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Literatur

und Wissen.
Ein interdisziplinäres
Handbuch

Roland Borgards
Harald Neumeyer
Nicolas Pethes
Yvonne Wübben
( H rs g .)
Herausgegeben von
Roland Borgards,
Harald Neumeyer,
Literatur
Nicolas Pethes,
Yvonne Wübben
und
Wissen
Ein interdisziplinäres
Handbuch

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-476-02371-1
ISBN 978-3-476-00595-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-00595-3

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und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2013

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V

Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 3. Paradigmen . . . . . . . . . . . . . 169


3.1 Mythologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
1. Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . 3 3.2 Theologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
3.3 Astrologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
1.1 Forschungsskizze:
Literatur und Wissen nach 1945 . . . . . 5 3.4 Physiognomik . . . . . . . . . . . . . . . 188

1.2 Erzählung . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 3.5 System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196


3.6 Normalismus. . . . . . . . . . . . . . . . 202
1.3 Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
3.7 Evolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
1.4 Denkfigur . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
3.8 Kybernetik . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
1.5 Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
3.9 Ecocriticism . . . . . . . . . . . . . . . . 223
1.6 Poetologie des Wissens . . . . . . . . . . 36
1.7 Materialität . . . . . . . . . . . . . . . . 41
4. Verfahren und Formen . . . 229
1.8 Praktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
4.1 Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
1.9 Schreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
4.2 Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
4.3 Beobachten. . . . . . . . . . . . . . . . . 241
2. Disziplinen. . . . . . . . . . . . . . 55
4.4 Experiment. . . . . . . . . . . . . . . . . 254
2.1 Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . 57 4.5 Verstehen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
2.2 Botanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 4.6 Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
2.3 Ethnologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 4.7 Beispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
2.4 Geologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 4.8 Essay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
2.5 Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . 80 4.9 Fallgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . 282
2.6 Medizin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 4.10 Protokoll . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
2.7 Meteorologie . . . . . . . . . . . . . . . . 96 4.11 Popularisierung . . . . . . . . . . . . . . 294
2.8 Ökonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
2.9 Pädagogik . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 5. Exemplarische Lektüren . . 299

2.10 Physik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 5.1 Martin Opitz: Vesuvius Poëma


Germanicum (1633) . . . . . . . . . . . . 301
2.11 Politikwissenschaft . . . . . . . . . . . . 119
5.2 Hans Jakob Christoffel von
2.12 Psychiatrie . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Grimmelshausen: Simplicissimus
2.13 Psychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Teutsch (1668/69) . . . . . . . . . . . . . 306
2.14 Recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 5.3 Barthold Heinrich Brockes:
Irdisches Vergnügen in Gott,
2.15 Soziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
bestehend in Physicalisch- und
2.16 Zoologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Moralischen Gedichten (1721–1748) . . . 311
VI Inhalt

5.4 Jean-Jacques Rousseau: 5.16 Émile Zola: Le Docteur Pascal


Émile ou De l ’ éducation (1762) . . . . . . 317 (1893). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380
5.5 Karl Philipp Moritz: Anton Reiser 5.17 Gottfried Benn: Gehirne
(1785–1790) . . . . . . . . . . . . . . . . 322 (1915). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385
5.6. Johann Wolfgang von Goethe: 5.18 Franz Kafka: Ein Bericht für eine
Die Wahlverwandtschaften (1809) . . . . 327 Akademie (1917). . . . . . . . . . . . . . 390
5.7 Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle 5.19 Robert Musil: Der Mann ohne
Reise nach Flätz (1809) . . . . . . . . . . 333 Eigenschaften (1930; 1933) . . . . . . . . 395
5.8 Mary Shelley: Frankenstein; or, 5.20 Samuel Beckett: Acte Sans Paroles I
The Modern Prometheus (1818/1831) . . 339 (1957). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401
5.9 E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von 5.21 Thomas Pynchon: Gravity ’ s Rainbow
Scuderi (1819) . . . . . . . . . . . . . . . 344 (1973). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406
5.10 Georg Büchner: Woyzeck (1836/37) . . . 349 5.22 W.G. Sebald: Die Ringe des Saturn
5.11 Honoré de Balzac: »Vorrede« zu (1995). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
Die Menschliche Komödie (1842). . . . . 354 5.23 Ulrike Draesner: Mitgift
5.12 Edgar Allan Poe: The Facts in the Case (2002). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
of M. Valdemar (1845) . . . . . . . . . . 360
5.13 Herman Melville: Moby-Dick;
or, the Whale (1851) . . . . . . . . . . . . 365
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
5.14 Adalbert Stifter: Der Nachsommer
Die Beiträgerinnen und Beiträger . . . . . . . . 421
(1857). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
5.15 Jules Verne: Voyage au Centre Disziplinenregister . . . . . . . . . . . . . . . . 423
de la Terre (1864/67) . . . . . . . . . . . 375 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . 425
1

Vorwort

Handbücher resümieren die Forschungen zu ei- Bedingungen verhandelt. Wenn etwa die Frühro-
nem klar umrissenen Gegenstand. Bisweilen doku- mantik noch einmal emphatisch die Einheit von
mentieren sie aber zunächst einmal den aktuellen – Poesie und Wissenschaft verkündet, dann tut sie
man könnte auch sagen: akuten – Stand der Dinge das bereits im Licht des krisenhaften Auseinander-
in einem dynamischen, in die Zukunft noch offe- fallens der beiden Bereiche. Und auch der Natura-
nen Forschungsprozess. Das hier vorgelegte Hand- lismus am Ende des 19. Jh.s ist als Versuch zu lesen,
buch »Literatur und Wissen« ist solch ein Fall. das Ende der Literatur als gesellschaftlicher Leit-
Denn einen Konsens gibt es in der Forschung der- diskurs durch Angleichung an die Naturwissen-
zeit weder hinsichtlich einer letztgültigen Defini- schaften zu kompensieren. Mit der zunehmenden
tion der beiden Begriffe ›Literatur‹ und ›Wissen‹, Ausdifferenzierung aber scheinen die Fronten ver-
noch hinsichtlich der Frage nach dem Verhältnis härtet und die endgültige Scheidung von Natur-
zwischen Literatur und Wissen: Reagiert Literatur und Geisteswissenschaften durch Wilhelm Dilthey
auf Wissen? Beinhaltet Literatur Wissen? Ist Litera- zu Beginn bzw. Wissenschaft und Literatur bei C.P.
tur Wissen? Was unterscheidet das Wissen von der Snow in der Mitte des 20. Jh.s vollzogen zu sein.
Wissenschaft? Und was bedeutet es für die Relation Doch bildete die strikte Grenzziehung zwischen
von Literatur und Wissen, wenn die Literatur nicht den sogenannten ›zwei Kulturen‹ auch im 20. Jh.
nur eine Geschichte hat (die man Literaturge- den Einsatz für Vorschläge zu ihrer Überwindung,
schichte nennt), sondern der Begriff der Literatur und die zugehörige Diskussion erfreut sich seit ei-
selbst historischen Transformationen unterliegt nem halben Jahrhundert unter Stichworten wie one
(was man dann eine Diskursgeschichte des Litera- culture, drei Kulturen, literature and science, scientia
rischen nennen könnte)? Das Handbuch Literatur poetica oder poétique du savoir anhaltender Kon-
und Wissen gibt keine Antworten auf diese Fragen, junktur.
sondern stellt die Debatten vor, die sich in den letz- Im Anschluss an den cultural, material und
ten 20 Jahren und in einer bis heute unverminder- practical turn in der Epistemologie des 20. Jh.s (von
ten Konjunktur anlässlich dieser Fragen entfaltet Ludwik Fleck bis Hans-Jörg Rheinberger) einer-
haben. seits, diskursanalytischen, neuhistorischen bzw.
Diese gegenwärtigen Debatten blicken auf eine wissenspoetologischen Literaturtheorien (von Ste-
lange Tradition zurück – Platons Dictum, die Dich- phen Greenblatt bis Joseph Vogl) andererseits wur-
ter lögen, steht der humanistische poeta doctus ent- den Ansätze für eine integrale Perspektive auf die
gegen. Entscheidend für methodisch-theoretische Entstehung, Gestaltung und Dynamik von Wissen
Diskussionen um eine angemessene Beschreibung bzw. für epistemologische Rekontextualisierungen
des Verhältnisses von Literatur und Wissen ist aber ästhetischer Artefakte entwickelt. Sowohl der Be-
eine historische Transformation, die auf das 18. Jh., griff des ›Wissens‹ als auch derjenige der ›Literatur‹
mithin auf den Umbruch von der Frühen Neuzeit wurden dabei erheblich erweitert. Im Lichte aktu-
in die Moderne, zu datieren ist. Denn im 18. Jh. eller Theorieangebote ist Wissen, insofern es im-
wird die Gelehrtenkultur der Frühen Neuzeit, in mer auch einen Moment der kulturellen Konstruk-
der Wissenschaft und Literatur nicht voneinander tion in sich trägt, keineswegs allein die Domäne
getrennt sind, durch eine neuartige Ausdifferenzie- der Naturwissenschaften, weshalb literaturwissen-
rung von Wissenschaft und Literatur als autonome schaftliche, rhetorische oder narratologische Ana-
gesellschaftliche Funktionssysteme abgelöst. Erst lysemethoden auch auf wissenschaftliche Texte an-
eine solche Differenzierung wirft die Frage nach gewendet werden können. Diese analytische Ver-
Möglichkeiten einer neuerlichen Synthese und also fahren bildeten wiederum den Einsatzpunkt für
nach denkbaren Wechselwirkungen zwischen Wis- kritische Stellungnahmen, die auf eine Einhaltung
sen und Literatur auf. Seither werden diese Wech- semantischer und disziplinärer Grenzen zwischen
selwirkungen unter neuen – spezifisch modernen – der Literatur auf der einen und den Wissenschaften
2 Vorwort

auf der anderen Seite beharren. Zurückgewiesen erstens zentrale Ansätze und Methoden, die den
wird aus dieser kritischen Perspektive die Aufwer- Hintergrund aktueller Forschungen zum Wechsel-
tung fiktionaler Aussagen zu eigenständigen Ele- bezug zwischen Literatur und Wissen bilden; zwei-
menten des Wissens, und dies mit dem Argument, tens die wichtigsten wissenschaftlichen Diszipli-
dass dadurch sowohl der Begriff der Fiktion als nen, die im Laufe der vergangenen drei Jahrhun-
auch der des Wissens seine analytische Brauchbar- derte zum Bezugspunkt für die Literatur geworden
keit verliere. Zugelassen werden aus dieser Per- sind bzw. sich in Auseinandersetzung mit dieser
spektive allenfalls Untersuchungen zur Epistemo- ausdifferenziert haben; drittens die diesem Ausdif-
logie philologischer Methoden, also zu einer Wis- ferenzierungsprozess zugrundeliegenden Paradig-
senschaftsgeschichte der Literaturwissenschaft. men des Denkens und Schreibens, die ein transdis-
Das hier vorgestellte Forschungsfeld ist also kei- ziplinäres Raster zur Herstellung und Überliefe-
neswegs einheitlich. Vielmehr ist es der Austra- rung von Wissen und Literatur gebildet haben;
gungsort kontroverser Diskussionen hinsichtlich viertens zentrale Konzepte, Verfahren und Text-
der terminologischen Abgrenzung von ›Literatur‹ sorten, die in den Naturwissenschaften und der
und ›Wissen‹ und damit auch hinsichtlich der Literatur gleichermaßen zum Einsatz kommen,
Möglichkeiten und Grenzen einer kulturwissen- beide prägen und auf diese Weise diskursüber-
schaftlichen Erweiterung der Philologien. Insofern greifende Anhaltspunkt für die Analyse von Wech-
dokumentiert das vorliegende Handbuch nicht nur selwirkungen zwischen ihnen bieten; fünftens
Zusammenhänge zwischen Literatur- und Wissen- (und komplementär zum wissenschaftshistorischen
schaftsgeschichte, sondern auch den Prozess einer Disziplinenüberblick) Beispielsanalysen zu litera-
literaturtheoretischen Konzeptbildung in den letz- rischen Werken vom 17. Jh. bis zur Gegenwart, die
ten Jahrzehnten und versteht sich in dieser Hin- zeigen, auf welche Weise literarische Texte natur-
sicht als ein Kompendium, das literaturwissen- wissenschaftliches oder kulturelles Wissen aufgrei-
schaftliche und wissenschaftsgeschichtliche Arbei- fen, reflektieren, modifizieren und neu konzipie-
ten der letzten Jahrzehnte bilanzieren wie auch ren – bis zu dem Punkt, an dem literarische Dis-
neue Arbeiten anregen möchte. kurse selbst wissenschaftliche Relevanz gewinnen
Die angesprochenen terminologischen, theore- können.
tischen, methodischen und disziplinären Aspekte
einer Auseinandersetzung mit »Literatur und Wis- Roland Borgards, Harald Neumeyer,
sen« werden hierzu in fünf Abschnitten vorgestellt: Nicolas Pethes, Yvonne Wübben
3

1. Ansätze

Im Feld Literatur und Wissen haben sich in den lappende, z. T. entgegengesetzte, Perspektiven zur
letzten Jahrzehnten unterschiedliche Ansätze aus- Geltung, die vielfach von den begrifflichen und
gebildet, die in den jeweiligen Disziplinen, welche theoretischen Vorgaben des behandelten Feldes be-
sich mit dem Verhältnis von Literatur und Wissen stimmt werden. Die Grundlagenartikel sollen ei-
befassen, d. h. vor allem in der Literaturwissen- nen Überblick über die verschiedenen Ansätze bie-
schaft, der Wissenschaftsforschung und der Wis- ten, die sie anhand von Leitbegriffen erläutern. Sie
senschaftsgeschichte oft gleichermaßen leitend werden im Folgenden kurz skizziert, um das breite
waren: Es sind dies Ansätze der Narratologie, der Spektrum der gegenwärtigen Ansätze und ihrer
Begriffsgeschichte, der Diskursanalyse sowie kul- Anwendungsfelder zu verdeutlichen.
turwissenschaftliche, poetologische u. praxisge- Der Beitrag Erzählung widmet sich erzähltheo-
schichtliche Herangehensweisen. Unter Ansätzen retischen Ansätzen. Wenn Erzählen als grundle-
werden hier Prinzipien und Verfahren der Text- gender Modus des Zugangs zur Wirklichkeit be-
und Bildanalyse sowie der Analyse von Materia- griffen wird, liegen die Parallelen zwischen Wissen
lien, Handlungen und Medien verstanden, die auf und Literatur zunächst in der Konstruktion chro-
epistemologischen oder wissenspoetologischen nologischer Folgen und den daraus resultierenden
Grundannahmen basieren und das Verhältnis von Syntheseleistungen. Fraglich ist allerdings, ob Er-
Literatur und Wissen betreffen. Der Akzent des zählungen Wissen nur repräsentieren, speichern
Kapitels liegt somit nicht auf der Erkenntnistheorie und zirkulieren, oder ob sie als Ordnungen ein
oder Wissenschaftsphilosophie. Vielmehr geht es Wissen hervorbringen, das begrifflich nicht zu er-
um Ansätze, die die Dynamiken, Theorien und fassen oder empirisch nicht nachzuweisen ist.
Verfahren der Wissensproduktion, -zirkulation und Die Grenzen des begrifflichen Verstehens und die
-transformation in historischer und poetologischer generelle Bedeutung von Modellen für Erkenntnis-
Perspektive erfassen und historisieren. prozesse untersucht der Beitrag Metapher, der so-
Das Kapitel gliedert sich in einen Forschungs- wohl die theoretischen Zugriffe erörtert als auch ih-
überblick und die Lemmata ›Erzählung‹, ›Meta- ren Konsequenzen für die Wissensbildung nachgeht.
pher‹, ›Denkfigur‹, ›Diskurs‹, ›Poetologie des Wis- Metapher kann als ein erkenntnistheoretisches und
sens‹, ›Materialität‹, ›Praktiken‹ und ›Schreiben‹. rhetorisches Element betrachtet werden, das zwi-
Ihre Auswahl orientiert sich am practical turn der schen zwei Bereichen eine Ähnlichkeit stiftet und so
Wissenschaftsforschung und seiner Resonanz in wechselseitige Neuperspektivierung ermöglicht. In
der Literaturwissenschaft. Darüber hinaus werden der Wissenschaftsforschung der 1960er Jahre gerät
Ansätze berücksichtigt, die  – wie die Metaphern- besonders die innovative und erkenntnistransfor-
forschung  – zunächst in der Linguistik, Rhetorik mierende Funktion von Metaphern in den Blick.
und Literaturwissenschaft formuliert und danach Auch literarische Metaphern sind als kognitive
in der Wissenschaftsforschung aufgegriffen wur- Strukturen in Wissensprozesse eingebettet und kön-
den. Die Beiträge thematisieren so auch die pro- nen sie auf einer Metaperspektive reflektieren.
duktive Rezeption und Transformation von spezi- Während die Analyse von Metaphern in der Li-
fischen Herangehensweisen in jeweils anderen Dis- teratur- und Wissensforschung meist auf Worte,
ziplinen. Während Lemmata wie ›Schreiben‹ Redewendungen, Ausdrücke oder semantische
aktuelle Tendenzen in der Literatur und Wissen- Felder beschränkt ist, charakterisiert Denkfigur ei-
schaftsgeschichte abbilden, sind andere Lemmata nen literatur- und kulturwissenschaftlichen An-
wie ›Poetologie des Wissens‹ und ›Diskurs‹ eher satz, der ebenfalls von der These der Begrenztheit
mit der kulturwissenschaftlichen Diskussion der der Begriffe ausgeht, diese Überlegung aber stärker
1990er Jahre assoziiert, die u. a. die Methoden und mit Erich Auerbachs Figura-Begriff verknüpft. In
Gegenstände der Germanistik betraf. Insgesamt verschiedenen Arbeiten zur Figur der Stimmung,
bringen die Beiträge unterschiedliche, z. T. über- zur Figur des Sakralen oder zur Einfühlung geht es
4 1. Ansätze

um konkrete Übertragungen bzw. Transferleistun- Fragestellungen abgelöst. Zum einen rückt die Ma-
gen zwischen Wissensfeldern, die durch die Migra- terialität von Literatur und Wissen in den Blick:
tion von Begriffen, Vorstellungen, Bilder und To- Untersucht werden u. a. Schreibmaterialien, Pa-
poi an ihren unscharfen Rändern wechselseitig piersorten und Typoskripte, also Träger, auf denen
miteinander konfiguriert werden. Die Denkfigur Aufgeschriebenes gespeichert wird. Unter ›Text‹
charakterisiert damit eine Organisiertheit des Den- versteht man innerhalb dieses Ansatzes meist nicht
kens in historisch spezifischen Konstellationen. Sie ein abstraktes Gebilde aus Zeichen und Worten,
kann besonderer Gegenstand der Literatur und Li- das vom Material losgelöst analysiert werden
teraturwissenschaft werden, insofern sie in ästheti- könnte. Vielmehr werden seine materialen wie ge-
schen und literaturtheoretischen Wissensfeldern stalterischen Eigenschaften, z. B. die typographi-
situiert ist. sche Codierung, in den Vordergrund gestellt und
Mit Diskurs werden dagegen ganz allgemein die als konstitutive Elemente im Prozess der Wissens-
zusammenhängende Rede und ihre Strukturele- bildung in die Analyse einbezogen.
mente bezeichnet. Prominent hat Michel Foucault Im Rahmen des practical turn wird Wissenschaft
den Begriff für die Analyse wissenschaftlicher Dis- zum anderen nicht mehr als Theorie, sondern als
ziplinen verwendet, deren Aussagesystem er als Praxis betrachtet, die sich aus zahlreichen einzel-
durch Regularien bestimmt verstand. Dieser An- nen Praktiken zusammensetzt. Vor allem literari-
satz wird in der Literaturwissenschaft seit den schen Techniken wie dem Lesen, Schreiben und
1970er Jahren aufgegriffen und fortgeführt: dabei Erzählen wird dabei eine besondere Bedeutung für
geht es einerseits um die Revision von literarhisto- die Wissens- und Literaturproduktion beigemes-
rischen Kategorien, etwa von Autorschaftsmodel- sen. Diese Ausformung des practical turn weist
len, andererseits aber um die Frage, in welcher zudem zahlreiche Anknüpfungspunkte zu bereits
Weise sich Literatur zu den diskursiven Ordnun- bestehenden medien- und editionswissenschaft-
gen des Wissens verhält. Aus der literarischen Dis- lichen Forschungsbereichen auf, die sich unter an-
kursanalyse entwickelte sich in den 1990er Jahren derem Schreibprozessen widmen.
zudem die Poetologie des Wissens, die sich mit der Schreiben gilt als eine Sonderform der Praktiken,
Produktion, der narrativen wie rhetorischen Ver- die sich, so die Grundannahme dieses Ansatzes,
mittlung und der allgemeinen Hervorbringung zum Aufgezeichneten keinesfalls neutral verhält
von Wissenselementen befasst. Literatur trägt und auch nicht umstandslos instrumentell verwen-
demnach zur Produktion, Speicherung, Vermitt- det kann. Schreibverhältnisse sind demnach glei-
lung und Transformation des Wissens bei. Zu- chermaßen konstitutiv mitbeteiligt an poetischen
gleich entnimmt sie dem Wissen poetologische und wissenschaftlichen Produktionsprozessen. Sie
und ästhetische Qualitäten für ihre eigenen Dar- werden als epistemische Verfahren begriffen, die
stellungstechniken. Effekte im Feld von Literatur und Wissen erzeugen.
In der rezenten – historisch wie ethnographisch Unterhalb der Ebene theoretischer und abstrakter
ausgerichteten – Wissenschaftsforschung, die sich Verhandlungen über das, was Wissen und Literatur
vornehmlich den experimentellen Wissenschaften bestimmt, ergeben sich damit weitere Schnittflä-
widmet, wie auch in der Kulturforschung wird die chen.
Beschäftigung mit Wissensordnungen von anderen Yvonne Wübben
5

1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945

Was ist Wissen? Was ist Literatur? In welcher Weise Die sogenannten science wars der 1990er Jahre
kann Literatur Wissen enthalten und inwiefern ist führten im Anschluss zu einer kritischen Hinter-
Wissenschaft selbst literarisch? Seit der Formie- fragung zentraler Grundpositionen der Wissen-
rung des Forschungsfeldes sind diese Grundsatz- schaftstheorie, die u. a. die Objektivität der Wissens
fragen Gegenstand einer kontroversen und bis und den Tatsachenbegriff betraf und in der Wis-
heute andauernden Diskussion. Einerseits können senschaftsgeschichte mit einer intensiveren Fokus-
auch Wissenschaftler nicht umhin, literarische sierung auf die Prozesse der Konstituierung wis-
Verfahren anzuwenden. Andererseits nimmt Lite- senschaftlicher Erkenntnisse einherging. Damit
ratur Wissen auf und setzt sich mit Wissensansprü- gerieten die Konvergenzen von Literatur und Wis-
chen z. T. kritisch auseinander. Seit der Moderne senschaft stärker in den Blick. In der Literaturwis-
behauptet sie sogar, über ein eigenes Wissen zu senschaft wurde das Feld Wissen und Literatur in
verfügen, das ihr spezifisch zukommt. den 1990er Jahren ebenfalls von methodologischen
Wie auch immer man diese Fragen wendet: Das und theoretischen Grundsatzdiskussionen geprägt.
Verhältnis von Literatur und Wissen hängt we- Einerseits ging es um die Integration von Kultur-
sentlich davon ab, was man unter Wissen und Lite- theorie, Historischer Epistemologie, Diskursana-
ratur jeweils versteht: Muss Wissen wahr sein? lyse und Metaphorologie (Vogl 1997, 7–16; Dotz-
Umfasst Wissen vor allem naturwissenschaftliches ler/Weigel 2005, 9–16); andererseits darum, die
Wissen oder auch praktisches Alltagswissen? Verfahren von Hermeneutik und rationaler Rekon-
Kann Literatur ihrerseits auf Wahrheit verpflichtet struktion mit der Analyse von Wissensfeldern
werden und wenn ja, welche Wahrheit kommt ihr sinnvoll zu kombinieren (Richter/Schönert/Titz-
zu? Oder ist Literatur autonom, frei von Wahr- mann 1997, 9–36).
heits- und Wissensansprüchen und vor allem Unabhängig von den jeweils vorherrschenden
durch Fiktionalität charakterisiert? Wie lassen sich Forschungspositionen lassen sich bis heute zumin-
solche Fragen überhaupt angemessen beantwor- dest drei Varianten des Verhältnisses von Literatur
ten? Sollen die möglichen Antworten normativ, li- und Wissen unterscheiden. Zum einen wird das
teraturtheoretisch, epistemologisch oder pragma- Wissen in der Literatur untersucht (1). Diese Vari-
tisch ausfallen? ante dominiert in der Regel in den Literaturwissen-
In den disziplinären und transdisziplinären For- schaften. Dabei geht es meist um die Aufnahme
schungskulturen sind diese Problemzusammen- und Transformation von Wissen in der Literatur
hänge sehr unterschiedlich diskutiert worden. sowie ihre Funktion; aber auch um die Frage, ob Li-
Während man im französischsprachigen Raum teratur einen genuinen Beitrag zum wissenschaftli-
stärker zwischen Wissen (savoir), Wissenschaft chen Wissen liefert (Weininger 1989). Daneben
(science) und Literatur unterscheidet und oft den standen die Analyse von literarischen Darstellungs-
Eigenwert des literarischen Wissens betont (Pierr- weisen sowie die poetische Hervorbringung von
sens 1990), konstituiert sich das Feld Literature and Wissen im Vordergrund (2). Die Variante wurde
Science Studies in England und den USA im Kon- zunächst im Rahmen von einfluss- und ideenhisto-
text der Zwei-Kulturen-Debatte (Snow 1967, engl. rischen Studien aufgegriffen und bildete sich später
1959). Snow hatte eine anhaltende Diskussion über zu einer Rhetorik der Wissenschaften aus (Gross
mögliche Konvergenzen und Divergenzen der zwei 1990), die z. T. in eine wissensskeptische bzw. kon-
Kulturen  – der Natur- und Geisteswissenschaft  – struktivistische Position mündete. Vertreter beider
ausgelöst, die in der Literaturwissenschaft breit Richtungen diskutieren darüber hinaus, ob der Li-
rezipiert wurde (Kreuzer 1969, Rousseau 1978, teratur ein Wissen sui generis zukommt (3).
Hayles 1991). In Deutschland erfuhr die Diskus-
sion in den 1980er Jahren Impulse aus der Soziolo-
gie, die den Ausdifferenzierungsprozess von Litera- (1) Wissen in der Literatur
tur und Wissen als Streit um Deutungskompetenz
interpretierte und die Soziologie als dritte Kultur in Ältere Studien zum Verhältnis von Literatur und
diesem Prozess situierte (Lepenies 2006/1985). Wissenschaften gehen oft dem Einfluss der Wis-
6 1. Ansätze

senschaften auf die Literatur nach. In seinem Buch Wissensgeschichte, das sich dem Narrativ von der
Science and English Poetry beklagt Douglas Bush Wissenschaftlichen Revolution anschloss. Dass er
etwa die negativen Auswirkungen der exakten Wis- sich zunächst auf die Rezeption von Galilei, Bacon
senschaft in der Dichtung (Bush 1949). Er sah ihr oder Newton konzentrierte, hing auch damit zu-
religiöses und moralisches Wertesystem durch den sammen, dass eben diese Autoren von Wissen-
modernen Technizismus unterminiert. Studien wie schaftshistorikern als Akteure der Wissenschaftli-
die von Bush zeichneten sich in der Regel durch ein chen Revolution gefeiert worden waren.
normatives Wissenschaftsverständnis aus, das am Neben der frühneuzeitlichen Physik, Astrono-
Leitmodell exakter, empirischer Naturwissenschaf- mie und Optik, also den postulierten Vorläufern
ten gewonnen wurde. Wissenschaft wurde also moderner Naturwissenschaften, gerieten Psycholo-
nicht im Blick auf die in der jeweiligen Epoche gel- gie und Erfahrungsseelenkunde der Aufklärung in
tenden Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit bewer- den Blick der Literaturwissenschaft. In seinem
tet, sondern anhand übergeordneter szientifischer Buch Melancholie und Aufklärung operierte Hans-
Normen, die vielfach auch das Literaturverständnis Jürgen Schings in den 1970er Jahren mit einem
prägten. Bush verpflichtete die Literatur umge- erweiterten Literaturbegriff, der die Erfahrungssee-
kehrt auf eine imaginäre, bildreiche Sprache sowie lenkunde der Aufklärung, u. a. Texte von Karl Phi-
auf eine Humanitätsidee, die er in ein antagonisti- lipp Moritz, einschloss und zeigte, wie sie im Ro-
sches Verhältnis zur Wissenschaft setzte. Der mut- man eine komplexe Erweiterung im melancholi-
maßliche Antagonismus von Naturwissenschaften schen Dichtertypus erfuhr (Schings 1977, 226–255).
und Literatur stand der produktiven Thematisie- Diese Studie war nicht mehr von einem normativen
rung der Relation im Weg und bestimmte bis weit Wissensverständnis als vielmehr von der Aufklä-
in die 1950er Jahre großteils die literaturwissen- rungsforschung bestimmt und analysierte, wie
schaftlichen Herangehensweisen. psychologisches Wissen im Kampf gegen den Aber-
Erst die Arbeiten von Majorie Hope Nicholson, glauben benutzt wurde, um die Religion zu diskre-
einer Schülerin von Arthur Lovejoy, orientierten ditieren. In der Folge setzte sich die Literaturwis-
sich nicht mehr an normativen Wissensvorgaben senschaft intensiver mit psychologischen bzw. an-
oder einem humanistischen Literaturideal. Viel- thropologischen Wissensbeständen des 18. Jh.s und
mehr untersuchte sie Wissenschaften in ihren his- ihrer Aufnahme in der Literatur auseinander (Rie-
torischen Eigendynamiken. Ihre Studie zum Web- del 1985, Schings 1994). Dabei ging es einerseits um
stuhl oder auch zu Newtons Optik waren wie Love- die Adaption von Vorstellungen wie der Kette der
joys Buch The Great Chain of Being ideenhistorisch Wesen, der Vollkommenheitsidee, des commercium
ausgerichtet. Gleichwohl interessierte sie sich vor- mentis et corporis, der Leidenschaftslehren und der
wiegend für den Einfluss der Wissenschaft auf die Diätetik, andererseits um die Bestimmung von Lite-
Literatur, anstatt von einer wechselseitigen Be- ratur als einem Medium, das Spezialdiskurse mitei-
fruchtung auszugehen (Nicholson 1950). nander verkoppeln konnte und als Popularisie-
In der deutschsprachigen Literaturwissenschaft rungsinstrument in der sich ausdifferenzierenden
stand die Analyse von Literatur zunächst im Zei- Wissensgesellschaft des 19. Jh.s an Geltung gewann.
chen der Zwei-Kulturen-Debatte. Karl Richter un- Allerdings erfolgte die Rekonstruktion der Wis-
tersuchte in seinem Buch zur Lyrik der Aufklärung, sensbestände wiederum unter bestimmten norma-
inwieweit Literatur wissenschaftliche Kenntnisse tiven Vorgaben. So wurde neben dem impliziten
aufnahm, um diese dann vom Vorwurf der Indiffe- Anthropologismus der Ansätze, dem emphatischen
renz gegenüber den Naturwissenschaften exkulpie- Subjekt- und Autorbegriff, ein z. T. erkenntnisopti-
ren zu können. Zwar war seine Geschichtsschrei- mistisches Geschichtsmodell zugrunde gelegt (vgl.
bung nicht an den Leistungen einzelner Protago- zu der Kritik Vogl 1997, 110). Auch ging es meist
nisten orientiert, sondern richtete den Fokus auf um die Aufnahme und Aneignung von Wissen in
die »epochale Konstellation« (Richter 1972, 18). Al- der Literatur und weniger um die wechselseitigen
lerdings konstatierte er eine »Verbindung zwischen Austauschprozesse (vgl. zu dieser Kritik Bergen-
den revolutionären Vorgängen in der Wissenschaft gruen/Borgards/Lehmann 2001).
und den Umbrüchen in der Geschichte der Litera- Das Wechselverhältnis von Literatur und Natur-
tur« (ebd.), die er im Einzelnen nicht nachweisen wissenschaft untersuchte Jeremy Adler bereits in
konnte. Zudem folgte Richter einem Modell von den 1980er Jahren am Beispiel von Goethes Wahl-
1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945 7

verwandtschaften. Goethe wählt mit dem Romanti- sches oder historiographisches Wissen auf (Clark/
tel einen Begriff aus der Chemie, um das Verhältnis Rossini 2011). Zuletzt ist der Wissensbegriff auf
der Romanfiguren zueinander zu charakterisieren. praktisches, sprachliches, semiotisches alltägliches
Die Aufnahme naturwissenschaftlicher Einsichten und lokales Wissen ausgeweitet worden, mit der
im Ästhetischen gewährleistet nach Adler zweier- Folge, dass das rezente Einführungskompendium
lei: Erstens hätten die Wissenschaften dadurch an von Ralf Klausnitzer zum Feld Literatur und Wis-
Bestand gewonnen. Zweitens »verleihe die Wissen- sen die Grundlagen von Poetik, Semiotik, Ideenge-
schaft dem Roman die Strenge, wodurch er zum schichte, Diskursanalyse und Rhetorik erörtert, in
Gesellschaftsroman« habe werden können (Adler den exemplarischen Analysen der dynamischen
1987, Vorwort). Literatur und Wissenschaft wur- Interaktion von Wissensfeldern mit der Chiroman-
den allerdings auch in Adlers Analyse als getrennte tik aber ein vormodernes Gebiet behandelt (Klaus-
Sphären betrachtet, die wechselseitig voneinander nitzer 2008, 321 f.).
profitierten. Unterdessen ist dieser Ansatz in einer Flankiert werden derartige Kartierungsversuche
Vielzahl von Arbeiten modifiziert und relativiert von Einzelstudien zu Autoren. Dieser Typus von
worden (Anz 2002). Weitere Studien ergänzten die Studie lässt einen deutlichen Fokus auf jene litera-
Relation insofern, als sie Literatur als Beobach- rischen Autoren erkennen, die wie Friedrich Schil-
tungsraum verstehen, der sich auf Inhalte und Me- ler, E.T.A. Hoffmann, Georg Büchner, Felix Haus-
thoden der Wissenschaft reflektierend beziehen dorff, Arthur Schnitzler, Alfred Döblin, Robert
kann (Alt 2004). Diskursanalytisch orientierte An- Musil als Mediziner, Juristen oder Wissenschaftler
sätze in der Nachfolge Michel Foucaults gingen da- tätig waren und daher als potentielle Vermittler
gegen von einer diskursiven Ordnung aus, die so- beider Kulturen eine gewisse Faszinationskraft aus-
wohl Wissen als auch Literatur hervorbringt (etwa übten. Während wissenschaftliche Texte von Alb-
Koschorke 1999, 10). recht von Haller und Johann Wolfgang Goethe
Unter das Stichwort ›Wissensgenerierung‹ sind selbstverständlich in Gesamtausgaben aufgenom-
zudem solche Ansätze zu fassen, die sich der Vor- men wurden, weil sie schon zu ihrer Zeit eine ge-
wegnahme des Wissens durch die Literatur wid- wisse Aufmerksamkeit erfahren haben, gilt das
men bzw. der Frage nachgehen, ob ein Sachverhalt, nicht immer für die Texte von modernen Autoren
der zunächst in der Literatur dargestellt wurde, wie z. B. Gottfried Benn. Dass Benns medizinische
später zu wissenschaftlichem Wissen werden kann. Schriften, die ansonsten wohl in Vergessenheit ge-
Neben der Science Fiction-Literatur, die sich genre- raten wären, heute in einer modernen Ausgabe
spezifisch mit zukünftigem oder möglichem Wis- vorliegen, erklärt sich vielmehr als Effekt seiner
sen beschäftigt und dadurch alternative Wissens- Kanonisierung als literarischer Autor (Homscheid
welten generiert (Yaszek 2011), wurde die Wissens- 2005).
generierung auch in der Erzählprosa untersucht, Zudem wurden im Feld in den letzten Jahren
die sich mit dem Wahnsinn befasste. Willms ver- neue theoretische Impulse gesetzt: unter anderem
mutete, dass in Büchners Erzählung Lenz eine die Anregung, verschiedene Wissenstypen  – etwa
Schizophrenie und damit ein Krankheitsbild dar- theoretisches und praktisches Wissen  – im Blick
gestellt wird, das in der psychiatrischen Fachlitera- auf einzunehmende Haltungen stärker zu differen-
tur erst Jahrzehnte danach beschrieben wurde zieren (Köppe 2008, 12 sowie 90–153). Köppe un-
(Willms 2008). tersuchte, ob die fiktionale Literatur eine Quelle
Dass sich die Forschung lange Zeit auf die Na- von theoretischem Weltwissen sein könne, inso-
turwissenschaften, Anthropologie und Psychiatrie fern fiktionale Sätze und Meinungen möglich und
konzentrierte, hing mit der Zwei-Kulturen-Debatte gut begründbar seien. Er ging damit von einer logi-
sowie einem anthropologischen Literaturbegriff schen Tiefenstruktur literarischer Texte aus, auf
zusammen (Lukas/Ort 2012). Die Literaturwissen- deren Basis er entsprechende Rationalitätsstan-
schaft folgte damit Problemstellungen aus den Be- dards für ihre Erschließung formulierte. Albrecht
reichen der Naturwissenschaften, Philosophie und plädierte dafür, in Ergänzung zum Satzwissen
Geschichtswissenschaft. Neben dem Wissen von ›nicht-sagbares‹ Wissen der Literatur systematisch
Physik, Optik, Psychologie und Psychiatrie greift in die Analyse mit einzubeziehen, etwa das von
die Literatur aber auch mathematisches, klimati- Sokrates in Platons Dialog Menon zum Einsatz ge-
sches, kriminologisches, juristisches, ethnographi- brachte Methodenwissen mathematischen Schlie-
8 1. Ansätze

ßens (Albrecht 2011, 140–163). Neben der Dif- die amplificatio, die captatio bene volentiae und
ferenzierung bestimmter Wissenstypen inte- rhetorische Fragen.
ressierten ferner strukturelle Analogien von Wie viel Rhetorik oder Narration ein wissen-
wissenschaftlichen bzw. medizinischen und ästhe- schaftlicher Text verträgt, was als gute wissen-
tischen Diskursen. Zumbusch zeigte, dass sich mit schaftliche Schreibweise gilt  – etwa Nüchternheit
der Metaphorik von Impfung, Abschottung und und Kürze –, wie umfassend die Konvergenzen
Affektregulierung in der Weimarer Klassik die zwischen literarischen und wissenschaftlichen Tex-
Umstellung der Wirkungs- auf eine Autono- ten sein dürfen, ist historisch durchaus variabel
mieästhetik vollzieht (Zumbusch 2011). Die Kon- und von den jeweiligen Konstellationen bzw. Be-
vergenz von medizinischen und literarischen dingungen der Wissensproduktion abhängig.
Schreibweisen war Gegenstand eines Sammelban- Für den französischen Philosophen Auguste
des, der sich der Literatur als Medium der sprachli- Comte war gerade der vermeintliche Verzicht auf
chen und symbolischen Formung medizinischen rhetorische Stilmittel das Ideal wissenschaftlichen
Wissens widmete und zugleich die kognitiven und Schreibens. Allerdings kann die Selbstzuschrei-
sozialen Funktionen spezifischer Schreibweisen bung nicht über den Umstand hinwegtäuschen,
etwa ärztlicher Fallberichte analysierte (Pethes/ dass dieser Verzicht ebenso ein Stilmerkmal und
Richter 2008, 2 u. 9). Stöckmann revidierte in sei- auch der knappste und nüchternste Text noch rhe-
ner Studie zum Naturalismus die verbreitete Ten- torisch geformt ist. Im 19. Jh. galt die Rhetorik fer-
denz, in naturalistischen Texten ginge es primär ner als ein zentrales Element der Wissensvermitt-
um die mimetische Abbildung von Realität. An die lung. Alexander von Humboldts Kosmos (1845–
Stelle von Aussagen über Welt trete vielmehr die 1862) wurde unter anderem auch deshalb in den
Reflexion über ihre Erfassungsmöglichkeiten. Die Kanon klassischer Bildung aufgenommen, weil das
zeitgenössische Willensphilosophie sei eine Er- Buch ästhetische und sprachliche Standards setzte
möglichungsstruktur, die naturalistischen Texten und einen Austauschprozess zwischen Experten,
zugrunde liege (Stöckmann 2009). Weitere thema- Gelehrten und Laien in Gang brachte. Die Analyse
tische und methodische Schwerpunkte lagen auf ästhetischer Verfahrensweisen blieb aber nicht auf
der Kulturgeschichte des Schmerzes in Medizin diese breiter rezipierten Texte beschränkt, sondern
und Literatur (Borgards 2007) und den experimen- wurde ferner auf die physiologisch-experimentelle
tellen Anordnungen der Literatur (Pethes 2007). Forschung ausgeweitet und umfasste den Einsatz
Darüber hinaus wurde jüngst das Nicht-Wissen von Bildmedien. In der Wissenschaftsgeschichte
der Literatur thematisiert (Bies/Gamper 2012). und -philosophie interessiert meist nie allein der
bloße Nachweis von rhetorischen Mitteln, einer
spezifischen wissenschaftlichen Schreibweise und
(2) Wissenschaft als Literatur der mit ihr assoziierten Praktiken. Vielmehr geht es
um ihre mögliche Bedeutung für die Wissensbil-
In dieser Variante steht die literarische und poeti- dung, -zirkulation und -transformation, d. h. um
sche Hervorbringung von Wissen sowie die litera- ihre epistemische Funktion.
rische, rhetorische und gattungsspezifische Ver- Dabei betonten zahlreiche Wissenschaftshistori-
fasstheit wissenschaftlicher Texte im Vordergrund. ker, dass die Anwendung ästhetischer Methoden in
Seit Horaz gilt das Diktum, dass ein Text nicht nur den Wissenschaften, der Gebrauch von Metaphern
zu belehren, sondern seine Leser auch zu erfreuen und die literarische Verfasstheit wissenschaftlicher
habe (prodesse et delectare). Er soll die Sinne an- Texte insgesamt keine Gleichsetzung von Literatur
sprechen, wohl organisiert, gut verständlich (pers- und Wissen nach sich ziehen solle. Rhetorik und
picuitas) und zudem schön sein (ornatus). Zahlrei- Ästhetik unterminieren keineswegs den Geltungs-
che Wissenschaftler versuchen diesen Ansprüchen anspruch der Wissenschaft (Daston 1998, 22). Oft
durch den Einsatz von narrativen Passagen oder trugen sie sogar zur Durchsetzung bestimmter
von rhetorischen Mitteln zu genügen. Vielfach un- Wissensansprüche und Wissensweisen bei (Sha-
terbreiten sie in Form von heureka-Anekdoten, wie pin/Schaffer 1985).
eine Entdeckung gemacht wurde, oder setzen wie Im analytischen Umgang mit Texten sowie den
Sigmund Freud ganze Kaskaden rhetorischer Mit- wissenschaftstheoretischen Positionen zeigten sich
tel ein, um ihre Leser einzunehmen, darunter etwa oft erstaunliche Parallelen zwischen Literaturwis-
1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945 9

senschaft und Wissenschaftsgeschichte. In den sel zwischen grader und reflektierter Bewegung.
1950er Jahren ist das Bemühen der Literaturwis- Nach Hesse basierten derartige Modelle auf einer
senschaft um eine Literaturtheorie und fundierte strukturellen oder isomorphen Ähnlichkeit mit be-
Methode vielfach vom Anspruch begleitet, selbst reits Bekanntem und erlaubten rationale Vorhersa-
eine exakte Wissenschaft zu werden (Wellek/War- gen. Da die Verifikation von Modellen bei Hesse an
ren 1985/1955, 11). Für den kanadischen Literatur- den Vorgaben des logischen Positivismus, etwa von
kritiker und Mitbegründer des Kritizismus North- Rudolf Carnap, orientiert blieb und die grundlegen-
rop Frye enthält der literarische Text eine univer- den Frage betraf, wie wissenschaftliche Hypothesen
selle Struktur des Wissens, die in der Kultur überhaupt bestätigt bzw. falsifiziert werden können,
verankert ist (Frye 1957, 17) und aufgrund derer gilt Hesse sowohl als Gegnerin des Relativismus als
Literatur als poetisches Modell fungiere, das eigene auch einer naiven realistischen Position.
Erfahrungen transzendieren könne. Zur selben In ihrer Anlehnung an den logischen Positivis-
Zeit kommen in der Wissenschaftsgeschichte ähn- mus unterscheidet sie sich von dem Wissenschafts-
liche universalistische Positionen auf. So widmete historiker Thomas S. Kuhn, der in Die Struktur
sich etwa Gerald Holton bereits in den frühen wissenschaftlicher Revolutionen wissenschaftliche
1960er Jahren sogenannten thematischen Proposi- Erkenntnisbildung im Kontext einer »Soziologie
tionen, d. h. wiederkehrenden grundlegenden An- der wissenschaftlichen Gemeinschaft« (Kuhn
nahmen oder Vorstellungen, die in der Wissen- 1967/1962, Vorwort) diskutierte. Kuhn, der am
schaft über Jahrhunderte nachweisbar seien. Er un- Center for Advanced Studies of Behavioral Science
terschied sie von reinen Imaginationen, Mythen, lange Jahre in der Gemeinschaft von Soziologen
Archetypen oder synthetischen Sätzen a priori und forschte, interessierte sich zwar kaum für die Rhe-
betrachtete sie wie Frye als generell gültige (Holton torik oder Ästhetik wissenschaftlicher Texte. Je-
1981/1973). doch führte er mit dem Wort »Paradigmata« einen
Nur wenige Jahre nach Frye und ein Jahr nach Ausdruck in die Wissenschaftshistoriographie ein,
Max Blacks Buch Models and Metaphors (1962) geht der aus der klassischen Rhetorik stammte und im
die englische Wissenschaftshistorikerin Mary Hesse 18. Jh. im Sinn von Weltbild, Axiom, Dogma, Vor-
der Funktion von Modellen für die wissenschaftli- bild und Muster gebraucht wurde. Einer von Kuhns
che Erkenntnisbildung nach. In ihrem 1963 zuerst zahlreichen Definitionen zufolge ist ein Paradigma
erschienenen Buch Models and Analogies in Science ein Set von allgemein anerkannten, wissenschaftli-
behandelt sie die analogische Relation zwischen ei- chen »Leistungen, die für eine bestimmte Zeit einer
nem Modell  – einem Replikant oder eine Ma- Gemeinschaft von Fachleuten Modelle und Lösun-
schine  – und dem, wofür es steht. Während die gen liefern« (ebd., 11). Die wissenschaftliche Leis-
Analogie in der Rhetorik eine Ähnlichkeit zwischen tung war damit einem Beispiel vergleichbar, das –
Wortinhalten bzw. -feldern beschreibt und rhetori- einem moraldidaktischen exemplum nicht unähn-
schen Figuren wie ›Metapher‹ oder ›Katachrese‹ auf lich  – Vorbildfunktion hatte und die Tätigkeit
Analogien basieren, meint Analogie in der Wissen- einer  Gruppe von Wissenschaftlern bestimmte.
schaft nach Hesse eine bestimmte Art zu schließen. Die aus  der Wissenschaftshistoriographie entwi-
Hesse unterscheidet daher zwischen poetischen ckelten, wissenssoziologischen Überlegungen tru-
und wissenschaftlichen Metaphern. Die wissen- gen zu einer neuen Konzeption von Wissenschaft
schaftliche Metapher gilt ihr nicht nur als Stütze bei und hatten in der Praxis der historischen For-
und Vehikel der Imagination (»crutch to aid the schung zur Folge, dass die Integrität einer Wissen-
imagination in the construction of theories«), die ei- schaft nun an den Vorgaben und Maßstäben ihrer
nem Wissenschaftler bei der Entwicklung bestimm- eigenen Zeit gemessen wurde (ebd., 20). Das Para-
ter Hypothesen oder Theorien hilfreich ist. Viel- digma wurde zu einer heuristischen Einheit, die
mehr geht es um ihre Funktion bei der Verifikation die Beobachtung und Analyse von Wissenschaft
von Analogieschlüssen und damit um die mögliche steuerte. Zugleich bezeichnete es das Set von allge-
Wirklichkeit des Modells. Erläutert werden diese mein akzeptierten Ansichten, die sich nicht – an-
Zusammenhänge am Billardball-Modell, das zur ders als bei Hesse  – auf allgemeingültige logische
Untersuchung von Partikelbewegungen in dynami- Sätze zurückführen ließen. Die Auffassung, dass
schen Systemen (etwa Gaspartikeln) diente. In die- sich wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung allein
sem konkreten Fall bestand die Analogie im Wech- durch Theoriebildung, Hypothese, Überprüfung
10 1. Ansätze

und Falsifizierung vollzieht, hatte sich damit als den Historiker besonders instruktiv. Für ihn stell-
unzureichend erwiesen, auch wenn praktizierende ten die Skelettdarstellungen in Vesalius ’ Lehrbü-
Wissenschaftler weiterhin an diesen Grundsätzen chern kein ästhetisches oder rhetorisches Orna-
festhielten (ebd., 29). ment dar. Fleck zeigte, dass ihnen eine genuine wis-
Der Einzug von Historizität und Soziologie in senschaftliche Bedeutung in ihrer eigenen Zeit
die Wissenschaftslehre war eine nachhaltige und zukam, die auf die Vorannahmen des Kollektivs
ebenso bahnbrechende Neuerung, die für das Ver- verwies. Die Elemente vermittelten dem Historiker
hältnis von Literatur und Wissen zahlreiche Folgen zugleich das fremd Gewordene eines historischen
hatte. Arbeiten, die von einem normativen Wissen- Wissenschaftsdiskurses (Fleck 1980, 186).
schaftsbegriff ausgingen wie die von Bush, erfüllten Michel Foucault knüpfte hieran an. Während in
nicht mehr die neuen wissensgeschichtlichen Stan- Wahnsinn und Gesellschaft (1969) Literatur und
dards. Während die jeweiligen Glaubenssätze der Wissenschaft in ein strukturelles Oppositionsver-
normalen Wissenschaft nämlich für praktizierende hältnis gesetzt wurden, insofern sich in der Litera-
Wissenschaftler durchaus bindend sein konnten tur eine nicht-tragische Erfahrung des Wahnsinns
(ihre Anerkennung war von Kuhn in gewisser Hin- artikulierte, die in den (Human-)Wissenschaften
sicht sogar zur Bedingung von wissenschaftlichem als das Andere der Vernunft ausgeschlossen wurde,
Arbeiten erhoben worden), bestand die Aufgabe ging er in Archäologie des Wissens und Ordnung der
von Wissenschafts- wie Literaturhistorikern gerade Dinge von diskursiven Ordnungen aus, die die Aus-
darin, sie in ihrem jeweiligen relativen Geltungs- sagen von Wissenschaft und Literatur gleicherma-
raum und Kontext zu betrachten und zu untersu- ßen regulierten. An Stelle von Kuhns soziologi-
chen, unter welchen historischen Umständen sie in scher Bestimmung funktionierender, normaler
eine Krise geraten bzw. ihre Bindungskraft verlie- Wissenschaft, trat ein System von Regeln, die das
ren konnten, so dass sie für nachfolgende Generati- Aussagbare steuert, aber oft unreflektiert bleibt.
onen kaum mehr zu vermitteln waren. Das geozen- Auch Foucault konzentrierte sich auf die Kon-
trische Weltbild oder das Wissenssystem der Ma- struktionsprozesse der Wissenschaft und plädierte
gie, das der Literaturwissenschaftler Bush noch als dafür, die Bestimmung von Wissen und Wissen-
unwissenschaftlich diskreditiert hatte, galt dem- schaft jeweils im Blick auf historisch variante Be-
nach nicht mehr als Irrtum, sondern als wissen- dingungen zu rekonstruieren. Seine Analyse mün-
schaftlicher Lehrsatz, der für eine bestimmte histo- dete in eine relativistische Position, die die Unter-
rische Gemeinschaft bindend war. scheidbarkeit von Literatur und Wissen betraf und
Viele seiner wissenssoziologischen Überlegun- seinen Umgang mit literarischen wie wissenschaft-
gen konnte Kuhn Ludwik Flecks Buch Entstehung lichen Texten bestimmte. Am Fall Herculine Bar-
und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache bin – der Geschichte eines Hermaphroditen – inte-
(zuerst 1935) entnehmen, das bis dahin weitge- ressierte ihn z. B. die normalisierende Macht des
hend unbekannt war. Bereits in den 1930er Jahren Sexualdiskurses. Weniger kam es ihm auf genre-
hatte sich Fleck der Untersuchung wissenschaftli- typische, ästhetische oder rhetorische Aspekte der
cher Denkstile gewidmet. Mit dem von ihm ge- untersuchten Texte an. Die pornographischen Pas-
prägten Kompositum ›Denkstil‹ legte er provokant sagen von Barbins Bekenntnisschrift gerieten
die Verflochtenheit von Logik, Rhetorik und Äs- ebenso selten in den Blick wie der Umstand, dass
thetik nahe. Wie ein Stil- und Kunsthistoriker un- die Offenlegung des Intimen zu den Genrevorga-
tersuchte er visuelle Darstellungen in anatomi- ben der Bekenntnisschrift gehörte (Foucault 1998,
schen Lehrbüchern der Frühen Neuzeit etwa in 11).
den berühmten Büchern von Vesalius. Für den Besonders in den 1990er Jahren wurde Fou-
Wissenshistoriker waren gerade die vom Stand- caults Ansatz in der Literaturwissenschaft zu einer
punkt der aktuellen Wissenschaft aus als rein poe- Poetologie des Wissens weiterentwickelt, die textu-
tisch ausgewiesenen Elemente dieser Lehrbücher elle Gattungsregeln als Element von Wissensdis-
(die sogenannten »Sinn-Bilder«) höchst auf- kursen stärker berücksichtigte und Strukturhomo-
schlussreich  – z. B. die Visualisierung der Sense logien zwischen bestimmten Textsorten, etwa Ro-
oder des Skeletts. Was seine Zeitgenossen als rein binsonaden und ökonomischen Abhandlungen,
poetisch abtaten, gehörte nach Fleck einem vergan- nachging (Vogl 2002, 16). Der vom Deleuze-Über-
genen wissenschaftlichen Denkstil an und war für setzer Joseph Vogl mitbegründete Ansatz schloss
1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945 11

an literatur-, medien- und kulturwissenschaftliche Ein Problem zahlreicher wissenspoetologischer


Untersuchungen an, die nicht mehr das Wechsel- Ansätze bleibt der ungeklärte Status des Fiktiven
verhältnis von Literatur und Wissen, sondern die (Specht 2010, 16). Wenn in der Poetologie des Wis-
genuine Verschränkung beider auf verschiedenen sens die poetischen Darstellungspraktiken in den
Ebenen des Diskurses aufzuzeigen versuchten. Fokus rücken, dann werden Signifikanten und
Wenn im Rahmen wissenspoetologischer An- nicht primär die Relationen zwischen Signifikant
sätze untersucht wird, wie eine poetische Sprach- und Signifikat untersucht. Diese Signifikanten ver-
praxis ihre Gegenstände durch diskursive Regeln weisen nur noch auf sich selbst und nicht mehr auf
und eine umschriebene Zeichenverwendung zu- eine Welt außerhalb von Zeichenketten (zur Kritik
allererst hervorbringt, dann unterscheidet sie Wis- vgl. Specht 2010, 17). Eine derartige Referenzlosig-
sen ebenfalls nicht mehr wesentlich von Literatur. keit begründet letztlich das Fiktive von Diskursen,
Die Gleichsetzung von Literatur und Wissen wurde die sich primär durch Selbstreferentialität aus-
bereits in den 1980er Jahren als Problem poststruk- zeichnen (Vogl 1997, 123).
turalistischer und dekonstruktivistischer Ansätze Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangte auch
(Rousseau 1987) betrachtet und neuerdings wieder Hayden White in seinem 1973 erschienenen Buch
gegen Vertreter der Poetologie des Wissens vorge- Metahistory, in dem er Stile verschiedener Histori-
bracht. In der literaturwissenschaftlichen Kontro- ker – von Jules Michelet bis Benedetto Croce – un-
verse der letzten Jahre wiederholten sich dabei z. T. tersuchte. Neben der epistemologischen behan-
Positionen der science wars. Zur Diskussion stan- delte er immer auch die ästhetische und moralische
den eine Reihen von Implikationen wissens- Dimension von geschichtswissenschaftlichen Tex-
poetologischer Ansätze, unter anderem die in der ten. Dabei ging es ihm um die Freilegung einer me-
radikalen Historisierung vermutete Indifferenz ge- tahistorischen Tiefenstruktur (»metahistorical un-
genüber einem auf Wahrheit festgelegten Wissens- derstructure«), auf der alle übrigen Operationen
begriff sowie die Abstraktion von Inhalten und ihre impliziten, vorkritischen Sanktionierungen
Geltungsansprüchen überhaupt (Stiening 2011, gegründet hätten und die durch tropologische
239). Vorschläge, den Wissensbegriff auf Wahrheit Modi und linguistische Protokolle bestimmt seien.
oder Logik zu verpflichten, bedeuteten allerdings Stil meint hier eine Formalisierung von genuin
einen Rückschritt gegenüber den klassischen poetischen Einsichten, die wissenschaftlichen Er-
Standpunkten der Historischen Epistemologie, die klärungen vorangingen. Kein Stil kann nach White
von Gaston Bachelard oder Ludwik Fleck die Kon- daher beanspruchen, im Bezug auf eine extratextu-
stitutionsprozesse der Erkenntnis in den Blick nah- elle Welt realistischer oder wahrer zu sein. Der
men und die Durchsetzung eines bestimmten Wis- Grund für die Wahl eines bestimmten Stils ist so-
sens nicht nur auf dessen Wahrheit, sondern auf mit ebenfalls rein ästhetischer oder moralischer
soziale und kulturhistorische Kontexte, d. h. auf in- Natur und letztlich nicht epistemologisch be-
ner- wie außerwissenschaftliche Dynamiken zu- gründbar. Arbeiten wie die Hayden Whites grün-
rückführten. Zwar mögen Wissenschaftsphiloso- deten sich ihrerseits auf literaturwissenschaftliche
phen und Wissenschaftler wie Stephen Weinberg und strukturalistische Vorrannahmen ihrer Zeit.
am Wahrheitskriterium des Wissens festhalten U. a. bezog sich Metahistory auf Erich Auerbachs
(Weinberg 2003). Dass die Geltung und Akzeptanz Untersuchungen zum realistischen Erzählstil wie
von Wissen, historisch betrachtet, jedoch von kul- auf Ernst Gombrichs Analyse des Realistischen in
turellen Bedingungen der Produktion und Zirkula- der Kunst. Whites Terminologie  – die Rede vom
tion und damit zugleich von wissensexternen Fak- emplotment  – ist zudem am Formalismus und
toren abhängt, ist in der historiographischen Praxis Strukturalismus geschult. Zentrale Vorgaben sind
von Literatur- und Wissenschaftsgeschichte heute u. a. Roman Jacobsons Überlegungen zur metony-
kaum mehr kontrovers (Hagner 2001, 7–39; Vogl mischen Relation von Worten und Roland Barthes ’
2011). Zugleich muss diese Position nicht notwen- Ausführungen zum Realismuseffekt der Literatur
dig in eine wissenskonstruktivistische Auffassung (White 1991/1973, Vorwort sowie 573–576). Bar-
münden, sondern kann zunächst den Blick auf die thes hatte bereits 1968 – zunächst am Beispiel Gus-
gemeinsamen Konstitutionsprozesse von Literatur tave Flauberts, später auch Michelets  – das Pro-
und Wissen sowie auf die Rhetorik, Ästhetik und blem des Realen in der Literatur jenseits konventi-
Poetik des Wissens eröffnen. oneller Erzähltheorien zu fassen versucht versucht.
12 1. Ansätze

Er verortete es gerade dort, wo man es am allerwe- zu übertragen, sondern um eine Ordnung zualler-
nigsten vermutete: u. a. in der Phantastik. Realitäts- erst zu stiften (Latour 1986/1979, 245). Auch tech-
effekte erzeugen demnach solche Zeichen, die in- nische Apparate wurden in die Analyse von
nerhalb eines literarischen oder wissenschaftlichen Schreibprozessen einbezogen. Nach Latour/Wool-
Textes auf kein anderes Element verweisen (Barthes gar transformierten sie Substanzen der Materie in
1982) und darin dem Fiktiven der Wissenspoetolo- Schriftdokumente (ebd., 51). Zur selben Zeit er-
gie durchaus vergleichbar waren (Vogl 1997, 123). forschte Karin Knorr-Cetina ebenfalls wissen-
Neben dem Fokus auf textuelle Tiefenstrukturen schaftliche Schreibprozesse in ethnographischer
als Organisationsformen von Wissen erfährt die Perspektive und zeigte, dass beim Schreiben Selek-
Wissenschaftsrhetorik in den 1970er Jahren in un- tionsmechanismen zum Tragen kommen, die in
terschiedlichen Feldern  – der Wissenschaftsge- der Endversion eines papers aus ihrem Kontext ge-
schichte wie Ethnographie  – einen regelrechten löst werden und für den Leser nicht mehr erkenn-
Aufschwung. So leitete Lisa Jardine in ihrer Arbeit bar sind (Knorr-Cetina 2002/1984, 214). Knorr-
zu Francis Bacon dessen wissenschaftliche Methode Cetina wandte sich gegen das einfache Sender-
nicht nur aus der Logik, sondern auch der Rhetorik Empfänger-Kommunikationsmodell und berief
(Jardine 1974) ab und zeigte damit, dass die Präsen- sich neben den wissenschaftsrhetorischen Studien
tationsweise in Bacons Verständnis einen genuinen von Gilbert (1976) und Gusfield (1976), vor allem
Aspekt der Wissensbildung ausmachte. Joseph Gus- auf die Theorien diskursiver Handlungen von
field wandte sich in seiner wegweisenden rhetori- Greimas (1979) und Propp (1968).
schen Analyse eines fachwissenschaftlichen Aufsat- In den 1980er Jahren richtete sich die Wissen-
zes, der sich mit dem Fahren unter Alkoholeinfluss schaftsgeschichte weiterhin den Prozessen der
befasste, gegen die Auffassung, Sprache sei irrele- Wissensherstellung zu. Als wissenschaftliche Tä-
vant für das Unternehmen der Wissenschaft (Gus- tigkeiten gerieten literarische Technologien (»lite-
field 1976, 17). Vielmehr zeigte er mithilfe von rary technologies«) in den Blick. Damit waren bei
Wayne Booths Differenzierung von showing und Steven Shapin und Simon Schaffer wissenschaftli-
telling, dass der wissenschaftliche Text sinnvoll in che Schreibweisen gemeint, etwa die Wahl einer
literaturwissenschaftlichen Kategorien erklärt wer- bestimmten Gattung  – der Brief  – oder konkrete
den könne. Wie Kenneth Burke ging er dabei von Stilmerkmale wie Wortreichtum (»verbosity«, vgl.
der These aus, dass sich alle symbolischen Interak- Shapin/Schaffer 1985, 63). Diese Technologien gal-
tionen anhand der dramatischen Kategorien ›Akt‹, ten wiederum nicht als Ornate eines Textes, son-
›Szene‹, ›Agenzien‹, ›Agenten‹ und ›Absicht‹ be- dern waren für die Durchsetzung von Wissensan-
schreiben lassen. Auch wissenschaftliche Fachauf- sprüchen zentral. Der Ausdruck ›Technologien‹
sätze sind demnach eine Form der dramatischen wurde von Shapin/Schaffer bewusst gewählt. Er
Interaktion. Zudem werden sie wie Literatur von sollte die Bedeutung der Schreibweisen für die
zentralen Metaphern – etwa der Metapher des be- Wissensbildung unterstreichen, indem er sie mit
trunkenen Autorfahrers  – und stigmatisierenden wissenschaftlichen Instrumenten, also mit anderen
Archetypen – etwa dem des Problemtrinkers – be- Technologien, auf eine Stufe stellte. Die epistemi-
stimmt, die sich u. a. in der Trivialliteratur finden. sche Relevanz der Schreibweisen gründet sich
Die wissenschaftliche Verwendung von stigmatisie- letztlich auf ihren konstitutiven Bezug zu einer
renden Archetypen erlaube einerseits normalisie- Wissensweise, die mit dem Aufkommen der expe-
rende Generalisierungen sowie anderseits genre- rimentellen Wissenschaften in der Frühen Neuzeit
spezifische Ausformungen der Typen zu komi- verbunden war. Literarische Technologien dienten
schen, tragischen oder kranken Figuren. der Ausbildung von Zeugenschaft, insofern der
Im Anschluss daran untersuchten Bruno Latour Detailreichtum von Texten sowie die genaue Auf-
und Steve Woolgar Schreibprozesse im Experimen- listung konkreter experimenteller Begleitumstände
tallabor und bewerteten die Rolle von Verschrif- ermöglichen sollte (ebd., 59), die beschriebenen
tungsprozessen für die Wissensbildung aus ethno- Versuche nachzustellen und damit die Anzahl der
graphischer Perspektive neu. Hinsichtlich der Zeugen zu vergrößern. Dass Vertreter der Neuen
Dauer und Frequenz ihrer Schreibtätigkeit wären Wissenschaften wie Robert Boyle oft die Briefform
Wissenschaftler durchaus Romanautoren ver- wählten und darin einzelne Personen direkt zur
gleichbar. Sie schrieben nicht, um Informationen Nachstellung aufforderten, war diesem Ziel ebenso
1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945 13

dienlich wie die realistischen Zeichnungen, die die ambivalenten, ödipalen Konstellation (Keller 1985,
Imagination anregen und dadurch gleichermaßen 4 u. 41).
virtuelle Zeugenschaft ermöglichen sollten (ebd., Alan Gross führte diese disparaten Ansätze sys-
61). tematisch zu einer Wissenschaftsrhetorik zusam-
Im Gegensatz zu älteren Arbeiten (Schönau men und verstand Wissen vorwiegend als Ergebnis
1968) wurde dadurch die epistemische Spezifität von textueller Überzeugungsarbeit. Dabei bestritt
von Schreibweisen, d. h. ihre spezifische Bedeu- Gross keineswegs die Realität von Fakten, sondern
tung bei der Durchsetzung von umschriebenen erklärt, warum bestimmte Sachverhalte in der Wis-
Wissensansprüchen betont. In seinen Studien zur senschaft als Fakten untersucht und mit welchen
Royal Society setzte Charles Bazerman diesen An- Bedeutungen sie versehen wurden (Gross 1990, 4).
satz fort und zeigte, wie die Erfüllung rhetorischer Gross reagiert damit u. a. auf die Arbeiten von
Kriterien des Experimentalberichtes im 18. Jh. Bruno Latour, der 1987 die Konstruktion wissen-
über die Aufnahme und Ablehnung eines Artikels schaftlicher Fakten im Labor ethnographisch un-
entscheiden konnte (Bazerman 2000, ein Über- tersuchte (Latour 1987, 21).
blick über weitere Arbeiten bei Dear 1991, 1–9). Die rhetorische und narratologische Analyse
Im Anschluss an diese rhetorischen Analysen wissenschaftlicher Texte war in den 1990er Jahren
geht es Gillian Beer in ihrem Buch über Darwins nochmals Gegenstand der science wars, an denen
plots um den Zusammenhang von Darwinismus, sich Wissenschaftsphilosophen wie Historiker be-
evolutionären Erzählweisen und Literatur. Sie un- teiligten. Im Rahmen dieser Kontroverse wurden
tersucht die Transformation der Evolutionstheorie literarische Schreibweisen verwendet, um kon-
von ihrem Als-Ob-Status bis hin zur Verbreitung struktivistische Positionen zu verspotten. In einem
der Annahme, dass sie eine Realität beschreibe. Die Aufsatz von 1996 erklärte bspw. der amerikanische
Akzeptanz der Theorie hänge – so Beer – wesent- Physiker Alain Sokal die Quantengravitation zu ei-
lich mit der Anschlussfähigkeit der narrativen nem sozialen und linguistischen Konstrukt (Sokal
Struktur an literarische Erzählmodelle des Vikto- 1996). Diese von vielen Lesern und den Herausge-
rianismus zusammen und liege nicht darin be- bern der Zeitschrift Social Text durchaus ernst ge-
gründet, dass sie sich logisch beweisen lasse. Damit nommene Behauptung, erwies sich im Nachhinein
warf Beer weitere grundlegende Fragen auf: Ist die als eine Parodie auf Konstruktivismus, Dekon-
Evolutionstheorie lediglich eine imaginierte Ge- struktion und Poststrukturalismus, die die Frage
schichte, die der Erzählprosa formal nah ist? Was nach der Fiktionalität wissenschaftlicher Texte er-
lässt sich aus der Affinität von wissenschaftlicher neut aufwarf. Obwohl die von Sokal vorgetragenen
Theorie und poetischer Gattung  – dem Roman  – Behauptungen für sich keine Wahrheit bean-
im Hinblick auf die generelle Wahrheitsfähigkeit spruchten und im Modus des Als-Ob vorgetragen
der Theorie schließen? (Beer 1986, 3–11). waren, bestärkte er genau das, was er ironisch sub-
Während Beer sich auf viktorianische Erzähler- vertieren wollte. Was als wissenschaftlicher oder
muster konzentrierte, begriff die in Harvard ausge- fiktionaler Text lesbar ist, hängt wesentlich von den
bildete Physikerin Evelyn Fox Keller Wissenschaft Institutionen, Rezeptionsbedingungen und Lese-
als eine sozial konstruierte Kategorie, die sich aus anweisungen ab. Ein ähnliches Problem warf be-
einem Ensemble von Praktiken sowie einem histo- reits Poes The Facts in the Case of M. Valdemar auf.
risch definierbaren Wissensfeld zusammensetzt. Poes Text rekapituliert ein erfundenes hypnoti-
Bei Keller diente die rhetorische Analyse dem sches Experiment im Modus des Tatsachenberich-
Nachweis subjektiver Meinungen oder Wünsche tes und wurde entsprechend rezipiert.
individueller Wissenschaftler. Zwar begreift sie In den letzten Jahren ist besonders das wissen-
Boyles Gesetze als valides Wissen, das das Verhält- schaftliche Schreiben im Labor nochmals in einer
nis von Druck und Volumen angemessen und zu- neuen Perspektive untersucht worden, die die
verlässig beschreibe. Zugleich scheine in den viri- Funktion der verschrifteten Forschungsspuren  –
len Metaphern der Hochzeit, der Beherrschung der Exzerpte, Notate, Skizzen – bei der Konstituie-
und Unterwerfung bei Bacon eine Konzeption von rung von Wissen in mikrohistorischer Perspektive
Wissenschaft durch, die geschlechtlich doppeldeu- analysierte. Die sogenannten »Kritzel und Schnip-
tig, weiblich und männlich, potent und rezeptiv sei. sel des Labors« wurden dabei als Orte verstanden,
In der Doppeldeutigkeit erkennt sie das Echo einer an denen »neues Wissen entsteht und im Prozess
14 1. Ansätze

des Entstehens verfolgt werden kann«. Rheinber- Saint-Hilaire entworfene System zur Herkunft tie-
ger siedelte sie zwischen den Materialitäten der Ex- rischer Gattungen (Fargeaud 1968). Die Literatur
perimentalsysteme und den begrifflichen Gebäu- scheint hier als Form auf, die in Anlehnung an zoo-
den an und wies ihnen das epistemische Potential logische Systeme soziale Gattungen fixieren kann.
zu, entlang einer Kette der Transformationen in Ähnlich umfassend legt Emil Zola seinen Roman-
beide Richtungen mobilisiert werden zu können. zyklus Rougon-Macquart an, der in 20 Bänden an-
Als »flexibles Flickwerk«  – als Ikonen, Symbole hand des Geschicks einer von Degeneration ge-
und Indizes – zeichneten sie sich durch eine hohe zeichneten Familie die Gesellschaftsgeschichte im
Wandlungsfähigkeit aus (Rheinberger 2005, 343– Frankreich der 1870–1890er Jahre entwirft und da-
346) und könnten daher zu einem späteren Zeit- mit die medizinische Degenerationslehre zu einer
punkt unter einem anderen Blickwinkel durch- Dimension der Sozialgeschichte erhebt. Zwar sucht
gegangen, überschrieben und neu angeordnet Zola nicht mehr die Anlehnung an die Zoologie,
werden. Darin unterscheiden sie sich von den Pro- sondern vielmehr an den Arzt Claude Bernard so-
dukten verfahrensgeleiteter Schreibprozesse, die, wie die Experimentalwissenschaft. Mit dem litera-
wie das Sektionsprotokoll, stärker formalisiert und rischen Experimentalprogramm möchte er zur Er-
rigideren Regeln unterworfen sind. forschung von kausalen Zusammenhängen durch
Neben dem Schreiben als epistemischem Ver- die Variation von Bedingungen beitragen. Bereits
fahren und Praktik der Wissenschaft (dazu Hoff- im Vorwort zum Roman Thérèse Raquin (1867)
mann 2010) galt das Interesse in den letzten Jahren wurde der Schriftsteller zu einem Gelehrten (sa-
zudem der Verbreitung von epistemischen Genres, vant) der exakten Naturwissenschaft erklärt, der
die als kognitive Formen über die Konjunktur die soziale und biologische Determination des
frühneuzeitlicher Denkgewohnheiten Aufschlüsse Menschen umfassender erforschen kann, als dies
geben könnten (Pomata 2010). im Rahmen einer physiologischen Experimental-
wissenschaft möglich ist (Mitterand 1986). Bei
Wilhelm Bölsche – der mit Das Liebesleben in der
(3) Das Wissen der Literatur Natur (1898) eines der populärsten Sachbücher sei-
ner Zeit vorlegt – ist der Vergleich des Dichters mit
In dieser dritten Variante steht nicht mehr die Rela- dem Chemiker ebenfalls nicht zufällig. Wie der
tion von Wissen und Literatur im Vordergrund. Chemiker könne der Dichter nach Vorausberech-
Vielmehr geht es um eine Wissensform, die der Li- nung der Kräfte und Wirkungen seine Stoffe so
teratur spezifisch zukommt und sie von anderen kombinieren, dass dadurch Erkenntnisse erzielt
Wissensformen unterscheidet. Schon im 18. Jh. gilt würden, deren Gewinnung zwar an den Verfahren
Literatur aufgrund poetischer Verfahrensweisen der Naturwissenschaft angelehnt ist, die zugleich
als Medium der Selbst- und Menschenkenntnis aber über jene hinausgingen.
(Riedel 2000), das erlaubt, den Menschen in seiner Obschon zahlreiche dieser literarischen Ansätze
Totalität zu ermitteln. Nach Goethe kann Literatur zur Erforschung von sozialen Bedingungen und
Wissen als Ganzes in der Reflexion erfassen, indem Gesellschaftsgeschichten von der sich um 1900 eta-
sie Gegensätze von Innerem und Äußerem oder blierenden Soziologie abgelöst und für obsolet er-
von Individuellem und Allgemeinen in einer an klärt wurden (Lepenies 2006), tradieren sie sich in
der Morphologie entwickelten Denkform des Kol- verschiedenen Ausläufern bis ins 20. Jh. fort. Im-
lektivs ästhetisch vermittelt und in der komplexen mer wieder wird von der Literatur behauptet, dass
Anlage des Romans von der eingeschränkten Per- ihr aufgrund exemplarischer Erzählweisen, der ihr
spektive der Individualität ablöst (Azzouni 2005). eigenen poetischen Sprache, ihrer humanistischen
In der Vorrede zu seiner Comédie Humaine bezieht und existentialistischen Dimension ein spezifisches
sich Honoré de Balzac 1842 auf Goethe, Leibniz Wissen eignet. Mit dieser nicht unumstrittenen,
und Buffon und versucht in einem auf 137 Romane personalisierenden Redeweise über das Wissen der
und Erzählungen angelegten Gesamtwerk eine Literatur ist oft kein propositionales oder ein Wis-
umfassende Kritik und Geschichte der französi- sen gemeint, über das eine Person verfügt, sondern
schen Gesellschaft zu entwerfen. Vorbild für das ein Wissen, das der Literatur aufgrund von forma-
Programm vergleichender Sozialstudien war zu- len Eigenschaften zugesprochen werden kann. In
dem das vom französischen Zoologen Geoffroy de der aktuellen Debatte findet sich zudem die gegen-
1.1 Forschungsskizze: Literatur und Wissen nach 1945 15

über diesen stärkeren Wissensansprüchen abge- Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissen-
schwächte Auffassung, dass Literatur Überzeugun- schaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom
gen und Rechtfertigungen generiere und daher un- Denkstil und Denkkollektiv [1935]. Mit einer Einlei-
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17

1.2 Erzählung von Aspekten und Phänomenen, die unter dem


Terminus ›Wissen‹ subsumiert werden, dass eine
exakte Definition überhaupt möglich ist. Sie be-
Häufig begegnet man heute der Annahme, die nennt allerdings eine Reihe von Merkmalen, die
›Wissensgesellschaft‹ des 21. Jh.s würde in ganz das, was unter Wissen verstanden wird, umreißen
überwiegendem Maße von Erkenntnissen der (vgl. Gloy 2005, 9 ff.): Wissen sei eine Erschlie-
Technik- und Naturwissenschaft bestimmt. Dabei ßungsweise von und Zugangsweise zur Wirklich-
wird zumeist präsupponiert, dass Gewusstes und keit und stets durch Synthese und Synopse geprägt.
Wissenswertes im Wesentlichen im Rahmen von Wissen sei zwar historisch variabel, aber auch eine
Verfahren wie Experimenten, Berechnungen oder Ressource, auf die man jederzeit zugreifen könne,
Modellanordnungen gewonnen würden und über die also in irgendeiner Art und Weise gesichert
Computeranimationen, Zeichnungen oder For- werden müsse. Wissen habe mit Zusammenhang
meln besonders gut kommuniziert werden könn- und Umfassendheit zu tun, erlaube Überblick und
ten. Der Sprache im Allgemeinen und dem Erzäh- Orientierung. Nicht zuletzt aus diesem Grunde
len als komplexer Sprachhandlung im Besonderen komme dem Wissen eine gesellschaftskonstituie-
kommt in diesem Verständnis im besten Falle eine rende Funktion zu (es werde aber gleichzeitig von
untergeordnete Rolle zu. Diese Einschätzung über- der Gesellschaft geformt) und besitze eine identi-
sieht allerdings die enge Beziehung zwischen Er- tätsstiftende Bedeutung. Dabei könne es sich glei-
zählen und Wissen, die im Folgenden skizziert chermaßen um Sachwissen, moralisch-praktisches
werden soll. oder pragmatisches Wissen handeln (»letzteres ist
So zahlreich die Richtungen sind, aus denen das, was wir Weisheit und Lebenserfahrung nen-
man sich dem Phänomen des Erzählens nähern nen«, Gloy 2005, 19).
kann, so verschieden sind die Definitionsansätze, In diesem Sinne unterscheidet auch Tilmann
die zu bestimmen versuchen, was eine Erzählung Köppe theoretisches und praktisches Wissen von-
denn eigentlich sei. Gemeinsam ist der Mehrzahl einander, wobei er Ersteres bestimmt als »zuver-
dieser Bestimmungsversuche  – lässt man jene lässige Informationen darüber, was in der Welt der
Überlegungen außen vor, die im Vermittlungsvor- Fall ist oder wie es sich mit etwas verhält«, wäh-
gang, also dem Vorhandensein einer Erzählins- rend Letzteres zum Inhalt habe, »was für eine Per-
tanz das Charakteristikum des Erzählens sehen – son zu tun gut, ratsam, richtig ist«. Und er konkre-
die Fokussierung auf den Gegenstand (vgl. tisiert: »Analog zu theoretischem Wissen, das eine
Schmid 2008, 1 ff.). In diesem Sinne hält Matías Antwort auf die Frage ›Was ist der Fall?‹ darstellt,
Martínez fest: »Als spezifisches Merkmal von Er- antworten wir mit dem Erwerb praktischen Wis-
zählen im engen wie im weiten Sinn bleibt das sens auf die Frage ›Was soll ich tun?‹ oder, in ihrer
›Was‹ des Erzählens übrig: die Geschichte (histo- grundsätzlichen Form, auf die Frage ›Wie soll ich
ire). Erzählungen stellen Geschichten dar« (Martí- leben?‹« (Köppe 2008, 50 bzw. 157, Hervorh. im
nez 2011, 11). Unter Geschichte wird hier eine Orig.). Letztlich seien allerdings beide Ausprä-
chronologisch geordnete und kausal verknüpfte gungen »Teilbereiche eines weiteren Bereiches des
Situations- oder Zustandsveränderung verstan- ›Kognitiven‹« (ebd., 21, Hervorh. im Orig.) und in
den. Legt man diese Minimaldefinition zugrunde, wissenssoziologischer Perspektive stelle sich oh-
dann ist Erzählen weder auf bestimmte Medien nehin die Frage, ob Wissen nicht per se als Praxis
oder Gegenstandsbereiche beschränkt noch an ei- zu verstehen ist. Nico Stehr definiert Wissen da-
nen bestimmten Modus gebunden. So stehen her konsequenterweise als »Fähigkeit zum Han-
mündliche neben schriftlichen oder filmischen deln«, als »Möglichkeit, einem Vorgang eine neue
Erzählungen, haben Erzählungen z. B. selbster- Richtung zu geben« (Stehr 2001, 8, Hervorh. im
lebte oder phantastische Ereignisse zum Gegen- Orig.).
stand und präsentieren diese beispielsweise in ei- Legt man die Bestimmungsversuche von Erzäh-
ner künstlerisch-avancierten oder eher alltägli- len und Wissen übereinander, dann liegen die Pa-
chen Art und Weise. rallelen und die wechselseitige Bedeutung fürein-
Vermutlich sind die Definitionsversuche von ander auf der Hand: Wie das Wissen ist Erzählen
Wissen noch sehr viel vielfältiger als die des Erzäh- ein grundlegender Modus unseres Zugangs zur
lens. Karen Gloy bezweifelt angesichts der Fülle Wirklichkeit. In nahezu allen Bereichen der All-
18 1. Ansätze

tagswelt orientieren und verständigen wir uns mit- sum der Natur- und Humanwissenschaften« ver-
hilfe von Erzählungen. Indem Erzählungen Ereig- standen hätten (White 1991, 15). Diese Annah-
nisse zu chronologischen und kausalen Abfolgen men seien im 20. Jh. u. a. von französischen und
verknüpfen, sind sie ebenso wie das Wissen durch anglo-amerikanischen Theoretikern problemati-
Synthese und Synopse geprägt. Erzählungen stif- siert worden. Hieran knüpft White bekanntlich an,
ten Orientierung und Überblick und können glei- wenn er den historischen Text als literarisches Ar-
chermaßen Antworten auf Fragen nach dem, was tefakt bezeichnet (vgl. White 1978) und darlegt,
in der Welt der Fall ist, und nach dem richtigen wie stark die Struktur des Erzählens auf die Sinn-
Verhalten oder Handeln bereithalten. Wissen stiftung auch im Rahmen der Präsentation von
kann in Erzählungen gesichert und kommuniziert historischem Wissen einwirkt. So findet der Histo-
werden. Andererseits verständigen wir uns mit- riograph sein Material in Form von Ereignissen,
hilfe von Erzählungen überhaupt erst darüber, was die er zunächst zu einer ›Chronik‹ zusammen-
als Gewusstes oder Wissenswertes zu gelten hat. stellt, der er dann eine Struktur (Anfang, Mitte,
Systematisch gewendet ließe sich das Verhältnis Ende) verleiht (›story‹). Der Sinn der Erzählung
von Erzählung und Wissen daher aus zwei Per- lasse sich, so White, aber erst erfassen, wenn man
spektiven in den Blick nehmen: Zum einen kann die Erklärung des Geschehens berücksichtige.
Wissen als Gegenstand der Erzählung fokussiert White macht drei Strategien aus, die Historiker
und danach gefragt werden, in welcher Art und einsetzen können, »um verschiedene Versionen
Weise Erzählungen bestimmte Wissensbestände des ›Anscheins einer Erklärung‹ zu erzeugen«
repräsentieren oder auf sie Bezug nehmen. Erzäh- (White 1991, 10): Neben der Erklärung durch for-
lungen wären in diesem Sinne ›Medien des Ge- male Schlussfolgerung (»argument«) und ideolo-
wussten‹, das sie speichern und zirkulieren lassen. gische Implikation sei insbesondere die Erklärung
Zum anderen können Erzählungen als ›Medien durch »emplotment« einschlägig. Bei letzterer
des Wissens‹ verstanden werden, weil sie Teil der Form finde sich der Sinn der Handlung in einem
Interaktion sind, in denen Individuen aushandeln, quasi archetypischen Handlungsschema, das der
was Wissen ist und was gewusst werden soll. Er- Erzählung zugrunde liege und das der Leser er-
zählungen können freilich in einer Art Metaper- kenne. Erst über das Handlungsschema kann die
spektive auch diese Aushandlungsprozesse selbst Erzählung Orientierung bieten und Handlungs-
zum Thema haben. Erzählungen haben folglich optionen eröffnen. Diese Handlungsschemata
eine fundamentale Bedeutung für die Zirkulation (White greift hier auf die Terminologie Northrop
und Produktion von Wissen und eröffnen Hand- Fryes zurück) sind (vgl. White 1991, 21 ff.): Ro-
lungsoptionen. manze (Erlösungsgeschichte, Selbstfindung des
Im Folgenden sollen einige Ansätze vorgestellt Helden, der Hindernisse überwindet), Satire (un-
werden, die den Zusammenhang zwischen Erzäh- ausweichliche Niederlage gegen böse Mächte, wid-
len und Wissen aus unterschiedlichem Blickwinkel rige Umstände, gesellschaftskritische Entlarvung),
fokussieren. Komödie (vorübergehende Versöhnung wider-
streitender Kräfte, temporärer Triumph des Hel-
den über seine Umwelt) und Tragödie (resignative
Theoretische Zugänge
Einsicht in Ursache von Konflikten, Vernichtung
Auch wenn Susanne Kaul darauf verweist, dass des Helden, wodurch diese Konflikte ansatzweise
schon Aristoteles die Dichtung als Form der Er- gelöst werden können). Mit diesen Handlungs-
kenntnis aufgefasst habe (vgl. Kaul 2011, 98), so schemata sind spezifische Muster verbunden: Ko-
wurde die Beschäftigung mit dem Zusammenhang mödie und Romanze betonen Veränderung und
von Erzählen und Wissen insbesondere in den Progress, Satire und Tragödie hingegen eher Dauer
1970er Jahren im Zuge der Diskussionen in der und Stabilität. Das zugrunde gelegte Handlungs-
Philosophie und in der Geschichtswissenschaft vi- schema bestimmt den Gang der Erzählung nach-
rulent. haltig: »Jede dieser archetypischen Handlungs-
Hayden White führt aus, dass die Geschichts- strukturen hat Folgen für die gedanklichen Opera-
theoretiker des 19. Jh.s »›historische Erkenntnis‹ tionen, mit denen der Historiker das ›tatsächliche
als ein markantes Denkverfahren und das ›histori- Geschehen‹ zu ›erklären‹ versucht« (White 1991,
sche Wissen‹ als eine autonome Sphäre im Univer- 25). Hervorzuheben ist also, dass die geschichts-
1.2 Erzählung 19

wissenschaftliche Darstellung White zufolge als cken in der konkreten Erzählung schließen helfen,
»Chronik« und »story« dem ›Wahrheitsanspruch‹ indem sie den prototypischen Ablauf einer be-
des historiographischen Erzählens verpflichtet stimmten Ereigniskette zur Verfügung stellen (vgl.
bleibt, auch wenn sie durch die Präsentation in Blume 2004, 48 ff.). In der Diskrepanz zwischen
Form eines archetypischen Erzählmusters dem dem vom script evozierten Handlungsablauf und
Ganzen einen Sinn verleiht. Der narrativen Ausge- dem sprachlich konkret ausgestalteten lässt sich
staltung der Erzählung kommt in diesem Ver- das fassen, was im Sinne der ›tellability‹ (vgl. Ba-
ständnis eine wesentliche Rolle bei der Generie- roni 2009) oder ›Ereignishaftigkeit‹ (vgl. Schmid
rung von Wissen zu. 2008, 11 ff.) eine Begebenheit recht eigentlich erst
Louis O. Mink schlägt ausgehend von der Ana- erzählenswert macht.
lyse historiographischer Erzählungen einen Bogen Auch David Herman legt seinen Überlegungen
zu kognitionstheoretischen Überlegungen. Er geht die Idee zugrunde, dass wir aus den Informationen,
davon aus, dass Erzählungen einen Zusammen- die wir aus Erzählungen ziehen, ein mentales Mo-
hang zwischen Ereignissen herstellen können, der dell bilden, in dessen Rahmen wir die Geschichte
von theoretischen Erklärungen nicht erfasst werde. erst verstehen. Dabei stehen die mentalen Modelle,
Erzählen ist für ihn in jedem Fall ein Modus der die Herman ›storyworlds‹ nennt, und die Erzäh-
Erkenntnis: »narrative is a primary cognitive in- lungen in einem dialektischen Verhältnis: »Story-
strument« (Mink 1978, 131). Die Erzählung stehe worlds can be defined as the worlds evoked by nar-
zwischen der Erfahrung disparater Ereignisse in ratives; reciprocally, narratives can be defined as
ihrer konkreten Besonderheit und einem idealen blueprints for a specific mode of world-creation«
theoretischen Verständnis von Ereignissen, das je- (Herman 2009, 105). Die Aufgabe des Erzähltheo-
des einzelne in einem Set von Regeln und Generali- retikers definiert Herman daher konsequenter-
sierungen verorte: »between these extremes, narra- weise so: »to chart constraints on the variable pat-
tive is the form in which we make comprehensible terning of textual cues with the mental representa-
the many successive interrelationships that are tions that make up storyworlds«. (Herman 2002,
comprised by a career« (Mink 1978, 132). Dem Er- 12).
zählen kommt hier der Status eines originären Ver- Wenn Mink betont, dass unsere Lebenserfah-
stehenskonzepts zu. rungen nicht notwendigerweise eine narrative
Indem Mink auf die konzeptuellen Vorausset- Form hätten, sondern nur, wenn wir sie zum Ge-
zung jeder Erzählung verweist, das »conceptual genstand von Geschichten machten (vgl. Mink
scheme« (Mink 1978, 133), das notwendig sei, um 1978, 133), dann reißt er einen Zusammenhang an,
eine Geschichte zu verstehen, ruft er einen Gedan- der in der Philosophie kontrovers diskutiert wird.
ken auf, mit dem sich eingehend die kognitionswis- Auf der einen Seite wird Erzählen als nachholende
senschaftliche Erzählforschung insbesondere seit Fixierung des Nicht-Narrativen (Handeln) verstan-
den 1990er Jahren befasst. Demzufolge ist das Ver- den, auf der anderen Seite die Position vertreten,
stehen narrativer Texte eine Kombination von ›bot- jedes konkrete Handeln weise narrative Strukturen
tom up‹- und ›top down‹-Prozessen: Einerseits ver- auf. Wir setzten, so die Prämisse, in unserem Leben
arbeite der Leser konkrete Textinformationen, um immer narrative Strukturen um und deuteten
die erzählte Welt aufzubauen (›bottom up‹), er be- Handlungen mithilfe dieser Erzählstrukturen (vgl.
diene sich gleichzeitig andererseits zur Verarbei- MacIntyre 1995). Auch Paul Ricœur geht in seiner
tung der Informationen abstrakter Schemata (›top großangelegten Studie zu Zeit und Erzählung da-
down‹). Die Schemata würden u. a. in Form von von aus, dass wir unsere Erlebnisse in Form von
›scripts‹ gespeichert: »A script is a predetermined, Geschichten verarbeiten. Diese definiert er als
stereotyped sequence of actions that define a well- »Synthesis des Heterogenen«, in der »die vielfälti-
known situation. A script is, in effect, a very boring gen, zerstreuten Ereignisse [ …] zu einer umfassen-
little story« (Schank/Abelson 1977, 422). Diese den, vollständigen Geschichte ›zusammengefaßt‹
kleinen Geschichten, die als mentale Repräsenta- und integriert« werden (Ricœur 1988, 7 f.). Diese
tion typischer, wiederkehrender Ereignisfolgen zu Zusammenfassung im Rahmen einer Geschichte
verstehen sind, dienen zur Orientierung im Alltag. bezeichnet Ricœur als »mimesis II« (Konfigura-
Andererseits sind sie für das Verständnis von (auch tion), der die Präfiguration (»mimesis I«), eine Art
literarischen) Erzählungen notwendig, weil sie Lü- grundlegendes Vorverständnis vorausgeht. Im
20 1. Ansätze

