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BENEDETTA ZAVATTA

NIETZSCHE, EMERSON UND DAS SELBSTVERTRAUEN

Abstract: Für Emerson ist die self-reliance die Haupteigenschaft des großen Menschen, sie ist das Er-
gebnis von Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. In moralischer Hinsicht ist die self-reliance
der Ursprung für den Heroismus, auf intellektuellem Gebiet ist sie die Quelle des Genies. Das
Thema der self-reliance ist der Hauptgrund für die Attraktivität, die die Werke des Amerikaners
auf Nietzsche ausüben. Wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema durch den sich über einen
Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren erstreckenden Dialog mit Emersons Texten. Es stellt in
Nietzsches Werk einen Zusammenhang zwischen Schopenhauer als Erzieher und Zarathustra
her, die beide Nietzsches Ideal des Ausnahmeindividuums verkörpern, das über und gegen seine
Zeit lebt.
Keywords: Nietzsche, Emerson, Selbstvertrauen, Skepsis, Heroismus
Abstract: For Emerson self-reliance is the fundamental characteristic of a great man, being the prod-
uct of self-acquaintance and self-possession. From a moral point of view, self-reliance is the ori-
gin of heroism, in the intellectual field it is the source of genius. The theme of self-reliance is the
primary reason for the attraction that the American author’s works exercised on Nietzsche. Like
a fil rouge this theme runs through the virtual dialogue that he held with Emerson’s writings over a
period of more than twenty-five years. It generates in Nietzsche’s work a continuity between
Schopenhauer the educator and Zarathustra, who both incarnate the Nietzschean ideal of an ex-
ceptional individual who lives above and against his own time.
Keywords: Nietzsche, Emerson, self-reliance, scepticism, heroism

Schon seit geraumer Zeit gilt Emerson als eine der Hauptquellen für Nietzsche. Das
trifft besonders für seine Schriften aus der Zeit in Schulpforta und jene des Zeitraums
1880 – 1884 zu, aber nicht weniger bedeutend ist sein Einfluss auf die Unzeitgemäßen
Betrachtungen. Beseelt von dem revolutionären wagnerianischen Feuer, thematisiert diese
Schrift den ‚Großen Menschen‘, der sowohl Genie und Künstler als auch Aktionsmensch,
als dieser aber das treibende Zentrum einer umfassenden Kulturreform ist. Obwohl
Nietzsche sehr wahrscheinlich erst nach dem Jahre 1883, dank der Übersetzung von
Ida Overbeck, einen Zugang zu dem Werk Representative Men haben konnte, standen ihm
doch ein großer Teil der amerikanischen Aufsatzproduktionen Emersons zur Verfügung,
die sich sowohl mit der Größe als auch mit dem Heldentum im ethischen und intellek-
tuellen Sinne beschäftigen.1 Die grundlegende Eigenschaft des großen Menschen ist bei

1 Vgl. den Brief von Nietzsche an das Ehepaar Overbeck vom 9. November 1883: „Denkt freund-
lich an mich, Du mit Deiner lieben Frau (was macht ihr Übersetzungs-Project?)“ (KSB 6, Nr. 473,
S. 456). Overbeck antwortet am 13. November: „Die Uebersetzung meiner Frau ist in Angriff
genommen, der einleitende Aufsatz „Nutzen grosser Männer“ eben fertig geworden, der An-
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 275

Emerson die self-reliance, die göttliche Selbstgenügsamkeit des Individuums, das gelernt
hat, sich von der Gemeinschaft mit ihren moralischen Gesetzen und den allgemein gel-
tenden Ansichten unabhängig zu machen.
Die Verehrung, die Emerson den großen Männern der Vergangenheit zuteil werden
lässt, ist im Unterschied zu der Anerkennung, die Carlyle seinen Helden zugesteht, immer
von einem streng kritischen Blick begleitet: sie werden keinesfalls idolisiert, sondern sie
sind bestenfalls Vorbilder und Zeugen jener Größe, die ein Mensch erreichen kann –
wenn es ihm nur gelingt, sich selbst zu vertrauen. Es ist Nietzsche selbst, der den Unter-
schied zwischen Carlyle und Emerson herausarbeitet, ersterer „ein Mann der starken
Worte und der excentrischen Attitüden, ein Rhetor aus Noth, den beständig das Verlan-
gen nach einem starken Glauben agacirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu (– eben
damit ein typischer Romantiker –)“ und letzterer ausgestattet mit einem so großen
Vertrauen in den Menschen und in dessen Möglichkeiten, dass er sich den Luxus des
Skeptizismus erlauben könne (Nachlaß 1887– 1888, KSA 13, 11[45]). Es ist genau dieser
Skeptizismus, die Kapazität, allgemein geteilten Glauben und Ansichten in Frage zu stel-
len, der sichtbare Effekt des Selbstvertrauens, welches für Nietzsche zu jeder Zeit das
überzeugendste Motiv für die Attraktivität des Amerikaners war. Außerdem ist dies der
fil rouge seines Dialogs mit Emerson, der sich über einen Zeitraum von fünfundzwanzig
Jahren erstreckt. Wenn man den Einfluss von Emersons Konzeption der self-reliance
auf Nietzsches Werk beachtet, lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Topos ‚Scho-
penhauer als Erzieher‘ und dem des Zarathustra herstellen, in welchen Nietzsches
Ideal des Ausnahmeindividuums, das sich über und gegen die eigene Zeit stellt, Form an-
nimmt.

1. Schopenhauer als Erzieher

Aus dem Fragment Zu Schopenhauer von 1868, das nicht lange nach der ersten Lektüre
der Welt als Wille und Vorstellung entstand, ist zu entnehmen, dass Nietzsche die Schopen-
hauersche Metaphysik des Willens als eine der vielen möglichen Vorstellungen der Welt
versteht, bei denen es unnütz ist, sie auf ihre Wahrhaftigkeit hin zu überprüfen. Sie sollte
vielmehr nach ihrem künstlerischen und moralischen Wert bemessen werden.2 Im Mittel-

fang gestern gemeinschaftlich gelesen. Die Sache ist sehr schwer, gleich der Titel. Weisst Du et-
was Besseres als: „Darstellende Menschen“?“ (Franz Overbeck an Nietzsche, 13. November
1883, KGB III/2, Nr. 215, S. 409). Die Übersetzung ist leider nicht im Nachlass von Overbeck
erhalten; vgl. Friedrich Nietzsche / Franz und Ida Overbeck, Briefwechsel, hg. von Katrin
Meyer und Barbara von Reibnitz, Stuttgart / Weimar 2000, S. 479. Zu den wichtigsten Untersu-
chungen der Beziehung zwischen Nietzsche und Emerson gehören: Eduard Baumgarten, Das
Vorbild Emersons im Werk und Leben Nietzsches, Heidelberg 1957; Stanley Hubbard, Nietz-
sche und Emerson, Basel 1958; George Stack, Nietzsche and Emerson. An Elective Affinity,
Athens 1992; Michael Lopez (Hg.), Emerson / Nietzsche, Washington 1998; David Mikics, The
Romance of Individualism in Emerson and Nietzsche, Athens 2003.
2 Nietzsche benutzt die von Lange gegen das Kantsche ‚Ding an sich‘ gerichtete Kritik, um den
spekulativen Kern der Philosophie Schopenhauers zu entkräften; der Wille wird als nichts ande-
res als eine poetische Intuition beurteilt, deren Prädikate aus Antithesen von der Welt der
Vorstellung gewonnen werden, wobei jedoch die noumenonische Welt vollkommen unbeteiligt
bleiben sollte an den Kriterien der Individuation. Obwohl er die Grenzen der menschlichen
Erkenntnis anerkannt hat, vermutet Lange aber, dass die noumenonische Welt eine Form der
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punkt seines Interesses stand damals die Ausnahmepersönlichkeit als der unanfechtbare
Ursprung einer jeden Philosophie. Aus einem Brief an Paul Deussen aus dem Jahre 1868
geht klar hervor, dass die Bewunderung für die Persönlichkeit Schopenhauers auch bei
der Betrachtung der Schwächen in seinem philosophischen System vorherrschte. Dem
Freund Paul Deussen, der ihm vorgeschlagen hatte, eine Kritik des Schopenhauerschen
Systems zu schreiben, entgegnet Nietzsche:
im Übrigen kannst Du Dir von dem Respekt, den ich vor diesem „Genius ersten Ran-
ges“ habe, gar keine Vorstellung machen, wenn Du m i r (i. e. homini pusillullullo!) die
Fähigkeiten zutraust, jenen besagten Riesen über den Haufen zu werfen: denn hof-
fentlich verstehst Du unter einer Kritik seines Systems nicht nur die Hervorhebung
irgend welcher schadhaften Stellen, mißlungner Beweisführungen, taktischer Unge-
schicktheiten […]. Man schreibt überhaupt nicht die Kritik einer Weltanschauung:
sondern man begreift sie oder begreift sie eben nicht, ein dritter Standpunkt ist mir
unergründlich. Jemand, der den Duft einer Rose nicht riecht, wird doch wahrhaftig
nicht darüber kritisieren dürfen: und riecht er ihn: à la bonheur! Dann wird ihm die
Lust vergehn, zu kritisieren (Nietzsche an Paul Deussen, zweite Oktoberhälfte 1868,
KSB 2, Nr. 595, S. 328).3
Was Nietzsche an Schopenhauer in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung bewundert,
ist in erster Linie die moralische Erziehung, die mit Hilfe von Beispielen vermittelt wird.
Giorgio Colli beobachtet: „bei Schopenhauer diskutiert Nietzsche nicht die theoretischen
Probleme, sondern er stellt die Integrität der Person vor, den – im Kampf gegen seine
Zeit – wirklich unzeitgemäßen Charakter in seiner Einfachheit und Unerbittlichkeit,
seiner Aufrichtigkeit“ (Nachwort zu KSA 1, S. 907). Schopenhauer schafft es, jenen hel-
denhaften Lebensstil zu verkörpern, den Nietzsche in der Folge „Leidenschaft der Er-
kenntniss“ (M 429) nennt. Schopenhauer steht für das Genie und den Asketen, der die
Pseudokultur der Philister verachtet und seine eigene Existenz der Suche nach der Wahr-
heit verschreibt sowie mutig den Schmerz erträgt, den diese Suche unvermeidlich mit sich
bringt. Als Meister des Antikonformismus und des freien Denkens stellt sich Schopen-
hauer gegen die eigene Zeit. Er hat weder Scheu vor Doktrinen, die in Büchern überlie-
fert werden, noch vor dem Unverständnis und der Missbilligung, welche ihm von der wis-
senschaftlichen Gemeinschaft zuteil werden. „Schopenhauer will nie scheinen: denn er
schreibt für sich“ (SE 2, KSA 1, S. 346).

Begriffsdichtung ist, die keine Beschreibung der Realität gewährleisten kann und trotzdem
den Menschen erlaubt, sich in der Welt zu orientieren. Die Unerkennbarkeit des ‚Dinges an
sich‘ ist also weitab davon, die Produktivität der philosophischen Spekulation zu entkräften, viel-
mehr räumt sie dem Philosophen eine Freiheit gleich der des Künstlers ein. Die Behauptung
von Lange erlaubt also Nietzsche, die Kritik an der Schopenhauerischen Metaphysik im positi-
ven Sinne neu auszurichten, ihren erbaulichen und ästhetischen Wert in den Vordergrund
zu setzen. Vgl. auch Sandro Barbera, Eine Quelle der frühen Schopenhauer-Kritik Nietz-
sches. Rudolf Hayms Aufsatz ‚Arthur Schopenhauer‘, in: Andreas Schirmer / Rüdiger Schmidt
(Hg.), Entdecken und Verraten. Zu Leben und Werk Friedrich Nietzsches, Weimar 1999,
S. 59 – 66.
3 An dieser Überzeugung wird Nietzsche immer festhalten; vgl. Nietzsche an Lou Salomé, 16. Sep-
tember 1882, KSB 6, Nr. 305: „dies System ist widerlegt und todt – aber die Person dahinter ist
unwiderlegbar, die Person ist gar nicht todt zu machen“.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 277

