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Publik-Forum

D O S S I E R

TSCHERNOBYL
FUKUSHIMA
AUSSTEIGEN FÜR IMMER

ESG Bundesarbeitsgemeinschaft
Heim-statt Tschernobyl e.V.
"Den Kindern von Tschernobyl"

Diese PDF ist zu Ihrem persönlichen Gebrauch 1>


< dossier tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer dossier >

Liebe Leserin, lieber Leser,


mit Fukushima hält wieder eine Katastrophe die Welt in Atem – und das fast genau
25 Jahre nach der von Tschernobyl. Wieder einmal wird der Welt vor Augen geführt, dass
die Atomkraft nicht beherrschbar ist. Jetzt gilt es, aus dieser Erkenntnis endlich die
einzig mögliche Konsequenz zu ziehen: Aussteigen für immer.
Das vorliegende Dossier verdichtet diese Botschaft zu einer Kampagne, der sich
Fukushima ist überall
18 Organisationen angeschlossen haben. Denn die Katastrophe von Tschernobyl, das ist
Atomdesaster in Japan, Ölhavarie im mexikanischen Golf oder der GAU in Tschernobyl:
nicht nur ein todbringender Schatten. Tschernobyl ist auch der Aufbruch von Menschen,
die seither mit Zivilcourage und langem Atem unermüdlich gegen die Atomkraft Folgen eines globalen Industrialismus, den die Politik vorangetrieben hat
kämpfen – und gegen die Politik, die sie fördert.
Sie klären auf, demonstrieren und vernetzen sich. Seit Tschernobyl ermöglichen sie Von Wolfgang Kessler Ausgangspunkt dieses Industrialismus ist Der rasende Turbokapitalismus
neues Leben für die, die nach der Katastrophe im April 1986 dem Tod näher als dem die Wachstumsstrategie der Industrielän- Mit der Überwindung des real existieren-

A
Leben waren. Häuser wurden vor Ort gebaut, Hunderttausende Kinder erholten sich in tomdesaster in Fukushima, Ölha- der in den 1970er- und 1980er-Jahren. den Sozialismus rund um 1989 wurde die-
varie im Golf von Mexiko, davor Atomenergie und Kohlekraft lieferten die ser Industrialismus global. Ganz im Sinne
den letzten 25 Jahren in Deutschland, nicht wenige wurden gesund. Dieses Dossier will
die globale Finanzkrise, die Über- Energie für eine industrielle Massenpro- des Wirtschaftsliberalismus, der inzwi-
die Hintergründe zur Atomkraft, zum industriellen Globalisierungswahn und zum flutung von New Orleans und – vor 25 Jah- duktion, die immer größeren Wohlstand schen die Köpfe von Politikern, Unterneh-
überfälligen Ausstieg zeigen. Doch es stellt auch eine einzigartige Bewegung vor und die ren – Tschernobyl. Eine Katastrophe jagt versprach. Die Risiken der Großtechnolo- mern und Wissenschaftlern erobert hatte,
Menschen, die sie tragen. die nächste. Und die Politik reagiert immer gien wurden dabei in Kauf genommen. schaffte die Politik weltweit Regeln und Be-
ähnlich: Zunächst versucht sie die Proble- Wenn nötig, wurden diese Technologien grenzungen für den Austausch von Waren,
Mit Fukushima gewinnt die Bewegung gegen Atomkraft weiter an Dynamik. Sie hält den me zu vertuschen, dann tut sie so, als habe brachial gegen den Widerstand der Bevöl- Dienstleistungen und Kapital ab. Seitdem
Gewinninteressen der Energiekonzerne hier und in anderen Ländern ein klares Nein sie die Lage im Griff, um dann in einem kerung durchgesetzt – auch nach der Kata- können große Anleger und große Konzerne
entgegen, damit die alternativen Energien gefördert werden, die es längst gibt. Wir plötzlichen Aktionismus an den Sympto- strophe von Tschernobyl. In Nordamerika, ihre Waren, ihre Fabriken und ihr Kapital
streiten für eine Zukunft ohne todbringende Schatten. Wenn nicht jetzt, wann dann? men herumzukurieren. An die Ursachen Europa und Japan wurde dieses industriel- um die Welt jagen. Und sie tun es. Das Zau-
der Probleme traut sich die politische Klas- le »Immer höher, immer größer, immer wei- berwort »Globalisierung« meint nichts an-
se nur selten heran. Denn: Die politischen ter« zur Perfektion entwickelt. deres, als dass nahezu die ganze Welt auf
In diesem Sinne wünsche wir Ihnen eine anregende Lektüre »Eliten« der Welt haben einem turbokapi- den Zug des großindustriellen Turbokapi-
talistischen Industrialismus den Weg durch talismus aufsprang, den der reiche Norden
die Welt geebnet. Jetzt tobt er sich aus – und
produziert Katastrophen.

Bettina Röder (Publik-Forum)

Dieses Dossier wird getragen von:


Aktionskreis Kinder von Tschernobyl berlin-brandenburgischer Kirchengemeinden,
Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, attac, aufbruch,
ausgestrahlt, BAG »Den Kindern von Tschernobyl«, Bund der deutschen katholischen
Jugend, campact, Evangelische Studierendengemeinde, Elektrizitätswerke Schönau,
Germanwatch, Heim-statt Tschernobyl, Internationale Ärzte für die Verhütung des
Atomkrieges, Katholische Landjugendbewegung, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung,
Leben nach Tschernobyl, NaturFreunde Deutschland, Sonnenseite Franz Alt

impressum: Publik-Forum Dossier: Tschernobyl. Fukushima. Aussteigen für immer Herausgeber: Publik-Forum, Aktionskreis Kinder von Tschernobyl berlin-brandenbur-
gischer Kirchengemeinden, Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, attac, aufbruch, ausgestrahlt, BAG »Den Kindern von Tschernobyl«, Bund der
deutschen katholischen Jugend, campact, Evangelische Studierendengemeinde, Elektrizitätswerke Schönau, Germanwatch, Heim-statt Tschernobyl, Internationale Ärzte für
die Verhütung des Atomkrieges, Katholische Landjugendbewegung, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, Leben nach Tschernobyl, NaturFreunde Deutschland, Sonnen-
seite Franz Alt Redaktion: Bettina Röder; Doris Weber, Wolfgang Kessler (v.i.S.d.P.) Gestaltung: Armin Rohrwick Titelbild: Kyodo/Reuters Verleger: Publik-Forum Ver-
FOTO: PA/ABC TV

lagsgesellschaft mbH, gesetzlich vertreten durch den Geschäftsführer Richard Bähr; ladungsfähige Anschrift für Redaktion und Verlag: Krebsmühle, D-61440 Oberur-
sel Postanschrift: Publik-Forum, Postfach 2010, D-61410 Oberursel Telefon: 06171/7003–0 Fax: 06171/7003–40 E-Mail: verlag@publik-forum.de Web: www.publik- Explosionen in Fukushima:
forum.de Druck: Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel © März 2011 Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH Dieses Bild wird niemand mehr vergessen

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vorlebte. Chinesen, Inder, Indonesier, Bra- groß ist die Angst der Menschen, zu groß ist lang totgeschwiegen wurde. Dem von
silianer, Mexikaner – sie alle wollen so le-
ben, so produzieren, so viel Energie ver-
brauchen, so viel Auto fahren wie Amerika-
der politische Druck zumindest in einigen
Ländern. In diesem Druck liegt die Chance.
Nur der Widerstand einer globalen Zivilge-
Mut gegen Lügen Tschernobyl, wo es nach jener Nacht zum
26. April 1986 drei Tage dauerte, bis die Öf-
fentlichkeit – auch die westliche – darüber
Denis Mysnik, ner, Europäer und Japaner. Und sie haben sellschaft kann die Politik zwingen, eine so- Tscheljabinsk, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima: informiert wurde.
Weißrussischer so lange ein Recht darauf, wie sich Ameri- zial und ökologisch nachhaltige Entwick- Oder Fukushima, wo bis zur Stunde un-
Wo Gefahr ist, wächst auch die Zivilcourage
Student in kaner, Europäer und Japaner dieses Recht lung gegen die Interessen der Wirtschafts- klar ist, wie stark die radioaktive Belastung
FOTO: PRIVAT

Deutschland, nehmen. und Finanzwelt durchzusetzen. Der Weg ist der Umwelt inzwischen wirklich ist. Auf die
27 Jahre In lukrativer Zusammenarbeit von Kon- weit. Denn: Nachhaltig wird die Weltwirt- Nachricht, dass im benachbarten Birma
zernherren und Politikern der reichen In- schaft nur unter vier Bedingungen: Von Bettina Röder heute: durch die Firma Urenco aus Gronau, verseuchte Bohnen aus Japan verkauft
Als die Katastrophe am 26. April 1986 dustriestaaten mit den »Eliten« der ● Grenzen für die Wirtschaft: Die Politik die in Russland 20 000 Tonnen abgekippt wurden, teilte der japanische Regierungs-