Rahmen der Lektüre eignet sich der Leser die Ge- Daneben finden sich eine Reihe solcher Genres,
schichte an (Refiguration, »mimesis III«). Aller- die sich unabhängig von der Thematisierung theo-
dings setzt für Ricœur bereits die Präfiguration retischen Wissens der schon oben aufgeworfenen
Narration voraus: »So gehört der Akt [ …] des Er- Fragen nach dem richtigen Handeln oder dem gu-
zählens zu den symbolischen Vermittlungen der ten Leben (mehr oder weniger explizit) anneh-
Handlung, die wir mit dem Vorverständnis des Be- men. Indem etwa (Auto-)Biographien den Einzel-
reichs des Narrativen in Beziehung setzten und der nen auch immer in seinem Mensch-Sein und
mimesis I unterstellten« (Ricœur 1989, 264, Her- Mensch-Werden zeigen, kommt ihnen eine anth-
vorh. im Orig.). Erzählen ist für Ricœur folglich ropologische Dimension zu: »Biographik akzentu-
Bedingung des lebensweltlichen Verständnisses iert den Einzelmenschen in seinen Voraussetzun-
und die Rezeption von Erzählungen ihrerseits gen (Menschenbild) und seiner Lebenspraxis«
Bedingung für unsere Selbsterkenntnis (vgl. Kaul (von Zimmermann 2009, 65). Biographisches
2011, 98). Das Wissen über die Welt, das die Schreiben oszilliert zwischen dem Allgemein-
Grundlage des alltäglichen Handelns bildet, ist Menschlichen und dem Indviduell-Besonderen,
in  dieser Perspektive notwendigerweise narrativ zwischen Distanz und Identifikation, zwischen
strukturiert. Nur weil wir spezifische Erzählungen Authentizität und Inszenierung. Die historisch
kennen und erzählen können, sind wir in der Lage, spezifischen Ausprägungen der Biographik pen-
mit anderen zu interagieren. deln dabei seit jeher zwischen zwei Polen: Diffe-
renz einerseits und Anschlussfähigkeit anderer-
seits. Die Darstellung des anderen Lebens fordert
Wissen und literarische Erzähltexte
den Leser zum Abgleich mit dem eigenen Leben
Literarische Erzähltexte setzen sich stets mit Wis- auf. So wird ihm eine Geschichte präsentiert, die
sensbeständen auseinander  – sie speichern und es ermöglicht, sich in den geschichtlichen Hori-
transportieren Erkenntnisse, sie reflektieren den zont hineinzutasten. Biographien scheinen Ant-
Umgang mit Wissen oder spielen mit ihm. Insofern worten auf die Frage nach dem ›guten Leben‹ zu
werden literarische Texte auch als »Erkenntnisfor- versprechen: wie es aussieht, welcher Weg dorthin
mationen« bezeichnet (Klausnitzer 2008, 210 ff.). führt und welcher gerade nicht. Indem Biogra-
Historisch ausgerichtete literaturwissenschaftliche phien Informationen kontextualisieren und Kau-
Forschungen zum Thema nehmen sich daher der salitäten aufzeigen, präsentieren sie das, was man
Frage an, inwieweit und in welcher Art Erzähllite- emphatischerweise den ›Sinn des Lebens‹ nennen
ratur zu bestimmten Zeiten »in die Prozesse der könnte (vgl. Klein 2002).
Pluralisierung von Wissensbeständen und episte- Indem fiktionale Erzählliteratur vorbildhafte
mischen Ordnungen verstrickt ist« (Kellner/Mül- Lebenswege und Handlungsweisen präsentiert,
ler/Strohschneider 2011, 1). Es finden sich ferner lädt sie zur Identifikation und Nachahmung ein,
Studien, die die Entwicklung verschiedener For- stellt misslungene Identitätssuchen dar oder pro-
men literarischen Erzählens in Korrelation zu spe- blematisiert gängige Identitätsmuster und fordert
zifischen Erweiterungen oder Änderungen von zur kritischen Reflexion auf, wobei die Lektüre in
Wissensbeständen erklären. So macht Hartmut einer Neuausrichtung des eigenen Handelns mün-
Steinecke angesichts der Paradigmenwechsel seit den kann. Auf diese Weise ist fiktionale Erzähllite-
dem späten 19. Jh. unter Rückgriff auf einen Termi- ratur gleichermaßen als Medium des Gewussten
nus von Hermann Broch einen spezifisch moder- wie des Wissens zu betrachten. Besondere Bedeu-
nen Romantypus aus, den er polyhistorisch nennt: tung kommt in diesem Kontext dem Bildungs-
»[D]er polyhistorische Roman will Spiegel und bzw. Entwicklungsroman zu. Folgt man Norbert
Deutung seiner Epoche sein, indem er mit starker Ratz, dann ist es ausschließlich die Identitätspro-
Tendenz zur Verwissenschaftlichung, ihr Wesen in blematik, die das Gemeinsame der verschiedenen
einer Totalität der Stoffe bei Vermischung aller (ansonsten sehr unterschiedlichen) Entwicklungs-
dichterischen Formen in einer rationalen Gesamt- bzw. Bildungsromane ausmacht. Vor diesem Hin-
architektonik zu erfassen sucht« (Steinecke 1968, tergrund spricht Ratz auch vom »Identitätsroman«
10, Hervorh. im Orig.). Stellvertretend stünden für und konstatiert einen »modellhaften Zusammen-
diesen Typ die Romane von Proust, Joyce, Thomas hang« zwischen »der realen, außerliterarischen
Mann oder eben Hermann Broch. selbstreflexiven Identitätsarbeit während einer be-
1.3 Metapher 21

stimmten Lebensphase (Adoleszenz) und der Er- schen Erzählens«. In: Dies. (Hg.): Wirklichkeitserzäh-
zählstruktur des Identitätsromans« (Ratz 1988, 8). lungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literari-
Festzuhalten bleibt, dass der Zusammenhang von schen Erzählens. Stuttgart/Weimar 2009, 1–13.
Köppe, Tilmann: Literatur und Erkenntnis. Studien zur
Erzählen und Wissen ausgesprochen vielschichtig kognitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke.
ist. Wissen wird im Rahmen mentaler Repräsentati- Paderborn 2008.
onen in Form von Erzählungen gespeichert und Martínez, Matías: »Erzählen«. In: Ders. (Hg.): Handbuch
gleichzeitig verstehen wir Erzählungen nur vor dem Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart/
Hintergrund spezifischen Wissens adäquat. Erzähl- Weimar 2011, 1–12.
texte speichern ihrerseits (theoretisches oder prakti- Mink, Louis O.: »Narrative form as a cognitive instru-
ment«. In: Robert H. Canary/Henry Kozicki (Hg.): The
sches) Wissen und lassen dieses zirkulieren. Wir
Writing of History: Literary Form and Historical Under-
richten unser Handeln nicht zuletzt anhand von Er- standing. Wisconsin 1978, 129–149.
zählungen aus, weil diese uns positive oder negative Ratz, Norbert: Der Identitätsroman. Eine Strukturanalyse.
Beispiele präsentieren und wir bilden unser Wissen Tübingen 1988.
von uns selbst in Auseinandersetzung mit Erzählun- Ricœur, Paul: Zeit und Erzählung. Bd. I: Zeit und histori-
gen aus. Erzählen stiftet Wissen, indem etwa der sche Erzählung. München 1988 (frz. 1983).
narrative Akt Zusammenhänge aufzeigt und bei Ricœur, Paul: Zeit und Erzählung. Bd. II: Zeit und literari-
sche Erzählung. München 1989 (frz. 1984).
Produzent und Rezipient zu neuen Erkenntnissen Schank, Roger/Abelson, Robert P.: Scripts, plans, goals
führt. Die Verbindungen zwischen Erzählen und and understanding: An inquiry into human knowledge
Wissen in einer systematischen Perspektive in den structures. Hillsdale 1977.
Blick zu nehmen und im Einzelnen nachzuzeich- Schmid, Wolf: Elemente der Narratologie. Berlin/New
nen, ist Aufgabe künftiger Forschungen. York 22008.
Stehr, Nico: »Moderne Wissensgesellschaften«. In: Aus
Politik und Zeitgeschichte, B 36/2001, 7–14.
Literatur Steinecke, Hartmut: Hermann Broch und der polyhistori-
sche Roman. Studien zur Theorie und Technik eines Ro-
MacIntyre, Alasdair: Der Verlust der Tugend. Zur morali- mantyps der Moderne. Bonn 1968.
schen Krise der Gegenwart. Frankfurt a. M. 1995. White, Hayden: »The historical text as literary artifact«.
Baroni, Raphaël: »Tellability«. In: Peter Hühn u. a. (Hg.): In: Robert H. Canary/Henry Kozicki (Hg.): The Wri-
Handbook of Narratology Berlin/New York 2009, 447– ting of History: Literary Form and Historical Understan-
454. ding. Madison 1978, 41–62.
Blume, Peter: Fiktion und Weltwissen. Der Beitrag nicht- White, Hayden: Metahistory. Die historische Einbildungs-
fiktionaler Konzepte zur Sinnkonstitution fiktionaler kraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt a. M.
Erzählliteratur. Berlin 2004. 1991 (engl. 1973).
Gloy, Karen: Einführung: »Die verschiedenen Wissensty- Zimmermann, Christian von: »Biographie und Anthro-
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sen – Information Göttingen 2005, 7–19. phie. Methoden  – Traditionen  – Theorien. Stuttgart/
Herman, David: Story Logic. Problems and Possibilities of Weimar 2009, 61–70.
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Herman, David: Basic Elements of Narrative. Malden, MA
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Kaul, Susanne: »Erzählen als Erkenntnisform«. In: Matías
Martínez (Hg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, 1.3 Metapher
Analyse, Geschichte. Stuttgart/Weimar 2011, 97–102.
Kellner, Beate/Müller, Jan-Dirk/Strohschneier, Peter:
»Einleitung der Herausgeber: Erzählen und Episteme«.
In: Dies. (Hg.): Erzählen und Episteme. Literatur im 16. In der zweiten Hälfte des 20. Jh.s erlebte die Be-
Jahrhundert Berlin/New York 2011, 1–19. schäftigung mit der Metapher eine Konjunktur.
Klausnitzer, Ralf: Literatur und Wissen. Zugänge  – Mo- Insbesondere die Rolle von Metaphern in den Wis-
delle – Analysen. Berlin 2008. senschaften und, allgemeiner, in wissens- oder er-
Klein, Christian: »Einleitung: Biographik zwischen kenntniskonstituierenden Prozessen geriet dabei in
Theorie und Praxis. Versuch einer Bestandsauf- den Mittelpunkt des Interesses. Diese Dynamik im
nahme«. In: Ders. (Hg.): Grundlagen der Biographik.
Feld zumeist divergierender Metapherntheorien ist
Theorie und Praxis biographischen Schreibens. Stutt-
gart/Weimar 2002, 1–22. bis heute erhalten. In ihr zeigen sich jedoch auch
Klein, Christian/Martínez, Matías: »Wirklichkeitserzäh- grundlegende Differenzen in der Positionierung
lungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literari- der Metapher, je nachdem ob die Metapher als pri-
22 1. Ansätze

mär erkenntnistheoretisches, ästhetisches, oder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf
rhetorisches Phänomen begriffen wird und je die Gattung oder von einer Art auf eine andere
nachdem ob sie aus vorrangig philosophischem, oder durch Analogie« (Aristoteles 1972, 85). In der
sprachwissenschaftlichem, literaturtheoretischem, antiken Grundlegung der Metapherntheorie wird
(wissens-)poetologischem oder kulturwissen- bereits ein weiterer Aspekt deutlich: Über Meta-
schaftlichem Interesse behandelt wird. Bereits 1983 phern zu sprechen ist kaum möglich ohne die Ver-
formulierte Anselm Haverkamp: »Es gibt keine wendung weiterer Metaphern (Kohl 2007, 2). Das
einheitliche Metaphernforschung und eine Theorie »Paradigma der Übertragung« (Haverkamp 2007,
der Metapher nur als Sammelnamen konkurrie- 26) hat sich als die wohl dauerhafteste Rahmung
render Ansätze« (Haverkamp 1983, 2) Ähnlich des Phänomens erwiesen, auch wenn die Implika-
führt Katrin Kohl noch 2007 aus: »Im Laufe des tion einer Differenz von ›eigentlicher‹ bzw. ›unei-
20. Jh.s stellt sich zunehmend die Frage, was mit gentlicher‹ Bedeutung spätestens in den Ansätze
dem Terminus ›Metapher‹ eigentlich bezeichnet des 20. Jh.s fragwürdig geworden ist. Quintilian
ist: ein technisches Merkmal des sprachlichen Aus- (35–96 n. Chr.), der die Metapher auch als einen
drucks, ein klar definierbares semantisches Phäno- verkürzten Vergleich bezeichnete, legte die Basis
men oder ein komplexer, mit anderen mentalen für die abendländische Rhetorik der Metapher: Als
Vorgängen zusammenhängender Prozess. Dabei ist eine »Redeweise, die von ihrer natürlichen und ur-
die Antwort meist abhängig von dem jeweiligen sprünglichen Bedeutung auf eine andere übertra-
disziplinären Interesse an der Beziehung zwischen gen ist, um der Rede zum Schmuck zu dienen«
Denken und Sprache« (Kohl 2007, 1). Nicht zuletzt (Kohl 2007, 8) wird die Metapher bei ihm zum Pro-
zeigt sich eine unterschiedliche Akzentuierung in totypus der Tropen. War die Metapher bis ins
der englischsprachigen und der deutschsprachigen 17. Jh. Element der Rhetorik und Poetik, setzte mit
Literatur zur Metapher. So hebt Rüdiger Zill her- der Entstehung der Ästhetik als Lehre von dem
vor, dass wir keinesfalls ein »homogenes For- sinnlichen Wahrnehmungsvermögen im 18. Jh.
schungsfeld« vorfinden, sondern »lange Zeit [ …] eine Ästhetisierung der Metapher ein. Wie Stefan
gerade die nationalen Traditionen relativ stark ab- Willer im historischen Wörterbuch »Ästhetischer
geschottet gewesen sind« (Zill 2008, 48). Das viel- Grundbegriffe« ausführlich nachzeichnet, wurde
fältige Interesse an der Metapher sowohl in syste- in diesem Prozess die Qualität des Anschaulichen,
matischer als auch in historischer Absicht besteht die bereits in der rhetorischen Tradition mit der
ungebrochen, was sich an der Fülle der grundle- Metapher verbunden war, zu einem konstitutiven
genden Überblicksliteratur zeigt, die insbesondere Element im Verständnis der Metapher. »Erst im
im letzten Jahrzehnt veröffentlicht wurde (vgl. Kö- Zusammenhang des neuen ästhetischen Paradig-
vecses 2002; Cohen 2003; Willer 2005; Rolf 2005; mas« habe »das Argument der Anschaulichkeit
Kohl 2007; Danneberg et al 2009; Haverkamp/ systematisch mit dem des Bildes verknüpft werden
Mende 2009). [können] [ …]. Einbildungskraft und Imagination
sind Konzepte von Metaphorik als Bildlichkeit«
(Willer 2005, 110). Neben dem Problem der lexika-
Das Paradigma der Übertragung
lischen Unterscheidung von ›Wort‹ und ›Meta-
Die metapherntheoretische Dynamik in der zwei- pher‹, das bereits in der rhetorisch-grammatischen
ten Hälfte des 20. Jh.s muss vor dem Hintergrund Tradition aufgeworfen wurde (und das als proble-
einer über 2000-jährigen Geschichte des Phäno- matische Abgrenzung von Metapher und Begriff
mens begriffen werden. Seit der Poetik des Aristo- eine zentrale Dimension jeglicher Diskussion bis
teles gehört die Metapher zum Bestand abendlän- heute darstellt), entstand damit eine weitere pro-
dischen Philosophierens. Die Theorie der »Meta- blematische Relation, die ebenfalls bis in heutige
pher« beginnt selbst als metaphorischer Akt, Positionen nachwirkt: der oftmals implizierte Be-
bestimmte Aristoteles die ›Metapher‹ doch also als zug der Metapher zum Visuellen und Bildhaften
einen sprachlichen Akt des ›Hinübertragens‹ mit- allgemein. Explizit von »Visual Metaphors« sprach
tels der metaphorischer Verwendung des griechi- beispielsweise der Philosoph Virgil Aldrich 1968.
schen Wortes ›metaphora‹/Übertragung: Als Meta- Mit seiner Betonung, dass das Charakteristikum
pher bezeichnete er die Ȇbertragung eines Worts, der Metapher darin liegt, einen Bereich A als B
das eigentlich eine andere Bedeutung hat, entweder wahrzunehmen, bestimmte er die Metapher nicht
1.3 Metapher 23

primär als linguistisches Phänomen, sondern als sprachlichen Funktionsweise der Metapher, son-
ein »metaphorisches Sehen« (Aldrich 1968, 74), dern insbesondere auch die Auseinandersetzung
was auch als ein Vorgriff auf spätere kognitivisti- um die Rolle von metaphorischer Redeweisen in
sche Ansätze (s. u.) gedeutet werden kann. Etwa den (Natur-) Wissenschaften eine Neuausrichtung,
zeitgleich, gleichwohl aus einer textgrammatischen die seitdem einen kaum zu überschätzenden Ein-
und literaturwissenschaftlichen Perspektive, die fluss auf wissenschaftstheoretische, -historische
sich mit der Spannung der poetischen Metapher und kulturwissenschaftliche Diskussionen ausge-
beschäftigte und weniger mit grundlegend er- übt hat. Beide Autoren legen den produktiven Ein-
kenntnistheoretischen Fragen, führte Harald fluss metaphorischer Sprache im Erkenntnispro-
Weinrich die Termini »Bildspender und Bildemp- zess dar und verhandeln Metaphern im weiteren
fänger« ein, um das metaphorischen Phänomen Kontext des Gebrauchs von Analogien und Model-
als  »Kopplung zweier sprachlicher Sinnbezirke« len in den Wissenschaften. Im Mittelpunkt ihres
zu  beschreiben (Weinrich 1976, 283 f.). Seine Verständnis der Metapher steht die Ähnlichkeits-
»Bildfeldtheorie« war insbesondere in der deutsch- beziehung, die jedoch  – und hier unterscheiden
sprachigen Debatte überaus einflussreich. Auch in sich beide von Vertretern der sogenannten »Ver-
heutigen Positionen wird eine Nähe der Metapher gleichstheorie«  – nicht dem metaphorischen Akt
zu einem  – gleichwohl abbildkritischen  – Bildbe- vorausgeht, sondern durch diesen erst konstituiert
griff konstatiert (Konersmann 2007, 14–15). Je- wird. Blacks »Interaktionstheorie« bricht mit der
doch wird in jüngster Zeit auch erneut wieder Kri- Sicht, dass die Metapher auf der Wortebene ange-
tik an der unreflektierte Annahme, dass Meta- siedelt (und als Ersetzung eines Ausdrucks durch
phern ›irgendwie‹ auch Sprachbilder seien, eine metaphorische Umschreibung, d. h. eines
geäußert. So bemängelt Petra Gehring die Be- Wortes in uneigentlicher Bedeutung) zu verstehen
schränkung der »metaphorischen Übertragung auf sei. Stattdessen betont Black, dass es sich bei der
eine bildliche oder bildanaloge Semantizität« Metapher um den Zusammenschluss von zwei in-
(Gehring 2009, 99) als zu eng und sie verweist auf teragierenden semantischen Feldern handelt. Die
die oftmals diffus mitschwingende naive Bildonto- zwei »systems of associated commonplaces«, die
logie entsprechender Positionen. im metaphorischen Akt zusammentreffen, etwa
Bereits bei Friedrich Nietzsche findet sich die die Bedeutungsebenen, die im allgemeinen Ver-
Gleichsetzung des Metaphorischen mit dem Bild- ständnis mit solchen Wörtern wie »Wolf« und
lichen, wenn er die Metaphernwelt als aus dem »Mensch« assoziiert werden, treten in der Meta-
»Urvermögen menschlicher Phantasie hervor- pher: »Der Mensch ist ein Wolf« in gegenseitige
strömend(e) Bildermasse« (Nietzsche 1873, 883) semantische Wechselwirkung und führen zu
beschreibt. An Nietzsches Betonung, dass es »keine wechselseitigen Neuperspektivierungen. Erst diese
›eigentlichen‹ Ausdrücke und kein eigentliches Er- Interaktion der Metaphernglieder bringt die (da-
kennen ohne Metaphern« (Nietzsche 1872/1873, durch notwendigerweise immer kontextabhän-
491) gebe, verdeutlicht sich, dass im Zuge der diszi- gige) Bedeutung der Metapher hervor. Black hatte
plinären Ausdifferenzierung von Wissensberei- schon in seiner systematischen Neubestimmung
chen und insbesondere der Trennung von Wissen der Metapher die Verwendung von literarischen
und Poesie die epistemologische Fragen zur Funk- Metaphern mit der Bildung von Analogien und
tion und Abgrenzung von Metapher und Begriff in Modellen in den Naturwissenschaften verglichen.
Wissenschaft und Philosophie bereits im 19. Jh. vi- Hesse radikalisierte diesen Ansatz, indem sie die
rulent wurden. konstitutive Funktion von Metaphern für natur-
Im 20. Jh. wird die Frage nach der epistemologi- wissenschaftliche Theoriebildung hervorhob und
schen Funktion von Metaphorik dann zu einem in einigen Fällen die theoretische Erklärung als
der wesentlichen Felder, wenn nicht gar zum »metaphorical redescription« (Hesse 1966, 157)
›Kampfplatz‹, in der theoretischen Auseinander- neu definierte. Die Interaktionstheorie von Black
setzung um die Metapher. Richtungweisende Texte weiterführend sieht Hesse das heuristische Poten-
kamen hierbei zunächst aus der analytischen Phi- tial der Metapher in naturwissenschaftlichen For-
losophie (Cohen 2003, 366): Mit den klassischen schungszusammenhängen darin, dass ein Explan-
Theorien von Max Black und Mary Hesse (Black andum durch die Beschreibung in einer neuen, zu-
1962; Hesse 1966) erfuhr nicht nur die Analyse der nächst metaphorisch verwendeten Begrifflichkeit
24 1. Ansätze

erfasst wird. Die metaphorische Neubeschreibung phorologischen Abhandlungen zwei Typen von
bringt einen Perspektivenwechsel mit sich, der sich Metaphorik: während »relative« Metaphern zu ei-
produktiv auf die Forschung auswirkt, weil sich die ner solchen Gruppe von Metaphern gehören, die er
vorgeschlagenen Analogiebeziehungen im Verlauf als »Restbestände« ansieht, bzw. im Vorfeld der Be-
der Forschung als zutreffend oder nicht zutreffend griffsbildung ansiedelt, sind »absolute Metaphern«
herausstellen müssen. Der verbreiteten Annahme, für ihn »Grundbestände der philosophischen Spra-
die Metapher sei ein zu vermeidendes Übel oder che [ …] Übertragungen, die sich nicht ins Eigent-
bestenfalls ein didaktisches Hilfsmittel, setzte liche, in die Logizität zurückholen lassen« (Blu-
Hesse die Rationalität der metaphorischen Kreati- menberg 1960/1999, 10). Erstere können noch, in
vität entgegen: »rationality consists just in the con- Abgrenzung vom Begriff, als eine Art metaphori-
tinous adaptation of our language to our continu- sches Hilfsmittel zur Begriffsbildung verstanden
ally expanding world, and metaphor is one of the werden; mit letzteren hingegen ist ein irreduzibel
chief means by which this is accomplished« (Hesse metaphorisches Verständnis von Welt angespro-
1966, 176/177). Eine Reihe renommierter Autoren, chen, das jeder begrifflichen Erfassung von Welt
von Nelson Goodman über John Searle, Thomas vorgängig ist. Solche absoluten Metaphern (etwa
Kuhn, Richard Boyd bis hin zu Donald Davidson die »Lesbarkeit der Welt« (Blumenberg 1983) ha-
beschäftigten sich in der Folgezeit mit dem Phäno- ben Blumenberg zufolge eine Geschichtlichkeit in
men der Metapher (vgl. z. B. Ortony 1979), wobei einem viel radikaleren Sinne als Begriffe. In ihnen
zumeist die systematischen Aspekte der Metapher manifestieren sich historisch-kulturelle Sinnerwar-
im Fokus standen. tungen auf spezifische Weise. Als Erwartungshori-
Während sich die englischsprachige Diskussion zonte vermitteln sie historisch spezifische Orien-
der 1960er und 1970er Jahre im Feld sprachanalyti- tierungen in der Welt: »Ihr Gehalt bestimmt als
scher und wissenschaftstheoretischer Problemstel- Anhalt von Orientierung ein Verhalten, sie geben
lungen bewegte und auf eine systematische Klä- einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahr-
rung des Phänomens richtete, stellte sich der Kon- bare, nicht übersehbare Ganze der Realität« (Blu-
text der deutschsprachigen Debatte anders dar: menberg 1960/1999, 25). Aktuell erfährt Blumen-
hier sind es vor allem hermeneutische, literaturthe- bergs Metaphorologie eine ungeahnte Renaissance,
oretische und philosophiehistorische Fragen, die z. B. in Form des »Wörterbuchs der philosophi-
die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der schen Metaphern« (Konersmann 2007b). Neben
Metapher prägten, ähnlich wie auch in der franzö- den anthropologischen und lebenswelthermeneu-
sischen Diskussion, wo neben einem strukturalisti- tischen Aspekten der Metaphorologie (Stoellger
schen Metaphernparadigma (vgl. Haverkamp 2000) wird in der neueren Forschungsliteratur
1983) ebenfalls hermeneutische Ansätze zu finden auch ihre Anschlussfähigkeit zur archäologischen
sind, prominent etwa in Paul Ricœurs Diskussion Diskursanalyse hervorgehoben (Mende 2009).
der »Metapher als Hauptproblem der Hermeneu- Ein gänzlich anderer Zugang zum Phänomen
tik« (Ricœur (1975)/1986; Ricœur 1983). der Metapher wurde in den 1980er Jahren mit
Etwa zeitgleich, jedoch unabhängig von den ers- George Lakoff und Mark Johnsons Metaphors we
ten Veröffentlichungen von Max Black entwickelte live by (1980) eröffnet – ein Buch, das einen kaum
Hans Blumenberg seine Paradigmen zu einer Meta- zu überschätzenden Einfluss auf die Entwicklung
phorologie (1960), die aus einer »begriffsgeschicht- von kognitionswissenschaftlichen Metapherntheo-
lichen Verlegenheit« (Haverkamp 2009,238) heraus rien ausübte. Das Paradigma der metaphorischen
entstanden. Inwieweit Blumenberg selbst jedoch Übertragung erfährt hier eine Wendung zum uni-
seine Metaphorologie explizit in Abgrenzung oder versalen Denkwerkzeug. Die Metapher wird nicht
gar als ›Gegenprojekt‹ zu den begriffshistorischen mehr vorrangig als ein sprachliches, sondern als
Projekten seiner Zeit sah (Haverkamp 2009, 239) ein primär mentales, kognitives Phänomen begrif-
oder sie lediglich als eine Ergänzung betrachtet fen, mittels dessen wir uns grundlegend in der Welt
wissen wollte (Gabriel 2009, 66–72), ist  – wie die zurechtfinden (vgl. Kövecses 2002, Jäkel 2003,
gegenwärtig kontroverse Forschungsdiskussion Goschler 2008, Junge 2010). Eine der Grundthesen
zeigt – keineswegs eindeutig. Ist der späte Blumen- zufolge, bestehen konzeptuelle Metaphern »in der
berg vor allem als Theoretiker der ›Unbegrifflich- systematischen Verbindung zwischen zwei ver-
keit‹ bekannt, unterscheidet er in den frühen meta- schiedenen konzeptuellen Domänen, von denen
1.3 Metapher 25

die eine als Zielbereich (X) und die andere als Ur- matenmotivs zwischen Literatur und Wissenschaft
sprungsbereich (Y) der metaphorischen Übertra- bzw. das kutlurhistorisch weit zurückreichende
gung fungiert. Auf diese Weise wird X als Y ver- Feld der Organismus-Maschinen Metaphorik.
standen, die eine konzeptuelle Domäne durch Die neuere Literatur, die sich mit der epistemi-
Rückgriff auf einen anderen Erfahrungsbereich schen Funktion der Metapher in den Wissenschaf-
kognitiv verfügbar gemacht« (Jäkel 2003, 40). Kog- ten beschäftigt, fokussiert auf die Metapher als
nitive Metapherntheorien haben sich an der inter- Element der Innovation (Danneberg u. a. 1995):
disziplinären Schnittstelle von (englischsprachiger) Metaphorische Umschreibungen können, so die
Linguistik, Philosophie und Neurowissenschaften weitverbreitete Sichtweise, dazu beitragen, neue
entwickelt, sie gewinnen jedoch auch immer mehr Forschungsperspektiven zu eröffnen. Die heuristi-
Einfluss im sogenannten Feld der »Cognitive Poe- sche Funktion der Metapher liegt darin begründet,
tics« (vgl. Eder 2007). dass sie, oft aufgrund ihres anschaulichen Gehalts,
neue Phänomene erschließen und neue Modellbil-
dungen vorantreiben kann. Gerade durch ihre Un-
Metapher und Wissen: Problemlagen
schärfe bzw. den semantischen Sinnüberschüssen,
War die Auseinandersetzung mit der Metapher im welche die metaphorische Redeweise produziert,
(natur-)wissenschaftlichen Kontext in den 1960er kann sie ein kreatives Potential auch in den Wis-
und 1970er Jahren vor allem wissenschaftstheore- senschaften entwickeln, dass nicht lediglich didak-
tisch orientiert, wurden in den letzten Jahrzehnten tische Funktion im Feld der populären Wissensver-
methodologische Anschlussstellen zu weiteren Fel- mittlung hat, sondern auch den epistemischen
dern gesucht, insbesondere zur (historischen) Dis- Kern wissenschaftlicher Tätigkeiten betrifft. Oft
kursanalyse, zu einer kultur- und literaturwissen- wird in der Literatur jedoch dieses heuristische Po-
schaftlich orientierten Wissensgeschichte und zu tential der Metapher vor allem auf eine anfängliche
einer praxeologisch orientierten historischen Epis- Phase in der Forschung bzw. Theoriebildung be-
temologie. schränkt, der eine Phase der begrifflichen Konsoli-
Die diskursformierende Funktion von Meta- dierung folge. Die bereits durch Black und Hesse
phern ist sowohl in sozialwissenschaftlichen als aufgeworfenen Fragestellungen bleiben auch in der
auch literaturwissenschaftlichen Ansätzen in den gegenwärtigen Forschung durchaus aktuell: So
Mittelpunkt gestellt worden: Sabine Maasen und wird die Frage nach der Abgrenzung von Meta-
Peter Weingart sehen die Metapher als »outstan- phern, Modellen und Analogien in der wissen-
ding movers of discourses and consequently as tar- schaftshistorischen und wissenschaftstheoreti-
gets and tools of discourse analysis. [ …]. The in- schen Auseinandersetzung weiterhin am histori-
tention is to separate the use of metaphor from its schen Detail diskutiert (vgl. Hentschel 2010).
mainly linguistic and philosophical contexts and to Dementsprechend sind die meisten Metaphern-
›sociologize it‹« (Maasen/Weingart 2000, 21). Aus theorien heutzutage, wie der Historiker Philip Sa-
eher literaturwissenschaftlicher Perspektive be- rasin betont, zwar »(w)eit entfernt davon, in Meta-
schreibt James Bono die Metapher als »medium of phern noch länger gefährliche Verunreinigungen
exchange« – sie ermögliche den innerwissenschaft- zu sehen« (Sarasin 2003, 212). Vielmehr würden
lichen Austausch von Bedeutungen ebenso wie den diese oft als »freundlich(e) Werkzeug(e) der Er-
diskursiven Austausch zwischen Wissenschaften kenntnis«, die man »reflektieren« und damit kon-
und Öffentlichkeit (Bono 1990). Als »Transfervehi- trollieren könne, angesehen (ebd.). Dieser verbrei-
kel« von Bedeutungen über verschiedene Wissens- teten (und letztlich noch als positivistisch aufge-
felder und -kulturen hinweg, können Metaphern fassten) Sichtweise hält Sarasin jedoch entgegen,
konstitutiv für die Entstehung neuer Diskurs- dass Metaphern in den Wissenschaften, ähnlich
formationen sein und als eine Art ›Scharnier‹ wie in der Poesie, keine »bewusst einsetzbare(n)
zwischen Diskursen fungieren, etwa zwischen Erkenntniswerkzeuge« sind (Sarasin 2003, 214),
literarischen und wissenschaftlichen. Prominente sondern Teil von unkontrollierbaren Bedeutungs-
Beispiele hierfür sind evolutionstheoretische Meta- effekten: »›Wahrheit‹ oder auch nur ›Angemessen-
phern in der Viktorianischen Literatur (Beer 2000), heit‹ ist kein Kriterium, an Hand dessen sich die
die (chemische) Metapher der »Wahlverwandt- Wirkungsweisen von Metaphern beurteilen lassen.
schaft« bei Goethe oder die Zirkulation des Auto- Weil metaphorische Prozesse unausweichlich ›ge-
26 1. Ansätze

schehen‹, stellt sich einzig die Frage, wie man die und wissenschaftlichen Metaphern, die bereits in
Bedeutungseffekt dieser Prozesse dekodiert« (Sa- den Auseinandersetzungen der 1960er und 1970er
rasin 2003, 215). An die Frage nach den produ- Jahre ein vieldiskutiertes Problem war, aus einer
zierten Bedeutungseffekten schließen auch neuere neuen Perspektive aufgeworfen. Einer verbreiteten
kulturwissenschaftliche Positionen an. In gegen- Sichtweise zufolge erzeugt die poetische Metapher
wärtigen begriffshistorischen Debatten wird die einen Überraschungseffekt und erhöht Komplexi-
Metapher nicht mehr, wie Eva Johach jüngst her- tät, während die wissenschaftliche Metapher darauf
vorgehoben hat, aus dem Paradigma der Übertra- angelegt sei, etwas Unbekanntes vertraut zu ma-
gung heraus als eine primär »dichotomische Grund- chen und Komplexität zu reduzieren (Leatherdale
struktur« (Johach 2011, 86) begriffen. Vielmehr 1974, 207). Ganz ähnlich argumentierte jüngst
wird »die Wirkungsweise von Metaphern aus dem Gottfried Gabriel, dass das Vorkommen von Meta-
Zirkulationsbegriff heraus entwickelt« (Johach phern in Poesie und Philosophie noch nichts dar-
ebd.) und die »Nicht-Abschließbarkeit der Dis- über aussage, dass sie in beiden Feldern auch die-
kurse« (ebd., 83) herausgestellt, womit sich Schnitt- selbe Funktion haben. »Die poetische Metapher
stellen der Metapher zu Konzepten von »unschar- bereichert eine Darstellung, die philosophische er-
fen Begriffen« (Löwy 1994), Blumenbergs Theorie möglicht eine Unterscheidung. Poetisch Meta-
der Unbegrifflichkeit oder Ludwik Flecks Analysen phern sind Väter des Überflusses (sie setzen Kon-
von Begriffszirkulationen und Denkstilen eröffnen. notationen frei); philosophische Metaphern aber
In einer auf die Praktiken der Wissenskonstitu- sind Kinder des Mangels. Sie werden aus Aus-
tion ausgerichteten Analyse wird schließlich die drucksnot geboten, (sie bedürfen der Konnotation,
Frage nach dem Verhältnis von Metaphern, Expe- um eine Unterscheidung möglich zu machen.)«
riment und Wissensobjekten aufgeworfen. Um- (Gabriel 2009b, 18)
fangreiche Metaphernanalysen am detaillierten Inwieweit wissenschaftliche Metaphern, wie in
(wissenschafts-)historischem Material, welche die der theoretischen Literatur zur Metapher oft kon-
konstitutive Funktionen der Metaphorik für die statiert, zunächst aus einem Mangel an begriffli-
Herausbildung von neuen Wissensordnungen ver- cher Erfassung heraus eine Art »Lücke« schließen,
deutlichen, sind in den letzten Jahren vor allem zur betrifft nicht nur die anhaltend kontroverse Ab-
Metapher des »genetischen Codes« in den Biowis- grenzung von Begriff und Metapher, sie ist vor
senschaften des 20. Jh.s (Keller 1995; Doyle 1997, allem wissenschaftshistorisch eine überaus interes-
Kay 2000, Brandt 2004), zur Zell-Organismus- sante Frage. Von einer »begrifflichen Notlage« aus-
Staatsmetaphorik im 19. Jh. (Johach 2008) und zur zugehen, verkennt, dass wissenschaftliche Neue-
wissenschaftlichen und politischen Metaphorik in rungen sich nur in den seltensten Fällen aus einer
der Bakteriologie Robert Kochs (Hänseler 2009) Art terminologischem Vakuum heraus einstellen;
vorgelegt worden. Die Autoren und Autorinnen ar- vielmehr folgt wissenschaftlicher Wandel und Dy-
gumentieren für einen praxisorientierter Ansatz namik oft daraus, dass bisherige Theoreme, Be-
der Metapherntheorie, der eine epistemische Posi- schreibungen, Modelle durch andere, neue ergänzt
tionierung der Metapher mit neuen Konzepten der oder ersetzt werden. Eine metaphorische Substitu-
historischen Epistemologie, etwa Hans-Jörg Rhein- tionstheorie (die gleichwohl mit der älteren Vor-
bergers Konzept des »Experimentalsystems« und stellung der Substitution nichts mehr zu tun hätte)
der »epistemischen Dinge« (Rheinberger 2001) könnte hier eine neue Relevanz erhalten. Sicherlich
verbindet. Der Fokus auf die kreative Leistung von ist nicht die Metapher als Figur der Substitution
Metapher (und anderen narrativen Elementen) in (im Sinne der Ersetzung eines ›eigentlichen‹ Aus-
den (Experimental-)Wissenschaften wurde in den drucks durch einen ›uneigentlichen‹) zu sehen, wohl
letzten Jahren durch eine Perspektive in der Litera- aber manchmal ihre anfängliche Funktion: Begin-
turforschung flankiert, die umgekehrt epistemolo- nen metaphorische Ausdrücke in einem bestimm-
gische Konzepte des ›Experiments‹ als Metapher ten Wissensfeld Raum zu greifen, ersetzen sie bis
für das Verständnis von Literatur (und Literatur- dahin tradierte Beschreibungen und Erklärungen,
forschung) fruchtbar machte (Specht 2010, Gam- wie Kays Analyse der Metapher von genetischem
per 2010, Krause/Pethes 2005). Code, die Mitte des 20. Jh.s an die Stelle der älteren
In den neueren Metaphernansätzen wird die Vorstellungen von ›biologischer Spezifität‹ traten,
Frage nach dem Unterschied zwischen poetischen eindrucksvoll vor Augen führt (Kay 2000).
1.3 Metapher 27

Ein weiterer Aspekt der Differenz von literari- Bödeker, Hans Erich (Hg.): Begriffsgeschichte, Diskursge-
schen und wissenschaftlichen Metaphern betrifft schichte, Metapherngeschichte. Göttingen 2002.
den Neuigkeitsgehalt der Metapher selbst: die Me- Blumenberg, Hans: Paradigmen zu einer Metaphorologie
tapher kann zwar eine innovative Wende mit sich [1960]. Frankfurt a. M. 1999.
Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt
bringen, sie muss dafür selbst jedoch nicht innova-
a. M. 1983.
tiv sein. In der Tat handelt es sich bei einigen der Blumenberg: Hans: »Ausblick auf eine Theorie der Unbe-
überaus wirkungsvollen Wissenschaftsmetaphern grifflichkeit«. In: Ders.: Schiffbruch mit Zuschauer.
des 20. Jh.s um kulturhistorisch ›alte‹ Metaphern- Frankfurt a. M. 1979
bestände (vgl. Blumenberg 1983). Dieser Aspekt ist Bono, James: »Science, Discourse, and Literature. The
jüngst auch von Marianne Hänseler anhand der Role/Rule of Metaphor in Science«. In: Stuart Peter-
Analyse der Kriegs-Metaphern in der Bakteriologie freund (Hg): Literature and Science. Theory and
Practice. Boston 1990, 59–89.
Robert Kochs herausgestellt worden: Während
Brandt, Christina: Metapher und Experiment. Von der Vi-
poetische Metaphern zumindest teilweise intentio- rusforschung zum genetischen Code. Göttingen 2004.
nal gesucht und artikuliert seien, handele es sich Czernin, Franz Josef/Eder, Thomas (Hg): Zur Metapher.
bei wissenschaftlichen Metaphern oftmals um Die Metapher in Philosophie, Wissenschaft und Litera-
nicht intentionale Metaphorik, d. h. der/die Wis- tur. München 2007.
senschaftler/in werde eher von der Metaphorik Danneberg, Lutz/Graeser, Andreas/Petrus, Klaus: Meta-
»heimgesucht« (als dass er/sie sie bewusst suchen pher und Innovation. Die Rolle der Metapher im Wan-
del von Sprache und Wissenschaft. Bern 1995.
würde). Wissenschaftliche Metaphorik könne blass
Danneberg, Lutz/Spoerhase, Carlos/Werle, Dirk (Hg.):
und nichtssagend, banal und undifferenziert sein. Begriffe, Metaphern, Imagination in Philosophie und
Gleichwohl muss sie damit nicht in ihrer Rolle als Wissenschaftsgeschichte. Wiesbaden 2009.
»Metaphorik scheiter(n), auch wenn sie als Dich- Doyle, Richard: On Beyond Living. Rhetorical Transfor-
tung versagt. Denn im Bereich der Wissenschaften mations of the Life Sciences. Stanford 1997.
ermöglicht sie neue Perspektiven, zeigt Realitätsas- Eder, Thomas: »Zur kognitiven Theorie der Metapher in
pekte auf, bewirkt semantische Verschiebungen der Literaturwissenschaft. Eine kritische Bestandsauf-
nahme«. In: Franz Josef Czernin/Thomas Eder (Hg):
und bestimmt die Ausrichtung ganzer Forschungs-
Zur Metapher. Die Metapher in Philosophie, Wissen-
programme« (Hänseler 2009, 163). schaft und Literatur. München 2007, 167–195.
Obwohl es eine geradezu unüberschaubare Viel- Gabriel, Gottfried: »Kategoriale Unterscheidungen und
zahl an Veröffentlichungen zur Metapher gibt, sind ›absolute Metaphern‹. Zur systematischen Bedeutung
umfangreiche Studien, die sich detailliert der Ana- von Begriffsgeschichte und Metaphorologie«. In: An-
lyse von konkreten Metaphern in historischen oder selm Haverkamp/Dirk Mende (Hg): Metaphorologie.
gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschungssitu- Zur Praxis von Theorie. Frankfurt a. M. 2009, 65–84.
Gabriel, Gottfried: »Begriff  – Metapher  – Katachrese.
ationen widmen (vgl. z. B. Maasen/Mendelsohn/
Zum Abschluss des Historischen Wörterbuchs der
Weingart 1995; Jäkel 2003, Czernin/Eder 2007; Philosophie«. In: Danneberg/Spoerhase/Werle 2009,
Goschler 2008) weiterhin rar. Ein Großteil der Li- 11–22.
teratur zielt vor allem auf Diskussion systemati- Gehring, Petra: »Das Bild vom Sprachbild. Die Metapher
scher bzw. theoretischer oder sozialer Aspekte der und das Visuelle«. In: Danneberg/Spoerhase/Werle
konstitutiven Rolle von Metaphern in der Wissens- 2009, 81–100.
produktion. Goschler, Juliane: Metaphern für das Gehirn. Eine kogni-
tiv-linguistische Untersuchung. Berlin 2008.
Haverkamp, Anselm (Hg): Theorie der Metapher. Darm-
Literatur
stadt 1983.
Aldrich, Virgil C.: »Visual Metaphor«. In: Journal of Aest- Haverkamp, Anselm: »Einleitung in die Theorie der Me-
hetic Education, Vol. 2, No. 1 (1968), 73–86. tapher«. In: Ders. (Hg): Theorie der Metapher. Darm-
Aristoteles: Poetik. Aus dem Griech. übers. v. Walter stadt 1983, 1–27.
Schönherr. Leipzig 1972. Haverkamp, Anselm: Metapher. Die Ästhetik in der Rheto-
Beer, Gilian: Darwin ’ s Plot. Evolutionary Narrative in rik. München 2007.
Darwin, George Eliot, and Nineteenth Century Fiction. Haverkamp, Anselm: »Metaphorologie zweiten Grades.
Cambridge 2000 (1983). Unbegrifflichkeit, Vorformen der Idee«. In: Haver-
Black, Max: Models and Metaphors. Studies in Language kamp/Mende 2009, 237–255.
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Black, Max: »More about Metaphor«. In. Dialectica 31 Zur Praxis von Theorie. Frankfurt a. M. 2009.
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28 1. Ansätze

Die epistemische Rolle von Metaphorik in den Wissen- Rolf, Eckard: Metaphertheorien. Typologie – Darstellung –
schaften und in Robert Kochs Bakteriologie. Zürich Bibliographie. Berlin 2005.
2009. Ricœur, Paul: Die lebendige Metapher [1975]. Aus dem
Hentschel, Klaus (Hg): Analogien in Naturwissenschaften, Frz. v. R. Rochlitz. München 1986.
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Jäkel, Olaf: Wie Metaphern Wissen schaffen. Die kognitive Sarasin, Philipp: »Infizierte Körper, kontaminierte Spra-
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den 2010. bergs Metaphorologie als Lebenswelthermeneutik und ihr
Kay, Lily: Who wrote the Book of Life? A History of the Ge- religionsphänomenologischer Horizont. Tübingen 2000.
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tieth-Century Biology. New York 1995. Theorien«. In: Wolfgang Sohst (Hg): Die Figur des
Kohl, Katrin: Metapher. Stuttgart 2007. Neuen. Berlin 2008, 17–78.
Konersmann, Ralf: »Vorwort: Figuratives Wissen«. In: Weinrich, Harald: Sprache in Texten. Stuttgart 1976.
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Darmstadt 2007, 7–21. Barck u. a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Histori-
Konersmann, Ralf (Hg): Wörterbuch der philosophischen sches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 7: Supplemente,
Metaphern. Darmstadt 2007. Register. Stuttgart/Weimar 2005, 89–148.
Krause, Marcus/Pethes, Nicolas (Hg): Literarische Experi- Christina Brandt
mentalkulturen. Poetologien des Experiments. Würz-
burg 2005.
Kroß, Matthias/Zill, Rüdiger (Hg.): Metapherngeschich-
ten. Perspektiven einer Theorie der Unbegrifflichkeit.
Berlin 2011. 1.4 Denkfigur
Kövecses, Zoltan: Metaphor. A Practical Introduction. Ox-
ford University Press 2002.
Lakoff, George/Johnson, Mark: Metaphors We Live By.
›Denkfigur‹ sowie die oft synonym gebrauchten
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Maasen, Sabine/Mendelsohn, Everett/Weingart, Peter ›Figur‹ und ›Figuration‹ sind in jüngerer Zeit und
(Hg): Biology as Society, Society as Biology: Metaphors. insbesondere in den Kulturwissenschaften aner-
Dordrecht 1995. kannte, aber keineswegs terminologisierte oder
Maasen, Sabine/Weingart, Peter: Metaphor and the Dyna- lexikalisierte Begriffe. Sie sind offenbar gerade
mics of Knowledge. Kentucky 2000. wegen ihrer aus disziplinär heterogener Verwen-
Mende, Dirk: »Technisierungsgeschichten. Zum Verhält- dungsweise und aus Übertragungen herrührenden
nis von Begriffsgeschichte und Metaphorologie bei
Offenheit und semantischen Vieldeutigkeit attrak-
Hans Blumenberg«. In: Haverkamp/Mende 2009, 85–
107. tiv (Mathematik, Theologie, Rhetorik, Philoso-
Nietzsche, Friedrich: »Ueber Wahrheit und Lüge im aus- phie, Literatur, Künste und Ästhetik). Wo früher
sermoralischen Sinne [1873]«. In: Ders.: Sämtliche Exponenten wie ›Idee‹, ›Begriff‹, ›Motiv‹ oder
Werke. Kritische Studienausgabe. 15 Bde. Hg. v. Giorgio ›Wesen‹ titelgebend waren, erscheinen heute alter-
Colli/Mazzino Montinari. München/New York 1980, nativ ›Figur‹ und ›Denkfigur‹. Wenn zu einzelnen
Bd. 1, 873–890. Denkfiguren, die sich oftmals gerade an der
Nietzsche, Friedrich: »Nachgelassene Fragmente [Som-
Grenze zwischen Literatur- und Wissensge-
mer 1869–1874]«. In: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische
Studienausgabe. 15 Bde. Hg. v. Giorgio Colli/Mazzino schichte bewegen, inzwischen eine reiche Literatur
Montinari. München/New York 1980, Bd. 7, 491. existiert (vgl. z. B. zur Figur der Projektion Müller-
Ortony, Andrew (Hg): Metaphor and Thought. Cam- Tamm 2005, zum psychophysischen Parallelismus
bridge 1979. Wegener 2009), ohne dass deren systematischer
1.4 Denkfigur 29

Status geklärt ist, so artikuliert sich vor allem das ten an. Im historischen Rückblick, der zugleich me-
Bedürfnis nach einer alternativen Beschreibungs- taphorische Wandlungen des Figurenbegriffs zeigt,
begrifflichkeit. sollen drei heute relevante Bedeutungsdimensio-
Seit den 1970ern ist ein Anstieg der Verwen- nen von Figur/Denkfigur aufgezeigt werden: 1. als
dung des Worts ›Denkfigur‹ zu verzeichnen. Diese Metapher, Figur und Theorie der Unbegrifflich-
Renaissance geht möglicherweise von Frankreich keit, 2. als Figuraldeutung in der Theologie und in
aus. Foucault beschreibt in Die Ordnung der Dinge den historischen Wissenschaften, 3. als Diagram-
(1968), wie ›Ähnlichkeit‹ zu Beginn des 17. Jh.s die matik in den Kulturwissenschaften.
›Figuren des Wissens‹ (convenientia, aemulatio,
Analogie, Sympathie) organisieren kann (Foucault
Begriffsgeschichte ›figura‹
1976, 46). Figuren (mitunter heißt es auch Be-
griffe), die an der »Oberfläche des Denkens ein- Figura (Gestalt, plastisches Gebilde, äußere Er-
ander überkreuzen«, sind vom Diskurs unterschie- scheinung, geometrischer Umriss), mit lat. fingere
den. Darin ähnelt sein Figurenbegriff dem eines (›bilden‹, ›formen‹, ›gestalten‹) verwandt, war zu-
anderen postmodernen Stichwortgebers. In Dis- nächst die Übersetzung von griech. typos, aber
cours, figure (1971) beschreibt François Lyotard das auch schemata. Im Griechischen bedeutete typos in
(von Diskurs und Figur unterschiedene) ›Figurale‹ der handwerklich-künstlerischen Sprache die prä-
als eine dritte Ordnung, in der nicht nur etwas aus- gende Form, das Geprägte, auch Abdruck. Sowohl
gesagt oder dargestellt wird, sondern in der »es ge- Platon als auch Aristoteles verstehen das Gedächt-
schieht«. Anhand moderner Literatur (Mallarmé, nis metaphorisch als Abdruck (typos) eines Siegel-
Cézanne, Klee u. a.) entfaltet Lyotard die ›figure de ringes in Wachs. Die Begriffsgeschichte von figura
pensée‹ als etwas, das den Zuschauer vor jeder zeigt dabei eine eigentümliche Verwobenheit von
Sinnzuschreibung affiziert (vgl. Alloa/Lyotard Geistigkeit und Materialität. Bei Lukrez bekommt
2007). figura eine Tiefendimension, wird zum Abbild,
Das Kompositum ›Denkfigur‹ eröffnet nach der zum Sinnlich-Erscheinenden des Urbildes, aber
einen Seite ein Bedeutungsspektrum, das Ähnlich- auch zum ›Traumbild‹, zur ›Phantasiegestalt‹, und
keit mit Denkart, Denkbild, Denkfeld, Denkform, zum ›Schatten der Toten‹ (vgl. Auerbach 1967, 58).
Denkkunst, Denkmuster, Denkstruktur, Denkweg, Die auch für den Begriff der Denkfigur folgen-
Denkweise aufweist (vgl. Kleinschmidt 2011). Be- reiche Ausbildung des rhetorischen Figurenbe-
deutungsleitend ist jedoch der Figurenbegriff, der griffs erfolgt bei Quintilian. Figur ist für ihn im
das Kompositum auch allein vertreten kann. Figur Unterschied zum Tropus, als der uneigentlichen
ist durch Anschaulichkeit, Bewegung, Performati- Bedeutung von Wort und Rede, jede Formung der
vität und Rhythmus bestimmt. Denk-Figuren beto- Rede, die vom gewöhnlichen Gebrauch abweicht.
nen deren Zusammenhang mit mentalen Prozes- Mitunter verwendet er ›figura‹ aber auch als Ober-
sen; vor allem geht es um Formen der Medialität begriff für beides, so dass die uneigentliche, um-
zwischen Anschauung und Mentalität, um solche schreibende, andeutende, verbergende Redeweise
interaktiven Prozesse also, bei denen sich mentale ›figura‹ heißt, die damit die Metapher der Meta-
Operationen in Bildern, Schemata, Modellen nie- pher bzw. aller Tropen ist. Denkfiguren lassen sich
derschlagen und diese wiederum auf das Denken nach der klassischen Rhetorik als ›figurae sententi-
wirken bzw. zum Gegenstand seiner Reflexion wer- arum‹, d. h. Satzfiguren, im Unterschied zu den
den. Denkfiguren sind präkonzeptuell, präsprach- Sprachfiguren ›figurae verborum‹ (Wortfiguren)
lich, sie verweisen auf ein unbegriffliches Denken. fassen.
Bislang wurden nur vereinzelte Versuche unter- In den Zeichentheorien des 18. Jh.s waren viele
nommen, den Begriff der Denkfigur systemati- dieser Bedeutungen noch präsent, in der ›Figur‹
scher zu entfalten (Tagung ›Was sind Denkfigu- wurden visuelle, rhetorische und wissenschafts-
ren?‹ vgl. Friedrich 2011; Kleinschmidt 2011a und theoretische Bedeutungen verbunden. Einen hoch-
2011b). Das heterogene Bedeutungsspektrum von komplexen Begriff von Figur entwickelte Johann
Denkfigur/Figur lässt sich auf die Geschichte des Heinrich Lambert. Die symbolische Erkenntnis
Begriffs beziehen, denn heutige Verwendungswei- nennt Lambert »auch figürlich, und zwar vornehm-
sen schließen (mitunter unbewusst) an frühere, lich in so fern die Zeichen, wodurch sie vorgestellt
auch im 18. Jh. noch virulente Bedeutungsschich- wird, sichtbar oder Figuren sind« (Lambert 1990,
30 1. Ansätze

473). Solche Figuren böten die Zeichensysteme der chen Zuge hat Kant das Symbol (und mit ihm die
Noten, der Choreographie, der Winde in der Nau- Metapher) von der Erkenntnis gelöst und als Dar-
tik, der Verwandtschaftsgrade in der Rechtswissen- stellungsform von Vernunftideen in die Ästhetik
schaft, Landkarten, die Verslehre und die Heraldik. verlegt. Da das ästhetische Symbol wiederum sein
Maßstab zur Beurteilung der Wissenschaftlichkeit Medium in der Vorstellung hat, wird die Verbin-
eines jeden Zeichensystems sei dabei, ob »die dung von sinnlicher Figur und Symbol gekappt.
Theorie der Sache und die Theorie ihrer Zeichen Symbol, später auch Schein, werden ästhetisiert,
mit einander verwechselt werden können« (ebd., ihnen wird die Relevanz für eine Theorie des Wis-
474). Die Sichtbarkeit ist nur eine Dimension von sens (und Nichtwissens) genommen. Hat Kant also
Figur, zugleich ist »das Wort figürlich vieldeutig, mit seinem scharfen Dualismus überhaupt erst den
und wird überhaupt von den Metaphern oder ver- von der Denkfigur wieder zu überbrückenden Ge-
blümten Ausdrücken gebraucht, besonders aber gensatz zwischen Anschauung und Verstand wir-
auch, so fern wir die abstrakten Begriffe und die kungsvoll befestigt, so werden heute gerade diese
Dinge der Intellektualwelt, wegen der Ähnlichkeit Begriffe aus seiner dritten Kritik, der Kritik der Ur-
des Eindruckes, uns unter sinnlichen Bildern vor- teilskraft, genutzt, um die Denkfigur theoretisch
stellen [ …]. In diesen letztern Fällen ist die symbo- und epistemologisch zu begründen. Der Begriff
lische Erkenntnis auf eine gedoppelte Art figürlich, der Denkfigur kann sowohl an Kants Schema- wie
weil man von der eigenen Bedeutung des Wortes an dessen Symbolbegriff angebunden werden. In
abgeht, und sich die Sache unter dem sinnlichen beiden Fällen handelt es sich um das Problem der
Bilde vorstellt« (ebd., 473 f.). Figur hat hier also Veranschaulichung resp. Darstellung, im Falle der
eine Doppelbedeutung: im ›eigentlichen‹ Sinne Schemata der von Verstandesbegriffen, im Falle
sind es sichtbare, räumliche Zeichen, im übertrage- des Symbols der von Vernunftbegriffen. Im letzte-
nen und semantischen Sinne Metaphern. Fach- ren Fall impliziert das für die Denkfigur einen be-
sprachlich werden mathematische diagrammati- grifflich nicht auflösbaren Rest. In bloßer Analogie
sche Zeichnungen ›figura‹ genannt. Die Syllogis- zum Schematismus werde allein die Form der Re-
men, die im 18. Jh. noch die Grundlage aller flexion, nicht aber die Inhalte dargestellt. Blumen-
Beweise und Begriffsklärungen sind, werden als Fi- berg hat den Symbolbegriff als allgemeines Er-
guren bezeichnet. Lambert entwickelt für die kenntnisproblem aus der Ästhetik-Kunst-Proble-
Grammatik von Satztypen sowie für Schlussfor- matik herausgelöst und als ›absolute Metapher‹
men graphische Lösungsmodelle, die es erlauben‹, gefasst. Alexander Friedrich bezeichnet im Gefolge
dass diese »auf eine gewiss Art in Ansehung ihrer von Hans Blumenbergs Metaphorologie und
Form figürlich vorgestellt und gezeichnet werden Theorie der Unbegrifflichkeit Denkfiguren als einen
können« (Lambert 1990, Bd. 1, 87, § 173). Wenn spezifischen Typus von Metaphern, der, auf der
Denkfigur heute vor allem an die Dimension der Ebene unbegrifflichen Denkens verbleibend, einen
Metapher anschließt, so steht hier eine Hermeneu- konstitutiven Anteil an Begriffsbildungsprozessen
tik des Schriftsinns im Hintergrund, nicht die anti- hat. Eine Denkfigur gehe im kantischen Sinne von
hermeneutische Logik der Beweislogik in der be- dem ›Beispiel einer unbekannten Regel‹ aus, sie
grifflichen Urteilsbildung. mache etwas Unbegriffliches intelligibel und etwas
Begriffliches anschaulich (vgl. Friedrich 2011).
Im Rahmen der Begriffsgeschichtsforschung
Figur/Denkfigur als metaphorische
dient ›Figur‹ der Erweiterung der Begriffsge-
Denkbewegungen schichte in eine solche, in der Metapher und ter-
Nicht an solche, die Dichotomie von intelligibler minologisierter Begriff nicht als Gegensätze, son-
und phänomenaler Welt unterlaufenden vorkriti- dern als unterschiedliche Aggregatzustände gefasst
schen Konzepte knüpfen heutige Erklärungen der werden. Begriffe sind metaphorisch, Metaphern
Denkfigur an, sondern zumeist an Kant und dessen werden zu Begriffen. Dabei stehen insbesondere
Trennung von Begriff und Symbol, von apriori- ›Übertragungen‹ im Zentrum der Aufmerksam-
schen Kategorien und natürlicher Sprache. Dabei keit: die Übertragung zwischen Kulturen und Dis-
verschwindet mit der rhetorischen Tradition ›Fi- ziplinen, Übertragungen, die die Praxen, Materiali-
gur‹ gerade mit Kant, was Symptom einer generel- täten sowie ikonische Semantiken im Blick behal-
len wissenstektonischen Verschiebung ist. Im glei- ten.
1.4 Denkfigur 31

Das Changieren zwischen wörtlicher und meta- ven Aneignung, der Transformation und Modula-
phorischer, materialer und sprachlicher Dimen- tion des Diagramms wird es zu einer Figur, mit der
sion nutzt Mai Wegener um den ›psycho-physi- man denkt und durch die man zu neuem Wissen
schen Parallelismus‹ um 1900 als Figur zu beschrei- gelangt« (vgl. Bauer/Ernst 2010, 10). Korrespon-
ben: »Um eine Figur handelt es sich zunächst im denzen mit Denkfiguren ergeben sich weniger
geometrischen Sinne, insofern hier das geometri- über Tabellen, Graphen etc., sondern vor allem
sche Bild zweier zueinander parallel verlaufender über Veranschaulichungen von Denkoperationen
Linien aufgenommen wird, um aus ihm eine ge- (Stammbaum, Rhizom, Netz, Matrix, Atlas,
wisse, vielleicht auch nur vermeintliche Anschau- Clouds).
lichkeit zu beziehen. In der Übertragung ist der Pa-
rallelismus aber vor allem eine sprachliche Figur.
Figura/Typologie
Er war die meistgebrauchte Metapher für den Zu-
sammenhang von Körper und Psyche in den Tex- Bei Tertullian bekommt ›figura‹ zugleich eine
ten des späten 19. Jh.s. In diesem Beitrag liegt das christliche wie eine zeitliche Dimension: Personen
Interesse allerdings weniger auf der Metaphorizität und Ereignisse des Alten Testaments fungieren in
oder Bildhaftigkeit der Figur als auf ihrem Einsatz diesem Sinne als ›figura Christi‹ oder Realprophe-
als Diskursfigur. Dazu wird eine Figur (die eine tien der Heilsgeschichte des Neuen Testaments,
Metapher sein kann, aber nicht muss), wenn ihr in- das Neue Testament ›erfüllt‹ typologisch die ›fi-
nerhalb eines Diskurses eine bestimmte, diesen gura‹ des Alten. (vgl. Auerbach 1967, 72). Bei der
Diskurs markierende Funktion zukommt« (Wege- figuralen Interpretation werden zwei zeitlich aus-
ner 2008, 282). einanderliegende Ereignisse als Andeutung und
›Figure of thought‹ ist schließlich auch ein Ter- Erfüllung aufeinander bezogen. Dabei ist ›figura‹
minus in der Metapherntheorie der kognitiven etwas Wirkliches, Wörtliches, Geschichtliches
Linguistik von Lakoff, die damit eine der empiri- (d. h. nicht nur Allegorisches), welches etwas an-
schen Sprache vorgängige Ebene mentaler Operati- deres ebenfalls Wirkliches und Geschichtliches
onen unterstellt (vgl. Lakoff 1986). und ankündigt (Adam als ›figura Christi‹). ›Fi-
gura‹, eine Übertragung der plastischen Bedeu-
tung auf die gestaltete Redeweise, wurde weiter-
Diagramme
entwickelt zu der von Auerbach als literarische
Ein medientheoretischer Begriff von Denkfigur Form herausgearbeiteten Figuraldeutung, wobei
bezieht sich auf jüngere Debatten zu Diagrammati- aufgrund von Ähnlichkeit und Übereinstimmung
ken, also zu visuellen Darstellungen von Beziehun- zeitlich und räumlich nicht zusammenhängende
gen oder Verhältnissen, die an der Schnittstelle von Ereignisse aufeinander bezogen werden. Auerbach
Wahrnehmung und Einbildungskraft, von Sinn- hat die christliche Typologie selbst als eine Art sä-
lichkeit und Verstand operieren. Es geht um exter- kulare geschichtliche Denkfigur entfaltet und sie
nalisierte Kognitionen, die Schlussfolgerungen im in Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abend-
Modus der Wahrnehmungen erlauben. Kognitives ländischen Literatur (1946) zum Prinzip seiner Li-
und Anschauliches bilden hier eine unhintergeh- teraturgeschichte gemacht. Dieser historiographi-
bare Einheit, so dass sich eine Prioritätensuche von sche ›figura‹-Begriff und der Denkfigurenbegriff
Bild, Metapher oder Begriff erübrigt. Wie beim in der Wissenschaftsgeschichte berühren sich in
Diagramm kann man bei der Denkfigur von Ikoni- einem Punkt: für beide ist die Gegenwart der Ge-
zität, also von der Ähnlichkeit des Diagramms zu sichtspunkt, von der aus die Geschichte erschlos-
seinem Objekt sprechen. Wie bei den Debatten um sen wird. Auch das geschichtsstrukturierende
Metaphern knüpft schon Peirce mit seinem Begriff ›figura‹-Konzept ist mithilfe des Schema-Begriffs
des graphischen Diagramms kritisch an den Kants interpretiert worden. »Begriffe, die selbst ein Er-
Dualismus an. »In deren Zentrum steht die Ablei- klärungsmuster der geschichtlichen Wirklichkeit
tung von Wissen aus diagrammatischen Struktu- enthalten, unterliegen einem Schema der Zeitbe-
ren, wobei das Erkunden der in einem Diagramm stimmungen, nach welchen sie jeweils arbeiten«
vorgegebenen Relationen sowie ihre Variation im (Günther 1979, 30). Erst der Blickwinkel einer
Gedankenexperiment es ermöglicht zu neuem durch Offenbarung gewissen Zukunft verleiht der
Wissen zu gelangen. Erst in der Praxis der operati- Gegenwart einen Sinn.
32 1. Ansätze

Literatur Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der


Philosophie, Bd. 10, Basel 1998, Sp. 1587–1594.
Auerbach, Erich: »Figura«. In: Ders.: Gesammelte Auf- Was sind Denkfiguren? Figurationen unbegrifflichen
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Friedrich, Alexander: Bericht zur Tagung ›Was sind
Denkfiguren? Figurationen unbegrifflichen Denkens Ernst Müller
in Metaphern, Diagrammen und Kritzeleien‹. Work-
shop, veranstaltet vom Graduiertenkolleg »Schriftbild-
lichkeit« in Kooperation mit dem International Gra- 1.5 Diskurs
duate Centre for the Study of Culture, Freie Universität
Berlin, 25.–26. Februar 2011. In: http://kult-online.uni-
giessen.de/wps/pgn/home/KULT_online/tagungs Der Begriff des Diskurses kommt in unterschiedli-
bericht10–2011/ (24.01.2013)
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chen Verwendungen vor (vgl. Köppe/Winko 2008,
mantik der historisch-politischen Welt. Frankfurt a. M. 101): in der Linguistik, wo er eine zusammenhän-
1979. gende Rede und deren Strukturelemente kenn-
Kleinschmidt, Erich: »Die Aufmerksamkeit der Begriffe. zeichnet; in der Philosophie der Frankfurter
Zum figuralen Schwellendiskurs der (Ap)perzeption«. Schule, wo er eine Form der Kommunikation be-
In: Martin Baisch u. a. (Hg): Wie gebannt. Ästhetische nennt, die sich über den Geltungsanspruch von
Verfahren der affektiven Bindung von Aufmerksamkeit.
Normen austauscht; in der Narratologie, wo er im
Rombach, Freiburg (im Erscheinen).
Kleinschmidt, Erich: »Denkfiguren in Diskursräumen. Unterschied zur Ebene des Erzählten das Proze-
Zur figuralen Semiotik intellektueller Wissensorgani- dere des Erzählens charakterisiert, und in verschie-
sation«. In: Pál Kelemen/Ernö Kulcsár Szabó/Ábel denen wissenschaftlichen Disziplinen, wo er ein
Tamás (Hg.): Kulturtechnik Philologie. Zur Theorie des Aussagesystem bezeichnet, das durch gemeinsame
Umgangs mit Texten. Heidelberg 2011, 367–386. Gegenstände wie Regularien bestimmt ist. Bezüg-
Lakoff, George: »A Figure of Thought«. In: Metaphor and lich der Frage nach der Adaption, Modifikation
Symbolic Activity, I 1986 (3), 215–225.
Lambert, Johann Heinrich: Neues Organon oder Gedan-
und Konstruktion eines gesamtkulturellen Wissens
ken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren in und durch Literatur ist zweifelsohne der vom
und dessen Unterscheidung vom Irrtum. 3 Bde. Hg. v. französischen Historiker und Philosophen Michel
Günter Schenk. Berlin 1990. Foucault eingeführte Diskursbegriff von einschlä-
Leschke, Rainer/Heidbrink, Henriette (Hg.): Formen der giger Bedeutung: Er hat innerhalb der Literatur-
Figur. Figurenkonzepte in Künsten und Medien. Kon- wissenschaft eine Diskussion um die wissensge-
stanz 2010.
schichtliche Kontextualisierbarkeit literarischer
Müller, Ernst: »›Übertragungen‹ in der Wissenschaftsge-
schichte«. In: Matthias Kroß/Rüdiger Zill, Rüdiger Texte und um die zentralen Paradigmen der Her-
(Hg.): Metapherngeschichten. Perspektiven einer Theorie meneutik (z. B. Autorintention, Bedeutung ›hinter
der Unbegrifflichkeit Berlin 2011, 33–51. den Texten‹, Autonomie und/oder Heteronomie
Müller, Ernst: »Figur, figürlich: Begriffsgeschichtliches von Literatur im Netzwerk der Diskurse) angeregt
bei Johann Heinrich Lambert«. In: Trajekte 8 (2008), (vgl. ebd., 101 ff.). Allerdings, und dies kompliziert
16, 18–21. eine unmittelbare Übertragung des Ansatzes von
Müller-Tamm, Jutta: Abstraktion als Einfühlung. Zur
Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kultur-
Foucault auf die Literaturwissenschaft, beziehen
theorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne. sich dessen Arbeiten auf das Feld der Geschichte:
Freiburg i. Br. 2005. Weder hat er die Diskursanalyse als ein Verfahren
Strenge, Britta: »Typos; Typologie«. In: Joachim Ritter/ zur Interpretation literarischer Texte entwickelt,
1.5 Diskurs 33

noch eine exemplarische Diskursanalyse der Lite- mit Diskursen organisiert und transportiert wird.
ratur vorgelegt (vgl. Kammler 1990, 31). Aufs Ganze betrachtet hat eine Diskursanalyse vor
Mit Blick auf Foucaults Texte selbst sind für die allem vier Aspekte zu beachten. Erstens untersucht
Grundlegung einer Diskursanalyse zweifelsohne sie die historisch kontingente Konstruktion eines
die 1969 veröffentlichte Archäologie des Wissens gesamtkulturellen Wissens und überschreitet da-
und die 1970 gehaltene Vorlesung Die Ordnung des mit von Anfang an die Grenzen der einzelnen Wis-
Diskurses von entscheidender Funktion (vgl. zum senschaften. Schon in der 1961 erschienenen Pro-
Folgenden Neumeyer 2010). Während Foucault in motion Wahnsinn und Gesellschaft macht Foucault
Archäologie des Wissens erstmals das Konzept einer deutlich, dass das Wissen um Geisteskrankheiten
Diskursanalyse allgemein im Zusammenhang einer am Knotenpunkt verschiedener Wissenschaften  –
spezifischen Aussagelogik entwickelt, bindet er die- der Medizin, der Psychologie und der Physiogno-
ses Konzept in Ordnung des Diskurses stärker an mie – generiert wird: Wissen lagert sich durch die
Fragen der Generierung des Diskurses durch einzelne Wissenschaft hindurch an und ist Effekt
Machtmechanismen zurück. In Archäologie des der Arbeit mehrerer Wissenschaften, so dass es al-
Wissens begreift er dabei unter Diskurs »eine Menge lein transdisziplinär zu erschließen ist. Um dieses
von Aussagen, die einem gleichen Formationssys- Wissen nachzuzeichnen, tritt der Diskursanalyti-
tem zugehören« (Foucault 1992, 156; vgl. Kammler ker den Gang in die 1975 in Überwachen und Stra-
1990, 33 ff.). Damit jedoch ist noch nicht geklärt, fen genannten »ruhmlosen Archive« an, »in denen
welche Bedingungen ein solches Aussagesystem das moderne System der Zwänge gegen die Körper,
konstituieren. Um dies zu erläutern, entfaltet Fou- die Gesten, die Verhaltensweisen erarbeitet worden
cault in Die Ordnung des Diskurses einen Diskurs- ist« (Foucault 1977, 246). Dabei changiert Fou-
begriff im weiten und einen im engeren Sinne (vgl. caults Konzeption des Archivs zwischen Methode
Köppe/Winko 2008, 99 f.; Schößler 2006, 39). Dem und Arbeitsort. Während in Archäologie des Wis-
Diskursbegriff im weiten Sinne kommt dabei vor sens mit Archiv »das allgemeine System der Forma-
allem eine explikative Funktion zu. Mit ihm be- tion und der Transformation von Aussagen« (Fou-
zeichnet Foucault die ungeordnete und wuchernde cault 1992, 187) gemeint ist, wird es in Überwachen
Masse aller Äußerungen, die, gerade weil sie unge- und Strafen als Speicher aller innerhalb einer Kul-
ordnet und wuchernd ist, dem Menschen als be- tur aufgezeichneter Texte verstanden.
drohlich und unberechenbar erscheint. Um Be- Zweitens beschreibt die Diskursanalyse die
drohlichkeit wie Unberechenbarkeit in den Griff zu Transformationen innerhalb des kulturellen Wis-
bekommen, um diese zu reglementieren und zu sens einer Zeit. Zum einen richtet sich ihr Blick
kontrollieren, richten sich diverse Machtprozedu- darauf, welche neuen Gegenstände sich auf dem
ren auf diesen Diskurs, woraus dann die Diskurse Feld des Wissens entfalten. In Überwachen und
im engeren Sinne entstehen  – Aussageordnungen, Strafen verzeichnet Foucault für die Mitte des
die sich über einen gemeinsamen Gegenstand defi- 18. Jh.s eine Absenkung der »Wahrnehmungs- und
nieren, impliziten wie expliziten Regeln gehorchen, Beschreibungsschwelle« (ebd.), d. h. eine Absen-
spezifischen Funktionen unterliegen, bestimmte kung dessen, was man des Erzählens, des Untersu-
Formen annehmen und von den Machtmechanis- chens und des Archivierens für wert erachtet. Diese
men gekennzeichnet sind, von denen sie hervorge- Absenkung impliziert eine Umschichtung der Ge-
bracht werden. Eine Wende gegen die Hermeneutik genstände des Wissens: An die Stelle der Könige
eignet dieser Definition von Diskurs insofern, als und Helden treten der Kranke und der Verbrecher,
die Frage nach einem Sinn der Aussagen bzw. nach der Wahnsinnige und das Kind als bevorzugte Wis-
einer Intention des Autors hinter den Möglichkeits- sensobjekte. Zum anderen wendet sich die Dis-
bedingungen des Erscheinens dieser Aussagen zu- kursanalyse den neuen Techniken zu, die einge-
rückgestellt wird (vgl. Kammler 1990, 33). setzt werden, um Wissen herzustellen. In Der Wille
Diskursanalyse stellt dementsprechend einen in- zum Wissen von 1976 zeigt Foucault, dass sich mit
terpretatorischen Zugriff auf Aussagesysteme jeder dem Eindringen des Beichtrituals in die Pädagogik
Art dar, der die diese Systeme konstituierenden und Psychologie des 18. Jh.s ein neues Verfahren
und charakterisierenden Regeln, Funktionen, For- zur Erlangung von Wissen durchsetzt – die andau-
men und Voraussetzungen herausarbeitet und da- ernde und rückhaltlose Selbstaussprache der Indi-
bei auch das kulturelle Wissen profiliert, das in und viduen (vgl. Foucault 1983, 28–31).
34 1. Ansätze

Die Diskursanalyse kann dergleichen Transfor- (vgl. Geisenhanslüke 2008, 53 f.). Dort jedoch, wo
mationen jedoch nur beschreiben, indem sie drit- Foucault vom Diskurs als einem durch Machtpro-
tens den Bedingungen der Möglichkeit von Aussa- zeduren generierten Aussagesystem spricht, quali-
gen nachfragt. Dabei deckt Foucault die Verflech- fiziert er auch die Literatur als einen solchen Dis-
tung allen Wissens mit Machtmechanismen auf kurs (vgl. ebd., 95 f.) und ordnet sie der Produktion
(vgl. Kammler 1990, 41 f.). In Die Ordnung des Dis- wie Reproduktion von Wissen zu. So vermerkt er
kurses benennt er zum einen »Prozeduren der Aus- in Die Ordnung des Diskurses hinsichtlich einer
schließung« (Foucault 1991, 11), Verfahren einer möglichen Analyse der Sprachverbote, die die Se-
externen Kontrolle, die festlegen, welche Aussagen xualität betreffen, dass diese Untersuchung nicht
als wahr gelten und welche als falsch zu verwerfen durchgeführt werden kann, »ohne gleichzeitig die
sind. Zum anderen führt er »Prozeduren der [ …] literarischen, die religiösen und ethischen, die bio-
Einschränkung« (ebd., 17), Verfahren einer inter- logischen und medizinischen und gleichfalls die
nen Kontrolle, an, die bestimmen, welchen Erfor- juristischen Diskursgruppen zu analysieren, in de-
dernissen eine Aussage entsprechen muss, damit nen von der Sexualität die Rede ist« (Foucault
sie in eine spezifische diskursive Ordnung inte- 1991, 42).
griert werden kann. Schließlich spricht er von Pro- Die Literatur ist demnach ein Diskurs neben an-
zeduren der »Verknappung [ …] der sprechenden deren. Sie ist genauso wie diese anderen Diskurse
Subjekte« (ebd., 26), die darüber entscheiden, wer zu interpretieren. Und sie ist nicht getrennt von
überhaupt qualifiziert ist, wie und wo welches diesen Diskursen, sondern im Verbund mit ihnen
Wort zu ergreifen. zu erörtern. Deutlich formuliert die zitierte Passage
Wo jedoch ist der Ort der Literatur innerhalb das Programm einer Diskursanalyse von Literatur:
der Diskursanalyse? Damit ist der vierte Aspekt der Ein spezifisches Thema, das Gegenstand unter-
Diskursanalyse angesprochen  – ihr methodischer schiedlicher Diskurse ist und in diesen zu einem
Zugang zu literarischen Texten. In seinen frühen Wissenskomplex geformt wird (etwa die Sexuali-
Schriften stellt Foucault die Literatur in eine Nähe tät), und die mit diesem Wissenskomplex verbun-
zum Wahnsinn und zum Sein der Sprache, was ihr denen Prozeduren von Macht (etwa das Verbot)
1966 in Die Ordnung der Dinge einen Sonderstatus sind in literarischen wie wissenschaftlichen Dis-
verleiht: Die Literatur »[hat] während des ganzen kursen zu untersuchen. Dabei jedoch betont Fou-
19. Jh.s und bis in unsere Zeit [ …] nur in ihrer Au- cault Differenzen zwischen den Diskursen, die
tonomie existiert«, so dass sie »eine Art ›Gegendis- jedem einzelnen – auch, aber eben nicht nur dem
kurs‹ bildete«, indem sie »von der repräsentativen literarischen – eine bestimmte Gestaltung des Wis-
oder bedeutenden Funktion der Sprache zu jenem senskomplexes und einen spezifischen Einsatz der
rohen Sein zurückging, das seit dem 16. Jh. verges- Machtprozeduren einräumt: »Die Verbote haben
sen war« (Foucault 1974, 76). Diese Definition der im literarischen Diskurs und im medizinischen
Literatur als ›Gegendiskurs‹, die eine »Mystifika- Diskurs, im Diskurs der Psychiatrie und im Dis-
tion« (Kammler 1990, 41) derselben betreibt, be- kurs der Gewissensführung nicht dieselbe Form
stimmt jedoch keineswegs deren Status innerhalb und spielen nicht dieselbe Rolle« (ebd.). Foucault
der Diskursanalyse. Denn in seinen frühen Schrif- folgert daraus: »Die Untersuchung muß daher ver-
ten reserviert Foucault den Begriff des Diskurses schiedenen Serien nachgehen, in denen Verbote
für die Zeichenordnung des ›klassischen Zeital- zumindest teilweise jeweils unterschiedlich wir-
ters‹, also des 16. und 17. Jh.s, und versteht ihn ge- ken« (ebd., 43). Zu erstellen sind also Serien, in de-
rade nicht als eine Aussageordnung, die durch nen sich die Verbote, die sich auf die Sexualität be-
Machttechniken hervorgebracht wird. Wenn Fou- ziehen, in unterschiedlichen Aussageordnungen
cault in diesem Kontext Literatur als ›Gegendis- artikulieren: eine Serie zum Verbot von Sexualität
kurs‹ kennzeichnet, dann zielt er auf einen spezifi- in der Literatur, eine zu diesem Verbot in der Psy-
schen Sprachmodus der Literatur, der dieselbe zu- chologie, eine zu diesem Verbot in der Jurispru-
gleich außerhalb jeder Produktion und/oder denz usw. Und diese Serien sind sodann zueinan-
Reproduktion von historisch-kulturellem Wissen der in Bezug zu setzen, und zwar mit Blick auf die
positioniert – ein Sprachmodus, der die repräsen- Konstruktion von Wissen und der sich dabei mani-
tative bzw. signifikative Funktion der Sprache sus- festierenden Machttechniken. Die Qualifizierung
pendiert und auf nichts als auf sich selbst verweist der Literatur als Diskurs und deren Analyse im
1.5 Diskurs 35