Diese Stelle aus der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung erinnert an eine einige Jahre zu-
vor verfasste Notiz: „Emerson S. 114: […] Der, der für sich selbst schreibt, schreibt für
ein unsterbliches Publikum […]“ (Nachlaß 1867– 1868, KGW I/4, 58[60]). Auf dieser
von Nietzsche angegebenen Seite der Versuche liest man:
Der Weg, das zu sprechen und zu schreiben, was nie aus der Mode kommen wird, ist,
aufrichtig zu sprechen und zu schreiben. Wohl darf ich daran zweifeln, daß das Argu-
ment, das nicht die Macht hat, mein eignes Handeln zu berühren, das eurige berühre.
Aber nehmt Sidney’s Wahlspruch: „Sieh in dein Herz und schreibe“. Der, der für sich
selbst schreibt, schreibt für ein unsterbliches Publikum.4
Emerson rät, nicht in dem Wunsch zu schreiben, ein Publikum zufrieden zu stellen,
sondern einzig aus einer unverzichtbaren innerlichen Notwendigkeit heraus zur Feder zu
greifen: nur das, was dem wahren Charakter eines Menschen entspringt, kann zur Lehre
dienen. Die richtige Position, die gegenüber der Welt einzunehmen ist, ist weder die Welt
über den eigenen Wert zu bestimmen noch durch sie das eigene Handeln beeinflussen zu
lassen. Wer schreibt, darf die eigene Arbeit nicht dem Urteil des Publikums unterwerfen,
welches seine schnelllebige Meinung von einem Tag auf den anderen ändert. Nur das Ur-
teil des eigenen Bewusstseins, das für jeden Einzelnen der strengste Richter ist, kann al-
lein über richtig und falsch, gut und böse entscheiden. Im Jahre 1882 notiert sich Nietz-
sche zwei Abschnitte aus Emersons Aufsatz Selbstvertrauen, welche davor warnen, es
zuzulassen, dass Ehrerbietung der Meinung anderer gegenüber unsere persönliche Sicht
auf die Dinge ersticken kann.
Deinem eignen Gedanken Glauben schenken – glauben, daß was für dich in deinem
innersten Herzen wahr ist, auch für alle Menschen wahr sei: das ist Genie (Nachlaß
1882, KSA 9, 17[20]).5

4 Ralph Waldo Emerson, Versuche (Essays: first and second series). Übers. v. G. Fabricius, Han-
nover 1858, S. 114. Die Unterstreichungen sind von Nietzsche in seiner Ausgabe der Versuche
vorgenommen worden. Emerson übertrug in seine Journals die folgende Beobachtung: „A
strong nature feels itself brought into the world for its own development, and not for the appro-
bation of the public“ (Ralph Waldo Emerson, The Journals and Miscellaneous Notebooks, hg. v.
William H. Gilman, Cambridge, Mass., 1960– 1982, Bd. 13, S. 105). Die Emersonsche Überzeu-
gung, dass der Weg zur Größe nur derjenige ist, der der Linie der eigenen Natur folgt und dessen
Richtung nur selten von den Zeitgenossen erblickt wird, stützt Nietzsche vor allem in den Jah-
ren, in welchen er die Last der Isolation und des Unverständnisses am stärksten auf den eigenen
Schultern spürte, und dennoch hörte er die Stimme immer eindringlicher, die ihn dazu auffor-
derte, seine eigene Aufgabe zu erfüllen. So lesen wir in Vermischte Meinungen und Sprüche: „Sibi
scrib ere. – Der vernünftige Autor schreibt für keine andere Nachwelt als für seine eigene, das
heisst, für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können“ (VM 167). Vgl. auch
Nachlaß 1875, KSA 8, 2[2] und Nachlaß 1881, KSA 9, 11[297]. Dieser Ausdruck findet sich
noch einmal in einem Brief an Rohde vom Juli 1882 wieder, in dem Nietzsche sich mit seinen
vergangenen Erfahrungen auseinandersetzt. Als die einzige Medizin, die ihn hatte retten kön-
nen, sieht er die Treue zur eigenen Natur: „Ohne ein Ziel, welches ich nicht für unaussprechlich
wichtig hielte, würde ich mich nicht oben im Lichte und über den schwarzen Fluthen gehalten
haben! Dies ist eigentlich meine einzige Entschuldigung für diese Art von Litteratur, wie ich sie
seit 1876 mache: es ist mein Recept und meine selbstgebraute Arzenei gegen den Lebens-Über-
druß. […] Mihi ipsi scripsi – dabei bleibt es; und so soll Jeder nach seiner Art für sich sein Bes-
tes thun – das ist meine Moral: – die einzige, die mir noch übrig geblieben ist“ (Nietzsche an Er-
win Rohde, Juli 1882, KSB 6, Nr. 267).
5 Vgl. Emerson, Versuche, S. 32.
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In jedem Werke des Genies erkennen wir unsere eignen verstoßenen Gedanken wie-
der: sie kommen zurück zu uns mit einer gewissen entfremdenden Majestät (Nachlaß
1882, KSA 9, 17[21]).6
Jene, die zu allen Zeiten als Genies bezeichnet werden, heben sich von ihrer Umwelt
durch das Vertrauen ab, welches sie ihren eigenen Intuitionen zugestehen, auch und vor
allem dort, wo sie sich im Widerspruch zu den vorherrschenden Überzeugungen befin-
den. Die Gefahr ist, dass Gedanken, die wir nicht auszusprechen wagen, auch von ande-
ren entdeckt werden, die eine größere Courage besitzen, und wir von ihnen dann in Din-
gen unterwiesen werden, die wir zuerst entdeckt haben. Die großen Entdeckungen der
Genies der Vergangenheit, welche nun den allgemein verbindlichen Kanon bilden, sollten
keine Ehrerbietung erregen, sondern die Kühnheit vergrößern, mit welcher man diese zu
übertreffen versucht.
So entwirft Nietzsche mit dem Meister, der sich majestätisch von dem trostlosen
Szenario der Massenkultur und des Konformismus der zeitgenössischen Gesellschaft
abhebt, das Bild eines Individuums, welches das eigene Zentrum in sich selbst gefunden
hat und somit nicht mehr vom Urteil der anderen abhängig ist. Wie sehr die Lektüre der
Versuche von Emerson ihn in diesem Zusammenhang beeinflusst hat, geht aus einem
Brief vom 24. September 1874 an Carl von Gersdorff hervor. Nachdem er dem Freund
mitgeteilt hat, sehr mit der Überarbeitung der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung beschäftigt
gewesen zu sein, erwähnt Nietzsche den Diebstahl seiner Tasche während seiner Rück-
reise von Bayreuth im Würzburger Bahnhof: Die Tasche enthielt „das schöne Exemplar
vom Ringe des Nibelungen (mit Wagners Widmung)“ und den „treffliche[n] Emerson“,
welchen er in Bergün mit sich führte: das bestätigt, dass die Beschäftigung mit den Versu-
chen für Nietzsche in jener Zeit alltäglich war (Nietzsche an Carl von Gersdorff, 24. 1874,
KSB 4, Nr. 390).7

6 Ebd., S. 33. In Versuche liest man aber: „entfremdeten Majestät“, und nicht „entfremdenden“.
Dieser Absatz ist mit einem vertikalen Strich hervorgehoben und gekennzeichnet mit der Num-
mer 25. Vgl. Baumgarten, Das Vorbild Emersons, S. 25.
7 Nietzsche erwarb sofort eine zweite Kopie der Versuche, der Band, der ihn auf seinen unzähligen
Reisen, die dem Verlassen der Akademie folgten, begleitet. Er widmet sich ihm immer noch aus-
führlich im Sommer 1881, welchen er in Sils-Maria verbringt. Die anderen Werke von Emerson,
die Teil seiner persönlichen Bibliothek waren, sind: Ralph Waldo Emerson, Über Goethe und
Shakespeare. Übers. v. Hermann Grimm, Hannover 1857; Ralph Waldo Emerson, Die Führung
des Lebens. Übers. v. E. S. von Mühlberg, Leipzig 1862 (Nietzsche erwarb davon zwei Exem-
plare, und ließ das eine zusammenbinden mit Über Goethe und Shakespeare und das andere mit
Psychologische Beobachtungen von Rée, doch leider sind beide verloren gegangen, siehe: Giuliano
Campioni / Paolo D’Iorio / Maria Cristina Fornari / Francesco Fronterotta / Andrea Orsucci
(Hg.), Nietzsches persönliche Bibliothek, Berlin / New York 2002, S. 211 – 212); Ralph Waldo
Emerson, Neue Essays (Letters and Social Aims). Übers. v. Julian Schmidt, Stuttgart 1876, er-
worben am 24. April 1876 auf Empfehlung Gersdorffs (vgl. Carl von Gersdorff an Nietzsche,
19. April 1876, KGB II/6, 1, Nr. 763, S. 312). Nur zehn Tage später schreibt Gersdorff die neue
Sammlung lobend an Nietzsche: „Emersons Essays haben mich täglich selbst in dienstlicher Er-
müdung gestärkt. Man athmet eine reinere Luft, sobald man mit dieser reinen und freien Seele
verkehrt. So lebte ich nicht ganz umsonst“ (Carl von Gersdorff an Nietzsche, 30. April 1876,
KGB II/6, 1, Nr. 766). Aber Nietzsche teilt den Enthusiasmus des Freundes nicht (vgl. Nietz-
sche an Carl von Gersdorff, 26. März 1876, KSB 5, Nr. 529). Auch wenn sich keine expliziten
Anhaltspunkte finden, ist es möglich, dass Nietzsche auch die Übersetzungen der Aufsätze
Divinity School Address und Nature gelesen hat, ebenso die Textsammlungen Society and Solitude und
English Traits, die jeweils 1865, 1868, 1871 und 1857 erschienen sind (Ralph Waldo Emerson, Die
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Im Übrigen klingt in der Mahnung Nietzsches, man selbst zu sein und einem eigenen
Maß und Gesetz gemäß zu leben, deutlich Emersons Revolte gegen die Gesellschaft
seiner Zeit an. In dieser Zeit nämlich wurde es für den Einzelnen immer schwieriger, kri-
tisch zu denken und sich in einer eigenständigen Art und Weise auszudrücken. Schon in
Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben kritisiert Nietzsche: „Während noch nie
so volltönend von der „freien Persönlichkeit“ geredet worden ist, sieht man nicht einmal
Persönlichkeiten, geschweige denn freie, sondern lauter ängstlich verhüllte Universal-
Menschen“ (HL 5, KSA 1, S. 281). Wenn auf intellektuellem Gebiet die self-reliance zu einer
Äußerung des eigenen Genius führt, gibt sie im ethischen Bereich dem Heroismus Raum
und erhebt das Individuum kraft des höheren Gesetzes, welches dem eigenen Inneren
entspringt, über die Moralvorstellungen der Gemeinschaft. Emerson schreibt: „Herois-
mus ist der Gehorsam gegen einen geheimen Impuls des menschlichen Charakters. […]
Selbstvertrauen ist das Wesen des Heroismus“.8 Die Emersonsche Aufforderung zu einer
heroischen Tat geht daher in der Mahnung auf, selbst zu entscheiden, welchen Weg man
einschlägt, welche Anregungen man annimmt, welches Verhaltensmuster am ehesten der
eigenen Natur entspricht und deshalb das Nützlichste für eine völlige Entfaltung ist. Nur
wenn ein Mensch vor allen anderen Dingen die Gebote des eigenen Gewissens ehrt und
die Angst vor der Moral sowie der überlieferten Religion überwindet, schöpft er aus der
Authentizität, die aus ihm ein Individuum macht, und hebt sich damit von der kopflosen
und tierischen Masse ab.
Sowohl Nietzsche als auch Emerson sind sich bewusst, dass die Entscheidung, das
eigene Leben in die Hand zu nehmen und sich unabhängig das eigene Gut und Böse zu
bestimmen, die Konsequenzen der eigenen Handlungen zu akzeptieren, durch nichts ga-
rantiert ist und nichts garantiert und deshalb außergewöhnlichen Mut erfordert. Nietz-
sche schreibt:
Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens
schreiten musst, niemand ausser dir allein. Zwar giebt es zahllose Pfade und Brücken
und Halbgötter, die dich durch den Fluss tragen wollen; aber nur um den Preis deiner
selbst; du würdest dich verpfänden und verlieren. Es gibt in der Welt einen einzigen
Weg, auf welchem niemand gehen kann, ausser dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe

zwei Hauptfehler des geschichtlichen Christentums. Aus einer Rede an die Theologiestudiren-
den in Cambridge. 1838, in: Karl Scholl (Hg.), Freie Stimmen aus dem heutigen Frankreich, Eng-
land und Amerika über Lebensfragen der Religion, Mannheim 1865, S. 572 – 584; Ralph Waldo
Emerson, Die Natur. Übers. v. Adolph Holtermann, Hannover 1868; Ralph Waldo Emerson,
Gesellschaft und Einsamkeit. Übers. v. Selma Mohnicke, Bremen 1871; Ralph Waldo Emerson,
Englische Charakterzüge. Übers. v. Friedrich Spielhagen, Hannover 1857). Von Englische Charak-
terzüge hat Nietzsche durch Gersdorff erfahren, vgl. Carl von Gersdorff an Nietzsche, 12. Sep-
tember 1875, KGB II/6,1 Nr. 712, S. 223: „Mit Emersons englischen Charakterzügen ist es mir
gelungen meinen Eltern eine besondere Freude und anregende Unterhaltung zu verschaffen;
und meine gute Tante, die England, seine Sprache und Litteratur ganz genau kennt, versichert
mir immer von neuem ihre Dankbarkeit, dieses Buch kennen gelernt zu haben“. Dennoch wird
der Leitfaden für den Dialog mit dem amerikanischen Denker die Versuche und Die Führung des
Lebens sein. Es sind Aufsatzsammlungen, die Nietzsche seit seiner Jungend kennt und im Laufe
der Jahre immer wieder gelesen hat.
8 Emerson, Versuche, S. 185 (der letzte Satz ist von Nietzsche durch eine vertikale Linie am Rand
gekennzeichnet). Vgl. Giuliano Campioni, Leggere Nietzsche. Dall’agonismo inattuale alla cri-
tica della morale eroica, in: Maria Cristina Fornari / Fabio Sulpizio (Hg.), La filosofia e le sue sto-
rie, Lecce 1998, S. 87 – 133.
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ihn. Wer war es der den Satz aussprach: „ein Mann erhebt sich niemals höher, als
wenn er nicht weiss, wohin sein Weg ihn noch führen kann?“ (SE 1, KSA 1, S. 340).
Das folgende Zitat ist aus einem Absatz des Emersonschen Textes Kreise, das Nietz-
sche in seinem Exemplar der Versuche stark am Rand anstreicht.
Nichts Großes wäre jemals ohne Enthusiasmus vollbracht worden. Der Weg des
Lebens ist wundervoll. Er ist es durch ein völliges Dahingeben. Die großen Momente
in der Geschichte wie die Werke, die im Genie oder in der Religion ihren Urprung ge-
funden haben, sind die Leichtigkeit in der Ausführung durch die Kraft des Gedan-
kens. „Ein Mann“, sagte Oliver Cromwell, „erhebt sich niemals höher, als wenn er
nicht weiß, wohin sein Weg ihn noch führen kann“.9
Indem Emerson behauptet, dass die große Tat nur demjenigen möglich ist, der sich
völlig in sie versenkt, nimmt er seinerseits die Aussage von Samuel Taylor Coleridge auf:
„Nothing great was ever achieved without enthusiasm“, wobei er unter Enthusiasmus das
Vergessen des eigenen Selbst und die Erhebung des Geistes zur Intuition der Vernunft-
prinzipien versteht.10 In dem für Coleridge charakteristischen Verständnis vom Christen-
tum erfolgt die göttliche Offenbarung in dem Bewusstsein des Einzelnen, so dass sich der
Glaube in der spirituellen Wahrnehmung, die jeder Einzelne auf einem intuitiven Weg er-
reicht, auflöst. „Faith may also be called self-trust, reliance on the Reason“: „he who relies
most on himself and stands the firmest, is the truest because the most individual Man“.11
Coleridges Lehre war für Emerson erhellend und lenkte ihn zu einer Verinnerlichung und
Personalisierung der christlichen Offenbarung als einer Form des Vertrauens in den
Instinkt und die Intuition, welches folglich eine Säkularisierung oder zumindest eine
starke Abschwächung ihres mystischen Charakters mit sich bringt. Auf der Grundlage
des Bekenntnisses zum Selbstvertrauen gelingt es Emerson in der Tat, ein Projekt der
ethischen Erneuerung auszuarbeiten, das sich in einem Horizont von radikaler Imma-
nenz vollendet, und dies in dem Maße, dass er nicht das Fundament und die Rechtferti-
gung aus transzendenten Voraussetzungen zieht, sondern nur aus einer inneren Reform

9 Emerson, Versuche, S. 237. Das Zitat von Cromwell ist von Nietzsche am Rand mit mehreren
vertikalen Strichen hervorgehoben. Vgl. auch Nachlaß 1883, KSA 10, 15[27]: „Zarathustra – ich
verlernte das Mitgefühl mit mir. Das Selbst vergessen. Emerson S. 237“.
10 Emerson, The Journals, Bd. 3, S. 447; vgl. auch Walter Cameron, Emerson the Essayst. An Out-
line of his Philosophical Development through 1836 with Special Emphasis on the Sources and
Interpretation of Nature, Raleigh 1945, Bd. 1, S. 189.
11 Cameron, Emerson the Essayst, Bd. 1, S. 205, 158. Was Emerson Coleridge zu verdanken hat,
wird in einer Zeile der Journals vom 9. Dezember 1834 deutlich: „Every man’s Reason can show
him what is right. […] Democracy, Freedom, has its root in the sacred truth that every man hath
in him the divine Reason […]. That is the equality and the only equality of all men. To this truth
we look when we say, Reverence thyself; Be true to thyself. Because every man has within him so-
mewhat really divine, therefore is slavery the unpardonable outrage it is. [Coleridge’s] doctrine
affirms that there is imparted to every man the Divine light of reason. […] Every man’s Reason is
sufficient for his guidance, if used“ (Cameron, Emerson the Essayst, Bd. 1, S. 188). Emerson er-
klärt am 3. August 1831 in einem The Limits of Self-Reliance benannten Stichpunkt, dass das „self“,
auf welches er sich bezieht, nicht nur dieses Individuelle ist, sondern vielmehr jener universelle
Geist, der es beseelt. Die Stimme der Erkenntnis stimmt also mit der Stimme Gottes überein,
der man folgen muss, auch wenn sie der Stimme der Welt entgegengesetzt ist. Es war genau die
Wiederholung dieser Aussage, die ihm die Exkommunizierung und den Vorwurf der Gottesläs-
terung von Seiten der religiösen Gemeinschaft, in der er Pfarrer war, einbrachten.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 281

und aus individuellen Tugenden.12 In Nietzsches Wiederaufnahme von Emersons Auf-


forderung, vertrauensvoll der Stimme des Instinktes zu folgen, ohne sie durch die über-
mäßige Beachtung des Urteils anderer verkommen zu lassen, klingt die in Vom Nutzen und
Nachtheil der Historie für das Leben zitierte Goethesche Maxime nach: „der Handelnde [ist]
immer gewissenlos“ (HL 1, KSA 1, S. 254).13 Es ist für den tätigen Menschen notwendig,
sich sowohl eine kritische Haltung gegenüber den Heldentaten der großen Männer der
Vergangenheit zu bewahren, als auch, die Anhäufung der Leiden, die uns die Geschichte
überliefert hat, aktiv zu vergessen. Gleichfalls ist es notwendig, dass tätige Menschen die
Motive ihres Handelns aus der eigenen, wahrhaftigen Natur ziehen und nicht die Angst
vor Einsamkeit und den Wunsch nach Anerkennung zur Grundlage ihrer Taten machen.
Es gibt nur einen Weg, der dahin führt, man selbst zu werden, und zwar jenen, den
man in völliger Autonomie gewählt hat und den man mit dem strengsten Willen verfolgt.
Von diesem Standpunkt aus gesehen versucht der echte Erzieher, dem Schüler nicht seine
Doktrinen einzuschärfen (und hierbei ist Schopenhauer für Nietzsche das wunderbare
Beispiel), sondern er ermutigt ihn, seinen eigenen Weg zu finden, indem er ihn mit dem
Beispiel seines Mutes in dem quälerischen gefährlichen „Beginnen, sich selbst […] anzu-
graben“ unterstützt (SE 1, KSA 1, S. 340). Jede wirkliche Erziehung ist „Befreiung“,
„Vollendung der Natur“ (SE 1, KSA 1, S. 341), also die Entwicklung der individuellen
Persönlichkeit: es existiert keine allgemeingültige Wahrheit, die gelehrt werden kann,
sondern nur jene, die jeder einzelne für sich findet, indem er ehrlich und mutig aus dem
Leben Erfahrungen sammelt. Dies entspricht dem Vorwurf Zarathustras, den er an seine
Schüler richtete, als er sie verjagte: „Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer
nur der Schüler bleibt“ (Za I, Von der schenkenden Tugend 3, KSA 4, S. 101).14 Die glei-

12 George Kateb sieht in diesem Sinne die Emersonsche Lehre der self-reliance als einen beispielhaf-
ten Versuch der Emanzipation der demokratischen Kultur von jedem Rest der Transzendenz
und den Erwerb einer radikal humanen und weltlichen Konzeption der Existenz. Kateb beob-
achtet, dass jenes, was Emerson unter self-reliance versteht „not the self-reliance of „self-aggran-
dizement“, but the wish to be oneself, to live as one thinks best, to take chances deviantly, to pur-
sue one’s special vocation, to define oneself as different from others, to follow the line of one’s
distinctiveness without deflection“ (George Kateb, Emerson and Self-Reliance, Thousand Oaks
1995, S. 32). Es handelt sich also um etwas viel komplexeres und höheres als „a deliberate project
of self-expression and self-assertion“ (ebd., S. 49).
13 Obwohl im Transcendental Club die Kenntnis von deutschen Werken aus erster Hand eher gering
war, kannte Emerson genau die Werke von Goethe, welches er in einer Ausgabe mit 55 Bänden
in der Originalsprache studiert hatte. Vgl. Julius Simon, Ralph Waldo Emerson in Deutschland
1851 – 1937, Berlin 1937, S. 7 – 9; vgl. auch Gustav Van Cromphout, Emerson’s Modernity
and the Example of Goethe, Columbia / London 1990. Emerson war sich des Vorrangs seiner
eigenen Intuition vor den Gedanken anderer bewusst und behielt seinen von Nietzsche so an
ihm geschätzten Skeptizismus auch gegenüber dem beliebten und geachtetem Autor bei. In
einem Brief vom 27. Juni 1861 antwortete Emerson Hermann Grimm, nachdem dieser ihm
einige Aufsätze zugesandt hatte, unter denen sich ein Aufsatz zu Goethe und ein Aufsatz zu
Michelangelo befanden. In dem Brief lesen wir: „I believe I simpathize with all your admirations.
Goethe and Michael A. deserve your fine speeches, and are not perilous, for a long time. One
may absorbe great amounts of these, with impunity; but we must watch the face of our proper
Guardian, and if his eye dims a little, drop our trusted companions as profane“ (Frederich Wil-
liam Holls, Emerson’s Correspondence with Herman Grimm, in: Atlantic Monthly XCI (1903),
S. 467 – 479, S. 476).
14 Vgl. Vivetta Vivarelli, Nietzsche und Emerson. Über einige Pfade in Zarathustras metaphori-
scher Landschaft, in: Nietzsche-Studien 16 (1987), S. 227 – 263, S. 252. Nietzsche verwendet
einen Ausdruck von Emerson, mit dem er sich aus der Eigenschaft heraus, sein eigenes Gemüt
282 Benedetta Zavatta

che Idee der Erziehung in strenger Anwendung des Prinzips der self-reliance findet sich bei
Emerson wieder: von dem Moment an, in dem ein Individuum spontan und entspre-
chend seiner eigenen Natur handelt und Gesetze, Bücher, Idolatrien und Sitten hinter
sich läßt sowie das Zentrum des eigenen Universums in sich findet, ist er ein Meister, der
„dem Leben des Menschen wieder zu seiner Größe und zu seinem Glanz verhelfen
wird“.15 Solch ein frei gewordenes Individuum sucht sich keine Anhänger, sondern will
nur die Menschen zu sich selbst zu führen. Emerson verzichtete darauf, seine eigenen
Gedanken in einer systematischen Form darzustellen, um eben das Risiko zu vermei-
den, dass sie als eine universelle Lösung, als eine absolute Wahrheit angesehen werden
könnten.
Wir folgen dem Jünglinge mit Theilnahme und geben ihm viele Sprüche alter Weisheit
auf den Lebensweg mit; aber sicherlich wird er nicht mit unsrer Kraft oder mit alten
Sprüchen, sondern lediglich durch seine eigne Kraft, die wir nicht kennen, siegen oder
fallen. […] und nur, indem er uns und allen andern Menschen den Rücken zukehrt
und seine ihm eigenste Weisheit ausbeutet, kann er etwas erringen.16
Die einzig wertvolle Lehre ist die, welche mit Hilfe eines Beispiels erteilt wird. Nietz-
sche beklagt in der Tat, dass in einer Epoche der „Mattherzigkeit“ (SE 2, KSA 1, S. 345)
wie dieser Führer und Modelle fehlen, welche als der „sichtbare Inbegriff aller schöpferi-
schen Moral“ gelten (SE 2, KSA 1, S. 344).
Niemals brauchte man mehr sittliche Erzieher und niemals war es unwahrscheinlicher
sie zu finden […]. Es liegt eine gewisse Verdüsterung und Dumpfheit auf den besten
Persönlichkeiten unserer Zeit, […] eine Unruhe im Vertrauen auf sich selbst – wo-
durch sie ganz unfähig werden, Wegweiser zugleich und Zuchtmeister für Andre zu
sein (SE 2, KSA 1, S. 345 – 346).
Dieses Thema wird auch noch im Jahre 1882 Gegenstand von Nietzsches Überlegun-
gen sein, als er in sein Notizbuch eine Stelle aus dem Aufsatz Selbstvertrauen übertrug. Hier
polemisiert er gegen die Unterwerfung unter eine Autorität und preist im Gegenzug die
Kraft des Charakters der Individuen, die das Gesetz in sich verkörpern und denjenigen, die
sie umgeben, eine instinktive Ehrerbietung abverlangen. Sie lehren die Welt, „welche Ach-
tung ein Mensch dem Menschen schuldet“ und das Recht eines jeden Menschen, sein eige-
nes Gesetz und zwar eine eigene „Werthtafel von Menschen und Dingen“ aufzustellen.
Es gab immer freudige Anhänglichkeit an den, der sich nach selbstgeschaffenen
Gesetzen bewegte, sich seine Werthtafel von Menschen und Dingen machte und die

