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FRIEDRICH-SCHILLER-UNIVERSITÄT JENA

INSTITUT FÜR POLITIKWISSENSCHAFT

Unzivilisierte Alliierte

Das französisch – indianische Bündnis im Siebenjährigen Krieg


und der Grund seines Auseinanderbrechens.

Seminararbeit zum Proseminar:


„Friedrich II“

Sommersemester 2004
Leitung: Astrid Ackermann

Abgegeben von: Thomas Roth


Theo-Neubauer-Str. 9
07743 Jena
2

Inhaltsverzeichnis

Seite

Einführung..................................................................................................................................3
Die Regeln des Krieges und ihr Einfluss auf die Kombattanten.................................................4
Die einzelnen Akteure im Vorfeld des „French and Indian War“..............................................7
3.1. Die französische Kolonie – Strategisches Umfeld und Bedeutung Kanadas ..................7
3.2. Die britischen Kolonien...................................................................................................8
3.3. Indianer – die Iroquesen und die Stämme der „pays d’en haut“.....................................9
Ursachen des Scheiterns der französisch-indianischen Koalition.............................................12
4.1. Die Unterschiedlichen Konventionen bei der Kriegsführung........................................12
4.2. Kriegsverlauf..................................................................................................................13
Schlussbetrachtung....................................................................................................................15
Literatur.....................................................................................................................................16
3

Einführung

In der vorliegenden Seminararbeit sollen mit dem theoretischen Ansatz von Martin
van Creveld, der sich mit der Bedeutung und dem Einfluss von Regeln und Konventionen auf
die Moral von Kombattanten beschäftigt1, die Ursachen des Scheiterns der indianisch-
französischen Koalition während des „French and Indian War“ untersucht werden. Dieser
Ansatz erlaubt es, wie sich im Folgenden noch herausstellen wird, die unterschiedlichen
Kriegsführungsstrategien und Kriegsführungskonventionen der französischen Verteidiger
einerseits und ihrer indianischen Verbündeten andererseits zu untersuchen und eine Erklärung
nicht nur für das Auseinanderbrechen dieser Koalition zu finden, sondern somit für die
Tatsache, dass Kanada nach 1763 britisch wurde. Allerdings würde ein würde ein
vollständiger Überblick über die Thematik den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Hier soll
lediglich anhand eines kurzen Abrisses in die Problematik eingeführt werden, um dann
anhand des Ansatzes von van Creveld zu untersuchen, ob die unterschiedliche Auffassung
von Regeln und Konventionen bzw. deren Missachtung während des „French and Indian
War“ dazu geführt hat, dass die indianisch-französische Allianz scheiterte und Kanada der
französischen Krone verloren ging.
In einem ersten Schritt wird die Bedeutung von Regeln und Konventionen während
eines Krieges mit dem Ansatz des Militärhistorikers Martin van Creveld erläutert. Danach
folgt ein kurzer Überblick über die Situation der französischen und englischen Kolonie und
ihr jeweiliges Verhältnis zu den Indianern im Vorfeld des Siebenjährigen Krieges. Im letzten
Abschnitt wird die Auseinandersetzung zwischen den Franzosen und ihren indianischen
Verbündeten un die Kriegsführungsstrategie, mit Beachtung der jeweiligen
Kriegskonventionen und ihrer Bedeutung für den Ausgang des Krieges betrachtet.

