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8 Tierethik C Problemfelder der Moral · Beitrag 19 SI

M3 Haben Tiere Rechte? –


Der Umgang mit Tieren in der Antike

a) Aristoteles (384–322 v. Chr.), einer der berühmtesten Philosophen der Antike, beschreibt als
einer der Ersten die Beziehung zwischen Tieren und Menschen.

Pflanzen existieren um der Tiere willen und die wilden Tiere um des Menschen willen. Haustiere
sind ihm zu Nutzen, und er ernährt sich von ihnen, die wilden Tiere (oder jedenfalls die Mehr-
zahl davon) isst er, und er fertigt aus ihnen andere für das Leben zweckmäßige Dinge wie
Kleidung oder verschiedene Werkzeuge. Da die Natur nichts Zweckloses oder Unnützes her-
vorbringt, so ist es unleugbar wahr, dass sie alle Tiere um des Menschen willen hervorbrachte.

Text: Aristoteles: Politik. Schriften zur Staatstheorie. Übers. und hrsg. von Franz F. Schwarz. Reclam Verlag,
Stuttgart 1989, 1256b.

b) Der Philosoph Ekkehard Martens (*1943) hat sich intensiv mit der antiken Philosophie und
antiker Ethik befasst. Er nimmt im Folgenden kritisch zu den Lehren des Aristoteles Stellung.

[...] Was berechtigt uns, mit Tieren in einer Weise umzugehen, die wir im Umgang mit uns selbst
und mit anderen Menschen nicht für richtig halten? Kein Mensch darf [...] gegen seinen freien
Willen für medizinische Experimente oder als Nahrungsmittel getötet werden, auch nicht, wenn
dies schmerzlos geschieht. Dürfen wir dagegen Tiere zu unseren beliebigen Zwecken als Mittel
5 einsetzen? [...]

Was für Aristoteles „unleugbar wahr“ ist, die unveränderliche Rangordnung der Lebewesen,
steht [...] zur Diskussion. Für Aristoteles zählte [...] auch die Sklavenordnung seiner Zeit zur
unveränderlichen Naturordnung – Sklaven sind eben von Natur aus schlechter als Freie. [...]
Daher ist es kein Wunder, dass sich auch das Herrschaftsverhältnis der Menschen über die Tiere
10 und die gesamte Natur hartnäckig behauptet.

Sind aber Tiere [...] von Natur aus schlechter als die Menschen? Sind wir etwas Besseres als sie,
mit Vernunft, Sprache und Bewusstsein ausgestattet, und dürfen wir daher mit ihnen machen,
was wir wollen? Dürfen wir sie wie einen rechtlosen Sklaven oder eine Sache behandeln? Sind
Tiere im Gegenteil etwa gleichberechtigte Lebewesen mit einer eigenen „Würde“? [...]

15 Ein indirektes Recht auf Schutz und Respekt der Eigeninteressen auf Leben oder artgemäße
Behandlung räumt den Tieren dagegen, so zweitens, die Nützlichkeitsantwort ein. Danach dür-
fen wir Tiere nicht grundlos töten oder quälen, insofern sie uns unmittelbar oder längerfristig
nützlich sein können, als Nahrungsquelle, Arbeitsmittel, Sozialpartner oder als ästhetisches
Objekt. [...]

Text: Martens, Ekkehard: Wie unterscheiden wir uns von den Tieren? In: Ders.: Zwischen Gut und Böse.
Elementare Fragen angewandter Philosophie. Reclam Verlag, Stuttgart 1997, S. 103 ff.

Aufgaben (M 3)

1. Lies den oberen Text. Erläutere das Verständnis von Mensch und Tier, wie Aristoteles es
beschreibt.
2. Setze die Position Aristoteles’ in Beziehung zu den in M 1 und M 2 erarbeiteten Umgangs-
weisen mit Tieren. Beschreibe Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
3. Lies jetzt den unteren Text gründlich durch. Charakterisiere die Position von Ekkehard Mar-
tens.
4. Benenne die Argumente, die Martens gegen Aristoteles anführt. Wer hat recht? Begründe
deine Meinung.

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M4 René Descartes: Tiere sind Maschinen!

René Descartes, Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, lebte von 1596 bis 1650.
Er gilt als der Begründer des modernen frühzeitlichen Rationalismus. Seine Schriften haben ein
Verhältnis von Mensch und Tier begründet, das unser Denken bis heute geprägt hat.

