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Dieter Thomä (Hrsg.

)
Heidegger-
Unter Mitarbeit von
Handbuch
Florian Grosser, Katrin Meyer
und Hans Bernhard Schmid Leben – Werk – Wirkung

2., überarbeitete und


erweiterte Auflage

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Der Herausgeber
Dieter Thomä ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-02268-4
ISBN 978-3-476-05344-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05344-2

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© 2013 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprü nglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2013

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V

Inhaltsverzeichnis

Einleitung des Herausgebers 8. Hermeneutik


Das Gespräch mit Dilthey in der
zur zweiten Auflage . . . . . . . . . . XI
Vorlesung »Hermeneutik der Faktizität«
und in nachfolgenden Schriften . . . . . 44
(Jean Grondin)
I. Werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 9. »Sein und Zeit«
1. Die frühesten Texte Fundamentalontologie als Hermeneutik
Kampf gegen die »Diesseitsauffassung« der Endlichkeit . . . . . . . . . . . . . . 48
des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 (Thomas Rentsch)
(Dieter Thomä) 10. Tod im Kontext
Heideggers Umgang mit einer
2. Die ersten akademischen Schritte
Faszination der 1920er Jahre . . . . . . . 75
(1912–1916)
(Hans Ulrich Gumbrecht)
Zwischen Neuscholastik,
Neukantianismus und 11. »Kant und das Problem
Phänomenologie . . . . . . . . . . . . . 4 der Metaphysik«
(Matthias Jung und Holger Zaborowski) Die Endlichkeit menschlicher Erkenntnis 80
(Dieter Sturma)
3. Phänomenologie der Religion
Das frühe Christentum als Schlüssel 12. Die Davoser Disputation
zum faktischen Leben . . . . . . . . . . 8 zwischen Ernst Cassirer
(Matthias Jung und Holger Zaborowski) und Martin Heidegger
Kontroverse Transzendenz . . . . . . . . 86
4. Die frühen Freiburger Vorlesungen
(Dieter Sturma)
und andere Schriften 1919–1923
Aufbau einer eigenen Philosophie 13. Der philosophische Umbruch
im historischen Kontext . . . . . . . . . 13 in den Jahren 1928–1932
(Matthias Jung) Von der Fundamentalontologie zur
Metaphysik des Daseins . . . . . . . . . 91
5. »Der Begriff der Zeit«
(Jean Greisch)
Eine Philosophie in der Nussschale . . . 21
(Rainer Marten) 14. Die Kehre
Was wäre, wenn es sie nicht gäbe? . . . . 102
6. Der Rückgang auf die Griechen
(Dieter Thomä)
in den 1920er Jahren
Eine hermeneutische Perspektive auf 15. Heidegger und der
Aristoteles, Platon und die Vor- Nationalsozialismus
sokratiker im Dienst der Seinsfrage . . . 25 In der Dunkelkammer der
(Franco Volpi) Seinsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . 108
(Dieter Thomä)
7. Phänomenologie
Das Gespräch mit Husserl von den 16. »Der Ursprung des Kunstwerkes«
Freiburger Vorlesungen bis zum Kunst und Wahrheit zwischen Stiftung
»Encyclopedia Britannica«-Artikel . . . 35 und Streit . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
(Christoph Jamme) (Andrea Kern)
VI Inhaltsverzeichnis

17. »Einführung in die Metaphysik« 28. »Brief über den ›Humanismus‹«


Eine Erkundung der physis und ihrer Zu den Metaphern der späten
Entmachtung . . . . . . . . . . . . . . . 144 Seinsphilosophie . . . . . . . . . . . . . 216
(Richard Polt) (Dirk Mende)
18. »Die Frage nach dem Ding« 29. Kritik der Metaphysik
Eine Auseinandersetzungmit den Heideggers Auseinandersetzung mit der
Grundlagen der modernen abendländischen Tradition . . . . . . . . 226
Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 151 (Emil Angehrn)
(Richard Polt)
30. »Die Frage nach der Technik«
19. »Beiträge zur Philosophie Vom Wachstum des Rettenden
(Vom Ereignis)« in der Gefahr . . . . . . . . . . . . . . . 236
Ein Sprung in die Wesung des Seyns . . 153 (Florian Grosser)
(Richard Polt)
31. »Was heißt Denken?«, »Grund-
20. Die Seminare über Schiller sätze des Denkens« und kleinere
und Herder Schriften aus dem Umkreis
Von der Freiheit zur Sprache . . . . . . . 162 Denken zwischen Forschen und Hören 240
(Gerhard Richter) (Franz Josef Wetz)
21. Interpretationen zum 32. »Der Satz vom Grund«
Deutschen Idealismus Ab-gründiges Denken . . . . . . . . . . 247
Vernunftkritik im Namen des Seins . . . 166 (Franz Josef Wetz)
(Christian Iber)
33. »Das Ding«, »Bauen Wohnen
22. Auseinandersetzung Denken«, »›…dichterisch wohnet
mit Nietzsche I
der Mensch …‹« und andere
Metaphysische Interpretation eines
Anti-Metaphysikers . . . . . . . . . . . . 174
Texte aus dem Umfeld
Unterwegs zum Geviert . . . . . . . . . 250
(Werner Stegmaier)
(Karsten Harries)
23. Auseinandersetzung
34. Die späten Texte über Sprache,
mit Nietzsche II
Das Rettende der Kunst . . . . . . . . . 181 Dichtung und Kunst
(Katrin Meyer) Befangen im Singen und Nennen . . . . 261
(Dieter Thomä)
24. Gespräch mit Hölderlin I
»Eigenes« und »Fremdes« . . . . . . . . 184 35. »Zeit und Sein«
(Katharina U. Kaiser) Schlussstück eines Denkens . . . . . . . 271
(Rainer Marten)
25. Gespräch mit Hölderlin II
Die Heroisierung Hölderlins
um 1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 II. Stichworte
(Kathleen Wright)
26. Interpretationen zur Vorsokratik 1. Sein
Frühgriechisches Denken und Zum Sinn von Sein und Seinsverstehen 279
Heideggers Projektionen . . . . . . . . . 200 (Dorothea Frede)
(Christian Iber)
2. Zeit
27. »Feldweg-Gespräche« Von der Grundverfassung des Daseins
Deuten im Wort . . . . . . . . . . . . . . 209 zur Vielfalt der Zeit-Sprachspiele . . . . 285
(Manfred Riedel) (Mike Sandbothe)
Inhaltsverzeichnis VII

3. Welt 4. Carl Schmitt


Ihre Erschlossenheit und ihr Entzug . . 290 Verschärfer und Neutralisierer
(Ruth M. Sonderegger) des Nationalsozialismus . . . . . . . . . 352
(Reinhard Mehring)
4. Sprache
Von der »Bewandtnisganzheit« zum 5. Ludwig Wittgenstein
»Haus des Seins« . . . . . . . . . . . . . 295 Diesseits des Pragmatismus –
(Dieter Thomä) jenseits des Pragmatismus . . . . . . . . 356
(Udo Tietz)
5. Mitsein
Variationen auf das Thema Gemeinschaft 304 6. Oskar Becker
(Florian Grosser) Vom »Dasein« zum »Dawesen« . . . . . 365
(Hans Sluga)
6. Wahrheit
Vom aufdeckenden Erschließen zur 7. Rudolf Carnap
Offenheit der Lichtung . . . . . . . . . . 308 Kommt nichts aus nichts? . . . . . . . . 369
(Dorothea Frede) (Simon Critchley)
7. Kunst 8. Frankfurter Schule
Werkästhetik als Ereignisästhetik . . . . 315 Faszinierte Distanz: Benjamin,
(Emmanuel Alloa) Horkheimer, Adorno, Habermas . . . . 374
(Christoph Demmerling)
8. Subjekt
Zwischen Weltbemächtigung und 9. Ernst Jünger
Selbsterhaltung . . . . . . . . . . . . . . 320 Kontroversen über den Nihilismus . . . 381
(Christoph Menke) (Friedrich Balke)
9. Seinsgeschichte 10. Karl Löwith
Vom »Aufgang« zum »Ereignis« . . . . . 328 Destruktion einer Überlieferungskritik 388
(Mark A. Wrathall) (Reinhard Mehring)
10. Ereignis 11. Heidegger-Marxismus
Was immer schon geschehen ist, Von der Ontologie zur Gesellschafts-
bevor wir etwas tun . . . . . . . . . . . . 335 theorie: Herbert Marcuse und andere . . 390
(Günter Seubold und Thomas Schmaus) (Christoph Demmerling)
12. Leo Strauss
»Here is the great trouble: the only great
III. Kontext und Wirkung thinker in our time is Heidegger« . . . . 395
(Dieter Thomä)
1. Philosophische Anthropologie
Von der Abwehr der anthropologischen 13. Hans-Georg Gadamer
Subsumtion zur Kulturkritik des Zur Phänomenologie des
Anthropozentrismus: Scheler, Plessner, Verstehens-Geschehens . . . . . . . . . 399
Gehlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 (Jean Grondin)
(Michael Großheim)
14. Günther Anders
2. Karl Jaspers Weltfremdheit und Natürlichkeit des
Zerfall einer »Kampfgemeinschaft« . . . 345 Menschen im technischen Zeitalter . . . 405
(Reinhard Mehring) (Dieter Thomä)
3. Jüdische Religionsphilosophie 15. Hans Jonas
Wechselnde Fronten von Verantwortung im technologischen
Franz Rosenzweig bis Martin Buber . . 349 Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
(Thomas Meyer) (Richard Wolin und Dieter Thomä)
VIII Inhaltsverzeichnis

16. Hannah Arendt 28. Gilbert Ryle


Liebe zur Welt . . . . . . . . . . . . . . . 412 Das gemeinsame Anliegen von
(Dieter Thomä) »Sein und Zeit« und Ryles »Begriff
des Geistes« . . . . . . . . . . . . . . . . 473
17. Hans Blumenberg
(Hans Bernhard Schmid)
Abweisung auf Umwegen . . . . . . . . 417
(Manfred Sommer) 29. Der amerikanische Pragmatismus
18. Hermann Schmitz und die Analytische Philosophie
Phänomenologie gegen Psychologismus, Heidegger – gegen die Erkenntnis-
Reduktionismus, Introjektionismus . . . 420 theorie ins Feld geführt . . . . . . . . . . 476
(Michael Großheim) (Charles B. Guignon)

19. Ernst Tugendhat 30. Das ostasiatische Denken


Die sprachanalytische Transformation Annäherungen zwischen fremden
der Philosophie Heideggers . . . . . . . 422 Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
(Holmer Steinfath) (Rolf Elberfeld)

20. Jean-Paul Sartre 31. Theologie


Anerkennung und Abweisung . . . . . . 425 Konstellationen zwischen
(Dominique Janicaud) Vereinnahmung und Distanz . . . . . . 491
(Matthias Jung und Holger Zaborowski)
21. Emmanuel Levinas
Bruch mit der Neutralität des Seins . . . 431 32. Sozialwissenschaften
(Werner Stegmaier) Verabschiedung, Vereinnahmung und
vorsichtige Aneignung . . . . . . . . . . 497
22. Maurice Merleau-Ponty (Hans Bernhard Schmid)
»Anwesen« und »Gestalt« . . . . . . . . 437
(David Fopp) 33. Psychiatrie, Psychoanalyse
und Psychotherapie
23. Paul Ricœur Wider das »Gestell« des Psychologischen 502
Der Sinn von »Dasein« – im Zeichen (Hinderk M. Emrich und Jann E. Schlimme)
des Anderen . . . . . . . . . . . . . . . . 444
(Burkhard Liebsch) 34. Musikwissenschaft
»Phänomenologische Grundlegung«
24. Michel Foucault einer Disziplin . . . . . . . . . . . . . . . 509
Prägung ohne Zentrum . . . . . . . . . 448
(Rainer Bayreuther)
(Martin Saar)
35. Literaturwissenschaft
25. Dekonstruktion Die poetologischen Quellen der
Strategien im Umgang mit der
seinsgeschichtlichen Subjektkritik . . . 512
Metaphysik: Derrida, Nancy,
(Anselm Haverkamp)
Lacoue-Labarthe und Irigaray . . . . . . 454
(Robert Bernasconi) 36. Medien- und Technikgeschichte
Oder: Heidegger vor uns . . . . . . . . . 520
26. Postmoderne (Friedrich Kittler)
Lyotard, Vattimo und die Idee der
»Verwindung der Moderne« . . . . . . . 464 37. Paul Celan
(Stefan Münker) Das »befremdete Ich« und die Sprache
des Seins . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523
27. Neue politische Philosophie (Jean Greisch)
Vom »schwachen Denken« zur
»antagonistischen« Demokratie: 38. Bildende Kunst
Zur Theorie der politischen Differenz 468 Zur Räumlichkeit des Werks . . . . . . . 529
(Oliver Marchart) (Kathrin Busch)
Inhaltsverzeichnis IX

39. Kino mit Heidegger V. Anhang


»Sterben« und »Ableben« in
Terrence Malicks »The Thin Red Line« 532 1. Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . 569
(Hubert L. Dreyfus)
2. Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . 570
40. Heidegger-Satire
Das Herrchen des Seins . . . . . . . . . 536 3. Die Autorinnen und Autoren . . . . 580
(Dieter Thomä)
4. Namenregister . . . . . . . . . . . . . 587
5. Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . 596
IV. Eine Chronik
Leben und Werk
Martin Heideggers im Kontext . . 541
(Dieter Thomä und Reinhard Mehring)
XI

Einleitung des Herausgebers


zur zweiten Auflage
1. Vorbemerkung zur zweiten Auflage. Als die erste nige zusätzliche Facetten der frühen Wirkung Hei-
Auflage dieses Handbuchs 2003 erschien, war es deggers berücksichtigt; hierfür stehen Beiträge zur
nicht die Absicht des Herausgebers, ein endgültiges jüdischen Religionsphilosophie (von Rosenzweig bis
Resümee zu ziehen oder gar das letzte Wort über Buber) und zu Oskar Becker. Der interdisziplinären
Heidegger zu behalten. Vielmehr ging es darum, auf Wirkung Heideggers wird in zusätzlichen Beiträgen
einer philosophischen Reise Rast zu halten und zum zur neuen politischen Philosophie italienischer und
Rück- und Ausblick einzuladen. Angesichts der wei- französischer Provenienz und zur Musikwissen-
ten Verbreitung und wohlwollenden Aufnahme, die schaft nachgespürt. Doch reicht Heideggers Wir-
diesem Handbuch zuteil wurde, hat es vielleicht ei- kung über den engen Kreis der Wissenschaften
nen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass diesem Phi- hinaus, die ihm selbst suspekt waren; reflektiert wird
losophen in der jüngsten Zeit ein reges Nachleben dies in Beiträgen zu Heideggers Einfluss auf die bil-
beschert war und der Streit um ihn nicht abgeflaut dende Kunst und den Film. – Der dem Leben Martin
ist. So haben sich der Herausgeber und die Autoren Heideggers gewidmete Teil IV konnte vor allem
dieses Handbuchs selbst unter Zugzwang gebracht. dank inzwischen veröffentlichter Korresponden-
Es ist Zeit für eine erneute, erneuerte Bestandsauf- zen – etwa der Briefe Martins an Elfride Heidegger –
nahme, zumal im letzten Jahrzehnt weitere wichtige mit vielen Details angereichert werden.
Heidegger-Schriften und -Briefwechsel aus Archi- Wiederum konnten renommierte Autoren ge-
ven ans Licht gebracht worden sind. wonnen werden, die sich bereit erklärt haben, neue
Gern ist der Herausgeber der Bitte des Verlages Beiträge zu liefern resp. bei der Überarbeitung be-
gefolgt, eine Neuauflage dieses Handbuchs heraus- reits vorliegender Beiträge mitzuwirken: Emmanuel
zubringen; sie gleicht in Teilen einer Neufassung. Alloa, Rainer Bayreuther, Kathrin Busch, Hubert
Der Umfang wurde wesentlich erweitert, es sind Dreyfus, Florian Grosser, Katharina Kaiser, Oliver
dreizehn neue Beiträge aufgenommen worden, alle Marchart, Thomas Meyer, Gerhard Richter, Thomas
alten Beiträge wurden revidiert und aktualisiert, Schmaus, Hans Sluga, Mark Wrathall und Holger
viele von ihnen – wie übrigens auch diese Einleitung Zaborowski.
selbst – wurden im Lichte neuer Textfunde und For-
schungsergebnisse stark verändert und erweitert. Es 2. Ein Handbuch will gebraucht werden. Wer ein Hei-
ist wohl sinnvoll, vorab die wichtigsten Neuerungen degger-Handbuch herausbringt, kommt nicht um-
kurz anzuzeigen. – In Teil I des Handbuchs, der Hei- hin, gleich über dieses Wort – ›Handbuch‹ – zu stol-
deggers Werk gewidmet ist, wurden neu ein Beitrag pern. Immerhin hat man es bei Heidegger mit einem
zu Heideggers Schiller- und Herder-Seminaren so- Philosophen zu tun, der die Sprache nicht auf die
wie vertiefende Beiträge zu seiner Hölderlindeutung leichte Schulter nimmt, und gerade die ›Hand‹
und Technikkritik aufgenommen. Diverse Neuver- bringt er zu unverhofften philosophischen Ehren.
öffentlichungen aus dem Nachlass, insbesondere ei- Was also hat es mit einem solchen ›Handbuch‹ auf
nige größere Abhandlungen aus den späten 1930er sich?
Jahren und Seminarnotizen aus den Jahren 1933–35, Man wähnt sich im Gefolge Martin Heideggers,
werden im Rahmen bereits vorliegender Beiträge ge- wenn man sagt, ein Handbuch sei ein Buch, das zur
würdigt. – Den Lesern der ersten Auflage wird auf- Hand nehme, wer es braucht. Demnach wäre es, so
fallen, dass der Aufbau des Handbuchs verändert meint man zu wissen, etwas »Zuhandenes«, auf des-
worden ist: Die bisher über Teil I verstreuten ›Stich- sen »Geeignetheiten« es nach Heidegger ankommt
worte‹ sind um der Verbesserung der Übersicht wil- (SZ 83). Wer auf dieses »Zuhandene« zugreift, mag –
len neu in einem Teil II zusammengefasst und durch so wäre zu ergänzen  – geleitet sein von einer
neue Beiträge zu »Sprache«, »Mitsein«, »Kunst« und »eigene[n] Sichtart, die das Hantieren führt« (SZ 69).
»Seinsgeschichte« ergänzt worden.  – Es liegt nahe, So sehr Heidegger freilich dem Handhabbaren
dass sich die umfänglichsten Erweiterungen in Teil zugeneigt war, so groß war sein Misstrauen gegen
III zu Heideggers Wirkung finden. Neu werden ei- philosophischen finger food, der etwa auf den von
XII Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage

ihm verpönten Abendeinladungen (vgl. GA 29/30, Wege ein. Wenn in der Bandbreite der Beiträge – wie
165 ff.) verabreicht werden könnte. Einem Hand- ich hoffe  – ein Vorzug dieses Handbuchs gesehen
buch, das dazu diente, hätte Heidegger wohl entge- werden kann, so müssen die Leser doch damit zu-
gengehalten, sein Denken künstlicher Schematisie- rechtkommen, dass sie nicht nur auf verschiedene
rung oder geschwätziger Trivialisierung auszuset- Inhalte, sondern auch auf verschiedene Formen der
zen. Darstellung, auf verschiedene Denkweisen treffen.
Von solchen Vorbehalten, die ja von vielen Auto- Es wäre nicht nur unmöglich, sondern geradezu ir-
ren gegen den Umgang mit ihrem Werk gepflegt reführend und seltsam reizlos, würde man allen Bei-
werden, muss man sich nicht ins Bockshorn jagen trägen einen gleichmäßig berichtenden Ton auf-
lassen – erst recht nicht, wenn darin der Eigendün- zwingen und Forschungskontroversen nur nebenbei
kel eines Denkens zum Ausdruck kommt, das sich bereden. So ist dieses Buch das Ergebnis eines Balan-
selbst genug ist. Gleichwohl sollte man Heideggers ceakts. Es wird über Philosophie berichtet – und es
Vorbehalte nicht vom Tisch wischen. Denn in der wird philosophiert. Es geht um Heidegger – und um
Tat wäre es unsinnig, in einem ›Handbuch‹ über ei- den philosophierenden Umgang mit ihm. Der avan-
nen Philosophen nur handfeste Informationen zur cierte Stand der Forschung soll erkennbar werden.
Nutzung gemäß vorab gewählter »Sichtarten« zur Die eigentliche Überraschung bei der Vorberei-
Verfügung zu stellen – geht es doch in der Philoso- tung der ersten und zweiten Auflage des Handbuchs
phie darum, Sichtarten aufs Spiel zu setzen, also z. B. bestand für mich darin, dass sowohl notorische Hei-
zu fragen, was es genau heißt, zu ›brauchen‹, zu ›se- degger-Kritiker wie auch Philosophen, die eng
hen‹ oder sich in einer Welt zurechtzufinden, oder (manchmal gar ex officio) mit Heidegger verbunden
wann überhaupt etwas ein ›Gegenstand‹ wird, den sind, ohne Zögern und ohne Vorbehalte ihre Bereit-
man zur ›Hand‹ nehmen könnte. So geht es hier um schaft zur gemeinsamen Arbeit erklärt haben. So ist
Sicht- und Lebensarten – in Heideggers Lesart. Dieses es gelungen, führende Heidegger-Forscher aus ganz
›Handbuch‹ will für diejenigen brauchbar sein, die verschiedenen Generationen, aus äußerst gegensätz-
sich rundum für seine Deutung des menschlichen lichen Schulen, aus Deutschland, Frankreich, Eng-
Welt- und Selbstverständnisses und für deren Kon- land, Italien, Kanada, den USA und der Schweiz zu-
text und Wirkung interessieren. sammenzubringen, um Werk, Wirkung und Leben
Es ist wohl keine Schande, dass ein Buch, das die- Heideggers in umfassender Weise zu behandeln. Of-
ser Aufgabe gewidmet ist, doch ein bisschen un- fenbar nähert sich die Zeit der Polarisierungen ih-
handlich ausfällt, und vielleicht ist es auch verzeih- rem Ende, und dieses Buch scheint ein Nutznießer
lich, dass dieses Handbuch  – was Größe und Ge- davon zu sein. Man darf in dieser Entwicklung ein
wicht betrifft – Gefahr läuft, eher für Sperr-Gut als gutes Zeichen sehen – freilich nur dann, wenn nun
für Hand-Gepäck gehalten zu werden. Doch es will nicht die Stunde der Philosophiegeschichte schlägt,
sich den Lesern nicht versperren, sondern ihnen mit der Heideggers Denken an die Kette der Tradi-
Heidegger zugänglich machen. Es lädt dazu ein, sich tion gelegt (oder: stillgelegt) wird. Diese Stunde wird
näher mit ihm zu beschäftigen, und soll dazu die- hier nicht eingeläutet.
nen, Vorurteile aller Art  – negative wie positive –,
die über ihn in Umlauf sind, zu überprüfen. 3. Hinweise zum Gebrauch. Einer der Autoren hat die
Wer sich mit einer Philosophie wie derjenigen Arbeit an diesem Buch gesprächsweise mit einem
Martin Heideggers beschäftigt, darf die Mittel, die Kreisspiel verglichen, das unter Kindern sehr beliebt
hierbei zum Einsatz kommen, nicht gleichgültig be- ist: Jemand malt den Kopf eines Menschen, faltet
handeln. Seine Philosophie ist nicht nur als Gegen- dann das Papier so um, dass an der Kante nur noch
stand abrufbar; mit ihrer Infragestellung herkömm- die zwei letzten Linien seiner Zeichnung zu sehen
licher Denkmuster und mit ihrer Suche nach einer sind, und gibt das Blatt an seinen Nachbarn; dieser
eigenen Sprache sträubt sie sich dagegen, ›einfach malt den Hals des Menschen, faltet wieder um, gibt
so‹ dargestellt zu werden. Wieweit man diesem weiter … und so fort, bis der Mensch fertig gemalt
Sträuben stattgeben soll, ist unter denen, die Hei- ist. Die Arbeit an diesem Handbuch hatte für die Au-
degger lesen, umstritten. Überhaupt gehört Hei- toren eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem Kinder-
degger neben Hegel und Nietzsche zu den umstrit- spiel, denn sie haben ausschnitthaft einen Beitrag zu
tensten unter den großen Denkern. Weil der Streit einem Bild geleistet, das nun eigentlich erst die Leser
um Heidegger so tief geht, schlagen auch die Auto- ganz unvoreingenommen betrachten können. Sie
ren der Beiträge in diesem Handbuch verschiedene sind eingeladen, gezielt Aufschluss über Einzelthe-
Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage XIII

men zu suchen oder aber sich von einem Gesichts- bringen (wie etwa seine religionsphänomenologi-
punkt zum anderen leiten zu lassen, bis sich ihr Bild schen Vorlesungen) oder aber durch ein gemein-
rundet. sames Thema geeint sind; im letzteren Fall wer-
Nach welchen Regeln wird bei der Zeichnung die- den ggf. Texte aus einem längeren Zeitraum zu-
ses Heidegger-Bildes vorgegangen? Nicht kleintei- sammengefasst  – dies gilt etwa für Heideggers
lige, lexikalische Einträge, sondern eigenständige Auseinandersetzung mit dem deutschen Idealis-
Artikel sind hier versammelt worden. Angesichts des mus, aber auch für die Hölderlin-Interpretatio-
enormen Umfangs von Heideggers veröffentlichtem nen. Die Platzierung dieser Beiträge innerhalb
Werk, das auch in Zukunft durch neues Material der Chronologie orientiert sich daran, wann Hei-
vermehrt werden wird, ist Vollständigkeit nicht er- degger besonders intensiv mit dem jeweiligen
reichbar. Die wichtigen Schriften werden ausführ- Thema befasst war.
lich vorgestellt; doch nicht jedem kleineren Aufsatz
Heideggers wird eine Inhaltsangabe gewidmet, sonst Im I. Teil des Handbuchs wird damit eine grobe
wäre am Ende der Wald vor lauter Bäumen (oder: Gliederung von Heideggers Entwicklung erkennbar.
der Holzweg vor lauter Wegmarken) nicht mehr zu Eine erste Gruppe von Beiträgen ist der Entfaltung
sehen gewesen. Ein weiter Bogen der Heidegger-Re- seines Denkens gewidmet, die in Sein und Zeit gip-
zeption wird dargestellt; doch nicht alle Facetten felt, sich hier aber auch schon bricht. Auf die Dar-
können Erwähnung finden. Angesichts der äußeren stellung von Heideggers Krise, wie sie im NS-Enga-
Grenzen, die einem solchen Buch gesetzt sind, wäre gement ihren Ausdruck findet, folgt dann eine Reihe
die Einbeziehung weiterer Themen nur möglich ge- von Artikeln, die ihn in der Rolle des Interpreten
worden, hätte man den Umfang der Einzelbeiträge zeigen, ihn aber auch neue Wege in seinem Denken
so weit verringert, dass es ihnen die eigene Sprache beschreiten sehen; hier geht es vor allem um Texte
verschlagen hätte. der 1930er und 40er Jahre. Die letzte Gruppe von
Dieses Handbuch besteht aus vier Teilen und ei- Beiträgen schließlich zeigt Heidegger wieder stärker
nem ausführlichen Anhang. Die Darstellung von in der Konzentration auf die »Sache des Denkens«.
Heideggers Werk im I. Teil ist chronologisch aufge- Insgesamt kann man sagen, dass der ›frühe‹ Hei-
baut. Hierbei ist zu beachten, dass Heidegger seine degger (mit dem Höhepunkt Sein und Zeit)  – und
Schriften in durchaus ungewöhnlicher Form vorge- der ›späte‹ Heidegger (mit den Texten etwa nach
legt hat. Außer Sein und Zeit und Kant und das Pro- 1933) ungefähr gleich viel Gewicht erhalten.
blem der Metaphysik gibt es von ihm keine monogra- Im II. Teil des Handbuchs werden jene textbezo-
phischen Werke im herkömmlichen Sinn. Die ande- genen Beiträge ergänzt durch solche, in denen Be-
ren Bücher, die er zu Lebzeiten herausgebracht hat, griffe, die in Heideggers Denken eine zentrale Rolle
basieren entweder auf Vorlesungen (wie die Nietz- spielen, verhandelt werden (etwa »Sein«, »Welt«,
sche-Bände oder Der Satz vom Grund), oder sie ver- »Wahrheit«, »Kunst« oder »Ereignis«). Damit wird
sammeln einzelne Aufsätze, die meist auf Vorträge die Möglichkeit gegeben, sich über solche Begriffe
zurückgehen (wie die Holzwege oder Unterwegs zur jenseits einzelner Texte und Werkphasen kundig zu
Sprache). Dazu kommen weitere Vorlesungen und machen.
Abhandlungen (wie die Beiträge zur Philosophie), die Im III. Teil des Handbuchs geht es um Kontext
inzwischen aus dem Nachlass veröffentlicht worden und Wirkung Heideggers. Hier werden einige Den-
sind. Oft zieht sich die Behandlung eines Themas ker einbezogen, die eine herausragende Stellung ne-
über Jahrzehnte hin. ben Heidegger haben (z. B. Scheler und Wittgen-
Diese verschiedenen Werkformen erfordern ver- stein), vor allem aber diejenigen vorgestellt, die di-
schiedene Darstellungsweisen, weshalb sich im I. rekt oder indirekt von Heidegger beeinflusst oder
Teil des Handbuchs zwei verschiedene Typen von beeindruckt worden sind. Lässt man diese Namen
Beiträgen finden: Revue passieren, so trifft man auf eine wahrlich
– Zahlreiche Beiträge sind einem einzelnen heraus- stattliche Versammlung. Heidegger hat einen beein-
stechenden Werk, einer Vorlesung oder Abhand- druckenden Schülerkreis um sich geschart, aber
lung gewidmet (etwa Sein und Zeit, der Einfüh- auch indirekt eine gewaltige Wirkung entfaltet  –
rung in die Metaphysik, dem ›Humanismusbrief‹). selbst dort, wo er zur Kritik herausgefordert hat.
– Andere Beiträge befassen sich mit einer Gruppe Motive seines Denkens sind in den unterschiedlichs-
von Texten, die einen bestimmten Entwicklungs- ten Kontexten wieder aufgegriffen und weiterentwi-
schritt von Heideggers Denken zum Ausdruck ckelt worden – oft gerade zu einem Zeitpunkt, da der
XIV Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage

Verdacht aufkam, das Interesse an seiner Philoso- Der Anhang bietet ein Siglenverzeichnis, eine aus-
phie beginne zu erlahmen. Bei der Auswahl der be- gewählte Heidegger-Bibliographie, einen Überblick
handelten Autoren ist darauf geachtet worden, dass zur Sekundärliteratur sowie Hinweise zu den Auto-
diejenigen, die als »selbständige Fortführer Heideg- ren und Register. Zur Erleichterung der Lektüre
gerscher Anstöße« gelten können (Gadamer 1988 seien aber schon an dieser Stelle einige formale Er-
/1999, 138), gegenüber ›Heideggerianern‹, die die läuterungen zur Zitierweise gegeben:
Pfade von dessen Denkweg nur ausgetreten haben, – Hervorhebungen in Zitaten sind, sofern nicht an-
den Vorzug erhalten. ders vermerkt, immer original.
Wie erklärt sich die Anordnung der Beiträge in – Der Nachweis der meisten Heidegger-Zitate (hier
diesem III. Teil? Zunächst geht es um die deutsche in dieser Einleitung wie auch im ganzen Band) er-
Diskussion, die zu einem guten Teil dann zu einer folgt mit Kürzeln, die im Siglenverzeichnis aufge-
Diskussion unter Emigranten wird; die Reihenfolge löst werden. Auf andere Quellen wird im Text un-
richtet sich wiederum nach der Chronologie, d. h. in ter Angabe des Autors und der Jahreszahl verwie-
diesem Fall nach dem Geburtsjahr der Protagonis- sen; die genauen bibliographischen Angaben
ten. Manchmal bietet es sich an, eine ganze Gruppe hierzu finden sich dann jeweils am Ende der ein-
von Autoren in ihrem Verhältnis zu Heidegger ge- zelnen Beiträge in einem eigenen Literaturver-
meinsam abzuhandeln; in diesen Fällen erfolgt die zeichnis.
chronologische Einordnung jeweils gemäß dem Ge- – Diese einzelnen Literaturverzeichnisse, die die
burtsjahr des ältesten diskutierten Autors; deshalb Autoren der Beiträge zusammengestellt haben,
steht etwa die Diskussion der Philosophischen An- sind die wichtigste Quelle für die gezielte Suche
thropologie mit Max Scheler (*1874) am Anfang des nach Literatur zu einem Einzelthema. Ergänzt
III. Teils, der Beitrag zur Frankfurter Schule wird werden sie durch ein Literaturverzeichnis im An-
nach Walter Benjamin (*1892) eingeordnet etc. In hang am Ende des Bandes, das nicht alle zuvor ge-
der gleichen Weise ist die Darstellung der Diskus- nannten Titel nochmals aufführt, sondern eine
sion in Frankreich, Italien, im englischsprachigen kleine Auswahl daraus, ergänzt durch weitere Ti-
und ostasiatischen Raum angeordnet. Schließlich tel, in einem thematisch geordneten Überblick
wird über die Philosophie selbst hinausgeblickt und zusammenfasst.
das Spektrum um andere Disziplinen erweitert, in
denen Heideggers Einfluss besonders deutlich spür- 4. Warum diese Wirkung? Heideggers früher Schüler
bar ist. Im Anschluss daran richtet sich der Blick Karl Löwith sah sich als dessen »Unteroffizier« (zit.
über Philosophie und Wissenschaften hinaus auf die nach Donaggio 2004, 129). Für die Übermacht des
Künste, darunter auch auf die besondere Beziehung Lehrers spricht auch die Bemerkung Hans-Georg
zwischen Heidegger und Paul Celan. Am Ende folgt Gadamers, ihn habe bei seiner Arbeit »immer […]
als Hinweis darauf, dass Philosophie nicht immer das verdammte Gefühl« begleitet, »Heidegger gu-
ernst zu nehmen ist, ein Beitrag über die Heidegger- cke« ihm »über die Schulter« (Gadamer 1977/1999,
Satire. 491). Mit diesem Gefühl könnten sich viele Philoso-
Im IV. Teil folgt schließlich eine umfangreiche phen der letzten fast hundert Jahre anfreunden.
Chronik zum Leben Heideggers. Hier wird der Ver- Wenn man Heideggers Wirkung überblickt, kommt
such gemacht, wichtige biographische Daten in aus- unweigerlich die Frage auf, was denn noch als ›das
führlicher und zuverlässiger Form zu dokumentieren. Heideggersche‹ identifizierbar ist, wenn man etwa
Dazu gehören auch detaillierte Hinweise auf Hei- Paul de Man (s. Kap. III.35) und Hubert Dreyfus
deggers Vorträge und Veröffentlichungen. Darüber (III.29), Rudolf Bultmann (III.31.3) und Ernst Tu-
hinaus werden die Beziehungen Heideggers zu den gendhat (III.19), Leo Strauss (III.12) und Günther
Zeitläuften durch Informationen und Zitate illus- Anders (III.14) nebeneinander sieht oder wenn man
triert. Es ist frappierend festzustellen, dass ein Den- sich fragt, warum Jean-Paul Sartre (III.20) und Mi-
ken, das sich der Zurückhaltung oder des Rückzugs chel Foucault (III.24), deren Denken ohne Hei-
befleißigt (»Die Hirten wohnen unsichtbar und au- degger jeweils ›undenkbar‹ wäre, zu den Intimfein-
ßerhalb des Ödlands der verwüsteten Erde«; VA 93), den der französischen Nachkriegsphilosophie ge-
mit Kommentaren zu aktuellen Ereignissen durch- worden sind.
setzt ist. Deutlich zeigt sich inzwischen auch, dass Hei- Dass Heidegger sich in den Dienst der Frage nach
deggers Leben bei aller Konzentration auf das Werk dem »Sein« (GA 1, 56), gar in den Dienst einer
eine politische und private Berg- und Talfahrt war. »Sage« (US 214 f., 262) stellte, hat in keiner Weise
Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage XV

dazu geführt, dass nun in seiner Nachfolge ein die die Texte von der Frühzeit bis in die späten Jahre
Thema auf der Tagesordnung stünde. Heidegger verbindet.
selbst hätte die Breite, aber auch Disparatheit der Wer die Frage nach dem inneren Zusammenhang
Deutung und Weiterführung seines Werkes wohl von Heideggers Denken stellt, tut gut daran, auf
mit gemischten Gefühlen betrachtet. In der Tat liegt seine frühen Vorlesungen zurückzugehen. Anfang
eine gewisse Ironie darin, dass sein »Einblick in das der 1920er Jahre bemerkt er: »Die Kategorien […]
was ist«, dieses Werk, in dem das Denken im Ge- sind in ursprünglicher Weise im Leben selbst am Le-
dachten, das Persönliche in einer Sache verschwin- ben« (GA 61, 88). Heidegger greift hier den klassi-
den wollte, derart auseinanderstrebende Auslegun- schen Systemgedanken der Philosophie auf und
gen nach sich gezogen hat. Man mag dies gutheißen wendet ihn zugleich kritisch um: Eine Ordnung soll
oder bedauern – ein solches Handbuch hat die Auf- enthüllt werden, doch der Weg zu ihr erfolgt über
gabe, sie zu schildern. den Sturz in die Zeit. Diese Denkfigur, die in seinem
Wenn Heideggers Vorwort zu seinem Nietzsche- Werk eine zentrale Rolle spielt, hat zu weit auseinan-
Buch mit dem Satz beginnt: »›Nietzsche‹ – der Name dergehenden Auslegungen angestiftet. Einerseits
des Denkers steht als Titel für die Sache seines Den- lässt sich hier eine Hinwendung zur konkreten ge-
kens« (N I, 9), so stellt sich mit Blick auf Heidegger schichtlichen Situation vermerken, andererseits
die Frage, worin genau die Sache (im Singular) beste- scheint eine grundlegende, ursprüngliche Ausle-
hen mag. Diese Frage scheint dann müßig zu sein, gung des menschlichen Lebens intendiert. Diese
wenn man sein Werk als einen Steinbruch betrach- zwei Seiten können zusammenfinden in der Idee,
tet, aus dem jeder ein für seine Zwecke besonders der ›Ursprung‹ sei nur im ›Zeitlichen‹ anzutreffen,
brauchbares Stück herausschlagen kann. Freilich ist er liege im zeitlichen Lebensvollzug selbst – und nir-
diese neuerdings beliebte Metapher durchaus irre- gendwo anders. Diese Idee bringt Heidegger mit der
führend. Weder ein philosophisches Werk noch ein Formulierung von der »Ontologie der Faktizität«,
Steinbruch setzen sich aus vollkommen disparatem der »eigenen Zeit und Generation«, schon im sog.
Material zusammen. So legitim und produktiv es ist, Natorp-Bericht von 1922 zum Ausdruck (GA 62,
einzelne Elemente aus einem philosophischen Werk 364, 366); daran wird Michel Foucault mit der »on-
herauszugreifen und weiterzuentwickeln, so legitim tologie de nous-mêmes«, der »ontologie de l ’ actua-
und produktiv ist es, den Zusammenhang dieser Ele- lité« anknüpfen, ohne jene frühe Formulierung Hei-
mente mit anderen aus derselben Quelle zu rekon- deggers schon gekannt haben zu können (Foucault
struieren, also – um der Metapher treu zu bleiben – 1984/1994, 687 f.). Gegen eine solche Subversion des
dem Verlauf einer ›Gesteinsschicht‹ nachzugehen. Fundamentalismus wird dann allerdings Heideggers
Getrieben ist eine solche Untersuchung nicht von eigene Bemühung ins Feld geführt, einen eigentli-
historischem, sondern von sachlichem Interesse, chen Ursprung hinter dem Zeitlichen zu avisieren –
denn es stellt sich jeweils die Frage, in welchen Zu- etwa gemäß der Steigerung: »Über der Historie steht
sammenhängen oder Assoziationen ein einzelner die Geschichte. In der Geschichte waltet das Ge-
›Philosophischer Brocken‹ steht  – und bei der Be- schick« (GA 75, 218). Hier scheint er sich nur auf die
antwortung dieser Frage hilft ein Blick auf dessen Zeit einzulassen, um sich über sie erheben zu kön-
›nächste Verwandten‹. Durch deren Einbeziehung nen.
stößt man auf systematische Gesichtspunkte, die Wenn Heidegger Alltäglichkeiten analysiert wie
man sonst vielleicht übersehen hätte. Im Grunde ist den Blick auf die Uhr (BZ 8 ff., 19 ff.), das Betreten
es leichtfertig, ohne weitere Rechtfertigung ein ein- des Katheders (GA 56/57, 71 f.), den Gang über die
zelnes Stück gewaltsam aus einem Werk herauszu- Brücke (VA 146 ff.) oder die Nutzung von Energie
brechen. In diesem Handbuch soll der Versuch un- (VA 18 ff.), so bleibt deshalb doch umstritten, ob er
ternommen werden, sowohl die gezielte Beschäfti- hier vom Kleinsten ins Größte kommt – oder vom
gung mit einzelnen Teilen von Heideggers Werk zu Größten über das Kleinste hereinbricht. Einerseits
befördern wie auch dessen inneren Zusammenhang wird als Grund für seine Wirkung angeführt, er habe
zu erschließen. Zwar bin ich kein Anhänger der Les- die Philosophie zu den Phänomenen des Alltags zu-
art, Heidegger sei lebenslang von dem »Selben« ge- rückgebracht; andererseits wirkt sein Denken anzie-
leitet worden; dass es zu jenen Extremen in der Re- hend aufgrund der häufig wiederkehrenden Geste
zeption gekommen ist, erklärt sich m. E. aber nicht der Verwesentlichung und Überbietung, wonach
aus der inneren Disparatheit von Heideggers Werk, beispielsweise »nicht die vielberedete Atombombe
sondern allein aus dem extremen Verlauf der Linie, […] das Tödliche« sei, sondern etwas Grundlegen-
XVI Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage

deres (GA 5, 294). Von außen betrachtet, ist es ge- zukapseln. Mag Heideggers Wirkung auch weitläu-
rade die Verschränkung dieser zwei Bewegungen, fig sein, so reißt er doch zugleich eine Kluft auf, die
die Heideggers Werk für viele so attraktiv erscheinen ihn von all jenen trennt, welche nicht genau in ›sei-
lässt. ner‹ Sprache und nicht genau in ›seinem‹ Sinne den-
Hält man sich an die Anfänge von Heideggers ken. Damit betreibt er auch eine Immunisierung ge-
Philosophieren, so kann man sicher sagen, dass in gen äußere Einwände, und sie leistet Heidegger gute
seinem Werk  – wie bei vielen seiner Zeitgenossen Dienste, um die Kritik an seinem NS-Engagement
(Walter Benjamin, Robert Musil, Hermann Broch, pauschal abwehren zu können. (Man kann dies als
Gottfried Benn etc.) – die Erschütterung durch die »Tautolektik«, als Heimreden ins »Selbe« bezeich-
Geschehnisse des Ersten Weltkriegs spürbar ist. Die nen; vgl. Marten 1991, 178.) Wer allein ist, kann sich
Ursachen dieses »großen Bruchs« reichen freilich darin sonnen, unangreifbar zu sein; er ist dies frei-
noch weiter zurück (vgl. Ingold 2000). Auf diese his- lich nur mangels der Beteiligung anderer, nicht aus
torischen Umstände darf verwiesen werden, auch eigener Kraft. Was aber, wenn er nur nicht Willens
wenn man es nicht darauf abgesehen hat, Heidegger oder in der Lage ist, seine Umgebung wahrzuneh-
zum Sprachrohr der Geschichte – welcher? – herab- men?
zuwürdigen; dies wäre ein zugleich arrogantes und In der Nachkriegszeit hat Heidegger sich in der
museales Ansinnen. (Ob die Selbstverständlichkeit Tat immer heftiger darum bemüht, die Unanfecht-
des Lebens durch den Ersten Weltkrieg in Scherben barkeit oder Unanfälligkeit seines Denkens sicher-
ging, darf hier auch deshalb außer Acht bleiben, weil zustellen; angesichts dieser Entwicklung gibt es
die Philosophie schon von Haus aus mit ihr auf dem viele  – unter ihnen der Herausgeber dieses Hand-
Kriegsfuß steht; dies ist seit Sokrates ihr Kennzei- buchs –, die die umgekehrte Richtung einschlagen
chen.) Dass Heidegger sich dazu herausgefordert und sich am liebsten in der Werkstatt der frühen
sieht, die Philosophie einer grundlegenden Revision Jahre, nämlich bei Heideggers Freiburger Vorlesun-
zu unterziehen, ist jedenfalls ein wesentlicher Grund gen der Jahre 1919 bis 1923 (GA 56–63), aufhalten.
für die enorme Faszination, die schon von seinen Wenn Heidegger den Lesern mit seiner Tendenz
ersten Vorlesungen um 1920 ausgeht. Mit den zahl- zur Selbst-Immunisierung die Kritik verleiden will,
reichen Neubildungen seiner eigentümlichen Spra- so darf man sich doch zugleich von seinem eigenen
che scheint er auf die Krise der Moderne zu reagie- Drängen auf radikale Infragestellung zur Auseinan-
ren: Auch bei der Verständigung über diese Krise dersetzung mit ihm ermutigt fühlen. Bei der Kritik
darf demnach kein Stein auf dem anderen bleiben. an ihm muss man freilich darauf achten, nicht der
Bezeichnend für Heideggers Wendung gegen die eigenen Bequemlichkeit zu erliegen: Es wäre fahrläs-
Selbstverständlichkeit ist noch seine Antwort auf die sig, sich gegenüber Heidegger im eigenen »Vorver-
Frage, ob er einen »gesellschaftlichen Auftrag« der ständnis«, als wäre es ein Sofa, gemütlich einzurich-
Philosophie sehe, in einem Fernsehinterview 1969: ten.
»Nein! – In diesem Sinne kann man von einem ge- Die Heidegger-Forschung der letzten Jahrzehnte
sellschaftlichen Auftrag nicht sprechen! Wenn man war gezeichnet von zwei durchaus verschiedenen
diese Frage beantworten will, muß man zuerst fra- Tendenzen. Auf der einen Seite hat die Breite der von
gen: ›Was ist Gesellschaft?‹« (GA 16, 702 f.) In der ihm erörterten Themen – von der Erkenntnistheorie
Tat wirkte es ziemlich hohl, würde man Heidegger bis zur Frage nach der Technik, vom »Sein zum
etwa im Brustton der Überzeugung vorhalten, ihm Tode« (SZ 260) bis zum Wesen des »Kruges« (VA
fehle das Interesse an der »Gesellschaft«, solange 158 ff.), von den Vorsokratikern bis Paul Klee – so-
man nicht angeben kann, was man genau meint, wie die lange, gewundene Entwicklung von Hei-
wenn man von »Gesellschaft« redet. deggers Denken Anlass zur Diversität seiner Wir-
Heidegger selbst will keine begrifflichen Maß- kung gegeben; es gibt eine unübersichtliche Fülle
stäbe an sich legen lassen, die aus seiner Sicht das Ni- von positiven wie auch kritischen Bezugnahmen.
veau seines eigenen Fragens unterbieten. Auf diese Auf der anderen Seite haben die Kluft, die er zwi-
Weise dramatisiert er die Unterscheidung zwischen schen sich und seinen Kritikern aufreißt, und der
seinem ›eigenen‹ Denken und äußeren Anwürfen. Skandal seines NS-Engagements zu einer Polarisie-
Damit erscheint die Bildung einer eigenen Sprache rung der Diskussion über Heidegger geführt; so lässt
allerdings plötzlich in einem anderen Licht: Sie wirkt sich eine erhebliche Zahl von Stellungnahmen dem
nun nicht als Versuch, um das Verständnis seiner ›Pro und Contra‹ entlang einer scharf gezeichneten
Zeit zu ringen, sondern als Versuch, sich von ihr ab- Front zuordnen. Fast scheint es, als könnte am Ende
Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage XVII

in der Mitte dieses in sich gespaltenen Tauziehens milie, Freundschaft, Beruf, Politik, Ruhm, – alles ist
um Heidegger nichts anderes übrig bleiben als ein bis ins Innerste von dieser Dämonie des vom Schöp-
gordischer Knoten. Eine Hauptaufgabe dieses Hand- ferischen Getriebenen (nur Schöpferischen) ge-
buchs besteht darin, eben dieses Ergebnis zu verhin- schüttelt, immer am Rande des Abgrunds, – dort wo
dern. allein das Große ganz erschaut wird. Nur wer hart
Man könnte meinen, die enorme Wirkung Hei- am Abgrund steht, blickt ganz in die Tiefe.« (Kurt
deggers sei teilweise der Tatsache geschuldet, dass er Bauch 1951 in Heidegger/Bauch 2010, 162)
in der Tat unumgängliche Fragen gestellt, in seinen »Was war das Ungewöhnliche an ihm? Sicherlich
Antworten aber Entscheidendes jeweils knapp ver- vor allem, daß er die herkömmliche Fachsprache
fehlt habe. Diese Auffassung ist jedenfalls im Blick zwar nicht ganz vermied, aber doch in die Unmittel-
auf seine Deutungen der Zeit, des Todes, der Spra- barkeit seiner eigenen Sprache nur gelegentlich ein-
che, der Gemeinschaft und der Technik vertreten baute. Seine eigene Sprache aber war so, daß man bei
worden. Manchmal hängt die Virulenz eines Den- jedem seiner Sätze etwas sah, und zwar nicht als ein
kens auch mit dem zusammen, was man schmerz- vorübergehendes Aufblitzen, sondern wie etwas
lich an ihm vermisst. Da der Herausgeber dieses Rundes und Plastisches, das man von allen Seiten
Bandes als Heidegger-Kritiker gilt, mögen manche betrachten lernte, so daß es wie leibhaftig da war. Er
den Verdacht hegen, hier sei ›der Bock zum Gärtner‹ erfüllte wahrlich die Parole der Phänomenologie, die
gemacht worden; zum Trost derer, die um die Aner- Sachen selbst zu anschaulicher Gegebenheit zu brin-
kennung von Heideggers herausragender Bedeutung gen. Die Sachen aber waren nicht irgendwelche, son-
besorgt sind, sei deshalb darauf hingewiesen, dass dern immer die zentralen Fragen, die eine aufge-
Kritik und Anerkennung sich nicht ausschließen. wühlte Generation auf dunkle Weise mit sich her-
»In der Philosophie gibt es viele Fehler, die begangen umtrug […]. Die dramatische Spannung dieser
zu haben keine Schande ist; einen erstrangigen origi- Vorlesung schlug das ständig wachsende Audito-
nären Fehler zu machen ist alles andere als einfach rium in seinen Bann. Vor allem in Marburg fanden
und bedarf einer (einer) Form philosophischen Ge- die dortigen Studenten der Theologischen und Phi-
nies.« (Austin 1956/1986, 269; Übers. geänd.) losophischen Fakultät, daß sie als Teilnehmer an die-
Wenn in der Zeit um 1800 Kant und Hegel über sen Vorlesungen zu einer Art Erwählten gehörten.
die anderen Philosophen hinausragen, wenn im spä- Was sich da übertrug, war Entschlossenheit und
ten 19. Jahrhundert Nietzsche heraussticht, so gilt Ernst  – aber auch eine innere Sicherheit, die eine
dies im 20. Jahrhundert zweifellos für Heidegger einzigartige Überzeugungskraft ausstrahlte. Es war
und Wittgenstein. Doch eine solche Bewertung Sprachkraft, nicht eigentlich Stilkunst. Es war Tief-
bliebe ein »trockenes Versichern« (wie Hegel sagen sinn und niemals bloßer Scharfsinn, und all das ver-
würde), wenn ihr nicht eine Anerkennung in philo- bunden mit einer fast bäuerlichen Schlichtheit und
sophischer Manier entspräche. Sie besteht darin, Einfachheit im Gehaben.« (Gadamer 1989)
dass man zeigt, welcher Streit um Heidegger ausge- »Man muß bis zu Hegel zurückgehen, um einen
fochten, also: welcher Streit ihm zu verdanken ist. anderen Professor der Philosophie zu finden, der das
Denken Deutschlands  – nein: Europas  – in ver-
5. Porträts. Da dieses Handbuch mit seiner langen gleichbarer Weise beeinflußt hat. Aber Hegel hatte
Reihe von Artikeln ein aus vielen Einzelteilen beste- einige Zeitgenossen, die ihm an Kraft ebenbürtig
hendes Bild präsentiert, sollen hier zum Ausgleich waren oder die mit ihm zu vergleichen waren, ohne
einige kurze Texte zitiert werden, in denen der Ver- daß dies von vornherein abwegig wirkte. Heidegger
such gewagt wird, ein Porträt Heideggers zu zeich- übertraf alle seine Zeitgenossen bei weitem. Dies
nen. Sie werden kommentarlos wiedergegeben. war erkennbar, lange bevor er der allgemeinen Öf-
»Dieses Leben war – so normal und bürgerlich es fentlichkeit bekannt wurde. Sobald er die Szene be-
in seinen äußeren Formen verlief – ja, grade deswe- trat, stand er in deren Mittelpunkt und begann sie zu
gen vielleicht – durchstoßen und durchtobt von den beherrschen. Seine Herrschaft wuchs gleichmäßig in
Leidenschaften und Überanstrengungen des Schaf- Ausmaß und Tiefe. Er gab der vorherrschenden Un-
fens. Und dem ist vieles geopfert worden, viel Glück, ruhe und Unzufriedenheit angemessenen Ausdruck
Glück von ihm selbst, Glück von andern. Und so aufgrund seiner Klarheit und Sicherheit  – wenn
kam die Dämonie der Größe – die in dieses Freibur- nicht im Hinblick auf den ganzen Weg, der zu be-
ger Philosophenleben nicht paßte – bis an den Kern, schreiten war, so doch über die ersten und entschei-
das Innerste des Lebens: Religion (Gott), Liebe, Fa- denden Schritte. Die Gärung oder der Sturm ließen
XVIII Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage

freilich langsam nach. Schließlich wurde ein Zu- quem in der Weite des vornehmen Raumes, und
stand erreicht, den ein Außenseiter als Paralyse der man fühlte seinen Anordnungen und Bewegungen
kritischen Fähigkeiten zu beschreiben geneigt ist. das Unbehagliche an. Er forderte auch noch selbst
Das Philosophieren schien verwandelt zu sein in ein diesen Abstand heraus durch das Ungewöhnliche
Hören voll Ehrfurcht gegenüber den anfänglichen seiner Kleidung: eine Art Schwarzwälder Bauern-
mythoi Heideggers.« (Strauss 1956/1988, 246) rock mit breiten Aufschlägen und einem halb militä-
»Da war kaum mehr als ein Name, aber der Name rischen Kragen und dazu Kniehosen, beides aus
reiste durch ganz Deutschland wie das Gerücht vom dunkelbraunem Tuch – eine ›je eigene‹ Kleidung, die
heimlichen König. […] Das Gerücht erreichte da- das ›man‹ vor den Kopf stoßen sollte und die wir da-
mals diejenigen, welche mehr oder minder aus- mals belächelten […]. Heideggers Gesicht läßt sich
drücklich um den Traditionsbruch und die ›finste- nur schwer beschreiben, denn er konnte einen nie
ren Zeiten‹, die angebrochen waren, wußten; die anblicken, mit offenem Blick und auf längere Zeit.
daher die Gelehrsamkeit gerade in Sachen der Philo- Der natürliche Ausdruck seines Angesichts war: ar-
sophie für ein müßiges Spiel hielten und nur darum beitende Stirn, verhängtes Gesicht und niederge-
bereit waren, sich der akademischen Disziplin zu fü- schlagene Augen, die sich nur ab und zu mit einem
gen, weil es ihnen um die ›gedachte Sache‹ oder, wie sekundenlangen Aufblick der Situation vergewisser-
Heidegger heute sagen würde, um ›die Sache des ten. […] Seine Erkenntnis reichte genau so weit wie
Denkens‹ ging. […] Das Gerücht sagte es ganz ein- das Mißtrauen, dem sie entsprang. Die Frucht dieses
fach: Das Denken ist wieder lebendig geworden, die Mißtrauens war eine meisterhafte Kritik der beste-
totgeglaubten Bildungsschätze der Vergangenheit henden Tradition. […] Seine maßlose Kritik an al-
werden zum Sprechen gebracht, wobei sich heraus- lem Kultur- und Bildungsbetrieb zog uns an und
stellt, daß sie ganz andere Dinge vorbringen, als man stieß uns ab, während er selbst argwöhnisch die Ein-
mißtrauisch vermutet hätte. […] Es ist nicht Hei- und Ausgänge seines Fuchsbaus bewachte, in dem er
deggers Philosophie, von der man mit Recht fragen sich aber keineswegs wohl befand. Er litt unter seiner
kann, ob es sie überhaupt gibt (so Jean Beaufret), selbstgewollten Vereinzelung und machte des öftern
sondern Heideggers Denken, das so entscheidend Versuche zur Erweiterung seines menschlichen Um-
die geistige Physiognomie des Jahrhunderts mitbe- gangs, um sich alsbald wieder auf sich selbst zurück-
stimmt hat. Dies Denken hat eine nur ihm eigene zuziehen und in die Arbeit zu flüchten, die sein im
bohrende Qualität, die, wollte man sie sprachlich Grunde weiches und eindrucksfähiges Wesen ver-
fassen und nachweisen, in dem transitiven Gebrauch härtete und versteifte. Seiner Herkunft nach ein ein-
des Verbums ›denken‹ liegt. Heidegger denkt nie facher Mesnersohn, wurde er durch seinen Beruf
›über‹ etwas; er denkt etwas. […] Ich sagte, man zum pathetischen Vertreter eines Standes, den er als
folgte dem Gerücht, um das Denken zu lernen, und solchen negierte. Jesuit durch Erziehung, wurde er
was man erfuhr, war, daß Denken als reine Tätigkeit, zum Protestanten aus Empörung, scholastischer
und das heißt weder vom Wissensdurst noch vom Dogmatiker durch Schulung und existenzieller
Erkenntnisdrang getrieben, zu einer Leidenschaft Pragmatist aus Erfahrung, Theologe durch Tradition
werden kann, die alle anderen Fähigkeiten und Ga- und Atheist als Forscher, Renegat seiner Tradition
ben nicht so sehr beherrscht als ordnet und durch- im Gewande ihres Historikers. Existenziell wie Kier-
herrscht. Wir sind so an die alten Entgegensetzun- kegaard, mit dem Systemwillen eines Hegel, so dia-
gen von Vernunft und Leidenschaft, von Geist und lektisch in der Methode wie einschichtig im Gehalt,
Leben gewöhnt, daß uns die Vorstellung von einem apodiktisch behauptend aus dem Geiste der Vernei-
leidenschaftlichen Denken, in dem Denken und Le- nung, verschwiegen gegen andere und doch neugie-
bendigsein eins werden, einigermaßen befremdet. rig wie wenige, radikal im Letzten und zu Kompro-
[…] Das denkende Ich ist alterslos, und es ist der missen geneigt in allem Vorletzten – so zwiespältig
Fluch und der Segen der Denker, sofern sie nur im wirkte der Mann auf seine Schüler, die von ihm den-
Denken wirklich sind, daß sie alt werden, ohne zu al- noch gefesselt blieben, weil er an Intensität des phi-
tern.« (Arendt 1969/1989, 172–178) losophischen Wollens alle anderen Universitätsphi-
»H. hatte unter uns den Spitznamen ›der kleine losophen weit überragte.« (Löwith 1940/1986, 43–45)
Zauberer von Meßkirch‹. […] Die Herkunft aus den »Wer Heidegger ist und vor allem: wer er sein
engen Verhältnissen war auch später nicht zu ver- wird, wissen wir, sobald wir imstande sind, denjeni-
kennen. Als ich ihn 1933 in seinem Rektoratszim- gen Gedanken zu denken, den er […] geprägt hat.
mer aufsuchte, saß er verloren, mürrisch und unbe- […] Wer Heidegger ist, erfahren wir niemals durch
Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage XIX

einen historischen Bericht über seine Lebensge- durchweg aufgeschlossene Reaktion der vielen Kol-
schichte, auch nicht durch eine Darstellung des In- leginnen und Kollegen, die ich um Beiträge gebeten
haltes seiner Schriften. Wer Heidegger ist, wollen habe; erleichtert war ich, als viele Texte rechtzeitig
und sollen wir auch nicht wissen, wenn wir und so- bei mir eingingen und mir mein Groll über Verspä-
lange wir dabei nur die Persönlichkeit und die histo- tungen ebenso wenig verübelt wurde wie meine
rische Figur und das psychologische Objekt und Kommentare und Rückfragen; beglückt hat mich der
seine Hervorbringungen meinen. […] Heidegger Austausch und die gemeinsame inhaltliche Arbeit
selbst hat sich zu einer zweideutigen Gestalt gemacht mit den vielen geschätzten Heidegger-Forschern.
[…]. An uns liegt es, hinter dieser Zweideutigkeit das Reiner Ansén, Brigitte Flickinger und Dunja Jaber
Vorausweisende und Einzige, das Entscheidende und haben mit ihren Übersetzungen die internationale
Endgültige zu fassen. Die Vorbedingung dafür ist das Ausrichtung des Handbuchs ermöglicht. Katrin
Wegsehen vom ›Menschen‹, insgleichen das Absehen Meyer und Hans Bernhard Schmid haben die Ge-
vom ›Werk‹, sofern dieses als Ausdruck des Men- stalt der ersten Auflage dieses Handbuchs durch Rat
schentums, d. h. im Lichte des Menschen gesehen und Tat und durch ihr außerordentliches Engage-
wird. […] Was uns allein angehen muß, ist die Spur, ment entscheidend mitgeprägt. Florian Grosser hat
die jener Gedanken-Gang […] in die noch unbegan- sich kreativ an der Neugestaltung des Handbuchs für
genen Bezirke künftiger Entscheidungen gezogen die zweite Auflage beteiligt, seine hohe Kompetenz
hat. Heidegger gehört zu den wesentlichen Denkern. eingebracht und die schwere Last der Revision und
Mit dem Namen ›Denker‹ benennen wir jene Ge- Redaktion mit mir geteilt. Ohne die zuversichtliche
zeichneten unter den Menschen, die einen einzigen und zuverlässige Unterstützung von Barbara Jung-
Gedanken […] zu denken bestimmt sind. […] Unter claus bei der Redaktion der Beiträge und der Koor-
den Denkern sind nun aber jene die wesentlichen dination des gesamten Projektes wäre mir die Luft
Denker, deren einziger Gedanke auf eine einzige und ausgegangen. Julia Krättli hat bei der Überarbeitung
höchste Entscheidung hinausdenkt […]. Die höchste des Sachregisters tatkräftig mitgewirkt. Die Koope-
Entscheidung, die fallen kann und die jeweils zum ration mit Ute Hechtfischer, Franziska Remeika und
Grund aller Geschichte wird, ist diejenige zwischen Uwe Schweikert vom Verlag war durchweg erfreu-
der Vormacht des Seienden und der Herrschaft des lich. Ihnen allen sei ganz herzlich gedankt.
Seins.« (In dieser Passage, die aus Heideggers Nietz-
sche-Vorlesungen übernommen ist, wurde ›Nietz- 7. Gedenken. Schon vor Drucklegung der ersten Auf-
sche‹ durch ›Heidegger‹ ersetzt; vgl. N I, 473 ff.) lage starb Dominique Janicaud, der für diesen Band
als einen seiner letzten Texte noch den Beitrag über
6. Dank. Ein Handbuch von der Art, wie es hier vor- Heidegger und Jean-Paul Sartre verfasst hatte. Seine
liegt, gehört zu den Aufgaben, die man wohl gar Haltung zu Heideggers Philosophie, wie sie in sei-
nicht übernehmen würde, wüsste man von vornher- nem großartigen Werk Heidegger en France (2001)
ein, welche Mühsal man sich einhandelt; es gehört zum Ausdruck kam, lässt sich wohl am besten als
aber auch zu den Unternehmungen, bei denen man eigenständige Aufgeschlossenheit kennzeichnen.
am Ende froh ist, sich leichtsinnigerweise darauf Diese Haltung dient dem Herausgeber als Vorbild,
eingelassen zu haben. Zu hoffen ist, dass die Leser und so widmet er seine Arbeit an diesem Handbuch
dieses Handbuchs die Freude spüren, mit der auch dem Gedenken Dominique Janicauds.
dessen zweite Auflage erarbeitet worden ist. Diese Seit dem Erscheinen der ersten Auflage 2003 des
Freude speist sich teilweise auch aus der Tatsache, Handbuchs sind Friedrich A. Kittler, Manfred Riedel
dass die Reaktionen auf die erste Auflage so reich- und Franco Volpi, die darin mit Beiträgen vertreten
haltig und freundlich ausgefallen sind. sind, verstorben. Ihre Texte, die in der zweiten Auf-
Die allerersten Vorbereitungen zur ersten Auflage lage weiterhin enthalten sind, stehen vorbildhaft für
gehen zurück auf die Jahre 1999/2000, als die Arbeit das weite Spektrum verschiedener Richtungen und
in Berlin und Essen begann. Freundschaftliche Rat- Generationen der Heideggerforschung, welches in
schläge zur Konzeption des Bandes kamen von diesem Handbuch präsentiert werden soll.
Christoph Menke. In St. Gallen, wo ich – der Univer-
sität sei Dank – hervorragende Arbeitsbedingungen
antraf, wurde der Kraftakt unternommen, die Bei-
träge weiter zu bearbeiten und zu einem Ganzen zu-
sammenzuführen. Überrascht war ich über die fast
XX Einleitung des Herausgebers zur zweiten Auflage

Literatur melte Werke. Tübingen 1999, Bd. 10, 138–147. – Ders.: Er-
fahrung des Ursprünglichen. In: Frankfurter Allgemeine
Arendt, Hannah: Martin Heidegger ist achtzig Jahre alt Zeitung, 23.9.1989 (Bilder und Zeiten I/II).  – Heidegger,
[1969]. In: Dies.: Menschen in finsteren Zeiten. München/ Martin/Bauch, Kurt: Briefwechsel 1932–1975. Hg. Almuth
Zürich 1989, 172–184. – Austin, John L.: ›Falls‹ und ›Kön- Heidegger. Freiburg/München 2010.  – Ingold, Felix Phi-
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Hg. Joachim Schulte. Stuttgart 1986, 269–304. – Donaggio, tur – Gesellschaft – Politik. München 2000. – Janicaud, Do-
Enrico: Una sobria inquietudine. Karl Löwith e la filosofia. minique: Heidegger en France. Bd. I: Récit; Bd. II: Entre-
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François Ewald. Paris 1994, Bd. IV, 679–688.  – Gadamer, Marten, Rainer: Heidegger lesen. München 1991. – Strauss,
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konstruktion und Hermeneutik [1988]. In: Ders.: Gesam-
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I. Werk

1. Die frühesten Texte Ausdruck tiefsitzender Überzeugungen, die sich aus


ganz anderen Quellen speisen. Dort also müssen die
Kampf gegen die »Diesseits- »Überlieferungen, Schwierigkeiten und Beschrän-
kungen« (Musil) gesucht werden, in denen Heideg-
auffassung« des Lebens ger gefangen war.
Dieter Thomä Aufschluss darüber geben die frühesten Texte, die
nicht zu seinem akademischen Werk im engeren
Sinne zu zählen sind. Einige wenige von ihnen – die
1. Einleitung. Robert Musil bemerkte im Mann ohne Ansprache über »Abraham a Sankta Clara« aus dem
Eigenschaften: »Es muß der Mensch in seinen Mög- Jahr 1910 und ein paar Gedichte  – wurden schon
lichkeiten, Plänen und Gefühlen zuerst durch Vor- 1983 in die Gesamtausgabe aufgenommen (GA 13,
urteile, Überlieferungen, Schwierigkeiten und Be- 1–7). Dass es eine recht beachtliche Zahl von Ge-
schränkungen jeder Art eingeengt werden wie ein dichten, vor allem aber von Zeitschriften-Artikeln
Narr in seiner Zwangsjacke, und erst dann hat, was und -Rezensionen aus den Jahren 1910 bis 1913 gibt,
er hervorzubringen vermag, vielleicht Wert, Ge- ist durch Entdeckungen von Hugo Ott (1988, 62 ff.)
wachsenheit und Bestand.« (Musil 1930–43/1981, und Victor Farías (1989, 83 ff.) allgemein bekannt
Bd.1, 20) Folgt man dieser These, so gibt es einen ge- geworden. Die meisten dieser Texte sind seinerzeit
heimen Zusammenhang zwischen der Größe eines in der katholischen Zeitschrift Der Akademiker er-
Denkers und den Beschränkungen, denen er in sei- schienen; sie sind inzwischen in der Gesamtausgabe
ner Frühzeit ausgesetzt war. In der Tat ist es auf- neu gedruckt worden (GA 16, 3–31, 33–36). Neben
schlussreich zu sehen, wie jemand zu Beginn seines diesen von Heidegger selbst verfassten Texten sind
Philosophierens noch in die Fesseln der Tradition noch einige Zeitungsberichte aus dem Heuberger
geschlagen ist und dann langsam die eigene Stimme Volksblatt ausfindig gemacht worden, die von dessen
zu Gehör bringt. öffentlichen Auftritten in Meßkirch 1909–1913 han-
Bei Martin Heidegger erklang die eigene Stimme deln (Farías 1989, 76 f.; Denker 2000).
nicht allzu früh, woraus sich – folgt man Musil – so-
wohl die »Einengungen« in der Jugend wie dann 2. Einsatz gegen den Modernismus. Heidegger ver-
auch der Wert des späteren Werks erahnen lässt. Die fügt in seinen frühesten Texten über zwei Register.
ersten Texte, aus denen unverstellt, unverwechselbar Die Gedichte sind gezeichnet von einem melancholi-
Heidegger selbst herauszuhören ist, sind im Grunde schen Ton, einer geradezu barocken Klage über das
erst die Vorlesungen, die er nach Ende des Ersten Irdische und Vergängliche. »Die sterbende Pracht«
Weltkriegs, also als Dreißigjähriger hielt (GA 56/57). der herbstlichen Welt, »des Lebens Flur«, die nichts
In den Jahren davor entdeckt man kaum je etwas von als »ein Feld von Scherben« ist, versetzen den Men-
der Kraft, von der die Texte ab 1919 auf einen Schlag schen in »mutlose[s] Zagen«, das sich mit seinem
strotzen. Die akademischen Schriften 1912–1916 (s. Gegenstück, dem »sehnende[n] Träumen« und dem
Kap. I.2) lassen Eigenständigkeit nur in Nuancen er- Vertrauen auf den »Engel ›Gnade‹«, paart (GA 16,
kennen, sie erwecken freilich auch nicht den Ein- 36; 13, 5 f.). Neben diesen besinnlichen Ton der Ge-
druck, als ob Heidegger auf Gedeih und Verderb der dichte tritt der durchweg polemische Ton der Arti-
Gedankenwelt ausgeliefert wäre, mit der er sich hier kel, die Heidegger als Student veröffentlicht. Zur
beschäftigt. Die Ablösung von den eher unauffälligen Klage über das Vergängliche gesellt sich hier die An-
sprach- und erkenntnistheoretischen Positionen, an klage gegen diejenigen, die am Irdischen festhalten
die er anknüpft, kann also kaum eine schmerzliche, und sich ihm hingeben. An Abraham a Santa Clara
leidenschaftliche Angelegenheit gewesen sein. Diese schätzt Heidegger das »furchtlose Dreinschlagen auf
frühen philosophischen Positionen – etwa die Ver- jede erdhafte, überschätzte Diesseitsauffassung des
teidigung des Realismus und die Betonung der Zeit- Lebens« (GA 13, 3). »Willst du geistig leben, deine
losigkeit der Logik  – sind nun aber ihrerseits nur Seligkeit erringen«, so empfiehlt Heidegger, dann
2 I. Werk

»verbanne den Willen des Fleisches, die Lehre der Ein solch früher Bruch mit dem »System des Ka-
Welt, des Heidentums […], ertöte das Niedere in tholizismus«, von dem er dann 1919 sprechen wird
dir« (GA 16, 5). Heidegger verachtet die »Götzenbil- (vgl. Casper 1980, 341), ist durch Heideggers eigene
der des Greuels und der Sünde«, die »›unbezähmte Texte aus den Jahren 1910–1913 in keiner Weise ge-
unbezähmbare Natur, die heisse, nie gesättigte Lei- deckt. Doch man mag ihm zubilligen, dass es bei
denschaft‹«, die ihm bei Jens Peter Jacobsen begegnet ihm eine Diskrepanz zwischen lauthals vorgebrach-
(GA 16, 4). Gefordert wird die »Freiheit gegenüber ter Polemik und innerer Unsicherheit gab. Eine der
der Triebwelt« (GA 16, 7). wenigen Stellen, in denen letztere sich – fast schon
Innerhalb der prinzipiellen Gegenüberstellung im Tone des reifen Heidegger – Bahn bricht, ist die
zwischen dem Glauben (»Grabe tiefer und du wirst folgende: »Bei diesem Hin- und Herflattern, bei dem
auf katholischen Boden stossen«; GA 16, 8) und den allmählich zum Sport gewordenen Feinschmecker-
Gottlosen lassen sich vier Gegner identifizieren, mit tum in philosophischen Fragen bricht doch bei vie-
denen Heidegger sich vor allem herumschlägt: Dar- ler Bewusstheit und Selbstgefälligkeit unbewusst das
win wirft er vor, eine geschlossene biologische Welt Verlangen hervor nach abgeschlossenen, abschlies-
zu etablieren, obwohl doch der Übergang vom Tier senden Antworten auf die Endfragen des Seins, die
zum »wesentlich höher stehenden vernunftbegabten zuweilen so jäh aufblitzen, und die dann manchen
Menschen innerlich unmöglich« sei: so ist auch Hei- Tag ungelöst wie Bleilast auf der gequälten, ziel- und
deggers Antwort auf die von ihm gestellte Frage wegarmen Seele liegen.« (GA 16, 11) Hier beginnt
»Können die Pferde denken?« negativ (zit. nach man zu ahnen, warum Heidegger – seinen in hohem
Denker 2000, 10, 13; vgl. GA 16, 5); den Sozialismus Maße linientreuen publizistischen und schulmäßi-
verwirft er wegen dessen »naturalistisch[er]« Le- gen akademischen Texten zum Trotz – von den »er-
bensordnung (GA 16, 7; vgl. Denker 2000, 11 f.); regenden Jahre[n] zwischen 1910 und 1914« spre-
Nietzsches »Gottesleugnung« und Neigung zum Le- chen konnte (GA 1, 56). »Erregend« waren sie zumal
ben als »Rausch« ist nach Heidegger »Gift für die Ju- aufgrund dessen, was Heidegger seinerzeit las und
gend« (vgl. GA 16, 3 f.; Denker 2000, 11), welch letz- aufnahm und was erst später in seine eigenen Texte
teres schließlich in Form von »Augenblicksreize[n]« Eingang finden sollte. Er selbst hebt die Lektüre von
von der Bewegung der Dekadenz, etwa dem »Dandy« Kierkegaard, Dostojewski, Nietzsche, Hegel, Schel-
Oscar Wilde, unters Volk gebracht wird (GA 16, 3; ling, Rilke, Trakl und Dilthey hervor (ebd.); dazu
13, 3). All diese Gegner fügen sich nach Heidegger in muss man noch Hölderlin zählen, dessen Dichtung
die von ihm angegriffene Phalanx des »Modernis- er 1908 kennenlernt und in die er sich zu vertiefen
mus« (GA 16, 7; 16, 19), und daran wird deutlich, beginnt, als Norbert von Hellingraths 1911/12 Vor-
dass er sich hier eng an die offizielle katholische arbeiten zu seiner historisch-kritischen Ausgabe
»Modernismus«-Kritik hält, wie sie von Papst Pius (1913 ff.) veröffentlicht (vgl. dazu der aufschlussrei-
X. seinerzeit kundgetan wurde (s. Kap. I.2.1; Schaeff- che Briefwechsel mit Hellingraths Witwe: Heideg-
ler 1980; Thomä 1990, 35 ff.). ger/Bodmershof 2000).
Doch der teils theologische, teils ideologische Bo-
den, auf dem Heidegger sich bewegt, scheint bereits 3. Bruch und Kontinuität. Man könnte überspitzt sa-
brüchig zu werden. In einem Brief an Engelbert gen, diese frühesten Texte stammten aus der Zeit,
Krebs vom 19.7.1914 macht er sich lustig über päpst- bevor Heidegger ›Heidegger‹ wurde. In ihnen über-
liche Maßnahmen, mit denen wohl »sämtlichen nimmt er Positionen, die ihm später in weiten Teilen
Leuten, die sich einfallen lassen, einen selbständigen fremd sein werden. Im Rückblick kann man diese
Gedanken zu haben, das Gehirn ausgenommen und Texte damit als ›das Andere‹ Heideggers bezeich-
durch italienischen Salat ersetzt« werden solle (zit. nen  – als Ausdruck einer Gedankenwelt, in die er
nach Ott 1988, 83). Und in einem Lebenslauf aus ungewollt (man könnte fast sagen: ›gedankenlos‹)
dem Jahr 1922 macht Heidegger gar geltend, dass er hineingewachsen ist. Von ihr muss er dann freilich
sein Theologie-Studium im Jahr 1911 nicht – wie er ausgehen und sich abstoßen.
an anderer Stelle erklärt  – aus gesundheitlichen Die klassischen Reaktionsweisen, die im Umgang
Gründen aufgab, sondern wegen seiner bereits aus- mit übermächtigen Einflüssen, denen man ausge-
geprägten Abneigung gegen die Dogmatik der setzt war, zur Verfügung stehen, sind strikt gegen-
Amtskirche (vgl. GA 16, 38 gegen GA 16, 41; Ott läufig: nachhaltige Identifikation einerseits, ent-
1988, 67 ff.; s. Kap. IV, Einträge zu den Jahren 1911, schiedener Widerspruch andererseits. In der positi-
1913, 1919). ven wie in der negativen Reaktion behalten jene
1. Die frühesten Texte 3

Einflüsse präskriptive Kraft, denn auch die Ableh- Lieblings-Gegnern Darwin, Sozialismus, Dekadenz
nung muss sich bekanntlich vom Verneinten dessen und Nietzsche erfährt nur letzterer später eine Eh-
Inhalte vorgeben lassen. Geht man dem Echo der renrettung (s. Kap. I.22; I.23). Auch stößt man schon
Themen der frühesten Texte bei Heidegger selbst in den frühesten Texten auf eine abschätzige Hal-
nach, so findet man beide hier skizzierte Reaktions- tung gegenüber dem großstädtischen Ästhetizismus
weisen: Bruch und Kontinuität. Heidegger meint und dem Subjektivismus des »Erlebnisses« (GA 16,
später geradezu einen »Pfahl« im Fleische zu spüren, 11 f.), der Heidegger ein Leben lang treu bleiben
und damit meint er nun gerade nicht, im Sinne der wird. Doch die Konstanten, die sich durchhalten, be-
Bibel (2. Kor. 12, 7), »Satans Engel«, sondern – in ge- treffen nicht nur solche atmosphärischen Fragen,
radezu blasphemischer Verkehrung  – »die Ausein- sondern auch begriffliche Punkte; dafür sei ein Bei-
andersetzung mit dem Glauben der Herkunft« (Brief spiel kurz ausgeführt.
an Jaspers vom 1. 7. 1935; HJ 157). Es ist hier nicht Im Rahmen der Arbeit »Religionspsychologie
der Raum, Heideggers Kritik der Theologie und sein und Unterbewußtsein« diskutiert Heidegger auch
Verhältnis zur Religiosität zu resümieren (s. Kap. I.3; William James’ pragmatische Sicht des religiösen
III.31; Kap. IV, Einträge zu 1909–11, 1913, 1918–19). Lebens und betont in diesem Zusammenhang »die
Deutlich ist aber immerhin, dass er in dieser Frage Unruhe (worry), die Unzufriedenheit mit sich
mit sich hadert. selbst« (GA 16, 25). Hier tritt er gewissermaßen ne-
Zum Teil wendet er sich auch in versteckter Form benbei  – fast könnte man meinen: versehentlich  –
gegen die frühen Vorgaben. Geht man z. B. vom frü- auf die Schwelle, über die er später, um 1920, in sein
hen »Dreinschlagen« auf die »erdhafte« Auffassung eigenes Gedankengebäude gelangen wird. Dann
des Lebens aus (s. o.; GA 16, 3), so erscheint Heideg- wird er nämlich, anknüpfend bei Pascal und bei Au-
gers langer Weg über das »In-der-Welt-sein« von gustinus ’ berühmtem Ausspruch »Inquietum est cor
Sein und Zeit bis zur »Erde« im Aufsatz »Der Ur- nostrum, donec requiescat in te« (»Unruhig ist un-
sprung des Kunstwerkes« (s. Kap. I.16; II.3; II.7) als ser Herz, bis es ruhet in dir«; Confessiones I,1), erklä-
Abkehr von den eigenen Anfängen. Damit fällt auch ren: »Die Bewegtheit des faktischen Lebens ist vor-
ein eigentümliches Licht auf die Heimatverbunden- gängig auslegbar, beschreibbar als die Unruhe« (GA
heit, die Heidegger in späten Texten zum Ausdruck 58, 62; 61, 93). So bahnt die »Unruhe«, gemeinsam
bringt (z. B. »Schöpferische Landschaft: Warum blei- mit der »Bekümmerung«, den Weg zum Begriff der
ben wir in der Provinz?«, GA 13, 9–13; »Der Feld- »Sorge« (GA 61, 109), der im Zentrum von Sein und
weg«, GA 13, 87–90; »Vom Geheimnis des Glocken- Zeit (SZ §§ 41 ff.) stehen wird. In eine »große Un-
turms«, GA 13, 113–116; »Sprache und Heimat«, ruhe, in der wir unser Schicksal wirklich und im
GA 13, 155–180). Das späte Bild der »Heimat« ent- ganzen sind«, fühlt sich Heidegger dann auch ver-
spricht nämlich keineswegs der frühesten Vorgabe, setzt, als er 1933 als Rektor der Universität Freiburg
wonach das wahre »Heimverlangen« sein Ziel nur in einen »geistig-volkliche[n] Auftrag« meint erfüllen
Gott haben kann (GA 16, 10). Brüsk geht der reife zu müssen (GA 36/37, 3 f.).
Heidegger gelegentlich über seine frühesten Texte,
die er im Übrigen selbst nie heranzieht oder zitiert, 4. Die wunde Stelle des Individuums. Die Positionen,
hinweg. 1911 klagt er: »Heute wird die Weltanschau- an die der späte Heidegger glatt anschließt oder von
ung nach dem ›Leben‹ zugeschnitten, statt umge- denen er sich brüsk abwendet, sind nun aber nicht
kehrt.« (GA 16, 11) Rund zehn Jahre später heißt es: die interessantesten in den frühesten Texten. Brisant
»Es ist schwerer, sich mit dem Leben auseinanderzu- sind vielmehr die Unstimmigkeiten oder Zwischen-
setzen, als von einem System aus mit der Welt fertig töne, die sich hier schon finden, denn sie schreien
zu werden.« (GA 59, 165) Und natürlich lässt Hei- nach Veränderung: Über sie kann ein Autor nicht
degger keinen Zweifel daran, dass er eben dieses hinweggehen, ›als wäre nichts‹. Genau eine solche
›Schwerere‹ unternehmen will: »Philosophieren als wunde Stelle gibt es in den frühesten Schriften in der
prinzipielles Erkennen ist nichts anderes als der ra- Tat, und an ihr wird zuallererst zu laborieren sein.
dikale Vollzug des Historischen der Faktizität des Heidegger wettert gegen den »Individualismus«
Lebens« (GA 61, 111). und dessen ruinöse Folgen für das »religiös-sittliche
Wenn auch die Unterschiede beeindrucken, die Leben« (GA 16, 7); er äußert sich hämisch über die-
zwischen den frühesten und späteren Texten Hei- jenigen, »die ihr Ich restlos zur Entfaltung« bringen
deggers liegen, so gibt es natürlich auch eine ganze wollen (GA 16, 4), und feiert die »Entselbstung im
Reihe von Motiven, die sich durchhalten. Von seinen Lichtglanz der Wahrheit« (GA 16, 8). Dies fügt sich
4 I. Werk

ein in seine Haltung gegenüber dem sogenannten zur Biographie Martin Heideggers, Teil 1). In: Meßkircher
»Modernismus«. Zur gleichen Zeit heißt es bei ihm Heimathefte 7 (2000), 5–16. – Farías, Victor: Heidegger und
der Nationalsozialismus. Frankfurt a. M. 1989. – Heidegger,
jedoch, in geradezu um Verständnis werbendem
Martin/Bodmershof, Imma von: Briefwechsel 1959–1976.
Ton: »Ein berechtigter Egoismus [muß] wieder stär- Stuttgart 2000. – Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaf-
ker betont werden, der die […] Festlegung und Fort- ten [1930–1943]. Hg. Adolf Frisé. Reinbek 1981.  – Ott,
bildung der eigenen Persönlichkeit als Grundforde- Hugo: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie.
rung den übrigen Bestrebungen und Betätigungen Frankfurt a. M./New York 1988. – Schaeffler, Richard: Der
überordnet.« (GA 16, 12) ›Modernismus-Streit‹ als Herausforderung an das philoso-
phisch-theologische Gespräch heute. In: Theologie und Phi-
Dies wirkt wie ein eklatanter Selbstwiderspruch, losophie 55 (1980), 514–534. – Thomä, Dieter: Die Zeit des
und Heidegger gibt sich nicht allzu viel Mühe, ihn Selbst und die Zeit danach. Zur Kritik der Textgeschichte
auszuräumen. Immerhin versucht er, die (positiv ge- Martin Heideggers 1910–1976. Frankfurt a. M. 1990.
sehene) »Selbsterraffung« (GA 16, 11) vom (negativ
gesehenen) Kult der »Persönlichkeit« (GA 16, 3) zu
unterscheiden; er kommt dabei aber nicht zu einer
klaren begrifflichen Trennung. Deutlich wird hier,
dass die Spaltung in Körperliches und Geistiges, Irdi- 2. Die ersten akademischen
sches und Göttliches, von der die frühesten Texte Schritte (1912–1916)
durchzogen sind, nicht einfach zugunsten des »Ewi-
gen« aufgelöst werden kann, auch wenn von ihm be- Zwischen Neuscholastik,
ständig die Rede ist (GA 16, 7, 11; 13, 7; 1, 22) und der Neukantianismus und
»Jenseitswert des Lebens« betont wird (GA 13, 3). So Phänomenologie
findet sich in den frühesten Texten eben eine wunde
Stelle dort, wo vom ›Individuum‹ oder vom ›Selbst‹ Matthias Jung und Holger Zaborowski
die Rede sein müsste – und zwar genau deshalb, weil
es (wie übrigens auch die Person Martin Heidegger) 1. Übersicht. Heideggers erste akademische Arbeiten
herausgefallen ist aus einer allgemeinen Ordnung, in ziehen überwiegend retrospektiv Interesse auf sich.
die es sich selbstverständlich einfügen müsste. Erst in der Habilitationsschrift (insbesondere im für
Die erste Aufgabe, die sich Heidegger also im An- den Druck verfassten Schlusskapitel) und vor allem
schluss an seine eigenen frühen Texte stellt, ist eine in den frühen Freiburger Vorlesungen seit 1919 ent-
Erkundung des »Selbst« (und nicht so sehr des faltet sich sein eigenständiger Ansatz; vorher steht
»Seins«, das von ihm im Rückblick zur einzig leiten- Heideggers Denken vornehmlich im Zeichen einer
den Frage stilisiert wird; vgl. GA 1, 56; ZSD 81, 87). Es konfessionell-katholisch geprägten Philosophie. Für
zeigt sich, dass er jene erste Aufgabe sogleich an- das Verständnis der späteren Texte ist es aber höchst
nimmt: In den 1919–1921 verfassten Anmerkungen aufschlussreich nachzuvollziehen, in welcher (oft
zu Karl Jaspers’ Psychologie der Weltanschauungen sehr eigenwilligen) Weise Heidegger die Prämissen
wendet Heidegger sich dem »historisch existierenden dieser Philosophie aufnimmt, verarbeitet und erste
Selbst« zu, »um welches Selbst es sich letztlich in der eigene Akzente setzt. All dies geschieht im Bann je-
Philosophie irgendwie handelt. Es geht nicht an, gele- ner pauschalen Ablehnung der philosophischen Mo-
gentlich die Personalität einzuführen und auf sie dann derne, die Papst Pius X. 1907 mit seiner Enzyklika ge-
das, in der Anmessung an irgendeine philosophische gen den sog. »Modernismus« formuliert und in Form
Tradition philosophisch Gewonnene anzuwenden, des sog. Modernisteneids auch allen Amtsträgern der
sondern das konkrete Selbst ist in den Problemansatz katholischen Kirche abverlangt hatte. Nach seinem
zu bringen« (GA 9, 35). An dieser Auskunft wird er- Theologiestudium 1909–1911 war Heidegger zum
kennbar, wie Heidegger – um Musils überspitzte Me- Studium der Philosophie (und der Naturwissen-
tapher nochmals zu bemühen  – die »Zwangsjacke« schaften) übergewechselt und wurde um 1912 bereits
ablegt, die er in seiner Studienzeit getragen hat. als »die große philosophische Hoffnung für die deut-
schen Katholiken« (Ott 1988, 75) gehandelt. Denn
Literatur sein Interesse an der Philosophie und an den Natur-
wissenschaften war zunächst ein apologetisches. Ihm
Casper, Bernhard: Martin Heidegger und die Theologische
Fakultät 1909–1923. In: Freiburger Diözesan-Archiv 100 ging es um die Verteidigung der katholischen Lehre
(1980), 534–541. – Denker, Alfred: »Herr Studiosus Martin gegen die Herausforderungen von u. a. darwinisti-
Heidegger« und seine Heimatstadt Meßkirch (Bausteine scher Weltanschauung, Relativismus und Nihilismus.
2. Die ersten akademischen Schritte (1912–1916) 5

