Sie sind auf Seite 1von 31

MANUALE TUMORZENTRUM | TUMOREN DER LUNGE UND DES MEDIASTINUMS

BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Berufliche Risikofaktoren,
Berufskrankheit,
arbeitsmedizinische Begutachtung
D. Nowak, R.M. Huber

Schlagwörter
Karzinogene Noxen • berufliche Exposition • Berufskrankheit • Arbeits-
anamnese • Gutachterverfahren • Berufskrankenrecht • Quarzstaub-
exposition • Pleuramesotheliom • Dichlordimethylether • ionisierende
Strahlen

Einführung, Zielsetzung
Das Lungenkarzinom stellt den Prototyp eines durch exogene Noxen verursach-
ten Tumors dar. Die wesentlichen Risikofaktoren wurden bereits im Kapitel „Ätio-
logie des Lungenkarzinoms“ und im Kapitel „Epidemiologie des Lungenkarzi-
noms“ genannt.
Das vorliegende Kapitel zielt darauf ab,

• Hintergrund und Sinnhaftigkeit einer arbeitsbedingten Verursachung bei Pa-


tienten mit Lungenkarzinom zu verdeutlichen,
• dem betreuenden Arzt eine praxistaugliche Orientierungshilfe zu geben, bei
welchen konkreten Tätigkeiten und Expositionen eine Berufskrankheitenver-
dachtsanzeige erstattet werden soll, wobei eine Checkliste angefügt wird, die
vom Patienten selbst verwendet werden kann,
• kurz und lediglich orientierend die Grundzüge der arbeits- und sozialmedizini-
schen Begutachtung von Lungenkarzinomen darzustellen.

Arbeitsbedingte Faktoren beim Lungenkarzinom:


Attributabler Anteil
Der attributable Anteil beruflicher Faktoren an der Gesamtkausalität (hier: eines
Lungenkarzinoms) bezeichnet denjenigen Kausalanteil, um den das Risiko ver-
mindert würde, wenn die Noxe wegfiele bzw. weggefallen wäre. Mit unterschied-
lichen methodischen Zugangswegen wurden die in Tabelle 1 dargestellten Anteile
für berufliche Einflüsse errechnet.

396 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Tabelle 1 Attributabler Anteil beruflicher Einflüsse an der Gesamtkausalität eines


Lungenkarzinoms.

Region/Land Methodik Attributabler Literatur


Anteil
Italien Zusammenfas- meist 17–33 % Barone-Adesi et al.
sung von Studien (2005) [1]
unter Verwen-
dung von Job-ex-
posure-Matrices
Norddeutschland Fall-Kontroll- bei ≥ halbjähriger Jöckel et al. (1997)
Studie Exposition ge- [2]
genüber erwiese-
nem Humankan-
zerogen 16 %
(Männer)
bei ≥ halbjähriger
Exposition ge-
genüber vermu-
tetem Human-
kanzerogen 10 %
(Männer)
Italien, Turin Fall-Kontroll- 10–15 % (Männer) Merletti et al.
Studie 2–5 % (Frauen) (1999) [3]
USA, Fall-Kontroll- 9,2 % Morabia et al.
mehrere Zentren Studie (1992) [4]
Schweden Registerdaten 24 % (blue collar Axelson (2002) [5]
(Inzidenzen) workers)
28 % (white collar
workers)
Italien, Lombardei Fall-Kontroll-Stu- 22,5 % De Matteis et al.
die (2012) [6]
Norditalien Fallserie (Kran- 26 % Porru et al. (2016)
kenhaus) [7]

Bei konservativer Betrachtung ist es daher realistisch, für die in den letzten etwa 15
Jahren bis heute diagnostizierten Lungenkarzinome zu etwa 10 bis 20 % berufli-
che Einflüsse anzunehmen. Es handelt sich dabei naturgemäß überwiegend (As-
best, Quarz), aber keineswegs nur (Chrom, Nickel, polyzyklische aromatische Koh-
lenwasserstoffe) um Folgen arbeitshygienischer Altlasten.

Interaktionen karzinogener Noxen


Mit dem Begriff der Interaktion, der meist falsch verwendet wird, ist nicht gemeint,
dass beispielsweise Raucher mit beruflicher Exposition gegenüber inhalativen

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 397


D. NOWAK ET AL

Karzinogenen ein höheres Lungenkarzinomrisiko haben als Nichtraucher mit ver-


gleichbarer beruflicher Exposition. Wenn die Einflussgrößen „Rauchen“ und „karzi-
nogene Noxen am Arbeitsplatz“ voneinander unabhängige Effekte aufweisen, ver-
halten sich die einzelnen Risiken multiplikativ. Eine Interaktion zwischen dem
Faktor „karzinogene Arbeitsstoffe“ und dem Faktor „Rauchen“ errechnet sich im
multiplikativen Modell, in dem folgende Risiken zueinander in Beziehung gesetzt
werden:

• Krebsrisiko Raucher (arbeitsstoffexponiert)/Krebsrisiko Raucher (nicht arbeits-


stoffexponiert)
im Verhältnis zu
• Krebsrisiko Nichtraucher (arbeitsstoffexponiert)/Krebsrisiko Nichtraucher
(nicht arbeitsstoffexponiert)

Der einfachste Fall liegt dann vor, wenn das relative Risiko unter den Rauchern
identisch dem relativen Risiko bei Nichtrauchern ist, somit keine Interaktion vor-
liegt und die Risiken sich multiplizieren. Wenn das relative Krebsrisiko der Raucher
über dem relativen Risiko bei Nichtrauchern liegt, verhalten sich die Risiken beider
Einflussgrößen übermultiplikativ. Ein übermultiplikatives Risiko bedeutet in die-
sem Zusammenhang somit, dass der Faktor „Berufsnoxe“ bei Rauchern schwerer
wiegt als bei Nichtrauchern. Für die Noxe „Asbest“ ergibt sich in der Mehrzahl der
(über)multiplikatives Studien ein multiplikatives, teilweise ein übermultiplikatives Risiko. Radon und
Risiko Rauchen wirken in der Mehrzahl der Studien unabhängig voneinander, somit mul-
tiplikativ.
Ein hoher Interaktionsanteil geht mit einem hohen Präventionspotenzial einher,
da die Krebswahrscheinlichkeit überproportional sinkt, wenn eine der beiden No-
xen eliminiert wird. Mit anderen Worten: Wenn weniger geraucht wird, nimmt die
Zahl der Berufskrebsfälle der Lunge ab. Wenn heute das Lungenkarzinom der häu-
figste Berufskrebs ist, so können durch die Aufgabe des Rauchens wesentlich
mehr Berufskrebsfälle der Lunge verhindert werden als durch die Eliminierung
sämtlicher inhalativer Karzinogene am Arbeitsplatz.

Klassifikation beruflicher Karzinogene allgemein


Zum besseren Verständnis scheint es sinnvoll, die Klassifikation von Arbeitsstoffen
nach ihrer kanzerogenen Potenz kurz generell zu erläutern: Chemische Stoffe oder
Stoffgruppen, welche mit der Entstehung maligner Erkrankungen assoziiert sind,
werden unter anderem von der International Agency for Research on Cancer
(IARC) und der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeits-
stoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, MAK- und BAT-Werte-Listen)
veröffentlicht. Die wissenschaftliche Bewertung, welche die IARC und die Senats-
kommission vornehmen, erfolgt im Hinblick auf eine Prävention. Die zugrunde
liegenden Kriterien sind deshalb aus grundsätzlichen Erwägungen nicht identisch
mit den Kriterien einer versicherungsrechtlich-individualmedizinisch wesentli-
chen Ursache im Sinne des deutschen Berufskrankheitenrechts. Eine genaue Defi-
nition der gültigen Kategorien mit entsprechenden Beispielen ist in der Tabelle 2
wiedergegeben.

398 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Tabelle 2 Klassifikation beruflicher Karzinogene (DFG, Senatskommission zur Prü-


fung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe).

Katego- Definition Beispiele (einschließlich


rie (K) extrapulmonaler Karzino-
genese)
1 Stoffe, die beim Menschen Krebs er- Asbest
zeugen und bei denen davon aus- Chrom(VI)-Verbindungen
zugehen ist, dass sie einen Beitrag Nickel
zum Krebsrisiko leisten. Epidemio-
logische Untersuchungen geben
hinreichende Anhaltspunkte für ei-
nen Zusammenhang zwischen ei-
ner Exposition des Menschen und
dem Auftreten von Krebs. Andern-
falls können epidemiologische Da-
ten durch Informationen zum Wir-
kungsmechanismus beim Men-
schen gestützt werden.
2 Stoffe, die als krebserzeugend für Cobalt
den Menschen anzusehen sind, weil Ethylenoxid
durch hinreichende Ergebnisse aus Glasfasern
Langzeit-Tierversuchen oder Hin- (Faserstaub)
weise aus Tierversuchen und epide-
miologischen Untersuchungen da-
von auszugehen ist, dass sie einen
Beitrag zum Krebsrisiko leisten. An-
dernfalls können Daten aus Tierver-
suchen durch Informationen zum
Wirkungsmechanismus und aus In-
vitro- und Kurzzeit-Tierversuchen
gestützt werden.
3 Stoffe, die wegen erwiesener oder siehe 3A, 3B
möglicher krebserzeugender Wir-
kung Anlass zur Besorgnis geben,
aber aufgrund unzureichender In-
formationen nicht endgültig beur-
teilt werden können. Die Einstufung
ist vorläufig.
3A Stoffe, bei denen die Voraussetzung Dichlormethan
erfüllt wäre, sie der Kategorie 4 Ölsaure
oder 5 zuzuordnen. Für die Stoffe Toluylendiisocyanate
liegen jedoch keine hinreichenden
Informationen vor, um einen MAK-
oder BAT-Wert abzuleiten.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 399


D. NOWAK ET AL

Tabelle 2 Fortsetzung.
Klassifikation beruflicher Karzinogene (DFG, Senatskommission zur Prü-
fung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe).

