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EUROPA – ALTE UND NEUE WELTEN

Das 18. Jahrhundert gilt in der eu- Sinope« seinen gleichnamigen weit hinausgehen. Was aber ver-
ropäischen Geistesgeschichte als Protagonisten auf die Frage, was birgt sich hinter diesen Gesinnun-
ein weltbürgerliches oder kosmo- er unter einem Weltbürger verste- gen? Diente das Modewort
politisches Jahrhundert, in dem he, antworten: »Weltbürgertum« im 18. Jahrhun-
sich die gebildeten Bürger und »Einen Menschen wie ich bin, dert zu mehr als zur zeitgemäßen
Aristokraten mit dem Anspruch – der, ohne mit irgend einer be- Etikettierung weltanschaulicher
konfrontiert sahen, National- be- sondern Gesellschaft in Verbin- Programmschriften, die – wie
ziehungsweise Territorialgrenzen dung zu stehen, den Erdboden für ein Blick in die spätaufkläreri-
schen Zeitschriften zeigt – gerne
mit weltbürgerlichen Titeln ge-

Kosmopolitische Ideale schmückt wurden?


Die Literaturwissenschaft des
frühen 20. Jahrhunderts hat diese
Das weltbürgerliche Engagement des Göttinger
Fragen in der Tradition der Ideen-
Literarhistorikers Friedrich Bouterwek
geschichte beantwortet: Aus den
Andrea Albrecht offensichtlich differierenden Ver-
wendungen des Begriffs wurde
eine vermeintlich wahre Bedeu-
tung destilliert und zu einer Idee
des Kosmopolitismus zusammen-
überschreitend universalistisch sein Vaterland, und alle Geschöp- geschlossen. Orientiert an der seit
zu denken und zu handeln. Der fe seiner Gattung – gleichgültig den 1970er Jahren etablierten Be-
Weltbürger – ein in der Welt er- gegen den zufälligen Unterschied, griffsgeschichte und ihrer metho-
fahrener und Fremden gegenüber welchen Lage, Luft, Lebensart, dischen Verlängerung durch die
aufgeschlossener Mann – avan- Sprache, Sitten, Polizey und Pri- historisch-semantische Diskurs-
cierte im Zuge der Aufklärung zu vatinteresse unter ihnen machen analyse ist man heute darum
Porträt Friedrich einem wirkungsmächtigen Leit- – als seine Mitbürger oder viel- bemüht, die spekulativen Kon-
Bouterweks, Nieder-
sächsische Staats- und bild der Zeit. So lässt zum Bei- mehr als Brüder ansieht [...]«. struktionen der Ideengeschichte
Universitätsbibliothek spiel Christoph Martin Wieland Der Weltbürger sollte also das auf eine empirische Materialbasis
Göttingen, Abteilung im »Nachlass des Diogenes von Wahre und Gute fördern und so zurückzuführen und zu differen-
Handschriften und
Seltene Drucke der Menschheit, und das hieß zierteren Bestimmungen dessen
allen Menschen unabhängig von zu gelangen, was im 18. Jahrhun-
ihrer Herkunft, dienen. Dabei dert unter Kosmopolitismus ver-
hatten die meisten Europäer, wie standen wurde. Öffnet man zu-
Alexander von Humboldt zu dem die nationalphilologisch ver-
recht kritisierte, »die Welt nie- engte Perspektive, wird deutlich,
mals angeschaut«. Sie bezogen dass sich an den Weltbürgerbe-
ihre Kenntnisse über andere Völ- griff ein europaweit geführter
ker und Kulturen in der Regel aus »Kampf um Benennungen« und
der Literatur, aus Reiseberichten, damit eine Auseinandersetzung
philosophischen Traktaten und um politische, soziale und kultu-
Romanen. Gerade innerhalb des relle Deutungen knüpfte, die es
kleinstaatlich organisierten, pro- nahe legt, für diese Zeit statt von
vinziellen Heiligen Römischen einer Idee des Kosmopolitismus
Reiches Deutscher Nation speiste von einem Spektrum unterschied-
sich die Erfahrung mit der Welt licher Kosmopolitismen zu spre-
vor allem aus der Lektüre. Den- chen.
noch lassen sich in der deutschen Auch der Göttinger Popular-
Literatur und Publizistik des spä- philosoph und Literarhistoriker
ten 18. Jahrhunderts allenthalben Friedrich Bouterwek (1766-
weltbürgerliche Reflexionen fin- 1828), der hier stellvertretend für
den, darunter auch solche, die eine ganze Reihe bekannter und
über eskapistische oder kompen- weniger bekannter Kosmopoliten
satorische Phantasmagorien – also des 18. Jahrhunderts vorgestellt
etwa den von Thomas Mann ver- wird, beteiligte sich an dieser
lachten deutschen »Kosmopoli- Auseinandersetzung. Als reform-
tismus mit der Nachtmütze« – absolutistisch gesinnter deutscher