ohne Erbarmen auszuhöhlen, als „Selbstquäler“ definiert: „Ah, ich bin fürchterlich von der
Natur zum „Selbstquäler“ ausge – rüstet“ (Nietzsche an Franz Overbeck, 22. Februar 1883,
KSB 6, Nr. 384). Dieser Ausdruck findet sich wieder in: Nachlaß 1882, KSA 10, 3[1] 376 und
Nachlaß 1883, KSA 10, 16[86]. Vgl. Emerson, Versuche, S. 240: „In dem auf ’s höchste zerstör-
ten, pedantischen, einwärts gekehrten Leben des Selbstquälers kommt der größte Theil dessel-
ben ihm unberechnet, unvorhergesehen und auf unbegreifliche Weise“. Der Abschnitt wurde
von Nietzsche am Rand mit drei dicken vertikalen Strichen gekennzeichnet.
15 Emerson, Versuche, S. 58. Der gesamte Abschnitt ist von Nietzsche am Rand mit mehren ver-
tikalen Strichen gekennzeichnet.
16 Emerson, Die Führung des Lebens, S. 171. Vgl. auch Joel Porte (Hg.), Emerson in His Journals,
Cambridge 1982, S. 484. Walt Whitman schrieb über Emerson: „His final influence is to make
his student cease to worship anything – almost cease to believe in anything, outside of themsel-
ves“ (Walt Whitman, Complete Poetry and Collected Prose, New York 1982, S. 1052).
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 283

vorhandene umstieß und das Geset z in sein er Pe r s o n d a r s te l l te (Nachlaß


1882, KSA 9, 17[33]).17
Das Beispiel außergewöhnlicher Persönlichkeiten, wie es für Nietzsche Schopen-
hauer und Wagner waren, „zeigt, wie der Genius sich nicht fürchten darf, in den feind-
seligsten Widerspruch mit den bestehenden Formen und Ordnungen zu treten, wenn er
die höhere Ordnung und Wahrheit, die in ihm lebt, an’s Licht herausheben will“ (SE 3,
KSA 1, S. 351). Der Preis, der für diese Überlegenheit zu zahlen ist, ist in jedem Fall sehr
hoch: die Einsamkeit, das Unverständnis, die erklärte Feindseligkeit seitens jeder Institu-
tion werden zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen der Doktrin der self-reliance.
Noch einmal schreibt Nietzsche in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung:
Es ist kein Zweifel, dass für den Ungewöhnlichen, der sich mit dieser Kette be-
schwert, das Leben fast Alles, was man von ihm in der Jugend ersehnt, Heiterkeit,
Sicherheit, Leichtigkeit, Ehre, einbüsst; das Loos der Vereinsamung ist das Geschenk,
welches ihm die Mitmenschen machen; die Wüste und die Höhle ist sofort da, er mag
leben, wo er will. […] Gewiss, er vernichtet sein Erdenglück durch seine Tapferkeit,
er muss selbst den Menschen, die er liebt, den Institutionen aus deren Schoosse er
hervorgegangen ist, feindlich sein, er darf weder Menschen, noch Dinge schonen, ob
er gleich an ihrer Verletzung mit leidet, er wird verkannt werden und lange als Bun-
desgenosse von Mächten gelten, die er verabscheut, er wird, bei dem menschlichen
Maasse seiner Einsicht, ungerecht sein müssen, bei allem Streben nach Gerechtigkeit
(SE 4, KSA 1, S. 359, 372– 373).
In der Beschreibung seines Meisters nahm Nietzsche sein eigenes Schicksal vorweg:
Angesehen zu werden als Verbündeter der Mächte der moralischen Zerstörung, obgleich
er gegen diese eigentlich seine Kritik gerichtet hatte. Zudem wurde er als Vernichter der
Wahrheit gedeutet, in deren Namen er sich doch selbst aufopferte. Emerson ist der
Gefährte auf dem Weg, den Nietzsche von Menschliches, Allzumenschliches an gegen seine
Zeit und seine ehemaligen Meister, letztendlich aber zu sich selbst hin einschlägt. Die Ehr-
lichkeit und die Echtheit sich selbst gegenüber werden so zu Kardinaltugenden eines Pro-
jekts der ethischen und intellektuellen Erneuerung, welches ‚allzumenschlich‘ den Verzicht
auf das Bedürfnis nach Sicherheit fordert. So lautet eine Stelle aus Emersons Aufsatz Ver-
stand, den Nietzsche mit Randbemerkungen und starken Unterstreichungen versah: 18
Eine Selbstverleugnung, nicht weniger erhaben wie die des Heiligen, wird
von jedem gebildeten Menschen verlangt. Er muß die Wahrheit anbeten, und
um ihretwillen alle anderen Dinge lassen, Kampf und Anfechtung müssen Ja!
ihm eine Freude sein, damit so sein Gedankenschatz vermehrt werde […].
Der, in welchem die Liebe zur Wahrheit vorherrschend ist, bleibt auf dem
Meer und denkt nicht an ankern. Er enthält sich einer Bestimmtheit der Mei-
nung, und prüft nochmals alle entgegengesetzten Verneinungen, zwischen
denen wie zwischen Mauern sein Wesen hin und hergestoßen wird. Er unter-
wirft sich der Unbequemlichkeit des Zweifels und unvollkommener Mei- Bravo
nung, aber er ist ein Candidat der Wahrheit, was der Andere nicht ist, und
ehrt das höchste Gesetz seines Seins.18

17 Vgl. Emerson, Versuche, S. 47.


18 Ebd., S. 251. Der gesamte Abschnitt ist von Nietzsche am Rand mit mehreren vertikalen Stri-
chen gekennzeichnet.
284 Benedetta Zavatta

Die Notwendigkeit, sich zu erneuern und voranzukommen, ohne sich mit Fakten, Mei-
nungen, Personen, die uns vollständig oder für eine lange Zeit befriedigen, aufzuhalten, ist
das Vorrecht der reichsten Seelen, die in sich die Samen verschiedener Potenziale tragen.
Die Kehrseite dieser Überlegenheit den ‚Armen im Geiste‘ gegenüber ist die unvermeid-
liche Desillusionierung, die man Eltern und Freunden als Folge der eigenen inneren Ver-
änderungen zufügt, das Gefühl der Verwirrtheit und der Fremdheit, das jedes Mal in denen
hervorgerufen wird, die glaubten, uns zu kennen und zu besitzen. Emerson schreibt, schon
vorwegnehmend, was Nietzsche später am eigenen Leib widerfahren sollte:
Das Recht des Schmerzes, den diese Entdeckung in uns hervorruft […], ist die Klage
der Tragödie, die leise aus derselben spricht in Hinsicht auf Menschen, auf Freund-
schaft und Liebe. […] Unsere Freunde erscheinen uns frühe als die Vertreter gewisser
Ideen, über die sie niemals hinausgehen noch sich ein Uebergewicht über dieselben
aneignen. Sie stehen am Rande des Oceans der Gedanken und Macht, aber sie thun
niemals den einen Schritt, der sie dorthin bringen würde.19
„Gross sein ist missverstanden werden“ lautet ein Abschnitt des Aufsatzes Selbst-
vertrauen, den Nietzsche im Sommer des Jahres 1878 während seiner Einsiedelei im
Berner Oberland in seine Notizen überträgt (Nachlaß 1878, KSA 8, 30[104]).20 In einem
Fragment aus der selben Zeit lesen wir noch einmal: „Emerson p. 331 Essays: „das Le -
ben der Wahrheit ist kalt und insofern traurig, aber es ist nicht der Sklave usw.“ “
(Nachlaß 1878, KSA 8, 30[103]). Der Absatz, auf den sich Nietzsche bezieht, stammt aus
dem Aufsatz Erfahrung:
So trägt das Universum unvermeidlich unsere Farbe […]. Wie ich bin, so sehe ich;
mögen wir welche Sprache wir wollen zu Hülfe nehmen, wir können doch niemals et-
was anderes sagen als was wir sind. […] Und wir können nicht zu wenig von einer
Nothwendigkeit unserer Constitution sagen, die Dinge unter Privatanschauungen
oder mit unserm Humor gesättigt zu sehen. […] Dieses Bedürfniß macht in der Moral
die Haupttugend des Selbstvertrauens aus. Wir müssen uns gezwungen, wenn auch
ärgerlich, zu diesem Mangel bekennen, und durch eine nachdrücklichere Sammlung
unserer selbst, nach der Thatenbegier, unsere Achse standhafter beherrschen. Das
Leben der Wahrheit ist kalt, und in sofern traurig; aber es ist nicht der Sklave von
Thränen, Zerknirschungen und Leidenschaftlichkeit.21
Selbstvertrauen entsteht, wenn man sich bescheiden das eigene äußerst beschränkte
Erkenntnisvermögen und damit jene unvermeidliche Subjektivität jedes Standpunktes
eingesteht, die auf der Verwurzelung der Wahrnehmung in der eigenen psychophysischen
Beschaffenheit basiert. Wenn man auf den Anspruch verzichtet, eine allgemeine und not-
wendige Erkenntnis erlangen zu können, dann begibt man sich auf den Weg des indivi-
duellen Experimentierens. Dieser, wenn er auch die Unannehmlichkeiten der Unsicher-
heit und einer fehlerhaften Meinung bereithält, macht doch aus uns „Kandidaten der
Wahrheit“ und respektiert damit das höchste Gesetz unseres Seins. In einem Fragment,
das aus der selben Zeit stammt wie seine oben erwähnten Abschriften aus den Emerson-
schen Texten, erklärt Nietzsche:

19 Ebd., S. 312 – 313.


20 Vgl. ebd., S. 42 – 43: „Ist es denn so schrecklich, missverstanden zu werden? Pythagoras wurde
missverstanden, und Socrates, und Jesus, und Luther, und Kopernikus, und Galilei, und Newton
[…]. Groß sein ist missverstanden sein“ (am Rand mit zwei vertikalen Linien gekennzeichnet).
21 Ebd., S. 330 – 331. Der letzte Satz ist am Rand mit einer dicken vertikalen Linie gekennzeichnet.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 285