Katego- Definition Beispiele (einschließlich


rie (K) extrapulmonaler Karzino-
genese)
3B Aus In-vitro- oder aus Tierversuchen Quecksilber
liegen Anhaltspunkte für krebser- Schlackenwolle
zeugende Wirkung vor, die jedoch (Faserstaub)
zur Einordnung in eine andere Kate- Talk (asbestfaserfrei)
gorie nicht ausreichen. Zur endgül-
tigen Entscheidung sind weitere
Untersuchungen erforderlich. So-
fern der Stoff oder seine Metaboli-
ten keine genotoxische Wirkung
aufweisen, kann ein MAK- oder BAT-
Wert festgelegt werden.
4 Stoffe mit krebserzeugender Wir- Anilin
kung, bei denen ein nicht genotoxi- Formaldehyd
scher Wirkungsmechanismus im Vor- 1,4-Dioxan
dergrund steht und genotoxische Ef- Lindan
fekte bei Einhaltung des MAK- und
BAT-Wertes keine oder nur eine un-
tergeordnete Rolle spielen. Unter
diesen Bedingungen ist kein Beitrag
zum Krebsrisiko für den Menschen
zu erwarten. Die Einstufung wird ins-
besondere durch Befunde zum Wir-
kungsmechanismus gestützt, die
beispielsweise darauf hinweisen,
dass eine Steigerung der Zellprolife-
ration, Hemmung der Apoptose
oder Störung der Differenzierung im
Vordergrund stehen. Einstufung und
MAK-/BAT-Wert berücksichtigen die
vielfältigen Mechanismen, die zur
Kanzerogenese beitragen können,
sowie ihre charakteristischen Dosis-
Zeit-Wirkungsbeziehungen.

400 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Tabelle 2 Fortsetzung.
Klassifikation beruflicher Karzinogene (DFG, Senatskommission zur Prü-
fung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe).

Katego- Definition Beispiele (einschließlich


rie (K) extrapulmonaler Karzino-
genese)
5 Stoffe mit krebserzeugender und Ethanol
genotoxischer Wirkung, bei denen Styrol
unter Einhaltung des MAK- und
BAT-Wertes ein sehr geringer Bei-
trag zum Krebsrisiko für den Men-
schen zu erwarten ist. Die Einstu-
fung und der MAK-/BAT-Wert wer-
den gestützt durch Informationen
zum Wirkungsmechanismus, zur
Dosisabhängigkeit und durch toxi-
kokinetische Daten.

Lungenkarzinome als Berufskrankheiten –


welche Nummern der BK-Liste kommen infrage?
Entsprechend dem in Deutschland gültigen „Listenprinzip“ sind Berufskrankhei-
ten (BK) „Krankheiten, die die Bundesregierung durch Rechtsverordnung ... als Be-
rufskrankheiten bezeichnet und die Versicherte infolge einer den Versicherungs-
schutz ... begründenden Tätigkeit erleiden“ (§ 9 (1) SGB VII).
Über diese sogenannten Listentatbestände hinausgehend regelt der umgangs-
sprachlich „Öffnungsklausel“ genannte § 9 (2) SGB VII das Vorgehen, sofern neue § 9 (2) SGB VII
wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die sich in der wissenschaftlichen Litera- („Öffnungsklausel“)
tur in Richtung BK-Reife verdichten, aber der Verordnungsgeber (noch) keine neue
BK geschaffen hat:
„Die Unfallversicherungsträger haben eine Krankheit, die nicht in der Rechtsver-
ordnung bezeichnet ist oder bei der die dort bestimmten Voraussetzungen nicht
vorliegen, wie eine Berufskrankheit als Versicherungsfall anzuerkennen, sofern im
Zeitpunkt der Entscheidung nach neuen Erkenntnissen der medizinischen Wissen-
schaft die Voraussetzungen für eine Bezeichnung nach Absatz 1 Satz 2 erfüllt sind.“
In der Tabelle 3 sind diejenigen Stoffe aufgelistet, die beim Menschen erwiesener-
maßen Lungenkarzinome erzeugen können. Synoptisch sind diejenigen Berufs-
krankheiten (mit Nummer und exaktem Wortlaut) aufgeführt, die bereits in der
BK-Definition Lungenkrebs enthalten oder unter denen die Erkrankungen durch
die jeweiligen karzinogenen Noxen gemeldet, anerkannt und gegebenenfalls ent-
schädigt werden können.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 401


D. NOWAK ET AL

Tabelle 3 Gegenüberstellung der beim Menschen epidemiologisch erwiesenen pulmonalen Karzinogene (K1
entsprechend Tabelle 2) und der entsprechenden Berufskrankheit (BK) mit Nummer und Wortlaut. Gliede-
rung im Wesentlichen nach Häufigkeit.

Erwiesene pulmonal karzino- Berufskrankheit


gene Noxe (sofern von Listen-Nummer oder Wortlaut
Senatskommission einge- § 9 Abs. 2 SGB VII
stuft, entsprechend K1)
Asbest 4104 Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs
in Verbindung mit Asbeststaublungener-
krankung (Asbestose)
in Verbindung mit durch Asbeststaub verur-
sachter Erkrankung der Pleura
oder
bei Nachweis der Einwirkung einer kumula-
tiven Asbestfaserstaubdosis am Arbeits-
platz von mindestens 25 Faserjahren
(25 × 106 [(Fasern/m3) × Jahre])
4105 durch Asbest verursachtes Mesotheliom
des Rippenfells, des Bauchfells oder des Pe-
rikards
„Silikotisches 4101 Quarzstaublungenerkrankung (Silikose)
Narbenkarzinom“
Kristallines Siliziumdioxid 4112 Lungenkrebs durch die Einwirkung von
kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) bei nach-
gewiesener Quarzstaublungenerkrankung
(Silikose oder Silikotuberkulose)
Polyzyklische aromatische Koh- 4113 Lungenkrebs durch polyzyklische aromati-
lenwasserstoffe sche Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der
Einwirkung einer kumulativen Dosis von
mindestens 100 Benzo[a]pyren-Jahren [(µg/
m³) × Jahre]
Asbest und polyzyklische aro- 4114 Lungenkrebs durch das Zusammenwirken
matische Kohlenwasserstoffe von Asbestfaserstaub und polyzyklischen
aromatischen Kohlenwasserstoffen bei
Nachweis der Einwirkung einer kumulati-
ven Dosis, die einer Verursachungswahr-
scheinlichkeit von mindestens 50 % nach
der Anlage 2 entspricht
Ionisierende Strahlung 2402 Erkrankungen durch ionisierende Strahlen
Arsen, -verbindungen 1108 Erkrankungen durch Arsen oder seine Ver-
bindungen
Dichlordimethylether 1310 Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-,
Aryl- oder Alkylaryloxide

402 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Tabelle
Tabelle33 Fortsetzung.
Gegenüberstellung der beim Menschen epidemiologisch erwiesenen pulmonalen Karzinogene (K1
entsprechend Tabelle 2) und der entsprechenden Berufskrankheit (BK) mit Nummer und Wortlaut. Gliede-
rung im Wesentlichen nach Häufigkeit.

Erwiesene pulmonal karzino- Berufskrankheit


gene Noxe (sofern von Listen-Nummer oder Wortlaut
Senatskommission einge- § 9 Abs. 2 SGB VII
stuft, entsprechend K1)
Chrom, -verbindungen 1103 Erkrankungen durch Chrom oder seine Ver-
bindungen
Dichlordiethylsulfid (LOST) 1311 Erkrankungen durch halogenierte Alkyl-,
Aryl- oder
Alkylarylsulfide
Nickel, -verbindungen 4109 bösartige Neubildungen der Atemwege
und der Lungen durch Nickel oder seine
Verbindungen
Kokereirohgase 4110 bösartige Neubildungen der Atemwege
und der Lungen durch Kokereirohgase
Passivrauchen am Arbeitsplatz § 9 Abs. 2 SGB VII Wissenschaftliche Begründung für neue Be-
rufskrankheit liegt vor, ab sofort Meldung
(ohne Rückwirkungssperre!) und Anerken-
nung als Berufskrankheit möglich
Beryllium, -verbindungen 1110 i. V. m. § 9 Abs. 2 Erkrankungen durch Beryllium oder seine
Verbindungen (mit wissenschaftlicher Stel-
lungnahme ergänzt)
Cadmium, -verbindungen 1104 i. V. m. § 9 Abs.2 Erkrankungen durch Cadmium oder seine
Verbindungen (noch nicht ins amtliche
Merkblatt aufgenommen)

Lungenkarzinome als Berufskrankheiten:


Das BK-Geschehen in Zahlen
Geht man von etwa 35 000 Neuerkrankungen und etwa 30 000 Sterbefällen von
Lungenkarzinomen pro Jahr in Deutschland aus, so ist es aufgrund der vorstehend
genannten Definition des tätigkeitsattributablen Anteils von 10 bis 20 % nicht di-
rekt legitim, gewissermaßen die „Forderung“ nach 3500 bis 7000 Berufskrankheits-
fällen „herzuleiten“. Die Tatsache, dass jährlich etwa 1000 Lungenkarzinome als
Berufskrankheit in Deutschland anerkannt werden, lässt gleichwohl eine größere
Dunkelziffer von Fällen vermuten, die den Trägern der gesetzlichen Unfallversi-
cherung niemals gemeldet werden.
Die Abbildung 1 veranschaulicht, dass asbestbedingte Krebserkrankungen (vor-
rangig Lungenkarzinome und Pleuramesotheliome, geringer Larynxkarzinome)
damit nach wie vor etwa 70 % des gesamten Berufskrebsgeschehens ausmachen,

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 403


D. NOWAK ET AL

gefolgt von ionisierenden Strahlen (unter anderem Uran und Uranfolgeprodukte),


deren Anteil am gesamten Berufskrebsgeschehen bei etwa 15 % liegt.

30000

25000

20000

15000

10000

5000

Asbest und polyzykl. aromat.