O
Schwellenländer entstehen überall auf der muss sich entscheiden: Entweder sie er- b im amerikanischen Harrisburg, hat und daheim als Saubermann dasteht. sprecher Yukio Edano nur eilig mit, das
passierte, war ich gerade zweieinhalb
Welt Industriekomplexe, Intensivfarmen, obert sich die Macht zurück und setzt in Tschernobyl oder nun in Fuku- Zum Glück nicht ganz unbemerkt. Denn stelle aber trotzdem »kein akutes Gesund-
Jahre alt. Damals habe ich mit meinen
werden Kohlekraftwerke und Atomanla- strenge soziale und ökologische Rahmen- shima: überall kommt die Wahr- es gibt Umweltinitiativen hierzulande, die heitsrisiko« dar.
Eltern auf einer Militärbasis in Ross gen gebaut und geplant, in Erdbebengebie- bedingungen für die großen Konzerne – heit über die Ursache und die Folgen der sich mit den russischen zusammengetan In Harrisburg behauptete eine Langzeit-
in Weißrussland gelebt, mein Vater ten, am Meer, überall. Für dieses globale oder die Konzerne beherrschen endgültig Atomkatastrophen nur scheibchenweise haben, Öffentlichkeit herstellen und mit studie, bei 30 000 untersuchten Anwohnern
war Offizier. Doch meine Eltern haben »Immer schneller, immer größer, immer die Welt nach ihren Renditeinteressen. ans Licht. Sie werden bis heute verharm- Erfolg trotz Polizeigewalt protestieren. So, seien keine gesundheitlichen Folgeschä-
weiter« werden Ressourcen geplündert ● Nachhaltige Entwicklung: Zukunftsfähig lost und vertuscht. In der Nähe der russi- wie auch unzählige Menschen im Nach- den festgestellt worden. Daraufhin wurden
erst nach weiteren zweieinhalb Jah-
und Risikotechnologien eingesetzt – ohne sind nur Technologien, die von Menschen schen Stadt Tscheljabinsk, wo sich 1957 die gang von Tschernobyl all denen helfen, de- Tausende von Klagen von Betroffenen
ren von der Reaktorkatastrophe er- Rücksicht auf Menschen, auf Tiere, auf das auch beherrscht werden können. Da viele weltweit erste Katastrophe ereignete, hatte ren Leid durch die Atomkatastrophen am durch Gerichte abgewiesen. Wie auch in
fahren. An jenen Tag erinnere ich Weltklima, auf die Meere, auf Regenwälder, Ressourcen endlich sind, müssen die das die Regierung erst gar nicht nötig. Der liebsten von Konzernen und Politikern ver- Tschernobyl brachten Bürgerinitiativen
mich noch genau. Ich war inzwischen auf die Endlichkeit der Ressourcen. Volkswirtschaften von »Tankern« zu »Se- Tod wurde ganz öffentlich produziert. schwiegen würde. Wie gut, dass es da den dann die Wahrheit ans Licht. Dort schwan-
fünf Jahre alt. Wir mussten im Kinder- gelbooten« werden: ressourcenleicht, flexi- Innerhalb kurzer Zeit hatte hier die rus- gesunden Menschenverstand und die Zi- ken die Angaben der Zahlen über die To-
Macht hinter verschlossenen Türen bel an die Bedürfnisse von Mensch und Na- sische Regierung seit 1949 eine Atom- vilcourage gibt. desopfer zwischen fünftausend und sech-
zimmer ganz still sein, denn nebenan
Vor diesem Hintergrund ist der Begriff tur angepasst, überschaubar statt gigan- industrie ohne Rücksicht auf alle und alles Beides brauchten Menschen immer wie- zigtausend. Doch die russische Regierung
im Wohnzimmer liefen die ersten Bil- »Naturkatastrophe« völlig unangebracht. tisch – und dies nicht nur für eine reiche aus dem Boden gestampft, weil man mit der in der Geschichte der Atomkatastro- hielt die eigene Bevölkerung zweieinhalb
der von Tschernobyl im Fernsehen. Die Natur kennt keine Katastrophen, son- »Elite«, sondern unter gerechter Beteili- den Amerikanern Schritt halten wollte. phen. Sie haben ein sehr sicheres Gespür Jahre hin, bis diese erstmals offiziell von
Dann mussten viele Väter aus Ross dern nur Veränderungsprozesse. »Verän- gung und Teilhabe aller Menschen. Ganz offen wurde radioaktiver Abfall in je- dafür, wenn sie belogen oder schlicht für der Katastrophe erfuhr.
auf Dienstreise nach Tschernobyl. Sie derungen wie ein Tsunami oder ein Erdbe- ● Weniger Globalisierung: Der globale Aus- nen Tetscha-Fluss geleitet, der in den Ka- dumm verkauft werden, zumindest ihnen Das war in Fukushima zunächst anders.
ben werden erst im Bezugshorizont tausch von Produkten, die anderswo knapp rasee mündet, in einer Entfernung wie der aber die Wahrheit vorenthalten wird. Das Dank der modernen Medien und der Zivil-
sollten die Schäden der Katastrophe
menschlicher Zivilisation zur Katastro- sind, ist nützlich. Wird jedoch der globale von Berlin nach Moskau. Ganz selbstver- wiederholte sich bei allen Gaus: dem von courage von Menschen, die bei all den vo-
beseitigen. Offiziere wie mein Vater phe«, sagt der Münchner Soziologe Ulrich Industrialismus zum Maß aller Dinge, dann ständlich wurden auch geschlossene Städ- Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylva- rangegangenen Katastrophen für Aufklä-
blieben verschont. Erst als 18-Jähri- Beck, der seit Jahren über »Risikogesell- müssen sich alle Länder den Spielregeln te errichtet, mit Stacheldraht umgeben, in nia, wo in dem Atommeiler Three Mile Is- rung kämpften, war die Katastrophe sofort
ger sah ich Tschernobyl zum ersten schaften« forscht. der reichen Industriestaaten unterwerfen, denen Reaktoren stehen und in denen auch land am 28. März 1979 ein Unfall zu einer auch öffentlich. Das ist wohl ein kleiner
Mal mit eigenen Augen: Ich besuchte In Talkshows und Sonntagsreden kann vor allem den Wohlhabenden der Welt nut- der Abfall deponiert wird. Übrigens bis teilweisen Kernschmelze führte, die tage- Sieg, doch viel gibt es noch zu tun. ■
sich kein Politiker vorstellen, dass es die zen. Eine eigenständige Entwicklung, die
mit einem deutschen Kommilitonen
Erde aushält, wenn alle so wirtschaften wie sich an den Bedürfnissen der Menschen
eine Klinik mit krebskranken Kin- die Industrieländer wirtschaften und alle vor Ort, an den natürlichen Gegebenheiten

FOTO: PA/CODE_NOVO; DDP/BILAN


dern. Später, als Student, verdiente so leben, wie wir leben. Dennoch treiben orientiert, ist dann nicht mehr möglich. Für
ich dann ein wenig Taschengeld als sie den globalen Industrialismus immer eine weltweite nachhaltige Entwicklung ist
Dolmetscher bei Hilfsprojekten in schneller voran. Im globalen Rahmen ha- weniger Globalisierung deshalb mehr.
ben sie vielfach die Macht an die Wirtschaft ● Nachhaltiger Lebensstil: Der westliche
Weißrussland. Ich habe dort gute
abgetreten. Hinter den verschlossenen Tü- Lebensstil beruht auf Energieverschwen-
Freunde kennengelernt, und so bin ren der Europäischen Union und der Welt- dung, Wegwerfwirtschaft und hohem
ich 2004 nach Deutschland gekom- handelsorganisation schreiben die Lobbyis- Fleischkonsum. Er ist nicht weltweit über-
men, wo ich studiere. Zweimal im Jahr ten der Wirtschaft oft die Gesetze selbst. In tragbar. »Wenn England die ganze Erde für
fahre ich nach Hause, zu meinen El- der Weltgesundheitsorganisation oder der seine Wirtschaft braucht, wie viele Erden
Internationalen Atomenergiebehörde geben braucht dann Indien für die gleiche wirt-
tern und meinem Bruder. Über die Er-
sich die Lobbyisten der transnationalen schaftliche Entwicklung?«, fragte einst Ma-
eignisse in Tschernobyl reden sie bis Konzerne die Klinke in die Hand. Unter der hatma Gandhi. Deshalb muss sich das Le-
heute nicht. Ideologie des freien Welthandels tobt sich ben der Wohlhabenden so ändern, dass
Protokoll: Bettina Röder der Turbokapitalismus aus – und lässt sich auch die Armen leben können.
auch durch Katastrophen wie die Finanz- Klar ist: Nach jeder Katastrophe gilt die
krise oder die Ölverseuchung im Golf von erste Aufmerksamkeit den Opfern.
Mexiko kaum beirren. Banken und Ölkon- Klar ist aber auch: Nur die Abkehr von
zerne arbeiten weiter wie zuvor. einem globalen Industrialismus, der keine
Rücksicht auf Menschen und Natur
Zerstören oder gestalten nimmt, kann langfristig weitere weltum-
Dies allerdings könnte sich nach dem spannende Katastrophen und ihre Opfer
Atomunfall von Fukushima ändern. Zu verhindern. ■ Bei Tschernobyl nach der Katastrophe (links). Waisenkind Andre aus Weißrussland und seine Freunde erholen sich im Spreewald