Netzwerk divergierender Diskurse bedingt damit, Wissen der Spezialdiskurse in Kollektivsymbolen


dass literarische Texte gleichfalls als Träger eines fasst (vgl. ebd., 96) – wie beispielsweise in dem von
gesamtkulturellen Wissens konturiert werden. So Link ausführlich analysierten Symbol der Ballon-
hebt Foucault selbst in Überwachen und Strafen für fahrt (vgl. Link 1988) – und darin eine popularisie-
die Zeit um 1800 eine Medizin, Psychologie, Päda- rende Funktion ausübt, die abstrakte Zusammen-
gogik und Jurisprudenz umgreifende Transforma- hänge in persönliche Erfahrungswelten überträgt.
tion im System des Strafverfahrens hervor, von der Insofern die Interdiskursanalyse Formen und Ele-
die Kriminalliteratur nicht ausgenommen ist: »[V] mente eines kulturellen Wissens, wie sie in Litera-
on der Erzählung der Taten« ist man »zum lang- tur und Wissenschaft entfaltet werden, »als eine
wierigen Prozeß der Aufdeckung«, »vom Augen- Art vernetztes Ensemble rekonstruiert« (Link,
blick der Hinrichtung zum Moment der Überfüh- Link-Heer 1990, 97), erörtert sie literarische Texte
rung« und »von der physischen Konfrontation mit in ihren wissensgeschichtlichen Relationen zu
der Macht zum intellektuellen Kampf zwischen nicht-literarischen Texten.
dem Kriminellen und dem Untersuchungsbeam- (3) Dies praktizieren auch all jene Interpretatio-
ten« übergegangen (Foucault 1977, 89 f.). Literatur nen, die im Bezug auf einzelne Verfahrensmo-
ist jedoch nicht einfach Ausdruck der Veränderun- mente der Foucaultschen Diskursanalyse eine kul-
gen in der Strafjustiz. Vielmehr verlaufen die Ver- turwissenschaftliche Erweiterung der Philologien
änderungen in Kriminalliteratur und Strafjustiz forcieren (vgl. Schößler 2006, 49). Trotz ihrer
parallel: Keine bildet die andere ab, sondern beide durchaus nicht einheitlichen Methodik können sie
stehen im Rahmen eines kulturellen Prozesses, den als literarische Diskursanalysen verstanden wer-
sie mitprägen und von dem sie selbst geprägt sind. den, auch wenn sie sich selten explizit als solche de-
In der Literaturwissenschaft lassen sich tenden- finieren. Beispielhaft seien hier angeführt: Albrecht
ziell drei Ansätze einer Diskursanalyse unterschei- Koschorkes Körperströme und Schriftverkehr
den: (1) Eine »historisch-philologische Variante« (1999), Joseph Vogls Kalkül und Leidenschaft
betrachtet die Literatur selbst als Diskurs, wobei es (2002), Roland Borgards ’ Poetik des Schmerzes
ihr um die »Analyse, Kritik und Revision literar- (2007), Nicolas Pethes ’ Zöglinge der Natur (2007)
historischer Klassifikationen« geht, z. B. den Kon- und Peter Schnyders Zählen und Erzählen im
zeptualisierungen von Epochen und den geschicht- Zeichen des Glückspiels (2009). Diese Studien un-
lich variierenden Funktionen von Autorschaft (vgl. terscheiden sich in drei Momenten von der Inter-
Köppe/Winko 2008, 109). Der Konnex von Litera- diskursanalyse. Erstens wird die Binnendifferen-
tur und Wissen spielt dabei eher eine nachgeord- zierung in Spezial- und Interdiskurse zurückge-
nete Rolle. (2) Demgegenüber präsentiert die von nommen, da in gewisser Weise jeder Diskurs,
Jürgen Link und Ursula Link-Heer formulierte In- insofern er ein transdisziplinäres Wissen nach sei-
terdiskursanalyse ein Interpretationsmodell, das nen eigenen Modi konturiert, zugleich einen Spe-
Literatur in ihrer kulturellen Situierung aufschlie- zial- und einen Interdiskurs bildet. Zweitens wird
ßen möchte. Dazu nehmen sie eine Differenzie- die Materialbasis erheblich erweitert, so dass ten-
rung in Spezialdiskurse  – »›diskursive Formatio- denziell alle Disziplinen von der Mathematik bis
nen‹« (Link/Link-Heer 1990, 93), etwa die Natur- zur Jurisprudenz und von der Biologie bis zur Pä-
geschichte des 18. oder die Evolutionsbiologie des dagogik erfasst werden. Drittens tritt an die Stelle
19. Jh.s  – und Interdiskurse  – »alle interferieren- einer Fokussierung auf die Produktion und Rezep-
den, koppelnden, integrierenden usw. Quer-Bezie- tion von Kollektivsymbolen die Orientierung an
hungen zwischen mehreren Spezialdiskursen« Wissenschaft wie Literatur umgreifenden Frage-
(ebd.) – vor. Ziel der Interdiskursanalyse ist es zum stellungen, die keineswegs genuin literaturwissen-
einen, »die Entstehung literarischer Texte aus ei- schaftlich bestimmt, sondern meist danach ausge-
nem je historisch-spezifischen diskursintegrativen wählt sind, inwiefern sie die Konstruktion moder-
Spiel« (ebd., 95) zu untersuchen, und zum anderen, ner Individualität verhandeln.
»die je besondere Subjektivierung des Integral- Auch wenn die exemplarisch genannten Studien
Wissens« (ebd.) zu akzentuieren. Der besondere mehr oder weniger stark an zentrale Aspekte der
Status der Literatur, die wie beim späten Foucault Foucaultschen Diskursanalyse anschließen – trans-
als Teil einer diskursiven Ordnung gesehen wird, disziplinäre Analyse eines historischen Wissens
besteht darin, dass dieselbe als Interdiskurs das vom Menschen, Untersuchung der Transformatio-
36 1. Ansätze

nen dieses Wissens hinsichtlich neuer Gegenstände Müller (Hg.): Diskurstheorien und Literaturwissen-
und neuer Verfahren, Rekonstruktion der macht- schaft Frankfurt a. M. 1988, 284–307.
technischen Bedingungen der Wissenskonstruk- Link, Jürgen/Link-Heer, Ursula: »Diskurs/Interdiskurs
und Literaturanalyse«. In: LiLi 77 (1990), 88–99.
tion, Interpretation einer Wissenschaft wie Lite-
Neumeyer, Harald: »Methoden diskursanalytischer An-
ratur umgreifenden Serie von Texten zu einem sätze«. In: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hg.): Me-
Themenkomplex –, sind sie entschieden literatur- thoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Text-
wissenschaftlich ausgerichtet. So wird etwa die analyse. Aufsätze – Grundlagen – Modellanalysen Stutt-
Produktion von Wissen generell als ein Akt der gart/Weimar 2010, 177–200.
poiesis, der narrativ wie rhetorisch vermittelten Schößler, Franziska: Literaturwissenschaft als Kulturwis-
Hervorbringung von Elementen und Formen eines senschaft. Tübingen 2006.
Harald Neumeyer
historisch kontingenten Wissens beschrieben. Und
so bleibt auch der besondere Status von Literatur
nicht unberücksichtigt. Allerdings wird derselbe
nicht vorab und allgemein für alle literarische Texte 1.6 Poetologie des Wissens
behauptet, sondern ›fallweise‹, also bezogen auf die
jeweiligen Texte spezifiziert. Zudem wird er nicht
darauf reduziert, dass die Literatur die Position ei- ›Poetologie des Wissens‹ bezeichnet ein kulturwis-
nes ›Gegen‹ oder ›Außerhalb‹ bezieht, sondern senschaftliches Verfahren, das die spezifischen
darin gesehen, dass sie aufgrund inhaltlicher und Korrespondenzen zwischen Wissen und Darstel-
struktureller Analogien und Differenzen sowohl lungsweisen untersucht (Vogl 1999, 2011). Das
am zeitgenössische Wissen partizipiert als auch Verfahren analysiert sowohl die rhetorische, litera-
dasselbe in besonderer Weise konturiert. Aufs rische und mediale Verfasstheit von Objekten, For-
Ganze betrachtet zeigt diese Variante einer Dis- men und Bereichen des Wissens als auch die Art
kursanalyse, wie Literatur Wissen in gleichem und Weise, wie Ästhetik und Wissen ineinander-
Maße produziert und reproduziert, wie sie dabei greifen. Seine Bezeichnung als ›Poetologie‹ ver-
die kulturrelevanten Funktionen von Speicherung, weist auf die Kategorie der Gemachtheit bzw. Poie-
Vermittlung und Transformation dieses Wissens sis, welche die Artifizialität, Willkürlichkeit und
erfüllt und wie sie demselben immer auch poetolo- Regelhaftigkeit eines Wissens erfasst. Sachliche
gische und ästhetische Qualitäten für die eigenen und methodische Orientierung findet die Poetolo-
Darstellungstechniken abgewinnt. gie des Wissens zum einen in Wissenschaftsge-
schichte, historischer Epistemologie und Diskurs-
Literatur analyse, die den Begriff des Wissens auf das Feld
der Geschichte gezogen und im Wissen ein histori-
Geisenhanslücke, Achim: Gegendiskurse. Literatur und sches Untersuchungsgebiet erschlossen haben, das
Diskursanalyse bei Michel Foucault. Heidelberg 2008.
Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäolo-
weder mit alltäglichen Wissensbeständen noch mit
gie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M. 1974 der Geschichte der Wissenschaften gleichzusetzen
(frz. 1966). ist. An die Stelle eines kompakten Verständnisses,
Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt was Wissen und Wissenschaftlichkeit sei, rückt
a. M. 51992 (frz. 1969). eine Historisierung von Erkenntnisbedingungen,
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt Prozeduren und Arbeitsweisen der Wissenschaften,
a. M. 1991 (frz. 1970).
welche die privilegierten Stellungen des Objektbe-
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt
des Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1977 (frz. 1975). griffs und des Erkenntnissubjekts hinterfragt. Zum
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und anderen knüpft die Poetologie des Wissens an lite-
Wahrheit I. Frankfurt a. M. 1983 (frz. 1976). ratur-, medien- und kulturwissenschaftliche Un-
Kammler, Clemens: »Historische Diskursanalyse«. In: tersuchungen an, die eine Verschränkung von Wis-
Klaus-Michael Bogdal (Hg.): Neue Literaturtheorie. sen und Darstellungsweisen aufzeigen: Erzählwei-
Eine Einführung Opladen 1990, 31–55. sen, Genres, Gattungen und Textsorten, Bilder,
Köppe, Tilmann/Winko, Simone: Neuere Literaturtheo-
rien. Stuttgart/Weimar 2008.
Diagramme und Visualisierungen sind nicht allein
Link, Jürgen: »Literaturanalyse als Interdiskursanalyse. als Repräsentationen und Codierungen eines Wis-
Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in sens aufzufassen, sondern aktiv an dessen Hervor-
der Kollektivsymbolik«. In: Jürgen Fohrmann/Harro bringung beteiligt. Das Verfahren ist insbesondere
1.6 Poetologie des Wissens 37

für Analysen der formativen Phase eines Wissens, ihres Gegenstandsbereichs verbürgt als durch ihre
des historischen Zusammenhangs zwischen hete- Experimentalanordnungen und eine spezifische
rogenen Äußerungsweisen und Wissensgebieten Begriffsbildung (vgl. Canguilhem 2009). In den
und der spezifischen Wissensform der Literatur modernen Naturwissenschaften treten an die Stelle
eingesetzt worden. Diese Erprobung war von einer von vorfindlichen Objekten und einer Erkenntnis,
Kontroverse begleitet, in der gegensätzliche Auffas- die nach dem Modell der sinnlichen Wahrneh-
sungen über Erkenntnisinteressen, wissenschaftli- mung und alltäglichen Erfahrung konzeptualisiert
che Methodik sowie Rolle und Funktion der Theo- werden kann, die Produkte einer »Phänomeno-
riebildung in den Wissenschaften aufeinandertra- technik« (Bachelard 1988, 18), in der mittels tech-
fen, ohne dass sich eine einvernehmliche Position nischer Verfahren wissenschaftliche Phänomene
abzeichnete. Streitpunkte waren die Stellung von erzeugt, aufgezeichnet, in Daten transformiert und
Aussagesätzen, die Rolle und Funktion ästhetischer ausgewertet werden. Die Objekte dieser Wissen-
Prozesse im Wissen sowie das Verhältnis der Lite- schaften existieren als technisch konstituierte Phä-
raturwissenschaft zu Wissenschaftstheorie und nomene, die in einem »neuen epistemologischen
Wissenssoziologie (vgl. Stiening 2007; Vogl 2007). Bereich« (Bachelard 1993, 20) angesiedelt sind, in
Jede theoretische Modellierung des Wissens un- dem Grenzziehungen zwischen ›Natur‹ und ›Kul-
terstellt Kategorien, die weder selbstverständlich tur‹ naiv und sinnlos geworden sind. Sowenig in
gegeben sind noch einen neutralen Rahmen bil- den modernen Wissenschaften ein unmittelbarer
den. Insofern werfen die Modellierungen die Frage Objektbezug vorausgesetzt werden kann, sondern
auf, wie sie zu interpretieren sind. Während Wissen rekonstruiert werden muss, wie ein Objektbezug
in traditionellen Definitionen als wahre und ge- oder ein Phänomen hergestellt wird, sowenig lässt
rechtfertigte Meinung bestimmt wird, die sich in sich ein Erkenntnissubjekt, das sukzessive die Ge-
einem Gefüge propositionaler Aussagen artiku- setzmäßigkeiten der Natur und einer natürlichen
liert, wird es in neueren Arbeiten als eine ge- Objektwelt entdeckt, als stabiler und einheitlicher
schichtliche Kategorie begriffen, deren Bezug auf Bezugspunkt der Wissenschaften voraussetzen: Das
Lebenswelt und Wissenschaften zuallererst zu klä- Erkenntnissubjekt besitzt in den Wissenschaften
ren sei. Wissenschaftsgeschichte und Wissens- keinen zwingenden Vorrang vor unpersönlichen
soziologie, historische Epistemologie und Diskurs- Mächten, materialen Anordnungen oder Zufällen.
analyse haben das monolithische Bild einer Wis- Die Diskursanalyse zielt nicht auf die vermeint-
senschaft revidiert, die durch den Kollektivsingular lich invarianten Bedingungen eines Wissens und
bezeichnet wurde; sie haben die traditionelle Auf- trägt weder eine systematische Unterscheidung
fassung der Wissenschaftstheorie korrigiert, wie von Wissen und Wissenschaft noch eine Sortie-
die Wissenschaft ihre Erkenntnisse erziele, und rung nach aktuellem und überholtem Wissen an
eine unhintergehbare Geschichtlichkeit und dis- die Untersuchungsgebiete heran. Insbesondere be-
kursive Verfasstheit des Wissens aufgezeigt (vgl. zweifelt sie die Annahme, dass Wissenschaften und
Hagner 2001). Angesichts der Verschiedenheit und Wissensbereiche über stabile Objekte verfügen, die
des Wandels der Erkenntnisbedingungen in den ein Substrat besitzen und als Universalien, wie z. B.
Wissenschaften können verschiedene epistemolo- ›die Natur‹, ›der Mensch‹ oder ›die Sexualität‹, ge-
gische Profile unterschieden werden, die weder mit geben seien. Michel Foucault hat einen Begriff des
der Ordnung der Wissenschaften in Disziplinen Wissens geprägt, der sowohl vom lebensweltlichen
und Fächer noch mit einer supponierten Ordnung Vorverständnis, was Wissen sei, als auch einem szi-
der Natur zusammenfallen (vgl. Canguilhem 1979). entifischen Verständnis von Wissen unterschieden
Die Wissenschaftlichkeit einer Disziplin hängt ist und nicht vorrangig an dessen propositionale
nicht vom Grad ihrer Formalisierbarkeit ab. Zwar Form und das erkennende Subjekt geknüpft ist
hat die klassische Physik lange Zeit als Inbegriff der (vgl. Foucault 1992; Schneider 2003). Die Diskurs-
Wissenschaft gegolten und ein Modell und Maß- analyse fragt, welche Realitäts- oder Existenzbe-
stab für Wissenschaftlichkeit überhaupt geliefert. dingungen es für Äußerungsmengen gibt, wie Äu-
Dennoch taugt die Physik nicht als normatives ßerungen in Aussagen transformiert werden und
Modell: So wird etwa die Wissenschaftlichkeit von nach welchen Spielregeln verschiedene diskursive
Medizin und Biologie weniger durch die Formali- Formationen funktionieren. Diese Realitäts- oder
sierung, Quantifizierung oder Mathematisierung Existenzbedingungen von Äußerungsmengen um-
38 1. Ansätze

fassen sowohl materielle und mediale Vorausset- schichte, die auf die Rekonstruktion von Paradig-
zungen von Äußerungen, die z. B. in Medien- men abzielt, die großen Einschnitte, dramatischen
technologien und Infrastrukturen liegen, als auch Wechsel und abrupten Umschwünge im Mittel-
diskursive und nichtdiskursive Praktiken, die fest- punkt stehen, geht Foucaults Begriff der Episteme
legen, was zu einem historischen Zeitpunkt über- über die historischen Wahrheitskriterien der Fä-
haupt sagbar und sichtbar ist. Denn zahlreiche cher und Disziplinen hinaus und bezeichnet die
Wissensobjekte, wie etwa die Zellen in Lebewesen Gesamtheit der diskursiven und nichtdiskursiven
(vgl. Foucault 1974, 174 f.) oder das Milchsäure- Bedingungen, welche die Wissenschaftlichkeit von
bakterium (vgl. Latour 2001), gelangen erst unter Aussagen in einer Epoche regeln (vgl. Foucault
spezifischen historischen Voraussetzungen zur 1974). Diese makroskopischen Modelle einer Wis-
Sichtbarkeit und können erst dann zu einem Refe- sensgeschichte sind ergänzt und korrigiert worden
renten von Äußerungen werden. Äußerungen sind durch Studien, die den Hang der Geschichtsschrei-
nicht mit Aussagen gleichzusetzen, die ihrerseits bung kritisieren, sich auf die Seite von Wissensbe-
nicht auf die sprachliche Form des Satzes be- ständen zu schlagen, deren Wahrheit, Erfolg und
schränkt sind, sondern z. B. auch Bilder und Dia- Durchsetzung gesichert ist. Sie nehmen auch die
gramme umfassen. Was einer Äußerung den Status Rolle und Funktion vager und allgemeiner Vorstel-
einer Aussage verleiht, erschließt sich weniger aus lungen für die Wissenschaft in den Blick, die nach
linguistischen und philosophischen Definitionen der Entstehung des Neuen fragen und auf die Pro-
der Aussage, sondern hängt u. a. von institutionel- zessualität von Wissenschaft und Wissen abstellen.
len, sozialen und politischen Voraussetzungen ab: Das sogenannte Strong Programme der Sociology of
Jede Äußerung ergeht in einem Machtgefüge. Wäh- Scientific Knowledge fordert, ›wahren‹ und ›fal-
rend die traditionelle Bestimmung des Subjekts ei- schen‹ wissenschaftlichen Theorien dieselbe Auf-
ner Aussage auf eine grammatische oder empiri- merksamkeit zu widmen (vgl. Bloor 1976). Ludwik
sche Bestimmung des Sprechers zielt, geht die Fleck hat gezeigt, wie in der Wissenschaft vage und
Diskursanalyse davon aus, dass Aussagen eine Sub- allgemeine Vorstellungen darüber wirksam sind,
jektposition implizieren, die wie ein Stellplatz mit wie die Dinge beschaffen seien, was Kausalität sei
variablen Sprechern besetzt werden kann. Mit der oder wie Erkenntnis funktioniere. Solche Vorstel-
Unterscheidung von Subjektposition und empiri- lungen sind in das Wissen eingewebt und leben »in
schen Personen gerät nicht zuletzt ein Gefüge von übernommenen Begriffen weiter, in Problemfas-
Regeln in den Blick, das die Einheiten von Autor sungen, in schulmäßiger Lehre, im alltäglichen Le-
und Werk sichert, Äußerungsinstanzen den Status ben, in der Sprache und in Institutionen« (Fleck
eines Autors und Äußerungsmengen den eines 1994, 31). Hans Blumenberg hat in seinen meta-
Werks verleiht. Der französische Singular archive, phorologischen Studien ein Vorfeld der wissen-
der dieses Gefüge der diskursiven Regeln bezeich- schaftlichen Begriffsbildung aufgeklärt, auf das
net, ist »das allgemeine System der Formation und prälogische Formen, Metaphern und Bilder ein-
Transformation von Aussagen« (Foucault 1992, wirken, die wiederum in den wissenschaftlichen
188), das den Grundsätzen der Wissenschaftlich- Begriffen persistieren (vgl. Blumenberg 1998). Die
keit vorgelagert ist und zumeist in verschiedenen Gender-Forschung hat nicht zuletzt demonstriert,
Disziplinen und auf unterschiedlichen Feldern zu- wie geschlechtliche Codierungen das Wissen über
gleich in Erscheinung tritt. die Natur und die Lebewesen strukturieren (vgl.
Diskursanalyse und Wissenschaftsgeschichte Schiebinger 2001). Wenn sich das empirische Feld
haben die historischen Bewegungen des Wissens des Wissens im Nachhinein in überschaubare Al-
und den Gang der Wissenschaften verschieden ternativen und konsequente Entwicklungen ord-
modelliert. Der Begriff des Paradigmas, den Tho- net, dann wird jene sukzessiv und geordnet fort-
mas S. Kuhn in die Wissenschaftsgeschichte einge- schreitende Erzählung von der Geschichte der
führt hat, erfasst unter dem Wahrheitskriterium, Wissenschaften möglich, die ihre Plausibilität dar-
was die Wissenschaftlichkeit einer Disziplin oder aus bezieht, dass sie das historisch-empirische Feld
eines Fachs regelt (vgl. Kuhn 1976). Das Kriterium überhaupt zu ordnen vermag: Was an Neuem in
der Wahrheit besitzt eine binäre Codierung, die der Wissenschaft auftaucht, erhält um den Preis,
das, was als wahr gilt, vom Falschen in eindeutiger dass an ihm getilgt wird, was unvorhersehbar war,
Weise absetzt. Während in einer Wissenschaftsge- seinen Vorläufer. Die Alternative zu solch einer
1.6 Poetologie des Wissens 39

Geschichte des Wissens, die geradlinig von Datum schen Wandel unterliegen. Einerseits setzt sie die
zu Datum und von Erfolg zu Erfolg voranschreitet, Stoßrichtung von Wissenschaftsgeschichte, histori-
ist die Annahme einer freien, fluktuierenden Zeit, scher Epistemologie und Diskursanalyse fort und
in der die Zukunft noch nicht festgelegt und über zeichnet nach, wie Objekte, Formen und Bereiche
die Erfolge und Fehlschläge der Wissenschaften des Wissens konstituiert werden; andererseits
noch nicht entschieden war (vgl. Serres 1994, 17). nimmt sie insbesondere Stellung, Rolle und Funk-
Hans-Jörg Rheinberger hat mit seiner Unterschei- tion von Rhetorik, Literatur, Performanz und Me-
dung zwischen epistemischem Ding, das innerhalb dien in den Blick, die das Wissen unter ihre eige-
einer Experimentalanordnung verkörpert, was nen Bedingungen stellen (vgl. Rancière 1994, 17;
noch nicht gewusst und wonach gesucht wird, und Vogl 1999; Dotzler/Weigel 2004). Ansatzpunkte für
technischem Ding, das der Forschung als ein stabi- ihre Untersuchungen bieten die Bedingungen und
les und bekanntes Objekt zur Verfügung steht, das Regeln, unter denen überhaupt wissensrelevante
Augenmerk auf die formativen Phasen der Wissen- Aussagen getroffen werden können, die Speiche-
schaften und die Frage nach der Genese und Ent- rung und räumliche Ordnung von Wissensbestän-
deckung des Neuen gelenkt (vgl. Rheinberger 2002, den, die materiale Kultur des Wissens, die typogra-
24 ff.). Wenn die Geschichte der Wissenschaften phische Wissensorganisation, die Geschichte gra-
nicht mehr vorrangig als Theoriegeschichte nach- phischer, optischer und akustischer Medien, die
gezeichnet, sondern als Geschichte von Experi- Rolle und Funktion von Fiktionen, Illusionsbil-
menten, technischen Verfahren und Gebrauchs- dung und Inszenierungsweisen in den Wissen-
weisen des Wissens geschrieben wird, gerät eine schaften oder die philologischen Verfahren des
Dynamik der Forschung in den Blick, die in kei- Sammelns, Vergleichens, Edierens, Kommentie-
nem schematischen Verhältnis von Theorie und rens und Historisierens. Insofern muss eine Poeto-
experimenteller Überprüfung mehr zu fassen ist logie des Wissens sowohl über eine Untersuchung
und die jene Phasen der Wissenschaft kennzeich- von Stoffen, Motiven und eine Thematisierung von
net, in denen sich neue Methoden, Themenberei- Wissensbeständen in der Literatur als auch über
che und Arbeitsgebiete erschließen (vgl. Hacking eine Analyse der Bezugnahme der Literatur auf die
1983; vgl. Rheinberger 2002). Die Wissenschaftsge- Wirklichkeit und ihre referentielle Dimension hin-
schichte stößt hierbei auf Kräfte, Praktiken und In- ausgehen: Literatur ist nicht auf Funktionen der
teressen, die an der Formierung der Wissensob- Speicherung und Repräsentation eines Wissens
jekte und Phänomene zwar mitgewirkt haben, aber einzugrenzen, noch ist sie nur Umschlagplatz von
deren Anteil nachträglich abgeschattet wird. Wäh- Wissensbeständen und Schauplatz eines Interdis-
rend in der Rückschau die Innovation zumeist als kurses. Fiktionen unterlaufen zumeist das binäre
folgerichtig erscheint und zwangsläufig aus den Schema von Faktischem und Kontrafaktischem
historischen Bedingungen hervorzugehen scheint, und sind als Gegensatz zur oder Abweichung von
unterbricht die Wissenschaftsgeschichte diesen Er- der Wirklichkeit nicht hinreichend zu verstehen.
klärungszusammenhang, dringt in die Genese des Fiktionsbildungen, literarische Verfahren, Erzähl-
Neuen ein und fächert totalisierende Begriffe wie weisen oder Gattungsformen üben eine codierende
›Paradigma‹ oder ›Episteme‹ auf. und Wissen strukturierende Funktion aus: Das be-
Vor diesem Hintergrund fragt eine Poetologie trifft z. B. die konstitutive Funktion des Als-ob bei
des Wissens nach den Korrespondenzen von Wis- der Setzung von Erkenntnisbedingungen oder in
sen und Darstellungsweisen. Kern des Verfahrens Gedankenexperimenten, die Leistung des autobio-
sind literatur-, kultur- und medienwissenschaftli- graphischen Erzählens für eine Autorisierung von
che Untersuchungen, welche die rhetorische, sym- Wissensbeständen oder die Rolle von Novellen,
bolische, literarische und mediale Verfasstheit ana- Fallgeschichten und biographischen Erzählungen,
lysieren, in der ein Wissen erscheint, dargestellt die ein Wissen vom Einzelfall konstituieren und
wird und in Umlauf kommt. Die Poetologie des Fälle vergleichbar werden lassen.
Wissens folgt damit der Einsicht der Medien- und Auch wenn Analysen der poetischen Verfasst-
Kulturwissenschaften, dass die Aufzeichnung, heit eines Wissens die Nähe von Literatur und Wis-
Speicherung und Verarbeitung, die Darstellung sen aufzeigen, ignoriert die Poetologie des Wissens
und Kommunikation von Sachverhalten durch keineswegs die Verschiedenheit von Fiktion, Wis-
Medien bestimmt werden, die selbst einem histori- sen und Wissenschaft. Allerdings ist nicht davon
40 1. Ansätze

auszugehen, dass es zunächst einen szientifischen auftauchen, aber dennoch nicht die Einheit eines
Kern des Wissens gebe, dann geradlinige Übertra- Wissensgebiets sichern. Was solche Relationen von
gungswege zwischen Disziplinen, Fächern und Literatur und Wissen kennzeichnet, sind keine ein-
Wissensbereichen gebahnt würden und schließlich heitlichen Verfahren, Methoden, Objekt- oder
eine geordnete Übernahme von Verfahren, Model- Themenbereiche, sondern eine »interne Mannig-
len oder Konzepten geschehe. So sind etwa Kon- faltigkeit« (Vogl 2011, 65) von Wissen und Litera-
zepte wie Umlauf, Zirkulation, Homöostase und tur, die ihren Relationen vorgängig ist. Das Verfah-
Selbstregulation als eine Übertragungskette zwi- ren einer Poetologie des Wissens vermag somit
schen physikalischen, physiologischen und natur- Problemstellungen im Verhältnis von Literatur und
historischen Sachverhalten noch nicht hinreichend Wissen freizulegen, ohne jedoch schon privile-
zu fassen. Vielmehr können solche Konzepte die gierte Lösungen für die Beschreibung von deren
verschiedenen Bereiche von Medizin, Naturge- Verhältnis vorzugeben.
schichte und Ökonomie durchqueren, weil sie in-
tern bereits heterogen verfasst sind. Zwar legt die Literatur
Allgemeinheit ihrer Bezeichnung einen gemeinsa-
Bloor, David: »The Strong Programme in the Sociology
men Kern und eine homogene Herkunft nahe. of Knowledge«. In: Ders.: Knowledge and Social
Dennoch lassen sie sich nicht auf einen Ursprung Imagery. London 1976, 1–19.
zurückführen, von dem aus sie ihre Migration Bachelard, Gaston: Epistemologie. Hg. v. Dominique Le-
durch die Wissensbereiche angetreten hätten. Was court. Frankfurt a. M. 1993.
an dieser inneren Heterogenität von Verfahren, Blumenberg, Hans: Paradigmen zu einer Metaphorologie
Modellen und Konzepten zutage tritt, ist eine kon- [1960]. Frankfurt a. M. 1998.
Canguilhem, Georges: »Der Gegenstand der Wissen-
tingente und lokale oder regionale Verfasstheit des
schaftsgeschichte«. In: Ders.: Wissenschaftsgeschichte
Wissens, das die Funktionsweise und Leistung von und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze. Hg. v. Wolf
Abstraktionen und Generalisierungen, Verwissen- Lepenies. Frankfurt a. M. 1979.
schaftlichung, Professionalisierung und Institutio- Canguilhem, Georges: »Das Experimentieren in der Tier-
nalisierung zuallererst sichtbar werden lässt. biologie«. In: Ders.: Die Erkenntnis des Lebens. Berlin
Die Poetologie des Wissens richtet ihr Interesse 2009, 27–70.
Daston, Lorraine/Galison, Peter: Objektivität. Frankfurt
insbesondere auf ein Verhältnis von Literatur und
a. M. 2007 (engl. 2007).
Wissen, das in neuartigen Relationen und vor und Dotzler, Bernhard/Weigel, Sigrid (Hg): »fülle der combi-
jenseits ihrer Verschiedenheit aufscheint: »Literari- nationen«. Literaturforschung und Wissenschaftsge-
scher Text und Wissensordnung stehen in keiner schichte. München 2005.
vorhersehbaren und entschiedenen Relation zuein- Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissen-
ander, ihr Zusammenhang ergibt sich vielmehr in schaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom
einem uneindeutigen Modus der Disparatheit« Denkstil und Denkkollektiv [1935]. Mit einer Einlei-
tung hg. v. Lothar Schäfer und Thomas Schnelle.
(Vogl 2011, 67). Solche Relationen von Literatur
Frankfurt a. M.31994.
und Wissensordnung können in den formativen Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt
Phasen eines Wissens hervortreten, wie z. B. in der a. M. 51992 (frz. 1969).
Astronomie der Frühen Neuzeit, in denen ein Wis- Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäolo-
sen noch über keine stabilen Objekte verfügt. Sol- gie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M. 1974
che Relationen können an der Migration von Me- (frz. 1966).
Hacking, Ian: Representing and Intervening. Introductory
thoden verfolgt werden, wie z. B. in Goethes Mor-
Topics in the Philosophy of Natural Science (Einführung
phologie, die über Fachgrenzen und Sachgebiete in die Philosophie der Naturwissenschaften). Cam-
hinweg operiert. Sie können am Modus operandi bridge 1983.
des Experiments demonstriert werden, das gegen- Hagner, Michael (Hg.): Ansichten der Wissenschaftsge-
über seiner wissenschaftstheoretischen Bestim- schichte. Frankfurt a. M. 2001.
mung ein »Eigenleben« (Hacking 1996, 250) führt Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolu-
und gerade kein einheitliches Verfahren der Wis- tionen. Zweite revidierte und um das Postskriptum von
1969 ergänzte Auflage. Frankfurt a. M. 21976 (engl.
senserzeugung ist (vgl. Krause/Pethes 2005). Sie
1970).
können an Konzeptbildungen wie Rückkopplung, Krause, Marcus/Pethes, Nicolas (Hg.): Literarische Expe-
Emergenz oder Autopoiesis aufgezeigt werden, die rimentalkulturen. Poetologien des Experiments im 19.
in disparaten Themen, Techniken und Theorien Jahrhundert. Würzburg 2005.
1.7 Materialität 41

Latour, Bruno: Pasteur: guerre et paix de microbes suivi de von literarischen ›Werken‹ versprächen, gerät statt-
Irréductions [1984]. Paris 2001. dessen die Vielheit der »Schnipsel und Kritzel«
Rancière, Jacques: Die Namen der Geschichte. Versuch ei- (Rheinberger 2005) in den Blick, die Fülle der
ner Poetik des Wissens. Frankfurt a. M. 1994.
Schreibmaterialien und Aufzeichnungstechniken
Rheinberger, Hans-Jörg: Experimentalsystem und episte-
mische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im
und die ungeordnete Menge solcher Grapheme, die
Reagenzglas. Göttingen 22002. sich nicht unbedingt eindeutig dem Zeichnen oder
Schneider, Ulrich Johannes: »Wissensgeschichte, nicht dem Schreiben zuordnen lassen.
Wissenschaftsgeschichte«. In: Axel Honneth/Martin
Saar (Hg.): Michel Foucault. Zwischenbilanz einer Re-
zeption. Frankfurter Foucault-Konferenz 2001. Frank- Stoff, Materie, Material: Voraussetzungen
furt a. M. 2003, 220–229. des Begriffs »Materialität« in den Künsten
Schiebinger, Londa: Nature ’ s Body. Gender in the Making
of Modern Science. New Brunswick 1993. In den Literatur- und Geisteswissenschaften des
Serres, Michel: »Vorwort«. In: Ders. (Hg.): Elemente einer deutschsprachigen Raums finden Stoffe, Elemente
Geschichte der Wissenschaften. Frankfurt a. M. 1994, und körperlich-gegenständliche Einzeldinge aus
11–37 (frz. 1989). begriffs- und ideengeschichtlichen Gründen meist
Stiening, Gideon: »Am ›Ungrund‹. Was sind und zu wel- wenig Beachtung. Denn im Anschluss an die aris-
chem Ende studiert man ›Poetologien des Wissens‹?«
totelische Metaphysik unterscheidet die abend-
In: KulturPoetik 7, 2 (2007), 234–248.
Vogl, Joseph (Hg.): Poetologien des Wissens um 1800. ländische Philosophie bis in die Frühe Neuzeit
München 1999. zwischen einer materia prima (Erst-Materie bzw.
Vogl, Joseph: »Robuste und idiosynkratische Theorie«. Ur-Materie), die als Prinzip den geformten, existie-
In: KulturPoetik 7, 2 (2007), 249–258. renden, materiellen Gegenständen zugrunde liegt,
Vogl, Joseph: »Poetologie des Wissens«. In: Harun Maye/ und der materia secunda (Zweite Materie) als Be-
Leander Scholz (Hg.): Einführung in die Kulturwissen- zeichnung für eben diese Dinge und Sachen. Das
schaft. München 2011, 49–71.
Begriffspaar Form und Stoff (idea und hyle) hatte
Armin Schäfer
Aristoteles in der Physik eingeführt, um das unge-
löste philosophische Problem des Werdens und
Vergehens konturieren zu können. Ihm zufolge ist
alles Seiende aus Stoff und Form zusammengesetzt;
jede Bewegung, jedes Entstehen und Vergehen be-
1.7 Materialität steht darin, dass ein bestimmtes stoffliches Substrat
eine neue oder andere Form erhält. Da sie zwei von
vier Grundprinzipien bilden, sind Stoff und Form
Für die Literaturwissenschaft ist ein Text gemein- dabei selbst unvergänglich; was vergeht, ist ledig-
hin das Gebilde von Worten und Zeichen, das sich lich das Einzelding (Aristoteles 20009, VIII, 1, 1042
vom Material seiner Aufzeichnung lösen und iden- a). Als Grenzbegriff bezeichnet die Erste Materie
tisch reproduzieren lässt. Die nähere Bestimmung (prote hyle) bei Aristoteles dasjenige, was sich hy-
dieses Materials, der Zettel und Karten, Pläne und pothetisch finden ließe, wenn der Prozess des Wer-
Typoskripte, ist daher benachbarten Disziplinen dens bis an seinen Ausgangspunkt zurückverfolgt
wie der Editionsphilologie oder der Handschrif- werden könnte, etwas nicht näher Bestimmbares
tenkunde übertragen, die ein eigenes Vokabular hinter den vermeintlich ungeformten Stoffen wie
zur Charakterisierung von Beschreibstoffen, Pa- Erde oder Wasser.
piersorten, Schreibwerkzeugen und Druckforma- Auch wenn diese Konzeption der geformten
ten entwickelt haben. Diese Arbeitsteilung wird Materie noch relativ nah an der platonischen Ideen-
schon seit den 1960er Jahren dort modifiziert, wo lehre ist, hat sich historisch im deutschsprachigen
nicht mehr stabile Autor-Werk-Einheiten voraus- Raum eine ›materialistische‹ oder ›realistische‹
gesetzt werden, sondern das Schreiben als ein Philosophie nie dauerhaft durchsetzen können; na-
nicht-teleologischer Prozess mit eigenen Regulari- tionale Stereotypen und Vorurteile haben bei-
täten und Gesetzmäßigkeiten aufgefasst wird. Gilt spielsweise im 18. Jh. in Deutschland dazu geführt,
das Interesse nicht länger dem Text als vermeint- den französischen ›Materialismus‹ schon aus ideo-
lich stabilem Gebilde, dessen ›Stufen‹ chronolo- logischen Motiven abzulehnen. Die früheste Er-
gisch geordnet neue Erkenntnisse über die Anlage wähnung des Begriffs findet sich bezeichnender-
42 1. Ansätze

weise 1726 in einer deutschen Polemik gegen den siven und sanften Gesten zwingt« (Barthes 2006,
»falschen Begriff von Materie«: Materialismus liegt 173). Es ist mithin nicht nur die Wahl eines be-
demnach vor, »wenn man die geistliche Substanzen stimmten Papierformats oder etwa die Entschei-
leugnet und keine andere als körperliche zulassen dung zwischen Zettel und Heft, Karteikarte und
will« (Walch 1733). Neben dem dort explizit ge- Notizbuch, Bleistift oder Schreibmaschine, die den
nannten Spinoza sind es dann Autoren wie Hob- zweidimensionalen Raum des Schreibens auf einer
bes, Helvétius und der skandalumwitterte La Mett- Fläche eröffnet, sondern bereits die sinnlich wahr-
rie, aber auch Diderot und andere, die als ›Materia- nehmbaren Eigenschaften des unbearbeiteten Stof-
listen‹ oder ›Mechanisten‹ diskreditiert werden fes ermöglichen und begrenzen zugleich, was in
sollen. Spätestens mit Kants ›kopernikanischer diesem Raum geschehen wird (Pichler, Ubl 2007).
Wende‹ und der überaus wirkmächtigen Hegel- Das Schreibmaterial interagiert in diesem körperli-
schen Philosophie ist die deutsche Ideen- und Be- chen Akt, dem Handwerk des Kritzelns, Schreibens
griffsgeschichte idealistisch geprägt; der ›dialekti- und Zeichnens, es muss für ihn zugerichtet und
sche Materialismus‹ nach Marx/Engels und meh- ihm unterworfen werden und kann dennoch oft
rere Materialismus-Streits des 19. und 20. Jh.s genug seine Widerständigkeit behaupten.
haben an dieser Vorherrschaft nichts ändern kön- Bereits das unbearbeitete Material trägt einen
nen. historischen Index: Erst am Ende des 18. Jh.s wur-
Die Marginalisierung des Stofflichen, der Mate- den beispielsweise Bleistifte zu allerorts erhältli-
rialien als Realien der Wissenschaft wird erst seit chen, gebräuchlichen Schreibwerkzeugen (Petroski
einigen Jahrzehnten programmatisch korrigiert: 1992) und die Herstellung schwarzer Tinte wurde
Kunstgeschichte und Bildwissenschaft nehmen zu- durch die Entdeckung neuer chemischer Verfahren
nehmend auch historische Praktiken der Herstel- erst ab etwa 1870 zugleich vereinfacht und billiger
lung und Bearbeitung von Stoffen wie deren je (vgl. Bockelkamp 1993, 95 f.), so dass im Verbund
spezifisches semantisches Potential in den Blick mit der neuen Stahlfeder die mühseligere Arbeit
(Wagner 2001, Wagner/Rübel 2002), Literaturwis- mit widerspenstigen Gänsefedern und selbstge-
senschaft, Editionsphilologie und Medientheorie mixten Tinkturen unterschiedlicher Haltbarkeit
reflektieren unter dem Eindruck der neuesten ein Ende fand. Mit solchen neuen Artefakten ge-
Medienrevolution auch die materialen Verände- hen neuartige Formen des Schreibens einher: Der
rungen der Textproduktion im digitalen Zeitalter Bleistift erlaubt, anders als das Ensemble aus Tin-
(Giuriato/Stingelin/Zanetti 2006; Schneider/Wedell tenfass und Feder, wie auch der ›Schreib-Kalender‹
2004). Der material turn in den Kultur- und Gesell- im Westentaschenformat oder das handliche No-
schaftswissenschaften wie in der Wissenschaftsge- tizbuch, ein stetiges Notieren allerorten ohne wei-
schichte hat in den letzten Jahren zudem eine Reihe tere Vorbereitung und Hilfsmittel. Mit der Entge-
produktiver Ansätze hervorgebracht, die zur For- gensetzung von Bleistiftnotiz und Tintenschrift
mulierung einer neuen Theorie der Materialität in einher geht andererseits auch eine neue Semantik
den Künsten beitragen können. des Materiellen, wie sie dem berühmten Beispiel
der einander ergänzenden und widersprechenden
Nachlassverfügungen Franz Kafkas abzulesen ist,
Materialien und Interaktionen
für deren unterschiedlichen Grad an Verbindlich-
beim Schreiben und Lesen keit auch mit dieser materialen Differenz argumen-
Roland Barthes hat bereits 1973 das Schreiben als tiert werden kann (Reuss 1995). Schreibende ha-
Geste und körperlichen Akt mit dem Neologismus ben zu allen Zeiten auch diese Dimension des Kör-
der Schreibung, scription, charakterisiert und die perlichen und Stofflichen reflektiert; berühmte
maßgebliche Rolle der am Schreibakt beteiligten Äußerungen wie Goethes Loblied auf den »willi-
Materialien betont. Ihm zufolge generiert und de- gen« Bleistift als Werkzeug der Inspiration (Goethe
terminiert jeder Beschreibgrund eine je eigene 1966, 80) und Nietzsches Schreibmaschinen-Texte
Schrift, indem er der schreibenden, ritzenden, ein- zeigen, dass poetologische und epistemologische
grabenden Hand unterschiedliche Formen des Wi- Positionen auch buchstäblich materialistisch be-
derstands entgegensetzt, »weil die Textur des Mate- gründet werden können.
rials (seine Glätte oder Rauhheit, seine Härte oder Abseits dieser Funktionalisierung lässt sich
Weichheit, sogar seine Farbe) die Hand zu aggres- nicht nur aus kunsthistorischer Sicht mit einer re-
1.7 Materialität 43

gelrechten Materialikonographie argumentieren: Zeichen auf einer Seite nicht etwa der Zeilenord-
»Schneeweiß und glatt«, wie es Hans Sachs ’ Ge- nung von links nach rechts oder oben nach unten,
dicht über den »Papyrer« verspricht (Sachs 1568, sondern erfasst in vermeintlich ungeordneten,
23), soll vor allem das Schreibpapier bereit liegen sprungartigen Bewegungen (Saccaden) die visuel-
und eine Aura von Reinheit, Unberührtheit und len Eindrücke auf der zweidimensionalen Fläche.
Unschuld mit sich führen (Bardt 2006, Müller Schriftsteller, bildende Künstler und Buchgestalter
2012). Das geduldige Papier ist als weißes Blatt frei- arbeiten daher seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s
lich auch der oft ängstlich beschworene Auslöser mit visuellen Reizen, die diese Augenbewegungen
von Schreibblockaden; der gefürchtete ›writers anziehen oder leiten sollen: Typographische Ge-
block‹ hat seine materiale Entsprechung im leeren staltungselemente wie die Form und Dicke der
weißen Blatt, das noch die digitalen Textverarbei- Buchstaben, die Breite des Randes und der Umriss
tungsprogramme als weißes Rechteck aus Lichtzei- des Textblocks tragen zur Wahrnehmung der Zei-
chen imitieren und simulieren (Macho 2003). Im chen, zu ihrer Lektüre und Interpretation Entschei-
Zeitalter seiner manuellen Herstellung ist das Pa- dendes bei, wie nicht zuletzt Stefan Georges radi-
pier noch um 1800 ein kostbares Material, das mit kales Konzept einer eigens entworfenen Schrift für
Sorgfalt und Umsicht behandelt werden muss. Bei- seine neuartige Dichtung belegt. Die bis heute übli-
läufiges und zu Verwerfendes wird daher in der Re- che Kodexform des Buchs, der gebundene Buch-
gel nicht auf den weißen glatten Blättern notiert, block, der seit dem 3. Jh. unserer Zeitrechnung die
sondern auf dem, was Papierherstellung und -ge- ältere Schriftrolle ersetzt hat, ermöglicht zudem
brauch an Abfall und Resten produzieren: Mit der erst Formen des blätternden Lesens, des Überflie-
Makulatur erfindet die Ära des Massendrucks be- gens von Doppelseiten, des Annotierens am Sei-
reits zu ihren Anfängen eine Hierarchie der Mate- tenrand und des Markierens von Seiten mittels ein-
rialien und eine Kultur der Zweitverwertung. Im gelegter Zettel oder umgeknickte Ecken (Gunia/
Zeitalter des Lumpenpapiers  – also bis weit ins Hermann 2002). Neuere Versuche, dieses Format
19. Jh. – ist die Rede von bestimmten Eigenschaften elektronisch zu ersetzen, können diese materiale
des in harter körperlicher Arbeit aus Bottichen mit Dimension des Lesens nur unzureichend simulie-
verfaulten Textilfasern geschöpften ›Büttenpapiers‹ ren; bezeichnenderweise folgen aber sowohl die
das Ergebnis einer Reihe von Verdrängungen und Textverarbeitungsprogramme für Schreibende als
Projektionen: Die Reinheit, Glätte und Weiße des auch die Dateiaufbereitungen für Lesende den For-
Papiers zu betonen, heißt auch, seine Entstehung matvorgaben von Papier und Buch in der Entwick-
aus dem übelriechenden Trog mit schmutzigen lung einer Art sekundären Materialität.
Textilien obskurer Herkunft zu sublimieren und zu Gérard Genette hat mit seinem Konzept der
verschweigen. »Paratexte« diesem Zusammenwirken materieller
Aus Untersuchungen zur Lesesozialisation, der und immaterieller Aspekte eine theoretische
Leseforschung und der Buchwissenschaft ist zu- Grundlage gegeben. Ihm zufolge bilden die soge-
dem bekannt, dass das Buch als materielles Objekt, nannten Paratexte, zu denen neben Titel, Motto,
seine Gestaltung und seine Platzierung auf dem Vorwort und ähnlichen Rahmungen des Textes
Buchmarkt entscheidende Auswirkungen auf das auch vermeintlich äußerliche Beigaben wie der
Leseverhalten haben. Auch die Lektüre, die in einer Buchumschlag, dessen Farbe und typographische
starken hermeneutischen Tradition als Prozess der Gestaltung zählen, eine Art Schwelle oder Korridor
Transzendenz vom materiellen Buchstaben zu den vor dem Text im Inneren, dessen Zugang sie somit
immateriellen Dimensionen von Sinn und Bedeu- gleichermaßen eröffnen und regulieren (Genette
tung aufgefasst wurde (Chartier 1999, Cavallo 2001). Genettes Argument lässt sich dahingehend
1999), ist zunächst ein körperlicher Akt der Hand- erweitern, dass auch die je spezifischen materialen
habung eines dreidimensionalen, materiellen Ge- Eigenschaften des Buches diese beim Lesen halb
genstands. So liefert – mit erheblichen nationalen unbewusst verarbeiteten Informationen liefern:
Unterschieden – bereits die mit allen Sinnen wahr- Die Dicke des Buches, sein Gewicht in der Hand,
nehmbare äußere Gestalt des Buches wichtige In- die haptisch, visuell und olfaktorisch erfahrbare
formationen über den zu erwartenden Inhalt. Ob- Qualität von Papier und Einband und Ähnliches
gleich die Leserichtung in allen Schriftkulturen tragen ebenso zum Gesamteindruck des Textes bei
vorgegeben ist, folgt das Auge beim Erfassen der wie seine teils auktorial gesteuerten diskursiven
44 1. Ansätze

Elemente. Wenn Genette zufolge kein Text ohne schaft gleichfalls üblich ist. Wenn solchermaßen
Paratexte auftritt, so kann umgekehrt potenziell ›Dinge‹ zu Akteuren und Subjekten von Texten
jede seiner materialen Eigenschaften auch als Para- und erzählten Handlungen gemacht werden, wäre
text etikettiert werden, mit der erwartbaren Konse- die Entwicklung einer kontrollierten Rede über
quenz, dass die Grenze zwischen Paratext und Text den Status dieser Gegenstände oder Objekte der
nicht immer eindeutig zu ziehen ist. Erkenntnis bereits Teil einer noch zu formulieren-
den Theorie der Materialität in den Künsten.
In anderen Kontexten wird das (Mit-)Agieren
Formen sekundärer Materialität:
der Dinge bereits intensiv diskutiert: Im Anschluss
Materiale (Text-)Dinge als Objekte an die Arbeiten Bruno Latours zur Akteur-Netz-
der Literaturwissenschaft werk-Theorie (Latour 2008) werden derzeit in ver-
Stoffe, Materialien und leiblich-gegenständliche schiedenen wissenschaftlichen Disziplinen neue
Dinge sind in den letzten Jahren auch zu einem Konzepte von agency (Handlungsmacht/Agieren/
zentralen Thema der Literatur- und Kulturwissen- Agenten und Agenturen) entwickelt, die beschreib-
schaften geworden. So lässt sich beispielsweise die bar machen, wie menschliche und nicht-menschli-
realistische Literatur des 19. Jh.s als ein Reservoir che Akteure in netzwerkartigen Gebilden an hand-
und Archiv von Dingen des täglichen Lebens lungsartigen Vorgängen beteiligt sein können
begreifen, deren plastische Beschreibung nicht (Knappett 2008). Mit Blick auf soziale und kultu-
zuletzt »Wirklichkeitseffekte« erzeugt: Roland relle Praktiken lässt sich zudem der Unterschied
Barthes zufolge stellen diese oft unscheinbaren Ge- zwischen ›Ding‹ und ›Objekt‹ als »Materialisation«
genstände im Text nicht in erster Linie Referenzbe- beschreiben: Aus der amorphen Masse der Ding-
ziehungen zu einer sinnlich wahrnehmbaren Au- welt vereinzelt und verkörpert sich demnach nur
ßenwelt her, sondern signalisieren gewissermaßen als distinktes Objekt, was benannt und verstanden
dieses Reale selbst als Überschuss, der nicht in der werden kann (ebd., 144). Die zwei Namen dessel-
symbolisierenden Rede der Erzählung aufgeht ben Registers mit einander überschneidenden Be-
(Barthes 1968). deutungsfeldern lassen sich auch so erläutern, dass
Das semiotische Potential solcher textuell er- als Objekt benannt wird, was vereinzelt, gemessen
zeugten Dinge kann dabei ebenso Gegenstand lite- und aus seinem Kontext gelöst werden kann, wäh-
raturwissenschaftlicher Untersuchungen sein rend Dinge in Verbünden und Gemeinschaften be-
(Schneider/Hunfeld 2008) wie die Beobachtung stehen, aus denen sie schwerlich ohne Bedeutungs-
der Transformation von Bestandteilen materialer verluste gelöst werden können (Gosden 2004).
Kultur zu poetischen Gegenständen den Fokus auf Auch in anderen prominenten Entwürfen einer
genuin literarische Mittel solcher Übertragungen material culture muss dieser Verweis auf die Mate-
richten kann (Weder 2008). Nicht nur einzelnen rialität der Dinge bei einem solchen Konzept ihrer
Autoren und Texten, sondern ganzen Epochen der relationalen Bedeutungsgenerierung jedoch nicht
Literaturgeschichte können dann je eigene »Poeti- mit einer Reflexion der materialen Eigenschaften
ken der Materie« zugeschrieben werden (Strässle/ von sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen ver-
Torra-Mattenklott 2005). Auch bestimmte histori- bunden sein, wie schon die wirkungsmächtigen
sche Phänomene, wie das Auftauchen ›lebendiger Studien Daniel Millers demonstrieren (Miller
Dinge‹ in der Literatur um 1900, können in den 1987, 2005). Bereits auf der Ebene der materialen
Blick genommen werden (Kimmich 2011). Aller- Sonderung von Dingen oder Objekten setzen dem-
dings unterscheiden diese Studien häufig nicht ter- nach Akte der Interpretation an, wie die unmögli-
minologisch exakt zwischen Gegenständen, Sa- che Grenzziehung zwischen einem Artefakt und
chen, Waren und Dingen in der Außenwelt wahr- den Menschen und Dingen, die an seiner Hervor-
nehmbarer Wirklichkeit und ihren literarischen bringung beteiligt sind, deutlich machen kann, die
Doppelgängern: Gerade kulturwissenschaftlich ar- sich nicht zufällig am Beispiel (digitaler) Schreib-
gumentierende Text überspielen häufig die Grenze materialien erläutern lässt: Papier, Druckerfarbe,
zwischen historisch Realem und Fiktivem oder Drucker und Computer bilden ein Ensemble, in
Imaginärem in der steten Überblendung buchstäb- das auch, sensorisch und begrifflich ununter-
licher und metaphorischer Rede, wie sie zumal in scheidbar von seiner materialen Umgebung, ein
der Beschreibungssprache der Literaturwissen- menschlicher Agent eingebunden ist (Yarrow 2008,
1.8 Praktiken 45

135). Die materiale Bedingtheit jedes Handelns Reuß, Roland: »Lesen, was gestrichen wurde. Für eine
nicht nur allgemein zu konstatieren, sondern für historisch-kritische Kafka-Ausgabe«. In: Franz Kafka:
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Miller, Daniel (Hg.): Materiality. Durham 2005. fang der 1980er Jahre wird Wissenschaft nicht
Müller, Lothar: Weisse Magie. Die Epoche des Papiers. mehr nur als Theorie, sondern vor allem als Praxis
München 2012. verstanden, die aus zahlreichen Praktiken besteht –
Petroski, Henry: The Pencil: A History of Design and Cir- wie Beobachten, Fragen, Notieren, Schreiben, Ent-
cumstance. New York 1992.
werfen, Wiederholen, Archivieren, Messen, Mo-
Pichler, Wolfram/Ubl, Ralph: »Vor dem ersten Strich.
Moderne und vormoderne Zeichnungsdispositive«. dellieren, Sammeln, Verwerfen, Abstimmen, An-
In: Werner Busch/Oliver Jehle/Carolin Meister (Hg.): passen usw. Diese Praktiken werden als epistemisch
Randgänge der Zeichnung. München 2007, 231–255. relevant angesehen.
46 1. Ansätze

In literatur- und geisteswissenschaftlichen Pub- verdeutlichen, dass die Praxis »in höherem Maße
likationen tauchen Praktiken bis heute allerdings unabhängig ist von der Theorie, als normalerweise
meist nur als Nebentätigkeiten, als Beiwerk von eingeräumt wird« (ebd., 10). Dem von Ideen und
ideengeschichtlichen Darstellungen auf. Histori- Theorien geleiteten Experiment stellte Hacking das
sche oder theoretische Auseinandersetzungen, die offene Experiment gegenüber, das noch nicht weiß,
von Praktiken ausgehen, diese zu entscheidenden welche Antwort es sucht, das »aus bloßer Neu-
Elementen der Wissensgenerierung erklären und gierde angestellt« wird, »um zu sehen, was gesche-
aus der Beschäftigung mit Praktiken auch metho- hen wird« (ebd., 257). Hacking zeigte auf, dass
dische Schlüsse ziehen, sind nach wie vor eher sel- Wissenschaftler ihre Experimente oft umschrei-
ten. Dabei stellt die Literaturwissenschaft seit eini- ben, dass sie falsche Schlüsse ziehen oder überra-
gen Jahren neue Ansätze bereit, die von der Ana- schende Beobachtungen machen können und – der
lyse einzelner Praktiken über die Untersuchung wohl radikalste Gedanke  – dass wissenschaftliche
von Praktiken als Verfahren bis hin zur Konzipie- Gegenstände überhaupt erst innerhalb von Expe-
rung von Praktiken als Kulturtechniken reichen. rimenten entstehen. Praktiken schienen also viel
Das Potential, das diese Ansätze bergen, kann in komplexer zu sein und die Theorie viel mehr an ih-
dreifacher Hinsicht präzisiert werden: (1) Ausge- rer Praxis orientiert, als bis dahin angenommen.
hend von der historischen Genese des practical Einen wichtigen Impuls für die Erforschung
turn in der Wissenschaftsforschung, (2) im Blick wissenschaftlicher Praxis hatte Thomas Kuhns The
auf die Rolle von Praktiken in der Literaturwissen- Structure of Scientific Revolutions gegeben, in der er
schaft, (3) durch die medienwissenschaftliche Per- einen Entwurf von Wissenschaft skizzierte, der
spektive auf Praktiken, wie sie mit dem Begriff sich nicht aus Lehrbüchern sondern aus »ge-
»Kulturtechniken« entwickelt wurde. schichtlich belegten Berichten über die For-
schungstätigkeit selbst« speiste (Kuhn 1976, 15).
Wenn auch Kuhn keinen emphatischen Praxisbe-
Practical Turn
griff entwickelte, so zeigte seine Studie doch, dass
Die jüngere Wissenschaftsgeschichte hat sich in mit der Abhängigkeit der Forschung von historisch
erster Linie mit der Praxis des Experimentierens sich wandelnden Paradigmen auch »der ganze Be-
beschäftigt: »Wenn tatsächlich der Großteil dessen, reich von Praxis, Beobachtung, Experiment etc.
was die Wissenschaftler tun, Experimentieren ist«, selbst geschichtsfähig wurde«, wie Michael Hagner
so Peter McLaughlin, dann muss »eine befriedi- treffend festhält (Hagner 2001, 19). In den 1980er
gende Geschichte der Wissenschaften die experi- Jahren kam es dann zur Abkehr von den großen
mentelle Praxis berücksichtigen« (McLaughlin 1993, Paradigmen hin auf kleine Ereignisse – lokale Kon-
209). Nun hat die Wissenschaftsgeschichte vor dem stellationen, wissenschaftliche Bilder, praktische
practical turn diese Praxis durchaus miterzählt, Verflechtungen, Statistiken, Laborgeräte  – wie sie
aber nicht in den Vordergrund ihrer Analysen ge- Bruno Latour mit seinem Buch Science in Action in
stellt. Stattdessen orientierte sie sich an wissen- Gang setzte und Andrew Pickering weiterführte
schaftlichen Theorien und degradierte experimen- (Latour 1987, Pickering 1992). Hier wurde die Ge-
telle Praktiken zu Hilfsmitteln im Denkprozess, die schichte der Ideen, Theorien und wissenschaftli-
nur bestätigten, was theoretisch entworfen wurde. chen Werte endlich im Zusammenhang untersucht
Der Logische Empirismus ebenso wie der Kritische mit der materiellen Kultur und Praxis an ihren
Rationalismus interessierten sich für das Experi- Produktionsorten, mit dem ›Machen‹ der Wissen-
ment zwar »als Quelle [ …] der Beobachtungsaus- schaftler und dem Widerstand der Dinge.
sagen, die dann in Beziehung der Theorie gesetzt Neben Philosophen und Historikern untersuch-
werden konnten« (ebd., 213), wie die Praxis dieses ten Wissenschaftssoziologen Praktiken als soziale
Vorgangs genau aussah, spielte keine besondere Aktivitäten (Gooding 1990; Latour, Woolgar 1979).
Rolle. Parallel dazu wurde in der Soziologie ein Praxisbe-
Erstmals prominent kritisiert wurde diese Hal- griff herausgearbeitet, der sich von jenen Hand-
tung in Ian Hackings 1983 erschienenem Represen- lungstheorien abgrenzte, die annahmen, dass so-
ting and Intervening, in welchem der Autor kon- ziale Handlungen immer bewusst und intentional
statierte: »Die Experimentiertätigkeit führt ein Ei- abliefen. Pierre Bourdieu hielt Letzteren entgegen,
genleben« (Hacking 1996, 250). Er wollte damit ein »praktischer Sinn« könne auch als körperliches
1.8 Praktiken 47

Vermögen abgespeichert werden (Bourdieu 1972, mentieren im Labor entstehen, bevor sie sich in Be-
1987). Als Vorläufer dieser Vorstellung kann Mi- griffe und sprachliche Erklärungen verwandeln
chael Polanyis tacit knowing aufgefasst werden, das und »die Logik der Forschung [ …] der Logik der
schon in den 50er Jahren für die Wissensentste- Darstellung zum Opfer« fällt (Rheinberger 2003,
hung ein intuitives, praktisches Können rekla- 41/42).
mierte (Polanyi 1958). Die Literaturwissenschaft interessierte bislang
In der deutschsprachigen Wissenschaftsfor- vor allem die Verschriftlichung der Gedanken als
schung hat Karin Knorr-Cetina den soziologischen Wissen oder Text generierende Praxis. Schrift
Ansatz verfolgt. Mit Methoden der direkten Beob- wurde dabei im weitesten Sinne des Wortes ver-
achtung und der ethnographischen Datenerfas- standen, wobei auch Notate und Kritzeleien dar-
sung ging sie den Abläufen der Wissenserzeugung unter fielen. Die Untersuchung solcher Spuren der
in wissenschaftlichen Laboren nach (Knorr-Cetina Textproduktion erfolgte meist im Rahmen der Edi-
1984). Dabei untersuchte sie Wissen nicht als Er- tionsphilologie und reicht bis ins 19. Jh. zurück
kenntnisprodukt, sondern als Prozess, was eine (Bohnenkamp 2005). Allerdings kam hier den
fundamentale Kritik der bisherigen Wissenschafts- Praktiken der Textgenese gegenüber den fertigen
theorie darstellte, denn sie zog auch in Zweifel, dass Texten meist nur eine sekundäre Rolle zu. Konse-
Erkenntnis einzig als kognitive Leistung aufgefasst quent verschoben hat sich der Fokus vom Text auf
werden konnte. Durch den Fokus auf das Wie der die Bedingungen der Textproduktion erst in den
Wissensentstehung erschienen wissenschaftliche 1970er Jahren mit der aus dem Strukturalismus
Produkte nicht mehr als Abbilder der Wirklichkeit, heraus entwickelten critique génétique, die aus-
sondern als Ergebnisse wissenschaftlicher Prakti- schließlich Manuskriptmaterial analysierte und in-
ken, die Teil dieser Wirklichkeit waren (ebd., 21). terpretierte (Gréssillon 1999). Hier kamen auch
Hier kamen die beiden Richtungen des praktischen Praktiken in den Blick, sie wurden jedoch kaum
Denkens – das der Soziologie und das der Wissen- theoretisch fruchtbar gemacht: Schreibprozesse
schaftsforschung  – zusammen: Praktiken (in die- wie das Exzerpieren, Streichen und Zitieren wur-
sem Fall Laborpraktiken) wurden als Ereignisse den zwar zusammengetragen, was aber beispiels-
verstanden, die sowohl dem menschlichen Denken weise das Exzerpt vom Auszug oder Zitat unter-
als auch der Wissenserzeugung zugrunde liegen. schied, blieb weit gehend offen.
Diesen Differenzierungen geht Christoph Hoff-
mann nach (Hoffmann/Westermann 2009, 3–7),
Literaturwissenschaft
der den Begriff des Verfahrens dem Begriff der
Der practical turn ist in der Literaturwissenschaft Praktik allerdings vorzieht und Schreiben als in-
in mehreren Bereichen aufgegriffen worden, wobei strumentale und gerichtete Tätigkeit begreift, die
jeweils unterschiedliche Aspekte in den Fokus sich durch regelmäßige Abläufe auszeichnet, so
rückten: Einen zentralen Aspekt bildete die Ver- dass differenziertere Schreibverfahren wie das
schriftlichung. Schon der russische Physiologe Führen eines Protokolls oder das Anfertigen von
Ivan Pavlov hat die Verschriftlichung seiner Ge- Notizen in den Blick kommen (Hoffmann 2008).
danken als Wissen generierende Praxis ernst ge- Auch für Rüdiger Campe stellt Schreiben die zent-
nommen. 1927 veröffentlichte er eine Sammlung rale Praktik zur Analyse von literarischen Schaf-
von Texten zu seinen Entdeckungen, die er nicht fensprozessen unter verschiedenen historischen
redigierte, nicht kürzte oder neu strukturierte, son- und technischen Bedingungen dar, wobei hier
dern weitgehend im protokollarischen Originalzu- Schreibszenen nicht isoliert, sondern als »En-
stand beließ: »In this manner the reader is placed semble von Sprache, Instrumentalität und Geste«
in a position to obtain a much clearer idea of the (Campe 1991, 760) und die Praktik des Schreibens
natural growth of the subject« (Pavlov 1927, XI). als »Repertoire von Gesten und Vorkehrungen«
Dass Ideen gleichsam im Verfassen ihrer Beschrei- beschrieben werden (ebd. 759).
bung entstehen, ist auch ein Grundgedanke der ak- Über das Schreiben hinaus existieren Untersu-
tuellen Wissenschaftsforschung. Hans-Jörg Rhein- chungen zu Praktiken des Lesens, wie sie Friedrich
berger lenkt den Blick daher vor die Verschriftli- Kittler in Relation zur Geschichte der Datenauf-
chung wissenschaftlicher Forschung, auf die – meist zeichnung vorgelegt hat (Kittler 1985). Cornelia
apparativ erzeugten  – Spuren, die beim Experi- Ortlieb widmet sich dem Exzerpieren als einer zwi-
48 1. Ansätze

schen Lesen und Schreiben vermittelnden Praktik Kittler, Thomas Macho und Sibylle Krämer richte-
(Ortlieb 2006). Weitere Studien zu den Verwen- ten Ende der 1990er Jahre in Berlin das Hermann
dungen der Schrift befassen sich mit dem Über- von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechniken ein
schreiben, Kopieren und Streichen von Geschrie- zur »systematischen Erforschung der Wechselwir-
benem (Ortlieb 2007; Wirth 2011) und zeigen, dass kungen zwischen wissenschaftlichen oder kulturel-
die Praktiken des Verfassens von Texten mehr sind len Umbrüchen und technischen Neuerungen«
als nur Hilfsmittel zur Herstellung von sinnvollen (HZK 2012). Diese Systematik setzte an bei Prakti-
Texten, sie sind Werkzeuge des Denkens. Dies legt ken, die als Kulturtechniken begriffen werden:
auch Christina Brandt in ihrer Beschäftigung mit »Kulturtechniken  – wie Schreiben, Lesen, Malen,
dem Erzählen nahe, das eine »grundlegende kogni- Rechnen, Musizieren – sind stets älter als die Be-
tive und epistemische« Funktion innerhalb natur- griffe, die aus ihnen generiert werden. Geschrieben
wissenschaftlicher Arbeit habe und das sie auch als wurde lange vor jedem Begriff der Schrift oder des
Praktik der naturwissenschaftlichen Forschung be- Alphabets; [ …] bis heute kann gesungen und mu-
greift (Brandt 2009, 83). siziert werden ohne Tonbegriffe oder Notensys-
Eine das Lesen und Schreiben flankierende teme. Auch das Zählen ist älter als die Zahl« (Ma-
Praktik stellt das Archivieren von Wissen dar. Mar- cho 2003, 179).
kus Krajewski zeigt in seiner Studie zu Zettelkäs- Allerdings werden Kulturtechniken nicht auf
ten, dass diese Objekte nicht nur Praktiken ihrer alle Praktiken bezogen, sondern nur auf jene, die
Nutzung  – wie »Ordnen, Adressieren, Kontrollie- sich durch ein Moment der Übung auszeichnen.
ren, Speichern, Buchhalten und Rechnen« – nach Husten, Lachen oder Weinen – also die unwillkür-
sich ziehen, sondern zugleich Praktiken ihrer Ent- lichen Handlungen  – zählen nicht dazu. Als Kul-
stehung voraussetzen wie das Verzeichnen und turtechniken scheinen ausschließlich bewusste
Übertragen (Krajewski 2002, 7). Ebenfalls mit der Handlungen bezeichnet zu werden, die erlernt und
Verwaltung von Wissen befasst sich der Band Sam- wiederholt werden können wie das Schwimmen
meln, Ausstellen, Wegwerfen, wobei vor allem die oder Laufen. Diese Tätigkeiten wiederum sind von
Praktik des Wegwerfens besticht, die literarischen Marcel Mauss bereits in den 1930er Jahren als Kör-
Beschreibungen selten abgewonnen wird (Ecker, pertechniken beschrieben worden und gehören
Stange, Vedder, 2001). Komplementär dazu ver- laut Bernhard Siegert ebenfalls in den Geltungsbe-
folgt Anke te Heesens Monografie Der Zeitungs- reich der Kulturtechniken: »Diese Praktiken rei-
ausschnitt. Ein Papierobjekt der Moderne die Prak- chen von Kulthandlungen und religiösen Zeremo-
tiken des Aufbewahrens von solchen Texten, die nien bis zu den Methoden zur Erzeugung und
für gewöhnlich weggeworfen werden – in Form des Repräsentation von objektiven Daten in den Wis-
Ausschneidens, Klebens und Sammelns von Zei- senschaften, von den Methoden der Pädagogen bis
tungsmeldungen. Eine ihrer Thesen ist, dass der zu den politischen, administrativen, anthropo-
Zeitungsausschnitt sich für die Moderne als konsti- logischen und biologischen Menschenfassungen«
tutiv auszeichnet durch Praktiken wie das »Tren- (Nanz, Siegert 2006, 8). Die Praktik des Schreibens
nen und Montieren, Loslösen und Verschieben, wird ebenfalls als Kulturtechnik beschrieben, die
Neuordnen und Rekombinieren« (te Heesen 2006, besonders gut verdeutlicht, dass Kulturtechniken
21). Und schließlich steht auch die Praktik des Ex- rekursiv verlaufen: Beim Schreiben bringt nicht
perimentierens im Mittelpunkt einiger literatur- nur ein Autor einen Text hervor, sondern beide
wissenschaftlicher Studien, die Michael Gamper konstituieren sich im Vollzug des Schreibens ge-
systematisch gefasst und in drei Bänden versam- genseitig (Maye 2010, 125 f.). Praktiken generieren
melt hat (Gamper/Wernli/Zimmer 2009, 2010; hiernach nicht nur Artefakte, sondern wirken im-
Gamper, Bies 2011). mer auch auf ihre Akteure zurück – das Schreiben
auf den Schreibenden, das Lesen auf den Lesenden
(Schüttpelz 2006; Vismann 2010).
Medienwissenschaft
Der Blick auf die Literatur- und Medienwissen-
In den letzten Jahren hat sich die Beschäftigung mit schaften zeigt, dass Praktiken heute ausgesprochen
Praktiken noch in einem anderen Bereich etabliert: heterogen bestimmt sind und ihre Erforschung
der Kulturtechnikforschung, die sich aus der deut- maßgeblich von den Interessen einzelner Diszipli-
schen Medienwissenschaft herausbildete. Friedrich nen geleitet wird. Die Konjunktur, die die Praxis-
1.8 Praktiken 49

forschung in der Wissenschaftsgeschichte erfuhr, »Es ist nun einmal zum Versuch gekommen«. Experi-
hat die Literaturwissenschaft zwar stärker erfasst ment und Literatur I: 1580–1790. Göttingen 2009.
als andere Fächer, so dass mittlerweile einige An- Gamper, Michael/Wernli, Martina/Zimmer, Jörg (Hg.):
sätze vorliegen, Praktiken als Einzelphänomene zu »Wir sind Experimente: wollen wir es auch sein!« Expe-
riment und Literatur II: 1790–1890. Göttingen 2010.
untersuchen. Die theoretischen Konzipierungen
Gooding, David: Experiment and the Making of Meaning.
von Praktiken als Verfahren und als Kulturtechni- Human Agency in Scientific Observation and Experi-
ken bergen indes noch Forschungspotential, das – ment. Dordrecht 1990.
an Doris Bachmann-Medicks Definition von cul- Gréssillon, Almuth: Literarische Handschriften. Einfüh-
tural turns angelehnt  – ein »Umschlagen von rung in die ›critique génétique‹. Bern u. a. 1999.
Forschungsgegenständen hin zu neuartigen Analy- Hacking, Ian: Einführung in die Philosophie der Naturwis-
sekategorien« ankündigt (Bachmann-Medick 2010). senschaften. Stuttgart 1996 (engl. 1983).
Hagner, Michael: »Die Welt als Versammlungsort. Bruno
Praktiken sind demnach von Objekten der For-
Latours politische Ökonomie aus dem Geiste der Wis-
schung zu Erkenntnismitteln geworden: sie werden senschaftsforschung«. In: Gaia 15/2, 2006, 127–134.
nicht mehr nur interpretiert, sondern fungieren als Hagner, Michael: Ansichten der Wissenschaftsgeschichte.
Werkzeuge, die epistemische, kulturelle oder anth- Frankfurt a. M., 2001.
ropologische Bedeutungszusammenhänge über- te Heesen, Anke: Der Zeitungsausschnitt. Ein Papierobjekt
haupt erst erkennbar machen. Bei der Untersu- der Moderne. Frankfurt a. M. 2006.
chung von Verfahren oder Kulturtechniken geht es Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik. In: http://www.
kulturtechnik.hu-berlin.de/ (24.01.2013).
daher nicht darum, Praktiken als Hilfsmittel der
Hoffmann, Christoph (Hg.): Wissen im Entwurf, I: Daten
Wissensgenerierung zu analysieren. Vielmehr geht sichern. Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Auf-
es um Wissensformen, die durch Praktiken mög- zeichnung. Zürich/Berlin 2008.
lich und bestimmbar werden sowie um Wirklich- Hoffmann, Christoph/Westermann, Lidia: Gottfried
keiten, die primär in Form von Praktiken zu verste- Benns Literaturreferate in der Berliner Klinischen Wo-
hen sind (ebd. 5). chenschrift. Preprint 387 des Max-Planck Instituts für
Wissenschaftsgeschichte, Berlin 2009.
HZK: http://www.kulturtechnik.hu-berlin.de (25.05.2012)
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50 1. Ansätze

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1.9 Schreiben
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Die neueren, literaturwissenschaftlichen und wis-
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Schreiben in Büchern und die Philosophie der Revi- Schreibens beruhen auf der Aufmerksamkeit für
sion bei Friedrich Heinrich Jacobi«. In: Mona Körte/ die Prozessualität und ebenso produktive wie wi-
Cornelia Ortlieb (Hg.): Verbergen, Überschreiben, Zer- derständige (Eigen-)Dynamik dieser sowohl für die
reißen. Formen der Bücherzerstörung in Literatur, Literatur als auch für die Wissenschaften elementa-
Kunst und Religion. Berlin 2007, 247–270. ren Praktik. Schreiben, so die Ausgangshypothese
Pavlov, Ivan: Conditioned Reflexes. Oxford 1927.
dieser Forschungsansätze, ist kein ›Null-Medium‹,
Pickering, Andrew (Hg.): Science as Practice and Culture.
Chicago 1992. das sich zum Aufgezeichneten neutral verhält oder
Polanyi, Michael: Implizites Wissen. Frankfurt a. M. 1985 umstandslos instrumentell verwendet werden
(engl. 1958). kann. Die historisch und (medien)technisch varia-
Reckwitz, Andreas: »Grundelemente einer Theorie sozia- blen Eigenlogiken von Schreibverhältnissen sind
ler Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive«. In: vielmehr konstitutiv mitbeteiligt an poetischen
Zeitschrift für Soziologie 32 (2003), 4, 282–301. ebenso wie an wissenschaftlichen Produktionspro-
Rheinberger, Hans-Jörg: »Historische Beispiele experi-
menteller Kreativität in den Wissenschaften«. In: Ös-
zessen. Das Schreiben bietet so die gemeinsame,
terr. Forschungsgemeinschaft (Hg.): Woher kommt das wenn auch nicht einheitliche Basis von Literatur
Neue? Kreativität in Wissenschaft und Kunst. Wien/ und Wissen(schaften) und bietet sich deshalb als
Köln/Weimar 2003. vielversprechender Gegenstand einer (vergleichen-
Schatzki, Theodore R./Knorr-Cetina, Karin/von Savigny, den) Analyse der jeweiligen Produktionslogiken an.
Eike (Hg.): The Practice Turn in Contemporary Theory. Im Unterschied insbesondere zum Englischen
London 2000.
und Französischen, wo die Praktik und das Struk-
Schüttpelz, Erhard: »Die medienanthropologische Kehre
der Kulturtechniken«. In: Lorenz Engell/Bernhard Sie- turmodell, zu dem sie sich verhält, vom gleichen
gert/Joseph Vogl (Hg.): Kulturgeschichte als Medienge- Wort bezeichnet werden können bzw. müssen
schichte (oder vice versa?). Heft 6. Weimar 2006. (writing, écriture), bietet das Deutsche eine auch le-
Siegert, Bernhard: 10 Essays on Cultural Techniques. New xikalische Differenzierung zwischen dem Verbal-
York 2013 (im Erscheinen). nomen ›Schreiben‹ und der Substantivbildung
Stern, David G.: »The Practical Turn«. In: Stephen P. Tur- ›Schrift‹. Diese Unterscheidung gewinnt systemati-
ner/Paul A. Roth (Hg.): The Blackwell Guide to the Phi-
losophy of the Social Sciences. London 2002, 185–206.
sche Züge, wenn man den methodischen Ort der
Vismann, Cornelia: »Kulturtechnik und Souveränität«. dem Schreiben gewidmeten Forschungsansätze der
In: Lorenz Engell/Bernhard Siegert (Hg.): Zeitschrift letzten Jahrzehnte bestimmen will. Für sie geht
für Medien- und Kulturforschung. Schwerpunkt Kultur- Schreiben als Praktik nicht mehr im Strukturmo-
technik 1 (2010), 171–181. dell einer Graphie auf, wie es mit Jacques Derridas
Weigel, Sigrid: »Experimente in litera. Gedankenexperi- Grammatologie (1967) diskussionsbestimmend ge-
mente bei Condillac und Kleist«. In: Anne-Kathrin
worden ist; es fügt sich nicht ohne Weiteres in den
Reulecke (Hg.): Von null bis unendlich. Literarische In-
szenierungen naturwissenschaftlichen Wissens. Köln/ Zusammenhang der gesellschaftlichen Gedächt-
Weimar/Wien 2008, 37–55. nis- und Organisationsleistungen der Schrift, wie
Wirth, Uwe: »Logik der Streichung«. In: Lucas Marco sie im Anschluss an die kulturhistorischen For-
Gisi/Hubert Thüring/Irmgard M. Wirtz (Hg.): Schrei- schungen von Jack Goody oder Walter Ong zum
ben und Streichen. Zu einem Moment produktiver Ne- Verhältnis von literacy und orality verhandelt wer-
gativität. Göttingen 2011, 23–46. den können; in ihrer Komplexität sperrt sich die
Wuggenig, Ulf/Prinz, Sophie: »Kunst und Praxistheorie«.
In: Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Aus-
Praktik des Schreibens schließlich ersichtlich ge-
gabe Praxistheorien. Wien 2009. gen die Zugriffe einer vornehmlich auf die Analyse
Margarete Vöhringer von Problemlösungsstrategien und/oder das Ver-
hältnis von geschriebener und gesprochener
Sprache ausgerichteten linguistischen Schreibfor-
schung. Diese methodenbezogene Widerständig-
keit des Schreibens kommt in der präzisen Ironie
von Vilém Flussers Definition zum Ausdruck: »Um
1.9 Schreiben 51

schreiben zu können, benötigen wir – unter ande- umstandsbezogener Differenzierung nachzuvoll-


rem  – die folgenden Faktoren: eine Oberfläche ziehen ist (vgl. Stingelin 2004; Giuriato/Stingelin/
(Blatt Papier), ein Werkzeug (Füllfeder), Zeichen Zanetti 2005; diess. 2006 sowie die weiteren Bände
(Buchstaben), eine Konvention (Bedeutung der der Reihe Zur Genealogie des Schreibens).
Buchstaben), Regeln (Orthographie), ein System Die Spuren solcher Schreibszenen kann man in
(Grammatik), ein durch das System der Sprache literaturwissenschaftlicher wie wissen(schaft)sge-
bezeichnetes System (semantische Kenntnis der schichtlicher Erkenntnisabsicht mittels zweier Vor-
Sprache), eine zu schreibende Botschaft (Ideen) gehensweisen verfolgen, deren heuristische und zu-
und das Schreiben. Die Komplexität liegt nicht so gleich epistemische Differenz man sich indes deut-
sehr in der Vielzahl der unerläßlichen Faktoren als lich vor Augen halten muss, auch wenn die beiden
in deren Heterogenität« (Flusser 1991, 40). Zugänge keineswegs kategorial voneinander ge-
In drei Forschungszusammenhängen ist unter trennt bleiben müssen. Zum einen und forschungs-
dieser Prämisse das Schreiben in den letzten Jahr- geschichtlich zuerst sind es »innerliterarische The-
zehnten zum Thema geworden: Die historische  – matisierungen oder literaturnahe Regulierungen«,
mediale und praxeologische – Komplexität der ele- also diskursive »Selbstdarbietung[en]« des Schrei-
mentaren, scheinbar einfachen Kulturtechnik bens (Campe 1991, 759), an denen Bedingungen
Schreiben rückt zunächst selbst in die Perspektive und Effekte dieser Praktik beschrieben und analy-
literatur- und wissensgeschichtlicher Untersu- siert werden sollen. Zum anderen bieten die materi-
chungen (1); wissenschaftsgeschichtliche Ansätze alen Spuren von Schreibpraktiken den Ausgangs-
nehmen die erkenntnisproduktive, epistemische punkt für Erkundungen der jeweiligen Spezifika
Funktion des Schreibens und verwandter graphi- von Schreibszenen. Im ersten Fall drängt sich die
scher Praktiken in den Blick (2); schließlich wer- von Campe veranschlagte Semantik der Inszenie-
den Funktion und Bedeutung des Schreibens als rung heuristisch geradezu auf: Man hat es bei
zentraler Schauplatz für die Genealogie moderner Schreibszenen dieses Zuschnitts zwangsläufig mit
Individualität neu bedacht (3). Szenen zu tun, auf und in denen das Gefüge von
Sprache, Instrumentalität und Geste ausgestellt
wird und so zum Gegenstand einer produktionsbe-
Praktik: die ›Schreibszene‹
zogenen, poietischen Reflexion werden resp. durch
Maßgeblich für die komplexitätsorientierten The- Analyse und Beschreibung zu einer solchen ge-
matisierungen des Schreibens ist eine Definition macht werden kann. Das epistemische Problem, zu
geworden, die Rüdiger Campe formuliert hat und dem sich diese Zugänge verhalten müssen, liegt in
die sich im Unterschied zur letztlich paradoxen der prekären Statusdifferenzierung, wie sie sich in
Heterogenität der von Flusser aufgezählten Fakto- viele Figurationen von Selbstbezüglichkeit und
ren nicht bloß additiv um die Bestimmung des Selbstthematisierung einzuschleichen droht: Solche
Schreibens bemüht. Campe bestimmt das Schrei- Thematisierungen des Schreibens erscheinen ge-
ben als Praktik, indem er das dafür konstitutive rade dann, wenn man ihre Rahmung so deutlich
»Repertoire von Gesten und Vorkehrungen« und wie nötig herausstellt, als Kommentare eines Zu-
vor allem deren nicht deterministisch auf eine der sammenhangs, dessen Teil sie gleichzeitig sind  –
beteiligten Komponenten zu reduzierende Relatio- Text und Metatext zugleich. Im zweiten Fall besteht
nierung in den Blick nimmt. Das Gefüge, das diese die Herausforderung zunächst darin, die für ge-
Praktik zugleich (wie es in der titelgebenden Dop- wöhnlich, zumal unter den Bedingungen editions-
pelung: »die Schreibszene, Schreiben«, deutlich wissenschaftlicher Textgewinnung oder literatur-
wird) ermöglicht und rahmt, bezeichnet Campe als wissenschaftlicher Textinterpretation wenig dring-
»nicht-stabiles Ensemble von Sprache, Instrumen- lich erscheinenden instrumentalen und gestischen
talität und Geste« (Campe 1991, 759 f.). Schrei- Komponenten der Schreibszene in ihr Recht zu
ben – als eine sowohl historisch als auch situativ in setzen. Das ist bereits materialbedingt mit beträcht-
ihren Bedingungen und Effekten eigens zu spezifi- lichem Aufwand verbunden. Selbst die seit den
zierende, kulturell gerahmte Praktik – ist eine An- späten 1970er Jahren in einigen vor allem deutsch-
gelegenheit von Zeichen(gebrauch), (Medien-) sprachigen Literatur- und Nachlasseditionen ge-
Techniken und Körperlichkeit zugleich, deren Ge- bräuchliche Praxis der Faksimilebeigabe hat nicht
nealogie entsprechend nur in präziser, fall- und in erster Linie darauf abgezielt, Fragestellungen
52 1. Ansätze

zu  (vor allem handschriftlich) dokumentierten hört und als solche seit der Frühen Neuzeit auch
Schreibszenen zu ermöglichen. Der selbstgestellte eigenständige Formate und Techniken hervorge-
editorische Anspruch der Faksimilierung verspricht bracht hat, haben breit angelegte historische Un-
vielmehr, editorische Entscheidungen bei Entziffe- tersuchungen herausgestellt (vgl. z. B. Blair 2010).
rung, genetischer Darstellung und Textkonstitution Das gilt selbst unter den Bedingungen hochdiffe-
transparent und überprüfbar zu machen. Das fun- renzierter und -technologischer naturwissenschaft-
damentale Bezugskriterium stellt also auch hier die licher Forschung. Bei ihrer wissenschaftsanthro-
textbezogene Lesbarkeit, nicht die auf das Schrei- pologischen Feldforschung in den Laboratorien
ben als Praktik bezogene Sichtbarkeit der präsen- und Büros des Teams um den Hormonforscher
tierten Materialien. Die buchmedialen Standar- Roger Guillemin (Salk Institute, La Jolla, CA) se-
disierungen der Faksimiles  – Einpassung der hen sich die Soziologen Bruno Latour und Steve
Abbildungen ins Buchformat der Editionen, druck- Woolgar Mitte der 1970er Jahre zu ihrer Überra-
kostenbedingte Wahl von Schwarzweiß- bezie- schung mit einem »eigenartigen Stamm« konfron-
hungsweise Graustufenreproduktionen  – mögen tiert, der den bei Weitem größten Teil seines Tages
den Lesbarkeitsanforderungen durchaus Genüge mit verschiedenstem ›paper work‹ verbringt. Die
leisten, ob sie eine zureichende Informationsdichte tägliche wissenschaftliche Arbeit dieses Stammes
für Fragestellungen zu Schreibpraktiken im skiz- lasse sich auf eine komplexe, aber geregelte Zirku-
zierten Sinne bieten, bleibt indes zumindest diskus- lation von Aufzeichnungen (»files, documents, and
sionswürdig. Hochauflösende Nachlassdigitalisie- dictionaries«) zurückführen, die von einer Vielfalt
rungen, wie sie unterdessen teilweise vorliegen (vgl. apparativer und/oder humaner Schreibvorrichtun-
z. B. www.nietzschesource.org; www.schopenhau- gen produziert würden und in deren Codierung
ersource.org), erlauben in dieser Hinsicht unter und Decodierung, Transformation und Umschrift
Umständen einen aufschlussreicheren, wenn auch die beiden Soziologen sowohl den Hauptaufwand
selbstredend seinerseits medial vermittelten Erstzu- als auch die Produktionsziele der von ihnen beob-
gang zu den Materialien, als das in einer dezidiert achteten Akteure ausmachen. Selbst die technisch-
editorisch ausgerichteten Fassung möglich wird. apparativen Vorrichtungen des Laboratoriums
dienten vorrangig der Erzeugung von Inskriptio-
nen und würden in ihren Abläufen ihrerseits von
Epistemisches Schreiben
solchen gesteuert: »material dictionaries« von Prä-
Ein zweiter Forschungsstrang, in dem das Schrei- paraten, Proben und Chemikalien sowie Messda-
ben beinahe gleichzeitig zu den eben skizzierten li- ten und Protokolle ›literalisieren‹ so auch die
teraturwissenschaftlichen Zusammenhängen, aber scheinbar handfesten, mittels aufwendiger und
davon unabhängig zum Thema geworden ist, liegt teurer Apparaturen betriebenen technischen Ab-
im disziplinären Zuständigkeitsbereich der Wis- läufe im Laborbereich (Latour/Woolgar 1979/1986,
senschaftsforschung und Wissenschaftsgeschichte. 47 ff.).
Auch diese Ansätze beziehen wesentliche Impulse Diesen empirischen Befund hat Latour dann in
aus Derridas grammatologischem Modell, auch sie einem vielbeachteten Aufsatz zu einem ebenso für
erweitern dessen theoretisches Profil durch ein de- diachrone Ansätze in der Wissenschaftsgeschichte
zidiert praxeologisches Interesse: dasjenige für die wie für die synchrone Zugangsweise soziologischer
wissensproduktiven, epistemischen Funktionen respektive kulturanthropologischer Studies frucht-
des Schreibens. Während Campes Begriff der baren Modell generalisiert: Die ›immutable mobi-
›Schreibszene‹ eine erkenntnisfördernde Komple- les‹, ›unveränderlich mobile Elemente‹ generieren-
xitätssteigerung für die elementare kulturelle Prak- den Inskriptionen, Ergebnisse unterschiedlichster
tik des Schreibens erlaubt, setzen die Ansätze der Aufzeichnungsoperationen, stellen den Elementar-
Wissenschaftsforschung und Wissenschaftsge- bestand neuzeitlicher Wissenspraktiken. Als aus
schichte auf eine sowohl quantitative wie qualita- der »Handwerkskunst des Schreibens und der Vi-
tive Expansion dieser elementaren Praktik (vgl. sualisierung« gewonnene Werkzeuge sind sie ei-
Hoffmann 2008; Wittmann 2009; Krauthausen/ nerseits von hinreichender Konsistenz, um zum
Nasim 2010; Voorhoeve 2011). Gegenstand vielfältiger Repräsentations- und Ma-
Dass das Schreiben zu den elementaren Be- nipulationsverfahren werden zu können, haben
standteilen gelehrt-wissenschaftlicher Praktik ge- andererseits aber auch die nötige Mobilität, um in
1.9 Schreiben 53

den agonistischen Prozessen moderner Wissenser- dern ganz im Gegenteil die Bedingungen der Fa-
zeugung in wandelnden Verkettungen und Tran- brikation von Fakten so umfassend wie möglich zu
skriptionen erfolgreich zum Einsatz gebracht zu bestimmen. Nicht auf Datensicherung und Reprä-
werden (Latour 1986/2006, 261). Damit verbunden sentation beschränken sich die Aufgaben der wis-
ist, wie man schnell feststellen kann, eine beträcht- senschaftlichen Schreibvorrichtungen, sie dienen
liche Erweiterung des Schreibbegriffs. Bereits die im Rahmen von »Experimentalsystemen« zur Pro-
von Latour genannte offene Reihe von »Diagram- duktion und Provokation von Neuem. Hans-Jörg
me[n], Listen, Formeln, Archive[n], technische[n] Rheinberger, der diese Beschaffenheit solcher
Zeichnungen, Akten, Gleichungen, Wörterbü- Schreibverfahren im genannten weiten Sinn in
cher[n], Sammlungen und so weiter« weist darauf maßgeblichen wissenschaftstheoretischen und -ge-
hin, dass in dieser Fassung jedes der von Campe schichtlichen Untersuchungen profiliert hat, sieht
systematisch als Komponenten der ›Schreibszene‹ darin die Funktion von »epistemischen Dingen«,
dingfest gemachten Elemente weit über die Gren- deren Bedingungsgefüge mit Spur, Iterativität und
zen des gewöhnlichen Schreibens hinausreicht. Differenz die konstitutiven Struktureigenschaften
An  Stelle der Sprache kann grundsätzlich jedes von Derridas Graphie-Modell zugrunde liegen
Notationssystem graphisch-diagrammatischen Zu- (Rheinberger 1992; Rheinberger 1997/2001).
schnitts zu stehen kommen; aber auch Instrumen-
talität und Gestik müssen demzufolge, weit über
Historische Anthropologie des Schreibens
das Zusammenspiel von Hand, Stift beziehungs-
weise Tastatur und Blatt hinaus, an Inskriptions- Unter den anthropologischen Bedingungen, die
vorrichtungen und deren Aktivitäten festgemacht sich seit Mitte des 18. Jh.s etabliert haben, wird der
werden, an denen menschliche ebenso gut wie Mensch zu einem Wesen, das (sich) schreibt. Die
nichtmenschliche Akteure (z. B. bei mechanischen Effekte, die eine Expansion der Alphabetisierung
Aufzeichnungsvorrichtungen wie Kurvenschrei- und der Schriftkultur nach sich zu ziehen beginnt,
bern, Monitoring) beteiligt sein können. sind schon seit längerem in den Fokus zumal sozi-
Eine derartige Extension des Schreibens erin- algeschichtlicher Forschung gerückt, haben sich
nert an jene Generalisierung, die ein Jahrhundert aber lange Zeit, wohl nicht zuletzt aufgrund der in
zuvor im Zuge der sogenannten ›méthode gra- wesentlichen Zügen von der Historiographie der
phique‹ in Methodik und Praktiken des medizini- Frühen Neuzeit geprägten Ausrichtung der histori-
schen, anthropologischen und experimentalpsy- schen Leseforschung (vgl. Chartier 1987), vor-
chologischen Wissens Konjunktur gehabt hat. Ver- nehmlich auf eben diese Komplementärpraktik des
bunden mit der schnellen Karriere der apparativen Lesens konzentriert (vgl. z. B. Schön 1987). Spätes-
Schreibvorrichtungen und ›Selbstschreiber‹ hat tens die maßgebliche Studie von Albrecht Ko-
sich das Versprechen, so die beiden hauptsächli- schorke (Koschorke 1999) hat deutlich gemacht,
chen Hindernisse des wissenschaftlichen Fort- dass diese Beschränkung ebenso wie die einer tra-
schritts auszuräumen: die Beschränkungen des ditionellen ›literarischen Anthropologie‹ der Rolle
menschlichen Sinnesapparats und die Unzuläng- und der Bedeutung des Schreibens in den letzten
lichkeit der Sprache, den diesem ersten Hindernis zweieinhalb Jahrhunderten nicht vollends gerecht
abgetrotzten Erkenntnissen adäquaten Ausdruck zu werden vermögen. Denn diese betreffen keines-
zu verleihen. Die ›graphische Methode‹ zielt des- wegs allein Produktion und Konsum von Literatur
halb darauf ab, noch die feinsten Differenzen der seit der zweiten Hälfte des 18. Jh.s oder die Funk-
Erscheinungen in eine Form zu überführen, in der tion der Literatur als Leitmedium für die Etablie-
sich »die Sprache der Phänomene selbst« zu artiku- rung neuer anthropologischer Konzepte, sondern
lieren vermag (Marey 1878, iii). Der Zuschnitt liegen in der Herausbildung eines vielgestaltigen,
dieses epistemologischen Dispositivs des ausge- polyfunktionalen Formats, in dem sich neuzeitli-
henden 19. Jh.s erklärt auch den prinzipiellen Un- che Individualität bevorzugt artikulieren kann und
terschied zur Graphie-Forschung der neueren Wis- muss (vgl. als Modellstudie für Nordamerika dazu
senschaftsgeschichte und der Science Studies: Die- Thornton 1996).
sen geht es keineswegs darum, die menschlichen Diese Letztere hat ihren Auftritt als gleicherma-
Akteure als Objektivitätshindernisse aus den wis- ßen Produkt und Instanz von neukonfigurierten
senschaftlichen Schreibszenen auszuschalten, son- Schreibformaten  – insbesondere denjenigen des
54 1. Ansätze