Vor diesem Hintergrund müssen die akademi- an sich‹«; GA 1, 2), Hegel mit seinem »verstiegenen
schen Erstlingswerke verstanden werden. Sie sind Idealismus« (3) und den »wissenschaftlich recht
von dem Versuch geprägt, das theologische Schema seichten« (15) Pragmatismus von der Warte des
»Diesseits/Jenseits« zu philosophischen Kontrastie- scholastischen Realismus aus ab. Das Motiv der Psy-
rungen auszubauen, die sich einer Kritik der moder- chologismus-Kritik, Thema der Dissertation, klingt
nen Philosophie nutzbar machen lassen: so das Be- mehrmals an, und im selben Zug wird die absolute
griffspaar real/ideal, in dessen Rahmen Heidegger Geltung des Logischen betont. Heideggers Strategie
eine vom »Jenseitigen« herkommende Kritik der ist offensichtlich: gegen den subjektivistischen Ein-
Subjektphilosophie entwickeln will. Gleichzeitig ma- schlag der philosophischen Moderne soll die innere
chen sich aber auch drei Tendenzen geltend, die zei- Affinität des transzendenzorientierten katholischen
gen, dass auch Heideggers frühe Position nicht ein- Realismus und der naturwissenschaftlichen Mo-
fach mit einer antimodernistisch orientierten Neu- derne mit ihrem objektivistischen Grundzug her-
scholastik identifiziert werden kann: erstens ausgestellt werden. »Der unabweisbare, epochema-
Heideggers »Augustinismus«, der zu einer intensiven chende Tatbestand der Naturwissenschaft« (GA 4, 1)
Auseinandersetzung mit Luther und protestanti- wird Heidegger zum Bundesgenossen gegen Imma-
schen Theologen führen sollte, zweitens sein bereits nentismus, Phänomenalismus etc. Mit der Anerken-
sehr früh ausgeprägtes (und vor allem ab 1913/14 nung des naturwissenschaftlichen Realismus stellt
nicht nur kritisch orientiertes) Interesse an Philoso- sich freilich das Problem des »Verhältnisses von Er-
phen wie u. a. Kant, Nietzsche und Kierkegaard und fahrung und Denken« (GA 1, 11) neu und bedrohlich
drittens das Interesse an der Sachlogik philosophi- für den transzendenten Charakter des scholasti-
schen Fragens mit einem Anspruch auf strenge Wis- schen Realismus.
senschaftlichkeit, wie sie ihm besonders in Husserls Auch in dem Bericht »Neuere Forschungen über
Schriften eindringlich vor Augen geführt wird (s. Logik« aus demselben Jahr arbeitet Heidegger sich
Kap. I.4 und 7). So lässt sich im Laufe dieser Jahre an diesen Fragen ab. Im Zentrum steht die Psycholo-
eine Entwicklung beobachten, die, vereinfacht ge- gismus-Kritik, mit deren Hilfe der »›Naturalisierung
sagt, weg von der Abstraktheit und Geschichtslosig- des Bewußtseins‹« (19 und 63) entgegengesteuert
keit des neuscholastischen Systemdenkens hin zu ei- werden soll. Die Disjunktionen Akt/Inhalt, Sein/
nem existenz-, erfahrungs- und geschichtsbezogenen Geltung sollen die Objektivität des Erkennens ange-
Denken, weg von transzendenten Setzungen hin zu sichts der Einbettung des Logischen in das Psychi-
phänomenal ausweisbaren Untersuchungen wie auch sche sichern, die Heidegger konzedieren muss. Sein
weg von einer oft stereotyp vorgetragenen Kritik an Bericht lässt eine bemerkenswerte Vertrautheit mit
der Moderne zu einer differenzierteren, wenn auch den epochalen Neuansätzen in der Logik von Frege
nach wie vor nicht unkritischen Sicht führt. bis Russell/Whitehead erkennen, konzentriert sich
inhaltlich aber sehr stark auf den epistemischen und
2. Logik und Psychologismus-Kritik. Die beiden ers- ontologischen Status des Logischen, den er mit Emil
ten im engeren Sinn akademischen Arbeiten Hei- Lask im Sinne des »Geltenden« bestimmt. Heideg-
deggers erscheinen in konservativ-katholischen Or- gers Forderung, das »Reich des Geltenden« müsse
ganen und sind durch die Bemühung geprägt, im – »jetzt seinem ganzen Umfang nach prinzipiell ge-
ob willig oder notgedrungen – akzeptierten Rahmen genüber dem Sinnlich-Seienden ebenso wie gegen-
der kirchlichen, aristotelisch-scholastischen Philo- über dem Übersinnlich-Metaphysischen in seiner
sophie avancierte Problemstellungen der Gegen- reinen eigenen Wesenhaftigkeit herausgehoben wer-
wartsphilosophie kritisch aufzugreifen. Besonders den« (24), scheint bereits auf die Emanzipation der
deutlich wird dies in einem der frühesten akademi- Geltungs- und Wertphilosophie von religiös-meta-
schen Texte Heideggers, »Das Realitätsproblem in physischen Prämissen zu zielen. In einer Rezension
der modernen Philosophie« von 1912. Diese Arbeit von 1914 beklagt er dann sogar offen das Fehlen ei-
ist nach dem Muster einer großen Inklusion gebaut: ner wissenschaftstheoretischen Einstellung inner-
sie beginnt und schließt mit einem Lob auf den kriti- halb der aristotelisch-scholastischen Philosophie
schen Realismus der griechischen Philosophie und (49 ff.). Die Spannung zwischen dem dogmatischen
ihres legitimen Nachfahren, des aristotelisch-scho- Rahmen und der Eigenlogik philosophischen Fra-
lastischen Denkens. Um katholisches Profil ringend, gens nimmt zu.
kanzelt der junge Student Kant (»nicht weiter ge- In seiner 1913 eingereichten Dissertation Die
langt als bis zur Setzung eines mysteriösen ›Dinges Lehre vom Urteil im Psychologismus steht Heidegger
6 I. Werk

noch innerhalb der skizzierten Position. Vorgeprägt gängen oder gar Vorstellungsverbindungen, als
wird sie von seinem Lehrer Carl Braig (1896; 1908), auch – und das ist bemerkenswerter – gegen meta-
nach Heideggers Zeugnis »der letzte aus der Überlie- physische Hypostasierungen. Sie schließt mit einem
ferung der Tübinger spekulativen Schule, die durch »Ausblick auf eine rein logische Lehre vom Urteil«
die Auseinandersetzung mit Hegel und Schelling der (165), in der der metaphysische Überbau des scho-
katholischen Theologie Rang und Weite gab« (GA 1, lastischen Denkens zwar noch anerkannt, aber
57). Angezeigt wird damit eine Spannung zwischen gleichzeitig eigentümlich depotenziert und in seiner
der katholischen Seinslehre und der modernen Sub- sachlichen Dignität von der Logik abhängig gemacht
jektphilosophie. Heidegger zeigt in der Wahl des Dis- wird. So schließt Heidegger in einem Passus, an des-
sertationsthemas wie auch in der konkreten, von sen Ende der Status des Urteils mit Lotze im Sinne
Husserls Psychologismus-Kritik maßgeblich be- des »Geltens« bestimmt wird, eine metaphysische
stimmten Ausführung ein im Kontext der Neuscho- Interpretation des »Etwas«, das »da« ist, mit erkennt-
lastik nur selten nachweisbare Interesse an zeitgenös- nistheoretischen Argumenten aus: Die »Möglichkeit,
sischer Philosophie. Statt sie zu verdammen oder ihm eine Stelle im Metaphysischen anzuweisen […]
neuscholastisch auszugrenzen, geht es Heidegger da- ist auszuschalten. Nicht etwa, weil es ein Metaphysi-
rum, in seiner Kritik Ansätze der Gegenwartsphilo- sches nicht gibt oder wir dessen Vorhandensein
sophie so aufzugreifen, dass sie sein apologetisches nicht erkennen könnten auf dem Weg der Schlussfol-
Interesse stützen (dies ist ein maßgeblicher Grund für gerung, wohl aber, weil das Metaphysische nie mit
Heideggers frühes Interesse an Husserls Logischen der Unmittelbarkeit erkannt wird, die uns beim In-
Untersuchungen). Subjektivität und Individualität er- newerden des fraglichen Etwas zu Gebote steht.«
scheinen in seiner Dissertation nur mit einem pejora- (169 f.) Die Metaphysik wird gewissermaßen episte-
tiven Akzent, gültige Philosophie heißt Ein- und Un- misch degradiert und muss ins zweite Glied zurück-
terordnung des Ichs in objektive Seinshierarchien – treten. Erst dann, so schreibt Heidegger folgerichtig
eben dieselben, die auch die kirchliche Autorität ganz am Ende der Dissertation, wenn »die reine Lo-
verkündet. Diese Konzeption einer katholisch-anti- gik auf- und ausgebaut ist, wird man mit größerer Si-
modernistisch orientierten Philosophie soll freilich cherheit an die erkenntnistheoretischen Probleme
im gleichen Zug (insbesondere in Anlehnung an herantreten können und den Gesamtbereich des
Husserl) auch den Ansprüchen strenger Wissen- ›Seins‹ in seine verschiedenen Wirklichkeitsweisen
schaftlichkeit genügen, duldet doch der Monismus gliedern, deren Eigenartigkeit scharf herausheben
des »letzten Ganzen« (187), um dessentwillen Hei- und die Art ihrer Erkenntnis und die Tragweite der-
degger seine Dissertation verfasst sehen will, keine selben sicher bestimmen können« (186 f.).
Spaltung der Realität in Glaube und Wissen. Die
Spannung zwischen diesem wissenschaftlichen An- 3. Spannungen zwischen »Kategorien« und »Lebens-
spruch und der Unausweisbarkeit des metaphysi- fülle«. Auch Heideggers Habilitationsschrift Die Ka-
schen Rahmens ist es denn auch, die ihn dem katholi- tegorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus (veröf-
schen Denken zunehmend entfremdet. In der Disser- fentlicht 1916) hält sich in den vorgezeichneten Bah-
tation ist davon allerdings noch wenig zu bemerken; nen einer theologisch grundierten Disjunktion von
hier verschmilzt das antisubjektivistische Ordnungs- Ewigem und Zeitlichem. Allerdings ist auch hier  –
denken der Neuscholastik mit Husserls Einfluss zu mit Blick auf Heideggers späteren Denkweg  – be-
einer Kritik des Psychologismus, die größtes Gewicht zeichnend, dass die Schrift um einen Text kreist, der
auf den eigenständigen Status des Logischen legt. Die nicht mehr in die Zeit der von der Neuscholastik ide-
logische Sphäre und zumal die Urteilsformen er- alisierten, vor allem durch Thomas von Aquin ausge-
scheinen in ihrer ewigen Strenge als eine Art Platz- führten hochmittelalterlichen Synthese von Glaube
halter des Transzendenten, weshalb jeder »Anthropo- und Vernunft gehört, sondern in die Spätscholastik.
logismus« (110) abzuweisen ist. »Die Natur unseres Heidegger hat später die Wahl des Themas in den
Geistes«, so beerbt Heidegger in einer ›logifizierten‹ Kontext einer Auseinandersetzung mit der Ge-
Form traditionelle theologische Dualismen, »ist so- schichte der protestantischen Theologie und des
wenig logisch, daß sie dem Logischen vielmehr gera- Deutschen Idealismus gestellt (GA 16, 42). Daher
dezu als einem ihr Fremden gegenübersteht« (110). kann man diese Schrift als einen Text des Übergangs
Die Dissertation verteidigt dementsprechend den charakterisieren: Wer die Habilitationsschrift retro-
spezifischen Geltungssinn des Logischen sowohl ge- spektiv, also vor dem Hintergrund der späteren
gen seine Naturalisierung zu empirischen Denkvor- Schriften Heideggers, liest, wird viele zentrale Denk-
2. Die ersten akademischen Schritte (1912–1916) 7

motive antizipiert finden, so etwa die Einsicht in die Am deutlichsten wird dies im Schlusskapitel der
Irreduzibilität des Individuums oder erste Spuren von Schrift, das um eine Rekontextualisierung der recht
Überlegungen zu Zeitlichkeit und Geschichtlicheit. speziellen und formalen Analysen des Hauptteils be-
Im Vordergrund der Habilitationsschrift steht mit müht ist. Hier stellt Heidegger heraus, dass das Kate-
dem Traktat de modis significandi ein Text aus dem gorienproblem mit der Frage nach dem Urteil und
Umkreis mittelalterlicher Kategorienlehren, der von dem Subjektproblem verbunden werden müsse. Die-
Thomas von Erfurt stammt, damals aber allgemein ses Subjekt erscheint nun aber unter dem Zeichen
Duns Scotus zugeschrieben wurde (Grabmann 1926, des Lebens, nicht mehr als transzendentale Katego-
120 ff.). Dieser Text wird als systematische Quelle rie. Die Abkehr vom Neukantianismus ist deutlich
betrachtet, die unmittelbar auf aktuelle Debatten be- und die knappen lebensphilosophischen Andeutun-
zogen werden kann. In deutlichem Kontrast zu sei- gen der Einleitung verdichten sich zu einem Begriffs-
ner eigenständigen Philosophie geht Heidegger feld, in dem Ausdrücke wie »lebendiges Leben«, »le-
noch von »der Konstanz der Menschennatur« aus bendige Tat« und vor allem »lebendiger Geist« domi-
und postuliert gar: »Die Zeit, als historische Katego- nieren. Dieser Geist, Ausdruck einer entschiedenen
rie hier verstanden, wird gleichsam ausgeschaltet.« Historisierung des erkenntnistheoretischen Subjekts,
(GA 1, 196) Gerahmt wird diese Konzeption einer wird im Sinne jener wahren historischen Weltan-
philosophia perennis freilich von lebensphilosophi- schauung beschworen, die das Gegenstück zu »einer
schen Akzenten, in denen schon der Einfluss vom Leben abgelösten Theorie« (408) darstelle. In ei-
Diltheys anklingt (s. Kap. I.8). Das Eigenste der Phi- ner »Philosophie des lebendigen Geistes, der tatvol-
losophie liege nämlich, so schreibt Heidegger, darin, len Liebe, der verehrenden Gottinnigkeit« (410), die
»den Anspruch auf Geltung und Funktion als Le- sich der Auseinandersetzung mit dem Idealismus
benswert zu erheben. […] Die Philosophie lebt zu- Hegels zu stellen habe (bereits die Einleitung der Ha-
gleich in einer Spannung mit der lebendigen Persön- bilitationsschrift steht unter einem Hegel-Zitat), will
lichkeit, schöpft aus deren Tiefe und Lebensfülle Ge- Heidegger die bislang grundlegende Dualität von
halt und Wertanspruch.« (195 f.) Idealem und Realem, von Jenseits und Diesseits ge-
Gewidmet ist die Schrift allerdings Heinrich Ri- schichtsphilosophisch verflüssigen.
ckert, dem Freiburger Neukantianer und Betreuer Dieses mehr angedeutete als entwickelte Konzept
der Habilitation, dessen transzendentalphilosophi- ist aber deutlich von einer tiefen Ambivalenz durch-
sche Denkart zusammen mit Husserls Phänomeno- zogen. Einerseits findet Heidegger im scholastisch-
logie und dem Neo-Fichteanismus von Emil Lask in mystischen Mittelalter eine »im transzendenten Ur-
der Arbeit durchgängig präsent ist (vgl. Rickerts verhältnis der Seele zu Gott verankerte […] Form
Gutachten und andere Dokumente in Heidegger/Ri- inneren Daseins« (409), die ihm als Musterbild des
ckert 2002). Heideggers kategorienlogische Exerzi- lebendigen Geistes erscheint, andererseits konterka-
tien sind nicht nur von dem Anspruch getragen, die riert die transzendentale Sinngebung die geschichtli-
Aktualität (spät-)scholastischen Denkens zu de- che Lebendigkeit des Subjekts. Unmittelbar nach
monstrieren, sie wirken im historischen Kontext dem zitierten Passus findet sich daher der erstaunli-
(die Schrift entsteht in den ersten Jahren des Ersten che Satz: »Die Wertsetzung gravitiert also nicht aus-
Weltkriegs) und angesichts der lebensphilosophi- schließlich ins Transzendente, sondern ist gleichsam
schen, von Rickert wegführenden Bezüge auch wie von dessen Fülle und Absolutheit reflektiert und
ein Sedativum gegen aufbrechende Beunruhigungen ruht im Individuum.« (409) Noch heißt es fast be-
und Krisenerfahrungen. Transzendente Ordnung, schwörend von der »metaphysische[n] Verklamme-
philosophische Sachlogik und individuelle Existenz rung durch die Transzendenz«, sie sei »zugleich
finden immer schwerer zusammen, und nicht um- Quelle mannigfacher Gegensätzlichkeiten und da-
sonst beschwört Heidegger immer wieder den An- mit reichsten Lebens des immanent persönlichen
satz Lasks mit seinem Bestreben, Form und Inhalt, Einzellebens« (409). Bald wird aus dieser Verklam-
Kategorialität und reale Gegenständlichkeit zu ver- merung aber eine Umklammerung werden, die dem
klammern und damit den Weg vom Neukantianis- faktischen Leben innerlich fremd ist.
mus in die Phänomenologie zu bahnen. Eine solche
Denkbewegung kontrastiert allerdings merklich mit 4. Auf dem Weg zur Zeit. Seinem Habilitationsvor-
dem theologischen Dualismus, an dem Heidegger trag »Der Zeitbegriff in der Geschichtswissenschaft«
im vollen Bewusstsein der damit erzeugten Span- von 1915/16 hat Heidegger ein Zitat von Meister
nung fast gewaltsam festzuhalten scheint. Eckhart vorangestellt, das den Gegensatz von Zeit
8 I. Werk

und Ewigkeit betont. Dieser Evokation des spekula- 3. Phänomenologie der Religion
tiv-theologischen Rahmens folgt dann allerdings
eine stark dem Neukantianismus Rickerts verpflich- Das frühe Christentum als
tete, wissenschaftstheoretische Analyse der Diffe-
Schlüssel zum faktischen Leben
renz von physikalischem und geschichtswissen-
schaftlichem Zeitbegriff. Heidegger schlägt einen Matthias Jung und Holger Zaborowski
weiten Bogen von Galilei bis Einstein und Planck,
um die Funktion des Zeitbegriffs in der Physik im 1. Übersicht. Heideggers Distanzierung vom aristo-
Sinne quantitativer Messbarkeit zu bestimmen. Die- telisch-neuscholastischen Denken, wie sie sich in
sem quantitativen Begriff setzt er für die Geschichts- den Frühen Schriften bereits anbahnt, führt in den
wissenschaften einen qualitativen entgegen, der in folgenden Jahren zum offenen Bruch mit dem »Sys-
Zeitaltern und Epochen zentriert ist und seine in- tem des Katholizismus« (Brief an Krebs vom
haltliche Bestimmung in der »Verdichtung – Kristal- 9.1.1919, in: Denker u. a. 2004, 67 f.) und zu einer be-
lisation – einer in der Geschichte gegebenen Lebensob- ruflichen Neuorientierung. Ab 1919 arbeitet Hei-
jektivation« (431) findet. »Die historische Zeit kann degger als Assistent Husserls und stellt sein eigenes
deshalb auch nicht mathematisch durch eine Reihe Denken ganz unter das Zeichen der Phänomenolo-
ausgedrückt werden, da es kein Gesetz gibt, das be- gie. In dieser frühen Wende bleiben freilich theolo-
stimmt, wie die Zeiten aufeinanderfolgen.« (431) In gische und vor allem religiöse Motive in einer schwer
dieser scharfen Unterscheidung quantitativer und zu bestimmenden Weise noch wirksam. So nimmt
qualitativer Zeit klingen, wenigstens aus der Retro- Heidegger im genannten Schreiben »das Christen-
spektive, schon die späteren Zeitanalysen mit ihrer tum und die Metaphysik (diese allerdings in einem
Differenzierung chronologischer und kairologischer neuen Sinne)« (67) ausdrücklich von seiner Distan-
Charaktere an, während der Begriff der »Lebensob- zierung aus und schreibt noch 1921 an Karl Löwith
jektivation« unverkennbar den Einfluss Diltheys einen Brief, in dem er sich als »›christlicher Theo-
verrät. Der Zeitbegriff wird freilich durchgängig auf loge‹« (Löwith 1940/1986, 30) bezeichnet. Explizit
der Ebene wissenschaftstheoretischer Funktions- Theologisches hat Heidegger allerdings niemals pu-
analysen behandelt, die gelebte Zeitlichkeit, zentra- bliziert, vielmehr mit zunehmender Schärfe den Ge-
les Thema Heideggers seit den Frühen Freiburger gensatz von Philosophie und christlicher Theologie
Vorlesungen, spielt noch keine Rolle. So geht der Ha- herausgestellt. Seinen zahlreichen, kryptischen und
bilitationsvortrag einen Schritt in Richtung auf den teilweise widersprüchlichen Äußerungen in diesem
qualitativen Zeitbegriff, ohne doch die erkenntnis- Zusammenhang wird man wohl am ehesten gerecht,
theoretische Ausrichtung des Neukantianismus wenn man sie einerseits als Hinweis auf starken Ver-
grundsätzlich in Frage zu stellen. änderungen unterworfene existenzielle Motivations-
lagen, andererseits als Ausdruck der Überzeugung
Literatur liest, die christliche Theologie sei radikal von der
Philosophie zu trennen, aber um ihrer eigenen
Braig, Carl: Vom Sein. Abriß der Ontologie. Freiburg 1896. –
Ders.: Was soll der Gebildete von dem Modernismus wis- Ernsthaftigkeit und Wissenschaftlichkeit willen
sen? In: Frankfurter Zeitgemäße Broschüren 28/1 (1908), dringend auf eben jene religionsphänomenologi-
1–27. – Denker, Alfred/Gander, Hans-Helmuth/Zaborows- schen Untersuchungen angewiesen, die Heidegger
ki, Holger (Hg.): Heidegger und die Anfänge seines Denkens. um 1920 in Angriff nimmt – zeitgleich mit der ganz
Heidegger-Jahrbuch, Bd. 1. Freiburg/München 2004.  –
anders gearteten Religionsphänomenologie Max
Grabmann, Martin: Mittelalterliches Geistesleben. Abhand-
lungen zur Geschichte der Scholastik und Mystik, Bd. 1. Schelers, die unter dem Titel Vom Ewigen im Men-
München 1926.  – Heidegger, Martin/Rickert, Heinrich: schen 1921 erscheint.
Briefe 1912 bis 1933 und andere Dokumente. Hg. Alfred Von Husserl zu diesem Projekt ermutigt, begibt
Denker. Frankfurt a. M. 2002.  – Lask, Emil: Gesammelte sich Heidegger damit auf ein Gebiet, das in den ers-
Schriften, Bd. I-III. Tübingen 1923 f.  – Ott, Hugo: Martin ten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts einen
Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Frankfurt a. M./
New York 1988.  – Rickert, Heinrich: Der Gegenstand der Brennpunkt geistiger Auseinandersetzungen dar-
6
Erkenntnis [1892]. Tübingen 1928. – Zaborowski, Holger: stellte. Neben den neukantianischen Entwürfen von
Heidegger and Medieval Philosophy. In: Eric Sean Nelson/ Paul Natorp (Religion innerhalb der Grenzen der Hu-
François Raffoul (Hg.): The Bloomsbury Companion to Hei- manität, 1908) und Hermann Cohen (Der Begriff der
degger. London 2013, 87–96. Religion im System der Philosophie, 1915) ist es vor
allem Rudolf Otto, der mit seinem Buch Das Heilige
3. Phänomenologie der Religion 9

von 1917 der Diskussion neue Impulse gab. Ottos dadurch, dass Heidegger sich mit ihrer Hilfe an sei-
Suche nach einem apriorischen Wesenskern der Re- ner eigenen christlichen Herkunftstradition abarbei-
ligionen und seine scharfe Unterscheidung rationa- tet. Dies wird schon daran deutlich, dass sein Projekt
ler und irrationaler Aspekte des Religiösen bildet zu- zwar unter dem Problemtitel »Phänomenologie der
sammen mit dem großen religionsphilosophischen Religion« steht, sich im Unterschied zu anderen zeit-
Syntheseversuch Ernst Troeltschs (1912/1994) den genössischen Ansätzen aber ausschließlich mit
Hintergrund, vor dem Heidegger das grundstürzend christlichen und überdies nach dem Kriterium
Neuartige seines Ansatzes zur Geltung bringen existenzieller Eindringlichkeit ausgewählten Glau-
möchte. Den Impuls des radikalen Neuanfangs teilt benszeugnissen beschäftigt. Heideggers Religions-
er dabei mit der dialektischen Theologie, die sich in phänomenologie beschränkt sich bewusst auf das
den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, »phänomenologische Verstehen der urchristlichen
ausgehend von Karl Barths berühmter Auslegung Religiosität« (GA 60, 76) einschließlich ihrer Wir-
des Römerbriefs (1919/22), entwickelt. Der Konver- kungsgeschichte. Diese Einschränkung hat sicher
genzpunkt dieser jüngeren Ansätze liegt in der Beto- biographische, vor allem aber auch systematische
nung individueller religiöser Erfahrung gegenüber Gründe: das Phänomen der Religion soll nämlich
propositional verfassten dogmatischen Systemen  – nicht  – diesen Vorwurf macht Heidegger der neu-
ein zentraler Aspekt auch der pragmatischen Religi- kantianischen Religionsphilosophie und vor allem
onsphilosophie von William James, die seit der deut- dem Denken Troeltschs – in einen schon feststehen-
schen Übersetzung seiner Varieties of Religious Ex- den begrifflichen Rahmen eingefügt werden, als
perience im Jahr 1907 intensiv diskutiert wurde (und »Exempel für eine überzeitliche Gesetzlichkeit« (76).
mit der sich der junge Heidegger auch auseinander- Vielmehr soll die Binnenlogik der behandelten Phä-
gesetzt hat; s. Kap. I.1.3). nomene selbst die geeignete Zugangsweise vorgeben.
Aus diesem Grund gilt sein besonderes Interesse
2. Destruktion der Theologie und faktische Lebenser- auch Zeugnissen wie etwa ausgewählten Briefen des
fahrung. Heidegger nimmt aus der hier umrissenen Paulus oder Texten aus der mystischen und reforma-
zeitgenössischen Diskussion zahlreiche Punkte auf, torischen Tradition, die nach Heidegger vor bzw. au-
die er freilich immer mit dem Gestus radikalisieren- ßerhalb der Synthese von biblischem Glauben und
der Kritik versieht. Seine Neuakzentuierung des Er- (diesen verfremdender) griechischer Philosophie
fahrungsbegriffs schöpft denn auch vornehmlich aus anzusiedeln seien. Und weil jener geschichtliche
anderen, älteren Quellen. Diltheys lebensphilosophi- »Wirkungszusammenhang« (Dilthey), der die Re-
sche Konzeption einer geschichtlichen Hermeneutik konstruktion dieser Binnenlogik nicht von vornher-
religiöser Erfahrung spielt eine wichtige Rolle, be- ein chancenlos erscheinen lässt, für Heidegger ein
stimmend werden aber eminente Gestalten, in de- christlich geprägter ist, scheiden andere Religionen
nen sich die bleibende Differenz von Philosophie aus. Auffällig ist hierbei, dass Heidegger nicht nur,
und religiöser Erfahrung verkörpert: »Begleiter im wie im Zuge dieses Ansatzes prima facie plausibel, Is-
Suchen war der junge Luther und Vorbild Aristoteles, lam, Hinduismus und Buddhismus außer Acht lässt,
den jener haßte. Stöße gab Kierkegaard, und die Au- sondern auch das Judentum, dessen wirkungsge-
gen hat mir Husserl eingesetzt.« (GA 63, 5) Das exis- schichtliche Virulenz damals von Autoren wie Her-
tentielle Ringen um einen authentischen Lebensvoll- mann Cohen, Leo Baeck und Franz Rosenzweig (s.
zug und die unpersönliche Strenge philosophischer Kap. III.3) höchst eindrucksvoll bezeugt wurde. Je-
Begriffsarbeit bilden die beiden gegensätzlichen denfalls geht seine Zuwendung zum Urchristentum
Pole, zwischen denen sich die Phänomenologie der methodisch mit dem Plädoyer für einen bottom-up-
Religion entfaltet. Im Rückblick auf die Frühen Ansatz einher, der die top-down-Orientierung der
Schriften lässt sich diese Polarität als Kippfigur des damals zeitgenössischen Religionsphilosophie über-
älteren Ansatzes deuten: Während in der neuscho- winden soll. Der Gegenbegriff zu dieser »vollzugs-
lastisch geprägten Phase die Aneignung zeitgenössi- geschichtlichen« Phänomenologie ist die »objekt-ge-
scher Philosophie im Zeichen theologischer Inter- schichtliche« (134) Betrachtungsweise, die von ei-
essen stand, wird nun das religiöse Denken Ge- nem externen Beobachterstandpunkt aus religiöse
genstand eines radikalisierten philosophischen Vorstellungen und Praktiken analysiert, ohne zu be-
Erkenntnisinteresses, das sich nicht mehr theolo- achten, dass solche Phänomene erst durch die Ein-
gisch vereinnahmen lässt. Diese atheologische Philo- bettung in eine bestimmte Lebensform als Sinnzu-
sophie erhält aber ihre eigentümliche Prägung eben sammenhänge verständlich werden. Radikal ist diese
10 I. Werk

methodische Kritik insofern, als Heidegger sie nicht gegen die objektgeschichtliche Tendenz der einge-
nur auf philosophische oder religionswissenschaftli- führten Begrifflichkeit nicht selten gewaltsam eine
che Zugänge, sondern sogar auf die Theologie selbst eigene Sprache stellen, mit der der Vollzugscharak-
bezieht. Unter dem Stichwort »Tragweite der Unter- ter des Verstehens zum Ausdruck kommen soll. Die
suchung für die Theologie« findet sich eine auch für Entwürfe zur Mystikvorlesung sind hier besonders
das philosophische Selbstbewusstsein des jungen aufschlussreich. In der Auseinandersetzung mit
Heidegger aufschlussreiche Notiz: »Es wird nicht zu Schleiermacher, besonders mit den Reden über die
vermeiden sein, daß die Aufdeckung der Phänomen- Religion, sowie Autoren wie Otto, Troeltsch und Rei-
zusammenhänge die Problematik und Begriffsbil- nach betont Heidegger die »Notwendigkeit einer
dung von Grund aus ändert und eigentliche Maß- phänomenologischen Einstellung auf das religiöse
stäbe beistellt für die Destruktion der christlichen Erlebnis« (319), das manchmal eher neukantianisie-
Theologie und der abendländischen Philosophie.« rend als Werterlebnis, dann mit Husserl als Aktkor-
(135) Die urchristliche Lebenserfahrung soll die relat oder auch schon im Sinne einer »Hermeneutik
phänomenale Ressource liefern, von der aus das […] im historischen Ich« (336) gefasst wird. Die Er-
»vollzugsmäßige« Defizit der abendländischen Be- lebnis- und Subjektfixierung dieser Skizzen macht
griffsbildung, ihr »objekt-geschichtliches« und sich dann in der Vorlesung »Einleitung in die Phänome-
im metaphysischen Denken niederschlagendes Vor- nologie der Religion« einem differenzierteren Struk-
urteil sichtbar und kritisierbar wird. turmodell menschlicher Erfahrung Platz.
Hier zeigt sich dann allerdings schon ein methodi- Heideggers Ausgangspunkt ist die wieder und
sches Problem, das Heideggers ambitiöse Untersu- wieder beschworene »faktische Lebenserfahrung«
chungen durchgängig prägt: das Erkenntnisinteresse als Titel für die »ganze aktive und passive Stellung
nämlich, das der Phänomenologe an die religiöse Er- des Menschen zur Welt« (11). Auch die Philosophie
fahrung des Urchristentums heranträgt, ist eben ein tritt aus ihr nur heraus, um wieder in sie zurückzu-
philosophisches, kein religiöses. Es erwächst nicht aus kehren. Ihr neuer Grundbegriff dient einer doppel-
der Binnenlogik des Glaubens, sondern behandelt ten Akzentuierung. Zum einen soll der Primat des
urchristliche Religiosität als die paradigmatische tatsächlich im Vollzug des Lebens Erfahrbaren ge-
Realisierung von Möglichkeiten faktischer Lebenser- genüber begrifflichen Konstruktionen verteidigt
fahrung. Der bottom-up-Zugang der phänomenolo- werden: »– keine Theorien!« (13). Zum anderen geht
gischen Hermeneutik kann zwar das subsumtions- es um die Betonung eines ursprünglichen, der Sub-
logische Schema der Religionsphilosophie vermei- jekt-Objekt-Dualität vorausliegenden Weltbezugs:
den, nicht aber die Transformation des religiösen »›Welt‹ ist etwas, worin man leben kann (in einem
Geltungssinns in eine Strukturlogik des faktischen Objekt kann man nicht leben)« (11). Dieser Weltbe-
Lebens, die dem religiösen Glauben äußerlich und zug lässt sich nach den drei Aspekten Umwelt-Mit-
fremd bleibt. Damit ist eine Spannung zwischen phi- welt-Selbstwelt auffächern, wobei das Charakteristi-
losophischem und religiösem Vollzug gegeben, die sche der faktischen Lebenserfahrung gerade darin
Heidegger zunehmend bewusster wird, bis er sie dann bestehen soll, dass sie diese Differenzen selbst
in seinem Vortrag »Phänomenologie und Theologie« ebenso wenig erfährt wie die Art und Weise des je-
von 1927 einer Verhältnisbestimmung der beiden weiligen Bezugs selbst; vielmehr geht sie ganz im Er-
Wissenschaften zugrunde legt (s. Kap. III.31). fahren der jeweiligen Gehalte auf: »was« erfahren
Seine religionsphänomenologisch einschlägigen wird, dominiert sie so vollständig, dass sie für das
Arbeiten, allesamt frühe Freiburger Vorlesungen »wie« der Erfahrung blind ist. Heidegger sieht in
bzw. Vorlesungsentwürfe, sind in Bd. 60 der GA ge- dieser Dominanz der Gehalte gegenüber der Weise
sammelt. Es handelt sich um die Vorlesungen »Ein- ihrer Gegebenheit die »abfallende« (16) Tendenz der
leitung in die Phänomenologie der Religion« vom faktischen Lebenserfahrung (die sich u. a. auch in
WS 1920/21 und »Augustinus und der Neuplatonis- der Synthese von christlichem Glauben und meta-
mus« vom SS 1921, sowie um Entwürfe zu einer physischer Tradition niederschlägt). Dieses deutlich
nicht gehaltenen Vorlesung aus dem WS 1918/19 religiös eingefärbte Prädikat ist ein Vorläufer der
»Die philosophischen Grundlagen der mittelalterli- »Uneigentlichkeit« in Sein und Zeit.
chen Mystik«. Gerecht werden lässt sich diesen Tex-
ten nur, wenn man sie als Schriften des Übergangs 3. Urchristliche Religiosität als Paradigma des fakti-
versteht, mit entsprechend tentativen, von Semester schen Lebens? Da die komplexe Strukturganzheit in
zu Semester variierenden »Begriffs«-Bildungen, die der alltäglichen Lebenspraxis gerade nicht erfahren,
3. Phänomenologie der Religion 11

sondern zugunsten dominierender Gehalte über- ten). Unter der Prämisse »Die christliche Religiosität
gangen wird, sucht Heidegger nach einer spezifi- lebt die Zeitlichkeit als solche« (80) rückt Heidegger
schen Form faktischer Lebenserfahrung, die nicht das Phänomen der Verkündigung ins Zentrum, wie
vom Gehalt, sondern vom Vollzug dominiert wird es sich in den Briefen darstellt, »und zwar deshalb,
und sich deshalb als Paradigma der phänomenologi- weil in ihm der unmittelbare Lebensbezug der
schen Analyse eignet. Dieses Paradigma liefert die Selbstwelt des Paulus zur Umwelt und Mitwelt der
urchristliche Lebenserfahrung. Unter dem Primat Gemeinde erfaßbar ist« (80). Der Interaktionszu-
des Vollzugs tritt die Prägung des alltäglichen Le- sammenhang zwischen Paulus und seinen Gemein-
bens durch die jeweilige Umwelt zurück und die den exemplifiziert die Möglichkeit einer nichtobjek-
Selbstwelt wird bestimmend. »Das tiefste historische tivierenden Lebensform, die sich selbst durch ihren
Paradigma für den merkwürdigen Prozeß der Verle- Vollzugssinn und dessen Zeitlichkeit bestimmt
gung des Schwerpunktes des faktischen Lebens und weiß. So ist die Selbsterfahrung der thessalonischen
der Lebenswelt in die Selbstwelt und die Welt der in- Gemeinde in ihrem Wissen darum zentriert, dass sie
neren Erfahrungen gibt sich uns in der Entstehung durch die Verkündigung des Paulus Christen gewor-
des Christentums. Die Selbstwelt tritt als solche ins den sind. Dieses Wissen der Gemeindemitglieder ist
Leben und wird als solche gelebt.« (GA 58, 61) Hei- keine kognitive Repräsentation, sondern wird als lei-
deggers Vorlesung zur »Einführung in die Phäno- tender Vollzugssinn »ständig miterfahren und zwar
menologie der Religion« ist dementsprechend von so, daß ihr jetziges Sein ihr Gewordensein ist.« (94)
der Absicht geleitet, am historischen Paradigma des Heidegger präpariert aus dem Text eine Häufung
Urchristentums exemplarisch aufzuzeigen, wie Voll- von Verben heraus, die den verbalen, pragmatischen
zugs-, Selbstwelt- und Zeitlichkeitsprimat ein Struk- Sinn des Gewordenseins zum Ausdruck bringen sol-
turganzes bilden, in dem die Selbstvergessenheit des len. Er besteht darin, dass alle Gehalte und Bezüge
alltäglichen Selbst, sein Verlorensein an objektive des faktischen Lebens in einen umgreifenden Voll-
Gehalte, aufgehoben ist. Aus dieser Perspektive zugssinn eingebettet werden, der durch die Verben
heraus analysiert und kritisiert Heidegger zeitgenös- »δουλεύειν und ἀναμένειν«, durch ein »Wandeln
sische Positionen der Religionsphilosophie, vor al- vor Gott und ein Erharren« (95) charakterisiert ist.
lem Troeltsch. Der Hauptvorwurf lautet: »Die Reli- Der Gegenwart des Vergangenen korrespondiert
gion ist für ihn von vornherein Objekt.« (GA 60, 29) im »Erharren« die Hoffnung auf die Parusie, die
Und die Tendenz zum Objektgeschichtlichen ist es Wiederkehr Christi, die »radikal anders [ist] als alle
auch, gegen die sich Heidegger bei seiner Ausarbei- Erwartung« (102) zukünftig eintreffender Ereig-
tung des »Historischen« wendet. Als Kontrastfolie nisse. Von diesen beiden miteinander verbundenen
der urchristlichen, genuin historischen Lebenserfah- Polen aus bestimmt sich die existenzielle Zeitlichkeit
rung dient ihm dabei das historische Bewusstsein des Urchristentums. Sie zeichnet sich dadurch aus,
seiner zeitgenössischen Kultur. Heidegger entwickelt dass ihr »Wann […] auf keine Weise objektiv faß-
hier eine Typologie, die drei verschiedene Spielarten bar« (104) ist. Die Parusie gilt im verkündeten und
unterscheidet – die platonische Abkehr von der Ge- angenommenen Glauben als gewiss, kann aber hin-
schichte, das Spenglersche Sich-der-Geschichte- sichtlich ihres Zeitpunktes nicht bestimmt werden.
Ausliefern und verschiedene Kompromissformen Nicht wann  – oder sogar ob  – sie eintritt, ist ent-
(Dilthey, Simmel, Neukantianismus) –, deren ge- scheidend, sondern wie sie die gelebte Zeitlichkeit
meinsamer Nenner jedoch in dem »Versuch, sich ge- des Christen dadurch bestimmt, dass er an sie glaubt,
gen das Historische zu behaupten« (38), gefunden sie »erharrt«. An diesem zeitlichen Bogen von dem
werden kann. »Geschichte ist hier Sache, Objekt, wo- Gewordensein durch die Verkündigung zur Erwar-
rauf ich erkenntnismäßig eingestellt bin.« (48) tung der Wiederkehr Christi fasziniert Heidegger
Vor diesem zeitdiagnostischen Hintergrund ent- der Primat des Vollzugs. Zentral ist der »καιρός«
faltet Heidegger, sich immer wieder mit metho- (150), der von der gelebten Zeitlichkeit aus gefüllte
disch-grundsätzlichen Erwägungen unterbrechend, Augenblick. Die Chronologie objektiver Zeitpunkte
seine Analyse der urchristlichen Lebenserfahrung. wird durch die Kairologie des Selbstvollzugs zurück-
Die Textbasis ist außerordentlich schmal und be- gedrängt. All das ist freilich »Gnadenwirkung«
schränkt sich auf die ältesten Dokumente christli- (121), Radikalisierung der Faktizität des Lebens im
cher Lebenserfahrung, nämlich drei paulinische Harren auf eine Parusie, die geglaubt werden muss.
Briefe: den Galater- und die beiden Thessalonicher- Mit dieser Betonung der existenziellen, gefüllten
briefe (die Echtheit von 2. Thess. ist stark umstrit- Zeit des kairos erarbeitet Heidegger sich einen
12 I. Werk

Schlüsselbegriff der Nachkriegszeit, der auch für den die Heidegger religionsphänomenologisch ins Zen-
Berliner Kreis der »Religiösen Sozialisten« (Kairos- trum rückt (zu Hannah Arendts analoger Deutung
Kreis) zentrale Bedeutung hat und vor allem durch s. Kap. III.16). Die »vollzugsgeschichtliche« Perspek-
die Schriften des Theologen Paul Tillich seit 1922 tive ist zentral, und auch der Aufbau der Vorlesung
das geistige Klima der Weimarer Republik mitbe- folgt dem Schema ihrer Vorgängerin: traditionelle
stimmt. Für Tillich enthält die Idee des Kairos zwei und zeitgenössische Augustinus-Deutungen werden
eng verbundene Aspekte, »das Hereinbrechen der gemustert und allesamt als unzureichend kritisiert,
Ewigkeit in die Zeit« und damit »den unbedingten weil sie sich am Objektgeschichtlichen orientieren,
Entscheidungs- und Schicksalscharakter dieses ge- ohne die Vollzugsgeschichte zu beachten.
schichtlichen Augenblicks« (Tillich 1926, 35), wo- Heideggers großes Thema ist das Leben als Versu-
durch sie eine Brücke zwischen dem christologi- chung (tentatio) des um seine Eigentlichkeit ringen-
schen Denken und der jeweiligen, individuellen wie den Selbst, und von daher wird auch verständlich,
kulturellen Zeiterfahrung baut. Heidegger nimmt je- warum nicht die berühmte Zeitanalyse des elften,
doch vor allem den zweiten Aspekt auf und forciert sondern das zehnte Buch der Confessiones mit seinen
in seiner Vorlesung derart entschieden den Vollzug Deutungen des Selbst-Habens und der Gottsuche in-
der Kairoserfahrung auf Kosten ihrer inhaltlichen terpretiert wird. In der Arbeit am Text wird eine
Bestimmung, dass ihm zur existenzialen Möglich- Frühform dessen entwickelt, was in Sein und Zeit als
keit des faktischen Lebens gerät, was für Tillich eine »Sorge« figuriert: »Das curare (Bekümmertsein) als
offenbarungstheologische Pointe hat. Freilich sieht er Grundcharakter des faktischen Lebens« (205). Hei-
sehr klar, dass sich die eigentümliche, nichtobjekti- degger lässt dabei bewusst die Frage offen, inwieweit
vierende Zeitstruktur der urchristlichen Religiosität die geschilderten Bezüge sinnlogisch Ausdruck ei-
nicht einfach in die faktische Lebenserfahrung als nes spezifischen, nämlich christlichen Lebensent-
solche zurückprojizieren lässt. Heideggers Para- wurfs sind oder aber paradigmatisch Strukturen in-
digma gelebter Zeitlichkeit zehrt mithin von tran- stantiieren, die das faktische Leben als solches kenn-
szendenten Voraussetzungen, die seinen paradigma- zeichnen. Und diese Spannung wird noch von einer
tischen Charakter bedrohen. Auf dem Weg zu Sein zweiten überlagert, die die Texte selbst betrifft: Au-
und Zeit wird daher die Zeitlichkeit der Kairos-Er- gustinus wird Heidegger nämlich zum Kronzeugen
fahrung durch diejenige des Vorlaufens zum Tod er- für die »Unvereinbarkeit einer ontologischen, letzt-
setzt. lich platonischen Deutung Gottes mit einer existen-
In Heideggers Augustinus-Vorlesung vom Som- ziellen, letztlich urchristlichen Deutung der religiö-
mersemester 1921 tritt die kommunikative, durch sen Erfahrung« (Kaegi 1996, 146). Dieses im gesam-
das Phänomen der Verkündigung geprägte Perspek- ten Werk Heideggers immer wiederkehrende Thema
tive seiner Paulus-Interpretationen zugunsten einer hat seine Wurzeln in der Rezeption Kierkegaards,
Zentrierung im Selbstbegriff zurück. Augustinus ’ Pascals und des frühen Luther, besonders seiner
Confessiones erscheinen als Dokument einer existen- Heidelberger Disputation von 1518, die religiösen
ziellen Suche, in der Selbst- und Gottesbegriff Glauben und metaphysisches Denken unversöhn-
untrennbar miteinander verbunden sind. Die Be- lich einander entgegensetzt.
schäftigung mit dem Kirchenvater verknüpft dabei Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist
zeittypische mit sachlogisch-internen Motiven: die Heideggers Deutung der augustinischen Unterschei-
Traditionslinie Paulus-Augustinus-Luther-Kierke- dung von uti und frui als zwei grundverschiedener
gaard erscheint dem religionsphilosophischen Den- Vollzugsformen des curare. Bei Augustinus bezieht
ken der Nachkriegszeit als eine lebensnähere Alter- sich das frui (genießen) auf Gott als das höchste und
native zu der protestantischen Orientierung an Kant unveränderliche Gut, das uti hingegen auf die zu
und zum katholischen Neuthomismus. Der theo- »gebrauchenden« irdischen Dinge. Diese Werthier-
logiegeschichtliche Einfluss des Augustinus ist im- archie ist nach Heidegger Ausfluss einer neuplatoni-
mens; Heideggers Projekt einer vertiefenden »De- schen, der christlichen Erfahrung fremden Ontolo-
struktion« der theologisch-philosophischen Grund- gie: »Die fruitio Dei steht letzten Endes im Gegen-
begrifflichkeit findet hier (denn Augustinus steht satz zum Haben des Selbst; beides entspringt nicht
bereits im Schatten der platonischen Tradition) ei- derselben Wurzel, sondern ist von außen zusam-
nen entsprechend gewichtigen Bezugspunkt. Vor al- mengewachsen.« (272) Demgegenüber wird das uti
lem sind es aber die Analysen des menschlichen geradezu zur Formel für das Weltverhältnis des fak-
Selbst in seinem Kampf gegen das Sich-Verlieren, tischen Lebens: »ich ›gehe‹ mit dem ›um‹, was das
4. Die frühen Freiburger Vorlesungen und andere Schriften 1919–1923 13

Leben mir zuträgt.« (271) Heideggers Interpretati- 4. Die frühen Freiburger


onsrichtung ist eindeutig. Alle Aspekte des augusti-
nischen Denkens, die das curare im Sinne eines stän- Vorlesungen und andere
digen Kampfes gegen das Sich-Verlieren in der Welt Schriften 1919–1923
deuten, werden ins Zentrum gerückt, alle Tenden-
zen zur Ruhe in Gott dem verzerrenden Einfluss des Aufbau einer eigenen Philosophie
Neuplatonismus zugeschlagen. Leben ist eine »stän- im historischen Kontext
dige Versuchung« (206), deren Struktur freilich we-
niger aus den inhaltlichen Bestimmungen des christ- Matthias Jung
lichen Glaubens, sondern vorrangig aus dem Voll-
zugskonzept des faktischen Lebens gewonnen wird. 1. Übersicht. In den Jahren 1919–1923 entwickelt
So lässt sich im Blick auf die Augustinus-Vorlesung Heidegger einen höchst eigenständigen philosophi-
die Vermutung nicht abweisen, auch die Kriterien, schen Ansatz, lässt nach dem Bruch mit der katholi-
nach denen Heidegger neuplatonische Überformun- schen Theologie den neuscholastischen Kontext sei-
gen und genuin christliche Erfahrung unterscheidet, ner Frühen Schriften weit hinter sich und erwirbt
verdankten sich dem zugrundeliegenden Konzept sich den von Hannah Arendt bezeugten Ruf, der
faktischer Lebenserfahrung, nicht der Spezifik ihres »heimliche König […] im Reich des Denkens«
bevorzugten Paradigmas. Der abrupte Abbruch der (Arendt 1969/1989, 172) zu sein. Die vier Jahre der
religionsphänomenologischen Arbeiten nach dieser ersten Lehrtätigkeit in Freiburg, die mit dem Ruf
Vorlesung mag nicht nur in Heideggers Wiederent- nach Marburg enden, bilden einen Schwerpunkt der
deckung des Aristoteles als eines Proto-Phänomeno- Heidegger-Forschung, und dies nicht nur im Blick
logen, sondern auch darin seinen Grund haben. auf The Genesis of Heidegger ’ s »Being and Time« (Ki-
siel 1993), sondern ebenso in ihrer eigenständigen
Literatur systematischen Bedeutung sowie im Hinblick auf
Barth, Karl: Der Römerbrief [1919/22]. Zürich 151989. – Co- Heideggers Spätwerk, in dem er (zumindest unbe-
hen, Hermann: Der Begriff der Religion im System der Philo- wusst) an Einsichten seiner frühen Freiburger Vorle-
sophie. Gießen 1915. – Denker, Alfred/Gander, Hans-Hel- sungen anzuknüpfen scheint. Es sind vor allem drei
muth/Zaborowski, Holger (Hg.): Heidegger und die An- Quellen, die hier in Betracht kommen: an erster
fänge seines Denkens (= Heidegger-Jahrbuch 1). Freiburg/
Stelle die Frühen Freiburger Vorlesungen (GA 56–
München 2004.  – Fischer, Norbert/Herrmann, Friedrich-
Wilhelm von (Hg.): Heidegger und die christliche Tradition. 63), die in der gleichnamigen Abteilung der Gesamt-
Annäherungen an ein schwieriges Thema. Hamburg 2007. – ausgabe zugänglich sind (zu GA 60 mit den Vorle-
Jung, Matthias: Das Denken des Seins und der Glaube an sungen zur Religionsphänomenologie s. Kap. I.3),
Gott. Zum Verhältnis von Philosophie und Theologie bei dann die in den Wegmarken erschienene umfangrei-
Martin Heidegger. Würzburg 1990. – Ders.: Fundamental-
che Jaspers-Rezension, und schließlich der sog. »Na-
ontologie und Glaubenswissenschaft: Schwierigkeiten ei-
ner theologischen Heideggerrezeption. In: Hans-Joachim torp-Bericht« von 1922, der eine Auseinanderset-
Höhn (Hg.): Theologie, die an der Zeit ist. Paderborn u. a. zung mit Aristoteles enthält und deshalb an anderer
1992, 81–112. – Kaegi, Dominic: Die Religion in den Gren- Stelle behandelt wird (s. Kap. I.6.2).
zen der bloßen Existenz. Heideggers religionsphilosophi- Heideggers frühe Freiburger Arbeiten sind Doku-
sche Vorlesungen von 1920/21. In: Internationale Zeit- mente eines work in progress, in dessen Verlauf zwar
schrift für Philosophie 1 (1996), 133–149.  – Löwith, Karl:
Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht einige Grundmotive immer deutlicher erkennbar
[1940]. Stuttgart/Weimar 1986. – Natorp, Paul: Religion in- werden, Terminologie und Argumentationsmuster
nerhalb der Grenzen der Humanität. Tübingen 1908. – Ott, aber von Semester zu Semester teilweise radikalen
Hugo: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Veränderungen unterliegen. Im Unterschied zu dem
Frankfurt a. M./New York 1988.  – Otto, Rudolf: Das Hei- Textkorpus von Sein und Zeit, in dem Heidegger
lige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein
Verhältnis zum Rationalen [1917]. München 1963. – Sche- seine phänomenologischen Analysen in einen star-
ler, Max: Vom Ewigen im Menschen [1921]. Gesammelte ren fundamentalphilosophischen Rahmen eingefügt
Werke, Bd. 5. Bern 1954. – Stagi, Pierfrancesco: Der fakti- hat, werden hier die Suchbewegungen seines Den-
sche Gott. Würzburg 2007. – Tillich, Paul: Kairos II. Ideen kens sichtbar: in der expliziten Auseinandersetzung
zur Geisteslage der Gegenwart [1926]. In: Ders.: Gesam- mit dem Neukantianismus, mit Husserl, Dilthey, Jas-
melte Werke, Bd. 6: Der Widerstreit von Zeit und Raum.
Schriften zur Geschichtsphilosophie. Stuttgart 1963, 29–41. – pers, in den mehr impliziten, aber höchst bedeutsa-
Troeltsch, Ernst: Die Soziallehren der christlichen Kirchen men Spuren so unterschiedlicher Denker wie Kier-
und Gruppen, Bd. 1 u. 2 [1912]. Tübingen 1994. kegaard, Simmel, Lask und anderer und in den viel-
14 I. Werk

fältigen Wechselwirkungen, die zwischen den wie sich dieses faktische Leben zu Philosophie, Wis-
phänomenologischen Analysen von Alltagsphäno- senschaft und Weltanschauung verhält (2.). Eng ver-
menen und einer kritischen Aneignung der philoso- wandt damit ist die Frage nach dem nichtobjekti-
phischen Tradition bestehen. vierbaren Selbst (3.) in seinem pragmatischen Welt-
Dominant ist sicherlich der Einfluss Husserls (vgl. bezug (4.). Methodisch bündeln sich diese Themen
Merker 1988; s. Kap. I.7), freilich weniger in einem im Leitbegriff der formalen Anzeige (5.), systema-
schulmäßigen Sinn  – Husserls Entwicklung zur tisch-inhaltlich im Projekt einer »Hermeneutik der
transzendentalen Phänomenologie stand Heidegger Faktizität« (6.).
ja von Anfang an skeptisch gegenüber – als in Form
einer kritischen Einstellung gegenüber der Kon- 2. Erste Standortbestimmungen: die »Urwissenschaft«
struktion von Theorien, im Bestehen auf phänome- Philosophie. Die zwei frühesten erhaltenen Vorle-
naler Ausweisung und in der Aufmerksamkeit auf sungen Heideggers stammen aus dem Jahr 1919 und
die Intentionalitätsstrukturen des natürlichen Welt- arbeiten von zwei verwandten Richtungen aus auf
verhältnisses. Gegen Husserls Essentialismus und eine Bestimmung der eigenen Position hin: In der
seinen zunächst ahistorischen Wissenschaftsbegriff ersten geht es vor dem Hintergrund des Weltan-
wirkt allerdings der bedeutende Einfluss Diltheys schauungsproblems um die Stellung der Philosophie
(vgl. Jung 1995; 2001, 71 ff.; s. Kap. I.8), dem Heideg- als »vortheoretische Urwissenschaft« (GA 56/57,
ger den lebensphilosophischen Einschlag, die Beto- 63), in der zweiten um eine »phänomenologische
nung der Geschichtlichkeit und wohl auch einige Kritik der transzendentalen Wertphilosophie« (127)
der pragmatistischen Motive verdankt, die sich ge- als der zu dieser Zeit führenden philosophischen
gen Husserl immer deutlicher geltend machen. In Theorie der Kultur. Das damals vieldiskutierte
diesem lebensphilosophischen Kontext darf auch die Thema »Weltanschauung« präsentiert sich Heideg-
Bedeutung Georg Simmels nicht unterschätzt wer- ger vor allem aus zwei gegensätzlichen Perspektiven,
den, auf den sich Heidegger zwar kaum je ausführli- nämlich in Diltheys späten, metaphilosophischen
cher bezieht, der aber sowohl methodisch – im Blick Arbeiten zur Weltanschauungslehre und in Hus-
auf die Konzeption der »formalen Anzeige« –, als serls – gegen Dilthey gerichteter – schroffer Entge-
auch inhaltlich, nämlich bei der Umarbeitung des gensetzung von weltanschaulicher und wissen-
urchristlichen Zeitlichkeitskonzepts der religi- schaftlicher Philosophie, wie sie im Aufsatz »Philo-
onsphänomenologischen Vorlesungen in das »Sein sophie als strenge Wissenschaft« zum Ausdruck
zum Tode« von Sein und Zeit, wichtige Anregungen kommt, der 1910/11 in der Zeitschrift Logos veröf-
liefert (vgl. Großheim 1991). Radikalität und exis- fentlicht wird. 1919 erscheint dann auch Jaspers ’
tenziellen Ernst gewinnen die frühen Freiburger Psychologie der Weltanschauungen, die Heidegger
Vorlesungen jedoch vor allem in der ständigen Aus- sogleich einer so gründlichen wie kritischen Lektüre
einandersetzung mit Sören Kierkegaard, den Hei- unterwirft (s. Kap. III.2).
degger in der Vorlesung vom WS 1921/22 als »Motto Überzeitliche, unpersönliche Wesensschau einer-
und zugleich dankbare Anzeige der Quelle« (GA 61, seits, historisch situierte, lebensweltlich-perspektivi-
182) zitiert. Es sind zwei scharfe, miteinander ver- sche Selbst- und Weltdeutung andererseits  – zwi-
wandte Kontrastierungen, in die Heidegger mit schen diesen beiden Extrempositionen sucht sich
Kierkegaard sein Denken hineinstellt: der Gegensatz Heidegger seinen eigenen Weg, und dies charakte-
von Philosophie und Glaube – Kernpunkt auch sei- ristischerweise durch eine nochmalige Radikalisie-
ner Luther-Rezeption – und die Konfrontation von rung beider Gegensatzglieder. Er verwirft nämlich
System und Leben bzw. Existenz. Der erste Gegen- entschieden Husserls Junktim zwischen wissen-
satz wird zum Leitmotiv der Auseinandersetzung schaftlicher Philosophie und Überzeitlichkeit und
mit der Theologie, der zweite drängt Heidegger betont, Diltheys Historismus radikalisierend, Philo-
dazu, das Verhältnis von gelebtem und begriffenem sophie konstituiere sich »im Leben an für sich, das
Leben ins Zentrum seiner methodischen Erwägun- selbst historisch ist – in einem absoluten Sinne« (GA
gen zu rücken. 56/57, 21). Andererseits besteht er auf Husserls tran-
Das Gravitationszentrum der frühen Freiburger szendentalphilosophischer These, Philosophie und
Philosophie bildet dementsprechend der Begriff des Weltanschauung seien wesensverschieden, freilich
Lebens in seiner Faktizität, theoretischen Unableit- mit einer ganz anderen Sinnspitze: was bei Husserl
barkeit und erfahrungsmäßigen Gegebenheit. Im den Charakter einer Kontraposition hat, wird bei
Folgenden wird zunächst der Frage nachgegangen, Heidegger zur Differenz zwischen einem dem fakti-
4. Die frühen Freiburger Vorlesungen und andere Schriften 1919–1923 15

schen Leben entsprungenen Motivationszusam- emplarischer Aspekt herausgegriffen, der sich auf
menhang einerseits und dem Rückgang in dessen Windelbands von Brentano beeinflusste Unterschei-
phänomenologisch zu bestimmende Voraussetzun- dung von Urteil und Beurteilung bezieht. Urteile
gen andererseits. Auf eine knappe Formel gebracht: verknüpfen nach Windelband Vorstellungen, Beur-
Heidegger will den Gegensatz historisch-weltan- teilungen drücken die Beziehung des wertenden
schaulich vs. überzeitlich-wissenschaftlich durch Subjekts zu vorgestellten Gegenständen aus. Die
Historisierung der Transzendentalphilosophie bzw. Philosophie hat nun die überempirisch-idealen
transzendentalen Phänomenologie überwinden: Wertungen des Normalbewusstseins zu analysieren,
Philosophie erscheint als der faktisch-geschichtlich die solchen Beurteilungen zugrunde liegen, um dem
motivierte Rückgang in jenen Bereich vortheore- empirischen Bewusstsein normative Bestimmungen
tisch-lebensweltlicher Phänomene, der mit dem Prä- für sein praktisches Verhalten an die Hand geben zu
fix »Ur-« angemessen bezeichnet ist, weil er allen können. Heidegger reibt sich an diesem für die
Weltanschauungen und Einzelwissenschaften er- Wertphilosophie konstitutiven Dualismus, weil er
möglichend vorausliegt. Im Kontext dieser Frage- den Wertbegriff als die theoretisierende Verfäl-
stellungen finden sich dann auch Heideggers frü- schung eines Phänomens begreift, das sich lebens-
heste phänomenologische Analysen des Wirklich- weltlich immer als Charakteristikum erlebter Bedeu-
keitsbezugs, die sich in der Frage konzentrieren: tungszusammenhänge zeigt: »Eines ist: Für-Wert-Er-
»Gibt es das ›es gibt‹?« (62) Von dort aus entwickelt klären, ein anderes: Wertnehmen.« Nur letzteres
er seine Analyse des Umwelterlebnisses (§ 14), die kann als »originäres Ursprungsphänomen« gelten
ihre Pointe darin hat, dass die erkenntnistheoreti- (48). Die Konstitutionsrichtung des Neukantianis-
sche Unterscheidung Subjekt-Objekt und der Theo- mus vom Subjekt zum Gegenstand wird hier be-
retizismus des Erkennens zugunsten eines herme- wusst invertiert: »Im Wertnehmen tut mir das ›es
neutischen Modells unterlaufen werden, in dem be- wertet‹ etwas an, es dringt in mich ein. […] Im Wert-
deutsame Welt und Selbst eine vorgängige Einheit nehmen liegt nichts Theoretisches« (49). Das
bilden: »das Bedeutsame ist das Primäre, gibt sich »Selbst« des frühen Heidegger ist kein Ausgangs-
mir unmittelbar, ohne jeden gedanklichen Umweg punkt transzendentaler Begründungsfiguren, son-
über ein Sacherfassen. In einer Umwelt lebend, be- dern Teil einer es übergreifenden transzendentalen
deutet es mir überall und immer, es ist alles welthaft, Struktur, die wenig später auf den Namen »In-der-
›es weltet‹, was nicht zusammenfällt mit dem ›es wer- Welt-sein« getauft wird. Gerade weil es dem Selbst
tet‹.« (73) Heidegger führt dies in einem phänome- existenziell um es selbst geht, erfährt es sich immer
nologischen Kabinettstück aus: »In den Hörsaal tre- schon als ein in Bedeutungszusammenhänge von
tend, sehe ich das Katheder. Was sehe ›ich‹? Braune Welt und Selbst unaufhebbar verstricktes.
Flächen, die sich rechtwinklig schneiden? Nein, ich
sehe etwas anderes […], ich sehe das Katheder, an 3. Der Sinn des »ich bin«. Wenn Heidegger daher, be-
dem ich sprechen soll […]. Denken wir uns einen sonders prägnant in der Jaspers-Rezension, die
Senegalneger als plötzlich aus seiner Hütte hier Frage nach dem »Sinn des ›ich bin‹« (GA 9, 5) als
herein verpflanzt. […] Selbst wenn er das Katheder fundamental herausstellt, geht es ihm nicht um sub-
als bloßes Etwas, das da ist, sähe, hätte es für ihn eine jektive Innerlichkeit und genauso wenig um ein
Bedeutung, ein bedeutungshaftes Moment.« (71 f.) transzendentales Ego auf der Linie Descartes-Hus-
Mit diesem letzten Gedankengang ist bereits der serl. Die »abwegige Einstellung auf das Ich als Ob-
Tenor der Vorlesung über »Phänomenologie und jekt« (GA 58, 159) soll vermieden werden, eidetische
transzendentale Wertphilosophie« bezeichnet. An- Beschreibungen oder empirische Introspektionen
knüpfung und Widerspruch liegen hier wieder eng eigener Bewusstseinszustände verbieten sich daher
beisammen, vor allem im Blick auf den schon stark gleichermaßen. Nach dem »ich bin«  – im Unter-
phänomenologisch geprägten Neukantianer Emil schied zum reinen »Ich«  – zu fragen, impliziert
Lask, von dem es heißt, er habe »im Sollen und im schon den Übergang vom bewusstseinstheoreti-
Wert, als letzter Erlebtheit« (122), die tatsächliche schen Subjekt zum mundanen Selbst: »Das Ich ist
Welt entdeckt. In der Auseinandersetzung mit Lotze, hier als das volle konkrete historisch faktische Selbst,
Cohen, Windelband, Rickert und anderen geht es zugänglich in der historisch konkreten Eigenerfah-
Heidegger dann um eine »kritisch-positive phäno- rung, zu verstehen.« (GA 9, 30) »Entscheidend wird
menologische Überwindung der Wertphilosophie« also, daß ich mich habe, die Grunderfahrung, in der
(141). Aus seinen minutiösen Analysen sei ein ex- ich mir selbst als Selbst begegne« (29). Gegen Hus-
16 I. Werk

serls egologische Epistemologie setzt Heidegger ei- senschaften sachlogisch-neutral betrieben werden
nen Erfahrungsbegriff, der im leiblich-konkreten können, während »zu den Sachen der Philosophie
Lebensvollzug zentriert ist (s. Kap. I.7). »Faktizität« […] der Philosophierende selbst und (seine) notori-
lautet das Schlagwort: »die eigene hic et nunc ge- sche Erbärmlichkeit mitgehört« (42). Dass Philoso-
lebte, in dieser geistesgeschichtlichen Situation zum phie sachlogisch die existenziell verwirklichte Le-
Vollzug gebrachte faktische Lebenserfahrung voll- bensform des freien Fragens voraussetzt, wird zu-
zieht auch die ihr entspringende, in ihr verbleibende, dem zum Angelpunkt von Heideggers Verhältnis zur
auf das Faktische selbst zurücklaufende Grunder- Theologie.
fahrung.« (32) Diese Doppelung von Lebens- und Heideggers Frage nach dem »ich bin« eines sich
Grunderfahrung – ihr entspricht die Differenz zwi- vollziehenden Selbsts markiert eine eigenständige
schen dem Faktischen und der Faktizität  – ist ent- Position zwischen Subjekt- und Seinsphilosophie,
scheidend: vom empirischen Selbst des Philosophen die nicht dem Verhältnis von Fundamentalontologie
und dessen unhintergehbar-faktischer Lebenssitua- und Daseinsanalyse, wie es Sein und Zeit entwickelt,
tion ausgehend, stößt die phänomenologische Ana- vorschnell angeglichen werden darf. Die von Husserl
lyse zu einer Grunderfahrung vor, die zwar ihre Mo- herkommenden transzendentalen Motive, die dort
tivation nur in den konkreten Bestimmungen des je- zu einem höchst anspruchsvollen Begründungsmo-
weiligen faktischen Lebens hat und deshalb in diese dell von Philosophie verdichtet werden, machen sich
»zurückschlägt«, wie Heidegger noch in der be- in der frühen Freiburger Zeit nur in der schwäche-
rühmten Formulierung von Sein und Zeit zweimal ren Form des Rückgangs vom faktischen Leben zu
wiederholt (SZ 38 u. 436), gleichzeitig aber das Fak- den Strukturmerkmalen seiner Faktizität bemerk-
tische auf seine zugrundeliegenden transzendenta- bar. Dieser Rückgang dient vor allem dem Nachweis,
len Strukturen hin übersteigt. Diese eigentümliche dass der »Existenzsinn« des Selbst nicht der theoreti-
Denkfigur lässt sich pointiert als eine transzenden- schen, objektivierenden Weltbeziehung assimiliert
tale Epistemologie der ersten Person Singular be- werden kann, »sondern aus der Grunderfahrung des
zeichnen. Auch das welthaltige und pragmatische bekümmerten Habens seiner selbst« gewonnen wer-
»Selbst« als Substitut des transzendentalen Ego ist den muss, »welches vor einer möglicherweise nach-
daher nicht »mein«, sondern eben »das« Selbst. Um kommenden, aber für den Vollzug belanglosen ›ist‹-
dessen Vollzugsstruktur geht es, um das »Wie der mäßig objektivierenden Kenntnisnahme vollzogen
bekümmerten Selbstaneignung« (GA 9, 35). ist« (30). Mit dem Begriff »Bekümmerung« und ver-
Der Vollzug ist nun zwar nur im Vollzug selbst, wandten Neologismen (»Sorgen«) will Heidegger
nicht aus der Beobachterperspektive zugänglich, den Primat theoretischer Vernunft pragmatisch un-
wird aber normalerweise gar nicht als Vollzug erfah- terlaufen, das menschliche Selbstverhältnis neu und
ren, sondern besteht darin, »einstellungsmäßig« eben nicht mehr im Sinne reflexiver Selbstobjekti-
(GA 60, 48) in den jeweils aktuellen Gehalten aufzu- vierung bestimmen und vor allem handlungsprak-
gehen. In »faktischer Erfahrung frage ich nicht, was tisch eine genuine Zeitlichkeit ins Spiel bringen, die
das Selbst ist: ich habe es in der Weise des Lebens im dem bewusstseinstheoretisch konzipierten »Ich« ab-
Verständlichen« (GA 58, 166). Wer Erfahrungen geht: »Das Sich-selbst-haben erwächst aus, hält sich
macht, macht nicht auch die Erfahrung, Erfahrun- in und tendiert auf Bekümmerung, in welcher Be-
gen zu machen. Erst mit dieser Einsicht radikalisiert kümmerung die spezifische Selbstvergangenheit,
sich Heideggers philosophischer Selbstbegriff. Die Gegenwart und Zukunft erfahren sind, nicht als
phänomenologische Grunderfahrung des vollzugs- Zeitschema für eine objektive Sachordnung, son-
mäßigen Selbst wird nämlich dann nur dadurch dern in dem unschematischen, den Erfahrungsvoll-
möglich, dass sich ein bestimmtes Selbst reflexiv ge- zug in seinem Wie betreffenden Bekümmerungs-
gen sein eigenes Aufgehen in den weltlichen Bedeu- sinn.« (GA 9, 32 f.)
tungszusammenhängen kehrt, um den Vollzug sei- Am deutlichsten wird diese Neubestimmung zeit-
ner Selbstvergessenheit zu entreißen, und zwar in lichen Existierens in Heideggers Rede vom
der Weise eines »radikalen Befragens, das sich selbst »kairologische[n] Charakter faktischer Besorgnis«
in der Frage hält« (GA 9, 43). Diese Grundfigur (GA 61, 184). Weil das faktisch existierende Selbst
prägt Heideggers Denken bleibend. Sie konstituiert sich dauernd neu vollziehen muss, erscheint ihm die
die Differenz von Philosophie und Wissenschaft  – Zukunft als ein Horizont von Lebensmöglichkeiten,
wie auch die von Heidegger zeitweise vertretene Be- die sich aus seiner je eigenen Vergangenheit ergeben.
gründungsfunktion ersterer für letztere –, weil Wis- Nicht chronologisch-gleichmäßig aufeinanderfol-
4. Die frühen Freiburger Vorlesungen und andere Schriften 1919–1923 17

gende Zeitpunkte, sondern kairologische, sich druck von Handlungszusammenhängen. Heidegger


»jetzt« öffnende oder verschließende Zeitfenster für vertritt, wie Gethmann (1993, 265) in Anspielung
das Handeln bestimmen die Struktur der Lebenszeit. auf Wittgensteins ›Gebrauchstheorie‹ der Bedeutung
Heidegger hat sich diese spezifisch kairologische formuliert, eine »›Vollzugstheorie‹ der Bedeutung«.
Zeitlichkeit am Modell urchristlicher Lebenserfah- Dieser Lebenswelt-Pragmatismus ist vielleicht
rung erarbeitet, und zwar im Blick auf die sog. »Par- der überraschendste Zug von Heideggers frühen Ar-
usie«, das Warten auf die Wiederkunft Christi, die beiten. Er findet sich auch in Sein und Zeit, ist dort
dem Gläubigen sicher erscheint, ohne dass doch ihr aber viel stärker auf die Analyse der Umweltlichkeit
Zeitpunkt objektiviert werden könnte (s. Kap. I.3). bezogen. Die phänomenologischen Beschreibungen
In den frühen Freiburger Arbeiten dringen die Spe- der Lebenswelt, die Heidegger in seinen Vorlesun-
zifika dieses christlich-kairologischen Modells tief in gen entwickelt, sind demgegenüber weiter angelegt,
die Zeitanalysen ein, und Heidegger behauptet so- weil sie das faktische Leben als einen Strukturzu-
gar: »Warten gibt den historischen Grundsinn der sammenhang von Umwelt, Mitwelt und Selbstwelt
Faktizität« (GA 61, 184). Diese Verallgemeinerung begreifen. Pointiert formuliert Heidegger: »Unser
einer spezifisch christlichen Daseinsform zur exis- Leben ist die Welt, in der wir leben, […] Und unser
tenzialen Bestimmung ist höchst problematisch, was Leben ist nur als Leben, insofern es in einer Welt
sicherlich mit dazu beigetragen hat, dass Heidegger lebt.« (GA 58, 34) Umwelt – der Inbegriff der ›ding-
auf dem Weg zu Sein und Zeit diese »ontischen« Be- lichen‹ Lebensbedingungen  – und soziale Mitwelt
züge abstreift und den individuellen Tod zum Fokus sind in einer charakteristischen Weise in der Selbst-
seiner Zeitlichkeitsanalysen macht. welt zentriert, »sofern das gerade mir so und so be-
gegnet und meinem Leben gerade diese meine per-
4. Der Pragmatismus der Lebenswelt. Das Selbst des sonale Rhythmik verleiht« (33). Indem das Selbst
faktischen Lebens ist kein neutraler Beobachter, son- sich sorgt – ganz elementar und vor allem: »um das
dern eingelassen in die Bedeutsamkeitszusammen- ›tägliche Brot‹« (GA 61, 90) –, erschließt es sich die
hänge einer holistisch verflochtenen Lebenswelt, in Bedeutsamkeiten seiner Lebenswelt. »Sorgen« darf
denen es sich »bekümmernd« und »sorgend«, also daher nicht als ein mentales Begrübeln von Schwie-
praktisch-handelnd, bewegt. Wie Gethmann (1983, rigkeiten verstanden werden, sondern liefert schlicht
272) gezeigt hat, ist »›Sorgen‹ der Heideggersche die primäre Handlungsmotivation. Worauf sich das
Nachfolgebegriff für ›Intentionalität‹«, seine Prag- Sorgen jeweils bezieht, macht das Faktische der Le-
matisierung Husserls. Die »Lebenswelt« ist der un- benserfahrung aus; dass dieser Bezug aber gar nicht
hintergehbare Rahmen dieses praktischen Sorgens. distanzierbar ist und nach Heidegger sogar auf die
Diesen Begriff hat Husserl in seiner späten Schrift epistemische Beobachterperspektive durchgreift,
Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die konstituiert die unhintergehbare Faktizität des Le-
transzendentale Phänomenologie systematisch einge- bens.
führt; er wird von Husserl und seinem Kreis aber »Lebenswelt« ist also der Titel für jene holistisch-
schon viel früher verwendet. Bei Heidegger taucht er bedeutungsbildende, historisch höchst variable
seit 1919 als terminus technicus auf und zielt auf ein Struktur, in der das Selbst die Wirklichkeit in Form
vorgängiges »Korrelatverhältnis von Selbst und Mi- von Möglichkeitshorizonten für das Handeln er-
lieu« (GA 59, 158), wie es im Anschluss an pragma- fährt. Der Bedeutungsholismus der Lebenswelt hat
tistische Einsichten Diltheys heißt. In der Lebens- aber zur Folge, dass die Zentriertheit der Bezüge in
welt ist die Realität in Form geschichtlich entstande- der Selbstwelt nicht mehr erfahren wird. »Im Sich-
ner Bedeutsamkeitszusammenhänge gegeben, nicht mitnehmenlassen von den Bedeutsamkeiten der
als Korrelat epistemischer Akte, sondern als Inbe- Welt […] geht sich zwar das faktische Leben ständig
griff von Handlungsmöglichkeiten. Bedeutsamkei- aus dem Weg. Sofern es sich aus dem Wege geht, aus-
ten entstehen aber genau dadurch, dass bestimmte drücklich oder nicht, ist es gerade da.« (106 f.) Diese
Aspekte der erfahrbaren Wirklichkeit den Lebens- Ambivalenzstruktur ist die Keimform dessen, was
vollzug des Selbst fördernd oder behindernd betref- Heidegger in Sein und Zeit mit pejorativem Unter-
fen und eben deshalb einen pragmatischen Sinn ha- ton als »Verfallen« kennzeichnet. Weil das Selbst In-
ben. Deshalb können Bedeutungen durch die Ver- der-Welt-sein ist, versteht es sich von den mundanen
haltensweisen bestimmt werden, für die sie stehen; Bedeutungen her und bestätigt gerade darin seine
sie sind keine in theoretischer Einstellung zugängli- Selbstweltzentrierung, ohne dies doch zu wissen
che geistige Entitäten, sondern symbolischer Aus- (Husserl hatte in diesem Zusammenhang von der
18 I. Werk

»Verschlossenheit« und »Weltverlorenheit« der »na- Deshalb kann Heidegger auch im selben Zug ei-
türlichen Einstellung« gesprochen). In seiner Vorle- nerseits das Konkrete, Faktische, geschichtlich Situ-
sung vom WS 1921/22 entwickelt Heidegger eine ierte betonen und andererseits den Grundcharakter
ganze Kaskade von Begriffen, die aus verschiedenen der philosophischen Methode als »formal«, genauer
Perspektiven dieses Grundphänomen anvisieren: im Sinne der »formalen Anzeige« bestimmen. Diese
»Abriegelung«, »Neigung«, »Diesigkeit« (im Dop- begriffliche Neuprägung Heideggers findet sich zu-
pelsinn von Trübheit und haecceitas) und, besonders erst in der Vorlesung zur »Phänomenologie der Reli-
prägnant, »Ruinanz«. Der Vollzug des faktischen Le- gion«, wird in den kommenden Semestern noch wei-
bens versteht sich nicht als Vollzug, sondern von den ter elaboriert und ist in verschiedenen Varianten
weltlichen Inhalten her. Deshalb ist er ruinant, und auch in Sein und Zeit präsent, um dann in dem Vor-
die Bewegung des Philosophierens muss »gegenrui- trag »Phänomenologie und Theologie« noch einmal
nant existenziell« (GA 61, 160) sein. eine tragende Rolle zu spielen. In der frühen Freibur-
ger Zeit erfüllt der Begriff vor allem eine »prohibitive
5. Die »formale Anzeige«. Heidegger steht damit vor Funktion« (Imdahl 1997, 151): er soll verhindern,
dem Problem, wie der Vollzug des Lebens dargestellt dass die Vollzugsstruktur des Selbst in seiner Lebens-
werden kann, ohne wieder inhaltliche Bestimmun- welt aus deren jeweiliger inhaltlicher Bestimmtheit
gen einfließen zu lassen oder in eine unsachgemäße heraus verstanden wird. Dazu tendieren Heidegger
Objektivierung performativer Phänomene zu verfal- zufolge alltägliche Erfahrung und begriffliche Refle-
len. Das methodische Konzept der »formalen An- xion gleichermaßen, so dass sich im Methodenkon-
zeige« soll dieses Problem lösen. Es steht im Kontext zept der formalen Anzeige auch eine radikale Kritik
der Überlegungen zu jener »Vorgriffsproblematik« philosophischer Begriffsbildung verbirgt. »Ein Blick
(GA 9, 27), auf die Heidegger besonders in der Jas- auf die Geschichte der Philosophie ergibt, daß die
pers-Rezension immer wieder an zentraler Stelle formale Bestimmtheit des Gegenständlichen die Phi-
aufmerksam macht. Da die Neutralität des unbetei- losophie völlig beherrscht. Wie kann diesem Präju-
ligten Beobachters nach Heidegger bestenfalls als se- diz, diesem Vorurteil vorgebeugt werden? Das leistet
kundäres Derivat des Existenzphänomens gedacht gerade die formale Anzeige.« (GA 60, 63)
werden kann, gilt es, innerhalb der Perspektive der Um ihren methodischen Sinn genauer bestim-
ersten Person eine Form des leitenden Vorgriffs zu men zu können, führt Heidegger eine Unterschei-
entwickeln, die sich gerade nicht, wie die inhaltlich dung ein, die, einmal gewonnen, zu den immer wie-
bestimmten Vorgriffe des Alltags, aus der erfahre- derkehrenden Denkfiguren der frühen Freiburger
nen Welt, sondern vom Vollzug dieser Welterfah- Zeit gehört: die Unterscheidung von Gehalt, Bezug
rung her bestimmt. Der »gegenruinante« Ansatz der und Vollzug. Ihren technischen Hintergrund bildet
phänomenologisch adäquaten Methode, um den die eine weitere Distinktion, die in sehr freier Form aus
frühen Vorlesungen kreisen, muss daher »die Frage Husserls Logischen Untersuchungen aufgenommen
nach dem Wie des Ansatz- und Zugangsvollzuges« wird: Generalisierung vs. Formalisierung. Während
(35) ins Zentrum rücken. Im Unterschied zu »sach- Generalisierung als ein sachlogischer Verallgemei-
bestimmender Objekterkenntnis« gehe es in der nerungsprozess begriffen werden kann – Heideggers
Philosophie daher um »die Methode der vollzugsge- Beispiel ist die Schrittfolge »Rot«/»Farbe«/»Sinnes-
schichtlichen interpretierenden Explikation der qualität« –, handelt es sich bei der Formalisierung
konkreten Grunderfahrungsweisen faktisch beküm- um die Unterscheidung der Weisen, in denen »der
merten Sich-selbst-habens« (36). Alltagspraxis und Gegenstand ein gegebener, einstellungsmäßig erfaß-
philosophische Methode kommen darin überein, ter ist« (58). Von dieser Distinktion ausgehend, will
dass in ihnen der Vollzug über die Objektivierungs- Heidegger einen Sinn von »Formalisierung« – eben
tendenz der Einzelwissenschaften dominiert. Aber jenen der »formalen Anzeige« – aufweisen, der noch
der Vollzug des Philosophierens kehrt sich gegen ursprünglicher ist, weil er den letztgenannten for-
den Richtungssinn der Alltagspraxis, indem er sich malen Differenzen ermöglichend vorausliegt. Hier
auf deren Vollzugsstruktur selbst richtet, während kommt nun das Dreierschema Gehalt, Bezug, Voll-
diese gerade nicht bei sich, sondern bei den Gegen- zug ins Spiel: bei jeder Erfahrung »kann gefragt wer-
ständen ist, um die sie sich jeweils kümmert. Das den: 1. nach dem ursprünglichen ›Was‹, das in ihm
Adjektiv »konkret« bezeichnet dementsprechend erfahren wird (Gehalt), 2. nach dem ursprünglichen
hier reflexiv erschließbare Grundmuster des Erfah- ›Wie‹, in dem es erfahren wird (Bezug), 3. nach dem
rens, nicht dessen inhaltliche Fülle. ursprünglichen ›Wie‹, in dem der Bezugssinn vollzo-
4. Die frühen Freiburger Vorlesungen und andere Schriften 1919–1923 19

gen wird (Vollzug)«; das volle Phänomen besteht in Wissenschaft und Weltanschauung, Neubestim-
einer »Sinnganzheit nach diesen drei Richtungen« mung des Ich als lebendiges Selbst, Handlungsein-
(63). Dem ersten Punkt entspricht das Verfahren der heit von Selbst und Umgebung, Zentrierung der Me-
sachhaltigen Generalisierung, dem zweiten die For- thode im formal angezeigten Vollzug – münden im
malisierung im Sinne Husserls. Man kann hier un- Sommer 1923, in der letzten Vorlesung dieser Zeit,
schwer das Husserlsche Schema von intentionalem in das Programm einer »Hermeneutik der Faktizi-
Akt und seinem Korrelat, von Noesis und Noema tät« und werden dort gleichzeitig explizit in einen
wiedererkennen. Heideggers Neuansatz kommt mit ontologischen Kontext gestellt, der dann schließlich
dem dritten Punkt ins Spiel, von dem aus die Sinn- in Sein und Zeit grundbegrifflich dominiert. Mit
ganzheit des Phänomens erst verstehbar werden soll: dem Begriff »Hermeneutik« und Ausdrücken wie
entscheidend ist die Art und Weise, in der die inten- »verstehen« und »auslegen«, die auch in den frühe-
tionalen Bezüge zu den Sachgehalten auf eine be- ren Vorlesungen eine nicht unbedeutende Rolle
stimmte Lebensform verweisen, als deren Ausdruck spielen, greift Heidegger auf eine ihm von Dilthey
sie vollzogen werden. Und da die ruinante All- und dem theologischen Denken her vertraute Tradi-
tagspraxis ebenso wie die objektivitätsfixierte Philo- tion zurück, die er mit dem phänomenologischen
sophie diese Vollzugsdimension übersehen  – bzw. Impuls Husserls verbindet. Dass das Selbst – es wird
sich den Sinn des Vollzugs von den Gehalten des Be- in der letzten Freiburger Vorlesung endgültig auf
zugs vorgeben lassen – besteht die methodisch fun- den Namen »Dasein« getauft  – einen hermeneuti-
damentale Leistung der formalen Anzeige darin, den schen Charakter trägt, ergibt sich ja bereits aus sei-
Vollzug gerade nicht inhaltlich zu präjudizieren und ner pragmatischen Grundeigenschaft, sorgend in ei-
ihn dadurch als tragendes Phänomen sichtbar zu ner hilfreichen, bedrohlichen, jedenfalls niemals
machen. Wie das Selbst sich und seine Welt »hat«, neutralen Lebenswelt zu existieren. »Bedeutsam-
zeigt sich nicht direkt in seinen Akten und deren Ge- keit« ist daher der Titel für den »Begegnischarakter
genständen, sondern in der Art und Weise, wie es der Welt« (GA 63, 93) im Ganzen. Bedeutsamkeit
Gehalt und Bezug in Anspruch nimmt, um sich zu haftet nicht den Dingen an sich an, sie indiziert, dass
artikulieren. die Wirklichkeit je schon ausgelegte, gedeutete, ver-
Die prohibitive Formalität des Philosophierens standene ist. Es ergibt sich damit eine charakteristi-
trägt nun deshalb den Charakter einer »Anzeige«, sche reziproke Verwiesenheit der Begriffe »Herme-
weil die begriffliche Ebene intern – und gut phäno- neutik« und »Faktizität«: das Dasein ist einerseits
menologisch  – auf eine Erfahrungsform verweist, elementar davon geprägt, nicht über den Dingen zu
die nur in der ersten Person Singular zu haben ist stehen, sondern als faktisches in die unhintergeh-
und sich »in der vollzogenen Ein-bildung in das baren Kontingenzen von Herkunft und jeweiliger
volle Phänomen« (GA 61, 34) erfüllt. Schon in den Situation verstrickt zu sein, andererseits ist aber
frühen Freiburger Texten findet sich unter dem eben diese Faktizität kein factum brutum, sondern
Stichwort »existenzieller Sinn des Formalen« (33) Korrelat teils sozial vorgegebener, teils individuell zu
daher jenes Junktim zwischen Lebensform und Me- erbringender Verstehensleistungen. Deshalb äußert
thode der Philosophie, das für Heidegger so charak- sie sich nicht in Form alternativloser Zwänge, son-
teristisch ist. »Das eigentliche Fundament der Philo- dern als konkrete Bestimmtheit eines Horizonts von
sophie ist das radikale existenzielle Ergreifen und die Handlungsmöglichkeiten. Was die Fakten des Le-
Zeitigung der Fraglichkeit […] Der so verstandene bens sind, wird ebenso sehr entdeckt wie erfunden.
Skeptizismus ist Anfang, und er ist als echter Anfang Bedeutsamkeiten entstehen in Handlungszusam-
auch das Ende der Philosophie.« (35) Diese radikale menhängen, in denen jeweils ein bestimmtes Le-
Position ergibt sich konsequent aus der Verbindung bensinteresse leitend ist, das mit darüber entschei-
der »formalen Anzeige« mit dem Vollzugskonzept det, welchen Fakten in welcher Hinsicht Relevanz
der Philosophie: Philosophieren ist das existenzielle zugesprochen wird.
Ergreifen einer Lebensform, die sich von Bezug und Mit diesem Konzept eines menschlichen Selbst,
Gehalt abwendet, um den Vollzug des Lebens er- das auslegend-verstehend in seiner Lebenswelt exis-
fahrbar zu machen. tiert, unternimmt Heidegger eine radikale und wir-
kungsgeschichtlich höchst bedeutsame Neubestim-
6. »Hermeneutik der Faktizität«. Die verschiedenen mung des hermeneutischen Denkens. »Hermeneu-
Leitmotive des frühen Freiburger Neuansatzes – Si- tik«, vormals in erster Linie die Lehre vom
tuierung der Philosophie im Spannungsfeld von kunstgerechten Auslegen und Verstehen eminenter
20 I. Werk

Texte, wird zwar schon von Dilthey gelegentlich aus Für die Konzeption einer »Hermeneutik der Fak-
dem philologischen Kontext herausgenommen und tizität« ist es wesentlich, die Polarität der beiden
pragmatisch auf das menschliche Weltverhältnis im Leitbegriffe im Sinne eines reziproken Vermittlungs-
Ganzen bezogen. Aber erst Heidegger entwickelt, an verhältnisses zu fassen. Schon in der Vorlesung
Dilthey anknüpfend, eine konsequent existenziale In- »Phänomenologie der Anschauung und des Aus-
terpretation der Hermeneutik: Menschen sind, wenn drucks« von 1920 unternimmt Heidegger hierzu ei-
man ihre Seinsart nicht mehr ›anthropologisch‹ von nen ersten Ansatz und skizziert in nochmaliger Aus-
bestimmten Inhalten her präjudiziert, wie dies die einandersetzung mit dem neukantianischen Denken
Tradition getan habe (vgl. GA 63, §§ 4 u. 5), genuin Grundzüge einer hermeneutischen Ausdruckstheo-
sich und ihre Welt auslegende Wesen. Zu ihrem Sein rie, in der die »Artikulation der Sinnzusammen-
gehört es wesentlich, »irgendwie in Ausgelegtheit zu hänge« (GA 59, 74) beide Aspekte verklammert. In
sein« (15). Das faktische Leben ist an ihm selbst her- einer Sprache, die sich noch eng an Lebensphiloso-
meneutisch, und die Prägung »Hermeneutik der phie und Neukantianismus anlehnt, stellt Heidegger
Faktizität« würde daher missverstanden, wollte man heraus, dass menschliches Leben durch eine Dop-
den Terminus »Faktizität« der Objektposition und pelstruktur bestimmt ist: »I. Leben als Objektivieren
den Terminus »Hermeneutik« der Metaebene zuord- […] II. Leben als Erleben« (18). Von diesem Be-
nen. Freilich sind auch hier wieder zwei verschiedene griffspaar ausgehend, erarbeitet er sich den Gedan-
Bedeutungen zu unterscheiden. Der Grundsinn von ken einer inneren Zugehörigkeit von Hermeneutik
Hermeneutik liegt in dem auslegend-verstehenden und Faktizität, noch bevor diese Termini explizit
Charakter des praktischen Weltbezugs selbst. Weil auftauchen. Der objektivierende Aspekt des Lebens
dieser aber, als ruinanter, den Vollzug von seinen Ge- wird dabei in seinen Ausdruckscharakter transfor-
genständen her auslegt, kann Heidegger geradezu miert, das »Erleben« in die faktische Lebenserfah-
von der »Selbstentfremdung, mit der das Dasein ge- rung. Beide sind dadurch verknüpft, dass das Selbst
schlagen ist« (15) sprechen. Und gegen diese Selbst- sich und sein Weltverhältnis auslegt, indem es sich
entfremdung richtet sich nun die Hermeneutik im artikuliert. »Man muß«, so formuliert Heidegger an
zweiten Sinn, jenes philosophische Verstehen, das anderer Stelle sehr prägnant, »das Faktische selbst
eine besondere Möglichkeit des basalen Verstehens verstehen als Ausdruck« (GA 58, 257). Durch das
darstellt, die sich seiner ›abfallenden‹, an die Inhalte Artikulieren von Bedeutungen gibt sich das Selbst
sich ausliefernden Tendenz entgegenstellt. Empha- eine Gestalt und bestimmt im selben Zug sein Wirk-
tisch charakterisiert Heidegger »dieses Verstehen, lichkeitsverständnis. Das Ich ist ein Abstraktum, nur
das in der Auslegung erwächst«, als »ein Wie des Da- das Selbst existiert, weil es »eine gewisse Ausdrucks-
seins selbst; terminologisch sei es […] fixiert als das gestalt« (258) hat, genauer gesagt: sich gibt. Die
Wachsein des Daseins für sich selbst« (15). »Phänomenologie des Selbst« (259) und die »Her-
Dabei bleibt freilich völlig ungeklärt – und diese meneutik der Faktizität« sind entsprechend intern
Schwierigkeit setzt sich bis in die Eigentlichkeitsthe- verknüpft: das Faktische wird verstanden, indem es
matik von Sein und Zeit hinein fort –, wie das Ver- vom Selbst in seiner Bedeutung artikuliert wird.
hältnis von Selbstentfremdung, Selbstobjektivierung Heidegger spricht in diesem Zusammenhang von ei-
und »Wachsein« denn nun genauer zu verstehen ist. nem »Bestimmen durch Ausdruck«, das nicht mit
Liegt die Selbstentfremdung schon darin, dass über- dem »Bestimmen durch Ordnungsschemata« (262)
haupt konkrete Gehalte bestimmend werden? Dann verwechselt werden dürfe. Es sind dies Ansätze zu
wäre ein auf Dauer gestellter existenzieller Skeptizis- einer hermeneutischen Theorie der Ausdrucksbil-
mus die einzige nichtentfremdete Lebensform. Oder dung, die sich zwischen den gegensätzlichen Polen
sind es nicht die inhaltlichen Bestimmungen als sol- präreflexiver Vertrautheit einerseits, prädikativen
che, sondern die Vollzugsvergessenheit? Dann wie- Sprechens anderseits ansiedelt. Wenn es in Sein und
derum könnte das Wachsein des Daseins mit ver- Zeit heißt: »Rede ist die Artikulation der Verständ-
schiedensten inhaltlichen Ausrichtungen kompati- lichkeit« (SZ 161), führt das den Artikulationsbe-
bel sein, solange über ihnen nicht vergessen würde, griff der frühen Freiburger Zeit weiter – freilich nur
dass sie in den Selbstvollzug eingebettet bleiben. teilweise, denn was das zum Dasein gewordene
Hier zeichnet sich ein Problemkomplex ab, der auch Selbst nunmehr artikuliert, ist eben die Verständ-
im Blick auf die Frage, ob Heideggers Verhältnis lichkeit der Welt. Fundamentalontologisch spielen
zum Nationalsozialismus aus seiner Philosophie die ›expressiven‹ Anklänge der frühen Freiburger
hergeleitet werden kann, höchst bedeutsam ist. Vorlesungen keine Rolle mehr, und schon deshalb
5. »Der Begriff der Zeit« 21

erscheint es angemessen, sie nicht allein als Vorstu- 1) »Das ›Wesen‹ des menschlichen Daseins liegt
fen des Hauptwerks, sondern in ihrem eigenen sys- in seiner Existenz« (SZ 42; vgl. 331; außerdem 212,
tematischen Recht zu würdigen. 117, 314).
2) »Die Möglichkeit der Eigentlichkeit menschli-
Literatur chen Daseins und die Möglichkeit seiner zeitlichen
Arendt, Hannah: Martin Heidegger ist achtzig Jahre alt
Ganzheitlichkeit bedingen einander« (233 f., 309).
[1969]. In: Dies.: Menschen in finsteren Zeiten. München/ Der erste Gedanke, rein thetisch vorgebracht,
Zürich 1989, 172–184.  – Dilthey, Wilhelm: Weltanschau- kehrt die herrschende philosophische Tradition um:
ungslehre. Abhandlungen zur Philosophie der Philosophie. Das Wesens-Was mutiert zum Wesens-Dass. Der
Gesammelte Schriften Bd. 8. Leipzig 1931.  – Gethmann, zweite, ebenso thetisch vorgebracht, stellt jede be-
Carl Friedrich: Dasein: Erkennen und Handeln. Heidegger
währte Selbstverständigung unter Menschen auf den
im phänomenologischen Kontext. Berlin/New York 1993. –
Gander, Hans-Helmuth, Selbstverständnis und Lebenswelt. Kopf: Hält sich die Wertung des Lebens sonst an
Grundzüge einer phänomenologischen Hermeneutik im seine Erfülltheit, so regiert jetzt die Form (5, 114,
Ausgang von Husserl und Heidegger. Frankfurt a. M. 116, 231, 313; siehe schon BZ 18). Beide Gedanken
2
2006. – Großheim, Michael: Von Georg Simmel zu Martin sind in nuce im Vortrag von 1924 entwickelt.
Heidegger. Philosophie zwischen Leben und Existenz. Bonn
1991.  – Husserl, Edmund: Philosophie als strenge Wissen-
schaft [1910/11]. Hg. Wilhelm Szilasi. Frankfurt a. M. 2. Fragen gegen Antworten. Die »Untersuchung« und
1961. – Imdahl, Georg: Das Leben verstehen. Heideggers for- »Betrachtung« des Begriffs der Zeit gehören einer
mal anzeigende Hermeneutik in den frühen Freiburger Vor- »Vorwissenschaft« (BZ 6 f.) zu. Deren Idee steht für
lesungen. Würzburg 1997. – Jung, Matthias: From Dilthey »Fraglichkeit« (GA 56/57, 66 ff.), die die Bereitschaft
to Mead and Heidegger: Systematic and Historical Rela- zum Staunen (67) und den eigenen Einsatz, aber
tions. In: Journal of the History of Philosophy 33 (1995),
661–677. – Ders.: Hermeneutik zur Einführung. Hamburg kein forderndes Wissenwollen (EM 16) verlangt. Die
2001.  – Kisiel, Theodore J.: The Genesis of Heidegger ’ s Spannung, die den Vortrag zusammenhält, zeigt sich
Being and Time. Berkeley u. a. 1993.  – Ders./van Buren, im Wandel der Frage »Was ist die Zeit?« (BZ 5 ff.) zu
John (Hg.): Reading Heidegger from the Start. Essays in His »Wer ist die Zeit?« (27). Die Frage nach der Zeit wird
Earliest Thought. Albany 1994.  – Merker, Barbara: Selbst- so angegangen, daß sie auf menschliches Dasein ver-
täuschung und Selbsterkenntnis. Zu Heideggers Transforma-
tion der Phänomenologie Husserls. Frankfurt a. M. 1988. – weist (11). In ihm findet sie am Ende – gut vorwis-
Dilthey-Jahrbuch 4 (1986/87), 11–177 (Akten der Sympo- senschaftlich  – keine Antwort (27), sondern ent-
sien »Faktizität und Geschichtlichkeit« am 13./14.6. und deckt es selbst als »Fraglichsein« (28).
16./17.9. 1985 in Bochum).  – Xolocotzi, Angel: Der Um-
gang als »Zugang«. Der hermeneutisch-phänomenologische 3. »Ich bin« gegen »Ich spreche«. »Miteinandersein«,
»Zugang« zum faktischen Leben in den frühen ›Freiburger
Vorlesungen‹ Martin Heideggers im Hinblick auf seine Abset-
durchgängig ein Pejorativ (BZ 10, 12 f., 16, 22), steht
zung von der transzendentalen Phänomenologie Edmund für die Enteignungs-, Flucht- und Einebnungsform
Husserls. Berlin 2002. des Daseins (14, 21, 25): Im Verkehr mit Anderen ist
es nicht es selbst und insofern ein »Niemand«: das
»Man« (13). Da es »zumeist« nicht es selbst ist (13 f.,
24), hat die Seins-weise des Man für das Dasein die
5. »Der Begriff der Zeit« Funktion, aus ihr heraus sich »in der Eigentlichkeit
seines Seins zu ergreifen« und so die Möglichkeit des
Eine Philosophie in der Nussschale »ich bin« wahrzumachen (14 f.).
Miteinandersein wird, weil vorzüglich als mitein-
Rainer Marten ander Reden gesehen, durch »Sprechen« gekenn-
zeichnet (13). So wird, dem »Miteinander« folgend,
1. 1924 und 1927. Den Vortrag Der Begriff der Zeit auch »Sprechen« zum Pejorativ: »was man so her-
(1924) und die Abhandlung Sein und Zeit (1927) eint umspricht«, »Geschwätzigkeit«, »Gerede« (13, 17,
die Absicht, Seinsdenken und Todesdenken (Onto- 19). Das Gespräch untereinander bietet unter keinen
logie und Thanatologie) als Einheit zu begreifen und Umständen die Chance, selbsthaft und eigentlich zu
dementsprechend die Begriffe Sein (des Daseins) sein.
und Zeit (des Daseins) so zu entwickeln, dass sich Das Dasein vermag nur dann es selbst zu sein,
der eine aus dem anderen erklärt. Die Leitgedanken wenn es sich »ganz allein auf sich selbst« stellt (18).
von Sein und Zeit (s. Kap. I.9) lassen sich in zwei Sät- Darum spricht es im Ergreifen seiner selbst nieman-
zen deuten: den an, lässt sich auch von niemandem ansprechen,
22 I. Werk

sondern legt sich ganz auf sich selbst hin aus: »Die Zukunft  – jeweilig, als »eigentliche Möglichkeit je-
Aussage ›Ich bin‹ ist die eigentliche Aussage vom des Augenblicks« (20).
Sein vom Charakter des Daseins des Menschen« Meine Zukunft zu sein und mich kraft Dasein,
(11). Diese Aussage – die genauer eine Ellipse ist – das ich selbst bin, mit meinem Tod »zusammenzu-
für die eigentliche Selbstaussage des Daseins zu er- finden« (16), ist allein eine Möglichkeit geistiger
klären, setzt voraus, das »bin« nicht als Prädikat, Existenz, nicht leibhaft gelebten Lebens. Menschli-
sondern als Indiz der im Verstehen eigens ergriffe- ches Dasein in seiner Eigentlichkeit ist als philoso-
nen und angeeigneten (16) Existenz zu nehmen. Die phischer Entwurf, der die Gegenwart in ihrer Alltäg-
Verbindung von »Ich« und »bin«, von Mein und lichkeit kritisiert, ein Entwurf philosophischer Exis-
Sein, die sich dem hermeneutischen Einsatz des Ent- tenz. Ihr geht es nicht um Wissen, das »so oder so«
werfenden verdankt (GA 26, 176), gibt das Dasein sein kann (16; vgl. 17: »ich weiß schon, aber ich
sich selbst »in der Jeweiligkeit als meiniges« (BZ 11) denke nicht daran«), sondern um »Gewißheit«: um
zu verstehen. die des Todes. Er ist als eigenste Seinsmöglichkeit
Dass menschliches Dasein »je das meinige« ist, das »jetzt Gewisse« (20; Hvhg. d. Verf.).
bedingt, dass es ist, »was es sein kann« (BZ 15). Wie Der Tod, durch kein Noch-nicht geprägt, ist die
es seine »Jeweiligkeit« (11, 13, 15 f., 19 f., 26) mit nie- eigentliche Form geistiger Existenz: ein »Bevorste-
mandem teilt, so auch seine »Möglichkeit des Seins« hen in Gewißheit« (16). Das Bevorstehen, das nichts
nicht. Was ein Dasein »eigentlich« sein kann, was zu etwas Bevorstehendem macht (wie es in der
also seine »eigenste« Seinsmöglichkeit ist, unter- Nacht vor der Hinrichtung der Fall ist), kennt kei-
scheidet sich der Form nach von der keines anderen nerlei zeitliches Maß. Es meint die Weise, wie der ei-
Daseins (27). Aber so zu seiner eigensten »Indivi- gene Tod geistig gehabt wird. Der Vortrag spricht
duation« zu kommen, »daß sie alle gleich macht« vom Haben von Dasein (10), vom Haben des eige-
(ebd.), zeigt gerade, dass eigentlich nichts mein ist nen Todes (17) und vom Haben von Zeit (19). Jedes
als das eigene Sein im Sinne von »Möglichsein« (17). Mal ist die gelungene Aneignung des Meinen ange-
Sofern vom Ich und nicht vom Selbst die Rede ist, sprochen, so dass vom Dasein ohne Einschränkung
verdient das, was Heidegger als »Solipsismus« seins- gilt: »es ist wahrhaft existent« (18). Das Haben ist
hafter Eigentlichkeit vertritt (SZ 188), den Namen kein lebenspraktisches Verfügenkönnen. Zwar hat
Egoismus. Es geht um mein Dasein, unmöglich, sich unmerklich eine für die Entwicklung des Ge-
wenn es authentisch geschehen soll, um das eines dankens maßgebliche semantische Veränderung
Anderen. »Mea res agitur« (BZ 13). Entgegen dem vollzogen: Die possibilitas des Zu-Ende-Seins des
Sinn des Wortes res wird die eigene »Sache« jeglicher Daseins ist von der potentia des Zu-Ende-Seins ein-
Öffentlichkeit entzogen. geholt worden. Aber das Vermögen dient keinem
Verfügen, sondern ist die Seinsweise selbst. »Ich bin
4. »Ich bin meine Zeit« gegen »Ich schaue auf die meine Zeit« versteht sich jetzt, ohne dass es wörtlich
Uhr«. Mit dem »Ich bin« in seiner Jeweiligkeit ist al- so gesagt wird, als »Ich bin mein Ende, mein Tod«.
les gesagt, was mein ist. Das Dasein, das ich selbst Das Daseinsende ist nicht länger etwas, das künftig
bin, kennt kein »Noch-nicht« seines Seins, kein eintritt. Es ist da: Es durchherrscht das Dasein in der
»noch unterwegs«, »Noch-nicht-vorbei«, kein »was Gewissheit seiner Eigentlichkeit.
mir noch bleibt« (BZ 15, 20 f.). Praktisch verstanden Wer wahrhaft existiert und seine Zeit, seine Zu-
im Sinne von »es geht um mich«, besagt »Ich bin«: kunft, sein Tod ist, braucht keine Uhr, kann keine in
Ich bin meine Möglichkeit (17), das aber heißt: Ich Gebrauch nehmen. Das eigentliche Zeithaben kennt
bin meine Zeit (27). keine Zeitlänge. Anstatt sich aber zu sagen, beides
Meine Zeit, die ich bin, ist die Zeit, die mein Sein habe seine Zeit, die Geistigkeit der Gewissheit des
ist. Damit kommt das Thanatologische des ontologi- eigenen Todes und die Lebenspraxis, sich mit ande-
schen Zeitkonzepts zum Zuge: kein individuierter ren zu einer bestimmten Zeit zu verabreden und zu-
auratischer Zeithof ist zu assoziieren, keine durch gleich die Inkompatibilität und Inkomparabilität
Eigendynamik erfüllte extensionale Gegenwart, son- beider Verhaltensweisen zuzugeben, wird die Uhr-
dern einzig »Zeitlichkeit«, die  – in Anbetracht der Zeit durch die Todes-Zeit diskriminiert, insofern
»eigensten Möglichkeit des Zu-Ende-seins« (16)  – diese den ursprünglichen und eigentlichen Umgang
»Zukünftigkeit« (20) ist. Als die »ursprüngliche« mit der Zeit darstellen soll (BZ 19). Damit wird Da-
und »eigentliche« (19) lässt sie nichts an sich heran, sein für ursprünglich geistig erklärt, während Da-
das sich in Zukunft ereignet. Das Dasein ist seine sein, wie es »zumeist und durchschnittlich« den Be-
5. »Der Begriff der Zeit« 23

