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So vollstreckte die DDR ihre letzte


Hinrichtung - an einem Stasi-Mann
Norbert F. Pötzl, DER SPIEGEL

10-12 Minuten

Ein kahler Raum, in der Mitte ein Gully. Zwei


Gefängniswärter schoben den Häftling hinein.
Unbemerkt schlich sich der Henker von hinten an den
Verurteilten heran und schoss ihm mit einer
schallgedämpften Pistole in den Hinterkopf. Hinrichtung
durch »unerwarteten Nahschuss« – eine Exekution nach
sowjetischem Vorbild. So wurde am 26. Juni 1981 die
Todesstrafe gegen den ehemaligen Stasi-Hauptmann
Werner Teske, 39, in der Leipziger Justizvollzugsanstalt
vollstreckt.

Der wegen angeblich vollendeter Spionage und


Fahnenflucht verurteilte Ex-Geheimagent, der in Wahrheit
die Republikflucht nur vorbereitet und keinen Kontakt zu
westlichen Diensten gehabt hatte, wurde vor 40 Jahren
»das letzte Todesopfer der DDR-Militärjustiz«. So
beschreibt es Gunter Lange in der nun erschienenen
Biografie »Der Nahschuss«. Teskes Verbrechen war, so
Lange, ein »Verrat im Konjunktiv«.

Der promovierte Finanzökonom Werner Teske war 1969


als hauptamtlicher Mitarbeiter ins Ministerium für
Staatssicherheit (MfS) eingetreten, nachdem er bereits
zwei Jahre lang als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-
Auslandsgeheimdienstes HVA Agenten in der
Bundesrepublik betreut hatte. Erfolgreich führte Teske
westdeutsche Spione, die in Großkonzernen und
Wirtschaftsverbänden tätig waren. Aber Teskes
Hoffnung, an einer Stasi-Hochschule Professor werden
zu können, erfüllte sich nicht.

Geheimnisse in der Waschküche

Ihm war klar, dass er als Geheimnisträger nie wieder von


der Stasi loskommen würde. So reiften Fluchtgedanken.
Da Teske dienstlich auch den Westbahnsteig des
S-Bahnhofs Friedrichstraße betreten durfte, hätte er die
DDR leicht verlassen können. Weil er nicht mit leeren
Händen in den Westen gehen wollte, hortete er geheime
amtliche Unterlagen bei sich zu Hause. Doch zwei
konkrete Gelegenheiten, sich abzusetzen, ließ Teske
verstreichen.

Im August 1980 kam heraus, dass Teske schon sechs


Jahre lang Operativgelder für private Zwecke abgezweigt
hatte: 20.800 West- und 21.478 Ostmark. Er wurde
festgenommen und vom Dienst suspendiert. Am 9.
September 1980 holten Stasi-Offiziere Teskes Ehefrau
Sabine von ihrem Arbeitsplatz ab und brachten sie in das
konspirative Objekt »Holzhaus«, eine Villa bei
Oranienburg. Sie wurde befragt, was sie über die
Unterschlagungen wisse.

Am Abend wurde auch Teske ins »Holzhaus« gebracht,


das Ehepaar durfte die Nacht miteinander verbringen.
Teske spürte drei Abhörwanzen auf, aber er fand nicht
alle. So hörten die Lauscher, wie Teske seine Frau bat,
die in der Waschküche über ihrer Wohnung versteckten
Papiere zu verbrennen. Im Waschkessel fand die Stasi
Umschläge voller Dokumente und Mappen mit
Aufzeichnungen – insgesamt 3370 Blatt.

Acht Monate dauerten die Verhöre, bei denen Teske,


wohl auf Strafmilderung hoffend, alles gestand. Doch
zwei Jahre nach der Flucht des Stasi-Oberleutnants
Werner Stiller, der beim Bundesnachrichtendienst
ausgepackt und zahlreiche DDR-Spione in der
Bundesrepublik verraten hatte, wollte die Stasi ein
Exempel statuieren.

