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Klausurskript Einführung in die Politikfeldanalyse

1. Vorlesung: Was ist Politikfeldanalyse? Zentrale Begriffe und Geschichte der Disziplin

1. Was ist Policyanalyse? Zentrale Begriffe und Grundlagen


 Der Gegenstand von Politik ist die Herstellung von Ergebnissen/ Entscheidungen, die für die
gesamte Gemeinschaft (eines Staates) verbindlich sind.
 Die Politik befasst sich hier mit Problemen und Zielen die das Gemeinwesen betreffen.
Begriffserklärung:
1. Polity
 Institutioneller und normativer Rahmen von Politik, die Form in der Politik gemacht wird .
(Institutionen/Gesetze,/Verfassung)
2. Politics
 Beschreibt die prozedurale Dimension politischen Handelns, der Prozess in dem politische
Entscheidungen entstehen (Interessen/Konflikte)
3. Policy
 Inhalt oder Ergebnis der Politik (z.B. neue Gesetze/politische Programme)

Policy als abhängige Variable:


 Die abhängige Variable (Policy), ist die Variable die erklärt werden muss.
 Erklärt wird die abhängige Variable durch die unabhängigen Variablen (Politics/ Polity).
 Dieses bedeutet, dass sich die politischen Ergebnisse (Policy) durch den Prozess in dem sie
entstanden sind erklären lassen.
Analysefokus:
1. Policy change → über einen Zeitraum
2. Policy variation → sektoral, vergleichend

1. Policy Output:
 Politikinhalt/ergebnis eines formalen Entscheidungsprozesses
2. Policy Outcome:
 Wirkung des Ergebnisses auf alle Betroffenen, Verhaltensänderung
3. Policy Impact:
 Auswirkungen von Policies (intendierte/nicht-intendierte Effekte)

 Policyanalyse analysiert Entscheidungsinhalte und Ergebnisse der Politik, dabei werden die
Bestimmungsfaktoren mit beachtet. Des weiteren setzt sich die Policyanalyse mit den
Folgewirkungen (bestimmter Entscheidungen) auseinander.
 Damit setzt sich die Policyanalyse mit dem Handeln der Regierungen auseinander.
 Untersucht wird außerdem Wirkung und Inhalt von politischem Handeln.
 Policyanalyse kennt man auch unter den Synonymen Politikfeldanalyse, public policy oder
Staatstätigkeitsforschung
 Policyanalyse untersucht Kommunen, Gemeinden, Bundesländer, Staaten, die EU oder
Länderregionen

Definition des Begriffes policy (Abgrenzung zu public policy):


 Der Begriff policy bezeichnet Handlungen/Strategien um bestimmte Ziele zu erreichen oder
Probleme zu lösen.
 Beispielsweise Ziele/Normen/Leitlinien in Firmen, Universitäten
Definition des Begriffes public policy (Staatstätigkeit):
 Der Begriff public policy bezeichnet Regierungshandeln (Ziele/Inhalt/Programme), oder die
Tätigkeiten/Maßnahmen eines Staates in unterschiedlichen Bereichen (Politikfeldern)
 Beispielsweise: Steuerpolitik, Umweltpolitik
 Dokumentiert sind policies beispielsweise in Regierungsprogrammen, Reden oder
Parteiprogrammen

Positive vs. Normative Policyforschung


 Positive Policyforschung
Das Zustandekommen von Politik und deren Effekte sollen erklärt werden
 Normative Policyforschung
Setzt sich damit auseinander wie eine bestimmte Politik gestaltet werden soll

Problemorientierte vs interaktionsorientierte Policyforschung


 Problemorientierte Policyforschung
Hier werden die Ursachen von politischen Problemen untersucht, es werden mögliche Lösungen
gesucht und analysiert welche Auswirkungen diese haben könnten. Bei der Problemdiagnose wird
häufig auf das Wissen aus anderen Disziplinen zurückgegriffen. Beispiel: Jugendgewalt →
Soziologie
 Interaktionsorientierte Policyforschung
Diese Forschungsrichtung beginnt damit, dass ein Problem analysiert wurde und eine mögliche
Lösung gefunden ist.
1. Sie fokussiert die politische Bearbeitung/Lösung des Problems
2. Zentrum der Analyse sind die Interaktionen zwischen den Akteuren (Handlungsspielräume,
spezifische Interessen, Ressourcen)
3. Welche Lösungsvorschläge werden gewählt? Warum scheitern effektive
Lösungsvorschläge? Warum verwässert man sachgerechte Lösungsvorschläge?

Komplexität von policy- making:


 Viele Akteure (politische Elite national/international, Bürger, Medien)
 Jeder Akteur hat eine spezifische Wahrnehmung (Interessen, Problemlösungen,
Handlungsfähigkeiten)
 Institutionen begrenzen den Handlungsspielraum
 Es gibt kein Vakuum (es existieren bereits Policies)
 Policy- making ist nie abgeschlossen
 Politikfelder haben viele Teilbereiche (policy subsystems)
 Die Politikfelder sind verzahnt und nicht klar abgrenzbar (Bsp. Familien- und
Umweltpolitik)

Geschichte der Policyanalyse:


 Junge Disziplin aus den USA und neben IB der bedeutendste Teilbereich der PoWi
 Hintergrund: Eine empirisch- analytische Neuausrichtung der Sozialwissenschaften
 Interdisziplinäre Problemlösungswissenschaft → Anspruch auf Betrag zur rationalen
Politikgestaltung
 Entstanden durch die Aufbruchstimmung der 1950/1960
 Ziel: Wissenschaft basierte Politikgestaltung (alle Methoden wie z.B. Statistik werden
genutzt)
 In Deutschland fand diese Entwicklung ähnlich, zeitlich aber später statt
 Vorläufer der Policyanalyse sind Polizeywissenschaft (gesamte Innenpolitik, stark normativ
→ Lehre von der guten Ordnung) und die Kameralistik (Frühform der Staats-
Verwaltungswissenschaft) im 17./18. Jahrhundert
 Polizeywissenschaft war eher Kunst als Wissenschaft
 Der Polizeybegriff ist heute verkürzt auf den Sicherheitsaspekt → Polizei

Staatstätigkeit (Umfang/ Steuerungsinstrumente des Staates)


 Der Staat ist in jeder Lebenslage tätig. Von der Geburt (Staatliches Krankenhaus) bis zum
Alter (Pflegeheim). Für jeden Bereich ist ein anderes Politikfeld zuständig
(Gesundheitspolitik/ Sozialpolitik)
Warum interveniert der Staat?
 Aufgabe der Politik ist die Legitimation von Programmen die Probleme
verfolgen/bearbeiten sollen (in einem Gemeinwesen), die nicht von den Bürgern bewältigt
werden können.
 Zu den zu lösenden Problemen zählen Koordinationsprobleme (rechtlicher Rahmen für
individuelles Handeln) oder Kollektivgutprobleme (Marktversagen)
 Der Staat interveniert durch:
1. Distributive Politik (Verteilung) → Staat finanziert Güter bzw. stellt sie bereit (privat/
öffentlich/meritorisch).
 Bei öffentlichen Gütern gibt es keine Konkurrenz im Konsum (z.B. Landesverteidigung)
 Meritorische Güter können marktförmig (unerwünscht) erzeugt werden und der Staat
erzwingt ihren Konsum (z.B. Bildung), organisiert aber auch die Bereitstellung.
 Private Güter können sich ausschließen und in Konkurrenz stehen, obwohl sie von Staat
bereit gestellt sind (z.B. Eisenbahn)
2. Regulative Politik (Gebote und Verbote)
 Der Staat reguliert durch Verbote/Gebote → Tempolimit, Rauchverbot
3. Redistributive Politik (Umverteilung)
 Der Staat verteilt um → Sozialleistungen, Steuern
 Von diesen Policytypen werden politische Konflikte geprägt.
 Der Umfang von Staatstätigkeit wird durch einen Indikator oder die Staatsquote
(Staatsausgaben) gemessen
 Die Folgen eines Anstieges der Staatsquote sind z.B. Transformation der Staatstätigkeit,
höhere Ausgaben (z.B. Sozialausgaben), zunehmende Regulierungsdichte und immer mehr
Einmischung in alle Lebensbereiche

