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Zeitroman

Gesellschaftsroman und Zeitroman sind sehr eng miteinander verwandt und in der
Praxis erweist es sich oft als schwierig, die beiden Gattungen deutlich voneinander
abzugrenzen. Während der Gesellschaftsroman sich oft konzentriert, besondere
Gesellschaftsschichten genau zu schildern, fokussiert sich der Zeitroman auf die
Epoche, die er möglichst umfassend und realistisch beschreibt.

Die Lebenswelt der Figuren zu einer bestimmten Zeit und an bestimmten Orten wird
dargestellt. Die Gegenwart und die erlebte Wirklichkeit des Autors werden in die
fiktive Prosa übertragen und bilden den Rahmen der Handlung. Der Schriftsteller
analysiert die zeitgenössische Gesellschaft und stellt häufig ihre Wirkung auf die
Protagonisten mit sozialkritischen Absichten dar. Hierbei gewinnt der Leser auf der
einen Seite einen Einblick in den Zeitgeist, in welcher die Handlung spielt, und auf
der anderen Seite kann er die damaligen gesellschaftlichen oder politischen Zustände
besser und kritisch nachvollziehen.

Zum Beispiel spielt Theodor Fontanes  Irrungen, Wirrungen (1887) Mitte bis Ende der
1870er Jahre in Berlin. Es wird in diesem Roman mit Worten ein Bild von dieser Zeit
in der preußischen Hauptstadt gezeichnet, das sehr lebendig ist und den Leser in die
Lebenswelt von Lene und Botho hineinversetzt. Auch in Thomas Brussigs
Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999) sind einige Merkmale des Zeitromans
wiedererkennen.  Ein Teil der Ostberliner Gesellschaft und deren Lebensumstände
im Laufe der 1970er und/oder 1980er Jahre werden hier recht anschaulich
geschildert.

Heinrich Manns Professor Unrat  (1905) ist ein gutes Beispiel für einen Zeitroman. Der
Autor analysiert den zeitgeschichtlichen Kontext der wilhelminischen Ära und
präsentiert in der Erzählung eine klar strukturierte und sehr gut nachvollziehbare
Darstellung der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen 'Eckpfeiler' dieser
Epoche.
Der moderne Roman

Aufbau

Der moderne Roman bezeichnet die Prosaliteratur nach Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Vordergrund dieser Literaturepoche steht das Experimentieren mit neuen
literarischen Techniken. Während die traditionellen Erzählungen sich durch einen
klaren Aufbau und eine strikte Trennung der verschiedenen literarischen Gattungen
auszeichnen, vermischen sich im modernen Roman oft die Grenzen zwischen Epik,
Lyrik und Dramatik. Diese Art der Erzählweise kann fragmentarisch erscheinen und
ähnelt in ihrem Aufbau manchmal der filmischen Montagetechnik.

In den der Moderne vorausgegangenen Literaturepochen, wie Realismus,


Naturalismus oder Romantik, wurde überwiegend auf wörtliche Rede verzichtet
oder diese durch indirekte Rede ersetzt. Im modernen Roman ist die direkte Rede
hingegen ein häufig verwendetes sprachliches Mittel. Zudem wird im modernen
Roman nicht mehr streng chronologisch erzählt, sondern die Handlung durch
Rückblenden, Erinnerungen und/oder Assoziationen neu strukturiert.

Der Aufbau des modernen Romans wird dadurch wesentlich komplexer, was auch
sein Verständnis erschweren kann.

Held und Erzählweise

Einen bedeutenden Unterschied zwischen moderner und traditioneller Erzählweise


stellt die Vermittlung des Helden dar. Während er im traditionellen Roman fast
immer als eine positive Figur erscheint, mit der sich der Leser aufgrund seiner
moralischen Stärke identifizieren kann, erweist sich der moderne Held eher als eine
durchschnittliche oder sogar negative Figur. Er ähnelt aufgrund seiner
Unzulänglichkeit dem normalen Alltagsmenschen oder bietet als sogenannter
Antiheld keine Identifikationsfläche für den Leser.

Der Erzähler des traditionellen Romans ist auktorial und allwissend, denn er verfügt
über Informationen, von denen die handelnden Figuren (noch) nichts ahnen. Der
Erzähler kennt die Gedanken und Gefühle seiner Protagonisten und mischt sich
teilweise durch Erklärungen in die Handlung ein.

Im modernen Roman dominiert hingegen überwiegend eine personale Erzählweise.


