnlicher machen – nämlich darin, dass Phäno- sie wieder loslässt) seine materialen Eigenschaften
menologie Husserl zufolge transzendental ist, was auf (beispielsweise Elastizität) bekundet, so bekunden
den ureigenen Untersuchungsgegenstand der Phäno- auch Erlebnisse unter bestimmten Umständen (bei-
menologie zurückzuführen ist: auf das reine oder spielsweise das Gefühl von Wut als Reaktion auf eine
transzendentale Bewusstsein (vgl. Zahavi 2004). empfundene Verletzung) psychologische Eigenschaf-
ten (beispielsweise Reizbarkeit; Hua IV, 121–124; Hua
XXXVI, 129; vgl. auch Jacobs 2015). Reine Phänome-
Phänomenologie als transzendentale nologie hingegen setzt die Setzung psychologischer
Wissenschaft Zustände als Bekundung von psychologischen Eigen-
schaften außer Aktion und beschreibt die Bewusst-
Während Husserls Darstellung der Phänomenologie seinserlebnisse innerhalb dieser Einklammerung.
als reiner oder eidetischer, materialer und inexakter Husserl spricht in diesem Fall von reinen oder gerei-
Wissenschaft des Bewusstseins diese klar von empiri- nigten Bewusstseinserlebnissen, weil die sogenannte
schen Disziplinen wie Physik (die unrein oder empi- empirische Apperzeption unserer Bewusstseinserleb-
risch ist), von formaler Ontologie (die rein, exakt und nisse als psychische Zustände außer Geltung gesetzt
130 III Werk – B Nachlass

ist (Hua III/1, 116–118; Hua XXXVI, 125–129). Dies keineswegs daran, dass wir uns einer äußerlichen
bedeutet allerdings nicht, dass wir es mit verschiede- Welt bewusst sein können, welche unsere Wahrneh-
nen Bewusstseinserlebnissen im Sinne von zwei ver- mung transzendiert; hingegen betont er, dass wir
schiedenen ›Bewusstseinen‹ zu tun haben; eine reine nicht verstehen, wie dies möglich ist (Hua XXXVI, 8).
Phänomenologie betrachtet dieselben Bewusstseins- Phänomenologie soll dieses Verständnis liefern, in-
erlebnisse hingegen aus einer Einstellung heraus, die dem sie beschreibt, inwiefern unsere Bewusstseins-
von unserer alltäglichen oder natürlichen verschieden erlebnisse Bewusstsein einer wirklichen Welt sein
ist (Hua II, 17–24; Hua III/1, 56–66). Dies bedeutet, können. Um dies zu bewerkstelligen, geht Husserl in
dass dieselben eidetischen Sätze sowohl in einer de- zwei Stufen vor. Zunächst beschreibt Husserl unter
skriptiven Psychologie als auch in einer reinen Phäno- dem Hauptnenner der Konstitution, wie etwas Ob-
menologie vorkommen. Dennoch, und dies verweist jektives (z. B. ein transzendenter natürlicher Gegen-
auf einen zweiten wichtigen Unterschied zwischen stand) in der Mannigfaltigkeit unserer strömenden
Psychologie und Phänomenologie, werden diese eide- Erfahrungen erfahren werden kann – das heißt, wie
tischen Sätze mit völlig anderer Absicht getroffen. eine Erfahrung von etwas Objektivem überhaupt
An dieser Stelle ist deutlich, dass Phänomenologie möglich ist (Hua XXXVI, 132). Konstitutionsana-
in zweifacher Hinsicht ›rein‹ ist. Erstens ist reine Phä- lysen dieser Art sind für die Gegenstände der Natur-
nomenologie rein, sofern es sich dabei um eine eideti- und Geisteswissenschaften (also jeweils Natur, Leib,
sche Disziplin handelt, welche das reine Wesen des Seele und Geist) im zweiten Buch der Ideen zu finden.
Bewusstseins zum Ausdruck bringt. Zweitens ist reine Zweitens legt Husserls Phänomenologie der Vernunft
Phänomenologie auch rein, sofern sie nicht nur ein- aufbauend auf diesen Analysen Rechenschaft darüber
fach behauptet, eine reine Wissenschaft von empiri- ab, wie Erfahrung einer ›wirklichen‹ Welt oder eines
schen Bewusstseinserlebnissen zu sein, sondern sich ›wirklichen‹ Gegenstandes möglich ist – das heißt,
Bewusstseinserlebnisse zum Gegenstand macht, die Rechenschaft über den Unterschied zwischen einer
von der empirischen Apperzeption, in welcher sie als vernünftigen und einer unvernünftigen Erfahrung
psychische Zustände gesetzt werden, gereinigt sind. In (Hua III/1, 314 ff.).
diesem zweiten Sinne spricht Husserl auch von ›trans- Husserls methodologischer Ausgangspunkt für sei-
zendental reinem‹ Bewusstsein (Hua III/1, 136). ne Erkenntnistheorie ist anerkanntermaßen cartesia-
Dementsprechend fasst Husserl reine Phänomenolo- nisch (Hua II, 30; Hua III/1, 62 ff.). Indem er alle Set-
gie nicht nur als eidetische Disziplin auf, sondern als zungen einklammert, rückt er das Bewusstsein in
eine Transzendentalwissenschaft, die in der von ihm den Fokus. Dieses ist – sofern es nicht als psychischer
sogenannten phänomenologischen Einstellung voll- Zustand betrachtet wird – nichts Transzendentes, son-
zogen wird (Hua III/1, 134). Diese wird vermittelst der dern etwas der Reflexion Immanentes. Insofern die
oben genannten Epoché hervorgerufen. Wichtig hier- Reflexion die Existenz ihres Gegenstandes verbürgt,
bei ist, und hierauf gehe ich im Folgenden weiter ein, ist das Bewusstsein als Erkenntnisobjekt nicht vom
dass Husserls Rede vom ›transzendentalen‹ Bewusst- ›Rätsel der Erkenntnis‹ betroffen (Hua II, 34, 49 f.;
sein dasjenige aufzeigt, worauf er mit seiner phäno- Hua III/1, 96 ff.). Gleichwohl steht der deskriptive
menologischen Wissenschaft abzielt, und gerade die- Charakter Husserls phänomenologischer Theorie in
ses Ziel ist ein von demjenigen der reinen Psychologie scharfem Kontrast zu Descartes’ Ansatz, die Existenz
verschiedenes. der Welt aus einer Reihe erster Prinzipien zu deduzie-
Husserl zufolge besteht das Interesse reiner Psy- ren. Vielmehr bleibe Descartes, Husserl zufolge, einer
chologie darin, die Struktur des Bewusstseins zu be- psychologischen Auffassung des Geistes verhaftet, da
schreiben, um der empirischen Psychologie die nöti- für ihn das Ego noch ein »Endchen der Welt« ist (vgl.
gen Begriffe und Gesetze zu liefern, die den behandel- Hua I, 63 f.) Doch auch dann, wenn es keine cartesia-
ten Untersuchungsgegenstand (d. h. die Seele) betref- nische zu sein hat, könnte man sich noch fragen, wes-
fen, ganz ähnlich wie die Mathematik auch für die wegen eine Erkenntnistheorie phänomenologisch
Physik verfährt (Hua V, 23 f.). Im Gegensatz dazu zielt sein sollte (Larsen 2016).