2. Vorlesung: Der Policy- Zyklus

 Policyanalyse beschäftigt sich mit Politikergebnissen, Wirkungen etc.. Die Ergebnisse sind
Produkt eines komplexen Entscheidungs- und Problemverarbeitungsprozesses
Phasenmodelle:
 Der Zweck von Phasenmodellen ist, dass der Entscheidungs- und
Problemverarbeitungsprozess in mehrere Phasen/ Sequenzen unterteilt wird. Dieses dient
einer tiefenschärferen Analyse.
 Vorläufer der modernen Modell ist das Input- Outputmodell (D. Easton)
 Das politische System bekommt Inputs aus der Umwelt (national/international), diese
werden über Inputkanäle (Parteien/Verbände) gefiltert und dann vom politisch-
administrativen System in Outputs umgewandelt
 Policy-Output tangiert die Umwelt und generiert über Feedbacks neue Inputs. Die Umwelt
ist sowohl ein Stress als auch ein Feedbackfaktor
 Somit fordert und unterstützt der Input das politische System, während der Output
entscheidende Maßnahmen ergreift
 Kritisch ist hier, dass das politische System nur als rationale Entscheidungsmaschinerie
gesehen wird und das nicht klar wird was innerhalb des politischen Systems passiert (Black-
Box)
 Moderne Phasenmodelle sind eine Weiterentwicklung von diesem Modell. Der
Umwandlungsprozess wird (mit Rückgriff auf die Entscheidungstheorie) in mehrere Phasen
unterteilt.
 Politik ist ein rationaler Problemverarbeitungsprozess (Anleihen aus der Entscheidungs-
bzw. Planungstheorie)
Entscheidungstheorie vs. Policy-Prozess
Entscheidungstheorie Policy-Prozess
1. Problemdefinition → Problemdefinition
2. Zielsetzung → Agendasetting
3. Prüfung von Alternativen Programmformulierung
Entscheidung Alternativen
Entscheidung
4. Durchführung Implementation
5. Evaluation Policy- Evaluation
 Probleme lösen oder der Politikprozess läuft typischerweise in mehreren Schritten ab und ist
ein permanenter Kreislaufprozess → Policyzyklus
 Die Phasen sind die Problemdefinition, das Agenda- Setting, die Formulierung, die
Implementation, die Evaluation auf die dann die Terminierung folgt.
1. Problemdefinition:
 Ein Problem wird wahrgenommen da eine Diskrepanz zwischen dem Soll- und Ist-Zustand
herrscht.
 Das Problem und die Ursachen werden unterschiedlich perzipiert (räumlich, zeitlich, etc.)
 Die Problemdefinition prägt die Politik, das sie politische Lösungen vorstrukturiert
 Die Bearbeitung des Problems (Wahrnehmung, Prozess, Lösung) hängt immer von den
Akteuren ab
 Nicht alle Probleme werden durch kollektive Entscheidungen gelöst, der Staat behandelt vor
allem Koordinationsprobleme, Kollektivgutprobleme, Externalitätsprobleme und
Redistributionsprobleme
2. Agenda – Setting
 Das Problem wird thematisiert (passiert wenn es öffentlich gemacht wird oder einen
kritischen Wert übersteigt)
 Die Aufmerksamkeit auf spezielle Problemlagen ist eher selten da Agenda – Setting ein
selektiver Prozess ist.
 Agenda – Setting ist umkämpft, es herrscht ein Konflikt zwischen den Expandern (wollen
die breite Öffentlichkeit mobilisieren) und Containern (Akteure, die von dem Problem
negativ tangiert werden)
 „Framing“ der Probleme ist wichtig → nach Relevanz oder Schweregrad
 Es gibt eine Erstdefinition
 Akteure sind Politische Eliten, Medien, IO´s, etc.
 Die Politisierung eines Themas hat gute Chancen wenn das Thema die breite Öffentlichkeit
interessiert und die Medien als Themenverstärker wirken. → „window of opportunity“
 Agenda – Setting hat drei Formen:
1. Outside – initiative- model
 Das Problem wird von Außen in die Politik getragen (Medienberichterstattung), eine große
Öffentlichkeit ist entscheidend für den Erfolg
2. Mobilisation
 Problem (Issue) wird von politischen Entscheidungsträgern auf die Agenda gesetzt (top-
town agenda-setting)
3. Inside- access- model
 Agenda – Setting erfolgt weitgehend unter Ausschuss der Öffentlichkeit. Interessengruppen
wenden sich direkt an die Entscheidungsträger.
3. Programm- Formulierung
 Prüfung/Auswahl von Handlungsalternativen und Umsetzung von
Forderungen/Lösungsvorschlägen in Programme (policies)
 Prüfung von Alternativen (Kriterien/ Effizienz)
 Restriktionen (z.B. auf bestehende policies oder Rechtsvorschriften)
 Die Formulierung von Programmen hängt von den Akteuren ab (eigene Welt/Problemsicht),
außerdem basiert sie stark auf dem Rat von Experten und der Expertise der Verwaltung
 Bevor ein Programm das Parlament passiert finden formelle/informelle Verhandlungs- und
Austauschprozesse statt
 Akteure sind Experten, Verwaltung und Interessengruppen (Issue networks)
4. Implementation
 Programme (Policy- Output) müssen umgesetzt werden
 Instanzen sind gesellschaftliche Akteure und staatliche Verwaltungseinheiten
 Die Umsetzung erfordert eine inhaltliche Konkretisierung und Ressourcen (z.B. Personal)
 Großer Handlungsspielraum für die Vollzugsinstanzen, entscheidet über Erfolg oder
Misserfolg (policy impact)
5. Evaluation
 Bewertung von Wirksamkeit und Effizienz einer policy (Wurden die Ziele effizient
erreicht?)
 Die Evaluationsphase ist eine Rückkopplungsschleife, werden Defizite festgestellt beginnt
der Politikzyklus von vorne
 Die Akteure können privater (Steuerzahler) oder öffentlicher (Verwaltung) Natur sein
6. Terminierung
 Beendigung einer Policy (selten)
 Ursachen können ideologische Gründe sein, oder die Policy ist unwirksam, war zeitlich
befristet (Abwrackprämie) oder es herrscht ein finanzieller Engpass
 Beispiele: Aufbau Ost, Kriegsopferversorgung
Stärken des Phasenmodells:
 Betont die Prozessperspektive und hat einen hohen beschreibenden Nutzen
 Erlaubt ein besseres Verständnis/ eine bessere Beschreibung eines komplexen, dynamischen
Prozesses (Phasenheuristik)
Schwächen des Phasenmodells:
 Phasen lassen sich nicht klar abgrenzen
 Politische Problemverarbeitung ist kein linearer/logischer Prozess, Politik handelt nicht
rational
 Der Policy- Zyklus ist oft unvollständig
 Entscheidungsprozesse finden oft parallel oder miteinander verkoppelt statt (z.B. log-
rolling)
 Es ist kein Kausalmodell (es werden keine kausalen Einflussursachen genannt)

3. Vorlesung: Steuerungsinstrumente:

 Der moderne Staat hat 4 Dimensionen (chronologisch)


1. Ressourcendimension
 Der Territorialstaat kontrolliert materielle und militärische Ressourcen
2. Rechtsdimension
 Beschränkung von Macht durch Recht
3. Legitimationsdimension
 Demokratische Rückverbindung von Recht
4. Interventionsdimension
 Interventions- und Wohlfahrtsstaat
Diese 4 Dimensionen sind nach 1945 entstanden, um sie zu erfüllen bedient sich der Staat
unterschiedlicher Steuerungselemente.
 Sicherstellung wichtiger Güter und Ressourcen durch:
 Die Hoheitsrechte des Staates
 Den Staat als Anbieter von Gütern und Dienstleistungen
 Beeinflussung gesellschaftlichen Handelns (direkt/indirekt) durch:
 Direkt (Zwang): Regulative Politik
 Indirekt (Anreize): Finanzierung, Strukturierung, Überzeugung
1. Staatliche Hoheitsrechte:
 Sind die Kernaufgaben des Staates und machen staatliches handeln erst möglich (werden
staatlich administriert)
 Beispiele: Polizei, Steuern/Finanzen, Justiz, Außenbeziehungen, Verteidigung
2. Der Staat als Anbieter von Gütern und Dienstleistungen
 Staat stellt Güter bzw. Dienstleistungen bereit (Marktversagen oder Paternalismus)
 Beispiele: Wohlfahrt, Kultur, Bildung, Forschung, Umwelt
 Netzbasierte Infrastruktur → Eisenbahn. Energie, Wasser, Post und Telekommunikation
3. regulative Politik (direkter Einfluss auf gesellschaftliches handeln durch Zwang)
 Sicherstellung von normgerechten Verhalten durch Gebote/Verbote
 Sanktionierung von regelwidrigem Verhalten (Tempolimit)
 geringe Durchführungskosten/ hohe Überwachungskosten
4. Finanzielle Anreize (indirekter Einfluss auf gesellschaftliches Handeln)
 Steuern/Subventionen als Lenkinstrumente „mit Steuern steuern“ → unerwünschtes
Verhalten besteuern, erwünschtes Verhalten belohnen
 Beispiele: Tabaksteuer, Kinderbetreuung, Steuervergünstigungen
5. Strukturierung (indirekter Einfluss auf gesellschaftliches Handeln)
 Der Staat stellt Organisationshilfen und Infrastruktur bereit um Handlungs- oder
Kooperationsmöglichkeiten anzubieten (Verhaltensangebote), die Nutzung ist freiwillig
 Beispiele: Selbsthilfeeinrichtungen
6. Überzeugung (indirekter Einfluss auf gesellschaftliches Handeln)
 Staat versucht Individuen zu beeinflussen, z.B. über Werbung oder Information → „weiche
Steuerung“
Der Wandel von Staatstätigkeit → von Government zu Governance
 Nach 1945 war der Hauptakteur in der politischen Steuerung der Staat
 Interventionsstaat wächst stark an
 Aufgabenerfüllung mittels hierarchischer Steuerung (top down) = Government
 In den letzten 20 Jahren ist ein Wandel in der Staatstätigkeit zu beobachten. Hierarchische
Steuerung geht zurück es wird jetzt „verhandelt“
 Der Interventionsstaat wurde von 2 Seiten kritisiert (kooperativer vs. neoliberaler Staat)
Neoliberaler Staat:
 Der neoliberale Staat hat einen schlanken Staat mit Selbstheilungskräften des Marktes zum
Ziel
 Rückzug des Staates auf seine Kernaufgaben (Steuern, u.a.), dieses betrifft vor allem die
Interventionsstaatlichkeit.
 Instrumente:Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung
 Hintergründe: Wirtschaftskrise (1970), technische Veränderungen, Zusammenbruch des Ost-
Blocks
Kooperativer Staat:
 Gesellschaftliche Akteure und Individuen sollen aktiv am Geschehen beteiligt sein
 Staat agiert nicht mehr über hierarchische Struktur und Zwangsinstrumente sondern setzt auf
Verhandlungen und Zusammenarbeit (Selbstorganisation)
 Staat wird nicht zurückgedrängt, sondern übernimmt koordinierende Aufgaben(Governance)
 Hintergründe sind die höhere Komplexität von Problemen, Globale Probleme und die immer
stärkere Forderung nach Autonomie (Kritik an staatlicher Bevormundung)
Governance:
 Wandel von Staatlichkeit führt zu neuen Regierungsmethoden/ Steuerungsinstrumenten →
nennt sich Governance (stammt aus der Ökonomie → corporate governance)
 In der IB beschreibt es Herrschaftsstrukturen in nicht hierarchischen Systemen
 Begriffsinhalt:
 Governance bedeutet Regierung/Steuerung unter Einbeziehung Nicht-Staatlicher Akteure
(auch außerhalb des Nationalstaates)
1. Oberbegriff für alle Formen sozialer Handlungskoordination
2. Gegenbegriff zu hierarchischer Steuerung (Governance → Government)
 enges Zusammenwirken zwischen Staat und gesellschaftlichen Akteuren (Netzwerke)
 Steuerung durch Koordination
 gleichzeitige Existenz unterschiedlicher Steuerungsformen
 Der Staat hat hier Gesellschaft bekommen, besitzt aber eine Letzt - Verantwortung
 Kritisch gesehen ist es ein „Modebegriff“ weil die beschriebenen Phänomene nicht neu sind
Wandel von Steuerungsinstrumenten:
 Neoliberale und Kooperative Steuerungsinstrumente setzten sich immer mehr durch, daraus
folgt der Trend von direkten zu indirekten Steuerungsinstrumenten
 Privatisierung von Gütern (Staat zieht sich immer mehr zurück)
 Marktförmige Steuerung → z.B. New public Management
 Mehr Regulierung
 Empowerment dezentraler Einheiten → Strukturierung
 Mehr Informationen, mehr Überzeugung → Positive und negative Anreize
 Beispiele: Privatisierung von Banken und der Bahn (Metronom)
 Die Privatisierung heißt aber nicht Entstaatlichung, der Staat reguliert den Wettbewerb
zwischen den Privatanbietern (Wandel der Staatsintervention)
 Die Regulierungsbehörden sind unabhängig

4. Vorlesung: Akteure und Akteurskonstellationen

 Neben der verschiedenen Phasen kann auch die Binnenstruktur in Politikfeldern untersucht
werden → behandelt die zentralen Komponenten des Policyprozesses (daraus entsteht der
Policyoutput)
 z.B Akteure/ Akteurskonstellationen, Interaktionsformen, Institutionen
Akteure:
 Politik von Menschen gemacht, es handeln Akteure (überwiegend komplex)
 Das „Können“ von Akteuren variiert
 Charakterisiert sind Akteure durch:
a) Präferenzen (Handlungsorientierungen) → „Wollen“
 Stabil (Rational choice) oder durch Argumente/ Lernen veränderbar
 werden durch ein Problem aktiviert/ spezifiziert
 Beziehen sich auf auf die Bewertung des Status Quo, auf die Ursachen, die verschiedenen
Möglichkeiten der Handlungsoptionen/Lösungen (Was ist wirksam/wünschenswert?) und
auf die Ergebnisse
 sind empirisch schwer erfassbar (Handlungsorientierungen sind nicht beobachtbar)
 Aufgliederung in 4 Dimensionen (Modularisierung):
1. Eigeninteresse → Präferenzen zu Gunsten von Selbsterhaltung, Autonomie, Wachstum
2. Normative Rollenerwartungen → Erwartungen an Inhaber bestimmter Positionen (z.B ,
Gewerkschaften, Banken)
3. Identitäten → selektive Selbstbeschreibung (z.B. Identität innerhalb einer Organisation)
4. Handlungs- Interaktionsorientierungen → relationale Dimension
 Idealtypische Interaktionsorientierungen
Beschreibung von Interaktionsorientierung für zwei Personen: X (Ego), Y (Alter)
Ux = subjektiver Gesamtnutzen der Person X: Ux = aX+bY
a, b = Parameter (-1, 1); X,Y Auszahlungen
 Interaktionsorientierungen:
Individualistisch (egoistische Nutzenmaximierung):
Ux = 1X + 0Y
Solidarität (kooperativ): Ux = 1X – 1Y
Wettbewerb: Ux = 1X – 1Y
Altruismus: Ux = 0X+ 1Y
Feindschaft: Ux = 0X – 1Y
 Weitere Interaktionsorientierungen:
Ux = -1X+0Y Ux = -1X+1Y Ux = -1X-1Y Ux = 0X-0Y

b) Fähigkeiten (Handlungsressourcen)
 Sind die Voraussetzungen dafür, dass die Präferenzen policywirksam werden
1. Persönliche Merkmale (Intelligenz, rhetorisches Geschick, physische Stärke)
2. Materielle Ressourcen (Geld, Land, Information, militärische Macht)
3. Institutionelle Handlungsressourcen → zentral (Entscheidungskompetenzen, Vetorecht,
Mitwirkungsrecht)
Akteurstypen:
1. Komplexe Akteure