Dabei wird wechselweise aus Sicht der handelnden Personen berichtet. Typisch für
den modernen Roman sind die häufigen Perspektivenwechsel der Figuren, die zu
einer vielschichtigen Erzählweise beitragen.
Weltbild und Lebenssinn

Die Literaturepochen des 18. und 19. Jahrhunderts waren zumeist durch eine klare
Weltanschauung gekennzeichnet, welche durch die christliche Religion geprägt war.
So folgte zum Beispiel die Epoche des Sturm und Drang (ca. 1765 bis 1785) dem
Pantheismus. Dieses Weltbild bedeutete die Einheit Gottes mit der Natur und dem
Kosmos, der Mensch galt als ein Teil des Ganzen.

Der traditionelle Roman vermittelt dem Leser eine Weltanschauung, welche sich
einfach und übersichtlich gestaltet. Dabei spielen Werte, wie Schönheit, Güte, Liebe,
Gottesglaube und Religiosität, eine wichtige Rolle.

Die Literatur der Moderne besitzt keine einheitliche Weltanschauung mehr, denn
auch die Werte haben sich verändert. Während Epochen wie Klassik, Romantik oder
Naturalismus, klare Wertmaßstäbe besaßen und die Dinge in Gut und Böse
unterteilten, sind die Werte der Moderne nicht mehr klar definiert.

Aufgrund der industriellen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts existiert eine
Werteflut, was bei den Menschen zu Unsicherheit führt. Der moderne Mensch
verfügt über kein einheitliches Weltbild mehr, da zu viele unterschiedliche Einflüsse
auf ihn einwirken. Die Weltanschauung der Moderne ist gespalten und kompliziert,
manchmal sogar verworren und unharmonisch.

Ähnlich der Auflösung der Gattungsgrenzen ist auch der Mensch im modernen
Roman einem Änderungsprozess unterworfen. Er ist oft ohne feste Orientierung, die
familiären Bindungen lösen sich auf und die moralischen Werte verlieren
zunehmend ihren Stellenwert in der Gesellschaft.

Moderner Roman

Im Anschluss an Stamms „Agnes“ lohnt es sich für die Schüler zu prüfen, ob ein
Merkmal des postmodernen Romans 1 auch in Max Frischs 1957 erschienenen „Homo
faber“ entdeckt werden kann. Im Zentrum der Untersuchung steht das
„ unzuverlässige/unglaubwürdige Erzählen “ 2 . „Ein unzuverlässiger Erzähler
erzählt innerhalb der Fiktionslogik nicht die Wahrheit, zumindest nicht die ganze;
und er fordert den Leser indirekt auf ,,eine zweite Version der erzählten Geschichte
zu rekonstruieren.“ Es handelt sich beim unzuverlässigen Erzähler meist „um einen
Ich-Erzähler, der tief in die erzählte Geschichte verstrickt ist, also um einen
homodiegetischen Erzähler. Oft berichten die unzuverlässigen Erzähler als
autodiegetische 3 Erzähler ihre eigene Geschichte. (...) In jedem Fall fordert das
unzuverlässige Erzählen einen aktiven, detektivischen Leser, der permanent die ihm
gegebenen Informationen in Frage stellt und auf ihre Wahrscheinlichkeit abklopft.“ 4
Eine detektivische Lesehaltung kann für Schülerinnen und Schüler im Sinne des
entdeckenden Lernens interessant sein. Es geht darum, die Schülerinnen und Schüler
zu befähigen, danach zu fragen, was hinter den zahlreichen, quasi
programmatischen Äußerungen Walter Fabers steckt. Manche dieser im Bericht
(Bericht? Tagebuch?) formulierten Statements kommen geradezu im Gewand einer
„Regierungserklärung“ daher. Schlichte, dem Schüler vertraute Fragestellungen wie
„Was sagt er? – „Was meint er?“ eröffnen ein Entdecken, das dazu führen kann,
Walter Fabers Verblendung (Blindheit ist ein Leitmotiv des Romans) zu erkennen,
die sich u.a. in selbstentlarvenden unbeabsichtigten Widersprüchen in/zwischen
Wort und Handlung zeigen.