reine Phänomenologie darauf ab, verständlich zu ma- Husserls Argumente für eine phänomenologische
chen, wie etwas, das nicht Bewusstsein ist (d. h. das Erkenntnistheorie wenden sich in erster Linie gegen
dem Bewusstsein transzendent ist), für das Bewusst- die Idee, es sei die Psychologie, die diese Erkenntnis-
sein erscheinen kann – was Husserl auch das ›Rätsel theorie bereitstellen kann (Hua II, 38, 45). Das heißt,
der Erkenntnis‹ nennt (Hua II, 34). Husserl zweifelt genau wie Husserl in seiner Diskussion gegen den Psy-
16 Die Idee der Phänomenologie 131

chologismus in den Prolegomena anführt, dass es sich turen ist, wenn es sich um solches Wissen handelt, wie
bei den Gesetzen der Logik nicht um psychologische bereits ausgearbeitet wurde, ebenfalls irrtumsresis-
Gesetze handele, bringt er in seinen Schriften bis zu tent. Dies gilt selbst dann, wenn wir als Phänomeno-
den Ideen und auch noch danach Argumente gegen log/innen irren (vgl. Hopp 2009): wenn wir eine zufäl-
die Ansicht vor, Psychologie könne verständlich ma- lige Eigenschaft fälschlicherweise für eine notwendige
chen, wie Erkenntnis von einer transzendenten Welt halten könnten, wenn wir in der Art und Weise der Er-
möglich ist. lebnisse begrenzt sein könnten, zu der wir mittels der
Ein erstes Argument wirft dem Psychologen vor, Reflexion Zugang haben oder wenn wir uns von der
vorauszusetzen, was bewiesen werden soll – in diesem Art und Weise in die Irre führen lassen könnten, in der
Fall wäre dies das Wissen um eine äußere Welt und wir über Bewusstseinserlebnisse sprechen (beispiels-
um die Seele (Hua II, 24 f., 36). Denn um ein Ver- weise, indem wir, entgegen Husserls Rat, keinen Un-
ständnis dafür zu entwickeln, wie empirische Er- terschied zwischen ›Retention‹ und ›Erinnerung‹
kenntnis möglich ist, bedient sie sich ja gerade jener machten) – all dies gehört zu den oben geschilderten
Erkenntnisform, die noch nicht verstanden worden ausstehenden Aufgaben einer Phänomenologie als ei-
ist. Gegen den Psychologismus in einer Erkenntnis- detischer Wissenschaft.
theorie führt Husserl an, wir könnten nichts als gege- Ein zweites Argument, das Husserl gegen eine psy-
ben voraussetzen, könnten von keiner Prämisse aus- chologische Erkenntnistheorie ins Feld führt, besagt,
gehen und dürften keine Forschungsmethode ver- eine solche setze eine illegitime Metabasis voraus und
wenden, die selbst nicht gegen die Problematik der vollziehe damit eine Verschiebung (Hua II, 6), indem
Transzendenz gefeit ist. Reine Phänomenologie – so- sie eine Erkenntnisart von einer anderen Erkenntnis-
fern es sich dabei nicht um eine Wissenschaft von et- art ableitet. Jemand, der diesem Fehlschluss aufsitzt,
was Transzendentem handelt – ist in diesem Sinne vo- verkennt, dass sich Forschungsmethode und -ergeb-
raussetzungslos und Husserl zufolge der Ausgangs- nisse einer Disziplin nicht immer auf eine andere
punkt einer Erkenntnistheorie, die keine Fragen als übertragen lassen. Insbesondere übertragen Psycho-
unbeantwortete stehenlässt. log/innen, die eine Erkenntnistheorie zu etablieren
Gleichwohl könnte man Husserl direkt entgegen- suchen, die Forschungsmethode und -ergebnisse von
halten, dass die phänomenologische Methode auf- der empirischen Psychologie auf eine Erkenntnistheo-
grund der Tatsache, dass sie auf Reflexion fußt, unver- rie. Diese aber verfügt Husserl zufolge über ihre eige-
meidlich etwas voraussetzt, was den Akt der Reflexion ne Forschungsmethode und -ergebnisse – nämlich
transzendiert (Larsen 2016). Wie Husserl selbst auf- reine Phänomenologie. Natürlich steht und fällt dieses
zeigt, liegt der Akt, auf welchen reflektiert wird, zeit- Argument mit der von Husserl formulierten Bedin-
lich zurück und transzendiert damit den Vollzugs- gung, dass der Untersuchungsgegenstand einer Er-
moment des Reflektierens (Hua II, 11). So müssten kenntnistheorie (also transzendentales Bewusstsein)
wir uns beim Beschreiben der Strukturen dessen, wo- vom Untersuchungsgegenstand der Psychologie (also
rauf wir reflektieren, auf unsere Erinnerung verlassen, Seele) verschieden ist (siehe Larsen 2016). Dass beide
wenn das Bewusstseinserlebnis, auf welches reflektiert in gewissem Sinne deskriptive Wissenschaften des Be-
wird, in der Vergangenheit liegt. Es scheint, als kehre wusstseins sind, scheint dieses Argument nur umso
die Problematik der Transzendenz nun innerhalb der problematischer zu machen.
phänomenologischen Einstellung zurück. Mit Husserl könnte man dem jedoch entgegenhal-
Hiergegen führt Husserl erstens an, das Bewusst- ten, dass sich die Forschungsabsichten beider Diszip-
seinserlebnis, auf welches reflektiert wird, werde re- linen radikal voneinander unterscheiden. Während,
tentional beibehalten und Retention, welches ein wie gesagt, Psychologie Erklärungen einer bestimm-
noch-Bewussthaben eines vergangenen Bewusstseins ten Art gegenständlicher Realität (entweder deren zu-
und seinem intentionalen Korrelat innerhalb der le- fällige oder deren notwendige Eigenschaften) liefert,
bendigen Gegenwart ist, sei irrtumsresistent (Hua II, will die Phänomenologie verstehen, wie wir eine
67 f.). Zweitens ist, sofern phänomenologische Be- transzendente Realität erfahren und Erkenntnis darü-
schreibung eidetisch ist, ein Irrtum in unserem Be- ber gewinnen können. Überdies zeigt Husserl auf,
wusstsein dessen, worauf wir reflektieren, in dem Ma- dass der Versuch, zu zeigen, wie Erkenntnis aus psy-
ße unproblematisch, in dem nur die zufälligen Eigen- chologischer Sicht möglich ist, unvermeidlich im
schaften dessen, worauf reflektiert wird, betroffen Skeptizismus mündet. Folglich wird nicht nur unver-
sind. Denn das Wissen über die notwendigen Struk- ständlich, wie, sondern vor allem wirft es am Ende
132 III Werk – B Nachlass

Zweifel daran auf, ob Erkenntnis überhaupt möglich bewusstseins‹ der Welt ist – d. h. eines Bewusstsein,
ist (Hua II, 38). Wenn wir Bewusstsein also von Be- welches sich ausweisen lässt (Hua III/1, 101; Hua
ginn an als eine Entität in der Welt betrachten, denken XXXVI, 27, 37, 61, 77, 117).
wir uns das Verhältnis zwischen beiden am Ende als Husserls transzendentaler Idealismus unterschei-
durch Kausalgesetze bestimmt – insbesondere werden det sich von Kants Idealismus in Bezug auf die Mög-
wir evtl. denken, Veränderungen in der Außenwelt lichkeitsbedingungen der ›Erfahrung‹, die Bedingun-
riefen Veränderungen im Bewusstsein (genauer: in gen der Möglichkeit der Erfahrungsgegenstände sind.
unserer Vorstellung dieser Welt) hervor. Diese Vor- In der Tat unterscheidet Husserl zwischen den Bedin-
stellung wird wiederum als ein Bild von oder als Zei- gungen der Möglichkeit von Gegenständen (in der
chen für Welt gehandelt, was seinerseits eine Vorstel- Ontologie ansässig) und Bedingungen der Möglich-
lung hervorruft (Hua III/1, 89 f., 110 ff.; Hua XXXVI, keit von Erfahrung dieser Gegenstände (in der Phäno-
106 f.). Doch ist dieser Weg einmal eingeschlagen, ist menologie ansässig). Deswegen ist es beispielsweise
es schwer, den Skeptiker zu widerlegen, für welchen auch etwas Anderes zu sagen, Dinge seien notwendi-
das Dasein repräsentationaler Bilder oder Zeichen gerweise in Raum und Zeit ausgedehnt, als zu sagen,
keine Schlüsse auf die Außenwelt gewährt (ob sie exis- unsere Wahrnehmung der Dinge sei notwendigerwei-
tiert und, wenn ja, ob sie in derselben Weise wie dar- se perspektivisch oder partiell (auch wenn es sich da-
gestellt existiert; Hua XXXVI, 82). Gleichzeitig aber bei um korrelative Aussagen handelt). Überdies be-
setzt eine repräsentationale theory of mind (Theorie darf eine solche phänomenologische Beschreibung
des Geistes) voraus, was sie beweisen soll, nämlich un- dessen, wie uns Dinge räumlich erscheinen können,
seren Zugang zur Realität. Das bedeutet, unsere Dar- ebenso einer Beschreibung der spezifischen Bewusst-
stellung der Realität als kausal verursacht durch eben seinsstruktur, die es solchen Dingen überhaupt er-
diese Realität zu betrachten, setzt bereits eine Realität möglicht, zu erscheinen (beispielsweise Zeitbewusst-
voraus (Hua III/1, 111). Die Absicht der Husserlschen sein und kinästhetisches Selbstbewusstsein). Nichts-
transzendentalen Phänomenologie besteht also darin, destoweniger sind Phänomenologie und Ontologie
zu verstehen, wie wir diese Realität überhaupt erst set- korrelative Disziplinen, und Husserl spricht von ei-
zen können. nem Korrelationsapriori. Diese Ontologie ist eine On-
tologie des erscheinenden Gegenstandes. Husserl be-
trachtet es als gerechtfertigt, in diesem Sinne von On-
Phänomenologisch-transzendentaler tologie zu sprechen, weil er einen in wahrheitsgemä-
Idealismus ßer Wahrnehmung erscheinenden Gegenstand mit
dem Gegenstand selbst identifiziert und jede Rede
Husserls transzendental-eidetische Phänomenologie von einem ›an sich‹, welches dem Bewusstsein prinzi-
verpflichtet ihn letztlich auch auf eine phänomenolo- piell unzugänglich wäre, zurückweist (Hua XXXVI,
gische Version des transzendentalen Idealismus. Hus- 32, 67). In der Tat ist diese Ablehnung auf sein Ver-
serls transzendentaler Idealismus besagt, einem Be- ständnis seines eigenen Idealismus zurückzuführen,
wusstsein sei etwas Objektives (grundsätzlich) zu- demzufolge Gegenstände grundsätzlich Korrelate ei-
gänglich (Hua II, 25; Hua III, 106; Hua XXXVI, 54). nes real möglichen Vernunftbewusstseins sind.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Welt so be- Husserl unterscheidet weiter sowohl Phänomeno-
schaffen wäre, wie wir sie in unseren Wahrnehmun- logie als auch Ontologie von Logik oder Apophantik.
