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 GuteÜbersicht­

lichkeit durch
Das etymologische Wörterbuch
erklärt, woher ein Wort stammt und
7
Das Herkunfts­

Das Herkunfts-
Griffregister und was es bedeutet.

wörterbuch
Zweifarbigkeit
wörterbuch
 Darstellung
des Erbwortschatzes
 Herkunft
von sowie des Fremd- und Lehnwortgutes
rund 400 Rede­
 Fachlich
präzise und doch
wendungen
für den Laien leicht verständliche Etymologie der deutschen Sprache
Erklärungen
 Hinweise
auf Wortfamilien und
Verwandtschaften mit Wörtern aus
anderen Sprachen
 Kleine
unterhaltsame und informative
Geschichte der deutschen Sprache
 Überblicksartikel
zu kulturgeschicht-
lich interessanten Etymologien und
etymologischen Zusammenhängen

7
ISBN 978-3-411-04075-9
24,99 € (D) · 25,70 € (A)

www.duden.de 9 783411 040759 5.


Auflage
Duden  Band 7
Der Duden in zwölf Bänden
Das Standardwerk der deutschen Sprache

Herausgegeben von der Dudenredaktion

1. Rechtschreibung

2. Stilwörterbuch

3. Bildwörterbuch

4. Grammatik

5. Fremdwörterbuch

6. Aussprachewörterbuch

7. Herkunftswörterbuch

8. Synonymwörterbuch

9. R ichtiges und gutes Deutsch

10. Bedeutungswörterbuch

11. Redewendungen

12. Zitate und Aussprüche


Duden
Das Herkunftswörterbuch
Etymologie der deutschen Sprache

5., neu bearbeitete Auflage


Herausgegeben von der Dudenredaktion

Duden Band 7

Dudenverlag
Berlin
Redaktionelle Bearbeitung Prof. Dr. Jörg Riecke
Projektleitung Dr. Christine Tauchmann, Dr. Werner Scholze-Stubenrecht

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der ­Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Wort Duden ist für den Verlag Bibliographisches Institut GmbH
als Marke geschützt.

Alle Rechte vorbehalten.


Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.
© Duden 2014
Bibliographisches Institut GmbH
Mecklenburgische Straße 53, 14197 Berlin

Typografisches Konzept  Iris Farnschläder, Hamburg


Herstellung  Monique Markus
Umschlaggestaltung  Bender + Büwendt, Berlin
Satz  Dörr + Schiller GmbH, Stuttgart
Sigrid Hecker, Mannheim

ISBN 978-3-411-90539-3 (E-Book)


ISBN 978-3-411-04075-9 (Buch)
www.duden.de
Vorwort

Die Geschichte der Wörter und das, was sie uns über die Jahr-
hunderte ihrer Entwicklung hinweg erzählen, interessiert
nicht nur die Sprachwissenschaft. Auch viele Laien fragen,
wie Wörter Eingang in unsere Sprache gefunden, welchen
Weg sie von den frühen Zeiten bis in die Gegenwart genom-
men und welchen Bedeutungswandel sie in dessen Verlauf
erfahren haben. Wörter erzählen auch davon, wie sich die
Dinge, die uns umgeben, selbst verändert haben.
Das Duden-Herkunftswörterbuch zeichnet die Geschich-
te der wichtigsten Wörter der deutschen Gegenwartssprache
nach. Es bettet dabei die Geschichte der Einzelwörter in
g rößere Zusammenhänge ein, arbeitet die Wortfamilien
­
­heraus und zeigt Verwandtschaften mit Wörtern anderer
Sprachen. Besondere Aufmerksamkeit wird der inhaltlichen
Seite der Wörter zuteil: das Motiv für die Benennung, die
­eigentliche Bedeutung und die Bedeutungsentwicklung der
Wörter.
Das Herkunftswörterbuch verzeichnet über 20 000 Wörter
in mehr als 8000 Artikeln. Dazu gehört neben dem Erb- und
Lehnwortschatz und den traditionellen Fremdwörtern auch
modernes Wortgut wie Beamer, Blog, shoppen und Tsunami.
In Infokästen wird die Herkunft von über 300 Redewendun-
gen erklärt. Neu aufgenommen wurde außerdem eine Reihe
von Überblicksartikeln, die kulturgeschichtlich interessante
Etymologien erläutern und den Zusammenhang von Wort­
geschichte und kultureller und gesellschaftlicher Entwick-
lung aufzeigen.
Dem Wörterbuchteil vorangestellt ist eine kleine Sprach-
geschichte des Deutschen. Sie vermittelt Hintergrundwissen
über die Entwicklung des Deutschen von den rekonstruier-
ten Formen des Indogermanischen über das Alt-, Mittel- und
Frühneuhochdeutsche bis in die Gegenwart.

Berlin, im Oktober 2013 Die Dudenredaktion


Inhalt

Zur Wörterbuchbenutzung   9
Abkürzungen   11
Verzeichnis der Überblicksartikel   17
Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen   19
Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter   29
Literaturverzeichnis   93
Wörterverzeichnis A–Z   97

9

Zur Wörterbuchbenutzung

I. Das Auffinden eines Wortes

Hauptstichwörter stehen in alphabetischer Reihenfolge. Die dazugehörigen Ab-


leitungen und Zusammensetzungen folgen in derselben Schriftart. Um das Auf-
finden zu erleichtern, sind außerdem alle Wörter, die innerhalb eines Artikels
behandelt werden, an alphabetischer Stelle mit einem entsprechenden Verweis
aufgeführt, zum Beispiel abflauen ↑ flau; Kurpfalz ↑ Kür; Zwiespalt, zwiespältig
↑ spalten. Alle Wortbelege und Formen aus älteren Sprachstadien wurden der
besseren Übersichtlichkeit halber kursiv gedruckt.

II. Sprachangaben

Mit den Sprachangaben ahd., mhd. und nhd. werden zeitliche Gliederungen
bezeichnet: ahd.: 750 bis 1050, mhd.: 1050 bis 1350, frühnhd.: 1350 bis 1650,
nhd.: 1650 bis zur Gegenwart. Bei allen Periodisierungen ist zu bedenken,
dass sich sprachliche Veränderungen nicht einheitlich und schlagartig voll-
ziehen und dass dementsprechend die Grenzen zwischen den Sprachperio-
den fließend sind.
Die Gliederung des germanischen Sprachraumes folgt der herkömmlichen
Dreiteilung in Nordgermanisch (Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Is­
ländisch), Ostgermanisch (Gotisch, Burgundisch und andere Sprachreste)
und Westgermanisch (Deutsch, Friesisch, Niederländisch, Englisch).
Zusammenfassend stehen die Bezeichnungen gemeingermanisch, wenn
ein Wort im Nord-, Ost- und Westgermanischen vorkommt, und altgerma­
nisch, wenn ein Wort im West- und Ostgermanischen oder im West- und
Nordgermanischen bezeugt ist. Alle diese Bezeichnungen verweisen ledig-
lich auf das Vorkommen eines Wortes innerhalb des germanischen Sprach-
bereiches und nicht etwa auf eine zeitliche Gliederung.
Um eine Häufung von Sprachformen zu vermeiden, stehen meist für die
nordgermanischen Formen stellvertretend schwedische, für die ostgermani-

Zur Wörterbuchbenutzung 10

schen gotische und für die westgermanischen deutsche, niederländische


und englische. Die älteren Formen eines Wortes sind im Allgemeinen nur für
das deutsche Wort genannt. Die verwandten Wörter im germanischen
Sprachraum werden gewöhnlich in der heute üblichen Form aufgeführt. Ist
diese nicht mehr bewahrt, tritt eine ältere ein, und zwar die mittelniederlän-
dische für niederländische, die altenglische oder die mittelenglische für
englische und die altisländische für die nordische.
Der Terminus indogermanisch bezeichnet einerseits Formen, die der er-
schlossenen Grundsprache der Indogermanen angehören, andererseits die
Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm. Zu diesem gehören vor
allem folgende Sprachen: 1. Hethitisch, 2. Tocharisch, 3. Indisch, 4. Iranisch,
5. Armenisch, 6. Thrakisch, 7. Phrygisch, 8. Griechisch, 9. Albanisch, 10. Illy-
risch, 11. Venetisch (?), 12. Italisch (vor allem Latein und seine romanischen
Folgesprachen, wie zum Beispiel Französisch, Spanisch, Italienisch), 13. Kel-
tisch, 14. Germanisch, 15. Baltisch, 16. Slawisch.
Formen aus Sprachen, die nicht zum indogermanischen Sprachstamm ge-
hören, treten nur bei Entlehnungen auf. Dabei erscheinen Entlehnungen aus
dem Hebräischen, Arabischen und aus den Indianersprachen Mittel- und
Südamerikas am häufigsten.

III. Redewendungen

Die Redewendungsartikel in den Infokästen bestehen jeweils aus vier Teilen:


dem Artikelwort, unter dem sich die Redewendung nachschlagen lässt (zum
Beispiel »am seidenen Faden hängen« unter »Faden«), aus der Redewendung
selbst, aus ihrer Bedeutungsangabe (zum Teil mit einer stilistischen Wer-
tung, wie zum Beispiel »ugs.« für »umgangssprachlich«) und aus den Erläu-
terungen zu ihrer Herkunft.
Jede Redewendung ist unter dem Wort zu finden, das deren Hauptbedeu-
tung trägt und auf das sich die Herleitung dieser Wendung folglich konzent-
riert. So findet sich »etwas auf dem Kerbholz haben« unter dem Artikelwort
»Kerbholz«, weil dort die für das Verständnis der Redewendung wichtige
kaufmannssprachliche Bedeutung von »Kerbholz« erläutert wird. (Vgl. auch
die Liste auf S. 19 ff.)

11

Abkürzungen

Abk. Abkürzung apreuß. altpreußisch


Abl. Ableitung aprovenz. altprovenzalisch
abulgar. altbulgarisch arab. arabisch
Adj. Adjektiv aram. aramäisch
Adv. Adverb armen. armenisch
aengl. altenglisch aruss. altrussisch
afränk. altfränkisch asächs. altsächsisch
afranz. altfranzösisch aschwed. altschwedisch
afries. altfriesisch aslaw. altslawisch
afrik. afrikanisch aslowen. altslowenisch
agerm. altgermanisch aspan. altspanisch
ägypt. ägyptisch assyr. assyrisch
ahd. althochdeutsch außergerm. außergermanisch
ähnl. ähnlich awest. awestisch
aind. altindisch
air. altirisch babylon. babylonisch
aisl. altisländisch bad. badisch
ait. altitalienisch balt. baltisch
akirchenslaw. altkirchenslawisch baltoslaw. baltoslawisch
akkad. akkadisch bayr. bayrisch
Akk. Akkusativ Bed. Bedeutung
Akt. Aktiv berlin. berlinisch
akymr. altkymrisch bes. besonders
alat. altlateinisch bildl. bildlich
alban. albanisch bret. bretonisch
alemann. alemannisch bulgar. bulgarisch
alit. altlitauisch bzw. beziehungsweise
allg. allgemein
amerik. amerikanisch chem. chemisch
angelsächs. angelsächsisch chin. chinesisch
angloind. angloindisch
anglonorm. anglonormannisch dän. dänisch
anord. altnordisch dgl. dergleichen
apers. altpersisch d. h. das heißt

Abkürzungen 12

d. i. das ist Grundbed. Grundbedeutung


dt. deutsch
hebr. hebräisch
eigtl. eigentlich hess. hessisch
elsäss. elsässisch hethit. hethitisch
engl. englisch hispanoarab. hispanoarabisch
entspr. entsprechend hochd. hochdeutsch
etrusk. etruskisch
etw. etwas iber. iberisch
europ. europäisch idg. indogermanisch
evtl. eventuell illyr. illyrisch
indian. indianisch
fachspr. fachsprachlich ind. indisch
Fem. Femininum insbes. insbesondere
finn. finnisch ir. irisch
fläm. flämisch iron. ironisch
fränk. fränkisch islam. islamisch
franz. französisch isländ. isländisch
fries. friesisch ital. italienisch
frühmhd. frühmittelhoch-
deutsch jakut. jakutisch
frühnhd. frühneuhochdeutsch jap. japanisch
frühniederd. frühniederdeutsch Jh. Jahrhundert
Jh.s Jahrhunderts
gäl. gälisch jidd. jiddisch
gall. gallisch jmd. jemand
gallolat. gallolateinisch jmdm. jemandem
galloroman. galloromanisch jmdn. jemanden
geh. gehoben jmds. jemandes
gemeingerm. gemeingermanisch Joh. Johannes
gemeinroman. gemeinromanisch
Gen. Genitiv Kap. Kapitel
germ. germanisch karib. karibisch
Ggs. Gegensatz kaschub. kaschubisch
gleichbed. gleichbedeutend katal. katalanisch
got. gotisch kath. katholisch
griech. griechisch kelt. keltisch
grönländ. grönländisch kirchenlat. kirchenlateinisch

13 Abkürzungen

kirchenslaw. kirchenslawisch mlat. mittellateinisch


kirchenspr. kirchensprachlich mniederd. mittelniederdeutsch
klass. klassisch mniederl. mittelniederländisch
köln. kölnisch Mos. Mose
Konj. Konjunktion mundartl. mundartlich
kopt. koptisch
krimgot. krimgotisch n. Chr. nach Christus
kroat. kroatisch neapolitan. neapolitanisch
kurd. kurdisch neuengl. neuenglisch
kymr. kymrisch Neutr. Neutrum
ngriech. neugriechisch
landsch. landschaftlich nhd. neuhochdeutsch
langob. langobardisch niederd. niederdeutsch
lat. lateinisch niederfränk. niederfränkisch
lett. lettisch niederl. niederländisch
lit. litauisch niederrhein. niederrheinisch
lombard. lombardisch niedersächs. niedersächsisch
lyd. lydisch nlat. neulateinisch
Nom. Nominativ
malai. malaiisch nordafrik. nordafrikanisch
Mark. Markus nordd. norddeutsch
Matth. Matthäus nordfranz. nordfranzösisch
mbret. mittelbretonisch nordfries. nordfriesisch
md. mitteldeutsch nordgerm. nordgermanisch
Med. Medizin nordital. norditalienisch
mengl. mittelenglisch nord. nordisch
mex. mexikanisch nordostd. nordostdeutsch
mfranz. mittelfranzösisch nordwestd. nordwestdeutsch
mgriech. mittelgriechisch norm. normannisch
mhd. mittelhochdeutsch norw. norwegisch
militär. militärisch N. T. Neues Testament
mind. mittelindisch
mir. mittelirisch o. ä. oder ähnlich
mittelamerik. mittelamerikanisch o. Ä. oder Ähnliche(s)
mittelfränk. mittelfränkisch oberd. oberdeutsch
mittelkymr. mittelkymrisch oberital. oberitalienisch
mittelpers. mittelpersisch obersächs. obersächsisch
mittelrhein. mittelrheinisch obersorb. obersorbisch

Abkürzungen 14

o. dgl. oder dergleichen s. siehe


od. oder s. a. siehe auch
o. g. oben genannt sächs. sächsisch
osk. oskisch sanskr. sanskritisch
ostd. ostdeutsch sard. sardisch
österr. österreichisch scherzh. scherzhaft
ostfränk. ostfränkisch schles. schlesisch
ostfranz. ostfranzösisch schott. schottisch
ostfries. ostfriesisch schwäb. schwäbisch
ostidg. ostindogermanisch schwed. schwedisch
ostmd. ostmitteldeutsch schweizerd. schweizerdeutsch
ostpreuß. ostpreußisch schweiz. schweizerisch
s. d. siehe dort
Part. Partizip semit. semitisch
Pass. Passiv serbokroat. serbokroatisch
Perf. Perfekt serb. serbisch
pers. persisch Sing. Singular
peruan. peruanisch skand. skandinavisch
pfälz. pfälzisch slaw. slawisch
philos. philosophisch slowak. slowakisch
pik. pikardisch slowen. slowenisch
Plur. Plural sog. sogenannt
polit. politisch sorb. sorbisch
poln. polnisch s. o. siehe oben
polynes. polynesisch span. spanisch
port. portugiesisch spätahd. spätalthochdeutsch
Präs. Präsens spätgriech. spätgriechisch
provenzal. provenzalisch spätlat. spätlateinisch
pseudolat. pseudolateinisch spätmhd. spätmittelhoch-
deutsch
Rechtsw. Rechtswesen spätmniederd. spätmittelnieder-
rheinhess. rheinhessisch deutsch
rhein. rheinisch Sprachwiss. Sprachwissenschaft
roman. romanisch Subst. Substantivierung
röm. römisch südamerik. südamerikanisch
rotw. rotwelsch südchin. südchinesisch
rumän. rumänisch südd. süddeutsch
russ. russisch südniederl. südniederländisch

15 Abkürzungen

südostd. südostdeutsch voridg. vorindogermanisch


südschwed. südschwedisch vulgärarab. vulgärarabisch
südwestd. südwestdeutsch vulgärgriech. vulgärgriechisch
sumer. sumerisch vulgärlat. vulgärlateinisch
s. u. siehe unter westafrik. westafrikanisch
westd. westdeutsch
tahit. tahitisch westfäl. westfälisch
tamil. tamilisch westfränk. westfränkisch
tatar. tatarisch westgerm. westgermanisch
techn. technisch westidg. westindogermanisch
thrak. thrakisch westmd. westmitteldeutsch
thüring. thüringisch westslaw. westslawisch
tochar. tocharisch wirtschaftl. wirtschaftlich
toskan. toskanisch wissenschaftl. wissenschaftlich
tschech. tschechisch
tungus. tungusisch z. B. zum Beispiel
türk. türkisch zentralamerik. zentralamerikanisch
z. T. zum Teil
u. und Zus. Zusammensetzung
u. ä. und ähnlich
u. Ä. und Ähnliche(s)
u. a. und andere
übertr. übertragen
ugs. umgangssprachlich
ukrain. ukrainisch
umbr. umbrisch
ung. ungarisch
urgerm. urgermanisch
urnord. urnordisch
urspr. ursprünglich

v. a. vor allem


v. Chr. vor Christus
venez. venezianisch
vgl. vergleiche
vorahd. voralthochdeutsch
vorgerm. vorgermanisch
vorgriech. vorgriechisch

17

Verzeichnis der Überblicksartikel

Adams Apfel  103
Alt und jung  114
Buch, Buche, Buchstabe  193
Deutsch und Verwandtes  217
Einhorn, Unterbewusstsein und Tiefenstruktur  244
Frau oder Weib?  300
Gleichgültig und umständlich  343
Irre, super, geil  411
Jung und alt  418
Knoten, Knie und Knabe  461
Links und rechts  525
Nicht ein Wicht  590
Nichtsdestotrotz  591
Ohr und Auge  601
Pistole, Roboter und Dollar  638
Sehen und schauen  771
Tabu und Teufel  842
Vom Rotkäppchen und vom Drosselbart  906
Von Bienen und Maulwürfen  907
Von Schrippen und Wecken  908

19

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen

auf Achse sein  102


einen Affen an jemandem gefressen haben  105
wehre/wehret den Anfängen!  118
wie angegossen sitzen/passen  119
bei jemandem gut/schlecht angeschrieben sein  121
für einen Apfel/Appel und ein Ei  124
jemanden in den April schicken  126
jemandem in den Arm fallen  129
jemandem (mit etwas) unter die Arme greifen  129
etwas im Ärmel haben/behalten  129
etwas aus dem Ärmel schütteln  129
sich Asche aufs Haupt streuen  132
auf dem absteigenden Ast sein/sich befinden  133
sich einen Ast lachen  133
das Auge des Gesetzes  138
Auge um Auge, Zahn um Zahn  138
etwas ausbaden müssen  139
die Axt an etwas legen  142
wie die Axt im Walde  142
baff sein  144
(immer) nur Bahnhof verstehen  144
etwas auf die lange Bank schieben  148
durch die Bank  148
da ist der Bär los/geht der Bär ab  149
jemandem einen Bären aufbinden  149
jemandem einen Bärendienst erweisen  150
jetzt ist der Bart ab!  151
ein Streit um des Kaisers Bart  151
in Bausch und Bogen  154
kein Bein auf die Erde kriegen  158
jemandem, sich etwas ans Bein binden  158
mit etwas hinter dem Berg halten  162
etwas zum Besten geben  164
jemanden zum Besten haben/halten  164

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen 20

(jemandem) den (ganzen) Bettel hinschmeißen  165


das ist (nicht) mein Bier  168
(über etwas) im Bilde sein  169
auf der Bildfläche erscheinen  170
in die Binsen gehen  171
das Blatt hat sich gewendet  173
blauer Brief  174
blauer Montag  174
blau sein wie ...  174
durch die Blume  178
blaues Blut in den Adern haben  178
sich nicht ins Bockshorn jagen lassen  179
am Boden zerstört sein  179
dumm wie Bohnenstroh  180
im gleichen/in einem Boot sitzen  181
ein Brett vor dem Kopf haben  187
in die Brüche gehen  190
jemandem eine goldene Brücke bauen  190
sein, wie jemand, wie etwas im Buche steht  192
(bei jemandem) auf den Busch klopfen  197
mit etwas hinterm Busch halten  197
etwas unter Dach und Fach bringen  206
jemandem aufs Dach steigen  206
eins aufs Dach bekommen/kriegen  206
(jemandem/für jemanden) den Daumen/die Daumen halten/drücken  210
etwas über den Daumen peilen  210
sich nach der Decke strecken müssen  210
mit jemandem unter einer Decke stecken  210
dick auftragen  220
mit jemandem durch dick und dünn gehen  220
jemandem ein Dorn im Auge sein  228
auf Draht sein  229
Dreck am Stecken haben  230
jemandem blauen Dunst vormachen  236
jemanden um die Ecke bringen  239
ans Eingemachte gehen  244
etwas auf Eis legen  246
zwei/mehrere/noch ein Eisen im Feuer haben  246

21 Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen

jemanden in die Enge treiben  251


Epoche machen  254
auf etwas erpicht sein  258
mit etwas ist (es) Essig  260
Eulen nach Athen tragen  262
alle/die Fäden in der Hand haben/halten  267
den Faden verlieren  267
an einem (dünnen/seidenen) Faden hängen  267
Farbe bekennen  272
das schlägt dem Fass den Boden aus  273
auf eigene Faust  275
passen wie die Faust aufs Auge  275
nicht viel Federlesen(s) mit jemandem, mit etwas machen  276
jemandem, jemanden juckt das Fell  279
jemandem sind die Felle fortgeschwommen  279
ein dickes Fell haben  279
das Fell über die Ohren ziehen  279
(unter) ferner liefen  280
Fersengeld geben  280
ins Fettnäpfchen treten  281
die Feuerprobe bestehen  282
das sagt mir mein kleiner Finger  285
jemanden unter seine Fittiche nehmen  286
(mit jemandem) Fraktur reden  299
jemanden, etwas gefressen haben  302
sei kein Frosch!  305
Furore machen  309
stehenden Fußes  310
gang und gäbe sein  311
jemandem den Garaus machen  314
hinter schwedischen Gardinen/hinter schwedische Gardinen  315
ein/sein Garn spinnen  315
jemandem ins Garn gehen  315
jemanden ins Gebet nehmen  319
jemandem ins Gehege kommen  322
die erste Geige spielen  323
jemandem hängt der Himmel voller Geigen  323
im Geruch stehen ...  332

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen 22

auf etwas Gewicht legen  338


ins Gewicht fallen  338
etwas an die große Glocke hängen  342
ins Gras beißen  350
es ist alles im grünen Bereich  356
jemandem nicht grün sein  356
jemandem geht der Arsch mit Grundeis/auf Grundeis  356
Haare auf den Zähnen haben  359
kein gutes Haar an jemandem lassen  359
Hahn im Korb(e) sein  361
jemandem den roten Hahn aufs Dach setzen  361
Hals über Kopf  363
jemandem, jemanden den Hals kosten  363
jemanden, etwas am/auf dem Hals haben  363
das ist ein Hammer!  365
Hand aufs Herz  365
Hand und Fuß haben  365
die/seine Hände für jemanden, für etwas ins Feuer legen  365
nicht von der Hand zu weisen sein  365
jemanden in Harnisch bringen  368
jemanden unter die Haube bringen  370
unter die Haube kommen  370
aus dem Häuschen geraten/sein  371
(für jemanden, für etwas) seine Haut/sein Fell zu Markte tragen  372
auf der (faulen) (Bären)haut liegen  372
jemandem ist das Hemd näher als der Rock  378
jemandem den Hof machen  386
auf dem Holzweg sein  388
bei jemandem ist Hopfen und Malz verloren  389
sich die Hörner ablaufen/abstoßen  390
jemandem Hörner aufsetzen  390
jemanden, etwas huckepack tragen  392
in Hülle und Fülle  393
auf den Hund kommen  394
vor die Hunde gehen  394
vom Hundertsten ins Tausendste kommen  395
am Hungertuch nagen  395
jemandem über die Hutschnur gehen  396

23 Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen

etwas in petto haben  405


nach Jahr und Tag  412
jemanden durch den Kakao ziehen  422
das Goldene Kalb anbeten  422
alte/olle Kamellen  424
alles über einen Kamm scheren  424
unter aller Kanone  426
etwas auf die hohe Kante legen  427
etwas auf seine (eigene) Kappe nehmen  429
mit Karacho  430
(für jemanden) die Kastanien aus dem Feuer holen  435
die Katze im Sack kaufen  437
für die Katz sein  437
einen weichen Keks haben  440
in dieselbe/die gleiche Kerbe hauen/schlagen  441
etwas auf dem Kerbholz haben  441
die Kirche im Dorf lassen  445
Klappern gehört zum Handwerk  448
jemanden, etwas über den grünen Klee loben  450
über die Klinge springen lassen  453
jemandem ein Klotz am Bein sein  455
Knall und/auf Fall  456
etwas übers Knie brechen  458
jemandem einen Korb geben  479
einen/seinen Kotau machen  482
jemandem/jemanden den Kragen kosten  483
gegen jemanden, etwas ist kein Kraut gewachsen  486
mit jemandem auf dem Kriegsfuß stehen  489
auf keine Kuhhaut gehen  493
die Kurve kratzen  499
die Kurve kriegen  499
(auf jemanden) geladen sein  501
jemanden, etwas an Land ziehen  503
für jemanden, für etwas eine Lanze brechen  505
durch die Lappen gehen  505
jemandem den Laufpass geben  509
jemandem den Lebensfaden abschneiden  510
wie geleckt  511

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen 24

jemandem auf den Leim gehen/kriechen  516


jemandem die Leviten lesen  520
geliefert sein  522
mit dem linken Bein/Fuß zuerst aufgestanden sein  524
auf/aus dem letzten Loch pfeifen  526
etwas wieder ins (rechte) Lot bringen  529
ins Lot kommen  529
(nicht) im Lot sein  529
Lunte riechen  531
jemandem etwas madigmachen  534
jemanden durch die Mangel drehen  540
mit Mann und Maus untergehen  541
(vor jemandem, vor etwas) Manschetten haben  542
der lange Marsch (durch die Institutionen)  545
bei jemandem ist Mattscheibe  550
Mattscheibe haben  550
Maulaffen feilhalten  550
da(von) beißt die Maus keinen Faden ab  551
sich mausigmachen  551
die halbe Miete sein  561
(nicht) auf jemandes Mist gewachsen sein  566
ab durch die Mitte  566
jemanden Mores lehren  573
Morgenstund(e) hat Gold im Mund(e)  573
ein Nagel zu jemandes Sarg sein  583
den Nagel auf den Kopf treffen  583
Nägel mit Köpfen machen  583
etwas an den Nagel hängen  583
jemandem auf den Nägeln brennen  583
einen Narren an jemandem, an etwas gefressen haben  584
sich an die eigene Nase fassen  584
(ach) du grüne Neune  589
jemandem an die Nieren gehen  592
Oberwasser bekommen/kriegen  598
Oberwasser haben  598
die Palme erringen  612
jemanden auf die Palme bringen  612
den Pantoffel schwingen  613

25 Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen

unter den Pantoffel kommen  613


nicht von Pappe sein  614
kein Pappenstiel sein  614
jemandem, einer Sache Paroli bieten  617
in der Patsche sitzen/stecken  621
jemandem auf die Pelle rücken  624
jemanden dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst  628
bei jemandem piepts  635
von der Pike auf dienen  635
jemanden auf den Plan rufen  639
am Pranger stehen/an den Pranger kommen  651
jemanden an den Pranger stellen  651
der springende Punkt sein  665
am toten Punkt  665
ein dunkler Punkt  665
ohne Punkt und Komma reden  665
bis in die Puppen  665
wie gerädert sein/sich wie gerädert fühlen  673
außer Rand und Band  675
große Reden schwingen/führen  683
jemanden zur Rede stellen  683
alle Register spielen lassen/ziehen  686
wie auf Rosen gebettet  704
über die Runden kommen  709
jemanden in den Sack stecken/im Sack haben  712
andere/strengere Saiten aufziehen  713
wie Sand am Meer  717
jemandem Sand in die Augen streuen  717
es ist Sand im Getriebe  717
auf Sand gebaut sein  717
im Sande verlaufen  717
das schwarze Schaf  723
sein Schäfchen ins Trockene bringen  723
die Scharte (wieder) auswetzen  727
sein Licht (nicht) unter den Scheffel stellen  729
nach Schema F  731
ausgehen wie das Hornberger Schießen  736
jemanden auf den Schild heben  737

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen 26

etwas im Schilde führen  737


mit jemandem, mit etwas Schindluder treiben  738
bei jemandem, irgendwo ist Schmalhans Küchenmeister  746
Schmiere stehen  748
jemandem schnuppe sein  753
über die Schnur hauen  753
gehen/klappen wie am Schnürchen  753
(wie) in Abrahams Schoß  755
für jemanden, für etwas in die Schranken treten  756
von echtem Schrot und Korn  759
umgekehrt wird ein Schuh draus  760
jemandem (die Schuld an) etwas in die Schuhe schieben  760
auf Schusters Rappen  761
Schwein haben  765
jemandem zur Seite springen/treten  772
jemandem/für jemanden ein Buch mit sieben Siegeln sein  781
eine Sparren (zu viel/zu wenig) haben  794
Spießruten laufen  799
jemandem spinnefeind sein  800
sich die Sporen verdienen  802
den Stab über jemanden brechen  807
jemandem die Stange halten  809
bei der Stange bleiben  809
bei jemandem einen Stein im Brett haben  816
Stein und Bein schwören  816
einen Stiefel (zusammen)schreiben / (zusammen)reden /
(zusammen)spielen o. Ä.  820
jemanden, etwas Lügen strafen  825
auf der Strecke bleiben  827
jemanden, etwas zur Strecke bringen  827
auf den Strich gehen  829
jemandem gegen/wider den Strich gehen  829
nach Strich und Faden  829
unter dem Strich  829
Süßholz raspeln  839
Tacheles reden  841
die Tafel aufheben  841
aufs Tapet bringen  845

27 Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen

wie von der Tarantel gestochen  845


der Teufel ist los!  853
hol mich der Teufel!  853
den Teufel an die Wand malen  853
am grünen Tisch/vom grünen Tisch aus  856
eine krumme Tour  860
eine Tracht Prügel  861
im Tran  862
vom Regen in die Traufe kommen  865
jemanden auf den (richtigen) Trichter bringen  868
steter Tropfen höhlt den Stein  870
im Trüben fischen  871
Trübsal blasen  872
mit jemandem Tuchfühlung aufnehmen  874
fröhliche Urständ feiern  886
va banque spielen  887
jemanden, etwas nicht veknusen können  893
sich einen/keinen Vers auf etwas machen können  896
aus der Versenkung auftauchen  897
auf jemanden, etwas versessen sein  897
den Vogel abschießen  904
einen Vogel haben  904
jemandem das Wasser abgraben  916
jemandem nicht das Wasser reichen können  916
kein Wässerchen trüben können  916
mit allen Wassern gewaschen sein  916
viel/kein Wesen(s) um jemanden machen  924
sein Wesen treiben  924
einen Fleck(en) auf der (weißen) Weste haben  924
jemanden am/beim Wickel packen/kriegen/haben/nehmen  925
von etwas Wind bekommen  928
jemandem den Wind aus den Segeln nehmen  928
etwas in den Wind schlagen  928
jemandem die Würmer (einzeln) aus der Nase ziehen  934
es geht/jetzt geht es um die Wurst  935
jemandem wurst/wurscht sein  935
auf Zack sein  936
einen Zahn draufhaben  937

Im Wörterbuch verzeichnete Redewendungen 28

jemandem auf den Zahn fühlen  937


ein alter Zopf  948
Zug um Zug  950
in den letzten Zügen liegen  950
der Zweck heiligt die Mittel  951

29

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Übersicht

Hinweise für den Benutzer  9


Einleitung  31
Die Vorgeschichte der deutschen Sprache  32
Das Indogermanische  33
Der indogermanische Erbwortschatz  35
Das Germanische  37
Der germanische Erbwortschatz  38
Germanischer Alltag  39
Mode – Waffen – Reisen  39
Recht und Ordnung  40
Keltischer Einfluss  41
Die Frühgeschichte der deutschen Sprache: das Althochdeutsche  42
Römischer Kultureinfluss  44
Kulturausgleich im kleinen Grenzverkehr  44
Obst und Gartenbau  45
Käse und Wein  46
Der christliche Wortschatz  47
Klosterleben und Gottesdienst  47
Die althochdeutsche Kirchensprache  48
Nord-Süd-Gegensatz im christlichen Wortgut  49
Die Leistung der Mönche für die ältesten deutschen Schriftsprachen  50
Die Periodisierung der deutschen Sprachgeschichte  52
Die erste Blütezeit: das Mittelhochdeutsche  55
Vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen  55
Der Sprachwandel und seine Folgen  57
Die Zeit des Rittertums  59
Das Lehnswesen  59
Die höfische Dichtung  60
Der Einfluss des Französischen auf die höfische Dichtersprache  61
Das Turnier  61
»Ritterliche« Ritter  62
-ieren, -ei, -lei  62

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 30

Das Deutsche als Sprache der Gelehrten und Bürger  63


Die deutsche Mystik  64
Das Frühneuhochdeutsche  66
Neue Wörter in Handel und Wirtschaft  68
Kredit von der Bank – Einfluss des Italienischen  68
Martin Luthers Einfluss auf die deutsche Sprache  69
Luthers Bibelübesetzung am Beginn einer einheitlichen
deutschen Schriftsprache  69
Der Einfluss des Französischen im 18 Jahrhundert  72
Alamodezeit  72
Galante Kavaliere, Puder und Perücken  73
Die Sprachgesellschaften des 17 Jahrhunderts  74
Sprachpurismus im 18 Jahrhundert  75
Deutsch wird international  76
Französische Fachwörter der Architektur und Gartenbaukunst  76
Cuisine française  77
Italienischer Einfluss  78
Die Sprache der Klassik  78
Die technische Entwicklung und ihr Wortschatz  79
Die industrielle Revolution  79
Mit Dampf, Strom und Tempo  80
Moderne Nachrichtenübermittlung: Telegrafie und Telefon  80
Der Einfluss des Englischen im 19 und im frühen 20 Jahrhundert  82
Die Sportsprache: Tennis, Fußball und Boxen  82
Sprachkrise um 1900  83
Die Herrschaft der Nationalsozialisten: Wortschatz aus dem Wörterbuch
des Unmenschen  84
Die Nachkriegsjahre: Amerikanismen und Anglizismen  86
Die sprachliche Entwicklung in der DDR 1949–1990  87
Vom 20 zum 21 Jahrhundert  88
Fachsprachen  88
Werbung und Mode  88
Rundfunk und Fernsehen  89
Das Internet  90
Ausblick  91

31 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Einleitung

Es gehört zum Erfahrungsschatz der meisten Menschen, dass sich Sprachen


verändern. Meist sind es einzelne Wörter oder Redewendungen, die ursprüng-
lich vielleicht im Englischen, in der Jugendsprache oder im Sprachgebrauch der
Computerbenutzer zu Hause waren und nun auch im Alltag Verwendung fin-
den. Gelegentlich werden wir sogar zu Zeugen tieferliegender sprachlicher Ver-
änderungen. »Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen, weil, ich war zu müde!«
ist ein Satz, der uns zumindest in der gesprochenen Sprache täglich begegnen
könnte.
Viel stärker noch als bei der Beobachtung der Gegenwartssprache stoßen wir
beim Lesen älterer Texte auf Zeichen der Veränderung. Unsere eigene Sprach-
kompetenz und der Sprachgebrauch eines historischen Autors sind ­offenbar
nicht deckungsgleich. Dies macht sich durch zahlreiche Verständnisprobleme
fortwährend bemerkbar. Je älter ein Text ist, umso stärker häufen sie sich. Von
den Veränderungen sind von Anfang an alle Ebenen der Sprache betroffen. Es
wandeln sich die Laute, die grammatischen Formen und Strukturen, besonders
häufig aber die Wörter und ihre Bedeutungen. Manche Wörter verschwinden
völlig oder werden nur noch in Namen konserviert, so etwa die zentralen Be-
zeichnungen für »groß« und »klein« in der deutschen Sprache des Mittel­a lters,
dem Mittelhochdeutschen. Mittelhochdeutsch michel »groß« und lützel »klein«
be­gegnen zwar noch in Ortsnamen wie Michelstadt sowie Lützellinden (Ortsteil
von Gießen) oder Lützel (Ortsteil von Koblenz), sind sonst aber gänzlich unterge-
gangen.
Der deutsche Wortschatz wird deswegen aber nicht kleiner, denn ständig
kommen neue Wörter hinzu. Zur Bezeichnung neuer Gegenstände, neuer Er-
kenntnisse oder neuer technischer Errungenschaften müssen neue Aus­drücke
gebildet werden, die dann oft mit der Sache aus anderen Sprachen übernom-
men werden. Aber auch in poetischen Texten werden neue Wörter gebildet,
etwa 1776 von Ludwig Tieck mit Waldeinsamkeit ein zentrales Wort der Roman-
tik oder mit der um 1900 aufkommenden Rede von den Luftmenschen als kri­
tische Zeitdiagnose. Besondere Aufmerksamkeit ist jedoch vor allem dann
­ge­fordert, wenn zwar die äußere Gestalt eines Wortes weitgehend unverändert
bleibt, ­seine Bedeutung sich jedoch verändert hat. Dieser Bedeutungswandel
ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen und kann selbst das Verständnis
neuerer Texte erschweren. So bedeutet das Adjektiv billig ­ursprünglich »an­
gemessen, richtig«. Aus der Bedeutung »dem Wert einer Ware angemessen«

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 32

entwickelte sich »nicht teuer«. Da billige Ware aber oft von geringerer Quali-
tät ist als teu­rere, konnte billig dann auch die Bedeutung »minderwertig« an-
nehmen.
Ein solcher Bedeutungswandel wird oft als »Bedeutungsverschlechterung«
verstanden. Sie zeigt sich auch beim Wort Gift, denn als Ableitung vom Verb
­geben war die ältere Bedeutung einfach »Gabe, Geschenk«, wie man noch an
Mitgift  oder englisch gift erkennen kann. Später wurde es ver­hüllend für eine
todbringende, schädliche Gabe gebraucht. Die Bedeutung des Wortes hat sich
­gewissermaßen verschlechtert, man erkennt diesen Bedeutungswandel aber
nur, wenn man die Herkunft eines Wortes kennt.
Seltener sind »Bedeutungsverbesserungen«, man sieht aber am Beispiel
­Arbeit, das im ältesten Deutsch vor allem »Mühe, Mühsal, Last, Plage, Unglück«
bedeutet, und später dann in einem positiven Sinn die zweckgerichtete körper-
liche und geistige Tätigkeit des Menschen meint, dass diese Einteilungen recht
subjektiv sind. Als ein durchgehend charakteristisches Merkmal des Be­
deutungswandels lässt sich aber festhalten, dass die Zahl der Bedeutungen
­eines Wortes – auch dies zeigt das Beispiel Arbeit – im Laufe der Jahrhunderte
geringer geworden ist. Die Zahl der verschiedenen Wörter einer Sprache scheint
demgegenüber stetig anzuwachsen. Es ist die Aufgabe der Sprachgeschichts-
schreibung, diesen Wandel, aber auch die Konstanten in den Strukturen
und den Wortschätzen der Sprachen zu beschreiben und so weit wie möglich zu
erklären.

Die Vorgeschichte der deutschen Sprache

Die ersten Aufzeichnungen in deutscher Sprache führen uns in die Zeit um


750  n. Chr., an den Beginn der Herrschaft der Karolinger und damit zu einer
­politischen und kulturellen Tradition, die bis in die Gegenwart lebendig ge­
blieben ist. Aber woher kommt diese Sprache? Die Bildungssprache der Spät­
antike und des frühen Mittelalters ist das Lateinische. Es wird von Mönchen in
den Klöstern als Sprache des Christentums sowie der antiken Literatur und
Gelehrsamkeit gepflegt. Der Rest der Bevölkerung kannte nur die jeweils in
­einer Re­g ion verwendeten Alltagssprachen, die nur für den mündlichen Ge-
brauch ­verwendet wurden und noch nicht aufgeschrieben werden konnten.
Die meisten in Europa beheimateten Sprachen gehen auf das sogenannte

33 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Indogerma­nische zurück. Wie es scheint, sind es in Europa nur Ungarisch, Fin-


nisch und Estnisch, Maltesisch sowie Türkisch, Baskisch und Georgisch, die
ganz anders gebildet und daher mit den übrigen indogermanischen Sprachen
nicht verwandt sind.

Das Indogermanische

Im 18. und 19. Jahrhundert konnte durch sprachwissenschaftliche Forschungen


nachgewiesen werden, dass nicht nur zwischen den meisten europäischen
Sprachen eine enge Beziehung bestehen musste, sondern dass auch das Alt­
indische und das Altpersische mit den europäischen Sprachen eng verwandt
sind. Das können wir überprüfen, wenn wir bestimmte Wörter aus diesen Spra-
chen miteinander vergleichen.

deutsch altindisch altgriechisch lateinisch englisch russisch

Mutter mātár- mḗtēr mater mother mat'

Bruder bhrātr- phrḗtēr frater brother brat

drei tráyas treĩs tres three tri

neu náva- néos novus new novyj

ist ásti estí est is est'

(ge)bäre bharami ­ phérō fero bear beru ­


(= trage) (= nehme)

Aus den Übereinstimmungen von Form und Bedeutung dieser Wörter ist ganz deutlich zu
erkennen, dass diese Sprachen miteinander verwandt sind und dass sie auf eine gemeinsame
»Ursprache« zurückgeführt werden können. Diese Ursprache nannte man zunächst
­Indogermanisch nach den Namen der jeweils am weitesten im Osten (Inder) und Westen
­(Germanen) siedelnden Völker. Nach 1945 wird oft auch der Name Indoeuropäisch ver­
wendet, weil man den Germanen-Begriff vermeiden und die Bedeutung der anderen euro­
päischen Völker betonen wollte. Beide Ausdrücke bedeuten dasselbe.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 34

Für das Indogermanische gibt es allerdings keine schriftlichen Belege. Deshalb


begannen die Sprachwissenschaftler, die indogermanischen Sprachen zu ver-
gleichen und aus ihrem Wortschatz all das zusammenzutragen, was in gewisser
Weise ähnlich war. Denn da man annahm, dass es eine Ursprache gegeben hatte,
konnte man davon ausgehen, dass bestimmte Dinge, die in den indogermani-
schen Sprachen eine gleichlautende Bezeichnung hatten, auch in dieser Urspra-
che vorhanden gewesen sein mussten. War ein solches Wort gefunden worden,
zogen die Sprachwissenschaftler die lautlichen Besonderheiten der jeweiligen
Sprachen von diesem Wort ab und erschlossen so ein indogermanisches »Ur-
wort«, die sogenannte indogermanische Wurzel. Wenn in etymologischen Wör-
terbüchern eine solche erschlossene Form steht, wird sie mit einem Sternchen
(*) gekennzeichnet. Wir erkennen dann, dass dieses Wort in keinem Text über-
liefert, sondern durch Sprachvergleich erst nachträglich erschlossen worden ist.
Viele der alten indogermanischen Sprachen sind heute ausgestorben. Andere
werden nur noch in kleinen Regionen von wenigen Menschen gesprochen.
­Ursprünglich große Sprachfamilien zählen heute zu den »toten Sprachen«. Sie
werden nicht mehr als Verkehrssprachen verwendet. Aus ihnen hat sich durch
den Wandel einzelner Laute eine große Zahl moderner Sprachen entwickelt, de-
ren Wortschatz aber direkt auf die alten Sprachen zurückgeht. So entstanden
etwa aus dem Lateinischen die romanischen Sprachen Französisch, Italienisch,
Spanisch, Katalanisch, Portugiesisch, Rumänisch und Ladinisch. Aus dem Alt­
slavischen entwickelten sich u. a. die slavischen Sprachen russisch, bulgarisch,
ukrainisch, serbisch, kroatisch, polnisch, tschechisch, slovakisch und slovenisch.
Aus dem Altgriechischen bildete sich das Neugriechische heraus. Die Sprach-
wissenschaft des 19. Jahrhunderts konnte dann aber auch nachweisen, dass die
heutigen Unterschiede im Lautbestand dieser Sprachen nicht willkürlich und
zufällig sind, sondern auf festen Regeln beruhen. Diese Regeln waren in ihrem
Kern »ausnahmslos« und wurden deswegen als »Lautgesetze« betrachtet.
Die Herausbildung der verschiedenen Einzelsprachen aus der indogermani-
schen »Ursprache« war ein langer Prozess. Für den Vorläufer der deutschen
Sprache, das Germanische, begann er wahrscheinlich etwa im 2. Jahrtausend
v. Chr.

35 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Der indogermanische Erbwortschatz

Ein nicht ganz geringer Teil unseres heutigen Wortschatzes lässt sich durch
den Sprachenvergleich also bis auf die indogermanische Zeit zurückführen und
hat entsprechend verwandte Wörter in anderen indogermanischen Sprachen.
Diese indogermanischen Erbwörter sagen einiges über das Leben und die Kul-
tur der Indogermanen aus. So lebten die Menschen damals offensichtlich in
Großfamilien, denn die meisten indogermanischen Sprachen haben gemeinsa-
me Verwandtschaftsbezeichnungen wie Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn
und Tochter. Es gab früher noch mehr und auch genauer unterscheidende Ver-
wandtschaftsbezeichnungen als im heutigen Deutsch. So bedeutete zum Bei-
spiel Vetter ursprünglich »Vaterbruder«, während es heute »Sohn der Tante, des
Onkels« bedeutet.
Die Sprecher des Indogermanischen betrieben intensive Vieh- und Weide-
wirtschaft. Das zeigen Wörter wie Acker, (Pflug)schar (eigentlich »Schneide-
werkzeug«), Furche, säen, Gerste und mahlen. Auch verstanden sie, wilde Tiere
zu zähmen und diese dann als Haustiere zu halten. Das wichtigste Haustier war
das Schaf. Es wurde besonders wegen seiner Wolle gezüchtet. Seine indogerma-
nische Bezeichnung steckt im heute veralteten landschaftlichen Wort Aue (alt-
hochdeutsch ouwi ) und in englisch ewe für »Mutterschaf«. Die Verwandtschaft
mit dem lateinischen Wort ovis »Schaf« ist unverkennbar. Bei den späteren
Westgermanen entstand bald ein anderes Wort, das die alte Tierbezeichnung
verdrängte. Dieses germanische Wort ergab dann englisch sheep und auch
deutsch Schaf  (althochdeutsch scāf ), was wohl so viel wie »geschorenes Tier«
bedeutet. Als Zugtiere wurden die Kuh (ursprünglich vielleicht ein lautmalen-
des Wort) und der Ochse (ursprünglich Bezeichnung für den Stier) auf dem Feld
eingesetzt.
Die Erfolgsgeschichte der indogermanischen Völker ist aber wohl vor allem
mit ihrer Fähigkeit verbunden, das Pferd zu zähmen; gegen 3000 v. Chr. erfan-
den sie auch das Fuhrwerk. Erhalten haben sich die Erbwörter für Rad, Achse,
Deichsel, Geschirr und Nabe.
Ihre Häuser waren aus Holz gebaut. Das Dach (eigentlich »das Deckende«)
ruhte auf vier senkrecht stehenden Balken (eigentlich »dickes Stück Holz«). Die
Wände bestanden wohl aus Flechtwerk. Wand bedeutet eigentlich »Gewunde-
nes, Geflochtenes, Flechtwerk« und ist abgeleitet vom Verb winden.
Herde und Haus bewachte damals wie heute der Hund (mit dem deutschen
Wort sind lateinisch canis und altgriechisch kýōn für »Hund« urverwandt).

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 36

In den Wäldern wuchsen vielleicht die Linde (eigentlich »die Biegsame«), die
Buche und die Birke (eigentlich »die Leuchtendweiße«, nach der Farbe der Rin-
de). Besonders das Wort für die Buche hat man bemüht, um die ursprüngliche
Heimat der Indogermanen zu bestimmen. Weil das Wort in mehreren alten in-
dogermanischen Sprachen vorkommt und daher ein Erbwort ist, dann müsste
sie dort zu finden sein, wo die Buche beheimatet ist. Und da die Buche östlich
einer Linie von Königsberg (Preußen) im Norden nach Odessa im Süden nicht
vorkomme, müsste die Heimat der Indogermanen westlich dieser Linie, also in
Mitteleuropa liegen. Dabei hatte man jedoch übersehen, dass mit dem Wort
­Buche nicht immer nur Buchen gemeint sein mussten. So bezeichnet etwa das
identische griechische Wort phēgós die Eiche.
Ähnliches gilt für das »Lachsargument“, das auf der Verwechslung von Lach-
sen und Lachsforellen und ihren Lebensräumen beruht. Einzelne Wörter rei-
chen also zum Nachweis einer bestimmten Urheimat nicht aus, weil sich das
Verhältnis von »Wörtern« und »Sachen« im Laufe der Jahrhunderte verändern
kann. Da die indogermanischen Sprachen aber zum Beispiel keine gemeinsa-
men Wörter für den Elefanten, Löwen, Tiger und das Kamel haben, auch nicht
für die Palme, Rebe und die Zypresse, oder für die Olive, das Öl und den Wein,
hat man gute Gründe, Asien südlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres
ebenso auszuschließen wie die Mittelmeerküste.
Die Urheimat der indogermanischen Sprachen, so vermutet man heute
mehrheitlich, befindet sich vielmehr in den Steppen nördlich und nordöstlich
des Schwarzen Meers. Man versucht, diese Sprachen mit den dort während des
Neolithikums und der frühen Bronzezeit lebenden Völkern zu identifizieren,
die man nach ihrer charakteristischen Bestattungsweise in Grabhügeln (Kur­
gan) als Kurgankultur bezeichnet. Dieser Kurgan-Hypothese zufolge lebten die
­Indogermanen im 5. vorchristlichen Jahrtausend als kriegerisches Hirtenvolk
in Südrußland. Die meisten der ältesten Erbwörter lassen sich mit dieser Kur-
gankultur verbinden. Vielleicht in der Folge von Klimaverschlechterungen sind
diese Völker zwischen 4400 und 2200 v. Chr. in mehreren Wellen west-, süd- und
ostwärts gezogen und erreichten auf ihren Wanderungen auch Mitteleuropa,
wo sie sich mit der dort ansässigen einheimischen Bevölkerung vermischten.
Aus dieser Vermischung von Indogermanen und nicht indogermanischer alt-
europäischer Urbevölkerung, gingen dann neue, unterschiedliche Kulturen mit
neuen, eigenständigen Sprachentwicklungen hervor, die zu neuen Sprach- und
Volksgruppen führten. Eine dieser Sprachgruppen war das Germanische, der
Vorläufer des heutigen Deutschen.

37 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Das Germanische

Das ursprüngliche Stammesgebiet der Germanen war Südskandinavien, Däne-


mark und Norddeutschland zwischen der Elbe und der Oder. Hier bildete sich
seit Beginn der Bronzezeit (um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.) ein zusam-
menhängender Kulturkreis, der sich, wohl bedingt durch eine Verschlechte-
rung des Klimas, bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. immer weiter nach Süden aus-
breitete. Schon vorher waren die Germanen auf ihren Wanderungen bis zum
Schwarzen Meer vorgedrungen und hatten im Norden sogar Island besiedelt.
Im 2. Jahrhundert v. Chr. setzte dann eine neue Wanderbewegung ein, in deren
Verlauf die Germanen immer häufiger mit den Römern in Berührung kamen.
Was der Name »Germanen« bedeutet, ist nicht genau bekannt. Die germani-
schen Völker haben sich selbst nie so genannt, es handelt sich also um eine
Fremd­bezeichnung. Dazu passt, dass sich das Wort am besten als keltisch er-
klären lässt: zu air. gairm, germ »Ruf, Schrei« oder zu air. gair »Nachbar«.
Die germanischen Stämme hatten eine weitreichend übereinstimmende
Sprache, die wir das Urgermanische nennen. Wie die indogermanische Grund-
sprache können wir auch dieses Urgermanische fast nur aus den historisch be-
zeugten germanischen Sprachen erschließen.
Eine wichtige sprachliche Veränderung, die die germanischen Sprachen von
den übrigen indogermanischen Sprachen unterschied, war die sogenannte ers-
te (oder germanische) Lautverschiebung. Hierbei wurden die Verschlusslaute
*p, t, k  und *b, d, g  verändert. So wird etwa lateinisch piscis zu deutsch Fisch,
lateinisch duo zu englisch two, lateinisch genu zu deutsch Knie). Ebenfalls wich-
tig für die eigene Entwicklung der germanischen Sprachen war die jetzt eintre-
tende Betonung der ersten Silbe eines Wortes. Das ist noch heute auch für das
Deutsche typisch. Die Sache hat allerdings einen Haken. Mit der Betonung des
Wortanfangs wird bereits fast die gesamte Energie für die Aussprache eines
Wortes verbraucht. Die schwach- oder wenig betonten Vokale schwinden. So sa-
gen wir Érnst statt Ernésto und in der gesprochenen Sprache, die diese Tendenz
noch verstärkt, entstehen seltsame Gebilde wir hámmernich anstelle von (das)
haben wir nicht.
Das Germanische teilt man heute in einen nordgermanischen, einen west-
germanischen und in einen ostgermanischen Zweig ein. Die Sprachen des
­ostgermanischen Zweigs, von denen das Gotische durch eine frühe Bibelüber-
setzung die bekannteste ist, sind untergegangen.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 38

Germanisch

Nordgermanisch Westgermanisch Ostgermanisch

Norwegisch Englisch Gotisch


Isländisch Deutsch Burgundisch
Schwedisch Niederländisch Vandalisch
Dänisch Friesisch

Der germanische Erbwortschatz

Im Mittelpunkt des germanischen Erbwortschatzes steht ein System von so­


genannten starken Verben, die wir aus heutiger Sicht unregelmäßige Verben
nennen. Diese Verben hat die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts, ins­
besondere Jacob Grimm, einer ihrer Gründerväter, in romantischer Stimmung
als »stark« bezeichnet, weil sie ihre Vergangenheitsformen aus sich selbst her-
aus, ohne die Verbindung mit einem angehängten Flexionselement, bilden
­können. Während die schwachen, aus heutiger Sicht regelmäßigen Verben
ihre Vergangenheitsformen mit Hilfe eines angehängten -t bilden (machen –
machte – g­ emacht, schenken – schenkte – geschenkt), bilden die starken Verben
das Prä­teritum durch einen Vokalwechsel wie in trinken – trank – getrunken,
nehmen – nahm  – genommen. Dieser Ablaut genannte Vokalwechsel gehört
zu den ­besonderen Kennzeichen der germanischen Sprachen und wird auch
für die Neubildung von Substantiven fruchtbar gemacht, denn neben ziehen –
zog – gezogen steht auch der Zug, neben binden – band – gebunden auch das
Band und der Bund.
Diese starken Verben, von denen heute nur ein kleiner Teil die starke Flexion
erhalten hat, bilden zugleich die älteste Schicht des germanischen Erbwort-
schatzes. Sie bezeichnen weite Bereiche der elementaren Tätigkeiten des
menschlichen Lebens, menschliche Grundbedürfnisse und Gefühle, die sich
seitdem nicht grundsätzlich gewandelt zu haben scheinen. So etwa backen,
­biegen, bitten, dreschen, fahren, fangen, geben, laufen, lügen, melken, reiten, rufen

39 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

schmelzen, schneiden, sehen, sieden, springen, stehlen, verzeihen, waschen, ziehen;


sowie essen und trinken, liegen, sitzen und schlafen, frieren und leiden. Ehemals
starke Verben wie bauen, bellen, blühen, nähen oder säen sind später zur schwa-
chen Flexion übergetreten oder wie quedan »sprechen« und bluozan » ­ opfern«
ganz verloren gegangen. Diese Verben sind nicht nur der Ausgangspunkt neuer
Substantive wie Zug und Band, sondern knüpfen mit von ihnen a­ bgeleiteten
Verben wie führen (zu fahren), sich setzen (zu sitzen), tränken (zu trinken) oder
fällen (zu fallen) auch ein Netz von Wörtern, das schließlich alle Tätigkeiten um-
spannt. Weitere charakteristische Besonderheiten betreffen die verschiedens-
ten Lebensbereiche:

Germanischer Alltag

So zeigen die Erbwörter aus germanischer Zeit deutlich, dass die frühen Ger­
manen große Fortschritte in der Wohnkultur gemacht hatten. Wir sehen das
an Wörtern wie Bett (ursprünglich vielleicht »erhöhte gepolsterte Schlafstelle
am Boden«), Bank (wohl eigentlich »Erhöhung«), Saal (ursprünglich die Be-
zeichnung für das Innere des aus einem Raum bestehenden germanischen
­Hauses).
Inzwischen kannte man auch schon eine ganze Reihe von Werkzeugen. Die
Germanen arbeiteten mit dem (ursprünglich hölzernen) Spaten (eigentlich
»langes, flaches Holzstück«), mit der Säge und mit der Sense. Die ursprüngliche
Bedeutung dieser beiden Wörter ist »Werkzeug zum Schneiden«.
Auch die Esskultur begann sich zu verfeinern. Man aß Schinken (wohl wie
Schenkel eigentlich »schräger [=  schräg zu stellender] Körperteil«), Speck
­(eigentlich »Dickes, Fettes«) und Fladenbrot. Das Fladenbrot wurde aus einem
ungesäuerten Teig aus Mehl, Wasser und Salz gebacken.

Mode – Waffen – Reisen

Auch in der Mode gab es neue Errungenschaften. Man trug jetzt ein Hemd
­(eigentlich »das Bedeckende«), einen Rock (eigentlich wohl »Gewebe«) und
eine Hose (eigentlich »Hülle, Bedeckung«). Mit dem Wort »Hose« wurden
­a llerdings wollene oder lederne Lappen bezeichnet, die um die Füße und
die Unterschenkel gewickelt wurden, also eher eine Art Strümpfe. Später be-
deckte man damit auch die Oberschenkel. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 40

­begann man, die beiden Einzelteile zu dem zusammenzunähen, was wir heute
Hose nennen.
Die Waffen der Germanen waren Spieß, Speer, Ger und Schwert. Geschossen
wurde mit dem Bogen (eigentlich »der Gebogene«); der Name des Geschosses
hat sich erhalten in unserem Wort Strahl, das ursprünglich »Pfeil« bedeutete.
Im Kampf trug man einen Helm (eigentlich »Schutz«), und auch Waffe selbst ist
ein germanisches Wort.
Wer mit dem Wagen (eigentlich »der Fahrende«) unterwegs war, musste oft
durch Sümpfe oder über Flüsse. Die älteste Form der Brücke in germanischer
Zeit war der Knüppeldamm in sumpfigem Gelände. Über kleinere Gewässer
baute man mit Bohlen belegte Stege. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes
Brücke ist daher »Balken, Knüppel«. Ein größerer Fluss wurde dort überquert,
wo man eine seichte Stelle fand. Eine solche Stelle wurde Furt genannt (eigent-
lich »Übergangsstelle«, zum Verb fahren). Auf der anderen Seite angelangt,
konnte man seinen Weg (ursprünglich wohl »Fahrspur, Wagenspur«) fortsetzen.

Recht und Ordnung

Einen Einblick in das Rechtswesen der Germanen geben uns Wörter wie Bann
(eigentlich »unter Strafandrohung zu befolgendes Gebot«), Sühne (ursprünglich
»Urteil, Gericht, Versöhnung«), schwören (eigentlich »vor Gericht sprechen«)
und Eid (wohl aus dem Keltischen entlehnt). Rechtsstreitigkeiten wurden vor der
unter freiem Himmel tagenden Gerichtsversammlung geklärt. Diese Versamm-
lung hieß Thing, und diese Bezeichnung ist identisch mit unserem heutigen
Wort Ding (vergleiche dazu englisch thing). Mit Thing wurde ursprünglich die
Versammlung der freien Männer zur Beratung oder zur Rechtsprechung be-
zeichnet, dann auch der Gegenstand der Verhandlung, die Rechtssache. Daraus
entwickelte sich schließlich die allgemeine Bedeutung »Gegenstand, Sache«.
In den skandinavischen Sprachen hat sich die alte Bedeutung des Wortes
»Thing« gehalten, so zum Beispiel in norwegisch storting, dem Namen des nor-
wegischen Parlaments (aus norwegisch stor »groß« und ting »Versammlung«)
und dänisch folketing (= das dänische Parlament; aus dänisch folk »Volk« und
ting »Versammlung«).
An der Spitze eines Stammes stand, besonders im Krieg, ein König (eigentlich
»Mann aus vornehmem Geschlecht«). Er wachte auch über Recht und Ordnung.
Die Gliederung der Stammesgemeinschaft zeigen uns Wörter wie Adel, Volk und
dienen.

41 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Adel bezeichnete zunächst das hohe Alter der Abstammung einer Sippe, dann
die Sippe selbst und schließlich speziell das vornehme Geschlecht und den
­edlen Stand. Volk bedeutete »Heerhaufen, Kriegsschar«, und das Verb dienen
hatte ursprünglich die Bedeutung »Knecht sein«.

