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Zeitschrift für
Archäologie und
Kulturgeschichte

Leben am
Toten Meer E 12,80 (D)
E 14,– (A) / sFr 25,–
www.antikewelt.de

ITALIEN DEUTSCHLAND ALTERTUM


Das archaische Archäologe und Die Antike als
Elfenbeinkästchen Gentleman – Georg Karo Orientierung in der
von Belmonte Piceno in den Zwanziger Jahren globalisierten Welt
Die KulturCard für  Abonnenten!
Sie erhalten mit der KulturCard vergünstigten
1
32 7
Eintritt in die Museen unserer Partner! Dies
5 24 22 kann eine Ermäßigung von 40-50 % auf den
34
3 27 regulären Eintrittspreis oder 2 Karten zum
12 Preis von einer sein.
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 1 Bremerhaven Deutsches Auswandererhaus


 2 Darmstadt, Institut Mathildenhöhe – Künstlerkolonie
 3 Bramsche-Kalkriese, Museum und Park Kalkriese
 4 Darmstadt, Schlossmuseum
 5 Hamburg, Archäologisches Museum
 6 Geisa, Gedenkstätte Point Alpha
  7 Lübeck, Europäisches Hansemuseum
 8 Glauberg, Keltenwelt am Glauberg
Antikenmuseum Basel und
 9 Halle (Saale), Landesmuseum für Vorgeschichte
Sammlung Ludwig
St. Alban-Graben 5
10 Wittelshofen, Römerpark und Limeseum 4010 Basel
11 Manderscheid, Maarmuseum www.antikenmuseumbasel.ch
12 Schöningen, Paläon Öffnungszeiten: Di - Do, Sa, So 11 -17 Uhr; Fr 11 - 22 Uhr
13 Chemnitz, smac- Staatl. Museum für Archäologie Der Rabatt gilt nur für die Sonderausstellung
Gladiator. Die wahre Geschichte
14 Mannheim, TECHNOSEUM
22. September 2019 - 22. März 2020
15 Perl-Borg, Archäologiepark Römische Villa Borg
16 Essen, Ruhr-Museum UNESCO-Welterbe Zollverein
17 Nebra, Arche Nebra
18 Manching, kelten römer museum Ostpreußisches Landesmuseum
19 Rothenburg o.d.T., Mittelalterl. Kriminalmuseum mit Deutschbaltischer Abteilung
20 Kassel, Museum für Sepulkralkultur Heiligengeiststraße 38
21 Neanderthal Museum Mettmann 21335 Lüneburg
22 Neustrelitz, Kulturquartier Tel. +49 (0) 4131 759950; info@ol-lg.de
www.ostpreussisches-landesmuseum.de
23 Blaubeuren, urmu - Urgeschichtliches Museum
Öffnungszeiten: Di - So 10 - 18 Uhr
24 Hamburg, Auswanderermuseum BallinStadt
25 Schaffhausen, Museum zu Allerheiligen
26 Memleben, Kloster und Kaiserpfalz
27 Brandenburg, Archäologisches Landesmuseum Paulikloster Fondation Rilke
28 Weißenburg, RömerMuseum, Römische Thermen, 30, rue du Bourg
ReichsstadtMuseum CH-3960 Sierre
29 Neuwied, MONREPOS www.fondationrilke.ch
info@fondationrilke.ch
30 Frankfurt, Archäologisches Museum Frankfurt
Öffnungszeiten: Di - So, 14- 18 Uhr
31 Ingolstadt, Bayerisches Armeemuseum, Museum des
Ersten Weltkriegs, Bayerisches Polizeimuseum
32 Albersdorf, Steinzeitpark Dithmarschen
33 Basel, Antikenmuseum NEU
34 Lüneburg, Ostpreußisches Landesmuseum NEU
35 Sierre, Fondation Rilke NEU ü
EDITORIAL

EIN ORT DER EXTREME


s gibt besondere Orte auf der Welt, die extreme Umweltbedingungen mit einer langen Kultur-
E geschichte verbinden. Ein Paradebeispiel hierfür stellt sicherlich das Tote Meer dar. Aus
Anlass der großen Chemnitzer Sonderausstellung «Leben am Toten Meer» werfen wir einen Blick
weit zurück und möchten uns in dem Titelthema der AW mit ganz unterschiedlichen Fragestel-
lungen beschäftigen. Die Einflüsse auf die Region waren vielfältig und ebenso unterschiedlich sind
die Blickwinkel der Forschung, die auf das Tote Meer und seine Umgebung geworfen wurden
und methodisch sehr breit gefächert auch die Projekte, die sich heute mit dem Thema auseinan­
dersetzen. Lassen Sie sich von der Bandbreite überraschen.

Holger Kieburg
Unser Jubiläumsjahrgang Nr. 50 neigt sich nun dem Ende entgegen. Wir freuen uns schon sehr auf Chefredaktion
Jahr 51 und somit auch den 50. Geburtstag der ANTIKEN WELT. In diesem Heft richten wir den ANTIKE WELT
Blick in der Beilage MOSAIK nach vorne und schauen, wie archäologische und historische Quellen
zum Leben erweckt werden
können, z. B. in Gesichtsrekonstruk­
tionen längst verstorbener Men­
schen, deren Schädel erhalten blieb,
aber auch durch experimental­
archäologische Rekonstruktionen, die
«Reenactern» ein stimmiges Ge­
wand liefern. Auch schlichte Fakten
wie die Geburtsorte der römischen
Kaiser können – auf einer Karte
ins Bild gesetzt – einen neuen Blick
auf die antike Welt ermöglichen.

Eine angenehme Lektüre wünscht


Ihnen

Ihre AW-Redaktion

Ein buntes Bild von AW-Covern


des letzten Jahrtausends.

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ANTIKE WELT 6/19
TITELTHEMA LEBEN AM TOTEN MEER
8 LEBEN IN EXTREMEN – ANZIEHUNGSPUNKT TOTES MEER
von Christina Michel Die Region rund um das Tote Meer war für die Menschen über Jahrhunderte hinweg
nicht nur faszinierend, sondern auch lebensfeindlich. Trotzdem schafften sie es, sich
dort niederzulassen und in dieser kargen Landschaft zu leben.

11 SALZMEER – TOTES MEER – LOTS MEER – DIE DREI ABRAHAMISCHEN


von Martin Peilstöcker RELIGIONEN UND DAS TOTE MEER
Das Tote Meer spielt sowohl im Judentum als auch im Christentum und im Islam
eine wichtige Rolle. Vor allem die religiöse Verehrung bestimmter Orte und Stätten ist
bis heute fest in den Glaubenstraditionen verankert.

17 FELDHERREN, GENIESSER, WISSENSCHAFTLER – DIE RÖMER UND


von Yvonne Schmuhl DAS TOTE MEER
Neben ihrem militärischen Interesse an der Provinz Judäa waren die Römer fasziniert
von den Luxusgütern, die aus dieser Region hervorgingen. So macht uns die Autorin
vertraut mit den Importgütern, die nach Rom gebracht wurden, aber auch mit den römi­
schen Gebräuchen, die von der israelischen Bevölkerung übernommen wurden.

22 «KEIN TEIL PALÄSTINAS WURDE SEIT JAHRTAUSENDEN MEHR


von Martin Peilstöcker MIT DEM ZERRGLAS DES VORURTEILS ANGESEHEN …» – DEUTSCHE
FORSCHUNGEN AM TOTEN MEER
Der Autor vermittelt uns einen Eindruck über das Bestreben und die Anreize, die
zum Beginn der wissenschaftlichen Erforschung des Heiligen Landes führten und die
bis heute andauert.

29 ARCHÄOLOGIE AUS DEM HEILIGEN LAND – VON DER IDEE ZUR


von Sabine Wolfram AUSSTELLUNG «LEBEN AM TOTEN MEER»
Wie entsteht eine Ausstellung zu einem Thema, das erstmalig in Deutschland gezeigt
wird? Welches Konzept wollten die Kuratoren verfolgen? Die Antwort auf diese und
weitere Fragen erhalten wir in diesem Beitrag.

MOSAIK
Themen unserer Jubiläumsbeilage sind dieses Mal u. a. ein Einblick in die Arbeit einer
Rekonstruktionswerkstatt, die Personen aus der Vergangenheit «neues Leben» ein­
haucht, aber auch einen Ausblick in die Zukunft und die Frage, wie die ANTIKE WELT
möglicherweise in zehn Jahren aussehen könnte.

Titelbild der vorliegenden Ausgabe


Bemaltes Kosmetikfläschchen (8,4 cm) aus Fayence, aus einem Fotos: oben: Blick auf das nördliche Becken des Toten Meeres (Foto: akg-images / Albatross / Duby Tal);
Grab in Jericho (Tell es-Sultan), 1650–1550 v. Chr. Es zeugt
von einem Kulturaustausch mit Ägypten. (© Ashmolean Museum rechts: Nicolas Poussin, «Der Tod des Germanicus» (1627, Minneapolis, Institute of Arts; Foto: akg-ima-
Oxford). ü ges / Erich Lessing).
THEMENPANORAMA

GRIECHISCHER MYTHOS AUS BERNSTEIN – DAS ARCHAISCHE 39


ELFENBEINKÄSTCHEN VON BELMONTE PICENO (ITALIEN) von Joachim Weidig
Das neu entdeckte Elfenbeinkästchen aus der italienischen Adriaregion erweist
sich als wissenschaftlich besonders bedeutsam und ist gleichzeitig eines der schönsten
Kunstwerke aus dem 6. Jh. v. Chr.

WER DEN OBOLUS NICHT EHRT – DIE INTERAKTIVEN KATALOGE 49


DER FUNDMÜNZEN AUS PRIENE UND PERGAMON von Jérémie Chameroy und
Fundmünzen geben wichtige und aufschlussreiche Hinweise über ihre Geschichte, aber Bernhard Weisser
auch über die Menschen, die diese bei sich trugen.

ARCHÄOLOGE UND GENTLEMAN – GEORG KARO IN DEN ZWANZIGER 53


JAHREN von Kay Ehling
Georg Karo beschäftigte sich in seinen Forschungen mit der ägäischen Bronzezeit.
Neben seiner Tätigkeit als Direktor des Kaiserlich Deutschen Archäologischen
Instituts in Athen setzte er sich in den Zwanziger Jahren aber auch mit der Schuldfrage
Deutschlands am Ersten Weltkrieg auseinander.

ANDERS HÖREN UND ANDERS SEHEN – DIE ANTIKE ALS VORBILD 61


IN UNSERER GLOBALISIERTEN WELT Interview mit Markus Schauer und
Ist die Antike für die Moderne gemacht? Warum die Antike und die damit verbundenen Andreas Grüner
Altertumswissenschaften auch heute einen starken Nutzen in unserer Gesellschaft und
Kultur haben, erklären die beiden Professoren in einem Interview.

DER TOD DES KRONPRINZEN – GERMANICUS, SEINE MÖRDER UND 68


DAS GERICHTSVERFAHREN VOR DEM SENAT 19/20 N. CHR. von Wolfgang Kuhoff
Germanicus, der Stiefenkel des Kaisers Augustus, ist vielen durch seine Germanenfeld­
züge bekannt. Sein Tod war für das Imperium sowohl schmerzlich als auch er­
schreckend und dementsprechend verfuhr der Senat mit seinem angeblichen Mörder.

KULTUS UND LUXUS IN POMPEJI – ZWEI SILBERBECHER MIT 76


ÄGYPTISCHER DEKORATION von Stephanie Pearson
Die zwei Silberbecher aus dem archäologischen Museum in Neapel helfen, «ägypti­
sierende» Objekte aus Pompeji und Italien näher zu definieren und liefern mögliche
Hinweise auf die Frage nach ihrem Herstellungsort.

RUBRIKEN

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Foto:­Christoph­Gerigk,­© Franck­Goddio / 

Internationale­Nachrichten

Im­1999­von­IEASM­entdeckten­
Kanopus­wurden­in­diesem­Jahr­erneut­
zahlreiche­Monumente­aufgespürt­–­in­
Hilti­Foundation.

einem­etwa­eine­halbe­Quadratmeile­
Überreste eines griechischen Tholos­
Tempels, die unter einer drei Meter großen­südlich­von­früheren­Fundstät-
dicken Schicht von Sedimenten ten­gelegenen­Terrain,­wo­bereits­ver-
gefunden wurden, Thonis­Heracleion,
Abukir Bay, Ägypten. schiedene­Tempel­und­ein­christliches­
Kloster­gefunden­worden­waren.­Dieses­
Areal­wurde­dank­des­Einsatzes­neuer­
geophysischer­Grabungsinstrumente­
ÄGYPTEN Bei­Ausgrabungen­in­der­versunke- ausgewählt,­die­erstmals­überhaupt­zum­
nen­Stadt­Thonis-Heracleion­wurden­ Einsatz­kamen.
wichtige­Teile­des­der­obersten­Gottheit­ Bei­den­diesjährigen­Ausgrabun-
GRIECHISCHER TEMPEL Amun-gereb­geweihten­Tempels­ge- gen­wurden­neben­noch­nicht­näher­
IN­ DER­ VERSUNKENEN­ funden,­der­bei­der­Katastrophe,­durch­ bestimmten­Gebäuden­römische­
STADT­THONIS-HERACLEION­ die­die­Stadt­zerstört­wurde,­in­einen­ Strukturen­gefunden,­die­dem­Was-
südlich­von­ihm­verlaufenden­Kanal­ serleitungssystem­und­einem­Bade-
ENTDECKT abgerutscht­war. haus­zuzuschreiben­sind.­Nach­ersten­
Das­von­Franck­Goddio­geführte­Euro- Westlich­von­diesem­Kanal­haben­ archäologischen­Bestimmungen­zeigt­
päische­Institut­für­Unterwasserarchäo- die­IEASM-Archäologen­zu­ihrer­Über- sich,­dass­dieser­Landstrich­vom­6.­Jh.­
logie­(IEASM)­arbeitet­eng­mit­dem­ raschung­Überreste­eines­griechischen­ v.­Chr.­bis­zum­8.­Jh.­n.­Chr.­besiedelt­
ägyptischen­Ministerium­für­Altertü- Rundtempels­(Tholos)­gefunden,­der­ war.­Letzteres­Datum­lässt­sich­eindeu-
mer­zusammen­und­wird­von­der­Hilti­ während­desselben­Erdrutsches­zer- tig­durch­verschiedene­Gebäudetrüm-
Foundation­unterstützt.­Die­diesjährige­ stört­wurde.­Die­Ausgrabungen­zeigten,­ mer­sowie­Funde­von­byzantinischem­
IEASM-Mission­in­Ägypten­hat­hochin- dass­diese­Überreste­überwiegend­ Schmuck­sowie­islamischen­und­byzan-
teressante­Funde­in­Thonis-Heracleion­ trotz­des­damaligen­Unglücks­und­ihren­ tinischen­Goldmünzen­belegen.
und­Kanopus­in­der­Bucht­von­Abukir­ 2200­Jahren­am­Meeresboden­intakt­ Nach einer Pressemeldung des Europäischen
erbracht. geblieben­sind.­ Instituts für Unterwasserarchäologie

IRAN der­Gerda­Henkel­Stiftung­geförderten­ außer­den­berühmten­Mumien­zahl-


Projekts­mit­dem­Schwerpunkt­ reiche,­sehr­gut­erhaltene­organische­
zur­Bewahrung­des­kulturellen­Erbes­in­ Funde­zum­Vorschein,­z. B.­Textilien,­
INTERNATIONALE Krisenregionen­(«Patrimonies»)­führt­ Holzwerkzeuge,­Nahrungsreste,­aber­
FORSCHUNG ZUR eine­iranisch-deutsch-österreichische­ auch­Exkremente,­sog.­Paleofaeces.­
KONSERVIE RUNG VON Forschergruppe­gemeinsam­Maßnah- Dies­eröffnete­Möglichkeiten­für­wei-
men­zur­Konservierung­und­Präsentation­ tere­wissenschaftliche­Untersuchungen­
SALZ­M UMIEN-FUNDEN zu­den­Mitte­der­1990er­Jahre­gefun- zum­Thema.
Die­Stadt­Zanjān­(Iran)­beherbergt­eines­ denen­Salzmumien­und­ihrer­Ausrüs- Federführend­betreut­das­Projekt­
der­drei­weltweit­bekannten­antiken­ tungsgegenstände­durch.­Proben­von­ar- das­Deutsche­Bergbau-Museum­
Salzbergwerke.­Im­Rahmen­eines­von­ chäologischen­Funden­aus­dem­antiken­ Bochum­im­Forschungsbereich­Montan-
Salzbergwerk­im­heutigen­Iran­werden­ archäologie.­Weitere­Partner­sind­ne-
derzeit­im­Römisch-Germanischen­Zen- ben­dem­RGZM­in­Mainz­dem­RCCCR,­
tralmuseum,­Leibniz-Forschungsinstitut­ ICHHTO­(Iran­Cultural­Heritage,­
V.l.n.r.: Prof. Dr. Markus Egg (Direktor der Werkstätten /
Vorgeschichte des RGZM), Restauratorin und Expertin für­Archäologie­(RGZM)­untersucht.­ Handcrafts­and­Tourism­Organization),­
für Leder Narguess Afzalipour (RCCCR), Dr. Shahrzad
Amin Shirazi (RCCCR), Leiterin Konservierungsab­
Zwei­iranische­Restauratorinnen­ The­Saltmen­Museum­Zanjān,­die­Ruhr-
teilung und Restauratorin. forschen­gemeinsam­mit­den­Kollegen­ Universität­Bochum,­das­Archäologische­
des­RGZM­an­den­1500­bis­2400­Jahre­ Museum­Frankfurt,­das­Naturhistorische­
Foto:­S.­Steidl / RGZM.

alten­Lederfragmenten. Museum­Wien,­das­Zolfaghari­Mu-
Ziel­ist­es,­durch­eine­Auswahl­der­ seum­Zanjān­und­das­Nationalmuseum­
Proben­von­herausragenden­Funden­ein­ Teheran.­Da­es­bislang­weltweit­kaum­
zeitgemäßes­Konservierungskonzept­ Erfahrungen­zur­Konservierung­von­Salz-
und­neue­Methoden­für­das­einzigartige­ mumien­gibt,­werden­die­sich­aus­dem­
archäologische­Erbe­gemeinsam­zu­er- Forschungsstand­in­Zanjān­ergebenen­
arbeiten­sowie­eine­Ausstellung­für­die­ Kenntnisse­wertvoll­für­den­Umgang­mit­
Öffentlichkeit­vorzubereiten.­Die­zuletzt­ den­speziellen­organischen­Funden­sein.­
durchgeführten­Grabungen­brachten­ Ebru Esmen M.A., RGZM

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ANTIKE WELT 6/19
AKTUELL

USA / ÄGYPTEN

DAS­ «PARFÜM­ KLEOPAT-


RAS»­ AUS­ THMUIS

Foto:­Robert­Littman.
Zwei­Professoren­der­University of
Hawai’i­in­Mãnoa­haben­Kleopatras­
antikes­Parfüm­kreiert,­das­in­einer­Na-
tional­Geographic-Ausstellung­gezeigt­
wird.­Das­UH Tell Timai Project­ist­eine­
Parfüm­Manufaktur in Tell Timai.
seit­zehn­Jahre­andauernde­Ausgra-
bung­in­der­antiken­ägyptischen­Stadt­
Thmuis­(Tell­Timai)­im­Nil-Delta,­unter­
der­Leitung­von­Prof.­Robert­Littman­ Schicht­stammt­ein­Brennofen­für­Glas,­ len,­wandten­sich­Littman­und­Silver-
und­«adjunct­professor»­Jay­Silverstein. der­wahrscheinlich­auf­die­Umstellung­ stein­an­die­deutschen­Forscher­Dora­
Thmuis­war­das­Zuhause­der­wohl­ von­Keramik­hin­zur­Produktion­von­ Goldsmith­und­Sean­Coughlin­–­Exper-
bekanntesten­Parfüme­der­Antike­–­ unguentaria­oder­schmalen­Parfüm- ten­für­antike­ägyptische­Parfüme.
Mendesian­und­Metopian.­In­der­ersten­ flaschen­aus­Glas­hindeutet,­die­in­der­ Sie­haben­sowohl­das­Mendesian-­
Phase­des­Tell Timai Projects­wurden­ römischen­Epoche­benutzt­wurden. als­auch­das­Metopian-Parfüm,­die­
Hinweise­auf­diese­antike­Parfüm- Zum­jetzigen­Zeitpunkt­findet­eine­ beide­auf­Myrrhe-Basis­beruhen,­
Industrie­gefunden.­Ein­riesiger­Brenn- Analyse­der­Inhaltsreste­einiger­Ampho- hergestellt.­Littmann­bemerkte­dazu:­
ofen-Komplex­aus­dem­3.­Jh.­v.­Chr.­ ren­statt,­die­in­dem­Gebiet­der­Manu- «Wie­aufregend­ist­es,­ein­Parfüm­
wurde­entdeckt.­Chemische­Analysen­ faktur­gefunden­wurden,­um­identi- zu­riechen,­das­niemand­seit­2000­Jah-
ergaben,­dass­die­Töpfer­importierten­ fizierbare­Spuren­der­Duftstoffe­und­ ren­gerochen­und­das­Kleopatra­viel-
Lehm­benutzten,­um­die­filigranen­ Flüssigkeiten­zu­finden.­Um­das­Parfüm­ leicht­getragen­hat.»
Lekythen­oder­Parfümflaschen­herzu- aus­Thmuis,­basierend­auf­Formeln­aus­ Nach einer Pressemeldung der University
stellen.­Aus­einer­späteren,­römischen­ antiken­griechischen­Texten,­herzustel- of Hawai’i

UKRAINE Entwicklung­sog.­Versammlungshäuser­ Versammlungshäusern­ihren­Ausdruck­


die­Veränderung­von­Entscheidungs- finden.­Dagegen­verlieren­die­kleineren­
ebenen­innerhalb­der­Großsiedlungen­ Versammlungshäuser­an­Bedeutung,­
ZENTRALISMUS IN zu­rekonstruieren. bevor­sie­gänzlich­verschwinden.­Daraus­
DEN­TRIPOLYE-SIEDLUNGEN:­ Die­Versammlungshäuser­waren­ schließen­die­Wissenschaftler,­dass­die­
KOLLAPS­ ERKLÄRBAR öffentliche­Gebäude,­die­von­den­ Macht,­die­zunächst­noch­über­die­Ge-
unterschiedlichen­Bevölkerungsgrup- meinschaft­verteilt­war,­auf­eine­zentrale­
Zwischen­5000­und­2700­v.­Chr.­breitete­ pen­der­Großsiedlungen­genutzt­und­ Institution­überging.­
sich­in­Osteuropa­auf­dem­heutigen­ unterhalten­wurden.­In­ihnen­fanden­ Nach einer Pressemitteilung der
Gebiet­der­Ukraine,­Moldawiens­und­ integrative­Aktivitäten­statt,­die­das­ Christian-Albrechts-Universität Kiel
Rumäniens­die­sog.­Tripolye-Kultur­ Zusammenleben­einer­solch­großen­
aus­und­schuf­die­größten­bekann- Anzahl­von­Menschen­überhaupt­
In intensiver Teamarbeit und mit modernen Dokumen­
ten­Siedlungen­dieser­Zeit­in­­Europa:­ erst­möglich­machten.­Sie­wurden­für­ tationsmethoden untersucht ein ukrainisch­deutsches
sog.­Mega­siedlungen­mit­bis­zu­ rituelle­Handlungen­genutzt­und­in­ Forschungsteam ein kupferzeitliches Versammlungs­
haus aus der Zeit um 3750 v. Chr. in der Siedlung
15 000­Einwohnern,­die­sich­über­Flä- ihnen­wurden­Entscheidungen­gefällt,­ Maidanetske, Ukraine.
chen­von­bis­zu­340­ha­erstreckten.­ die­die­ganze­Kommune­betrafen.­
Ein­ukrainisch-deutsches­For- In­frühen­Phasen­der­Tripolye-Siedlun-
schungsteam­hat­die­soziale­Hier- gen­finden­sich­noch­kleinere­Versamm-
archie­und­politische­Organisation­ lungshäuser,­die­vermutlich­einzelnen­
dieser­vorstädtischen­Gesellschaften­ Segmenten­der­Gesellschaft­als­integra-
rekonstruiert.­Wissenschaftlerinnen­ tive­Orte­zur­Entscheidungsfindung­
und­Wissenschaftlern­des­Sonderfor- auf­niedriger­hierarchischer­Ebene­dien-
schungsbereiches­(SFB)­«Transfor- ten.­Wachsende­Bevölkerungsgrößen­
mationsDimensionen»­der­Christian- und­einsetzende­Konflikte­stärken­die­
Albrechts-Universität­Kiel­(CAU)­und­ Bedeutung­zentraler,­die­ganze­Siedlung­
mehrerer­ukrainischer­Forschungs- betreffender­Institutionen,­die­auch­bau-
einrichtungen­gelang­es,­anhand­der­ lich­in­riesigen,­teils­weithin­sichtbaren­
Foto:­Sarah­Jagiolla,­Institut­für­Ur-­und­Frühgeschichte.

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ANTIKE WELT 6/19
AKKADISCH, DIE SPRACHE DER BABYLONIER
UND ASSYRER

D en Namen «Akkadisch» haben die


meisten Menschen noch nie ge­
hört. Und doch wird mit ihm eine der
nenden 20. Jh. vereinfacht meist als
«Assyrisch» – ein Name, der sich bis
heute im vielbändigen «Assyrian Dic­
bisch und andere mehr oder weni­
ger gut bekannte Sprachen befinden.
Grammatik und Lexikon der semiti­
bedeutendsten Sprachen des Alter­ tionary» der Universität Chicago ge­ schen Sprachen sind eng miteinander
tums bezeichnet. Die Begriffe bezie­ halten hat, obwohl dieses Wörter­ verwandt, was den Schlüssel für die
hen sich auf die im Alten Mesopota­ buch genauso babylonische Texte erfolgreiche Entzifferung des Akkadi­
mien, das in etwa dem heutigen Irak erfasst. Heute hat sich in der Wissen­ schen darstellte.
und Nordostsyrien entspricht, behei­ schaft der Altorientalistik das kurze Akkadisch schrieb man wie Sume­
matete Sprache der Babylonier und «Akkadisch» gegenüber dem sper­ risch (ANTIKE WELT 3/2015, S. 21–23)
Assyrer. Das Babylonische in der Süd­ rigen «Babylonisch­Assyrisch» weit­ mit Keilschrift auf Tontafeln (Abb. 1).
hälfte Mesopotamiens (Babylonien) gehend durchgesetzt. Der Name geht Die Keilschrift, eine Mischung aus
und das Assyrische in der Nordhälfte auf die noch nicht lokalisierte Stadt Wort- und Silbenschrift mit mehre­
(Assyrien) waren die zwei wichtigs­ Akkad zurück, die Hauptstadt einer ren Hundert Schriftzeichen, war ur­
ten Dialekte des Akkadischen, wes­ Dynastie von Königen, die in Meso­ sprünglich im 4. Jt. v. Chr. von den
halb man die Sprache auch biswei­ potamien vom Ende des 24. bis zum Sumerern für ihre eigene Sprache ent­
len «Babylonisch­Assyrisch» nennt. Ende des 22. Jhs. v. Chr. herrschte und wickelt worden. Als sie auf das Akka­
Nachdem das Akkadische in der Mitte erstmals das Akkadische als offizielle dische übertragen wurde, wurde sie
des 19. Jhs. entziffert wurde, wurden Sprache ihrer Inschriften verwendete. dem Lautstand der neuen Sprache
zunächst hauptsächlich assyrische Das Akkadische gehört der großen durch Entwicklung neuer Silbenzeichen
Texte bekannt. Deshalb bezeichnete semitischen Sprachfamilie an, in der schrittweise angepasst. So wurden Va­
man die Sprache im 19. und begin­ sich auch Hebräisch, Aramäisch, Ara­ rianten der Keilschrift im Alten Orient
für unterschiedliche Sprachen gebraucht
(neben Sumerisch und Akkadisch auch
für Hethitisch, Elamisch oder Hurri­
Abb. 1 Akkadischer Keilschrifttext: Lehrvertrag SIL 6, 540 v. Chr. tisch), vergleichbar dem lateinischen
Alphabet, dessen Schriftzeichen heute
zur Wiedergabe verschiedener Spra­
chen (Deutsch, Englisch, Französisch,
Türkisch usw.) dienen.
Die ältesten schriftlichen Zeugnisse
für die akkadische Sprache stammen
aus Babylonien und datieren in die
Zeit um 2600 v. Chr. Bereits nach der
Mitte des 3. Jts. v. Chr. wurde Akka­
disch auch in Nordsyrien, in der Stadt
Ebla südlich von Aleppo, geschrie­
ben; den dortigen akkadischen Dia­
lekt nennt man «Eblaitisch». Am Be­
ginn des 2. Jts. v. Chr. verdrängte der
babylonische Dialekt des Akkadischen
das Sumerische in Babylonien. Zur
gleichen Zeit taucht erstmals der as­
syrische Dialekt in Texten aus Assy­
rien auf. Von dieser Zeit an war das
Akkadische in Babylonien und Assy­
rien für über 1000 Jahre die domi­

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ANTIKE WELT 6/19
SPRACHEN & SCHRIFTEN

nante Sprache Mesopotamiens. Auch


die Nachbarn Mesopotamiens in West­
iran, Syrien und Kleinasien bedienten
sich gerne des Akkadischen als Schrift­
sprache, während sie für die münd­
liche Kommunikation ihre eigenen
Sprachen verwendeten. Im 14. und
13. Jh. v. Chr. wurde das Akkadische
als Diplomatensprache in ganz Vor­
derasien und Ägypten gebraucht. Das
Assyrische verschwand mit der Zer­
störung des Assyrerreiches am Ende
des 7. Jhs. v. Chr. abrupt aus der Ge­
schichte, während das Babylonische
noch viele Jahrhunderte länger ge­
schrieben, teilweise vermutlich auch
gesprochen wurde; letztlich wurde es
aber von der aramäischen Schrift und
Sprache verdrängt. Der letzte datierte
babylonische Keilschrifttext stammt
aus dem Jahr 75 n. Chr.
Im Verlauf seiner vielen Jahrhun­
derte währenden Sprachgeschichte ver­
änderten sich Grammatik und Lexikon
des Akkadischen dauernd. Die Altorien­
talistik unterscheidet daher verschie­
dene Sprachperioden innerhalb der
akkadischen Hauptdialekte: Alt-, Mittel-
und Neuassyrisch (Abb. 2); Alt-, Mittel-
und Neubabylonisch (teilweise auch
Spätbabylonisch). Die Sprachzeugnisse Abb. 2
des 3. Jts. v. Chr. werden unter dem Ter­ Sog. Taylor-Prisma mit
dem Bericht über den
minus «Altakkadisch» zusammenge­ 3. Feldzug Sanheribs in
fasst. Die akkadischen Textgenres sind Palästina.
vielfältig: Wir kennen Verwaltungs-
und Rechtsurkunden, Briefe, Königs­
inschriften, Omenkompendien und
literarische Texte aller Art, nicht zu
vergessen zweisprachige Sumerisch­ haupt: Ihr Textkorpus kommt im Um­ Bildnachweis
Akkadische lexikalische Listen, die ers­ fang dem des antiken Latein (bis ca. Abb. 1: Altorientalisches Institut, Universität Leipzig;
2: akg-images / Erich Lessing.
ten Wörter«bücher» der Menschheit. 300 n. Chr.) gleich und wird unter den
Das Akkadische ist eine Großkor­ antiken Sprachen nur noch vom Alt­
pussprache. Die Zahl der heute be­ griechischen übertroffen. Literatur

kannten akkadischen Keilschrifttexte A. L. OPPENHEIM / E. REINER / M. T. ROTH (Hrsg.),


The Assyrian Dictionary of the Oriental Institute of the
dürfte zurzeit mindestens 200 000 University of Chicago (1956–2010).

betragen, mit einem geschätzten Ge­ M. P. STRECK, Babylonian and Assyrian, in: S. Weninger
samtumfang von über 10 Millionen (Hrsg.), The Semitic Languages. An International
Handbook (2011) 359–396; Eblaite and Old Akkadian
Wörtern Text. Damit ist das Akkadi­ Adresse des Autors ebd. 340–359.
Prof. Dr. Michael P. Streck
sche die am besten überlieferte Spra­ Altorientalisches Institut W. VON SODEN, Akkadisches Handwörterbuch (1959–
che des Alten Orients und eine der am Universität Leipzig 1981).
Goethestr. 2
besten bezeugten des Altertums über­ D-04109 Leipzig

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ANTIKE WELT 6/19
LEBEN IN EXTREMEN
Anziehungspunkt Totes Meer

Das Tote Meer ist nicht nur der tiefste Punkt der Erde, sondern konfrontiert Menschen auch
mit einer lebensfeindlichen Umgebung. Und dennoch ließen sie sich über viele Jahr­
tausende hinweg hier nieder, bauten Siedlungen, Festungen und Kultstätten. Sie nutzten
die natürlichen Höhlen über Jahrhunderte als Zufluchtsorte und hinterließen dort
Alltags­, aber auch Wertgegenstände. Obwohl das Leben an diesem extrem salzhaltigen See
und in dieser kargen Region nur schwer möglich ist, boten Salz, Balsam, Datteln
oder wohltuende Mineralien immer wieder genügend Anreize, am Toten Meer zu siedeln.

von Christina Michel höher als der Salzgehalt von Meerwas­ Extremer Lebensraum
ser. Diese Hypersalinität macht das Hohe Temperaturen im Sommer und

D ie Region um das Tote Meer ist


eine Landschaft der Extreme:
Mit einem derzeitigen Seespiegel von
Leben von Pflanzen und Tieren in ihm
nahezu unmöglich. Der an der Mün­
dung des Jordan in das Tote Meer um­
ein geringer Niederschlag machen die
Landschaft am Toten Meer ausgespro­
chen trocken (arid). Im Jahresdurch­
427 m unter Normalnull bildet das kehrende Fisch, der auf der Mosaik­ schnitt fallen nicht mehr als 100 mm
Tote Meer den tiefsten Punkt der Erd­ karte von Madaba / Jordanien aus dem Niederschlag, überwiegend als Stark­
oberfläche. Sein Salzgehalt liegt bei 6. Jh. n. Chr. zu sehen ist, legt davon be­ regen während der Wintermonate
30 % und ist damit um ein Vielfaches redtes Zeugnis ab (Abb. 1). zwischen Dezember und März. Diese

Abb. 1
Im Jordan schwim­
mende Fische.
Der direkt an der Mün­
dung zum Toten
Meer schwimmende
Fisch scheint
sich abzuwenden.

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ANTIKE WELT 6/19
TITELTHEMA

Abb. 2 Eines der zahlreichen Wasserbecken in der Siedlung Qumran.

winterlichen Regenfälle füllen die Wa­ Abb. 3 Eine Auswahl von Kupferobjekten aus dem Hortfund von Nahal Mischmar.
dis und lassen die Wüste so für kurze
Zeit erblühen. Pflanzenbewuchs ist
sonst nur dort zu finden, wo Süßwas­
ser durch Quellen an die Oberfläche
tritt. Es dominieren typische Wüsten­
gewächse wie Tamarisken und Doppel­
blattsträucher. Die Quellen der Oasen
verwandeln die karge Wüstenland­
schaft in Orte blühenden Lebens, wo
Akazien und Zahnbürstenbäume wach­
sen. Das Universaltalent Dattelpalme
– fast alle ihre Bestandteile lassen sich
verarbeiten ‒ fühlt sich am Toten Meer
besonders wohl, da sie salzhaltige Bö­
den ausgezeichnet verträgt. Das Was­
ser der Oasen ermöglicht auch den
Anbau exotischer Duft­, Heil­ und
Kosmetikpflanzen wie Balsam, der in
der gesamten antiken Welt verhan­

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ANTIKE WELT 6/19
LEBEn in ExTREMEn – Anziehungspunkt Totes Meer

delt wurde. Bereits seit der Kupfer­ hängig zu machen, wird das kostbare wie das Archiv einer Jüdin namens
zeit ist der Handel mit dem vielseitig Nass mindestens seit der Bronzezeit Babatha aus der sog. «Briefhöhle» in
anwendbaren Asphalt (Bitumen) be­ (ab 3300 v. Chr.) aufgefangen, gelei­ Nahal Hever, eindrucksvoll belegt.
legt, der natürlicherweise im Toten tet, gesammelt und verteilt. Ab der Ei­ Aber auch Zeugnisse des Alltagsle­
Meer vorkommt. Das lebensnotwen­ senzeit (1200 v. Chr.) lassen Dämme, bens finden sich in den Höhlen. Haus­
dige Salz und die hier vorkommenden Staumauern, Auffangbecken, Zisternen haltskeramik, darunter Butterfäss­
Mineralien, deren heilende Wirkung und regulierbare Kanalsysteme, auch chen, Metallgeräte, Münzen, Textilien,
zum Teil seit der Antike bekannt ist dank der Erfindung des hydraulischen Bast­ und Holzobjekte verdeutlichen
und genutzt wird, zogen die Menschen Putzes, das Wohnen und Wirtschaften dass die Höhlen nicht nur in Zeiten
immer wieder an. außerhalb der Reichweite von Quellen der Not aufgesucht, sondern auch für
zu. In der Siedlung von Qumran wird längere Aufenthalte genutzt wurden.
Lebensspendendes Elixier – Wasser das Niederschlagswasser über Kanäle
und seine Bewirtschaftung von den Hängen in kalkverputzte Modernes Leben am Toten Meer
Die Grundlagen des Lebens in die­ Becken und Zisternen geleitet (Abb. 2). Heutzutage verstecken sich die Men­
ser Wüstenregion werden vor allem Besonders eindrucksvoll ist das sog. schen nicht mehr in Höhlen, sondern
durch die Verfügbarkeit von Wasser water harvesting (wörtlich «Wasser­ kuren in den Bettenburgen der Well­
bestimmt. Nur in den Oasen ist Acker­ ernte») auf der Felsenfestung Masada nesshotels an den Ufern des Toten
bau und Viehzucht möglich, nur hier belegt. Ab 100 v. Chr. wurde hier das Meeres, dessen Mineralien weiterhin
steht durch Wasser aus den Wadis und Regenwasser in Zisternen gesammelt. ein bedeutender Wirtschaftszweig in
durch Quellen das notwendige Trink­ Unter Herodes wurde das Speicher­ der gesamten Region sind. Allerdings
wasser zur Verfügung. Um sich von system ausgebaut, das nun mit einem ist das moderne Leben und Urlauben
den seltenen Niederschlägen unab­ Fassungsvermögen von 48 000 m3 ne­ am Toten Meer durch den rapide sin­
ben Festung und Palast auch Bade­ kenden Seespiegel (derzeit mit einer
häuser mit Wasser versorgen konnte. Rate von etwa 1 m pro Jahr) bedroht.
Neben der Übernutzung der Trink­
Anzeige
Zeugnisse des (Über­) Lebens wasserressourcen an den Zuflüssen
Berühmt sind die Höhlen am Toten des Toten Meeres lässt sich hier der
Meer vor allem durch die Funde der Klimawandel fassen. Die Konsequen­
Schriftrollen von Qumran. Das tro­ zen sind dramatisch: Sinkholes oder
ckene Klima und die schwere Zugäng­ Erdfälle, machen heute ganze Ufer­
lichkeit der Höhlen haben dazu beige­ bereiche unzugänglich (vgl. Abb. 6 im
tragen, dass sich vor allem organische Beitrag von M. Peilstöcker zur For­
Materialien ausgezeichnet erhalten schungsgeschichte).
haben. Durch alle Zeiten hinweg wurde
in den zahlreichen natürlichen und
künstlich angelegten Höhlen im Kalk­
stein und im Tonmergel Zuflucht ge­
Adresse der Autorin
sucht und gefunden. Hier wurden Christina Michel
Referat Ausstellungen
Schätze versteckt, wie in der atem­ Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
beraubenden Deponierung von Kup­ Stefan­Heym­Platz 1
D­09111 Chemnitz
fergegenständen in Nahal Mischmar.
Die insgesamt 429 zum Teil hochwer­ Bildnachweis
tig verarbeiteten Metallgerätschaften, Abb. 1: © Archäologisches institut der Universität
Göttingen, Foto: Stephan Eckhard; 2: © Robert Hoe­
darunter reich verzierte Zepter, kro­ tink / 123RF; 3: © israel Museum, Jerusalem.
nenähnliche Objekte, Äxte und Mei­
ßel, konnten anhand der Beifunde in Literatur
Zur Ausstellung erscheint der Katalog «Leben am
die Kupferzeit (4500−3300 v. Chr.) da­ Toten Meer». Er ist im smac Museumsshop und online
tiert werden (Abb. 3). In späteren Zei­ unter https://www.eshop.sachsen.de/lfa erhältlich.

ten wurden die Höhlen am Ostrand Ende 2019 erscheint der englischsprachige Tagungs­
band «Leben am Toten Meer» in der Reihe Ägypten und
der Wüste auch als Versteck für offi­ das Alte Testament, Zaphon Verlag.

zielle und private Dokumente genutzt,

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ANTIKE WELT 6/19
SALZMEER – TOTES MEER – LOTS MEER
Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer

Auch wenn heute eher der Wellness-Tourismus überwiegt und nicht der Pilgertourismus, 
so gibt es doch Orte rund um das Tote Meer, die aufgrund ihrer Bedeutung für die 
drei monotheistischen Religionen wichtige Wallfahrtsorte sind. Die Orte und die mit ihnen
verknüpften religiösen Traditionen sind dabei für Juden, Christen und Moslems durchaus 
unterschiedlich, doch scheint die Einzigartigkeit der Region bei allen eine große Rolle zu 
spielen. Unterschiedlich sind auch die Bezeichnungen für das Tote Meer, die wiederum 
mit einer der bekanntesten Erzählungen in der hebräischen Bibel, nämlich der vom Schick-
sal Lots und von Sodom und Gomorrha (Gen. 18 und 19) in Zusammenhang stehen.

von Martin Peilstöcker keine Männer mehr haben, machen ih- Wirkungsgeschichte der 


ren Vater betrunken und schlafen mit  Erzählungen

L ot war ein Neffe Abrahams, des-


sen Leben, sollte es einen histori-
schen Hintergrund geben, allgemein
ihm. Aus dem Inzest gehen die Kinder
Moab und Ben-Ammi hervor, die Urvä-
ter der Moabiter und Edomiter, beides
Im Islam wird die Erzählung ebenfalls
zum Gegenstand gemacht. In mehreren
Suren (7:80–84, 11:77–83, 15:58–77,
in den Anfang des zweiten vorchrist- Völker im heutigen Jordanien. 26:160–175, 27:54–58, 29:28–35 und
lichen Jahrtausends datiert wird. Lot, Nicht nur hat der Begriff Sodomie 54:33–39) wird berichtet, wie der Pro-
der sich in Sodom niedergelassen hat, in dieser Geschichte seinen Ursprung, phet Lut – so wird er hier genannt – die
gewährt zwei Männern – «Engeln», auch wurden die beiden Städte um- Bewohner von Sodom auf den rechten
also Vertretern Gottes – Gastfreund- gangssprachlich zum Inbegriff des Weg bringen will. Die Bedeutung der
schaft, eine wichtige nomadische Tra- Schlechten und des Chaos. Etwa 50 Geschichte von Lot wird hier an der
dition. Die Bewohner Sodoms sind Mal wird Sodom in der hebräischen bis heute im Arabischen gebräuchli-
aufgebracht und verlangen die He- Bibel genannt, meist zusammen mit chen Bezeichnung für das Tote Meer als
rausgabe der beiden, um sich an ih- Gomorrha. Dass Lots Frau, die in der «baẖr Lūṭ», Meer des Lot, offensichtlich.
nen zu vergehen. Lot bietet im Tausch Erzählung nicht einmal einen Namen Sieht man von der religiösen oder
seine beiden Töchter an, doch die Be- hat, zur Salzsäule erstarrt, ist eine An- theologischen Bedeutung der Erzäh-
wohner verlangen nach den beiden spielung auf die oft skurrilen Salzfor- lung ab, bleibt festzuhalten, dass jeder
Gästen. Als die Situation eskaliert, ret- mationen der Gegend und schlägt sich Versuch, Sodom und Gomorrha zu lo-
tet Gott (= die beiden Fremden) Lot auch in der hebräischen Bezeichnung kalisieren bis in die Gegenwart fehlge-
und seine Familie und vernichtet die Salzmeer nieder. schlagen ist und wohl auch fehlschla-
Stadt. Als Lots Frau sich auf der Flucht Auch das Neue Testament greift gen muss, da die Erzählung eher einen
umdreht, um die brennende Stadt die Geschichte auf, etwa im Matthäus- Grund für die Entstehung der wüsten-
zu sehen, was Gott den Flüchtenden evangelium oder im Lukasevangelium haften, unfruchtbaren, mit seltsamen
verboten hatte, erstarrt sie zur Salz- (Mat. 10:1–15, 11:20–24; Lk. 10:1– Fels- und Salzformationen versehe-
säule (Gen. 19:26). Sodom und auch 12, 17:28–30). Wieder ist es der Hin- nen Landschaft sucht. Zuletzt hat es
Gomorrha werden also als Orte der weis auf Gottes Tat, die alles verwüstet den Versuch gegeben, Sodom auf dem
Verdorbenheit und der moralischen und tot hinterlässt, folgerichtig wird Tell el-Hammam, nordöstlich des To-
Verfehlungen zum Ort göttlicher Of- in christlicher Konnotation vom Toten ten Meeres im heutigen Jordanien zu
fenbarung in der Rettung Lots. Da- Meer gesprochen. Wie gut die Erzäh- verorten und die Zerstörung der Sied-
mit ist die Erzählung noch nicht zu lung zur Zeit des Neuen Testaments lung mit einem Meteoriteneinschlag
Ende: Lot und seine Töchter fliehen bekannt war wird deutlich in einem in Verbindung zu bringen.
nach Zoar und suchen Schutz in einer Spruch Jesu: «Denkt an Lots Frau!» Christliche Traditionen lokalisieren
Höhle. Die Töchter beklagen, dass sie (Lk. 17:32; Abb. 1). die Höhle des Lot südöstlich des Toten

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ANTIKE WELT 6/19
SALZMEER – TOTES  MEER – LOTS  MEER. Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer

Abb. 1 Eine der Felsformationen, die als die zur Salzsäule erstarrte Frau Lots den Touristen gezeigt wird.