 In der Policyforschung dominieren komplexe Akteure (Ansammlung von Individuen)


 Individuum handelt, komplexe Akteure sind trotzdem autonome Handlungseinheiten
 Angenommen wird, dass die Fähigkeit zum zielgerichteten Handeln vorhanden ist (oberhalb
der Ebene der Individuen), hergestellt wird diese Fähigkeit durch interne Willensbildung
 komplexe Akteure können über akteurstheoretische Begriffe analysiert werden
 Analyse : komplexer Akteur als Handlungseinheit mit bestimmten Ressourcen, diese werden
für ein Ziel eingesetzt (strategisch), alle Individuen üben eine soziale Rolle aus
( repräsentative Funktion), Die Präferenzen sind homogen, Konflikte können intern gelöst
werden
Akteurstypen nach Scharpf(wichtig: empirisch nicht immer klar abgrenzbar!: Siehe Folie 13
2. Korporative Akteure

 Sind relativ unabhängige Organisationen, die hierarchisch gesteuert werden


 Hierarchische Führung (Handlung getrennt von Mitgliedern, können höchstens
wählen/abwählen)
 korporative Akteure können Ziele und Fähigkeiten haben, die unabhängig von den
Präferenzen der Individuen sind, denen sie dienen sollen
 Effizienz/Effektivität oft höher als bei kollektiven Akteuren

3. Kollektive Akteure

 von Präferenzen der Mitglieder abhängig,Individuen handeln selbständig


 3 Dimensionen:
a) Gemeinsame vs. getrennte Handlungsressourcen
b) Separate vs. kollektive Ziele
c) Entscheidungsmodus

3. a Kollektive Akteure: Koalition

 Freiwilliges Arrangement zwischen Akteuren (Austrittsoption), Separate, aber im


Wesentlichen vereinbare Ziele, Separate Handlungsressourcen, Keine institutionalisierte
Führungsstruktur, Können sich nur auf Strategien einigen, von den die Mitglieder glauben,
dass sie ihren eigenen Interessen dienen (soziale Bewegung)
 Entscheidungsmodus: Vereinbarung
 Freiwillige Kooperation, kollektive Ziele (moralisch, ideologisch), Mitglieder weit
verstreut, entscheiden im Konsens (Anti-Atomkraft-Bewegung)
 Auch in Clubs zu finden → freiwillige Mitgliedschaft, Separate Ziele (individuelles
Eigeninteresse), kollektive Handlungsressourcen (z.B. Mitgliedsbeiträge), Formalisierte
Entscheidungsstruktur (Mitarbeiterstab, Sekretariat) , Entscheidungsmodus (meist
Abstimmung)
 Beispiele: Interessenorganisationen, Internationale Organisationen mit
Dienstleistungscharakter (OECD)

3. b Kollektive Akteure: Verbände

 Kollektive Ziele, Kollektive Ressourcen. Mitgliedschaft: freiwillig oder obligatorisch


 Grundsätzlich Bottom-up Struktur: Verband soll Interessen der Mitglieder (= principal)
wahrnehmen. Handlungsressourcen befinden sich unter kollektiver Kontrolle und die
Entscheidungskompetenz über ihren Einsatz liegt in den Händen einer Führung (=agents)
 Entscheidungsmodus: Abstimmung
 Beispiel: Unternehmerverbände, Gewerkschaften → siehe auch Tabelle Folie 20

Kollektive vs. korporative Akteure: Probleme

 Probleme kollektiven Handelns: Mancur Olson: The Logic of Collective Action (1965)
 Kollektives Handeln ist schwierig und die Chancen dazu ungleich verteilt
 Es soll durch kollektives Handeln ein öffentliches Gut hergestellt werden
 Problem: Individuen haben Anreiz zum Trittbrettfahren  ohne selektive Anreize kommt
kein kollektives Handeln zustande
 Free-riding tritt nicht in Gruppen auf, wenn nur aktive Gruppenmitglieder von den
Ergebnissen kollektiven Handelns profitieren
 Kleine Gruppen sind erfolgreicher (durchsetzungsfähiger) als große Gruppen
 Gründe:
 Pro-Kopf-Ertrag von erfolgreichem kollektiven Handeln ist in Kleingruppen größer
 Organisationskosten steigen mit Gruppengröße
 Folgen:
 Anreiz zu kollektivem Handeln sinkt mit steigender Gruppengröße: Großgruppen sind
weniger fähig im kollektiven Gruppeninteresse zu handeln  kleine, gut organisierte
Gruppen bilden Verteilungskoalitionen (Olson 1982)
 Beispiel: Energiekonzerne vs. Alleinerziehende
 Probleme korporative Akteure:
 Probleme kollektiven Handelns können durch Gründung einer Organisation behoben werden
(Delegation von Entscheidungskompetenzen an Spezialisten, die im Auftrag der Mitglieder
handeln)
Prinzipal-Agent Problem:
 Eigeninteressen der agents, eingeschränkte Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten durch
Prinzipal
 Organisationsdilemma: Soll dem Willen des Prinzipals entsprochen werden, sind hohe
Kontrollrechte nötig, daraus folgt wenig Entscheidungsfreiheit für die Agents. Mindert die
Organisationsvorteile/ reduziert die Handlungsfähigkeit des korporativen Akteurs
Welche Akteure sind am Politikprozess beteiligt?
1. Tauschtheoretischer Ansatz:
 Beteiligt sind alle Akteure mit Ressourcen und Leistungen (Für die Produktion einer
bestimmten öffentlichen Politik notwendig)
2. Institutionalistischer Ansatz:
 Akteure, die institutioneller Formalstruktur (Verfassung) Entscheidungsbefugnisse haben
3. Differenzierungstheoretischer Ansatz:
 Arbeitsteilung zwischen Akteuren (mit institutionellen Handlungsressourcen) und (privaten)
Akteuren, die über relevante Ressourcen verfügen. Die Mitwirkung letzterer wurde in der
Vergangenheit im Zuge gesellschaftlicher Differenzierung institutionell abgesichert (z.B.
Verbände von Arbeit & Kapital)
Phasenmodell und Strukturanalyse, Phasenmodell und Strukturanalyse: Deutschland: Siehe Folie
25-26
Akteurskonstellationen:

 Politik ist für die Herstellun kollektiv verbindlicher Entscheidungen zuständig, hierfür
agieren viele unterschiedliche Akteure miteinander
 Individuelles Handeln ist selten, wichtig sind Akteurskonstellationen
 Welche Akteure beteiligt sind (Politikprozess) muss empirisch geklärt werden
 Wie?
1. Messung von den akteursspezifischen Interessenpositionen
 Befragung der Akteure zu Policypositionen
 Distanzen/ Ähnlichkeiten von Akteurpositionen (z.B. euklidische Distanz)
2. Clusteranalyse
 Beispiel → Privatisierungspolitik (V.Schneider) vgl. Folie 29
3. Akteursnetzwerke
 Politikfelder zeichnen sich oft durch ziehmlich stabile Akteurkonstellationen &
Beziehungsstrukturen aus
 Netzwerke sind organisatorische Beziehungsgeflechte (keine durchgängige hierarchische
Struktur/ trotzdem eine gewisse Dichte/ Dauerhaftigkeit in den Beziehungen)
 Akteure der Netzwerke können staatlich oder nicht staatlich sein
4. Netzwerkanalyse-->
 Ist ein beziehungsstruktureller Ansatz um Dauerhafte Ordnungs- bzw. Austauschmuster zu
identifizieren (in einem Netzwerk)
 Akteure& ihre Stellung (Status/Gewicht) im Netzwerk werden identifiziert →
Identifizierung Vor- oder Nachteiliger Strukturpositionen
 Beziehungen werden analysiert (Art/Intensität von Kontakten)
 Die Existenz von Teilnetzwerken wird untersucht (Cliquen /Cliquenbildung)
 Alle relationalen Akteursbeziehungen geben Aufschluss über Akteurspositionen &
Machtverhältnisse in einem Politikfeld
 Policy ist das Ergebnis aus den Machtverhältnissen innerhalb dieser Beziehungsstruktur

Die Analyseschritte der Netzwerkanalyse:


1. Wer gehört dem Netzwerk an (Akteure) ?
2. Welcher Art sind die relationalen Beziehungen zwischen den Akteuren? → Relationsinhalt:
Kommunikation/ Information, Transaktion der Ressourcen (z.B. Geld/ Land), Besitz,
Verwandtschaft, etc.
3. Wie stark ist die Beziehung zwischen den Akteuren, d.h. Wie häufig und intensiv treten sie
miteinander in Kontakt? → Relationsintensität
4. Welcher Richtung sind die Relationen? → Verlaufen die Transaktionen einseitig oder
wechselseitig?
 Hier Information über Befragung, Sekundärquellen und Beobachtung um Netzwerkdaten zu
gewinnen (ex – post)
Darstellungs- und Analyseinstrumente:
1. Graphen
 Akteure → Knoten
 Relationen → Kanten
2. Matrizen
3. Netzwerkanalytische Maßzahlen

A) Gradzentralität
 Existenz/Häufigkeit von Beziehungen
B) Nähezentralität
 Länge der Beziehungskette
 Akteur ist in vorteilhafter Position wenn er möglichst viele andere Akteure mit wenig
Beziehungsschritten erreichen kann
C) Prestige/ Status
 Intensität der Beziehungen.
 Hohes Prestige (Akteur) wenn viele Beziehungen zu anderen Akteuren unterhalten werden,
diese müssen wiederum auch viele Beziehungen unterhalten
D) Netzwerkdichte (Netzwerke im Vergleich )
 Anzahl der tatsächlichen Beziehungen in Relation zu theoretisch möglichen Beziehungen

 Netzwerke werden durch eine Spezialsoftware visualisiert


 Beispiele Matrix bzw. Graphendarstellung
 Beispiel zu Graphen → Netzwerk der Medici / Terrornetzwerk Noordin Mohammad , vgl
Folie 35 -37

5. Vorlesung: Institutionen

Wiederholung (Institutionen)

 Policy → Das Ergebnis von Polity (normativer Rahmen) & Politics (Prozess)
 Institutionen als Regel und Normsysteme strukturieren die Spielregeln und den daraus
resultierenden Handlungsspielraum (Rechte/ Pflichten von Akteuren bzw. „Können“)
 Die Regeln sind nur begrenzt veränderbar. Bei Verletzung drohen Sanktionen.
 Das Ergebnis von Institutionen erleichtert die Interaktion → Es ermöglicht stabile
Erwartungen hinsichtlich des Handelns (Erwartungssicherheit)
 Soziologischer Ansatz: Handeln im großem Kollektiv wird ermöglicht. Reduktion von
Komplexität

Regelsysteme (Institutionen

 Es gibt formelle und informelle Regelsysteme.