Keltischer Einfluss

Am Mittel- und Oberrhein und in Süddeutschland waren die Kelten zu jener


Zeit die unmittelbaren Nachbarn der Germanen. Dieses Volk hatte auf kulturel-
lem Gebiet damals schon einen ziemlich hohen Entwicklungsstand erreicht.
Von den Kelten übernahmen die Germanen daher Wörter aus dem Bereich der
staatlichen Ordnung wie Amt (eigentlich »Dienst, Dienstleistung«), Eid, Geisel,
Reich. Auch das Wort Eisen stammt wohl aus dem Keltischen, dafür spricht die
hoch entwickelte keltische Technik der Eisenverhüttung. Ebenso ist eine Reihe
von deutschen Ortsnamen keltischen Ursprungs, zum Beispiel Mainz, Worms
und das österreichische Bregenz, genauso wie der Flussname Rhein.
Ein weiteres keltisches Wort ist Glocke. Es ist aber erst viel später ins Germa-
nische gelangt als die Wörter, die wir eben kennengelernt haben. Im 6. und
7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung kamen aus Irland Mönche als Missionare
nach Germanien. Diese Mönche brachten die in ihrer Heimat in Klöstern betrie-
bene Kunst des Glockengusses nach Nordeuropa. Das altirische Wort cloc(c),
das wohl lautnachahmend ist, wurde über althochdeutsch glocca zu unserer
Glocke und ist fast die einzige Spur in unserer Sprache, die diese irische Mis­
sions­tätigkeit hinterlassen hat.
Aus nicht indogermanischen Sprachen wurden darüber hinaus Wörter wie
Erz, Hanf  und Linse entlehnt.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 42

Die Frühgeschichte der deutschen Sprache: das Althochdeutsche

Aus der Gruppe der westgermanischen Sprachen spaltete sich schließlich die
deutsche Sprache ab. Sie unterscheidet sich wie das Germanische vom Indo­
germanischen ebenfalls durch eine Reihe von lautlichen Sonderentwicklungen,
die nur für das Deutsche, nicht aber für die anderen germanischen Sprachen,
etwa Englisch, gelten. Das haben wir eben schon am Beispiel der Entwicklung
von indogermanisch *d gesehen, das als lateinisch duo und nach der ersten oder
germanischen Lautverschiebung als *t erscheint und sich zum Beispiel in eng-
lisch two erhalten hat. Im Deutschen aber wird der Laut zu z [tz] wie in zwei.
Wegen der Ähnlichkeit des Lautwandels mit der ersten Lautverschiebung
spricht man hier von der zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebung. Sie
hat sich im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. vollzogen und damit in einer Zeit, die
in Europa durch die großen Wanderung der germanischen Stammesverbände
geprägt war. Sie ist abgeschlossen, bevor Mitte des 8. Jahrhunderts die ersten
Aufzeichnungen in althochdeutscher Sprache entstehen. Betroffen waren in
erster Linie die Verschlusslaute p, t und k:

pf: im Anlaut und nach Konsonant


germanisch p 
ff: nach Vokal

Pfeife: ahd. pfīfa niederdeutsch Pipe


stampfen: ahd. stampfōn  niederländ. stampen
Schiff: ahd. skif niederdeutsch Schipp

 ts: im Anlaut und nach Konsonant; geschrieben z oder tz


germanisch t 
 ss: nach Vokal; ahd. ʒ, ʒʒ geschrieben, neuhochdeutsch ß, ss oder s

Zunge: ahd. zunga niederländisch tong


schwarz: ahd. swarz niederländisch zwart
essen: ahd. eʒʒan niederländisch eten
Fuß: ahd. fuoʒ englisch foot

43 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

kch: im Anlaut und nach Konsonant; heute nur noch in der alemannischen
und schweizerdeutschen Aussprache von Kind, trinken
germanisch k 

ch: nach Vokal; ahd. h, hh geschrieben, neuhochdeutsch ch

machen: ahd. mahhon niederdeutsch maken


Buch: ahd. buoh englisch book

Durch diese zweite Lautverschiebung wurde das Sprachgebiet der alten germa-
nischen Stammessprachen in einen südlichen und einen nördlichen Bereich
­geteilt. Sie trennte die hochdeutschen Mundarten von den altsächsischen und
auch von den anderen westgermanischen Sprachen.

Die Mundarten des südlichen frühdeutschen Sprachraums, die die Verschiebung von p, t, k 
am konsequentesten durchgeführt haben, bezeichnet man zusammenfassend als das Ober-
deutsche, die unverschobenen Mundarten des Nordens dagegen als Altsächsisch, der Vor-
stufe des heutigen Niederdeutschen. Die Mundarten zwischen Niederdeutschem und
Oberdeutschem, die die Verschiebung nur teilweise durchgeführt haben, bezeichnet man als
das Mitteldeutsche. Das Mitteldeutsche und das Oberdeutsche werden zusammenfassend
als hochdeutsch bezeichnet.

Das Altsächsische und das Mittelniederdeutsche gehören deshalb genau genom-


men gar nicht zur Geschichte der deutschen Sprache, weil sie eben nicht von der
hochdeutschen Lautverschiebung erfasst wurden. Erst in der frühen Neuzeit
kommt der alte sächsische Sprachraum wieder in das Blickfeld der deutschen
Sprachgeschichtsschreibung zurück, weil sich das im südlichen Teil beheimatete
Deutsche nun im Gefolge der hochdeutschen Bibelübersetzung Martin Luthers
ausgebreitet und die sächsische Sprache des kontinentalen Nordens verdrängt
hat. Die durch die zweite Lautverschiebung bewirkte Trennung der altsächsisch-
niederdeutschen von den hochdeutschen Mundarten ist noch heute zu beobach-
ten. Allerdings sind die Trennungslinien nicht scharf gezogen. Im Westmittel-
deutschen zum Beispiel verlaufen die Grenzen zwischen verschobenen und
unverschobenen Wörtern oft zwischen den einzelnen Ortsdialekten hindurch.
Der althochdeutsche Wortschatz gibt uns einige Hinweise darauf, wie stark
der Einfluss der römischen Kultur und der lateinischen Sprache auf die germa-
nischen Völker gewirkt hat.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 44

Römischer Kultureinfluss

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten war der Einfluss des Lateinischen auf die ger-
manische Sprache besonders groß. Die Römer hielten große Teile Germaniens besetzt. In
dieser Zeit wurden über 500 Wörter aus dem Lateinischen übernommen. Die sogenannte
erste lateinische Welle ergänzte und bereicherte den alten germanischen Wortschatz durch
Ausdrücke für Gegenstände und Kulturtechniken, die den germanischen Völkern vor der
Begegnung mit den Römern nicht bekannt waren. Zusammen mit den neuen Dingen, die die
Germanen von den Römern kennenlernten, übernahmen sie dann meist auch deren lateini-
sche Bezeichnungen und machten sie sich »mundgerecht«.
Das wohl älteste Lehnwort aus dem Lateinischen ist wohl das Wort Kaiser. Die Germanen
lernten es mit dem Namen des römischen Feldherrn Gaius Julius Caesar kennen, der in den
Jahren von 58 bis 51 v. Chr. Gallien (etwa das heutige Frankreich und Belgien) eroberte und
den Rhein zur Grenze des römischen Reiches machte.

Die Germanen gaben dem Eigennamen bald die Bedeutung »Herrscher des Rö-
mischen Reiches«. Als dann unter Claudius (Kaiser seit 41 n. Chr.) der Beiname
Caesar Bestandteil des römischen Herrschertitels wurde, legten die Germanen
das ihnen längst bekannte Wort auf die Bedeutung »Kaiser« fest. Dass das Wort
schon sehr früh ins Germanische gelangt ist, zeigt deutlich die Aussprache des
anlautenden c als k und die Aussprache von ae als ai. Denn die ä-Aussprache
von ae wurde im Lateinischen vom 1. Jahrhundert n. Chr. an üblich und die Aus-
sprache von c als Zischlaut (zuerst wie ts, dann wie tsch) erst etwa vom 5. Jahr-
hundert an. Im 5. Jahrhundert gelangt das Wort auch in den slavischen Sprach-
raum, wo dann mit der ts-Aussprache aus Caesar der Herrschertitel Zar entsteht.
Dagegen geht der Herrschertitel altslavisch kral, polnisch król, russisch korol‘
»König« – in einer ähnlichen Entwicklung – auf den Namen Karls des Großen
zurück.

Kulturausgleich im »kleinen römisch-germanischen Grenzverkehr«

Die neuen Errungenschaften betreffen zum Beispiel den Hausbau, denn die Ger-
manen übernahmen von den Römern nach und nach die Technik der festen
Steinmauer. Mit der Sache wurde auch die lateinische Bezeichnung murus
übernommen, aus der sich das Wort Mauer entwickelte. Auch die Technik des

45 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Verputzens übernahmen die Germanen von den Römern und damit auch den
Kalk (lateinisch calx, Akkusativ: calcem), mit dem sie der rohen Mauer ein
»Kleid« gaben. Dieser bildliche Gebrauch wurde von den Germanen sehr wört-
lich genommen, denn unser Wort tünchen »mit Kalk bekleiden, verputzen« (alt-
hochdeutsch mit kalke tunihhōn) bedeutet eigentlich etwa »bekleiden, verklei-
den« und ist vom althochdeutschen Substantiv tunihha »Kleid« abgeleitet. Dies
wiederum ist aus dem gleichbedeutenden lateinischen tunica entlehnt. Die gro-
ßen Öffnungen in den Außenwänden waren für die Fenster (lateinisch fenestra)
­bestimmt. Denn in jede Kammer (lateinisch camera) sollte genügend Licht ein-
fallen. Der Fußboden bestand nicht wie im germanischen Haus aus festge-
stampftem Lehm, sondern aus einem mörtelähnlichen Belag. Die Bauarbeiter
nannten diese Masse lateinisch emplastrum, daran erinnert heute noch das
Wort Pflasterstein. Dieses Wort bedeutete eigentlich »auf eine Wunde aufgeleg-
ter Verband mit Salbe«. Später wurde daraus über althochdeutsch pflastar un-
ser Pflaster als Heft- und Wundpflaster. Der Fußboden wurde dann mit einem
breiigen Gemisch aus Ziegelscherben und Kalk bestrichen, das die Römer latei-
nisch astracus nannten. Im Althochdeutschen wurde daraus astrih, estirih, das
später das Wort Estrich ergab.

Obst und Gartenbau

Weitere Beispiele für den römischen Kultureinfluss betreffen den Obst- und
Gartenbau. Die Germanen kannten als einzige Obstsorten nur die wild wach-
senden Holzäpfel und Holzbirnen. Alles andere Obst und Gemüse lernten sie
durch römische Vermittlung und später in den Klostergärten des frühen Mittel-
alters kennen, wie zum Beispiel die Kirsche (lateinisch ceresia), den Pfirsich
­(lateinisch malum persicum, eigentlich »persischer Apfel«), die Zwiebel (latei-
nisch cepulla) und die Birne (lateinisch pira, entlehnt erst nach der zweiten
Lautverschiebung).

Daraus, dass der Pfirsich eigentlich »persischer Apfel« heißt, sehen wir, dass die Römer oft
nur die Vermittler bestimmter Pflanzenbezeichnungen waren. Sie hatten selbst diese Früchte
im Orient, besonders in Kleinasien, kennengelernt und die Ausdrücke dafür meist aus dem
Altgriechischen entlehnt.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 46

Auch die Pflaume (althochdeutsch pfrūma, später pflūma, aus lateinisch pru­
num) stammt ursprünglich aus dem Orient, und das Lateinische hat die Be-
zeichnung aus altgriechisch proūmnon entlehnt.

Käse und Wein

Von den Römern lernten die Germanen auch, wie man durch ein aus dem Magen
junger Kälber, Schafe und Ziegen gewonnenes Enzym die Milch zum Gerinnen
bringen konnte. Die so entstandene Masse wurde in eine längliche, feste Form
gebracht und war nun viel länger haltbar als der bisher hergestellte quark­
ähnliche Sauermilchkäse. Man übernahm für diese Speise auch das lateinische
Wort caseus, das über althochdeutsch kāsi zu unserem Käse wurde. Weinanbau
und Weinzubereitung waren den Germanen völlig fremd. Erst die römischen Be-
satzungstruppen machten vor allem an Rhein, Mosel und Saar die einheimische
Bevölkerung mit dem Wein (lateinisch vinum) bekannt. Mit der Sitte des
Weintrinkens wurde auch der Wortschatz der Weinherstellung übernommen:
Wörter wie süddeutsch Most für »junger Wein« (lateinisch mustum), Winzer (la-
teinisch vinitor), Kelter (lateinisch calcatura), Trichter (lateinisch traiectorium),
Becher (lateinisch bacarium) und Kelch (lateinisch calix) gelangten so in den ger-
manischen und damit in den althochdeutschen Wortschatz.

47 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Der christliche Wortschatz

Die erste Schicht eines frühchristlichen Wortschatzes hatte sich schon in spät-
germanischer Zeit herausgebildet. Hierzu zählen etwa Wörter wie:

Kirche (altgriechisch kyriakón, eigentlich »Haus des Herrn«); Bischof (lateinisch episcopus,
aus altgriechisch epískopos »Aufseher«); Almosen (altgriechisch eleēmosýnē »Mitleid, Er-
barmen«; Engel (altgriechisch ággelos, eigentlich »Bote«); Teufel (altgriechisch diábolos
»Verleumder, Feind«). Ebenso taufen (nach dem Vorbild von altgriechisch baptízein »durch
untertauchen taufen« zum Adjektiv tief ) und fasten (aus gotisch fastan »festhalten, bewa-
chen« wohl im Sinne von »an den Fastengeboten festhalten«).

Vom 8.  Jahrhundert an drang dann das Christentum immer weiter in den
­Lebensbereich der Franken, Alemannen und Bayern vor. Mit dem Ausbau der
Kirchenorganisation und der Einführung des Gottesdienstes kam damit auch
eine zweite Welle lateinischer Bezeichnungen zu unseren Vorfahren.

Klosterleben und Gottesdienst

Die ersten Missionare, die bei den Germanen unterwegs waren, lebten außer-
halb der befestigten Orte als Einsiedler. An geeigneten Plätzen bauten sie sich
eine Hütte oder ein Steinhäuschen, das sie Zelle (lateinisch cella) nannten. Die
lateinische Bezeichnung für einen solchen Einsiedler lautete monachus (zu alt-
griechisch monachós »allein lebend«), daraus entstand das Wort Mönch. Wir
finden es auch in vielen Ortsnamen und können daran erkennen, dass hier in
alter Zeit solche Einsiedeleien bestanden haben mussten (zum Beispiel Mön­
chengladbach).
Neben der Zelle wurde oft ein kleines Bethaus errichtet, die Kapelle (latei-
nisch capella). So hieß zuerst das kleine Steinbauwerk über dem Grab des hl.
Martin von Tours (etwa 316 bis 397, seit 371 Bischof von Tours). Das lateinische
Wort bedeutet eigentlich »Mäntelchen«. Denn in dieser Grabkapelle wurde der
Mantel des Heiligen aufbewahrt, den er der Legende nach mit einem Bettler
­geteilt hatte. Bald wurden alle Hauskapellen im merowingischen Frankenreich
so genannt, und schließlich wurde diese Bezeichnung auf alle kleinen Bet­
häuser übertragen. Oft geschah es, dass sich mehrere Mönche in einer solchen

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 48

Einsiedelei ansiedelten. Diese musste dann vergrößert werden und wurde zum
Kloster (lateinisch claustrum »abgeschlossener Raum«). Männer und Frauen
bildeten eine sogenannte Ordensgemeinschaft und lebten als Mönche und Non­
nen (lateinisch nonna, ursprünglich Anrede für eine ältere Frau) nach bestimm-
ten Regeln (lateinisch regula) in solchen Klöstern.
Für die größer gewordene Gemeinschaft wurde eine größere Klosterkirche,
ein Münster (lateinisch monasterium) gebaut. Ein neuer Altar (lateinisch altare)
aus Stein wurde errichtet, ein neues, großes Kreuz (lateinisch crux, althoch-
deutsch krūzi) dahinter aufgestellt.
Regelmäßig wurde jetzt die Messe (lateinisch missa) gehalten. Der Priester
­(lateinisch presbyter, eigentlich »der Ältere; Gemeindevorsteher«, aus altgrie-
chisch presbýteros »Gemeindeältester«) verlas von der Kanzel (lateinisch can­
celli »Schranken, Gitter«, eigentlich »durch ein Gitter abgetrennter Platz für die
Priester«) das Evangelium (lateinisch euangelium, altgriechisch euaggélion).
­Danach predigte er (lateinisch praedicare, eigentlich »öffentlich verkünden«).
An hohen Festen begleitete die Orgel (lateinisch organa) den Chor der Mönche
(lateinisch chorus). Am Ende des Gottesdienstes segnete (lateinisch signare
»das Kreuzzeichen machen«, eigentlich »mit einem Zeichen versehen«) der
Priester die Anwesenden.

Die althochdeutsche Kirchensprache

Für die Missionare war es oft sehr schwierig, die Begriffe der christlichen Religion aus der
lateinischen Kirchensprache in die Sprache der Bevölkerung zu übersetzen. Am einfachsten
war es dann, wenn vorhandene Bezeichnungen aus der Religion der Germanen im christ­
lichen Sinn umzudeuten waren.

So wurde aus dem Reich der germanischen Totengöttin Hel der Ort der Strafe
für die Verstorbenen, unsere Hölle. Dieses Wort trat an die Stelle des lateini-
schen infernum. Ursprünglich sächliches Geschlecht hatte Gott, weil das Wort
zusammenfassend männliche und weibliche Gottheiten bezeichnete (wahr-
scheinlich eigentlich »das [Wesen], dem geopfert wird«). Die Missionare be-
nutzten das Wort dann für lateinisch deus als Bezeichnung des Christengottes.
Das althochdeutsche gilouben gehört vermutlich zu lieben und bedeutet
­ursprünglich »vertrauend, folgend machen«. Schon früh ist das Wort auf das
Vertrauen, das der Mensch zum Walten der Götter hatte, bezogen worden. In

49 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

der Kirchensprache konnte man ihm dann leicht die Bedeutung von lateinisch
credere geben, die heute noch glauben im religiösen Bereich hat.
Die ursprüngliche Bedeutung von Buße war »Nutzen, Vorteil«. Im Althoch-
deutschen konnte es aber auch »Heilung durch Zauber« heißen. In der Kirchen-
sprache wurde es dann zur Bezeichnung der Wiedergutmachung, die der Sün-
der Gott schuldete.
Die eidesstattliche Erklärung vor Gericht und auch das Geständnis eines An-
geklagten hießen im Althochdeutschen bijiht. Mit christlichem Sinngehalt an-
gefüllt, wurde der Ausdruck für lateinisch confessio benutzt und bekam jetzt
die Bedeutung »Sündenbekenntnis (vor einem Priester)«. Aus bijiht wurde dann
Beichte.

Nord-Süd-Gegensatz im christlichen Wortgut

Bei der Übernahme einheimischen Wortgutes in die Kirchensprache standen


sich oft Wörter aus dem nördlichen und südlichen Sprachraum als Konkurren-
ten gegenüber. So wurde im Süden das althochdeutsche wīh »heilig« von den
Mönchen übernommen und mit christlichem Inhalt gefüllt. Die im Norden täti-
gen angelsächsischen Missionare brachten das altenglische hāliġ mit, das wie
das althochdeutsche heilag aus dem germanischen Religionswesen stammte
und eigentlich »mit günstigem Vorzeichen« oder »heil, unversehrt« bedeutete.
Die Form aus dem Norden setzte sich durch und trat in der Kirchensprache an
die Stelle von lateinisch sanctus »heilig« und ergab schließlich unser heilig. Das
Adjektiv wīh ist im Verb weihen (eigentlich »heiligen«, dazu Weihnachten, Weih­
rauch) erhalten geblieben sowie in (bayrischen) Ortsnamen wie Weihenstephan,
Weihenzell, Weihmichl.
Aber nicht nur Lehnwörter und Lehnbedeutungen erweiterten in dieser Zeit
den althochdeutschen Wortschatz. Gerade im religiösen Bereich gab es eine
große Zahl von Neubildungen. Grundlage dieser Wörter war zwar ein lateini-
sches Vorbild, die Bestandteile wurden aber der einheimischen Sprache ent-
nommen. So wurde aus dem lateinischen domus dei (domus = Haus, dei = Genitiv
von deus »Gott«) das althochdeutsche gotes hūs, das »Gotteshaus«. Aus latei-
nisch beneficium (bene  = gut, -ficium  = vom Verb facere »machen, tun«) wird
althochdeutsch wolatāt, daraus dann Wohltat. Lateinisch conscientia (con-
= eine Gesamtheit bezeichnende Vorsilbe, scientia = Wissen) wird im Althoch­
deutschen zu ge-wizzeni, dem späteren Gewissen.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 50

Die Leistung der Mönche für die ältesten deutschen Schriftsprachen

Das frühe Althochdeutsche dieser Zeit darf man sich nicht als einheitliche Sprache vor­
stellen. Es gab ein frühes Fränkisch, Alemannisch oder Bairisch, aber es gab weder eine
einheitliche Standardsprache noch eine einheitliche Schreibung.
Wenn ein Mönch einen lateinischen Text übersetzte, dann schrieb er in dem Dialekt, den
er auch zu Hause sprach. In den einzelnen Schreibstuben ging es in der Frühzeit vor allem
darum, Texte für den eigenen lokalen Gebrauch herzustellen. Und dafür benötigte man
zunächst für jede Region eine möglichst eindeutige Verbindung von Laut und Schriftzeichen.
Hier liegt die wichtigste sprachliche Leistung der frühmittelalterlichen Mönche, denn das
Bemühen um ein möglichst exaktes Verhältnis von Lauten und Schreibungen ist der erste
Schritt auf dem Weg zu einer funktionierenden Schriftsprache. An einer einheitlichen Norm
für die überregionale Kommunikation in der Volkssprache war man dagegen noch gar
nicht besonders interessiert.

Aus dieser frühen Zeit unserer Sprache ist nicht allzu viel an schriftlicher Über-
lieferung erhalten geblieben. Das meiste davon ist zudem noch vom Lateini-
schen geprägt und zeigt uns vor allem die Sprache der gebildeten Priester und
Mönche.
In der Praxis sah die Arbeit dieser Spezialisten so aus, dass in jeder klöster­
lichen Schreibstube überlegt wurde, wie die deutsche Entsprechung zu einem
bestimmten lateinischen Wort wohl aussehen könnte. Meist stellte sich diese
Frage dann, wenn man bei der Lektüre eines lateinischen Textes, zum Beispiel
für den Unterricht in einer Klosterschule, schwierige lateinische Wörter zum
besseren Verständnis ins Deutsche übersetzen wollte. In jedem einzelnen Klos-
ter konnten die Überlegungen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Das lag nicht nur an der unterschiedlichen Verbreitung von Wörtern wie wîh
und heilic, die zum altüberlieferten Bestand der Sprachgemeinschaften gehört
haben. Es lag eben auch daran, dass es für viele Gegenstände und Sachverhalte
noch gar keine Wörter in der Volkssprache gab, denn im mündlichen Sprach­
gebrauch konnte möglicherweise eine Umschreibung, verbunden mit einer Zei-
gegeste, zur genauen Bezeichnung ausreichen.
Die Suche nach dem richtigen Wort führte selbst in einem vergleichsweise
stabilen Bereich wie den Bezeichnungen der menschlichen Körperteile, wo
­eigentlich wenig Änderungen und Neuerungen zu erwarten sind, zu einer recht
großen Zahl von Varianten. So fi­ nden sich für lateinisch frōns »Stirn« etwa die
althochdeutschen Entspre­chungen endi, endiluz, endīn, gebal, gibilla, houbit,

51 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

stirna und tinna; lateinisch gurgulio »Gurgel, Luftröhre« stehen gegenüber alt-
hochdeutsch âtemdrozze, drozza, gurgula, kela, querca, quercala und sluntbein;
für lateinisch palma »die flache Hand« sind bezeugt althochdeutsch breta,
­flazziu hant, flazza, folma, hant, munt, spanna und tenar; lateinisch supercilium
»Augenbraue« kann übersetzt werden als althochdeutsch brâwa, brâ, obar­
brâwa, ougbrâwa oder wintbrâwa.
Aber auch dann, wenn ein Wort bereits durch seine hohe kommunikative
Bedeutung in der mündlichen Alltagssprache überregional verbreitet war –
denken wir an so elementare, altererbte Körperteilbezeichnungen wie Arm,
­Finger, Nabel, Bein oder Fuß –, konnten die Wörter recht verschiedenartig aus­
sehen. In den unterschiedlichen Texten aus den althochdeutschen Sprachland-
schaften begegnen uns etwa: arm, aram, arim, armo; fingar, finger, fingra, vingar,
uingir, uinger; nabilo, nabulo, nabalo, nabelo, nabil, nabile, nabila, nabele, nabl,
napolo, napalo, napulo, nauel; bein, ben, pein; fuoz, fuozs, fooz, foos, fuaz, fuez, fūz,
fouz, fůz, fuz, vuoz, vûoz, uvôz, uuoz, uůz, uoaz, phuoz. Diese Vielfalt lässt
sich vor allem dadurch erklären, dass es trotz aller Versuche eben doch noch
keine einheitliche Schreibnorm, also eine Orthografie – etwa wie die Norm des
heutigen Rechtschreib-Dudens – für die Volkssprache gab. Die Schreiber muss-
ten selbst herausfinden, wie das Verhältnis von Laut und Buchstabe in i­hrer
­regionalen Ausprägung am besten ausgedrückt werden konnte. Sie verfuhren
dabei nicht viel anders, als es heute Kinder beim individuellen Schriftsprach­
erwerb tun, bevor ihnen die Normen der Rechtschreibung beigebracht worden
sind. Daher bediente sich auch fast jedes Kloster eines eigenen – auf der Basis
des lateinischen Alphabets entwickelten – Schriftsystems.
Entscheidend für den hochdeutschen Sprachraum ist aber eine noch viel
weitreichendere Besonderheit: Da es ja in althochdeutscher Zeit überhaupt
noch keine überregionale Schrift- oder Standardsprache gegeben hat, können
wir nur Wörter und Sätze in bairischer, alemannischer oder fränkischer Spra-
che vorfinden. Die Gemeinsamkeit erschöpft sich auf den ersten Blick im latei-
nischen Alphabet, dessen einheitstiftende Kraft durch eine Schriftreform mit
der Einführung der karolingischen Minuskel allerdings noch verstärkt wurde,
und in einigen Merkmalen der zweiten Lautverschiebung. Diese Gemeinsam-
keiten machen die regionalen Sprachen zu Vorläufern des heutigen Deutsch.
Daher erscheint uns die althochdeutsche Zeit als ein Experimentierfeld, als ein
Laboratorium des deutschen Wortschatzes, in dem Spezialisten versuchen, die
Möglichkeiten der Volkssprache zu erproben.
Die Anfänge der deutschen Sprache liegen daher noch nicht im 5. und 6. Jahr-
hundert, wenn sich die Konsonanten im Zuge der zweiten Lautverschiebung

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 52

wandeln, sondern sie liegen in der Mitte des 8. Jahrhunderts, wenn diese neuen
Laute in den Klöstern erstmals mit Hilfe des lateinischen Alphabets nach dem
Vorbild der lateinischen Schriftkultur aufgezeichnet werden. Der Kontakt mit der
christlichen und der klassischen lateinischen Literatur hat die zuvor nur gespro-
chene Volkssprache völlig umgestaltet. Sie wird jetzt zum Althochdeutschen.

Die Periodisierung der deutschen Sprachgeschichte

Die schriftliche Überlieferung der althochdeutschen Zeit geht mit dem Tod
­Notkers von St. Gallen im Jahre 1022 ihrem Ende entgegen. Notker ist der letzte
herausragende Kopf der frühmittelalterlichen volkssprachigen Literatur. Ge-
storben ist er während einer der damals zahlreich auftretenden Epidemien. Es
dauert dann mehrere Jahrzehnte, bis der Strom deutscher Texte wieder stärker
zu fließen beginnt. Was um das Jahr 1000 geschah, kann man sich vielleicht am
ehesten vorstellen, wenn man an die Aufregungen denkt, die hier und da bei der
Zeitenwende vor dem Jahr 2000 um sich gegriffen haben. Damals diskutierten
Theologen und Propheten das Weltende und spekulierten über dessen Datum.
Die Mythen vom Antichristen und dem endzeitlichen Kaiser faszinierten
­K leriker wie Laien.
Um die Wende zum zweiten Jahrtausend nach Christus wurde die Weltende-
Erwartung erstmals auf dramatische Weise aktuell. Zu diesen Schrecken gesell-
ten sich alle Arten von Unglück: Epidemien, Hungersnöte, dunkle Vorzeichen
wie Kometen, Sonnen- und Mondfinsternisse. Die Gegenwart des Teufels schien
überall spürbar. Die Christen führten diese Plagen auf ihre Sünden zurück. Der
einzige Schutz waren die Buße und die Rückbesinnung auf die Heiligen und
ihre Reliquien.
Als dann aber zuerst das Jahr 1000 und dann auch das Jahr 1033, das tau-
sendste Jahr seit der Passion Christi, vergangen und die Erde ganz offensichtlich
doch noch immer da war, merkten die Christen, dass ihre Bußübungen und Rei-
nigungen wohl erfolgreich gewesen waren. Es ist nun immerhin auffällig und
bemerkenswert, dass auch der Übergang vom Sprachstadium Althochdeutsch
zum Sprachstadium Mittelhochdeutsch genau in diese Zeitspanne fällt. Es
stellt sich die Frage nach einem wie auch immer gearteten Zusammenhang von
derart bedeutenden weltgeschichtlichen Einschnitten und den Veränderungen
einer Sprache.

53 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Daher lohnt sich an dieser Stelle ein kurzer Ausblick auf die weitere Entwick-
lung der deutschen Sprachgeschichte, insbesondere auf ihre Periodisierung.
Wenn man akzeptiert, dass sprachliche Veränderungen nicht alle gleichermaßen
am 1. Januar eines bestimmten neuen Jahres eintreten, sondern vielmehr das
Ergebnis sich über viele Jahre langsam hinziehender Prozesse sind, dann kann
man nach Auswertung aller sprachlichen Daten eine grobe Zeiteinteilung
vornehmen:

ca. 750 – 1050: Althochdeutsch


ca. 1050 – 1350: Mittelhochdeutsch
ca. 1350 – 1650: Frühneuhochdeutsch.
ca. 1650 – 1950: älteres Neuhochdeutsch
ab ca. 1950: Gegenwartsdeutsch

Die sprachlichen Epochengrenzen liegen dann an den Jahren um 1000/1050, um


1350, 1650 und 1950. Dabei wird ganz deutlich sichtbar, dass diese Epochen-
grenzen tatsächlich recht unmittelbar auf tiefe Einschnitte in der Geschichte
folgen. Wir denken an den Zweiten Weltkrieg, den Dreißigjährige Krieg und an
den Ausbruch der Pest in Europa um das Jahr 1350.
Eine für uns möglicherweise wichtige Gemeinsamkeit dieser drei Ereignisse,
die auch für die angesprochene Endzeiterwartung, die Epidemien und Hungers-
nöte vor und um das Jahr 1050 gelten sollte, ist der damit verbundene demogra-
fische Wandel. Kriege und Katastrophen, die zu einer starken Veränderung der
Bevölkerungsstruktur führen, können nämlich durchaus auch einen Einfluss
auf die Sprachentwicklung haben. Dafür muss man zwei Dinge voraussetzen:
Offenkundig wandelt sich Sprache permanent, Sprache bleibt nie über einen
längeren Zeitraum konstant. Ständig bilden sich Neuerungen.
Eine andere Frage ist es allerdings, wie viele dieser Neuerungen sich jeweils
etablieren und in welcher Geschwindigkeit. Man kann sich leicht vorstellen,
dass sich in Zeiten von Krisen und Katastrophen, die stets zu großen demo­
grafischen Veränderungen und mit ihnen zur Auflösung sozialer Ordnungen
führen, Neuerungen viel leichter und schneller durchsetzen. In demografisch
und politisch stabilen Gesellschaften, in denen Traditionen für gewöhnlich eine
große Rolle spielen, können sich Neuerungen dagegen vermutlich nur sehr viel
schwerer ausbreiten.
Demografischer Wandel verursacht also keinen Sprachwandel, aber er
­verhilft den sich ohnehin beständig vollziehenden Neuerungen zu ihrem

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 54

Durchbruch. So erhalten wir eine plausible Erklärung für die Periodisierungs-


Eckpunkte der deutschen Sprachgeschichte um 1050, 1350, 1650 und 1950.
Auch der demografische Faktor »Völkerwanderungszeit« könnte dann bei der
Erklärung des Durchbruchs der zweiten Lautverschiebung in vorkarolingi-
scher, überwiegend schriftloser Zeit hilfreich sein. Die Auflösung konstanter
Bevölkerungsstrukturen in historischen Wendezeiten lässt eine extreme Be-
schleunigung des Sprachwandels erwarten. Die mit der Endzeiterwartung,
mit Epidemien und Hungersnöten einhergehenden demografischen Verände-
rungen in der ­ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts haben nun tatsächlich einem
Sprachwandel zum Durchbruch verholfen, der uns eine vergleichsweise deut-
liche Unterscheidung von älteren althochdeutschen und neuen mittelhoch-
deutschen Texten ermöglicht.

55 Zur geschichte der deutschen Sprache und ihrer wörter

Die erste Blütezeit: das mittelhochdeutsche

MITTEL HOCH DEUTSCH

zwischen dem im Gebiet, das durch Überregionale


Althochdeutschen die 2. Laut verschiebung Literatursprache:
und dem Frühneuhoch- vom Niederdeutschen in der Volkssprache
deutschen liegend abgegrenzt ist Ausgleichstendenzen

Vom Althochdeutschen zum mittelhochdeutschen

Der sprachliche Aufbau des Mittelhochdeutschen weist deutliche Unterschiede


gegenüber dem Althochdeutschen auf. Diese Veränderungen haben sich schon
länger angebahnt, im 11. und im 12.  Jahrhundert treten sie jetzt aber immer
stärker auf. Wir können diesen Wandel in der Sprache am besten erkennen,
wenn wir einen althochdeutschen und einen mittelhochdeutschen Text mitein-
ander vergleichen. Es handelt sich bei beiden Texten um den Anfang des christ-
lichen Glaubensbekenntnisses, des sogenannten Credos.

Althochdeutsch Kilaubu in kot fater almahticun, kiskaft himiles enti erda


(Ende des 8. Jh.s)
mittelhochdeutsch Ich geloube an got vater almechtigen, schepfære himels und der
erde (12. Jh.)

Der althochdeutsche Text beginnt mit der Verbform kilaubu »ich glaube«. Die
Endung des Verbs zeigt deutlich, dass es sich hier um die erste Person Singular
handelt, ein Personalpronomen war zur Verdeutlichung nicht nötig. Im Mittel-
hochdeutschen aber hatte sich die Endung stark abgeschwächt, da es sich hier
um eine nicht betonte Nebensilbe handelte. Ein Personalpronomen musste jetzt
die entsprechende Person kennzeichnen.
Eine solche starke Abschwächung der unbetonten Endsilbe trat auch bei den
Substantiven ein: Aus althochdeutsch erda wurde mittelhochdeutsch erde. Wo

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 56

es im Althochdeutschen zum Beispiel heiligemo geiste »dem Heiligen Geiste«


heißen konnte, musste im Mittelhochdeutschen der Artikel zur Kenntlich­
machung des Dativs gesetzt werden, es hieß jetzt dem heiligen geiste.
Eine weitere lautliche Veränderung können wir im althochdeutschen Adjektiv
almahtīg erkennen, das im Mittelhochdeutschen zu almehtec wurde. Das i, das
dem in der betonten Silbe stehenden Vokal a folgt, bewirkte, dass dieser Vokal
umgelautet wurde (die ä-Schreibung kommt erst später). Andere Beispiele
für diese Umlautung sind die Veränderungen zum Beispiel von althochdeutsch
ubir zu mittelhochdeutsch über, von althochdeutsch hūsir zu mittelhochdeutsch
­hiuser »Häuser«.
Wenn wir uns das Partizip kiskaft »geschaffen« und das mittelhochdeutsche
Substantiv schepf re »Schöpfer« ansehen, so fällt uns auf, dass das althoch-
deutsche sk zu sch geworden ist (ein weiteres Beispiel hierfür: althochdeutsch
skif wurde im Mittelhochdeutschen zu schiff  ). Ein sch-Laut hatte sich also gebil-
det. Im Frühneuhochdeutschen trat dieser Laut für das s im Anlaut auf: Mittel-
hochdeutsch sne, swarz wurden zu Schnee und schwarz.
Während man im Althochdeutschen die Schreibung der Konsonanten in den
verschiedenen grammatischen Formen ein und desselben Wortes – wie im heu-
tigen Deutschen – in der Regel nicht änderte, also althochdeutsch kind und im
Genitiv kindes jeweils mit -d- schreibt, orientierte man sich im Mittelhochdeut-
schen stets am gesprochenen Wort. Man schrieb daher im Mittelhochdeutschen
kint und im Genitiv kindes, man schrieb mittelhochdeutsch leit und im Genitiv
leides, man schrieb tac und im Genitiv tages. Die Bezeichnung der »harten«
Aussprache am Wortende ist charakteristisch für das mittelhochdeutsche
Schriftsystem.

57 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Der Sprachwandel und seine Folgen

Als der wichtigste Unterschied zwischen dem Althochdeutschen und dem Mit-
telhochdeutschen erweist sich die Abschwächung der unbetonten Silben und
ihre Kennzeichnung in der Schrift. Dies ist eine späte Folge der Eigenart der
germanischen Sprachen, die Wörter im Regelfall immer vorn zu betonen. In vie-
len anderen Sprachen ist der Wortakzent bis heute viel freier. Wenn nun die
Endsilben abgeschwächt werden oder ganz schwinden, gehen viele semantische
und grammatische Informationen, die auf den ehemals vollen Endsilben lagen,
verloren. Sie mussten in einer Art Reparaturmaßnahme von den Endsilben auf
die Präfixe oder gar den ganzen Satz verlagert werden. Dies führte zu einer weit-
gehenden Umgestaltung des deutschen Sprachsystems.
Wo im Althochdeutschen die vollen Endsilbenvokale als Träger unterschied-
licher semantischer Informationen dienten, war dies in mittelhochdeutscher
Zeit nicht mehr möglich. So fielen etwa althochdeutsch wahhēn »wach werden«
und wahhōn »wach sein« nach der Endsilbenabschwächung zu mittelhoch-
deutsch wachen zusammen. Im Mittelhochdeutschen wurde daher neben wa­
chen die Präfixbildung er-wachen zur Unterscheidung beider Bedeutungen pro-
duktiv. Die Sprecher reagierten jedoch nicht nur mit dem Ausbau von
Präfixbildungen.
Das Aufkommen neuer Suffixe spiegelt etwa das Beispiel der Wortfamilie um
das Lexem schön. Da die althochdeutschen Wörter scōni »schön« (Adjektiv),
scōnī »Schönheit« (Substantiv) und scōno »schön« (Adverb) in weiten Teilen des
Mittelhochdeutschen allesamt zu schône zusammenfallen, entstehen zur er-
neuten Unterscheidung neue Substantive wie mittelhochdeutsch schôn-heit,
schôn-lîche und schôn-de. War heit im Althochdeutschen noch ein selbständiges
Wort in der Bedeutung »Person, Gestalt«, so dient es nun mehr und mehr
zur deutlichen Kennzeichnung der Adjektivabstrakta, deren altes Merkmal -ī
(wie in althochdeutsch scōnī) im Mittelhochdeutschen durch die Endsilbenab-
schwächung unkenntlich geworden war. Das vorübergehende Nebeneinander
von schôn-heit, schôn-lîche und schôn-de zeigt, dass bei Neuerungen – hier der
Ersetzung des abgeschwächten Suffixes mittelhochdeutsch -e aus althoch-
deutsch -ī – zunächst meist mehrere Varianten zur Verfügung standen, von
­denen sich auf dem Weg zur neuhochdeutschen Schriftsprache schließlich mit
Schönheit nur eine durchsetzen sollte.
Etwas schwieriger waren die Reparaturmaßnahmen dann, wenn nicht nur
im weitesten Sinne semantische, sondern auch grammatische Informationen

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 58

von der Abschwächung der unbetonten Silben betroffen waren. Dies trifft vor
allem die Deklination der Substantive. Nach der Abschwächung der unbetonten
Endsilben sind viele Kasusendungen nicht mehr vorhanden. Besonders auffällig
ist dies in den Pluralformen der Substantive, denn hier lassen sich nun vielfach
Nominativ, Genitiv und Akkusativ nicht mehr auseinander halten. So wird etwa
aus althochdeutsch gesti (Nom.), gesto (Gen.), gesti (Akk.) in allen Fällen mittel-
hochdeutsch geste (»Gäste«).
Wo die Endungen nicht mehr erkennbar waren, mussten ihre Funktionen
auf andere Weise ausgedrückt werden, etwa durch den im Althochdeutschen
neu entstehenden bestimmten Artikel. Die Folgen der Abschwächung der unbe-
tonten Silben dehnen sich somit auf den ganzen Satz aus. Die Unterschiede zwi-
schen Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch zeigen deutlich, wie sich auch
die modernen Einzelsprachen im Laufe der Zeit verändern. Je weiter die Ent-
wicklung der deutschen Sprache voranschreitet, desto deutlich wird dabei, dass
nicht nur der Wandel von Lauten und grammatischen Formen die Geschichte
einer Sprache bestimmt. Während das schriftliche Althochdeutsch noch ganz
von der Welt des christlichen Mönchtums geprägt war, verlagert sich der
Schwerpunkt nun auf die Adelshöfe. Das überlieferte Mittelhochdeutsche ist
vor allem eine Sprache der Ritter und ihrer Kultur.

59 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Die Zeit des Rittertums

Das Lehnswesen

Das germanische Heer und auch die Streitmacht der fränkischen Könige wurden von den
freien Männern des Reiches gebildet. In der Zeit vom 8. bis zum 10. Jahrhundert hatte ­
sich das Kriegswesen in Europa gewandelt. Das Aufgebot aller Freien, das das Heer des
Herrschers bildete, war durch ein schwer bewaffnetes und berittenes Berufskriegerheer
ersetzt worden. Die Soldaten gingen also nach einer kriegerischen Auseinandersetzung
nicht mehr nach Hause, sondern blieben in der Nähe ihres Dienstherrn oder auf einer ihm
gehörenden Burg.
Das Leben auf einer solchen Burg und der besondere Stand, dem sie angehörten, trennte sie
aber immer mehr von der übrigen Bevölkerung ab.

Der Graf, Fürst oder Herzog, der Dienstherr dieser Soldaten war, hatte seiner-
seits eine Treueverpflichtung gegenüber dem Kaiser des Deutschen Reiches. Er
war ­Vasall (mittelhochdeutsch vassal »Gefolgsmann«, aus gleichbedeutend alt-
französisch vassal ) des Kaisers und musste eine Anzahl eigener Vasallen für
dessen Heer zur Ver­fügung stellen. Der Kaiser entlohnte seine Vasallen mit
Landbesitz, dem Lehen (eine Bildung zum Verb leihen). Hiervon mussten diese
dann ihren eigenen Leuten Teile als Belohnung abtreten.
Im Heer leisteten jetzt auch immer öfter unfreie Dienstleute, etwa Gutsver-
walter, ihren Dienst. Sie waren nicht – wie die übrigen Vasallen – adliger Her-
kunft. Diesen Ministerialen (lateinisch ministerialis »kaiserlicher Beamter«, zu
lateinisch minister »Diener«, vergleiche unser Fremdwort Minister) war durch
den Waffendienst zu Pferde, der als äußerst ehrenvoll angesehen wurde, die
Möglichkeit gegeben, Karriere zu machen. Denn auch die Adelsrechte wurden
jetzt auf sie ausgedehnt. Sie erhielten Lehen, die ihnen feste Einkünfte sicherten.
Aus den »kleinen« Vasallen und den Ministerialen bildete sich vom 11. Jahrhun-
dert an eine neue soziale Schicht, der Stand der Ritter.
Das mittelhochdeutsche Wort ritter wurde im 12. Jahrhundert aus dem Mit-
telniederländischen (aus dem Niederländischen etwa in der Zeit von 1200 bis
1500) übernommen. Mittelniederländisch riddere, das zum Verb rijden »reiten«
gehört, ist eine Lehnübersetzung von französisch chevalier »Ritter«.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 60

Die höfische Dichtung

Besonders die Erfolge auf den Kreuzzügen (Ende des 11. bis Ende des 13. Jahrhunderts)
machten das europäische Rittertum sehr selbstbewusst. Dichter aus dem Stande der Ritter
begannen, von den großen Taten ihrer Standesgenossen zu erzählen. Die ersten großen
Dichtungen des Rittertums entstanden in Frankreich. Bald darauf gab es auch in Deutsch-
land eine blühende ritterliche Dichtkunst.

Es versteht sich von selbst, dass eine gesellschaftliche und kulturelle Entwick-
lung, wie sie sich uns im Rittertum zeigt, auch auf den Wortschatz Einfluss
­genommen hat. Bereits in der Sprache vorhandene Wörter wurden mit neuen
Bedeutungen versehen, die die Lebensführung und die Ideale der Ritter be-
zeichneten. Oft zitiert ist das Beispiel mittelhochdeutsch mâze, das bei einem
volkstümlichen Prediger wie Berthold von Regensburg noch sehr konkret auf
das richtige Maß beim Essen und Trinken, im Gegensatz nämlich zur vrâzheit,
der »Völlerei«, bezogen ist, bei den höfischen Autoren hingegen viel feiner auf
»das maßvolle Verhalten bei allen Handlungen« abzielt. Damit ist keineswegs
Mittelmaß gemeint, sondern die Kontrolle der Gefühle.
Gleiches ließe sich von mittelhochdeutsch tugent sagen, das nun »edle, feine
Sitte« bedeutet, auch mittelhochdeutsch zuht »Anstand« und edel (ursprüng-
lich »adlig, vornehm«) bekommen nun neue, für die ritterliche Kultur typische
Bedeutungen. Gleichzeitig fällt auf, dass beispielsweise die für die archaisie­
rende, vorhöfische Sprache typischen Kriegerbezeichnungen wie wîgant, recke,
­degen oder helt von den höfischen Dichtern zunehmend gemieden werden.
Dichter wie etwa Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Wolfram von
Eschenbach, Gottfried von Straßburg und Walther von der Vogelweide bemüh-
ten sich, so zu schreiben, dass sie möglichst in allen Landschaften des Reiches
verstanden wurden. Daher lässt sich die Heimat dieser Dichter nur auf Grund
ihrer Sprache auch nicht eindeutig lokalisieren. Sie alle ließen die dialektge-
prägten Wörter weg, die im Norden niemand verstanden hätte oder umgekehrt
niemand im Süden. Sie verwendeten auch nur solche Reime, die im gesamten
deutschen Sprachraum gültig waren.
Auf diese Weise entstand eine mittelhochdeutsche höfische Dichtersprache,
die erstmals im Deutschen einen gewissen überregionalen Sprachausgleich
­hervorbrachte. Welche große Leistung hinter dieser Spracharbeit steckt, lässt
sich vielleicht ermessen, wenn man bedenkt, dass dies selbst Goethe noch
­keineswegs immer gelungen war; bzw., was fast noch schwerer wiegt, dass die

61 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Suche nach dem ausnahmslos überregional »­ reinen Reim« gar nicht in seinem
Gesichtskreis lag. Wenn Goethe im »Faust« »…  ach neige, du schmerzens­-
reiche« reimt, dann funktioniert dieser Reim als reiner Reim eben nur im Frank-
furter Dialekt seiner Zeit, wo er etwa /ach neische, du schmerzensreische/
­geklungen haben muss. Überregional reimt sich das nicht. Nicht nur die sprach-
lichen Leistungen der mittelhochdeutschen Dichter werden hier deutlich, es
zeigt sich zugleich auch, dass sie für viele ­folgende Jahrhunderte folgenlos ge-
blieben sind.
Der Sprachausgleich zeigt sich nämlich nur in der Sprache des Adels, und gilt
damit nur für einen sehr kleinen Teil der gesamten Sprachgemeinschaft. Mit
dem Untergang der ritterlichen Kultur verschwindet auch die mittelhochdeut-
sche Dichtersprache.

Der Einfluss des Französischen auf die höfische Dichtersprache

Ein weiteres Merkmal der mittelhochdeutschen Dichtersprache ist der große


Anteil von ursprünglich französischen Ausdrücken im Wortschatz der Ritter.
Das Rittertum in Frankreich und in Flandern war das Vorbild für die deutschen
Ritter und Dichter.
Mit den äußeren gesellschaftlichen Formen, die die deutschen Ritter über-
nahmen, gelangten jetzt auch viele Wörter aus dem Altfranzösischen (aus dem
Französischen des 11. bis 13.  Jahrhunderts) ins Mittelhochdeutsche. Sehr oft
kamen diese Wörter über das Mittelniederländische zu uns, da sie bereits von
den Rittern in Flandern und Brabant übernommen worden waren. Die meisten
dieser Entlehnungen sind nach der Zeit des Rittertums aus der deutschen Spra-
che wieder verschwunden. Einige jedoch sind in den allgemeinsprachlichen
­Bereich übergegangen und begegnen uns heute noch.

Das Turnier

Von den Wettkämpfen und Kampfspielen der Ritter kennen wir heute noch
Wörter wie Turnier (zum altfranzösischen Verb turnier »am Turnier teilneh-
men«), Lanze (altfranzösisch lance), Panzer (altfranzösisch pancier), Visier
(französisch visière), Preis (mittelhochdeutsch prīs »Kampfpreis«, altfranzö-
sisch pris). Dem Wort hurtig sehen wir heute gar nicht mehr an, dass es auch
aus der ritterlichen Turniersprache kommt. Mittelhochdeutsch hurtec ist zum

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 62

Substantiv hurt »Stoß, Anprall« gebildet, das aus altfranzösisch hurt entlehnt
wurde. Das dazugehörende französische Verb heurter wurde ins Englische ent-
lehnt und dort zum Verb to hurt »verletzen«.

»Ritterliche« Ritter

Die deutschen Ritter nahmen sich auch das ritterliche Benehmen und den höfi-
schen Anstand der Franzosen zum Vorbild. Denn wer nach einem Turnier, in
dem viele berühmte in- und ausländische Teilnehmer um Ruhm und Ehre ge-
kämpft hatten, an einem großen Hof in festlicher Tafelrunde saß, der musste
schon gute Manieren haben (aus altfranzösisch manière »Art und Weise«). Die
mittelhochdeutsche tavelrunde hatte Wolfram von Eschenbach dem französi-
schen table ronde nachgebildet. Es war die Bezeichnung für die Tischgesell-
schaft bei König Artus und bedeutet eigentlich »runder Tisch«. Denn der Tisch,
an dem bei König Artus gespeist wurde, war rund, damit kein Ritter einen bes-
seren Platz als ein anderer haben sollte.
Gute Manieren musste ein Ritter besonders dann an den Tag legen, wenn er
auf einem Fest mit einer edlen Dame einen Tanz (aus altfranzösisch danse) wa-
gen wollte. Andernfalls war er nicht fein (aus altfranzösisch fin) und wurde als
Tölpel verspottet. Dieses Wort ist im frühen Neuhochdeutschen wohl an mittel-
hochdeutsch törper, dorp re »unhöflicher Mensch« angelehnt worden. Das
Wort stammt aus mittelniederdeutsch dorper (zu dorp »Dorf«). Es ist dem alt-
französischen vilain »Dorfbewohner« nachgebildet. Dieses Wort bezeichnete in
der altfranzösischen Ritterdichtung den nicht vornehmen, ungehobelten Men-
schen, der mit seinem bäurischen Benehmen im Gegensatz zum vornehmen
Ritter stand. Dass man hier die niederdeutsche Form dorper mit unverschobe-
nem p statt hochdeutsch dorf re wählt, zeigt, dass dem Hochdeutschen schon
jetzt ein höheres Prestige zugeschrieben wird.

-ieren, -ei, -lei

Wie stark der Einfluss der französischen Sprache auf das Deutsche im 12. und
13. Jahrhundert war, können wir auch daran sehen, dass nicht nur Wörter über-
nommen worden sind, sondern sogar bestimmte Wortbildungselemente. Zuerst
gelangten mit Wörtern wie turnieren (altfranzösisch tornier) und kurtoisīe (alt-
französisch courtoisie) die französischen Endungen -ier und -ie in die deutsche

63 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Sprache. Dann wurden sie an lateinische Wörter angehängt (lateinisch dispu­


tare wird so zu mittelhochdeutsch disputieren), bald aber auch an deutsche
Wörter wie mittelhochdeutsch hovieren (zu mittelhochdeutsch hof »Hof,
­Königshof«), stolzieren (zu stolz »hochmütig«), ketzerīe (zu ketzer »Irrgläu­biger«),
zouberīe (zu zouber »Zauber«). Die Betonung auf der letzten Silbe
bei den Substantiven auf -īe (heute auf -ei ) zeigt deutlich die Herkunft dieser
Ableitungssilbe.

Das Deutsche als Sprache der Gelehrten und Bürger

Die Sprache der Kirche und der Verwaltung blieb während des Mittelalters im-
mer noch das Lateinische. Ebenso blieb es die Sprache der Schulen, die natür-
lich in engster Verbindung mit der Kirche standen. Als Mittellatein sprachen es
die Gebildeten bis zur Renaissance, in der dann das klassische Latein neu belebt
wurde. Die sich ändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingun-
gen führten aber langfristig zu einer grundsätzlichen Neubestimmung der
Funktionen der Schriftlichkeit. Das Ziel der meisten Schreiber war nicht länger
eine hochstilisierte Dichtersprache mit Tendenzen zu einer überregionalen Ver-
einheitlichung, sondern es ging vorrangig um die Erfüllung konkreter lokaler
kommunikativer Bedürfnisse. Recht, Handel und besondere Formen des Glau-
bens waren nun die Gebiete, auf denen die deutsche Sprache benötigt wurde,
um neue Menschengruppen zu erreichen. Die Einheitlichkeit der Dichterspra-
che wich nun einer so noch nicht da gewesenen Vielfalt, die räumlich und sozial
gebunden war.

Mit dem öffentlichen Auftreten von Mönchen aus den Bettelorden der Dominikaner und
Franziskaner entwickelte sich auch die deutsche Predigt. Zum ersten Mal finden wir hier von
Wander- und Bußpredigern vor einer breiten Öffentlichkeit Religiöses in einer verständlichen
und volkstümlichen Sprache ausgedrückt.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 64

Die deutsche Mystik

Auch in die komplizierten Bereiche der religiösen Philosophie wagte sich die
deutsche Sprache jetzt vor. Die Mystiker (zu lateinisch mysticus, altgriechisch
mystikós »geheimnisvoll, zur Geheimlehre gehörend«, daher auch mystisch)
versuchten, in deutscher Sprache schwierige religiöse und philosophische
­
­Probleme auszudrücken. In der Mystik wird zunächst die Grenze dessen, was
die Volkssprache, ja die Sprache überhaupt, leisten kann, beträchtlich er­ -
weitert. Offensichtlich stellt der Versuch, die Unbegreiflichkeit Gottes zu be-
greifen, das Unaussprechliche seines Wesens mit menschlicher Sprache zu be-
schreiben, an die Sprecher und die deutsche Sprache neue, zuvor nie erprobte
Anforderungen.
In ihren Werken versuchten die Mystiker, ihre religiösen Empfindungen und
Gefühle, ihre Gedanken und inneren Erlebnisse in deutscher Sprache auszu­
drücken und die direkte Vereinigung mit Gott zu erreichen. Dazu brauchten sie
oftmals neue Ausdrücke und schufen so deutsche Wörter für Glaubensdinge
und Begriffe des Seelenlebens. Noch heute ist es uns kaum möglich, über Dinge
im Bereich von Philosophie und Psychologie zu reden, ohne Bezeichnungen
zu verwenden, die von den Mystikern geprägt worden sind. Sie schufen vor
­a llem eine große Zahl abstrakter Ausdrücke, darunter viele Ableitungen auf
-heit,  -keit und  -ung, Adjektive durch Ableitungen auf -lich sowie substanti­­-
vierte Infinitive.
Wir verdanken ihnen Substantive wie Gleichheit, Hoheit, Gemeinsamkeit,
­Erleuchtung, Unwissenheit, Vereinigung, Wesen (mittelhochdeutsch daʒ wesen,
Substantivierung des Infinitivs wesen »sein, geschehen«). Sie bildeten neue Ad-
jektive wie anschaulich (mittelhochdeutsch anschouwelich »beschaulich«), bild­
lich und wesentlich (eigentlich »Wesen habend, wirklich«).
Andere Neubildungen der Mystiker sind Wörter wie Eindruck (mittelhoch-
deutsch īndruc, Lehnübersetzung von lateinisch impressio), einbilden (mittel-
hochdeutsch īnbilden »in die Seele hineinprägen«, dann »vorstellen«), ausbilden
(mittelhochdeutsch ūʒbilden »zu einem Bild ausprägen«).
In dem Moment, in dem Gott sich herablässt, durch den Mund der von ihm
Erleuchteten nicht nur in hebräischer, griechischer oder lateinischer Sprache zu
den Menschen zu sprechen, sondern auch auf Deutsch, erscheint diese – außer-
halb der Dichtung bisher noch etwas ungelenke – Sprache in einem ganz neuen
Licht. Gott spricht deutsch! So hatte man die Volkssprache, mit deren Unzu-
länglichkeiten man doch täglich zu tun hatte, bisher noch nicht betrachtet. Mit

65 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Hilfe göttlicher Eingebung lassen sich jedoch viele Hindernisse überwinden: Nû


wil ich sprechen, daz ich nie gesprach, so leitet Meister Eckhart mehr als einmal
einen neuen Gedanken ein.
Viele mystische Texte stehen in der Tradition des »Hohen Liedes« des Alten
Testaments und knüpfen daher auch an den Wortschatz der mittelhoch­
­
deutschen Minnelyrik als Teil der Dichtersprache an. Die Popularisierung
mystischer Gedanken in unzähligen Traktaten zur Beichte und Seelsorge,
­
ihr Weiterleben in der Barockmystik und der pietistischen Sprache trägt den
mystischen Wortschatz dann – anders als die Sprache der Ritter – bis in die
Neuzeit weiter.

Im 13. Jahrhundert erlangte auch das Bürgertum in den Städten immer größere Eigen­
ständigkeit und politische Bedeutung. Der Handel, das Handwerk und die Finanzwirtschaft
blühten. Mit wachsendem Reichtum wuchs auch der Wunsch nach Bildung. Seit etwa 1200
stellten sich neben die Klosterschulen städtische Schulen, in denen die Bürgersöhne
lesen und schreiben lernten und ihnen die Grundlagen für eine Verwaltungslaufbahn ver­
mittelt wurden.
Ab dem 13. Jahrhundert begannen auch die städtischen Behörden, die die Urkunden aus-
stellten, die sogenannten Kanzleien, mehr und mehr deutsch zu schreiben. 1235 erließ
Kaiser Friedrich II. das erste Reichsgesetz in deutscher Sprache, den Mainzer Reichsland­
frieden.

Zur geschichte der deutschen Sprache und ihrer wörter 66

Das Frühneuhochdeutsche

NEU HOCH DEUTSCH

Veränderungen im Gebiet, das durch die Volks-


im Lautsystem die 2. Laut verschiebung und Schriftsprache im
vom Niederdeutschen Deutschen Reich
abgegrenzt ist

Zu Beginn der Neuzeit, also im ausgehenden 14. Jahrhundert, entwickelte sich


aus dem Mittelhochdeutschen nun die Frühphase des Neuhochdeutschen.
Dieser Vorgang dauerte einige Zeit. So wie sich das Althochdeutsche erst
allmählich zur mittelhochdeutschen Sprachstufe weiterbildete, setzte dieser
Prozess etwa in der Mitte des 14. Jahrhunderts ein und fand etwa in der Mitte
des 17.  Jahrhunderts seinen Abschluss. Diese Zeit zwischen dem Mittelhoch-
deutschen und dem Neuhochdeutschen bezeichnet man als das Frühneuhoch-
deutsche.

Die wichtigsten Veränderungen im Frühneuhochdeutschen gegenüber dem Mittelhoch-


deutschen waren einmal die Umformung der langen mittelhochdeutschen Vokale ī, ū, iu zu
den Diphthongen ei, au und eu (mittelhochdeutsch mīn niuweʒ hūs wird zu neuhochdeutsch
mein neues Haus ), im Gegenzug die Vereinfachung der mittelhochdeutschen Diphthonge ie,
uo, üe zu neuhochdeutsch langem i, langem u und langem ü (mittelhochdeutsch liebe guote
brüeder wird zu neuhochdeutsch liebe gute Brüder ). Dazu kommt die Dehnung der Vokale in
kurzen offenen Silben: mittelhochdeutsch lo ben wird zu neuhochdeutsch lo ben, wege wird
˙ ˉ ˙
zu We ge .
ˉ

Alle diese Veränderungen setzten sich aber nicht gleichzeitig im gesamten deut-
schen Sprachraum durch. Dadurch waren bis zum 15.  Jahrhundert die Unter-
schiede zwischen den einzelnen Mundarten immer größer geworden. Aber in
den Amtsstuben der großen Fürstenhäuser und auch der großen Handelsstädte
hatte sich gleichzeitig eine immer einheitlicher werdende Schreibweise heraus-
gebildet. In Geschäftsbriefen und Urkunden wurden zunehmend Wörter ver-
mieden, die zu sehr mundartlich waren und daher unter Umständen von ande-
ren nicht verstanden wurden. Unter diesen »Schreibsprachen«, die sich so

67 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

herausbildeten, bekam bald die des ostmitteldeutschen Raumes eine besondere


Bedeutung. In dieser Kanzleisprache (so nannte man das Amtsdeutsch dieser
Zeit) waren viele mundartliche Ausdrücke einander angeglichen und in eine
einheitliche Form gebracht worden.
Da in den ostmitteldeutschen Sprachraum zunehmend Siedler aus nieder-
deutschen, westdeutschen und besonders aus süddeutschen Gebieten einge-
wandert waren, hatte es sich als notwendig erwiesen, viele ihrer unterschiedli-
chen mundartlichen Ausdrücke in amtlichen Texten zu vereinheitlichen, damit
keine Verständnisschwierigkeiten auftreten konnten. Diese jetzt entstandene
Schreib- oder Kanzleisprache war aber noch immer durch viele lateinische
Fachausdrücke geprägt und daher keineswegs die Sprache der einfachen Leute,
sie war keine allgemeine Umgangssprache. Sie blieb die Sprache der Behörden.
Einen Schritt weiter auf dem Weg zur Volkssprache kam die deutsche Sprache
erst, als Martin Luther sie für seine Bibelübersetzung benutzte.
Aber nicht nur in den Behörden und in der Theologie, sondern in allen Berei-
chen des Lebens wurde die Schrift jetzt immer wichtiger. Die Zunahme der Be-
völkerung führte zu der Notwendigkeit, neben den Rufnamen auch Familien­
namen festzusetzen und diese schriftlich festzuhalten. Vor allem in den Städten
war das Leben nun ohne schriftliche Aufzeichnungen nicht mehr vorstellbar.
Die »Verschriftlichung der Welt« wird so zum wesentlichen Kennzeichen der
frühneuhochdeutschen Zeit.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 68

Neue Wörter in Handel und Wirtschaft

Die städtischen Kaufmannssprachen bildeten nach und nach ihren eigenen


Wortschatz heraus, Wörter wie Gesellschaft, Kaufhaus, Wechsel (mittelhoch-
deutsch wehsel, Lehnübersetzung von italienisch cambio »Austausch von Wa-
ren und Geld«) entstanden. Auch die Fügung ein Ausbund von … »Muster, Inbe-
griff von …« ist ursprünglich ein Fachwort der Kaufmannssprachen. Sie
bedeutete eigentlich »das an einer Ware nach außen Gebundene (= das beste
Stück einer Ware, das dem Käufer deutlich gezeigt werden sollte)«.