Polyzykl. aromat.
Kohlenwasserstoff (Lungenkrebs)

Kohlenwasserstoff (Lungenkrebs)
Halogenkohlenwasserstoffe
Alkyl-, Aryl-Oxide

Nickel
Eichen-/Buchenholzstaub

Teer, Pech (Hautkrebs)


Kokereirohgase

Arsen
Quarzstaub/Silikosen

Benzol
Aromatische Amine

Chrom
Ionisierende Strahlen
Asbest

Abbildung 1 Beruflich verursachte Krebserkrankungen (1978 bis 2010) nach dem ver-
ursachenden Arbeitsstoff (Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, 2012).
Anmerkung: Da es bislang in Deutschland bedauerlicherweise keine übergeordnete
Berufskrebsstatistik gibt, sind hier nur Zahlen aus der gewerblichen Wirtschaft und
nicht aus dem Bereich der Eigenunfallversicherungsträger/Gemeindeunfallversiche-
rungsverbände sowie der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften wiedergege-
ben. Das Zusammengehen der drei Bereiche unter dem Dach der Deutschen Gesetzli-
chen Unfallversicherung lässt erwarten, dass künftig trägerübergreifende Zahlen zur
Verfügung stehen werden.
Von den 43 Millionen Versicherten der gewerblichen Berufsgenossenschaften starben
im Jahr 2011 insgesamt 892 Personen durch Arbeits- und Wegeunfälle (konkret 498
durch Arbeitsunfälle, 394 durch Wegeunfälle) sowie 2486 infolge einer Berufskrank-
heit. Davon starben 1385 Personen an der Todesursache Krebs. Bei den beruflich ver-
ursachten Krebserkrankungen dominieren Lungenkarzinom und Pleuramesotheliom.

Arbeitsanamnese bei Karzinompatienten – wozu?

Bei Patienten mit malignen Tumoren stehen naturgemäß stets diagnostische, the-
rapeutische, prognostische und psychische Fragen im Vordergrund aller ärztlichen
Überlegungen. Gleichwohl ist es eine ethisch wichtige originäre und damit nicht
delegierbare ärztliche Aufgabe, mit dem Patienten gemeinsam zu erörtern, ob be-
rufliche Einflüsse eine Rolle spielen. Der begründete Verdacht auf eine Berufs-
krankheit ist in Deutschland gesetzlich meldepflichtig.

404 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Folgende Gründe machen es bei definitiv jedem Patienten mit einem Lungenkar-
zinom ratsam und erforderlich, gezielt nach lungenkrebserzeugenden Arbeits-
stoffen zu fragen:

• Die Nichtmeldung eines BK-Verdachts ist ethisch zu beanstanden, da dem Pa-


tienten und gegebenenfalls seinen Angehörigen eventuell eine zustehende
Rente/Hinterbliebenenrente vorenthalten wird und der behandelnde Arzt –
nicht der Patient – derjenige ist, der dieses Wissen haben sollte.
• Die Nichtmeldung eines BK-Verdachts ist formal eine Ordnungswidrigkeit, so-
mit ist die Strafbewehrtheit vordergründig gering. Sie kann jedoch empfindli-
che zivilrechtliche Konsequenzen haben – beispielsweise in Form der Klage
einer Witwe gegen einen Arzt auf Zahlung einer (entgangenen) Lebzeitrente,
da der Arzt den BK-Verdacht erst nach dem Ableben des Patienten gestellt hat-
te.
• Bestimmte Expositionskonstellationen werden den Unfallversicherungsträ-
gern nur dann bekannt, wenn die Ärzteschaft ihrer Meldepflicht nachkommt.
Nur hierdurch können die BG-liche Früherkennung und gegebenenfalls sogar
Primärprävention zielgerichtet zum Nutzen weiterer Menschen weiterentwi-
ckelt werden.
• Weiterhin ist zu bedenken, dass die Meldung des BK-Verdachts durch die quali-
fizierte Ärzteschaft oft einen wesentlich höheren prädiktiven Wert (eine höhere
„Trefferquote“) aufweist als spätere Meldungen von Angehörigen, Anzeigen
der Krankenkassen (Rasterfahndung) oder der Arbeitgeber.

Ein ohne Verstand überzogenes Meldeverhalten bei augenscheinlich nicht erfüll-


ten Voraussetzungen zur Anerkennung einer Berufskrankheit ist auf der anderen
Seite ebenfalls kritikwürdig, denn

• es führt zu kostspieligen Verwaltungsverfahren zu Lasten der Unfallversiche-


rungsträger, die von den Arbeitgebern und letztlich von der Allgemeinheit be-
zahlt werden müssen
und
• solcherart absehbare Enttäuschung von Patienten führt zu vermeidbar negati-
ven Einstellungen gegenüber der Ärzteschaft und dem deutschen Sozialversi-
cherungssystem insgesamt.

Der Arzt kann sich in arbeitsmedizinischen, internistischen und onkologischen


Lehrbüchern überschlägig informieren [8–11] und Einzelstoffmonografien der
DFG konsultieren (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2013) [12]. Qualifizierte
Onlineinformation bietet eine Stoffdatenbank (www.gestis.de). Arbeitsmedizini-
sche Hochschulinstitute (www.dgaum.de) oder die zuständigen Staatlichen Ge-
werbeärzte/Landesgewerbeärzte und die UV-Träger können weiteren Rat geben.

Im Zweifel empfiehlt sich ein eher großzügiges Meldeverhalten. Es ist rat-


sam, den Patienten darauf hinzuweisen, dass vom anzeigenden Arzt ledig-
lich der begründete Verdacht gemeldet werden muss und dass gegebe-
nenfalls umfangreiche technische und juristische Prüfschritte zwischen der
Meldung und einer etwaigen BK-Anerkennung stehen.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 405


D. NOWAK ET AL

Was ist bei einer BK-Verdachtsmeldung zu beachten?


Was ist „begründeter Verdacht“?
§ 202 SGB VII legt fest:
„Haben Ärzte oder Zahnärzte den begründeten Verdacht, dass bei Versicherten
eine Berufskrankheit besteht, haben sie dies dem Unfallversicherungsträger oder
der für den medizinischen Arbeitsschutz zuständigen Stelle in der für die Anzeige
von Berufskrankheiten vorgeschriebenen Form (§ 193 Abs. 8) unverzüglich anzu-
zeigen. Die Ärzte oder Zahnärzte haben die Versicherten über den Inhalt der An-
zeige zu unterrichten und ihnen den Unfallversicherungsträger und die Stelle zu
nennen, denen sie die Anzeige übersenden.“
Eine solche ärztliche Anzeige über den Verdacht auf eine Berufskrankheit ist in Ab-
bildung 2 wiedergegeben.
Der Verdacht einer Die Pflicht, den Verdacht auf eine Berufskrankheit anzuzeigen, trifft jeden Arzt und
Berufskrankheit ist Zahnarzt, den Niedergelassenen ebenso wie den Krankenhausarzt, den Facharzt
anzuzeigen (Pneumologe, Thoraxchirurg, internistischer Onkologe, auch konsiliarisch hinzu-
gezogener Radiologe und Pathologe) ebenso wie den Allgemeinpraktiker und
auch den Betriebsarzt.
Die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung herausgege-
benen Merkblätter für Berufskrankheiten geben Hinweise auf Vorkommen, Gefah-
renquellen, Entstehungsweise und Verlauf sowie für die ärztliche Beurteilung der
einzelnen Berufskrankheiten. Sie sind im Internet unter anderem unter www.baua.
de und www.dgaum.de zu laden, ansonsten kommentiert bei Mehrtens und Bran-
denburg [13]. Sie enthalten die Kriterien, an denen sich der anzeigende Arzt zu
orientieren hat.
Im Anhang des vorliegenden Kapitels wurden die für das Berufskrebsgeschehen
der Lunge relevanten Abschnitte der Merkblätter in tabellarischer Form zusam-
mengetragen, gestrafft und durch aktuelle Erkenntnisse (Stand: Januar 2014) er-
gänzt. Diese Listen können zweckmäßigerweise vom Patienten selbst durchgese-
hen werden, um das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Sie sind auch auf der
Homepage des Tumorzentrums München zusammengestellt und können ausge-
druckt werden: www.tumorzentrum-muenchen.de.
Beim malignen Mesotheliom ist stets der Verdacht auf eine BK gegeben. Jedes Me-
sotheliom soll somit als BK-Verdacht angezeigt werden.

Die Erhebung der exakten Arbeitsanamnese ist gesetzlich definierte Aufga-


be in dem überwiegend durch eine ärztliche Verdachtsanzeige ausgelösten
Feststellungsverfahren von Amts wegen.

Begutachtung: Welche Sparte?


Der medizinische Gutachter ist sachverständiger Berater der Träger der gesetzli-
chen Sozialversicherungen, gegebenenfalls auch privater Versicherungen. Außer-
dem kann ein Gutachter durch Aufforderung eines Gerichts verpflichtet werden,
als medizinischer Sachverständiger zu wirken. Grundsätzliche Ausführungen zur
pneumologischen Begutachtung in sämtlichen Sparten der Sozialversicherung
finden sich bei Huber [14] und Lorenz [15]. Stets ist zunächst zu prüfen, in welche

406 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

ÄR ZTL IC H E ANZEIG E BEI VERDACHT AU F


EIN E BERU F SKR ANKHEI T
1 Name und Anschrift des Arztes

2 Empfänger

3 Name, Vorname des Versicherten 4 Geburtsdatum Tag Monat Jahr

5 Straße, Hausnummer Postleitzahl Ort

6 Geschlecht 7 Staatsangehörigkeit 8 Ist der Versicherte verstorben? Tag Monat Jahr


männlich weiblich nein ja, am
9 Fand eine Leichenöffnung statt? Wenn ja, wann und durch wen?

10 Welche Berufskrankheit, Berufskrankheiten kommen in Betracht? (ggf. BK-Nummer)

11 Krankheitserscheinungen, Beschwerden des Versicherten, Ergebnis der Untersuchung mit Diagnose (Befundunterlagen bitte beifügen),
Angaben zur Behandlungsbedürftigkeit

12 Wann traten die Beschwerden erstmals auf?

13 Erkrankungen oder Bereiche von Erkrankungen, die mit dem Untersuchungsergebnis in einem ursächlichen Zusammenhang stehen
können

14 Welche gefährdenden Einwirkungen und Stoffe am Arbeitsplatz bzw. welche Tätigkeiten werden für die Entstehung der Erkrankung als
ursächlich angesehen? Welche Tätigkeit übt/übte der Versicherte wie lange aus?

15 Besteht Arbeitsunfähigkeit? Wenn ja, voraussichtlich wie lange?


16 In welchem Unternehmen ist der Versicherte oder war er zuletzt tätig? In welchem Unternehmen war er den unter Nummer 14
genannten Einwirkungen und Stoffen zuletzt ausgesetzt?