1. Informelle Institutionen → Bekleidungsvorschriften, Etikette, Begrüßungsrituale


(Beispiele)
 „Institutionalisiert „ durch wiederholte Anwendung & soziale Konstruktion
 Sind gegebene „soziale Fakten“, diese werden durch Anwendung reproduziert
 Gebräuche, Kulturelle Normen/Werte und Konventionen
 Sanktionen → Reputationsverlust, soziale Ächtung
2. Formelle Institutionen → Kodifizierte Regelsysteme (Sammlung von Normen in einem
nachschlagbarem Regelwerk)
 Beispiele: Verfassung, Spielregeln, Gesetze , politische Institutionen

Institutionelle Theorien im Überblick

1. Alter Institutionalismus
 Staats- und Verfassungslehre bis 1950)
 Beschreibung/ Vergleich formeller politischer Institutionen (Staatsorgane)
 Abgelöst durch behavioristische Revolution (1950/60)
 Fokussiert auf das Verhalten von Akteuren (Wähler/ Politiker/ Parteien)
2. Neuer Institutionalismus
 Gegenbewegung zu den Behavioristen → „Bringing the State back In“
 Verhalten von Akteuren wird institutionell konfiguriert (Institutioneller Zusammenhang)
 3 Varianten:
A) Rational choice Institutionalismus
 Theorie rationaler Entscheidungen → Entscheidung nach Abwägung von Kosten & Nutzen
 Wahl einer Handlung basiert auf : „Logic of consequences“
 Mikroökonomie auf die Politik übertragen
 Individuen als Nutzenmaximierer
 Institutionen → Verhaltensbeschränkungen (für egoistisch rationale Nutzenmaximierung)
 Präferenzen sind eindeutig und stabil (exogen)
B) Soziologischer Institutionalismus
 Individuen sind in einen sozialen Kontext eingebettet
 Handlungen gleitet durch → Normen, Überzeugungen, soziale Rollen, Erwartungen, situativ
(„ Logic of appropriateness“ → heißt einer bestimmten Situation angemessen)
 Präferenzen geprägt durch → soziale Interaktionen, soziales Umfeld (nicht exogen)
 Institutionen → Ein Produkt sozialer Interaktion (veränderbar) (verfestigen sich wenn
Akteure wechselseitig bestimmte Erwartungen erfüllen)
 Erhöhen Vorhersehbarkeit sozialer Interaktionen und reduzieren Komplexität (Beispiel:
Geld)
C) Historischer Institutionalismus
 Entscheidungen/Handlungen in der Vergangenheit beeinflussen aktuelle Wahlchancen
 Frühe Entscheidungen beeinflussen spätere (in einem sequentiellen Prozess). Grund:
Kosten für den Pfadwechsel steigen und damit die Freiheitsgrade der Akteure abnehmen
(Pfadabhängigkeit)
 Beispiel: Bildungsweg
 Auch bei ineffizienten Pfaden (Gründe: Kosten/ Lerneffekte)
 Ursachen der Pfadabhängigkeit:
 Illustration Polya- Prozess
 Urne mit 2 Kugeln (rot und schwarz); Farbe die gezogen wurde wird zusätzlich in die Urne
gelegt
 Was passiert? Increasing returns; Sequenz ist entscheidend  Frühe Entscheidungen haben
größeren Einfluss als spätere
Ursachen für increasing returns/ positive Feebackeffekte:
 Hohe Fix- Kosten
 Lerneffekte
 Koordinierungseffekte (Nutzen einer Technologie erhöht sich wenn andere diese auch
nutzen)
 Adaptive Erwartungen → Das richtige Pferd auswählen

Wie ist grundlegender institutioneller Wandel möglich?

1. Critical junctures (exogen)


 Exogener Schock, Systemerschütterung sorgen für einen abrupten Pfadwechsel
2. Gradueller institutioneller Wandel mit systemtransormierender Wirkung (endogen)
 5. Formen für graduellen Wandel
 Displacement → Substitution (Ein Element ersetzt ein anderes)
 Layering → zusätzliches institutionelles Element
 Drift → Erosion von Institutionen
 Conversion → Umwandlung (Neue Ziele/Funktionen)
 Exhaustion → eher Zusammenbruch als Wandel (trotzdem graduell)

5 Formen institutionellen Wandels nach Streeck & Thelen (2005, p. 31)

Displacement Layering Drift Conversion Exhaustion

Definition Slowly rising New elements Neglect of Redeployment Gradual


salience of attched to institutional of old breakdown
subordinate existing maintenance institutions to (withering
relative to institutions in spite of new purposes away) of
dominant gradually change external institutions
institutions their status and change over time
structure

Mechan- Defection Differential Deliberative Redirection, Depletion


ism Growth neglect reinter-
pretation
Elabor- Rediscovery New fringe eats Change in Changing Over-
ation and activation into old core, institutional contextual extension:
of dormant or new institutional outcomes conditions and limits to
latent layer siphons off effected by coalitions growth
institutional support for old neglecting open up
resources layer adaption to space for
changing redeployment
circumstances
1

1. Politische Institutionen
 Verfassung (Spielregeln):
 Akteure (Kompetenzen, Mitwirkungs- und Vetorechte)
 Entscheidungsverfahren (z.B einfache Mehrheit, Supermehrheiten, Wahltag)
 Ressourcenverteilung
 Konfigurieren: Akteursstrategie, Konstellationen und Interaktionsformen
 Vielfalt politischer Institutionen:
 Politische Systeme zeichnen sich auf Grund unterschiedlicher institutioneller Spezifika
durch unterschiedlich große Machtkonzentration aus (institutionelle Vetopunkte) →
 Staatsstruktur, Wahlsystem, Macht der Judikative, System der Interessenvermittlung,
Demokratietypen
 unterschiedliche Handlungsspielräume für Akteure
2. Institutionelle Effekte auf Policymaking
 Timing und Tempo von Reformen → langsame vs. Schnelle Politikwechsel
 Reichweite/Muster: stop&go vs. Kontinuität (inkrementell vs. Radikale Kursänderungen)
 Interaktionsformen (politics): Verhandlungen vs Mehrheit

Akteurszentrierter Institutionalismus

Zusammenführung von Akteuren und Institutionen,

 Von Renate Mayntz und Fritz Scharpf (1970) entwickelt


 Ansatz zu Analyse pol. Prozesse in Abhängigkeit von:
 den Interaktionen individueller/komplexer Akteure mit spezifischen Fähigkeiten und
Orientierungen (finden in einem institutionellen Kontext statt)
 Untersucht werden Akteure und Institutionen
Kernelemente:
 Handlungstheoretische + institutitionalistischer + strukturalistischer Ansatz
(Zusammenführung)
 Verhaltensannahme: Individuen handeln zweckgerichtet aber nicht zwangsläufig als perfekt
informierte und rationale Nutzenmaximierer
 Institutionen sind formelle und informelle Regelsysteme  strukturieren
Handlungsverläufe; nicht determinieren
 Institutionen als Handlungskonte
Vorgehensweise ( 3 Schritte):

1. Ausgangspunkt → Problem. Dieses wird auf die im Entscheidungsprozess


relevanten Akteure projiziert
2. Dadurch ergibt sich ein Bild davon inwiefern die Akteure bei der Problem Lösung
Konflikte haben bzw. übereinstimmen
3. Für die Lösung des Konfliktes (Politikergebnis) müssen die Interaktionsformen und
die institutionellen Kontexte betrachtet werden
4. Unterschiedliche Interaktionsmodi führen manchmal zu unterschiedlichen
Politikergebnissen
Akteurszentrierter Institutionalismus

Institutioneller Kontext

Akteure
Inter- Politische Ent-
Probleme Akteurskon-
Handlungs- aktions- scheidungen
stellationen
orientierungen, formen
Fähigkeiten

Politik-Umwelt

29 29

6. Vorlesung : Interaktionsformen

1. Entscheidungsverfahren:
 Ausgangspunkte: Policy- making basiert auf langen Entscheidungsketten (Agenda – Setting
u.a.)
 Typisch : Konfliktkonstellation → Konsens kann nicht vorausgesetzt werden
 Interaktion strategisch handelnder Akteure
 Entscheidungsregeln institutionell festgelegt → Wer entscheidet, welches Verfahren kommt
zu Anwendung?
 Entscheidungsverfahren → Leistungsfähigkeit:
1. Einseitiges Handeln
 Keine wechselseitige Verpflichtung der Akteure → institutionsfreier Raum (anarchisches
Feld)
 alle Strategien können von Akteuren genutzt werden → durch strategische Gegenreaktion
anderer Akteure begrenzt
 Permanente Kommunikation für Vereinbarungen möglich → Vereinbarungen nicht bindend
2. Hierarchische Steuerung
 Steuerung durch Befehl/Anordnung (regulative Politik)
 Vorteil: schnelle, effektive Entscheidungen, dabei sehr geringe Kosten
 Nachteile; Information/ Kapazitätsprobleme der Organisationsspitze (sachlich angemessen?)
 Überstürzte Entscheidungen (Qualität?)
 keine Orientierung am Gemeinwohl, Nutzenmaximierer sind Politiker/ Bürokraten
(Principal – Agent- Problem)
 In einigen Politikfeldern wirkungslos
 Legitimationsproblematik
3. Mehrheitsentscheid
 Vorteile:
 fair & legitim (one man, one vote)
 geringe Entscheidungskosten
 universell Einsetzbar
 prinzipielle Reversibilität (Umkehrbarkeit) von Entscheidungen
 Nachteile:
 Nicht sachgemäße Entscheidungen (bei komplexer Materie)
 Mehrheitsregel basiert auf relativer Homogenität → Problem bei Minderheiten (z.B. sozial)
 Manche Entscheidungen sind praktisch irreversibel
 Nicht immer effektiv → zyklische Mehrheiten (Condorect – Paradox)

Condorect- Paradox:

 binäres Abstimmungsverhalten, Reihenfolge der Durchgänge entscheidet über Abstimmungsausgang