Kredit von der Bank – Einfluss des Italienischen

Die enge Verbindung mit dem italienischen Wirtschaftsgebiet führte dazu, dass
die deutschen Kaufmannssprachen im 15. und 16. Jahrhundert sehr viele Wör-
ter aus dem Italienischen entlehnten. Ein Geschäftsmann, der in eine fremde
Stadt reiste, musste sein Geld gegen solches umtauschen, das hier am Ort gang
und gäbe war (mittelhochdeutsch genge »verbreitet, üblich«, mittelhochdeutsch
g be »annehmbar, gut«): Die seit dem 14. Jahrhundert übliche Wendung bedeu-
tete eigentlich »was sich leicht (oder gut) geben lässt« und bezog sich besonders
auf Münzen.
Zum Tauschen ging der Geschäftsmann zur Bank (italienisch banco, eigent-
lich »langer Tisch des Geldwechslers«, identisch mit unserem Wort Bank »Sitz-
gelegenheit«, das ins Romanische entlehnt worden ist). Hier konnte er auch ei-
nen Kredit erhalten (italienisch credito), um sein Konto (italienisch conto
»Rechnung«) bei seinem Geschäftspartner auszugleichen. Ein Kaufmann, der
nicht richtig kalkulieren (aus lateinisch calculare) konnte und der dadurch ein
zu großes geschäftliches Risiko (älter italienisch ris[i]co, dafür heute rischio)
eingegangen war und kein Kapital (italienisch capitale) in seiner Kasse hatte
(italienisch cassa, eigentlich »Behältnis, Kasten; Ort, an dem man Geld aufbe-
wahren kann«), stand vor dem Bankrott (italienisch bancarotta, eigentlich »zer-
brochener Tisch [des Geldwechslers]«).
Aus dem Italienischen stammen auch Fachwörter wie Bilanz (italienisch
­bilancio »vergleichende Gegenüberstellung von Gewinn und Verlust«, eigent-
lich »Gleichgewicht [der Waage]«), Porto (italienisch porto »Transportkosten«,
eigentlich »das Tragen, Bringen«), Rest (italienisch resto »bei der Abrechnung
übrig bleibender Geldbetrag«), brutto (italienisch brutto, eigentlich »roh« und

69 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

das »rohe« Gewicht einer Ware und ihrer Verpackung bezeichnend) sowie netto
(italienisch netto, eigentlich »rein«) zur Bezeichnung des Warengewichts ohne
Verpackung.
Der Fernhandel mit dem Orient brachte über die italienischen und auch
französischen Hafenstädte am Mittelmeer bisher unbekannte Früchte und Ge-
würze nach Deutschland. Wörter wie Dattel (italienisch dattilo, letztlich wohl
orientalischen Ursprungs), Marzipan (italienisch marzapane), Melone (italie-
nisch mellone), Muskat (mittellateinisch muscata), Olive (lateinisch oliva) oder
Zitrone (älter italienisch citrone) stammen aus dieser Zeit.

Martin Luthers Einfluss auf die deutsche Sprache

Den größten Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache hat in dieser
Zeit jedoch die Bibelübersetzung Martin Luthers. Innerkirchliche Missstände
und das Bestreben einiger deutscher Fürsten, von Papst und Kaiser unabhängig
zu werden, hatten zu einer Bewegung im Deutschen Reich geführt, die eine
Erneuerung der Kirche anstrebte. Den entscheidenden Durchbruch dieser
­
­Bewegung bewirkte der als Professor der Theologie in Wittenberg lehrende
­Augustinermönch Martin Luther. Am 31. Oktober 1517 schlug er an der Schloss-
kirche zu Wittenberg 95 in lateinischer Sprache abgefasste Thesen an. Sie wur-
den innerhalb kürzester Zeit in ganz Deutschland übersetzt und fanden schnell
weite Verbreitung. So wurde Luther zur führenden Person einer Reform, die
weit über die von ihm anfänglich beabsichtigte Erneuerung nur innerhalb der
Kirche h
­ inausging. Luther griff das Schlagwort von der immer wieder geforder-
ten »Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern« auf, und bald wurde das
Wort Reformation (lateinisch reformatio »Umgestaltung, Erneuerung«) zur Be-
zeichnung der neuen Bewegung.

Luthers Bibelübersetzung am Beginn einer einheitlichen deutschen


Schriftsprache

Nachdem Luther einen Widerruf seiner Lehre abgelehnt hatte, verfiel er der
Reichsacht. Der sächsische Kurfürst gewährte ihm Asyl auf der Wartburg. Hier
schuf der Reformator sein sprachliches Meisterwerk, das neben der großen

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 70

theologischen Bedeutung, die ihm zukommt, auch die deutsche Sprache und
ihre Entwicklung stark beeinflusst hat: die Übersetzung des Neuen Testaments.
Mit dieser Übersetzung trug er zur Ausbildung und Verbreitung einer einheit­
lichen Schriftsprache bei.
Bei seiner Übersetzungstätigkeit war für Luther die gesprochene Volksspra-
che Vorbild. Er bemühte sich, klar und verständlich zu schreiben, aber es ging
noch um mehr. Das zeigt ein Auszug aus dem Buch Daniel 5,4, in der Gegenüber-
stellung von lateinischem Vulgata-Text, der Mentel-Bibel (einer älteren Straß-
burger Bibel von 1466) und der Luther-Bibel in der Redaktion von 1546:

Vulgata Mentel-Bibel Luther

Bibebant vinum et laudabant Sy truncken den wein vnd Vnd da sie so soffen, lobeten
deos suos aureos et a­ rgenteos lobten ir göt, die guldin sie die gülden, silbern,
et aereos ferreos ligneosque vnd die silbrin vnd die erin ehren, eisern, hültzern vnd
et lapideos. vnd die eysnin vnd die steinern Götter.
­húltzin vnd die steinin.

Erst bei Luther ist der ganze Satz ohne Rückgriff auf das Latein als Ganzes zu
erfassen: »Und während sie soffen, lobten sie die goldenen, silbernen, kupfernen,
eisernen, hölzernen und steinernen Götter«. Auf der Wortebene selbst finden
sich zwischen den beiden Übersetzungen nur wenige Veränderungen. Eher ist
es der Ton, den Luther trifft, die Emotionen, die Luther aufbaut und damit eine
Welt, die den Menschen auch im Alltag vertraut war: Vnd da sie so soffen ... eröff-
net eine völlig andere Szenerie als sy trunken den wein oder *Vnd da si so tranken.
Dies ist sicher keine Änderung, die der überregionalen Verständlichkeit ge-
schuldet ist, hier geht es um eine volksnahe Sprache überhaupt. Eine solche
Sprache wird nun erstmals einer größeren Zahl von Menschen in schriftlicher
Form zugänglich.
Gleichzeitig war Luther aber auch rhetorisch geschult und verwendete viele
Stilmittel des griechischen Urtextes und gebrauchte hochsprachliche Formulie-
rungen wie »und siehe«, »und es begab sich« oder »wahrlich, ich sage euch«. Des-
halb ist die Sprache der Bibelübersetzung noch nicht mit der späteren deutschen
Schriftsprache identisch. Weil Luther sich aber nicht nur an der gesprochenen
Sprache und der ostmitteldeutschen Kanzleisprache, sondern auch an der Spra-
che der Wiener Kanzlei Kaiser Maximilians orientierte, fand er als erster einen
gewissen Ausgleich zwischen Mündlichkeit, Schriftlichkeit sowie dem durch
die Kanzleien wichtigen ostmittel- und ostoberdeutschen Sprachgebrauch.

71 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Die Erfindung des Buchdrucks sorgte schließlich für eine schnelle Verbreitung der Luther­
bibel auch in den anderen deutschen Sprachräumen. Dadurch wurde bald eine große Zahl
mitteldeutscher, ostmitteldeutscher und auch niederdeutscher Wörter allgemeinsprachlich.

Aber auch Luthers Sprachbegabung und die Erfindung des Buchdrucks reichten
noch nicht aus, damit sich die Sprache der Bibelübersetzung, trotz ihrer weiten
Verbreitung, als allgemein anerkannte Sprachform durchsetzen konnte. Luthers
an der Mündlichkeit orientiertes Sprachwerk, seine teils sehr direkte, teils hoch
emotionale Sprache entsprach nicht unbedingt den Vorlieben der Oberschicht
der im 17. Jahrhindert aufkommenden Fürstenstaaten. Den Höflingen des Abso-
lutismus muss Luthers Sprachgebrauch derb und formlos erschienen sein. Die
barocke Repräsentationskultur erforderte nun eine ganz andere Sprache.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 72

Der Einfluss des Französischen im 17. Jahrhundert

Im Barockzeitalter orientierte man sich nun also wieder stärker an der kunst-
voll geschriebenen Sprache. Mindestens genauso schwer wiegen die Verände-
rungen in der deutschen Sprache, die sich im 17. Jahrhundert durch den phasen-
weise fast erdrückenden Einfluss des Französischen vollzogen haben. Die
deutschen Fürsten standen im Bann des französischen Hofes, der in allen Fra-
gen der Bildung und des Geschmacks als unerreichtes Vorbild galt. Als dann
noch eine große Zahl von Franzosen in Folge der Hugenottenkriege (1562-1598)
in Deutschland eine neue Heimat fand, verstärkte sich dieser Einfluss sogar
noch weiter. Da die Flüchtlinge nicht nur aus dem Adel stammten, sondern aus
allen Gesellschaftsschichten, verbreiteten sie ihre Sprache nun tiefer und
gründlicher auch im Alltag.
Im Jahre 1744 wird französisch sogar zur offiziellen Verhandlungssprache an
der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Nicht wenige Hugenotten waren
zudem als Sprachlehrer tätig und trugen so zusätzlich zur Verbreitung des
Französischen in allen Schichten bei. Dagegen ist sicher nichts einzuwenden,
im Gegenteil. Man wäre heute froh, wenn französische Sprachkenntnisse in
Deutschland nur annähernd so verankert wären. Im Alltag blieb es aber nicht
bei einer wünschenswerten Aneignung des Französischen als Fremdsprache.
Beklagt wurde vielmehr die Vermischung der Sprachen, aus der sich langfristig
bestenfalls ein „Pidgin-Französisch“ und „Pidgin-Deutsch“, etwa ein „Dösisch“
im Vergleich zum heutigen „Denglisch“ entwickeln konnte. Johann Michael Mo-
scherosch schreibt 1640 im „Philander von Sittewald“, hier nach der zweiten
Auflage von 1642: Fast jeder Schneider / will jetzund leider / Der Sprach erfahren
sein / und redt Latein: Wälsch Vnd Frantzösisch / halb Japonesisch / Wan er ist
doll vnd voll / der grobe Knoll.

Alamodezeit

Während der Kriegswirren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte das geistig­-
kulturelle Leben im Deutschen Reich sehr gelitten. Die allgemeine Not im Lande ließ nur
wenig Interesse an Kunst und Wissenschaft zu. Frankreich, das als Siegermacht aus dem
Dreißigjährigen Krieg hervorgegangen war, wurde jetzt das Vorbild in Sprache, Kunst,
Mode und sogar in den täglichen Umgangsformen. Das Leben am französischen Königshof,

73 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

die französische Gesellschaft, die Kunst und die Literatur Frankreichs wurden – wie zuvor
das Militärwesen – Vorbild in Europa. Das Französische wurde jetzt die Umgangssprache der
oberen Gesellschaftsschicht. Deutsch sprachen nur noch die einfachen Bürger, Handwerker
und Bauern.

Wer besonders gebildet wirken wollte, gebrauchte zu passender, aber auch zu


unpassender Gelegenheit französische Wörter, daneben auch Ausdrücke aus
dem Italienischen, seltener auch aus dem Spanischen. Das französische Vorbild
setzte sich in Sprache, Kunst, Sitte, Tracht, ja sogar in den alltäglichen Um-
gangsformen durch. Man orientierte sich nach der Mode (französisch à la mode)
von Paris. Diese Zeit der Orientierung des gesellschaftlichen und kulturellen
Lebens am französischen Vorbild bezeichnet man daher auch als Alamodezeit.

Galante Kavaliere, Puder und Perücken

Die Garderobe (französisch garde-robe »Kleidung«, ursprünglich »Kleiderzim-


mer«) des eleganten Herrn (französisch élégant, eigentlich »wählerisch, ge-
schmackvoll«) war ganz nach französischem Vorbild ausgerichtet. Zum Anzug
trug man eine seidene Weste (französisch veste, aus lateinisch vestis »Kleid«),
und aus den Rockärmeln ragten Spitzenmanschetten. Manschette (französisch
manchette) ist eine Verkleinerung von französisch manche »Ärmel« und bedeu-
tete also eigentlich »Ärmelchen«.
Machte ein Kavalier (französisch cavalier, eigentlich »Reiter, Ritter«) einer
von ihm verehrten Dame (französisch dame, aus lateinisch domina »[Haus]her-
rin«) eine Visite (französisch visite »Besuch«), hatte er sich zuvor rasieren lassen
(aus französisch raser, über das Niederländische entlehnt), seine Perücke (fran-
zösisch peruque, ursprünglich »Haarschopf«) kräftig mit Puder (französisch
poudre, eigentlich »Staub, Pulver«) bestreut und auch nicht mit Parfüm (franzö-
sisch parfum, eigentlich »Wohlgeruch«) gespart. Selbstverständlich pflegten
sich auch die Damen zu parfümieren (aus französisch parfumer) und gaben
durch Pudern ihrem Teint (französisch teint, eigentlich »Färbung, Tönung«) das
gewünschte Aussehen. Als man in späterer Zeit keine Perücken mehr trug,
­sorgte man mit viel Pomade (französisch pommade, italienisch pomata, zu
­italienisch pomo »Apfel«, das Haarfett wurde vermutlich aus dem Fleisch einer
bestimmten Apfelsorte hergestellt) dafür, dass die Frisur (aus französisch frisure
»Lockenfrisur«) in Form blieb.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 74

Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts

Die Flut der modischen Wörter aus den romanischen Sprachen, die im 17. Jahrhundert
in immer stärkerem Ausmaß ins Deutsche eindrangen, führte dazu, dass sich viele Dichter
und Sprachgelehrte gemeinsam für die Stärkung der eigenen Sprache einsetzten.
Es entstanden so gelehrte Vereinigungen, die sich die Pflege der deutschen Sprache zum Ziel
setzten, die sogenannten Sprachgesellschaften. Ihre Mitglieder kamen aus dem Adel
oder stammten aus den Kreisen des literarisch interessierten Bürgertums. Sie bemühten sich
um die Übersetzung fremdsprachiger Texte in ein flüssiges Deutsch, um die V ­ er­deutschung
von »Fremdwörtern« und erstmals um eine umfassende Beschreibung der deutschen
­Grammatik. Das Französische als Sprache der vornehmen Gesellschaft sowie das Lateinische
als Wissenschaftssprache sollten zurückgedrängt werden. Die deutsche Literatursprache
sollte gepflegt werden und mit dazu beitragen, eine einheitliche nationale Kultur zu schaffen,
die das zerrissene und schwache Deutschland wieder aufrichten ­könnte.

Am 24. August 1617 wurde in Weimar mit der »Fruchtbringenden Gesellschaft«


die erste und wohl bedeutendste Sprachgesellschaft gegründet. Weitere Grün-
dungen folgten mit der »Aufrichtigen Tannengesellschaft« in Straßburg 1633,
der »Teutschgesinnten Genossenschaft« 1642 in Hamburg und 1644 mit dem
»Pegnesischen Blumenorden« in Nürnberg, der bis heute besteht. Die Grün-
dungsorte sind im 17. Jahrhundert Zentren der sprachlichen und kulturellen
Entwicklung in Deutschland. Die Mitglieder waren der festen Überzeugung,
dass gute Manieren und eine gepflegte Sprache sich wechselseitig bedingen und
zentrale Aspekte des menschlichen Lebens wären. Ein Verfall der Sprache hätte
daher auch einen Verfall der Sitten zur Folge, die ausschließliche Nachahmung
französischer Vorbilder würde unweigerlich die einheimischen Sitten, Tugen-
den und Bräuche gefährden. Die Sorge um ein gutes und richtiges Deutsch
­w urde so zu einem kulturpatriotischen Anliegen. Im 17. Jahrhunderts diente
es der Stärkung der Muttersprache und war nicht gegen andere Sprachen und
Völker gerichtet.

75 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Sprachpurismus im 18. Jahrhundert

Die sprachpflegerischen Versuche des 18. Jahrhunderts waren weiterhin auf die
Suche nach dem besten Hochdeutsch ausgerichtet. Sollte das »beste Deutsch«
der Sprachgebrauch einer bestimmten Region oder gar der besten Schriftsteller
einer bestimmten Region sein? Oder stand das »beste Deutsch« über den
regionalen Sprachen und war im Grunde genommen immer schon vorhanden
und musste daher nur von den Fehlern des falschen Sprachgebrauchs befreit
werden? Die Versuche, die als »Fremdwörter« empfundenen Übernahmen aus
anderen Sprachen zu verdeutschen, wurden jetzt noch weiter verstärkt. Neben
den kulturpatriotischen Ambitionen des 17. Jahrhunderts trat nun ein aufkläre-
risches Moment: Die deutsche Sprache sollte für alle Deutschen verständlich
sein. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchte daher der Pädagoge Joachim
Heinrich Campe (1746–1818), die deutsche Sprache durch die Verdeutschung der
»Fremdwörter« von fremden Einflüssen zu befreien.
Von den während dieser Zeit neu geschaffenen deutschen Wörtern wurden
viele durch die neuen Wochenzeitungen einem größeren Publikum bekannt.
Manche konnten sich durchsetzen, andere wurden von den Sprachbenutzern
nicht angenommen. Oft stellten sich die neuen Bildungen neben das fremde
Wort, ohne es zu verdrängen, und bereicherten so das entsprechende Wortfeld
inhaltlich oder stilistisch. Zu den Verdeutschungen, die noch heute – neben ih-
rer fremdwörtlichen Entsprechung – fest zu unserem Wortschatz gehören, zäh-
len zum Beispiel Anschrift (für ­Adresse), Ausflug (für Exkursion), Briefwechsel
(für Korrespondenz), Jahrbücher (für Annalen), Jahrhundert (für Säkulum), lei­
denschaftlich (für passioniert), Lustspiel (für Komödie), Mundart (für Dialekt),
Rechtschreibung (für Orthografie), Stelldichein (für Rendezvous), Sterblichkeit
(für Mortalität ), Verfasser (für Autor, gekürzt aus Schriftverfasser).
Auf diese Weise nebeneinanderstehende Formen waren aber keineswegs im-
mer Synonyme, denn eine Verdeutschung wie zum Beispiel ergiebig war nicht
gleichbedeutend mit ihrer Entsprechung lukrativ, ebenso wenig wie Schatten­
seite immer für Revers (»Rückseite«) eingesetzt werden konnte. Auch Zerrbild
und Karikatur sind schließlich nicht immer bedeutungsgleich. Zudem konnten
die Verdeutschungsversuche der Sprachpfleger nicht in allen Fällen als gelun-
gen bezeichnet werden, und ihre Zeitgenossen machten sich lustig über Bildun-
gen wie ­Zeugemutter für Natur, Meuchelpuffer für Pistole, Jung fernzwinger für
Nonnen­kloster, Dörrleiche für Mumie, Lotterbett für Sofa, Lusthöhle für Grotte,
Zitterweh für Fieber. Erbwörter wie Nase und Sonne wurden fälschlicherweise

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 76

für Entlehnungen gehalten, und man versuchte, sie mit Gesichtserker und Tage­
leuchter zu verdeutschen. Es ist nicht mehr immer zu entscheiden, welche Vor-
schläge ernst und welche von vornherein als Parodie gemeint waren.

Deutsch wird international

Während sich der Einfluss anderer Sprachen in alt- und mittelhochdeutscher


Zeit vor allem auf die gehobenen Bildungssprachen beschränkt zu haben
scheint, wird das Deutsche seit dem 17. und 18. Jahrhundert, allen zunächst gut
gemeinten Verdeutschungsversuchen zum Trotz, zu einer durchgängig interna-
tionalen Sprache. Viele Lebensbereiche sind ohne die – meist, aber nicht nur
französischen – Lehnwörter gar nicht mehr vorstellbar.

Französische Fachwörter der Architektur und Gartenbaukunst

Durch das Vorbild des königlichen Schlosses im französischen Versailles und


seiner Gartenanlagen und durch viele Versuche, den französischen Baustil zu
kopieren, gelangten etwa im Bereich des Bauwesens und der bildenden Künste
eine Fülle französischer Wörter ins Deutsche, etwa Allee (französisch allée, ei-
gentlich »Gang«, dann »Weg zwischen Bäumen«), Balkon (französisch balcon,
aus dem Italienischen, eigentlich »Balkengerüst«), Bassin (französisch bassin
»Becken«), Etage (französisch étage, eigentlich »unterschiedliche Höhe«), Fassa­
de (französisch façade, aus dem Italienischen), Fontäne (französisch fontaine,
zu lateinisch fons »Quelle«), Kaskade (französisch cascade »künstlich angeleg-
ter Wasserfall«), Kulisse (französisch coulisse, eigentlich »Schiebewand«), Ni­
sche (französisch niche, eigentlich »Nest«), Parkett (französisch parquet »kleiner
abgegrenzter Raum«, mit verschiedenen übertragenen Bedeutungen ins Deut-
sche entlehnt), Parterre (französisch parterre, ursprünglich »ebenes Garten-
beet«), Profil (französisch profil, italienisch profilo, zu italienisch filo »Strich,
Linie«), Sockel (französisch socle), Terrasse (französisch terrasse, ursprünglich
etwa »Erdaufschüttung«).

77 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Cuisine française

Nicht nur im Bereich von Staats- und Baukunst war Frankreich Vorbild für die
deutschen Fürsten. Die Kochkunst der französischen Hofküche übte ebenfalls
einen großen Einfluss sowohl auf die Auswahl der Speisen in den Küchen der
deutschen Fürstenhöfe als auch auf die Bezeichnungen der Gerichte selbst und
sogar auf die zur Zubereitung benötigten Küchengeräte aus.
Auch das vornehme Großbürgertum orientierte sich am französischen Nach-
barn. Man setzte sich nicht einfach zum Essen an den Tisch, sondern nahm das
Diner (französisch dîner »Hauptmahlzeit«) ein. Hatte man Gäste g­ eladen, wur-
de das kostbarste Service (=  Tafelgeschirr; französisch service, ­eigentlich
»Dienstleistung«) aufgelegt. Auf silbernen Tabletts (aus französisch tablette, ei-
gentlich »kleiner Tisch«) trugen die Dienstmädchen große Terrinen (aus franzö-
sisch terrine, eigentlich »Schüssel aus Ton«) herein, in denen ­Bouillon (= Fleisch-
brühe; französisch bouillon, zu französisch bouillir »kochen, sieden«) dampfte.
Danach wurde als Vorspeise ein Omelett (französisch omelette, die weitere Her-
kunft ist unsicher) den Gästen vorgesetzt. Als Hauptgericht gab es Koteletts (aus
französisch côtelette, zu französisch côte »Rippe, Seite«). Wer dies nicht wollte,
konnte sich ein Ragout (französisch ragoût, eigentlich »Appetit­macher«) oder
ein Frikassee (französisch fricassée) servieren lassen (aus französisch servir, ei-
gentlich »dienen«). Zum Essen trank man Champagner, einen Wein aus der
nordostfranzösischen Landschaft Champagne (französisch vin de Champagne),
als alkoholfreies Getränk eine Limonade (französisch limonade, zu französisch
limon »dickschalige Zitrone«). Nach der Hauptmahlzeit kam das Dessert (fran-
zösisch dessert ) auf den Tisch.

Italienischer Einfluss

Das Italienische vermittelte dem deutschen Wortschatz Fachwörter wie zum


Beispiel Bronze (aus italienisch bronzo, später über gleichbedeutend französisch
bronze neu entlehnt), Fresko (= Wandmalerei auf frischem Verputz; gekürzt aus
Freskogemälde, italienisch pittura a fresco, zu italienisch fresco »frisch«), Gale­
rie (italienisch galleria), Korridor (aus italienisch corridore »Laufgang«), Kuppel
(aus italienisch cupola), Skizze (aus italienisch schizzo, eigentlich »Spritzer [mit
der Feder]«, daraus dann »Entwurf«), Spalier (aus italienisch spalliera, eigent-
lich »Stütze, Stützwand«), Stuck (italienisch stucco, verwandt mit unserem
Wort »Stück«) und Torso (italienisch torso, eigentlich »[Kohl]strunk«).

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 78

Die Sprache der Klassik

Die Sprache Luthers hatte mit dem internationalen Deutschen des 17. und 18. Jahrhunderts
auf den ersten Blick nicht mehr viel zu tun. Seine Wirkung war dort noch immer am stärks-
ten, wo religiöse Motive, Emotionen und ein an der Mündlichkeit orientierter Sprachge-
brauch im Vordergrund stehen. Dies finden wir 17. Jahrhunderts in den Schriften der Pietis-
ten oder im protestantischen Kirchenlied, wo die Texte eines Paul Gerhards noch heute, von
Einzelheiten abgesehen, allen Muttersprachlern gut verständlich sind. Die Sprache Luthers
und die neuhochdeutsche Schriftsprache finden aber am Ausgang des 18. Jahrhunderts im
protestantischen Pfarrhaus und bei seinen schreibenden Pfarrerssöhnen erneut zusammen.
Hier entsteht die Sprache der Klassik und damit eine neue Blütezeit der deutschen Sprache
und Literatur.

Schriftsteller wie Christoph Maria Wieland, Gotthold Ephraim Lessing, Georg


Christoph Lichtenberg oder Matthias Claudius stammen aus einem protestan-
tischen Pfarrhaus und haben einen großen Anteil daran, dass sich die mündlich
geprägte Traditionsline vom Minnesang über die Mystiker, Luther und die Pie-
tisten, die Sprache der Predigten und der Kirchenlieder jetzt wieder mit der Tra-
ditionslinie einer schriftlichen gehobenen Literatursprache verbindet.
Da etwa gleichzeitig auch die Kodifizierung der als vorbildlich empfundenen
ostmitteldeutschen Schriftsprache in Grammatiken und Wörterbüchern vor-
anschritt, verfestigte sich die deutsche Sprache in ihrer um 1800 gültigen Mi-
schung nun mehr und mehr. Auch wenn noch nicht alle Menschen die Möglich-
keit hatten diese Sprache zu erlernen und daher bei ihren dialektalen und
regionalen Umgangssprachen bleiben mussten, so hatte man doch jetzt in Ge-
stalt der Klassiker eine Vorstellung davon, wie gutes Deutsch aussehen musste.
Da Weimar, Leipzig, Berlin, Jena und Dresden damals Zentren der kulturellen
Entwicklung waren und viele Schriftsteller, Grammatiker und Lexikografen
hier lebten, blieb der alte ostmitteldeutsche Sprachraum weiterhin – wie schon
in der Lutherzeit und der Zeit der schlesischen Barockdichter – der wichtigste
deutsche Sprachraum.

79 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Die technische Entwicklung und ihr Wortschatz

Zugleich wurde aber auch der Einfluss von Wissenschaft und Technik auf die
­deutsche Sprache immer größer. Der Wissenschaft war schon im 18. Jahrhun-
dert die elektrische Energie (französisch énergie, aus lateinisch energia, altgrie-
chisch enérgeia »wirkende Kraft«) bekannt. Allerdings wurde sie erst von der
Mitte des 19. Jahrhunderts an verstärkt eingesetzt. Schon früher war beim Bern-
stein die g­ eheimnisvolle Kraft beobachtet worden, nach Reibung andere Stoffe
anzuziehen. So benannte man dann auch nach dem griechischen Namen des
Bernsteins ­(alt­g riechisch ḗlektron) bestimmte Anziehungs- und Abstoßungs-
kräfte von ver­schieden geladenen Elementarteilchen und prägte das Adjektiv
elektrisch. Später wurde dann hierzu Elektrizität (nach französisch électricité )
und auch elektrisieren gebildet.
Ebenfalls – als Sache und als Wort – auf die Fachsprache beschränkt war das
Gas (niederländisch gas; Neuschöpfung des Brüsseler Chemikers van Helmont,
1577–1644, zu altgriechisch cháos = leerer Raum, Luftraum. Es wird im Nieder-
ländischen mit anlautendem Ach-Laut ausgesprochen). Erst mit dem Aufkom-
men der Gasbeleuchtung im 19. Jahrhundert wurde das Wort allgemein üblich.

Die industrielle Revolution

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gewann die gewerbliche Fabrikation von halb fertigen
oder fertigen Produkten aus Rohstoffen immer mehr an Bedeutung. Der Aufbau und Ausbau
der Industrie (französisch industrie, ursprünglich »Fleiß, Betriebsamkeit«, dann »Gewerbe;
Produktivität in einem bestimmten Gewerbe«, dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der
heutigen Bedeutung) begann. Der Prozess der Industrialisierung (zum Verb industrialisieren,
erst im 20. Jahrhundert entlehnt aus französisch industrialiser ) setzte zuerst gegen Ende
des 18. Jahrhunderts in Großbritannien ein und griff zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf
Deutschland über. Das Zeitalter der modernen Technik begann. Das Wort Technik war bereits
im 18. Jahrhundert aus dem neulateinischen Begriff technica »Kunst(wesen), Anweisung
zur Ausübung einer Kunst oder Wissenschaft« gebildet worden (zugrunde liegt letztlich
alt­griechisch technikós »kunstvoll, sachverständig«, das zu altgriechisch téchnē »Handwerk;
Kunstfertigkeit« gehört und im frühen 18. Jahrhundert über neulateinisch technicus das
Adjektiv technisch ergab).

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 80

Die größte Bedeutung für die industrielle Entwicklung hatte die Erfindung der
Dampfmaschine (wohl 1819 von dem deutschen Publizisten und Gelehrten
­Joseph von Görres für englisch steam engine geprägt). Maschine war im Deut-
schen bereits seit dem 17. Jahrhundert als militärisches Fachwort bekannt und
bedeutete »Kriegs-, Belagerungsmaschine«. Das Wort ist über französisch
­machine zu uns gekommen, das seinerseits auf lateinisch machina (altgrie-
chisch ­machaná, Dialektform von mēchanḗ) zurückgeht.

Mit Dampf, Strom und Tempo

Der Einsatz der Dampfmaschine bedeutete nicht nur in der industriellen Ferti-
gung den großen Schritt nach vorne. Auch das Transportwesen erlebte durch
den Einsatz des Dampfschiffs (nach englisch steamship; kurz auch Dampfer,
über niederdeutsch damper nach englisch steamer) und die Erfindung der Loko­
motive (englisch locomotive engine, eigentlich »Maschine, die sich von der Stelle
bewegt«, zu lateinisch locus »Ort, Stelle«) einen ungeheuren Aufschwung. Die
Eisenbahn (seit etwa 1820 in dieser Bedeutung) verdrängte mehr und mehr die
Postkutsche. Ihr Fachwortschatz lieferte eine große Zahl von Wörtern, die bald
auch allgemein Verwendung fanden, zum Beispiel Bahnhof, Lore (englisch lorry),
Puffer (zu puffen »stoßen, schlagen«), Schranke (für Barriere), Tender (englisch
tender), Tunnel (englisch tunnel ), Waggon (englisch waggon), Weiche (ursprüng-
lich »Ausweichstelle in der Flussschifffahrt«), Zug (nach englisch train). Loko­
motive, Tunnel und Waggon erhielten – obwohl aus dem Englischen übernom-
men  – die französische Endbetonung. Für die direkt aus dem Französischen
stammenden Entlehnungen Billet, Coupé und Perron setzten sich erst seit der
Zeit des Ersten Weltkriegs die deutschen Bezeichnungen Fahrkarte, Abteil,
Bahnsteig durch. Der Schaffner (ursprünglich Bezeichnung für einen Beamten
des einfachen Dienstes bei Bahn und Post) heißt heute noch in der Schweiz Kon­
dukteur (französisch conducteur).

Moderne Nachrichtenübermittlung: Telegrafie und Telefon

Wie der Verkehr, so nahm in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auch der Bereich
der Nachrichtenübermittlung modernere Formen an. Bereits seit dem frühen
16. Jahrhundert war das Postwesen in Deutschland bekannt. Die Familie Taxis,
später das Haus Thurn und Taxis, betrieb ab etwa 1500 die ersten größeren

81 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

durch die deutschen Länder führenden Postlinien. Diese wurden im 17. und
18. Jahrhundert zu ­einem weiten Netz ausgebaut, das nach der Reichsgründung
von 1871 einem Reichspostamt unterstellt wurde.

Für die Vereinheitlichung und Neuordnung des Postwesens war der Generalpostmeister
Heinrich von Stephan (1831–1897) zuständig. Von den im Laufe der Zeit vor allem aus
dem Französischen entlehnten Fachwörtern ersetzte er weit über 700 durch Ausdrücke, von
denen die meisten noch heute gebraucht werden, wie zum Beispiel Briefumschlag (für
­Couvert ), Eilbrief  (von F. J. Jahn gebildet, 1875 amtlich für Expressbrief ), eingeschrieben 
(für ­französisch recommandé), Postanweisung, Postkarte, postlagernd (für französisch poste
­restante). Älter sind Briefkasten (seit 1824) und Briefmarke (dafür zuerst Freimarke).

Die vielen Verdeutschungen französischer Ausdrücke zumindest im preußi-


schen Herrschaftsgebiet machten die deutsche Sprache im 19. Jahrhundert wie-
der etwas weniger international. Die Bewohner Österreichs und der Schweiz
blieben – wohl auch wegen des grundsätzlich mehrsprachigen Charakters die-
ser Länder – meist bei den französischen Fachbegriffen. Das Interesse an einer
gemeinsamen, allen Deutschen aller Schichten gleichermaßen gut verständ­
lichen deutschen Sprache hatte aber in Preußen auch etwas mit dem von vielen
als Mangel empfundenen Fehlens eines deutschen Nationalstaates zu tun.
Wenn es schon keine staatliche Einheit gab, sollte es wenigstens eine gemein­
same Sprache geben. Die mittelalterliche deutsche Sprache und Literatur, die
man nun wieder neu entdeckte, konnte ein Vorbild für die erhoffte Einheit sein.
In dieser Atmosphäre entstanden einerseits Anfang des19. Jahrhunderts an
den Universitäten die ersten germanistischen Lehrstühle. Anderseits schrieb
das deutsche Bürgertum der richtigen Verwendung der deutschen Sprache eine
immens große Bedeutung zu. Es entsteht eine bürgerliche Sprachkultur, in der
man dialekt- und jargonfrei kommunizieren soll. Wer das mangels Bildung oder
Geschick nicht konnte, hatte keine Aussicht auf ein gesellschaftliches oder be-
rufliches Fortkommen. Sprache ist hier deutlich nicht nur ein Kommunika­
tionsmittel, sondern wird zu einem Sozialsymbol.
Orientierung bieten viele Sprachratgeber, zum Jahrhundertende auch der
Rechtschreib-Duden und Theodor Siebs Aussprachewörterbuch »Deutsche
Bühnenaussprache«.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 82

Der Einfluss des Englischen im 19. und im frühen 20. Jahrhundert

Die immer stärker werdende Rolle Großbritanniens und der USA im 19.  Jahr-
hundert in vielen Bereichen des modernen Lebens beeinflusste zunehmend die
deutsche Sprache. Bereits im 18. Jahrhundert waren einige Wörter wie zum Bei-
spiel Bowle, boxen, Frack, Golf  (als Name eines Spiels), Klub, Mob, Parlament 
(schon Ende des 17. Jahrhunderts), Pudding (schon Ende des 17. Jahrhunderts),
Spleen (englisch spleen »Zorn, Wut«, auch »Milz«, aus lateinisch splen, altgrie-
chisch splḗn , also eigentlich »durch Erkrankung der Milz hervorgerufene Miss-
mutigkeit«) entlehnt worden.
Im 19. Jahrhundert folgten dann Baby, Boykott, Bunker (zuerst nur in der Be-
deutung »großer Behälter zur Aufnahme von Massengütern«), chartern, Clown,
Detektiv, Express, fair, Farm, Film (zuerst für »dünne Schicht«), Fußball (als
Lehnübersetzung von englisch football ), Gentleman, Globetrotter, Humbug, in­
ternational, Klosett, Komfort, komfortabel, konservativ, Lift, Paddel, Partner,
Rowdy, Safe, Scheck, Snob, Sport, Standard, Start, Streik, Tennis, trainieren (zuerst
im Pferdesport), Trick, Veranda. In der Journalistensprache fanden Reporter
(englisch reporter, zu to  report »berichten«) und Interview (aus dem Amerika­
nischen, aus französisch entrevue »Verabredung, Treffen«, dazu interviewen,
­Interviewer) und das dem englischen leading article nachgebildete Leitartikel 
bald allgemeine Verbreitung.

Die Sportsprache: Tennis, Fußball und Boxen

Im späten 19. Jahrhundert und zu Anfang des 20. Jahrhunderts war es vor allem der Sport,
der eine Fülle von neuen Wörtern ins Deutsche brachte. Auch das Wort Sport selbst gehörte
dazu. Es bedeutete ursprünglich »Zeitvertreib, Spiel« und ist eine Kurzform von englisch
disport »Vergnügen« (über das Französische zu lateinisch deportare »wegbringen« in einer
vulgärlateinischen Bedeutung »amüsieren«).

Die von den Briten übernommenen Sportarten Tennis, Fußball und Boxen be-
hielten zunächst ihren englischen Fachwortschatz bei. Nach und nach wurden
aber viele englische Bezeichnungen durch Umformungen, Übersetzungen oder
Neubildungen ersetzt, zum Beispiel Aufschlag (für englisch service), Einstand (für
englisch deuce), Schläger (für englisch racket), Vorteil  (für englisch advantage).

83 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Der Deutsche Fußballbund übernahm zu Anfang des 20. Jahrhunderts als offi­


zielle Bezeichnungen die Verdeutschungen abseits (für englisch offside), Aus
(Lehnübersetzung von englisch out ), Ecke (für englisch corner), Halbzeit (Lehn-
übersetzung von englisch half-time), Stürmer (für englisch forward ), Tor (für
englisch goal, zuerst mit Mal  wiedergegeben), Verteidiger (für englisch back). Bis
heute sind dagegen trainieren, Trainer und Training erhalten geblieben.

Sprachkrise um 1900

Zur Sprache der Moderne gehören aber nicht nur neue Impulse aus Wirtschaft,
Technik und Sport, die oft mit dem englischen Spracheinfluss verbunden sind.
Dazu gehört auch ein seit den Tagen Schillers und Kleists immer stärker wer-
dender Zweifel an den Möglichkeiten des Menschen, die sinnliche Welt mit den
Möglichkeiten der Sprache darzustellen. Speziell in Deutschland hatten viele
Menschen das Gefühl, dass die Sprache der Klassiker, die vom Bildungsbürger-
tum verbreitet und zum alltäglichen Gegenstand von Schulaufsätzen, Briefen
und Festreden geworden war, mit den Entwicklungen der modernen Zeit nicht
mithalten konnte. Sprach­skepsis auf der einen und die Politisierung der Spra-
che auf der anderen Seite schwächten die bürgerliche Schriftkultur des Kaiser-
reichs und der Weimarer Republik. Die Orientierung an den Klassikern war in
den 30er Jahren nicht mehr ausreichend, um der Sprache der neuen Machthaber
etwas entgegenzusetzen.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 84

Die Herrschaft der Nationalsozialisten:


Wortschatz aus dem Wörterbuch des Unmenschen

Die durch die Weltwirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit noch ver-
schärfte Situation trieb immer mehr Wähler den radikalen Parteien zu. Der
­Nationalsozialismus erschien vielen Leuten, die der jungen deutschen Demokra-
tie innerlich ablehnend gegenüberstanden und sich nach einer starken Führer-
persönlichkeit sehnten, als einziger Ausweg. Am 30.  Januar 1933 wurde die
zentrale Gestalt der national­
­ sozialistischen Bewegung, Adolf Hitler, zum
Reichskanzler ernannt. Zwölf Jahre, von 1933 bis zum Ende des Zweiten Welt-
kriegs im Jahre 1945, konnten die Nationalsozialisten den deutschen Wort-
schatz beeinflussen. Dabei wurden viele alte Ausdrücke der deutschen Sprache
wiederbelebt. Sie bekamen eine neue, ideologisch geprägte Bedeutung und soll-
ten so die Verbundenheit der nationalsozialistischen Machthaber mit dem Volk
demonstrieren und gleichzeitig nationalistische Gefühle bei der Bevölkerung
wachrufen. Solche Wörter waren zum Beispiel Gefolgschaft (jetzt besonders ver-
wendet im Sinne von »Belegschaft«), Gau (= bestimmter Bezirk als Organisa­
tionseinheit der NSDAP), Ostmark (für Österreich; Mark bedeutete im Mittel­
alter »Grenzgebiet«).
Das Volksganze hatte Vorrang vor allem, und jeder hatte dem Volkswohl zu
dienen. Tat er es nicht, war er ein Volksschädling. Der nationalsozialistische
Staat und die NSDAP (= Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) waren
bemüht, das deutsche Volk nach ihren Vorstellungen zu erziehen und jeden Ein-
zelnen bis in kleinste Lebensbereiche hinein zu kontrollieren.
Möglichst alle Jungen und Mädchen zwischen dem 10. und 18.  Lebensjahr
sollten in der Nachwuchsorganisation der NSDAP, der HJ  (= Hitlerjugend), er-
fasst werden. Ein Reichsgesetz von 1936 erklärte die HJ zur Staatsjugend, die
Mitgliedschaft wurde somit jedem Jugendlichen zur Pflicht gemacht.
Für alle Frauen und Männer zwischen 18 und 25  Jahren wurde eine halb­
jährige Arbeitsdienstpflicht eingeführt, die im Reichsarbeitsdienst (RAD, kurz
auch: Arbeitsdienst ), einer eigens hierfür geschaffenen Organisation, abzuleis-
ten war.
Immer wieder wurde der Zusammenhalt der Volksgemeinschaft beschworen,
der gefestigt werden sollte durch Institutionen wie das Winterhilfswerk (= Hilfs-
werk zur Beschaffung von Kleidern, Heizmaterial und Nahrungsmitteln für Be-
dürftige), durch die Kinderlandverschickung oder durch den Eintopfsonntag
(= Sonntag, an dem in allen Haushalten nur ein einfaches, preiswertes Eintopf-

85 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

gericht gegessen werden sollte). In fast jedem Haus stand ein Volksempfänger
(= Radiogerät, das zu einem verbilligten Preis verkauft wurde, damit jeder die
Propagandasendungen der Regierung hören konnte). Jeder sollte sich auch in
Zukunft einen Volkswagen leisten können (= billiges Auto, das ebenso wie der
Volksempfänger auf Anregung der Regierung gebaut wurde). Der Volkssturm
schließlich sollte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an der sogenannten Hei­
matfront die Wehrmacht unterstützen.

Den menschenverachtenden Zynismus der Machthaber im »Tausendjährigen Reich« zeigen


Bildungen aus dem Wörterbuch des Unmenschen (so der Titel eines 1957 erschienenen
Buchs von D. Sternberger, G. Storz und W. E. Süßkind, das sich kritisch mit der Sprache des
Nationalsozialismus auseinandersetzt) wie entartete Kunst , Endlösung, Sonderbehandlung.
Bereits in den Dreißigerjahren entstand die abwertende Kurzform Nazi für »National­
sozialist«: Sie ist der älteren Bezeichnung Sozi für »Sozialdemokrat« nachgebildet, wurde
auch bald verboten, die große Zahl der Deutschen im Exil sorgte aber für eine rasche Ver-
breitung des Wortes im Ausland.
Einen sehr guten Eindruck vom alltäglichen Sprachgebrauch unter der nationalsozialisti-
schen Diktatur gibt Victor Klemperers 1947 erschienenes Buch »Lingua tertii imperii«, das
die »Sprache des 3. Reiches« aus eigener leidvoller Erfahrung beschreibt. Der Dresdener
Romanist behandelt nicht nur einzelne Wörter, sondern skizziert ihre Verwendung in ihren
Kontexten.

Die meisten dieser Wörter sind heute wieder aus der Alltagssprache verschwun-
den, nur manchmal wird man durch die meist nur gedankenlose Rede vom
»Üben bis zur Vergasung» oder von einem »inneren Reichsparteitag« an den
Sprachgebrauch in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Der Hang totali-
tärer Systeme zu Abkürzungen wie »HJ« für »Hitlerjugend« und Kurzwörtern
wie »Gestapo« für »geheime Staatspolizei« verleidet noch heute an den Univer-
sitäten vielen Menschen die Abkürzung »SS« für »Sommersemester«; ganz un-
denkbar wäre das Autokennzeichen »KZ«, auch als Buchstabenkombinationen
dürfen »HJ«, »KZ«, »NS«, »SA« und »SS« nicht vergeben werden.

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 86

Die Nachkriegsjahre: Amerikanismen und Anglizismen

Die unmittelbaren Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf den Wortschatz


erkennen wir zunächst in Bildungen wie Ausgebombter (=  jemand, der durch
­einen Bombenangriff seine Wohnung und seinen Besitz verloren hat), Heimat­
vertriebener, Spätheimkehrer (=  Kriegsgefangener, der erst lange nach Kriegs­
ende entlassen wird), entnazifizieren (=  einen ehemaligen Nationalsozialisten
politisch überprüfen und ihn [durch Sühnemaßnahmen] entlasten), Lastenaus­
gleich (=  Entschädigung für Schäden und Verluste während der Kriegs- und
Nachkriegszeit), Suchdienst (= Organisation, die sich mit Nachforschungen über
den Verbleib vermisster Personen befasst), Trümmerfrau (= Frau, die sich nach
dem Zweiten Weltkrieg an der Beseitigung der Trümmer der zerbombten Häu-
ser beteiligte).

Einen entscheidenden Einfluss auf den deutschen Wortschatz übte die politische Entwick-
lung in den Jahren nach 1945 aus. Im Jahre 1949 wurden die Bundesrepublik Deutschland
und die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Die engere Bindung der Bundes­
republik Deutschland an den Westen, besonders an die USA, führte dazu, dass eine sehr
große Zahl von Wörtern aus dem Englischen, besonders aus dem amerikanischen Englisch,
übernommen wurde, die sogenannten Amerikanismen und Anglizismen.

Bei den wenigen Anglizismen in der Sprache der DDR handelt es sich oft um
Wörter wie Dispatcher »Disponent«, die bereits zuvor aus dem Englischen ins
Russische entlehnt worden waren (vgl. russisch dispetčer »leitender Angestell-
ter in der Industrie«, aus englisch dispatcher, zu: to dispatch »erledigen«), und
von dort aus im östlichen Deutschland Eingang fanden Es wird noch heute bei
den bei den Berliner Verkehrsbetrieben in den östlichen Stadtteilen verwendet,
im Westen kannte man das Wort eigentlich nur aus Uwe Johnsons Roman
»Mutmaßungen über Jakob« von 1959. Die Sprache der DDR hat aber insgesamt
nicht annähernd so viele Entlehnungen aus dem Russischen aufgenommen, wie
das Deutsch der Bundesrepublik. Die Entwicklung ging also auf der Ebene des
Wortschatzes in unterschiedliche Richtungen, man hat deshalb gelegentlich
vermutet, dass sich eines Tages neben dem Deutschen in der Bundesrepublik, in
Österreich und in der Schweiz mit dem Deutschen in der DDR eine vierte Aus-
prägung der deutschen Standardsprache entwickeln könnte.

87 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Die sprachliche Entwicklung in der DDR 1949–1990

Die unmittelbar aus dem Russischen übernommenen Wörter sind meistens aus
lateinischen und altgriechischen Bestandteilen gebildet und hätten als Inter­
nationalismen auch im Deutschen entstehen können. Hierzu gehören zum Bei-
spiel Aktiv (=  Gruppe, die an der Erfüllung gesellschaftspolitischer oder wirt-
schaftlicher Aufgaben arbeitet, russisch aktiv, aus lateinisch activus »tätig,
wirksam«), Kollektiv (=  Arbeitsgemeinschaft, russisch kollektiv, zu lateinisch
collectivus »angesammelt«), Kombinat (=  aus mehreren Betrieben gebildeter
Großbetrieb, russisch kombinat, zu lateinisch combinare »vereinigen«), Kosmo­
naut (=  Raumfahrer, russisch kosmonavt, aus altgriechisch kósmos »Weltall«
und naútēs »Seefahrer«), Politbüro (= oberstes Führungsorgan einer kommunis-
tischen Partei, russisch politbjuro, aus lateinisch politicus »zur Staatsverwal-
tung gehörend« und französisch bureau »Büro«).
Direkt aus dem Russischen entlehnt wurde Datsche (=  Wochenend-, Land-
haus, russisch dača). Lehnübersetzungen sind die Auszeichnung Held der Ar­
beit (russisch geroj truda) oder Kulturhaus (= Gebäude für öffentliche Veranstal-
tungen, russisch dom kultury).
Die über das Russische aus dem Englischen entlehnten Wörter wie Dis­
patcher oder Kombine (= Maschine, die verschiedene Arbeitsgänge gleichzeitig
ausführt, russisch kombajn, aus englisch combine, zu: to combine »zu einer Ein-
heit zusammenstellen«) waren in der Bundesrepublik nicht gebräuchlich, eben-
so wenig Broiler (= Brathähnchen, englisch broiler, zu: to broil »grillen, braten«)
und die dazu gebildeten Wörter Broilermast und Goldbroiler. Aus englisch plas­
tics (zu englisch plastic »weich, verformbar«) entstand im Deutschen das Lehn-
wort Plastik, in der DDR sagte man Plast und umgangssprachlich auch Plaste,
entsprechend auch plastbeschichtet, Plastetüte.

In den Jahren nach 1990 sind die meisten dieser Bezeichnungen aus dem überregionalen
Sprachgebrauch wieder verschwunden. Weiter im Gebrauch geblieben sind nur umgangs-
sprachliche Wendungen wie »sich einen/keinen Kopf machen« (= sich Gedanken/keine
­Gedanken machen) oder »sich einbringen«. Wörter wie Dispatcher und Soljanka (für eine
Suppe) haben sich dagegen im ostmitteldeutschen Sprachraum der neuen Bundesländer
erhalten und bezeugen hier eine regionale Variation, wie sie auch für andere Gebiete des
deutschen Sprachraums kennzeichnend ist (zum Beispiel norddeutsch Kohl – süddeutsch
Kraut ; norddeutsch fegen – süddeutsch kehren; österreichisch Karfiol für »Blumenkohl«,

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 88

pfälzisch heben für »halten«, Trafik für »Tabakwarenhandlung«, Sessel für »Stuhl«; schweize-
risch Großkind für »Enkel«, Abdankung für »Trauerfeier, -gottesdienst«).

Vom 20. zum 21. Jahrhundert

Fachsprachen

In der Bundesrepublik begünstigte die Vormachtstellung der USA in den Berei-


chen Wissenschaft und Technik die Verbreitung englischer Wörter auch in den
Fachsprachen. Die wichtigste Fachliteratur war in Englisch geschrieben, und
der Einfachheit halber übernahmen die Ingenieure und Wissenschaftler die
meisten Fachwörter unverändert. Die Zahl der Wörter, die mit der fortschrei-
tenden Spezialisierung und der stetigen Weiterentwicklung von Wissenschaft
und Technik einherging, ist nahezu unübersehbar.
Durch Rundfunk und Presse, später auch durch das Fernsehen, wurden viele
Neuwörter in der Allgemeinsprache bekannt. Sie fanden schnell weite Ver­
breitung und wurden oftmals gar nicht mehr als so sehr fremd empfunden,
auch wenn ihre Schreibweise nicht dem Deutschen angeglichen worden war. So
kannte und verwendete fast jeder bald Wörter wie Automation (zu englisch
­automatic ­»automatisch«), Computer (zu englisch to compute »zusammenzäh-
len«, hinzugekommen sind neuere ­Bildungen wie Homecomputer, Personalcom­
puter), Container (eigentlich »Be­hälter«, zu englisch to contain »enthalten«), Job,
Know-how (eigentlich »wissen, wie«), Laser, Management (zu englisch to manage
»leiten, verwalten«), Pipeline (aus englisch pipe »Rohr« und line »Leitung«),
­Radar, Team (eigentlich »­ Gespann«).

Werbung und Mode

Über die Sprache der Werbung gelangten ebenfalls viele englische Wörter ins
Deutsche. So glaubte die Kosmetikindustrie nicht ohne Grund, dass Waren­
bezeichnungen wie Aftershave (englisch after shave »nach der Rasur«), Eyeliner
(aus englisch eye »Auge« und to line »liniieren«), Lotion oder Spray werbewirk-
samer seien als die entsprechenden deutschen Wörter. Und da auch die Mode-

89 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

experten großen Wert auf Marketing legten, übernahmen auch sie mehr und
mehr englische Ausdrücke.
Das Französische, das bisher in der Modesprache führend war, wurde ­da­-
gegen zurückgedrängt. Designer (zu englisch to design »zeichnen, entwerfen«)
und Stylisten (zu englisch to style »entwerfen, gestalten«) waren b
­ emüht, immer
wieder einen neuen Look (englisch look »Aus­sehen«) zu präsentieren (man be-
achte dazu die Zusammensetzungen Freizeit-, Safari-, Westernlook).
In den Auslagen der Schuhgeschäfte sah man jetzt Boots (englisch boot »Stie-
fel«, häufig auch in der Zusammensetzung Moonboots), Clogs (englisch clog
»Holzschuh«), Mokassins (englisch moccasin, eigentlich »Wildlederschuh der
nordamerikanischen Indianer«) und Slipper (englisch slipper »Pantoffel«). Die
Schaufenster der Bekleidungsgeschäfte zeigten modische Blazer, Sweatshirts
(aus englisch sweat »Schweiß« und shirt »Hemd, Trikot«) und T-Shirts (wohl
nach dem T-förmigen Schnitt). Wer könnte sich noch ein Leben ohne Jeans (zu
jean »Baumwolle«) vorstellen? Sie sind längst nicht mehr nur ein Kleidungs-
stück für Teenager (aus englisch –teen »-zehn« in den Zahlwörtern von 13 bis 19
und age »Alter«), sondern fester Bestandteil der Kleidung nahezu aller Alters-
klassen geworden.

Rundfunk und Fernsehen

Rundfunk, Fernsehen (jetzt auch kurz TV für englisch television) und Presse
haben ebenfalls eine kaum zu überblickende Anzahl von englischen Wörtern in
ihren Fachjargon aufgenommen, entsprechend ihrer Ausrichtung nach den
amerikanischen Vorbildern, so zum Beispiel Charts (= Hitlisten), Comics (ameri-
kanisch für comic strips, zu englisch comic »komisch« und strip »[Bilder]strei-
fen«), Jingle (= kurze, einprägsame Melodie als Bestandteil einer Rundfunk- oder
Fernsehwerbung, eigentlich »Geklingel«), Headline (= Überschrift, Schlagzeile,
aus englisch head »Kopf, Überschrift« und line »Zeile«), Hit (eigentlich »Schlag,
Treffer«, dazu Hitparade), live (eigentlich »lebend«, meist in der Zusammen­
setzung Live-Sendung), LP (= Langspielplatte, gekürzt aus englisch long-playing
record), News (= Nachrichten, eigentlich »Neues«), Playback (eigentlich »das Ab-
spielen, Wiedergabe«), Show (eigentlich »Schau«), Single (= kleine Schallplatte),
Special (= Sendung, in der ein Künstler im Mittelpunkt steht), Spot (= Werbefilm,
Werbetext, eigentlich »kurzer Auftritt«), Trailer (=  aus einigen Szenen eines
Films zusammengestellter Vorfilm, der als Werbung für diesen Film vorgeführt
wird). Die Bezeichnung Seifenoper für eine oftmals rührselige Hörspiel- oder

Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter 90

Fernsehspielserie ist eine Lehnübersetzung von englisch soap opera; solche Sen-
dungen laufen meist im Werbefernsehen oder  -funk  und werden häufig von
Waschmittelfirmen finanziert (auch in der Kurzform Soap oder als Daily Soap
»täglich gesendete Serie« gebraucht).

Das Internet

In neuerer Zeit ist es der Bereich der Videotechnik gewesen, der einen weiteren
Wortschub aus dem Englischen zu uns brachte. Zugrunde liegt englisch video,
das als Bestimmungswort vieler Zusammensetzungen auftritt und zu latei-
nisch videre »sehen« gebildet ist. Hier hat sich schnell ein ziemlich großes Wort-
feld gebildet, wie man leicht sehen kann, wenn man verschiedene Auflagen zum
Beispiel der Duden-Rechtschreibung unter dem Stichwort Video- vergleicht.
Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war geprägt vom Bestreben nach
weltweiter Kommunikation: Die Informationsgesellschaft stürzte sich auf die
Datenautobahn (nach englisch data highway), das Internet (englisch internet,
aus inter-  = untereinander, zwischen und net  = Netz[werk]) bot jetzt die
Möglichkeit des Austauschs von sehr großen Datenmengen und vielfältigsten
Informationen innerhalb kürzester Zeit. Begriffe wie Browser, Cookie, Download,
E-Mail, Homepage, Link, Provider, Server, Website sind nahezu allgemein be-
kannt gewordene Fachwörter dieser neuen virtuellen Realität (= vom Computer
simulierte Wirklichkeit; Lehnübersetzung von englisch virtual reality).

91 Zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Wörter

Ausblick

Rund 1300 Jahre deutscher Wort- und Sprachgeschichte sind bis heute weder
kontinuierlich noch zielgerichtet verlaufen. Es wechseln sich Phasen ab, die mal
stärker die sprachliche Einheit, mal stärker die sprachliche Vielfalt betonen.
Auch die Bedeutung der Sprache für die Kulturgemeinschaft wird in jeder Gene-
ration neu bestimmt. Die neuhochdeutsche Standardsprache ist das momen­
tane Ergebnis dieses jahrhundertelangen Prozesses, den verschiedenste Fakto-
ren – räumliche, soziale, politische und kulturelle – entscheidend beeinflusst
haben.

93

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97 à – Abend
»Speise, Nahrung«. Zur Bedeutungsgeschichte
A

Aa
und zur Verwendung von Aas als Schimpfwort
vgl. z. B. ↑ Luder. – An die alte Bedeutung des Sub-
stantivs »Essen, Futter, Fleisch« schließen sich
an die Ableitungen ↑ äsen »fressen« (vom Wild)
M
Aben

und das seit dem 18. Jh. bezeugte aasen »Fleisch


von den Häuten schaben, fleischen« (Fachwort
der Gerber und Kürschner), dann »in Speisen he-
rumsudeln, Nahrung vergeuden«, worauf die ugs.
Verwendung im Sinne von »verschwenden« be-
à »zu; zu je«: Die seit dem 16. Jh. bezeugte Präpo- ruht.
sition zur Angabe des Stückpreises und der Aasgeier ↑ Geier.
Stückzahl ist aus franz. à »nach; zu; für« ent- ab: Das gemeingerm. Wort (Adverb, Präposition)
lehnt, das auf gleichbedeutend lat. ad zurück- mhd. ab(e), ahd. aba, got. af, engl. of, off, schwed.
geht. Die Präposition ist von der Kaufmannsspra- av geht mit Entsprechungen in anderen idg. Spra-
che in die Allgemeinsprache übergegangen. chen auf idg. * apo- »ab, weg« zurück. Verwandt
Aa: Der seit dem Beginn des 19. Jh.s bezeugte kin- sind z. B. griech. apó »von, ab« und lat. ab »von«,
dersprachliche Ausdruck für »feste menschliche die in zahlreichen aus dem Griech. und Lat. ent-
Ausscheidung« ist aus der ankündigenden laut- lehnten Wörtern als erster Bestandteil stecken
malenden Interjektion a–a substantiviert. (↑ apo... , Apo...). Zu dieser idg. Wurzel gehören
1
a... , A... ↑ ab auch die unter ↑ aber und ↑ Ebbe behandelten
2
a... , A..., (vor Vokalen meist:) an... , An...: Die Wörter (s. ferner ↑ Ufer). – Als Präposition ist ab
Vorsilbe mit verneinender Bedeutung, die in im Nhd. durch von verdrängt worden (außer in
Fremdwörtern wie ↑ anonym und ↑ Anekdote schweiz. und südwestd. Mundarten; man be-
steckt, ist aus dem Griech. entlehnt. Griech. achte auch abhanden, das schon früh aus der Prä-
a(n)... (das sogenannte Alpha privativum) hat position ab und dem alten Dativ Plural von
Entsprechungen in anderen idg. Sprachen, so z. B. ↑ Hand zusammengerückt ist). Wendungen wie
in lat. in- (vgl. ↑ 2 in... , In...) und dt. ↑ un... ab Bremen, ab Werk und ab morgen stammen aus
Aal: Die Bezeichnung für den schlangenförmigen der neueren Kaufmannssprache (19. Jh.). Das Ad-
Fisch ist eine germ. Neubildung und auf den verb ab bildet vor allem unfeste Zusammenset-
germ. Sprachraum beschränkt: mhd., ahd. al, nie- zungen mit Verben der Bewegung, des Hauens,
derl. aal, engl. eel, schwed. ål. Vermutlich hat die Schneidens u. a. – Das Präfix ab-, Ab- entwickelt
lang gestreckte, flossenlose Gestalt des Fisches aus der Grundbedeutung »von, weg« Nebenbe-
den Vergleich mit einer ↑ Ahle nahegelegt: »der deutungen wie »miss-«, »-los«, »wider-«.
Ahl-förmige«. – Abl.: aalen, sich, ugs. für »faulen- Abart, abarten, abartig ↑ Art.
zen, sich rekeln« (19. Jh.). – Zus.: aalglatt (19. Jh.). abbauen ↑ bauen.
Aar: Die alte idg. Vogelbezeichnung wurde im Dt. abblenden ↑ blenden.
schon früh durch die seit dem 12. Jh. bezeugte Zu- abblitzen ↑ blitzen.
sammensetzung ↑ Adler (mhd. adelare, eigent- abbringen ↑ bringen.
lich »Edelaar«) zurückgedrängt und hielt sich bis Abc, Abece: Die Abkürzung für ↑ Alphabet mithilfe
zum 18. Jh. lediglich in einigen Zusammenset- der ersten drei Buchstaben ist seit dem 13. Jh. üb-
zungen, wie z. B. Mausaar und Fischaar. Dann lich: mhd. abece, auch: abc (vgl. kirchenlat. abe-
wurde der Name wieder gebräuchlich, aber fast cedarius »zum Alphabet gehörig«). Zus.: Abc-
ausschließlich in dichterischer Sprache. – Die Buch »Fibel« (frühnhd.); Abc-Schütze (16. Jh., für
germ. Bezeichnungen mhd. ar, ahd. aro, daneben älteres Schütze »Schulanfänger«. Schütze gibt
mhd., ahd. arn, got. ara, aengl. earn, schwed. örn hier lat. tiro »Rekrut, Neuling« wieder).
sind z. B. verwandt mit air. irar »Adler«, russ. orël abdanken, Abdankung ↑ Dank.
»Adler« und mit griech. órnis »Vogel« (man be- Abdecker ↑ decken.
achte das Fachwort Ornithologie »Vogelkunde«). abdrehen ↑ drehen.
Siehe auch ↑ Sperber. abebben ↑ Ebbe.
Aas »Fleisch eines toten Körpers, Kadaver«: In Abece ↑ Abc.
dem nhd. Wort Aas sind zwei verschiedene Wör- Abend: Die germ. Bezeichnungen mhd. abent,
ter zusammengefallen, nämlich mhd., ahd. a ahd. aband, niederl. avond, engl. evening,
»Essen, Speise, Futter« (vgl. ↑ Obst) und mhd. as schwed. afton gehören wahrscheinlich zu der idg.
»Futter, Fleisch zur Fütterung der Hunde und Präposition * epi »nahe hinzu, nach, hinter« (vgl.
Falken; Fleisch eines toten Körpers«. Beide Wör- ↑ After). Der Abend ist demnach von den Germa-
ter gehören im Sinne von »Essen, Fraß« zu der nen als »der hintere oder spätere Teil des Tages«
Wortgruppe um ↑ essen und sind z. B. verwandt benannt worden. In den älteren Sprachstadien
mit aengl. æ  s »Futter, Nahrung, Köder« und mit hatte Abend auch die Bedeutung »Vorabend«,
aengl. æ  t »Speise, Nahrung, Fleisch«, aisl. at besonders »Abend vor Festtagen«, dann auch
Abenteuer – Abgrund 98

A »Tag vor einem Fest« (man beachte Feierabend,


Heiligabend, Sonnabend). Dieser Wortgebrauch
abflauen ↑ flau.
Abgabe ↑ geben.