Tagebuchs und des Briefs. Gleichzeitig wird die in- Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig Pfeiffer (Hg.): Pa-
dividuelle Handschrift zum Ort juristischer und radoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen
bürokratischer Zugriffe auf den Menschen; die offener Epistemologie. Frankfurt a. M. 1991, 759–772.
Chartier, Roger: Lectures et lecteurs dans la France d ’ An-
handschriftlichen Züge alphabetisierter Indivi-
cien Régime. Paris 1987.
duen beginnen seit Johann Caspar Lavaters Physio- Flusser, Vilém: Gesten. Versuch einer Phänomenologie.
gnomik-Projekt bereits als solche die Wahrheit die- Düsseldorf 1991.
ser Individualität zum Vorschein zu bringen: Die Giuriato, Davide/Stingelin, Martin/Zanetti, Sandro (Hg.):
Handschrift wird dabei – analog zu den Gesichts- »SCHREIBKUGEL IST EIN DING GLEICH MIR: VON
zügen und gefiltert von allen semiotischen und se- EISEN«. Schreibszenen im Zeitalter der Typoskripte.
mantischen Komponenten des sprachlichen Zei- München 2005.
Giuriato, Davide/Stingelin, Martin/Zanetti, Sandro (Hg.):
chensystems sowie der instrumentalen Performanz
»System ohne General«. Schreibszenen im digitalen Zeit-
von Schreibgeräten und -materialien  – zu einem alter. München 2006.
natürlichen Zeichen menschlicher Individualität. Hoffmann, Christoph (Hg.): Daten sichern. Schreiben und
In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s kommt es zu einer Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung. Berlin/Zü-
intensiven Wiederanknüpfung an dieses schrift- rich 2008.
physiognomische Dispositiv, die unter dem Begriff Kammer, Stephan: »Symptome der Individualität. Das
der ›Graphologie‹ mit dem (allerdings den Voraus- Wissen vom Schreiben (1880–1910)«. In: Wittmann
2009, 39–68.
setzungen entsprechend nie eingelösten) Anspruch Koschorke, Albrecht: Körperströme und Schriftverkehr.
auf wissenschaftliche Methodenbildung aufzutre- Eine Mediologie des 18. Jahrhunderts. München 1999.
ten beginnt. Außerdem kommt es zu einer höchst Krauthausen, Karin/Nasim, Omar W. (Hg.): Notieren,
differenzierten Erweiterung dieses genuin hand- Skizzieren. Schreiben und Zeichnen als Verfahren des
schriftbezogenen Zugriffs, der bei Weitem nicht Entwurfs. Berlin/Zürich 2010.
auf die ›charakterologischen‹ Prämissen der Gra- Latour, Bruno: »Drawing Things Together: Die Macht
der unveränderlich mobilen Elemente«. In: Andrea
phologie beschränkt bleibt, sondern im kriminalis-
Belliger/David J. Krieger (Hg.): ANThology. Ein einfüh-
tischen, medizinischen und psychologischen Wis- rendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Biele-
sen vom Menschen eine bedeutsame Rolle zu feld 2006, 259–307.
spielen beginnt: Schrifturheberermittlungen und Latour, Bruno/Woolgar, Steve: Laboratory Life. The Con-
Diagnostik knüpfen so an die semiotische Grund- strucion of Scientific Facts. Introduction by Jonas Salk.
annahme der Handschrift als natürliches Zeichen With a new postscript and index by the authors.
des Individuums an. In diesem Zusammenhang Princeton, N.J. 1986.
Marey, Étienne Jules: La méthode graphique dans les scien-
wird allerdings nicht nur der schreibende Mensch, ces expérimentales et principalement en physiologie et en
sondern auch das menschliche Schreiben selbst médecine. Paris 1878.
zum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. In Rheinberger, Hans-Jörg: Experiment, Differenz, Schrift.
physiologischen und psychologischen Beobach- Zur Geschichte epistemischer Dinge. Marburg 1992.
tungs- und Experimentalanordnungen werden alle Rheinberger, Hans-Jörg: Experimentalsysteme und episte-
erdenklichen Facetten der Schreibszene ausdiffe- mische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im
Reagenzglas. Göttingen 2001.
renziert, um die körperlichen und psychischen
Schön, Erich: Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Ver-
Vorgänge beim Schreiben zu registrieren, zu ver- wandlung des Lesers. Stuttgart 1987.
messen und so der Komplexität dieser Praktik auf Stingelin, Martin (Hg.): »Mir ekelt vor diesem tintenkleck-
die Spur zu kommen (vgl. Artières 1998; Kammer senden Säkulum«. Schreibszenen im Zeitalter der Ma-
2009). nuskripte. München 2004.
Thornton, Tamara Plakins: Handwriting in America. A
Cultural History. New Haven, London 1996.
Literatur Voorhoeve, Jutta (Hg.): Welten schaffen. Zeichnen und
Schreiben als Verfahren der Konstruktion. Berlin/Zü-
Artières, Philippe: Clinique de l ’ écriture. Une histoire du rich 2011.
regard médical sur l ’ écriture. Le Plessis-Robinson 1998. Wittmann, Barbara (Hg.): Spuren erzeugen. Zeichnen und
Blair, Ann: Too Much to Know: Managing Scholarly Infor- Schreiben als Verfahren der Selbstaufzeichnung. Berlin/
mation Before the Modern Age. New Haven 2010. Zürich 2009.
Campe, Rüdiger: »Die Schreibszene. Schreiben«. In: Stephan Kammer
55

2. Disziplinen

Das Kapitel zu den ›Disziplinen‹ möchte die Frage dingt durch den unterschiedlichen disziplinären
nach dem Verhältnis von Literatur und Wissen Orientierungspunkt auch jeweils eigen akzentu-
konkretisieren und zugleich vervielfältigen. Im ierte Geschichten – vor allem für den Zeitraum von
Folgenden wird es deshalb nicht um die unter- der Frühen Neuzeit bis in unsere Gegenwart  –
schiedlichen theoretischen Beschreibungsmöglich- sichtbar werden. Die einzelnen Beiträge geben zu-
keiten dieses Verhältnisses gehen (vgl. Kap. 1) und dem Hinweise auf einschlägige kanonische Texte
auch nicht um allgemeinere, paradigmatische Vor- sowohl wissenschaftlicher als auch literarischer
aussetzungen für das Wissen und dessen literari- Provenienz, denen entweder für die Geschichte der
sche Spielarten (vgl. Kap. 3), sondern um spezifi- einzelnen Wissenschaft oder für die Geschichte der
sche, disziplinär eingrenzbare Wissenschaften und Literatur oder aber für die Forschungsgeschichte
deren historische Verknüpfungen mit der Litera- zum Verhältnis von Literatur und Wissen eine her-
turgeschichte. ausragende Stellung zugesprochen wurde.
Auch wenn auf diese Weise einzelne Wissen- Um in diesem Sinne die Vernetzungen der wis-
schaften in den Blick genommen werden, bietet das senschaftlichen Disziplinen mit literarischen Tex-
Kapitel dennoch keine einfache Wissenschaftsge- ten nachzuzeichnen, gibt es zum einen die Mög-
schichte, es präsentiert nicht einmal einzelne Ge- lichkeit einer am historischen Verlauf orientierten
schichten der einzelnen Wissenschaften. Ein sol- Darstellung (so geschieht es z. B. im Beitrag zur Bo-
ches wissenschaftshistorisches Panorama wäre im tanik). Zum anderen lässt sich auch eine systemati-
Rahmen eines Handbuchs zu Literatur und Wissen sche Herangehensweise wählen (so geschieht es
allenfalls von pittoreskem Charme. Zur Debatte z. B. im Beitrag zur Physik), in der drei Aspekte
steht anderes – und Kompliziertes: eine Wissensge- voneinander unterschieden werden: 1. Auf welche
schichte, für die zumindest drei Züge als charakte- Weise ist die Literatur mit ihren spezifischen For-
ristisch gelten können. Sie umgreift erstens die Li- men und Techniken in der jeweiligen Disziplin
teraturgeschichte und die Geschichte der wissen- selbst wirksam? 2. Wo und wie kommt die jeweilige
schaftlichen Disziplinen gleichermaßen, weshalb wissenschaftliche Disziplin in literarischen Texten
sie nicht mit einer Wissenschaftsgeschichte gleich- vor? 3. Inwiefern geht Literatur selbst aus einer ein-
zusetzen ist. Zweitens bestreitet sie sowohl die au- zelnen wissenschaftlichen Disziplin hervor? Nicht
tonome Abgeschlossenheit als auch die zielgerich- immer sind diese Aspekte klar voneinander zu
tete Entwicklungslogik der einzelnen Wissenschaf- trennen; sie umschreiben aber gleichwohl zentrale
ten, weshalb sie mehr an Brüchen, Diskontinuitäten Forschungsanliegen der letzten Jahre.
und Widersprüchen interessiert ist als an glatten Vorgestellt werden nicht alle existierenden wis-
und großen Erzählungen von Erfolg und Fort- senschaftlichen Disziplinen, sondern vor allem sol-
schritt – und dies sowohl in systematischer und als che, für deren Geschichte eine besonders enge
auch in historischer Hinsicht. Drittens bevorzugt Wechselbeziehung zur Literatur festzustellen ist
sie den konkreten Fall vor der abstrakten Regel; sie oder die für die Forschungen zum Verhältnis von
umkreist ihren immer jeweiligen Gegenstand aus Literatur und Wissen besonders wichtig geworden
methodischen Erwägungen heraus eher in einer sind. Die vorliegenden Einteilungen haben vor al-
idiosynkratischen Bewegung als auf den gesicher- lem einen heuristischen, orientierenden Sinn; sie
ten Fundamenten einer robusten Theorie. hätten auch anders ausfallen können. So gibt es
Mit Blick auf die 16 vorgestellten Disziplinen – Schnittmengen zwischen der Anthropologie und
von A wie Anthropologie bis Z wie Zoologie – ent- der Ethnologie (die trotzdem getrennt voneinander
stehen so 16 eigene Parallelgeschichten von Litera- und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen
tur und Wissenschaft. Herausgestellt werden dabei vorgestellt werden); so bilden Botanik und Zoolo-
die für die jeweiligen Disziplinen besonders rele- gie (denen sich jeweils ein Beitrag widmet) ge-
vanten Schnittstellen mit der Literatur, so dass be- meinsam die Biologie (die nicht eigens abgehandelt
56 2. Disziplinen

wird); so stehen Psychiatrie und Psychologie ne- Interesse wären, auch die Geschichtswissenschaf-
beneinander, ohne ineinander aufzugehen; so wer- ten und die Philosophie (weil sie in einer totalisie-
den die Kriminologie und die Forensik einfach mit rend intensiven Weise mit der Literatur verbunden
unter der Rechtswissenschaft verhandelt; so fehlt, sind). Das Sample der Disziplinen ist also weder
selbst wenn sich auch in diesem Fall das Verhältnis vollständig noch homogen. Gleichwohl verfolgt es
von Literatur und Wissen gewinnbringend nach- das Ziel, das Verhältnis von Literatur und Wissen
zeichnen ließe, die Chemie (weil sie bei Weitem in seinem konkreten Einzelformen, in seiner histo-
nicht so intensiv mit der Literatur verbunden ist rischen Dimension und in seinen systematischen
wie z. B. die Medizin) und so fehlen, selbst wenn sie Fragestellungen repräsentativ zu erfassen.
für ein Handbuch zu Literatur und Wissen von
Roland Borgards
57

2.1 Anthropologie

Was ist Anthropologie? turellen Erscheinungsweisen des Menschen ge-


dacht wird. In diesem Sinne hat Michel Foucault
Unter dem erst in der Neuzeit entstandenen Begriff den Menschen, wie er Ende des 18. Jh.s als Gegen-
Anthropologie lässt sich seit Ende des 18. Jh.s ein stand der Anthropologie diskursiv konfiguriert
Bündel von Wissensfeldern fassen, das – bei großer wird, als eine »seltsame empirisch-transzendentale
disziplinärer Streuung von Medizin, Biologie, Phy- Dublette« bezeichnet (Foucault 1966/1994, 384),
siologie, Paläoanthropologie über Psychologie, insofern das empirisch erhobene Wissen über den
Psychoanalyse, Ethnologie, Geschichte und Sozio- Menschen in seiner Endlichkeit (in den verschie-
logie bis hin zu Philosophie und Phänomenolo- densten humanwissenschaftlichen Disziplinen) zu-
gie – im Begriff des Menschen als eines körperge- gleich darauf abzielt zu wissen, was dieses Wissen
bundenen Kulturwesens seine Fundierung hat. möglich macht. Der Mensch ist immer zugleich
Philosophische Bestimmungen des Menschen gibt »beides: das Beobachtende und das Beobachtete«
es, nicht unter dem Begriff der Anthropologie, aber (Humboldt 1797/1960, 347). Insofern ist die Struk-
der Sache nach, bereits in der Antike, etwa Aristo- tur anthropologischen Wissens notwendig selbst-
teles ’ Bezeichnung des Menschen als ›zoon politi- reflexiv.
con‹, als das ›politische Tier‹ oder sein Hinweis in Voraussetzung für die Entstehung einer Anthro-
der Poetik auf die besondere Befähigung des Men- pologie für Ärzte und Weltweise (Platner 1772), d. h.
schen zur Nachahmung, die ihn »von den übrigen für eine vom Körper ausgehende Psychologie und
Lebewesen [unterscheidet]« (Aristoteles 1982, 11). Philosophie vom Menschen ist die Überwindung
Von der Frühen Neuzeit (von Magnus Hundt, An- bzw. Verabschiedung der schulphilosophischen
thropologium de hominis dignitate, bis zu Thomas Psychologie von Leibniz und Wolff, gemäß der die
Hobbes, De homini) bis hinein ins 18. Jh. (Julien Seele des Menschen vom Vermögen des (freien)
Offray de La Mettrie, L ’ homme-machine) rückt  – Willens und der (klaren und deutlichen) Erkennt-
gegen die theologische Tradition – unter dem Be- nis her gedacht wurde. Seit Mitte des 18. Jh.s wer-
griff der ›Anthropologia‹ verstärkt der Körper des den die Seele und ihre Vermögen demgegenüber
Menschen (und seine physische Selbsterhaltung) physiologisch analysiert (experimentell bei Alb-
ins Zentrum seiner Bestimmung (Marquard 1971). recht von Haller und Johann Gottlob Krüger, ge-
Die »Lehre von dem Menschen« als einem phy- dankenexperimentell etwa bei Denis Diderot und
sisch-moralischen Doppelwesen (Walch 1726, Friedrich Schiller) und in Fasern, Nerven und Ge-
106), wie sie als Disziplin der Anthropologie dann hirn verortet (Hagner 2000; Lehmann 2006). Diese
seit der zweiten Hälfte des 18. Jh.s in Deutschland Naturalisierung des Menschen betrifft außerdem
auch begrifflich fassbar wird (in je unterschiedli- seine Stellung in einer umfassenden Naturord-
cher Akzentuierung bei Ernst Platner, Adam Mel- nung, d. h. sein Verhältnis zum Tier, sein Verhält-
chior Weikard, Johann Gottfried Herder, Imma- nis zu Trieben und Sexualität sowie die Frage nach
nuel Kant, Wilhelm von Humboldt) und sich in seiner biologischen Herkunft bzw. der verschiede-
den sogenannten Humanwissenschaften bis heute nen Menschenrassen sowie nach einer Sonderan-
in Einzelwissenschaften entfaltet, setzt neben der thropologie der Geschlechter (vgl. hierzu den
konsequenten Perspektive auf die Natur des »gan- Überblick bei Riedel 1994, 108 ff.). In dem Maße,
zen Menschen«, d. h. seinen Körper und die Ana- in dem der Mensch dann als biologisches Gat-
lyse seines Funktionierens in Wechselbeziehung tungswesen im Laufe des 19. Jh.s in eine umfas-
zu  seinen Bedürfnissen, Trieben und Emotionen sende erdgeschichtlich und evolutionsbiologisch
(commercium mentis et corporis) zugleich eine his- singularisierte Natur eingegliedert wird, rückt die
torische Perspektive auf den Menschen als Kultur- letztlich biologische Frage nach der Gattungsspezi-
wesen voraus. Anthropologie generiert ein Wissen fität des Menschen ins Zentrum sowohl der
vom Menschen, indem der Mensch empirisch von geisteswissenschaftlich (Philosophische Anthropo-
seiner naturalen Bestimmtheit her in den Blick ge- logie, Kulturanthropologie, Historische Anthropo-
nommen und diese naturale Bestimmtheit zugleich logie, Theologische Anthropologie u. a.) wie der
als Bedingung der Möglichkeit der historisch-kul- eher naturwissenschaftlich orientierten Anthropo-
58 2. Disziplinen

logien (Medizinische Anthropologie, Forensische ziehung der gefühlten Objekte auf die gegenwärtige
Anthropologie, Paläoanthropologie bzw. Evolutio- Beschaffenheit der Seele und ihrer Vermögen und
näre Anthropologie). Zwar tritt die spezifisch deut- Kräfte« (Tetens 1777, Bd. 1, 184). In seiner perma-
sche Strömung der mit Autoren wie Max Scheler, nent arbeitenden Gegenwärtigkeit konstituiert das
Helmuth Plessner und Arnold Gehlen verknüpften Gefühl so jene immer auch körperzugewandte In-
›Philosophischen Anthropologie‹ streng anti-evo- nenseite des Menschen, die zum einen empirisch
lutionistisch auf, indem sie auf empirische und spe- analysiert und in Fallgeschichten gesammelt wer-
kulative Weise nicht-biologische Daten des Men- den kann und die zum anderen durch die sich hier
schen synthetisiert, zielt aber dennoch auf eine Be- vollziehende Gleichsetzung von ›Gefühl‹ und ›Le-
stimmung des Menschen als Gattungswesen, will ben‹ eben jene subjektive Innenwelt bildet, die ge-
also weder die Kluft zur biologischen Anthropolo- rade in ihrer (kausal-genetischen) Entwicklung li-
gie leugnen noch auch deren Paradigma, den terarisch insbesondere vom Roman erkundet wird.
»Mensch[en] als biologisches Sonderproblem« Das Wissen der Anthropologie unterhält zu-
(Gehlen 1940/1993) zu behandeln, entkommen gleich seit Mitte des 18. Jh.s einen konstitutiven
(Fischer 2010). Den Menschen zwar von den »Stu- Konnex zur Ästhetik. Indem seit Mitte des 18. Jh.s
fen des Organischen« her zu denken (Plessner), von Materialisten und philosophischen Ärzten be-
ihn aber gerade nicht auf das Tier zurückzuführen, stimmte seelische Phänomene (Vorstellungen,
sondern ihn als Gattung sui generis von seinen Empfindungen, Einbildungskraft, Geschmack,
Existenzbedingungen her und der auf sie antwor- Träume, Unbewusstes, Fehlleistungen, Begehren,
tenden »Innenseite« zu analysieren, kennzeichnet Leidenschaften etc.) materialistisch als (hirn-)phy-
nach Gehlen die eigentliche »biologische Betrach- siologische Struktureffekte analysiert werden, gera-
tung« (Gehlen 1940/1993, 12) des Menschen. Ak- ten die sogenannten unteren Vermögen in den Fo-
tuell gehen wichtige Impulse für die Anthropologie kus der Aufmerksamkeit. Die anthropologische
von der neurophysiologischen bzw. neuroevolu- Einsicht, dass Urteile von den Sinnen und den
tionären Forschung aus: Das betrifft etwa die Em- Empfindungen her gefällt werden, führt zur Erfin-
pathiefähigkeit des Menschen (Spiegelneuronen, dung der Disziplin der Ästhetik (Alexander Gott-
geteilte Intentionalität) in Differenz zu den Men- lieb Baumgarten, Georg Friedrich Meier) als einer
schenaffen etc. (Rizzolati/Sinigaglia 2008; Toma- Lehre von der »Logik der unteren Erkenntnis-
sello 2010), d. h. auch hier wieder physiologisch vermögen« (Baumgarten). Anthropologie und Äs-
bzw. genetisch bedingte Leistungen der gattungs- thetik stehen seitdem in einem konstitutiven
konstitutiven menschlichen »Innenseite«. Wechselverhältnis, insofern die anthropologisch-
empirische Analyse des menschlichen Körpers als
Bedingung der Möglichkeit menschlicher Wahr-
Anthropologie und Literatur nehmung, Gefühle und Geschmacksurteile auf den
in der Spätaufklärung verschiedenen Niveaus der historischen Entwick-
lung der anthropologischen und physiologischen
Das anthropologische Wissen hat zwar seit Mitte Forschung jeweils ästhetisch reflektiert und ge-
des 18. Jh.s sein Fundament in der Physiologie, nutzt werden. Dies gilt für die frühromantische Äs-
führt aber zugleich zur diskursiven Etablierung der thetik und ihre Bezugnahme auf die Hirnphysiolo-
Kategorie des Gefühlsvermögens, das seit der zwei- gie der Einbildungskraft (Welsh 2002) ebenso wie
ten Hälfte des 18. Jh.s zwischen Denken und Wol- etwa für Hermann Bahrs programmatische Forde-
len eine neue, dritte Position bildet. Die Erfindung rung einer »Neuen Psychologie« (Bahr 1890) vor
des Gefühls läuft insofern parallel zur Anthropolo- dem Hintergrund psychophysischer Theorien
gisierung und Physiologisierung des Menschen, als Friedrich Nietzsches bzw. Ernst Machs.
das Gefühl als ein Relais der Selbstreferenz einge- Mit der anthropologischen Zuwendung zur na-
führt wird, das als psychische Registraturinstanz turalen Bestimmtheit des Menschen geschieht
jener letztlich physischen Lust/Unlustgefühle fun- grundsätzlich ein Doppeltes, nämlich zum einen
giert, die jeden Akt von Fremdreferenz begleiten. die Analyse des Organismus Mensch als physisch-
Das Gefühl, wie es von Philosophen und Psycholo- psychisches System, das Umwelt autopoeitisch ver-
gen der Spätaufklärung als zentrales Vermögen des arbeitet, und zum anderen die Analyse jener natu-
Menschen diskursiv etabliert wird, meldet »die Be- ralen (lokalen und historischen) Umwelten, die der
2.1 Anthropologie 59

Mensch je und je verarbeitet. Wie immer offensiv dium zielt in doppeltem Sinne auf die Wirklichkeit
(La Mettrie, Paul Henri Thiry d ’ Holbach, Platner, des Menschen, nämlich einerseits auf den Men-
Nietzsche) oder defensiv (Kant, Humboldt, Geh- schen, auf das Wechselverhältnis zwischen Leib
len) der Rekurs der Anthropologie auf den Körper und Seele, aber auch auf die Auslotung seiner affek-
gefasst wird, immer steht das Verhältnis zwischen tiven Extremzustände sowie andererseits auf die
dem, was der Mensch ist, und dem, was er aus sich Wirklichkeit seiner jeweiligen Umwelt (vgl. Leh-
macht, im Zentrum. mann 2008).
Mit der Wende der zweiten Hälfte des 18. Jh.s Die für beide Seiten konstitutive Beziehung zwi-
zur Anthropologie, die zugleich eine Wende zur schen Anthropologie und Literatur seit den 1770er
empirischen Datenerhebung des Menschen ist Jahren ist seit den 1980er Jahren in der Neugerma-
(etwa 1756 in der Experimental-Seelenlehre Johann nistik unter dem Begriff der »Literarischen An-
Gottlob Krügers oder im Magazin zur Erfahrungs- thropologie« in den Fokus der Forschung gerückt
seelenkunde von Karl Philipp Moritz aus den Jah- worden. (Pfotenhauer 1987; Riedel 2002; Košenina
ren 1783 bis 1793]) und die sich hier den bis dato 2008). In der Formel einer »wechselseitigen Ermu-
nicht theoriefähigen Phänomenen der sogenann- tigung, Reflexion, Kritik« zwischen Anthropologie
ten unteren Seelenvermögen zuwendet (vgl. auch und Literatur (Pfotenhauer 1987, 1) oder auch von
die Vermischten philosophischen Schriften [1773] der Literatur als Anthropologie, nämlich als »Dis-
Johann Georg Sulzers), wird auch die Literatur als kurs des Anderen der Vernunft« (Riedel 1994,
Medium der Gewinnung bzw. Speicher des Wis- 101), der vor allem dem »Nicht-Ratioiden« Aus-
sens über den Menschen entdeckt. Kant formuliert druck verleihe (Riedel 2002, XI), kommt allerdings
in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, zu wenig zum Ausdruck, dass Begriff, Funktion
dass »Schauspiele und Romane« geeignete »Hülfs- und Darstellungsverfahren von »Literatur« selbst
mittel zur Anthropologie« (Kant 1798/1983, 31) im Zuge jener anthropologischen Wende einer tief-
seien, d. h. sich zur Auflösung des Paradoxes der greifenden Transformation unterworfen sind, die
Menschenbeobachtung eignen. Wenn Wissensdis- das Verhältnis von Literatur und Wissen vom Men-
ziplinen und Literatur im »Studium der Men- schen betrifft (zur Kritik an Riedel siehe Bühler
schen« konvergieren und es jeweils darum geht, 2004, 17–22).
»den reichen Stoff, den das ganze Leben hergiebt, Wissen ist immer gebunden an spezifische Dar-
zu sammeln, zu sichten, zu ordnen und zu verar- stellungsverfahren, die die Objekte des Wissens al-
beiten« (Humboldt 1795/1960, 337), dann spielen lererst als solche hervorbringen; in diesem Sinne
hierbei die literarischen Texte der Dichter als kann und muss man von einer Poetologie des Wis-
Quelle eine zentrale Rolle. Umgekehrt betreiben sens sprechen (Vogl 1999 und 2011). Indem nun seit
seit dem Sturm und Drang auch die Autoren eine dem letzten Drittel des 18. Jh.s Literatur einen Dis-
Erhebung bzw. Bereitstellung anthropologischen kurs über den Menschen hält und Dichter sich als
Wissens mit literarischen Mitteln. Anthropologie »Menschenforscher« verstehen, wandeln sich auch
und Literatur koinzidieren programmatisch im die Darstellungsverfahren, die das Wissen vom
Begriff der »Menschenforschung« (Schiller, Ver- Menschen allererst hervorbringen. Zwischen Litera-
brecher aus Infamie, 1786). Medium anthropologi- tur und anthropologischem Wissen entsteht eine
schen Wissens wird Literatur in dem Maße, wie sie »Überschneidungsdichte von Äußerungsweisen
exakt jenes Verhältnis zwischen den naturalen Be- unterschiedlicher Ordnung und Art« (Vogl 2011,
dingungen des Menschen und seiner spezifischen 67). Das betrifft nicht-literarische Textgattungen
autopoietischen Verarbeitung in den Blick nimmt, wie etwa narrativ strukturierte juristische, medizi-
und zwar nicht zum Zweck moraldidaktischer Un- nische, psychologische oder psychiatrische Fallge-
terhaltung, sondern im Sinne der literarischen Er- schichten, Gebärdenprotokolle von Verhören oder
weiterung des Wissens über den Menschen. Er- Biographien verschiedenster menschlicher Devian-
kennbar wird diese anthropologische Wende der zen. Und es betrifft literarische Textgattungen wie
Literatur seit den 1770er Jahren an der program- die Autobiographie oder den Briefroman. Es betrifft
matischen Bezugnahme auf reale und aktuelle schließlich auch Satzformen, die allesamt mit der
menschliche Vorfälle und Ereignisse (Fälle von Wissensautorität der ersten Person zu tun haben.
Selbstmord, Melancholie, Kindsmord, Verbrechen Gerade weil das Wissen über den Menschen, das
etc.). Literatur als anthropologisches Wissensme- von den Anthropologen seit der Spätaufklärung ins
60 2. Disziplinen

Zentrum gerückt wird, für Fremdbeobachtungen plexe (Ernst Mach) oder in Phantasien der Über-
tendenziell unzugänglich ist, haben hier tatsächli- windung des Menschen im »Übermenschen«
che oder literarisch fingierte Selbstbeobachtungen (Nietzsche) bzw. durch Züchtung und Ausmerzung
ebenso Konjunktur wie simulierte Innensichten aus lebensunwerten Lebens der beginnenden Rassen-
der Perspektive der dritten Person. Dazu zählen ins- hygiene bei Eugen Dühring (Der Werth des Lebens,
besondere Erzählverfahren wie erlebte Rede oder 1865) und Alfred Ploetz (Die Tüchtigkeit unserer
auch der erlebte Vergleich: Sätze wie »Es war ihm, Rasse und der Schutz der Schwachen, 1895). Vor
als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen diesem Hintergrund betreibt gerade die Literatur
Schlund eröffnete« (Moritz, Anton Reiser) oder »Es um 1900 – ähnlich wie die um 1800 – Anthropolo-
war ihm als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter gie, insofern sie bis in neue Formen der Darstel-
ihm« (Büchner, Lenz) haben erst seit Ende des lung und Textgenres hinein (innerer Monolog,
18. Jh.s Konjunktur (zum Begriff des »erlebten Ver- Monodrama, Kriminalroman) danach fragt, wie
gleichs« vgl. Lehmann 2013). Zum Wissen vom weit die »Natur« gleichsam in den Menschen hin-
Menschen gehören daher auch die Weisen der Erhe- einreicht: als seine biologische Vorgeschichte, als
bung und der Darstellung dieses Wissens (und auch sein Abstammungsverhältnis zum Tier (Charles
des Nicht-Wissens), die selbst wiederum literarisch Darwin), als sein Verstricktsein in Schicksale der
dargestellt werden können: So impliziert der Begriff Vererbung und Degeneration (Ernst Haeckel, Bé-
der ›Literarischen Anthropologie‹ auch das Wissen nédict Augustin Morel), als seine Atavismen in der
vom Wissen der Literatur über den Menschen. Sonderanthropologie des Verbrechers (Cesare
Lombroso), als seine unbewusste Triebnatur (Sig-
mund Freud), als seine physiologisch bedingte
19. und 20. Jahrhundert Sprachnatur (Hermann Steinthal, Paul Flechsig).
Neben dieser Tendenz zur Auflösung des Men-
Im 19. Jh. differenziert sich die Anthropologie als schen durch Naturalisierung tritt zugleich seine
Wissen vom Menschen in den verschiedenen Hu- Auflösung in Künstlichkeit, Prothese, Apparat und
manwissenschaften (Psychologie, Psychophysik, Maschine. Auch dies greift im Grunde bereits die
Soziologie, Psychoanalyse, Ethnologie) aus und er- anthropologischen Reflexionen des 18. Jh.s zum
hält dabei die wesentlichen Impulse aus der Phy- Menschen als Maschine auf (La Mettrie, Wolfgang
siologie, die nun als »anthropologische Leitwissen- van Kempelen); mithin also eine Anthropologie
schaft inthronisiert« wird (Rieger 2002, 11). Vor der Bewegung, die entsteht, wenn man, wie die
dem Hintergrund neuer Medientechniken (von französischen Materialisten der Aufklärung, die
der Telegraphie über die Photographie bis zum Bewegungsgesetze der Physik auf die Sphäre des
Phonographen und Kinematographen) wird der Menschen überträgt (Claude-Adrien Helvétius,
Mensch von seiner eigenen Apparathaftigkeit her Holbach). Diese Reflexion vom Menschen als Ma-
erforscht, so dass nun auch physikalische, chemi- schine wird nun seit dem 19. Jh. durch die medien-
sche und mathematische Modelle auf Verarbei- technische Entwicklung und die hier stattfindende
tungsprozesse des Menschen übertragen werden Externalisierung des Zentralnervensystems in die
können, wie etwa der thermodynamische Begriff Medien (Marshall McLuhan) sowie die Erfahrun-
der ›Auslösung‹, den Robert Julius Mayer auch auf gen der physischen Fragmentierungen und ihrer
physiologische und affektive Prozesse des Men- Rekompensationen durch künstliche Körperglie-
schen projiziert (Schäfer/Vogl 2004), oder das so- der im Ersten Weltkrieg radikalisiert. Der Mensch
genannte Weber-Fechnersche Gesetz, das das Ver- in der Kultur erscheint nun als ein »Prothesengott«
hältnis von Reizstärke und Empfindung als Loga- (Freud 1930/1982, 220), der sich (medien-)tech-
rithmus beschreibt (Rieger 2002, 9). Insgesamt nisch zugleich komplettiert, ausweitet und in un-
arbeiten diese Wissenschaften vom Menschen, die hintergehbarer Künstlichkeit konstituiert (Plessner
das Empirische als sein Transzendentales zur Gel- formuliert als erstes anthropologisches Grundge-
tung bringen wollen, tendenziell an der Auflösung setz das »Gesetz der natürlichen Künstlichkeit«,
des Menschen, sei es in der Hinein- und Zurück- hier schließt dann die Kulturanthropologie an)  –
stellung des Menschen in die Gesetze der Evolution oder aber auflöst.
oder auch der Physik, sei es in der Auflösung des Die zentralen Felder des Lebens, auf denen der
»unrettbaren« Ich in einzelne Empfindungskom- Mensch seit dem 20. Jh. selbst versucht seiner End-
2.1 Anthropologie 61

lichkeit zu entkommen, betreffen die Kopplung Aggression und des Bösen, das in soziologischen,
von Sexualität und Reproduktion, d. h. die »Ge- psychoanalytischen, kulturtheoretischen, gendero-
burtlichkeit des Menschen« (Hannah Arendt), die rientieren und biologischen Diskursen erörtert wird.
künstliche Intelligenz und die künstliche Supple- Insbesondere das Buch von Konrad Lorenz über die
mentierung des Körpers bzw. die künstliche Pro- Naturgeschichte der Aggression (1963) hat hier einer
duktion von Leben und Organen. Literarisch wird soziobiologischen Perspektive auf menschliche Ge-
eine so erzeugte sentimentalische Perspektive auf walt als Relikt evolutionärer Selbsterhaltung das
den Menschen als in seiner »Antiquiertheit« (Gün- Wort geredet, wogegen neuere evolutionsbiologi-
ther Anders 1956/1980) zu Bewahrendem von sche Forschungen demgegenüber die Empathie-
Dystopien reflektiert, die, wie etwa im Roman und Kooperationsfähigkeit des Menschen als an-
Brave new world (1932) des Biologen Aldous Hux- thropologische differentia specifica betonen. Von
ley, Wissen über den Menschen vor allem in Form hier aus kann dann auch der Versuch unternommen
der asynchronen narrativen Darstellung aus der werden, seine Fähigkeit zu Kunst und Literatur evo-
Perspektive des Posthumanen bereitstellen. Der lutionsbiologisch zu begründen (Eibl 2004).
Blick aus der imaginären Zukunft zurück auf den Aus den Abgründen der Konzentrationslager
(heutigen) Menschen korrespondiert einer »A-syn- taucht zum anderen der »Muselmann« auf (Agam-
chronisiertheit des Menschen« (Anders 1956/1980, ben 2003a), der Mensch, reduziert auf sein nacktes
16) mit den technischen Dingen und mit sich selbst Leben, angesichts dessen man mit Primo Levi fra-
(als künstlich hergestelltem bio-technischen We- gen muss: »Ist das ein Mensch?« (1947/1958). Als
sen). Das literarische Genre des Science Fiction be- Kehrseite des Humanen taucht jenes Inhumane auf,
treibt literarische Anthropologie, insofern es das sei es als Tier, als Jude oder als Komapatient, über
Wissen um den Menschen als Produzenten immer dessen Ausschluss das Humane allererst kon-
weiterer technischer Implantate und Mensch- stituiert wird, das ihm aber zugleich unhintergeh-
Ding-Schnittstellen ausphantasiert, und vor allem, bar einwohnt und so eine Zone der Unentschieden-
insofern es ausschreibt, dass die Struktur des Wis- heit darstellt, über die permanent politisch ent-
sens vom Menschen selbst im 20. Jh. die eines ima- schieden werden muss (Agamben 2002; Agamben
ginären Rückblicks auf die »Leere des verschwun- 2003a). Es ist nun gerade die (autobiographische)
denen Menschen« (Foucault 1966/1994, 412) ist. Literatur (von Zimmermann 2006), die wie kein
Spekulationen des »Verschwindens des Men- anderes Medium des Wissens diese Zone der Un-
schen«, wie sie in den 1960er Jahren formuliert entschiedenheit, der Grenzgänge zwischen Mensch-
werden (Foucault, Jacques Derrida), heben vor die- lichem und Unmenschlichem ausleuchten kann,
sem Hintergrund darauf ab, die Figur des Men- insofern sie Innensichten bis an die Grenze ihres
schen als Zentrum humanwissenschaftlicher Fra- Verlöschens simulieren und beschreiben kann
gen, wie sie um 1800 etabliert und von der Philoso- (Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen. 1975/
phischen Anthropologie in der Mitte der ersten 1996). Derlei Entmenschlichungen in der Reduk-
Hälfte des 20. Jh.s noch einmal gegen evolutions- tion auf das nackte Leben bestätigen ex negativo
biologische Herleitungen des Menschen aus dem noch einmal jenen anthropologischen Kern des
Tier begründet worden waren, zu ersetzen durch Menschen, der im Grunde das Nachdenken über
ein posthumanes Denken, das Politik, Kultur und den Menschen seit der Neuzeit prägt: der Mensch
Gesellschaft jenseits menschlicher Subjekte und als das »noch nicht festgestellte Tier« (Nietzsche),
Akteure beschreibt, in linguistischen Strukturen als jenes weltoffene, ortlose, ex-zentrische Wesen,
der Sprache bzw. Verwandtschaftssystemen, in der das von der Natur bestimmt ist, künstlich zu sein
Kommunikation von Systemen sowie in Mensch- und sich selbst zu bestimmen. Mühelos kann man
Medien- und Mensch-Ding-Verbünden. auf dieser Abstraktionsebene von Pico della Miran-
Ein Jenseits des Menschen scheint in zweifacher dola über Samuel Pufendorf, Herder und Hum-
Weise auch durch die Erfahrungen des Zweiten boldt bis zu Martin Heidegger und Helmuth Pless-
Weltkriegs und des Holocausts auf, insofern hier der ner und von diesem wiederum zur sogenannten
Zusammenhang von Biologie und Politik ins Zen- kybernetischen Anthropologie Karl Steinbuchs und
trum anthropologischer Reflexion rückt. Zum einen Stefan Riegers schreiten. Die kybernetische An-
geht es im Lichte der historisch singulären Judenver- thropologie (Rieger 2003), die gegenwärtig vor al-
nichtung um das Anthropologicum der Gewalt, der lem Impulse der Philosophischen Anthropologie
62 2. Disziplinen

Helmuth Plessners aufgreift, beschreibt vor dem Gehlen, Arnold: Gesamtausgabe. Bd. 3.1: Der Mensch.
Hintergrund mathematischer, technischer und in- Seine Natur und seine Stellung in der Welt [1940]. Hg. v.
formationsverarbeitender Prozesse erneut das Prin- Karl-Siegbert Rehberg. Frankfurt a. M. 1993.
zip der rückkoppelnden Regulation und der Selbst- Günther, Friederike Felicitas/Torsten Hoffmann (Hg.):
Anthropologien der Endlichkeit. Stationen einer literari-
steuerung als anthropologische Differenz und
schen Denkfigur seit der Aufklärung. Göttingen 2011
schließt dabei an Begriffe von Lebenskraft und Or- Hagner, Michael: Homo cerebralis – Der Wandel vom See-
ganismus an, wie sie schon Ende des 18. Jh.s formu- lenorgan zum Gehirn. Frankfurt a. M./Leipzig 2000.
liert und technisch mit dem Fliehkraftregler der Humboldt, Wilhelm von: »Plan einer vergleichenden An-
Dampfmaschine implementiert wurden. Neben thropologie«. In: Ders.: Werke in fünf Bänden. Bd. I.
dieser Wiederkehr der Anthropologie stehen zu- Darmstadt 1960, 337–375.
gleich aber weiter Phantasien und Bemühungen, der Kant, Immanuel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
[1798]. Stuttgart 1983.
»anthropologischen Maschine« (Agamben 2003),
Kosenina, Alexander: Literarische Anthropologie. Die
die immer wieder neu die Differenz zwischen dem Neuentdeckung des Menschen. Berlin 2008.
Menschen und dem Nicht-Menschlichen produ- Lehmann, Johannes F.: »Emotion und Wirklichkeit. Rea-
ziert, zu entkommen, indem nach Denkfiguren und listische Literatur seit 1770«. In: ZfdPh 127 (4/2008),
Bildern von etwas gesucht wird, »für das wir keinen 481–498.
Namen haben und das weder Mensch noch Tier Lehmann, Johannes F.: »Die Seele ist Fleisch: Physiologie
mehr ist« (ebd., 91). Derlei Wissen und Nicht-Wis- und Ästhetik der Faser in Diderots Le Rêve de d ’ Alem-
bert«. In: Zeitschrift für allgemeine Kunstwissenschaft
sen von Zwischenräumen, Verwandlungen, Meta-
49 (2/2004), 197–218.
morphosen und Übergängen des Menschen bedarf Lehmann, Johannes F.: »Es war ihm, als ob …« Zur
in besonderer Weise eines Raums für Hypothesen, Theorie und Geschichte des erlebten Vergleichs. Er-
Denk- und Suchbewegung mit unklarem Ziel, be- scheint in: ZfdPh 132 (2013), Heft 2.
darf der Literatur als Ort dieses Wissens und Nicht- Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse. Zur Naturge-
Wissens (vgl. Günther/Hoffmann 2011). schichte der Aggression. Wien 1963.
Marquard, Odo: »Anthropologie«. In: Joachim Ritter
(Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1.
Literatur Darmstadt 1971, Sp. 362–374.
Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und Pfotenhauer, Helmut: Literarische Anthropologie. Selbst-
das nackte Leben. Frankfurt a. M. 2002 (ital. 1995). biographien und ihre Geschichte – am Leitfaden des Lei-
Agamben, Giorgio: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv bes. Stuttgart 1987.
und der Zeuge. Frankfurt a. M. 2003a (ital. 1998). Platner, Ernst: Anthropologie für Ärzte und Weltweise.
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Frankfurt a. M. 2003 (ital. 2002). Riedel, Wolfgang: »Anthropologie und Literatur in der
Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. 2 Bde. deutschen Spätaufklärung. Skizze einer Forschungs-
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Bahr, Hermann: »Die neue Psychologie (1890)«. In: Gott- nische in Leben und Kunst. Frankfurt a. M. 2002.
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2.1 Anthropologie 63

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Johannes F. Lehmann
64

2.2 Botanik

Was ist Botanik? sen, was, wie Benjamin Bühlers und Stefan Riegers
Buch Das Wuchern der Pflanzen. Ein Florilegium
Philosophen und Naturforscher positionierten die des Wissens (2009) vorführt, auch für eine kultur-
Pflanzen seit jeher auf der untersten Stufe des Le- wissenschaftliche Perspektive auf die Wissensge-
bendigen. Doch gerade dieser scheinbar fixe Status schichte der Pflanzen gilt. Schließlich leitet sich be-
sorgte immer wieder für Irritationen und brachte kanntlich der Begriff »Kultur« vom lateinischen
die Pflanzen in ein prekäres Verhältnis zu Tieren Verb colere ab, dessen Semantik vom Bearbeiten ei-
und Menschen – und zwar sowohl in der Botanik nes Ackers und der Pflege der Bäume über das Be-
als auch in der Literatur. Auf den ersten Blick be- wohnen eines Ortes bis hin zur Verehrung einer
wegen Pflanzen sich nicht, so dass die Mimosa pu- Gottheit, dem cultus, reicht, womit nicht nur Ge-
dica die botanische Forschung gerade wegen ihrer genstandsbereiche verbunden werden: Denn diese
Bewegungsfreudigkeit immer wieder antreiben Etymologie verweist vor allem auf die unhintergeh-
konnte. Pflanzen scheinen im Gegensatz zu den bare Kopplung von Materialität und Imaginärem
Tieren nicht ihre Nahrung zu jagen, weshalb im Begriff der Kultur, welche die Literatur immer
Charles Darwin angesichts des fleischfressenden schon thematisiert. Wenn etwa Vergil in seinem
Sonnentaus die Kriterien zur Unterscheidung von Lehrgedicht Georgica von der Pflege des Ackerlan-
Tier und Pflanze problematisierte. Und obwohl des, arvorum cultus, spricht, meint er sowohl den
Pflanzen keine Wahrnehmungsorgane besitzen, praktischen Gebrauch des Pfluges als auch die kul-
stellten Forscher noch im 20. Jh. dem Empfin- turelle Umwandlung der Schlacht- in Ackerfelder.
dungsvermögen der Pflanzen in ausgefeilten Expe-
rimentalanordnungen nach.
Die Literatur wiederum hat gerade aus dieser Frühe Neuzeit
nahen Ferne zur Pflanze phantastisches Material
bezogen, ob Pflanzen als Zauberblumen Türen öff- Wie Julius Sachs, der Begründer der experimentel-
nen, zum Symbol der Dichtung schlechthin oder len Pflanzenphysiologie im 19. Jh., in seiner Ge-
zu Menschen verschlingenden Monstern werden. schichte der Botanik (1875) schreibt, liegen die An-
Beziehungen zwischen Botanik und Literatur ge- fänge der wissenschaftlichen Botanik in den Kräu-
hen dabei über eine bloße Metaphorik hinaus, terbüchern von Otto Brunfels (1488–1534),
wenn sie auf ihre jeweilige Weise den Garten als Hieronymus Bock (1498–1554) und Leonhart
Wissenschaftsort vorführen, von Reisen und Expe- Fuchs (1501–1566), hätten diese doch damit ange-
ditionen, Herbarien und Ordnungssystemen be- fangen, Bilder der (selbst gesehenen) Pflanzen
richten, die Veredlung von Obstbäumen theoreti- nach der Natur zu entwerfen, und nicht mehr nach
sieren, den Wirkungen von Pflanzengiften und der Phantasie. Dabei hätte Sachs aus einem histori-
-drogen nachgehen, die Landwirtschaft als Grund- schen Blickwinkel um einiges richtiger den Aristo-
lage der Bevölkerungspolitik ansetzen, in Pflanzen teles-Schüler Theophrast nennen müssen, dessen
Vorbilder für alternative Energiegewinnung erken- Werke Historia plantarum und De causis planta-
nen oder wenn das geordnete Wuchern der Pflan- rum als Anfänge einer wissenschaftlichen Pflan-
zen zum literarischen Organisationsprinzip wird, zenkunde gelten können. Ebenfalls von großer Be-
wie die Arabeske in der Romantik oder das Or- deutung für das Wissen von Pflanzen sind die vie-
nament im Jugendstil vorführen. Daher muss die len Abhandlungen zur Landwirtschaft, etwa Varros
Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen Bo- Res rusticae oder Columellas De re rustica, die
tanik und Literatur über einen engen Begriff der Schriften zur Arzneimittellehre wie Dioskorides ’
Disziplin hinausgehen und neben Pflanzenbe- bis in das 17. Jh. wirkende Werk Materia medica
schreibung, -morphologie, -anatomie oder -phy- oder Plinius ’ umfassendes Werk Naturalis historiae
siologie auch die Arzneimittellehre, Agrikulturche- libri XXXVII.
mie, Biogeographie oder Transgenetik einbeziehen. Für die Entstehung und Ausbildung der neuzeit-
Im Fokus steht damit nicht allein die Disziplin lichen Botanik liegt Sachs dennoch richtig: Die drei
Botanik, sondern gerade auch das botanische Wis- »Väter der Pflanzenkunde« markieren einen Neu-
2.2 Botanik 65

einsatz in der Pflanzenkunde, die sich als allererst zess ihrer Formierung als eigenständige Disziplin
angewandte Botanik verstand. Um der Unkenntnis setzte ein (vgl. dazu die Übersichten in Delaporte
vor allem von Ärzten über heimische Pflanzen ent- 1983, Mägdefrau 1992, Hoppe 2000, Dilg 2007).
gegenzuwirken, lieferten sie in ihren Büchern ge- Eine zentrale Rolle spielte in diesem Zusam-
naue und von Illustrationen begleitete Beschrei- menhang der Garten als Wissensraum, ließ sich
bungen der Pflanzen. Gegenstand ihrer Kritik wa- doch dort die tatsächliche Beobachtung der Pflan-
ren dabei auch abergläubische Praktiken wie etwa zen mit der Konzeptualisierung möglicher Ord-
die Vorstellung, die Wurzel der Mandragora, die nungssysteme verbinden. Dementsprechend be-
Alraune, sei ein Glücksbringer, die bis zum Hohe- schreibt John Gerard sein Werk The Herball or Ge-
lied und zu Theophrast oder Flavius Josephus zu- neral Historie of Plantes (1597) als einen Garten mit
rückreicht. Eine ähnliche Kritik entwickelten im sämtlichen bekannten Pflanzen. Und folgerichtig
Medium der Literatur Hans Jacob Christoffel von findet sich an prominenter Stelle, nämlich dem Ti-
Grimmelshausens Simplicissimi Galgen-Maennlin telbild von Joseph Pitton de Tourneforts Institutio-
(1684) und Niccolò Machiavellis Komödie Mand- nes rei Herbariae (Bd. 2: 1719), der Jardin des Plan-
ragola (um 1520). Während später der Alraune in tes in Paris, der noch im 19. Jh. ein Vorbild für eu-
der Botanik keine große Bedeutung mehr zukam, ropäische Wissenschaftszentren war (Eisnerova
lieferte sie der Literatur bis in das 20. Jh. (z. B. 2000, 306). Die doppelte und miteinander ver-
Achim von Arnim: Isabella von Ägypten, 1812; schränkte Bedeutung des Gartens als realer und
Hanns Heinz Ewers: Alraune. Die Geschichte eines metaphorischer Wissensraum markiert die zent-
lebenden Wesens, 1911 sowie deren Verfilmungen rale Verbindungsstelle von Botanik und Literatur:
oder diverse Pornoversionen) eine Metapher, wel- Denn die vielseitige Semantik des Gartens in litera-
che das Verhältnis von Mensch und Pflanze, von rischen Texten ergibt sich aus der Kopplung seiner
natürlicher und künstlicher Schöpfung, von arka- imaginären Bedeutung, ob als biblischer Garten
nem und öffentlichem Wissen thematisierte. Eden, Abbild des Makrokosmos oder Ort eroti-
Dass die Botanik in der frühen Neuzeit die Leit- scher Beziehungen, mit seiner wissenschaftlichen
disziplin der Naturgeschichte ist, hat einen episte- Funktion, ob als Archiv, Unterrichtsort, Beobach-
mischen Grund: Nach Foucault musste die Er- tungs- oder Experimentalraum. Zum Beispiel
kenntnis der Pflanzen die der Tiere im 17. und macht in Nathaniel Hawthornes Erzählung Rap-
18. Jh. übertreffen, »weil man nur in einem taxono- paccini ’ s Daughter (1844) ein mad scientist seine ei-
mischen Raum der Sichtbarkeit denken und spre- gene Tochter zur tödlichen Waffe, in ihrem Atem
chen konnte« (Foucault 1997, 179). Die Absage an stirbt jedes Lebewesen, indem er sie in einem Gar-
das Alphabet als Ordnungsprinzip setzte somit ei- ten unter dem Duft giftiger Pflanzen aufwachsen
nen ungeheuren Prozess der Wissensgenerierung lässt.
in Gang. Denn die Orientierung an den sichtbaren Aber nicht nur der Wissensraum, in dem und
Organen der Pflanzen für die Herstellung eines durch den Ordnungssysteme generiert werden,
Ordnungssystems erzwang die Suche nach den sondern auch die Ordnung selbst treibt die Litera-
Kriterien, mit denen sich Ordnung in das Reich der tur um. Prominent hierfür ist die Denkfigur der
Pflanzen bringen ließ. Die großen Werke der früh- ›Kette der Wesen‹, welche die Pflanzen zwischen
neuzeitlichen Botanik, etwa Andrea Cesalpinos Mineralien und Tieren verortet (Lovejoy 1993;
ein  wegweisendes Klassifikationskonzept entwi- Wyder 1998), oder das von Carl von Linné in sei-
ckelnde Schrift De plantis libri XVI (1583), Caspar nem Buch Systema naturae (1735) entwickelte Se-
Bauhins Pinax theatri botanici (1623), das einen xualsystem, d. i. die Klassifikation der Pflanzen
Überblick über etwa 6000 Pflanzenarten bietet, nach Anzahl und Anordnung der Staubblätter und
oder John Rays über 3000 Seiten umfassende His- Stempel in der Blüte. Denn damit erhielt die Pflan-
toria plantarum (1686–1704) beschreiben tausende zenwelt als bewährte Bildgeberin für versteckte
von Pflanzenarten und setzen sich mit den Grund- Anspielungen auf Geschlechtsorgane und sexuelle
lagen der Systematik – z. B. mit der Wahl der Merk- Beziehungen – man denke nur an das Hohelied Sa-
male, Begriffen wie genus und species oder der No- lomos – nun sogar eine wissenschaftliche Fundie-
menklatur – auseinander. Damit emanzipierte sich rung, was Erasmus Darwins Gedicht The Botanic
die frühneuzeitliche Pflanzenkunde von ihrem Sta- Garden (1789) explizit ausführt und sich noch im
tus als Hilfswissenschaft der Medizin, und der Pro- romantischen, theoretisch-abstrakten Symbol der
66 2. Disziplinen

»blauen Blume« (Novalis, Heinrich von Ofterdin- Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert
gen) findet, das das Begehren auf das Absolute mit
dem Begehren auf das Weibliche kurzschließt. Die topologische Organisation der Ordnungssys-
Aber auch in anderen Aspekten knüpft die Litera- teme kam gegen Ende des 18. Jh.s an ihr Ende. Der
tur der Frühen Neuzeit immer wieder – ob repro- Grund dafür lässt sich in der »Erfahrungsdruck«
duzierend, allegorisierend, reflektierend oder iro- und »Empirisierungszwang« erzeugenden Be-
nisierend  – an botanisches Wissen an. In Grim- schleunigung des Wissenszuwachses sehen, wie
melshausens Simplicissimus Teutsch (1669) finden Wolf Lepenies in seinem Buch Das Ende der Natur-
sich Schilderungen von der heilenden Wirkung geschichte (1976, 17) schreibt. Die Informations-
von Pflanzen; Lehrgedichte wie Barthold Heinrich fülle kann nicht mehr über räumliche Anordnun-
Brockes Irdisches Vergnügen (1721–48) oder Alb- gen bewältigt werden, sondern erst über die Ein-
recht von Hallers Alpen (1732) verbinden die prä- führung von Techniken der »Verzeitlichung«
zise Beschreibung von Pflanzen mit ästhetischen (Lepenies), also die Einführung historischer Be-
und religiösen Betrachtungen. Überhaupt erweist trachtungsweisen. Dieser Übergang zu zeitlichen
sich das Lehrgedicht als langlebige Gattung, er- Modellen zeigt sich in der Botanik um 1800 exem-
mahnt der Pastor Andreas Tharäus in seinem Ge- plarisch an Johann Wolfgang von Goethes Meta-
dicht Eine erbermliche Klage der lieben Frau Gerste morphosenlehre, wobei zwischen dieser und Dar-
und ihres Brudern Herrn Flachs, die sie gehalten ha- wins Evolutionstheorie noch eine epistemologische
ben auff einem Stuck Acker, für Friederstdorff im Schwelle liegt (Schäfer 2011, 52). Und wie Goethes
Ampt Storckow gelegen, wie offt und vielmal sie Überlegungen zur Botanik ein Paradigma für ein
beyde durch der Menschen Hende gezogen, vnd sehr allgemeines Naturverständnis abgaben, war für ihn
übel tractirt werden, ehe sie von ihnen können ge- Naturgeschichte immer auch schon Kulturge-
braucht werden (1619) die Menschen zur Dank- schichte (Breidbach 2006, 13).
barkeit gegen Gott, liefert Bertolt Brecht mit sei- Für die Geschichte der Botanik weitaus ent-
nem Gedicht Die Erziehung der Hirse (1950) eine scheidender als Goethes Metamorphose-Konzept
Legitimation der Hungersnöte auslösenden neola- oder die romantische Naturphilosophie  – man
marckistischen Agrarprojekte von Josef Stalins denke an Friedrich Wilhelm J. Schellings Von der
Lieblingsbiologen Trofim Denissowitsch Lyssenko. Weltseele (1798) oder Daniel Schuberts Ansichten
Dagegen zählt die Kenntnis landwirtschaftlicher von der Nachtseite der Naturwissenschaften
Praktiken zu den Überlebensbedingungen von (1803)  – waren die Arbeiten des französischen
Daniel Defoes Robinson Crusoe und seinen litera- Chemikers Antoine Laurent Lavoisier, vor allem
rischen Nachfolgern. Nicht zuletzt organisiert der seine, nahezu zeitgleich mit Joseph Priestley zu Be-
wissenschaftliche Einsatz des Mikroskops seit dem ginn der 1770er Jahre entwickelte Sauerstoff-Theo-
17. Jh. die Sichtbarkeiten neu, wie viele zentrale rie. Deutlich wird hier auch, dass sich in der Ge-
Abhandlungen der Botanikgeschichte bis in das schichte des Wissens die Disziplinen immer wieder
19. Jh. hinein belegen (z. B. Robert Hooke: Micro- überlagern: Denn während es dem Chemiker La-
graphia, 1665; Marcello Malpighi: Anatomes plan- voisier um die Kritik der Phlogiston-Theorie und
tarum idea, 1675; Matthias Jacob Schleiden: Mi- den Nachweis des Sauerstoffs ging, leistete er zu-
kroskopische Untersuchungen über die Überein- gleich einen Beitrag zur Erforschung der Atmung
stimmungen in der Struktur und dem Wachstum der Lebewesen (im Standardversuch wurden
der Tiere und Pflanzen, 1839; Eduard Strasburger: Mäuse oder Vögel unter eine Glasglocke gesetzt)
Über Zellbildung und Zellteilung, 1875). Damit er- und schuf die Voraussetzungen für die Photosyn-
schlossen sich auch der Literatur neue Gegen- theseforschung – hier setzte man zur brennenden
standsbereiche sowie ein wichtiges Reflexionsme- Kerze oder zur Maus noch grüne Pflanzenteile un-
dium der Generierung von Wissen. Ein Beispiel ter die Glocke. Als theoretische Figur hat der Sau-
hierzu bietet E.T.A. Hoffmanns Märchen Meister erstoff seinen Auftritt im 20. Jh.: Aufgrund der
Floh (entst. 1822), in dem optische Geräte zu Waf- komplexen Art und Weise seines Erscheinens lässt
fen werden, »Leuwenhöck« und »Swammer- sich hier nämlich der Begriff der »Entdeckung«
damm« als Kontrahenten auftreten und eine Pro- problematisieren, wie Thomas Kuhn in seinem
tagonistin im »Blumenstaub« einer Tulpe entdeckt wissenschaftstheoretischen Werk The Structure of
wird. Scientific Revolutions (1962) und Carl Djerassi,
2.2 Botanik 67

Miterfinder der »Pille«, und der Chemie-Nobel- führte noch einmal vor, wie sich über Pflanzen Se-
preisträger Roald Hoffmann in ihrem Theaterstück xualität thematisieren lässt. Darwins Arbeit sowie
Oxygen (2001) vorführen. Algernon Charles Swinburnes Gedicht The Sundew
(1862) erregten jedenfalls das viktorianische Eng-
land zutiefst (Smith 2003).
19. Jahrhundert Wenn solchermaßen die Grenzen zwischen den
Naturreichen unscharf werden, ist es nur folgerich-
Nahm die Pflanzenphysiologie mit Arbeiten von tig, den Pflanzen auch eine Seele zuzugestehen  –
Jan Ingen-Housz, Théodore de Saussure oder zumal eine solche Zuschreibung, wie Hans Werner
Henri Dutrochet schon um 1800 ihren Anfang, so Ingensieps voluminöse Untersuchung Geschichte
fanden die entscheidenden Transformationen der der Pflanzenseele  – Philosophische und biologische
Botanik doch erst Mitte des 19. Jh.s statt  – zumal Entwürfe von der Antike bis zur Gegenwart (2001)
zuerst mit der spekulativen Naturphilosophie auf- aufzeigt, weit in die Antike zurückreicht und die
geräumt werden musste, wie es etwa Matthias Ja- Botanik bis in das 20. Jh. begleitet. Im 19. Jh. erhielt
cob Schleiden in seinem Buch Grundzüge der wis- vor allem die Schrift des Begründers der Psycho-
senschaftlichen Botanik (1842) tat. Die experimen- physik Gustav Theodor Fechner Nanna oder über
telle Pflanzenphysiologie gründete sich dann nicht das Seelenleben der Pflanzen (1848) große Promi-
zuletzt dadurch, dass, wie der Pflanzenphysiologe nenz; für Ernst Haeckel war die Existenz einer
Erwin Bünning (1975, 88) schreibt, »die experi- Pflanzenseele ein Beleg seiner monistischen Welt-
mentelle Physiologie von den Objekten Tier und anschauung, mit der er eine einheitliche Philoso-
Mensch auf die Pflanze übertragen« wurde. Umge- phie der Natur zu konzipieren versuchte (Kleeberg
kehrt konnte die Pflanzenphysiologie dann auch 2005). Folgerichtig sprach Ernst Haeckel in seinem
»Ansatzpunkte zum Vordringen in die molekula- Buch Welträthsel (1899) von ihr wie auch die vom
ren Grundlagen der Lebensvorgänge« gewinnen: psychophysischen Parallelismus geprägte Literatur
In den Lebensvorgängen finden Pflanzenphysiolo- (Fick 1993). Eben die Pflanzenseele markiert den
gen wie Julius Sachs oder Wilhelm Pfeffer und Ansatzpunkt von Kurd Lasswitz ’ Roman Sternen-
Tierphysiologen wie Claude Bernard ihren ge- tau. Die Pflanze vom Neptunsmond (1909) oder
meinsamen Gegenstand. Wie der wissenschaftliche Bruno Willes Offenbarungen des Wacholderbaums.
Zugriff auf das Leben mit der Politisierung des Le- Roman eines Allsehers (1920). Doch die Pflanzen-
bens einhergeht, zeigt sich konkret an der Entste- seele ließ auch Experimentalwissenschaftler nicht
hung der Agrikulturchemie, für die Justus von Lie- ruhen. Der indische Physiker und Pflanzenphysio-
bigs Abhandlung Die Chemie in ihrer Anwendung loge Jagadish Chandra Bose beschreibt in Die
auf Agricultur und Physiologie (1843) wegweisend Pflanzen-Schrift und ihre Offenbarungen (1928) Ex-
war. Denn sie bezog ihre politische Relevanz aus perimentalanordnungen und Apparate (wie den
den Prognosen des Ökonomen Thomas Malthus, das Wachstum der Pflanze messenden Crescogra-
an den Liebig anknüpfte, um den Beitrag der Agri- phen), um mit ihnen den auf das Innere der Pflanze
kulturchemie für eine ausreichende Nahrungspro- verweisenden Zeichen nachzugehen, und Cleve
duktion der wachsenden Bevölkerung zu erläutern. Backster übertrug die Technik des Lügendedektors
Die Fokussierung auf Lebensvorgänge hat aber auf die Pflanze und stellte in dem Artikel Evidence
auch eine andere Konsequenz, nämlich die zuneh- of a Primary Perception in Plant Life (1968) eine
mende Virulenz der Frage nach den Grenzen zwi- Primärwahrnehmung der Pflanzen fest.
schen Pflanzen und Tieren. So veranlasste die Mi- Eine andere Verbindung, nämlich die zwischen
mosa pudica schon den romantischen Physiker Jo- wissenschaftlicher Botanik und ästhetischer Be-
hann Wilhelm Ritter zu der Pflanze und Tier trachtung stellte Alexander von Humboldt her in
vergleichenden Studie Elektrische Versuche an der seinem mit Aimé Bonpland verfassten Bericht Vo-
Mimosa pudica L. in Parallele mit gleichen Versu- yage aux régions equinoxiales du Nouveau Conti-
chen an Fröschen (1811, dazu: Rieger 2009), und nent (1807 ff.) und konzipierte in seinen Schriften
Charles Darwin widmete sich in seinem Buch In- zur Geographie der Pflanzen die Pflanzengeogra-
sectivorous Plants (1875) ausführlich dem Sonnen- phie als eine Verbindung von Physikalischer Geo-
tau, also einer Pflanze, die sich bewegt und außer- graphie, Botanik und Reisebericht. Auch in der
dem noch Fleisch frisst. Gerade der Sonnentau Nachfolge Humboldts blieb ein die Spezialdisziplin
68 2. Disziplinen

übergreifender Blick in Arbeiten zur Pflanzengeo- 504). Dabei kommt der Photosynthese-Forschung
graphie erhalten, weshalb es auch nicht verwun- und damit der Vorstellung, aus Sonnenlicht Ener-
dert, dass die Ökologie gegen Ende des 19. Jh.s al- gie gewinnen zu können, auch für die Literatur
lererst aus der Pflanzengeographie und -soziologie große Bedeutung zu. Diese Idee findet sich zum ei-
heraus entstand (Trepl 1987). Ebenfalls überstieg nen in der Science-Fiction-Literatur; z. B. stellen in
das wissenschaftliche und ökonomische Interesse Isaac Asimovs Erzählung The Last Question (1956)
an den Kulturpflanzen die Botanik im engeren die Menschen ihre Energiegewinnung von Kohle
Sinne. Neben Charles Darwins The variation of und Uran auf Solarenergie um. Zum anderen be-
animals and plants under domestication (1868) ist ziehen sich literarische Texte ganz konkret auf die
hier vor allem Alphonse de Candolles Abhandlung ökologischen Diskussionen in den 1970er Jahren,
Origine des plantes cultivées (1882) zu nennen, für wie Ernest Callenbachs Ecotopia Emerging (1981),
den mit der Frage nach dem Ursprung der Kultur- worin die Erfindung einer besonders effizienten
pflanzen zugleich die nach dem Beginn der Zivili- Solarzelle die energetischen Grundlagen eines
sation aufgeworfen war, weshalb seiner Ansicht neuen Staates bildet.
nach die üblichen Methoden der Botanik um Ar- Die Systemstelle von Landwirtschaft und Ernäh-
chäologie, Paläontologie, Geschichte und Sprach- rung, von Pestiziden und vergifteten Nahrungs-
forschung zu erweitern seien. mitteln hat seit einigen Jahren die Transgenetik
übernommen. Gentechnische Eingriffe erlauben es
hierbei, Pflanzen mit besonderen Eigenschaften
20. Jahrhundert herzustellen, eine wichtige Rolle spielt etwa der
Einbau von Genen, welche die Pflanzen gegenüber
Mit dem Jugendstil erscheint um 1900 eine Litera- Pestiziden resistent machen. Wie über solche trans-
turströmung, die Pflanzen in vielfältiger Weise me- genen Organismen neue Gesellschaftsformen ent-
taphorisch einsetzt und florale Formen in sprachli- stehen, haben Margaret Atwoods Dystopien Oryx
che Formen übersetzt. Die in der Buchkunst ausge- and Crake (2003) und The Year of the Flood (2009)
stellten ornamentalen Ranken und Gewächse vorgeführt. Die Wissenschaft ist auf die Herstel-
übersetzen die Autoren in arabeske Texte, wie etwa lung transgener Organismen ausgerichtet, welche
Ernst Stadlers »Spiel« Freundinnen (1903) bezeugt, ihrerseits ausschließlich der ökonomischen Nut-
in dem sich zwei Frauen in einer Liebesnacht gleich zung dienen. Organisieren sich Polizei- und Ge-
Pflanzenranken umschlingen. Vor allem in der Ly- heimdienste um die wissenschaftlichen Zentren,
rik der Jh.wende entkoppelt sich die botanische setzen auch diejenigen, die gegen das System
Metaphorik zunehmend vom Bereich des Wirkli- kämpfen, gezielt solche Organismen ein. Die Kul-
chen und setzt dagegen innersprachliche Bewe- turwissenschaft hat dagegen gerade aus einer altbe-
gungen in Gang, so etwa in Rainer Maria Rilkes kannten Methode, nämlich der Kulturtechnik des
»Rettung der Dinge« durch ihre Übertragung ins Pfropfens, eine neue theoretische Idee bezogen:
Sprachliche, genannt seien exemplarisch Gedichte Anknüpfend an Derridas Überlegungen zur »tex-
wie Das Rosen-Innere, Persisches Heliotrop oder Der tuellen Pfrofpung« lässt sich, wie Uwe Wirth vor-
Apfelgarten (Der neuen Gedichte anderer Teil, führt (2011), sowohl eine Kulturgeschichte der
1908), wobei letzteres zu einer ganzen Reihe von Pfropfung, von Lehrbüchern der Gartenkunst über
Parkgedichten zählt. Wie der Garten zu einer in der die Literatur bis hin zur Wissenschaftstheorie
Kunst erfolgten zweiten Schöpfung wird, führt be- schreiben, als auch ein Kulturmodell entwickeln,
sonders deutlich Stefan Georges Gedichtband Al- dessen Beschreibungspotential von der Intertex-
gabal (1892) vor, in dem der selbst erschaffene Gar- tualität bis zur Gentechnik reicht. Damit sind wir
ten allerdings leblos bleibt. wieder bei der Etymologie von Kultur angekom-
In der wissenschaftlichen Botanik vollzog sich men, welche sich eben sowohl auf die konkrete Be-
seit der Jahrhundertwende zunehmend die Konso- arbeitung des Ackers als auch auf das Wissen über
lidierung der Pflanzenphysiologie. Seit Mitte des die Art und Weise dieser Pflege sowie der verwen-
20. Jh.s stellten dann Biochemie, Biophysik und deten Instrumente und Techniken bezieht.
Molekularbiologie die Biologie überhaupt auf neue
Grundlagen, was zur Synthese früher getrennter
Forschungsgebiete führte (Höxtermann 2000,
2.2 Botanik 69

Literatur Ingensiep, Hans Werner: Geschichte der Pflanzenseele.