 Bsp.: Ich präferiere A (Person 1), lasse zunächst zwischen B und C abstimmen, B gewinnt,
Abstimmung zwischen
 A und B, A gewinnt;
4. Verhandeln / Konsens
 Vorteil: Zustimmung aller Beteiligten inkl. Minderheiten
 Hohe Legitimation/ Integrationswirkung (Lijphart → „Verhandlungsdemokratien“)
 Coase Theorem: rationale & vollständig informierte Individuen können selbstständig ein
soziales Optimum erzielen (Probleme lösen)
 Kosten hierfür sind gering
 Nachteile:
 Ineffektiv bei Veto – Blockade
 Hohe Transaktionskosten (je mehr Akteure desto mehr Kosten)
 langwierige Entscheidungsprozesse
 Dysfunktional → Ergebnis entspricht dem kleinsten gemeinsamen Nenner
 Verhandlungen zu Lasten Dritter
 Fazit: Viele Voraussetzungen
 Es besteht ein Verhandlungsdilemma wenn:
a) egoistische & gemeinschaftliche Handlungsorientierungen miteinander vereinbart werden
müssen
b) Produktion & Verteilung von Kosten und Nutzen gleichzeitig gelöst werden müssen
 Ergebnis/Leistungsfähigkeit von Verhandlungen (Abhängig von 7 Bedingungen):
a) Verhandlungstypus
 Vier Verhandlungstypen (unterscheiden sich hinsichtlich der Intensität des
Verhandlungsdilemmas):
 Gemessen wird die Intensität von Produktion/ Verteilung vgl. Folie 17, Beispiel auf Folie 18
 1. Spotverträge → negative Koordination (Nur Zustimmung/Ablehnung von Vorschlägen)
 2. Distributives Bargaining → Verteilung von Kosten
 3. Problemlösung → nur Nutzenproduktion (gemeinsame Realisierung besserer Projekte)
 4. Positive Koordination → Verteilungsfragen & Nutzenproduktion müssen gleichzeitig
gelöst werden
 Exkurs: Wohlfahrtskriterien (in beiden Konzepten Verteilungsgerechtigkeit ausgeklammert):
 1) Pareto – Optimum → Niemand kann besser gestellt sein, ohne einen anderen schlechter
zu stellen
 2) Kaldo – Wohlfahrtskriterium → Bestes Ergebnis ist das mit dem meisten
Gesamtnutzen (vorzuziehen). Nutzen der Gewinner muss den Verlust der Verlierer
kompensieren
b) Institutionelle Ausprägung von Verhandlungssystemen
 Freiwillige Verhandlungen (heißt Verzicht auf Mehrheitsentscheid oder hierarchische
Steuerung) → Bei Scheitern der Verhandlungen drohen schlechtere Ergebnisse auf Basis
von anderen Verfahren
 Beispiel: Korporatismus
 Zwangsverhandlungssysteme → Bei Scheitern kein Ergebnis
 Beispiele : Änderung EU- Verträge, Politikverflechtung
c) Konfliktstrukturen (Verhandlungsgegenstände)
 Materielle Konflikte (EU- Haushalt)
 Institutionelle Konflikte (Kompetenz)
 Ideelle Konflikte (normativ)
 Konflikte können eindimensional (nur Geld) oder mehrdimensional (Kompetenz &Geld)
verlaufen
d) Interessenkonstellationen (Verhandlungspartner)
 Einigungschancen sind abhängig davon ob die Interessen als:
 kompatibel oder antagonistisch eingeschätzt werden
 Einigungschancen schwinden mit zunehmender Teilnehmerzahl (viele Interessen unter
einem Hut → hohe Transaktionskosten)
e) Handlungs-/ Interaktionsorientierung (Akteure)
 Relationale Orientierung von Akteuren
 egozentrisch vs. kooperativ
f) Verhandlungsstrategie
 2 Gegenpole
 Bargaining → Einigung durch Tausch, Kompensation (Akteure verharren auf ihren
Positionen und machen nur im Tausch gegen etwas Zugeständnisse)
 Arguing → Logik des besten Argumentes setzt sich im Diskurs durch
g) Machtverteilung (in Verhandlungssystem)
 Machtressourcen (Akteure)
 Symmetrie in der Machtkonstellation begünstigt die Kooperation
 Asymmetrische Machtkonstellation begünstigt kompetitives/egozentrisches
Verhandeln/Verhandlungsstrategien → Drohpotenzial
5. Losverfahren
 Auswahl nach Zufallsentscheid
 Vorteil:
 gerechte Chancen/ effektiv → eindeutig
 Nachteil:
 Unqualifizierte BewerberInnen → Beispiel: Ämter in der Antike
 Leistungsfähigkeit von Entscheidungsregeln:
1. Effektivität (Zuverlässigkeit)
2. Funktionalität (inhaltlich angemessene Entscheidungen)
3. Legitimität (muss als fair empfunden sein. → Folgebereitschaft)
Verknüpfung von Entscheidungsmodi:
 In politischer Praxis kommen alle Verfahren zur Anwendung
 Die Kopplung der Entscheidungsmodi entscheidet über die Effektivität
 Verhandlung + Hierarchie → Übergewicht der Hierarchie bei Nicht- Einigung
 Zwangsverhandlung + Mehrheitsregel → Blockadegefahr Beispiel: Föderalismus in der
BRD
Spieltheorie (von Morgenstern & Neumann):
 Das Wesen der Politik ist die Formulierung kollektiv verbindlicher Entscheidungen →
Ausgangspunkt
 Entscheidungen sind Ergebnisse aus den Interaktionen von Akteuren mit unterschiedlichen
Interessen
 strategische Interaktionen müssen analysiert werden
 Interdependente (wechselseitige Wirkung/Abhängigkeit) Entscheidungen & strategische
Interaktionen im Zentrum der Spieltheorie
 Grundbegriffe:
 Spieler → individuelle /komplexe Akteure handeln zweckgerichtet
 Strategien → Handlungsoptionen /Handlungszüge
 Auszahlungen (Pay -offs) → Annahme : Jeder Akteur ist dazu in der Lage, die mit einer
Strategie einhergehenden Auszahlungen zu bewerten und in eine Reihenfolge zu bringen
 Eigenschaften eines Spiels :
 Handlungsoptionen/ Strategien sind interdependent
 Das Ergebnis ist abhängig von den Spieler Entscheidungen
 Spieler reagieren auf die Strategien ihrer Gegenspieler und versuchen diese zu antizipieren →
strategische Interaktion
 Die Spieler -konstellation beschreibt alle beteiligten Akteure, ihre Strategieoptionen, die mit der
Strategiekombination verbundenen Ereignisse und die Präferenzen der Akteure im Hinblick auf die
Ergebnisse

Formen des Spieles:


1. Kooperatives Spiel
 Strategien werden durch verbindliche Vereinbarungen abgestimmt
2. Nichtkooperatives Spiel
 keine Absprachen bzw. nur „cheap talk“
 simultanes Spiel → gleichzeitige Strategiewahl
 sequentielles Spielt → Strategiewahl erfolgt in Reaktion auf die Strategiewahl des Gegners
 Hier bezeichnet das Nash- Gleichgewicht eine Konstellation individueller Strategien, es ist keinem
Spieler möglich durch einseitigen Wechsel (zu einer anderen Strategie) sein Ergebnis zu verbessern

Darstellungsformen des Spieles:


 Normale Form (Matrix, Tabelle), vgl. Folie 36
 Extensive Form (Baumdiagramm), vgl. Folie 37

Spieltypen:
 Konstantsummenspiele (z.B. Nullsummenspiel)
 Variabelsummen-Spiele oder mixed-motive-games (z.B. Gefangenendilemma, Battle of Sexes,
Chicken)

7. Vorlesung: Vergleichende Policyanalyse

Allgemeines:
 Dient zur Erklärung von Gemeinsamkeiten & Unterschieden der Policies,
 Befasst mit dem Tun und Lassen von Regierungen im intern. Vergleich und der
Folgewirkung dieser Unterschiede.
 Beispielfragen (typisch): Warum ist Abtreibung in Irland verboten? Wer ist Schuld an den
Schulden? Wo unterscheiden sich Steuersätze?

Warum vergleichen wir?


1. Vergleich = in Sozialwissenschaften ein Ersatz (Substitution) für Experimente →
Theoriegewinnung, Theorietests
2. Praktisches Erkenntnisinteresse : Was machen andere Länder und wie machen sie es? →
Lerneffekt

Was wird verglichen?


 Staaten, Länderfamilien, Weltreligionen, Bundesländer, Kommunen

Theorien:
 Formulieren in Hypothesenform (deterministisch oder probabilistisch) einen kausalen
Zusammenhang zwischen einer/ mehreren unabhängigen Variable(n) und einer abhängigen
Variable. (Je größer x, desto größer y; wenn x, dann a, dann y)

Hypothesen: vorwärts vs. rückblickende:


 Positive Policyforschung ist mit Politikergebnissen befasst und versucht ihre Ursachen zu
erklären (typischer weise rückblickende Hypothesen)
 Vorwärtsblickend: WIRKUNG einer bestimmten erklärenden Variablen interessant
(ABCY)
 Rückblickend : Die Kausalkette wird rekonstruiert um nach der URSACHE eines
Ereignisses zu suchen ( ABCY)

Theorieschulen zu vergleichenden Staatstätigkeitforschung:

Sechs Theorieschulen ( Heidelberger Schule):