dürfnissen und Erfüllungen geteilten Lebens ent- Existenz, das Tagesgestirn (BZ 10) die der leibhaft-
spricht, mit der ganzen Breite der Kategorialität des lebendigen Existenz – das ist im Entwurf der Eigent-
Uneigentlichen bedacht wird. Wer auf die Uhr lichkeit nicht zu vermitteln.
schaut und so seine »Unrast«, »Geschäftigkeit« (BZ
19) und Nichtigkeit (13) zur Schau stellt, hat keine 5. Das Wie der Eigentlichkeit gegen das Wie der All-
Zeit (19 f.), hat keinen eigenen Tod. täglichkeit. Der gehabte Tod ist reines Seins-Wie, in
Die Phänomenologie des Uhrengebrauchs, die für nichts Seins-Was. Wie um sich eigens vorzuhalten,
die Uneigentlichkeit jeder Zeitmessung Argumente dass der Tod als das »eigentliche Wie des Daseins«
liefern soll (8–10, 19–24), überzeugt nicht, was auch (BZ 17) in keiner künftigen Zeit eintritt, gibt Hei-
für alle einschlägigen Stellen späterer Abhandlungen degger ihm den Namen post festum, den Namen
gilt (s. Kap. II.2). Heidegger verwechselt das De- »Vorbei« (ebd.), und veranschaulicht seine geistige
monstrativum »jetzt« des Uhrenablesers mit auf der Bewegtheit: »Das Vorlaufen zu dem Vorbei ist das
Uhr Abzulesendem. Er glaubt, sie leiste die »Fixie- Anlaufen des Daseins gegen seine äußerste Möglich-
rung des Jetzt« (BZ 9 f.), ja er sagt: sie »zeigt uns das keit« (18). Weil das Vorlaufen in die eigenste poten-
Jetzt« (22), ganz so, als bestehe das Uhrzeitlesen in tia ein Anlaufen gegen die eigenste possibilitas ist,
der Zählung fortlaufender Jetzte (ZSD 11: »Die als »wird es in diesem Laufen zurückgeworfen in das
Nacheinander in der Jetztfolge bekannte Zeit meint Noch-dasein seiner selbst« (ebd.).
man, wenn man die Zeit mißt«.). So will er auf einer Wie Platons Höhlenaussteiger kommt das Dasein
Taschenuhr (BZ 10), wie er sie auf seinem Arbeits- aus seinem Vorlaufen als Aufklärer zur Ausgangs-
tisch stets vor sich hatte, »Jetztpunkte« (9, 23), also lage zurück, im Unterschied zu jenem aber zum rei-
zeitlose mathematische Punkte sehen, nicht aber nen Sich-selbst-Aufklären. Deckt das Vorlaufen
eben die angezeigten Zeiten, das sind Zeiteinheiten mein Dasein »als einmal nicht mehr da« (17) auf
wie Minuten und Stunden, ablesen. Die Fehldeutung (Wie der Eigentlichkeit), so das Zurückwerfen das
des Uhrenablesens überträgt sich auf die Exegese Wie der Alltäglichkeit (18). Die eine Aufdeckung er-
von Aristoteles ’ Zeitabhandlung (s. Kap. I.6), die möglicht die andere. Der wahrhaften Existenz sind
1924, wie bei jedem späteren Versuch, die eigentli- die Augen für das Wie lebensteiligen Daseins geöff-
che Sache, nämlich die Doppelfunktion des nyn als net. Die »Unheimlichkeit« des Daseins trifft auf die
Vermittlung und Grenze missversteht. Das eine und »Herrlichkeit seiner Alltäglichkeit« (18): auf »Ge-
andere Jetzt, die ein Früher und Später markieren, schäftigkeit«, »Betriebsamkeit«, »Gerede«, »Unrast«,
ermöglichen Zeitzählung, sind aber nie das Ge- »Lärm«, »Gerenne« (BZ 19, 17) und lässt erkennen,
zählte. Die Rede vom »gezählten Jetzt« und von bei wem und was es »da« ist: »bei den und den Sa-
»wieviel Jetzt es gibt« (GA 24, 354–357) verkehrt die chen, bei den und den Menschen [!], bei diesen Ei-
aristotelische Argumentation im Ganzen. telkeiten, diesen Winkelzügen und dieser Geschwät-
Dass die Zeit »weder auf dem Zifferblatt noch im zigkeit« (BZ 17). Mit Blick auf wahrhafte Zeitlich-
Uhrwerk« zu finden ist (ZSD 11), lässt nicht erstau- und Zukünftigkeit zeigt sich der Alltag ausschließlich
nen. Ein Maß misst nicht sich selbst. Darum geht als Zeitvertreib.
auch die Frage »Was erfahren wir von der Uhr über Dasein, das sich nicht geistig aus dem Einmal-
die Zeit?« (BZ 9) ins Leere. Dass Heidegger die Uhr nicht-mehr-da versteht, sondern praktisch aus dem
als Maß nicht versteht, wird besonders deutlich, Bei-etwas-Sein, steht für die »schlechte Gegenwart
wenn er ihr die Schuld für eine Homogenisierung des Alltags« (BZ 19) und von daher für ebensolche
der Zeit gibt (9, 23 f.). Zu jedem Maß gehört es, ge- Zukunft und Vergangenheit. Dasein dagegen, das
eicht zu sein: Maßeinheiten sind homogen. Aber das »selbst« »die Zeit« ist (ebd.), lässt das Vorlaufen als
Messende belangt überhaupt nicht Spezialität und die »eigentliche und einzige Zukunft« auch schon
Qualität des Gemessenen. Selbst wenn Heidegger ein »Zurückkommen« sein: »auf seine Vergangen-
schon früh in der zeitmessenden Uhr das »rech- heit und Gegenwart« (ebd.; Hvhg. d. Verf.), das heißt
nende Denken« gesehen haben sollte, bleibt die Re- auf die als Wie wiederholbare Vergangenheit und die
servierung des Zeithabens für das solipsistische als Wie der Zukünftigkeit fähige Gegenwart.
(›egoistische‹) Todesverhältnis in seiner je meinigen Die Deutung von Zukunft als im Vorlaufen er-
Jeweiligkeit, da die Argumente für die Uneigent- greifbares Vorbei des Lebens und von Vergangenheit
lichkeit des von Tag zu Tag gelebten Lebens nicht als wiederholbares Gelebtsein führt zu einem Ver-
überzeugen, eine sprachliche und gedankliche Zu- ständnis von Geschichte, das gleichermaßen das
mutung. Der Tod bestimmt die Zeit der geistigen Wie der Eigentlichkeit gegen das Wie der Alltäglich-
24 I. Werk

keit, mein Dasein gegen Miteinandersein ausspielt: vorstehende Möglichkeit (17). Zweimal spricht er
»Das Dasein ist aber geschichtlich an ihm selbst, so- dabei von »völliger Unbestimmtheit«  – einmal als
fern es seine Möglichkeit ist« (BZ 25). die der Gewissheit (16), einmal als die der Möglich-
Auch geschichtliche Vergangenheit versteht sich keit (17). Das »ungewiß« kann er nicht gebrauchen,
aus dem Vorlaufen zu dem Vorbei »von mir« (17) weil sonst eine ungewisse Gewissheit und ein unge-
und wird »im Wie ihres Gelebtseins« wiederholbar wisses Vorbei (Möglichkeit) herauskämen. Ände-
(19) – zum Beispiel im Modus des Gewissens (25). rung und Neuzuordnung des Wortes ersparen es
Das eigene Gewissen des Daseins, das nur das der ihm auch, das auszusprechen, was eigentlich »unbe-
Eigentlichkeit sein kann, ist kein individuelles, stimmt« alias »ungewiß« ist: das Wann, die Zeit des
schon gar kein vergesellschaftetes. Wie es für die Ge- Todes (SZ 258). Ist aber der Tod keine possibilitas in
wissheit des Todes steht, ist es für alle gleich (27). In künftiger Zeit, sondern eine potentia der Zeitlichkeit
Sein und Zeit wird die Möglichkeit, als Dasein zum des Daseins, so kann ein »unbestimmt« überhaupt
»›Gewissen‹ der Anderen« zu werden, aus der nur dadurch Sinn haben, dass es in die »Gestimmt-
Gleichheit des Bevorstehens in Gewissheit abgeleitet heit« (SZ 134 et passim) der geistigen Existenz hinü-
(SZ 298). Diese Verbindung von Tödlichkeit und bergerettet wird. Für sie kann es dann allein die völ-
Geschichtlichkeit weist auf ein »faktisches Ideal des lige Unbestimmtheit sein, während für die leibhaft-
Daseins« (SZ 310) vor: auf den sich für die »Wah- lebendige Existenz eine solche prinzipiell nicht zu
rung der Wahrheit des Seins« opfernden Helden behaupten ist. Ist es nicht länger die beruhigende
(GA 54, 250). Der wahrhaft geschichtlich Existie- Ungewissheit der Stunde, sondern die völlige Unbe-
rende, der Held, steht im reinen Wie der Eigentlich- stimmtheit der Gewissheit des Vorbei, dann wird ein
keit – ohne jeden Makel des Wie der Alltäglichkeit. eigener Beunruhigungsfaktor ins Spiel gebracht: die
»Unheimlichkeit«.
6. »Die unbestimmte Gewißheit der eigensten Mög- Dreimal wird das Wort verwandt (BZ 18, 21, 25).
lichkeit des Zu-Ende-seins« gegen »Der Tod ist gewiß, Zum Ersten spricht es die Unheimlichkeit an, die der
seine Stunde ungewiß«. Mors certa, hora incerta  – Tod für die selbstgefällige Alltäglichkeit bedeute,
Der Tod ist gewiss, seine Stunde ungewiss. Das mit- zum Zweiten die Unheimlichkeit, die darin liege,
telalterliche Wort, das man gern auf öffentlichen dass der Mensch der Alltäglichkeit nicht dem onto-
Uhren anbringt, deutet die Gewissheit des Todes logisch-thanatologischen Entwurf entspricht, zum
nicht, sondern erinnert sie nur. Was die Ungewiss- Dritten die Unheimlichkeit, dass die zeitgenössische
heit der Stunde anbelangt, die je nach leiblicher, po- Gegenwart nicht die Sicht des Vortragenden vom
litischer und jurisdiktiver Befindlichkeit schwankt, Menschen teile. Alles spricht dafür, dass Heidegger
so wird sie allgemein als Segen erfahren. Die Offen- eine von ihm selbst konzipierte Unheimlichkeit ei-
heit des Todesdatums dient dem Lebensvertrauen. ner zu inaugurierenden geschichtlich-philosophi-
Media vita in morte sumus – Mitten im Leben sind schen Existenz als »Grundbefindlichkeit« (SZ
wir vom Tod umfangen (Luther). Auch dieses mittel- 184 ff.) zudenken möchte, der auch allein diese Un-
alterliche Wort erinnert: Das Leben, ob noch so blü- heimlichkeit eine solche ist. In jedem Falle ist es ein
hend und gesund, glücklich und tätig, kann zu keiner Kalkül intellektueller und emotionaler Dominanz,
Stunde seiner selbst sicher sein. Es gilt im Leben das dem eigenen öffentlichen Anspruch nach den einzig
Ende zu bedenken, ja seiner gegenwärtig zu sein. echten Todeszugang geistig vermitteln zu können,
Heidegger deutet beide Worte, ohne sie jemals und dies unangreifbar im Sinne vorwissenschaftli-
wörtlich zu erwähnen, gedanklich und auch affektiv cher Fraglichkeit.
um. Eine Version des ersten heißt bei ihm: »die un-
bestimmte Gewißheit der eigensten Möglichkeit des 7. 1927 und 1924. Auch in Sein und Zeit bleibt es
Zu-Ende-seins« (BZ 16), eine Version des zweiten: beim Fragen (SZ 7 et passim), das keine Antwort
»Dieses Vorbei vermag, das Dasein inmitten der will, beim Nachdenken, das sich nicht Stücke einer
Herrlichkeit seiner Alltäglichkeit in die Unheimlich- philosophischen Theorie vom Menschen erarbeitet.
keit zu stellen« (18; »Herrlichkeit« offensichtlich als Die Selbstimmunisierung wird dabei effektiver und
diabolische im Sinne von Matthäus 3, 1). zugleich weniger manifest. Es genügt, das eigene
Das Wort »unbestimmt« kommt im Zuge der Philosophieren als einen Weg zu deuten (SZ V, 55 et
Umdeutung des ersten Wortes achtmal vor. Dreimal passim), um sich gegen jeden entsprechenden Vor-
nennt Heidegger die Gewissheit unbestimmt (BZ 16, wurf gefeit zu wissen. Auch die Einschätzung des
20), viermal das Vorbei (17, 20 f., 26), einmal die be- Wie der Alltäglichkeit bleibt, obgleich ihre Darstel-
6. Der Rückgang auf die Griechen in den 1920er Jahren 25

lung konzilianter wird. Bedarf es jetzt keiner Ge- Man könnte zunächst einmal den Bezug, den er
schwätzigkeit mehr, um das Miteinander als Mög- jeweils zum griechischen Denken hergestellt hat, un-
lichkeit eigentlichen Menschseins zu diskreditieren, ter die Lupe nehmen und dabei im Einzelnen die
so wird doch dessen Uneigentlichkeit (gerade auch von ihm vorgelegten Interpretationen auf ihre philo-
mit Blick auf das Miteinander der Redenden) ze- logische Haltbarkeit hin überprüfen. Nun ist leicht
mentiert. Die Triumphe der Eigentlichkeit sind dem vorauszuahnen, dass dieser Zugang unvermeidlich
Dasein als solus ipse (188) zugedacht: Sein Selbst eine Reihe von Richtigstellungen nach sich zöge, zu-
kreist in nichts anderem als in der »Entschlossen- mal Heidegger selbst von vornherein auf die Gewalt-
heit« (270, 297 ff.) zu sich selbst. Die welt- und men- samkeit seines Umgangs mit den Texten hinweist.
schenbezogene Existenz gilt es als die »positive Ver- Diesen Weg zu beschreiten, scheint also nicht zu
fassung des Daseins« (129), die sie ist, einzig darum lohnen – vor allem dann nicht, wenn das Interesse
zu sein, um sich aus ihr zurückzuholen (268, 271): nicht ausschließlich auf die historische Wahrheit be-
Sie wird als Verdeckung erfahren, die das eigentliche schränkt bleibt (Beierwaltes 1995; Most 2002).
Selbst wegzuräumen, als Verstellung seiner selbst, Eine andere Perspektive bietet sich aber demjeni-
die es zu zerbrechen hat (129, 258). Die radikal ver- gen, der – unabhängig von der philologischen Trif-
einzelte geistige Existenz hat ihren Sinn niemals tigkeit der Heideggerschen Interpretation des Grie-
darin, im Gegenzug für eine bessere Nutzung der chentums – dazu bereit ist, die fundamentalen philo-
Möglichkeiten geselligen Lebens im Alltag zu sor- sophischen Fragestellungen nachzuvollziehen, die er
gen. »Mitsein« mit Anderen, wie es Sein »umwillen erneut aufgeworfen und durchdacht hat. Achten wir
Anderer« ist (123), lässt das Dasein nicht es selbst darauf, wie Heidegger unbefangen aus der griechi-
sein (125). Geteiltes Leben, angefangen mit dem ge- schen Philosophie als dem ersten und ursprüngli-
teilten Tisch, ist eine Entfremdungsgestalt des Da- chen Repertoire des Philosophierens schöpft, so wer-
seins (178 ff.), in der ihm sein Eigenstes verloren ist. den wir den Sinn seiner Auseinandersetzung mit den
Dieses Verdikt steht für Heidegger auch 1927 in Griechen besser verstehen und dabei einsehen, dass
nichts zur Disposition. sie nicht die historische Tatsachenfeststellung anvi-
siert, sondern vielmehr versucht, den grundlegen-
den Fragen, die von den Griechen zum ersten Mal
gedacht wurden, gerecht zu werden und sie sich zu
6. Der Rückgang auf die eigen zu machen. Heideggers gewaltsamer Zugang
zur griechischen Philosophie erschließt in der Tat
Griechen in den 1920er ungeahnte Aussichten; sein Sonderweg zu den Grie-
Jahren chen ist ein Königsweg, auf dem er sich mit ihnen in
einem spekulativen Ausmaß auseinandersetzt, wie es
Eine hermeneutische Perspektive nach Hegel und Nietzsche kein anderer mehr gewagt
auf Aristoteles, Platon und hatte – bis zu seiner paradoxen Forderung, »griechi-
die Vorsokratiker im Dienst scher zu denken als die Griechen selbst«.
der Seinsfrage Die Rede von einer generellen Präsenz der Grie-
chen in seinem Denken verlangt freilich Differenzie-
Franco Volpi rungen. Man muss unterscheiden, wann, wie und
mit welchen griechischen Philosophen er sich im
1. Ein Königsweg zur griechischen Philosophie. Hei- Laufe seines Denkwegs konfrontiert. Die drei
deggers Philosophieren ist von Anfang an durch die Hauptmomente der griechischen Philosophie, die
Auseinandersetzung mit den Griechen geprägt. Be- für ihn je bestimmend werden, sind – in genau die-
reits seine ersten eigenständigen Denkversuche in ser Reihenfolge – Aristoteles, Platon und die Vorso-
den frühen 1920er Jahren zehren vom Gedankengut kratiker. Wann wird wer für die Entfaltung seiner je-
ihrer Philosophie, besonders von Aristoteles, aber weiligen Denkperspektive entscheidend?
auch von Platon und zum Teil von den Vorsokrati- Aristoteles ist im Denkhorizont Heideggers stän-
kern. Die Griechen sind für ihn das Alpha und dig präsent – von der gymnasialen Lektüre der Dis-
Omega der Philosophie. So findet er zu sich selbst sertation Franz Brentanos (Von der mannigfachen
über eine lebendige Konfrontation mit ihnen. Daher Bedeutung des Seienden nach Aristoteles, 1862; s.
die Frage: Wie sollen wir sein Verhältnis zur griechi- Kap. I.9.1) über die Freiburger und Marburger Vor-
schen Philosophie einschätzen? lesungen (GA 18, GA 61, GA 62) bis hin zum späten
26 I. Werk

Seminartext »Vom Wesen und Begriff der Physis. nes Denkens, das die Metaphysik sich selbst über-
Aristoteles ’ Physik B, 1« (GA 9, 239–301). Doch die lässt und in der Nähe der Dichtung wohnt (s. Kap.
entscheidende Phase der Auseinandersetzung mit I.26). Es lassen sich demnach signifikante Bezüge
dem Stagiriten fällt ins Jahrzehnt vor Sein und Zeit zwischen der Interpretation von Aristoteles, Platon,
(1927). Hier visiert Heidegger noch ein fundieren- den Vorsokratikern und entsprechenden Etappen in
des Vorhaben an: Er sucht, die Seinsverfasstheit des Heideggers Denkweg feststellen. Jeweils entspricht
menschlichen Lebens als Dasein zu bestimmen, um sein Rückgang auf die Griechen einer radikalisierten
darauf die Ontologie radikaler als bisher zu begrün- Infragestellung des metaphysischen Denkens:
den. Dabei gewinnt er durch Aristoteles wichtige In- 1) In den 1920er Jahren ist die Auseinanderset-
tuitionen, aus denen er reiches Kapital schlägt. zung mit Aristoteles zentral. Sie entspricht der Zu-
Ähnliches gilt für seine Platon-Interpretation. versicht, erneut eine radikale Grundlegung der On-
Platon ist ebenfalls weithin präsent, wenn auch nicht tologie auf dem Fundament des Daseins leisten zu
durchgehend und nicht so intensiv und produktiv können. Diese Aneignung von Aristoteles in den
wie Aristoteles. Der erste Höhepunkt der Konfronta- frühen 1920er Jahren verläuft parallel zu einer Hin-
tion ist wohl die Vorlesung über den Sophistes im terfragung der theoretischen Subjektauffassung des
Wintersemester 1924/25 (GA 19), in der Heidegger neuzeitlichen und modernen Denkens einschließ-
gegen die Neukantianer die Mutmaßung nahelegt, lich der Phänomenologie Husserls.
der große Dialog sei die Antwort des alten Platon auf 2) Die wohl um die Mitte der 1920er Jahre einset-
die Einwände des jungen Aristoteles gegen seine zende Platon-Auslegung wird erst in den 1930er Jah-
Seinslehre. Eine weitere Auseinandersetzung mit ren entscheidend, und zwar parallel zum Aufkommen
Platon findet dann in der Vorlesung des Winterse- des Gedankens, dass die abendländische Metaphysik
mesters 1931/32 Vom Wesen der Wahrheit (GA 34) Platonismus sei und ihre Vollendung im Wesen der
statt, deren Ergebnisse im Aufsatz »Platons Lehre modernen Technik finde. Die Interpretation Platons
von der Wahrheit« (1942; GA 9, 203–38) zusam- ist eng mit dem Versuch gekoppelt, die Metaphysik
mengefasst und vorgelegt sind. Zu beachten ist im innerhalb der Seinsgeschichte zu erörtern.
Übrigen, dass Heidegger sowohl für das Motto von 3) Die Interpretation der Vorsokratiker setzt eben-
Sein und Zeit (SZ 1) wie auch für das Schlusswort falls in den 1920er Jahren ein, doch sie steht noch
der Rektoratsrede 1933 (SU 19) auf Platon-Zitate zu- nicht wie die späteren Auslegungen von Anaximan-
rückgreift. Platon und der Platonismus werden der, Parmenides und Heraklit unter dem Vorzeichen
schließlich in den Vorlesungen über Nietzsche zum der Überwindung der Metaphysik als des seinsver-
zentralen Thema. Hier gilt jedoch der Platonismus gessenen Denkens. Der Rückgriff auf die Vorsokrati-
eindeutig als Wesenszug der Metaphysik, und zwar ker verschränkt sich am Ende mit der Überwindung
insofern diese ein seinsvergessenes und subjektzen- der metaphysischen Sprache und Begrifflichkeit.
triertes Denken darstellt, das im Wesen der moder-
nen Technik seine Vollendung findet (s. Kap. I.22; 2. Aristoteles. Die Auseinandersetzung mit Aristote-
I.29). Das heißt: Letztlich weist Heidegger Platon les ist zu Heideggers Lebzeiten wenig beachtet wor-
eine bestimmende, doch gleichsam ›negative‹ Rolle den, da sie in den von ihm selbst veröffentlichten
im abendländischen Denken zu. Werken nicht so sichtbar ist wie in den posthum
Was nun die Vorsokratiker angeht, so interpre- edierten Vorlesungen. Sie ist jedoch seit 1919 und in
tiert sie Heidegger zum ersten Mal ausführlich im den frühen 1920er Jahren bestimmend für seine
Sommersemester 1926; die Vorlesung über Die Denkentwicklung. Zu dieser Zeit hatte er ja vor, ein
Grundbegriffe der antiken Philosophie (GA 22) ent- Buch über den Stagiriten zu verfassen (vgl. »Mein
hält eine vollständige Darstellung der vorsokrati- Weg in die Phänomenologie«; ZSD 86; vgl. Kisiel
schen Philosophie – von Thales bis hin zu Sokrates. 1993, 232 ff.). Aristoteles verhalf ihm dazu, das
Entscheidend werden die Vorsokratiker für ihn je- Problem zu lösen, das im Zentrum seines philoso-
doch erst später, als er nach dem Verzicht auf die phischen Programms stand: Was ist menschliches
fundierenden Absichten der 1920er Jahre versucht, Leben? Wie kann es philosophisch angemessen
hinter die mit Platon vollzogene metaphysische Ent- begriffen werden, ohne dabei seine ursprüngliche
scheidung zurückzufragen, um Denkalternativen Grundbewegtheit zu zerlegen und zu verdecken?
zur Metaphysik zu finden. Die Vorsokratiker – be- Zu Beginn des Sommersemesters 1923 schreibt er
sonders Anaximander, Heraklit und Parmenides  – im Rückblick auf den bis dahin zurückgelegten Weg:
bieten ihm dann Intuitionen für das Experiment je- »Begleiter im Suchen war der junge Luther und Vor-
6. Der Rückgang auf die Griechen in den 1920er Jahren 27

bild Aristoteles, den jener haßte. Stöße gab Kierke- Die Vorgehensweise dieser Aneignung ist durch eine
gaard, und die Augen hat mir Husserl eingesetzt« methodische Haltung gekennzeichnet, die in Sein
(GA 63, 5; s. Kap. I.3.2; vgl. Courtine 1992). Aristote- und Zeit (§ 6) als ›phänomenologische Destruktion‹
les bleibt semesterlang weiterhin zentral in Heideg- der Geschichte der Ontologie definiert wird. Nun
gers philosophischem Versuch, das Leben zu verste- soll ›Destruktion‹ nicht in der gewöhnlichen negati-
hen, und zwar solange, bis dann Kant – um die Mitte ven Bedeutung verstanden werden, sondern viel-
der 1920er Jahre – als Leitstern in seinem Denkhori- mehr im Sinne von ›De-Konstruktion‹, also ›Ab-
zont aufgeht. Am 10. Dezember 1925 schreibt er an Bau‹ der Bestandteile der metaphysischen Konstruk-
Jaspers: »Das Schönste aber, ich fange an, Kant wirk- tion im Hinblick auf eine besser untermauerte
lich zu lieben« (HJ 57). Re-Konstruktion, die auf einer noch tiefer greifen-
Die inzwischen veröffentlichten frühen Vorlesun- den Grundlage beruht (s. Kap. I.9.2.1; III.25.1).
gen bieten eine kontinuierliche Textgrundlage, auf- Diese Bedeutung kommt deutlich zum Vorschein,
grund deren man von Semester zu Semester verfol- wenn man beachtet, dass Heidegger zum Gedanken
gen kann, wie Heidegger ständig auf Aristoteles zu- der ›Destruktion‹ durch eine Erweiterung der phä-
rückgriff und gierig aus dessen Schriftencorpus nomenologischen Methode der ›Reduktion‹ gelangt
schöpfte, um in den eigenen philosophischen Fragen (s. Kap. I.7.2). Wie Husserl zufolge in der philoso-
weiterzukommen. Ein erstes, wichtiges Dokument phischen Haltung der ›Reduktion‹ der Sprung von
dazu ist der sogenannte ›Natorp-Bericht‹, eine dichte der natürlichen Geradehin-Einstellung zur philoso-
Zusammenfassung seiner Aristoteles-Interpretation, phischen Haltung herbeigeführt wird und die Selbst-
die er im Herbst 1922 auf Husserls Empfehlung an verständlichkeiten der alltäglichen Betrachtungs-
Paul Natorp in Marburg und Georg Misch in Göttin- weise der Welt ausgeklammert werden, so will Hei-
gen schickte, um sich um die freiwerdenden Lehr- degger ebenfalls die herkömmlichen Begriffe und
stühle an den jeweiligen Universitäten zu bewerben. Lehrsätze der Philosophie hinterfragen – und zwar
Während in Göttingen Moritz Geiger berufen wurde, durch die ›phänomenologische Destruktion‹ der Ge-
hatte Heidegger in Marburg Erfolg und wurde Ri- schichte der Ontologie, die er im unveröffentlichten
chard Kroner und Heinz Heimsoeth vorgezogen  – »zweiten Teil« von Sein und Zeit (vgl. SZ 40) ausfüh-
vor allem dank Natorp, der von seinem Aristoteles- ren wollte. Und wie bei Husserl die ›Reduktion‹ mit
Bericht beeindruckt war. Heidegger beabsichtigte, der phänomenologischen ›Konstitution‹ gekoppelt
den Text in Husserls Jahrbuch für Philosophie und ist, so verbindet Heidegger die ›Destruktion‹ mit der
phänomenologische Forschung zu veröffentlichen, Konstruktion und Grundlegung der Ontologie. Re-
doch daraus wurde nichts. Später ging sogar das Ma- duktion, Destruktion und Konstruktion sind gleich-
nuskript verloren. Glücklicherweise wurde 1989 – zu ursprüngliche Bestandteile seiner philosophischen
Heideggers hundertstem Geburtstag – der an Misch Vorgehensweise (vgl. GA 24, 26–32).
geschickte Durchschlag im Nachlass Joseph Königs
wiederaufgefunden und mit einer Einleitung Gada- 2.1. Die Frage nach der ›Wahrheit‹. Im Rückgriff auf
mers veröffentlicht (vgl. GA 62 341 ff.; Gadamer Husserls Wahrheitstheorie gelangt Heidegger zu der
1989). Als weitere Textgrundlage für Heideggers An- Überzeugung, das Urteil bzw. die Aussage stelle
eignung von Aristoteles kommen nun die zahlrei- nicht, wie gewöhnlich behauptet, den ursprüngli-
chen Vorlesungen der frühen Freiburger Zeit (1919– chen Erscheinungsort des Wahrheitsphänomens
1923) hinzu – besonders die drei letzten (GA 61–63) dar, sondern lediglich eine begrenzte Wahrheit, auf
–, darüber hinaus diejenigen aus der Marburger Zeit die man das breite Spektrum des ontologischen
(1923–1928), in der fast jedes Semester von Aristote- Wahrheitsgeschehens nicht reduzieren dürfe. Des-
les die Rede ist (siehe vor allem GA 18). halb hinterfragt er die drei überlieferten Thesen
Man darf demnach von einer echten Aneignung über das Wesen der Wahrheit:
reden, welche um drei Fragen kreist, die dann auch a) Wahrheit sei Angleichung des Verstandes an
in Sein und Zeit zentral sind: den Sachverhalt (adaequatio intellectus et rei).
1) die Frage nach der ›Wahrheit‹, b) Der ursprüngliche Ort ihres Erscheinens sei
2) die Frage nach dem ›Dasein‹, das Urteil als Verbindung bzw. Trennung von Vor-
3) die Frage nach der ›Zeitlichkeit‹; stellungen.
4) den einheitlichen Horizont, innerhalb dessen sie c) Der Urheber dieser beiden Sätze sei Aristoteles
behandelt werden, bildet die erneut gestellte (GA 21, 128; SZ § 44 a). Schon Husserl hatte mit der
Grundfrage nach dem Sein. These, nicht nur beziehende und verbindende, son-
28 I. Werk

dern auch monothetische Akte einfacher Erfassung a) Er unterscheidet zunächst die Bedeutsamkeit
könnten wahr sein, die herkömmliche Wahrheits- (semainein), die jede Rede (logos) besitzt, vom prädi-
auffassung als eine im Urteil stattfindende Anglei- kativen Charakter (apophainesthai), der eine be-
chung in Frage gestellt und infolgedessen eine Un- stimmte Art von Rede auszeichnet: die Aussage
terscheidung zwischen Satzwahrheit und Anschau- (apophansis, logos apophantikos), und zwar insofern
ungswahrheit eingeführt. Letzterer wies er einen sie als Verbindung (synthesis) bzw. Trennung (dihai-
fundierenden und ursprünglicheren Charakter zu. resis) von Vorstellungen wahr oder falsch sein kann.
Dazu führte er eine entscheidende Neuerung ein: b) Er sucht dann nach dem ontologischen Funda-
den Gedanken der kategorialen Anschauung. In ment der Aussage in ihrem Wahr- bzw. Falschsein-
Analogie zur sinnlichen Anschauung ist diese dazu können und findet es darin, dass ihre verbindende
gedacht, die kognitive Erfassung jener Urteilsele- bzw. trennende Struktur sich auf das erschließende,
mente zu erklären, deren Ausweisung die sinnliche entdeckende Verhalten des menschlichen Lebens als
Anschauung übersteigt und die traditionell im Be- Dasein gründet.
reich des Kategorialen angesiedelt werden. In Anleh- c) Das Entdeckendsein des Daseins beruht wie-
nung an Husserls Wahrheitstheorie unterscheidet derum darauf, dass das Seiende selbst sich dem er-
Heidegger nun die rein logische Bedeutung des schließenden Zugriff des Daseins gibt: Das Seiende
›Wahr-seins‹ von der ursprünglicheren ontologi- ist von Haus aus offenbar, erschlossen, unverborgen
schen Bedeutung der ›Wahrheit‹. Dabei glaubt er, (a-lethes). Wahrheit in dem von der Etymologie na-
diese Unterscheidung bei Aristoteles vorfinden zu hegelegten Sinn von Unverborgenheit (aletheia) ist
können. Bereits bei der Lektüre von Brentanos Dis- somit ein Grundzug des Seienden selbst, ein vorka-
sertation war er auf die aristotelische Bestimmung tegoriales Phänomen, von dem das Wahr- bzw.
des Wahren als einer der vier Grundbedeutungen Falsch-sein-können der Aussage ein abkünftiger
von Seiendem gestoßen, die Brentano wie folgt ord- Modus ist (vgl. GA 21, §§ 11–14; vgl. auch die geän-
nete (s. Kap. II.6.1): derte Darstellung GA 29/30, §§ 72–73).
a) das an sich Seiende oder das akzidentiell Sei- Auf diesem Weg gelangt Heidegger zu einer To-
ende (on kath ’ hauto e kata symbebekos); pologie der Orte der Wahrheit, bei deren Aufstellung
b) das Seiende im Sinne des Wahren (on hos ale- er sich die aristotelische Wahrheitsauffassung zu ei-
thes). gen macht und zur Geltung bringt. Diese Topologie
c) das wirklich Seiende oder das möglich Seiende lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:
(on energeia e dynamei); a) Wahr ist in erster Linie das Seiende selbst im
d) das Seiende im Sinne der Kategorien (on kata Sinne seines Offenbarseins, Entdecktseins, Unver-
ta schemata ton kategorion); borgenseins. Damit nimmt Heidegger die aristoteli-
Schon Brentano hatte überlegt, ob sich diese vier sche Bestimmung des on hos alethes wieder auf.
Grundbedeutungen auf einen einheitlichen Grund- b) Wahr ist des Weiteren das Dasein, das mensch-
sinn zurückführen lassen. Heidegger fragt sich sei- liche Leben im Sinne seines Entdeckendseins, seines
nerseits: Wenn das Seiende in vielfacher Bedeutung erschließenden Verhaltens zu Seiendem. Damit
gesagt wird, gibt es einen fundamentalen Sinn von nimmt Heidegger die aristotelische Bestimmung der
Sein? psyche hos aletheuein auf. Mehr noch: Aus Aristote-
Er verwirft jedoch die Lösung Brentanos. Für die- les, vor allem aus dem VI. Buch der Nikomachischen
sen ist das Seiende im Sinne der Kategorien, na- Ethik, glaubt er mit gewissem Recht, eine vollstän-
mentlich der ersten Kategorie, der Substanz (ousia) dige Phänomenologie der entdeckenden Verhaltens-
grundlegend. Damit wird die Ontologie zu einer weisen der menschlichen Seele, also (in Heideggers
Usiologie. Heidegger möchte dagegen das Sein nicht Sprache) des Daseins als In-der-Wahrheit-seins,
auf den Bereich des Kategorialen reduzieren. So er- schöpfen zu können. Diese Verhaltensweisen lassen
probt er in den Vorlesungen der 1920er Jahre die Be- sich so näher angeben:
deutung des Seienden im Sinne des Wahren auf ihre – Die menschliche psyche, das Dasein, kann durch
Fähigkeit hin, als einheitlicher Grundsinn von Sein die ihr spezifische Verbindungsfähigkeit des logos
zu fungieren. In dieser Absicht interpretiert er wie- entdeckend sein, und dies geschieht in den fünf
derholt Texte des Aristoteles (De interpretatione 1; möglichen Weisen ihres In-der-Wahrheit-Seins
Metaphysik IX, 10; Nikomachische Ethik VI) und (aletheuein): episteme, techne, phronesis, nous, so-
stellt die Reduzierung der Seinslehre auf die Katego- phia (vgl. NE VI.2; GA 19, §§ 4– 26).
rienlehre in einem dreifachen Schritt in Frage: – Die logoshafte Entdeckung des Seienden ist aber
6. Der Rückgang auf die Griechen in den 1920er Jahren 29

darin fundiert, dass die menschliche psyche, das So taucht der Gedanke auf, die abendländische
Dasein, vorher »intuitiv«, in unmittelbarer Erfas- Philosophie sei durch eine Metaphysik der Präsenz
sung entdeckend sein kann, und zwar durch geprägt, also durch ein Denken, das nicht das voll-
Wahrnehmung (aisthesis), die sich je auf ihr Ei- ständige Spektrum des Zusammenhangs von Sein
genspezifisches (idion) bezieht und so immer und Zeit offen hält. Zu diesem Schluss gelangt Hei-
wahr (aei alethes) ist, oder durch Vernehmung degger im Wintersemester 1925/26, so dass er von
(noesis), die ihren Gegenstand gleichsam durch Aristoteles Abstand nimmt und dafür Kant näher
Berührung (thigein) erfasst; letztere wird entwe- rückt: »Die Griechen ahnten nichts von dieser ab-
der vollzogen oder aber bleibt im agnoein ganz gründigen Problematik, die sich auftut, wenn man
aus und kann in diesem Fall nicht einmal falsch diesen Zusammenhang einmal gesehen hat. […] Hat
sein (GA 62, 376 ff.). man diese Problematik des inneren Zusammen-
hangs des Seinsverständnisses aus der Zeit einmal
c) Wahr ist schließlich die ausgezeichnete Form des verstanden, dann hat man freilich gewissermaßen
logos, nämlich der logos apophantikos, die prädika- eine Leuchte, um nun in die Geschichte des Seins-
tive Aussage, in seinen zwei Modi des Zusprechens problems und in die Geschichte der Philosophie
(kataphasis) und Absprechens (apophasis). Das Wahr- überhaupt zurückzuleuchten, so daß sie nun Sinn
sein der Aussage ist allerdings nur ein abgeleiteter bekommt. Dabei zeigt sich, daß der einzige, der et-
Modus des ursprünglichen Wahrheitsgeschehens, was ahnte über den Zusammenhang des Verstehens
worin es gründet. des Seins und der Seinscharaktere mit der Zeit, Kant
Durch diese Rekonstruktion der aristotelischen ist«. (GA 21, 193 f.; s. Kap. II.2.2)
Wahrheitstheorie entkoppelt Heidegger das Ver-
ständnis des Wahrheitsphänomens von der Struktur 2.2. Die Frage nach dem ›Dasein‹. Auch bezüglich
der Aussage und befreit die Seinsfrage von ihrer Bin- der Frage nach der ursprünglichen Seins-weise des
dung an das Kategoriale (Vigo 1994). menschlichen Lebens, bezüglich der »Explikation
Im Rahmen der Analyse der Grundbedeutung des Daseins als In-der-Welt-sein«, greift Heidegger
des Seienden im Sinne des Wahren konzentriert er auf Aristoteles zurück (vgl. GA 18, 9 ff.). Husserls
sich dann in den 1920er Jahren besonders auf den phänomenologische Lösung des Problems, nament-
Versuch, die ontologische Grundstruktur der psyche lich seine Bestimmung der Subjektivität, gerät in
als aletheuein, des menschlichen Lebens in dessen Heideggers Sicht in eine Grundaporie: Das Ich als
entdeckenden Verhaltensweisen zu artikulieren, bis harter Kern der transzendentalen Subjektivität soll
er zum Programm der existenzialen Analytik von zugleich weltzugehörig und weltkonstituierend sein.
Sein und Zeit kommt. Die Frage nach den Vorausset- Heidegger teilt freilich mit seinem Lehrer die Über-
zungen von Aristoteles ’ ontologischer Wahrheits- zeugung, die Konstitution der Welt könne nicht
auffassung selbst bleibt freilich offen: »Was besagt durch ein Seiendes erklärt werden, das die gleiche
Sein, damit Wahrheit als Seinscharakter verstanden Seinsweise der Welt hat. Doch gibt er sich mit Hus-
werden kann?« (GA 21, 191). serls Unterscheidung zwischen dem weltzugehöri-
Schon um die Mitte der 1920er Jahre glaubt Hei- gen, psychologischen Ich und dem transzendenta-
degger, die aristotelische Verschränkung von Sein len, weltkonstituierenden Ich nicht zufrieden. Über-
und Wahrheit setze stillschweigend ein bestimmtes, haupt nimmt er von Husserls Bestimmung der
unhinterfragtes Verhältnis von Sein und Zeit voraus. transzendentalen Subjektivität deshalb Abstand, da
Damit Wahrheit als Entdecktheit (a-letheia), d. h. als sie einseitig aus Beschreibungen theoretischer Akte
Seinscharakter verstanden wird, muss erst Sein gewonnen sei. So entwickelt er in den Vorlesungen
selbst als Anwesenheit interpretiert werden. Denn der 1920er Jahre eine an die Wurzel gehende Kritik
nur Anwesendes kann erfasst werden als wahr in an Husserls theoretisierender Auffassung der Phäno-
dem Sinne, den die Etymologie von a-lethes, ›un- menologie, die im gescheiterten Versuch einer ge-
verborgen‹, nahelegt. Die Interpretation des Seins als meinsamen Abfassung des »Phänomenologie«-Arti-
Anwesenheit gründet in einem unausgesprochenen kels für die Encyclopaedia Britannica deutlich zum
Zusammenhang von Sein und Zeit, derzufolge die Ausdruck kam (s. Kap. I.7.3).
Ekstase der Gegenwart bestimmend ist. Der Zeitauf- Wie aus der Analyse des Wahrheitsphänomens
fassung, die der Gegenwart den Primat gewährt, ent- und der Topologie der Orte der Wahrheit hervor-
spricht eine Seinsauffassung, die der Präsenz den geht, ist Theorie nur eine der entdeckenden Verhal-
Vorrang gibt. tensweisen, durch die der Mensch sich zum Seien-
30 I. Werk

den verhält. Neben der theoria kommen etwa praxis nächst ontologisiert: d. h. aus Verhaltensweisen des
und poiesis vor, die gleichfalls Weisen des Sichver- Menschen werden Seinsweisen des Seienden ge-
haltens des Menschen zum Seienden sind. So findet macht. Mit anderen Worten: Heidegger extrapoliert
Heidegger in der Nikomachischen Ethik eine voll- den ontologischen Inbegriff von theoria, poiesis und
ständige Beschreibung des menschlichen Lebens in praxis und verabsolutiert sie zu den Seinsmodi von
dessen echten Zügen und eigentlicher Dynamik vor, Vorhandenheit, Zuhandenheit und Dasein. Außer-
die die neuzeitliche Philosophie von Descartes bis dem verschiebt er ihre hierarchische Anordnung.
Husserl unterschlagen hat. Aristoteles gilt ihm als Die theoria gilt nicht länger als höchste Tätigkeit
der eigentliche Phänomenologe. Demnach assimi- für den Menschen. Vielmehr wird die praxis zur
liert er in Entgegensetzung zur theoretisch orientier- Grundbestimmung der Seinsweise des Menschen,
ten Subjektauffassung Husserls zahlreiche Grundin- zu dessen ontologischer Struktur erhoben. Auf-
tuitionen der aristotelischen Bestimmung des Men- grund dieser Verlagerung ändert sich gleichfalls das
schen und arbeitet sie in sein philosophisches Verhältnis der praxis zu den beiden anderen Bestim-
Programm ein, das er in den 1920er Jahren einmal mungen: Die Zuhandenheit (die der poiesis ent-
›theoretische Urwissenschaft‹, dann ›Hermeneutik spricht) und die Vorhandenheit (die der theoria kor-
der Faktizität‹, ›existenziale Analyse‹ oder auch ›Me- respondiert) kennzeichnen die Seinsweisen von
taphysik des Daseins‹ nennt. nichtdaseinsmäßigem Seiendem, die sich jeweils da-
Betrachtet man nun die drei in Sein und Zeit un- raus ergeben, wie sich Dasein zu Seiendem verhält:
terschiedenen Seinsweisen des Seienden, nämlich konstatierend und veritativ oder aber hantierend
Vorhandenheit, Zuhandenheit und Dasein, so lässt und produzierend. Ferner werden das poietische
sich eine verblüffende Parallele zu den aristoteli- und das theoretische Verhalten beide als Weisen ei-
schen Verhaltensweisen der theoria, poiesis und pra- nes Grundverhaltens verstanden, das Heidegger ›Be-
xis ziehen (Volpi 1984; 1989). sorgen‹ nennt. Damit sind Zuhandenheit und Vor-
a) Theoria ist das Verhalten des konstatierenden handenheit, poiesis und theoria, untereinander und
und beschaulichen Erkennens, das die Erfassung der mit Dasein in einem kohärenten, einheitlichen Zu-
Wahrheit anvisiert. Sein spezifisches Wissen ist die sammenhang verbunden. Das theoretische Verhal-
Weisheit (sophia). Steht Dasein in dieser Einstellung, ten wird dabei als abkünftiger Modus gegenüber
so begegnet ihm Seiendes in der Seinsweise der Vor- dem poietischen bestimmt (vgl. SZ §§ 15, 69b).
handenheit, d. h. in der Weise des einfach vorliegen- Ontologisierung, hierarchische Verschiebung
den, neutral betrachteten Gegenstands. Durch den und einheitliche Zuordnung sind also die Umfor-
Terminus ›Vorhandenheit‹ deutet Heidegger mögli- mungen, denen bei Heidegger die Assimilierung der
cherweise auf den aristotelischen Ausdruck ta aristotelischen Begriffe von praxis, poiesis und theo-
procheira an der berühmten Stelle der Metaphysik, ria unterliegt.
wo es heißt, die Menschen hätten durch das Staunen, In diesem Rahmen versteht man denn auch, in
und zwar über das unmittelbar Vorliegende und welchem eminent praktischen Sinne Heidegger das
Auffällige (ta procheira), zu philosophieren begon- Sein des Daseins zu Anfang der Existenzialanalyse
nen (Metaphysik I.2, 982b 12–13). (SZ §§ 4, 9) als ›Zu-sein‹ bestimmt. Er will sagen,
b) Poiesis ist das Verhalten des produktiven, han- dass das menschliche Leben ontologisch derart ver-
tierenden Tuns, das die Herstellung von Artefakta fasst ist, dass es sich ursprünglich zu sich selbst nicht
zum Ziel hat. Die ihr entsprechende kognitive Ein- in einem objektivierenden Zugang verhält wie zu
stellung ist die Kunst bzw. Technik (techne). In dieser den Dingen. Dasein findet zu sich nicht durch eine
Einstellung begegnet uns Seiendes in der Seinsweise konstatierende Einsicht in sich selbst, durch eine Art
der Zuhandenheit. inspectio sui, eine Selbstbetrachtung theoretischer
c) Praxis ist schließlich das Handeln, das um sei- Art. Gegen eine neutrale Betrachtung und eine Be-
ner selbst willen vollzogen wird und welches das ei- schreibung von Wesenszügen etwa im Sinne von
gene Gelingen (euprattein) zum Ziel hat. Phronesis, animal rationale, creatura Dei, res cogitans oder Geist
prudentia ist das ihm zugehörige, orientierende Wis- setzt Heidegger die These: Dasein verhält sich pri-
sen. Das entdeckende Verhalten der praxis zieht Hei- mär und ursprünglich zu seinem Sein in einem
degger zur Auszeichnung der Seinsweise des Da- praktischen Selbstbezug, in dem es um es selbst und
seins heran. seinen eigentlichen Existenzvollzug geht. Dasein
Bei aller Entsprechung werden diese Bestimmun- verhält sich zu seinem Sein, indem es entscheidet,
gen bei Heidegger stark umgedeutet. Sie werden zu- was aus ihm selbst werden soll, indem es die eigenen
6. Der Rückgang auf die Griechen in den 1920er Jahren 31

Möglichkeiten und Lebensentwürfe wählt und ver- dadurch, dass es sich selbst in seinem Zu-sein findet,
wirklicht – ohne die Last dieser Wahl von sich ab- das sowohl Handeln wie auch Erkennen, die Trans-
werfen zu können, denn es hat gleichsam die uner- parenz des Rationalen wie das opake Moment der
trägliche Leichtigkeit seines Seins auf sich zu neh- Stimmungen prägt.
men. Die strukturelle Analogie mit der aristotelischen
Aus der praktischen Kennzeichnung der Seins- Sicht des Problems liegt auf der Hand. Im Rahmen
struktur des Daseins gewinnt Heidegger fundamen- der ›praktischen Wissenschaft‹ (episteme praktike) –
tale Einsichten für die existenziale Analytik: ein Terminus, den Heidegger mit »Ontologie des
a) Das Sein, zu dem sich Dasein in seinem Selbst- menschlichen Daseins« übersetzt – betrachtet Aris-
bezug verhält, ist das je eigene Sein. Es entscheidet ja toteles das menschliche Leben in seiner spezifischen
über sein eigenes Sein, nicht über dasjenige der an- Bewegung (kinesis) als ein ›Handeln‹ (praxis). Dieses
deren. Heidegger kennzeichnet es durch den Cha- ist nicht einfach Leben und Selbsterhaltung des Le-
rakter der ›Jemeinigkeit‹, der sich mit einem Zug des bens (zoe), sondern Lebensentwurf (bios), Wahl der
praktisch-moralischen Wissens der phronesis ver- guten Lebensform (eu zen) und der dazu geeigneten
gleichen lässt: Dieses wird nämlich bei Aristoteles Mittel. Das heißt: Als vernunftbegabtes, politisches
als ein hauto eidenai, als ein »Wissen um sich selbst« Lebewesen (zoon politikon logon echon) soll der
gekennzeichnet (NE VI. 5, 1140a 26–27 und 1141b Mensch beratschlagen, wählen und entscheiden,
34). welche Mittel sich zur Verwirklichung des für ihn
b) Gegen den metaphysischen Vorrang der Ge- bestmöglichen Lebens eignen. Es ist der kluge
genwart, also gegen die ›Metaphysik der Präsenz‹, Mensch (phronimos), dem die gute Beratschlagung
vertritt Heidegger den Primat der Zukunft. Weil Da- (eubulia), die gute Entscheidung und das gute Han-
sein sich zu sich selbst in einem praktischen Selbst- deln (euprattein) gelingt und der so die Glückselig-
bezug verhält, indem es über sein Sein entscheidet, keit (eudaimonia) erreicht.
ist dieses Sein, das je auf dem Spiel steht, stets ein zu- Diese Intuition wird in der existenzialen Analytik
künftiges. Wie Aristoteles in der Nikomachischen wiederaufgenommen und durch eine ontologisie-
Ethik lehrt: Beratschlagung (buleusis) und Entschei- rende Umdeutung zur Geltung gebracht. Auch das
dung (prohairesis) gehen je auf Zukünftiges. Dasein ist in der Tat das ausgezeichnete Seiende, bei
c) Die Seinsweise des Daseins muss radikal von dem es je um sein Sein (aristotelisch gesagt: um ta
derjenigen des nichtdaseinsmäßigen Seienden un- hauto agatha kai sympheronta) geht, und zwar in
terschieden werden, und zwar nicht aufgrund einer dem Sinne, dass es über die Möglichkeiten und Wei-
vermeintlichen Vorzüglichkeit des Menschen, son- sen seiner Existenz entscheiden muss. Erst wenn Da-
dern aufgrund der Einsicht in dessen ontologische sein, auf den Ruf des Gewissens hörend, dieses Ent-
Verfasstheit, in dessen spezifische ›Grundbewegt- scheidenmüssen und damit sein Zu-sein erkennt
heit‹, die praktischer Art ist. Aristoteles ’ moralische und es beim Entwurf seiner Möglichkeiten auf sich
Auslegung dieses Lebensvollzugs greift Heidegger in nimmt und nicht an die Hilfe des Man abgibt, ist der
seiner Bestimmung auf, »die ›Ethik‹« sei »die Expli- Vollzug der Existenz eigentlich.
kation des Seienden als Menschsein, menschliches Im Lichte dieser Überlegungen versteht man
Leben, Lebensbewegtheit« (GA 62, 397; s. Kap. denn auch, weshalb Heidegger in der Verlegenheit,
I.28.6). Nur Dasein konstituiert sich als ein Zu-sein den aristotelischen Terminus phronesis adäquat zu
und verhält sich zu sich selbst in einem praktischen übersetzen, einmal ausrief: »Das ist das Gewissen!«
Selbstbezug. Dementsprechend sind denn auch die (vgl. Gadamer 1983, 32). Er dachte offensichtlich an
metaphysischen Abgrenzungen von Mensch und die eigene Auffassung des ›Gewissens‹ als der In-
Natur, Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Welt stanz, die dem Dasein sein Zu-sein, seine praktische
deshalb nicht radikal genug, weil sie aus theoreti- Verfasstheit, eigentlich bezeugt (SZ §§ 54–60).
schen Kennzeichnungen vom Wesen des Menschen Ebenso lässt sich das Existenzial ›Entschlossenheit‹
gewonnen sind und nicht aus der Einsicht in die ur- mit der aristotelischen prohairesis assoziieren – mit
sprüngliche praktische Seinsverfassung des Daseins. dem Unterschied, dass diese ein bestimmtes Mo-
d) Die praktische Bestimmung der Seinsweise des ment der Handlung darstellt, während die Ent-
Daseins impliziert schließlich die Ablehnung der schlossenheit eine ontologische Wesensbestimmung
traditionellen Auffassung des Selbstbewusstseins im des Daseins ist (SZ §§ 60, 62).
Sinne einer Selbstbetrachtung theoretischer, konsta- Auch weitere Bestimmungen der Existenzialana-
tierender Art. Dasein bildet seine Identität vielmehr lyse lassen sich als Umdeutungen aristotelischer
32 I. Werk

Grundbegriffe auslegen, so etwa das Existenzial girit habe – so lautet der Einwand – die Einheit der
›Sorge‹ (SZ §§ 41–42, 63–65), das Husserls Intentio- von ihm beschriebenen Verhaltensweisen der theo-
nalität als Hauptzug des Subjekts entspricht (GA 20, ria, praxis und poiesis nicht erfasst. (Wie man weiß,
420) und den Einheitsgrund aller Existenzialien dar- besteht sie laut Heidegger in der Sorge, also in der
stellt. Die Sorge ist wohl ein ontologisiertes Äquiva- Zeitlichkeit und letztlich im Seinkönnen des Da-
lent der aristotelischen Bestimmung der ›Begierde‹ seins.) Dieses Versäumnis wurzle in der gleichen Vo-
(orexis), die das Gerichtetsein des menschlichen Le- raussetzung, die der aristotelischen Wahrheitsauf-
bens auf etwas Anzustrebendes anzeigt. Heidegger fassung zugrunde liegt, d. h. in einem naturalisti-
entfaltet an der Sorge sogar zwei Strukturmomente, schen Zeitverständnis, das der Gegenwart den
›Drang‹ und ›Hang‹, die genau den Strukturmomen- Vorrang gibt, und in einem entsprechenden Seins-
ten der aristotelischen orexis entsprechen: ›Hinstre- verständnis als Anwesenheit.
ben‹ (dioxis) und ›Wegstreben‹ (phyge) (vgl. GA 20, Ohne nun auf Heideggers Auslegung der aristote-
§ 31, 409–411; auch GA 24, 193). Ähnliches gilt für lischen Zeitabhandlung (Phys. IV.10–14) einzuge-
das Grundexistenzial ›Befindlichkeit‹. Durch die Be- hen, genügt es hier, deren Ergebnis in Erinnerung zu
findlichkeit radikalisiert Heidegger die aristotelische rufen (GA 21, § 21; GA 24, 327–361). Die bekannte
Lehre von den Affekten (pathe), indem er diese auf Definition der Zeit als »Zahl der Bewegung nach
ihre existenzialanalytische Möglichkeitsbedingung dem Vorher und Nachher« (arithmos kineseos kata
zurückführt, eben die Befindlichkeit (SZ §§ 29–30). to proteron kai hysteron, Phys. IV.11, 219b 12) ist Hei-
Das ›Verstehen‹ hingegen, das bei Heidegger keine degger zufolge die erste und strengste begriffliche
Erkenntnisart, sondern »der eigentliche Sinn von Erfassung der vulgären Zeiterfahrung (s. Kap. I.5.4;
Handeln« ist (GA 24, 393), stellt das spontane, pro- II.2.2). Dennoch bleibe sie in einem chronometri-
duktive und entwerfende Moment im Dasein dar. schen und naturalistischen Horizont stecken, was
Das heißt: Durch die Bestimmung des Daseins als Aristoteles daran hindere, die zeitliche Verfassung
gleichursprüngliche Einheit von ›Befindlichkeit‹ des menschlichen Lebens in ihren echten Zügen zu
und ›Verstehen‹, Geworfenheit und Entwurf, Rezep- verstehen. Zwar spielt Aristoteles am Schluss seiner
tivität und Spontaneität, Passivität und Aktivität Abhandlung auf die Rolle der Seele in der Konstitu-
nimmt Heidegger das Problem erneut auf, das be- tion der Zeiterfahrung an. Er fragt sich, ob die Zeit
reits Aristoteles stellt, indem er den Menschen zu- wäre, wenn die Seele nicht existierte (poteron de me
gleich als ›begehrenden Verstand‹ (nous orektikos) uses psyches eie an ho chronos e u, Phys. IV.14, 223a
und ›verstehende Begierde‹ (orexis dianoetike) defi- 21–22). Wäre die Zeit Zahl der Bewegung, dann
niert (NE VI.2, 1139b 4–5). gäbe es sie nicht, wenn das nicht existierte, was sie
Später wird Heidegger freilich die an der aristote- zählt, nämlich die Seele (psyche) als das Zählende.
lischen praxis orientierte Bestimmung des Daseins Das reicht nach Heidegger allerdings nicht, um die
als Zu-sein fallen lassen und dieses vom Seinsge- aristotelische Zeitbestimmung von ihrem naturalis-
schehen her zu verstehen suchen. Daher die Da- tischen Horizont zu befreien, und auch nicht, um ei-
seinsumdeutungen in »Vom Wesen der Wahrheit«, nen Einblick in die Seinsverfassung der Seele selbst,
§ 4 (1930/1943; GA 9, 187 ff.), in der Einleitung in die d. h. des Daseins, in ihrer ursprünglichen nicht natu-
Metaphysik (1935/1953; EM 3, 109 ff.), im »Brief ralistischen Zeitlichkeit zu gewinnen.
über den ›Humanismus‹« (1947; GA 9, 313–64) und Wie Heidegger in seinen ersten Freiburger Vorle-
in der »Einleitung« zur 5. Auflage (1949; GA 9, 365– sungen zu zeigen versucht, gelingt dies erst mit der
83) von »Was ist Metaphysik?«. Bezeichnend ist frühchristlichen kairologischen Zeiterfahrung, die
auch eine terminologische Retraktation in der 7. den Rahmen des chronologischen Zeitverständnis-
Auflage (1953) des Hauptwerks Sein und Zeit: Aus ses bricht. Das ist die Zeiterfahrung, die durch die
dem Satz »Als Seiendes dieses Seins ist es seinem ei- Erwartung der Ankunft des Herrn herbeigeführt
genen Zusein überantwortet« wird »Als Seiendes wird: Der Herr wird »wie ein Dieb in der Nacht«
dieses Seins ist es seinem eigenen Sein überantwor- (hos kleptes en nukti, sicut fur in nocte) kommen, und
tet« (SZ 41 f.; Thomä 1990, 509–41). seine Ankunft kann nicht vorausberechnet werden,
sondern man kann nichts anderes als für sie bereit
2.3. Die Frage nach der ›Zeitlichkeit‹. Durch die sein (estote parati) (s. Kap. I.5.6). Der junge Heideg-
Transformation der praktischen Lebensbestimmun- ger sieht in der frühchristlichen Zeiterfahrung die
gen zu ursprünglichen Seinsstrukturen des Daseins Erfassung eines echten Grundzugs des faktischen
nimmt Heidegger von Aristoteles Abstand. Der Sta- Lebens in dessen eigentlicher, praxis- und heilsori-
6. Der Rückgang auf die Griechen in den 1920er Jahren 33

entierter Zeitlichkeit. Er versucht, sie begrifflich da- Gleichwohl schätzt Heidegger Aristoteles weiter
durch näher zu bestimmen, dass er die aristotelische sehr hoch, und trotz allem scheint er darum bemüht,
Auffassung des kairos wiederaufnimmt (vgl. GA 24, Aristoteles von seinen späteren Interpretationen ge-
409) und sie gegen Luther ins Spiel bringt. Auf diese trennt zu halten. Man bekommt zuweilen sogar den
Weise kommt er zur Thematisierung von Dasein Eindruck, er betone bei ihm weniger die Zugehö-
und ursprünglicher Zeitlichkeit in ihrer Verschrän- rigkeit zur Metaphysik als vielmehr den Anklang ei-
kung und gelangt auf den Weg, der bis zu Sein und ner vormetaphysischen Offenheit. Ein beredsames
Zeit führt (Greisch 1994). Zeugnis hierfür ist der Seminartext »Vom Wesen
und Begriff der Physis. Aristoteles ’ Physik B, 1« (ver-
2.4. Nach Sein und Zeit. Auch nach 1927 bleibt Aris- fasst 1939, veröffentlicht 1958; GA 9, 239–301). Die-
toteles ein ständiger Bezugspunkt für Heidegger. Be- ser Aufsatz zeigt die Bedeutung, die Aristoteles noch
sonders am Ende der 1920er und Anfang der 1930er für den späten Heidegger hat, wiewohl sie anderswo
Jahre  – etwa im Wintersemester 1929/30 (Die liegt als bei der Auseinandersetzung der 1920er
Grundbegriffe der Metaphysik. Welt  – Endlichkeit  – Jahre. In der aristotelischen Besinnung auf das Na-
Einsamkeit; GA 29/30), im Sommersemester 1930 turseiende (physei onta), das im Unterschied zu den
(Vom Wesen der menschlichen Freiheit; GA 31) und Artefakta (apo technes onta) den Ausgangsgrund der
in der ganzen Vorlesung des Sommersemesters 1931 Bewegung in sich selbst besitzt, klingt Heidegger zu-
(Aristoteles, Metaphysik IX; GA 33) (vgl. D ’ Angelo folge noch der vorsokratische Sinn für die Physis, für
2000). das Sein an. Bedenkt man, wie wichtig für Heideg-
Allmählich wird der Stagirit jedoch in die Ge- gers Diagnose der Gegenwart das Verhältnis zwi-
schichte der seinsvergessenen Metaphysik einge- schen Natur und Technik ist, so versteht man, wel-
rückt, die durch zwei Grundzüge gekennzeichnet ist: che Bedeutung Aristoteles hier zukommt.
die ›Subiectität‹ und die ›onto-theo-logische Verfas- Es bleibt die Frage: Wie, wann und mit wem be-
sung‹. Die erste wird auf den Platonismus, die zweite ginnt die nicht ursprüngliche Denkhaltung des
auf Aristoteles und den Aristotelismus zurückge- Abendlandes, die Seinsvergessenheit der Metaphy-
führt, und zwar in dem Sinne, dass die aristotelische sik?
Bestimmung der ›ersten Philosophie‹ als Untersu-
chung des Seienden als solchen impliziert, man frage 3. Platon. Diesen geschichtlichen Umbruch ortet
sowohl nach den gemeinsamen, formalen Zügen des Heidegger in Platons Denken, mit dem er sich eben-
Seienden (on katholu = on koinon) als auch nach falls auseinandersetzt, jedoch nicht so kontinuierlich
dem höchsten Seienden (on katholu = on akrotaton, und intensiv wie mit Aristoteles. Platon wird für sei-
theion). Die abendländische Metaphysik nimmt so nen Denkweg nie bestimmend.
im Ausgang von Aristoteles den zweifachen Charak- Die bekannteste unter seinen zu Lebzeiten veröf-
ter der Ontologie und der Theologie an (vgl. vor al- fentlichten Platon-Interpretationen erschien 1942
lem »Die onto-theo-logische Verfassung der Meta- unter dem Titel »Platons Lehre von der Wahrheit«
physik«; ID 31–67). Auch Aristoteles fällt somit un- (GA 9, 203–38) in dem von Ernesto Grassi herausge-
ter die allgemeine Kritik an der Metaphysik als gebenen Jahrbuch Geistige Überlieferung und dann
Denken der Seinsvergessenheit. Denn auch Aristo- 1947 in Buchform zusammen mit dem »Brief über
teles setzt den metaphysischen Primat der Präsenz den ›Humanismus‹«. Aufgrund einer Auslegung des
voraus. Demzufolge ist das am meisten seiend, was zu Beginn des VII. Buches der Politeia erzählten
den Charakter der ständigen Anwesenheit innehat, Höhlengleichnisses weist er Platon eine entschei-
und damit hängt der metaphysische Primat der dende, jedoch gleichsam negative Rolle zu (Barnes
Theorie als Betrachtung des ständig Anwesenden 1990). Bei Platon geschehe der metaphysische Wan-
zusammen. Auch das aristotelische Denken ist wie del im Wesen der Wahrheit (s. Kap. II.6.3). Diese
das platonische ›technikhomogen‹. Es ist eine Vor- werde nicht mehr als Un-verborgenheit (A-letheia),
stufe jener Entwicklung, die bis zur Vollendung der d. h. als Seinscharakter gedacht, sondern nur noch
Metaphysik im Wesen der modernen Technik führt. als Richtigkeit (orthotes) des Blickes, der Sein in des-
Aristotelisierende Lehren wie die Rückführung der sen Offenbarkeit erspäht. Sie wird damit in einen
Wahrheit auf das Urteil, die Auffassung des logos im Bezug zum menschlichen Subjekt gestellt, das sie er-
Sinne der Kategorialität, die Umdeutung der aitiai fasst und erkennt. Damit beginnt nach Heidegger
im Sinne der modernen Kausalität bereiten dafür das abendländische Projekt der kognitiven und ope-
den Boden. rativen Beherrschung des Seienden, es kommt das
34 I. Werk

fürstliche Prinzip der ›Subiectität‹ auf, das der Meta- ger einmal auch mit den Vorsokratikern auseinan-
physik von Platon bis Nietzsche zugrunde liegt und der, und zwar in der Vorlesung des Sommersemes-
im Willen zur Macht und im Wesen der modernen ters 1926 über Die Grundprobleme der antiken Philo-
Technik zur äußersten Entfaltung gelangt. Der Pla- sophie (GA 22). Gemäß dem Wunsch der Fakultät
tonismus sei Vorgeschichte der Technik, die Technik bietet er eine vollständige, ziemlich ausführliche
die letzte Form von Platonismus. Von dieser Inter- Darstellung der griechischen Philosophie von Thales
pretation ausgehend, die er in den Vorlesungen und bis Aristoteles und behandelt dabei sämtliche Vorso-
Abhandlungen zu Nietzsche (1936–1946, veröffent- kratiker, auch diejenigen, die er sonst kaum berück-
licht 1961 in N I/II) darlegt, fragt Heidegger nach sichtigt: die erste Naturphilosophie (Thales, Anaxi-
dem Wesen der Technik und sucht über die Meta- mander, Anaximenes), Heraklit und Parmenides, die
physik hinaus zu denken. eleatische Schule (Xenophanes, Zenon, Melissos),
Blickt man nun auf die 1920er Jahre zurück, so die zweite Naturphilosophie (Empedokles, Anaxago-
findet man in den Vorlesungen dieser Zeit eine erste ras, Leukipp und Demokrit), die Sophistik und So-
Auseinandersetzung mit Platon, die zwar die spätere krates. Diese seine erste Interpretation der Vorsokra-
Interpretation vorbereitet, jedoch einen anderen tik unterscheidet sich von den späteren dadurch,
Schwerpunkt hat. Es geht hier noch nicht um die Kri- dass sie noch nicht die Optik der Überwindung der
tik an der Metaphysik, sondern darum, zu verstehen, Metaphysik angenommen hat und den Anfang des
wie Platon den Zusammenhang von Sein und Wahr- griechischen Denkens noch nicht als den Anklang
heit denkt und welche Rolle dabei die Dialektik als einer ursprünglichen, vormetaphysischen Seinser-
die eigentliche Weise des entdeckenden Verhaltens fahrung betrachtet. Sie legt es vielmehr als erstes on-
spielt.  – Gezeigt wird dies z. B. in der großartigen tologisches Denken aus, das die Differenz von Sein
Vorlesung des Wintersemesters 1924/25 über den So- und Seiendem einführt und das Seiende auf seine
phistes (GA 19), in der Heidegger ausgehend von ei- Seinsweise als Physis hin zu begreifen sucht. Den
ner magistralen Auslegung des VI. Buches der Niko- Übergang zur Sophistik und zu Sokrates, den man
machischen Ethik, namentlich der Stufenfolge der traditionell als Übergang von der kosmologischen
dianoetischen Tugenden bis zur sophia, eine Ge- zur anthropologischen Problemstellung versteht, in-
samtinterpretation des platonischen Dialogs gibt, die terpretiert Heidegger als Aufkommen der Frage
mit der Darstellung der dialektischen Verknüpfung nach der Seinsweise des menschlichen Daseins.
der obersten Seinsgattungen (kinesis, stasis, on, tau- Doch diese Auseinandersetzung bleibt, wie inter-
ton, heteron) gipfelt.  – Oder in der Vorlesung des essant auch immer, okkasionell. Erst ab den 1930er
Sommersemesters 1926 über Die Grundbegriffe der Jahren werden die Vorsokratiker bestimmend für
antiken Philosophie (GA 22), in der Heidegger eine das Denken Heideggers, als er die Metaphysik nicht
Gesamtdarstellung der platonischen Philosophie länger radikal fundieren will, sondern nur noch zu
skizziert. Dabei geht er anhand einer Interpretation überwinden sucht. Für das Experiment des ›dichten-
des Theätet wiederum auf den Zusammenhang von den Denkens‹, das in einem gewagten Gleichgewicht
Ontologie und Dialektik, Seinsfrage und Wahrheits- von Vision und Besinnung das Sein selbst in seinem
frage ein und liefert einen ersten Hinweis auf das zwiefachen Wesen als Offenbarung und Verbergung,
Höhlengleichnis, den er im Sommersemester 1927 in Zuwendung und Abwendung, Zuspruch und Ent-
einer merkwürdigen Zuspitzung – die Idee des Guten zug, Andenken und Vergessenheit zur Sprache brin-
wäre »nichts anderes als der demiurgos, der Hersteller gen möchte, bieten ihm die Vorsokratiker Winke
schlechthin« – wiederaufnimmt (Die Grundprobleme und Anstöße. Inspiriert von der gleichzeitigen, im-
der Phänomenologie; GA 24, 403–405). – Schließlich mer wichtiger werdenden Lektüre Hölderlins inter-
in der Vorlesung des Wintersemesters 1931/32 (Vom pretiert Heidegger das vorsokratische Denken als
Wesen der Wahrheit; GA 34) mit einer erneuten aus- die Wahrung eines ungebrochenen Sinnes der Phy-
führlichen Interpretation des Höhlengleichnisses und sis, also der ursprünglichen, später von der abend-
des Theätet, wobei nun infolge der Vertiefung der ländischen Metaphysik verdeckten Fülle des Seins –
Frage nach dem Sein als Wahrheit allmählich auch eine Wunschvorstellung, die er zuletzt auch zurück-
das Problem der Unwahrheit, des Negativen und des ziehen sollte (vgl. ZSD 77 f.).
Verfalls ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.
5. Von Heidegger zu den Griechen, von den Griechen
4. Die Vorsokratiker. In seinem ersten Rückgang auf zu uns. Man kann die hermeneutische Fruchtbarkeit
die Griechen in den 1920er Jahren setzt sich Heideg- von Heideggers früher Auseinandersetzung mit den
7. Phänomenologie 35

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Heideggers Wege. Tübingen 1983.  – Ders.: Heideggers sen der Phänomenologie ursprünglicher zu denken,
»theologische« Jugendschrift. In: Dilthey-Jahrbuch 6 um sie auf diese Weise eigens in ihre Zugehörigkeit
(1989), 228–234. – Gethmann, Carl Friedrich: Dasein: Er- zur abendländischen Philosophie zurückzufügen.«
kennen und Handeln. Heidegger im phänomenologischen (GA 12, 91) Bei seinem Versuch, die Phänomenolo-
Kontext. Berlin/New York 1993. – Greisch, Jean: Ontologie gie durch den Rückgang auf ihren Ursprung radikal
et temporalité. Esquisse d ’ une interprétation intégrale de
Sein und Zeit. Paris 1994. – Günther, Hans-Christian (Hg.): zu verwandeln, musste er sich – wenigstens vorüber-
Heidegger und die Antike. München 2006. – Kisiel, Theo- gehend – von ihr verabschieden. Diese Ambivalenz
dore J.: The Genesis of Heidegger ’ s Being and Time. Berke- zwischen Verwandlung und Distanzierung ist greif-
ley u. a. 1993. – Ders./van Buren, John (Hg.): Reading Hei- bar von den frühesten Texten an, die das Verhältnis
degger from the Start. Essays in His Earliest Thought. Albany zu Husserl reflektieren. Zu dieser Freiheit im Um-
1994.  – Macann, Christopher (Hg.): Critical Heidegger.
London/New York 1996. – Mora, Francesco: L ’ ente in mo- gang mit der Freiburger Phänomenologie mag auch
vimento. Heidegger interprete di Aristotele. Padua 2000.  – der Umstand beigetragen haben, dass Heidegger ja
Most, Glenn W.: Heideggers Griechen. In: Merkur 56 nicht wirklich Schüler Husserls war, sondern ihm
36 I. Werk

erst 1916 näherkam, als er seine eigentliche philoso- chologie und spricht über seine Arbeit an den Ideen
phische Ausbildung schon abgeschlossen hatte. »Ich II (BW IV, 132). Im Nachsatz schreibt Husserl: »Höl-
hatte ja leider«, bedauert Husserl 1927 gegenüber In- derlin, den ich sehr liebe u. doch wenig kenne, habe
garden, »seine philos. Ausbildung nicht bestimmt, ich hier auch mit u. so werden wir uns lesend in ihm
offenbar war er schon in Eigenart, als er meine berühren.« (BW IV, 136) Für Heidegger war Hölder-
Schriften studierte.« (Husserl, Briefwechsel [= BW] lin damals (zwischen 1917 und 1919) ein Weg, der
III, 234) ihn aus dem Aristotelismus herausführte. Andere
Diese »Eigenart« beruhte vor allem auf einer Be- waren die Mystik, Hegel und Schelling, Schleierma-
gegnung mit Franz Brentanos Dissertation Von der cher und Rudolf Otto sowie Karl Barths Römerbrief-
mannigfachen Bedeutung des Seienden bei Aristoteles Kommentar und Dostojewskis Romane. Zu Hölder-
(1862) schon in seiner Primanerzeit, die im Rahmen lin geführt hatte Heidegger vor allem der 1914 er-
der geplanten Ausbildung zum Priester zu sehen ist. schienene 4. Band von Hellingraths Ausgabe, der
Heidegger vertrat zu jener Zeit einen mittelalterli- »wie ein Erdbeben« (GA 12, 172) wirkte. Von nicht
chen Aristotelismus. Neben der aristotelischen Lo- geringem Interesse ist, dass er mit Husserl, wie die
gik erfuhr Heidegger wichtige philosophische An- obige Briefstelle ausweist, über seinen Lieblingsdich-
stöße durch den Neukantianismus, besonders hin- ter gesprochen haben muss; ob Husserl ihn wirklich
sichtlich des Geltungsproblems (Heinrich Rickert, geliebt hat, muss dahingestellt bleiben; mit ihm viel
Emil Lask; s. Kap. I.4). Festgehalten wird, dass die anzufangen gewusst hat er wohl nicht, aber er nutzte
Erkenntnis wesentlich ›Urteil‹ ist. Wie Staudenmaier jede Möglichkeit, Zugang zu Heideggers Denkwelt
kam Heidegger auch zu Hegel, den er am Anfang zu gewinnen.
seiner Habilitationsschrift von 1916 über Duns Sco- Am 21.1.1919 hat das Liebeswerben Erfolg und
tus emphatisch lobt. Thema dieser Habilitations- Heidegger wird Husserls Assistent. Heidegger sollte
schrift ist die Frage nach den Leistungen der Spra- nach Husserls Wunsch dessen Ansatz auf dem Ge-
che. Allerdings wird die Sprache hier rein nach der biet der Religion und der Geisteswissenschaft über-
rationalen, d. h. begrifflichen Seite untersucht; kein haupt fortführen (auf dem Gebiet der Mathematik
Wort verliert Heidegger über die dichterische Spra- und Naturwissenschaften sollte das Oskar Becker
che; Dilthey und Hölderlin, die er zu diesem Zeit- tun; s. Kap. III.6). Es dauerte einige Zeit, bis Husserl
punkt bereits gelesen hat, bleiben noch ohne Wir- bemerken musste, dass Heidegger ganz andere Wege
kung. Allerdings hat Heidegger nach eigenem Zeug- ging; er wähnte sich sehr lange in einem engsten
nis sich schon in seinem ersten Studiensemester Verhältnis mit seinem Assistenten (vgl. Brief an Na-
(1909/10) auch mit Husserls Logischen Untersuchun- torp BW V, 140), und Heidegger seinerseits nutzte
gen befasst. die frühen Freiburger Jahre 1919 bis 1921 für einen
Die Zusammenarbeit mit Husserl beginnt aber intensiven Austausch mit Husserl.
erst im Jahre 1916 mit der Bitte Husserls an Heideg-
ger, ihm seine Habilitationsschrift zu überlassen 2. Faktische Lebenserfahrung gegen den Primat des
(BW IV, 127). Edith Stein will allerdings schon in Theoretischen (1919–1926). Von Anfang an aber ist
Heideggers Antrittsvorlesung nach der Habilitation Heidegger auf einem ganz eigenständigen Weg. In
»unverkennbare Spitzen gegen die Phänomenolo- seinem Brief vom 24.4.1919 an Husserls Tochter Eli-
gie«, also gegen den anwesenden Husserl, vernom- sabeth (Elli), in dem es um das »historische Bewußt-
men haben. Ob Husserl das auch so empfunden hat, sein« geht, heißt es gleich zu Beginn programma-
wissen wir nicht; schon früh – spätestens mit der In- tisch: »Ob unser gestaltendes Leben wirklich seine
tensivierung des Kontaktes im Jahre 1918  – wird historische Lebung lebt – sie selbst ist, daran hängt
ihm aber deutlich, wie wenig Heidegger dem phäno- alles. Aber nicht an der theoretischen Betrachtung
menologischen Schulzusammenhang zuzurechnen dieser Möglichkeit und nicht an der Reflexion dar-
ist. So vergleicht er ihn einmal mit einer »ins freie über« (Heidegger 1919/1988, 6). Die (mit der Auf-
Feld, ins freie Licht« gesetzten Zimmertopfpflanze, klärung im Bunde gesehene) Theorie wird als Herr-
die nun »frei« ihrem Telos entgegen wachse (BW IV, schaftsinstrument verdächtigt, die »das Leben und
131). Im Spätsommer 1918 gibt es dann gleichwohl alle Gelebtheiten« zu einem Objekt unter Objekten
schon unverhohlene Töne echter Freundschaftsbe- mache. Jedes »echt[e] Leben« habe dagegen die »De-
kundung bzw. eines Werbens um Freundschaft. Bei mut« in sich, »vor den Unberührsamkeiten fremden
dieser Gelegenheit weist er ihn hin auf Rudolf Ottos und eigenen Erlebens. Unser Leben muß aus der
Buch Das Heilige und auf Natorps Allgemeine Psy- Ausgebreitetheit in vielheitliche Sachlichkeiten zu-
7. Phänomenologie 37

rück zur ursprünglichen Quellung wachsenden Ge- ist ebenso eine theoretische Konstruktion wie die
staltens. […] Nur Leben überwindet Leben – nicht Rede von Voraussetzung und Voraussetzungslosig-
Sachen und Dinge« (8). Der Brief schließt mit dem keit. Heidegger zeigt, wie das Leben fragend auf et-
Verweis auf »das Fließen unserer historischen Le- was hinlebt und so nie ganz voraussetzungslos sein
bensganzheiten« (10). kann. Er macht Husserl den Vorwurf, dieser über-
Unüberhörbar ist hier der Einfluss Diltheys, der springe das Umwelterlebnis zugunsten der Ding-
ja nicht erst in seinem 1906 erschienenen Buch Das wahrnehmung. Deutlich wird dies schon in der
Erlebnis und die Dichtung, sondern bereits 1883 in Kriegsnotsemester-Vorlesung vom Frühjahr 1919:
der Einleitung in die Geisteswissenschaften die Quelle Es muss ein a-theoretisches Wissen vom Ursprung
aller Realität in der Fülle von Erlebnis und Leben lo- geben. Die Vorherrschaft des Theoretischen in der
kalisiert und das Erkennen auf das Erleben gegrün- Philosophie muss gebrochen werden. »Es weltet« –
det hatte (Dilthey 1959, 369; s. Kap. I.8). Die leben- dies ist das Grundwort der Neufassung der Phäno-
dige Beziehung zum Ganzen der Erfahrung muss menologie als vortheoretischer Urwissenschaft. Am
auch die dichterische Einbildungskraft bestimmen, Schluss der Vorlesung hält Heidegger fest: »Das be-
indem sie eine konkrete Einheit für einen Zusam- mächtigende, sich selbst mitnehmende Erleben des
menhang von Bildern schafft. Heidegger knüpfte Erlebens ist die verstehende, die hermeneutische In-
daran unmittelbar an und versuchte, die Diltheysche tuition, originäre phänomenologische Rück- und
Kategorie des Erlebnisses mit Husserls reiner We- Vorgriffs-bildung, aus der jede theoretisch-objekti-
senslehre der Intentionalität zu konfundieren. Nun vierende, ja transzendente Setzung herausfällt.« (GA
ist diese Verbindung von Husserl und Dilthey so er- 56/57, 117)
staunlich nicht, war Husserl doch selbst nach der Mit der Forderung nach »Intuition« bezieht Hei-
persönlichen Begegnung mit Dilthey 1905 in Berlin degger sich auf Bergson, der mit seiner Lehre der In-
unter dessen Einfluss geraten, was mit zu den Ideen tuition und der Sympathie, die die Erscheinungen
führte, und Dilthey seinerseits wurde  – neben He- der Außenwelt aus der eigenen seelischen Mitte
gels Philosophie des objektiven Geistes – durch Hus- heraus erschließt, ein Philosoph des unmittelbaren
serls Psychologismus-Kritik beeinflusst. Gleichwohl Erlebens ist. Die Intuition ist aber – wie bei Dilthey –
haben viele den Aufsatz »Philosophie als strenge zu einer vielschichtigen Hermeneutik geworden,
Wissenschaft«, der 1910/11 in der Zeitschrift Logos weshalb Heidegger im vorletzten Satz seiner Vorle-
erschien, als ein gegen Dilthey gerichtetes Pamphlet sung auf Diltheys »Zusammenhang des Lebens«
verstanden (Dilthey bemühte sich in seinen Briefen wörtlich anspielen kann: »Leben ist historisch; keine
vom Sommer 1911 um eine gewisse Klärung; vgl. Zerstückelung in Wesenselemente, sondern Zusam-
Misch 1930/1967, 180 ff.). Zeitlebens aber hat Hus- menhang.« (GA 56/57, 117) Die Phänomenologie
serl an der Position des Logos-Aufsatzes festgehalten, Husserls führe die Philosophie methodisch »zu den
dass auch für den Erlebniszusammenhang »eine Sachen selbst«. Der Vorrang des Theoretischen wird
universale Form absolut unverbrüchlicher Notwen- jedoch auch hier  – wie schon in dem Brief an Elli
digkeiten oder Gesetzlichkeiten« anzunehmen ist Husserl  – zurückgewiesen. Das Erleben ist nicht
(Phänomenologische Psychologie, Husserliana [= Vorgang, Sache oder Objekt, sondern »ein ganz
Hua] IX, 18). »Alle objektive Giltigkeit, also auch die Neuartiges, ein Ereignis« (75), denn es betrifft mich
der Religion, Kunst usw.«, schrieb Husserl schon am unmittelbar selbst (»ich selbst er-eigne es mir«). Das
5./6.7.1911, »weist auf ideale und damit auf absolute »Umwelterlebnis« kann grundsätzlich nicht mit
[…] Prinzipien hin, auf ein Apriori, das als solches Hilfe der Theorie analysiert werden, was auch – wie
also in keiner Weise durch anthropologisch histori- Heidegger schon hier recht unverhohlen sagt – Hus-
sche Faktizitäten beschränkt ist.« (Dilthey/Husserl serl entgangen sei: »Es ist nicht nur der Naturalis-
1984, 114; Hvhg. d. Verf.). Genau um diese histori- mus, wie man gemeint hat (Husserl, Logosaufsatz),
sche Faktizität aber ist es Heidegger im Anschluss an es ist die Generalherrschaft des Theoretischen, was
Dilthey zu tun. die echte Problematik verunstaltet. Es ist der Primat
Diese Transformation der Phänomenologie zu ei- des Theoretischen.« (87)
ner verstehenden Wissenschaft, zu einer phänome- Dass Heidegger jetzt diese Phänomenologie als
nologischen Hermeneutik der Faktizität bereitet sich die Urwissenschaft des Lebens und des Erlebnisses
schon im Jahre 1919 vor. Heideggers Widerspruch versteht, als die Suche nach Grundsituationen, in de-
gilt dem Kern der Rede von Voraussetzungslosigkeit nen sich die Totalität des Lebens ausdrückt, geht
in der Phänomenologie. Die Rede von Gegebenem auch aus der (zwischen 1919 und Juni 1921 entstan-
38 I. Werk

denen) Rezension des 1919 erschienenen Buches schaft vom Leben an sich« (GA 58, 79), und das Le-
von Karl Jaspers Psychologie der Weltanschauungen ben ist für ihn wesentlich geschichtlich, d. h. dass
hervor (s. Kap. I.4.3; III.2). Heidegger macht hier ihm eine bestimmte Welt der Bewegtheit zukommt:
kritische Einwände gegen Jaspers und meint aber in die Fähigkeit der »Vollzugshaftigkeit«. Wenn die
Wahrheit Husserl. An Jaspers’ Konzeption eines Phänomenologie zu dieser Vollzugshaftigkeit einen
»unverbindlichen Betrachtens« (Jaspers 1919/1985, Zugang gewinnen will, muss sie sich selber verste-
XI) der Weite des weltanschaulich geprägten seeli- hen lernen als einen Modus der Vollzugshaftigkeit
schen Lebens erscheint ihm korrekturbedürftig, dass des Lebens. Da das Leben kein Objekt, kein Ding ist,
Jaspers bei der Explikation des »Ich bin« den eigent- kann ich mich ihm gegenüber nicht theoretisch ver-
lichen Seins-Sinn dessen, der in diesem Vollziehen halten: »Ich bin nicht der Zuschauer und am aller-
des Existierens steht, nicht hinreichend berücksich- wenigsten gar der theoretisierend Wissende meiner
tigt. Der Seins-Sinn wird also jetzt schon bezogen selbst und meines Lebens in der Welt.« (39) Das
auf das konkrete Existieren. Dies ist ein erster Begriff Selbst erfährt sich immer in einer Situation stehend:
von Phänomenologie, den er ohne Zweifel in der Be- »In Bedeutsamkeitszusammenhängen lebend er-
ziehung zu Husserl gewonnen hat (wie auch seine fahre ich die Welt.« (107) Die Phänomenologie muss
Definitionen von »Phänomen« und »Intentionali- somit von Anfang an die Distinktion zwischen
tät« zeigen, vgl. GA 9, 22). Heidegger wendet sich Theorie und Praxis unterlaufen.
gegen jede aus der Theorie stammende Formalisie- »Daß Philosophie nicht in allgemeinen abgezoge-
rung; demgegenüber ist das Betrachten virtuell theo- nen Definitionen besteht, sondern immer ein Ele-
retisch objektivierend. Eine weitere Überlegung fin- ment der faktischen Lebenserfahrung ist« (GA 59,
det sich in dem Satz: »›Existenz‹ ist eine Bestimmt- 36), sucht Heidegger in dem Kolleg vom Sommerse-
heit von Etwas.« (GA 9, 29) Der Ist-Sinn ist bei »Ich mester 1920 Phänomenologie der Anschauung und
bin« für eine theoretische Betrachtung nicht zugäng- des Ausdrucks deutlich zu machen. Diese »faktische
lich, sondern wird »nur im Vollzug des ›bin‹« (ebd.), Lebenserfahrung« ist die wahre Thematik der Phä-
in einem Vollzug von Leben fassbar. Dies ist eine nomenologie – aber bisher verdeckt geblieben – und
Kritik des klassischen (cartesischen) Reflexions- die »phänomenologische Destruktion« besteht
modells, das auch Husserl benutzte. Dagegen setzt darin, »die Philosophie zu sich selbst aus der Entäu-
Heidegger die »spezifisch historischen Zusammen- ßerung zurückzuführen« (29). Im Zentrum der Vor-
hänge[n]« (ebd.), in denen allein eine Existenz fass- lesung steht das Problem einer Begriffstheorie der
bar wird. Wenn Heidegger in diesem Zusammen- Philosophie, das in die Skizze einer neuen Methode,
hang von der »faktische[n] Lebenserfahrung« (32) »formale Anzeige« genannt (vgl. 85), mündet.
als »›historische[m]‹ Phänomen« (ebd.) spricht, ist In der Vorlesung Einleitung in die Phänomenolo-
die Verbindung zu Diltheys Lebensphilosophie gie der Religion aus dem Wintersemester 1920/21
überdeutlich (und es wird von daher auch sinnfällig, (die als Dokument der ihm von Husserl anvertrau-
dass Herbert Marcuse [s. Kap. III.11.1] und Jean- ten Entwicklung einer Phänomenologie der Religion
Paul Sartre [s. Kap. III.20] im phänomenologischen gesehen werden kann) beantwortet Heidegger zwei
Ansatz von Heidegger mindestens als Möglichkeit Fragen: einmal die nach dem Wesen der faktischen
gesteckt haben). Die durchaus eigenwillige Verbin- Lebenserfahrung, sodann die nach der der Faktizität
dung von Husserl und Dilthey wird von Heidegger angemessenen neuen phänomenologischen Me-
hier geradezu zum Arbeitsprogramm erhoben: »Die thode. Die Hauptumformung der Husserlschen Phä-
phänomenologische Explikation des Wie dieses Er- nomenologie muss nach Heidegger in ihrer Wen-
fahrungsvollzugs nach seinem historischen Grund- dung zum »Historischen« bestehen (GA 60, 31 ff.).
sinn ist in diesem ganzen die Existenzphänomene Die Analysen der frühesten Zeugnisse des Urchris-
betreffenden Problemkomplex die entscheidende tentums sollen ein Beispiel sein für »phänomenolo-
Aufgabe.« (GA 9, 31 f.) gische Explikation« (83 ff.). Durch eine Analyse der
Dieses Programm wird dann in den frühen Frei- Bedeutung von ›Erfahrung‹ in dem Terminus »ge-
burger Vorlesungen auszugestalten gesucht (s. Kap. lebte Erfahrung« arbeitet Heidegger eine neue Rich-
I.4), die hier im Hinblick auf die phänomenologi- tung der phänomenologischen Forschung aus. Er
sche Methode nochmals herangezogen werden. So beginnt mit der gewöhnlichen Alltagserfahrung. Als
bestimmt Heidegger in dem Kolleg Grundprobleme neue Methode dieser Art von Phänomenologie wird
der Phänomenologie aus dem Wintersemester hier die »formale Anzeige« breit erörtert (vgl. 55 ff.;
1919/20 die Phänomenologie als »Ursprungswissen- s. Kap. I.4.5). Die nächsten Jahre bleibt Heideggers
7. Phänomenologie 39