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Benjamin Bühler
70

2.3 Ethnologie

Was ist Ethnologie? Ethnologie bezeichnet wird. Die eigentliche Aus-


differenzierung der wissenschaftlichen Disziplin
Ethnologie oder Völkerkunde ist »die Wissenschaft erfolgt dann in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s par-
vom kulturell Fremden« (Kohl 1993). Da Fremd- allel in Deutschland, Großbritannien und den
heit ein relationaler Begriff ist – fremd kann etwas USA: 1869 wird die Berliner Gesellschaft für Anth-
nur in Abgrenzung zum Vertrauten/Eigenen sein ropologie, Ethnologie und Urgeschichte gegrün-
–, handelt es sich hierbei primär um eine negative det, die seitdem mit der Zeitschrift für Ethnologie
Definition. In der Geschichte der Ethnologie hat es ein zentrales Fachorgan publiziert. Weitere Schritte
dennoch eine Reihe von Versuchen gegeben, den auf dem Weg zur eigenständigen Fachdisziplin
eigenen Forschungsgegenstand positiv näher zu sind die Gründungen der Völkerkunde-Museen in
bestimmen: Neben den traditionellen, stark wer- München und Berlin 1886 und die Berufung Adolf
tenden Gegenstandsbestimmungen Wilde, Primi- Bastians als erster deutscher Professor für Ethnolo-
tive und Naturvölker diskutiert man in der jünge- gie 1900. In England war Sir Edward Burnett Tylor
ren Fachgeschichte vermeintlich weniger proble- bereits 1895 berufen worden, in Amerika wurde
matische, wie archaische bzw. schriftlose Kulturen, der Bastian-Schüler Franz Boas, der seit 1889 Her-
traditionelle Gesellschaften und Stammesgesell- ausgeber des American Anthropologist war, 1899
schaften. Allen diesen positiven Bestimmungsver- zum ersten Fachordinarius.
suchen ist jedoch gemein, dass sie die zu untersu- Zu Beginn der Fachgeschichte herrscht z. T.
chenden Kulturen/Gesellschaften ex negativo dar- noch eine Trennung zwischen Datenlieferanten
über definieren, was sie im Vergleich zur eigenen, (Reisenden, Missionaren, Kolonialresidenten) und
westlichen Kultur nicht sind. In der postkolonialen ethnologischen Theoretikern, die zu Hause deren
und globalisierten Gegenwart, in der derlei rigide schriftliche Berichte auswerten und deswegen als
kulturelle Grenzziehungen zunehmend obsolet arm-chair anthropologists, ›Lehnstuhlethnologen‹,
werden, sind folgerichtig Tendenzen zu beobach- bezeichnet werden. Im ersten Drittel des 19. Jh.s
ten, die dem Fach zugrundeliegende Reziprozität setzten sich dann aber Feldforschung und teilneh-
von Selbst- und Fremderfahrung selbst zum mende Beobachtung (d. h. die längerfristige Parti-
Thema zu machen (Clifford/Marcus 1986), den zipation am Alltagsleben der untersuchten Kultur)
ethnologisch verfremdenden Blick in Umkehrung als Forschungsmethoden durch, die ebenfalls auf
des traditionellen Ansatzes nun auch auf Aspekte literarische Darstellungsverfahren angewiesen sind,
der europäischen Kultur auszudehnen (Hauschild/ weil aus Gesprächsnotizen und Tagebuchaufzeich-
Warneken 2002) oder den essentialistischen Kul- nungen ›im Feld‹ im retrospektiven Schreibprozess
turbegriff prinzipiell infrage zu stellen (Abu-Lug- die ethnologische Monographie als neues ethno-
hod 1991). graphisches Darstellungsmedium entsteht.
Die Vorgeschichte der Ethnologie (Petermann Auch im Bereich der ethnologischen Theorien
2004) lässt sich bis in Antike und Mittelalter zu- findet ein historischer Wandel – von Evolutionis-
rückverfolgen und ist dort bereits konstitutiv an Li- mus über Diffusionismus (German School) und
teratur (im weiteren Sinne) gebunden, weil die Funktionalismus (British Social Anthropology) bis
Darstellung fremder Völker und Kulturen (wie z. B. zum Kulturrelativismus (American Cultural Anth-
bei Herodot, Ibn Battuta und Marco Polo) im Kon- ropology)  – statt. Für das Wechselverhältnis von
text literarischer Reisebeschreibungen erfolgt. Im Ethnologie und Literatur ist aber vor allem die in-
Zeitalter der europäischen Expansion sind es vor terpretative Wende der Ethnologie (Bachmann-
allem Missionare, wie Bernardino de Sahagún bei Medick 2009) in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s von
den Azteken, die indigene Sprachen und Lebens- Interesse, deren zentrale Erkenntnis war, dass die
formen dokumentierten, bevor sich im Zeitalter fremde Kultur als Untersuchungsobjekt nicht an
der Weltumsegelungen im Rahmen der Geogra- und für sich verfügbar, sondern als »selbstge-
phie jene neue Unterdisziplin herausbildet, die um sponnene[s] Bedeutungsgewebe« (Geertz 1983, 9),
1770 erstmals (in Analogie zur Erdkunde) als Völ- das der Interpretation bedarf, nur doppelt – durch
kerkunde oder (ins Griechische rückübersetzt) Informanten und Ethnologen – vermittelt zugäng-
2.3 Ethnologie 71

lich ist. Entsprechend wird die Ethnologie nicht (›Othering‹), wodurch ethnographische Darstel-
mehr als rein empirische, analytische Wissenschaft lungen fremder Kulturen allenfalls als »partial
verstanden, sondern zunehmend als verstehende, truths« (Clifford 1986, 1) oder »true fictions« (Clif-
interpretative: »die Untersuchung der Kulturfor- ford 1986, 6) zu verstehen sind, was die kategoriale
men findet ihre Parallelen nicht mehr im Sezieren Grenzziehung zwischen wissenschaftlichen und
eines Organismus, im Diagnostizieren eines Symp- literarischen Texten grundlegend infrage stellt
toms, in der Dechiffrierung eines Codes oder im (Geertz 1988). Ursächlich dafür sind vielfältige Fak-
Anordnen eines Systems [ …], sondern gleicht eher toren, die den ethnographischen Wahrnehmungs-
dem Durchdringen eines literarischen Textes« (Ge- und Schreibprozess präfigurieren, wie soziale und
ertz 1983, 253). In Konsequenz dieser Engführung weltanschauliche Kontexte, traditionelle ethnogra-
von Kultur und Literatur, Ethnologie und Litera- phische Rhetoriken und Genrekonventionen, der
turwissenschaft entwickelt sich die Methode der institutionelle, disziplinäre Rahmen, in dem die
»dichten Beschreibung« (Geertz 1983), die im Texte entstehen oder gegen den die Texte anschrei-
Zuge der Darstellung fremder Kulturen immer de- ben, und nicht zuletzt die politischen Vorausset-
ren konkrete Entstehungsbedingungen und grund- zungen, unter denen (wie z. B. im kolonialen Kon-
legenden Voraussetzungen mitreflektiert. In der text) beobachtet und geschrieben wird, wobei noch
Folge etabliert sich die prägnante wie umstrittene verkomplizierend hinzu kommt, dass alle diese
Formel von der »Kultur als Text« (Bachmann-Me- Faktoren einem historischen Wandel unterliegen
dick 1996) und es kommt zu einem regen konzep- (vgl. Clifford 1986, 6), der bei der Lektüre ethno-
tuellen Austausch zwischen Ethnologie und Litera- graphischer Darstellungen mit zu berücksichtigen
turwissenschaften. ist. Die fremde Kultur wird als solche also weniger
(re-)präsentiert, als aus der spezifischen Perspek-
tive des Ethnographen (re-)konstruiert, wobei die
Literatur in Ethnologie Glaubwürdigkeit der Konstruktion nicht zuletzt
von der Qualität der literarischen Darstellung ab-
Die interpretative Wende steht in unmittelbarem hängig ist.
Zusammenhang mit einer fundamentalen Krise Aus der so skizzierten Debatte ergibt sich zu-
der Ethnologie bzw. der ethnographischen Reprä- nächst die Minimalforderung, dass im Rahmen je-
sentation, die sich seit den späten 1970er Jahren der ethnographischen Darstellung prinzipiell die
u. a. an den zu diesem Zeitpunkt immer stärker ins Bedingungen des Forschens und die impliziten
Fachbewusstsein rückenden literarischen Anteilen Grundannahmen des Forschenden reflektiert und
des Faches entzündet. Der prägnanteste Ausdruck offengelegt werden müssen (»who speaks? who
dieser Krise ist der Sammelband Writing Culture: writes? when and where? with or to whom? under
The Poetics and Politics of Ethnography (Clifford/ what institutional and historical constraints?«
Marcus 1986), aber auch der Skandal um die post- Clifford 1986, 13). Darüber hinaus bilden sich aber
hume Veröffentlichung der Malinowski-Tagebü- zunehmend auch neue, experimentelle Formen
cher (Kohl 1987, 39 ff.) und die Mead-Freeman- ethnographischen Schreibens heraus, die die Kon-
Kontroverse (Shankman 2009) sind Teil der soge- sequenzen einer derartigen ethnologischen Selbst-
nannten Writing Culture Debatte. In deren reflexivität in Form textueller Fragmentarität, Pro-
Zentrum steht die Kritik des klassischen ethnogra- zesshaftigkeit, Dialogizität und Polyphonie perfor-
phischen Realismus und dessen traditioneller Dar- mativ ausstellen.
stellungsform, der ethnographischen Monogra- In diesem Zusammenhang etabliert sich einer-
phie, die im Rekurs auf »ethnographische Autori- seits die dialogische Ethnographie, in deren Kontext
tät« (Clifford 1988/2003) die scheinbar zeitlose, das Gespräch mit autochthonen Informanten als
objektive, essentialistische Darstellung (Fabian Basis jeder Ethnographie in den Mittelpunkt des
1983) einer spezifischen Kultur (z. B. »The Nuer«) Interesses rückt. Klassische Beispiele hierfür sind
suggeriert. De facto handelt es sich, so die Quint- Vincent Crapanzanos Tuhami. Portrait eines Ma-
essenz der Debatte, beim ›Schreiben von Kultur‹ rokkaners (Capranzano 1983), in dem das Ge-
zugleich immer auch um das ›Einschreiben‹ in ei- spräch zwischen dem Feldforscher und seinem
genkulturelle Traditionszusammenhänge wie das marokkanischen Informanten als Darstellungs-
perspektivabhängige ›Festschreiben‹ des Anderen form beibehalten wird, und Marjorie Shostaks
72 2. Disziplinen

Nisa: The Life and Words of a !Kung Woman ture (Häusler 1999), die sich angesichts der literari-
(Shostak 1981), das aus einer Sammlung von 15 schen Verfasstheit ethnographischer Texte nicht
transkribierten Interviews besteht, wobei jedes In- zuletzt auch literaturwissenschaftlicher Lektüre-
terview durch Kommentare Shostaks abgeschlos- verfahren bedient.
sen wird, die auf Unterhaltungen mit anderen
!Kung basieren und dem Leser die Möglichkeit ge-
ben sollen, einzuschätzen, inwiefern Nisas Lebens- Ethnologie in Literatur
geschichte exemplarisch ist; zudem reflektiert das
Nachwort die Bedingungen der Unterhaltungen Die Erkenntnis der postmodernen Ethnologie,
und die Reaktionen der Gesprächspartner auf die dass wissenschaftlich-ethnographische und litera-
Situation. Nisa markiert damit den Übergang zu ei- rische Texte sich weniger kategorial als graduell
ner polyphonen Ethnographie, die gegen das traditi- unterscheiden, spiegelt sich literaturgeschichtlich
onelle gesamtheitliche und geschlossene Bild einer in der kontinuierlichen motivischen Präsenz ›eth-
untersuchten Kultur aus der Perspektive eines Eth- nologischen Wissens‹ in der Reiseliteratur, die ent-
nographen noch radikaler ein ganzes Konglomerat sprechend im Grenzbereich zwischen faktualer
von fragmentarischen Sichtweisen und Meinungen und fiktionaler Literatur angesiedelt wird. So fin-
der Informanten zur Geltung bringt, wie in Lila den sich bereits in der antiken Reiseliteratur, z. B.
Abu-Lughods Writing Women ’ s World. Bedouin eingeflochten in Herodots Historien (Herodot
Stories (Abu-Lughod 1993), und so versucht, die 2001/5. Jh. v. Chr.), Darstellungen fremder Völker,
fremde Kultur eher performativ zu evozieren als und auch in Mittelalter und Früher Neuzeit, u. a. in
abschließend zu repräsentieren (Tyler 1986), auch John Mandevilles Reisebuch (Mandeville
wenn letztlich der Ethnologe immer »Regisseur 2004/14. Jh.), ist das kulturell Fremde stets als Tre-
und Dramaturg jeder im Text aufgerufenen mendum und Faszinosum in der Literatur präsent,
Stimme« (Bräunlein/Lauser 1999, 8) bleibt, was wobei die Darstellung allerdings z. T. phantastische
ebenso für neue multimediale Ansätze ethnogra- Züge annehmen kann, die jedoch den imaginären
phischer Präsentation in Filmen und Fotobüchern Anteil aller Ethnographie nur besonders prägnant
gilt. hervortreten lassen. Auch die moderne Reiselitera-
Skeptisch werden derartige Forminnovationen tur, die sich um 1800 u. a. bei Georg Forster und
im Bereich der ethnographischen Darstellung Adelbert von Chamisso herausbildet, beschäftigt
nicht selten als ängstliche Selbstimmunisierungs- sich im Rahmen eines universalistischen, enzyklo-
strategien der Ethnologie gegen Kritik von innen pädischen Erkenntnisanspruchs mit ›fremden Kul-
wie von außen, als »Dokumente der Mutlosigkeit« turen‹ und oszilliert dabei erneut zwischen Wis-
(Kohl 1993, 127) interpretiert und zuweilen wird senschaft und Literatur. Im Rahmen eines evoluti-
sogar eine (wenngleich reflektierte) Rückkehr zu onären Entwicklungsmodells als Stufenfolge von
traditionelleren Formen ethnographischer Reprä- Wilden über Barbaren zu Zivilisierten (Bitterli
sentation prognostiziert (ebd.). Als alternative Re- 1976), wie es später auch den ethnologischen Evo-
aktion auf die Krise der repräsentationalen Ethno- lutionismus bestimmt, werden außereuropäische
logie lässt sich das Projekt einer inversiven Ethnolo- Völker dabei auf historischen menschheitsge-
gie verstehen, wie es  – im Gefolge von Fritz W. schichtlichen Entwicklungsebenen (bis hin zum
Kramers Arbeiten zur »imaginären Ethnographie« mutmaßlichen Naturzustand) verortet. Dabei kann
(Kramer 1977)  – vor allem in Iris Därmanns das kulturell Fremde gleichermaßen zur ex nega-
Fremde Monde der Vernunft (Därmann 2005) und tivo identitätsstiftenden Gegenwelt, die alles ver-
Erhard Schüttpelz ’ Die Moderne im Spiegel des Pri- körpert, was der zivilisierte Mensch hinter sich ge-
mitiven (Schüttpelz 2005) zu beobachten ist. Im lassen hat (wie z. B. in der stereotypen Darstellung
Rückgriff auf die in den ethnographischen Berich- der Kannibalen Feuerlands), stilisiert werden wie
ten von Europäern enthaltenen ›fremden Fremder- als als exotistischer Fluchtpunkt von Zivilisations-
fahrungen‹ und die komplexen Spiegelungsverhält- kritik  – in der Tradition von Charles-Louis de
nisse zwischen ›eigenem‹ und ›fremden Wissen‹ im Montesquieus Lettres persanes (Montesquieu
europäischen Text, verweist diese auf das zukünf- 1721)  – dienen (wie die ›edlen Wilden‹ Tahitis),
tige Potential einer sich in Reaktion auf die Writing was den prinzipiell projektiven Charakter ethno-
Culture Debatte etablierenden neuen Reading Cul- graphisch-literarischen Schreibens und dessen am-
2.3 Ethnologie 73

bivalente Funktion im Rahmen der eigenen Kultur Fragment gebliebenen Ästhetik des Diversen (Sega-
verdeutlicht. len 1994/1978) auch schon ansatzweise theoreti-
In der Kolonialliteratur des späten 19. Jh.s domi- sche Reflexionen zur Ästhetik ethnographisch-lite-
niert dann zunächst die negative Abgrenzung von rarischer Fremddarstellung anstellt. Genauso wie
den dargestellten fremden Kulturen, wie sie Ed- im »ethnographic surrealism« (Clifford 1988, 117–
ward Said in Orientalism (Said 1978) herausgear- 151) Leiris ’ , dessen Reisetagebuch L ’ Afrique
beitet hat, und diese werden gleichermaßen zur Fantôme (Leiris 1934) zur Forschungsmission Da-
metaphorischen Verkörperung von im Prozess der kar-Djibouti sich nicht nur durch seine inhaltliche
Zivilisation disziplinierten und marginalisierten und formale Heterogenität auszeichnet  – es ver-
›dunklen‹ Anteilen der menschlichen Natur, wie in sammelt Bericht und Reflexionen über das ethno-
Joseph Conrads Heart of Darkness (Conrad 1899), graphische Arbeiten und Schreiben, Lektüreim-
wie zum Erziehungsobjekt einer vermeintlichen pressionen, Selbstbeobachtungen, Protokolle von
europäischen Mission civilisatrice, wie in Rudyard Ritualen und Seancen, surrealistische Traumproto-
Kiplings The White Man ’ s Burden (Kipling 1899). kolle, Prosagedichte sowie erotische Phantasien
Mit der Jahrhundertwende um 1900 gewinnt dann und Notizen über die eigene körperliche Befind-
die exotistische, zivilisationskritische Dimension lichkeit –, sondern auch erstmals die Forschungs-
der Darstellung fremder Kulturen erneut an Be- techniken der Ethnographie auf deren eigenes
deutung, wie sie prototypisch in Peter Altenbergs Zusammenspiel von Selbst- und Fremderfahrung
Darstellung der Wiener Völkerschau von 1896, anwendet und dabei spätere Einsichten der diszip-
Ashantee (Altenberg 1897), zu beobachten ist. Ih- linären Ethnologie im Kontext der Writing Culture
ren literaturgeschichtlichen Gipfelpunkt erreicht Debatte zum theatralen, performativen Charakter
diese in der Begeisterung der Avantgarden für pri- kultureller Identität als »playing culture« (Albers
mitive Kunst und Kultur, in deren Kontext dann, 1999, 218) vorwegnimmt.
u. a. bei Victor Segalen und Michel Leiris, auch die Ihren vorläufigen Höhepunkt hat die Ethnopoe-
Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin zum Ge- sie aber in den späten 1970er und 1980er Jahren bei
genstand der Literatur wird. In der zweiten Hälfte Bruce Chatwin und Hubert Fichte. Letzterer prägt
des 20. Jh.s werden dann u. a. im postkolonialen in Auseinandersetzung mit der disziplinären Eth-
historischen Gegenwartsroman, wie in Uwe Timms nologie, die ihren prägnantesten Ausdruck 1977 in
Morenga (Timm 1978) oder Michael Roes Rub ’ al- dessen Ketzerischen Bemerkungen für eine neue
Khali (Roes 1996), literarische Darstellungsverfah- Wissenschaft vom Menschen gefunden hat, ein auf
ren, wie Intertextualität und die Überblendung ei- der wechselseitigen Kritik und Befruchtung von
ner historischen Darstellungsebene, auf der au- Ethnologie und Literatur beruhendes Konzept von
thentische oder z. T. fiktive ethnographische poetischer Anthropologie oder Ethnopoesie, das er
Dokumente eingebaut werden, mit einer fiktiona- u. a. in seinen Reiseberichten Petersilie und Xango
len Gegenwartsebene genutzt, um die historische über synkretistische, südamerikanische Religio-
Verstrickung der Ethnologie im Kolonialismus kri- nen, die auch eine Reihe ethnobotanischer Ausfüh-
tisch zu  reflektieren und durch literarische Modi rungen enthalten, umsetzt, aber auch in seinem
der Fremddarstellung zu konterkarieren. umfassenden Großprojekt einer ›Geschichte der
Empfindlichkeit‹, u. a. in Forschungsbericht und
Explosion. Roman der Ethnologie.
Literatur aus Ethnologie Neben ethnopsychologischen Reflexionen über
den Einfluss der eigenen psychischen wie physi-
Komplementär zur dialogischen, polyphonen Eth- schen Empfindungen im Rahmen interkultureller
nographie, entwickelt sich aus der Kombination Begegnung ist es vor allem die Suche nach neuen li-
von selbstkritisch reflektierten ethnologischen und terarischen und medialen Formen der Darstellung
literarischen Darstellungsverfahren auch eine neue bzw. Evokation dieser Begegnungen, in – gemein-
Form von ›Literatur aus Ethnologie‹: die soge- sam mit seiner Lebens- und Reisegefährtin, der Fo-
nannte poetische Anthropologie oder Ethnopoesie. tografin Leonore Mau  produzierten – journalisti-
Deren Anfänge finden sich bereits in den histori- schen Zeitschriften- und Hörspielfeatures, Fotobü-
schen Avantgarden zu Beginn des 20. Jh.s, u. a. im chern und Fotofilmen, die Fichtes Ethnopoesie als
Werk Segalens (Heinrichs 1994), der in seiner Bricolage traditioneller literarischer Mittel wie
74 2. Disziplinen

Montage, Multiperspektivität, Polyphonie, Meta- Clifford, James/Marcus, George E. (Hg.): Writing Culture:
pher, Metonymie, Aphorismus, Concetto und Witz The Poetics and Politics of Ethnography. Berkley 1986.
und journalistischen wie ethnographischen Dar- Clifford, James: Introduction: »Partial Truths«. In: Clif-
ford/Marcus 1986, 98–121.
stellungsmitteln wie Tagebucheintrag, Erlebnisbe-
Clifford, James: Predicament of Culture. Twentieth-Cen-
richt, Interview, Aussageprotokoll und Statistik tury Ethnography, Literature and Art. Cambridge/
ausmacht. Als Aporie der Ethnopoesie erscheint Mass., London 1988.
dabei parallel zur ethnologischen Writing Culture Clifford, James: »Über ethnographische Autorität«. In:
Debatte, dass das repräsentationale Dilemma der Eberhard Berg/Martin Fuchs (Hg.): Kultur, soziale Pra-
Reziprozität von kultureller Selbst- und Fremddar- xis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsenta-
stellung sich nicht auflösen, sondern lediglich des- tion. Frankfurt a. M. 1993, 109–157.
Därmann, Iris: Fremde Monde der Vernunft. München
sen Unlösbarkeit sich radikal ausstellen lässt. Als
2005.
jüngste Repräsentation einer poetischen Anthro- Fabian, Johannes: Time and the Other: How Anthropology
pologie oder Ethnopoesie wird durchaus kontro- Makes Its Object. New York 1983.
vers Michael Roes ’ Roman Leeres Viertel. Rub ’ Al Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung: Beiträge zum Ver-
Khali. Inventionen über das Spiel diskutiert, der stehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M. 1983 (engl.
zwar literarisch im Vergleich mit Fichtes Texten 1973).
eher konventionell gestaltet ist, aber die zutiefst Geertz, Clifford: Die künstlichen Wilden. Der Anthropo-
loge als Schriftsteller. München 1988 (engl. 1988).
problematische kategoriale Grenzziehung zwi- Häusler, Christian: »Reading Culture oder die Authenti-
schen ethnologischen und literarischen Texten zität der ethnographischen Lüge«. In: kea 12 (1999),
konsequent ad absurdum führt, indem er von Roes 241–253.
zugleich an der FU Berlin als Habilitationsschrift Hauschild, Thomas/Pützstück, Lothar (Hg.): Ethnologie
eingereicht wurde. und Literatur. Bremen 1995.
Hauschild, Thomas/Warneken, Bernd J. (Hg.): Inspecting
Literatur Germany. Internationale Deutschland-Ethnographie
der Gegenwart. Münster 2002.
Abu-Lughod, Lila: Writing Women ’ s Worlds: Bedouin Sto- Heinrichs, Hans-Jürgen: »Die Anfänge der Ethnopoesie –
ries. Berkeley 2008. Victor Segalen«. In: Ders.: Grenzgänger der Moderne.
Abu-Lughod, Lila: »Writing against culture«. In: Richard Essays. Hamburg 1994, 119–145.
Fox (Hg.): Recapturing Anthropology: Working in the Kohl, Karl-Heinz: Abwehr und Verlangen. Zur Geschichte
Present. Santa Fe 1991, 137–162. der Ethnologie, Frankfurt a. M. 1987.
Albers, Irene: »Das phantomatische Herz Afrikas. Michel Kohl, Karl-Heinz: Ethnologie – die Wissenschaft vom kul-
Leiris: Schreiben an den Grenzen der Ethnographie«. turell Fremden. Eine Einführung. München 1993.
In: kea 4 (1992), 193–224. Fritz W. Kramer: Verkehrte Welten. Zur imaginären Eth-
Bachmann-Medick, Doris: Kultur als Text. Die anthropo- nographie des 19. Jh.s. Frankfurt a. M. 1977.
logische Wende in der Literaturwissenschaft. Frankfurt Petermann, Werner: Geschichte der Ethnologie. Wupper-
a. M. 1996. tal 2004.
Bachmann-Medick, Doris: »Interpretive Turn«. In: Dies.: Said, Edward: Orientalismus. Aus dem Engl. v. Hans Gün-
Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwis- ter Holl. Frankfurt a. M. 2009 (engl. 1978).
senschaften. Reinbek bei Hamburg 32009, 58–103. Schüttpelz, Erhard: Die Moderne im Spiegel des Primiti-
Bitterli, Urs: Die »Wilden« und die »Zivilisierten«: Grund- ven. München 2005.
züge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch- Shankman, Paul: The Trashing of Margaret Mead: Ana-
überseeischen Begegnung. München 1976. tomy of an Anthropological Controversy. Wisconsin
Bräunlein, Peter J./Lauser, Andrea (Hg.): Writing Culture. 2009.
Nürnberg 1992. Tyler, Stephen A.: »Post-Modern Ethnography: From
Bräunlein, Peter J./Lauser, Andrea: (Hg.): Der teilneh- Document of the Occult to Occult Document«. In:
mende Leser. Erkundungen zwischen Ethnologie und Li- Clifford/Marcus 1986, 122–140.
teratur. Bremen 1999. Daniela Gretz
75

2.4 Geologie

Was ist Geologie? allmählich jene Disziplin hervor, die schließlich


1807 mit der Gründung der Geological Society in
Die Geologie ist ein weites Feld – und eines, dessen London institutionalisiert wurde.
Grenzmarkierungen in der Vergangenheit unter- Zum ersten Mal wurde der Begriff »Geologie« in
schiedlich gesetzt wurden. Heute versteht man dar- seiner für die Moderne richtungsweisenden Be-
unter die Wissenschaft von der Zusammensetzung, deutung 1778 verwendet (Luc 1778, vii, Anm.).
dem Aufbau und der Entwicklung der Erde, wobei Während er sich danach in England und Frank-
unterschieden wird zwischen allgemeiner und his- reich schon bald als Oberbegriff etablierte, hielt
torischer Geologie. Die Erstere beschäftigt sich mit man in den deutschsprachigen Ländern noch recht
den verschiedenen auf die Erdkruste einwirkenden lange an der Bezeichnung »Geognosie« fest, wobei
Kräften – von der exogenen Dynamik der Verwit- damit sowohl die neue Wissenschaft insgesamt, als
terung bis zur endogenen Wirkung vulkanischer auch nur derjenige Teilbereich gemeint sein
Prozesse – sowie mit der Analyse und Verwertbar- konnte, in dem es, im Unterschied zur »Geologie«
keit von Mineralen und Gesteinen (Mineralogie als der Lehre von der Erdgeschichte, um die Lehre
und Petrologie). Die historische Geologie aber, der von der Struktur und Zusammensetzung der Erde
auch die Paläontologie zugeordnet ist, hat die Re- ging. Nach 1850 verschwand der Begriff der »Geo-
konstruktion der Erdgeschichte zum Gegenstand. gnosie« dann zunehmend und derjenige der »Geo-
Diese terminologische Ordnung ergab sich erst logie« setzte sich auch im deutschen Sprachraum
im Laufe des 19. Jh.s. Zuvor hatte der Begriff der als umfassender Sammelterminus durch.
Geologie eine engere Bedeutung, sofern es ihn Wie aus diesen knappen terminologischen Be-
denn überhaupt schon gab: Zwar erforschten die merkungen hervorgeht, ist die zweite Hälfte des
Menschen bereits seit der Antike den Boden, auf 18. Jh.s entscheidend für die Herausbildung jenes
dem sie lebten, und trugen so ein umfangreiches Wissens, das später in der Disziplin der Geologie
praktisches (Bergbau-)Wissen zusammen, doch wissenschaftlich gebündelt wurde (Rudwick
dieses Wissen wurde nicht unter dem Namen der 2005/2008). Damals begann sich abzuzeichnen,
Geologie gebündelt. Es war ein Wissen, das oft an dass die Natur keiner taxonomischen Statik, son-
sehr lokale Verhältnisse gebunden und noch nicht dern einer prozessualen Dynamik unterliegt. Es
mit Fragen nach übergreifenden Gesetzen der wurde deutlich, dass die Erde nicht auf einmal ge-
Schichtung und Zusammensetzung, geschweige schaffen worden war, sondern im Laufe der Zeit
denn mit solchen nach der Geschichte der Erde verschiedene Veränderungen durchlaufen haben
verbunden war. Das heißt freilich nicht, dass die musste. Und diese Veränderungen mussten Zeit-
Menschen nicht schon seit langem über den Ur- räume in Anspruch genommen haben, die den
sprung des Kosmos und der Schöpfung nachge- Rahmen einer christlich verstandenen Weltge-
dacht hätten. Doch dieses mythologisch-religiöse schichte von rund 6000 Jahren entschieden spreng-
Nachdenken bezog sich auf einen Uranfang, nicht ten. Damit öffneten sich Zeitabgründe von zu-
auf einen erdgeschichtlichen Prozess, und es entwi- nächst mehreren zehntausend, dann hunderttau-
ckelte sich getrennt von jenem empirischen Wis- send und schließlich Millionen Jahren. Als einer
sen, das in der Bergbaupraxis generiert wurde. Erst der ersten, dessen Ansichten breit rezipiert wur-
in der Neuzeit wurde nach einer Verbindung zwi- den, begann Georges-Louis Marie Leclerc de Buf-
schen diesen beiden ganz unterschiedlichen Wis- fon in seiner Théorie de la terre (1749) über diese
sensbereichen gesucht, wobei zunächst die reli- Abgründe zu spekulieren, und in seinen Epoques
giösen Geogonien oder Erdentstehungslehren in de la nature (1778) legte er das Konzept einer in
(proto-)wissenschaftliche Theorien übersetzt wur- sieben Epochen gegliederten Erdgeschichte vor, die
den; so zum Beispiel in Thomas Burnets Telluris einen Zeitraum von ungefähr 75000 Jahren seit der
theoria sacra (1680/89). Solche sehr allgemein und Entstehung der Welt umfasste und voraussichtlich
spekulativ gehaltenen Theorien wurden dann zu- noch etwa 90 000 weitere Jahre dauern sollte (Ro-
nehmend mit konkret-empirischen Daten verbun- ger 1962, lx-lxvii). Mit Buffons Epochen wurde al-
den, und aus diesem Brückenschlag ging im 18. Jh. lerdings nicht nur eine ganz neue Zeitrechnung er-
76 2. Disziplinen

schlossen. In ihrem Lichte wurde auch deutlich, zur Konstruktion mithin oft ein fließender. Das
dass der Mensch bloß eine sehr späte Erscheinung lässt sich anschaulich an Georges Cuviers Werk
ist. Hatte die, mit Freud zu sprechen, »kosmologi- und dessen Rezeption illustrieren: Cuvier machte
sche Kränkung« durch Kopernikus im 16. Jh. eine sich zu Beginn des 19. Jh.s als Erster daran, vor den
räumliche Dezentrierung zur Folge gehabt (Freud Augen eines immer breiteren, begeisterten Publi-
2004, 190), so ergab sich durch die Erschließung ei- kums die Flora und Fauna früherer Erdepochen zu
ner unvorstellbar langen menschenlosen Vergan- rekonstruieren. Er erweckte ausgestorbene Wesen
genheit eine nicht minder beunruhigende tempo- von faszinierender Alterität gleichsam zu neuem
rale Marginalisierung des menschlichen Lebens Leben und wurde durch diesen Akt der Poiesis  –
und der menschlichen Kultur: Es kam zu jener für wie es in Balzacs La Peau de chagrin (1831) heißt –
die gesamte Moderne zentralen zeitlichen Dezen- in seinen »geologischen Werken« zum »größten
trierung des Menschen, die man in Anlehnung an Dichter« des 19. Jh.s (Balzac 1976, 75). Sensibel
Stephen Jay Gould als ›geologische Kränkung‹ be- stellt Balzac damit die enge Verschränkung von
zeichnen kann (Gould 1990, 14). Diese Kränkung Wissenschaft und Literatur heraus, wobei er zu-
mit ihren zugleich erschreckenden und faszinie- gleich den geologisch analysierenden und (re-)
renden Aspekten hatte weit über die Wissenschaft konstruierenden Blick Cuviers zu seinem eigenen
hinaus bedeutende denkgeschichtliche Konse- poetologischen Programm macht (Rancière 2008,
quenzen. Daneben gewann die Geologie in der 26–29).
modernen Industriegesellschaft seit dem 19. Jh. Die genannte Verschränkung beschäftigte zuvor
auch eine kaum zu überschätzende praktische Be- schon Georg Christoph Lichtenberg in seinem
deutung im Zusammenhang mit der Förderung Aufsatz »Geologische Phantasien« (1795), und sie
fossiler Brennstoffe. lässt sich auch paradigmatisch in Buffons Epoques
de la nature beobachten. Als dieses Werk 1778 er-
schien, sorgte es sogleich für großes Aufsehen.
Literatur in der Geologie Zum einen, weil es einigen theologischen Spreng-
stoff barg; zum andern aber, und das war wichtiger,
Mit der Verzeitlichung der Natur um 1800 wurde weil der Autor sich, ausgehend von einer schmalen
auch die historia der Erde zu einer zukunftsoffenen empirischen Basis, zu kühnen Konjekturen und
Entwicklungsgeschichte umgeschrieben, wobei die Hypothesen über gewaltige erdgeschichtliche Ver-
alte Metapher vom ›Buch der Natur‹ eine neue Vi- änderungen hinreißen ließ  – und damit, wie ver-
rulenz entwickelte. Die Erforscher der neu ent- schiedene Kritiker bemerkten, ins Reich der Phan-
deckten Geschichte der Natur und des Lebens ver- tasie und der Dichtung ausschweifte. Für viele war
standen sich als Leser einer sehr lückenhaften Buffons Werk deshalb bloß ein »Roman« und keine
Handschrift, deren lacunae sie gleichsam durch ernst zu nehmende Wissenschaft (Rudwick 2005,
editorische Konjekturen zu einer überzeugenden 149). Andere hingegen sahen in den kühnen Aus-
Erzählung ergänzen mussten. Das zeigt sich auch griffen gerade eine besondere Qualität des Buffon-
noch paradigmatisch bei Charles Darwin, der ein- schen Schreibens und ließen sich dadurch  – wie
mal explizit meinte, er betrachte den »natural geo- zum Beispiel Goethe in seinem 1785 geschriebe-
logical record as a history of the world imperfectly nen Aufsatz »Über den Granit«  – unmittelbar zu
kept«; von diesem geologischen opus magnum der eigenen Texten inspirieren, in denen sich auf je un-
Natur sei nur noch der »letzte Band« vorhanden, terschiedliche Art Wissenschaft und Poesie ver-
und davon »only here and there a short chapter has schränken.
been preserved; and of each page, only here and Der Geologe rekonstruiert die Erdgeschichte
there a few lines« (Darwin 2009, 275). also nicht nur, sondern konstruiert sie auch. Dar-
Wer nun die nur so lückenhaft überlieferte Ge- aus ergibt sich eine erste Verwandtschaft mit dem
schichte der Erde erschließen wollte, musste viele Dichter. Eine weitere wird da erkennbar, wo sich
Emendationen und Konjekturen vornehmen. Im der Wissenschaftler daran macht, seine Fakten und
Akt der ergänzenden Übersetzung der Spuren des Hypothesen in eine konsistente Geschichte der
»natural geological record« in die Darstellung der Erde zu transformieren. Hier wird er zum Erzähler,
Erdgeschichte in den Medien von Text, Bild und der unterschiedliche narrative Muster aufnimmt
Karte war der Übergang von der Rekonstruktion und/oder entwickelt, um seinen Rekonstruktions-
2.4 Geologie 77

versuch des »natural geological record« zu präsen- entscheidend mit vorbereitete (Beer 2009). Auch
tieren. So ist es aufschlussreich zu sehen, wie im hier liegt es auf der Hand, wie wissenschaftliche
geologischen Diskurs Narrative verwendet werden, Theorien und narrative Muster eng miteinander
die teils dem Modell des Zeitzyklus, teils demjeni- verknüpft sind.  – Daneben bietet insbesondere
gen des Zeitpfeils verpflichtet sind (Gould 1990). auch die seit dem 19. Jh. aufkommende und sehr
Und bei den Letzteren kann noch einmal unter- verbreitete populärwissenschaftliche Literatur zur
schieden werden nach Erzählmustern, die teleolo- Geologie ein reiches Feld für literaturwissenschaft-
gisch ausgerichtet sind, und solchen, die ohne vor- lich informierte Lektüren (O ’ Connor 2007).
gegebenes Telos erzählen und damit dem Zufall
und der Kontingenz eine bedeutende Rolle einräu-
men. Geologie in der Literatur
Abgesehen von diesen abstrakten narrativen
Grundmustern können auch, auf einer konkrete- Die deutsche Literatur nahm von Anfang an star-
ren Ebene, die Großerzählungen in verschiedenen ken Anteil an der Entwicklung des geologischen
zentralen Debatten der Geologie in den Blick ge- Wissens. Das zeigt sich ganz konkret daran, dass
nommen werden; so zum Beispiel die unterschied- Albrecht von Haller Buffons Théorie de la Terre
lichen Narrative, die im Zusammenhang mit der (1749) schon im Jahr nach ihrem Erscheinen auf
Debatte zwischen den Neptunisten und den Vulka- Deutsch herausgab. Dann war es aber vor allem
nisten um 1800 entwickelt wurden: Während die Goethe, der sich in Weimar ab den späten 1770er
Letzteren, vereinfacht gesagt, das geologische Ge- Jahren für alle Aspekte der Geologie zu interessie-
schehen seit dem Ursprung der Welt vor allem auf ren begann (Engelhardt 2003). Das Spektrum sei-
vulkanische, oft eruptiv und heftig wirkende Kräfte ner Beschäftigung mit geologischen Fragen reichte
zurückführten, sahen die anderen in den gleichmä- von ganz praktischen bergbautechnischen Dingen
ßig-allmählichen Wirkungen des Wassers das ent- über mineralogische Detailprobleme bis zu erdge-
scheidende Moment für die geologischen Verände- schichtlichen Hypothesen; und diese lebenslange
rungsprozesse. Ebenso kann auch die einige Jahr- Beschäftigung schlug sich nicht nur in einer Fülle
zehnte später einsetzende Debatte zwischen den von Texten zur Geologie nieder, sondern hinterließ
Anhängern der Cuvierschen Katastrophentheorie auch in den im engeren Sinne literarischen Werken
und denen des Aktualismus, wie er von Charles zahlreiche Spuren; am prominentesten in Wilhelm
Lyell vertreten wurde, als Konflikt zweier unter- Meisters Wanderjahren (1829) und in Faust II
schiedlicher Erzählmuster dargestellt werden: (1832).
Während Cuvier davon ausging, dass vergangene Schon sehr früh wurde Goethe in seinen geolo-
Erdepochen jeweils durch riesige, alles Leben zer- gischen Ansichten von Abraham Gottlob Werner,
störende Katastrophen abgeschlossen worden einem überzeugten Neptunisten, beeinflusst, und
seien, bevor eine neue Epoche mit neuem Leben Werner, der an der Bergakademie in Freiberg/
eingesetzt habe, bestand Lyell darauf, dass für die Sachsen lehrte, wurde auch für viele Vertreter einer
Vergangenheit nur geologische Prozesse und Er- jüngeren Schriftstellergeneration zu einem wichti-
eignisse angenommen werden dürfen, die auch gen Bezugspunkt. Am offensichtlichsten ist dies im
noch in der Gegenwart beobachtet werden können; Fall von Novalis, der bei Werner studierte und in
und diese Prozesse und Ereignisse dürften zudem dessen Heinrich von Ofterdingen (1802) die typisch
auch nur in der aktuell noch zu beobachtenden In- romantische Bergwerksthematik paradigmatisch
tensität angenommen werden. In seinem Narrativ in christlich-magischer Überhöhung gestaltet ist,
gab es deshalb keinen Raum für jene Riesenkata- während andere Romantiker, wie E.T.A. Hoff-
strophen, die Cuvier postulierte und deren Darstel- mann, die unheimlich-abgründige Seite des Mon-
lungen übrigens gerade im populärwissenschaftli- tanwesens in den Vordergrund gerückt haben
chen Diskurs oft noch von tradierten christlichen (Ziolkowski 1994). Neben Novalis sind auch Auto-
Erzähl- und Bildmustern von Sintflut und Apoka- ren wie Henrik Steffens, Alexander von Humboldt
lypse geprägt waren. Bei Lyell ergaben sich die gro- oder Gotthilf Heinrich Schubert zum Kreis von
ßen geologischen Veränderungen vor allem durch Werner-Schülern zu zählen (Haberkorn 2004).
die unendliche Akkumulation von Mikroverände- Nach der Romantik, während der die Geologie
rungen, womit er Darwins »Plot« der Evolution zumal auch in England stark literarisch rezipiert
78 2. Disziplinen

wurde (Heringman 2004), taucht das entspre- tungswesen in dramatischem Sinne dezentriert. Er
chende Wissen in der Literatur zum einen im sah sich konfrontiert mit einem viele Millionen
Zusammenhang mit der verbreiteten Praxis des Jahre umfassenden »plot without man« (Beer 2009,
Sammelns auf. Ganz gleich ob im Deutschland des 17), der ganz anderen Zeitrhythmen folgt, als man
Biedermeier und des Realismus oder im viktoriani- sie gemeinhin kannte. Hier wurden Entwicklungs-
schen England (Dean 1981), überall werden Mine- rhythmen wenn nicht sicht-, so doch denkbar, die
ralien und Versteinerungen gesammelt, und oft er- in ihrer Langsamkeit jenseits jeden menschlichen
öffnet sich über diese auf den ersten Blick harmlose Maßstabs liegen. Diese Entdeckung der geologi-
Tätigkeit eine abgründige Perspektive auf die vor- schen Langsamkeit spielt in der Zeitkultur der Mo-
menschliche Urzeit der Erde; so etwa in Annette derne – neben der oft besprochenen Akzeleration –
von Droste-Hülshoffs »Die Mergelgrube« (1844) eine wichtige Rolle, und sie konnte, wie das Beispiel
oder in Adalbert Stifters Nachsommer (1857). Zu- von Stifters Nachsommer (1857) zeigt, ebenfalls
gleich ist in der Literatur – neben der Übernahme poetologisch bedeutsam werden: Der Protagonist
erdgeschichtlicher Themen in einem Abenteuerro- und Ich-Erzähler Heinrich Drendorf widmet sich
man wie Jules Vernes Voyage au Centre de la Terre zunächst den Wissenschaften im Allgemeinen, ent-
(1864/67) – schon bald auch eine ironische Ausein- wickelt dann insbesondere ein Interesse an der
andersetzung mit der ›Geologie-Manie‹ des 19. Jh.s Geologie und macht es sich schließlich zur Lebens-
auszumachen; sei es in Gustave Flauberts Bouvard aufgabe eine Erdgeschichte zu verfassen. Über sei-
et Pécuchet (1881) oder in Wilhelm Raabes Stopf- ner Arbeit an dieser Erdgeschichte wird er aber zu-
kuchen (1891). Auch in diesen Annäherungen an gleich zum Verfasser seiner eigenen Lebensge-
die Geologie sind die existentiellen Fragen, die schichte; der Text des Nachsommers ist also
durch die geologische Kränkung aufgeworfen wur- unmittelbar aus der Beschäftigung mit der Geolo-
den, allerdings keineswegs neutralisiert; im Gegen- gie hervorgegangen (Schnyder 2009).
teil. Und so bleibt die Auseinandersetzung mit die- Versucht man schließlich, die poetologische Be-
ser Kränkung auch für die Literatur im 20. Jh. – bis deutung der Geologie für die Literatur in einer
zu Peter Handkes Langsame Heimkehr (1979) oder möglichst allgemeinen Form zu fassen, könnte
Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän man sagen, über sie sei das anschaulichste Modell
(1979) und darüber hinaus – ein wichtiges Thema. für ein räumliches Denken der Zeit, für ein Den-
ken in Zeitschichten, entwickelt worden. Ab unge-
fähr 1800 konnten die Geologen die unterschiedli-
Literatur aus Geologie chen Gesteinsschichten immer differenzierter ver-
schiedenen Erdzeitaltern zuordnen. Die nun in
Das geologische Wissen wurde auf verschiedenen ihrer geologischen Schichtung ganz anders wahr-
Ebenen für die Literatur poetologisch bedeutsam. genommene Landschaft öffnete sich damit für den
Auf der Ebene der Sprache konnte der geologische informierten Betrachter auf die Zeitdimension ih-
Spezialwortschatz in literarischen Kontexten eine rer Vergangenheit hin; eine Vergangenheit, die in
reiche poetische Eigendynamik entwickeln; sei es der synchron wahrnehmbaren Schichtung als
nun, dass fachsprachliche Begriffe und exotische Gleichzeitig-Ungleichzeitiges präsent war. Dieser
Namen in die Dichtung integriert und damit inno- neue Blick auf die Landschaft fand seinen unmit-
vative Effekte erzielt wurden, oder dass die bereits telbaren darstellungstechnischen Niederschlag in
in der Wissenschaftssprache angelegte Metaphorik den neuen Medien der geologischen Karte und des
elaboriert und damit für das eigene Schreiben geologischen Profils, die es ermöglichten, die Di-
fruchtbar gemacht wurde. Beide Fälle lassen sich mension der Zeit im Raum wahrzunehmen (Rud-
von Eduard Mörike über Droste-Hülshoff und wick 1976). Und mehr noch: In der geologisch ge-
Arno Holz bis zu Paul Celan ausmachen, wobei der sehenen Landschaft wird anschaulich, wie sich ver-
zuletzt genannte diese geologische Sprachkunst in schiedene Zeitschichten ineinander falten und
besonderem Maße entwickelt und poetologisch übereinander schieben können, wodurch unter
fruchtbar gemacht hat (Werner 1998). Umständen Zeiträume miteinander in Berührung
Eine zusätzliche Ebene kommt ins Spiel im Blick geraten, die chronologisch nicht aufeinander ge-
auf Erzähltexte: Durch die geologische Kränkung folgt sind. Damit spitzt sich jene Erfahrung der
wurde der Mensch als Individuum und als Gat- Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen noch zu, die
2.4 Geologie 79

für die Moderne in ganz unterschiedlichen Berei- Gould, Stephen Jay: Die Entdeckung der Tiefenzeit. Zeit-
chen von zentraler Bedeutung geworden ist; sei es pfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde.
nun in der Literatur, der Sprachwissenschaft, der Übers. von Holger Fließbach. München 1990 (engl.
1987).
Psychologie, der Philosophie oder der Soziologie.
Haberkorn, Michaela: Naturhistoriker und Zeitenseher.
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Literatur Gottlob Werner (Goethe, A. v. Humboldt, Novalis, Stef-
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Gold, Helmut: Erkenntnisse unter Tage. Bergbaumotive in Peter Schnyder
der Literatur der Romantik. Opladen 1990.
80

2.5 Mathematik

Was ist Mathematik? Mathematik und Literatur

Von der Antike bis zum Mittelalter konstituierten Die Formen der literarischen Bezugnahme auf Ma-
die vier mathematischen Wissenschaften Arithme- thematisches lassen sich grob in formale und in-
tik, Geometrie, Musik(theorie) und Astronomie/ haltliche Bezüge unterteilen. Mathematische
Astrologie das Quadrivium der Sieben Freien Formprinzipien finden sich in Texten vom Früh-
Künste. Sie wurden nicht als eigenständige Wissen- Humanismus bis ins 21. Jh. in diversen Ausfor-
schaften angesehen, sondern bildeten das Propä- mungen. Beispiele liefern etwa die auf Raimundus
deutikum für das Studium der Theologie, Jurispru- Lullus ’ mittelalterliche Ars magna (um 1300) zu-
denz oder Medizin. In der Frühen Neuzeit verstand rückgehenden kombinatorischen Verfahren in der
man unter den Scientiae mathematicae diejenigen barocken Poesie von Athanasius Kircher und Qui-
»Wissensgebiete[], die von Maß, Zahl und Gewicht rinus Kuhlmann. Eine Gattung, deren Form be-
abhingen« (Remmert 2005, 9). Ihre Position in der sonders stark von Zahlenverhältnissen bestimmt
Wissensordnung veränderte sich im 17. Jh. ent- wird, ist das Sonett, was z. B. mit August Wilhelm
scheidend. »[D]ie mathematischen Wissenschaf- Schlegels »epochemachende[r] Sonett-Numerolo-
ten, das Aschenputtel am Fuße der Hierarchie der gie im Sonett-Teil seiner Petrarca-Vorlesung
Wissenschaften, entwickelten ein Selbstverständnis (1803/04)« (Greber 2011, 215) auch gattungstheo-
als deren Königin« (ebd.). Dieses Selbstverständnis retisch reflektiert wird. Ebenso sind numerologi-
verband sich mit dem erklärten Ziel, Naturphiloso- sche Ideen für die Zahlengedichte der Konkreten
phie und Theologie im Hinblick auf die Interpreta- Poesie formkonstituierend, z. B. in Eugen Gomrin-
tion der Natur zu ersetzen und ein Deutungsmo- gers Gedichtsammlung konstellationen (1953),
nopol für die mathematisierenden Beschreibungen Gerhard Rühms 101, eine Zahlendichtung (1963)
des Universums zu erringen. An der Spitze dieser oder Ernst Jandls Niederzählung (1957), die Zah-
Beschreibungen stand die Astronomie, der Geo- len, oft in Kombination mit Worten, nach be-
metrie und Rechenkunst untergeordnet waren. stimmten, etwa aus dem numerischen Wert resul-
»Im Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert tierenden Mustern oder Diagrammen anordnen.
bahnt[e] sich in der Mathematik eine Neuerung an, Für das 20. Jh. ist darüber hinaus vor allem die
[ …] die Einführung neuartiger mathematischer Gruppe Oulipo zu nennen, deren Mitglieder, u. a.
Problemlösungsverfahren, welche unter dem Stich- Raymond Queneau, Jacques Roubaud, George
wort ›Kalkülisierung‹ rubrizierbar sind« (S. Krä- Perec, Italo Calvino und Oskar Pastior, in ihren
mer 1991, 1). Im 17. und 18. Jh. erlangte die Mathe- Texten strenge selbstgewählte Formvorgaben (re-
matik dann, wie etwa auch die Physik, zunehmend straintes) befolgen, die etwa die Silbenlänge, die
wissenschaftliche Eigenständigkeit. Die fachin- Verteilung und Permutation bestimmter Buch-
terne Spezialisierung und Differenzierung ging mit staben oder die Anordnung des Textes nach geo-
einer zunehmenden Abspaltung mathematikphilo- metrischen Mustern festlegen (Schleypen 2004). So
sophischer Fragestellungen und der schrittweisen schließt z. B. jedes Kapitel von Jacques Roubauds
Etablierung der Mathematikgeschichte einher. So- Parc Sauvage (2008) mit einer den Inhalt verdich-
wohl Mathematikphilosophie als auch -geschichte tenden Reihe von sich wiederholenden Worten
zählen seither nicht mehr zum Kern mathemati- oder Buchstaben, die, nach einer in der Erzählung
scher Ausbildung. Vielmehr werden Grundlagen- verschlüsselt gegebenen Anleitung räumlich ange-
fragen und Aspekte der Fachgeschichte in den ent- ordnet, jeweils ein Pentagramm bilden.
sprechenden geisteswissenschaftlichen Disziplinen Inhaltlich kann sich ein literarischer Text erstens
oder in hybriden Subdisziplinen wie der Logik be- in verschiedenen Weisen auf konkrete mathemati-
handelt. Letztlich abgeschlossen wurde diese Auf- sche Theorien beziehen. Eine interpretatorische
spaltung zu Beginn des 20. Jh.s mit der sog. Grund- Relevanz dieser Bezugnahme für den jeweiligen li-
lagenkrise, welche die Entwicklung der Mathe- terarischen Text lässt sich dabei in der Regel weni-
matik zur Theorie formaler Systeme einleitete ger aus der Erläuterung des mathematischen Wis-
(Mehrtens 1990, Thiel 1995). sens, sondern vielmehr aus der Analyse seiner spe-
2.5 Mathematik 81

zifisch literarischen Transformation, z. B. der schen, wie z. B. ihre vermeintliche »Kontroversen-


metaphorischen oder analogischen Verwendung, resistenz« (Albrecht 2011a). Diese images der Ma-
ableiten. Mathematische Konzepte können explizit thematik können ihrerseits in ein bestimmtes
erwähnt werden oder im literarischen Text implizit Verhältnis zu den images von Literatur (oder auch
eine Rolle spielen. Der erste Fall liegt vor, wenn Literaturwissenschaft) gesetzt werden, das sich aus
sich etwa der Protagonist von Arno Schmidts konvergierenden oder konträren Zuschreibungen
Schwarze Spiegel (1951) in einer mock study an ei- rekonstruieren lässt. Beispielsweise treten immer
nem Beweis der Fermat ’ schen Vermutung versucht wieder Fragen nach der Vergleichbarkeit von ma-
(Goerlandt/Reineke 2011) oder Robert Musils thematischer und künstlerischer Kreativität, der
Mann ohne Eigenschaften (1930/1933/1943) in ei- Rolle von Einbildungskraft und ästhetischen Kon-
nem Gedankenexperiment den Geschichtsverlauf zepten in Mathematik, Kunst und Dichtung und
in Analogie zu wahrscheinlichkeitstheoretischem entsprechend nach der Verwandtschaft des Mathe-
Wissen modelliert und annimmt, dass sich dieser, matikers mit dem Künstler, Musiker oder Dichter
gemäß dem Gesetz der großen Zahlen, als eine Art sowie der Möglichkeit eines mathematischen Ge-
Durchschnitt aller individuellen Bestrebungen und nies (Fabian 1967) auf. So beginnt man im 19. Jh.,
Handlungen konstituiere. Ein impliziter Bezug auf die mathematische Tätigkeit verstärkt mit aus der
mathematisches Wissen findet sich z. B. im Kling- Ästhetik und Philologie entlehnten Ausdrücken zu
sohr-Märchen in Novalis ’ Romanfragment Hein- beschreiben, die auf einen mathematischen »Takt«
rich von Ofterdingen (1800), in dem Teile des verweisen, der als dem ästhetischen Geschmack
Handlungsablaufs durch Verfahren der Kombina- verwandt charakterisiert wird (Danneberg 2011).
torischen Analysis motiviert sind, ohne dass diese
selbst thematisiert wird.
Zweitens können in einem literarischen Text Mathematik in der Literaturtheorie
aber auch Mathematikerfiguren auftreten, wie
Emmy Noether in Michael Köhlmeiers Abendland In der kultur- und literaturwissenschaftlichen Be-
(2007) und Dietmar Daths Höhenrausch. Die Ma- zugnahme auf Mathematisches lassen sich syste-
thematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen matisch zwei Fälle unterscheiden. Erstens können
(2003). Dabei werden meist auch die Mathematik mathematische Theorien Eingang in literaturtheo-
oder die mathematische Denkweise allgemein dar- retische/methodische Konzepte finden, die sich
gestellt und charakterisiert, etwa wenn Hermann mit Literatur bzw. der Frage nach ihrer angemesse-
Broch in Die Unbekannte Größe (1933) die Vor- nen wissenschaftlichen Untersuchung in einem all-
gänge in Richard Hiecks Kopf bei seinen mathema- gemeinen Sinne beschäftigen. Zweitens kann, im
tischen Überlegungen beschreibt oder Daniel engeren literaturwissenschaftlichen Sinne, die
Kehlmann in der Vermessung der Welt (2005) aus Frage nach der Relationierung von konkreten lite-
der Perspektive von Carl Friedrich Gauß erzählt. rarischen Texten und mathematischem Wissen im
Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive handelt Zentrum stehen.
es sich hierbei um images des Mathematischen, die Im ersten Fall wird die Mathematik nicht in den
vom fachinternen mathematischen body of know- literarischen Texten selbst verortet. Vielmehr steht
ledge unterschieden werden (Elkana 1986, 16 u. ö., das Bestreben im Vordergrund, mathematische
Corry 1989, Carson 1995, 646, Anm. 11). Diese Verfahren für die literaturwissenschaftliche Be-
images finden sich auch außerhalb des literarischen schreibungssprache fruchtbar zu machen. So wird
Bereichs, z. B. in Selbstbeschreibungen von Mathe- in den 1960er Jahren verstärkt mit der literaturwis-
matikern oder populärwissenschaftlichen Texten senschaftlichen Anwendung quantifizierender Me-
über die Mathematik. Sie umfassen weltanschauli- thoden experimentiert, wie die von Helmut Kreu-
che Auslegungen einer mathematischen Theorie, zer und Rul Gunzenhäuser versammelten Studien
Verortungen der Mathematik in der jeweiligen zu Mathematik und Dichtung (1967) dokumentie-
Wissensordnung einer Epoche, wie etwa Hans ren. Die statistische Erfassung von Wortarten eines
Magnus Enzensbergers kritische Diagnose Zugbrü- Textes etwa dient zum einen als Hilfsmittel der
cke außer Betrieb oder die Mathematik im Jenseits Editionsphilologie (Praschek 1967). Zum anderen
der Kultur (1998), sowie kulturelle (stereotype) Zu- sollen im Anschluss an den russischen Formalis-
schreibungen und Wertungen des Mathemati- mus und den Strukturalismus möglichst objektive
82 2. Disziplinen

Merkmale für die Poetizität eines Textes erarbeitet lung ist die Kritik an einer sog. whig history of
werden, indem z. B. im Rückgriff auf Kybernetik science, die sich auszeichnet durch das »structuring
und Informationstheorie die Fortentwicklung ei- of historical narratives as fated convergences onto
nes ästhetischen Maßes (Bense 1967, Gunzenhäu- present beliefs and institutions, and the uncritical
ser 1967) oder eine formalistische Bestimmung des projection of present values onto the past« (Jardine
Stilbegriffs unternommen werden (Fucks/Lauter 2003, 134). Ein angemessener soziologischer Zu-
1967). Verpflichtet sind diese Ansätze dem Bestre- griff insbesondere auch auf die Geschichte der Ma-
ben, eine exakte Literaturwissenschaft zu begrün- thematik ist nach David Bloor stattdessen den Prin-
den, welche die nur »scheinbar antinomische zipien der Neutralität und Symmetrie verpflichtet
Scheidung von Natur- und Geisteswissenschaften« (Bloor 1991, 7). In diesem Sinne sollte etwa die
überwindet (Kreuzer 1967, 11). heute kaum noch betriebene Kombinatorische
Während sich statistisch-quantifizierende Me- Analysis nicht retrospektiv als eine Sackgasse der
thoden in der Literaturwissenschaft nicht dauer- mathematischen Forschung bewertet werden, son-
haft etablieren konnten, finden sich seit den 1990er dern muss ihrem historisch-soziologischen Kontext
Jahren andere Ansätze einer an mathematisch- entsprechend als eine im 18. Jh. bedeutsame und
physikalischen Konzepten, etwa der sog. Chaos- hochaktuelle mathematische Schule angesehen
theorie, orientierten Literaturtheorie. Diese An- werden. Diese Forderungen gelten ebenso für den
sätze gehen entweder von einer tatsächlichen Kor- kultur- resp. literaturwissenschaftlichen Umgang
respondenz zwischen Literatur und Mathematik/ mit der Mathematikgeschichte.
Physik aus, z. B. davon, »that a metafiction text is a Die Frage, ob die Ergebnisse und Methoden der
complex system« (Stoicheff 1991, 85), oder aber sie Literaturwissenschaft umgekehrt etwa auch für die
bedienen sich mathematischer Konzepte in einem wissensgeschichtliche Untersuchung des Mathe-
metaphorischen Sinne. Neben dem Bestreben, »to matischen von Nutzen sein können, wird gegen-
draw on the authority of the hard sciences« (Polvi- wärtig im Wesentlichen auf zwei Weisen beantwor-
nen 2007, 274), sind in diesen jüngeren Ansätzen tet, die an unterschiedliche Konzepte einer Wis-
im Wesentlichen zwei unterschiedliche Motivatio- sensgeschichte und, eng damit verbunden, an
nen zu unterscheiden: zum einen der im Sinne Ju- unterschiedliche Erklärungen einer Relation zwi-
lie Thompson Kleins interdisziplinäre Zugriff auf schen Literatur und Mathematik gekoppelt sind
die Mathematik z. B. William Paulsons (1991), der (O. Krämer 2011).
mathematisch-naturwissenschaftliche Theorien als Der Ansatz einer Poetologie des Wissens geht da-
Anregung für einen methodisch innovativen Blick von aus, dass »Wissen diverse Fachgebiete durch-
auf literarische Texte nutzen will; zum anderen der queren und dort als Sockel dieselben Regelmäßig-
Zugriff z. B. David Porushs (1991), der seinen keiten prägen« kann (Vogl 1999, 11). Als »Organ
Ausgangspunkt bei mathematischen Konzepten [ …] in der Zirkulation des Wissens« (Vogl 1997,
nimmt, diese aber letztlich dem literarischen Dis- 110) lassen sich in dieser Perspektive somit aus der
kurs unterordnet und auf einen »overarching Literatur die allgemeinen Bedingungen bzw. die
transdisciplinary status for literary or cultural ana- Umbrüche einer bestimmten, für Literatur und Wis-
lysis« zielt (Polvinen 2007, 274). senschaft gleichermaßen konstitutiven Wissensord-
nung ablesen. Ähnlich zielt auch Friedrich Kittlers
medientheoretischer Ansatz darauf, »Schrift und
Mathematik in der Literatur Zahl und Bild und Ton in ihrer wesentlichen Einheit
zu entfalten« (Kittler 2003, 194). Im Hinblick auf die
Die Literaturwissenschaft greift, wo sie sich für die Relation von Mathematik/Physik und Literatur ist
Deutung literarischer Texte auf Mathematisches be- die Vorstellung einer kulturellen Matrix insbeson-
zieht, in der Regel auf seine nicht-mathematischen, dere von N. Katherine Hayles in die Literaturwissen-
z. B. historischen, philosophischen oder populär- schaft eingeführt worden. Hayles geht davon aus,
wissenschaftlichen Behandlungen und Darstellun- dass »different disciplines, sufficiently distant from
gen zurück. An den Stand dieser Disziplinen ist die one another so that direct influence seems unlikely,
Erforschung der Beziehungen von Literatur und [ …] nevertheless focus on similar kinds of prob-
Mathematik somit eng gebunden. Eine in dieser lems« (Hayles 1990, xi). Als gemeinsame Problem-
Hinsicht besonders wichtige methodische Entwick- felder von Mathematik/Physik und Literatur macht
2.5 Mathematik 83

Hayles in der ersten Hälfte des 20. Jh.s das field con- ist, dass die Kenntnis der jeweiligen mathemati-
cept aus (Hayles 1984), für die Postmoderne rückt schen Konzepte durch den Autor philologisch nach-
sie den »turn toward disorder« (Hayles 1990, xiii) in gewiesen oder plausibilisiert werden kann (O. Krä-
den Vordergrund, dessen mathematische Ausprä- mer 2011, 81). Im Unterschied zum zirkulationisti-
gung die sog. Chaostheorie darstellt. schen Ansatz spielen hier erstens einflusstheoretische
Studien dieser Art bringen literarische Texte vor Überlegungen eine zentrale Rolle, etwa wenn Linda
allem mit mathematischen Konzepten in Zusam- Henderson nachweist, dass zu Beginn des 20. Jh.s
menhang, die als Ausdruck eines universalen Para- »the fourth dimension attracted the notice of such li-
digmenwechsels gedeutet werden, neben der Chaos- terary figures as H.G. Wells, Oscar Wilde, Joseph
theorie etwa die Relativitätstheorie, die Quantenthe- Conrad, Fort Madox Ford, Marcel Proust, and Ger-
orie oder die Entwicklung nicht-euklidischer und trude Stein« (Henderson 1983, ix). Zweitens ist die
fraktaler Geometrien. Auf das Problempotenzial, These einer Verbindung zwischen Literatur und Ma-
das die Annahme solcher Paradigmenwechsel, etwa thematik hier nicht die begründende Annahme.
zu einer postmodernen Mathematik oder Physik Stattdessen, so Elisabeth Emter in ihren Untersu-
hin, birgt, hat u. a. Cathryn Carson (1995) hingewie- chungen zum Verhältnis von Literatur und
sen. Problematisch ist darüber hinaus die oftmals Quantentheorie, bildet umgekehrt der Nachweis ei-
anachronistische Argumentation der Studien, die ner »direkte[n] Einwirkung der modernen Physik
darauf zielen, dem literarischen Text eine Antizipa- [oder Mathematik] auf das Denken der Schriftstel-
tion später entstehender mathematischer Konzepte ler« erst die Voraussetzung dafür, »von einem expli-
und damit das Potenzial wissenschaftlicher Innova- ziten Zusammenhang zwischen modernem physi-
tion zuzuschreiben. Dabei besteht nicht nur die Ge- kalischem [oder mathematischem] Weltbild und Li-
fahr, etablierte wissenschafts- und ideengeschichtli- teratur zu sprechen« (Emter 1995, 19).
che Standards zu verletzen, sondern es stellt sich Einer kulturwissenschaftlich geöffneten Vari-
auch die Frage nach dem genuin literaturwissen- ante dieses Ansatzes sind die Studien verpflichtet,
schaftlichen Ertrag (Matheson/Kirchhoff 1997). die der 2011 erschienene Band Zahlen, Zeichen und
Demgegenüber lässt sich Wissensgeschichte als Figuren versammelt. »Ausgehend von der Überle-
historische Epistemologie (Rheinberger 2007) ver- gung, dass die Künste für die kulturwissenschaftli-
stehen, welche die intellectual history bestimmter che Reflexion einen privilegierten Schauplatz dar-
Ideen/Konzepte rekonstruiert, indem sie deren Vi- stellen, auf dem sich verschiedenen Stränge der
rulenz und Veränderungen in verschiedenen histo- Geschichte des Wissens miteinander kreuzen« (Al-
rischen Kontexten und Diskursen aufzeigt. Zur Wis- brecht/Von Essen/Frick 2011, 6), liegt der Fokus
sensgeschichte der Mathematik in diesem Sinne auf den »vielfältigen Repräsentationsformen« des
trägt die Literaturwissenschaft insofern bei, als sie Mathematischen in Kunst und Literatur, »aus de-
offenlegen kann, wie mathematische Konzepte bzw. nen sich der Mythos der ›Mathematizität‹ (Roland
Ideen, die sich in einen mathematischen Traditions- Barthes) [ …] speist« (ebd.).
strang einordnen lassen, auf spezifisch literarische
Weise adaptiert werden. So rekonstruiert etwa Rüdi- Literatur
ger Campe durch die Analyse entsprechender Texte
zum einen eine Verbindung zwischen der sich im Albrecht, Andrea/Von Essen, Gesa/Frick, Werner: »Ein-
17. Jh. entwickelnden »Wahrscheinlichkeit der ma- leitung«. In: Diess.: Zahlen, Zeichen und Figuren. Ma-
thematische Inspirationen in Kunst und Literatur. Ber-
thematischen Probabilität« und der »alten Wahr-
lin 2011, 1–17.
scheinlichkeit der Dichter, Redner und Logiker« Albrecht, Andrea: »›Allezeit unparteiliche Gemüther‹? –
(Campe 2002, 9) und fokussiert zum anderen auf Formen und Funktionen des Streitens über Mathema-
»das literarische Zitat und die literarische Aneig- tik im 17. und 18. Jahrhundert«. In: Kai Brenner/Car-
nung von Probabilität und Statistik im 18. Jahrhun- los Spoerhase (Hg.): Gelehrte Polemik. Intellektuelle
dert« (ebd. 16). Die Bezugnahme auf mathematisch- Konfliktverschärfung um 1700. Frankfurt a. M. 2011,
physikalische Konzepte zur Interpretation literari- 282–311.
Bense, Max: »Zusammenfassende Grundlegung moder-
scher Texte wird in Studien, die diesem Ansatz
ner Ästhetik«. In: Gunzenhäuser/Kreuzer 1967, 313–
verpflichtet sind, durch die Rekonstruktion einer 332.
(hypothetischen) Autorintention begründet. Vor- Bloor, David: Knowledge and Social Imagery. Chicago/
aussetzung für diesen intentionalistischen Ansatz London 21991.
84 2. Disziplinen

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85

2.6 Medizin

Vermutlich sind es drei Themenkreise, um die sich des Medizinbegriffs sind historisch variabel, so
das anthropologische Wissen der Literatur (oder: dass verallgemeinernde Aussagen  – »[Medizin]
in der Literatur) vor allem dreht: Sex, Recht und umfasst die Wissenschaft vom gesunden und kran-
Medizin – Sex, insofern damit gattungsgeschichtli- ken Menschen und umgreift Körperliches wie See-
che Reproduktion und individueller Lustgewinn lisches sowohl in individueller als auch sozialer
verbunden sind, Recht, weil es die menschlichen Perspektive« (Kindt/Köppe 2008, 267 f.)  – stets
Beziehungen regelt und institutionalisiert, Medi- voraussetzungsreich sind, und zwar gleichermaßen
zin, weil sie um Geburt, Leben und Sterben, d. h. in epistemologischer wie auch in medizingeschicht-
die Fragilität der conditio humana weiß. »I would licher Hinsicht. Fragen, ob Medizin Kunst oder
like to insist emphatically that suffering, grieving, Wissenschaft ist und zu den Human- oder Natur-
and dying are the primary substantive concerns of wissenschaften zählt, eröffnen voraussetzungsrei-
Literature and Medicine, though I recognize that che und strittige Diskussionen.
there are others who find gender and sexuality cen- Zentrales medizinisches Paradigma Alteuropas
tral subjects« (Rousseau 1986, 181). Eine stoffliche bis Ende des 18. Jh.s ist die auf Hippokrates bzw.
Abbreviatur einer Simultanperspektive auf die das Corpus Hippocraticum zurückgehende und von
»Medizingeschichte der Literatur« bzw. »Literatur- Galen eklektisch zu einer »rationalen Heilkunst«
geschichte der Medizin« (Pethes/Richter 2008, 4) (Schipperges 1990, 48) ausgebaute Humoralpatho-
kann hier angesichts der Materialfülle nicht gebo- logie (Säftelehre), die Krankheit als gestörte Mi-
ten werden. Eine ›Medizinliterargeschichte‹ ein- schung (Dyskrasie) der vier Kardinalsäfte Blut,
schlägiger Texte und Autoren böte selbst bei einer Schleim, gelbe und schwarze Galle auffasst. Für
Beschränkung auf neuere deutschsprachige Schrift- den Krankheitsverlauf bzw. dessen Erzählung ist
steller- bzw. Dichterärzte (u. a. Krüger, Haller, der Begriff der krisis von entscheidender Bedeu-
Schiller, Büchner, Schnitzler, Döblin, Benn, Tell- tung, insofern er die Peripetie der Krankheit be-
kamp) eine bloß zufällige Auswahl (vgl. Klimpel zeichnet, an der sie sich zum Guten, d. h. zur Ge-
1999). Daher wird statt auf eine Stoff- auf eine Me- sundung, oder zum Schlechten, d. h. zum Sterben,
thodengeschichte des schwerlich zu fixierenden hin wendet. Für die Therapie sind ableitende Maß-
Verhältnisses zwischen literarischen und medizini- nahmen typisch, mittelst derer die materia peccans
schen Texten gezielt. ausgeschieden (Aderlass, Schröpfung u. a.) bzw. ab-
geführt (Klistier) wird. Als Arzneien stehen daher
Abführ-, Brech- und schweißtreibende Mittel im
Was ist Medizin? Vordergrund. Im Rahmen einer Wissensordnung
der Ähnlichkeit sind die vier Säfte in endlose Ana-
Medizin (lat. medicina, Heilkunde) beinhaltet logieketten, die Elemente (Erde, Luft, Wasser,
Theorie und Praxis der Vorsorge (Prophylaxe), Er- Feuer), Qualitäten (warm, kalt, trocken, feucht),
kennung (Diagnose) und Behandlung (Therapie) Charaktertypen bzw. Temperamentenlehre (San-
von ›Krankheiten‹ sowie damit verbundene Perso- guiniker, Choleriker, Phlegmatiker, Melancholi-
nen, Institutionen und Diskurse. Als Humanmedi- ker), Jahreszeiten etc. umfassen, eingesponnen.
zin zielt sie darauf, die Gesundheit des Menschen Durch die Fortschritte der Anatomie (Andreas
zu erhalten, das Leben zu verlängern, die Krank- Vesalius), die Entdeckung des Blutkreislaufs (Wil-
heit zu heilen, den Schmerz zu lindern und beim liam Harvey) und eine neue Krankheitslokalisie-
Sterben beizustehen. Dazu ist Wissen erforderlich, rungslehre, die die Krankheitsursache in den Orga-
sei es als Verständigkeit, die sich im Handeln selbst nen (Giovanni Morgani), dem Gewebe (Marie
vollzieht (gr. phronesis, lat. prudentia, Klugheit), sei François Xavier) oder den Zellen (Rudolf Virchow)
es als Technik, die festgehalten, gelehrt und gelernt sucht, wird seit der ›Scientific Revolution‹ bis zum
werden kann (gr. techne, lat. ars, Kunst), sei es auch Ende des 19. Jh.s die Humoral- allmählich durch
als Wissenschaft (gr. episteme, lat. scientia), deren die Solidarpathologie, d. h. eine auf die festen kör-
Forschung sich im Rahmen des je gültigen Para- perlichen Bestandteile bezogene Krankheitslehre,
digmas bewegt. Extension, Intension und Status ersetzt. Diese wird »zum Leitbild der heutigen
86 2. Disziplinen

Schulmedizin« (Schipperges 1990, 71), ohne dass Gegenüber dem mittelalterlichen Hospital führt
jedoch der humoralpathologische Denkstil gänz- der Wissensraum des neuzeitlichen Krankenhau-
lich verschwunden wäre, und zwar weder in der ses v. a. seit dem 18. Jh. zur räumlichen Zentralisie-
europäischen Alternativ- bzw. Komplementär- rung von Geburt, Krankheit und Tod, zur Medika-
medizin (z. B. Naturheilkunde), medizinischen All- lisierung der Krankheit, die aus ihrem lebenswelt-
tagspraxis (Schwitz-, Fasten- bzw. Entschlackungs- lichen Kontext gelöst zu einem Gegenstand
kur u. ä.), kulturellen Mythologie (Triebstau, solidarpathologischer Behandlung wird, und zur
Heulkrise u. ä.) noch in außereuropäischen Medi- Objektivierung des Kranken zum Patienten, dessen
kalkulturen (z. B. tibb-i yunani-Medizin auf dem von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern um-
indischen Subkontinent). hegte Person hinter der Krankheit, die Feld tech-
Moderne Hygiene, öffentliche Gesundheits- nisch geprägter Untersuchungen und ggf. wissen-
pflege und Vorsorgemedizin stehen unmittelbar in schaftlicher Forschung ist, zurücktritt und dem
der Tradition einer umfassenden Lebensordnung zeitlich streng gegliederten Kliniktag unterworfen
(vgl. Sarasin 2001). Diese Diätetik, die mit ihrem wird. Signifikant ist, dass gegenwärtig dort, wo von
Wissen um die sechs nicht natürlichen Dinge (sex medizinischer Seite über das interdiskursive Ver-
res non naturales) die Kenntnisse der Physiologie hältnis von Medizin und Literatur nachgedacht
(res naturales), Pathologie (res contra naturam), wird, die anthropologische Korrektivfunktion ia-
Pharmazie (materia medica) und Chirurgie (Ana- troästhetischer, d. h. auf Krankheit und Heilung
tomie) ergänzt, umfasst folgende Bereiche des bezogene literarische bzw. künstlerische Darstel-
Menschen und seiner Umwelt: 1. Licht und Luft lungen in Hinsicht auf eine ›ganzheitliche Auffas-
(aër), 2. Essen und Trinken (cibus et potus), 3. Be- sung‹ von Krankheit bzw. einen ›ganzheitlichen
wegung und Ruhe (motus et quies), 4. Schlafen und Umgang‹ mit dem Kranken in den Vordergrund
Wachen (somnus et vigilia), 5. Stoffwechsel (excreta gerückt und Krankheit im Sinn der ›Medical Hu-
et secreta) sowie 6. Gemütsbewegungen (affectus manities‹ als somatische, psychische, soziale und
animi) (vgl. Schipperges 1990, 87). geistige Erscheinung begriffen wird (von Engel-
Forschungen zu Keimen im 19. Jh., die zu For- hardt 2005a, 934; Steger 2005, 114).
men der Immunisierung und Schutzimpfung
(Louis Pasteur), zur Entdeckung u. a. des Tuberku-
lose- und Cholera- (Robert Koch) bzw. Maul-und- Literatur und Medizin?
Klauenseuche-Erregers führen, verändern das
Konzept, das die Medizin in der Metapher der ›An- Das Verhältnis von ›Medizin und Literatur‹ zu be-
steckung‹ fasst: Bazillen bzw. Bakterien und Viren schreiben fällt schwer, weil die Formulierung sug-
treten an die Stelle krankmachender Miasmen. Die geriert, man hätte es mit zwei getrennten und für
Diagnosemethoden verschieben sich von der sich präzise umschreibbaren Entitäten bzw. »zwei
Oberfläche und den Ausscheidungen des lebendi- unterschiedliche[n] Denksystemen« (von Jagow/
gen Körpers (medizinische Semiotik, Harnschau Steger 2005, 9) – Medizin hier/Literatur dort – zu
u. ä.) in dessen Tiefe: In sein Inneres dringen Aus- tun. Das ist aber nicht der Fall. Von einer »wechsel-
kultation mittelst Ohr bzw. Stethoskop (Réne seitigen Beobachtung von Medizin und Literatur«
Théophile Laënnec, Joseph Škoda), das bis heute (Hillen 2003) kann erst seit ›um 1800‹ und nur un-
die Ikonographie des Schulmediziners prägt, En- ter Zugrundelegung bestimmter Prämissen (sys-
doskope unterschiedlicher Art, Röntgengerät, So- temtheoretischer, literaturbegrifflicher und er-
nograph und Kernspinresonanzspektroskop. Zu- kenntnisinteressierter Art) geredet werden. Der
sammen mit Statistik (›Fieberkurve‹ u. ä.) und La- Diskursbegriff führt hier nicht weiter  – er verun-
bor (›marker‹ u. ä.) prägen die verschiedenen klart nur: Denn was heißt es, dass sich Medizin und
Darstellungstechniken diagnostischen Wissens die Literatur »in einem gemeinsamen Diskursbereich«
gegenwärtige Rhetorik medizinischer Objektivität bewegen, wenn zugleich von einer »Zirkulation der
und Wissenschaftlichkeit, in der das Ethos des Me- Diskurse [ …] zwischen Medizin und Literatur« die
diziners davon abhängt, inwieweit medizinische Rede ist (Erhart 1997, 236 und 264)? Der Diskurs-
Evidenz Konfidenz beim Patienten erzeugt (vgl. begriff, der schon bei Foucault denkbar wolkig ist
Daston/Galison 2002, Müller/Fangerau 2012, Porz- (vgl. Foucault 1971b), führt im Kontext von Litera-
solt/Fangerau 2010). tur und Medizin nur zur Verwirrung: Ist mit Lite-
2.6 Medizin 87

ratur und Medizin ein gemeinsamer Diskurs, ein rischen Reformzeitschrift publiziert wurden. So
›Interdiskurs‹, der beide Bereiche integriert, ge- schwierig sich das Verhältnis von Literatur und
meint – obwohl die Bezeichnung ›Inter‹- bzw. ›Hy- Medizin auf der Gegenstandsebene historisch fas-
brid-Diskurs‹ gemeinhin für die genuine Leistung sen lässt, so verwirrend sind die Fragestellungen,
der Literatur selbst, verschiedene Diskurse zusam- mit denen sich der Wissenschaftler auf der Ebene
menführen zu können, reserviert ist (vgl. Link- der Forschung konfrontiert sieht: Geht es beim
Heer 1999 bzw. Küpper 2001) – oder sind zwei Dis- Forschungsfeld ›Medizin und Literatur‹ darum zu
kurse angesprochen, in denen Wissen auf je spezifi- fragen, wie Medizin, Ärzte, Patientenerfahrungen
sche Weise institutionell kanalisiert wird? mit Krankheit, Gesundung und Schmerz u. a. in
So diachron-verschieden und synchron-kom- der Literatur repräsentiert werden oder sollen me-
plex das Feld der Medizin ist, so schwer ist greifbar, dizinische Werke als bzw. wie literarische Werke
was ›Literatur‹ ist. »Jeder Glaube, daß das Studium behandelt werden oder geht es vielmehr darum, Li-
der Literatur das Studium einer stabilen, wohldefi- teratur, z. B. das Drama, als Medizin zu erforschen
nierten Entität sei, so wie die Entomologie das Stu- (vgl. Neve 1993, 1520 f.), d. h. sich Formen der Poe-
dium der Insekten ist, kann als Schimäre abgetan sie- bzw. Biblio- und Graphotherapie (vgl. von Ja-
werden« (Eagleton 1992, 12). Einerseits gilt, dass gow/Steger 2005, 125–130; Stulz/Nager/Schulz
die antike Tragödie zur antiken Medizin nicht in 2005, 129–168) sowie des Psychodramas (z. B.
einem irgendwie gearteten Verhältnis steht, ihre Goethe 1790; Moreno 1959) zuzuwenden? Je nach
gattungsbestimmende Wirkung der homöopathi- fachlichem Herkommen werden Medizinhistori-
schen Katharsis ist vielmehr ein kultgebundener, ker womöglich Literatur als Medizin betrachten,
seelenheilender medizinischer Vorgang. Anderer- Kulturhistoriker den historischen Quellenwert der
seits gilt, dass auch vor der vielberufenen Ausdiffe- Literatur für die Medizingeschichte hervorheben
renzierung in Systeme, Disziplinen oder Wertsphä- und Literaturhistoriker, die sich als Kunst- und
ren dichterische und medizinische Schriften klar nicht als Sozial- oder Geschichtswissenschaftler
unterschieden worden sind. Aristoteles diskutiert verstehen, den Mehr- oder Eigenwert literarischer
ausdrücklich die Differenz zwischen dem »Dich- Formen für die Produktion, Darstellung und Ver-
ter« Homer und dem »Naturforscher« Empedokles mittlung medizinischen Wissens in Literatur und
(Aristot. poet. 1447b f.) – mag dieser auch in Ver- Medizin betonen.
sen schreiben und jener Wissen über Wundversor- Der traditionelle literaturwissenschaftliche Ort,
gung darstellen. Schillers »Verbrecher aus Infamie« über Literatur und Medizin zu forschen, ist die
(1786) ist als »Sektionsbericht[ ]« eines Lasters ge- Komparatistik, und zwar teils im Rahmen der älte-
wiss neben seiner Zusammenhang-Dissertation ren Thematologie (vgl. Daemmrich/Daemmrich
(1780) ein inspirierter Beitrag zur empirischen 1995, s.v. »Krankheit«), in der das Aufgreifen ver-
Psychologie der Spätaufklärung. Anders als Moritz schiedener Krankheiten bzw. Seuchen (Pest, Po-
mit seinen Vor- bzw. Separatdrucken aus dem ›psy- cken, Lepra, Schwindsucht, Magersucht, Krebs,
chologischen Roman‹ Anton Reiser (1785–1790), AIDS, Alzheimer-Krankheit etc.) funktional (als
die z. T. in einer Fachzeitschrift, dem Magazin zur Heimsuchung, Bewährungsprobe, Quelle künstle-
Erfahrungsseelenkunde, und zwar in der Rubrik zur rischer Einbildungskraft, soziales Symbol u. ä.) in-
»Seelennaturkunde«, erschienen, rückt Schiller sei- terpretiert wird, teils im Zusammenhang einer
nen Text in ein durch den Titel Thalia deutlich als Mitte des 20. Jh.s vorgenommenen Erweiterung
Literatur- bzw. Kulturzeitschrift markiertes Me- des Literaturvergleichs u. a. um Vergleiche zwi-
dium ein. Das Beispiel zeigt, dass heute gültige dis- schen Literatur und Wissenschaften, z. B. »psycho-
ziplinäre (Psychologie), gattungsbezogene (Ro- logischen Theorien von Freud (oder Adler, Jung
man), begriffliche (Literatur) oder kategoriale usw.)« (Remak 1973, 16). Die Abwendung von
(Wissenschaft) Zuordnungen bzw. Grenzziehun- New Criticism und immanenter Interpretation
gen das diskursive Feld eines Beobachtungszeit- führte insgesamt zu unterschiedlichen Ansätzen,
raums nicht zu gliedern vermögen und Verallge- literarische Werke in unterschiedliche Kontexte zu
meinerungen schwer zu treffen sind, insofern Mo- stellen, seien sie sozial- oder diskursgeschichtlicher
ritz ’ Separata auch in Wielands Neuem Teutschen oder anderer Art.
Merkur und der Berlinischen Monatsschrift, d. h. ei- In der Neugermanistik gab Walter Müller-Seidel
ner einschlägigen literarischen und einer aufkläre- 1982 den Anstoß, Krankheitsbilder in Fontanes
88 2. Disziplinen

Romanen oder moderne Literatur und Medizin bei gewertet werden, einem gebildeten, aber nicht
Arthur Schnitzler zu untersuchen. Schon 1978 fachgelehrten Publikum, insbesondere lesenden
hatte der Medizinhistoriker Dietrich von Engel- ›Frauenzimmern‹, medizinisches Wissen auf po-
hardt angeregt, den Wechselbeziehungen zwischen puläre, bildhafte Art zu vermitteln. Man könnte
Medizin und Literatur nachzugehen (vgl. Erhart Krügers Text aber auch als Sprachhandeln inner-
1997, 225–227). Von seinem angekündigten, fünf- halb der gelehrten Auseinandersetzung selbst posi-
bändigen, thematologisch angelegten Werk zur tionieren und Krügers Frage »Ey was hat der Arzt
Medizin in der Literatur der Neuzeit ist der beein- mit der Seele zu thun, er muß sich um den Körper
druckend materialreiche Darstellungsband, der auf bekümmern« als Kritik an einem ausschließlich so-
Erzählungen und Romane beschränkt ist und Ge- matisch orientierten Medizinverständnis auffas-
dicht und Drama eingestandenermaßen »nur gele- sen, die sich des ›Schutzraumes‹ schöner Literatur
gentlich« (von Engelhardt 1991, 1) berücksichtigt, bedient und dadurch schwer angreifbar macht. Die
und eine den Berichtszeitraum von 1800 bis 1995 Frage, warum der Mediziner Krüger überhaupt die
umfassende Forschungsbibliographie (von Engel- gelehrte Gattung der Traumsatire zur Thematisie-
hardt 2000) erschienen. Der aus der Anglistik kom- rung wissenschaftlicher Sachverhalte auswählt,
mende Kulturhistoriker George Rousseau beklagte führt zur Erkenntnis, dass sich literarisches Schrei-
noch 1981 in einem frühen Forschungsbericht zur ben weder in Hochschuldidaktik, die komplizierte
»interaction« bzw. »interrelation of literature and Theoriezusammenhänge einem akademischen Pu-
medicine« »a lack of interest« an diesem For- blikum lebendig vor Augen führt, noch in Wissen-
schungsfeld (Rousseau 1981, 407) im Vergleich zu schaftspopularisierung, die dem Dummen im Bild
dem bereits seit den 50er Jahren vor allem in den sagt, was man dem Klugen im Begriff mitteilt, er-
USA institutionalisierten ›Literature and Science- schöpft. Der literarischen Verfahrensweise kommt
Studies‹ (vgl. Rousseau 1978 für den anglophonen, vielmehr eine genuin epistemische Eigenleistung
Richter 1972 für den deutschsprachigen Raum). zu, insofern das wissenschaftliche Sprechen über
Im Rahmen des Paradigmas literarischer Anth- den Menschen satirisch aufgebrochen und in eine
ropologie haben die Wechselbeziehungen zwi- ironisch-skeptische Perspektive gerückt, d. h. re-
schen Literatur und Medizin, insbes. empirischer flektiert wird. Das Literarische des wissenschaftli-
Psychologie bzw. Psychiatrie z. B. bei ›vernünfti- chen Diskurses fungiert bei Krüger als Reflexions-
gen‹ bzw. ›philosophischen Ärzten‹ so starke Be- medium der Einsicht, dass anthropologisches Wis-
achtung gefunden (u. a. Schings 1994, Riedel 1995, sen historisch relativ, kulturell vielfältig und je
Zelle 2001, Košenina 2008, Eisenhut/Lütteken/ diskursiv modelliert ist.
Zelle 2012), dass trotz der Erweiterung des Litera- Für die Sichtung des durch die Begriffe ›Litera-
turbegriffs beklagt wurde, dass in literaturanthro- tur‹ und ›Medizin‹ eröffneten Untersuchungs-
pologischen Studien »literarische, ›schöngeistige‹ raums möchte ich daher grob drei Herangehens-
Texte gar nicht mehr vorkommen« (Heinz 2004, weisen unterscheiden und sie metonymisch mit
201). der Nennung ihrer Leitautoren verbinden: (a) die
funktionalistische des Medizinhistorikers Dietrich
von Engelhardt und seiner Schüler, der nach der
Sichtung des Felds Rolle der Literatur für eine zeitgenössische anthro-
pologische Medizin bzw. Medizinerausbildung und
In den literarischen Träumen des ›vernünftigen der Rolle der Medizin in der Literatur fragt, (b) die
Arztes‹ Johann Gottlob Krüger findet sich eine kulturwissenschaftliche George Rousseaus, der
kurze Parabel, die den »großen Streit« zwischen letztgenannte Blickrichtung umkehrt und nach der
den Medizinschulen des frühen 18. Jh.s satirisch Rolle der Literatur in der Medizin fragt, und (c) die
auf die Schippe nimmt. Die in diesem »Fricassee« wissenspoetologische bzw. wissensrhetorische Ni-
zusammengerührten Ansichten könnten von ei- colas Pethes ’ und Sandra Richters, die – inspiriert
nem medizinhistorisch gut instruierten Literatur- von Walter Erhart (1997, 2003, 2004) – die Schnitt-
historiker auf die Kontroversen zwischen animis- menge von Literatur und Medizin in ihrer gemein-
tischen, mechanistischen oder materialistischen samen materiellen Praxis schriftlicher Artikulation
Positionen um 1750 und deren Vertreter zurückge- sehen und sich auf die Beschreibung medizinischer
rechnet und der literarische Traum als der Versuch Schreibweisen konzentrieren.
2.6 Medizin 89

