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Hugo von Hofmannsthal (1874-1929, 55 Jahre), Wien

Lyriker, Drammatist, Librettist,

Fin de siècle, Wiener Moderne

Erste Gedichte bereits mit 16 geschrieben, unter den Pseudonymen Loris, Loris Melikow und Theophil
Morren in der Zeitung Die Presse

Er zählt zum literarischen Jung-Wien, einer Gruppe von so unterschiedlichen Schriftstellern wie
Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Felix Salten

Schließ Freundschaften mit Stefan George, Leopold von Andrian, Rainer Maria Rilke, Rudolf Kassner,
Richard Strauss, Max Reinhardt u.a.

Redakteur des Lyrik-Teils bei der Wochenzeitschrift Morgen

Befreundet mit NS-Germanist Joseph Nadler und NS-Schriftsteller Max Mell

Frühe Werke unter dem Einfluss von Friedrich Nietzsche, dem französischen Symbolismus, dem
literarischen Jugendstil und Impressionismus

Emphatisch beschwört sie (seine Lyrik) die „Einsamkeit“, das „Leben“ und den Tod; der Tod liegt in der
Schönheit und Schönheit liegt im Tode, im Verfall. Wo das Leben leer ist, birgt der Verfall ein
Versprechen auf Erneuerung.

Das Lyrische Ich ist ganz zurückgetreten; die Welt der Eindrücke liegt in den Dingen. Die Dinge sind
symbolisch aufgeladen: die Sonne, die Stadt, die Zeit, die Schatten; alle sind von geradezu mythischer
Größe. Gefühle müssen nicht geschildert werden, sie liegen nicht im Subjekt, sondern in den Dingen
selbst.

Der junge Hofmannsthal ging ganz mit Stefan Georges Ästhetizismus konform: Poetische Sprache soll
von der Alltagssprache unterschieden sein; sie soll ein abgeschlossenes „Ganzes“ bilden, eine in sich
geschlossene Kunst-Welt mit eigenen Gesetzen. Die Kunst dürfe keinen äußeren Zwecken – etwa der
Unterhaltung – dienen (in den Worten Théophile Gautiers: „l’art pour l’art“).

1890 Siehst du die Stadt?


1893 Spaziergang
1894 Ballade des äusseren Lebens
1896 Traum von großer Magie
Ausgewählte Gedichte
Vorfrühling Von wo er gekommen
Es läuft der Frühlingswind Seit gestern Nacht.
Durch kahle Alleen, (Erstdruck 1892 in »Blätter für die Kunst«)
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn. ПРЕТПРОЛЕЋЕ

Er hat sich gewiegt, Пролећни ветар у бесу


Wo Weinen war, Кроз голе алеје,
Und hat sich geschmiegt Многе ствари јесу
In zerrüttetes Haar.
У лахору што веје.

Er schüttelte nieder Зањихан је био,


Akazienblüten Ту где суза крену,
И себе је привио
Und kühlte die Glieder,
Уз косу распуштену.
Die atmend glühten.
Стресао је доле
Lippen im Lachen
Цват кестена само,
Hat er berührt,
Хлади чланке голе
Die weichen und wachen Што одишу пламом.
Fluren durchspürt.
На уснама смех тада
Er glitt durch die Flöte Дирну у пролазу,
Als schluchzender Schrei, Крај будних ливада
An dämmernder Röte Слије се у газу.
Flog er vorbei.
Клизи по свирали
Er flog mit Schweigen Кô кликћући јецај,
Durch flüsternde Zimmer Руј зоре што се пали,
Und löschte im Neigen У лету пресеца.
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind


Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten


Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft,


Den er gebracht,
Lebenslied ПЕСМА ЖИВОТА
Den Erben lass verschwenden Наследство своје подари
An Adler, Lamm und Pfau Пауну, орлу, јањцима,
Das Salböl aus den Händen Миро што у рукама старим
Der todten alten Frau! Умрла жена има!
5 Die Todten, die entgleiten, Мртвац сваки који мине,
Die Wipfel in dem Weiten, И врхови сред даљине
Ihm sind sie wie das Schreiten Кô корак се њему чине
Der Tänzerinnen werth! Плесачице љупке!
Er geht, wie den kein Walten Хода кô с леђа да слама
10 Vom Rücken her bedroht. Претња што хоће сатрти.
Er lächelt, wenn die Falten Смеје се кад у борама
Des Lebens flüstern: Tod! живот шапће: ево смрти!
Ihm bietet jede Stelle
Тајно из свих места ових
Geheimnissvoll die Schwelle,
Нуде му се сви прагови;
15 Es gibt sich jeder Welle
Сваки вал ка њему плови
Der Heimatlose hin!
Што нема завичаја.
Der Schwarm von wilden Bienen
Лети дивљих пчела рој
Nimmt seine Seele mit,
Das Singen von Delphinen
Душа му се уз њих свила;
20 Beflügelt seinen Schritt: А делфинске песме пој
Ihn tragen alle Erden Кораку му даде крила:
Mit mächtigen Geberden, И ношен је световима
Der Flüsse Dunkelwerden Сваки мрачни покрет има.
Begrenzt den Hirtentag! Настајање мрачних плима
25 Das Salböl aus den Händen Омеђи пастиров дан!
Der todten alten Frau Миро што у рукама старим
Lass lächelnd ihn verschwenden Умрла жена има
An Adler, Lamm und Pfau: Са осмехом ти подари
Er lächelt der Gefährten, - Пауну, орлу, јањцима:
30 Die schwebend unbeschwerten Сапутника смехом мије.
Abgründe und die Gärten И лако се тада слије
Des Lebens tragen ihn! Над баште и провалије
Erstdruck 1896 in »Wiener Rundschau« живота што га носи.
Превео Бојан Белић

Terzinen

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:


Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,

Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:

Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,


Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war

Und meine Ahnen, die im Totenhemd,


Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

                         II
Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen

Des Meeres starren und den Tod verstehn,

So leicht und feierlich und ohne Grauen,

Wie kleine Mädchen, die sehr blaß aussehn,


Mit großen Augen, und die immer frieren,
An einem Abend stumm vor sich hinsehn

Und wissen, daß das Leben jetzt aus ihren

Schlaftrunknen Gliedern still hinüberfließt


In Bäum' und Gras, und sich matt lächelnd zieren

Wie eine Heilige, die ihr Blut vergießt.


 

                         III
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,

Und Träume schlagen so die Augen auf


Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf


Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
... Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,

Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben


Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

Das Innerste ist offen ihrem Weben;


Wie Geisterhände in versperrtem Raum

Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
 

                         IV
Zuweilen kommen niegeliebte Frauen
Im Traum als kleine Mädchen uns entgegen
Und sind unsäglich rührend anzuschauen,

Als wären sie mit uns auf fernen Wegen

Einmal an einem Abend lang gegangen,


Indes die Wipfel atmend sich bewegen

Und Duft herunterfällt und Nacht und Bangen,


Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln,

Im Abendschein die stummen Weiher prangen

Und, Spiegel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln,


Und allen leisen Worten, allem Schweben
Der Abendluft und erstem Sternefunkeln

Die Seelen schwesterlich und tief erbeben

Und traurig sind und voll Triumphgepränge


Vor tiefer Ahnung, die das große Leben

Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.

Entstanden 1894, Erstdrucke: Terzine I als Über Vergänglichkeit in „Blätter für die Kunst“, März 1896.
Terzinen II bis IV ohne Titel in „Pan“, 1895.

Die beiden1

Sie trug den Becher in der Hand


− Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand −,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
ДВОЈЕ
So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde, С пехаром у руци она гази,
Und mit nachlässiger Gebärde Сигурним, лаким ходом по стази,
Erzwang er, dass es zitternd stand. Кô његов руб су брада, уста њена,
Ни кап једна не би проливена.
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte, Рука му беше лака у снази:
Јахао је једног коња млада,
So war es beiden allzu schwer:
Да немиран право стоји сада,
Denn beide bebten sie so sehr, Немарним својим покретом пази.
Dass keine Hand die andre fand
Ипак кад хтеде из руке њене
Und dunkler Wein am Boden rollte.
Тај пехар лаки да преузме ту,
Тешко се нешто на њих тад свали:
(Entstehungsjahr 1895, Erstdruck 1896 in
Обоје су тако задрхтали,
»Wiener Allgemeine Zeitung«) Руке њине не беху сливене
И тамно вино просу се по тлу.

