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6/12/2021 ″Meeresrotz″ in der Türkei - Teil wachsender Umweltprobleme | Wissen & Umwelt | DW | 09.06.

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"Meeresrotz" in der Türkei - Teil wachsender


Umweltprobleme
Das Marmarameer ist mit einer dicken Schlammschicht bedeckt. Sie wächst und gedeiht, vor allem bei Verschmutzung und
hohen Temperaturen. Weltweit sind Meerestiere und Fischer durch ähnliche Phänomene bedroht.

Was ist eigentlich "Meeresrotz"?

Massenweise organischer Schlamm ist in den vergangenen sechs Monaten auf der Wasseroberfläche des türkischen Marmarameers, südlich
von Istanbul, regelrecht aufgeblüht. 

Das Wachstum der Substanz wurde vor allem durch Schadstoffe von Pestiziden bis hin zu Abwässern und der Erderwärmung begünstigt. Die
dicke, schleimige, grau-braune Matsche auch "Meeresrotz" genannt, besteht aus toten und lebendigen Organismen, darunter vor allem
Phytoplankton. 

Die mikroskopisch kleinen Algen geben normalerweise Sauerstoff ins Meereswasser ab. Sind sie aber gestresst, produzieren sie zusätzlich eine
schleimige Masse, die sich kilometerweit ausbreitet.

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6/12/2021 ″Meeresrotz″ in der Türkei - Teil wachsender Umweltprobleme | Wissen & Umwelt | DW | 09.06.2021

Seit Anfang des Jahres breitet sich der Meeresrotz im Marmarameer aus

Zwar ist der Meeresrotz schon seit 2007 ein Problem im Marmarameer, so schlimm wie derzeit, war es allerdings noch nie. Von einem Schiff
aus untersuchten Wissenschaftler von der Technischen Universität des Nahen Ostens am Marmarameer (METU) das Phänomen an 100
Stationen im gesamten Meeresbecken. Es habe ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht, so die Forscher zu DW. Und zwar nicht nur was die
Ausdehnung auf der Wasseroberfläche angeht, sondern auch darunter. Der Schlamm reiche an manchen Stellen bis zu 30 Meter tief und
teilweise bis zum Meeresboden.

Warum diese Plage?

Baris Salihoglu, Chef des METU Institutes für Meereswissenschaften, sagt, dass es schwierig sei herauszufinden, was genau das plötzliche
Wachstum verursacht habe. Stoffe wie Nitrat und Phosphor und der Klimawandel spielten dabei aber ohne Zweifel eine Rolle.

"Wir wissen, dass die Wassertemperatur im Marmarameer in den vergangenen 20 Jahren zwischen 2 und 2,5 Grad stärker gestiegen ist als
der globale Durchschnitt", so Salihoglu. In den vergangen 50 Jahren hätten andere Stressfaktoren das Ökosystem zusätzlich geschwächt. 

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Dazu gehöre zum einen die zunehmende Verschmutzung der umliegenden Gewässer beispielsweise durch die Landwirtschaft, Industrie oder
die Abwässer der 20 Millionen Menschen, die am Marmarameer leben. Zusätzlich habe die Überfischung der Artenvielfalt geschadet und das
Meer anfälliger für Probleme wie den Meeresrotz gemacht. "Es kann solche Schocks nicht verkraften", so Salihoglu.

Ein Problem - warum?

Das Marmarameer ist ein wichtiges Ökosystem und eine bedeutende Wasserstraße zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer. Es ist
Lebensraum für eine große Vielfalt an Meereslebewesen, darunter Muscheln, Krebse, Venusmuscheln, Korallen und etwa 230 Fischarten.

Wenn der Schlamm die Meeresoberfläche bedeckt, absinkt und schließlich auf dem Meeresboden landet, entzieht er dem Wasser Sauerstoff,
erstickt das Meeresleben und macht die Gebiete zu einer tödlichen Umgebung, die das vielfältige Ökosystem der Region bedroht.

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Aus Mangel an Sauerstoff sterben Fische in Scharen

Auch im Nordosten des Landes im Schwarzen Meer wurde kürzlich Schleim gesichtet - die Region ernährt den Großteil der türkischen
Fischereiindustrie. 

