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Macht Liebe blind?

von Emil Müller. Q1a

Wohl fast jeder hat wohl schon mal die Redewendung „blind vor Liebe sein“ gehört.
Diese beschreibt den Zustand des frisch Verliebtsein, bei der man die Fehler und
Schwächen des anderen komplett ausblendet und man sich nur auf die positiven
Aspekte des Geliebten fokussieren kann. Doch ist an dieser Redewendung tatsächlich
etwas dran und ist die Liebe für diesen Zustand verantwortlich oder handelt es sich
dabei nur um eine bedeutungslose Phrase?

Dass es bei dem Sprichwort nicht um die tatsächliche visuelle Erblindung geht, ist
unumstritten. Vielmehr ist gemeint, dass man in der frühen Phase des Verliebtseins,
die Fähigkeit verliert, sein Gegenüber kritisch zu betrachten und aufgrund dessen die
Schwächen des anderen nicht mehr sehen kann. Woran liegt das aber?

Das Gefühl dieser Art des Verliebtseins wird dadurch ausgelöst, dass im
Belohnungszentrum des Gehirns das Glückshormon Dopamin besonders intensiv
ausgeschüttet wird. Diese Dopamine wiederum sorgen dafür, dass in unserem Körper
Endorphine produziert werden, wodurch ein Gefühl der Zufriedenheit entsteht. Da
wir dann den Zustand der Vollkommenheit bereits erreicht haben, brauchen wir also
keine weiteren Argumente mehr, welche für oder gegen diese Person sprechen. Das
sonst vorhandene kritische Bewusstseins, ist gegenüber dieser Person also scheinbar
ausgeschaltet und wirkt wie erblindet.

Sind es dann nicht aber die Hormone und nicht die Liebe, die uns „erblinden“ lassen?
Schließlich ist Liebe ja noch viel mehr als der einem Hormonrausch gleichenden
Zustand einer jungen Liebe. Nach einer langjährigen Beziehung oder Ehe ist den
meisten Menschen nämlich doch möglich die Schwächen des anderen zusehen, ohne
dass die Liebe für den anderen abnimmt. Das starke Gefühl des Hingezogenseins und
der Zuneigung, welche charakteristisch für die Liebe sind, bleiben nämlich bestehen
und man ist nicht nur dazu in der Lage die Schwächen des anderen zu sehen, sondern
kann sie auch akzeptieren.
Außerdem muss beachtet werden, dass der Mensch unabhängig davon, ob er verliebt
ist oder nicht, nach Glück strebt und wenn möglich in einem von Glück erfüllten
Zustand auch bleiben will. Ist der frisch Verliebte nun also also blind, weil er sich
diesen Zustand nicht zerstören will? Oder ist er nicht vielleicht immer noch in der
Lage alles zu sehen und erkennen und sieht die geliebte Person nur in einer anderen
Perspektive? Denn nicht nur im Verliebtsein betrachtet der Mensch Sachen subjektiv.
Auch der nicht verliebte Mensch ist nicht immer dazu in der Lage alles zu jeder Zeit
zu 100% sachlich und realistisch einzuschätzen. So gibt es beispielsweise Menschen
welche die Welt eher pessimistisch betrachten und andere, die die selbe Welt eher
optimistisch sehen. Trotzdem ist keiner der beiden „blind“ in ihrer
Betrachtungsweise, sondern sie gewichten nur verschiedene Faktoren stärker in ihrer
Bewertung.
Liebe macht also nicht blind, ist aber dazu in der Lage, Hormone auszuschütten,
welche dafür sorgen, dass wir eine bestimmten Person von einer Perspektive
betrachten, welche wir sonst nicht einnehmen würden. Diese Perspektive ist
allerdings nicht so starr wie eine Erblindung, sondern verändert im Laufe der Zeit.
Was während einer Liebe aber bleibt, sind die Zuneigung und positiven Gefühle für
die andere Person.