17 Krankenkasse des versicherten (Name, PLZ, Ort)

18 Name und Anschrift des behandelnden Arztes/Krankenhauses (soweit bekannt auch Telefon- und Faxnummer)

19 Der Unterzeichner bestätigt den Versicherten über den Inhalt der Anzeige und den Empfänger (Unfallversicherungsträger oder für den
medizinischen Arbeitsschutz zuständige Landesbehörde) informiert zu haben

20 Datum Arzt Telefon-Nr. für Rückfragen (Ansprechpartner)

Bank/Postbank Kontonummer Bankleitzahl

Abbildung 2 Ärztliche Anzeige über den begründeten Verdacht auf eine Berufskrankheit.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 407


D. NOWAK ET AL

Sparte die gutachterliche Fragestellung gehört, da für einige Sparten die Kausali-
tätsbeurteilung erforderlich ist, für andere nicht:

Klärung der Kausalität eines Körperschadens


erforderlich für:
• Unfallrecht (Berufskrankheitenrecht)
• Soziales Entschädigungsrecht
nicht erforderlich für:
• Recht der Gesetzlichen Krankenversicherung
• Rentenrecht
• Schwerbehindertenrecht

Begutachtung von Lungenkarzinomen im Recht der


Gesetzlichen Krankenversicherung
Abhängig vom gegebenenfalls erfolgenden operativen Eingriff werden größere
Lob- oder Bilobektomien und regelhaft Pneumonektomien dazu führen, dass kör-
perliche Arbeiten nur eingeschränkt möglich sind.
Damit kann für bestimmte Tätigkeiten Arbeitsunfähigkeit auf Dauer vorliegen, be-
rufsfördernde Maßnahmen oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente können in Be-
tracht kommen.

Begutachtung von Lungenkarzinomen im


Berufskrankheitenrecht
Die „Listenkrankheiten“ sind vorstehend benannt worden. Die „Öffnungsklausel“
kann entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand angewen-
det werden. Generell gilt:

• Der Krebs der Atmungsorgane muss histologisch oder zytologisch gesichert


sein. Ausnahme: Bei Anerkennung ohne diese Sicherung, z. B. durch Verlaufs-
merkmale bei nicht mehr zumutbarer Diagnostik, kann gegebenenfalls im Ein-
zelfall der „Vollbeweis“ auch anders gesichert werden.
• Lungenmetastasen von einem anderen Primärtumor müssen mit zumutbaren
Maßnahmen ausgeschlossen sein.

Nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip erfolgt eine einheitliche, ungeteilte Beurtei-


lung der Kausalität für die infrage stehende Erkrankung. Entweder eine Teilursa-
che ist rechtlich wesentlich (und die BK-Anerkennung kann sich hierauf stützen)
oder sie ist es nicht (weit untergeordnet, und eine BK wird abzulehnen sein). Nach
dem deutschen BK-Recht wird nicht ein naturwissenschaftlich attributabler Anteil,
sondern der gesamte Schaden als BK anerkannt. Entscheidend ist die Frage, ob die
berufliche Einwirkung als rechtlich wesentliche Teilursache angesehen werden

408 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

kann. Eine rechtlich wesentliche Teilursache ist diejenige ursächliche Bedingung,


die wegen ihrer besonderen qualitativen Beziehung zum Erfolg (Gesundheits-
schaden) wesentlich beigetragen hat. Soweit im Einzelfall mehrere (berufliche und
außerberufliche) Faktoren zu dem Gesundheitsschaden oder dessen Verschlim-
merung beigetragen haben, sind berufliche Faktoren schon dann als rechtlich we-
sentliche Mitursache anzusehen (BK ist also zu bejahen), wenn sie in ihrer Bedeu-
tung und Tragweite für den eingetretenen Schaden gegenüber den außerberufli-
chen Faktoren als annähernd gleichwertig anzusehen sind.
Für einige ausgewählte Noxen seien hier Details genannt, weiterführend sei auf
Nowak und Kroidl [16] verwiesen.

Lungenkrebs (und Eierstockkrebs) bei Asbeststaubexposition (BK 4104)


– siehe ergänzend auch BK 4114

Die drei BK-Kriterien gelten alternativ, d. h. nur eines muss erfüllt sein:

• Asbestose
• durch Asbeststaub verursachte Erkrankung der Pleura
• kumulative Asbestfaserstaubdosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faser-
jahren

Nativ-radiologischer Nachweis der Asbestose: Eine verbindliche Definition der ra-


diologischen Mindestmerkmale der Asbestose, die zu einer Anerkennung des As-
bestkrebses qualifizieren, ist vom Verordnungsgeber nicht festgelegt. Orientie-
rung erfolgt daher an den Eingangskriterien über die BK-Verdachtsmeldung der
Asbestose (ILO 1/0 s,t,u mit Knisterrasseln und/oder inspiratorischer Vitalkapazität
< 90 % des alten EGKS-Mindestsollwertes oder ≥ 1/1 s,t,u auch wenn klinisch und
funktionsanalytisch Normalbefund vorliegt).
Computertomografische Kriterien der Asbestose sind gut definiert und machen
bei etwas fortgeschritteneren Fibrosestadien eine histomorphologische Absiche-
rung der Fibrose nicht erforderlich.
Minimalasbestose (radiologisch invisibel): Entspricht Grad I der Asbestose entspre- Minimalasbestose
chend der Definition des Pneumokoniose-Komitees des Kollegs Nordamerikani-
scher Pathologen. Die Minimalasbestose definiert sich als der lichtmikroskopische
Nachweis minimaler Fibrosierungsherde im Bereich der Bronchioli respiratorii und
der begleitenden Gefäße mit Einstrahlung maximal in die direkt angrenzenden
Alveolarsepten, mit in diesen Fibrosierungsarealen eingelagerten Asbestkörpern.
Für die lichtmikroskopische Diagnose muss der gleichzeitige Nachweis von As-
bestkörpern und einer fibrosierenden Lungenreaktion herangezogen werden. Zur
Begutachtung sei auf die Falkensteiner Empfehlung verwiesen (http://publikatio-
nen.dguv.de/dguv/pdf/10002/falkensteinerempfehlung.pdf).
Die raschere Eliminationskinetik von Chrysotil (Halbwertszeit circa 1 Jahr) im Ver-
gleich zu Amphibolasbesten, speziell Krokydolith (Halbwertszeit 10–20 Jahre) ist
zu bedenken. Der Kurzbegriff „Faserfluchtphänomen“ des Chrysotil besagt, dass
Chrysotil vorhanden und karzinogen wirksam gewesen sein kann, ohne bei späte-
rer histopathologischer Beurteilung noch sichtbar zu sein.
Negative licht- und elektronenmikroskopische Lungenstaubanalyse stößt qualifi-
zierte Arbeitsanamnese (25 Faserjahre! – siehe Faserjahr-Report der DGUV) nicht
um. Ermittlung der 25 Faserjahre ist Aufgabe des Unfallversicherungsträgers und

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 409


D. NOWAK ET AL

nicht des gutachterlich tätigen Arztes, aber kritische Aufmerksamkeit des Gutach-
ters (vor allem hinsichtlich zunächst nicht berücksichtigter Zeiträume!) führt mit-
unter zur Neuberechnung der Faserdosis und Überschreitung der kritischen
Schwelle.
Indikation elektronenmikroskopischer Zusatzuntersuchungen: In Fällen mit aus-
geprägten entzündlichen oder tumorbedingten Veränderungen bzw. bei bereits
im Lungengewebe abgelaufenen autolytischen Prozessen können die eiweißhalti-
gen Hüllstrukturen der Asbestkörper abgebaut sein. Asbestfasern können sich
dann der lichtmikroskopischen Analyse entziehen (Diagnosestellung einer Mini-
malasbestose kann unter diesen Umständen mit ausschließlich lichtoptischen Me-
thoden erschwert sein).

Pleuramesotheliom, Peritonealmesotheliom,
Perikardmesotheliom (BK 4105)

Überwiegend asbestinduziert, vielfach auch nur vergleichsweise geringe kurzzei-


tige Expositionen. Kriminalistische Anamnese! Expositionen deutlich unter einem
Faserjahr können ausreichend sein. Validierte positive Arbeitsanamnese und his-
tologischer Nachweis reichen für die Anerkennung aus, siehe auch Neumann et al.
[17].
Die Arbeitsanamnese ist bei den meist älteren Patienten, oft multimorbide, viel-
fach schwierig. Es kann sehr hilfreich sein, einen Katalog mit Fotos ehemaliger as-
bestbelasteter Arbeitsplätze vorzulegen, um die Erinnerung an solche Expositio-
nen aufzufrischen. Solche Fotos sind beim Autor auf Anfrage gern verfügbar (den-
nis.nowak@med.lmu.de).
Histologische Sicherung gehört zu den schwierigsten morphologischen Differen-
zialdiagnosen überhaupt. Immunhistochemie erforderlich. Ratsam: Beurteilung
durch Deutsches Mesotheliomregister, Frau Prof. Dr. Andrea Tannapfel, Institut für
Pathologie, BG-Kliniken Bergmannsheil, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum.

Lungenkrebs bei Quarzstaubexposition (BK 4101, BK 4112)

BK 4101 (silikotisches Narbenkarzinom): Zusammenhang eines Lungenkrebses


mit der Silikose im Sinne des Narbenkarzinoms ist mit Wahrscheinlichkeit dann
gegeben, wenn als Ausgangspunkt des Tumors bei der Autopsie oder im Resek-
tionspräparat

• eine silikotische Schwiele,


• eine silikotisch verursachte Kaverne oder
• ein Lungenbezirk mit besonders zahlreichen silikotischen Knötchen

festgestellt werden kann.