Dies sah ich ein, mit Betrübniss, manches sogar mit plötzlichem Erschrecken. End-
lich aber fühlte ich dass ich, gegen mich und meine Vorliebe Partei ergreifend, den
Zuspruch und Trost der Wahrheit vernehme – ein viel grösseres Glück kam dadurch
über mich, als das war, welchem ich jetzt freiwillig den Rücken wandte (Nachlaß 1878,
KSA 8, 30[190]).
Seit der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung wird die Erkenntnis als höchster Wert aner-
kannt und die Suche nach der Wahrheit höher gestellt als die nach der Glückseligkeit,
denn nur die Suche nach der Wahrheit erkennt dem Menschen jene Würde zu, die ihn
vom Tier unterscheidet. Was Nietzsche also an seinem Meister bewundert, ist der ohne
Schwindel in die Unsinnigkeit der Welt geworfene unermessliche „Freiblick des Philoso-
phen“, der ihn in die Lage setzt, im Tausch für das Gefühl der Macht den unendlichen
Schmerz zu ertragen, den dieser Anblick bereitet.
Und wenn es nur Ein Tag wäre, wo jener grösste Wunsch sich erfüllte, wie bereitwillig
böte man das übrige Leben zum Entgeld an! So hoch zu steigen, wie je ein Denker
stieg, in die reine Alpen- und Eisluft hinein, dorthin wo es kein Vernebeln und Ver-
schleiern mehr giebt und wo die Grundbeschaffenheit der Dinge sich rauh und starr,
aber mit unvermeidlicher Verständlichkeit ausdrückt! (SE 5, KSA 1, S. 381).
Noch einmal scheint das, was Nietzsche am meisten an Schopenhauer fasziniert, die
Kraft seiner Persönlichkeit und seine menschliche Größe zu sein, der Wille zur Macht,
der sich durch seinen Willen zur Wahrheit manifestiert. In den folgenden Schriften erhält
Nietzsche die These aufrecht, dass sich die Größe und die Kraft eines Menschen an dem
Grad der Wahrheit, die er wagt und erträgt, messen lassen. Schopenhauer ist also ein ‚gro-
ßer Mensch‘, da er auf den Trost des Ziels verzichtet, er ist die beispielhafte Inkarnation
jenes Heldentums der Erkenntnis, welches Nietzsche in der Folge auch von sich selbst
verlangt. Dennoch, wie Icilio Vecchiotti beobachtet, markiert das Bild, welches Nietzsche
von seinem Meister zeichnet, eine komplette Umdeutung des Willens, von der Negation
des Willens hin zu seiner entschiedensten Bejahung.22 Mit Überheblichkeit wird die An-
kunft „jene[r] wahrhaften Menschen, jene[r] Nicht-mehr-T hiere“, jener „Ph i l o -
sophen, Künst ler u n d H eiligen “ (SE 5, KSA 1, S. 380) angekündigt, die die Auf-
gabe haben, die Natur von der Verdammnis des tierischen Lebens zu erlösen. Ein solches
Gefühl entspricht nicht der Trostlosigkeit derjenigen, die dagegen von den ‚wahrhaften
Menschen‘ die Auslöschung des Lebenswillen erwarten. Genau wie der von Nietzsche als
Motto der Fröhlichen Wissenschaft zitierte Abschnitt von Emerson besagt, sind diese ‚wahr-
haften Menschen‘ vielmehr diejenigen, die das Leben in jeder Situation und in allen
Umständen bejahen und somit auch den Schmerz und das Leiden akzeptieren, die unver-
meidbar dazugehören.
Emerson sagt mir nach dem Herzen: Dem Poeten dem Philosophen wie dem Hei-
ligen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Ereignisse nützlich, alle Tage heilig,
alle Menschen göttlich (Nachlaß 1882, KSA 9, 18[5]).
Es wird immer klarer, wie sich in der Figur des idealen Philosophen, der von Nietz-
sche hier umrissen wurde, in Wirklichkeit die Emersonschen Charakteristiken verdichten.
Wenn wir der Richtung folgen, die in Ecce Homo eingeschlagen wird, können wir generell
die dritte Unzeitgemäße Betrachtung als unschätzbare Lehre ansehen, wie der Philosoph zu

22 Vgl. Icilio Vecchiotti, Arthur Schopenhauer. Storia di una filosofia e della sua ‚fortuna‘, Firenze
1976, S. 40.
286 Benedetta Zavatta

verstehen ist: als furchtbarer „Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist“. Nietzsche
will seinen Begriff vom Philosophen deutlich geschieden wissen „von einem Begriff,
der sogar noch einen Kant in sich schließt, nicht zu reden von den akademischen „Wie-
derkäuern“ und andren Professoren der Philosophie“ (EH, Warum ich so gute Bücher
schreibe. Die Unzeitgemäßen 3, S. 320).
Wenn die Philosophie jetzt nicht viel geachtet wird, so soll man nur fragen, weshalb
jetzt kein grosser Feldherr und Staatsmann sich zu ihr bekennt – nur deshalb, weil
in der Zeit, wo er nach ihr gesucht hat, ihm ein schwächliches Phantom unter dem
Namen der Philosophie entgegenkam, jene gelehrtenhafte Katheder-Weisheit und
Katheder-Vorsicht, kurz weil ihm die Philosophie bei Zeiten eine lächerliche Sache
geworden ist. Sie sollte ihm aber eine furchtbare Sache sein; und die Menschen, wel-
che berufen sind, Macht zu suchen, sollten wissen, welche Quelle des Heroischen in
ihr fliesst. Ein Amerikaner mag ihnen sagen, was ein grosser Denker, der auf diese
Erde kommt, als neues Centrum ungeheurer Kräfte zu bedeuten hat. „Seht euch vor,
sagt Emerson, wenn der grosse Gott einen Denker auf unsern Planeten kommen
lässt. Alles ist dann in Gefahr. Es ist wie wenn in einer grossen Stadt eine Feuers-
brunst ausgebrochen ist, wo keiner weiss, was eigentlich noch sicher ist und wo es en-
den wird. Da ist nichts in der Wissenschaft, was nicht morgen eine Umdrehung erfah-
ren haben möchte, da gilt kein litterarisches Ansehn mehr, noch die sogenannten
ewigen Berühmtheiten; alle Dinge, die dem Menschen zu dieser Stunde theuer und
werth sind, sind dies nur auf Rechnung der Ideen, die an ihrem geistigen Horizonte
aufgestiegen sind und welche die gegenwärtige Ordnung der Dinge ebenso verur-
sachen, wie ein Baum seine Aepfel trägt. Ei n n e u e r G r a d d e r Ku l tu r w ü r d e
aug enblicklich da s g a nz e Syste m m e n s ch l i ch e r B e s tr e b u n g e n e i n e r
Umwälzung unterwerfen“ (SE 8, KSA 1, S. 425 – 426).23
Nietzsche wendet sich also an einen Amerikaner, um die kulturelle Perspektive des
alten Europa zu erneuern. In dem Aufsatz Kreise, aus dem der zitierte Absatz stammt,
wird die Idee der Unerschöpflichkeit der Natur begleitet von jener der unaufhörlichen
Veränderung des Menschen in seinen Gewohnheiten und seiner Erkenntnis. So wie die
Natur ein ewiges Werden und Vergehen, ein Sich-Verwandeln von einer Form in die an-
dere ist, so ist es auch dem Geist unmöglich, sich selbst gleich und seinen eigenen Ideen
treu zu bleiben. Es gibt keine Sicherheiten, die den Menschen vor der Erfahrung und der
Notwendigkeit schützen können, sich immer aufs Neue auf den Weg der Wahrheit zu be-
geben.
Unser Leben ist eine Lehrzeit, in welcher wir zu der Wahrheit gelangen müssen, daß um
jeden Kreis ein anderer gezogen werden kann; daß es kein Ende in der Natur giebt, son-
dern daß jedes Ende ein Anfang ist; daß jede Tageszeit nur immer ein neuer Tagesan-
bruch ist, und unter jeder Tiefe eine noch tiefere Tiefe sich aufthut. […] So giebt es
denn keinen Schlaf, keine Pause, kein Präservativmittel mehr, sondern alle Dinge er-
neuen sich, keimen und treiben. […] Die Natur verwirft das alte, und ein hohes Alter
scheint die einzige Krankheit: alle übrigen Krankheiten sind nichts anderes als dies. Wir
mögen sie bei Namen nennen, welche wir wollen – Fieber, Leidenschaftlichkeit,
Dummheit und Verbrechen: sie sind nur die verschiedenen Formen von hohem Alter.24

23 Vgl. Emerson, Versuche, 226 – 227.


24 Ebd., S. 220, 234– 235.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 287

Nicht nur für die Natur, sondern auch für das Denken ist das Neue ein Synonym für
Hoffnung, Jugend, Kraft und Leben. Wenn ein wahrer Denker geboren wird, werden alle
Urteile und die Wahrheit erschüttert und umgestoßen. Nichts ist mehr sicher, da „er die
neue Wahrheit seiner früheren Vorstellung von der Wahrheit vorzieht“.25 Emerson bestä-
tigt: „In dem Gedanken des morgen, da liegt eine Kraft verborgen, die allen deinen Glau-
ben, den ganzen Glauben, die ganze Gelehrsamkeit der Nationen zusammenfäßt“.26 Das
Selbstvertrauen lehrt nämlich, der Meinung der Gelehrten keinen größeren Respekt zu
erweisen als dem eigenen Gedanken, nicht bei den erlangten Überzeugungen stehen zu
bleiben und nicht die Sicherheit der belebenden Energie des Neuen vorzuziehen. Wie
Giuliano Baioni richtig beobachtet, nimmt Nietzsche die Avantgarde des 20. Jahrhunderts
vorweg, indem er die biologische Eigenschaft der Jugend als explosive vitale Kraft ver-
herrlicht, welche, da sie noch nicht geformt ist, per definitionem die geniale Kraft ist, die mü-
helos das Gebäude der Konventionen sprengen kann. Damit steht sie im Kontrast zum
Altern der Formen, die sich durch Massengebrauch kristallisieren und verhärten und sich
schließlich zur Ideologie wandeln.27 Bei Emerson, dem Sohn des jungen amerikanischen
Kontinents, konnte Nietzsche ein Modell des freien Gedankens finden, skeptisch und
pragmatisch, beständig unterwegs. Für diesen bleibt das Leben ein Rätsel, das jeder Ein-
zelne nur für sich lösen kann, indem er den eigenen Weg findet und eine Entscheidung
trifft, die am besten mit der eigenen Natur übereinkommt.
Laßt mich den Leser erinnern, daß ich nur ein Experimentirender bin […]. Alles ist
für mich unbeständig. Keine Facta scheinen mir geheiligt zu sein; keine profan; ich für
mich thue weiter nichts, als daß ich experimentire, ein endloser Sucher, mit keiner
Vergangenheit auf meinem Rücken […]. In der Natur ist jeder Moment neu, die Ver-
gangenheit ist immer dahin und vergessen; nur das Kommende ist unentweiht. Nichts
ist gewiß als das Leben des Augenblicks, der Uebergang, und der schaffende Geist.
Keine Liebe kann durch Schwur oder Bündniß in der Weise fest sein, daß sie nicht
noch eine höheren Grad erreichen könnte. Keine Wahrheit so erhaben, daß sie nicht
morgen in dem Lichte einer neuen gesehen als trivial erscheinen könnte. Die Men-
schen wünschen in Allem eine Sicherheit: es ist hierhin nur in so weit Hoffnung für sie
da, als sie sich selbst nicht unsicher sind.28
Sowohl bei Nietzsche als auch bei Emerson ist der Skeptizismus positiv besetzt, so-
lange er nicht zur Lähmung, sondern zu einer regeren Tätigkeit des Geistes führt. Der

25 Ebd., S. 227.
26 Ebd., S. 223. Vgl. auch Nachlaß 1876, KSA 8, 16[19] in welchem Nietzsche ein Zitat von Francis
Bacon wiedergibt, das er den Neuen Essays von Emerson entnommen hat: „Consilia juventutis
plus divinitatis habent“ (Emerson, Neue Essays, S. 171).
27 Vgl. Giuliano Baioni, La filologia e il sublime dionisiaco. Einleitung zu: Friedrich Nietzsche,
Considerazioni Inattuali, Torino 1981, S. I – LXIII, S. LXII– LXIII.
28 Emerson, Versuche, S. 234 – 235. Neben den Worten „endloser Sucher, mit keiner Vergangen-
heit auf meinem Rücken“ setzt Nietzsche die Randbemerkung: „Ja??“, als zweifle er daran, dass
Emerson das realisiert, was er verkündet. Die deutsche Übersetzung gibt die originale Bedeu-
tung nicht wieder: „People wish to be settled: only as far as they are unsettled, is there any hope
for them“ (Ralph Waldo Emerson, Essays: first series, in: ders., The Collected Works of Ralph
Waldo Emerson, hg. v. Alfred R. Ferguson, Bd. 2, Cambridge, Mass. / London 1979, S. 189). In
dem englischen Original hätte Nietzsche Unterstützung für seine Behauptung gefunden: „Leben
überhaupt heisst in Gefahr sein“ (SE 3, KSA 1, S. 360). Vgl. auch FW 283: „Das Geheimniss, um
die grösste Fruchtbarkeit und den grössten Genuss vom Dasein einzuernten, heisst: g e fähr-
lich leben!“.
288 Benedetta Zavatta