Todesursache: »Herzversagen«

Man machte kurzen Prozess mit Teske. Nach eintägiger


Verhandlung verurteilte ihn der 1. Militärstrafsenat des
Obersten Gerichts der DDR am 12. Juni 1981 zur
Höchststrafe. Das Urteil war ein staatlicher Racheakt, die
Hinrichtung ein Ritual der Vergeltung. Der Leichnam
Teskes wurde umgehend zum nahe gelegenen Leipziger
Südfriedhof geschafft und im Krematorium verbrannt.
Man begrub die Asche in einer Pappschachtel anonym in
einem Rasenstück.
Foto: BStU, MfS, HA IX, Nr. 24640, Bl. 63

Werner Teske - letztes Blutopfer der DDR-Justiz

Noch am selben Tag entließ die Stasi Sabine Teske aus


der Untersuchungshaft. Ihr wurde mitgeteilt, dass ihr
Mann soeben hingerichtet worden sei. Das Verfahren
gegen sie wegen angeblicher Mitwisserschaft stellte
man ein – in einem Prozess hätte das geheim gehaltene
Todesurteil gegen den Ehemann offenbart werden
müssen.

Das DDR-Regime verwischte die Spuren von Teskes


Exekution. Den Totenschein stellte das Standesamt
Stendal am 12. Juli 1981 aus. Danach war Teske im
örtlichen Krankenhaus an Herzversagen gestorben.
Unter ihrem Geburtsnamen und mit einer von der Stasi
erfundenen Legende wurde Sabine Teske erst in
Schwerin, später in Halle angesiedelt. Sie musste sich
verpflichten, über ihr bisheriges Leben zu schweigen.

Prämien für den Henker

Wie im Fall Teske praktizierte die DDR seit ihrer


Gründung die Todesstrafe in einer Mischung aus
Propaganda und Paranoia. Seit 1949 wurden mindestens
160 Verurteilte getötet, davon 64 wegen NS-Verbrechen,
52 wegen politischer Straftaten und 44 wegen
Tötungsdelikten. »Indem die Todesstrafe der Sicherung
und dem zuverlässigen Schutz unseres souveränen
sozialistischen Staates, der Erhaltung des Friedens und
dem Leben der Bürger dient, trägt sie einen
humanistischen Charakter«, rechtfertigte die DDR die
barbarische Strafe, die in der BRD 1949 abgeschafft
worden war.

1950 wurden in der DDR nach den berüchtigten


Waldheimer Prozessen gegen Tausende NS-Täter 24
Delinquenten von Offizieren der Volkspolizei stranguliert.
Das Oberste Gericht der DDR fällte 1952 sein erstes
Todesurteil: Johann Burianek, ein militanter Gegner der
SED-Diktatur, der einen Sprengstoffanschlag auf eine
Eisenbahnbrücke geplant hatte, wurde nach einem
Schauprozess wegen »Boykotthetze« in Dresden
geköpft.

Als Vorsitzende Richterin rechtfertigte die spätere DDR-


Justizministerin Hilde Benjamin die drakonische Strafe:
»Wir wären froh, wenn wir auf Todesurteile verzichten
könnten, aber unsere heutige Situation, die sich ständig
steigernden Angriffe gegen unsere Ordnung, gegen das
deutsche Volk, zwingt uns dazu, ... die Todesstrafe heute
noch anzuwenden.«

Schamhaft verschwieg die DDR die Exekutionen. Dass in


Dresden in den Fünfzigerjahren 61 Menschen mit der
Guillotine, im DDR-Jargon »Fallschwertmaschine«
genannt, enthauptet worden waren, kam erst im Mai
1990 ans Licht. Weil die Guillotine gelegentlich klemmte,
sodass die Köpfe erst nach mehreren Versuchen rollten,
wurde 1968 eine neue Tötungsart nach sowjetischem
Vorbild eingeführt: der »unerwartete Nahschuss in den
Hinterkopf«.

Die letzten 20 Hinrichtungen auf deutschem Boden,


nunmehr nach dieser Methode, vollzog Hauptmann
Hermann Lorenz, Abteilungsleiter im Leipziger
Strafvollzug. Für jede Exekution erhielt der
nebenberufliche Henker 150 DDR-Mark Prämie. Acht der
von Lorenz erschossenen Männer waren Mörder, sieben
waren wegen NS-Verbrechen, fünf aus politischen
Gründen verurteilt worden.