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TITELTHEMA

Abb. 2 Reste der byzantinischen Klosterkirche von Ain Abata. Links im Bild der Eingang zur «Höhle des Lot».

Meeres nahe der Stadt Ghor es-Safi, deren Orten rund um das Tote Meer fund schließt damit eine zeitliche Lü-
dem antiken Zoara. Damit wären auch und jedes Mal ist der entsprechende cke zwischen den frühesten, bekann-
Sodom und Gomorrha in dieser Ge- Reiseführer flink mit der Aussage, ten Schriften aus Qumran und dem
gend zu vermuten. An Stelle der Höhle dass es sich um die erstarrte Frau des Codex aus Aleppo, der in das 10. Jh.
wird schon auf der byzantinischen Lot handelt. datiert.
Madabakarte ein Kloster verzeich- Trotzdem sind Qumran und Masada
net, dessen Reste in den vergangenen Bedeutung des Toten Meeres im  weitaus bekannter. Die Funde aus den
Jahren bei umfangreichen archäologi- jüdischen Glauben Ruinen von Hirbet Qumran und die
schen Ausgrabungen freigelegt wer- Gilgal ist nach der hebräischen Bibel Schriftrollen aus den in der Umge-
den konnte: Ain Abata (Abb. 2). Auch die erste Station der Israeliten bei ih- bung gelegenen Höhlen geben einen
die jüdische Tradition sucht Sodom rer Einwanderung ins Heilige Land, Einblick in das Judentum der Zeiten-
eher südlich des Toten Meeres. Sodom der Beschneidung der ersten Israeli- wende bis zur Zerstörung des Jerusa-
ist der Name einer Industrieanlage ten im Land und der Salbung des Kö- lemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. Es
der israelischen «Dead Sea Works», nigs Saul. En Gedi wird nicht nur in sind zum einen die Schriften selbst,
in der vor allem Kalium gewonnen der hebräischen Bibel erwähnt, hier die die ältesten bisher bekannten Nie-
wird. In der Nähe des har sedom (arab. wurden bei Ausgrabungen Ruinen ei- derschriften der Hebräischen Bibel
dschebel usdum), dem überwiegend ner byzantinischen Synagoge (Abb. 3) sind, etwa 1000 Jahre älter als alle
aus Salz bestehenden Sodomsberg, gefunden und in ihr die verbrannten bis in die Mitte des 20. Jhs. bekann-
wird Touristen gern eine Steinforma- Überreste einer Torarolle. Entziffert ten Handschriften der kompletten he-
tion als «Lots Frau» gezeigt, allerdings werden konnten die ersten acht Verse bräischen Bibel. Zum anderen wurden
gibt es solche Formation auch an an- des Buches Levitikus. Dieser Schrift- darüber hinaus in den Höhlen auch

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ANTIKE WELT 6/19
SALZMEER – TOTES  MEER – LOTS  MEER. Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer

Texte gefunden, die sich mit der re- und deren Verlangen zeigt, sich ko- bruch des ersten jüdischen Krieges 66
ligiösen Alltagspraxis beschäftigen scher zu ernähren. n. Chr. erobert die Gruppe der Zelo-
und die Pluralität der verschieden Auch der zweite Ort, der für das Ju- ten die Festung, auf der sich dann eine
jüdischen Gruppen zur Zeitenwende dentum der Zeitenwende von großer der radikalsten Gruppen der Aufstän-
zeigt, wie sie auch von Flavius Jose- Bedeutung und heute der Touristen- digen, die Sikarier (Dolchträger), ver-
phus und dem Neuen Testament be- magnet der Region ist, nämlich Masada, schanzten. Nachdem die Römer Jeru-
schrieben wird. Bis heute ist umstrit- hängt mit einer der vielen jüdischen salem erobert und den Tempel dort
ten, von wem und wo die Schriften Gruppen der römischen Zeit zusam- zerstört hatten, war Masada die letzte
verfasst wurden und warum sie in men. Schon aus der Ferne kann man Festung, die im Jahr 74 n. Chr. belagert
den Höhlen verborgen wurden. Der sehen, warum hier eine Festung – das und schließlich erobert wurde. Nach
Theorie, dass es sich bei Qumran um ist die Bedeutung des hebräischen dem Bericht des Flavius Josephus be-
eine Niederlassung der Essener, ei- Namens ha-meṣad – angelegt wurde. gingen die Aufständischen einen kol-
ner strenggläubigen jüdischen Ge- Ein Felsplateau bietet einen strategi- lektiven Selbstmord, um einer römi-
meinschaft gehandelt hat, die die schen Überblick über die Region des schen Gefangennahme zu entgehen.
Schriften erstellten und verbargen, südlichen Toten Meeres und ist mi- Im Grabungsbefund wurden wiede-
steht inzwischen eine andere entge- litärisch nur schwer einzunehmen. rum Steingefäße gefunden, und die
gen. Es könnte sich auch um Schriften Obwohl einige eisenzeitliche Scher- Aufständischen hatten außerdem eine
handeln, die von anderswo, vielleicht ben gefunden wurden, wird eine erste Synagoge und eine Mikwe angelegt,
aus dem umkämpften Jerusalem bzw. Festung erst Anfang des ersten vor- was den jüdischen Charakter der Be-
der dortigen Tempelbibliothek geret- christlichen Jahrhunderts, zur Zeit satzer eindrucksvoll belegt.
tet werden sollten. der Hasmonäer angelegt. Die um- Masada wird zwar von einer römi-
In jedem Fall erkennt der jüdische Be- fangreichsten Bauarbeiten gehen je- schen Garnison in der Folgezeit ver-
sucher Qumrans Elemente, die auch im doch auf Herodes den Großen zurück, waltet, spielt aber dann keine Rolle
modernen Judentum eine Rolle spie- der ab 40 v. Chr. Masada zur Fes- mehr, auch wenn hier im 5. Jh. ein
len und die religiöse Zugehörigkeit tung und königlichen Residenz aus- Kloster errichtet wird.
der Bewohner zeigen: Zahlreiche Mik- baute. Die Funde der Ausgrabungen
wen, Bäder zur rituellen Reinigung, auf Masada zeigen eine weite Vernet- Christliche Traditionen am 
wurden ebenso gefunden, wie Stein- zung dieser Anlage, z. B. mit den Na- Toten Meer
gefäße (Abb. 4), die typisch für eine batäern (Abb. 5) aus der Gegend um Ein anderer Ort der Vermischung re-
jüdische Bevölkerung der Zeit sind Petra im heutigen Jordanien. Mit Aus- ligiösen Interesses und moderner po-

Abb. 3
Blick in die Rekon-
struktion der byzanti-
nischen Synagoge
von En Gedi. Das vir-
tuelle Modell der
Synagoge ist in der
Ausstellung zu sehen.

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ANTIKE WELT 6/19
TITELTHEMA

litischer Realität ist die sog. Taufstelle Religiöse Bedeutung und 


Jesu am unteren Lauf des Jordan. Nach moderne Realität
christlichen Traditionen wirkte an Nach dem Krieg von 1967 verlief
dieser Stelle auch Johannes der Täufer. entlang des Jordans die Waffenstill-
Johannes war ein jüdischer Bußpredi- standslinie zwischen Israel und Jor-
ger, der im Bruch mit jüdischen Tra- danien, die Gegend war militärisches
ditionen taufte. Er wird von Flavius Sperrgebiet. Alternativ fuhren christ-
Josephus und später auch im Koran liche Pilger jetzt zum See Genesaret.
erwähnt. Herodes Antipas, Sohn He- Nach dem Friedensabkommen von
rodes des Großen, lässt ihn gefangen 1994 setzte ein Wettlauf beider Sei-
nehmen und hält ihn auf Machärus am ten ein. Die Taufstelle auf jordani-
Toten Meer fest, wo er um 30 n. Chr. scher Seite erhielt den Status eines
hingerichtet wird. Die Gründe für die Weltkulturerbe-Ortes, zu der auf der
Abb. 4 Ein Kalksteingefäß, das zum typischen
Gefangennahme sind unklar. Nach Westseite des Flusses, die eigentlich Inventar jüdischer Haushalte der römischen
neutestamentlicher Überlieferung soll zum palästinensischen Autonomiege- Zeit gehörte.
er auch Jesus getauft haben (Mk. 2:9), biet gehört, eröffnete die israelische Na-
was zu einer frühen Traditionsbil- tionalparkbehörde einen Zugang nach
dung bezüglich der genauen Stelle Räumung von Minen. Jordanische wie
der Taufe führt. Neben einer Überlie- israelische/palästinensische Seite wer- kannt ist (Dtn. 34:6), soll nach dieser
ferung, die die Taufstelle südlich des den gut besucht. Tradition aus seinem Grab am Berg
Sees Genesaret in Yardenit sieht, etab- Ein Ort besonderer Bedeutung, der Nebo unterirdisch ein neues Grab im
lieren sich langsam zwei Verortungen. zeigt, dass das Tote Meer in der Mitte Westjordanland gesucht haben, um
Eine westlich des Jordans in Qasr el eines Kulturraumes liegt und nicht so eine Verehrung im Land der Väter
Yahud und eine in El-Maghṭas östlich wie heute eine Grenze darstellt, zeigt zu ermöglichen. Mindestens seit dem
des Flusses im heutigen Jordanien. Ein der muslimische Wallfahrtsort Nabi 13. Jh. wird dieser Ort verehrt und
Blick auf die Madabakarte zeigt den Musa. 11 km südlich von Jericho, un- eine Wallfahrt von Jerusalem hierher
Hinweis auf Bethabara und «die (Kir- weit der Straße nach Jerusalem, liegt fand jedes Jahr am Karfreitag statt. Da-
che) der Johannestaufe» westlich und dieser Ort, an dem sich das Grab des mit geriet man in Konflikt mit den am
den auf den Ort Αινων, das biblische Propheten Mose (arab. Nabi Musa) Karfreitag nach Jerusalem strömen-
Ainon, östlich des Jordans. Bethabara nach einer muslimischen Tradition den christlichen Pilgern. In der Neuzeit
geht auf das hebräische bet abarah befindet. Mose, dem es nach der alt- wurde die Wallfahrt nach Nabi Musa
(«Haus des Übergangs») zurück. Bei testamentlichen Überlieferung nicht zunehmend politischer und dann ein-
aller Schwierigkeit Orte wie die Tauf- vergönnt war das Heilige Land zu be- gestellt. Die Bedeutung und Anzie-
stelle zu lokalisieren, gehen die Nach- treten und dessen Grabstelle unbe- hungskraft des Ortes wird auch an
weise für Kirchenbauten auf der östli-
chen Seite bis in das 6. Jh. zurück, was
zeigt, dass diese Tradition die ältere
ist. Wenig später kommt die westliche Abb. 5 Nabatäische Keramik von der Festung auf Masada.
Seite hinzu, vielleicht einfach daher,
weil die Mehrzahl der christlichen Pil-
ger aus Jerusalem kam und die westli-
che Seite einfacher zu erreichen war,
ohne notwendigerweise den Jordan
überqueren zu müssen. Überhaupt
«wandern» viele Traditionen – siehe
Sodom und Gomorrha oben – bis in
die Kreuzfahrerzeit in die Region um
Jericho wegen der guten Erreichbar-
keit. Immerhin verlief hier die alte
Handelsstraße von Jerusalem nach
Osten.

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ü WELT 6/19
ANTIKE
SALZMEER – TOTES  MEER – LOTS  MEER. Die drei abrahamischen Religionen und das Tote Meer

Abb. 6 Das beduinische Gräberfeld am Wallfahrtsort von Nabi Musa.

dem Beduinenfriedhof deutlich, der zu sehen – und damit die Region, die Bildnachweis

die Pilgerstätte umgibt: Bis heute fin- von solch großer Bedeutung für Juden, Abb. 1: Rafael Ben-Ari / Alamy Stock Photo; 2: © Kon-
staninos Politis; 3: © Roy Albag; 4. 5: © Israel Antiquities 
den hier immer wieder Bestattungen Christen wie Moslems ist. Authority, Foto: Clara Amit; 6: © Wolfgang Zwickel. 

statt (Abb. 6).


Am Ort befindet sich eine, in den Literatur

vergangenen Jahren restaurierte Pil- Zur Ausstellung erscheint der Katalog «Leben am 


Toten Meer». Er ist im smac Museumsshop und 
gerherberge und der Grabbau mit ei- online unter https://www.eshop.sachsen.de/lfa erhält-
lich.
nem Minarett. In karger Landschaft ge- Adresse des Autors
Dr. Martin Peilstöcker Ende 2019 erscheint der englischsprachige Tagungs-
legen, muss man nur wenige Schritte Bibelhaus Erlebnis Museum band «Leben am Toten Meer» in der Reihe Ägypten und 
auf den nächsten Hügel gehen um das Leitung Bereich Archäologie das Alte Testament, Zaphon Verlag.
Metzlerstraße 19
Tote Meer und die Jordanischen Berge D-60594 Frankfurt a.M.

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ANTIKE WELT 6/19
FELDHERREN, GENIESSER, WISSENSCHAFTLER
Die Römer und das Tote Meer

Das Interesse der Römer am Toten Meer war groß und betraf mehrere Ebenen. Zunächst
war ihnen sehr an der Befriedung einer unruhigen Region gelegen: Nachdem bereits
seit Jahrzehnten Vasallen Roms am Toten Meer herrschten – der berühmteste ist wohl der
aus der Bibel bekannte Herodes der Große – gründeten die Römer im Jahr 6 n. Chr.
die Provinz Judaea. Es kehrte in der Folge jedoch keine Ruhe in der Region ein, so dass zwei
große, wohl religiös motivierte Aufstände die Ereignisse des 1. und 2. Jhs. n. Chr. maß­
geblich bestimmten. An den Siedlungen am Toten Meer ist zu beobachten, dass es im Anschluss
an die Aufstände bis zur Errichtung von spätantiken Befestigungsanlagen zum Schutz
vor arabischen Angreifern kaum neue Bauaktivitäten gab. Neben dem militärisch motivierten
Interesse der Römer faszinierte sie aber auch der «Asphaltsee», der so groß und salzig
war, dass man ihn sogar «Meer» nannte. Und nicht zuletzt waren auch die Produkte vom
Toten Meer, wie Balsam, Datteln, Asphalt oder Salz begehrte Importgüter in Rom.

von Yvonne Schmuhl der berühmte Naturgeschichtler Pli- dungen, Diarrhö, Rheumatismus oder
nius der Ältere (1. Jh. n. Chr.) berich- auch Zahnschmerzen helfen. Der ju-

D ie Ärzte Dioskurides und Galen


(1. bzw. 2. Jh. n. Chr.) aber auch
ten vom medizinischen Einsatz von
Asphalt. Es sollte gegen Augenentzün-
däische Asphalt sei der beste, schreibt
Dioskurides. Galen erwähnt dann das

Abb. 1 Masada von oben; links ist ein Belagerungskastell, rechts die Rampe zu erkennen.

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ANTIKE WELT 6/19
E�D�ERREN, �ENIESSER, �ISSENSC�AT�ER – Die Römer und das Tote Meer

teln. Letztere waren nicht nur bei Pli-


nius besonders beliebt, wenn sie aus
Jericho stammten. Auch der hochwer-
tige Balsam vom Toten Meer erfreute 
sich  in  Rom  größter  Beliebtheit  und 
wurde – wie selbst Galen (12,216)
und Plinius (12,54) berichten – mit-
unter sogar gefälscht oder mit billi-
gerem  Balsam  gestreckt.  Römerzeit-
liche  Produktionsstätten  für  Balsam 
und Dattelwein hat man an der West-
seite des Toten Meeres beispielsweise
Abb. 2 a.b Sesterz, Vespasian für Titus, sog. Judaea Capta, 72 n. Chr. in  Ein  Boqeq  und  eventuell  in  En  Fe-
schka identifiziert.

«… mit unsern �ieben einen


berühmte «Salz von Sodom», wobei gehalt zurückzuführen sind. Nicht im- edlen Tod zu sterben»
nicht klar ist, ob es das bereits kris- mer war man richtig informiert. (Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 7,8,6)
talline des Bergs Sodom oder aber al- Eine Hauptquelle des 1. Jhs. n. Chr. ist 
les vom Toten Meer stammende Salz «… in Judaea von edler Art … vor­ Flavius  Josephus,  der  als  Gefangener 
meint. In römischer Zeit hatte man züglich nur bei Jericho» und später Freigelassener des Kaisers 
in Rom zudem Kenntnis von den Vor- (Plinius, Naturgeschichte 13,44) Vespasian ein Zeitgenosse und somit
zügen aber auch den Besonderheiten  Zu den Luxusgütern, die man in Rom wertvoller Gewährsmann der Ereig-
und den für Lebewesen tödlichen Ei- vom Toten Meer schätzte, gehören vor nisse um den sog. Ersten Jüdischen
genschaften, die auf den hohen Salz- allem der Balsam und die süßen Dat- Krieg (66–70 n. Chr.) ist.

Abb. 3 Ostraka mit den lateinischen Inschriften: Terenius, Ancharius und Annius.

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ANTIKE WELT 6/19
TITELTHEMA

Abb. 4 Römisches Belagerungskastell oberhalb der Höhlen im Nahal Hever.

Mächtige in der Landschaft greif- hungen und der immer aussichtsloser eine Trauernde (Personifikation der Ju-
bare römische Militäreinrichtungen scheinenden Lage der Eingeschlosse- daea?) beidseits einer Dattelpalme, die 
dieser  Zeit  prägen  das  Bild  architekto- nen, fasste man auf Masada den grau- in Judaea und um das Tote Meer ganz
nischer Hinterlassenschaften am Toten samen Entschluss, kollektiven Selbst- besonders gut wächst (Abb. 2 a.b). 
Meer. Am berühmtesten sind wohl die mord zu begehen. Als die Römer die
Belagerungsanlagen  um  die  Festung  Festung  einnahmen,  fanden  sie  nur  «… so dass fast ganz Judäa
Masada, auch wenn die von Machärus Leichen, wo zuvor die Aufständischen zur Einöde wurde»
ganz ähnlich waren: Der römische Feld- mit ihren Familien lebten.  (Cassius Dio 14,2)
herr Flavius Silva hat mit der 10. Römi- Anlässlich des römischen Sieges Anders als beim Ersten Jüdischen
schen  Legion  in  der  Folge  des  Ersten  im Jahr 70 n. Chr. ließ Kaiser Vespasian  Krieg wissen wir über den Zweiten
Jüdischen Kriegs, nach der Eroberung eine Reihe von Münzen prägen, die nur sehr wenig durch die spärlichen
Jerusalems,  ans  Tote  Meer  geflohene  sich durch die Inschrift Iudaea capta Auszüge der Römischen Geschichte
Aufständische auf Masada belagert. Die (Judaea ist erobert) oder eine ver- des Cassius Dio (um 163 – nach 229
Römer errichteten eine sog. circumval- kürzte Variante auszeichnen. Die Rück- n. Chr.). Es ist auch nicht gesichert,
latio,  also  einen  Belagerungsring  mit  seiten zeigen Stellvertreter der Römer dass ein Verbot religiöser Rituale zu
Kastellen um die Festung und schütte- oder Judäer in den Rollen, die ihnen dem sog. Bar Kochba-Aufstand (132–
ten eine riesige Rampe auf, um auf das von römischer Seite zugedacht wa- 135/6 n. Chr.) führte; fest steht aber, 
Plateau zu gelangen (Abb. 1). Ange- ren: So sieht man beispielsweise einen  dass die Aufständischen unter Simon
sichts  dieser  beeindruckenden  Bemü- Feldherrn  (Titus?)  in  Siegerpose  und  Bar Kochba zunächst große unerwar-

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E�D�ERREN, �ENIESSER, �ISSENSC�AT�ER – Die Römer und das Tote Meer

tete Erfolge gegen die Römer feierten. mische Angriffe beinahe unmöglich zahlreiche Funde um das Tote Meer: So 
Die Römer erlitten schwere Verluste, waren. Die Römer hungerten die Auf- fand man beispielsweise auf der Straße 
passten sich dann aber an: Kaiser Ha- ständischen aus. nach Khirbet Qumran Sandalennägel
drian (reg. 117–138 n. Chr.) ernannte Im Nahal Hever oberhalb der sog. römischen Militärschuhwerks, römi-
einen  neuen  Oberbefehlshaber,  der  Cave of Letters  (Höhle  der  Briefe)  ist  sche Pfeilspitzen kamen innerhalb des
Erfahrungen mit Kämpfen in unweg- noch heute gut das römische Lager Gutshofes zutage, und kleinere Umbau-
samem Bergland hatte. Die neue Tak- zu erkennen, von wo aus die Römer ten zeugen von nötigen Veränderun-
tik gegen Ende des Aufstandes war die Eingänge bewachten (Abb. 3). In gen, die eine Nutzung als Militärposten
besonders  grausam:  Die  Aufständi- den Höhlen fand man die Gebeine und erforderlich machten.
schen  hatten  sich  mit  ihren  Fami- Habseligkeiten vieler Aufständischer,
lien in den nur äußerst schwer durch  die vermutlich während der römi- «Mitten im Raum … ließ er
Klettern, mit Seilen und Strickleitern schen Belagerung verhungerten. einen Palast mit … prunkvollen
zugänglichen Höhlen am Westufer des Von der militärischen Präsenz der Räumen bauen»
Toten Meeres versteckt, so dass rö- Römer im 1. und 2. Jh. n. Chr. zeugen (Flavius Josephus, Jüdischer Krieg 7,6,2)
Aus römischer Zeit haben sich viele
Objekte am Toten Meer erhalten, aber 
nur die wenigsten kann man auch
Abb. 5 Karte mit eingezeichneten römischen Straßen zum Toten Meer. zivilen,  römischen  Besitzern  zuwei-
sen: 
Ostraka  mit  lateinischen  Namen 
bilden da vielleicht eine Ausnahme,
doch könnten sich hinter Terenius,
Ancharius oder Annius, die sich auf
Gefäßen verewigten, auch wiederum 
Soldaten verbergen, die so ihren Be-
sitz markierten, denn man fand die
Scherben auf Masada (Abb. 4).
Bei  der  Kleidung  ist  es  ebenfalls 
nicht  eindeutig.  Einzig  jüdische  Be-
sitzer  sind  mitunter  auszuschließen, 
weil deren Kleidung nicht Schatnez
sein  sollte;  d. h.  tierische  und  pflanz-
liche  Fasern  dürfen  nicht  zusammen 
verwendet werden. Die «römische»
Tunika mit den zwei Streifen wurde
damals  von  allen  Bevölkerungsteilen 
von  Ägypten  bis  nach  Britannien  ge-
tragen und sagt auch am Toten Meer
nichts über ethnische Zugehörigkeit
oder gar den Rang ihres Trägers aus.
Sie war praktisch und modisch.
In  zwei  Bereichen  des  Bauwesens 
ist  der  römische  Einfluss  kaum  zu 
übersehen:  Unabdingbar  für  römi-
sche Truppenbewegungen, eine funk-
tionierende Provinzverwaltung und
den Handel war eine gut ausgebaute
Infrastruktur. Dazu gehören am To-
ten Meer zuvorderst Straßen, über die 
Soldaten und Informationen zu ihren
Bestimmungsorten gelangen konnten. 

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Abb. 6 Innenansicht des herodianischen Bads im Palast von Machärus.

Ähnlich wie in früheren Zeiten nutz- dition und schuf eine Thermenanlage Gegend. Die Veteranen fühlten sich of-
ten die Römer die Möglichkeit über bestehend aus der typisch römischen fensichtlich  durch  nichts  zum  Bleiben 
die Wadis, die ins Tote Meer münden, Abfolge aus verschieden warmen Räu- veranlasst.
bauten Wege jedoch ihren Bedürfnis- men und beheizt mit römischen Hy-
sen entsprechend aus (Abb. 5). Un- pokausten  (Abb.  6).  Eine  Besonder-
bedeutend für Truppenbewegungen heit  der  Bäder  am  Toten  Meer  und 
dafür umso wichtiger für den Handel anderen Anlagen in jüdischen Regio-
Adresse der Autorin
war  die  Schifffahrt.  Die  bequemste  nen ist jedoch das Einbinden von Mik-
Dr. Yvonne Schmuhl
Route von Süden, wo in größerem Stil  wen, also jüdischen Ritualbädern, in Referat Ausstellungen
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Salz abgebaut wurde, zu den Fernhan- der Raumabfolge. Stefan­�eym­Platz 1
D­09111 Chemnitz
delsstraßen  im  Norden,  war  die  di- Die Zeit nach den großen Auseinan-
rekt über den Salzsee. Noch heute tau- dersetzungen des 1. und 2. Jhs. n. Chr.
Bildnachweis
chen – mit dem sinkenden Seespiegel ist eine der Ruhe – die Verluste auf bei- Abb. 1: Duby Tal / Albatross / Alamy Stock oto; 2 a.b:
einhergehend – auch römische Anker den Seiten waren wohl zu groß, als dass  Staatliche Münzsammlung München, Foto Nicolai Käst­
ner; 3: Israel Antiquities Authority; 4: Duby Tal / Alba­
an den verlandeten Ufern des Toten es  weitere  Konflikte  hätte  geben  kön- tross / Alamy Stock oto; 5: Krister Kowalski, Mainz;
6: mit freundlicher �enehmigung von Prof. Dr. �yőző
Meeres auf. nen. Ein wirkliches Zusammenleben Vörös, Ungarische Akademie der Bildenden Künste.
Weniger eine Notwendigkeit als viel- von römischen Veteranen und der ein-
mehr wieder eine Modeerscheinung heimischen Provinzbevölkerung, wie Literatur

ist  der  zweite  Bereich,  in  dem  römi- in anderen Regionen durchaus gän- Zur Ausstellung erscheint der Katalog «Leben am
Toten Meer». Er ist im smac Museumsshop und
scher  Einfluss  deutlich  zu  erkennen  gig, hat es hier aber wohl nie gegeben. online unter https://www.eshop.sachsen.de/lfa erhält­
lich.
ist:  der  Bau  von  Badeanlagen  des  rö- Entlassungsurkunden (sog. Militärdi-
mischen Typs. So orientierte sich He- plome) der am Toten Meer kämpfen- Ende 2019 erscheint der englischsprachige Tagungs­
band «�eben am Toten Meer» in der Reihe Ägypten und
rodes der Große in seinem Palast von  den römischen Hilfstruppen, fand man das Alte Testament, Zaphon Verlag.

Machärus an der römischen Bädertra- – trotz ihrer hohen Zahl – nicht in der

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«KEIN TEIL PALÄSTINAS WURDE SEIT
JAHR TAUSENDEN MEHR MIT DEM ZERRGLAS
DES VORURTEILS ANGESEHEN …»
Deutsche Forschungen am Toten Meer

«Kein Teil Palästinas wurde seit Jahrtausenden mehr mit dem Zerrglas des Vorurteils ange-
sehen …», so begründet der Universalgelehrte Ulrich Jasper Seetzen 1806 seinen Plan,
das Tote Meer zu erkunden. Dabei kann die Erforschung dieser Region geradezu als Synonym
für die Erforschung des Heiligen Landes stehen, denn das Gesagte trifft auch auf andere
Regionen zu. Das Wirken deutscher Forscher und Wissenschaftler kann dabei beispielhaft
für die Entstehung der historischen Landeskunde und der biblisch-archäologischen
Forschung stehen.

von Martin Peilstöcker ent nannte er sich Scheich Ibrahim und identifizierte dabei zahlreiche Orte, 


Ibn Abdallah und seine größte Ent- so  z. B.  auf  seiner  Ostseite  den  Ort 

D ie wissenschaftliche Erforschung
des Heiligen Landes und damit
auch der Regionen um das Tote Meer
deckung war sicherlich die der Na-
batäerstadt Petra im heutigen Jor-
danien. Genau wie der Volkskundler
der herodianischen Festung Machärus
(Abb. 1).
Noch im 19. Jh. wurden in Folge ei-
setzt im 19. Jh. ein. Bis dahin hatte und Historiker Johann Nepomuk Sepp nes wachsenden Interesses am Heili-
es zwar immer wieder Reisende ge- (* 7. August 1816 in Tölz in Oberbay- gen Land zahlreiche historische Ver-
geben, die von ihren Beobachtungen ern;  † 5.  Juni  1909  in  München),  der  eine und Gesellschaften in Europa
und Erlebnissen berichteten, jedoch 1845  und  1846  Syrien,  das  Heilige  und den USA gegründet, erst zur Zeit 
beschränkte sich dies in erster Linie Land  und  Ägypten  bereiste,  hinter- des britischen Mandats in Palästina
auf religiös motivierte Erkundungen ließ Burckhardt ausführliche Reisebe- (1923–1948)  wurde  eine  staatliche 
und Pilgerreisen. Dazu kam, dass die schreibungen, aus denen hervorgeht, Antikenbehörde  gegründet,  aus  der 
Region nur schwer erreichbar war. dass er am Toten Meer und seiner Um- dann die jeweiligen Einrichtungen in
Das Tote Meer auf dem Landweg zu gebung weniger interessiert war. Israel, Jordanien und die der Palästi-
umrunden war schwierig und gefähr- Schon im Juni 1802 war Ulrich Jas- nenser hervorgingen.
lich, und so beschränkten sich die Un- per Seetzen aus dem friesischen Je-
tersuchungen auf die Region um Jeri- ver in Deutschland aufgebrochen, um Die Zeit der Vereine
cho sowie einzelne Orte wie Masada. auf seinem Weg nach Afrika auch Pa- Das  Interesse  des  Bildungsbürgertums 
lästina zu erkunden. Er war Arzt, Wis- am Heiligen Land war groß und es fi-
Aus Deutschland an das senschaftler, Naturforscher, Reisender nanzierte diese Gesellschaften, die die
Tote Meer: die Zeit der Universal- und Orientalist und bereiste den Ori- Forschung voranbringen sollten. Dazu
gelehrten ent im Geiste von Alexander von Hum- gehörten  z. B.  der  englische  Palestine
Zu den ersten deutschen oder zu- boldt, mit dem er bekannt war. Beide Exploration Fund  (1867),  die  franzö-
mindest deutschsprachigen Forschern hatten in Göttingen studiert. Seet- sische École Biblique  (1890)  und  die 
gehörte Johann Ludwig Burckhardt zen hatte Arabisch gelernt und reiste American Schools of Oriental Research
(* 24.  November  1784  in  Lausanne;  als muslimischer Pilger verkleidet. Er (1900).  All  diese  Gesellschaften  sind 
† 15.  Oktober  1817  in  Kairo),  ein  setzte seinen oben schon erwähnten bis heute ebenso aktiv wie die eben-
Schweizer Orientreisender, der in Plan um und bereiste 1807 als erster  falls in dieser Zeit gegründeten deut-
Leipzig und Göttingen studiert hatte. deutscher Forscher sowohl die West- schen  Einrichtungen.  Bereits  1877 
Während seines Aufenthalts im Ori- als auch die Ostseite des Toten Meers wurde der «Deutsche Verein zur Er-

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TITELTHEMA

Abb. 1
Karte des Heiligen Landes
angelegt von Seetzen.

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«KEIN TEIL PALÄSTINAS WURDE SEIT JAHR TAUSENDEN MEHR MIT DEM ZERRGLAS DES VORURTEILS ANGESEHEN …»

forschung Palästinas» gegründet, 1895  schungsprojekte in Israel, Jordanien dings zu dem Bemühen, biblische Orte 


der katholische «Deutsche Verein vom und dem Libanon involviert. wiederzuentdecken, auch ein Verlan-
Heiligen Lande» und 1898 die «Deut- Im Auftrag dieser Institutionen und gen, dessen Sonderheiten naturwis-
sche Orient-Gesellschaft». Alle drei durch  diese  finanziert,  fuhren  For- senschaftlich zu erklären. Dabei waren
sind ebenfalls bis heute aktiv. Wäh- scher  in  die  Region  und  führten  Be- insbesondere zwei Phänomene unklar:
rend jedoch der «Deutsche Verein obachtungen durch, vermaßen und Wieso fließt zwar der Jordan in das Tote 
vom Heiligen Lande» sich speziell für  realisierten erste archäologische Gra- Meer, aber warum hat das Tote Meer
die Belange katholischer Christen ein- bungen. Bei der Erforschung des Hei- keinen Abfluss? Und: Ist der Seespiegel 
setzt und sich die «Deutsche Orient- ligen  Landes  spielte  natürlich  immer  tatsächlich unter dem des Mittelmeeres
Gesellschaft» nicht mehr in Projekten die Beschäftigung mit den biblischen und des roten Meeres? Die Antwort all 
in Israel engagiert, ist der «Deutsche Geschichten eine bestimmende Rolle. dieser Fragen war allerdings Englän-
Palästina Verein» bis heute in For- Im Falle des Toten Meeres kam aller- dern und Amerikanern vorbehalten,
nicht den deutschen Forschern.
Neben  ausführlichen  s  chriftlichen 
Berichten von Forschungsreisen wurde
umfangreiches Kartenmaterial erar-
beitet.  Außerdem  brachte  die  Erfin-
dung  der  Fotografie  gegen  Ende  des 
19. Jhs. viele Palästina-Forscher dazu,
zahlreiche Aufnahmen der Landschaft
und der Bewohner anzufertigen oder
anfertigen zu lassen. So legte z. B. Gus-
tav Dalman eine große Diasammlung
an, in der zahlreiche Aufnahmen ent-
halten sind, die Boote auf dem Toten
Meer oder schwimmende Menschen
zeigen. Auch Jericho und andere Orte
wurden fotografisch dokumentiert. Zu 
seiner Sammlung, die wegen des Ers-
ten Weltkriegs nach Deutschland ver-
bracht werden musste und sich heute
am Gustaf-Dalman-Institut der Uni-
versität  Greifswald  befindet,  gehören 
auch  Gesteins-  und  Pflanzenproben, 
Haus- und Ackergeräte des 19. Jhs.,
Keramiken und andere archäologi-
sche Kleinfunde. Auch Land- und Reli-
efkarten und eine Bibliothek mit etwa 
5000  Bänden  –  darunter  seltene  Dru-
cke  des  16.  Jhs.  –  und  ein  Fläschchen 
mit einer Wasserprobe vom Toten
Meer  (Abb.  2)  zählten  zur  Sammlung. 
Dalman war evangelischer Theologe
und von 1902 bis 1917 erster Direktor 
Abb. 2
Wasserprobe aus
des Deutschen Evangelischen Instituts
dem Toten Meer für  Altertumswissenschaft  des  Heili-
aus der Samm- gen Landes in Jerusalem. Auch diese
lung Gustav Dal-
mans, heute Institution besteht bis heute, inzwi-
in der Sammlung schen mit einer Zweigstelle in Amman
des Dalman-
Instituts, Univer-
und einer engen Kooperation mit dem
sität Greifswald. Deutschen Archäologischen Institut.

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Abb. 3 Ausgrabung in Jericho 1908. Links sitzend Carl Watzinger, rechts Ernst Sellin, rechtsstehend der Architekt F. Langenegger, dahinter in hellem 
Anzug der Vorarbeiter N. G. Datodi aus Haifa.

Abb. 4 Die antike Hafenanlage von Kallirhoe, deutlich erkennbar die Grabungsschnitte der Grabung Strobel.

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«KEIN TEIL PALÄSTINAS WURDE SEIT JAHR TAUSENDEN MEHR MIT DEM ZERRGLAS DES VORURTEILS ANGESEHEN …»

Jericho und die Posaunen sich  bei  dem  Hügel  von  Tell  es-Sul- Datierungen heute korrigiert werden.
Ein  Beispiel  für  die  religiös  motivier- tan  tatsächlich  um  das  berühmte  bi- Einerseits datierten sie byzantinische 
ten Intentionen der frühen deutschen  blische  Jericho  handeln  müsse,  inte- Bestattungen  wegen der Münzen, die 
archäologischen Feldforschungen im ressierte sich der deutsche Theologe gefunden wurden korrekt, jedoch wa-
Heiligen Land und am Toten Meer ist und  Archäologe  Ernst  Sellin  für  den  ren sie nicht in der Lage, voreisenzeit-
die Erforschung Jerichos. Die ersten Ort.  Von  1907  bis  1909  erforschte  liche Keramik näher zu bestimmen
archäologischen Ausgrabungen auf dann Ernst Sellin zusammen mit dem und den korrekten Schichten zuzu-
dem  Tell  es-Sultan  (Jericho)  erfolg- Archäologen  Carl  Watzinger,  finan- ordnen.
ten durch Captain Charles Warren, ziert durch die «Deutsche Orient-Ge- Trotz allem erkannten sie, dass es
der für den Palestine Exploration Fund sellschaft»,  Jericho  (Abb.  3).  Ihre  Ar- sich tatsächlich um die Ruinen des bi-
forschte und für seine Arbeit in Jeru- beit stellte in methodischer Hinsicht blischen Jericho handelte. Insbeson-
salem  bekannt  wurde.  Er  grub  1868  einen Meilenstein der Palästinafor- dere Watzinger wurde aber klar, dass
auf dem Tell es-Sultan in der moder- schung dar, da sie die sog. stratigra- die Datierung der Ruinen problema-
nen  Stadt  ʾArīḥā  mehrere  Schächte,  phische Methode anwendeten und tisch war, und in der Folge führte der 
kam aber zu dem Schluss, dass es sich zahlreiche Siedlungsschichten unter- Engländer John Garstang, Leiter der
nicht um die Überreste des biblischen scheiden konnten. Auch die umfang- British School of Archaeology in Jerusa-
Jerichos handeln könne, und stellte reiche  Publikation,  die  bereits  1913  lem  (BSAJ),  erneut  Grabungen  durch. 
seine Arbeiten wieder ein. erschien, ist vorbildlich hinsichtlich Er datierte die Stadtmauern, die schon
Angespornt von den Arbeiten War- der zahlreichen Abbildungen des Gra- bei den deutschen Untersuchungen
rens und in der Überzeugung, dass es bungsbefundes.  Leider  müssen  ihre  gefunden worden waren in die späte
Bronzezeit und meinte damit den bi-
blischen Bericht von der Eroberung
Jerichos bestätigen zu können, nach
Abb. 5 Die Karte zeigt Fundorte im Wadi Shuʿaib, die durch das Wadi Shuʿaib Archaeological Sur- welchem die israelitischen Stämme
vey Project in den Jahren 2016–2018 bisher aufgenommen und kartiert werden konnten. bei der Eroberung des Heiligen Lan-
des die Mauern Jerichos durch den
Schall ihrer Posaunen zum Einstürzen 
brachten.
Die endgültige Korrektur der Datie-
rungen blieb einer anderen Englände-
rin  überlassen:  Dame  Kathleen  Ken-
yon.  Sie  arbeitete  in  Jericho  ab  1952 
und perfektionierte die stratigraphi-
sche Methode. Sie hatte Funde Gar-
stangs in London gesehen, und ihre
Zweifel wurden durch ihre Grabungen
bestätigt: Jericho war in der Zeit der in
der Bibel beschriebenen Landnahme
des Heiligen Landes durch die Israe-
liten unbefestigt und kaum bewohnt.

Jüdische Geschichte und


biblische Forschungen
Auch an einem anderen Ort war an
der ersten archäologischen Untersu-
chung ein deutscher Forscher maß-
geblich beteiligt: Masada. Im Jahre
1838  durch  die  beiden  amerikani-
schen Gelehrten Edward Robinson
und  Eli  Smith  wiederentdeckt,  führte 
der Althistoriker und Archäologe Adolf

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TITELTHEMA

Abb. 6 Die Landschaft am nördlichen Toten Meer. Deutlich erkennbar die sog. Sink-Holes.

Schulten  1932  erste  Feldforschungen  ruhe geboren, wurde nach seinem Suche  nach  Sodom  und  Gomorrha  – 
durch, die vom «Deutschen Palästina Studium der Philosophie und Theo- und fanden eine kupfersteinzeitliche
Verein» veröffentlicht wurden. Im Be- logie  in  Freiburg  1906  zum  Priester  Siedlung. Bemerkenswert ist die gute
sonderen durch die Beschreibungen geweiht, arbeitete als Seelsorger und archäologische Arbeit, die die Ausgrä-
des  jüdischen  Historikers  Josephus  trat 1911 in den Jesuitenorden ein. Er ber trotz ihres «Misserfolgs» leisteten
Flavius wurde der Ort zum Inbegriff war u. a. mit Dalman bekannt, spezia- und die sich auch in der Publikation
für  Besatzung  und  Widerstand.  Die  lisierte sich auf die Geologie Palästi- niederschlägt.
Historizität der Darstellung des kol- nas und fertigte unter Zuhilfenahme Der Zweite Weltkrieg bedeutete nicht
lektiven Selbstmordes, mit dem die von Luftaufnahmen der deutschen Ar- nur  das  Aus  für  die  Palästinaarchäo-
zelotischen Widerstandskämpfer auf mee  dreidimensionale  topografische  logie. Das schwierige Verhältnis zum
Masada im Jahr 73 n. Chr. der Erobe- Karten  an.  Vom  November  1930  bis  Staat Israel und die unsichere Situa-
rung zuvorkommen wollten, ist um- zum Januar 1940 nahm er an Ausgra- tion in der Region führten auch zu ei-
stritten. Schulten jedoch war eher an bungen in Teleilât Ghassûl im Jordan- ner längeren Pause deutscher archäo-
der Belagerungsstrategie der Römer tal  im  Auftrag  des  «Pontifico  Istituto  logischer Forschung. Dazu kam, dass
interessiert. Biblico», einer vatikanischen Hoch- das Tote Meer seit 1967 drei Anrainer 
Auch die Erforschung der sich im schule, die von der Ordensgemein- hat: Jordanien, Israel und das West-
Osten an das Tote Meer anschließen- schaft der Jesuiten betrieben wird, seit jordanland.
den Regionen war zunächst von der 1927  eine  Nebenstelle  in  Jerusalem  Erst  1973  wird  wieder  ein  deut-
religiös motivierten Landeserkundung hat und an der er als Professor wirkte, scher Wissenschaftler in der Feldfor-
geprägt.  Als  Beispiel  hierfür  mag  die  teil.  Nach  dem  überraschenden  Tod  schung aktiv: August Strobel, damals
Ausgrabung von Teleilât Ghassûl ste- des Grabungsdirektors Alexis Mallon Direktor des «Deutschen Evangeli-
hen, an der Robert Köppel maßgeblich leitete er die Grabungen ab 1934. Mal- schen Instituts», untersuchte die Um-
beteiligt  war.  Köppel,  1882  in  Karls- lon und Köppel gruben dort auf der gebung von Machärus und Kallirrhoё 

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«KEIN TEIL PALÄSTINAS WURDE SEIT JAHR TAUSENDEN MEHR MIT DEM ZERRGLAS DES VORURTEILS ANGESEHEN …»

am Ostufer des Toten Meeres. In drei tersuchungen und anderen Methoden, seren Verständnis der Vergangenheit
Ausgrabungskampagnen (1985, 1986  wie z. B. der Anwendung von geogra- bei.
und 1989) legte August Strobel, selbst  phischen Informationssystemen (GIS). Die Region steht heute nicht un-
Neutestamentler und kein Archäo- Pollenuntersuchungen von Bohr- bedingt im Fokus der deutschen ar-
loge, unter Mitarbeit der Archäologen kernen trugen auch zu einer Rekon- chäologisch-historischen Forschungen.
Christa Clamer und Stefan Wimmer struktion des Seespiegels im Laufe der Dennoch zeigt sich eine Entwicklung
u. a.  Reste  der  antiken  Hafenanlage  Geschichte bei. Diese geoarchäologi- von stark religiös besetzten Untersu-
frei (Abb. 4).  schen Studien wurden unter maßgeb- chungen der Region, hin zu einem in-
licher Beteiligung von Frank Neumann terdisziplinären Forschungsansatz in
Das 21. Jahrhundert: die Verwissen- (damals Universität Bonn) erstellt und  Partnerschaft mit lokalen und inter-
schaftlichung der Forschung tragen zu einem besseren Verständnis nationalen Forschern, Universitäten
Nach einer längeren Zeit, in der es der Siedlungsgeschichte insbesondere und Behörden in der Gegenwart.
keine Projekte von maßgeblicher Be- des Westufers bei.
deutung gegeben hat, wird die Gegend Auch das Tote Meer selbst wird noch
nordöstlich des Toten Meeres seit immer erforscht. Insbesondere die Geo-
2016  im  Rahmen  des  Wadi  Shu‘eib  logie und Forschungen zu den ökologi-
Projekt des Deutschen Archäologi- schen  Besonderheiten  der  Region,  z. B.  Adresse des Autors
schen Instituts unter der Leitung von den  «Schlucklöchern»  (Sink-Holes),  Dr. Martin Peilstöcker
Bibelhaus Erlebnis Museum
Alexander Ahrens untersucht. Das sind Gegenstände der Untersuchungen Leitung Bereich Archäologie
Metzlerstraße 19
Projekt befasst sich mit Fragen zur (Abb. 6). Forscher des Karlsruher Ins- D-60594 Frankfurt a.M.
Mobilität und Überlebensstrategien tituts  für  Technologie  (KIT),  des  GFZ 
in diesem Wadi (Fluss-Tal), durch das  (Geoforschungs-Zentrum)  in  Potsdam  Bildnachweis
Abb. 1: Forschungsbibliothek Gotha der Universität Er-
eine wichtige Straße vom Toten Meer und des Helmholtz-Zentrums für Um- furt, SPK_547$112723136; 2: Universität Greifswald,
kommend  und  nach  Osten  führend  weltforschung  (UFZ)  in  Leipzig  un- Gustaf Dalman Institut, Foto Karin Berkemann;
3: Abdruck des Fotos aus dem Nachlass Carl Watzinger
verlief. Mehrere neue Siedlungsplätze tersuchen  seit  2012  im  Helmholtz- mit freundl. Erlaubnis von Prof. Thomas Schäfer, Univer-
sität Tübingen, Institut für Klassische Archäologie;
konnten durch systematische und mo- Virtuellen Institut DESERVE («Dead 4: Martin Peilstöcker; 5: Kartenvorlage: A. Ahrens, Kar-
tenerstellung: N. Spiske-Salamanek, WSAS Project, DAI;
dernste Surveytechnik erkannt werden  Sea Research Venue») gemeinsam mit  6: Martin Peilstöcker.
(Abb. 5) und erste Grabungen am Tell  Partnern aus Israel und Jordanien Fra-
Bleibil brachten wichtige Erkenntnisse gen  nach  Wasserverfügbarkeit,  Um- Literatur

zur Siedlungsgeschichte der Bronze- weltrisiken und Klimawandel und de- Zur Ausstellung erscheint der Katalog «Leben am
Toten Meer». Er ist im smac Museumsshop und online
und Eisenzeit hervor. Die moderne Ar- ren Auswirkungen am Toten Meer. unter https://www.eshop.sachsen.de/lfa erhältlich.

chäologie bedient sich dabei verstärkt Auch wenn diese Forschungen sich Ende 2019 erscheint der englischsprachige Tagungs-
band «Leben am Toten Meer» in der Reihe Ägypten und
naturwissenschaftlicher Untersuchun- mit Gegenwart und Zukunft beschäf- das Alte Testament, Zaphon Verlag.
gen, wie z. B. C-14-Analysen, Pollenun- tigen, tragen sie immer zu einem bes-

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ARCHÄOLOGIE AUS DEM HEILIGEN LAND
Von der Idee zur Ausstellung «Leben am Toten Meer»

Das Tote Meer kennt fast jeder, die Entdeckung der Schriftrollen in Höhlen am Toten Meer
ging vor 70 Jahren um die ganze Welt, die biblische Geschichte von der Zerstörung der
Stadtmauern von Jericho durch Posaunenklänge ist weithin bekannt und das Mitbringen
von Jordanwasser zur Taufe von Kindern bei christlichen Pilgern ins Heilige Land gängige
Sitte. Und dennoch hat es weder in Deutschland noch in Europa je eine Ausstellung gegeben,
die sich mit der Region des Toten Meeres befasst. Diese Lücke schließt nun die Sonder­
ausstellung «Leben am Toten Meer», die das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz
(kurz smac) vom 27. September 2019 bis 29. März 2020 präsentiert.

von Sabine Wolfram Ein See – drei Grenzen den kann, wenn man auch die For-
2016 begannen gemeinsam mit Dr. schung und Fundstätten am östlichen

D as smac wurde 2014 eröffnet


und fasst seinen Vermittlungsan-
spruch unter dem Titel «Kulturen ent-
Martin Peilstöcker die Arbeiten am
Konzept, wobei die ersten Überlegun-
gen maßgeblich das westliche Ufer
Ufer in Jordanien berücksichtigt. Dies
geschah mit der vom smac im Februar
2018 durchgeführten wissenschaftli-
decken – Geschichte verstehen» zu- mit den Fundstätten Jericho, Qumran, chen Tagung zur Kulturgeschichte des
sammen. Kulturen entdecken, weil es En-Gedi und Masada im Blick hatten. Toten Meeres, an der Wissenschaft-
in seinen Sonderausstellungen auch Die ersteren Orte liegen im Autono- ler aus Europa, USA und Israel teil-
die Archäologie anderer, durchaus fer- miegebiet Westjordanland, letzte seit nahmen und über ihre Forschungen
ner Länder zeigen möchte. Geschichte 1948 auf israelischem Staatsgebiet. in Israel, Jordanien und Westjordan-
verstehen, weil das Museum in ei- Bald wurde dem Ausstellungsteam land berichteten. Sich anschließende
nem ehemaligen Kaufhaus (Baujahr bewusst, dass man der Kulturge- Leihgesuche an die Antikenverwal-
1930) untergebracht ist, das zu dem schichte der Region nur gerecht wer- tungen in Jordanien und Westjord-
deutsch-jüdischen Schocken Kaufhaus-
Konzern gehörte. Die mit dem Muse-
umsgebäude verbundene Geschichte
wird im smac in einer eigenen Dauer-
ausstellung präsentiert. Die dafür not-
wendigen Recherchen erfolgten im
Schocken-Archiv in Jerusalem, in de-
ren Zuge auch der Kontakt zu den in
Israel lebenden Nachfahren des Kon-
zerninhabers Salman Schocken herge-
stellt wurde. Vor diesem Hintergrund
entstand die Idee, eine Ausstellung
über die Archäologie der südlichen
Levante bzw. Israels im smac zu zei-
gen. Schnell wurde jedoch klar, dass
eine inhaltliche oder regionale Ein-
grenzung des Ausstellungsthemas
notwendig ist, und die Entscheidung Abb. 1
Asphalt: ein
fiel zugunsten der Kulturgeschichte natürlicher
des Toten Meeres. Klebstoff.