In der Handreichung D 115 5 werden die Merkmale des unzuverlässigen Erzählens


(nach Nünning) aufgelistet und die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, in
einem deduktiven Verfahren, solche Merkmale in den Romanen „Agnes“ und
„Homo faber“ zu identifizieren. Diese Liste umfasst folgende Merkmale:

Merkmale unzuverlässigen Erzählens 6 :

 offensichtliche Widersprüche, in die sich der Erzähler verstrickt, und andere


Unstimmigkeiten seiner Erzählung;

 Widersprüche zwischen den Aussagen und den Handlungen eines Erzählers;

 Widersprüche zwischen der Selbstcharakterisierung des Erzählers und der


Art, wie andere Figuren ihn charakterisieren;

 Widersprüche zwischen der Wiedergabe der Ereignisse durch den Erzähler


einerseits und seinen Erklärungen und Interpretationen andererseits;

 verbale Äußerungen und Körpersprache anderer Figuren widersprechen dem


Erzähler bzw. korrigieren ihn;

 unterschiedliche Versionen desselben Geschehens werden dargeboten, wobei


diejenige des Erzählers nicht unbedingt die gültige ist;

 übertriebener Sprecherbezug: Vielzahl an Ich-zentrierten Äußerungen des


Erzählers;

 übertriebener Adressatenbezug: Erzähler spricht die Leserin / den Leser


häufig direkt an bzw. versucht bewusst, dessen Auffassung des Geschehens
zu lenken;

 sprachliche Signale für Subjektivität und Emotionalität: rhetorische Mittel, die


verraten, dass der Erzähler emotional sehr stark beteiligt ist (z. B. Ausrufe,
Ellipsen, Einschübe, Wiederholungen, Regelverstöße);
 Erzähler geht auffällig oft auf seine Glaubwürdigkeit ein (z. B. um diese zu
bekräftigen: „Ihr werdet es nicht glauben, aber…“);

 Erzähler gesteht seine Unglaubwürdigkeit ein (z. B. Erinnerungslücken,


Parteilichkeit, Verdrängung bzw. Vergessenswunsch);

 Signale im Titel, im Untertitel, im Vorwort, in einer Fußnote usw. (sofern diese


auf den Autor zurückgehen);

 *gravierender Widerspruch zwischen der Einstellung / dem Weltbild des


Erzählers und dem des Lesers;

 *übertriebene Sachlichkeit;

 *unnötige Menge an Information, viel zu wenig Information oder fehlender


Zusammenhang der gegebenen Informationen;

 *übertriebene Urteilsfreude; diese ist z. B. erkennbar an wertenden Adjektiven


oder überhaupt einer Häufung von Adjektiven, die Haltungen zum Ausdruck
bringen).

Utopie und Dystopie

Inhalt

 Utopie

o Die ersten Utopien

o Die modernen Utopien

 Dystopie

Utopie

Die ersten Utopien

Das Wort „Utopia“ wird erstmals 1516 im Titel der in lateinischer Sprache verfassten
Erzählung De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia  des humanistischen
Autors der Renaissance, Thomas Morus, verwendet. Das Literaturgenre der Utopie
wird später nach diesem Werk benannt.

In dieser Geschichte des englischen Staatsmanns, der sich von Platons Werken


inspirieren ließ, gründen die Bewohner der fiktiven Insel Utopia, die Utopier, eine
demokratische kommunistische Republik, eine Wohlstandsgesellschaft, in der
Gleichheit und religiöse Toleranz herrschen sollen. Privateigentum existiert hier
nicht und jeder Utopier erhält genau die Güter, die er für seinen persönlichen Bedarf
benötigt und begehrt. Der Autor übt im ersten Teil seines Werks eine scharfe Kritik
an den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in England. 

Francis Bacons utopisches Fragment Nova Atlantis (1627) erscheint ein Jahrhundert


später und ist viel konservativer ausgerichtet. Der englische Philosoph schildert eine
neue Gesellschaft auf einer erfundenen Insel, eine wissenschaftlich beherrschte Welt,
die wie das damalige England regiert wird. Fast zur gleichen Zeit verfasst der
italienische Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker Tommaso Campanella
die politische Utopie  Der Sonnenstaat  (1623), welche  die zeitgenössischen
Verhältnisse in Bezug auf Glaubenskonflikte, Fürstenwillkür und Kleinstaatlichkeit
kritisiert. 

Eine andere berühmte utopische Erzählung ist Jonathan Swifts


Meisterwerk  Gullivers Reisen (1726), das von den vier Schiffsreisen des Kapitäns
Lemuel Gulliver berichtet, die ihn mit vier unterschiedlichen Gesellschaftsformen
zusammenbringen. In seiner derben Satire prangert der irische Schriftsteller die
damaligen gesellschaftlichen und politischen Missstände an. Weitere Utopien sind
zum Beispiel Die Insel Felsenburg (1828) von L. Tieck oder Voyage en Icarie (1840) des
französischen Philosophen Étienne Cabet.