BK 4112 (Lungenkrebs durch Siliziumdioxid): Berufskrankheit liegt vor, wenn ein Ver-
sicherter nach Tätigkeiten mit einer Exposition gegenüber alveolengängigem Staub
mit kristallinem Siliziumdioxid an Silikose (radiologisch festgestellte Silikose der ILO-
Kategorie ≥ 1/1) bzw. Silikotuberkulose und außerdem an Lungenkrebs erkrankt ist.
Zur Exposition: Erzbergbau, Gewinnung und Umschlag von Diatomeenprodukten,
Steinbrucharbeiter, Keramikarbeiter, Gießereiindustrie. Lungenkrebs in Verbin-

410 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

dung mit Silikose bei Steinkohlenbergleuten ist beim gegenwärtigen Wissens-


stand von dieser Empfehlung ausgenommen!
Hohe kumulative Dosis von eingeatmetem Siliziumdioxid allein ohne Zeichen
einer Lungenfibrose ist nicht als ursächlich für Lungenkrebs anzusehen.

Lungenkrebs bei ionisierender Strahlung (BK 2402)

Maß der kumulativen Exposition = WLM = working level month (bezogen auf 170
Stunden pro Monat). Ein working level entspricht 1,3 × 105 MeV potenzieller Al-
phaenergie durch Radonzerfallsprodukte pro Liter Luft. Multipliziert mit der An-
zahl der Expositionsmonate ergibt sich die kumulative WLM.
Empfehlung für die Bearbeitung von Berufskrankheiten infolge von Tätigkeiten
bei der SDAG Wismut:

• Strahlenexposition > 200 WLM – Anerkennung kann nach fachärztlicher Stel-


lungnahme ohne Einzelfallbegutachtung erfolgen
• Strahlenexpositionen < 200 WLM – aufwendigere Risikoabschätzung, Einzelbe-
gutachtung
• maßgeblich: Jacobi-Dosismodell

Lungenkrebs bei Exposition gegenüber Dichlordimethylether (BK 1310)

Exposition (Altfälle) meist bei Chlormethylierungen (Reaktion von Paraformalde-


hyd und Schwefelsäure).
Außerdem: Konvention zur Einzelfallentschädigung bei Lungenkrebs nach Exposi-
tion gegenüber 2,3,7,8-TCDD sieht Anerkennung vor, wenn:

• hohe Exposition, belegt durch Chlorakne, Schadstoffanalyse im Blut oder Be-


triebskataster,
• Latenzzeit von nicht wesentlich unter 20 Jahren und
• fehlende oder im Verhältnis zur Höhe der Exposition unwesentliche konkurrie-
rende Faktoren vorliegen.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 411


D. NOWAK ET AL

Lungenkrebs (oder Kehlkopfkrebs) durch polyzyklische aromatische


Kohlenwasserstoffe bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis
von mindestens 100 Benzo[a]pyren-Jahren [(µg/m³) x Jahre] (BK 4113)

Umfangreiche Expositionsmöglichkeiten:
Branche1 Umgang mit PAK2 Expositionszeit
Abbruchbetriebe Abbruch und Schneidbren- bis heute
nen von SKTP³-beschichteten
Metallteilen
Asphaltmischanlagen Verarbeitung von SKTP³ als bis ca. 19936
Bindemittel
Aluminiumindustrie Verarbeitung von SKTP³ zur bis heute
Elektrographit-Herstellung
und in der Söderbergelektro-
lyse
Bauindustrie Abdichten von Fundamenten keine Angaben
mit SKTP³
Bootsbau Abdichten mit SKTP³ keine Angaben
Böttchereibetriebe Abdichten mit SKTP³ keine Angaben
Braunkohlenteer-Raffine- Destillation von Braunkohlen- bis ca. 1990
rien schwelteer
Braunkohlenschwelereien Herstellung von Braunkohlen- bis ca. 1990
schwelteer
Brikettherstellung Verwendung von Steinkohlen- bis ca. 1974
teerpech als Binder
Chemieindustrie Herstellung von PAK-haltigen bis heute
Beschichtungsstoffen, Phos- bis 1989
phorherstellung nach dem bis 1993
Söderberg-Verfahren, Herstel-
lung von Siliciumcarbid
Dachpappenherstellung Verarbeitung von SKTP³ keine Angaben
Dachdeckerbetriebe Verlegung und Abriss von bis heute4
SKTP³-haltigen Dachbahnen
Druckindustrie Verarbeitung von PAK-halti- keine Angaben
gen Druckfarben
Elektrographitindustrie Verarbeitung von SKTP³ zur bis heute
Elektrographitherstellung
Feuerungsbau Verarbeitung von SKTP³-halti- bis heute
gen Feuerfeststeinen
Feuerfestindustrie Herstellung von SKTP³-halti- bis heute
gen Feuerfeststeinen sowie
Stopf- und Spritzmassen

1 alphabetisch geordnet, 2 Quelle: Bolm-Audorff 1998, Hauptverband der gewerblichen Be-


rufsgenossenschaften 1999, 3 Steinkohlenteerpech, 4 bezogen auf den Abbruch, 5 z.B. im Was-
serbau bei der Beschichtung von Schleusentoren und Kaianlagen sowie in der Werftindustrie,
6 bezogen auf Teerbitumen (Karbobitumen)

412 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Umfangreiche Expositionsmöglichkeiten:
Branche1 Umgang mit PAK2 Expositionszeit
Fischnetzherstellung Herstellung von SKTP³-im- keine Angaben
prägnierten Netzen
Fugenverguss Verarbeitung von SKTP³-halti- bis ca. 1990
gen Fugenvergussmassen
Gaserzeugung Steinkohlenteer und -teeröl bis ca. 1980
als Beiprodukt, Einwirkung
von Kokereigasen
Gießereiindustrie Verarbeitung von SKTP³-halti- bis heute
gen Feuerfeststeinen sowie
Stopf- und Spritzmassen, Py-
rolyse von Kohlestoff-haltigen
Glanzbildern
Gummiindustrie Verarbeitung von Kokerölen; keine Angaben
Überführung von Altreifen zu
aromatischen Rohstoffen (Re-
cycling)
Hafenbetriebe Hafenumschlag von SKTP³ bis heute
Holzimprägnierung Imprägnierung mit Steinkoh- bis heute
lenteeröl
Hüttenindustrie Verarbeitung von SKTP³-halti- bis heute
gen Feuerfeststeinen sowie
Stopf- und Spritzmassen
Isolierbetriebe Verarbeitung von SKTP³ keine Angaben
Kfz-Schlosser-Betriebe Umgang mit Altöl bis heute
Korksteinherstellung Verarbeitung von SKTP³ keine Angaben
Lackierereien Verarbeitung von SKTP³-halti- bis heute5
gen Beschichtungen
Metallindustrie Verarbeitung von PAK-halti- bis ca. 1970
gen Kühlschmierstoffen, PAK- bis ca. 1970
haltige Ölabschreckbäder in
der Metallhärtung
Mineralölraffinerien Gewinnung von Kokerölen, bis heute
Gewinnung von aroma-tischen
Gemischen in Crackanlagen
Optische Industrie Verarbeitung von Holzteer bis heute
zum Einkitten
Parkett- und Holzpflaster- Verarbeitung von SKTP³-halti- bis ca. 1990
verlegung gen Klebern
Räuchereien Einwirkung von PAK-haltigem bis heute
Räucherrauch

1 alphabetisch geordnet, 2 Quelle: Bolm-Audorff 1998, Hauptverband der gewerblichen Be-


rufsgenossenschaften 1999, 3 Steinkohlenteerpech, 4 bezogen auf den Abbruch, 5 z.B. im Was-
serbau bei der Beschichtung von Schleusentoren und Kaianlagen sowie in der Werftindustrie,
6 bezogen auf Teerbitumen (Karbobitumen)

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 413


D. NOWAK ET AL

Umfangreiche Expositionsmöglichkeiten:
Branche1 Umgang mit PAK2 Expositionszeit
Schornsteinfeger Umgang mit PAK-haltigem Ka- bis heute
minruß
Schuhmacher Verarbeitung von Schuster- keine Angaben
pech
Stahlerzeugung Ofenbühne, Schmelzer, Abste- bis 1991
cher
Steinkohlenkokereien Kokereirohgase, Steinkohlen- bis heute
teer und -teeröl
Steinkohlenteerraffinerien Umgang mit Steinkohlenteer bis heute
und SKTP³
Straßenbau Verarbeitung von SKTP³ als bis ca. 19936
Bindemittel
Textilindustrie Verwendung von PAK-halti- bis ca. 1970
gen Spindelölen

Lungenkrebs bei Exposition gegenüber Passivrauch

Meldung bei beruflich hoch Exponierten (Gaststättengewerbe, z. B. Schankkellner)


über Öffnungsklausel (mit Einverständnis des Patienten!) geboten, sofern selbst
lebenslang Nichtraucher und privat nur unwesentlich passivrauchexponiert. Die
wissenschaftliche Empfehlung für eine neue Berufskrankheit liegt vor, der Bundes-
tag muss noch entscheiden. Meldungen (ohne Rückwirkungssperre) werden be-
arbeitet und ggfs. Berufskrankheiten anerkannt. Gutachterliche Bewertung an-
hand kumulativer Dosis und aktueller wissenschaftlicher Literatur [18, 19, 20].

Lungenkrebs bei Exposition gegenüber Dieselmotoremissionen

Dieselmotoremissionen sind von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Se-


natskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe) gegenwärtig
nach K2 eingestuft. Dieselmotoremissionen enthalten krebserzeugende polyzykli-
sche aromatische Kohlenwasserstoffe, wahrscheinlich sind aber die Rußpartikel
für den kanzerogenen Effekt ausschlaggebend. Dieser wurde in Tierversuchen
nachgewiesen, sodass Dieselmotoremissionen nach K2 eingestuft wurden.
Die International Agency for Research on Cancer hat Dieselmotoremissionen als
erwiesenes Human- erwiesene Humankanzerogene eingestuft.
kanzerogen Aktuell wird die Einstufung von Dieselmotoremissionen kontrovers diskutiert. Auch
ein Schwellenwert ist vorstellbar, woraus eine Einstufung nach K4 resultieren könnte.
Bei Patienten, die langjährig beruflich gegenüber Dieselmotoremissionen exponiert
waren (z. B. früher untertägig, in Schiffsrümpfen mit dieselbetriebenen Staplern

1 alphabetisch geordnet, 2 Quelle: Bolm-Audorff 1998, Hauptverband der gewerblichen Be-


rufsgenossenschaften 1999, 3 Steinkohlenteerpech, 4 bezogen auf den Abbruch, 5 z.B. im Was-
serbau bei der Beschichtung von Schleusentoren und Kaianlagen sowie in der Werftindustrie,
6 bezogen auf Teerbitumen (Karbobitumen)

414 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

etc.), sollte (mit Einverständnis des Erkrankten) eine Anzeige nach Öffnungsklausel
(§ 9 (2) SGB VII) erfolgen. Gutachterliche Bewertung unter Berücksichtigung von
IARC- und DFG-Einstufung und aktueller wissenschaftlicher Literatur.