29
ü
ANTIKE WELT 6/19
ARCHäoLoGiE AUS DEM HEiLiGEn LAnD – Von der idee zur Ausstellung «Leben am Toten Meer»

gestellt. Gemäß dem Gestaltungskonzept


von Szenographie Valentine Koppen-
höfer, Weimar, ziehen sich die Themen
konzentrisch um ein medial bespieltes
Landschaftsmodell des Toten Meeres.
In ihrer baulichen Form nehmen die
Themenpfade von innen nach außen
an Höhe zu, um so den Charakter der
Landschaft einzufangen. Anhand des
Landschaftsmodells und dazugehöri-
ger Medienstationen wird versucht,
die für Mitteleuropäer fremde Natur
und Umwelt der Wüstenlandschaft
vorzustellen sowie die Lebensgrund-
lagen der Menschen zu erläutern.
Dem schließt sich im innersten Kreis
die Darstellung des Themas Wellness
an, gefolgt von Mobilität, Höhlen-Dör-
fer-Städte, Macht und Ohnmacht so-
wie Kult und Religion. Obwohl der
Schwerpunkt der Ausstellung auf der
Zeit bis zur Früharabischen Epoche
liegt, wird jeweils ein Ausblick auch
Abb. 2 Phönizischer (?) Aryballos, gefunden in Tel Goren / En-Gedi. Für Tel Goren ist die Parfüm-
herstellung nachgewiesen. in die Gegenwart gegeben, beispiels-
weise mit drei Interviews zum heuti-
gen Leben in der Region. Abgerundet
anland waren leider nicht von Erfolg Konzept und Gestaltung wird die Darstellung mit der span-
gekrönt, dennoch können diese Regi- In «Leben am Toten Meer» wird die nenden, durch Glaube, Wissenschaft
onen durch Leihgaben europäischer Kulturgeschichte der Region in einer und Politik geprägten Geschichte ih-
Museen in der Ausstellung abgebildet zeitlichen Tiefe von rund 12 000 Jah- rer Erforschung und der außerordent-
werden. ren und in sechs Themenfeldern vor- lichen Textilfunde, deren Erhaltung
der extremen Trockenheit geschuldet
ist. Ziel der Ausstellung ist es, die Kul-
turgeschichte dieser ehemals abgele-
ß
Abb. 3 genen, dennoch anziehenden Region
Anker aus En-Gedi (3.–2. Jh. v. Chr.). vorzustellen, die anders als heute in
der Vergangenheit eine Einheit dar-
stellte und mehr bietet als nur Sodom
und Gomorra.

Überleben in der Wüste


â
Abb. 4 Luftgetrockneter Lehmziegel aus Jericho / Ausgangspunkt für die Ausstellung ist
Tell es-Sultan, Präkeramisches Neolithikum. die Frage nach den Gründen, warum
es Menschen seit Jahrtausenden in
diese unwirtliche Region zieht und sie
sich dort niederlassen? Es wird da-
her in der Ausstellung auf die Bedeu-
tung des hohen Salzgehalts des Sees,
seiner wohltuenden Mineralien, auf
den natürlichen Asphalt (Abb. 1), die
Möglichkeit des Dattelpalmenanbaus

30
ü
ANTIKE WELT 6/19
TITELTHEMA

Abb. 5 Rekonstruktion Kreuzbogensattel, Nachbau Robert Brunner. Abb. 6 Chalkolithische Zepter aus dem Hortfund von Nahal Mischmar.

sowie die Nutzung des Balsamstrau- ness, Gesundheit und Schönheit ist stellung wird anhand von neolithi-
ches für Öle und Parfüm eingegan- der zweite Bereich der Ausstellung schen Obsidian- und Muschelfunden,
gen; und darauf, dass die Menschen gewidmet (Abb. 2). Gleichzeitig wirft von chalkolitischen Kupfergeräten und
zur Ausbeutung dieser Ressourcen die Darstellung der hellenistisch-rö- bronzezeitlicher Fayence die Mobili-
am tiefsten Punkt der Erdoberfläche mischen Bäderkultur ein ergänzen- tät der Menschen am Toten Meer und
stets Strapazen auf sich nahmen. Stei- des, da luxuriöseres Bild auf die Re- ihre Vernetzung von Anatolien bis
les und felsiges Terrain gepaart mit gion, die durch den Balsamstrauch nach Ägypten dargestellt. Beschwer-
Seespiegelschwankungen erschwerte sogar zum politischen Spielball zwi- lich zu Fuß, einfacher per Schiff oder
die Mobilität entlang der Ufer und die schen Kleopatra, Marc Anton und He- gar mit dem Kamel gelangte man von
Schifffahrt hatte mit dem hohen Salz- rodes wurde. Von wegen «Balsam für einem Ort zum anderen. Neben den
gehalt zu kämpfen. Die «einfachste» die Seele». Importfunden sind ein hellenistisch-
Annäherung an das Tote Meer erfolgte römischer Anker (Abb. 3) und die
vom Hochland hinab durch die steilen Export ‒ import virtuelle Rekonstruktion der Schiffs-
Wadis in Oasen wie z. B. En-Gedi. Oa- Balsam wurde vom 7. Jh. v. Chr. bis lände Khirbet Mazin Highlights des
sen wiederum bieten die Möglichkeit in die byzantinische Zeit in den Oa- Bereichs Mobilität.
für Ackerbau und Viehzucht, da hier sen im südlichen Jordantal, in En-Gedi
durch Wasser aus den Wadis oder und in Ein Boqeq, eventuell auch in Alltag und Herrschaft
durch Quellen das nötige Trinkwasser En Feschka bei Qumran verarbeitet Höhlen, Dörfer und Städte sind sowohl
für Menschen, Pflanzen und Tiere zur und war – neben Datteln, Salz und As- in der südlichen Levante als auch in
Verfügung steht. phalt – ein Exportgut. Sofern es nicht Mitteleuropa in der Vergangenheit gän-
Eine inhaltliche Brücke zwischen Schriftquellen gibt, lassen sich Ex- gige Siedlungsformen. Ist Jericho aber
Vergangenheit und Gegenwart ist die portprodukte am Ort ihres Ursprungs wirklich die älteste Stadt der Welt?
Nutzung der Mineralien und Heilquel- naturgemäß kaum nachweisen. Im- Wie entsteht ein Tell und welche Rolle
len am Toten Meer. Dem Thema Well- porte hingegen schon und in der Aus- spielt dabei die Lehmziegelbauweise

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ANTIKE WELT 6/19
ARCHäoLoGiE AUS DEM HEiLiGEn LAnD – Von der idee zur Ausstellung «Leben am Toten Meer»

die Wehr- und Palastanlagen von Jeri- von Nahal Mischmar (Abb. 6) und
cho, Machärus und Masada, die König Phylakterien, d. h. vier kleine Schrift-
Herodes errichten ließ, um seine An- fragmente aus Amulettkapseln aus
sprüche zu dokumentieren. Weniger Höhle 4 von Qumran. Für Juden gibt
spektakulär, aber ebenso aussagekräf- es nicht nur Regeln für die Zuberei-
tig sind sog. IUDAEA CAPTA Münzen, tung und den Verzehr von Nahrungs-
die die Unterwerfung Judäas durch mitteln, sondern auch für das Tragen
Kaiser Vespasian bzw. seinen Sohn Ti- von Textilien. Mischgewebe aus Lei-
tus preisen. Eine Herrschaft, die zur nen und Wolle dürfen beispielsweise
Rebellion führte. Die Aufständischen nur Priester tragen. Belege für unter-
Abb. 7 Stofffragment aus Masada (römisch).
suchten dabei Zuflucht in den Höhlen schiedliche Stoffe und Webtechniken
am Toten Meer und hinterließen All- werden im Bereich Textilien gezeigt
tagsgegenstände und Schriftstücke, (Abb. 7). Hier schließt sich der Rund-
die in Auswahl in der Ausstellung zu gang durch rund 10 000 Jahre Kultur-
(Abb. 4)? Warum konnten die Städte sehen sind. Erneuten Druck auf die geschichte am Toten Meer.
sich nicht halten? Diesen Fragen geht Grenzen des römischen Reiches üb-
die Ausstellung nach und versucht da- ten schließlich arabische Stämme aus.
bei u. a. über den Einsatz von Model- Mithilfe eines neuartigen Kamelsat-
len auch die Entwicklung der Hausfor- tels konnten die Krieger länger und
men nachzuvollziehen. Die Nutzung weiter reiten. Das smac hat einen sol- Adresse der Autorin
Dr. Sabine Wolfram
der Höhlen ist allerdings kein Merk- chen «Kreuzbogensattel» nachgebaut Direktorin
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
mal allein der frühen Epochen, viel- (Abb. 5). Chemnitz Stefan­Heym­Platz 1
mehr wurden sie immer wieder auf- D­09111 Chemnitz

gesucht bzw. dienten z. T. auch als Mit einem Ahnenkult fing alles an
Bildnachweis
längerer Aufenthaltsort. Letzteres ins- Wenn man etwas mit dem Toten Meer
Abb. 1. 5: © Landesamt für Archäologie Sachsen/smac,
besondere in Zeiten politischer oder verbindet, dann Kult und Religion und Foto: Annelie Blasko; 2. 3. 7: © israel Antiquities
Authority. Foto: Clara Amit; 4: © Ashmolean Museum,
religiöser Verfolgung. Alltagsgegen- so stellt dieses Thema den Höhepunkt University of oxford; 6: © israel Museum Jerusalem.
stände runden die Darstellung der der Ausstellung dar. Es wird der Bogen
Siedlungsweise am Toten Meer ab. vom Ahnenkult im präkeramischen Literatur
Zur Ausstellung erscheint der Katalog «Leben am Toten
Spätestens seit dem ausgehenden Neolithikum über chalkolithische Meer». Er ist im smac Museumsshop und online
2. Jt. v. Christus befinden sich die Be- Tempelanlagen bis zu den Schriftrol- unter https://www.eshop.sachsen.de/lfa erhältlich.

wohner der Region – Israeliten, Moa- len von Qumran und dem Aufkom- Ende 2019 erscheint der englischsprachige Tagungs­
band «Leben am Toten Meer» in der Reihe ägypten und
biter und andere – in stetem Konflikt men des Islam gespannt. Höhepunkte das Alte Testament, Zaphon Verlag.

um die Macht im Land. Berühmt sind sind hier der chalkolithische Hortfund

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ü
ANTIKE WELT 6/19
MUSEUMSINSEL BERLIN

DER BABEL-BIBEL-STREIT
Ein Politikum im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts

Z u Beginn des 20. Jhs. versetzte ein


heftiger Streit zwischen Vertretern
der noch jungen Altorientalistik und
kirchlichen Kreisen Berlin in große
Aufregung. Was war passiert? Am
13. 1. 1902 hielt der Assyriologe Fried-
rich Delitzsch (Abb. 1) auf Einladung
der Deutschen Orient-Gesellschaft ei-
nen folgenreichen Vortrag mit dem Ti-
tel «Babel und Bibel». In Anwesenheit
des deutschen Kaisers vertrat er in der
Berliner Sing-Akademie (heute Maxim-
Gorki-Theater) die skandalöse These,
dass die Erzählungen des Alten Testa-
ments auf keilschriftliche Überliefe-
rungen zurückzuführen seien. Damit
stellte er die Bibel als direkte göttliche
Offenbarung in Frage. Trotz vehemen-
ter Kritik von Religionsvertretern al-
ler Konfessionen wiederholte Delitzsch
Abb. 1 Friedrich Delitzsch 1902 in Babylon, Fotograf unbekannt.
seine Ansichten noch in zwei weite-
ren Vorträgen im Januar 1903 und im
Herbst 1904.
Kaiser Wilhelm II. war zunächst be- für die wissenschaftliche Gemeinschaft 19. Jh. christlich-jüdische Traditionen
geistert von Delitzsch’s Thesen und for- somit keineswegs neu, jedoch erreich- die Weltsicht der Bevölkerung präg-
derte sogar, dass die Schulbücher umge- ten sie durch die Babel-Bibel-Vorträge ten, nahm die Bedeutung der Reli-
schrieben werden müssen. Unzählige erstmals ein größeres Publikum. gion im frühen 20. Jh. rasch ab. Dass
Zeitungsartikel, Leserbriefe und Karika- Im Babel-Bibel-Streit trat der Kon- Delitzsch zu einem Zeitpunkt nach-
turen (Abb. 2) brachten daraufhin den flikt zwischen konservativen Kirchen- lassenden gesellschaftlichen Einflus-
akademischen Diskurs schnell in die vertretern und der modernen Wissen- ses auch noch den Offenbarungsge-
breite Öffentlichkeit und führten so zu schaft offen zutage. Während noch im halt der Bibel öffentlich anzweifelte
einer weiteren Eskalation der Ausein-
andersetzung. Im Lauf des immer ver-
bitterter geführten Streits änderte der
Monarch seine Meinung und lies De-
Die Rubrik «Museumsinsel Berlin» wird in enger Kooperation mit dem Verein Freunde der
litzsch schließlich fallen. Antike auf der Museumsinsel Berlin e. V. veröffentlicht.

Die Hintergründe Der Verein unterstützt die Berliner Die Mitglieder des Fördervereins er-
Antikensammlung sowie das Vor- halten neben kostenfreiem Eintritt
Schon kurz nach der Entzifferung der derasiatische Museum Berlin u. a. in alle Häuser der Staatlichen Museen
Keilschrift Mitte des 19. Jhs. erkannte bei Neuerwerbungen, Veranstaltun- zu Berlin auch exklusive Einblicke
in die Tätigkeiten der Museen – u. a.
man, dass sich in den älteren Keil- gen, Restaurierungen und Ausstel-
lungen. Für Ihre Unterstützung hier- durch Vorträge, Werkstattgesprä-
schrifttexten biblische Schilderungen, bei wären wir sehr dankbar! che und Führungen sowie Tages-
wie die Sintflutgeschichte (Abb. 3), fahrten.

wiederfanden. Die von Friedrich De- www.freunde-der-antike-berlin.de | info@freunde-der-antike-berlin.de


litzsch vorgetragenen Thesen waren

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ANTIKE WELT 6/19
Neues aus dem Vorderasiatischen Museum und der Antikensammlung

andererseits das Oberhaupt der evan- Berliner Friedrich-Wilhelms-Universi-


gelischen Landeskirche war (summus tät an und wurde kurz darauf der erste
episcopus), musste hier zwischen bei- Direktor der neugegründeten Vorder-
den Positionen vermitteln. In einem asiatischen Abteilung der Königlichen
offenen Brief bekannte er sich 1903 Museen, damals noch im Nebenamt.
zum Offenbarungsgehalt der gesam- Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Muse-
ten Bibel und distanzierte sich damit umsdirektor war die Erschließung der
von Delitzsch. umfangreichen Keilschriftsammlung;
die museale Präsentation der altvor-
Friedrich Delitzsch zwischen derasiatischen Denkmäler stand für ihn
Elfenbeinturm und Öffentlichkeit nicht im Vordergrund.
Friedrich Delitzsch (1850–1922) war ei- Delitzsch selbst wies den Vorwurf
ner der renommiertesten Keilschrift- des Antisemitismus immer von sich.
forscher seiner Zeit. Er stammte aus Antijüdische Ideen sind im ersten und
einem streng protestantischen Eltern- zweiten Babel-Bibel-Vortrag nur un-
haus und dürfte durch seinen Vater, terschwellig vorhanden. Indem er
den evangelischen Alttestamentler und das Alte Testament auf babylonische
Abb. 2 Babel und Bibel – «Hebe dich hinweg,
Sklave. Wir können in Babylon keine Wurst mehr Hebraisten Franz Delitzsch, schon von Quellen zurückführte, zweifelte er
essen, wenn nicht die Berliner ihren Senf dazu klein auf mit der biblischen Überliefe- die Bibel als Offenbarung Gottes an.
gegeben haben». Titelblatt Simplicissimus Jg. 7,
Nr. 52 (1903), Karikatur von Theodor Heine.
rung vertraut gewesen sein. Friedrich Da sich das Judentum nur auf die He-
Delitzsch studierte orientalische und bräische Bibel (Altes Testament) be-
indogermanische Sprachen in Leipzig zieht, wurde dies vorrangig als Kritik
und Berlin. 1874 habilitierte er sich im an jüdischen religiösen Ideen und so-
und dafür zunächst den Zuspruch des Fach Assyriologie und erhielt nur vier mit als antijüdisch aufgefasst. Ab 1903
Kaisers erntete, erklärt die heftigen Jahre später die erste außerordentliche gebrauchte Delitzsch in der Auseinan-
Reaktionen aus kirchlichen Kreisen. Professur in der noch jungen Disziplin dersetzung mit seinen Gegnern zuneh-
Kaiser Wilhelm II., der einerseits ar- in Leipzig. Im Jahr 1899 nahm Delitzsch mend religiös motivierte antijüdische
chäologie- und orientbegeistert und einen prestigeträchtigen Ruf an die Argumentationsmuster. Offen trat der
Antijudaismus in Delitzschs 1920 er-
schienenem Spätwerk Die Große Täu-
schung zutage. Dort spricht er dem Al-
Abb. 3 Tontafelfragment der 11. Tafel des Gilgamesch-Epos mit Sintflutbericht (VAT 11087). ten Testament, und damit auch dem
Judentum, jegliche Originalität und Be-
rechtigung ab, diskeditiert die jüdische
Geschichte und bedient sich hierzu ju-
denfeindlicher Stereotypen.
Inwieweit die massive, zum Teil
sehr polemisch vorgetragene Kritik
(Abb. 4) an seinen Thesen und per-
sönliche Verunglimpfungen Delitzsch
getroffen haben, ist nicht abzuschät-
zen, da keine Reaktionen von ihm
selbst bekannt sind. Dass die Abkehr
des Kaisers, der durch seine ursprüng-
liche Zustimmung nicht unerheblich
zur Eskalation des Streits beitrug, ihn
gar nicht kränkte, ist kaum vorstellbar.
Delitzsch‘s Reputation als Altorienta-
list leidet bis heute unter dem Babel-
Bibel-Streit und vor allem seinen anti-
jüdischen Ausführungen.

34
ü ANTIKE WELT 6/19
MUSEUMSINSEL BERLIN

… und mehr als 100 Jahre nach punkt der Ausstellung stehen Friedrich
dem Streit? Delitzsch sowie eine Auswahl der da-
Nicht nur die Menge der zeitgenös- mals verfügbaren archäologischen und
sischen Zeitungsartikel, Leserbriefe philologischen Quellen, die er in sei-
und Karikaturen ist schier unendlich, nen Vorträgen über Babel und Bibel
auch die bis heute erschienenen wis- zitierte. Darüber hinaus wird die Rolle
senschaftlichen Publikationen zum der Printmedien bei der Meinungsbil-
Babel-Bibel-Streit sind kaum zu über- dung und die Rezeption des Streits in
blicken. Dennoch sind von wissen- Kunst und Literatur exemplarisch vor-
schaftlicher Seite bei weitem nicht gestellt.
alle Aspekte behandelt worden. Ins-
besondere die Reaktionen der Ver-
treter des deutschen Judentums auf
den Streit spielen in der Forschung bis Dank
Ermöglicht wird die Ausstellung durch die finanzielle Unter-
jetzt nur eine untergeordnete Rolle. stützung des Einstein Centers Chronoi, der Staat-
Um diese Forschungslücke zu schlie- lichen Museen zu Berlin, des Fördervereins «Freunde der
Antike auf der Museumsinsel e.V.» und der Deutschen
ßen, veranstaltet das Moses Mendel- Orient-Gesellschaft. Allen Förderern gilt unser herzlicher
Dank.
sohn-Zentrum Potsdam, das Berliner Abb. 4 Delitzsch als Staatsanwalt Moses an-
klagend. Delitzsch: «Der angeklagte Moses be-
Antike Kolleg und das Institut für Alt-
Adresse der Autorin hauptet, die hier vorliegenden Tafeln oben auf
orientalistik der Freien Universität Dr. Helen Gries dem Berge Sinai erhalten zu haben; während
Berlin eine internationale Konferenz Vorderasiatisches Museum SMB ich doch unumstößlich nachgewiesen habe,
Geschwister-Scholl-Str. 6 daß eben diese Tafeln in der königlichen Bib-
unter dem Titel «Der Babel-Bibel- D-10117 Berlin liothek zu Babylon fehlen, mithin dort entwen-
Streit und die Wissenschaft des Ju- det sind.» – Der Verteidiger: «Ich behalte mir
die Ladung eines wichtigen Entlastungszeugen
dentums» (4. –  6. 11. 19). Hierbei sol- Bildnachweis
Abb. 1. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches [Gott] vor». Titelblatt Lustige Blätter Nr. 18.6
len einerseits die konfessionellen Museum, Fotograf unbekannt; 2: Simplicissimus Jg. 7, (1903), Karikatur von Lyonel Feininger.
Nr. 52 (1903) Karikatur von Theodor Heine; 3: © Staatliche
Hintergründe genauer beleuchtet und Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto:
anderseits die Auseinandersetzungen Olaf M. Teßmer; 4: Lustige Blätter Nr. 18.6 (1903) Karika-
tur von Lyonel Feininger.
zwischen der damals schon relativ eta-
blierten (Alt)-Orientalistik und der aus- Literatur
schließlich außeruniversitären Wissen- R. G. LEHMANN, Friedrich Delitzsch und der Babel-Bi-
bel-Streit, Orbis Biblicus et Orientalis 133 (1994).
schaft des Judentums in den Fokus Sonderausstellung des Vorderasiatischen
K. JOHANNING, Der Bibel-Babel-Streit. Eine forschungs- Museums
gerückt werden. geschichtliche Studie, Europäische Hochschulschriften
Der Babel-Bibel-Streit – Politik, Theologie und
23, Theologie 343 (1988).
Das Vorderasiatische Museum Ber- Wissenschaft um 1900
TH. L. GERTZEN, Die Vorträge des Assyriologen Friedrich
lin erinnert anlässlich der Konferenz in Delitzsch über Babel und Bibel und die Reaktionen
05. 11. 2019 bis 29. 3. 2020
einer Studienausstellung (5. 11. 2019– der deutschen Juden. Orientalismus und Antisemitismus Pergamonmuseum
in der Altorientalistik, in: Zeitschrift für Religion- und
29. 3. 2020) an den bis heute nachwir- Geistesgeschichte 71, 3 (2019) 238–258. Fr–Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr

kenden Babel-Bibel-Streit. Im Mittel-

NAH AM LEBEN
200 Jahre Gipsformerei

D ie Gipsformerei der Staatlichen


Museen zu Berlin feiert in die-
sem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen
rer Bestände in der neu eröffneten
James-Simon-Galerie. Sie verfügt als
weltweit größte noch aktive Muse-
historische Sammlung von Gussfor-
men und Arbeitsmodellen, die auf
über 7000 Werke der Kunst- und Kul-
mit der erstmaligen Präsentation ih- umsformerei über eine bedeutsame turgeschichte von der Vor- und Früh-

35
ü
ANTIKE WELT 6/19
von «Nah am Leben» ist, dass nicht
die fertigen Formereiprodukte – also
die Abgüsse – ausgestellt werden,
wie dies in musealen und akademi-
schen Abgusssammlungen der Fall ist,
sondern die historischen Formen und
Modelle selbst und damit gleicherma-
ßen die Werkzeuge des Berliner Tra-
ditionsbetriebs. Nicht das Ergebnis,
sondern vielmehr der Werkstattpro-
zess und seine Nähe zum künstleri-
schen Schaffensprozess stehen somit
Abb. 1
«Laokoon-Gruppe», Master-
im Zentrum.
modell, 1844 Gips,
schellackiert 242 x 184 x Idealer Auftakt
100 cm (Original:
1. Jh. v. Chr., römische Kopie Die Präsentation der Bestände in der
in den Vatikanischen im Juli 2019 eröffneten James-Simon-
Museen, Rom). Staatliche
Museen zu Berlin, Gips- Galerie auf der Museumsinsel Berlin
formerei. bietet einen idealen Auftakt zur Ein-
weihung des Sonderausstellungssaales
und kommt einer Rückkehr der Gips-
geschichte bis in das frühe 20. Jh. Über 200 Objekte – darunter plasti- formerei zu ihren Wurzeln gleich: Seit
zurückgehen. Die Ausstellung «Nah sche Bildwerke (Abb. 1), aber auch Ge- der Eröffnung von Karl Friedrich Schin-
am Leben. 200 Jahre Gipsformerei» mälde, Druckgrafik, Fotografien und kels Museum auf der Museumsinsel im
(30. 8. 2019 – 1. 3. 2020) präsentiert die- Videos – veranschaulichen die Bedeu- Jahr 1830 gehört die bereits 1819 ge-
sen Bestand querschnittsartig und tung der Abformung in der Geschichte gründete Gipsformerei zum Verbund
stellt ihm Objekte aus anderen Samm- der Bildhauerei von der Antike bis der Königlichen, später Staatlichen Mu-
lungen der Staatlichen Museen zu Ber- zur Gegenwart sowie die Verwendung seen zu Berlin und gilt somit auch als
lin sowie herausragende Leihgaben und Rezeption von Abgussverfahren in deren älteste Einrichtung. Von Anfang
aus dem In- und Ausland gegenüber. der Kunst. Ein Alleinstellungsmerkmal an war die Gipsformerei eng mit den
Museen verknüpft. Mit ihrem Einzug
in das Sockelgeschoss des Alten Muse-
ums im Jahr 1830, in dem sie bis 1843
untergebracht war, wurde die König-
lich-Preußische «Abguss-Anstalt», so-
dann auch zur «Museen-Formerei». Als
für das 1855 eröffnete Neue Museum
eine allein den Gipsabgüssen vorbe-
haltene Etage geplant wurde, mussten
letztere nicht mehr länger teuer in Ita-
lien oder Frankreich erworben werden,
sondern wurden direkt bei der haus-
eigenen Gipsformerei bezogen. Paral-
lel zu den weiteren Museumsgründun-
gen und zum Ausbau der Sammlungen
kamen kontinuierlich neue Stücke in
die Sammlung der Gipsformerei. Der
Abb. 2
Édouard Joseph Dantan Gipsabguss befand sich zu dieser Zeit
«Un moulage sur nature», auf dem Höhepunkt seiner Wertschät-
1887. Öl auf Leinwand,
165 x 131,5 cm. Kunstmu-
zung. Heute kann die Gipsformerei
seum Göteborg. als eigenes kleines Universalmuseum

ü
MUSEUMSINSEL BERLIN

und eine Art dreidimensionales Archiv welche Weise Kunstschaffende unsere


der Skulpturenbestände der Staatli- Flora und Fauna zu fixieren und plas-
chen Museen zu Berlin gelten. In die- tisch zu bannen suchten. Die Sektion
ser Funktion konserviert sie auch ver- Zu nah am Leben gibt Einblicke in ei-
lorene Originalkunstwerke und nicht nen Bereich, der nicht primär mit dem
mehr existente Objektzustände. Glei- künstlerischen Prozess verknüpft ist.
chermaßen werden dort bis heute his- Die positivistischen Methoden des Er-
torische Guss- und Formenbautech- kenntnisgewinns in den Natur- und Ge-
niken tradiert, eine selten gewordene sellschaftswissenschaften des 19. Jhs.
handwerkliche Expertise, die heute beriefen sich auf das Authentizitäts-
nur noch an wenigen Orten weltweit versprechen der Abformung und die
Abb. 3 Donald Lokuta , «Casting George Segal
gepflegt wird. aus ihm abgeleitete gleichsam wissen- for ‹George Segal, Self-portrait›», 1990. Aus
«Nah am Leben» widmet sich dem schaftliche Objektivität. Eine Ausprä- der Serie George Segal. «An Intimate» Portrait,
1984–2000. Silbergelatineabzug, 21,5 x 32 cm.
Thema Abguss in umfassender Weise gung dieser Epoche ist die hochgradig Leihgabe des Künstlers.
als eine seit der Antike überlieferte Pra- problematische Praxis der Abformung
xis der bildnerischen Annäherung an von Menschen, wie sie Anthropologen
das Leben. Die Ausstellung fokussiert zur Zeit des Kolonialismus in Ozeanien,
auf den Bereich der Lebend- und Natur- Australien, Asien und Afrika oder in lung der Gipsformerei übergingen. An-
abformung. Sie zeigt die bis dato kaum Menschenausstellungen in Europa vor- hand von vier exemplarischen Werken
bekannten Abformungen von Men- nahmen und deren Produkte heute als von Donatello, Auguste Rodin, Marcel
schen und Tieren aus der Sammlung Zeugnisse eines menschenverachten- Duchamp und George Segal (Abb. 3)
der Gipsformerei sowie Mastermo- den Wissenschaftszweiges in unseren wird in der Sektion Abgussverdacht!
delle von Kunstwerken, die (vermeint- Sammlungen lagern. Die Sektion Ulti- der Streit um die Kunsthaftigkeit von
lich) auf Naturabformungen basieren. matives Leben bleibt beim Medium des Abgüssen beleuchtet und die Eman-
Unter diesen Objekten sind Toten- Gesichts- und Körperabgusses, wendet zipation der Gipsabformung zu einer
masken, Körperteilabgüsse, die für die sich jedoch dem Einsatz der Gipsab- vollgültigen Kunstform nachvollzogen.
Künstlerausbildung genutzt wurden, formung zur Bewahrung des allerletz- Ein epilogartiger Aufmarsch von wei-
sowie der sensible Sammlungsbestand ten Antlitzes eines verstorbenen Men- teren vier Mastermodellen berühmter
der kolonialen Lebendabgüsse. Hinzu schen und dessen Überhöhung in der Großskulpturen, in denen die künstle-
kommen künstlerische Arbeiten, die Kunst zu. Die Korrelation zwischen dem rische Annäherung an das Leben meis-
ihrerseits auf Abformungen nach dem Erstarren des Gipses und demjenigen terhaft gelungen ist, schließt das Aus-
Leben beruhen oder ebenjenes bildne- des toten Körpers gerät hier ebenso in stellungsnarrativ ab.
rische Mittel zum künstlerischen Prin- den Blick wie die Totenhaftigkeit von
zip erhoben haben. Lebendabgüssen im Allgemeinen, die
Durch den unmittelbaren Kontakt neben der starren, unbewegten Anmu-
mit dem abgeformten Gegenstand ver- tung von Gipsen auch durch die bei der
spricht die Gipsabformung große Au- Gesichtsabformung notwendigerweise Adresse der Autorin
thentizität und Naturähnlichkeit. Doch geschlossenen Augen evoziert wird. Dr. Veronika Tocha und Justine Tutmann
Staatliche Museen zu Berlin
wie «nah» kann der Gipsabguss dem Die Sektion Im Künstleratelier illustriert Generaldirektion
Stauffenbergstraße 41
Leben kommen? Ist ein Abguss tat- anhand unterschiedlicher Akademie- D-10785 Berlin
sächlich ein authentisches Zeugnis und Atelierdarstellungen die Verwen-
der Realität? Derartige Überlegungen dung vorbildhafter Abgüsse in den Bildnachweis
Abb. 1: © Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei,
werden in fünf thematischen Sektio- Bildhauerwerkstätten und den künstle- Foto: Philip Radowitz; 2: © Kunstmuseum Göteborg;
nen aus unterschiedlichen Perspekti- rischen Einsatz des Abformungsverfah- 3: © Donald Lokuta 1990.

ven beleuchtet. In der Sektion Stillleben rens selbst (Abb. 2). Im Zentrum dieses
und Nature morte dreht sich alles um Ausstellungskapitels stehen erstaunlich Sonderausstellung der Gipsformerei
die aristotelische Maxime der Natur- lebensnahe Abgüsse menschlicher Kör- Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei
nachahmung durch die Kunst. Künst- perteile und Gesichter, die als Schul- 30. 8. 2019 bis 1. 3. 2020
lerische und kunsthandwerkliche Ab- modelle der Unterrichtsanstalt des Ber- James-Simon-Galerie
güsse der Tier- und Pflanzenwelt vom liner Kunstgewerbemuseums dienten Fr–Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr

16. bis ins 21. Jh. verdeutlichen, auf und Ende des 19. Jhs. in die Samm-

37
ü
ANTIKE WELT 6/19
PREISRÄTSEL
LEBEN AM TOTEN MEER
Wie gut kennen Sie die Welt der Antike? Hier können Sie es unter Beweis
stellen … und gewinnen!

Aus den folgenden 40 Silben sind neun Begriffe zu bilden:


A - as - ba - cho - da - dat - di - en - es - ge - ik - je - kar - kon - kry - land -
ma - me - mo - ner - os - pal - phalt - phen - po - qum - ran - ri- sa - schaft -
se - see - ser - sturz - te - tel - tra - von - was - wirt.

BEI RICHTIGER 1. 6.
EINSENDUNG WINKEN Ruinenstätte am Nordwest-Ufer des Schriften, die nach Inhalt und Form
Toten Meeres biblischen Schriften verwandt waren,
WERTVOLLE PREISE: aber nicht in den Kanon des Alten
1. Preis: 2. Testaments oder Neuen Testaments
Teil eines zerbrochenen Gefäßes, das gelangten
Replik einer Schriftrolle aus Qumran
in einem auf den Originalen basierenden beispielsweise als Notizzettel oder
Tongefäß, inklusive einer Broschüre Quittung im Altertum Verwendung fand 7.
(engl.) und einem Zertifikat. Maße: Antike Bewässerungstechnik der
10,5 x 20 cm, Gewicht: 360 g. 3. Nabatäer

2.–5. Preis: Große Oase westlich des Toten Meeres


8.
Vier Bücherpakete aus dem Verlags-
4. Oasenstadt im Westjordanland
programm Philipp von Zaberns im Wert
von je € 50,– (D). Mönchsartig organisierte jüdische
Gemeinschaft in der Antike 9.
6.–10. Preis: Typische Oasenpflanze in der Nähe
Fünf Bücherpakete aus dem Verlags- 5. des Toten Meeres.
programm Philipp von Zaberns im Wert Andere Bezeichnung für das Tote Meer
von je € 25,– (D).

Wenn Sie alle Begriffe herausgesucht haben, werden Sie merken, dass
neun Silben ungenutzt blieben. Richtig geordnet, benennen diese Silben eine
bekannte historische Quelle.

Einsendeschluss ist der 3. 12. 2019


(Poststempel). Zur Einsendung Ihrer 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Antwort senden Sie bitte eine Karte an
wbg (Wissenschaftliche Buch-
AUFLÖSUNG UND GEWINNER DES PREIS­ ES HABEN GEWONNEN:
gesellschaft), Redaktion ANTIKE WELT,
RÄTSELS IN ANTIKE WELT HEFT 5/2019 1. Preis: Florian Wekenmann (D-89584 Ehingen)
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ü
ersten Wortes der Lösung!
GRIECHISCHER MYTHOS AUS BERNSTEIN
Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

Es gibt nur wenige archäologische Gegenstände aus dem 6. Jh. v. Chr. im italienischen Adria­
gebiet, die einen sehr hohen wissenschaftlichen Wert besitzen und gleichzeitig wahre
Kunstwerke sind. Das Elfenbeinkästchen mit eingelegten Bernsteinfiguren, das erst im Jahr
2018 in Belmonte Piceno entdeckt wurde, gehört dazu.

von Joachim Weidig Bevölkerung in den Marken heftig um- rem Kontext gerissenen Funde betref-
stritten ist. fen. Diese sind zum Teil in dem reich

D as Elfenbeinkästchen ist ein Kunst-


werk ohne Vergleiche, ein Unikum,
das die Zeitgeschichte des Mittelmeer-
Begleitet waren die Grabungskam-
pagnen von einem großen medialen
Interesse, da Dall‘Osso es verstand,
bebilderten Museumsführer von An-
cona enthalten, den Dall‘Osso 1915
veröffentlichte, allerdings mit den al-
raums erzählt und darüber hinaus die die außergewöhnlichen Funde in etli- ten Grabnummern, die nicht den ak-
engen kulturellen und politischen Ver- chen Interviews und Zeitungsartikeln tuellen entsprechen, was zu einem
knüpfungen mit Mitteleuropa aufdeckt und nicht zuletzt durch deren ein- Nummernsalat führte, der erst heute
(Abb. 1). drucksvolle Präsentation auf der Expo wieder unter Einsatz aller wiederauf-
Es sind möglicherweise drei Gründe, 1914 in Mailand und etwas später gefundenen Dokumente entwirrt wer-
die eine archäologische Stätte so sehr im neuen Archäologischen Museum den kann. Einer der ältesten wissen-
in dem kollektiven Gedächtnis veran- in Ancona (Abb. 2) so zu inszenie- schaftlichen Beiträge zu den Funden
kern, dass selbst diejenigen, die mit ren, dass unterschwellig auch immer aus Belmonte Piceno erschien aber
Geschichte nie wirklich etwas anfan- der Hauch des Geheimnisvollen mit- bereits 1905 in deutscher Sprache in
gen konnten, den Ort vom Hörensa- schwang. Einzelnen Gegenständen der Zeitschrift für Ethnologie. Er war
gen kennen: Es sind ein einprägsamer wurde bereits damals eine derart von dem aus Belmonte Piceno stam-
Name, eine spannende Entdeckungs- große Bedeutung beigemessen, dass menden Mediziner und Gelehrten Sil-
geschichte und ein großes Rätsel, das sie heute wie die zwei Knochenfigu- vestro Baglioni verfasst worden, der
es zu lüften gilt. ren mit eingelegtem Bernsteingesicht in Jena und Heidelberg studierte und
Das beste Beispiel dafür ist Troja, der dea Cupra (Abb. 3) und die beiden einen regen Austausch mit den Ar-
dem Homer den großen Namen, Schlie- großen bronzenen Schauhenkel aus chäologen und Historikern der Zeit
mann seine Entdeckungsgeschichte und der tomba del duce, die den despotes führte. Daher war das Interesse der
die Wirren des Zweiten Weltkrieges ton hippon (Herr der Pferde) als grie- deutschen Forschung groß, als in den
das Geheimnis der verschwundenen chischen Hoplit zeigen (Abb. 4), zum ersten systematischen Ausgrabungen
Schätze gegeben hat. modernen Symbol für die picenische bahnbrechende Entdeckungen gemacht
Belmonte Piceno war der erste vor- Kultur geworden sind. wurden.
römische Ort in den südlichen Mar- Seit ihrer Auffindung im Jahr 1910
ken, der zwischen 1909 und 1911 Die Einzigartigkeit von Belmonte waren es vor allem die sog. Amazo-
systematisch von der italienischen Piceno in der Antike nengräber, die die Fantasie der Zeit-
staatlichen Archäologiebehörde (So- Belmonte Piceno gibt viele Rätsel auf, genossen anregten. Damals waren
printendenza) unter der Leitung von die sowohl mit der Besonderheit und zwei besonders reiche Frauenbestat-
Innocenzo Dall‘Osso (1855–1928) Bedeutung des Ortes in der archai- tungen geborgen worden, die neben
ausgegraben wurde. Es ist der Fund- schen Zeit (6. Jh. v. Chr.) als auch mit einem zweirädrigen Wagen auch ei-
ort, der wie kein anderer unsere Vor- der Geschichte, der im zweiten ar- serne Lanzenspitzen und Keulenköpfe
stellung von den Picenern geprägt chäologischen Museum von Ancona enthielten. Neue Forschungen haben
hat, unabhängig davon, dass heute die ausgestellten und während des Zwei- gezeigt, dass es sich um drei große Be-
ethnische Zuordnung der archaischen ten Weltkriegs zerstörten bzw. aus ih- stattungen und um mindestens sechs

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ü
ANTIKE WELT 6/19
GriEchischEr Mythos Aus BErnstEin – Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

Abb. 1 Das Elfenbeinkästchen mit Bernsteinfiguren aus Grab 1/2018 nach der Restaurierung.

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

weniger reich ausgestattete Frauen-


gräber handelt, in denen Lanzen und
Keulen lagen. Waren diese Frauen tat-
sächlich Kämpferinnen in einer Krie-
gergesellschaft, oder sind die Waffen
vielmehr als Statussymbole von Herr-
scherinnen zu deuten, die vielleicht
als Mutter oder als Ehefrau des Fürs-
ten eine wichtige Rolle spielten? Das
Fehlen von Helmen, Schwertern und
Dolchen lässt eher an letztere Mög-
lichkeit denken.
Trotz der wichtigen archäologi-
schen Entdeckungen der letzten Jahr-
zehnte wie die Fürstengräber in Pi-
tino di San Severino, Matelica und
Numana-Sirolo führt Belmonte Piceno
nach wie vor die Rangliste der Ausgra-
bungsstätten archaischer Zeit in den
Abb. 2 Saal B im von I. Dall‘Osso eingerichteten archäologischen Museum degli Scalzi in Ancona
Marken an: 20 zweirädrige Wagen, die mit dem im Block geborgenen Wagengrab eines Kriegers im Vordergrund, ca. 1914.
über die Verstorbenen gestellt waren,
mehr als 30 Kriegergräber, die Bron-
zehelme enthielten und viele bron-
zene Schmuckgegenstände, wie große In der sog. tomba del duce, in der Lanzen, Dolchen, Schwertern, Keulen
Pektorale, Doppelstierprotomenanhän- ein Herrscher um die Mitte des 6. Jhs. und vier Bronzehelmen bestand.
ger, Knotenringe, sog. Torques, Arm- v. Chr. bestattet wurde, befanden sich Aber das ist noch nicht alles: An kei-
reife, Ringe und Fibeln, die zum Teil sogar sechs zweirädrige Wagen, die nem anderen Ort in den Marken sind
auf einem Leichentuch befestigt bzw. beiden berühmten bronzenen Schau- so viele Gegenstände aus Bernstein
gelegt worden sein müssen, wie es die henkel und eine Panoplia (Rüstung), und Elfenbein gefunden worden wie
Position der Fibeln in Kopf- und Fuß- die aus einem kardiophylax (Panzer- in Belmonte Piceno. Berühmt sind vor
bereich nahelegen. scheibe), vier verzierten Beinschienen, allem drei große Fibeln mit geschnitz-

Abb. 3 Die beiden geflügelten Knochenfiguren der «dea Cupra» mit Bernsteingesichtern (heute verloren) aus der Tomba 15 Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 83
(Inv. vecchio).