MAben erklärt sich daraus, dass nach der früher übli-


chen Zeiteinteilung der Tag mit der Nacht be-
gann. Die Verwendung des Wortes im Sinne von
Abgang ↑ gehen.
abgeben ↑ geben.
abgebrannt ↑ brennen.
»Westen« findet sich nach dem Vorbild von lat. abgebrüht ↑ brühen.
vesper zuerst in der dt. bersetzung von Marco abgedroschen ↑ dreschen.
Polos Reisebericht im 14. Jh. Abl.: abendlich abgefeimt »durchtrieben, listig, hinterhältig«: Das
(mhd. abentlich, ahd. abandlı̄h); abends (mhd. seit der 2. Hälfte des 15. Jh.s bezeugte Wort ist das
abendes; adverbiell erstarrter Genitiv). Zus.: in adjektivischen Gebrauch übergegangene
Abendland (16. Jh.); Abendmahl (mhd. abentmal 2. Part. des heute veralteten Verbs abfeimen »den
»Abendessen«; von Luther nach älterem Vorbild Schaum von einer Flüssigkeit entfernen, reini-
für das Abschiedsessen Christi am Gründon- gen«. Es bedeutet demnach eigentlich »abge-
nerstag und das dabei gestiftete Sakrament ein- schäumt, gereinigt« im Sinne von »mit allen
geführt). Wassern gewaschen« und entspricht in der Be-
Abenteuer »prickelndes Erlebnis; gewagtes Unter- deutungsentwicklung ↑ raffiniert »durchtrieben,
nehmen«: Das Wort wurde Ende des 12. Jh.s schlau« (zu raffinieren »reinigen«). Das heute
(mhd. abentiure, aventiure »Begebenheit; Erleb- nicht mehr gebräuchliche Verb feimen »abschäu-
nis, Wagnis usw.«) aus gleichbed. afranz. aven- men, reinigen« (mhd. veimen, ahd. feimen) ist ab-
ture entlehnt. Dies geht auf vulgärlat. * adventura geleitet von einem alten Wort für »Schaum«, das
»Ereignis, Geschehnis« (eigentlich »das, was sich noch mundartl. als Feim, Faum »unreiner
ereignen wird«) zurück, das zu lat. ad-venire »he- Schaum; Bierschaum« bewahrt ist. Mhd. veim,
rankommen; sich ereignen« (vgl. ↑ Advent) ge- ahd. feim »Schaum, Unreinigkeit«, engl. foam
hört. – Das Wort hatte eine reiche Bedeutungs- »Schaum« sind z. B. verwandt mit lat. spuma
entfaltung und wurde früher auch im Sinne von »Schaum« und beruhen auf idg. * (s)poimno-s
»Geschick, Zufall; Risiko; Kunde, Bericht von ei- »Schaum« (vgl. ↑ Bimsstein).
nem außerordentlichen Ereignis; Betrug, Gaune- abgehen ↑ gehen.
rei, Trick; (falscher) Edelstein; Preis, Trophäe; abgeleiert ↑ Leier.
Wettschießen« verwendet. – Abl.: abenteuerlich abgeneigt ↑ neigen.
(spätmhd. aventiurlich); abenteuern »sich in abgeschmackt »fade, reizlos, platt, albern«: Das
Abenteuer begeben« (mhd. aventiuren); Aben- zunächst von Speisen, heute nur noch im über-
teurer (mhd. aventiuræ  re). tragenen Sinne verwendete Adjektiv entstand im
aber: Das als Adverb, Konjunktion und Gesprächs- 17. Jh. aus älterem abgeschmack »geschmacklos,
partikel verwendete Wort (mhd. aber, aver, ahd. fade« mit dem Präfix ↑ ab, dessen zweiter Be-
avur) ist eine alte Komparativbildung zu der un- standteil frühnhd. geschmack, mhd. gesmac
ter ↑ ab dargestellten idg. Wurzel * apo- »ab, weg«. »(wohl)schmeckend« ist (vgl. ↑ schmecken).
Es bedeutete demnach, wie auch das z. B. ver- Frühnhd. abgeschmack und das zum Partizip
wandte got. afar »nach, nachher« und aind. apa- umgestaltete abgeschmackt traten an die Stelle
rám »später«, ursprünglich etwa »weiter weg«. von mhd. a-smec »geschmacklos«.
Aus »weiter weg, (nachher, später)« entwickelte abgespannt ↑ spannen.
sich im Dt. die Bed. »wieder, noch einmal«, man abgetakelt ↑ Takel.
beachte z. B. tausend und abertausend und aber- Abgott: Die dt. und niederl. Bezeichnung für »fal-
mals. Die Verwendung von aber zum Ausdruck scher Gott, Götze« (mhd., ahd. abgot, niederl. af-
des Gegensatzes entwickelte sich aus der Ver- god) wurde im Rahmen der frühen christlichen
wendung des Wortes zum Ausdruck der Wieder- Missionstätigkeit geschaffen. Sie ist wahrschein-
holung. Bisweilen drückte aber früher auch die lich eine Bildung zu einem alten christlichen Ad-
Richtung auf das Verkehrte hin aus (↑ Aberglaube jektiv für »gottlos«, man beachte got. afguÞs
und ↑ Aberwitz). »gottlos«, das griech. asebés »ohne Ehrfurcht,
Aberglaube »falscher Glaube, Irrglaube«, anfangs gottlos« wiedergibt. Abl.: Abgötterei (mhd. ab-
»Glaube an übersinnliche Kräfte«: Die Zusam- götterı̄e); abgöttisch »maßlos« (mhd. abgötisch
mensetzung (mhd. abergloube) enthält als ersten »gottlos«).
Bestandteil das unter ↑ aber behandelte Wort im abgreifen ↑ greifen.
Sinne von »verkehrt« (vgl. ↑ Aberwitz). Abl.: aber- Abgrund: Der dt. und niederl. Ausdruck für
gläubisch (16. Jh.). »schauerliche Tiefe« (mhd., ahd. abgrunt, niederl.
Aberwitz: Das heute nur noch selten gebrauchte afgrond) ist aus den unter ↑ ab und ↑ Grund be-
Wort für »Wahnwitz, Unverstand« (mhd. aber- handelten Wörtern gebildet und ist vermutlich
witze) enthält als ersten Bestandteil das unter eine Lehnübersetzung von griech. ábyssos »Ab-
↑ aber behandelte Wort im Sinne von »verkehrt« grund, Unterwelt«. Die nord. Wortfamilie um
(vgl. ↑ Aberglaube). schwed. avgrund ist aus dem Mniederd. entlehnt.
abfinden, Abfindung ↑ finden. Abl.: abgründig »abgrundtief; unermesslich, un-
99 abhalten – Abschied
ergründlich« (mhd. abgründec; ahd. dafür ab-
grunti).
abonnieren »(für eine bestimmte Zeit) im Voraus
bestellen«: Das Verb wurde Mitte des 18. Jh.s aus A
abhalten ↑ halten.
abhanden ↑ ab und ↑ Hand.
Abhandlung ↑ handeln.
franz. s’abonner à »sich etwas ausbedingen; eine
periodisch wiederkehrende Leistung vereinba-
ren« entlehnt. Das zugrunde liegende Verb
M
Absc

Abhang, abhängig ↑ hängen. afranz. abosner »abgrenzen« gehört als Ablei-


abhauen ↑ hauen. tung zu dem unter ↑ borniert genannten Substan-
Abiturient: Das Wort wurde im 18. Jh. aus nlat. abi- tiv afranz. bosne, bodne »Grenzstein«. – Abl.:
turiens »wer (von der Schule) abgehen wird« ent- Abonnement »Vorausbestellung; Dauerkarte«
lehnt. Dazu stellt sich als Rückbildung aus Abitu- (18. Jh., aus gleichbed. franz. abonnement), ugs.
rienten-Examen im 19. Jh. Abiturium, später die jetzt häufig abgekürzt als Abo; Abonnent »Bezie-
Kurzform Abitur »Reifeprüfung«. Beiden Wör- her eines Abonnements« (Ende des 18. Jh.s, nach
tern liegt ein von lat. abire »fortgehen« weiterge- gleichbed. franz. abonné mit dem Fremdsuffix
bildetes nlat. Verb abiturire »fortgehen werden« -ent).
1
zugrunde. Zu Abitur stellt sich in neuerer Zeit Abort »Toilette«: Das seit dem 16. Jh. bezeugte
ugs. häufig die Kurzform Abi. Zur lat. Vorsilbe Wort war zunächst im Sinne von »abgelegener
ab... »weg, fort« vgl. ↑ ab. Das Stammverb lat. ire Ort« gebräuchlich und erscheint in dieser Bedeu-
»gehen«, das wohl urverwandt ist mit dt. ↑ eilen, tung zuerst in mniederd. afort. Im 18. Jh. wurde es
ist noch in folgenden Wörtern enthalten: ↑ Ambi- dann als verhüllender Ausdruck für Abtritt ver-
tion, ↑ Initialen, ↑ Initiative, ↑ Koitus, ↑ Präteri- wendet (man beachte dazu die verhüllenden Aus-
tum, ↑ Trance, ↑ Transit, ↑ transitiv. drücke Örtchen und Lokus). Der Abtritt war zu-
abkanzeln ↑ Kanzel. nächst ein Ort im Freien und blieb auch später
abkapseln ↑ Kapsel. lange von den Wohnräumen möglichst weit ent-
abkarten ↑ Karte. fernt. Die Endbetonung folgt wohl Toilétte, Klo-
Abklatsch ↑ klatschen. sétt.
2
abknöpfen ↑ Knopf. Abort »Fehlgeburt«: Das seit dem Ende des 17. Jh.s
abkommen, Abkommen, abkömmlich ↑ kommen. bezeugte Wort (älter ist medizinisch-fachsprach-
abkratzen ↑ kratzen. liches Abortus) stammt aus gleichbed. lat. ab-
abkühlen ↑ kühl. ortus, eigentlich »Abgang«, zu lat. ab-oriri »abge-
Abkunft ↑ kommen. hen, verschwinden« (vgl. ↑ Orient).
abkupfern ↑ Kupfer. abrechnen, Abrechnung ↑ rechnen.
Ablass, ablassen ↑ lassen. abreiben, Abreibung ↑ reiben.
Ablativ: Die Bezeichnung des in den germanischen abreißen ↑ reißen.
Sprachen nicht vorhandenen Kasus (des fünften abrichten ↑ richten.
in der lateinischen Deklination), der ursprüng- Abriss ↑ reißen.
lich eine Trennung oder Entfernung zum Aus- abrupt »abgebrochen, zusammenhanglos, plötz-
druck bringt, beruht auf lat. (casus) ablativus. lich«: Das Adjektiv wurde im 17. Jh. aus gleich-
Dies gehört zu lat. auferre (ablatum) »forttragen, bed. lat. abruptus (bzw. dem Adverb abrupte)
entfernen, wegnehmen, trennen usw.«. »abgerissen« entlehnt, das zu lat. ab-rumpere
ablaufen ↑ laufen. »weg-, los-, abreißen«, einer Bildung aus lat. ab...
ableben ↑ leben. »weg, los, ab« (vgl. ↑ ab) und lat. rumpere »zerbre-
ablegen, Ableger ↑ legen. chen, zerreißen« (vgl. das Lehnwort ↑ Rotte), ge-
ablehnen ↑ 1 lehnen. hört.
ableiern ↑ Leier. abrüsten ↑ rüsten.
ablösen ↑ lösen. abs... , Abs... ↑ ab.
abmachen ↑ machen. absacken ↑ versacken.
abmagern ↑ mager. Absage, absagen ↑ sagen.
abmergeln ↑ ausmergeln. absatteln ↑ Sattel.
abmurksen (ugs. für:) »umbringen«: Das seit dem Absatz ↑ setzen.
späten 18. Jh. gebräuchliche Verb gehört als ex- abschaffen ↑ schaffen.
pressive s-Bildung zu niederd. murken »töten« Abschaum ↑ Schaum.
(mniederd. morken »zerdrücken«; vgl. ↑ murk- Abscheu, abscheulich ↑ scheu.
sen). abscheuern ↑ scheuern.
abnorm »nicht normal, krankhaft; ungewöhn- Abschied: Das seit dem späten Mittelalter be-
lich«: Das Adjektiv wurde im 19. Jh. aus lat. ab- zeugte Substantiv frühnhd. abschid, abeschit,
normis »von der Regel abweichend« (vgl. ↑ ab und -scheit gehört zu dem heute nur noch fachsprach-
↑ Norm) entlehnt. Dazu stellen sich die Bildungen lich gebräuchlichen Verb abscheiden »entfer-
abnormal (Mitte 19. Jh., aus ↑ ab... und normal, nen«, mhd. abescheiden »lostrennen, entfernen;
vgl. ↑ Norm, gebildet) und Abnormität (Anfang entlassen, verabschieden« (vgl. ↑ scheiden). Ge-
19. Jh., aus lat. abnormitas). bräuchlich ist dagegen noch das adjektivisch ver-
abschlagen – abstrahieren 100

A wendete zweite Partizip abgeschieden »zurück-


gezogen, einsam; tot«. – Das Substantiv Abschied
absondern ↑ sonder.
absorbieren »aufsaugen«; übertragen: »gänzlich

Mabsc bedeutete früher außer »Weggang, Trennung«


und »Entlassung« (man beachte z. B. seinen Ab-
schied nehmen oder erbitten) auch »Tod« und
beanspruchen«: Das Verb wurde im späten 17. Jh.
aus lat. ab-sorbere »hinunterschlürfen, verschlin-
gen« entlehnt, einer Bildung aus lat. ab- »weg,
»(richterliche) Entscheidung, Beschluss«, daher fort« (vgl. ↑ ab) und lat. sorbere »schlürfen, ver-
älter nhd. Reichs-, Landtagsabschied. schlucken«. Es gilt zunächst fachspr. für die Auf-
abschlagen, abschlägig, Abschlagszahlung ↑ schla- nahme von Gasen, Flüssigkeiten, Lichtstrahlen,
gen. später wird es auch allgemein in Bezug auf Län-
abschneiden, Abschnitt ↑ schneiden. der, Völker, Finanzen etc. gesagt.
abschotten ↑ Schott. abspeisen ↑ Speise.
abschrecken ↑ 1 schrecken. abspenstig: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Adjektiv,
abschreiben, Abschrift ↑ schreiben. das heute nur noch in der Wendung jemandem
abschweifen ↑ schweifen. eine Person abspenstig machen gebräuchlich ist,
absehbar, absehen, Absicht ↑ sehen. gehört zur Wortfamilie von frühnhd. abspannen
abseilen ↑ Seil. »weglocken«, einer Zusammensetzung mit dem
Absenker ↑ senken. im Nhd. untergegangenen einfachen Verb mhd.
absetzen, Absetzung ↑ setzen. spanen, ahd. spanan »locken«, sowie den Sub-
Absicht, absichtlich ↑ sehen. stantiven ahd. spanst »Verlockung«, mhd. ge-
absolut »unabhängig, uneingeschränkt; unbe- spenst (vgl. ↑ Gespenst).
dingt«: Das seit dem Ende des 15. Jh.s bezeugte abspielen ↑ Spiel.
Adjektiv begegnet in zwei Bereichen, im philoso- Absprache, absprechen, absprechend ↑ sprechen.
phisch-allgemeinen und im politisch-staats- abstammen, Abstammung ↑ Stamm.
rechtlichen. Für jenen gilt unmittelbare Entleh- Abstand ↑ stehen.
nung aus lat. absolutus »ohne Einschränkung; abstatten ↑ Statt.
losgelöst«, während in diesem seit Anfang des abstauben ↑ Staub.
17. Jh.s entsprechend franz. absolu auf das Wort abstechen, Abstecher ↑ stechen.
eingewirkt hat. Heute wird das Adjektiv ugs. oft abstecken ↑ stecken.
nur zur Verstärkung von Aussagen verwendet. abstehen ↑ stehen.
Das zugrunde liegende Verb lat. ab-solvere (abso- abstellen ↑ stellen.
lutum) ist eine Bildung aus lat. ab... »weg, los, ab« absterben ↑ sterben.
(vgl. ↑ ab) und lat. solvere »lösen; befreien« (< * se- abstimmen ↑ Stimme.
luere). ber idg. Zusammenhänge vgl. ↑ 2 Lohe. Abstinenz »Enthaltsamkeit (besonders vom Alko-
Man beachte noch die verwandten Wörter ↑ Ab- holgenuss)«: Das seit mhd. Zeit (mhd. abstinenz
solution, ↑ Absolutismus, ↑ absolvieren, ↑ resolut, »Mäßigung im Essen und Trinken«) gebräuchli-
Resolution. che Substantiv ist zunächst als kirchlicher und
Absolution »Freisprechung«, insbesondere im medizinischer Fachausdruck aus gleichbed. lat.
Sinne von »Sündenvergebung«: Das Wort wurde abs-tinentia entlehnt. Das lat. Wort gehört zu lat.
im 14. Jh. etwa gleichzeitig als rechtlicher und als abs-tinere »fern halten; fasten lassen; enthaltsam
kirchlich-religiöser Terminus über gleichbed. sein«, einer Bildung aus lat. abs- »ab... , ent...«
mlat. absolutio aus lat. absolutio »Loslösung, (vgl. ↑ ab) und lat. tenere »halten« (vgl. ↑ tendie-
Freisprechung (vor Gericht)« entlehnt. Es gehört ren). Auf das Part. Präs. abs-tinens (Genitiv abs-
zu lat. ab-solvere »loslösen; freisprechen; vollen- tinentis) geht das seit dem frühen 16. Jh. bezeugte
den« (vgl. ↑ absolut). Adjektiv abstinent »enthaltsam« zurück. Die
Absolutismus »uneingeschränkte Regierungsge- Einengung auf »enthaltsam im Alkoholgenuss«
walt«: Das Wort wurde im späten 18. Jh. unter erfolgte im 19. Jh. evtl. unter dem Einfluss von
Einfluss von entsprechend franz. absolutisme engl. (total) abstinence und abstinent. Heute ist
mithilfe des Suffixes -ismus aus dem Adjektiv es üblich auch in Bezug auf Sexualität und Ge-
↑ ↑ absolut (zu lat. absolutus »ohne Einschrän- nussmittel aller Art. – Abl.: Abstinenzler »Anti-
kung; losgelöst« > franz. absolu) abgeleitet. Es er- alkoholiker« (Ende des 19. Jh.s).
scheint zunächst im geistig-kulturellen Bereich abstoßen, abstoßend ↑ stoßen.
als »allgemeine Verbindlichkeit«, später poli- abstottern ↑ stottern.
tisch im Sinne von »absolute Monarchie«. abstrahieren »das Allgemeine aus dem zufälligen
absolvieren »erledigen, ableisten; etwas zum Ab- Einzelnen begrifflich heraussondern; verallge-
schluss bringen«: Das Verb wurde schon in das meinern«: Die seit dem 16. Jh. bezeugte Entleh-
Mhd. aus lat. ab-solvere »loslösen; freisprechen; nung aus dem Bereich der Philosophie beruht auf
vollenden« entlehnt (vgl. ↑ absolut). – Aus dem lat. abs-trahere (abstractum) »abziehen, wegzie-
Part. Präs. lat. absolvens stammt das Substantiv hen«, einer Bildung aus lat. ab- »ab... , weg...« (vgl.
Absolvent »jemand, der nach erfolgreicher Prü- ↑ ab) und lat. trahere »ziehen, schleppen usw.«
fung von einer Schule (u. a.) abgeht« (19. Jh.). (vgl. ↑ trachten). – Dazu: abstrakt »vom Dingli-
101 abstreichen – Achillesferse
chen gelöst, begrifflich; nur gedacht, unwirklich«
(15. Jh., aus gleichbed. mlat. abstractus), zu-
batissa, die auf gleichbed. kirchenlat. abbatissa,
die feminine Form zu abbas (vgl. ↑ Abt), zurück- A
nächst vor allem in der Philosophie, seit Ende des
19. Jh.s auch auf künstlerische Darstellungswei-
sen bezogen (abstrakte Kunst, um 1910); Abs-
geht.
abtönen ↑ 2 Ton.
abtöten ↑ tot.
M
Achi

traktion »Begriffsbildung; Verallgemeinerung« abtragen ↑ tragen.


(spätes 16. Jh., aus gleichbed. spätlat. abstractio) abtreiben, Abtreibung ↑ treiben.
und das aus dem Engl. übernommene Abstract abtreten, Abtritt ↑ treten.
»kurze Inhaltsangabe eines Artikels oder Bu- abtrünnig: Die nur dt. Adjektivbildung mhd. abe-
ches« (2. Hälfte des 20. Jh.s, aus gleichbed. engl. trünnec, ahd. abatrunnı̄g gehört vermutlich zu
abstract). der unter ↑ trennen behandelten Wortfamilie und
abstreichen, Abstrich ↑ streichen. bedeutet eigentlich »wer sich von etwas abson-
abstreifen ↑ streifen. dert«.
abstreiten ↑ Streit. abtun ↑ tun.
abstrus »schwer verständlich, verworren; abson- aburteilen ↑ Urteil.
derlich«: Das Adjektiv wurde im 17. Jh. aus lat. abwägen ↑ wägen.
abstrusus »versteckt, verborgen«, dem Partizipi- abwarten ↑ warten.
aladjektiv von lat. abs-trudere (abstrusum) »weg- abwechseln, Abwechslung ↑ Wechsel.
stoßen; verbergen«, entlehnt. Das einfache Verb Abwehr, abwehren ↑ wehren.
lat. trudere »stoßen« ist etymologisch verwandt abweichen, Abweichung ↑ 2 weichen.
mit dt. ↑ verdrießen. abwerfen ↑ werfen.
absurd »ungereimt, widersinnig«: Das Adjektiv abwerten ↑ wert.
wurde im 16. Jh. aus gleichbed. lat. absurdus abwesend: Das seit dem 15. Jh. gebräuchliche Ad-
»misstönend, unrein klingend« entlehnt. – Dazu jektiv (zuerst bezeugt in niederd. Lautung 1409
gehört die Wendung ad absurdum führen »die als affwesend) ist eigentlich das erste Partizip von
Widersinnigkeit einer Behauptung erweisen« einem im Nhd. untergegangenen zusammenge-
(17. Jh.) und das Substantiv Absurdität »Unge- setzten Verb mhd. abewesen, ahd. abawesan
reimtheit« (16. Jh.; aus spätlat. absurditas »Miss- »fehlen, nicht da sein«. Ahd. abawesan, das zum
klang, Ungereimtheit«). starken Verb ahd. wesan »sein« (vgl. ↑ Wesen) ge-
Abszess »Eitergeschwür«: Das Wort wurde im spä- hört, ist eine Lehnübersetzung von lat. abesse. –
ten 16. Jh. als medizinischer Terminus aus gleich- Zu dem substantivierten Infinitiv des zusam-
bed. lat. abscessus »Rückgang, Abzug«, auch mengesetzten Verbs frühnhd. abwesen ist Abwe-
»Absonderung von eitrigem Sekret«, entlehnt. senheit (16. Jh.) gebildet.
Das lat. Substantiv gehört zu lat. abs-cedere abwickeln ↑ wickeln.
»weggehen; sich ablagern, sich absondern«, einer abwiegeln ↑ aufwiegeln.
Bildung aus lat. abs- »ab, weg« (vgl. ↑ ab) und lat. abwracken ↑ Wrack.
cedere »gehen; weichen« (vgl. ↑ Prozess). abwürgen ↑ würgen.
Abt »Klostervorsteher«: Das Substantiv gehört zu Abzeichen ↑ Zeichen.
einer Gruppe von Lehnwörtern aus der römi- abzeichnen ↑ zeichnen.
schen Kirchensprache (insbesondere des Kloster- abziehen, Abzug, abzüglich ↑ ziehen.
wesens) wie ↑ Mönch, ↑ Nonne, ↑ Priester u. a., die abzirkeln ↑ Zirkel.
früh in die germ. Sprachen gelangten. Mhd. ab- abzweigen, Abzweigung ↑ Zweig.
bet, apt, ahd. abbat beruhen wie z. B. entspre- ac..., Ac... ↑ ad... , Ad...
chend mniederd. ab(be)t, engl. abbot, franz. abbé, Ach »Leid, Klage«: Das seit mhd. Zeit gebräuchli-
ital. abate auf kirchenlat. abbatem, dem Akkusa- che Wort (mhd. ach), das heute gewöhnlich nur
tiv von abbas »Abt«; dies aus spätgriech. ábbas noch in den Wendungen mit Ach und Krach und
»Vater« (nach der biblischen Gebetsanrede aram. mit Ach und Weh verwendet wird, ist eine Sub-
abbá »Vater!«). Das alte Lallwort der Kinderspra- stantivierung der Interjektion ach! (mhd. ach,
che ist später zur ehrenden Anrede und zum Titel ahd. ah), Ausruf des Schmerzes, der Verwunde-
des geistlichen Vorgesetzten geworden. Zur glei- rung u. Ä. – Davon abgeleitet ist ↑ ächzen.
chen Wortfamilie gehören ↑ Abtei, ↑ Äbtissin. Achat: Das Wort für den Halbedelstein, mhd.
Abtei »von einem Abt geleitetes Stift«: Das Wort achates, beruht auf gleichbed. griech.-lat.
(mhd. abbeteie, ahd. abbateia) stammt aus achátes und stammt vermutlich aus einer nicht
gleichbed. kirchenlat. abbatia, das zu abbas (vgl. idg. – vielleicht semit. – Sprache des Mittelmeer-
↑ Abt) gehört. raumes.
Abteil, Abteilung ↑ Teil. Achillesferse »wunder Punkt, schwache Seite«:
Äbtissin »Vorsteherin eines Frauenstifts«: Es han- Seit Anfang des 19. Jh.s nachgewiesen, bezieht
delt sich um eine seit dem 15. Jh. (frühnhd. ebtis- sich der Ausdruck auf ein altgriechisches Sagen-
sı̄n) bezeugte verdeutlichende Bildung mit der fe- motiv, das in ähnlicher Form auch in der Sieg-
mininen Endung -in zu mhd. eppetisse, ahd. ab- friedsage wiederkehrt. Der altgriechische Held
Achse – Acht 102

A Achill hatte nur eine verwundbare Stelle an sei-


nem Körper: seine Ferse. Seine Mutter hatte ihn
gen«. Die Achsel ist demnach der Körperteil, dem
als Drehpunkt die beweglichen Arme ansitzen.
MAchs an dieser Stelle festgehalten, als sie ihn durch
Eintauchen in das Wasser des Styx unverwund-
bar machen wollte. Ein Pfeilschuss in die Ferse
Eng verwandt ist z. B. lat. ala »Achsel; Flügel«
(aus * ags-la, man beachte dazu die Verkleine-
rungsbildung axilla »Achselhöhle; kleiner Flü-
soll ihn getötet haben. gel«).
Achse: Die agerm. Bezeichnung der Radachse acht: Das gemeingerm. Zahlwort mhd. aht, ahd.
mhd. achse, ahd. ahsa, mniederd. ase, aengl. eax, ahto, got. ahtau, engl. eight, schwed. åtta geht mit
schwed. (weitergebildet) axel beruht mit der un- Entsprechungen in den meisten anderen idg.
ter ↑ Achsel behandelten Körperteilbezeichnung Sprachen auf idg. * oktou »acht« zurück, vgl. z. B.
und mit verwandten Wörtern in anderen idg. griech. októ »acht« und lat. octo »acht« (↑ Ok-
Sprachen auf idg. * ages- »Drehpunkt«. Vgl. z. B. tave). Das idg. Zahlwort * oktou ist vermutlich
griech. áxon »Achse« und lat. axis »Achse«. Das eine Dualform und bezeichnet wohl eigentlich
idg. Wort ist eine Bildung zu der Verbalwurzel ein Längenmaß, »die Breite von acht Fingern«,
* ag- »treiben, mit geschwungenen Armen bewe- also 2 x 4 Finger der ausgestreckten Hände ohne
gen«. Als die Indogermanen den Wagenbau ken- die Daumen. Die alte Viererzählung lässt sich
nenlernten, übertrugen sie das Wort auf den Wa- auch noch an den unter ↑ neun behandelten Zahl-
genteil, bezeichneten also die Achse, genauer das wörtern erkennen. Abl.: achte Ordnungszahl
Ende der Achse, als »Drehpunkt der den Wagen (mhd. ahte[de], ahd. ahtodo). Zus.: Achtel (mhd.
vorwärtstreibenden Räder« (vgl. zu diesem Be- ahtel, ahtteil; zum zweiten Bestandteil vgl. ↑ Teil);
nennungsvorgang ↑ Nabel und ↑ Nabe). – Zu idg. achtzehn (mhd. ahzehen, ahd. ahtozehan); acht-
* ag- gehört aus dem germ. Sprachraum auch das zig (mhd. ahzec, ahd. ahtozug; zum zweiten Be-
unter ↑ Acker (wohl eigentlich »Viehtrift«) be- standteil vgl. ↑ ...zig).
1
handelte Wort. Aus anderen idg. Sprachen gehö- Acht »Recht- und Friedlosigkeit«, d. h. »Aus-
ren zu dieser Wurzel z. B. griech. ágein »führen« schluss aus der Gemeinschaft«: Das westgerm.
(s. ↑ Demagoge, ↑ Pädagoge, ↑ Synagoge und Wort für die durch Rechtsspruch angeordnete
↑ Stratege), lat. agere »treiben; führen; handeln« Verfolgung mhd. ahte, ahd. ahta, mniederd.
(s. die Wortgruppe um ↑ agieren, zu der ↑ Akt, achte, aengl. oht ist verwandt mit air. écht »Tot-
↑ Aktion, ↑ reagieren, ↑ redigieren, ↑ kaschieren schlag aus Rache«. Die weitere Herkunft dieses
u. a. gehören) und gall. amb-actus »Diener« den Kelten und Germanen gemeinsamen Wortes
(↑ Amt). Auf einem alten Bedeutungsübergang ist dunkel. – Nach germ. Recht konnte der in die
von »treiben, in Bewegung oder in Schwingung Acht erklärte Verbrecher von jedem getötet wer-
versetzen« zu »wiegen, wägen« beruhen z. B. den. Im deutschen Mittelalter war die Acht als
griech. áxios »wert, würdig«, eigentlich »von an- Reichs-, Landes- und Stadtacht eine häufig ver-
gemessenem Gewicht« (↑ Axiom), und lat. exigere hängte weltliche Strafe für Friedensbrecher und
»abwägen, abmessen«, ex-actus »genau abgewo- stand neben dem kirchlichen Bann (s. d.), daher
gen« (↑ exakt), examen »Prüfung«, eigentlich die Formel ›in Acht und Bann tun‹. Abl.: ächten
»Ausschlag der Waage« (↑ Examen). – Das Wort »in die Acht erklären, ausstoßen« (mhd. æ  hten,
Achse wurde bereits in ahd. Zeit – nach dem Vor- ahd. ahten; entsprechend aengl. æ  htan »verfol-
bild von lat. axis – auch übertragen verwendet im gen«).
2
Sinne von »Erdachse; Himmel(sgegend)«. An Acht »Aufmerksamkeit, Beachtung«: Die west-
diesen Wortgebrauch schließt sich die fach- germ. Substantive mhd. ahte, ahd. ahta, niederl.
sprachliche Verwendung des Wortes im Sinne acht, aengl. eaht sind t-Erweiterungen des germ.
von »gedachte Mittellinie« an. Stammes * ah in got. aha »Sinn, Verstand«, ahjan
»meinen« und anderen verwandten Wörtern.
Achse Außergermanische Beziehungen sind unsicher. –
Im heutigen Sprachgebrauch ist Acht nur noch in
auf Achse sein
bestimmten Verbindungen und Zusammenset-
(ugs.) »umherziehen, unterwegs sein«
zungen bewahrt, man beachte z. B. außer Acht
Die Wendung bezieht sich darauf, dass Achse
lassen, sich in Acht nehmen, Acht geben, achtlos. –
schon früh für Achse und Räder gemeinsam galt,
Vom Substantiv abgeleitet ist das Verb achten
daher auch im Sinne von »Wagen« verwendet
»aufpassen, beachten; für etwas halten; schät-
wurde.
zen, hoch achten« (mhd. ahten, ahd. ahton;
entspr. niederl. achten, aengl. eahtian). Dazu ge-
Achsel »Schulter, Achselhöhle«: Die agerm. Kör- bildet ist Achtung »Rücksicht, Wertschätzung,
perteilbezeichnung mhd. ahsel, ahd. ahsla, nie- Anerkennung« (mhd. ahtunge, ahd. ahtunga).
derl. (ablautend) oksel, aengl. eaxl, schwed. axel Um das Verb gruppieren sich die Präfixbildungen
beruht mit dem unter ↑ Achse behandelten Wort beachten (mhd. beahten, ahd. biahton), dazu be-
auf einer alten idg. Bildung zu der Verbalwurzel achtlich »bemerkenswert« (19. Jh.), erachten
* ag- »treiben, mit geschwungenen Armen bewe- (mhd. erahten, ahd. irahton) und verachten (mhd.
103 achtern – Adel
Adams Apfel
Die seit dem 18. Jh. bezeugte volkstümliche Be- frühen Neuzeit auf hebr. tappuah ha adam, ei-
A
zeichnung Adamsapfel für den vorstehenden
Schildknorpel beim Mann beruht auf der bei vie-
gentlich »Erhöhung beim Mann«, ˙ zurück,

umgedeutet wurde, weil tappuah zugleich das
das M
Adel
len europäischen Völkern weitverbreiteten Vor- ˙
Wort für den Apfel ist und adam »Mann,
stellung, dass Adam ein Stück des verbotenen Mensch« zum Eigennamen des ersten  Mannes
Apfels, den Eva ihm im Paradies reichte, als Zei- wurde. Bei der Ausschmückung der biblischen
chen der Sünde im Halse stecken geblieben sei. In Geschichte und der Umdeutung von Granatapfel
der arabischen medizinischen Literatur wurde zu Adamsapfel spielt vermutlich auch der Apfel
der Schildknorpel als »Granatapfel«, in lat. ber- als Liebessymbol hinein. Im älteren Hebräischen
setzung als pomum granatum bezeichnet. Auf ist der Ausdruck aber nicht bezeugt. So bleibt un-
dem Weg der Lehnübersetzung wurde dies in vie- klar, ob die Bezeichnung der Ausgangspunkt für
len europäischen Sprachen nachgeahmt, zum die Legende oder die Legende der Ausgangs-
Beispiel engl. Adam’s apple, schwed. adamsäpple, punkt für die Bezeichnung war. Das Wort selbst
franz. pomme d’Adam oder tschech. adamowo ist bereits im 14. Jh. in der Bedeutung »Apfel des
jablko. Pomum granatum führte man in der Adamsbaumes« bezeugt.

verahten), dazu verächtlich »geringschätzig, min- ad..., Ad... , (vor folgendem Konsonanten häufig
derwertig« (15. Jh.). Abl.: achtbar »angesehen, an- angeglichen zu:) ac... , af... , ag... , ak... , al... , an... ,
ständig« (mhd. ahtbæ  re); achtsam »aufmerksam, ap... , ar... , as... , at...: Die Vorsilbe von Entlehnun-
fürsorglich« (mhd. in unahtsam). Siehe auch Ob- gen mit den Bedeutungen »zu, hinzu, bei, an,
1
acht unter ↑ ob. hin«, wie z. B. in ↑ addieren, ↑ Advent u. v. a.,
achtern »hinten«: Das Adverb gehört zum Adjektiv stammt aus gleichbed. lat. ad (Präfix und Präpo-
achter »hinter« (mniederd. achter) und wurde sition).
aus der nordd. Seemannssprache übernommen. adagio »langsam, ruhig«: Die Tempo- und Vor-
Hochd. entspricht after »hinter« (vgl. ↑ After). tragsanweisung in der Musik wurde im 17. Jh. aus
Dazu gebildet ist Achterdeck »Hinterdeck« gleichbed. ital. adagio (eigentlich ad agio »ge-
(19. Jh.). mächlich«, zu ital. agio »Bequemlichkeit«) über-
achtzehn, achtzig ↑ acht. nommen. Dazu: Adagio »langsames, ruhiges Mu-
ächzen »stöhnen«: Das auf das dt. Sprachgebiet be- sikstück« (18. Jh.).
schränkte Verb (mhd. achzen, echzen) ist eine In- Adamsapfel: Die seit dem 18. Jh. bezeugte volks-
tensivbildung zu der unter ↑ Ach dargestellten In- tümliche Bezeichnung für den vorstehenden
terjektion und bedeutet eigentlich »ach! sagen, Schildknorpel des Mannes beruht auf der bei den
stöhnen«. europäischen Völkern weitverbreiteten Vorstel-
Acker: Das gemeingerm. Wort mhd. acker, ahd. lung, dass Adam als Zeichen der Sünde ein Stück
ackar, got. akrs, engl. acre, schwed. åker geht mit des verbotenen Apfels im Halse stecken geblie-
verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen ben sei.
zurück auf idg. * agro-s »Feld, Ackerland«, eine Adams Apfel s. Kasten
Bildung zu der unter ↑ Achse dargestellten Ver- adäquat »angemessen, entsprechend«: Das Adjek-
balwurzel * ag-. Das idg. Wort bezeichnete dem- tiv wurde im späten 17. Jh. aus gleichbed. lat.
nach ursprünglich das Land außerhalb der Sied- adaequatus entlehnt. Dies gehört zu lat. adae-
lungen, wohin das Vieh zum Weiden oder aber quare »gleichmachen, angleichen«. Stammwort
auch zum Düngen des Bodens getrieben wurde, ist lat. aequus »gleich« (vgl. dazu ↑ egal).
oder das Treiben des Viehs vor dem Pflug (vgl. addieren »zusammenzählen« (Math.): Der mathe-
dazu z. B. das zum Verb treiben gebildete Sub- matische Terminus wurde im 15. Jh. aus lat. ad-
stantiv Trift »Weide, Flur«). In anderen idg. Spra- dere »beigeben, hinzufügen; addieren« entlehnt.
chen sind z. B. verwandt aind. ájra- »Ebene, Flä- Das lat. Verb gehört vermutlich mit einigen ande-
che«, griech. agrós »Feld, Land« und lat. ager ren Bildungen wie lat. ab-dere »wegtun, verber-
»Feld, Ackerland« (↑ Agrar...). Abl.: ackern »pflü- gen«, con-dere »zusammentun, gründen«, die in
gen, das Feld bestellen«, ugs. für »schwer arbei- der Flexion mit den Präfixbildungen von lat. dare
ten, schuften« (mhd. ackern, eckern). Zus.: Acker- »geben« (↑ Datum) zusammengefallen sind, zu
bau (16. Jh.); Gottesacker (besonders südd. für:) den unter ↑ tun genannten Wörtern der idg. Wur-
»Friedhof« (spätmhd. goczacker; ursprünglich zel * dhe- »setzen, stellen, legen«. Zum ersten Be-
Begräbnisplatz außerhalb der Siedlung im Ge- standteil vgl. ↑ ad... , Ad... – Abl.: Addition »Zu-
gensatz zum Kirchhof). – Siehe auch ↑ Ecker. sammenzählen« (15. Jh.; aus entsprechend lat.
a conto ↑ Konto. additio).
Act ↑ Akt. ade! ↑ adieu!
Action ↑ Aktion. Adel »vornehmes Geschlecht; edle Gesinnung«:
Ader – Advent 104

A Die älteren germ. Formen mhd. adel, ahd. adal,


mniederl. adel-, aengl. æ ðel-, aisl. aðal weisen auf
ist aus gleichbed. span. ayudante (eigentlich
»Helfer, Gehilfe«) entlehnt; das zugrunde lie-
MAder germ. * aÞala »Abstammung, Geschlecht, Fami-
lie«. – Das Wort bezeichnete zunächst die alte
Abstammung eines Stammesverbandes, dann
gende span. Verb ayudar »helfen« beruht auf
gleichbed. lat. adiutare, einer Intensivbildung zu
lat. ad-iuvare »helfen, unterstützen«.
den Verband oder das Geschlecht selbst und Adler: Die Vogelbezeichnung ist eine verdunkelte
schließlich speziell das vornehme Geschlecht Zusammensetzung von mhd. adel-ar(n) und be-
und den edlen Stand. Im Ablaut zu diesem Wort, deutet eigentlich »Edelaar« (vgl. ↑ Aar). Das Wort
von dem das unter ↑ edel behandelte Adjektiv ab- entsteht im 12. Jh. mit der auf blühenden Falkne-
geleitet ist, steht germ. * oÞela- »Stammgut, Fa- rei als Bezeichnung für den edlen Jagdvogel, da
milienbesitz, Heimat; Odal« (ahd. uodal, asächs. mhd. ar nicht nur Adler, sondern auch weniger
othil, aengl. oðel, aisl. oðal), dazu der Personen- edle Jagdvögel wie Bussard und Sperber bezeich-
name Ulrich (< Uodalrı̄ch); vgl. auch ↑ Heimat. nen konnte.
Die weitere Herkunft des Wortes ist unklar, viel- Administration, administrativ, Administrator, ad-
leicht gehört es zu tochar. atäl »Mann« oder ist ministrieren ↑ Minister.
aus einer semit. Sprache entlehnt. Abl.: adeln »in Admiral: Die Bezeichnung für »Seeoffizier im Ge-
den Adelsstand erheben; edel machen« (16. Jh.); neralsrang« wurde zuerst als mhd. amiral in der
ad(e)lig »aus edlem Geschlecht stammend, vor- Bedeutung »Kalif, Fürst«, dann im 14./15. Jh. ver-
nehm« (mit Wechsel der Endung aus mhd. ade- mutlich neu entlehnt aus gleichbed. franz. ami-
lich, ahd. adallı̄h). ral, admiral (im Afranz. allgemein »Oberhaupt«),
Ader: Das im heutigen Sprachgebrauch im Sinne das seinerseits aus arab. amı̄r »Befehlshaber«
von »Blutgefäß« verwendete Wort bezeichnete stammt.
früher alle den Körper durchziehenden Bänder Adonis »schöner junger Mann«: Die im 18. Jh. auf-
und Gefäße, Sehnen, Muskeln und auch Einge- kommende Bezeichnung beruht auf griech. Ádo-
weide. Daraus entwickeln sich im übertragenen nis, dem Namen eines von der altgriechischen
Sinne Wörter wie Bogensehne, Gesteinsader, Göttin Aphrodite wegen seiner Schönheit gelieb-
Wasserader. Die heute übliche Bedeutung setzte ten Jünglings. Der appellativische Gebrauch des
sich erst in nhd. Zeit im Zuge einer genaueren Namens für den Typus des schönen Jünglings
Abgrenzung der Bedeutungen von Ader, Nerv und oder schönen Liebhabers war schon in der Antike
Sehne durch. Mhd. ader, ahd. adra »Blutgefäß; üblich.
Sehne; Nerv; Muskel«, Plural auch »Eingeweide«, adoptieren »an Kindes statt annehmen«: Das Verb
niederl. ader »Ader«, aengl. æ  dre »Ader«, Plural wurde im 16. Jh. aus gleichbed. lat. ad-optare (ei-
auch »Nieren«, schwed. åder »Ader« sind ver- gentlich »hinzuerwählen«) entlehnt, einer Bil-
wandt mit griech. étor »Herz«, étron »Unterleib« dung aus lat. ad »hinzu« (vgl. ↑ ad... , Ad...) und
und beruhen auf einer alten Bezeichnung für Ein- lat. optare »wählen; wünschen«. – Dazu: Adop-
geweide. – Zus.: Aderlass »Öffnung einer Ader tion »Annahme an Kindes statt« (16. Jh., aus ent-
zum Ablassen von Blut«, übertragen »große Ein- sprechend lat. adoptio).
buße, finanzieller Verlust« (älter nhd. auch Ader- Adresse »Anschrift«: Das Substantiv wurde im
lässe, mhd. aderla, -læ  e; vgl. ↑ lassen). 17. Jh. aus gleichbed. franz. adresse (eigentlich
adieu! »lebe wohl!«: Die zu Anfang des 17. Jh.s aus »Richtung, Bestimmungsrichtung«) entlehnt.
franz. adieu »zu Gott, Gott befohlen!« übernom- Das zugrunde liegende Verb franz. adresser »et-
mene Grußformel ist identisch mit ade, das was an jemanden richten; mit einer Anschrift
schon in mhd. Zeit aus entspr. afranz. adé ent- versehen, einen Brief (u. a.) an jemanden schi-
lehnt worden war. Franz. adieu (= à dieu) geht cken«, das seinerseits das gleichbedeutende
zurück auf lat. ad deum. ber die idg. Zusam- adressieren (16. Jh.) lieferte, beruht auf vulgärlat.
menhänge von lat. deus (alat. deivos) »Gott« und * ad-directiare »ausrichten«. Dies gehört seiner-
besonders über die Verwandtschaft mit lat. dies seits zu lat. di-rigere (directum) »gerade richten,
»Tag« unterrichtet der Artikel ↑ Zier. – Zum glei- ausrichten« (vgl. ↑ dirigieren). – Abl.: Adressat,
chen Stamm gehört ↑ Diva. Vgl. auch ↑ tschüs! mit lat. Endung »Empfänger eines Briefs«
Adjektiv »Eigenschaftswort«: Der grammatische (18. Jh.) »anvisierte Zielperson« (20. Jh.).
Ausdruck stammt aus lat. (nomen) adiectivum adrett: Das seit dem 17. Jh. zunächst in der Bedeu-
»hinzufügbares Wort« als bersetzung von tung »gewandt, geschickt, beweglich« bezeugte
griech. (ónoma) epı́theton. Er gehört zu lat. ad- Adjektiv ist aus gleichbed. franz. adroit entlehnt.
icere (adiectum) »hinzuwerfen, hinzutun«, einer Das franz. Wort beruht seinerseits auf vulgärlat.
Bildung aus lat. ad »hinzu« (vgl. ↑ ad... , Ad...) und * ad-directus »ausgerichtet; wohl geleitet«. Zu-
lat. iacere »werfen, schleudern« (vgl. dazu ↑ Je- grunde liegt lat. di-rigere (directus) »gerade rich-
ton). ten, ausrichten« (vgl. ↑ dirigieren). Seit dem frü-
Adjutant »Hilfsoffizier eines militärischen Kom- hen 19. Jh. begegnet es in der heutigen Bedeutung
mandeurs«: Das im Verlauf des 30-jährigen Krie- »gefällig anzuschauen, ordentlich, gepflegt«.
ges (d. h. im frühen 17. Jh.) aufgenommene Wort Advent »Zeit der Ankunft Christi«: Mhd. advent(e)
105 Adverb – Agenda
ist aus lat. adventus »Ankunft« entlehnt, das zu
ad-venire »ankommen« gehört. Das einfache
Zus.: Affenliebe »übertriebene Liebe« (17. Jh.);
Affenschande »große Schande«; (vgl. ↑ Schla- A
Verb venire ist mit dt. ↑ kommen urverwandt.
ber die Vorsilbe vgl. ↑ ad... , Ad... – Unmittelbar
zu advenire gehört das Lehnwort ↑ Abenteuer.
raffe).

Affe
M
Agen

Weiter gehören zu con-venire »zusammenkom-


einen Affen an jmdn. gefressen haben
men; übereinkommen; passen, sich schicken«
(ugs.) »jmdn. im bermaß mögen, gern haben«
↑ Konvent und ↑ Konvention; zu in-venire »hi-
Diese Wendung bezieht sich wahrscheinlich auf
neinkommen, auf etwas stoßen, etwas vorfinden;
den Kobold, der manchmal wie ein ausgelassenes
etwas erwerben« ↑ Inventar, Inventur; zu inter-
Äffchen in einem herumspukt, z. B. wenn man Al-
venire »dazwischentreten, sich einmischen« ↑ in-
kohol getrunken hat oder wenn man nach jmdm.
tervenieren, Intervention, Intervenient; zu e-ve-
ganz närrisch ist. Auch die Beobachtung, dass die
nire »herauskommen, eintreffen, sich ereignen«
Affenmutter ihr Junges vor Zärtlichkeit fast er-
↑ eventuell, Eventualitäten; zu sub-venire »(un-
drückt und auffrisst, kann dieser Wendung zu-
terstützend) hinzukommen« über franz. souve-
grunde liegen.
nir »ins Gedächtnis kommen; erinnern« ↑ Souve-
nir.
Adverb »Umstandswort«: Der grammatische Ter- Affekt »heftige Gemütsbewegung; Leidenschaft«:
minus wurde im 17. Jh. aus gleichbed. lat. adver- Das Wort wurde im späten 15. Jh. aus lat. affectus
bium (eigentlich »das zum Verb gehörende »durch äußere Einflüsse bewirkte Verfassung,
Wort«, bersetzung von griech. epı́rrhema) ent- Gemütsbewegung, Leidenschaft« entlehnt. Es
lehnt. Dies gehört seinerseits zu lat. verbum gehört zu lat. af-ficere »hinzutun; einwirken, Ein-
»Wort, Zeitwort« (vgl. ↑ Verb). – Abl.: adverbial druck machen; stimmen, anregen, ergreifen«, ei-
»umstandswörtlich« (aus gleichbed. lat. adver- ner Zusammensetzung von lat. facere »machen,
bialis; 19. Jh.). tun; bewirken« (vgl. ↑ Fazit). – Dazu: affektiert
Advokat »Rechtsbeistand, Anwalt«: Das Wort »gekünstelt; geziert, unnatürlich, theatralisch«
wurde im 14. Jh. aus gleichbed. lat. advocatus (ei- (17. Jh.). Es handelt sich bei diesem Wort um das
gentliche Bed.: »der Herbeigerufene«, nämlich in adjektivischen Gebrauch übergegangene
zur Beratung in einen Rechtsstreit) entlehnt. Es zweite Partizip des heute veralteten Verbums af-
gehört zu lat. ad-vocare »herbeirufen«, einer Bil- fektieren »etwas anstreben; erkünsteln; sich zie-
dung aus lat. ad »hinzu« (vgl. ↑ ad... , Ad...) und ren« (16. Jh.), das auf lat. affectare »sich an etwas
lat. vocare »rufen« (vgl. ↑ Vokal). Gleichen Ur- machen; ergreifen; anstreben; sich etwas zu-
sprungs ist das Lehnwort ↑ Vogt. – Advokat wurde rechtmachen, erkünsteln« zurückgeht.
1878 durch amtliche Sprachregelung als offizielle Affront »Beleidigung«: Der Ausdruck wurde im
Berufsbezeichnung durch Rechtsanwalt ersetzt. 15. Jh. aus gleichbed. franz. affront entlehnt, das
aero..., Aero...: Das in zahlreichen Kombinatio- seinerseits ein postverbales Substantiv zu franz.
nen (Aerobus, aerodynamisch, Aeroplan, Aerosol affronter »auf die Stirn schlagen; vor den Kopf
usw.) auftretende Wortbildungselement mit der stoßen, beschimpfen, beleidigen« ist. Dies gehört
Bed. »Luft; Gas« gehört zu griech. aér »Luft« und zu franz. front (< lat. frons, Genitiv frontis) »Stirn;
ist Anfang des 18. Jh.s ins Deutsche aufgenom- Vorderseite« (vgl. ↑ Front).
men worden. After »Hintern«: Die Bezeichnung galt zunächst
af..., Af... ↑ ad... , Ad... für das Ende des Mastdarms (mhd. after, ahd. af-
Affäre »unangenehme Angelegenheit; skandal- tero) und ist eine Substantivierung des im Nhd.
trächtiger Vorfall; Liebesverhältnis«: Das Wort untergegangenen Adjektivs mhd. after, ahd. af-
wurde im 17. Jh. aus gleichbed. franz. affaire zu- tero »hinter; nachfolgend«. Sie bedeutete dem-
nächst in der Bedeutung »kleines Gefecht« ent- entsprechend zunächst »Hinterer« (vgl. die unter
lehnt, das selbst durch Zusammenrückung der ↑ hinter behandelte Substantivierung Hintern).
Fügung ›(avoir) à faire‹ »zu tun (haben)« entstan- Das Adjektiv gehört zu der Präposition und zum
den ist. Das zugrunde liegende Verb franz. faire Adverb mhd. after, ahd. aftar, niederd. achter
»machen, tun« beruht auf gleichbed. lat. facere (↑ achter), got. aftra, engl. after, schwed. efter
(vgl. ↑ Fazit). »nach; hinter; gemäß«. Dieses gemeingerm.
Affe: Die agerm. Tierbezeichnung mhd. affe, ahd. Wort beruht mit verwandten Wörtern in anderen
affo, niederl. aap, engl. ape, schwed. apa ist ein al- idg. Sprachen auf idg. * apo- »ab, weg«, das schon
tes Lehnwort aus einer unbekannten Sprache. früh mit idg. * epi-, * opi- »nahe hinzu, auf etwas
Die Germanen lernten das Tier, das in Europa hin, nach« zusammengefallen ist. Älter nhd. after
und Vorderasien nicht heimisch ist, schon früh »hinter« kam wegen der anstößigen Bedeutung
durch umherziehende Kaufleute kennen, die es des Substantivs außer Gebrauch.
aus dem Süden mitbrachten. Abl.: äffen »nachah- ag..., Ag... ↑ ad... , Ad...
men; narren« (mhd. effen); affig »närrisch, gefall- Agenda: Das Substantiv gehört zu der großen
süchtig« (16. Jh.); äffisch »affenartig« (16. Jh.). Gruppe von Entlehnungen, die auf lat. agere zu-
Agent – Agitation 106

A rückgehen. Agenda bezeichnet im Lat. »Dinge,


die zu tun sind«. Im Deutschen ist das Wort erst-
tung haben das Verb und zahlreiche Ableitungen
und Präfixbildungen eine Fülle von Bedeutungen
MAgen mals im 19. Jh. im Sinne von »Merkbuch« belegt.
Seit der 2. Hälfte des 20. Jh.s steht Agenda häufig
auch für »Tagesordnung, Tagesordnungs-
entwickelt, die den verschiedensten Anwen-
dungsbereichen zugeordnet sind. Unter diesen
sind einige von besonderem Interesse, weil sie in
punkte«; die Bedeutung wurde von dem engl. Entlehnungen aus der Wortfamilie von lat. agere
Substantiv agenda übernommen. lebendig sind. Aus dem allgemeinen Sprachge-
Agent: Das im 16. Jh. aus ital. agente (= franz. brauch seien davon erwähnt: »in Bewegung set-
agent) entlehnte Substantiv bezeichnete ur- zen; bewirken; in einer bestimmten inneren Ver-
sprünglich einen »Geschäftsträger« im politi- fassung sein« (in ↑ agil, ↑ aktiv, Aktivität, aktivie-
schen Sinn. Später entwickelte sich daraus die ren, ↑ reagieren, Reaktion; in gewissem Sinne
spezielle Bed. »in staatlichem Auftrag tätiger auch in ↑ Akt und ↑ Aktion). Auf wirtschaftlichem
Spion«. Früh war das Wort auch in der Kauf- Gebiet sind es Bedeutungen wie »handeln, ein
mannssprache heimisch im Sinne von »(Han- Geschäft betreiben; wirksam sein« (so in Aktiva
dels)vertreter; Geschäftsvermittler« (man be- ↑ aktiv, ↑ Aktie, Aktionär, ↑ Transaktion). Aktie
achte Zusammensetzungen wie Theateragent, und Aktionär gehören ursprünglich allerdings
Versicherungsagent u. a.), was sich auch in der mehr zur dritten Gruppe von Fachwörtern des
jungen, mit lat. Endung gebildeten Ableitung Rechtswesens und der Verwaltungssprache (wie
Agentur »Vermittlungsbüro, (Handels)vertre- ↑ Aktion und Akten ↑ Akt); denn das Aktie zu-
tung« (spätes 18. Jh.) zeigt. – Ital. agente beruht grunde liegende lat. Substantiv actio hat im alt-
auf lat. agens (agentis), dem Part. Präs. von lat. römischen Recht die Bed. »klagbarer An-
agere »tun, treiben, ausführen, handeln usw.« spruch«. – Mehr politischen Charakter haben die
(vgl. ↑ agieren). Wörter ↑ Agent, ↑ Agenda ↑ Agitation, Agitator,
Aggregat »Kombination von zusammenwirken- agitieren, Reaktion, reaktionär ↑ reagieren. Die
den Maschinen« (Technik); »mehrgliedrige Zah- Bedeutungsentwicklung ist dabei zwar modern,
lengröße« (Mathematik): Das Substantiv wurde aber doch schon im Lat. vorgebildet in der Bedeu-
im späten 15. Jh. aus lat. aggregatum (substanti- tung »eine Sache öffentlich (vor dem Volk oder
viertes Nomen des Partizips Perfekt von ag-gre- Senat) betreiben«, die agere und noch schärfer
gare »anhäufen, zusammenfügen«) entlehnt. das abgeleitete Intensivum agitare »etwas heftig
Stammwort ist lat. grex, Genitiv gregis »Herde, betreiben; (das Volk) aufhetzen, aufwiegeln« ent-
Haufe, Schar«, das verwandt ist mit lat. gremium wickelt haben. – Auch in der Sprache des Schau-
»Schoß; Bündel« (vgl. ↑ Gremium). spielers war lat. agere mit der Bedeutung »eine
Aggression »kriegerischer Angriff; Streitlust«: Das Rolle spielen« heimisch, ↑ Akt, ↑ Akteur und auch
Wort wurde im frühen 18. Jh. aus lat. aggressio agieren bestätigen dies. – Ausschließlich modern
»Anfall, Angriff« entlehnt. Das lat. Wort gehört ist die Bedeutungsentwicklung in Entlehnungen
zu lat. ag-gredi »heranschreiten; angreifen«, ei- aus Naturwissenschaft und Technik (wie in ↑ rea-
ner Bildung aus lat. ad »heran, hinzu« (vgl. ↑ ad... , gieren, Reagenz, Reagenzglas, Reaktor) oder aus
Ad...) und lat. gradi »schreiten, gehen« (vgl. der Publizistik und dem Verlagswesen (wie in
↑ Grad). Seit Ende des 19. Jh.s wird es zunächst als ↑ redigieren, Redaktion, Redakteur; im gewissen
Fachwort der Psychologie auf menschliche Ver- Sinn auch in ↑ aktuell, Aktualität). – Eine schon
haltensweisen bezogen. – Dazu auch: aggressiv im Idg. erfolgte Sonderentwicklung in der Bedeu-
»angriffslustig, herausfordernd« (19. Jh., nlat. Bil- tung liegt in den zum Stamm von lat. agere gehö-
dung nach entsprechend franz. agressif); Aggres- renden Wörtern ↑ Examen, examinieren, ↑ exakt
sor »Angreifer« (17. Jh., aus gleichbed. spätlat. ag- vor (vgl. hierzu im Besonderen auch die Artikel
gressor). ↑ Achse und ↑ Axiom).
Ägide: Das vor allem aus der Verbindung unter je- agil »beweglich, geschäftig«: Das Adjektiv wurde
mandes Ägide »unter jemandes Leitung und Ver- im 17. Jh. aus lat. agilis »leicht zu führen, beweg-
antwortung« bekannte Wort gehört zu lat. aegis, lich; geschäftig«, evtl. unter Einfluss von gleich-
Genitiv aegidis »Schirm, Schutz; Schild«, das sei- bed. franz. agile, entlehnt. Lat. agilis ist eine Bil-
nerseits aus griech. aigı́s »Schild des Zeus und dung zu lat. agere »treiben, führen; handeln
der Athene« (vielleicht zu aı́x »Ziege« als der mit usw.« (vgl. ↑ agieren).
dem Ziegenfell überzogene Schild) entlehnt ist. Agitation »aufrührerische Hetze; politische Beein-
Ins Deutsche wurde das Substantiv im späten flussung«: Das Wort wurde in der 2. Hälfte des
18. Jh. entlehnt. 16. Jh.s aus lat. agitatio »das In-Bewegung-Set-
agieren »handeln, tätig sein; eine Rolle spielen«: zen« entlehnt und auf physische Prozesse und
Das seit dem Ende des 14. Jh.s bezeugte Verb geht Gemütszustände angewendet. Seit dem frühen
auf gleichbed. lat. agere (actum) zurück. – Die 19. Jh. wie das dazugehörige Substantiv Agitator
Grundbedeutung von lat. agere, das urverwandt »Aufwiegler« unter Einwirkung von gleichbed.
ist mit den unter ↑ Achse genannten Wörtern, ist engl. agitation bzw. agitator als politisches
»treiben, antreiben«. Aus dieser Grundbedeu- Schlagwort in zunächst positivem Sinne als »po-
107 Agonie – Akelei
litische Wirksamkeit« verwendet. Zugrunde liegt
das Verb lat. agitare »etwas heftig betreiben;
nicht identisch«. Abl.: ähneln »ähnlich sein«
(17. Jh., für älteres ähnlichen, mhd. anelı̄chen). A
schüren, aufpeitschen, aufwiegeln, aufhetzen«.
Aus diesem Verb stammt engl. to agitate, unter
dessen Einfluss dt. agitieren »aufrührerisch tätig
Ahnung ↑ ahnen.
Ahorn: Die im germ. Sprachraum nur im Hochd.
und Niederd. gebräuchliche Baumbezeichnung
M
Akel

sein; politisch aufklären, werben« (nach franz. (mhd., ahd., mniederd., asächs. ahorn) gehört mit
agiter) – auch in der 1. Hälfte des 19. Jh.s – in Ge- verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen –
brauch kam. ber weitere etymologische Zusam- vgl. z. B. lat. acer »Ahorn«, acernus »vom Ahorn«
menhänge vgl. den Artikel ↑ agieren. – als ursprüngliche Adjektivbildung zu der unter
Agonie: Der Ausdruck für »Todeskampf« wurde im ↑ Ecke dargestellten idg. Wurzel * ak- »spitz,
frühen 16. Jh. aus kirchenlat. agonia entlehnt, das scharf«. Der Ahorn ist folglich nach seinen auffäl-
seinerseits aus griech. agonı́a »Kampf; Anstren- lig spitz eingeschnittenen Blättern benannt.
gung; Angst« (zu griech. ágein; ↑ Achse) stammt. Ähre: Das gemeingerm. Wort mhd. eher, ahd. ehir,
Agrar...: Dem ersten Bestandteil von Wortbildun- got. ahs, engl. ear, schwed. ax gehört mit ver-
gen mit der Bedeutung »Landwirtschaft, Boden«, wandten Wörtern in anderen idg. Sprachen – vgl.
wie in Agrarreform (20. Jh.) u. a., liegt das lat. Ad- z. B. lat. acus »Granne, Spreu« – zu der unter
jektiv agrarius »den Acker(bau) betreffend« zu- ↑ Ecke dargestellten idg. Wurzel * ak- »spitz,
grunde, das von lat. ager »Acker« (urverwandt scharf«. Die Ähre ist wohl nach ihren spitzen
mit dt. ↑ Acker) abgeleitet ist. Es ist seit dem frü- Grannen benannt.
hen 19. Jh. im Dt. belegt. Aids: Das Kurzwort ist entlehnt seit 1983 aus dem
Ahle »Pfriem, Vorstecher«: Die agerm. Werkzeug- amerik.-engl. Akronym AIDS für acquired im-
bezeichnung mhd. ale, ahd. ala, älter niederl. aal, mune deficiency syndrome (»Erworbenes Im-
aengl. æ l, aisl. (ablautend) alr ist verwandt mit munschwächesyndrom«) entlehnt. Das zu dieser
aind. ara »Ahle«. Es handelt sich also um eine Krankheit führende Virus wird als HIV (human
uralte Bezeichnung eines schon für die Steinzeit immunodeficiency virus) bezeichnet.
nachgewiesenen spitzen Gerätes zum Vorste- Air... : Dem ersten Bestandteil von Wortbildungen
chen von Leder oder dgl. liegt das engl. Substantiv air »Luft« zugrunde. In
ahnden »strafen«: Mhd. anden »zürnen«, ahd. an- den meist mit einem zweiten engl. Substantiv ge-
ton »sich ereifern, zornig werden«, aengl. andian bildeten Zusammensetzungen steht es für »Flug-
»eifersüchtig, neidisch sein« sind abgeleitet von zeuge, Fluggesellschaften, den Luftverkehr be-
dem westgerm. Substantiv mhd. ande »Krän- treffend«, wie etwa in Airbus, Airline, Airport. In
kung«, ahd. anto »Neid, Zorn, Eifer, Ärgernis, Bildungen wie Airbag, Aircondition bezeichnet es
Strafe«, aengl. anda »Groll, Feindschaft; Miss- »Sachen, die mit Luft betrieben werden«.
gunst«. Zugrunde liegt idg. * an- »atmen, hau- ak... , Ak... ↑ ad... , Ad...
chen« wie etwa in lat. anima »Seele«, animus Akademie »Forschungsstätte; Bildungsinstitu-
»Geist«. Im Westgerm. ist es mit einem Bedeu- tion, Fachhochschule«: Das Wort wurde im 16. Jh.
tungswandel von »Atem« über »Erregung« zu im Zusammenhang mit der humanistischen Be-
»Zorn« und »Strafe« belegt. wegung aus lat. Academia, griech. Akadémeia,
Ahne »Vorfahre«: Das im germ. Sprachraum nur im dem Namen der Lehrstätte Platons, entlehnt.
Dt. gebräuchliche Wort ist ein Lallwort der Kin- Diese wiederum heißt nach einem dem Heros
dersprache für ältere Personen aus der Umge- Akádemos geweihten Hain, in dem sie sich be-
bung des Kindes. Mit mhd. an(e), ahd. ano »Vor- fand. Im 17. Jh. entwickelte das Wort die Bed. »ge-
fahre; Großvater«, ana »Großmutter« sind ver- lehrte Gesellschaft« (nach franz. académie). –
wandt griech. annı́s »Großmutter« und lat. anus Dazu die nlat. Bildung akademisch »zu einer
»alte Frau«. – Eine Verkleinerungsbildung zu Hochschule gehörig, in der Art einer Hoch-
Ahne ist das unter ↑ Enkel behandelte Wort. schule« (16. Jh.), seit Ende des 18. Jh.s zunehmend
ähneln ↑ ähnlich. abwertend als »wissenschaftlich; trocken, theo-
ahnen »voraussehen, unmittelbar empfinden, ver- retisch« u. Akademiker »jemand, der eine abge-
muten«: Das nur dt. Verb (mhd. anen) ist wahr- schlossene Universitäts- oder Hochschulausbil-
scheinlich von der unter ↑ an behandelten Präpo- dung hat« (16. Jh.; aus lat. academicus »Philo-
sition abgeleitet und bedeutet demnach eigent- soph, Gelehrter«).
lich »einen an- oder überkommen«. Es wurde zu- Akazie: Die in dt. Texten seit dem 18. Jh. bezeugte
nächst unpersönlich gebraucht, beachte mhd. es Bezeichnung für den (sub)tropischen Laubbaum
anet mir (auch: mich) »es kommt mich an«, d. h., führt über entsprechend lat. acacia auf griech.
etwas Unbestimmtes rührt mich von außen her akakı́a »Akazie; Ginster« zurück und ist wohl
an. Abl.: Ahnung »unbestimmtes Gefühl, Vermu- arab. Ursprungs. Der heute in Deutschland ein-
tung« (17. Jh.). gebürgerte Baum ist eigentlich eine Robinie, die
ähnlich: mhd. ane-, enlich »ähnlich, gleich«, ahd. der Akazie nur ähnlich sieht.
anagilı̂h gehen auf germ. * ana- (vgl. ↑ an) und Akelei: Die Bezeichnung der Zierpflanze aus der
* galika- (vgl. ↑ gleich) zurück: »annähernd gleich, Familie der Hahnenfußgewächse, mhd. ageleie,
akklimatisieren – Akt 108