Insgesamt hat sich die Herangehensweise von Arzt, Therapie, Krankenhaus, Krankheit und Pati-
stärker inhaltsbezogenen auf eher ausdrucksbezo- ent in ihrer je konkreten Ausgestaltung der speziali-
gene Untersuchungen, d. h. vom was auf das wie sierten Medizin die »ganzheitliche Wirklichkeit des
der Darstellung bzw. von den Signifikaten zu den Menschen« (von Engelhardt 1991, 14) entgegenhal-
Signifikanten verschoben. ten. Dadurch kommt der Literatur eine wichtige an-
thropologische Korrektivfunktion im Rahmen der
medizinischen Ausbildung im Zuge der ›Medical
(a) Funktionalistischer Ansatz
Humanities‹ zu, weil sie zur »Überprüfung« thera-
In steter Fortschreibung hat Dietrich von Engel- peutischer Methoden und Ziele sowie zum Nach-
hardt auf der Grundlage umfassender Sichtung der denken über die Logik des Arzt-Patient-Verhältnis-
Beziehungen zwischen Medizin und Literatur die ses einlädt (vgl. von Engelhardt 2005b, 2). Die Lite-
Beziehungen zwischen beiden Bereichen zu glie- ratur bietet der Medizin Werte an, an denen sie sich
dern versucht und drei Funktionen unterschieden bzw. ärztliches Handeln messen kann. Der Literatur
(vgl. von Engelhardt 1991, 12 ff.; 2004, 39; 2005a, kommt dadurch eine didaktische Bedeutung in der
934; 2005b, 1 f.). Dieser Funktionstripel ist in ein- Ausbildung des medizinischen Personals (Medizin-
schlägigen Publikationen von Steger (2005, 111) student, Arzt, Pflegekraft u. a.) zu, insofern ein
und von Jagow/Steger (2009, 13) zustimmend auf- ganzheitlicher Umgang mit dem Patienten angeregt
gegriffen worden. wird. Wer z. B. Schnitzlers frühe Novelle Sterben
1.) Die Funktion der Medizin bzw. Medizinge- (1894) liest, in der vor Augen geführt wird, wie die
schichte für die Literatur, d. h. die fiktionale bzw. li- Mitteilung der ärztlichen Diagnose »›Ein Jahr noch,
terarische Funktion der Medizin zielt auf die Bedeu- und dann ist es aus.‹« die Liebe von Felix und Marie
tung, die ›Medizinischem‹ für Inhalt und Form des in der Zeit der prognostizierten Frist in ihr Gegen-
literarischen Werks zukommt und dem Interpreten teil verkehrt, wird sich prüfen, wie er sich in einer
oft nur aufgrund solider Kenntnis medizinischer vergleichbaren Situation mit dem vorhergesagten
Kontexte sichtbar wird. Zwar war z. B. die Tatsache, Tod konfrontiert oder, wenn er (angehender) Arzt
dass Schiller von der Ausbildung her Arzt war, stets ist, überlegen, ob und wie er Patienten zukünftig
bekannt, doch hat es erst einschlägiger medizini- ›die Wahrheit‹ sagt oder ob er es nicht wie der ärzt-
scher und literaturanthropologischer Studien be- liche Freund Alfred halten soll, der stets abwiegelt
durft, das ganze Ausmaß der Imprägnierung des und betont, dass in Wien viele Leute herumliefen,
Werks durch die Medizin der ›philosophischen »›denen man schon vor zwanzig Jahren das Leben
Ärzte‹ der Spätaufklärung, und zwar sowohl seiner abgesprochen hat.‹« (Schnitzler 1894, 9 und 17)
Inhalte (vgl. Dewhurst/Reeves 1979; Riedel 1985, Schnitzlers lebensphilosophisch imprägnierte »Fall-
Darras 2005) als auch insbes. seiner poetologi- studie« mit ihrer nüchternen, distanzierten Erzähl-
schen Formen, Gattungen und Schreibweisen weise, in der man den »kühlen Blick des Mediziners
(Mertens 2013), zu durchschauen. Das literatur- und Psychologen« wiederzuerkennen glaubt (Hee-
wissenschaftliche Studium der medizinischen Dis- Ju Kim 2006), geht über den Status eines Fallbei-
sertation des ›philosophischen Arztes‹ Friedrich spiels für das interdiskursive Verhältnis von Medi-
Schiller über den Zusammenhang der tierischen zin und Literatur hinaus. Die Novelle hat vielmehr
Natur des Menschen mit seiner geistigen, in der der auch praktischen, z. B. lesetherapeutischen Wert
Mensch als »innige Korrespondenz« bzw. »innigste und ihr ›Einsatz‹ im Curriculum eines Medical-Hu-
Vermischung« aufgefasst wird, durch »die die hete- manity-Kurses wäre gut denkbar.
rogenen Principien des Menschen gleichsam zu Ei- 3.) Die »Funktion der Literatur für ein allgemei-
nem Wesen« gemacht würden (Schiller 1780), kann nes Verständnis der Medizin« (von Engelhardt
ausweisen, wie die spätaufklärerische Anthropolo- 1991, 12), d. h. die genuine Funktion der literarisier-
gie des ›ganzen Menschen‹ die klassische Architek- ten Medizin knüpft an den letztgenannten Punkt an
tonik der Ästhetischen Briefe (1795) spurt. und verallgemeinert ihn, insofern nicht nur Litera-
2.) Die Funktion der Literatur für die Medizin, turwissenschaftler und Mediziner von Literatur
d. h. die szientifische bzw. medizinische Funktion angesprochen werden, sondern Literatur »alle
der Literatur richtet sich auf den Quellenwert der Menschen« (von Jagow/Steger 2008, 13) dazu an-
Literatur für die Medizingeschichte und zielt insbes. regt, das factum brutum des je gegebenen medizi-
auch darauf, dass literarische Repräsentationen von nischen Denksystems und seiner Praktiken und
90 2. Disziplinen

Werte zu hinterfragen. Die genuine literaturmedi- und Institutionen (z. B. Klinik, Psychiatrie, Sanato-
zinische Funktion transzendiert den gegebenen rium, Arztpraxis) thematisieren oder die literari-
medizinischen Horizont, »bildet ein Gegengewicht sche Gestaltung sozialer Reaktionen auf Krankheit
zur Spezialisierung, Technisierung und Anonymi- und Sterben sowie die medizinische Symbolik be-
sierung der modernen Medizin und ihrer Instituti- handeln (vgl. von Engelhardt 2004). Dieser kaum
onen« (von Engelhardt 1991, 19) und stellt nicht überschaubare Perspektivenreichtum kann in die
zuletzt »die übliche Trennung von ›gesund‹ und drei zentralen Funktionen »teils eingefügt werden,
›krank‹, von Norm und Abnormität infrage« (von teils«, was die Systematik freilich zu entwerten
Engelhardt 2005b, 2). Zugleich zielt diese Funktion droht, »verlangen sie nach einer gesonderten Be-
aber auch auf die Sinngebung von Krankheit, trachtung« (von Engelhardt 1991, 20).
Schmerz und Tod, sei es in Hinsicht auf individuel-
len Trost, persönliche Linderung und eigenes Heil,
(b) Kulturwissenschaftlicher Ansatz
sei es im Blick auf die Deutung von Krankheiten als
soziale bzw. kulturelle Symbole. Neben dem humanistisch gebundenen, funktiona-
Solche Funktionsbestimmungen von Seiten der listischen Ansatz, der immer wieder die Korrektiv-
Medizingeschichte, die deutlich in der Tradition ei- funktion Medizinisches thematisierender Literatur
ner anthropologischen Medizin – von Gebsattel, gerade auch für die zeitgenössische Medizineraus-
von Weizsäcker, Buytendijk – stehen (vgl. von En- bildung herausstellt, hat sich im anglophonen
gelhardt 1991, 14, 18 und pass.), korrelieren mit Raum ein kulturwissenschaftlicher Ansatz durch-
Funktionszuweisungen von Seiten der Literatur- gesetzt, der gegenüber der älteren literaturhistori-
wissenschaft, die das »Oppositionsverhältnis« schen Praxis, der Einflussrichtung »from medicine
(Riedel 1996, XI) moderner Wissenschaft und mo- to literature« nachzuforschen, für die Umkehrung
derner Dichtung im Zuge einer kompensatorisch der Blickrichtung »from literature to medicine«
gewendeten Zwei-Kulturen-Theorie akzentuieren. plädiert: »This progression has not been studied«
Dass Literatur jedoch nicht nur in gegendiskursiver (Rousseau 1981, 409 und 411). Neben dem Lü-
Frontstellung zur Naturwissenschaft im Allgemei- ckenargument (»lack of interest«, ebd., 407) spielt
nen und Medizin im Besonderen steht und ihre bei Rousseau jedoch vor allem eine methodisch
Grenzen aufzeigt (vgl. Käser 1998), sondern in in- wegweisende Einsicht, die der Karriere des linguis-
terdiskursiver Teilhabe, belegt der Blick in das tic turn in den 1970er Jahren entsprach, eine Rolle:
noch so gut wie ungehobene ›protoliterarische‹ »Language is a common ground in literature and
Textkorpus des populären bzw. pseudowissen- medicine«, insofern z. B. bestimmte Metaphern
schaftlichen Schrifttums der Unterhaltungs- und oder Erzählmuster »in both sets of representation«
Familienzeitschriften insbes. des 19. Jh.s sowie die Verwendung finden (ebd., 412 f.). Das führt zur
ästhetischen Repräsentationsformen z. B. darwi- »Parallellektüre medizinischer und literarischer
nistischer Texte (vgl. Erhart 1997, 232). Texte« (Welsh 2011, 279), bei der vor allem »medi-
Bei von Engelhardt stehen jedoch in einem unge- cal texts [ …] as ›literary‹ artifacts« behandelt und
klärten Verhältnis eine Vielfalt von Perspektiven interpretiert werden (Rousseau 1986, 158), wobei
neben der funktionalen Strukturierung des litera- der verwendete Textbegriff denkbar weit, geradezu
turmedizinischen Feldes. Diese Hinsichten sind uferlos gefasst ist (»in short ›the patient as text‹«,
teils biographischer Natur und beziehen sich auf die ebd., 176). Curricular verbindet sich mit diesem
Doppelbegabung der Schriftstellerärzte bzw. Arzt- kulturalistischen Ansatz (»imaginative primary li-
schriftsteller oder die Krankheiten von Schriftstel- terature, like medical writing, is culture-bound«,
lern und damit verbundene Vorstellungen über den ebd., 155) ein doppeltes Anliegen, nämlich zum ei-
Zusammenhang von Dichtung und Wahn bzw. nen eine medizinhistorische Ausbildung derjeni-
Sucht (von Engelhardt 1991, 20 ff. und 22 ff.). Teils gen Literatur- bzw. Kulturwissenschaftler, die den
werden thematologische Aspekte behandelt, die der ›Diskurs von Literatur und Medizin‹ erforschen
literarischen Pathophänomenologie und Ätiologie wollen (»some critics will have to learn something
oder dem Kranken- bzw. Patienten- und Arztbild in about medicine«, ebd., 158), zum anderen eine
der Literatur gelten, nach der literarischen Darstel- stärkere geisteswissenschaftliche Ausbildung (»hu-
lung von Diagnostik und Therapie fragen, die er- manistic training«) angehender Ärzte im Sinn von
zählten bzw. dargestellten medizinischen Räume »medical humanities«, d. h. »in educating the doc-
2.6 Medizin 91

tor to ›read his or her text‹ (patient) more subtly« die Rhetoric of Science-Studies hielt der amerikani-
(ebd., 176 f.). sche Anglist George Levine fest, dass Literatur und
Faktisch führt dieser Ansatz dazu, dass die ver- Medizin zwei »modes of discourse« bzw. »parts of
schiedensten Formen der Literatur als Quelle me- the same cultural field« (Levine 1987, 3 f.) seien.
dizinhistorischer Forschung ernstgenommen und Medizin und Literatur produzieren auf je spezifi-
erschlossen werden, z. B. im Blick auf Patienten-, sche Weise »kulturelles Wissen« (Richter/Schönert/
Ärzte- und Krankheitsbilder sowie damit verbun- Titzmann 1997, 12), so dass in beiden Fällen die
dene Behandlungs- und Leidensformen. »The re- hermeneutische Frage gestellt werden kann, was
cord of suffering constitutes a gold mine waiting to das Problem war, worauf die medizinische Theo-
be quarried, if we will only learn to decode its signs riebildung bzw. die literarische Gestaltung antwor-
and languages« (ebd., 171). Dass eine solche Öff- tet. Solche Überlegungen sind in der Neugermanis-
nung ein langwieriger Prozess ist, belegt ein For- tik von Walter Erhart in Auseinandersetzung mit
schungsbericht von 2006, worin festgehalten wird, Studien über die Wechselwirkung zwischen Medi-
dass die Medizingeschichte »[ …] Literatur zuneh- zin und Literatur am Ende des 19. Jh.s konkretisiert
mend als Dokument medikaler Kulturen [ent- worden: »Wissenschaften und Literatur sind glei-
deckt]« (Pott 2006, 130). Damit verbunden ist bei chermaßen an entstehenden ›Erklärungsdefiziten‹
Rousseau die nominalistische Überzeugung von und ›Problemüberhängen‹ im kulturellen Wissen
der sozialen bzw. kulturellen Konstruktion medizi- orientiert« (Erhart 1997, 256). Als ein institutiona-
nischen Wissens (vgl. Jordanova 2004), d. h. »the lisierter Diskurs unter anderen, z. B. wissenschaftli-
manufacture« (Rousseau 1981, 420 und 424  – im chen Diskursen, greift die Literatur »wissenschafts-
Anschluss an Foucault) bzw. »the ›manufacture‹« geschichtlich relevante Fragen auf, führt deren
(Rousseau 1984, 177) derjenigen Objekte bzw. Aporien vor oder spitzt diese zu, sie bietet dafür er-
Kategorien, mit denen sich Literatur- und Medi- zählerische Lösungen an oder delegiert neu ent-
zinforscher beschäftigen, u. a. Ärzte, Patienten, standene Probleme wiederum an die sie bearbei-
Krankenschwestern und Heilern sowie die Texte, tende Wissenschaft« (ebd., 257). ›Entartung‹ bzw.
Gattungen und rhetorischen Figuren, insbes. Meta- ›Degeneration‹ z. B. sei in der zweiten Hälfte des
phern und Metonymien, die sie konstituieren. Dass 19. Jh.s nicht erst Gegenstand der Medizin, der
›manufacture‹ einmal ohne, einmal mit Gänsefüß- dann gewissermaßen als Rohstoff in der Literatur
chen steht, d. h. einmal sensus litteralis, einmal sen- aufgegriffen und gestaltet werde, sondern Medizin
sus figuratus gemeint ist, signalisiert den unsiche- und Literatur dieses Zeitraums schreiben gleicher-
ren epistemologischen Status dieses ›Fabrikations- maßen an diesem Diskurs mit. Eröffnet werden da-
charakters‹. durch neue Forschungsfelder, z. B. der Vergleich
zwischen narrativen Modellen in Medizinge-
schichte und Literatur oder die Erforschung medi-
(c) Wissenpoetologischer Ansatz –
zinischer Fachprosa.
medizinische Schreibweisen Eine solche Neuorientierung der Fragestellung
Gegenüber dem thematologisch dominierten, nach den »Wechselbeziehungen« (Erhart 2004, 119)
funktionalistischen Ansatz, wie er vom Medizin- zwischen Literatur- und Medizingeschichte setzt
historiker Dietrich von Engelhardt und seinem auf eine Kultursemiotik, die kulturelle, z. B. literari-
Kreis verfolgt und in einem stoffgeschichtlichen sche oder medizinische Praktiken als symbolische
Lexikon lemmatisiert wurde (von Jagow/Steger Schaffung von Wirklichkeit auffasst, wodurch ›Wis-
2005), zielen neuere, wissenspoetologisch inspi- sen‹ und eben auch: medizinisches Wissen weit
rierte, literaturwissenschaftliche Versuche ganz im über die Grenzen einer einzelnen Wissenschaft
Sinn der Vorgaben Rousseaus darauf, Medizin und »zur Matrix aller Aussagen« (Pethes 2004, 344) ge-
Literatur nicht als zwei distinkte, gewissermaßen macht wird. Als Gewährsmann eines solchen An-
vorgängig fixierte, ontologische Bereiche (»Seins- satzes wird – wie schon bei Rousseau – meist Mi-
bereiche«, von Engelhardt 2004, 21) zu unterstel- chel Foucault mit seiner Diskursanalyse genannt,
len. Das Verhältnis von Medizin und Literatur wird was aber nur dann zwingend ist, wenn man die ver-
vielmehr als ein von diskursiven Formationskräf- schiedenen Spielarten des linguistic turn im 20. Jh.
ten geprägtes kulturelles Wissensfeld modelliert. von Cassirer bis Derrida mit Foucaults Machtana-
Im Anschluss an den Writing Science-Ansatz bzw. lyse verbindet. Erst dann gilt, dass es Wahrheit
92 2. Disziplinen

»[ …] nicht als eine Positivität jenseits von Macht ihn weiter. Die Konzentration auf medizinische
und Sprache [gibt]« (Borgards/Neumeyer 2004, Schreibweisen jenseits ihrer institutionellen Veror-
211). Der »schwach determinierte[n] Wissensbe- tung im System von Literatur oder Medizin entpri-
griff » (Vogl 2011, 51) einer solchen ›Wissenspoie- vilegiert zwar den Status von Literatur im engeren
tik‹ hat zwar den Vorteil, die Texte unterschiedli- Sinn als Gegenstand der Literaturwissenschaft, tut
cher Disziplinen im Blick auf ihre je spezifischen dies freilich mit dem Methodenbesteck einer am
Darstellungsformen vergleichen und ihre jeweili- Höhenkamm schöner Literatur geschärften Meta-
gen Eigenleistungen herausstellen zu können. Zum phorologie bzw. Narratologie. Dadurch geraten ge-
Beispiel thematisiert die expressionistische Erzäh- nuin literaturwissenschaftliche Analysemethoden,
lung »Die Ermordung einer Butterblume« (1910) Gattungs- und Stil- bzw. Darstellungsfragen wieder
nicht einfach eine Erinnerungsstörung, wie sie bei ins Zentrum des Interesses.
der Korsakoff-Psychose, über die Döblin 1905 zum Eine kontextualistisch verfahrende Interpreta-
Dr. med. promoviert worden war, beobachtet wer- tion hatte z. B. das Dramenfragment Woyzeck (pos-
den kann. Die objektivierende, »›psychiatrische Er- tum 1878), das der vergleichende Anatom Georg
zählweise‹«, die für Döblin geltend gemacht wurde Büchner hinterlassen hatte, stets auf das Zurech-
(Reuchlein 1991, 40) ist gerade nicht auf den faktu- nungsfähigkeitsgutachten Johann Christian August
alen Darstellungsstil medizinisch-psychiatrischer Clarus zurückbezogen, das der Leipziger Stadtphy-
Krankenerzählungen zurückzuführen, da diese im sikus über Johann Christian Woyzeck, der des Mor-
Gegensatz zu Döblins literarischem Text, in der »Fi- des an seiner Intimpartnerin Johanna Christiane
guren- und Erzählerstimme ununterscheidbar wer- Woost angeklagt war, angefertigt hatte. Büchners
den« (Wübben 2008, 97 f.), im Blick auf den Erzähl- Text war dabei entweder als eine Art dramatisiertes
modus nur ein geringes Maß an interner Fokalisie- Gegengutachten zu Clarus, der Schuldfähigkeit at-
rung aufweisen und die Erzählerstimme stets genau testiert hatte, interpretiert worden oder als ein offe-
markiert ist. Die literarische Erzählweise ist nicht nes Stück, das durch Voraugenstellung der Tatge-
von psychiatrischen Aufzeichnungsformen abhän- nese den Zuschauer selbst in die Rolle des forensi-
gig, vielmehr besteht ihre Leistung gerade in der schen Gutachters rückt. Eine wissenspoetologische
Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisweisen, die Lektüre des Clarus-Gutachtens »enthierarchisiert
damals unter Psychiatern kontrovers diskutiert [ …] die Text-Kontext-Relation«, in der das Dra-
wurden, z. B. der Aussagewert von Experimenten, menfragment im Zentrum steht, und behandelt den
der Nutzen medizinischer Nomenklatur oder die Kontext als Text, d. h. unterzieht das forensische
Geltung der seinerzeit geltenden Gedächtnistheorie Gutachten selbst einer philologisch, ästhetisch, rhe-
(ebd., 91–93). torisch und narratologisch »geschulten Interpreta-
Die Wissenspoetik vermag aber das je darge- tion« (Borgards 2010, 245 f.), die sich u. a. der an
stellte Wissen nicht mehr auf seine Geltung hin zu Prousts Recherche ausgebildeten Erzähltheorie Ge-
prüfen, d. h. sie verfährt kulturrelativistisch bzw. nettes bedient. Dabei wird ein erster, interpretatori-
schärfer im Blick auf die Medien- bzw. Schreibwei- scher Imperativ, dem gemäß jeder Kontext als Text
senwahl hin formuliert: repräsentations- bzw. dar- zu behandeln sei, durch einen zweiten, darstelleri-
stellungsformenrelativ. Mit der Entgrenzung des schen ergänzt, der im Blick auf den sich eröffnen-
Untersuchungsgegenstands steigt freilich das »Ri- den Regress, dass jeder als Text interpretierter Kon-
siko des Dilettantismus« (Pott 2006, 127), zumal sie text seinerseits wieder einen als Text zu interpretie-
in fremden Disziplinen als »literarische[r] Imperi- renden Kontext besitzt, postuliert: »Mache deutlich,
alismus« (Hristeva 2011, 368) aufgefasst wird. Zu- dass dies immer nur für ein begrenztes Kontext-
dem beraubt die diskurshistorische Schließung des Korpus möglich ist!« (ebd., 246)
Zwei-Kulturen-Grabens das eigene Fach eines Der von Erhart formulierte Vorschlag, »auf die
›starken‹ bzw. autonomen Begriffs der Literatur, sei Textualität und Semiotik der gemeinsamen Wis-
es als »Gegendiskurs« (Foucault 1966/1971a, 76), sensbestände von Literatur und Medizin zu ach-
sei es als »›wilder‹ Diskurs« (Riedel 2004, 362), der ten« (Erhart 2004, 126), ist von Richter (2006) und
die je gültige Wissensordnung sabotiert, untermi- Pethes/Richter (2008) aufgegriffen und weiterent-
niert oder überschreitet. wickelt worden. Statt Wissen auf der Seite der ›Me-
Bis hierhin knüpft der wissenpoetologische an dizin‹ und Gattungen, Schreibweisen, Formen oder
den kulturwissenschaftlichen Ansatz an und führt Figuren auf der Seite der ›Literatur‹ zu verorten,
2.6 Medizin 93

schlagen sie stattdessen vor, »›medizinische Borgards, Roland: »Der Kontext als Text. Ein Lektürevor-
Schreibweisen‹« (ebd., 7) zu untersuchen, zu be- schlag für das zweite Clarus-Gutachten und die De-
schreiben und auf ihre jeweilige Leistung bei der batte um Woyzecks Zurechnungsfähigkeit«. In: Peter
Produktion, Darstellung und Vermittlung ›medi- Klotz/Paul R. Portmann-Tselikas/Georg Weidacher
(Hg.): Kontexte und Texte. Soziokulturelle Konstellatio-
kalen‹ Wissens (damit ist ein weitgefasstes Konzept
nen literalen Handelns. Tübingen 2010, 245–259.
medizinisches Wissens gemeint) zu prüfen. Dabei Borgards, Roland/Neumeyer, Harald: »Der Ort der Lite-
wendet sich der Blick von fiktiver Literatur (z. B. ratur in einer Geschichte des Wissens. Plädoyer für
Romane) auf ein breites Textkorpus, das eine Viel- eine entgrenzte Philologie«. In: Walter Erhart (Hg.):
zahl expositorischer Formen umgreift (ebd., 7–9, Grenzen der Germanistik. Rephilologisierung oder Er-
mit Angaben weiterführender Literatur). Im Blick weiterung? Stuttgart/Weimar 2004, 210–222.
auf das zur Fachprosa hin erweiterte Textkorpus Daemmrich Horst S./Daemmrich Ingrid G.: Themen und
Motive in der Literatur. Ein Handbuch [1987]. 2., über-
lässt der Ansatz die von kritisch-rationalistischer
arb. und erw. Aufl. Tübingen. Basel 1995.
Seite her formulierte Kritik an der Wissenspoetik, Darras, Gilles: L ’ âme suspecte. Le corps complice. L ’ anth-
für literarische Fiktion könne Wissen im Sinne von ropologie littéraire dans les premières œuvres de Schiller.
justified true belief (vgl. Köppe 2007) nicht geltend Paris 2005.
gemacht werden, aufgrund ihres restringierten Li- Daston, Lorraine/Galison Peter: »Das Bild der Objektivi-
teraturbegriffs ins Leere laufen. tät«. In: Peter Geimer (Hg.): Ordnungen der Sichtbar-
Dieser Ansatz hat vor allem das Interesse an Bei- keit. Fotografie in Wissenschaft, Kunst und Technologie.
Frankfurt a. M. 2002, 29–99.
spielliteratur und Kasuistik neu entfacht (vgl. Pe-
Dewhurst, Kenneth/Reeves, Nigel: Friedrich Schiller. Me-
thes 2005; Ruchatz/Willer/Pethes 2007; Pethes dicine, Psychology, Literature. Oxford 1978.
2011), weil z. B. am Formenreichtum von Faller- Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. 21992.
zählungen (zu »medical case histories« bereits Eisenhut, Heidi/Lütteken, Anett/Zelle, Carsten (Hg.):
Rousseau 1981, 413 f.) die nicht hintergehbare Lite- Heilkunst und schöne Künste. Wechselwirkungen von
rarizität bzw. Rhetorizität wissenschaftlicher, eben Medizin, Literatur und bildender Kunst im 18. Jahrhun-
auch medizinischer Fachprosa (Zelle 2009) auf- dert. Göttingen 2011.
Engelhardt, Dietrich von: Medizin in der Literatur der Neu-
weisbar ist, das unvermeidliche Angewiesensein
zeit. Bd. I: Darstellung und Deutung. Hürtgenwald 1991.
medizinischer Empirie auf ein ›Aufschreibesystem‹ Engelhardt, Dietrich von: Medizin in der Literatur der
wie ›oberservation‹ bzw. ›observatio‹ (vgl. Behrens/ Neuzeit. Bd. II: Bibliographie der wissenschaftlichen Li-
Zelle 2012; Zelle 2012) deutlich wird und das (ggf. teratur 1800–1995. Hürtgenwald 2000.
kompensatorische) Verhältnis von forensischer Engelhardt, Dietrich von: »Vom Dialog der Medizin und
causa, medizinischem casus und Kriminalerzäh- Literatur im 20. Jahrhundert«. In: Bettina von Jagow/
lung, z. B. im 18. Jh. (vgl. Pethes 2009), herausgear- Florian Steger (Hg.): Repräsentationen. Medizin und
Ethik in Literatur und Kunst der Moderne. Heidelberg
beitet werden kann. Das Verhältnis zwischen psy-
2004, 21–40.
chiatrischem Fallbericht und literarischer Erzäh- Engelhardt, Dietrich von: »Medizin und Dichtung (Neu-
lung im 19.  Jh. (vgl. Thomé 1993, 187–195), die zeit)«. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hg.): Enzyklopädie
Beziehung der Novellen des poetischen Realismus Medizingeschichte. Berlin/New York 2005a, 933–938.
mit Freuds psychoanalytischen Fallberichts- Engelhardt, Dietrich von: »Geleitwort«. In: Jagow/Steger
›Novellen‹ (vgl. Thomé 1998; Goldmann 2009) und 2005b, 1–6.
deren Unterschied zu anderen Formen »medizi- Erhart, Walter: »Medizingeschichte und Literatur am
Ende des 19. Jahrhunderts«. In: Scientia Poetica 1
nisch-psychologische[r] Fallgeschichte[n]« (Welsh
(1997), 224–267.
2011, 286), die Patientinnen eine eigene Stimme Erhart, Walter: »Einleitung«. In: Der Deutschunterricht
geben, wie z. B. in Schnitzlers Fräulein Else (vgl. (2003), 5 (Themenschwerpunkt: Literatur – Medizin),
Lange-Kirchheim 1999), ist in anderen Studien 2–6.
nachgewiesen worden, die die Methode literarisch- Erhart, Walter: »Medizin – Sozialgeschichte – Literatur«.
medizinischer »Parallellektüre« (Welsh 2011, 279 In: IASL 29 (2004), 1 (Themenschwerpunkt: Literatur
und 305) angewendet haben. und Medizin), 118–128.
Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäolo-
gie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M. 1971a
Literatur
(frz. 1966).
Behrens, Rudolf/Zelle, Carsten (Hg.): Der ärztliche Fall- Foucault, Michel: L ’ ordre du discours. Leçon inaugurale
bericht. Epistemische Grundlagen und textuelle Struktu- au Collège de France prononcée le 2 décembre 1970.
ren dargestellter Beobachtung. Wiesbaden 2012. Paris 1971b.
94 2. Disziplinen

Goethe, Johann Wolfgang: Lila [Ein Festspiel mit Gesang Anz (Hg.): Psychoanalyse in der modernen Literatur.
und Tanz. 1790]. In: Ders.: Sämtliche Werke nach Epo- Kooperation und Konkurrenz. Würzburg 1999, 111–
chen seines Schaffens. Hg. v. Karl Richter. München 134.
1985 ff. (= Münchner Ausgabe), Bd. 2.1, 131–160. Levine, George: »Introduction. One Culture: Science and
Goldmann, Stefan: »Sigmund Freud und Hermann Su- Literature«. In: Ders. (Hg.): One Culture. Essays in Sci-
dermann oder die wiedergefundene, wie eine Kran- ence and Literature. Madison WI 1987, 3–32.
kengeschichte zu lesende Novelle«. In: Jb. der Psycho- Link-Heer, Ursula: »Über den Ort der Literatur im Haus-
analyse 58 (2009), 11–35. halt der Wissenschaften«. In: Carsten Zelle (Hg.): All-
Heinz, Jutta: »Literarische oder historische Anthropolo- gemeine Literaturwissenschaft  – Konturen und Profile
gie? Zur Möglichkeit interdisziplinären Arbeitens am im Pluralismus. Opladen 1999, 60–79.
Beispiel von Literatur und Anthropologie im 18. Jahr- »Literature, Arts & Medicine Database«, New York,
hundert«. In: Walter Schmitz/Carsten Zelle (Hg.): In- 1993 ff. http://litmed.med.nyu.edu 24.01.2013)
novation und Transfer – Naturwissenschaften, Anthro- Literature and Medicine (Baltimore 1, 1982 ff.)
pologie und Literatur im 18. Jahrhundert. Dresden »ME33LM Literature and Medicine« https://www.abdn.
2004, 195–207. ac.uk/medical/humanities/course/view.php?id=25
Hillen, Meike: Die Pathologie der Literatur. Zur wechsel- (24.01.2013) [Es handelt sich hier um das Curriculum
seitigen Beobachtung von Medizin und Literatur. Frank- des Literatur und Medizin-Kurses des University’s Cen-
furt a. M. u. a. 2003. tre for Medical Humanities, University of Aberdeen)
Hristeva, Gelina: [Rez.] Marion Schmaus: »Psychosoma- Mertens, Marina: Anthropoetik und Anthropoiesis. Zur
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2.6 Medizin 95

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96

2.7 Meteorologie

Was ist Meteorologie? nen zentralen Einfluss hat) (Anderson 2005; Go-
linski 2007). Noch Anfang des 20. Jh.s wurden
Obwohl die Beschäftigung mit dem Wetter so alt ist Wettervorhersagen aber nicht physikalisch errech-
wie die Menschheit, gibt es ein Fach ›Meteorologie‹ net, sondern aufgrund von ähnlichen Wetterlagen
erst seit dem 20. Jh. Da es bis heute schwierig ist, in der Vergangenheit erstellt. Lewis Fry Richardson
die Komplexität des Wetters mathematisch zu mo- publizierte 1922 das Buch Weather Prediction by
dellieren, und langfristige Prognosen unsicher Numerical Process, in dem er ein neues Modell der
sind, genießt die Disziplin einen prekären Status Wettervorhersage entwickelte, das in seinen
unter den Naturwissenschaften. Die Wissensge- Grundlagen noch heute Anwendung findet. Darin
schichte der Wetterkunde lässt sich grob in drei legte er ein Gitternetzraster über die Erdoberflä-
Phasen einteilen: che, unterteilte die dritte Dimension in verschie-
Der geordnete Kosmos ist das Paradigma der dene Atmosphärenschichten und formte die Dif-
frühen Wetterkunde von Aristoteles bis zur Physi- ferentialgleichungen der Strömungsmechanik so
kotheologie des 18. Jh.s. Freilich verändert sich um, dass sie sich näherungsweise lösen lassen. Die
dessen Vorstellung im Laufe der Forschungsge- Gleichungen mussten für jede Schicht in jedem
schichte im Detail stark. So differenziert sich etwa Würfel gelöst und die Ergebnisse aufsummiert
die Kenntnis der Atmosphäre, und es werden ast- werden. Das Modell war seinerzeit visionär, denn
ronomische von atmosphärischen Phänomenen Messdaten aus höheren Luftschichten waren da-
genauer unterschieden. Die Schwierigkeit der frü- mals nur sporadisch verfügbar, auch gab es noch
hen Wetterkunde besteht darin, die Einzelerschei- keine Computer, mit denen sich die Wetterent-
nungen in ihren Bezügen untereinander und im wicklung schneller berechnen ließ, als sie eintrat
großen Ganzen zu verstehen. Typisch für diese (Nebeker 1995).
Wissensordnung ist eine Kluft zwischen großen Seit den 1950er Jahren gibt es Versuche, auf Ba-
Entwürfen des Kosmos und punktuellem Weis- sis von meteorologischem Wissen aktiv in das Wet-
heitswissen in Form von Bauernregeln und der tergeschehen einzugreifen. John von Neumann
Deutung von Wetteranomalien als göttliches entwickelte damals erste Entwürfe zur künstlichen
Warnzeichen oder Strafe (Janković 2000; Guldin Erzeugung von Wolken. Heute ist es räumlich be-
2006, 123–143). grenzt möglich, Wolken zu erzeugen und sie zum
Mit seiner Säkularisierung im 18. Jh. tritt das Abregnen zu veranlassen, daneben lässt sich durch
Wetter in die Verantwortung des ›gouvernementa- Landschaftsbau das Mikroklima beeinflussen.
len Vorsorgestaats‹. Damit etabliert sich langsam China unterhält ein eigenes ›Wetteränderungs-
ein neues Paradigma, das auf die ›Normalisierung‹ amt‹, Russland, die USA, Venezuela und die Ver-
des Wetters abzielt. Klimatheorien stellen einen einten Arabischen Emirate betreiben Forschung in
frühen Ansatz dar, die Kulturen verschiedener Völ- diese Richtung. Mit den Erfolgen der Wettersteue-
ker als abhängige Variable von Wettereinflüssen rung geraten Wetterrisiken in der öffentlichen Er-
her zu bestimmen. Sie stützen sich aber auf keine wartung immer weiter in die politische Verant-
systematische Datengrundlage und bieten auch wortlichkeit (Fleming 2012). Aktuell lässt sich an
keine großen sozialtechnologischen Spielräume. den Diskussionen um den anthropogenen Klima-
Dagegen zielen die empirischen Bemühungen wandel ablesen, wie gleichermaßen Tun als auch
darauf, bereits das Wetter selbst voraussagen zu Unterlassen als Handeln attribuiert wird.
können. Immer systematischere Wetteraufzeich-
nungen im 18. und 19. Jh. gründen sich auf vier
Elemente: die Typisierung der Beobachtungsge- Die Literarizität der Meteorologie
genstände (z. B. Luke Howards Systematik der Wol-
ken), die Standardisierung von Messinstrumenten, Die Wissenschaftsprosa der akademischen Meteo-
die Vereinheitlichung von Maßen und der Aufbau rologie bewegt sich innerhalb der Formate von
eines flächendeckenden Netzes von Messstationen Physik und Chemie. Eine eigene Ausdrucksweise
(worauf die Entwicklung von Fernmeldemedien ei- entwickelt die Meteorologie in ihrer popularisier-
2.7 Meteorologie 97

ten Gestalt als Wettervorhersage. Das Problem, absicht, die prognostizierte Zukunft als unzweifel-
dem sich die Poetiken der Wetterkunde stellen, haft hinzustellen, wird meist unterstützt durch den
heißt, Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die mete- intensiven Einsatz von Karten und anderen Visua-
orologischen Zukunftsaussichten herzustellen. lisierungen (Monmonier 1999).
Drei Momente dieser Poetiken erweisen sich dabei Autorschaft: Um der Wettervorhersage Glaub-
als besonders signifikant: Multiple Erzähler, Rheto- würdigkeit zuzuschreiben, finden sich zwei gegen-
riken der Evidenz und Fragen der Autorschaft. läufige Tendenzen (Fine 2007, 152–172 und 209–
Multiple Erzähler: Moderne Wettervorhersage 235). Einserseits geht die Entwicklung dahin, die
stellt ein kooperatives Unternehmen dar (Fine computerverarbeiteten Daten in ihrer wissen-
2007, 136–150). Das gilt sowohl im kleinen Maß- schaftlichen Genauigkeit auch in den Prognosen zu
stab für mehrere Schichten, die sich bei der Wetter- repräsentieren. Man kann nicht nur detaillierte
beobachtung ablösen, als auch im größerem als Zu- Isobarenkarten errechnen, sondern selbst die Ver-
sammenarbeit zwischen den regionalen und natio- balform der Vorhersage unmittelbar von Compu-
nalen Wetterzentren. Die gemeinsame Aufgabe tern generieren lassen. Der Meteorologe wird da-
besteht darin, eine konsistente Geschichte von den bei, der Idee nach, zum bloßen Medium der Selbst-
Wetterereignissen der Zukunft zu erzählen. Dabei aussprache des Wetters. Andererseits passt sich der
tut sich ein Spannungsfeld auf, dessen einer Pol der Wetterbericht immer stärker Infotainment-Forma-
Wunsch nach einer möglichst richtigen Voraussage ten an. Deren Abnehmer sind weniger an physika-
des Wetters ist, dessen anderer Pol aber der lischen Größen interessiert als an Planung ihrer
Wunsch ist, die bisherige Erzählung nicht zu än- Außenaktivitäten in den nächsten Tagen. Das führt
dern. Falsche Wettervorhersagen können zu erheb- dazu, dass die Vorhersagen emotional getönter
lichen Schädigungen für Menschen und Güter füh- werden und sich stärker am Erleben orientieren
ren, aber auch Änderungen der Vorhersagen sind (z. B. ›gefühlte Temperatur‹, Bio-Wetter). Meteoro-
nicht umsonst. Jede Änderung ist mit sozialen Kos- logen entwickeln komplementär dazu innerhalb
ten verbunden, insofern sie die Kompetenz frühe- der formalistischen Grenzen der Wetterberichts-
rer Erzähler infrage stellt. Verfolgt man die Verän- sprache einen starken Begriff von Autorschaft, in-
derungen der einen Wettergeschichte, findet man dem sie ihre Vorhersagen nicht nur durch ein Na-
zwei narrative Strategien, das Spannungsfeld aus- menskürzel markieren, sondern auch durch einen
zubalancieren: Die eine besteht darin, nur die kurz- Individualstil mit Lieblingsworten und Metaphern,
fristige Prognose dem neusten Wissensstand anzu- die die abstrakte Materie in die Lebenswelt über-
passen, die andere spielt die Anpassungen herunter setzen (z. B. Kachelmanns ›Blumenkohlwolken‹).
und gibt sie gar als ›Kompromiss‹ aus. Wenn die Das Publikum kennt seinen ›Wetterfrosch‹ oder
große Erzählung in regionale Varianten übertragen seine ›Wetterfee‹, das bringt das Vertrauen in ihre
wird, lassen sich zusätzliche ›Anpassungen‹ errei- Vorhersagen (oder macht sie als Wetteransager un-
chen. tragbar, wie der Fall Kachelmann zeigt).
Rhetoriken der Evidenz: Wettergrößen stellen
sonderbare Akteure dar. Sie scheinen nämlich zu
›handeln‹, gleichwohl fehlen ihnen dafür nach Literarische Meteorologie
lebensweltlichem Ermessen die zwei zentralen
Merkmale: Identitätskonstanz und Intentionalität. Menschliche Gesellschaften müssen ihren Umwelt-
Deshalb strebt die Sprache der Wettervorhersagen bezug organisieren, indem sie sich die Natur in
danach, dieses verunsichernde Moment auszu- symbolischen Formen anverwandeln. Mit der Ent-
schließen. Auffällig ist, wie selten Verben gebraucht zauberung der Natur seit Beginn der Neuzeit er-
werden. In Fügungen wie »Am Montag sonnig, setzt dabei ein anthropozentrisches Wetterwissen
Dienstag zeitweise wolkig« dominieren Substantive zunehmend die theologische Gefahrenabwicklung.
und Adjektive. Die Veränderung in der Zeit wird in Die residuale Rede von ›St. Petrus‹ oder dem ›Wet-
Listen aufgereiht. Die Sprache ist einfach, wirkt ge- tergott‹ zeigt aber, dass die Natur selbst heute zwar
radezu ›rhetorikfrei‹ und zielt auf einen Eindruck kontrollierbarer, keineswegs aber gänzlich be-
von Unmittelbarkeit und Evidenz (Fine 2007, 154). herrschbar geworden ist. Die wissenschaftliche
Eine breite Palette von Sichtbarkeitsworten und Meteorologie stellt die abstrakteste Form in einem
Metaphern bestimmt die Adjektive. Die Wirkungs- Ensemble von Symboltechniken der Naturbeherr-
98 2. Disziplinen

schung dar. Wetterwissen findet sich bereits auf der risieren sich wechselseitig. Eine konzeptionelle
Ebene von inkorporierten Praxen und Materiali- Veränderung geschieht mit der Auflösung des on-
tätskultur (z. B. Technik, Kleidung, Gebäude) in tologischen Kontinuums von Mensch und Natur,
der Lebenswelt, dann aber auch domänenspezi- deren Nachfolge ein subjektzentriertes Weltbild
fisch (Landwirtschaft, Ökonomie, Recht u. a.). Man antritt. In Empfindsamkeit und Romantik scheint
kann von einer ›Literarischen Meteorologie‹ spre- das Wetter oft der Gemütslage des Helden zu ge-
chen, um die spezifische Funktion der Literatur in horchen. Die Literatur des 19. Jh.s balanciert die
diesem Dispositiv zu kennzeichnen. Einerseits be- Innen-Außen-Dichotomie langsam aus. Für ein
teiligt sich die Literatur als unbegriffliches Wis- auktoriales Erzählen erweist sich das Wetter als so
sensformat daran, ein Natural Imaginary zu etab- einfaches wie effektives Kunstmittel, um Figuren
lieren. Damit ist ein Ordnungsrahmen im Sinne zu charakterisieren und Szenen als ›heiter‹ oder
eines Naturbildes gemeint, der zugleich einen Ent- ›spannungsvoll aufgeladen‹ zu kennzeichnen (De-
wurf des großen Ganzen darstellt, aber auch im lius 1971; Kuhlmann 1995). Auch aus dem 20. Jh.
normativen Sinne Verhaltensorientierung bietet. ließen sich Beispiele für eine fortwährende Wetter-
Indem die Künste diesen Rahmen popularisieren dramaturgie beibringen.
und verteidigen, entlasten sie abstraktere Symbol- Die Meteorologie versucht die Macht des Wet-
formatierungen, so dass diese sich auf spezifischere ters zu domestizieren. Von daher steht der Meteo-
Probleme einstellen können. Wenn die Künste die rologe metaphorisch für die Selbstbeherrschung
Ränder der symbolischen Ordnung bewirtschaf- der Leidenschaften. In diesem Sinne stellt Adalbert
ten, ergibt sich daraus ihre andere Funktion, auch Stifters Der Nachsommer (1857) explizit den Bezug
im Jenseits dieser Grenze die Möglichkeiten und zwischen Leidenschaften und wissenschaftlicher
Grenzen der symbolischen Anverwandlungstech- Wetterkunde her. Gleich zu Beginn des Romans
niken zu erkunden. In Experimentalanordnungen bittet Heinrich Drendorf den Herrn von Risach da-
stellen die Künste das Wetterwissen auf die Probe, rum, auf seinem Gut übernachten zu dürfen, weil
indem sie kontrolliert die Gefährdungen der Natur er ein nahendes Gewitter fürchtet. Der Gutsherr
wieder zulassen. Am konkreten Kunstwerk lassen gewährt ihm gerne seinen Wunsch, prognostiziert
sich beide Funktionen der Kunst selten eindeutig aber richtig, dass das Gewitter sich an anderer
trennen (Braungart/Büttner 2013). Stelle abregnen werde. Im Laufe des Romans zeigt
Das Verständnis von Literatur als ›Grenzdienst‹ sich, dass die Wetterkunde Teil eines umfassenden
an der symbolischen Ordnung der Gesellschaft soll Ordnungssystems aller Lebensbereiche Risachs ist,
den Leitfaden für die Kategorisierung literarischer das sich als kompensative Gegenmaßnahme zu den
Wetterkunde bilden: Stimmungen und Passionen als junger Mann durch seine Liebesleidenschaften
stellen einen elementaren Umweltzugang dar, inso- erlittenen Verletzungen darstellt. Die Metapher er-
fern hier Außen und Innen, Erfahrung und Sinnge- scheint ähnlich in Jakob Christoph Heers Heimat-
bung noch nicht klar unterschieden sind. Ist diese roman Der Wetterwart (1905), wo sich die Hauptfi-
Unterscheidung etabliert, erkundet die Literatur gur, die der Liebe entsagt hat, auf eine Messstation
zum einen, ob die erlebte Ordnung bzw. Unord- auf einen Berg zurückzieht. Möglicherweise ver-
nung der Phänomene am Wetter selbst liegt oder liert dieser metaphorische Konnex seine Plausibili-
Produkt von Symboltechniken ist. Zum anderen tät mit einer Vorstellung einer eigenen Rationalität
erprobt die Literatur die Möglichkeiten und Gren- von Emotionen im 20. Jh.
zen von Symboltechniken der Wetterbeherr- Sinnhafte Naturordnung/Sinnhafte Symbolord-
schung. nung: Die kosmische Ordnung zu erkennen, erweist
Passionen und Stimmungen: Die lateinische sich bereits in der frühen Neuzeit als Problem. Ge-
Wortherkunft von ›Passionen‹ zeigt ihre Zwischen- lingt in John Miltons Paradise Lost (1667) die physi-
lage. Einerseits werden die Leidenschaften wie von kotheologische Einordnung von Wetterphänome-
außen kommend ›erlitten‹, andererseits ist der nen, so legt William Shakespeare in Hamlet (1603)
menschliche Körper der Ort, an dem sie als Reak- nahe, dass Wolkendeutungen mehr über den Inter-
tion ›statthaben‹. Mit dem Wetter scheint es offen- preten als über die Himmelsordnung aussagen. Die
bar ganz ähnlich zu sein. So kommt denn auch kein Literatur ab etwa 1800 bewegt sich in einem weiten
barockes Märtyrerdrama ohne die ›Winde der Lei- Feld zwischen dem Zweifel an der Lesbarkeit der
denschaften‹ aus. Wetter und Emotionen metapho- Welt und ihrer ästhetischen Restitution. Überwiegt
2.7 Meteorologie 99

bei Heinrich von Kleist eher der Zweifel, so äußert Jahren (2006) die Vielfalt der Idiome, mit denen
sich Novalis über die Chiffrenschrift des Himmels, sich die Sprache das Wetter anverwandelt.
und Achim von Arnim projektiert eine ›Meteorolo- Daneben finden sich Romane zweiter Ordnung,
gie‹ als universalistisch-enzyklopädische Natur- die ihren Stoff aus meteorologischen Symbolisie-
kunde. Ihm ging es darum, die Ergebnisse der ein- rungspraxen gewinnen, indem sie der Biographie
zelnen Naturwissenschaften wieder ästhetisch zu von Meteorologen folgen. Als Beispiele dafür seien
einem einheitlichen Naturbild zusammenzuführen. nur die entsprechenden Passagen über Alexander
Als wenig spezialisierte Naturwissenschaft, die Er- von Humboldt in Daniel Kehlmanns Die Vermes-
kenntnisse aus Chemie, Physik, Geologie u. a. ver- sung der Welt (2005), Stéphane Audeguys um ei-
bindet, sollte das Fach über die Wetterkunde hinaus nige fiktive Figuren erweiterte Geschichte der Wet-
erweitert werden. Zwischen diesen Polen liegen terforschung in La Théorie des Nuages (2005) oder
Lichtenbergs Position, der überlegt, wieweit sich Jo Lendles Roman Alles Land (2011) über den Po-
Nicht-Wissen fiktional ausgleichen lässt, Johann larforscher Alfred Wegener genannt.
Wolfgang Goethes »Wolkengestalt nach Howard« Naturbeherrschung/Kontingenz der Natur: Vom
(1820) (vgl. Sommerhalder 1993), der hinter den barocken Herrscherdrama über Kleists und Fried-
ephemeren Erscheinungen eine morphologische rich Hölderlins nationalpatriotische Dichtungen
Ordnung vermutet, und Stifter, der in »Das Haide- bis zum Wetterbericht in Alfred Döblins Groß-
dorf« (1840/44) und »Abdias« (1842) das Wetter- stadtroman Berlin Alexanderplatz (1929) verbreitet
geschehen zwischen naturwissenschaftlicher und die Literatur dasselbe Natural Imaginary, lotet aber
schicksalhafter Deutung diskutiert. Sentimentalisch auch immer wieder die Grenzen der gouvernemen-
spielen Texte wie Theodor Storms »Die Regen- talen Macht aus. Entsprechend findet sich der Nar-
trude« (1863), Kurd Lasswitz ’ Aspira (1905) und rationstyp der ›(nicht-)normalen Fahrt‹ hier fast
George R. Stewarts The Storm (1941) mit animisti- immer, wenn es um Fliegerei und Schifffahrt geht.
schen Vorstellungen, wenn sie Wettergrößen zu Dieses Spannungsgefüge von Macht und Ohn-
Protagonisten machen. macht erfährt seit Ende des 19. Jh.s eine Zuspitzung
Karl Philipp Moritz ’ Aufsatz »Sprache in psy- in beide Richtungen. Einerseits wurde die Wetter-
chologischer Rücksicht« (1783) steht in einer Reihe vorhersage zum Phantasma der direkten Steuerung
mit Überlegungen Wilhelm v. Humboldts und des Wetters gesteigert, noch bevor dies technisch
Walter Benjamins, die die ephemeren Himmels- möglich war. Was früher Märchen- und Sagenmo-
phänomene als Paradefall einer Sprachtheorie neh- tiv war, wurde jetzt zur technischen Vision moder-
men. Da sich die Wetterscheinungen in stetigem ner Helden. In Karl Mays Erzählung Deadly Dust
Wandel befinden, ergibt sich ein Referenzproblem (1880) retten sich die Protagonisten vor dem Ver-
für Begriffe (Guldin 2006, 18–27). Dieses Problem dursten im Llano Estakado, indem sie Regen ma-
wird aber poetologisch auch positiv aufgelöst, denn chen, in den Science-Fiction-Romanen Himmels-
die dichterische Sprache will ja nicht signifikativ kraft (1937) von Hans Dominik, Heavy Weather
sein, sondern ein vages, unerschöpfliches Gebilde, (1994) von Bruce Sterling, schließlich in Waffen-
das wie das Wetter die Einbildungskraft stets her- wetter (2007) von Dietmar Dath kämpfen die Hel-
ausfordert. Solche Überlegungen finden sich be- den gegen finstere Mächte, die das Wetter als Waffe
reits in Shakespeares The Tempest (1611), aber missbrauchen. In Giles Fodens Turbulence (2009)
auch bei Samuel Taylor Coleridge und Charles geht es darum, den Tag mit den idealen Wetterbe-
Baudelaire (Reed 1983) und schreiben sich in der dingungen für die Invasion in der Normandie zu
Moderne fort. Übersetzt man temps mit ›Wetter‹, berechnen. Im Gegensatz dazu wenden die Stücke
dann kann man Marcel Prousts À la recherche du von Erich Mühsam Alle Wetter (1930) und von N.
temps perdu (1908–22) als Genese einer Poetik aus Richard Nash The Rainmaker (1954) die Gewalt
dem Geist der Wetterkunde lesen. Am Ende von über das Wetter eher macht- und gesellschaftskri-
Uwe Timms Morenga (1978) entwickelt der Pro- tisch.
tagonist in Wetterbeobachtungen eine Sprache, die Gegenüber diesen Machtphantasien findet sich
ihrem Referenten keine epistemische Gewalt antut, auch ein radikaler Zweifel an der menschlichen
in Peter Webers Der Wettermacher (1993) wird das Weltbeherrschung in der Literatur. Die Geschichte
›Wetter machen‹ zur Metapher dichterischen erscheint als blindes und chaotisches Naturgesche-
Schreibens, Wolf Haas zeigt in Das Wetter vor 15 hen. Der berühmte Anfang von Robert Musils
100 2. Disziplinen

Mann ohne Eigenschaften (1921–32), der mit me- Literatur


teorologischer Sprache spielt, eröffnet eine solche Anderson, Katharine: Predicting the Weather. Victorians
Kontingenzpoetik des Romans. Friedrich Dürren- and the Science of Meteorology. Chicago/London 2005.
matt spielt mit ähnlichen Gedanken in seiner Er- Braungart, Georg/Büttner, Urs (Hg.): Wind und Wetter.
zählung Die Panne (1956) und formuliert in dem Kultur – Wissen – Ästhetik. München 2013.
Roman Justiz (1959–60/1980/1985) den Unter- Delius, Friedrich Christian.: Der Held und sein Wetter.
schied zwischen dem Historiker und dem Meteo- Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Ro-
man des bürgerlichen Realismus. München 1971.
rologen. Während der Historiker fälschlicherweise Fine, Gary Allen: Authors of the Storm. Meteorologists and
glaubt, den Weltgeist im Griff zu haben, ist der Me- the Culture of Prediction. Chicago/London 2007.
teorologe Wissenschaftler, wagt nur Kurzfristprog- Fleming, James Roger: Fixing the Weather. The Checkered
nosen und hält die Welt für undurchschaubar. In History of Weather and Climate Control. New York/
diesem Sinne plädiert er für eine meteorologische Chicester 2012.
Geschichtsbetrachtung. Sowohl in Tanja Dückers ’ Golinski, Jan: British Weather and the Climate of Enligh-
tenment. Chicago/London 2007.
Himmelskörper (2003) als auch in Hans Joachim
Guldin, Rainer: Die Sprache des Himmels. Eine Geschichte
Schädlichs Anders (2003) untersuchen Meteorolo- der Wolken. Berlin 2006.
gen die deutsche Nazi-Vergangenheit. Beide Ro- Janković, Vladimir: Reading the Skies. A Cultural History
mane erproben dabei eine Betrachtungsweise, die of English Weather 1650–1820. Chicago/London 2000.
die Grausamkeiten wie etwas, das sich zufällig er- Klettke, Cornelia/Maag, Georg (Hg.): Reflexe eines Um-
eignet hat, ansehen. Sie verweigern sich einem welt- und Klimabewusstseins in fiktionalen Texten der
sinnhaften Geschichtslauf. Mit Normalisierungs- Romania. Eigentliches und uneigentliches Schreiben zu
einem sich verdichtenden globalen Problem. Berlin 2010.
mechanismen relativieren sie die Singularität der Kuhlmann, Thomas: Vermenschlichte Natur. Zur Bedeu-
Verbrechen. Beide Romane stellen die Frage nach tung von Landschaft und Wetter im englischen Roman
einer historisch angemessenen Ästhetik zur Dar- von Ann Radcliffe bis Thomas Hardy. Tübingen 1995.
stellung des Dritten Reichs. Postmoderner nehmen Monmonier, Mark: Air Apparent. How Meteorologists
David Mitchells Cloud Atlas (2004) und Silvio Hu- Learned to Map, Predict and Dramatize Weather. Chi-
onders Valentinsnacht (2006) die meteorologische cago/London 1999.
Nebeker, Frederik: Calculating the Weather. Meteorology
Geschichtsbetrachtung auf, indem sie ein ironi-
in the 20th Century. San Diego u. a. 1995.
sches Spiel damit treiben, ob nicht scheinbarer Zu- Reed, Arden: Romantic Weather. The Climates of Cole-
fall doch auf einer nur noch nicht verstandenen hö- ridge and Baudelaire. Hanover, NH 1983.
heren Ordnung und Teleologie beruht. Sommerhalder, Mark: »Pulsschlag der Erde!« Die Meteo-
rologie in Goethes Naturwissenschaft und Dichtung.
Bern u. a. 1993.
Urs Büttner
101

2.8 Ökonomie

Was ist Ökonomie? zweiten Abschnitt Forschungsansätze, methodi-


sche Verfahren sowie zentrale Fragestellungen zu
Ökonomie (ein Begriff, der sich von griech. oikos, skizzieren.
›Haus‹, ableitet) bezeichnet diejenigen Einrichtun-
gen (wie Unternehmen, private Haushalte etc.) und
Handlungen (wie die Herstellung, Verteilung und Themen, Werke und Autor/innen
den Verbrauch von Gütern), die der planvollen De-
ckung des menschlichen Bedarfs dienen und über Die antiken Wirtschaftstheorien werden in der Re-
den Umgang mit (meist knappen) Ressourcen ent- gel dann rekonstruiert, wenn es um die traditions-
scheiden. Ökonomie und Literatur scheinen damit, reiche Abwertung von Geld- bzw. Tauschgeschäf-
zumindest auf den ersten Blick, zwei sehr unter- ten geht und um das vormoderne Konzept eines
schiedliche Kulturen zu sein und grenzen sich in subsistenzorientierten Wirtschaftens, das eng an
bestimmten Phasen deutlich voneinander ab. Ins- ethische Verhaltensmaßregeln einer guten Füh-
besondere die Genieästhetik und das Paradigma rung und an das ›ganze Haus‹ gebunden ist (Pro-
autonomer Kunst sorgen in der bürgerlichen Mo- duktion und ›Reproduktion‹ finden an einem Ort
derne seit etwa 1800 dafür, dass ökonomische Vor- statt). Dass (durch Zinsen) Geld aus Geld gewon-
gänge als krude Prosa, als das Andere der Kunst be- nen werden kann, kritisiert bereits Aristoteles in
griffen werden. Gleichwohl sind Wirtschaft und seiner Unterscheidung von Ökonomie und Chre-
Ökonomie eng aufeinander bezogen und wurden matistik, die in einer abwertenden Metaphorik als
als (feindliche) Schwestern bezeichnet (Hörisch widernatürlich und inzestuös gilt (Hörisch 1996,
1996, 21). 127 f.; Gernalzick 2000, 146). Zwischen gutem, tu-
Mit der Schnittstelle von Wirtschaft und Kunst gendhaftem und schlechtem Wirtschaften, das al-
haben sich zunächst marxistische und neo-marxis- lein auf Gewinn abzielt, unterscheidet seitdem eine
tische Ansätze beschäftigt, die davon ausgehen, Vielzahl von Texten, beispielsweise das mittelalter-
dass Ästhetik (als Phänomen des Überbaus) ein liche Versepos Der guote Gêrhart von Rudolf von
Produkt der ökonomischen Bedingungen (als Un- Ems, das Volksbuch Fortunatus (1509) über die
terbau) sei. Seit den 1960er Jahren setzen sich im Aufstiegsgeschichte eines Bürgers mithilfe eines
Anschluss daran die in England entstehenden Glückssäckels, Georg Wickrams utopischer Roman
Cultural Studies mit (Alltags-)Kulturen und ih- Von guten und bösen Nachbarn (1556) und Hans
ren  ökonomischen Voraussetzungen auseinander, Jakob Christoffel von Grimmelshausens Picaro-
beispielsweise mit dem Konsumenten als homo Roman Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
aestheticus, dessen Geschmacksbildung für Kauf- (1668).
entscheidungen zentral ist. Dem Verhältnis von Eine zentrale Debatte, die sich von der Frühen
Wirtschaft und Literatur widmet sich zudem der Neuzeit bis in die bürgerliche Moderne zieht und
vornehmlich in Nordamerika vertretene Economic literarisch reflektiert wird, beschäftigt sich mit dem
Criticism, der die Cultural Studies weiterentwickelt Eigennutz in seinem Verhältnis zum Gemeinwohl.
und sich zunehmend am New Historicism orien- Bereits 1564 verfasst Leonhard Fronsberger die
tiert. Dieser kulturwissenschaftliche Ansatz sowie Rechtfertigungsschrift Von dem Lob deß Eigen Nut-
die Diskursanalyse haben in den letzten Jahrzehn- zen, die egoistisches Wirtschaftshandeln zur Be-
ten für eine flexiblere Bearbeitung der Interferen- dingung eines prosperierenden Gemeinwohls er-
zen von Ökonomie und Literatur jenseits großer klärt. Eine ähnliche Argumentationsfigur entwi-
Erzählungen sowie für eine stärkere Historisierung ckelt Bernard Mandeville in seinem berühmten
des Untersuchungsgegenstandes gesorgt (vgl. Vogl Text The Fable of the Bees (1714) und legt Adam
2004). Smith seiner für den bürgerlichen Liberalismus
Im Folgenden werden zentrale Themen, Werke zentralen Metapher der unsichtbaren Hand zu-
und Autor/innen, die für die Verhandlungen zwi- grunde: Eine »invisible hand« sei, so formuliert er
schen Literatur und Wirtschaft einschlägig sind, in in The Wealth of Nations (1776) – einem Klassiker
historischer Chronologie vorgestellt, um in einem der Politischen Ökonomie –, für die Harmonie
102 2. Disziplinen

zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl verant- the entwirft neben gelingenden Modellen eines
wortlich, die nicht durch einen reglementierenden modernen Wirtschaftens zentrale Argumente ei-
Staat gefährdet werden dürfe. Adam Smith entwirft ner Kapitalismuskritik, die bis in die Gegenwart
einen analogen Menschentypus, den homo oecono- hinein virulent sind.
micus, der sich einem rationalistisch-ökonomi- Obgleich sich die Autor/innen des ausgehenden
schen Kalkül unterwirft und sich im Sinne von Mi- 18. Jh.s intensiv mit wirtschaftlichen Innovationen
chel Foucaults Konzept der Gouvernementalität und Theorien beschäftigen, zeichnet sich in dieser
selbst diszipliniert (Lottmann 2011, 54); den Be- Phase eine Abkopplung der ›beiden Kulturen‹
griff homo oeconomicus prägt Eduard Spranger in Kunst und Wirtschaft ab, die Pierre Bourdieu in
seiner Schrift Lebensformen (1914). Adam Smith Les règles de l ’ art. Genèse et structure du champ
setzt mit diesem Typus, der zu einer beliebten lite- litteraire (1992) für das 19. Jh. beschreibt und die
rarischen Figur geworden ist (Kirchgässner 2000, sich in der Romantik vorbereitet. Novalis beispiels-
Volkmann 2003), die Produktivität des arbeitenden weise diagnostiziert eine Distanzierung der Intel-
Menschen an die Stelle von (Boden-)Schätzen als lektuellen von ökonomisch-technischen Entwick-
Bedingung nationalen Reichtums. Die englische lungen (die er selbst im Bergbau zur Kenntnis
Literatur reagiert auf die sich im 18. Jh. abzeich- nimmt) und unterstützt diese Grenzziehung in sei-
nende Dominanz des Wirtschaftsdiskurses mit ei- nen literarischen Texten wie in dem Bildungsro-
ner Zunahme an ökonomischen Metaphern in man Heinrich von Ofterdingen (1800). Die Position
Aussagen über die persönliche Lebensführung, wie der früheren Forschung, die von einer prinzipiell
in Daniel Defoes Roman über ein autarkes Inselle- antiökonomischen Haltung der Romantiker aus-
ben, Robinson Crusoe (1719), besonders deutlich ging, wird gegenwärtig jedoch ausdifferenziert
wird (Barkhausen 1985, 75). (Saller 2007).
Die deutschsprachige Literatur des 18. Jh.s In der Literatur des 19. Jh.s dominiert eine Kapi-
nimmt die zunehmende Verwissenschaftlichung talismuskritik, die die sich professionalisierenden
der Wirtschaftslehren durch die Politische Ökono- Wirtschaftswissenschaften kaum mehr zur Kennt-
mie, zu der neben der Kameralistik die Physiokra- nis nimmt, schematisch zwischen gutem und
tie und der Liberalismus gezählt werden können, schlechtem Wirtschaften unterscheidet und diese
ebenfalls zur Kenntnis. So kann die Physiokratie, Grenzziehung insbesondere nach 1848 für die Re-
also die Überzeugung, allein der Boden sei pro- gulierung der Geschlechterordnung und des nation
duktiv und schaffe Wert, als politökonomischer building nutzt. Es entsteht ein binärer und damit
Ausdruck der Sturm und Dränger in den 1770er leicht popularisierbarer Produktivitätsdiskurs, der
Jahren bezeichnet werden (Mahl 1981, 207 f.). Jo- die Primärproduktion, also den Ackerbau, und das
hann Wolfgang Goethe, dessen Œuvre für die Handwerk von einer ›dekadent-schmarotzenden‹
Überlagerung von Wirtschaftswissen und Literatur Finanzwirtschaft abgrenzt, obgleich bereits Mitte
besonders aussagekräftig ist, löst sich in den 1790er des 19. Jh.s Landbesitzer ohne Kredit kaum mehr
Jahren von dieser Position durch die Beschäftigung handlungsfähig waren. Zentral ist in diesem Zu-
mit Adam Smith ab, dessen Hauptschrift über den sammenhang Gustav Freytags ›Bibel‹ des wirt-
Reichtum der Nationen sein Freund Georg Sarto- schaftsliberalistischen Bürgertums, der Bildungs-
rius 1794 übersetzt. In seinem Bildungsroman Wil- roman Soll und Haben (1855), der in einer Doppel-
helm Meisters Lehrjahre (1795/96) veranschaulicht biographie den ›guten‹ von einem ›schlechten‹,
Goethe das disziplinatorische Leistungsethos des ethnisch markierten Kapitalismus unterscheidet,
homo oeconomicus, das auf Askese, Opfer und Ent- das heißt die Geldgeschäfte sowie die Zerschlagung
sagung basiert, und in dem späteren Archivroman adeliger Güter auf eine jüdische Figur verschiebt,
Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagen- ähnlich wie in Oesers/Glaubrechts Das Volk und
den (1829) schildert er ein sich kapitalistisch aus- seine Treiber (1859), Fritz Reuters Das Leben auf
richtendes Landgut (Schößler 2002, 218 f.). Sein dem Lande (Ut mine Stromtid) (1862), Wilhelm
häufig zitierter 1. Akt aus Faust II warnt allerdings von Polenz ’ Der Büttnerbauer (1895) und Theodor
vor den Experimenten mit Papiergeld, wie sie John Fontanes Der Stechlin (1897). In der Phase des sich
Law in Frankreich wenig erfolgreich unternom- verschärfenden Antisemitismus wird ›das Schwe-
men hatte, und seine Münzgutachten sprechen sich ben‹, das ›Luftige‹ kapitalistisch-internationaler
gegen die Aufhebung der Golddeckung aus. Goe- Transaktionen dem ›Wurzelhaften‹ des Bodens
2.8 Ökonomie 103

und der Nation entgegengesetzt  – so die gängige macht bevorzugt den (selbst erlebten) Arbeitsalltag
Metaphorik – und Ersteres mit dem nervösen, in- (zum Beispiel von Sekretärinnen) sowie Prekarität
ternational engagierten ›Luftjuden‹ assoziiert (Berg bzw. die Pauperisierung durch (weibliche) Arbeit
2008). Antikapitalistische Argumente verbinden zum Gegenstand wie die Texte von Irmgard Keun,
sich mit antisemitischen und erklären den Kapita- Hans Fallada, Erich Kästner, Vicki Baum, Martin
lismus zur ›jüdischen Mentalität‹, wie prominent in Kessel, Rudolf Braune und anderen (Unger 2004),
Werner Sombarts Schrift Die Juden und das Wirt- während im Nationalsozialismus allem voran die
schaftsleben (1911). Die Börse als ausschließlich jü- industrielle Produktion verherrlicht wird.
disch markierte Institution wird zum Inbegriff des Auch die Autor/innen der ›revolutionären‹
hasardierenden Spiels bzw. einer skrupellosen Spe- 1960er Jahre thematisieren Arbeit, zum Beispiel
kulation und tritt (neben dem großen Kaufhaus) die Gruppe 1961 (Max von der Grün, Erika Runge)
zum Ausgang des 19. Jh.s in den Fokus einer Kapi- und der ›Werkkreis Literatur der Arbeitswelt‹ (u. a.
talismuskritik, die zugleich eine umfassende Mo- Erasmus Schöfer), der Textsammlungen wie Ein
dernekritik formuliert. Diese Tendenz zeigt sich in Baukran stürzt um. Berichte aus der Arbeitswelt
Fontanes ›Börsenroman‹ L ’ Adultera (1882) ebenso (1971) vorlegt. In der DDR greifen im Anschluss
wie in Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer an das Programm des Bitterfelder Weges (1959)
Familie (1901), Heinrich Manns antisemitischer verstärkt Arbeiter wie Werner Bräunig zur Feder.
Gesellschaftssatire Im Schlaraffenland (1900) und In den Texten der westdeutschen bürgerlichen Li-
ex negativo in deutsch-jüdischen Stadtromanen teraten geht es dabei weniger um Prekarität (wie in
(Schößler 2009), die die abwertenden Zuschrei- den 1920er Jahren), eher um Sinnentleerung
bungen ›jüdischen‹ Wirtschaftens durch be- (Heimburger 2010, 35), wie sich an Wilhelm Gena-
stimmte Negationen und die Ausdifferenzierung zinos Abschaffel-Trilogie (1977–1979) und an Mar-
der Argumente zu widerlegen versuchen. Umfas- tin Walsers Texten (Jenseits der Liebe, 1976; Seelen-
sende Produktivität, von der alle profitieren, sei arbeit, 1979; Brief an Lord Liszt, 1982) zeigen ließe.
beispielsweise nur durch einen globalen Geldfluss, In den 1990er Jahren knüpfen literarische Texte
wie ihn die Börse ermögliche, zu garantieren. über Wirtschaft häufig an die aktuelle soziologi-
Da sich das Wirtschaftswissen gegen Ende des sche Theoriebildung an, die die projektförmige Ar-
19. Jh.s mathematisiert, vermitteln und populari- beit der Gegenwart als neue Subjektivierungsform
sieren vor allem die Schriften der neu entstehenden und in Anlehnung an Michel Foucault als Selbst-
Soziologie ökonomische Konzepte, die sie im disziplinierung im Postfordismus beschreibt
Rückgriff auf literarische Quellen zum Lebensstil (Bröckling 2007). Zahlreiche Theatertexte seit
und zum Habitus ausweiten. Dazu gehören neben 1995 (Urs Widmer, Falk Richter, Kathrin Röggla
Georg Simmels Philosophie des Geldes (1900) Max etc.) und Romane (Georg M. Oswalds Alles was
Webers breit rezipierte Untersuchung Die protes- zählt; John von Düffels Ego; Martin Walsers Angst-
tantische Ethik und der Geist des Kapitalismus blüte; Ernst-Wilhelm Händlers Wenn wir sterben,
(1904/05), die auf Goethe sowie Gottfried Kellers der Joseph Alois Schumpeters Formel von der
Erzählung Die drei gerechten Kammmacher (1856) schöpferischen Zerstörung des Kapitalismus um-
zurückgreift und die Thomas Manns Konzeption setzt) beziehen sich auf soziologische Erkenntnisse
des (puritanischen) Leistungsbürgers in den Bud- und erklären meist die Top Dogs, Banker und Tra-
denbrooks zumindest auf den ersten Blick ähnelt, der zu den Sündenböcken der Krise. Sie setzen da-
zudem Werner Sombarts wirtschaftshistorische mit eine Tradition der deutschsprachigen Literatur
Ausführungen, die an Honoré de Balzacs Romanen fort, die, anders als die englischsprachige, kaum
geschult sind. positive Unternehmerfiguren kennt.
In den 1920er und 1930er Jahren steht vor-
nehmlich Arbeit im Zentrum der literarischen
Produktionen, vielfach im Anschluss an Siegfried Forschungspositionen
Kracauers dialektisch konzipierte Reportage Die
Angestellten (1930); dieses Thema greift die Arbei- Die Literaturwissenschaft kann sich, um die
terliteratur allerdings bereits seit etwa 1850 auf Schnittstellen zwischen Ökonomie und Kunst frei-
(Heimburger 2010, 29). Die am Journalismus ge- zulegen, auf unterschiedliche Bereiche und Me-
schulte middle brow literature der 1920er Jahre thoden konzentrieren. Sie kann die literarische
104 2. Disziplinen

Produktion unter den Bedingungen des Marktes Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusam-
untersuchen, also die Wirtschaft als Umwelt der menhang die Goldbindung (Michaels 1987) und
Literatur, beispielsweise die Entstehung des Buch- die Aufgabe des Goldstandards, die in fundamen-
marktes im 18. Jh. (Wegmann 2002) bis hin zum taler Weise die Frage nach Fiktionalisierung und
Literaturmarketing. Zudem können die finanziel- Symbolisierung stellt, also die Arbitrarität und
len Praktiken eines Autors/einer Autorin in den Konventionalität von Wert ins Bewusstsein rückt.
Blick rücken und in Hinsicht auf ihre Gender- und Das erhöhte Fiktionalitätsbewusstsein, das mit der
Ethnizitätsimplikationen untersucht werden. Da- Aufkündigung der Golddeckung entsteht, kann zu-
bei reflektieren Literat/innen ihre ökonomische dem auf das Papiergeld zurückgeführt werden, des-
Situation sowie die Entwicklung des Buchmarkts sen massenhaftes Aufkommen den literarischen
zuweilen in ihren Texten wie beispielsweise Wil- Realismus und eine Krise der Repräsentation be-
helm Hauff in Die Bücher und die Lesewelt (1826) dingt habe (Vernon 1984). Denn auch das Papier-
und Georg Weerth in Humoristische Skizzen aus geld problematisiert Symbolisierungsverfahren
dem deutschen Handelsleben (1847/48), einer Sa- und Bedeutungsstiftung, weil diese von dem dezi-
tire auf die Ökonomie als Poesie (Neuhaus 2010, sionistischen Akt einer Autorität, einer Staats-
102). macht, abhängt, ähnlich wie ein/e Autor/in die Be-
Etwas anders angelegt sind die kulturwissen- deutung seines/ihres Textes zu fixieren versucht.
schaftlichen und diskursanalytischen Untersu- Entsprechend wurde das Kreditgeschäft, das auf
chungen zu ökonomischen Themen in der Litera- Glauben basiert (credere = »glauben«), auf das
tur, die sich meist an Leitbegriffen wie Geld, Schreiben übertragen, denn ein/e Autor/in muss
Tausch, Markt oder dem homo oeconomicus orien- ebenfalls kreditwürdig sein und bedarf des Ver-
tieren. Diese Studien entfalten in der Regel Struk- trauens seiner/ihrer Leser/innen. Gemeinsam ist
turhomologien, zum Beispiel zwischen Ökonomie diesen Positionen die Überzeugung, dass das Wirt-
und Medizin (Koschorke 1999), Geld und Komö- schaftssystem einschlägige Modelle für Tausch,
die (Fulda 2005), Geld und Ästhetik oder Kredit Schuld und Wert liefert, die sich in die selbstrefe-
und Kunst (Blaschke 2001). Eine ganze Reihe von rentielle Sprache der Literatur übersetzen lassen.
Studien aus den USA beschäftigt sich seit den Nach Martha Woodmansee und Mark Osteen, die
1970er Jahren im Anschluss an die Cultural Studies die neueren Tendenzen des Economic Criticism
mit den Analogien von Geld, Bewusstsein und dokumentiert haben, können zudem intertextuelle
Sprache wie Kurt Heinzelmanns The Economics of Referenzen als Anleihen, Schreiben als Schulden-
Imagination. Auch Marc Shell geht in The Economy machen aufgefasst werden (1999, 14 f.). Allerdings
of Literature (1978) der Gleichursprünglichkeit von müssten die Gefahren und die Reichweite dieser
abstraktem Denken und Geld nach, die sich bereits Analogiebildungen und Metaphorisierungen, mit-
bei Platon andeutet und die der lange Zeit igno- hin die Grenzen der interdisziplinären Vernetzung
rierte Nationalökonom und Wirtschaftssoziologe gleichfalls überdacht werden (ebd.).
Alfred Sohn-Rethel (1899–1990) ebenfalls betont. Einen weiteren Themenkomplex stellt das Kon-
Diese Studien gehen deshalb von einem konstituti- zept der Gabe dar, das die ethnologische Forschung
ven Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Li- zum Potlatsch (Marcel Mauss) als anökonomi-
teratur aus, weil beides auf Repräsentation basiert, schen Vorgang oder als reine Verschwendung
auf einem tropologischen Procedere, das das Eine (Georges Bataille) konzeptualisiert hat. Die neuere
an die Stelle des Anderen treten lässt. Dieser Argu- Forschung begreift die Gabe jedoch als Tauschvor-
mentation nach ist ein Text (als Symbolkomplex) gang, der Ambivalenzen und flexible Transforma-
per se ökonomisch, auch wenn er inhaltlich nicht tionen zwischen Gaben und Waren entstehen lässt
davon handelt. Weil Geld und Schriftzeichen prin- und mithilfe der Material Studies untersucht wer-
zipiell für etwas anderes stehen, lassen sich auch den kann. Die Literatur erweist sich dabei als reich-
nach Jean-Joseph Goux, der die Konzepte Freuds haltiges Spielfeld für ›giftige Gaben‹ und ihre Meta-
und Lacans mit Marx zu synthetisieren versucht, morphosen (Ecker 2008).
Waren und Zeichen analogisieren. Die Sprache sei An den kulturwissenschaflichen Kontextualisie-
ein Tauschgeschäft, das Signifikat der Gebrauchs- rungen des Marktes und dem linguistic turn beteili-
wert, der Signifikant der Tauschwert – eine Gleich- gen sich die Wirtschaftswissenschaften selbst, die
setzung, die jedoch auch kritisiert wurde. sich in einer antiessentialistischen Wende für die
2.8 Ökonomie 105

Rhetorik des Ökonomischen interessieren und ein- wendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
schlägige Erklärungsmuster als kulturelle Kon- Tübingen 22000.
struktionen ausweisen. So wird die Figur des iso- Koschorke, Albrecht: Körperströme und Schriftverkehr.
Mediologie des 18. Jahrhunderts. München 1999.
liert agierenden homo oeconomicus als Prototyp
Lottmann, André: Arbeitsverhältnisse. Der arbeitende
weißer westlicher Männlichkeit dekouvriert und Mensch in Goethes ›Wilhelm Meister‹-Romanen und in
mit Altruismus- bzw. Solidaritätskonzepten kon- der Geschichte der Politischen Ökonomie. Würzburg
frontiert (Woodmansee/Osteen 1999, 193 f.). Die 2011.
Forschung konzentriert sich zudem auf die Bruch- Mahl, Bernd: Goethes ökonomisches Wissen. Grundlagen
stellen der beliebten Rationalitätsmodelle und un- zum Verständnis der ökonomischen Passagen im dichte-
tersucht bevorzugt Krisen sowie Paniken (ebd., rischen Gesamtwerk und in den ›Amtlichen Schriften‹.
Frankfurt a. M. 1982.
210 f.). Die Critical Economics arbeiten also eben-
Michaels, Walter Benn: The Gold Standard and the Logic
falls an einer ›Resozialisierung‹ und Historisierung of Naturalism. American Literature at the Turn of the
des Ökonomischen, an seiner Integration in sozio- Century. Berkeley/Los Angeles/London 1987.
kulturelle Kontexte. Die Extrapolation von Wirt- Neuhaus, Stefan: »Soll und Haben: Literarisches und öko-
schaftspraktiken aus dem sozialen Raum wird zu- nomisches Feld im 19. Jahrhundert«. In: Sieglinde
rückgenommen und der Markt als Ort symboli- Klettenhammer (Hg.): Literatur und Ökonomie. Inns-
scher Operationen begriffen. bruck 2010, 90–109.
Saller, Reinhard: Schöne Ökonomie. Die poetische Refle-
xion der Ökonomie in frühromantischer Literatur.
Literatur Würzburg 2007.
Barkhausen, Jochen: »Ökonomische Metaphern in der Schößler, Franziska: Goethes ›Lehr‹- und ›Wanderjahre‹.
englischen Literatur der Aufklärung«. In: Theo Eine Kulturgeschichte der Moderne. Tübingen 2002.
Stemmler (Hg.): Ökonomie. Sprachliche und literari- Schößler, Franziska: Börsenfieber und Kaufrausch: Öko-
sche Aspekte eines 2000 Jahre alten Begriffs. Tübingen nomie, Judentum und Weiblichkeit bei Theodor Fon-
1985, 69–83. tane, Heinrich Mann, Thomas Mann, Arthur Schnitzler
Berg, Nicolas: Luftmenschen. Zur Geschichte einer Meta- und Émile Zola. Bielefeld 2009.
pher. Göttingen 2008. Shell, Marc: The Economy of Literature. Baltimore/Lon-
Blaschke, Bernd: Der ›homo oeconomicus‹ und sein Kredit don 1978.
bei Musil, Joyce, Svevo, Unamuno und Céline. Berlin Unger, Thorsten: Diskontinuitäten im Erwerbsleben. Ver-
2001. gleichende Untersuchungen zu Arbeit und Erwerbslosig-
Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie keit in der Literatur der Weimarer Republik. Tübingen
einer Subjektivierungsform. Frankfurt a. M. 2007. 2004.
Ecker, Gisela: ›Giftige‹ Gaben. Über Tauschprozesse in der Vernon, John: Money and Fiction. Literary Realism in the
Literatur. München 2008. Nineteenth and Early Twentieth Century. Ithaka/Lon-
Fulda, Daniel: Schau-Spiele des Geldes. Die Komödie und don 1984.
die Entstehung der Marktgesellschaft von Shakespeare Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökono-
bis Lessing. Tübingen 2005. mischen Menschen. Zürich/Berlin 2004.
Gernalzick, Nadja: Kredit und Kultur. Ökonomie und Volkmann, Laurenz: Homo oeconomicus. Studien zur Mo-
Geldbegriff bei Jacques Derrida und in der amerikani- dellierung eines neuen Menschenbilds in der englischen
schen Literaturtheorie der Postmoderne. Heidelberg Literatur vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert. Hei-
2000. delberg 2003.
Heimburger, Susanne: Kapitalistischer Geist und literari- Wegmann, Thomas: Tauschverhältnisse. Zur Ökonomie
sche Kritik: Arbeitswelten in deutschsprachigen Gegen- des Literarischen und zum Ökonomischen in der Litera-
wartstexten. München 2010. tur von Gellert bis Goethe. Würzburg 2002.
Hörisch, Jochen: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes. Woodmansee, Martha/Osteen, Mark (Hg.): The New Eco-
Frankfurt a. M. 1996. nomic Criticism. Studies at the Intersection of Literature
Kirchgässner, Gebhard: Homo Oeconomicus. Das ökono- and Economics. London/New York 1999.
mische Modell individuellen Verhaltens und seine An- Franziska Schößler
106

2.9 Pädagogik

Was ist Pädagogik? chungen entscheiden, ob sie pädagogisches Wissen


als Resultat einer der grundlegenden zivilisatori-
Der aus griech. país, ›Kind‹ und ágein, ›führen‹ ge- schen Kulturtechniken betrachten, zu denen auch
bildete Name der heute zumeist als Erziehungs- Kunstwerke als Resultat, Medium oder Ziel von Er-
oder Bildungswissenschaft geführten Disziplin ziehung zählen; oder ob sie dieses Wissen der Ent-
verweist ursprünglich auf die Heranführung jun- fremdung von einer wie immer gearteten mensch-
ger Knaben an die Philosophie, etwa im Rahmen lichen ›Natur‹ durch »Selbstzwang« (Norbert Elias)
der platonischen Akademie und ihrer als Geburts- zurechnen, die ästhetische Diskurse bzw. deren
hilfe metaphorisierten ›mäeutischen‹ Methodik. Analyse kritisch offenzulegen und zu reflektieren
Bedingung für das Aufkommen pädagogischer hätten.
Theorien in der Neuzeit war einerseits die »Entde-
ckung der Kindheit« (Philippe Ariès), andererseits
die Ersetzung der theologischen Vorstellung vom Geschichte und Theorie der Erziehung
Menschen als Ebenbild Gottes durch diejenige von
seiner »Perfektibilität« (Gottfried Hornig). Als wis- Schon Erziehungstheoretiker der Aufklärung dis-
senschaftliche Methode existiert die Lehre von der kutieren die damit angesprochene Relation zwi-
Erziehung seit der Großen Didaktik des Johann schen ›natürlichem‹ Erziehungsziel und ›kulturel-
Amos Comenius von 1657, als akademisch etab- len‹ Erziehungstechniken  – und also zwischen
liertes Fach im deutschsprachigen Raum seit der moralischer Freiheit und vernünftiger Selbstbe-
Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Pädagogik an stimmung auf der einen sowie Notwendigkeit von
der Universität Halle 1779. Diese Einrichtung steht Anleitung und Verstellung, wenn nicht gar
im Zusammenhang mit der Ablösung des traditio- »Zwang« (Kant 1803/1968, 453), auf der anderen –
nellen Modells einer »Kinder-Zucht« bzw. des La- als Paradoxie. Anschaulicher Beleg für dieses wi-
teinschulunterrichts durch die reformpädagogi- dersprüchliche Verhältnis von Autonomie und He-
schen ›philanthropischen‹ Programme der Aufklä- teronomie ist die in der Spätaufklärung aufkom-
rung. An deren Stelle tritt dann im Rahmen des mende reformpädagogische Bewegung, die ihre
Neuhumanismus wiederum das Konzept einer philanthropischen Ideale in Gestalt eines experi-
›Bildung‹ des Menschen im körperlichen wie geis- mentartigen Kontrollsystems der Zöglinge zu reali-
tigen Sinne, etwa bei Wilhelm von Humboldt sowie sieren versucht, so dass bereits zeitgenössische Kri-
der anschließenden Universitäts- und Schulreform tiker wie Johann Gottfried Herder von einem
(Luhmann 1981) – eine fortschrittliche Vorstellung »Treibhaus« bzw. einem »Stall voll Menschlicher
von der Erziehung autonomer Individuen, die al- Gänse« sprechen (vgl. Brenner/Kemper, Bd. 1,
lerdings den disziplinarischen Auswüchsen der 2001). Voraussetzung für derartige »Experimental-
»schwarzen Pädagogik« in den bürgerlichen Ge- schulen« (Kant 1803/1968, 455) sind sensualisti-
sellschaften des 19. Jh.s weniger entgegensteht, als sche Positionen in England (John Locke) und
dass diese sich als deren dialektische Kehrseite er- Frankreich (Étienne Bonnot de Condillac), die an
weist. Wie die historischen Analysen von Michel die Stelle eines Glaubens an angeborene Charakter-
Foucault (1976) oder Katharina Rutschky (1977) züge die Prägung jedes Individuums durch Sinnes-
gezeigt haben, geht das Programm der Erziehung eindrücke und Umwelteinflüsse behaupten sowie
bürgerlicher Subjekte mit deren körperlicher Diszi- in anschaulichen Gedankenexperimenten wie
plinierung, moralischer Erpressung, institutionel- demjenigen gänzlich isoliert aufwachsender Kin-
ler Überwachung und wissenschaftlich-ökonomi- der zu plausibilisieren versuchen. Die Vorstellung
scher Ausbeutung  – und also im Sinne der ur- einer solchen ›negativen‹ Erziehung ist zugleich
sprünglichen Wortbedeutung von subicere ihrer aber auch Bezugspunkt der entgegengesetzten, von
Unterwerfung – einher. Entsprechend dieser Alter- Jean-Jacques Rousseau (1762/1963, 213) vertrete-
native zwischen einer humanistischen und einer nen Position, der zufolge der Mensch von Geburt
ideologiekritischen Perspektive auf Erziehung kön- an gut sei und durch kulturelle Einflüsse wie dem-
nen sich auch literaturwissenschaftliche Untersu- jenigen der Erziehung nur Schaden nehmen könne.
2.9 Pädagogik 107