»Alles Käse, Genossen. Hinrichten«

Auch die beiden Todeskandidaten vor Teske waren


fluchtwillige Geheimdienstagenten. Am 10. Dezember
1979 exekutierte Lorenz den Stasi-Major Gert Trebeljahr,
der nach der Aufdeckung dienstlicher Verfehlungen
untergetaucht war und vergeblich Kontakte zur
Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin
und zum BND gesucht hatte. Am 18. Juli 1980 erschoss
Lorenz den ehemaligen Fregattenkapitän Winfried
Baumann. Er hatte sich dem BND mit angeblich
geheimem Wissen angedient, obwohl er bereits 1970 als
Abteilungsleiter der Verwaltung Aufklärung des
Ministeriums für Nationale Verteidigung wegen
Alkoholismus entlassen worden war.

Einige Verurteilte entgingen der Hinrichtung durch


Begnadigungen der Staats- und Parteichefs, erst Walter
Ulbricht, ab 1971 Erich Honecker. Bei kriminellen Tätern
machte Honecker von seinem Gnadenrecht großzügig
Gebrauch; der letzte Mörder wurde 1973 hingerichtet.
Einen fünffachen Sexualmörder bewahrte Honecker
1985 vor dem Todesurteil. »Der Mann ist doch krank«,
schrieb er auf die Vorlage der
Generalstaatsanwaltschaft, die die Höchststrafe
beantragen wollte.

Bei Teske übte Honecker sein Gnadenrecht nicht aus –


falls ihn das Gnadengesuch überhaupt erreicht hat. Auf
den Dienstweg über die im SED-Zentralkomitee
zuständige Abteilung Staat und Recht gelangte es
jedenfalls nicht.

Minister für Staatssicherheit Erich Mielke hatte einen


klaren Standpunkt zur Gnade gegenüber Abtrünnigen.
Zum Umgang mit ihnen empfahl er 1982: »Das ganze
Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht
Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn
notwendig auch ohne Gerichtsurteil.«

Erst sechs Jahre nach Teskes Hinrichtung befand die


SED-Führung, dass die Todesstrafe nicht mehr opportun
sei. Das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«
würdigte deren Abschaffung im Juli 1987 als
ȟberzeugenden Ausdruck des zutiefst menschlichen
Charakters unserer sozialistischen Staats- und
Gesellschaftsordnung«.

Geheuchelte Humanität

In Wahrheit ging es Honecker um die internationale


Reputation der DDR. Bei der Aufnahme in die Uno 1973
hatte sich der ostdeutsche Staat verpflichtet, die
Völkergemeinschaft über jedes Todesurteil zu
informieren – doch die DDR tötete einfach heimlich
weiter. Daran änderte sich auch nichts, nachdem
Honecker 1975 die KSZE-Schlussakte unterschrieben
hatte, worin sich die DDR zur Einhaltung der
Menschenrechte verpflichtete. Im September 1987
stand jedoch Honeckers Besuch in der Bundesrepublik
bevor; da machte es sich gut, Humanität zu heucheln.

Die Hinrichtungen versuchte die DDR bis zuletzt zu


vertuschen. In der Regierungszeit des letzten SED-
Ministerpräsidenten Hans Modrow begann die Leipziger
Gefängnisleitung, die Richtstätte noch schnell in ein
Küchenlager umzubauen. Mitarbeiter des Leipziger
Südfriedhofs, die mitbekommen hatten, wie angebliche
Anatomieleichen unter Aufsicht der Stasi im
Krematorium verbrannt worden waren, stellten Anfang
1990 bei der Bezirksstaatsanwaltschaft Leipzig Anzeige
gegen Unbekannt.

1993 hob das Landgericht Berlin das Urteil gegen


Werner Teske als rechtsstaatswidrig auf. Der ehemalige
Militärstaatsanwalt Heinz Kadgien und der beisitzende
Richter Karl-Heinz Knoche wurden 1998 zu jeweils vier
Jahren Gefängnis verurteilt; die Verfahren gegen den
Vorsitzenden Richter Fritz Nagel und den zweiten
Beisitzer wurden aus Krankheitsgründen eingestellt.

Der Bundesgerichtshof verwarf die Revision: »Auch unter


Berücksichtigung von DDR-Recht stellte die Verhängung
der Todesstrafe Rechtsbeugung dar.«