Phänomenologie dann auch eine formal anzeigende schen Forschung bestimmt Heidegger die »phäno-
Hermeneutik. menologische Hermeneutik der Faktizität«. Höchst
Diese Hermeneutik der Faktizität oder »Phäno- aufschlussreich ist das Bemühen, die Differenzen
menologie des Lebens« wollte Heidegger in diesen dieser Art von Phänomenologie zu der Husserlschen
Jahren in einem großen Werk über Aristoteles dar- nicht allzu groß erscheinen zu lassen (immerhin war
stellen. Hier orientierte er sich vor allem am 6. Buch der Text ja zur Veröffentlichung bestimmt). »Die
der Nikomachischen Ethik, das Wahrheit nicht nur Hermeneutik ist phänomenologische, das besagt: Ihr
für den theoretischen Bereich, sondern auch für den Gegenstandsfeld, das faktische Leben […], ist the-
der technē und praxis beansprucht. Dies war ein Af- matisch und forschungsmethodisch als Phänomen
front gegen Husserls Primat des Theoretischen. Des- gesehen […]. Phänomenologie ist, was sie bei ihrem
halb gründet auch die Vorlesung über Aristoteles aus ersten Durchbruch in Husserls Logischen Untersu-
dem Wintersemester 1921/22 die Philosophie auf chungen schon war, radikale philosophische For-
die Analyse des »faktischen Lebens«. Im dritten Teil schung selbst. Man hat die Phänomenologie in ihren
analysiert Heidegger hier die »Faktizität faktischen zentralsten Motiven nicht ergriffen, wenn man in ihr
Lebens selbst« (GA 61, 79 ff.) als Wurzel und Sinn nur […] eine philosophische Vorwissenschaft zu
des Historischen. Dabei gebraucht er für die phäno- Zwecken der Bereitstellung klarer Begriffe sieht […].
menologische Deutung der Faktizität des Lebens die Als ob man philosophische Grundbegriffe deskrip-
hermeneutische Kategorie der ›Interpretation‹, um tiv klären könnte, ohne die zentrale und stets neu zu-
deutlich zu machen, dass es »gegenüber dem fakti- geeignete Grundorientierung am Gegenstand der
schen Leben keine theoretischen Möglichkeiten philosophischen Problematik selbst.« (364 f.) Deut-
[gibt], die man nach Laune und dergleichen wählt« lich macht Heidegger auch, dass sein Begriff der
(87). Hier werden tiefgreifende Differenzen zwi- Sorge Husserls Intentionalitätsbegriff aufnimmt und
schen Heidegger und Husserl im Blick auf den Phi- weiterentwickelt.
losophiebegriff selbst deutlich. Obwohl Heidegger Das hier aufgestellte Programm wird dann von
Husserls Apriorismus als Immunisierung gegen jede Heidegger am Ende seiner ersten Freiburger Zeit
Form von »Schwarmgeisterei« (36) würdigt, setzt er systematisch einzulösen gesucht: in der Vorlesung
sich doch von Husserls Programm der Philosophie Ontologie (Hermeneutik der Faktizität) vom Som-
als »Wissenschaft« ab (45 ff.). mersemester 1923 (GA 63). In seinem Kolleg macht
Im Unterschied zu Husserl hat Heidegger keine Heidegger erneut die Position Diltheys geltend, in-
Bedenken, Philosophie als »Verhalten« zu verstehen dem er sie in radikalisierter Form mit der Position
(53). Dieses »Verhalten« gliedert sich in Gehaltssinn Husserls zu vermitteln sucht. Dies führt ihn zu einer
(Husserl: noema), Vollzugssinn (Husserl: noesis) und Revision der traditionellen philosophischen Be-
Bezugssinn (neu). Diesem neuen Philosophiever- griffsbildung, die in letzter Konsequenz schließlich
ständnis entspricht auch eine neue Bedeutungstheo- zum Bruch mit Husserl führen musste. Hermeneutik
rie: Die Phänomenologie ist nicht länger Bewusst- erscheint hier als ein Wesenskonstituens der Faktizi-
seinsanalyse, sondern wird zu einer »Vollzugstheo- tät selbst. Die »eigenste Möglichkeit seiner selbst, die
rie der Bedeutung«: Sinn eines Ausdrucks ist eine jedes Dasein (Faktizität) ist« (GA 63, 16), nennt Hei-
Verhaltensweise (der Einfluss der Pragmatismus ist degger »Existenz«. Von dieser Existenz her und auf
unverkennbar, und Heidegger weist denn auch Hus- sie hin »wird sie [die Faktizität] ausgelegt« (16). Dies
serls Kritik am Pragmatismus zurück). Dem im Sep- ist schon das Programm von Sein und Zeit. Unüber-
tember/Oktober 1922 entstandenen Aufriss des ge- hörbar ist gegen Ende die Aufforderung, über Hus-
planten großen Aristoteles-Werkes, dessen Erschei- serl hinauszudenken: »Der Fortgang der Hermeneu-
nen ab 1923 in Husserls Jahrbuch vorgesehen war, tik muß aus ihrem Gegenstand selbst ersehen wer-
stellt Heidegger eine umfangreiche »Anzeige der den. Entscheidendes ist durch Husserl beigestellt.
hermeneutischen Situation« voran, in der die eigent- Doch gilt es zu hören und lernen zu können. Statt-
liche Keimzelle von Sein und Zeit zu sehen ist. In die- dessen findet man Betriebsamkeit bei Unkenntnis
sem programmatischen Forschungsbericht erklärt der Sachen.« (77) Voraussetzung hierfür ist eine ra-
Heidegger zum Gegenstand der philosophischen dikale Destruktion der Metaphysik: »Die Tradition
Forschung »das menschliche Dasein als von ihr be- muß abgebaut werden.« (75)
fragt auf seinen Seinscharakter« bzw. »das faktische Natürlich ist es Heidegger von Anfang an be-
menschliche Dasein als solches« (GA 62, 348 f.; für wusst, mindestens wird es ihm zunehmend bewusst,
das Folgende 365). Als Methode dieser philosophi- dass er mit seiner Neubegründung der Phänomeno-
40 I. Werk

logie von Husserl abweicht (obwohl er vom Winter- Husserl doch auch hellsichtig, wenn er etwa am
semester 1920/21 bis zum Sommersemester 1923 so- 1.2.1922 Natorp gegenüber urteilt: Heideggers
zusagen ›brav‹ jeweils Proseminare über die V. und »Weise phänomenologisch zu sehen, zu arbeiten
VI. Logische Untersuchung am Samstagvormittag ab- und das Feld seiner Interessen selbst – nichts davon
hielt [GA 17, 329]). »Was bleibt dann noch«, so fragt ist bloß von mir übernommen, sondern bodenständig
er fast nur noch rhetorisch am Schluss der Vorlesung in seiner eigenen Ursprünglichkeit. Er hat als Lehrer
des Winters 1919/20 im Blick auf Husserls Bestim- eine völlig eigene Wirkung neben der meinen, und
mung der Philosophie als »strenger Wissenschaft« wohl eine ebenso starke.« (BW V, 150; Hvhg. d.
von 1911, »von den Idealen der Phänomenologie als Verf.)
strenger Forschung?« (GA 58, 141) In seinen Briefen Husserl hat mit seinem Lob gewiss darin recht,
wird er deutlicher. So schreibt er am 14.7.1923 (kurz dass Heidegger zu Beginn der Marburger Zeit der
nach seiner Berufung nach Marburg) an Jaspers: vielleicht »beste Kenner des Husserlschen Den-
»Husserl ist gänzlich aus dem Leim gegangen  – kens« gewesen ist (Cristin 1999, 10). Und Heidegger
wenn er überhaupt je ›drin‹ war – […] er pendelt hin spart in seinen Kollegs auch durchaus nicht mit
und her und sagt Trivialitäten, daß es einen erbar- Worten der Anerkennung – eine Anerkennung al-
men möchte. Er lebt von der Mission des ›Begrün- lerdings, die sofort gleichsam in Klammern gesetzt
ders der Phänomenologie‹, kein Mensch weiß, was wird. Das phänomenologische Prinzip »zu den Sa-
das ist […]  – er beginnt zu ahnen, daß die Leute chen selbst« sei der Kern der Phänomenologie als
nicht mehr mitgehen« (HJ 42). Methode, allerdings habe dieser Grundsatz bei Hus-
Löwith gegenüber urteilt er am 20.2.1923 noch serl »seine radikale Tendenz« eingebüßt (Herrmann
schärfer über Husserl als Philosoph: »Die Ideen habe 2000, 101 f.). Gleiches gelte für die »Entdeckung der
ich in der letzten Seminarstunde öffentlich ver- Intentionalität« (GA 17, 260). Sie öffne zwar den
brannt u. so destruiert, daß ich sagen kann – die für »Weg für eine radikale ontologische Forschung«
das Ganze wesentlichen Grundlagen liegen nun sau- (ebd.), doch genau diesen Weg sei Husserl nicht ge-
ber herausgestellt vor –. Wenn ich von da jetzt nach gangen. Sein Cartesianismus verstelle ihm, so heißt
den L[ogischen] U[ntersuchungen] zurücksehe, so es in der Vorlesung Einführung in die phänomenolo-
komme ich zur Überzeugung: Huss[erl] war nie gische Forschung vom Wintersemester 1923/24 über
auch nur eine Sekunde seines Lebens Philosoph. Er Husserl, das, was er eigentlich wolle; die unkritische
wird immer lächerlicher.« Allerdings weiß Heideg- Übernahme des Cartesischen Cogito sum (GA 17,
ger auch, dass eine vorzeitige Bekanntmachung die- 267, 274) und die damit gegebene Fixierung auf das
ses seines Urteils ihm bei Husserl schaden und seine Bewusstsein mache ihn blind für das Phänomen des
Berufungsaussichten enorm schmälern würde. So Lebens; der Seinscharakter des Bewusstseins bleibe
drängt er sich zu größter, allerdings nur taktisch mo- unbefragt (274 f.). Die »Seinsfrage« (der res cogi-
tivierter, Vorsicht, wie er am 8.5.1923 Löwith gegen- tans) werde nicht gestellt (256); das Sein begegne
über bekennt: »Ich überlege mir ernstlich, ob ich nur als mögliche Region für die Wissenschaft
meinen Arist[oteles] nicht zurückziehen soll. – Mit (269/70), was auch eine »Verunstaltung« der Inten-
den ›Rufen‹ wird es wohl nichts werden. Und wenn tionalität (271 f.) zur Folge habe. Es komme aber im
ich erst publiziert habe, wird es gar aus sein mit den Gegenteil darauf an, das »Leben selbst in seinem ei-
Aussichten. Vermutlich merkt der Alte dann wirk- gentlichen Sein zu verstehen und die Frage nach sei-
lich, daß ich ihm den Hals umdrehe – u. dann ist es nem Seinscharakter zu beantworten« (275). In der
mit der Nachfolgerschaft aus. Aber ich kann mir Einführung zu seiner Vorlesung über Platons So-
nicht helfen.« phistes schärft Heidegger den Studierenden ein,
Zu helfen wusste Heidegger sich dann allerdings »konkrete Arbeit an den Sachen« sei der einzige
doch über einige Jahre noch sehr gut; Husserl blieb Weg, »auf dem ein Verständnis der Phänomenolo-
weitgehend verborgen, welche Natter er da an sei- gie zu gewinnen ist […]. Wenn das Verständnis der
nem Busen gezüchtet hatte. So schreibt er am Sachen gewonnen ist, dann kann die Phänomenolo-
11.2.1920 an Natorp über Heidegger, dieser sei »in gie verschwinden.« (GA 19, 9 f.) Wie sehr sie real in
den beiden letzten Jahren mein wertvollster philoso- den Augen Heideggers schon verschwunden ist,
phischer Mitarbeiter« und er habe »von ihm, als aka- macht er (am 30.6.25) Löwith gegenüber deutlich,
demischer Lehrer und philosophischer Denker, die wenn er Husserls Vorlesung Phänomenologische
allerbesten Eindrücke und setze auf ihn große Hoff- Psychologie des Sommersemesters 1925 als »ortho-
nungen« (BW V, 140). Bei aller Wertschätzung ist dox rektifizierte Hermeneutik der Faktizität« ironi-
7. Phänomenologie 41

siert. Das Kolleg Prolegomena zur Geschichte des 3. Der Streit um den »Encyclopaedia Britannica«-Ar-
Zeitbegriffs (GA 20) vom Sommer 1925 enthält eine tikel (1927–1928). Endgültig die Augen vor Heideg-
zusammenfassende Auseinandersetzung mit Hus- gers Neubestimmung der Methoden und Inhalte der
serl. Heidegger wirft hier Husserl eine Verabsolutie- Phänomenologie nicht mehr verschließen kann
rung des Wissenschaftsideals der Mathematik und Husserl zwischen Oktober 1927 und März 1928, als
mathematischen Naturwissenschaft (»mathesis uni- er Heidegger zur Mitarbeit an dem für die 14. Auf-
versalis«) vor. In der Orientierung der Geisteswis- lage der Encyclopaedia Britannica geplanten Artikel
senschaften an der Mathematik sieht er eine grund- »Phenomenology« gewinnen möchte. Obwohl er al-
legende Verirrung. Die phänomenologische Reduk- lerdings die sachlichen und methodischen Differen-
tion führe keinen Schritt über den Cartesianismus zen deutlich erkennt (vgl. BW III, 457) und auch
hinaus. Husserl will eine reine Wesenslehre der In- schon mit der Lektüre von Sein und Zeit beginnt,
tentionalität, Heidegger will einen wirklich phäno- glaubt er dennoch die Zukunft der Phänomenologie
menologischen Ansatz. Es geht ihm um das Exis- bei Heidegger gut aufgehoben. Mitte Oktober 1927
tenzielle des Existierens, weshalb er sich gegen Hus- kommt Heidegger zu einem kurzen Besuch aus Mar-
serls einseitige Auszeichnung des Theoretischen burg nach Freiburg. Während dieser Zeit besprechen
verwahren muss. beide die von Husserl redigierte erste Fassung (Ein-
Heidegger beschreibt sehr deutlich, wie die Phä- leitung und drei Hauptabschnitte) des Artikels.
nomenologie ihren Durchbruch erzielte im Zwei- Während Heideggers Anwesenheit entsteht dann
frontenkrieg gegen Neukantianismus und Psycholo- der Versuch einer zweiten Bearbeitung, genauer ei-
gismus (GA 20, 13 ff.). Dass Husserl aber »für den ner Neufassung des ersten, einführenden Teils (Hua
Anti-Psychologismus einen zu hohen Preis« gezahlt IX, 256–263). Dazu macht Heidegger Randbemer-
habe, nämlich die strenge Unterscheidung zwischen kungen, Husserl annotiert ebenfalls. In einem Brief
dem realen und dem idealen Sein, »zwischen Den- an Husserl vom 22.10.1927 erläutert Heidegger seine
ken als Denkgeschehen und Denken als Gedachtes, Einwände (BW IV, 144–148). Husserl akzeptiert
als ›Gedanke‹« (GA 21, 54; vgl. 58; vgl. Gethmann diese Einwände jedoch nicht und schreibt eine dritte
1993, 143), führt er in der Marburger Vorlesung des Fassung ohne Bezug zu Heideggers Kritik, die zu ei-
Winters 1925/26 (GA 21) näher aus. Er formuliert ner vierten und letzten Fassung führt. Am 8.12.1927
hier seine Kritik an der gesamten Erkenntnistheorie informiert Husserl Heidegger über den Abschluss
Husserls dahingehend, dass die Unterscheidung von der Arbeit (BW IV, 149).
Urteilsakt und Urteilsgehalt nicht fundierbar sei Sucht man den »Trennungspunkt« (Cristin 1999,
durch den Unterschied Realität/Idealität. Husserls 14) zwischen Husserl und Heidegger auszumachen,
Kritik am Psychologismus, so Heideggers These, so liegt er im egologischen Ansatz Husserls, den Hei-
habe einen bestimmten Wahrheitsbegriff als Leit- degger als metaphysisch verwirft. Heidegger trennt
idee, Wahrheit nämlich verstanden als ein Charakter nicht zwischen dem transzendentalen Ego und dem
des idealen Seins (GA 21, 54). Heidegger kann zei- existierenden Dasein bzw. dem faktischen Ich, für
gen, dass die ganze Kritik am Psychologismus ihre ihn sind das Dasein und das Sein nicht zu reduzie-
Wurzeln in Lotze hat, dessen Logik er näher analy- ren, während für Husserl das transzendentale Ego
siert. Das Ergebnis dieser Analysen ist dann der im vom natürlichen und menschlichen Ich radikal ver-
§ 44 von Sein und Zeit entfaltete neue Wahrheitsbe- schieden ist. Diese Trennung ist für Heidegger nicht
griff (s. Kap. II.6). nachvollziehbar: »Gehört nicht eine Welt überhaupt
Die Problematik von Sein und Zeit diskutiert Hei- zum Wesen des reinen ego?« (Hua IX, 274, Anm. 1)
degger mit Husserl Ostern 1926. Hier scheinen Hus- Dies weist auf Sein und Zeit – wie auch Heideggers
serl erstmals ernsthafte Zweifel beschlichen zu ha- Brief vom 22.10.1927. Das Husserlsche Subjekt er-
ben, ob Heidegger noch auf der Linie seiner Art von scheint ihm als etwas »Vorhandenes« unter anderen
Phänomenologie liegt, denn am 24.5.1926 schreibt »Vorhandenen«, das Welt »apperzipiert«. »Aber«, so
Heidegger an Jaspers über die Forschungsarbeit der wirft Heidegger ein, »das menschliche Dasein ›ist‹
Marburger Zeit: »Im Ganzen ist es für mich eine so, daß es, obzwar Seiendes, nie lediglich vorhanden
Übergangsarbeit. Daraus, daß Husserl das Ganze be- ist.« (274, Anm. 2) Wenn Husserl im Zusammen-
fremdend findet und es in der üblichen Phänomeno- hang der Erläuterung der Reduktionsmethode
logie ›nicht mehr unterbringt‹, schließe ich, daß ich schreibt: »so bin ich also nicht menschliches Ich«
de facto schon weiter weg bin, als ich selbst glaube (275), so interveniert Heidegger: »oder vielleicht ge-
und sehe.« (HJ 64) rade solches.« (275, Anm. 1) Das transzendentale
42 I. Werk

Ich unterscheidet sich nicht vom natürlichen und Lehrstuhls zählt Husserl Heidegger Ende Januar
menschlichen Ich. Deshalb ist die Reduktion kein 1928 »zu den bedeutendsten philosophischen Leh-
gangbarer Weg: das ganze phänomenologische Pro- rern unserer Zeit« (BW VIII, 195). Noch hofft er, ihn
jekt wird zu einem transzendentalen. Heidegger legt auf seine Phänomenologie der Zeit verpflichten zu
seine eigene Auffassung im ersten Teil der zweiten können, weshalb er ihm im April 1926 die Heraus-
Fassung dar, und hier zeigt sich die Grunddifferenz gabe seiner »Vorlesungen zum inneren Zeitbewußt-
schon gleich zu Beginn in der Definition des Wesens sein« aus dem Jahre 1905 anvertraut. Als die Edition
der Phänomenologie (Hua IX, 256 f.). Interessant ist dann mit geringen Modifikationen Mitte 1928 (im
im Folgenden  – aber auch mit dem Husserl dieser Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische
Zeit kongruent  – der Hinweis auf die notwendige Forschung IX; s. Kap. II.2.2) erscheint, hält Husserl
Erweiterung der Egologie um die Intersubjektivität: das Vorwort Heideggers für »durchaus angemessen«
»Die Durchführung der phän. Red. in meinem wirk- (BW IV, 156), obwohl es an Knappheit und versteck-
lichen und möglichen in Geltung Setzen ›fremden‹ ter Distanzierung nicht mehr zu übertreffen ist. Der
Seelenlebens in der Evidenzform einstimmiger Ein- Bruch zwischen beiden steht damit unmittelbar be-
fühlung ist die intersubjektive Reduktion.« (Hua IX, vor, noch nennt Heidegger Husserl aber »väterlicher
263) Dies nimmt die erste Stufe der Husserlschen In- Freund« (BW IV, 144), Husserl seinerseits redet Hei-
tersubjektivitätskonstitution vorweg, die Konstituti- degger noch Ende 1927 mit »lieber Freund« (BW IV,
onsanalyse in der V. Cartesianischen Meditation. 148) an.
Alles kreist in dieser Auseinandersetzung um den Kaum aber hat Heidegger Husserls Nachfolge an-
Begriff des Seins. In seinem Brief vom 22.10.1927 getreten, ändert sich sein Verhalten. Schon zwei Mo-
formuliert Heidegger das Grundproblem so: »Wel- nate nach seinem Wechsel nach Freiburg (im Okto-
ches ist die Seinsart des Seienden, in dem sich Welt ber 1928) bricht Heidegger den Kontakt zu Husserl
konstituiert?« (BW IV, 145) Für Heidegger, so ließe mehr oder weniger ab (nach Hitlers Machtergrei-
sich die Kritik an Husserl zusammenfassen, sind das fung wird die Distanz von Heidegger weiter vergrö-
Dasein und das Sein nicht zu reduzieren. Wenn Hus- ßert; s. Kap. IV, Chronik 1933 u. 1938, aber auch
serl schreibt: »die rein psychischen Phänomene ha- 1950). »Er entzog sich eben«, schreibt Husserl am
ben alle trotz ihrer Reinheit den Seinssinn weltlich 6.1.1931 an Pfänder, »auf einfachste Weise jeder
realer Tatsachen« (Hua IX, 273), dann kann Heideg- Möglichkeit wissenschaftlicher Aussprache, offen-
ger nur vehement auf die »Existenz des faktischen bar für ihn eine unnötige, unerwünschte, unbehagli-
Selbst« verweisen (602). che Sache.« (BW II, 183) Eine Aussprache war für
Dies alles konnte Husserl natürlich nicht akzep- ihn auch nicht mehr notwendig – das Ziel, Nachfol-
tieren. An Heidegger schreibt er am 8.12.1927: »Die ger Husserls zu werden, war ja erreicht! In seiner
Neubearbeitung des Londoner Artikels, nun sehr Festrede zu Ehren Husserls anlässlich der Überrei-
sorgfältig durchdacht und geordnet, fiel schön, doch chung der Festschrift zu dessen 70. Geburtstag am
ganz anders aus, als Sie es annehmen möchten, ob- 8.4.1929 meidet Heidegger denn auch jedes Wort zu
schon Wesentliches erhalten blieb.« (BW IV, 149; den Inhalten von Husserls Philosophie. Zu deren
vgl. 152 f., 154) Im Rückblick fünf Jahre später ist er Wirkung heißt es dann vieldeutig, dass man nie wis-
nicht mehr so konziliant; so heißt es am 6.1.1931 ge- sen könne, ob man als Schüler auch wirklich dem
genüber Pfänder: »Bei meinem damaligen schwa- Vorbild gefolgt sei: »und so sind auch die Arbeiten,
chen Selbstvertrauen zweifelte ich lieber an mir als die wir Ihnen überreichen, nur eine Bezeugung des-
an ihm. So erklärte es sich […], daß ich ihn [!] mei- sen, daß wir Ihrer Führerschaft folgen wollten, nicht
nen Entwurf zu einem Artikel in der ›Encycl. Britan- ein Beweis dafür, daß die Gefolgschaft gelungen.«
nica‹ zur Kritik vorlegte u. mit ihm gemeinsam [!] (Cristin 1999, 65) Am 24.7.1929 hielt Heidegger
neu zu gestalten suchte (was natürlich prompt miß- dann seine Freiburger Antrittsvorlesung »Was ist
riet).« (BW II, 182) Metaphysik?«. Unmittelbar nach dieser Vorlesung
kam es zum endgültigen Bruch zwischen beiden,
4. Das Ende der Aussprache. Aber noch will Husserl entzündet am Modalitätsproblem.
an Heidegger glauben (»das sagt ja noch nicht, daß Jetzt findet Husserl auch endlich Zeit für ein ge-
ich sachlich und methodisch ohne weiteres mit ihm naues Studium von Heideggers Werken Sein und
gehe« [BW III, 457]) und akzeptiert nach wie vor als Zeit, Kant und das Problem der Metaphysik und
seinen Nachfolger allein ihn (vgl. BW IV, 142). In »Vom Wesen des Grundes«, was zwei Monate des
seinem Gutachten zur Wiederbesetzung seines Sommerurlaubs am Comersee in Anspruch nimmt.
7. Phänomenologie 43

Seine Sicht auf Sein und Zeit ist vorgeprägt durch veröffentlichten) Aufsatz »Vom Wesen der Wahr-
den ihm von Misch (als Festgabe zum Geburtstag) heit« sagt, in Sein und Zeit sei »jede Art von Anthro-
im Mai 1929 übersandten ersten Teil der Widmungs- pologie und alle Subjektivität des Menschen als Sub-
schrift Lebensphilosophie und Phänomenologie (spä- jekt« verlassen (GA 9, 199). In seiner Vorlesung über
ter in Misch 1930/1967). Jetzt erst erkennt Husserl, Hegels Phänomenologie des Geistes 1930/31 weist
dass trotz der Widmung und der diese Widmung be- Heidegger den Titel »Phänomenologie« für sein ei-
gründenden Anmerkung auf Seite 38 (die Heidegger genes Denken zurück (GA 32, 40).
noch im Spiegel-Gespräch 1966 zitiert) Sein und Zeit In seinen Vorträgen zum Thema »Phänomeno-
im Ganzen von einer unausgesprochenen Auseinan- logie und Anthropologie« im Juni 1931 markiert
dersetzung mit Husserl geprägt ist. Hatte Husserl Husserl noch einmal eine scharfe Grenze zwischen
noch kurz nach Erscheinen von Sein und Zeit zu Anthropologismus und Transzendentalismus bzw.
Heidegger sagen können: »Sie und ich sind die Phä- zwischen unechter Wissenschaft und echter Wissen-
nomenologie« (Cairns 1976, 9) – gutgläubig darauf schaft, d. h. »Philosophie« (Hua XXVII, 164–81).
vertrauend, dass Heidegger in seinem Sinne philoso- Dilthey und Scheler schloss Husserl in seiner Berli-
phiere und daran sei, die Phänomenologie in Rich- ner Rede aus dem Kreis der Phänomenologie aus,
tung einer Religionsphänomenologie weiter zu ent- gemeint war aber Heidegger. Wie schon in seinen
wickeln, wie er dies immer wieder angekündigt hatte Randbemerkungen zu Sein und Zeit, so verteidigt
–, so fällt es ihm jetzt wie Schuppen von den Augen, Husserl auch hier Descartes und begründet den An-
dass in der Auffassung von Phänomenologie zwi- satz seiner Cartesianischen Meditationen, indem er
schen ihm und Heidegger ein unüberbrückbarer versucht, eine Gegenposition gegen die Existenzphi-
Abgrund klafft. losophie aufzubauen. Die letzte kritische Auseinan-
Für Husserl ist, wie seine erst spät publizierten dersetzung Husserls mit Heidegger datiert von Ende
Randnotizen zeigen, die Hermeneutik der Faktizität August 1936 (Hua XXIX, 332).
»philosophische Anthropologie« (Husserl 1994, 27). Heideggers Verhalten während seines Rektorats
Transzendental begründete Erkenntnis lasse sich so und nach Husserls Tod hat Kontroversen ausgelöst
nicht gewinnen. Eine Kritik der traditionellen Meta- (s. Kap. IV. Chronik 1933 u. 1938). Das letzte Wort
physik gebe es erst nach der Reduktion (42 f.; zum Heideggers ist versöhnlicher. Nachdem er noch um
Folgenden vgl. 20). Unterschiedliche Auffassungen 1960 den Namen »Phänomenologie« konsequent
erkennt Husserl auch hinsichtlich der »Begegnung« vermieden und lieber von »Philosophie« gesprochen
zwischen Dasein und Objekt/Welt und hinsichtlich hatte, kehrt er im vierten Seminar von Zähringen
der Auffassung des Menschen. Für Husserl ist die 1973 in gewissem Sinne zur Phänomenologie zu-
Daseinsanalytik nichts anderes als verkappte Intenti- rück. Hier erklärt Heidegger, das Seinsdenken sei für
onalanalyse. »Was da gesagt wird«, so Husserls zor- ihn auch eine Übung des »phänomenologischen Se-
niges Resümee, »ist meine eigene Lehre, nur ohne hens« (GA 15, 112 ff.). Am Schluss verkündet er gar
ihre tiefere Begründung.« Am 2.12.1929 schreibt er eine »Phänomenologie des Unscheinbaren« (GA 15,
an Ingarden: »Ich kam zu dem Resultat, daß ich das 399). »Für mich«, heißt es ergänzend im Brief an
Werk nicht im Rahmen meiner Phän. einordnen Munier vom 16.4.1973 (GA 15, 417), »handelt es
kann.« (BW III, 254) Am 6.1.1931 heißt es noch sich darum, eine Einübung in eine Phänomenologie
schärfer: »Ich kam zum betrüblichen Ergebnis, daß des Unscheinbaren wirklich zu vollziehen; durch Le-
ich philosophisch […] nichts zu schaffen habe mit sen von Büchern gelangt niemand zum phänomeno-
dieser genialen Unwissenschaftlichkeit« (BW II, logischen ›Sehen‹.« Dem Husserlschen Ruf »zu den
184). Sachen selbst« weiß Heidegger sich also noch (oder
Die Briefe beider werden jetzt sachlich kurz; der wieder) am Ende seines Lebens verpflichtet.
»liebe Freund« wird in der Anrede zum »lieben
Herrn Kollegen«. Die erste öffentliche Denunziation
Literatur
der neuen »Philosophie der Existenz« erfolgt dann,
ohne allerdings den Namen Heideggers offen zu Bergson, Henri: Œuvres (Hg. A. Robinet). Paris 1984.  –
nennen, im Nachwort Husserls zu seinen Ideen 1930. Bernet, Rudolf/Denker, Alfred/Zaborowski, Holger (Hg.):
Das prinzipiell Neuartige der Phänomenologie habe Heidegger und Husserl. Freiburg/München 2012 (Heideg-
ger-Jahrbuch 6). – Biemel, Walter: Husserls Encyclopaedia-
man nicht verstanden, beklagt Husserl. Heidegger Britannica Artikel und Heideggers Anmerkungen dazu. In:
wehrt sich indirekt gegen Husserls Vorwürfe, wenn Tijdschrift voor Philosophie 12 (1950), 246–280.  – Cairns,
er in dem 1930 geschriebenen (allerdings erst 1943 Dorion: Conversations with Husserl and Fink. Den Haag
44 I. Werk

1976.  – Cristin, Renato (Hg.): Edmund Husserl  – Martin über Husserl. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 32
Heidegger, Phänomenologie (1927). Berlin 1999. – Derrida, (1978), 591–612. – Thomä, Dieter: Die Zeit des Selbst und
Jacques: »Phänomenologische Psychologie. Vorlesungen die Zeit danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Hei-
Sommersemester 1925«, par Edmund Husserl. In: Etudes deggers 1910–1976. Frankfurt a. M. 1990. – Ders.: Absturz
philosophiques (1963), 203–206.  – Dilthey, Wilhelm: Ge- vom Grat. Husserls Randbemerkungen zu Heideggers
sammelte Schriften, Bd. 1. Göttingen 41959.  – Ders./Hus- »Sein und Zeit«. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
serl, Edmund: Der Briefwechsel Dilthey-Husserl. In: Frith- 14.9.1994, N 7.  – Xolocotzi, Angel: Der Umgang als »Zu-
jof Rodi/Hans-Ulrich Lessing (Hg.): Materialien zur Philo- gang«. Der hermeneutisch-phänomenologische »Zugang«
sophie W. Diltheys. Frankfurt a. M. 1984, 110–120. – Gadamer, zum faktischen Leben in den frühen ›Freiburger Vorlesun-
Hans-Georg: Heidegger und die Griechen. In: Dietrich Pa- gen‹ Martin Heideggers im Hinblick auf seine Absetzung von
penfuss/Otto Pöggeler (Hg.): Zur philosophischen Aktuali- der transzendentalen Phänomenologie Edmund Husserls.
tät Heideggers. Bd. I. Frankfurt a. M. 1991, 57–74. – Gan- Berlin 2002.
der, Hans-Helmuth: Selbstverständnis und Lebenswelt.
Grundzüge einer phänomenologischen Hermeneutik im
Ausgang von Husserl und Heidegger. Frankfurt a. M. 2001. –
Gethmann, Carl Friedrich: Philosophie als Vollzug und als
Begriff. In: Dilthey-Jahrbuch 4 (1986–87), 27–53. – Ders.:
Dasein: Erkennen und Handeln. Heidegger im phänomeno-
8. Hermeneutik
logischen Kontext. Berlin/New York 1993. – Greisch, Jean:
La ›tapisserie de la vie‹, le phénomène de la vie et ses inter- Das Gespräch mit Dilthey in der
prétations. In: Jean-François Courtine (Hg.): Heidegger Vorlesung »Hermeneutik der
1919–1929. Paris 1996, 131–152. – Heidegger, Martin: Vor- Faktizität« und in nachfolgenden
lesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußt-
seins. Einleitung. In: Jahrbuch für Philosophie und phäno- Schriften
menologische Forschung 9 (1928), 367–368.  – Ders.: Brief
Martin Heideggers an Elisabeth Husserl [1919]. In: aut aut Jean Grondin
223–224 (gennaio-aprile 1988), 6–11. – Ders.: Drei Briefe
Martin Heideggers an Löwith. In: Dietrich Papenfuss/Otto
Pöggeler (Hg.): Zur philosophischen Aktualität Heideggers,
1. Hermeneutik der Faktizität. Die genauen Ur-
Bd. 2. Frankfurt a. M. 1990, 27–39. – Herrmann, Friedrich sprünge von Heideggers Verwendung des Herme-
Wilhelm von: Hermeneutik und Reflexion. Frankfurt a. M. neutikbegriffs verlieren sich im Dunkel der Früh-
2000. – Hogemann, Friedrich: Heideggers Konzeption der prägungen. Zwei Quellen springen jedoch ins Auge.
Phänomenologie. In: Dilthey-Jahrbuch 4 (1986–87), 54– Zum einen wird von früh an der Theologiestudent
71. – Husserl, Edmund: Gesammelte Werke (Husserliana).
Den Haag/Dordrecht u. a. 1950 ff. [= Hua]. – Ders.: Philoso-
Martin Heidegger mit der hermeneutica als theologi-
phie als strenge Wissenschaft [1910/11]. Hg. Wilhelm Szi- scher Auslegekunst in Berührung gekommen sein:
lasi. Frankfurt a. M. 1961.  – Ders.: Briefwechsel. Hg. Karl er besuchte 1910 tatsächlich eine Hermeneutikvorle-
Schuhmann. Dordrecht/Boston/London 1993 [= BW].  – sung (Sheehan 1988, 92), und die sehr viel spätere
Ders.: Randnotizen Husserls zu Heideggers Sein und Zeit Bestimmung der Hermeneutik im Jahre 1959 (US
und Kant und das Problem der Metaphysik. In: Husserl Stu-
122; s. u. Abschnitt 3) als »Bringen von Botschaft
dies 11 (1994), 3–63.  – Jamme, Christoph: Heideggers
frühe Begründung der Hermeneutik. In: Dilthey-Jahrbuch und Kunde« mit der Bezugnahme auf die Schrift des
4 (1986–87), 72–90. – Jaspers, Karl: Psychologie der Weltan- Theologen Friedrich Schleiermacher »Hermeneutik
schauungen [1919]. München/Zürich 1985. – Kerckhoven, und Kritik« (US 97) bietet sicherlich einen fernen
Guy van (Hg.): E. Husserls Randnotizen zu Georg Mischs Widerhall dieser ersten Begegnung mit der Herme-
»Lebensphilosophie und Phänomenologie«. In: Dilthey-
neutik. Zum anderen zeigte Heidegger in seinen Pri-
Jahrbuch 12 (1999/2000), 145–186. – Kühn, Rolf: Heideg-
gers existenzialanalytische Reduktionskritik als Angstana- vatdozentenjahren und als Assistent von Husserl
lyse und die phänomenologische Gegen-Reduktion. In: enormes Interesse für die Probleme des geschichtli-
prima philosophia 2000/3, 199–218.  – Misch, Georg: Le- chen Erkennens, die ihn zur Vertiefung in das Werk
bensphilosophie und Phänomenologie. Eine Auseinanderset- von Wilhelm Dilthey führten (vgl. Pöggeler 1986–
zung der Diltheyschen Richtung mit Heidegger und Husserl 87; Rodi 1986–87). Hermeneutik war zwar für
[1930]. Darmstadt 31967.  – Pöggeler, Otto: Die Krise des
phänomenologischen Philosophiebegriffs (1929). In: Dilthey als eine Methodenlehre der Geisteswissen-
Christoph Jamme/Otto Pöggeler (Hg.): Phänomenologie im schaften angelegt (ein Konzept, für das Heidegger
Widerstreit. Frankfurt a. M. 1989, 255–276.  – Ders.: Die immer weniger Interesse aufbringen sollte, obwohl
Freiburger Phänomenologie. Der späte Husserl und seine seine ersten Vorlesungen, aber selbst Sein und Zeit
Schüler. In: Information Philosophie 1 (1996), 5–17. – Rie- noch wissenschaftstheoretisch orientiert waren).
del, Manfred: Die Urstiftung der phänomenologischen
Hermeneutik. In: Christoph Jamme/Otto Pöggeler (Hg.): Aber Diltheys Nachdruck auf dem Verstehen als
Phänomenologie im Widerstreit. Frankfurt a. M. 1989, 215– grundlegender Orientierungsweise des geschichtli-
233. – Schuhmann, Karl: Zu Heideggers Spiegel-Gespräch chen Lebens, der als »hermeneutisch« bezeichnet
8. Hermeneutik 45

werden darf, wird für Heideggers daseinsbezogene [1] auslegungsfähiger und [2] -bedürftiger, [3] daß es
Verwendung des Hermeneutikbegriffs wegweisend zu dessen Sein gehört, irgendwie in Ausgelegtheit zu
gewesen sein: Wenn Dilthey sagt: »Das Leben arti- sein« (15). Der Vorrang der hermeneutischen The-
kuliert sich«, so lobt Heidegger an ihm die »Ten- matisierung der Faktizität liegt also in ihrem »Ge-
denz, Leben aus sich selbst heraus zu verstehen« genstand« begründet: Das Dasein ist auslegungsfä-
(Dilthey 1892–93/1982, 345; Di 173). hig, -bedürftig und -geladen. Die Zugangsweise zur
Das allererste Auftauchen (Kisiel 1993, 498) des Faktizität empfiehlt sich als eine hermeneutische,
Beiwortes »hermeneutisch« findet sich in der weil ihr Gegenstand von Hause aus ein hermeneuti-
Kriegsnotsemestervorlesung von 1919 (GA 56/57, scher, weil das Dasein ein ens hermeneuticum ist.
117; s. Kap. I.4). Dort ist von einer »hermeneuti- Heideggers hermeneutisches Programm ist aber
schen Intuition« die Rede. Während der Intuitions- alles andere als ein rein theoretisches oder beschrei-
begriff unmissverständlich auf Husserl zurückver- bendes. Da das faktische Dasein meist – und meist
weist, verrät das Prädikat ›hermeneutisch‹ die Signa- unversehens  – in hergebrachte ›Ausgelegtheiten‹
tur Diltheys und bereits eine leise Korrektur an verfällt und sich dabei »aus dem Wege geht«, setzt
Husserl (s. Kap. I.7). Gemeint ist nämlich, wie Hei- sich die Hermeneutik der Faktizität zum Ziel, diese
degger ausführt, dass die im geschichtlichen Leben Auslegungen und »Fehlauffassungen« (Di 162) kri-
und somit in Bedeutungen verwurzelte Intuition tisch zu hinterfragen. Die frühe Hermeneutik ist
eine »verstehende« und »motivierte« sei, d. h. ebenso eine durchaus kämpferische, erweckenwollende:
»vorgreifend« wie »rückgreifend« wirke. Diese Mo- »Die Hermeneutik hat die Aufgabe, das je eigene
tivik des Lebens rührt offenbar daher, dass es dem Dasein in seinem Seinscharakter diesem Dasein
menschlichen Leben (später: dem Dasein) in chro- selbst zugänglich zu machen, mitzuteilen, der Selbst-
nischer Weise um sich selbst geht. Das menschliche entfremdung, mit der das Dasein geschlagen ist,
Leben ist hermeneutisch, weil es von einer radikalen nachzugehen. In der Hermeneutik bildet sich für das
Selbstbekümmerung (die ihrerseits von Heideggers Dasein eine Möglichkeit aus, für sich selbst verste-
theologischeren Lektüren, insb. von Augustin, sug- hend zu werden und zu sein.« (GA 63, 15) Ihre Auf-
geriert worden ist) heimgesucht ist. gabe bezeichnet sie als ein Wachsein des Daseins
Diese Grundeinsicht wird Heidegger wenig später und – dies sei für das Folgende hervorgehoben – ein
dazu geführt haben, »Hermeneutik« zu einem all- Wachsein des je eigenen Daseins über sich selbst:
umfassenden, anspruchsvollen philosophischen Ti- »Thema der hermeneutischen Untersuchung ist je
tel zu erheben. Im Sommersemester 1923 traktierte eigenes Dasein, und zwar hermeneutisch gefragt auf
er nämlich sein philosophisches Programm unter seinen Seinscharakter im Absehen darauf, eine wur-
dem berühmt gewordenen Titel einer »Hermeneutik zelhafte Wachheit seiner selbst auszubilden« (GA 63,
der Faktizität«. Heidegger wird damit wohl der erste 16). Es nimmt also nicht wunder, dass Heidegger
Philosoph von Rang, der der »Hermeneutik« eine so 1923 diese hermeneutische, also sowohl weckende
hohe philosophische Würde beigemessen hat. Ein als auch wachhaltende Aufgabe auch als Destruktion
weiteres Novum ist in dem Umstand zu sehen, dass charakterisiert und praktiziert. Es sollen die Ausge-
die Heideggersche ›Hermeneutik‹ keineswegs textge- legtheiten, die das je eigene Dasein von sich selbst
bunden (im Sinne der älteren Texthermeneutik) wegführen, einer Destruktion unterzogen werden.
oder auf die Geisteswissenschaften (wie bei Dilthey) So schreibt Heidegger in seinem Bericht an Natorp:
beschränkt, sondern auf das Selbstverständnis der »Die phänomenologische Hermeneutik der Faktizi-
Existenz zugeschnitten ist (Vedder 2000, 93). Unter tät sieht sich demnach, sofern sie der heutigen Situa-
»Faktizität« wird nämlich das je eigene Dasein ver- tion durch die Auslegung zu einer radikalen Aneig-
standen, sofern es nicht primär ein Gegenstand der nungsmöglichkeit verhelfen will  – und das in der
Anschauung, sondern eine Aufgabe und Sorge für Weise des konkrete Kategorien vorgebenden Auf-
sich selbst indiziert. Der Titel Hermeneutik soll da- merksammachens –, darauf verwiesen, die über-
bei »die einheitliche Weise des Einsatzes, Ansatzes, kommene und herrschende Ausgelegtheit nach ih-
Zugehens, Befragens und Explizierens der Faktizität ren verdeckten Motiven, unausdrücklichen Tenden-
anzeigen« (GA 63, 9). Warum ausgerechnet dieser zen und Auslegungswegen aufzulockern und im
Titel gewählt worden ist, erklärt Heidegger mit be- abbauenden Rückgang zu den ursprünglichen Mo-
achtenswerter Klarheit: »Im Hinblick auf ihren ›Ge- tivquellen der Explikation vorzudringen. Die Her-
genstand‹ zeigt die Hermeneutik als dessen präten- meneutik bewerkstelligt ihre Aufgabe nur auf dem
dierte Zugangsweise an, daß dieser sein Sein hat als Wege der Destruktion.« (GA 62, 368)
46 I. Werk

2. Die Grundstrukturen des Daseins und der Vorrang Vergessenheit ausgesetzt. In einfacheren Worten
der Seinsfrage für die Hermeneutik von Sein und Zeit. ausgedrückt: Das menschliche Dasein geht sich
Das großangelegte Programm einer hermeneuti- (durch die beschwichtigende Übernahme her-
schen Destruktion bzw. einer destruktiven Herme- kömmlicher Ausgelegtheiten) ständig aus dem Wege
neutik mündet in die Hermeneutik-Konzeption von und verdrängt seine grundlegende Frage, die nach
Sein und Zeit (1927; s. Kap. I.9.3.1). Sie stellt sich seinem eigenen Sein. Die Hermeneutik soll (»nega-
zwar in die Kontinuität der früheren »Hermeneutik tiv«, wenn man so will) diese Fehlauffassungen er-
der Faktizität«, setzt aber neue Akzente (Grondin schüttern und im selben Atemzug (»positiv«) dem
2001, 88). Die Hermeneutik wird in Sein und Zeit Dasein eine eigentlichere Hermeneutik seiner selbst
vor allem und zuerst als gebotene ›Ergänzung‹ (lies nahelegen.
auch: Korrektur!) der Phänomenologie, genauer der Die Hermeneutik steht also hier im Dienste der
›phänomenologischen Methode‹ eingeführt (s. Kap. Phänomenologie, d. h. des Zugänglichmachens des
I.9.2.2). Die phänomenologische Methode wird zu- Verdeckten (d. h. des Seins), aber auch des Verde-
nächst – noch orthodox genug – als ein Sehenlassen ckens (d. h. des seinsvergessenden Daseins). Ver-
der Phänomene von ihnen her beschrieben. Ihre deckt, verborgen wird nämlich nach Heidegger zual-
hermeneutische Umbiegung ist aber aus zwei Grün- lererst die Seinsfrage, bzw. das Sein, und in eins da-
den als eine Korrektur an der klassischen Phänome- mit die Grundstruktur des seinsverstehenden
nologie zu sehen: (1) Der verstehende, vorgreifende, Daseins. Es wird also die Aufgabe der Hermeneutik
kurz ›hermeneutische‹ Charakter des menschlichen in Sein und Zeit, dem Dasein, wie es an einer ent-
Daseins scheint geradezu eine reine Beschreibung scheidenden, programmatischen Stelle von Sein und
der »Sachen selbst« zu verbieten, wie sie Husserl vor- Zeit heißt, zweierlei kundzugeben: (1) »de[n]
auszusetzen schien; (2) Die hermeneutische Ergän- eigentliche[n] Sinn von Sein« und (2) »die Grund-
zung bzw. ›Wende‹ der Phänomenologie ist auch strukturen seines eigenen Seins« (SZ 37). Darin liegt
deshalb geboten, weil das grundlegende und zurück- eine unverkennbare Verschiebung im Vergleich zur
zugewinnende Phänomen – nämlich das Dasein und früheren Hermeneutik der Faktizität von 1923:
dessen Seinsverstehen – versteckt bzw. verdeckt sein Denn dort war noch nicht recht davon die Rede, dass
können. Um sie zum Phänomen werden zu lassen, die phänomenologische Hermeneutik der Faktizität
bedarf es also einer hermeneutischen Destruktion unmittelbar die Seinsfrage, geschweige denn »de[n]
der Verdeckung. eigentliche[n] Sinn von Sein« zum Gegenstand
Eine Phänomenologie ist also nicht nötig, um die hatte. Ihr Thema war ja vielmehr »das je eigene Da-
vor aller Augen liegenden Phänomene zu beschrei- sein«, und zwar »im Absehen darauf, eine wurzel-
ben, sondern, um das aufzuweisen, »was sich zu- hafte Wachheit seiner selbst auszubilden« (GA 63,
nächst und zumeist gerade nicht zeigt, was gegen- 16). Dieses »je eigene Dasein« verschwindet zwar
über dem, was sich zunächst und zumeist zeigt, ver- nicht in Sein und Zeit, aber es scheint in der Aufga-
borgen ist, aber zugleich etwas ist, was wesenhaft zu benbestimmung der Hermeneutik nun deutlich hin-
dem, was sich zunächst und zumeist zeigt, gehört, so ter der Aufgabe zurückzutreten, »die Grundstruktu-
zwar, daß es seinen Sinn und Grund ausmacht« (SZ ren« des hermeneutischen, d. h. nunmehr seinsver-
35). Es ist Heidegger, der den Akzent auf die Wört- stehenden Daseins ans Licht zu bringen. Um den
chen »nicht« und »verborgen« legt: Die Phänome- Unterschied pointierter auszudrücken: während die
nologie hat es offenkundig mit etwas Verborgenem frühere Faktizitätshermeneutik auf eine existenziell
zu tun, das sich nicht zeigt, das nichtsdestoweniger zu nennende Erweckung des je eigenen Daseins hin-
den »Sinn und Grund« von allem, was sich zeigt, zielte, beabsichtigt die Aufgabenbestimmung der
ausmachen soll. Hierfür ist Hermeneutik – und zwar Hermeneutik in Sein und Zeit viel eher eine existen-
eine des Daseins  – nötig: Sie soll  – sehr wohl im zialere (und weniger existenzielle) Klärung der
Sinne der klassischen Kunst der Auslegung  – dem Grundstrukturen des Daseins.
ans Licht verhelfen, was sich nicht phänomenal Diese neue, betont ontologische und existenziale
zeigt, dabei aber auch die Verbergung und Verde- Zielrichtung macht sich bemerkbar in den drei
ckung als solche kenntlich machen und erklären: Grundbedeutungen der Hermeneutik, die Heideg-
Dasjenige, was sich nicht zeigt, aber nichtsdestotrotz ger in einem gedrängten Passus von Sein und Zeit
als grundlegend erwiesen werden soll, wird aus be- aufzählt. (1) Im ersten, ursprünglichen Sinn soll die
stimmten, hermeneutisch erklärbaren Motiven der Hermeneutik das »Geschäft der Auslegung« und so-
Verborgenheit, sprich: der Verdrängung bzw. der mit den »logos der Phänomenologie« bezeichnen,
8. Hermeneutik 47

sofern dem Dasein »der eigentliche Sinn von Sein erwiesen hat. In einem viel späteren Kapitel von Sein
und die Grundstrukturen seines eigenen Seins kund- und Zeit (392–397; § 76: »Der existenziale Ursprung
gegeben werden« (SZ 36). (2) Sofern aber durch diese der Historie aus der Geschichtlichkeit des Daseins«)
»Aufdeckung des Sinnes des Seins und der Grund- wird diese Ableitung tatsächlich vollzogen, aber der
strukturen des Daseins« (ebd.) »der Horizont her- Terminus »Hermeneutik« überraschenderweise da-
ausgestellt wird für jede weitere ontologische Erfor- bei nicht mehr verwendet.
schung des nicht daseinsmäßigen Seienden, wird
diese Hermeneutik zugleich ›Hermeneutik‹ im 3. Ausblick. Heidegger wird unmittelbar nach Sein
Sinne der Ausarbeitung der Bedingungen der Mög- und Zeit davon Abstand nehmen, den Ausdruck
lichkeit jeder ontologischen Untersuchung«. In ih- »Hermeneutik«, der sich soeben noch als Ausgangs-
rem zweiten Sinne fungiert also die Hermeneutik als punkt der Philosophie darstellte, weiter zu verwen-
eine ›transzendental‹ zu nennende Ausarbeitung der den. Im Spätwerk tritt »Hermeneutik« allenfalls in
Bedingungen einer jeden Ontologie. (3) Das führt Erscheinung als Weg hin zu einem »Gespräch«, in
Heidegger zu einer dritten Bedeutung von Herme- dem das »Unbestimmbare […] seine versammelnde
neutik, zur Hermeneutik des Daseins, die er als die Kraft […] entfaltet« und in dem die »Anmaßung ei-
grundlegende herausstellt, da jede Hermeneutik und nes Selbstbewußtseins« zurückgewiesen wird (US
jede Ontologie in ihr wurzeln: Damit »erhält die 100): In diesem Sinn wird »das Hermeneutische«
Hermeneutik als Auslegung des Seins des Daseins seinem »ursprünglichen Sinn« nach nun als das
einen spezifisch dritten  – den, philosophisch ver- »Bringen von Botschaft und Kunde« gefasst, also
standen, primären Sinn einer Analytik der Existen- dem »Bezug des Menschenwesens« auf das ihn »Tra-
zialität der Existenz« (SZ 37 f.). Die Wendung einer gende«, die »Sprache« zugeordnet (US 122). Nach
»Analytik der Existenzialität der Existenz« nimmt Sein und Zeit wird Heidegger zunehmend empfun-
sich etwas schwerfällig aus, bringt aber bündig das den haben, dass sein fundamentalontologischer An-
Programm der tatsächlich im Buch Sein und Zeit satz viel zu sehr um das Dasein zu kreisen und damit
ausgeführten »Hermeneutik des Daseins« als einer die Subjektzentrierung (s. Kap. II.8) der modernen
»Analytik der Existenz« zum Ausdruck. In ihr wer- Philosophie  – und der Metaphysik überhaupt  – zu
den die Grundstrukturen des Daseins herausgestellt, bestätigen schien (vgl. N II, 415, wo der späte Hei-
die Heidegger terminologisch als »Existenziale« fas- degger das »transzendental-hermeneutische Den-
sen wird, und zwar im Hinblick darauf, sie als Bedin- ken« mit Distanz betrachtet). Die Hermeneutik tritt
gungen des Seinsverstehens (im Horizont der Zeit; s. also hinter die allesbeherrschende Aufgabe einer kri-
Kap. I.9.3.2) aufzuzeigen. Das hermeneutische Pro- tischen Auseinandersetzung mit der Metaphysik zu-
gramm von Sein und Zeit wird aber auf halber Stre- rück (s. Kap. I.29). Diese Entwicklung entbehrt nicht
cke bleiben: es wird die Brücke zum (temporalen) der Konsistenz, aber es mag sein, dass sich Heideg-
Seinsverstehen und erst recht zum versprochenen ger selber ein Stück weit missverstand, als er die Her-
»eigentlichen Sinn von Sein« nicht schlagen und bei meneutik so entschieden dem transzendental-sub-
den »Grundstrukturen des Daseins« verharren. In- jektivistischen Denken der Neuzeit zurechnete. Sein
soweit bildet und bleibt Sein und Zeit eine Herme- späteres Denken lässt sich nämlich durchaus als eine
neutik des Daseins. destruierende Hermeneutik der Metaphysikge-
Nach diesen drei Grundbedeutungen des Pro- schichte würdigen und damit in die Kontinuität der
grammtitels ›Hermeneutik‹ erwähnt Heidegger en früheren Hermeneutik der Faktizität und des Da-
passant eine vierte, die nur zeigt, wie stark sein Ab- seins stellen.
stand zu Dilthey ist bzw. als wie groß er seinen Ab-
stand zu seinem Vorgänger Dilthey, der trotz offen- Literatur
kundiger Bezugnahme nicht einmal genannt wird,
Dilthey, Wilhelm: Leben und Erkennen [1892–93]. In:
verstanden wissen will: nur »abgeleiteterweise« Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. XIX. Göttingen 1982,
könne die »Methodologie der historischen Wissen- 333–388. – Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode
schaften« Hermeneutik genannt werden. Heidegger [1960]. In: Ders.: Gesammelte Werke. Band I. Tübingen
6
meint aber die Ableitung wörtlich: diese Hermeneu- 1990. – Ders.: Heideggers Wege [1983]. In: Ders.: Gesam-
melte Werke. Band 3. Tübingen 1987.  – Gethmann, Carl
tik soll nämlich in der Hermeneutik des Daseins
Friedrich: Verstehen und Auslegung: Das Methodenproblem
gründen, sofern sie die Geschichtlichkeit des Da- in der Philosophie Martin Heideggers. Bonn 1974. – Greisch,
seins ontologisch ausgearbeitet und als eine Bedin- Jean: Ontologie et temporalité. Esquisse d ’ une interprétation
gung der Möglichkeit der historischen Wissenschaft intégrale de Sein und Zeit. Paris 1994. – Ders.: L ’ arbre de vie
48 I. Werk

et l ’ arbre du savoir. Les racines phénoménologiques de Untersuchungen (1900) sowie die Schrift von dessen
l ’ herméneutique heideggérienne (1919–1923). Paris 2000. –
Lehrer Franz Brentano Von der mannigfachen Be-
Grondin, Jean: L ’ herméneutique dans Sein und Zeit. In:
Jean-François Courtine (Hg.): Heidegger 1919–1929. De deutung des Seienden nach Aristoteles (1862) bestim-
L ’ herméneutique de la facticité à la métaphysique du Dasein. mend: »Unbestimmt genug bewegte mich die Über-
Paris 1996, 179–192.  – Ders.: Die Wiedererweckung der legung: Wenn das Seiende in mannigfacher Bedeu-
Seinsfrage auf dem Weg einer phänomenologisch-herme- tung gesagt wird, welches ist dann die leitende
neutischen Destruktion. In: Thomas Rentsch (Hg.): Hei-
Grundbedeutung? Was heißt Sein?« (ZSD 81) Be-
degger: Sein und Zeit. Berlin 2001, 1–27.  – Herrmann,
Friedrich-Wilhelm von: Hermeneutische Phänomenologie reits als Gymnasiast erhält er auch die Schrift des
des Daseins. Eine Erläuterung von Sein und Zeit. Bd. I: Ein- Freiburger Professors für Dogmatik, Carl Braig, Vom
leitung: Die Exposition der Frage nach dem Sinn von Sein. Sein. Abriß der Ontologie (1896). Man kann Vorge-
Frankfurt a. M. 1987. – Ders.: Hermeneutik und Reflexion. stalten der Seins-frage somit auf frühe Einflüsse und
Der Begriff der Phänomenologie bei Heidegger und Husserl. Prägungen des sehr jungen Heidegger zurückfüh-
Frankfurt a. M. 2000.  – Jamme, Christoph: Heideggers
frühe Begründung der Hermeneutik. In: Dilthey-Jahrbuch ren, ebenso auf die Orientierung an der Phänome-
4 (1986–87), 72–90.  – Kisiel, Theodore J.: The Genesis of nologie. Später treten die Einflüsse des Neukantia-
Heidegger ’ s Being and Time. Berkeley u. a. 1993. – Pögge- nismus durch Heinrich Rickert, Paul Natorp und
ler, Otto: Heidegger und die hermeneutische Philosophie. v. a. Emil Lask sowie der Hermeneutik und Lebens-
Freiburg/München 1983.  – Ders.: Heideggers Begegnung philosophie durch Dilthey und Simmel hinzu. Die
mit Dilthey. In: Dilthey-Jahrbuch 4 (1986–87), 121–160. –
Ders.: Schritte zu einer hermeneutischen Philosophie. Frei- späteren für Sein und Zeit systematisch bedeutenden
burg/München 1994.  – Rodi, Frithjof: Die Bedeutung Autoren – vor allem Aristoteles, Kant, Kierkegaard
Diltheys für die Konzeption von Sein und Zeit. Zum Um- und Husserl – sind in Sein und Zeit stets mehr oder
feld von Heideggers Kasseler Vorträgen (1925). In: Dilthey- weniger präsent und müssen die Auslegung daher
Jahrbuch 4 (1986–87), 161–177. – Sheehan, Thomas: Hei- immer begleiten. Im Folgenden soll auf Spezifika der
degger ’ s Lehrjahre. In: John Sallis/Giuseppina Moneta/
Jacques Taminiaux (Hg.): The Collegium Phaenomenologi- Ansätze von Brentano, Braig, Lask, Dilthey und Sim-
cum. The First Ten Years. Dordrecht/Boston/London mel in ihrer Bedeutung für Sein und Zeit eingegan-
1988. – Thurnher, Rainer: Hermeneutik und Verstehen in gen werden.
Heideggers ›Sein und Zeit‹. In: Salzburger Jahrbuch für Phi- Franz Brentano hatte in seiner Schrift Von der
losophie 28–29 (1985), 101–114.  – Vedder, Ben: Was ist mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristote-
Hermeneutik? Ein Weg von der Textdeutung zur Interpreta-
tion der Wirklichkeit. Stuttgart 2000.
les eine vierfache Bedeutung des Seienden unter-
schieden. (1) Das zufällig Seiende (kata symbebekota)
gegenüber dem substanziellen, selbständigen Seien-
den, also die Fundamentalunterscheidung von Sub-
stanz und Akzidenz. An den in Raum und Zeit aus-
9. »Sein und Zeit« gedehnten Substanzen mit ihrem Wesen  – Steinen,
Tischen, Menschen – haften zufällige Eigenschaften,
Fundamentalontologie als wie z. B. die Farben, die diese Substanzen haben. (2)
Hermeneutik der Endlichkeit Das Seiende im Sinne der Wahrheit bzw. des Wahren;
es existiert nur in einem wahren Urteil, wie z. B. in
Thomas Rentsch dem Urteil »Es gibt Zahlen.« (3) Das Seiende hin-
sichtlich seiner Wirklichkeit bzw. seiner Möglichkeit;
1. Kontexte und Hintergründe von Sein und Zeit. Den so ist ein Glas der Möglichkeit nach zerbrochen,
Kontext von Sein und Zeit bilden alle Herkünfte von wenn es auch jetzt heil ist. Ein Kind ist der Möglich-
Heideggers bisherigem Denkweg. Die wesentlichen keit nach erwachsen. Hier wird das Seiende hinsicht-
Aspekte dieses Weges, die in den diesem Beitrag vor- lich seiner Entwicklung, in seinem Entstehen und
ausgehenden Handbuch-Artikeln abgehandelt wer- Vergehen betrachtet. (4) Das Seiende gemäß den
den, sollen im Folgenden in ihrer systematischen zehn Kategorien; Brentano vertritt eine nur begriffli-
Bedeutung für Sein und Zeit nur kurz aufgewiesen che Seinsweise der Kategorien (s. Kap. I.6.2.1).
werden. Als Rezeptionsschichten und Subtexte sind Angesichts dieses frühen Ausgangspunktes kann
diese Kontexte in Sein und Zeit selbst genau identifi- mit Blick auf Sein und Zeit gesagt werden: (1) unter-
zierbar und deshalb für die eigentliche Interpreta- nimmt Heidegger darin eine tiefgreifende Kritik der
tion des Textes erneut heranzuziehen. Substanzontologie, (2) stellt er das Wahrheitspro-
Für Heideggers Weg zu Sein und Zeit waren nach blem auf innovative Weise dar, (3) rückt er die klassi-
eigener Auskunft von Beginn an Husserls Logische sche Analyse der Modalbegriffe Wirklichkeit und
9. »Sein und Zeit« 49

Möglichkeit in den Kontext seiner Analyse des Lask: »Das Gegebene ist […] nicht bloß das Sinnli-
menschlichen Daseins ein, (4) transformiert er die che, sondern die ganze ursprüngliche Welt über-
klassische Kategorienlehre. haupt« (Lask 1924, 179) – ein Satz, der weit vorweist
Ebenso aufschlussreich ist die sehr frühe Rezep- zu den Weltkonstitutionsanalysen, die im Zentrum
tion der Schrift von Carl Braig Vom Sein. Abriß der von Sein und Zeit stehen. Heidegger hat die systema-
Ontologie (s. Kap. I.2). In dieser Schrift ist auf schma- tische Bedeutung von Lasks innovativen Ansätzen
lem Raum die gesamte Geschichte der Ontologie für sein eigenes Denken denn auch deutlich hervor-
präsent. Ontologie wird hier als Fundamentalwis- gehoben. Zur Vorgeschichte von Sein und Zeit ge-
senschaft, Prinzipalwissenschaft und Zentralwissen- hört auch die Lebensmetaphysik des späten Georg
schaft bestimmt  – später entwickelt Heidegger die Simmel, in der dieser die »Transzendenz des Le-
Fundamentalontologie. In § 5 untersucht Braig das bens« – das jeweilige Übersich-hinaus-Sein des Le-
»Verhältnis des Nichts und des Seins«  – später ein bens  – analysiert: eine Vorgestalt des existenzialen
durchgehendes Thema Heideggers. Noch weitrei- Sich-vorweg-seins des Daseins in Sein und Zeit (s.
chender ist, dass Braig in Vom Sein im Rahmen der Kap. I.4.1). Dazu tritt die lebensphilosophische Her-
Ontologie Zeitanalysen breit entwickelt. Mit Bezug meneutik Wilhelm Diltheys (s. Kap. I.8): Dessen Be-
auf das einschlägige 11. Kapitel der Konfessionen des streben, eine genuine Kategorienlehre des Lebens im
Augustinus differenziert Braig »das philosophische Kernbereich der Hermeneutik zu entwickeln, in de-
Bewußtsein« von der Zeit vom »gemeinen Bewußt- ren Zentrum die Phänomene der Faktizität, der Be-
sein«. In letzterem würde »die Zeit als ein Schatten- deutung und des Verstehens stehen, führt ebenfalls
ding […] personificirt« (§ 19). Analysen zur »Con- bereits in das systematische Zentrum der Analysen
struction des Zeitbildes« in ihrer Tragweite für »die von Sein und Zeit.
ontologische Bedeutung des Zeitbegriffs« (§ 21) be- Der Weg Heideggers über seine psychologismus-
gegnen in der Schrift Braigs bereits dem Gymnasias- kritische Dissertation und seine Habilitationsschrift
ten Heidegger, der später bei Carl Braig in Freiburg über die scotistische Kategorienlehre führt zu frü-
studiert. hen Vorlesungen, die vielfach Vorstudien zu Sein
Ein wesentlicher Anreger auf dem Weg zu Sein und Zeit sind (s. Kap. I.4). Das gilt insbesondere für
und Zeit ist besonders hervorzuheben: Es ist Emil die Vorlesung Phänomenologische Interpretationen
Lask, der systematische Protagonist eines späten zu Aristoteles (WS 1921/22; GA 61) sowie Ontologie
Neukantianismus, der 1915 im Ersten Weltkrieg fiel (Hermeneutik der Faktizität) (SS 1923; GA 63).
(s. Kap. I.2; I.4.2). In seinen Hauptwerken Die Logik Ebenso relevant sind die religionsphilosophischen
der Philosophie und die Kategorienlehre (1911) und Seminare der Marburger Zeit von 1923 bis 1926 vor
Die Lehre vom Urteil (1912) hatte er gegen einen allem zu Paulus und Augustinus sowie die Koopera-
gleichsam zeitlos-statischen, ungeschichtlichen Ide- tion mit Rudolf Bultmann (s. Kap. I.3; III.31). Beson-
alismus die Geschichtlichkeit der menschlichen Er- dere Bedeutung für den unmittelbaren Kontext von
kenntnis und der Kategorien hervorgehoben. Ein- Sein und Zeit kommt drei großen Vorlesungen zu,
flüsse der Lebensphilosophie und der Hermeneutik die Heidegger im Umfeld der Abfassung in Marburg
von Georg Simmel gehen in die transzendentalen hält: Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs (SS
Konstitutionsanalysen von Lask ein. Noch entschei- 1925; GA 20); Die Grundprobleme der Phänomenolo-
dender ist, dass sich Lask in radikalisierter Selbstre- gie (SS 1927; GA 24) sowie Phänomenologische Inter-
flexivität die Frage nach einer Kategorienlehre der pretation von Kants Kritik der reinen Vernunft (WS
Philosophie selbst stellt: Diese Selbstanwendungsbe- 1927/28; GA 25).
wegung, die sich in Begriffsbildungen wie »Katego- Diese Vorlesungen sind vollgültige, bis ins letzte
rie der Kategorie« oder »Form der Form« ausprägt, durchgearbeitete Bücher. Sie sind als Vorlesungen
führt bereits bei Lask zu einem methodischen Rück- vielfach verständlicher und auch erläuternder als
bezug auf das menschliche Dasein und Leben. Er Sein und Zeit, sie benutzen weitgehend dessen
präzisiert eine Grundfrage, die für Sein und Zeit pa- Grundbegriffe und behandeln dessen Themen und
radigmatisch fungiert: In der abendländischen On- Probleme. Deswegen sind sie für die Interpretation
tologie wurden die Kategorien für die Konstitution des Werkes sehr wertvoll und hilfreich. Dennoch
der sinnlich erfahrbaren Welt entwickelt  – wie je- steht Sein und Zeit als Publikation für sich, begrün-
doch sähen demgegenüber Grundbegriffe für die dete für sich den Weltruhm seines Autors und eine
Erfassung des menschlichen Selbst- und Weltver- weltweite Rezeption und muss deshalb einer einge-
hältnisses aus? Auf diesem Hintergrund formuliert henden immanenten Analyse unterzogen werden.
50 I. Werk

2. Die Quellen und Schichten von Sein und Zeit. In sik des Aristoteles, als Frage nach dem Verhältnis
Sein und Zeit bündeln und verdichten sich alle Me- von Kategorien- und Transzendentalienlehre im
thoden und Themen aus Heideggers bisheriger Ar- Neuplatonismus und in der mittelalterlichen Meta-
beit. Die Quellen des Werkes zeigen sich, wenn man physik. Der letztgenannten Thematik galt Heideg-
das Werk in Komponenten bzw. Schichten zerlegt, gers Habilitationsschrift über die mittelalterliche Ka-
die sich klar unterscheiden, aber in Sein und Zeit tegorien- und Bedeutungslehre im Scotismus (s.
nicht mehr trennen lassen. Die Schichten spiegeln Kap. I.2). Die kategorientheoretische Frage verklam-
den Denkweg Heideggers wider. Sie gestatten es, in mert Sein und Zeit aber auch mit transzendentalphi-
einem ersten Durchgang die Interpretation von Sein losophischen Ansätzen des Neukantianismus, wie
und Zeit an Bekanntes anzubinden. sie Heidegger am intensivsten in der Rezeption des
Folgende Schichten lassen sich unterscheiden: Werkes von Emil Lask aufnahm. Die Grundfrage
– die Ontologie- bzw. Metaphysik-Schicht; nach dem Sinn von Sein präzisiert sich hier kategori-
– die Phänomenologie-Schicht; entheoretisch auf zweierlei Ebenen: Zum Ersten be-
– die Schicht der Transzendentalphilosophie; wegt sich Heidegger auf der Ebene der Frage nach
– die Schicht der Lebensphilosophie und der Her- einer möglichen spezifischen Differenz von Kate-
meneutik; gorien für menschliche Wesen (»Dasein«) im Unter-
– die existenziell-religiöse bzw. theologische Schicht. schied zu nicht-menschlichen Phänomenen (»nicht-
daseinsmäßiges Seiendes«). Diese Problematik löst
Diese fünf Schichten sollen im Folgenden kurz skiz- er in Sein und Zeit mit seiner Fundamentalunter-
ziert werden. scheidung von Kategorien und Existenzialien, der
systematischen Grundlage der Existenzialen Analy-
2.1. Die Ontologie- bzw. Metaphysik-Schicht ist an ih- tik. Zum Zweiten nimmt Heidegger erklärtermaßen
rem Leitmotiv, der Grundfrage nach dem Sinn von Lasks radikalisierte kategorientheoretische Refle-
Sein, identifizierbar. Mit der Seinssinn-Frage bean- xion da auf, wo Lask die Frage nach einer Katego-
sprucht Heidegger Originalität: Diese Frage sei seit rienlehre der Philosophie selbst  – das heißt, nach
Beginn der abendländischen Philosophiegeschichte dem kategorialen Status der philosophischen Spra-
nicht oder falsch gestellt worden (s. Kap. II.1). Mit che – stellt. Diese Überlegungen führen bei Heideg-
dieser Frage verbindet sich sowohl der Ansatz der ger zur Differenzierung der existentiell-ontischen
»Fundamentalontologie« als auch  – in der Konse- von der existenzial-ontologischen Ebene sowie zur
quenz der Fortentwicklung von Sein und Zeit – der Einbeziehung der Hermeneutik in die Analysen von
spätere Ansatz von Heideggers Seinsdenken, der Sein und Zeit. Entscheidend ist, dass der rekonstruk-
»Seinsgeschichte« (s. Kap. I.29.3.1; II.9). Von der tive Rückbezug auf Metaphysik und Ontologie in
Seinssinn-Frage muss die häufig parallel mit ihr ge- Sein und Zeit von vornherein destruktiv auf einen
stellte Seinsgrund-Frage streng unterschieden wer- Abbau (»Destruktion«) der Überlieferungsgeschichte
den, die lautet: Warum ist überhaupt etwas und ausgerichtet ist: Es ergibt sich die »Aufgabe einer
nicht vielmehr nichts? und die in dieser Formulie- Destruktion der Geschichte« (§ 6). Der systemati-
rung auf Schelling und auf Leibniz zurückgeht. sche Zugriff von Sein und Zeit ist auch insofern mo-
Der methodische Gang von Sein und Zeit wie dern und kritisch, als er die Seinsfrage nur durch
auch der Vorlesungen im Umfeld kann auch als eine eine Analytik des einzig seinsverstehenden Wesens,
systematische Wiederholung, als ein Nachvollzug des Menschen (terminologisch: des Daseins), für zu-
der eigenen Entwicklung Heideggers gelesen wer- gänglich hält. Trotzdem bleibt der Rückbezug auf
den. Der Weg beginnt mit den Fragen nach dem den Horizont der Überlieferungsgeschichte für Hei-
Sinn von Sein, im Rückgang auf die Ontologie und deggers Denken bestimmend.
Metaphysik von Platon und Aristoteles und auf die
mittelalterliche Transzendentalienlehre des Thomas 2.2. Die Phänomenologie-Schicht ist explizit die
von Aquin (§§ 1–4). Auf diesem Hintergrund und Schicht der zentralen methodischen Ortsbestim-
im Blick auf weitere für Sein und Zeit wichtige syste- mung von Sein und Zeit. § 7 stellt die »phänomeno-
matische Quellen wird sichtbar, dass ein wesentli- logische Methode der Untersuchung« mit der Hus-
cher Fragehorizont des Werkes die Kategorienlehre serlschen Parole »Zu den Sachen selbst!« vor (SZ
ist. Er präzisiert sich als Frage nach dem Status der 27). Es gilt, diese Sachen so zu beschreiben und in
Ideen und der Ideenlehre bei Platon, als Frage nach ihrer Struktur genau zu erfassen, »wie sie sich von
der Bedeutung der Kategorienlehre für die Metaphy- sich selbst her zeigen«. In Sein und Zeit vertieft Hei-
9. »Sein und Zeit« 51

degger seine methodologische Reflexion darüber ditionelle Ontologie und Metaphysik nur als proble-
hinaus nicht weiter. Dies hatte er allerdings vorher matischen Fragehorizont einer Existenzialen Analy-
und im Umfeld der Ausarbeitung des Werkes getan, tik des menschlichen Daseins für zugänglich hält.
insbesondere in seinen Überlegungen zum Status Diese kritische Stoßrichtung lässt sich nun wie-
philosophischer Analyse als »formaler Anzeige«. derum als gegen Husserlsche Vorstellungen gerich-
Der formal-anzeigende Charakter der Analysen tet verstehen. Denn dieser hatte regionalontologi-
wird in Sein und Zeit mit der Verwendung vornehm- sche Untersuchungen zur menschlichen Leiberfah-
lich des Struktur-Begriffs indiziert. Als Faustregel rung in einer Somatologie, zum menschlichen
kann ferner gelten, dass Heidegger den Phänomen- Bewusstsein in einer philosophischen Psychologie
Begriff methodisch in einem transzendentalen Ver- verortet und durchgeführt. In seiner Sichtweise war
ständnis verwendet; explizit in ihrer Struktur freige- eine Analyse des menschlichen Daseins eine regio-
legte Phänomene sind die Voraussetzungen, die Be- nale Ontologie des Menschen – eine philosophische
dingungen der Möglichkeit »vulgärer«, unbegriffener Anthropologie. Eine solche regionale Sichtweise
Phänomene. lehnt Heidegger aber gerade ab – sein Ansatz in Sein
Wie Schicht 1, die Metaphysik- und Ontologiekri- und Zeit wendet sich vehement sowohl gegen zeitge-
tik, so enthält auch die Schicht 2 eine indirekte, aber nössische Psychologien als auch gegen philosophi-
deutliche Distanznahme von der offiziellen, von sche Anthropologien seiner Zeitgenossen, insbeson-
Husserl und seiner Schule vertretenen Phänomeno- dere gegen Max Scheler (s. Kap. III.1.3.1). Von seiner
logie. Zwar ist Sein und Zeit Edmund Husserl »in destruktiv-kritischen Wendung gegen Descartes, ge-
Verehrung und Freundschaft zugeeignet«. In Wirk- gen die traditionelle Erkenntnistheorie und Be-
lichkeit sind die Veränderungen der Grundlagen der wusstseinsphilosophie (§ 21) ist auch die bewusst-
Phänomenologie in Sein und Zeit gravierend. Sie seins- bzw. transzendentalphilosophisch denkende
stellen einen Bruch mit Husserl dar (s. Kap. I.7). Husserlsche Phänomenologie indirekt deutlich mit-
Zentral für die innovative, kritische Absetzung von betroffen. Eine ontologische Aufspaltung des
Husserls Phänomenologie sind folgende Kernaussa- menschlichen In-der-Welt-seins in eine dem Be-
gen aus einem Brief Heideggers an Husserl vom 22. wusstsein privilegiert zugängliche subjektive, private
Oktober 1927: »Die transzendentale Konstitution ist Innenwelt und eine gegenständliche, öffentlich zu-
eine zentrale Möglichkeit der Existenz des fakti- gängliche objektive Außenwelt wird in Sein und Zeit
schen Selbst. Dieses, der konkrete Mensch ist als sol- zentrales Thema der destruktiven Kritik.
cher – als Seiendes nie eine ›weltlich reale Tatsache‹, In diesem Zusammenhang ist es besonders be-
weil der Mensch nie nur vorhanden ist, sondern merkenswert, daß Heidegger nach Erscheinen von
existiert […]. Die Frage nach der Seinsart des Kon- Sein und Zeit gemeinsam mit Edith Stein 1928 Hus-
stituierenden selbst ist nicht zu umgehen. Universal serls Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren
ist daher das Problem des Seins auf Konstituierendes Zeitbewußtseins herausgab, nachdem er selbst be-
und Konstituiertes bezogen« (Heidegger 1927/1962). reits alternative Analysen zur ekstatischen Struktur
Die methodologische Rezeption der Phänomenolo- der Zeitigung der Zeitlichkeit vorgelegt hatte, die im
gie wird in Sein und Zeit fundamental-ontologisch Zentrum von Sein und Zeit stehen. Während bei
fortgeschrieben. Während die Phänomenologie Hus- Husserl die Differenz der Zeitaspekte Vergangen-
serls sich der Konstitution einzelner »Regionen« des heit, Zukunft und Gegenwart in Gestalt der Be-
Seienden zuwendet  – der Region der Zahlen, der wusstseinsakte der Protention des Zukünftigen, der
Farben, der Töne, der räumlichen Gliederungen Retention des Vergangenen und der jeweiligen (Ur-)
(»Geometrie«) – will Heidegger den Sinn von Sein Impression des Gegenwärtigen herausgearbeitet
im Rahmen einer Fundamentalontologie untersu- wird – und zwar auf der Basis eines gewissen Daten-
chen. Dieser Ansatz wirkt wie eine systematische Al- Impressionismus ursprünglicher Evidenz –, akzen-
ternative zu den »regionalen Ontologien« der Hus- tuiert Heidegger eine vorgängige ekstatische Einheit
serlschen Phänomenologie. Aber ein solches Projekt (s. u. Abschnitt 2.3).
wäre im traditionellen Sinne nichts anderes als das Entscheidend ist für die Phänomenologie-Schicht
Programm der alten, seit Kant destruierten Meta- von Sein und Zeit: Während ein allgemeines, recht
physik – der allgemeinen Ontologie (metaphysica ge- nichtssagendes, insofern unverbindliches ›Bekennt-
neralis sive ontologia), die Kant bereits kritisch in die nis‹ zur phänomenologischen Methode (»Die Zu-
transzendentale Analytik transformiert hatte. Nicht gangs- und Auslegungsart muß vielmehr dergestalt
so bei Heidegger: Wir sahen bereits, dass er die tra- gewählt sein, daß dieses Seiende sich an ihm selbst
52 I. Werk

von ihm selbst her zeigen kann«; SZ 16) mitgeführt Im systematischen Kernbereich der Analysen von
und das Buch Husserl gewidmet wird, ergeben sich Sein und Zeit steht Kants Zeittheorie und vor allem
im Hinblick auf den Cartesianismus der Bewusst- das Lehrstück mit dem Titel »transzendentaler Sche-
seinsphilosophie, im Hinblick auf den Status regio- matismus«. In diesem Teil der transzendentalen
nalontologischer Konstitutionsanalysen zur mensch- Analytik geht es um die Verzeitlichung der Katego-
lichen Welt- und Selbsterfahrung sowie insbeson- rien. Hier verdichten sich philosophische Grundauf-
dere zur Zeitanalyse tiefgreifende Distanzierungen fassungen über Sein, Bewusstsein, Zeit- und Welt-
und Destruktionstendenzen. konstitution, an die Heidegger anschließt, von de-
nen er sich aber zugleich vehement abzusetzen
2.3. Die Schicht der Transzendentalphilosophie ist in versucht. Wir werden noch beurteilen, inwieweit
Sein und Zeit allenthalben gegenwärtig. Zunächst da- ihm das gelingt. Die Stoßrichtung gegen den tran-
durch, dass Heidegger die Genese des Kantschen szendentalen Idealismus wird in der Kontroverse
Denkens durchaus in Zusammenhang mit der Meta- mit Cassirer deutlich: Es ist die Augenblicklichkeit
physikgeschichte und mit der scholastischen Tran- der Existenz in ihrer Faktizität, die provokativ gegen
szendentalienlehre sieht: »Sein ist das transcendens vorgegebene Ideen, Ideale, Normen und Werte ge-
schlechthin. […] Jede Erschließung von Sein als des setzt wird. Im Blick auf Kant und den transzendenta-
transcendens ist transzendentale Erkenntnis.« (SZ len Schematismus präzisiert Heidegger seine Kritik
38) Mit solchen Großthesen wird eine systematische dahingehend, dass Kant nicht die spezifische Zeit-
Verklammerung von Ontologie und Transzendental- lichkeit des menschlichen Daseins, die existenzielle
philosophie nahegelegt. Ebenso ergeht es der Phäno- Zeitlichkeit der menschlichen Lebenserfahrung, er-
menologie: »Phänomenologische Wahrheit (Erschlos- fasse, sondern nur die ›kategoriale‹ zeitliche Form
senheit von Sein) ist veritas transcendentalis.« (ebd.) der erfahrungsmäßigen Gegenstandskonstitution.
Warum diese systematische Verbindung genauerhin Zu fragen bleibt aber auch nach Sein und Zeit, ob
besteht, das führt Heidegger nicht weiter aus. Im eine solche Kritik die formal-strukturellen Analysen
Hintergrund der transzendentalphilosophischen Kants zur Bedingung der Möglichkeit von Erfah-
Schicht von Sein und Zeit steht natürlich die intensive rung überhaupt trifft. In Kants praktisch-philoso-
Auseinandersetzung mit Kant und insbesondere mit phische, religions- und geschichtsphilosophische
der Kritik der reinen Vernunft. So wie im Umfeld der Untersuchungen gehen schließlich auch reichere
Ausarbeitung von Sein und Zeit die Vorlesung über und komplexere Aspekte von Zeiterfahrung ein. Im
die Grundprobleme der Phänomenologie (GA 24) für Kant-Buch von 1929 jedenfalls konzentriert sich
Heideggers Stellung zur offiziellen Phänomenologie, Heideggers Kritik auf die veränderte Stellung und
so ist die Vorlesung über Kants Kritik der reinen Ver- Rolle der Einbildungskraft in den Auflagen A und B
nunft (GA 25) besonders aufschlussreich für seine In- der Kritik der reinen Vernunft.
terpretation der Transzendentalphilosophie. Auf Sein
und Zeit folgt unmittelbar das Buch Kant und das 2.4. Die lebensphilosophische Hermeneutik-Schicht
Problem der Metaphysik (GA 3; s. Kap. I.11), und im fasst Quellen von Sein und Zeit zusammen, die mit
März/April 1929 fanden die Davoser Hochschulwo- den Namen Wilhelm Dilthey und Georg Simmel
chen statt, auf denen sich ein spektakuläres Streitge- verbunden sind. Ich ordne hier aber auch Emil Lask
spräch Heideggers mit dem bedeutenden Neukantia- ein, der als profilierter Neukantianer in seine katego-
ner Ernst Cassirer zutrug (s. Kap. I.12). Während rientheoretischen Untersuchungen lebensphiloso-
Cassirer in einer Philosophie der symbolischen For- phische und pragmatistische Überlegungen bereits
men die geschichtliche Entfaltung von Menschheits- einbezog. Im Hintergrund dieser Schicht stehen
ideen in Freiheit zu denken versucht, setzt ihm Hei- Schopenhauer und Nietzsche. Im Zentrum stehen
degger schroff die menschliche »Endlichkeit«, »Nich- die Grundbegriffe des Lebens und des Verstehens.
tigkeit« und »Faktizität« entgegen. Das menschliche Die systematischen Vorarbeiten dieser Traditionen
Dasein sei so »zufällig, daß die höchste Form der werden letztlich affirmativ aufgenommen. Aller-
Existenz des Daseins sich nur zurückführen läßt auf dings wird der Lebensbegriff unter Zuhilfenahme
ganz wenige und seltene Augenblicke der Dauer des der Existenzdialektik Kierkegaards tendenziell ent-
Daseins zwischen Leben und Tod, daß der Mensch leert und formalisiert, während er bei Schopenhauer
nur in ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze sei- und Nietzsche noch fundamentale biologisch-natür-
ner eigenen Möglichkeit existiert, sonst aber inmitten liche, triebhaft-sinnliche, leibliche Bedeutung hatte.
seines Seienden sich bewegt.« (GA 3, 290) Zentral aber ist die Kategorie der Geschichtlichkeit
9. »Sein und Zeit« 53

des menschlichen Lebens und Verstehens. Mit dieser Sein und Zeit eine spezifisch destruktiv-kritische
Rezeptionsschicht geht also der historisch-herme- Wendung im Sinne eines Abbaus überlieferter philo-
neutische Erkenntnisfortschritt der nachkantischen sophischer Grundüberzeugungen. Die phänomeno-
Epoche in die Untersuchungen von Sein und Zeit logische Methode ist bereits »transzendental« zu
ein. Hierzu gehören aber auch starke Anleihen bei verstehen. Die Bedingungen der Möglichkeit des
den Praxis-Analysen des Aristoteles. So steht die Existierens, die konstitutiven Voraussetzungen des
Analyse der Sorge (s. u. Abschnitt 3.1) mit der der menschlichen Daseins, sollen freigelegt werden: Die
orexis, die des Gewissens (s. u. Abschnitt 3.2) mit der kategoriale Lebensphilosophie ist Transzendental-
der phronesis in Verbindung (Volpi 1984, 1989; s. philosophie – freilich nicht im Kantschen Sinne.
Kap. I.6). Die Schichten 1–3 haben also eine Bedeutung
und erfahren eine Transformation, die erst in
2.5. Die existenziell-religiöse bzw. theologische Schicht Schicht 4, der hermeneutischen Kategorienlehre des
erhält – im Verbund mit der gewichtigeren Schicht Lebens in der Existenzialen Analytik des Daseins,
4 – besondere Bedeutung, wenn das Verhältnis der voll verstehbar werden – mitsamt dem Hintergrund
bisher skizzierten Schichten zueinander bestimmt von Schicht 5. Schicht 4 bildet den eigentlichen In-
werden soll. Bei der künstlichen Trennung der halt von Sein und Zeit in der Form, wie es 1927 im
Schichten muss bewusst bleiben, dass sich de facto achten Band des Jahrbuchs für Philosophie und phä-
die Schichten durchdringen und, oft kaum entwirr- nomenologische Forschung erschien. Im Untertitel
bar, ineinander verwickeln. Und doch lässt sich eine stand »Erste Hälfte«. Eine weitere Hälfte wird in § 8
generelle Interpretationsrichtung in Sein und Zeit angekündigt, ist aber nie erschienen. Auch die »Erste
ausmachen, ein Deutungsgefälle, das in die Schicht 4 Hälfte« bleibt unvollständig (Grondin 2001; Herr-
der Hermeneutik und der Lebensphilosophie mün- mann 1987; 1991; Kisiel 1993; 2001). Heideggers
det. Um den Gesamtaufbau von Sein und Zeit struk- wichtigstes Werk bleibt Fragment. Insbesondere die
turell zu erfassen, müssen wir zu den Schichten, die Forschungen von Kisiel analysieren die komplexen
sich hinsichtlich der entscheidenden Quellen des Gründe des Abbruchs. Für deren Klärung müssen
Werkes differenzieren lassen, noch den Aufbau, das wir allerdings die systematische Kernstruktur der
Gerüst von Sein und Zeit im Kern erfassen. Wesent- zentralen Analysen umfassend exponieren.
lich für ein umfassendes Verständnis sind zudem Vergegenwärtigen wir uns zur ersten Orientie-
noch die die gesamte Untersuchung strukturieren- rung den Aufbau von Sein und Zeit. Sieben grund-
den fundamentalen Unterscheidungen. Zu ihnen ge- sätzliche Schritte bilden das Kerngerüst des Buches:
hört die Unterscheidung von Eigentlichkeit und Un- 1) Die Grundfrage nach dem Sinn von Sein – sie
eigentlichkeit. Während die Schicht der Lebensphi- wurde laut Heidegger seit 2500 Jahren nicht oder
losophie und der Hermeneutik im Wesentlichen in falsch gestellt – ein ungeheurer Ausspruch (§§ 1–8).
die existenziale Analytik des alltäglichen, uneigentli- 2) Die Klärung der Frage nach dem Sinn von Sein
chen menschlichen Daseins und In-der-Welt-seins kann nur erfolgen im Rückgang auf das einzige Sei-
führt, führt Schicht 5 der existenziell-religiösen und ende, das überhaupt Sein »verstehen« kann  – im
theologischen Traditionen in die Analyse der eigent- Rückgang auf den Menschen, das Dasein in Heideg-
lichen Phänomene der Existenz: Gewissen, Schuld, gers Terminologie (§§ 9–11).
Angst und Tod. Grundbegriffe und Kernanalysen 3) Das Wesen des Daseins ist das In-der-Welt-sein.
insbesondere von Paulus, Johannes, Augustinus, Lu- Deswegen erfolgt eine umfassende Weltanalyse – sie
ther und Kierkegaard bilden hier den Subtext von bildet den ersten großen Schwerpunkt des in Sein
Sein und Zeit. und Zeit wirklich durchgeführten Programms
(§§ 12–38). In diesen Kontext gehört auch die Unter-
2.6. Überblick zum Aufbau von Sein und Zeit: Analy- scheidung von »Zuhandenheit« und »Vorhanden-
seschritte und Fundamentaldifferenzen. In die Analy- heit«, mit der Heidegger Elemente des amerikani-
tik der menschlichen Existenz münden alle Schich- schen Pragmatismus aufgreift – wie vor ihm schon
ten, die Heidegger beerbt, und in diese Analytik Lask.
transformiert er Ontologie, Phänomenologie, Tran- 4) Das Wesen des In-der-Welt-seins ist die Sorge.
szendentalphilosophie, Lebensphilosophie, Herme- In diesem Rahmen entwickelt Heidegger eine ele-
neutik, aristotelische Praxisanalysen, religiöse und mentare Konzeption menschlichen Handelns. In
theologische Traditionen. Die Methode dieser Trans- diese Konzeption gehen Anleihen bei Analysen des
formation ist die phänomenologische. Sie erhält in Aristoteles ein (Volpi 1984), so dass dieser Schritt zu
54 I. Werk

einer aristotelisierenden Hermeneutik menschlicher 4) Schließlich kann als den Gesamtaufbau verti-
Praxis führt (§§ 39–44). kal strukturierende Fundamentalunterscheidung
5) Das Wesen der Sorge ist die Zeitlichkeit, wie sie diejenige von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit be-
sich insbesondere in der Sterblichkeit und Endlich- zeichnet werden. Vereinfacht gesagt, handelt es sich
keit – im Sein-zum-Tode – manifestiert (§§ 45–71). bei den uneigentlichen Strukturen der menschlichen
6) Von dieser ekstatischen Zeit her wird auch die Existenz um »durchschnittlichalltägliche« Hand-
Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins allererst lungsweisen und Selbstverständnisse, während die
verstehbar (§§ 72–77). eigentlichen Strukturen in Grenz- und Extremsitua-
7) Diese Zeit ist die ursprüngliche Zeit, von der her tionen zutage treten. Die alltäglichen Üblichkeiten
alle andere Zeit – die Geschichtszeit, die Uhrzeit, die und Gewohnheiten der Daseinsbewältigung, das Ei-
physikalische Zeit  – überhaupt erst möglich wird nerlei, der Trott und oberflächliches »Gerede« sind
(§§ 78–83). eher »uneigentlich«. Situationen ausgezeichneter
Zu den künstlich separierten fünf Quellenschich- Entscheidungen und Erlebnisse, der Schuld, der
ten von Sein und Zeit und den sieben grundlegenden Verantwortung, der Unvertretbarkeit lassen sich an-
Analyseschritten, die das Kerngerüst der Argumen- gemessen nur »eigentlich« verstehen. Für die Ausar-
tation bilden, kommen zur ersten Orientierung beitung der eigentlichen Strukturen menschlichen
noch folgende vier Fundamentaldifferenzen, die den Daseins ist die analytische Aufklärung von dessen
ganzen Ansatz methodisch sowohl fundieren als spezifischer zeitlicher Form wesentlich.
auch strukturieren: Mit diesem hinführenden Überblick über die fünf
1) Die für die Seinsfrage und das Programm der wesentlichen subtextuellen Schichten von Sein und
Destruktion der überlieferten Ontologie wie auch Zeit, das Kerngerüst des Aufbaus mit sieben zentra-
für die innovative Fundamentalontologie zentrale len Argumentationsschritten sowie die vier das ge-
ontisch-ontologische Differenz, die Differenz von samte Werk strukturierenden Fundamentalunter-
»Seiendem« und »Sein«, wobei »Sein« zunächst als scheidungen ist ein erster Schritt zum Verständnis
das »Daß« des Seins des Seienden, dann aber umfas- vorgezeichnet. Um die Einzelanalysen von Sein und
send als »Sinn von Sein« verstanden werden kann. Zeit zu verstehen, muss nun deutlich werden, worin
Heideggers kritische These besagt, dass diese Diffe- die »ontologische Differenz« von »Sein« und »Seien-
renz in der Tradition stets eingeebnet wurde, dass dem« besteht, worin der Unterschied der »Existen-
»das Sein« bzw. das Dass des Seins des Seienden und zialien« von den »Kategorien« liegt, welchen innova-
sein Sinn stets auf die Ebene des bloß Seienden ni- tiven Weltbegriff Heidegger ausarbeitet, worin die
velliert wurde. Bedeutung der Unterscheidung von »Vorhanden-
2) Die für die Existenziale Analytik fundamentale heit« und »Zuhandenheit« besteht. Ferner ist zu klä-
Differenz von Kategorien und Existenzialien. Diese ren, welcher Weg vom »Sein« zur »Zeit« führt,
Differenz behauptet eine grundsätzliche Verschie- warum die Zeit nach Heidegger »ekstatisch« verfasst
denheit derjenigen Begriffe, mit denen wir über ist und wie man von der Uneigentlichkeit zur Ei-
nicht-daseinsmäßiges Seiendes, über nicht-mensch- gentlichkeit gelangt.
liche Phänomene sprechen, von solchen Begriffen,
mit denen wir auf reflektierte Weise über uns selbst 3. Systematische Rekonstruktion
sprechen. Erstere nennt Heidegger Kategorien, letz-
tere Existenzialien. 3.1. Die erste systematische Weichenstellung von Sein
3) Eine weitere, methodologisch relevante Funda- und Zeit: Anticartesianische Weltanalyse als Herme-
mentalunterscheidung ist die der existenziellen von neutik der Alltäglichkeit und der pragmatischen Welt-
der existenzialen Rede-Ebene. Die existenziell(-onti- konstitution. Der entscheidende Schritt von Heideg-
sche) Ebene ist die reale, konkrete Ebene der Le- gers Analyse der menschlichen Existenz besteht
benspraxis und Lebenserfahrung, die existenzial(-on- darin, sie dort aufzusuchen, wo sie »zunächst und
tologische) Ebene die Ebene der theoretischen Rede zumeist« ist: in der »durchschnittlichen Alltäglich-
über die existenzielle Ebene. Das Verhältnis dieser keit«. Nicht ein abstraktes Bewusstsein, welches sich
Unterscheidung zur unter (1) genannten ontologi- »Ideen« oder »Vorstellungen« von der Welt macht
schen Differenz ist noch zu präzisieren. Die ontisch- oder »Eindrücke« von einer »Außenwelt« empfängt,
ontologische Differenz im Bereich der Existenzial- kann und darf methodischer Ausgangspunkt philo-
analytik ist spezieller zu verstehen als die fundamen- sophischer Klärungsarbeit sein. Anders gesagt: Die
talontologische Differenz von Sein und Seiendem. Frage nach dem »Sinn von Sein« beantwortet sich
9. »Sein und Zeit« 55

nicht »zunächst und zumeist« im philosophischen der Bewusstseinsphilosophie als eine methodische
Seminar, sondern das »Sein« begegnet uns in unse- Unmöglichkeit, wenn wir in der »durchschnittlichen
ren alltäglichen Lebenssituationen, im konkreten Alltäglichkeit« ansetzen. Es wird dann sichtbar, dass
Alltag. Die »Welt« – das sind zunächst jeweils prak- Zweifel und Fragen erst ansetzen können, wenn die
tische Handlungszusammenhänge. Hiermit ist der Gewissheiten meines In-der-Welt-seins bereits gel-
wesentliche und wegweisende Ansatz der Analyse ten. Ich unterstelle jeweils bereits durch mein prakti-
schon erreicht. Was uns in unserem tätigen Umgang sches Tun die Realität der Welt, ebenso, dass die An-
mit »Welt« begegnet  – z. B. meine Brille, mein deren im Wesentlichen so sind wie ich. Heideggers
Schreibgerät, mein Essbesteck, mein Auto –, sind erste grundlegende These ist: In primären prakti-
keine bloßen »Gegenstände« einer theoretischen schen Lebenssituationen bewegen wir uns wie
»Erfahrung«. Ein solches Bild prägte die traditionelle selbstverständlich »in der Welt«. Und ebenso selbst-
Bewusstseinsphilosophie und Erkenntnistheorie, die verständlich leben und existieren wir mit den Ande-
man als das ›cartesianische Paradigma‹ bezeichnen ren, mit den Mitmenschen gemeinsam in diesen Si-
kann. In diesen Ansätzen wird die grundsätzliche tuationen.
Einsicht in die vorgängige pragmatisch-praktische Diese unhintergehbaren und somit fundamenta-
Weltkonstitution systematisch »übersprungen«. Es len Grundzüge des menschlichen Lebensvollzugs
ist Heideggers besonders tief ansetzende philosophi- bezeichnet Heidegger mit seinen berühmten und
sche Neukonzeption, mit seinem innovativen Ansatz berüchtigten Bindestrich-Wortungetümen wie z. B.
sowohl eine neue Rekonstruktion des menschlichen »In-der-Welt-sein« und »Mitsein(-mit-Anderen)«
Welt- und Selbstverhältnisses zu bieten als auch, da- und nennt sie »Existenzialien«. Wie lässt sich der
mit eine kritische Destruktion etablierter Grundauf- Sinn dieser terminologischen Begriffsbildungen sys-
fassungen zu verbinden. tematisch fassen? Sie bezeichnen keine Eigenschaf-
Heidegger geht es darum, auch zu erklären, wie es ten einzelner »Subjekte«, sondern die Form und
zu den tiefgreifenden Denkfehlern kommen konnte. Möglichkeitsbedingung komplexer Lebensvollzüge.
Warum wurde die Alltäglichkeit übersprungen? Dass wir in der Welt sind, das ist nach Heidegger
Weil die Denker einer ursprünglich im Menschen keine objektiv feststellbare Eigenschaft oder dingli-
angelegten »Verdeckungstendenz« erlagen: sie ha- che Qualität. Es ist nichts, was wir kategorial begrei-
ben die »Ferne des Nahen« unterschätzt. Heideggers fen können. Mein  – jedes Daseins  – »In-der-Welt-
phänomenologisch-tiefenhermeneutisches Prinzip sein« ist keine Eigenschaft meiner Person, sondern
lautet hier: Das in der normalen Alltagserfahrung eine Form meines Lebens (s. Kap. II.3). Anders ge-
(»ontisch«) Nächste und Bekannteste ist das philo- sagt: Alles, was ich überhaupt bin, habe, tun oder er-
sophisch-analytisch (»ontologisch«) Fernste, Uner- fahren kann, das kann ich nur »in-der-Welt« sein,
kannte und in seiner tatsächlichen philosophischen haben oder tun. Vor allem ist mein »In-der-Welt-
(»ontologischen«) Bedeutung »ständig Übersehene« sein« keine Tatsache »in« meinem Leben bzw. »in«
(§ 9). meiner Welt. Dass ich – wie jeder Mensch – in der
An dieser Stelle bezieht sich Heidegger bereits auf Welt lebe, diese »ontologische«, »formale« bzw.
die »Undurchsichtigkeit des Daseins«. Die Philoso- »existenziale Tatsache« sehe ich an nichts in der
phie hat das Nahe und Verborgene, durch seine Welt. Diese ontologische Dass-Ebene (so will ich sie
Nähe Verdeckte ans Licht zu bringen und freizule- nennen) ist also insbesondere durch die philosophi-
gen. Die klassische Analyse hatte Probleme folgen- sche Erläuterungssprache und ihre spezifische Ter-
der Art aufgeworfen: Wie erkennt das isolierte »Ich« minologie zugänglich. In Sein und Zeit bietet Hei-
bzw. das »Bewußtsein« die »Außenwelt«? Wie ist degger keine explizite methodologische Reflexion
wahre Erkenntnis der Wirklichkeit möglich? Ich des Status seiner Meta- bzw. Erläuterungssprache.
existiere. Ich weiß dies, weil ich zumindest eines si- Wir können sie aber nach- bzw. eintragen, indem
cher weiß: Ich denke. Cogito, ergo sum, so Descartes. wir seine schon früher entwickelte Theorie der »for-
Aber woher weiß ich, dass es die Welt außerhalb von malen Anzeige« heranziehen. Ihr zufolge dient die
mir gibt? Existiert die Außenwelt? Ferner: Ich bin spezifisch philosophische Terminologie als formale,
mir selbst bewusst, das ist mir gewiss. Aber: Die An- strukturell aufweisende und hinweisende Rede. Sie
deren, die Mitmenschen – sind sie so ähnlich wie ich erschließt in dieser Funktion perspektivisch-erläu-
selbst? Woher weiß ich, dass sie Ähnliches oder Glei- ternd und reflexiv-vergegenwärtigend Aspekte und
ches wahrnehmen und empfinden wie ich? Für Hei- Strukturen der Phänomene, in Sein und Zeit der Le-
degger enthüllt sich die gesamte klassische Analyse bensphänomene.
56 I. Werk