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IDEALE UND MOTIVE

Gelehrter hatte er Mitte der


1790er Jahre seine Verwendung
des Weltbürgerbegriffs vor allem
gegen die »jacobinischen Frey-
heitswürger« zu verteidigen, de-
ren französisch-revolutionäre Be-
griffsprägung sowohl die Mainzer
Jakobiner als auch die radikalde-
mokratischen Illuminaten (1776
gegründeter deutscher Geheim-
bund) für die deutsche Debatte
übernommen hatten. In seinen
»Fünf Kosmopolitischen Briefen«
aus dem Jahr 1794 wehrt sich
Bouterwek gegen die revolutio-
näre Besetzung des Begriffs:
»Also auch du ein Kosmopolit?
[...] Aber ist denn der Name Kos-
mopolit wirklich so ein außer-
ordentlicher Name? Ich dächte
doch. Denn daß ihn zu dieser
Frist auch Knaben und Knäblein
führen, möchte ich nicht gern für
einen Einwurf annehmen, so lan-
ge der alte Spruch noch seine vol-
le Gültigkeit hat: Wenn zwei Ein-
erlei meinen u.s.w.«
Im Anschluss an Immanuel
Kants »Idee einer Geschichte der Friedrich Bouterwek,
Geschichte der Poesie
Menschheit in weltbürgerlicher noch, kosmopolitisch zu schwär- keln und die »Menschheit euro- und Beredsamkeit
Absicht« (1784) plädierte Bouter- men; im neunzehnten muß die päisieren« sollte. Vergleichbar seit dem Ende des
wek für einen Rückzug der Kos- Kosmopolitik so nüchtern wer- mit Sébastien Mercier, der sich in 13. Jahrhunderts,
Band 6,
mopoliten aus dem Feld der Poli- den, wie es die gemeine Politik Frankreich für einen cosmopoli- Göttingen 1807
tik in das ungefährlichere Gebiet längst geworden ist. Die Hoff- tisme littéraire engagierte, richte-
geschichtsphilosophischer Hoff- nung muß sich beugen vor der te sich auch Bouterweks Appell
nung. Zentraler Bestandteil der unbiegsamen Erfahrung.« an die Repräsentanten der euro-
»Fünf kosmopolitischen Briefe« Die fortschreitende Ernüchte- päischen res publica litteraria, die
bildete ein dieser Hoffnung ver- rung gipfelte bei Bouterwek als Weltbürger der Wissenschaf-
pflichteter universalhistorischer nicht, wie bei vielen seiner Zeit- ten und Künste zwischen den
Abriss der Menschheitsgeschich- genossen, in einer endgültigen Kulturnationen vermitteln und
te, der belegen sollte, dass die Verabschiedung weltbürgerlicher den »Europäismus« in der Welt
Menschheit auch ohne riskante Ideale: »Dem Ideale bleibt seine verbreiten sollten.
politische Aktionen sicher auf Heimath in der unsichtbaren Der Ausbau der europäischen
dem Weg hin zu einem weltbür- Welt; und daß es da nicht aus- Wissensgesellschaft bereitete,
gerlichen und das heißt fried- sterbe, dafür muß die vereinigte wie wir heute wissen, der imperia-
lichen und aufgeklärten Zustand Thätigkeit aller Edlen sorgen.« len und kolonialen Expansion Eu-
voranschritt. Angesichts des Krieg Gemäß der Maxime, dass in der ropas den Boden. Bouterwek
führenden und sich nationalisie- Moderne »nicht mehr Eine Na- ahnte davon noch nichts. Im Ver-
renden Europa sah sich Bouter- tion« das Fortschreiten der »Welt- trauen auf die Universalität der
wek allerdings schon einige Jahre Cultur« allein bestimmen könne, europäischen Kultur ging es ihm
später dazu veranlasst, seinen propagierte Bouterwek die Vor- ausdrücklich um eine »ohne poli-
Optimismus zu dämpfen. In dem stellung einer pluralistischen Kul- tische Macht« voranschreitende
Artikel »Die vier großen Natio- tursynthese, die sich im Zuge kul- »Geistes-Cultur«. Die Aufforde-
nen des neunzehnten Jahrhun- tureller Austauschprozesse zwi- rung des Göttinger Professors der
derts« heißt es 1805: schen den vier »großen Natio- Philosophie und Orientalistik Jo-
»Im achtzehnten Jahrhundert nen« Frankreich, England, Russ- hann Gottfried Eichhorn, sich als
geziemte es sich gewissermaßen land und Deutschland entwik- Literarhistoriker an der Publika-