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Ich war dabei, als wir die Menschen vor den Jeder der Helfer geht mit seinem Schick- mit ihrem undemokratischen System

»Man warf uns in die Strahlen« Strahlen gerettet haben: Entweder sie
glauben mir das, oder sie lassen es blei-
ben.« Dabei könnten die Überlebenden ei-
sal ein bisschen anders um. Naumov ist
witzig, sarkastisch und bockig. Er will die
Erinnerung gegen jeden Widerstand wach
konnte mit dieser Katastrophe umgehen«,
glaubt nicht nur Hubschrauberpilot Igor
Pysmenskyi. Andere sind überzeugt, dass
Sie wussten nicht, was sie riskierten. Heute sind sie krank, verarmt, vergessen – und trotzdem stolz gentlich jede finanzielle Hilfe brauchen. halten. Seine ärmliche Behausung, seine die Geheimnispolitik um den Reaktorun-
»Wer in der Ukraine an 41 Krankheiten, seine fall wesentlich zum Zerfall der Sowjetuni-
auf ihre Arbeit. Ein Besuch bei den Liquidatoren von Tschernobyl
Krebs erkrankt, wird arm«, selbstgestellte Aufgabe on beigetragen hat. »Die Leute hatten ein-
»Ich bin froh, dass ich
sagt Lubov Negatina, die und seine 200 Euro Rente fach genug davon, angelogen zu werden
das Büro des Internationa- damals schon ein beschämen die Reporte- und wurden deshalb mutiger«, sagt der
Von Irene Dänzer-Vanotti Mischung sollten die Hubschrauberpilo- mich immer noch.« Dabei bekam er strenge len Bildungs- und Begeg- Kind hatte. Meine rin. Denn auch Alexander ehemalige Tschernobyl-Ingenieur Anatoli
ten über dem strahlenden Reaktor abwer- Anweisung, nicht über den Einsatz in nungswerks (IBB) in Kiew Kameraden konnten Naumov ist es zu verdan- Koladin. Der 62-Jährige sieht aus wie ein

W
ie wir uns vor den Strahlen fen. Afghanistankämpfer waren beson- Tschernobyl zu sprechen. Dass die Strahlen leitet. Es gibt keine Kran- ken, dass wir nach Tscher- alternder Künstler, hat sein weißes Haar
schützen könnten, wurde uns ders gefragt, denn sie hatten zielen ge- an seinen Krankheiten schuld sein könnten, kenversicherung und kei- oft keine gesunden nobyl schon bald wieder zu einem dünnen Zopf gebunden. Die
nicht gesagt. Außer einem klei- lernt. »Wir stiegen auf, blieben 200 Meter wollten die Behörden nicht wahrhaben. »Ich ne medizinische Grundver- Kinder mehr normal leben konnten. Die Freude seines Lebens sind heute seine
nen Mundschutz hatten wir nichts.« Igor über dem Reaktor in der Luft stehen und bin nur froh, dass ich damals schon ein Kind sorgung. Krebspatienten bekommen.« Kernschmelze in Tscher- Enkel – und die Angst seines Lebens. Denn
Pysmenskyi gehörte zu den ersten Helfern warfen die Säcke ab.« Welche Gefahr mit hatte«, sagt er. »Meine Kameraden hatten müssen ihr Hab und Gut nobyl gilt als GAU, als der niemand weiß, ob sie durch die Strahlung,
Igor Pysmenskyi
nach der Katastrophe von Tschernobyl. ihrer Mission verbunden war, erfuhren die viele Probleme oder konnten gar keine ge- verkaufen, um die Therapie größte anzunehmende die er aufnahm, in Mitleidenschaft gezo-
»Der Reaktor musste zugeschüttet werden. Piloten nicht. Die Hubschrauber waren sunden Kinder bekommen.« zu bezahlen. Das gilt auch Unfall. Aber nach allem, gen sind.
So schnell wie möglich.« nicht einmal mit einem zusätzlichen Bo- »Liquidatoren« werden die überleben- für Liquidatoren. was die Rettungskräfte der ersten Tage be- Anatoli Koladin wurde am Morgen des 26.
Am Morgen des 26. April 1986 klingelte den zum Schutz vor Strahlen ausgerüstet. den Helfer von Tschernobyl genannt. Igor In den ersten Jahren nach der Katastro- richten, wurde das wahrhaft größte anzu- April angerufen, er solle schon um sieben
bei ihm das Telefon. Er war 24 Jahre alt, 345 Piloten flogen im Minutentakt. Nach Pysmenskyi hat eine kleine Organisation phe waren 650 000 Menschen an den Auf- nehmende Unglück am 7. Mai 1986 noch Uhr an seinen Arbeitsplatz in der Überwa-
verheiratet, hatte ein kleines Kind und war drei Flugtagen bekam Igor den Befehl, das für all diejenigen gegründet, die damals da- räumarbeiten beteiligt, allein 90 000 bau- mit knapper Not verhindert. chung von Block vier kommen, nicht erst um
erst wenige Wochen zuvor von der Front in Gelände zu verlassen. Jetzt sei seine bei waren. Denn die Liquidatoren werden ten den Sarkophag um den zerstörten vier- Nikolai Bondar war 21 Jahre alt, unbe- acht. Es sei etwas passiert. Auf dem Weg sah
Afghanistan zurückgekehrt, wo die Sow- Strahlendosis zu hoch. kaum vom Staat unterstützt. Zuschläge auf ten Reaktorblock. Trotz der Spätfolgen ist kümmert. Als Reservist der Sowjetarmee er einige Züge voller Menschen. Irgendje-
jetunion seit 1980 Krieg führte. Igor Pys- Igor Pysmenskyi ist heute ein stattlicher Renten, die ihnen eigentlich zustehen, der 49-jährige Igor Pysmenskyi auch froh, kam er arglos mit nach Tschernobyl. Erst mand hatte die Bewohner dazu bewegt, die
menskyi war Offizier der Sowjetarmee. Er Mann, trägt einen modischen Pullover und müssen sie vor Gericht einklagen. Die dabei gewesen zu sein: »Wir haben Men- als er in einem Flüsschen neben dem Lager Stadt Pripjat zu verlassen. Er sah auch 700
begab sich zum Sammelplatz in Kiew. Bus- einen eleganten Mantel. Er wirkt kraftvoll. meisten haben weder Energie noch Geld schenleben gerettet. Man kann sogar sa- tote Krebse sah, wurde er misstrauisch. Busse, die weitere Menschen abtransportie-
se brachten ihn und andere Hubschrau- »Aber gesund bin ich nicht. Herz, Blut- dafür. »Ich habe 41 verschiedene Krank- gen, wir retteten die Menschheit.« Für die Nach etwa zehn Tagen berief ein Funktio- ren sollten. Aber wer und wann? Weil das
berpiloten nach Nordosten. Soldaten und druck – nichts ist so richtig in Ordnung.« Mit heiten«, sagt etwa Alexander Naumov: »Ich Reporterin aus Deutschland ist es ein be- när im Zeltlager eine Versammlung ein: »Er noch unklar war, standen die Busse mit ih-
Reservisten, eilig herbeigekarrt, füllten 36 Jahren wurde er wegen seiner Krankhei- werde nicht vor einem Richter erscheinen sonderer Moment, mit Igor Pysmenskyi zu berichtete, dass eine äußert gefährliche Si- ren 700 Fahrern viele Stunden in der Sonne.
Säcke mit Sand, Dolomit und Blei. Diese ten aus der Armee entlassen: »Das schmerzt und die Diagnosen im Einzelnen beweisen. reden, 25 Jahre nach Tschernobyl, in einem tuation entstanden sei«, erzählt Nikolai Und in den Strahlen. Die 49 000 Einwohner
Hotel in Kiew, das von den mageren Grün- Bondar 25 Jahre später. Die Feuerwehr ha- von Pripjat verließen die Stadt am 28. April.
pflanzen über die voluminös gemusterten be den Reaktor mit Wasser zu kühlen ver- Sie kehren – abgesehen von einigen Plünde-

FOTOS: AKG-IMAGES; DÄNZER-VANOTTI (4)