Synkanzerogenese von Asbestfaserstaub und polyzyklischen


aromatischen Kohlenwasserstoffen (BK 4114)

Unter einem synkanzerogenen Effekt wird die Verstärkung der krebserzeugenden


Wirkung durch gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Exposition gegenüber
zweien (oder mehreren) kanzerogenen Stoffen verstanden. Synkanzerogene Wir-
kungen lassen sich im Allgemeinen nur durch Analyse der jeweiligen Expositions-
konstellationen unter Berücksichtigung der Expositionshöhe und -dauer sowie
der Wirkungsmechanismen der beteiligten Chemikalien beurteilen [21]. Das Bun-
dessozialgericht (B2 U 71/04) bestätigte kürzlich ein Urteil des Hessischen Landes-
sozialgerichts (L11/3U 740/02), in welchem das Lungenkarzinom eines Dachde-
ckers („nur“ 14,6 Asbest-Faserjahre und „nur“ 39 Benzo[a]pyren-Jahre) über § 9 (2)
SGB VII wie eine Berufskrankheit anerkannt und entschädigt wurde, da unter Be-
rücksichtigung der zumindest additiven Kombinationswirkung beider Gefahr-
stoffbelastungen (Synkanzerogenese) eine Risikoverdopplung eingetreten sei.
Die entscheidenden Probleme bei solchen Fallkonstellationen liegen bei den wis-
senschaftlichen Tatsachenfeststellungen, d. h. bei der Verfügbarkeit und Belast-
barkeit der epidemiologischen Datengrundlage [22].
Die Legaldefinition der neuen Berufskrankheit 4114 berücksichtigt diesen Zusam-
menhang.

Bemessung der Minderung der Erwerbsfähigkeit bei Lungenkrebs im


BK-Recht

Krebserkrankung der Lunge begründet zunächst eine MdE von 100 %. Bei Patien-
ten mit kurativ therapiertem Karzinom kann nach (2–)5 Jahren die MdE herabge-
setzt werden. Sie wird nach den Auswirkungen des tatsächlich objektivierbaren
Schadens (Funktionseinbuße) angepasst.
Die Erstuntersuchung zur Erfassung der Krankheitsfolgen ist grundsätzlich in allen
Stadien, mit Ausnahme von Stadium IV, bei dem wegen der infausten Prognose
eine Untersuchung entfallen kann, nach Abschluss der Therapie- und Rehabilita-
tionsmaßnahmen zu empfehlen, auch wenn im Stadium IA momentan eine MdE
in Höhe von in der Regel 80 % und in den Stadien IB bis IIIB in Höhe von 100 % für
die ersten 5 Jahre aufgrund der Einbeziehung der psychischen Belastung durch
die Prognose bzw. das Rezidivrisiko empfohlen wird.
Heilungsbewährung ist kein Begriff des Unfallrechts, daher hier unpassend. Neben
reinem Lungenfunktionsschaden und objektivierbaren, quantifizierbaren somati-
schen Auswirkungen kann allerdings psychische Beeinträchtigung/reaktive De- psychische Beeinträch-
pression gleichwohl erheblich MdE-erhöhend angesetzt werden. tigung/reaktive
Das Bundessozialgericht hat in einer neuen Entscheidung im Jahr 2004 einen neuen Depression
Begriff „Genesungszeit“ geprägt. Danach begründet das allgemeine Rezidivrisiko kei-
ne pauschale MdE-Erhöhung. Bei der MdE sind besondere Aspekte der Genesungs-
zeit, die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit haben, zu berücksichtigen (z. B. Dau-
ertherapie, Schmerzsyndrom mit Schmerzmittelabhängigkeit, psychische Beein-

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 415


D. NOWAK ET AL

trächtigungen etc.). Der reine Ablauf einer bestimmten rezidivfreien Zeit genügt
nicht für einen Besserungsnachweis. Es bedarf einer Besserung der zuvor der MdE-
Bemessung zugrunde gelegten Funktionsbeeinträchtigungen bzw. besonderer As-
pekte der Genesungszeit. Für die schematische Übertragung der Grundsätze der
Heilungsbewährung nach dem Schwerbehindertenrecht ist kein Raum. Es ist recht-
lich nicht zwingend, die Genesungszeit in der gesetzlichen Unfallversicherung ähn-
lich wie bei der Heilungsbewährung auf einen bestimmten Zeitraum von z. B. 5 Jah-
ren zu beschränken. Die besonderen Aspekte der Genesungszeit lassen vielmehr
mehrere Abstufungen über einen längeren Zeitraum hinweg als denkbar erscheinen.

Begutachtung von Lungenkarzinomen im Gesetzlichen


Rentenrecht
Patienten mit kurativ therapiertem Lungenkarzinom können bei gutem Allge-
meinzustand arbeitsfähig bleiben.
Insbesondere bei jüngeren Versicherten sollte unter Ausnutzung aller Rehamaß-
nahmen, auch gegebenenfalls unter Gewährung einer Zeitrente, die alsbaldige
Wiedereingliederung in das berufliche Umfeld angestrebt werden.

Begutachtung von Lungenkarzinomen im Sozialen


Entschädigungsrecht
Im SER entspricht die Kausalitätsbeurteilung der des Unfallrechts, wenn vergleich-
bare Exposition bestand.
Darüber hinaus kann Anerkennung erfolgen, wenn ein Malignom auftritt

• am Ort jahrelanger entzündlicher Prozesse (z. B. im Bereich einer tuberkulösen Ka-


verne),
• am Ort einer starken Gewalteinwirkung (Kriegsverletzung),
• bei vermehrter Exposition karzinogener Substanzen (z. B. Kampfstoffbeseitigung),
• bei besonderer Strahlenbelastung (z. B. Uranbergbau).

Begutachtung von Lungenkarzinomen im


Schwerbehindertenrecht
Nach Entfernung eines malignen Lungentumors oder eines nichtkleinzelligen
Bronchialtumors ist in den ersten 5 Jahren eine Heilungsbewährung abzuwarten.

• GdB während dieser Zeit: wenigstens 80


• GdB bei Einschränkung der Lungenfunktion mittleren bis schweren Grades:
90–100
• GdB bei kleinzelligem Bronchialkarzinom und Mesotheliom: 100

416 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Literatur
1 Barone-Adesi F, Richiardi L, Merletti F (2005) Population 11 Triebig G, Kentner M, Schiele R (2014) Arbeitsmedizin –
attributable risk for occupational lung cancer in Italy. Int J Theorie und Praxis. Gentner, Stuttgart
Occup Environ Health 11: 23–31 12 Deutsche Forschungsgemeinschaft (2013) Gesundheits-
2 Jöckel KH, Ahrens W, Bolm-Audorff U et al (1997) Occupa- schädliche Arbeitsstoffe – Toxikologisch-arbeitsmedizini-
tionally induced lung cancer – a quantitative evaluation sche Begründungen von MAK-Werten. Laufende Ergän-
for the North German area. Gesundheitswesen 59: 275– zungslieferungen. Wiley-VCH, Weinheim
278 13 Mehrtens G, Brandenburg S Die Berufskrankheitenverord-
3 Merletti F, Richiardi L, Boffetta P (1999) Proportion of lung nung. Kommentar. Loseblattsammlung, Schmidt, Berlin
tumors attributable to occupation. Epidemiol Prev 23: 14 Huber RM (2003) Lunge. In: Dörfler H, Eisenmenger W, Lip-
327–332 pert HD (Hrsg) Das medizinische Gutachten. Springer, Hei-
4 Morabia A, Markowitz S, Garibaldi K et al (1992) Lung can- delberg, pp 1–60
cer and occupation: results of a multicentre case-control 15 Lorenz J, mit einem Beitrag von Nowak D (2009) Checkliste
study. Br J Ind Med 49: 721–727 Pneumologie. Thieme, Stuttgart
5 Axelson O (2002) Alternative for estimating the burden of 16 Nowak D, Kroidl R (2009) Bewertung und Begutachtung in
lung cancer from occupational exposures – some calcula- der Pneumologie. Empfehlungen der Deutschen Atem-
tions based on data from Swedish men. Scand J Work Envi- wegsliga und der Deutschen Gesellschaft für Pneumolo-
ron Health 28: 58–63 gie. Thieme, Stuttgart
6 DeMatteis S, Consonni D, Lubin JH et al (2012) Impact of 17 Neumann V, Löseke S, Nowak D et al (2013) Malignant
occupational carcinogens on lung cancer risk in a general pleural mesothelioma: incidence, etiology, diagnosis,
population. Int J Epidemiol 41: 711–721 treatment, and occupational health. Dtsch Arztebl Int 110
7 Porru S, Carta A, Toninelli E et al (2016) Reducing the un- (18): 319–326
derreporting of lung cancer attributable to occupation: 18 Nowak D, Raupach T, Radon K et al (2008) Passivrauchen
outcomes from a hospital-based systematic search in als Gesundheitsrisiko. Der Pneumologe 5: 386–390
Northern Italy. Int Arch Occup Environ Health 89: 981–999 19 Radon K, Nowak D (2004) Passivrauchen – aktueller Stand
8 Angerer P, Nowak D (2004) Berufsbedingte Krebskrankhei- des Wissens. Dtsch Med Wochenschr 129: 157–162
ten. In: Berdel WE, Böhm M, Classen M et al (Hrsg) Klinische 20 Raupach T, Radon K, Nowak D et al (2008) Passivrauchen:
Arbeitsmedizin. Innere Medizin. Urban & Fischer, Mün- Gesundheitliche Folgen, Effekte einer Expositionskarenz
chen, pp 1920–1923 und Präventionsaspekte. Pneumologie 62: 44–50
9 Norpoth K, Woitowitz HJ (1994) Beruflich verursachte Tu- 21 Hallier E (2004) Synkanzerogenese – Wechselwirkungen
moren: Grundlagen der Entscheidung zur BK-Verdachts- zwischen krebserzeugenden Noxen am Arbeitsplatz. Ar-
anzeige. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln beitsmed Sozialmed Umweltmed 39: 492–494
10 Nowak D (2010) Arbeitsmedizin. Elsevier, München 22 Becker P (2005) Synkanzerognese aus sozialjuristischer
Sicht. Med Sach 101: 115–119