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Italienische Weltkarte von 1774. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Abteilung Handschriften und Seltene Drucke.
EUROPA – ALTE UND NEUE WELTEN

aus und trugen Bouterwek unter


Zentrum für anderem die Mitgliedschaft in
den Akademien der Wissenschaf-
komparatistische Studien ten von Lissabon, Livorno, Ams-
terdam und Madrid ein.
(red.) Das Zentrum für komparatistische Studien an der Philosophischen Im Gefolge der deutschen Frei-
Fakultät der Georg-August-Universität hat im Wintersemester 2001/ heitskriege 1813 begann Bouter-
2002 seine Arbeit aufgenommen. Ihm gehören rund 60 Wissenschaftler weks kosmopolitische Emphase
der Fakultäten Philosophie, Sozialwissenschaften und Theologie an. Das allerdings nachzulassen. Seine Li-
Zentrum verfolgt die Zielsetzung, einer international geöffneten, den Be- teraturgeschichte folgte, dem
reich einzelner Nationalphilologien überschreitenden Literaturwissen- Zeitgeist entsprechend, zuneh-
schaft an der Universität Göttingen ein Forum zu schaffen und entspre- mend dem Paradigma des Natio-
chende Lehr- und Forschungsaktivitäten zu bündeln und zu stärken. nalismus. Einflüsse fremder Kul-
Jeweils im Wintersemester veranstaltet das Komparatistik-Zentrum ei- turen, die vordem als Beleg für
ne öffentliche Ringvorlesung und startete 2001/2002 mit der Reihe »Or- den kulturellen Zusammenhang
te der Literatur«. Es folgte ein Jahr später die Ringvorlesung »Die Tragö- Europas gedient hatten, wurden
die. Eine Leitgattung der europäischen Literatur« und 2003/2004 zu- nun als »Ausländerei« verzeich-
sammen mit der Akademie der Wissenschaften »Scientia poetica. Lite- net. Dennoch mündete sein Na-
ratur und Naturwissenschaft«. Außerdem lädt das Zentrum regelmäßig tionalbewusstsein – und das
zu den »Göttinger Sommervorträgen zur Weltliteratur« ein und hat 2003 zeichnet ihn gegenüber seinen
das internationale Symposion »Spiel-Arten der Komparatistik: Einblicke ebenfalls kosmopolitisch argu-
in eine (neue Göttinger) Disziplin« durchgeführt. In Vorbereitung ist ein mentierenden Zeitgenossen aus –
Symposium über »Poetisierte Wissenssysteme«, eine Tagung zum Ver- weder in übersteigerte Weltmis-
hältnis von Literatur und Musik sowie ein mehrjähriges Forschungs- und sionsgedanken der deutschen
Ausstellungsprojekt zum Thema Robinson Crusoe. Sprecher des Zen- Kulturnation (Johann Gottlieb
trums ist der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Werner Frick. Fichte) noch in Phantasien einer
Mit den Zentrumsaktivitäten eng verbunden ist der Magisterstudien- Wiederherstellung des christ-
gang Komparatistik, bei dem Literaturwissenschaft und Literaturtheorie lichen Universalismus (August
sowie europäische Sprachstudien mit Fächern aus den Kunst- und Kul- Wilhelm und Friedrich von Schle-
turwissenschaften oder den Sozial- und Geschichtswissenschaften kom- gel, Joseph von Eichendorff).
biniert werden. Eine Besonderheit des Göttinger Komparatistik-Modells Innerhalb des kosmopolitischen
besteht darin, dass die Studierenden Schwerpunkte in den Ausrichtun- Spektrums des frühen 19. Jahr-
gen Westlicher Kanon, Weltliteratur und Interkulturalität, Artes sowie hunderts erweist sich Bouterweks
Cultural Studies bilden können. Je nach fachlichem Interesse können sie kulturpolitisches Weltbürgertum
so die Themenbereiche europäisch-abendländische Literaturen, außer- trotz der nationalen Grundierung
europäische Philologie und Kulturwissenschaften, bildende und darstel- als pragmatische, aufgeklärte Ge-
lende Künste oder Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften in ih- sinnung, die ihre Relevanz bis
rer Ausbildung vertiefen. heute nicht eingebüßt hat.
Mit dem Aufstieg des Nationa-
lismus zur Leitideologie des 19.
tion einer umfassenden »Ge- schen und schließlich der deut- Jahrhunderts verloren allerdings
schichte der Künste und Wissen- schen Literaturgeschichte be- auch gemäßigte weltbürgerliche
schaften seit der Wiederherstel- stand. Durch die einfühlende kos- Ideen an Bedeutung. Heinrich
lung derselben bis an das Ende mopolitische Perspektive gelang Heine konnte 1833 nur noch nos-
des achtzehnten Jahrhunderts« zu es Bouterwek mit diesem Werk talgisch beklagen, dass sich die
beteiligen, bot Bouterwek daher nicht nur, die europäischen Lite- »schäbige, plumpe, ungewasche-
die willkommene Gelegenheit, raturen in Deutschland bekannt ne Opposition gegen eine Gesin-
auch praktisch den angestrebten zu machen und zu einem Be- nung« durchgesetzt habe, »die
Europäisierungsprozess zu beför- gründer der deutschen Kompara- eben das Herrlichste und Heilig-
dern. Zwischen 1801 und 1819 tistik zu werden. Vor allem die ste ist was Deutschland hervorge-
veröffentlichte er eine zwölfbän- ersten Bände seiner Literaturge- bracht hat, nämlich [...] gegen je-
dige »Geschichte der Poesie und schichte übten durch die Verbin- nen Kosmopolitismus, dem unse-
Beredsamkeit seit dem Ende des dung von Geschichtsphilosophie re großen Geister, Lessing, Her-
13. Jahrhunderts«, die aus einer und Literaturkritik auch einen der, Schiller, Goethe, Jean Paul,
Folge von Darstellungen der ita- nachhaltigen Einfluss auf die Lite- dem alle Gebildeten in Deutsch-
lienischen, spanischen, portugie- raturgeschichtsschreibung der land immer gehuldigt haben«. Es
sischen, französischen, engli- anderen europäischen Nationen sollte mehr als 150 Jahre dauern,