1. Sozio-ökonomische Schule (1950er/1960er)


 Betont wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturvariablen
 Staatstätigkeit als Antwort auf wirtschaftl. und gesellschaftl. Probleme, Bedarfslagen und
Herausforderungen → wirken als zentrale Antriebskräfte (inputs) der Regierungen
 Schlüsselgrößen: wirtschaftl. Strukturwandel
 Anwendung: Besonders Wirtschafts- / Sozialpolitik
 Stärken: Besondere Betonung von gesellschaftl. Und ökonomischen Problemlagen → Als
Impulsgeber für die Staatstätigkeit, Erklärung von Unterschieden in der weltweiten
Staatstätigkeit
 Implikationen: Politikkonvergenz (ähnliche Problemlagen → ähnliche Policies), Politik
spielt gegenüber sozio- ökonomischen Antriebskräften eine geringe Rolle, sozio-
ökonomische Imperative machen politisches Handeln notwendig
 Kritik: ökonomischer Determinismus
 Unterbelichtung der Freiheitsgrade → Politik kann auf ähnliche Probleme unterschiedlich
reagieren
 Sozio- ökonomische Variablen/Probleme → rückführbar auf pol. Entscheidungen in der
Vergangenheit
 Unterschiede in der Staatstätigkeit (Länder mit gleichem Niveau) können nicht erklärt
werden
 Akteure/Institutionen sind ausgeblendet
2. Machtressourcentheorie (1970er)
 Ein akteurszentrierter Ansatz mit zwei Varianten:
a) klassensoziologische Variante (geprägt von W. Korpi):
 Konflikttheoretischer Ansatz: Konflikt zwischen Arbeit und Kapital auf dem
Arbeitsmarkt, kann politisch (über Wahlen) korrigiert werden („demokratischer
Klassenkampf).
 Verteilung von Machtressourcen der industriellen Beziehungen entscheidet.
 Anwendung: Wirtschafts- Sozialpolitik
 Schlüsselgrößen: Machtressourcen d. Arbeiterbewegung, Koalitionen zwischen Klassen,
Kohärente Konstellationen zwischen Verbänden& Regierungen → ermöglicht Abstimmung
von Politik und Kooperation (Tauschgeschäfte)
 Anwendungsbeispiele: Staatsquote, Arbeitsmarktpolitik, Aufbaugrad/strukturelle Gestaltung
von Sozialstaaten
b) Pluralismustheoretischer Ansatz (Hauptvertreter: Mancur Olson):
 Kleine Interessengruppen haben Organisationsvorteile und können ihre Interessen besser
durchsetzen als große Interessengruppen (oft diffuse Interessen)
 Kleine, gut organisierte Sonderinteressen bilden Verteilungskoalitionen → Interessenpolitik
auf Kosten der Allgemeinheit
 Interessenpolitik  Staat = Selbstbedienungsladen („rent-seeking“)
 Politikergebnisse durch Lobbying von Interessengruppen bestimmt.
 Anwendung: Verteilungskoalitionen bremsen wirschaftl. Entwicklung (durch Lobbying →
hohe Steuern/Zölle, Wettbewerbsbeschränkungen)
 Verteilungskoalitionen breiten sich in stabilen Demokratien immer mehr aus
3. Parteiendifferenztheorie (späte 1970er)
 Eng verwandt mit Machtressourcenansatz: konflikt- theoretisch
 Fokus: Machtverteilung von Parlament und Regierung
 Zentrale These: Parties matter! (Parteipolitische Färbung der Regierung prägt
Staatstätigkeit)
 Parteien wesentlichen Einfluss auf polt. Willensbildung: moderner Staat= Parteistaat
 Schlüsselvariable: Parteipolitische Zusammensetzung von Regierung und Kabinett
 Stärken: Fokus auf zentrale/komplexe Akteure (Regierung/ Parlament)
 Breite Anwendungsmöglichkeiten (Alle Politikfelder, besonders die ideologisch
aufgeladenen)
 Anwendungsbeispiele: Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Familienpolitik → generell:
Public-Private-Mix von Policies
 Kritik: Erosion von sozialen Milieus (Wandel von Allerweltsparteien → programmatische
Konvergenz → Einebnung von Parteidifferenzen)
 Politische Steuerbarkeit von komplexen Systemen überschätzt (Beispiel: wirtschaftliche
Entwicklung)
 Parteien wird große Steuerungsfähigkeit beigemessen (Einschränkungen des
Handlungsspielraumes durch Pfadabhängigkeit, Institutionen, etc. nicht eingerechnet) →
Diskrepanz zwischen „Wollen“ und „Können“
4. Institutionalistische Theorienschule (1980er)
 3 Spielarten des Neo-Institutionalismus
 Institutionen sind formelle/ informelle Regelsysteme, die nur begrenzt zur Disposition
zweckrationalen Handelns stehen
 Institutionen konfigurieren Akteurskonstellationen, Akteursstrategien und die
Interaktionsformen zwischen Akteuren
 Politische Institutionen als formelle Institutionen, die den Handlungsspielraum für politische
Akteure konfigurieren
 Politische Institutionen:
 Vertikale Machtteilung (Föderalismus, Bikameralismus, rigide Verfassungen)
 Regierungssystem (horizontale Machtteilung): parlamentarisch vs. präsidentiell
 Wahlrecht => Koalitionszwänge (PR)
 Höchstgerichte, unabhängige Zentralbanken, Referenden
 Kurz: Politische Institutionen strukturieren den Entscheidungsprozess und damit die
Reformfähigkeit von politischen Systemen (=> Theorie der Vetospieler => status quo bias)
 Unterschiedliche Strukturen in Staat, Demokratie, Verbänden:
 Staat: Regimetyp (Demokratie vs. Autokratie)
 Demokratie: Demokratietypus (Mehrheits- vs. Konkordanzdemokratien)
 Verbände: System der Interessenvermittlung (Pluralismus vs. Korporatismus)
 Anwendung: Alle Politikfelder
 Beispiele für die Anwendung:
 Wirtschaftliche Performanz (z.B. Eigentumsrechte und ihre rechtsstaatliche Sicherung)
 Höhe der Staatsquote (Bremseffekt des Föderalismus durch horizontalen Steuerwettbewerb
und Kompetenzfragmentierung)
 Sozialpolitik (Timing und Expansion des Wohlfahrtsstaates)
 Geldpolitik (Inflationsdämpfung durch unabhängige Zentralbanken)
 Schwangerschaftsabbruch (Verfassungsgerichte)
 Finanzpolitik (Referenden)
 Kritik:
Institutionen können nicht handeln, sondern strukturieren nur den Handlungskorridor für Akteure
 Lösung: Kombination mit akteurszentrierten Ansätzen (etwa AZI)
5. Theorie zu internationalen Einflüssen (1990er)
 These: Staatstätigkeit wird in zunehmendem Maße von Prozessen und Akteuren jenseits des
Nationalstaates beeinflusst
 Prozesse und Akteure:
◦ Wirtschaftliche Globalisierung
◦ Grenzüberschreitende Probleme (Klimawandel)
◦ Europäische Integration
◦ Internationale Organisationen, NGOs etc.
 Externe Einflüsse auf nationale Staatstätigkeit → Einflusskanäle:
 Globalisierung:
◦ Effizienzthese: Steuer- und Regulierungswettbewerb → Race to the bottom
◦ Kompensationsthese: positiver Zusammenhang zwischen Globalisierung und
Staatsquote
 Internationale Organisationen: Austausch von Ideen/ Information, best-practice,
benchmarking, Zwang
 EU: positive Integration, negative Integration, indirekte Effekte, Finanzierung, OMC
 Beispiele für die Anwendung:
 Steuerpolitik (Steuerwettbewerb durch Globalisierung bzw. Kapitalmobilität)
 Sozialpolitik (Standortwettbewerb => Sozialdumping)
 Bildungspolitik (benchmarking durch PISA)
 Umweltpolitik (Klimaschutz, EU)
 Wirtschaftspolitik (europäisches Wettbewerbsrecht, Empfehlungen der OECD)
 Finanzpolitik (Wachstums- und Stabilitätspakt)
 Kritik:
 Externe Einflüsse (inputs) müssen innenpolitisch verarbeitet und gelöst werden
 Innenpolitik als Filter („Weichensteller“)
 Handlungsspielraum des Nationalstaats wird zuweilen unterschätzt
6. Politikerblasttheorie (späte 1990er)
 Selten eine „Stunde null“ in der Politik
 „Policymakers are heirs before they are choosers“ (R. Rose)
 These (beeinflusst durch historischen Institutionalismus): Eingeschränkte Freiheitsgrade für
die Politik durch Politikerbe der Vergangenheit bzw. hohe Trägheitsmomente bestehender
Politiken => Policies sind pfadabhängig
 Pfadtreue durch „lock-in“-Prozesse (positive Feedbackeffekte)
 Beispiele für die Anwendung:
 Sozialpolitik: Beitragsfinanzierung entlang Umlageverfahren
 Energiepolitik: Nutzung der Atomkraft
 Allgemein: Politikfelder mit erheblichem öffentlichen Investitionsbedarf (sunk costs)
 weniger relevant für regulative Politik, da hier kurzfristige Kurswechsel eher möglich sind
 Kritik:
 Pfadabhängigkeit wird überschätzt
 Inkrementelle Veränderungen führen langfristig mitunter zu erheblichen Pfadabweichungen
(vgl. Streeck & Thelen 2005)

Allgemeines zu den Theorien:

 positive Theorien mittlerer Reichweite


 Staatstätigkeiten erklärt durch die Hilfe von hoch aggregierten Faktoren (ökonomische
Strukturen, politische Kräfteverhältnisse, institutionelle Bedingungen)
 Methodischer Zugang: häufig quantitativ-variablenorientiert
Synthese der 6 Theorieschulen:

Theorieschule: Fokus auf: Beton


Sozio-ökonomische Theorie Wirtschaft und Gesellschaft Müss
Machtressourcentheorie Akteure Wolle
Parteiendifferenztheorie Akteure Wolle
Institutionalistische Theorie Institutionen Könn
Internationale Theorie Internationale Akteure und strukturelle Prozesse Müss
bzw. Problemlagen
Politikerblasttheorie Feedbackeffekte vergangener Politik Könn

Synthese:
Synthese
 Keine der sechs Theorieschulen kann Staatstätigkeit allein erklären
 Politikfeldspezifische Kombination von Theorieelementen (modularisierte Erklärung)
 widerspricht dem Postulat der Sparsamkeit von Theorien

Pro ble me

Wirts c haft,
Ge s e lls c haft, Po lic y
inte rnatio nale Inputs Ins titutio ne n Akte ure
o utputs
S ys te mumwe lt

Pfadabhäng ig ke it

Exkurs Parteien:
1. Definitionen:
 „Partei ist eine Gruppe von Menschen, die das allgemeine Wohl auf Basis eines
gemeinsamen Prinzips zu fördern beabsichtigen“ (E.Burke 1803);
 ) „Parteien eine Gruppe, deren Mitglieder willens sind, im Konkurrenzkampf um die
politische Macht in Übereinstimmung miteinander zu handeln“ (J.A. Schumpeter 1943)
 „auf formal freier Werbung beruhende Vergesellschaftungen mit dem Zweck, ihren Leitern
innerhalb eines Verbandes Macht und ihren aktiven Teilnehmern dadurch ideelle und
materielle Chancen zuzuwenden“ (Max Weber 1920
2. Ziele:
 Vote, Office, Policy sowie Komplementärziele
3. Entstehung:
 Ideologie und Programme aus historischen Konflikten entstanden
 Parteifamilien; moderne Parteiensysteme spiegeln cleavages wieder
4. Ursachen für Parteiendifferenzen:
 In unterschiedlichen sozialen Milieus verwurzelt & unterschiedliche Präferenzen;
 Regierungspartei implementiert Politik (policy), die ihren Präferenzen bzw.
ihrer Programmatik entspricht  Regierungswechsel führt zu Politikwechsel. → nur gültig
wenn kein Widerspruch zu office und vote besteht
5. Parteifamilien und Staatstätigkeiten
 Ursprünglich: Linksparteien vs. Rechtsparteien (Hibbs)
 Problem: Christdemokratische Parteien
 vier Parteienfamilien (links, christdemokr., liberale und säkularkonservative)
6. Parteifamilien und ihr Entstehungskontext (Beyme)
 liberale Parteien: gegen altes Regime bzw. konservative Parteien
 Arbeiterparteien: gegen bürgerliche Systeme
 Agrarparteien: gegen industrielle Systeme
 christdemokratische Parteien: gegen laizistische Systeme
 kommunistische Partei: gegen Sozialdemokratie
 Faschistische Partei: gegen demokratische Systeme
 Rechtspopulistische Parteien: gegen bürokratisch-wohlfahrtsstaatl. Systeme
 ökologische Parteien: gegen Wachstumsgesellschaft

8. Vorlesung: Methoden und Forschungsdesigns

Ziel positiver Policyanalyse:


 Gewinnung generalisierbarer Aussagen → inferences
 Dilemma(immer) : Small-N Problem
Idealtypischer Forschungsprozess
1. Fragestellung
2. Theorien und Hypothesen
3. Operationalisierung
4. Empirische Analyse
5. Schlussfolgerung
Untersuchungsdesigns:
 Querschnittsvergleich (Vergleich zu einem bestimmten Zeitpunkt)
 Längsschnittsvergleich (Vergleich über die Zeit)
 Kombinierter Quer- und Längsschnittvergleich bzw. Panel (Vergleich über Raum und Zeit)
Zahl der Vergleichobjekte und methodischer Zugang:
Zahl der Fälle: Methode: Analyse-Perspektive:
Case Study Qualitativ/ Mikro
fallorientiert
Wenige und mittlere Fälle (makro-)qualitativ Meso
Millsche Methoden
Viele Fälle Quantitativ/ Makro
variablenorientiert

 Der Methodische Zugang ist abhängig von der Zahl der Vergleichsobjekte

Makro-quantitative Staatstätigkeitsforschung:

 Große Fallzahlen
 Variablenorientiert
 Logik: Ländernamen durch Variablen zu ersetzen (Przeworski & Teune)
 Beispielfrage: Wie kann man Unterschiede der Umweltperformanz im weltweiten Vergleich
im Jahr 2008 erklären?
 Theorie: Sozio- ökonomische Theorieschule → Je größer der ökonomische Wohlstand eines
Landes (X), desto höher der Umweltschutz (Y) → Hypothese
 Operationalisierung: Wahl der Indikatoren
 Empirische Analyse: Datensatz erstellen → Querschnittsvergleich
 Stärken:
o Theorien können empirisch getestet werden (z.B. Regressionsanalyse)
o Nicht lineare Effekte
o Interaktionseffekte
 Kritik:
o „Vogelperspektive“ (Makroperspektive)
o keine Analyse von politischen Prozessen („black box Problem“)
o Da Länder durch Variablen substituiert werden, bleiben die Besonderheiten eines
Falles unberücksichtigt

Kleine und mittlere Fallzahlen: Vergleichsdesigns nach J.S. Mill:

 Die Millschen Methoden werden oft als Lösung des Small-N Problems gesehen
 Most similar system design: Vergleich möglichst ähnlicher Fälle, Unterschied in einer
Variable; Logik der Erklärung : Method of difference
 Most different system design: Vergleich möglichst unähnlicher Fälle, Übereinstimmung in
einer Variable; Logik der Erklärung: Method of agreement