Auf dieser Grundlage ergibt sich eine weitere Para- als Kommunikationssystem (Luhmann 2008), phä-
doxie, da die zu vermeidende pädagogische Kon- nomenologische Hinterfragungen eines bloß idea-
trolle bei Rousseau selbst kontrolliert werden listischen, leibliche Erfahrungen ignorierenden
(Rutschky 1977, XXIX) und also eine Erziehungs- Autonomiepostulats (Meyer-Drawe 2000) oder der
instanz vorgesehen werden muss, deren Leistung Hinweis auf die Bedeutung kultureller Mimesis für
im »Nichtstun« besteht (Rousseau 1762/1963, die Entwicklung des Individuums entgegen (Geu-
264). len 2007). Auch Ansätze der Actor-Network-The-
Der Zusammenhang von Erziehung und Kont- ory könnten Hinweis darauf geben, die Hierarchie
rolle erlebt aber im Rahmen der autoritären Erzie- von Erzieher und Zögling aufzulösen und Letzte-
hungsmethoden des 19. Jh.s eine wesentlich weni- ren als Agenten seines eigenen Entwicklungspro-
ger verborgene Blüte, die sich nicht nur im System zesses aufzuwerten (Latour 2007). Gegenwärtig
patriarchaler Züchtigung, sondern auch in den bi- werden in der Pädagogik Fragen der frühkindli-
zarren Apparaturen zur Schulung der Körperhal- chen Bildung und Einsatzmöglichkeiten ethnogra-
tung und Vermeidung unsittlicher Betätigungen phischer Methoden diskutiert (Roswitha Staege);
eines Daniel Gottlob Moritz Schreber (Kallipädie, gesellschaftlich stehen Erziehungsfragen außerdem
1885) niederschlägt. Das bürgerliche Erziehungs- im Zentrum von Debatten über alternative Mo-
system in Kernfamilie und staatlicher Schule ge- delle zur bürgerlichen Familie, die Folgen der
hört auf diese Weise zum Ensemble derjenigen jüngsten Reformen von Schulen und Hochschulen,
»Verhaltenslehren der Kälte«, die Helmut Lethen Konzeptionen lebenslangen Lernens sowie die ste-
(1994) für die ökonomische, technisierte und mili- tig anwachsenden und ausdifferenzierten Heraus-
taristische Kultur emotionsloser Distanz der forderungen an die Medienpädagogik.
1920er und 1930er Jahre festgestellt hat. Ihre trau- Diese Geschichte des Wissens von der Erzie-
matischen Folgen bilden auch den Einsatzpunkt hung ist auf drei Ebenen mit der Geschichte der Li-
für Sigmund Freuds psychoanalytischen Blick auf teratur verbunden: Erstens sind literarische Texte
pädagogische Verdrängungsmechanismen, wäh- bzw. Kompetenzen Lernziel und Hilfsmittel von
rend die akademisch institutionalisierte Erzie- Erziehungsprozessen; zweitens bedient sich der pä-
hungswissenschaft zeitgleich um experimentelle dagogische Diskurs textueller bzw. fiktionaler For-
(Ernst Meumann), entwicklungspsychologische men, die – insbesondere in Gestalt des modernen
(Erik Erikson, Jean Piaget) und behavioristische Romans – auf die Literatur zurückgewirkt und eine
(John B. Watson, Burrhus F. Skinner) Ansätze er- genuine ästhetische Ausformung erfahren haben;
weitert wird. Insbesondere dem Behaviorismus ist und drittens kommt es in pädagogischen Traktaten
das Programm einer gezielten Verbesserung von und literarischen Texten zugleich zum Einsatz von
Kindern durch Konditionierung zum sozialver- Gedankenexperimenten über die Entwicklung ei-
träglichen Verhalten eingeschrieben. Aber auch nes Menschen und also zu einer Pädagogik und Li-
psychoanalytisch ausgerichtete Erziehungskon- teratur verbindenden Denkfigur.
zepte führen seit den 1920er Jahren zur Einrich-
tung utopischer, nun allerdings antiautoritär ge-
prägter, Schulformen (Wera Schmid, Siegfried Lesenlernen und Kinderliteratur
Bernfeld, A.S. Neill). Während diese wegen ihrer
angeblichen Förderung frühkindlicher Sexualität In den ersten Bereich, der Literatur als Gegenstand
regelmäßig in die konservative Kritik gerieten, ent- der Pädagogik begreift, gehören zunächst der Er-
wickelt sich in den 1960er Jahren unter dem werb von Lese- und Schreibkompetenzen, die als
Schlagwort ›Antipädagogik‹ (Ekkehard von Braun- »Elementarunterricht« bis heute den Beginn einer
mühl) eine linke Kulturkritik des Erziehungssys- im eigentlichen Sinne schulischen Erziehung bil-
tems, die alle pädagogischen Praktiken und Ein- den und beginnend mit Comenius ’ Orbis sensua-
richtungen als Ursache für die traumatischen lium pictus (1658), im breiten Umfang allerdings
Angst- und Gewalterfahrungen der Moderne ent- erst im Rahmen der Alphabetisierungskampagne
larvt. Diesem Gestus einer Dekuvrierung von Er- des 18. Jh.s, Kern und Anfangsgrund der Pädago-
ziehung als Technologie der Macht stehen in jünge- gik bilden. In diesen Bereich gehört auch die Ent-
rer Zeit pragmatische Perspektiven wie die soziolo- wicklung einer eigenständigen Literatur für Kinder
gische Modellierung der Lehrer-Kind-Interaktion (Zipes 2006), die ihren Einsatz in Deutschland
108 2. Disziplinen

1779 mit der Bearbeitung von Daniel Defoes Ro- sich zunächst der moralischen Erziehung und Ehe-
binson Crusoe durch den Reformpädagogen Jo- vorbereitung des ›Backfischs‹ widmet und bis in
hann Heinrich Campe hat, durch die von Jakob das 20. Jh. erfolgreiche Romane (z. B. Heidi; Der
und Wilhelm Grimm gesammelten Kinder- und Trotzkopf) und Reihen (z. B. Nesthäkchen; Hanni
Hausmärchen (1812/1815) oder Adalbert Stifters und Nanni) hervorgebracht hat. Als Sozialisations-
Sammlung von Erzählungen über (und vorgeblich geschichten für Jungen stehen dem etwa die Ro-
auch für) Kinder Bunte Steine (1853) ihre Fortset- mane von Karl May oder die beiden Emil-Bände
zung findet, in Gestalt von Bildergeschichten wie von Erich Kästner zur Seite. An die Stelle pädago-
Friedrich Hoffmanns Struwwelpeter (1845) aber gischen Wissens treten hier allerdings topische
stets auch Medium einer schwarzen Pädagogik ist. Adoleszenzverläufe und Geschlechterrollen, deren
Begleitet wird die didaktische Kinderliteratur von Funktion weniger in einer Reflexion als in einer
einem Diskurs, der vor dem schädlichen Einfluss Kanalisierung gängiger Erziehungsmethoden zu
ungeeigneter, weil sinnlich erregender Texte warnt. sehen ist. Die aktuelle Jugendliteratur reflektiert
Daraus folgt – aus religiösen Gründen, wie z. B. in Erziehung wieder vornehmlich hinsichtlich ihrer
Karl Philipp Moritz ’ Anton Reiser (1785–1790), aus institutionellen Perspektive, am erfolgreichsten in
kulturkritischen wie in Jean-Jacques Rousseaus Gestalt der siebenbändigen Harry Potter-Reihe von
Emile (1762) oder aus medizinischen wie in Si- J.K. Rowling (1997–2007), räumt aber ebenfalls
mone-Auguste Tissots Traktat L ’ onanisme (1774) – Anspielungen an die topische Vertrautheit der In-
die pädagogische Zensur von Literatur und »Lese- ternatskultur mehr Gewicht ein als einem explora-
sucht«. Sie existiert in Gestalt des Jugendschutz- tiven oder kritischen Blick auf pädagogische Prob-
Paragraphen bis ins 21. Jh. fort, wird im Zuge der leme.
Etablierung neuer Medien aber von der Literatur
auf Film, Fernsehen, das Internet sowie Video-
spiele übertragen. Erziehungstraktat und Bildungsroman
Folgt man den medienhistorischen Überlegun-
gen Friedrich Kittlers (1998), so liegt bereits dem Zum zweiten Bereich, dem pädagogischen Diskurs
klassischen humanistischen Literaturbegriff ein der Literatur, gehören zunächst erziehungswissen-
pädagogisches Phantasma zugrunde: Die moderne schaftliche Fallberichte, Traktate, Lehrbücher so-
Definition von Dichtung als Produkt der Einbil- wie Erziehungsratgeber, die sich in mehrerlei Hin-
dungskraft beruht demzufolge auf der Imagination sicht literarischer Formen bedienen (Korte 2003):
einer mütterlichen Stimme, die die konkrete Mate- Das betrifft rhetorische Verfahren der Anschau-
rialität des Buchmediums vergessen machen soll lichkeit seit Comenius (Orbis sensualium pictus,
und literarische Produktion auf die Sphäre der bür- 1658), narrative Entwürfe eines idealen Erzie-
gerlichen Kleinfamilie bezieht. Diese Urszene be- hungsverlaufs bei Rousseau (Emile, 1762), Samm-
gründe auch die zentrale Position, die der Literatur lungen pädagogischer Fallgeschichten, wie sie etwa
in didaktischen Konzeptionen weiterführender Johann Carl Wezel für die Zeitschrift Pädagogische
Schulen im 19. Jh. zukommt. Insbesondere das hu- Unterhandlungen einfordert (Ȇber die Erzie-
manistische Gymnasium stellt den Literaturunter- hungsgeschichten«, 1778), didaktische Romane
richt ins Zentrum seines Bildungskonzepts und wie Johann Jakob Engels Herr Lorenz Stark (1795),
trägt durch diese Abgrenzung von der naturwis- literarisierte Erziehungslehren bei Johann Heinrich
senschaftlich-technischen Ausbildung nicht nur Pestalozzi (Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, 1801;
zur Etablierung der ›zwei Kulturen‹ bei, sondern Lienhard und Gertrud, 1801–1807), aber auch von
auch zur Kanonisierung der für den entsprechen- literarischen Autoren verfasste theoretische Grund-
den Unterricht als geeignet erscheinenden klassi- legungen wie Jean Pauls Levana oder Erziehlehre
schen Werke (z. B. Friedrich Schillers) sowie zu (1806) und Adalbert Stifters pädagogische Schrif-
Programmen einer expliziten Nationalpädagogik ten. Zugleich reflektiert die Literatur pädagogische
(z. B. bei Hermann Nohl, vgl. Becker/Kluchert Programme wie z. B. den Philanthropismus auf
1993). satirische Weise – etwa in Johann Carl Wezels Die
Daneben steht die seit der Mitte des 19. Jh.s in Erziehung der Mohavi (1777), Johann Gottlieb
Familienzeitschriften (z. B. Das Kränzchen, 1899– Schummels Spitzbart. Eine komisch-tragische Ge-
1934) begründete Karriere der Jugendliteratur, die schichte für unser pädagogisches Jahrhundert (1779)
2.9 Pädagogik 109

oder Heinrich von Kleists Allerneuester Erziehungs- (1951) bis zu Benjamin Leberts Crazy (1999) und
plan (1811). Die pädagogische Literatur entwickelt Wolfgang Herrndorfs tschick (2010).
sich auf diese Weise im Laufe des 18. Jh.s von zu- Die Karriere solcher Entwicklungsromane ist
nächst auf moralisches, höfliches und bürgerliches für die Geschichte der Pädagogik insofern relevant,
Verhalten ausgerichteten didaktischen Texten zu als die zentralen Konzepte der Individualität, der
Szenarien, innerhalb derer die Kontroll-, Steue- Subjektivität und der Autonomie hier exemplarisch
rungs- und Verbesserungsphantasmen der Aufklä- postuliert und entfaltet werden. Indem sie traditio-
rung durch Überspitzung ad absurdum geführt nelle Konzeptionen biologischer Lebensaltersstu-
werden. Dabei kann, wie insbesondere Kleists Ver- fen oder kultureller Initiationsriten dieser – ihrer-
gleich der Interaktion zwischen Lehrer und Zög- seits gleichermaßen biologischen wie kulturellen –
ling mit elektrophysikalischen Reaktionen nahe- Semantik von ›Bildung‹ und ›Entwicklung‹
legt, auch der Wissenschaftsanspruch der Pädago- subsumieren (Titzmann 2002), ist die Romange-
gik im Ganzen infrage gestellt werden. schichte des 19. Jh.s Schauplatz der diskursiven
Eine genuin literarische Pädagogik, also eine Etablierung von ›Jugend‹ als zentraler Lebens-
Konzeption, die auf die Erziehung autonomer Bür- phase, wie sie sich auch literarische Bewegungen
ger durch die Kunst abzielt, liegt dagegen mit Gott- von der Romantik (Oesterle 1997) über das ›Junge
hold Ephraim Lessings Theaterkonzept zur Ausbil- Deutschland‹ bis zum ›Jugendstil‹ der klassischen
dung eines empathischen bürgerlichen Publikums Moderne aneignen. In deren Ästhetizismus mün-
(Hamburgische Dramaturgie, 1767–1769), vor al- det auch die ebenfalls seit der Romantik zu beob-
lem aber Friedrich Schillers Utopie einer »ästheti- achtende Tendenz des Bildungs- zum Künstlerro-
schen Erziehung« (1795) vor, die das anthropologi- man, der den Zusammenhang von Erziehung und
sche Programm einer Erziehung zur Freiheit auf Literatur in der Figur einer selbstreferentiellen
das Ziel eines schönen Staats ausweitet, zu dem die Schließung festigt, insofern die Thematisierung
Menschheit durch die Ausbildung ihres ästheti- der Entwicklung eines Individuums im literari-
schen Spieltriebs geführt werde. Schließlich sind schen Kunstwerk als Entwicklung des betreffenden
Erziehungskonzepte das zentrale Strukturelement Individuums zum (bei Novalis dichtenden, bei Kel-
des modernen Romans, der im 18. Jh. durch Chris- ler malenden, in Thomas Manns Dr. Faustus kom-
toph Martin Wieland (Agathon, 1766/67), Johann ponierenden) Künstler erfolgt.
Carl Wezel (Hermann und Ulrike, 1780), Karl Phil- Neben diesem Narrativ einer ästhetischen Indi-
ipp Moritz (Anton Reiser, 1785–90), Johann Wolf- vidualerziehung beobachtet der Bildungsroman
gang Goethe (Wilhelm Meisters Lehrjahre, vor allem die institutionelle Struktur pädagogi-
1795/96), Jean Paul (Titan, 1800) oder Novalis scher Programme, so etwa in Gestalt der »Turmge-
(Heinrich von Ofterdingen, 1801) als Entwick- sellschaft« und ihres Archivs von »Schriftrollen« in
lungs-, Erziehungs- und Bildungsroman begründet Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Wie Friedrich
wird. Seine Fortführung findet dieses Genre im Kittler (1977) gezeigt hat, ist ›Bildung‹ hier kein
19. Jh. als Lebensgeschichte des Künstlers bei Gott- idealistisches Konzept der Menschenveredelung,
fried Keller (Der grüne Heinrich, 1854/55), des sondern Epiphänomen der Medientechnik eines
Kaufmanns bei Gustav Freytag (Soll und Haben, »Schriftenarchivs«, das der Roman ausdrücklich
1844) oder des Wissenschaftlers bei Adalbert Stif- thematisiert, in das er sich als literarische Erzie-
ter (Nachsommer, 1857), aber auch in Karl Gutz- hungsgeschichte aber zugleich auch selbst einfügt.
kows pädagogischen Romanen (Blasedow und Aus dieser Kontextualisierung folgt auch, dass der
seine Söhne, 1838; Die Söhne Pestalozzis, 1870) oder von Karl Morgenstern 1819 geprägte Gattungstitel
Gustave Flauberts Éducation sentimentale (1869). »Bildungsroman« bereits in seiner prototypischen
Beginnend mit Robert Musil (Die Verwirrungen Ausformung bei Goethe keineswegs mit einem
des Zöglings Törleß, 1906) und Marcel Proust (À la utopischen Narrativ gelingender Selbstverwirkli-
recherche du temps perdu, 1913–1922) mündet die chung oder der Hegelschen Romantheorie von der
Gattungsgeschichte in diverse Institutionen- und Versöhnung des Individuums mit der gesellschaft-
Adoleszenzromane – von Heinrich Manns Profes- lichen Umständen gleichgesetzt werden darf. Auch
sor Unrat (1904) und Hermann Hesses Unterm Rad und gerade Bildungsgeschichten werden als frag-
(1906) über Friedrich Torbergs Der Schüler Gerber mentarische und mehrdeutige Lebensläufe erzählt,
(1930) oder J.D. Salingers The Catcher in the Rye was nicht zuletzt das offene Ende von Goethes
110 2. Disziplinen

Lehrjahren und deren Fortsetzung in Wilhelm rung voller pädagogischer Gedankenexperimente,


Meisters Wanderjahre (1821/29) belegt. Goethe die nicht nur der Anleitung des Zöglings dienen,
führt hier allerdings mit der »pädagogischen Pro- sondern auch Auskunft über das Verhältnis von
vinz« eine tatsächlich utopische Erziehungsinstitu- Natur und Kultur im Laufe seiner Entwicklung be-
tion ein, deren stark ritualisierte Praktiken auf eine reitzustellen beanspruchen. Diese pädagogische
von Philipp Emanuel von Fellenberg begründete Dimension der Literatur steht im engen Zusam-
Anstalt in Hofwyl zurückzuführen sind. Diese ins- menhang mit dem Diskurs der zeitgenössischen
titutionelle Rahmung pädagogischer Diskurse im Anthropologie, der die Stufen der sinnlichen Aus-
modernen Roman lässt sich bis Wilhelm Raabe bildung des Menschen definiert (Condillac) und
(Stopfkuchen, 1890), Musils Törleß, Thomas Mann die Frage nach den materiellen oder seelischen
(Der Zauberberg, 1924), Uwe Johnson (Ingrid Ba- Prinzipien der Entwicklung stellt (Helvétius). Die
bendererde, 1956), zu den autobiographischen Literatur vermag zu diesen Fragen insofern mit ih-
Schriften Thomas Bernhards (Die Ursache, 1975) ren eigenen Bordmitteln Stellung zu beziehen, als
oder Juli Zeh (Spieltrieb, 2004) weiterverfolgen und sie seit Daniel Defoe über eine spezifische Topik
hat eine meist bildungskritische Tendenz (Mix des fiktionalen Erziehungsexperiments verfügt: So
1995). Der Bildungsroman im engeren Sinne ver- wenig es in der Wirklichkeit praktikabel ist, Kinder
abschiedet sich allerdings schon bei Keller und isoliert aufwachsen zu lassen, und so wenig aus-
Stifter von solchen Rahmungen und propagiert die kunftsfreudig sogenannte Wolfs- oder Bärenkinder
Entwicklung zum Künstler bzw. Wissenschaftler im Falle ihrer Entdeckung und anschließenden
im privaten Rahmen. In beiderlei Hinsicht aber hat Untersuchung durch wissenschaftliche Akademien
seine Erfolgsgeschichte dazu geführt, dass die Gat- gewesen sind (Bruland 2008), so anschaulich kön-
tung des Romans im deutschsprachigen Raum zu nen literarische Texte nachzeichnen, auf welche
einem großen Teil mit dem biographischen Narra- Weise der Mensch seine Natur in vollständiger Ein-
tiv einer individuellen Entwicklung identifiziert samkeit entfaltet oder verfehlt (Pethes 2007). Auf
und moderne Literatur in der Folge zu einem be- diese Weise gestalten z. B. – mehr oder weniger sa-
trächtlichen Teil als Erziehungsgeschichte gelesen tirisch  – Theaterstücke wie Marivauxs La dispute
wird. (1748) und Romane wie Gaspard-Guillaume Beau-
rieus L ’ éleve de la nature (1763) in der französi-
schen Aufklärung oder Jean Pauls Die Unsichtbare
Erziehung als Gedankenexperiment Loge (1793) und August Lafontaines Der Natur-
mensch (1800) im deutschsprachigen Kontext die
Diese Koevolution von pädagogischem Wissen Lebensläufe ihres literarischen Personals nach den
und literarischer Gattung weist schließlich auf eine Maßgaben eines pädagogischen Isolationsver-
dritte Schnittmenge hin, die noch einmal das Pro- suchs. Die Literatur wird in diesen Fällen zu einem
blem der theoretischen Grundlegung aller Pädago- Erziehungsexperiment in Gestalt einer exemplari-
gik betrifft: Wo das Verhältnis angeborener und er- schen Fallstudie über die angeborenen Eigenschaf-
worbener Eigenschaften des Menschen empirisch ten eines naturbelassenen Menschen bzw. die Fä-
nicht zu beobachten, der konkrete Wirkmechanis- higkeit, nach seiner Entdeckung Kulturtechniken
mus von Kulturtechniken auf sein Verhalten eine und Sozialkompetenzen zu erlernen.
Black Box sowie der Entwicklungsprozess von Her- Insofern die Literatur des 19. Jh.s eher an diesen
anwachsenden im Ganzen nie zu überschauen ist, Techniken und Kompetenzen sowie ihren sozialen
bieten fiktionale Szenarien der Literatur die Mög- und psychologischen Kontexten interessiert ist und
lichkeit, pädagogischen Fragestellungen zwar ima- die Frage nach der Natur des Menschen im Rah-
ginäre, aber psychologisch wie narrativ konsistente men pädagogisch inkommensurabler Theorien wie
Modellabläufe zur Verfügung zu stellen. Allen derjenigen der Evolution oder der Vererbung stellt,
voran Rousseaus Emile ist ein derartiger Versuch, bricht diese Traditionslinie des literarischen Erzie-
einen idealtypischen Erziehungsverlauf fiktional, hungsversuchs (trotz der anhaltenden Faszination
aber mit dem Anspruch auf empirische Umsetz- des Kaspar Hauser-Falls und der zugehörigen Be-
barkeit, zu entwerfen. arbeitungen von Philipp Konrad Marheineke über
Aber auch unabhängig von solchen programma- Jakob Wassermann bis zu Peter Handke) ab – aller-
tischen Schriften ist die Literatur der Spätaufklä- dings nur, um im 20. Jh. in Gestalt derjenigen Dys-
2.9 Pädagogik 111

topien wiederzukehren, die bei Aldous Huxley als Sozialisationsspiel. Studien zu Goethe und Gottfried
(Brave New World, 1932), William Golding (Lord of Keller. Göttingen 1977, 13–124.
the Flies, 1954) oder Morton Rhue (The Wave, Korte, Petra: Pädagogisches Schreiben um 1800. Der Status
von Schriftlichkeit, Rhetorik und Poetik bei Johann
1981) bzw., in der utopischen Variante, Burrhus F.
Heinrich Pestalozzi. Bern 2003.
Skinner (Walden II, 1948) kollektive Erziehungsla- Latour, Bruno: Reassembling the Social. An Introduction
boratorien ausgestalten. Das pädagogische Gedan- to Actor-Network Theory. Oxford 2007.
kenexperiment wird hier zum fiktionalen Sozial- Lethen, Helmuth: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensver-
versuch, das sich wahlweise auf biologistische suche zwischen den Kriegen. Frankfurt a. M. 1994.
(Huxley) oder behavioristische (Skinner) Prinzi- Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft.
pien bezieht und dabei meist ausdrücklich reflek- Frankfurt a. M. 2008.
Luhmann, Niklas: »Theoriesubstitution in der Erzie-
tiert, dass der der modernen Literatur zugrundelie-
hungswissenschaft. Von der Philanthropie zum Neu-
gende Wille zum Wissen über das Kind stets auch humanismus«. In: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Se-
ein Wille zur Macht gewesen ist. mantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen
Gesellschaft, Bd. 2. Frankfurt a. M. 1981, 105–194.
Literatur Meyer-Drawe, Käthe: Illusionen von Autonomie. Diesseits
von Ohnmacht und Allmacht des Ich. München 2000.
Becker, Hellmuth/Kluchert, Gerhard: Die Bildung der Na- Mix, York-Gotthard: Die Schulen der Nation. Bildungskri-
tion. Schule, Gesellschaft und Politik vom Kaiserreich bis tik in der Literatur der frühen Moderne. Stuttgart/Wei-
zur Weimarer Republik. Stuttgart 1993. mar 1995.
Brenner, Dietrich/Kemper, Herwart: Theorie und Ge- Oesterle, Günter (Hg.): Jugend  – ein romantisches Kon-
schichte der Reformpädagogik. 3 Bde. Weinheim/Basel zept. Würzburg 1997.
2001–2008. Pethes, Nicolas: Zöglinge der Natur. Der literarische Men-
Bruland, Hansjörg: Wilde Kinder in der Frühen Neuzeit. schenversuch des 18. Jahrhunderts, Göttingen 2007.
Geschichten von der Natur des Menschen. Stuttgart Rousseau, Jean-Jacques: Emile, oder Über die Erziehung.
2008. Stuttgart 1963 (frz. 1762).
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt Rutschky, Katharina (Hg.): Schwarze Pädagogik. Quellen
des Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1976. zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Frank-
Geulen, Eva: »Der Erziehungswahn und sein Sinn (Nietz- furt a. M./Berlin 1977.
sche)«. In: Dies./Nicolas Pethes (Hg.): Jenseits von Uto- Titzmann, Michael: »Die ›Bildungs-/Initiationsge-
pie und Entlarvung. Kulturwissenschaftliche Untersu- schichte der Goethe-Zeit und das System der Alters-
chungen zum Erziehungsdiskurs der Moderne. Freiburg klassen im anthropologischen Diskurs der Aufklä-
2007, 221–238. rung«. In: Lutz Danneberg/Friedrich Vollhardt (Hg.):
Kant, Immanuel: »Über Pädagogik«. In: Ders.: Werke. Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 2002,
Akademie-Ausgabe Bd. IX. Berlin 1968, 441–499. 7–64.
Kittler, Friedrich: Dichter, Mutter, Kind. München 1998. Zipes, Jack (Hg.): The Oxford Encyclopedia of Children ’ s
Kittler, Friedrich: Ȇber die Sozialisation Wilhelm Meis- Literature. 4 Bde. Oxford 2006.
ters«. In: Gerhard Kaiser/Friedrich Kittler: Dichtung
Nicolas Pethes
112

2.10 Physik

Was ist Physik? geblich sind. Im Zuge der Ausdifferenzierung der


Wissensgebiete und Diskursformen sind dabei
Die Physik untersucht die Eigenschaften der Mate- zum einen in Physik und Literatur unterschiedli-
rie und ermittelt die dort herrschenden Gesetze, che Leitziele und soziale Funktionen feststellbar,
wobei die belebte Materie prinzipiell nicht zu ih- welche häufig die Dynamik und Spannungskraft
rem Gegenstandsbereich gehört. Dieses Ziel ver- der einzelnen konkreten Konstellationen ausma-
folgt die Physik durch die Kombination empirisch- chen, zum andern ergeben sich aber auch Homolo-
quantitativer und theoretisch-qualitativer Metho- gien, die auf sehr grundlegenden Verfahrensebe-
den. In ihrer langen Geschichte, die bis zu den nen angesiedelt sein können. So wird etwa die Kau-
Vorsokratikern zurückreicht, hat dieses Wissens- salität von angemessenen Zweck-Mittel-Relationen
gebiet sich stets neue Teilgebiete erschlossen. nach dem Satz des zureichenden Grundes im
Schon Aristoteles unterschied die Wissenschaft 18. Jh. zum Richtwert wissenschaftlicher Physik
von der Bewegung irdischer Objekte, die er Physik und von aufklärerischer Poetik, so in der Applika-
nannte, von derjenigen, die sich mit den Himmels- tion des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs auf
körpern befasste, der Astronomie. Im 17. Jh. be- psychologische Vorgänge in Christian Friedrich
gann sich die neuzeitliche Physik als eine Wissen- von Blanckenburgs Versuch über den Roman
schaft zu etablieren, die sich auf das Experiment (1774). Eine Folge dieser Neuformierung ist in bei-
und die mathematische Erfassung stützte. Isaac den Bereichen eine Kritik des ›Wunderbaren‹, das
Newton gelang es, die irdische Mechanik mit den nicht einfach abgeschafft, aber aus seinen transzen-
Gesetzen der Keplerschen Astronomie zu einem denten Zusammenhängen gelöst wird und einen
neuen Weltsystem zusammenzufassen, das als neuen systematischen Platz in den innerweltlich
›klassische Physik‹ bis weit ins 19. Jh. hinein Be- orientierten Disziplinen erhält (Gipper 2002). Fra-
stand hatte. Standen im 17. Jh. Probleme der Kraft- gen der Kausalität bleiben auch im weiteren histo-
wirkungen, die Dynamik der Flüssigkeiten und die rischen Verlauf Bezugspunkte, bei denen Literatur
Optik im Zentrum, so trat im 18. Jh. die Elektrizi- und Physik diskursive Kontakte knüpfen.
tätslehre als neues Aufgabengebiet hervor, aus der
sich im 19. Jh. die Elektrodynamik entwickelte. Seit
den 1840er Jahren wurde die Thermodynamik zu Literatur in der Physik
einem wichtigen Feld, in dem Statistik und Wahr-
scheinlichkeitsrechnung zu grundlegender Bedeu- Die Physik ist seit Newtons grundlegender Schrift
tung gelangten. Nach 1900 revolutionierten Relati- Philosophiae Naturalis Principia Mathematica
vitätstheorie und Quantenmechanik die Physik, (1687) und Immanuel Kants programmatischen
aus der in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s die Kern- Formulierungen in den Metaphysischen Anfangs-
physik und die Beschäftigung mit Theorien der gründen der Naturwissenschaften (1786) auf die
Wechselwirkungen hervorgingen (Serres/Farouki mathematische Formulierung allgemeiner Gesetze
2001, 710–715). hin angelegt. Neben den quantifizierbaren empiri-
Die neuzeitliche Physik zeichnet sich deshalb schen Befunden und deren mathematischer For-
nicht bloß durch die erfolgreiche Emanzipation malisierung bedarf sie aber auch der qualitativen
von Theologie, Recht und Medizin ab, sondern physikalischen Interpretation und gegebenenfalls
auch durch eine Ausdifferenzierung innerhalb des der popularisierenden Erläuterung, die je in
eigenen Fachgebiets, der Rechnung zu tragen ist, sprachlicher Form geleistet werden müssen. Ge-
wenn das Verhältnis zur Literatur beschrieben rade bei innerdisziplinären Paradigmenwechseln
wird. Historische und systematische Eigenheiten sind die textuell zu leistende Verständigung inner-
müssen aber auch für die Literatur selbst in Be- halb des Fachs und die Vermittlung der neuen
tracht gezogen werden. Auch hier markieren Auto- Kenntnisse an ein breiteres Publikum besonders
nomisierungsprozesse und Gattungsdifferenzen wichtig.
Umbrüche und Divergenzen, die für die Analyse Damit unterliegen die Darstellungsformen der
physikalisch-literarischer Zusammenhänge maß- Physik zumindest partiell den allgemeinen Bedin-
2.10 Physik 113

gungen sprachlicher Verständigung, bei der sich tion die Anhängerschaft der neuen Wissenschaft
die mediale Eigenlogik von Sprache in der kommu- exponenziell zu vergrößern (Shapin 1984).
nikativen Übertragung von Inhalten geltend Trotz Boyles erfolgreicher Publikationsstrategie
macht. Schon früh haben Physiker davon die allge- ließ sich in der Frühzeit der experimentellen Phy-
meine Gültigkeit der wissenschaftlichen Ergeb- sik nicht leicht ein Konsens über die adäquate
nisse bedroht gesehen und deshalb versucht, einen sprachliche Wiedergabe erzielen. Galileo Galilei
einfachen und klaren Stil für den innerdisziplinä- etwa benutzte die literarische Gattung des Dialogs,
ren Austausch durchzusetzen. So empfahl Thomas um im argumentativen Austausch den Zweifeln an
Sprat 1667 in seiner History of the Royal Society of der neuen Methodik Raum zu geben, und auch
London »to reject all the Amplifications, Digressi- Newton und René Descartes suchten nach eigenen
ons and Swellings of Style; to return back to the pri- Wegen für die Darstellung ihrer Ergebnisse. Ge-
mitive Purity, and Shortneſs, when Men deliver ’ d rade diese unterschiedlichen Strategien haben den
ſo many Things, almoſt in an equal Number of Blick dafür geschärft, dass das Verhältnis von wis-
Words«. Er forderte »a cloſe, naked, natural way of senschaftlicher Praxis und textueller Repräsenta-
Speaking [ …] as near the mathematical Plainneſs tion keine einfache Abbildbeziehung beschreibt,
as they can« (Sprat 1722, 113). In gleicher Weise sondern stark inszenierenden Charakter hat und
befand Otto von Guericke 1672 in seinen Experi- wissensproduktiv wirkt. Diese Einsicht hat die
menta Nova, dass in »Wissenschaften von der Na- Physik zu einem wichtigen Feld der Rhetoric of Sci-
tur [ …] Redekunst und Sprachschönheit oder ence Studies gemacht (Cantor 1989; Gross 1990),
spitzfindige Erörterungen zu nichts nütze« sind wobei vor allem die Entwicklung des Experimen-
(Guericke 1996, unpag. Vorrede). talberichts große Aufmerksamkeit gefunden hat
Gleichwohl war es eine ›literarische Techno- (Gross/Harmon/Reidy 2002).
logie‹, die ganz wesentlich zur Etablierung der Phy- Im Zuge der funktionalen Ausdifferenzierung
sik als Experimentalwissenschaft beitrug. Robert im 18. und 19. Jh. wurden zunehmend als ›litera-
Boyle, renommiertes Mitglied der Royal Society, risch‹ wahrgenommene Elemente wie Fiktionali-
entwickelte in den 1660er Jahren eine Publikations- sierung, erzählerischer Stil und forcierte rhetori-
tätigkeit, in der die Beschaffenheit der Texte dar- sche Mittel mit dem Vorwurf der ›Unwissenschaft-
aufhin ausgerichtet war, einer bezüglich ihrer Wis- lichkeit‹ aus den Publikationen der etablierten
sensfähigkeit umstrittenen epistemischen Praxis Wissenschaften verdrängt. Neue Objekte provo-
soziale Reputation zu verschaffen. Umstritten war zierten bisweilen aber auch neue Methoden der Be-
die neue experimentelle Physik, wie es noch im Ze- arbeitung, die dann auch zu neuen Schreibprozes-
dler-Artikel Natur-Lehre heißt, weil ihre »Erkännt- sen führen konnten. So erforderte etwa der Galva-
niß nicht gantz gewiß, noch demonstrativ; sondern nismus die Technik des Selbstexperiments, und
nur wahrscheinlich« sei – dies aufgrund des Feh- dieses bedurfte wiederum neuer sprachlicher Re-
lens einer »nothwendige[n] Verknüpffung« von präsentations- und Plausibilisierungsformen, wie
Wirkung und Ursache (Zedler 1732–1754, Bd. 23, sich an Aufsätzen des romantischen Physikers Jo-
Sp. 1147 f.). Boyle musste deshalb besondere Auf- hann Wilhelm Ritter zeigt. Ritter koppelte überdies
merksamkeit darauf verwenden, eine ›moralische seine experimentellen Ergebnisse mit spekulativen
Gewissheit‹ in Bezug auf die physikalischen Tatsa- Anteilen, und seine Schrift Physik als Kunst (1806)
chen seiner Experimente zu schaffen. Dies ge- stellt das Manifest einer naturphilosophisch erwei-
schah, indem er durch Weitschweifigkeit und De- terten Naturlehre dar, die konkrete empirische Re-
tailreichtum der Berichte den Lesern den Eindruck sultate symbolisch-mythologisch überhöht. In sei-
verschaffte, sie wären Zeugen des Vorgangs gewe- nen Fragmenten aus dem Nachlasse eines jungen
sen. Mittels rhetorischer Verfahren präsentierte Physikers (1810) entwickelte Ritter zudem eine ei-
sich der Erzähler als vertrauenswürdiger Berichter- genständige Fragmentästhetik (Gamper 2009, 152–
statter einer verlässlichen epistemischen Praxis 199).
und sicherte durch die Qualitäten der Rede die An- Im Verlauf des 19. Jh.s setzte sich eine Physik
erkennung der experimentellen Tatsachen. Damit durch, die ihre Wissenschaftlichkeit durch die Dis-
gelang es Boyle, die Überzeugungskraft von physi- tanzierung von Naturphilosophie, Spekulation,
kalischen Experimenten von der aktuellen Perfor- Einbildungskraft und literarischen Schreibweisen
manz abzulösen und durch mediale Repräsenta- gewann. Dabei wurde deutlich, dass gerade die ih-
114 2. Disziplinen

rer sozialen Reputation dienlichste Fähigkeit der narrative und rhetorische Verfahren eine strin-
Physik, nämlich »zukünftige Erfahrungen voraus- gente Ordnung zu verleihen.
zusehen«, an die Konstruktion von Scheinwelten
gebunden war. Heinrich Hertz erläuterte in den
postum 1894 erschienenen Prinzipien der Mecha- Physik in der Literatur
nik, dass die Physik zur »Erlangung der erstrebten
Voraussicht [ …] innere Scheinbilder oder Symbole Als Gegenstand unterhaltender Texte traten physi-
der äußeren Gegenstände« entwerfe, deren Be- kalische Sachverhalte bereits in den barocken Di-
schaffenheit so sei, dass »die denknotwendigen Fol- vertissements auf, etwa in der Dialog- und Ge-
gen der Bilder stets wieder die Bilder seien von den sprächsliteratur bei Autoren wie Johannes Rist, Jo-
naturnotwendigen Folgen der abgebildeten Gegen- hannes Lassenius, Erasmus Francisci oder Georg
stände«. Dieses Konzept rechnet mit »gewisse[n] Philipp Harsdörffer. Teilaspekte der Wissenschaf-
Übereinstimmungen [ …] zwischen der Natur und ten wurden hier aus dem gelehrten Kontext in ei-
unserem Geiste«, es gesteht aber auch ein, dass kein nen geselligen Zusammenhang überführt und in li-
Mittel vorhanden sei, um zu erfahren, »ob unsere terarischen Spielen zum wechselseitigen Erstaunen
Vorstellungen von den Dingen mit jenen in irgend präsentiert. In Frankreich waren es Texte wie Cy-
etwas anderem übereinstimmen, als allein in eben rano de Bergeracs Un autre monde oder Bernard le
jener einen fundamentalen Beziehung« (Hertz Bovier de Fontenelles Entretiens sur la pluralité des
2002, 67). Damit entwarf Hertz die Physik als ein mondes, die v. a. astronomisches und kosmologi-
konstruktivistisches System, das zwar den Abgleich sches Wissen vulgarisierten, später reklamierte
mit der Naturwirklichkeit sucht, prinzipiell aber im Voltaire in den Eléments de la philosophie de New-
flexiblen Abstand von dieser agiert. Die Analogie ton die physikalische Lehre des berühmten Englän-
zu Verfahren der Literatur machte 1897 Ernst Mach ders für die deistische Aufklärung.
explizit, als er ausführte, dass neben dem Physiker Ebenfalls einen popularisierenden Charakter
»[d]er Projektemacher, der Erbauer von Luftschlös- hatte die versifizierte Lehrdichtung, die auch physi-
sern, der Romanschreiber, der Dichter sozialer kalische Themen aufgriff und teilweise sehr zweck-
oder technischer Utopien [ …] in Gedanken« expe- orientiert auf die Situation der Disziplin und die Be-
rimentieren würde (Mach 2002, 169). dürfnisse des Autors reagierte. So publizierte etwa
Nach 1900 entwarfen Relativitätstheorie und Georg Matthias Bose, ein Protagonist der frühen
Quantenphysik ein neues Bild von der Natur, das Elektrizitätslehre im deutschsprachigen Raum und
die Gültigkeit der Newtonschen Physik relativierte Verfasser zahlreicher lateinischer Fachabhandlun-
und in vielerlei Hinsicht sich kontraintuitiv gegen- gen, 1744 das Poem Die Electricität nach ihrer Ent-
über der alltäglichen Wahrnehmung ausnahm. deckung und Fortgang mit poetischer Feder entworf-
Diese neuen physikalischen Konzepte wurden des- fen. Darin gab er einen Überblick über die wichtigs-
halb, unter Einschluss vieler Missverständnisse, ten Erfindungen, benannte Forschungsdesiderate
breit diskutiert (Hentschel 1990). Die große Popu- und forderte zur Nachahmung der Experimente
larität, aber auch der Wunsch, die Deutungshoheit auf. Daneben versuchte er in Widmungen, Vorrede
in der Öffentlichkeit über die eigenen Theorien, und durch die Inbezugsetzung seiner Tätigkeit mit
gerade auch im Verhältnis zu den wissenschaftli- dem Besuch einer adligen Gönnerin die fürstliche
chen Konkurrenten, zu erlangen, haben viele Prot- Obrigkeit für seine Wissenschaft zu gewinnen und
agonisten dieser physikalischen Umwälzung bewo- sich so finanzielle Unterstützung zu sichern. Dabei
gen, allgemeinverständliche Aufsätze und Bücher ist festzustellen, dass der physikalische Gegenstand
zum Thema zu veröffentlichen. Dabei suchten Au- auch die Tendenz hat, poetologisch wirksam zu
toren wie Niels Bohr, Albert Einstein und Werner werden. Die ›Erregung‹ von dichterischem und wis-
Heisenberg zum einen die neue Wirklichkeitssicht senschaftlichem Instrument, von »Kiel« und Elekt-
mit philosophischen, künstlerischen und literari- risiermaschine, wird im Text parallelisiert, so dass
schen Entwicklungen abzugleichen und inhärente poetisches und elektrisches »Feuer« sowie die Unsi-
ästhetische Momente geltend zu machen, zum an- cherheit über deren Verfügung als analoge Vor-
dern aber ist ein Bemühen zu erkennen, den chro- gänge behandelt werden. Der Autor verpflichtete
nologisch verworrenen und in verschiedene Rich- sich so, dass er, »[w]as wunderbahr zu sehn, auch
tungen zielenden Forschungsereignissen durch wunderbahr beschreibe« (Bose 1744, XII).
2.10 Physik 115

Elektrizität fand im 18. Jh. als wissenschaftliches Resultate rechtzeitig zu formulieren, und der so
Objekt von unklarer Beschaffenheit und Funktio- sein Lebenswerk vernichtet sieht. Weiter themati-
nalität, aber voller spektakulärer Effekte großes siert der Roman auch ein Übergreifen der wissen-
Interesse und wurde zum Bildspendebereich für schaftlichen Einsicht in die nur noch in Graden der
poetologische Metaphern. Durch die intensive Be- Wahrscheinlichkeit bestimmbaren Aussagemög-
forschung des Galvanismus seit den 1790er Jahren lichkeiten über physikalische Objekte auf den All-
gingen von diesem Gebiet für romantische Texte tag, was sich in einer allgemeinen »Unsicherheit
neue inspirierende Einflüsse aus. Novalis verarbei- der Welt« und der Fragwürdigkeit von »Wirklich-
tete im Märchen-Kapitel des Heinrich von Ofterdin- keit« auswirkt. Zudem halten dadurch »phantasti-
gen Prozesse der statischen Elektrizitätslehre und sche Forschungsmethoden« und »antilogische Ir-
des Galvanismus, v. a. Influenz und Kettenschluss, rationalität« im Forschungsprozess Einzug (Broch
zu handlungsleitenden Motiven, die das beschrie- 1995, 49, 52). Darüber hinaus gestaltet Broch am
bene Erlösungswerk einleiten, vorantreiben und Protagonisten Hieck aber auch eine Facette der
vollenden (Wetzels 1973). Aber auch bei Achim modernen Intellektuellenproblematik, nämlich die
von Arnim und E.T.A. Hoffmann spielten Vor- Frage, wie »ein der Wissenschaft hingegebener
gänge des damals meistdiskutierten physikalischen Mensch zu jener Gesamterkenntnis gelangen«
Gebiets, häufig im Kontext mit dem Mesmerismus, könne, zu der er »hinstreben muß« (Broch 1995,
in vielen Erzählungen eine tragende Rolle (Bur- 245). Es sind die Erfahrungen von Tod und Liebe,
wick 1985; Gaderer 2007). welche die für Hieck zuvor als quälend erfahrene
Als Motiv von Literatur trat Physik im 19. Jh. Dissoziation von Kopf und Leib in einer Art mysti-
bisweilen in Erscheinung, so etwa in Gottfried Kel- schem Erlebnis aufheben.
lers Sinngedicht (Irmscher 2003), prominent Den technisch-militärischen Folgen der Atom-
machte sie sich dann aber vor allem wieder im physik und der sich daraus ergebenden Frage der
Kontext von Relativitätstheorie und Quantenphy- Verantwortlichkeit für den Physiker widmen sich
sik bemerkbar (Gruber 2005). So wurde die Relati- eine Reihe sehr bekannt gewordener Nachkriegs-
vitätstheorie bei Thomas Mann im Doktor Faustus, Dramen, so die 2. (amerik., 1945/46) und 3. Fas-
in Die Aufzeichnungen des Hochstaplers Felix Krull sung (dt., 1954/56) von Bertolt Brechts Leben des
(Hermann 1999) und im Zauberberg (Könneker Galilei, Dürrenmatts Die Physiker von 1961, Heinar
2001a) verhandelt, und auch in Robert Musils Kipphardts 1964 zunächst als Fernsehspiel gezeigtes
Mann ohne Eigenschaften ist die veränderte Welt- Dokumentardrama In der Sache J. Robert Oppenhei-
sicht der modernen Physik als Diskurselement ein- mer und Michael Frayns 1998 uraufgeführtes Stück
gearbeitet (Hüppauf 1999). Später adaptierten auch Kopenhagen, das in einem Totengespräch die um-
Botho Strauß und Friedrich Dürrenmatt produktiv strittene Begegnung von Bohr und Heisenberg 1941
Theoreme der modernen Physik für ihre Zwecke in Kopenhagen thematisiert (Müller 2004).
(Daiber 1996; Emter 2000), und auch Wolfgang
Koeppens Erzählungen und theoretische Positio-
nen der Konkreten Poesie orientierten sich an der Literatur aus Physik
Quantenphysik (Emter 1995). In ähnlicher Weise
ließ sich auch die Chaos-Theorie für die Literatur Bei den vorangegangenen Ausführungen ist bereits
und die Reflexion ihrer komplexen Dynamiken deutlich geworden, dass die Aufnahme inhaltlicher
fruchtbar machen (Hayles 1991; Mikuláš/Wozonig Aspekte der Physik oft auch auf die poetologische
2009). Ebene, auf die Ebene des discours übergreift: Lite-
Hermann Broch machte in seinem frühen Ro- rarische Positionen gewinnen demnach ihre ästhe-
man Die Unbekannte Größe die Durchbruchsphase tischen Prinzipien bisweilen aus der Auseinander-
der Quantenphysik zum zentralen Gegenstand der setzung mit der Physik; dass die Physik dabei auch
Narration. An der Nebenfigur Weitprecht themati- auf der Ebene der histoire eine Rolle spielt, ist mög-
sierte er, dabei sehr genau die Chronologie der wis- lich, aber nicht zwingend nötig.
senschaftsgeschichtlichen Ereignisse aufnehmend Dieser ästhetische Zugang zu den Verfahrens-
(Könneker 1999; Könneker 2001), die Tragik des formen der Physik setzt Spezialisierung, Ausdiffe-
Wissenschaftlers, der auf der Höhe der Forschung renzierung und ein Interesse an einer gemeinsa-
der Zeit arbeitet, dem es aber nicht gelingt, seine men Basis der Wissensbereiche voraus und fällt
116 2. Disziplinen

deshalb in die Zeit um 1800, als Georg Christoph dass ihre neuen Ästhetiken mit der Relativitäts-
Lichtenberg physikalische Theoreme methodisch theorie Albert Einsteins in Verbindung stünden. So
weiterentwickelte (Gamper 2009, 69–102), dann wurden die Raum-Zeit-Anomalien und akausalen
aber vor allem Novalis innerhalb seiner Enzyklo- Erzählfolgen von Carl Einsteins sonst oft als ›kubis-
pädistik eine ›symbolische Physik‹ installierte tisch‹ bezeichnetem Roman Bebuquin auf die Rela-
(Rommel 2004). Weiter ist auch gezeigt worden, tivitätsheorie und die ihr in der Publizistik zuge-
dass der physikalische Magnetismus von Autoren schriebene Weltsicht zurückgeführt (Könneker
wie Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Wilhelm 2001, 9–27), und auch für die Relativierung von
Joseph Schelling, Ritter, Novalis und Friedrich Zeit-Raum-Erfahrung bei Franz Kafka wurde die-
Schlegel naturphilosophisch umgedeutet, dann in- ser Zusammenhang in Anschlag gebracht (Gell-
nerhalb einer Philosophie der Kunst ästhetisch haus 2007). Rainer Maria Rilkes in Briefen belegte
funktionalisiert und schließlich im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Widerlegung der
Neuen Mythologie poetisch gestaltet wurde (Kil- Äther-Hypothese durch Einstein wiederum wurde
cher 1998). Heinrich von Kleist wiederum befragte bezogen auf den werkgeschichtlichen Einschnitt
das Influenz-Phänomen der statischen Elektrizi- zwischen den Neuen Gedichten und den Duineser
tätslehre zunächst in seinen Essays auf ihre psycho- Elegien, in denen eine neue Poetik der Unmittel-
logische und pädagogische Übertragbarkeit (Bor- barkeit intendiert werde (Höfle 2009). Und auch
gards 2005) und adaptierte sie dann auch für die für Gottfried Benns Poetik des Absoluten fanden
psychologische Motivation und Interaktion der Fi- sich Korrespondenzen mit Merkmalen der moder-
guren seiner Erzählungen und Dramen (Schmidt nen Physik, die auf dessen Auseinandersetzung mit
1978). Dabei bediente er sich eines fruchtbaren der Quantenphysik gründen (Streim 2006).
und oft verfolgten Transfermodus von Physik zur Außerordentlich profund verarbeitete Max
Literatur, nämlich der Übertragung von Wissen Bense die Konsequenzen der modernen Physik für
über die unbelebte auf ein Wissen über die belebte die Ästhetik. Der ausgebildete Philosoph und Phy-
Natur. Einen solchen Ausgleich des Wissens von siker befasste sich seit seiner Dissertation über
Physik und Anthropologie strebte auch Adalbert Quantenmechanik und Daseinsrelativität (1938) in-
Stifter an, wobei er gerade strategisch die Punkte tensiv mit den Konsequenzen der neuen Physik für
des Nicht-Wissens der Wissenschaften aufsuchte, die Auffassung von Wirklichkeit. Insbesondere
um an dieser Stelle, etwa in den Erzählungen Ab- herkömmliche, auf der klassischen Physik beru-
dias oder Brigitta, seine narrative Wissenspoetik zu hende Vorstellungen von Determinismus, Kausali-
entfalten (Gamper 2009a). tät und Realität sah er so infrage gestellt, was nicht
In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s war es dann die ohne Konsequenzen bleiben konnte für Gebiete,
Wärmelehre, die ein beträchtliches poetologisches die sich mit Referentialität bzw. Repräsentation be-
Potential entfaltete. Im Besonderen der zweite fassten wie Kunst und Literatur. Bense sprach in
Hauptsatz der Thermodynamik, der, allgemein ge- seinen Überlegungen zur Mathematik in der Kunst
sprochen, besagt, dass in einem geschlossenen Sys- von einer Epoche der »Surrealität« und der »Surra-
tem sich alle Energie in Wärme und damit nicht tionalität«, die sich um 1900 in der Freudschen
mehr arbeitsfähige Energie verwandelt, hat auf- Theorie der Libido gleichermaßen durchgesetzt
grund seiner vielen Interpretationsmöglichkeiten habe wie in der Quantenmechanik und in den Tex-
ein weites semantisches Feld erschlossen, das für ten von Stéphane Mallarmé und André Breton. Es
zahlreiche andere Disziplinen und auch für die Li- war die abstrakte und ungegenständliche Kunst,
teratur anschlussfähig war. Das auf Statistik und die Bense auf der Höhe des gewandelten Realitäts-
Wahrscheinlichkeit beruhende und entsprechend begriffs der Physik glaubte. Denn abstrakte Kunst
abstrakt gehaltene Theorem verlangte nach Ge- repräsentiere, so Bense, nicht mehr eine vorgege-
staltgebung, um anschaulich zu werden, und ge- bene Welt, sondern präsentiere und produziere
rade hinsichtlich der bildlichen Ausfabulierung bot eine eigene Wirklichkeit und sei so »Arbeit am
der Satz der fiktionalen Dichtung bis weit in die Sein«; sie stelle damit den entscheidenden Schritt
zweite Hälfte des 20. Jh.s hinein ein interessantes dar von »jener Zeichenwelt, die Realität bedeutet,
Betätigungsfeld (Metzner 1979). zu einer Zeichenwelt, die Realität ist« (Bense 1965,
Für die Zeit nach 1905 ist für verschiedene Au- 63). Diese semiotische, nicht semantische oder on-
toren der klassischen Moderne behauptet worden, tologische Erschließung der Welt durch eine in die-
2.10 Physik 117

ser Weise ›konkrete‹ Poesie begriff Bense als eine Brücke‹ im Kontext moderner Physik«. In: Peter Rus-
»intellektuell-experimentierende [ …] Erweiterung terholz/Irmgard Wirtz (Hg.): Die Verwandlung der
der ›intelligiblen Welt‹« (Bense 1965a, 1236). ›Ex- »Stoffe« als Stoff der Verwandlung. Friedrich Dürren-
perimentell‹ war diese Poesie in einem strengen matts Spätwerk. Berlin 2000, 77–90.
Gaderer, Rupert: »Liebe im Zeitalter der Elektrizität.
Sinne: Sie arbeitete wie die avancierte Physik an der
E.T.A. Hoffmanns ›homines electrificati‹«. In: Österrei-
Erschließung neuer Wirklichkeitsbereiche und chische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 18/3
ging dabei wie diese in explorativer Absicht unter (2007), 43–61.
kontrollierten Bedingungen methodisch vor (Em- Gamper, Michael: Elektropoetologie. Fiktionen der Elektri-
ter 1995, 271–298). zität 1740–1870. Göttingen 2009.
Einen anregenden, wenn auch bisweilen etwas Gamper, Michael: »Stifters Elektrizität«. In: Ders./Karl
spekulativen Vorschlag zur Korrelierung von Wagner (Hg.): Figuren der Übertragung. Adalbert Stif-
ter und das Wissen seiner Zeit. Zürich 2009, 209–234.
Quantenphysik und Literatur hat der norwegische
(2009a)
Schriftsteller Jan Kjærstad gemacht, der die post- Gellhaus, Axel: »Scheinbare Leere«. Kafkas narrative Re-
moderne Romanproduktion unter den strukturel- lativitätstheorie. In: Ders./Christian Moser/Helmut J.
len Gesichtspunkten von ›Unverständlichkeit‹, Schneider (Hg.): Kopflandschaften – Landschaftsgänge.
›Sprüngen‹, ›Zufälligkeit‹, ›Komplementarität‹, Kulturgeschichte und Poetik des Spaziergangs. Weimar/
›Kausalität‹, ›subjektiver Wirklichkeit‹ und ›Korre- Wien 2007, 277–293.
spondenz‹ als Früchte eines Weltbildes deutet, das Gipper, Andreas: Wunderbare Wissenschaft. Literarische
Strategien naturwissenschaftlicher Vulgarisierung in
sich der Revolution der modernen Physik verdankt
Frankreich. München 2002.
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tingen 2004, 379–402.
119

2.11 Politikwissenschaft

Was ist Politikwissenschaft? an deutschen Universitäten nach 1945 nicht um


eine »Neu-, sondern eine Wiedergründung« (Bleek
»Politikwissenschaft« oder »Politische Wissen- 2010, 18). Den expliziten Titel Politische Wissen-
schaft« bezeichnet ein universitäres Fach, das in schaft führt eine Schriftenreihe der DHfP, in der
seiner heutigen Form auf die Bemühungen um die unter anderem die Vortragsreihe »Probleme der
Sicherung der Demokratie in Deutschland nach Demokratie« von 1927 dokumentiert ist. Erster
1945 zurückgeht. Gerade mit Blick auf die wissens- Beitrag ist Carl Schmitts Begriff des Politischen
poetologische Dimension empfiehlt sich eine Un- (Lehnert 1989, 457), also die Schrift, die, wie Rein-
terscheidung der engeren Fachgeschichte und der hart Koselleck festgestellt hat, mit der Freund-
Entstehungsgeschichte der Wissenschaft. Feind-Unterscheidung eine »Formel« bereitstellt,
Eine Vorreiterrolle für die Etablierung des Uni- die »als Bedingung möglicher Politik nicht über-
versitätsfachs nach dem Zweiten Weltkrieg über- holbar ist. Denn es handelt sich um einen Begriff
nahm die wiederbegründete Deutsche Hochschule des Politischen, nicht der Politik« (Koselleck 1979,
für Politik (DHfP), eine außeruniversitäre Einrich- 258 f.). Eben diese Freisetzung des Wissens vom
tung, die Ende der 1950er Jahre als Otto-Suhr-Ins- Politischen als Möglichkeitsbedingung ist auch für
titut in die 1949 gegründete Freie Universität Ber- die literarische Poetologie des Wissens zentral.
lin integriert wurde (Bleek 2010, 14). Bei der priva- Die Politische Wissenschaft schreibt sich in ihrer
ten Gründung der DHfP im Oktober 1920 ging es Entstehungsgeschichte in Deutschland von einer
zunächst nicht um die Vorbereitung zur Etablie- Vielzahl von politischen Wissenschaften her: näm-
rung einer universitären Disziplin, gedacht war lich der Policeywissenschaft, der Lehre von der in-
von Gründungsmitglied Friedrich Naumann viel- neren Verwaltung, der Kameralwissenschaft, der
mehr an ein politisches Bildungsinstitut im Sinne Lehre von den Finanzen sowie Ökonomik und
einer Volkshochschule (Lehnert 1989, 445). Erst Statistik. Zur Adressierung dieser Wissenschaften
im  Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester wurde im 17. Jh. häufig von Kameralwissenschaf-
1927/28 findet sich die Ankündigung einer eigenen ten, im 18. Jh. von Staatswissenschaften gesprochen.
akademischen Abteilung (Lehnert 1989, 446). Ein Politik ist bereits im antiken Kanon der Wis-
undatierter Prüfungsentwurf gibt als Felder u. a. senschaften als Teil der praktischen Philosophie
die allgemeine Staatslehre, deutsche Geschichte des präsent; ihre Geschichte schreibt sich aus dieser
19. und 20. Jh.s, Verfassung und Verfassungs- Perspektive von Platons Politeia, die »Politikwis-
grundlagen, Staatsrecht, innen- und außenpoliti- senschaft als philosophische Zeitkritik« (Berg-
sche Fragen und Grundlagen der nationalen Wirt- Schlosser/Stammen 2003, 6) enthält, und v. a. den
schaft sowie der Weltwirtschaft an (Lehnert 1989, Schriften Aristoteles ’ und dessen Unterteilung des
447). Dies spiegelt auch die fachliche Herkunft der Wissens in theoretisches, praktisches und poieti-
Lehrenden wider, die an Hochschulen für die Fä- sches Wissen her. Politik oder Politische Wissen-
cher Geschichte, Ökonomie und Jura sowie (in ge- schaft (epistéme politiké) findet ihren systemati-
ringerem Umfang) Soziologie tätig waren (Lehnert schen Ort innerhalb des das Handeln anleitenden
1989, 460). Bereits an den Lehrenden lässt sich praktischen Wissens. Aristoteles behandelt sowohl
der  – an den Vorgaben des modernen Wissen- Herrschaftsverhältnisse und Staatsformen als auch
schaftssystems gemessen  – interdisziplinäre Cha- Haushaltslehre, geographische Vorzüge der Lage
rakter der Disziplin ablesen. einer Stadt (polis), ihre interne Organisation und
Eben diesem interdisziplinären Charakter war die rechte Erziehung.
es auch geschuldet, dass mit der Durchsetzung des Allerdings sind die Gegenstände der Praxis, im
naturwissenschaftlichen Ideals, der Forderung Gegensatz zum Bereich des theoretischen Wissens,
nach einem einheitlichen Gegenstand und einer ei- kontingent, d. h. nicht notwendig: Es geht um die
genen Methode der Wahrheitsproduktion der Nie- »Erkenntnis von Wahrscheinlichkeiten, die die
dergang der interdisziplinären Politischen Wissen- Handlungsabläufe bestimmen« (Hennis 2000, 32).
schaft im 19. Jh. einherging (Bleek 2010, 17). Inso- Handeln bedeutet die Realisierung von Möglich-
fern handelt es sich bei der Installierung des Fachs keiten auf Kosten anderer Möglichkeiten. Eben
120 2. Disziplinen

dieser Ausschluss und die fundamentale Kontin- Umgekehrt greift Platon selbst zu einer Erzäh-
genz sorgen am Beginn der Wissenschaft für eine lung, um die Möglichkeit seines Idealstaats zu er-
enge wissenspoetologische Beziehung von Politik weisen: Die Dialoge Timaios und Kritias sind den
und Literatur, deren Reich die Realisierung alter- Erzählungen von einem alten (und idealen) Athen
nativer, aber eben auch: möglicher Realitäten ist. sowie seinem ebenso idealtypischen Gegenspieler
Die Politik bleibt in der Folge fester Bestandteil der Atlantis gewidmet. Dies wird als »Sage aus alter
Disziplinen der praktischen Philosophie (Hennis Überlieferung« (Tim 20d) eingeführt, auf deren
2000, 17–34). An der spätmittelalterlichen Univer- Wahrheit (Tim 26e) bestanden wird. Diese Erzäh-
sität wird Politik in der Artistenfakultät gelehrt. lungen sind ein Muster jener Utopien, die in der
Gegenstand der Lehre sind Aristoteles ’ Schriften Frühen Neuzeit aktuelle Herrschaftsgebilde mit ei-
zur Politik (Maier 1969, 16). nem idealen, aber möglichen Gegenüber konfron-
Mit dem Wissenschaftsideal der Neuzeit und tieren.
dem modernen Wissenschaftsbegriff ist eine Ein-
gliederung der Politik in das theoretische Wissen
beobachtbar; insbesondere die politische Philoso- Frühe Neuzeit: Souveränität
phie Thomas Hobbes ’ ist der »Kombination eines
theoretischen Erkenntnisideals mit poietischen Die Frühe Neuzeit ist das klassische Zeitalter der
Voraussetzungen« (Hennis 2000, 41) gewidmet. Utopien (Voßkamp 1997) bzw. des Staatsromans
Nur durch den gemachten Charakter des Staates (von Mohl 1845): 1516 erscheint Thomas Morus ’
sind exakte Aussagen more geometrico möglich. prototypisches Werk Utopia, 1602 Tommaso Cam-
Zugleich setzt mit Machiavellis Il principe (1532) panellas La città del sole, 1619 Johann Valentin An-
eine Neuperspektivierung ein, die dazu geführt hat, dreaes Christianopolis und 1627 Francis Bacons
die Schriften des Florentiners als Gründungsakte Nova Atlantis. Diese Raumutopien schließen direkt
der modernen Politikwissenschaft zu lesen (Berg- oder indirekt an Platons Erzählung von einem an-
Schlosser/Stammen 2003, 10): Ihr Inhalt sind die deren, idealen Gemeinwesen an und teilen dessen
Staatsräson und die Lehre vom Erwerb und Erhalt Ordnung exakt bis hin zu Architektur, täglicher
der Macht. Arbeitszeit, Verteilung der Güter usw. mit. Konst-
Schon am antiken Beginn der Politischen Wis- ruiert sind sie nach rationalen Grundsätzen, den
senschaft zeigt sich die epistemologische Schnitt- kontingenten Ordnungen der Zeit stellen sie ein
stelle Politik/Literatur, bzw. medien- und system- allgemeines Ideal gegenüber (Saage 1991). Sie han-
neutraler formuliert: Dichtkunst in Form einer deln davon, wie die Ordnung sein könnte, würde
Störung oder möglichen Irritation. In Platons sie nicht durch Zufälligkeiten gestört – und haben
Staatsentwurf Politeia wird an verschiedenen Stel- von daher Teil an Aristoteles ’ Argument für die
len auf die Dichtkunst Bezug genommen. Diese sei, Höherwertigkeit der Dichtkunst: Unter die drei
so Platons Verdikt, schädlich in der Erziehung und Arten der Nachahmung ordnet dieser auch die
entferne durch Lüge von den Göttern (Politeia 383 Nachahmung der Dinge, wie sie sein sollten ein
a-c) und sei insgesamt nur eine Nachahmung ohne (Poetik 25). So sei es nicht Aufgabe des Dichters,
Wahrheitsgehalt; ihr Schöpfer verfertige seine mitzuteilen, was geschehen sei  – dies übernimmt
Werke ohne Wissen von der Sache. der Geschichtsschreiber –, sondern »was gesche-
Diese Ablehnung und Verwerfung der Dicht- hen könnte«, d. h. das »nach den Regeln der Wahr-
kunst erhellt sich im Kontext eines epistemologi- scheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche«
schen Umbruchs: Die Dichtkunst und besonders (Poetik 9).
Homer stehen für Platon für das Wissen, das Me- Bereits an den Utopien der Neuzeit zeigt sich die
dium des Wissens und v. a. die Wissensordnung Depotenzierung des Realitätsgehalts der Welt zu-
der oralen Kultur ein. Dichtkunst und die in ihr ak- gunsten der Realität des Kunstwerks (Luhmann
tive Matrix des Wissens eines »oral state of mind« 1997, 353). Mit dem Aufstieg des Romans wird die
ist für Platon der »main enemy« (Havelock 1963, fiktionale Realität zur andauernden Herausforde-
41) des wirklichen Wissens (epistéme). Insofern sie rung der aktuellen ›realen‹ Realität  – und insbe-
im Staat noch präsent ist, stellt sie ein Hindernis in sondere auch jeder aktuellen politischen Ordnung
der Revolution der Grundlagen des Wissens und sowie des Wissens von der guten Ordnung. Der
der Realisierung des Idealstaats dar. Roman schafft eigene mögliche Welten, deshalb ist
2.11 Politikwissenschaft 121

die Frage »nach der Möglichkeit des Romans als von emblematischer Struktur (Schöne 1993), führt
eine ontologische [ …] zu stellen« (Blumenberg Andreas Gryphius ’ Leo Armenius aber im Rahmen
2001, 61). dieses Wissens gerade die Unentscheidbarkeit des
Diese möglichen Welten treten in Konkurrenz richtigen Handelns aufgrund von handlungsleiten-
zur realen Welt, die damit als kontingente (und de- den Allegorien vor: Jedes Bild findet sein ebenso
fizitäre) Realisierung einer Möglichkeit unter vie- plausibles Gegenbild, was das Zaudern des Herr-
len ausgewiesen wird. Dies ist, wie Hans Blumen- schers verlängert. Zugleich wird die Kontingenz al-
berg gezeigt hat, die Überwindung des »plato- ler weltlichen Politik sichtbar: Der wahre Sinn wie
nische[n] Restbestands« (Blumenberg 2001, 56) in auch die wahre Herrschaft sowie der Sinn der Ge-
der Theorie des Ästhetischen, d. h. eben jener schichte enthüllen sich erst sub specie aeternitatis
Theorie der Kunst, die Platon in der Politeia unter (Kaiser 1968, 32 f.), d. h. in einem theologischen
den Bedingungen seiner idealen Politik entwirft. Deutungsrahmen.
Damit ist Kunst und besonders der Roman aber Kernbereiche der Souveränitätslehre sind ohne
durch ontologische Argumente kaum mehr aus literarisches Wissen undenkbar, so insbesondere
dem Wissen auszuschließen. die fiktive Doppelnatur des Königs: In seiner epo-
Die frühneuzeitliche Politik im Zeichen der chalen Studie zur politischen Theologie des Mittel-
Souveränitätsmacht (Michel Foucault) kommt alters, in deren Zentrum die juristische Fiktion der
durch Allegorien, die das Handeln anleiten und zwei Körper des Königs (The King ’ s Two Bodies,
rechtfertigen, zur Geltung. So beginnt Jean Bodin 1957) steht, hat Ernst H. Kantorowicz gezeigt, wie
seine zu den Klassikern der Politischen Wissen- Shakespeare in Richard II die Aufspaltung der zwei
schaft gehörende Schrift Six Livres de la République Körper des Königs vorführt, d. h. die Entkleidung
(1576), die Ausführungen zu Rolle und Macht des des Monarchen von seiner überzeitlichen Natur. In
Souveräns enthält, mit der Allegorie des Staats- Shakespeares Trauerspiel wie in den Schriften der
schiffs, das derzeit drohe, im Sturm unterzugehen, elisabethanischen Kronjuristen steht mit der Dop-
da die Schiffsführung (also der Souverän) ermattet pelnatur des Königs eine Fiktion im Mittelpunkt;
sei. Es sei daher unumgänglich, dass die Passagiere diese zentrale Fiktion ist, so Kantorowicz, von
(also die Bürger) Hilfe leisteten. Diese müssen die Shakespeares Dramen nicht zu trennen: »Die Tra-
Führung stärken  – eben durch Schriften wie die gödie König Richards II. ist die Tragödie der zwei
zum Staat (Bodin 1976, 5). Körper des Königs« (Kantorowicz 1990, 49). Politi-
Das Wissen zur Führung des Staates ist zudem sche Wissenschaft bzw. die juristische Definition
in allegorischen Bildprogrammen gespeichert. Die des Königtums sind im Fall der Fiktion von der
Embleme bzw. die Emblematik sind ein für das Doppelnatur des Königs nicht separierbar.
16./17. Jh. zentrales Medium des Wissens; am Be- Für die deutsche Tradition wurde der Anteil der
ginn der Begeisterung für Sammlungen von Emb- Literatur am politischen Wissen der Souveränitäts-
lemen steht das vielfach übersetzte, nachgedruckte, macht am Beispiel von Gryphius ’ Trauerspiel Er-
ergänzte und kopierte Emblematum liber (1531) mordete Majestaet. Oder Carlos Stuardus Koenig
des italienischen Rechtsgelehrten Andrea Alciato. von Gross Britannien, das die Hinrichtung Karls I
Sog. Emblembücher enthalten diese gewöhnlich vorführt, einschlägig nachgewiesen (Koschorke
dreiteiligen Formen, die aus einem Bild (pictura), u. a. 2007, 139–150). Eine wissenspoetisch offene
einer kurzen Inhaltsangabe (inscriptio) sowie einer Interpretation kann zeigen, dass »poetische Texte
Auslegung (subscriptio), oft in Form eines Epi- auch in Fragen der Politik eine spezifische Genau-
gramms, bestehen (Schöne 1993, 17–63). Politi- igkeit haben, die schwerlich mit anderen Mitteln
sches Wissen wird häufig in Form des Staatsschiffs erzielt werden kann« (Koschorke u. a. 2007, 143).
präsentiert: Themen sind u. a. das Schiff, das durch Eine weitere enge Verzahnung von Literatur und
Klippen gesteuert wird, sowie die Meuterei. Vorge- politischer Wissenschaft (als Lehre von den
führt wird, dass der Souverän nicht diskutieren, Grundsätzen der Herrschaft) findet sich in den
sondern das Steuer gerade halten soll (Schöne Fürstenspiegeln (speculum princeps). Die zur An-
1996, Sp. 1454 f.). leitungsliteratur zählende Gattung stellt dem Prin-
An dieser allegorischen Wissensspeicherung zen das Ideal des Herrschers vor Augen: Häufig
und -generierung hat Literatur und besonders das findet die von Plutarch herstammende Metapher
barocke Trauerspiel entscheidenden Anteil. Selbst von Löwe und Fuchs, die sich auch an zentraler
122 2. Disziplinen

Stelle bei Machiavelli findet, Anwendung. Diese in der ›Staatsbeschreibung‹« zur »numerischen Ana-
der Frühen Neuzeit florierende Gattung verliert lyse, zu einem Kalkül, das mit unbegrenzten Da-
sich erst mit dem bürgerlichen Zeitalter bzw. den tenmengen und mit einer dynamischen Zeitauffas-
nach-souveränen politischen Wissenschaften. sung zu rechnen hat« (Wolf 2004, 213), beschrei-
Christoph Martin Wielands Der goldne Spiegel ben.
(1772) ist ein spätes und bereits romanhaftes Mit dem Wahrscheinlichen wird eine eigene
Exemplar der Gattung, allerdings hat sich das Wis- Wirklichkeit »terminologisiert« (Campe 2002, 11),
sen verschoben: Statt das ideale Verhalten des Fürs- wie Rüdiger Campe mit Bezugnahme auf Blumen-
ten zu regeln, finden sich policeywissenschaftliche bergs Ausführungen zum Roman hervorgehoben
Vorgaben, die u. a. der Bevölkerung gewidmet sind hat. Am speziellen Fall der Wahrscheinlichkeits-
und damit im Zeichen der Verlagerung des Schwer- rechnung als Mittel der Voraussage der »zu-
punkts der Politischen Wissenschaft vom Souverän künftige[n] Entwicklung der Stärke und Leistungs-
auf die Policey und d. h. auf die Größen »Sicher- fähigkeit des Staates« (Campe 2002, 12) zeigt sich
heit, Territorium und Bevölkerung« (Foucault die enge Verzahnung von policeylichem und litera-
2004) stehen. rischem Wissen; d. h. auch von Politik und Ästhe-
tik: »Zwischen 1660 und 1800 wird die Wahr-
scheinlichkeit als theoretisches Wissen und als
18. und 19. Jahrhundert: Policey Theorie des ästhetischen Scheins konstituiert«
und statistische Wahrscheinlichkeit (Campe 2002, 15). Der Zusammenhang lässt sich
kompakt als »Ästhetisierung der Policey« bei
Johann Heinrich Gottlob von Justi definiert die Po- gleichzeitiger »Verpolizeilichung der Ästhetik«
licey-Wissenschaft als »alle Maaßregeln der inner- (Vogl 2000, 615) beschreiben.
lichen Landesangelegenheiten, wodurch das allge- Aus dieser Konstellation entsteht Friedrich
meine Vermögen des Staats dauerhaftiger gegrün- Schillers Dramenentwurf Die Polizey (um 1800),
det und vermehret, die Kräfte des Staats besser der aus gouvernementalen Daten gespeist ist und
gebrauchet und überhaupt die Glückseeligkeit des zugleich die Paradoxien der dieser Politik zugrun-
gemeinen Wesens befördert werden kann« (von deliegenden Machtformation ausstellt (Hahn
Justi 1756, § 2). Für den »Endzweck der Policey« ist 2008b). Unter der Maßgabe der Regulation als zen-
die »vollkommene Kenntnis« der materiellen Gü- traler Aufgabe der Politik im Zeichen der Policey
ter und der Vermögen und Geschicklichkeiten der kommt es in Klassik und Romantik zur Formie-
Bevölkerung unabdingbare Voraussetzung (§§ 5 rung der Ästhetik eines »polizeylichen Bildungs-
und 6). staats«. Die Poesie übernimmt in der Romantik die
Zugleich zeigt sich eine Verschiebung von der Aufgabe, die zuvor durch »die persona ficta des
Souveränitäts- zur Biomacht: In seinem Lehrbuch body politic« gelöst wurde: nämlich die »Synthesis
der Staats-Polizey-Wissenschaft legt Johann Hein- der verstreuten Einzelnen in der höheren Ord-
rich Jung fest, es ginge nicht nur darum, »daß man nung« (Wolf 2004, 215). Gerade auch dann, wenn
[ …] nur die würkende Kräfte, nemlich die Bürger direkt politisches Geschehen im Sinne der Haupt-
die man hat, erhalte, sondern daß man sie auch und Staatsaktionen dargestellt wird, wofür insbe-
vermehre, das erste geschieht durch gute Medizi- sondere Schillers dramatisches Werk einsteht, ste-
nal-Anstalten, und Personal-Sicherheit. Das hen Kontingenzmanagement und Steuerungsver-
zweyte aber durch die Bevölkerungs-Polizey« suche im Zentrum (Hahn 2008a), was wiederum
(Jung 1788, § 14). Zentrales Instrument der so be- auf die Vorgaben einer verpolizeilichten Ästhetik
stimmten Policey ist die Statistik (Foucault 2004, verweist (Vogl 2000).
454). Diese erfasst nicht nur einen gegenwärtigen Verstärkt treten Züge der Experimentalisierung
Zustand, sondern wird ein Mittel zur Berechnung hervor: Das politische Projekt der Auswanderer im
der Wahrscheinlichkeit von Ereignissen sowie ei- elften Kapitel des dritten Buches von J.W. Goethes
nes optimalen Mittelwerts bzw. der »Grenzen des Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821/1829) ist mit
Akzeptablen« (Foucault 2004, 20), der Häufigkeit seinen Tendenzen zur statistischen Voraussage und
von z. B. Diebstählen, aber auch von Sterbefällen zur Steuerung der wahrscheinlichen Ereignisse zu-
im Fall von Krankheiten, Hungersnöten usw. Dies gleich einem »Experiment mit dem Staat« (Foucault
lässt sich als Übergang der »deskriptiven Statistik, 2004, 457) verschrieben. Die Öffnung des Wissens-
2.11 Politikwissenschaft 123

raums, die mit dem Begriff des Experiments einher- des Politischen offenbar, die für eine Theorie der
geht – wobei der Begriff auch eine zentrale Funktion bürokratischen Macht, die um Effizienz und Ver-
in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, fahren kreist, unsichtbar bleiben muss.
einem zentralen politischen Dokument also, über- Insbesondere der der Figur des Dritten gewid-
nimmt –, eröffnet zugleich eine neue Form der mete Schloß-Roman (Jahraus 2006, 412–421) stellt
Poetologie des Wissens (Hahn/Pethes 2005). eine Provokation des Politischen und des gehegten
Wissens dar, sobald dieses in Form der zweiwerti-
gen Unterscheidung von Freund und Feind ge-
20. Jahrhundert: Verwaltung braucht wird, was mit Carl Schmitts Begriff des Po-
und post-etatistische Herrschaft litischen in die Gründungsakte der Politischen
Wissenschaft eingeschrieben ist. Der Charakter der
Im 20. Jh. lässt sich beobachten, wie die Literatur Provokation durch das literarische Wissen, gegen-
dieses Experiment weitertreibt: Sie beschreibt die über dem die Politische Wissenschaft nicht indiffe-
Zukunft nach dem Ende des Staates und eröffnet rent bleiben kann, zeigt sich in Schmitts Schriften,
eine Perspektive auf die komplexen Gefüge der besonders in Politische Romantik und findet sich
Machtformationen aus Disziplin, Sicherheit und komprimiert in einem Kafka gewidmeten Eintrag
Bevölkerung (Hahn 2000)  – und dies zu einem im Glossarium: »Franz Kafka könnte einen Roman
Zeitpunkt, an dem der Begriff der Macht mit Max schreiben: Der Feind. Dann wäre sichtbar gewor-
Webers Politik als Beruf (1919) zum zentralen Ele- den, daß die Unbestimmtheit des Feindes die Angst
ment der Definition von Politik wird. Durch solche hervorruft [ …]; dagegen ist es Sache der Vernunft
post-etatistisch konzipierten Herrschaftsverhält- (und in diesem Sinne der hohen Politik), den Feind
nisse eröffnet die Literatur eine Möglichkeit der zu bestimmen (was immer zugleich Selbstbestim-
Analyse gegenwärtiger Machtformationen, indem mung ist)« (Schmitt 1991, 36).
sie deren Tendenzen aufzeigt und ihre Dominante Die Hoffnung auf Entscheidung, was Vernunft
bestimmbar macht (Hahn 2000) bzw. selbst ein ist und was nicht, d. h. auch was zum Wissen ge-
biopolitisches Archiv wird (Schäfer 1996). Wäh- hört und was nicht, durch einen weiteren Roman,
rend der Begriff der Souveränität bzw. der Glaube an dem sich das Andere der hohen politischen Ver-
an den Souverän (Foucault 1977, 110) und das nunft zeigte, macht die Irritation der Politischen
Konzept des Staates das politische Wissen und die Wissenschaft durch das literarische Wissen deut-
politische Analyse blockieren, eröffnet Literatur lich, das sich nicht einfach ignorieren lässt und ge-
den Blick auf die Verfahrensweise und die Parado- schichtlich bis in die Antike zurückreicht.
xien nach-souveräner Herrschaft. Die Fiktionen
der Literatur operieren in diesem Sinne jenseits des Literatur
obstacle épistémologique (Gaston Bachelard) ›sou-
Aristoteles: Poetik. Griech.-Dt.. Übers. u. hg. v. Manfred
veräner Territorialstaat‹ und beleuchten die Macht-
Fuhrmann. Bibl. erg. Ausg. Stuttgart 1994.
apparate der Gegenwart, d. h. Institutionen, Regie- Berg-Schlosser, Dirk/Stammen, Theo: Einführung in die
rungstechniken und Medien. Politikwissenschaft [1974]. München 62003.
Beispielhaft sind Franz Kafkas Romane Das Bleek, Wilhelm: »Geschichte der Politikwissenschaft«. In:
Schloß und Der Prozeß zu nennen: Im Zentrum ste- Christiane Frantz/Klaus Schubert: Einführung in die
hen Gesellschaften mit evakuiertem Machtzen- Politikwissenschaft. Berlin u. a. 2010, 13–24.
Blumenberg, Hans: »Wirklichkeitsbegriff und Möglich-
trum und Typen bürokratischer Herrschaft, was
keit des Romans« [1964]. In: Ders.: Ästhetische und
u. a. zur Genrebezeichnung bureaucratic novel metaphorologische Schriften. Auswahl und Nachwort v.
(Friedsam 1954) geführt hat  – einer literarischen Anselm Haverkamp. Frankfurt a. M. 2001, 47–73.
Wissensproduktion über diese spezifische Herr- Bodin, Jean: Über den Staat [1576]. Stuttgart 1976.
schaftsform. Kafkas Romane zeigen die Konstruk- Campe, Rüdiger: Spiel der Wahrscheinlichkeit. Literatur
tion von »Machtapparaten« (Jahraus 2006, 296) und Berechnung zwischen Pascal und Kleist. Göttingen
jenseits souveräner Herrschaft. Mit der Vorfüh- 2002.
Foucault, Michel: Geschichte der Gouvernementalität I.
rung, dass es keinen Souverän und damit auch
Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesungen am
keine letzte Instanz gibt, die Entscheidungen ver- College de France 1977–1978. Frankfurt a. M. 2004.
antwortete oder der diese zurechenbar wären, wird Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit I. Der Wille
eine unheimliche Dimension der Verwaltung und zum Wissen. Frankfurt a. M. 1977 (frz. 1976).
124 2. Disziplinen

Friedsam, Hiram J.: »Bureaucrats as Heroes«. In: Social Koselleck, Reinhart: »Zur historisch-politischen Seman-
Forces 32, 3 (1954). tik asymmetrischer Gegenbegriffe«. In: Ders.: Vergan-
Hahn, Torsten: Fluchtlinien des Politischen. Das Ende des gene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten.
Staates bei Alfred Döblin. Köln/Weimar/Wien 2003. Frankfurt a. M. 1979.
Hahn, Torsten: Das schwarze Unternehmen. Zur Funktion Lehnert, Detlef: »Politik als Wissenschaft. Beiträge zur
der Verschwörung bei Friedrich Schiller und Heinrich Institutionalisierung einer Fachdisziplin in Forschung
von Kleist. Heidelberg 2008a. und Lehre der Deutschen Hochschule für Politik
Hahn, Torsten: »Großstadt und Menschenmenge. Zur (1920–1933)«. In: Politische Vierteljahresschrift 30, 3
Verarbeitung gouvernementaler Data in Schillers ›Die (1989), 443–465.
Polizey‹«. In: Tina-Karen Pusse (Hg.): Rhetoriken des Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft.
Verschwindens. Würzburg 2008b, 121–134. Frankfurt a. M. 1997.
Hahn, Torsten/Nicolas Pethes: »Das zweifache Ende der Maier, Hans: Politische Wissenschaft in Deutschland. Auf-
Utopie. Literatur als Gesellschaftsexperiment in We- sätze zur Lehrtradition und Bildungspraxis. München
zels Robinson und Goethes Wanderjahren«. In: Marcus 1969.
Krause/Nicolas Pethes: Literarische Experimentalkul- Mohl, Robert von: »Die Staats-Romane. Ein Beitrag zur
turen. Poetologien des Experiments im 19. Jahrhundert. Literatur-Geschichte der Staats-Wissenschaften«. In:
Würzburg 2005, 123–146. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 2, 1
Havelock, Eric A.: Preface to Plato. A History of the Greek (1845), 24–74.
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Jahraus, Oliver: Kafka. Leben, Schreiben, Machtapparate. Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt
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senschaft. Leipzig 1788. Jahnns literarisches Archiv des Menschen. Würzburg
Justi, Heinrich Gottlob von: Grundsätze der Policeywis- 1996.
senschaft in einem vernünftigen, auf den Endzweck der Schöne, Albrecht: Emblemata. Handbuch zur Sinnbild-
Policey gegründeten Zusammenhange und zum Ge- kunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts. Stuttgart 1967.
brauch akademischer Vorlesungen abgefasset. Göttin- Schöne, Albrecht: Emblematik und Drama im Zeitalter
gen 1756. des Barock [1964]. München 31993.
Kantorowicz, Ernst H.: Die zwei Körper des Königs. ›The Schmitt, Carl: Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre
King ’ s Two Bodies‹. Eine Studie zur politischen Theolo- 1947–1951. Hg. v. Eberhard Freiherr von Medem. Ber-
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Kaiser, Gerhard: »Leo Armenius oder Fürsten-Mord«. In: Vogl, Joseph: »Staatsbegehren. Zur Epoche der Policey«.
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Sammlung von Einzelinterpretationen. Stuttgart 1968, Voßkamp, Wilhelm (Hg.): Utopieforschung. Interdiszipli-
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Koschorke, Albrecht (u. a.): Der fiktive Staat. Konstruktio- a. M. 1997.
nen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Wolf, Burkhardt: Die Sorge des Souveräns. Eine Diskursge-
Frankfurt a. M. 2007. schichte des Opfers. Zürich 2004.
Torsten Hahn
125