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ANTIKE WELT 6/19
GriEchischEr Mythos Aus BErnstEin – Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

ten Bernsteinbügeln, die einen Löwen tarbücher des Museums von Ancona. rekonstruieren und auszuwerten, wurde
auf einer Löwin, einen Doppellöwen Damit wurde es möglich, die vielen ein deutsch-italienisches Forschungs-
und einen Panther zeigen, sowie ge- aus ihrem ursprünglichen Kontext projekt unter der Federführung des
schnitzte Elfenbeinarbeiten, die eine gerissenen Grabfunde, die nach der Autors ins Leben gerufen, welches von
Mischung aus italischen, griechisch- Zerstörung des Museums im Zweiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft
ionischen, etruskischen und vorder- Weltkrieg ebenfalls als verschollen finanziert wird. Es handelt sich um ein
orientalischen Kunststilen bilden. galten, sich aber in Wirklichkeit in den gemeinsames Projekt des Instituts für
Ein neuer Bernsteinlöwe (Abb. 5 a.b) Tiefen des Museumskellers befanden, Archäologische Wissenschaften der Al-
sowie viele Fragmente von Elfenbein- den einzelnen Bestattungen wieder bert-Ludwigs-Universität in Freiburg
objekten wurden während unserer zuzuordnen und somit das nachzuho- (Prof. Ch. Huth) zusammen mit dem
Ausgrabungen im Grab 2/2018 ent- len, auf das die Wissenschaft seit mehr Römisch-Germanischen Zentralmuseum
deckt; darunter eine kleine Kourosfi- als 100 Jahren wartet: die vollständige in Mainz (Prof. M. Egg), in enger Ko-
gur, sechs menschliche Gesichter, zwei Vorlage der mehr als 250 Gräber, die operation mit den italienischen staat-
Pantherköpfe sowie ca. 3000 kleine Dall‘Osso auf dem Colle Ete bei Bel- lichen Behörden des Polo Museale
Bernsteinperlen, die ursprünglich zu monte Piceno ausgegraben hatte. Erst delle Marche, dem das Archäologi-
verschiedenen Schmuckgegenständen Anfang 2019 wurden die mit vielen sche Museum von Ancona untersteht,
gehörten. Zeichnungen und Beschreibungen ver- und der Soprintendenza Archeologia,
Über allen Funden steht allerdings sehenen Grabungstagebücher wieder- Belle Arti e Paesaggio delle Marche.
unübertroffen das archaische Elfen- gefunden, in denen auch wichtige No- Mit leidenschaftlicher Hingabe von
beinkästchen mit eingelegten Bern- tizen zu den Siedlungsgrabungen von Anfang an dabei ist auch die kleine Ge-
steinfiguren (vgl. Abb. 1). Dall‘Osso auf dem benachbarten Colle meinde von Belmonte Piceno, die im
Tenna enthalten sind. Jahr 2017 endlich ihr eigenes Museum
Zurück zum colle Ete Um die vielen Daten und Informa- bekam, in dem neben der Grabungsge-
Es begann alles mit der Wiederauffin- tionen der Altgrabung von Dall‘Osso schichte einige der charakteristischen
dung der Grabungs- und Museumsfo- zu sammeln, die Funde aufzunehmen Funde ausgestellt sind. Ein Jahr später
tos von Dall‘Osso und der alten Inven- und anschließend die Grabkontexte zu schaffte es der Bürgermeister sogar,
die erste Grabungskampagne nach
mehr als hundert Jahren auf dem Colle
Ete zu finanzieren, bei der das Elfen-
Abb. 4 Einer der beiden bronzenen Schauhenkel aus der «tomba del duce» (Tomba 1 Malva-
tani / Tomba 163 (Inv. vecchio) mit dem «despotes ton hippon» (Herr der Pferde) als griechischer beinkästchen entdeckt wurde.
Hoplit.
Das Elfenbeinkästchen mit Bern­
steinfiguren
In einer anscheinend bereits von
Dall‘Osso 1911 untersuchten Krieger-
bestattung (Grab 1/2018) fanden wir
bei unseren Ausgrabungen ein ca. 1,20 m
großes Dolium (Vorratsgefäß) aus ro-
tem Impasto, welches in einer separa-
ten Grube unterhalb der eigentlichen
Grabgrube der Bestattung stand. In
dieser kleinen aber tiefen Grube lag
das Elfenbeinkästchen direkt neben
dem großen Vorratsgefäß. Das war ein
großes Glück in mehrfacher Hinsicht:
Zum einen da während der Altgrabun-
gen kein großes Interesse an den Ke-
ramikgefäßen bestand, und somit die
großen und schweren Dolia einfach
unausgegraben vor Ort gelassen wur-
den, wie es in den Grabungstagebü-

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ü ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

chern immer wieder vermerkt ist. Da-


her blieb auch das Elfenbeinkästchen
unentdeckt und unversehrt; zum an-
deren da das Elfenbeinkästchen samt
Deckel aufgrund des Lehmbodens
vorzüglich erhalten ist, und von unse-
rem Restaurator Nicola Bruni sofort
im Block geborgen und anschließend
restauriert werden konnte.
Das Kästchen wurde wie der Deckel
aus einem einzigen Elefantenzahn ge-
schnitzt (vgl. Abb. 1). Der Boden ist se-
parat aus drei Teilen gefertigt und mit
Knochennieten zusammengesteckt; auf
der Unterseite ist eine große Doppel-
lotusblüte eingeritzt, die an korinthische
und lakonische Vasenmalerei erinnert.
Das sich nach oben verjüngende Käst-
chen ist mit Deckel 15,7 cm hoch und ge-
rade mal zwischen 10 und 8 cm breit.
Der Deckel besteht aus vier gegen-
überliegenden in Durchbrucharbeit (à
jour) geschnitzten Sphingen mit ein-
gelegten Gesichtern und Flügeln aus
Bernstein (Abb. 6). Die Seiten sind mit
Bernsteinplättchen verblendet auf de-
nen mit dem bloßen Auge kaum sicht-
bare Sphingen eingeritzt sind, die sehr Abb. 5 a.b
etruskisch wirken. Der Bernstei-
Das Kästchen selbst ist mit 18 fla- nanhänger in
Löwengestalt
chen, ca. 3,5 cm hohen Bernsteinfigu- wurde bei den
ren geschmückt, die auf der Rückseite neuen Aus-
grabungen im
Binnenritzungen aufweisen, welche Grab 2/2018
ursprünglich durch den heute nach- entdeckt.
gedunkelten Bernstein durchschim-
merten (Abb. 7). Außerdem sind dar-
auf noch Reste von dünner Zinn- oder
Bleifolie vorhanden, die den chromati- noch nicht kopflosen Medusa schrei- in ihrer Mitte, und die beiden mensch-
schen Effekt der Ritzzeichnungen ver- tet, hinter der anscheinend die un- lichen Figuren mit Lotusblumen in der
stärkten – und somit etwas an Bleifigu- bewaffnete Athena steht, sowie Ajax, Hand (Brautwerbung?) sind bislang
ren erinnern, wie sie u. a. zu tausenden der den toten Achill auf dem Rücken nicht eindeutig zu identifizieren. Sie
in lakonischen Heiligtümern um und in trägt, nachdem dieser von Paris getö- könnten sowohl auf griechische, et-
Sparta gefunden wurden. tet worden war. Eventuell sind auch ruskische oder sogar auf lokale Erzäh-
Diese Bernsteinfiguren sind, wie die Kassandra und Ajax der Lokrer dar- lungen zurückzuführen sein.
Sphingen des Deckels, eine Sensation, gestellt, aber ganz sicher ist diese Zu- Über den Inhalt des Kästchens lässt
denn sie zeigen in Metopenfelder un- weisung nicht. Andere Szenen, wie die sich fast nichts sagen. Lediglich eine
terteilte Szenen, die zum Teil aus der sich gegenüberstehenden Würdenträ- kleine runde Elfenbeinscheibe haf-
griechischen Mythologie stammen ger (mit Litus oder Krummstab?), die tete an einer der Innenseiten an. Diese
(Abb. 8 a–c): Eindeutig zu erkennen beiden auf Diphroi (Klappstuhl) sit- könnte, zusammen mit zwei weiteren
ist Perseus, der das Schwert aus der zenden bärtigen Männer mit der klei- runden Elfenbeinscheiben und einer
Scheide ziehend zur knienden und nen, einen Langstab tragenden Gestalt kleinen Buccheroscheibe der gleichen

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ANTIKE WELT 6/19
GriEchischEr Mythos Aus BErnstEin – Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

Größe (Dm 2,0 cm) sowie zwei etwas Tragweite bislang kaum abzuschät- plastik ostgriechischer Prägung und
größeren Elfenbeinringen, die außer- zen sind: Der Fund ist der Schlüssel aus der etruskischen figürlichen Ta-
halb des Kästchens lagen, als Spiel- zum Verständnis der merkwürdigen felmalerei festzustellen. Orientalisch
stein gedeutet werden. In der Nähe und lebhaften Kunststile des fortge- inspiriert, aber auch aus der etruski-
des Kästchens wurden drei schmale, schrittenen 6. Jhs. v. Chr. in den Mar- schen ionisierenden Kunst bekannt
gelochte Streifen sowie drei gewölbte ken. Eine der Werkstätten, in der diese ist die Kleidung einiger Figuren mit
Scheiben aus Elfenbein mit Bronze- Kunststile entwickelt wurden und die langem Chiton bzw. mit einem Mantel
nietresten gefunden, die möglicher- sich wohl im Umfeld des Herrschers mit verziertem Saum.
weise zu einem anderen Gegenstand von Belmonte Piceno befand, zeichnet Seit langem wurden frappierende
aus vergänglichem Material gehört sich durch die Verwendung ostgrie- Ähnlichkeiten einiger Elfenbeinarbei-
haben. Anscheinend befand sich das chischer Elemente (Gesichter, Haare, ten aus den Marken mit älteren nordsy-
Kästchen in einer Ledertasche und Körper) aus, kombiniert diese aber rischen und levantinischen Gegenstän-
war somit vor Schmutz und Stoß ge- mit anderen aus lakonischen Elfen- den festgestellt. Der Elfenbeindeckel
schützt. bein- und Bronzearbeiten bekannten des Kästchens aus Belmonte Piceno ist
Elementen (Sphingen, lachende Ge- bislang der Höhepunkt dieses in Ost-
Ein ungewöhnlicher Eklektizismus sichter mit langen Bärten, Haare mit italien fremd wirkenden Kunstschaf-
von Kunststilen Etagenperücke) sowie mit Anleihen fens, denn die vier in Durchbruch-
Die Entdeckung des Elfenbeinkäst- aus der griechischen Reliefkeramik. technik geschnitzten Sphingen stehen
chens hat weitreichende Konsequen- Daneben sind unzweifelhafte Ein- eindeutig in der Tradition à jour ge-
zen, die in ihrer wissenschaftlichen flüsse aus der etruskischen Bronze- arbeiteter vorderorientalischer Elfen-

Abb. 6 Der Elfenbeindeckel mit den geschnitzten Sphingen mit Bernsteineinlagen aus Grab 1/2018.

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 7 Sehr viele Details sind auf der Rückseite der dünnen und flachen Bernsteinfiguren eingeritzt. Darüber wurde eine Zinnfolie gelegt.

beinplatten mit Sphingen und anderen dass in Grottazzolina, der Nachbar- den mit durch Swastiken verziertem
Fabelwesen, wie sie vor allem im assy- nekropole von Belmonte Piceno, ein Randsaum, Köpfe, Mähnen und Kör-
rischen Nimrud gefunden wurden. Die verziertes Schildband zum Vorschein per der Löwen, menschliche Gesich-
Gestalt der Sphingen des Kästchens er- kam, das in seiner Zweitverwendung ter ionischer Prägung. Das Gesicht
innert dagegen zum einen an lakoni- zu Schmuck verarbeitet worden ist. der Medusa-Bernsteinfigur von Bel-
sche Bronzearbeiten zum anderen an Die Einritzungen der Bernsteinfigu- monte Piceno entspricht nicht nur im
die Sphingen etruskischer Großplas- ren sind jenen auf schwarzfigurigen Schema, sondern auch im Detail mit
tik aus Vulci sowie an Sphingen auf Vasen der zweiten Hälfte des 6. Jhs. gescheiteltem Haar hinter den Ohren,
dem Reliefbucchero von Orvieto aus v. Chr. sehr ähnlich, kommen aber kleinem Mund und kleiner Zunge den
der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. Wie auch auf ritzverzierten griechischen zwei Gorgo-Masken, die die beiden
dieser ungewöhnliche Eklektizismus Einlegearbeiten aus Bronze oder Kno- Schilde der Heroen schmücken, die auf
von vielfältigen Kunststilen in den Mar- chen vor. den Reliefbronzen von Monteleone di
ken zustande kam, kann noch nicht zu- Noch entscheidender scheint der Spoleto dargestellt sind. Nach wie vor
friedenstellend erklärt werden. Im El- unmittelbare Einfluss der Toreutik zu ist umstritten, wo diese Bronzereliefs
fenbeinkästchen aus Belmonte Piceno sein, der in den mittelitalischen Reli- hergestellt wurden: Neben Chiusi sind
laufen aber alle Verbindungsstränge efbronzeblechen aus der Mitte und vor allem die großen etruskischen
zusammen, so dass dort die Antwort zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. zu Städte Vulci, Cerveteri und Tarquinia
zu suchen ist. fassen ist, die etruskischen Werkstät- mit ihren Häfen im Gespräch, da sie
Die Gestaltung der in das Elfenbein- ten zugerechnet werden, in der wohl für eine Zusammenarbeit von griechi-
kästchen eingelegten Bernsteinfiguren auch ostgriechische Handwerker ge- schen und etruskischen Toreuten die
verweist auf griechische und etruski- arbeitet haben dürften. So enthalten besten Voraussetzungen boten. In die-
sche Kunstlandschaften. Die Gliederung die Ziselierungen auf den Dreifüßen sem Zusammenhang interessant ist,
der mythischen Szenen in Metopen, die aus San Valentino di Marsciano bei Pe- dass die in der tomba del duce von Bel-
Anordnung der Figuren und die Ikono- rugia (Sammlung Loeb, heute Mün- monte Piceno gefundenen (und heute
graphie erinnert nicht nur an die be- chen), auf den Wagenblechen aus Cas- zerstörten) Beinschienenpaare He-
rühmte, bei Pausanias erwähnte Kyp- tel San Mariano bei Perugia und auf rakles mit dem Löwen in eben dieser
seloslade (V 17,5–19,10), sondern auch den Wagenblechen aus Monteleone Hochrelieftechnik zeigen.
an Darstellungen auf griechischen bron- di Spoleto ganz ähnliche Details wie Dagegen verdichten sich bei den El-
zenen Dreifußbeinen und Schildbän- die Bernsteinfiguren aus Belmonte Pi- fenbein- und Bernsteinschnitzereien
dern – es dürfte wohl kein Zufall sein, ceno: Stiefel, kurze Chitons der Hel- die Indizien, dass eine der Werkstätten

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GriEchischEr Mythos Aus BErnstEin – Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

á  Abb. 9 Bernsteinbulla mit geschnitzter


  tatsächlich in Belmonte Piceno selbst sche, etruskische und italische Ele-
Gorgofratze und Menschengesichtern aus
zu suchen ist. Neben den sehr rei- mente vermischen: Mit dem Elfenbein-
Tomba 19 Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 94
(Inv. vecchio). chen, heute nicht mehr vorhandenen kästchen und seinen Bernsteinfiguren
Elfenbeinarbeiten aus der Tomba 10 kann eine neue Geschichte des Mit-
Curi 1910 (Dall‘Osso) / Tomba 72 telmeergebiets erzählt werden, die
(Inv. vecchio) sprechen insbesondere viele Protagonisten kennt. Aber da-
ß   Abb. 8 a–c die charakteristischen Kopfprotomen mit noch nicht genug: Auch die Bezie-
In die einzelnen Bildfelder des Kästchens wurden
die ehemals durchsichtigen Bernsteinfiguren dafür. Die Technik der eingelegten ge- hungen mit Mitteleuropa können nun
mit ihrer verzierten Rückseite auf einzelne Zinn- schnitzten Gesichter aus Bernstein noch deutlicher bestimmt werden.
folien gelegt. Deutung der einzelnen mythi- oder Elfenbein ist bislang nur aus Im Zentralgrab des Grabhügels von
schen Bildszenen:
Belmonte Piceno bekannt: die vier Grafenbühl beim Hohenasperg in Ba-
Seite A, Bildfeld oben A1–A3: zwei menschliche Sphingen des Deckels, die beiden ge- den-Württemberg wurden zwei Elfen-
Figuren mit Lotusblumen in der Hand (evtl.
Brautwerbung), eine dritte Figur ist nur frag- flügelten Anhängerfiguren der dea Cu- beinsphingen mit Bernsteingesichtern
mentarisch erhalten. pra, einzelne Kopfdarstellungen aus gefunden, die unseren vier Sphingen
Bernstein aus verschiedenen Grab- auf dem Deckel ausgesprochen ähneln
Seite A, Bildfeld unten A4–A6: evtl. Ajax der
Lokrer mit Kassandra vor der Athenastatue, kontexten und sechs Elfenbeinköpfe, (Abb. 10).
dahinter evtl. Priamos (unsichere Deutung). die im Grab 2 von 2018 lagen. Auf ei- Die Gemeinsamkeiten zwischen den
Seite B, Bildfeld oben B1–B2: sich gegenüber- ner großen Bernsteinbulla, die zusam- Gruppen der hallstattzeitlichen Kultu-
stehenden Würdenträger, wahrscheinlich men mit drei Kopfprotomen gefunden ren und den Italikern in den Abruzzen,
mit einem Litus bzw. einem Krummstab in der wurde, sind ganz ähnliche Gesichter Umbrien und den Marken sind trotz
Hand.
geschnitzt (Abb. 9). Und auch auf an- einiger Vorarbeiten in der deutsch-
Seite B, Bildfeld unten B3, nach links schreiten- deren Gegenständen, wie auf zwei sprachigen Forschung noch weitge-
der Löwe.
bronzenen Torques und auf einem Ke- hend unbekannt.
Seite C, Bildfeld oben C1–C3: zwei auf Diphroi ramikkelch, tauchen Gesichter auf, die Die Bedeutung des Elfenbeinkäst-
sich gegenübersitzende bärtige Männer, als Menschen oder als Götter zu deu- chens kann dabei nicht hoch genug ein-
dazwischen eine kleine Gestalt mit einem
Langstab. ten sind. geschätzt werden. Nach dem Stil der
Bernsteinfiguren zu urteilen, muss es
Seite C, Bildfeld unten C4–C6: Perseus und
die kniende Medusa, dahinter wahrscheinlich Ein neues Kapitel in der Archäo­ in der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr.
Athena. logie der Eisenzeit hergestellt worden sein. Somit ergäbe
Bernstein aus dem Baltikum, Elfen- sich über die vier geschnitzten Sphin-
Seite D, Bildfeld oben D1: nach links schreiten-
der Löwe. bein aus Afrika oder aus dem Vorde- gen mit Bernsteingesicht des Deckels
ren Orient, ikonographische Themen auch ein neues Datum für die Sphin-
Seite D, Bildfeld unten D2–D3: Ajax, der den
toten Achill auf dem Rücken trägt, davor wahr- aus Griechenland und Etrurien sowie gen aus dem Grafenbühl, die den bes-
scheinlich Paris mit einem Messer. stilistische Eigenschaften, die griechi- ten Beleg für den Güteraustausch von

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ANTIKE WELT 6/19
GriEchischEr Mythos Aus BErnstEin – Das archaische Elfenbeinkästchen von Belmonte Piceno (Italien)

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er durch sein profundes Wissen sowie seine Abb. 10 Eine der Elfenbeinsphingen mit Bernsteingesicht aus dem Zentralgrab des Grabhügels von
Fähigkeit, weitverzweigte Zusammenhänge Grafenbühl beim Hohenasperg (Kr. Ludwigsburg) in Baden-Württemberg.
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ab EUR 2.680,-- webcode 28255

Tanz auf dem Vulkan – Die Vulkane Eliten zwischen dem südlichen Pice- Literatur
Siziliens und die Liparischen Inseln num und dem westlichen Hallstatt- S. BAGLIONI, Beitrag zur Vorgeschichte des Picenums,
Reisetermin: 22.04. – 01.05.2020 in: Zeitschrift für Ethnologie 37 (1905) 257–264.
ab EUR 3.125,-- webcode 19924 gebiet darstellen – eine Wegrichtung, I. DALL’OSSO, Guida illustrata del Museo nazionale di
die auch neues Licht auf die Ähnlich- Ancona con estesi ragguagli sugli scavi dall´ultimo
Stolzes Kastilien – Burgen und Städte decennio preceduta da uno studio sintetico sull´origine
der Iberischen Halbinsel keiten zwischen den mittelitalischen dei Piceni (1915).
Reisetermin: 03.05. – 11.05.2020 Grabstelen (Krieger von Capestrano) G. coLonnA / L. FrAnchi DELL´orto (Hrsg.), Die
ab EUR 2.490,-- webcode 6488 Picener. Ein Volk Europas. Ausstellungskatalog Frankfurt
und ihren hallstatt- bzw. latènezeitli- a.M. (1999).
Mitten im Herz des Balkans – Von Koso- chen Verwandten (Stelen von Hirsch- A. EMILIOZZI, The Etruscan Chariot from Monteleone
vo über Albanien nach Montenegro di Spoleto, in: Metropolitan Museum Journal 46 (2011)
landen und vom Glauberg) wirft. 9–132.
Reisetermin: 17.05. – 25.05.2020
ab EUR 2.295,-- webcode 36889 U. HÖCKMANN, riflessioni sui toreuti dei rilievi figurati
di castel san Mariano, in: P. Bruschetti / A. trombetta
Die großen Kathedralen Englands (Hrsg.), I Principes di Castel San Mariano due secoli dopo
la scoperta dei bronzi etruschi (2013) 39–58.
Reisetermin: 14.06. – 22.06.2020
ab EUR 2.495,-- webcode 12931 P. MARCONI, La cultura orientalizzante nel Piceno, in:
MonAnt 35 (1933) 265–348.
Passionsspiele Oberammergau A. NASO, I Piceni. Storia e archeologia delle Marche in
Adresse des Autors
Reisetermin: 28.06. – 05.07.2020 epoca preromana (2000).
Dr. Joachim Weidig
ab EUR 2.045,-- webcode 36375 Albert­Ludwigs­Universität Freiburg, G. ROCCO, Avori e ossi dal Piceno (1999).
institut für Archäologische Wissenschaften
Äthiopien – Alte christliche Hochkultur J. WEiDiG, Adriatischer Kulturraum, in: A.-M. Wittke
Belfortstraße 22
(hrsg.), Frühgeschichte der Mittelmeerkulturen.
auf dem Dach Afrikas D­79085 Freiburg
Historisch­archäologisches Handbuch. Der Neue Pauly,
Reisetermin: 24.09. – 08.10.2020 supplemente Band 10 (2015) 326–334.
ab EUR 4.890,-- webcode 37046
Bildnachweis DERS., La fibula con staffa ad animale fantastico della
Abb. 1: © Foto Progetto Belmonte Piceno; 2: © Bildar­ donna­guerriera di Belmonte Piceno. Opera straordinaria
chiv der soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesag­ di eclettismo italico, etrusco e greco, in: studi Etruschi
gio delle Marche (su concessione); 3: © Bildarchiv der 79/2016 (2018) 89–103.
soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio delle DERS., Il ritorno dei tesori piceni a Belmonte. La ri­
Marche (su concessione) und Foto J. Weidig; 4: © Foto scoperta a un secolo dalla scoperta. Catalogo del Museo
J. Weidig su concessione del Polo Museale delle Marche, archeologico (2017).
Archäologisches Museum von Ancona; 5 a.b–7: © Foto
Karawane Reisen GmbH & Co. KG · Schorndorfer Str. 149 J. Weidig; 8 a–c: © Foto, Zeichnungen und Fotomontage DERS. (hrsg.), Belmonte Piceno 2018. racconti di scavo,
71638 Ludwigsburg · Tel +49 (0) 7141 2848-20 J. Weidig; 9: © Foto J. Weidig su concessione del Polo restauro e ricerca (2019).
studienreisen@karawane.de · www.karawane.de
Museale delle Marche, Archäologisches Museum von
Ancona; 10: © Archäologisches Museum stuttgart.

48
ü
ANTIKE WELT 6/19
WER DEN OBOLUS NICHT EHRT …
Die interaktiven Kataloge der Fundmünzen aus Priene und Pergamon

Kleine Münzen trug man in der Antike gerne im Mund, wenn man sich auf den Marktplatz
begab und keine Geldbeutel oder Taschen dabei hatte. Doch immer wieder gingen
Stücke auf der Straße oder im Wohnbereich verloren, die ihr Besitzer nicht wiederfand.
Heute bilden diese Verlustfunde eine vielfältige Quelle zur Geschichte der antiken
Siedlungsplätze. Sie ergeben ein repräsentatives Abbild des Kleingeldes, das in der Antike im
Umlauf war. Prägeort, -datum bzw. Fundort jeder Fundmünze gewähren außerdem
wertvolle Einblicke in die Objektgeschichte von Münzen in Bezug auf die Menschen, die
diese Münzen bis zum Zeitpunkt ihres Verlustes mit sich trugen.

von Jérémie Chameroy und sowie Hinweise auf die Fundkontexte sich Regling der Bedeutung dieser In-
Bernhard Weisser und Fundart (Einzel- oder Schatz- formationen für die numismatische
funde) meist ausblieben. Dabei war Auswertung bewusst, jedoch wurden
ei der Auswertung des Fundmate-
B rials kommt es weder auf den Me-
tallwert noch auf die Seltenheit einer
Münze an. Auch die kleinste Bronze-
münze vermag den entscheidenden
Hinweis auf die Chronologie eines
Fundplatzes zu liefern. Umso wichti-
ger ist es, die Fundmünzen aus Gra-
bungen möglichst präzise zu do-
kumentieren. Über das Portal des
Münzkabinetts der Staatlichen Mu-
seen zu Berlin gelangen seit 2016
Fundmünzen aus Priene und Perga-
mon mit allen verfügbaren Fundinfor-
mationen in das World Wide Web.
Die Staatlichen Museen zu Berlin
haben zu beiden Fundorten tief ver-
wurzelte Verbindungen. Tatsächlich
wurden die ersten Publikationen zu
den Fundmünzen aus Pergamon und
Priene von Kurt Regling, dem späte-
ren Direktor des Berliner Münzkabi-
netts, in den Jahren 1913 bzw. 1927,
also über eine Generation nach den
Ausgrabungen, verfasst (Abb. 1). Die
Kataloge konzentrierten sich auf eine
Aufzählung der Münztypen, wobei
eine Beschreibung der einzelnen Stü-
Abb. 1
cke mit allen dazugehörigen Daten Kurt Regling
(Gewicht, Durchmesser, Prägestellung) (1876–1935).

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ü
ANTIKE WELT 6/19
WER DEN OBOLUS NICHT EHRT … – Die interaktiven Kataloge der Fundmünzen aus Priene und Pergamon

Abb. 2 a.b Postume Tetradrachme auf Alexander den Großen, geprägt  Abb. 3 a.b Hellenistische Bronzemünze von Priene, ca. 330–320 v. Chr. 
ca. 215–200 v. Chr. in Pergamon. Fundort: Pergamon. Fundort: Priene.

Abb. 4 a.b  Hellenistische Bronzemünze von Pergamon, ca. 133–1. Jh. v. Chr.  Abb. 5 a.b Hellenistische Bronzemünze von Kyme (Aeolis), ca. 320–250 
Fundort: Pergamon. v. Chr. Fundort: Pergamon.

Abb. 6 a.b Denar des Vespasianus, 70 n. Chr. Fundort: Priene. Abb. 7 a.b Bronzemünze (Follis) des byzantinischen Kaisers Constans II., 
666–668 n. Chr. Fundort: Pergamon.

50
ü
ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 8
Elektronisches Tablett mit Fundmünzen
aus Priene.

sie ihm von der Ausgrabung in der Re-


gel vorenthalten. Damit ist ein grund-
sätzliches Dilemma der Münzfundbe-
arbeitung angesprochen: Während der
Ausgrabung  war  häufig  der  kompe-
tente Fundbearbeiter nicht dabei.
Wenn dieser dann die Münzen zur Be-
arbeitung erhielt, bestand die Gefahr,
dass die Fundkontexte nicht mehr
bekannt waren, was den Quellen-
wert der Fundmünze schmälert. Dies
ist bei den Ausgrabungen des DAI in
Pergamon bzw. in Priene nicht mehr
der Fall, da dort der Fundkontext der
Münzen seit den 1970er Jahren syste-
matisch dokumentiert ist.

Münzen im Fundkontext
Mit dem Anfang der 1950er Jahre von
der Numismatischen Kommission der
Länder initiierten Unternehmen «Fund-
münzen der römischen Zeit in Deutsch-
land» (FMRD) rückte die Auswertung
der Münzen unter archäologischen As-
pekten stärker in den Vordergrund. Die
Aufnahme des Münzmaterials wurde
anhand methodischer Regeln neu de-
finiert.  Die  erarbeiteten  Umlaufsana-
lysen basieren nun auf der Erfassung
aller Informationen zum Fundzusam-
menhang der einzelnen Münzen und
ermöglichen weitere Erkenntnisse
über die Nutzung von Münzen im wirt-
schaftlichen, sozialen oder kultischen
Kontext. Über die Bestimmung des
Münztypus hinaus erweiterte sich die
Fundmünzenaufnahme auf die genaue
Verortung auf dem Grabungsfeld sowie

Abb. 9
Beschreibung einer kaiserzeitlichen
Fundmünze aus Pergamon.

51
ü
ANTIKE WELT 6/19
WER DEN OBOLUS NICHT EHRT … – Die interaktiven Kataloge der Fundmünzen aus Priene und Pergamon

auf die Charakterisierung der Fund- dem Zufall (Verlust) zu verdanken ist Depots und Museen vor Ort. Im Gegen-
lage jedes einzelnen Stückes. Kriterien und dadurch die in der Antike umlau- satz zu einem gedruckten Katalog wird
wurden festgelegt, unter welchen Be- fenden Münzen getreu widerspiegeln jede Münze nach Möglichkeit abgebil-
dingungen eine Fundmünze als aus- dürfte. Auch der Abnutzungsgrad ei- det (Abb. 2–9). Die Fundmünzen-Seiten
sagekräftige Quelle für die Geschichte ner Münze wird stärker berücksich- bieten eine Sortierung der Fundmün-
bzw. die Chronologie des Fundplatzes tigt, um ihren Deponierungszeitpunkt zen nach archäologischen, chronolo-
betrachtet werden kann. Bei der Aus- besser abzuschätzen. Die Vertiefung in gischen bzw. typologischen Kriterien
wertung stellt sich etwa die Frage, ob die Thematik der Fundmünzen gab zu über unterschiedliche Suchfunktionen
die Münze aus einer antiken Besied- mehr Vorsicht in der Gesamtinterpre- (Freitext, Felder oder Referenzen). Die
lungsschicht  (z. B.  Boden)  oder  in  ei- tation des Fundmaterials Anlass, in- Daten sind leicht exportierbar und be-
ner sekundären Fundlage zutage kam, dem Faktoren erkannt wurden, die das reichern mit ihrem gesicherten Fund-
ob die Münze ein Siedlungsfund (d. h. Fundbild verzerren können. Die konti- ort andere Spezialportale der interna-
nicht intentional in den Boden ge- nuierliche Besiedlung, der Boden, die tionalen Numismatik, etwa zur antiken
langt) war oder ob sie mit Absicht Forschungsgeschichte, die Tiefe und Region Mysia, zu den Münzen Alexan-
nach einem selektiven Prozess depo- Fläche der Grabung usw. stellen Se- ders  des  Großen  oder  zur  römischen 
niert  wurde  (z. B.  als  Opfergabe  in  ei- lektionsprinzipien beim Wiederfinden  Kaiserzeit.
nem Heiligtum oder in einem Grab). der verlorenen Münzen dar. Mit derzeit jeweils ca. 1500 Fund-
Hortfunde, die aus einer Auswahl von münzen online geben Priene und Per-
thesaurierten Münzen bestehen, wer- Fundmünzendatenbanken gamon Beispiele, wie die Fundmünzen-
den von den Einzelfunden getrennt Das FMRD-Projekt prägte ganze Gene- bearbeitung von antiken griechischen
analysiert, deren Zusammensetzung rationen von Archäologen und Numis- Metropolen im 21. Jh. funktionieren
matikern, darunter auch Hans Roland kann. Sie machen eine Erweiterung der
Baldus, der nach seiner Promotion in digitalen Fundmünzenpublikation von
Frankfurt als wissenschaftlicher Refe- anderen Städten in der Region, wie z. B. 
Anzeige
rent für Numismatik an der Kommis- Milet, Ephesos und Didyma, sehr wün-
sion für Alte Geschichte und Epigra- schenswert, um neue Perspektiven für
phik des DAI in München von 1970 bis die Forschung in Kleinasien zu gewin-
2007 arbeitete. Dort bearbeitete er u. a. nen.
die Fundmünzen aus Karthago und aus
Didyma.  Die  neu  gesetzten  Maßstäbe 
in der Aufnahme und Auswertung des
Fundmaterials finden sich auch in dem 
Weitere Infos unter
1993 von Hans Voegtli vorgelegten Ka-
http://ww2.smb.museum/mk_priene/
talog der Fundmünzen aus der Stadt-
http://ww2.smb.museum/mk_pergamon/
grabung von Pergamon wieder – mit
Angabe aller nötigen Daten zu den ein-
Adressen der Autoren
zelnen Fundstellen der Münzen und Dr. Jérémie Chameroy
getrennter Auflistung von Streufunden  Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
und kontextualisierten Fundmünzen. Ernst-Ludwig-Platz 2
D-55116 Mainz
Die interaktiven Kataloge für Priene
Prof. Dr. Bernhard Weisser
und Pergamon entstanden in einer Direktor des Münzkabinetts der
Staatlichen Museen zu Berlin
langjährigen Zusammenarbeit zwi- Stiftung Preußischer Kulturbesitz
schen dem Berliner Münzkabinett und Geschwister-Scholl-Str. 6
D-10117 Berlin
dem DAI. Sie bieten eine Plattform, um
das auf unterschiedliche Depots und Bildnachweis
Museen zerstreute Fundmaterial zu Abb. 1: Foto: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu
Berlin; 2: Foto DAI; 3. 6: Foto Münzkabinett der Staat-
veröffentlichen  –  wie  z. B.  die  im  Ber- lichen Museen zu Berlin, Dirk Sonnenwald; 4. 5. 7: Foto
Jérémie Chameroy; 8: Screenshot http://ww2.smb.
liner Münzkabinett verwahrten Mün- museum/mk_priene/index.php?lang=de&pagetype_
zen aus den königlichen Grabungen ei- id=2&object_id=47989; 9: Screenshot http://ww2.smb.
museum/mk_pergamon/index.php?lang=de&pagetype_
nerseits, andererseits die Fundmünzen id=3&object_id=61157.

aus neuen Grabungskampagnen in den

52
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ANTIKE WELT 6/19
ARCHÄOLOGE UND GENTLEMAN
Georg Karo in den Zwanziger Jahren

Georg Karo (1872–1963) war der erste deutsche Archäologe, dessen wissenschaftlicher
Schwerpunkt ganz auf der ägäischen Bronzezeit lag. Er folgte Wilhelm Dörpfeld als
Athener Direktor des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts im Amt nach, grub in
Tiryns und publizierte 1930/33 die Funde aus dem Schachtgräberrund A von Mykene,
die Heinrich Schliemann 1876 geborgen hatte. In den 1920er Jahren war Karo Professor in
Halle und entfaltete im monarchistisch-rechtsnationalistischen Umfeld der Süddeutschen
Monatshefte eine rege politische Publizistik, die um die Frage der Schuld Deutschlands am
Ersten Weltkrieg kreiste.

von Kay Ehling Abb. 1 Georg Karo in den Zwanziger Jahren.

G eorg Heinrich Karo kam am 11. Ja-


nuar 1872 in dem am Canal Grande
in Venedig gelegenen Palazzo Barbaro
zur Welt. Der Vater, Moritz Karo, war
1820 in Königsberg in der Neumark
(heute Chojna, Polen) als Sohn eines
Rabbiners geboren worden. Als Makler
in Berlin gelangte er zu beträchtlichem
Wohlstand. In zweiter Ehe heiratete
er im Jahr 1860 Helene Kuh, die ei-
ner guten Wiener Familie entstammte
und mit einigen einflussreichen jüdi-
schen Familien in der Donaumetropole
verwandt war. Seine Kindheit und Ju-
gend verbrachte Georg Karo gemein-
sam mit den beiden jüngsten Söhnen
des bekannten Schweizer Malers Ar-
nold Böcklin in Florenz. In den ersten
Jahren erhielt er Privatunterricht und
besuchte ab Herbst 1885 das renom-
mierte Berthold-Gymnasium in Frei-
burg im Breisgau. Am 30. Juli 1890 er-
hielt er sein Abschlusszeugnis.
Einem verwandtschaftlichen Rat fol-
gend ging Karo nach München. Der
Entschluss, Klassische Philologie und
Archäologie an der Ludwig-Maximilians-
Universität zu studieren, kam für ihn
selbst überraschend und so schrieb er
sich Ende Oktober 1890 in diese bei-
den Fächer ein. Doch blieb ihm die

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ANTIKE WELT 6/19
ArcHäoloGE UnD GEnTlEMAn – Georg Karo in den Zwanziger Jahren

Archäologie zunächst «ganz fremd». Karo war durch sein Elternhaus helm Dörpfeld (1853–1940). Nomi-
Nur von ferne bewunderte er Hein- wohlhabend genug, um die nächsten nell blieb Dörpfeld bis 1912 Leiter der
rich von Brunn, der seit 1865 den neu sechs Jahre das freie Leben eines Pri- Athener Abteilung, tatsächlich führte
geschaffenen Lehrstuhl für Klassische vatgelehrten führen zu können. Er zog jedoch Karo ab 1909 die Geschäfte.
Archäologie innehatte, ohne in dessen nach Rom. Den Winter 1899 auf 1900 Diese Stellung brachte ihn mit dem
Vorlesungen zu gehen. Als sich der verbrachte Karo gemeinsam mit sei- griechischen Königshaus in Verbin-
Student dann in eine Übung wagte, nem Studienfreund, dem Ägyptologen dung, was ihm im Jahr 1939 die Flucht
habe er sich «nur blamiert», schreibt Friedrich Wilhelm von Bissing, am Nil. aus Deutschland über Griechenland
Karo in seinen Erinnerungen (Abb. 2). Auf der Rückfahrt ging Karo im Ap- in die USA ermöglichen sollte. Karo
Zum Wintersemester 1892 wechselte ril 1900 in Herakleion auf Kreta von kam aber auch dem deutschen Kaiser
Karo nach Bonn, wo er von der Phi- Bord. Er hatte von den Ausgrabun- nahe. Wilhelm II. hatte 1907 auf Korfu
lologie ganz zur Archäologie gezogen gen gehört, die Sir Arthur Evans seit das Achilleion erwerben können, ein
wurde und Georg Loeschcke (1852– ein paar Jahren in Knossos leitete, und Schloss, das für Elisabeth von Öster-
1915) sein eigentlicher Lehrer wurde. Evans führte ihn durch den Palast des reich gebaut und nicht ohne Kitsch
Was man bei Loeschcke lernen konnte, sagenhaften Königs Minos, wo 1878 prächtig ausgestattet worden war.
war, dass Griechische Kunst weit ins die ersten kretischen Grabungen be- Dort verbrachte die kaiserliche Fami-
zweite Jahrtausend zurückging. Zur gonnen hatten. Die Stadt war in der lie gerne einige Wochen im Frühjahr.
Kunst der Antike gehörten neben Bronzezeit das politische und wirt- Im Herbst 1910 wurde unfern der
der Plastik auch Malerei, Architektur schaftliche Zentrum Kretas, und der Hauptstadt zufällig ein antikes Relief-
und vor allem die Kleinkunst, die bei Palast war bis zu seiner Zerstörung fragment gefunden, und der griechi-
Loeschcke gleiches Recht hatte. Mit um 1370/50 v. Chr. (Spätminoisch III sche Museumsdirektor der Insel ließ
der Dissertation De arte vascularia an- A 1/A 2) königliche Residenz gewe- daraufhin eine Schürfung vornehmen.
tiquissima quaestiones wurde Karo im sen. Bei den Grabungen waren nicht Nach Ostern 1911 wurde Wilhelm II.
Sommer 1896 promoviert. nur herausragende frühe Kunstwerke zur Besichtigung der Funde eingela-
entdeckt worden, sondern wenige den. Der antikenbegeisterte Monarch
Tage vor Karos Ankunft auch die ers- bat sich beim griechischen König so-
ten Tontäfelchen mit eingeritzter Bil- gleich die Erlaubnis aus, die Grabung
Abb. 2 Vor 60 Jahren erschienen die Erinne-
rungen Georg Karos. Darin erzählt der Autor in derschrift. Später kehrte Karo immer auf eigene Kosten fortführen zu dür-
höchst lebendiger Weise über seine Kindheit, wieder gerne nach Kreta und Knossos fen. So konnten bis Anfang Juni alle
die Jahre des Studiums und die Athener Zeit ab
1905. Die Jahre nach 1918 werden fast völlig zurück. Was ihn an der minoischen erhaltenen Teile des Westgiebels des
ausgeblendet. Kultur so faszinierte, war ihre Fried- Artemistempels geborgen werden
fertigkeit. Die minoische und mykeni- (Abb. 3). Dabei handelt es sich um ein
sche Kultur sollten zu seinem wissen- herausragendes archaisches Kunst-
schaftlichen Lebensthema werden. werk aus der Zeit um 590/80 v. Chr.
1902 konnte sich Karo in Bonn ha- Nicht nur Dörpfeld wurde aus Olym-
bilitieren. Die nächsten drei Jahre pia herbeigerufen, auch Karo wurde
lehrte er als Privatdozent unter Georg durch ein kaiserliches Telegramm aus
Loeschcke als Ordinarius an der Rhei- Athen ins Achilleion beordert. Zu ei-
nischen Friedrich-Wilhelms-Universi- nem letzten Zusammentreffen mit der
tät. In dieser Zeit lernte er die Fami- Kaiserfamilie kam es im März 1914.
lie Gothein kennen, durch die er mit
Stefan George in Berührung kommen Professor für Klassische
sollte (s. Beitrag auf www.antikewelt. Archäologie
de). Doch endete die Bonner Privatdo- Zum Wintersemester 1920/21 über-
zentenzeit schneller als gedacht. Nach nahm Georg Karo die Nachfolge von
nur drei Jahren wurde Karo dank der Carl Robert (1850–1922), der seit
Empfehlung Loeschckes zum Zwei- 1890 an der Vereinigten Friedrichs-
ten Sekretär, d. h. Zweiten Direktor Universität Halle-Wittenberg gelehrt
des Kaiserlich Deutschen Archäolo- hatte. Robert gehörte noch jener Ge-
gischen Instituts in Athen ernannt. neration von Altertumsforschern an,
Erster Direktor war seit 1887 Wil- für die Klassische Archäologie und

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ü
ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 3 Die geflügelte Gorgo Medusa mit ihren Kindern von Poseidon, Pegasos und Chrysaor im Westgiebel des Artemistempels von Korfu. Das dämo­
nische Wesen trägt Flügelschuhe und stürmt im Knielaufschema nach rechts. Bannender Blick, weitaufgerissener Mund, gebleckte Zähne, heraus­
hängende Zunge, stumpfe Nase: Ihr schreckliches Gesicht lässt den Betrachter erstarren. Die Figur ist 2,79 m hoch und sprengt den Rahmen. Rechts
und links sitzen Löwenpanther; gemeinsam beschützen sie den Tempel und dienen ihrer Herrin Gorgo. Karo wies 1914 darauf hin, dass die im
Tempelareal gemachten Funde eine Benennung des Heiligtums nach Artemis nicht wirklich erlauben würden.