gen setzen – denn diese Wahrnehmungen könnten Zum Bereich der Logik gehören für Husserl ideale Be-
sich schlussendlich als falsch herausstellen (Hua deutungen und Sätze, die logischen Gesetzen unter-
XXXVI, 84 f.; 109 f.). Ebenso wenig bedeutet es, dass stehen. Wichtig ist, dass ein Fokus alleine auf die Ge-
sich die Welt durch das, was wir tatsächlich wahrneh- danken- oder Urteilsform Husserl zufolge reine, ana-
men oder was wir praktisch in naher Zukunft wahr- lytische Erkenntnisse birgt, nicht aber reine syntheti-
nehmen werden, erschöpfen ließe (Hua XXXVI, 11 f.). sche, ganz zu schweigen von epistemologischen
Das heißt, unsere leibgebundene, raumzeitliche Per- Erkenntnissen darüber, wie wir eine transzendente
spektive macht es uns unmöglich, Realität jemals er- Realität zu treffen vermögen. Sofern Logik mit den
schöpfend wahrzunehmen (Hua XXXVI, 77, 115). möglichen Formen eines Urteils und den formalen
Husserls These, dass Welt und Bewusstsein Korrelate Bedingungen bedeutsamer Urteile zu tun hat, gelangt
seien, besagt jedoch tatsächlich, dass Welt notwendi- sie doch nicht zu rein-materialen Erkenntnissen, weil
gerweise ein Korrelat eines real möglichen ›Vernunft- diese Erkenntnisse das rein-materiale Wesen dessen
16 Die Idee der Phänomenologie 133

betreffen, was in einem Urteil an die Stelle von Subjekt Realität sei eo ipso psycho-physisch (Hua XXXVI,
oder Prädikat treten kann – was ein materiales Ding, 132 ff., 156; vgl. Zahavi 2004); dies nicht in dem Sinne,
ein bewerteter Gegenstand oder auch eine Person sein dass es in der Welt immer schon eine bewusste Per-
könnte und was damit aus dem Geltungsbereich der spektive auf die Welt gegeben hätte, sondern dass es
Logik herausfiele und stattdessen zur Ontologie ge- eine solche irgendwann einmal geben wird oder ein-
hörte. Wichtig ist, an dieser Stelle hinzuzufügen, dass mal gegeben hat. Zweitens, während Sein außerdem
Husserl nie für die Bedingungen der Möglichkeit ar- das Korrelat eines real möglichen Vernunftbewusst-
gumentiert, die erfüllt sein müssten, damit bestimmte seins ist, meint Husserl außerdem, Bewusstsein selbst
Seinsarten sind, was sie sind (beispielsweise, indem er sei nicht notwendigerweise ein Bewusstsein von etwas
sagt, die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung Wirklichem (Hua III/1, 104 f.).
seien die Bedingungen der Möglichkeit der Erfah- Diese Aussagen sind tatsächlich keine phänomeno-
rungsgegenstände). Stattdessen weist die erscheinen- logischen, wenn man darunter versteht, dass sie sich
de Welt ihm zufolge eine ontologische Struktur auf, auf der Basis einer schlichten Reflexion auf unsere Er-
die mithilfe der Methode eidetischer Variation freige- fahrung treffen lassen. Wenn Phänomenologie aber
legt werden kann. eine eidetische Wissenschaft des Bewusstseins darstel-
Um die Möglichkeit von empirischer Erkenntnis zu len soll, wie es für Husserl der Fall ist, dann sind diese
erhellen, bedarf es ebenfalls eines Ansatzes, der nicht Aussagen phänomenologisch. Das besagt, worauf ich
bloß Urteile ins Visier nimmt, sondern der auch be- letztlich hinweisen werde, dass diese Aussagen Hus-
schreibt, wie sich unsere Aussagen über die Wirklich- serls Ansicht zufolge aus einer Wesensbetrachtung des
keit in einer bestimmten Form des Bewusstseins be- Bewusstseins im Verhältnis zum Wesen transzenden-
stätigen. Husserl zufolge wird eine solche phänome- ten Seins folgen.
nologische Beschreibung gegeben, indem man schil- Husserl führt die oben erwähnten Aussagen unter
dert, wie eine Leerintention (beispielsweise das Urteil, Verwendung eines ontologischen Vokabulars an. Die
etwas sei der Fall) in der Anschauung (dass dies und Welt ist Husserl zufolge relativ zum Bewusstsein ist,
jenes tatsächlich der Fall ist) Erfüllung erreicht (Hua insofern die Welt immer Sein für ein Bewusstsein ist –
XIX/2, 560–570). Mehr noch: um ein ausgereiftes Ver- auch wenn die Welt für das Sein des Bewusstseins
ständnis darüber abzugeben, wie wir Erkenntnis von nicht notwendig und das Bewusstsein in diesem Sinne
einer transzendenten Welt haben können, bedarf es absolut ist (Hua III, 104; Hua XXXVI, 70, 78 f.). Für
zahlreicher Beschreibungen unseres Bewusstseins Leser/innen, die mit Husserls eigentümlichem Vo-
dessen, was gerade nicht vor Augen steht (d. i. unser kabular von ›relativ‹ und ›absolut‹ nicht vertraut sind,
Horizontbewusstsein), unterschiedlicher doxischer muss dies wirklich unglaubwürdig klingen, so als ob
Modalitäten verschiedener intentionaler Akte (bei- Bewusstsein der ontologische Träger der Welt sei oder
spielsweise der Urdoxa als unmodalisierter Glaube, diese erst hervorbrächte. Für Husserl bedeutet die Re-
des Zweifels, der Negation) genauso wie der Beschrei- de von ›relativ‹ und ›absolut‹ jedoch nichts weiter als
bungen dessen, wie das Subjekt in die Vernunftanwen- die Rede vom Verhältnis zweier Wesenheiten – in die-
dung (in Form von Stellungnahmen aufgrund von sem Fall das Wesen von Sein und das Wesen von Be-
verfügbarer Evidenz) involviert ist (vgl. Analysen in wusstsein (Hua XXXVI, 71). Zu sagen, die Welt habe
Hua XI). Nur dann sind wir in der Lage, anzugeben, nur relatives Sein, bedeutet dasselbe wie zu sagen, ein
wie Erkenntnis möglich ist. wirklicher Zustand in der Welt werde notwendiger-
Selbst wenn sich das komplexe Verhältnis zwischen weise einem real möglichen Vernunftbewusstsein von
Logik, Ontologie, und Phänomenologie ebenso wie dieser Welt korrespondieren. Umgekehrt wird aber
Husserls phänomenologischer transzendentaler Idea- nicht jedes Bewusstseinserlebnis einem Etwas in der
lismus sinnhaft darstellen lassen, hat letzterer eine Welt korrespondieren. Das bedeutet, dass ich denken,
Kontroverse ausgelöst. Denn manche meinen, Hus- glauben oder sogar wahrnehmen kann, die Welt sei
serls Idealismus führe zu Aussagen, die phänomeno- auf bestimmte Art und Weise beschaffen und dass ich
logisch nicht abgesichert sind (z. B. Yoshimi 2015). mich gleichzeitig irren kann. In diesem Fall liegt eine
Überdies scheint Husserl zwei weitere Behauptungen bewusstseinsmäßige Erfahrung vor, der nichts korres-
aufzustellen, die scheinbar mit dem transzendentalen pondiert. Dass letzteres grundsätzlich eine offenste-
Idealismus nicht übereinstimmen. Erstens, Husserls hende Möglichkeit ist (wenn auch keine motivierte),
Behauptung, Sein sei einem real möglichen Vernunft- scheint keine so abwegige Annahme zu sein (vgl. Ja-
bewusstsein prinzipiell zugänglich, impliziert für ihn, cobs 2018). Weiterhin folgt aus Husserls Gleichset-
134 III Werk – B Nachlass

zung der Welt selbst mit der Welt, die dem Vernunft- perimentelle Psychologie in Göttingen vom 15. bis 18. April
bewusstsein erscheint, die Aussage, die Welt sei prin- 1914. Leipzig 1914.