1
Vgl. van Creveld, Martin, Die Zukunft des Krieges, Jerusalem 1997, S. 102ff.
4

Die Regeln des Krieges und ihr Einfluss auf die Kombattanten

Martin von Creveld rückt in seiner Abhandlung „Die Zukunft des Krieges“ ein
Element der Kriegsführung in seinen wissenschaftlichen Sucher, das im Hinblick auf die
Betrachtung des „French and Indian War“ sehr nützlich sein kann, um zu erklären, warum die
Französische und Indianische Allianz auseinanderbrach.
Seiner Meinung nach wird der Zusammenarbeit einer Kriegspartei durch die Moral
bestimmt, die nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn bestimmte Regeln und
Konventionen eingehalten werden. Moral wird also in diesem Zusammenhang als eine Größe
verstanden, die eine Gruppe von Menschen zusammenhält und zu einer Organisation
zusammenschmiedet und in der im Idealfall jedes Mitglied für das andere einsteht. Ohne diese
Größe kann eine Organisation, insbesondere eine Kriegsorganisation, nicht entstehen bzw.
bestehen. Dieser Zusammenhalt ist nach Creveld nur dann gegeben, wenn „die Beteiligten im
Großen und Ganzen begriffen haben, wer sie sind und zu welchem Zweck, unter welchen
Umständen und mit welchen Mitteln sie töten dürfen“.2 Seiner Meinung nach gibt es ohne
Regeln keinen Krieg. Diese Regeln bestimmten unter anderem Angelegenheiten wie den
Status von Nichtkombattanten und Kriegsgefangenen, ziehen aber in erster Linie die Grenze,
bis zu der Töten gesellschaftlich erlaubt ist oder nicht. Sie legen den Unterschied zwischen
Krieg und Moral fest.3 „Eine Menschenmasse, die sich über diese Dinge nicht im klaren ist,
ist keine Armee, sondern ein Mob.“4
Die Wichtigkeit der Moral für eine Kriegsorganisation ist im Allgemeinen bekannt. So
spricht zum Beispiel schon von Clausewitz von Moral als einem „erweiterten und veredelten
Bandengeist einer narbenvollen abgehärteten Kriegerrotte“.5 Sie ist nach von Clausewitz’
Auffassung von Strategie eines der wichtigsten Elemente, die diese ausmachen. Daneben ist
noch das physische und das mathematische Element von Bedeutung.6
Diese Elemente, unter denen das Moralische den ersten Rang einnimmt, beinhalten
Folgendes: Das Moralische setzt sich zusammen aus den Talenten des Feldherrn, den
kriegerischen Tugenden des Heeres und dem Volksgeist desselben. Das Physische besteht aus

2
Van Creveld, Martin, Die Zukunft des Krieges, Jerusalem 1997, S. 140.
3
Vgl. ebd., S. 140
4
Ebd.
5
Von Clausewitz, Carl, Vom Kriege, Augsburg 1998, S. 163.
6
Vgl. ebd., S. 156.
5

der Anzahl der Soldaten sowie der Zusammensetzung und Güte ihrer Waffen. Das
Mathematische ist die Operationsbasis eines Heeres und die Lage der Operationslinien zu ihr.7
Aus das Beispiel des „French and Indian War“ bezogen war England, was das
physische und mathematische Element betraf, eindeutig überlegen. Es beherrschte die
Nachschubrouten über den Atlantik und war auch zahlenmäßig weit überlegen.8 Das
moralische Element hingegen ist nicht so leicht zu untersuchen. Fest steht jedoch: wenn die
moralische Potenz nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist, dann ist ihr Fehlen relativ
schnell und einfach festzustellen. Die Armee löst sich auf. Nun kann der Verlust der Moral
verschiedene Gründe haben. Der Ansatz von Creveld liefert diesbezüglich eine Erklärung für
ein ganz spezifisches modernes Phänomen, das große Ähnlichkeit mit der Zeit von 1754 bis
1759 aufweist.
Es handelt sich dabei um das Phänomen des Verlustes der Moral, wenn einer Armee
ein Krieg aufgezwungen wird, der nicht ihren Konventionen und Verhaltenskodes entspricht.
Am Beispiel der US-Armee im Vietnamkrieg veranschaulicht Creveld, wie eine Armee
langsam ihren moralischen Zusammenhalt verliert, es zu Zersetzungs- und
Auflösungserscheinungen kommt, weil die Soldaten dauernd gegen die eigenen Regeln und
Konventionen verstoßen. Zum Kampf gegen Guerillas gezwungen, in dem die
Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten langsam aufgelöst wurde,
konnten sich wohl nur die diszipliniertesten Soldaten an die eigenen Konventionen halten. In
dieser Situation passiert laut Creveld Folgendes: „Wenn die Soldaten erst einmal unter dem
Zwang der Umstände Nichtkombattanten getötet und Kriegsgefangene gefoltert haben,
werden sie angsterfüllt an die Folgen denken, wenn sie selbst einmal gefangen werden. Und
in der Gefangenschaft geben sie mit Sicherheit ihren Kombattanten die Schuld daran, dass
diese sie in eine Lage gebracht haben, wo sie so oder so falsch handeln mussten, ob sie den
Befehl ausführten oder nicht. Die Kommandeure werden ihrerseits in der Angelegenheit eilig
ihre Hände in Unschuld waschen und behaupten, sie hätten ihre Untergebenen angewiesen,
nicht gegen die Vorschriften zu verstoßen. [...] Da die Männer weder einander noch ihren
Kombattanten mehr trauen können, kommt es zu Zersetzungserscheinungen. Als genau das in
Vietnam eintrat, entfernten sich Zehntausende unerlaubt von den Kasernen und
schätzungsweise 30 Prozent der Streitkräfte nahmen Drogen. Eine solche Armee wird rasch
die Kämpfe einstellen, jeder Einzelne wird nur danach trachten, das eigene Gewissen rein zu
halten und seine Haut zu retten.“9 Im soeben beschriebenen Beispiel war es der Gegner, der