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 417


D. NOWAK ET AL

Anhang

Fragebogen nach beruflichen Ursachen bei Patienten mit Lungentumoren:


Download unter http://www.tumorzentrum-muenchen.de/fileadmin/
Downloads/Fragebogen_bei_Verdacht_Berufskrankheit.pdf

Sehr geehrter, lieber Patient,


bei vielen Erkrankungen kann man trotz intensiver Forschung heute die Frage
noch nicht beantworten, warum der eine Mensch erkrankt, der andere nicht, ob-
wohl beide ähnliche Schadstoffe eingeatmet haben. Bei einigen Patienten können
Einflüsse vom Arbeitsplatz eine Rolle gespielt haben. Oftmals gibt es auch eine
Kombination von „privaten“ Risikofaktoren (z. B. Rauchen) und Arbeitsplatzeinflüs-
sen (z. B. Asbest).
In einigen Fällen kann sich aus dem Gespräch mit Ihrem Arzt der begründete Ver-
dacht auf eine Berufskrankheit ergeben. In diesem Falle würde Ihr Arzt eine „Ärzt-
liche Anzeige über den Verdacht auf eine Berufskrankheit“ erstatten und an den
zuständigen Träger der gesetzlichen Unfallversicherung bzw. an den Landesge-
werbearzt schicken. Ob in Ihrem Fall ein begründeter Verdacht vorliegt und es
sinnvoll erscheint, wird der Arzt prüfen. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an.
Zur Vorbereitung dieses Gesprächs ist es hilfreich, wenn Sie versuchen, Hinweise
über lungentumorerzeugende Arbeitsstoffe in Ihrem Arbeitsleben zu geben. Wir
haben Ihnen hierfür beispielhaft eine solche Tabelle (Anhang Tabelle A) vorberei-
tet. Wichtig ist, dass wir eine möglichst lückenlose Aufstellung erhalten, denn mit-
unter können schon kurze Zeiträume von Bedeutung sein. Um Ihnen diese Auf-
gabe zu erleichtern, haben wir für die wichtigsten schädlichen Arbeitsstoffe eine
Art Checkliste (Anhang Tabelle B) vorbereitet. Gehen Sie sie bitte durch und strei-
chen an, welche Tätigkeiten auf Sie zugetroffen haben. Nicht die Berufsbezeich-
nung, sondern die konkrete Tätigkeit und die konkreten Stoffe sind wichtig, mit
denen Sie Umgang hatten. Auf diese Weise bekommt Ihr Arzt ein Bild von mögli-
chen beruflichen Schadstoffen und kann prüfen, ob der begründete Verdacht auf
eine Berufskrankheit vorliegt. Unsere Liste kann dabei nicht vollständig sein, son-
dern nur eine Orientierung bieten. Sprechen Sie Ihren Arzt auf weitere Einwirkun-
gen an, die Ihnen nicht klar sind.

418 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Anhang Tabelle A

Jahr–Jahr Tätigkeits- Art der Tä- Umgang Bemer-


bezeich- tigkeit mit be- kungen/
nung stimmten Besonder-
Arbeits- heiten
stoffen
BEISPIEL 1958 (Schulab- – – –
gang)
1958–1961 Schlosser- Schlosser- Eisen, öfters wur-
lehrling arbeiten, Spritzguss den As-
HDW- Montage bestplat-
Werft ten in der
Hamburg Nachbar-
schaft ge-
flext
1961–1962 Schlosser- wie oben, Eisen, Hit- –
geselle plus zeisolie-
Schweißar- rung aus
beiten Asbest ver-
wendet

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 419


D. NOWAK ET AL

Anhang Tabelle B

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
Asbest • Asbestaufbereitung. Hierbei wird in Kollergängen, Prall- oder
(4104, 4105, 4114) Schlagmühlen entweder asbesthaltiges Muttergestein zerklei-
nert und/oder Rohasbest zu stärker aufgeschlossenen Fasern
aufgelockert.
• Herstellung und Verarbeitung von Asbesttextilprodukten wie
Garne, Zwirne, Bänder, Schnüre, Seile, Schläuche, Tücher, Packun-
gen, Kleidung usw. Dabei kommen Tätigkeiten wie Abfüllen, Ein-
wiegen, Mischen, Krempeln, Spinnen, Zwirnen, Flechten, Weben
und Zuschneiden vor. Auch das Tragen unbeschichteter Asbest-
arbeitsschutzkleidung ist ggf. zu berücksichtigen.
• industrielle Herstellung und Bearbeitung von Asbestzementpro-
dukten, speziell witterungsbeständiger Platten und Baumateria-
lien einschließlich vorgefertigter Formelemente, z. B. für Dachein-
deckungen, Fassadenkonstruktionen, baulichen Brandschutz
usw.
• Bearbeitung und Reparatur der vorgenannten Asbestzementpro-
dukte, z. B. Tätigkeiten wie Sägen, Bohren, Schleifen usw. im Bau-
stoffhandel oder Bauhandwerk
• industrielle Herstellung und Bearbeitung von asbesthaltigen
Reibbelägen, speziell Kupplungs- und Bremsbelägen
• Ersatz von solchen Reibbelägen, z. B. Tätigkeiten wie Überdrehen,
Schleifen, Bohren, Fräsen von Bremsbelägen in Kfz-Reparatur-
werkstätten usw.
• Herstellung, Anwendung, Ausbesserung und Entsorgung von as-
besthaltigen Spritzmassen zur Wärme-, Schall- und Feuerdäm-
mung (Isolierung)
• Herstellung, Verarbeitung und Reparatur von säure- und hitzebe-
ständigen Dichtungen, Packungen usw., z. B. im Leitungsbau der
chemischen Industrie
• Herstellung, Be- und Verarbeitung von Gummi-Asbest(IT)-Pro-
dukten
• Herstellung, Be- und Verarbeitung asbesthaltiger Papiere, Pap-
pen und Filzmaterialien
• Verwendung von Asbest als Zusatz in der Herstellung von An-
strichstoffen, Fußbodenbelägen, Dichtungsmassen, Gummirei-
fen, Thermoplasten, Kunststoffharzpreßmassen usw.
• Entfernen, z. B. durch Abbrucharbeiten, Reparaturen usw. sowie
Beseitigung der vorgenannten asbesthaltigen Produkte
Außerdem enthalten verschiedene Minerale, z. B. Speckstein (Tal-
kum), Gabbro, Diabas usw., geringe Asbestanteile, u. a. als Tremolit
und Aktinolith. Sie können infolgedessen über eine Mischstaubex-
position zu Asbestrisiken führen.

420 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
„Silikotisches Ein solcher Tumor steht nur dann zur Diskussion, wenn eine Silikose,
Narbenkarzinom“ also eine Quarzstaublungenerkrankung vorliegt. Dies erkennt der
(4101) Arzt auf dem Röntgenbild oder im Computertomogramm, evtl. in
der feingeweblichen Untersuchung. Hierbei handelt es sich um eine
ohnehin meldepflichtige Berufskrankheit. Die Quarzstaublungener-
krankung (Silikose) entsteht durch Einatmung von Staubpartikeln,
die Quarz, Cristobalit oder Tridymit enthalten.
• Gewinnung, Bearbeitung oder Verarbeitung von Sandstein,
Quarzit, Grauwacke, Kieselerde (Kieselkreide), Kieselschiefer,
Quarzitschiefer, Granit, Porphyr, Bimsstein, Kieselgur, Steinkohle
und keramischen Massen
• auch silikatisches Material kann, wenn freie kristalline Kieselsäure
darin enthalten ist, eine Gefahrenquelle sein, z. B. Talkum
• gefährdet: Erz- (einschließlich Uranerz-) und Steinkohlenbergleu-
te, Tunnelbauer, Gussputzer, Sandstrahler, Ofenmaurer, Former in
der Metallindustrie
• Personen, die bei der Steingewinnung, -bearbeitung und -verar-
beitung oder in grob- und feinkeramischen Betrieben sowie in
Dentallabors beschäftigt sind
Kristallines Siliziumdioxid: Quarz, Cristobalit und Tridymit. Quarzhaltige Stäube
Siliziumdioxid (4112) in Kohlengruben sind nicht Gegenstand dieser Berufskrankheit.
• Staubentwicklung bei der Gewinnung, Be- oder Verarbeitung
insbesondere von Sandstein, Quarzit, Grauwacke, Kieselerde
(Kieselkreide), Kieselschiefer, Quarzitschiefer, Granit, Gneis, Por-
phyr, Bimsstein, Kieselgur und keramischen Massen
• Natursteinindustrie bei der Gewinnung, Verarbeitung und An-
wendung von Festgesteinen, Schotter, Splitten, Kiesen, Sanden
• Gießereiwesen – insbesondere beim Aufbereiten von Formsan-
den und Gussputzen, die Glasindustrie (Glasschmelzsande)
• Emaille- und keramische Industrie (Glasuren und Fritten, Feinke-
ramik)
• Herstellung feuerfester Steine sowie die Schmucksteinverarbei-
tung
• Quarzsand bzw. Quarzmehl als Füllstoff (Gießharze, Gummi, Far-
ben, Dekorputz, Waschpasten), als Filtermaterial (Wasseraufbe-
reitung) und als Rohstoff, z. B. für die Herstellung von Schwing-
quarzen, Siliziumcarbid, Silikagel, Silikonen und bei der Kristall-
züchtung