Tapeten bis hin zur Aufseherin noch viele sucht. So sei viel Wasser in das System ge- rern und Unbelehrbaren – bis heute nur zu-
Reste der Sowjetunion beherbergt. Wie langt und der Boden drohte rück, um einmal im Jahr die
kommt es, dass er noch lebt? Darauf gibt es nun zu brechen, sodass es Gräber ihrer Angehörigen
keine Antwort, er hatte eben Glück. Die Un- zu einer Atomexplosion »Es wurden zu besuchen. Mehr als
sicherheit, die im Kontakt mit gezeichneten kommen könnte. »25 Män- Freiwillige gesucht, 300 000 Menschen in der
Menschen oft aufkommt, wächst im Ge- ner wurden gesucht, um um Wasser aus dem Ukraine und Weißrussland
spräch mit Igor, trotz seines festen Auftre- das Wasser abzupumpen«, wurden infolge der Reak-
Block zu pumpen.
tens. Igor bedankt sich, dass er von Tscher- erzählt Bondar. Er habe torkatastrophe umgesie-
nobyl erzählen kann. In der Ukraine würde sich sofort gemeldet. »Ob- Wir wussten nicht, ob delt, heißt es.
sich niemand für seinen Einsatz interessie- wohl der Funktionär sagte, wir von dem Einsatz Anatoli Koladin aber
ren: »Für die wäre es einfacher und billiger, er könne nicht garantieren, zurückkehren.« blieb. Er half mit, den Re-
Igor Pysmenskyi Alexander Naumov wir wären tot.« dass wir von diesem Ein- aktor mit Wasser zu küh-
Nikolai Bondar
Alexander Naumov hat sein ganzes Le- satz zurückkehren.« len. »Schutzanzüge hatten
ben mit seiner Familie in einer Wohnung Es gelang. Sie pumpten wir nicht«, sagt er. »Wir
mit zwei schmalen Zimmern gelebt. Einzi- das hochverstrahlte Wasser in Feuerwehr- wurden mit leeren Händen zur Reparatur
ger Luxus ist die Zigarette, die er sich im schläuchen aus dem Reaktorblock. Wie es geschickt.« Die Schuld, dass so viele ver-
Hausflur vor dem polternden Lift geneh- kommt, dass Nikolai Bondar das überlebt strahlt wurden, gibt er dem System: »Die
migt. Auch er war Offizier der Sowjetarmee. hat und sogar heute noch als Meister in ei- Menschen wurden in die Situation ge-
Heute sieht er sich als Archivar der ver- ner Brauerei arbeiten kann, weiß er selber schmissen wie Scheite ins Feuer.« ■
strahlten Zone. Er zeigt die Fotos, die er da- nicht.
mals trotz des Verbots in Tschernobyl ge- »Retter Europas« nennt der IBB die Li- Die Wanderausstellung »25 Jahre Tschernobyl« ist
macht hat: Ein Hubschrauber, wenige Me- quidatoren. Ein großes Wort. Aber sicher- 2011 in mehreren deutschen Städten zu sehen. An
ter über dem Reaktor, unmittelbar daneben lich wäre Europa nach Tschernobyl noch jedem Ort berichtet ein »Liquidator« und spricht
eine schräg in den Himmel steigende, helle weit stärker verstrahlt worden, wenn sie in Schulklassen. Kontakt: www. ibb-d.de
Anatoli Koladin Nikolai Bondar Strahlensäule. Wenn der Mensch schon nicht dort gewesen wären. »Nur die Sow-
kein Sinnesorgan für Radioaktivität hat, so jetunion, in ihrer Größe, ihrem fast uner- Diesen Beitrag können Sie auch anhören
Mit bloßen Händen und ohne Schutzanzug zur Reparatur in den zerborstenen Reaktorblock: Die Liquidatoren von Tschernobyl doch wenigstens der Fotoapparat. schöpflichen Reservoir an Menschen und unter www.publik-forum.de

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Karawane der Menschlichkeit Campact: die Kraft im Internet


Sie ist eine noch junge Organisation, aber
NaturFreunde: Richtig abschalten!
Arbeitern Erholung und Weiterbildung in
Aktionen und Termine:

Fukushima mahnt: Alle AKWs abschal-


sie bringt inzwischen 400 000 Menschen al- der Natur zu bieten, damit sie besser an der
Die Bewegung für den Ausstieg aus der Atomkraft wächst ten. Großdemos am 26.3.2011 in Berlin
ler Altersgruppen über das Internet zu- Gesellschaft teilhaben: Das war die ur-
sammen: Mit Online-Petitionen, mit Men- sprüngliche Idee der 1895 gegründeten Na- (12.00 Uhr, Potsdamer Platz), Ham-
schenketten gegen die Atomkraft oder ei- turFreunde. Inzwischen sind sie eine der burg (12.00 Uhr, Moorweide), Köln
nem simulierten Atommülltransport vor größten Umweltorganisationen der Welt,
BAG: Den Kindern eine Zukunft Für Kinder: Freizeit in Hirschluch Leben nach Tschernobyl: Nadeshda (14.00 Uhr, Deutzer Werft), München
dem Bundestag. Sie heißt Campact, das unterhalten bundesweit NaturFreunde-
»Wir sind kein Verband, sondern ein Netz- Diesen kleinen Traum ermöglicht der Akti- Nadeshda, zu deutsch Hoffnung, heißt das steht für Kampagnen und Aktionen: Gegen Häuser und fordern den Ausstieg aus der
(14.00 Uhr, Odeonsplatz), www. anti-
werk, in dem jede Gruppe frei und eigen- onskreis Kinder von Tschernobyl jedes Jahr Kinderheim, das der Verein Leben nach die RWE-Beteiligung an Reaktoren in einer Atomenergie. »Mal richtig abschalten« atom-demo.de
ständig handelt«, sagt Burkhard Homeyer, 25 Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren aus Tschernobyl achtzig Kilometer von Minsk rumänischen Erdbebenregion, gegen die heißt ihre aktuelle Kampagne, mit der sie
In vielen Städten wird regelmäßig zu
der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemein- Gomel in Weißrussland. Vier Wochen ver- entfernt gebaut hat. Und zwar mit einer Verschiebung deutschen Atommülls in rus- zum friedlichen Widerstand gegen die
schaft »Den Kindern von Tschernobyl« bringen sie in der Jugendbildungsstätte gleichnamigen Initiative vor Ort und Unter- sische Majak hat sich Campact bereits im Atomenergie aufrufen. Mit der Aktion »Ade Mahnwachen eingeladen, Übersicht:
(BAG). »Derzeit arbeiten wir mit rund 120 Hirschluch/Storkow im Berliner Umland. stützung der belorussischen Regierung. Verbund mit anderen Gruppen erfolgreich EnBW« ermuntern sie Stromkunden, zu ei- www.ausgestrahlt.de, www.attac.de
Initiativen zusammen.« Das Ziel des Gegründet wurde der Aktionskreis 1990 Heute erholen sich in dem Heim 4000 Kin- eingesetzt. Für den 26. März ruft Campact nem ökologischen Stromanbieter zu wech-
1000 Stimmen gegen das Verdrängen.
deutschlandweiten Netzwerks: über von Mitarbeitern evangelischer Kirchen- der pro Jahr für je drei Wochen. Der in zur Beteiligung an Kundgebungen in Ham- seln. Sie haben eine Anti-Atom-Demons-
»Tschernobyl« aufklären und all jenen gemeinden in Berlin. Bis heute sind ehren- Frankfurt am Main ansässige Verein will das burg, Berlin, Köln und München auf. tration in Berlin angemeldet. Musikalisches Großereignis bundes-
Menschen helfen, die von den Folgen der amtliche Mitarbeiter aus umliegenden Ge- Kinderheim als eigenständige Einrichtung www.campact.de www.naturfreunde.de weit, www. 1000-stimmen.de
Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betrof- meinden dabei. Am 23. Juli gibt es in der Zivilgesellschaft fördern und erhalten.
fen sind. Seit 1990 organisieren Vereine, Hirschluch einen Tag der offenen Tür. www. freunde-nadeshda.de Schönau: sauberer Strom KAB: Für kommende Generationen 5. bis 8. April: Charité Berlin: Interna-
Initiativen und Kirchengemeinden aus Die ökologischen Stromrebellen der Elek- Zu einer gerechten und solidarischen Ge- tionaler Kongress »25 Jahre Tscherno-
Deutschland Ost und West gemeinsam mit BDKJ Hagen: Kinder bauten Brücken Germanwatch: gerecht leben trizitätswerke Schönau (EWS) im Schwarz- sellschaft beizutragen, ist das Anliegen der byl«, www.strahlentelex.de
Partnerorganisationen in Weißrussland Er- Zwischen 1992 und 2006 kamen jährlich 20 »Hinsehen, Analysieren, Einmischen«: Un- wald versorgen bundesweit mehr als Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung
holungsaufenthalte für osteuropäische bis 25 Kinder aus Klimowitschi in Weißruss- ter diesem Motto engagiert sich German- 100 000 Privathaushalte, Gewerbebetriebe Deutschlands (KAB). Dazu gehört für die 8. bis 10. April: Urania Berlin: Tscher-
Kinder: mehr als 200 000 waren es in den land nach Hagen zur Erholung in das Ju- watch seit 1991 für Nord-Süd-Gerechtig- und Industrie-Unternehmen mit sauberem rund 150 000 Mitglieder auch die Verant- nobylkongress »Zeitbombe Atomener-
zwei Jahrzehnten. »Es sind Kinder, die in gendgästehaus Marienhof des Bundes der keit und den Erhalt der Lebensgrundlagen. Strom. Die EWS sind aus einer Bürgerbe- wortung für kommende Generationen: gie«, www.tschernobylkongress.de
radioaktiv belasteten Gebieten aufwach- Deutschen Katholischen Jugend. Der BDKJ- Die Organisation will Wissenslücken wegung entstanden und ökologischen Leit- »Die KAB hat bereits 1988 den sofortigen
sen. Kinder, die unter den Spätfolgen der Stadtverband Hagen organisiert Gasteltern- schließen und Studien kritisch analysieren. linien verpflichtet. Geschäftsführung und Ausstieg aus der Atomenergie beschlos- 8. bis 10. April: Bonn: Atomausstieg-
Atomkatastrophe leiden«, sagt Homeyer. reisen, Trödelstände und Hilfstransporte. »Derzeit versuchen wir mit unserer Kam- Gesellschafter setzen nicht auf unbedingte sen«, sagt Geschäftsführer Michael Schä- Argumentationstraining des Jugend-
Darüber hinaus unterstützen die Initiati- Heute geht es um die Fortführung der Part- pagne ›100 Prozent Zukunft‹ die vollständi- Gewinnmaximierung, sondern investieren fers. Die KAB setzt sich für eine Verbesse- bündnisses Zukunftsenergie mit der
ven der BAG weitere soziale und medizini- nerschaft mit dem Altenheim in Klimowit- ge Versorgung durch erneuerbare Ener- in eine nachhaltige Energieversorgung. rung der Ressourceneffizienz und eine de-
Katholischen Landjugendbewegung
sche Projekte der Selbsthilfe: Von Diabe- schi, an der sich die Pfarrei St. Elisabeth und gien voranzubringen«, sagt Damian Arikas Auch die EWS Schönau rufen zu den De- zentrale und vernetzte Solarwirtschaft ein.
die Matthäusgemeinde beteiligen. von Germanwatch zu Publik Forum. monstrationen zum Atom-Ausstieg auf.
(KLJB). Argumentationshilfen dazu in
tes-Schulen, über Behindertenkindergär- »Auf dem nächsten Bundesverbandstag
ten bis hin zu Frauenberatungsstellen. Kontakt: Tel: 02331/919795 www.germanwatch.org www.ews-schoenau.de wird sich die KAB unter dem Motto ›Fair der KLJB-Broschüre Gegen den Strom
www.bag-tschernobyl.net teilen statt sozial spalten – Nachhaltig le-
25. April: Kerzenaktion des europ.
ben und arbeiten‹ erneut kritisch mit der
Heim-statt Tschernobyl: Zuhause Energiepolitik beschäftigen«, so Schäfers. chernobyl-Netzwerkes (ECN) in vielen