7
Vgl. ebd., S. 159.
8
Vgl. Taylor, Alan, American Colonies, New York 2002, S. 432.
9
Van Creveld, Martin, Die Zukunft des Krieges, Jerusalem 1997, S. 144.
6

den ungewohnten Krieg erzwungen hatte. Im „French and Indian War“ gab es eine andere
Ursache. Die Verbündeten hatten unterschiedliche Auffassungen von Kriege.
Um die Umstände des „French and Indian War“ genauer zu betrachten wird im
Folgenden auf die einzelnen Akteure im Vorfeld eines Krieges eingegangen. Als Erstes wird
die Entwicklung der französischen Kolonie in Amerika bis zum Beginn des Krieges
aufgezeigt. Als Zweites wird in gleicher Weise die britische Seite betrachtet. Danach wird auf
die jeweilige Beziehung eingegangen, die die Kolonisten zu den Indianern hatten.
7

Die einzelnen Akteure im Vorfeld des „French and Indian War“

3.1. Die französische Kolonie – Strategisches Umfeld und Bedeutung Kanadas

Im kolonialen Wettstreit mit den Briten fand das französische Kanada seinen Quell der
Stärke gerade in seiner Schwäche.10 Die Lage im Norden des Kontinents und seine geringe
Bevölkerung gaben der Kolonie zwei entscheidende Vorteile. Erstens erschwerte das kalte
Klima und der schwierige Zugang der St. Lorenzstrom, an dem sich die Hauptsiedlungen
befanden, fror im langen Winter zu und die großen Waldgebiete im Südosten erschwerten den
Weg zum Hudson und somit zur Ostküste des Kontinents, eine britische Invasion. Zweitens
reduzierte die geringe Anzahl der Bewohner ihren Drang nach Land und entschärfte so das
Verhältnis zu den Indianern, die zu der wichtigsten Stütze in der Verteidigung Kanadas
wurden.11
Seit der Gründung von Quebec im Jahre 1608 am Unterlauf des Sankt Lorenzstromes
gehörte Kanada bis 1663 mehr der Pelzhandelsgesellschaft „Neu Frankreich“ als der
französischen Krone. Die Pelzhändler sahen in dieser Zeit keinen Profit in dem teuren
Transport von Siedlern in ein Land, in dem der Anbau von exotischen und profitablen
Produkten wie z.B. Kaffe oder Tabak unmöglich ist. Die einzigen Bewohner der Kolonie zu
diesem Zeitpunkt waren Händler, die von den Indianern im Tauschgeschäft gegen
europäische Manufakturenprodukte Pelze und Felle erhielten und Soldaten, die diese
Handelsstationen verteidigten. Erst durch den schock der einfachen Besetzung Quebecs durch
die Briten 1629 –1623 übernahm die Krone nach und nach die Kontrolle der Kolonie, um
einen nochmaligen Verlust zu verhindern.12 Mit starken Reizen wie Bezahlung der Überfahrt,
Steuerfreiheiten und Land, versuchte sie Siedler und damit Verteidiger für die Kolonie zu
werben. Der Erfolg bleib mäßig. Die Anzahl der Bewohner stieg von 700 im Jahre 1650 auf
gerade mal 3.000 im Jahre 1663. Im Jahre 1673 wurde diese Werbeaktion dann aus
Kostengründen eingestellt.13 Trotzdem stieg die Einwohnerzahl durch eigenen Nachwuchs
und spärlichen Zuzug auf 15.000 im Jahre 1700 und 52.000 im Jahre 1752. Dies lag vor allem
am Geburtenüberschuss Kanadas gegenüber dem Mutterland, resultierend aus der viel
größeren Landfläche, die den Siedlern zur Verfügung stand, im Vergleich zu ihren
10
Vgl. Taylor, Alan, American Colonies, New York 2002, S. 364.
11
Ebd.
12
Vgl. ebd., S. 366. Die Besetzung von drei britischen Schiffen konnten die gerade mal 85 Bewohner von
Quebec leicht überwinden und die Siedlung besetzen.
13
Vgl. ebd., S. 366.
8