Die Substantivierungen mit den Bindestrichen Selbstverständlichen, aber Vergessenen artikuliert


haben also keinen prädikativen Charakter, sondern sich in einem solchen »apriorische[n] Perfekt« (SZ
sie weisen auf in der Alltäglichkeit verborgene struk- 85).
turelle Zusammenhänge und phänomenale Ganz- Im Blick auf die konkreten Lebenssituationen
heiten hin, deren Ganzheit, deren »unzerreißbare« lassen sich nun weitere Kernanalysen und Unter-
Komplexität terminologisch deutlich werden soll. scheidungen von Sein und Zeit erläutern. »Zunächst
In der Alltäglichkeit fällt das Dass des In-der- und zumeist« und »immer schon« sind wir in akti-
Welt-seins zunächst nicht auf. Es ist verdeckt, ver- vem Weltumgang begriffen. Zum Beispiel schreibe
borgen. In den existenziellen Lebensvollzügen ver- ich zur Zeit diesen Text; der Leser liest ihn – zu »sei-
birgt und zeigt sich zugleich, was die existenziale ner« Zeit jetzt  – und folgt meinen Erläuterungen.
Analyse begrifflich artikuliert. Auf eine Analogie Komplexe Verstehenssituationen in der alltäglichen
der Existenzialanalyse zur Psychoanalyse Sigmund Welt bilden eine Bewandtnisganzheit (§ 18). Diese
Freuds wurde man früh aufmerksam (vgl. Bartels primär »erschlossene« situative Ganzheit bildet ei-
1976). Beiden ist es gemeinsam, eine Tiefenherme- nen Verweisungszusammenhang (§ 17; s. Kap. I.12).
neutik des Alltagslebens und des in diesem Alltags- Gegenstände kommen in diesem situativen Kontext
leben Verdrängten und Vergessenen zu praktizie- nicht als Gegenstände theoretischer Erkenntnis vor;
ren. sie werden primär nicht als räumlich ausgedehnte,
Für Heideggers Existenzialanalyse ist ferner wich- physikalische Seiende im Sinne einer res extensa
tig – auch das verbindet sie mit Freuds primärer, the- (Descartes) zugänglich (§ 19). Beim Schreiben und
rapeutischer Interpretationssituation –, dass die beim Lesen dienen Oberflächen zum mehr oder
»existenziale Analytik ihrerseits […] letztlich exis- weniger dauerhaften Fixieren der Buchstabenfolge
tenziell, d. h. ontisch verwurzelt« (SZ 13) ist und auf ihnen; ein Schreibgerät dient zum Schreiben.
bleibt. Das heißt: Die existenzielle Basis bleibt Solche zu bestimmten Zwecken dienliche Gegen-
grundlegend auch für den expliziten philosophi- stände nennt Heidegger »Zeug«. So reden wir ja
schen Aufweis. An dieser Stelle wird methodolo- auch in der Tat von einem Schreibzeug, von einem
gisch bereits die Weiche für das Bewusstsein herme- Fahrzeug, von Werkzeug. In seinem jeweiligen Ge-
neutischer Selbstreflexivität gestellt. In eins damit brauchskontext ist das Zeug in seiner Dienlichkeit
wird das Bewusstsein für eine prinzipielle Vorläufig- nicht bloß »da«, sondern jeweils »zur Hand«, zum
keit der in Sein und Zeit exponierten Seins- und Gebrauch verwendbar. Die Seinsart solchen uns
Selbstauslegung geschärft. Sie verliert Heidegger überall umgebenden Zeugs nennt Heidegger des-
durch eine gewisse Verselbständigung seiner theore- halb Zuhandenheit (s. Kap. II.1.3). Ein bewohnter
tischen Konstruktionen im Zuge der Ausarbeitung Raum, eine Arztpraxis, eine Werkstatt, aber auch
von Sein und Zeit aus den Augen, was ein Stückweit eine Stadt oder eine gestaltete Landschaft mit Agrar-
den Abbruch des Werkes erklären mag. industrie und Feldern, Wegen und Straßen – sie bil-
Zusammengesetzte Termini wie »In-der-Welt- den einen funktionalen Dienlichkeitszusammen-
sein« werden in der Sprachphilosophie (bereits in hang, eine Bewandtnisganzheit. In dieser intern
der spätmittelalterlichen Logik Wilhelms von Ock- strukturierten Ganzheit verweisen die einzelnen in
ham) als aus synkategorematischen Termini (»synca- ihr sinnhaft begegnenden Teile aufeinander, bil-
tegoremata«) bestehend bezeichnet. Das heißt, die den  einen Verweisungszusammenhang. Jeder Ge-
einzelnen Bestandteile, hier: »In-sein« und »Welt«, brauchsgegenstand hat ein spezifisches, ihn charak-
können nicht selbständig und isoliert voneinander terisierendes Um-zu. Der Kugelschreiber, die Mine,
verstanden und verwendet werden. Sie bilden eine das Schreibpapier, die Perforation des Schreib-
unzerreißbare Struktur. Die Bindestrich-Bildungen blocks, Notizzettel  – sie verweisen in ihrer Dien-
haben also eine systematische Funktion im Rahmen lichkeit aufeinander.
der philosophischen Metasprache; sie weisen auf Diese Struktur des »Um-zu« konstituiert die ge-
Ganzheit hin, indizieren einen Holismus der Ana- samte existenzielle, praktische Räumlichkeit und
lyse. Zeitlichkeit. Blicken wir uns nun in der vom Men-
»In-der-Welt-sein« heißt: Jeweils »immer schon« schen bewohnten Welt um, so wird der Gebrauchs-
in bestimmten bedeutungsvollen, praktischen Le- sinn der Räume und der Zeiten offenkundig: Dort ist
benssituationen zu sein. Auch die Rede vom »immer der Parkplatz, da geht es zur Einkaufsstraße, dort
schon« hat eine methodische Funktion. Phänome- hinten ist die Bushaltestelle. Auf folgende zentralen
nologische Hermeneutik als Erinnerungsarbeit am Thesen lassen sich die bisherigen Analysen bringen.
9. »Sein und Zeit« 57

1) Das menschliche Dasein und seine praktischen dende Entwicklungen der Philosophie des 20. Jahr-
Lebensvollzüge bilden die Basis zum Verständnis hunderts vorweg bzw. bereiten diese vor. Der
der Welt und alles übrigen Seienden. amerikanische Pragmatismus von James und Dewey
2) Das Dasein ist zunächst immer schon in seiner (s. Kap. III.29) wirkte bereits auf den späten Neukan-
Welt aufgegangen, in der es sich tätig orientiert, um tianismus eines Emil Lask. Er verstärkte so pragma-
jeweils etwas zu erreichen, etwas zu vermeiden, et- tische Elemente, die in Kants Transzendentalphilo-
was zu besorgen. sophie der Freiheit ohnehin angelegt waren. Die spä-
3) Das zunächst begegnende, uns jeweils beson- tere philosophische Entwicklung Wittgensteins mit
ders »nahe« Seiende hat für das Dasein die Seinsart seinem sprachphilosophischen Grundsatz von der
der Zuhandenheit. Es ist zu etwas gut und wird dazu Bedeutung als Gebrauch (s. Kap. II.4), die Transzen-
benutzt, um dies und das zu tun. dentalpragmatik von K.-O. Apel (1973) und die Uni-
Die primäre Art und Weise, »in-der-Welt« zu versalpragmatik von J. Habermas (s. Kap. III.8.4),
sein, nennt Heidegger daher die »Sorge« – das tätige operationalistische und konstruktive Ansätze in der
Umgehen mit etwas. So gehen wir zum Beispiel ins Methodologie und Wissenschaftstheorie sowie der
Bad, um uns die Zähne zu putzen. Im alltäglichen Pragmatismus der »Welterzeugung« (Goodmann
Gebrauchskontext bemerken wir die Zahnbürste 1978/1984) haben eine deutliche Verwandtschaft
nicht besonders, sondern nehmen dieses »Zeug« mit Heideggers früherem Pragmatismus. Auch der
einfach »zur Hand«, »um« uns die Zähne zu putzen. Ansatz in der Alltagspraxis wirkte sich noch auf
Wenn nun plötzlich keine Zahnbürste »da« ist, dann Husserl selbst und seine Konzeption der Lebenswelt
bemerken wir erst eigens, dass sie überhaupt »da«, als dem »Sinnesfundament« aller Wissenschaften
im Sinne von »vorhanden«, war. Erst die »Störung und aller Theorien aus (s. Kap. I.4.4; vgl. Husserl, Die
der Verweisung« (§ 16) macht die Verweisung aus- Krisis der europäischen Wissenschaften und die tran-
drücklich. szendentale Phänomenologie §§ 28 ff.; Husserliana [=
Dieser Ansatz bei der Sinnkonstitution durch Stö- Hua] VI, 105 ff.). Parallel zur Ausarbeitung der Her-
rungen ist charakteristisch für Heideggers Vorgehen meneutik der Alltagswelt war Ende des 19. Jahrhun-
in Sein und Zeit (s. Kap. II.3.2). Im gerade erläuter- derts die Soziologie aus der Philosophie entstanden.
ten Kontext dient er zur Einführung der Unterschei- Georg Simmel, dessen lebensphilosophische Refle-
dung von Zuhandenheit und Vorhandenheit. Durch xionen Heidegger aufnahm, war mit seinen Haupt-
Störungen werden ansonsten in natürlichen, alltägli- werken wesentlich an deren Entstehung beteiligt.
chen Funktionsabläufen verborgene Sinnstrukturen Im Kontext der Alltagsanalysen zeigt Heidegger,
zugänglich und explizit gemacht. Die Ontologie der dass es keinen Sinn hat, ein von seiner Welt isoliertes
Vorhandenheit – Ursprung eines theoretischen, wis- »Bewußtsein«, ein »Ich« oder »Subjekt« in Ansatz zu
senschaftlich-objektivierenden Weltverhältnisses  – bringen, und dass ferner nicht ein theoretisches
lässt sich so als »abkünftig« von pragmatischen Kon- Weltverhältnis zu bloß »vorhandenen« Gegenstän-
texten der Zuhandenheit und des Umgangs mit den für das menschliche Dasein grundlegend ist.
Zeug erweisen. Sinnkonstitution durch Störungen Vielmehr gilt: Dasein ist immer schon in einer Welt,
erfolgt aber in den weiteren Analysen von Sein und und der tätige Umgang geht stets theoretischen, be-
Zeit noch in vielen Varianten: als Freilegung der trachtenden Weltverhältnissen voraus. Die »Welt«,
»Ganzheit« des Daseins und der »Sorge«-Struktur »meine« Welt, gliedert sich so zunächst räumlich
durch die Angst-Analyse, als Freilegung der Struktu- und zeitlich in sinnvolle Verweisungszusammen-
ren eines »eigentlichen« Selbstverständnisses durch hänge. Ich sitze am Schreibtisch, um zu schreiben.
die Todes-Analyse. Das Eigentliche und Tatsächliche Dort sind Arbeitsmaterialien, da sind Notizzettel, da
des In-der-Welt-seins erschließt sich ex negativo; mit ist die Tür. Das Arbeitszimmer bildet eine in sich ge-
Hegel könnte man sagen: durch das Andere seiner gliederte Bewandtnisganzheit.
selbst. Je unauffälliger alles »reibungslos« funktio- Der Ansatz der Analyse in der Alltäglichkeit
niert, desto fragloser gehe ich »in der Welt« auf, bin bringt ferner das Ergebnis: »Das Mitsein ist ein exis-
gleichsam von ihr »benommen«. Was zunächst das tenziales Konstituens des In-der-Welt-seins« (SZ
Seinsverständnis ausmacht, ist eine ursprüngliche, 125). Gerade bereits das »Zeug« im alltäglichen Um-
tätige Weltvertrautheit. gang weist schon hin auf andere, die es hergestellt
Mit dieser Weichenstellung in Richtung Pragma- haben bzw. die es ebenfalls gebrauchen können. Die
tik der Weltkonstitution nehmen Heideggers Analy- Öffentlichkeit der Situation nennt Heidegger »die
sen zur Hermeneutik der Alltäglichkeit entschei- Ausgelegtheit durch das Man« (vgl. SZ §§ 26–27, 35–
58 I. Werk

37). Das großgeschriebene »Man« bezeichnet das meneutik der sprachlichen Erschlossenheit und der
»Wer« der Alltäglichkeit. Diese Analysen arbeiten Rede hinzunimmt (§ 68), so ist die methodische
die primär soziale, intersubjektive und kommunika- Ausrichtung auf die soziale, intersubjektive und
tive Konstitution der Alltagswelt heraus, auch hierin kommunikative menschliche Lebenspraxis eine phi-
wegweisend. Denn diese soziale Konstitution der losophische Leistung, hinter die keine Analyse mehr
Welt wird im cartesianisch-bewusstseinsphilosophi- zurückfallen sollte. Man kann dieser Leistung die
schen Paradigma ebenso verdrängt und übersprun- späteren Sprachanalysen Wittgensteins (s. Kap. III.5)
gen wie die pragmatisch-praktische Ebene der Welt- zur Seite stellen, in denen der primär soziale, kom-
konstitution. Allerdings gilt dies weder für die antike munikative und pragmatische Charakter aller
Philosophie noch für die praktische und politische menschlichen Welt-Orientierung ebenfalls im Zen-
Philosophie der Tradition. Insbesondere die Praxis- trum steht – insbesondere durch das sogenannte Pri-
Analysen des Aristoteles akzentuieren soziale und vatsprachenargument. Man kann Heidegger auch
pragmatische Aspekte der Weltkonstitution. An sie zugestehen, dass Öffentlichkeit durchaus auch die
knüpft auch Heidegger an. Insofern erweist sich das Tendenz zur »Einebnung«, zur »Unselbständigkeit«
Neue als Wiederkehr sehr alter Einsichten. Aber das und damit zu »uneigentlichen« Modi des Verstehens
erkennt man erst, wenn man die alten Sichtweisen und Handelns in sich birgt. Dieser Aufweis braucht
mit systematischen Entwürfen der eigenen Zeit neu jedoch keineswegs mit antidemokratischen Affekten
zu erschließen lernt. und Assoziationen verbunden zu werden. So steht es
Die soziale, öffentliche Konstitution der Alltags- mit manchen zeitbedingten Akzentsetzungen Hei-
welt herauszuarbeiten und deutlich gegenüber mo- deggers: In wohlwollender Relektüre lassen sie sich
nologisch-subjektzentrierten Ansätzen eines primär sinnvoll verstehen. So könnte man die Analysen zur
einsamen Orientierungsbewusstseins (Descartes: res Genese der uneigentlichen Öffentlichkeit auch als
cogitans) zu akzentuieren, das geht bei Heidegger Strukturanalysen zu den Möglichkeitsbedingungen
einher mit einer deutlich abschätzigen Charakteri- des Totalitarismus lesen.
sierung dieser Öffentlichkeit. Das »Man« nivelliert Die Feinstruktur der Hermeneutik der Alltäglich-
alles Große und Bedeutende, macht es für seine ba- keit zeigt sich in einer Mehrgliedrigkeit der an ihr
nale Durchschnittlichkeit zurecht. »Jeder Vorrang freigelegten und formal aufgewiesenen Phänomene.
wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngli- Heidegger spricht hier von Gleichursprünglichkeit,
che ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Husserl hatte bereits in seinen frühen Göttinger Vor-
Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert lesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbe-
seine Kraft. Die Sorge der Durchschnittlichkeit ent- wußtseins (1905) die minimale interne Komplexität
hüllt […] eine wesenhafte Tendenz des Daseins, die der menschlichen Zeiterfahrung subtil herausgear-
wir die Einebnung aller Seinsmöglichkeiten nen- beitet. Um zum Beispiel einen Satz zu verstehen oder
nen« (SZ 127). An dieser Stelle wird deutlich, dass eine Melodie zu hören, können wir das Verstehen
Heideggers formal-strukturelle Existenzanalysen oder Hören nicht auf das jeweilige punktuelle Wahr-
normative Implikationen mit sich führen, die kei- nehmen je eines Wortes bzw. je eines Tones bloß
neswegs selbstverständlich sind. In den Analysen »nacheinander« reduzieren. Vielmehr muss jeweils
des »Man« reproduziert er eine gängige Kritik der noch etwas von dem vorherigen Teil des Satzes bzw.
modernen Massengesellschaft, wie sie sowohl die der Melodie gegenwärtig »im Ohr« sein bzw. nach-
konservative wie auch die linke Kulturkritik ausge- klingen (Retention), während wir bereits etwas von
bildet hat: »Die Öffentlichkeit verdunkelt alles« dem noch kommenden schon verstehend vorweg-
(ebd.). Während die vorangegangenen Analysen nehmen (Protention), indem wir jetzt das gegenwär-
zum tätigen In-der-Welt-sein des Menschen keine tig gesprochene Wort bzw. den jeweiligen Ton hören.
Wertungen implizieren, erfährt die Öffentlichkeit (So auch beim Lesen.) Die verklingende Gegenwart
eine deutlich negative Charakterisierung. zieht noch eine Spur in der Wahrnehmung hinter
Auch hier muss man Heidegger zugutehalten, sich her, während sich um die augenblickliche Wahr-
dass der Ansatz beim primären öffentlichen Mitein- nehmung schon ein in die Zukunft reichender »Ho-
andersein der Menschen als Existenzial, als unhin- rizont« bzw. »Hof« bildet (vgl. Hua X, 29 ff. u. pas-
tergehbare Grundstruktur des In-der-Weltseins, zu- sim).
nächst einen großen Fortschritt gegenüber monolo- Heideggers Analysen zur Gleichursprünglichkeit
gischen Konstitutionsanalysen darstellt. Wenn man in der existenzialen Konstitution des In-der-Welt-
noch seine später in Sein und Zeit entwickelte Her- seins weiten solche, zunächst auf einzelne Wahrneh-
9. »Sein und Zeit« 59

mungssituationen bezogenen phänomenologischen Strukturmomente »Existenz(ialität)«, »Faktizität«


Untersuchungen auf das Ganze der menschlichen und »Verfallen« auf.
Existenz aus. Hierin besteht eine der wesentlichen Eine weitere wegweisende Analyse betrifft die
Strategien von Sein und Zeit. Deshalb kann man den Thematik der Wahrheit (s. Kap. II.6). Auch hier
Gesamtaufbau auch als eine Art ›formalen Roman‹ sprengt Heidegger übliche Ansätze. Während näm-
charakterisieren. Denn wenn die Grundstrukturen lich weite Teile der Tradition »Wahrheit« als »Über-
unseres Lebens in ihren wesentlichen Zügen freige- einstimmung der subjektiven Erkenntnis mit der ob-
legt sind, dann besitzen wir im Ansatz eine Ge- jektiven Wirklichkeit« (Adäquation der Sache und
schichte, die jeder kennt und in der jeder vorkommt, des Intellekts) und damit als »Richtigkeit« bestimmt
die von allen Menschen bzw. von jedem Menschen hatten (§ 44a), entwickelt er einen existenzialen, auf
handelt. das menschliche In-der-Welt-sein bezogenen Wahr-
Formal und strukturell wird die Ganzheit des Da- heitsbegriff. Heideggers These ist: Erschlossenheit
seins als In-der-Welt-sein zunächst dadurch ange- ist Wahrheit. Diese Erschlossenheit hat drei Struk-
zeigt, dass dessen Anfang, dessen Beginn als »Ge- turmomente: Verstehen, Befindlichkeit und Verfal-
worfenheit« analysiert wird (SZ 135, 175). Der ei- len bzw. Rede.
genwillige Ausdruck kommt auch in gnostischen Wir können uns die systematische Pointe dieses
Liedern vor. Zweifellos gibt es hier weitere unter- situativ-holistischen Wahrheitsbegriffs so verdeutli-
gründige Rezeptionsschichten, die Gegenstand der chen: Einzelne wahre oder falsche Sätze zu verwen-
Forschung waren und sind (Merker 1988; Baum den, das setzt schon eine jeweils ganze Lebens- und
1997; Rentsch 2001). Eine gnostisierende Tendenz Erfahrungssituation voraus. Wenn ich mich in mei-
zu einem fundamentalen Dualismus von ›Verloren- nem Arbeitszimmer zurechtfinde, »weiß«, wo alles
heit‹ in der bzw. an die Welt (»Verfallenheit«; SZ ist, dann ist mir die ganze Situation »vorgängig er-
175) und welttranszendierendem Heil (Gewissens- schlossen«. Diese vorgängige »Erschlossenheit« ver-
ruf, Eigentlichkeit, s. u. Abschnitt 3.2) lässt sich in weist auf den schon freigelegten Entwurf-Charakter
Sein und Zeit unzweifelhaft konstatieren. Für die for- des Daseins: Ich existiere, indem ich mich jeweils
male Existenzialanalyse ist aber auch ohne diesen schon auf bestimmte Möglichkeiten hin »entwerfe«,
Kontext entscheidend: Geworfenheit meint nicht die und das heißt auch: verstehe. Ein primäres Situati-
faktische Geburt, sondern die konstitutive Form je- onsverständnis gründet in vorgängiger Erschlossen-
des Lebens, ungefragt und ohne persönliche Zustim- heit. Aber auch alle Verschlossenheit von Situatio-
mung in die Welt gekommen zu sein. Diese Struktur nen und alles Missverstehen gründen ersichtlich in
der Faktizität bedeutet für jeden Lebenden, ›sein Da ihr. Wenn ich zum Beispiel in einem mir unbekann-
sein zu müssen‹. Und das schließt gleichursprüng- ten Raum erwache und nicht weiß, wie ich dorthin
lich den Entwurf-Charakter des Lebens ein, die Exis- gekommen bin, dann erschließt sich mir eben diese
tenzialität. Um überhaupt leben zu können, müssen Situation in ihrer Unklarheit und Rätselhaftigkeit.
wir unsere Möglichkeiten wahrnehmen, wir müssen Auch das Verstehen (entsprechend dem existen-
arbeiten und kommunizieren. Geworfenheit, Fakti- ziellen Entwurf-Charakter auf Möglichkeiten hin)
zität besagt daher: Da-sein müssen; Entwurf-sein, ist gleichursprünglich mit einer Form der Faktizität,
Existenzialität besagt: Da-sein können. Im Sich-Ent- die Heidegger als Befindlichkeit bzw. als Gestimmt-
werfen nimmt das Dasein gleichzeitig ein Verhältnis heit bezeichnet. Was auch immer ich tue, stets be-
zu sich selbst ein; indem es sein Sein »zu sein hat« finde ich mich auch in einer gewissen Stimmung: bei
(134, 284), verhält es sich selbst zu seinem Sein. Es der Arbeit in ruhiger Konzentration, beim Aufwa-
geht ihm um sein eigenes Sein. chen an unbekanntem Ort in erschreckter Unruhe.
Faktizität und Existenzialität in ihrer Gleich- Die Lebenssituationen haben stets eine konkrete
ursprünglichkeit fasst Heidegger mit der Bestim- Färbung, ob trübe oder hell, grau oder strahlend.
mung zusammen, Dasein sei »geworfener Entwurf« Auch neutrale Sachlichkeit ist eine solche Gestimmt-
(285; vgl. 144). Als drittes Strukturmoment kommt heit. In § 29 arbeitet Heidegger die Konstitution des
das »Verfallen« hinzu (§ 38). Es besagt, dass Dasein Da-seins als Befindlichkeit heraus; diese habe »je
als geworfener Entwurf, sich entwerfend, je schon schon das In-der-Welt-sein als Ganzes erschlossen«
»an die Welt verfallen« ist: an die Alltäglichkeit des und »ein Sichrichten auf … allererst möglich« ge-
»Man«, in der es sich entfremdet in »Gerede«, »Neu- macht (137).
gier« und »Zweideutigkeit« (§§ 35–37). »Dasein« Für die Erschlossenheit ganzer Lebenssituationen
weist somit die dreigliedrig-gleichursprünglichen sind entwerfendes Verstehen und faktische Ge-
60 I. Werk

stimmtheit (Befindlichkeit) gleichursprünglich kon- meist uneigentlich, das Man-selbst. Das In-der-
stitutiv. Neben dem Verfallen wird in § 34 als viertes Welt-sein ist immer schon verfallen. Die durch-
Strukturmoment der situativen Erschlossenheit die schnittliche Alltäglichkeit des Daseins kann demnach
»Rede« herausgestellt: Dasein kann sich verständlich bestimmt werden als das verfallenderschlossene, ge-
machen, und die Rede ist die Artikulation dieser worfen-entwerfende In-der-Weltsein, dem es in sei-
Verständlichkeit. Dabei ist das Hören für die Rede nem Sein bei der ›Welt‹ und im Mitsein mit anderen
konstitutiv. »Rede ist mit Befindlichkeit und Verste- um das eigenste Seinkönnen selbst geht« (181).
hen existenzial gleichursprünglich« (161). Alle drei Mit dieser Zusammenfassung der bisherigen
Strukturmomente sind Grundzüge der Erschlossen- Analysen rückt die Frage nach dem eigenen Selbst-
heit. seinkönnen im Kontext der Alltäglichkeit ins Zen-
Bereits an diesen Analysen bildet sich die spätere trum. Wie ist die »Einheit« und »Ganzheit« (ebd.)
Wahrheitskonzeption Heideggers heraus. Ersichtlich des Selbst zu denken? Die Existenziale Analytik hat
ist sie keine Adäquationstheorie (s. Kap. II.6.2): Es für ein einheitliches Selbstverständnis gleichsam
geht nicht darum, dass »richtige Erkenntnisse« mit keinen ›externen‹ Haltepunkt oder Standpunkt au-
einer ontologisch zuvor unterstellten objektiven ßerhalb der Immanenz des selbstbezüglichen, sich
»Wirklichkeit an sich« übereinstimmen, sie gleich- um sich sorgenden »faktischen« Lebens. Diese Wei-
sam »abbilden« oder »widerspiegeln«. Eher er- chenstellung bleibt seit der frühen »Hermeneutik
scheint Wahrheit als ein umgreifendes »Geschehen« der Faktizität« bestehen. Somit muss die Immanenz
der situativen Erschlossenheit. Wenn Heidegger die- des Daseins ›von innen her‹ als Strukturganzes er-
ses Wahrheitsgeschehen als »Lichtung« (133) be- hellt werden. Denn: Außerhalb des »In-der-Welt-
zeichnet, so weist dies auf die spätere Philosophie seins« gibt es nichts. Diese Faktizitätsorientierung
bzw. das »Denken« der Seinsgeschichte hin (s. Kap. verbindet den Ansatz Heideggers bei allen Unter-
II.6.4). Bereits das Motto der Schrift Vom Sein des schieden mit dem frühen Positivismus und mit dem
Carl Braig, bei dem Heidegger studierte, bringt ei- Logischen Empirismus von Wittgenstein und Car-
nen Text aus der Lichtmetaphysik des mittelalterli- nap (Rentsch 1985/2003). Jedenfalls sind normative,
chen Denkers Bonaventura. wertende, ethische, moralische und religiöse Per-
Die Analysen der Hermeneutik der Alltäglichkeit, spektiven, die für eine rationale Identitätsstiftung
die wir als holistische Existentialpragmatik der sozia- traditionell in Ansatz gebracht wurden, bei beiden
len und kommunikativen Weltkonstitution bestim- Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhun-
men können, gipfeln in Sein und Zeit in der Sorge- derts systematisch zunächst ausgeschlossen.
Analyse (§§ 39–44: »Die Sorge als Sein des Da- Wie legt Heidegger die Einheit und Ganzheit des
seins«). Nachdem das Dasein als Existenz, Faktizität Selbstseinkönnens, die rein immanent und faktisch
und Verfallen (bzw. Rede) analysiert wurde, fragt verstanden wird, frei? § 40 (»Die Grundbefindlich-
Heidegger »nach der ursprünglichen Einheit des keit der Angst als eine ausgezeichnete Erschlossen-
Strukturganzen des Daseins« (§ 39) und fasst die bis- heit des Daseins«) und § 41 (»Das Sein des Daseins
herige Ausarbeitung zusammen: »Das In-der-Welt- als Sorge«) stellen in gewisser Hinsicht die Mitte und
sein ist eine ursprüngliche und ständig ganze Struk- die systematische Gelenkstelle von Sein und Zeit dar.
tur […]: wie ist existenzial-ontologisch die Ganzheit Hier enden  – wie in einer Peripetie  – die Alltags-
des aufgezeigten Strukturganzen zu bestimmen? Das und Praxisanalysen des Ersten Abschnitts, und der
Dasein existiert faktisch. Gefragt wird nach der on- Zweite (und letzte erschienene) Abschnitt »Dasein
tologischen Einheit von Existenzialität und Faktizi- und Zeitlichkeit« beginnt.
tät, bzw. der wesenhaften Zugehörigkeit dieser zu je-
ner. Das Dasein hat auf Grund seiner ihm wesenhaft 3.2. Die zweite systematische Weichenstellung von
zugehörenden Befindlichkeit eine Seinsart, in der es Sein und Zeit: Die Struktur eines eigentlichen Selbst-
vor es selbst gebracht und ihm in seiner Geworfen- verständnisses angesichts des Todes und die Zeit als
heit erschlossen wird. Die Geworfenheit aber ist die der ekstatische Horizont des Seins. In die nun folgen-
Seinsart eines Seienden, das je seine Möglichkeiten den Angst- und Todesanalysen werden verstärkt re-
selbst ist, so zwar, dass es sich in und aus ihnen ver- ligiös-theologische Traditionen eingearbeitet. Ohne
steht (auf sie sich entwirft). Das In-der-Welt-sein, zu diesen Hintergrund lässt sich die Konzeption von
dem ebenso ursprünglich das Sein bei Zuhandenem authentischer, eigentlicher Existenz, wie sie Heideg-
gehört wie das Mitsein mit anderen, ist je umwillen ger entwickelt, nicht verstehen. Sie wurde von Jürgen
seiner selbst. Das Selbst aber ist zunächst und zu- Habermas einmal treffend als »Protestantismus auf
9. »Sein und Zeit« 61

dem Nullpunkt der Säkularisierung« charakterisiert bereits »da« (186). Das Wovor der Angst ist »die Welt
(Habermas 1959/1981, 77). Eine lange Fußnote zu als solche. Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im
§ 40 (SZ 190) nimmt auf Augustinus, Luther und Nichts und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Welt-
Kierkegaard Bezug. Die existenzielle religiöse Er- abwesenheit, sondern besagt, daß das innerweltlich
fahrung wird zu der Folie, auf der sich die Verfalls- Seiende an ihm selbst so völlig belanglos ist, daß auf
phänomene der »durchschnittlichen Alltäglichkeit« dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerwelt-
des »Man-selbst« als solche erst abheben lassen. lichen die Welt in ihrer Weltlichkeit sich einzig noch
»Angst«- und »Sorge«-Analyse sind verklam- aufdrängt« (187). Somit erschließt die Angst in Hei-
mert. Insbesondere der formal-strukturell erfassten deggers Analyse allererst »die Welt als Welt« (ebd.).
Zeitlichkeit der frühchristlichen eschatologischen Denn ihr »Wovor« ist einzig und allein das In-der-
Geschichtserfahrung (Stichwort: ›Naherwartung‹) Welt-sein selbst.
kommt für die Genese der Zeitanalysen eine wich- Ebenso steht es mit dem »Worum« der Angst;
tige Bedeutung zu. auch dieses »ist das In-der-Welt-sein selbst. In der
Zunächst hatte Heidegger in § 30 die »Furcht als Angst versinkt das umweltlich Zuhandene, über-
einen Modus der Befindlichkeit« beschrieben. Er haupt das innerweltlich Seiende. Die ›Welt‹ vermag
unterschied das Wovor der Furcht, das Fürchten nichts mehr zu bieten, ebenso wenig das Mitdasein
selbst und das Worum der Furcht. Das Wovor der anderer. Die Angst benimmt so dem Dasein die
Furcht, das »Furchtbare«, ist jeweils »ein innerwelt- Möglichkeit, verfallend sich aus der ›Welt‹ und der
lich Begegnendes«, das »bedrohlich« und »abträg- öffentlichen Ausgelegtheit zu verstehen. Sie wirft das
lich« ist. Heidegger bezieht sich mit dieser Analyse Dasein auf das zurück, worum es sich ängstet, sein
auf das zweite Buch der Rhetorik des Aristoteles zu- eigentliches In-der-Welt-sein-können. Die Angst
rück (140). Bereits in einer Marburger Vorlesung vereinzelt das Dasein auf sein eigenstes In-der-Welt-
vom Sommer 1924 (GA 18: Aristoteles: Rhetorik) sein, das als verstehendes wesenhaft auf Möglichkei-
hatte er sich dieser Schrift, der »erste[n] syste- ten sich entwirft. Mit dem Worum des Sich-ängstens
matische[n] Hermeneutik der Alltäglichkeit des erschließt daher die Angst das Dasein als Möglich-
Miteinanderseins« (SZ 138), zugewandt. Die Analy- sein und zwar als das, das es einzig von ihm selbst
sen zur Befindlichkeit gehen so zu einem guten Teil her als vereinzeltes in der Vereinzelung sein kann«
auf diejenigen des Aristoteles zu den pathé (etwa: (187 f.).
den Leidenschaften der Seele) zurück. Da die Analy- Auf dem Grund der gegenstandslosen Angst er-
sen zu den Stimmungen in Sein und Zeit allesamt fährt das Dasein die Welt als Welt und seine ureigene
antipsychologistisch ausgerichtet sind – sie handeln Freiheit: »Die Angst offenbart im Dasein das Sein
nicht von einem »inneren Seelenleben« isolierter zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für
»Subjekte«, sondern von Formen der Erschlossen- die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens.
heit von Welt –, betont Heidegger auch voll Genug- Die Angst bringt das Dasein vor sein Freisein für
tuung, dass entsprechende Beschreibungen bei Aris- […] die Eigentlichkeit seines Seins als Möglichkeit,
toteles in der Rhetorik und nicht in der Schrift Über die es immer schon ist. Dieses Sein aber ist es zu-
die Seele zu finden seien (ebd.). gleich, dem das Dasein als In-der-Welt-sein über-
Das Fürchten ist »das sich-angehen-lassende Frei- antwortet ist« (188).
geben« des Bedrohlichen (141). Man überlässt sich Die weichenstellende Funktion der Angst-Ana-
im Fürchten einem Wovor, dem jeweiligen Gegen- lyse beruht somit auf folgendem Zusammenhang: In
stand der Furcht. Das Worum der Furcht ist das Da- der gegenstandslosen Angst ist das Dasein ganz auf
sein selbst: »Nur Seiendes, dem es in seinem Sein um sich zurückgeworfen. Völlig vereinzelt ist es »nur
dieses selbst geht, kann sich fürchten« (141). noch« sein In-der-Welt-sein und kann so auf keine
Anders nun in der Angst, auf die in § 40 eingegan- Weise mehr an irgendetwas innerweltlich Seiendes –
gen wird: »Das Wovor der Angst ist das In-der-Welt- sei es vorhanden, sei es zuhanden, seien es Mitmen-
sein als solches« (186) – und zwar, weil sie kein in- schen im Alltagsleben – »verfallen«. Gerade so aber
nerweltliches Seiendes mehr zum Gegenstand hat, eröffnet sich in Heideggers Sicht die »eigentliche
mit dem es noch irgendeine Bewandtnis hätte: »Das Freiheit« – auf dem Hintergrund der »Unheimlich-
Wovor der Angst ist völlig unbestimmt«. Die Welt keit« der Welt, in der radikalen Befindlichkeit des
mit ihren Bedeutsamkeiten und Verweisungen wird Unzuhauseseins (vgl. 189). Gerade im Zusammen-
völlig belanglos. Das Bedrohende ist »nirgends« und bruch der alltäglichen Vertrautheit mit der Welt und
daher nicht verortbar, und gerade deshalb überall ihren Geschäften  – wiederum durch eine tiefgrei-
62 I. Werk

fende Störung der normalen Abläufe  – zeigt sich, Die Angst weist – wie die anderen Konstitutions-
was Dasein in Wahrheit ist: entweder verloren in ei- momente des Daseins  – eine dreifaltige, gleich-
ner Flucht vor sich selbst (»Verfallenheit«) oder in ursprüngliche Struktur auf. Den Aufweis dieses
einer durch die radikale Angst erschlossenen »Frei- Strukturganzen verbindet Heidegger mit der Freile-
heit« zu eigentlicher Selbstbestimmung freigesetzt. gung der daseins- und weltkonstitutiven Sorge-
Gerade weil an dieser systematischen Gelenkstelle Struktur. Auch deshalb sind diese Analysen die sys-
von Sein und Zeit so viel expressionistisches Pathos tematische Gelenkstelle von Sein und Zeit. Denn sie
in die Beschreibungen eingeht, muss der paradigma- weisen so die Form des ganzen Daseins auf, und
tische Status der Analyse betont werden. Zwar zehrt diese Form der Ganzheit ist bestimmend sowohl für
die ›existenzialistische‹ Rezeption von der düsteren die anstehenden Analysen der Struktur der Zeitlich-
Dramatik der Angst- (und später der Todes-)Analy- keit als auch für die Fundamentalunterscheidung
sen. Der methodische Stellenwert der Analyse ist je- von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit. Die Angst-
doch formal-struktureller Art. Die existenziell-onti- Analyse (§ 41) ist strukturell so aussagefähig für die
sche Erschließungsebene fundamentaler Lebensphä- Sorge, weil sie in ihrer Negativität an die Grenzen
nomene darf nicht mit der existenzial-ontologischen der möglichen Form menschlichen Handelns und
Explikationsebene der Analyse verwechselt werden. menschlicher Orientierungspraxis führt.
Die suggestive Kraft und viele Leser faszinierende, 1) Das Sich-ängsten ist als Befindlichkeit eine
andere wiederum irritierende Eigenart der unge- Weise des In-der-Welt-seins, das Wovor der Angst
wöhnlichen Beschreibungskraft Heideggers, gleich- ist das geworfene In-der-Welt-sein, das Worum der
sam ihre literarische Qualität braucht nicht den Blick Angst ist das In-der-Welt-sein-können: Hier begeg-
für den davon unabhängigen strengen Methoden- nen mithin die Strukturmomente des Daseins: Exis-
sinn der Weltkonstitutionsanalysen zu trüben. tenz, Faktizität und Verfallen in charakteristisch mo-
Es muss aber auch darauf hingewiesen werden, difizierter Form wieder. In der Angst entgleitet nun
dass im Umbruch der 1920er Jahre bei vielen Philo- alles Bedeutsame. So zeigt sich ein »Freisein für«
sophen gegenstandslose Fundamentalbefindlichkei- Möglichkeiten überhaupt (191). Es ist charakteris-
ten eine wichtige Rolle spielten. Sie bilden eine Art tisch für Heideggers Vorgehen, dass er weiter zu-
›Leitfossil‹ der Zeit. So konzipierte Wittgenstein das rückfragt, wie dieses »Freisein für« selbst noch mög-
Glück als gegenstandsloses Totalglück – gleich groß lich wird. Ergebnis der Analyse ist: wenn das Dasein
wie die Welt (Tractatus logico-philosophicus § 6.43). für etwas frei sein kann und sich so zu sich selbst
Ebenso ist der Glaube nicht Glaube an irgendetwas verhält, dann ist es »ihm selbst in seinem Sein je
in der Welt, sondern eine völlige Wandlung der gan- schon vorweg«; das heißt: es ist jeweils »schon über
zen Welt von der Verdammnis zur Erlösung. So ent- sich hinaus«. Diese Struktur nennt Heidegger das
warf Ludwig Klages die gegenstandslose Liebe als Sich-vorweg-sein des Daseins (192).
»Kosmogonischen Eros«, der im Gegensatz zum Se- 2) Indem Dasein sich vorweg ist, muss es schon
xus als zielgerichtetem Trieb kein innerweltliches »da« sein  – die »Faktizität« des In-der-Welt-seins
Ziel mehr hat, sondern gleich groß wie die Welt ist – bleibt bestehen; je über sich hinaus, ist Dasein schon
Vorbild der eremitischen Liebe in Musils Roman in einer Welt: Sich-vorweg-im-schon-sein-in-einer-
Mann ohne Eigenschaften (vgl. Rentsch 2000). Welt (ebd.).
Der Herausarbeitung eines existenzialen Weltbe- 3) Diese beiden Grundzüge der Sorge treten nur
griffs dienen bei Heidegger die existenziellen Er- auf, wenn Dasein gleichermaßen je schon bei inner-
schließungsphänomene Angst und Tod. Er selbst weltlich besorgbarem Seiendem, d. h. verfallen ist
weist darauf hin, dass auch alle anderen fundamen- (ebd.).
talen Befindlichkeiten »je das volle In-der-Welt-sein Die Sorge-Struktur in ihrer Ganzheit ist also das
nach allen seinen konstitutiven Momenten (Welt, »Sich-vorweg-schon-sein-in-(der-Welt-) als Sein-
In-sein, Selbst)« erschließen. Aber »positive« Modi bei (innerweltlich begegnendem Seienden)« (ebd.; s.
wie Glück, Glaube oder Liebe lassen die Grenzen Kap. II.1.4). Bereits in seinen früheren Analysen zu
und damit die endliche Struktur der Existenz nicht den »Bewegtheitscharakteren des faktischen Le-
so scharf sehen wie die »negativen« (zu diesen Seins- bens« zeichnete sich diese Struktur in den formalen
modi s. auch Kap. II.1.5). Die Rezeption von Kier- Anzeigen ab. Befinden wir uns in einer Lebenssitua-
kegaards Der Begriff Angst (1844) verbindet sich an tion, so sind wir je schon über diese hinaus »uns vor-
dieser Stelle mit der Schicht der lebensphilosophi- weg«, indem wir in der jeweiligen Situation bei in-
schen Hermeneutik. nerweltlich Seiendem sind.
9. »Sein und Zeit« 63

Diese dreifache Mikrostruktur minimaler Kom- Lehre vom »transzendentalen Schematismus« for-
plexität weist drei gleichursprüngliche Züge auf. mal-strukturelle, »ganzheitliche« Zeitanalysen vor-
»Gleichursprünglich« besagt also: (1) die Züge sind bereitet, auf die sich Heidegger in den Vorlesungen
unableitbar voneinander; (2) sie sind irreduzibel auf zu Kants Kritik der reinen Vernunft und den Prolego-
einander; sie sind (3) nicht aus etwas anderem ableit- mena zur Geschichte des Zeitbegriffs (GA 25;20) in-
bar, das sie nicht selber sind (phänomenologisch: sie tensiv einlässt. Diese Vorlesungen begleiten die Aus-
sind »selbstgegeben«); sie sind (4) nur wechselseitig arbeitung von Sein und Zeit; sie präfigurieren auch
durch einander verstehbar. das nach Sein und Zeit erscheinende, grundlegende
Die komplexe Sorge-Struktur ist die Form mini- Kant-Buch Heideggers, Kant und das Problem der
maler Ganzheit, die nach Heidegger jede Lebenssitu- Metaphysik (GA 3; s. Kap. I.11; II.2.2). Ebenfalls zur
ation, jede Orientierungssituation des Menschen auf- Vorgeschichte der Zeitanalysen von Sein und Zeit
weist. In dieser Form allen Handelns und Verstehens zählen die Husserlschen Analysen zum Ineinander
tritt unverkennbar bereits die dreifache Struktur der von »Protention« (des Zukünftigen), »Retention«
Zeit zutage, wie sie im Folgenden ins Zentrum der (des Vergangenen) und »Urimpression« der Vorle-
Analysen tritt. Die Einheit (und Ganzheit) von Exis- sungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußt-
tenzialität, Faktizität und Verfallen zeigt sich im seins (Hua X, 29 ff.).
Strukturganzen der Sorge, der Seinssinn der Sorge Was ist der Kern der innovativen Zeitanalyse Hei-
wiederum ist die nun näher zu charakterisierende deggers? Zunächst ist entscheidend, dass er eine fun-
Zeitlichkeit. Sie »fundiert« daher den Sinn der Sorge. damentale Differenz von existenzieller Lebenszeit
(Zum Verhältnis von Konstitution und Fundierung s. und ›kategorialer‹, linearer, gemessener Datenzeit
die hier folgenden Überlegungen u. Abschnitt 5) ausarbeitet. Diese Differenz ist schon in der Funda-
Nehmen wir zur Erläuterung ein einfaches Beispiel. mentalunterscheidung von Kategorien (Grundbe-
Wenn ich an einen mir vertrauten Menschen denke, griffen für nicht-menschliches innerweltlich Seien-
nach dem ich mich sehne und der weit entfernt ist, so des) und Existenzialien (Strukturen des Daseins als
ist das »Sich-vorweg« in der Sehnsucht untrennbar In-der-Welt-sein) impliziert. Heidegger denkt die
verklammert mit der Erinnerung an die einstige Struktur der ursprünglichen Lebenszeit als eine un-
Nähe (»schon-sein«), und nur so wird  – gleich- zerreißbare Ganzheit mit drei Aspekten. Diese drei-
ursprünglich  – das »jetzt und hier« der Situation fache Gegliedertheit bezeichnet er als »ekstatisch«
qualifiziert. Die konkrete Qualität der jeweiligen Le- (vgl. SZ 329). Der Begriff der Ekstase stammt als
benssituation besteht in einer unzerreißbaren Struk- philosophischer Terminus aus dem Bereich des Pla-
turganzheit, die so etwas wie das ›spezifisch Hu- tonismus und spielt insbesondere in der Metaphysik
mane‹  – die Weltlichkeit einer menschlichen Welt- Plotins eine große Rolle. Auch mit diesen Traditio-
und Lebenserfahrung  – ausmacht bzw. zumindest nen hat sich Heidegger intensiv befasst, wobei zu be-
wesentlich zu dieser gehört. Es handelt sich um quali- merken ist, dass Plotins Zeitanalysen und seine Be-
tative, irreduzible Ganzheiten. Eine phänomenologi- trachtungen zum Verhältnis von Zeit und Ewigkeit
sche Richtung, die parallel zur Husserl-Schule ent- innovativ und herausragend sind.
stand, die Gestaltpsychologie Christian von Ehren- Heidegger denkt die irreduzible zeitliche Form
fels ’ , nannte diese Ganzheiten eben Gestalten. Auch der Welttotalität als ekstatisch, näherhin als ein ek-
Analysen Wittgensteins zum Sich-Zeigen von Phä- statisches Geschehen, das er als »Zeitigung der Zeit-
nomenen und Aspekten heben solche irreduziblen lichkeit« bezeichnet (350). An dieser Stelle bündelt
Ganzheiten hervor. Wir begegnen an der Basis der und verdichtet sich die Analyse: Die Freilegung der
Lebensphänomene einem primären Holismus. ekstatischen Zeitlichkeitsstruktur mit dem Primat
Das gilt nun ganz eminent von der Zeit in Hei- der futurischen Ekstase destruiert zum einen die
deggers Analyse. Die Aspekte der »Zeit«, wie sie üb- gegenwartsverfallene Präsenzontologie und Prä-
licherweise naiv vorgestellt werden, nämlich Ver- senzmetaphysik; sie akzentuiert zum anderen den
gangenheit, Gegenwart und Zukunft – sie sind nicht faktischen Vollzugscharakter der existenziellen
abtrennbare Stücke oder Teile eines großen Quasi- Weltkonstitution gegen alle objektivistischen, vor-
Dinges »Zeit«, aus denen man dieses »Ding« dann handenheitsontologischen Verständnisse  – aller-
zusammensetzen könnte. Bereits in Kants Analysen dings bereits um den Preis einer Unbestimmtheit
zur diskursiv-endlichen Anschauungsform »Zeit« des »Subjekts« dieser Konstitution.
als Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung sind Bisher konnten wir die Schritte von Sein und Zeit
in den Strukturen der Einbildungskraft und in der folgendermaßen nachvollziehen: Die Frage nach
64 I. Werk

dem Sein führte auf die Frage nach dem  – einzig keit im Horizont der Zeit. Dabei wiederholt § 68a
seinsverstehenden  – Dasein (1). Dessen Analyse den § 31, § 68b den § 29, § 68c den § 38, § 68d den
führte zur Aufklärung der Wahrheits- und Welt- § 34, § 69 den § 28, § 69a die §§ 15 und 12, § 69b den
struktur der Erschlossenheit (2). Sie wiederum § 44, § 69c den § 18, § 70 die §§ 22–24, § 71 den § 9 –
führte zur Konstitutionsanalyse der Form aller jeweils in zeitanalytischer Perspektive. Der Ab-
menschlichen Orientierungspraxis als Sorge (3). Die schlussparagraph 44 des Ersten Abschnitts über
Weltstruktur, die sich im Besorgen zeigt (4), erweist »Dasein, Erschlossenheit und Wahrheit« konsta-
sich schließlich als ermöglicht durch die ekstatische tiert: »Das Dasein ist gleichursprünglich in der
Zeit (5). Wahrheit und Unwahrheit« (SZ 223). Hiermit vari-
Mit der unten dargestellten Tafel können wir uns iert Heidegger das Grundthema der Nähe und
den Gang der Analyse und den Aufbau von Sein und Ferne, der Verdecktheit, Verborgenheit und des
Zeit noch einmal vergegenwärtigen. »Entbergens«. Die menschliche Lebenssituation ist
Die Gesamtkonstruktion hat ihre Mitte in einer gleichermaßen durch ein Entdecken wie durch ein
existenzial-ontologischen Hermeneutik der alltägli- Verdecken gekennzeichnet. Die öffentlichen Hand-
chen menschlichen Lebenssituation, näherhin der lungsroutinen und Üblichkeiten (»Ausgelegtheit der
zeitlichen Lebensbewegung in ihrer ekstatischen Situation«, »Gerede«, »Man«) verhindern eine scho-
Struktur. Anders formuliert: Wir können uns als nungslose, illusionslose Selbsterkenntnis des Da-
Menschen nicht aus der Gegenwart verstehen, son- seins. Angesichts der »Verstelltheit« und »Ver-
dern je nur aus der endlichen Zukunft. Die Ekstasen schlossenheit« des Daseins durch die alltägliche
der Zeitigung der Zeitlichkeit zeigen an: zukünftig – Oberfläche stellt sich die Frage nach der eigentli-
gewesend – gegenwärtigend vollzieht sich die zeitli- chen, für sich selbst durchsichtigen Ganzheit der
che Lebensbewegung. Diese Analyse bildet die Mitte menschlichen Existenz erneut. Sorge und Angst ha-
von Sein und Zeit und auch die Mitte von Heideggers ben das Dasein noch nicht gänzlich »vor sich« ge-
Denkbewegung, auf die sie zuläuft und von der sie bracht, haben es nicht gänzlich frei von immer neu
sich in der Folge auch wieder abstößt und ihr den- einsetzender Verfallenheit sehen lassen. Der bisher
noch mit der Konzeption der »Seinsgeschichte« ver- weitreichendste Schritt der Existenzialanalyse führte
haftet bleibt (Thomä 1990). zur Freilegung der Sorgestruktur, als diese noch er-
In Sein und Zeit entfaltet der Zweite Abschnitt die möglichend wurde die ekstatische Zeitlichkeits-
Analysen zu Tod, Eigentlichkeit und Geschichtlich- struktur herausgearbeitet.

(1) Dasein als (2) Erschlossenheit, (3) Sorge als (4) horizontale (5) Exstasen
In-der-Welt-sein Lichtung, Offen- existenziale Schemata der Zeitlichkeit,
(SZ §§ 12, 13 heit, Wahrheit Struktur möglichen der Weltlichkeit horizontale
und pass.) (SZ §§ 28, 29, 31, menschlichen der Welt Zeitigung der
34, 40, 44, 68, Handelns (SZ §§ 12–21, 69c) Zeitlichkeit
69c) (SZ §§ 39–41, 65) (SZ §§ 65 bis 69)
a) Existenzialität a) Verstehen a) sich-vorweg- a) umwillen seiner a) zukünftig
(Entwurf, Selbst- sein (auf-sich-zu)
verhältnis, Sein-
können, Möglich-
keit
b) Faktizität b) Befindlichkeit b) im-schon- b) Wovor der b) gewesend
(Geworfenheit, (Gestimmtheit) sein-in-der-Welt Geworfenheit, (zurück-auf)
sein Da sein- Woran der
müssen, Wirklich- Überlassenheit
keit)
c) Verfallen an c) Verfallen (Rede c) als-Sein-bei c) um-zu c) gegenwärtigend
innerweltlich über innerweltlich innerweltlich (begegnen-lassen-
Seiendes besorgbares begegnendem von)
Seiendes) Seienden
9. »Sein und Zeit« 65

Nun gelangt die Analyse in ihre hermeneutische Mit der Todesanalyse gewinnt Heidegger einen
Zielgerade: Die §§ 46–53 behandeln »Das mögliche Standpunkt radikaler Immanenz: Die endliche Tota-
Ganzsein des Daseins und das Sein zum Tode«. Hei- lität des Daseins in der Einheit von Faktizität, Exis-
degger bezieht sich in einer Fußnote am Ende des tenz und Verfallen soll als einzigartige Ganzheit er-
§ 45 explizit auf eine maßgebliche Quelle, auf Kier- fasst werden. Die »Geworfenheit in die Welt« radi-
kegaard. Er setzt sich hier von Kierkegaard ab, indem kalisiert sich zur »Geworfenheit in den Tod« (251),
er dessen Analysen auf die »existenzielle« Ebene al- die Angst-Analyse wird zur Todesangst-Analyse.
lein verweist – die »existenziale Problematik« sei ihm Gewöhnlich flieht das Dasein den Tod; zunächst
»so fremd, daß er in ontologischer Hinsicht ganz un- sterben immer nur die anderen – ich nicht. In Wahr-
ter der Botmäßigkeit Hegels […] steht«. Gleichwohl heit aber stirbt jeder einzelne ständig. Aber dieses le-
habe Kierkegaard »das Existenzproblem ausdrück- benslange Sterben wird im Alltag verdeckt und ge-
lich ergriffen und eindringlich durchdacht« (SZ flohen. Die Diagnose dieser Verdecktheit und Ano-
235). Dass Kierkegaard seine Analysen nicht in der nymisierung des Todes ist auch für die gegenwärtigen
systematischen Architektonik Heideggers entwickelt Gesellschaften des Westens durchaus noch aktuell.
hat, ist selbstverständlich. Gleichwohl ist er für Hei- Heideggers Phänomenologie des Todes hat weitrei-
degger mehr als nur ein Anreger. Während die inten- chende ethische und moralphilosophische Implika-
sive Kierkegaard-Rezeption in Deutschland erst tionen. Die gesamten Eigentlichkeitsanalysen von
durch die Übersetzung von Christoph Schrempf und Sein und Zeit lassen sich, zumal, wenn wir sie von
durch die Vermittlung der Dialektischen Theologie ihrem expressionistischen Pathos befreien, in der
zu Beginn der Zwanziger Jahre einsetzte, nimmt Hei- Perspektive einer Bestimmung der Würde des Men-
degger schon frühere Übersetzungen »dankbar« zur schen lesen. Ein weiterer Aspekt ist bei der so voll-
Kenntnis (vgl. GA 61, 182); Spuren dieser Lektüre zogenen Immanentisierung wichtig: Während häu-
sind über einen langen Zeitraum seines Denkwegs fig  – gerade in der unmittelbaren und auch in der
verstreut (vgl. GA 60, 248, 257, 265, 268; GA 23, 30; existenzialistischen Rezeption  – ein dualistisch-ge-
GA 29/30, 225). Kierkegaard entwirft gegen Hegels gensätzliches, dezisionistisches Verständnis von Ei-
Ontologie eine urchristlich inspirierte Existenztheo- gentlichkeit und Uneigentlichkeit Verbreitung fand,
logie, die den Einzelnen  – als »existierende Wahr- lässt sich durchaus ein gradualistisches Verständnis
heit«  – bereits als ein sich entwerfendes Selbstver- aus dem Text gewinnen. Ein solches abgestuftes Ver-
hältnis erfasst, das »in der Entscheidung steht« (Ent- ständnis verschiedener Formen mehr oder weniger
weder-Oder, 1843), in der Angst zu sich kommen authentischer Handlungs- und Lebensformen ist der
kann (Der Begriff Angst, 1844) und in der Angst vor Lebensrealität angemessener. Bei näherer Betrach-
das Nichts gestellt wird: »Angst und Nichts entspre- tung lässt sich zudem zeigen, dass es »Eigentlich-
chen ständig einander« (Kierkegaard 1844/1952, 99). keit« nie ›an sich‹ gibt, sondern nur in jeweiliger Ab-
In Die Wiederholung (1843) arbeitet er die existen- hebung und inmitten von »Uneigentlichkeit«.
zielle Zeitlichkeit des Christseins so heraus, dass die Der »Tod« ist keine kategoriale, sondern eine
Zeitlichkeitsanalyse der ekstatischen »Zeitigung« bei existenziale Bestimmung, eine Form des ganzen Le-
Heidegger zum Greifen nahe ist. In Die Krankheit bens. Heidegger bezieht sich produktiv auf Tolstois
zum Tode (1849) und in der Rede an einem Grab berühmte Novelle Der Tod des Ivan Iljich (SZ 254),
(1845) thematisiert er die Todesthematik auf exemp- auf Georg Simmels späte lebensphilosophische To-
larische Weise. So verbindet die Kierkegaard-Rezep- desanalyse (249) und auf die spätmittelalterliche
tion Heideggers die Schicht 4 einer Hermeneutik Schrift Der Ackermann aus Böhmen des Johannes
und Kategorienlehre des (alltäglichen) Lebens mit von Tepl: »Sobald ein Mensch zum Leben kommt, ist
der Schicht 5 der existenziell-religiösen Traditionen. er alt genug zu sterben« (SZ 245; vgl. in abweichen-
Zunächst räumt Heidegger »uneigentliche« Vor- der Übers. Tepl 1963, 62). Mit diesen Quellen sind
stellungen vom Tod ab. Diese durch die Öffentlich- die Strukturen eines eigentlichen Todesverständnis-
keit des »Man« begünstigten, nivellierenden Vorstel- ses auf der existenziellen Ebene exemplarisch vorge-
lungen thematisieren den Tod nur wie ein unbetei- zeichnet. Bereits bei Simmel fungiert die Sterblich-
ligter Beobachter: »Das ›man stirbt‹ verbreitet die keit als das wesentliche Prinzip der Individuation –
Meinung, der Tod treffe gleichsam das Man […]. sie konstituiert die Einzigartigkeit des individuellen
Das ›Sterben‹ wird auf ein Vorkommnis nivelliert, Lebens, denn »in jedem einzelnen Momente des Le-
das zwar das Dasein trifft, aber niemandem eigens bens sind wir solche, die sterben werden […]. Dies
zugehört« (SZ 253). erst macht die formgebende Bedeutung des Todes
66 I. Werk

klar. Er begrenzt, d. h. er formt unser Leben nicht nicht aus wie das uneigentliche Sein zum Tode, son-
erst in der Todesstunde, sondern er ist ein formales dern gibt sich frei für sie. Das vorlaufende Freiwer-
Moment unseres Lebens, das alle seine Inhalte färbt« den für den eigenen Tod befreit von der Verlorenheit
(Simmel 1957, 31). In der Schrift des Johannes von in die zufällig sich andrängenden Möglichkeiten, so
Tepl doziert der Tod: »Du fragst, was Wir seien. Wir zwar, daß es die faktischen Möglichkeiten, die der
sind nichts und sind doch etwas. Deshalb nichts, unüberholbaren vorgelagert sind, allererst eigentlich
weil Wir weder Leben, noch Wesen, noch Gestalt verstehen und wählen lässt. Das Vorlaufen erschließt
haben, kein Geist sind, nicht sichtbar, nicht greifbar der Existenz als äußerste Möglichkeit die Selbstauf-
sind; deshalb etwas, weil Wir des Lebens Ende sind, gabe und zerbricht so jede Versteifung auf die je er-
des Daseins Ende, des Nichtseins Anfang, ein Mittel- reichte Existenz« (264). (5) kennzeichnet den Tod
ding zwischen ihnen beiden. Wir sind ein Gesche- das Strukturmoment der »Gewißheit«. Es handelt
hen, das alle Menschen fället. […] Du fragst, wo Wir sich nicht um eine aus Erfahrung gewonnene oder
seien. Nicht feststellbar sind Wir« (Tepl 1963, 57). gewinnbare Gewissheit: die »Gewißheit des Todes
Heideggers Explikation des »vollen existenzialen kann nicht errechnet werden aus Feststellungen von
Begriffs des Todes« transformiert diese majestäti- begegnenden Todesfällen«. Sie »hält sich überhaupt
sche Selbstoffenbarung des Todes auf die begriffli- nicht in einer Wahrheit des Vorhandenen« (265). (6)
che Ebene seiner phänomenologischen Analyse. Der schließlich bestimmt Heidegger den Tod als »unbe-
Tod ist nicht das Ende des Lebens, sondern Leben stimmt« (265). Er bezieht sich auf die Angst-Analyse
selbst ist »Sein zum Ende« (SZ 245). Als zum Dasein zurück: Die Stimmung der Angst bringt das Dasein
konstitutiv gehörendes »Noch-nicht« »steht der Tod vor seine Geworfenheit. Indem das Dasein sich in
aus« (vgl. die Zeit als ek-statikon). Gerade das, was der Todesangst »vor dem Nichts« befindet, schwin-
Dasein noch nicht ist, charakterisiert wesentlich sein den alle möglichen inhaltlichen Bestimmungen.
Sein. Dasein ist, was es nicht ist, und ist nicht, was es Die dramatische Todesanalyse (s. Kap. I.10)
ist: Dasein ist seine eigene »Nichtigkeit« (s. u.). Als wurde vielfach wiederum Anlass zu ideologiekriti-
ständig ausstehend ist der Tod (1) »die Möglichkeit schen Analysen. Dennoch lassen sich ihre Elemente
der Unmöglichkeit der eigenen Existenz überhaupt« ganz formal-strukturell auffassen, wenn in ihr von
(vgl. 262). (2) ist der Tod die »eigenste Möglichkeit« der ständigen, eigensten, unbezüglichen, unüberhol-
jedes Menschen. Er ist die Instanz, angesichts der baren, gewissen und unbestimmten Möglichkeit des
das Dasein seiner Einzigkeit innewerden und sich so Todes die Rede ist. Dass ein angemessenes (auch
dem »Man« entreißen kann. So wird inmitten der ethisch-moralisches) Selbst- und Lebensverständnis
»Verlorenheit« an die Alltagsroutinen und das be- nur mit Rückbezug auf die eigene Endlichkeit und
langlose Gerede ein eigentliches Selbstverständnis Vergänglichkeit zu gewinnen ist, eint so unter-
möglich (263). Die Möglichkeit des Todes ist (3) schiedliche philosophische Ansätze wie die des So-
»unbezüglich«: an ihr zeigt sich auf eminente Weise krates, die der Stoa und Senecas, die mittelalterliche
die »Jemeinigkeit« des Daseins (263). Dass Dasein meditatio mortis und das Denken Montaignes. Und
»je meines« ist, bedeutet, dass mir mein Dasein nie- ist es nicht wahr: Den letzten Ernst (wie auch die
mand abnehmen kann. Mit dem Tod ist die »in- mögliche ›Leichtigkeit‹) des Lebens begreift man
nerste Endlichkeit« des Daseins aufgewiesen – eine nur, wenn man Endlichkeit und Einmaligkeit des ei-
Formulierung, die später für Heideggers existenziale genen Lebens begreift. Nur so wird ja einsichtig,
Kant-Interpretation wichtig wird. Die Möglichkeit welche Bedeutung weichenstellende Entscheidun-
des Todes ist auf nichts anderes bezogen als auf das gen haben, welche Tragweite dem Ergreifen von  –
Dasein (das je-meinige Leben) selbst. In diesem und damit gleichzeitig dem Nicht-Ergreifen vieler
Kontext bilden sich Züge eines existenzialen Solip- anderer – Möglichkeiten zukommt, wie kostbar Mo-
sismus aus. Der Tod ist Paradigma menschlicher mente der Erfüllung sind.
Selbstbezüglichkeit, die an ihm auch ihre letzte Auf der einen Seite etabliert die Todesanalyse ei-
Grenze und ihr Ende findet. Somit ist der Tod (4) die nen lückenlosen faktischen Immanenzzusammen-
»unüberholbare« Möglichkeit des Daseins schlecht- hang der Nichtigkeit, des existenziellen »Stehens vor
hin (264). Die »eigentliche« Todeskonzeption Hei- dem Nichts«. Isoliert man diesen Aspekt des Textes
deggers spricht in einem eigentümlichen Bild vom und liest ihn noch aus der Perspektive des späteren
»Vorlaufen in den Tod«. Das »Vorlaufen« reißt Existenzialismus, dann erhält man den Eindruck ei-
heraus aus der »Verfallenheit« und »Verlorenheit«: ner dramatischen Apotheose des Nihilismus. Dieser
»Das Vorlaufen […] weicht der Unüberholbarkeit Eindruck ist ersichtlich einseitig und sogar falsch,
9. »Sein und Zeit« 67

wenn man berücksichtigt, auf welche Weise die christlichen Theologie macht. Auf die Komplexität
Angst- und die Todesanalyse in weitreichende syste- und Ambivalenz seines Verhältnisses zum theologi-
matische wie auch ethisch-praktische Kontexte ein- schen Erbe kann in unserem Kontext nur hingewie-
gebunden wird, auch wenn Heidegger sie nicht so sen werden; sie verdiente ausführliche Aufklärung
nennt. Denn der Weg zum Nichts ist gerade nicht die (s. Kap. III.31).
Endstation, sondern nur Durchgangsstation zum Die Vertiefung der strukturellen Zeitanalysen in
begriffenen »eigentlichen Seinkönnen« in der Be- den §§ 61–66 steht ganz im Zeichen einer transzen-
zeugung des »Gewissens« (§§ 54–60). Entgegen der dentalen wie auch existenzial-ontologischen Phäno-
durchschnittlichen Selbstvergessenheit des Alltags, menologie der Weltkonstitution. Die Sorge-Analyse
oberflächlichen Geredes, dem »Lärm« des Tages wird auf die ekstatische, endliche Zeitigung der Zeit-
macht sich – konstitutiv für ein eigentliches Selbst- lichkeit hin vertieft. Knapp gesagt: Was Menschen
verständnis  – der »Ruf des Gewissens« (§ 56) gel- tun und tun müssen, das sind nicht nur jeweils end-
tend. Was Heidegger hier in seiner Struktur freizule- liche Vollzüge, sondern lässt sich näherhin fassen als
gen beansprucht, das ist – mit anderen Worten re- Sorge um das eigene Endlich-sein-können. Diesem
formuliert – das explizite praktische Selbstverhältnis Urfaktum gleichsam reflexiv inne zu werden, bedarf
des Menschen. Wenn ich mir meiner letzten Verant- es des Todesbewusstseins. Es bedarf seiner, um der
wortung, und damit meiner Freiheit (Figal 1988) be- eigentlichkeitsermöglichenden endlichen Zeitlich-
wusst werde, dann gibt es für mich keine weltlichen keit des Selbstseinkönnens bewusst zu werden. Die
oder mitmenschlichen Flucht- oder Rekursinstan- »ursprüngliche« Zeit ist somit die ekstatisch-endli-
zen mehr, auf die ich mich zurückziehen kann. Nur che Lebenszeit; alle anderen Weisen des Zeitver-
das tua res agitur bleibt. Deswegen wird es »unheim- ständnisses  – natürliche, kosmische, physikalische,
lich« (§ 57), wenn sich das Gewissen meldet. Das messbare, lineare – z. B. die Uhrzeit – sind von dieser
»Vorlaufen in den Tod«, der Ruf des Gewissens, Zeit erst derivierte, kategorial fassbare Modi.
selbst die Situation des Daseins als »nackte[m] ›Daß‹ Die ekstatische »Entrückung« der Zeitaspekte Zu-
im Nichts der Welt« (276 f.) dienen methodisch der künftigkeit, Gewesenheit und Gewärtigen, in der für
Freilegung radikaler Verantwortlichkeit und prakti- das sorgende Sich-vorweg-Sein des Daseins der klare
scher Freiheit. Auch der existenzial-ontologische Vorrang des Zukünftigen gilt bzw. waltet, diese Ent-
Schuld-Begriff hat hier seinen Ort. Während »vul- rückung zeigt zum einen die »Offenheit« (GA 24,
gäre« Schuldverständnisse relativ verstehbar sind  – 378) der existenziellen Zeit, zum anderen weist die
ich bin Schuld an diesem oder jenem Missstand, ich Ekstasis/Entrückung je auf einen Bereich der Welt
bin an einem Mitmenschen schuldig geworden –, so hin, wohin sie entrückt. Sorgend-sich-vorweg (Zu-
besteht die Schuld selbst noch ermöglichende onto- künftigkeit) ist Dasein je-schon bei (Gewesenheit)
logische Schuld darin, dass jedes Dasein »Grund« innerweltlich-Seiendem, das es (gegenwärtig) verfal-
seiner eigenen »Nichtigkeit« ist und sein muss: Kein lend besorgt. Die Modi des In-Seins, Verstehen (Zu-
Dasein hat sich selbst in sein Da und in seine Verant- kunft), Befindlichkeit (Gewesenheit) und Rede (Ge-
wortung gebracht, die es dennoch aushalten und genwart) entsprechen der ekstatischen Zeit. Die
übernehmen muss. Das Dasein muss nicht nur sein §§ 67–71 versuchen, den Ursprung der Sorge aus der
»Da« sein, sondern auch sein »Daß« (§ 58). Die for- existenziellen Zeit weiter aufzuklären. Die Zeitlich-
male Grundstruktur menschlicher Existenz, wie sie keit der Erschlossenheit (§ 68a-d) lässt sich gemäß
Heidegger nun freigelegt hat, trägt, vergleicht man den Ekstasen in uneigentliches und eigentliches Ver-
sie mit einer christlichen Standard-Dogmatik, Züge stehen differenzieren. Dem uneigentlichen »Gewär-
einer gottlosen Theologie. Der Lehre von der Schöp- tigen« entspricht das entschlossene »Vorlaufen« in
fung entspricht die von der Geworfenheit, der Lehre die Zukunft. Dem uneigentlichen »Gegenwärtigen«
von Freiheit und Sündenfall die von Entwurf und entspricht der eigentliche »Augenblick«, der unei-
Verfallen, der Lehre von der Erlösung und vom Geist gentlichen Gewesenheit in »Vergessen« oder »Erin-
die von der Eigentlichkeit und der durch Todesangst nern« bzw. »Behalten« entspricht die eigentliche
und Gewissensruf erschlossenen Ganzheit, der »Wiederholung« (SZ 336–338). Noch in der Forma-
Lehre von der Vollendung die vom entschlossenen lisierung ist die Kierkegaard-Rezeption sichtbar. Die
Vorlaufen in den Tod (Rentsch 1989, 149 ff.). An die zeitanalytische Vertiefung der Befindlichkeits- und
Stelle Gottes tritt aber das endliche In-der-Welt-sein. Stimmungskonzeption führt zur These von der Prä-
Heidegger selbst allerdings wendet sich in § 44 vehe- ponderanz der ekstatischen Gewesenheit für die Le-
ment gegen eine Philosophie, die Anleihen bei der bensphänomene. In den Stimmungen wirkt nämlich
68 I. Werk

stets der Lastcharakter, die »Schwere« der Existenz, nun Vermittlungsbegriffe bzw. -phänomene erfor-
auch in den »gehobenen« Stimmungen, und diese derlich, die »zwischen« dem einzelnen Dasein und
gründen in der Faktizität. Aufschlussreiche, aller- der Weltgeschichte eine sinnkonstitutive Verbin-
dings nur skizzenhafte Analysen betreffen die eigent- dung herstellen. Solche sind das »Erbe« (383), das
liche Gegenwart, die von Heidegger nicht nur im »Schicksal« (384) und die »Treue der Existenz zum
qualifizierten Augenblick, sondern auch in der expli- eigenen Selbst« (391), die wiederum durch explizite
zit vergegenwärtigenden Rede angesetzt wird, denn »Wiederholung« des sonst bloß Vergangenen er-
sie bezieht sich thematisierend auf die gesamte Er- möglicht wird.
schlossenheit des Da (§ 68d). In § 69a-c will Heideg- Durch diesen Zugriff wird das »eigentliche Sein
ger den Ekstasen der Zeitigung der Zeitlichkeit »ho- zum Tode, das heißt die Endlichkeit der Zeitlichkeit
rizontale Schemata der Weltlichkeit der Welt« zuord- […] der verborgene Grund der Geschichtlichkeit«
nen. Bei diesen Weltkonstitutionsanalysen bleibt für (386), denn nur, »wenn im Sein eines Seienden Tod,
Sein und Zeit entscheidend, dass die ursprüngliche Schuld, Gewissen, Freiheit und Endlichkeit derge-
ekstatische Zeit für alle anderen Phänomene, insbe- stalt gleichursprünglich zusammenwohnen wie in
sondere auch für die Welt wie auch für den Raum, der Sorge, kann es im Modus des Schicksals existie-
schlechthin als fundierend angesetzt wird. Es finden ren, das heißt im Grunde seiner Existenz geschicht-
sich auch bereits Anklänge an Heideggers späteres lich sein« (385). Bei aller Problematik der Heideg-
Denken, wenn es z. B. heißt: »Die ekstatische Zeitlich- gerschen Analyse kann darauf hingewiesen werden,
keit lichtet das Da ursprünglich.« (SZ 351) dass auch beim späten Freud die Kultur als Todes-
Heidegger thematisiert nun nach der Zeitlichkeit angstbewältigungsunternehmen analysiert wird. Um
des Besorgens (§ 69a) die existenziale Genese der von der Eigentlichkeit des Einzelnen zur Gemein-
Wissenschaft (§ 69b) sowie die Frage nach der Tran- samkeit zu gelangen, führt Heidegger unvermittelt
szendenz der Welt (§ 69c). Insbesondere der Wissen- den Volksbegriff ein. Aber die thanatologische Eng-
schaftstheorie eignet weitreichendes kritisches Po- führung (s. u. Abschnitt 5) der existenzialen Analy-
tential: Die »Objektivität« der mathematischen Na- tik vermag zu einer überzeugenden Analyse gesell-
turwissenschaften ist kein privilegierter Zugang zu schaftlich-geschichtlicher Öffentlichkeit nicht recht
einer »Wirklichkeit an sich«, sondern eine in der anzuleiten und nicht zu passen. In »Mitteilung« und
zeitlich-endlichen Sorge gründende reduktive Son- »Kampf« (SZ 384) sieht Heidegger Modi, in denen
derpraxis, die jeweils Seiendes aus seinen Bewandt- das Dasein sich authentisch in seine Gemeinschaft,
nisganzheiten herauslöst. Sie ist ein ontologisch spä- sein Volk integriert und sein Erbe und sein Schicksal
tes Konstrukt (Gethmann 1993). Die Analysen zur übernimmt. Die subtilen Analysen Hegels zur sozia-
Transzendenz der Welt insistieren auf der Fundie- len Interaktion und zur Konstitution von Sittlich-
rungsordnung der Welt durch die Zeit. Entspre- keit, Gesellschaft und Staat ignoriert Heidegger,
chend versucht Heidegger auch in § 70, die existen- wenn er Hegel pauschal ein uneigentliches Ge-
zielle Räumlichkeit noch in der Zeitlichkeit zu fun- schichtsverständnis attestiert (§ 82). Letztlich grün-
dieren – diesen Ansatz hat er später in Zeit und Sein det auch die »Weltzeit«, die durch »Datierbarkeit,
selbst explizit als unhaltbar revoziert (ZSD 1–25; s. Spanne und Öffentlichkeit« (§ 69) charakterisiert ist,
Kap. I.35). im zeitlich-endlichen Besorgen der Daseinsvollzüge.
Das abschließende Kapitel zum Verhältnis von Die einzigartige Fundierungsfunktion der ekstati-
Existenzialontologie und Geschichtlichkeit (§§ 72– schen, endlichen Zeitigung der Zeitlichkeit für alle
83) unternimmt im konsequenten Duktus des Fun- anderen weltlichen und alltäglichen Phänomene, die
dierungsgedankens eine existenziale Deduktion der Heidegger im Medium der Todesanalyse auf die
Weltgeschichte aus der existenziellen Zeitlichkeit Spitze trieb, bleibt im existenzialen Zugriff auf Ge-
des Daseins. Die vielen hier auftretenden Brüche schichtlichkeit, Weltgeschichte und Weltzeit – apo-
und sich aufdrängenden Fragen deuten schon auf retisch – erhalten. Der Weg hatte vom Sein zum Tod
den Abbruch von Sein und Zeit hin. Heideggers geführt. Fragend bricht Sein und Zeit ab: »Offenbart
These ist, dass sich ein ontologisches Verständnis sich die Zeit selbst als Horizont des Seins?« (SZ 437)
von Geschichtlichkeit nur aus der eigentlichen exis-
tenziellen Zeitlichkeit gewinnen lässt. Somit muss 4. Rezeption. Die weltweite Rezeption und Wir-
eine »existenziale Konstruktion der Geschichte« er- kungsgeschichte von Sein und Zeit bis in die Gegen-
folgen (SZ 376), und zwar gegen das übliche »vul- wart sowie die Geschichte seiner kontroversen Deu-
gäre« Geschichtsverständnis. Dieser Ansatz macht tungen sind nahezu unüberschaubar. Sie bilden zu
9. »Sein und Zeit« 69

einem guten Teil die Philosophiegeschichte des 20. jenigen praktisch-philosophischen und politischen
Jahrhunderts. Deswegen sind im Folgenden ledig- Grundgedanken der antiken Philosophie, die bei
lich die besonders herausragenden Aspekte und Sta- Heidegger eigentümlich abgeblendet erscheinen
tionen der Wirkung aufzuzeigen. und durch einen leeren Dezisionismus ersetzt wer-
Die erste wichtige Rezeption stellt Heideggers ei- den, der keine vernünftigen Kriterien für politisches
gene weitere Entwicklung dar, die Thema des vorlie- Engagement liefert. Hans Jonas analysiert früh die
genden Handbuches ist (vgl. Thomä 1990). In dieser »gnostische« Struktur von Sein und Zeit und dessen
Entwicklung bleibt Sein und Zeit – in kleinen Texten gleichsam »weltfeindliche« Tendenz. Auch auf dieser
wie »Zeit und Sein« wie auch in der Gesamtentfal- produktiven Negativfolie lässt sich seine spätere
tung des Seinsdenkens und der Konzeption der Hinwendung zu einer Philosophie der Biologie (Or-
Seinsgeschichte  – stets Bezugspunkt. Pointiert ganismus und Freiheit, 1966/1973) sowie der Weg zu
könnte man auch sagen, dass die soeben aufgewiese- einer metaphysisch fundierten ökologischen Ethik
nen Aporien und Probleme, die zum Abbruch von der Weltverantwortung sehen (Das Prinzip Verant-
Sein und Zeit führten, auch zu den riskanten Wegen wortung, 1979; s. Kap. III.15). Eine Wendung zum
des späteren Denkens Heideggers führten, die viel- antiken Kosmos-Verständnis gegen die ›Existenzia-
fach Anlass zur Kritik gaben: aufgrund eines ›Aus- lisierung‹ der Welt zeichnet auch den Ansatz von
stiegs‹ aus der Vernunftgeschichte, aufgrund der Karl Löwith aus, der den Menschen gegen Metaphy-
Tendenzen zur Remythisierung, aufgrund der Kon- sik und Theologie als Naturwesen deutet (s. Kap.
struktion bzw. Hypostasierung von übermenschli- III.10). Eine Rehabilitierung der Natur versucht
chen Pseudo-Subjekten. auch Oskar Becker, der den Existenzialien Heideg-
Aber die kritischen Leistungen von Sein und Zeit gers naturbezogene Para-Existenzialien an die Seite
wie auch die systematische innovative Weiterent- stellt (Dasein und Dawesen, 1963; s. Kap. III.6). Als
wicklung der Hermeneutik, der neue Zugang zur direkter Schüler verlängert schließlich Herbert Mar-
Konstitution der Welt und das neue Verständnis von cuse in seinen frühen Arbeiten den Ansatz von Sein
Zeit, Geschichte und Verstehen wirkten auf emi- und Zeit in Richtung der Hegelschen Geschichtsphi-
nente Weise auf andere Philosophierende, denn »mit losophie und der Marxschen Dialektik (Hegels Onto-
einem Schlage war der Weltruhm da« (Gadamer logie und die Theorie der Geschichtlichkeit, 1931; s.
1977, 210). Die Wirkung von Sein und Zeit lässt sich Kap. III.11.1).
zunächst im Bereich der unmittelbaren Schüler Hei- In diesen Rezeptionen bedeutender früher Schü-
deggers der ersten Generation aus der Phase der Ab- ler Heideggers deuten sich schon entscheidende wei-
fassung festmachen: an Hans-Georg Gadamer, Han- tere Rezeptionsphasen von Sein und Zeit in der Phi-
nah Arendt, Hans Jonas, Karl Löwith, Oskar Becker losophie und Wissenschaft des 20. Jahrhunderts an.
und Herbert Marcuse. Bei allen zeigt sich eine mehr Behelfsmäßig möchte ich im folgenden acht Rezep-
oder weniger deutliche Distanzierung von Sein und tionsphasen bzw. wirkungsgeschichtliche Formatio-
Zeit bei gleichzeitiger Aneignung und Transforma- nen differenzieren, die sich de facto vielfältig durch-
tion von wesentlichen Lehrstücken Heideggers. Bei dringen und ergänzen, die sich aber zumindest mo-
Gadamer führt dieser Prozess zur innovativen Ent- dellhaft sinnvoll voneinander abheben lassen. Sie
wicklung der Hermeneutik, der schließlich in sei- wurden (und werden teilweise zur Zeit noch) selbst
nem Hauptwerk Wahrheit und Methode (1960) ei- zu Hauptströmungen der Philosophie und zu Signa-
nen gewissen Abschluss fand (s. Kap. III.13). Im turen der Epoche des 20. und 21. Jahrhunderts.
Anschluss vor allem an die lebensphilosophisch- 1) Die erste große, bereits internationale Rezepti-
hermeneutische Schicht von Sein und Zeit entwickelt onsphase ist der Existenzialismus bzw. die Existenz-
Gadamer eine veritable philosophische Gesamt- philosophie. Sie ist in Deutschland auch durch Karl
orientierung ohne fundamentalontologischen An- Jaspers mit initiiert worden (s. Kap. III.2). Ohne Sein
spruch. An die Stelle genuiner Konstitutions- und Zeit lassen sich Entstehung und Machart von
analysen tritt bei ihm die Geschichtlichkeit des Jean-Paul Sartres Das Sein und das Nichts (1943)
Verstehens, an die Stelle einer eigentlichen Existen- nicht verstehen, einer eigenständigen, stark an Hegel
zialanalytik tritt die Hermeneutik des Überliefe- orientierten Existenzontologie (s. Kap. III.20). Die
rungsgeschehens. Breitenwirkung des existenzialistischen Paradigmas
Hannah Arendt entwirft gegen Sein und Zeit ihre durch die literarische Produktion von Sartre und
politische Philosophie (Vita activa oder Vom tätigen Camus, durch den katholischen Existenzialismus
Leben, 1958/1960; s. Kap. III.16). Sie rezipiert so die- von Gabriel Marcel, aber auch durch die Rezeption
70 I. Werk

von Sein und Zeit seitens einiger der wichtigsten der uneigentlichen Existenz an die sinnlose Kon-
Theologen des 20. Jahrhunderts: so durch Rudolf sum- und Güterwelt des Spätkapitalismus, die alter-
Bultmanns existenzialtheologischen Ansatz der native, mehrdimensionale Lebensform ist die eigent-
»Entmythologisierung« und durch Karl Rahners liche Existenz der »großen Weigerung« und des au-
Konzeption des »Vorgriffs« (s. Kap. III.31), prägte thentischen Engagements (s. Kap. III.11.1).
eine ganze Epoche. Wenn das gesamte existenzphi- 6) Eine weitere Rezeptionsphase ist die Wirkung
losophische Paradigma auch ohne Kierkegaard nicht Heideggers auf den Strukturalismus wie auf den
denkbar ist, so stellt Sein und Zeit doch eine wesent- Poststrukturalismus, die Dekonstruktion wie die Post-
liche Rezeptionsquelle für die systematische Aneig- moderne. So trägt Michel Foucaults Analyse von
nung von dessen Denken dar. Heidegger selbst hat Diskursformationen Züge einer Heideggerschen
diese Rezeptionen stets mit großer Distanz oder Ab- »Seinsgeschichte«, und sein emphatisches Konzept
lehnung betrachtet  – er insistierte gegenüber exis- der »Sorge um sich« wird im Rückgriff auf die Sorge-
tenzialistischen Verständnissen von Sein und Zeit Konzeption von Sein und Zeit entwickelt (s. Kap.
auf einer klaren methodologischen Differenz zur III.24). Sein und Zeit wurde ebenso wichtig für den
Existenzial- bzw. Fundamentalontologie. Ansatz der Dekonstruktion von Jacques Derrida mit
2) Die zweite große Wirkungstradition ist die seinem Grundbegriff der Differenz (s. Kap. III.25).
Hermeneutik: zunächst die durch Gadamer neu be- 7) Die internationale Gegenwartsdiskussion ist
gründete (s. Kap. III.13), aber auch die werkimma- auf komplexe und vielfältige Weise mit Grundge-
nente Interpretationslehre Emil Staigers in der Lite- danken von Sein und Zeit verbunden. Diese Rezep-
raturwissenschaft (s. Kap. III.35), die rezeptionsäs- tion wird im vorliegenden Band umfassend darge-
thetische Methode, die Hermeneutik Paul Ricœurs stellt. Besondere Bedeutung kommt dem Ansatz bei
(s. Kap. III.23). Sie alle greifen, bei aller Modifika- der Alltäglichkeit sowie bei der pragmatischen Welt-
tion, systematische Grundgedanken von Sein und konstitution für die sich seit längerem vertiefende
Zeit auf. Das gilt auch noch für die Konzeption des Diskussion zwischen ›Kontinentaler‹ und ›Analyti-
»schwachen Denkens« von Gianni Vattimo (s. Kap. scher‹ Philosophie zu (s. Kap. III.29). Die Kompatibi-
III.26). lität von Sein und Zeit und der dort entfalteten Ana-
3) Eine dritte Gruppe lässt sich als Rückwirkung lytik des In-der-Welt-seins mit Ansätzen von Gilbert
der Existenzialphänomenologie von Sein und Zeit Ryle (s. Kap. III.28) und Ludwig Wittgenstein (s.
auf die Phänomenologie charakterisieren. Zu dieser Kap. III.5) war lange schon evident; Wittgenstein
Formation lässt sich Maurice Merleau-Ponty rech- selbst äußerte sein Verständnis von Sein und Zeit ex-
nen (s. Kap. III.22). Seine Phänomenologie der Wahr- plizit (Rentsch 1985/2003). Richard Rorty sieht in
nehmung (1945) führt die existenziale Analytik Sein und Zeit die Vorgestalt der Spätphilosophie
durch die Einarbeitung eines fundamentalen Leib- Wittgensteins (Rorty 1991). Mittlerweile sind es vor
Apriori der Erkenntnis eigenständig weiter. Auch die allem die Systemelemente des Pragmatismus und
phänomenologische Religionsphilosophie und Ethik seiner normativ-geltungskonstitutiven Implikatio-
des »Anderen« von Emmanuel Levinas steht in der nen, die für das analytische sprachphilosophische
Tradition von Heideggers Ontologiekritik (s. Kap. Denken Anknüpfungspunkte bieten (Brandom
III.21). 1997).
4) Eine vierte Rezeptionsgruppe stellt die Psycho- 8) Bedeutend ist Sein und Zeit nicht zuletzt für
logie, Psychopathologie und Psychoanalyse dar: Lud- den internationalen Dialog der Kulturen, insbeson-
wig Binswanger und Medard Boss entwickeln exis- dere Europas mit Asien (s. Kap. III.30). So liegt das
tenzialanalytische Psychologien, die mit Heideggers Werk in sieben verschiedenen japanischen Überset-
Daseinsanalyse den Positivismus Freuds überwin- zungen vor (mehr als die Kritik der reinen Vernunft).
den wollen. Der Gedanke der ontologischen Diffe- In Asien und auch in Südamerika befinden sich Zen-
renz wirkt auch auf die Psychoanalyse Jacques La- tren intensiver Rezeption. – In all diesen in sich stark
cans (s. Kap. III.33). differenzierten Rezeptionsformationen wird Sein
5) Fünftens entwickelt sich ein »Heidegger- und Zeit als eines der bedeutendsten Werke der Phi-
Marxismus« in der Neuen Linken und bei Herbert losophie des 20. Jahrhunderts sichtbar.
Marcuse, dem frühen Schüler. Sein Buch Der eindi-
mensionale Mensch (1964) ist unverkennbar an den 5. Systematisches Fazit. Ich wähle für die abschlie-
Unterscheidungen der Existenzialen Analytik ge- ßende kritische Beurteilung von Sein und Zeit nur
schult: Die Eindimensionalität ist die Verfallenheit einige aus meiner Sicht besonders interessante und
9. »Sein und Zeit« 71

spannende Aspekte aus. Positiv würdigend ist fest- gemessene Zeit, fand breite Zustimmung. Schließ-
zuhalten, dass Heidegger mit Sein und Zeit inmitten lich rückten wieder ursprüngliche Lebensphäno-
der akademischen Welt einen deutlichen Vorstoß in mene, die vielfach am Rand akademischer Philoso-
das kritische Klima der Moderne unternommen hat: phie gestanden hatten, ins Blickfeld der Philosophie
der metaphysik-, traditions- und ontologiekritische und fanden scharfe, präzise und tiefschürfende Ana-
Ansatz sowie sein Einsatz bei der sorgenden Welt- lysen.
bewältigungspraxis des Menschen in der Alltäglich- Somit lassen sich fünf Leistungen als Gründe für
keit; auf diesem Hintergrund die akribische Ein- die breite, internationale und andauernde Wirkung
zelanalyse von bislang verdeckten, auch in der von Sein und Zeit nennen: die Ausarbeitung einer
bisherigen Phänomenologie nicht freigelegten Tie- Transzendentalpragmatik der Weltkonstitution ge-
fenstrukturen der Weltkonstitution; dies alles in ei- gen die traditionelle Vorhandenheitsontologie, die
ner ungewöhnlichen, völlig neu entworfenen Termi- Entwicklung einer Existenzialen Analytik gegen ob-
nologie; die Thematisierung von Schuld, Gewissen, jektivistische, kategorial verzerrende Missverständ-
Angst, Freiheit und Tod im Kernbereich von Analy- nisse des menschlichen Daseins, die Entfaltung einer
sen zu einem authentischen Selbstverständnis des fundamental ansetzenden Theorie der Hermeneu-
Menschen: all diese Leistungen wirkten gebündelt tik, die Freilegung der ekstatischen existenziellen
beeindruckend. Hinzu trat, dass in diesem Ansatz Zeitlichkeit, die Einbettung aller dieser Analysen in
die gesamte Philosophiegeschichte und die Gegen- die Frage nach dem Sinn von Sein und nach einem
wartsdiskussion  – Ontologie, Transzendentalphilo- eigentlichen menschlichen Selbstverständnis, wel-
sophie, Neukantianismus, Phänomenologie, Her- che Anschlüsse für die Ethik, die Politik, die Psycho-
meneutik, Lebensphilosophie und Existenzdialek- logie wie für die Theologie bot.
tik  – präsent waren und auf eine neue Mitte hin Diesen Leistungen stehen Defizite und Aporien
zusammengezwungen wurden, auf eine Mitte hin, zur Seite, die – mitsamt dem geradezu effektvollen
die andererseits leer blieb und in offene Aporetik Abbruch des Werkes – der Rezeption und der kon-
führte. Von vielen Seiten her – von rechts bis links, troversen Diskussion eher zusätzlich förderlich wa-
von Ontologen wie von Existenzialisten, von Theo- ren; führten sie doch mitten hinein in ein Abenteuer
logen wie von Psychotherapeuten  – konnte ange- des Denkens, das noch lange nicht zu Ende war.
knüpft werden und wurde angeknüpft: man braucht Vielfach wurde bemerkt, dass bedeutende Philoso-
nur die weltweite Rezeption zu betrachten. phie selten oder nie eine runde, ruhige Sache war,
Systematisch durchsetzen konnten sich auf vielen sondern dass nur wirklich wegweisende Denker in
Ebenen der Diskussion und Rezeption vor allem die der Lage sind, es lange an den Grenzen ihrer eigenen
Destruktion der Vorhandenheitsontologie und die Reflexionsmöglichkeiten auszuhalten. Wenn man
tiefgreifende Kritik der Bewusstseinsphilosophie, nun ideologiekritische Kritiken Heideggers zu-
des cartesischen Dualismus, damit verbunden die nächst beiseitelässt, die, wie Adorno, sein Denken in
wissenschaftskritische Fundierung aller wissen- toto disqualifizieren, weil ihnen die ganze Richtung
schaftlichen Objektivationsleistungen in der ur- nicht passt, so kann man die Anschlussfragen, die
sprünglichen Lebenspraxis. Gegen jede unkritische sich bei möglichst wohlwollend-mitdenkender Re-
Ontologie oder Wissenschaft stellt Sein und Zeit zeption von Sein und Zeit stellen, wie folgt formulie-
heraus, dass die Menschen (bei aller »Geworfen- ren:
heit«) ihre Welt handelnd selbst erzeugen und ver- Das erste systematische Grundproblem lässt sich
stehen müssen. Ebenso zog die Herausarbeitung ei- als Restproblem der transzendentalen Subjektivität
ner existenzialanthropologisch ›tiefergelegten‹, fun- bezeichnen. Am Ende führt die Analytik der Exis-
damentalen Hermeneutikkonzeption eine breite tenz zum »nackten Daß im Nichts der Welt«, und in
positive Rezeption auf sich: Das existierende Dasein vielen Analysen dominiert die »Jemeinigkeit«. »Mit-
muss sich sorgend zu sich selbst verhalten und so ein sein« und »In-der-Welt-sein« sind selbst Existenzia-
Selbstverständnis entwerfen. Die hermeneutischen, le des jemeinigen Daseins. Besonders flagrant wird
Texte interpretierenden Geisteswissenschaften sind dieser – zumindest tendenzielle – existenziale Solip-
demnach nur ein Spezialfall des sich verstehend-ent- sismus bei der Analyse des »Vorlaufens in den Tod«,
werfenden menschlichen Daseins. die auch als »thanatologische Engführung« (Rentsch
Die Konstitutionsanalyse der spezifischen Zeit- 1989, 156 f.) kritisiert wurde. Verstärkt die Funktion
lichkeit des menschlichen Daseins in ihrer ekstati- der eigentlichkeitskonstitutiven Todesangst nicht die
schen Verfassung, die anders ist als alle objektivierte, Tendenz zum Solipsismus? Diese Tendenz wird be-
72 I. Werk

fördert von der rhetorisch-suggestiven Abqualifika- res cogitans und bewusstloser res extensa eingesetzt
tion der Öffentlichkeit als uneigentliches »Man«, das (SZ §§ 6, 19). In den Analysen zur »Transzendenz
durch Neugier, Gerede und Zweideutigkeit gekenn- der Welt« tritt nun die Konstitution in Heideggers
zeichnet ist. Kann es nicht auch eine eigentliche Öf- Sicht auseinander in die »Ekstasen der Zeitigung der
fentlichkeit, höherstufige Formen von Verantwort- Zeitlichkeit« einerseits  – sie sind noch Konstituti-
lichkeit und Transparenz, von kommunikativer Ra- onsgrund des sorgenden Daseins – und in die »hori-
tionalität geben? Die Abdrängung authentischer zontalen Schemata der Weltlichkeit der Welt« ande-
Formen von Gemeinsamkeit und Gesellschaft auf rerseits. Somit erhält man einen durch die Zeit fun-
der strukturellen Ebene der Analyse, und nicht nur in dierten, verzeitlichten ›Hypercartesianismus‹ der
kultur- und gesellschaftskritischer Absicht, ist früh Weltkonstitution (Rentsch 2000), der viel traditio-
bemerkt worden (Löwith 1928; 1969). Ich habe unter neller anmutet, als das Programm einer Destruktion
Rückgriff auf die Sprachanalysen Wittgensteins so- der Ontologie zu Beginn von Sein und Zeit es verhei-
wie durchaus »mit Heidegger gegen Heidegger« ßen hatte. Die existenziellsubjektivistischen Tenden-
denkend (Habermas 1953/1981, 72) versucht, eine zen von Sein und Zeit zeigen sich auch an den dezisi-
Transformation der Existenzial- in eine Interexisten- onistisch deutbaren Analysen zu Eigentlichkeit und
zialanalyse durchzuführen (Rentsch 1990/1999; Uneigentlichkeit und zur vorlaufenden Entschlos-
2000). senheit. Sie ermöglichten eine breite existenzialisti-
Mit der existenzial- bzw. transzendentalphiloso- sche Rezeption, boten vordergründigen politisch-
phischen Subjektivitätsproblematik einher geht auch extremistischen Lesarten Anknüpfungsmöglichkei-
eine früh bemerkte Abdrängung bzw. ein Übersprin- ten – unter Einschluss ihres Urhebers.
gen von Leiblichkeit und Natur. Auffällig ist, dass ge- Die aporetische Struktur der enggeführten Exis-
rade die bedeutendsten Schüler der ersten Stunde – tenzialanalyse zeigt sich noch einmal sehr deutlich
unter ihnen Hannah Arendt, Hans Jonas, Karl Lö- in den abschließenden Versuchen Heideggers, von
with, Gerhard Krüger, Oskar Becker – auf vielfältige ihnen aus Geschichtlichkeit und öffentliche Weltzeit
Weise versucht haben, tragfähige Natur-, Kosmos- zu denken. Es fehlen hier wiederum Vermittlungs-
und Lebenskonzepte auszuarbeiten. An dieser Stelle begriffe kommunikativer Intersubjektivität und In-
müssen auch die phänomenologischen Lebensleis- stitutionalität. Eigentliche Existenz wird stattdessen
tungen von Maurice Merleau-Ponty und Hermann auf unbefriedigende Weise mit solchen undeutli-
Schmitz (s. Kap. III.18) als produktive Gegenent- chen Phänomenen wie »Schicksal«, »Erbe«, »Treue«
würfe zu Sein und Zeit genannt werden. Eine über- und »Volk« kurzgeschlossen. Sie sind auch dann un-
zeugende Kritik, die mit einer genauen immanenten klar und kritikbedürftig, wenn wir die nachfolgende
Textanalyse einhergeht, hat Didier Franck mit Blick Besetzung solcher Begriffe durch die NS-Ideologie
auf »Zuhandenheit« und »Vorhandenheit« hinsicht- unberücksichtigt lassen.
lich des Überspringens der Leiblichkeit in Sein und Gleichwohl sei bemerkt, dass sich zu den genann-
Zeit vorgelegt. An die Heideggersche Terminologie ten Folgelasten der Tendenz zum »existenzialen So-
knüpft er folgende Rückfrage an: Ist nicht am Ende lipsismus« und zur thanatologischen Engführung,
des »zuhandenen Zeugs« die lebendige Hand zu ver- zum Überspringen und Abdrängen der Interexisten-
orten, somit der lebendige Leib, naturale Basis des zialität, öffentlicher kommunikativer Rationalität
menschlichen In-der-Welt-seins (Franck 1986)? So sowie der menschlichen Leiblichkeit und naturaler
hatte schon Dolf Sternberger in seiner hellsichtigen Getragenheit ebenso Gegenbewegungen in Heideg-
Dissertation sprachkritisch herausgearbeitet, dass gers Reflexion finden: so seine Analysen zum Mit-
der verdrängte Leib in der spezifisch räumlichen sein, zur eigentlichen, den Anderen freisetzenden
Metaphorik der Terminologie von Sein und Zeit un- Fürsorge, ebenso seine weitreichende Berücksichti-
gewollt wiederkehre (z. B. werfen, fallen, vorlaufen) gung der Stimmungen und Befindlichkeiten.
(Sternberger 1931). Das zweite systematische Grundproblem ist mit
Mit der transzendental-subjektphilosophischen dem ersten und dem dritten eng verknüpft. Es lässt
Rest- bzw. Grundproblematik verbunden ist die ei- sich in bewusst überpointierter Formulierung als
gentümliche Aporetik der Zeitanalysen gegen Ende das Problem einer Hypostasierung der »Zeit« selbst
von Sein und Zeit. Sie wird besonders greifbar in bezeichnen. Der gesamte Aufbau von Sein und Zeit
§ 69c. Die ganze Untersuchung hatte mit einer ein- führt über das Sein zum Dasein, vom Dasein zum
drucksvollen Fundamentalkritik am Cartesianis- In-der-Welt-sein, zur Sorge und zur Eigentlichkeits-
mus, an der dualistischen Ontologie von weltloser und Todesanalyse, von da zur Zeitigung der Zeit-
9. »Sein und Zeit« 73

lichkeit. Es ergibt sich ein sich überbietender Mono- Rekonstruktion. Vertikal nenne ich diesen Aufbau,
prinzipialismus der Fundierungsordnung (s. u.), an weil er prinzipiell an jeder Stelle des Textes zumin-
dessen Basis die ekstatische Zeitigung der Zeitlich- dest implizit methodisch leitend ist. Aufgrund dieser
keit letztgründend fungiert. Diese ursprüngliche, methodologischen Struktur drängt sich angesichts
ekstatische Zeit wird im zweiten Abschnitt von Sein der Durchführung von Sein und Zeit alsbald die
und Zeit zunehmend gleichsam zu einem handeln- Frage auf, wie sich näherhin Ontologie, Transzen-
den Quasi-Subjekt, dessen »Aktivität«, die »Zeiti- dentalphilosophie, Phänomenologie, Hermeneutik
gung«, schlechthin und letztlich daseins- und welt- und Existenziale Analytik noch einmal zueinander
konstitutiv fungiert. Die Kritik am konventionell ge- verhalten. Hier nun ergibt sich im horizontal-dis-
dachten transzendentalen Subjekt bei gleichzeitiger kursiven Fortgang von Sein und Zeit eine methodo-
methodischer Verunmöglichung, höherstufige kom- logische Unklarheit zwischen Konstitution und Fun-
munikative Rationalität – eigentliches Miteinander- dierung. Die Einzelanalysen erfassen transzendental,
sein – zu denken, führt tendenziell zur Konstruktion phänomenologisch, hermeneutisch, existenzial-ana-
eines anonymen Ersatz- und Makro-Subjekts, der lytisch die Konstitution der Phänomene  – welcher
Zeit. Sie rückt, substantiviert auch sprachlich, an die auch immer. Diese Methodenelemente stören sich
Stelle menschlicher Handlungsträger. Im Sinne einer nicht sehr, man könnte auch sagen, Heidegger er-
gottlosen, formalisierten Theologie rückt sie auch an fasst die Phänomene mit allen Mitteln, nach allen
die Stelle Gottes. Die Konstruktion fiktiver Quasi- Regeln der Künste, die ihm zur Verfügung stehen.
und Makrosubjekte setzt sich bei kritischer Betrach- Auf der anderen Seite entwickelt er eine ›fundamen-
tung in der späteren Philosophie Heideggers bzw. im talistische‹ Terminologie des Ursprungs, des Grün-
Denken der Seinsgeschichte fort. dens, des Entspringens-aus. Diese Restition eines
Beide gravierenden systematischen Grundpro- Ursprungsdenkens ist in der Tat ein triftiger Punkt
bleme müssen auf ein drittes Grundproblem bezogen in Adornos Heidegger-Kritik (Adorno 1964). Denn
werden, das noch tiefer in die Kernproblematik, die Fundierungsbehauptungen (die Sorge gründet in
nämlich auf den methodologischen Status philoso- der Zeitlichkeit, die ursprüngliche Zeit fundiert alle
phischer Reflexion und Analyse selbst führt. Zu- Daseinsphänomene, der Welthorizont entspringt
nächst kann der vertikale methodische Aufbau der den Ekstasen) werden ihrerseits nicht mehr begrün-
Analysen von Sein und Zeit noch einmal wie folgt re- det: Das Verhältnis von Transzendentalphilosophie
konstruiert werden; es ist zu differenzieren und vertikalen Einzelanalysen zur Ontologie, das
1) die ontisch-existenzielle, paradigmatische Expli- Verhältnis von Konstitution und Fundierung bleibt
kationsebene der phänomenologischen Einzelana- unklar. Der negativ-destruktive Teil des Projekts ei-
lyse zum Beispiel von Lebensphänomenen wie der ner Fundamentalontologie steht den tief ansetzen-
Furcht und der Angst; den, innovativen Konstitutionsanalysen von Sein
2) die ontologisch-existenziale, begriffliche Rekon- und Zeit nicht im Wege; wohl jedoch eine positive
struktionsebene der paradigmatischen Explikations- Ursprungsontologie, die monoprinzipiell alles letzt-
ebene (1). Diese Ebene legt insbesondere die struk- lich auf die Zeitigung, später dann auf das Ereignis
turelle Verfassung (Konstitution), die »Strukturmo- des Seins zurückführen will (s. Kap. II.10). Prägnant
mente« der ontisch-existenziellen Phänomene, frei. wird die Verzerrung der Einzelanalyse durch den
Ihre Begriffe sind zum Beispiel »Erschlossenheit«, fundierungsontologischen Monoprinzipialismus ins-
»Sorge«, »In-der-Welt-sein«, »Sich-vorweg-sein« etc.; besondere in der Ableitung auch noch der Räum-
3) die Ebene der metasprachlichen Terminologie- lichkeit aus der Zeitlichkeit.
bildung zur begrifflichen Thematisierung der Ebene Auch die drei genannten Grundprobleme bieten
(2)  – mit Termini wie zum Beispiel »Existenzial«, Anknüpfung für systematisches Weiterdenken des
»Kategorie«, »Ekstase«, »Schema«, »Strukturmo- bei allen sich stellenden Anschlussfragen grandios
ment«; bleibenden Ansatzes von Sein und Zeit. Befreit man
4) die Ebene der methodologischen Reflexion auf ihn von der Ursprungsontologie, unternimmt man
das Verhältnis der Ebenen (1), (2) und (3) mit Ter- es, die vielen gelungenen Konstitutionsanalysen in
mini wie »Gleichursprünglichkeit«, »ist fundiert in«, ihrer Unabhängigkeit von einander wie »Gleich-
»konstituiert«, »transzendental«, »ist verwurzelt«, ursprünglichkeit« mit einander zu sehen, dann er-
»vorgängig« etc. öffnen sich immer neue produktive Rezeptionsmög-
Eine explizite Reflexion auf diesen Aufbau findet lichkeiten auch für heutiges Philosophieren gerade
sich in Sein und Zeit nicht, es handelt sich um meine im Kontext praktischer Philosophie und in Fortfüh-
74 I. Werk