Most similar system design:


Beispiel: Sozialpolitik

Variable Land1 Land2

Hohes wirtschaftliches Ja Ja
Entwicklungsniveau
Unabhängig e
Variable Demokratie Ja Ja

Linksregierung Nein Ja

Abhäng ig e Ausgebauter Nein Ja


Variable Wohlfahrtsstaat

Most different system design:


Beispiel: Umweltschutz

Variable Land 1 Land 2

EU-Mitglied Nein Ja

Unabhäng ig e Grüne Partei Ja Nein


Variable

Hohes wirtschaftliches Ja Ja
Entwicklungsniveau

Abhäng ig e Variable Hohe Umweltstandards Ja Ja

 Nachteile:
 Alle potenziellen Einflussfaktoren müssen spezifiziert werden
 Ausblendung von Interaktionseffekten
 Deterministisches Konzept von Kausalität

Makro-qualitative Forschung (QCA):


 Qualitative Comparative Analysis (QCA): Charles Ragin
 Basiert auf Boolescher Algebra. Folglich steht die Zugehörigkeit zu Mengen, d.h. die
Existenz bzw. Absenz eines Merkmals bzw. einer Bedingung, im Mittelpunkt der Analyse
 Das Verfahren zielt darauf hin ab, eine bestimmte abhängige Variable (=Outcome) durch
eine logisch sparsame Konfiguration von hinreichenden bzw. notwendigen Bedingungen
(=den unabhängigen Variablen) zu erklären.
 In der klassischen Variante von QCA (=Crisp-Set QCA) müssen sämtliche Variablen
dichotomisiert (0,1) werden.
 Stärken:
 Die Methode eignet sich insbesondere für die Analyse mittlerer Fallzahlen, wobei
vergleichsweise viele unabhängige Variablen in die Analyse einbezogen werden können
 äquifinale Kausalität
 Erklärt das Nicht-Auftreten eines Phänomens
 Schwächen:
 Informationsverlust
 Existenz logischer Rudimente. Je mehr unabhängige Variable in die Analyse einbezogen
werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass logische Variablenkonfigurationen
empirisch nicht abgedeckt werden. Hauptgrund dafür ist wiederum die begrenzte Zahl an
Ländern (small-N)!
 Widersprüche in der Wahrheitstafel sind problematisch. Wenn zu ihrer Eliminierung die
Zahl der unabhängigen Variablen erhöht wird, erfolgt dies unter Umständen zum Preis einer
größeren Zahl an logischen Rudimenten
 QCA statische Methode

Case Study (Fallstudie):

 Eine Fallstudie ist eine tiefenscharfe Untersuchung einer einzelnen Untersuchungseinheit


(single unit) mit dem Ziel, generalisierbare Aussagen für eine größere Zahl von
Untersuchungseinheiten zu gewinnen (J. Gerring)
 Besonderheiten eines Falles
 Fallauswahl:
 Bei der Auswahl der Fälle steht eine Reihe von Alternativen offen
 Auswahl kann mit Regressionsanalyse geschehen
o Extreme case X/Y (explorativ)
o Deviant cases (Theoriegewinnung)
o Typical cases (Kausalmechanismus)
o Diverse cases (maximale Varianz auf X/Y)

9. Vorlesung: Konvergenz

Policyregimes & ihre Länderfamilien (Family of Nations):

 „Patterns of public policy“ (Gemeinsamkeiten & Unterschiede in der Staatstätigkeit


zwischen Ländergruppen) in entwickelten Demokratien als Zentrum
 Unterschiedliche Typen von Staatstätigkeit → „Policy- Cluster“ gelten als relativ stabil
 Regimeansatz & Family of Nation Konzept gehen von unterschiedlichen Ursachen für die
Cluster aus
1. Policy Regime:
 Gemeinsamkeiten (Staatstätigkeit) resultieren aus Ähnlichkeiten → institutionelle
Basisstrukturen, sozio- ökonomische Bedingungen, pol. Kräfteverhältnisse
 Bsp. Drei Welten des Wohlfahrtsstaats (Sozialdemokratisch, Konservativ, Liberal)
2. Family of Nations:
 Ähnlichkeiten resultieren aus gemeinsamer Kultur, Sprache, Religion, Geschichte &
geographischer Nähe
 Beispiel: englischsprachige Familie, Nordische Länderfamilie
 Die Konzepte sind komplementär → ergänzen sich
 Gemeinsame Kultur etc. erhöht die Wahrscheinlichkeit von Ähnlichkeiten im Bezug auf
institutionelle Basisstrukturen & politische Kräfteverhältnisse
 In Wirtschafts- und Sozialpolitik : englischsprachig = liberal (Beispiel)

Diffusion, Konvergenz und Transfer:

1. Ausgangspunkte (nach Scharf)


 1970ziger Jahre → Der Nationalstaat wird immer mehr in ein transnationales Netz
eingebettet
 Zunehmendes Aufkommen globaler Probleme (Terrorismus, Umwelt/Klima, Wirtschaft) ,
diese stellen die Fähigkeiten (auf Probleme der Bürger effektiv zu reagieren) des
Nationalstaates in Frage
 Stärkste Problematik bei der nationalen Problemlösung : weltweite Marktwirtschaft
 Galton Problem:
 Staaten beeinflussen sich wechselseitig (bei der Politikgestaltung)
 methodologischer Nationalismus → nicht mehr gebräuchlich
 Die beiden wichtigsten Konzepte bei der gegenseitigen Abhängigkeit (Interdependenzen)
zwischen Staaten sind Politikdiffusion und Politiktransfer
 Politikdiffusion:
 Politikdiffusion bezeichnet den Prozess bei dem die Policies von Staaten miteinander
verschmelzen
 Politiktransfer:
 Politiktransfer bezeichnet den Prozess bei dem politische Konzepte/ Ideen aus der
Gegenwart oder der Vergangenheit in ein anderes politisches System übernommen werden
→ genauso umgesetzt
 Was diffundiert? Ideen, Policies (Steuerpolitik) oder Institutionen (Verfassung)
2. Abgrenzungsprobleme:
 Unterschied zwischen Diffusion & Transfer unscharf
 Hauptunterschied in der Bedeutung von Wissen und der Rolle von intentionalen Prozessen
 Transferliteratur betont diese stärker
 Politiktransfer → in Forschung eher Fall orientiert
 Politikdiffusion → quantitative Forschung
 Politikkonvergenz:
 Steigerung von Ähnlichkeit von Merkmalen einer bestimmten Politik (über bestimmten
Zeitraum, in bestimmten Zuständigkeiten) → Angleichung von Politik
 Zusammenhang von Konvergenz, Politikdiffusion & Politiktransfer:
 Konvergenz fokussiert auf Politikergebnisse
 Politikdiffusion und Politiktransfer → Prozesse die zu Konvergenz führen können aber nicht
müssen

Kausalmechanismen von Politikdiffusion:

1. Lernen
 Nationale Akteure (mit Problemen konfrontiert) orientieren sich an erfolgreichen Policies
(Ausland)
 Erfahrungen anderer beeinflussen diesen Prozess
 Auf diesen Grundlagen werden bestimmte Policies übernommen oder vermieden
 Manchmal informieren Staaten sich nur teilweise „kognitive Abkürzungen“
2. Nachahmung
 Policies werden „Nachgeahmt“ → meist nicht um Probleme kausal&effektiv zu lösen
sondern um Trends (international) zu befolgen
 Extremfall: Policies werden als rein symbolische Politik übernommen & nicht umgesetzt
3. Wettbewerb
 Basiert auf dem strategischen Verhalten von Regierungen
 Verschärfter wirtschaftlicher Wettbewerb → Staaten müssen die Policies anderer Länder
berücksichtigen um Konkurrenzfähig zu bleiben
4. Zwang
 Staaten müssen sich internationalem Druck beugen → bestimmte Policies umsetzen

 Wie stark Staaten voneinander lernen hängt von der Stärke& Intensität der
zwischenstaatlichen Beziehungen ab (Geographie, Kultur, Handel, IO´s)

5 Mechanismen von Konvergenz:

Mechanismus: Stimulus: Reaktion:


Zwang Politische Nachfrage oder Druck Unterwerfung
Internationale Harmonisierung Rechtsverpflichtung durch internationales Befolgung
Recht
Regulativer Wettbewerb Konkurrenzdruck Wechselseitige A
Transnationale Kommunikation (Lernen, Problemdruck, Legitimationsdruck Transfer von
Nachahmung, Politikempfehlung) Kopie empfo
Politikmodelle
Unabhängiges Problemlösen Ähnlicher Problemdruck ähnliche Reaktio

 Probleme können auch unabhängig von Staaten (ohne Zwang etc.) gelöst werden und
zu Konvergenz führen.
 Räumliche Verbreitung kann z.B. durch S-Kurve gemessen werden (Umwelt,
Arbeitslosenversicherung, etc.)

Empirische Analyse von Diffusion:

 Interdependenz explizit modelliert


 Räumliches Regressionsmodell
 Zwischenstaatliche Verflechtungen → modelliert über Konnektivitäts- oder
Gewichtungsmatrize
 Diffusionsprozesse können auch qualitativ untersucht werden

Typen& Messung von Konvergenz:

Form: Konzept: Messung durch:


σ-Konvergenz Rückgang von Varianz über die Zeit Vergleich von Streuungs
β-Konvergenz Aufholprozess von Nachzüglern (Catch-up) Regressionsanalyse
γ-Konvergenz Änderungen im Ranking Rangfolgenvergleich

δ-Konvergenz Konvergenz zu einem bestimmten Vergleich von relativen D


Referenzmodell

10. Vorlesung: Vetospieler

 Theorie der Vetospieler:


 Jedes politische System → spezielle Konfiguration von Vetospielern
 Dynamisches Konzept: Präferenzen der Akteure berücksichtigt → Zahl der Vetospieler nicht
konstant
 Untersuchungsgegenstand: Die Reformfähigkeit eines politisches Systems → Potential den
Status Quo zu verändern → abhängige Variable policy change/ policy Stabilität
 Ausgangspunkt:Policy als Ergebnis von 3 Faktoren (Institutionen,Position des Status Quo,
Präferenzen der Akteure)
 Die Veränderung des Status Quo erfordert die Zustimmung einer bestimmten Anzahl
von individuellen/kollektiven Akteuren → Veränderung des Status Quo: Vetospieler
müssen einstimmig entscheiden !!!
 Der Vetospieler → individueller/kollektiver Akteur, Zustimmung erforderlich um den Status
Quo zu ändern → Veränderung der Policy
 Zwei Typen von Vetospielern:
1. Institutionell (Zustimmung durch Verfassung) → Senat = kollektive Vetospieler, Präsident =
individueller Vetospieler
2. Parteipolitisch (Koalitionsregierung)

 Policy Stability (Wahrscheinlichkeit, dass der Status Quo beibehalten wird ) hängt von drei
Variablen ab:
1. Anzahl von Veto Spielern
2. Inkongruenz (ideologische Unterschiede zwischen den Veto Spielern)
Kongruenz =Ähnlichkeit, Übereinstimmung
3. Interne Kohäsion (Unterschiede innerhalb eines kollektiven Veto Spielers)
 Indikatoren für Policy- Stabilität (Schwierigkeit den Status Quo zu ändern):
 Kleinheit des winset (out comes die besser als Status quo sind)
 Größe des unanimity core (Menge der Punkte wo kein besserer outcome zustande kommt ,
weil → einstimmige Entscheidung)