A ackelei, ahd. agaleia, mniederd. ak(e)leye, beruht


auf lat. aculeus »Stachel, Dorn«, denn sie steht in
Der lat. Name beruht (ähnlich wie bei ↑ Genitiv)
auf einem Missverständnis bei der bersetzung
Makkl den ältesten Texten für verschiedene dornige
Bäume und Sträucher. Die Gründe für die ber-
tragung auf dornenlose Blütenpflanzen sind un-
von griech. (ptosis) aitiatiké »Ursache und Wir-
kung betreffender Fall«. Gemeint ist dabei einer-
seits das vom Verb gleichsam verursachte Objekt
klar. im vierten Fall, andererseits auch die an diesem
akklimatisieren, sich »sich (nach und nach) einge- Objekt auftretende Wirkung. Fälschlich wurde
wöhnen, anpassen«: Das Wort ist eine Bildung nun das unmittelbar zu griech. aı́tion »Ursache«
mit dem Lehnsuffix -isieren zu franz. acclimater, gehörende Adj. aitiatikós auf aitiasthai »beschul-
das eine Präfixbildung zu franz. climat »Klima« digen, anklagen« bezogen und von den Lateinern
ist (um 1800), ↑ Klima. mit dem von lat. accusare »beschuldigen, ankla-
1
Akkord »Stücklohn(vertrag)«: Das Substantiv er- gen« abgeleiteten Adjektiv accusativus wieder-
scheint seit dem 14. Jh. mit der allgemeinen Bed. gegeben. Daher wurde es von Lessing 1759 ver-
»Vertrag, Abkommen, Vergleich«. Anfang des deutscht als Klagefall.
19. Jh.s kommt die heute übliche spezielle Bedeu- Akontozahlung ↑ Konto.
tung auf, an die sich Zusammensetzungen wie akquirieren »erwerben, anschaffen; Kunden wer-
Akkordarbeit, Akkordlohn und die Wendung im ben«: Das Verb wurde im 16. Jh. aus lat. acquirere
Akkord arbeiten anschließen. Entlehnt ist Akkord »erwerben« (< lat. ad und lat. quaerere, vgl. ↑ re-
aus franz. accord »bereinstimmung; Abkom- quirieren) entlehnt. – Dazu gehört das Substantiv
men, Vertrag« (= ital. accordo). Das zugrunde Akquisition »Erwerbung, Anschaffung; Kunden-
liegende Verb franz. accorder »in bereinstim- werbung« (16. Jh.; aus lat. acquisitio »Erwer-
mung bringen; ein Abkommen treffen« beruht bung«).
wie entsprechend ital. accordare auf gleichbed. Akribie: Der bildungssprachliche Ausdruck für
mlat. * ad-cordare, einer denominativen Präfix- »höchste Genauigkeit, Sorgfalt« ist über kirchen-
bildung zu lat. cor, Genitiv cordis »Herz; Geist, lat. acribia aus gleichbed. griech. akrı́beia (zu
Verstand; Gemüt; Stimmung, Gestimmtheit« griech. akribés »genau, sorgfältig«) entlehnt. Im
(vgl. ↑ Courage). frühen 18. Jh. nur verzeinzelt, ist er erst seit dem
2
Akkord »Zusammenklang (mehrerer Töne)«: Der 19. Jh. häufiger nachgewiesen. Dazu im späten
musikalische Terminus wurde im 15. Jh. aus 20. Jh. das Adjektiv akribisch.
gleichbed. franz. accord entlehnt. Für das zu- Akrobat »Turnkünstler«: Das seit dem Anfang des
grunde liegende Verb franz. accorder »(die In- 19. Jh.s zunächst nur im Sinne von »Seiltänzer«
strumente) stimmen«, das wohl ursprünglich bezeugte Wort, das im Bereich des Zirkuswesens
identisch ist mit franz. accorder »in bereinstim- seine heutige Bed. entwickelte, ist entlehnt aus
mung bringen« (s. oben unter ↑ 1 Akkord), vermu- franz. acrobate und geht zurück auf griech. akró-
tet man sekundären Quereinfluss von lat. chorda batos »auf den Fußspitzen gehend«, das zu
(> franz. corde) »Saite«. – Akkordeon: Die Be- griech. ákros »äußerst, oberst; spitz« und griech.
zeichnung für die Handharmonika ist eine künst- bateı̄n »gehen« (vgl. ↑ Basis) gehört.
liche Neubildung des 19. Jh.s zu ↑ 2 Akkord. Akt: Das Mitte des 15. Jh.s entlehnte Wort, das auf
akkreditieren »beglaubigen (insbesondere den di- lat. actus »Handlung; Geschehen; Darstellung;
plomatischen Vertreter eines Landes), Studien- Vorgang usw.« zurückgeht (zu lat. agere, actum
gänge anerkennen«: Das Verb wurde Ende des »treiben; handeln, tätig sein usw.«, vgl. ↑ agieren),
17. Jh.s aus gleichbed. franz. accréditer entlehnt, erscheint zuerst mit der allgemeinen Bed. »(he-
einer Präfixbildung zu franz. crédit »Vertrauen; rausgehobene, feierliche) Handlung«. Diese Be-
Kredit« (vgl. ↑ Kredit). deutung wird in Zusammensetzungen wie Ge-
Akkumulator »Energiespeicher« : Das Wort ist eine waltakt (19. Jh.), Willensakt (19. Jh.), Gnadenakt
Entlehnung des 19. Jh.s aus lat. accumulator »An- (19. Jh.) besonders deutlich. Ebenfalls schon im
häufer«, das zu lat. ac-cumulare »anhäufen« und 16. Jh., jedoch anfangs meist noch in der Form
weiter zu lat. cumulus »Haufe« gehört. Häufig ist actus, findet sich das Wort in der Bühnensprache
auch die Kurzform Akku (20. Jh.). mit der schon im Lat. vorgebildeten Bed. »Aufzug
akkurat: Das seit dem 15. Jh. zunächst als Adverb eines Theaterstücks«. Seit dem 18. Jh. ist Akt auch
mit der Bed. »genau« bezeugte Fremdwort, das als Fachwort der bildenden Kunst bezeugt. Es be-
erst im 18. Jh. auch als Adjektiv »gewissenhaft, zeichnet dort – nur im Dt. – die Stellung des
ordentlich« gebräuchlich wurde, ist aus lat. accu- nackten Modells und die danach entworfene
rate »sorgfältig« entlehnt, dem Adverb zu gleich- künstlerische Darstellung des nackten menschli-
bed. lat. accuratus. Zugrunde liegt das lat. Verb chen Körpers (man beachte auch die junge Zu-
ac-curare »mit Sorgfalt tun«. ber das Stamm- sammensetzung Aktfoto). – Seit dem 17. Jh. wird
wort lat. cura »Sorge, Pflege usw.« ↑ Kur. Akt gelegentlich auch im Sinne von »Vorgang;
Akkusativ »Wenfall« (Grammatik): Der grammati- über Personen oder Vorgänge angefertigter
sche Terminus stammt aus lat. (casus) accusati- Schriftsatz« gebraucht. Es handelt sich dabei
vus »der die Anklage betreffende (vierte) Fall«. wohl um eine junge Rückbildung aus dem bereits
109 Akteur – akzeptieren
in der Kanzleisprache des 15. Jh.s üblichen gleich-
bedeutenden Fremdwort Akten, das auf lat. acta
(actum) »treiben, betreiben; handeln usw.« (vgl.
↑ agieren). – Dazu das Substantiv Aktualität »Be- A
»das Verhandelte, die Ausführungen, der Vor-
gang«, dem substantivierten Neutr. Plur. des
Part. Perf. von agere, beruht. Häufiger als die Sin-
deutung für die Gegenwart« (im 19. Jh. aus gleich-
bed. franz. actualité entlehnt) und das Verb ak-
tualisieren »auf den neuesten Stand bringen«
M
akze

gularform Akt begegnet der gleichfalls aus dem (19. Jh.; Entlehnung aus gleichbed. franz. actuali-
Plural rückgebildete Singular Akte. Dazu ad acta ser).
(»zu den Akten«) legen im Sinne von »beiseitele- Akupunktur: Die Bezeichnung für die aus Asien
gen«. stammende Heilbehandlung durch Einstiche mit
Akteur »handelnde Person; Schauspieler«: Das feinen Nadeln in bestimmte Körperstellen
Wort wurde im 18. Jh. aus gleichbed. franz. acteur (19. Jh.) erscheint in Europa zuerst in lat. Texten
als Ersatzwort für das ältere, aber in der Bedeu- des 18. Jh.s und gehört zu lat. acus »Nadel« (vgl.
tung abgewertete Komödiant übernommen. Das ↑ Ecke) und lat. punctura »das Stechen; Stich«
franz. Wort beruht seinerseits auf lat. actor, Ge- (vgl. ↑ Punkt).
nitiv actoris, »handelnde Person (auf der Akustik »Lehre vom Schall; Klangverhältnisse im
Bühne)«, das zu lat. agere (actum) »treiben; han- Raum«: Das Wort ist eine Entlehnung des 18. Jh.s
deln, tätig sein; eine Rolle spielen« (vgl. ↑ agieren) aus griech. akoustikós »das Gehör betreffend«
gehört. (zu griech. akoúein »hören«, wahrscheinlich ur-
Aktie: Die Bezeichnung für »Wertpapier, Anteil- verwandt mit dt. ↑ hören). – Dazu als Adjektiv mit
schein an einer Aktiengesellschaft« wurde Mitte dt. Suffix akustisch »den Schall, das Gehör betref-
des 17. Jh.s aus gleichbed. niederl. actie (älter: fend« (18. Jh.).
action) entlehnt, das seinerseits wie entspre- akut »heftig, dringend; unvermittelt auftretend
chend engl. action und franz. action auf lat. actio (von Krankheiten)«: Das zuerst im 16. Jh. und seit
»Handlung, Tätigkeit; Tätigwerden vor Gericht« Ende des 18. Jh.s kontinuierlich belegte Adjektiv
(↑ Aktion) in dessen speziell juristischer Bed. ist ein altes medizinisches Fachwort (Gegensatz:
»klagbarer Anspruch« zurückgeht (vgl. ↑ agie- ↑ chronisch). Es wurde als solches aus lat. acutus
ren). Der Inhaber einer Aktie heißt Aktionär entlehnt, das eigentlich »geschärft, scharf, spitz«
(18. Jh., aus entsprechend franz. actionnaire). bedeutet. Das lat. Wort wurde schon von altrömi-
Aktion »Handlung; Verfahren«: Das Substantiv schen Ärzten in einem speziell medizinischen
wurde im 15. Jh. aus gleichbed. lat. actio entlehnt, Sinne zur Charakterisierung von unvermittelt
das zu lat. agere (actum) »treiben; handeln usw.« auftretenden Krankheiten gebraucht, die einen
(vgl. ↑ agieren) gehört. Siehe auch ↑ Aktie. Das kurzen und heftigen Verlauf haben (lat. morbus
ebenfalls auf das Lat. zurückgehende engl. action acutus, im Gegensatz zu morbus longus bzw. mor-
wurde mit der engl. Aussprache in der Bedeutung bus vetustus). Das dem lat. Wort zugrunde lie-
»spannende (Film)handlung, lebhafter Betrieb« gende Verb lat. acuere (acutum) »schärfen, spit-
übernommen. Im Deutschen ist Action seit der zen« ist mit dt. ↑ Ecke etymologisch verwandt. –
2. Hälfte des 20. Jh.s belegt. Dazu substantiviert Akut als Bezeichnung für ei-
aktiv »tätig, wirksam«: Das Adjektiv wurde im nen steigenden, (spitzen) Ton und als diakriti-
16. Jh. aus gleichbed. lat. activus entlehnt, das zu sches Zeichen für diesen (19. Jh.).
lat. agere (actum) »treiben; handeln, tätig sein Akzent: Der sprachwissenschaftliche Ausdruck für
usw.« (vgl. ↑ agieren) gehört. – Substantiviert zu »Betonung; Tonfall« wurde im 15. Jh. aus gleich-
Aktiv (17. Jh.) bezeichnet das Wort als grammati- bed. lat. ac-centus (eigentlich »das An-, Beitö-
scher Terminus (im Gegensatz zu Passiv [↑ pas- nen«) entlehnt, das seinerseits Lehnübersetzung
siv]) die »tätige« Verhaltensrichtung des Zeit- von entsprechend griech. prosoidı́a ist. Das zu-
worts. – Auf dem substantivierten Neutr. Plur. grunde liegende Verb lat. accinere »dazu singen;
(lat. activa) beruht das finanzwirtschaftliche dazu tönen« ist eine Bildung aus lat. ad »hinzu,
Fachwort Aktiva »Guthaben, vorhandene (Ver- dazu« (vgl. ↑ ad... , Ad...) und lat. canere (cantum)
mögens)werte« (18. Jh.). Es bezeichnet das »wirk- »singen; ertönen« (vgl. ↑ Kantor). Seit Mitte des
same« Kapital, im Gegensatz zu Passiva (↑ pas- 16. Jh.s wird es auch zur Bezeichnung des Schrift-
siv). – Zu aktiv gehören weiter: aktivieren »in zeichens selbst verwendet, das zur Kennzeich-
Tätigkeit setzen, in Gang bringen« (19. Jh., nach nung der Aussprache dient. – Dazu: akzentuieren
entsprechend franz. activer gebildet); Aktivität »betonen; hervorheben« (18. Jh., aus entspre-
»Tatkraft; Unternehmungsgeist« (17. Jh., aus lat. chend mlat. accentuare).
activitas). akzeptieren »annehmen; billigen«: Das Verb
aktuell »zeitnah; zeitgemäß; vordringlich«: Das im wurde im 15. Jh. aus gleichbed. lat. ac-ceptare ent-
18. Jh. aufgekommene Wort, das in neuerer Zeit lehnt, einer Intensivbildung zu gleichbed. lat. ac-
durch die Publizistik allgemein bekannt gewor- cipere (vgl. ↑ kapieren). – Dazu das Adjektiv ak-
den ist, ist aus gleichbed. franz. actuel entlehnt zeptabel »annehmbar« (Mitte 17. Jh.; aus ent-
und geht auf spätlat. actualis »wirksam; wirklich, sprechend franz. acceptable) und das Substantiv
tatsächlich« zurück. Dies gehört zu lat. agere Akzeptanz »Bereitschaft, etw. (Neues) zu akzep-
al..., Al... – Alimente 110

A tieren« (2. Hälfte 20. Jh.; aus gleichbed. engl.-ame-


rik. acceptance).
»Albino«, eigentlich »der Weißliche«, einer Ab-
leitung von span. albo < lat. albus »weiß« (vgl.
M al.. al..., Al... ↑ ad... , Ad...
alaaf!: Der seit dem 17. Jh. bezeugte rheinische
Karnevalsruf ist entstanden aus köln. all-af
↑ Album).
Album »Sammel-, Gedenkbuch«: Das seit dem
16. Jh. bezeugte Wort bezeichnete zunächst allge-
(= alles ab) und meint »alles unter Köln, Köln mein ein Buch mit weißen, d. h. leeren Blättern
über alles«. für Aufzeichnungen. Die seit dem 17. Jh. bezeugte
Alabaster: Die Bezeichnung der feinkörnigen Bedeutung »Sammel-, Gedenkbuch« wird seit
weißlichen Gipsart, spätmhd. alabaster, führt dem 18. Jh. allein üblich. Seit der 2. Hälfte des
über entsprechend lat. alabaster auf griech. alá- 20. Jh.s wird das Substantiv unter Einfluss von
bast[r]os »Gips; gipserne Salbenbüchse« zurück gleichbed. engl. album auch in der Bedeutung
und ist vermutlich arab. Herkunft. »Langspielplatte« verwendet. Das Wort geht zu-
Alarm »Gefahrmeldung; Beunruhigung«: Das seit rück auf lat. album »weiße Tafel für Aufzeichnun-
dem frühen 15. Jh. bezeugte Substantiv (frühnhd. gen; öffentliche Liste, Verzeichnis«. Stammwort
alerm, alarm, alerman, lerman) stammt wie ist das lat. Adjektiv albus »weiß«, das auch ↑ Al-
entspr. franz. alarme aus gleichbed. ital. allarme. bino zugrunde liegt.
Das ital. Wort selbst ist durch Zusammenzie- Alchemie: Die Bezeichnung für die mittelalterliche
hung aus dem militär. Ruf all’arme! »zu den Waf- Chemie, insbesondere die Goldmacherkunst
fen!« entstanden. Das zugrunde liegende Sub- (spätmhd. alchemie, frühnhd. alchimey), führt
stantiv ital. arma »Waffe« (Plural arme »Waf- über gleichbed. franz. alkimie, span. alquimia
fen«) beruht auf spätlat. arma »Waffe«, das sich und mlat. alchimia auf arab. (mit Artikel) al-kı̄-
aus klass.-lat. arma (Neutr. Plur.) »Waffen« (vgl. miya’ »Stein der Weisen« zurück, das selbst wohl
↑ Armee) entwickelt hat. – Dazu: alarmieren auf griech. chymeı́a »Kunst der Metallverwand-
»Warnzeichen geben; beunruhigen« (17. Jh., nach lung, der Legierung« beruht. – Abl.: Alchemist
gleichbed. franz. alarmer). – Vgl. ↑ Lärm. »Goldmacher, Schwarzkünstler« (spätmhd. al-
Alaun: Die Bezeichnung für das als blutstillendes chimiste, aus entspr. mlat. alchimista). – Vgl. auch
Mittel verwendete Bittersalz (chem.: Kalium- den Artikel ↑ Chemie.
Aluminium-Sulfat), mhd., mniederd. alun, ahd. Alge: Die Bezeichnung der Wasserpflanze wurde
alune, geht zurück auf lat. alumen »bitteres Ton- im 18. Jh. aus lat. alga »Seegras, Seetang« ent-
erdesalz, Alaun«. – Vgl. ↑ Aluminium. lehnt.
Alb (Albdrücken, Albtraum) ↑ Elf. Algebra »Lehre von den mathematischen Glei-
Albatros: Die Bezeichnung für den Meeresvogel chungen, Buchstabenrechnung«: Der Fachaus-
geht auf arab. al-ġattas »eine Art Seeadler« zu- druck der Mathematik wurde im 15. Jh. aus
rück und wurde über ˙˙ span.-port. alcatraz, nie- gleichbed. mlat. algebra, evtl. auch durch roman.
derl. albatros, engl. albatross im 18. Jh. ins Dt. Vermittlung (man beachte entsprechend span.,
entlehnt. Diese Wörter wurden wegen des wei- port. álgebra, ital. algebra, franz. algèbre), ent-
ßen Gefieders des Vogels an lat. albus »weiß« an- lehnt. Dieses geht zurück auf arab. (mit Artikel)
geschlossen. al-ǧabr (eigentlich »das Einrichten gebrochener
Alben ↑ Elf. Knochen«, dann »Wiederherstellung der norma-
albern: Das Adjektiv ist eine verdunkelte Zusam- len Gleichungsform ohne negative Glieder«).
mensetzung aus dem unter ↑ all behandelten alias »anders, auch ... genannt« (Adverb): Das
Wort und einem im Dt. untergegangenen Adjek- Wort wurde im 15. Jh. aus dem Lateinischen über-
tiv * uari- »freundlich, hold, gütig« und bedeutete nommen. Das lat. Adverb alias »ein anderes Mal;

demnach ursprünglich »ganz freundlich«. Die anders, sonst« gehört zu lat. alius »ein anderer«
Bedeutung wandelt sich schon im Mittelalter von (urverwandt mit gleichbed. griech. állos; vgl. das
»freundlich, harmlos« zu »naiv, dumm«. Mhd. al- Präfix ↑ allo... , Allo...). – Zum gleichen Stamm,
wæ  re »schlicht; einfältig, dumm«, ahd. alawari mit Komparativsuffix gebildet, stellt sich lat. al-
»freundlich, wohlwollend« entspricht aisl. olvæ rr ter »der eine von zweien, der andere« mit lat. al-
»freundlich, gastlich«, vgl. dazu got. allawe ˛ rei ternus »abwechselnd« (in ↑ Alternative). – Als
»schlichte Güte«. Damit verwandt ist z. B. der 2. Vorderglied erscheint der Stamm von lat. alius in
Bestandteil von lat. severus »streng« (eigtl. »ohne dem lat. Adv. alibi »anderswo«, das dem der Kri-
Freundlichkeit«). Entfernt verwandt sind auch minalistik und der Rechtswissenschaft angehö-
die unter ↑ gewähren und unter ↑ wahr behandel- renden Substantiv Alibi »Nachweis der Abwesen-
ten Wörter. – Das auslautende -n von albern ge- heit vom Tatort, Unschuldsbeweis« (18. Jh.; aus
genüber mhd. alwæ  re stammt aus den gebeugten gleichbed. franz. alibi) zugrunde liegt.
Formen des Adjektivs. Abl.: Albernheit (17. Jh., in Alimente: Der Ausdruck für »Unterhaltsbeiträge
der Form alberheit). (besonders für uneheliche Kinder)« wurde im
Albino: Die Bezeichnung für »Mensch, Tier oder 15. Jh. aus lat. alimenta (Neutr. Plur. von alimen-
Pflanze mit fehlender Farbstoff bildung« ist eine tum) entlehnt. Seit der 1. Hälfte des 18. Jh.s wird
Entlehnung des frühen 18. Jh.s aus span. albino das Wort in der Rechtssprache verwendet. Das
111 Alkohol – allerhand
lat. Wort bedeutet eigentlich »Nahrung(smit-
tel)«. Es gehört zu dem mit dt. ↑ alt etymologisch
Heiligen gewidmetes Fest der röm.-kath. Kir-
che«); allerlei (zusammengerückt aus der geniti- A
verwandten Verb lat. alere (altum) »(er)nähren;
aufziehen«. – Zum gleichen Stamm gehören auch
lat. altus »hoch; tief« (eigentlich »emporgewach-
vischen Verbindung mhd. aller lei[e] »von aller
Art«, vgl. ↑ ...lei; man beachte dazu Leipziger Al-
lerlei »Leipziger Mischgemüse«); Allerseelen
M
alle

sen«) in ↑ Alt, ↑ Altan, ↑ exaltiert und lat. proles »katholischer Totengedenktag am 2. November«
»Sprössling, Nachkomme« in ↑ Proletarier, ferner (19. Jh., eigentlich Genitiv Plural; nach dem Mus-
lat. co-alescere »zusammenwachsen« (↑ Koali- ter von Allerheiligen gekürzt aus aller Seelen Tag
tion). für kirchenlat. [omnium] animarum dies); allge-
Alkohol »Weingeist, Spiritus«: Das seit dem 16. Jh. mein (mhd. algemeine, Adverb »auf ganz gemein-
bezeugte Lehnwort entstammt der Sprache der same Weise, insgesamt«; mit all verstärktes ↑ ge-
Alchimisten. Es erscheint dort zunächst mit der mein in dessen alter Bed. »gemeinsam«); all-
eigentlichen Bed. »feines, trockenes Pulver«, in mächtig (mhd. almehtec, ahd. alamahtig, Lehn-
der es über entsprechend span. alcohol aus arab. übersetzung von lat. omnipotens), dazu Allmacht
(mit Artikel) al-kuhl »Antimon; daraus bereitete (17. Jh., rückgebildet aus frühnhd. allmächtigkeit,
˙
Salbe zum Schwarzfärben der Augenlider« ent- mhd. almehtecheit); allmählich (mhd. almechlich
lehnt wurde. Die Alchimisten verwandten das »langsam«; der zweite Bestandteil gehört zu ↑ ge-
Wort aber bereits im gleichen Jahrhundert in der mach, vgl. mhd. algemechlı̄che, Adverb »nach
übertragenen Bedeutung »Weingeist« (alcohol und nach« und älter nhd. allgemach »langsam«),
vini). Sie bezieht sich auf die besonders feine Alltag (um 1800; junge Rückbildung aus Wörtern
Stofflichkeit und hohe Flüchtigkeit des Alko- wie Alltagskleidung, in denen älteres alle Tage, al-
hols. – Abl.: alkoholisch »Alkohol enthaltend« letag »täglich; gewöhnlich« steckt; zu alletag ge-
(19. Jh.); Alkoholiker »Gewohnheitstrinker« hören auch alltäglich, 17. Jh., und alltags, 19. Jh.).
(19. Jh.) und Alkoholismus »Trunksucht« (19. Jh.). Allee »von Bäumen gesäumter Weg«: Das Wort
all: Das gemeingerm. Wort mhd., ahd. al, got. alls, wurde im 16. Jh. aus gleichbed. franz. allée (ei-
engl. all, schwed. all gehört wahrscheinlich im gentlich »Gang«, dann »Baumgang«) entlehnt.
Sinne von »ausgewachsen« zu der Wortgruppe Das zugrunde liegende Verb franz. aller »gehen«
von ↑ alt. Das zugrunde liegende germ. * alla- ent- beruht auf gleichbed. mlat. * alare, das für klass.-
stand demnach durch Angleichung von -ln- zu -ll- lat. ambulare »umhergehen, gehen; spazieren«
aus idg. * al-no- »ausgewachsen, vollständig, ge- (vgl. ↑ ambulant) steht. – Siehe auch ↑ Allüren.
samt«, einer alten Partizipialbildung zu der unter Allegorie »sinnbildliche Darstellung, Gleichnis«:
↑ alt dargestellten idg. Wurzel * al- »wachsen«. – Das Wort wurde in frühnhd. Zeit aus griech.-lat.
Schon seit mhd. Zeit wird all bei Voranstellung allegorı́a entlehnt, das eigentlich »das Anderssa-
flexionslos gebraucht, man beachte z. B. all der gen« bedeutet. Gemeint ist die Darstellung eines
Schmerz, mit all seiner Habe. Seit dem 16. Jh. fin- abstrakten Begriffes durch ein konkretes Bild.
det sich stattdessen auch ungebeugtes alle, das in Formal zugrunde liegen griech. állos »anderer«
trotz alledem bewahrt ist. Die in Nord- und Mit- (állon »anderes«) – vgl. ↑ allo... , Allo... – und
teldeutschland übliche Verwendung von alle im griech. agoreúein »sagen, sprechen« (vgl. ↑ Kate-
Sinne von »nicht mehr vorhanden, zu Ende« – gorie).
wie in alle sein, werden, machen – beruht wahr- allegro: Der musikalisch-fachsprachliche Aus-
scheinlich auf einer Ellipse, d. h., alle sein steht druck für »lebhaft, munter« wurde im 17. Jh. mit
für alle verbraucht, verzehrt sein. – Abl.: All anderen musikalischen Tempobezeichnungen
(17. Jh., als Lehnübersetzung für Universum; man (wie ↑ andante usw.) aus gleichbed. ital. allegro
beachte die verdeutlichende Zusammensetzung übernommen. Das ital. Wort selbst geht über
Weltall, 18. Jh.). Zus.: allein (mhd. alein[e], ent- frühroman. Zwischenstufen auf lat. alacer (ala-
sprechend niederl. alleen, engl. alone; vgl. ↑ 1 ein), cris) »lebhaft, munter« zurück. – Dazu: Allegro
dazu alleinig (17. Jh., zunächst oberd.); allenfalls »lebhafter, schneller Satz eines Musikstücks«
(17. Jh., entstanden aus [auf ] allen Fall »für jeden (18. Jh.).
möglichen Fall« mit adverbiellem -s, vgl. Fall, allenfalls, allerdings ↑ all.
↑ fallen); allerdings (16./17. Jh., mit adverbiellem Allergie »berempfindlichkeit (als krankhafte Re-
-s, aus spätmhd. allerdinge »in jeder Hinsicht, aktion des Körpers auf körperfremde Stoffe)«:
gänzlich«, das aus mhd. aller dinge Genitiv Plural Der medizinische Fachausdruck ist eine gelehrte
zusammengerückt ist, vgl. ↑ Ding; im Sinne von Neubildung des frühen 20. Jh.s zu griech. állos
»zwar, freilich« ist allerdings seit dem 19. Jh. ge- »anderer« (vgl. ↑ allo... , Allo...) und griech. érgon
bräuchlich); allerhand (16. Jh., zusammengerückt »Werk; Ding, Sache« (vgl. ↑ Energie), also etwa im
aus mhd. aller hande, Genitiv Plural »von allen Sinne von »Fremdeinwirkung« zu verstehen. Das
Arten«, eigentlich »von allen Seiten«, vgl. Wort lehnt sich auch formal an ↑ Energie an. –
↑ Hand); Allerheiligen (eigentlich Genitiv Plural, Abl.: allergisch »überempfindlich« (Anfang
gekürzt aus aller Heiligen Tag, mhd. aller heiligen 20. Jh.); Allergiker (Mitte 20. Jh.).
tac für kirchenlat. omnium sanctorum dies »allen allerhand ↑ all u. ↑ Hand.
Allerheiligen – also 112

A Allerheiligen, Allerseelen ↑ all.


allerlei ↑ all.
kirchenlat. eleemosyna »Almosen« und über
mlat. Zwischenformen mit anlautendem a- mit
MAlle allesamt ↑ samt.
allgemein ↑ all.
Allianz: Die Bezeichnung für »Staatenbündnis«
der Einführung des Christentums in die germ.
Sprachen: mhd. almuosen, ahd. alamuosan, vgl.
niederl. aalmoes, engl. alms, schwed. allmosa.
1
wurde im frühen 17. Jh. aus franz. alliance »Ver- Alp, Alpe: Der Ausdruck für »Bergweide« (mhd.
bindung, Bund; Staatenbündnis« entlehnt. Das albe, ahd. alba) geht mit den Gebirgsnamen Alb
franz. Substantiv gehört zu afranz. aleier und Alpen (Plural) sowie Allgäu (aus Alpi-gewe)
(= franz. allier) »verbinden, vereinigen«, das sei- wahrscheinlich auf ein voridg. * alb- »Berg« zu-
nerseits auf lat. alligare »anbinden; verbinden« rück, das aber schon früh an die Wortfamilie um
beruht, einer Bildung aus lat. ad »an, hinzu« (vgl. lat. albus »weiß« volksetymologisch angeschlos-
↑ ad... , Ad...) und lat. ligare »binden« (vgl. ↑ legie- sen wurde. Die seit dem 15./16. Jh. gebräuchliche
ren). – Dazu auch Alliierte »Verbündete« (17. Jh.; Nebenform Alm entstand durch Angleichung aus
nach entsprechend franz. allié »verbündet; Bun- alb(e)n, dessen -n aus den gebeugten Formen von
desgenosse« gebildet). mhd. albe stammt. Das Adjektiv alpin wurde im
Alligator: Die seit dem 16. Jh. im Dt. zunächst als frühen 16. Jh. aus lat. alpinus »zu den Alpen ge-
frühnhd. allegarden bezeugte Bezeichnung für hörig« entlehnt und wurde zunächst nur auf die
das v. a. in Sümpfen und Flüssen des tropischen Alpen bezogen.
2
und subtropischen Amerikas lebende krokodil- Alp (Alpdrücken, Alptraum) ↑ Alb.
1
ähnliche Reptil ist wohl über engl. bzw. franz. al- Alpaka: Die Bezeichnung für eine südamerikani-
ligator aus span. el lagarto de los Indios »die sche Lamaart gehört zu den wenigen Entlehnun-
Echse (der Indianer)« entlehnt. Das span. Wort gen (wie ↑ Chinin, ↑ Kautschuk, ↑ Lama), die den
geht auf lat. lacerta »Eidechse« zurück. Indianersprachen Perus entstammen. Grund-
Allmacht, allmächtig ↑ all. wort ist peruan.-indian. paco »rötlich braun, hell
allmählich ↑ all. glänzend« in allpaca, was etwa »Tier mit rötlich
allo..., Allo...: Der erste Bestandteil von Wortbil- braunem Fell« bedeutet. Dies gelangte im 18. Jh.
dungen mit der Bed. »anders, verschieden, durch span. Vermittlung zu uns und bezeichnet
fremd«, vgl. z. B. Allogamie »Fremdbestäubung« auch eine seidenweiche, glänzende Wolle, die Al-
oder in der linguistischen Fachsprache Allo- pakawolle. Nicht damit identisch ist älteres 2 Al-
morph zur Bezeichnung von morphologischen paka »Neusilber«, dessen Herkunft unklar ist.
Varianten, stammt aus dem Griech. Das griech. Alphabet »Abc«: Die seit mhd. Zeit bezeugte Be-
Adjektiv állos »ein anderer«, das urverwandt ist zeichnung führt über entsprechend kirchenlat.
mit gleichbed. lat. alius (vgl. ↑ alias), ist auch das alphabetum auf gleichbed. griech. alphábetos zu-
Stammwort der Fremdwörter ↑ Allotria und ↑ pa- rück. Wie dt. Abc ist auch das griech. Wort aus
rallel. den Anfangsbuchstaben des (griech.) Alphabets
Allotria (meist als Singular empfunden) »Unfug; (álpha und beta) gebildet, die ihrerseits (wie die
Narretei«: Das Substantiv erscheint zuerst in der Buchstabenschrift überhaupt) aus dem Semit.
Gelehrtensprache des frühen 17. Jh.s. Von dort stammen und den Griechen durch die Phönizier
drang es seit dem ausgehenden 18. Jh. in die All- vermittelt wurden (man beachte: hebr. alef »a«
gemeinsprache. Das Wort geht zurück auf griech. ˙ 
und bêt »b«). – Abl.: alphabetisch »das Alphabet
allótria »sachfremde, abwegige Dinge«, das sei- 
betreffend« (Ende 17. Jh.); alphabetisieren »al-
nerseits zu griech. állos (állo) »anderer; anders- phabetisch einreihen, nach der Buchstabenfolge
artig, verschieden« gehört (vgl. ↑ allo... , Allo...). ordnen« (Ende 19. Jh.), »Analphabeten Grund-
Alltag, alltäglich, alltags ↑ all. kenntnisse im Lesen und Schreiben vermitteln«
Allüren »aus dem Rahmen fallendes Benehmen, (Ende 20. Jh.); Analphabet »jemand, der nicht le-
Gehabe«: Das Wort wurde Anfang des 19. Jh.s aus sen und schreiben gelernt hat« (Anfang 19. Jh.,
dem Plural von franz. allure »Gang; Benehmen« aus entsprechend griech. an-alphábetos; über das
entlehnt, das zu franz. aller »gehen« gehört (vgl. verneinende Präfix vgl. ↑ 2 a... , A...).
↑ Allee). Alraun, gewöhnlich Alraune: Die Bezeichnung der
Alm ↑ 1 Alp. als zauberkräftig angesehenen menschenförmi-
Almanach »Kalender; (bebildertes) Jahrbuch«: Das gen Wurzel der Alraunpflanze (Mandragora) lau-
Wort wurde im 15. Jh. durch niederl. Vermittlung tete in den älteren Sprachstadien mhd. alrun(e),
(mniederl. almanag) aus entsprechend mlat. al- ahd. alrun(a). Das Grundwort gehört zu ahd. ru-
manachus entlehnt. Ihm liegt ibero-arab. al-ma- nen »heimlich reden, flüstern« (vgl. ↑ raunen).
nah »Kalender, über mehrere Jahre gültiges as- Der erste Bestandteil ist ahd. al (vgl. ↑ all) im
˘
tronomisches Tafelwerk« zugrunde, das aber im Sinne von »alle Geheimnisse besitzend«.
Arab. sonst nicht bezeugt ist. also: Die nhd. Form geht über mhd. also zurück auf
Almosen »milde, barmherzige Gabe«: Griech. elee- ahd. alsŏ, das ein mit al (vgl. ↑ all) verstärktes so
mosýne »Mitleid, Erbarmen«, das zu griech. éleos (vgl. ↑ so) ist und demnach ursprünglich »ganz
»Jammer, Klage; Mitleid« gehört, gelangte über so« bedeutete. – Neben mhd. also findet sich die
113 alt – Aluminium
abgeschwächte Form als(e), auf der die nhd. Kon-
junktion als beruht.
(< lat. altus) »hoch«. ber weitere etymologische
Zusammenhänge vgl. ↑ Alimente. A
alt: Das gemeingerm. Adjektiv mhd., ahd. alt, got.
(weitergebildet) alÞeis, engl. old, schwed. (Kom-
parativ) äldre bedeutet eigentlich »aufgewach-
Altar: Die Bezeichnung des erhöhten Opfertisches
(vor allem in christlichen Kirchen) geht auf lat. al-
tare (klass.-lat. nur Plural altaria) »Aufsatz auf
M
Alum

sen« und ist das 2. Partizip zu einem im Dt. un- dem Opfertisch, Opferherd, Brandaltar« zurück.
tergegangenen Verb mit der Bed. »wachsen; Das lat. Wort wurde im 8. Jh. im Rahmen der
wachsen machen, aufziehen, ernähren«: got. Christianisierung des germanischen Nordens
alan »wachsen«, aengl. alan »nähren«, aisl. ala entlehnt (ahd. altari, mhd. altæ  re, entsprechend
»nähren, hervorbringen«. Außergerm. entspricht engl. altar).
z. B. lat. altus »hoch«, das eigentlich das 2. Parti- altbacken ↑ backen.
zip von lat. alere »nähren, großziehen« ist und Altenteil ↑ alt.
ursprünglich »groß gewachsen« bedeutete (s. Alter: Das agerm. Wort für »Lebensalter, Lebens-
↑ Alt, ↑ Alimente u. ↑ Proletarier). Diese germ. und zeit, Zeit« (mhd. alter, ahd. altar, niederl. ou-
lat. Formen beruhen mit verwandten Wörtern in der[dom], aengl. ealdor, schwed. ålder) gehört zu
anderen idg. Sprachen auf der idg. Wurzel * al-, der Wortgruppe von ↑ alt. Im heutigen Sprachge-
»wachsen; wachsen machen, nähren«, zu der aus brauch wird Alter gewöhnlich im Sinne von »Le-
dem germ. Sprachbereich auch die unter ↑ all, bensjahre, Lebensabschnitt« und als Gegenwort
↑ Alter und ↑ Welt behandelten Wörter gehören. zu Jugend verwendet. In Zusammensetzungen
Abl.: veralten (mhd. veralten, ahd. firalten »zu alt und in bestimmten Wendungen hat Alter auch
werden«, Präfixbildung zu mhd. alten, ahd. alten die Bed. »Zeit, langer (Zeit)abschnitt«, beachte
»alt werden«). – Zus.: altbacken (16. Jh.; ↑ backen); z. B. von alters her und Zeitalter, Weltalter. Abl.: al-
Altenteil »Vorbehaltsteil der Eltern nach ber- tern »alt werden« (18. Jh.); Altertum (17. Jh., im
gabe eines Bauernhofs an die Kinder« (18. Jh., zu- Sinne von »Altsein«; seit dem 18. Jh. in der heute
nächst nordd.); altklug »klug wie ein Alter« üblichen Bed. »alte Zeit der Geschichte«; man
(18. Jh.; tadelnd verwendet); Altvordern »Vorfah- beachte auch die Verwendung des Plurals Alter-
ren« (mhd. altvorder, ahd. altford[o]ro »Vorfahr«, tümer im Sinne von »Realien, Gegenstände der
gewöhnlich Plural »Vorfahren, Voreltern«; ei- Altertumskunde«).
gentlich »der Altfrühere«, vgl. ↑ vorder); Altwei- Alternative »Entscheidung zwischen zwei Mög-
bersommer »Spät-, Nachsommer« (17. Jh.), »die lichkeiten; andere Möglichkeit; Möglichkeit,
im Spätsommer herumfliegenden Spinnenfä- zwischen zwei oder mehreren Dingen zu wäh-
den« (Anfang des 19. Jh.s). len«: Das Substantiv wurde in der 2. Hälfte des
Alt »tiefe Frauenstimme«: Der seit dem 15./16. Jh. 17. Jh.s aus dem Franz. entlehnt. Das gleichbed.
bezeugte musikalische Terminus, der letztlich franz. alternative gehört zu franz. alterne (< lat.
auf lat. altus »hoch; tief« beruht (zum Stamm von alternus) »abwechselnd; wechselweise« (vgl.
lat. alere »[er]nähren; aufziehen«, vgl. ↑ Ali- ↑ alias). Im Gegensatz zu dem gebräuchlichen
mente), erscheint zunächst mit der Bed. »hohe Substantiv hat das seit dem 18. Jh. bezeugte Adj.
Männerstimme«. In diesem Sinne setzt er gleich- alternativ »wahlweise; zwischen zwei oder meh-
bed. lat. vox alta fort. Der Bedeutungsübergang reren Möglichkeiten die Wahl lassend« (< gleich-
von »hohe Männerstimme« zu »tiefe Frauen- bed. franz. alternatif) in den vergangenen Jahr-
stimme« war erst möglich, als sich Frauen im hunderten so gut wie gar keine Rolle gespielt. Es
18. Jh. als Solistinnen in der Kirchenmusik und in ist erst in der 2. Hälfte des 20. Jh.s allgemein üb-
der Oper durchgesetzt hatten und damit die vor- lich geworden, und zwar v. a. in der Bed. »eine an-
her von Männern gesungene, für die natürliche dere Lebensweise vertretend; im Gegensatz zum
männliche Stimmlage zu hohe Altstimme über- Herkömmlichen stehend«.
nahmen. Im Deutschen vollzog sich dieser ber- altklug ↑ alt.
gang in der Bedeutung wohl unmittelbar nach altmodisch ↑ Mode.
dem Vorbild von älter ital. alto »hohe Männer- Altruismus »durch Rücksicht auf andere gekenn-
stimme; tiefe Frauenstimme«. zeichnete Denk- und Handelsweise, Selbstlosig-
Altan »Balkon; Söller«: Das seit dem 15. Jh. zuerst keit«: Das im späten 19. Jh. aus gleichbed. franz.
als Altane bezeugte Fachwort (die heute übliche altruisme entlehnte Wort gehört zu lat. alter »der
männliche Form entwickelte sich nach dem Vor- andere« (vgl. ↑ Alternative) und wurde in Frank-
bild von Balkon) breitete sich von Österreich und reich als Gegenbegriff zu Egoismus gebildet. Abl.:
Bayern auf das gesamte Sprachgebiet aus. Das altruistisch »selbstlos« (Ende 19. Jh.).
Wort gehört zu einer Reihe anderer Lehnwörter, Alt und jung s. Kasten
wie ↑ Bastei und ↑ Bastion, die seit dem Beginn Altvordern, Altweibersommer ↑ alt.
der Renaissance als Fachwörter der italienischen Aluminium: Das im 19. Jh. entdeckte weiß glän-
Baukunst von Italien nach Deutschland gelangt zende Leichtmetall wurde nach seinem natürli-
sind. Ital. altana »hoher, vorspringender Teil ei- chen Vorkommen in der Alaunerde benannt. Das
nes Gebäudes; Altan« ist eine Bildung zu ital. alto Wort ist eine gelehrte nlat. Bildung zu lat. alumen
am..., Am... – Amateur 114

A alt und jung


Während die Wort- und Bedeutungsgeschichte deshalb auf das Wort Senioren fallen, weil sich die
Mam.. von »jung« von Anfang an recht konstant geblie-
ben ist, hat sich unsere Vorstellung vom Alter im
Menschen – sofern sie keine Sprachwissenschaft-
ler waren – nun nicht mehr an die ehemals nega-
Laufe der Jahrhunderte beträchtlich gewandelt. tiv empfundenen Bedeutungsaspekte von senex
Im Unterschied zu dt. jung ist sein Gegenüber alt erinnern konnten. Die Bedeutung eines Wortes
kein primäres Adjektiv, sondern ist ein Partizip entfaltet sich also immer neu in seinem aktuellen
zu einer Verbalwurzel idg. * al-a in der Bedeutung Gebrauch. Einzelne Wörter wie Senat, eigentlich
»wachsen, nähren«, das noch in lat. alere »näh- »Rat der Alten« und Senator, die ebenfalls zu se-
ren, anwachsen lassen« vorliegt. Die ursprüngli- nex gehören, sind von negativen Konnotationen
che Bedeutung von dt. alt, engl. old, niederländ. ganz unberührt geblieben. Sie zeigen, dass die
oud, schwed. åldrig ist also »herangewachsen, er- Vorstellung vom Alter auch in dieser Wortfamilie
wachsen«. Der Form nach entspricht das genau anfangs noch positiv gefärbt war. Ein weiterer
lat. altus, das eigentlich »groß geworden« meint Euphemismus findet sich im ältesten Deutsch als
und von dort je nach dem Standpunkt des Be- ahd. her »alt, ehrwürdig«, und bedeutet eigent-
trachters »hoch« oder »tief« bedeuten kann. So lich »grauhaarig«, sein moderner Fortsetzer hehr
erklärt sich die verschiedenartige Entwicklung in ist heute so gut wie ausgestorben. An ein anderes
den europäischen Einzelsprachen, etwa ital. in Wort für alt erinnert das Adjektiv vergammelt,
aqua alta »Hochwasser«. Die romanischen Ent- das aus dem Niederdt. stammt und mit nieder-
sprechungen von altus haben sich also vorwie- länd. , dän. gammel und schwed. gammal »alt«
gend im räumlichen Sinne entwickelt, die germa- verwandt ist. Das Wort lässt sich bis in die ger-
nischen im zeitlichen Sinne. Die Verwendung von manische Zeit zurückverfolgen, findet sich aber
alt zur Bezeichnung des Lebensalters in den ger- nicht in den idg. Sprachen. Während es im Schwe-
manischen Sprachen ist vermutlich ein Euphe- dischen neutral gebraucht werden kann: »Gamla
mismus, der andere Wörter verdrängt hat, um ei- Testamentet«, zeigt das Deutsche mit vergam-
nen negativen Klang bei der Bezeichnung des Al- melt eine deutliche Bedeutungsverschlechte-
ters zu vermeiden. Eines dieser verdrängten Wör- rung. Ein Fortsetzer von lat. anticus begegnet im
ter steckt heute noch in dem Wort Senior Ȋlterer Deutschen nur mit dem Lehnwort antik (seit dem
Geschäftspartner, älterer Mensch«, das aus dem 17. Jh.), es begegnet auch in frz. ancien, ital. an-
Komparativ lat. senior »älter« zu lat. senex »alt« tico, span. antiguo sowie engl. ancient und gehört
gebildet wurde, in der heute üblichen Bedeutung zu lat. ante »vor«. Die Wörter zeigen eine Bedeu-
aber erst spät ins Deutsche entlehnt wurde. Das tungsentwicklung von »alt« zu »altertümlich,
Adjektiv senex konkurriert im Lateinischen bei das Altertum betreffend«, die sich in den roma-
der Bezeichnung der Vorstellung von »alt« in ei- nischen Sprachen im Zuge kunst- und kulturhis-
nem zeitlichen Sinne mit antı̄cus (»das Vorher im torischer Studien vollzogen hat. Fortsetzer von
Raum«), antı̄quus (»das Vorher im Rang und in lat. vetus begegnen in frz. vieux, ital. vecchio,
der Zeit«) und vetus. Dt. alt und engl. old treten in span. viejo, port. velho, russ. vetchij, die alle »alt«
den germanischen Sprachen an die Stelle von se- in einem allgemeinen Sinne bedeuten. Diese
nex, weil sie zunächst neutral gebraucht werden Wörter gehen auf idg. * uet- »Jahr« zurück. Unter
konnten. Dies spricht für eine gewisse Wert- all den aus den älteren europäischen Sprachen
schätzung des Alters. Die Wörter um lat. senex ererbten Adjektiven dominiert im heutigen
haben dagegen schon früh durch Ableitungen wie Deutsch allein das Adjektiv alt. Es kann in unter-
lat. senere »alt, schwach sein« senescere »altern, schiedlichen Kontexten verwendet werden: als
hinschwinden« oder senilis »greisenhaft« einen »hoch an Jahren« (im Gegensatz zu jung); als
negativen Beiklang erhalten. Für diese Ersetzung »früher« (im Gegensatz zu später), von dort aus
in frühmittelalterlicher Zeit sind also die glei- auch als »ehemalig« (z. B. Altkanzler); als »seit
chen Gründe vorhanden wie bei der Ersetzung Jahren bestehend« (im Gegensatz zu neu), von
von Altersheim durch Seniorenheim in der jünge- dort aus auch als »vertraut« und schließlich als
ren Vergangenheit. Die Wahl konnte aber nur »traditionell« (im Gegensatz zu modern).