zipiell das Korrelat eines real möglichen Vernunft- Schuhmann, Karl: ›Phänomenologie‹: Eine begriffs-
geschichtliche Reflexion. In: Husserl Studies 1/1 (1984),
bewusstseins. Müsste man diese Identifikation nun 31–84.
auf die Probe stellen, könnten wir der Unterscheidung Sowa, Rochus: Wesen und Wesensgesetze in der deskripti-
zwischen Vernunft und Unvernunft zwar Sinn abge- ven Eidetik Edmund Husserls. In: Phänomenologische
winnen (indem wir ein Prinzip zur Unterscheidung Forschungen (2007), 5–37.
von vernünftigen und unvernünftigen Erfahrungen Yoshimi, Jeff: Mathematizing Phenomenology. In: Phenome-
nology and the Cognitive Sciences 6 (2007), 271–291.
stipulierten), innerhalb der Erfahrung könnten wir in
Yoshimi, Jeff: The Metaphysical Neutrality of Husserlian
diesem Unterschied aber keinen Sinn sehen. Das Phenomenology. In: Husserl Studies 31/1 (2015), 1–15.
heißt, wenn unsere Wahrnehmungen nicht Wahrneh- Zahavi, Dan: Phenomenology and the Project of Naturaliza-
mungen der Welt selbst sind, bedarf es eines weiteren tion. In: Phenomenology and the Cognitive Sciences 3
Kriteriums, um vernünftige von unvernünftiger Er- (2004), 331–347.
fahrung zu unterscheiden (beispielsweise die Existenz Zahavi, Dan: Phenomenology of Reflection. In: Andrea Stai-
ti (Hg.): Commentary on Husserl’s ›Ideas I‹. Berlin 2015,
Gottes, oder eines verlässlichen Prozesses oder kausa- 177–194.
ler Mechanismen). Dies verstößt jedoch nicht nur ge-
gen eben jene Erfahrung und gegen die deskriptiven Hanne Jacobs
Unterschiede zwischen vernünftiger und unvernünf- (aus dem Englischen von Sonja Feger)
tiger Erfahrung, sondern öffnet dem Skeptiker auch
Tür und Tor, der nicht nur fragt, wie wir eine transzen-
dente Welt zu erkennen vermögen, sondern auch da-
ran zweifelt, dass solche Erkenntnis möglich ist – und
damit wird die gesamte Idee einer Erkenntnistheorie
unterminiert.

Literatur
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In: The New Yearbook for Phenomenology and Phenomeno-
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Staiti (Hg.): Commentary on Husserl’s ›Ideas I‹. Berlin
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In: Andrea Staiti (Hg.): Commentary on Husserl’s ›Ideas I‹.
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(Hg.): Commentary on Husserl’s ›Ideas I‹. Berlin 2015,
122–158.
Pfänder, Alexander: Einführung in die Psychologie. Leipzig
1904.
Schumann, Friedrich. Bericht über den VI. Kongress für ex-
17 Phänomenologie als Erste Philosophie 135

17 Phänomenologie als zusetzen. Für Husserl hat die absolute Idee der Phi-
Erste Philosophie losophie, die von der ›universalen Einheit alles Wis-
sens‹ dargestellt wird und innerhalb der Phänomeno-
logie als Erster Philosophie gesucht werden muss, die
Husserls Lehre der Phänomenologie als Erster Phi- Rolle des Endzwecks inne, der den oder die einzel-
losophie zeichnet sich durch zwei unterschiedliche, ne/n Philosoph/in sowie die ganze Philosophenge-
miteinander verbundene Dimensionen aus: eine ge- meinschaft leitet. Dementsprechend kann von der
schichtliche und eine systematische. Hat die letzte mit Idee des Progresses die Rede sein, der sich einerseits
den Merkmalen sowie den Haupteigenschaften des in Form einer immer vollkommeneren und reicheren
theoretischen Unternehmens zu tun, betrifft die erste Verwirklichung der absoluten Wissenschaft, anderer-
nicht bloß die Stellung der Phänomenologie innerhalb seits in Form der Entwicklung einer wahrhaft phi-
des philosophischen Denkens des Abendlandes, son- losophischen Subjektivität ankündigt (Hua VIII,
dern auch – und viel mehr – die historiographische 196). Einer derartigen Auffassung des Denkens in sei-
Selbstinterpretation, die die Phänomenologie von sich ner Geschichte scheint in der Tat eine These zugrunde
selbst als philosophia prima liefert. Geschichtliche und zu liegen, die Hegels Formulierung »die Vernunft [ist]
systematische Frage stehen bei Husserl insofern in das zweckmäßige Thun« (GW 9, 20) auf den Punkt
wechselseitiger Beziehung, als er die Phänomenologie bringt. Husserl spricht in dieser Hinsicht von einer
als die Philosophie ansieht, die gerade aufgrund ihrer »idealen Genesis«, d. h. den »Notwendigkeiten«, »die
Lehre die noch offenen Fragen der bisherigen, in ver- im Historischen im verborgenen bestimmend waren«
schiedener Hinsicht theoretisch mangelhaften Ver- und die das Hindrängen der Wissenschaft zur absolu-
suche, eine Erste Philosophie aufzustellen, endgültig ten Endgültigkeit zu erklären vermögen (Hua VII,
zu beantworten vermag. 296). Dem Phänomenologen, der offensichtlich die
höchste Stufe des Denkens belegt, obliegt wie bei He-
gel die Aufgabe, die verborgenen Fäden der Denkbe-
Phänomenologie als Telos der Philosophie- wegung ans Licht zu bringen. Das tut er auch, sofern
geschichte er die Hauptakteure einer solchen Ideengeschichte –
Platon, Aristoteles, Descartes, Kant – erkennt, die alle
Dieter Henrich hat vor fast sechzig Jahren gezeigt, in auf unterschiedliche Weise dazu beitragen, eine Erste
welchem Ausmaß Husserls Begriff der Philosophie- Philosophie als »philosophia perennis in Erscheinung
geschichte teleologisch gekennzeichnet ist. Die Etap- treten« zu lassen (Hua VII, 6).
pen der philosophischen Reflexion sowie die Namen
der Denker folgen aufeinander aufgrund einer Rekon-
struktion, die einen klaren terminus ad quem besitzt: Erste Philosophie als »Anweisung zum
die Phänomenologie als Erste Philosophie. Husserls seligen Leben«
Interesse richtet sich darauf, eine Geistesgeschichte zu
schreiben, die insofern den Anspruch erhebt, kritisch Husserls Lehre der Phänomenologie als Erster Phi-
zu sein, als sie das Denken nicht in seinen zufälligen losophie definiert sich systematisch durch ihre man-
und zersplitterten Erscheinungen betrachtet, sondern nigfaltige Beziehung zum Begriff des Lebens. Je nach-
als eine zweckorientierte Bewegung, in der es Vor- dem, wie letzterer betrachtet wird, variiert entspre-
und Nachstufen, Fort- und Rückschritte gibt. Das chend die Bestimmung ersterer.