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IDEALE UND MOTIVE

bis man sich wieder auf die kos- dass, wie der Soziologe Ulrich fen« wurden, »die es heute im
mopolitischen Ideale des »Alten Beck unlängst vermutete, in der Horizont des globalen Zeitalters
Europa« besann. Ein genauerer »vor-nationalen Epoche und Kon- neu zu entdecken und gegen den
Blick auf das weltbürgerliche Ar- troverse« intellektuelle Grundla- letztlich kurzen Traum von der
gumentationsrepertoire des 18. gen »für ein post-nationales, kos- ewigen Nation wiederzubeleben
Jahrhunderts zeigt in der Tat, mopolitisches Europa geschaf- gilt.« 

Dr. Andrea Albrecht, Jahrgang 1971, studierte Mathematik, deutsche Philologie und Philo-
sophie an den Universitäten in Bremen, Hamburg und Göttingen. Mit dem Thema »Also
auch du ein Kosmopolit? Weltbürgerdiskurse um 1800« wurde sie 2003 am Seminar für
Deutsche Philologie der Universität Göttingen promoviert. Seit Oktober 2002 arbeitet sie als
wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Jahrhundertwende – Literatur, Künste, Wissen-
schaften um 1900 in grenzüberschreitender Wahrnehmung« an der Akademie der Wissen-
schaften zu Göttingen.

In the European history of more than a compensation for the Rhetoric« included a comparative
human sciences, the 18th parochial reality of Europe? Ap- history of European literatures
century is considered to be a proaching this question with the and spread quickly throughout
cosmopolitan century, the world- methods of historic-semantic dis- Europe. After the German liber-
experienced cosmopolitan being course analysis shows that the ation wars, Bouterwek's cosmo-
an important role model of the notion of cosmopolitanism com- politanism waned, the rise of 19th
time. Since most contemporaries prises a whole spectrum of com- century nationalism discrediting
had never travelled the world, peting positions. Friedrich Bou- even the most moderate ideas of
they had to resort to literature in terwek, a philosopher and histo- world citizenship. It would take
order to acquire some knowledge rian of literature in Göttingen, is some 150 years to rediscover the
of foreign cultures. Was this most- presented as an example. His pio- cosmopolitan tradition of
ly imagined cosmopolitanism neering »History of Poetry and »Old Europe«.

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