FOTO: DDP IMAGES/DAPD


Nach einer Begegnung mit Strahlenopfern www.kab.de europäischen Städten,www.ecncher
in einem Krankenhaus in Weißrussland, nobyl.eu/candleaction.html
gründeten Irmgard und Dietrich Bodel- IPPNW: Aufklären und einmischen
schwingh 1992 den Verein »Heim-statt Die Deutsche Sektion der Internationale Ärz- 26. April: Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-
Tschernobyl«. Ihre Idee: Häuser bauen, um te für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in kirche Berlin. Gemeinsames Geden-
junge Familien bei der Umsiedlung aus den sozialer Verantwortung (IPPNW) setzt sich ken der Evangelischen, Katholischen
verstrahlten Gebieten zu unterstützen. In- seit 1982 für eine Welt frei von atomarer Be-
und Russisch-orthodoxen Kirche.
zwischen haben die freiwilligen Helfer zu- drohung und Krieg ein. »Aus Sorge um die
www.heimstatt-tschernobyl.org
sammen mit den Familien 55 Häuser er- Gesundheit und das Leben von Millionen
richtet, zwei neue Dörfer sind so entstan- Menschen fordern wir den weltweiten Aus- 26. April im französischen Dom, Ber-
den. Während es in den Anfangsjahren des stieg aus der Atomenergie«, sagt Geschäfts-
lin: Tschernobyl als europäische He-
Vereins um persönliche Hilfe und den führer Frank Uhde. Die IPPNW vertritt in
Häuserbau ging, betreiben die Mitglieder Deutschland 7000 Ärzte und organisiert Ver- rausforderung. Zentrale Veranstal-
heute gezielte Strukturhilfe: 2009 errichte- anstaltungen und Kampagnen gegen die tung, www.franzoesischer-dom.de
te der Verein die einzigen beiden Wind- Energiepolitik der schwarz-gelben Regie-
Vierzig Orte: Ausstellung, Zeitzeugen-
kraftanlagen in Weißrussland. Auch mit rung. Zudem forscht und informiert der Ver-
Niedrigenergiehäusern möchten die Helfer ein zu den gesundheitlichen, sozialen und gespräche: Tschernobyl – Orte – Soli-
ein Zeichen gegen Atomstrom setzen. Er- politischen Folgen von Krieg und Atomtech- darität, www.ibb-d.de/tschernobyl
möglicht werden die Projekte durch Spen- nologie. Der Verein ist in über sechzig Län-
Friedensfahrt quer durch Europa von
den und öffentliche Zuschüsse. 2012 plant dern weltweit aktiv. 1985 erhielt IPPNW den
der Verein eine Gesundheitsstation vor Ort. Friedensnobelpreis. Minsk nach Genf mit Gottesdiensten
www.heimstatt-tschernobyl.org www.ippnw.de u. a., www.bag-tschernobyl.net

März 2011 9 DOSSI ER Publik-Forum

<8 Diese PDF ist zu Ihrem persönlichen Gebrauch Hier können Sie gedruckte Exemplare dieses Dossiers bestellen 9>
< dossier tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer dossier >
Die Konzerne verdienen Pflugbeil: Es sind Materialmängel und Män-
FOTO: VARIO IMAGES /IMAGEBROKER

pro Tag eine Million Euro gel in der Sicherheitskultur. Es fehlen Vor-
pro Reaktor, das Personal kehrungen für den Katastrophenfall, so-
muss fit gemacht und dass man das KKW von außen steuern
geschult werden: kann. Es fehlen doppelte Ausfertigungen
Fortbildungsstelle in von sicherheitsrelevanten Teilen. Dazu
Essen kommen logistische Fragen. Die Mängel
liegen in unterschiedlicher Qualität bei al-
len KKWs vor, werden in Abständen über-
prüft, aber zum großen Teil wegen des ge-
nannten Kuhhandels nicht behoben.

Wo hat sich das schon bemerkbar gemacht?


Pflugbeil: Die Auseinandersetzung mit den
norddeutschen Kernkraftwerken ist ja mit
den Leukämiekindern in der Elbmarsch
losgegangen. Da gab es die höchste Leukä-
miekonzentration bei Kindern weltweit.
Dann gab es diese Unfälle in Forsmark, in
Krümmel und in Brunsbüttel. Auch da gab
es im Fall Brunsbüttel ein langes Register
von erforderlichen Nachrüstungen als Er-
die Nachrüstung machen. Aber ihr müsst gebnis einer zehnjährigen Überprüfung

»Ein absurder Kuhhandel« spätestens in zehn Jahren damit angefan-


gen haben.
der Anlage. Diese Liste wurde nur unvoll-
ständig umgesetzt. Denn die Ministerin für
Familie und Soziales in Schleswig-Holstein
Warum seit Jahren an der Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke gespart wird. Was heißt »angefangen haben«? hatte sie im Schubfach und weigerte sich,
Pflugbeil: Das heißt: Wenn die in neun Jah- sie rauszugeben. Die Begründung war
Fragen an den Atomexperten Sebastian Pflugbeil