Maß, woran derartige Brüche gemessen werden kön- Die Phänomenologie ist allem voran deshalb Erste
nen, stellt offensichtlich das Ziel der Bewegung selbst Philosophie, weil sie den Anfang eines neuen Lebens
dar, das nur unendlich und dank der Arbeit mehrerer des Menschen darstellt und in eine neue Epoche der
Denker erreichbar ist, zugleich aber als »universale Menschheit einführt. Dieser Definition liegt die ethi-
Philosophie«, die auf »die Allwissenheit« hinstrebt, sche Idee zugrunde, dass die phänomenologische Re-
wohl bereits bestimmt ist (Hua VIII, 196). Henrich hat flexion sich nicht bloß darauf beschränkt, die Er-
diesbezüglich behaupten können, dass Husserl, »ähn- kenntnis zu begründen, sondern sich erst dann ver-
lich wie Hegel, das Wahre in der Geschichte des Den- wirklicht, wenn sie die Erkenntnis- sowie alle davon
kens wenigstens in der Zerstreuung zugegen« er- abhängigen Gemüts- und Willenshandlungen zu ver-
scheint (Henrich 1958, 5). antworten vermag (Hua VIII, 25). Echtes Menschen-
An dieser Beurteilung ist nach wie vor nichts aus- tum verlangt höchste Bewusstheit (Hua VIII, 216); die

S. Luft, M. Wehrle (Hrsg.), Husserl-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05417-3_18, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
136 III Werk – B Nachlass

Phänomenologie verweist deshalb auf den Weg, auf – ist deshalb aufgeklärtes Leben, Leben im Denken
dem jeder Mensch vom Weltkind, das noch in der un- und Wissen von sich sowie Leben im guten Gewissen.
aufgeklärten Gerichtetheit auf die Gegenstände ver- Husserl spricht diesbezüglich von der Selbst-
fangen ist, zum Herr seiner selbst werden kann. Es erkenntnis – manchmal beruft er sich auf das sokrati-
handelt sich um eine »Pilgerfahrt nach universaler sche »Erkenne dich selbst« (Hua VIII, 121; XXXV,
und absolut gerechtfertigter Erkenntnis«, die der wer- 330) –, die »das Fundament für die Konstitution des
dende Philosoph »um [s]eines erkenntnisethischen ›wahren‹ Seins des Selbst« ist (Hua VIII, 283). Eine
Seelenheiles willen« unternimmt (Hua XXXV, 75). derartige Selbsterkenntnis kommt zustande, indem
Die Phänomenologie als Erste Philosophie macht man das blinde und natürliche An-sich in das auf-
sich somit die von Kant dargestellte Definition der gehellte und phänomenologisch reduzierte An-und-
Aufklärung zu eigen (AA 8, 35) und erhebt gleichzei- für-sich des Subjektes sowie der Welt umwandelt. Das
tig den Anspruch, Vollendung des damit einher- reflektierende Ich, das die phänomenologische Epo-
gehenden Ideals der Befreiung der Menschheit aus ché vollzieht, wird zum unbeteiligten Zuschauer sei-
dem Zustand der Unmündigkeit zu sein (Landgrebe nes eigenen Ich und der ihm wesenhaft korrelieren-
1982, 32). Der Mensch als Philosoph des Anfangs fasst den Gegenständlichkeit (Hua XXXV, 92 f.). Im Ge-
ein für alle Mal den Entschluss, die Naivität seines Le- gensatz zur natürlichen Reflexion, die insofern not-
bens abzulegen, und reflektiert über sich selbst, um wendig von einem beteiligten Zuschauer ausgeführt
ein neues Reich der Erfahrung zu gewinnen (Hua werden muss, als sie über etwas reflektiert, das für den
VIII, 163). Husserl übernimmt in diesem Zusammen- Reflektierenden gilt und von Interesse ist, tut die
hang den kantischen Begriff der Autonomie, der sich transzendentale Reflexion ›sozusagen auch dem unte-
in der Willensfreiheit ausdrückt, durch welche der ren natürlichen Ich‹, das ihr Objekt ist, ›etwas an‹. Das
Mensch sein Leben neu gestaltet und sich selbst zum Interesse des phänomenologischen Ich hat sich we-
wahren Ich reformiert (Hua VI, 272). Phänomenolo- sentlich verändert; als Ich der Epoché ist es nicht mehr
gie kann insofern als Denken des Anfangs eines neuen ›mit dem Herzen‹ bei dem, worüber es reflektiert. Das
Lebens verstanden sein; sind die Wege, die dem Men- natürliche Ich, das zum Objekt der transzendentalen
schen zur Verfügung stehen, um die Eingangspforte Reflexion wird, gilt demzufolge für das zuschauende
der neuen Existenz zu erreichen (Kern 1962), unter- Ich nicht mehr als solches, es hat eine wesentliche Mo-
schiedlich, führen alle insofern zu einer philosophia difikation erfahren, durch welche es nur hinsichtlich
prima, als sie einen radikalen Neuanfang ermögli- seines intentionalen Lebens beschrieben werden kann
chen. In dieser Hinsicht ist zu Recht behauptet wor- (Hua XXXIV, 10). Das reflektierende Ich der Phäno-
den, dass Husserls Phänomenologie, auch wenn sie menologin oder des Phänomenologen vermag auf
sich in den späteren Schriften von Descartes zu ent- diese Weise das eigene natürlich eingestellte Ich, wel-
fernen scheint, in ihrem authentischen Kern gerade ches aber inzwischen nicht mehr als solches gilt, zu er-
deshalb nach wie vor Cartesianismus ist, weil ihre schauen und dessen Wesen und Normen zu fixieren.
Erstheit letztendlich Ursprünglichkeit im Sinne der Als zentral für Husserl erweist sich in diesem Zu-
Neuanfänglichkeit bedeutet (Fulda 1976, 153). sammenhang die Opposition zwischen einer Gegen-
Um das neue Leben zu bezeichnen, das insofern als ständlichkeit, die deshalb nur subjekt-relativ ist, weil
fest und sicher im Wissen und Gewissen betrachtet sie das konstituierende Subjekt voraussetzt, und einer
werden muss, als es jeder reflektiven Kritik standhält, Subjektivität, die sich selbst erfahren und erkennen
sich in seiner eigenen Rationalität vollkommen recht- kann. »Nur was [...] auf sich selbst relativ ist, seiend für
fertigt und seine Taten verantwortet, verwendet Hus- sich selbst die Bedingungen möglicher Erfahrung und
serl Fichtes Begriff des »seligen Lebens« (Hua VIII, Erkenntnis erfüllt, kann absolut sein« (Hua XXXV,
45). Die Phänomenologie als Erste Philosophie ist so- 335). Es handelt sich um eine Absolutheit, die der phä-
mit Wissenschaft vom seligen Leben – mit Fichte aus- nomenologische Idealismus insofern zu erkennen
gedrückt: Anweisung zum seligen Leben –, denn sie vermag, als er nicht das materiale Sein leugnet und an
erhebt den Anspruch, die Bedingungen der Möglich- seiner Stelle das seelische Sein »als das wahre Sein auf
keit eines wahrhaft guten Lebens zu erklären. Zu die- den Thron« erhebt, sondern die klare Erkenntnis und
sem Zweck lebt und kennt die Vernunft nicht mehr die evidente Einsicht gewinnt, dass alles Sein auf die
modo recto, sie besinnt sich modo obliquo über sich Subjektivität und jedes Ego auf sich und mittelbar auf
selbst sowie über die Prinzipien ihrer eigenen Ver- andere Egos zurückbezogen werden muss. Die Phäno-
nünftigkeit. Seliges Leben – so könnte man auch sagen menologie bietet auf diese Weise dem Ich die Mög-
17 Phänomenologie als Erste Philosophie 137

lichkeit, »seine wahre Autonomie« zu erkennen, und Die eben beschriebene zweistufige Reflexion der
gibt ihm auch ›die Kraft‹, sich selbst und die Welt nach Phänomenologie vermittelt nun eine andere Auffas-
seinem Willen zu gestalten (Hua VIII, 505 f.). sung des subjektiven Lebens: Es handelt sich um das-
Es wäre nicht korrekt, die mit der Phänomenologie jenige Leben des reinen Bewusstseins, das einige Den-
als ›Anweisung zum seligen Leben‹ einhergehende ker als Reich der Ideen bzw. des Apriori bezeichnet ha-
›Selbstumschöpfung‹ als eine bloß theoretische Trans- ben. Indem der Philosoph nach den letzten Quellen
formation des Selbst zu verstehen. Durch sie schöpft aller Erkenntnisbildungen fragt, bringt er die Totalität
sich nämlich der Mensch in seinem ganzen Wesen der reinen apriorischen Prinzipien aller möglichen
um, er entfaltet sich praktisch und entwickelt sich frei Erkenntnisse sowie die Gesamtheit der apriorischen
(Hua VIII, 283). Die Bedeutung der Phänomenologie Wahrheiten ans Licht (Hua VII, 13 f.).