1
Im Original lautet die Überschrift "Die Beiden".
Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben,


Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
5 Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
10 Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
15 Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.
20 Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Erstdruck 1896 in »Blätter für die Kunst«
»Manche freilich...« entstand wahrscheinlich in zwei Phasen zwischen Ende 1895 und Anfang 1896.
Ballade des äußeren Lebens

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, БАЛАДА О СПОЉАШЊЕМ ЖИВОТУ
Die von nichts wissen, wachsen auf und
sterben, И расту деца уз своје дубоке очи,
Und alle Menschen gehen ihre Wege. Расту и умиру, и баш ништа не знају,
И сваки човек својим путевима крочи.
Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder И плодови слатки од опорих постају,
Und liegen wenig Tage und verderben. Сваки се ноћу као мртва птица слама,
Понеки дани леже и умру на крају.
Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte Увек ветар дува, увек је иста нама
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder. Реч коју зборимо, што схватљива се јави,
Осећамо жудњу и умор у ногама.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, И јуре улице кроз места и по трави,
Teichen, Јуре свуда уз бакље и цвет са рибњаком,
Und drohende, und totenhaft verdorrte ... Претећи их мртвачка сасушеност млави.

Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen Зашто су саздани? Јер сад ниједно тако
Einander nie? und sind unzählig viele? На друго не личи, нит мо`е да се броји?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen? Шта промени сузе, смех и бледило сваком?

Was frommt 1) das alles uns und diese Spiele, Шта нас то смерним чини у играма својим,
Die wir doch groß und ewig einsam sind Нас, ипак велике и вечно усамљене
Да лутамо не тражећи циљ било који?
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Шта смерно, слично томе, много људи
Was frommt's2, dergleichen viel gesehen згледа?
haben?
Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt, Али ипак то мноштво збори, „вече“ збори,
Ein Wort, daraus3 Tiefsinn und Trauer rinnt Реч из које жалост и сав смисао крене
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben. Као из празног саћа ток тешкога меда.

Entstehungsjahr 1894, Erstdruck 1896 in der Превео Бојан Белић, Мостови, двоброј 155-
dritten Folge des ersten Bandes von »Blätter für 156, Београд: Зухра, 2013.
die Kunst«

2
frommen: nützen
3
daraus: aus welchem
Literatur:
http://www.freiburger-anthologie.de/
http://www.handmann.phantasus.de/dichter.html#
http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_von_Hofmannsthal

Der Tor und der Tod


Der Tor und der Tod ist ein kurzes Drama in Versen („lyrisches Drama“) von Hugo von Hofmannsthal,
verfasst 1893. Die erste Veröffentlichung erfolgte 1894, die erste Buchausgabe 1900. Die Uraufführung
am 13. November 1898 erfolgte unter der Leitung von Ludwig Ganghofer.

Das Stück spielt laut Angaben des Autors in den 1820er Jahren und handelt von der Begegnung des
Edelmanns Claudio mit dem Tod. Der Tod kommt zu Claudio, um ihn aus dem Leben abzuführen, und
konfrontiert ihn mit wichtigen Menschen aus seinem Leben – seiner Mutter, seiner ehemaligen
Geliebten und einem Jugendfreund. In den Begegnungen wird ihm klar, dass er zu diesen Menschen
keine tieferen Bindungen entwickelt hat. Er lebte gegenüber anderen Menschen in einer ästhetisch-
distanzierten Haltung, ohne sich auf sie einzulassen und sie an sich heranzulassen. Der Moment des
Sterbenmüssens macht ihm dieses Defizit bewusst und paradoxerweise ist erst die Todesstunde voller
emotionaler Lebendigkeit. „Da tot mein Leben war, sei Du mein Leben, Tod“. Claudio sinkt am Schluss
tot nieder; die letzten Verse des Todes lauten:

Wie wundervoll sind diese Wesen,

Die, was nicht deutbar, dennoch deuten,

Was nie geschrieben wurde, lesen,

Verworrenes beherrschend binden

Und Wege noch im Ewig-Dunkeln finden.