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ren und elf Monaten im November zum dann vor Gericht, dass die Veröffentlichung
Obi-Baumarkt gehen und sich ’ne Bohrma- dieser Liste den Wert der Anlage beein-
schine kaufen , dann können sie sagen, wir trächtigen könnte, falls der Konzern das
Publik-Forum
Von Bettina Röder spricht. Seit drei Jahren liegt das vor. Die
schwarz-gelbe Regierung hat nun mit allen
gelwerk nicht in Kraft. Und so wird die an-
gekündigte Überprüfung der Kernkraft-
haben ja angefangen. Doch dann ist die ver-
längerte Laufzeit für die meisten Kern-
KKW verkaufen will.
shop
Das Bundesverfassungsgericht hat den Be- Mitteln versucht, diesen rot-grünen Ent- werke auf der Grundlage von diesem drei- kraftwerke faktisch vorbei, sodass das kein Wie gravierend ist die Mängelliste der
trieb von Atomkraftwerken an die Vorausset- wurf, der den aktuellen Wissensstand be- ßig Jahre alten Regelwerk gemacht, also mit Gericht oder keine Regierung erzwingen KKWs, was könnte schlimmstenfalls passie-
zung geknüpft, dass der Stand der Wissen- rücksichtigt, wieder zu verdünnisieren. einem Stand von Wissenschaft und Technik wird, dass die ein Jahr vor Betriebsschluss ren, wenn man sie nicht berücksichtigt? Bitte senden Sie mir drei
schaft und Technik gewährleistet ist. Was von vor drei Jahrzehnten. Das ist eine Ab- noch ’ne Milliarde für Nachrüstung ausge- Pflugbeil: Es kann krachen. Es gibt ja eine aktuelle Ausgaben
heißt das für die Atomkraftwerke, die vorläu- Warum? surdität. Die aber nicht die einzige ist. ben sollen. Das ist ein Betrug. klassische Untersuchung von Fachleuten Publik-Forum kostenlos
fig noch nicht abgeschaltet wurden? Pflugbeil: Wenn man diesen rot-grünen Ent- aus Deutschland, die deutsche Risikostudie zum Probelesen.
Sebastian Pflugbeil: Das heißt, dass so gut wie wurf beschlossen hätte, dann wäre das sehr Was meinen Sie damit? Wie hoch ist die Summe, die die Kernkraft- Kernkraftwerke. Da werden verschiedene Bestelle ich nicht innerhalb einer Woche nach
alle Kernkraftwerke in Deutschland nach teuer geworden für alle Kernkraftwerke. Pflugbeil:Der erste Sündenfall ist bei Rot- werke durch die Verlängerung verdienen? Unfallszenarien durchgespielt, die man sich Erhalt des dritten Heftes ab, wünsche ich
dem heutigen Stand von Wissenschaft und Um auf den aktuellen Stand zu kommen, Grün passiert mit dem Atomausstieg. Die Pflugbeil: Pro Reaktor und pro Tag ungefähr so am Schreibtisch vorstellen kann. Die Ur- Weiterlieferung im Abonnement. Der Abonne-
mentpreis beträgt im Halbjahr 47,40 €
Technik nicht genehmigungsfähig sind. hätten sie richtig in die Tasche greifen müs- Regierung hat damals den Atomkonzernen eine Million Euro. Solange nichts passiert, sachen können menschliches Versagen sein (Studenten-/Vorzugsabo gegen Nachweis zum
Doch es ist vor allem ein Skandal, nach wel- sen. Das wollte man aber nicht. Deshalb hat den Ausstieg damit schmackhaft gemacht, ist das eine Gelddruckmaschine. oder eben ein Flugzeugabsturz. Entschei- Preis von 33,60 €), in der Schweiz inkl.
chen Kriterien das im Bundestag jetzt dis- Schwarz-Gelb die Überprüfung der Kern- dass sie ihnen in einer Nebenbemerkung dend ist, dass es zu einer Kernschmelze Aufbruch 86,00 CHF (ermäßigt 62,00 CHF).
Ich kann jederzeit kündigen.
kutiert wird. kraftwerke leicht verändert. Selbst die Ar- gesagt hat, wir werden euch in dieser Zeit, Die KKWs, die bis 1980 in Betrieb gegangen kommen kann, das Reaktordruckgefäß aus-
beit an diesen kleinen Veränderungen ist in der das jetzt ausläuft, nicht auf die Zehen sind, sind nun stillgelegt worden. Vorerst. Wie einanderbricht, das ganze offen liegt und die
Inwiefern? seit Herbst vergangenen Jahres abge- treten mit den Nachrüstungen, die eigent- sicher sind die anderen KKWs? Radioaktivität frei wird. Und das, was da frei
name, vorname
Pflugbeil: Maßstab ist da ein kerntechni- schlossen und trotzdem setzt man das Re- lich erforderlich sind. Den Konzernen war’s Pflugbeil: Wenn Frau Merkel die Sicherheit wird, wird in einigen Fällen als höher einge-
sches Regelwerk. Da steht drin, nach wel- recht. Das heißt, seit dem Beschluss des bei den anderen Atomkraftwerken ernst schätzt als das, was in Tschernobyl an Ra-
strasse
chen Prinzipien Kernkraftwerke gebaut Atomausstiegs ist faktisch nichts Wesentli- nehmen würde, müsste man verlangen, dioaktivität freigesetzt worden ist. Das trifft
Sebastian Pflugbeil
werden und welchen Anforderungen sie ches gemacht worden, nichts, was richtig dass sie die Mängellisten, die von allen zudem auf eine Bevölkerungsdichte, die et- plz, ort
genügen müssen. Das ist aber ungefähr ist Physiker und Präsident der teuer wird. Mit Duldung der Atomaufsicht KKWs im Schreibtisch liegen und die we- wa zehnmal höher ist als in Tschernobyl.
dreißig Jahre alt. Deutschen Gesellschaft für und des Umweltministeriums. gen des genannten Kuhhandels nicht bear- Was die in der Risikostudie gerechnet ha- telefon, e-mail geburtsdatum
Strahlenschutz. Als Minister beitet wurden, offenlegt. Dann müsste man ben, wäre inzwischen laut einer neuen Risi-
Warum wurde es nicht aktualisiert? ebnete er den Weg für die Ab- Welche Fristen wurden überhaupt gesetzt? den KKWs jetzt ein Jahr geben und sagen: koeinschätzung von Strahlenschäden unge- datum, unterschrift 20111005
Pflugbeil: Die rot-grüne Regierung hatte be- schaltung aller KKWs in Ost- Als die Laufzeitverlängerung be-
Pflugbeil: Wenn das nicht abgearbeitet ist, dann fähr zehnmal so schlimm. Und die Politiker
FOTO: EPD/PRISKE

gonnen, ein neues Regelwerk zu erarbei- deutschland. schlossen wurde, hat man mit so einem Au- macht ihr dicht. könnten wissen, dass es diese Untersu-
Bestellcoupon ausschneiden und senden an:
ten, das tatsächlich dem heutigen Wissens- genzwinkern gesagt, Sicherheit ist für uns chung gibt. Zu sagen, das kann bei uns nicht
stand über kerntechnische Fragen ent- das Allerwichtigste. Darum müsst ihr zwar Was sind solche Mängel? passieren, ist einfach Volksverdummung. ■ Publik-Forum Postfach 2010
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März 2011 11 DOSSI ER Publik-Forum

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< dossier tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer dossier >
werk etwa im Jahr 2020 ans Netz gehen. Po- einer Volksabstimmung hat Österreich

FOTO: PRIVAT
Die erfundene Renaissance lens Regierung hatte bereits in den 1980er-
Jahren Reaktoren geplant, sie nach star-
kem Widerstand in der Bevölkerung aber
1978 die Nutzung von Atomkraft verboten.
Trotzdem ist das Land von zwölf Atom-
kraftwerken umzingelt. Zumindest die
Anhänger der Atomkraft verweisen gerne auf den globalen Boom der Kernenergie. aufgegeben. Noch hält Ministerpräsident Schweiz hat ihren Kurs geändert. Sie plante
Tusk beharrlich an den Plänen fest. bis vor Kurzem noch einen Neubau für die
Doch die Realität sieht anders aus
veralteten Atomkraftwerke Mühleberg und
Ausstieg deutscher Banken Beznau. Jetzt, nach der Katastrophe von Ursula Timm, 77
Kein europäisches Land hat sich derart der Fukushima, wurde der Bau eines neuen Jahre, Rostock
Von Claudia Mende Stockholm das Verbot für den Neubau von Berlusconi-Regierung hat 2010 eine Atom- Atomkraft verschrieben wie Frankreich: Atomkraftwerks definitiv abgesagt.
Kernkraftwerken. Nach dem Japan-Schock anlage beschlossen – die allerdings in Slo- Mit seinen 58 Druckwasserreaktoren steht In der DDR wurde Tschernobyl totge-
Neue Zweifel