»Alaun« (vgl. ↑ Alaun), heute oft in der Kurzform vermutlich eine Umgestaltung von arab. amal al-
Alu. ǧama »Durchführung der Vereinigung« und be-
am..., Am... ↑ amb... , Amb... zieht sich auf den in der alchemistischen Litera-
Amalgam: Das vor allem aus der Zahnmedizin tur mehrfach anzutreffenden Vergleich der
durch die Amalgamfüllungen bekannte Wort für Quecksilber-Metall-Amalgamierung mit dem
»Legierung eines Metalls mit Quecksilber« Geschlechtsverkehr.
wurde im frühen 16. Jh. aus dem mittelalterlichen Amateur: Das im 17. Jh. aus gleichbed. franz. ama-
Alchemistenlatein entlehnt. Mlat. amalgama ist teur entlehnte Wort, das seinerseits lat. amator
115 Amazone – Ammer
(-toris) »Liebhaber, Verehrer; jemand, der einer
Sache sehr zugetan ist« fortsetzt, bezeichnete
gehört zu dem im Nhd. untergegangenen Verb
mhd. boen, ahd. bo an »schlagen, stoßen, klop- A
zunächst den Kunstliebhaber und Kunstfreund,
allerdings mit dem leicht verächtlichen Neben-
sinn des Dilettantischen. Erst von der Mitte des
fen«. Das ahd. Wort anabo ist vermutlich eine
Lehnbildung nach lat. incus »Amboss« (zu lat. in
»in, auf« und cudere »schlagen«) und bezeich-
M
Amme

19. Jh.s an kommt die heute (auch im Sport) übli- nete dann zunächst den römischen Amboss, den
che Bedeutung des Wortes »jemand, der eine Sa- die Germanen durch die römische Schmiede-
che nicht berufsmäßig, sondern aus Liebhaberei kunst kennengelernt und übernommen hatten.
betreibt« auf. Zugrunde liegt das lat. Verb amare ambulant »nicht stationär; nicht ortsgebunden«:
»lieben, verehren; gern tun« sowie die Substan- Fügungen wie ambulantes Gewerbe u. ambulante
tive lat. amicus »Freund«, lat. amita »Vaters- Behandlung (Gegensatz: stationäre Behandlung)
schwester, Tante« (↑ Tante), das von dem auch in weisen dieses Lehnwort zwei Bereichen zu, dem
↑ Amme vorliegenden kindersprachlichen Lall- medizinischen und (heute seltener) dem kauf-
wort * am(m)a ausgeht. männischen. Entlehnt wurde das Wort im 18. Jh.
Amazone: Das schon im Mhd. im Plural amâzones aus dem Französischen. Franz. ambulant geht zu-
vorkommende Lehnwort hat zunächst die histo- rück auf lat. ambulans (ambulantis) »herumge-
rische Bed. »kriegerische Frau«. Es geht über ent- hend«, zu ambulare »herumgehen«, das viel-
sprechend lat. Amazoes (Plural) auf griech. Ama- leicht mit griech. alasthai »umherirren« und alý-
zones (Plural; Singular Amazon) zurück, den Na- ein »außer sich sein, umherirren« (↑ Halluzina-
men eines kriegerischen Frauenvolkes in Klein- tion, halluzinieren) unter einer idg. Wurzel * al
asien. In der franz. Ritterpoesie tritt dann das »planlos umherirren« zu vereinigen ist. – Dazu
Wort in der Bedeutung »kühne Reiterin« (franz. das seit dem frühen 19. Jh. bezeugte Substantiv
amazone) auf und wird so auch bei uns verwen- Ambulanz »bewegliches Feldlazarett«, das aus
det. Danach nennt man im Reitsport seit der franz. ambulance entlehnt ist. Man beachte fer-
Mitte des 18. Jh.s die weiblichen Teilnehmer am ner ↑ Präambel, das lat. ambulare als Grundwort
Spring- oder Jagdreiten Amazonen. Die Herlei- enthält. – Im Vulgärlat. hat sich aus ambulare die
tung aus griech. a- »ohne« und mazós »Brust«, Kurzform * alare entwickelt, auf das franz. aller
weil die Amazonen so besser den Bogen spannen (↑ Allee, ↑ Allüren) zurückgeht.
konnten, ist volksetymologisch; vermutlich auch Ameise: Die westgerm. Bezeichnung mhd. ameie,
die Verbindung mit dem Gewässernamen Ama- ahd. amei a, mniederd. emete, engl. emmet, ant
zonas. gehört zu dem unter ↑ Meißel behandelten Verb
amb..., Amb... (vor Vokalen), ambi... , Ambi... , mhd. meien, ahd. mei an »(ab)schneiden;
am... , Am... (vor Konsonanten): Die aus dem Lat. hauen«. Die Vorsilbe mhd., ahd. a- bedeutet
stammende Vorsilbe mit der Bed. »um, herum, »fort, weg« (vgl. ↑ Ohnmacht). Die Ameise ist
ringsum« in Lehnwörtern wie ↑ Ambition und wohl nach dem scharfen Einschnitt zwischen
↑ ambulant stammt aus lat. amb(i)-, am- »um, he- Vorder- und Hinterkörper als »die Abgeschnit-
rum, ringsum«, das etymologisch verwandt mit tene« benannt, was eine semantische Parallele in
dt. ↑ bei ist. lat. insectum »Insekt« (eigtl. »das Eingeschnit-
Ambiente »Umgebung, Atmosphäre«: Das im tene«) hat. Möglich, aber weniger wahrscheinlich
20. Jh. aus gleichbed. ital. ambiente entlehnte ist eine Deutung als »die Abschneiderin«, weil
Wort geht zurück auf lat. ambiens, Genitiv am- nur die tropischen Arten Holzteile, Nadeln und
bientis, das 1. Partizip von ambire »herumgehen« Gräser zerschneiden.
(vgl. ↑ Ambition). Heute wird es meist in der Bed. amen: Das Schlusswort beim Gebet, mhd. amen,
»die ästhetische Gestaltung eines Raumes« ver- beruht auf lat.-griech. amén, hebr. amen »wahr-
wendet. lich; es geschehe!«. ˙
Ambition »(beruflicher) Ehrgeiz«: Das Substantiv Amethyst: Die Bezeichnung des veilchenblauen
ist im 16. Jh. über gleichbed. franz. ambition aus Schmucksteins (mhd. ametiste) ist aus lat. ame-
lat. ambitio entlehnt. Das lat. Substantiv bedeu- thystus entlehnt, das seinerseits aus gleichbed.
tet eigentlich »das Herumgehen«, dann im spe- griech. améthystos stammt. Das griech. Wort be-
ziell politischen Sinn »das Herumgehen bei den deutet eigentlich »nicht trunken« (zu griech. a-
Wählern in der Absicht, um deren Gunst zu wer- »nicht, un-« [vgl. ↑ a... , A...] und griech. methýein
ben«. Es gehört als Ableitung zu lat. amb-ire »he- »trunken, berauscht sein«); es bezieht sich da-
rumgehen«, einer Bildung zu lat. ire »gehen« (vgl. rauf, dass man schon im Altertum glaubte, der
↑ amb... , Amb... und ↑ Abiturient). Stein würde vor Trunkenheit schützen.
Amboss »Unterlage bei der Metallbearbeitung, bes. Amme: Das Wort für »Pflegemutter, Kinderfrau«
beim Schmieden«: Das auf das dt. Sprachgebiet (mhd. amme, ahd. amma) ist ein Lallwort aus der
beschränkte Substantiv mhd. anebo, ahd. ana- Kindersprache und findet sich z. B. auch in aisl.
bo bedeutet eigentlich »woran (worauf) man amma »Großmutter«, griech. ámmia »Mutter«
schlägt«. Der erste Bestandteil ist die unter ↑ an und span. ama »Amme«. Siehe auch ↑ Hebamme.
behandelte Präposition, der zweite Bestandteil Ammer: Die Bezeichnung der Finkenart geht zu-
Ammoniak – Amt 116

A rück auf mhd. amer, ahd. amaro, das wahrschein-


lich aus * amarofogal gekürzt ist und eigentlich
immer mehr von dem Lehnwort ↑ Lampe zurück-
gedrängt. Im modernen Sprachgebrauch hat sich
MAmmo »Dinkelvogel« bedeutet. Das Bestimmungswort
gehört zu ahd. amar »Dinkel«; man beachte
südd. Emmer »Dinkel«, das auf gleichbed. ahd.
Ampel als Kurzform für Verkehrsampel für das
ursprünglich über der Straßenkreuzung hän-
gende Verkehrssignal allgemein durchgesetzt. –
amari zurückgeht. Der Vogel ist so benannt, weil Lat. ampulla (< * ampor-la) ist eine Verkleine-
er sich vorwiegend von Getreidekörnern ernährt rungsbildung zu lat. amp(h)ora »zweihenk(e)li-
(vgl. zur Benennung unter ↑ Hänfling sowie aengl. ger Krug«, das seinerseits entlehnt ist aus griech.
amore »Ammer«). amphoreús (für amphiphoreús) »an beiden Seiten
Ammoniak: Die Bezeichnung der stechend riechen- zu tragender (Krug)«, das zu griech. amphı́ »zu
den gasförmigen Stickstoff-Wasserstoff-Verbin- beiden Seiten; ringsum, um – herum« (vgl. ↑ am-
dung geht auf lat. sal Ammoniacum »Ammons- phi... , Amphi...) und griech. phérein »tragen«
salz« zurück (nach der Ammonsoase in Ägypten, (vgl. ↑ Peripherie) gehört. – Vgl. auch ↑ Eimer.
in der dieses Steinsalz zur medizinischen Verwen- amphi... , Amphi...: Die aus dem Griech. stam-
dung u. a. gefunden wurde). Die Gasform wird erst mende Vorsilbe mit der Bed. »ringsum, um – he-
1774 beachtet und beschrieben. rum; beidseitig; zweifach«, z. B. im Lehnwort
Amnestie: Das Wort für »Begnadigung; Strafer- ↑ Amphibie oder in Amphitheater, stammt aus
lass« wurde im 16. Jh. aus griech.(-lat.) amnestı́a gleichbed. griech. amphı́ (Präposition u. Präfix),
»Vergessen; Vergebung« entlehnt. Es ist gebildet das etymologisch verwandt ist mit dt. ↑ bei.
mit ↑ 2 a... , A... und griech. mnasthai »sich erin- Amphibie »Tier, das sowohl im Wasser als auf dem
nern«. Land leben kann; Lurch«: Das seit dem 16. Jh. zu-
Amöbe: Die Bezeichnung des zur Klasse der Wur- nächst als amphibion, erst Ende des 18. Jh.s in ein-
zelfüßer gehörenden Urtierchens beruht auf ei- gedeutschter Form bezeugte Wort beruht auf ei-
ner gelehrten Entlehnung des 19. Jh.s aus griech. ner gelehrten Entlehnung aus gleichbed. griech.-
amoibé »Wechsel, Veränderung« (zu griech. lat. amphı́bion. Das zugrunde liegende Adjektiv
ameı́bein »wechseln«, das wohl zu der unter griech. amphı́-bios »doppellebig, auf dem Lande
↑ Meineid dargestellten idg. Wortfamilie gehört). und im Wasser lebend« gehört zu griech. amphı́
Benannt ist die Amöbe nach ihrer Eigenschaft, »ringsum, um – herum; beidseitig; zweifach«
ständig die Gestalt zu wechseln. (vgl. ↑ amphi... , Amphi...) und griech. bı́os »Le-
Amok »blindwütiges Rasen und Töten, krankhafte ben« (vgl. ↑ bio... , Bio...). – Im übertragenen Sinne
Angriffs- und Mordlust«: Das in bestimmten Fü- erscheint das Wort in der Zusammensetzung
gungen und Zusammensetzungen (Amok laufen, Amphibienfahrzeug »schwimmfähiges Landfahr-
fahren; Amokfahrer, -läufer, -schütze) vorkom- zeug« (20. Jh.).
mende Wort wurde im 17. Jh. durch Reisebe- Ampulle »bauchiges Gefäß; Glasröhrchen«: Die
schreibungen bekannt und aus malai. amuk »wü- Bezeichnung wurde im 19. Jh. aus lat. ampulla
tend, rasend« entlehnt. »kleine Flasche; Ölgefäß« (vgl. ↑ Ampel) ent-
amortisieren »(Schulden) tilgen, abschreiben; sich lehnt. – Vgl. auch ↑ Pulle.
bezahlt machen«: Das seit dem 18. Jh. – zunächst amputieren »einen Körperteil operativ abtrennen«
in der Bed. »eine (Schuld)urkunde für ungültig (Med.): Das Wort wurde im 17. Jh. in der Bedeu-
erklären« – bezeugte kaufmannssprachliche tung »wegschneiden, abhauen« aus gleichbed.
Wort ist aus franz. amortir »abtöten; abtragen« lat. am-putare, einer Bildung zu lat. putare
entlehnt. Das franz. Wort selbst beruht auf vul- »schneiden; reinigen, ordnen; berechnen, vermu-
gärlat. * ad-mortire »zu Tode bringen«. Stamm- ten usw.«, entlehnt. Seit dem späten 18. Jh. wird
wort ist das mit dt. ↑ mürbe etymologisch ver- es als medizinischer Fachausdruck im heutigen
wandte Verb lat. mori »sterben«. Sinne verwendet (zum 1. Bestandteil vgl. den Ar-
amourös »Liebschaften betreffend, von Liebesbe- tikel ↑ amb... , Amb...). – Man beachte in diesem
ziehungen handelnd«: Das Adjektiv ist seit An- Zusammenhang drei weitere Präfixverben von
fang des 20. Jh.s kontinuierlich belegt, wurde aber lat. putare: lat. de-putare »einem etwas zuschnei-
schon Mitte des 16. Jh.s aus franz. amoureux ent- den, bestimmen« (in ↑ deputieren, Deputat, De-
lehnt, das auf lat. amorosus »liebevoll, geliebt« putation), lat. disputare »nach allen Seiten erwä-
(zu lat. amor »Liebe«, vgl. ↑ Amateur) zurück- gen« (in ↑ Disput, disputieren), lat. com-putare
geht. »zusammenrechnen« (in ↑ Computer, ↑ Konto,
Ampel: Mhd. ampel, ampulle, ahd. ampulla gehen ↑ Kontor, Kontor[ist], ↑ Diskont, ↑ Skonto).
zurück auf lat. ampulla »kleine Flasche; Ölgefäß« Amsel: Die Herkunft der westgerm. Vogelbezeich-
(vgl. auch ↑ Ampulle und ↑ Pulle). Bis ins 14. Jh. be- nung mhd. amsel, ahd. ams(a)la, engl. ouzel ist
zeichnete das Wort Ampel ausschließlich die nicht sicher geklärt. Entfernt verwandt ist viel-
ewige Lampe (Glasgefäß mit Öl und Docht) über leicht lat. merula »Amsel«, aus der mhd. merle,
dem Altar in der Kirche. Erst von da an wurden ahd. merla, engl. merle entlehnt wurden.
auch Beleuchtungskörper im häuslichen Leben Amt »Dienststellung; Dienstraum, Dienstge-
so benannt. Seit dem 16. Jh. wird das Wort jedoch bäude; Dienstbereich, Verwaltungsbezirk«: Die
117 Amtsschimmel – Anarchie
germ. Substantivbildungen mhd. amb(e)t, am-
bahte, ahd. ambaht(i), got. andbahti, aengl. am-
deren idg. Sprachen auf idg. * an-, vgl. z. B. griech.
aná »auf, hinan, entlang«, das in zahlreichen aus A
beht, schwed. ämbete gehören im Sinne von
»Dienst, Dienstleistung« zu einem gemeingerm.
Wort für »Diener, Gefolgsmann«: ahd. ambaht,
dem Griech. entlehnten Wörtern als erster Be-
standteil steckt (↑ ana... , Ana...). – Zu an stellen
sich im Dt. die Bildungen ↑ ahnen und ↑ ähnlich.
M
Anar

got. andbahts, aengl. ambeht »Diener, Dienst- Als Adverb ist an durch heran und hinan ersetzt
mann, Bote«, vgl. die Femininbildung aisl. am- worden, steckt aber in unfest zusammengewach-
batt »Dienerin«. Dieses Wort ist – wie wahr- senen Verben und in Wörtern wie bergan, hin-
scheinlich auch die unter ↑ Eid, ↑ Geisel und tenan, anbei.
↑ Reich behandelten Wörter – aus dem Kelt. ent- an... , An... ↑ ad... , Ad...
lehnt, und zwar aus kelt. ambactos »Diener, an... , An... ↑ ad... , Ad...
Bote«, das eigentlich »Herumgeschickter« be- ana..., Ana...: Die aus dem Griech. stammende
deutet (vgl. ↑ Achse). Abl.: amtlich »dienstlich; Vorsilbe mit den Bedeutungen »auf, hinauf; ge-
von einer Amtsstelle ausgehend, offiziell« (mhd. mäß, entsprechend«, in Entlehnungen wie ↑ Ana-
ambetlich, ahd. ambahtlı̄h); Beamte »Inhaber ei- lyse, ↑ analog u. a., griech. aná (Präposition und
nes öffentlichen Amtes« (17. Jh., Substantivie- Präfix) »auf, hinauf; entlang; gemäß usw.«, ist
rung von frühnhd. beam[p]t »mit einem Amt be- mit dt. ↑ an urverwandt.
traut, beamtet«). analog »entsprechend, ähnlich, gleichartig«: Das
Amtsschimmel: Der seit dem 19. Jh. gebräuchliche Adjektiv wurde im 18. Jh. über entsprechend
Ausdruck für »Bürokratie« enthält als Grund- franz. analogue aus gleichbed. griech.-lat. análo-
wort wahrscheinlich ein volksetymologisch um- gos (eigtl. »dem Logos, der Vernunft entspre-
gestaltetes österr. Simile »Formular« (aus lat. si- chend«) entlehnt. Dies gehört zu griech. aná »ge-
milis »ähnlich«). Das Simile war im alten Öster- mäß« (vgl. ↑ ana... , Ana...) und griech. lógos
reich ein Musterformular, nach dem bestimmte »Wort, Rede; Satz, Maß; Denken, Vernunft« (vgl.
wiederkehrende Angelegenheiten schematisch ↑ Logik). Heute wird es meist in der Datenverar-
erledigt wurden (im Juristenjargon wurde Schim- beitung im Gegensatz zu digital verwendet. – Das
mel im Sinne von »Musterentscheid, Vorlage« ge- hierher gehörende Substantiv Analogie »Ent-
braucht). Daher nannte man Beamte, die alles sprechung, Gleichartigkeit, bereinstimmung«
nach dem gleichen Schema erledigten, scherz- erscheint als wissenschaftlicher Terminus be-
haft Simile- oder Schimmelreiter. – Andererseits reits im 15. Jh. in unmittelbarer bernahme von
könnte der Ausdruck von der Schweiz ausgegan- entsprechend griech.-lat. analogı́a.
gen sein und sich darauf beziehen, dass die Analphabet ↑ Alphabet.
Schweizer Amtsboten früher auf Pferden (Schim- Analyse »Auflösung; Zergliederung, Untersu-
meln) Akten und Entscheidungen zu überbrin- chung«: Der im 16. Jh. entlehnte und in dieser
gen pflegten. Form seit dem 18. Jh. bezeugte wissenschaftliche
Amulett »kleiner, oft als Anhänger getragener Ge- Terminus geht zurück auf griech.-mlat. análysis
genstand als Talisman«: Das Wort wurde im »Auflösung; Zergliederung«. Dies gehört zu
16. Jh. aus gleichbed. lat. amuletum entlehnt. Die griech. ana-lýein »auflösen«, eine Zusammenset-
weitere Zugehörigkeit des Wortes ist unsicher. zung von griech. lýein »lösen« (etymologisch ver-
amüsieren »angenehm unterhalten, erheitern«, wandt mit den unter ↑ los genannten Wörtern). –
auch reflexiv gebraucht: Das Lehnwort ist seit Dazu: analysieren »zergliedern, untersuchen;
dem frühen 17. Jh. als amusieren »jmdn. auf- eine chemische Analyse vornehmen« (17. Jh.).
halten« bezeugt. Seit dem 18. Jh. wird es in der Ananas: Die seit dem 16. Jh. bezeugte Bezeichnung
heutigen Form und im heutigen Sinne allgemein der tropischen Südfrucht ist aus port. ananás
üblich und zum Leitwort der bürgerlichen entlehnt, dem wohl das gleichbedeutende naná
Sprachkultur des 19. Jh.s. Es ist entlehnt aus der südamerikanischen Indianersprache Gu-
franz. amuser »das Maul aufreißen machen; aranı́ zugrunde liegt.
Maulaffen feilhalten; foppen, belustigen« (für Anarchie »Herrschaftslosigkeit; Zustand, in dem
den reflexiven Gebrauch ist franz. s’amuser »sich die Staatsgewalt nicht ausgeübt wird; politisches,
vergnügen usw.« Vorbild). Das franz. Wort ist wirtschaftliches, soziales Chaos«: Das Wort
wohl eine Bildung (denominatives Präfixverb) zu wurde im 16. Jh. aus gleichbed. griech. an-archı́a
vulgärlat. * musus »Schnauze, Maul« (in franz. entlehnt, das seinerseits von griech. án-archos
museau »Schnauze«, ital. muso »Schnauze«). – »führerlos; zügellos« abgeleitet ist. Das griech.
Dazu: amüsant »unterhaltsam, vergnüglich« Wort ist mit verneinendem Präfix (vgl. ↑ 2 a... , A...)
(18. Jh., aus gleichbed. franz. amusant) und Amü- zu griech. árchein »vorangehen, Führer sein,
sement »unterhaltsamer Zeitvertreib; Vergnü- herrschen« (vgl. ↑ Archiv) gebildet. – Zu Anarchie
gen« (17. Jh., aus gleichbed. franz. amusement). stellen sich die Bildungen Anarchismus »Lehre,
an: Das gemeingerm. Wort (Präposition und Ad- Anschauung, die jede Staatsgewalt und jeden ge-
verb) mhd. an(e), ahd. an(a), got. ana, engl. on, setzlichen Zwang ablehnt« und Anarchist »An-
schwed. å beruht mit verwandten Wörtern in an- hänger des Anarchismus«, die mit den Ende des
Anästhesie – Anfang 118

A 18. Jh.s/Anfang des 19. Jh.s aufkommenden poli-


tischen Anschauungen Verbreitung fanden.
zahlwort ist ander im Nhd. durch die junge Bil-
dung zweite (vgl. ↑ zwei) verdrängt worden. Von
MAnäs Anästhesie: Der medizinische Fachausdruck für
»künstliche Schmerzbetäubung;
unempfindlichkeit« ist eine gelehrte Entlehnung
Schmerz-
der alten Verwendung von ander im Sinne von
»der Zweite« gehen aus anderthalb »eineinhalb«,
eigtl. »das zweite Halbe« (mhd. anderhalp, ahd.
des 19. Jh.s aus griech. an-aisthesı́a »Gefühlslo- anderhalb; spätmhd. anderthalp mit dem -t- der
sigkeit, Unempfindlichkeit«, einer Bildung aus Ordnungszahlwörter); anderweit veraltet für »in
griech. a- »un...« (vgl. ↑ 2 a... , A...) und griech. aist- anderer Hinsicht, sonstwie« (mhd. anderweide,
hánesthai »fühlen, empfinden; wahrnehmen« anderweit »zum zweiten Mal«; durch Anlehnung
(vgl. ↑ Ästhetik). an das Adjektiv weit seit dem 17. Jh. dann »ander-
Anatomie: Die medizinische Bezeichnung für wärts, anderswo, sonst«; zum Grundwort mhd.
»Lehre vom Körperbau der Lebewesen« wurde im weide »Weide, Tagesreise, Weg« vgl. ↑ 2 Weide),
15. Jh. aus gleichbed. griech.-spätlat. anatomı́a dazu anderweitig (17. Jh.). Die alte Verwendung
entlehnt, das seinerseits zu griech. ana-témnein von ander als Ordnungszahlwort lässt sich auch
»aufschneiden, sezieren« gehört, einer Bildung noch in der Gegenüberstellung mit ein erkennen,
aus griech. aná »auf« (vgl. ↑ 2 a... , A...) und griech. man beachte z. B. der eine – der andere, ein Wort
témnein »schneiden, zerteilen« (vgl. ↑ Atom). gab das andere. Heute wird ander zum Ausdruck
anbahnen ↑ Bahn. der Verschiedenheit und zu unbestimmt unter-
anbändeln ↑ Bändel. scheidender Wertung verwendet. – Das Adverb
anbelangen ↑ belangen. anders (mhd. anders, ahd. anderes) ist der adver-
anberaumen »zeitlich festlegen, ansetzen«: Das aus biell erstarrte Genitiv Singular. Abl.: ändern »an-
der Kanzleisprache stammende Wort hat sich – ders machen« (mhd. endern).
unter sekundärer Anlehnung an das unter ↑ Raum andeuten ↑ deuten.
behandelte Substantiv – aus älterem anberamen andocken ↑ Dock.
entwickelt und gehört zu spätmhd. beramen »als andrehen ↑ drehen.
Ziel festsetzen«, mhd. ramen, ahd. ramen »zielen, anecken ↑ Ecke.
streben«, mhd. ram »Ziel« (vgl. ↑ Arm). Anekdote »knappe, pointierte, charakterisierende
anbiedern, sich ↑ bieder. Geschichte«: Das Wort wurde im frühen 18. Jh.
anbieten ↑ bieten. aus gleichbed. franz. anecdote entlehnt. Das
anbinden ↑ binden. franz. Wort selbst geht zurück auf Anekdota (zu
anblaffen ↑ blaffen. griech. an-ék-dota »noch nicht Herausgegebenes,
anbringen ↑ bringen. Unveröffentlichtes«), den Titel eines aus dem
Andacht: Die Bildung mhd. andaht, ahd. anadaht Nachlass des byzantinischen Geschichtsschrei-
»Denken an etwas, Aufmerksamkeit, Hingabe« bers Prokop herausgegebenen Werkes, in dem
gehört zu dem unter ↑ denken behandelten Verb, eine Fülle von Einzelheiten über die Begebenhei-
man beachte die im Nhd. untergegangene Sub- ten und Personen aus dessen Lebenszeit zusam-
stantivbildung mhd., ahd. daht »Denken, Ge- mengetragen sind.
danke«. Seit dem 12. Jh. wird Andacht speziell im Anemone »Buschwindröschen«: Die seit dem
Sinne von »Denken an Gott; innige, religiöse Hin- 16. Jh. zunächst in Zusammensetzungen wie
gabe« verwendet. Im Nhd. wird das Wort auch im Anemonenblume bezeugte Pflanzenbezeichnung
Sinne von »inniges Gebet, kurzer Gebetsgottes- geht auf griech.-lat. anemóne zurück. Schon im
dienst« gebraucht, z. B. in der Zusammensetzung Altertum brachte man den Namen mit griech.
Morgenandacht. ánemos »Wind« in Verbindung. Eine zwingende
andante »mäßig langsam«: Das Wort wurde als Erklärung für die Benennung dieser Blume als
musikalische Tempobezeichnung Anfang des »Windblume« gibt es jedoch trotz vieler poeti-
18. Jh.s aus gleichbed. ital. andante (eigentlich scher Versuche (u. a.: »weil sie vom Wind entblät-
»gehend«) übernommen. Das zugrunde liegende tert wird«) nicht.
Verb ital. andare »gehen« beruht auf vulgärlat. anerkennen ↑ erkennen.
ambitare, einer Intensivbildung zu lat. ambire
(vgl. ↑ Ambition). – Dazu: Andante »langsamer,
Anfang
ruhiger Satz eines Musikstücks« (18. Jh.).
ander: Das gemeingerm. Pronominaladjektiv und wehre/wehret den Anfängen!
Zahlwort mhd., ahd. ander, got. anÞar, engl. other, (geh.) »etwas Schlechtes, das gerade entsteht,
aisl. annar beruht mit verwandten Wörtern in an- soll man sofort bekämpfen; einer unheilvollen
deren idg. Sprachen auf einer alten Komparativ- Entwicklung soll man sofort entgegentreten«
bildung, und zwar entweder zu der idg. Demons- Diese Warnung geht auf den römischen Dichter
trativpartikel * an- »dort« oder aber zu dem unter Ovid in seinen Remedia amoris (Heilmittel gegen
↑ jener behandelten idg. Pronominalstamm. Au- die Liebe) zurück. Mit »Principiis obsta!« warnt
ßergerm. entsprechen z. B. aind. ántara- »ande- er vor den Gefahren des Sichverliebens.
rer« und lit. añtras »anderer«. – Als Ordnungs-
119 anfangen – anheimeln
anfangen: Die heute übliche Form anfangen hat
sich im Frühnhd. gegenüber der älteren Form
im Sinne von »Biegung, Bucht« zu der unter ↑ An-
gel dargestellten idg. Wortgruppe. A
anfahen (mhd. an[e]vahen, ahd. anafahan)
durchgesetzt, wie auch beim einfachen Verb die
jüngere Form fangen die ältere Form fahen ver-
angesäuselt ↑ säuseln.
angesehen ↑ sehen.
angespannt ↑ spannen.
M
anhe

drängt hat (vgl. ↑ fangen). Aus der ursprüngli- angestammt ↑ Stamm.


chen Bed. »anfassen, anpacken, in die Hand neh- Angestellter ↑ stellen.
men« entwickelte sich bereits im Ahd. die Bed.
»beginnen«. Abl.: Anfang (mhd. an[e]vanc, ahd. angießen
anafang), dazu anfänglich und anfangs; Anfän-
wie angegossen sitzen/passen
ger »Lernender, Lehrling« (16. Jh., in der Bed.
»sehr gut passen«
»Urheber«).
Der Vergleich stammt aus der Gießereitechnik
anfechten ↑ fechten.
und bezog sich ursprünglich auf die Gussmasse,
anfeinden ↑ Feind.
die sich genau der Form anpasst.
anfordern ↑ fordern.
anfreunden ↑ Freund.
anführen, Anführungsstriche, Anführungszeichen Angina »Rachen-, Mandelentzündung«: Die
↑ führen. Krankheitsbezeichnung ist im 16. Jh. aus gleich-
Angeber ↑ geben. bed. lat. angina entlehnt. Das lat. Wort selbst be-
Angebinde ↑ binden. ruht auf griech. agchóne »Erwürgen, Erdrosseln«
angeblich ↑ geben. (zu dem mit dt. ↑ eng urverwandten Verb griech.
Angebot ↑ bieten. ágchein »erwürgen, die Kehle zuschnüren«), das
angegossen ↑ gießen und ↑ wie angegossen sitzen/ bei der Entlehnung dem etymologisch verwand-
passen. ten Verb lat. angere »beengen, würgen« lautlich
angeheitert ↑ heiter. angeglichen wurde. Der Name der Krankheit be-
angehen ↑ gehen. zieht sich also auf die für die Angina charakteris-
Angehöriger ↑ gehören. tische »Verengung« der Kehle (mit Schluckbe-
angekränkelt ↑ krank. schwerden).
Angel: Das agerm. Wort mhd. angel, ahd. angul, angreifen, Angreifer, Angriff ↑ greifen.
niederl. angel, engl. angle, schwed. angel ist eine angrenzen ↑ Grenze.
Bildung zu einem im Nhd. untergegangenen Angst: Die auf das dt., niederl. und fries. Sprachge-
agerm. Substantiv mit der Bed. »Haken«: mhd. biet beschränkte Substantivbildung (mhd. an-
ange, ahd. ango, aengl. anga, aisl. ange »Haken; gest, ahd. angust, niederl. angst, afries. angost) ge-
Stachel; Spitze«. Diese germ. Wortfamilie gehört hört im Sinne von »Enge, Beklemmung« zu der
mit verwandten Bildungen in anderen idg. Spra- idg. Wortgruppe von ↑ eng. Vgl. z. B. aus anderen
chen zu der idg. Wurzel * ank-, * ang- »biegen, idg. Sprachen lat. angustus »eng«, angustiae
krümmen«, vgl. z. B. aind. aṅkuśá- »Haken«, »Enge, Klemme, Schwierigkeiten«. Im Nhd. wird
griech. agkýlos »krumm, gebogen«, ágkyra »An- Angst auch als prädikatives Adjektiv verwendet,
ker« (↑ Anker) und lat. angulus »Winkel, Ecke«. man beachte z. B. mir ist angst oder die seit Lu-
Zu dieser Wurzel gehört ferner die unter ↑ Anger ther bezeugte Verbindung mir ist angst und
(eigentlich »Biegung, Bucht, Tal«) behandelte bange. Abl.: ängstigen »furchtsam, ängstlich ma-
Wortgruppe. – Das agerm. Wort, das ursprüng- chen« (abgeleitet von frühnhd. engstig »ängst-
lich den aus Knochen geschnitzten oder aus Me- lich«, für älteres, heute nur noch dichterisch ver-
tall geschmiedeten, zum Fischfang dienenden wendetes ängsten, mhd. angesten, ahd. angus-
Haken bezeichnete, ging später auf das ganze ten); ängstlich »furchtsam, bedrohlich« (mhd.
Fanggerät über (man beachte die verdeutli- angestlich, ahd. angustlı̄h).
chende Zusammensetzung Angelhaken). Schon anhalten, Anhalter, Anhaltspunkt ↑ halten.
früh bezeichnete es auch speziell den hölzernen Anhang, Anhänger, anhänglich, Anhängsel ↑ hän-
oder metallenen Haken oder Stift, um den sich gen.
die Türflügel drehen. An diesen Wortgebrauch anhauen ↑ hauen.
schließen sich an Angelpunkt »Dreh-, Kern- anheim: Verdeutlichend für heim »nach Hause«
punkt« und sperrangelweit »weit offen stehend« (vgl. ↑ Heim) kam in frühnhd. Zeit gleichbed. an-
(eigentlich »so weit offen, wie die Türangeln es heim auf, das besonders in der Kanzleisprache ge-
zulassen«; s. auch ↑ sperren), man beachte auch braucht wurde und heute nur noch in Verbindun-
die Wendung aus den Angeln heben. gen wie anheimfallen »zufallen« und anheimstel-
angelegen, Angelegenheit ↑ liegen. len »zur Entscheidung überlassen« vorkommt.
angemessen ↑ messen. anheimeln »heimatlich vorkommen, vertraut wir-
angenehm ↑ genehm. ken«: Das ursprünglich nur alemann. Verb wird
Anger: Das veraltende Wort für grasbewachsenes im späten 17. Jh. von dem unter ↑ Heim behandel-
Land, Dorfplatz (mhd. anger, ahd. angar) gehört ten Wort abgeleitet, man beachte das in der
anheischig – anno 120

A Schweiz gebräuchliche einfache heimeln. Siehe


auch das Adjektiv heimelig »anheimelnd«.
Nordsee den zweiarmigen Schiffsanker kennen-
lernten, übernahmen sie mit dem Gerät auch des-
Manhe anheischig: Das nur noch in der Wendung sich an-
heischig machen »sich erbieten« gebräuchliche
Adjektiv ist durch Anlehnung an das Verb ↑ hei-
sen Bezeichnung. Die Römer ihrerseits übernah-
men den dreiarmigen Schiffsanker von den Grie-
chen und entlehnten die griech. Bezeichnung ág-
schen aus mhd. antheiec »verpflichtet, durch kyra (vgl. ↑ Angel). – Im Nhd. bezeichnet Anker
Versprechen gebunden« entstanden. Mhd. ant- auch verschiedene technische Vorrichtungen
heiec ist an die Stelle von gleichbed. mhd. ant- (Bolzen, Hebel, Klammern) zur Festigung von
heie, ahd. antheii getreten, einer Ableitung von Holz- und Steinbauten, zur Befestigung von Ma-
mhd., ahd. anthei »Versprechen, Gelübde« (ei- schinenteilen od. dgl., man beachte die Zusam-
gentlich »Entgegenrufen«, vgl. ↑ ent... , Ent... und mensetzungen Ankerbalken, Maueranker, Uhran-
↑ heißen). ker. Abl.: ankern (mhd. ankern), dazu verankern
animalisch »tierisch, wild«: Das Adjektiv ist eine (18. Jh., zuerst von Mauerankern gebraucht).
gelehrte Neubildung des 16. Jh.s zu lat. animal anketten ↑ 2 Kette.
»Tier«. Das lat. Wort gehört mit seiner ursprüng- anklagen ↑ klagen.
lichen Bed. »beseeltes Geschöpf« zu lat. animus Anklang ↑ klingen.
»Lebenshauch; Seele« (vgl. ↑ animieren). Ankommen, Ankömmling, Ankunft ↑ kommen.
Animation: Das Substantiv geht auf lat. animatio ankotzen ↑ kotzen.
»Beseelung, Belebung«zurück und gehört zur ankreiden ↑ Kreide.
Wortfamilie von ↑ animieren. Im Deutschen ist es ankünden, ankündigen ↑ kund.
ab dem 16. Jh. in der oben genannten Bedeutung Anlage ↑ legen.
gebräuchlich, zunächst in seiner lat., ab dem anlangen ↑ lang.
17. Jh. in seiner eingedeutschen Form. Seit dem Anlass, anlässlich ↑ lassen.
20. Jh. bezeichnet es, wahrscheinlich unter dem anlassen, Anlasser ↑ lassen.
Einfluss von gleichbed. franz. animation, einer- Anlauf, anlaufen ↑ laufen.
seits ein »Trickfilmverfahren, das unbelebten anlegen ↑ legen.
Objekten Bewegung verleiht«, andererseits »in anleiten, Anleitung ↑ leiten.
Ferienzentren organisierte Freizeitvergnügen«. anliegen, Anliegen, Anlieger ↑ liegen.
Zu dieser Bedeutung gehört die aus gleichbed. anmaßen, Anmaßung ↑ Maß.
franz. animateur übernommene Berufsbezeich- anmerken, Anmerkung ↑ merken.
nung Animateur für einen »Spielleiter in einem Anmut: Das im germ. Sprachraum nur im Dt. ge-
Ferienzentrum«. bräuchliche Wort (mhd. anemuot) bedeutet ei-
animieren »anregen, ermuntern«: Das Verb wurde gentlich »was in den Sinn (Mut) kommt, Verlan-
im 16. Jh. aus franz. animer (eigtl.: »beseelen, be- gen« (vgl. ↑ Mut) und ist wohl eine Rückbildung
leben«) entlehnt. Voraus liegt lat. animare »Le- aus dem Adjektiv anmutig. Das seit dem 15. Jh.
ben einhauchen, beseelen«, das zu lat. animus, bezeugte Adjektiv bedeutete zunächst »Verlan-
anima »Lebenshauch; Seele« gehört, ebenso wie gen, Lust erweckend«. Aus diesem Wortgebrauch
animal »Tier« mit einer Grundbedeutung »be- entwickelte sich die heute übliche Bed. »gefällig,
seeltes Geschöpf« (↑ animalisch). – Es besteht Ur- liebreizend«.
verwandtschaft mit griech. ánemos anmuten ↑ Mut.
»Wind(hauch)« (↑ Anemone) und wohl auch mit Annahme ↑ nehmen.
griech. asthma »schweres, kurzes Atmen, Keu- Annalen »(geschichtliche) Jahrbücher, chronolo-
chen« (↑ Asthma) und lat. halare »hauchen« gisch geordnete Geschichtswerke«: Das Wort
(dazu in-halare »einhauchen«, ↑ inhalieren). Als wurde im 16. Jh. aus gleichbed. lat. (libri) annales
gemeinsame idg. Wurzel gilt * an()- »hauchen, entlehnt, das zu lat. annus »Jahr« gehört.
atmen«, die auch in anderen idg. Sprachen vertre- annehmen ↑ nehmen.
ten ist. annektieren »sich (gewaltsam) aneignen«: Das
Anis: Die Bezeichnung der am östlichen Mittel- Verb wurde im 16. Jh. aus lat. an-nectare (anne-
meer beheimateten Gewürz- und Heilpflanze xus) »verknüpfen« entlehnt. Seit Mitte des
(mhd. anı̄s) führt über lat. anisum (Nebenform 19. Jh.s liegt es mit der politischen Bedeutung un-
von lat. anesum) auf griech. ánes(s)on, ánethon ter Einfluss von gleichbed. franz. annexer (zu
»Anis, Dill« zurück. Die weitere Herkunft des franz. annexe »Verknüpftes; Dazugehöriges; An-
Wortes liegt im Dunkeln. hang«) und gleichbed. engl. to annex vor. – Das
Anker: Die germ. Bezeichnungen des Geräts zum Stammverb lat. nectere (nexus) »knüpfen, bin-
Festlegen von Schiffen (mhd., spätahd. anker, den« ist etymologisch verwandt mit dt. ↑ Netz. –
niederl. anker, engl. anchor, schwed. ankare) be- Dazu Annexion »(gewaltsame) Aneignung frem-
ruhen auf einer frühen Entlehnung aus lat. an- den Gebiets« (19. Jh.; aus gleichbed. franz. an-
cora »Anker«. Als die Germanen, die ihre Schiffe nexion < lat. annexio »Verknüpfung«).
mit schweren Steinen festzulegen pflegten, anno: Der Ausdruck für »im Jahre« wurde im 15. Jh.
durch die Römer am Niederrhein und an der aus dem Ablativ von lat. annus »Jahr« (vgl. ↑ An-
121 annoncieren – Anstalt
nalen) in Datumsangaben mittelalterlicher Ur-
kunden übernommen. Das Wort lebt nur in fes-
mniederd. anrüchtig »von schlechtem Leumund,
ehrlos« übernommen. Es gehört wie die unter A
ten, scherzhaften Wendungen wie anno dazumal
und anno Tobak »in alter Zeit«, die nach dem
Vorbild von anno Domini »im Jahre des Herrn«
↑ berüchtigt, ↑ Gerücht und ↑ ruchbar behandel-
ten Wörter zu mniederd. ruchte »Ruf, Leumund«,
dem mhd. ruoft »Ruf, Leumund« entspricht (vgl.
M
Anst

entstanden sind. ↑ rufen). Zu niederd. -cht- statt hochd. -ft- s.


annoncieren »eine Zeitungsanzeige aufgeben«: ↑ Gracht.
Das Verb wurde im späten 18. Jh. aus franz. an- anrühren ↑ rühren.
noncer »ankündigen, öffentlich bekannt ma- Ansage, ansagen, Ansager ↑ sagen.
chen« entlehnt. Das franz. Wort selbst beruht auf ansässig: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Adjektiv ge-
lat. an-nuntiare »an-, verkündigen«, das zu lat. hört zu frühnhd. ansess »fester Wohnsitz«, an-
nuntius »Botschaft; Bote« gehört. – Abl.: An- sesse »Alteingesessener, Hauseigentümer« (vgl.
nonce »Zeitungsanzeige« (spätes 18. Jh.; aus ↑ sitzen).
franz. annonce »Ankündigung; Anzeige, Be- ansäuseln ↑ säuseln.
kanntmachung«). anschaffen ↑ schaffen.
annullieren »für ungültig, für nichtig erklären; ver- anschauen, anschaulich, Anschauung ↑ schauen.
nichten«: Das Verb wurde im 16. Jh. als Rechtster- anscheinend ↑ scheinen.
minus aus gleichbed. spätlat. an-nullare ent- anschicken ↑ schicken.
lehnt. Das lat. Wort ist eine Bildung (denomina- Anschiss ↑ scheißen.
tives Präfixverb) zu lat. nullum »nichts« (vgl. Anschlag, anschlagen ↑ schlagen.
↑ null). anschmieren ↑ schmieren.
Anode »positiv geladene Elektrode« (Physik): Das anschnauzen (ugs. für:) »barsch zurechtweisen«:
im 19. Jh. aus gleichbed. engl. anode entlehnte Das seit dem 16. Jh. bezeugte Verb, das im heuti-
Wort wurde 1834 vom englischen Physiker Fara- gen Sprachgefühl als zu Schnauze gehörig emp-
day im Anschluss an griech. án-odos »Aufweg; funden wird, hat sich aus * anschnau(b)ezen ent-
Eingang« (zu griech. hodós »Weg«, vgl. ↑ Periode) wickelt, einer Intensivbildung zu dem im glei-
gebildet. Die Anode bezeichnet also die »Ein- chen Sinne verwendeten anschnauben (vgl.
trittsstelle« der Elektronen in den geschlossenen ↑ schnauben).
Stromkreis. anschneiden ↑ schneiden.
anonym »ungenannt, namenlos« (besonders von anschreiben, Anschreiben ↑ schreiben.
Schriftwerken, deren Verfasser nicht genannt
sein will): Das seit dem 17. Jh. zuerst in der Form anschreiben
anonymisch bezeugte Wort ist aus griech.-lat. an-
bei jmdm. gut/schlecht angeschrieben sein
ónymos »namenlos; unbekannt« entlehnt. Des-
»bei jmdm. in gutem/schlechtem Ansehen ste-
sen Stammwort ist griech. ónoma (bzw. eine Dia-
hen«
lektform ónyma) »Name«, das urverwandt ist mit
Die Wendung geht zurück auf das kaufmänni-
gleichbed. lat. nomen und dt. ↑ Name. – Abl.: Ano-
sche Anschreiben der Schulden und Guthaben.
nymität (18. Jh.). – Griech. ónyma erscheint auch
in ↑ Homonym, ↑ Pseudonym und ↑ Synonym.
Anorak »Windjacke mit Kapuze«: Die Bezeich- anschuldigen ↑ Schuld.
nung des Kleidungsstücks wurde im 20. Jh. aus anschwärzen ↑ schwarz.
grönländ. anorak entlehnt, wohl einer Bildung zu ansehen, Ansehen, ansehnlich ↑ sehen.
grönländ. anore »Wind«. anseilen ↑ Seil.
anorganisch ↑ Organ. Ansicht, Ansichtskarte ↑ sehen.
anormal ↑ unsicher Ansinnen ↑ sinnen.
anpacken ↑ packen. anspielen, Anspielung ↑ Spiel.
anpassen ↑ passen. Ansporn, anspornen ↑ Sporn.
anpfeifen, Anpfiff ↑ pfeifen. Ansprache, ansprechen, ansprechend ↑ sprechen.
anprangern ↑ Pranger. Anspruch ↑ sprechen.
anrainen, Anrainer ↑ Rain. Anstalt: Mhd. anstalt »Richtung, Beziehung; Auf-
anregen, Anregung ↑ regen. schub« ist eine Bildung zum alten Präteritum-
anreißen, Anreißer ↑ reißen. stamm von mhd. an(e)stellen »einstellen, auf-
anrempeln ↑ rempeln. schieben« (↑ stellen und ↑ Gestalt). Im Nhd.
Anrichte, anrichten ↑ richten. schloss sich Anstalt an die Verwendung des Verbs
anrüchig »von zweifelhaftem Ruf«: Die heute übli- im Sinne von »anordnen, vorbereiten, einrich-
che Form anrüchig, die durch Anlehnung an rie- ten« an. Darauf beruht der Wortgebrauch im
chen, Geruch aus anrüchtig entstanden ist, hat Sinne von »Anordnung, Vorbereitung«, man be-
sich erst im 19. Jh. gegenüber der älteren Form achte die Wendung Anstalten treffen oder ma-
durchgesetzt. Das seit dem 15. Jh. zunächst in chen, und im Sinne von »Einrichtung, Organisa-
hochd. Rechtstexten bezeugte anrüchtig ist aus tion mit eigener Rechtspersönlichkeit« (18. Jh.),
Anstand – Antipathie 122

A dann auch »Gebäude einer Einrichtung«, vgl. z. B.


die Zusammensetzungen Blinden-, Lehranstalt. –
wendet, die heutige techn. Bed. geht darauf zu-
rück.
MAnst Abl. veranstalten »unternehmen, machen, ins
Werk setzen« (18. Jh.), dazu Veranstaltung.
Anstand »gutes Benehmen; Einwand, Aufschub;
Anthologie »Sammlung, Auswahl von Gedichten
oder Prosastücken«: Das Wort ist eine gelehrte
Entlehnung des 18. Jh.s aus gleichbed. griech. an-
Standort oder Hochsitz des Jägers«: Das seit thologı́a (eigentlich »Blumensammeln, Blüten-
mhd. Zeit gebräuchliche Wort (mhd. anstant) ist lese«), das zu griech. ánthos »Blume, Blüte« und
eine Bildung zu dem zusammengesetzten Verb griech. légein »sammeln; lesen« (↑ Lexikon) ge-
anstehen »stehen bleiben, warten; aufschieben; hört. Die Blüte steht für »das Beste, das Glanz-
passen, geziemen« (mhd. an[e]sten, ahd. anasten, stück«.
↑ stehen). Das Substantiv schließt sich also eng an Anthrazit »harte, glänzende Steinkohle; dunkel-
die verschiedenen, z. T. heute veralteten Bedeu- grauer Farbton«: Das Wort ist eine gelehrte Ent-
tungen des zusammengesetzten Verbs an. Von lehnung neuester Zeit aus lat. anthracites
der Bed. »Einwand, Aufschub«, die in Wendun- < griech. anthrakı́¯tes »Kohlenstein« (Name eines
gen wie Anstand nehmen bewahrt ist, gehen aus Edelsteins), einer Bildung zu griech. ánthrax,
anstandslos »ohne Weiteres« (Anfang 20. Jh.) und Gen. ánthrakos »Kohle«.
beanstanden »Einwände erheben, bemängeln« anthropo..., Anthropo...: Das in mehreren Zusam-
(19. Jh.). Abl.: anständig »schicklich, geziemend, mensetzungen auftretende Bestimmungswort
passend; gehörig, ordentlich« (17. Jh.). mit der Bed. »Mensch« (Anthropologie, Anthro-
anstatt ↑ Statt. posophie, anthropomorph usw.) geht zurück auf
anstechen, Anstich ↑ stechen. griech. ánthropos »Mensch«.
anstecken ↑ stecken. anti... , Anti..., (vor Vokalen und vor h) 2 ant... ,
anstellen, anstellig, Anstellung ↑ stellen. Ant...: Die Vorsilbe mit der Bed. »gegen, entge-
anstiften ↑ stiften. gen, wider; gegenüber; anstatt«, in Entlehnungen
anstimmen ↑ Stimme. wie ↑ Antipathie, ↑ Antipode u. a., stammt aus
Anstoß, anstoßen, anstößig ↑ stoßen. griech. antı́ (Präposition u. Präfix) »angesichts,
anstreichen, Anstreicher, Anstrich ↑ streichen. gegenüber; anstatt; vor; gegen«, das etymolo-
anstrengen ↑ streng. gisch verwandt mit der dt. Vorsilbe ↑ 1 ant... ,
Ansturm ↑ Sturm. Ant... ist.
1
ant..., Ant...: Die Vorsilbe mit der Bedeutung antik »altertümlich«: Das im späten 17. Jh. aus
»entgegen« ist heute nur noch in ↑ Antlitz und gleichbed. franz. antique entlehnte Adjektiv geht
↑ Antwort und verdunkelt in ↑ anheischig be- zurück auf lat. antiquus »vorig; alt«, eine Neben-
wahrt. Sie war im Mhd. und Ahd. in Substantiven form von lat. anticus »der vordere«, die ihrerseits
und Adjektiven ebenso verbreitet wie bei Verben von lat. ante »vor« (urverwandt mit dt. ↑ 1 ant... ,
die Vorsilbe ↑ ent... , Ent... , die durch Abschwä- Ant...) abgeleitet ist. Dazu das Substantiv Antike
chung in unbetonter Stellung aus ant entstanden als Bezeichnung für das klassische Altertum
ist. Das gemeingerm. Präfix mhd., ahd. ant-, got. (Ende 17. Jh.). – Auf die feminine Form von lat.
and(a)-, aengl. and-, aisl. and- ist z. B. verwandt antiquus (-a, -um) geht Antiqua »Lateinschrift«,
mit griech. antı́ »angesichts, gegenüber« und lat. eigtl. »die alte Schrift«, zurück. Die littera anti-
ante »vor«, die in zahlreichen aus dem Griech. qua, die karolingische Minuskel, wurde von den
und Lat. entlehnten Wörtern als erster Bestand- italienischen Humanisten statt der gotischen
teil stecken (↑ anti... , Anti... , ↑ antik). Diese Wör- Schrift wieder verwendet. Zu lat. antiquus gehö-
ter beruhen auf erstarrten Kasusformen des idg. ren auch ↑ Antiquar, ↑ Antiquariat, ↑ antiqua-
Substantivs * ant-s »Vorderseite, Stirn, Gesicht«. risch, ↑ antiquiert und ↑ Antiquitäten.
Die Bed. »entgegen, gegenüber, vor« haben sich Antilope: Die Bezeichnung für das im Dt. seit dem
also aus »auf die Vorderseite zu, ins Gesicht, im 18./19. Jh. bezeugte gehörnte Huftier (Asiens und
Angesicht von« entwickelt. Verwandt ist auch besonders Afrikas) geht zurück auf den Namen
das unter ↑ Ende behandelte Wort. eines Fabeltiers mgriech. anthólops (> mlat.
2
ant..., Ant... ↑ anti... , Anti... ant[h]alopus), der wörtlich »Blumenauge« be-
Antarktis, antarktisch ↑ arktisch. deutet (zu griech. ánthos »Blume« und griech.
Anteil, Anteilnahme ↑ Teil. ops »Auge«). Vermutlich handelt es sich dabei um
Antenne: Die Bezeichnung für die »(hoch aufra- die Umdeutung einer unverstandenen älteren
gende) Vorrichtung zum Empfang und zur Aus- Bezeichnung aus einer nordafrikanischen Spra-
strahlung elektromagnetischer Wellen« wurde che. In den neueren europäischen Sprachen er-
Anfang des 20. Jh.s aus gleichbed. ital. antenna scheint das Wort zuerst im Engl. als antelope
neu entlehnt, nachdem im 15. Jh. das gleiche (Anfang 17. Jh.) u. wird von dort weitervermittelt.
Wort in der Bed. »Segelstange; Rahe« schon ein- Uns erreicht er über gleichbed. franz.-niederl. an-
mal aus spätlat. antenna »Segelstange« entlehnt tilope.
worden war. Im 19. Jh. wird Antenne in der Zoo- Antipathie »Abneigung, Widerwille« (im Gegen-
logie in der Bed. »Fühler (von Insekten)« ver- satz zu ↑ Sympathie): Das Wort wurde im 16. Jh.
123 Antipode – Aorta
über gleichbed. lat. antipathia aus gleichbed.
griech. anti-pátheia entlehnt. ber das zugrunde
anvertrauen ↑ trauen.
anvisieren ↑ 2 Visier. A
liegende Substantiv griech. páthos »Leid; Leiden-
schaft; Gemütsstimmung« vgl. ↑ Pathos.
Antipode »auf dem gegenüberliegenden Punkt der
Anwalt: Die westgerm. Substantivbildung mhd.
anwalte, ahd. anawalto, mniederd. anwalde,
aengl. onwealda gehört zu dem unter ↑ walten be-
M
Aort

Erde lebender Mensch«, übertragen auch: »Ge- handelten Verb und bedeutet eigentlich »einer,
genspieler«: Das Wort ist seit dem 16. Jh. als geo- der über etwas Gewalt hat«. Das Wort bezeich-
grafischer Terminus bezeugt, anfänglich nur in nete im Ahd. den Macht- oder Befehlshaber, im
der Pluralform Antipoden. Es geht zurück auf Mhd. dann gewöhnlich den bevollmächtigten Be-
gleichbed. griech.-lat. antı́pous (Plural antı́po- amten oder Gesandten eines Fürsten oder einer
des), das wörtlich »Gegenfüßler« bedeutet und Stadt und schließlich den Vertreter einer Partei
zu griech. antı́ »gegenüber« (vgl. ↑ anti... , Anti...) vor Gericht. Im Sinne von »berufener Vertreter
und griech. poús (podós) »Fuß« (vgl. ↑ Podium) vor Gericht, Rechtsberater« hat es die Entleh-
gehört. nungen Prokurator, Konsulent und Advokat ver-
Antiqua ↑ antik. drängt. – Zus.: Rechtsanwalt (seit dem 19. Jh. amt-
Antiquar »Händler mit Altertümern, Altbuch- liche Standesbezeichnung in Deutschland, in der
händler«: Die seit dem Ende des 16. Jh.s bezeugte Schweiz neben Fürsprech); Staatsanwalt
Entlehnung geht zurück auf lat. antiquarius (2. Hälfte des 19. Jh.s).
»Kenner und Anhänger des Alten (der alten Spra- anwandeln ↑ wandeln.
che, Literatur usw.)«, einer Bildung zu lat. anti- Anwärter: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Wort ge-
quus »vorig; alt« (vgl. ↑ antik). – Abl.: Antiquariat hört zu frühnhd. anwarten »auf etwas (mit An-
»Geschäft eines Antiquars« (19. Jh., nlat. Bil- spruch) warten« (mhd. an[e]warten, ahd. ana-
dung); antiquarisch »alt, gebraucht« (18. Jh.). – Zu warten »erwarten, ausschauen«; ↑ warten). Seit
lat. antiquus gehören auch: antiquiert »veraltet« 1900 hat sich Anwärter in der Beamtensprache
(Neubildung des 17. Jh.s) und Antiquitäten »Al- gegenüber ↑ Aspirant durchgesetzt. Zu frühnhd.
tertümer, Denkmäler aus alter Zeit« (16. Jh., aus anwarten ist auch Anwartschaft »Anspruch oder
lat. antiquitates »Altertümer, alte Sagen, alte Ge- Aussicht auf ein Amt oder dgl.« (17. Jh.) gebildet.
schichte usw.«). anwenden, Anwender, Anwendung ↑ wenden.
Antlitz »Gesicht«: Das heute nur noch in gehobe- anwerfen ↑ werfen.
ner Sprache gebräuchliche Wort bedeutet eigent- Anwesen: Das vorwiegend im oberd. Sprachraum
lich »das Entgegenblickende«. Mhd. antlitze, gebräuchliche Wort für »(bebautes) Grund-
ahd. antlizzi (Mischform aus * antli und gleich- stück« geht zurück auf mhd. anewesen »Anwe-
bed. antlutti), aengl. andwlita, schwed. anlete senheit«. Dies ist der substantivierte Infinitiv
enthalten als ersten Bestandteil die unter von mhd. an(e)wesen, ahd. anawesan »darin, da-
↑ 1 ant... , Ant... »entgegen« behandelte Vorsilbe bei sein«, einer Lehnübersetzung von lat. adesse
und als zweiten Bestandteil eine Bildung zu ei- (↑ Wesen). Von diesem Präfixverb ist im heutigen
nem im Dt. untergegangenen Verb mit der Bed. Sprachgebrauch noch das 1. Partizip anwesend
»blicken, sehen«: aengl. wlı̄tan, aisl. lı̄ta »blicken, »zugegen, gegenwärtig« bewahrt. – Aus der ur-
schauen, sehen« (man beachte got. wlits »Ausse- sprünglichen Bed. »Anwesenheit«, die sich ver-
hen; Gestalt«, aengl. wlite »Blick; Gesicht; Ausse- einzelt bis ins 18. Jh. hielt, entwickelte sich seit
hen; Gestalt, Erscheinung«, aisl. litr »Aussehen, dem 15. Jh. die Bed. »Aufenthalt(sort), Woh-
Glanz«). nung«. Abl.: Anwesenheit (17. Jh.).
Antrag, antragen ↑ tragen. anwidern ↑ wider.
antreiben, Antrieb ↑ treiben. Anwurf ↑ werfen.
antreten, Antritt ↑ treten. Anzahl ↑ Zahl.
antun ↑ tun. anzapfen ↑ Zapfen.
Antwort: Das gemeingerm. Substantiv mhd. ant- Anzeichen ↑ Zeichen.
würte, ahd. antwurti, got. andawaúrdi, aengl. Anzeige, anzeigen ↑ zeigen.
andwyrde, aisl. andyrði bedeutet eigentlich »Ge- anzetteln ↑ 1 Zettel.
genrede«. Das Grundwort ist eine Kollektivbil- anziehen, Anzug, anzüglich ↑ ziehen.
dung zu dem unter ↑ Wort behandelten Substan- anzünden ↑ zünden.
tiv, das Bestimmungswort ist die unter ↑ 1 ant... , anzwecken ↑ Zweck.
Ant... »entgegen« behandelte Vorsilbe. Die nhd. Aorta: Die medizinische Bezeichnung der Haupt-
Form Antwort gegenüber mhd. antwürte ist körperschlagader wurde im 16. Jh. entlehnt und
durch Anlehnung an Wort entstanden. – Davon geht zurück auf gleichbed. mlat. aorta, griech.
abgeleitet ist das Verb antworten (mhd. antwür- aorté. Das griech. Substantiv gehört zu griech.
ten, ahd. antwurten, got. andwaúrdjan, aengl. aeı́rein »zusammen-, anbinden« und bedeutet
andwyrdan), um das sich die Präfixbildungen be- demnach ursprünglich »das Anbinden, Anhän-
antworten, verantworten (s. d.) und das zusam- gen«, dann im konkreten Sinne »angebundener,
mengesetzte Verb ↑ überantworten gruppieren. angehängter Gegenstand; Anhängsel«. Die Aorta
ap..., Ap... – apo..., Apo... 124

A ist also danach benannt, dass sie gleichsam am


Herzbeutel wie ein Schlauch angebunden oder
veredelte Frucht, während sie sonst die lat. Na-
men der Früchte von den Römern übernahmen
Map.. angehängt ist. – ↑ Arterie.
ap... , Ap... ↑ ad... , Ad... und ↑ apo... , Apo...
apart »von eigenartigem Reiz; geschmackvoll«:
(vgl. ↑ Birne, ↑ Kirsche, ↑ Pflaume). – Im übertra-
genen Gebrauch bezeichnet Apfel im Dt. Dinge,
die mit der Form eines Apfels Ähnlichkeit haben,
Das seit dem 16. Jh. bezeugte Adjektiv ist durch man beachte z. B. Augapfel (↑ Auge), ↑ Granatap-
Zusammenrückung entstanden, und zwar aus fel, Reichsapfel (↑ Reich). Zus.: Apfelbaum (mhd.
der franz. Fügung à part »beiseite, abgesondert; apfelboum, für die alte germ. Bezeichnung mhd.
besonders; eigenartig«, wobei sich die ursprüng- apfalter, ahd. affoltra, aengl. apulder, aisl. apaldr;
liche Bed. des Wortes zu »besonders schön usw.« zum 2. Bestandteil ↑ Teer); Apfelschimmel (17. Jh.;
verengt hat. Dem franz. à part entspricht im Ita- nach den apfelförmigen Flecken benannt). Vgl.
lienischen a parte (lat. ad partem; vgl. ↑ Part), von ↑ Apfelsine.
dem appartare »trennen, absondern« abgeleitet
ist. Dazu gehört ital. appartamento »abgeteilte Apfel
Wohnung« (↑ Appartement). – Man beachte auch
für einen Apfel/Appel und ein Ei
das zu niederl. apart gehörende afrikaans apart-
(ugs.) »spottbillig, fast umsonst«
heid, eigentlich »Gesondertheit«, aus dem Apart-
Die Wendung erklärt sich wohl daraus, dass – in
heid »Rassentrennung zwischen schwarzer und
normalen Zeiten – auf jedem Bauernhof Äpfel
weißer Bevölkerung« (Mitte 20. Jh.) stammt.
und Eier reichlich vorhanden sind und keinen
Apartment ↑ Appartement.
großen Wert darstellen. Man kann einen Apfel
Apathie: Griech. a-pátheia »Schmerzlosigkeit, Un-
und ein Ei – wie auch ein Butterbrot – ruhig ab-
empfindlichkeit« (zu ↑ 2 a... , A... »un...« und
geben, ohne davon arm zu werden.
griech. páthos »Schmerz«, ↑ Pathos) gelangte als
zentraler Begriff stoischer Philosophie (»völlige
Absage an Lust und Unlust«) über entsprechend Apfelsine: Die Frucht wurde um 1500 von den Por-
lat. apathia im 18. Jh. ins Deutsche. Mit dem Be- tugiesen aus Südchina eingeführt. Nach Nord-
ginn des 19. Jh.s wurde das Wort (wohl nach deutschland gelangte sie um 1700 über die Nord-
gleichbed. franz. apathie) in die medizinische seehäfen Amsterdam und Hamburg. Die Bezeich-
Fachsprache zur Bezeichnung des Krankheitsbil- nung beruht auf älter niederl. appelsina (noch
des der geistigen Erschöpfung und völligen Teil- mundartl., im heutigen Niederl. gilt sinaasappel),
nahmslosigkeit übernommen. Daran schließt niederd. Appelsina, was wörtlich so viel bedeutet
sich im gleichen Sinne das abgeleitete Adjektiv wie »Apfel von China«. (Sina ist die alte Form des
apathisch »teilnahmslos, geistig erschöpft« an Ländernamens China.) Im 18. Jh. hieß die Frucht
(Anfang 19. Jh.). deshalb bei uns auch Chinaapfel. Die anderen
Aperitif: Die Bezeichnung für ein appetitanregen- Wörter ↑ Orange und ↑ Pomeranze kamen aus Ita-
des alkoholisches Getränk wurde in dieser Bed. lien nach Deutschland.
im ausgehenden 19. Jh. aus dem Franz. übernom- aph..., Aph... ↑ apo... , Apo...
men. Franz. apéritif ist ursprünglich ein Adjektiv Aphorismus »Gedankensplitter; geistreicher, präg-
mit der Bed. »öffnend«; das Substantiv ist dem- nant formulierter Sinnspruch«: Das Wort wurde
nach eigentlich etwa als »Magenöffner« zu ver- im 16. Jh. über mlat. a(m)phorismus, spätlat.
stehen. Seit dem 16. Jh. wird es bei Paracelsus als aphorismus »kurzer Lehrsatz« entlehnt. Dieses
medizinischer Fachbegriff verwendet. Dem stammt aus griech. aph-orismós »Abgrenzung,
franz. Wort liegt ein mlat. Adjektiv aperitivus Bestimmung; kurzer Satz, der den Hauptgedan-
»öffnend« zugrunde, das von lat. aperire »öff- ken einer Sache in gedrängter Form zusammen-
nen« abgeleitet ist. fasst«. Das griech. Substantiv gehört zu aph-orı́-
Apfel: Das gemeingerm. Wort mhd. apfel, ahd. ap- zein »abgrenzen, genau bestimmen« (↑ apo... ,
ful, krimgot. apel, engl. apple, schwed. äpple ist Apo... u. ↑ Horizont). – Dazu das Adjektiv apho-
verwandt mit der kelt. Wortfamilie um air. ubull ristisch »im Stil des Aphorismus; prägnant, geist-
»Apfel« und mit der baltoslaw. um russ. jabloko reich« (spätes 18. Jh.).
»Apfel«, man beachte auch den lat. Namen der Aphrodisiakum: Bei dem Ende des 18. Jh.s aufge-
kampanischen Stadt Abella, die wohl nach ihrer kommenen Substantiv handelt es sich um eine la-
Apfelzucht benannt ist. Welche Vorstellung die- tinisierende Bildung zu griech. aphrodisiakós
ser den Germanen, Kelten, Balten und Slawen ge- »sexuell erregend, zum Liebesgenuss gehörend«.
meinsamen Benennung der Frucht des Apfel- Zugrunde liegt der Name der griechischen Lie-
baums zugrunde liegt, ist dunkel. – Das gemein- bes- und Schönheitsgöttin Aphrodite. In der Me-
germ. Wort bezeichnete ursprünglich wahr- dizin gilt es als »Mittel zur Anregung und Steige-
scheinlich den Holzapfel. Als die Germanen rung des Geschlechtstriebes und der Potenz«, in
durch den römischen Obstanbau veredelte Apfel- der 2. Hälfte des 20. Jh.s auch allgemein als »An-
sorten kennenlernten, übertrugen sie die Be- reiz, Anregungsmittel«.
zeichnung für den wild wachsenden Apfel auf die apo... , Apo..., (vor Vokalen und vor h:) ap... , Ap...
125 Apokalypse – Appetit
bzw. aph... , Aph... : Die Vorsilbe mit der Bed.
»von – weg, ab«, in Wörtern wie ↑ Apostroph,
theker«. Diese entsprechen unseren rein wissen-
schaftlichen Fachwörtern ↑ Pharmazie, Pharma- A
↑ Aphorismus u. a., stammt aus griech. apó »von –
weg, ab« (Präposition u. Präfix), die etymologisch
verwandt mit dt. ↑ ab ist.
zeut, pharmazeutisch. – In den gleichen kultur-
geschichtlichen Zusammenhang gehören noch
Entlehnungen wie ↑ Arznei, ↑ Pille; und aus jünge-
M
Appe

Apokalypse »Offenbarung, prophetische Schrift rer Zeit: ↑ destillieren, ↑ kondensieren, filtrieren


über das Weltende; grauenvolles Ende, schreckli- ↑ Filter, ↑ Droge u. a.
cher Untergang«: Das im 14. Jh. aus kirchenlat. Apparat »Gerät; Vorrichtung; Ausrüstung«: Das
apocalypsis übernommene Wort geht zurück auf Lehnwort erscheint schon im 14. Jh. mit der Bed.
gleichbed. griech. apokálypsis, eigentlich »Ent- »Zusammenstellung von Texterklärungen« und
hüllung« (zu apo-kalýptein »enthüllen«; aus nimmt seit dem 15. Jh. die Bed. »Vorrat an Werk-
griech. apó »von – weg« [↑ apo... , Apo...] und zeugen« an. Die heute übliche Bed. »Gerät; Vor-
griech. kalýptein »verhüllen, bedecken«). – Dazu richtung; Ausrüstung« kommt erst Anfang des
stellt sich das Adjektiv apokalyptisch »die Apo- 19. Jh.s auf. Quelle des Wortes ist lat. apparatus
kalypse betreffend; grauenvoll, schrecklich« »Zubereitung, Zurüstung; Einrichtung; Werk-
(16. Jh.; nach griech. apokalyptikós). Die vier apo- zeuge«, das von lat. ap-parare »beschaffen; aus-
kalyptischen Reiter, Sinnbilder für Pest, Krieg, rüsten« (vgl. ↑ parat) abgeleitet ist. – Dazu die
Hunger, Tod, entstammen der Apokalypse des Jo- junge nlat. Bildung Apparatur »Gesamtanlage
hannes. von Apparaten; Gerätschaft« (20. Jh.) und seit
Apostel »Sendbote« (insbesondere »Jünger Jesu«), Mitte des 20. Jh.s in abwertender Bed. Apparat-
auch übertragen gebraucht im Sinne von »Vertre- schik »Funktionär im Staats- und Parteiapparat«
ter einer neuen (Glaubens)lehre«: Das aus der lat. aus russ. apparatčik.
Kirchensprache übernommene Wort (mhd. apos- Appartement »komfortable Kleinwohnung; Zim-
tel, ahd. apostolo; entsprechend schon got. merflucht in einem luxuriösen Hotel«: Das Wort
apaústaúlus), das jedoch erst durch Luthers Bi- wurde im 17. Jh. entlehnt aus franz. appartement
belübersetzung allgemein bekannt wurde, führt »(größere) abgeteilte und abgeschlossene Woh-
über kirchenlat. apostolus auf griech. apó-stolos nung« (< ital. appartamento, vgl. ↑ apart). Zu-
»abgesandt; Bote; Apostel« zurück. Dies gehört gleich drang das franz. Wort in das Engl.-Amerik.
zu griech. apo-stéllein »entsenden«, einer Bil- (apartment), von wo es im 20. Jh. ein zweites Mal
dung zu griech. stéllein »fertig machen, aufstel- ins Dt. als Apartment »Kleinwohnung in einem
len, ausrüsten; senden« (vgl. ↑ Stola und zum (komfortablen) Mietshaus« entlehnt wurde. –
1. Bestandteil ↑ apo... , Apo...). Das zugrunde liegende ital. Verb appartare »ab-
Apostroph »Auslassungszeichen«: Das Substantiv teilen« geht auf lat. a parte »zur Seite, abge-
ist eine gelehrte Entlehnung des 17. Jh.s aus trennt« zurück, das seinerseits zu lat. pars (par-
gleichbed. griech.-spätlat. apó-strophos. Das tis) »Teil« (vgl. ↑ Partei) gehört.
griech. Wort ist eigentlich ein Adjektiv mit der Appeal ↑ Appell.
Bed. »abgewandt; abfallend« und gehört zu Appell »Aufruf; Mahnruf«: Das Wort wurde im
griech. apostréphein »abwenden«, einer Bildung späten 17. Jh. zunächst als militärischer Fachaus-
zu griech. stréphein »wenden« (vgl. ↑ Strophe und druck aus franz. appel entlehnt (zu franz. appeler
zum 1. Bestandteil ↑ apo... , Apo...). »[auf]rufen«). Voraus liegt eine zu lat. pellere
Apotheke: Grundwort dieses seit dem Mittelalter »stoßen, treiben« (vgl. ↑ Puls) gehörende Zusam-
bezeugten Lehnwortes (mhd. apoteke) ist das un- mensetzung, lat. appellare (< * adpellare) »um
ter ↑ Theke behandelte griech. Substantiv théke Hilfe ansprechen, anrufen«, das ursprünglich
»Behältnis«, das in Verbindung mit der Vorsilbe etwa »mit Worten antreiben, auffordern« bedeu-
↑ apo... , Apo... (griech. apothéke) einen Ort be- tete. Unmittelbar hieraus wurde in mhd. Zeit das
zeichnet, an dem man etwas abstellen und auf be- Verb appellieren »anrufen; (mit Nachdruck) hin-
wahren kann, also einen »Abstellraum, eine Vor- weisen« entlehnt. – Franz. appel wurde auch ins
ratskammer, ein Magazin«. Deutlicher wird dies Engl. entlehnt (engl. appeal), von wo es im 20. Jh.
noch in dem daraus entlehnten lat. Substantiv als Appeal »Anziehungskraft, Wirkung« – zu-
apotheca und in den hieraus hervorgegangenen nächst in der Verbindung Sexappeal – ins Deut-
roman. Wörtern span. bodega, franz. boutique. So sche gelangte.
bezeichnete denn auch Apotheke ursprünglich ei- Appetit: Das Wort mit der Bedeutung »Esslust,
nen Vorratsraum, speziell den in alten Klöstern Hunger; Verlangen« wurde im 15. Jh. aus lat.-
zur Versorgung der Kranken angelegten Raum mlat. appetitus (cibi) »Verlangen (nach Speise)«
für Heilkräuter. Entsprechend war der Apotheker entlehnt. Das zugrunde liegende Verb lat. ap-pe-
ursprünglich der Lagerdiener oder Lagerverwal- tere »nach etwas hinlangen; verlangen, begeh-
ter (mhd. apoteker < lat.-mlat. apothecarius). – ren« ist eine Bildung zu lat. petere »zu erreichen
Interessant ist, dass diese Bezeichnungen im suchen; begehren, verlangen«, das etymologisch
Franz. nicht gelten. Vielmehr stehen dort phar- mit dt. ↑ Feder verwandt ist. Abl.: appetitlich »ap-
macie für »Apotheke« u. pharmacien für »Apo- petitanregend; sauber, nett« (16. Jh.). Aus dem
applaudieren – Aquarell 126