 Absorptionsregel: Im Gegensatz zum ersten Theorem wird behauptet, dass nicht jeder
zusätzlicher Vetospieler die policy Stabilität erhöht. Bei hoher Kongruenz (Ähnlichkeit) der
Vetospieler hat ein zusätzlicher Veto Spieler keinen Einfluss auf die policy Stabilität. Aus
zwei wird ein einziger Vetospieler.
 Agenda Setting: first mover advantage. Der Veto Spieler, der als erstes einen Punkt auf die
Agenda setzt, hat anderen Vetospielern gegenüber einen Vorteil, denn er kann den Punkt
nahe an seinem Präferenzpunkt (Idealpunkt) setzten.
 Agenda Setting: Bedeutung von Agenda Setting nimmt ab bei zunehmender policy Stabilität
oder kleinem winset = (viele Vetospieler, hohe Inkongruenz und hohe interne Kohäsion)
 Agenda Setting: Bedeutung von Agenda Setting nimmt zu, wenn sich der Agenda setter in
zentraler Position zwischen den Veto Player befindet.
 Die Bedeutung von Agenda -Setting nimmt zunehmender Policy Stabilität ab

Folgen von Policy-Stabilität:

POLICY STABILITÄT

Regierungs-
Bedeutung von Instabilität Regimeinstabilität
Agendasetting (Parlamentarische (präsidentielle Bedeutungszuwachs
Bedeutungszuwach
nimmt ab Systeme) Systeme) der
Bürokratie der Justiz

Wesentliche Begriffe:

 Indifferenzkurve: kreisförmige Grafik, die Indifferenzen zwischen Kombinationen darstellt



Status Quo: Gegenwärtige Policy / Situation

Winset: Alle Ergebnisse, die besser sind als der Status Quo

Core: leeres winset, kein besseres Outcome, wenn einstimmig entschieden wird. Vgl. Pareto
Optimum, keiner wird besser gestellt, ohne dass ein Anderer schlechter gestellt wird
 Yolk: ist in kollektiven Veto Spielern entscheidend und determiniert die innere
Koäsion. Großer Yolk bei hoher Kohäsion.

Schlussfolgerungen:

 Jedes politische System kann über eine Konfiguration von Veto-Spielern beschrieben
werden (andere Typologien werden überflüssig)
 VS – Theorie gibt Aufschluss über die Reform Reichweite

11. Vorlesung: Theoretische Linsen

1. Advocacy Koalitionen Framework (ACF):

 Akteurszentrierter Ansatz (1980ziger Jahre)


 Referenzpunkt : das politische System der USA
 Policies werden nicht nur von Eliten gemacht
 Das Phasenmodell wird abgelehnt
 Gegenstand:
 mittel- und langfristiger Policy- Wandel
 Betonung von Lernprozessen (→ technische/wissenschaftliche Informationen) &
normativen Grundüberzeugungen
 Beispiel: Umweltpolitik
 Ausgangspunkte: Politik ist komplex und erfordert Spezialisierung, diese erfolgt in policy
subsystems (Ein Großteil des Policy- making findet hier statt)
 Policy- subsysteme bestehen aus verschiedenen Akteuren (Wähler, Politiker,
Wissenschaftler, etc.)
 Akteure wollen ihre speziellen normativen Überzeugungen mit in die Politik einbringen →
„belief system“
 Akteurskonzeption:
 Normative Überzeugungen sind stabil, durch den Filter der Wahrnehmung werden
Positionen die nicht ins eigene Weltbild passen weg gefiltert
 Normative Positionen müssen empirisch festgestellt werden → altruistisches Verhalten wird
nicht ausgeschlossen

Das belief System:

 3 Ebenen
1. Hauptkern (Deep core) : Politikübergreifende normative & ontologische Überzeugungen
 sehr irreversibel (wie religiöse Überzeugung)
 Produkt der Sozialisation
 Beispiele: Vorstellung von Gerechtigkeit, Annahmen über die Natur des Menschen
2. Policy – Core (Kern): Umsetzung der Wertevorstellung des Hauptkerns in einem
Policysubsystem
 kausale Problemdiagnosen
 Strategiewahl, Wahl grundlegender Politikinstrumente
 Beispiel: Aufgabenverteilung zwischen Staat und Markt
3. Sekundäre beliefs : Präferenzen im Hinblick auf Instrumente/Institutionen in Teilbereichen des
Subsystems
 Beispiele: Präferenzen bezgl. Regulierung, Budget, Instrumentenwahl

Advocacy- Koalitionen:

 Zusammenschluss aus Akteuren mit ähnlicher Welt/Problemsicht → policy core beliefs


 Akteure, die sich mit einem spezifischen Thema aktiv beschäftigen
 Belief system → Motor für politisches Engagement
 Ziel: Umsetzung in Politik
 Teilnehmer: Vielzahl von Akteuren (staatlich, gesellschaftlich, Experten, individuelle
Personen)
 Informelles Netzwerk (Tauschen → Ressourcen, und Strategien entwickeln
 Mindestens 2 Koalitionen im Wettstreit
 policy- broker → Akteure die zwischen den Koalitionen vermitteln
 Akteure versuchen auf Basis des Belief System den Entscheidungsprozess zu beeinflussen
 Einflusschancen/Konfliktgrad variieren mit der pol. Systemumwelt
 Handlungsressourcen über Information (Experten), Rückendeckung über die Öffentlichkeit,
etc.
 Rahmenbedingungen:
 Interaktion (zwischen Advocacy- Koalitionen) unterliegt zwei exogenen verschiedenen
Einflüssen
1. Stabile exogene Parameter (Werte/Merkmale der Verfassungsstruktur)
2. Variable exogene Einflüsse (sozio- ökonomische Bedingungen, pol. Entscheidungen in anderen
Subsystemen, Regierungswechsel, etc.)
 Policy- Wandel → abhängige Variable
 Lernen (beschränkt auf die sekundären Aspekte des belief systems) → Kern ist
weitestgehend immun
 Wandel kann nur über lernen funktionieren!!!
 Bei technischen Problemen ist der Lerneffekt wahrscheinlicher → ideologische Themen
sind oft veränderungsresistent
 Policy change erfordert meist Schock, z.B wirtschaftlich, Kräfteverhältnisse der Koalitionen
wandeln sich, etc.

Multible Streams:

 Fokus auf Agenda- Setting & Politikformulierung


 Policymaking charakterisiert durch → Mehrdeutigkeit, Kontingenz, Zeitdruck
 Platz politische Manipulation (durch die Charakterzüge)
 Akteure= nicht unbedingt Gemeinwohlorientiert
 Politik und ihre Entscheidungen sind nicht rational → nicht unbedingt
Problemlösungsorientiert sondern kommen oft unter Zeitdruck/zufällig zustande
 5. Grundannahmen:
1) Politisches System = organisierte Anarchie
 Akteure haben unklare Ziele, die Präferenzen ändern sich
 Akteure verstehen nicht unbedingt wie eine Organisation funktioniert
 Entscheidungsträger wechseln
 Dieses kann kein Dauerzustand sein → Situationen jedem bekannt
2.) Betonung auf dem Prozesscharakter von Politik → langwierige Prozesse im Vordergrund
 Vier unterschiedliche Strömungen (Probleme, Lösungen, Teilnehmer,
Entscheidungsgelegenheiten)
3) Politische Prozesse → Parallel , somit werden Probleme im Subsystem auch parallel verarbeitet
→ Subsystem als Filter zur Entlastung
 Politische Akteure agieren unter Zeitdruck
 Probleme werden seriell bearbeitet
4)Politische Entscheidungen sind kontingent
 Sind so, wären anders möglich
5) Betonung der Fähigkeiten des einzelnen Akteurs (Geschick, Stärke, etc.)
 können unklare Präferenzen in eindeutige Handlungsmotive umwandeln

Fünf strukturelle Elemente:

 Drei Ströme die gekoppelt werden →Problemstrom (alle Probleme, die kollektiv
verbindliche Entscheidung benötigen), Policy- Strom (politische Lösungen), Politikstrom
(Interessgruppen, pol. Stimmung, Parteien, etc.)
 Ströme fließen parallel durch pol. System--> sind unabhängig voneinander
 Problemstrom → alle Probleme wollen Aufmerksamkeit, Politik muss Sachverhalte
selektieren
 Policy- Strom → alle möglichen Lösungen (unterschiedliche Ideologien/Ideen als
Grundlage), Produktion von Lösungen durch Experten, nicht alle Optionen sind realisierbar
(Widerstand, Kosten, etc.)
 Politikstrom → es geht um Täuschungen, Machtkämpfe, etc.
 geprägt durch 3 Komponenten → Nationale pol. Stimmung, mächtige,organisierte
Interessengruppen, politisches Personal (Regierung)

Window of opportunity:

 Wann kommt eine policy auf die Agenda und wann wird eine Entscheidung getroffen?
 Entscheidender Faktor ist die Kopplung der 3 Ströme. Kopplung erfolgt, wenn sich ein
Gelegenheitsfenster durch drängende politische Probleme, Stimmungen oder bestimmte
Ereignisse öffnet → pol. Unternehmer muss gefunden werden um Reform durch seine
Ressourcen voranzutreiben
 W. of o. Bedeutet also → günstiger Zeitpunkt für Akteure ihr Projekt/Anliegen auf die
Agenda zu setzen

Policy Entrepreneur:

 Wesentliche Rolle des Policy Entrepreneurs ist die Verkopplung der Ströme
 Framing: Ambiguität wird in eine dominierende/eindeutige Interpretation übersetzt
 Symbolisierung: Verdichtung von komplexen Sachverhalten zu plakativen, einfachen
Kurzbotschaften
 Affect priming: strategische Beeinflussung von Emotionen
 Hängt von Geschick, Ressourcen & der Nähe zum Machtzentrum ab
 Kritik:
 Typisch: komplexe Akteure → nicht der einzelne Akteur
 Institutionen spielen nur eine geringe Rolle
 Die drei Ströme werden als unabhängig beschrieben

Punctuated Equilibrium Theorie:


 ursprünglich auf das amerikanische System zugeschnitten
 politische Institutionen, politische Mobilisation als zentrale Variablen
 Gegenstand: PE Theorie will zwei Phänomene im Policyprozess gleichzeitig erklären
1) lange Phasen von Policy- Stabilität (Equilibrium)
2) kurze Phasen radikalen Wandels (punctuations)
 US- Institutionen sollen raschen Politikwandel verhindern → Status quo Bias
 Politikwandel braucht politische Mobilisierung (Widerstände dabei überwinden)
 Institutionen stauen Druck auf, dieser entlädt sich umso intensiver → „ bursts“
 Annahmen:
 Politik muss immer mehr komplexe Probleme bewältigen
 Die Entscheidungsträger können sich nur mit einer bestimmten Menge von Problemen
befassen (Zeit)
 Diskurse und Problemlösungen finden typischerweise in Sub-Systems statt
 Eingespielte Problemlöseroutinen dominieren → Policies werden reproduziert
 Probleme werden parallel und serielle bearbeitet/verarbeitet
 Ein Issue (Problem) gelangt nur auf die High- Agenda (Senat, Präsident) wenn neue Akteure
dieses Thema stark fokussieren (große Aufmerksamkeit)
 Die policies und Lösungsroutinen der Sub-Systeme werden hinterfragt → neue policy
images entstehen → pol. Mobilisierung
 Bsp: Atomenergie von Fortschritt zu Sicherheitsrisiko
 Empirische Prüfung:
 Inkrementeller Wandel → Normal verteilt
 Erwartetes Muster: Viel Stagnation, einige große Ausschläge (sporadisch)