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Martin Heidegger, Sein und Zeit. Berlin 2001, 253–279.  –
75

10. Tod im Kontext zination aus der westlichen Kultur Mitte der zwanzi-
ger Jahre ihre Resonanz findet – und dass dieser Be-
Heideggers Umgang mit einer griff in Heideggers späterem veröffentlichten Werk
nur noch sporadisch auftaucht, nämlich allein in sei-
Faszination der 1920er Jahre nem Vortrag über »Die Sprache« (1950; US 11–33)
und in dem Aufsatz über »Das Ding« (1951; VA
Hans Ulrich Gumbrecht
157–179; vgl. Thomä 1990, 816–863; zum Tod in
den Beiträgen zur Philosophie s. Kap. I.19.5.4). Wir
1. Distanz und Hellhörigkeit gegenüber der Gegen- können also durchaus davon ausgehen, dass eine
wart. Zu historischer Kontextualisierung lädt der von jenen Reflexionen, welche Heidegger weit über
Wortlaut von Martin Heideggers Werken kaum je die akademische Philosophie hinaus berühmt ge-
ein. In der Einleitung zu Sein und Zeit etwa erscheint macht haben, von der Kultur einer Gegenwart aufer-
der Autor in einer Position schwer überbietbarer legt war, in der ein erfolgreiches Rennpferd »Leben
Kontext-Unabhängigkeit, da er sich als jener Denker und Tod« heißen konnte und in der sich der amtie-
vorstellt, der eine über Jahrtausende vergessene rende Weltmeister im Schwergewichtsboxen einmal
Frage der abendländischen Philosophie – und zwar in der Woche mit Freunden und Bekannten traf, um
die philosophische Frage schlechthin, die Frage nach über »die spannenden Seiten des Todes« zu diskutie-
dem Sein nämlich  – ins Visier nimmt. Erst gegen ren (Gumbrecht 2001, 405 und 410). Allerdings: Wie
den Widerstand eines anscheinend sorgfältig  – je- willkommen auch immer eine solche Möglichkeit
denfalls recht obsessiv – gepflegten Selbstbilds, dem- sein mag, Heideggers Gestus absoluter intellektuel-
zufolge wenigstens die wichtigsten Passagen seines ler Autarkie zu unterlaufen, so folgt daraus keinerlei
frühen Hauptwerks schon längst vor der Publikation Schmälerung hinsichtlich der Bedeutung seines
von Sein und Zeit im April 1927 formuliert gewesen Werks. Vielleicht gehört im Gegenteil gerade eine –
sein sollten, hat die jüngere textgeschichtliche und bewusste oder vorbewusste  – Hellhörigkeit gegen-
biographische Forschung nachweisen können, dass über den Faszinationen der je eigenen Gegenwart,
Heidegger das gesamte zum Druck vorgelegte Ma- zusammen mit der Fähigkeit, sie zu begrifflicher
nuskript des Buchs während des Jahres 1926 nieder- Schärfe und Spannung zu verdichten, zu wahrhaft
geschrieben hat  – und zwar mit begründeter, aber großem philosophischen Talent.
am Ende nicht erfüllter Hoffnung auf eine unmittel-
bare Verbesserung seiner Stellung in der akademi- 2. Leben im Angesicht des Todes. Gibt es eine plausi-
schen Hierarchie (vgl. Kisiel 1993; Gumbrecht ble historische Erklärung für die Allgegenwart des
2001). Wenn Heidegger dann seit den dreißiger Jah- Gedankens an den Tod und für die spezifischen Re-
ren gelegentlich (und meist nur in Nebensätzen) ex- aktionen auf diesen Gedanken während der Zeit, in
plizit auf die Politik, die Kultur oder gar die Wissen- der Martin Heidegger an Sein und Zeit arbeitete?
schaft seiner jeweiligen Gegenwarten Bezug nahm, Man kann wohl spekulieren, dass der Tod im Zuge
dann ging es ihm wohl ausschließlich um die – pole- der fortschreitenden Entchristianisierung des All-
misch gegen alle potentiellen Kontexte gekehrte  – tags seit dem Zeitalter der Aufklärung in den gebil-
Gewissheit, dass seine Mitwelt die von der Seinsge- deten europäischen Schichten von einer Schwelle
schichte gebotenen Möglichkeiten der »Selbstent- des Übergangs zu einem absoluten Ende geworden
bergung des Seins« verfehlte. Aus dieser Sicht trifft war, von einer ›Grenze zwischen‹ Immanenz und
auch die bis heute anhaltende Enttäuschung über die Transzendenz zu einer nicht überschreitbaren
ausgebliebene Stellungnahme Heideggers zu seiner ›Grenze des‹ Lebens. Während des Mittelalters und
politischen Rolle in den frühen Jahren des National- während der Jahrhunderte der frühen Neuzeit hatte
sozialismus (s. Kap. I.15) bloß eine zentrale Prämisse sich aus dem Glauben an den Tod als eine Schwelle
seines Selbstverständnisses als Philosoph: Er muss und an die dem Tod folgende göttliche Belohnung
sich in dieser Rolle auf fast unendlicher Distanz vom oder Bestrafung ein doppeltes memento mori, das
alltäglichen politischen, kulturellen und wissen- heißt: zwei Arten einer an die Lebenden gewendeten
schaftlichen Betrieb seiner Zeiten gewähnt haben. Warnung, gewinnen lassen. Das war auf der einen
Gerade deshalb ist es so bemerkenswert, dass mit Seite die tendenziell das Leben vor dem Tod irreali-
Heideggers Arbeit am Begriff des Todes, also mit sierende Mahnung, angesichts der Ewigkeit die Lo-
dem wichtigsten Thema auf der existentialistischen ckungen und die Herausforderungen des Lebens
Analyse-Ebene von Sein und Zeit, eine zentrale Fas- nicht allzu ernst zu nehmen – und das war auf der
76 I. Werk

anderen Seite die auf Heiligung des Diesseits ausge- mund Freud im Frühjahr 1915 verfasste und vor der
richtete Ermutigung zu einem gottgefälligen Leben. jüdischen Herrengesellschaft B ’ nai B ’ rith in Wien
Die Erosion des selbstverständlichen Jenseits- vortrug (Schur 1972/1977; Freud 1924). Wichtig für
glaubens während der folgenden Jahrhunderte ließ Freud war die erst während der unmittelbar voraus-
dann am Ende als Gegenpol zum Leben nichts als gehenden Monate vollzogene Einsicht, dass es die
das weder begrifflich noch durch Gefühle zu fas- Vielfalt und die Erlebnis-Nähe des gewaltsamen
sende Nichts stehen, und schon früh erscheint der Sterbens von Verwandten und Freunden nun nicht
Begriff der »Angst« als Charakterisierung der mehr zulassen würde, den Gedanken an den Tod zu
menschlichen Reaktion auf diese doppelte Unfass- verdrängen, so wie es mit je verschiedenen Strate-
lichkeit. Darüber hinaus scheint der Tod selbst gien allen Kulturen seit den urmenschlichen Anfän-
schon bald von der Position einer auf das Leben fol- gen gelungen sei. Aus einem Zufallsereignis, bilan-
genden Schwelle in ein eigentümliches Verhältnis zierte Freud, würde der Tod zu einer unausweichli-
der Gleichzeitigkeit zum Leben gerückt zu sein. So chen Gewissheit werden. Dies aber, fügte er in einer
jedenfalls könnte man bereits die Genese des in scharfen Wendung der Begriffe und des Gefühls
Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem hinzu, welche bald zu einem Topos nicht nur der In-
Geiste der Musik (1872) entworfenen Begriffs einer tellektuellen werden sollte, müsste das Leben wieder
»dionysischen Lebensform« erklären, in der tau- »interessanter« machen, weil es ihm seinen »vollen
melnde Lebensbejahung stets von einer Ahnung des Inhalt« zurückgebe. Am Ende seines Textes wandelt
Todes durchdrungen sein soll – und dies nicht zufäl- Freud den alten Spruch Si vis pacem, para bellum um
lig unter Berufung auf jenen Gott des Olymp, von in Si vis vitam, para mortem (Wenn du das Leben
dem die griechische Mythologie erzählte, dass er aushalten willst, richte dich auf den Tod ein), und
Jahr für Jahr von seinen Gläubigen getötet und ge- fast meint man, hier erklinge schon eine Ouvertüre
gessen wurde. Es gibt biographische und philologi- zu Heidegger.
sche Gründe zu der Annahme (Reed 1983, 172 f.), Noch unmittelbarer nach Kriegsbeginn und unter
dass Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig dem direkten Eindruck des Kriegsgeschehens hatte
(1912) in genau diesem Sinn von Nietzsche und von sich in den Gedichten des siebenundzwanzigjähri-
den Bakchen inspiriert war, von jener Tragödie des gen Österreichers Georg Trakl eine neue sprachliche
Euripides, welche vor allem die mythischen Hinter- Form ausgebildet, welche das Leben im Angesicht
gründe des antiken Dionysos-Kultes entfaltet. Zwar des Todes vergegenwärtigte. Schon nach wenigen
suggeriert Thomas Mann keinen explizit-kausalen Kriegswochen war es Trakl aufgegeben worden, bei
Zusammenhang zwischen dem Cholera-Tod des der Schlacht von Grodek (in Polen) neunzig Schwer-
Schriftstellers Gustav von Aschenbach und dem ho- verwundete allein zu versorgen. Dieser Belastung
moerotischen Begehren, die ihn in der Begegnung nicht gewachsen, erlitt er einen Nervenzusammen-
mit dem polnischen Knaben Tadzio überfällt. Aber bruch und wurde in ein Lazarett überwiesen, wo er
die im Text beschworene Stimmung erlaubt es eine Zelle mit einem delirierenden Offizier teilen
ebenso wenig, die »Angst und Ratlosigkeit« des ster- musste. Dort ist Georg Trakl in der Nacht vom 3.
benden Künstlers abzuheben von diesem Begehren. zum 4. November 1914 an einer Kokainvergiftung
Nietzsches begriffliche Vorgaben einerseits und verstorben. Seine letzten Gedichte sind nicht nur
ihre Literarisierung in Thomas Manns Novelle ande- durchherrscht von der »dunklen Angst des Todes«
rerseits umspannen die kulturelle Bewegung der eu- (Trakl 1964, 107); kein Dichter vor ihm hat darüber
ropäischen Décadence, welche zuerst das Thema des hinaus wohl so insistent wie Trakl das Gefühl des
Todes mit einer ästhetischen Aura – nicht mehr nur Sterbens im Leben beschrieben als eine Bewegung
mit theologischem und moralischem Ernst – ausge- oder einen Weg hin zum Tod, zu einem Tod freilich,
stattet hatte. Das Schreckenserlebnis des Ersten für den kaum mehr Vorstellungen und Begriffe zur
Weltkriegs, dessen Massensterben schon nach weni- Verfügung standen. In einem Text unter dem Titel
gen Monaten all den hochgestimmten Heroismus »Grodek« heißt es: »Doch stille sammelt im Weiden-
und Patriotismus des Anfangs zum Verstummen grund/ Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott
brachte, verdichtete diese Aura dann zur millionen- wohnt/ Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;/
fach durchlebten individuellen und existentiellen Alle Straßen münden in schwarze Verwesung«
Herausforderung. Ein früher Beleg für diese ent- (120). Und in vielfachen Variationen kehrt das Stre-
scheidende Steigerung des Todesthemas ist der Auf- ben, Fallen, Eilen hin zum Tod wieder. So heißt es in
satz »Zeitgemäßes über Krieg und Tod«, den Sig- »Die Nacht«: »Golden lodern die Feuer/ Der Völker
10. Tod im Kontext 77

rings./ Über schwärzliche Klippen/ Stürzt todes- ten Gedicht. Er beschreibt dort die Leiche eines
trunken/ Die erglühende Windsbraut« (113). Oder gefallenen Soldaten und betont in immer neuen
in »Klage«: »Schwester stürmischer Schwermut/ Bildern, wie die physische Gegenwärtigkeit dieses
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt/ Unter Sternen,/ Körpers bis hinein in seine erstarrten Gesten an
Dem schweigenden Antlitz der Nacht« (119). Funktionen und Gesten eines Lebenden erinnern –
Im Voraus-Blick auf Heideggers Begriff des »Vor- welche freilich durch den Tod zur Unmöglichkeit
laufens« in den Tod (SZ 262) hat Friedrich Kittler geworden sind: »Blutflecken auf der Uniform,/ die
diese textuelle Topik der Bewegung hin ins Nichts Arme geöffnet, starrt er/ Weiß, blond und ohne Le-
des Sterbens assoziiert mit einer militärhistorisch ben/ Auf den verlorenen Himmel/ Mit seinem mü-
wesentlichen Innovation aus den Materialschlachten den, blinden Blick« (Pessoa 1959, 31). Dann zieht
des Weltkriegs (Kittler 1996). Das ist die Bewegung Pessoa einen Vergleich zwischen dem gestorbenen
und die Funktion der Sturmtruppen, die in das geg- Körper und einem Gebrauchsgegenstand, welcher –
nerische Feuer  – und das heißt: in ihren gewissen des Sterbens unfähig – die Möglichkeit nicht verlo-
Tod – laufen, um die hinter ihnen den Angriff des ei- ren hat und auch gar nicht verlieren kann, einen
genen Heeres ausführenden Feuerwaffen mit ihren Zweck zu erfüllen: »Sein Zigarettenetui ist ihm eben/
Körpern zu decken. Acht Jahre nachdem er im Som- Aus der Tasche gefallen./ Die Mutter hat es ihm ge-
mer 1918  – allerdings in der vergleichsweise be- schenkt./ Zu manchem Zweck/ Taugt das Zigaret-
schaulichen Verwendung als Angehöriger einer tenetui./ Er selbst ist es, der nun/ Zu gar nichts mehr
Frontwetterwarte in den Ardennen  – zum Kriegs- taugt.« (ebd.)
einsatz gekommen war, schrieb Martin Heidegger Dass der Tod die »eigenste Möglichkeit jedes
1926: »Das Vorlaufen erschließt der Existenz als äu- Menschen« sei, verbietet es nicht allein, ihn als exis-
ßerste Möglichkeit die Selbstaufgabe und zerbricht tentielle Herausforderung im Tod anderer Men-
so jede Versteifung auf die je erreichte Existenz. Das schen zu erleben. Diese Bestimmung soll auf der an-
Dasein behütet sich, vorlaufend, davor, hinter sich deren, positiven Seite für denjenigen, der es wagt,
selbst und das verstandene Seinkönnen zurückzufal- seinem eigenen Tod entgegenzublicken, auch die
len« (SZ 264). Gelegenheit enthalten, sich der Entfremdung, dem
»Verfallensein« an die Welt und dem »Man« zu ent-
3. Konvergenzen, Resonanzen, Varianten. Wenn es reißen. Kurz vor seinem Tod am 29. Dezember 1926
also schon außer Frage steht, dass die Konturen je- (von dem Heidegger an eben jenem Tage erfährt, als
nes Todesbegriffs, bei dem Heideggers Philosophie- er den Entschluss fällt, den 3. Abschnitt des I. Teils
ren in den Paragraphen 46–53 von Sein und Zeit an- von Sein und Zeit wegen konzeptioneller Mängel
setzt, durch eine thematische Faszination um die nicht zu veröffentlichen; vgl. GA 49, 39 f.; Kisiel
Jahrhundertwende und durch ihre existentialistische 1993, 485 f., 564) schreibt Rainer Maria Rilke ein Ge-
Verdichtung unter dem Eindruck des Ersten Welt- dicht, in dem er die körperlichen Schmerzen des To-
krieges vorgegeben waren, so lässt sich die These des mit glühenden Worten willkommen heißt, mit
von seiner uneingestandenen Kontext-Sensibilität Worten, die diesen bevorstehenden Tod in der Tat
auch anhand der einschlägigen Abschnitte von Sein identisch mit Rilkes individueller Existenz machen:
und Zeit vielfältig konkretisieren. Denn für alle As- »Komm du, du letzter, den ich anerkenne,/ heilloser
pekte, anhand deren Thomas Rentsch in diesem Schmerz im leiblichen Geweb:/ wie ich im Geiste
Band (s. Kap. I.9.3.2) die von Heidegger erreichte brannte, sieh, ich brenne/ in dir; das Holz hat lange
Komplexitätssteigerung des Todesbegriffs veran- widerstrebt,/ der Flamme, die du loderst, zuzustim-
schaulicht, finden sich in der europäischen Literatur men,/ nun aber nähr ’ ich dich und brenn in dir«
und Kultur des Entstehungsjahres von Sein und Zeit (Rilke 1966, 266).
(oft mehrfach variierte) Äquivalente und Resonan- »Unbezüglich« nennt Heidegger dann weiter den
zen – was natürlich keinesfalls bedeutet, dies sei ein Tod und die Sterblichkeit, als die der Tod das Leben
letztes Mal betont, dass sich eine banalisierende durchdringt, um zu betonen, dass der Tod nicht im
Gleichung aufmachen ließe zwischen Heideggers Zusammenhang mit irgendeiner anderen Erfahrung
Denken und seinem historischen Kontext. des Lebens steht. Deshalb auch ist er »unüberhol-
Der Gedanke etwa, dass der Tod »die Möglichkeit bar«, was bedeutet, dass jede Tätigkeit, jedes andere
der Unmöglichkeit der eigenen Existenz« (vgl. SZ Thema des Daseins immer nur davon ablenken
262) sei, beschäftigt den portugiesischen Poeten kann, sich jener Angst auszusetzen, von der es im
Fernando Pessoa in einem auf das Jahr 1926 datier- Angesicht des Todes überkommen wird (SZ 250,
78 I. Werk

258, 263 f.). Als strikten Gegensatz zu solchen Ab- Boden. […] Cohn wollte ihn aufheben und aufs Bett
lenkungen preist Heidegger eben das »Vorlaufen in legen. Er sagte, wenn Cohn ihm helfen würde, würde
den Tod« als ein »Freiwerden« (263). Dabei ist es er- er ihn totschlagen, und er würde ihn auf jeden Fall
staunlich, wie vielfältig die um die Mitte der zwanzi- heute früh töten, wenn Cohn nicht inzwischen die
ger Jahre ausgebildeten Verhaltensformen und Ritu- Stadt verlassen hätte« (Hemingway 1927/1977,
ale waren, welche vor dem Hintergrund von Sein 238 f.). Martin Heideggers spürbare Begeisterung für
und Zeit als Varianten des »Vorlaufens in den Tod« die Gesten des Vorlaufens in den Tod kann ange-
zu deuten sind. Zu ihnen gehören die allgegenwärti- sichts seiner Hervorhebung der »Jemeinigkeit« des
gen und oft weitschweifigen Diskussionen über die Todes kaum ethisch motiviert sein. Eher konvergiert
Vorteile der Einäscherung (Gumbrecht 2001, 116– sie wohl mit Freuds Spekulation, dass die Gegenwart
119), denen in den Mittelschichten die tatsächlich des Todes das Leben »interessanter« mache, welche
besonders häufig getroffene Verfügung entsprach, ihrerseits – erstaunlicherweise vielleicht – den Sinn
den sterblichen Überrest der eigenen Leiche durch der wenige Jahre später erfundenen Losung der spa-
Feuer zu vernichten. Emblematisch ist der Fall eines nischen Faschisten vorwegnimmt: »Es lebe der
am 19. August 1926 bei einer Bergtour verunglück- Tod!« In weniger aggressiver Tonlage, aber mit ähn-
ten Berliner Graveurs, weil das Bergsteigen zu jenen lichen inhaltlichen Implikationen benutzte Heideg-
in den zwanziger Jahren besonders beliebten Freizeit- ger in 1926 geschriebenen Briefen an seine Freundin
aktivitäten gehörte, deren Haupt-Faszination darin Elisabeth Blochmann  – zwischen Anführungszei-
lag, dass man sich willentlich in gesteigerte Todesge- chen  – den Begriff der »Existenzfreudigkeit« (HB
fahr begab. Wenigstens dem Gedanken an den eige- 17).
nen Tod setzte man sich natürlich auch mit dem Akt Schließlich gehören zu Heideggers Todesbegriff
einer Voraus-Verfügung über die eigenen sterbli- die Prädikate der »Gewißheit« und der »Unbe-
chen Überreste aus – und wohl auch beim Praktizie- stimmtheit« (SZ 255 f.). Wir wissen, heißt es in Sein
ren der nie zuvor und nie danach ähnlich populären und Zeit, um den eigenen Tod, ohne ihn je erfahren
Ausdauersportarten, welche ebenso wie das Mara- zu haben, weshalb die Angst vor dem eigenen Tod
thon-Tanzen die Grenzen individueller körperlicher leer ist – anders als die Furcht vor bekannten Bedro-
Leistungsfähigkeit herausforderten und manchmal hungen, die uns ihrerseits, so Heidegger (SZ 186 ff.,
überschritten. Zuschauersport und Zuschauerspek- 251), immer nur davon abhalten wird, dem Tod mit
takel können zwar nicht in striktem Sinn dem Be- offenen Augen entgegenzublicken. Vielleicht war es
griff des »Vorlaufens in den Tod« zugeordnet wer- eine vorbewusste Projektion dieser besonderen Am-
den, aber wir verfügen über vielfältige Belege für die bivalenz-Form von Gewissheit und Unbestimmt-
Annahme, dass die außerordentliche Beliebtheit des heit, welche Heideggers Zeitgenossen immer wie-
Boxens, des Stierkampfs oder der Sechstagerennen der  – und für uns überraschenderweise  – den Ge-
in den zwanziger Jahren mit der Möglichkeit zu tun danken an den Tod mit dem damals noch von der
hatte, Mitmenschen zu beobachten, die sich willent- Aura des Neuen umgebenen, aber doch schon weit
lich in Todesgefahr begaben. Als »echten Sechstage- verbreiteten Medium des Grammophons in Verbin-
mann« feierte die Berliner Volks-Zeitung deshalb am dung bringen ließ (Gumbrecht 2001, 133–140). Das
6. November 1926 einen amerikanischen Radfahrer, Grammophon lässt Klänge und Stimmen im vollen
der sein Rennen unbeirrt wieder aufnahm, nachdem physisch-räumlichen Sinn gegenwärtig werden,
er wegen »zu starkem Doping« mehrere Minuten ohne zugleich das zu solcher akustischen Wahrneh-
»mit verglasten Augen, wie tot« auf der Piste gelegen mung gehörige Komplement eines Körpers oder
war (Gumbrecht 2001, 217). Wie man sich damals etwa eines Instruments sichtbar zu machen. Vor al-
wohl die Psyche von Stierkämpfern und Boxern vor- lem aber kann das Grammophon die Möglichkeit
stellte, veranschaulicht jene Passage aus Ernest He- der physischen Präsenz eines Verstorbenen bewah-
mingways Roman The Sun Also Rises, wo ein eben ren. Genau dies war jedenfalls die intendierte Be-
von einem amerikanischen Amateurboxer im deutung des im frühen zwanzigsten Jahrhundert so
Kampf um eine Frau zu Boden geschlagener Stier- berühmten Schallplatten-Labels, auf dem ein Hund
kämpfer mit größter Schroffheit das ritterliche An- »His Master ’ s Voice«, das heißt: der Stimme seines
gebot zurückweist, die Auseinandersetzung vor sei- abwesenden – oder verstorbenen – Herrn lauschte.
ner eigenen physischen Zerstörung abzubrechen: Eine ähnliche Assoziation mochte – auf vorbewuss-
»Darauf schlug ihm der Stierkampfjüngling, so hart ter Ebene wahrscheinlich  – Ernst Jünger vollzogen
er konnte, mit der Faust ins Gesicht und fiel dann zu haben, wenn er in den 1926 unter dem Titel Feuer
10. Tod im Kontext 79

und Blut veröffentlichten Kriegserinnerungen be- weil der Tod als Nichtigkeit des Daseins auch Teil
richtete, wie er mit seinen Gefährten in einem Un- des Daseins sei, wohne ihm keine Gefahr der Ver-
terstand zwischen den Leichen englischer Soldaten nichtung für das Dasein inne: »So gibt es hier keinen
ein Grammophon entdeckte: »Aber was ist denn das, Trost über den Tod hinaus. Aber doch nur darum,
was da in einer Ecke steht? Wahrhaftig, ein Gram- weil der Tod, als offenbar gewordener, selber schon der
mophon, und schon hat es H. in Bewegung gesetzt. Trost ist« (Sternberger 1977, 232).
Eine lustige Melodie beginnt abzuschnurren. Nein, Weitab von der Szene zeitgenössischer Philoso-
solche Späße gehen doch zu weit […]« (Jünger 1941, phie hatte der spanische Dichter Federico García
174). Lorca 1929/30, während eines Aufenthaltes in New
Dass die Assimilation derselben Todes-Motive York, seinen Texten einen ganz anderen, unüberbiet-
aus der Kultur der zwanziger Jahre, welche Heideg- bar radikalen Todes-Trost eingeschrieben. Eine un-
ger in Sein und Zeit zum Zentrum des Entwurfs ei- ter dem Titel »Einführung in den Tod« zusammen-
ner neuen Philosophie verdichtete, auch durchaus gefasste Gruppe von Gedichten vergegenwärtigt die
banal ausfallen konnte, zeigt der Roman Kampf der Sehnsucht nach dem Tod als einer Schwelle hin zur
Gestirne des Schriftstellers Hans Friedrich Blunck, Einswerdung mit der Materialität der Dinge, welche
der 1933 zum Präsidenten der nationalsozialisti- zugleich die Erlösung von der Begierde des Lebens
schen Reichsschrifttumskammer ernannt werden nach beständiger Transformation sein soll. In der
sollte. Die spätsteinzeitlichen Protagonisten seines berühmten Elegie auf den Tod seines Freundes, des
Entwurfs einer nordischen Mythologie gebrauchen Stierkämpfers Ignacio Sánchez Mejías, der im Au-
viele von jenen Begriffen und Unterscheidungen, die gust 1934 nach einem Unfall in der Arena gestorben
uns heute noch aus Heideggers Werk vertraut sind: war, lässt Lorca deshalb den Tod als Beginn eines
Furcht und Sorge, Furcht und Angst, Gerede und Ei- Übergangs erscheinen, der den »gegenwärtigen Kör-
gentlichkeit, Schuld und Entschlossenheit. Doch per« zurückholt in die Welt der Naturelemente:
während Heidegger diese begrifflichen Spannungen »Aber er schläft schon einen endlosen Schlaf./ Schon
verdichtete zu einem Appell für die Lebensformen öffnen das Moos und das Gras/ mit sicheren Fin-
der Eigentlichkeit im Angesicht des Todes, baute gern/ die Blume seines Schädels./ […] Wir stehen
Hans Blunck aus denselben Motiven den trivialen vor einem gegenwärtigen Körper, der sich auflöst,/
Binarismus eines Triumphs des männlichen »Reichs vor einer klaren Form wie Nachtigallen/ und sehen,
des Tages« über das weibliche »Reich der Nacht« wie sie von Löchern ohne Grund durchsetzt wird«
(vgl. Gumbrecht 2001, 520 ff.). (García Lorca 1971, 541 ff.).
Im letzten Absatz von Hermann Brochs 1945 erst-
4. Höhepunkt und Niedergang der Todes-Faszination. mals veröffentlichtem Roman Der Tod des Vergil
Keinen Zweifel kann es aus unserer Retrospektive schließlich nähert sich der Tod dem sterbenden
daran geben, dass die Mitte der zwanziger Jahre ei- Dichter als ein »anhebender Klang«, der nicht mehr
nen Höhepunkt in der intellektuellen und alltagskul- nur aus dem Nichts, sondern »aus Nichts und All«
turellen Todes-Faszination des Westens markiert, kommt. Dieser anhebende Klang scheint ein Wort
der vielleicht allein mit den Jahrhunderten des spä- zu enthalten, und »das Wort schwebte über dem All,
ten Mittelalters und der römischen Kaiserzeit ver- schwebte über dem Nichts«. Vergil stirbt, »denn er
gleichbar ist. Heideggers philosophische Bearbei- konnte es nicht festhalten, und er durfte es nicht
tung des Todesbegriffs in Sein und Zeit ist nicht al- festhalten; unerfaßlich, unaussprechbar war es für
lein ein Symptom für diesen Moment historischer ihn, denn es war jenseits der Sprache« (Broch 1958,
Kondensation, sondern sie hat wohl auch erheblich 532 f.). Als diese Sätze geschrieben wurden, stand
zu seiner inhaltlichen Umformung und mithin zu das Thema des Todes längst nicht mehr im Zentrum
seiner Überwindung beigetragen. Schon seit den von Heideggers Denken.
frühen dreißiger Jahren wurden die philosophischen
und literarischen Gesten in der Rede über den Tod Literatur
gelassener. Dolf Sternbergers 1931 an der Frankfur-
ter Universität vorgelegte und 1934 publizierte Dis- Broch, Hermann: Der Tod des Vergil. In: Gesammelte
sertation mit dem Titel Der verstandene Tod – eine Werke. Bd. 3. Zürich 1958. – Freud, Sigmund: Zeitgemäßes
über Krieg und Tod. Leipzig 1924. – García Lorca, Federico:
Untersuchung zu Martin Heideggers Existential-On- Obras completas. Madrid 1971. – Gumbrecht, Hans Ulrich:
tologie etwa schließt mit einem beherrscht formu- 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit. Frankfurt a. M. 2001.  –
lierten Argument philosophischer Tröstung. Eben Hemingway, Ernest: The Sun Also Rises. New York 1927
80 I. Werk

(zit. nach: Fiesta. Reinbek 1977). – Jünger, Ernst: Feuer und des aus demselben Jahr zuzurechnen (s. Kap. I.13.3),
Blut. Ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Schlacht. Ham- in der Heidegger darlegt, dass die Frage nach dem
burg 1941. – Kisiel, Theodore J.: The Genesis of Heidegger ’ s Wesen des Grundes als Transzendenzproblem be-
Being and Time. Berkeley u. a. 1993. – Kittler, Friedrich: Il
fiore delle truppe scelte. In: Hans Ulrich Gumbrecht/Fried- handelt werden müsse, und zwar deshalb, weil
rich Kittler/Bernhard Siegert (Hg.): Der Dichter als Kom- Kant – zwar nicht explizit, aber der Sache nach – den
mandant. D ’ Annunzio erobert Fiume. München 1996, 205– Satz vom Grund in seinem obersten Grundsatz aller
226.  – Pessoa, Fernando: Poesias. Rio de Janeiro 1959.  – synthetischen Urteile bearbeite. Der Grundsatz lege
Reed, Terence James: Thomas Mann: »Der Tod in Venedig«. dar, was überhaupt zum »Sein von Seiendem, als
Text, Materialien, Kommentar. München 1983.  – Rilke,
Rainer Maria: Werke in drei Bänden, Bd. 2. Frankfurt a. M. dem in der Erfahrung zugänglichen« (GA 9, 134) ge-
1966.  – Schur, Max: Freud: Living and Dying. New York höre.
1972 (dt. Sigmund Freud: Leben und Sterben. Frankfurt Nach 1929 verändert sich Heideggers Verhältnis
a. M. 1977).  – Sternberger, Dolf: Über den Tod. Frankfurt zu Kant. Während Kant und das Problem der Meta-
a. M. 1977. – Thomä, Dieter: Die Zeit des Selbst und die Zeit physik die erste große Publikation nach Sein und Zeit
danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Heideggers
1910–1976. Frankfurt a. M. 1990. – Trakl, Georg: Gedichte. ist und von daher seine Ausrichtung gewinnt, doku-
Frankfurt a. M. 1964. mentiert Die Frage nach dem Ding. Zu Kants Lehre
von den transzendentalen Grundsätzen aus dem
Jahre 1935 den neuen Umgang mit Kant nach der
Kehre (GA 41; s. Kap. I.18). Jetzt ist die Frage nach
der Gegenständlichkeit  – »Was ist ein Ding?« (FD
11. »Kant und das Problem 1)  – vorherrschend. Dabei wendet sich Heidegger
der Metaphysik« ausführlicher Kants System der Grundsätze des rei-
nen Verstandes zu.
Die Endlichkeit menschlicher
Erkenntnis 1.2. Die Kantkritik in Sein und Zeit. Das Verhältnis
zu Kant ist in Sein und Zeit insgesamt zwar von ent-
Dieter Sturma schiedener Kritik bestimmt, seine herausragende
Stellung in der Geschichte der Philosophie wird
1. Kontext gleichwohl nicht in Abrede gestellt. Sie liege aber
nicht, wie gemeinhin angenommen werde, auf dem
1.1. Theoriegeschichtlicher Hintergrund. Kants Philo- Gebiet der Erkenntnistheorie, sondern in der Her-
sophie ist für Heidegger die ausgereifteste Gestalt ausarbeitung dessen, was zu »einer Natur über-
der abendländischen Metaphysik. An ihr lasse sich haupt« (SZ 10 f.) gehöre. Entsprechend müsse die
deutlich der Theorieweg ablesen, der bei Platon be- transzendentale Logik der Kritik der reinen Vernunft
ginnt und zu der spezifischen Ausprägung neuzeit- auch als »apriorische Sachlogik des Seinsgebietes
licher Metaphysik geführt habe, die nunmehr zur Natur« (11) verstanden werden.
grundsätzlichen Revision anstehe. Das metaphysi- Kant wird vor allem dafür gewürdigt, dass er sich
sche Denken der Moderne ist Heidegger zufolge von schon auf dem richtigen Weg in die Dimension von
Einsätzen und Unterscheidungen beherrscht, die Temporalität befunden habe, auch wenn er nur
sich besonders ausgeprägt in Kants theoretischer »durch den Zwang der Phänomene« (23) dorthin ge-
Philosophie abzeichnen. Neben der Ausdifferenzie- drängt worden sei. Unter dem richtigen Weg ver-
rung von Denken und Sein gelte das vor allem für steht Heidegger die thematische Zusammenführung
die konstitutive Funktion der Subjektivität und die von Interpretation des Seins und dem Phänomen
transzendentale Frage nach den Bedingungen der der Zeit. In diesem Zusammenhang fühlt er sich vor
Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung. allem von dem Schematismuskapitel aus der Kritik
Heideggers grundsätzliche Auseinandersetzung der reinen Vernunft angesprochen. Kant bezeichnet
mit Kant nimmt ihren Ausgang in Sein und Zeit, dort den Schematismus des Verstandes als eine ver-
setzt sich in der Vorlesung von 1927/28 Phänomeno- borgene Kunst, die  – gleichsam als Geheimnis der
logische Interpretation von Kants Kritik der reinen Natur – sich dem epistemischen und epistemologi-
Vernunft (GA 25) fort und findet 1929 mit Kant und schen Zugriff entzieht. Diese Unzugänglichkeits-
das Problem der Metaphysik (GA 3) ihren vorläufi- these macht Heidegger als den Grund dafür aus, dass
gen Abschluss. Dem Kontext der Auseinanderset- es Kant nicht gelinge, sich von der griechischen
zung ist auch die Abhandlung Vom Wesen des Grun- Seinsauslegung zu lösen, die »ohne Kenntnis oder
11. »Kant und das Problem der Metaphysik« 81

gar Verständnis der fundamentalen ontologischen hen ist der Schematismus die Anweisung auf die ur-
Funktionen der Zeit, ohne Einblick in den Grund sprüngliche Sphäre der radikalen Begründung der
der Möglichkeit dieser Funktion« (26) geblieben sei. Möglichkeit der ontologischen Erkenntnis.« (GA 25,
Heidegger rückt deshalb das Schematismuskapitel 431)
und die Zeittheorie in das Zentrum seiner Kant-Re-
vision. Das gilt für Sein und Zeit genauso wie für die 2. Kant und das Problem der Metaphysik
Phänomenologische Interpretation von Kants Kritik
der reinen Vernunft und Kant und das Problem der 2.1. Ansatz und Methode. Bei der Ausarbeitung von
Metaphysik. Kant und das Problem der Metaphysik kann Heideg-
ger neben der Vorlesung Phänomenologische Inter-
1.3. Die Vorlesung Phänomenologische Interpreta- pretation von Kants Kritik der reinen Vernunft auch
tion von Kants Kritik der reinen Vernunft (1927/28). auf Vorträge zurückgreifen, die er am Herder-Insti-
Heideggers Kantvorlesung greift Problemstellungen tut in Riga (1928) und in Davos anlässlich der Hoch-
aus der vorhergehenden Vorlesung Die Grundpro- schulkurse (1929; s. Kap. I.12) gehalten hat. Das er-
bleme der Phänomenologie (1927; GA 24) auf und kenntnisleitende Interesse an der Interpretation der
schließt an die Vorlesung Geschichte der Philosophie Kritik der reinen Vernunft ist nach Heideggers Be-
von Thomas von Aquin bis Kant (1926/27; GA 23) kunden bei der Bearbeitung von Sein und Zeit ent-
an, in der – anders als der Titel nahelegt – von Kant standen. Eine ausführliche Bezugnahme auf Kant
fast nicht die Rede ist. In den Mittelpunkt rückt nun hat er hier noch zurückgestellt. Gemäß der ur-
die Darlegung des Verhältnisses von positiven Wis- sprünglichen Gliederung ist eine ausführliche Kant-
senschaften, Ontologie und Fundamentalontologie. Diskussion für den 1. Abschnitt des 2. Teils von Sein
Den Vergegenständlichungen in den positiven Wis- und Zeit vorgesehen gewesen – bekanntlich sind nur
senschaften wird eine Ontologie entgegengestellt, die ersten beiden Abschnitte des 1. Teils veröffent-
die sich als temporale Wissenschaft versteht und die licht worden. Nach den zuweilen sehr kritischen An-
Strukturen und Möglichkeiten des Seins in der Per- merkungen zu Kant in Sein und Zeit wird die Dis-
spektive der Zeitlichkeit thematisiert. Damit rückt kussion seines Ansatzes nun formal unabhängig
Heidegger schon vom Ansatz her von dem ab, was vom frühen Hauptwerk durchgeführt und einer dif-
gemeinhin als transzendentalphilosophischer Aus- ferenzierten Würdigung zugeführt.
gangspunkt der Kritik der reinen Vernunft begriffen Das Kant-Buch verfolgt keine einfachen Interpre-
wird. Er fragt nicht länger nach den Bedingungen tations- oder Rekonstruktionsziele. Es ist vielmehr
der Möglichkeit von Erkenntnis, sondern nach den Heideggers Absicht, den nicht ohne weiteres ersicht-
»Bedingungen der Möglichkeit einer Wissenschaft lichen Gehalt der Kritik der reinen Vernunft dadurch
vom Seienden überhaupt« (GA 25, 43 ff.). kenntlich zu machen, dass er nicht ihrem Wortlaut
Im Unterschied zum Kant-Buch lässt sich Hei- folge und stattdessen herausarbeite, was Kant der Sa-
degger in der Vorlesung noch ausführlicher auf die che nach habe sagen wollen. Heidegger weist auf
einleitende Hinführung zu seiner eigenwilligen In- seine hermeneutische Grundüberzeugung hin, wo-
terpretation ein. Die Vorlesung unterscheidet sich nach es in der philosophischen Erkenntnis nicht auf
vom Buch durch größere Textnähe, bricht aber frü- die ausgesprochenen Sätze ankomme, sondern auf
her in der Auslegung ab. Während dieses noch das das, »was sie als noch Ungesagtes durch das Gesagte
»System aller Grundsätze des reinen Verstandes« vor Augen legt« (GA 3, 201). Von diesem hermeneu-
(Kritik der reinen Vernunft B 187 ff.) behandelt, tischen Verständnis ausgehend entwickelt er ohne
bleibt jene bei der »Transzendentalen Deduktion der Rücksicht auf den philologischen und philosophie-
reinen Verstandesbegriffe« (B 129 ff.) stehen. Aller- historischen Kontext der Kritik der reinen Vernunft
dings schließt die Vorlesung mit einem Ausblick auf seinen Zugriff auf Kants Analysen und Argumenta-
das Kapitel »Von dem Schematismus der reinen Ver- tionen.
standesbegriffe« (B 176 ff.), in dem für Heidegger die Heideggers eigentümliche Beschäftigung mit der
Begründungsarbeit der Transzendentalen Deduk- Kritik der reinen Vernunft wirft die grundsätzliche
tion ohnehin erst zum Abschluss kommt: »Von der Fragestellung auf, ob seine Interpretation noch von
Anlage der kantischen Darstellung her gesehen, ist Kants Philosophie handelt oder diese nur als äußer-
der Schematismus eine Begründung der transzen- lichen Anstoß für eigene konstruktive Interessen
dentalen Deduktion, obzwar Kant ihn nicht als sol- und Erkenntnisziele heranzieht. Heidegger räumt
chen versteht. Von unserer Interpretation aus gese- von vornherein die Eigenwilligkeit seiner spekulati-
82 I. Werk

ven Rekonstruktion ein und verteidigt sich nicht ge- Abfassung der Kritik der reinen Vernunft vor Augen
gen den Vorwurf der Gewaltsamkeit seiner Ausle- gestanden hat. Daran schließt sich eine Auseinan-
gungen. In philologischer Hinsicht hält er ihn ohne- dersetzung mit Kants kopernikanischer Wende an.
hin für berechtigt. Der Umstand, dass es ihm Die Frage »Wie sind synthetische Urteil a priori
ersichtlich nicht um philologische Rücksichtnahme möglich?« wird im Sinne einer metaphysischen
gegangen ist, darf aber nicht vorschnell als bloße Grundlegung ausgedeutet. Heidegger unterstellt,
Willkür abgetan werden. Heidegger sieht sich näm- dass der Sinn der kantischen Kritik in ontologischer
lich durchaus in einer tiefgehenden Verpflichtung Erkenntnis zu sehen sei. In ihrem Zentrum stehe
gegenüber Kant. Ihr liegen allerdings Rekonstrukti- eindeutig die Ontologie, die sie auf »ihre innere
onsabsichten zugrunde, die sich jenseits von philo- Möglichkeit« (GA 3, 17) hin befrage. Insofern habe
logischen oder hermeneutischen Erwägungen im sie auch nichts mit der Erkenntnistheorie zu schaf-
engeren Sinne bewegen. Er will einem Geschehen in fen. Es sei Kants großes Verdienst, der transzenden-
den kantischen Texten nachspüren, das sich erst vor talen Fragestellung die Wendung gegeben zu haben,
dem Hintergrund der geschichtlichen Einbettung dass dem Überschreiten der reinen Vernunft zum
des Umgangs mit der Seinsfrage erschließe. Dieses Seienden nachgegangen werden müsse.
Geschehen ist die Offenlegung von Transzendenz. Im zweiten Abschnitt werden vor allem Kants Ar-
Auch im Rahmen einer gutwilligen Deutung von gumentationen zu den Anschauungsformen von
Heideggers Interpretation kann nicht davon ausge- Raum und Zeit, zu Logik und Kategorien, zur tran-
gangen werden, dass Kant auch nur im Entferntesten szendentalen Deduktion der reinen Verstandesbe-
ein solches Projekt im Sinn gehabt habe. Die Beur- griffe, zum Schematismus sowie zu den Grundsät-
teilung der Verpflichtung kann daher nicht im Rah- zen des reinen Verstandes thematisiert. Die Behand-
men herkömmlicher philologischer Bewertungen lung spart allerdings weite Bereiche der Analytik der
durchgeführt werden. Sie hängt vielmehr davon ab, Grundsätze aus. Aus der Interpretation der ausge-
inwiefern nachzuweisen ist, dass die Kritik der reinen wählten Passagen gehen fünf Stadien der Grundle-
Vernunft an einer Geschichte der Metaphysik teilhat, gung der Metaphysik hervor: 1. die Wesenselemente
die von Kants eigenen methodischen Intentionen der reinen Erkenntnis, 2. die Wesenseinheit der rei-
verschieden ist. Weil Heidegger davon ausgeht, ei- nen Erkenntnis, 3. die innere Möglichkeit der We-
nen solchen Nachweis führen zu können, will er senseinheit der ontologischen Synthesis, 4. der
seine Interpretation nicht als bloße Aneignung ver- Grund der inneren Möglichkeit der ontologischen
standen wissen. Auch wenn er sich nicht an der Me- Erkenntnis und 5. die volle Wesensbestimmung der
thode und dem Argumentationsstil Kants orientiere, ontologischen Erkenntnis. Als »Quellgrund für die
bedeute das nicht, dass er dessen philosophisches Grundlegung der Metaphysik« (21) identifiziert
Projekt nicht im Blick habe. Er beansprucht, der in- Heidegger die Vernunft. Sie wird nicht als abstrakte
neren Bewegung der Kritik der reinen Vernunft zu Bestimmung aufgefasst, sondern als Wesen der End-
folgen, die aber eben nicht an der terminologischen lichkeit des Menschen. Endlichkeit sei in diesem Zu-
Oberfläche kenntlich werde. Konsequenterweise sammenhang aber nicht ein epistemischer Mangel.
konstatiert Heidegger ein Gefälle zwischen dem in- Derartigen Unterstellungen fehle der Blick auf die
neren Zug von Kants Grundlegung der Metaphysik Binnenstruktur der Vernunft, in der sich die grund-
und der äußeren Architektonik der Kritik der reinen legende Form von Erkenntnis überhaupt ausdrücke.
Vernunft (GA 3, 43). Dieses Gefälle will er funda- Im Unterschied zu den Hauptströmungen der
mentalontologisch ausdeuten. Kant-Exegese orientiert sich Heidegger nicht an den
Konstitutionsleistungen des menschlichen Bewusst-
2.2. Inhalt. Kant und das Problem der Metaphysik seins. Der Schlüssel zum Verständnis der Kritik der
gliedert sich in eine knappe Einleitung und die vier reinen Vernunft liegt ihm zufolge in der Formel, dass
Abschnitte »Die Grundlegung der Metaphysik im Erkennen primär ein Anschauen sei. Die produkti-
Ansatz«, »Die Grundlegung der Metaphysik in der ven Leistungen des Verstandes seien demgegenüber
Durchführung«, »Die Grundlegung der Metaphysik nur derivative Elemente, die die Rolle einer »Dienst-
in ihrer Ursprünglichkeit« sowie »Die Grundlegung stellung zur Anschauung« (22) einnähmen. Bei aller
der Metaphysik in einer Wiederholung«. Der erste Wechselseitigkeit des Verhältnisses von Anschauen
Abschnitt rekonstruiert den Weg der traditionellen und Denken bleibe das eigentliche Wesen der Er-
Metaphysik von Platon und Aristoteles zu der Schul- kenntnis die Anschauung. Der Umstand, dass ein
metaphysik des 18. Jahrhunderts, die Kant bei der endliches erkennendes Wesen auch denken müsse,
11. »Kant und das Problem der Metaphysik« 83

sei letztlich nur die Konsequenz der Endlichkeit sei- fenlegung der Struktur endlicher Erkenntnis. Der
nes Anschauens. Nur für endliche Wesen gebe es Ausdruck ›Erfahrung‹ in der transzendentalphiloso-
überhaupt so etwas wie einen Gegenstand. Denn Er- phischen Formel von der ›Möglichkeit der Erfah-
kennen im Modus der Endlichkeit sei auf ein Sich- rung‹ verweise auf die »endliche, anschauend hin-
richten-nach-etwas angewiesen. In diesem Sinne nehmende Erkenntnis von Seiendem« (116).
könne auch in einem empirischen Sinne vom Sein Die Analyse endlicher Erkenntnis findet nach
als Gegenständlichkeit gesprochen werden. Heideggers Auslegung ihren Abschluss im Schema-
Heidegger setzt sich ausführlich mit Kants Unter- tismuskapitel. Dort heißt es, dass der Schematismus
scheidung von Gegebenem und Gemachtem bzw. »eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschli-
Sinnlichkeit und Verstand auseinander. Er verweist chen Seele« (Kritik der reinen Vernunft B 180) sei.
auf die Eigentümlichkeit des kantischen Ansatzes, Heidegger fasst die Formulierung als Ausdruck des
Erkenntnis als Einheit von Sinnlichkeit und Ver- Geschehens der Transzendenz in seinem Innersten
stand zu bestimmen, ohne dabei den Grund dieser auf, denn alles begriffliche Vorstellen beruhe we-
Einheit zu benennen. Kant treibe diese Eigentüm- sentlich auf einem Schematismus und alles endliche
lichkeit dadurch sogar noch auf die Spitze, indem er Erkennen sei als denkendes Anschauen notwendig
ausdrücklich den Anspruch auf cartesianische Ge- begrifflich. Mit der Konzeption des transzendenta-
wissheit aufgebe und die Möglichkeit einer gemein- len Schematismus komme insofern der »Grund der
schaftlichen Wurzel von Sinnlichkeit und Verstand inneren Möglichkeit der Transzendenz ans Licht«
außerhalb epistemischer und epistemologischer Zu- (GA 3, 101). Die Lehre vom Schematismus sei der
gänglichkeit einräume: »Hieraus ergibt sich für den entscheidende Schritt der Grundlegung der meta-
allgemeinen Charakter der Kantischen Grundle- physica generalis, und ihr werde zu Unrecht der Vor-
gung der Metaphysik das Wesentliche: sie führt wurf der Undurchsichtigkeit gemacht. Habe man
nicht auf die sonnenklare absolute Evidenz eines ers- sich erst einmal der fundamentalontologischen Pro-
ten Satzes und Prinzips, sondern geht und zeigt be- blemstellung der Kritik der reinen Vernunft versi-
wußt ins Unbekannte. Sie ist eine philosophierende chert, falle der Anschein des Verwirrenden weg. Es
Grundlegung der Philosophie.« (37) Heidegger will ist Heideggers Interpretationsergebnis, dass Kants
nun im Weiteren zeigen, dass diese philosophie- Kritik der reinen Vernunft die Transzendenzstruktur
rende Grundlegung entschiedener vorangetrieben ausdrücke, die einem endlichen Wesen das Seiende
werden könne. an ihm selbst zugänglich mache. Die ontologische
Im Fortgang der Durchführung macht Heidegger Erkenntnis bilde die Transzendenz im Sinne des Of-
eine argumentative Verschiebung in den kantischen fenhaltens des Horizonts, »in dem das Sein des Sei-
Argumentationen aus, welche die Zeit in den Mittel- enden vorgängig erblickbar wird« (123).
punkt der Überlegungen rücken lasse. Das Movens Der dritte Abschnitt setzt sich ausführlich mit der
der Interpretation ist die Überzeugung, dass dem systematischen Funktion von Kants Begriff der tran-
Begriff der Einbildungskraft in Kants System die szendentalen Einbildungskraft sowie mit dessen
maßgebliche Rolle zukomme. Deshalb konzentriert Verhältnis zur Zeit und praktischen Vernunft ausei-
sich Heidegger bei den systematisch entscheidenden nander. Heidegger stellt heraus, dass die transzen-
Passagen der transzendentalen Analytik auf den dentale Einbildungskraft als bildende Mitte der bei-
Wortlaut der ersten Auflage der Kritik der reinen den Stämme der Erkenntnis angesehen werden
Vernunft von 1781. Die Bedeutung des Begriffs der müsse. In dieser Hinsicht sei sie letztlich die Wurzel
Einbildungskraft liegt ihm zufolge nicht in einer der Transzendenz. Sie verbinde zwei Enden nicht
Verschärfung des Subjektgedankens, wie vor allem wie ein äußeres Band, sondern fungiere als ein eige-
Kants idealistische Nachfolger angenommen haben. nes Vermögen der Einheitsbildung. Entsprechend
Er deutet endliche Erkenntnis als eine hinnehmende habe sowohl die Sinnlichkeit als auch der Verstand
Anschauung, weshalb keine Wendung zum Subjekt, »einen wesenhaften strukturalen Bezug« zu ihr. Als
sondern eine Wendung zum Objekt anzusetzen sei. Ermöglichung der Transzendenz offenbare sie sich
Das Begegnenlassen von Seiendem gründet sich als das Wesen des endlichen Selbst und dürfe des-
nach Heideggers Überzeugung in der »wesenhaft halb weder als ein empirisches Seelenvermögen
zeitbezogenen reinen Einbildungskraft« (83). Kants noch als ein bloß theoretisches Vermögen aufgefasst
transzendentale Deduktion der reinen Verstandes- werden. Sie müsse vielmehr als der Ausgangspunkt
begriffe erfülle keineswegs die Aufgabe einer subjek- für den letzten Schritt in der Enthüllung der Ur-
tivitätstheoretischen Konstitution, sondern die Of- sprünglichkeit des gelegten Grundes begriffen wer-
84 I. Werk

den. Heidegger beklagt allerdings, dass Kant vor der Grundlegung, die nämlich in nichts anderem be-
sich mit dem Begriff der Einbildungskraft stellenden stehe als in der Begründung einer metaphysica spe-
Ursprünglichkeitsproblematik zurückgewichen sei: cialis.
»Kant brachte die ›Möglichkeit‹ der Metaphysik im Bekanntlich benennt Kant in seiner Logik-Vorle-
Radikalismus seines Fragens vor diesen Abgrund. Er sung eine weitere Grundfrage – Was ist der Mensch?
sah das Unbekannte. Er mußte zurückweichen. (Akademie-Ausgabe IX, 25) – und räumt ausdrück-
Denn das allein war es nicht, daß ihn die transzen- lich die Möglichkeit ein, dass man die ersten drei
dentale Einbildungskraft schreckte, sondern daß in- Fragen auf die letzte beziehen könne. Diesem Bezug
zwischen die reine Vernunft als Vernunft ihn noch gibt Heidegger eine entschlossene Ausdeutung (GA
stärker in ihren Bann gezogen hatte.« (168) In der 3, 205 ff.; s. Kap. I.13.4). An Schelers Die Stellung des
zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft gebe Menschen im Kosmos anschließend (s. Kap. III.1.3.1)
Kant jedoch dem Verstand die Herrschaft zurück. entwirft er zunächst die Programmatik für eine phi-
Nur für einen kurzen Augenblick werde das ur- losophische Anthropologie, die sich von deskripti-
sprüngliche Wesen der transzendentalen Einbil- ven Aufgabenstellungen löst und das metaphysische
dungskraft kenntlich, um sich dann wieder zu ver- Bedürfnis menschlicher Existenz in den Mittelpunkt
hüllen. rückt. Dabei setzt er sich gleichermaßen von einem
Heidegger begreift die transzendentale Einbil- einseitigen Anthropologismus wie von einem Re-
dungskraft als Ursprung der reinen sinnlichen An- duktionismus ab, der den Menschen im Kontext des
schauung. Für ihn ergibt sich damit zwingend, dass Seienden nivelliert. Die anthropologische Perspek-
die Zeit als reine Anschauung aus der transzenden- tive ist für Heidegger Ausdruck bewusster Endlich-
talen Einbildungskraft entspringt. Das Bilden der keit, die sich in den Grundfragen nach dem Können,
Einbildung sei in sich zeitbezogen. Der volle Begriff Sollen und Dürfen der Vernunft offenbare (s. Kap.
der Zeit ergebe sich demnach erst, wenn die Zeit als III.1.2). In den Grundfragen verrate sich das Inter-
reine Anschauung zugleich auch als das »bildende esse der menschlichen Vernunft an ihrer Endlich-
Anschauen seines Angeschauten« (175) begriffen keit: »Es geht ihr darum, nicht etwa das Können,
werde. Im Unterschied zu orthodoxen Auslegungen Sollen und Dürfen zu beseitigen, also die Endlich-
der Lehre vom inneren Sinn verwirft Heidegger die keit auszulöschen, sondern umgekehrt darum, die-
Option, Zeit als wirkende Selbstaffektion zu begrei- ser Endlichkeit gerade gewiss zu werden, um in ihr
fen. Mit der Zeit trete vielmehr das Wesen »von so sich zu halten.« (GA 3, 216 f.) Heidegger leitet daraus
etwas wie Sich-selbst-angehen« (189) hervor. Als eine Neubestimmung der philosophischen Anthro-
reine Selbstaffektion sei die Zeit die Wesensstruktur pologie ab. Diese erschöpfe sich nicht in der Aufzäh-
der Subjektivität, denn zum Wesen des endlichen lung von menschlichen Eigenschaften oder in ge-
Subjekts gehöre es, als ein Selbst angegangen werden neralisierenden Abstraktionsvorgängen. Vielmehr
zu können. »Nur auf dem Grunde dieser Selbstheit habe sie ihren Ausgang von der Grundlegung der
kann das endliche Wesen sein, was es sein muß: an- Metaphysik und der sich daraus ergebenden Frage
gewiesen auf Hinnahme.« (ebd.) Daher sind für Hei- nach der Endlichkeit des Menschen zu nehmen. Es
degger in letzter Konsequenz Zeit und ›ich denke‹ liege in der Seinsart des Menschen, in sich endlich
dasselbe. zu existieren. Daraus lasse sich schließlich das Pri-
Seinen Abschluss findet Heideggers Kant-Buch in mat der Endlichkeit vor dem Anthropologischen ab-
einem Abschnitt, der den internen Zusammenhang leiten: »Ursprünglicher als der Mensch ist die Endlich-
von Metaphysik, Endlichkeit und Fundamentalon- keit des Daseins in ihm.« (229) Zwar sei die Wurzel
tologie entwickelt. Ausgangspunkt der Überlegun- der Metaphysikproblematik in der Frage nach dem
gen ist die in den vorhergehenden Abschnitten ent- Dasein des Menschen zu sehen, aber anthropologi-
faltete These, dass die kantische Grundlegung der sche Fragestellungen liefen immer auf Metaphysik
Metaphysik die Enthüllung der Transzendenz der hinaus. Die für die Grundlegung der Metaphysik
Subjektivität vollziehe. Deshalb sei metaphysische notwendige Frage nach dem Menschen habe nicht
Begründungsarbeit letztlich nichts anderes als das die Anthropologie, sondern die Metaphysik des Da-
Fragen nach dem Menschen. Heidegger knüpft da- seins zu übernehmen. Diesen Vorrang der Metaphy-
bei ausdrücklich an Kants Grundfragen aus der Kri- sik bestimmt Heidegger auch später noch in aus-
tik der reinen Vernunft an: Was kann ich wissen? Was drücklicher Bezugnahme auf Kant. In der 1949 ver-
soll ich tun? Was darf ich hoffen? (B 833). In diesen öffentlichten Einleitung zu Was ist Metaphysik? heißt
Fragestellungen zeigt sich für ihn das Ziel der es: »Solange der Mensch sich als vernünftiges Lebe-
11. »Kant und das Problem der Metaphysik« 85

wesen versteht, gehört die Metaphysik nach dem reinen Vernunft von zentraler Bedeutung ist (B
Wort Kants zur Natur des Menschen. Wohl könnte 399 ff.). Heideggers systematische Aufwertung der
dagegen das Denken, wenn ihm glückt, in den transzendentalen Einbildungskraft verbindet sich
Grund der Metaphysik zurückzugehen, einen Wan- zudem mit den Projekten des Deutschen Idealismus.
del des Wesens des Menschen mitveranlassen, mit Dessen Reformulierung von Kants erkenntniskriti-
welchem Wandel eine Verwandlung der Metaphysik scher Programmatik zielt auf einen Systemgedan-
einherginge.« (GA 9, 363) ken, dessen Binnenstruktur von dem Begriff der
Die Enthüllung der Seinsverfassung des mensch- Einbildungskraft beherrscht wird.
lichen Daseins ist für Heidegger Ontologie. Er grenzt Die Kant-Forschung hat Heideggers Interpreta-
sich deshalb noch einmal ausdrücklich von rein er- tion durchgängig verworfen. In Übersichten zur
kenntnistheoretischen Lesarten der Kritik der reinen Kant-Literatur des 20. Jahrhunderts kommt Kant
Vernunft ab. Kants Untersuchung laufe als Grundle- und das Problem der Metaphysik oftmals nicht über
gung der Metaphysik auf eine Fundamentalontolo- die bloße Titelnennung hinaus. Heidegger muss sich
gie zu. Heidegger greift auf Kants Brief an Marcus den Vorwurf gefallen lassen, dass seine Auslegung
Herz vom 11. Mai 1781 zurück, in dem die Schwie- gerade den erkenntniskritischen Zug zum Ver-
rigkeit des Werks mit der Aufgabenstellung einer schwinden bringe, der nach Kant den Kern der Kri-
»Metaphysik von der Metaphysik« erklärt wird (GA tik der reinen Vernunft ausmacht. Das gilt insbeson-
3, 228 ff.). Das fundamentalontologische Programm dere für den Komplex der »gemeinschaftlichen, aber
überbietet Kants Versuche auf dem Gebiet der Meta- uns unbekannten Wurzel« (Kritik der reinen Ver-
physik mit dem Nachweis, dass das Seinsverständnis nunft A 15/B 29) von Sinnlichkeit und Verstand.
nicht nur ein Erkennen, sondern vor allem ein Heidegger zieht nicht ernsthaft in Betracht, dass
»Grundmoment des Existierens überhaupt« (233) Kants sogenanntes Zurückweichen und das be-
sei. Heidegger sieht sich bei seiner fundamentalonto- wusste Zeigen ins Unbekannte sich nicht fehlender
logischen Revision gleichwohl immer noch auf dem Entschlossenheit verdanken, sondern Konsequenz
Boden der Kritik der reinen Vernunft. Das Seinsver- seines erkenntniskritischen Ansatzes sind, dem zu-
ständnis bestimmt sich ihm zufolge aus der Endlich- folge der Bereich jenseits eng gezogener erkenntnis-
keit menschlichen Daseins. Weil die Menschen ihre theoretischer Begrenzungen nicht mehr theoriefähig
Endlichkeit auf die Zeit hin entwerfen müssten, ge- ist. – In der Heidegger-Forschung lässt sich, was die
winne die Zeit in Verbindung mit der transzenden- Wirkung seines Kant-Buchs betrifft, ein vergleichba-
talen Einbildungskraft die entscheidende metaphy- rer Sachverhalt ausmachen. Bei der Analyse des
sische Rolle in Kants Argumentationen. Denkwegs nach Sein und Zeit findet die Veröffentli-
chung von 1929 wenig Berücksichtigung. Auch ha-
3. Philosophiegeschichtliche Einordnung und Wir- ben Kant-Forschung und Heidegger-Forschung bis
kung. Heidegger hat herausgestellt, dass er mit seiner heute nicht zusammengefunden.
Kant-Auslegung Neuland betreten habe. Im Hin- Kant und das Problem der Metaphysik stellt trotz
blick auf seine eigenen fundamentalontologischen der Härten von Heideggers Interpretationszugriff
Interessen ist diese Feststellung nicht unberechtigt, aber durchaus eine Anschlussperspektive für eine im
sie kann aber nicht für seinen Ansatz insgesamt gel- engeren Sinne erkenntnistheoretisch orientierte
ten. Die von ihm in diesem Zusammenhang wahrge- Transzendentalphilosophie bereit. Ungeachtet der
nommenen Theorieoptionen sind aus der Vorge- wuchtigen Umdeutungen der kantischen Termino-
schichte und Rezeption der Kritik der reinen Ver- logie bleibt zumindest im Hinblick auf die Frage
nunft bekannt. Kant hat sich in der Kontroverse um nach den Konstitutionsbedingungen menschlicher
die Annahme einer Grundkraft der Seele, die in der Erfahrung eine gemeinsame Problemstruktur
Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts ausgetragen kenntlich. Vor allem eröffnet das Kant-Buch, indem
worden ist, ausdrücklich auf die Seite derer gestellt, es die Seinsfrage aus den erkenntnistheoretischen
die ein plurales Erkenntnismodell verfolgen (vgl. Grundbegriffen der Kritik der reinen Vernunft ent-
Henrich 1955). Die Ablehnung einer Grundkraft der wickelt, solchen Positionen, die nicht im Bann hei-
Seele ist für Kant keine Frage theoriegeschichtlicher deggerschen Denkens stehen, einen Zugang zum
Sympathien, sondern systematisch erzwungen. Das Verständnis von Sein und Zeit.
zeigt sich deutlich im Kapitel über die Paralogismen Die Einschätzung der Wirkungen von Kant und
der reinen Vernunft, das in seiner Verbindung von das Problem der Metaphysik fällt schwer, weil sie
Analytik und Dialektik für das Ganze der Kritik der breiter gewesen sein dürften als das, was sich anhand
86 I. Werk

ausdrücklicher Auseinandersetzungen identifizieren nomenologischen Forschung« im selben Jahre hat es


lässt. Es ist sicherlich Heideggers Verdienst, meta- zunächst den Anschein, als könnten sich Gemein-
physische Voraussetzungen und Strukturen heraus- samkeiten zwischen beiden Philosophen entwickeln.
gearbeitet zu haben, die sich hinter der bewusst- Noch in Sein und Zeit spricht Heidegger davon, dass
seinsphilosophischen Terminologie verbergen. Die sich bei einer Aussprache mit Cassirer anlässlich des
Offenlegung der »Quellgründe« und Kontexte neu- Hamburger Vortrags »eine Übereinstimmung in der
zeitlicher Bewusstseinsphilosophie ist vor allem in Forderung einer existenzialen Analytik« (SZ 51,
der französisch- und englischsprachigen Forschung Anm.) gezeigt habe. Heideggers Verhältnis zu Cassi-
nicht unbemerkt geblieben. Dabei ist nicht zuletzt rer in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ist al-
auch kenntlich geworden, dass Ausdrücke wie »ich lerdings nicht eindeutig. In einem bislang unveröf-
denke« oder »Einbildungskraft« keine mentalen fentlichten Brief an Löwith vom 30.6.1925 heißt es:
Akte im engeren Sinne beschreiben. Es kann als un- »Er [Cassirer] versagt überall bei der positiven Ana-
strittig gelten, dass Heideggers Kritik an den er- lyse der primären Phänomene und sieht alles, was er
kenntnis- und wissenschaftstheoretischen Einseitig- sieht und das ist z. T. nicht geringes, aus der Höhen-
keiten neukantianischer Auslegungen der Kritik der stufe der Kantischen Begriffe.« Immerhin wird zuge-
reinen Vernunft nachhaltig gewirkt hat. geben: »Das Ganze hat doch eine gewisse Substanz.«
(zit. nach Barash 2012, 436) Die Rezension von Hei-
Literatur degger über Cassirer (1928; GA 3, 255–270) fällt ge-
nauso wie die von Cassirer über Heidegger (1931)
Cassirer, Ernst: Kant und das Problem der Metaphysik. Be-
merkungen zu Martin Heideggers Kant-Interpretation. In: freundlich aus. Von der zeitgenössischen Philoso-
Kantstudien 36 (1931), 1–26. – Declève, Henri: Heidegger et phie sind Ernst Cassirers Philosophie der symboli-
Kant. La Haye 1970.  – Henrich, Dieter: Über die Einheit schen Formen und Martin Heideggers Sein und Zeit
der Subjektivität. In: Philosophische Rundschau 3 (1955), gleichwohl als Ausdruck gegenläufiger Positionen
28–69. – Hoppe, Hansgeorg: Wandlungen in der Kant-Auf-
aufgefasst worden. Die Gegnerschaft dokumentiert
fassung Heideggers. In: Durchblicke. Martin Heidegger zum
80. Geburtstag. Frankfurt a. M. 1970, 284–317. – Kant, Im- sich schließlich in einem öffentlichen Ereignis, der
manuel: Werke. Akademie Textausgabe. Bd. I-IX. Berlin Davoser Disputation von 1929.
1968.  – Pöggeler, Otto: Der Denkweg Martin Heideggers. Die Davoser Hochschulkurse werden in der Zeit
Pfullingen 1963, 31990. – Renaut, Alain: Kant aujourd ’ hui. von 1928 bis 1931 vier Mal durchgeführt und wen-
Paris 1997. – Schalow, Frank: The Renewal of the Heidegger- den sich vor allem an Professoren und Studenten aus
Kant Dialogue. Action, Thought, and Responsibility. Albany
1992.  – Schulz, Walter: Über den philosophiegeschichtli- Deutschland und Frankreich. Die zweiten Hoch-
chen Ort Martin Heideggers [1953–54]. In: Otto Pöggeler schulkurse finden vom 17. März bis zum 6. April
(Hg.): Heidegger. Perspektiven zur Deutung seines Werkes 1929 mit der allgemeinen Themenstellung »Mensch
[1969]. Königstein 1984, 95–139.  – Sherover, Charles M.: und Generation« statt. Neben Cassirer und Heideg-
Heidegger, Kant, and Time. Bloomington 1971. ger sind unter anderem Otto Friedrich Bollnow,
Léon Brunschvicg, Rudolf Carnap, Eugen Fink, Em-
manuel Levinas, Kurt Riezler, Joachim Ritter und
Alfred Sohn-Rethel anwesend.
12. Die Davoser Disputation Cassirer hält drei Vorträge zu »Grundproblemen
zwischen Ernst Cassirer der philosophischen Anthropologie« sowie einen
weiteren Vortrag zum Gegensatz von Geist und Le-
und Martin Heidegger ben in der Philosophie Max Schelers, dem Heideg-
ger sein Buch Kant und das Problem der Metaphysik
Kontroverse Transzendenz widmen wird (s. Kap. III.1.3). Cassirers Scheler-Vor-
trag wird kurz nach dem Davoser Treffen veröffent-
Dieter Sturma
licht (Cassirer 1930), der Inhalt der anderen Vor-
träge ist bislang nur aus Notizen und Protokollen be-
1. Kontext. In den 1920er Jahren kreuzen sich die kannt (vgl. Gründer 1988, 293) und wird mit
Denk- und Lebenswege von Ernst Cassirer (1874– Erscheinen von Bd. 17 der Nachgelassenen Manu-
1945) und Martin Heidegger. Nach dem Erscheinen skripte und Texte der Cassirer-Werkausgabe genauer
des ersten Bandes der Philosophie der symbolischen rekonstruierbar sein. Im Rahmen seiner Vorlesun-
Formen im Jahre 1923 sowie nach dem Hamburger gen setzt sich Cassirer kritisch mit Heideggers Philo-
Vortrag Heideggers »Aufgaben und Wege der phä- sophie auseinander und markiert die Unterschiede
12. Die Davoser Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger 87

zu seiner Philosophie der symbolischen Formen. 2. Verlauf der Disputation. Am Dienstag der zweiten
Dabei richtet er insbesondere sein Augenmerk auf Woche der Hochschultage findet die Disputation
die Bestimmungen des Raumes, der Sprache sowie zwischen Cassirer und Heidegger statt. Otto Fried-
der Angst und des Todes (vgl. Gründer 1988, 296 f.). rich Bollnow und Joachim Ritter führen das Proto-
Cassirer sieht in Heideggers Ansatz einen theoreti- koll  – letzterer für Cassirer, ersterer für Heidegger
schen Zugriff, der sich an einem theologischen, an (GA 3, 274–296). In der Disputation steht die Frage
Luther und Kierkegaard ausgerichteten Weltver- nach dem angemessenen Umgang mit Kants Philo-
ständnis orientiere. Dessen existentielle Fassung der sophie im Mittelpunkt. Dabei entwickeln Cassirer
Angst erkläre sich aus religiösen Motiven, für die es und Heidegger Grundzüge ihrer eigenen Philoso-
in der klassischen und humanistischen Philosophie phie. Die einzelnen Diskussionspunkte betreffen das
keinen Anlass gebe. Gegen Heideggers Radikalisie- Verhältnis des Neukantianismus zu Kant, den me-
rung menschlicher Endlichkeit macht Cassirer gel- thodischen Stellenwert der Einbildungskraft in der
tend, dass der Mensch sehr wohl in der Lage sei, Kritik der reinen Vernunft, die Implikationen der
Endlichkeit zu transzendieren. Er denkt dabei vor al- Endlichkeit menschlichen Erkennens, den theoreti-
lem an Kunst und Wissenschaft. schen Status der philosophischen Anthropologie
Heideggers Beitrag zu den zweiten Davoser Hoch- und die transzendentale Methode. Die in diesen Zu-
schultagen steht ganz im Zeichen seiner Auseinan- sammenhängen herangezogenen Bestimmungen
dersetzung mit Kant. Er hält drei Vorträge über sind die Begriffe der Freiheit, der Wahrheit, der Zeit,
»Kants Kritik der reinen Vernunft und die Aufgabe des Seins, des Nichts, der Form, des Daseins, der
einer Grundlegung der Metaphysik« (GA 3, 271– Angst, des Todes, des Menschen, der Kunst und der
273). Die Vorträge entwickeln die Grundgedanken Sprache. Diese Aufzählung legt nahe, dass es Hei-
des noch im selben Jahr erscheinenden Buches Kant degger gelungen ist, die Disputation zu einem nicht
und das Problem der Metaphysik (s. Kap. I.11). Hei- unbeträchtlichen Teil in semantische und methodi-
degger setzt sich von den erkenntnis- und wissen- sche Bereiche zu ziehen, die seiner Philosophie ei-
schaftstheoretischen Auslegungen des Neukantianis- gentümlich sind.
mus ab und will zeigen, dass Kants Kritik der reinen Cassirer, der 1929 sicherlich nicht mehr zum
Vernunft wesentlich eine Grundlegung der Metaphy- Neukantianismus im engeren Sinne gerechnet wer-
sik sei. Mit der Aufdeckung dieser Grundlegung soll den kann, beginnt die Disputation mit einer Vertei-
nicht zuletzt auch dargelegt werden, »daß und wie digung des Neukantianismus. Er beklagt, dass dieser
die Frage nach dem Wesen des Menschen innerhalb zum Sündenbock der neueren Philosophie gemacht
einer ›Metaphysik von der Metaphysik‹ wesentlich werde und nimmt dabei ausdrücklich Hermann Co-
ist« (GA 3, 271). Kant gehe es um die Frage, wie Er- hen gegen den Vorwurf erkenntnistheoretischer
kenntnis von Seiendem überhaupt möglich sei. Diese Verengungen in Schutz. Heidegger beharrt auf sei-
Frage könne nur unter der Voraussetzung eines vor- ner Kritik, dass der Neukantianismus Kant fälschli-
gängigen Verstehens der Seinsverfassung des Seien- cherweise unterstelle, in der Kritik der reinen Ver-
den sowie einer Analyse der wesentlichen Endlich- nunft eine Theorie der Naturwissenschaft liefern zu
keit menschlichen Erkennens beantwortet werden. wollen. Der Neukantianismus repräsentiert für Hei-
Der Grund der Möglichkeit synthetischer Erkennt- degger auf exemplarische Weise den Theorietypus,
nis a priori ist Heidegger zufolge die transzendentale den er mit seiner Kantdeutung revidieren möchte.
Einbildungskraft, die er neben Sinnlichkeit und Ver- Ihm zufolge will Kant keine Theorie der Naturwis-
stand als dritte Grundquelle des Gemüts begreift. senschaft liefern, sondern ein ontologisches Grund-
Damit sind für Heidegger die Grundlagen der problem der Metaphysik aufzeigen. Kant ziele auf
abendländischen Metaphysik im Kern getroffen: eine Theorie des Seienden, »die vor einer Ontologie
»Der Ansatz in der Vernunft ist so gesprengt wor- der Natur als Gegenstand der Naturwissenschaft
den.« (GA 3, 273) Kants Grundlegung verlange nach und vor einer Ontologie der Natur als Gegenstand
einer radikalen Enthüllung des »Grundes der Mög- der Psychologie liegt« (GA 3, 279).
lichkeit der Metaphysik als Naturanlage des Men- Für Heideggers Kant-Deutung ist die Aufwertung
schen« (ebd.). Gegen Cassirer gewendet spricht sich der systematischen Funktion des Begriffs der tran-
Heidegger für eine Metaphysik des Daseins aus, die szendentalen Einbildungskraft von entscheidender
die Frage nach dem Wesen des Menschen so stellt, Bedeutung (s. Kap. I.11). Cassirer räumt ein, dass die
dass sie vor aller philosophischen Anthropologie Einbildungskraft im Hinblick auf die Beziehung des
und Kulturphilosophie angesiedelt ist. Denkens zur Anschauung als Grundkraft begriffen
88 I. Werk

werden könne. Die Rolle der Einbildungskraft sei Schließlich wendet sich Heidegger mit drei Fragen
aber eben nicht paradigmatisch für das Ganze der direkt an Cassirer: »1. Welchen Weg hat der Mensch
Philosophie Kants. So zeige sich im Fall des kategori- zur Unendlichkeit? Und wie ist die Art, wie der
schen Imperativs ein Freiheitsbegriff, der nicht der Mensch an der Unendlichkeit teilhaben kann? 2. Ist
Vermittlung bzw. Schematisierung bedürfe. Auch in die Unendlichkeit als privative Bestimmung der
der Kritik der Urteilskraft gebe es wichtige Bestim- Endlichkeit zu gewinnen, oder ist die Unendlichkeit
mungen, die nicht unmittelbar an die Endlichkeit ein eigener Bereich? 3. Wie weit hat die Philosophie
menschlicher Existenz gebunden seien. Heideggers die Aufgabe, frei werden zu lassen von der Angst?
Ansatz macht es für Cassirer unverständlich, wie ein Oder hat sie nicht die Aufgabe, den Menschen ge-
endliches Wesen je zu Erkenntnis, Vernunft und rade radikal der Angst auszuliefern?« (GA 3, 285 f.).
Wahrheit kommen könne. Auf die drei Fragen gibt Cassirer knappe Antwor-
In der Frage nach der Natur menschlicher End- ten: (1) Der Weg zur Unendlichkeit führe durch das
lichkeit treten die Unterschiede der beiden Ansätze Medium der Form, das dem Erleben eine objektive
konturiert zutage. Während Cassirer einer Konzep- Gestalt gebe. Man könne hier von einer immanenten
tion folgt, nach der es den Menschen in unterschied- Unendlichkeit sprechen, denn die Objektivierung
lichen Formen von Sprache, Religion, Kunst und führe die Endlichkeit »in etwas Neues hinaus« (GA
Wissenschaft möglich ist, über ihre existentielle 3, 286). Cassirer zitiert etwas abweichend aus Schil-
Endlichkeit hinauszugehen, beharrt Heidegger lers Die Freundschaft: »Aus dem Kelche dieses Geis-
darauf, dass der Mensch in allen seinen Aktivitäten terreiches strömt ihm die Unendlichkeit.« (2) Un-
niemals seiner Endlichkeit entfliehen könne. Ent- endlichkeit sei sowohl eine privative Bestimmung als
sprechend werde auch im kategorischen Imperativ auch ein eigener Bereich, aber keineswegs das einfa-
nicht die Endlichkeit transzendiert. Gerade der Be- che Gegenteil von Endlichkeit. Vielmehr müsse sie
griff des Imperativs führe mit seinem Aufforde- als vollkommene Ausfüllung der Endlichkeit selbst
rungscharakter die Abhängigkeit von einem endli- angesehen werden. (3) Die Philosophie habe den
chen Wesen deutlich vor Augen. Auch die Unend- Menschen nur so weit frei werden zu lassen, wie er
lichkeit, die aus der Einbildungskraft herausbreche, frei werden könne. Auf diese Weise sei es immerhin
sei letztlich nichts anderes als Offenlegung der eige- möglich, sich von der Angst als bloßer Befindlich-
nen Endlichkeit. Die einzige Unendlichkeit, der sich keit zu befreien. Cassirers auf Kant zurückgehende
der Mensch nähern könne, sei die, die im Verstehen Überlegungen zu Spontaneität und Freiheit stehen
des Seins liege. Die Konzeption immanenter End- gegen Heideggers Konzeption der Geworfenheit
lichkeit wird Cassirer später in seiner Rezension von (vgl. Gordon 2004, 232, 243; 2010, 86). Auch hier
Kant und das Problem der Metaphysik deutlich her- greift Cassirer wieder auf Schiller zurück: »Werft die
ausarbeiten: Die menschliche Vernunft sei bei Hei- Angst des Irdischen von euch!« (Das Ideal und das
degger nicht nur von außen her, sondern vor allem Leben). Die Schiller-Zitate können in diesem Zu-
von innen her begrenzt: »die Endlichkeit umfängt sammenhang programmatisch verstanden werden.
sie nicht nur gleich einer zufällig gesetzten Schranke, Cassirer stellt sich ausdrücklich in die Tradition des
auf die sie in ihrer Tätigkeit stößt, sondern sie ist klassischen Humanismus. Es sei darauf hingewiesen,
in eben dieser Tätigkeit selbst gesetzt« (Cassirer 1931, dass Schillers idealische Überflügelung des Irdi-
7). schen kurz nach der Davoser Debatte von Robert
Von dem Begriff immanenter Endlichkeit geht Musil im Mann ohne Eigenschaften einer vergan-
Heidegger zur inneren Transzendenz der Zeit über. genen Zeit zugerechnet wird (vgl. Gordon 2004,
Die Zeit sei nicht nur das, was Transzendenz gleich- 246 f.).
sam als Rahmen ermögliche. Vielmehr sei sie auf- Heidegger wendet sich im Gespräch mit Cassirer
grund ihres Horizonts von Gegenwart, Künftigkeit noch einmal dem Kern seiner eigenen Kant-Interpre-
und Gewesenheit der innerste Charakter des Da- tation zu. Er habe nicht die Einbildungskraft zu Eh-
seins. Die Zeitlichkeit des Daseins müsse daher in ren bringen wollen. Ihm gehe es vielmehr darum, das
der Perspektive des Seinsverständnisses entwickelt Projekt der Grundlegung der Metaphysik in der Phi-
werden, und zu der Möglichkeit von Seinsverständ- losophie Kants herauszuarbeiten. Er verweist auf des-
nis seien vor allem die Analysen von Tod und Angst sen Bemerkung, dass die drei Grundfragen der Kritik
zu rechnen. Heidegger hebt hervor, dass seine Ana- der reinen Vernunft sich auf die vierte, dort noch
lytik des Daseins in Sein und Zeit nicht mit philoso- nicht angeführte Grundfrage »Was ist der Mensch?«
phischer Anthropologie verwechselt werden dürfe. zurückführen ließen. Deren Beantwortung erfolge
12. Die Davoser Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger 89

aber eben nicht in der Perspektive der philosophi- Differenz zu Heidegger. Im Fall der Kant-Deutung
schen Anthropologie. Was zuvörderst aufgeklärt besteht Cassirer auf einer engen Auslegung der tran-
werden müsse, sei die Perspektive, in der diese szendentalen Methode, für die wesentlich sei, dass
Grundfrage überhaupt erst gestellt werden könne. sie mit dem Faktum der Erfahrung beginne und
Um die Differenz zu Cassirers philosophischer dann weiter nach den Bedingungen der Möglichkeit
Anthropologie zu verschärfen, bringt Heidegger sei- von Erfahrung frage.
nen Begriff des Daseins ins Spiel. Was er Dasein In abschließenden Bemerkungen hält Heidegger
nenne, verweise nicht auf Geist oder Leben. Ihm dem entgegen, dass die innere Mannigfaltigkeit der
komme es vielmehr auf »die ursprüngliche Einheit Seinsweisen aus der Idee von Sein verstanden wer-
und die immanente Struktur der Bezogenheit eines den müsse. Deshalb sei sein ganzes theoretisches Be-
Menschen« (GA 3, 290) an, und für diesen Sachver- mühen darauf gerichtet, den Horizont für die Frage
halt gebe es in Cassirers Denken kein terminologi- nach dem Sein, seiner Struktur und seiner Mannig-
sches Gegenstück. Mit dem inmitten des Seienden faltigkeit zu gewinnen. Die schroffe Bemerkung, das
geworfenen Dasein vollziehe sich ein »Einbruch in »bloße Vermitteln wird nie produktiv weiterbrin-
das Seiende« (ebd.). Der Mensch existiere nur in gen« (GA 3, 295), dürfte in diesem Zusammenhang
ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze seiner ei- wohl gegen Cassirers zurückhaltenden und ausglei-
genen Möglichkeit und bewege sich ansonsten in- chenden Diskussionsstil gerichtet gewesen sein. Für
mitten seines Seienden. Für Heidegger ist das Dasein Heidegger muss die Philosophie auf das Ganze und
das eigentliche Grundgeschehen menschlicher Exis- Höchste des Menschen gehen, und das bedeute, dass
tenz. Dementsprechend bedeute Freiheit, dass der sich in ihr die Endlichkeit auf ganz radikale Weise zu
Mensch frei zur Endlichkeit seines Daseins werde. zeigen habe.
Auch wenn der Mensch erst durch sein Freisein er
selbst sein könne, habe er sich die Freiheit doch 3. Ergebnis der Disputation. Es ist nicht zu sehen,
nicht selbst gegeben. Heidegger erklärt zum wieder- dass Heidegger unter dem Eindruck der Auseinan-
holten Male, dass die Frage nach dem Menschen nur dersetzung mit Cassirer Anlass für wesentliche Kor-
jenseits der philosophischen Anthropologie beant- rekturen seiner Kant-Interpretation gesehen hat.
wortet werden könne. Nur durch den exzentrischen Seine Vorlesungen und Disputationsbeiträge enthal-
Charakter des Menschen, durch seine Offenheit zum ten bereits den Kern seines Kant-Buches, das er un-
Seienden im Ganzen und zu sich selbst, habe die mittelbar nach der Rückkehr aus Davos fertigstellt.
Frage und die Idee einer philosophischen Anthropo- Im Hinblick auf die Herausarbeitung seiner philoso-
logie überhaupt Sinn. phischen Position hat Heidegger im Nachhinein be-
Auch Cassirer sieht ein, dass bereits auf der se- dauert, dass die Auseinandersetzung in weitgehend
mantischen und terminologischen Ebene unüber- kollegialer Atmosphäre stattgefunden habe. Durch
windliche Schwierigkeiten zwischen seiner und Hei- die vornehme und zurückhaltende Diskussionsweise
deggers Position bestehen. Gleichwohl will er sich Cassirers sei verhindert worden, den Problemen die
nicht auf einen Sprachrelativismus festlegen lassen. nötige Schärfe in der Darstellung zu geben. Letztlich
Er verweist darauf, dass auch das Unverständnis sich habe ihm die Begegnung mit Cassirer nichts Neues
im Medium der Sprache vollziehe. Für ihn bleibt un- gebracht. Auch Cassirer dürfte aus der Davoser Dis-
strittig, dass es so etwas wie die Sprache gibt. Sie sei putation kaum Gewinn gezogen haben. Seine Re-
das deutlichste Beispiel für die Objektivität der sym- zension von Heideggers Kant-Buch kann dafür als
bolischen Formen: »Vom Dasein aus spinnt sich der Beleg genommen werden. In ihr macht er für die Be-
Faden, der durch das Medium eines solchen objekti- lange der Kant-Deutung Einwände, die schon in Da-
ven Geistes uns wieder mit anderem Dasein ver- vos anklingen. Zu Recht weist er darauf hin, dass die
knüpft. Und ich meine, es gibt keinen anderen Weg Kritik der reinen Vernunft systematisch nicht auf das
von Dasein zu Dasein als durch diese Welt der For- Schematismuskapitel verengt werden dürfe und
men.« (GA 3, 293) Cassirer geht beim Sein nicht Kants Lehre vom Menschen auch wesentliche Passa-
mehr von einer Substanz aus. Für ihn zeigt sich das gen der Kritik der praktischen Vernunft und die Kri-
Sein in einer Mannigfaltigkeit von funktionellen tik der Urteilskraft einschließe. Seiner eigenen Deu-
Bestimmungen und Bedeutungen, wie wir sie etwa tung von Kants Philosophie als einer Ideenlehre, die
aus den verschiedenen Darstellungsformen von eine »andere Welt« (Cassirer 1931, 22) zur Verfü-
Sprache, Kunst oder Naturwissenschaften kennen. gung stelle, wird man in heutiger Sicht nicht folgen
Hierin sieht er den entscheidenden Punkt seiner können.
90 I. Werk