A engl. appetite wurde das Substantiv appetizer


»Vorspeise, Appetitanreger« abgeleitet und in
ein Adjektiv praecoquus »vorzeitig Früchte tra-
gend«, das in der Verbindung vulgärlat. (persica)
Mappl der 2. Hälfte des 20. Jh.s in dieser Bedeutung als
Appetizer ins Deutsche übernommen. – Zum
gleichen Stammwort (lat. petere) gehören auch
praecocia einen »frühreifen Pfirsich« bezeich-
nete. Wort und Sache gelangten durch griech.
Vermittlung (spätgriech. praikókkion) zu den
die Fremdwörter ↑ kompetent und ↑ repetieren. Arabern (arab. [mit Artikel] al-barquq »die
applaudieren »Beifall klatschen«: Das Verb wurde Pflaume«) und von dort mit den Mauren nach
in der 2. Hälfte des 16. Jh.s aus gleichbed. lat. ap- Spanien (span. albaricoque) und Westeuropa.
plaudere (applausum) entlehnt, einer Bildung zu Den deutschen Sprachraum erreichte das Wort
lat. plaudere (plausum) »klatschen, schlagen; über Frankreich (franz. abricot, Plural abricots)
Beifall klatschen« (vgl. ↑ plausibel). – Dazu das und die Niederlande (niederl. abrikoos).
Substantiv Applaus »Beifall« (1. Hälfte 17. Jh.; aus April: Die Bezeichnung des vierten Monats des Ka-
gleichbed. spätlat. applausus). lenderjahres, ahd. abrello, mhd. aberelle, abrille,
applizieren »anwenden; (Farben) auftragen; auf- beruht wie z. B. entsprechend ital. aprile, franz.
nähen, als modische Verzierung anbringen«: Das avril und engl. April auf lat. Aprilis (mensis). Die
seit dem Anfang des 16. Jh.s bezeugte Verb ist weitere Herkunft des lat. Wortes ist nicht sicher
entlehnt aus lat. applicare »anfügen; anwenden«, geklärt.
einer Bildung zu lat. plicare »falten, zusammen-
legen« (vgl. ↑ kompliziert). April
apportieren: Der Ausdruck für »etwas (besonders
jmdn. in den April schicken
erlegtes Wild) herbeibringen« ist seit dem 18. Jh.
»jmdn. am 1. April zum Besten halten«
bezeugt. Er ist formal aus franz. apporter »her-
Die seit dem Beginn des 17. Jh.s bezeugte Wen-
beibringen« entlehnt, hat jedoch seinen beson-
dung bezieht sich auf den Brauch der April-
deren Bezug auf den Hund von entsprechend
scherze, bei denen es meist darum geht, jmdn. et-
franz. rapporter übernommen. Quelle des franz.
was besorgen zu lassen, was es gar nicht gibt,
Wortes ist lat. ap-portare »herbeibringen«, eine
oder etwas tun zu lassen, was er gar nicht tun soll.
Bildung zu lat. portare »tragen, bringen« (vgl.
Auch in Holland, Frankreich und England ist es
↑ Porto).
üblich, andere Menschen am 1. April zum Narren
Apposition »substantivische nähere Bestimmung;
zu halten. Warum dieser Brauch am 1. April statt-
Beisatz«: Der grammatische Terminus ist aus lat.
findet, ist nicht sicher geklärt. Da er vermutlich
appositio, eigentlich »das Hinsetzen; der Zu-
von Frankreich nach Deutschland gelangte,
satz«, entlehnt. Das lat. Substantiv gehört zu ap-
könnte es damit zusammenhängen, dass Karl IX.
ponere »hinstellen; hinzufügen«, einer Bildung
im Jahr 1564 den Neujahrstag vom 1. April auf den
zu lat. ponere (positum) »setzen, stellen, legen«
1. Januar verlegte. Wer das vergaß, traf seine Vor-
(vgl. ↑ Position).
bereitungen umsonst.
appretieren »Geweben durch entsprechendes Be-
arbeiten ein besseres Aussehen, Glanz, Festigkeit
geben«: Das Verb wurde im 18. Jh. aus gleichbed. apropos »nebenbei bemerkt, übrigens«: Das seit
franz. apprêter entlehnt, einer Bildung zu franz. dem frühen 17. Jh. zunächst mit der Bed. »zur Sa-
prêt »bereit, fertig«. Dazu das Substantiv Appre- che, zum behandelten Gegenstand« bezeugte
tur »das Appretieren; Glanz, Festigkeit eines Ge- Adverb ist aus franz. à propos »der Sache, dem
webes« (18. Jh.). Gegenstand, dem Thema angemessen« (zu franz.
approbiert »(nach bestandener Prüfung) als Arzt propos »Gespräch«) entlehnt.
oder Apotheker bestätigt und zugelassen«: Das Aquamarin: Die Bezeichnung des meerwasser-
seit der 1. Hälfte des 16. Jh.s gebräuchliche Wort blauen Edelsteins ist eine gelehrte Bildung aus
ist das in adjektivische Funktion übergegangene lat. aqua marina »Meerwasser«, die in den ro-
zweite Partizip des heute wenig gebräuchlichen man. Sprachen bereits für das 16. Jh. bezeugt ist
Verbs approbieren »billigen, genehmigen« (man beachte z. B. gleichbed. ital. acquamarina
(15. Jh.). Quelle des Wortes ist gleichbed. lat. ap- und franz. aigue-marine) und im 18. Jh. einge-
probare, eine Bildung zu lat. probare »billigen« deutscht wird.
(vgl. ↑ prüfen). – Dazu Approbation »staatliche Aquaplaning »unkontrolliertes Rutschen von Au-
Zulassung zur Berufsausübung (bei Ärzten u. tos auf nasser Fahrbahn«: Das Substantiv wurde
Apothekern)«, aus lat. approbatio »Billigung, Ge- im 20. Jh. aus engl. aquaplaning entlehnt, das ei-
nehmigung« (15. Jh.). gentlich »Wasserski fahren« bedeutet und zu lat.
Aprikose: Die seit dem 17. Jh. bei uns bekannte aqua »Wasser« und engl. plane »gleiten« gehört.
Steinfrucht trägt im Grunde einen lat. Namen, Aquarell: Die im Dt. seit dem späten 18. Jh. ge-
dessen ursprüngliche Gestalt auf den verschlun- bräuchliche Bezeichnung für die Technik, in
genen Pfaden seiner Entlehnung verstümmelt Wasserfarben zu malen, und konkret für das in
wurde. Zu dem unter ↑ kochen behandelten lat. Wasserfarbe gemalte Bild beruht wie entspre-
Verb coquere »kochen; zur Reife bringen« gehört chend franz. aquarelle auf gleichbed. ital. acque-
127 Aquarium – Archiv
rello (älter: acquerella). Das ital. Substantiv
selbst gehört als Ableitung zu ital. acqua < lat.
tertum ausgeprägt. Er folgte dabei Ansätzen zu
einer Wertung der Arbeit, wie sie sich in der Ethik A
aqua »Wasser« (vgl. ↑ Aquarium).
Aquarium »Wasserbehälter zur Pflege und Zucht
von Wassertieren und -pflanzen«: Das Wort ist
des Rittertums und in der mittelalterlichen Mys-
tik finden. Dadurch verlor das Wort Arbeit weit-
gehend den herabsetzenden Sinn »unwürdige,
M
Arch

eine gelehrte Neubildung des 19. Jh.s zu lat. aqua- mühselige Tätigkeit«. Es bezeichnete nun die
rius »zum Wasser gehörig«. – Das zugrunde lie- zweckmäßige Beschäftigung und das berufliche
gende Stammwort lat. aqua »Wasser«, das ety- Tätigsein des Menschen. Das Wort bezeichnet
mologisch mit dt. ↑ Au, Aue verwandt ist, er- außerdem das Produkt einer Arbeit. – Abl.: arbei-
scheint auch in ↑ Aquamarin, ↑ Aquaplaning, ten (mhd. ar[e]beiten, ahd. ar[a]beiten »[sich]
↑ Aquarell, ↑ Aquavit. plagen, [sich] quälen, angestrengt tätig sein«,
Äquator: Die Bezeichnung für den größten Brei- entsprechend got. arbaidjan, aisl. erfiða), dazu –
tenkreis, der die Erdkugel in zwei »gleiche« Halb- z. T. mit reicher Bedeutungsentfaltung – die Prä-
kugeln teilt, erscheint als geografischer Terminus fixbildungen be-, er-, verarbeiten und die zusam-
seit dem 16. Jh. Es handelt sich um eine gelehrte mengesetzten Verben ab-, auf-, aus-, durch-, ein-,
Entlehnung aus lat. aequator »Gleichmacher«, mit-, zusammenarbeiten, ferner die Bildung Ar-
das zu lat. aequare »gleichmachen« und weiter beiter (mhd. arbeiter »Tagelöhner, Handwerker«;
zu lat. aequus »gleich« (vgl. ↑ egal) gehört. seit dem 19. Jh. besonders Standesbezeichnung
Aquavit: Das Wort kam im 16. Jh. in der Apothe- des Lohnarbeiters in Industrie und Landwirt-
kersprache als gelehrte Bezeichnung für zu Heil- schaft); arbeitsam »fleißig; reich an Arbeit«
zwecken verwendeten Äthylalkohol auf; seit dem (mhd., ahd. arbeitsam »mühsam, beschwerlich«).
17. Jh. auch in der allg. Bed. »Branntwein«. Es be- – Zus.: Arbeitsessen »bei einer Zusammenkunft
ruht auf lat. aqua vitae und bedeutet demnach ei- von Verhandlungspartnern eingenommene
gentlich »Lebenswasser« (im Franz. entspricht Mahlzeit« (2. Hälfte des 20. Jh.s, Lehnüberset-
eau-de-vie). Heute versteht man unter Aquavit ei- zung von engl. working lunch).
nen bestimmten, charakteristisch gewürzten Archäologie »Altertumskunde (als Wissenschaft
Trinkbranntwein. von den alten Kulturen und ihren Kunstdenkmä-
Ar: Die Bezeichnung für das Flächenmaß von lern)«: Das Wort ist eine gelehrte Entlehnung des
100 m2 wurde im 19. Jh. aus gleichbed. franz. are späten 17. Jh.s aus griech. archaiologı́a »Erzäh-
entlehnt. Das franz. Wort selbst beruht auf lat. lungen aus der alten Geschichte«. Dies gehört zu
area »freier Platz, Fläche«. – Siehe auch ↑ Hektar. griech. archaı̄os »ursprünglich; altertümlich;
ar..., Ar... ↑ ad... , Ad... alt« und griech. lógos »Wort, Rede; Kunde, Wis-
Ära »Zeitabschnitt; Amtszeit«: Das Wort wurde senschaft usw.« (vgl. ↑ Logik).
im 17. Jh. aus spätlat. aera »gegebene Zahlen- Arche: Das Wort gelangte früh mit den römischen
größe (als Ausgangspunkt einer Berechnung); Händlern zu den Germanen. Aus lat. arca »Kas-
Zeitabschnitt, Epoche« entlehnt. Das lat. Wort ten, Lade, Geldkasten« (zu lat. arcanus »ver-
stellt einen alten Neutr. Plur. von lat. aes (aeris) schlossen, geheim« u. arcere »verschließen, in
»Erz, Kupfererz« (etymologisch verwandt mit dt. Schranken halten«; ↑ exerzieren, Exerzitien)
↑ ehern) dar, der als Fem. Sing. aufgefasst wurde. wurde got. arka, ahd. arka, archa, mhd. arke, ar-
Arabeske: Die Bezeichnung für »Ornament in ara- che, mniederd. arke, engl. ark, schwed. ark. Die
bischer Art, ranken-, blattförmige Verzierung« Bedeutung »Geldkasten« hält sich bei dem Wort
wurde im 18. Jh. als Terminus der bildenden bis ins Mhd. Im Nhd. lebt es nur in der biblischen
Kunst und der Baukunst aus gleichbed. franz. Bedeutung (Arche Noah) fort, die aus der Vulgata
arabesque entlehnt, das seinerseits aus entspre- in die luthersche Bibel überging.
chend ital. arabesco, einer Bildung zu ital. arabo Architekt »Baumeister«: Das in dieser Form seit
»arabisch«, stammt. dem 16. Jh. bezeugte Substantiv führt über
Arbeit: Das gemeingerm. Wort mhd. ar(e)beit, ahd. gleichbed. lat. architectus auf griech. archi-tékton
ar(a)beit, got. arbaiÞs, aengl. earfoðe, aisl. erfiði »Baumeister« (eigentlich »Oberzimmermann«)
ist wahrscheinlich eine Bildung zu einem im zurück. Dessen Bestimmungswort archi- »Ober-,
germ. Sprachbereich untergegangenen Verb mit Haupt-« gehört zu griech. árchein »der Erste sein,
der Bed. »verwaist sein, ein zu schwerer körper- Führer sein«, archós »Anführer, Oberhaupt« (vgl.
licher Tätigkeit verdingtes Kind sein«, das zu idg. ↑ Arzt, ↑ Archiv). ber das Grundwort tékton
* orbh- »verwaist; Waise« gehört (vgl. ↑ 1 Erbe). »Zimmermann, Zimmerer« vgl. ↑ Technik. –
Eng verwandt ist die slaw. Wortgruppe um russ. Dazu: Architektur »Baukunst; Baustil« (16. Jh.,
rabóta »Arbeit« (s. ↑ Roboter). Das gemeingerm. aus gleichbed. lat. architectura); architektonisch
Wort bedeutete ursprünglich im Deutschen noch »baulich, baukünstlerisch, den Gesetzen der
bis in das Nhd. hinein »schwere körperliche An- Baukunst entsprechend« (16. Jh.; aus gleichbed.
strengung, Mühsal, Plage«. Den sittlichen Wert spätlat. architectonicus < griech. archi-tektoni-
der Arbeit als Beruf des Menschen in der Welt hat kós).
Luther mit seiner Lehre vom allgemeinen Pries- Archiv »Auf bewahrungsort für (amtliche) Doku-
Arena – arm 128

A mente, Akten; Urkundensammlung«: Das seit


der 2. Hälfte des 15. Jh.s bezeugte Wort wurde im
Arie »Sologesangstück mit Instrumentalbeglei-
tung (bes. in Oper u. Oratorium)«: Das seit dem
MAren Bereich der Kanzleisprachen aus spätlat. archi-
vum (Nebenform von archium) »Auf bewah-
rungsort für amtliche Urkunden und Doku-
Anfang des 17. Jh.s bezeugte Lehnwort bedeutete
zunächst allgemein »Lied, Weise«. Die heutige
spezielle Bedeutung bildete sich erst im 18. Jh.
mente« entlehnt. Das lat. Wort selbst beruht auf mit der zunehmenden Bedeutung der Oper her-
griech. archeı̄on »Regierungs-, Amtsgebäude«. aus. Das Wort beruht wie franz. air »Lied, Weise;
Stammwort ist das griech. Verb árchein »der Arie« auf gleichbed. ital. aria.
Erste sein; anfangen, beginnen; regieren, herr- Arier: Das Wort wurde im Dt. vor allem in der na-
schen« (dazu griech. arché »Anfang, Ursprung; tionalsozialistischen Rassenideologie zur Aus-
Herrschaft, Macht; Regierung«), das u. a. auch im grenzung des jüdischen Teils der Bevölkerung
Bestimmungs- oder Grundwort von Wörtern wie verwendet. Es wurde aber bereits Anfang des
↑ Architekt, ↑ Anarchie, ↑ Hierarchie, ↑ Monarch, 18. Jh.s aus sanskr. arya »Edler« entlehnt und zu-
↑ Monarchie, ↑ Patriarch erscheint, ferner verdun- nächst in der ethnografischen Fachsprache in der
kelt in der Vorsilbe ↑ Erz... und in den Lehnwör- Bedeutung »Inder, Angehöriger der indischen
tern ↑ Arzt und ↑ Arznei. – Abl.: Archivar »Archiv- und iranischen Völker« verwendet. In der
beamter« (1. Hälfte 17. Jh.). Sprachwissenschaft wurde es dann erweitert zu
Arena: Die Bezeichnung für »Kampf bahn, Sport- »Indogermane, Indoeuropäer«. Bereits Mitte des
platz; Manege« wurde Ende des 16. Jh.s aus lat. 19. Jh.s lässt sich eine rassistische Umdeutung im
(h)arena »Sand, Sandbahn; Kampfplatz im Am- Sinne von »Nichtjude, Nordeuropäer, Germane;
phitheater« entlehnt und seit dem frühen 18. Jh. Angehöriger einer angeblich geistig, kulturell
häufiger verwendet. und politisch überlegenen nordischen Men-
arg »schlimm, böse, schlecht«: Das agerm. Adjek- schengruppe« feststellen. – Abl.: arisch (19. Jh.).
tiv mhd. arc, ahd. arg, niederl. erg, aengl. earg, Arithmetik »Zahlenlehre, das Rechnen mit Zah-
schwed. arg wurde in den alten Sprachstadien in len«: Die seit der Mitte des 14. Jh.s bezeugte Be-
den Bed. »ängstlich, feige; geil, wolllüstig; (mora- zeichnung führt über lat. arithmetica auf griech.
lisch) schlecht« verwendet. Es gehört wahr- arithmetiké (téchne) »Rechenkunst« zurück. Das
scheinlich im Sinne von »bebend, zitternd, er- zugrunde liegende Adjektiv griech. arithmetikós
regt« zur idg. Wurzel * ergh- »(sich) heftig bewe- »zum Rechnen gehörig« gehört zu griech. arith-
gen, erregt sein, beben« und ist dann z. B. ver- meı̄n »zählen, rechnen« und weiter zu griech.
wandt mit griech. orcheı̄sthai »beben; hüpfen, arithmós »Zahl«.
springen; tanzen« (↑ Orchester). Die Substanti- Arkade: Die Bezeichnung für »Bogen auf zwei Pfei-
vierung Arg (mhd. arc, ahd. arg »Böses, Schlech- lern oder Säulen«, meist im Plural gebraucht im
tigkeit«) ist heute nur noch in Weiterbildungen Sinne von »fortlaufende Bogenreihe zwischen
gebräuchlich wie arglos (18. Jh.). Abl.: ärgern zwei Räumen, Bogengang«, wurde als Fachwort
(s. d.); verargen »übel nehmen« (mhd. verargen der Baukunst Anfang des 17. Jh.s aus gleichbed.
»arg werden«). Zus.: Arglist »Hinterlist, Hinter- franz. arcade entlehnt, das seinerseits auf ital. ar-
hältigkeit« (mhd. arclist), dazu arglistig (mhd. cata »Arkade« beruht. Dies gehört zu ital. arco
arclistec); Argwohn »Misstrauen« (mhd. arcwan, (< lat. arcus) »Bogen, Schwibbogen; Bogenge-
ahd. argwan »schlimme Vermutung, Verdacht«; wölbe«.
zum zweiten Bestandteil vgl. ↑ Wahn), dazu arg- arktisch »zum Nordpolargebiet gehörig; kalt«: Die
wöhnen (mhd. arcwæ  nen, ahd. argwanen) und geografische Bezeichnung ist eine gelehrte Neu-
argwöhnisch (mhd. arcwæ  nec, ahd. argwanı̄g). bildung des 18. Jh.s zu lat. arcticus < griech. ark-
ärgern »erzürnen, reizen«: Das Verb mhd. ergern, tikós »arktisch«. Stammwort ist griech. árktos
argern, ahd. argoron ist von dem Komparativ des »Bär« in seiner speziellen Bed. »Großer Bär«
unter ↑ arg behandelten Adjektivs abgeleitet und (= Nordgestirn). – Die auf der Erdkugel »gegen-
bedeutet demnach eigentlich »schlimmer, böser, überliegende« Südpolargegend wird entspre-
schlechter machen«. Abl.: Ärger (18. Jh.); ärger- chend als antarktisch bezeichnet, nach lat. ant-
lich (mhd. ergerlich); Ärgernis (mhd. ergernis). arcticus < griech. antarktikós; vgl. die Vorsilbe
Arglist, arglistig; arglos ↑ arg. ↑ anti... , Anti... Dazu im 19. Jh. die Substantive
Argument »Beweisgrund, Beweismittel«: Das Arktis und Antarktis.
Wort wurde schon im Mhd. aus gleichbed. lat. ar- arm: Das gemeingerm. Adjektiv mhd., ahd. arm,
gumentum (eigentlich »was der Erhellung und got. arms, aengl. earm, schwed. arm gehört ver-
Veranschaulichung dient«) entlehnt. Stamm- mutlich im Sinne von »verwaist« zu der idg.
wort ist lat. arguere »erhellen; beweisen«. – Abl.: Wortgruppe von ↑ 1 Erbe. Das Adjektiv wurde zu-
argumentieren »etwas als Argument anführen; nächst im Sinne von »vereinsamt, bemitleidens-
beweisen, begründen« (nach gleichbed. lat. argu- wert, unglücklich« verwendet. An diese Bedeu-
mentari); Argumentation »Beweisführung« (aus tung schließen sich an ↑ barmherzig und ↑ erbar-
gleichbed. lat. argumentatio), beide 16. Jh. men; man beachte auch die Verwendung von arm
Argwohn, argwöhnen, argwöhnisch ↑ arg. im christlichen Sinne, z. B. arme Seele, armer Sün-
129 Arm – Ärmel
der. Im Sinne von »besitzlos« wurde arm im
Westgerm. Gegenwort zu reich. – Abl.: verarmen
dienendes Teil von technischen Anlagen; Vor-
richtung zum Drosseln«: Das Wort ist Anfang des A
(mhd. verarmen, für älteres armen, ahd. armen
»arm werden oder sein«); ärmlich (mhd. ermelich,
ahd. armalı̄h »dürftig; unglücklich«); Armut
16. Jh.s aus lat. bzw. ital. armatura »Ausrüstung;
Bewaffnung« entlehnt, das zu lat. arma »Gerät-
schaften; Waffen« (vgl. ↑ Armee) gehört.
M
Ärme

(mhd. armuot[e], ahd. armuotı̄, mit dem Suffix, Armbrust: Der Name der mittelalterlichen Schuss-
mit dem auch ↑ Einöde und ↑ Heimat gebildet waffe geht zurück auf spätahd., mhd. armbrust,
sind); armselig (15. Jh., von einem im Nhd. unter- das durch volksetymologische Umbildung nach
gegangenen Substantiv mhd. armsal »Armut, Arm und Brust aus mlat. arbalista bzw. aprovenz.
Elend«). arbalesta entstand. (Mhd. armbrust kann zu-
Arm: Die gemeingerm. Körperteilbezeichnung nächst an mhd. berust »Bewaffnung, Ausrüs-
mhd., ahd. arm, got. arms, engl. arm, schwed. arm tung« angelehnt und als »Armwaffe« verstanden
beruht mit verwandten Wörtern in anderen idg. worden sein.) Das mlat. Wort geht zurück auf lat.
Sprachen auf einer Bildung zu der idg. Wurzel arcuballista, eine Zusammensetzung aus lat. ar-
* ar - »fügen, zupassen«, vgl. z. B. lat. armus cus »Bogen« (vgl. ↑ Arkade) und lat. ballista
»Oberarm, Schulterblatt; Vorderbug bei Tieren« »Wurfmaschine« (vgl. ↑ Ballistik). Die arcuballista
und aind. ı̄rmá- »Arm; Vorderbug bei Tieren«. war im Altertum eine Art Bogenschleuder, die als
Die Bed. »Arm« hat sich demnach aus »Fügung, Handwaffe getragen oder auf Rädern fortbewegt
Gelenk, Glied« entwickelt. Hierher gehören fer- werden konnte. Im Mittelalter setzte sie sich, ob-
ner aus anderen idg. Sprachen z. B. griech. ararı́s- wohl zunächst vom Rittertum verpönt, als Waffe
kein »zusammenfügen; verfertigen; einrichten«, zum Schießen von Bolzen, Pfeilen, Stein- und
árthron »Gelenk, Glied« (↑ Arthritis), harmonı́a Bleikugeln durch. Seit dem 15./16. Jh. wurde die
»Fügung; Fuge; Bund; Ordnung« (↑ Harmonie) Armbrust durch die Feuerwaffen verdrängt.
und wohl auch arithmós »Zählung, (An)zahl« Armee »Streitmacht, Heer«: Das Wort wurde in der
(↑ Arithmetik), weiterhin lat. arma (Plural) »Aus- 2. Hälfte des 16. Jh.s als militärischer Terminus
rüstung, Gerätschaft, Waffen« (↑ Armee), artus aus gleichbed. franz. armée (eigtl. »bewaffnete
und articulus »Gelenk, Glied« (↑ Artikel), ars (Ge- Schar«) entlehnt. Das zugrunde liegende Verb
nitiv artis) »Geschicklichkeit, Kunst« (↑ Artist) franz. armer »bewaffnen; ausrüsten«, aus dem
und ratus »berechnet« (↑ Rate), ratio »Berech- unser Verb armieren »bewaffnen; ausrüsten; mit
nung« (↑ Ration und ↑ rational), ritus »religiöser Armaturen versehen« stammt, beruht auf gleich-
Brauch« (↑ Ritus). Aus dem germ. Sprachbereich bed. lat. armare. Stammwort ist das lat. Substan-
gehören hierher außer Arm die Wortfamilien von tiv arma (Neutr. Plur.), das zunächst allgemein
↑ Rede (s. d. über raten, 1 gerade, hundert) und »Gerätschaften« bedeutet, dann im speziellen
↑ Reim sowie die unter ↑ anberaumen und ↑ Art Sinne »Kriegsgerät, Waffen«. Mit beiden Bedeu-
behandelten Wörter. – Von Arm abgeleitet ist tungen ist das mit dt. ↑ Arm etymologisch ver-
↑ Ärmel. Eine junge Bildung ist umarmen »in die wandte Wort mit weiteren Lehnwörtern verbun-
Arme nehmen« (17. Jh.). An den übertragenen den: mit der ursprünglichen Bed. in ↑ Armatur,
Gebrauch von Arm schließen sich z. B. die Zusam- mit der speziellen Bed. »Waffen« noch in ↑ Alarm,
mensetzungen Flussarm und Hebelarm an. ↑ Lärm, ↑ Gendarm, und Armada »Kriegsflotte«
(span., 15. Jh.).
Arm
jmdm. in den Arm fallen Ärmel
»jmdn. an etw. hindern« etw. im Ärmel haben/behalten
Die Wendung schließt an fallen in der Bedeutung (ugs.) »etw. in Reserve haben«
»eine schnelle Bewegung machen« an. Der Ange- Diese Wendung spielt wahrscheinlich auf das Re-
griffene stürzt auf den erhobenen Arm des An- pertoire des Falschspielers an, der Spielkarten im
greifers zu, um den Hieb oder Stich abzuwehren. Ärmel versteckt hält.
jmdm. (mit etw.) unter die Arme greifen etw. aus dem Ärmel schütteln
»jmdm. in einer Notlage (mit etw.) helfen« (ugs.) »etwas mit Leichtigkeit schaffen, besor-
In dieser Wendung ist das Bild von der Hilfeleis- gen«
tung noch recht deutlich erhalten. Man greift ei- Die Wendung erklärt sich daraus, dass die Ärmel
nem Menschen, der zu stürzen oder zusammen- der spätmittelalterlichen Kleidungsstücke oft
zubrechen droht, unter die Arme und fängt ihn sehr weit waren und als Taschen dienten. Man
auf. Auch verletzte Personen birgt man, indem konnte also ohne Weiteres Geldstücke, ein
man ihnen unter die Arme greift. Schreiben o. dgl. regulär aus dem Ärmel schüt-
teln. Bei der Entstehung der Wendung kann spe-
Armatur »Ausrüstung von technischen Anlagen, ziell die Vorstellung der weiten Ärmel der Ta-
Maschinen und Fahrzeugen mit Bedienungs- und schenspieler und Zauberer mitgewirkt haben.
Messgeräten; der Bedienung und berwachung
Ärmel – Art 130

A Ärmel: Das westgerm. Substantiv mhd. ermel »Är-


mel«, ahd. armilo »Armring; Armfessel, Ärmel«,
gantis) aufgekommen. ber weitere etymologi-
sche Zusammenhänge vgl. ↑ regieren.
MÄrme mniederd. ermel »Ärmel«, aengl. earmella »Är-
mel« ist eine Bildung zu der unter ↑ Arm behan-
delten Körperteilbezeichnung und bezeichnet
Arsch (derb für:) »Gesäß«: Das agerm. Wort mhd.,
ahd. ars, niederl. aars, engl. arse, schwed. ars be-
ruht mit verwandten Wörtern in anderen idg.
also das, was zum Arm gehört. Sprachen auf idg. * orso-s »Hinterer« (eigentlich
armieren ↑ Armee. wohl »Erhebung, hervorragender Körperteil«),
ärmlich; armselig; Armut ↑ arm. vgl. z. B. hethit. arraš »Hinterer« und griech. ór-
Aroma, »Wohlgeruch, -geschmack«: Das Wort ros »Hinterer«. Es war zunächst die übliche Kör-
wurde im 17. Jh. aus griech.-lat. ároma »Gewürz« perteilbezeichnung ohne negativen Beiklang. –
entlehnt. Die weitere Herkunft ist unsicher. – Die In der niederen Umgangssprache wird das Wort
Bedeutungsentwicklung zu »Wohlgeruch« voll- Arsch mit seinen Ableitungen und Zusammen-
zog sich zuerst im abgeleiteten Adjektiv aroma- setzungen heute überaus häufig verwendet, man
tisch »würzig, wohlriechend«, das schon im frü- beachte z. B. die Zusammensetzungen Arschba-
hen 16. Jh. aus lat. aromaticus < griech. aromati- cke derb für »Gesäßhälfte« (den Artikel ↑ 2 Backe),
kós übernommen wurde. Arschgeige derb für »Mensch, der nichts leistet
Arrak: Die seit dem 17. Jh. zuerst in Norddeutsch- oder dumm ist, Versager«, arschklar derb für
land mit dem Ostindienhandel bekannte Be- »ganz klar, völlig einleuchtend«, Arschkriecher
zeichnung für »Branntwein aus gegorenem Reis« derb für »liebedienernder, unterwürfiger
führt über gleichbed. franz. arak (arac) auf arab. Mensch«, Arschlecker derb für »Schmeichler«,
‘araq »eine Art starken Branntweins« (eigentlich Arschloch (seit frühnhd. Zeit) als allgemeines
»Schweiß«) zurück. Die Araber bezeichneten mit Schimpfwort und die Ableitung verarschen derb
diesem Wort ein aus Ostindien bekanntes, aus für »sich mit jemandem einen Spaß erlauben«,
gegorenem Reis, Zucker und Kokosnüssen herge- ferner z. B. Wendungen wie Schütze Arsch solda-
stelltes alkoholisches Getränk. Im Arab. ist daher tensprachlich für »einfacher Soldat«, Arsch mit
ein älteres morgenländisches Wort vielleicht nur Ohren derb für »ausdrucksloses oder hässliches
umgedeutet worden. Gesicht; widerlicher Mensch«, die Arschkarte zie-
arrangieren »anordnen, zusammenstellen; vorbe- hen für »stark benachteiligt werden« und jeman-
reiten«, auch im speziellen Sinne von »ein Musik- dem den Arsch aufreißen derb für »jemandem
stück für Instrumente bearbeiten«: Das Verb Ordnung beibringen, ihn drillen, heftig zurecht-
wurde Anfang des 18. Jh.s aus franz. arranger »in weisen«.
Ordnung bringen, einrichten, zurechtmachen« Arsen: Die Bezeichnung des chemischen Elemen-
entlehnt, das zu franz. ranger »ordnungsgemäß tes ist aus der älteren Form arsenic (15. Jh.) her-
aufstellen« (vgl. ↑ Rang) gehört. – Dazu: Arrange- vorgegangen. Diese Form lebt in der Entlehnung
ment »Anordnung, Zusammenstellung; Einrich- Arsenik unmittelbar fort, das im modernen
tung eines Musikstücks, Instrumentierung« Sprachgebrauch eine äußerst giftige Arsenver-
(18. Jh., aus gleichbed. franz. arrangement); Ar- bindung bezeichnet. Der Name führt über spät-
rangeur »jemand, der ein Musikstück einrichtet« lat. arsenicum (lat. arrhenicum) »Arsenik« auf
(1. Hälfte 19. Jh., aus gleichbed. franz. arrangeur). griech. arsenikón (arrhenikón) »Arsenik« zurück,
Arrest »Haft; Nachsitzen«: Das Lehnwort das selbst wohl ein semit. Lehnwort ist und auf
(frühnhd. arrest) wurde zunächst als juristischer mittelpers. zarnı̄k »goldfarben« zurückgeht. Er
Terminus verwendet, später vorwiegend in der bezieht sich also zunächst auf das gelbe Arsen-
Militär- und Schulsprache. Es geht zurück auf sulfit (vgl. lat. auripigmentum »Goldfarbe«). Im
mlat. arrestum »Verhaftung«, das zu mlat. arre- antiken Sprachgefühl wurde das Wort aber als zu
stare (< * ad-restare) »dableiben; dableiben ma- griech. arsenikós »männlich; stark« gehörig emp-
chen« gehört (vgl. ↑ ad... , Ad... und ↑ Rest). Dieses funden (wegen der Verwendung als Rausch- und
Verb liegt frühnhd. arrestieren »in Beschlag neh- Stärkungsmittel).
men«, aber auch franz. arrêter zugrunde, aus dem Art: Die nhd. Form geht zurück auf mhd. art »Her-
Ende des 17. Jh.s das Verb arretieren »verhaften; kunft, Abstammung; angeborene Eigentümlich-
feststellen, sperren« entlehnt wurde. Dazu wurde keit, Natur, Wesen, Beschaffenheit; Art und
im 20. Jh. das technische Fachwort Arretierung Weise«, dessen weitere Herkunft nicht sicher ist.
»Sperrvorrichtung (an Geräten)« gebildet. Einerseits kann mhd. art identisch sein mit mhd.
Arroganz »Anmaßung«: Das Substantiv ist eine art »Ackerbau; (Pflug)land; Ertrag« und auf ahd.
seit dem 14. Jh. belegte Entlehnung aus gleichbed. art »Pflügen, Ackerbau« beruhen, vgl. ahd. arton
lat. arrogantia. Das zugrunde liegende lat. Verb »pflügen, den Boden bestellen; wohnen; bleiben,
ar-rogare (< * ad-rogare) bedeutet eigentlich dauern« und aengl. eard »(bebautes) Land,
etwa »(Fremdes) für sich beanspruchen«, dann Wohnplatz, Heimat«, aisl. orð »Ertrag, Ernte«.
übertragen »sich anmaßen«. – Dazu ist das Ad- Diese germ. Wortfamilie ist z. ˛ B. verwandt mit lat.
jektiv arrogant um 1700 wohl unter Einfluss von arare »pflügen« und griech. aróein »pflügen«.
gleichbed. franz. arrogant (zu lat. arrogans, arro- Andererseits kann mhd. art zu der unter ↑ Arm
131 Arterie – Asbest
dargestellten idg. Wurzel gehören und eng ver-
wandt sein mit aengl. eard »Fügung, Schicksal;
ist wahrscheinlich unter dem Einfluss von
afranz. art »Geschicklichkeit« aus afranz. atilier A
Lage« und norw. einard »einfach, unvermischt«.
Dann wäre das Wort – was plausibel erscheint –
mit lat. ars, artis »Art und Weise zu fügen, Kunst
»schmücken; ausrüsten; bewaffnen« (< vulgär-
lat. * apticulare, zu lat. aptare »instand setzen,
rüsten«, aptus »geeignet«) hervorgegangen.
M
Asbe

richtig zusammenzupassen« verbunden. – Um Artischocke: Die seit dem 16. Jh. bezeugte Bezeich-
Art gruppieren sich die Bildungen artig »wohler- nung der Zier- und Nutzpflanze, deren fleischi-
zogen«, früher auch »anmutig, hübsch; höflich« ger Blütenboden als Feingemüse verwendet wird,
(mhd. ertec »angestammte gute Beschaffenheit beruht wie entsprechend franz. artichaut auf
habend«) und arten »in die Art schlagen, veran- nordital. articiocco »Artischocke«, einer Neben-
lagt sein« (mhd. arten »abstammen; eine Be- form von ital. carciofo, das wahrscheinlich über
schaffenheit haben oder annehmen; gedeihen«), älter span. alcarchofa aus arab. (mit Artikel) al-
man beachte die zusammengesetzten Verben haršuf entlehnt ist.
und Präfixbildungen abarten »aus der Art schla- 
Artist »Künstler, der (mit Geschicklichkeitsübun-
gen, abweichen« (Ende 16. Jh. für lat. degenerare), gen) im Zirkus oder Varieté auftritt«: Das Wort
daraus rückgebildet Abart »abweichende Art« erscheint zuerst in der Mitte des 14. Jh.s mit der
(18. Jh., in der Bed. »Entartetes«), dazu abartig allgemeinen Bed. »Künstler«. Es ist in diesem
»vom Normalen abweichend, krankhaft« Sinne unmittelbar aus gleichbed. mlat. artista
(17. Jh.); ausarten »Maß und Form verlieren« entlehnt. Die heute vorherrschende spezielle Be-
(17. Jh., für lat. degenerare); entarten »seine Art deutung des Wortes kommt erst im 19. Jh. unter
verlieren, aus der Art schlagen« (mhd. entarten). dem Einfluss von entsprechend franz. artiste
Arterie: Die medizinische Bezeichnung für auf. – Mlat. artista gehört als Ableitung zu lat. ars
»Schlagader« wurde Mitte des 14. Jh.s aus gleich- (artis) »Geschicklichkeit; Kunst; Wissenschaft«,
bed. lat. arteria < griech. arterı́a (< * auertería) das ebenso wie lat. artus »Gelenk; Glied« (↑ Arti-
 »an-
entlehnt. Das griech. Wort gehört zu aeı́rein kel) wohl urverwandt ist mit dt. ↑ Art. – Abl.: Ar-
binden, aufhängen«, mit einer ähnlichen Bedeu- tistik »Varieté-, Zirkuskunst; größe körperliche
tungsentwicklung wie im verwandten ↑ Aorta. Geschicklichkeit« (19. Jh.); artistisch »nach Art
Arthritis »Gelenkentzündung«: Die Krankheitsbe- eines Artisten, von besonderer (körperlicher) Ge-
zeichnung ist über lat. arthritis aus griech. arthrı̄- schicklichkeit; hohes formalkünstlerisches Kön-
tis (nósos) »Gliederkrankheit; Gicht« entlehnt, nen zeigend« (zuerst im 16. Jh.).
das zu griech. árthron »Glied, Gelenk« (etymolo- Arznei: Zu dem Lehnwort ahd. arzat (vgl. ↑ Arzt)
gisch verwandt mit dt. ↑ Arm) gehört. gehören ahd. gi-arzaton »ärztlich behandeln«
artig ↑ Art. und mhd. arzatı̄e »Heilmittel, Heilkunst«. Das
Artikel: Lat. articulus »kleines Gelenk; Glied; Ab- von dem Lehnwort abgeleitete Verb geriet unter
schnitt; Teilchen«, eine Verkleinerungsbildung den Einfluss des heimischen Verbs für »heilen«:
zu lat. artus »Gelenk; Glied« (vgl. hierüber ↑ Ar- ahd. lachinon. Daraus entstanden die ahd. For-
tist), gelangte in spätmhd. Zeit in die deutsche men gi-arzinon, erzinon, mhd. erzenen »heilen«.
Kanzleisprache mit der Bed. »Abschnitt eines In Analogie hierzu wurde mhd. arzatı̄e von arze-
Schriftstücks, eines Vertrages«. In der Kauf- nı̄e, erzenı̄e abgelöst, woraus frühnhd. arz(e)nei
mannssprache entwickelte das Wort seit dem wurde.
späten 17. Jh. nach entsprechend franz. article die Arzt: Das Wort wurde im 9. Jh. als ahd. arzat (mhd.
neue Bed. »Handelsgegenstand, Ware«. In der arzet, arzat) aus spätlat. archiater griech. < arch-
Sprachlehre schließlich wurde Artikel seit Mitte ı́ tros »Oberarzt« (vgl. zum Bestimmungswort
¯a
des 16. Jh.s zur festen Bezeichnung des Ge- ↑ Archiv und ↑ ...iater) entlehnt. Es war Titel der
schlechtswortes (etwa im Sinne von »Rede-, Satz- Hofärzte antiker Fürsten, zuerst bei den Seleuki-
teilchen«). – Aus einem von lat. articulus abgelei- den in Antiochia. Mit den römischen Ärzten kam
teten Verb lat. articulare »gliedern; deutlich (ge- es zu den fränkischen Merowingern. Von den Kö-
gliedert) aussprechen« stammt das seit dem nigshöfen ging der Titel auf die Leibärzte geistli-
15. Jh. bezeugte Verb artikulieren »betont und cher und weltlicher Persönlichkeiten über und
deutlich aussprechen; zum Ausdruck bringen«. wurde schon in ahd. Zeit allgemeine Berufsbe-
Dazu im 16. Jh. das Substantiv Artikulation »das zeichnung. Dadurch wurde die germ. Bezeich-
Artikulieren; gegliederte Aussprache; Lautbil- nung des Heilkundigen verdrängt: ahd. lachi, got.
dung« (nach spätlat. articulatio »gehörig geglie- lekeis, eigentlich »Besprecher« (s. auch ahd. la-
derter Vortrag«). chinon unter ↑ Arznei). Volkstümlich ist das Wort
Artillerie: Das seit dem späten 15. Jh. bezeugte Arzt nicht geworden, wohl aber das im 15. Jh. ent-
Wort ist aus franz. artillerie »Gesamtheit der Ge- lehnte ↑ Doktor. – Abl.: ärztlich (mhd. arzatlich);
schütze, des schweren Kriegsmaterials; mit Ge- verarzten (mundartl. und ugs. für:) »(als Arzt) be-
schützen ausgerüstete Truppe« entlehnt, das sei- handeln, versorgen« (20. Jh.).
nerseits von afranz. artill(i)er »mit Kriegsgerät as..., As... ↑ ad... , Ad...
bestücken, ausrüsten« abgeleitet ist. Dieses Verb Asbest »mineralischer, feuerfester Faserstoff«: Das
Asche – Assel 132

A Wort ist eine mhd. Entlehnung aus griech.-lat.


á-sbestos (lı́thos) »Asbeststein«. Das zugrunde
sicht«: Das Substantiv erscheint im 15. Jh. und ist
zunächst als astronomischer Terminus (»Stel-
MAsch liegende griech. Adjektiv á-sbestos »unauslösch-
lich, unzerstörbar« ist eine mit Alpha privativum
(vgl. ↑ 2 a... , A...) gebildete Ableitung von griech.
lung der Gestirne am Himmel«) bezeugt und
wird von dort in astrologischer Deutung auch auf
zukünftiges irdisches Geschehen und seine Be-
sbénnymi »ich lösche, lösche aus«. trachtungsweise bezogen. Es ist aus lat. aspectus
Asche: Das agerm. Wort mhd. asche, ahd. asca, nie- »Anblick; Aussicht« (eigentlich »das Hinsehen«)
derl. as, engl. ash, schwed. aska gehört mit dem entlehnt, das zu lat. aspicere (< * ad-specere)
anders gebildeten got. azgo »Asche« zu der unter »hinsehen« gehört. Das Grundwort lat. specere
↑ Esse dargestellten idg. Wortgruppe. – Abl.: ein- »schauen« ist urverwandt mit dt. ↑ spähen. Vgl.
äschern »in Asche legen, verbrennen« (16. Jh., von im brigen das Lehnwort ↑ Spiegel, unter dem die
der Nebenform Ascher, s. u. Aschermittwoch; seit lat. Wortfamilie dieses Stammes behandelt ist.
etwa 1900 speziell für die Feuerbestattung ge- Asphalt: Die Bezeichnung wurde schon in der
braucht). Zus.: Aschenbecher (Ende des 19. Jh.s; 2. Hälfte des 15. Jh.s mit der allgemeinen Bed. »ab-
nach der früher üblichen becherähnlichen Form dichtendes Mineral« über spätlat. asphaltus aus
des Gefäßes); Aschenbrödel (mhd. aschenbrodele lat. asphaltus entlehnt, das seinerseits aus griech.
»Küchenjunge«, eigentlich »einer, der in der ásphaltos »Asphalt, Erdharz« stammt. Das
Asche wühlt«, vgl. ↑ brodeln). Im Volksmärchen griech. Wort ist ursprünglich ein substantivier-
bezeichnet Aschenbrödel den jüngsten von drei tes, mit Alpha privativum (vgl. ↑ 2 a... , A...) gebil-
Brüdern, der untätig in der Herdasche liegt und detes Verbaladjektiv von griech. sphállesthai »zu
sich später als der stärkste und klügste erweist; Fall kommen, beschädigt werden« und bedeutet
im grimmschen Märchen bezeichnet es die demnach eigentlich »unzerstörbar«. Das ur-
jüngste, zur Küchenarbeit gezwungene Toch- sprünglich vornehmlich im Mauerbau verwen-
ter. – Landsch. ist auch Aschenputtel gebräuch- dete Material ist also nach seiner starken Bin-
lich (vgl. ↑ buddeln); Aschermittwoch (frühnhd. deeigenschaft benannt. Die von Frankreich im
aschermitwoche für mhd. aschtac; das Bestim- frühen 19. Jh. ausgehende Verwendung im Stra-
mungswort ist eine Nebenform des heute allein ßenbau hat unter Einfluss von gleichbed. franz.
üblichen Plurals Aschen, s. o. einäschern und vgl. asphalte zu der modernen Bed. »Gemisch aus Bi-
mhd. aschervar »aschenfarben«.) Der erste Tag tumen und Mineralstoffen in der Verwendung als
des vorösterlichen Fastens ist so benannt, weil Straßenbelag« geführt.
der Priester an diesem Tage den büßenden Gläu- Aspik: Der Ausdruck für »Gallert aus Gelatine oder
bigen ein Aschenkreuz auf die Stirn zeichnet. Die Kalbsknochen« wurde im 19. Jh. aus gleichbed.
Asche gilt als Sinnbild der Vergänglichkeit, franz. aspic entlehnt, dessen Herkunft unklar ist.
Trauer und Buße. Aspirant »Bewerber, Anwärter«: Das Wort wurde
im 18. Jh. aus gleichbed. franz. aspirant entlehnt.
Asche Das zugrunde liegende Verb franz. aspirer »an-
hauchen, einatmen; nach etwas streben, trach-
sich Asche aufs Haupt streuen; sein Haupt mit
ten; sich bewerben« beruht auf lat. aspirare
Asche bestreuen
(< * adspirare) »hinhauchen, zuhauchen;
(geh.) »demütig bereuen«
(übertr.:) sich einer Person oder Sache nähern; et-
Die Wendung nimmt Bezug auf den Brauch, sich
was anstreben«, einer Bildung zu lat. spirare
zum Zeichen der Trauer mit Asche oder Staub zu
»hauchen, blasen« (vgl. ↑ Spiritus). Das bereits im
bestreuen, vgl. 2. Samuel, 13, 19: »Thamar warf
16. Jh. entlehnte Verb aspirieren »nach einem
Asche auf ihr Haupt.«
Posten streben« wird nur noch in Österreich ver-
wendet.
äsen »fressen« (vom Wild): Das Verb ist von dem Ass: Das Wort bezeichnete ursprünglich die
unter ↑ Aas behandelten Substantiv in dessen al- »Eins« auf Würfeln, später auch auf Spielkarten.
ter Bed. »Speise, Futter« abgeleitet. Weil das Ass in den meisten Kartenspielen die
Askese »streng enthaltsame Lebensweise; Buß- höchste (Trumpf)karte ist, nennt man heute
übung«: Das Substantiv ist eine gelehrte Entleh- (nach engl. Vorbild) im übertragenen Gebrauch
nung des frühen 18. Jh.s aus griech. áskesis »(kör- z. B. auch einen besonders gelungenen Auf-
perliche und geistige) bung; Lebensweise«, das schlagball im Tennis oder auch einen hervorra-
zu griech. askeı̄n »sorgfältig tun; verehren; üben« genden Spitzensportler Ass. Das Wort wurde in
gehört. – Dazu: Asket »in Askese lebender nhd. Zeit als Terminus des Würfelspiels aus
Mensch; Büßer« (18. Jh., aus griech. asketés franz. as übernommen, das seinerseits auf lat. as
> mlat. asceta »jemand, der sich in etwas übt«) (assis) »das Ganze als Einheit« (als Münzname
mit dem abgeleiteten Adj. asketisch »entsagend, u. a.) beruht.
enthaltsam« (18. Jh.). Assel: Die Herkunft der erst seit dem 16. Jh. be-
asozial ↑ sozial. zeugten Bezeichnung des Krebstieres ist nicht si-
Aspekt »Betrachtungsweise, Gesichtspunkt; Aus- cher geklärt. Vielleicht handelt es sich um eine
133 Assessor – Astrologie
Entlehnung aus ital. asello »Assel«, das auf lat.
asellus »Eselchen«, eine Verkleinerungsbildung
Zweig«, vgl. z. B. griech. ózos »Ast, Zweig« und ar-
men. ost »Ast, Zweig«. Das idg. Wort ist eine alte A
zu lat. asinus, zurückgeht. Das ital. Wort ist aber
selbst erst spät bezeugt. Vgl. zu diesem Benen-
nungsvorgang griech. onı́skos »Assel« zu griech.
Zusammensetzung und bedeutet eigentlich
»was (am Stamm) ansitzt«. Der erste Bestandteil
ist idg. * ŏ »nahe an etwas heran, zusammen mit«,
M
Astr

ónos »Esel«. Das Krebstier wäre dann nach seiner der zweite Bestandteil gehört zu der idg. Wurzel
grauen Farbe als »Eselchen« benannt. – Vermutet * sed- »sitzen« (vgl. ↑ sitzen; s. auch ↑ Nest). – Im
wurde auch eine Abl. von der in dt. essen vorlie- heutigen Sprachgebrauch bezeichnet Ast auch ei-
genden Wurzel, wenn man sich die Assel und ver- nen Knorren oder Auswuchs im Holz sowie einen
wandte Kleintiere als nagend und schabend vor- Buckel auf dem Rücken.
stellt.
Assessor »Anwärter auf die höhere Beamtenlauf- Ast
bahn«: Das Wort wurde im späten 15. Jh. zu-
auf dem absteigenden Ast sein/sich befinden
nächst als juristischer Terminus mit der Bed.
»über den Höhepunkt hinweg sein, in seinen
»Beisitzer am Gericht« aus gleichbed. lat. asses-
Leistungen nachlassen«
sor entlehnt, das zu lat. assidere »dabeisitzen«
Die Wendung knüpft an den fachsprachlichen
(< * ad-sedere) gehört. – Das Stammwort lat. se-
Gebrauch von Ast in der Mathematik und Physik
dere »sitzen«, das urverwandt ist mit dt. ↑ sitzen,
an, z. B. Ast einer Hyperbel, Ast einer Geschoss-
liegt auch in ↑ possessiv und ↑ präsidieren vor.
bahn.
assimilieren »angleichen, anpassen«: Das Verb
wurde gegen Ende des 17. Jh.s aus lat. as-similare sich einen Ast lachen
(assimulare) »ähnlich machen, angleichen« ent- (ugs.) »sehr lachen«
lehnt, einer Bildung aus lat. ad »an, zu« (vgl. In dieser Wendung hat Ast die Bed. »verwachse-
↑ ad... , Ad...) und lat. simulare (vgl. ↑ simulieren). ner Rücken, Buckel«; sich einen Ast lachen meint
Es wird wie das dazugehörige Substantiv Assimi- also »sich vor Lachen so krümmen, dass man ei-
lation »Angleichung, Anpassung« (aus lat. assi- nen Buckel bekommt«.
milatio »Ähnlichmachung«) besonders fach-
sprachlich (Biologie, Sprachwissenschaft) ver- Aster: Die Zierpflanze ist nach ihrem »sternförmi-
wendet, seit Beginn des 19. Jh.s aber auch im gen« Blütenstand benannt. Die Bezeichnung
Sinne einer Anpassung an andere ethnische oder kam im 18. Jh. als gelehrte Entlehnung aus
soziale Gruppen. griech.-lat. astér »Stern; Sternblume« auf.
assistieren »beistehen, unterstützen«: Das Verb Griech. astér (daneben griech. ástron »Stern« in
wurde Ende des 16. Jh.s aus gleichbed. lat. as-sis- ↑ Astrologie, Astronomie) ist mit dt. ↑ Stern ur-
tere entlehnt, einer Bildung aus lat. ad »hinzu« verwandt.
(vgl. ↑ ad... , Ad...) und lat. sistere »hinstellen; sich Ästhetik »Lehre vom Schönen«: Nlat. Aesthetica,
hinstellen, sich stellen« (vgl. ↑ stabil). – Dazu: As- um 1750 von dem deutschen Philosophen A. G.
sistent »Gehilfe, (wissenschaftlicher) Mitarbei- Baumgarten geprägt, ist eine gelehrte Bildung zu
ter« (16. Jh., zunächst im allgemeinen Sinne »Hel- griech. aisthetikós »wahrnehmend«. Es meinte
fer, Freund«; aus lat. assistens, -tentis, dem Part. zunächst die »Wissenschaft vom sinnlich Wahr-
Präs. von assistere); Assistenz »Beistand, Mit- nehmbaren, von der sinnlichen Erkenntnis«,
hilfe« (15. Jh., mlat. assistentia). – Lat. sistere er- dann – verengt – die »Wissenschaft, Lehre vom
scheint auch in ↑ existieren. sinnfällig Schönen«. Griech. aisthetikós »wahr-
assoziieren »sich (genossenschaftlich) zusammen- nehmend« gehört zum Verb aisthánesthai
schließen, anschließen; eine gedankliche Vor- »wahrnehmen« (vgl. ↑ Anästhesie). Damit urver-
stellung mit etwas verknüpfen«: Das Verb ist zu- wandt ist lat. audire »hören« (↑ Audienz). – Abl.:
nächst als kaufmännischer Ausdruck seit der ästhetisch »schön; die Ästhetik betreffend«
Mitte des 16. Jh.s bezeugt. Es ist aus gleichbed. (Mitte 18. Jh.), dazu Ästhet »Mensch mit ausge-
franz. s’associer entlehnt, das seinerseits auf lat. prägtem Schönheitssinn« (Anfang 20. Jh., wohl
associare »beigesellen; vereinigen, verbinden« unter Einfluss von engl. aesthete).
beruht, einer Bildung aus lat. ad »hinzu« (vgl. Asthma »erschwertes Atmen in Anfällen heftiger
↑ ad... , Ad...) und lat. sociare »verbinden« (vgl. Atemnot«: Der medizinische Ausdruck ist eine
↑ sozial). Dazu: Assoziation »Vereinigung, (genos- Entlehnung des 16. Jh.s aus griech. asthma
senschaftlicher) Zusammenschluss; Verknüp- »schweres, kurzes Atemholen; Beklemmung«.
fung von Vorstellungen« (frühes 17. Jh.; aus Das griech. Substantiv gehört wohl (als
gleichbed. franz. association) und assoziativ * ansthma) zum Stamm * an()- »atmen, hau-
»verknüpfend; auf Assoziation beruhend« chen« in griech. ánemos »Wind« und in den unter
(19. Jh.; aus gleichbed. franz. associatif). ↑ animieren genannten Wörtern. – Abl.: asthma-
Ast: Das agerm. Wort mhd., ahd. ast, got. asts, tisch »an Asthma leidend, kurzatmig« (spätes
mniederl. ast beruht mit verwandten Wörtern in 16. Jh.; nach gleichbed. griech. asthmatikós).
anderen idg. Sprachen auf idg. * ozdo- »Ast, Astrologie »Sternkunde (als Lehre vom Einfluss
Astronaut – Atlantik 134

A der Gestirne auf irdisches Geschehen)«: Das


Wort ist eine gelehrte spätmhd. Entlehnung aus
Äther »strahlender, blauer Himmel; farblose, als
Narkose- und Lösungsmittel verwendete Flüssig-
MAstr griech.-lat. astro-logı́a, zu griech. ástron »Stern«
(vgl. ↑ Aster) u. griech. lógos »Wort; Kunde, Wis-
senschaft« (vgl. ↑ Logik). – Dazu: Astrologe
keit«: Nach altgriechischer Vorstellung bestand
der Luftraum über der Erde aus zwei verschiede-
nen Luftzonen, aus einer unteren, niederen
»Sterndeuter« (spätes 14. Jh.; aus griech. astro-ló- Schicht, die durch neblig-wolkige und dicke Luft
gos > lat. astrologus »Sternkundiger; Sterndeu- gekennzeichnet ist (griech. aér, vgl. ↑ aero... ,
ter«). – Gegenüber der Astrologie bezeichnet die Aero...), und aus einer himmelsfernen, äußerst
Astronomie als »Stern- und Himmelskunde« die feinen und klaren Luftzone, die zugleich als
rein wissenschaftliche, mathematische Beschäf- Wohnsitz der unsterblichen Götter galt. Diese
tigung mit den Himmelskörpern. Das Wort, das Letztere heißt nach dem in südlichen Gegenden
bis ins 16. und 17. Jh. vielfach noch im Sinne von besonders hell und strahlend erscheinenden Fir-
»Astrologie« gebraucht wurde, beruht auf mament, mit dem sie gleichgesetzt wird, griech.
griech.-lat. astro-nomı́a »Sternkunde« (über das aithér (eigentlich »das Brennende, Glühende,
Grundwort vgl. ↑ ...nom). Dazu: astronomisch Leuchtende«). ber lat. aether Anfang des 14.
»die Astronomie betreffend« (16. Jh.; griech. Jh.s ins Dt. entlehnt, wurde dieses Wort seit dem
astro-nomikós > spätlat. astronomicus »stern- frühen 18. Jh. oft poetisch als Synonym für »Ster-
kundlich«), in der Umgangssprache häufig auch nenhimmel, Firmament« gebraucht. In etwas
übertragen gebraucht im Sinne von »unermess- willkürlicher bertragung benennt man damit
lich groß, riesig«. auch seit Anfang des 19. Jh.s ein »leicht flüchti-
Astronaut: Die Bezeichung für »(Welt)raumfah- ges« Betäubungsmittel. – Das abgeleitete Adjek-
rer« wurde Mitte des 20. Jh.s wohl unter Einfluss tiv ätherisch »ätherartig, flüchtig« verdankt
von älterem gleichbed. franz. astronaute und seine Entstehung im frühen 16. Jh. den Alchimis-
gleichbed. engl.-amerik. astronaut gebildet. Zu- ten, die es im ursprünglichen Sinne des Grund-
grunde liegen griech. Elemente (vgl. ↑ Astrologie). wortes verwendeten: ätherisches (d. i. »beson-
Vgl. auch ↑ Kosmonaut. ders fein glühendes«) Feuer. Von da gelangte es
Asyl »Zufluchtsstätte; Heim für Obdachlose«: Das einerseits in die Dichtersprache im Sinne von
Wort wurde im 15. Jh. aus lat. asylum < griech. »himmlisch«, andererseits in den theologischen
ásylon »Freistätte, Zufluchtsort« entlehnt. Es ge- Bereich in Fügungen wie ätherischer Leib (d. i.
hört zu griech. a- »un-« (vgl. ↑ 2 a... , A...) und »engelhaft, entrückt, nicht greif bar«). Entspre-
griech. sylon »Plünderung; Raub, Beute«, daher chend bedeutet es im heutigen Sprachgebrauch
eigtl. »ein Ort, der nicht geplündert werden etwa »zart, gebrechlich«, auch »angenehm rie-
darf«. chend« (ätherische Öle). – Das den Wörtern zu-
at..., At... ↑ ad... , Ad... grunde liegende griech. Verb aı́thein »brennen,
Atelier »Künstlerwerkstatt«: Das Substantiv glühen, leuchten« hat idg. Entsprechungen in lat.
wurde Anfang des 18. Jh.s aus franz. atelier aestus »Glut, Hitze«, aestas »sommerlich warme
»Werkstatt« entlehnt. Das franz. Wort (afranz. Jahreszeit«. Als gemeinsame idg. Wurzel gilt
astelier) bedeutete ursprünglich »Haufen von * aidh- »brennen, glühen«.
Holzspänen« und bezeichnete danach speziell Athlet »Sportsmann, Wettkämpfer; Kraft-
den Arbeitsraum des Zimmermanns, in dem mensch«: Das Substantiv wurde im 16. Jh. über
Holzspäne anfallen. Es handelt sich bei dem Wort lat. athleta aus griech. athletés »Wettkämpfer«
um eine Ableitung von afranz. astele »Splitter, entlehnt. – Dazu stellen sich das Adjektiv athle-
Span«, das auf gleichbed. spätlat. astella (für lat. tisch »sportlich; durchtrainiert« (bereits im
assula, astula) beruht. Dies ist eine Verkleine- 16. Jh. mit der allgemeinen Bedeutung »kräftig,
rungsbildung zu lat. asser »Stange, Balken«. gesund« aus lat. athleticus < griech. athletikós
Atem: Das westgerm. Wort mhd. atem, ahd. atum, »athletisch«) und seit dem späten 18. Jh. das Sub-
niederl. adem, aengl. æ  ðm ist verwandt mit aind. stantiv Athletik »sportlicher Wettkampf« (aus
atmán »Hauch; Seele«. Die weiteren Beziehun- gleichbed. lat. athletica ars), das jedoch nur noch
gen sind dunkel. – Die Nebenform (mit mundartl. in den Zusammensetzungen Leicht-, Schwerath-
Lautung) Odem, die durch Luthers Bibelüberset- letik lebt.
zung Verbreitung fand, ist nur im religiösen Be- Atlantik »Atlantischer Ozean«: Das nach dem alt-
reich üblich. griechischen Gott Atlas (vgl. ↑ 1 Atlas) benannte
Atheismus »Gottesleugnung«: Das seit dem Ende Gebirge Atlas in Afrika, auf dem nach antiken
des 16. Jh.s bezeugte Substantiv ist eine nlat. Bil- mythologischen Vorstellungen der Himmel
dung zu griech. á-theos »ohne Gott, gottlos, Gott ruhte, lieferte den Namen für das entlang der
leugnend« (zu griech. a- »un-«, vgl. ↑ 2 a... , A... , Westküste Afrikas sich erstreckende Meer,
und griech. theós »Gott«). – Der Anhänger des griech. Atlantikón pélagos, lat. Atlanticum mare
Atheismus heißt entsprechend Atheist. Abl.: (bzw. Atlanticus oceanus). Dieser Name wurde in
atheistisch »zum Atheismus gehörend« (beide die modernen Sprachen entlehnt (man beachte
spätes 16. Jh.). entsprechend engl. Atlantic), und zwar nunmehr
135 Atlas – Attribut
zur Bezeichnung für das gesamte zwischen
Afrika, Europa und Amerika liegende Weltmeer.
Dazu gehört das etwa gleichzeitig übernommene
Substantiv Attacke »Kavallerieangriff; Angriff, A
1
Atlas »Kartenwerk«: Die Bezeichnung begegnet
zum ersten Mal als Titel eines im Jahre 1595 von
dem Geografen Mercator herausgegebenen
Anfall« (franz. attaque).
Attentat »Mordanschlag«: Das Wort wurde im
15. Jh. aus lat. attentatum »Versuchtes« entlehnt.
M
Attr

Landkartenwerkes. Sie ist vom Namen des Es wurde zunächst ganz allgemein im Sinne von
griech. Gottes Atlas genommen, der nach anti- »versuchtes Verbrechen« verwendet. Seit dem
ken mythologischen Vorstellungen die Erdkugel 18. Jh. hat es durch den Einfluss von franz. atten-
auf seinen Schultern trug und auch auf dem Ti- tat nur noch die Bedeutung »Mordanschlag auf
telblatt von Mercators Kartenwerk abgebildet einen politischen Gegenspieler«. Das zugrunde
war. – Siehe auch ↑ Atlantik. liegende Verb lat. attentare, attemptare (< * ad-
2
Atlas »seidenartiges Gewebe mit hochglänzender temptare) »antasten« ist verwandt mit der Wort-
Oberfläche«: Das Substantiv erscheint im Dt. be- familie um ↑ tendieren. – Dazu das abgeleitete
reits Ende des 14. Jh.s. Es ist aus franz. atlas ent- Substantiv Attentäter (19. Jh.), das volksetymolo-
lehnt und geht zurück auf arab. atlas »glatt; gisch an Täter angelehnt ist.
zart«, das in Verbindung mit Wörtern˙für Seiden- Attest »(ärztliche) Bescheinigung; Zeugnis«: Das
stoffe eine glatte, glänzende Seide bezeichnete seit dem Anfang des 17. Jh.s bezeugte Wort ist
und danach auch selbstständig in diesem Sinne eine Kurzform für älteres Attestat. Quelle des
gebraucht wurde. Lehnwortes ist lat. attestatum, das substanti-
Atmosphäre »Lufthülle«; übertragen: »Fluidum, vierte Part. Perf. von lat. at-testari »bezeugen, be-
Umwelt, Stimmung«; in der Physik Bezeichnung stätigen« (vgl. ↑ Testament).
für die Einheit des Luftdrucks: Das Substantiv ist Attraktion »zugkräftige Darbietung, Glanznum-
eine gelehrte Neubildung des späten 17. Jh.s zu mer; Anziehung, Anziehungskraft«: Das seit dem
griech. atmós »Dunst« und griech. sphaı̄ra 16. Jh. als naturwissenschaftliches Fachwort ge-
»Scheibe, Kugel; Erdkugel« (vgl. ↑ Sphäre). brauchte Substantiv erscheint seit dem 19. Jh. vor
Atoll: Die im Deutschen seit dem 19./20. Jh. übliche allem in der Sprache des Zirkuswesens und er-
Bezeichnung für eine ringförmige Koralleninsel langt von dort her allgemeine Geltung. Es ist aus
stammt vermutlich aus der südwestindischen gleichbed. engl. attraction (eigentlich »Anzie-
Drawidasprache Malayalam, wo adal »verbin- hung, Anziehungskraft«) entlehnt. Das engl.
dend« bedeutet. Ins Dt. gelangte das˙ Wort durch Wort selbst führt über franz. attraction »Anzie-
Vermittlung von gleichbed. engl. atoll. hung, Anziehungskraft« auf spätlat. attractio
Atom »kleinste, nicht zerlegbare Einheit eines Ele- »das Ansichziehen« zurück. Es gehört zu lat. at-
ments, Grundteilchen der Materie«: Das Wort trahere »an sich ziehen, anziehen«, einer Bildung
beruht auf einer gelehrten Entlehnung des spä- aus lat. ad »an, hinzu« (vgl. ↑ ad... , Ad...) und lat.
ten 15. Jh.s aus griech. átomos > lat. atomus »der trahere (tractum) »ziehen, schleppen« (vgl.
letzte unteilbare Urstoff der Materie«, dem sub- ↑ trachten). – Zur gleichen Zusammensetzung
stantivierten Femininum des griech. Adjektivs (lat. at-trahere) gehört das Adjektiv attraktiv
á-tomos »ungeschnitten; unteilbar«. Das Adjek- »anziehend, hübsch, elegant«. Es erscheint im
tiv ist eine ablautende Präfixbildung (vgl. ↑ 2 a... , 16. Jh. mit der allgemeinen Bed. »anziehend« und
A...) zu griech. témnein »schneiden« (etymolo- ist aus gleichbed. spätlat. attractivus entlehnt.
gisch verwandt u. a. mit lat. tondere »scheren, ab- Seit dem frühen 19. Jh. wird es unter Einfluss von
schneiden«). Die erfolgreiche Kernspaltung im engl. attractive bzw. gleichbed. franz. attractif in
20. Jh. widerlegt die im Benennungsmotiv der heutigen Bed. verwendet.
»kleinste Einheit« ausgedrückte Vorstellung. – Attrappe »täuschend ähnliche Nachbildung (z. B.
Abl.: atomar »Atome, Atomwaffen betreffend« von Waren in Schaufenstern)«: Das Wort wurde
(20. Jh.). im späten 18. Jh. aus gleichbed. franz. attrape ent-
Attaché »Gesandter ohne Botschafterrang«: Der lehnt. Das franz. Substantiv ist von franz. attra-
Terminus der Diplomatensprache wurde Ende per »fangen; anführen, täuschen, foppen« abge-
des 18. Jh.s aus gleichbed. franz. attaché über- leitet und bedeutet demnach eigentlich »Falle«,
nommen. Das franz. Wort selbst ist das substan- dann »Scherz; täuschender Scherzartikel«.
tivierte Part. Perf. von franz. attacher »festma- Franz. at-traper ist eine Bildung zu franz. trappe
chen, anbinden, anknüpfen; zuweisen, zuord- »Falle, Schlinge«, das seinerseits aus gleichbed.
nen« und bezeichnet demnach eigentlich den ei- afränk. * trappa stammt (↑ trappen).
nem Gesandten zugewiesenen Hilfsbeamten. Attribut »Kennzeichen, charakteristische Beigabe
Verwandt ist wohl ↑ attackieren. (einer Person, besonders in der bildenden Kunst);
attackieren »eine Attacke reiten; angreifen, zuset- Wesensmerkmal; Beifügung (in der Gramma-
zen«: Das Verb wurde im frühen 17. Jh. als militä- tik)«: Das Wort ist eine gelehrte Entlehnung des
rischer Terminus aus franz. attaquer »angreifen« frühen 17. Jh.s aus gleichbed. lat. attributum, dem
(< ital. attaccare »Streit anfangen, mit jemandem substantivierten Part. Perf. von lat. at-tribuere
anbinden«, eigentlich »festmachen«) entlehnt. »zuteilen, zuweisen, verleihen; beilegen, beifü-
ätzen – auf 136

A gen«, einer Bildung aus lat. ad »zu, hinzu« (vgl.