Skeptizismus verordnet nämlich nicht die Gleichheit aller Perspektiven, sondern verlangt
das Auswählen der Belebendsten. Es handelt sich also nicht um die Ablehnung einer
Position, welche einer Entartung und einer Krankheit des Willens entspringt,29 sondern
um jenes „geistige Nomadenthum“ (Nachlaß 1882, KSA 9, 17[13]),30 das von Nietzsche
als Merkmal der esprits forts angeführt ist. Es ist bestimmt von einer Lust, immer neue
„Wendungen der selben Sache zu finden“ (FW 97), und entsteht aus einem Überschuss an
Kraft.
Man lasse sich nicht irreführen: grosse Geister sind Skeptiker. Zarathustra ist ein
Skeptiker. Die Stärke, die Freiheit aus der Kraft und Überkraft des Geistes b e we i s t
sich durch Skepsis (AC 54).
Der Grad der Gesundheit und der Kraft des Geistes misst sich also an seiner Fähig-
keit, sich selbst wiederzugewinnen, sich zu erneuern, ohne sich selbst zu verlieren. Emer-
son schreibt in seinem Aufsatz Vergeltung:
Im Verhältniß zur Lebenskraft des Individuums sind die Revolutionen häufig, bis sie
endlich in einem glückseligeren Geiste unaufhörlich werden, indem alle weltlichen
Verbindungen denselben nur lose umgeben, gleichsam zu einer transparenten flüssi-
gen Membrane werdend, durch welche die Form immer erkennbar ist; nicht aber wie
bei den meisten Menschen, zu einem verhärteten, heterogenen Gewebe von Data’s,
ohne bestimmten Charakter, in welches der Mensch eingeschlossen ist. Dann kann
eine Erweiterung, eine Ausdehnung stattfinden, und der Mann von heute erkennt
kaum den Mann von gestern wieder. Und dieser Art sollte die äußere Biographie des
Menschen sein, der in der Zeit lebt, ein von sich Abwerfen aller todten Zustände, Tag
für Tag, wie er seine Kleidung Tag für Tag erneuert.31
„Ein Törichtes Festhalten ist der Kobold kleiner Seelen. Mit einem solchen Festhal-
ten hat eine große Seele schlechthin gar nichts zu tun“.32 Dies hält Emerson in seinem
Aufsatz Selbstvertrauen fest, er warnt vor der gefährlichen Falle des Konformismus, wel-
cher unter der Forderung von Einstimmigkeit verborgen liegt und sowohl in der Gesell-
schaft als auch in wissenschaftlichen Kreisen auftaucht. Nietzsche festigt die geistige Ver-
wandtschaft mit seiner amerikanischen „Bruder-Seele“ (Nietzsche an Franz Overbeck,
24. Dezember 1883, KSB 6, Nr. 477) in dem stolzen Bekenntnis zu einer ‚Inkonsequenz‘
des freien Geistes, der als solcher die eigene Sicht auf die Welt und das Urteil über die
Dinge unaufhörlich erneuert: „wie wenig erscheint ihm das Veränder n seiner Meinun-
gen an sich als verächtlich! Wie verehrt er umgekehrt in der Fähigkeit, seine Meinungen
zu wechseln, eine seltene und hohe Auszeichnung, namentlich wenn sie bis in’s Alter hi-
neinreicht!“ (M 56)33

29 Vgl. JGB 208: „Skepsis nämlich ist der geistige Ausdruck einer gewissen vielfachen physiologi-
schen Beschaffenheit, welche man in gemeiner Sprache Nervenschwäche und Kränklichkeit
nennt“.
30 Vgl. Emerson, Versuche, S. 16 – 17 (der Abschnitt ist stark mit zwei Strichen am Rand gekenn-
zeichnet).
31 Ebd., S. 94 – 95.
32 Ebd., S. 42.
33 Stanley Cavell gibt als gemeinschaftliche Basis für die Philosophie von Nietzsche und Emerson
genau diesen Skeptizismus an, d.h. die Ablehnung, etwas als derartig Heiliges anzuerkennen, um
es nicht immer auf seine wirkliche Bedeutung hin untersuchen zu können und zu dürfen. In-
dem er sich fragt, ob ein solcher moralischer Perfektionismus mit der Demokratie vereinbar ist,
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 289

Auf der Basis der Auseinandersetzungen mit Emerson gelingt es Nietzsche schließ-
lich, sein Ideal des Philosophen als heroischem Menschen und Genie zu entwickeln, wel-
ches sich im Topos des Erziehers Schopenhauer verwirklicht. Das Maß aller Dinge aus
sich selbst heraus zu schöpfen, ist die Originalität des Genies, das frei ist von der Sklaverei
der Meinungen anderer sowie von den aus Büchern gewonnenen Kenntnisse. Der Mut
des Helden ist, das eigene Zentrum in sich selbst zu finden und keine Angst davor zu ha-
ben, von einem Moment auf den anderen die eigene Welt zu revolutionieren, denn er
weiß, dass er die Kraft hat, sich eine neue Welt zu schaffen. Dieses stille Heldentum, man
selbst zu sein und gemäß seiner eigenen Natur zu handeln, vollendet sich in der Figur des
Zarathustra. Nach dem Tode Gottes ist er gezwungen, sein eigener Gesetzgeber und
Richter zu sein, in dem er auf jede transzendentale Garantie für das von ihm selbst Er-
schaffene verzichtet.

2. Zarathustra und die Revolution in der Moral

In einem Brief an Köselitz vom April 1883, kurz nach der Zusendung des Zarathustra,
liefert Nietzsche dem Freunde den Schlüssel zur Lektüre dieses Werkes: „Ve r s p r o ch e n
ist Alles schon in „Schop!enhauer" als Erz!ieher"“; es war aber ein gutes Stück Weg
von „Menschl!iches", Allzum!enschliches"“ bis zum „Übermenschen“ zu machen“
(Nietzsche an Heinrich Köselitz, 21. April 1883, KSB 6, Nr. 405, S. 364).34 Zarathustra
verkörpert in vollendeter Form folglich alle Eigenschaften, die Emerson dem self-reliant
Individuum zuschreibt: gemeint sind hier absolute Selbstbeherrschung und Nonkonfor-
mismus. Ein solcher Mensch verachtet sowohl die Autorität als auch das Unverständnis
und legt die höchste Hingabe an die eigene Aufgabe an den Tag, die nur mit der höchsten
Kraft des Willens und dem heiligsten Egoismus möglich ist.
In einem Brief an die Schwester vom 29. August 1883 nimmt Nietzsche die Emerson-
sche Mahnung wieder auf, die er sich 1878 notiert hatte, als er Zuspruch für das soeben
begonnene Leben eines fugitivus errans suchte. Das Missverstandenwerden macht er zu
einer unwiderlegbaren Probe für das zukünftige Schaffen einer Distanz zu eigenen Zeit:
„Jedes Wort meines Zarathustra ist ja siegreicher Hohn und mehr als Hohn über die

kommt er zu dem Schluss, dass dieser Perfektionismus in einer Demokratie unentbehrlich ist:
die Ablehnung des Konformismus und die Aufforderung, seine eigene Originalität auszudrü-
cken, sind dem Geist der Demokratie keineswegs entgegengesetzt, sondern sie verhindern im
Gegenteil seine Verzerrung. „There is a perfectionism that happily consents to democracy, and
whose criticism it is the honor of democracy not only to tolerate but to honor“ (Stanley Cavell,
Conditions Handsome and Unhandsome. The Constitution of Emersonian Perfectionism, La
Salle 1990, S. 1). Vgl. auch Russell B. Goodman, Moral Perfectionism and Democracy: Emerson,
Nietzsche, Cavell, in: Lopez (Hg.), Emerson/Nietzsche, S. 159 – 180 und Olaf Hansen, Stanley
Cavell Reading Nietzsche Reading Emerson, in: Manfred Pütz (Hg.), Nietzsche in American
Literature and Thought, Columbia, SC 1995, S. 279 – 296.
34 Als Beweis des fil rouge, der von der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung bis zum Zarathustra führt,
vgl. Nietzsche an Franz Overbeck, Anfang August 1884, KSB 6, Nr. 524: „Übrigens habe ich so
g elebt, wie ich es mir selber (namentlich in „Schopenhauer als Erzieher“) vorgezeichnet habe.
Falls Du den Zarath!ustra" mit in Deine Mußezeit nehmen solltest, nimm, der Vergleichung
halber, doch die eben genannte Schrift mit hinzu (ihr Fehler ist, daß eigentlich in ihr nicht von
Schopenhauer, sondern fast nur von mir die Rede ist – aber das wußte ich selber nicht, als ich sie
machte)“.
290 Benedetta Zavatta

Ideale dieser Zeit […]. Es ist ganz nothwendig, daß ich mißverstanden werde; mehr
noch, ich muß es dahin bringen, schlimm verstanden und verachtet zu werden“
(Nietzsche an Elisabeth Förster-Nietzsche, 29. August 1883, KSB 6, Nr. 459, S. 439).
In einem Aphorismus der Fröhlichen Wissenschaft nimmt Nietzsche das Missverstanden-
werden als Unterscheidungsmerkmal für die höheren Geister, die dem Pöbel notwendi-
gerweise unverständlich erscheinen müssen, an: „Haben wir uns je darüber beklagt, miss-
verstanden, verkannt, verwechselt, verleumdet, verhört und überhört zu werden? Eben
das ist unser Loos – […] es ist auch unsre Auszeichnung; wir würden uns selbst nicht ge-
nug in Ehren halten, wenn wir’s anders wünschten“ (FW 371).35 Und noch einmal findet
er in einem Absatz des Emersonschen Aufsatzes Charakter sein eigenes Streben auf die
Zukunft hin wieder, welches das Leid, keinen Platz in der Gegenwart zu finden, erträglich
macht:
Diejenigen, die in der Zukunft leben, müssen immer Ego
denen egoistisch erscheinen, die in der Gegenwart leben.36
Unter dem Zeichen des heroischen Ertragens des Missverstandenwerdens zeigt sich
die erste Spur einer Kontinuität des Übergangs von der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung
zum Zarathustra. Die zweite Spur wird von Nietzsche in einem anderen Brief an die
Schwester vom November des Jahres 1883 explizit gemacht:
Ich unterscheide vor Allem st a r ke und s ch wa ch e Menschen – solche, die zum
Herrschen und solche, die zum Dienen und Gehorchen, zur „Hingebung“ berufen
sind. Was mich an dieser Zeit anekelt, ist die unsägliche Schwächlichkeit Unmänn-
lichkeit Unpersönlichkeit Veränderlichkeit Gutmüthigkeit, kurz die S chwäche der
„Selbst“-sucht, die sich gar noch als „Tugend“ drapieren möchte. Was mir bisher
wohlg etan hat, war der Anblick von Menschen eines l a n g e n W i l l e n s – […] die
ehrlich sind, an Nichts besser zu glauben als an ihr Selbst und ihren Willen, dasselbe
den Menschen einzudrücke n für alle, alle Zeit.
Pardon! Was mich an R!ichard" W!agner" anzog, war dies; insgleiche lebte Scho-
penh!auer" nur in einem solchen Gefühle. […] Es giebt starke „Selbste“ deren
Selbstsucht man beinahe göttlich nennen möchte (z.B. die Zarathustra’s) (Nietz-
sche an Elisabeth Förster-Nietzsche, November 1883, KSB 6, Nr. 471, S. 451 – 452).
Jenen göttlichen Egoismus als Kraft des Willens und der Entschlossenheit, den
Nietzsche einst an Wagner und Schopenhauer bewunderte, findet er jetzt in sich selbst
wieder und projiziert ihn auf Zarathustra. Wer die Kraft besitzt, der Tugend einen neuen
Namen zu geben, indem er sie vom Gehorsam in die Fähigkeit umwandelt, sich selbst zu
befehlen, der erobert sich auch das Recht, sich dem allgemeingültigen Moralkodex zu ent-
ziehen, um seinen eigenen zu begründen. Damit erkennt er die scheinbaren Verpflichtun-
gen, die ihm persönliche Bindungen und Gesellschaft auferlegen, nicht an, sondern er-
setzt sie durch die vordringliche Pflicht gegen sich selbst.
Noch einmal ist es Emerson, der Nietzsche den Anstoß für derlei Betrachtungen gibt:
in den ersten Monaten des Jahres 1882 füllt er ein ganzes Heft mit Exzerpten aus den
Versuchen, von denen wiederum der größte Teil aus dem Aufsatz Selbstvertrauen stammt.