als Erster Philosophie, die mit dem Fichteschen Be- Mit dieser unterschiedlichen Auffassung des Le-
griff des seligen Lebens verbunden ist, verlangt dem- bens gehen nun zwei neue Definitionen der Phänome-
zufolge von derjenigen unterschieden zu werden, die nologie als Erster Philosophie einher, die den Sinn so-
durch das Thema der apodiktischen Kritik der phäno- wie die Rolle des philosophischen Denkens anders ak-
menologischen Erkenntnis im engeren Sinne um- zentuieren. Die Phänomenologie ist Erste Philoso-
schrieben wird (siehe letzten Punkt). phie, weil sie erstens die Wissenschaft des Eidetischen
darstellt. Sie erkennt das allgemeine Logos des Fak-
tisch-Individuellen und erreicht dadurch ein univer-
Erste Philosophie als transzendental- sales sowie rationales Verständnis alles möglichen Sei-
eidetische Phänomenologie enden. Indem sie aber durch die phänomenologische
Reduktion ein Feld der Erfahrung freilegt, das diejeni-
Die Reflexion des Subjekts über sich selbst vollzieht gen notwendigen Strukturen der transzendentalen
sich in zwei unterschiedlichen Schritten: in Form der Subjektivität enthält, welche Bedingungen des er-
phänomenologischen Reduktion, anhand der die kennbaren Faktischen sind, kündigt sie sich zweitens
»Verabsolutierung« der Welt (Hua VII, 283) abgelehnt als Transzendentalphilosophie an. Die Phänomenolo-
und jede Gegebenheit auf das »Universum des Be- gie ist demzufolge Erste Philosophie, weil sie trans-
wußtseins« zurückgeführt wird (Hua VIII, 430), und zendentalphilosophisch die Möglichkeit der objektiv
in der darauf beruhenden Form der ideierenden Abs- gültigen Erkenntnis aufklärt, die alle Grundtypen von
traktion (später auch als eidetische Variation ge- Wissenschaft enthalten (Hua VII, 386). »In ihr be-
nannt), durch die der »nie standhaltende Fluß nie wie- schlossen ist alle Rationalität der wirklichen und mög-
derkehrender Phänomene« des reinen Bewußtseins lichen positiven Wissenschaften« (Hua VIII, 361). Die
(Hua XXV, 78 f.) fixiert und begrifflich bestimmt wird. Phänomenologie als Erste Philosophie tritt demge-
Die phänomenologische Reduktion erweist sich somit mäß als eine ›Archäologie‹ des Ursprünglichen auf,
als die »Zugangsmethode zur transzendental-phäno- das in allem Sein und in jeder Wahrheit enthalten ist
menologischen Sphäre« (Hua V, 141), die durch die (Hua VIII, 29; vgl. Funke 1958, 567).
Methode der eidetischen Variation in ihrer All- Husserl ist der Meinung, dass Kants Transzenden-
gemeinheit determiniert wird (zu Husserls Begriff der talphilosophie noch im Psychologismus stecke, weil
phänomenologischen Reduktion siehe Bernet 2016). sie der Idee der echten Rationalität bzw. des echten Be-
Beide Schritte müssen vollzogen werden, um der Phä- griffs des Apriori entbehre. Statt die bereits von Hume
nomenologie den Charakter der Wissenschaftlichkeit unter dem Namen von relations of ideas erwiesenen
zuzusprechen: Husserl ist nämlich der Auffassung, Wesensallgemeinheiten und -notwendigkeiten zu er-
dass nach der phänomenologischen Reduktion keine läutern, beschränkt sich Kant darauf, eine spezifische
»wissenschaftliche[n] Feststellungen in bezug auf die Art des Apriori zu etablieren, die nur hinsichtlich der
Phänomene« zu machen sind (Hua XXIV, 224). Dazu menschlichen Subjektivität gilt (Hua VII, 402 f.). Hus-
ist notwendig, dass das »Was Vorfindliche« des Indivi- serl vertritt stattdessen eine Auffassung des Apriori, in
duums – ein bloßes Sosein ohne Dasein (vgl. Metzger der dieses insofern authentisch rein zu sein be-
1925, 633; Pöll 1936, 51) – »in Idee gesetzt« wird, also ansprucht, als es Resultat sowohl der jede Faktizität
die Variation am individuellen Sein vollzogen wird außer Geltung setzenden phänomenologischen Re-
(Hua III/1, 13; zur zeitgenössischen Diskussion des duktion als auch der sich daran anschließenden ide-
phänomenologischen Begriffspaares ›Individualität/ ierenden Abstraktion ist. Die Reinheit des Apriori
Allgemeinheit‹ vgl. Fabbianelli 2016). deckt sich demzufolge nicht mit derjenigen Reinheit,
138 III Werk – B Nachlass

die durch die Reflexion der phänomenologischen Re- reits dargestellte Auffassung des subjektiven Lebens als
duktion erreicht wird (Hua XXV, 79). Reich der Ideen a priori einher. Grundlegend ist da ein
Husserl transformiert hier in phänomenologischer weiterer, nicht bloß mathematisch-quantitativer Be-
Hinsicht den besonders im vorkantischen Rationalis- griff der Exaktheit, aufgrund dessen die Phänomeno-
mus benutzten Begriff des Angeborenen: Indem der logie deshalb als philosophia prima antreten kann, weil
Philosoph in das Reich des reinen Bewusstseins ein- sie die einzelnen Wissenschaften mittels der Apriorität
dringt, stellt er die festen Wesenszusammenhänge und und Systematizität ihrer eigenen Regionen und Dis-
-gesetze fest, die das »gleichsam ›eingeborene Apriori‹« ziplinen einander zuordnen bzw. miteinander ver-
bzw. die »aeternae veritates« der transzendentalen Sub- knüpfen kann. Husserl spricht diesbezüglich auch von
jektivität sowie der damit korrelierenden möglichen der Phänomenologie als der »Wissenschaft von der Me-
Gegenstände darstellen (Hua XXXV, 252, 332). Kant thode überhaupt«, die als eine »Mathesis universalissi-
hatte in einer Schrift gegen den Leibnizianer Johann ma« bzw. »Mathematik von Erkenntnisleistungen« die
August Eberhard negiert, dass die Kritik »anerschaffe- noetische Subjektivität und die damit verbundenen
ne oder angeborne Vorstellungen« erlaubt (AA 8, 221) noematischen Gebilde begreift und gerade deshalb
und hatte vielmehr die wesentliche Differenz zwischen einsieht, wie den Vernunftleistungen unterschiedliche
Apriori und Angeborenem mit dem Argument hervor- Bewusstseinskorrelate entspringen, die Objekt der ein-
gehoben, dass das erste Moment nur einen transzen- zelnen Wissenschaften sind (Hua VIII, 249 f.).