Landsleuten in Frankreich.14 Die Siedlungen konzentrieren sich alle im Tal des Sankt
Lorenzstromes, zwischen Quebec im Norden und Montreal im Süden. Die übrigen riesigen
Gebiete blieben von europäischen Siedlern nahezu unberührt. Eine dünne Kette von
Handelsstationen, die sich um das Gebiet der Großen Seen, entlang des Ohio und des
Mississippi bis hinab zu dessen Mündung nach New Orleans zog, verband die zwei
französischen Kolonien in Amerika: Kanada und Louisiana. Diese Stationen, eingefügt in das
soziale und geschäftliche Leben der um sie siedelnden Indianer, bestimmten den Charakter
Kanadas als Pelzhandelskolonie. Doch ihre Zusatzfunktionen, Orte der Integration und des
Einflusses auf die Stämme des inneren Kontinents, erhöhten ihre Bedeutung. Sie stellten aber
auch, in den Augen der jenseits der Appalachen siedelnden Briten, eine Bedrohung dar, da sie
das Gefühl der Umzingelung vermittelten. Dieses Netz unterband sie nicht nur vom Handel
mit den Stämmen des inneren Kontinents, den Indianer des „payes d’en haut“, was von den
französischen Kolonisten durchaus gewollt war, sondern weckte bei den Briten die
Befürchtung, vom inneren Kontinent abgeschnitten zu werden.15

3.2. Die britischen Kolonien

Zwischen den Appalachen im Westen und der Küste im Osten gelegen, befanden sich
die dreizehn Kolonien der Briten. In Hinblick auf die demographische und wirtschaftliche
Prosperität waren sie das genaue Gegenteil zu den französischen Kolonien. Dieser Vorteil
resultierte aus drei Gründen. Erstens, die milderen Temperaturen. In Sourth Carolina
entstanden sogar sklavengestützte, profitable Tabak- und Baumwollkulturen.16 Zweitens, dem
leichten Zugang vom Atlantik. Sie mussten keinen langen Umweg machen wie zum Beispiel
Quebec, über den Golf des Sankt Lorenzstromes und dann noch den Fluss hinauf. Drittens,
die im Vergleich zur französischen viel liberalere Kolonialpolitik der englischen Krone. So
ließen sich z.B. 10.000 Hugenotten im britischen Hoheitsbereich nieder.17 Die Bevölkerung
stieg von 58.000 im Jahre 1660 auf 23.400 um 1700. Zu Beginn der Auseinandersetzungen
1754 standen den ca. 55.000 Franzosen in Kanada 1,5 Millionen Briten in den dreizehn
Kolonien gegenüber.18 Besonders um die Küstenstädte entwickelte sich eine selbsttragende
Wirtschaft und eine Gesellschaft, die Arbeitsteilung betrieb. Angefangen von den Farmern,
die für den Markt produzierten, bis hin zu einem eigenen Verlagswesen. Demgegenüber stand

14
Vgl. ebd., S. 376.
15
Vgl. Anderson, Fred, Cruicible of War, New York 2000, S. 17.
16
Vgl. Taylor, Alan, American Colonies, New York 2002, S. 385.
17
Vgl. ebd., S. 369.
18
Vgl. ebd., S. 426.
9

Kanada, mit seinen Siedlern, die nur den eigenen Bedarf deckten, eine Kolonie, in der keine
Zeitung erschien und die die französische Staatskasse jährlich belastete.19 Die dreizehn
britischen Kolonien jedoch waren ein Markt, der für die englischen Manufakturen immer
wichtiger wurde.

3.3. Indianer – die Iroquesen und die Stämme der „pays d’en haut“

Die indianischen Stämme, die am „French and Indian War“ beteiligt waren, kann man
in zwei Kategorien unterteilen. In die eine Kategorie gehören die sechs Stämme des
Iroquesen-Verbundes in die andere Kategorie die „Far Indians“ oder die Stämme „pays d’en
haut“, Indianer, die an den westlichen Großen Seen oder im Tal des Mississippi lebten.
Zu den Stämmen des Iroquesen-Verbundes, auch „Six Nation“ genannt, gehörten die
Iroquesen, die Mohikaner, die Oneidas, die Onondagas, die Cayugas und die Senecas. Sie
stellen eine Besonderheit in der Geschichte des nordamerikanischen Kontinents dar. Zwischen
der französischen Kolonie im Nordwesten und der englischen im Südosten gelegen, stellte
dieser Bund die dritte organisierte Macht bis zum Beginn des Krieges dar.20 Als Friedensbund
nach innen und als Kriegsbund nach außen hatte er einen wesentlichen Einfluss auf die
Geschehnisse des nordamerikanischen Kontinents in der zweiten Hälfte des 17. und in der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie vertrieben am Anfang des 17. Jahrhunderts,
ausgerüstet mit holländischen Waffen aus Neu Amsterdam, die späteren „pays d’en haut“
Indianer aus dem Tal des Ohio und der Gegend um die östlichen Großen Seen. Für die
Engländer bildeten sie somit zum einen einen Puffer gegenüber Kanada, zum anderen aber
schnitten sie die Handels- und Kommunikationsmöglichkeit mit den Indianern des inneren
Kontinents ab.21 Die Indianer der „Six Nations“ etablierten sich ökonomisch und diplomatisch
als Mittelsmänner und waren für die Engländer die einzigen Indianer im Norden, auf die sie
Einfluss ausüben konnten. Um ihre Mittelsmannposition zwischen den zwei europäischen
Kolonien am Besten ausüben zu können, betrieben die „Six Nations“ ab 1700 eine Politik der
Neutralität.22 Schon immer gespalten in pro-französische oder pro-britische Flügel, gaben sie
jedoch im Juli 1759 die Neutralitätspolitik auf und zogen, obwohl Teile der Iroquesen auf
französischer Seite gekämpft hatte, bei der Eroberung von Fort Niagara auf Seite der Briten in
den Krieg. Zunächst aber ohne im Kriegsgeschehen irgendwie ins Gewicht zu fallen.23 Zu

19
Vgl. ebd., S. 394.
20
Vgl. Anderson, Fred, Cruicible of War, New York 2000, S. 12.
21
Vgl. ebd., S. 16.
22
Vgl. ebd., S. 20.
23
Vgl. ebd., S. 336 ff.
10

diesem Zeitpunkt nämlich war die Koalition zwischen den Franzosen und den Indianer des
„pays d’en haut“ schon zerfallen.
Wie kam es aber zur französisch-indianischen Koalition? Die „pays d’en haut“
Indianer strömten, nachdem sie von dem Iroquesen-Bund aus dem Ohio Tal vertrieben
wurden, in das Mississippi-Tal und zu den westlichen Großen Seen. Hier stießen sie auf
französische Pelzhändler, die unter ihnen Handelsstationen errichteten. Franzosen und
Indianer kamen schnell ins Geschäfts, denn die Indianer brauchten Waffen, ums ich gegen die
nachrückenden Iroquesen zu wehren und die Franzosen brauchten Pelze und Verbündete
gegen die Briten. So etablierte sich ein Allianzsystem, das vor allem auf dem Handel basierte.
Zwar nannten die Indianer den französischen Gouverneur in Kanada „Onontio“, Vater, aber
die indianische Gesellschaft war matriarchalisch aufgebaut. Bei ihnen übten die größere
Autorität die Mütter und Onkel aus. Der Vater war eher jemand, der mehr gibt als bekommt. 24
Die Indianer empfanden sich den Franzosen gegenüber keineswegs als Untertanen, sosehr
diese sich das auch wünschten und der Name „Onontio“ ihnen suggerierte. Um Unterstützung
zu bekommen, mussten die Franzosen den Indiandern sehr viel Respekt entgegenbringen und
noch mehr Geschenke. In den Expansionskriegen Ludwigs des Vierzehnten (1689-1697), dem
Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713) und dem Österreichischen Erbfolgekrieg (1744-1748)
bewährte sich diese Koalition.25 In all diesen Kriegen etablierte die Allianz eine
Kriegsführung, die auf einer Kampfweise der Indianer aufbaute. Die Kampfweise setzte sich
aus sogenannten „Raids“, Streifzügen, zusammen in denen meistens aus dem Hinterhalt
angegriffen wurde, um schnell Skalps oder Gefangene zu erbeuten und um dann wieder zu
verschwinden. Der Jagd nicht unähnlich, konnte diese Strategie sehr schnell von den
kanadischen Milizsoldaten übernommen werden, vor allem von denjenigen Soldaten, die die
Jagd in den kanadischen Wäldern kannten und die nie einem europäischen Militärdrill
unterzogen wurden. Zudem schien es, da der Kriegsschauplatz meist die endlosen Wälder
waren und der Gegner in den ersten, oben genannten beiden Kriegen der Iroquesen-Bund war,
der ähnlich kämpfte, keine andere Taktik zu geben.
Trotzdem kam es zum Auseinanderbrechen der Koalition zwischen Franzosen und
Indianern. Wieso? Im folgenden Abschnitt soll dies genauer in Augenschein genommen
werden. Dabei soll vor allem der Ansatz von van Creveld als Erklärungsmodell zu Hilfe
genommen werden. Gerade für das Zusammenbrechen der französisch-indianischen Allianz
drängt sich nämlich die These auf, dass unterschiedliche Auffassungen vom Kriege dazu
geführt haben. Um diese These zu überprüfen, werden zunächst die Kriegskonventionen der
24
Vgl. Taylor, Alan, American Colonies, New York 2002, S. 380.
25
Vgl. Anderson, Fred, Cruicible of War, New York 2000, S. 20.
11

Indianer und die der Franzosen in der damaligen Epoche betrachtet. Bei der darauf folgenden
genaueren Betrachtung des Kriegsverlaufes wird das Scheitern der Koalition und die
Faktoren, die dazu geführt haben, kurz skizziert.
12

Ursachen des Scheiterns der französisch-indianischen


Koalition

4.1. Die Unterschiedlichen Konventionen bei der Kriegsführung

Das kulturelle Selbstverständnis der Adligen im Europa des Ancien Regime und das
der Indianer Nordamerikas weist zunächst Parallelen auf. Beide Gruppen begriffen sich als
Krieger. So waren die „Six Nations“ ein eindeutiger Kriegsstaat, der sich faktisch immer,
wenn auch meistens mit ausgesucht schwachen Stämmen, im Krieg befand.26 Es ging ihnen
nicht darum, einen anderen Stamm unbedingt ihrem Einfluss einzuverleiben, sondern darum,
sich als Krieger zu bestätigen. In Europa sind es die adligen Offiziere, die die Dienste
verschiedener Herren in Anspruch nehmen und somit zeigen, dass sie nicht um der politischen
Ziele willen kämpfen, sondern vor allem um sich als Krieger zu bestätigen. Sowohl Indianer
als auch die französische Kriegsaristokratie betrachten den Krieg als eine Art Wettkampf um
Reputation, um persönlichen Ruhm und Ehre. Für beide war das Kräftemessen mit dem
Gegner zentraler Bestandteil dieses Wettbewerbs. Doch wie es zum Kräftemessen kommt,
unter welchen Umständen, aus welchem Anlass und mit welcher Legitimation, darin waren
beide Seiten sehr unterschiedlicher Auffassung.
Für die Indianer war die Erbeutung von Gefangenen und Skalps während des
Kriegseinsatzes sehr wichtig. Einerseits stärkte es die eigene Gruppe und andererseits diente
es als Ausgleich für die Gefallenen – faktisch durch Gefangene oder spirituell durch Skalps.27
Hierzu reichte es meist aus, wenn man auf „Raids“ ging. Aber genau an diesen beiden
Merkmalen, der Taktik und des Streifzugs und des Hinterhalts und des Status von Gefangenen
und Skalps, kann die Unterschiedlichkeit der Kriegskonventionen zwischen Indianern und
Franzosen am deutlichsten gemacht werden. Für die europäische Taktik spielte es eine viel
größere Rolle, dass die Truppen unter Kontrolle der adligen Offizieren blieben und ästhetisch
aussahen, als ihr sinnvoller und erfolgreicher Einsatz. Dies kann vor allem an der Uniform
abgelesen werden – eine farbenträchtige und auffällige Kostümierung, die einerseits
unpraktisch für den Felddienst war und andererseits jeglicher Tarnung entgegenwirkte. Durch
sie konnte aber der Offizier erkennen, wo sich seine Soldaten befanden und die Truppe konnte
gut repräsentieren. Ausgerüstet mit unbrauchbaren Waffen, die nur im Masseneinsatz

26
Vgl. ebd., S. 16.
27
Vgl. Anderson, Fred, Cruicible of War, New York 2000, S. 338.
13

Wirkung zeigten, Flinten statt Büchsen, waren die Soldaten dazu gezwungen, eng beieinander
zu stehen und auf das Kommandowort „Feuer“ zu warten. Dieses enge Zusammengehen
machte die künstlichen Bewegungen notwendig und dauerte stundenlang.28
Ein größerer Unterschied zur indianischen Taktik ist gar nicht denkbar. Dort ist jeder
Krieger weitestgehend auf sich gestellt und schon gar nicht bis in die kleinste Bewegung
gesteuert. Mit dem Einzug der Geometrie, zuerst in die Festungsbaukunst, dann durch die
Körperdisziplinierung auch in die Kriegskunst,29 hat sich wohl das Bild von Ästhetik und
dadurch von Zivilisation dermaßen verändert, das einem europäischen Offizier die Kriegszüge
der Indianer wie die purste Barbarei vorkamen. Bei der Betrachtung der Behandlung von
Gefangenen durch die Indianer müssen sie ähnliches empfunden haben.
Durch den Einfluss der Aufklärung und durch die Tatsache, dass die meisten
europäischen Offiziere Adlige waren, arrangierte man nach und nach immer komfortablere
Bedingungen der Gefangenschaft. Zuerst nur auf die Offizieren angewandt, etablierte sich ein
System, das für alle galt. Dies ging sogar soweit, dass wenn ein Gefangener sein Ehrenwort
gab, während einer bestimmten Frist nicht mehr gegen die eigene Partei zu kämpfen, er
freigelassen wurde.30 Dagegen erschien die Verschleppung oder sogar die Skalpierung eines
Gefangenen als unglaublich unzivilisiert.

4.2. Kriegsverlauf

Georg Washington, der spätere erste Präsident der Vereinigten Staaten, spielt in dem
Beginn des „French and Indian War“ eine nicht unwesentliche Rolle. Als junger
ambitionierter Bodenspekulant und Kommandeur eines Regiments der Virginiamiliz
übernahm er, im Auftrag des Gouverneur von Virginia, ebenfalls ein Mitglied der selben
Vereinigung von Bodenspekulanten wie Washington selbst, die Mission, die Franzosen aus
dem Ohio-Tal zu verdrängen. Dieses Tal ist deswegen von Interesse, da es die natürliche
Verbindung zwischen den Großen Seen und dem Mississippi ist. Aus diesem Grund hatten die
Franzosen bis dahin versucht, über das Ohio-Tal Louisiana und Kanada zu verbinden und
gleichzeitig die Engländer davon abzuhalten, mit den Indianern des „pays d’en haut“ Handel
zu treiben.
Deswegen

28
Vgl. Luh, Jürgen, Kriegskunst in Europa 1650-1800, Köln 2004, S. 177 ff.
29
Vgl. Eichberg, Henning, Ordnen, Messen, Disziplinieren, in: Kunisch, Johannes, Staatsverfassung und
Heeresverfassung in der europäischen Geschichte der frühen Neuzeit, Berlin 1986, S. 347 ff.
30
Vgl. Anderson, M.S., War and Society in Europe of the Old Regime 1618-1789, Guernsey 1988, S. 193.
14
15

Schlussbetrachtung
16

Literatur

Clausewitz, Carl von, Vom Kriege, Augsburg 1998.


Duffy, Christopher, Introduction, in: Corbett, Julian, England in the Seven Years’ War,
London 1907, S. X-Y.
Eichberg, Henning, Ordnen, Messen, Disziplinieren, in: Kunisch, Johannes, Staatsverfassung
und Heeresverfassung in der euroäischen Geschichte der frühen Neuzeit, Berlin 1986,
S. 347-376.
Luh, Jürgen, Kriegskunst in Europa 1650-1800, Köln 2004.
Taylor, Alan, American Colonies, New York 2002.
Van Creveld, Martin, Die Zukunft des Krieges, Jerusalem 1997.