Trotz der beträchtlichen Divergenzen zwischen men vor, und der dritte Band sollte wenige Monate
Cassirer und Heidegger kann die Disputation als er- später erscheinen (Cassirer 1923–29/1994). Kurz
tragreich bezeichnet werden. Mit ihr wird ausdrück- nach der Davoser Disputation wird Ernst Cassirer
lich, in welcher Hinsicht beide Theoretiker auf ei- an der Universität Hamburg als erster jüdischer Wis-
gentümliche Weise von Kant abweichen. Damit wer- senschaftler in Deutschland zum Rektor gewählt. Er
den nicht zuletzt ihre eigenen philosophischen tritt öffentlich als Verteidiger der Republik auf und
Ansätze gleichsam von innen her kenntlich gemacht. weist u. a. mit Bezug auf Kant nach, dass die Idee ei-
Ein durchgängiger Zug in der Disputation ist der ner republikanischen Verfassung der deutschen
von beiden – mit unterschiedlichen Gründen – er- Geistesgeschichte keineswegs fremd ist. Heidegger
hobene Vorwurf der Einseitigkeit und Verengung. ist durch sein 1927 erschienenes Buch Sein und Zeit
Einerseits muss sich Heidegger den Vorwurf gefallen mit einem Schlag zu einer Größe in der deutschen
lassen, dass er die produktiven Leistungen des Men- und internationalen Philosophie geworden. Mit sei-
schen in einer Radikalisierung der Endlichkeit ver- nem Namen verbindet sich das Projekt eines philo-
flüchtige. Andererseits ist Cassirers Ansatz entge- sophischen Neuanfangs. Es scheint von daher nicht
genzuhalten, dass in seinen anthropologischen, er- abwegig zu sein, in der Davoser Disputation einen
kenntnistheoretischen, sprachphilosophischen und gleichermaßen zeit- und philosophiegeschichtlichen
kulturphilosophischen Verästelungen kein Raum für Einschnitt zu sehen.
metaphysische Grundlegungen bleibe. In manchen Stellungnahmen gewinnt die Davo-
Auch was den Verlauf der Disputation angeht, ist ser Debatte geradezu epochale Bedeutung. Für Ray-
das, was in Davos geschehen ist, noch positiv zu be- mond Klibansky (2001) geht es in Davos um die Zu-
werten, denn ein Eklat hat durchaus im Bereich des kunft der deutschen Philosophie. Nach Habermas
Möglichen gelegen und ist von vielen auch erwartet kommt es beim Zusammentreffen zwischen dem
worden. Von den jüngeren Zuhörern ist die Disputa- klassischen Humanismus Cassirers und einem »auf
tion als philosophischer Streit aufgefasst worden, aus Ursprünglichkeit des Denkens sich berufenden De-
dem Heidegger als Sieger hervorgegangen ist. Dies zisionismus« zu einem – freilich fragwürdigen – Sieg
dürfte nicht unwesentlich mit dem Auftreten beider Heideggers (Habermas 1981, 52). Bei anderer Gele-
Philosophen zusammenhängen, das gemeinhin als genheit setzt sich Habermas entschieden für die »be-
Gegensatz zwischen ›Alt‹ und ›Neu‹ gedeutet wird. freiende Kraft der symbolischen Formgebung« und
Diese Einschätzung verfechten insbesondere Emma- gegen die Suche nach Ursprüngen ein (1996). Hans
nuel Levinas (s. Kap. III.21) und Franz Rosenzweig Blumenberg (1997) zieht einen Vergleich zur Mar-
(s. Kap. III.3). Während Levinas Cassirer der ver- burger Disputation zwischen Luther und Zwingli.
blassten Tradition des klassischen Humanismus zu- Heidegger sieht er mit Luther auf der Seite der Sub-
rechnet (vgl. Poirié 1996, 80 f.), macht Rosenzweig in stanz und Cassirer mit Zwingli auf der Seite der
einer überraschenden Verbindung von Heidegger Funktion. Für Blumenberg verbergen sich hinter
und spätem Hermann Cohen Front gegen dessen be- Substanz und Funktion (vgl. Cassirer 1910) Sein und
rühmten Schüler (1930, 86 f.). Levinas ’ und Rosen- Symbol: »Wer nach dem ›Sinn von Sein‹ fragen
zweigs Reaktionen sind auch deshalb bemerkens- kann, wird von Symbolen nicht viel halten« (2000,
wert, weil sich der Neukantianismus Cohens und 78). Auch nach seiner Einschätzung hat Cassirer
Cassirers kurz vor der Davoser Disputation antise- 1929 eine »spektakuläre Niederlage« einstecken
mitischen Angriffen durch Othmar Spanns ausge- müssen (2010, 21; vgl. Barash 2012, 439). Michael
setzt sieht (vgl. Krois 2002). Friedman bringt einen anderen Gesichtspunkt ins
Spiel. Er deutet Cassirers Ansatz als den großen
4. Die philosophiegeschichtliche Bedeutung. Cassirer Versuch eines Brückenschlages zwischen der von
ist zum Ende der zwanziger Jahre einer der führen- Heidegger repräsentierten kontinentaleuropäischen
den Philosophen in Deutschland und in dieser Zeit Philosophie und der aufkommenden analytischen
sicherlich prominenter als Heidegger. Neben seinen Philosophie, die in dem ebenfalls in Davos anwesen-
Arbeiten zur Erkenntnistheorie, Sprach- und Kul- den Rudolf Carnap ihren bedeutenden Wegbereiter
turphilosophie kann er nicht zuletzt auf eine Mono- finden wird (Friedman 2000, xii).
graphie zu Kant (Cassirer 1918) und die Herausgabe Im Rückblick auf die Lebenswege Cassirers und
einer damals maßgeblichen Gesamtausgabe der Heideggers erscheint die Davoser Disputation in ei-
Werke Kants verweisen. Anfang 1929 liegen bereits nem sonderbaren Licht (vgl. Kaegi/Rudolph 2002).
zwei Bände seiner Philosophie der symbolischen For- Beide sind im Grunde genommen auf dem Höhe-
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 91

punkt ihrer Karrieren. Mit der Philosophie der sym- nerungen an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges
bolischen Formen legt Cassirer sein opus magnum Leroux. Frankfurt a. M./Leipzig 2001.  – Krois, John Mi-
chael: Warum fand keine Davoser Debatte zwischen Cassi-
vor. Heidegger hat zwar den Gipfel seiner Berühmt-
rer und Heidegger statt? In: Kaegi/Rudolph 2002, 234–
heit noch nicht ganz erreicht, steht aber noch außer- 246.  – Poirié, François: Emmanuel Lévinas: Essai et
halb des Schattens, den die Ereignisse von 1933 auf entretiens. Arles 1996.  – Rosenzweig, Franz: Vertauschte
ihn werfen werden. Während Heidegger sich in den Fronten. In: Der Morgen 1 (1930), 85–87.
Nationalsozialismus verstrickt, muss Cassirer ins
Exil gehen, aus dem er nicht mehr zurückkehren
wird  – er verstirbt 1945 in New York. Diese Um-
stände lassen die Bewertung der Davoser Ereignisse
nicht unberührt.
13. Der philosophische Umbruch
in den Jahren 1928–1932
Literatur Von der Fundamentalontologie
Aubenque, Pierre: Le débat de 1929 entre Cassirer et Hei- zur Metaphysik des Daseins
degger. In: Jean Seidengart (Hg.): Ernst Cassirer. De Mar-
bourg à New York. L ’ itinéraire philosophique. Paris 1990, Jean Greisch
81–93.  – Barash, Jeffrey Andrew: Ernst Cassirer, Martin
Heidegger, and the Legacy of Davos. In: History and Theory
51 (2012), 436–450. – Blumenberg, Hans: Affinitäten und
1. Überblick. Die letzten Marburger Vorlesungen
Dominanzen. In: Ders.: Ein mögliches Selbstverständnis. und die ersten Vorlesungen, die Heidegger in Frei-
Stuttgart 1997, 161–168.  – Ders.: Die Verführbarkeit des burg als Nachfolger Husserls auf dessen Lehrstuhl
Philosophen. Frankfurt a. M. 2000. – Ders.: Theorie der Le- hielt, geben einen Einblick in den Hintergrund der
benswelt. Frankfurt a. M. 2010.  – Cassirer, Ernst: Das Er- drei Hauptfragen, um die sein Denken während die-
kenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der
neueren Zeit, Bd. 2 [1907]. Berlin 21911. – Ders.: Substanz-
ser Zeit kreist: das Wesen der Freiheit, das Wesen des
begriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundes, das Wesen der Wahrheit. Jede dieser Fra-
Grundfragen der Erkenntniskritik. Berlin 1910.  – Ders.: gen, die sich in vielfältiger Weise miteinander ver-
Kants Leben und Lehre. Berlin 1918. – Ders.: Philosophie der kreuzen, wird in intensiver Auseinandersetzung mit
symbolischen Formen [1923–1929]. Darmstadt 101994.  – einem Hauptvertreter der abendländischen Meta-
Ders.: »Geist« und »Leben« in der Philosophie der Gegen-
physik erarbeitet. Die erste in einer intensiven phä-
wart. In: Neue Rundschau 41 (1930), 244–264 (wiederabge-
druckt in: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 17. Hamburg nomenologischen Interpretation von Kants Kritik
2004, 185–205). – Ders.: Kant und das Problem der Meta- der reinen und der praktischen Vernunft (GA 25;
physik. Bemerkungen zu Martin Heideggers Kant-Inter- GA 31), die zweite in Auseinandersetzung mit Leib-
pretation. In: Kant-Studien 36 (1931), 1–26 (wiederabge- niz (GA 26), die dritte im Gespräch mit Platon (GA
druckt in: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 17. Hamburg
34). Heideggers Selbstinterpretation zufolge handelt
2004, 221–252).  – Ders.: Nachgelassene Manuskripte und
Texte, Bd. 17: Davoser Vorträge. Vorträge über Hermann es sich um ebenso viele Versuche, auf verschlunge-
Cohen. Hamburg (in Vorb.). – Friedman, Michael: A Part- nen »Umwegen« die Grundfrage nach dem Verhält-
ing of the Ways: Carnap, Cassirer, and Heidegger. Chicago nis von Zeit und Sein zu beantworten.
2000 (dt.: Carnap, Cassirer, Heidegger. Geteilte Wege. Frank- Die letzten Marburger Vorlesungen zeigen, dass
furt a. M. 2004). – Gordon, Peter Eli: Continental Divide: ihm das Projekt einer näheren Ausarbeitung seiner
Ernst Cassirer and Martin Heidegger at Davos, 1929. An
Allegory of Intellectual History. In: Modern Intellectual His- Fundamentalontologie immer noch vor Augen
tory 1,2 (2004), 219–248.  – Ders.: Myth and Modernity: schwebte, auch wenn er in den letzten Dezemberta-
Cassirer`s Critique of Heidegger. In: New German Critique gen des Jahres 1926, während eines Aufenthalts in
94 (2005), 127–168. – Ders.: Continental Divide: Heidegger, Heidelberg bei Karl Jaspers beschlossen hatte, den
Cassirer, Davos. Cambridge, Mass. 2010. – Gründer, Karl- bereits druckfertig vorliegenden dritten Abschnitt
fried: Cassirer und Heidegger in Davos 1929. In: Hans-Jürg
Braun/Helmut Holzhey/Ernst Wolfgang Orth (Hg.): Über des ersten Teils von Sein und Zeit nicht zu veröffentli-
Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen. chen (GA 49, 39–40). Diese Entscheidung markiert
Frankfurt a. M. 1988, 290–302. – Habermas, Jürgen: Philo- einen bedeutsamen Einschnitt in Heideggers Den-
sophisch-politische Profile. Frankfurt a. M. 31981.  – Ders.: ken, insofern in den durch die Begriffe »Grund«,
Die befreiende Kraft der symbolischen Formgebung. In: »Freiheit«, »Wahrheit« angezeigten Problemfeldern
Ders.: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Aus-
druck. Frankfurt a. M. 1997, 9–40.  – Kaegi, Dominic/Ru- das ursprüngliche Verständnis der Transzendenz des
dolph, Enno (Hg.): Cassirer – Heidegger. 70 Jahre Davoser Daseins und zugleich damit die bisher in der Schwebe
Disputation. Hamburg 2002. – Klibansky, Raymond: Erin- gehaltene Frage »Was ist Metaphysik?« nach einer
92 I. Werk

Antwort verlangen. Genau um diese Frage kreisen tiv des epekeina tês ousias auf (Politeia 509b), das er
Heideggers Schriften und Vorlesungen während der freilich im aristotelischen Sinn als »Umwillen« (GA
Jahre 1928–1932, deren thematisches Leitwort der 26, 238) und nicht im platonischen Sinn als die
Ausdruck »Metaphysik des Daseins« bildet. Seinsüberlegenheit der Idee des Guten oder neupla-
tonisch als das überwesentliche Ureine versteht (GA
2. Auf der Suche nach einem neuen Verständnis der 24, 399–405; GA 26, 237–238).
Metaphysik. In der unter dem Titel Die Grundpro- Nicht nur was die Erörterung des Wesens des
bleme der Phänomenologie (GA 24) gehaltenen Mar- Grundes anbelangt, markiert die letzte Marburger
burger Vorlesung vom Sommersemester 1927 erläu- Vorlesung einen wichtigen Einschnitt in Heideggers
tert Heidegger aufs Neue die Grundthese der Vor- Denken. Unter dem Titel »Das Transzendenzpro-
gängigkeit des Seinsverständnisses gegenüber aller blem und das Problem von Sein und Zeit« (GA 26,
faktischen Erfahrung des Seienden sowie die metho- 171) liefert er hier seine erste ausführliche Selbstin-
dologischen Grundstücke (»Reduktion«, »Destruk- terpretation in Form von zwölf Leitsätzen (GA 26,
tion«, »Konstruktion«) einer im Dienst der Ausar- 171–195). Ihr Grundtenor ist die Neutralität, welche
beitung der Seinsfrage stehenden Phänomenologie die Analytik des Daseins gegenüber aller Anthropo-
(s. Kap. I.7). In einer ausführlichen phänomenologi- logie, Weltanschauung, Ethik und Metaphysik aus-
schen Destruktion der These Kants, derzufolge zeichnet. Gegenüber aller »Metaphysik der Ge-
»Sein« kein reales Prädikat ist, der neuzeitlichen Un- schlechter« betont Heidegger, dass die Geschlechts-
terscheidung von res cogitans und res extensa, der differenz für die Analytik des Daseins und für das
mittelalterlichen Unterscheidung von existentia und Verständnis der ontologischen Differenz ganz und
essentia und den verschiedenen Interpretationen des gar belanglos ist, eine These, mit der Jacques Derrida
Begriffs der Kopula weist Heidegger nach, inwiefern sich ausführlich auseinandergesetzt hat (Derrida
in allen diesen Fragestellungen die Frage nach dem 1987).
Sinn des Seins überhaupt verfehlt wurde. Bildete ab 1919 der Ausdruck »Hermeneutik des
Seine eigenen phänomenologischen Klärungsver- faktischen Lebens« den terminus a quo von Heideg-
suche kreisen um das Problem des Verhältnisses von gers Denkweg in den frühen Freiburger Vorlesungen
Intentionalität und Transzendenz. Besonders schwer (s. Kap. I.8), so kennzeichnet der Ausdruck »Meta-
ins Gewicht fällt dabei der an die neuzeitlichen Sub- physik des Daseins« die nach der Veröffentlichung
jektphilosophien gerichtete Vorwurf, dass in ihnen von Sein und Zeit Heideggers Denken beherr-
»prinzipiell gesehen […] alles beim alten bleibt« schende Fragestellung. Dass der »Umschlag« von
(GA 24, 175), weil die Frage nach der Seinsweise des der »Fundamentalontologie« zur »Metaphysik des
Subjekts, nach dessen Werheit ungelöst bleibt. Haupt- Daseins« keineswegs selbstverständlich ist, beweist
ergebnis dieser Klärungsversuche ist eine weitaus ein besonders wichtiger Passus der Leibnizvorle-
schärfere Herausstellung der ontologischen Diffe- sung, in dem Heidegger die Notwendigkeit einer
renz und deren Beziehung zur ursprünglichen Zeit- »Kehre« (GA 26, 201) postuliert, die nicht mit der
lichkeit. späteren, sich in den Jahren 1936–38 abzeichnenden
Weil die »Sorge« in Heideggers Verständnis der »Kehre« in der Seinsfrage verwechselt werden darf
Phänomenologie die Funktion der Intentionalität (s. Kap. I.14). Es geht hier um den Umschlag der
bei Husserl übernommen hat, verlangt dies eine »Fundamentalontologie« in eine »Metontologie«,
Neubestimmung des Begriffs der Transzendenz im d. h. um ein gänzlich neues Verständnis der Meta-
Horizont der Temporalität. Dass diese Frage unmit- physik. Das Präfix »meta« im Begriff »Metaphysik«
telbar mit der Frage nach dem Wesen der Wahrheit versteht Heidegger im dreifachen Sinn des Zurück-
und dem Wesen des Grundes zusammenhängt, schlagens der Ontologie auf deren ontische Begrün-
weist Heidegger in seiner letzten, Die Anfangsgründe dung, der Verwandlung des Verständnisses der onto-
der Logik im Ausgang von Leibniz (GA 26) betitelten logischen Differenz und des Umschlags der Funda-
Marburger Vorlesung nach, in der die auch in ande- mentalontologie in eine erst noch zu erarbeitende
ren Texten angedeuteten Berührungspunkte zwi- Metaphysik (GA 26, 201).
schen Heideggers Daseinsanalytik und der Leibniz-
schen Monadologie deutliche Konturen gewinnen. 3. »Aufs Spiel gesetzt« im Philosophieren. Im Jahr
Um das sich in diesem Zusammenhang stellende 1929 publiziert Heidegger die Abhandlung Kant und
Problem der »Urtranszendenz« (GA 26, 171) zu lö- das Problem der Metaphysik, seine Freiburger An-
sen, greift Heidegger mehrmals das platonische Mo- trittsvorlesung »Was ist Metaphysik?« und einen
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 93

»Vom Wesen des Grundes« betitelten Beitrag zur (GA 27) kann als ausführlicher Kommentar der An-
Husserl-Festschrift. trittsvorlesung und zugleich als Einführung in die
In »Vom Wesen des Grundes« greift er einige Mo- Grundfragen der »Metaphysik des Daseins« gelesen
tive der Marburger Leibnizvorlesung wieder auf, um werden. Sie besteht in einem Versuch, durch die Be-
nachzuweisen, inwiefern »das Problem des Grundes stimmung des Unterschieds zwischen Philosophie
mit den Kernfragen der Metaphysik überhaupt ver- und Wissenschaft einerseits, Philosophie und Welt-
klammert ist« (GA 9, 125), auch dort, wo der Grund anschauung andererseits, einen existentialen Zugang
nicht Gegenstand einer ausdrücklichen Erörterung zum ursprünglichen Akt des Philosophierens freizu-
wie bei Leibniz oder Schopenhauer ist. »Ursprung legen. »Wir philosophieren nicht dann und wann,
des Gründens« (170) ist die Transzendenz unter der sondern ständig und notwendig, sofern wir als Men-
dreifachen Gestalt der Bedingung der Möglichkeit, schen existieren. […] Menschsein heißt schon philo-
des Bodens und des Ausweisens. Als »transzenden- sophieren. Das menschliche Dasein steht als solches
taler Wesenscharakter des Seins überhaupt« (172) schon, seinem Wesen nach, nicht gelegentlich oder
impliziert sie eine bestimmte Auffassung der Frei- gelegentlich nicht, in der Philosophie«  – so lautet
heit als »Grund des Grundes« und zugleich »Ab- Heideggers Ausgangsthese (GA 27, 3).
Grund des Daseins« (174). Transzendieren heißt, ur- Dass das so verstandene Philosophieren nicht
sprünglich verstanden, dass das Dasein »im Wesen bloße liebende Suche nach Weisheit ist, hat mit dem
seines Seins weltbildend« ist (158) und dass der »innersten und längst nicht in seiner zentralen
Überstieg zur Welt »die Freiheit selbst« ist (163). Funktion erfassten Wesen der Philosophie« zu tun:
»Freiheit allein kann dem Dasein eine Welt walten ihrer Endlichkeit. »Die Philosophie ist nicht deshalb
und welten lassen. Welt ist nie, sondern weltet.«  – endlich, weil sie nie zu Ende kommt. Die Endlichkeit
»Freiheit ist Freiheit zum Grunde.« (164, 165) liegt nicht am Ende, sondern am Anfang der Philo-
Am 24. Juli 1929 hält Heidegger in der Aula der sophie, das heißt die Endlichkeit muß in ihrem We-
Universität Freiburg seine öffentliche Antrittsvorle- sen in den Begriff der Philosophie aufgenommen
sung unter dem Titel »Was ist Metaphysik?«. Im Un- werden.« (24) Heideggers »Metaphysik des Daseins«
terschied zu allem wissenschaftlichen Fragen, des- beansprucht, eine Philosophie der Endlichkeit in
sen Sachlichkeit in der Unterwerfung unter das Sei- ausgeprägtem Sinn zu sein.
ende selbst besteht, muss das metaphysische Fragen Die Suche nach einem existentialen Verständnis
sich der Frage nach dem Nichts stellen. Der Sinn des der Wissenschaft führt Heidegger zur Frage nach
Nichts enthüllt sich nur im Rückgang auf die Grund- dem ursprünglichen Wesen der Wahrheit und zu ei-
stimmung der Angst, in der das »Seiende im Ganzen ner Besinnung über die Stellung des Daseins zur
hinfällig« (GA 9, 113) wird. Nur der Satz »Das Wahrheit. Hinter der Urteilswahrheit gilt es, die
Nichts selbst nichtet« (114) wird einer Grunderfah- Wahrheit als Unverborgenheit im Ausgang vom
rung gerecht, die über alle Negationen der Logik Phänomen des »Seins bei«, bzw. des »Aufenthaltes
und der Dialektik hinausführt. Das in der »hellen bei« den Dingen in den Blick zu bekommen. Damit
Nacht der Angst« erfahrene Nicht hat seine Wurzel ergibt sich auch die Notwendigkeit, mehrere Seins-
nicht in der Verneinung, vielmehr gründet diese be- weisen zu unterscheiden, wodurch ein neues Licht
reits im Nicht, »das dem Nichten des Nichts ent- auf das einzigartige Privileg der menschlichen Seins-
springt« (117). In Heideggers Augen löst sich damit weise fällt: »Dasein existiert, und nur es. Nur der
die Idee der »Logik« »im Wirbel eines ursprüngli- Mensch hat Existenz.« (71) Besonderen Nachdruck
cheren Fragens« (ebd.) auf. Das in das Nichts hinein- legt Heidegger auf das »Seinlassen der Dinge«, bzw.
gehaltene Dasein verfügt über vielfältige Möglich- das »Überlassen der Dinge an sie selbst« (102), als
keiten des »nichtenden Verhaltens«, die es zum »Urhandlung des Daseins« (199). In diesem Zusam-
»Platzhalter des Nichts« (118) machen. Dem Ernst menhang kommt er auf das Problem des Verhältnis-
des um die Grundfrage »Warum ist überhaupt Sei- ses zwischen dem Selbst und dem Anderen zu spre-
endes und nicht vielmehr Nichts?« kreisenden meta- chen, wobei er folgende Grundsatzerklärung abgibt:
physischen Fragens ist keine Strenge des wissen- »Seiendes nun, das unsere Seinsart hat, das wir aber
schaftlichen Denkens gewachsen (zu Heideggers gleichwohl nicht selbst sind, sondern das je der An-
Schwanken bei der Bestimmung des Verhältnisses dere ist, anderes Dasein, Dasein Anderer ist nicht
zwischen Sein und Seiendem s. Kap. I.19.7). einfach neben uns vorhanden und dazwischen viel-
Die erste, im Wintersemester 1928/29 in Freiburg leicht noch andere Dinge, sondern anderes Dasein
gehaltene Vorlesung Einleitung in die Philosophie ist mit uns da, Mitdasein; wir selbst sind bestimmt
94 I. Werk

durch ein Mitsein mit den Anderen. Dasein und Da- transzendiert, nennen wir Welt. Im Überstieg aber
sein sind ein Miteinander.« (84 f.) steigt das Dasein nicht aus sich heraus, daß es sich
Heideggers Besinnung auf die Beziehung zwi- gleichsam hinter sich läßt, sondern es bleibt nicht
schen Wissenschaft und Philosophie endigt mit ei- nur es selbst, sondern wird es gerade erst.« (307)
ner modifizierten Fassung der Ausgangsthese: »Das Der Übergang vom anthropologisch-pragmati-
menschliche Dasein als solches philosophiert; Exis- schen zum transzendentalen Gebrauch der Spielme-
tieren heißt Philosophieren. Das Dasein philoso- tapher vollzieht sich in drei Schritten. 1. Von einem
phiert, weil es transzendiert. Im Transzendieren liegt »Spiel des Lebens«, das die bunte Mannigfaltigkeit
Verstehen von Sein.« (214) Das Transzendieren voll- des menschlichen Weltverhaltens bezeichnet, kann
zieht sich als »Entwurf«, »Erhöhung« und »Über- man nur sprechen, insofern im Wesen des Daseins
stieg« (206). In Anlehnung an den kantischen selbst bereits ein »Spielcharakter« (310) liegt. Nur in
Sprachgebrauch benutzt Heidegger den Begriff einer transzendentalen, nicht in einer pragmati-
»transzendental« zur Bezeichnung dieses Tatbestan- schen Einstellung kann der »Spielcharakter des Da-
des. Seine Bestimmung des Transzendentalen bean- seins« recht verstanden werden. »Wir spielen nicht,
sprucht allerdings »grundsätzlicher, ursprünglicher weil es Spiele gibt, sondern umgekehrt. Es gibt
und ausdrücklicher« (207) als die Kants zu sein. Spiele, weil wir spielen, und zwar in einem weiten
Hinsichtlich der Frage des Verhältnisses von Phi- Sinne des Spielens, das sich nicht notwendig in ei-
losophie und Wissenschaft folgert er: »Was der Wis- nem Sichbeschäftigen mit Spielen äußert« (312).
senschaft die Helle gibt, im Sinne der Offenbarkeit 2. »Welt«, so lautet Heideggers Hauptthese, »ist der
von Seiendem, versetzt sie zugleich ins Dunkel – im Titel für das Spiel, das die Transzendenz spielt. Das
Sinne der Verborgenheit des Seins. Die relative Helle In-der-Welt-sein ist dieses ursprüngliche Spielen des
der wissenschaftlichen Erkenntnis des Seienden ist Spiels, auf das ein jedes faktische Dasein sich ein-
umdrängt vom Dunkel des Seinsverständnisses.« spielen muß, um sich abspielen zu können, derart,
(213) Das Dunkel des Seinsverständnisses ist das Le- daß ihm faktisch so oder so mitgespielt wird in der
benselement der sich im Akt des Transzendierens Dauer seiner Existenz« (ebd.). 3. Eine besonders
vollziehenden Philosophie. Sie ist kein intellektueller wichtige Konsequenz dieser »Interpretation der
Luxus, sondern spielt eine wesentliche Rolle im Transzendenz als Spiel« (323), die uns nötigt, von ei-
Selbstverständnis des Daseins. nem »transzendentalen Spiel« (314) zu sprechen, ist,
Auch in Bezug auf das weitaus komplexere Phä- dass in diesem transzendentalen Gebrauch der Un-
nomen der Weltanschauung, als »wirkende und terschied von Spiel und Wirklichkeit aufgehoben
richtungsgebende Kraft des Daseins selbst« (234), wird. Seinsverständnis bedeutet nunmehr »das Sein
hängt alles von einem rechten Verständnis des Tran- spielen, erspielen, in diesem Spiele erbilden« (315).
szendierens ab. Den entscheidenden Fingerzeig in Damit ist der Grund für eine auf das Seinsverständ-
dieser Hinsicht liefert ein Satz aus einer Anthropolo- nis bezogene und nicht mit einer logischen Begriff-
gievorlesung Kants: Der in der »Weltkenntnis« be- lichkeit verwechselbare Ontologie geschaffen. In
wanderte »Mann von Welt« ist ein »Mitspieler im Heideggers Augen bedeutet die Überwindung der
großen Spiel des Lebens«. Für Heidegger eröffnet Herrschaft der Logik keine Verteidigung des Irratio-
diese Formel die Möglichkeit einer existentialen nalismus und sie läuft auch nicht auf einen Rückfall
Neubestimmung des Weltbegriffs: »Welt: der Titel in die Lebensphilosophie hinaus.
für das menschliche Dasein, und zwar in Rücksicht »Preisgegebenheit« und »Geworfenheit« sind
darauf, wie es in ihm zugeht, das Spiel des Miteinan- Wesenszüge des Daseins, das »aufs Spiel gesetzt«
der der Menschen in ihrem Verhältnis zum Seien- (325), d. h. »vor sich selbst und die volle Selbstheit
den. Welt: Titel für den Menschen, und gerade nicht gebracht« (324) ist. Für das rechte Verständnis der
als Glied des Kosmos, Naturding, sondern in seinen Selbstheit ist es ebenso wichtig, die Binnenperspek-
geschichtlichen Existenzbezügen.« (300) tive zu berücksichtigen, in der das Dasein »vom Sei-
Heideggers ausführliche Interpretation des enden, dem es preisgeben ist, durchwaltet« (328),
»Spiels des Lebens« führt zu einem tieferen Ver- durchstimmt und bestimmt ist. Diesen Binnenas-
ständnis der Transzendenz als »In-der-Weltsein«. In pekt bezeichnet der Begriff der »Geworfenheit«, in
der Bewegung des Überstiegs wird die Welt nicht welcher die konstitutive »Ohnmächtigkeit« des Da-
überstiegen, sondern erst in ihr kommt das Dasein seins sich bezeugt: »kein Dasein existiert aufgrund
»zur Welt« und zu seiner wahren Selbstheit: »Dieses, eigenen Beschlusses und Entschlusses« (339)! Aber
worauf zu das wesenhaft transzendierende Dasein auch hier beschäftigt Heidegger sich eher mit den
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 95

ontologischen Voraussetzungen als mit den ethi- der Transzendenz liegt, ist […] immer Anweisung
schen Konsequenzen des Begriffs der Geworfenheit. auf das Sichhalten in der Wahrheit« (342). Damit ist
Es handelt sich hauptsächlich um die »Nichtigkeit« von vornherein klar, dass die metaphysische »Halt-
und Endlichkeit des Daseins, die eine entscheidende losigkeit« nichts mit einer Relativierung der Wahr-
Rolle im Konzept der »Metaphysik des Daseins« heit etwa im postmodernistischen Sinn gemeinsam
spielen. hat. Je nach Art des Seienden, mit dem sie zu tun hat,
Die letzte Konsequenz der transzendentalen Aus- zeigt die Wahrheit als »Offenbarmachen« verschie-
weitung des Spielbegriffs besteht in der Einsicht, dene Gesichter: In Bezug auf das Vorhandene be-
dass das In-der-Welt-sein eine ursprüngliche »Halt- deutet sie »Beherrschen«, in Bezug auf das Mitda-
losigkeit« bedeutet: »Aufs Spiel gesetzt sein, d. h. In- sein »Handeln«, in Bezug auf das Selbstsein »Ent-
der-Welt-sein, ist in sich selbst Halt-losigkeit, d. h. schlossenheit zu sich selbst« (343). Auf diese Weise
das Existieren des Daseins muß sich Halt beschaf- gelingt es Heidegger, den Begriff der Weltanschau-
fen.« (337). Diese »metaphysische Halt-losigkeit« ung in dem das Dasein als solches konstituierenden
darf nicht mit einem moralischen Werturteil ver- Akt des Transzendierens zu verwurzeln und damit
wechselt werden; im Gegenteil hängt alles davon ab, über die von Dilthey, Jaspers und Scheler gegebenen
dass man erkennt, dass das Dasein gerade aufgrund Bestimmungen hinauszuführen. Für Heideggers
des transzendentalen Spiels nicht »faktisch, sondern Verständnis hängt alles davon ab, dass man erkennt,
wesensmäßig metaphysisch halt-los« (342) ist und wie im Spielcharakter der Transzendenz zwei
darum grundsätzlich auf Halt und Geborgenheit an- Grundmöglichkeiten der Weltanschauung enthalten
gewiesen ist. sind.
Auch und gerade das, wessen das Dasein nicht Die erste Möglichkeit hat ihren Grund in der Er-
mächtig ist, kann nicht einfach als Faktum zur fahrung des der Übermacht des Seienden Ausgelie-
Kenntnis genommen werden, es muss »verarbeitet« fertseins, bzw. des Durchherrschtseins von dessen
und »bestanden« werden: »Auch das, was nicht eige- Übermächtigkeit, was dem mythischen Seinsbegriff
ner ausdrücklicher Entscheidung erwächst, wie das entspricht. Niemals wird die Ungeborgenheit des
meiste am Dasein, muß so oder so rückgreifend an- Daseins schärfer als hier erfahren. Gerade deshalb
geeignet werden, wenn auch nur im Modus des Sich- muss sie durch die Erfahrung der Geborgenheit oder
abfindens mit, Sichdrückens um etwas; selbst sol- der Bergung im Seienden im Ganzen gleichsam neu-
ches, was an uns gar nicht der Freiheit im engeren tralisiert werden: »Der Halt wird gefunden im über-
Sinne untersteht, eine Krankheit oder bestimmte mächtigen Seienden selbst; es ist das Halt und Ge-
Veranlagung, ist nie etwas einfach Vorhandenes, borgenheit Gebende.« (360) Von hier aus eröffnen
sondern solches, das so oder so in das Wie des Da- sich Einblicke in entscheidende Phänomene wie
seins aufgenommen oder verworfen worden ist.« Schutzbedürfnis, Verehrung, Ritus und Kultus, Ge-
(337) bet, Sitte und Brauch.
Spätestens hier wird deutlich, dass der transzen- Ebenso ursprünglich wie die Erfahrung des Hal-
dentale Spielbegriff gleichzeitig den Spielraum der tes als Bergung enthält der »Spielcharakter der Tran-
Ethik, d. h. den Raum der Freiheit im ursprüngli- szendenz« (367) die Möglichkeit des Haltes als »Hal-
chen Sinn absteckt: »Dies, daß es in Richtung seiner tung«, die ihren Halt »primär im Sichhalten selbst«
Herkunft mit eigenem Beschluß nichts zu suchen (366) findet. Stand bisher alles im Zeichen der
hat, gibt dem Dasein einen wesentlichen Abstoß von »Mächtigkeit als Heiligkeit«, so führt jetzt das aus-
der Dunkelheit seiner Herkunft in die relative Helle drückliche »Verhalten zu Übermächten« zur »Ausei-
seines Seinkönnens. Dasein existiert immer in der nandersetzung des Daseins innerhalb seiner mit ih-
wesenhaften Auseinandersetzung mit der Dunkel- nen in allen wesentlichen Bezügen« (368). Charakte-
heit und Ohnmacht seiner Herkunft, wenn auch nur ristischerweise greift Heidegger dieses Motiv auch in
in der vorherrschenden Form der Gewohnheit einer der Interpretation des platonischen Höhlenmythos
tiefen Vergeßlichkeit angesichts dieser Wesensbe- wieder auf, die er im folgenden Semester skizziert.
stimmung seiner Faktizität.« (340) Die Fesseln, die die Gefangenen an die Höhlenwand
Im Schlussteil der Vorlesung wendet Heidegger binden, sind in seinen Augen auch von der Religion
den Begriff der Transzendenz auf das Verhältnis von geschmiedet worden (GA 28, 353–354).
Philosophie und Weltanschauung an, wobei er den Vor diesem Hintergrund gilt es, die Möglichkeit
Transzendenzbegriff und den Wahrheitsbegriff er- der »Wahl seiner selbst im Entschluß zu sich selbst
neut miteinander verknüpft: »Halt-losigkeit, die in und dem entsprechenden Handeln« (GA 27, 371),
96 I. Werk

d. h. die Möglichkeit einer »ethischen« Weltanschau- taphysik ins Gesicht zu sehen, um sie nicht wieder aus
ung zu verstehen. Dass Heidegger in der Tat diese den Augen zu verlieren« (GA 29/30, 5), lässt sich nur
These vor Augen schwebt, zeigt der philologische vor dem Hintergrund seiner intensiven Beschäfti-
Hinweis auf die ursprüngliche und die spätere philo- gung mit Kants kritischen Schriften recht verstehen.
sophische Bedeutung des Begriffs eudaimonia. So- Seine diesbezüglichen Stellungnahmen während der
lange der Begriff noch das Sichhalten in der »Über- Davoser Hochschulkurse (17.3.–6.4.1929) führen zu
mächtigkeit« (oder »Dämonie«) des Seienden be- einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kant-
zeichnet, herrscht die Weltanschauung als Bergung interpretation Ernst Cassirers (s. Kap. I.12). Nicht als
vor. Sobald die eudaimonia in der praxis, im freien Erkenntnistheoretiker, sondern als Metaphysiker,
Handeln, das sich selbst das Ziel gibt (prohairesis), dem es in der Kritik der reinen Vernunft einzig und
gesucht wird, erfolgt der Überschritt zur Weltan- allein um eine Grundlegung der Metaphysik zu tun
schauung als Haltung (372). ist, will Heidegger Kant ernstnehmen. Seiner An-
Ihren schärfsten Ausdruck erhält die so verstan- sicht nach, verlangt dies »eine radikale erneute Ent-
dene »Haltung« in der Philosophie, deren primäre hüllung des Grundes der Möglichkeit der Metaphy-
Aufgabe in der »Überwindung der Übermächtigkeit sik als Naturanlage des Menschen, d. h. eine auf die
des Seienden« (381) und in eins damit, im »Wach- Möglichkeit der Metaphysik als solche gerichtete
werden des Seinsproblems« (382) besteht. Von der Metaphysik des Daseins, die die Frage nach dem
mythischen, bzw. religiösen Sichtweise her gesehen, Wesen des Menschen stellen muß in einer Weise, die
kann eine solche Haltung nur als eine prometheische vor aller philosophischen Anthropologie und Kul-
Auflehnung, als ein »den Arm [A]ufheben gegen das turphilosophie liegt« (GA 3, 245).
Seiende und seine noch nachdämmernde Über- Auch im Kant-Buch (GA 3; s. Kap. I.11) setzt Hei-
mächtigkeit« (383) verstanden werden. Das bedeutet degger sich ausführlich mit Kants Bestimmung der
aber keineswegs, dass der Übergang von der ersten Metaphysik als einer in allen Menschen vorhande-
zur zweiten Möglichkeit der Weltanschauung als nen »Naturanlage«, bzw. in seiner Terminologie, mit
Emanzipations- oder Aufklärungsprozess im übli- der Möglichkeit einer »Metaphysik des Daseins«
chen Sinn verstanden werden muss. Ähnlich wie auseinander. Schon im Zuge seiner phänomenologi-
Schelling betont Heidegger, dass zwar »die Philoso- schen Interpretation der Kritik der reinen Vernunft
phie als Grundhaltung für jede Weltanschauung als (GA 25) kam er zu der Einsicht, dass es sich bei der
Bergung ein Ärgernis« (399) ist, aber dennoch we- »Kopernikanischen Wende« Kants nicht um Er-
sensnotwendig auf den Mythos zurückbezogen kenntnistheorie, sondern um das für alle ontische
bleibt. Erkenntnis notwendige vorgängige Verstehen der
Für Heidegger erfüllt die Philosophie als »Hal- Seinsverfassung überhaupt handelt. Die »Mensch-
tung« in einem ausgezeichneten Sinn den ursprüng- lichkeit der Vernunft, d. h. ihre Endlichkeit« (GA 3,
lichen Sinn des griechischen Wortes ethos, was ihr 21) bekundet sich in der Abhängigkeit alles Denkens
aber gerade verbietet, eine bestimmte Ethik zu ver- von der Anschauung (GA 25, 83–84). Im Durchgang
kündigen (379). In Wahrheit hat die »Metaphysik durch die einzelnen Stadien der kantischen Kritik
des Daseins« von vornherein die Möglichkeitsbedin- versucht Heidegger nachzuweisen, dass das Problem
gungen der Ethik im Blick, auch wenn es sich nicht der Möglichkeit der Ontologie sich mit der »Frage
um eine Grundlegung der Moral im üblichen Sinn nach dem Wesen und Wesensgrund der Transzen-
handelt. In der Schlussthese der Vorlesung deutet denz des vorgängigen Seinsverständnisses« (GA 3,
Heidegger an, dass in seinen Augen der Akt des Phi- 42) deckt. Dabei entdeckt er, dass auch bei Kant die
losophierens selbst bereits einen »ethischen« Sinn Zeit immer stärker in den Mittelpunkt rückt (GA 25,
hat: »Philosophieren als Geschehenlassen der Tran- 253), eine Bewegung, die ihren krönenden Ab-
szendenz ist die Befreiung des Daseins. […] Im Ge- schluss in der Theorie der transzendentalen Einbil-
schehenlassen der Transzendenz als Philosophieren dungskraft und im Schematismuskapitel erreicht. In
liegt die ursprüngliche Gelassenheit des Daseins Heideggers Verständnis ist die »transzendentale Ein-
[…], das Vertrauen des Menschen zum Da-sein in bildungskraft« kein bloßes Seelen-vermögen, die das
ihm und zu dessen Möglichkeiten.« (401) reine Denken und die reine Anschauung miteinan-
der vermittelt; sie allein bildet erst die Einheit der
4. »Der Metaphysik ins Gesicht sehen« als Traditions- beiden anderen Vermögen.
kritik. Heideggers Überzeugung, dass uns »keine Die erste Auseinandersetzung mit den Gründer-
Wahl bleibt, als uns selbst aufzumachen und der Me- vätern des Deutschen Idealismus im Sommersemes-
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 97

ter 1929 (s. Kap. I.21), steht noch ganz im Zeichen abendländischen Metaphysik in der Form einer
der Kantdeutung des Kant-Buchs, die Heidegger »Onto-theo-ego-logie« (GA 32, 183) vollendet.
nunmehr in einen größeren geistesgeschichtlichen
Kontext einzuordnen versucht. Nur vor dem Hinter- 5. Entfaltung des Weltbegriffs. Die besonders umfang-
grund der »Metaphysik des Daseins« lassen sich die reiche, im Wintersemester 1929/30 gehaltene Vorle-
zwei philosophischen Grundtendenzen der Gegen- sung Die Grundbegriffe der Metaphysik (GA 29/30)
wart, die »Tendenz zur Anthropologie« und die ergänzt die in der Einleitung in die Philosophie erar-
»Tendenz zur Metaphysik« recht verstehen und be- beitete Wesensbestimmung der Philosophie durch
werten. Nur im Horizont einer »Interpretation des einen Vergleich mit der Kunst und der Religion, die
menschlichen Daseins als Zeitlichkeit« (GA 28, 278) im Gegensatz zur Wissenschaft gleichen Ranges wie
lässt sich die Frage, was der Mensch sei, unter die das Philosophieren sind. Dass diese Gleichheit kei-
Frage, was das Sein sei, subsumieren. nerlei Grenzverwischung nach sich zieht, sondern
In dem zur reinen Vernunft als solcher gehören- dass das Wesen der Philosophie nur im Ausgang vom
den »Können«, »Sollen« und »Dürfen« erblickt Hei- Philosophieren selbst bestimmt werden kann, weist
degger die drei fundamentalen Spiegelungen der Heidegger anhand des Novalis-Wortes nach, demzu-
Endlichkeit der menschlichen Vernunft (38). In den folge die Philosophie »eigentlich Heimweh, ein Trieb,
drei Grundfragen Kants – »Was kann ich wissen?«, überall zu Hause zu sein«, sei (GA 29/30, 7). Nur vor
»Was soll ich tun?«, »Was darf ich hoffen?« – »will dem Hintergrund der wesensmäßigen »Unheimlich-
die menschliche Vernunft ihrer eigensten Endlich- keit« des In-der-Welt-seins werden die drei Grund-
keit sicher werden« (235). Damit wandelt sich auch begriffe der »Metaphysik des Daseins« verständlich,
der Sinn der vierten Frage: »Was ist der Mensch?« die Heidegger im Anschluss an eine ausführliche ge-
Es geht nunmehr um die Frage: »Wer er ist, wie er schichtliche Besinnung auf die Zweideutigkeiten des
ist  – nach seinem Sein als solchem« (ebd.), eine überlieferten Begriffs der Metaphysik entwickelt:
Frage, die Heidegger auch in seinem späteren Welt, Endlichkeit, Vereinzelung.
»nachmetaphysischen« Denken nicht mehr aus den In allen drei Begriffen ist das Dasein bereits mit-
Augen verlieren wird (s. Kap. II.8). »Endlichkeit des einbegriffen, weshalb Heidegger von »In-begriffen«
Daseins als Grundgeschehen der Metaphysik« und einem »inbegrifflichen Denken« (13) spricht.
(47) – so lautet auch das Grundmotto, das Heideg- Dass ein solches Denken auf das Ganze geht, die
ger gegen die idealistische Verkennung der Endlich- Existenz des Menschen insgesamt angeht und damit
keit ins Feld führt. Mehr als im »absoluten Ich« das »Grundgeschehen im Dasein« ausmacht, weist
Fichtes und dessen Tathandlung oder in Schelling Heidegger unter Aufnahme des bereits in der An-
erblickt er in Hegel seinen eigentlichen Widersa- trittsvorlesung gestreiften Motivs der »tiefen Lange-
cher. Der Stein des Anstoßes ist Hegels Satz, »daß weile« nach, die auch die verborgene Grundstim-
das Wissen um die Schranken ein Hinaus-sein sei« mung hinter den zahlreichen kulturphilosophischen
(340). Ihm hält Heidegger seine Überzeugung ent- Deutungen des Zeitgeistes ist. In einer ausführlichen
gegen, dass das Wissen um die Endlichkeit diese Interpretation der drei Grundformen der Lange-
eher noch verschärft. weile – »Gelangweiltwerden von etwas«, »Sichlang-
Die im Wintersemester 1930/31 gehaltene Vorle- weilen bei etwas«, »es ist einem langweilig« – zeigt
sung über Hegels Phänomenologie des Geistes (GA sich, welche Fragen diese Grundstimmung dem heu-
32) bestätigt den unversöhnlichen Gegensatz zwi- tigen Dasein aufgibt: Es ist »die Zeitlichkeit des Da-
schen Hegels Verständnis der Unendlichkeit des seins und damit das Wesen der Zeit selbst« (256), die
Seins und Heideggers Betonung der Endlichkeit, sich in der Gestalt der drei Grundbegriffe der Meta-
und sie zeigt, inwiefern Heidegger eine »total andere physik dem fragenden Dasein aufdrängt.
Stellung zum eigenen Dasein selbst und damit zur In Wirklichkeit nimmt die Entfaltung des Weltbe-
Metaphysik« (GA 28, 344) als diejenige Hegels ver- griffs fast den ganzen Raum der Vorlesung ein. Nur
tritt. Das in der ursprünglichen Zeitlichkeit verwur- am Rande werden die beiden anderen Leitbegriffe
zelte Seinsverständnis verdient den Namen »Ontolo- (Endlichkeit und Vereinzelung) gestreift. Die Frage
gie« nicht mehr und sollte Heidegger zufolge besser nach der »Welt« versucht Heidegger anhand von
durch den Terminus »Ontochronie« (GA 32, 144) drei Leitthesen zu beantworten: »Der Stein ist welt-
ersetzt werden. Damit gerät Heideggers Seinsdenken los, das Tier ist weltarm, der Mensch ist weltbildend«
in radikalen Gegensatz zu Hegels Metaphysikver- (261). Mit der Rede vom »weltbildenden« Menschen
ständnis, das die onto-theo-logische Verfasstheit der transformiert Heidegger die Idee der »Weltoffen-
98 I. Werk

heit« des Menschen, welche er u. a. bei dem gerade Richtigkeit liegt im »bisher unbegriffene[n] Wesen
verstorbenen Max Scheler angetroffen hat, dem sein der Freiheit«. »Das Wesen der Wahrheit […] ist die
Kant-Buch von 1929 gewidmet ist (Scheler Freiheit.« (186) Der transzendentale Begriff der Frei-
1928/1976, 33; vgl. GA 29/30, 498, zur Kritik an heit erkennt in ihr das »Seinlassen von Seiendem«
Scheler 283). In seiner Erörterung der »Weltarmut« (83), das zugleich ein »Sicheinlassen auf Seiendes«,
des Tieres verarbeitet Heidegger zentrale Erkennt- eine »Aussetzung in die Entborgenheit des Seienden«
nisse der modernen Biologie (insbesondere Spe- (189) beinhaltet. Die so verstandene Freiheit ist auch
manns, von Uexkülls und Drieschs). Es ist kein Zu- die Wurzel aller Geschichtlichkeit: »Aus der Weise,
fall, dass in der unter französischen Phänomenolo- wie das ursprüngliche Wesen der Wahrheit west, ent-
gen entflammten Debatte um den Begriff des Lebens springen die seltenen und einfachen Entscheidungen
(Franck 1986; Maldiney 1991; Henry 1990) diesem der Geschichte.« (191) Unwahrheit bedeutet nicht
Teil der Vorlesung, der sich mit dem Verhältnis zwi- mehr Falschheit eines Urteils, sondern Verbergung,
schen Mensch und Tier befasst, besondere Aufmerk- bzw. Geheimnis. Irrtum, oder »Irre«, ist »das wesent-
samkeit geschenkt wird. Im Zuge der Diskussion um liche Gegenwesen zum anfänglichen Wesen der
Biopolitik und der Kritik an philosophischer An- Wahrheit« (197). Jede philosophische Besinnung
thropologie haben diese Überlegungen Heideggers vollzieht sich vor dem Hintergrund des »verges-
eine erhebliche Wirkung entfaltet (Derrida 1999/ sene[n] Geheimnis[ses] des Daseins« (195).
2010; Agamben 2002/2003; vgl. Calarco 2008). Diese provozierenden Thesen werden erst ver-
Die These, derzufolge der Mensch »weltbildend« ständlich vor dem Hintergrund von Heideggers aus-
ist, führt zu einer vertiefenden Interpretation des führlicher Auslegung des platonischen Höhlen-
Motivs des »Spiels der Transzendenz« in der Einlei- gleichnisses, die er in seiner Platonvorlesung im
tung der Philosophie und der Auslegung der tran- Wintersemester 1931/32 entwickelt (GA 34). In sei-
szendentalen Einbildungskraft im Kant-Buch. In ei- nen Augen handelt es sich weder um ein »Gleichnis«
ner ausführlichen Interpretation der aristotelischen noch um eine Allegorie, sondern um ein Geschehen
Lehre von der Struktur des Aussagesatzes versucht innerhalb einer Geschichte, »die mit dem Menschen
Heidegger nachzuweisen, dass die Unfähigkeit der geschieht« (GA 34, 43). Deren einzelne Stadien sind
traditionellen Logik, das Wesen des »Als« in seiner als zugehörig zu einem einheitlichen Wahrheitsge-
Ursprungsdimension zu verstehen, die Hauptver- schehen zu deuten. Platon erzählt »gerade die Ge-
antwortung für die Verkennung des Weltphänomens schichte, in der der Mensch zu sich selbst kommt als
trägt. Dem vulgären, sich an propositionalen Aus- einem inmitten des Seienden existierenden Wesens«
drücken festmachenden Wirklichkeitsverständnis (75). Es ist die Geschichte der vielfältigen Möglich-
wirft er vor, dass es »vor lauter Seiendem die Welt keiten des menschlichen In-die-Wahrheit-Versetzt-
nicht« (GA 29/30, 504) sieht. Grundgeschehen des seins. Für Heidegger existiert die Wahrheit weder
Daseins sind »Entgegenhalten der Verbindlichkeit«, über dem Menschen im Bereich der ewiggültigen
»Ergänzung« und »Enthüllung des Seins des Seien- Werte, noch ist sie ein Produkt seiner Psyche, »son-
den« (506), die sich im Begriff der Weltbildung, bzw. dern der Mensch ist ›in‹ der Wahrheit. Die Wahrheit
des Weltentwurfs widerspiegeln. Wenn der apo- ist grösser als der Mensch. Dieser ist in der Wahrheit
phantische Logos keinen tragfähigen Grund für die nur, wenn und sofern er seines Wesens mächtig ist.
Entfaltung des Weltbegriffs gibt, dann wird damit Er hält sich in der Unverborgenheit des Seienden
die Vorrangstellung der Logik in Bezug auf das We- und verhält sich so zu diesem.« (ebd.)
sen der Metaphysik überhaupt fragwürdig. »Auch Dass den Gefangenen in der Höhle sich die Schat-
die Ontologie und ihre Idee muß fallen, gerade weil ten der Dinge zeigen, weist darauf hin, dass das »Ste-
die Radikalisierung dieser Idee ein notwendiges Sta- hen im Unverborgenen« (25) zum Menschsein als
dium der Entfaltung der Grundproblematik der Me- solchen gehört, was auch impliziert, dass die Wahr-
taphysik war.« (522) heit als Richtigkeit in der Wahrheit als Unverborgen-
heit gründet (34). Die Befangenheit der Menschen
6. Entfaltung des Wahrheitsbegriffs. »Vom Wesen der besteht nicht nur in der Unfähigkeit, die Dinge selbst
Wahrheit« lautet ein 1930 erstmals gehaltener, 1943 zu erblicken, sondern auch in der Unmöglichkeit,
gedruckter öffentlicher Vortrag (GA 9, 177–202). die eigene Lage und die der Anderen zu erfassen. Die
Heideggers Frage betrifft hier die innere Möglichkeit misslungenen Befreiungsversuche der Gefangenen
der Übereinstimmung oder Angleichung des Urteils innerhalb der Höhle manifestieren neue Aspekte der
an den Sachverhalt. Der Grund der Möglichkeit jeder Wahrheit und deren inneren Zusammenhang mit
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 99

der Freiheit: »das Wesen der Wahrheit als Unverbor- Auch den Rückstieg zu den Gefangenen in der
genheit gehört in den Zusammenhang zwischen Höhle, der mit dem gewaltsamen Tod des Befreiers
Freiheit, Licht und Seiendem« (38). Die echte Befrei- endigt, versteht er nicht nur als eine Anspielung auf
ung, nämlich die »Heilung von der Einsichtslosig- den Tod des Sokrates, sondern als eine wesensge-
keit« (36), geschieht aber erst im Aufstieg des Men- schichtliche Bestimmung der Aufgabe des Philoso-
schen aus der Höhle ans Licht der Sonne, das Hei- phen: »Freisein, Befreier-sein ist Mithandeln in der
degger als das Lichtgebende, als das, was die Zeit gibt Geschichte derer, die seinsmäßig uns zugehören.«
(43), interpretiert. (83). Als »Freund des Seins« (82), der »nur den We-
In seiner Erörterung des Zusammenhangs von sensblick« für die »Unterscheidung von Sein und
Idee und Licht, Licht und Freiheit, Freiheit und Sei- Seiendem« und nichts anderes kennt (91), muss der
endem, und in seiner Bestimmung des Wesens der Philosoph »ein Gewalttätiger sein«, der die »Ande-
Unverborgenheit legt Heidegger das Hauptgewicht ren an das Licht, das seinen eigenen Blick bereits er-
auf die Frage: »Was bedeutet Helle, welche Bedeu- füllt und bindet«, herausreißt (81).
tung hat sie und was leistet sie?« (54) In dem etymo- Diese Auslegung des »Wegs des Philosophieren-
logischen Befund, dass das Wort »Helle« sich von den in die Philosophie« (88) markiert in gewisser
»Hallen« herleitet, bezeugt sich eine »frühe Kraft Hinsicht den Schlussakkord der um die »Metaphysik
und Weisheit der Sprache« (ebd.), die in Heideggers des Daseins« kreisenden Vorlesungen. Die Forde-
späterer, ab 1934 einsetzenden Besinnung auf die rung: »[D]er Befreier muß ein Gewalttätiger sein«
Logik als die Frage nach dem Wesen der Sprache (81) wirft auch ein Licht auf Heideggers Rektorat im
(GA 38) eine wichtige Rolle spielen wird. Auch für Jahre 1933. Zwar betont Heidegger: »Nicht sollen
das genaue Verständnis des Begriffs der »Lichtung« Philosophieprofessoren Reichskanzler werden, son-
und dessen Bezug zum Phänomen der Freiheit als dern Philosophen phylakes, Wächter.« (100) Aber zu
»vorbildender Seinsentwurf« (GA 34, 61) ist diese fragen bleibt, welche Art der »Wächterschaft« ein
Interpretation von großer Wichtigkeit. »Fragen, das das Dasein, den Menschen, das Seins-
Den platonischen Begriff der Idee versteht Hei- verständnis von Grund aus verwandelt« (116), be-
degger ontologisch als Sein des Seienden: »In der gründet. Auch Heideggers Auslegung des Theätet,
Idee erblicken wir das, was jedes Seiende ist und wie den er nicht als erkenntnistheoretischen Dialog, als
es ist« (52). Dieser »Wesensblick für das Mögliche« Theorie der Wahrnehmung, sondern als Besinnung
(64) ist nicht der Philosophie allein vorbehalten; auf das Verhältnis von »Seinsverständnis« und
auch die große »Dichtung macht das Seiende seien- »Seinserstrebnis« (217) interpretiert, liefert keine
der« (ebd.). Diese These lässt sich nur vor dem Hin- eindeutige Antwort auf diese Frage.
tergrund von Heideggers Forderung nach einer völ-
lig neuen Formulierung des platonischen Ideenpro- 7. Würdigung und Kritik. Auch abgesehen von Hei-
blems verstehen, die ihre Wurzel im »vor-bildenden deggers verunglücktem Versuch, Mithandelnder an
Erblicken des Seins« (71) hat. Diese Interpretation der Geschichte seines Volkes zu werden (s. Kap. I.15),
impliziert auch ein neues Verständnis des Existen- eröffnen die von 1928 bis 1932 gehaltenen Vorlesun-
tials der Sorge: »Entbergend zu sein ist die innerste gen neue, bislang noch immer nicht genügend er-
Leistung der Befreiung. Sie ist die Sorge schlechthin: schlossene forschungsgeschichtliche Perspektiven. In
Freiwerden als Sich-binden an die Ideen, dem Sein Wirklichkeit markieren gerade die »umwegigen«
die Führung überlassen.« (73) Texte dieser Periode die allmähliche Umwandlung
Wenn die »Grundleistung der Idee« »die Durch- der Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt in die
lässigkeit für das Sehen« (57) ist, dann stellt sich die Frage nach der Wahrheit des Seins als solchen.
Frage, woraufhin die Idee des Guten durchlässig ist, Das durch den Begriff der »Metaphysik des Da-
bzw. zu welcher Freiheit uns das Sichbinden an diese seins« abgesteckte philosophische Programm wird
Idee, von der Platon behauptet, dass sie uns »über allerdings häufig noch allzu sehr im Schatten der
das Wesen« (epekeina tês ousias) hinausführt, befä- frühen Freiburger Vorlesungen und des genealogi-
higt. Unter scharfer Absage an jede sentimentale schen Zugangs zu Sein und Zeit oder aber im Schat-
Vorstellung der Idee des Guten, dessen Grundbe- ten des in den Hölderlin- und Nietzschevorlesungen
deutung seiner Überzeugung nach von der Ethik sich ankündigenden Abschieds von der Metaphysik
»verdorben« wurde (106), versteht Heidegger sie als in der Gestalt der »Onto-theo-logie« betrachtet.
»Ermächtigung«, als »Ermöglichung von Sein und Auch wenn viele Themen der Beiträge zur Philoso-
Unverborgenheit in ihrem Wesen« (111). phie (GA 65) sich in diesen Texten bereits ankündi-
100 I. Werk

gen, wäre es ein Irrtum, wollte man die im Horizont hobenen Vorwürfe sehr ernst genommen hat. In sei-
der Frage »Was ist Metaphysik?« von Heidegger ge- nen Augen kommt die »Ich-Du«-Beziehung zu spät,
wonnenen Einsichten als bloßes Durchgangssta- wenn sie das begründen möchte, was der Grund ih-
dium oder als ein nur kurz währendes Zwischenspiel rer Möglichkeit ist: das Miteinandersein, das von je-
ansehen. Die Art und Weise, wie Heidegger Kants her das Selbst als ein Selbst mit-und-für-den Ande-
Motiv des »großen Spiels des Lebens« aufgreift, lässt ren bestimmt.
sich zwar sowohl im Lichte der frühen Thematik der Ähnlich wie Husserl versucht Heidegger in einer
»Hermeneutik des faktischen Lebens« verstehen (s. Besinnung auf die Voraussetzungen der Leibniz-
Kap. I.8) wie auch auf das »Weltgeviert« in den spä- schen Monadologie das Problem des Mitseins mit
teren Texten beziehen (s. Kap. I.33). Dennoch ver- den Anderen zu lösen. Nur wer begriffen hat, was
dient das »Spiel der Transzendenz«, von dem in der »Da-sein« bedeutet, kann auch den existentialen
Einleitung in die Philosophie die Rede geht, eine ei- Sinn des »Mit« erfassen. Auf diese Weise gelingt es
genständige Betrachtung. Dies gilt auch für Heideg- Heidegger, einen intersubjektiven Begriff der Wahr-
gers Entfaltung der Phänomene »Grund«, »Freiheit« heit zu begründen. »Unverborgenheit« bedeutet in
und »Wahrheit«. Neben dieser werkimmanenten seinen Augen »notwendig und wesenhaft ein Sich-
Perspektive sind die Texte und Vorlesungen dieser teilen in Wahrheit« (GA 27, 119), ohne dass dafür
Periode auch Gegenstand einer kritischen Würdi- der Begriff der sogenannten »kommunikativen Ver-
gung, die um mehrere Schwerpunkte kreist. nunft« bemüht zu werden braucht (s. Kap. III.8.4).
a) Logik und Metaphysik. Die schon sehr früh von c) Heideggers eigenem Eingeständnis zufolge ist
Seiten des Logischen Positivismus und den Mitglie- seine im Kant-Buch zusammengefasste Kantinter-
dern des »Wiener Kreises« (Carnap, Schlick, Neu- pretation das Resultat einer gewissen »Überdeu-
rath usw.) erhobenen Bedenken haben nichts von tung«. Gegen diese Überdeutung haben neuerdings
ihrer Aktualität eingebüßt und erhalten zum Teil die Anwälte einer neuen Rückkehr zu Kant Einsprü-
durch die Aussagen der Vorlesungen neue Nahrung. che erhoben; sie sind nicht nur, was die Bewertung
Heideggers Versuch, »das Seinsverständnis auf den des Kritizismus und seine Stellung im zeitgenössi-
schwankenden Boden eines Spiels« (GA 27, 318) zu schen Denken anbelangt, sondern auch in systemati-
stellen, scheint in den Augen vieler Logiker um den scher Hinsicht von großer Bedeutung. So plädiert
Preis des Verzichts auf Vernünftigkeit erkauft zu Alain Renaut (1999) für eine neue Auswertung der
sein. Eine besonders heftige Ablehnung erfuhr Hei- Davoser Auseinandersetzung mit Cassirer, die des-
degger durch Rudolf Carnap (1931). Gerade an Hei- sen Argumente wieder ernstzunehmen versucht (s.
deggers Antrittsvorlesung demonstriert er seine Kap. I.12). Freilich wehrt sich Renaut gegen den
These, dass die Metaphysik sich nur aus Scheinsät- Vorwurf, einen »Neo-neo-Kantianismus« vertreten
zen aufbaut, die zwar nicht die Gesetze der histo- zu wollen. Über die in Heideggers Interpretation der
risch-grammatischen Syntax verletzen, aber der lo- Kritik der praktischen Vernunft enthaltenen Ansätze
gischen Syntax keineswegs genügen (s. Kap. I.12; hinaus gilt es, die Analytik der Grundstrukturen der
III.7). Heideggers Versuch, die Logik in den »Wirbel Endlichkeit auch im Bereich des Sittlichen für eine
eines ursprünglichen Fragens« aufzulösen, liefert »Ethik der Endlichkeit« (Renaut 1999, 260–270)
Carnap zufolge sein Denken einem pauschalen fruchtbar zu machen.
Sinnlosigkeitsverdacht aus. Auch wenn man Heidegger vorwirft, dass er be-
b) Das Problem der Intersubjektivität. Bis heute ist stimmte Züge der praktischen Vernunft ungenü-
der an Heideggers »Analytik des Daseins« und »Me- gend berücksichtigt, sollte man nicht übersehen,
taphysik des Daseins« gerichtete Solipsismusver- dass seine Interpretation der Kritik der praktischen
dacht nicht verstummt. Von besonderem Gewicht ist Vernunft in der Vorlesung Vom Wesen der menschli-
die von Jacques Taminiaux im Ausgang von Hannah chen Freiheit (GA 31) gleichfalls als eine »Einleitung
Arendt gegen Heidegger gerichtete Kritik, die um in die Philosophie« konzipiert ist und in dieser Hin-
die Frage kreist, inwiefern dessen Bestimmung des sicht den in der ersten »Einleitung« entfalteten tran-
Mitseins und des Mitdaseins der menschlichen Plu- szendentalen Spielbegriff auch für die Grundlegung
ralität und damit dem Wesen des Politischen gerecht der Ethik fruchtbar zu machen versucht. Ob damit
wird (Taminiaux 1989; 1992). Die letzten Marburger Cassirers Haupteinwand entkräftet ist, demzufolge
und die darauf folgenden Freiburger Vorlesungen die »synthesis speciosa« des Schematismus auf das
zeigen, dass Heidegger die von Karl Löwith (Löwith Problem der symbolischen Formen und nicht nur
1928) im Namen des dialogischen Personalismus er- auf die Zeitlichkeit zu beziehen sei und die Einbil-
13. Der philosophische Umbruch in den Jahren 1928–1932 101

dungskraft im Bereich der praktischen Vernunft tale Spiel« verlöre die »Metaphysik des Daseins« je-
nichts zu suchen habe, bleibt eine offene Frage. den Sinn. Sein Verständnis des Transzendierens hat
d) Der Streit um die Bestimmung der Ersten Philo- Heidegger in einer eindringlichen Interpretation
sophie. In dem von Levinas vertretenen Konzept ei- von Kants »Dialektik der reinen Vernunft« und dem
ner Fundamentalethik, die den Rang der »Ersten Lehrstück von den transzendentalen Ideen »Welt,
Philosophie« (Levinas 1991, 13–24) beansprucht, er- Ich, Gott« erarbeitet. Auffälligerweise rückt in dieser
hält die Auseinandersetzung mit Heideggers »Meta- Interpretation die Idee der Welt in den Vordergrund.
physik des Daseins« eine noch schärfere Ausprä- Auch wenn Heidegger zugibt, dass das In-der-Welt-
gung. Im Hintergrund steht der Verdacht, dass sein nicht alle Möglichkeiten des Transzendierens
Heideggers Ontologie eine Philosophie der Selbstbe- ausschöpft, so scheint im Raum der »Metaphysik des
hauptung, der Macht und der Ungerechtigkeit sei. Daseins« kein Raum für die transzendentale Gottes-
Im Schafspelz der »Sorge« ist der conatus essendi idee als »Ideal der reinen Vernunft« mehr vorhan-
Spinozas in Heideggers Daseinsverständnis immer den zu sein. Auch die das dritte Grundinteresse der
noch am Werk. Das Bild, das Levinas vom Heideg- Vernunft widerspiegelnde Frage »Was darf ich hof-
gerschen Dasein zeichnet, ist das eines selbstgenüg- fen?« bleibt in Heideggers »Metaphysik des Daseins«
samen Seienden, das zunächst bei sich zu Hause ist unberücksichtigt. Spätestens dort, wo das Denken
und erst später zu Anderen in Beziehung tritt. Dem- sich dem Problem des »radikal Bösen« stellen muss,
gegenüber unterstreicht er, dass der Andere gleich- machen sich die Folgen dieses Versäumnisses be-
sam von Anfang an als Hausbesetzer auftritt, anders merkbar. Dann fragt sich nämlich, ob die menschli-
gesagt, dass er ungefragt und ungebeten in die Ei- che Freiheit nur aufgrund ihrer Endlichkeit »irrt«,
genheitssphäre des selbstherrlichen Ich einbricht, oder ob sie an noch wurzelhafteren Wunden krankt.
sich ihm anklagend aufdrängt und es in den Akkusa- Unbeschadet dieser kritischen Bedenken ist es das
tiv versetzt. bleibende Verdienst von Heideggers »Metaphysik
Einzig legitim ist die Frage, ob das ontologische des Daseins«, dem Denken einen neuen existentia-
Verständnis des Miteinanderseins den Weg zum len Zugang zur »Funktion meta« eröffnet zu haben,
ethischen Füreinandersein versperrt und, umge- die auch in den zeitgenössischen Debatten um das
kehrt, ob das »Miteinandersein« vom »Füreinander- »nachmetaphysische Denken« eine stärkere Beach-
sein« abgeleitet werden kann. Auf jeden Fall sollte tung verdient als dies für gewöhnlich noch der Fall
man die Spannweite des Heideggerschen »Mitseins« ist. Allzu häufig werden dabei Heideggers spätere
im Auge behalten, das sehr wohl das Moment der Thesen vom »Ende der Metaphysik« und vom Ende
Preisgegebenheit an den Anderen und des dem An- alles Begründungsdenkens als bloße Schlagworte
deren Ausgeliefertseins, oder in Levinas ’ hyperboli- benutzt, wobei sein Versuch eines Einstiegs in die
scher Sprechweise, die »Geiselhaft durch den Ande- Metaphysik völlig außer Acht bleibt.
ren« in sich enthalten kann. Im Gegenzug zu diesem modischen Trend laden
Als »wesenhaft heraustretendes« ist jedes Dasein die Vorlesungen der Jahre 1928–32 uns eher dazu
für Heidegger »auch schon eingetreten in die Offen- ein, im Horizont der »Metaphysik des Daseins« die
barkeit des Anderen« (GA 27, 138). Die daseinsmä- »Trans-Aszendenz« als »Erhöhung« und »Über-
ßig verstandenen Monaden bedürfen keiner Fenster, stieg« durch die »Trans-Deszendenz« im Sinne Mer-
»weil sie nicht hinaus zu gehen brauchen, sondern leau-Pontys (1964, 313) und die »Transpossibilität«
weil sie wesenhaft schon draußen sind« (GA 27, als Entwurf durch die »Transpassibilität« als »Ge-
144). An der Art und Weise, wie Heidegger und Le- worfenheit« zu ergänzen und damit einen neuen Zu-
vinas dieses »Draußen« bestimmen, entscheidet gang zu Kants Grundfrage »Was heißt sich im Den-
sich, ob die von Levinas als ethische Grundstruktur ken zu orientieren?« zu gewinnen (vgl. Greisch 2000,
aufgestellte »Verstrickung der Alterität« (»intrigue Kap. V).
de l ’ altérité«), bzw. die Struktur des »Einer-für-den-
Andern-Seins« (»l ’ un-pour-l ’ autre«) mit Heideg-
gers Daseins- und Seinsverständnis ganz und gar Literatur
unverträglich ist oder nicht.
e) Der Begriff der Transzendenz. In den Jahren Agamben, Giorgio: Das Offene. Der Mensch und das Tier
[2002]. Frankfurt a. M. 2003. – Brisart, Robert: La phéno-
1928–32 kreisen Heideggers Vorlesungen haupt- ménologie de Marbourg, ou la résurgence métaphysique chez
sächlich um den Grundgedanken der existential ver- Heidegger à l ’ époque de »Sein und Zeit«. Bruxelles 1991. –
standenen Transzendenz. Ohne das »transzenden- Calarco, Matthew: Zoographies. The Question of the Animal
102 I. Werk

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Face. In: Christopher Macann (Hg.): Martin Heidegger. Cri-
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Dieter Thomä
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porain du pensable. In: Philippe Capelle (Hg.): Le statut 1.1. Datierung. Die »Kehre« ist ein Ausdruck, über
contemporain de la philosophie première. Centenaire de la
Faculté de Philosophie. Paris 1996, 5–27.  – Ders.: Das
den, wie Heidegger sich beklagt, »fortgesetzt grund-
große Spiel des Lebens und das Übermächtige. In: Paola- lose Behauptungen in Umlauf« gebracht werden. In
Ludovica Coriando (Hg.): »Herkunft aber bleibt stets Zu- seinem Kampf gegen dieses »boden- und endlose
kunft«. Martin Heidegger und die Gottesfrage. Frankfurt Gerede über die ›Kehre‹« wehrt er sich zumal gegen
a. M. 1998, 45–66. – Ders.: Heidegger et Levinas interprètes die Vermutung, »seit 1947 […] oder gar seit 1945«
de la facticité. In: Emmanuel Levinas: Positivité et tran-
scendance. Paris 2000, 181–208. – Ders.: Qui sommes nous?
sei von ihm »eine ›Bekehrung‹ vollzogen« worden.
Chemins phénoménologiques vers l ’ homme. Leuven-Paris, Heidegger scheint damit zwei äußerliche Erklärun-
2009.  – Haar, Michel: Heidegger et l ’ essence de l ’ homme. gen abweisen zu wollen: Zum einen wehrt er sich da-
Grenoble 1990. – Heinz, Marion: Zeitlichkeit und Tempora- gegen, dass sein Sinneswandel etwas mit zeitge-
lität im Frühwerk Martin Heideggers. Die Konstitution der schichtlichen Umständen, also mit dem Zweiten
Existenz und die Grundlegung einer temporalen Ontologie.
Weltkrieg zu tun haben könnte (»1945«), zum ande-
Würzburg/Amsterdam 1982. – Henry, Michel: Phénoméno-
logie matérielle. Paris 1990.  – Herrmann, Friedrich-Wil- ren dagegen, die Kehre als Ergebnis einer persönli-
helm von: Wahrheit – Freiheit – Geschichte. Eine systemati- chen Entwicklung  – im Sinne einer moralischen
sche Untersuchung zu Heideggers Schrift »Vom Wesen der oder religiösen »Bekehrung« (oder reeducation?)  –
Wahrheit«. Frankfurt a. M. 2002.  – Janicaud, Dominique/ aufzufassen. Stattdessen soll sie einen »Sachverhalt«
Mattéi, Jean-François: La métaphysique à la limite. Paris
bezeichnen, dem sich Heideggers Denken über Jahre
1983.  – Levinas, Emmanuel: De l ’ existence à l ’ existant
[1947]. Paris 1981 (dt. Vom Sein zum Seienden. Freiburg/ hinweg ausgesetzt hat. Jedenfalls habe sie, so erklärt
München 1997). – Ders.: Totalité et infini. Essai sur l ’ extéri- er im Brief an Richardson von 1962, sein »Denken
orité. Den Haag 1961 (dt. Totalität und Unendlichkeit. Ver- schon ein Jahrzehnt vor 1947« bestimmt, um
such über die Exteriorität. Freiburg/ München 1987).  – schließlich im »Brief über den ›Humanismus‹« aus-
Ders.: L ’ ontologie est-elle fondamentale? In: Entre nous. drücklich gemacht zu werden: »Das Denken der
Essais sur le penser-à-l ’ autre. Paris 1991, 13–24 (dt. Zwi-
schen uns. Versuche über das Denken an den Anderen. Mün- Kehre ergibt sich daraus, daß ich bei der zu denken-
chen/Wien 1995).  – Löwith, Karl: Das Individuum in der den Sache ›Sein und Zeit‹ geblieben bin, d. h. nach
Rolle des Mitmenschen. München 1928, Darmstadt 21969. – der Hinsicht gefragt habe, die schon in ›Sein und
Maldiney, Henry: Penser l ’ homme et la folie. A la lumière de Zeit‹ (S. 39) unter dem Titel ›Zeit und Sein‹ ange-
l ’ analyse existentielle et de l ’ analyse du destin. Grenoble zeigt wurde« (GA 11, 149).
1991. – Merleau-Ponty, Maurice: Le visible et l ’ invisible. Pa-
ris 1964 (dt. Das Sichtbare und das Unsichtbare. München Bedauerlicherweise hat Heidegger mit dieser Stel-
1986). – Panis, Daniel: Il y a le Il y a. L ’ énigme de Heidegger. lungnahme zur von ihm beklagten Konfusion beige-
Bruxelles 1993. – Pöggeler, Otto: Der Denkweg Martin Hei- tragen: Mal datiert er die Kehre ausdrücklich auf das
14. Die Kehre 103

»Jahrzehnt vor 1947«, mal leitet er sie direkt aus Sein eine Bewegung, die sich innerhalb des von ihm (früh
und Zeit, dem Hauptwerk von 1927 ab. Damit bleibt wie spät gleichermaßen) Gedachten selbst vollzieht.
deren Datierung in der Schwebe, was nicht nur ein An der Frage, ob diese Deutung zutrifft, entzün-
historisches, sondern auch ein systematisches Pro- det sich der grundsätzliche Streit um den inneren
blem aufwirft. Bei Heidegger und seinen Interpreten Zusammenhang von Heideggers Denken. Von des-
finden sich divergierende Datierungen und Positio- sen Ausgang hängt ab, wie der Stellenwert von Sein
nierungen der Kehre. An Hannah Arendt schreibt er, und Zeit als eigenständigem Werk beurteilt wird
seine Vorlesung zu Schellings Freiheits-Schrift und wie es um die interne Berechtigung und Moti-
(1936) habe er konzipiert, »nachdem« er »mit der vation von Heideggers spätem Denken steht. Klar
›Kehre‹ einigermaßen durch war« (AH 230). Arendt ist, dass diejenigen, die jener geschlossenen Deu-
ihrerseits datiert sie gleichwohl später: auf den Zeit- tung folgen, Sein und Zeit geringeres Gewicht bei-
punkt zwischen der ersten und der zweiten Serie der messen und diesem Werk die Eigenständigkeit ab-
Nietzsche-Vorlesungen, also auf das Jahr 1938 sprechen müssen, denn es erfüllt nach dieser Lesart
(Arendt 1979, Bd. 2, 164). An anderer Stelle macht gewissermaßen die Funktion eines Sprungbretts.
Heidegger die Kehre am Übergang vom 5. auf den 6. Klar ist auch, dass denjenigen, die sich dieser Deu-
Abschnitt der Schrift »Vom Wesen der Wahrheit« tung widersetzen, daran liegt, die Gegensätze inner-
fest (GA 9, 193; vgl. Fräntzki 1985, 109), die zwischen halb von Heideggers Denken herauszustellen (s. u.
1930 und 1943 mehrmals massiv überarbeitet wurde Abschnitt 5).
(vgl. Jaran 2012, 121 ff.). Unabhängig davon findet
Winfried Franzen gute Gründe dafür, die Kehre be- 1.2. Semantik. Damit überhaupt so etwas wie eine
reits auf das Jahr 1930 zu datieren (Franzen 1975, Kehre beschrieben und vollzogen werden kann,
80 f.); Theodore Kisiel meint gar, die Kehre setze muss man sich über die Kriterien verständigen, die
1928/29 ein und bestehe nicht nur in einer Ab-Kehr sich aus der Semantik des Ausdrucks Kehre ergeben.
von Sein und Zeit, sondern zuvörderst in einer Rück- Sie lassen sich vorab, unabhängig von Heidegger, er-
Kehr zu frühesten Einsichten (Kisiel 1993, 457). läutern. Zweifellos hat dieser Ausdruck räumliche
Datierungsprobleme wären nichts als ein histori- Implikationen. Im normalen Wortschatz kommt die
sches Zahlen- und Vexierspiel, wenn sich hinter ihnen ›Spitzkehre‹ vor, die man von Bergstraßen kennt, so-
kein Problem in der Sache verbergen würde. Wenn es wie vor allem die ›Kehre‹ als Übung beim Skifahren.
hier denn ein Problem gibt, dann betrifft es das Ver- Letztere meint eine enge Drehbewegung um 180
hältnis zwischen Sein und Zeit und dem späten Den- Grad und – analog dazu – die Linie, die man bei die-
ken Heideggers: deren Vereinbarkeit und die  – wie sem Richtungswechsel beschreibt. Eine solche Kehre
auch immer geartete – Geschlossenheit des Gesamt- ist angebracht im steilen, schwierigen Gelände, das
werks. Im Sinne dieser Geschlossenheit lässt sich nun runde Schwünge verhindert; sie erlaubt es, in einem
ein erster Vorschlag unterbreiten, der die oben er- eng umgrenzten Bereich zurecht- und weiterzukom-
wähnten chronologischen Unstimmigkeiten auflöst. men. Der Richtungswechsel, den der Skifahrer voll-
Demnach handelt Heidegger in Sein und Zeit von zieht, führt dazu, dass er das, was zuvor in seinem
(s)einer Sache des Denkens in einer bestimmten Rücken lag, nun vor sich hat – und umgekehrt. Im-
Weise, und er merkt dieser Sache an, dass sie das Den- merhin bleibt von dem, was nach der Kehre dem
ken zu einer Umstellung zwingt – zu eben der Umstel- Blick entzogen ist, das Wissen erhalten.
lung, die er dann später ›mit sich machen lässt‹. Das Strenge Komplementarität zwischen ›Hinten‹ und
Datierungsproblem erledigt sich dann einfach des- ›Vorne‹, Verdecktem und Sichtbarem, ist jedoch nur
halb, weil dieser Lesart zufolge die Chronologie prin- dann gewährleistet, wenn eine Kehre sauber vollzo-
zipiell gleichgültig ist. Gegen die populäre Deutung, gen wird. Dann genau sieht man in der Tat das vor
wonach Heidegger später irgendwie ›anders‹ gedacht sich, was man zuvor noch hinter sich hatte, und um-
habe als zu Anfang, steht demnach eine Kehre, die gekehrt liegt genau das im Rücken, was man zuvor
systematisch im »Sachverhalt« (GA 11, 149 f.), der ihn vor Augen hatte. Jeder Skifahrer, der schon einmal,
beschäftigt hat, schon immer angelegt war und nur im Steilhang stehend, eine nicht ganz schulmäßige
langsam ausdrücklich gemacht worden ist. Die zeit- Kehre vollzogen hat, weiß, dass erst die Einhaltung
liche Entwicklung ist in diesem Fall akzidentiell, sie dieser Rückwärts-Vorwärts-Symmetrie den Erfolg
betrifft nur die Umsetzung oder Realisierung. So soll seiner Figur sicherstellt. Sonst gerät er schräg in den
es nicht um eine Bewegung gehen, die von Heideggers Hang, im schlimmsten Fall rutscht er ab. Die Bewe-
ersten zu abweichenden Gedanken führt, sondern um gung der Kehre erfordert also Disziplin: Wenn man
104 I. Werk

zwischendurch einen ›Schlenker‹ einbaut, wird das I.5.4). Und die indirekte Antwort lautet: »Dasein ist
Ergebnis verfehlt und der Erfolg beeinträchtigt. nichts anderes als Zeit-Sein. Die Zeit ist nichts, was
Heidegger lässt keinen Zweifel daran, dass ihm an draußen in der Welt vorkommt, sondern was ich
jener Strenge liegt: »Hier kehrt sich das Ganze um« selbst bin.« (Di 169) Insoweit lässt sich diese Zeit-
(GA 9, 328), sagt er mit verhaltenem Jubel im Blick lichkeit vom Vollzug, von den Vorhaben des Daseins
auf das Weiter-Denken nach Sein und Zeit. Um sich her entfalten. Umgekehrt kann man ihre Abhängig-
seine philosophische Kehre verständlich zu machen, keit vom Entwurfscharakter des Daseins dementie-
ist es hilfreich, an die beschriebene exakte Wendung ren; dieser selbst soll sich vielmehr der Zeit ver-
zu denken und nicht – was auch naheläge – an eine danken: »Die Transzendenz ist nicht irgendein
Passstraße, die, in Windungen aufwärtsstrebend, mögliches Verhalten (unter anderen möglichen Ver-
den Berg meistert. Nicht der erfolgreiche Aufstieg, haltungen) des Daseins zu anderem Seienden, son-
sondern die erfolgreiche Umkehrung ist angestrebt. dern die Grundverfassung seines Seins, auf dessen
Entsprechend bestehen auch die von Heidegger her- Grunde es sich zuallererst zu Seiendem verhalten
ausgestellten Figuren der Kehre in solchen exakten kann.« (GA 26, 211) Entsprechend sagt Heidegger
Umkehrungen, in denen die Sprache gewissermaßen auch, das »Offene«, in dem ein Ding begegne, werde
die Richtung wechselt: etwa vom »Wesen der Wahr- »je nur als ein Bezugsbereich bezogen und über-
heit« zur »Wahrheit des Wesens« (GA 9, 201) oder – nommen« (GA 9, 184).
gar als Widerspiel von Titeln  – von Sein und Zeit In der Zeit, als Heidegger um die Vollendung von
(1927) zu »Zeit und Sein« (1962). Mögen inzwischen Sein und Zeit ringt, erwägt er im Sinne dieser zwei-
auch viele Texte aus allen Lebensphasen das Bild sei- ten Lesart für die vorausgesetzte oder, wie es auch
nes Denkwegs verfeinern, so beharrt Heidegger heißt, »älter[e]« Ebene der Analyse (GA 9, 193) eben
selbst doch in aufdringlicher Weise darauf, dass sein die Bezeichnung der »Temporalität des Seins« (s. o.).
Weg diesem Modell der Kehre folgt. Ob er zu deren Nicht das Sein soll von der Zeitlichkeit des Daseins
Semantik passt, soll nun geklärt werden. her zugänglich werden, sondern umgekehrt dessen
Zeitlichkeit vom Sein her. Eine der markantesten
2. Gibt es (nur) eine Kehre? In der Einleitung von Sein Wendungen dazu lautet: »Zeit erschwingt und ver-
und Zeit wurde, wie eingangs bereits zitiert, ein schwingt sich selbst. (Und nur weil Schwung, des-
»dritter Abschnitt« avisiert (SZ 39). Er sollte den halb Wurf, Faktizität, Geworfenheit; nur weil
1927 veröffentlichten Text ergänzen, welcher vom Schwingung, deshalb Entwurf. Vgl. das in ›Sein und
Gesamtplan des Werkes nur die ersten beiden »Ab- Zeit‹ angezeigte Problem von Zeit und Sein.)« (GA
schnitte« des »ersten Teils« enthielt (s. Kap. I.13.1). 26, 268) Dieser Richtungswechsel genügt zweifellos
In der Vorlesung vom Sommer 1928 war dann – so- genau den genannten semantischen Kriterien für
weit bekannt – zum ersten Mal ausdrücklich von ei- eine Kehre.
ner Kehre die Rede, wobei genau jener dritte (nie Damit sie methodisch sinnvoll ist, muss vom Sein
veröffentlichte) Abschnitt von Sein und Zeit für de- etwas gesagt und verstanden werden können, was
ren Vollzug vorgesehen war; er sollte unter dem Titel sich nicht im Verharren auf der Ebene des Daseins
»Zeit und Sein« stehen: »Dieses Ganze der Grundle- erschöpft. Hier ist allerdings bereits ein kritischer
gung und Ausarbeitung der Ontologie ist die Funda- Punkt erreicht. Denn wenn vom Sein etwas zu sagen
mentalontologie; sie ist 1. Analytik des Daseins und sein soll, so bedarf es dazu eben des Verstehen- und
2. Analytik der Temporalität des Seins. Diese tempo- Sagenkönnens des Daseins, das meint, sich hier auf
rale Analytik ist aber zugleich die Kehre« (GA 26, das Sein zurückführen zu können. Das Dasein setzt
201). Aus dieser Bemerkung ist zu erschließen, wie sich also der Forderung aus, von sich selbst abzuse-
diese Kehre die erläuterten semantischen Kriterien hen  – einer Forderung, die deshalb unerfüllbar ist,
erfüllen soll. weil das Dasein selbst zum Zeugen ihrer Erfüllung
Demnach wäre nun zu sagen: Indem das Dasein werden will. Damit lässt sich auch die duale Struktur
denkend, verstehend, fragend existiert, ›lebt‹ es ge- nicht aufrechterhalten, wonach das eine (»Zeitlich-
wissermaßen seine Zeitlichkeit ›aus‹. Sein Verstehen keit«) auf das andere (»Temporalität«) zurückge-
vollzieht sich in einem Entwurf, in dem das, was be- führt werden kann. Es ist unklar, wie der »Tempora-
gegnet, auf bestimmte Hinsichten ausgelegt wird. lität des Seins« neben der »Zeitlichkeit des Daseins«
Damit wird eine Zeitlichkeit ausgespannt, die das eine eigenständige Behandlung zuteilwerden soll.
Dasein geradezu ausmacht. »Bin ich«, so fragt Hei- Stattdessen läuft man Gefahr, mit dieser »Temporali-
degger schon 1924, »meine Zeit?« (BZ 27; s. Kap. tät« letztlich nur eine Doublette der »Zeitlichkeit«
14. Die Kehre 105

des Daseins zu produzieren. Oder aber man meint Heidegger manövriert hat, als er versuchte, vom Da-
etwas, von dem nichts mehr zu sagen ist. sein auf dessen Seins-Voraussetzung durchzustoßen
Diese Schwierigkeit muss als Grund dafür ange- und letztere von ihm zu lösen. Als hinderlich er-
sehen werden, warum die Kehre gemäß der Anlage scheint nun die Eigentätigkeit des Daseins, das gar
von Sein und Zeit scheitert. Die Vorlesung vom Som- seine »Endlichkeit« als Errungenschaft des Selbst-
mer 1927, die sich schon aus chronologischen Grün- Entwurfs auffasst (Grondin 1987, 84–92). Versuche
den als Vollzugsmeldung für die Kehre aufdrängt zur Distanzierung von dieser Auffassung sind in der
und als solche auch in der Heidegger-Gesamtausgabe Zeit nach 1927 tatsächlich erkennbar. Die wohl pro-
deklariert worden ist, kann die Erwartungen, die in minenteste Revision liegt in der Einführung der Ge-
sie gesetzt werden, nicht erfüllen. Sie gibt über die genüberstellung von »Welt« und »Erde« im Aufsatz
Eigenart der gesuchten »Temporalität des Seins« kei- »Der Ursprung des Kunstwerkes« (s. Kap. I.16)  –
nen Aufschluss und stellt damit das Scheitern dieser eine Gegenüberstellung, die im Aufriss von Sein und
Kehre bloß. Einige unveröffentlichte Vorträge aus Zeit, bei dem ja gerade ein umfassender, geradezu
dem Zeitraum 1929/30, die in Manuskriptform vor- überwältigender »Welt«-Begriff heraussticht (s. Kap.
liegen, taugen als Dokumente, an denen sich der II.3), schlechterdings fehl am Platze wäre. Darüber
Umbruch nachvollziehen lässt (vgl. die ausführliche hinaus ist aufschlussreich, dass Heidegger sich nun,
Rekonstruktion in Jaran 2012); zu ihnen gehören entgegen früherer Gewohnheit, eingehend mit Sei-
»Philosophische Anthropologie und Metaphysik des endem anderer Art beschäftigt: Hinter dem Versuch
Daseins« (Januar 1929), ein Hegel- und ein Augusti- aus der Vorlesung vom Winter 1929/30, eigens
nus-Vortrag (März und Oktober 1930) sowie »Philo- Dinge und Tiere ins Licht zu rücken (GA 29/30,
sophieren und Glauben. Das Wesen der Wahrheit« §§ 42 ff.; s. Kap. I.13.5), ist auch die Bemühung zu er-
(Dezember 1930). Die ursprünglich geplante Bewe- kennen, vom Menschen abzurücken (EM 3); sie
gung stockt, es kommt, wie Heidegger selbst sagt, zu kommt hier als Komplettierung der Ontologie zum
einem »Abbruch« (N II, 194)  – ein Wort, das nun Ausdruck. Eine solche Komplettierung wäre aber ge-
freilich ganz andere semantische Assoziationen aus- mäß der Logik von Sein und Zeit, bei der das Seiende
löst als die Kehre. erst im Horizont des Daseins zum Sein kommt, gar
nicht erforderlich.
3. Gibt es zwei Kehren? Die Heidegger-Forschung hat Wenn die Eigentätigkeit des Daseins störend
sich – wie schon Heidegger selbst – wiederholt be- wirkt, so heißt dies umgekehrt, dass Heidegger ver-
müht, den Einschnitt direkt nach Sein und Zeit zu deutlichen muss, inwiefern sich dessen »Vollzug« ei-
entdramatisieren und von dort her einen Weg ins nem »Geschehen« verdankt. In Sein und Zeit war
Herz des Spätwerks zu bahnen. All diese Versuche diese Verdeutlichung so vorgesehen, dass das Dasein
liegen quer zu dem einfachen und unabweisbaren in Entschlossenheit auf sein Sein stößt (vgl. SZ 266,
Befund, dass innerhalb der Komposition von Sein 324, 384), es enthüllt oder in ihm ankommt. (Später
und Zeit bereits eine Kehre geplant war, die aber wird die Ent-schlossenheit als Auf-schließung seiner
nicht vollzogen wurde. Daraus ergibt sich eine These, selbst gedeutet werden; vgl. GA 5, 55.) Es hing dem-
die die detailliertesten Deutungen zu diesem Pro- nach vom Einsatz des Daseins ab, ob ihm sein Sein
blem favorisiert haben (vgl. Rosales 1984, 241, 262; zugänglich wurde oder verdeckt blieb.
Grondin 1987, 121): dass es nämlich zwei Kehren Man kann die Tatsache, dass das Sein von einer
gebe  – eine erste (hier bereits geschilderte) Kehre, äußeren Bedingung abzuhängen scheint, als das lose
welche geplant war, aber nicht durchgeführt werden Ende der Analytik des Daseins bezeichnen. Genau
konnte, und eine zweite (durchaus andere und spä- darin liegt eine geradezu spektakuläre Unzuläng-
tere) Kehre, die Heideggers Überwindung der Irrita- lichkeit in der frühen Argumentation  – jedenfalls,
tion nach dem Scheitern der Vollendung von Sein sofern diese der Kehre von der »Zeitlichkeit des Da-
und Zeit beglaubigt. Diese These hat zusätzlich den seins« zur »Temporalität des Seins« zuarbeiten soll.
Vorzug, eine Erklärung für die Konfusion über die Es darf doch nicht im Belieben des Daseins liegen,
zeitliche Zuordnung der Kehre anzubieten, die sich, wieweit es sich auf sein Sein einlässt. Dies kann ge-
wie gesehen, schon bei Heidegger selbst findet. Die nau deshalb nicht der Fall sein, weil die Art, wie sich
verschiedenen Zeitangaben beziehen sich demnach jemand zu seinem Sein verhält, kein fremdes Ein-
jeweils auf verschiedene Kehren. sprengsel, sondern selbst Teil dieses Seins sein
Auf die zweite Kehre richtet sich nun die Erwar- muss – jedenfalls dann, wenn das Sein nicht als äu-
tung, aus der Sackgasse herauszuführen, in die sich ßeres, abgetrenntes Ziel oder substanzielles Etwas
106 I. Werk

aufgefasst werden soll, sondern  – wie Heidegger ja in der Hand hat, über das er nicht verfügt. Im Sinne
immer betont – im »Vollzug« des Daseins selbst wal- der geschilderten ›zweiten‹ Kehre soll sich das Da-
tet. Genau dann muss das »Sein« eben auch in den sein vom Sein her etwas »zusprechen« lassen (vgl.
Formen walten, in denen das Dasein es verfehlt oder VA 123, 127, 156). Es heißt, das Sein bringe »sich
findet. Die Spielräume der Eigentlichkeit und Unei- und sein Wesen zur Sprache«, »das Menschenwe-
gentlichkeit dürfen nicht der Vorhof sein, auf dem sen« habe »dem Sein und dessen Anspruch zu ent-
über den Zugang zum Sein entschieden wird, sie sprechen« (GA 79, 71); die Rede ist auch davon, dass
müssen ihm schon angehören. Der Vollzug des Sich- wir »selbst von uns her uns aufmachen« oder »auf-
Einlassens oder Sich-Entschließens ist dem Sein schließen« (WD 103). Man könnte auch sagen: Es
nicht äußerlich vorgelagert, sondern ein Modus des- geht dabei um das Bereitmachen für einen Eingriff,
selben. dessen Qualität gerade darin besteht, gegen den ei-
Das Dasein hat also ein Problem. Womit genau? genen Zugriff immun zu sein. Der eigene Zugriff
Mit der Wahrheit. Warum dies? Da das Entde- entspringt nach Heidegger einer Haltung, mit der
ckungs- und Ergreifungsszenario des Daseins in man sich vom »Sein« abwendet und sich stattdessen
Sein und Zeit als Einsicht in die eigene »Grundver- die Macht über das »Seiende« anmaßt; umgekehrt
fassung« aufgefasst wird, handelt es sich hier um ist jenem Eingriff, Heidegger zufolge, eine Rückkehr
nichts anderes als um eine Wahrheitsfindung. Sie des Menschen zu sich selbst zu verdanken, die frei-
darf nun nicht als Sache eigenen Beliebens aus dem lich dem selbstbesessenen Humanismus überlegen
Sein herausgenommen werden, für sie ist vielmehr sein soll (s. Kap. I.28). Wenn Heidegger in diesem
eine neue Beschreibung erforderlich, die berück- Zusammenhang von der »Freiheit« des Menschen
sichtigt, dass es sich hier um ein Geschehen handelt, spricht (GA 9, 186), so passt dieser Begriff allerdings
dem das Dasein ausgesetzt ist, in das es immer schon nur in der Bedeutung, die man vom Arztbesuch
verwickelt ist. Dies genau ist der Sinn des Übergangs kennt: wenn man nämlich dazu aufgefordert wird,
vom »Wesen der Wahrheit« – also vom Bestimmen sich ›frei zu machen‹.
dieser Kategorie – zur »Wahrheit des Wesens« – also Eine wichtige Konsequenz dieser Deutung des
zu einem vom »Wesen« selbst ausgehenden Sich-Of- Seins lässt sich rückwirkend an der Einschätzung
fenbaren (GA 9, 200 f.). Und deshalb rückt das Pro- von Sein und Zeit verdeutlichen. Während gemäß
blem der »Wahrheit« auch ins Zentrum der soge- der ›ersten‹ Kehre eine symmetrische Gesamtstruktur
nannten ›zweiten Kehre‹, die an die Stelle der ersten aus zwei Teilen vorgesehen war (eine Struktur, die so
gescheiterten treten soll (Jean Grondin spricht von aber nicht zustande kommt), beginnt Heidegger ge-
einer »aletheio-essentialistischen« Kehre nach der mäß der ›zweiten‹ Kehre, die Form des Seinsverhält-
»ontochronischen«, interpretiert die Entwicklung nisses, die in Sein und Zeit skizziert wird, historisie-
aber etwas anders als dies hier vorgeschlagen wird; rend einer Etappe der Geschichte des Seins (näm-
vgl. Grondin 1987, 24, 32 f., 120 ff.). lich: einer Philosophie der Subjektivität, die in ihren
Wenn die Art, wie man des Seins gewahr wird, letzten Zügen liegt) zuzuordnen. Gemäß der ersten
selbst zu dessen »Geschick« gehört, dann heißt dies, Lesart ist Sein und Zeit Bestandteil eines Gesamtmo-
dass das lose Ende der Daseinsanalytik, von dem dells, gemäß der zweiten ist das Werk mindestens
oben die Rede war, abgeschnitten wird. Die Formen partiell verstrickt in die Geschichte der »Irre«.
des Offenbarwerdens des Seins sind von diesem Diese zwei Lesarten sind offensichtlich inkompa-
selbst abhängig. Die Varianz, die bei ihnen zu beob- tibel, und die Tatsache, dass es für beide gleicherma-
achten ist, wird von Heidegger dann geschildert und ßen starke Belege gibt (GA 49, 61 gegen N II, 194;
entfaltet in dem, was er die »Geschichte des Seins« vgl. AH 104; Thomä 2001), darf man als Anzeichen
nennt. Sie handelt von Formen des Seinsbezugs, die dafür werten, dass Heidegger selbst von einer anhal-
von größerer oder geringerer »Seinsvergessenheit« tenden Unsicherheit bei der Selbstinterpretation der
geprägt sind, die sich – anders gesagt – mehr oder Kehre geplagt wird. Man könnte die Tatsache, dass
weniger ›in der Wahrheit‹ halten. sein Rückblick unschlüssig ausfällt, freilich auch
Es gibt nach Heidegger ein klares Kriterium, das darauf zurückführen, dass Sein und Zeit selbst eine
zur Unterscheidung und Beurteilung dieser Formen hybride Struktur hat, also Ambivalenzen enthält, die
der Beziehung des Menschen zum Sein befähigt. Ansatzpunkte für beide Lesarten bieten. Damit geht
Dem Sein gemäß verhält sich der Mensch genau man freilich in einem entscheidenden Punkt schon
dann, wenn er des grundlegenden Entzugs gewahr mit Heidegger mit  – nämlich in der allgemeinen
wird, dem er ausgesetzt ist: Es gibt etwas, das er nicht Einschätzung, dass Sein und Zeit – so oder so – als
14. Die Kehre 107

vorbereitendes oder vorläufiges Werk zu gelten habe Im Zuge eines oberflächlichen Vergleichs von
und sein Denken erst im Spätwerk ganz zu sich Heideggers Früh- und Spätwerk ist öfter von einem
selbst komme. Die Frage bleibt, ob man Heidegger Gegensatz gesprochen worden zwischen dem heroi-
hier folgen sollte  – und diese beurteilende Frage schen Aktivismus des Daseins und der Passivität des
führt zurück auf die interpretatorische Frage, ob die Menschen, der sich auf das »Ereignis« einlässt (vgl.
Lesart von den zwei Kehren, bei denen sich dann die etwa zum Gegensatz von »Dezisionismus« und
›zweite‹  – wie hier rekonstruiert  – in den Vorder- »Submissivität« Habermas 1985, 168). Dieser Ver-
grund schiebt, eine in sich plausible Denkfigur dar- gleich hält sich an zwei gewaltsam herausgetrennte
stellt. Teilaspekte des Früh- und des Spätwerks – nämlich
einerseits an den scheinbar aus der Seinsfrage ausge-
4. Keine Kehre. Was sonst? Zunächst soll geprüft wer- lagerten Kampf des Daseins, ›es selbst‹ zu werden,
den, wie es um die semantische Stimmigkeit der andererseits an eine vermeintliche Ursprungsmacht,
›zweiten Kehre‹ steht. Dabei stößt man auf eine der der Mensch ausgeliefert wird. Weder lässt sich
Schwierigkeit, die (mindestens jedem Skifahrer) so- Sein und Zeit jedoch als Anleitung zur subjektiven
gleich einsichtig wird. Selbstermächtigung lesen, noch liefert sich der
Ausgangspunkt bleibt die Tatsache, dass die Mensch, dem späten Heidegger zufolge, geradewegs
›erste‹ Kehre gescheitert ist. Dies heißt nun auch, einer fremden Ursprungsmacht aus. Jene weit ausei-
dass bei Heidegger genau jener Effekt eintritt, der – nanderlaufenden Deutungen stellen Zerrbilder dar.
wie eingangs angedeutet (s. o. Abschnitt 1.2) – einem Und doch wird an ihnen eine entscheidende Eigen-
Skifahrer bei einer missglückten Wende widerfährt: art – und auch eine Schwäche – von Heideggers Phi-
er kommt »ins Rutschen«. Eben dies widerfährt Hei- losophie insgesamt kenntlich.
degger im Jahr 1928, wie er selbst in einer in ihrer Während nach dem frühen Heidegger ein ›losge-
Bedeutung kaum zu überschätzenden brieflichen lassenes‹, verlorenes Selbst zu sich finden will und
Mitteilung kundtut (vgl. Gadamer 1977, 217). Wenn meint, zu diesem Zweck auf eine in ihm verborgene
jemand »ins Rutschen« gerät, ist er außer Stande, Seinsverfassung stoßen zu müssen, soll sich der
von sich aus eine geordnete Bewegung zu vollziehen. Mensch gemäß der späten Texte auf das »Waltende«
Auf Heidegger bezogen heißt dies: Nicht nur ist die einlassen, indem er vom eigenen »Wollen« ablässt.
planmäßige Durchführung der (ersten) Kehre ge- Festzuhalten ist hier zunächst, dass von einem ein-
scheitert, vielmehr ist die Voraussetzung für irgend- deutigen Gegensatz im Sinne des gerade erwähnten
eine Kehre hinfällig, da er sich in unkontrollierter oberflächlichen Vergleichs nicht gesprochen werden
Weise zu bewegen beginnt. Man sollte also besser kann. Es kommt nicht zu einer einseitigen Auflö-
nicht von zwei Kehren sprechen, sondern von zwei sung der zugrunde gelegten Doppelstruktur, allen-
Bewegungen: zum einen von einer Kehre, die ge- falls zu einem Wechsel in der Gewichtung. Entspre-
plant, aber nicht vollzogen wurde, die es also so chend liegt das entscheidende Problem nicht in der
nicht gegeben hat; zum anderen von einer Bewe- (so oder anders ausgelegten) Gewichtung, sondern
gung, die tatsächlich vollzogen wurde, aber auf- in der prinzipiellen Vorentscheidung, dass es eine
grund der gegebenen Voraussetzungen nicht den solche Doppelstruktur überhaupt gibt.
Kriterien genügt, die für eine Kehre erfüllt sein müs- Unter den Titeln »Zeitlichkeit« und »Temporali-
sen. Zusammengefasst heißt dies: Statt die komplexe tät« treibt diese Doppelung Heidegger über den er-
Entwicklung Heideggers nach 1927 mit Hilfe von reichten Stand in Sein und Zeit hinaus, ohne dass er
›zwei Kehren‹ zu erschließen, sollte man konsequen- plausibel machen könnte, wie die sogenannte »Tem-
terweise sagen: Es hat keine Kehre stattgefunden  – poralität« von der »Zeitlichkeit« unterschieden wer-
weder eine erste noch eine zweite (vgl. Thomä 1990, den soll. – Und unter dem Titel des »Geviert« spielt
444–465). der späte Heidegger das Verhältnis zwischen »Sterb-
Dieser Auskunft stehen die Selbstdeutung Hei- lichen« und »Göttlichen«, »Erde« und »Himmel« ge-
deggers und die üblichen Schemata zur Ordnung gen die »Seinsvergessenheit« aus, ohne dass er deut-
des Heideggerschen Denkens entgegen, und doch ist lich machen könnte, wodurch die Angemessenheit
sie diejenige, die die Sachlage, auf die man trifft, am oder »Wahrheit« jenes Verhältnisses verbürgt ist. So
genauesten beschreibt. Freilich bleibt sie einstweilen oder so werden seine Modelle von einer künstlichen
arg abstrakt, da sie nur auf formalen, semantischen Gegenüberstellung beherrscht, die in einem merk-
Überlegungen fußt. Was folgt daraus nun für die in- würdigen Spannungsverhältnis zu deren vielgelob-
haltliche Beurteilung? tem »Holismus« steht (s. Kap. I.1; I.2; I.4.2).
108 I. Werk