Klassische Philologie eins waren. Karo gen gemeinsam mit den Kollegen Carl ches Hauptwerk gelten. Die Idee dazu
rückte ebenfalls auf den Stuhl Ro- Robert, Otto Kern oder Wilhelm Weber reichte ins Jahr 1912 und ging auf
berts in der Zentraldirektion des und im Sommer 1927 mit dem George- Loeschcke zurück. Der Objektekatalog
Deutschen Archäologischen Instituts Jünger und früheren Freund von Percy entstand zwischen 1914 und 1916,
in Berlin nach. Gothein, Woldemar Graf von Uxkull- die eigentliche Gesamtauswertung, in
Genau 20 Semester blieb Karo in der Gyllenband, veranstaltete (s. Beitrag der die Bedeutung der Schachtgräber
Stadt an der Saale. In dieser Zeit hielt auf www.antikewelt.de). In den Win- für die Rekonstruktion der mykeni-
er Vorlesungen etwa über «Griechische tersemestern 1923/24, 1924/25 und schen Kultur herausgearbeitet wurde,
Götterideale» (SS 1921), «Kretisch-my- 1925/26 las er bei den Historikern erfolgte erst zwischen 1929 und 1932.
kenische Kunst» (WS 1922), «Home- über die Wurzeln des bzw. die Schuld Einleitend würdigt Karo die Entde-
rische Kultur» (SS 1923), «Etrurien» am Ersten Weltkrieg. ckungen von Heinrich Schliemann in
(SS 1925) oder «Ausgrabungen und Im Jahr 1930 erschien dem «Archaeo- Mykene. Durch dessen Grabungen sei
Ausgräber» (WS 1927/28) und bot logischen Institut des Deutschen Rei- das Jahr 1876 zum «Epochenjahr der
Seminare zu Themen wie «Das antike ches zur Jahrhundertfeier am 21. Ap- Vorgeschichte auf griechischem Bo-
Theater» (SS 1924), «Leben der Grie- ril 1929» gewidmet, der I. Teil der den» geworden. Zwischen dem 7. Au-
chen» (WS 1924/25), «Griechische Va- Schachtgräber von Mykenai. Teil II und gust und 28. November dieses Jahres
senkunde» (WS 1925/26) und «Grie- der schwere Tafelteil folgten 1933. gelang es Schliemann fünf Schacht-
chische Heiligtümer» (WS 1929/30) Die in drei Bänden publizierte Arbeit gräber («Gräberrund A»; Abb. 4) «mit
an. Interessant ist, dass er gerne Übun- darf wohl als Karos wissenschaftli- wahrhaft königlichen Schätzen» zu

55
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ANTIKE WELT 6/19
ArcHäoloGE UnD GEnTlEMAn – Georg Karo in den Zwanziger Jahren

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ü ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

bergen. Zwar habe in dem Archäolo-


gen noch «allzu viel vom Schatzgrä-
ber» gesteckt und größere methodi-
sche Sorgfalt wäre wünschenswert
gewesen, letztlich aber hätten Schlie-
mann und seine junge Frau unter den
gegebenen Umständen so gut als mög-
lich gearbeitet. Die Funde gelangten
auf Schliemanns Initiative ins Athe-
ner Nationalmuseum. In den nächsten
Jahren, so skizziert Karo die weitere
Forschungsgeschichte, seien die Gra-
bungen im kleineren Maßstab fortge-
setzt und wichtige Ergebnisse veröf-
fentlicht worden. Aufs Ganze gesehen
aber seien die Forschungen schon
nach 1878 ins Stocken geraten. Zudem
sei durch die sensationellen Funde Sir
Arthur Evans’ auf Kreta zu Beginn des
20. Jhs. die Aufmerksamkeit der Ar-
chäologie von der mykenischen auf
die minoische Kultur und Kunst ge-
lenkt worden. Bald sei das Mykeni-
sche nur mehr als «eine Provinz des
Minoischen» angesehen worden. Doch
habe es nicht an Stimmen gefehlt, die
vor einer «Verwischung der Unter-
schiede» gewarnt und dazu aufgefor-
dert hätten, die mykenische Kultur
und Kunst – trotz ihrer unverkennba-
ren Abhängigkeit von der Kretas – als
eigenständige Größe wahrzunehmen.
Dieser von der neueren Forschung be-
stätigten Sichtweise folgt Karo: «So ist
die Zeit reif für einen Versuch, auf der
Grundlage der altberühmten und doch
noch so wenig verwerteten Schacht-
gräber und ihres Inhalts Wesen und
Eigenart ältermykenischer Kunst und
ihr Verhältnis zur minoischen aufzu-
bauen.» Auf die Darstellung der Um-
gebung und Gestalt der Schachtgrä-
Abb. 4
Gräberrund A. ber, der Grabstelen und der Art und
Die Anlage gehört ins Weise der Bestattungen folgt die Be-
16./15. Jh. v. Chr.
(Späthelladisch I/II schreibung der in den insgesamt
A) und lag zunächst sechs Gräbern gefundenen Beigaben,
außerhalb der Stadt- d. h. der Schmuckstücke, Gefäße, Waf-
mauer. Der Anteil
an minoischen Ob- fen und sonstigen Fundstücke. Das si-
jekten ist größer cher bekannteste Objekt stellt Nr. 624
als in dem später
entdeckten Gräber- aus Grab V dar, das von Schliemann
rund B. auf den einprägsamen, doch irrefüh-

57
ü
ANTIKE WELT 6/19
ArcHäoloGE UnD GEnTlEMAn – Georg Karo in den Zwanziger Jahren

Abb. 5 Sog. Maske des Agamemnon. Ihr Träger war ein etwa 25­jähriger Krieger, der 1,80 m groß war. Die Verwendung von goldenen Masken im To-
tenkult scheint eine mykenische Besonderheit zu sein.

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

renden Namen «Maske des Agamem- Der Sinn der Totenmasken, so Karo, ganz große Mehrheit der deutschen
non» getauft wurde (Abb. 5). sei der Wunsch gewesen, «das Ant- Bevölkerung also meinte, einen Vertei-
Karo beschreibt die Goldmaske litz des Toten, vor allem des Fürsten, digungskrieg geführt zu haben, wurde
ausführlich: «Die Augenbrauen sind der Nachwelt unzerstört zu erhalten». ihr von der Entente ein unverhältnis-
durch schräge Riefen gegliedert, die Vielleicht greift diese Deutung aber mäßig harter, gleichsam Karthagischer
mandelförmigen Augen zeigen so- doch etwas zu kurz: Die Maske dürfte Friede aufgezwungen. Die Reparatio-
wohl die Lidränder eines geöffneten eine magische Funktion gehabt haben, nen sollten, wie Gerd Krumeich klar
wie die Lidspalte eines geschlossenen indem sie ihren Träger beim Über- feststellt, aber nicht geleistet werden,
Auges […]. Die lange, schmale, gerade gang ins Totenreich sowohl schützte weil die Deutschen «den Krieg verlo-
Nase ist scharf und edel geschnitten, als auch dessen Antlitz vollkommen ren hatten, wie es seit Jahrtausenden
mit kleinen Nasenflügeln […]. Der ge- und intakt halten sollte. üblich war und auch heute noch üb-
rade, kurze Mund mit seinen schma- lich bleibt, sondern weil sie ein Verbre-
len Lippen hat einen mürrischen Karos vaterländische Publizistik chen an der Menschheit begangen und
Ausdruck […]. Ganz singulär ist die Die neuen universitären Aufgaben und sich im Krieg wie Verbrecher verhalten
Barttracht: ein ziemlich starker, leicht Verpflichtungen nahmen Karo zwei- hatten.» Galt bei jeder Friedensrege-
aufgebogener, spitzer Schnurrbart, fellos in Anspruch. Wie sich an der von lung vom 17. bis ins 19. Jh. hinein der
eine kleine ‹Fliege› auf dem ausrasier- Astrid Lindenlauf zusammengestellten Grundsatz in amnestia consistit subs-
ten Kinn unter der Unterlippe, ein lan- Publikationsliste ablesen lässt, blieb die tantia pacis, war 1919 an ein «Verges-
ger Bartkranz unter Kinn und Wan- Zahl der archäologischen Veröffent- sen» und «Vergeben» nicht mehr zu
gen bis zu den Ohren hinauf. […]. Die lichungen in den ersten Hallenser Jah- denken: Der Kriegsgegner war nicht
Ohren sind zwar stilisiert, aber in der ren relativ überschaubar. Der Grund da- mehr «nur» der Feind, «sondern ein
Angabe von Läppchen und Knorpeln für ist, dass Karo stattdessen eine rege Verbrecher, der aus einer moralisch
ziemlich richtig». Er kommt zu dem politische Publizistik entfaltete, die sich überlegenen Position bestraft werden
Schluss, dass man «hier unbedenklich mit den Ursachen und Folgen des Ers- musste» (Eckhart Conze).
den Versuch einer Porträtdarstellung» ten Weltkrieges für Deutschland be-
erkennen darf. Die Maske war, ebenso schäftigte. In Form von Aufsätzen in
wie das große goldene Brustblech auf den «Süddeutschen Monatsheften»
einem Tuch angebracht, genäht oder und zusammenfassenden Broschüren Abb. 6 «Grundzüge der Kriegsschuldfrage»
von 1925. «Die schwerwiegendste Anklage be-
gebunden, in das der Leichnam zur griff der Archäologe in die mit ganzer trifft also nicht so sehr die Alleinschuld oder
Bestattung gewickelt war. Derartige Leidenschaft geführte Debatte um die Hauptschuld an der Entfesselung des Weltkrie-
ges als eine angebliche jahrzehntelange
Masken wurden ausschließlich für «Kriegschuldfrage» ein. In Artikel 231 planmäßige Vorbereitung eines solchen zum
das Grab hergestellt und auch männ- des Versailler Vertrages und deutlicher Zwecke der Weltherrschaft.»
liche Kinderleichen damit ausgestat- noch in der Mantelnote zum Vertrag
tet, fehlen aber bislang für Frauen. vom 16. Juni 1919 wurden nicht nur
Unmittelbare Gegenstücke dazu bie- der deutschen Regierung und der deut-
ten, wie Karo ausführt, die «Gesich- schen Bevölkerung die Alleinschuld am
ter ägyptischer Mumienkästen». Eine Krieg zugeschrieben, sondern zugleich
«Ableitung» der mykenischen Masken die preußisch-deutsche Tradition als ei-
von Ägypten her, sei «die einleuchtend gentliche Ursache des Krieges benannt.
einfachste Erklärung» und zwar ver- In deutscher Wahrnehmung, schreibt
mittelt durch Handelsverbindungen Jörn Leonhard, ging es damit «nicht
und Kulturkontakte zwischen Kreta mehr allein darum, harte Friedensbe-
und Ägypten bzw. Kreta und Mykene. dingungen zu akzeptieren, sondern die
Merkwürdig bleibe allerdings, dass Alleinverantwortung für den Ausbruch
solche Grabmasken in kretischen eines Krieges zugewiesen zu bekom-
Gräbern bislang nicht nachweisbar men, der als singuläres Menschheits-
seien. Da die Masken überhaupt nur verbrechen bezeichnet wurde» und das
in Mykene entdeckt worden seien, bei einem Krieg, der – wieder aus deut-
schließt Karo darauf, dass es sich um scher Sicht – dem Deutschen Reich von
einen ganz eigenständig entstande- England, Frankreich und Russland auf-
nen Brauch gehandelt haben könnte. gezwungen worden war. Während die

59
ü
ANTIKE WELT 6/19
ArcHäoloGE UnD GEnTlEMAn – Georg Karo in den Zwanziger Jahren

Gegen diese einseitige Schuldzu- veau des Autors gerecht, dessen Aus- interessant etwas genauer auf seine
weisung erhoben Karo und andere führungen sicher die Zustimmung der Argumente zu hören (s. a. Beitrag auf
vehement Einspruch. Dabei ging es Mehrheit der deutschen Professoren- www.antikewelt.de).
ihm gar nicht so sehr um die Frage schaft in den Zwanziger Jahren gefun-
der Alleinschuld oder Hauptschuld den hat bzw. gefunden hätte. Es sei an
Deutschlands am Krieg, sondern dieser Stelle nur darauf hingewiesen,
um die von den Siegermächten be- dass auch der in dieser Hinsicht un- Adresse des Autors
hauptete «angebliche jahrzehnte- verdächtige, 1933 aus Deutschland Prof. Dr. Kay Ehling
oberkonservator
lange planmäßige Vorbereitung» des vertriebene Althistoriker, kommu- Staatliche Münzsammlung München
Residenz
Krieges «zum Zwecke der Weltherr- nistische Reichstagsabgeordnete und Residenzstr. 1
D-80333 München
schaft» (Abb. 6). Nähert man sich Zeithistoriker der Weimarer Repub-
aus heutiger Perspektive ohne gro- lik Arthur Rosenberg (1889–1943) in
Bildnachweis
ßes historisches Vorwissen dem Pro- seinem 1928 erschienenen Buch Die Abb. 1: DAI Athen, neg. nr. 1973/1148; 2. 3: nach G. ro-
blem der Kriegsschuld besteht leicht Entstehung der deutschen Republik zu denwaldt, Altdorische Bildwerke in Korfu, (1938) #;
4: nach G. Karo, Die Schachtgräber von Mykenai (1930)
die Gefahr einer Überblendung durch dem Schluss kommt, dass die deut- 25; 5: akg-images / Erich lessing; 6: nach G. Karo, Grund-
züge der Kriegsschuldfrage (1925).
die Schuld Deutschlands am Zweiten sche Regierung zu Kriegsbeginn von
Weltkrieg. Dass Deutschland unbe- einer «moralischen Kriegsschuld» Literatur
stritten die alleinige Verantwortung «freizusprechen» sei. Weder Kaiser E. CONZE, Die große Illusion. Versailles 1919 und die
neuordnung der Welt (2018).
für die Entfesselung des verbrecheri- Wilhelm II. noch seine Reichskanzler
J. FIScHEr, Griechische Frühgeschichte bis 500 v. chr.
schen Krieges im Jahr 1939 trägt, be- von Leo von Caprivi bis Theobald von (2010).
deutet jedoch nicht, dass es auch ur- Bethmann Hollweg hätten den Krieg G. KRUMEICH, Die unbewältigte niederlage. Das
sächlich, und schon gar nicht alleine, «gewollt». Es seien zwar schwere, Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Repu-
blik (2018).
Schuld am Ausbruch des Ersten Welt- ja verhängnisvolle außenpolitische J. lEonHArD, Der überforderte Frieden. Versailles und
krieges war. Wenn Karos Schriften in Fehler gemacht worden, aber eine die Welt 1918–1923 (2018).

der neueren Literatur pauschal als «kriegslustige Militärpartei» sei am A. lInDEnlAUF, Georg Heinrich Karo (1872–1963), in:
G. Brands / M. Maischberger (Hrsg.), lebensbilder. Klas-
«Pamphlete» abgetan werden, dann Hofe Wilhelms II. 1914 nicht nach- sische Archäologen und der nationalsozialismus Bd. 2.
Menschen – Kulturen – Traditionen. Forschungscluster
offenbar weil sich der Autor mit sei- weisbar. Interessanterweise sieht Ro- 5. Geschichte des Deutschen Archäologischen Instituts
im 20. Jahrhundert Bd. 2, 2 (2016) 55–78.
nen Beiträgen für die «Süddeutschen senberg in der Politik Englands «die
DIES., Georg Heinrich Karo (11. 1. 1872 – 12. 11. 1963):
Monatshefte» in einem monarchis- eigentliche Wurzel des Weltkrieges». «Gelehrter und Verteidiger deutschen Geistes», in:
tisch-rechtsnationalistischen Umfeld Demgegenüber meinte Karo in Russ- JdI 130 (2015) 259–354.

bewegte. Doch wird dieses Verdikt land und dessen «Byzantinismus» die Mykene. Die sagenhafte Welt des Agamemnon. Ausstel-
lungskatalog Badisches Landesmuseum Schloss Karls-
weder der Komplexität des Gegen- Hauptursache erkennen zu können. ruhe (2018).

standes noch dem intellektuellen Ni- Es ist also vielleicht nicht ganz un-

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60
ü
ANTIKE WELT 6/19
Abb. 1
Prof. Dr. Andreas Grüner, Universität
Erlangen-Nürnberg (li.) und
Prof. Dr. Markus Schauer, Universität
Bamberg (re.).

ANDERS HÖREN UND ANDERS SEHEN


Die Antike als Vorbild in unserer globalisierten Welt

Was will uns die Antike heute noch sagen? Kulturkritiker blasen zum Abgesang auf die
Altertumswissenschaft und stellen ihren Nutzen für die Gegenwart infrage. Doch eine
neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern macht sich auf, die Antike
anders wahrzunehmen. Mit Hilfe der Griechen könne man anders hören und anders
sehen lernen, meinen Andreas Grüner und Markus Schauer. Und sie entdecken dabei ein
neues Erbe der Antike für unsere heutige Welt. Markus Schauer lehrt an der Universität
Bamberg Altphilologie, Andreas Grüner an der Universität Erlangen-Nürnberg Klassische
Archäologie. Beide Wissenschaftler gelten als innovative Vordenker ihrer Fächer.

Interview mit Andreas Grüner faszinierten. Das ist erstaunlich. Und anderer Klang der Sprache. Mit Hilfe
und Markus Schauer wenn Sie mich nach der Besonderheit von Horaz lernt man anders auf Spra-
der Antike fragen, dann besteht diese che hinzuhören und anders Dichtung
: Ein Student von Herrn Besonderheit darin, dass sie offen- wahrzunehmen. Die Antike ist eine
Schauer verglich in einem FAZ-Artikel sichtlich über zwei Jahrtausende ins- Schule nicht nur für das Denken, son-
den Rhythmus in einem Poetry-Slam pirierte und faszinierte – bis heute. Sie dern auch für die Sinne!
mit dem Rhythmus in einem Horaz- bietet etwas, was woanders
Text, war fasziniert von den alten Zei- so nicht zu finden ist, was
len. Was ist, wenn der gleiche Student einmalig ist. Die Sprach-
«Die Antike ist eine Schule nicht
die Ähnlichkeiten zwischen Gitarren- kunst des Horaz entfaltet nur für das Denken, sondern auch für
Riffs im Jazz und Mozarts Kompositi- eine rhythmische Kraft und die Sinne!» Markus Schauer
onen für sich entdeckt: Ist dann seine Spannung, die den Studen-
Faszination für die ältere Epoche da- ten an den kraftvollen schwingenden Andreas Grüner: Wollen wir über-
hin? Oder gar sein Glaube an die Be- Rhythmus in einem Poetry-Slam erin- prüfen, in welcher Art und Weise wir
sonderheit der Antike? nert. In der antiken Metrik geben die die Welt wahrnehmen, ist für uns eu-
Markus Schauer: Nichts gegen Jazz Silbenlängen den Ton an, so dass der ropäische Betrachter die Antike der
oder Mozart, aber es waren eben die Wortakzent spannungsvoll konterka- erste und nächstliegende Referenz-
Oden von Horaz, die ihn besonders riert wird. Das Ergebnis ist ein völlig punkt. Dabei geht es nicht darum,

61
ü
ANTIKE WELT 6/19
ANDErS HörEN UND ANDErS SEHEN – Die Antike als Vorbild in unserer globalisierten Welt

ob griechische Tragödien vielleicht vor Christus darüber, ob ein Kunst- nächst auch eine Frage der Perspek-
irgendwelche menschlichen Grundsi- werk nur ganz exakt die Natur abzubil- tive. Für die Griechen und Römer wa-
tuationen abbilden, in denen wir uns den hat; oder ob ein Bild, etwa das ei- ren in vieler Hinsicht die Ägypter und
im plüschigen Theatersessel woh- nes Politikers oder einer Weintraube, Babylonier die Ersten, für uns ste-
lig schaudernd wiederfinden. Es geht auch eine übernatürliche Idee reprä- hen die Griechen und Römer am An-
schlicht um die Möglichkeiten, in de- sentieren soll. Ich vermute, dass es ge- fang. So stellt sich die Frage nach der
nen ein denkender Mensch die ihn nau diese aufrüttelnde Präsenzerfah- Besonderheit der Antike neu: Ist die
umgebende Welt wahrnehmen, disku- rung war, die den Studenten von Herrn griechische Antike unter den ande-
tieren und verarbeiten kann. In anti- Schauer so faszinierte – nur machte er ren Antiken, die in der Weltgeschichte
ken Bildern stellen sich uns diese Dis- sie im Nachbarmedium der Musik. vorkamen, von besonderer Art? Zu-
kussionen fast schockartig in den Weg: Schauer: Für mich ist die Frage mindest ist sie für uns heute ein zen-
Da streiten Künstler vierhundert Jahre nach der Originalität der Antike zu- traler Bezugspunkt der Rezeptions-
geschichte. Die Antike ist dabei kein
homogener Ausgangspunkt, sondern
Abb. 2 Augustus (die fragmentierte Person ganz links) auf der Ara Pacis Augustae in Rom. ein äußerst heterogener. Bereits in
der Zeit nach der griechischen Klas-
sik, im Hellenismus, suchte man in Ab-
kehr von Homer und den klassischen
Dichtern nach neuen poetologischen
Konzepten und wollte abseits «aus-
getretener Pfade» neue Wege gehen –
unsere Redewendung stammt übri-
gens aus der damaligen Diskussion.
: Die neue Qualität
des Denkens und Analysierens, hat
sie auch den Blick des Betrachters er-
reicht? Haben sich damals ganze Seh-
oder Hörgewohnheiten geändert?
Schauer: Im Kommunikationsraum
der Antike hatte die Sprache eine über-
ragende Bedeutung. Entsprechend dif-
ferenziert waren die Chiffren und Wahr-
nehmungsmuster für Sprache, nicht
Abb. 3 Kanzlerin Angela Merkel bei einem Gipfel in Osaka. nur in semantischer Hinsicht, son-
dern auch in Bezug auf Rhythmik,
Modulation, Gestik, Sprechgeschwin-
digkeit. Lateinische Texte wurden da-
mals langsamer vorgetragen, hatten
eine andere Taktfrequenz. Der Vortrag
aus einem Vergil-Buch mit 700 Ver-
sen konnte einen ganzen Nachmittag
in Anspruch nehmen. Prosarhythmus,
also die rhythmische Gestaltung von
nichtpoetischen Texten, spielte eine
große Rolle. Ein Römer hört aus einer
Cicero-Rede eine Clausula heroica so-
fort heraus und weiß sie zu deuten.
Und solche Chiffren gab es auch für
ein breiteres Publikum.
Grüner: Es ist sinnvoll, sich zu-
nächst ganz grundsätzliche Sachver-

62
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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

halte klar zu machen: Etwa, dass das es zu so gegensätzlichen Bildern? Je ge- perimenteller Weise vorangetrieben;
Design einer Statue, einer Münze oder nauer wir solche Bilder untersuchen, oft in einem begrenzten, regionalen
eines Reliefs, das ich als Archäologe umso stärker können wir zu Konzep- Rahmen und von vergleichsweise we-
untersuche, erst einmal dem Hirn ei- ten, Strategien, Diskussionen und Kon- nigen Akteuren. So entstanden kultu-
nes Handwerkers oder Künstlers ent- flikten vordringen – und zu Seh-, oder relle Leitkontexte, deren Erzeugnisse
stammt. Es entstand vor allem des- besser: Sichtweisen, die unsere eige- für spätere Epochen zu visuellen Re-
wegen, um den Betrachter auf eine nen Positionen korrigieren können ferenzpunkten wurden. Das bedeutet
bestimmte Weise zu beeinflussen – (Abb. 2. 3). freilich keine Vorrangstellung einer
und genau hier wird es für mich span- Schauer: Jede Zeit, jede Epoche hat Kultur, einer Epoche oder eines Volkes
nend. Denn an Bildern und Objekten eine andere Sprache, um die Wirklich- gegenüber anderen: Es handelt sich le-
lässt sich beispielsweise untersuchen, keit zu beschreiben. Dennoch kommen diglich um seltene historische Konstel-
wie ein Künstler Informationen ver- uns Texte von Cicero und Horaz – bei lationen, in denen bestimmte Bedin-
mittelt hat. Oder wie sich die Darstel- aller Andersartigkeit zu heutigen Tex- gungen zusammenkommen – wenn
lung eines bestimmten Themas über ten – irgendwie vertraut vor. Offen- etwa über mehrere Generationen hin-
die Jahrhunderte verändert hat. Hier bar sind hier Chiffren über
unterscheidet sich die populäre Vor- die Jahrhunderte bis heute
stellung von Archäologie stark von weitervermittelt worden.
«Warum sieht man auf einem Relief
dem, was mich und viele meiner Kol- Anders jedoch sieht dies Augustus, kaum als Herrscher er­
leginnen und Kollegen beschäftigt. Mir bei antiken Gemälden aus. kennbar, wie Angela Merkel auf einem
kommt es – was Sie vielleicht überra- Wir verstehen vieles davon Regierungsgipfel umringt von
schen wird – nicht so sehr darauf an, nicht, und die Bilder bein- den wichtigsten Politikerkollegen?»
was ein Bewohner von Athen oder halten uns fremde Chiffren. Andreas Grüner
Alexandria gegessen hat oder wie alt Dieser Unterschied in un-
er wurde; mich interessiert, was er ge- serer Wahrnehmung von
dacht hat, etwa, als er ein Objekt oder antiken Texten und Gemälden ist ein weg gewaltige ökonomische Ressour-
ein Bild produzierte. Was wir hier he- interessanter Befund: Andreas Grüner cen in die Kunstproduktion investiert,
rausfinden, hat oft eine sehr große und ich suchen hier nach einem ge- gleichzeitig visuelle und intellektuelle
und ganz konkrete Bedeutung für un- meinsamen neuen Weg von Literatur- Qualität, Originalität und Raffinesse
sere Gegenwart. Das betrifft etwa die und Kunstwissenschaft. Dazu wollen zu unhinterfragten Maximen werden.
Strategien, mit denen Politiker gezielt wir die Chiffren, Konzepte und Wahr- Von den genannten Epochen spielt die
politische und ideologische Inhalte nehmungsmuster hinter den Texten Antike eine besondere Rolle, weil sie
transportierten, Strategien, mit denen und hinter den Bildern analysieren für uns Europäer das (um die vielzi-
der Betrachter gezielt manipuliert und verstehen. tierte Formel zu bemühen) «nächste
wurde. Suchen Sie sich zwei Reliefs : Wie weit ist die An- Fremde» ist, antike Bilder uns also oft
aus, die Augustus und Konstantin zei- tike dann im Vergleich zu anderen Epo- gleichzeitig nahe und fremd vorkom-
gen. Warum sieht man auf einem Re- chen noch unser Bezugspunkt? men. Ein beliebiges Beispiel dafür wäre
lief Augustus, kaum als Herrscher er- Grüner: In der Menschheitsge- die Art und Weise, wie in den antiken
kennbar, wie Angela Merkel auf einem schichte – aber das ist meine persön- Bildern die Beziehung von Mensch und
Regierungsgipfel umringt von den liche, unzeitgemäße Auffassung – gibt Tier durchgespielt wird: von Kentau-
wichtigsten Politikerkollegen, und es Kontexte, in denen die analytische ren auf archaischen Vasenbildern über
zwar auf Augenhöhe? Offenbar soll Beschäftigung mit Mensch und Welt in die nackten Reiter auf dem Parthenon-
hier die faktisch absolute Macht des der Kunst dichter, kreativer, vielfälti- fries bis hin zu Kaiser Mark Aurel hoch
Prinzeps kaschiert werden. Auf dem ger, radikaler und raffinierter zu sein zu Ross in voller Militärmontur, des-
anderen Relief thront Konstantin auf scheint als in anderen. Die griechi- sen Pferd einen besiegten Gegner zer-
einem Podium, symmetrisch gerahmt schen Städte würde ich dazu ebenso trampelt. All diese Bilder wirken für
von Würdenträgern, die sämtlich ste- zählen wie etwa die Kunstproduktion den Menschen in der heutigen Zeit be-
hen müssen – wie ein deutscher Kaiser des chinesischen Kaiserhofes oder fremdlich und doch vertraut, ein Be-
in einer mittelalterlichen Buchmalerei. die der Renaissance. In solchen Kon- fund, der in jedem Fall höchst erklä-
Wie erklären sich diese Unterschiede? texten werden die Perspektiven auf rungsbedürftig zu sein scheint.
Welches Image und welche Atmos- die Welt und die Möglichkeiten, sie in Schauer: Ich sehe den ständigen
phäre wollen sie vermitteln? Wie kam Bild und Wort darzustellen, in sehr ex- Bezugspunkt auf die Antike durch

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ü
ANTIKE WELT 6/19
ANDErS HörEN UND ANDErS SEHEN – Die Antike als Vorbild in unserer globalisierten Welt

ihre Wirkmächtigkeit bestätigt, und Heidegger setzten sich mit den Vor- titativ gesehen – eine Weltbevölke-
das innerhalb und außerhalb Euro- sokratikern auseinander. Eine Beson- rung von 7,6 Milliarden Menschen.
pas. Beispielsweise in der Philoso- derheit «unserer» Antike könnte sein, Um 500 v. Chr. waren es vielleicht 50
phie: Im Mittelalter hat man sich mit dass sie mehr als andere Antiken auch oder 100 Millionen Menschen. Bei den
Aristoteles beschäftigt, in der Re- außerhalb des eigenen Kulturkreises gegenwärtigen Kommunikations- und
naissance mit Platon, Nietzsche und gewirkt hat. Dafür mag es viele, auch Transportmöglichkeiten, die den Ein-
kritische Gründe geben, zelnen beständig mit diesen Dimensi-
vom Kolonialismus bis onen konfrontieren, kommt es einfach
«Das Rationale, Agonale und der
zur Wirtschaftskraft, aber viel schneller zu Missverständnis-
Naturbezug haben der Antike
es kann auch darin liegen, sen und einem Gefühl der Verloren-
eine besondere kulturelle Wirkmäch­ dass das Angebot «un- heit. Wer an einem Tag von Deutsch-
tigkeit verschafft.» serer» Antike besonders land nach Thailand reisen kann und
Markus Schauer vielfältige Anknüpfungs- dies auch tut, muss sich mit viel grö-
punkte bietet. Aber wenn ßeren kulturellen Unterschieden aus-
ich das sage, wird man einandersetzen als die meisten Eu-
mir Eurozentrismus vor- ropäer vor hundert Jahren. Das sind
Abb. 4 Verwundete Amazone, Kapitolinische werfen – und vielleicht auch zurecht. Binsenweisheiten – ebenso wie die
Museen, Rom.
Ich möchte da drei maßgebliche Mo- Feststellung, dass der offensive Um-
mente für die Wirkmächtigkeit der gang mit der Frage nach der eigenen,
Antike nennen: erstens das Rationale, kulturellen Identität immer wichtiger
Reflektierende. Aristoteles etwa hat wird. Hier Fehlentwicklungen entge-
die Grundlage für das moderne Wis- genzusteuern, scheint mir aufgrund
senschaftssystem gelegt. Zweitens das des unmittelbaren Konfliktpotenzials
Agonale: Die gesamte griechisch-rö- ebenso wichtig zu sein wie Antworten
mische Kultur ist undogmatisch, man auf Fragen der Klimaproblematik zu
wetteifert um die beste Idee, und geben. Zu solchen Diskussionen könn-
zwar unter Zeitgenossen, zwischen ten wir als Altertumswissenschaftler
Generationen und die Römer mit den höchst relevante Aspekte beisteuern,
Griechen. Das führt zur Auseinander- nutzen unser Potenzial aber nicht im
setzung mit dem Anderen und so zur Geringsten aus.
Vielfalt. Drittens eine ästhetische Ka- Schauer: Aufgrund der Globali-
tegorie: die antike Auseinanderset- sierung haben wir viele Kulturen zur
zung mit der Natur. Indem die Natur, Auswahl. Wer heute global denken
inklusive der Kosmos, immer wieder möchte, sieht vielleicht in den Unter-
der Ausgangspunkt von Kunst, Litera- schieden von Kulturen Hemmschuhe,
tur und Wissenschaft ist, hat die An- in einer einheitlichen Welt zu leben.
tike eine Kultur hervorgebracht, die Aber ist eine einheitliche Welt über-
für andere Kulturen verständlicher ist, haupt erstrebenswert? Unterschied-
da eben mit der Natur ein weltweit be- liche Kulturen bergen zwar Abgren-
kannter Bezugspunkt gesetzt ist. Das zungspotential, aber sie prägen auch
Rationale, Agonale und der Naturbe- unterschiedliche Sichtweisen, sie sind
zug haben der Antike eine besondere die eigentliche Voraussetzung von
kulturelle Wirkmächtigkeit verschafft. Pluralismus. Offenbar gibt es Ängste
: In der heutigen glo- vor diesem Pluralismus. Daher ste-
balen Welt strömen Einflüsse nicht hen historische Fächer im Verruf, weil
nur der Antike und der europäischen sie kulturelle Besonderheiten vermit-
Tradition, sondern auch von vielen teln. Trotzdem: Wir können es nicht
anderen Kulturen zusammen. Manche leugnen, dass die griechisch-römi-
sehen darin eine Überforderung. sche Antike Europa stark geprägt hat.
Grüner: Das ist wenig überra- Wenn wir souveräner und gelassener
schend. Heute haben wir – rein quan- zu unserer europäischen Tradition zu

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

stehen lernen, lernen wir auch dem Herodots zeigen, liegt im griechischen sich selbst fundamental zu hinterfra-
Anderen und dem Fremden offener Blick auf das Fremde ein großer Res- gen und bisweilen alle Erwartungen zu
gegenüberzutreten. Ich glaube, das pekt, zumindest eine große Neugier durchkreuzen.
können wir von den Griechen und Rö- gegenüber dem Unbekannten. Das
mern lernen (Abb. 4). gelang nur, weil die griechische Kul-
tur eine spezifische Form Interview
der Souveränität mit dem Götz Fuchs
«Die griechische Kultur besaß
Fremden besaß: Ihr Kern
eine spezifische Form der Souveränität Bildnachweis
bestand darin, von den ei- Abb. 1 a.b: © jeweils privat; 2: akg-images / Andrea
im Umgang mit dem Fremden.» genen Leistungen vollkom- Jemolo; 3: von Alan Santos/Pr – https://www.flickr.
com/photos/palaciodoplanalto/48149861577/in/
Andreas Grüner men überzeugt zu sein, album-72157709308281487/, CC BY 2.0, https://com-
mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80143497;
ohne jemals den Willen 4: Eric Vandeville / akg-images.
und den Mut zu verlieren,
Grüner: Ein für die Gegenwart höchst
aufschlussreiches Kennzeichen der
Antike, insbesondere der griechi- Anzeige
schen, ist die Vorliebe, gesellschaft-
liche Konventionen radikal und pro-
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vokativ zu durchkreuzen. Welche
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cher Weise das positive Eigene vom


negativen Fremden und lässt gleich-

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zeitig an prominenter Stelle Statuen
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wie die Amazonen von Ephesos auf-


stellen? Bilder von schwerverletzten
Frauen, die eigentlich als brutale Sol-
datinnen einer rigorosen Frauenkom-
mune am östlichen Ende der Welt le-
ben und damit jedem Prinzip der
griechischen Gesellschaft zuwiderlau-
fen – in den Statuen aber höchst posi-
tiv mit feinem Gewand, idealem Kör-
per, gepflegter griechischer Frisur
und größter Selbstbeherrschung auf-
traten, einem Erscheinungsbild, das
den ästhetischen und ethischen Leit-
linien der griechischen Gesellschaft
exakt entsprach. Der Witz an dieser
Angleichung war, dass diese zivilisier-
ten Amazonen nicht nur als eine grä-
kozentristische Projektion gelesen
werden konnten, welche die eigenen
Normen bestätigte. Die barbarischen
Kriegerinnen stellten gleichzeitig das
eigene Bild vom Fremden infrage: Wa-
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rum, so muss sich mancher Betrachter


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von Ephesos oder auch die Historien


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65
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ANTIKE WELT 6/19
LESERrRderEAnItikSenEWelt Peloponnes
Exklusiv für Lese

Datum der Reise:


und dem Palast von Pylos der wichtigste mykenische
Fürstensitz auf der Peloponnes.

4. Tag: Ausflug Troizen, Poros, Kalavria und


Methan (F/A)
Fahrt nach Troizen. Die Stadt galt in der Antike als Ge-
burtsort des Theseus, des mythischen Königs von Athen.
Foto: ***Bitte ergänzen!***

Pausanias entdeckte während seines Aufenthaltes


in der Stadt einige Heiligtümer, deren Reste zum Teil
als Spolien in Mauern und Kirchen verbaut sind. Noch
gut erhalten sind die Fundamente eines Tempels, in
dem der antike Heilgott Asklepios verehrt wurde.
Direkt vor der Küste der Peloponnes, im Südwesten des
Saronischen Golfes, liegt die kleine Vulkaninsel Poros.
Sie besteht aus zwei Inselteilen: der Insel Spheria und
der Insel Kalavria. Diese hatte in der Antike eine hohe
kultische Bedeutung und war Sitz einer religiösen
Vereinigung. Zu bewundern sind hier die Reste eines
Die Peloponnes bietet eine Fülle an historischen und archäologischen Tempels des Erdbeben- und Meeresgottes Poseidon.
Die Halbinsel Methana, die vor 1,5 Millionen Jahren
Stätten. Hier herrschten im 2. Jt. v. Chr. die kriegerischen Mykener, durch unterseeische Vulkanausbrüche entstand, zählt
mit ihrem idyllischen Landschaftsprofil zu den absolu-
denen Homer in der Ilias ein literarisches Denkmal gesetzt hat. In klassi- ten Geheimtipps auf der Peloponnes. Berühmt sind die
scher Zeit stand die Peloponnes unter der Führung der Spartaner, Heilquellen, über die auch Pausanias berichtet.

den ewigen Rivalen der Athener. Diese Reise bietet nicht nur das ge- 5. Tag: Ausflug Epidauros und Ermioni (F/A)
Die Besichtigung von Epidauros, an der Südküste des
samte Spektrum der wichtigen antiken Orte, sondern darüber Saronischen Golfes, gehört zu den Höhepunkten einer
hinaus noch einen Reisebegleiter der besonderen Art. Wir wandeln Reise auf der Peloponnes. Hier befand sich in der Antike
eine berühmte, viel frequentierte Kultstätte des Heilgottes
auf den Spuren und sogar auf der Route des berühmten Schrift- Asklepios. Eine weitere Attraktion in Epidauros ist das
Theater, von dem auch Pausanias gebührend begeistert
stellers Pausanias, der im 2. Jh. n. Chr., als Griechenland zum Römi- gewesen ist. Bei der Kleinstadt Ermioni an der Südostküste
schen Reich gehörte, die Peloponnes bereiste und darüber einen der Argolis befinden sich die Reste der antiken Stadt
Hermione. Politisch war sie eng mit der peloponnesischen
detaillierten Bericht vorlegte. Führungsmacht Sparta verbunden. Erhalten sind Teile der
Stadtmauer, Tempel, Theater, Thermen und eine Nekropole.

6. Tag: Nauplia – Sparta – Anyklai – Gythion –


Kalamata (F/A)
Streng oligarchisch organisiert, errangen die Spartaner
im 7. Jh. v. Chr. die Vorherrschaft auf der Peloponnes.
1. Tag: Frankfurt – Athen – Nauplia (A) des Tages bildet die Besichtigung von Kleonai. Auf Das Zentrum der Macht entstand aus dem Zusammen-
Am Vormittag Flug nach Athen und Transfer nach Nau- der Oberen und der Unteren Akropolis sind noch schluss einzelner kleinerer Siedlungen. Die Ausgra-
plia. 5 Übernachtungen: Amalia Hotel Nauplia****. ansehnliche Reste einzelner Bauwerke erhalten. bungen befinden sich in der Nähe der modernen Stadt
Pausanias kannte darüber hinaus auch einen Tempel Sparta, die im 19. Jh. angelegt wurde. Zum Programm
2. Tag: Ausflug Korinth, Sikyon, Phleius, Nemea der Athene. der Besichtigung gehören das Heiligtum der Artemis
und Kleonai (F/A) Orthia, ein Theater am Hang der Akropolis und das
Erste Station der Reise ist die antike Stadt Korinth. Korinth 3. Tag: Ausflug Mykene, Argos und Tiryns (F/A) sog. Menelaion. Nur wenige Kilometer südlich von
gehörte in archaischer und klassischer Zeit zu den Die in der Argolis gelegene Burg von Mykene ist die Sparta liegt die antike Siedlung Amyklai. Hier wurde
reichsten und mächtigsten Städten Griechenlands. 146 Namensgeberin der ersten griechischen Hochkultur auf der Kult des Hyakinthos gepflegt. Er war nach dem
v. Chr. wurde sie von den Römern fast komplett dem Festland. Mit Pausanias in der Hand entdeckte griechischen Mythos der Sohn des Amyklas, König von
zerstört. So gibt es nur noch wenige Überreste aus der Heinrich Schliemann im 19. Jh. das sog. Grab des Sparta, und Geliebter des Gottes Apollon. Höhepunkt
Zeit vor der römischen Herrschaft. Dazu gehört als Agamemnon mit der berühmten Goldmaske. Pausanias des Jahres war ein großes Fest zu Ehren des unglücklich
Prunkstück der Tempel des Apollon. Unter den Bauten war auch derjenige, der das Löwentor noch unverschüt- ums Leben gekommenen Heros. Pausanias beschreibt
aus der römischen Zeit ragen die auch von Pausanias tet sah. Die Wehrhaftigkeit der Anlage wird durch die ausführlich den «Thron des Apollon», in dem sich das
beschriebenen Bäder des Eurykles hervor. Weiterfahrt mächtigen Mauern, in der Antike als Werk der Zyklopen Grab des Hyakinthos befunden haben soll. Die Funda-
nach Sikyon. Die Hafenstadt am Golf von Korinth deklariert, dokumentiert. Zu den eindrucksvollsten mente können an Ort und Stelle besichtigt werden. Die
war ein enger Verbündeter. In den Diadochenkriegen Monumenten von Mykene gehören die prächtigen nächste Station an diesem Tag ist Gythion am Lakoni-
nach dem Tod Alexanders des Großen wurde sie Kuppelgräber. Auch Argos, die zweite Station des Tages, schen Golf. Die Stadt fungierte als Kriegshafen für
aus der Ebene auf eine Anhöhe verlegt, wo einige Bauten war Teil der mykenischen Kultur. Sie stand in ständi- das im Binnenland gelegene Sparta und stand dement-
gut erhalten sind. Phleius, ebenfalls nicht weit von ger Konkurrenz zu dem großen Rivalen Sparta. Das sprechend immer wieder im Brennpunkt des politischen
Korinth gelegen, machte in der Antike kulturell von sich bedeutendste antike Monument ist ein in den Felsen und militärischen Geschehens. Die Römer nutzten
reden. Reste von Stadtmauer, Theater und Tempel geschlagenes Theater. Dazu kommen Reste von Tem- den Hafen später für ihre Handelsschiffe. Aus dieser
zeugen von der einstigen Bedeutung. In Nemea befand sich peln, Säulenhallen und Wohnhäusern. Zwischen Argos Zeit stammt ein gut erhaltenes römisches Theater.
ein viel besuchtes Heiligtum des Zeus. Den Abschluss und Nauplia liegt Tiryns, neben der Burg von Mykene Übernachtung: Hotel Akti Taygetos****.

www.karawane.de / antikewelt-peloponnes
Archäologische Reise – mit Pausanias
durch die griechische Halbinsel

Nicht im Reisepreis enthalten


2. 10. − 11. 10. 2020 Persönliche Ausgaben wie weitere Mahlzeiten,
Getränke, Reiseversicherungen, optionale Ausflüge und
Trinkgelder.
7. Tag: Kalamata – Thuria – Messene – Pylos – Ihre Studienreiseleiter:
Olympia (F/A) Prof. Dr. Holger Sonnabend lehrt Alte Geschichte
Die heutige Fahrt führt in die antike Landschaft Messenien an der Universität Stuttgart. Als Autor veröffentlichte
in der südlichen Peloponnes. Zunächst geht es nach er zahlreiche Bücher zur griechischen und römischen
Thuria. Die Stadt hatte seit mykenischer Zeit Bedeu- Geschichte. Er ist Herausgeber der Reihe «Der Archäo-
tung. Jüngste Ausgrabungen brachten mehrere Tempel logische Führer», die im Verlag Philipp von Zabern
und ein Theater zum Vorschein. Am Ithome-Berg erscheint. Darüber hinaus leitete er bereits viele au-
befindet sich die antike Siedlung Messene, die immer ßergewöhnliche Studienreisen in Italien, Griechenland,
wieder Objekt kriegerischer Aktionen der Spartaner Spanien, Donaulimes, Syrien, Libyen, Israel, Äthiopien
war. Imposant ist der neun Kilometer lange Mauer- und in der Türkei.
ring. Zur antiken Hinterlassenschaft gehören ferner Ihre Reiseinformationen
ein Asklepios-Tempel, ein Ringhallentempel und ein Dr. Frauke Sonnabend
Odeion. Pylos stand in der Antike ganz im Zeichen des Reisepreis pro Person im Doppelzimmer Promotion in Alter Geschichte. Ihr Tätigkeitsfeld reicht
Königs Nestor. Davon zeugen heute die von Pausanias ab 20 Teilnehmern € 2525,00 von Führungen auf der Berliner Museumsinsel und
ausführlich beschriebene Nestor-Höhle und vor allem Einzelzimmerzuschlag € 425,00 in Ausstellungen bis hin zur Erwachsenenbildung und
der Nestor-Palast. Hier residierte in mykenischer Zeit ein der Leitung von Studienreisen. Das Spektrum ihrer
mächtiger, wohlhabender Fürst. Das in seinen Grund- Flugzeiten (Änderungen vorbehalten) Zielgebiete reicht von England über Syrien, Donaulimes,
strukturen sehr gut erhaltene Bauwerk vermittelt einen 02. 10. 2020 Frankfurt – Athen 09.50 – 13.35 Uhr Rumänien, Israel, Äthiopien, Italien und Griechenland
hervorragenden Eindruck von mykenischer Palastarchi- 11. 10. 2020 Athen – Frankfurt 14.25 – 16.25 Uhr bis in die Türkei.
tektur. Übernachtung: Hotel Olympic Village****.
Eingeschlossene Leistungen
8. Tag: Olympia – Elis – Patras (F/A) ¢ Linienflug Frankfurt – Athen / Athen – Frankfurt BITTE BEACHTEN:
Über die westliche Peloponnes führt die Reise nach Olympia ¢ Flughafensteuern, Gebühren und aktuell gültige Für die Einreise nach Griechenland benötigen Deutsche
und damit zu einer der berühmtesten antiken Stätten Treibstoffzuschläge (Stand Oktober 2019) Staatsbürger einen über die Länge des Aufent-
Griechenlands. Über 1.100 Jahre lang fanden hier alle ¢ Rundreise im Reisebus haltes hinaus gültigen Reisepass oder Personalausweis.
vier Jahre zu Ehren des Gottes Zeus die Olympischen ¢ Transfers, Ausflüge, Besichtigungen lt. Reiseprogramm
Spiele der Antike statt, bis sie 393 n. Chr. als heidnische ¢ Eintrittsgelder lt. Reiseprogramm Teilnehmer
Veranstaltung von dem christlichen Kaiser Theodo- ¢ 9 Übernachtungen in den im Reiseprogramm Bis 8 Wochen vor Reisebeginn zu erreichende Teilneh-
sius verboten wurden. Bei einem Rundgang durch genannten Hotels o. ä. in Zimmern mit Bad oder merzahl: min. 20, max. 28 Personen.
Olympia werden nicht nur die wichtigsten erhaltenen Dusche / WC
Monumente besichtigt. Dank Pausanias besteht auch ¢ Mahlzeiten lt. Reiseprogramm (F = Frühstück / Änderungen im Reiseverlauf oder bei den genannten
die Gelegenheit, jene Denkmäler wenigstens literarisch A = Abendessen) Unterkünften aufgrund von örtlichen Gegebenheiten
kennenzulernen, die heute nicht mehr erhalten sind. Im ¢ 1 aktuelle Reiseliteratur pro Zimmer sowie Preiserhöhungen oder -anpassungen aufgrund
Archäologischen Museum ist die Geschichte eindrucks- ¢ Deutschsprechende Reisebegleitung ab / bis von staatlichen Abgabeänderungen, Zuschlägen
voll dokumentiert. Organisiert und geleitet wurden die Flughafen Athen (z. B. Kerosin) müssen wir uns ausdrücklich vorbe-
Olympischen Spiele von der Stadt Elis. Zu den Resten ¢ Studienreiseleitung ab / bis Frankfurt: Dr. Frauke halten. Die Klassifizierung der Hotels entspricht der
der einst bedeutenden antiken Stadt gehört ein griechi- Sonnabend und Prof. Dr. Holger Sonnabend Landeskategorie.
sches Theater. Fahrt nach Patras. Die antike Vorgänger-
stadt Patrai verfügte ebenfalls über einen wichtigen Webcode: 37194
Hafen. Pausanias interessierte sich besonders für das
Quellenheiligtum der Demeter. Noch heute kann man in
die Orakelstätte hinabsteigen. Aus der römischen Kai-
serzeit stammt das restaurierte Odeion. Den Abschluss
bildet ein Besuch im Archäologischen Museum von
Patras. Übernachtung: Poseidon Palaca****. www.antikewelt.de – Stichwort: Peloponnes
9. Tag: Patras – Helike – Aigeira - Isthmia (F/A)
Aktuell wird die Stadt Helike am Golf von Korinth wie-
der zum Leben erweckt. Seit einigen Jahren erforschen Veranstalter
Archäologen intensiv die Spuren jener Stadt, die 373
v. Chr. durch einen Tsunami spektakulär zerstört wurde.
Pausanias sah 500 Jahre später noch die Ruinen, von Karawane Reisen GmbH & Co. KG
denen einige heute wieder zutage gefördert werden. Schorndorfer Str. 149 · D-71638 Ludwigsburg
Gut erforscht ist auch Aigeira, wo seit vielen Jahren
österreichische Archäologen arbeiten. Die Bauten doku- Ansprechpartner: Nicole Heldmann
mentieren den Wohlstand und die politische Bedeutung Tel. +49 (0)7141 2848-13 · Fax. +49 (0)7141 28 48-45
der Stadt. Dazu gehören ein Theater und ein nach den E-Mail: nicole.heldmann@karawane.de · Internet: www.karawane.de
Angaben des Pausanias lokalisiertes Heiligtum der
Gerne senden wir Ihnen unser ausführliches Programm zu.
Schicksalsgöttin Tyche. Übernachtung: Hotel Kalamaki
Beach****. Es gelten die Reisebedingungen des Veranstalters Karawane Reisen GmbH & Co. KG

10. Tag: Isthmia – Athen – Frankfurt (F)


Am Vormittag Transfer zurück nach Athen. Am Mittag
Rückflug nach Frankfurt, wo Sie am Nachmittag landen.
In Kooperation mit dem Verlag Philipp von Zabern und der Zeitschrift ANTIKE WELT
ENDE DER REISE

ü
DER TOD DES KRONPRINZEN
Germanicus, sein Mörder und das Gerichtsverfahren vor dem Senat
19/20 n. Chr.