Eine Unterströmung aus dem Marmarameer versorgt das Gewässer mit reichlich Sauerstoff und ist ein Grund für die großen Fischbestände.
Dem könnte durch die Plage im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abgeschnitten werden.

Der Schlamm erstickt Fische, beschwert und zerreißt Netzte und gefährdet nach und nach die Lebensgrundlage der Fischer im Marmarameer.

"Natürlich hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit", sagt Mahsum Daga, ein 42-jähriger Fischer, gegenüber der Nachrichtenagentur Agence
France-Presse. "Wissen Sie, was es mit den Muscheln macht? Wenn sie sich öffnen, können sie sich nicht wieder schließen [...] Alle
Seeschnecken hier sind tot."

Der Meeresrotz kann auch Mikroorganismen wie Viren und Bakterien anziehen, darunter die potenziell tödlichen E. coli Bakterien. Tiere und
Menschen, die in dem glitschigen Wasser schwimmen, sind gefährdet. Die Folge: geschlossene Strände. Ein weiterer Schlag für eine
Tourismusindustrie, die bereits mit der COVID-19-Pandemie zu kämpfen hat.

Der zähflüssige Schleim wurde bis zu 30 Meter unter der Oberfläche und auf dem Meeresboden gefunden

Gibt's das auch woanders?

Meeresrotz ist nichts Neues – das erste Mal wurde es im 18. Jahrhundert im Mittelmeer beobachtet. Auch im benachbartem Ägäischem Meer
und im Schwarzen Meer war es schon ein Problem. Das relativ flache Wasser und die vergleichsweise schwache Strömung dieser Gewässer
bieten ideale Bedingungen für das Wachstum des Schleims.

Eine ähnliche Substanz ist auch nach der Öl-Katastrophe der Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko aufgetreten, 65 Kilometer entfernt
von der Küste von Louisiana. Wissenschaftler vermuteten, dass es sich damals um ein Gemisch aus ausgelaufenem Öl, Phytoplankton und

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anderen organischen Substanzen handelte. Es sank von der Oberfläche auf den Meeresboden und tötete unzählige Meereslebewesen bis zu
130 Kilometer von der Unfallstelle entfernt.

Schädliche Algenblüten werden auch durch blaugrüne Cyanobakterien in Süßwasserseen und Flüssen und durch andere Mikroalgen in
Meeresumgebungen hervorgerufen. 

Sie verursachen ein Phänomen, dass allgemein als Rote Algenblüte bekannt ist. Selbst im Eis von Alpengletschern oder der Antarktis ist
dies vorgekommen.

Rote Algenblüten kommen selbst in den italienischen Alpen vor

Steigende Temperaturen und höhere Schadstoffwerte haben in den letzten Jahrzehnten zu einem Anstieg der Größe und Häufigkeit von
Algenblüten auf der ganzen Welt beigetragen. In einer neuen im Magazin Nature veröffentlichten Studie heißt es, dass der Sauerstoffgehalt in
Hunderten von Seen in den USA und Europa in den letzten 40 Jahren gesunken ist. Dies sei zum Teil auf die Erderwärmung und die
geringere Klarheit des Wassers durch menschliche Eingriffe zurückzuführen. Weniger Sauerstoff bedeutet wiederum möglicherweise mehr
Fischsterben, mehr Algenblüten und mehr Methanemissionen.

"Sauerstoff ist einer der besten Indikatoren für die Gesundheit von Ökosystemen und die Veränderungen in dieser Studie zeigen einen
ausgeprägten Fußabdruck des Menschen", so Co-Autor Craig E. Williamson, ein Biologieprofessor an der Miami University in Ohio.

Eine andere Art von Algen, die als Makroalgenblüte bekannt ist, tritt auf, wenn Algenfelder an der Küste unkontrolliert wachsen und - ähnlich
wie Mikroalgen - den Sauerstoffgehalt vermindern und andere Lebensformen abtöten.