Sowohl bei dem (frühen) Rückgang von der liche Selbstverständnis aber – im Scheitern oder im
»Grundverfassung« des Daseins zum »Sein über- Gelingen – nicht ausfindig machen, wenn denn nicht
haupt« wie auch bei der (späten) Eröffnung des die oben geschilderte Doppelstruktur einschließlich
»Welt-Spiels« des »Ereignisses« besteht die Gefahr, ihrer Probleme wieder eingeführt werden soll.
dass Heidegger Themen, die in der Lebensführung Folgt man diesen Gesichtspunkten, so bedeutet
und im Lebensvollzug des Menschen entspringen, die Abkehr von der Idee der Kehre nicht notwendi-
auf die ›andere Seite‹ jener Doppelstruktur proji- gerweise eine Abkehr von Heidegger, sie erlaubt viel-
ziert, auf deren Erhaltung er sich versteift. Besonders mehr einen anderen Umgang mit seinem Werk.
augenfällig wird diese Projektion an Heideggers
Konzeption der Seinsgeschichte, der die Menschen Literatur
als einem Wahrheitsgeschehen ausgeliefert werden Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes, Bd. 1: Das Denken;
(s. Kap. II.9). Man könnte diese Geschichte in Teilen Bd. 2: Das Wollen. München/Zürich 1979. – Fräntzki, Ek-
so rekonstruieren (und gewissermaßen depotenzie- kehard: Die Kehre. Heideggers Schrift »Vom Wesen der
ren), dass darin das Drama konkurrierender Selbst- Wahrheit«: Urfassungen und Druckfassungen. Pfaffenweiler
deutungen zum Ausdruck kommt – und in diesem 1985. – Franzen, Winfried: Von der Existenzialontologie zur
Seinsgeschichte. Meisenheim 1975.  – Gadamer, Hans-Ge-
Sinne ist Heidegger auch oft gelesen worden; dieser
org: Philosophische Lehrjahre. Eine Rückschau. Frankfurt
Lesart widersetzt sich jedoch seine These, wonach a. M. 1977. – Grondin, Jean: Le tournant dans la pensée de
ein »Geschick« den Menschen mittels der »Technik« Martin Heidegger. Paris 1987. – Habermas, Jürgen: Der phi-
seiner Entmachtung zuführt. Aber wie kommt die- losophische Diskurs der Moderne. Frankfurt a. M. 1985. – Ja-
ses »Geschick« zu solchen Kompetenzen? Hier eben ran, François: Heidegger inédit 1929–1930. L ’ inachevable
Être et Temps. Paris 2012. – Kisiel, Theodore J.: The Genesis
entpuppt sich die erwähnte Doppelstruktur, auf der
of Heidegger ’ s Being and Time. Berkeley u. a. 1993. – Rosa-
Heidegger insistiert, als Konstruktion, die ins Leere les, Alberto: Zum Problem der Kehre im Denken Heideg-
gebaut ist. gers. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 38 (1984),
Wenn man von der Logik der Kehre Abstand 241–262. – Thomä, Dieter: Die Zeit des Selbst und die Zeit
nimmt, dann ergibt sich ein freierer Blick auf Hei- danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Heideggers
deggers Werk, für den drei wichtige Gesichtspunkte 1910–1976. Frankfurt a. M. 1990. – Ders.: »Sein und Zeit«
im Rückblick. Heideggers Selbstkritik. In: Thomas Rentsch
leitend werden. (a) Sein und Zeit behält – in der un- (Hg.): Heidegger: Sein und Zeit. Berlin 2001, 281–298.
abgeschlossenen Form, in der es vorliegt – seine Ei-
genständigkeit gegenüber dem Spätwerk. Man kann
sogar Erleichterung darüber empfinden, dass die
Konstruktion von Sein und Zeit sich der vermeintli-
chen Vollendung widersetzt; damit nämlich sträubt 15. Heidegger und der
sich dieses Werk gegen den Versuch, es als bloße Nationalsozialismus
Etappe oder Vorarbeit in den Gesamtrahmen von
Heideggers Denken einzupassen, und der Geltungs- In der Dunkelkammer
anspruch der späten Subjektkritik, die sich auch ge- der Seinsgeschichte
gen Sein und Zeit richtet, wird zweifelhaft (s. Kap.
II.8). (b) Die Geschichte von Heideggers philosophi- Dieter Thomä
scher Entwicklung sollte sich von den Fesseln, die
die Idee der Kehre ihr anlegt, freimachen, auf dass 1. Einleitung
sie als offene Bewegung und Verwandlung lesbar
wird. (c) Am Spätwerk ist nicht etwa die Suche nach 1.1. Entzündung. Es gehört zu den unheimlichen Ko-
einem »Ursprung« hervorzuheben, sondern eher die inzidenzen des 20. Jahrhunderts, dass einer seiner
Analyse der »Weltbilder« und der Formen des größten Philosophen zeitweise mitwirkte bei dem
menschlichen Selbstverständnisses; für die Kritik an Regime, das in jener Zeit das größte Unheil ange-
ihnen fällt dann freilich der Maßstab aus, den Hei- richtet hat. Seit 1933 haben sich daran immer wieder
degger heranzieht: der der »Vergessenheit« des Seins scharfe Kontroversen entzündet  – und in diesem
oder – umgekehrt – der Erinnerung daran. ›Verges- Fall darf ausnahmsweise von ›Entzündung‹ im dop-
sen‹ wie ›Erinnern‹ müssten sich jeweils auf etwas pelten Sinne gesprochen werden: Einerseits machte
beziehen, das in irgend einer Form vorliegt oder ge- die Heftigkeit der Diskussionen deutlich, dass die
geben ist (auf dass es vergessen oder erinnert werden Wortführer Feuer gefangen hatten; andererseits
kann); eine solche Vorgabe lässt sich für das mensch- kann man in dem Punkt, von dem sie angefacht wur-
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 109

den, eine Wunde sehen, die sich hartnäckig  – fast gegebenermaßen manche »Entgleisung« enthalten
möchte man meinen: unheilbar  – entzündet hat. sei: »Das ist alles.« (GA 16, 430) Schon seit Guido
Eine Wunde scheint übrigens auch Heidegger selbst Schneebergers beachtlicher Recherche (1962) ist
gespürt zu haben: Das »Mißlingen des Rektorats« freilich ein wesentlich umfangreicherer Bestand von
war ihm  – wie er 1935 an Jaspers schrieb  – ein Texten bekannt, welche nach einiger Verzögerung
»Pfahl« im Fleische (HJ 157). Neben dieser privaten teilweise auch in der Gesamtausgabe gedruckt wor-
Bemerkung, in der eine drastische, auf körperliche den sind (GA 16, 81–334, 759–775). Die umwegige
Erfahrung verweisende Metapher verwendet wird, und undurchsichtige Editionspolitik der Nachlass-
steht Heideggers ostentatives Schweigen über seine verwalter wurde häufig kritisiert. Von den bislang
Vergangenheit. Die Metapher der körperlichen Ver- veröffentlichten Briefwechseln sind diejenigen mit
letzung und dieses »bleierne Schweigen« (Lyotard Jaspers (HJ), Blochmann (HB), Arendt (AH), Bult-
1988, 90; vgl. Lang 1996) sind Symptome einer Krise, mann (Bultmann/Heidegger 2009), Max Müller
welche nicht nur persönlicher, sondern auch philo- (Heidegger 2003) und Kurt Bauch (Heidegger/
sophischer Natur ist. Bauch 2010) besonders einschlägig. In neuerer Zeit
sind weitere Dokumente zugänglich geworden
1.2. Tatsachen und Gedanken. Am 21. April 1933 (Denker/Zaborowski 2009), insbesondere die Semi-
wurde Heidegger zum Rektor der Freiburger Univer- narprotokolle Ȇber Wesen und Begriff von Natur,
sität gewählt; am 27. April 1934 wurde sein Rück- Geschichte und Staat« 1933/34 (Heidegger 2009; vgl.
trittsgesuch vom badischen Kultusminister ange- Faye 2005/2009), deren Veröffentlichung innerhalb
nommen. In die NSDAP trat er am 1. Mai 1933 ein; der Gesamtausgabe offenbar nicht vorgesehen ist.
Mitglied blieb er bis Kriegsende. Ergänzt werden Aufschlussreich sind neben den 1933 bis 1935 gehal-
diese dürren Daten durch eine Fülle historischer tenen Vorlesungen (GA 36/37; GA 38) und dem He-
Fakten, die erst nach Heideggers Tod, vor allem dank gel-Seminar 1934/35 (GA 86) auch Abschnitte aus
der Pionierarbeit des Historikers Hugo Ott, ans Licht späteren Vorlesungen, Schriften und Aufzeichnun-
gekommen sind und sich zu einem detailreichen gen, etwa aus den Notizen zu Ernst Jünger (GA 90).
Bild von Heideggers Mitwirkung bei der Gleich- Die berühmteste unter den späteren Auskünften
schaltung und der nationalsozialistischen Umgestal- Heideggers ist die Bemerkung über die »innere
tung der Universitäten zusammenfügen (Ott 1988, Wahrheit und Größe« des Nationalsozialismus in
180 ff.; s. Kap. IV. Einträge zu 1933–34). Die gut do- der Einführung in die Metaphysik (EM 152; s. Kap.
kumentierten Vorgänge nach Kriegsende sind I.17.3.2). Die berüchtigtste stammt aus dem Jahr
gleichfalls erwähnenswert: Nach vorübergehendem 1949: »Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungs-
Lehrverbot, das vor allem auf Betreiben von Karl Jas- industrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation
pers zustande kommt, wird mit der Emeritierung von Leichen in Gaskammern und Vernichtungsla-
und der Wiedereinsetzung in die alten Rechte am gern« (GA 79, 27). Beachtenswert ist aber auch die
26.9.1951 ein formeller Schlussstrich unter das Kapi- selten erwähnte These aus dem Spiegel-Gespräch
tel ›Heidegger und der Nationalsozialismus‹ gezogen von 1966, wonach der »Nationalsozialismus« in die
(s. Kap. IV. Einträge zu 1945–51), der den inhaltli- richtige »Richtung« gegangen sei, um den Menschen
chen Diskussionen freilich kein Ende setzt. Ebenso »überhaupt erst« in ein »zureichendes Verhältnis
aufschlussreich wie umstritten ist Heideggers nach- zum Wesen der Technik« einzuweisen, dieses aber –
gelassene Selbstauskunft aus dem Jahr 1945, die un- »unbedarft im Denken«  – nicht »wirklich explizit«
ter dem Titel »Tatsachen und Gedanken« steht (SU gemacht habe (GA 16, 677). Man darf auf weitere
21–43; GA 16, 372–394). In diesem Beitrag soll es al- Funde (z. B. aus noch unveröffentlichten Briefwech-
lerdings ausschließlich um letztere gehen: um die seln) hoffen, muss aber nicht auf sie warten, um sich
»Gedanken«. Deren bevorzugter Ort sind Texte. ein angemessenes Bild zu machen.
Heidegger selbst nannte am 20.1.1948 in einem Auffällig ist, dass Heideggers Texte 1933/34 im
Brief an Herbert Marcuse die »Rektoratsrede« vom Gegensatz zu den Pamphleten anderer Kollabora-
27.5.1933 (»Die Selbstbehauptung der deutschen teure durchweg in seinem unverwechselbaren ›Ton‹
Universität«; SU 9–19; abgedruckt auch in GA 16, gehalten sind. Dies ist als Beleg für Heideggers Re-
107–117), einen »Vortrag über ›Das Wesen der Wis- serviertheit und Distanz gewertet worden, man
senschaft‹«, »zwei Ansprachen an die Dozenten und kann darin aber auch einen Hinweis darauf sehen,
Studenten der hiesigen Universität« und »noch dass er seinerzeit, vom Innersten seines philosophi-
ein[en] Wahlaufruf von ca. 25/30 Zeilen«, worin zu- schen Werkes herkommend, ins NS-Syndrom
110 I. Werk

passte. Diese zweite Lesart ist, wie sich im Folgenden – Erforderlich ist auch eine Konzeption des Ver-
zeigen wird, besser begründet. hältnisses des einzelnen Menschen zu einer
Die Interpretation jener Texte aus den Jahren Gruppe, Gesellschaft oder Gemeinschaft. Ohne
1933/34 wird dadurch erschwert, dass das Thema, eine solche liefe Heideggers Praxis, die offensiv
mit dem man hier befasst ist, gewissermaßen aus- auf ein inner- und außeruniversitäres Kollektiv
ufert. Vorsichtshalber (s. Kap. I.14) sollte man davon bezogen ist, ins Leere.
ausgehen, dass Heideggers Position in den Jahren
1933/34 nicht zusammenstimmt mit denen, die er Damit sind die Vorgaben für die weitere Darstellung
vorab oder hinterher vertritt (mag er sich auch in der gesetzt: Auf die Gefahr hin, sich vom Thema ›Hei-
Behauptung gefallen, immer von der Frage nach degger und der Nationalsozialismus‹ scheinbar zu
dem »Selben« geleitet worden zu sein). Hinter dem entfernen, ist zunächst zu fragen, wie von Sein und
Titel ›Heidegger und der Nationalsozialismus‹ ver- Zeit her der Übergang von der Theorie zur Praxis
bergen sich also eigentlich drei Themen: das NS-En- und die Stellung des einzelnen Menschen in der Ge-
gagement selbst, aber auch dessen Vor- und Nachge- meinschaft zu denken sind. Es ist anzunehmen, dass
schichte. Man hat es mit Heideggers philosophi- diese zwei Fragen zusammengehören, zumal sie
schem Auftritt während seines NS-Engagements zu schon in Sein und Zeit eng aufeinander bezogen
tun, und dazu kommen unweigerlich Texte, die sind.
sich – entweder im Vorlauf oder in der Nachberei- Nun unterzieht Heidegger freilich das Verständnis
tung – in Distanz, vielleicht auch in Halbdistanz zu des »Handelns« in Sein und Zeit einer radikalen Revi-
seinem NS-Engagement befinden. Die innere Ex- sion. Geht es um das Verhältnis von Theorie und
zentrizität von Heideggers Werk ist ein Schlüssel zur Praxis und will man Heidegger nicht nur – gewisser-
Auseinandersetzung mit seinen Texten 1933/34. maßen mit spitzen Fingern – einer äußeren Bewer-
Diese sind einzuordnen in der Fluchtlinie hinter tung unterziehen, so darf dessen eigene Revision die-
Sein und Zeit – und Heideggers spätere Deutung so- ses Verhältnisses in Sein und Zeit nicht übergangen
wohl der eigenen Verwicklung wie auch des Natio- werden. Unverzüglich richtet sich deshalb die Auf-
nalsozialismus im Allgemeinen bietet ein Echo, das merksamkeit auf seine Überlegungen zum Primat
dessen eigene Stimme 1933/34 fast übertönt. des (praktischen) Umgangs mit »Zuhandenem« ge-
Allemal verbietet sich bei der Behandlung dieses genüber dem (theoretischen) Erfassen des »Vorhan-
Themas jede Leichtfertigkeit. Zunächst muss der denen« (SZ §§ 13 ff.). Diese Deutung von Tätigkeit
Zugang zum Thema von Sein und Zeit her gesucht unterscheidet sich von herkömmlichen Praxis-Kon-
werden (2.), bevor Heideggers Texte aus den Jahren zeptionen dadurch, dass sie den Handelnden dem
1933/34 selbst (3.) sowie seine langsame Distanzie- Bedeutungszusammenhang der Welt ausliefert. Da-
rung und retrospektive Deutung zu diskutieren sind mit werden Autonomie und Vernunft als Qualifizie-
(4.). In einem separaten Anhang wird eine kleine rungen des freien, rationalen Handelns  – sowie, in
Übersicht zur Forschungskontroverse zu diesem deren Schlepptau, dessen Zugänglichkeit für norma-
Thema geboten (5.). tive Forderungen  – zurückgenommen. Das heißt:
Heidegger weist dem Theorie-Praxis-Problem eine
2. Voraussetzungen von Sein und Zeit her: Das Ver- Stelle innerhalb seiner Auseinandersetzung mit dem
hältnis zwischen Theorie und Praxis im Zeichen der »Subjekt« zu. Genau von dort aus wird dann auch der
Gemeinschaft. Auf die Frage, welche Voraussetzun- Bogen zum Verhältnis des einzelnen Menschen zur
gen notwendigerweise erfüllt sein müssen, damit es Gemeinschaft zu schlagen sein.
im weitesten Sinne zu ›so etwas‹ wie Heideggers Geleitet von der erwähnten Kritik an der Meta-
Rektorat kommen kann, lassen sich zunächst zwei physik der Freiheit übt Heidegger in Sein und Zeit
einfache Antworten geben. äußerste Zurückhaltung beim Begriff des »Han-
– Es muss ein Konzept zur Verfügung stehen für delns«. Sie darf nur unter einer bestimmten Bedin-
den Übergang von der Theorie zur Praxis, den gung aufgegeben werden – nämlich unter der Bedin-
Heidegger 1933 vollzieht. Diese Voraussetzung gung der »Eigentlichkeit« (SZ 294; vgl. GA 24, 407).
wäre nur dann nicht erforderlich, wenn Heideg- Dann genau und dann erst vermag das Dasein zu
ger ›einfach so‹ – ohne tieferen Grund in seinem handeln – und zwar deshalb, weil es überhaupt erst
Denken  – die Ärmel hochkrempeln würde, und zu sich selbst, zu einem (handlungsfähigen) »Selbst«
diese Annahme darf man getrost als unhaltbar geworden ist. Dann ist es auch in die Lage versetzt,
bezeichnen. seinen »Helden« zu »wählen« (SZ 385).
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 111

An dieser Stelle kann die Verbindung zwischen zur Handlungsfähigkeit führt hier über die »Verein-
Praxis und Theorie in einem neuen Sinne vollzogen zelung«, in der der Mensch vor sich selbst gestellt
werden. Die Theorie leitet nach Heidegger nicht nur wird (SZ 191, 322 f.). Über die Inhalte des Handelns
die Welterschließung im Hinblick auf Gegenstände, schweigt sich dieses Modell aus, was als sein Vorzug
sie steht im Dienst der Selbsterschließung des Da- angesehen wird. Beeinträchtigt wird dieses Selbst-
seins. Von ihr muss auch das »Handeln« abhängig sein allerdings dadurch, dass es sich bloß auf seine
sein – und zwar genau deshalb, weil es sonst mangels eigene Behauptung berufen kann: Dass der Mensch
eines »Selbst« ausfiele. Im Rückgang auf ein zu er- tatsächlich, dem »Selbst« sei Dank, handelt, bezeugt
schließendes Geschehen sieht Heidegger nicht eine er allein sich selbst. Überdies kann er nicht vermei-
Beschränkung des Handelns, sondern geradewegs den, sich im Handeln doch wieder gemein zu ma-
dessen Ermöglichung. Bei der Freisetzung des Han- chen mit Seiendem, das ihn zu vereinnahmen und
delns geht es nicht um die Eröffnung von Alternati- zu verdecken droht. So groß sein Tatendurst sein
ven, sondern um die Erschließung dessen, was dem mag, so groß ist sein innerer Widerstand dagegen,
Handeln vorausliegt. Ohne sie würde der Mensch in ihn zu löschen. Er strebt danach, in der gesicherten
den ›Betrieb‹, in einen quasi-mechanischen Prozess selbsthaften Vereinzelung zu verharren – und hadert
eingespannt bleiben. Erst wenn das Dasein sich damit.
selbst in seiner Seinsverfassung (›theoretisch‹) zu- Gemäß der zweiten Antwort soll genau diese Un-
gänglich wird, konstituiert es sich als ein Jemand, pässlichkeit wettgemacht werden und ein »Gesche-
der handeln kann. Das »Handeln« verdankt sich hen« identifiziert werden, das dem Dasein jenseits
nach Heidegger einem Rückbezug auf ein »Gesche- dessen bloß performativer Bestätigung dazu verhilft,
hen«, der dem theoretischen Akt der Selbsterschlie- ›selbsthaft‹ zu bleiben. Mit dem Eingehen in ein
ßung entspricht (vgl. GA 24, 393). Im Kant-Buch übergreifendes Geschehen soll die Zerstreuung, die
1929 beschreibt Heidegger dies so, dass der Mensch das Dasein von sich selbst abbringt, von vornherein
auf das Dasein »in ihm« stößt (GA 3, 229; s. Kap. vermieden werden. Alles, worauf es trifft, ist dem-
I.11.2.2). Das »Selbsthafte« des Lebensvollzugs, das nach gewissermaßen schon einbezogen in das Ge-
zum »Handeln« befähigt, soll ans Licht gebracht schehen, das ›durch‹ das »Selbst« hindurch handelt.
werden. So wird dessen Ablenkung von sich selbst, die zur
Bei der in Sein und Zeit vorgesehenen Situierung »Uneigentlichkeit« führt, von vornherein ausge-
und Kontextualisierung des Daseins »in der Welt« schlossen. Dass das »Selbst« genau getroffen ist, wird
geht es also wohlgemerkt nicht einfach darum, das hier auf ein »Walten« jenseits des Vollzugs des ein-
Selbst in bestimmte inhaltlich festgelegte Umstände zelnen Daseins zurückgeführt. So kann es sich auf
›einzubetten‹, sondern darum, das Selbst als eine In- die Welt einlassen, muss sich freilich als Einzelnes
stanz zu profilieren und zu exponieren, der prinzipi- verloren geben.
ell das Eingebettetsein zukommt. Es ist eine Sache, In Sein und Zeit stehen diese zwei Antworten un-
sich in der Alltäglichkeit zu ergehen, eine andere ist versöhnlich nebeneinander. Auf der einen Seite steht
es, dieses Ergehens innezuwerden. Eine entschei- die Prozedur der »Eigentlichkeit«, die sich an der
dende Pointe der Rede von »Alltäglichkeit« in Sein Vereinzelung angesichts des Todes bewährt, auf der
und Zeit ist demnach ihre Kontrastwirkung. Sie anderen Seite die Rückwendung zum »Geschick«, in
drängt auf ein Gegenbild, indem sie die Frage aus das der Mensch gehört und das seiner Vereinzelung
sich heraustreibt, wie ein Leben verfasst ist, das sich entgegengesetzt ist. Das NS-Engagement liegt nicht
systematisch übersieht oder verfehlt. Diese Frage in der direkten Konsequenz von Sein und Zeit – und
zielt eben auf die »Eigentlichkeit« des Daseins. zwar genau deshalb nicht, weil in deren Konsequenz
An dieser Stelle gerät die Konstruktion von Sein zunächst mal die Selbstzerstörung der eigenen Syste-
und Zeit nun aber in eine Aporie, deren Folgen für matik liegt (zum Scheitern von Sein und Zeit s. Kap.
Heideggers Position im Jahre 1933 beträchtlich sein I.14.2 u. 5).
werden. Heidegger hat zwei Antworten parat, die Statt  – was naheliegend wäre  – die geschilderte
nicht zusammenpassen. Aporie als Schwäche zu brandmarken, sehe ich sie
Gemäß der ersten Antwort ist das, was sich dem übrigens in einem engen Zusammenhang mit der
Menschen in der »Eigentlichkeit« enthüllt, nichts Leistung von Sein und Zeit. Die Aporie kommt nur
anderes als das eigene Sich-zu-sich-Verhalten, die deshalb zustande, weil Heidegger sich zu einer
Form des »In-der-Welt-seins« selbst, die sonst hinter grundlegenden Revision des Begriffs des »Selbst«
den Inhalten »in der Welt« verschwindet. Der Weg veranlasst sieht. Sie führt ihn zu der in der For-
112 I. Werk

schung ausgiebig diskutierten Kontextualisierung, ner offenen Wunde bei Heidegger wird, hat damit zu
Situierung und Detranszendentalisierung des Selbst tun, dass er sich von ihr lossagt. Aus den Trümmern
(s. Kap. II.3.2; III.29.2), mit der er die Überwindung der geschilderten Aporie schießen im Zuge einer se-
eines unhaltbar gewordenen Autonomiebegriffs be- lektiven Aufnahme und Weiterentwicklung von Mo-
treibt. Es wäre ein echter Rückschlag, würde dieser tiven aus Sein und Zeit und im Zuge einer »Verein-
Autonomiebegriff einfach wieder installiert werden. deutigung und Konkretisierung der Eigentlichkeit
Der Preis aber, den Heidegger bezahlt, ist die offene zum Existenzideal des harten und schweren Da-
Frage, wie die Person sich in diesem Kontext konsti- seins« (Franzen 1988, 84) die Texte von 1933/1934
tuiert, in dem sie ja nicht einfach nur passiver Träger empor. Die Spannung, die in Sein und Zeit auftritt,
oder ›Behälter‹ zugeschriebener Qualitäten ist. ist durchaus instruktiv. Ermüdet von dieser Span-
Denjenigen, die die Kontextualisierung gemäß nung, spitzt Heidegger seine Position schließlich in
Sein und Zeit begrüßen und sich mit ihr begnügen, einer Weise zu, die an Sein und Zeit in einer radikal
könnte es natürlich egal sein, welche Entwicklung einseitigen Weise anschließt. Im Zuge dieser »Ver-
Heideggers Denken nach 1927 nimmt. Mit dieser eindeutigung« hält sich Heidegger an ein »Gesche-
Ignoranz bleibt ihnen aber nicht nur die Einbezie- hen«, auf das das »Selbst« zurückgeht, in das es ein-
hung der Folgezeit verwehrt, ihnen entgeht vielmehr geht und in dem es aufgeht.
auch ein entscheidender Aspekt jener Kontextuali- Als Vorlage bietet Sein und Zeit hierzu den Über-
sierung selbst. Zu ihr gehört, wie angedeutet, eine gang von der »Geschichtlichkeit« über das »Ge-
Kontrastwirkung: Die Rede von »Alltäglichkeit« schick« zur »Gemeinschaft« des »Volkes« an (SZ
würde sich selbst erledigen, wenn sie nicht systema- 384). Hier ist freilich anzumerken, dass Heideggers
tisch auf ein Gegenbild anspielte und bezogen bliebe. frühes Konzept der »Gemeinschaft« außerordent-
Es ist anzuerkennen, dass Heidegger diese Doppe- lich kontrovers beurteilt wird (s. Kap. II.5; III.29;
lung herausarbeitet und die Spannung zur »Eigent- III.32). Mehrere Interpreten haben originelle Vor-
lichkeit« aufbaut; freilich kann er sie nur in aporeti- schläge unterbreitet, wie die Kategorien der »Mit-
scher Form beschreiben. (Genau in dieser Anerken- welt«, des »Mitseins« und der eigentlichen »Für-
nung liegt übrigens die Pointe von Slavoj Žižeks sorge« in Sein und Zeit als antimetaphysische Analy-
Kritik an einer Heidegger-Deutung, die ihn auf den sen menschlicher Gemeinschaft verteidigt und
Kontextualismus reduziert; vgl. Žižek 1999/2001, 89, fortgeführt werden können (z. B. Schürmann 1982;
33; für die Gegenposition etwa Dreyfus 1991). Guignon 1992; Esposito 1997; Olafson 1998; Schmid
Heidegger beschränkt sich  – wie gesehen  – 2005). Im Hintergrund mancher dieser Versuche
darauf, die Selbstwerdung an den individuellen Akt steht – mehr oder minder explizit – Hannah Arendts
der Behauptung zu koppeln oder aber sie einem Politisierung des Heideggerschen »Welt«-Begriffs (s.
übergreifenden »Geschehen« zu überantworten, das Kap. III.16). Im Einklang damit wird Sein und Zeit
alle Zerstreuung ausschließen muss. Wenn man der gegen die Kompromittierung, die retrospektiv von
Frage nachgeht, wie dieser aporetischen Alternative 1933 aus erfolgt, in Schutz genommen. Zusätzlich
zu entgehen sei, wird man das »Selbst« aus einer ver- wird die These aufgeboten, dass der Gemeinschafts-
einzelnden Betrachtung herauslösen und dessen Bil- begriff in Sein und Zeit gar strikt antitotalitär sei;
dung und Bestimmung im sozialen Zusammenspiel, diese These basiert auf der Lesart, dass Heidegger
im Angesicht des »Anderen« in Betracht ziehen eine weite Ausdeutung des Handlungsspielraums
müssen. Im Blick auf einen solchen Ausweg wären des einzelnen Daseins nicht nur zulässt, sondern im
Vorschläge zu diskutieren, die sich einerseits auf He- Zuge der offenen Einbeziehung des Mitseins gera-
gel, andererseits auf Emmanuel Levinas stützen dezu verlangt. Diese Lesart schlägt sich – zieht man
könnten. Wollte man weiterhin auf Heidegger zu- die oben ausgeführten zwei Versionen der Selbster-
rückgreifen, müsste man fragen, welches Verständ- schließung heran – eindeutig auf die Seite des Voll-
nis der Identität der Person aus einer sozialphilo- zugs, des Erscheinens des Selbst im Handeln.
sophischen Reformulierung des »Mitseins« zu ge- Heideggers Denken des »Volkes« am Ende von
winnen wäre. So oder so würde man Heideggers Sein und Zeit lässt sich für diese hier angeführte
Horizont überschreiten müssen. Doch in diesem Deutung freilich nur reklamieren, wenn man philo-
Beitrag gilt das Interesse ausnahmsweise nicht den logisch unhaltbare Interpretationen zu Hilfe nimmt.
Auswegen, sondern den Sackgassen. Dies lässt sich – wie in einer Nussschale – an Heideg-
Dass die offene Frage nach der Stellung der Per- gers Rede vom »Erwidern« des Gewesenen im ge-
son, die oben angesprochen worden ist, nicht zu ei- genwärtigen Handeln zeigen (SZ 386), die als Bei-
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 113

spiel für den hier diskutierten Zusammenhang die »vollkommene Umstellung des gesamten öffent-
zwischen Theorie und Praxis gelten darf. Dieses »Er- lichen Lebens« (Hitler 1925–27/1936, 506).
widern« im Umgang mit Gegebenem soll als Beleg Dem Handelnden wird ein »Geschick« vorgege-
dafür herhalten, dass Heidegger einen praktischen ben, welches in der »Gemeinschaft« zum prakti-
Spielraum für Abweichung oder gar Widerstand schen Vollzug kommt. Er wird durch den theoreti-
vorsieht; tatsächlich aber geht es in Heideggers Text schen Rückgang auf ein »Waltendes« mobilisiert.
nicht darum, jemandem (Dativ) zu erwidern (wie Darin genau liegt die Eigenart von Heideggers Bei-
wenn man etwa gegen jemanden einen Einwand er- trag zu der langen Beziehungsgeschichte zwischen
hebt), sondern etwas (Akkusativ) zu erwidern (wie (philosophischer) Theorie und (politischer) Praxis.
wenn etwa ein Echo den Ruf erwidert). In diesem Dass Heidegger dieser Geschichte zugeschlagen
zweiten Fall aber funktioniert das Spiel nur, wenn es wird, liegt nahe; dies zeigt sich auch in der berühm-
eine Entsprechung zwischen dem ersten und dem ten Anekdote, wonach Wolfgang Schadewaldt ihn
zweiten Zug gibt. Anstelle der gewünschten Hetero- nach dessen Rücktritt mit der Frage »Nun, Herr Hei-
nomie stößt man auf Homologie (vgl. Fritsche 1999; degger, sind Sie aus Syrakus zurück?« begrüßt haben
2012 gegen Birmingham 1991). soll (zit. nach Neske 1977, 246). Schadewaldt, der
Dass man einzelne Elemente aus Sein und Zeit für selbst als Dekan unter Heidegger amtiert hat, zielt
ein ›anderes‹ Denken der Gemeinschaft heranziehen mit seiner Anspielung auf Platons Beziehung zu Di-
kann, steht durchaus im Einklang mit der geschilder- onysos, dem Herrscher von Syrakus, ins Zentrum je-
ten Ambivalenz in Heideggers Modell des situierten nes Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis.
Selbst; dem thematischen Zentralstück der Überle- In der Konsequenz dieses Übergangs zur Praxis
gungen zu »Geschick« und »Volk« muss eine solche liegt es auch, dass Heidegger sich im Wissen um das
freundliche Aufnahme aber verwehrt bleiben. Es Walten die Anleitung des Handelns zutraut; seine
weist vielmehr voraus auf den spezifischen Rückgang Philosophie scheint gar danach zu drängen. 1933
auf die Gemeinschaft, wie er in den Texten 1933/34 sagt er: »Wir wollen die Philosophie zur Wirklich-
vollzogen wird. Dann lässt das Sträuben nach, das zu- keit machen« (GA 36/37, 4), und: »Man muß sich
vor noch in der Vereinzelung des »Selbst« und im einschalten« (zit. nach Jaspers 1978, 86, 181). In ei-
Vorbehalt des »verschlossenen wirklichen Wollen nem Brief an Paul Häberlin bemerkt er: »Meine phi-
des Einzelnen« (GA 31, 294) seinen Ausdruck fand. losophische Arbeit muß jetzt ruhen und sich im
Das sozialtheoretische Dilemma nach Sein und ›Praktischen‹ bewähren« (11.8.33: Häberlin/Bins-
Zeit spiegelt sich in der Bestimmung des Verhältnis- wanger 1997, 381); am 19. September 1933 ergeht
ses von Theorie und Praxis, welches gleichfalls mit die Mitteilung an Elisabeth Blochmann, dass sein
Blick auf Heideggers Aktivismus 1933 zu erörtern »tägliche(s) Handeln sich« aus seinem Denken
ist. Der Theorie fällt, wie Heidegger 1929/30 sagt, »nährt« (HB 74). Mit all diesen starken (zu wenig
die Aufgabe zu, »das Waltende zum Ausspruch« zu beachteten) Hinweisen macht Heidegger nicht nur
bringen (GA 29/30, 40; vgl. GA 38, 75 ff.). Nur da- allgemein deutlich, dass er der Theorie eine praxis-
durch, dass die Behauptung und Erschließung des leitende Funktion zuschreibt, er lässt auch keinen
einzelnen Selbstseins überboten und überschritten Zweifel daran, dass er im Jahr 1933 seiner Philoso-
wird, kann die Theorie sich in diesem Sinn einem phie Taten folgen lassen will – und zwar genau des-
überindividuellen Geschehen widmen. Nach dieser halb, weil er aufgrund seiner (theoretischen) Ein-
letzten Wendung gelingt Theorie, wenn sie ein »Wal- sicht in die Geschichte genau diese (praktische)
ten« einsichtig macht; der Mensch ist in der Wahr- Konsequenz meint autorisieren zu können. Nimmt
heit, wenn er ihm in seinem Handeln folgt: »Dem, man dies zur Kenntnis, so ergibt sich die kuriose
worüber sich das Dasein […] aussprechen will«, ist Konsequenz, dass diejenigen Anhänger Heideggers,
»zum Wort [zu] verhelfen  – zu jenem Wort, damit die sein Denken von seinem politischen Engage-
wir kein Geschwätz vollführen, sondern zum Wort, ment trennen, gegen die eigensten Grundsätze die-
das uns anspricht zum Handeln und zum Sein« (GA ses Denkens verstoßen.
29/30, 249). Aus der Offenlegung eines Geschicks
leiten sich der schlagartige Einbruch in die Alltäg- 3. Das NS-Engagement
lichkeit und der neue geschichtliche Aufbruch ab.
Gefordert ist – nach Heidegger! – die »völlige Um- 3.1. Womit hat Heidegger zu tun? Die Analyse von
wälzung unseres deutschen Daseins« (Okt. 33: GA Heideggers Mitwirkung bei der Gleichschaltung
16, 184; 11.11.33: GA 16, 192) oder – nach Hitler! – 1933/34 bleibt unvollständig, wenn man nicht weiß,
114 I. Werk

wobei er mitgewirkt hat. Streng genommen setzt die Frage der Hochschulerneuerung« vom Juli/August
Beurteilung von Heideggers NS-Engagement nichts 1933 (vgl. Jaspers 1923/1946/1961; 1933/1989). Auf
anderes voraus als die Bestimmung des Nationalso- all dies muss hier verzichtet werden. Diese Zurück-
zialismus selbst. Innerhalb dieses Beitrags lässt sich haltung ist nicht nur dem knappen zur Verfügung
diese Aufgabe nicht angemessen erfüllen. Es bleibt stehenden Raum geschuldet, sondern auch der Tat-
eine offene Flanke in der Darstellung, die nur be- sache, dass in dem Maße, wie die Gebundenheit der
helfsmäßig geschützt werden kann – zumal deshalb, Texte an deren eigene Zeit – also an die Vergangen-
weil man gehalten ist, Heideggers eigene Lesart des heit  – betont wird, deren Verbindung zu unserer
Nationalsozialismus zu berücksichtigen, um nicht in Zeit – also zur Gegenwart – ausgedünnt wird. Eine
bloßer Außenbetrachtung zu verharren (s. u. Ab- Historisierung von Heideggers Texten durch einen
schnitt 4.2/3). Manche Interpreten behaupten gar, Vergleich mit Zeitgenossen ist in einem philosophi-
dass einzig und allein Heidegger es sei, durch den schen Kontext aber langweilig. Wer sich denn von
entscheidende Einsicht in das Wesen des National- Heidegger abwenden wollte, sollte dies nicht deshalb
sozialismus gewonnen werden könne (s. u. Ab- tun, weil er ihn etwa ›veraltet‹ findet, sondern lieber
schnitt 5 [Position 5]). deshalb, weil ihm seine Gedanken nicht einleuchten.
Wenn man nun behelfsmäßig eine Bestimmung Nimmt man seinen ganzen Mut zur Vergröbe-
des Nationalsozialismus als Ausgangspunkt ansetzt, rung zusammen, kann man zwei Kernstücke natio-
so muss zunächst festgehalten werden, dass die nalsozialistischer Weltanschauung herausstellen: das
NS-Ideologie kein geschlossenes, in sich zusammen- Führerprinzip und den Rassismus. Das Führerprin-
hängendes Bild bietet, sondern eklektizistischen zip betrifft die totale Gleichschaltung des »Volkes«,
Charakter hat. Sie ist Syndrom (d. h.: wirr ›Zusam- also dessen Binnenstruktur oder interne Organisa-
mengelaufenes‹), nicht System (d. h.: ordentlich ›Zu- tion; der Rassismus betrifft die Sonderstellung dieses
sammengestelltes‹). Dies spiegelt sich teilweise auch »Volkes« zum Zwecke externer Abgrenzung. Bei bei-
in internen Positionskämpfen nach der Machter- den Aspekten spielt also der Begriff des »Volkes«
greifung; an kleineren Scharmützeln wirkt auch eine Schlüsselrolle. Manche Auseinandersetzungen
Heidegger selbst mit (vgl. seine Polemik gegen Kol- innerhalb der NS-Bewegung lassen sich auf Reibun-
benheyer; GA 36/37, 209 ff.). Ob sich aus solchen gen innerhalb dieser ideologischen Felder zurück-
Differenzen Ausgrenzungen ergeben, ist eher eine führen; sie betreffen etwa die Organisation des Vol-
machtpolitische als eine theoretisch-systematische kes zwischen staatlich-hierarchischer Organisation
Frage. Entsprechend wäre eine Festschreibung des und quasi-revolutionärer Mobilisierung. Brisant im
Nationalsozialismus, an dem sich etwa Heideggers Hinblick auf die historische Einordnung des Natio-
Texte wie bei einem Lackmus-Test prüfen lassen nalsozialismus ist dessen vieldiskutiertes Verhältnis
könnten, eine fast absurde Unternehmung. Damit zur »Modernisierung« (Herf 1984; Prinz/Zitelmann
erledigt sich die philosophische Frage nach Heideg- 1994; Mommsen 1990; s. u. Abschnitte 3.4; 4.3).
gers NS-Engagement nicht, auch wenn es Grenzen Diese Verbindung bringt freilich neue Probleme mit
der Genauigkeit gibt, was die Überschneidung zwi- sich, denn damit handelt man sich zusätzlich die
schen Heideggers Texten 1933/34 und dem national- Frage nach der Bestimmung der Moderne ein – etwa
sozialistischen Syndrom betrifft. im Verhältnis politischer, technischer und kulturel-
Im Hinblick auf diese Überschneidung wäre es ler Aspekte (vgl. Zimmerman 1990).
natürlich denkbar, Heideggers Texte mit anderen in Hält man sich an jene minimale Charakterisie-
ein breites zeitgeschichtliches Panorama jener Jahre rung der NS-Ideologie, so ist damit eine grobe Basis
einzufügen. Einzubeziehen wären hier etwa Ernst zur Einordnung Heideggers gegeben. Das Volk ist
Krieck, Alfred Baeumler, aber auch Hitler und Goeb- der zentrale Begriff, in dem seine Bereitschaft zur
bels selbst sowie allgemein die sich langsam zuspit- Mitwirkung 1933/34 begründet ist (s. u. 3.2); hier
zende Debatte während der Weimarer Republik (vgl. findet er die Organisationsform für die Gemein-
Bourdieu 1976; Losurdo 1991/1995; Sluga 1993; schaft, die  – wie gesehen  – für den Übergang von
Thomä 2012). Eine in seinem Reiz unschlagbare Ge- Sein und Zeit zur politischen Praxis konstitutive Be-
legenheit böte sich auch in der Analyse der Unter- deutung hat. Das damit zugleich aufgeworfene Pro-
schiede zwischen Heideggers universitätspolitischen blem des Übergangs von der Theorie zur Praxis dis-
Schriften und den verschiedenen Fassungen von Jas- kutiert Heidegger unter dem Gesichtspunkt der Füh-
pers ’ Schrift Die Idee der Universität, die 1923, 1946 rerschaft (3.3). Die Verbindung zwischen den ersten
und 1961 erschienen sind, sowie dessen »Thesen zur beiden genannten Gesichtspunkten wird schließlich
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 115

durch den Begriff der Arbeit gestiftet (3.4), der in letztlich eine leere Bestimmung bleibt. Einerseits er-
den Texten 1933/34 eine zentrale Rolle spielt und zu- schien dies als Vorzug, weil damit dem handelnden
gleich in einer überraschenden Verbindung sowohl Dasein keine Vorgaben gemacht wurden; anderer-
zur Systematik von Sein und Zeit wie auch zum spä- seits blieb die Hingabe an das »Erbe« seltsam blind
ten Denken steht. und dieses »Erbe« erschien als undifferenziertes
Ganzes. In Sein und Zeit suchte Heidegger inmitten
3.2. Volk. Während der Begriff des Volkes in Sein der »Bewandtnisganzheit« nach Stimmungen  –
und Zeit (noch oder schon) am Rande stand, rückt er »Langeweile« und »Angst« taugten als Kandidaten –,
1933 ins Zentrum. Der Vorbehalt des »verschlosse- mit denen die Gleichgültigkeit, die Nivellierung der
nen wirklichen Wollens des Einzelnen« (GA 31, von ontischen Krämerseelen gehätschelten Unter-
294), der 1930 angemeldet wurde, weicht in einem schiede und Besonderheiten erfolgte. Die negative
Brief des Rektors an alle Fakultäten vom 20.12.1933 Freiheit (vom Verfallen) wurde durch die positive
der These: »Der Einzelne, wo er auch stehe, gilt Freiheit (als »Freiheit zum Tode«) gewährleistet  –
nichts. Das Schicksal unseres Volkes in seinem Staat eine Freiheit, die sich gerade aus der Unbestimmt-
gilt alles.« (zit. Ott 1988, 229) Diese Verschiebung heit dieses Todes ableitete. Wenn das Dasein über
steht im Einklang damit, dass Heidegger  – wie ge- den Modus der Vereinzelung und der Distanzierung
schildert – eine einseitige Konsequenz aus der Apo- von der Welt hinausgelangen wollte, so konnte und
rie des »Selbst« in Sein und Zeit zieht. Dass er sich sollte es sich nicht einem bestimmten Seienden
nun auf ein kollektives Geschehen wirft, bringt frei- (oder Weltlichen), sondern der Welt en bloc zuwen-
lich neue systematische Probleme mit sich, die das den.
Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Volk 1933/34 findet sich eine strukturell gleiche Argu-
betreffen. Heidegger wirkt hier ein bisschen un- mentation: Die negative Freiheit ›von‹ etwas wird
schlüssig. Einerseits wird das »Volk« direkt als »Da- überboten durch das »frei werden für etwas« (GA
sein« angesprochen; entsprechend darf es selbst als 36/37, 159), wobei dieses »etwas« keinesfalls etwas
handelnde Instanz auftreten (11.11.33: GA 16, Bestimmtes, sondern das schiere Ganze sein muss.
190 f.). Andererseits soll es weiterhin auf die Einzel- (Zu Heideggers Diskussion von »negativer« und
nen ankommen, die die Gemeinschaft gewisserma- »positiver« Freiheit 1930 und 1936 vgl. GA 31, 11–
ßen auf sich nehmen. (Auf diese Ambivalenz trifft 13, 20–26; Sch 106; GA 85, 75 f.; s. Kap. I.20.2) Der
man übrigens nicht nur bei Heidegger selbst: »Des Rede vom »Geschick« in Sein und Zeit folgt die Rede
kommenden Reiches Inhalt« sind, so sagt Adolf Hit- von »Auftrag und Sendung« (GA 38, 155). Doch
ler, »Menschen, die sich loslösen aus ihrer Umge- welcher großen Sache soll man sich verschreiben?
bung, die alles weit zurückstoßen, alle Kleinlichkei- Worin bestehen die von Heidegger unterstellten
ten des Lebens, die scheinbar so wichtig sind, die »Notwendigkeiten« (s. o.)? Der »Auftrag« darf je-
sich wieder besinnen auf eine größere Aufgabe, die denfalls keine Sache unter anderen sein, sondern
den Mut haben, schon äußerlich zu dokumentieren, muss sich dadurch hervortun, das Dasein von seiner
daß sie nichts zu tun haben wollen mit all den ewig Benommenheit, Verfallenheit, Befangenheit zu be-
trennenden und zersetzenden Vorstellungen, die das freien und die Feindschaft gegen Vielfalt und
Leben unseres Volkes vergiften«; zit. Thomä 1990, Zerstreuung zu pflegen. Der Sieg über alle Verwick-
546 f.) Heidegger macht eine »Grunderfahrung« der lungen, das Heraustreten aus dem »beliebigen Be-
Gemeinschaft geltend, die »für die wahrhafte Selbst- reich von Begebenheiten« (GA 38, 78) kann dem
besinnung des einzelnen« konstitutiv ist (23.1.34: Dasein erst mittels einer Sache vergönnt sein, deren
GA 16, 238). »Gemeinschaft ist durch die vorgängige »Unumgänglichkeit« (164) als unbedingter Vorzug
Bindung jedes Einzelnen an das, was jeden Einzelnen erscheint. »Die Sendung selbst ist der Willkür und
überhöhend bindet und bestimmt.« (1934/35: GA dem Eigensinn im voraus entzogen.« (156)
39, 73) In der Mitgliedschaft im »einzigen deutschen Die Eigentlichkeit wird gebunden an einen Auf-
›Lebensstand‹« gipfeln dann »Opferbereitschaft und trag, dessen Inhalt im Inhaltslosen, in der radikalen
Dienst im Bereich der innersten Notwendigkeiten Zurückweisung jedes besonderen Inhalts besteht. Er
deutschen Seins« (23.1.34: GA 16, 239). ist das Mit-sich-selbst-Gleiche, er steht für das
Nachzuzeichnen ist damit die Entwicklung, die Selbe  – oder: für Gleichmacherei und Gleichschal-
Heideggers Denken von 1927 bis 1933 nimmt. Bei tung. Man hat bei seinem Einsatz nicht direkt mit an-
der Erörterung des »Geschicks«, wie es in Sein und deren Menschen zu tun, sondern alle sind für sich,
Zeit eingeführt wird, hat sich gezeigt, dass es dort nebeneinander stehend und gleich ausgerichtet, in
116 I. Werk

das Eine Geschehen eingelassen: »Wir sind eigentlich es auszumerzen gilt. Die totale Fusion im Kollektiv
wir nur in der Entscheidung, und zwar jeder verein- bildet den Ausgangspunkt für Heideggers Zugang
zelt« (GA 38, 58). Die Bejahung, die dem eigentli- zum Phänomen des Politischen. Sein eigentlicher
chen Dasein offensteht, erschöpft sich in der Beja- Held ist der Singular: Heidegger nennt »ein Schick-
hung der totalen Verneinung des Bestimmten und sal«, »eine Idee« (Heidegger 2009, 77).
Besonderen. Damit bietet Heidegger nichts anderes Nur am Rande bezieht Heidegger bei der Deutung
als eine formale Beschreibung des Totalitarismus. Sie des deutschen Wesens biologistische Gesichtspunkte
stellt die  – oder eine!  – traurige Wahrheit über das ein – etwa mit dem isolierten Hinweis, die »Natur«
»Mitsein« im Modus der Eigentlichkeit dar. Vom Ho- sei nicht nur »Grund und Boden«, sondern auch
lismus in Sein und Zeit zum Totalitarismus führt kein »Macht und Gesetz jener verborgenen Überlieferung
gerader Weg, aber es ist nur ein kleiner Schritt. der Vererbung wesentlicher Anlagen und Triebrich-
Wenn Heideggers inhaltliche Identifikation mit tungen« (25.11.33: GA 16, 200). Solche Unterstellun-
dem Nationalsozialismus diskutiert wird, begibt gen stehen bei Heidegger deshalb nicht im Zentrum,
man sich gern auf die Suche nach ideologischen De- weil sie aus seiner Sicht einer Fixierung auf den Men-
tails, die in seinen Texten auf in abstoßender Weise schen als isoliertes »Subjekt« anhängen (vgl. GA 65,
auftauchen. Solche Tiefpunkte sind in Heideggers 319). Entsprechend kann von einem biologischen
Texten in der Tat zu finden. Doch eigentlich greift Rassismus Heideggers nicht gesprochen werden (vgl.
die Frage nach inhaltlichen Übereinstimmungen zu seine kritischen Anmerkungen in GA 38, 65). Dies
kurz. Es genügt nicht, Heidegger vorzuhalten, er verpflichtet auch zur Zurückhaltung bei der Frage, ob
würde der Universität (oder der ganzen Nation) er antisemitische Positionen in einer für seine Philo-
1933 inhaltliche, ideologische Festlegungen im sophie relevanten Weise vertreten habe.
Sinne des Nationalsozialismus vorgeben oder sein In Gutachten und Briefen finden sich einzelne
eigenes Handeln danach ausrichten. Entscheidend Belege. In einem Brief an Elfride vom 8.9.1920 lieb-
ist vielmehr die prinzipielle Rückbindung an ein äugelt Heidegger damit, »geistiger Antisemit [zu]
übergreifende Geschehen, welche mit »Ausgesetzt- werden«. Er warnt vor der »Verjudung« des »deut-
heit, Entrückung, Überlieferung und Auftrag« ein- schen Geistesleben[s]« (zit. Sieg 1989), spricht von
hergeht (vgl. GA 38, 154, 156, 163). Als eigentliche einer »gefährliche[n] internationale[n] Verbindung
Errungenschaft des Nationalsozialismus erscheint der Juden« (zit. Jaspers 1977, 101) und polemisiert
bei Heidegger nichts anderes als die totale Geschlos- gegen jüdische Kollegen (16.12.33: GA 16, 774). Ins-
senheit der Gemeinschaft, mit der der »Willen […] gesamt jedoch stößt man auf »sich durchkreuzende
im ganzen Volk […] zum einzigen Entschluß zu- Diskurse […] für und gegen den Antisemitismus«
sammengeschweißt« wird (10.11.33: GA 16, 189). Es (Kapferer 2001). So schreibt Heidegger 1929/30 ein
ist diese Form der Gemeinschaft als Fusion selbst, vernichtendes Gutachten über Siegfried Marck, ei-
auf die es ankommt und aus der sekundär die Vorga- nen Breslauer Philosophen jüdischer Herkunft, und
ben für die Inhalte der gemeinschaftlichen Ziele her- an dessen statt empfiehlt er die (gleichfalls jüdi-
vorgehen (vgl. zu diesem »Formalismus« Marten schen) Kurt Lewin und Adhemar Gelb. Wieder den
1991, 97). Für diese Inhalte gilt prinzipiell, dass sie in Tenor wechselnd, warnt er am 26.6.1933 in einem
keiner Weise den totalen Charakter der Zusammen- Gutachten zur Entlassung des (›nicht-arischen‹) Ri-
gehörigkeit beeinträchtigen dürfen. Auf der Basis chard Hönigswald, das von diesem propagierte
dieses totalitären Volksbegriffs erklärt Heidegger, »freischwebende Bewußtsein« lenke ab von der
die Wahl im November 1933 sei »schon allein als »volkhaften Überlieferung seiner Herkunft aus Blut
Geschehnis  – und noch unabhängig vom Ergeb- und Boden« (GA 16, 132; Kapferer 2001; Schorcht
nis  –  die stärkste Bezeugung der neuen Deutschen 1990, 161). Von dieser Charakterisierung ›jüdischer‹
Wirklichkeit des nationalsozialistischen Staates« Intelligenz lassen sich Verbindungen etwa zu Vorbe-
(10.11.33: GA 16, 189). Ausgeschlossen wird dann halten gegen die ungebundene »Öffentlichkeit« zie-
beispielsweise, dass die Inhalte gemeinschaftlichen hen, doch sie bleiben vage. Unverblümt schreibt
Handelns einem »Überbau« zugeordnet werden, in Heidegger aber am 7.2.1935 an Kurt Bauch: »Zwar
dem das »uferlose Treiben verstandesmäßiger Zer- kenne ich Ihr ›Publikum‹ nicht; aber ich fürchte,
gliederung« herrscht (27.5.33: SU 14). Fernhalten auch Sie lesen und mühen sich ab vor jenen, die von
muss man sich auch vom »ungebundene[n] Spiel der vornherein gewillt sind, nicht für den Nationalsozia-
Neugier« (11.11.33: GA 16, 192). In jedem Vorbe- lismus zu arbeiten – Versprengte Juden, Halbjuden,
halt, in jeder Vorliebe verbirgt sich ein Spaltpilz, den sonst Mißglückte, Jesuiten und Schwarze in Laien-
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 117

gestalt und einige Schöngeister.« (Heidegger/Bauch beschränkt er dessen Funktion (eher ›außenpoli-
2010, 18) tisch‹) darauf, dass sich das Volk »inmitten der ande-
Man könnte sagen, dass Heidegger den Biologis- ren Völker« behaupten kann (27.5.33: SU 15). Da das
mus streift, wenn er von der »Macht der tiefsten Be- Volk als ein einziges imaginäres Subjekt konzipiert
wahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte« als ist, welches »auf dem Marsch« ist (27.5.33: SU 14),
»Macht der innersten Erregung und weitesten Er- und da die »unmittelbare Offenbarung der Volksge-
schütterung seines Daseins« spricht (27.5.33: SU 14); meinschaft« bereits erfolgt ist (20.6.33: GA 16, 125),
doch dem sogenannten »Erdhaften« kommt hier scheint es nicht dringend noch einer übergreifenden
weit mehr Gewicht zu als dem »Bluthaften«. In der Organisation zu bedürfen. Wegen seines verdachts-
»Erde« findet der Rückgang auf das »Geschick« in weise statischen Charakters ist der Staat dem revolu-
der Tat einen starken Anhaltspunkt, und damit fir- tionären Aufbruch, in dem Heidegger die geschicht-
miert sie auch als Korrektur der Vorherrschaft der liche Leistung der NS-Bewegung sieht (Grosser
»Welt« in Sein und Zeit. Weil diese »Welt« vom er- 2011), eher hinderlich. Der Aufbruch in dem das
schließenden Dasein her gedacht wurde, ist sie als Volk einer historischen Notwendigkeit folgt, darf
Leitbegriff für das Sich-Einlassen auf ein »Gesche- nicht organisatorisch überformt werden. Heideggers
hen« unzuverlässig. Umgekehrt wird verständlich, Geschichtsbegriff setzt auf diesen Aufbruch als his-
weshalb der Begriff der »Erde« auch in Heideggers torisches Ereignis, als tathaften Augenblick: »Wenn
späten Texten zur Dichtung und zum »Geviert« das Flugzeug […] den Führer von München zu Mus-
seine Stellung hält. 1933 freilich hat die »Erde« eine solini nach Venedig bringt, dann geschieht Ge-
mobilisierende, handlungsleitende Funktion: »Frei- schichte.« (GA 38, 83) »Geschichtlichsein […] ist
burger Student! Deutscher Student! Erfahre und […] ein sich fortgesetzt erneuerndes Entscheiden
wisse es, wenn du auf den Fahrten und Märschen die zwischen der Geschichte und Ungeschichte, in der
Berge, Wälder und Täler des Schwarzwaldes, die wir stehen.« (113)
Heimat dieses Helden [Albert Leo Schlageter], be- Gleichwohl lässt sich Heidegger zu der Einsicht
trittst: Urgestein, Granit sind die Berge, zwischen herab, das Volk habe sich in seinem Aufbruch eine
denen der junge Bauernsohn aufgewachsen ist. Sie ›Gestalt‹, eine ›Form‹ zu geben. Der einzige, in sich
schaffen seit langem an der Härte des Willens.« geschlossene Wille, in dem das Volk zum kollektiven
(26.5.33: GA 16, 759) Am »Volk« wird nicht ein bio- Singular wird, welcher »alle Stände und Glieder des
logisches Privileg, sondern die Bereitschaft zur Hin- Volkes« umfasst (27.5.33: SU 15), findet letztlich im
gabe an ein »Geschick« hervorgehoben. Darin er- Staat die angemessene Organisationsform. So teilt
füllt sich die Aufgabe, dass das deutsche Volk »sein Heidegger im Dezember 1933 den Fakultäten mit:
eigenes Wesen behalte und rette« (10.11.33: GA 16, »Der bestimmende Grund und das eigentlich nur
188), und in diesem Zusammenhang stehen auch schrittweise zu erreichende Ziel ist seit dem ersten
Heideggers markante Überlegungen zur privilegier- Tage meiner Amtsübernahme der grundsätzliche
ten Rolle der »Deutschen«, die als Ausdruck eines Wandel der wissenschaftlichen Erziehung aus den
»geistigen Rassismus« verstanden worden sind (vgl. Kräften und Forderungen des nationalsozialisti-
Marten 1988a, 88; 1991, 85 ff.). Darauf wird noch zu- schen Staates.« (zit. Ott 1988, 229) Hier kommt Hei-
rückzukommen sein (s. u. Abschnitt 4.2). degger freilich an die Grenze seines eigenen Ansat-
Am Leitfaden des »Volkes« behandelt Heidegger zes: Der Aufbruch des Volkes erstarrt zu »Forderun-
das Problem der politischen Organisation des ge- gen des Staates« – eine Institutionalisierung, hinter
schichtlichen Aufbruchs. Die Anforderung, die sich der das »Geschick« fast verschwunden ist.
an den »Staat« richtet, besteht darin, das »Gesetz« zu Heideggers Kraftakt, sich der politischen Neuord-
institutionalisieren, von dem das Volk ergriffen ist. nung im Sinne des Nationalsozialismus zuzuwenden
»Der Wille zur Selbstverantwortung« sei, so sagt Hei- und ihr zuzuarbeiten, kommt auch darin zum Aus-
degger, »nicht nur das Grundgesetz des Daseins druck, dass er sich in seiner Lehrtätigkeit offensiv
unseres Volkes, sondern das Grundgeschehnis der Themen zuwendet, die er sonst beiseitelässt. Beson-
Erwirkung seines nationalsozialistischen Staates« ders deutlich wird dies an seinen zwei Seminaren
(11.11.33: GA 16, 190). »Der Staat ist das erweckende »Über Wesen und Begriff von Natur, Geschichte und
und bindende Gefüge, in das sich fügend das Volk als Staat« (1933/34; Heidegger 2009) und »Hegel
Ganzes eingesetzt wird« (30.11.33: GA 16, 767 f.). ›Rechtsphilosophie‹« (1934/35; GA 86, 55–184, 549–
Freilich gerät Heidegger beim Begriff des Staates 655). Hier finden die zugespitzten Aussagen aus sei-
sichtlich in Schwierigkeiten. In der Rektoratsrede nen Reden 1933 eine akademische Entsprechung.
118 I. Werk

Den »Staat« will er – so heißt es im Seminarproto- Heidegger offensichtlich an der Annäherung zwi-
koll 1933/34  – »auf seinen tragenden Grund: das schen Hegel und Hitler liegt, bleiben zwei systemati-
Volk« zurückführen, in dem sich das »Sein des Men- sche Punkte, die diese Nähe erschweren. Zum Ersten
schen« als ein »politisches Sein« erweist (Heidegger hat die Entfaltung des Gegensatzes zwischen Allge-
2009, 71–73). Das »Seiende des Staates, seine Sub- meinheit und Individualität bei Hegel ihren Ur-
stanz, sein tragende[r] Grund« ist für Heidegger sprung in der Bewegung des Begriffs selbst, welche
»das Volk« (72; vgl. 74) »Wenn wir jetzt nach dem die »Bezüglichkeit« zwischen Subjekt und Objekt
Staat fragen, dann fragen wir nach uns.« (69) Der von sich aus »ermöglich[t]« (GA 36/37, 74). Da dem
Staat wird zurückgeführt auf die polis als die »be- »Sein« bei Hegel eine abhängige Stellung zugewiesen
stimmende Mitte des sich selbst bestimmenden ge- wird, fehlen Anlass und Grundlage dafür, sich im
schichtlichen Daseins eines Stammes und Volkes« Sinne Heideggers vom geschickhaften Sein des deut-
(GA 86, 172). Dass er 1934 die »Volkskraft« des schen Volkes ergreifen zu lassen. Zum Zweiten ver-
»unverbrauchte[n] Alemannentum[s]« gesondert folgt Hegel bei der Beschreibung der Entfaltung oder
einbringt als »Mitwollen des nationalsozialistischen »Bildung« des Subjekts eine Doppelstrategie, die es –
Staatswillens« (23.1.34: GA 16, 240), ist freilich als wie zitiert – in das »Extrem der Besonderheit« treibt
vorsichtige Abweichung von der totalen Einheit zwi- und erst auf diesem Weg zur Versöhnung mit der
schen Volk und Staat anzusehen. Allgemeinheit bringt. Entsprechend ist gegen Hei-
In der Vorlesung vom Sommer 1933 kommt es degger zu sagen, dass Hegel den Liberalismus (als
zur Begegnung mit demjenigen, in dem Heidegger »bürgerliche Gesellschaft«) weniger überwinden als
die »Vollendung der abendländischen Metaphysik« vielmehr einbeziehen oder aufheben will. Heidegger
erblickt: mit Hegel (GA 36/37, 70). Im Seminar dagegen kann jenes »Extrem der Besonderheit« nur
1934/35 versucht Heidegger, eine Brücke von der negativ einordnen. Ihn interessiert bei Hegel die
Hegelschen Selbstentfaltung im Kollektiv, welche im »höchste Abstraktion der Freiheit von allen beson-
Staat gipfelt, zum nationalsozialistischen Junktim deren Zwecken, Besitzen, Genuß und Leben« (Hegel
von Volk und Staat zu schlagen. Als Ausgangspunkt 1970, 495 [§ 327]) – und er kommentiert erleichtert:
dient ihm die Tatsache, dass Hegels Staatsphiloso- »Gegen alles Einzelne und Besondere« (GA 86, 180).
phie die Individuen nicht als Gegebenheiten setzt, Heideggers Ausflüge in die politische Philosophie
denen nur noch obliegt, sich auf die vertraglichen bleiben sowohl in den Jahren um 1933 wie auch in
Regeln ihres Zusammenlebens zu einigen. Diese ato- späterer Zeit (s. u. Abschnitt 4.2) weitgehend auf Se-
mistische, individualistische Sicht auf den Menschen minarnotizen und Entwürfe beschränkt. Sie zeigen
versäumt die Frage danach, wie er wird, was er ist. Es ihn stolpernd in unvertrautem Gelände. Bis heute
kommt, wie Heidegger formuliert, darauf an, »daß wirksam (s. Kap. III.27) ist jedoch die große Geste,
ich zu mir selbst will, an der Hervorbringung meines mit der Heidegger Politik als institutionelle Ord-
Selbst arbeite, mich entwickle« (GA 86, 627). Das nung verwirft, um sie – 1933/34 – auf das »politische
Selbst ist nicht schon da und vergesellschaftet sich Sein« (s. o.) des Volkes zurückzuführen oder  – in
nachträglich, sondern es kommt erst in der Verge- späteren Jahren  – als technische Machenschaft zu
sellschaftung zu sich selbst. Mit dieser Wendung entlarven.
wird Hegel die »grundsätzliche Überwindung des Erst anhand des 2011 veröffentlichten Hegel-Se-
Liberalismus« gutgeschrieben (GA 86, 167, vgl. minars von 1934/35 wird deutlich, dass Heideggers
604 f., 650). Positionierung neben Carl Schmitt und Ernst Jünger
Heidegger sieht Hegel auch als Vorgänger bei dem gleichfalls vor einem Hegelschen Hintergrund er-
Vorhaben, vom antiindividualistisch gedachten Da- folgt. Während Heidegger sich beim Bezug auf Ernst
sein über das Volk zum Staat überzugehen. Der Jünger ausdrücklich auf Hegels Überlegungen zu
Schauplatz der Überwindung des Liberalismus ist »Bildung« und »Arbeit« beruft (GA 86, 611; s. u. Ab-
Heidegger zufolge § 260 der Grundlinien der Philoso- schnitt 3.4), stellt seine Lesart des Verhältnisses zwi-
phie des Rechts, dessen Schlüsselstelle lautet: »Das schen Staat und Volk eine Auseinandersetzung mit
Prinzip der modernen Staaten hat diese ungeheure Carl Schmitt dar (s. Kap. III.4). Eine Notiz zum He-
Stärke und Tiefe, das Prinzip der Subjektivität sich gel-Seminar macht dies überdeutlich: »Der Staat
zum selbständigen Extreme der persönlichen Be- ›ist‹  – als geschichtliches Sein. […] Am 30.I.33 ist
sonderheit vollenden zu lassen und zugleich es in die ›Hegel gestorben‹ – nein! er hat noch gar nicht ›ge-
substantielle Einheit zurückzufahren und so in ihm lebt‹! – da ist er erst lebendig geworden« (GA 86, 85,
selbst diese zu erhalten.« (Hegel 1970, 406) Obwohl vgl. 606). Nicht der Herausgeber dieses Textes in der
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 119

Gesamtausgabe, wohl aber Reinhard Mehring (2013, Wenn Heideggers Deutung des Verhältnisses zwi-
120) hat darauf hingewiesen, dass Heidegger hier schen Volk und Staat derjenigen Carl Schmitts ent-
Carl Schmitt zitiert und kritisiert – und zwar einen gegensteht, so heißt dies nichts anderes, als dass
Satz aus dessen Staat, Bewegung, Volk: »An diesem beide an unterschiedlichen Stellen innerhalb des
Tage ist demnach, so kann man sagen, ›Hegel gestor- NS-Syndroms angesiedelt sind. Bei den Partei-Ideo-
ben‹« (Schmitt 1933, 31 f.). Wenn Heidegger die so- logen wie auch bei Hitler selbst finden sich zu Volk
genannte Machtergreifung mit Hegel liest, so steht und Staat stark divergierende Voten. Es passt zu Hei-
dahinter das Junktim von Staat und Volk. Demge- deggers Abwehr der Verselbständigung von Institu-
genüber kommt die Konstitution des Kollektivs, wel- tionen, wenn er an Elisabeth Blochmann schreibt,
che auf einem Akt der Abgrenzung, also im Sinne die neue, von ihm selbst offensiv vertretene Univer-
Carl Schmitts auf der Gegenstellung von Freund und sitätsverfassung bedürfe fähiger sie umsetzender
Feind basiert, gewissermaßen zu spät. »Carl Schmitt »Menschen«, ohne die sie zu einem »verhängnisvol-
viel zu äußerlich«, so lautet eine Notiz Heideggers len ›Instrument‹« werden könne (30.8.33: HB 69).
(GA 86, 74): »Neuerdings ist das Freund-Feindver- Seine Warnung, das Ganze könne »an lauter Organi-
hältnis aufgetaucht als das Wesen des Politischen. Es sation ersticken« (ebd.), bringt Heidegger in Über-
setzt die Selbstbehauptung voraus, ist also nur We- einkunft mit einem prominenten Zeitgenossen, der
sensfolge des Politischen. Freund und Feind gibt es sich gleichfalls dagegen wendet, dass »eine Organi-
nur, wo es Selbstbehauptung gibt« (GA 86, 608 f., vgl. sation von oben herab mechanisch aufgezogen
177, 655). Auch im Seminar 1933/34 grenzt sich wird«: »Es kommt dabei meist nur ein toter Mecha-
Heidegger von Schmitts institutionalisierter Grenz- nismus heraus, aber selten eine lebendige Organisa-
ziehung ab (Heidegger 2009, 74). tion.« (Hitler 1925–27/1936, 659)
Zu beachten ist hier die Ambiguität der Rede von
»Selbstbehauptung«, von der schon die Rektorats- 3.3. Führerschaft. Weil Heidegger sich auf »Notwen-
rede beherrscht ist: Damit kann einerseits die Vertei- digkeiten des deutschen Seins« meint stützen zu
digung eines bereits (fundamental) Gegebenen ge- können (s. o.), erledigt sich das Problem des Binnen-
meint sein, andererseits eine Behauptung, mit der verhältnisses der einzelnen Menschen untereinan-
man etwas von sich aus (performativ) ›in die Welt der, das in Sein und Zeit noch Schwierigkeiten auf-
setzt‹. Für beide Lesarten gibt es Hinweise in Heideg- warf und im Nebeneinander von »Öffentlichkeit«,
gers Texten. Die erste Lesart passt besser zur rassisti- »eigentlicher Fürsorge« und ererbter »Gemein-
schen Agenda des Nationalsozialismus. Die zweite schaft« schillerte (s. Kap. I.9.5; II.5). In der Selbstbe-
Lesart lässt sich besser mit der Genese von Heideg- hauptung des deutschen Volkes setzt Heidegger auf
gers Totalitarismus aus dem Geist des Holismus ver- die Einheitlichkeit des in sich geschlossenen Schick-
einbaren, wonach es um eine inhaltslose Bejahung sals. So lässt sich das Schicksal des Einen Volkes
totaler Einheit und Zusammengehörigkeit geht. auch aussprechen von Einer Stimme. Dieser Ansatz
Hierzu passt auch, dass Heidegger seine Kritik von liegt Heideggers Theorie der Führerschaft zugrunde,
Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung zurück- in der nicht nur die Einheit des Volkes und des Staa-
nimmt, wo es um die Behauptung der inneren Ge- tes besiegelt wird, sondern sich auch die Kopplung
schlossenheit des Volkes, also dessen Kampf gegen von Theorie und Praxis bewähren soll. »Das Wesen
einen inneren Feind geht. Eine drastische Stelle aus der nationalsozialistischen Revolution«, so erläutert
der Vorlesung 1933/34 lautet: »Der Feind kann in der Heidegger, »besteht darin, daß Adolf Hitler jenen
innersten Wurzel des Daseins eines Volkes sich fest- neuen Geist der Gemeinschaft zur gestaltenden
gesetzt haben und dessen eigenem Wesen sich entge- Macht einer neuen Ordnung des Volkes erhöht und
genstellen und zuwiderhandeln. Um so schärfer und durchgesetzt hat« (15./16.8.34: GA 16, 302). »Es gibt
härter und schwerer ist der Kampf, denn dieser be- nur den einen Willen zum vollen Dasein des Staates.
steht ja nur zum geringsten Teil im Gegeneinander- Diesen Willen hat der Führer im ganzen Volk zum
schlagen; oft weit schwieriger und langwieriger ist es, vollen Erwachen gebracht und zum einzigen Ent-
den Feind als solchen zu erspähen, ihn zur Entfaltung schluß zusammengeschweißt.« (10.11.33: GA 16,
zu bringen, ihm gegenüber sich nichts vorzumachen, 189) »Der Führer selbst und allein ist die heutige
sich angriffsfertig zu halten, die ständige Bereitschaft und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz«
zu pflegen und zu steigern und den Angriff auf weite (Okt. 33: GA 16, 184).
Sicht mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzuset- Als Sprachrohr kann der Führer genau deshalb
zen.« (GA 36/37, 91) fungieren, weil das Volk in sich keine Unterteilun-
120 I. Werk

gen kennt. Er steht für die Geschlossenheit des Volk diese Hingabe spürt, wird es sich in den Kampf
»Volksganzen«, der »Volksgemeinschaft«, des führen lassen und den Kampf wollen und lieben. Es
»Volkskörpers« (22.1.34: GA 16, 232); dies kann ihm wird seine Kräfte entfalten und ausharren, treu sein
aber nur deshalb gelingen, weil er über ein ausge- und sich opfern.« (Heidegger 2009, 77)
zeichnetes Wissen verfügt. Dem Anspruch, der sich Voraussetzung für die Feier der Führerschaft ist
an ihn richtet, kann er nur dann genügen, wenn sich eine politische Organisation des Volkes, die auf Ho-
ihm das Geschick offenbart, das diesem Volk obliegt: mogenität setzt, also z. B. die »Gewaltenteilung« als
»Geschichtlich sein heißt wissend sein, um so das Ver- ein »System der wechselseitigen Hemmung und des
gangene in seiner verpflichtenden Kraft frei zu ma- Ausgleichs der Gewalten«, welches nur zu »Miß-
chen und in seiner wandelnden Größe zu bewah- trauen und Pfiffigkeit« führe, verwirft (GA 86, 72).
ren.« (30.11.33: GA 16, 767 f.). Die Rechtfertigung »Legislative und Exekutive« sollen nach Heidegger
für die Führerschaft liegt nicht in den individuellen nicht mehr »getrennt«, sondern in der »Regierung als
Vorzügen der Person des Führers  – es sei denn in Führung« und im »Dasein des Führers« konzentriert
dessen Gabe zur Verlautbarung jener höheren Be- werden (72 f.).
stimmung selbst. Wie Hitler selbst sich auf eine Sen- Aufgrund der Kopplung des »Wissens« an den
dung beruft, die ihn erwählt hat, so findet Heidegger »Staat«, wie sie bei Heidegger in der Figur des Füh-
die Legitimation zur Führung im Geführt-sein rers vorgesehen ist (vgl. 30.11.33: GA 16, 767 f.),
durch einen höheren Auftrag. In diese Richtung geht kommt es zu einer engen Verbindung zwischen poli-
auch schon die Bestimmung aus dem Jahr 1930, wo- tischer und wissenschaftlicher Führerschaft. In der
nach der Mensch als »Stätte«, als »Verwalter« seine Zeit um 1933 erwähnt Heidegger verschieden gear-
Bestimmung vom Geschick erfährt (GA 31, 134 f.). tete Bemühungen, die die »aufgeschlossene Bindung
Die Führerschaft bewährt sich im Herausstellen ei- in das Unumgängliche« (GA 38, 164) betreiben. Ne-
ner Notwendigkeit, als Offenbaren eines Grundge- ben dem Werk des »Staatsschöpfers« wird das Werk
schehens, dessen Inhalt freilich nur wiederum die des »Denkers«, aber auch das Werk des »Dichters«
Selbstbestätigung der totalen Einheit ist. Dem genannt (GA 39, 144). Sie treten hier in scheinbar ei-
»Fürst« als dem »Lenker eines Beamtenapparats« genständigen Rollen auf, die die Offenbarung des
wird der »Führer« gegenübergestellt, der als »Berei- Geschicks in Form von je eigenen wahrheitsfähigen
ter der Gefahr und Entscheider des Kampfes und Werken zum Gegenstand haben. Im Blick auf diese
Wahrer seiner neuen Wahrheiten« charakterisiert durchgängige Orientierung am »Werk« ist Heideg-
wird (GA 86, 170). Den Führer könnte man dem- ger ein »Nationalästhetizismus« zugeschrieben wor-
nach als den obersten Geführten ansehen – und des- den (vgl. Lacoue-Labarthe 1987/1990, 92 ff./97 ff.);
sen Haltung wird zwar nicht auf die »Lahmen, Be- freilich hat der »Werk«-Begriff, den Heidegger hier
quemen und Halben« ausstrahlen, wohl aber auf die einsetzt, keine starken ästhetischen Konnotationen.
»Starken und Ungebrochenen«. Letztere erwarten In der Bestimmung des Verhältnisses zwischen den
den »Augenblick, in dem sie sich zu den härtesten genannten »Werken« treten beträchtliche Schwan-
Aufgaben hinaufsteigern, für die es weder Lohn kungen auf. Während in späteren Jahren der »Dich-
noch Lob gibt, sondern allein die ›Beglückung‹ ter« einen Vorrang erhält (GA 5, 49 ff.), kommt es in
durch Opferbereitschaft und Dienst im Bereich der Zeit des Rektorats zu einer Symbiose der »geis-
der  innersten Notwendigkeiten deutschen Seins« tig-politische[n] Führerschaft« (GA 36/37, 3);
(23.1.34: GA 16, 239). In einem Seminarprotokoll Staatsschöpfer und Denker, in denen sich das Ver-
aus dem Jahr 1933/34 findet Heidegger drastische hältnis von Praxis und Theorie spiegelt, werden eng
Worte zu dieser Opferbereitschaft: »Wie die mittel- zusammengezogen und privilegiert. Angesichts die-
alterliche Lebensordnung, so ist auch heute die Ord- ser Kopplung ist die (weit verbreitete) These unhalt-
nung des Staates getragen von dem freien, reinen bar, Heidegger sichere das Primat der Theorie und
Willen zu Gefolgschaft und Führerschaft, d. h. zu bekunde mit dem Vorsatz, philosophisch ›den Füh-
Kampf und Treue. […] Nur wo Führer und Geführte rer führen‹ zu wollen (Jaspers zit. nach Pöggeler
gemeinsam in ein Schicksal sich binden und für die 1985, 29), überlegene Distanz zum Regime. Es
Verwirklichung einer Idee kämpfen, erwächst wahre kommt vielmehr zu einem Schulterschluss (Heinz
Ordnung. […] Dann ist die Existenz und Überlegen- 2009). Heidegger hebt mal den wissenschaftlichen,
heit des Führers eingesenkt in das Sein, in die Seele mal den politischen Führer des deutschen Volkes
des Volkes und bindet es so mit Ursprünglichkeit heraus, ohne deren Binnenverhältnis wirklich zu
und Leidenschaft an die Aufgabe. Und wenn das klären – oder klären zu können, denn in der neuen
15. Heidegger und der Nationalsozialismus 121

Bestimmung von Theorie und Praxis ist deren das »neue Reich« (30.6.33: GA 16, 761): »Die neue
Kopplung vorgesehen. Die Wissenden sollen »mit- Form« der Universität wird sich, so heißt es im Refe-
handeln«, sich »bereithalten«, sie sollen nicht nur rat von Heideggers Tübinger Vortrag vom 30.11.33,
»der Dinge in Klarheit mächtig«, sondern auch »zur »entwickeln zu einer Wirklichkeit, in der das Ver-
Tat entschlossen sein« (27.5.33: SU 16; 11.11.33: GA hältnis zum Staat einen anderen Charakter hat. Wir
16, 192). Wenn Heideggers Forderung lautet, dass ei- können nicht mehr von einem Verhältnis zum Staat
nerseits die Wissenschaft praktisch und andererseits sprechen, weil die Universität selbst Staat geworden
die Politik wissend werden soll, sind die Ansprüche [ist], ein Glied der Staatsentfaltung. Damit ver-
entsprechend hoch; ein Betroffener weist darauf hin: schwindet der bisherige Charakter der Universität,
»Die Vereinigung […] von Theoretiker, Organisator sie ist die leere Insel eines leeren Staates. Wir Heuti-
und Führer in einer Person ist das Seltenste, was gen stehen in der Erkämpfung der neuen Wirklich-
man auf dieser Erde finden kann; diese Vereinigung keit.« (GA 16, 772) Dazu passt Heideggers Forde-
schafft den großen Mann.« (Hitler 1925–27/1936, rung, die »vielbesungene ›akademische Freiheit‹
651) […] aus der Universität [zu] verstoßen« (27.5.33: SU
Im Sinne der geschilderten Kopplung sagt Hei- 15) – eine Forderung, die er noch 1966 entschieden
degger in der Rektoratsrede 1933, gesucht seien verteidigt (GA 16, 655).
»Führer«, die die geahnte »Bestimmung zur gegrün-
deten, wissenden Wahrheit erheben und in die Klar- 3.4. Arbeit. Eine Schwierigkeit bei der Umsetzung
heit des deutend-wirkenden Wortes und Werkes der Einheit des Einen Volkes mit Einem Schicksal
stellen« (27.5.33: SU 15). Und in seiner Wahlanspra- besteht darin, dass gleichwohl eine Mehrzahl ver-
che vom 11.11.33 heißt es: »Wahrheit ist die Offen- schiedener Aufgaben bleibt, deren Bewältigung be-
barkeit dessen, was ein Volk in seinem Handeln und dacht und geleistet werden muss. Auf diese Schwie-
Wissen sicher, hell und stark macht. […] Aus sol- rigkeit reagiert Heidegger in seiner Rektoratsrede
chem Ursprung entsteht uns die Wissenschaft. Sie ist mit der Einführung von »Arbeitsdienst«, »Wehr-
gebunden in die Notwendigkeit des selbstverant- dienst« und »Wissensdienst« (27.5.33: SU 15 f.).
wortlichen völkischen Daseins« (11.11.33: GA 16, Diese drei Dienste sind nach Heidegger »gleich-
191 f.). Die Theorie ist also schon vorab einbezogen; ursprünglich«, weil sie für eine Bindung »durch das
auf den Vorschlag, die nationalsozialistische Revolu- Volk an das Geschick des Staates im geistigen Auf-
tion »zu vergeistigen und zu veredeln«, reagiert Hei- trag« stehen (27.5.33: SU 16). Gleichwohl handelt er
degger mit der rhetorischen Frage: »Mit welchem sich mit diesem dreiteiligen Schema die Gefahr einer
Geist vergeistigen? […] Der Geist ist schon da« (GA Arbeitsteilung, also auch einer Zerteilung und Zer-
36/37, 7). gliederung des Volksganzen ein. Sie versucht er in
Von diesem Junktim aus ergibt sich auch die Vor- später folgenden Überlegungen von vornherein aus-
gabe für die Wissenschafts-Organisation, also für zuschließen, indem er alle Dienste zusammenführt:
die Universität: Sie muss »wieder in die Volksgemein- »Es gibt nur einen einzigen deutschen ›Lebensstand‹.
schaft eingegliedert und mit dem Staat verbunden Das ist der in den tragenden Grund des Volkes ge-
werden« (30.6.33: GA 16, 761). Entsprechend zielt wurzelte und in den geschichtlichen Willen des Staa-
die »Selbstbehauptung«, die nach Heidegger der tes frei gefügte Arbeitsstand, dessen Prägung in der
Universität obliegt, nicht auf deren Eigenständigkeit Bewegung der nationalsozialistischen Arbeiterpartei
gegenüber dem neuen Regime (Heidegger und viele vorgeformt wird« (23.1.34: GA 16, 239).
seiner Apologeten haben dieses Missverständnis Wie Heidegger mit dem Staat auf das Nationale
nach dem Ende des NS-Regimes verbreitet; SU 29 f.). und dem Volk auf das Soziale zielt, so versucht er
Wenn Heidegger in seinem Telegramm an Adolf nun anhand der Arbeit einen weiteren Beitrag zur
Hitler den Vollzug der »Gleichschaltung« des Hoch- Programmatik seiner Partei, der National-Sozialisti-
schulverbandes ankündigt (20.5.33: GA 16, 105), schen Deutschen Arbeiterpartei, zu liefern (vgl. zu
dann kann man dies deshalb nicht als taktische diesem Motiv 15./16.8.34: GA 16, 302–304; 22.1.34:
Maßnahme deuten, weil seine anderen Schriften die GA 16, 233 ff.): »Der nationalsozialistische Staat ist
positive Begründung für die Notwendigkeit dieser der Arbeitsstaat.« (25.11.33: GA 16, 206) In der »Ar-
Gleichschaltung liefern. So geht es bei der »Selbstbe- beit« vollzieht sich das vom Wissen um einen Auf-
hauptung« 1933 ausdrücklich um den Kampf gegen trag geleitete Dasein des Volkes, weshalb in diesem
den liberalen Niedergang (15./16.8.34: GA 16, 301) Begriff alle zentralen Elemente von Heideggers Tex-
sowie um den Anschluss an die »Revolution« und an ten 1933/34 zusammenkommen. Jede »Arbeit« ist
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»als Arbeit geistig«, nämlich als »der entscheidungs- identifizieren lassen (s. o. Abschnitt 2), drängt sich
mäßige Einsatz für eine Aufgabe, das Vermögen der nun die Frage auf, ob auch der Begriff der »Arbeit«,
Entschlossenheit und das Standhalten in einem der 1933/34 durchaus als Überraschungsgast in Hei-
überkommenen Auftrag« (23.1.34: GA 16, 239). deggers Texte hineinbricht, systematisch in einen
»Arbeit versetzt diesen Staat als die Wirklichkeit des weiteren Zusammenhang gehört. Diese »Arbeit«
Volkes in das Wirkungsfeld aller wesentlichen meint nun ja mehr und anderes als etwa die »Arbeit«
Mächte menschlichen Seins.« (11.11.33: GA 16, 190) in der »Werkstatt«, wie sie in den zwanziger Jahren
»Der junge Deutsche bleibt künftig beherrscht vom erwähnt wird (SZ 117; GA 20, 255). Den entschei-
Wissen um die Arbeit, in der sich die Kraft des Vol- denden Hinweis zum eigentlichen Vorläufer des Ar-
kes sammelt, um darin die Härte seines Daseins zu beitsbegriffs gibt Heidegger in seiner Rede zur Im-
erfahren, den Schwung seines Wollens zu bewahren matrikulationsfeier 1933. Darin heißt es: »Das […]
und die Vielfältigkeit seines Könnens neu zu schät- Wesen der Arbeit bestimmt von Grund aus das Da-
zen.« (14.6.33: GA 16, 125) sein des Menschen. Unser Dasein beginnt, sich in
Die ideologische Anschlussfähigkeit dieser Be- eine andere Seinsart zu verlagern, deren Charakter
merkungen für das Regime einer sogenannten »Ar- ich vor Jahren als die Sorge herausstellte« (25.11.33:
beiterpartei« muss nicht weiter erläutert werden. GA 16, 205). Nichts anderes als die »Sorge« aus Sein
Hier interessiert aber eher die Frage, welchen inter- und Zeit ist also die Vorlage für die »Arbeit« in den
nen systematischen Hintergrund Heideggers massi- Texten 1933/34. Und wie das Dasein sich gemäß Sein
ver Einsatz des Arbeitsbegriffs hat. Hierzu gibt er und Zeit im »Verfallen« von seiner eigentlichen
durchaus präzise Erläuterungen  – zunächst zum »Sorge« entfernt, so ist der Gegenbegriff der »Ar-
Zweck negativer Abgrenzung, dann zum Zweck po- beit« in der Rektoratsrede das »Gewährenlassen des
sitiver Bestimmung. Verfalls« (27.5.33: SU 14). Wenn Heidegger seinen
Die negative Abgrenzung richtet sich gegen die Ruf zum Arbeitsdienst damit begründet, dass der
Arbeit als »Erzeugung von Gütern«, die – etwa ge- Mensch erst »daseinsfähig« werde durch die »Be-
mäß Hannah Arendts Systematik aus Vita activa (s. schaffung der Arbeit« (22.1.34: GA 16, 232), so kann
Kap. III.16.4)  – nur der Selbsterhaltung dient. Die man in dieser ›Daseinsfähigkeit‹ eine andere Be-
Beschränkung auf das biologische Überleben findet zeichnung für die Selbsterschließung sehen, mit der
Heidegger (wie auch schon Nietzsche) ganz verächt- sich das Dasein gemäß der Prozedur der Eigentlich-
lich: