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Essay: Die Rolle der Medien in meinem Alltag

(VL Prof. Schrape: Theorien der Medienkommunikation)

Nicht-mediale Erlebnisse und Inhalte sind selten geworden in meinem Alltag. Er besteht doch
vor allem aus telefonieren, und E-Mails schreiben, aus fernsehen und Radio hören, aus surfen
und lesen. Eine Entwicklung, die vermutlich unvermeidlich gewesen ist.
Meine Mediensozialisation begann sehr früh; ein Fernsehgerät hat immer bei uns gestanden,
und ich habe Bücher verschlungen, seit ich sie einigermassen lesen konnte. Kommt dazu, dass
unser Schulsystem die Fähigkeiten fördert, welche auch dem Medienkonsum förderlich sind:
Lesen, schreiben. Und so hat mein Alltag seit ich mich erinnern kann nicht nur, aber
zunehmend aus Medienkonsum, Medienerlebnissen und Medieninhalten bestanden.
Vermutlich im Kindergarten schon habe ich das Fernsehen entdeckt. Kindersendungen
schaute ich oft und gerne, oft auch im Beisein meiner Eltern. Später dehnte sich der
Fernsehkonsume auf Spielfilme, Serien, Dokumentationen, sprich, auf die gesamte Bandbreite
des gesendeten Repertoires aus.
Dann das Radio; seit vielen Jahren ein treuer Begleiter in den frühen Morgenstunden als
Radiowecker und in den späten Nachtschichten als Musik zum Einschlafen hat dieses
Medium meinen Tag umrahmt; ich habe nie viel, aber regelmässig Radio gehört.
Die Zeitung kam mit der Politisierung meines Alltags. Als angehender Gymnasiast forderte
ich von mir selbst, über das Tagesgeschehen informiert zu sein; von da an las ich regelmässig
die Zeitungen, welche meine Eltern abonniert hatten. Weitere schriftliche Medien kamen
hinzu: Fachzeitschriften, Filmzeitschriften stapelten sich in meinem Zimmer. Zur
Archivierung, die dann doch nie vollzogen wurde; die Wegwerfgesellschaft hatte in meinen
Alltag Einzug gehalten.
Schliesslich, mit der grossen Zäsur einer eigenen Wohnung, wurde mein Leben vollends
medialisiert: Ein eigener Fernseher, der nicht immer mit anderen Familienmitgliedern geteilt
werden musste und der, im Gegensatz zum alten, auch das Medium Videotext beinhaltete, ein
Videorecorder, ein Radio in der Küche, einer im Wohnzimmer, einer im Schlafzimmer, eine
abonnierte Tageszeitung, mehrere abonnierte Fachzeitschriften und schliesslich ein PC mit
Verbindung zur grossen, weiten Welt, im Fachjargon „Internet“ genannt. Nachdem die neu
gewonnene Freiheit im medialen Umfeld exzessiv ausprobiert war, pendelte sich mein
Medienkonsum schliesslich wieder auf dem gewohnten Niveau ein.
Gewohntes Niveau? Mein Tagesablauf ist derart medial geprägt, dass ich von mir als einem
typischen Kind der Medienkultur sprechen würde; das „gewohnte Niveau“ lässt sich deshalb

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nur schwer definieren. Das übliche Niveau? Das durchschnittliche Niveau? Das bis heute
durchgehaltene Niveau? Denn schliesslich studiere ich Germanistik und
Medienwissenschaften, Fächer, welche allesamt eine Auseinandersetzung mit Medien zum
einen und einen (reflektierten) Konsum derselbigen zum anderen voraussetzen. Auch meine
Arbeit wird von Medien geprägt; Über Telefone, Telefaxe und E-Mails wird zum grossen Teil
bestimmt, was ich in der Privatwirtschaft zu leisten habe. Und schliesslich und endlich besteht
auch meine Freizeit zum grössten Teil aus Medienkonsum. Ist denn in der letzten Konsequenz
nicht auch eine angeregte Diskussion ein mediales Erlebnis? Das Medium „Mündlichkeit“
bzw. „Stimme“ ist doch das Ur-Medium schlechthin.
Stellt sich die Frage: Wie beurteile ich meinen eigenen Medienkonsum? Ist er zum reinen
Selbstzweck geworden, oder ist er eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem oft
beschworenen Informationszeitalter?
Die „Tagesschau“ beispielweise dient weniger der Reflexion über das Medium Fernsehen an
sich, als vielmehr der Reflexion über das Weltgeschehen; und da dieses doch stark von
Medien geprägt ist, ist die Reflexion über das Weltgeschehen zuletzt indirekt eine Reflexion
über Medien und ihren Einfluss.
Bei einer Zeitung spielt für mich dann doch auch die Reflexion über das Medium selbst eine
grosse Rolle; habe ich nicht meine Tageszeitung genau deswegen abonniert, weil ich glaubte,
sie würde am differenziertesten informieren, am pointiertesten berichten? Habe ich sie nicht
genau deswegen wieder gekündigt, als ich von den Machenschaften ihres Verlages genug
hatte? Das Lesen der Zeitung ist für mich nicht nur ein Lesen der Information, sondern eben
auch ein Lesen der Vermittlung; wer schreibt wie und warum?
Interessanterweise stelle ich mir dieselben Fragen beim Fernsehen viel weniger, obwohl sie
auch dort ihre Berechtigungen hätten: Es scheint, als habe die „Tagesschau“ als einzige
Informationsquelle auf den quasi „sanktionierten“ öffentlich-rechtlichen Sendern eine Art
Allmachts-Anspruch, der von mir nicht hinterfragt wird. Oder liegt es einfach daran, dass ich
der irrigen Meinung aufsitze, Filme liessen sich nicht fälschen?
Wohl kaum, denn sehe ich mir die Nachrichten auf den deutschen Privatsendern an, ärgere ich
mich regelmässig über die Art der Vermittlung und die Auswahl der Bilder; CNN konsumiere
ich schon gar nicht mehr, weil in mir immer noch die Gefühle von 1991 nachwirken; ich sehe
es als bewiesen an, dass CNN nichts weiter ist als eine Propagandamaschinerie der
amerikanischen Regierung.
Tatsächlich scheint also der Fernsehkonsum ebenfalls reflektiert zu sein. Und wenn er das
nicht ist, dann dient er derselben Funktion wie das Radio-Hören: Der Zerstreuung und / oder

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der Untermalung einer anderen, langweiligen Tätigkeit; mein einziger Medienkonsum, der
höchst selten reflektiert wird, ist deshalb das Radio-Hören. Zwar wechsle ich alle paar Monate
wieder einmal den Sender, weil mir die ewig gleichen Sprecher langweilig werden mit ihren
ewig gleichen Witzen und ihrer ewig gleichen Musik, insgesamt ist mein Anspruch an das
Radio aber sehr gering.
Ich reflektiere meinen Medienkonsum also doppelt: Einerseits auf den Inhalt, andererseits auf
die Vermittlung bezogen. Beide Reflexionsarten haben etwas mit unterschiedlichen
Ansprüchen zu tun:
Die Zeitung soll mich umfassend informieren, damit ich mir ein möglichst genaues Bild der
aktuellen Ereignisse machen kann; also reflektiere ich das Medium und seine Inhalte.
Die Tagesschau soll mir kurz in einer Viertelstunde zusammenfassen, was sich an einem Tag
ereignet hat an einem Tag; hier reflektiere ich weniger das Medium, die Vermittlung, als
vielmehr den Inhalt, und das vermutlich in einem weitaus geringeren Masse als bei der
Zeitung..
Das Radio schliesslich hat eine reine „Füllfunktion“, es soll quasi den noch leeren
Hintergrund ausmalen. Die Reflexion ist bei einem derart geringen Anspruch also gleich null.

Konsequent habe ich bis jetzt die allerneusten Medien noch nicht erwähnt.. Dies, obwohl oder
gerade weil sie einen Hauptbestandteil meines Lebens bilden. Es vergeht kein Tag, an dem
ich mich nicht mindestens einmal kurz ins Internet einwähle, und meist wird aus dem
geplanten E-Mail-Check eine halbe Stunde oder auch mehr.
Bei den neuen Medien scheint mir die Reflexion schwieriger. Einerseits benutze ich diese
Medien sehr stark und oft sehr unreflektiert; andererseits beklage ich die Technisierung der
Medien, also die Argumentation weg von Inhalt und hin zu den technischen Aspekten.. Eine
genauere Differenzierung scheint notwendig.
Das WWW war für mich anfangs die grosse Attraktion des Internets; interaktiv, bunt und
schrill. Vielleicht, weil ich dieses Medium innerhalb des Internets am längsten nutze, ist hier
die Reflexion am stärksten: Ich bin heute sehr kritisch gegenüber jeglichen Arten von
Webseiten und versuche, sie nicht nur anhand ihres Inhaltes, sondern auch anhand ihrer
Medialität zu beurteilen. Gleichzeitig reflektiere ich auch mein eigenes Medienverhalten in
Bezug auf das WWW: Macht es Sinn, spezifische Inhalte aufs Netz zu legen oder nicht?
Macht es Sinn, spezifische Inhalte vom Netz zu holen oder nicht?
Newsgroups reflektiere ich ebenfalls stark: Hier geschieht dies jedoch vor allem aus
Zeitgründen, da ich nicht genug Zeit finde, um alle Foren, die mich wirklich interessierten, zu

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abonnieren. Deshalb beobachte ich meinen Medienkonsum hier ganz genau: Lese ich die
Gruppen wirklich? Kann ich daraus Nutzen ziehen? Wenn nicht, werden die Gruppen relativ
schnell wieder abbestellt.
Schliesslich E-Mail: Der auch von mir am häufigsten genutzte Dienst des Internets nimmt
eine Sonderstellung ein. Fast meine gesamte tägliche Kommunikation, welche sich nicht im
direkten Kontakt erledigen lässt, habe ich mittlerweile vom Telefon und Telefax zur E-Mail
transferiert. So kann es sein, dass ich an einem Tag zwei belanglose E-Mails schreibe, gleich
danach jedoch um Informationen zu einem bestimmten Thema bitte und schliesslich noch per
E-Mail ein Buch bestelle. Dieser Dienst des Internets reflektiere ich fast überhaupt nicht
mehr, weil er mir quasi „in Fleisch und Blut“ übergegangen ist.

So kann abschliessend festgestellt werden, dass die Medien nicht nur allgegenwärtig in
meinem Alltag sind, sondern dass sie ihn sogar dominieren und bestimmen. Ich versuche, die
Medien als einen wichtigen und spannenden Teil meines Alltags zu akzeptieren; gleichzeitig
jedoch versuche ich, immer wieder meine eigene Medialität zu hinterfragen und zu verändern.
Schliesslich wachsen nicht nur Medien dynamisch, sondern auch der rezipierende Mensch.

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