D
ie Atomindustrie spricht oft von will die Regierung den Reaktor Forsmark wenien gebaut werden sollte. Wie es wei- es weltweit an zweiter Stelle hinter den
schwiegen. Wer darüber sprach,
einem »Comeback der Kernener- abstellen, der 2006 wegen eines Stromaus- tergeht, ist noch unklar. USA. Öffentliche Kritik gab es dort bisher Entscheidend für die Zukunft wird sein, ob
kaum, selbst nach einem gefährlichen Stör- die Schwellenländer ihren Atomkurs über- musste Repressalien fürchten. Den-
gie«. Doch die Behauptung lässt falls kurz vor der Kernschmelze stand. Trotz massiver Proteste von Umwelt-
sich nicht halten: Nur 14 von 27 Staaten der Auch Italien wollte den Wiedereinstieg. Die schützern soll das erste polnische Kraft- fall 2008 im Kraftwerk Tricastin nicht. denken. Brasilien hat zwei Kraftwerke, In- noch kursierten heimlich Drucksa-
Europäischen Union setzen überhaupt auf Stattdessen exportiert Frankreichs Staats- dien hat zwanzig und plant den Bau von chen, und die Menschen versammel-
Atomkraft. Länder wie Dänemark oder Ös- konzern Areva Atomtechnologie in die gan- fünf weiteren. China hat das weltweit ehr- ten sich trotz aller Verbote zu Fürbitt-
terreich sind nie eingestiegen. Die Zahl der ze Welt, auch in die Krisenregion Nahost. geizigste atomare Programm, mit geplan-
gebeten und Gesprächen in evangeli-
Kraftwerke ist in den letzten dreißig Jahren Bewegung ist in die gefährlichen bulga- ten vierzig Neuanlagen bis 2015. Nach dem
in Europa deutlich zurückgegangen. Gab es rischen Atompläne gekommen. Der in Be- GAU in Japan stoppte China jedoch alle schen Kirchen. Ich war Katechetin,
1989 noch 177 AKWs, sind es heute 125 lene geplante Druckwasserreaktor liegt Genehmigungsverfahren vorläufig, bis die lebte in Marlow in Mecklenburg-Vor-
Atommeiler in der Europäischen Union. mitten in einem aktiven Erdbebengebiet. Sicherheitsstandards überprüft sind. pommern, mein Mann war da Pastor.
Weltweit werden zwei Drittel des Atom- Ursprünglich war der Energiekonzern Alle Staaten bagatellisieren die Folgen Ganz unfreiwillig hörte er schon am
stroms von sechs Ländern erzeugt, vor al- RWE zu 49 Prozent an Belene beteiligt. von Kernenergie, meint der Münchner
26. April von der Katastrophe. Er war
lem von den drei Atommächten Frank- Nach Protesten von Umweltschützern Strahlenbiologe Edmund Lengenfelder.
reich, Russland und den USA. »Die Renais- stieg der Konzern 2009 aus, wie auch die Die Bevölkerung werde nicht über die Ge- von Berlin nach Rostock in der soge-
sance der Atomkraft ist eine Erfindung der Deutsche Bank, die Commerzbank und die fahren aufgeklärt. Doch die japanische Ka- nannten »Bonzenschleuder« unter-
Atomindustrie«, meint Christoph von Lie- HypoVereinsbank. Die bulgarische Regie- tastrophe bringt auch Atom-Hardliner ins wegs. So hieß im Volksmund der Zug,
ven, Atomexperte bei Greenpeace. rung scheint jetzt einzulenken, will den Wanken. Nach Einschätzung der angese- mit dem auch regelmäßig SED-Funk-
Reaktor aber woanders, in der Atomanlage henen Tageszeitung Le Monde ist die fran-
Schweden im Zick-Zack-Kurs tionäre fuhren. Einer sagte: »Da ist
Kozloduj bauen. Heftig umstritten ist auch zösische Atomeuphorie passé. Auch in Chi-
Es gibt wohl Länder, die ihren Ausstieg re- ein EPR-Druckwasserreaktor in Finnland, na mehren sich die kritischen Stimmen, was passiert in der Sowjetunion.« Alle
vidiert haben. Schweden hat 1980 in einem der weltweit erste dieses Typs. Doch sein nachdem die Medien intensiv über Fuku- tuschelten aufgeregt, dann stand ein

FOTO: REUTERS/HERMANN
Volksentscheid die Nutzung der Atomener- Bau verzögert sich seit Jahren, die Kosten shima berichtet hatten. anderer auf und rief: »Ruhe Genos-
gie auf dreißig Jahre begrenzt, vollzogen sind von drei auf fünf Milliarden Euro ex- Insgesamt zeigen die letzten zehn Jahre sen, in der Sowjetunion passiert
wurde der Entscheid aber nur teilweise, plodiert. einen großen Unterschied zwischen An-
nichts!« Nach 1990 konnten wir end-
zehn Reaktoren laufen noch. Im Jahr 2009 Dass es eine europäische Lösung kündigung und Realität: 2010 war nur ein
kippte die konservative Regierung in »Die Zukunft wird radioaktiv«: Auch in Frankreich wächst der Protest gegen Atomkraft braucht, zeigt das Beispiel Österreich. Nach Atomkraftwerk mehr in Betrieb als 1999. ■ lich etwas tun: Wir haben die Kinder
aus Weißrussland eingeladen. Viele
aus meinem Ort haben dafür ihr ers-
tes Westgeld gegeben. Seitdem kom-
weltweite Vollversorgung mit erneuerba- Noch immer fließt der Löwenanteil der na- Der Netz- und Speicherausbau wird da-
Dinosaurier adé ren Energien bis 2030 technologisch und
industriell machbar ist – und ökonomisch
tionalen und europäischen Energiefor-
schungsmittel in die Kernspaltungs- und
bei genauso wichtig sein wie der Abbau von
Genehmigungsblockaden, die vor allem in
men die Kinder vor allem aus dem
verstrahlten Dorf Gluschkowitschi zu
sinnvoll ist. Kernfusionsforschung. Diese Gelder feh- den südlichen Bundesländern vorherr- uns, und wir besuchen sie dort. Dörfer
Noch immer werden fossile und atomare Energietechniken
Deutschland muss nun den Ausbau der len für die Erforschung der erneuerbaren schen. Noch immer scheitern viele Investi- sind nur noch halb besiedelt. Einmal
stärker gefördert als die erneuerbaren. Ein Gastkommentar Erneuerbaren beschleunigen – und nicht Energien und der Energieeffizienz. tionen in Windkraft und Wasserkraft an ei- traf ich eine junge Lehrerin, die den
nur davon reden. In ihrer Regierungserklä- Die Erneuerbaren sind auch eine ökono- ner Bürokratie, die den Atomstrom schützt,
Schulgarten umgrub. Sie war nach der
rung zu Japan hat Angela Merkel zwar da- mische Chance. Die Branche hat sich in statt Erneuerbare schnell voranzubringen.
Von Hans-Josef Fell Was wir jetzt brauchen, ist ein völlig von gesprochen, gleichzeitig legt sie aber Deutschland zum absoluten Exportschla- Die Verantwortung für die Verstrahlung Uni hierher zwangsverpflichtet wor-
neuer Entwurf für unsere Energieversor- einen Haushaltsplan vor, der eine drasti- ger und zum Jobmotor für die heimische verschiedenster Weltregionen haben die zu den. Jüngst zeigten wir eine Wander-

D
ie Katastrophe von Tschernobyl gung: ein sofort anzugehendes Konzept sche Kürzung aller Mittel für erneuerbare Wirtschaft entwickelt. Bisher wurden da- tragen, die die Kernenergie eingeführt ha- ausstellung über die Menschen. Ihr
jährt sich bald zum 25sten Mal. für eine Atom- und Kohlendioxid-freie Energien vorsieht. Stattdessen müssen wir durch fast 350 000 Arbeitsplätze geschaf- ben und bis heute unterstützen. Es wird
Schicksal lässt mich nicht los.
Heute stehen wir fassungslos vor Energieversorgung der Welt. Den Entwurf endlich die Milliarden Subventionen für fen. Insbesondere in Ostdeutschland, wo Zeit für ein Umdenken. Es wird Zeit für ei-
Protokoll: Bettina Röder
einem ähnlichen Szenario, diesmal aus Ja- gibt es längst: Professoren von den welt- die Dinosaurier-Technologien abbauen. Arbeitsplätze besonders rar sind. Alle er- ne Energierevolution! ■
pan. Bisher galten die japanischen Atom- berühmten kalifornischen Universitäten Noch immer fließen weltweit dreihundert neuerbaren Energien – Solarkraft, Wind,
kraftwerke als die sichersten der Welt. Stanford und Davis haben unlängst einen Milliarden Euro jährlich dorthin. Wasserkraft, Bioenergien und Erdwärme – Hans-Josef Fell ist seit 2005 Sprecher für Energie
Ähnliches hört man weiterhin von den Plan für eine emissionsfreie Welt vorge- Die erneuerbaren Energien auszubauen müssen wie Speicher und Netze vor allem und Technologie der Bundestagsfraktion von
deutschen Betreibern. legt. Er zeigt, dass die Umstellung auf eine heißt auch, in die Forschung zu investieren. auf dezentraler Ebene ausgebaut werden. Bündnis 90/Die Grünen.