2.12 Psychiatrie

Was ist Psychiatrie? verleihen (Kaufmann 1993, 126). Sein Vorgehen ist
charakteristisch für eine Gruppe psychischer Ärzte,
Als eigenes medizinisches Fach entsteht die Psychi- die als Leiter und Verwalter des Irrenwesens pro-
atrie im deutschsprachigen Raum zu Beginn des fessionalisiert werden und den Wahnsinn für heil-
19. Jh.s. Der Name geht auf den in Halle lehrenden bar erklären.
Arzt Johann Christian Reil zurück, der ihn 1808 in In nosologischer Hinsicht bilden sich im ersten
seinem Aufsatz Ȇber den Begriff der Medizin und Drittel des 19. Jh.s zwei verschiedene Schulen aus:
ihre Verzweigungen« einführte. In der Forschung Die sogenannte somatische Schule wird u. a. von
wird die Entstehung mit einer spezifisch bürger- Maximilian Jacobi repräsentiert, der Störungen des
lichen Norm- und Werteordnung in Zusammen- Seelenlebens in Relation zu physiologischen Ver-
hang gebracht, die auf eine Affekt- und Leiden- änderungen betrachtet. Die psychische Schule wird
schaftsdisziplinierung zielt und damit einen dagegen durch den Leipziger Psychiater Johann
wesentlichen Aspekt des bürgerlichen Selbstver- Christian Heinroth vertreten, der Krankheiten in-
ständnisses reflektiert (Kaufmann 1995, 18). Insti- nerhalb der Seele verortet und psychische Verän-
tutionell geht die Entstehung mit einer staatlichen derungen, die wie das Delirium in Folge körperli-
Irrenpolitik und Reform des Anstaltswesens Hand cher Affektationen eintreten, den somatischen Fä-
in Hand, in deren Zug kirchliche Klöster enteignet chern der Medizin zuordnet. Neben ätiologischen
und zu Irrenanstalten umgewandelt werden Grundsatzfragen richten sich die Bemühungen fer-
(Engstrom 2003, 17). Während diese Entwicklung ner auf die Formenlehre, die auf der Basis von Be-
in Frankreich von Michel Foucault als Phase der obachtungen entwickelt wird oder sich  – wie in
»großen Internierung« (Foucault 1989, 71) be- Heinroths Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens
zeichnet wird, betont die deutschsprachige Institu- (1818)  – an den Begrifflichkeiten der philosophi-
tionen- und Sozialgeschichte die bis weit ins 19. Jh. schen Psychologie und idealistischen Bewusstseins-
verbreitete familiäre Irrenversorgung (Kaufmann philosophie orientiert.
1995, 22). Mit der Namensgebung ›Psychiatrie‹ ist zudem
Ihr thematisches und methodisches Profil ge- der Versuch verbunden, das Fach institutionell an
winnt die Psychiatrie durch Übernahmen und Universitäten zu verankern. In Ergänzung zu den
Abgrenzungen von anderen Fächern wie der An- Asylen entstehen in Universitätskrankenhäusern
thropologie, der Philosophie und Pädagogik. Von meist kleine Forschungs- und Lehreinheiten, deren
Literatur – insbesondere der Literarischen Anthro- Autonomie gegenüber den Kliniken insgesamt je-
pologie – übernimmt sie Gegenstände und Erzähl- doch beträchtlich variierte (Engstrom 2003, 3). Be-
weisen. Sie richtet ihr Augenmerk auf absonderli- sonders in universitären Institutionen bildet sich
che mentale Vorgänge, auf die Beziehungen zwi- die Psychiatrie als disziplinierende Macht aus, in
schen körperlichen und geistigen Leiden und auf der das Arzt-Patientenverhältnis zunehmend von
deren empirische Erforschung. Damit beerbt sie einem Forschungs- und Erkenntnisinteresse be-
die empirische Seelenheilkunde, die Karl Philipp stimmt wird. Mit dem Anspruch auf Wissenschaft-
Moritz in seinem Magazin zur Erfahrungsseelen- lichkeit beginnt die Psychiatrie, Geisteskrankhei-
kunde (1783) entwirft. Während Moritz auf eine ten systematisch zu erforschen und ihre Patienten
theoretische Durchdringung der Erfahrungssee- einem Regime disziplinierender, experimenteller
lenkunde verzichtet und weder eine klare Nosolo- und pharmakologischer Maßnahmen zu unterwer-
gie noch eine differenzierte Formenlehre vorlegt, fen. Sie sollen die als disparat und chaotisch wahr-
verfolgen Psychiater meist jedoch ein definiertes genommene Anstaltsnosologie ablösen und die
therapeutisches oder nosologisches Anliegen. Reil alte Formenlehre durch ein zuverlässiges, einheitli-
formuliert in seinen 1808 erschienenen Rhapsodien ches Klassifikationssystem ersetzen (Engstrom
über die Anwendung der psychischen Kurmethode 2003, 17). Die Psychiatrie orientiert sich dabei an
einen therapeutischen Ansatz  – die sogenannte den Vorgaben der Experimentalpsychologie Wil-
psychische Kurmethode – und versucht damit, den helm Wundts bzw. der Hirnpathologie und trans-
Irrenanstalten den Status von Krankenhäusern zu formiert sich in eine Laborwissenschaft. Psychi-
126 2. Disziplinen

sche Vorgänge werden u. a. in Analogie zu Reflex- schen und fiktionalen Texten, die eine gewisse Au-
bewegungen begriffen, Seelenkrankheiten im tonomie beanspruchen oder sich poetischen
Gehirn lokalisiert und Hirnsektionen zum wesent- Gattungen (Epik, Drama, Lyrik) zuordnen lassen.
lichen Instrument bei der Ursachensuche der Geis- Die heute übliche kategoriale Trennung von wis-
teskrankheiten erklärt (Griesinger 1876). Neben senschaftlicher, pragmatischer, fiktionaler und po-
der Hirnpathologie wird die psychiatrische For- etischer Literatur erweist sich im Blick auf das
menlehre weiter ausgebaut und von Emil Kraepelin 18. Jh. oft als anachronistisch und kann als Effekt
in seinem Lehrbuch der Psychiatrie (1899) zu einem der Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Lite-
klassifikatorisch-klinischen Ansatz fortgeführt. ratur verstanden werden. Im frühen 19. Jh. stehen
Nach 1900 entzündet sich über die Methoden der Shakespeares Dramen als mögliche Quellen der
Psychiatrie jedoch ein veritabler Streit, in dessen Psychiatrie oft gleichberechtigt neben medizini-
Rahmen geisteswissenschaftlich-hermeneutische schen Krankengeschichten. Etwa erwähnt der Ber-
Verfahren an Bedeutung gewinnen. Die Verständi- liner Psychiater Karl Wilhelm Ideler Cervantes ’
gung über die Wissenschaftlichkeit, die Erkennt- Don Quichote, um die Mechanismen der Erotoma-
nisweisen und Methoden der Psychiatrie, die sich nie vor Augen zu stellen (Ideler 1857, 220), oder er
zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ansie- greift auf Shakespeares Macbeth zurück, um Sin-
delt, bleibt im 20. Jh. prekär und erreicht mit der nestäuschungen zu erläutern (ebd., 340). Diese
phänomenologischen Existentialanalyse – etwa mit Kurzreferenzen verdanken sich einerseits dem ho-
Roland Laings Schrift Das geteilte Selbst (dt. hen Bekanntheitsgrad literarischer Texte und zeu-
1973/1960) –, mit den Konstruktivismus-Debatten gen davon, dass Romanen und Dramen selbstver-
und der Antipsychiatrie-Bewegung der 1970er ständlich psychiatrisches Wissen entnommen
Jahre einen Höhepunkt. wird. Andererseits orientieren sich Psychiater mit
ihren eigenen Fallbeschreibungen vielfach an der
Prägnanz und Deutlichkeit literarischer Vorgaben.
Psychiatrie als Literatur Für das Abfassen von Kasuistiken hat die fiktionale
Literatur vielfach sogar eine Vorbildfunktion, inso-
Im Vergleich zu anderen medizinischen Fächern fern sie eine poetische Wahrheit darzustellen ver-
zeichnet sich die Psychiatrie durch ein besonders mag, die der Wirklichkeit überlegen sei (Ideler
enges Verhältnis zur Literatur aus, das auf unter- 1848, 70). Zudem verstehen sich psychische Ärzte
schiedlichen Ebenen zu verorten ist: Erstens auf nicht selten als literarische Autoren, Anthropolo-
der Ebene der Darstellung, denn psychiatrische gen und Philosophen (Carroy 1993, 9), die schrift-
Fallberichte basieren oft auf Erzählungen; zweitens stellerischen Tätigkeiten nachgehen. Der in Frank-
auf der Ebene der Gegenstände, etwa mentaler furt tätige Psychiater Heinrich Hoffmann publi-
Vorgänge, die mit objektiven Verfahren nur be- ziert 1845 z. B. das erfolgreiche Kinderbuch Der
dingt nachweisbar sind und daher oft als privile- Struwwelpeter, das wesentlich bekannter wurde als
gierter Gegenstand der introspektiven Literatur sein Lehrbuch der Psychiatrie. Auch Emil Kraepe-
gelten. Drittens wird Literatur um 1900 als Zeichen lin verfasst in seiner Zeit als Leiter der Heidelberger
von Geisteskrankheit begriffen und damit unter Klinik Gedichte für den Hausgebrauch und übte
bestimmten pathologischen Vorgaben bewertet. sich in poetischen Schreibweisen, die seine psychi-
Das enge Verhältnis zur Literatur bleibt bis ins atrischen Kasuistiken prägen (Wübben 2012). Zwar
späte 19. Jh. konstitutiv für die Psychiatrie, ob- beziehen sich klinische Psychiater wie Kraepelin
schon sie sich mit der stärkeren Orientierung an oder Hirnanatomen wie Wilhelm Griesinger gegen
den Naturwissenschaften programmatisch von der Ende des 19. Jh.s nur noch sporadisch auf literari-
Literatur, Anthropologie und Erfahrungsseelen- sche Texte. Die wissenschaftlichen Publikationsfor-
kunde abzugrenzen beginnt. mate, die Lehrbücher, Fachzeitschriften und Mo-
Psychiatrisches Wissen basiert vielfach auf Tex- nographien weisen über weite Strecken aber litera-
ten, die in hohem Maß narrativ und rhetorisch ge- rische Erzählweisen auf. Neben der individuellen
formt sind. Neben pragmatischen Schriften  – die und illustrierenden Kasuistik gewinnen typisie-
zum Zwecke der Belehrung, der Erziehung, der Ab- rende Erzählweisen an Geltung. In Lehrbüchern
schreckung und Erbauung verfasst wurden  – be- repräsentieren sie Krankheitseinheiten innerhalb
zieht die Psychiatrie ihre Erkenntnisse aus poeti- eines geltenden klassifikatorischen Systems und
2.12 Psychiatrie 127

sollen auf etwas Allgemeingültiges verweisen. ihrerseits an der Psychopathia sexualis orientieren,
Diese Darstellungsintention geht mit bestimmten werden wiederum zu Bestätigungen der zuvor be-
Erzählstrategien wie der Tilgung von Details und schriebenen Krankheitsbilder angeführt. In diesem
historischen Indices (Personennamen, Datums- Prozess bilden sich rekursive Schleifen bzw. Loo-
oder Ortsangaben) einher (Schuster 2010, 99–113). ping-Effekte (Hacking 1995) zwischen Literatur
Auch theatralische und dialogische Präsentati- und Psychiatrie aus. Nicht nur für Kasuistiken sind
onsweisen spielen im Rahmen der ärztlichen Ex- fiktionale Erzählungen zentral. In der Ätiologie ha-
ploration und in psychiatrischen Kliniken eine ben sie ferner einen Bezug zum Wissen. Die Dege-
Rolle. Bei Demonstrationen von Geisteskranken in nerationslehre, d. h. die Auffassung von der Über-
Klinikhörsälen werden in der Regel sichtbare und tragbarkeit der Krankheit von einer Generation auf
hörbare Zeichen der Krankheit vor Augen geführt. eine andere, wird zunächst nicht empirisch belegt,
Dabei interessieren in der Forschung besonders die sondern primär als Gegenerzählung zum Fort-
Parallelen zu Theateraufführungen. Die klinischen schrittsoptimismus der Wissenschaft über die
Demonstrationen von Jean-Martin Charcot wer- Fachgrenzen hinaus verbreitet. Die damit befasste
den z. B. mit sogenannten »großen Szenen« (Vogel Literatur, etwa Emil Zolas Experimentalroman,
2002, 397) verglichen, die ästhetischen Darstel- lässt sich vor diesem Hintergrund als Versuch be-
lungskonventionen des theatralen Furors glichen. greifen, die Degenerationslehre durch die Konst-
Psychiater in der ersten Hälfe des 19. Jh.s gewin- ruktion von kontrafaktischen Konstellationen zu
nen Erkenntnisse über den Menschen oft im Me- überprüfen (Nicolosi 2010).
dium der Literatur, d. h. mit poetischen Mitteln. Um 1900 gehen literarische Texte und andere
Ihre Texte lassen sich deshalb der Literarischen Schriftzeugnisse zudem in die Diagnostik ein. In
Anthropologie (Riedel 2000) zuschreiben, mit der Wilhelm Langes Schrift Hölderlin wird dessen Ge-
sie den Erfahrungsbegriff und die Darstellungswei- dicht Patmos als Symptom einer Geisteskrankheit,
sen teilen. Auch am Ende des 19. Jh.s ist psychiatri- eines Bewusstseinszerfalls bzw. einer katatonen
sche Literatur z. T. noch anthropologisch. Sie gilt Denkstörung gedeutet. Besonders markant bildet
als Medium der Selbstbeobachtung und Selbster- sich dieser Zugriff im Rahmen von Pathographien
kenntnis, die den ganzen Menschen betrifft. Diese aus. Sie stellen ein literarisch-wissenschaftliches
Auffassung hat besonders innerhalb psychiatri- Hybridgenre dar, das nicht das Leben, sondern die
scher Ausrichtungen Konjunktur, die Assoziations- Krankheiten berühmter Persönlichkeiten rekonst-
vorgänge und Bewusstseinszustände erforschen. ruiert. In ihrer Bewertung der Literatur orientiert
So greift der Schweizer Psychiater und Leiter des sich die Psychiatrie wiederum an rhetorischen und
Burghölzli August Forel, der sich dem Studium ab- ästhetischen Formkriterien. Sie konzentriert sich
normer Bewusstseinsvorgänge widmet, auf intros- zwar auf Inversionen oder Wortgefüge. Die lyri-
pektiv-literarische Techniken der Selbstbeobach- schen Formbesonderheiten werden aber nicht als
tung zurück, die auch in der Literarischen Anthro- ästhetische Darstellungsprinzipien verstanden,
pologie verbreitet sind. In seiner Abhandlung Der sondern pathologisch gedeutet. In der Pathogra-
Hypnotismus (1891) beschreibt er Dissoziati- phie setzt sich damit die Tendenz fort, Sprechakte
onsphänomene, die er an sich beobachtet, und be- oder schriftlich fixierte Äußerungen zu Zeichen
dient sich dabei narrativer Techniken wie der Mit- der Krankheit zu erklären (Rigoli 2001). Bei der
telbarkeitsreduktion. Der badische Psychiater Ri- formalen Analyse legen Psychiater oft Sprachnor-
chard von Krafft-Ebing konzentriert sich ebenfalls men an, die meist allerdings unreflektiert bleiben.
auf das Studium des ganzen Menschen und treibt Etwa wird die Nähe der wahnsinnigen Sprache
die Medikalisierung bzw. Entkriminalisierung zum pathetischen Redemodus ein entscheidender
mutmaßlicher Sexualpathologien voran (Osterhu- Aspekt der Nosographie. Auch wenn sich Autoren
uis 2000). Zudem integriert er Elemente erotisch- wie Paul Möbius als Naturwissenschaftler begrei-
fiktionaler Erzählliteratur  – etwa Leopold von fen und objektiv-experimentellen Methoden fol-
Sacher-Masochs Venus im Pelz  – in die Fallge- gen, wird ihr Umgang mit Texten dennoch weitge-
schichten der Psychopathia Sexualis, ohne die Kon- hend durch ästhetische Normen geprägt. Im 20. Jh.
ventionalität und rhetorische Verfasstheit des fikti- spielen sprachpsychologische und ästhetische Fra-
onalen Textes in Betracht zu ziehen. Die von Pati- gen in der Krankheitslehre weiterhin eine wichtige
enten verfassten ›Selbsterfahrungen‹, die sich Rolle. Eugen Bleuler vergleicht in seinem Buch De-
128 2. Disziplinen

mentia praecox oder die Gruppe der Schizophrenien Synonym für den Verlust der Vernunft. Psychopa-
(1911) Traum und Wahnsinn, weil beide auf ähnli- thologisch schließt er eine gestörte Wahrnehmung
chen sprachlich-rhetorischen Operationen wie der der Außenwelt, wahnhafte Gedanken, Stimmenhö-
Verdichtung oder der Metonymie basieren und auf ren oder verwirrte Rede ein, und bezeichnet nicht
unbewusste psychische Vorgänge deuten. Mit der zwangsläufig eine psychiatrische Störung im enge-
nach Hans Prinzhorn benannten Sammlung Bild- ren Sinn. Romantische Novellen rücken die Geis-
nerei der Geisteskranken (1922), die u. a. Briefe und tesstörung vielfach in den Kontext einer magisch-
Patienten-Zeichnungen enthält, rücken gestalteri- mythischen Welterfahrung. In Ludwig Tiecks Der
sche Aspekte in den Fokus der psychiatrischen For- blonde Eckbert nimmt Bertas Wahnsinn vom Ge-
schung. Bei der Analyse dieser Materialien werden sang eines Waldvogels seinen Ausgang, der sie an
zunehmend geisteswissenschaftlich-hermeneuti- eine verbrecherische Tat erinnert. Ihre Geisteszer-
sche Verfahren angewendet. Für den Psychiater rüttung lässt sich psychopathologisch als Ausdruck
und Psychoanalytiker Jacques Lacan bildet sich in eines Schuldgefühls verstehen. Im Wahnsinnsmo-
sprachlichen Zeichen etwa das Andere eines Be- tiv wird aber zugleich die Möglichkeit einer zwei-
gehrens aus. Shakespeares Hamlet gilt ihm als mo- ten Wirklichkeit angedeutet. In E.T.A. Hoffmanns
derner Held, in dessen Wahnsinn sich die Struktur Der Sandmann tritt Wahnsinn ebenfalls in Zusam-
dieses Begehrens offenbare (Lacan 1977). menhang mit bedrohlichen Ereignissen auf, über
deren wahre Existenz der Leser in Zweifel gelassen
wird. Diese wahnsinnige Ambiguität wird hier auf
Psychiatrie in der Literatur der Ebene der Erzählung inszeniert und durch
multiperspektivische Erzählstrategien hervorge-
Das Verhältnis von Literatur und psychiatrischem bracht. Im Verlauf des 19. Jh.s nimmt die Spezifität
Wissen lässt sich in mehrfacher Hinsicht untersu- der medizinischen Darstellung in der Literatur zu.
chen, einerseits im Blick auf Motive und Wissens- Georg Büchners Lenz skizziert nicht nur eine Epi-
formationen, die in der Literatur aufgegriffen und sode aus dem Leben eines Dichters, die sich auf die
transformiert werden, andererseits in diskurs-, er- ausbrechende Geisteskrankheit der Figur konzen-
zählanalytischer und medientheoretischer Per- triert und sich eng an psychiatrische Konzepte der
spektive. Geisteskrankheit anlehnt (Kubik 1991). Der Text
Motiv- und wissensgeschichtliche Analysen markiert zugleich den Beginn eines klinischen
konzentrieren sich in der Regel auf die Identifika- Blicks und einer retrospektiven Diagnostik, mit der
tion einzelner Wissenselemente, auf Krankheitsbil- aktuelle Krankheitskonzepte auf historisch frühere
der, den Wahnsinn, die Hysterie, oder auch auf no- Epochen, Personen oder Stoffe rückprojiziert wer-
sologische Fragen. Grundsätzlich werden dabei oft den. Die engere Orientierung literarischer Wahn-
verschiedene Formen des Wahnsinns, z. B. der dio- sinnsdarstellungen am Wissen und den Darstel-
nysische, der medizinische oder der tragische lungsformen der Psychiatrie setzt sich bei natura-
Wahnsinn unterschieden. In der deutschsprachi- listischen Autoren wie Gerhart Hauptmann fort.
gen Literatur des 18. und 19. Jh.s – besonders in der Sie richtet sich an einer neuen Sichtbarkeit der
Weimarer Klassik und dem poetischen Realismus – Krankheit aus, die sich ebenfalls in den Fotografien
gelten psychiatrisch-medizinische und moralische der Kriminalanthropologie ankündigt.
Darstellungen als eng miteinander verwoben Um 1900 haben auch Künstlerfiguren in der Li-
(Thomé 1993). Die Literatur eignet sich psychiatri- teratur Konjunktur, die z. T. als männliche Hysteri-
sches Wissen meist unter den Vorgaben ihres eige- ker oder Neurastheniker porträtiert werden (Mi-
nen Systems an. Wahnsinn tritt etwa im Verbund cale 1995). Diese Pathologisierungen stehen meist
mit einer unmoralischen Lebensführung oder ei- im Zusammenhang mit einer Gesellschafts- und
ner schwärmerischen Kunsthaltung auf. Vielfach Kulturkritik (Roelcke 1999). Die Adaption psychia-
ist er auf Nebenfiguren beschränkt, die in religiöser trischen Wissens dient hier nicht mehr vorwiegend
und moralischer Hinsicht Außenseiterfiguren blei- der Darstellung individueller Pathologien oder ei-
ben, die ein tragisches Schicksal erleiden oder eine nes spezifischen Krankheitsmechanismus. Viel-
moralische Verfehlung begehen, wie z. B. der Inzest mehr entwirft die Literatur Prototypen, in denen
des Harfners in Johann Wolfgang Goethes Wilhelm sich epochenspezifische Tendenzen artikulieren
Meisters Lehrjahre. ›Wahnsinn‹ fungiert dann als sollen. Während mit der (eigentlich der Neurologie
2.12 Psychiatrie 129

bzw. Psychoanalyse zuzuordnenden) Hysterie und Erzählformen und Prozesse der Verschriftung als
der Neurasthenie eine allgemeine Nervenschwäche Aspekte der Wissensbildung analysiert und der
oder fehlende Adaptionsleistungen an eine immer Blick so auf wissenschaftliche und literarische
schneller werdende Moderne vor Augen geführt Praktiken gerichtet.
werden, steht die Darstellung der Hysterie  – bei
weiblichen Figuren wie Flauberts Madame Bovary Literatur
oder Fräulein Else von Arthur Schnitzler – oft im
Kontext einer körperlichen Wahrnehmungsästhe- Anz, Thomas: Literatur als Existenz. Literarische Psycho-
pathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühex-
tik (Starobinski 1987), der weiblichen Sexualität,
pressionismus. Stuttgart 1977.
Ehemoral oder Emanzipation. Carroy, Jaqueline: Les personalités doubles et multiples.
Gottfried Benn und expressionistische Autoren Entre Science et Fiction. Paris 1993.
rücken Wahnsinnsdarstellungen ebenfalls in die Engstrom, Eric: Clinical Psychiatry in Imperial Germany.
Nähe psychiatrischer Krankheitslehren und rich- Ithaca 2003.
ten sich gegen das beschränkte neuropsychiatri- Föcking, Marc: Pathologia litteralis. Erzählte Wissenschaft
und wissenschaftliches Erzählen im französischen 19.
sche Wissen ihrer Zeit, u. a. indem sie Krankheit als
Jahrhundert. Tübingen 2002.
Existenzmodus begreifen (Anz 1977) und – inspi- Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Ge-
riert durch die Kritik an rationalistischen Denk- schichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt
formen, neoromantischen und neomystischen a. M. 1989 (frz. 1961).
Tendenzen  – in den breiteren kulturkritischen Griesinger, Wilhelm: Allgemeine Pathologie und Therapie
Kontext des sogenannten literarischen Primitivis- der psychischen Krankheiten. Stuttgart 41876.
mus und der dionysischen Rauscherfahrung stel- Hacking, Ian: »The Looping Effects of Human Kinds«. In:
Dan Sperber/David Premack/Ann J. Premack (Hg.):
len. Ebenso interessieren sich literarische Autoren
Causal Cognition. An Interdisciplinary Approach. Ox-
für die aus der Psychiatrie übernommene automa- ford 1995, 351–383.
tische Schreibweise, die bei Surrealisten wie André Ideler, Karl Wilhelm: Der Wahnsinn in seiner psychologi-
Breton zu einer literarischen Technik entfaltet wird schen und sozialen Bedeutung. Erläutert durch Kran-
und erlauben soll, Gedanken und Einfälle mög- kengeschichten. Berlin 1848.
lichst unzensiert festzuhalten. Derartige Synergie- Ideler, Karl Wilhelm: Lehrbuch der gerichtlichen Psycholo-
gie. Berlin 1857.
effekte lassen sich auch bei Alfred Döblin nachwei-
Kaufmann, Doris: Aufklärung, bürgerliche Selbsterfah-
sen, dessen nüchterner, von internen Fokalisierun- rung und die »Erfindung« der Psychiatrie in Deutsch-
gen geprägter Prosastil mit einer auf Objektivität land (1770–1850). Göttingen 1995.
ausgerichteten, psychiatrischen Schreibweise in Kubik, Sabine: Krankheit und Medizin im literarischen
Zusammenhang gebracht wird (Reuchlein 1991). Werk Georg Büchners. Stuttgart 1991.
In der Nachfolge Michel Foucaults richten sich dis- Lacan, Jaques: »Desire and the Interpretation of Desire in
kursanalytische und wissenspoetologische Analy- Hamlet«. Translated from the French by James Hul-
bert. In: Yale French Studies 55/56 (1977), 11–52.
sen auf »technologische und disziplinierende Nor-
Micale, Mark S: Approaching Hysteria: Disease and Its In-
malisierungsstandards« in Döblins literarischen terpretations. Princeton 1995.
Texten (Schäffner 1995, 12) sowie auf die brüchi- Nicolosi, Riccardo: »Experimente mit Experimenten.
gen Machtgefüge der Psychiatrie, oder sie bemü- Émile Zolas Experimentalroman in Russland zwischen
hen sich um die weitere Differenzierung dieser Ablehnung und Dekonstruktion«. In: Michael Gamper
Machtgefüge. Daniel Paul Schrebers Schrift Denk- u. a. (Hg.): »Wir sind Experimente: wollen wir es auch
sein!«. Experiment und Literatur 1790–1890. Göttingen
würdigkeiten eines Nervenkranken wird z. B. als »li-
2010, 367–394.
terarisches Zeugnis pathologisierter Selbstsorge« Oosterhuis, Harry: Stepchildren of Nature. Krafft-Ebing,
(Stingelin 2000, 137) im Kampf gegen die Macht Psychiatry, and the Making of Sexual Identity. Chicago
der Psychiatrie gelesen, das sich Wissen der Psychi- 2000.
atrie parodistisch aneigne. Während diese Ansätze Reuchlein, Georg: »›Man lerne von der Psychiatrie‹. Lite-
als Geschichte von Rationalität und Machttechno- ratur, Psychologie, und Psychopathologie in Alfred
logien aufgebaut sind, rekonstruieren andere Ar- Döblins ›Berliner Programm‹ und ›Die Ermordung ei-
ner Butterblume‹«. In: Jb. Für Internationale Germanis-
beiten innerwissenschaftliche Dynamiken und un-
tik 23, (1991), 10–67.
tersuchen den Transfer zwischen Psychiatrie und Riedel, Wolfgang: Literarische Anthropologie. In: Reallexi-
Literatur in seinen historischen Konstellationen kon der Deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II. Hg. v.
(Föcking 2002, Wübben 2012). Dabei werden u. a. Harald Fricke. Berlin/New York 2000, 432–434.
130 2. Disziplinen

Rigoli, Juan: Lire le délire. Aliénisme, rhétorique et littéra- Stingelin, Martin: »Psychiatrisches Wissen, juristische
ture en France au XIXe sciècle. Fayard 2001. Macht und literarische Selbstverständnis. Daniel Paul
Roelcke, Volker: Krankheit und Kulturkritik. Psychiatri- Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken im
sche Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter Licht von Michel Foucaults Geschichte des Wahn-
(1790–1914). Frankfurt a. M. 1999. sinns«. In: Scientia Poetica 4 (2000), 131–164.
Schäffner, Wolfgang: Die Ordnung des Wahns. Zur Poeto- Thomé, Horst: Autonomes Ich und ›Inneres Ausland‹. Stu-
logie psychiatrischen Wissens bei Alfred Döblin. Mün- dien über Realismus, Tiefenpsychologie und Psychiatrie
chen 1995. in deutschen Erzähltexten (1848–1914). Tübingen 1993.
Schuster, Britt-Marie: Auf dem Weg zur Fachsprache. Vogel, Juliane: Die Furie und das Gesetz. Zur Dramaturgie
Sprachliche Professionalisierung in der psychiatrischen der ›großen Szene‹ in der Tragödie des 19. Jahrhundert.
Schreibpraxis (1800–1939). Tübingen 2010. Freiburg 2002.
Starobinski, Jean: »Die Skala der Temperaturen. ›Körper- Wübben, Yvonne: Verrückte Sprache. Psychiater und
lesung‹ in Madame Bovary«. In: Ders.: Kleine Ge- Dichter in der Anstalt des 19. Jahrhunderts. Konstanz
schichte des Körpergefühls. Konstanz 1987, 31–61. 2012.
YvonneWübben
131

2.13 Psychologie

Was ist Psychologie? genstandsbereich der Psychologie sicherlich bis in


die Philosophie der Antike zurückverfolgen lassen.
Folgt man dem zeitgenössischen Lehrbuchwissen Vertritt man sogar die Ansicht, dass von einer ei-
der Psychologie, lässt sich ihr Erkenntnisobjekt fol- genständigen Disziplin nur dann die Rede sein
gendermaßen bestimmen: »Gegenstand der Psy- kann, wenn sie entsprechend institutionell und
chologie sind Verhalten, Erleben und Bewußtsein professionell verankert ist, tritt die ›kurze Ge-
des Menschen, deren Entwicklung über die Le- schichte‹ der akademischen Psychologie noch ekla-
bensspanne und deren innere (im Individuum an- tanter vor Augen: Erst 1879 gründet Wilhelm
gesiedelte) und äußere (in der Umwelt lokalisierte) Wundt das erste psychologische Institut (vgl. Dan-
Bedingungen und Ursachen« (Zimbardo 1995, 4). ziger 1990), im Jahr 1888 wird die erste Professur
Die Breite der Definition verdeutlicht, dass die Psy- für Psychologie in den USA verliehen (in Deutsch-
chologie nicht nur mit Abgrenzungsschwierigkei- land im Jahr 1923) und ein Diplom, also ein be-
ten gegenüber anderen Humanwissenschaften zu rufsqualifizierender Abschluss als Psychologe/Psy-
rechnen hat (vgl. auch Canguilhem 1956), sondern chologin, kann in Deutschland erst seit 1941 er-
auch, dass sich mit Blick auf die Bestimmung des worben werden (vgl. Lück 2011 und Hothersall
Gegenstands kaum ein trennscharfes Kriterium 2004, eine kritische Perspektive bietet Rose 1998).
zur Unterscheidung von Psychologie und Literatur Diese relativ späte disziplinäre Autonomisie-
gewinnen lässt. Dass sich literarische Texte (zu- rung der Psychologie lässt sich – neben dem ver-
mindest seit dem 18. Jh.) nämlich wie die Psycholo- gleichbaren Erkenntnisinteresse – als entscheiden-
gie für ›Verhalten, Erleben und Bewusstsein des der Grund dafür ausmachen, dass die Literatur zur
Menschen‹ interessieren und dieses Interesse mit Psychologie ein so enges Verhältnis wie wohl zu
Blick auf biographische Entwicklungen und die keiner anderen Wissenschaft unterhält. Die fol-
Frage nach dem Zusammenspiel von individuellen gende Skizzierung dieses Verhältnisses orientiert
Anlagen und sozialen Einflussnahmen verfolgen, sich an den wichtigsten Innovationsschüben, vor
wird kaum zu bestreiten sein. Vielversprechender deren Hintergrund sich die Psychologie zuneh-
erscheint es deshalb, dem Unterschied zwischen mend als eigenständige Disziplin ausdifferenziert,
Psychologie und Literatur in der Art und Weise, in und umfasst fünf Stationen: 1. die Erfindung des
der dieses Interesse verfolgt wird, nachzuspüren. Subjekts und die Etablierung von empirischen Be-
Während die Literatur nämlich bei ihren Beobach- obachtungs- und Aufzeichnungsverfahren im
tungen der menschlichen Psyche auf ein einziges 18. Jh., 2. die Ausgestaltung des Subjektivitätskon-
Medium, den Text, verwiesen bleibt, entwickelt zepts durch die ›Entdeckung‹ unbewusster An-
die  Psychologie im Verlauf ihrer Geschichte ein triebe und der Geschichtlichkeit auch der psycho-
umfangreiches methodisches Arsenal von Beob- logischen Verfasstheit des Menschen ›um 1800‹, 3.
achtungs-, Beschreibungs- und Experimentalisie- die von sinnesphysiologischen Forschungen ausge-
rungstechniken, welches ihr den Status einer empi- hende Experimentalisierung psychologischer Be-
rischen Wissenschaft sowie den Anschluss an die obachtung im 19. Jh. und das Ideal einer objektiven
Standards naturwissenschaftlicher Objektivität ge- Beschreibung psychischer Phänomene, 4. die Radi-
währen soll. kalisierung psychologischer Experimentalität in
Das wohl meistzitierte psychologiehistorische Reflexologie bzw. Behaviorismus und das Para-
Bonmot (des Pioniers der Gedächtnisforschung digma der Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jh.s.
Hermann Ebbinghaus) besagt, dass die Psycholo- Die 5. Etappe, in deren Zusammenhang nach dem
gie »eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Ge- Verhältnis von Literatur und Psychologie nach ih-
schichte« (Ebbinghaus 1908, 9) habe. Es bringt rer vollständigen Professionalisierung und Etablie-
zum Ausdruck, dass von einem Beginn des Wegs rung als akademisches Fach und insbesondere
der Psychologie zu einer empirischen Wissenschaft nach der literarischen Kritik an psychologischen
nicht vor der Begründung der Erfahrungsseelen- Subjektivitätsmodellen, wie sie im Nouveau Ro-
kunde in den 1780er Jahren die Rede sein kann, man, in der Postmoderne und aus einer feministi-
obwohl sich systematische Betrachtungen zum Ge- schen Perspektive verhandelt worden sind, sowie
132 2. Disziplinen

nach der historiographischen Reflexion psycholo- Hälfte des 18. Jh.s organisiert nicht mehr die Ratio-
gischer Erkenntnis in der Literatur zu fragen wäre, nalität des Zeichens, sondern der Mensch als empi-
kann in dem vorliegenden Rahmen nicht mehr er- risch-transzendentale Dublette die epistemische
örtert werden. Ordnung. Es entstehen zwei »Arten von Analy-
sen«, von denen die eine auf die »Natur der
menschlichen Erkenntnis« und die andere auf die
Das 18. Jh.: Von der Empfindsamkeit »Geschichte der menschlichen Erkenntnis« zielt
zur Erfahrungsseelenkunde (Foucault 1995, 385). Diese wissenshistorischen
Verschiebungen bilden sich auch in einem Wandel
Im Jahr 1713 veröffentlicht Julius Bernhard von der Individualitätssemantik ab, der wiederum in
Rohr, Autor zahlreicher naturwissenschaftlicher enger Korrelation zu der Evolution von einer strati-
Abhandlungen und prominenter Vertreter der fikatorisch organisierten (nach hierarchisierten
›Hausväterliteratur‹, seinen Unterricht von der Gesellschaftsschichten geordneten) zu einer funk-
Kunst, der Menschen Gemüther zu erforschen. tional differenzierten (nach verschiedenen Teilsys-
Gleich der zweite Satz des einleitenden Kapitels temen wie Wirtschaft, Recht, Politik strukturier-
stellt klar: »Ich nenne [die Kunst, der Menschen ten) Gesellschaft steht, wie sie Niklas Luhmanns
Gemüther zu erforschen] eine Kunst, und nicht Systemtheorie beschreibt. Der Begriff des Indivi-
eine Wissenschaft, weil sie keine unumstößliche duums, der sich im Verlauf des 18. Jh.s durchsetzt,
Gründe hat, aus welchen sie ihre Sätze herleitet, lässt sich laut Luhmann vor allem durch folgende
und daher nicht den Nahmen einer Wissenschaft Charakteristika kennzeichnen: zum einen da-
verdient« (Rohr 1732, 1). Knappe siebzig Jahre spä- durch, dass es seine Identität selbstreferentiell ge-
ter tritt Karl Philipp Moritz ’ »Vorschlag zu einem winnt, insbesondere durch Selbstbeobachtungen;
Magazin einer Erfahrungs-Seelenkunde«, das von zum anderen dadurch, dass das Individuum an die
1783 bis 1793 erscheint und gemeinhin als Grün- beiden Unterscheidungen Natur/Zivilisation und
dungsprojekt der psychologischen Erforschung des Besonderes/Allgemeines angeschlossen ist (vgl.
Menschen gilt, deutlich selbstbewusster auf: Dass Luhmann 1998).
es sich bei der Erfahrungsseelenkunde um eine Während die Literatur an diesen Entwicklungen
Wissenschaft handelt, steht an keiner Stelle des partizipiert, indem sie für den Wandel der Indivi-
Vorschlags infrage. Das ist umso erstaunlicher, als dualitätssemantik ein Darstellungs- und Reflexi-
die Erfahrungsseelenkunde keinerlei Vorläufer an- onsmedium bereitstellt oder die Umstellungen in
erkennt, sondern sich vielmehr als vollständige Sinnesphysiologie und Erkenntnistheorie in ihrer
Neu- und Selbstbegründung begreift (vgl. Moritz eigenen Ästhetik und deren Theoretisierung abbil-
2006, 794). Worauf sich die Erfahrungsseelen- det, erhält eine Psychologie im modernen Sinn
kunde einzig und allein beruft, sind Beobachtun- durch diese Entwicklungen allererst einen Ort in
gen der menschlichen Denk- und Verhaltenswei- der Ordnung des Wissens. Erst die Umstellung auf
sen und deren Sammlung zu einer erschöpfenden ein neuronales Körpermodell und der damit ein-
Materialbasis, die »alle Ausnahmen bemerkt« (ebd., hergehende sinnesphysiologische Bruch zwischen
798). Dingwelt und Vorstellungswelt ermöglicht es, geis-
Sucht man nach den Gründen für diesen Unter- tige Vermögen als eigengesetzliche und produktive
schied zwischen von Rohrs Unterricht und Moritz ’ Funktionalitäten in den Blick zu nehmen (vgl. Ko-
Projekt einer ›Seelenkrankheitslehre‹, stößt man schorke 2003, 369–375). Erst die Einführung der
auf massive gesellschaftsstrukturelle, wissenshisto- Unterscheidung empirisch/transzendental eröffnet
rische und subjektivitätstheoretische Transformati- die Möglichkeit, ein Forschungsfeld zu etablieren,
onen. Aus physiologischer Perspektive entschei- das sich vorrangig auf Erfahrungswissen bzw. na-
dend ist die Umstellung von einer humoral zu einer turwissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie
neuronal orientierten Beschreibung des menschli- das Experiment stützt und das sich auch institutio-
chen Organismus (vgl. hierzu Koschorke 2003, nell von der Philosophie absetzen kann. Erst die
112–129). Mit dieser Veränderung hängt eng zu- Neukonzeption von Individualität gibt solcher Er-
sammen, was Michel Foucault in Die Ordnung der forschung einen Rahmen, in dem sich einerseits
Dinge als den Eintritt des Menschen in den Raum die auf die Physiologie verweisende ›Natur‹ der
des Wissens gekennzeichnet hat. In der zweiten menschlichen Psyche mit ihrer ›Geschichte‹, mit
2.13 Psychologie 133

ihrer in jedem Individuum einzigartigen, kulturell tig halten« und »sich selber zum Gegenstande sei-
und biographisch geprägten Formation verknüp- ner anhaltendsten Beobachtungen [ …] machen«
fen lassen und in dem andererseits das Besondere (ebd., 799), lässt sich auf die 1765–1770 entstande-
jeden Subjekts zum Allgemeinen einer objektiven nen Bekenntnisse Rousseaus verweisen, in denen
Wissenschaft werden kann. Vor diesem Hinter- sich das, was Moritz für die Zukunft der Psycholo-
grund installiert sich die Psychologie als ein Wis- gie fordert, in der Literatur als bereits entworfen
sensgebiet, das sich, seit Christian Wolff 1728 den zeigt. Auch Moritz ’ Befund, dass in den ihm vorlie-
Begriff der Psychologie mit der Unterscheidung genden Lebensgeschichten nur die »Oberfläche«
zwischen rationaler und empirischer Psychologie (ebd.) beschrieben sei und »nicht, wie die ersten
etabliert hat (vgl. Wolff 2006, 64 f.; Danziger 1997), Keime von den Handlungen des Menschen sich im
sowohl mit Blick auf die behandelten Gegenstände Innersten seiner Seele entwickeln« (ebd., 800), ent-
als auch auf die Anzahl von Veröffentlichungen spricht kaum dem Stand der zeitgenössischen Lite-
und akademischen Vorlesungen bis zum letzten ratur, formuliert doch Friedrich Schiller keine vier
Jahrzehnt des 18. Jh.s rasant ausweitet. Jahre später im Verbrecher aus verlorener Ehre als
Kulminationspunkt und zugleich richtungsge- ästhetisches Prinzip seiner Erfolgserzählung bei-
bendes Paradigma dieser Entwicklung, an der die nahe gleichlautend: »[W]ir müssen [den Helden]
Anthropologie (vgl. Nowitzki 2003; Zelle 2001) mit seine Handlung nicht bloß vollbringen, sondern
ihrer Frage nach dem ›ganzen Menschen‹ (vgl. auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns
Schings 1994), nach dem Konnex physiologischer unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit
Gegebenheiten und psychologischer Vermögen mehr an den Quellen seiner Gedanken als an den
maßgeblichen Anteil hat, ist dann Moritz ’ Maga- Folgen seiner Taten« (Schiller 1993, 14 f.; vgl. Leh-
zin. Gemeinsam ist allen um 1800 publizierten psy- mann 2006). Wie nah sich literarische und psycho-
chologischen Magazinen (vgl. Eckardt u. a. 2001, logische Programmatik in den 1780er Jahren einer-
133–188), dass sie ihr Forschungsmaterial in aller- seits stehen, wie sehr ihre Umsetzung andererseits
erster Linie aus Fallgeschichten beziehen. Dass die aber eher in der Literatur als in den psychologi-
neue Wissenschaft der Psychologie vorrangig auf schen Zeitschriften geleistet wird, lässt sich aber
Fallgeschichten rekurriert, bringt sie in prekäre wohl nirgends so deutlich nachvollziehen, wie in
Nähe zu all den Geschichten, die ebenfalls für sich Moritz ’ eigenen Veröffentlichungen. Sucht man
beanspruchen können, als »Beitrag zur innern Ge- nämlich im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde
schichte des Menschen« (Moritz 2006, 796) zu gel- nach Beiträgen, die eine vergleichbare Beobach-
ten, diesen Beitrag aber im Modus der Fiktionalität tungsgenauigkeit erreichen wie Moritz ’ literarische
formulieren. Diese Nähe der psychologischen Be- Texte, wird man kaum fündig werden (vgl. Gessin-
obachtung im Medium der Fallgeschichte zu litera- ger u. a. 2011). Erst der ›psychologische Roman‹
rischen Beschreibungen der menschlichen Psyche Anton Reiser verbindet die im Vorschlag geforderte
und die mit ihr einhergehenden Abgrenzungspro- »Aufmerksamkeit aufs Kleinscheinende« (Moritz
bleme werden von Moritz auch als solche wahrge- 2006, 801), die »kaltblütige[] Aufmerksamkeit«
nommen und als Konkurrenz explizit reflektiert (ebd., 802) eines psychologischen Beobachters mit
(vgl. ebd., 798). Dass Moritz sich vehement abzu- der Schilderung eines biographischen Verlaufs,
setzen versucht, indem er die Faktizität seiner welche »die innere Geschichte des Menschen«
neuen Wissenschaft gegen die »leere[n] Spekulazi- (Moritz, 86) nicht erst mit der Kindheit des Prota-
onen« (ebd.) von Philosophie und Literatur aus- gonisten, sondern bereits vor dieser mit der Schil-
spielt, markiert aber zugleich das Dilemma, mit derung der religiösen Verwirrungen seiner Eltern
dem sich die junge Psychologie, die sich ihre Mate- beginnen lässt. Erst Anton Reiser verbindet die
rialbasis allererst schaffen will, konfrontiert sieht. Darstellung der Pathologien eines empfindsam-
Die Darstellungs- und Deutungsmuster, mittels de- schwärmerischen Individuums mit der Darstellung
rer in Fallgeschichten psychologische Beobachtun- der Pathologien der sozialen Institutionen, welche
gen angestellt werden, sind allesamt literarisch prä- solche pathologische Individuen produzieren (vgl.
formiert. Wenn Moritz beispielsweise vom »eigent- Gailus 2004).
lichen Beobachter des Menschen« verlangt, er solle Dass ein Roman die Forderungen, die an die Be-
»auf die Erinnrungen aus den frühesten Jahren der obachtungs- und Aufzeichnungsverfahren der
Kindheit aufmerksam sein, und nichts für unwich- neuen psychologischen Wissenschaft gestellt wer-
134 2. Disziplinen

den, eher erfüllt als eine Vielzahl der im Namen die- chen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in der
ser Wissenschaft selbst verfassten Dokumente, fin- Entwicklung derselben so wohl die innere als die re-
det seine wohl wichtigste Ursache in dem bereits lative Möglichkeit, die Beschaffenheit des menschli-
angedeuteten Befund, dass die Literatur sehr eng chen Herzens, die Natur einer jeden Leidenschaft,
mit der Produktion und Entwicklung jener Indivi- mit allen den besondern Farben und Schattierun-
dualitätssemantik verwoben ist, die ein menschli- gen, welche sie durch den Individual-Charakter und
ches Subjekt produziert, das psychologische Be- die Umstände einer jeden Person bekommen, aufs
trachtungen allererst möglich sein lässt. Dies lässt genaueste beibehalten« werden (Wieland 2010, 11).
sich besonders augenfällig an der Entstehung/Ent- Gegenüber den Romanen Schnabels und Gellerts
wicklung des modernen Romans im 18. Jh. andeu- hat sich die Ausgangslage damit geradezu umge-
ten. Der Aufstieg des Romans von einer ästhetisch kehrt. Die Hauptfigur dient nicht mehr der Model-
unterprivilegierten Gattung zum literarischen Leit- lierung und Explikation außerpsychologischer Pro-
medium im 19. Jh. verbindet sich nämlich grob zu- blemstellungen, sondern die moralischen Konflikte,
sammengefasst in erste Linie mit zwei Momenten: denen sich Agathon ausgesetzt sieht, dienen der Be-
dem ›Realismus‹ der Darstellung und der Ausein- obachtung und Beschreibung seines Charakters.
andersetzung mit dem (bürgerlichen) Individuum. Diese Umkehrungen lassen Wielands Agathon
Paradigmatisch ist in diesen Hinsichten zunächst zum Vorläufer eines psychologischen Realismus
vor allem der englische Roman mit den Autoren werden, der 1774 von Christian Friedrich von
Daniel Defoe, Samuel Richardson und Henry Blanckenburg in seinem Versuch über den Roman
Fielding (vgl. Watt 2001). Für die deutsche Literatur zum Programm literarischen Schreibens über-
lässt sich mit Blick auf die Beobachtung der haupt ausgerufen wird. Blanckenburg bezieht das
menschlichen Psyche eine vergleichbare Entwick- aristotelische Mimesis-Gebot vollständig auf den
lung feststellen, die sich nicht zuletzt durch den epi- Menschen und erhebt dessen Beobachtung und Er-
gonalen Bezug auf die genannten englischen Auto- kenntnis zum vorrangigen Nutzen des Romans.
ren erklärt. Johann Gottfried Schnabels Insel Felsen- Ziel soll sein, »das ganze innre Seyn der handeln-
burg (erster Teil 1731), Christian Fürchtegott den Personen, mit all den sie in Bewegung setzen-
Gellerts Das Leben der schwedischen Gräfin von den Ursachen« (Blanckenburg 2008, 146) in Szene
G*** (1747/48) und Christoph Martin Wielands zu setzen und dabei die »ganze vereinte und in ein-
Geschichte des Agathon (1766/67) sind nicht nur in- ander geflossene Summe unsrer Ideen und Emp-
sofern für die Geschichte der deutschen Literatur findungen« (ebd., 145) in ihren Ursache-Wir-
paradigmatisch, als sie die Robinsonade Defoes, die kungs-Verkettungen darzustellen. Blanckenburgs
Empfindsamkeitskultur Richardsons und die Ironie poetologische Reflexionen beschränken sich aber
Fieldings/Sternes für den deutschsprachigen Ro- nicht nur auf die Psychologie der erzählten Figu-
man besonders fruchtbar gemacht haben, sie mar- ren, sondern machen im Leser ein Doppelgänger-
kieren darüber hinaus zentrale Weichenstellungen subjekt aus, welches das geschilderte Bewusstsein
für die Ausdifferenzierung einer individualitätsse- als Spiegel seiner selbst erleben soll, indem ihm
mantischen Topik, die jeder psychologischen Beob- dieses als »einzele[s] Bild eines allgemeinen Falls«
achtung zugrundeliegt (vgl. Jannidis 1996). (ebd., 248) auf eine Weise präsentiert wird, die eine
Wie in den beiden anderen genannten Romanen größtmögliche Unmittelbarkeit zwischen der Psy-
bildet das Verhältnis von individuellem Charakter che des Lesers und derjenigen der Figuren ver-
und allgemeinen Moralvorstellungen auch den spricht. Einen herausragenden Platz für die Ge-
Grundkonflikt von Wielands Geschichte des Aga- schichte der literarischen Psychologie und für die
thon. Allerdings verschiebt der Roman diesen Kon- Geschichte der modernen deutsche Literatur über-
flikt eindeutig zugunsten einer wirklichkeitsnahen haupt nimmt das Jahr 1774 zudem wegen der Dar-
Darstellung der Psychologie, vor deren Hinter- stellung der Leiden des jungen Werthers ein. Johann
grund der Konflikt zwischen Individuum und Tu- Wolfgang von Goethes epochemachender Roman
gend ausgetragen wird. Demgemäß formuliert der scheint vor allem deswegen für die moderne (deut-
»Vorbericht« das Programm des Romans und ver- sche) Literatur paradigmatisch, weil er das Reper-
spricht, »daß die Charakter nicht willkürlich und toire der empfindsamen Subjektkonstruktionen
bloß nach der Phantasie, oder den Absichten des mit den neuen psychologischen Beschreibungs-
Verfassers gebildet, sondern aus dem unerschöpfli- standards verbindet und beides in der Form der
2.13 Psychologie 135

Fallerzählung präsentiert, einer Form, die es er- Besonders augenfällig wird diese Abstraktion in
laubt, die als absolut einzigartige angesetzte Sub- Novalis Enzyklopädie-Projekt des Allgemeinen
jektivität Werthers so allgemeingültig und an- Brouillon (1798/99, vgl. Krause 2013). Dem ent-
schlussfähig darzustellen, dass eine Identifikation spricht auch das romantische Interesse für Erzähl-
mit ihr für eine große Leserschaft möglich ist (zur formen wie dem Märchen, in dem eben keine indi-
Psychopathologie Werthers vgl. Meyer-Kalkus vidualisierten Figuren agieren, sondern eher Typo-
1977, zum »Werther-Effekt« Andree 2006). logien der modernen Subjektwerdung in den Blick
genommen werden. Tiecks Der Runenberg (1804)
kann in diesem Zusammenhang als typisches Bei-
Die Entdeckung der Kindheit und spiel für eine Erzählweise genannt werden, in der
des Unbewussten in der Romantik sich die Adoleszenz als Kampf zwischen bewuss-
tem Ich und unbewussten Begehrensstrukturen in-
Im letzten Viertel des 18. Jh.s scheint also, nach ei- szeniert und in das sowohl die Topographie als
nem Befund Friedrich Kittlers, »die Literatur sel- auch das Personal des Märchens symbolisch inte-
ber Psychologie« (Kittler 1977, 139) geworden zu griert werden (vgl. Böhme 1981).
sein. Die Obsession, mit welcher besonders roman- Eine vergleichbare Schreibweise, in der psychi-
tische Texte die Sozialisation bzw. Subjektwerdung sche Strukturen allegorisiert und in ein semioti-
ihrer Protagonisten und ihr nicht selten durch sches Spiel überführt werden, in dem meist unun-
wahnhafte Verwerfungen gestörtes Verhältnis zur terscheidbar bleibt, ob der Handlungsverlauf durch
bürgerlichen Wirklichkeit verfolgen, entspricht das Oberflächengeschehen oder unbewusste Tie-
diesem Befund auf einen ersten Blick. Auf einen fenstrukturen motiviert ist, kennzeichnet eine
zweiten Blick weist ein Großteil der literarischen Vielzahl der romantischen Märchen und phantasti-
Verhandlungen der Psychologie in der Romantik schen Erzählungen von Tieck, Novalis, Adelbert
allerdings signifikante Verschiebungen gegenüber von Chamisso, Friedrich de la Motte Fouqué oder
den im eher wissenschaftlichen Diskurs beheima- E.T.A. Hoffmann. Theoretisch flankiert wird das
teten Untersuchungen der menschlichen Psyche Oszillieren zwischen Natur und Zeichen, Materie
auf. Diese hängen im Wesentlichen mit zwei Mo- und Bewusstsein, Oberfläche und Tiefe, welche
menten zusammen: zum einen mit einer tiefgehen- diese Texte vorführen, durch Schriften wie Johann
den Skepsis gegenüber der Verlässlichkeit empiri- Christian Reils Rhapsodien über die Anwendung
scher Beobachtung und zum anderen mit einer in der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttung
der Regel deutlich ausgestellten Selbstreflexivität, (1803), der mit der Unterscheidung zwischen Gan-
mittels der die eigene poetische Fabrikation zum glien- und Cerebralsystem der romantischen Spe-
Thema gemacht wird. So nimmt bereits Ludwig kulation auf das Unbewusste ein neurologisches
Tiecks frühe und in eher nicht-romantischer Dik- Fundament gibt, oder Gotthilf Heinrichs Schuberts
tion gehaltene Erzählung Der Psycholog (1796) den Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft
Erfolg der neuen Wissenschaft zum Anlass, den (1808), der im antiaufklärerischen Gestus mit Blick
empirischen Beobachtungswillen des titelgeben- auf Phänomene wie Somnambulismus, Traum,
den Psychologen gegen die Phantastik der Wirk- Wahnsinn, Mesmerismus die Erkenntnisreichweite
lichkeit auszuspielen. der Vernunft und des Bewusstseins infrage stellt
Die in Tiecks Erzählung angedeuteten transzen- (zum Verhältnis von Wissenschaft und romanti-
dentalen Reflexionen auf die Beziehungen zwi- scher Literatur vgl. Brandstetter/Neumann 2004).
schen Vernunft und Wahnsinn sowie die Bedin- Schuberts Symbolik des Traums (1814) schließlich
gungsverhältnisse von Wirklichkeit und Imagina- kann nicht nur als eine der wichtigsten Präformati-
tion führen allerdings nicht nur dazu, dass onen der psychoanalytischen Traumdeutung und
psychische Grenzphänomene wie Träume, Halluzi- entsprechend einer Wissenschaft des Unbewussten
nationen oder das Unbewusste in das Zentrum des gelten, sondern stellt über die Figur eines »ver-
Interesses rücken, sondern auch dazu, dass die steckten Poeten in unserem Innern« (Schubert
Subjektivitäten, von denen romantische Texte er- 1992) auch eine explizite Verbindung von Literatur
zählen, der Konkretion der empirischen Realität so und Psychologie her, die davon ausgeht, dass das
weit entrückt sind, dass sie eher mythischen Typen Unbewusste gemäß ästhetisch-semiotischer Prin-
als psychologisch ausgestalteten Figuren gleichen. zipien operiert.
136 2. Disziplinen

Im Umfeld der Auseinandersetzungen mit der 1830er Jahren als realistisch begreifen, einem Be-
Adoleszenz als Allegorie der Subjekt- und Künst- obachtungs- und Beschreibungsmuster zu folgen,
lerwerdung bewegt sich auch die Verhandlung von wie sie der Erzähler von Adalbert Stifters Abdias
(insbesondere traumatischen) Kindheitserlebnis- (1842) in folgenden Worten vorgibt: »was er aber
sen als Präformation der Charakterbildung und fühlte, ob es Glück oder Unglück für ihn war – das
späterer psychischer Defekte, welche eine Vielzahl können wir von einem so verschlossenen Manne
romantischer Texte kennzeichnet. Besonders Cle- nicht ergründen  – [ …] und wir können blos er-
mens Brentanos Godwi sowie seine Geschichte vom zählen, was er gesprochen und gethan hat« (Stifter
braven Kasperl und schönen Annerl und Hoffmanns 2005, 369 f.). Analog zu den Entwicklungen in den
Elixiere des Teufels und Das Fräulein von Scuderi Naturwissenschaften, die im 19. Jh. zunehmend
motivieren nicht nur die Psychologie ihrer Prota- Objektivität herstellen zu können glauben (vgl.
gonisten sondern auch den Handlungsverlauf Daston/Galison 2007), setzen auch die Humanwis-
durch bisweilen recht grausame Szenarien, welche senschaften auf Beschreibungsverfahren, die von
zugleich als sexuelle Initiationserlebnisse der je- individuellen Subjektivitäten abstrahieren (die
weiligen Kinder vorgeführt werden (vgl. Kremer Konsequenzen für die Psychologie erläutert Fou-
1997, 144–452). Ein zentraler Text für die Psycho- cault 2001). Diese Entwicklung findet in der Psy-
logie der literarischen Romantik ist schließlich chologie ihren vielleicht prägnantesten Ausdruck
E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann nicht nur deswe- im Jahr 1834 in der Formulierung des Weberschen
gen, weil auch seinem Geschehen eine ödipale Ur- Gesetzes, mittels dessen sich das Verhältnis der
szene zugrunde liegt, die zudem durch Sigmund Stärke einer Sinnesempfindung und der Intensität
Freuds Aufsatz Das Unheimliche in die psychoana- des Reizes in einer einfachen Formel beschreiben
lytische Theoriebildung eingegangen ist, sondern lässt und das den Grundstein für die Experimenta-
weil er darüber hinaus ein herausragendes Beispiel lisierung der Erforschung der menschlichen Psy-
für das romantische Interesse an verschobenen che legt (vgl. Hoffmann 2006). Literarische Texte
oder wahnhaften Wahrnehmungen und Bewusst- ordnen sich in diesen Paradigmenwechsel insofern
seinszuständen ist. Die pathographische Fallge- ein, als auch sie sich von der Erkundung der trans-
schichte Hoffmanns verhandelt die fließenden zendentalen (Un-)Tiefen individueller Subjektivi-
Übergänge von einer normalen zu einer verrückten tät weitgehend verabschieden und den Fokus eben-
Wahrnehmung, indem sie verschiedene Erzählper- falls auf die Empirie, auf die Beschreibung dessen,
spektiven, das Motiv des Auges sowie den Einfluss ›was gesprochen und getan‹ wird, was also äußer-
optischer Apparate auf das Sehen miteinander ver- lich beobachtbar ist, verschieben (vgl. Thomé
bindet und zur gestörten Identität ihres Protago- 1993). Dem entspricht ein gesteigertes Interesse für
nisten in Beziehung setzt (vgl. Kittler 1977). das soziale Milieu literarischer Figuren und die
Umweltfaktoren, welche die individuelle Entwick-
lung beeinflussen. Der Komplexität, die aufgebaut
Die Experimentalisierung der Psyche wird, indem neue gesellschaftliche Bereiche litera-
und der psychologische Realismus risch erschlossen werden, entspricht allerdings
häufig eine Reduktion der Komplexität hinsichtlich
Beschäftigen sich romantische Texte geradezu ob- der Beschreibung des Innenlebens der Figuren, die
sessiv mit Fragen der Subjektivität, mit ihren als Repräsentanten bestimmter gesellschaftlicher
Nachtseiten und den Einfluss von Kindheitserleb- Typen keine ausgestaltete individuelle Psychologie
nissen auf die Ausgestaltung der individuellen Psy- besitzen. Deutlich lässt sich dies beispielsweise in
che und lassen sich dadurch mit gutem Recht als Honoré de Balzacs Comedié Humaine (1822–50)
›proto-psychoanalytisch‹ bezeichnen, tritt im oder den frühen Romanen Charles Dickens beob-
19. Jh. das Interesse nicht nur für die unbewussten achten, deren Personal zwar das gesamte soziologi-
Seiten der Psyche, sondern für das menschliche In- sche Spektrum abdeckt, aber meist recht stereotype
nenleben insgesamt im Zeichen von Positivismus Charakteristika aufweist, denen eine mangelnde
und dem Streben nach einer objektiven Beobach- Reflexions- und Beobachtungsfähigkeit der Figu-
tung und einer Einordnung der Psychologie in die ren entspricht, die durch eine auktoriale Perspek-
Naturwissenschaften zunächst deutlich zurück. Al- tiv- und Kommentarebene ausgeglichen wird. Viel-
les in allem scheinen jene Texte, die sich seit den schichtiger gestaltet sich das Verhältnis zwischen
2.13 Psychologie 137

Individuum und sozialer Umwelt naturgemäß in ohne dass diese Phase auf ein Bildungsideal bezo-
solchen Texten, die auf die Tradition des Bildungs- gen und von diesem her interpretiert würde (vgl.
romans zurückgreifen und entsprechend das Erle- Ginzburg 1991).
ben und den Sozialisationsprozess eines einzelnen
Subjekts in den Mittelpunkt stellen, so etwa in
Gottfried Kellers Der grüne Heinrich (1854/55) Der Aufstieg der Psychoanalyse
oder Stifters Nachsommer (1857) (vgl. Rohe 1993, und die Psychologie der Moderne
208–226; Sebald 1994).
1856 erscheint mit Gustave Flauberts Madame Wahrscheinlich lässt sich an kaum einem Autor der
Bovary ein Text, dessen Absage an Bildungsvorstel- Wandel von realistischen zu modernen literari-
lungen, wie sie Keller und Stifter mit ihrer ›Schule schen Beschreibungsverfahren der menschlichen
des Sehens‹ vertreten, kaum deutlicher ausfallen Psyche so gut nachvollziehen wie an Henry James.
könnte. Flauberts Schreibweise, die sich zum Ziel Während in James ’ Romanen der 1870er und 80er
setzt, die Diskrepanz zwischen der Vorstellungs- Jahre vor allem die zivilisierenden Einflüsse der so-
welt und der sozialen Wirklichkeit ihrer Romanfi- zialen Umwelt und ihr Einfluss auf die individuelle
guren mittels impersonnalité (Unpersönlichkeit), Erfahrungs- und Charakterbildung in den Blick ge-
impassibilité (Ungerührtheit) und impartialité (Un- nommen werden, wird mit Texten wie The Figure
parteilichkeit) unverstellt in den Blich zu nehmen, in the Carpet (1896), The Turn of the Screw (1898)
kann zugleich als Höhepunkt und Verabschiedung oder What Maise Knew (1897) die Verfertigung
des Objektivitätsideals beschrieben werden (vgl. zu und Prozessualität von Erfahrung selbst zum Ge-
diesem Ideal Koppenfels 2007). Durch die Perfekti- genstand der literarischen Beobachtung. Dabei
onierung der narrativen Technik der erlebten Rede, greifen die Texte zum einen auf den Wissensstand
den (scheinbar) vollständigen Rückzug der Erzähl- der zeitgenössischen Psychologie zurück, wie ihn
instanz und den Verzicht auf Identifikationsange- sein Bruder William James in The Principles of Psy-
bote gelingt es Flauberts Romanen, die Bewusst- chology (1890) präsentiert. Zum anderen werden
seins- und Wahrnehmungsprozesse ihrer Protago- psychologische Fragestellungen auch auf die Phä-
nisten präzise zu verzeichnen, ihre Beobachtungen nomenologie des Lesens und die Konstitution des
beobachtbar zu machen und so die von ihnen als Textes selbst bezogen, so dass nicht nur die Wahr-
objektiv erlebte und beschriebene Wirklichkeit als nehmungen und Interpretationen der literarischen
subjektiv und milieuabhängig zu dekuvrieren. Figuren thematisiert werden, sondern sich auch im
Weitere Ausdifferenzierungen erfährt die litera- Zusammenspiel von rhetorischen und narrativen
rische Beschreibung der menschlichen Psyche be- Techniken mit der Konstruktionsleistung der Le-
sonders im russischen Realismus. Konzentriert senden eine Parallele findet (vgl. Felman 1977).
sich der psychologische Realismus Leo Tolstois auf Die Annahme, dass kohärente Wahrnehmungen
solche Phänomene, die dem Bewusstsein der Prot- und personale Identitäten sich einer Narration ver-
agonisten (und des Autors) grundsätzlich vollstän- danken, die außerhalb der Psyche keine direkte Ent-
dig zugänglich sind, interessieren sich die Romane sprechung in der Realität findet, wird nicht nur zur
Fjodor Michailowitsch Dostojewskis vor allem für Grundlage einer Vielzahl der ästhetischen Pro-
die »Tiefen der Menschenseele« (Dostojewski gramme der Moderne und einer gesteigerten
2003, 619), also für jene psychischen Kräfte, die Selbstreflexivität ästhetischer Verfahren, sondern
sich der Beobachtung und dem Willen ganz oder ist auch für den wissenschaftlichen Diskurs der Psy-
teilweise entziehen, und nehmen dabei Erschei- chologie konstitutiv, der sich im letzten Drittel des
nungen wie Apathie, Zwangsvorstellungen, Epilep- 19. Jh.s endgültig von seinen geisteswissenschaftli-
sie, Sucht, (Selbst-)Zerstörungstriebe oder sozio- chen bzw. philosophischen Grundlagen emanzi-
pathische Denkmuster detailliert in den Blick. Die piert. Mit dieser zunehmenden Institutionalisierung
Erzählweise Dostojewski bietet nahezu keine über- der Psychologie bilden sich auch entsprechende
geordnete Perspektive an, von der aus das erzählte Subdisziplinen aus, die sich vereinfachend in drei
psychische Geschehen zu ordnen und zu bewerten methodische Forschungsrichtungen einordnen las-
wäre, und so gelingt es ihr, psychologische Phasen sen: Am meisten dem naturwissenschaftlichen Ex-
in ihrem Eigenwert zu erfassen, so beispielsweise perimentaldispositiv verpflichtet sind dabei erstens
das pubertäre Bewusstsein in Der Jüngling (1875), solche Disziplinen, die sich in erster Linie für die
138 2. Disziplinen

physiologischen Grundlagen psychischer Prozesse tung, Verschiebung, Symbolbildung – lediglich li-


und Reiz-Reaktions-Mechanismen interessieren, terarische Beobachtungs- und Produktionstechni-
wie die Psychophysik, die Reflexologie, der Behavi- ken in einem theoretischen Diskurs expliziert, des-
orismus und die Psychotechnik als angewandte sen Schreibweise wiederum deutlich einer
Wissenschaft, während gestalt- und feldtheoreti- literarischen Ästhetik verpflichtet ist (vgl. Kyora
sche Ansätze zweitens experimentalwissenschaftli- 1992; Alt/Anz 2008).
che Grundlagen mit phänomenologischen und bio- In der Literatur werden solche Analogien zwi-
semiotischen Beschreibungen verbinden und drit- schen ästhetischen Verfahren und den Prozessen
tens tiefenpsychologische Ausrichtungen, also die der Bewusstseinsbildung bzw. des Unbewussten auf
Psychoanalyse Freuds sowie die an sie anknüpfen- eine Weise zum Thema, die psychologische Beob-
den Theorien wie die Individualpsychologie Adlers achtungen nicht mehr anhand der Figuren verhan-
oder die analytische Psychologie Jungs, bei der Er- delt, sondern zunehmend den Text selbst zum
forschung des Unbewussten nicht experimentalwis- Schauplatz der Verhandlung psychologischen Wis-
senschaftlich, sondern hermeneutisch fundiert und sens macht. Ein anschauliches und frühes Beispiel
fallbasiert vorgehen. hierfür findet sich in Hugo von Hofmannsthals Rei-
Dass literarische Texte der Moderne eine beson- tergeschichte (1899), in der sich nicht nur die ver-
ders enge Beziehung zur Psychoanalyse unterhal- schiedenen Ebenen der erzählten Welt (äußere Rea-
ten, ist angesichts der eher vergleichbaren metho- lität, Vorstellungs- und Traumwirklichkeit des
dischen Grundlagen wenig überraschend. So kon- Protagonisten sowie Kollektiv- und Individualge-
statiert bereits Sigmund Freud selbst das enge schichte), sondern eben auch das Erzählte und die
Verhältnis seiner Psychoanalyse zur Literatur, Erzählweise spiegeln und unauflösbar ineinander
wenn er einerseits schreibt, dass seine »Krankenge- übergehen, so dass nicht zu entscheiden ist, ob die
schichten [ …] wie Novellen zu lesen« seien, symbolischen Muster, welche diese verschiedenen
(Breuer/Freud 1991, 180) und andererseits im Ebenen verbinden, auf die Psyche des Protagonisten
Kontext seiner Interpretation von Wilhelm Jensens oder die Ästhetik des Textes verweisen (vgl. Stein-
Novelle Gradiva feststellt: »Die Schilderung des lein 1991). Die »Bakteriologie der Seele« (Hof-
menschlichen Seelenlebens ist ja [des Dichters] ei- mannsthal 1935, 18), die Hofmannsthal derart vor-
gentlichste Domäne; er war jederzeit der Vorläufer führt und die vor allem durch das »Vermengen von
der Wissenschaft und so auch der wissenschaftli- Beobachtungs- und Darstellungstechnik« (ebd.) ge-
chen Psychologie« (Freud 1995, 80). Dass Freud kennzeichnet ist, verweist aber nicht nur auf die psy-
aber die Literatur als Konkurrenzunternehmen be- choanalytische Deutungspraxis, sondern ist auch an
greift, wird beispielsweise in einem Brief an Arthur den 1886 von dem Physiker und Wahrnehmungs-
Schnitzler deutlich, in welchem er von einer »Dop- psychologen Ernst Mach getroffenen epochalen Be-
pelgängerscheu« (Freud 1960, 250) spricht und fund »Das Ich ist unrettbar« (Mach 1906, 20) an-
seine Forschung zu nobilitieren versucht, indem er schließbar. Dieser Befund erfasst einerseits die durch
ihre rational-methodischen Grundlagen gegen das die experimentalwissenschaftliche Erforschung von
vorgeblich nur intuitive Vorgehen der literarischen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsvorgängen pro-
Autoren ausspielt, wenn er schreibt, »daß Sie durch duzierte Dissoziation menschlicher Subjektivität
Intuition  – eigentlich aber in Folge feiner Selbst- und verweist andererseits auf die Inkommensurabi-
wahrnehmung – alles das wissen, was ich in müh- lität von Begriffen und dem von ihnen Bezeichne-
seliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt ten. Das »Ich« ist aus dieser Perspektive einerseits
habe« (ebd.). Was Freud dabei unterschlägt, ist, nichts anderes als ein Komplex von Empfindungen,
dass die psychoanalytische Theorie keineswegs nur eine ›Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken‹, wel-
in thematisch-inhaltlicher Sicht auf das literarische che von der »Welt« nicht zu unterscheiden ist, und
Wissen über die menschliche Psyche zurückgreift, andererseits eine abstrakte Bezeichnung, die in der
um dieses durch ein wissenschaftliches Beobach- Realität keine Entsprechung findet und somit nur
tungskalkül zu ergänzen, sondern dass sie gerade auf sich selbst bzw. andere Begriffe verweist.
auch in methodischer Hinsicht – beispielsweise mit In der Literatur bilden sich solche Einsichten
Blick auf das Verhältnis von manifesten Redeinhal- durch die Etablierung der narrativen Technik des
ten und latenten Bedeutungsstrukturen oder auf inneren Monologs ab, die es erstmals erlaubt, Be-
die Mechanismen der Traumarbeit wie Verdich- wusstseinsvorgänge ohne jegliche erzählerische
2.13 Psychologie 139

Kommentarebene darzustellen. Mit Arthur lerische Vermittlung zu präsentieren, sondern  –


Schnitzlers Leutnant Gustl (1900) wird der innere anders als der innere Monolog – auch auf eine Ko-
Monolog als »Methode, die Ereignisse in den See- härenz stiftende homodiegetische Instanz zu ver-
len zu zeigen, nicht von ihnen zu berichten« (Bahr zichten und Sinneseindrücke, Empfindungen,
2004, 96), dann auch in die deutsche Literatur ein- Gedanken als temporal und kausal meist unver-
geführt. Abgesehen von der späteren Novelle Fräu- knüpfte Fragmente vorzuführen, deren Sinn sich
lein Else (1924) kombiniert Schnitzler in seinen dem Lesenden nicht immer erschließt (zur Ent-
Texten, die eine Vielzahl struktureller Ähnlichkei- wicklung des stream of consciousness und ver-
ten zur psychoanalytischen Fallgeschichte aufwei- gleichbarer literarischer Techniken der Bewusst-
sen, die Technik des inneren Monologs allerdings seinsdarstellung vgl. Cohn 1978). Das Verfahren
meist mit anderen impliziten Beobachtungs- und des stream of consciousness weist einerseits enge
Charakterisierungsverfahren wie der erlebten Verbindungen zu den Assoziationstheorien auf, die
Rede, der Darstellung von Träumen oder der Aus- in der Experimentalpsychologie und der Psycho-
sagekraft des gesprochenen Worts im Dialog, deren analayse entwickelt worden sind. Andererseits ist
Verwebung mit den symbolischen Strukturen des das Verfahren den seit 1900 ihren in Wissenschaft
Handlungsverlaufs und der textuellen Ästhetik in und Populärkultur Siegeszug antretenden neuen
der Traumnovelle (1924) einen Höhepunkt er- medialen Aufzeichnungsmöglichkeiten der Kine-
reicht. Die sicherlich vorhandene Nähe zur Psycho- mato- und Phonographie verpflichtet.
analyse relativiert sich aber dadurch, dass Schnitz- Während mit dem stream of consciousness eine
ler recht deutliche Kritik an psychoanalytischen neuartige Präzision für die literarische Beobach-
Theoremen äußert. Um das Hauptinteresse seiner tung des aktuellen Vollzugs psychischer Prozesse
Texte zu beschreiben, erfindet Schnitzler demge- erreicht wird, erlangt Marcel Prousts Romanzyklus
genüber die Kategorie des Mittelbewusstseins, wel- A la Recherche du Temps Perdu (1913–27) eine
ches er als zwischen Bewusstsein und Unbewuss- wohl bis heute unerreichte Präzision in der Dar-
tem vermittelnden Bereich begreift, in dem sich die stellung der Relevanz des Gedächtnisses für die
wichtigsten und aufschlussreichsten psychologi- Ausbildung von Subjektivität, des Einflusses ver-
schen Prozesse vollziehen (vgl. Worbs 1988). gangener Erlebnisse auf kognitive und emotionale
Dass die auf die Innenperspektive des Subjekts Funktionen und der Unmöglichkeit, durch be-
zielende Tiefenhermeneutik der Wiener Moderne wusstes Erinnern der eigenen Vergangenheit voll-
nicht der einzige Zugriff auf die menschliche Psy- ständig habhaft werden zu können.
che ist, wird dann vor allem in expressionistischen Der Ohnmacht des Subjekts gegenüber den Ab-
Texten deutlich, welche eher Parallelen zum psych- läufen seiner eigenen Psyche geht auch Robert Mu-
iatrischen Diskurs aufweisen und die Beschreibung sil in seinen Texten nach. Dabei setzt Musil die Li-
ihrer Figuren entsprechend eher auf einer Außen- teratur konsequent als Erkenntnisinstrument ein,
perspektive und einer Inszenierung des Pathologi- welches hinsichtlich der Beobachtungsgenauigkeit
schen basieren lässt. Während Autoren wie Döblin und der methodischen Präzision den Naturwissen-
oder auch Kafka konsequent Abschied von einer schaften in keiner Weise nachsteht bzw. nachstehen
intrapsychischen Beobachtung nehmen und die soll. Der als Ingenieur und Experimentalpsycho-
Verzeichnung von Körper- und Sprachoberflächen loge ausgebildete Musil geht davon aus, dass die
in den Vordergrund stellen, lässt sich die literari- »Psychologie [ …] das Unindividuelle in der Per-
sche Psychologie Gottfried Benns als Hybrid zwi- sönlichkeit« (Musil 1978, 1320) abbildet, und setzt
schen einer solchen externen Perspektive und der dieser Abstraktion, die naturgemäß die faktischen
Ästhetisierung experimentalpsychologischer The- situativen, sozialen, historischen und persönlichen
oreme charakterisieren (vgl. zur Psychologie Benns Elemente verfehlen muss, ohne die aber eine ad-
Krause 2009). Den wohl radikalsten Versuch der li- äquate Beschreibung der menschlichen Psyche
terarischen Simulation von Bewusstseinsvorgän- nicht erreicht werden kann, literarische Fallge-
gen liegt schließlich mit dem stream of conscious- schichten entgegen, welche von den Verwirrungen
ness vor, wie ihn James Joyce im Ulysses (1922) und des Zöglings Törleß (1906) über verschiedene No-
Virgina Woolf in Mrs. Dalloway (1925) einsetzen, vellen bis zum Monumentalroman Der Mann ohne
um Bewusstseins- und Wahrnehmungsvorgänge Eigenschaften (1930) experimentalpsychologisches
nicht nur – wie der innere Monolog – ohne erzäh- Wissen mit einem induktiven Verfahren konfron-
140 2. Disziplinen

tieren, welches dieses Wissen in konkreten Kon- Daston, Lorraine/Galison, Peter: Objectivity. New York
stellation auf ihre Erklärungsreichweite hin befragt 2007.
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2.13 Psychologie 141

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chen 1995. Marcus Krause
142

2.14 Recht

Welches Recht? ner baut in seiner Studie auf der Beobachtung auf,
dass das verbindende Glied zwischen Recht und Li-
Will man das Verhältnis von Literatur und Recht teratur in der Rache (als juristisch und literarisch
überblickshaft ordnen, stellt sich die Frage, von vorgeformtem Modell) läge. Ziolkowski bringt
welchem Recht bzw. welchen Rechtsformen über- 1997 die These auf, dass Literatur die Ausdifferen-
haupt die Rede ist. Zu unterscheiden ist vorder- zierung von Gesetz und Moralität (deren Gemein-
hand, ob es sich um Privates oder Öffentliches sames die Gerechtigkeit wäre) reflektiere, was in
Recht, zu dem auch das Strafrecht gehört, handelt, Bezug auf den Literaturbegriff eine weitreichen-
also um das Verhältnis der Rechtssubjekte unterei- dere These darstellt als die, dass das Verhältnis von
nander oder um das Verhältnis zwischen Rechts- Literatur und Recht eine juristische und morali-
subjekten und Trägern der öffentlichen Gewalt sche Erziehungsfunktion habe bzw. zu Reflexionen
bzw. letzteren untereinander. über das Recht anrege (Ward 1995, 23).
Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass Recht ei- Gegenüber diesen tendenziell überzeitlichen
nerseits eine Wissenschaft ist, die an Universitäten Großraumthesen angelsächsischer Provenienz fin-
gelehrt wird, andererseits verschiedene Praxen be- den sich in der germanistischen Forschung eher
sitzt: die vorprozessualen Ermittlungen von Poli- Vorschläge, die speziell auf die jeweilige rechtshis-
zei, Staatsanwaltschaft oder Untersuchungsrichter, torische Entwicklung im deutschsprachigen Raum
das Prozesswesen, der Strafvollzug etc. Darüber zielen. Zu nennen sind hier in erster Linie die bei-
hinaus ergeben sich Überschneidungen mit ande- den großangelegten Sammelbände von Schönert
ren theoretischen und praktischen Wissensberei- (1983; 1991), insbesondere dessen Einleitungen.
chen, z. B. mit der forensischen Medizin/Psychiat- Beide Bände haben denselben methodischen Fo-
rie. Zu denken ist auch an Bereiche der Forensik, kus der frühen Systemtheorie, sind jedoch auch
die sich der Identifikation der Täter widmen, also jenseits der gezogenen methodischen Grenzlinien
z. B. im 19. Jh. das biometrische Verfahren der Ber- von großer Wichtigkeit, da hier zum ersten Mal der
tillonage oder die Daktyloskopie (hierzu Vec 2002), Rückgriff auf die Rechtsgeschichte als unverzicht-
heutzutage die Molekularbiologie (›genetischer bares Element der Auseinandersetzung mit dem
Fingerabdruck‹). Verhältnis von Recht und Literatur angemahnt
In einem Aufsatz aus dem Jahre 2004 (Garloff wird.
2004) wurde festgestellt, dass in der deutschspra- Weiterhin finden sich in der Forschung zur
chigen Literatur- und Kulturwissenschaft, anders deutschsprachigen Literatur historisch-systemati-
als in der englischsprachigen, keine systematische, sche Zugriffe auf einzelne Themen aus dem Grenz-
in sich zusammenhängende Debatte über das Ver- bereich zwischen Literatur und Recht: auf den Zeu-
hältnis von Literatur und Recht stattfindet bzw. gen (Weitin 2009), auf die richterliche Entschei-
stattgefunden hat. Die englischsprachige Ausein- dung bei der Urteilsfindung (Vismann/Weitin
andersetzung mit dem Verhältnis von »Law and Li- 2006), auf das Verhör (Niehaus 2003), weiterhin
terature« – geführt auf zwei Ebenen (Law-in-Lite- die Performanz des Rechts (Diehl et al. 2006) und
rature und Law-as-Literature)  – mag hierzulande die mediale Funktion forensischer Akten (Vis-
nicht Fuß gefasst haben, weil deren Prämissen in mann 2000).
Mitteleuropa, wo das Recht in den meisten Fällen Erstaunlich abgeschlossen erscheint die For-
stärker kodifiziert ist als in den Vereinigten Staa- schung, die sich mit Kriminalliteratur beschäftigt
ten, nicht greifen. Doch es bleibt die Verwunde- und damit im Zentrum des hier thematisierten epi-
rung, dass überhaupt keine solche Diskussion im stemisch-historischen Zusammenhangs von Law-
deutschsprachigen Raum zu verzeichnen ist. in-Literature steht (bzw. stehen müsste). Immerhin
Im angelsächsischen Forschungsraum hat zu- rekurriert das Genre der Kriminalliteratur explizit
nächst Dworkin argumentiert, dass »law« ein »in- auf die historische Entwicklung des materiellen
terpretative concept« sei (Dworkin 1986, 50), was und formalen Strafrechts ab dem 18. Jh. und damit
Gemeinsamkeiten zwischen der Auslegung von auf die Entwicklung der Kriminalistik als Conditio
Gesetzen und literarischen Texten impliziere; Pos- sine qua non. Es verwundert im Detail, dass die li-
2.14 Recht 143

teraturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit zug das Recht sich selbst« bekräftigt (Benjamin
dem ›Krimi‹ sich sehr werkimmanent gibt (Suer- 1920/21, 118). Durch die Todesstrafe wird also
baum 1984), nach wie vor den Rätselcharakter der nicht nur ein Verbrecher gerichtet, sondern schützt
Kriminalliteratur hervorhebt und sich an der aus und bestätigt sich die Rechtsordnung zugleich
den 1910er und -20er Jahren kommenden strengen selbst.
Definition der Gattung abarbeitet, wiewohl die Unabhängig davon, ob sich das 19., 20. und
Nichteinhaltung bzw. der Bruch dieser Gesetze 21. Jh. primär über Biopolitik oder über Souveräni-
längst zu Protokoll genommen wurde (Becker/ tät definieren (zur damit angesprochenen Debatte
Buchloh 1978). Foucault/Agamben, vgl. Bergengruen/Borgards
Im Folgenden werden sich die Ausführungen 2009, 7–9), bleiben Souveränität und Strafvollzug
auf die Auseinandersetzung der deutschsprachigen durch den genannten Zusammenhang miteinander
Literatur mit dem Öffentlichen Recht, genauer: verbunden – und genau dieser Aspekt wird in lite-
dem Strafrecht, inklusive seiner forensischen Ver- rarischen Texten angesprochen, die entweder aus
flechtungen, konzentrieren und dabei auch eine, der Hochzeit des Absolutismus, also dem Barock,
vom Barock bis in die Klassische Moderne immer stammen (wie z. B. Calderóns Das Leben ein
wieder hervorgehobene, Verbindung zum Ver- Traum) oder sich, beispielsweise vermittelt über
fassungsrecht (Tötungsrecht, vgl. Calderón/Hof- Benjamins Trauerspielbuch, auf diese Tradition be-
mannsthal) mit in den Blick nehmen. Um die his- ziehen (wie z. B. Hofmannsthals Der Turm).
torischen und systematischen Distinktionen in der In Calderóns Das Leben ein Traum sagt der von
literarischen Auseinandersetzung mit dem Recht seinem Vater Zeit seines Lebens eingesperrte Sigis-
zu erhellen, sollen im Folgenden einige ausge- mund, dass er gerne das »Verbrechen« kennenler-
wählte literarische Beispiele aus verschiedenen nen möchte, für das »mich [ …] straft dein Ge-
Zeitabschnitten der Neuzeit diskutiert werden. richt«. Der Sohn des Königs von Polen hat freilich
Diese Beispiele beziehen sich auf den angesproche- gar kein Verbrechen begangen. Er wird für eines
nen Zusammenhang von Souveränität und Straf- bestraft, das er, gemäß einer astrologischen Vor-
recht (Vitae necisque potestas), auf die strafpro- hersage, einmal begehen wird, nämlich seinen Va-
zessrechtlichen Bedingungen der (literarischen) ter vom Thron zu stoßen. Der Vater hat ihn jedoch,
Verhandelbarkeit von Recht und Prozesswesen gegen den Rat der Astrologen, vor dem Tod ver-
(Unsicheres Wissen) und, darauf aufbauend, auf das schont und ihn stattdessen in ein Turmverlies ge-
Verhältnis von kriminologischer und literarischer steckt, »wo ich«, wie Sigismund sagt, »als lebendig
Spurensicherung. Ein weiteres Thema, das ab 1800 tot / oder tot lebendig schmachte« (Calderón
mehr und mehr an Relevanz gewinnt, ist schließ- 1634 f./1815, 14 f.; 18).
lich die literarische Verhandlung der forensischen In dem Augenblick jedoch, in dem sich Sigis-
Medizin in Zusammenhang mit der Frage nach der mund selbst als Herrscher fühlt, nämlich bei der,
Unzurechnungsfähigkeit von Tätern. Abschließend nachträglich zum Traum deklarierten, Herrschafts-
sollen anhand von textproduzierenden Verfahren probe, die sein Vater Basilius mit ihm anstellt, betä-
in der strafrechtlichen Praxis (Verhör, Protokoll, tigt er sich selbst als »Mörder«, übernimmt also das
Gattungsgrenzen) noch einmal explizit die An- Recht über Leben und Tod, das bisher über ihn
schlusspunkte zwischen Literatur und Recht disku- ausgeübt wurde; ein Recht, das schließlich nicht
tiert werden. einmal vor seinem Vater halt macht: »denn wohl
muß ich dich strafen, / weil du so rechtlos mich er-
zogst als Sklaven« (Caldéron 1634 f./1815, 88; 105).
Vitae necisque potestas Basilius ’ und Sigismunds Kampf um die Souverä-
nität in Polen drückt sich also in nichts anderem
Der Zusammenhang zwischen Verfassungs- und aus als in dem Zugang zum Recht auf Leben und
Strafrecht ergibt sich aus der für das alteuropäische Tod – ein Recht, das die beiden in der Zuspitzung
Recht zentralen Formel der vitae necisque potestas, der Konfrontation auch gegeneinander auszuüben
d. h. der Macht über Leben und Tod: Walter Ben- willens sind. Tyrann und Verbrecher werden de-
jamin schreibt in Zur Kritik der Gewalt, dass »in ckungsgleich.
der Ausübung der Gewalt über Leben und Tod Hugo von Hofmannsthal hat den Stoff von
[ …] mehr als in irgendeinem andern Rechtsvoll- Caldérons Das Leben ein Traum für sein monu-
144 2. Disziplinen

mentales, in mehreren Varianten entstandenes, und Praxis nicht mehr länger a