Im Jahre 9 n. Chr. errangen die Cherusker und verbündete germanische Stämme unter der
Führung des Arminius einen denkwürdigen Sieg über das römische Heer des Publius
Quinctilius Varus, der heute beim Dorfe Kalkriese nördlich von Osnabrück verortet wird.
Armeestützpunkte und zivile Siedlungen wie Waldgirmes in der hessischen Wetterau
wurden danach von den Römern aufgegeben. Sie zogen sich hinter Rhein und obere Donau
zurück. Damit kam die Expansion des Weltreiches in Westeuropa vorläufig zum Stehen.

von Wolfgang Kuhoff rer Münzen zeigen einen eintorigen er von Tiberius nach Illyricum mitge-
Ehrenbogen mit der Legende de Ger- nommen, um im Range eines legatus
ls im Jahre 2009 das zweitausend- manis und obenauf den reitenden Augusti pro praetore, eines kaiserli-
A jährige Gedenken an die Varus-
Schlacht begangen wurde, kam auch
Feldherrn zwischen zwei Siegesma-
len, den Tropaia (Abb. 2). Weil Fami-
chen Truppenbefehlshabers, an der
Niederwerfung eines Aufstands der
ein anderer Protagonist zur Sprache, lienbeziehungen in der römischen dortigen Volksstämme teilzunehmen.
Germanicus, ein Mitglied des iulisch- Oberschicht eine wichtige Rolle spiel- Illyricum blieb seitdem über vier Jahr-
claudischen Kaiserhauses: Er erhielt ten, ging das feldherrliche Charisma hunderte lang unter römischer Herr-
nämlich die Aufgabe, die Folgen des des Vaters auf seinen Erstgeborenen schaft.
bellum Varianum, wie es der Caelius- über, der jetzt offiziell Nero Claudius Jetzt wurde Germanicus mit Ehrun-
Stein in Bonn nennt, einzudämmen Drusus Germanicus hieß. Mit 19 Jah- gen ausgezeichnet: Er erhielt die or-
(Abb. 1). ren wurde dieser am 26. Juni 4 n. Chr. namenta praetoria als Amtsabzeichen
von seinem Onkel Tiberius adoptiert eines Prätors und die ornamenta tri-
Familie und Karriere des und bekam den neuen Namen Germa- umphalia, die Ehrenzeichen eines Tri-
Germanicus nicus Iulius Caesar. Gleichzeitig wurde umphators, nämlich die toga picta,
Sein Vater Drusus und dessen älterer Tiberius durch Augustus adoptiert, eine bunte Toga, den scipio eburneus,
Bruder Tiberius hatten 15 v. Chr. das womit die politische Nachfolge für ein Elfenbeinszepter, und einen golde-
Voralpenland für die Römer erobert. zwei Generationen gesichert schien. nen Lorbeerkranz. Im Jahre 11 n. Chr.
Germanicus wurde am 24. Mai des- Mit der Adoption rückte Germani- entsandte Augustus den Enkel nach
selben Jahres wohl in Rom geboren. cus endgültig ins Rampenlicht. Der so- Germanien, um als Nachfolger von Ti-
Seine Mutter war Antonia, die jüngere zialen Verortung diente seine Verhei- berius sein erstes eigenständiges Feld-
der beiden gleichnamigen Töchter, die ratung vom Jahre 5 n. Chr. mit Vipsania herrnamt auszuüben und die Koalition
der Triumvir Marcus Antonius und Agrippina, Tochter des Marcus Vipsa- der germanischen Stämme des Armi-
seine zweite Gattin Octavia, Schwes- nius Agrippa, Feldherr und Vertrau- nius zu bekämpfen. Im Jahre 12 n. Chr.
ter des späteren Kaisers Augustus, ter des Augustus, und dessen Tochter bekleidete Germanicus in Rom den or-
hatten. Seine Großmutter war Livia, Iulia: Diese Gattin ist als Agrippina die dentlichen Konsulat und ging dann er-
des Augustus langjährige Gattin, die Ältere bekannt (Abb. 3 a. b). Im Jahre neut an den Rhein. Nach der Lageein-
ihre Söhne Drusus und Tiberius aus 7 n. Chr. übernahm Germanicus das weisung durch Tiberius setzte er die
erster Ehe in die neue Verbindung ein- Amt des Quästors, eines der zwan- Konsolidierung der neuen Grenzlinie
brachte. Als Drusus im Herbst 9 v. Chr. zig jährlich zusammen tätigen Aufse- fort. Am 19. August 14 n. Chr. starb
während seines Konsulatsjahres durch her über die Staatsfinanzen, sowie die jedoch Augustus, einen Monat spä-
einen Sturz vom Pferde starb, wurde Priesterwürde des Augurs, eines der ter übernahm Tiberius offiziell seine
ihm posthum der Beiname Germani- acht auf Lebenszeit bestimmten Vor- Nachfolge. Auf die Nachricht vom
cus verliehen. Die Rückseiten späte- zeichendeuter. Anschließend wurde Ableben kam es am Rhein zu einer

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 1 Porträt des Germanicus. Toulouse, Musée Saint-Raymond.

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DER TOD DES KROnpRinzEn – Germanicus, sein Mörder und das Gerichtsverfahren vor dem Senat 19/20 n. Chr.

lichen Erfolg; allerdings konnte eine


Heeresabteilung den zweiten Legions-
adler bei den Marsern erbeuten. Das
Ergebnis der römischen Vorstöße ging
im Ganzen über bloße Machtdemons-
trationen kaum hinaus. Daher ist die
Entscheidung des Tiberius, den Feld-
herrn abzuberufen, erklärbar. Germa-
nicus wurde öffentlich am 26. Mai des
Jahres 17 n. Chr. mit einem Triumph de
Germanis geehrt. Für eine bleibende
Erinnerung sorgten posthum Münzen
seines Sohnes Caligula: Auf der Vor-
derseite steht Germanicus im Triumph-
wagen, auf der Rückseite erscheint er
Abb. 2 Aureus des Claudius für Drusus maior.
als siegreicher Feldherr im Redeges-
tus, begleitet von der Legende signis
recept(is) devictis Germ(anis) («wegen
Zurückgewinnung der Feldzeichen und
Soldatenmeuterei, und auch in Illy- lange, inne und war legatus Augusti Besiegung der Germanen»).
rien wurden Aversionen gegen Tibe- pro praetore für die militärischen Auf-
rius laut. Um letztere zu besänftigen, gaben, wobei der sakrale Oberbefehl, Der Aufenthalt des
wurde dessen leiblicher Sohn, Drusus die auspicia, bei Tiberius lag. Gegen Germanicus im Osten und sein
der Jüngere, entsandt, der die Solda- Arminius und seine Stammeskoalition geheimnisumwitterter Tod
ten mit Vergünstigungen gewinnen von Cheruskern. Marsern, Brukterern, Noch im Jahre 17 n. Chr. entsandte
konnte. Schwieriger hatte es Germa- Angrivariern und Chatten zog Germa- Tiberius seinen Adoptivsohn in den
nicus in Köln, damals Ara Ubiorum. nicus noch im Jahre 14 n. Chr. zu Felde, Osten des römischen Reiches, die pro-
Die hiesigen Truppen wollten ihn zum doch brachte der Vorstoß gegen die vinciae transmarinae, um die dorti-
neuen princeps wählen, doch lehnte Chatten in Hessen keinen durchgrei- gen Statthalter zu beaufsichtigen: Dafür
er ab und suchte seine Familie fort- fenden Erfolg. Der Feldzug im Jahre wurde ihm ein imperium proconsulare
zubringen. Diese Maßnahme und die 15 n. Chr. wandte sich als Zangenan- maius übertragen. Außerdem beklei-
Zuerkennung gleicher Vergünstigun- griff gegen die Cherusker und Armi- dete er im Jahre 18 n. Chr. seinen
gen ließen die Soldaten am Ende den nius: Den Römern fiel mit der Familie zweiten Konsulat mit Tiberius selbst,
Eid auf Tiberius leisten. Germanicus des Segestes, der sich auf ihrer Seite der ihn zum dritten Male innehatte.
aber erhielt nun gleich vier Priester- engagierte, auch dessen Tochter und Am 1. Januar befand sich Germanicus
ämter: Er trat in die Kollegien der fra- Gattin des Arminius namens Thus- allerdings schon im Osten, wo er sym-
tres Arvales, der Ackerbaupriester, und nelda in die Hände. Das Heer erreichte bolhaft Actium und Troia aufsuchte.
der neu geschaffenen sodales Augusta- danach den Ort der Varusschlacht, wo Am ersteren Orte trat er den Konsu-
les für den vergöttlichten Augustus ein, die unbestattet gebliebenen Reste der lat an, unterwegs aber beschäftigte er
wurde als flamen Augustalis Eigen- Toten beigesetzt wurden; überdies sich auch mit Dichtung. Als Stellver-
priester des neuen Staatsgottes und als wurde einer der verlorenen Legions- treter des Kaisers sollte er zuerst die
pontifex Mitglied des Kollegiums der adler wiedergewonnen. Der Feldzug römische Vormachtstellung im König-
höchsten Staatspriester, dessen Leiter des Jahres 16 n. Chr. erfolgte ebenfalls reich Armenien zurückgewinnen, wo
der Kaiser als pontifex maximus war. aus zwei Richtungen, wobei ein Hee- die Parther als Roms große Rivalen
Danach führte Germanicus sein Heer resteil von See aus über Ems und We- erneut die Oberhand gewonnen hat-
über den Rhein, wofür ihm acht Le- ser vorrückte. Diesmal kam es zu zwei ten. Germanicus, der von vielen Be-
gionen und viele Hilfstruppeneinhei- Schlachten mit den Cheruskern des ratern begleitet wurde, setzte einen
ten zur Verfügung standen, insgesamt Arminius bei Idistaviso und am An- neuen König ein, der sich lange Zeit
rund 70 000 Mann. Er hatte dafür ein grivarierwall, beides nicht lokalisierte auf dem Thron halten konnte. Außer-
imperium proconsulare, die Amtsge- Örtlichkeiten. Auch diese Treffen er- dem führte er die Eingliederung der
walt eines Prokonsuls für zivile Be- brachten für die Römer keinen wirk- bisherigen Klientelkönigreiche Kap-

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

padokien und Kommagene im südöst- als Landesverwalter, aber Senatoren für die Bevölkerung nach einer Hun-
lichen Kleinasien in römischen Besitz war der Zugang ohne Erlaubnis des gersnot sowie Beschränkungen der
durch. Kaisers als Nachfolger der Pharaonen ihm zugedachten Ehrungen betrafen.
Von hier aus begab er sich nach Ägyp- untersagt; Germanicus fühlte sich als Im selben Zuge hielt er eine Rede an
ten, das seit der Niederlage Kleopa- offizieller Vertreter seines Adoptivva- die Bewohner der Metropole Alexan-
tras VII. im Jahre 30 v. Chr. Privatbe- ters hieran nicht gebunden. Er erließ dria. Es folgten Besichtigungen der
sitz des princeps war. Ein praefectus Anordnungen, die teilweise auf Papyri Pyramiden von Gizeh, des Heiligtums
Aegypti aus dem Ritterstand amtierte überliefert sind und Hilfsmaßnahmen des Apis-Stiers, des Memnonskolosses

Abb. 3 a. b Porträts von Germanicus (Schloß Erbach) und Agrippina der Älteren (Parma, Archäologisches Museum, aus Veleia).

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ANTIKE WELT 6/19
DER TOD DES KROnpRinzEn – Germanicus, sein Mörder und das Gerichtsverfahren vor dem Senat 19/20 n. Chr.

bei Theben und der dortigen Königs- zu dem er ein problematisches Ver- der Insel Kos an der Südwestküste
gräber sowie des Amun-Heiligtums hältnis hatte. Laut Sueton habe Piso Kleinasiens. Nun glaubte er, sich wie-
bei Karnak; abschließend wurde die während der Abwesenheit des Kai- der in den Besitz der Provinz setzen
Nil-Insel Elephantine aufgesucht. sersohnes dessen Anordnungen sabo- zu können und sammelte ein kleines
Zur literarischen Überlieferung über tiert und ihm die Klienten abspenstig Heer, wurde jedoch in Kilikien von
Germanicus zählen der zeitgenössische zu machen versucht, woraufhin dieser den regulären Truppen eingeschlos-
Senator Velleius Paterculus mit einer ihm schriftlich die Freundschaft kün- sen und kapitulierte, weil ihm freier
Historia Romana und sein späterer digte. Ausgangspunkt aller Diskussio- Abzug nach Rom zugesichert wurde.
Standesgenosse Publius Cornelius Ta- nen sind aber die Umstände des Todes Seine Gegner jedoch konnten ihn in
citus sowie der Ritter Caius Sueto- von Germanicus am 10. Oktober des der Reichshauptstadt des Giftmordes
nius Tranquillus: Sie schrieben eine Jahres 19 n. Chr. in Daphne, dem Bä- an Germanicus beschuldigen.
Historiendarstellung bzw. Kaiserbio- dervorort von Antiochia. Auf seinem Rückweg wollte Piso
graphien. Um 229 n. Chr. legte der Sueton und Tacitus sprechen ein- den Tiberius-Sohn Drusus in Illyrien
Senator Cassius Dio Cocceianus eine hellig von einem Giftmord. Während treffen, wurde jedoch nicht empfan-
umfängliche Römische Geschichte vor. Ersterer behauptet, Tiberius habe gen. Von dort setzte er nach Ancona
Alle diese Historiker konnten die of- Piso angestiftet, schreibt Sueton den über und reiste nach Rom weiter. Un-
fiziellen Dokumente im Staatsarchiv Vorsatz diesem selbst zu. Beide Auto- terwegs soll er versucht haben, eine
einsehen. ren aber konnten das Urteil des Senats durch Süditalien marschierende, für
Tacitus suggeriert, der Kaiser habe über den Beschuldigten unter den Afrika bestimmte Legion auf seine
seinem Adoptivsohn als Statthalter acta senatus im Staatsarchiv finden. Seite zu ziehen. Im folgenden Gesche-
der Provinz Syria und Aufpasser den hen spielte auch seine Gattin Muna-
angesehenen Senator Cnaeus Calpur- Das Verfahren gegen Calpurnius tia Plancina, Freundin der Livia und
nius Piso mitgegeben, seinen Freund piso im Senat Enkelin eines bedeutenden Politikers
und wahrscheinlichen Mitkämpfer im Des Germanicus Gemahlin Agrippina zwischen 43 und 27 v. Chr., des Lucius
Feldzug des Jahres 15 v. Chr. Dem Gou- gelangte mit der Aschenurne ihres Munatius Plancus, eine Rolle. Dieser
verneur unterstanden immerhin vier Gatten auf dem Seeweg im Frühjahr hatte in der Senatssitzung vom 16. Ja-
Legionen, mit den Hilfstruppen etwa 20 n. Chr. nach Brundisium. Damit nuar 27 v. Chr. für den Sieger des letz-
35 000 Mann. Sueton präsentiert Ger- kam sie dem ebenfalls aus Syrien ab- ten Bürgerkrieges den Ehrennamen
manicus als idealen Kandidaten für gereisten Piso zuvor, der unter drama- Augustus beantragt.
den Prinzipat, Cassius Dio bemüht sich tischen Umständen seine Provinz ver- Die Anklage richtete sich auch ge-
meist um eine sachliche Darstellung, lassen hatte, denn Germanicus hatte gen die Gattin und einen der beiden
doch sind seine Ausführungen über ihn von seinem Amte in Syrien ent- Söhne, die ebenfalls in Syrien gewe-
des Germanicus Tod nicht erhalten. bunden. Daraufhin war Piso von An- sen waren. Der Hauptankläger Lucius
Der Prinz kehrte aus Ägypten nach tiochia aus nach Westen gereist und Fulcinius Trio war einer der delato-
Syrien zurück und traf erneut auf Piso, befand sich, als Germanicus starb, auf res, die Beschuldigungen wegen mai-
estas, also Hochverrats, verfolgten.
Die Beteiligten einigten sich darauf,
die Anklage dem Kaiser vorzulegen,
Abb. 4 Dupondius des Caligula für Germanicus. doch gab dieser den Fall an den Se-
nat weiter, woraufhin Ende Novem-
ber 20 n. Chr. das Gerichtsverfahren
begann. Es hat in jüngerer Zeit Auf-
merksamkeit gefunden, weil in Süd-
spanien Fragmente von Bronzetafeln
gefunden wurden, die das Urteil pub-
lizieren, wie es der Senat und Tiberius
angeordnet hatten. Einige von ihnen
fügen sich zu einem Gesamttext zu-
sammen (Abb. 5).
Tacitus folgend leitete das Verfah-
ren eine Rede des Tiberius ein, die

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 5 Beginn des Senatus Consultum de Cn. Pisone patre in Sevilla (Museo Arqueologico Nacional).

zur Wahrheitsfindung ohne Rücksicht- der Kaiser setzte sich deshalb für wenden, eine Anerkennung für Livia,
nahme auf ihn selbst ermahnte. Es folg- Sohn und Gattin ein. Am Ende blieben den Tiberiussohn Drusus und andere
ten zwei Tage Anklagevortrag und nach beide unbehelligt, und Pisos Name Mitglieder des Kaiserhauses, ein Dank
sechs Tagen Unterbrechung die Reden wurde nicht aus der offiziellen Liste an Ritterstand, römisches Volk und
der Verteidiger während dreier Tage; der Konsuln gestrichen. Fulcinius Trio Soldaten für ihre loyale Einstellung,
Briefe zwischen Tiberius und Piso blie- wurde im Jahre 31 n. Chr. nachgewähl- die Anordnung zur öffentlichen Publi-
ben unberücksichtigt. Am nächsten ter Konsul, fand aber vier Jahre später kation des Senatsbeschlusses in allen
Verhandlungstage habe Piso die un- einen gewaltsamen Tod. Provinzhauptstädten und schließlich
durchdringliche Miene des Tiberius als Der Text des Senatsbeschlusses ent- nach der Feststellung des Beschlus-
Andeutung seines drohenden Schick- hält 176 Zeilen in zehn Abschnitten. Es ses durch 301 Senatoren als Anhang
sals verstanden, sich in sein Haus zu- sind Datierung, Ortsangabe und Reihe ein eigenhändiger Nachtrag des Kai-
rückgezogen und dort einen Brief auf- der Abfassungszeugen, die Beratungs- sers, das Urteil im Staatsarchiv aufzu-
gesetzt. Am nächsten Morgen habe ihn punkte, eine Danksagung an die Göt- bewahren.
die Dienerschaft tot in seinem Schlaf- ter für die Bewahrung des Staates ge- Das Dokument betont, Tiberius habe
zimmer gefunden, nachdem er sich die gen Pisos Umtriebe und an Tiberius trotz der von Piso heraufbeschwore-
Kehle durchgeschnitten habe. für seine Sitzungsleitung, ein Refe- nen Gefahr das Wohl der Menschen
Im Gerichtsverfahren wurde jetzt rat der Anklagepunkte, die Strafbe- gewahrt. Tacitus und Sueton können
über die tatsächliche Schuld aller An- schlüsse über den Hauptangeklagten ihrerseits keine Morddirektive nach-
geklagten befunden. Dabei habe Ti- und die Entscheidungen über Söhne weisen. Den geheimnisvollen Ab-
berius einen Brief Pisos verlesen, der und Gattin, die Bitte an Tiberius, seine schiedsbrief Pisos zitiert Tacitus im
sich auf seinen 45-jährigen Dienst für Trauer zu beenden und die Fürsorge angeblichen Wortlaut, doch das Senats-
Augustus und ihn selbst berufen habe; dem übriggebliebenen Sohne zuzu- urteil weiß nichts von ihm. Es spricht

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ü ANTIKE WELT 6/19
DER TOD DES KROnpRinzEn – Germanicus, sein Mörder und das Gerichtsverfahren vor dem Senat 19/20 n. Chr.

Abb. 6 Nicolas Poussin, «Der Tod des Germanicus» (1627, Minneapolis, Institute of Arts).

andererseits den Brief an, mit dem Ger- bezeugen, die beim südtoskanischen fer am Augustus-Mausoleum. Im Grand
manicus Piso die Freundschaft aufkün- Orte Magliano Toscano, dem römi- Camée de France in Paris, dem größ-
digte, und nennt ein Schreiben von der schen Heba, und im südspanischen ten erhaltenen Kameo der Antike, ist
Hand des sterbenden Prinzen, in dem Utrera, einst Siarenses Fortunales, ge- der Prinz wohl als Feldherr in der Him-
dieser Piso als Urheber seines Todes funden wurden. Tabula Hebana und melsregion präsent, doch herrscht dar-
beschuldigte: Daher kann man diesen Tabulae Siarenses dokumentieren Eh- über kein Einvernehmen.
als «offiziellen Mörder» ansprechen. rungen in Rom und dem gesamten Den offiziellen Ehrungen stand die
Weil der Mordvorwurf mit der Anklage Reich, darunter drei Ehrenbögen in Behandlung der Witwe Agrippina ent-
gepaart war, Piso habe einen Bürger- Mainz, Issos und am Amanostor beim gegen. Als sie ihre Anschuldigungen
krieg in Kauf genommen, handelte es syrischen Antiochia, die Aufstellung nicht beendete, verbannte Tiberius sie
sich um ein Verbrechen gegen die mai- etlicher Statuen, die Benennung einer im Jahre 29 n. Chr. auf die Insel Panda-
estas populi Romani und die auctoritas Abteilung der Ritterschaft nach ihm teria, heute Pianosa beim Monte Gar-
des princeps, weshalb das Urteil des Se- und das Mittragen seiner Statue beim gano im Adriatischen Meer, wo sie am
nates am 10. Dezember 20 n. Chr. eine jährlichen Festumzug am 15. Juli, die 18. Oktober 33 n. Chr. angeblich durch
natürliche Folgerung war. Einrichtung von fünf Centurien von freiwilligen Hungertod verstarb. Ihr
Nach einer dreimonatigen Staats- Senatoren und Rittern für die Voraus- jüngster Sohn Caius Caesar, mit Spitz-
trauer, dem iustitium, wurden vom Se- wahl von Konsuln und Prätoren, die namen Caligula, folgte allerdings Ti-
nat vielfältige Ehren für den Verstor- Einfügung seines Namens ins Lied der berius im Prinzipat für rund vier Jahre
benen beschlossen, was Bronzetafeln Salierpriester sowie jährliche Totenop- nach (Abb. 4).

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Das Nachleben des Germanicus Literatur und Film gipfeln in der Literatur
Wegen seines mysteriösen Todes er- Fernsehserie nach dem 1937 erschie- R. ASSKAMp / K. JAnSEn, Triumph ohne Sieg? Roms
Ende in Germanien (2017).
fuhr Germanicus vielfach Beachtung. nenen Roman von Robert Ranke-Gra-
G. BOnAMEnTE / M. p. SEGOLOni, Germanico (1987).
Ein Gemälde von Nicolas Poussin ves Ich, Claudius, Kaiser und Gott,
W. BREpOHL, Arminius gegen Germanicus. Der Germa-
stellt seinen Tod dar: Es zeigt den auf welche die BBC 1976 produzierte. nicus-Feldzug im Jahre 16 n. Chr. und seine Hintergründe
(2008).
seinem Bett liegenden Sterbenden, Die Darstellung des Prozesses gegen
S. BURMEiSTER / J. ROTTMAnn, ich, Germanicus, Feld-
der Familienangehörigen, Freunden Piso folgt der Schilderung des Tacitus herr, priester Superstar (2015).
und Soldaten letzte Worte zuspricht innerhalb einer schwülstigen Verfil- W. ECK / A. CABALLOS / F. FERnÁnDEz, Das Senatus
(Abb. 6). Eine andere Szene schil- mung viktorianischen Stiles. Über- consultum de Cn. pisone patre (1996).

derte im Jahre 1839 William Turner treibungen und Anpassungen an den D. HEnniG, zur Ägyptenreise des Germanicus, in:
Chiron 2 (1972) 349–365.
auf einem duftigen Bild mit dem Ti- Publikumsgeschmack gemahnen im
W. D. LEBEK, Der prokonsulat des Germanicus und die
tel «Agrippina die Ältere bringt die Buch an die krisenhaften 30er Jahre Auctoritas des Senats, Tab. Siar., frg. i 22–24, in:
zeitschrift für papyrologie und Epigraphik 87 (1991)
Urne mit der Asche des Germanicus des 20. Jhs., im Film an die vollmun- 103–124.
nach Rom». Im Jahre 1870 malte Karl digen 70er. Ob Germanicus und sein G. MCinTYRE, Uniting the Army: the Use of Rituals
von Piloty den Triumphzug mit Thus- Tod auch in Zukunft Beachtung fin- Commemorating Germanicus to Create an imperial iden-
tity, in: imperial identities in the Roman World (2017)
nelda in der Mitte: Dieses Bild hing in den werden, erscheint aber fraglich. 78–92.

dem vom deutschen Reich beschick- C. S. MACKAY, Quaestiones Pisonianae. procedural


and Chronological notes on the «S.C. de Cn. pisone patre»,
ten Gebäude in der Wiener Weltaus- in: Harvard Studies in Classical philology 101 (2003)
311–370.
stellung von 1873. Adresse des Autors
Für Germanicus wie Arminius wur- prof. Dr. Wolfgang Kuhoff C. pELLinG, Tacitus and Germanicus, in: Tacitus and the
institut für Europäische Kulturgeschichte Tacitean Tradition (1993) 59–85.
den außerdem Opern, jedoch von kaum Universität Augsburg
Eichleitnerstraße 30 Y. RiViÈRE, Germanicus. prince romain 15 av. J.-C.–
bekannten Komponisten, geschaffen, D-86159 Augsburg 19 apr. J.-C. (2016).

die 1704, 1744, 1749 und 1781 urauf- T. SCHMiTT, Die drei Bögen für Germanicus und die
Bildnachweis römische politik in frühtiberischer zeit, in: Rivista Storica
geführt wurden; 1881 beendete «Thus- dell’Antichità 27 (1997) 73–137.
Abb. 1: Bernard Bonnefon / akg-images; 2: akg-images;
nelda und der Triumphzug des Ger- 3 a: Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten B. WEiSSER, Germanicus als Mitglied der augusteischen
Hessen, Schloss Erbach; 3 b: akg-images / De Agostini Familie und zwilling des Drusus minor. Lebenszeitliche
manicus» von Karl Grammann nach picture Lib. / A. De Gregorio; 4: Münzkabinett der Staat- Münzbilder zwischen 4 und 19 n. Chr., in: Augustus ist tot –
dem Vorbild von Pilotys Gemälde diese lichen Museen zu Berlin – preußischer Kulturbesitz, Fo- Lang lebe der Kaiser! (2017) 71–90.
tograf: Reinhard Saczewski; 5: Archäologisches Museum,
Reihe. Sevilla (Record no. 948); 6: akg-images / Erich Lessing.

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12. Oktober 2019


bis
12. April 2020

Stadt
Land Römer am Archäologisches Landesmuseum
Baden-Württemberg

Fluss
Bodensee Benediktinerplatz 5, 78467 Konstanz
www.konstanz.alm-bw.de
Geöffnet: Di-So u. feiertags 10-18 Uhr

75
ü
ANTIKE WELT 6/19
KULTUS UND LUXUS IN POMPEJI
Zwei Silberbecher mit ägyptischer Dekoration

Kunstwerke ägyptischer Themen und Stile tauchen nicht nur im pharaonischen Ägypten auf,
sondern waren auch im Römischen Reich weit verbreitet. In der Forschung werden die
außerhalb Ägyptens gefundenen ägyptischen Objekte traditionell als «ägyptisierend» be-
zeichnet, um klarzumachen, dass sie nicht aus Ägypten stammen. Der Begriff jedoch täuscht.

von Stephanie Pearson und den Römern selbst mehr oder den, obwohl man gleichzeitig ver-
weniger egal gewesen zu sein scheint sucht, sie von «ägyptischen» Objekten

«Ä gyptisierend» suggeriert einen


Unterschied zwischen Objekten
ägyptischer und nicht-ägyptischer Her-
(wie von Molly Swetnam-Burland
demonstriert). Hinzu kommt, dass
«ägyptisierende» Objekte prinzipiell
zu trennen. Paradoxerweise kann das
Festhalten an der ägyptischen Ikono-
grafie schnell ins Leere führen, weil
stellung, der allerdings selbst für For- mit Bezug auf ägyptische Vorbilder dadurch vom eigentlichen römischen
scher nicht immer identifizierbar ist – pharaonischer Zeit untersucht wer- Kontext abgelenkt wird.

Abb. 1 a.b Zwei Silberbecher mit ägyptischer Dekoration, nah an der pompejanischen Großen Palästra gefunden (Museo Archeologico Nazionale di
Napoli, Inv.-Nr. 6045; 6044).

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 2 Ein Plan der Südost-Ecke Pompejis zeigt die Stadtmauer


(u. und r.), das Amphitheater, die Große Palaestra, das «Haus
des Octavius Quartio» und die «Praedia der Julia Felix». Der un-
gefähre Fundort der Silberbecher ist gelb markiert.

Noch problematischer ist, dass die sinnleer gehalten – ein simples, de- diese Faktoren lohnt sich eine tiefere
in Ägypten gesuchten Vorbilder oft koratives Stück, welches dem Mode- Analyse, die sowohl die Becher un-
kultischen Zwecken dienten, deren trend der »Ägyptomanie» zugeordnet tersucht als auch die Methoden der
Bedeutung einfach auf die römischen wird. Doch dies ist keine zufriedenstel- Kunstgeschichte hinterfragt.
Objekte transponiert wird. Aber viele lende Erklärung, denn Dekoration und
Aspekte des ägyptischen Kults wur- Mode bilden genau das soziale Phäno- Künstlerische Kultszenen
den zu späteren Zeiten anderswo im men, das zu erklären ist: Warum war Seit ihrer Entdeckung 1939 sind die
Römischen Reich nicht fortgesetzt. dies modisch? Was wollten die Römer Becher wegen der auf den Isis-Kult
Dass ein Objekt dem Kult diente, erreichen, wenn sie ägyptische Kult- bezogenen Dekoration als kultische
kann nicht auf alleiniger Basis der szenen auf Prunkgefäßen und vielen Objekte bezeichnet worden. Die In-
ägyptischen Ikonografie vorausge- anderen Objekten darstellten – ohne, terpretation des Ausgräbers Amedeo
setzt, sondern muss kritisch hinter- dass die Objekte unbedingt in religiö- Maiuri in diese Richtung wiederholt
fragt werden. Ein in Italien gefunde- sen Riten verwendet wurden? sich in den späteren Beiträgen, erst
nes Stück muss also nicht im Kontext Etwas Licht auf diese Fragen kön- von dem an der Fotothek des Deut-
des pharaonischen Ägypten, sondern nen zwei Silberbecher aus Pompeji schen Archäologischen Instituts in
in dem des kaiserzeitlichen Rom ana- werfen (Abb. 1 a.b). Über die Ikono- Rom beschäftigten Heinrich Fuhr-
lysiert werden. grafie des Reliefschmucks hinaus sind mann, später in dem von Ermanno
Zugleich darf eine nicht-kultische die Becher noch nie untersucht wor- Arslan 1997 herausgegebenen Mam-
Bedeutung nicht gleich als bloß «mo- den. Als hervorragende Exemplare mutwerk Iside zu den archäologischen
disch» abgewertet werden, wie es der Gattung römischer Prunkgefäße Überresten des Isis-Kultes im Mit-
heute oft der Fall ist. Weist ein Objekt sind sie bisher nicht in Betracht ge- telmeeraum und zuletzt im Ausstel-
Unterschiede zu den angenomme- zogen worden. Zudem ist ihr Fundort lungskatalog Storie da un’eruzione.
nen ikonografischen Vorbildern auf, bekannt – keineswegs selbstverständ- Amedeo Maiuris Ausgrabungen 1939
wird es als «missverstanden» bezeich- lich angesichts der Ausgrabungsge- brachten die Silberbecher an der Ost-
net und nicht für kultisch, sondern für schichte Pompejis. Im Hinblick auf seite der Großen Palästra zu Tage. Sie

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ANTIKE WELT 6/19
KulTuS unD luxuS In POmPejI – Zwei Silberbecher mit ägyptischer Dekoration

wurden 11 m von dem zentralen Ein- des terminus ante quem des Vulkan- ette eines schwer zu identifizierenden
gang zur Gymnasiumsfläche entfernt ausbruches 79 n. Chr. wahrscheinlich. Tieres – von Fuhrmann als Geier, von
gefunden, und damit auch unweit vom Die Szenen auf beiden Bechern Maiuri als Manguste interpretiert.
westlichen Eingang zum benachbar- umfassen jeweils zwei Figuren (eine Der Blick der Frau ist auf eine selt-
ten Amphitheater (Abb. 2). Die knapp männliche und eine weibliche), einen same architektonische Struktur ge-
unter 11 cm großen Becher wurden Altar und ein weiteres heiliges Objekt. richtet (Abb. 3). Eine Palme stützt eine
neben der Hüfte eines vor dem Vul- Auf dem etwas besser erhaltenen Be- halbhohe Trennwand und ein Gesims,
kanausbruch geflüchteten Mannes cher (vgl. Abb. 1 a) trägt die weibliche auf dem eine Stützfigur steht. Der
gefunden, zusammen mit einem gol- Gestalt ein um die Hüfte geknotetes Ge- große Kopf, der gerundete Bauch und
denen, mit grünem Stein verzierten wand sowie eine Kopfbedeckung, die die breiten Oberschenkel der Figur
Ring. Einer der Becher war sorgfältig trotz geläufiger Deutung nicht mit ei- sowie ihre dynamischen Arme mögen
in den anderen gesetzt worden – si- ner Uräusschlange gekrönt ist, sondern auf eine jugendliche Figur hinweisen,
cherlich ein Versuch, die prächtigen aus einer ganzen, durch einen paddel- denn sie ist zu schlank und elegant für
Reliefs, einst mit Vergoldung verse- förmigen Schwanz und gerundeten eine Bes-Figur, den tanzenden Zwerg-
hen, zu schützen. Das von Maiuri vor- Schnabel erkennbaren Ente besteht. gott Ägyptens. Oberhalb der Figur ste-
geschlagene Herstellungsdatum im Korkenzieherlocken, eine mit Isis asso- hen ein bauchiges Gefäß und das linke
1. Jh. n. Chr. scheint angesichts des ziierte Frisur, treten unter ihrer Kopfbe- Ende eines Torbogens. Fünf hohe Stu-
Stils und der Form der Becher sowie deckung hervor. Die Frau hält die Statu- fen sind innerhalb des Torbogens zu
erkennen.
Rechts von dieser Konstruktion steht
ein glatzköpfiger Mann, der in seinen
Abb. 3 Die Palme und der Torbogen mit Stützfigur auf dem Becher 6045. verhüllten Armen einen großen Krug
mit weit nach oben gestrecktem Hen-
kel hält (Abb. 4 a.b). Hinter ihm steht
ein pilzförmiger Altar auf großem
Sockel und drei Stufen. Darauf hockt
ein schwer zu identifizierender Vo-
gel. Die zottigen Federn des Unterkör-
pers könnten einem Hahn gehören, der
schlichte Flügel und die Körperhaltung
jedoch einem Raubvogel – und das Ge-
sicht einem bärtigen Mann. Menschen-
köpfige Hähne in der Antike sind von
S. Voegtle untersucht worden, sie sind
allerdings in der Regel mit Hahnen-
kamm und Schwanzfedern, aber kei-
nen weiteren Attributen versehen. Im
Gegenteil dazu trägt unser Vogel eine
Lederkappe, die mit einem Sichelmond
geschmückt ist, und eine Glocke um
den Hals. Eventuell ist der Vogel von
ägyptischen Darstellungen des Ba-Vo-
gels abgeleitet, dem menschenköpfi-
gen Symbol der Seele, dessen gewöhn-
licher Kettenanhänger in Form eines
Djed-Pfeilers hier in eine Glocke und
dessen Perücke in eine Lederkappe
umgewandelt sein mag.
Die weibliche Gestalt auf dem zwei-
ten Becher hält einen gerundeten, mit
Nippel versehenen Eimer, eine sog. si-

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

Abb. 4 a.b Ein Mann mit Krug zählt zu den bekannten Motiven des Isis-Kults in Rom. Der menschenköpfige Vogel auf pilzförmigem Altar hingegen ist
ein Unikat.

tula (vgl. Abb. 1 b). In der Rechten hält ist die Kopfbedeckung wohl als Son- in der Wandmalerei des pompejani-
sie das Musikinstrument der Isis, die nenscheibe, das Tier also als heiliger schen Iseums. Gleichfalls gilt der ra-
Rassel namens sistrum, zum Klappern Apis-Stier zu deuten. Rechts der Sta- sierte Kopf als übliches Attribut eines
in die Höhe. Auf dem Kopf ist wieder tuenbasis steht ein Altar mit kurvigem männlichen Angehörigen des Isis-
keine Uräusschlange zu sehen, sondern Oberteil alexandrinischer Form, noch- Kults, oft verbunden mit dem Mo-
eine Sonnenscheibe zwischen Kuhhör- mal in Dreiviertel-Perspektive darge- tiv des Haltens mit verhüllten Hän-
nern, eine Kopfbedeckung der Göttin. stellt. den, wie bei den columnae caelatae,
Der Blick dieser Figur zielt auf einen den reliefgeschmückten Säulen in
hinter ihr stehenden, in Dreiviertelpro- Kultszenen außerhalb des den Kapitolinischen Museen. Schrift-
fil dargestellten Altar. Neben Voluten- kultischen Kontextes lich ist der rasierte Kopf in Apuleius’
fuß und Girlande ist ein Krokodil mit Wie Maiuri schon anmerkte, beziehen Metamorphosen, in denen die Auf-
nach oben gerichtetem Maul und Wein- sich die Darstellungen auf beiden Be- nahme eines Neulings in den Isis-Kult
kanne auf dem Rücken zu erkennen. chern auf den Isis-Kult. Die verehrten beschrieben wird, mehrfach nachge-
Rechts hält ein glatzköpfiger Mann Tiere – Vogel, Stier, Krokodil – sind wiesen (2,28. 11,10. 11,28. 11,30).
mit verhüllten Händen ein beschädig- durch andere archäologische Quellen Im Hinblick auf die Dekoration
tes Objekt, laut Fuhrmann «eine Ka- im kultischen Kontext bekannt. Im schloss Maiuri seinen Bericht wie
nope [Gefäß] mit menschlichem Kopf». pompejanischen Iseum z. B. befinden folgt: «Dies war ein Geflüchteter, der
Bloß der runde obere Teil mit Schmü- sich diese Tiere in den Wandmale- vielmehr zwei kultische Gefäße als
ckung (evtl. eine Lotusblüte, welche die reien des inneren Schreins, das Kro- zwei teure Objekte mit sich trug, und
Römer gern auf ihre ägyptischen Figu- kodil in Malereien auch anderswo im es liegt nahe, dass er ein Angehöriger
ren setzten) bleibt sichtbar. Heiligtum. Das von der weiblichen des Isis-Kults war.» Dieser Schluss ist
Schließlich folgt die Statue eines Figur gehaltene sistrum ist als Gerät jedoch höchst problematisch, denn De-
Stieres auf sehr hoher Basis. Auch hier des Isis-Kults gut belegt, u. a. wieder koration ist letztlich kein direkter Hin-

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ANTIKE WELT 6/19
KulTuS unD luxuS In POmPejI – Zwei Silberbecher mit ägyptischer Dekoration

Abb. 5 Ebenfalls aus Pompeji, eine silberne Situla hat ikonographische Ähnlichkeiten zu den Silberbechern (Museum Ägyptischer
Kunst, München, Ant. WAF 512).