Fast alle dieser Werke spielen an fernen Orten und sind in mustergültigen
Gesellschaften angesiedelt. Die Geschichten streben nach einer idealen
Gesellschaftsordnung und formulieren als Kritik oder Alternative einen sozialen und
politischen Anspruch in Reaktion auf die unerwünschte oder unvollkommene
Gegenwart. Sie werden zumeist von einem Reisenden, einem Ich-Erzähler, der nach
seiner Rückkehr aus einem abgelegten Staat Bericht erstattet, erzählt.

Die modernen Utopien

Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet eine Utopie eine fantastische Idee, die


unrealistisch, unerfüllbar oder gar absurd erscheint, oder auch die fiktive
Vorstellung von einer besseren Gesellschaft. 

Die modernen Utopien zeichnen auch Wunschbilder von fortschrittlichen


Gemeinschaften, die in der Zukunft liegen und in der Regel eine starke Uniformität
aufweisen. Ihre Bewohner handeln solidarisch in einem friedlichen, harmonischen
und idyllischen Milieu. Werte, wie Erziehung, Bildung, Geschlechterrollen,
Wissenschaft, Menschenrechte oder Umweltschutz, werden in den Erzählungen
thematisiert, wie zum Beispiel in Herland (1915) der feministischen Autorin Charlotte
Perkins Gilman oder in der ökologischen Utopie Ökotopia. Notizen und Reportagen von
William Weston aus dem Jahre 1999  (1975) von Ernest Callenbach. 

Die modernen Utopien stellen oft eine Mischung aus Fiktion und philosophischem
Gespräch, wie zum Beispiel H. G. Wells A Modern Utopia  (1905) oder Menschen,
Göttern gleich  (1923), ein Werk desselben Autors, dar. Das Literaturgenre der
Utopie überschneidet sich häufig mit den Werken der „Science-Fiction“, welche sich
durch einen utopischen sowie auch dystopischen Charakter auszeichnen können.

Dystopie

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dominieren eher positive Zukunftsentwürfe, aber
im 20. Jahrhundert, besonders nach den beiden Weltkriegen, erfährt die Dystopie
ihre Hochzeit. Im Gegensatz zur Utopie, die eher eine bessere oder ideale Welt
beschreibt, handelt es sich bei der Dystopie („dys“ = schlecht) um eine in der Zukunft
spielende Geschichte mit negativem Ausgang. 

Viele Dystopien (auch: Anti-Utopien), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
verfasst worden sind, kreisen um einen ähnlichen Themenkomplex: Ein totalitäres
Regime hat die Macht ergriffen und die allumfassende Kontrolle über seine
Untertanen erlangt. Bekannte Beispiele für Dystopien sind die Romane Wir (1920)
des russischen Autors Jewgenij Samjatin sowie diese Werke englischer
Schriftsteller: Schöne Neue Welt (1932) von Aldous Huxley und 1984 (1948) von
George Orwell. Orwells Dystopie Farm der Tiere (1945) und William Goldings Herr
der Fliegen (1954) erzählen von Tieren und Kindern, die diktatorische Systeme
aufbauen. Ray Bradbury präsentiert in seinem Roman "Fahrenheit 451" (1953) eine
diktatorische Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und von der Feuerwehr
verbrannt werden.

Die üblichen Motive der zukunftspessimistischen Dystopien sind die folgenden: Die
Kontrolle der Bürger und ihres Privat- und Gefühlslebens durch Staatsüberwachung,
die Propaganda und die Medien als Manipulations- und Kontrollwerkzeuge des
Staates, der Kollektivismus aufgrund eines Gleichheitsideals, die Unterdrückung
Andersdenkender, der Aufbau antidemokratischer Systeme. Die Geschichten stehen
häufig in Verbindung mit hierarchischen Gesellschaftsstrukturen, Unfreiheit,
Willkür, Überwachung, Gewalt, Terror, Folter, Scheinjustiz, Auslöschung der
Individualität und Personenkult. Die Schriften formulieren indirekt eine
Gegenwartskritik und erfüllen eine Warnfunktion. In ihren Dystopien wollen die
Autoren vor negativen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und deren
Folgen warnen.

Unsere Dystopien
Schöne neue Welt (Brave New World) (1932) Aldous Huxley 

1984  (1948)  George Orwell 

Fahrenheit 451 (1953) Ray Bradbury 

Herr der Fliegen (Lord of the Flies) (1954) William Golding 

Corpus Delicti: Ein Prozess (2009) Juli Zeh

Grundzüge einer kognitiv-narratologischen Theorie und Analyse unglaubwürdigen


Erzählens

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