35 Auch in einem schönem Bild aus dem Aufsatz Charakter beobachtet Emerson, dass „die zu Gro-
ßem Bestimmten sich im Schatten zum Leben hinausschleichen“ (Emerson, Versuche, S. 348,
am Rand mit einer Art Spirale gekennzeichnet).
36 Emerson, Versuche, S. 347.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 291

Das bedeutet zweifelsohne, dass seine Konfrontation mit dem amerikanischen Denker
bezüglich der self-reliance für Nietzsche einen unabdingbaren Schritt auf den Zarathustra
hin bedeutet. 37

Kein Gesetz kann mir gehei- Die Tugend ist in den meisten Fällen nur eine Ue-
ligt sein als das meiner Natur. bereinstimmung mit der Form. Dann ist Selbstver-
Einzig recht ist das, was mir trauen ihre Aversion. […] Wer ein Mann sein will,
naturgemäß ist, und allein un- muß ein Nonconformist sein. […] Nichts ist endlich
recht, was gegen meine Natur heilig als die Lauterkeit unserer eignen Seele. Sprich
ist (Nachlaß 1882, KSA 9, dich von dir selber frei, und du bist des Beifalls der
17[26]). Welt gewiß. Ich erinnere mich einer Antwort, die
ich in früher Tugend sehr entschlossen einem ge-
schätzten Rathgeber gab, der gewohnt war, mich mit
den theueren alten Lehren der Kirche bekannt zu
machen. Auf meine Rede: Was geht mich das Gehei-
ligtsein der Traditionen an, wenn ich ganz von innen
heraus lebe? wandte mein Freund ein: – „Aber diese
Impulse mögen von unten kommen und nicht von
oben“. Hierauf erwiederte ich: „Sie scheinen mir
nicht der Art zu sein; aber wenn ich des Teufels Kind
bin, so will ich auch dem Teufel leben“. Kein Gesetz
kann mir geheiligt sein, als das meiner Natur. Gut
und schlecht sind nur Namen, die sich leicht diesem
und jenem unterlegen lassen. Einzig recht ist das, was
mir naturgemäß ist, und allein unrecht das, was gegen
meine Natur ist.37
Emerson stellt für Nietzsche eine wichtige Hilfe für seine Umwertung aller Werte dar,
insofern, als er es entschieden ablehnt, die Tugend als ein Dienen, als ein Anpassen an
einen von anderen festgelegten Verhaltenskodex zu begreifen. Emerson definiert viel-
mehr diese Tugend als die Fähigkeit, aus der eigenen, inneren Kraft schöpfend, sich selbst
zu befehlen. In einem der vielen von Nietzsche im Jahre 1882 angefertigten Exzerpte aus
Selbstvertrauen lesen wir: „Tugend ist innere Stärke: ein Mensch, der zur s ch ö p fe r i s ch e n
Urkraft durchdringt, überwältigt nach dem Gesetz der Natur alle Städte Völker Könige,
die Reichen und die Dichter“ (Nachlaß 1882, KSA 9, 17[35]).38 „Gleichnisse sind alle Na-
men von Gut und Böse […]. Wenn ihr erhaben seid über Lob und Tadel, und euer Wille
allen Dinge befehlen will […]: da ist der Ursprung eurer Tugend“ – so lehrt Zarathustra

37 Ebd., S. 36 – 37. Auch in dem Aufsatz Historic Notes of Life and Letters in Massachusetts, den sich
Nietzsche 1883 aus dem Englischen übersetzen ließ, bekräftigt Emerson die eigene Bekenntnis
zum Individualismus: „Jedermann für sich selbst, genötigt, all seine Hülfsquellen, Hoffnungen,
Belohnungen, Gesellschaft und Gottheit in sich selbst zu finden“ (Sander Gilman, Nietzsches
Emerson-Lektüre: Eine unbekannte Quelle, in: Nietzsche-Studien, 9 (1980), S. 406 – 431, S. 411).
Die göttliche Genügsamkeit des Individuums findet also keine Grenzen, noch nicht einmal eine
transzendente Entität, die sich zum Garant des eigenen Werkes macht. Wenn bei Nietzsche der
Mensch nach dem Tod Gottes unendlich allein bleibt, so bleibt er bei Emerson hingegen ge-
stützt von einer im wesentlichen moralischen Natur, welche Attribute besitzt, die traditionell
einer Gottheit erteilt werden.
38 Vgl. Emerson, Versuche, S. 53. Der Abschnitt ist am Rand mit mehreren vertikalen Strichen ge-
kennzeichnet.
292 Benedetta Zavatta

seinerseits (Za I, Von der schenkenden Tugend 1, KSA 4, S. 98 – 99). Die Position des
Amerikaners teilend, erachtet Nietzsche jene Formen, die von der Herde als Tugend an-
gesehen werden, als Formen der Passivität, der Verleugnung dieser schöpferischen Kraft.
So zeigt sich in der „Rechtschaffenheit“ in Wirklichkeit die „Furcht vor dem Befehlen“:
„man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz als daß man sich ein Gesetz schafft,
als daß man sich und Anderen befiehlt“. Ebenso zeigt sich in der „Toleranz“ eigentlich
die „Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens“ (Nachlaß 1886– 87, KSA 12,
7[6], S. 275). Die Wege, die Zarathustra dem angehenden Übermenschen zeigt, um ihn
aus der Herde herauszuführen, sind jene „Wege des Schaffenden“ (Za I, Vom Wege des
Schaffenden, KSA 4, S. 80), auf welchen er „eine erste Bewegung“ wird, „ein aus sich rol-
lendes Rad“ (Za I, Von den drei Verwandlungen, KSA 4, S. 31), das nicht angestoßen wer-
den muss, d. h. ein Individuum, dessen Verhalten kein bloß reagierendes ist, sondern aus
einem autonomen inneren Impuls entsteht. Ein Abschnitt aus dem Emersonschen Auf-
satz Charakter beschreibt das einzig einem inneren Befehl gehorchende Handeln als Zei-
chen des Erreichens der größten Macht: 39

Der Weise bekümmert sich weder um die Vielen noch um die Wenigen.
Quellen, die aus eignem Antriebe Handelnden, die in Gedanken Versun-
kenen, der Gebietende, weil ihm geboten wird, die Kühnen, die Ersten, – Herrlich!
sie sind gut; denn sie verkündigen die unmittelbare Gegenwart der höch-
sten Macht.39
„Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich
aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Geset-
zes?“ (Za I, Vom Wege des Schaffenden, KSA 4, S. 81), fragt Zarathustra. Seinen eigenen
Moralkodex zu befolgen, ist in der Einsamkeit relativ leicht, wenn die einzig hörbare
Stimme die des eigenen Bewusstseins ist. Diese Sicherheit in einer Gesellschaft zu erhal-
ten, ist jedoch weitaus schwieriger. Die Selbstbeherrschung und die Fähigkeit zu kriti-
schem Denken auch angesichts von Lob und Tadel, die uns die Welt entgegenbringt, zu
bewahren, ist die schwierigste Kraftprobe. Um sie zu beschreiben, bedient sich Nietzsche
noch einmal der Worte Emersons:
Daß ich allein an das denke, was mir als mein Rechtes erscheint, aber nicht an das, was
die Leute dazu denken – bezeichnet den Unterschied zwischen Erhabenheit und
Niedrigkeit. Dies ist um so härter, weil du solche, die deine Pflicht besser zu kennen
glauben als du selbst, überall finden wirst.
Groß ist der, der mitten im Gewühl der Welt mit vollkommener Klarheit die Freiheit,
die uns die Einsamkeit gewährt, festhält (Nachlaß 1882, KSA 9, 17[27]).40
„Für Nonconformität straft euch die Welt mit ihrer Missachtung“,41 fährt Emerson
fort. Nur einer großen und edlen Seele gelingt es, sich nicht von ihr vergiften zu lassen
und sie zu übergehen, ohne Rachegedanken zu hegen. In einem anderen aus demselben
Aufsatz stammenden Ausschnitt beobachtet Nietzsche mit Emerson: „Wenn die Armen
und die Unwissenden mit erregt werden, wenn die unverständige thierische Masse knurrt
und das Gesicht verzerrt – da bedarf es großer Seele, um dies auf göttliche Weise und als

39 Ebd., S. 345.
40 Vgl. ebd., S. 39.
41 Ebd.
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 293

Kleinigkeit bei Seite zu schieben. NB“ (Nachlaß 1882, KSA 9, 17[28]).42 Diese Notiz ist
vermutlich die Grundlage des zarathustrischen Dialogs, betitelt Vom Vorübergehen. Ein
„schäumender Narr“ (Za III, Vom Vorübergehen, KSA 4, S. 222) verkörpert dort die
Versuchung der Verachtung, indem er die Gesellschaft als einen Sumpf ausmalt, in wel-
chem früher oder später jede Seele fault. Sein Ekel wird von Zarathustra gebremst, er
sieht darin einen gemeinen Wunsch nach Rache, welcher genauso tadelswert ist, wie die
Niederträchtigkeit der Gesellschaft. Wo es nicht möglich ist, zu lieben, ist es edler, vorü-
berzugehen.
Wenn der Tadel der Gesellschaft kein Abschreckungsmittel sein darf, darf auch das
Lob nicht mehr beachtet werden, denn dieses kann ebenfalls unser Verhalten beeinflus-
sen. Die Eitelkeit ist genauso tief in unserem Gemüt verwurzelt und gefährdet das Erlan-
gen unserer moralischen Vervollkommnung ebenso wie der Herdentrieb und die Angst
vor Einsamkeit. Dieses Mal exzerpiert Nietzsche aus dem Aufsatz Geschichte:
Ich höre wohl die Lobpreisungen der Welt, aber sie sind nicht für mich: ich höre in ih-
nen nur das meinem Ohre viele lieblicher tönende Lob des Charakters, dem ich nach-
strebe, und das ich in jedem Wort, in jedem Faktum vernehme – im dahineilenden
Flusse und im wogenden Korne (Nachlaß 1882, KSA 9, 17[2]).43
In einem zeitgleich mit der intensiven Lektüre der Versuche entstandenen Fragment,
aus dem ein ganzes Heft mit Exzerpten hervorgegangen ist, notiert sich Nietzsche gleich
einem Vorsatz: „Gleichgültig sich gegen Lob und Tadel machen; Recepte dafür. Dagegen
einen Kreis sich stiften, der um unsere Ziele und Maaßtäbe weiß und der Lob und Tadel
für uns bedeutet“ (Nachlaß 1881, KSA 9, 11[1]).44 Die Konfrontation mit den anderen
wird also nicht a priori abgelehnt, aber nur von respektablen Freund-Feinden können
konstruktive Kritiken und Ermunterungen kommen. Es ist hingegen notwendig, die
allgemein menschlichen Gefühle zu unterdrücken, wenn diese uns von der eigenen Auf-
gabe abhalten. In Vom Wege des Schaffenden zeigt Zarathustra deutlich, dass der schwerste
Abschnitt dieses Weges darin besteht, das Mitgefühl, den Wunsch nach Trost, das Schuld-
gefühl in sich zu beseitigen, insofern diese Impulse in der Lage sind, unsere Entschlos-
senheit zu untergraben. „Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es
ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?“
(Za I, Vom Wege des Schaffenden, KSA 4, S. 81).
Das, was die allgemeine Moral verächtlich als ‚Egoismus‘ bezeichnet, ist also in Wirk-
lichkeit ein göttlicher Zustand; es ist ein übermenschlicher Mut vonnöten, um diesen zu
erreichen. Unsere ‚Freunde‘ bzw. jene, die das Streben nach dem Übermenschen teilen,
werden den Umstand, dass wir sie allein lassen, dann als eine höhere Liebe verstehen,
wenn sie begreifen, dass das einsame Leben der beste Weg ist, um ein Wohltäter zu wer-
den, indem wir die anderen anspornen, unserem Vorbild zu folgen.45 Inwieweit diese
Überlegungen von den Emersonschen Versuchen beeinflusst sind, kann man erkennen,
wenn man die folgenden Auszüge betrachtet.