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 421


D. NOWAK ET AL

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
• Verwendung als Schleif- und Abrasivmittel (Polier- und Scheuer-
pasten) oder als Strahlmittel
• Cristobalit und Tridymit: wenn Diatomeenerden, Sande oder
Tone einer hohen Temperatur ausgesetzt wurden, so z. B. in feu-
erfesten Steinen und gebrannter Kieselgur. Solche Cristobalitsan-
de und -mehle werden als Füllstoffe in Farben, Lacken und
Kunststoffputz, in keramischen Fliesenmassen, in Scheuermitteln
sowie als Bestandteil von Einbettmassen für den Dental-,
Schmuck- und anderen Präzisionsguss verwendet.
– Erz-(einschließlich Uranerz-)bergleute, Schachthauer sowie
Gesteinshauer (auch im Steinkohlenbergbau), Tunnelbauer,
Gussputzer, Sandstrahler, Ofenmaurer, Former in der Metallin-
dustrie
– Personen, die bei der Steingewinnung, -bearbeitung und
-verarbeitung oder in grob- und feinkeramischen Betrieben
sowie in Dentallabors beschäftigt sind
Ionisierende Strahlung (2402) • Erzgewinnung und -verarbeitung insbesondere in Sachsen-An-
halt, Thüringen, Sachsen (v. a. SDAG Wismut)
• Arbeiten mit Uran und Thorium
• zu Heilzwecken betriebene Radonbäder
Arsen, • Verhüttung und Rösten arsenhaltiger Mineralien
-verbindungen (1108) • Herstellung von Arsenik, arsenhaltigen Farben und Anstrichmit-
teln (Schiffsbodenanstrich)
• Verwendung arsenhaltiger Ausgangsstoffe in der Pharmazie, in
der chemischen, keramischen und Glasindustrie
• Gerbereien, Kürschnereien (Beizmittel), zoologische Handlungen
• Herstellung und Verwendung arsenhaltiger Schädlingsbekämp-
fungsmittel
• Beizen von Metallen mit arsenhaltiger Schwefel- oder Salzsäure
und Nassbearbeitung von Erzen, Schlacken oder Metallspeisen
• Einwirken von Feuchtigkeit auf Ferrosilicium, das mit As und
Phosphiden verunreinigt ist
• Arsentrichlorid zum Beizen und Brünieren von Metallen
Dichlordimethylether (1310) • als Zwischenprodukte in der chemischen Industrie, z. B. für Ep-
oxidharze (Epichlorhydrin)
• als Chloralkylierungsmittel (Monochlordimethylether, Dichlor-
diethylether)
• für Pflanzenschutzmittel (Chlorphenole, Chlorkresole)
• als Holzkonservierungsmittel (z. B. Pentachlorphenol)
• zur Herstellung von Desinfizientien (Chlorphenole)
• Entstehung als unerwünschtes Nebenprodukt, z. B. Tetrachlordi-
benzo-p-dioxin bei der Herstellung von Trichlorphenol, Dichlor-
dimethylether bei der Herstellung von Monochlordimethylether

422 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
Chrom, • Aufschluss von Chromerzen und Herstellung von 6-wertigen
-verbindungen (1103) Chromverbindungen
• Glanz- und Hartverchromung in der Galvanotechnik
• Anstricharbeiten mit chromhaltigen Korrosionsschutzmitteln in
Spritzverfahren
• Brennschneiden, Schweißen und Schleifen von Blechen mit
chromhaltigen Anstrichstoffen
• Herstellung und Verwendung von Chrom(VI)-Pigmenten, insbe-
sondere Zink- und Bleichromat, in der Lack-, Farben- und Kunst-
stoffindustrie
• Verwendung von Chrom(VI)-Oxid und Alkalichromaten, z. B. in
der Lithographie, der fotografischen Industrie, der Textil- und
Teppichindustrie, der Glas- und keramischen Industrie, bei der
Herstellung von Feuerwerkskörpern und Zündhölzern sowie von
Pflanzenleimen
• Holzimprägnierung
• Herstellung und Verwendung von Schneidölen
• Gerben von Leder
• Beizen und Reinigen von Metallen
• Glasfabrikation (Chromschwefelsäure)
• Herstellung und Verwendung von gefärbten Natronlaugen zum
Bleichen von Ölen, Fetten und Wachsen
• Oxidationsmittel
• in Zement und Bauxit sind kleine Mengen von Verbindungen des
6-wertigen Chroms vorhanden
Dichlordiethylsulfid (LOST) • Kampfstoff: Schwefellost. 2,2-Dichlordiethylsulfid wird auch heu-
(1311) te noch gelegentlich als Fundmunition aus vergrabenen oder
versenkten Beständen geborgen und vernichtet.
• Gefährdung: in erster Linie Angehörige von Munitionsbergungs-
und -beseitigungstrupps
• gelegentlich Pilzbekämpfungsmittel, Milbenbekämpfungsmittel
(halogenierte Aryl- und Alkylarylsulfide)
Nickel, • Aufbereitung und Verarbeitung von Nickelerzen zu Nickel oder
-verbindungen (4109) Nickelverbindungen (auch Arbeiten an nachgeschalteten Staub-
filtern) im Bereich der Raffination
• Elektrolytische Abscheidung von Nickel unter Verwendung un-
löslicher Anoden
• Herstellen und Verarbeiten von Nickel und Nickelverbindungen
in Pulverform
• Herstellen nickelhaltiger AkkumuIatoren und Magnete
• Lichtbogenschweißen mit nickelhaltigen Zusatzwerkstoffen in
engen Räumen oder ohne örtliche Absaugung in ungenügend
belüfteten Bereichen
• Plasmaschneiden von nickelhaltigen Werkstoffen
• thermisches Spritzen (Flamm-, Lichtbogen-, Plasmaspritzen) mit
nickelhaltigen Spritzzusätzen

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 423


D. NOWAK ET AL

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
• Schleifen von Nickel und Legierungen mit erheblichem Nickelge-
halt
• Elektrogalvanisation (elektrolytisches Vernickeln von z. B. Eisen-
oberflächen)
• Fabrikation von nickelhaltigen Spezialstählen (z. B. Ferronickel)
• Plattieren (mechanisches Vernickeln)
• Verwendung von feinverteiltem Nickel als großtechnischer Kata-
lysator in der organischen Chemie (z. B. bei der Fetthärtung)
• Nickeltetracarbonyl: Herstellung von Nickel nach dem MOND-
Verfahren
Kokereirohgase, polyzyklische Schwelung (450 bis 700° C) und Verkokung (über 700° C) von Kohle.
aromatische Kohlenwasserstoffe Gefährdung: am Ofenblock und in unmittelbaren Umgebung einge-
(4110, 4113, auch 4114) setztes Personal, insbesondere:
• Füllwagenfahrer
• Einfeger (Deckenmann)
• Steigrohrreiniger
• Teerschieber
• Druckmaschinenfahrer
• Kokskuchenführungswagenfahrer bzw. Koksüberleitungsmaschi-
nist
• Löschwagenfahrer
• Türmann
• Rampenmann
• regelmäßige Wartung von Rohgasleitungen, wenn die Möglich-
keit des Freiwerdens von Gasen besteht
außerdem:
• Teerraffinerien
• Elektrographitindustrie
• Aluminiumherstellung
• Eisen- und Stahlerzeugung
• Gießereien
• Straßenbau
• Dachdecker
• Schornsteinfeger
Passivrauchen am Arbeitsplatz praktisch nur bei lebenslangen Nichtrauchern relevant; Gefährdung
vor allem im Gaststättengewerbe, z. B. als Schankkellner

424 © Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21


BERUFLICHE RISIKOFAKTOREN, BERUFSKRANKHEIT, ARBEITSMEDIZINISCHE BEGUTACHTUNG

Schädlicher Arbeitsstoff (Be- Typisches Vorkommen/Anmerkungen


rufskrankheiten-Nummer)
Beryllium, • Herstellung hoch feuerfester Geräte und Materialien sowie kera-
-verbindungen (1110) mischer Farben
• Herstellung von Aluminium-Schweißpulver
• Herstellung von Spezialporzellan
• Herstellung von Glühkörpern und Leuchtstoffen
• Kernreaktor- und Raketentechnik
• Verarbeiten trockener, staubender Berylliumverbindungen,
hauptsächlich das Mahlen und Abpacken, in etwas geringerem
Maße das Gewinnen des Berylliums aus seinen Erzen und Zwi-
schenprodukten
• Gefährdung auch an Arbeitsplätzen, an denen Beryllium oder
seine Verbindungen in Dampfform auftreten
Cadmium, • Zinkgewinnung als Nebenprodukt
-verbindungen (1104) • Zusatz von Legierungen beim galvanischen Metallisieren und in
der Akkumulatorenfabrikation
• Herstellung von Kontrollstäben in Atomreaktoren
• Herstellen von Cadmiumlegierungen
• Herstellen von Nickel-Cadmium-Akkumulatoren (Stahlakkumula-
toren)
• Herstellung von Cadmiumüberzügen mittels Elektrolyse
• Herstellung von Cadmiumfarbstoffen (Cadmiumgelb, Cadmium-
rot)
• Schweißen, Schmelzen und Schneiden von mit Cadmium über-
zogenen, legierten sowie verunreinigten Metallen
• Goldschmieden
Lungennarben • nach Tuberkulose als Berufskrankheit (BK 3101)
• nach thorakalen Perforationstraumen (ggfs. als Arbeitsunfallfol-
ge)

Erklärung zu Interessenkonflikten
R. M. Huber war in den vergangenen drei Jahren Berater oder Beiratsmitglied von Abbvie, AstraZeneca,
Bayer, BI, BMS, Celgene, Guardant, Lilly, Merck, Mologen, Novartis, Pfizer, Roche und Takeda und hat von
diesen auch Honorare oder Kostenerstattungen erhalten. Seine Institution hat Forschungsunterstützung
von AstraZeneca erhalten. D. Nowak hat Forschungsunterstützung von der EU, DFG, BMBF, BMG, DGUV,
BGW, Verwaltungs-BG, Bundesarbeitsministerium, Bayerische Ministerien, Industrie (MAN, FMG, Siemens,
Audi), Versicherungen, ADAC/ÖAMTC, Kliniken, Erzbischöfliches Ordinariat und der Caritas erhalten. Sie
hat Vortragstätigkeiten bei BerlinChemie, BI, Mundipharma, Novartis, Hexal Lilly, Pfizer und European Tyre
Recycling Association ausgeführt.

© Tumorzentrum München und Zuckschwerdt Verlag | DOI 10.4486/330.21 425