[…] Man darf hierbei die Worte nicht mit den natürlichen Bewegungen vermengen, wodurch
sich die Gefühle äußern und welche die Menschen ebenso wie die Tiere nachmachen können,
auch nicht mit einigen Alten glauben, dass die Tiere sprechen und wir nur ihre Sprache nicht
verstehen. Denn wäre dies der Fall, so würden bei der Übereinstimmung vieler ihrer Organe
5 mit den unsrigen sie sich uns ebenso wie ihresgleichen verständlich machen können.

Merkwürdig ist es allerdings, dass viele Tiere zwar in einzelnen Verrichtungen mehr Geschick-
lichkeit wie wir zeigen, dagegen in vielen anderen zurückstehen. Aber daraus folgt nicht, dass
sie Verstand haben, da sie sonst mehr haben und alles besser machen würden als wir, vielmehr
erhellt daraus, dass sie keinen haben und dass nur die Natur in ihnen, je nach der Stellung ihrer
10 Organe, handelt. So kann ja auch eine Uhr mit bloßen Rädern und Federn viel genauer als wir
mit all unserer Klugheit die Stunden zählen und die Zeit messen. […]

Text: Descartes, René: Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften
zu suchen. Philosophische Schülerbibliothek, S. 67 ff.

Aufgaben (M 4)

1. Lies den Text gründlich durch. Gib die Kernthese des Textauszuges schriftlich wieder.

Kernthese: ____________________________________________________________________________

2. Sind Tiere wirklich Maschinen? Hat Descartes recht? Nimm zur Position Descartes’ Stellung
und begründe deine Meinung.

3. Stellt euch vor, dass Tiere Maschinen wären – wie würde dann mit Tieren umgegangen? Bil-
det Kleingruppen von drei bis vier Schülerinnen und Schülern. Bearbeitet dieses Gedanken-
experiment, indem ihr eure Beispiele diskutiert und die Ergebnisse auf einem Poster
zusammenhängend festhaltet.

4. Notiert die Überlegungen, die euch nachdenklich gemacht haben. Begründet, warum.

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M5 Milan Kundera: Wer gab dem Menschen das Recht,


über die Tiere zu herrschen?

Milan Kundera (*1929) gilt als einer der bedeutendsten tschechischen Autoren. Mit seinem
Werk „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verdeutlicht er auf philosophisch-literarische
Weise Aspekte menschlichen Denkens.

Am Anfang der Genesis steht geschrieben, dass Gott den Menschen geschaffen hat, damit er
über Gefieder, Fische und Getier herrsche. Die Genesis ist allerdings von einem Menschen
geschrieben und nicht von einem Pferd. Es gibt keine Gewissheit, dass Gott dem Menschen die
Herrschaft über die anderen Lebewesen tatsächlich anvertraut hat.

5 Viel wahrscheinlicher ist, dass der Mensch sich Gott ausgedacht hat, um die Herrschaft, die er
an sich gerissen hat über Kuh und Pferd, heiligzusprechen. Jawohl, das Recht, einen Hirsch
oder eine Kuh zu töten, ist das einzige, worin die ganze Menschheit einhellig übereinstimmt,
sogar während der blutigsten Kriege.

Dieses Recht erscheint uns selbstverständlich, weil wir es sind, die an der Spitze der Hierarchie
10 stehen. Es brauchte aber nur ein Dritter ins Spiel zu treten, etwa ein Besucher von einem ande-
ren Planeten, dessen Gott gesagt hätte: „Du wirst über die Geschöpfe der übrigen Gestirne
herrschen“, und schon würde die Selbstverständlichkeit der Genesis mit einem Male proble-
matisch.

Der Mensch, der von einem Marsmenschen vor einen Wagen gespannt oder von einem Bewoh-
15 ner der Milchstraße am Spieß gebraten wird, wird sich vielleicht an das Kalbskotelett erinnern,
das er auf seinem Teller zu zerschneiden gewöhnt war, und er wird sich (zu spät!) bei der Kuh
entschuldigen. [...]

Text: Kundera, Milan: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Aus dem Tschechischen von Susanna Seins.
© 1984 Carl Hanser Verlag München, S. 273 f.

Aufgaben (M 5)

1. Lies den Textauszug.


2. Beschreibe deinen ersten Eindruck. Notiere ihn in einem Satz.

3. Arbeite die Kernthese des Autors heraus.

4. Versetze dich in die Position eines Außerirdischen. Verfasse einen inneren Monolog.

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