Seit 2011 haben Forscher die weltweit größte Makroalgenblüte nachgewiesen, die sich über fast 9.000 Kilometer von Westafrika bis zum
Karibischen Meer erstreckt. Sie wird zum Teil durch den Abfluss des Amazonas und andere Nährstoffquellen gespeist. Sie glauben, dass
solche massiven Blüten zur neuen Normalität werden. 

Was kann man dagegen tun?

Die Türkei kann alleine nicht viel


tun, um den Klimawandel
rückgängig zu machen. Außerdem
muss das Land das Pariser
Klimaabkommen von 2015 erst
noch ratifizieren. Inzwischen hat
das türkische Umweltministerium
aber einen ehrgeizigen 22-Punkte-
Plan skizziert, wie der Meeresrotz
bekämpft und das Marmarameer
von Schadstoffen befreit werden
soll.

Ab sofort sollen Boote zur


Oberflächenreinigung eingesetzt

DAS B L A UE WUNDE R: DIE OZEANE DE R E R D E


werden, um "den Schleim im
Marmarameer mit wissenschaftlich
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6/12/2021 ″Meeresrotz″ in der Türkei - Teil wachsender Umweltprobleme | Wissen & Umwelt | DW | 09.06.2021

Unseren "blauen Planeten" schützen fundierten Methoden rund um die

Zum diesjährigen "Welt-Ozean-Tag" fordern Aktivisten, bis 2030 mindestens 30 Prozent des Ozeans zu Uhr vollständig zu beseitigen", heißt
Schutzgebieten zu erklären. Dazu gehört nicht nur der direkte Schutz der Arten, die im Meer doppelt so es von Umwelt- und
schnell aussterben wie an Land. Ziel ist es auch, die klimatische Erwärmung der Ozeane zu bremsen, die den Urbanisierungsminister Murat
Sauerstoffgehalt des Wasser senkt und etwa die artenreichen Korallenriffe absterben lässt.
Kurum.

Laut dem Plan des Umweltministers sollen die Küsten bald gereinigt werden

Außerdem plant die Regierung das gesamte Meer bis zum Ende des Jahres als Schutzgebiet auszuweisen. So soll die Verschmutzung reduziert
und durchgesetzt werden, dass Abwässer der Küstenstädte und Schiffe ordnungsgemäß entsorgt und behandelt werden - anstatt das Meer wie
eine "Kloake" zu behandeln, wie der Vorsitzende der Marmara-Gemeindevertretung gegenüber der Tageszeitung Daily Sabah sagte.

"Laut unseren Wissenschaftlern haben wir die Ursache des Problems gelöst, sobald wir die Stickstoffmenge um 40 Prozent reduzieren", so
Kurum gegenüber Reportern und fügte hinzu, dass alle Provinzen in der Marmara-Region ihre Kläranlagen bis 2024 umrüsten werden. "Wir
werden innerhalb von drei Jahren alle notwendigen Schritte unternehmen und die Projekte realisieren, die nicht nur die Gegenwart, sondern
auch die Zukunft gemeinsam retten werden."

"Der Umsetzungsplan, den der Minister vorgestellt hat, ist ein sehr guter Anfang", so Baris Salihoglu von METU. Wenn die Maßnahmen
schnell eingeführt werden, würde der Sauerstoffgehalt zu steigen beginnen und die Situation könnte sich innerhalb von Monaten verbessern.
Allerdings warnt er vor zu großer Euphorie. Bis es eine echte Erholung der Ökosysteme geben wird, könnte es Jahre dauern. "[Das Meer] wird
nie wieder seinen ursprünglichen, unberührten Zustand erreichen, aber seine Widerstandsfähigkeit wird hoffentlich zunehmen."

ALGE N - D IE ABSOLUTEN MULTITALE N T E

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Tief einatmen!
Eines ist klar: Das Leben, wie wir es heute kennen, würde es ohne Algen nicht geben. Algen sind die ältesten
Pflanzen der Welt und haben vor rund drei Milliarden Jahren den Sauerstoff auf die Erde gebracht. Auch
heute produzieren sie noch zwischen 50 und 80 Prozent des gesamten Sauerstoffs.

AUDI O U ND VIDEO ZUM THEMA

Türkei: Der Schiffsspotter vom Bosporus


 

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