42 Vgl. ebd., S. 41. Nietzsche ersetzt „thierische Masse“ mit „thierische Macht“.
43 Ebd., S. 4 – 5.
44 Vgl. auch FW 50 über die Angst vor der Isolation.
45 Zarathustra nennt diesen Egoismus „heilig“, um ihn vom gemeinen Egoismus zu unterscheiden,
der aus der Armut der Seele geboren wird: „Ein andre Selbstsucht giebt es, eine allzu arme, eine
hungernde, die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht“ (Za I,
Von der schenkenden Tugend 1, KSA 4, S. 98).
294 Benedetta Zavatta

Die Macht, die die Menschen besit- Zuweilen scheint die ganze Welt sich wider
zen, mir Verdruß zu machen gebe ich dich verschworen zu haben, in emphatischer
ihnen selber. Laß dich nicht so tief Weise mit Geringfügigkeiten auf dich loszu-
hinab, behaupte deine Würde; laß stürmen. Freund, Client, Kind, Krankheit,
dich nicht einen Augenblick auf ihre Furcht, Noth und Mildthätigkeit klopfen alle
Zustände auf ihr Geschrei ein: laß zusammen an deine Kammerthür und sagen:
das Licht deines inwendigen Geset- „Komm heraus und sei mit uns“. – Wirf deine
zes in die Verwirrung dringen (Nach- Seele nicht fort an das Irdische; laß dich nicht
laß 1882, KSA 9, 17[37]). so tief herab; behaupte deine Würde; bleibe in
deinem eigenen Himmel; laß dich nicht auch
nur auf einen Augenblick in ihre Zustände
und Begebenheiten, in ihr Geschrei, das einen
trostlosen Anschein hat, ein, sondern laß das
Licht deines inwendigen Gesetzes in ihre Ver-
wirrung dringen. Die Macht, die die Men-
schen besitzen, mir Verdruß zu machen, gebe
ich ihnen selbst durch ein schwaches Genau-
nehmen von meiner Seite. […] Ich werde mich
befleißigen, meine Eltern zu ernähren, meiner
Familie zu helfen, der treue Gatte eines Wei-
bes zu sein, aber diese Verbindlichkeiten muß
ich auf einem neuen und unbetretenen Wege
zu erfüllen suchen. Ich sehe ab von euren Ge-
wohnheiten. Ich muß ich selbst sein. […] Ich
thue dies nicht in egoistischer, sondern in
wahrer demüthiger Absicht. Es ist gleich in
eurem, wie in meinem und in aller Menschen
Interesse, wenngleich wir lange in der Lüge
gelebt haben, nun in der Wahrheit zu leben
[…]. Der große Haufe denkt, daß eure Ver-
werfung populärer Regeln eine Verwerfung
aller Regeln und bloßer Antinomianimus
ist […]. Ich habe harte Anforderungen an
mich selbst zu machen und einen vollkomme-
nen Maßstab dafür. Er leugnet den Namen der
Pflicht manchem, was Pflicht genannt wird,
ab. Aber wenn es mir gelingt, mich vor diesem
meiner Schuld zu entledigen, so darf ich mich
wohl dem allgemeinen Gesetzbuche entzie-
hen. Wenn irgend Jemand noch denken kann,
daß dies Gesetz ein laxes ist, so laß ihn das
Gebot desselben nur einen einzigen Tag be-
folgen.
Es verlangt ein gottähnliches Wesen Und in Wahrheit verlangt es ein gottähnliches
von dem, der sich von den gewöhn- Wesen von dem, der sich von den gewöhn-
lichen Motiven der Humanität los lichen Motiven der Humanität los gemacht
gemacht hat. Hochherzigkeit Willens- hat, und es gewagt, sich als dem eigenen
treue und ein klarer Verstand: das Wächter zu trauen. Hochherzigkeit, Willens-
müssen seine Eigenschaften sein, treue und ein klarer Verstand, das müssen
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 295

wenn er sich selber Lehre Gesell- seine Eigenschaften sein, wenn er mit dem
schaft und Gesetz sein will: so daß rechten Ernst sich selber Lehre, Gesellschaft
ein einf acher Vorsa t z bei ihm und Gesetz sein will, so daß ein einfacher Vor-
e benso viel i st wie bei A n de- satz bei ihm eben so viel ist, wie bei Andern
ren d i e eiser ne Not h wen dig- die eiserne Nothwendigkeit.46
keit. p. 57 (Nachlaß 1882, KSA 9,
17[38]).
46

Derjenige, der es gewohnt ist, Sklave zu sein, versteht nicht die höhere bindende
Kraft der Befehle, die man sich selbst erteilt, die größere Strenge jeder Eigenbewertung,
die Härte der selbstauferlegten Bestrafung im Gegensatz zur Angepasstheit an einen
moralischen Kanon, der von anderen etabliert wurde. Was die Masse als Antinomismus
deutet, ist in Wirklichkeit eine höhere moralische Strenge, typisch für jenen, der Ehrlich-
keit und Kraft besitzt, sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Auf die letzte Seite der
Emersonschen Versuche notiert sich Nietzsche folgendes:
Jenseits von Liebe und Haß, auch von Gut und Böse, ein Betrüger mit gutem Gewis-
sen, grausam bis zur Selbstverstümmlung, unentdeckt und vor aller Augen, ein Ver-
sucher, der vom Blut fremder Seelen lebt, der die Tugend als ein Experiment liebt, wie
das Laster (Nachlaß 1881, KSA 9, 13[21]).
Man kann annehmen, dass er sich hier auf einen Abschnitt im Aufsatz Kreise bezieht,
in welchem Emerson den absoluten Relativismus der Moral predigt und in dem er be-
hauptet: „Eines Menschen Gerechtigkeit ist eines Andern Ungerechtigkeit“47 und „Die
Tugenden der Gesellschaft sind Laster für den Heiligen“. Er nimmt eine Sichtweise an, in
welcher alle Handlungen gleichermaßen zu rechtfertigen sind, um sich von vornherein
gegen den Vorwurf des Pyrrhonismus zu verteidigen. Er erwidert: „Der Schrecken, wel-
chen eine Reform verursacht, ist nichts anderes als die Entdeckung, von unserer Seite,
dass wir unsere Tugenden, oder das, was wir immer für solche gehalten haben, in densel-
ben Abgrund versenken müssen, der schon unsere größeren Laster aufgenommen hat“.48
Noch einmal ist es der Skeptizismus Emersons, der Nietzsche fasziniert, jener höhere
Reichtum, an den er auch in einem Kommentar von 1888 erinnert: „Em e r s o n , mit sei-
nen Essays, ist mir ein guter Freund und Erheiterer auch in schwarzen Zeiten gewesen: er
hat so viel Skepsis, so viele „Möglichkeiten“ in sich, dass bei ihm sogar die Tugend geist-
reich wird“ (Kommentar zu Band 6, KSA 14, S. 476 – 477).49 Als Antwort auf die beson-
dere Erfahrung der jungen und mobilen amerikanischen Gesellschaft lässt Emerson die
Tugend ihr steifes moralisches Gewand abstreifen, damit sie in einem Prozess einer im-
merwährenden Perfektion und Überwindung der eigenen Grenzen zu einem Antrieb für
die Entdeckung und Verwirklichung der eigenen Natur wird. In dem Bild, welches Nietz-
sche in Götzen-Dämmerung entwirft, sieht er in diesem Experimentismus eine beneidens-
werte intellektuelle und moralische Energie, eine außergewöhnliche Kapazität der Er-
neuerung und des Wachsens:

46 Emerson, Versuche, S. 54 – 57.


47 Ebd., S. 232 (am Rand von mehreren starken vertikalen Linien gekennzeichnet).
48 Ebd., 233.
49 George Kateb beobachtet, dass für Emerson der moralische Sinn nicht „a static barometer of
right and wrong, but a dynamic faculty“ ist (Kateb, Emerson and Self-Reliance, S. 27).
296 Benedetta Zavatta

Emerson hat jene gütige und geistreiche Heiterkeit, welche allen Ernst entmuthigt; er
weiss es schlechterdings nicht, wie alt er schon ist und wie jung er noch sein wird, – er
könnte von sich mit einem Wort Lope de Vega’s sagen: „yo me sucedo a mi mismo“.
Sein Geist findet immer Gründe, zufrieden und selbst dankbar zu sein (GD, Streif-
züge eines Unzeitgemäße 13, KSA 6).
„„Yo me sucedo a mi mismo“, sage ich wie jener alte Mann bei Lope de Vega, lä-
chelnd, wie er: denn ich weiß es schlechterdings nicht mehr, wie alt ich schon bin und wie
jung ich noch sein werde …“ – so schreibt Nietzsche im Winter 1887– 88, Emersons
Skeptizismus übernehmend (Nachlaß 1887– 88, KSA 13, 11[22]). Das unbesiegbare Be-
dürfnis nach einer permanenten Selbstüberwindung und die Wahrnehmung der uner-
schöpflichen Potenzen des eigenen Seins bringen Nietzsche dazu, in den verschiedensten
Momenten seines Lebens die Lektüre jenes ‚glücklichen‘ Amerikaners wieder aufzuneh-
men, der aus der Veränderung eine Kunst gemacht hat. Die ‚fröhliche Wissenschaft‘ und
die ‚ewige Jugend‘ sind somit laut Nietzsche der Preis für ermüdende, periodisch wieder-
kehrende Selbsteroberungen. Diese werden von der beharrlichen „Lust nach Gesund-
heit“50 geleitet, welche die ‚unzeitgemäße‘ Leidenschaft für Emerson in ihm zu nähren ge-
holfen hat. In einen Brief an Fuchs vom Dezember 1887 schreibt er, dass ihm die
Deutschen Exzentrizität vorwürfen, aber nur, weil sie nicht verstünden, was sein Zen-
trum ist: „jene Leidenschaft, für die man lange keinen Namen hat“. Diese „rettet uns
aus allen Digressionen und Dispersionen, jene Au fg a b e, deren unfreiwilliger Missionär
man ist“ (Nietzsche an Carl Fuchs, 14. Dezember 1887, KSB 8, Nr. 963, S. 210).51 Er
schafft es, das Wissen um seine Andersartigkeit und um die Eigentümlichkeit der eigenen
Aufgabe mit Hilfe der Lektüre Emersons zu verfestigen, welche für ihn ein Gegengift ge-

50 Baumgarten, Das Vorbild Emersons, S. 57.


51 Der erste Teil des Briefes nimmt den Ausdruck von Lope de Vega auf und lautet: „Denn ich bin,
fast ohne den Willen dazu, aber gemäß einer unerbittlichen Nothwendigkeit, gerade mitten da-
rin, mit Mensch und Ding bei mir abzurechnen und mein ganzes „Bisher“ ad acta zu legen. […]
Die Vehemenz der inneren Schwingungen war erschrecklich, die letzen Jahre hindurch; nun-
mehr, wo ich zu einer neuen und höheren Form übergehn muß, brauche ich zuallererst eine neue
Entfremdung, eine noch höhere Entpersönlichung. […] Wie alt ich eigentlich schon bin? Ich
weiß es nicht; ebensowenig, wie jung ich noch sein werde“ (Nietzsche an Karl Fuchs, 14. Dezem-
ber 1887, KSB 8, Nr. 963, S. 209). Das Zitat von Lope de Vega ist wahrscheinlich aus einem Ar-
tikel von G. Valbert (Pseudonym von Victor Cherbuliez) über das politische System in Spanien
und aus der Revue des deux mondes, entnommen: „Si l’Espagne est éternellement gaie, c’est qu’elle
est éternellement jeune, et ceci est encore un miracle. […] Lope de Vega nous montre un empe-
reur rencontrant dans les bois un paysan à la tête blanche, mais si vif et si vert qu’on ne sait quel
âge lui donner. „N’avez-vous jamais vu, répond le paysan à cet empereur qui s’étonne, un arbre
antique dont le tronc, quoique ridé, se couronne de verts rejetons? Voilà où j’en suis; le temps
passe, et je me succède à moi-même“. Yo me sucedo á mi mismo“ (G. Valbert, L’Espagne poli-
tique. Première partie. Le caractère Espagnol et la monarchie constitutionnelle, in: Revue des
deux mondes, 1. September 1873, S. 13). Vgl. auch Azorín, Dicho y Hecho, Barcelona, 1957,
S. 18 – 22, S. 19. Das Zitat stammt aus der Komödie von Lope de Vega, ¡Si no vieran las mujeres!
(1637), 1. Akt, 11. Szene, in welcher der alte Bauer Belardo an den Kaiser Oton folgende Worte
richtet: „¿ No habeis visto un àrbol viejo, / cuyo tronco, aunque arrugado, / coronan verdes re-
nuevos? / Pues eso habeis de pensar, / y que pasando los tiempos, / yo me sucedo à mì mismo“
(Frey Lope Félix de Vega Carpio, Comedias Escogidas, hg. v. Don Juan Eugenio Hartzenbusch,
Madrid 1872, Bd. 2, S. 579).
Nietzsche, Emerson und das Selbstvertrauen 297

gen die europäische Krankheit und décadence darstellt.52 Indem Nietzsche sich die self-reli-
ance aneignet, die für ihn der Erzieher Schopenhauer und Zarathustra verkörpern, gelingt
es ihm, das eigene Leben der „Leidenschaft der Erkenntnis“ zu widmen, die ‚alchemisti-
sche‘ Fähigkeit zu erwerben, das Ende jeder Erfahrung in einen neuen Anfang zu verwan-
deln und jeden Schmerz in fröhliche Weisheit zu verkehren. Nur sie lässt einen ‚großen
Menschen‘ entstehen.

52 Beweis für eine radikale Fremdheit beider gegenüber der deutschen Kultur jener Zeit ist der
Brief von Gersdorff vom 3. Dezember 1874, in dem er Nietzsche gesteht, jeden Tag einige Sei-
ten von „dir, Emerson und Göthe“ zu lesen, diese ideale Triade von Autoren dem „Reiche der
deutschen Herrlichkeit“ entgegenstellend (Carl von Gersdorff an Nietzsche, 3. Dezember 1874,
KGB II/4, Nr. 609, S. 616). Es ist aber interessant zu sehen was Emerson an Herman Grimm
1871, zum Ausbruch des französisch – preussischen Krieges geschrieben hat: „I give you joy, the
new year, on these great days of Prussia. You will have seen that our people have taken your part
from the first, and have a right to admire the immense exhibition of Prussian power“ (Holls,
Emerson’s Correspondence, S. 479).