dentalen Wert hat, weil es dem Inhalt sowie der Gel- Tritt die Auffassung der Phänomenologie als ma-
tung nach von den sinnlichen aposteriorischen Ein- thesis universalis innerhalb von Husserls Denken zeit-
drücken unabhängig ist, das zweite hingegen bloß mit lich früher auf als die Ansicht, die deren eidetischen
natürlichen Beschaffenheiten des Menschen einher- und transzendentalen Charakter hervorhebt (Luft
geht. Husserl vertritt die These, dass jedes Apriori an- 2010, 108), entsprechen beide Bestimmungen der
geboren ist (Hua XXXV, 261). Es handelt sich selbstver- Phänomenologie als Erster Philosophie nicht bloß
ständlich nicht um eine unkritische Übernahme des zwei unterschiedlichen Aufgaben. Systematisch be-
vorkantischen Begriffs des Angeborenen. In der Phä- trachtet, muss man vielmehr für die strukturelle Ver-
nomenologie als Erster Philosophie geht es nämlich schränkung beider Definitionen sowie für den prinzi-
nicht mehr um faktische Tatsächlichkeiten, die durch pienhaften Vorrang der zweiten vor der ersten plädie-
die Reduktion von vornherein ausgeschaltet werden. ren. Die Frage nach der Universalität der Philosophie
Die phänomenologische Einstellung ermöglicht es je- gegenüber der Partikularität der einzelnen Wissen-
doch, ein Feld reiner Möglichkeiten abzustecken, die schaften kann demzufolge erst aufgrund des eideti-
das Reich der angeborenen Ideen darstellt. Auf diese schen bzw. transzendentalen Charakters der Phäno-
Weise erhält der Begriff des Angeborenen »einen tiefe- menologie beantwortet werden. Das Thema der Tota-
ren und notwendigen Gleichnissinn«, der seine An- lität des Wissens kann anders formuliert nicht un-
wendung phänomenologisch rechtfertigt (Hua XXXV, abhängig von der Annahme behandelt werden, die
261). Husserl ist der Meinung, dass die Phänomenolo- unterschiedlichen Disziplinen könnten erst dann als
gie auch deshalb als Erste Philosophie angesehen wer- regionale Ontologien derselben universalen Wissen-
den kann, weil sie, anders als bei Kant, dem Apriori ei- schaft angesehen werden, wenn sie einem Modell der
ne materiale Bedeutung sowie einen normativen Sinn Begründung entsprechen, die letztendlich nur in der
zuspricht, der »den ursprünglich in der Idee der Wis- Philosophie als transzendental-eidetischer Phänome-
senschaft liegenden Trieb nach letzter Rechtfertigung nologie erklärt werden kann. Die Wissenschaftlich-
erfüllt« (Hua XXXV, 305). keit der verschiedenen Disziplinen benötigt die Besin-
nung über den Sinn dessen, was Wissenschaft heißt.
Das korrekte Verhältnis kann deshalb nur dasjenige
Erste Philosophie als mathesis universalis sein zwischen einer Ersten Philosophie, die sich mit
den Normen befasst, und der Folge von Wissenschaf-
Die Phänomenologie als Erste Philosophie erhält so- ten, die unter diesen Normen stehen. Beide Momente
mit eine andere Bestimmung: Sie ist mathesis univer- sind aber voneinander untrennbar: Dies bedeutet,
salis (Hua XXXV, 305), denn sie stellt die universale dass »das Werk der Besinnung nicht ›als‹ etwas vor der
Normen- bzw. Prinzipienlehre für die absolute Recht- Universalwissenschaft als ihr selbst Äußerliches an-
fertigung aller möglichen Wissenschaften dar (Hua zusehen [ist], sondern als ihr Anfangs- oder Grund-
XXXV, 337). Mit ihr geht in anderer Hinsicht die be- stück« (Hua VIII, 211).
17 Phänomenologie als Erste Philosophie 139

Husserl zeigt sich in diesem Zusammenhang als mungen des Seienden befasst, und als konkrete Me-
aufmerksamer Leser der klassischen deutschen Phi- taphysik, der hingegen es obliegt, die natürlichen
losophie. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissenschaften nach ihrem metaphysischen Sinn aus-
Philosophie und einzelnen Wissenschaften stellt sich zuwerten (Hua VIII, 429). Die alte Definition der Me-
auch innerhalb dieser Denkströmung als Problem der taphysik als Erster Philosophie wird somit durch eine
Relation zwischen Momenten derselben Einheit dar. doppelte Art von phänomenologischer Metaphysik
Befasst sich zum Beispiel Fichtes Wissenschaftslehre ersetzt, die weder mit der Ersten noch mit der Zweiten
mit den notwendigen Handlungen des Geistes als sol- Philosophie in phänomenologischer Hinsicht über-
chen, erhalten die unterschiedlichen Wissenschaften einstimmt. Metaphysik ist wohl Philosophie, jedoch
ihre theoretische Rechtfertigung durch die spezifische nicht als »philosophische Ideenwissenschaft«, d. h. als
Bestimmung des absolut Notwendigen. Die Fundie- Lehre des Eidetischen sowie der damit einhergehen-
rung des Systems der Wissenschaften kann nun aber den Wesenszusammenhänge, sondern als »philoso-
nicht unabhängig von der Fundierung der Philoso- phische Tatsachenwissenschaft, Daseinswissenschaft«
phie stattfinden (vgl. GA I/2, 133 f.). (Hua XXVIII, 226).
Die eben erläuterte wesenhafte Verbindung findet
eine Bestätigung in der anderen Bestimmung der Re-
lation, die die Phänomenologie als mathesis univer- Erste Philosophie als Kritik der
salis zu den anderen Wissenschaften unterhält. Es phänomenologischen Erkenntnis
handelt sich um die Opposition zwischen Erster und
Zweiter Philosophie. Ist die Erste Philosophie die Wis- Husserl gesteht in Formale und transzendentale Logik
senschaft »von der Totalität der reinen (apriorischen) (1929), er habe erst sehr spät erkannt, dass die Kritik
Prinzipien aller möglichen Erkenntnisse und der Ge- aller Arten von Evidenz eine erste Erkenntniskritik
samtheit der in diesen systematisch beschlossenen, al- benötigt, die von der transzendentalen Selbstkritik
so rein aus ihnen deduktiblen apriorischen Wahrhei- der phänomenologischen Erkenntnis selbst dar-
ten«, stellt die Zweite Philosophie die Gesamtheit der gestellt wird. Er weist auch darauf hin, »eine wirkliche
Tatsachenwissenschaften dar (Hua VII, 13 f.). Auch Durchführung dieser letzten Kritik [...] in einer vier-
bezüglich dieser Gegenüberstellung befinden sich die stündigen Wintervorlesung 1922/23« versucht zu ha-
einzelnen Tatsachenwissenschaften in einer inneren ben, »deren Niederschrift [s]einen jüngeren Freunden
Relation zur Phänomenologie. Die Erste Philosophie zugänglich gemacht worden ist« (Hua XVII, 295).
kann nämlich als eine universale Methodologie ange- Traut man dieser Angabe Husserls, muss man schlie-
sehen werden, auf welche sich alle anderen Diszipli- ßen, dass diese der Selbstkritik der Phänomenologie
nen zurückbeziehen, um ihre eigene Rationalität her- gewidmete Untersuchung die inzwischen publizierte
zuleiten. Nur aufgrund dieses Verhältnisses kann von Vorlesung Einleitung in die Philosophie ist (Hua
der »Einheit eines rationalen Systems« die Rede sein XXXV). Ludwig Landgrebe vertrat vor vielen Jahren
(Hua VII, 14). Und nur weil beide voneinander un- hingegen die Meinung, das von Husserl selbst genann-
trennbar sind, ist es erlaubt zu behaupten, dass die te Kolleg sei in der Tat mit dem zweiten Teil der Vor-
Erste und die Zweite Philosophie »zwei Stufen« der lesung über die Erste Philosophie (Hua VIII) iden-
philosophischen Begründung darstellen (Hua XXXV, tisch (vgl. Henrich 1958, 24, Anm. 17).
53) und nur zusammen »die volle reine rationale Phä- Wie dem auch sei, beide Vorlesungen stimmen hin-
nomenologie« ausmachen (Hua XXXV, 482). sichtlich der Darstellung der Kritik der phänomenolo-
Zur Erläuterung der Sachlage macht sich Husserl gischen Erkenntnis in verschiedener Hinsicht überein.
das cartesianische Bild der Wissenschaften als Zweige Festzuhalten ist jedenfalls, dass die letzte hier noch zu
der Phänomenologie als absoluter Philosophie zu ei- vermerkende Bedeutung der Phänomenologie als Ers-
gen (Hua VIII, 248). Er redet von der Phänomenolo- ter Philosophie gerade in der apodiktischen Kritik der
gie auch als der »Mutter aller strengen und echten transzendentalen Erfahrung besteht (Hua VIII, 169,
Wissenschaften« (Hua XXXV, 39). Von Bedeutung ist, 252). Damit geht ein Sinn des Lebens einher, der be-
dass somit eine neue Auffassung der Metaphysik mög- sonders die Vernunft als Vernunft hervorhebt. Die Kri-
lich wird, die einerseits nur mit Bezug auf das System tik der phänomenologischen Erkenntnis setzt auf ihre
der Vernunft sinnvoll sein (Hua XXXV, 47), anderer- eigene Weise das theoretische Programm von Kants
seits in zweifacher Form auftreten kann: als allgemei- Kritik der Vernunft fort und übernimmt insbesondere
ne Metaphysik, die sich mit den generellen Bestim- eine Begrifflichkeit, die in Fichtes Wissenschaftslehre
140 III Werk – B Nachlass

als dem Wissen vom Wissen zur Anwendung kommt. Auf diese Weise kann die adäquate, das Erkannte in
Das kurze Erläutern einiger gemeinsamer Punkte zum Form der Selbstgegebenheit liefernde Evidenz zu ei-
Thema soll als ein kleiner Beitrag verstanden sein, die- ner apodiktischen Evidenz werden, bei der man ein-
se theoretische Nähe zu belegen. sieht, dass das Nichtsein des evidenten Gegenstandes
Husserl und Fichte übernehmen und transformie- unmöglich ist. »Ich bin nicht nur gewiss, dass das ad-
ren erstens Kants Definition der Transzendentalphi- äquat Selbstgegebene ist, sondern dessen auch apo-
losophie als derjenigen Erkenntnis, die sich nicht mit diktisch gewiss, dass sein Nichtsein unmöglich ist.