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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

weis auf Funktion. Die Dekoration ei- Helm, Schild und wallendem Gewand lichen Transsubstantiation. Wiederum
nes Objektes muss die Funktion nicht schwebt auf den Fußspitzen zwischen kann ein Objekt mit «kultischer» De-
zwingend widerspiegeln, sondern zwei Altären. Ähnlich ist der Silber- koration nicht-kultischen Zwecken ge-
kann sie auch ergänzen oder komple- becher aus Vicarello in Italien, des- dient haben, wie die sakral-idyllischen
mentieren. Während dieses Prinzip in sen elegante, in Repousse ausgearbei- Szenen auf römischem Silbergedeck
der kunsthistorischen Forschung ge- tete Dekoration eine kultische Szene und Wandmalereien. Selbst die Göt-
nerell akzeptiert wird, werden ägyp- mit Herme, Satyr und Mänade dar- terstatuen, die in pompejanischen Gär-
tische Objekte in Rom anhand ihrer stellt (H 12,2 cm; Abb. 7). Zusammen ten ausgestellt wurden, spielten keine
Dekoration immer wieder als kultisch mit anderen Gelage-typischen Gefäßen direkte Rolle in religiösen Riten – vom
interpretiert (etwa von Arslan). wurde der Vicarello-Becher in einem Gebüsch umgeben, waren sie nur be-
Manchmal wollte man gewiss eine Apollo-Heiligtum gefunden. Auffällig grenzt sichtbar oder zugänglich. Viel-
passende Dekoration gerade für Kult- ist dabei erneut, dass die Dekoration mehr haben sie eine erhabene Atmo-
objekte schaffen, wie im Fall des be- dieses Bechers nicht spezifisch auf sphäre geschaffen und den Garten zu
kannten Vergleichsstücks für die pom- den kultischen Zweck hinweist. Statt- einem luxuriösen Entspannungsort ge-
pejanischen Becher, der Münchner dessen stellt sie die für Bankettgefäße macht. Das Sakrale gehörte dazu, wie
situla, gleichfalls aus Pompeji (Abb. 5). beliebte sakral-idyllische Szene mit auch in bukolischen Gedichten zu se-
Eine weibliche Figur mit entenförmi- (nicht-apollinischen) mythologischen hen ist. Natürlich würden dieselben
ger Kopfbedeckung und Tierstatuette Wesen dar, ähnlich der Silbergedecke Götterstatuen eine ganz andere, tat-
ähnelt der Figur auf einem der Becher aus Boscoreale und dem «Haus des sächlich kultische Bedeutung aufwei-
und steht neben einer Tierstatue auf Menander». sen, wenn sie innerhalb eines Heilig-
hoher Basis und Altar wie auf dem An- Nicht die Dekoration, sondern nur tums stehen würden. Die Bedeutung
deren. Da hören die Gemeinsamkeiten der Kontext kann die kultische Anwen- ist zwangsläufig kontextabhängig. In
aber bereits auf, denn die Gefäßform dung eines Objektes bezeugen, denn dieser Hinsicht sind die ägyptischen
sowie die ziselierte Technik und die letztlich ist der Gebrauch das Einzige, Skulpturen im römischen Haus kei-
Kunstfertigkeit der Ausführung sind was ein Objekt kultisch macht. Selbst neswegs anders als die griechischen,
völlig anders. Der Unterschied der alltägliche Objekte können kultisch deren dekorative Rolle Christopher
Form ist verständlich, weil die situla werden, wenn sie in Kulten verwen- Hallett jüngst erläutert hat. Dass die
ein bekanntes Kultgefäß ist (Apuleius det werden, wie das Brot in der christ- Römer durch alle diese Kunstwerke
erwähnt ein Kultgefäß in Form einer
runden Brust – in modum papillae
rutundatum; (11,10), wobei die Form
der Becher keine eindeutige kultische
Assoziation besitzt. Die situla als kul-
tisch zu deuten basiert also nicht nur
auf der Dekoration, sondern auch auf
der Gefäßform – und dem Kontext,
denn die situla wurde unweit des Isis-
Tempels gefunden. Die kultische Be-
deutung des Gefäßes ruht also auf drei
Aspekten: der Ikonografie, der Form
und dem Kontext.
Im Gegensatz dazu gehört die Ge-
fäßform der Becher vielmehr zum Ge-
lage des 1. Jhs. v. und 1. Jhs. n. Chr. Ein
Silberbecher aus Herculaneum ist in Abb. 6
Form und Reliefdekoration ähnlich, Vergleichbar in Form,
wenn auch etwas kleiner (H 9,4 cm) Größe, Material und äthe-
rischer Kultszene ist ein
und breiter (10,1 cm statt 7,5 cm; Silberbecher aus Hercula-
Abb. 6). Er ist mit einer nicht-ägypti- neum, der heute nur noch
in einer Zeichnung des
schen, aber trotzdem sakralen Szene bourbonischen Objektkata-
geschmückt. Eine männliche Figur mit loges erhalten ist.

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ANTIKE WELT 6/19
KulTuS unD luxuS In POmPejI – Zwei Silberbecher mit ägyptischer Dekoration

ein religiöses Ambiente und gerade geflüchtete Besitzer zählt zu den 80 gigen Schlange (Inv.-Nr. 6131), einen
keinen Kultort schaffen wollten, ver- bis 100 Skeletten, die in und um die mit der Göttin Ceres geschmückten
kompliziert gewiss die Interpretation Palästra ausgegraben wurden. Viele eisernen Fingerring (6119), und eine
ihrer materiellen Kultur – stellt aber von diesen trugen teure Objekte mit silberne Fibel (6120). Eine Person ne-
dennoch keine unüberwindbare Hürde sich, die auf keinen Fall zurückge- ben ihr trug einen Hort von 27 bron-
dar. Der Blick wird bloß gezielter auf lassen werden sollten. Vor dem Tor I zenen Münzen, eine andere ein kost-
den Kontext gelenkt. der Palästra, etwa 70 m südlich des bares chirurgisches Instrumentarium.
die Silberbecher tragenden Mannes, Solche Wertsachen zeugen von einem
Im Kontext der Katastrophe trug eine Frau ihre kostbarsten Ge- weit verbreiteten Wunsch, etwas fi-
Was ist also über den Kontext der Sil- genstände: einen Hort von 131 silber- nanzielle Sicherheit mit sich in die un-
berbecher bekannt? Die Becher samt nen Denarii und einem Aureus sowie gewisse Zukunft zu bringen. Dass ein
Leichnam wurden vor dem Tor III der ein enorm schweres silbernes Arm- Mann die Silberbecher also für würdig
Palästra gefunden (vgl. Abb. 2). Der band (558 g) in Form einer goldäu- hielt, gerettet zu werden, liegt nicht
unbedingt in dem Glauben eines Kult-
angehörigen begründet, sondern im
Abb. 7 Aus Vicarello kommt ein Silberbecher mit griechisch-mythologischen Szenen, deren sakra- Verhalten eines sich in lebensbedroh-
ler Charakter dem der pompejanischen Becher ähnelt. licher Situation befindlichen Mannes.
Leider spiegelt diese Fluchtsitua-
tion keinen Kontext wider, in dem
die Becher normalerweise verwen-
det worden wären. Maiuri versuchte,
den Fundort mit zwei damals für kul-
tisch gehaltenen Häusern nördlich der
Palästra zu verbinden: zum einen mit
den «Praedia der Julia Felix», zum an-
deren mit dem «Haus des Octavius
Quartio». Mittlerweile hat sich das
Verständnis beider Häuser allerdings
verändert, denn sie werden nun nicht
mehr für kultisch gehalten (beispiels-
weise von Lorenz). Das «Haus des Oc-
tavius Quartio» war einerseits anhand
einer Handvoll Stücke der Gartende-
koration ägyptischen Inhalts und an-
dererseits einer Wandmalerei mit der
Darstellung eines Isis-Priesters zwar
lange als Eigentum eines solchen in-
terpretiert worden. Jetzt wird es aber
als eines von vielen mit ägyptischen
Elementen geschmückten Häusern
verstanden, unabhängig von religiö-
sem Glauben. Das Gut der Julia Felix
enthält seinerseits einen den ägypti-
schen Gottheiten gewidmeten Schrein
und zugleich aber auch viele Emp-
fangsbereiche, die wohl mit silbernen
Bankettgefäßen ausgestattet waren.
Auffällig ist der luxuriöse Gelageraum
mit Brunnen und nilotischen Wand-
malereien, deren Pygmäen und Kro-
kodile mit der Ikonographie der Sil-

82
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ANTIKE WELT 6/19
THEMENPANORAMA

berbecher harmoniert hätten. Nach haben, um ihr Leben zu bereichern, ist Bildnachweis
wie vor bleibt das größte Problem, längst bekannt. Nun müssen wir aner- Abb. 1. 3. 4: mit freundlicher erlaubnis des Ministero per i
Beni e le Attività Culturali – Museo Archeologico
dass es unbekannt ist, ob der Mann kennen, dass sie das Gleiche mit ägyp- Nazionale di Napoli; 2: nach maiuri; 2. 5: © Staatliches
museum Ägyptischer Kunst, münchen. Foto: marianne
mit den zwei Bechern von irgendei- tischen Darstellungen gemacht haben. Franke; 6: nach A. niccolini (Hrsg.) Real museo borbo-
nico xI (1823–68) Taf. 45; 7: Creative Commons
nem dieser Gebäude geflohen ist oder Anders als die griechischen Darstel- (CC0 1.0), Cleveland museum of Art Objektnr. 1966.371.
von einem anderen Ort in der Stadt. lungen bekamen diese Bilder noch
Die wichtigste Erkenntnis lässt sich dazu eine spannende Frische und Ak- Literatur

auch ohne einen sicheren Kontext er- tualität durch die nach 31 v. Chr. ge- e. A. ARSlAn (Hrsg.), Iside. Il mito – Il mistero – la ma-
gia (1997).
schließen. Wenn ägyptische Ikonogra- schehenen Ereignisse – den Triumph-
H. FuHRmAnn, Archäologische Grabungen und Funde
fie im Imperium Romanum nicht unbe- zug anlässlich Ägyptens Eroberung in Italien und libyen. Oktober 1939 – Oktober 1941,
in: AA 56 (1941) 328–734.
dingt auf kultische Funktion hinweist, sowie die daraus entstandenen neuen
j. GRIFFIn, The mirror of myth: Classical Themes and
wozu diente sie dann? Hier bietet der Handelswege (diskutiert im Buch der Variations (1986).
Trinkbecher aus Vicarello einen nütz- Autorin). Dieser historische Hinter- P. G. GuZZO (Hrsg.), Storie da un‘eruzione: Pompei,
lichen Vergleich (vgl. Abb. 7). Seine grund der pompejanischen Becher ist ercolano, Oplontis (2003).

griechisch-mythologischen Szenen ver- genauso spannend und aussagekräftig C. H. HAlleTT, Sculpture: Statues, Busts, and Other
Villa Furnishings of Bronze and of marble, in: K. lapatin
suchen keine Realität widerzuspie- wie ein kultischer – und anhand der (Hrsg.), Buried by Vesuvius: The Villa dei Papiri at Her-
culaneum (2019) 71–97.
geln. Ganz im Gegenteil: Die lebendige vorhandenen Daten mindestens ge-
K. lORenZ, Ägypten in Pompeji (Kat. 364-369), in:
Herme, die halbnackte Betende und nauso wahrscheinlich. H. Beck / P. C. Bo / m. Bückling (Hrsg.), Ägypten – Grie-
der Satyr beschwören eine unwirkli- chenland – Rom. Abwehr und Berührung (2005)
446–450.
che und zugleich sakrale Welt herauf.
A. mAIuRI, Pompei – Scavo della «Grande Palestra» nel
Dadurch rückt die Szene in eine edlere quartiere dell’Anfiteatro (a. 1935–1939), in: ndS (1939)
165–238.
Sphäre als die irdische. Diese römi-
S. PeARSOn, The Triumph and Trade of egyptian Objects
sche Anwendung griechischer Mytho- in Rome (in Bearbeitung).
logie in verschiedensten Lebenswel- Adresse der Autorin
m. SWeTnAm-BuRlAnD, egypt in Italy: Visions of egypt
Dr. Stephanie Pearson in Roman Imperial Culture (2015).
ten ist von Jasper Griffin ausführlich Institut für Archäologie
lehrbereich Klassische Archäologie – S. VOeGTle, A Grotesque Terracotta Figurine of the First
erforscht worden. Dass sich die Rö- Winckelmann-Institut Century C.e. from muralto, Ticino, Switzerland: Function,
mer mit solchen imaginär-religiösen Humboldt-universität zu Berlin use, and meaning, in: les Carnets de l’ACoSt (2016).
unter den linden 6
griechischen Darstellungen umgeben D-10099 Berlin

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ANTIKE WELT 6/19
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ü
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Der ›Archäologische Kalender‹ ist legendär. Die Kuratoren des Museums für Kunst
und Gewerbe in Hamburg haben für Sie die schönsten Motive der antiken Kulturge-
schichte ausgewählt und erzählen ihre Geschichte. Stilvoll, facettenreich und span-
nend. Statuen, Vasen, Schmuckstücke oder Gemälde: Jedes einzelne dieser antiken
Kunstwerke wird in dem zweiwöchigen Kalender zu einem Fest für die Augen und -
mit seiner genauen kunstgeschichtlichen Erklärung auf den Rückseiten - zu einer
beeindruckenden Reise in die größten Hochkulturen des Altertums.

Archäologischer Kalender 2020


2019. 24 S. mit 24 farb. Abb., 24 x 32,5 cm, Spiralbindung.
wbg Zabern, Darmstadt.
20,– € | ISBN: 978-3-8053-5181-2

Inter- Katalog
nationaler zur Ausstellung.
Bestseller. Über
in 5 Sprachen 700 Seiten
übersetzt
Angelos Chaniotis Hrsg. vom LWL-Museum für Klaus-Jürgen Bremm
Die Öffnung der Welt Archäologie, Westfälisches Landesmuseum, 70/71
Eine Globalgeschichte des Hellenismus Herne; Stefan Leenen, Alexander Berner, Sandra Maus Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen
2019. 544 S. mit 38 s/w Abb. und 8 Kt., Pest! 2019. 336 S. mit 27 s/w Abb. und Karten, geb. mit SU.
Zeittafel, Bibliogr. und Reg., 15,5 x 23 cm, geb. mit SU. Der archäologische Führer wbg Theiss, Darmstadt.
wbg Theiss, Darmstadt. 2019. 696 S. mit etwa 700 farb. Abb., Bibliogr., 24 x 30 cm, 25,– € | ISBN: 978-3-8062-4019-1
35,– € | ISBN: 978-3-8062-3993-5 geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.
40,– € | ISBN: 978-3-8062-3996-6

Ein
Sammler-
stück
von Rang

Pedro Barceló Peter Goodfellow In Zusammenarbeit mit Margaret Sironval


Die Alte Welt Pflanzen und Tiere im Heiligen Land Tausendundeine Nacht
Von Land und Meer, Herrschaft und Krieg, Eine illustrierte Naturgeschichte der Bibel 2019. 496 Seiten mit 450 farb. Abb., 25,5 x 32 cm, Fadenh.,
Mythos, Kult und Erlösung 2019. 184 S. mit 3 Karten und 100 farb. Abb., Bibliogr. und Reg., Luxusedition in Kassette mit Leinenbezug und Goldprägung.
2019. Etwa 704 S. mit 71 s/w Abb. und 10 Kt., Bibliogr. 20,3 x 24,6 cm, geb. mit SU, wbg Theiss, Darmstadt. wbg Edition, Darmstadt.
und Reg., 15,5 x 23 cm, geb. mit SU und Lesebänd. 32,– € | ISBN: 978-3-8062-3959-1 150,– € | ISBN: 978-3-534-27131-3
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35,– € | ISBN: 978-3-8053-5186-7
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wbg 64281 Darmstadt
ü
Abb. 1 Neu und spannend aufgestellt: Das Museum im Ritterhaus ist Sieger des Lotto-Museumspreises Baden-Württemberg 2019.

MUSEUM IM RITTERHAUS OFFENBURG


Verdammt lang her …! Archäologie der Ortenau

as Museum im Ritterhaus wurde Bereits der erste Museumsleiter Carl lang her!». Sie zeigt die Archäologie
D 1900 als «Museum für Natur-
und Völkerkunde» gegründet und
Frowin Mayer legte die archäologische
Sammlung an und brachte auch auf-
der Region von der Steinzeit bis in die
Zeit der Alamannen und berücksichtigt
befindet sich heute in dem ehemali- sehenerregende Objekte ins Museum, dabei die aktuellen Forschungsaspekte.
gen Gebäude der Ortenauer Reichs- z. B. einen alamannischen Baumsarg aus Spannende Fragen sollen das Interesse
ritterschaft (Abb. 1). Die Sammlung Oberflacht im Kreis Tuttlingen (Abb. 2). der Besucher*innen wecken: «Was
ist facettenreich: Neben archäologi- Sein Nachfolger Dr. Ernst Batzer wei- bedeuten die Schatzfunde aus der
schen Ausgrabungsstücken wird in tete diese Sammlungstätigkeit aus, Bronzezeit?», «Wie änderte sich das
zwei Abteilungen Offenburger Stadt- führte eigene Grabungen durch und tägliche Leben nach der römischen
geschichte präsentiert. Ungewöhnlich ergänzte fehlende steinzeitliche Funde Okkupation?» und «Wer bewohnte
für ein Stadtmuseum sind die kolonial- aus dem Bodenseeraum. Schwerpunkt die rätselhaften Höhensiedlungen der
zeitliche ethnographische Sammlung waren aber stets die Funde aus Offen- Spätantike am Rande des Schwarz-
und die Großwildtrophäen der Samm- burg und der Ortenau. walds?».
lung Cron sowie die Naturkundeabtei- Die archäologische Ausstellung des Rund 100 Leihgaben aus dem Archäo-
lung, die ein interaktiver Erlebnisraum Museums wurde 2016 neu gestaltet logischen Fundarchiv Baden-Württem-
für alle Generationen ist. und trägt nun den Titel «Verdammt berg bereichern die Ausstellung und

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ANTIKE WELT 6/19
M U S E E N I N A L L E R W E LT

veranschaulichen zentrale Einzelthe-


men. Wichtige Funde aus Offenburg
und der Umgebung, Bronzen, Kerami-
ken und Schmuck, dokumentieren so
die Grabungstätigkeit der vergange-
nen Jahrzehnte.
Die Präsentation rückt aber auch
die archäologische Arbeit in den Fo-
kus und versucht, die Besucher*innen
für archäologische Arbeitstechniken
und Herangehensweisen zu sensibili-
sieren. Zusätzlich greifen Hands-On-
Stationen, anschauliche Lebensbilder
und eine Medienstation verschiedene
Aspekte der Ausstellung auf. Sie la-
den zum Mitmachen und Ausprobie-
ren ein und bieten so die Möglichkeit,
das erlernte Wissen zu vertiefen. So Abb. 2 Das Gräberfeld in Oberflacht/Tuttlingen wurde bereits 1810 entdeckt und in mehreren 
kann z. B. eine Terra-Sigillata-Schale Kampagnen ab 1832 ausgegraben.

Abb. 3 Während das Original in der Vitrine zu besichtigen ist, können sich die Besucher*innen an der Hands-On-Station als Restaurator betätigen.

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ANTIKE WELT 6/19
MUSEUM IM RIT TERHAUS OFFENBURG – Verdammt lang her …! Archäologie der Ortenau

als Nachbildung zusammengesetzt und fem Blau und setzt einen deutlichen lassenschaften bestätigt. Ein Phäno-
zugleich im Original in einer Vitrine Farbakzent. men, das selbst römischen Geschichts-
zum Alltagsleben der Römer betrach- Lange vor der Gründung der mit- schreibern erwähnenswert schien. Ab
tet werden (Abb. 3). telalterlichen Stadt Offenburg wurde der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. fanden
Der Raum ist anspruchsvoll und der Ort von Menschen aufgesucht. Die sich wieder neue Siedler ein. Die Grup-
durchdacht gestaltet: Nach einer klei- verkehrsgünstige Lage am Ausgang des pen bezeichneten sich als Suebi – Su-
nen Einführung in die archäologischen Kinzigtals und die fruchtbaren Löss- eben, wie Grabinschriften des 1. und
Datierungsarten zeigt die chronolo- böden der Vorbergzone boten bevor- 2. Jhs. n. Chr. bezeugen. Archäologische
gisch angelegte Ausstellung, welche zugte Siedlungsplätze. Das Wissen über Funde belegen die kulturellen Bezüge
Entwicklungen sich anhand der Funde die ur- und frühgeschichtliche Zeit ba- in die Gebiete zwischen Norddeutsch-
konstatieren lassen. Großformatige Bil- siert maßgeblich auf archäologischen land und Böhmen. Zwei große Bestat-
der vor den Fenstern, die zugleich als Quellen. In Offenburg ist der For- tungsplätze mit Brandgräbern wurden
Lichtschutz funktionieren, vermitteln schungsstand jedoch noch lückenhaft. u. a. in Diersheim entdeckt und waren
steinzeitliche Herstellungstechniken oder Nur Zufallsfunde beleuchten die frü- Gegenstand einer mehrjährigen For-
zeigen Grabungsdokumentationen. Der hen Epochen. Die ältesten Siedlungs- schungsgrabung; in Offenburg ist eines
Boden ist in Bundsandstein gehalten, spuren aus dem Altstadtgebiet stam- dieser Grabinventare zu sehen.
in den an einer Stelle ein nachempfun- men aus der Zeit um 500 v. Chr. Rund 200 Jahre lang war die Orte-
denes römisches Mosaik eingepasst Im 1. Jh. v. Chr. wurden sämtliche nau Teil des Römischen Reichs. Römi-
ist. Die weißen Wände lassen Bilder Siedlungen rechts des Rheins in Süd- sche Legionen und Hilfstruppen wa-
und Texte in den Vordergrund treten westdeutschland aufgegeben. Die Or- ren in Offenburg, Rammersweier
(Abb. 4). Nur die Wand mit dem römi- tenau war Niemandsland, was jegliches und Zunsweier stationiert: Inschrif-
schen Götterhimmel erstrahlt in tie- Fehlen von archäologischen Hinter- ten und archäologische Funde belegen

Abb. 4 Die Ausstellung «Verdammt lang her!» zeigt die Archäologie der Region von der Steinzeit bis in die Zeit der Alamannen und berücksichtigt 
dabei die aktuellsten Forschungsaspekte.

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ANTIKE WELT 6/19
M U S E E N I N A L L E R W E LT

eindrücklich die Bedeutung des römi- erforscht. Bekannt sind lediglich Waf-
schen Offenburg als Militärstützpunkt fen- und Schmuckfunde von einem
und florierenden Handelsplatz. Eine großen Bestattungsplatz im Gewann
silberne Merkurstatuette zeugt davon, Krummer in der Nähe der Bahngleise
dass neben den üblichen Handelswa- südlich der Altstadt. Der dazugehö-
ren wie Öl und Wein auch filigrane rige Siedlungsplatz konnte bislang
Goldschmiedekunst den Weg nach Of- noch nicht identifiziert werden. Das
fenburg fand (Abb. 5). Reihengräberfeld wurde in mehre-
Vor der Bildung ziviler Verwaltungs- ren Kampagnen ausgegraben, die un-
einheiten wurden den suebischen Stäm- terschiedlich umfangreich dokumen-
men im Oberrheintal bereits Aufgaben tiert sind, was in der Ausstellung gut
in der Verwaltung übertragen. Da- nachvollzogen werden kann: Ein sche-
von zeugen Reste eines aufwendigen matisch idealisierter Grabungsplan
Grabmals, das sich ein ranghoher An- von 1892 zeigt so die Lage der Grab-
führer der Sueben in Offenburg-Bühl reihen in stark vereinfachter Form.
setzen ließ. Der sog. «Bühler Stein» Die exakte Fundlage der Grabbeiga-
tauchte bereits 1994 bei Baggerarbei- ben sowie ihre Zusammengehörig-
ten auf. Die Bauherren erkannten auf keit wurden damals noch nicht fest-
Grund der Inschriftenreste, dass es gehalten. Nachuntersuchungen Ende
sich bei dem Stein um etwas Beson- der 1960er Jahre konnten das Bild des
deres handeln musste, bargen ihn und Gräberfeldes wesentlich ergänzen.
lagerten ihn um. Dort geriet der Stein Aus dieser Zeit stammt die Zeichnung
Abb. 5 Die Silberstatuette des römischen 
in Vergessenheit, bis der Heimatfor- eines genau dokumentierten Grabes; Gottes Merkur wurde 1936 in einer städtischen 
scher Dr. Gernot Kreuz 2011 erneut sie ist in der Ausstellung am Fenster Kiesgrube entdeckt.
auf die Inschrift aufmerksam wurde angebracht. In der Ausstellung wer-
und das Landesdenkmalamt infor- den die Offenburger Funde gemein-
mierte. Der Stein trägt die bislang ein- sam mit einem alamannischen Baum-
zige in Baden-Württemberg entdeckte sarg aus Oberflacht/Kreis Tuttlingen Adresse der Autorin
Inschrift, die Aussagen über die Be- präsentiert, der 1892 von dem Offen- Nadine Rau M.A.
Museum im Ritterhaus
siedlungsgeschichte der Region und burger Arzt Dr. Wilhelm Basler ausge- Ritterstraße 10
D-77652 Offenburg
die frühe römische Verwaltung zu- graben wurde. Dort hatten sich Holz
lässt. Die Grabinschrift ist nur lücken- und andere organische Materialien in
Bildnachweis 
haft erhalten, muss jedoch wie folgt den staunassen Böden am Rande der Abb. 1. 4: Foto: Axel Bleyer; 2. 5: Foto: Karl Schlessmann;
3: Foto: Museum im Ritterhaus.
lauten: «[…] FETON […] / [princ] EPS schwäbischen Alb optimal erhalten.
SVEBOR [um] / [hic] S(itus) EST / [----] Zwar fehlen auch hier exakte Zeich-
Literatur
PROCVLVS FILIVS / [f] ACIENDVM CV- nungen des Fundzusammenhanges, L. BLOECK u. a., Princeps Sueborum – Der «Neufund»
RAVIT». Aus anderen Provinzen des doch erlaubt die Beschreibung des einer römischen Grabinschrift aus Offenburg-Bühl
(Ortenaukreis), in: Archäologisches Korrespondenzblatt
Römischen Reiches ist bekannt, dass Ausgräbers eine Rekonstruktion der Heft 4 (2016) 497–516.

der Titel princeps an loyale einhei- Bestattung: Der Totenbaum mit dem
mische Stammesanführer verliehen Leichnam lag einst in einer gezimmer- Informationen zum Museum
wurde. Während der verstorbene Va- ten Grabkammer; sie wurde in der Museum im Ritterhaus
Ritterstraße 10
ter noch einen germanischen Namen Ausstellung mit einer entsprechenden D-77652 Offenburg
www.museum-offenburg.de
trug, wurde dem Sohn Proculus ein Vitrine sowie originalen und nachge-
Die Ausstellung ist zweisprachig, deutsch und franzö-
lateinischer Name gegeben und ver- bildeten Grabbeigaben nachgeahmt. sisch. Ein umfangreiches Kursangebot steht für Kinder-
gruppen und Schulklassen zur Verfügung.
mutlich auch das römische Bürger- Die Ursprünge der mittelalterli-
recht verliehen. Die Inschrift zeigt so, chen Stadt Offenburg sind in karolin- Öffnungszeiten
dass sich der Prozess der Romanisie- gischer Zeit zu suchen. Hier schließt Di–So 10–17 Uhr
rung bei der lokalen Führungsschicht die benachbarte stadtgeschichtliche
Eintritt 
regelhaft schnell vollzog. Ausstellung «Offenburg in der Welt.
4,50 € regulär / 3,00 € ermäßigt
Die Zeit zwischen 400 und 800 n. Chr. Stadtgeschichte von 800 bis 1800» Eintritt frei bis 21 Jahre

ist im Stadtgebiet Offenburgs wenig inhaltlich an.

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ü 6/19
ANTIKE WELT
Rezensionen und Empfehlungen

DIE ZEUGEN von Matthias Kuta M.A., Frankfurt am Main


DES CHRISTLICHEN
GLAUBENS Die Reihe C. H. Beck Wissen stellt ihre Ordnung wahrgenommen wurden, was
renommierten Autoren immer wieder viele Maßnahmen begründete. Auch
Wolfram Kinzig, Christenverfolgung in vor die Herausforderung einer umfas­ die rechtlichen Hintergründe werden
der Antike. 128 S. mit 2 Karten und
senden wie konzisen Darstellung. Dies­ immer wieder beleuchtet.
1 Zeittafel, € 9,95 (D), Verlag C. H. Beck,
München 2019. mal präsentiert Wolfram Kinzig in sei­ Gerne würden gewiss viele Leser
nem Band die Geschichte der antiken mehr über die Werke der christlichen
Christenverfolgung. Hierin konzentriert Autoren Eusebius und Laktanz, auf die
sich der Bonner Kirchenhistoriker nicht sich Kinzigs Darstellung maßgeblich
nur auf die altbekannten Maßnahmen stützt, erfahren; gibt er doch die darin
gegen Christen, die von römischen Kai­ enthaltenen Geschichten über christ­
sern und Amtsträgern ausgingen. Denn liche Märtyrer an vielen Stellen sehr
er lenkt den Blick auch auf die schwie­ detailreich wieder. Dabei bleibt leider
rige Lage der frühen Anhänger inner­ häufig offen, wie diese legendenhaften
halb des Judentums und die Christen Berichte über brutale Verhöre standhaf­
späterer Jahrhunderte, die außerhalb ter Glaubenszeugen historisch­kritisch
des Imperium Romanum, im Gebiet zu bewerten sind. Folglich hätte der
der Goten, im Sasanidenreich sowie in zugegebenermaßen enge Raum, den die
Armenien und Georgien, lebten. Reihe bietet, bisweilen besser ausge­
Das Buch trägt der Breite des Phä­ schöpft und manche Formulierung
nomens Rechnung, das sich nicht allein bedachter gewählt werden können.
auf eine aktive, systematische Verfol­ Insgesamt wird auch dieser Band
gung von Christen beschränkt, und wieder Interessierten zur Information
behandelt ebenso lokale Einzelaktionen sowie Studierenden der Theologie
sowie subtilere Marginalisierungs­ zur Prüfungsvorbereitung dienen und
versuche. Verständlich erklärt Kinzig, seinen Dienst leisten. Dass durchgängig
warum die Christen Anstoß erregten die heutige Lage der antiken Orte
und von heidnischen Römern mitun­ angegeben wird, ist hierfür ein erwäh­
ter als Bedrohung für die öffentliche nenswertes Plus.

VOM STAAT ZUR GE- von Prof. Dr. Martin Dreher, Magdeburg
SELLSCHAFT?
In der Selbstreflexion der klassischen schaftsgeschichtliches Entwicklungsnar­
Simon Strauß, Von Mommsen zu
Altertumswissenschaften galt Theodor rativ bilden» lasse. Dessen Inhalte seien
Gelzer? Die Konzeption römisch­repub­
likanischer Gesellschaft in «Staatsrecht» Mommsens Hauptwerk Römisches dann von Gelzer, obwohl dieser statt des
und «Nobilität». 262 S., € 56,00 (D), Staatsrecht (1871−1888) als Kulmina­ rechtssystematischen einen philologisch­
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2017. tionspunkt eines formaljuristischen Sche­ antiquarischen Ansatz verfolgt habe,
matismus, wie er die traditionelle Ver­ durchaus weitergeführt worden. Beide
fassungsgeschichte des 19. Jhs. geprägt Autoren höben als kennzeichnendes
habe. Demgegenüber habe Matthias Element der römischen Gesellschaft die
Gelzers Die Nobilität der römischen kollektive Akzeptanz einer aristokratisch
Republik (1912) einen wissenschaftli­ geprägten Prestigehierarchie hervor.
chen Paradigmenwechsel hin zu einer Die Lesart der «Nobilität» als epo­
modernen, zeitgemäßen, fortschrittli­ chalen Schlüsselwerks und der dar­
chen Gesellschaftsgeschichte vollzogen. auf aufgebaute, eingangs konstatier­
Die so entstandene gängige Formel te Gegensatz zwischen den beiden
«von Mommsen zu Gelzer» in der Be­ untersuchten Werken sei eigentlich,
deutung «vom Staat zur Gesellschaft» so Strauß, erst nach dem Zweiten
versieht Simon Strauß in seiner Berliner Weltkrieg konstruiert und kanonisiert
althistorischen Dissertation nun mit worden, um die eigene Disziplin in ein
einem deutlichen Fragezeichen. teleologisches Entwicklungsschema zu
In seiner an der transformationsthe­ fassen. Es würde sich lohnen, die dafür
oretischen Wissenschaftsgeschichte mitverantwortlichen zeitgenössischen
orientierten Untersuchung zeigt Strauß Einflüsse und ideologischen Implika­
auf, dass sich aus Mommsens «Staats­ tionen der 1960er und 1970er Jahre
recht» durchaus «ein eigenes gesell­ genauer zu untersuchen.

Zusätzliche Buchbesprechungen 92
finden Sie online auf unserem ANTIKE
ü WELT 6/19
Leserportal. www.antikewelt.de
BÜCHERSPIEGEL

von Dr. Sebastian Modrow, Syracuse, New York KARTHAGOS LANGE


GESCHICHTE
Generationen von Historikern haben oben beschriebene Dilemma, der fast
Olde Hansen, Hannibal Minor. Die
bereits über die Einseitigkeit der grie­ gänzlich verlorengegangenen Innenper­
Geschichte Karthagos, 108 S., € 8,90 (D),
chisch­römischen Quellen zum antiken spektive auf die Geschichte und Kultur epubli, Berlin 2018.
Karthago lamentiert. Wo den Altertums­ des alten Karthago. In stark geraffter
wissenschaften aufgrund der Überlie­ Form behandelt der Text die gesamte
ferungslage dann sachliche Grenzen Lebenspanne des punischen Karthago
gesetzt sind, kann scheinbar nur noch von der Zeit der tyrischen Gründung im
die Fiktion aushelfen. Das vorliegende späten 9. Jh. v. Chr. bis zur Zerstörung
Büchlein präsentiert sich als die ins der Stadt im Jahre 146 v. Chr. Überra­
Deutsche übersetzte und kommentierte schend dramatisiert Hansen Kartha­
Version einer um 100 v. Chr. in etwas gos Untergang am Schluss mit einer
hölzernem Latein verfassten Geschichte Adaptierung von Iron Maiden‘s Run to
Karthagos, geschrieben von Hannibal the Hills und evoziert somit den bereits
Minor, einem Sohn auf die Balearen für das 19. Jh. belegten Vergleich
geflohener Karthager. Das mindestens zwischen dem Schicksal der Stadt und
2000 Jahre alte Papyrusoriginal soll, so dem der nordamerikanischen Indianer.
das Vorwort seiner fiktiven Entdecker Das Nachwort sucht die neue «Quel­
und Übersetzer, im Kellergewölbe einer le» abschließend in den Kontext der
dänischen Reederei in einer auf das bisherigen Überlieferung einzuordnen.
Ende des 18. Jhs. datierten Kapitänskiste Im Ganzen wird Hansens originelle Idee
gefunden worden sein – eine nicht nur leider nicht zum erhofften Feuerwerk
vom Konservierungsstandpunkt her einer geschliffenen karthagischen Ge­
phantastische Überlieferungskonstrukti­ gendarstellung, und die Fiktion verlässt
on. Olde Hansen, ein studierter Althisto­ nur selten den Boden unserer Quellen.
riker, praktizierender Informatiker und Dennoch bieten der geraffte Durchlauf
der eigentliche Autor des Textes, sensibi­ und die zahlreichen Quellenangaben
lisiert mit seiner «Edition» einer fiktiven des Kommentars einen gut belegten
punischen Quelle somit genau für das Überblick zur Geschichte Karthagos.

von Angela Zimmermann M.A., Bonn DIE INSEL DES ZEUS


Kurt Roeske, Kreta. Die Insel der Mythen
Nach seinen kulturhistorischen Reise­ tion des Palastes. Dieses Verwaltungs­ im Spiegel antiker Zeugnisse. Ein kul­
führern zu Attika, Sizilien und Zypern zentrum minoischer Zeit ist Schauplatz turhistorischer Reisebegleiter, 180 S.,
hat der Altphilologe Kurt Roeske sich der Mythen um den Zeussohn Minos € 19,80 (D), Königshausen & Neumann,
nun der Insel Kreta gewidmet. und seine Frau Pasiphaë, um den Würzburg 2019.
Zunächst gibt Roeske einen Über­ Minotaurus und sein Labyrinth sowie
blick über Geographie, Wirtschaft um Daidalos und seinen Sohn Ikarus.
und Geschichte Kretas von etwa 7000 Nach diesen Kapiteln begleiten wir ihn
v. Chr. bis ins 20. Jh. Neben vielen zu weiteren archäologischen Stätten
archäologischen Stätten der Minoer, Kretas: Phaistós, Agia Triada, Malia,
Mykener und Dorer haben uns die an­ Gourniá, Gortyn (mit einem Exkurs zu
tiken Bewohner Kretas auch zahlreiche seinem Stadtrecht) und Eleutherna.
Mythen hinterlassen. Zu diesen My­ Dabei werden nie nur trockene
then gehört die Geburt des Zeus auf Daten vermittelt. Immer wieder lässt
Kreta sowie natürlich die Entführung Roeske Autoren zu Wort kommen.
der Europa. Diesen beiden Mythen Neben zahlreichen antiken Quellen,
widmet Roeske eigene Kapitel, bevor zitiert er aber auch moderne Autoren
er uns zu den wichtigsten archäologi­ wie den kretischen Autor Niko
schen Stätten Kretas mitnimmt. Kazantzakis und seinen Roman Alexis
Den Anfang macht Knossós, der Sorbas, um das Leben der Bewohner
bekannteste der sog. Paläste. Nach Kretas näherzubringen. Insgesamt
einem Überblick über die Geschichte ein empfehlenswertes Buch – nicht
von Knossós folgen wir Roeske auf sei­ nur zur Einstimmung auf einen Urlaub
nem Rundgang durch die Rekonstruk­ auf Kreta.

93
ü ANTIKE WELT 6/19
Bitte beachten Sie, dass sich die Ausstellungsdaten und Öffnungszeiten der einzelnen Museen kurzfristig ändern können.

BELGIEN Der sog. Babel-Bibel-Streit – ein Streit zwischen Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr
Theologen und Altorientalisten, 1902 ausgelöst durch Rotteckring 5
einen Vortrag des Assyrologen Friedrich Delitzsch www.freiburg.de/museen
TONGEREN (1850–1922) – wird vorgestellt: zu sehen sind sowohl
Gallo-Römisches Museum die Objekte, die den Forschern damals zur Verfü-
Dacia Felix. Die ruhmreiche Vergangenheit gung standen, als auch selten gezeigte Objekte aus HALLE AN DER SAALE
Rumäniens den Depots, die für die Überlegungen Delitzschs Archäologisches Museum der Martin-Luther-
bis 26. April 2020 wichtig waren. Universität Halle-Wittenberg / Robertinum
Geöffnet: Di–Fr 9–17 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr Geöffnet: Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr Im Angesicht der Gottheit. Kultbilder in der
Kielenstraat 15 Am Kupfergraben 5 antiken Religion
www.galloromeinsmuseum.be www.smb.museum.de bis 12. Dezember 2019
s. a. den Beitrag in AW 5/2019, S. 96. Mit Gipsabgüssen, Vasen und Münzen aus den eige-
nen Beständen zeigt die von Studenten mitgestaltete
CHEMNITZ kleine Schau besondere Kultbilder. Diese werden
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz ergänzt durch kolorierte Rekonstruktionszeichnungen
DÄNEMARK Leben am Toten Meer von Gold- und Elfenbeinstatuen des Kunstgelehr-
bis 29. März 2020 ten Antoine Chrysostôme Quatremère de Quincy
Geöffnet: Di, Mi, Fr 9–17 Uhr, Do 9–19 Uhr, (1755–1849).
KOPENHAGEN Sa, So, Feiertag 11–18 Uhr Geöffnet: Do 15–17 Uhr (und auf Anfrage)
Ny Carlsberg Glyptotek Europaplatz 1 Universitätsplatz 12
The Road to Palmyra www.smac.sachsen.de https://archaeology.altertum.uni-halle.de
bis 1. März 2020 s. a. die Artikel ab S. 8.
Die Glyptothek beherbergt die größte Sammlung
palmyrenischer Porträtskulpturen außerhalb Syri- HERNE
ens. Dies führte zu dem «Palmyra Portrait Project» an LWL-Museum für Archäologie
der Universität Aarhus. Die Sammlungsgeschichte, PEST!
neue Erkenntnisse zu den Porträts und neue Ergeb- bis 10. Mai 2020
nisse der Polychromieforschung werden vorgestellt. Präsentiert wird die Geschichte der Pest von der
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr Steinzeit über die Spätantike und dem Mittel-
Dantes Plads 7 alter bis zur heutigen Zeit sowie ihre globalen
www.glyptoteket.dk Auswirkungen.
Geöffnet: Di, Mi, Fr 9–17 Uhr, Do 9–19 Uhr,
Sa, So, Feiertag 11–18 Uhr
Europaplatz 1
DEUTSCHLAND www.lwl-landesmuseum-herne.de

ALTENBURG KONSTANZ
Lindenau Museum Archäologisches Landesmuseum
Mit den Waffen einer Frau. Furchtlose Frauen­ Baden-Württemberg
gestalten der Antike Stadt – Land – Fluss. Römer am Bodensee
bis 1. Januar 2020 bis 12. April 2020
Geöffnet: Di–Fr 12–18 Uhr, Sa+So 10–18 Uhr Funde aus Bregenz, Eschenz sowie vielen anderen
Gabelentzstraße 5 Fundorten rund um den Bodensee zeigen das
www.lindenau-museum.de Entstehen größerer und kleinerer Siedlungen in
römischer Zeit: Gebäude aus Steinmauern
und Ziegeldächern, Wasserleitungen, Mosaike
AUGSBURG und Bodenheizungen sowie ein dichtes Netz
Römerlager im Zeughaus von Verkehrswegen zu Wasser und zu Land.
Die Via Claudia – ein unsichtbares Denkmal Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr
bis 1. März 2020 Benediktinerplatz 5
Gezeigt werden die Spuren der Via Claudia Augusta www.konstanz.alm-bw.de
in Bayern, die von Altino über Füssen nach Augs-
burg führte, außerdem die Vermessung einer Strecken-
führung und der Bau einer römischen Straße. MAINZ
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr Johannes Gutenberg-Universität Mainz / 
Zeugplatz 4 «Leben am Toten Meer»: Sechs kupferne Zepter aus Schule des Sehens
kunstsammlungen-museen.augsburg.de der «Cave of the Treasure» im Tal Nahal Mischmar, 14 Kampagnen in einem ägyptischen Gräberberg
Israel, spätes Chalkolithikum (© Israel Museum, Jeru- 16. Oktober bis 19. Dezember 2019 und
salem). 7. bis 30. Januar 2020
BERLIN Präsentiert werden die Ergebnisse von 14 Ausgra-
Altes Museum bungskampagnen in der mittelägyptischen
Starke Typen. Griechische Porträts der Antike Stadt Assiut zwischen 2003 und 2019. Da sämt-
bis 2. Februar 2020 FRANKFURT AM MAIN liche Funde Ägypten nicht verlassen dürfen,
Marmorporträts aus München und rekonstruierende Archäologisches Museum sind Abgüsse von altägyptischen Originalen aus
Nachgüsse der Bronzen von Riace aus dem Liebieghaus BIATEC. NONNOS. Kelten an der mittleren Mainz und Kurzfilme zu sehen, welche die
in Frankfurt am Main sowie Objekte aus den eigenen, Donau – Archäologische Neuentdeckungen in Felsgräber, Inschriften, Graffiti, Tiermumien,
sonst magazinierten Beständen der Antikensamm- der slowakischen Hauptstadt Bratislava Statuetten und Keramik vorstellen.
lung geben ein umfassendes Bild zur Porträtkunst bis 1. Dezember 2019 Geöffnet: Di–Mi 12–14 Uhr, Do 17–19 Uhr
der Antike. Dabei werden verschiedene Aspekte wie Die Ergebnisse der Ausgrabungen auf dem Burg- Jacob-Welder-Weg 18
Idealvorstellungen, Anlass und Ort der Aufstellung, berg der slowakischen Hauptstadt Bratislava https://asyutsfourteen.uni-mainz.de
die unterschiedlichen Bildträger (Statue, Relief, Vase) von 2008 bis 2014 und bisher noch nicht außerhalb
sowie die programmatischen Absichten berücksichtigt. der Slowakei gezeigte Funde geben neue Einblicke
Geöffnet: Mo–Mi 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr, in die Beziehungen zwischen Kelten und Römern. MÜNCHEN
Fr–So 10–18 Uhr Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr Antikensammlungen
Am Lustgarten Karmelitergasse 1 Black is beautiful. Griechische Glanztonkeramik
www.smb.museum.de www.archaeologisches-museum.frankfurt.de bis 6. Januar 2020
Mit vielen Objekten aus den eigenen Beständen und
einigen hochkarätigen Leihgaben wird die Ent-
BERLIN FREIBURG stehung, Verbreitung und Weiterentwicklung der
Pergamonmuseum Archäologisches Museum Colombischlössle schwarzen Glanztonkeramik vorgestellt. Diese
Der Babel­Bibel­Streit Der römische Legionär – weit mehr als ein Krieger Verzierung wurde nicht nur für Geschirr und Vasen,
bis 28. März 2020 bis 29. November 2020 sondern auch für Tier- und Kopfgefäße verwendet.