< 12 Diese PDF ist zu Ihrem persönlichen Gebrauch Hier können Sie gedruckte Exemplare dieses Dossiers bestellen 13 >
Publik-Forum < dossier tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer tschernobyl. fukushima. aussteigen für immer dossier >
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Entsprechend habe sich die Landschaft namik zum Ausbau der erneuerbaren Ener-

FOTO: PRIVAT
Europa ohne Atomstrom verändert: »Sechs Offshore-Anlagen vor
der deutschen Küste an Nord- und Ostsee
produzieren tagaus und tagein Strom – au-
gien, der für die Energiewende notwendig
sei. Greenpeace hält es sogar für möglich, im
Jahr 2040 das letzte deutsche Kohlekraft-
Tagesschau, 4. April 2030: »Heute ging das letzte Kernkraftwerk ßer bei einem Orkan. Mehr als achtzig Pro- werk vom Netz zu nehmen. Als Brücken-
zent aller geeigneten Dächer von Wohn- technologien sieht das Greenpeace-Kon-
in Europa vom Netz.« Eine Vision, die Wirklichkeit werden kann
häusern und Gewerbeimmobilien sind mit zept Erdgas-Kraftwerke und die Kraft-Wär- Ludwig
Fotovoltaikanlagen ausgestattet, dezentra- me-Kopplung vor, bis im Jahr 2050 die er- Brügmann,
le Kraft-Wärme-Kraftwerke, die mit Erd- neuerbaren Energien den gesamten Strom- Arzt, 69 Jahre
oder Biogas geheizt werden, versorgen die bedarf decken könnten.
Haushalte mit Strom und Wärme. Sie ha- Die Nord-Süd-Initiative Germanwatch In der Nacht des 29. April 1986 war
ben einen doppelt so hohen Wirkungsgrad hat diese beiden Szenarien und zwei weite-
ich noch einmal auf der Intensivstati-
wie einst die Kohlekraftwerke«, sagt Marie re miteinander verglichen. Ihre Schlussfol-
Tschernobyl. Fukushima. Morgenrot. Und: Mit hohen Strompreisen gerung: »Drei der vier analysierten Szena-
on. Ich war damals Chefarzt in einem
Aussteigen für immer hatten laut Umweltministerin vor allem je- rien erreichen das Ziel einer Verringerung Krankenhaus in Kreuztal. Da kam das
ne europäischen Länder zu kämpfen, die der Treibhausgase in Deutschland um 80 Personal und erzählte aufgeregt von
Das Dossier hat 16 Seiten und wird
nach 2011 noch länger auf Strom aus Kohle bis 95 Prozent bis 2050 im Vergleich zu einer Atomkatastrophe in Weißruss-
zu folgenden Staffelpreisen und Atom gesetzt hatten: Immer strengere 1990 – ohne eine Laufzeitverlängerung der
angeboten: bis zu 4 Exemplare je land. Wir schalteten den kleinen
Sicherheitsauflagen für Kernkraftwerke, Atomkraftwerke und zu volkswirtschaft-
2 €; ab 5 Ex. je 1 €; ab 10 Ex. je steigende Preise für Öl, Kohle und Gas lich akzeptablen Kosten«, erläutert Jan Fernseher auf der Station an: Tscher-
0,90 €; ab 20 Ex. je 0,80 €; ab 50 Ex. machten den konventionellen Strom im- Burck von Germanwatch. nobyl, das war »ein dritter Weltkrieg«,
je 0,70 €; ab 100 Ex. je 0,60 €. Bei mer teurer. »Strom aus Wind und Sonne wie die Einwohner dort gesagt haben.
Bestellwert unter 25 € zuzüglich wurde im Vergleich dazu immer günstiger, McKinsey: Erneuerbare nicht teurer
Ich wollte helfen. Aber wie? Durch
2,50 € Versand. auch weil Windkraftanlagen und Solar- Für Europa untersucht die Studie »Road-
einen Zufall lernte ich Dietrich und
Bestellnummer 2943 techniken stetig besser wurden.« map 2050« im Auftrag der Europäischen Kli-
mastiftung ECF die Energieversorgung der Irmgard von Bodelschwingh kennen,
Publik-Forum Postfach 2010 Erdgas unterstützt Sonne und Wind Zukunft. Obwohl die im April 2010 veröf- die Gründer der Organisation Heim-
61410 Oberursel
Ist das alles nur Träumerei? Kann Deutsch- fentlichte Studie von der industrienahen statt Tschernobyl. Wir fuhren zusam-
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land, kann Europa seinen Strombedarf Unternehmensberatung McKinsey erarbei- men nach Weißrussland und haben
auch ohne Atomkraftwerke – und aus Kli- tet wurde, kommt sie zu dem Ergebnis, dass
mit den Menschen neue Häuser ge-
maschutzgründen auch ohne Kohlekraft- der Weg in eine Stromversorgung ohne Koh-
werke – decken? Die Antwort lautet: Ja. le und Atom kaum teurer sein werde als Sze- baut, ihnen medizinisch geholfen und
Deutschland kann es und Europa kann es narien, die auf Atomkraft setzen. nach einer alternativen Energiege-
FOTO: FOTOLIA/STEIDL

auch. Aber es sind große Anstrengungen Zu diesem Schluss kommen alle Studien, die winnung gesucht. Zwei Windräder
dazu nötig – von der Politik, von der Wirt- längerfristig rechnen. Denn: Strom aus Son- stehen jetzt dort, die einzigen im
schaft und von den Verbrauchern. ne und Wind ist heute nur deshalb teurer,
Land. Die Menschen dort haben auch
Der Wandel von einer klimaschädlichen weil die Kosten für Kohle- und Atomstrom
zu einer klimaverträglichen Wirtschaftswei- auf die Zukunft verlagert und künftigen Ge- mein Leben und das meiner Frau
se ist auch ohne Atomstrom möglich und be- nerationen aufgebürdet werden. reich gemacht, mit ihrer Energie, ih-
Von Barbara Tambour decken und bis zum Jahr 2030 alle europäi- zahlbar. Das zeigt die Studie »Modell rem Mut, ihrer Zuversicht. Trotz alle-
schen Atomkraftwerke abzuschalten.« Deutschland« des WWF. Danach kann der Was tun?
dem. Mein Leben, meine Gedanken,

W
ir schreiben den 4. April 2030. Am gleichen Abend erinnert die deutsche Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2050 Die Politik muss Anreize schaffen für massi-
alles was ich tue, hat seither einen
Die Tagesschau meldet: »Heute Umweltministerin Marie Morgenrot an die um 95 Prozent gegenüber 1990 verringert ve Investitionen in erneuerbare Energien
ging in Frankreich das letzte Geschichte: »Nach Fukushima wurden in werden, ohne dass die sowie in Erdgas-Kraft- neuen Sinn.
Kernkraftwerk in Europa vom Netz. Auf der Europa keine neuen Atomkraftwerke mehr Laufzeiten der deut- werke und Kraft-Wär- Wir waren gerade dabei, den 25. Jah-
Rheinbrücke bei Kehl und auf beiden Sei- gebaut. Der Widerstand der Bevölkerung schen Atomkraftwerke Es gibt kein Energie- me-Kopplung. restag von Tschernobyl vorzuberei-
ten des Rheins ließen Hunderttausende war einfach zu groß. Gleichzeitig hatte sich verlängert werden – mit- problem, nur falsches Elektrogeräte mit gerin-
ten, da kam die neue Atomkatastro-
Menschen Luftballons mit gelber Sonne, die Erkenntnis durchgesetzt, dass Atom- telfristig also ohne gem Verbrauch sollten
Energieverhalten. ausgezeichnet und zum
phe. In Fukushima. Und jetzt bricht
dem Zeichen der Antiatomkraftbewegung, kraft keineswegs klimafreundlich ist, da die Atomstrom.
aufsteigen. Die Staatschefs der Mitglieds- Großkraftwerke – Atom wie Kohle – den Die Umweltschutzor- Immerhin haben sich Maßstab gemacht wer- alles wieder auf: Entsetzen, aber auch
länder der Europäischen Union trafen sich Ausbau der Erneuerbaren blockieren.« ganisation Greenpeace schon 300 Regionen und den. Stromfresser ver- Zorn, dass wir in den letzten 25 Jah-
in Brüssel zu einer Feierstunde. In ihren In der Bevölkerung habe nach Fukushi- geht in ihrem Energie- boten werden. ren so wenig gehört wurden.
Städte auf den Weg zu
Ansprachen würdigten sie die Gründung ma ein Umdenken stattgefunden: »Die Kri- konzept für Deutsch- Für Verbraucher, Han-
hundert Prozent Ökostrom Protokoll: Bettina Röder
der »Europäischen Union für Erneuerbare tik an Windrädern und an neuen Überland- land »Klimaschutz: Plan del und Industrie gilt:
Energie« im Jahr 2014. Diesen Vertrag hat- stromleitungen verstummte nicht einfach«, B 2050« sogar von einem gemacht. Die anderen Energie sparen, wo im-
ten die EU-Mitgliedsstaaten drei Jahre so Marie Morgenrot, »aber es setzte sich die Ausstieg aus der Kern- müssen jetzt aufwachen mer es geht; auf Öko-
nach der Katastrophe von Fukushima ge- Erkenntnis durch, dass jede Energietech- energie schon im Jahr strom umsteigen und
oder von wachen Bürgern
schlossen und darin vereinbart, den Strom- nik ihre Kehrseiten hat, dass aber keine 2015 aus. Erst der Aus- Ökostrom selbst produ-
bedarf Europas bis zum Jahr 2050 aus- Technologie so lebensbedrohlich und un- stieg schaffe, so die Um- aufgeweckt werden. zieren, wo es möglich
schließlich aus erneuerbaren Energien zu beherrschbar ist wie die Atomkraft.« weltschützer, jene Dy- Franz Alt ist. ■
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Publik-Forum DOSSI ER 14 März 2011 März 2011 15 DOSSI ER Publik-Forum

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