den Gegenständen, sondern mit der Erkenntnisart Diese Unmöglichkeit ist selbst adäquat gegeben« (Hua
von Gegenständen befasst, sofern sie a priori möglich XXXV, 384). Der adäquaten Evidenz als »Idee der
sein soll (Kritik der reinen Vernunft, B 25). Fichte be- Vollkommenheit« der Erfahrungen tritt die apodikti-
hauptet zweitens, dass das Wissen von sich, das der sche Evidenz zur Seite, die insofern »eine höhere Dig-
Wissenschaftslehre eigen ist, ein Reflektieren voraus- nität« besitzt, als sie nicht bloß Selbsterfassung des
setzt, das als ein »energisches Attentiren des Wissens Seienden in der Modalität des »es selbst« bzw. Seins-
auf sich selber« erscheint (GA II/7, 167). Husserl gewissheit der Sachen oder Sachverhalte ist, sondern
spricht ebenso von einem sich verstehenden Wissen, »im voraus jeden vorstellbaren Zweifel als gegen-
das »das Erkennen selbst erkennen und das Erkannte standslos ausschließt« (Hua I, 55 f.).
im Erkennen und das Liegen ›des Erkannten‹ in der Husserl verbindet, wie bereits Fichte, den Begriff
erkannten Einsicht erkennen« ist (Hua VIII, 247 f.). der authentischen Evidenz mit dem Thema des Wie
Fichte ist drittens der Meinung, dass durch das (Hua XXXV, 377); für ihn bedeutet dies, dass die Phä-
Wissen des Wissens die faktische Evidenz, »die nichts nomenologie als Kritik ihres eigenen Wissens zu einer
mehr als ein absolutes auf sich selbst beruhendes Daß reflektiven Kritik werden muss, die die evidente Be-
geben konnte«, zu einer genetischen Evidenz wird, gründung, die sich in der schlichten Blickrichtung auf
»die das Wie dieses Daß liefern soll« (GA II/7, 168). die Sachen vollzieht, einer höheren Begründung un-
Husserl vertritt ebenso die These, dass jede wahrhaft terzieht (Hua XXXV, 294). Die Phänomenologie als
wissenschaftliche Evidenz sich als Evidenz rechtferti- Erste Philosophie versteht sich demgemäß als eine
gen muss (Hua VIII, 33), dass somit die wissenschaft- Kritik der Kritik (vgl. Seebohm 1962, 105–112), die
liche Erkenntnis nicht ein Erkennen »im Bewußtsein das »hodegetische Prinzip«, nach dem der Anfang je-
der Evidenz«, sondern eher ein Bewusstsein der Evi- der Erkenntnis eine adäquate Erfahrung sein muss
denz darstellt, das immer mit der »Kritik der Evidenz« (Hua XXXV, 66), auf eine eigentümliche Weise erfüllt.
verknüpft ist (Hua VIII, 333). Ein Denken kann näm- Husserl erhebt durch diese neue Bestimmung der
lich wissenschaftlich und trotzdem naiv sein; es ob- Phänomenologie als Erster Philosophie den An-
liegt dem Phänomenologen deshalb die Aufgabe, eine spruch, die Frage der Rechtfertigung des philosophi-
letzte Rechtfertigung der objektiven Erkenntnis, d. h. schen Denkens beantworten zu können. Er will
»eine Erkenntnis der Erkenntnis« zu gewinnen, die gleichzeitig das Thema der Gültigkeit bzw. der Letzt-
sich von der Naivität befreit (Hua VIII, 498). Naiv begründung transzendentalphänomenologisch in
kann nun aber nicht bloß das empirische Erfahren Angriff nehmen.
sein; neben der »ersten« Naivität des mundanen Er- Als zentral erweist sich in dieser Hinsicht Husserls
kennens gibt es auch die »zweite Naivität« des phäno- Prinzip aller Prinzipien, demzufolge die Rechtsquelle
menologischen Wissens, das sich einer Kritik von sich aller Erkenntnis die »originär gebende Anschauung« ist
selbst noch nicht unterzogen hat (Hua XXXV, 102 f.). (Hua III/1, 51). Die Frage nach der Seinsweise stellt
Zu einer naiven Phänomenologie, in der die transzen- sich somit erst aufgrund und in den Grenzen der Fra-
dentalen Korrelate des Ich und der Welt gewonnen ge nach der Gegebenheitsweise (vgl. Fabbianelli 2014).
werden, gesellt sich eine kritische Phänomenologie. Die auf diesem Prinzip beruhende Phänomenologie
Diesen zwei Stufen der Phänomenologie entspricht ist deshalb nichts anderes als Intuitionismus, für den
auch ein doppelter Sinn der phänomenologischen Re- das Problem der Geltung nur insofern gelöst werden
duktion, die sich einmal als transzendentale schlecht- kann, als man in aller Deutlichkeit sieht, wie der Sinn
hin, d. h. »als Reduktion auf die transzendentale Sub- des Seienden seine ursprüngliche Quelle im konstitu-
jektivität überhaupt«, und dann als apodiktische, d. h. tiven Leisten der reinen Subjektivität hat. Der echte
»als Reduktion auf die transzendentale Subjektivität, Intuitionismus, der zum Wesen der transzendentalen
aber unter Einschränkung auf festgestellte Apodiktizi- Erkenntnisbegründung gehört (Hua VII, 99), führt
tät« (Hua XXXV, 98) erweist. somit zur Konklusion, dass die Geltungsfrage letzt-
17 Phänomenologie als Erste Philosophie 141

endlich mit der Konstitutionsfrage übereinstimmt. des Wissens verstanden werden, die wohl wie bei Hus-
Den »archimedischen Punkt«, nach dem die Phäno- serl mit Akten des Subjekts einhergeht, in der Tat aber
menologie sucht (Hua VII, 69), stellt die reine Subjek- als eine Objektivierung des Absoluten aufgefasst wer-
tivität dar, die »der Objektivität an Seinsdignität« inso- den muss. Die Evidenz erscheint deshalb dank den
fern »vorher geht« (Hua VIII, 215), als nur durch ihre subjektiven Leistungen, sie gründet aber letztendlich
Akte alle Geltungen erklärt werden können (Hua VIII, nicht in ihnen. Anders bei Husserl: Wenn sich das
30). Die Kritik der Immanenz, die die Phänomenolo- Prädikat des Evidentseins sowohl noetisch als auch
gie als Erste Philosophie ausführt, um die Gültigkeit noematisch qualifiziert und es nur insofern einem Er-
ihrer eigenen Erkenntnis zu begründen (Hua VIII, lebnis zugesprochen werden kann, als die dazu gehö-
378), kann deshalb nur darin bestehen, die Selbstgege- rige Gegenständlichkeit als ebenso evident aufgefasst
benheit des ego cogito insofern als transzendental zu werden kann, wird das Thema der Evidenz aufgrund
erklären, als sie anhand von apodiktischen Evidenzen von Aktsynthesen erläutert, deren letztes Fundament
festgestellt werden kann. ausschließlich die Struktur des transzendentalen Ich
Gegen Husserls Begründung der Vernünftigkeit, als ego-cogito-cogitatum (Hua XXXV, 81) darstellt
d. h. der Geltung durch die Evidenz hat sich im letzten (vgl. Ströker 1978).
Jahrhundert Hans Wagner ausgesprochen: Evidenz er- Auch das selige Leben findet entsprechend eine Er-
mögliche es nicht, Prinzip und Prinzipiertes voneinan- klärung, die die Rolle der reinen Subjektivität im Hus-
der zu trennen, denn sie nivelliere beide hinsichtlich serlschen