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ü
ANTIKE WELT 6/19
AUSSTELLUNGSKALENDER

Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr GROSSBRITANNIEN
Königsplatz 1 und 3 Weimarer Allee 1
www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de www.landesmuseum-trier.de
LONDON
The British Museum
ULM Troy – myth and reality
Museum Ulm / Studio Archäologie 21. November 2019 bis 8. März 2020
Tod im Tal des Löwenmenschen – Knochen­ Mit über 300 Objekten wird die Ausstellung «Troia:
geschichten aus 100 000 Jahren Mythos und Realität» die Geschichte von Troia
bis 24. November 2019 und seine über Jahrtausende anhaltende Faszina-
Die Höhlen im Lonetal bei Ulm wurden über Tausende tion in Kunst, Literatur und Film erzählen. Ein
von Jahren immer wieder als Bestattungsplatz, Großteil der Funde, die Heinrich Schliemann dort
als Kultstätte oder Opferplatz genutzt. Die Entdeckung ausgegraben hatte, wird von den Berliner
und Bergung der menschlichen Skelettreste sowie die Museen ausgeliehen: Keramik- und Silbergefäße,
neuen Erkenntnisse aus naturwissenschaftlichen Bronzewaffen und Steinskulpturen.
Untersuchungen werden zusammenfassend vorgestellt. Geöffnet: Mo–So 10–17.30 Uhr
Geöffnet: Di–So 11–17 Uhr Great Russell Street
Marktplatz 9 www.britishmuseum.org
www.museum.ulm.de

OXFORD
VÖLKLINGEN The Ashmolean Museum
Weltkulturerbe Völklinger Hütte Last supper in Pompeii
PharaonenGold – 3000 Jahre altägyptische bis 12. Januar 2020
Hochkultur Im Mittelpunkt dieser Pompeii-Ausstellung stehen
bis 24. November 2019 Essen und Trinken: Die Themen reichen von
Die 150 goldenen Exponate aus Pharaonengräbern Anbau und Ernte, über Produktion von Olivenöl,
stammen aus der Zeit von ca. 2680 bis 1320 v. Chr. Wein und Fisch-Sauce bis hin zu Zubereitung
und geben einen Einblick in die Welt der Pharaonen und Verzehr von Speisen. Etwa 300 Leihgaben aus
und ihrer besonderen Beziehung zu Gold. Neapel und Pompeii zeigen die reiche Ausstattung
Geöffnet: Mo–So 10–18 Uhr der Speiseräume (Wandmalerei, Mosaike, Möbel,
Rathausstraße 75–79 Statuen), Geschirr aus wertvollen Metallen,
www.voelklinger-huette.org Küchengeräte und tönerne Transportamphoren für
Wein, Oliven und Fischsauce. Auch ein Nachbau
von Räumen der «Casa del bracciale d‘oro» ist zu
sehen.
«Griechische Glanztonkeramik»: Miniatur-Amphore mit FRANKREICH Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr
schönem Stempeldekor für kostbares Parfumöl; attisch, Beaumont Street
425–400 v. Chr. (© Staatliche Antikensammlungen und www.ashmolean.org
Glyptothek München, Renate Kühling). LAT TES
Musée Archéologique Henri Prades
L’aventure phocéenne. Grecs, Ibères et Gaulois en
MÜNCHEN méditerranée nord­occidentale GRIECHENLAND
Residenz München 23. November 2019 bis 6. Juli 2020
Archäologische Staatssammlung zu Gast in der «Das phokäische Abenteuer. Griechen, Iberer und Gal-
Residenz München: Antike Gemmen aus Bayern lier im nordwestlichen Mittelmeerraum»: es geht um ATHEN
bis 26. April 2020 das Aufeinandertreffen dieser drei Völker im Gebiet Archäologisches Nationalmuseum
Obwohl die Archäologische Staatssammlung wegen zwischen Nikaia (Nizza) und Emporion (Ampurias) in
Sanierungsarbeiten bis voraussichtlich 2021 der Zeit vom 8.–1. Jh. v. Chr., speziell um die Navigation Οι αμέτρητες όψεις του Ωραίου
geschlossen sein wird, ist nun ein kleiner Teil der im Mittelmeer, Wirtschaftsbeziehungen, kulturellen verlängert bis 31. Dezember 2019
Sammlungen – nämlich eine Auswahl der antiken Austausch und die Gründung von Kolonien. «Die unzähligen Aspekte des Schönen» ist die dritte
Gemmen – in der Residenz zu sehen. Geöffnet: Mo, Mi–Fr 10–12 Uhr und 13.30– und letzte Ausstellung anlässlich des 150-jährigen
Geöffnet: Mo–So 10–17 Uhr 17.30 Uhr, Sa+So 14–18 Uhr Jubiläums des Museums. Die archäologischen Funde
Residenzstraße 1 Route de Pérols 390 zeigen Darstellungen antiker Mythen von Aphro-
www.archaeologie-bayern.de http://museearcheo.montpellier3m.fr dite oder Adonis, die Schönheit des menschlichen
Körpers und besondere Objekte zum Schönsein wie
Kleidung, Frisuren, Schmuck, Parfümfläschchen.
SPEYER LYON
Historisches Museum der Pfalz Lugdunum Αδριανός και Αθήνα. Συνομιλώντας με έναν
Medicus – Die Macht des Wissens LVDIQVE – Jouer dans l‘Antiquité ιδεατό κόσμο
8. Dezember 2019 bis 21. Juni 2020 bis 1. Dezember 2019 verlängert bis 29. November 2019
Dargestellt wird die Entwicklung der Medizin vom Die Ausstellung «Spielerisch – Spielen in der Antike» «Hadrian und Athen. Im Gespräch mit einer fiktiven
Altertum bis zur Gegenwart: das medizinische beschäftigt sich mit der Spielkultur und Spielsachen Welt» – diese kleine Schau erinnert an den Regie-
Wissen der antiken Völker, die Verbreitung dieser der griechischen und römischen Antike. rungsantritt von Kaiser Hadrianus 117 n. Chr. und
Kenntnisse über Rom und Byzanz in den arabischen Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr markierte den Beginn des Europäischen Jahres
Raum und die Rückkehr nach Europa im 11. Jh., Rue Cléberg 17 des Kulturerbes im Jahr 2018. Zahlreiche Porträts
wo besonders in den Klöstern die Heilkunst ausge- https://lugdunum.grandlyon.com des Kaisers Hadrian stehen neben Figuren von grie-
übt wurde. chischen Dichtern, Denkern und Politikern.
Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr
Domplatz STRASSBURG Geöffnet: Mo 13–20 Uhr, Di–So 9–16 Uhr
www.museum.speyer.de Archäologisches Museum Patission Straße 44
Bedienungsanleitung: Das bewegte Leben der www.namuseum.gr
archäologischen Sammlung
TRIER bis 31. Dezember 2020
Rheinisches Landesmuseum Die Schau ermöglicht dem Besucher einen ungewöhn- IRAKLIO
Spot an! Szenen einer römischen Stadt lichen Blick auf den Weg, den archäologische Fund- Archäologisches Museum
bis 26. Januar 2020 stücke von der Ausgrabung über die Reinigung und Δαίδαλος. Στα ίχνη του μυθικού τεχνίτη
Die Bedeutung von Augusta Treverorum wird anhand eventuelle Restaurierung und Datierung bis bis 1. März 2020
bislang noch nicht gezeigter archäologischer hin in die Vitrine oder in das Magazin zurücklegen. Die Ausstellung «Daidalos, auf den Spuren des
Funde verdeutlicht. Wandmalereien, Mosaike, Skulp- Geöffnet: Mo, Mi, Do, Fr 12–18 Uhr, mythischen Handwerkers» ist dem genialen Hand-
turenfunde, Goldmünzen und andere Objekte Sa+So 10–18 Uhr werker und Erfinder, dem Erbauer des Labyrinthes
veranschaulichen sowohl das Luxus- wie auch das Place du Château 2 auf Kreta, gewidmet. Gezeigt werden technische
Alltagsleben im römischen Trier. www.musees.strasbourg.eu Innovationen der minoischen Zeit wie z. B. die

95
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ANTIKE WELT 6/19
AUSSTELLUNGEN-
EXTRA
FRIBOURG

BIBLE + ORIENT Museum /


Universität Freiburg
Marches à suivre.
5000 Jahre Prozessionen
und Pilgerreisen Abb. 1
Öllampe aus Terrakotta, drei
bis 30. Juni 2020 Figuren vor dem Standbild
des vergöttlichten Kaisers, Nord-
Geöffnet: Di–Fr 15–17 Uhr, So 14–17 Uhr afrika, 4.–6. Jh. n. Chr.
Avenue de l’Europe 20
www.bible-orient-museum.ch

MARCHES À SUIVRE.
PILGERREISEN UND PROZESSIONEN
IM LAUFE DER ZEIT
von Esther Wolff, Marie-France Meylan Krause Mesopotamien, dem griechisch-römi-
und Leonardo Pajarola schen Raum und der arabischen Welt.
Die ältesten stammen aus dem 5. Jt.

S eit der Antike sind Pilgerreisen


und Prozessionen ein Verlangen
der Menschen nach spiritueller
v. Chr., die jüngsten vom Beginn des
Islam im 7. Jh. n. Chr. Die meisten von
ihnen stammen aus den Sammlungen
Erfahrung, die über Jahrhunderte und des BIBEL+ORIENT Museums und
Abb. 2 Amulett aus Kompositmaterial, Harfen-
spieler, Ägypten, 30 v. Chr.–395 n. Chr. über religiöse Traditionen hinweg sind ergänzt durch Leihgaben, wie die
einem innigen Bedürfnis entsprechen. Kopie der goldenen Büste des Kaisers
Seit dem Mittleren Reich (ca. 2033 Marc Aurel aus dem Römermuseum
v. Chr. – ca. 1710 v. Chr.) in Ägypten von Avenches, wie die Objekte aus
ist das Gehen zu Fuß von Männern, dem Römischen Museum Lausanne-
Frauen und Kindern zu heiligen Orten, Vidy und dem Jüdischen Museum
um an religiösen oder geistlichen Fei- der Schweiz in Basel.
ern teilzunehmen, in vielen Kulturen Während etwa ein mesopotami-
bezeugt, vom Polytheismus Meso- scher Beter bei der Begegnung
potamiens, Griechenlands und Roms mit der Gottheit in Ekstase dargestellt
bis hin zu dem jüdischen, christlichen wird, veranschaulichen andere
und muslimischen Monotheismus. Objekte das Vorhaben von Pilgerreisen
Die Reise zu einem heiligen Ort bietet und Prozessionen als Machterhalt
die Möglichkeit, seine Frömmigkeit des Veranstalters.
auszudrücken, eine Gottheit zu feiern, Die zerbrochenen Bildnisse von
einen Wunsch zu äußern, von einer Ashera, der Frau Jahwes, zeugen
Krankheit zu genesen oder mit dem möglicherweise vom monotheistischen
Alltag zu brechen. Die Pilgerfahrt, Wendepunkt der jüdischen Religion,
allein oder mit anderen, ist zunächst denn mit der Übernahme des Tem-
eine persönliche Erfahrung. Dagegen pels und der Kultreform des Königs
ist die Prozession im Rahmen Joschija im Jahre 622 v. Chr. wurde Je-
einer Wallfahrt oder religiösen Feier rusalem zum alleinigen Zentrum von
ein kollektiver und sozialer Akt. Pilgerreisen.
Prozessionen spielen eine wichtige Später bringt das Christentum eben-
Rolle zur Festigung des sozialen falls große Veränderungen in der
Zusammenhalts und des Machtan- Praxis der Pilgerreise mit sich: Man will
spruchs: Macht des Gottes oder «die Stätten sehen und berühren,
der Götter, Macht der Geistlichen und wo Christus körperlich präsent war»
der Elite, die bei dieser Gelegenheit (Paulinus, Bischof von Nola, um 409
Abb. 3 Alabaster-Figur eines betenden auftreten. Zusammenhalt und dessen n. Chr.). Am Ende der Ausstellung
Mannes, Syrien, wahrscheinlich Mari, Früh-
dynastisch III, 2500–2350 v. Chr. Inszenierung werden durch Pracht- wird die von Mohammed eingerichtete
entfaltung, Tanz und Musik verstärkt. Pilgerreise nach Mekka thematisiert,
Die Ausstellung zeigt rund hundert die eine der fünf Säulen des Islam dar-
Bildnachweis: Alle Abbildungen: © Stiftung
BIBEL+ORIENT, Freiburg Schweiz. archäologische Objekte aus Ägypten, stellt.

96
ü
ANTIKE WELT 6/19
Advertorial / Entgeltliche Einschaltung
Verwendung der Töpferscheibe, die Entwicklung Tutela Patrimonio Culturale zu verdanken, die 2016
von Handwerksgeräten oder Neuerungen beim in Genf eine große Anzahl aus Italien gestohlener
Schiffsbau. Kunstwerke aufspürten, darunter auch zahlreiche
Geöffnet: Mo, Mi–So 8–20 Uhr, Di 10–20 Uhr bemalte Platten und Reliefs aus dem Gebiet von
Xanthoudidou & Hatzidaki Straße Cerveteri. Diese sind nun nach sorgfältiger Unter-
http://heraklionmuseum.gr suchung und Restaurierung zu sehen.
Geöffnet: Di–So 9–19 Uhr
Via Ostiense 106
www.centralemontemartini.org
ITALIEN

AGRIGENT
Valle dei Templi und Museo archeologico regionale
«Pietro Griffo» Leben am Toten Meer –
Costruire per gli dei. Il cantiere nel mondo
classico Archäologie aus
bis 17. Mai 2020
«Bauen für die Götter. Die Baustelle in der klassischen dem Heiligen Land
Welt»: In Agrigent ist ein Lehrpfad eingerichtet
worden, der vom Tempel der Iuno bis zum Tempel smac – Staatliches Museum für
der Dioskuren führt. Sowohl dort als auch im
Museum wird der Besucher über die Steinbrüche, Archäologie Chemnitz
den Transport und die Bearbeitung des Materials
bis zum fertigen Tempel unterrichtet.
Geöffnet: Mo–So 8.30–20 Uhr 27. September 2019 bis
Contrada San Nicola 12 29. März 2020
https://www.parcovalledeitempli.it

BOLOGNA Extreme, Superlative, biblische


Museo Civico Archeologico Geschichten und Mythen prägen das
Etruschi. Viaggio nelle terre dei Rasna heutige Bild vom Toten Meer: rund
7. Dezember 2019 bis 24. Mai 2020 30 % Salzgehalt und tiefster Punkt der
«Die Etrusker. Eine Reise in die Gebiete der Rasna»
führt den Besucher durch alle etruskischen Gebiete:
Erde, Wüste und Oasen sowie
Latium, Umbrien, Toskana, aber auch die weniger die berühmtesten Datteln der Antike.
bekannten in der Poebene und Kampanien. Mit rund Aber auch Sodom und Gomorrha,
1000 Objekten aus 60 italienischen und interna- Lots Frau, die zur Salzsäure erstarrt,
tionalen Museen werden die wichtigsten Merkmale und Posaunen, die die Mauern von
der Kultur und Geschichte des etruskischen Jericho zum Einstürzen brachten.
Volkes vorgestellt.
Geöffnet: Di–Do 9–18.30 Uhr, Fr 9–22 Uhr,
Nicht zu vergessen, die berühmten
Sa+So 10–18.30 Uhr «Carthago»: 6 cm hoher Anhänger, bärtiger Männer- Schriftrollen von Qumran.
Via dell‘Archiginnasio 2 kopf, aus Karthago, Glaspaste, 4.–3. Jh. v. Chr. (© Kar-
www.museibologna.it/archeologico thago, Nationalmuseum). Was aber hat sich in der Region in den
letzten 10 000 Jahren wirklich zuge-
tragen? Die Sonderausstellung «Leben
PAESTUM ROM
Museo Archeologico Nazionale di Paestum Kolosseum und Forum Romanum
am Toten Meer» lässt die Kulturge-
Poseidonia città d’acqua: archeologia e cambia­ Carthago. Il mito immortale schichte Revue passieren und gibt
menti climatici bis 29. März 2020 Einblicke in die dortigen Lebensbedin-
bis 31. Januar 2020 Die Ausstellung «Karthago. Der unsterbliche Mythos» gungen. Sie fragt nach den Gründen,
Die Ausstellung «Poseidonia, Stadt des Wassers: bietet einen umfassenden Überblick über die warum Menschen immer wieder an
Archäologie und Klimawandel» verbindet den Geschichte und Kultur Karthagos von der phönizi- das Tote Meer zogen, wie sie dorthin
aktuellen Diskurs über den Klimawandel mit den schen Gründung, den Punischen Kriegen über die
klimatischen Veränderungen in der Vergangen- Neugründung als Colonia Iulia Concordia Carthago
gelangten und sich vor Ort einrich-
heit. Alle Objekte stammen aus den Sammlungen bis zur augusteischen Zeit und dem Aufkommen teten. Es werden die wohltuenden
von Paestum, manche wurden noch nie zuvor des Christentums. Mehr als 400 Exponate Seiten des Toten Meeres ebenso the-
ausgestellt. Nur ein Gemälde kommt aus der National- aus renommierten italienischen und ausländischen, matisiert wie die unterschiedlichen
galerie in Rom, Federico Corteses «Ruderi di un insbesondere nordafrikanischen Museen werden Machtverhältnisse, mit denen sich die
mondo che fu» von 1892, das die Tempel von Paes- präsentiert sowie bisher noch nicht gezeigte Funde Menschen arrangieren mussten.
tum unter Wasser zeigt. der Soprintendenza del Mare siciliana.
Geöffnet: Di–So 8.30–19.30 Uhr Geöffnet: Mo–So 8.30–16.30 Uhr
Zentraler Bestandteil einer Ausstel-
Via Magna Grecia www.parcocolosseo.it lung, die geografisch im Heiligen Land
www.museopaestum.beniculturali.it angesiedelt ist, sind natürlich frühe
Kulte sowie archäologische Belege für
das frühe Judentum, das Christentum
ROM und den Islam.
Centrale Montemartini
Colori degli Etruschi. Tesori di terracotta
bis 2. Februar 2020 Begleitend zur
Die Ausstellung «Die Farben der Etrusker. Schätze Ausstellung ist
aus Terrakotta» ist wieder einmal den Carabinieri eine 350 Seiten
starke Publika-
tion mit zahlrei-
chen Essays
à zur Kulturge-
«Colori degli Etruschi»: Fragmente von Wand- schichte der Re-
malerei mit der Darstellung eines Kriegers,
inv. provv. SYM 2017/125. Beschlagnahme gion und einem
durch die Carabinieri TPC am Genfer Freihafen. Objektkatalog
(© Roma, Centrale Montemartini). erschienen.

97 www.smac.sachsen.de
ü
ANTIKE WELT 6/19
TURIN BERN USA
Museo Egizio Historisches Museum Bern
Archeologia invisibile Homo migrans – Zwei Millionen Jahre
bis 6. Januar 2020 unterwegs ANN ARBOR
Der Titel «Unsichtbare Archäologie» stellt die Ergeb- bis 28. Juni 2020 Kelsey Museum of Archaeology
nisse der Archäometrie in den Fokus: Mit den Die Ausstellung bietet einen Überblick über die Graffiti as devotion along the Nile
neuesten Methoden verschiedener naturwissenschaft- Geschichte und Beweggründe der Ein- und Auswan- bis 5. Januar 2020
licher Disziplinen können bei der Rekonstruktion derer in der Menschheitsgeschichte, von den Im Mittelpunkt der Schau stehen Hunderte von
der archäologischer Objekte weitere wertvolle Infor- Anfängen vor zwei Millionen Jahren bis in die meroitischen Graffiti, die vor einigen Jahren in
mationen gegeben werden, so dass das Unsicht- Gegenwart der Schweiz. einem Felsentempel bei El Kurru im Nordsudan von
bare sichtbar gemacht werden kann. Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr der Kelsey-Expedition entdeckt wurden.
Geöffnet: Mo 9–14 Uhr, Di–So 9–18.30 Uhr Helvetiaplatz 5 Geöffnet: Di–Fr 9–16 Uhr, Sa+So 13–16 Uhr
Via Accademia delle Scienze 6 www.bhm.ch 434 South State Street
www.museoegizio.it www.lsa.umich.edu/kelsey

ZUG
Museum für Urgeschichte(n) MALIBU
NIEDERLANDE Gesundheit! 7000 Jahre Heilkunst The J. Paul Getty Museum / Getty Villa
17. November 2019 bis 17. Mai 2020 Assyria: Palace Art of Ancient Iraq
Archäologische Funde aus den Kantonen Luzern und bis 5. September 2022
AMSTERDAM Zug zeigen beispielhaft, welche Krankheiten und Geöffnet: Mi–Mo 10–17 Uhr
Allard Pierson Museum Heilmittel bei Ausgrabungen nachgewiesen werden 17985 Pacific Coast Highway
Mijn vriend Bes. Kleine god in het können. Ergänzt werden sie durch einen Überblick www.getty.edu
Oude Egypte über die Nutzung von Heilpflanzen von der Jungstein-
bis 8. März 2020 zeit bis in die Neuzeit.
«Mein Freund Bes. Ein kleiner Gott im Alten Ägypten» Geöffnet: Di–So 14–17 Uhr Hinweise auf Sonderausstellungen
ist eine große Ausstellung über den kleinen ägyp- Hofstraße 15 können Sie gerne an diese Adresse schicken:
tischen Gott Bes. Außer als Statuen ist er auch auf www.museenzug.ch/urgeschichte ak@wbg-wissenverbindet.de
Amuletten, Möbeln, Säulen, Vasen und Geschirr
dargestellt.
Geöffnet: Di–Fr 10–17 Uhr, Sa+So 13–17 Uhr
Oude Turfmarkt 127
www.allardpiersonmuseum.nl

LEIDEN
Rijksmuseum van Oudheden
Cyprus. Eiland in beweging
bis 15. März 2020
Die Ausstellung «Zypern. Eine Insel in Bewegung»
erzählt mit ca. 400 Kunstwerken – 300 davon
aus zyprischen Museen – die besondere Geschichte
der Insel. Zu sehen sind Skulpturen und Porträts
aus Marmor und Terrakotta, Vasen, Waffen, Mosaike
sowie Gold- und Silberschmuck.
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr
Rapenburg 28
www.rmo.nl

ÖSTERREICH

WIEN
Papyrusmuseum der Österreichischen
Nationalbibliothek
In vino veritas. Wein im alten Ägypten
bis 12. Januar 2020
Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr
Neue Burg, Heldenplatz
www.onb.ac.at/museen/papyrusmuseum
s. a. den Beitrag in AW 4/2019, S. 96.

SCHWEIZ

BASEL
Antikenmuseum Basel und Sammlung
Ludwig
Gladiator. Die wahre Geschichte
bis 22. März 2020
Herausragende Leihgaben und neue wissenschaftliche
Erkenntnisse stellen das Leben der Gladiatoren,
ihre Waffen und den Ablauf der Gladiatorenspiele
vor.
Geöffnet: Di–So 10–17 Uhr «Cyprus»: Portrait
eines Mannes,
St. Alban-Graben 5 460–450 v. Chr.
www.antikenmuseumbasel.ch (© Collectie
s. a. die Beiträge AW 5/2019, S. 8–23. Rijksmuseum van
Oudheden).

98
ü
ANTIKE WELT 6/19
ZITATE AUS DER ALTEN WELT – WOHER SIE KOMMEN UND WAS SIE BEDEUTEN

«WAS DU BIST, DAS SEIN WOLLEN …»


Von der Freundschaft mit sich selbst … von Klaus Bartels

W enn der Freund mit dem alten griechischen Sprichwort ein «Zweites Ich» ist, so ist das Ich im
Umkehrschluss der erste, nächste Freund. Der Tragiker Euripides hat diese Sicht in einen
Vers gefasst und so nochmals der Komödiendichter Menander, und beide Dichterverse sind in der
Die Zitate
Ein «Zweites Ich»: z. B.
Aristoteles, Nikomachische
Ethik 9, 4. 1166 a 31f. –
Antike zu geflügelten Worten geworden. Der Euripideische lautet: «Ein jeder liebt sich selbst Euripides, Medea 86 – Me-
mehr als den Nächsten», und der Menandrische erklärt, wieder im Umkehrschluss: «Mehr als sich nander, Einzelverse 814
Jäkel – Seneca, Briefe an
selbst liebt keiner einen andern». Lucilius 6, 7 – Martial,
Epigramme 10, 47
In seinen Briefen an Lucilius hat Seneca mehrfach vom Glück einer solchen Freundschaft mit
sich selbst gesprochen. Einmal hat sein stoischer Zunftgenosse Hekaton ihm dazu das Stichwort
gegeben: «Zum Schluss des Briefes noch ein Wort, das mir heute bei Hekaton Freude gemacht hat
und das ich dir weitergeben möchte: ‹Du fragst›, schreibt er, ‹welchen Fortschritt ich gemacht
habe. Ich habe angefangen, mir ein Freund zu sein.› Er hat einen großen Fortschritt gemacht: Er wird
von nun an nie mehr allein sein. Sei dir dessen stets bewusst: Dieser Freund steht für alle bereit.»
Die beiden spanischen Landsleute Seneca im neronischen Rom und Martial in flavischer Zeit
könnten einander in Leben und Werk ferner kaum stehen. Aber in seinen – wenigen – feinen
Freundschaftsgedichten an seinen Namensvetter Julius Martialis, einen vielbeschäftigten Anwalt,
kommt der für seinen bissigen Sarkasmus bekannte Epigrammatiker dem stoischen Philosophen
überraschend nahe. In locker gefügten «Elfsilbler»-Versen zählt Martial seinem vertrauten Freund
in einer Art Glückskatalog eine Reihe sehr verschiedener «Dinge» auf, «die das Leben glücklicher
machen»:

… zum Einverständnis mit sich selbst


«Was uns glücklicher macht das Menschenleben, / liebster Freund Martial, sind diese Dinge: / ein
Vermögen, ererbt, nicht schwer erworben; / ein Stück Land und ein Herd, der allzeit warm
ist; / kein Prozess, kaum die Toga, ruhige Denkart; / Leibeskräfte mit Mass, ein gesunder Körper; /
wache Offenheit, gleichgesinnte Freunde; / lock’re Gastlichkeit, ohne Kunst die Tafel; / Nächte
weinselig nicht, doch frei von Sorgen; / freudlos trist nicht die Bettstatt und doch schamhaft; / fester
Schlaf, der die dunklen Stunden abkürzt; / dass du, was du bist, sein willst und nichts lieber, /
weder fürchtest das Ende noch es wünschest – quod sis, esse velis nihilque malis, / summum nec
metuas diem nec optes».
Was für ein Bogen vom Äußersten ins Innerste! Da geht es zuletzt um das Nächste und Schwerste,
um das Einverständnis mit sich selbst und mit dem Tod, und das nun wieder in freundschaft-
lichem Du und in schlichtester, knappster Sprache. Martial fasst das Lebensglück der Freundschaft
mit sich selbst in sechs lateinische Wörter, zweimal ein «Sein», zweimal ein «Wollen» und zwei
Wörtchen, die verknüpfen und verdoppeln: quod sis, esse velis nihilque malis, «dass du, was du bist,
sein willst und nichts lieber». Klaus Bartels
Veni vidi vici
Es ist eine epikureische Glücksverheißung, die Martial seinem «liebsten Freund» hier in genau Geflügelte Worte
elf Silben in die Seele schreibt, und keine gängige. Sie zielt eben gerade nicht auf die Verwirk- aus dem Griechischen
und Lateinischen
lichung von Wünschen und Bestrebungen, von dem, was einer sein will, sondern umgekehrt auf 16., durchges. und
das – sagen wir hier ruhig: freundschaftliche – Einverständnis mit dem Gegebenen, mit dem, erg. Aufl. 2019
216 S., Reg., geb. mit SU
was einer ist, und damit auf ein Glück, das im eigenen Innersten zu suchen und zu finden ist. Mit € 19,95 (D).

Senecas Briefschluss: Dieser Schlüssel zu einem «glücklicheren Leben» liegt für alle bereit.

99
ANTIKE WELT 6/19ü
VORSCHAU

DAS NÄCHSTE HEFT ERSCHEINT


KLANG DER ANTIKE
AM 17.01.2019
1.20
Zeitschrift für
TITELTHEMA
Archäologie und
Kulturgeschichte

MUSIK UND MUSIKER IM von Nele Ziegler


ALTEN ORIENT

MUSIKALISCHE PAPYRI IM von Marius Gerhart


ÄGYPTISCHEN MUSEUM, BERLIN

MUSIKALISCHE BEZIEHUNGEN von Sylvain Perrot


ZWISCHEN DELPHI UND
DEN KLEINASIATISCHEN STÄDTEN

KONZEPTION DER AUSSTELLUNG von Dahlia Shehata und Florian Leitmeir


MUS-IC-ON! IM MARTIN VON
Klang der Antike € 12,80 (D)
€ 14,– (A) / sFr 25,–
WAGNER MUSEUM WÜRZBURG
www.antikewelt.de

ISRAEL DEUTSCHLAND INDIEN


Spektakuläre Mosaike
in der Synagoge
Augmented Reality
in der Kasseler
Die spätantike Route
des Christentums
MARTIN VON WAGNER UND von Carolin Goll
von Huqoq Antikensammlung auf den Subkontinent DIE ANTIKE MUSIK

IMPRESSUM

Chefredaktion: Holger Kieburg Abo- und

Weitere Inhalte und


Redaktion: Anna Ockert, Gabriele Lebek (Titelthema), Leserservice: IPS Datenservice GmbH
Dr. Anemone Zschätzsch (Ausstellungskalender). Postfach 13 31
D-53335 Meckenheim
Korrespondentin in Rom: Dr. Maria-Aurora v. Hase Salto

Infos finden Sie unter


Tel.: 0 22 25 / 70 85-361; Fax: 0 22 25 / 70 85-399
Endlektorat: Walter Wöstheinrich e-mail: aw@aboteam.de
Vertrieb: IPS Pressevertrieb GmbH

www.antikewelt.de
Gestaltung und Herstellung: Postfach 12 11
Melanie Jungels, TYPOREICH – Layout- und Satzwerkstatt, Nierstein D-53334 Meckenheim
Gesamtverantwortung: Dr. Beate Varnhorn Tel.: 0 22 25 / 88 01-0; Fax: 0 22 25 / 88 01-199

und auf Facebook. Wissenschaftlicher Beirat:


Prof. Dr. Werner Eck, Köln (Alte Geschichte, römische Kaiserzeit),
Abonnementpreis (6 Hefte jährlich und drei zusätzliche
Sonderthemenhefte):
€ 96,– (D) / € 102,– (EU) / € 106,– (Welt) inkl. Porto
Prof. Dr. Thomas Fischer, Köln (Provinzialrömische Archäologie),
Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke, Freiburg (Alte Geschichte), Ermäßigtes Studentenabonnement:
Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase, Mannheim (Italische Vor- € 80,– (D) / € 86,– (EU) / € 90,– (Welt) inkl. Porto
und Frühgeschichte, Etruskologie), Prof. Dr. Henner von Hesberg, (nur mit Bescheinigung)
Rom (Klassische Archäologie), Prof. Dr. Thomas O. Höllmann, Preis der Einzelnummer: € 12,80 (D) zzgl. Porto. *ggf. zzgl. MwSt.
München (Ferner Osten), Prof. Dr. Hartmut Leppin, Frankfurt a. M.
(Alte Geschichte, Spätantike), Prof. Dr. Joseph Maran, Heidelberg Bankverbindung:
(Ur- und Frühgeschichte), Dr. Ralf-B. Wartke, Berlin (Archäologie Sparkasse Darmstadt
im Vorderen Orient). IBAN: DE80 5085 0150 0000 7496 80 (Kto.-Nr. 749680),
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Zurzeit gelten die Mediadaten 2019, gültig seit September 2018. ISSN: 0003-570-X; ISBN: 978-3-8053-5196-6; -5122-4 (PDF)

100
ü
ANTIKE WELT 6/19
So haben Sie die
Seidenstraße noch
nie gesehen!
Alle reden über die neue Seidenstraße. Doch was
hat es mit diesem mystischen Weg, der seit 2014
Unesco-Weltkulturerbe ist, auf sich? Wie ist die
Straße entstanden und was begründet ihre
Bedeutung? Susan Whitfield versammelt in diesem
einzigartigen Text-Bild-Band auf ungewöhnliche Art
alles über diesen faszinierenden Handelsweg.
Der große Text-Bildband führt auf den Routen der
Seidenstraße durch atemberaubende Landschaften,
über hohe Gebirge, durch weite Ebenen und ausge-
dehnte Wüsten. Er erzählt die Geschichte der Kulturen,
der Handelsgüter und der Wege, auf denen sie durch
oft unwegsames Gelände transportiert wurden.

Spektakulär
bebildert mit
prachtvollen
Fotos
und Karten

Susan Whitfield (Hrsg.)


Die Seidenstraße
Landschaften und Geschichte
2019. 480 S. mit 491 farb. Abb. und zahlreichen Karten, Zeitleiste und
Bibliogr., 22,5 x 28,6 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.
50,– € • ISBN 978-3-8062-3997-3

wbg-wissenverbindet.de
ü
Wie lebten frühere
Menschen in Europa?
Welche Spuren haben sie hinterlassen? Aktuellste
Funde und Grabungsergebnisse sind verständlich
dargelegt. Die Autoren des Werkes spannen dabei
den Bogen von der Altsteinzeit (vor ca. 800.000 Jah-
ren) über Antike und Mittelalter, bis zur Industriellen
Revolution und ins 21. Jahrhundert. Dem Leser öffnet
sich so ein großes historisches Panorama, das im
Blick zurück hilft, auch aktuelle Entwicklungen und
Ereignisse wie weltweite Vernetzung, Migration und
Klimawandel sowie Innovationen und Krisen besser
einordnen zu können.

Hrsg. von Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann


und Philipp von Rummel
Spuren des Menschen
800 000 Jahre Geschichte in Europa
544 S., über 500 Abb. u. Karten,
24 x 28 cm, HC mit Schutzumschlag
€ 50,00
ab 1.2.20: € 70,00
ISBN 978-3-8062-3991-1

wbg-wissenverbindet.de
ü
Ausblick in die Zukunft: In den fünf vorhe-
rigen Jubiläumsbeilagen blickten wir auf
50 Jahre ANTIKE WELT zurück. Nun bleibt
noch der Blick nach vorne: Dabei schauen
wir zwar nicht 50, aber immerhin zehn
Jahre voraus. Wie könnte die AW in einigen
Jahren aussehen?
Auf der Grundlage von Prognosen zu Bild-
schirminnovationen könnte man sich
z. B. einen flexiblen, faltbaren Bildschirm
vorstellen, der sich wie Papier anfühlt.
Dieser wird dann möglicherweise mit Ob-
jekten direkt interagieren können und
sicherlich die verschiedensten Medienformate
bis hin zu virtueller Realität unterstützen.
Inhaltlich wollen wir natürlich für alle Berei-
che der Altertumswissenschaften und
der Archäologien offenbleiben und auch dort
sowohl die traditionellen als auch die
neuen Methoden und Technologien wei-
terverfolgen. Wir sind schon sehr gespannt,
was da kommen mag.
Unser Mosaik setzt sich auch dieses Mal aus
unterschiedlichen «Steinen» zusammen:
Das französische Atelier Daynès hat es sich
zur Aufgabe gemacht, das Aussehen
von Menschen der Vergangenheit wieder
lebendig werden zu lassen. Was die
aktuelle Reenactment-Szene zu bieten hat,
die durch neue Forschungen immer
mehr an Authentizität und historischer Kor-
Unser Zukunftscover
rektheit gewinnt, wird durch fantastische (© Kai Twelbeck).
Fotografien des niederländischen Fotogra-
fen Stef Verstraaten eindrücklich in Szene
gesetzt. Zudem werfen wir anhand einer
Verbreitungskarte einen Blick auf die
Geburtsorte der römischen Kaiser. Und
auch die «Kleinen Fächer» und die «Traum-
jobs» sind wieder vertreten.

Gern können Sie uns in einem Brief an die Redaktion oder in einer E-Mail
(redaktion@wbg-wissenverbindet.de) Ihre Geschichten, die Sie mit der
AW verbinden, schildern. Wir freuen uns auf den gemeinsamen Blick in die
Geschichte.

ü
à
Abb. 2
Ein fertiger Homo sapi-
ens im Atelier (© Photo
S.Entressangle, Sculp-
ture E. Daynes / Loo-
katSciences).

Abb. 1 Gesichter der Vergangenheit


Elisabeth bei der Arbeit
(© P. Plailly / LookatSciences).
Die Arbeit des Atelier Daynès
Das Kernziel meiner Arbeit ist der Versuch zum einen eine visuelle Hypothese zu
kreieren, die das physische Aussehen von Männern und Frauen aus der Vergan-
genheit verdeutlicht und zum anderen der Versuch, Emotionen zu vermitteln, die
die Öffentlichkeit anregen unsere Herkunft zu hinterfragen und die diese dafür
sensibilisieren sich mit unseren diversen Vorstellungen von der Vergangenheit und
der Zukunft auseinanderzusetzen.
Die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft stellt die Grundlage meiner Arbeit
dar. Der Schädel ist wiederum die Basis der Rekonstruktion und somit der
Ausgangspunkt. Intensiv tausche ich mich mit den Wissenschaftlern (Anatomen,
Paläo-Pathologen, Paläo-Genetiker, Anthropologen) aus und kommuniziere
mit ihnen, um den jeweiligen Schädel zu besprechen. Dank der Vielzahl an Infor-
mationen, die dieser uns liefert – u. a. das Alter beim Tod, Krankheiten, das
mögliche Geschlecht und die Ernährung zu Lebzeiten –, können wir eine recht ge-
naue Hypothese über die Identität der Person treffen. All diese Informationen
sind essentiell für die unterschiedlichen Etappen meiner Rekonstruktionsarbeit.
Um den Aufbau und das Aussehen des Gesichts aus den fossilen Resten zu
bestimmen, arbeite ich zunächst direkt an einem Abguss des jeweiligen Schädels.
Danach folgt die sorgfältige Arbeit an den Details des Blicks und des Ausdrucks,
der allein die Individualität der Person – im Gegensatz zum allgemeinen Urtyp –
Elisabeth Daynès zum Ausdruck bringt. Es ist mir sehr wichtig, diesen Männern und Frauen, die in
Atelier Daynes
129 rue du Faubourg du Temple prähistorischer Zeit gelebt haben, Würde wiederzugeben und die Öffentlichkeit
F-75010 Paris
für eine Epoche zu sensibilisieren, in der viele unterschiedliche Menschen(-arten)
info@daynes.com
www.daynes.com zusammengelebt haben, während heute nur noch der Homo Sapiens übrig ge-
https://www.facebook.com/
blieben ist. Wir sind die einzigen Repräsentanten dieses weitverzweigten Stamm-
baums, aus dem ursprünglich auch der Neandertaler, der Homo Erectus und all
Aus dem Französischen übersetzt
von Anna Ockert. die anderen Spezies hervorgingen.
von Elisabeth Daynès

ü
2
ü 3
Die Römer haben zahlreiche Spuren in der Geschichte Nordwest-Europas hinter-
lassen. Aber wie sahen sie eigentlich aus? Was für Kleidung haben sie getragen?
Wie trat ein «normaler» Römer im Alltag auf? Die römische Ikonographie kann hier
Fotograf
Stef Verstraaten fotografie
bis zu einem gewissen Grad Auskunft geben, aber nur zusammen mit den Er-
Molenveldlaan 67 gebnissen der archäologischen und experimental-archäolgischen Forschungen ge-
NL-6523 RK Nijmegen
info@stefophetinter.net langt man zu einem realistischen Bild.

ü
4
Römische Kavalleristen, links mit
einem Helm aus der ersten Hälfte des
1. Jhs. n. Chr., rechts mit einem
flavischen Helm (© Stef Verstraaten).

Reenactor liefern einen spannenden Zugang, da sie römische Kleidung in der


Praxis testen. In den letzten Jahren hat der Fotograf Stef Verstraaten Reenactor
fotografiert, die Personen aus den römischen Nordwest-Provinzen verkörpern.
Literatur
Seine opulenten Bilder zeigen alle Details der Bekleidung und Ausrüstung in gro- Romans. Clothing from the Roman
ßer Brillanz. era in North-West Europe.
Photos by Stef Verstraaten, with text
by Jasper Oorthuys (²2019).

ü 5
Geburtsorte der römischen Kaiser (© Peter Palm, Berlin).

Bekannte Geburtsorte/-regionen der Römischen Kaiser bis Ende des Weströmischen Reiches 476 n. Chr.
N M AR E
MARE Liste der Orte und Gebiete/
S U E B I CU M
GERMANICUM Provinzen mit der Anzahl der
W O
dort geborenen Personen
Antium 2
Arca Caesarae 1
S Arelate 1
Augusta Treverorum 1
OCEANUS Budalia 1
B R I TA N N I C U S Caesarea Mauretaniae 1
Cauca 1
O C E A N U S Cibalae 2
Dakien 2
AT L A N T I C U S Aug. Treverorum Dalmatien 1
Limes
(83 – 260) Djerba 1
Falacrinae 1
Hispanien 1
Illyrien 4
MARE Italica 2
C A N TA B R I C U M Italien 1
Konstantinopel 3
Lanuvium 2
Lugdunum Leptis Magna 1
Lugdunum 2
Narbo 1
Cibalae Narnia 1
DAKIEN
Naïssus 1
Ravenna Sirmium Ravenna 1
Narbo Arelate Singidunum
Cauca DALMATIEN Budalia PONTUS EUXI Roma 7
N U S Philippopolis

6
Felix Romuliana 1
HISPANIEN Singidunum 1
ILLYRIEN Naïssus Sirmium 4
Thrakien 2
Felix Romuliana 1
Roma M AR E THRAKIEN
A D R I AT I CU M
Italica Byzantium/
Konstantinopel
Baleares I.

s ru
Tibe
MARE
TYRRHENUM M AR E
MARE M A R E I N T E R N U M Narnia
Falacrinae AEGAEUM
IBERICUM MARE
Caesarea (Iol) I OSNA MMN I
IU
ITALIEN UM

Roma

Melita
Lanuvium
Arca Caesarea
Antium

Djerba Philippopolis
1. Jahrhundert n. Chr. M A R E I N T E R N U M
2. Jahrhundert n. Chr.
3. Jahrhundert n. Chr. Leptis Magna
4. Jahrhundert n. Chr.
5. Jahrhundert n. Chr. 0 100 200 300 km
ü
Wann ist ein Fach ein kleines Fach?

Kleine Fächer
Für die Abgrenzung kleiner Fächer von großen und mittelgroßen Fächern wird ein
quantitatives Kriterium herangezogen, welches sich auf die Zahl der Professuren
je Standort bezieht. Diesem zufolge besitzt ein kleines Fach je Universitätsstand-
ort nicht mehr als drei unbefristete Professuren, wobei es deutschlandweit bis zu
zwei Ausnahmen geben darf.

Ur- und Früh-


geschichte

Professuren Standorte

43,8 25
Entwicklung Professuren

1997 2007 2017 2019


44 39 43,5 43,8

Entwicklung Standorte

1997 2007 2017 2019


27 25 25 25

• Otto-Fridrich-Universität Bamberg • Friedrich-Schiller-Universität Jena


• Freie Universität Berlin • Christian-Albrechts-Universität Kiel Die Arbeitsstelle Kleine Fächer
• Ruhr-Universität Bochum • Universität zu Köln
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ist eine an der Johannes Guten-
• • Universität Leipzig
• Universität Bremen • Johannes Gutenberg-Universität Mainz berg-Universität Mainz ange-
• Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- • Philipps-Universität Marburg siedelte Forschungseinrichtung.
Nürnberg Den zentralen Gegenstand ihrer
• Ludwig-Maximilians-Universität München
• Johann-Wolfgang-Goethe-Universität
Frankfurt am Main • Westfälische Wilhelms-Universität Münster Untersuchungen bildet die Situa-
• Albert-Ludwigs-Universität Freiburg • Universität Regensburg tion der kleinen Fächer an deut-
• Georg-August-Universität Göttingen • Universität Rostock schen Universitäten.
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg • Universität des Saarlandes Saarbrücken
• https://www.kleinefaecher.de/
• Universität Hamburg • Eberhard-Karls-Universität Tübingen
• Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg • Julius-Maximilians-Universität Würzburg

7 ü
Wie Archäologinnen und Archäologen zum Traumjob finden
Berichte aus der Praxis

Nadine Chmura – Die Geschäftsführerin


Nadine Chmura hat mit Leidenschaft Klassische Archäologie
studiert und auch promoviert. Aber auch sie merkte schon
zu Beginn ihres Studiums, dass ihr das reine wissenschaftliche Ar-
beiten auf Dauer nicht gefiel, sondern dass ihre Stärken im
Organisieren und Managen liegen. Einen konkreten Plan hatte sie
damals noch nicht, deshalb versuchte sie, möglichst viele unter-
schiedliche Berufsbereiche kennenzulernen: Sie organisierte Ausstellungen
für das Institutsmuseum, arbeitete im Haus der Geschichte als studenti-
Nadine Chmura. sche Hilfskraft und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin, aber auch in einer
Redaktion und in einer Kommunikationsfirma, um Erfahrungen zu sammeln
und Geld für das Studium zu verdienen. Nadine Chmura weiß, dass es diese Tätig-
keiten neben der wissenschaftlichen Ausbildung waren, die ihr geholfen haben,
interessante Stellen angeboten zu bekommen.
Inzwischen leitet die 41-Jährige als Geschäftsführerin den Alumniverein der Stu-
dienstiftung des deutschen Volkes in Bonn mit ca. 5000 Mitglie-
«Die Kernelemente sind dern. «Die Kernelemente – die Professionalisierung der Abläufe, die
finanzielle Strukturierung, das Managen der Kontakte, die Wei-
schon herausfordernd,
terentwicklung des Vereins und das Aufrechterhalten der Begeis-
aber auch sehr spannend.» terung der Alumni – sind schon herausfordernd, aber auch sehr
spannend», sagt Nadine Chmura. Sie kümmert sich um alle ver-
einsrechtlichen Sachen, wie die Organisation der Vorstandssitzung, die Betreu-
ung der Regionalgruppen, die Veranstaltungsorganisation, die Mitgliederwerbung
und -betreuung und die Innen- und Außenkommunikation. Außerdem organisiert
sie für die Vertreter der Regionalgruppen einmal im Jahr die Delegiertenversamm-
lung und entwickelt neue Veranstaltungsformate für Mitglieder. Zugute kommen
ihr ihre langjährigen Erfahrungen im Wissenschaftsmanagement und ihre Tätig-
keit bei der Deutschen Kafka-Gesellschaft, die sie gegründet und die ersten acht
Jahre ehrenamtlich als Präsidentin geleitet hat.
Ihre Herzensangelegenheit ist zudem noch immer die Nachwuchsförderung.
Viele Jahre lang hat sie verschiedene Graduiertenzentren mit aufgebaut und
geleitet, an den Hochschulen in Marburg, Bayreuth und Bonn. Auch während ihrer
Zeit als Leiterin der Stabstelle für Presse und Marketing an der Hochschule am
Die Arbeitsgemeinschaft «Wissen Niederrhein – sie wollte mit Anfang 30 noch einmal eine andere Tätigkeit kennen-
schafft Karriere» des Deutschen lernen – blieb ihr Steckenpferd die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuch-
Archäologen-Verbandes (DArV)
informiert über das breite Spek- ses: Sie baute daher eine eigene Informations-Webseite auf und entwickelte nach
trum an potenziellen Berufsfeldern und nach Angebote für Graduiertenzentren verschiedener Universitäten. Für
(‹fachlich – fachnah – fachfern›):
ihre aktuelle Stelle war ihr wichtig, dass sie diese Coaching-Tätigkeit noch neben-
https://darv.de/arbeits-gemein-
schaften/wissen-schafft-karriere/. beruflich weiter ausführen kann.
von Annika Vossen

8 ü