↑ ad... , Ad...) und lat. tribuere »teilen, zuteilen«
auch«, andererseits begründend im Sinne von
»denn, nämlich« und entgegensetzend im Sinne
Mätze (vgl. ↑ Tribut).
ätzen »durch Säuren oder Laugen auflösen, entfer-
nen oder zerstören; durch Säure einzeichnen
von »aber, dagegen«. Im heutigen dt. Sprachge-
brauch wird auch nur noch hinzufügend verwen-
det.
oder mustern«: Das gemeingerm. Verb mhd. et- Audienz »feierlicher Empfang bei hohen politi-
zen, ahd. ezzen, got. ( fra)atjan, aengl. ettan, aisl. schen oder kirchlichen Würdenträgern«: Das seit
etja ist von dem unter ↑ essen behandelten Verb dem frühen 15. Jh. in der Hof- und Regierungs-
abgeleitet und bedeutet demnach eigentlich »be- sprache übliche Lehnwort, das auf lat. audientia
wirken, dass jmd. isst«. Es wurde in den älteren »Gehör, Aufmerksamkeit« zurückgeht, entwi-
germ. Sprachstadien im Sinne von »verzehren ckelte seine spezielle Bedeutung aus Wendungen
lassen, füttern, grasen lassen, weiden« verwen- wie audientiam bitten bzw. geben. – Das dem lat.
det. Im Dt. wurde das Verb Ende des 15. Jh.s zum Substantiv zugrunde liegende Verb lat. audire
technischen Fachwort, wobei der fachsprachli- (< * auis-dh-ire) »hören« ist urverwandt u. a. mit
che Gebrauch von der Anschauung ausgeht, dass griech. aisthánesthai »wahrnehmen« (vgl. ↑ Äs-
sich die Säure gewissermaßen in das Metall hi- thetik).
neinfrisst (vgl. ↑ beizen). In der Jugend- und Um- Auditorium: Die bildungssprachliche Bezeichnung
gangssprache (2. Hälfte des 20. Jh.s) wird das erste für »Hörsaal, Zuhörerschaft« wurde im späten
Partizip ätzend im Sinne von »sehr schlecht«, z. T. 15. Jh. aus gleichbed. lat. auditorium entlehnt. Es
aber auch als Ausdruck der Anerkennung im gehört zu lat. auditorius »Zuhörer«, einer Bil-
Sinne von »sehr gut, hervorragend« verwendet. dung zu audire »hören« (vgl. ↑ Audienz).
Vom gleichen Verb abgeleitet ist atzen »Raubvo- Auerhahn: Die nhd. Form der Vogelbezeichnung
geljunge füttern«. geht zurück auf mhd. ŭrhan, ahd. urhano, das un-
Au, Aue »Niederung, Flusslandschaft, Wiese«, ter dem Einfluss von mhd. ur(e), ahd. uro »Auer-
(landsch. auch:) »Insel«: Mhd. ouwe, ahd. ouwa ochse« (vgl. ↑ Auerochse) aus mhd. orhan umge-
»Land im oder am Wasser, Halbinsel, Insel; Was- bildet worden ist. Das Bestimmungswort dieser
ser«, afries. ei- »Insel-« (↑ Eiland), aengl. ı̄eg »In- verdeutlichenden Zusammensetzung mhd. or-,
sel«, schwed. ö »Insel« beruhen auf der Substan- ahd. orre- (in orrehuon »Auerhenne«) entspricht
tivierung eines Adjektivs mit der Bed. »zum Was- schwed., norw. orre, aisl. orri »Birkhahn«. Diese
ser gehörig, am Wasser befindlich«. Das zu- Vogelbezeichnung ist z. B. verwandt mit griech.
grunde liegende germ. * agwijo »Insel, Au«, das ársen »männlich« und apers. aršan- »Mann,
also eigentlich »die zum Wasser Gehörige« be- Männchen« und bedeutet – wie auch das eng ver-
deutet, ist abgeleitet von einem im Nhd. nur noch wandte schwed. orne »Zuchteber« – eigentlich
in Flussnamen bewahrten gemeingerm. Wort für »männliches Tier, Männchen«. Man benannte
»Wasser, Gewässer«: mhd. ahe, ahd. aha, got. also zuerst den männlichen Vogel, weil sich die-
ala, aengl. ea, schwed. å »Wasser, Gewässer, ser in der Größe und in der Farbe des Gefieders
Flusslauf« (vgl. die dt. Flussnamen Ach, Aach, vom weiblichen Vogel unterscheidet und für den
Brigach, Salzach, Fulda). Damit ist außergerm. Jäger von größerem Interesse ist.
z. B. verwandt lat. aqua »Wasser, Gewässer, Auerochse: Die seit ahd. Zeit gebräuchliche Zu-
Fluss« (↑ Aquarium und ↑ Aquarell). – Das Wort sammensetzung mhd. urochse, ahd. urohso steht
Aue kommt heute außer im dichterischen verdeutlichend für das im Nhd. untergegangene
Sprachgebrauch gewöhnlich nur noch in Orts-, agerm. Wort für »Auerochse«: mhd. ur(e), ahd.
Landschafts- und Inselnamen vor, man beachte uro, aengl. ur, aisl. urr. Gleichfalls verdeutli-
z. B. Goldene Aue, Isarauen, Reichenau. chende Zusammensetzungen sind z. B. ↑ Mur-
auch: In dem gemeingerm. Wort (Adverb und Kon- meltier und Schmeißf liege (↑ schmeißen). – Das
junktion) mhd. ouch, ahd. ouh, got. auk, aengl. agerm. Wort ist wahrscheinlich im Sinne von
eac, schwed. ock sind wahrscheinlich zwei ur- »Befeuchter, (Samen)spritzer« mit der nord.
sprünglich verschiedene Wörter zusammenge- Wortfamilie von aisl. ur »Feuchtigkeit, feiner Re-
fallen: 1. eine adverbiell erstarrte Kasusform ei- gen« und weiterhin z. B. mit lat. urina »Harn«
nes im Dt. untergegangenen Substantivs mit der (↑ Urin) verwandt. Vgl. zu diesem Benennungs-
Bed. »Zunahme, (Ver)mehrung«, vgl. aengl. eaca vorgang ↑ Ochse. – Seit dem 18. Jh. ist neben der
»Zunahme; Vermehrung; Vorteil; Wucher«, aisl. Bezeichnung Auerochse auch eine erneuerte alt-
auki »Vermehrung; Zuwachs; Nachkommen« deutsche Form Ur gebräuchlich.
und weiterhin got. aukan »vermehren«; 2. eine auf: Das agerm. Wort (Adverb und Präposition)
z. B. mit griech. au »wieder, abermals, hingegen« mhd., ahd. uf, niederl. op, engl. up, schwed. upp
und lat. aut »oder«, autem »aber« verwandte Par- gehört mit ablautend got. iup »aufwärts« und den
tikel. Der doppelte Ursprung lässt sich noch an unter ↑ 1 ob, ↑ obere und ↑ offen behandelten Wör-
den verschiedenen Verwendungen des gemein- tern zu idg. * up(o)-, * eup- »von unten an etwas
germ. Wortes in den alten Sprachstadien erken- heran oder hinauf«. In anderen idg. Sprachen
nen, einerseits hinzufügend im Sinne von »und, sind z. B. verwandt griech. hypó »unten an etwas
137 aufbauen – aufwerfen
heran, unter« und lat. sub »unter«, die in zahlrei-
chen aus dem Griech. und Lat. entlehnten Wör-
aufmachen ↑ machen.
aufmerken, aufmerksam ↑ merken. A
tern als erster Bestandteil stecken (↑ hypo... ,
Hypo... und ↑ sub... , Sub...). Im Sinne von »über
das Maß hinausgehend« gehören hierher wahr-
aufmöbeln ↑ Möbel.
aufmüpfig ↑ muffeln.
aufpassen ↑ passen.
M
aufw

scheinlich auch die unter ↑ übel und ↑ üppig be- aufplustern ↑ plustern.
handelten Adjektive. Zu * up(o) gehört ferner idg. aufputschen ↑ Putsch.
* upér(i) »über, oberhalb«, auf dem die Wort- aufregen, Aufregung ↑ regen.
gruppe von ↑ über beruht. – Als Adverb ist auf, das aufreiben ↑ reiben.
mit zahlreichen Verben unfeste Zusammenset- aufreißen ↑ reißen.
zungen bildet, im heutigen dt. Sprachgebrauch aufrichten ↑ richten.
durch hinauf, herauf und aufwärts zurückge- aufrichtig ↑ richtig.
drängt. – Siehe auch ↑ Summe. Aufriss ↑ reißen.
aufbauen ↑ bauen. Aufruhr »Empörung, Tumult, Erhebung«: Die seit
aufbäumen ↑ Baum. dem 15. Jh. bezeugte verstärkende Zusammen-
aufbauschen ↑ Bausch. setzung (älter mniederd. upror) enthält als
aufbieten ↑ bieten. Grundwort das unter ↑ Ruhr behandelte Substan-
aufbinden ↑ binden. tiv in dessen älterer Bed. »heftige Bewegung«.
aufbrechen, Aufbruch ↑ brechen. Abl.: Aufrührer (15. Jh.); aufrührerisch (18. Jh., für
aufbrezeln ↑ Brezel. älteres aufrührig, aufrührisch).
aufbringen ↑ bringen. aufrüsten ↑ rüsten.
aufbrummen ↑ brummen. aufsässig »widerspenstig, aufrührerisch«: Der
aufbürden ↑ Bürde. zweite Bestandteil des seit dem 16. Jh. bezeugten
aufdringlich ↑ Drang. Adjektivs gehört zu der Wortgruppe von ↑ sitzen
Aufenthalt »Bleiben, Verweilen; Ort des Verwei- (vgl. mhd. sae »Rast[ort], Wohnsitz; Lage, Stel-
lens, Wohnort; Unterbrechung, Verzögerung«: lung; Lauer, Nachstellung, Hinterhalt« und die
Die nhd. Form geht zurück auf mhd. ufenthalt heute veraltete Verwendung des zusammenge-
»Aufrechthaltung, Beistand; Unterhalt; Bleibe«, setzten Verbs aufsitzen im Sinne von »sich wider-
das zu mhd. uf-enthalten »aufrechthalten, beiste- setzen, feindlich sein«).
hen; Unterhalt gewähren; zurückhalten« gehört Aufsatz ↑ setzen.
(vgl. ↑ halten). Aufschlag, aufschlagen ↑ schlagen.
auferstehen, Auferstehung ↑ stehen. aufschlüsseln ↑ Schlüssel.
auffallen, auffallend, auffällig ↑ fallen. aufschneiden, Aufschneider, Aufschnitt ↑ schnei-
auffassen ↑ fassen. den.
auffordern ↑ fordern. aufschreiben, Aufschrift ↑ schreiben.
auffrischen ↑ frisch. aufschwemmen ↑ schwemmen.
aufführen, Aufführung ↑ führen. aufsehen, Aufsehen, Aufseher ↑ sehen.
Aufgabe ↑ geben. aufsetzen ↑ setzen.
aufgabeln ↑ Gabel. Aufsicht ↑ sehen.
Aufgang ↑ gehen. aufsitzen ↑ aufsässig.
aufgeben ↑ geben. aufspielen, sich ↑ Spiel.
Aufgebot ↑ bieten. Aufstand, aufständisch ↑ stehen.
aufgedonnert ↑ Donner. aufstecken ↑ stecken.
aufgehen ↑ gehen. aufstehen ↑ stehen.
aufgeilen ↑ geil. auftakeln ↑ Takel.
aufgekratzt ↑ kratzen. auftischen ↑ Tisch.
aufgelegt ↑ legen. Auftrag, auftragen ↑ tragen.
aufgeräumt ↑ Raum. auftreiben ↑ treiben.
aufhalsen ↑ Hals. auftreten ↑ treten.
aufhalten ↑ halten. Auftrieb ↑ treiben.
aufheitern ↑ heiter. Auftritt ↑ treten.
aufhören ↑ hören. auftrumpfen ↑ Trumpf.
aufklaren, aufklären, Aufklärer, Aufklärung ↑ klar. auftürmen ↑ Turm.
aufkommen ↑ kommen. Aufwand ↑ wenden.
aufkündigen ↑ kund. aufwarten, Aufwärter ↑ warten.
Auflage ↑ legen. aufwärts ↑ ...wärts.
Auflauf, auflaufen ↑ laufen. Aufwartung ↑ warten.
auflegen ↑ legen. aufwecken ↑ wecken.
auflehnen ↑ 1 lehnen. aufwenden ↑ wenden.
auflösen ↑ lösen. aufwerfen ↑ werfen.
aufwiegeln – aus 138

A aufwiegeln »zur Meuterei oder Empörung anstif-


ten, verhetzen«: Das seit dem 16. Jh. bezeugte
Auge
das Auge des Gesetzes
Maufw Verb, das sich von der Schweiz ausgebreitet hat,
enthält als 2. Bestandteil eine Intensivbildung zu
dem unter ↑ 1 bewegen behandelten einfachen
(scherzh.) »die Polizei«
Dieser idiomatische Ausdruck ist allgemein be-
kannt durch Schillers Lied von der Glocke (»...
Verb (mhd. wegen, ahd. wegan), vgl. mhd. wigelen denn das Auge des Gesetzes wacht.«). Schon bei
»schwanken«. Es bedeutet demnach eigentlich antiken Autoren ist vom »Auge der (strafenden)
»heftig in Bewegung setzen«. Eine junge Gegen- Gerechtigkeit« die Rede.
bildung ist abwiegeln »beschwichtigen; dämp-
fen« (Mitte 19. Jh.). Auge um Auge, Zahn um Zahn
aufzäumen ↑ Zaum. »Gleiches wird mit Gleichem vergolten«
aufziehen, Aufzug ↑ ziehen. Die Wendung stammt aus der Bibel, vgl. z. B. Mo-
Auge: Das gemeingerm. Wort mhd. ouge, ahd. ses 24, 19: »Und wer seinen Nächsten verletzt,
ouga, got. augo, engl. eye, schwed. öga gehört mit dem soll man tun, wie er getan hat. Schade um
verwandten Wörtern in den meisten anderen idg. Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Es han-
Sprachen zu der idg. Wurzel * oku- »sehen; Auge«, delt sich also eigentlich um Strafen, wie sie für die
vgl. z. B. russ. oko »Auge«, lat. oculus »Auge« Rechtsprechung in den Bußkatalogen festgelegt
(↑ okulieren und ↑ Okular) und griech. ópsesthai waren.
»sehen werden«, ómma »Auge«, optikós »zum Se- jmdm. Sand in die Augen streuen
hen gehörig« (↑ Optik). Falls die idg. Wurzel ur- »jmdm. etw. vortäuschen, jmdn. täuschen«
sprünglich verbal war und »sehen« bedeutete, ist Beim Fechten und bei anderen Zweikämpfen ist
das Auge als »Seher« benannt worden. – Im über- es ein alter Trick, dem Gegner Sand in die Augen
tragenen Gebrauch bezeichnet Auge im Dt. zu werfen, um ihn in seiner Kampfkraft zu beein-
Dinge, die mit der Form eines Auges Ähnlichkeit trächtigen. Darauf geht diese Wendung zurück.
haben, speziell augenförmige Öffnungen und
Tupfen, man beachte z. B. die Zusammensetzun-
gen Bullauge (↑ 1 Bulle), ↑ Hühnerauge, Pfauen- im 16. Jh. als kaufmännischer Terminus aus
auge (↑ Pfau). Vor allem wird es übertragen im gleichbed. lat. auctio (eigentlich »Vermehrung«,
Sinne von »(geschlossene) Pflanzenknospe, dann »Steigerung, nämlich des Preises«) ent-
Keim«, »Punkt auf dem Würfel« und »Fetttrop- lehnt. Es gehört zu lat. augere (auctum) »wachsen
fen auf einer Flüssigkeit« verwendet. Die große machen; vergrößern, vermehren usw.« (vgl. ↑ Au-
Bedeutung des Gesichtssinnes für den Menschen tor).
spiegelt sich sprachlich in einer Fülle von Verbin- Aula: Die Bezeichnung für den Festsaal (in
dungen und Redewendungen wider, beachte z. B. [Hoch]schulen) wurde im frühen 16. Jh. aus lat.
im Auge haben, unter die Augen kommen, ein Auge aula »eingehegter Hofraum; bedeckte Halle (im
zudrücken, einem Sand in die Augen streuen, aus röm. Haus)« entlehnt, das seinerseits aus griech.
den Augen, aus dem Sinn. Abl.: äugen »vorsichtig aulé »äußerer oder innerer Hof; Wohnung«
oder scharf blicken«, gewöhnlich vom Wild stammt.
(17. Jh.; dagegen mhd. öugen »vor Augen bringen, Aura: Das Substantiv mit der Bedeutung »beson-
zeigen«, ahd. ougen, s. dazu ↑ ereignen). Zus.: Aug- dere Ausstrahlung« wurde im 17. Jh. aus lat. áura
apfel (mhd. ougapfel, ahd. ougapful; auch übertra- »Lufthauch, Dunst« entlehnt. Dieses geht zurück
gen im Sinne von »Liebstes« gebraucht); Augen- auf griech. aura »Luft, Hauch«. In dieser an das
blick (mhd. ougenblic »[schneller] Blick der Au- Lateinische und Griechische angelehnten Bedeu-
gen«, seit dem 13. Jh. dann auch »ganz kurze Zeit- tung ist es im Dt. seit dem 17. Jh. belegt, ab dem
spanne«); Augenweide (↑ 2 Weide); Augenwische- 18. Jh. findet es sich dann auch in lat. und latini-
rei »Täuschung, Betrug« (20. Jh.; für älteres Au- sierenden Syntagmen wie aura vitalis »Lebens-
genauswischerei, das zu einer veralteten Wen- hauch, -kraft« und aura sanguinis »Blutdunst«.
dung jemandem die Augen auswischen »jeman- Von daher wurde es seit Ende des 19. Jh.s auch
den täuschen, übervorteilen, betrügen« gehört). aufgefasst als »Gefühl, das wie ein Hauch auf-
Auge s. Kasten steigt (vor epileptischen Anfällen)« oder auch all-
August: Die Bezeichnung für den achten Monat gemein als »Krankheitsvorboten«. Schon in der
des Kalenderjahres, mhd. ougest(e), ahd. Kabbala wird mit Aura ein Dunstkreis bezeich-
a(u)gusto, beruht wie z. B. entsprechend franz. net, der den Menschen zum Jüngsten Gericht
août auf gleichbed. lat. (mensis) Augustus. Der umgibt. Diese Vorstellung begegnet seit dem
Monat wurde von den Römern zu Ehren des Kai- 19. Jh. in zahlreichen spirituellen Konzepten und
sers Octavian nach dessen Beinamen Augustus Texten. In der alltagssprachlichen Bed. »Aus-
»der Erhabene« benannt. Deutsche Bezeichnun- strahlung« ist das Wort seit dem Ende des 19. Jh.s
gen wie Erntemond, ahd. aranmanod, konnten belegt.
sich nicht durchsetzen. aus: Das gemeingerm. Adverb mhd., ahd. u, got.
Auktion »Versteigerung«: Das Substantiv wurde ut, engl. out, schwed. ut beruht mit verwandten
139 ausarten – aushecken
Wörtern in anderen idg. Sprachen auf idg. *ŭd-
»auf etwas hinauf, aus etwas hinaus«, vgl. z. B.
ausfechten ↑ fechten.
ausfindig ↑ finden. A
aind. úd-, út- »empor, hinaus« und lit. už- »em-
por, hinauf, zu«. Auf ein weitergebildetes *ŭd-s
geht die unter dem Präfix ↑ ur... , Ur... behan-
Ausflucht ↑ 2 Flucht.
Ausflug ↑ Flug.
ausführen, ausführlich, Ausführung ↑ führen.
M
aush

delte germ. Wortgruppe zurück (siehe auch Ausgabe ↑ geben.


↑ er...). Im Westgerm. entwickelte sich das Ad- Ausgang ↑ gehen.
verb auch zur Präposition. Im heutigen dt. ausgeben ↑ geben.
Sprachgebrauch ist das Adverb aus, das mit ausgebufft: Der im 20. Jh. aufgekommene ugs. Aus-
zahlreichen Verben unfeste Zusammensetzun- druck für »raffiniert, gerissen« gehört zu buffen
gen bildet, als selbstständiges Wort nur noch »stoßen, schlagen«, einer landsch. Nebenform
selten gebräuchlich, beachte z. B. aus und ein ge- von puffen (↑ Puff). Es bedeutet wohl eigentlich
hen. Das in der Sprache des Sports verwendete »durch Schläge, Püffe erfahren, gewitzt« (vgl. die
Aus »Raum außerhalb des Spielfeldes« (20. Jh.) Bedeutungsentwicklung von verschlagen und
ist Lehnübersetzung von engl. out. – Von aus verschmitzt).
abgeleitet sind die unter ↑ außen und ↑ außer be- ausgefuchst: Der seit dem 19. Jh. bezeugte ugs.
handelten Wörter. Ausdruck für »listig, gerissen« gehört vielleicht
ausarten ↑ Art. zu einem veralteten Verb fuchsen im Sinne von
ausbaden ↑ Bad. »Geschlechtsverkehr mit jemandem haben« und
bedeutete dann etwa »im Geschlechtsverkehr er-
ausbaden fahren«. Heute wird das Wort gewöhnlich auf
Fuchs als listiges Tier bezogen.
etw. ausbaden müssen
ausgehen ↑ gehen.
(ugs.) »die Folgen von etwas tragen müssen«
ausgekocht: Der im 19. Jh. aufgekommene ugs.
Die Wendung bezieht sich wahrscheinlich da-
Ausdruck für »raffiniert, gerissen« kann zu aus-
rauf, dass früher, wenn mehrere Personen nach-
kochen »durch Kochen reinigen« gehören, ist
einander gebadet hatten, der Letzte das Wasser
aber vielleicht eher eine volksetymologische Um-
ausgießen und das Bad säubern musste (ausba-
bildung von rotw. kochem »gescheit«, das in je-
den bedeutet eigentlich »zu Ende baden«).
dem Fall eingewirkt hat.
ausgelassen ↑ lassen.
ausbaldowern (ugs. für:) »auskundschaften«: Das ausgeleiert ↑ Leier.
im 19. Jh. aus dem Rotw. übernommene Wort ge- ausgemergelt »entkräftet, geschwächt«: Das
hört zu rotw. Baldower »Auskundschafter, An- Part. des nur noch selten gebrauchten Verbs
führer bei einem Diebesunternehmen«, das jidd. ausmergeln gehört zu dem unter ↑ 1 Mark (mhd.
bal »Herr, Mann« (hebr. ba’al) und dowor »Sa- marc, -ges »Innengewebe«) behandelten Sub-
che« (hebr. davar) enthält und demnach eigent- stantiv. Das seit dem 15. Jh. bezeugte Verb be-
˙ ˙ der Sache« bedeutet.
lich »Herr (Mann) deutet demnach eigentlich »das Mark auszie-
ausbedingen ↑ bedingen. hen«. Auf die Bedeutung des Verbs wirkte
Ausbeute, ausbeuten, Ausbeuter ↑ Beute. wahrscheinlich das medizinische Fachwort lat.
ausbilden ↑ bilden. marcor »Schlaffheit« ein. Später wurde ausmer-
ausbomben ↑ Bombe. geln im Sprachgefühl mit dem unter ↑ Mergel
ausbooten ↑ Boot. »Ton-Kalkstein« behandelten Wort verbunden.
ausbrechen ↑ brechen. Diese Verknüpfung lag nahe, weil eine häufige
ausbuchten, Ausbuchtung ↑ Bucht. Mergeldüngung den Boden allmählich auslaugt
Ausbund: Das seit dem späten 15. Jh. bezeugte und verdirbt.
Wort, das heute nur noch im übertragenen Sinne ausgepowert »ausgebrannt, erschöpft«: Das Wort
von »Höchstes, Bestes, Muster, Inbegriff« ver- wird heute auf neuengl. power »Kraft« bezogen.
wendet wird, stammt aus der Kaufmannssprache Das Verb auspowern »ausbeuten, aussaugen«
und bezeichnete ursprünglich das an einer Ware wird aber schon im 19. Jh. verwendet und gehört
nach außen Gebundene, d. h. das beste Stück ei- etymologisch zu nhd. power, pover »armselig,
ner Ware, das dem Käufer zur Schau gestellt wird ärmlich«, einer Abl. von franz. pauvre »arm« (aus
(vgl. ↑ binden). gleichbed. lat. pauper).
ausbürgern ↑ Bürger. ausgesucht ↑ suchen.
Ausdruck, ausdrücken, ausdrücklich ↑ drücken. ausgezeichnet ↑ zeichnen.
ausdünsten ↑ Dunst. ausgiebig ↑ geben.
auserkoren ↑ kiesen. ausgräten ↑ Gräte.
auserlesen ↑ lesen. ausgreifen ↑ greifen.
auserwählen, auserwählt ↑ wählen. aushalten ↑ halten.
ausfallen, ausfallend werden, ausfällig werden Aushang, Aushängeschild ↑ hängen.
↑ fallen. aushecken ↑ hecken.
auskegeln – aussuchen 140
1

A auskegeln ↑ Kegel.
ausklügeln ↑ klug.
aussondern; ausschließen; keimen, knospen«,
vgl. ↑ schießen). Es bezeichnete zunächst die aus
Mausk auskommen, auskömmlich ↑ kommen.
auskotzen ↑ kotzen.
auskundschaften ↑ kund.
einer größeren Versammlung ausgesonderte An-
zahl von Menschen, seit dem 17. Jh. dann auch die
als minderwertig oder unbrauchbar ausgeson-
Auskunft, Auskunftei ↑ kommen. derte Ware.
Auslage ↑ legen. ausschweifend, Ausschweifung ↑ schweifen.
Ausland, Ausländer, ausländisch ↑ Land. aussehen, Aussehen ↑ sehen.
auslassen ↑ lassen. außen: Das gemeingerm. Wort (Adverb und Präpo-
auslaugen ↑ Lauge. sition) mhd. uen, ahd. u an(a), got. utana, aengl.
auslegen ↑ legen. utan(e), schwed. utan ist von dem unter ↑ aus be-
ausleiern ↑ Leier. handelten Wort abgeleitet. Zus.: Außenseiter
Auslese, auslesen ↑ lesen. (Ende des 19. Jh.s, Lehnübersetzung des engl.
ausloben ↑ loben. Sportausdrucks outsider »Pferd, auf das nicht ge-
auslosen ↑ Los. wettet wird«, dann auch »Sportler, der mit wenig
auslösen, Auslöser ↑ lösen. Siegesaussichten an den Start geht« und »Ab-
ausmerzen »als untauglich aussondern, beseiti- seitsstehender, Eigenbrötler«).
gen«: Die Herkunft des seit dem 16. Jh. ge- Außenstände ↑ stehen.
bräuchlichen Verbs ist unklar. Das Verb wurde außer: Das agerm. Wort (Adverb und Präposi-
ursprünglich in der Sprache der Schafzüchter tion) mhd. uer, ahd. u ar, asächs. utar, aengl.
gebraucht, und zwar im Sinne von »die zur utor, aisl. utar ist von dem unter ↑ aus behandel-
Zucht untauglichen Schafe aus einer Herde aus- ten Wort abgeleitet. Im heutigen Sprachge-
sondern«, wovon der übertragene Wortge- brauch wird außer, das früher räumliche Gel-
brauch ausgeht. Da dies meist im März geschah, tung hatte und sowohl die Lage als auch die
wurde ausmerzen früher als »die Schafe im Richtung angab, gewöhnlich nur noch übertra-
März aussondern« verstanden. Die Anlehnung gen im Sinne von »abgesehen von, mit Aus-
an den Monat kann jedoch volksetymologisch nahme von« verwendet. Abl.: äußere (mhd. uer,
sein. ahd. u aro, vgl. engl. outer, utter, schwed. yttre;
ausposaunen ↑ Posaune. die Adjektivbildung hat sekundären Umlaut
ausreißen ↑ reißen. nach dem Superlativ äußerst), dazu äußerlich
ausrenken ↑ renken. (mhd. uerlich), man beachte Äußerlichkeit; äu-
ausrotten »völlig vernichten«: Das seit dem 15. Jh., ßern »(sich) aussprechen, vortragen, (sich) zei-
zuerst in der Form ausrutten bezeugte Verb ge- gen« (mhd. uern reflexiv »aus der Hand, aus
hört zu dem heute nicht mehr gebräuchlichen dem Besitz geben, verzichten«, vgl. engl. to utter
einfachen Verb rotten »völlig vernichten«, das ei- »äußern«), dazu Äußerung (mhd. uerunge
gentlich »roden, mit der Wurzel beseitigen« be- »Aussprache, Rede; Entfernung, Ausweisung«)
deutet (vgl. ↑ roden). und die Präfixbildungen entäußern und veräu-
aussagen ↑ sagen. ßern.
Aussatz »Lepra«: Die nhd. Form geht auf gleich- aussetzen ↑ setzen.
bed. mhd. u saz zurück, das aus dem Adjektiv Aussicht ↑ sehen.
mhd. u setzic, älter u setze, ahd. u sazeo »aus- aussondern ↑ sonder.
sätzig« zurückgebildet ist. Das Adjektiv gehört ausspannen ↑ spannen.
zu dem unter ↑ setzen behandelten Verb und be- aussprengen ↑ sprengen.
deutet demnach eigentlich »ausgesetzt, abge- ausstaffieren ↑ staffieren.
sondert«. Die von der Lepra befallenen Kranken Ausstand ↑ stehen.
mussten abseits von den menschlichen Siedlun- ausstatten »mit etwas versehen, ausrüsten, (groß)
gen wohnen. – Das Adjektiv aussätzig (mhd. u- aufmachen«: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Verb
setzic, s. o.) wurde im Nhd. an die Schreibung des gehört zu dem in frühnhd. Zeit untergegangenen
Substantivs angeglichen. einfachen Verb statten (mhd. staten »wozu ver-
ausschachten ↑ Schacht. helfen, zufügen«), das – wie auch das unter ↑ ge-
Ausschank ↑ Schank. statten behandelte Verb – von mhd. state, ahd.
ausscheren ↑ 2 scheren. stata »rechter Ort, Gelegenheit« abgeleitet ist
ausschlachten ↑ Schlacht. (vgl. ↑ Statt).
Ausschlag, ausschlagen ↑ schlagen. ausstechen ↑ stechen.
ausschreiben ↑ schreiben. ausstehen ↑ stehen.
ausschreiten, Ausschreitung ↑ schreiten. ausstellen, Ausstellung ↑ stellen.
Ausschuss: Das seit dem 15. Jh. bezeugte Substan- aussterben ↑ sterben.
tiv ist eine Bildung zu dem heute nur noch son- Aussteuer, aussteuern ↑ 1 Steuer.
dersprachlich gebräuchlichen Verb ausschießen ausstopfen ↑ stopfen.
»aussondern« (mhd. u schieen »auswerfen; aussuchen ↑ suchen.
141 Auster – Autor
Auster: Das Substantiv ist zuerst im frühen 9. Jh.
in ahd. aostorscala »Austernschale« bezeugt,
unmittelbar«, in Lehnwörtern wie ↑ Autogramm,
↑ autark, ↑ authentisch u. a., ist griech. autós A
das aus lat. ostreum »Muschel, Auster« entlehnt
ist. Das Wort wurde im 16. Jh. als frühnhd. uster
ein zweites Mal aus mniederl. oester entlehnt.
»selbst; eigen; persönlich«.
Autobus ↑ Omnibus.
autogen »selbst hervorbringend«: Das Adjektiv er-
M
Auto

Das niederl. Wort selbst führt wie entsprechend scheint Ende des 19. Jh.s als Fachausdruck der
afranz. oistre > franz. huı̂tre (aus dem Afranz. Geologie »am Entstehungsort befindlich« und
stammt engl. oyster) über roman. ostrea eben- wird heute vornehmlich in den Fügungen autoge-
falls auf lat. ostreum zurück. Verwandt ist gleich- nes Schweißen (unmittelbare Verschweißung
bed. griech. óstreon, das zum Stamm von griech. zweier Werkstücke ohne Zuhilfenahme artfrem-
ostéon »Knochen, Bein«, griech. óstrakon »harte den Bindematerials), autogenes Training (Be-
Schale; Scherbe« (↑ Estrich) gehört. Die Auster herrschung des Leibes durch Selbstversenkung,
ist also nach ihrer hartknochigen Schale be- d. h. heilendes Wirkenlassen der körpereigenen
nannt. Kräfte) verwendet. Das Wort geht zurück auf
austilgen ↑ tilgen. griech. autogenés »selbst erzeugt, selbst hervor-
austreten ↑ treten. gebracht«, das seinerseits zu griech. autós
austricksen ↑ Trick. »selbst« (vgl. ↑ auto... , Auto...) u. griech. génos
Austritt ↑ treten. »Geschlecht, Abstammung usw.« (vgl. ↑ Genus)
austrocknen ↑ trocken. gehört.
austüfteln ↑ tüfteln. Autogramm »eigenhändig geschriebener Namens-
ausweichen ↑ 2 weichen. zug«: Das Wort ist eine gelehrte Neubildung des
ausweiden ↑ Eingeweide. späten 19. Jh.s aus griech. autós »selbst, eigen«
Ausweis, ausweisen ↑ weisen. (vgl. ↑ auto... , Auto...) und griech. grámma »das
auswendig ↑ wenden. Geschriebene; der Buchstabe«, das zu griech.
auswerfen, Auswurf ↑ werfen. gráphein »schreiben« (vgl. ↑ Grafik) gehört.
auszeichnen, Auszeichnung ↑ zeichnen. Automat »selbsttätige Vorrichtung; Verkaufs-, Be-
ausziehen, Auszug ↑ ziehen. arbeitungsapparat«: Das Substantiv erscheint
Autarkie »Selbstgenügsamkeit«: Das Substantiv zuerst im 16. Jh. in der noch nicht eingedeutsch-
wurde Anfang des 19. Jh.s aus gleichbed. griech. ten Pluralform automata, später auch im Singu-
autárkeia entlehnt. Dies gehört zu griech. autós lar als Automaton. Die eingedeutschte Form setzt
»selbst« (vgl. ↑ auto... , Auto...) und griech. ar- sich erst im 18. Jh. unter dem Einfluss von ent-
keı̄n »abwehren; helfen; ausreichen, genügen«. – sprechend franz. automate durch. Das Wort ist
Eine Rückbildung des 20. Jh.s ist das Adjektiv substantiviert aus dem griech. Adjektiv autó-ma-
autark »(wirtschaftlich) unabhängig« (vgl. tos »sich selbst bewegend, aus eigenem Antrieb,
griech. aut-árkes »sich selbst genügend; unab- von selbst«. Dessen Bestimmungswort ist griech.
hängig«). autós »selbst« (vgl. ↑ auto... , Auto...). ber das
authentisch »(nach einem sicheren Gewährs- Grundwort vgl. ↑ Manie. – Abl.: automatisch
mann) glaubwürdig u. zuverlässig verbürgt; »selbsttätig; zwangsläufig« (spätes 18. Jh., nach
echt«: Das Wort wurde in der Kanzleisprache des gleichbed. franz. automatique); automatisieren
16. Jh.s aus spätlat. authenticus »zuverlässig ver- »(einen Betrieb) auf vollautomatische Fabrika-
bürgt; urschriftlich, eigenhändig (von Schrif- tion umstellen« (Anfang 20. Jh., nach gleichbed.
ten)« entlehnt, das seinerseits aus griech. au- franz. automatiser).
thentikós »zuverlässig verbürgt« stammt, das zu Automobil ↑ Auto.
griech. auth-éntes »Urheber, Ausführer«, auch autonom »nach eigenen Gesetzen lebend, selbst-
»Mörder« (ursprünglich vielleicht »jemand, der ständig, unabhängig«: Das Adjektiv ist eine ge-
mit eigener Hand etwas vollbringt«), gehört. Des- lehrte Entlehnung der 2. Hälfte des 18. Jh.s aus
sen erstes Glied ist griech. autós »selbst; eigen« gleichbed. griech. autónomos (vgl. ↑ auto... ,
(vgl. ↑ auto... , Auto...). Das zweite Glied ist nicht Auto... und ↑ ...nom). Das dazugehörige Substan-
sicher gedeutet. tiv Autonomie »Recht auf Unabhängigkeit,
Auto: Die alltagssprachliche Bezeichnung für Selbstgesetzlichkeit« (aus gleichbed. griech. au-
»Kraftfahrzeug« ist eine Kurzform des frühen to-nomı́a) erscheint vor dem Adjektiv im 18. Jh., in
20. Jh.s für das Ende des 19. Jh.s aus gleichbed. latinisierter Form als Autonomia schon am Ende
franz. automobile entlehnte Substantiv Automo- des 16. Jh.s.
bil. Es bedeutet wörtlich »Selbstbeweger« und Autor »Urheber; Verfasser eines Werkes der Lite-
gehört zu griech. autós »selbst« (vgl. ↑ auto... , ratur, Musik, Kunst usw.«: Das seit dem 15. Jh.
Auto...) und lat. mobilis »beweglich« (vgl. ↑ mo- bezeugte, zunächst in der Form Auctor ge-
bil). bräuchliche Substantiv geht auf lat. auctor »Ur-
auto..., Auto... , (vor Vokalen und vor h:) aut... , heber; Schöpfer, Autor« zurück, das wörtlich
Aut... : Quelle für den ersten Bestandteil von Bil- etwa »Mehrer, Förderer« bedeutet. Stammwort
dungen mit der Bed. »selbst, eigen, persönlich, ist lat. augere (auctum) »wachsen machen, meh-
avancieren – babbeln 142
ren, fördern; vergrößern; erhöhen, verherrli- Axt
chen« (etymologisch verwandt mit dt. ↑ 2 wach-
die Axt an etw. legen
MB sen). – Hierzu: autorisieren »ermächtigen, be-
vollmächtigen« (um 1500, nach mlat. auctorizare
»sich verbürgen; Vollmacht geben«); autoritär
»sich anschicken, etwas (einen Missstand) zu be-
seitigen«

Mavan »totalitär, diktatorisch; unbedingten Gehorsam


fordernd« (Ende 19. Jh. aus gleichbed. franz. au-
Diese Redewendung hat ihren Ursprung in der
Bußpredingt Johannes des Täufers (Matth. 3, 10):
»Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel
toritaire, einer Bildung zu franz. auteur, das wie
gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht
dt. Autor auf lat. auctor beruht); Autorität »die
bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.«
zwingende Macht des berlegenen; Ansehen;
angesehene, maßgebliche Persönlichkeit« wie die Axt im Walde
(15. Jh.; aus gleichbed. lat. auctoritas). – Siehe (ugs.) »ungehobelt«
auch ↑ Auktion. Diesem Vergleich liegt die Anschauung zu-
avancieren: Das Verb erscheint zuerst Anfang des grunde, dass die Axt (eigentlich der Holzfäller
17. Jh.s als militärischer Terminus mit der Bed. mit seiner Axt) rücksichtslos alles umhaut.
»vorrücken«. Die heute übliche übertragene Bed.
»aufrücken; befördert werden« kam erst später
auf. Entlehnt ist das Wort aus gleichbed. franz. Ayurveda »Sammlung der wichtigsten Lehrbücher
avancer, das seinerseits auf einem vulgärlat. Verb der altindischen Medizin; Körperpflege und Ge-
* abantiare »vorwärts bringen« beruht. Dies ge- sundheitsvorsorge nach den Prinzipien der alt-
hört zu spätlat. ab-ante »vorweg« (daraus z. B. indischen Medizin«: Das Wort wurde in der
franz. avant »vor«, ↑ Avantgarde). 2. Hälfte des 20. Jh.s aus sanskr. ayurveda »Heil-
Avantgarde »Vorhut«: Das aus gleichbed. franz. kunst« (zu ayu »Leben[szeit]« und véda »Wissen
avant-garde (aus franz. avant »vor«, vgl. ↑ avan- von der Verlängerung der Lebenszeit«) übernom-
cieren, und franz. garde »Wache«, vgl. ↑ Garde) men.
entlehnte Wort erscheint im Deutschen zunächst Azalee: Die Bezeichnung der Zierpflanze ist eine
als militärischer Terminus seit dem Ende des gelehrte nlat. Bildung von Linné (1735) zu dem
16. Jh.s. In diesem Sinne ist es heute veraltet. Es Femininum des griech. Adjektivs azaléos »tro-
lebt jedoch noch im übertragenen Sinne als Be- cken, dürr« (Femininum: azalée). Die Pflanze ist
zeichnung für die Vorkämpfer einer Idee, einer vermutlich so benannt worden, weil sie »trocke-
Richtung usw. nen« Nährboden bevorzugt.
Aversion »Abneigung«: Das Wort wurde im frühen Azur »Himmelsblau; hochblauer Farbton«: Das
17. Jh. aus gleichbed. franz. aversion entlehnt, das Wort wurde Ende des 17. Jh.s aus franz. azur »La-
auf lat. aversio »das Abwenden; das Sichabwen- pislazuli; Himmelsblau; blauer Farbton« ent-
den«, spätlat. »Abscheu« beruht. Es gehört zu lat. lehnt. Das franz. Wort seinerseits führt über
a-vertere »abwenden«, einer Bildung zu lat. ver- mlat. azzurum »(Himmels)blau« auf arab. laza-
tere (versum) »wenden, drehen« (vgl. ↑ Vers und ward (< pers. laǧward) »Lasurstein; lasurfarben«
zum 1. Bestandteil ↑ ab). zurück, das auch die Quelle für ↑ Lasur ist. Das
Axiom »(ohne Beweis anerkannter, geforderter) anlautende l- des arab. Wortes ist in den roman.
Grundsatz«: Das Wort wurde im späteren 16. Jh. Sprachen abgefallen (beachte entsprechend ital.
entlehnt aus gleichbed. lat. axioma, griech. azzurro und span. azul), weil es fälschlich als
axı́oma (eigentlich »was für wichtig erachtet arab. Artikel angesehen wurde.
wird«), das seinerseits zu griech. axióein »würdi-
gen; verlangen« gehört. Stammwort ist griech.

Bb
axiós »würdig, wert«, das über eine Vorform *ák-
tios »ein entsprechendes Gewicht habend, wich-
tig« zu einer idg. Wurzel * ag- »wiegen, wägen«
gehört, einer Sonderentwicklung von * ag- »trei-
ben« (vgl. ↑ Achse), etwa im Sinne von »die Arme
der Waage in Schwingung bringen«. Vgl. hierzu
die Entsprechungen im Lat. unter ↑ Examen,
↑ exakt.
Axt: Das gemeingerm. Wort mhd. ackes, ax(t),
ahd. ackus, got. aqizi, engl. axe, schwed. yxa babbeln (ugs. für:) »schwatzen«: Das seit dem
hängt mit griech. axı́ne »Axt, Beil« und lat. ascia 16. Jh. bezeugte Verb ist (so auch niederl. babbe-
(aus * acsia) »Zimmermannsaxt« zusammen. Es len »schwatzen, klatschen«, engl. to babble
lässt sich aber keine gemeinsame Ausgangsform »stammeln; schnattern, schwatzen« und
ermitteln. Wahrscheinlich handelt es sich um schwed. babbla »schwatzen, plappern«) laut-
ein altes Wanderwort aus einer nicht idg. Spra- nachahmenden Ursprungs. Elementarverwandt
che. ist z. B. mlat. babellare »lallen, stammeln«. Ähn-
143 Baby – Badminton
liche Lautnachahmungen oder kindersprachli- len, als Anteil erhalten«) urverwandt, sodass die
che Lallwörter sind z. B. griech. bárbaros »auslän- Kinnbacke als »Esser« benannt worden wäre.
disch; (von der Sprache) unverständlich; roh, un-
gebildet«, eigtl. »stammelnd« (↑ Barbar), lat. bal-
bus »lallend, stammelnd«, russ. balabólit
2
Backe »Gesäßhälfte« (in Hinter-, Arschbacke):
Mhd. (ars)backe, bache, ahd. bahho »Schinken,
Speckseite« ist eine Ableitung von ahd. bah »Rü-
M
B
»schwatzen«. Siehe auch ↑ Baby, ↑ 1 Base, ↑ Bube
und ↑ Buhle.
cken«, die an das unverwandte ↑ 1 Backe ange-
lehnt wurde. Das ahd. Substantiv bah (entspre-
M
Badm
Baby »Säugling; Kleinkind«: Das Wort wurde im chend gleichbed. engl. back, schwed. bak) ist nur
19. Jh. aus gleichbed. engl. baby entlehnt, das in den germ. Sprachen bezeugt und führt wohl
wahrscheinlich aus der Lallsprache der Kinder auf eine Wurzel * bheg-/* bhog- »(sich) biegen,
stammt (vgl. ↑ Bube und ↑ babbeln). Zus.: Babysit- wölben« zurück. Vgl. auch ↑ Bache.
ter »jemand, der ein kleines Kind während der backen: Im agerm. Verb mhd. bachen, ahd. bahhan,
Abwesenheit der Eltern beaufsichtigt« (20. Jh.; backan, niederl. bakken, engl. to bake, schwed.
aus gleichbed. amerik.-engl. baby-sitter zu engl. baka sind starke und schwache Verbformen ver-
to sit »sitzen«), dazu babysitten (nach engl. to ba- mischt worden. Es ist eng verwandt mit griech.
by-sit). phogein »rösten, braten« und gehört zu der Wort-
Babyboom ↑ Boom. gruppe von ↑ bähen. Das älteste Backen (↑ Brot,
Bach: Die Herkunft des agerm. Wortes, das in ↑ Fladen) war ein Rösten. bertragen galt backen
zahlreichen Gewässer- und Siedlungsnamen früher landsch. für das Brennen von Ziegeln
steckt, ist unklar. Näher verwandt sind mhd. (Backstein, s. u.) und für die Töpferei (nieder-
bach, ahd. bah, niederl. beek, aengl. bece, rhein. Pottbäcker, nassauisch Kannenbäcker), in-
schwed. (anders gebildet) bäck »kleines fließen- transitiv bedeutet es auch »kleben« (der Schnee
des Gewässer« wohl nur mit mir. búal »fließen- backt; dazu wohl ↑ Batzen). Abl.: Bäcker (mhd. be-
des Wasser«. cker); Gebäck (15. Jh., in der Bed. »auf einmal Ge-
Bache »weibliches Wildschwein«: Frühnhd., mhd. backenes«; später »feines Backwerk«). Zus.:
bache »Schinken«, die ältere Form von ↑ 2 Backe, Backfisch (eigentlich der junge, nur zum Backen
wurde im 16. Jh. zur Bezeichnung des (gemäste- geeignete Fisch; seit dem 16. Jh. zeitweise der un-
ten) Hausschweins und blieb in der Jägersprache reife Student [wohl mit Anlehnung an nlat. bac-
als Bezeichnung für das weibliche Wildschwein calaureus »Gelehrter des untersten Grades«], be-
vom 3. Lebensjahr an erhalten. Es wird vermu- sonders aber das halbwüchsige Mädchen); Back-
tet, dass der Ausdruck für »Schinken, Speck- stein »roter gebrannter Ziegelstein« (mniederd.
seite« auf das lebendige Schwein übertragen backstein); altbacken »trocken«, von Gebäck
wurde. (16. Jh.; das 2. Part. von backen steht in der Zu-
Bachstelze: Die Vogelbezeichnung ist zunächst in sammensetzung ohne ge-); hausbacken (auch
spätahd. Glossen als begisterz u. ähnl. bezeugt. für:) »bieder, schwunglos« (16. Jh., von grobem,
Sie geht auf ahd. sterz »Schwanz« und ahd. wegen hausgebackenem Brot); Zwieback (s. unter
»bewegen« zurück und zeigt eine in vielen Mund- ↑ zwie... , Zwie...).
arten typische Verwechslung von w und b. Die Backenstreich0 ↑ Streich.
ältere Form bewahrt frühnhd. wegstarz. Wie in Background: Das Substantiv mit der Bedeutung
niederd. Wippystert (vgl. ↑ wippen und Sterz) »Hintergrund; Milieu; musikalische Begleitung;
liegt ihr die Beobachtung des ständig wippenden, Lebenserfahrung« wurde in der 2. Hälfte des
sich bewegenden Schwanzes des Vogels zu- 20. Jh.s aus gleichbed. engl. background entlehnt,
grunde. Seit dem 14. Jh. tauchen Formen wie aus back »zurück« und ground »(Hinter)grund«.
bachstelz(e) auf, die unverstandenes begi- über Bad: Die agerm. Substantivbildung mhd. bat, ahd.
bechi- volksetymologisch an Bach anschließen. bad, niederl. bad, engl. bath, schwed. bad gehört
Der Wandel von r zu l in vielen Mundarten führt zu der Wortgruppe von ↑ bähen »feucht erhit-
dann zu den -stelz-Formen, die volksetymolo- zen«. In Ortsnamen wie Baden, Wiesbaden steht
gisch an stelzen angeschlossen werden. der alte Dativ des Plurals »zu den Bädern« als
Backbord »linke Schiffsseite (von hinten gese- Lehnübersetzung für lat. Aquae. Abl.: baden
hen)«: Das Wort wurde im 18. Jh. aus nie- (ebenfalls agerm.: mhd. baden, ahd. badon, nie-
derd.(-mniederd.) ba(c)kbort aufgenommen. derl. baden, engl. to bathe, schwed. bada), dazu:
Zum Bestimmungswort (niederd. back »Rü- Bader veraltet für: »Barbier, Heilgehilfe« (mhd.
cken«) vgl. ↑ 2 Backe. Zum Grundwort vgl. ↑ 2 Bord. badæ  re bezeichnet den Inhaber einer Badestube,
In der alten Schifffahrt hatte der Mann am Steu- der auch zur Ader ließ, Schröpfköpfe setzte und
erruder, das sich damals an der rechten Schiffs- die Haare schnitt).
seite befand, diese Seite im Rücken. Badminton: Das aus Indien stammende Federball-
1
Backe, (südd.:) Backen »Wange, Kinnbacke«: Das spiel wurde benannt nach dem Landsitz Badmin-
nur dt. Wort lautet mhd. backe, mniederd. backe, ton des Duke of Beaufort of Gloucestershire, wo
ahd. backo. Vielleicht ist griech. phagónes »Kinn- das Spiel 1872 zuerst nach festen Regeln gespielt
backen«, phageı̄n »essen« (zu idg. * bhag- »zutei- wurde.
baff – Balance 144
baff Abl.: bahnen (besonders einen Weg bahnen; mhd.
banen), dazu anbahnen (19. Jh.); Zus.: Bahnhof
baff sein
MB (ugs.) »verblüfft sein«
Das seit dem 17. Jh. bezeugte Wort, das nur in der
(Mitte des 19. Jh.s für älteres Eisenbahnhof);
Bahnsteig (2. Hälfte des 19. Jh.s für die Entleh-
nung Perron); Eisenbahn (s. d.).
Mbaff vorliegenden Wendung gebräuchlich ist, ahmt
wie die Interjektion paff ! (vgl. ↑ paffen) den Schall
eines Schusses nach. Die Wendung bezieht sich
Bahnhof
auf die Verblüffung, die durch den unvermuteten (immer) nur Bahnhof verstehen
Schall eines Schusses ausgelöst wird. (ugs.) »nicht richtig, überhaupt nicht verstehen«
Der Ursprung dieser Wendung, die in den Zwan-
zigerjahren – vor allem in Berlin – modisch war,
Bagage: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Substantiv
ist unklar. Vielleicht nimmt sie darauf Bezug,
stammt aus der Soldatensprache und bedeutete
dass jemand, der den Bahnhof als Ausgangs-
ursprünglich »Gepäck, Tross«. Heute ist es veral-
punkt der Urlaubsreise im Sinn hat, an nichts an-
tet und lebt eigentlich nur noch als Scheltwort für
deres mehr denken kann und nicht aufmerksam
»Gesindel«, eine Bedeutungsentwicklung, die
zuhört.
der von ↑ Pack entspricht. Das vorausliegende
franz. bagage ist von afranz. bague »Gepäck« ab-
geleitet, dessen weitere Herkunft unsicher ist. Bahre: Das westgerm. Wort mhd. bare, ahd. bara,
Bagatelle »unbedeutende Kleinigkeit«: Das Sub- niederl. baar, engl. bier gehört zu dem im Nhd.
stantiv wurde Anfang des 17. Jh.s aus franz. baga- untergegangenen gemeingerm. Verb ahd. beran
telle entlehnt, das seinerseits aus gleichbed. ital. »tragen« usw. (vgl. ↑ gebären). Es bedeutet also ei-
bagatella übernommen ist. Dies ist eine Verklei- gentlich »Trage«.
nerungsbildung zu lat. baca »Beere«, das vermut- Bai »Meeresbucht«: Das Wort wurde im 15. Jh.
lich aus einer voridg. Mittelmeersprache stammt. durch niederl. Vermittlung aus franz. baie < span.
baggern »Erdreich mit einem Bagger abtragen«: bahı́a < spätlat. baia entlehnt. Es ist vermutlich
Das Wort ist seit dem 18. Jh. bezeugt, und zwar iber. Ursprungs.
zunächst im Niederd. Es wurde aus niederl. bag- Bajonett: Die Bezeichnung für »auf das Gewehr
geren »eine Fahrrinne ausschlammen« entlehnt, aufsetzbare Hieb-, Stoß- und Stichwaffe mit
das seinerseits zu niederl. bagger »Boden- Stahlklinge für den Nahkampf« wurde Ende des
schlamm« gehört. Weiteres ist unsicher. Möglich 17. Jh.s aus franz. baı̈onnette entlehnt. Das franz.
ist Verwandtschaft mit russ. bagnó »niedrige, Wort gehört zu Bayonne, dem Namen einer süd-
sumpfige Stelle«. – Abl.: Bagger (18. Jh.). französischen Stadt, wo diese Waffe zuerst her-
Baguette »franz. Stangenweißbrot«: Eine Entleh- gestellt wurde.
nung aus franz. baguette, das eigentlich »Stange, Bake »festes Seezeichen«: Ein fries. Wort (afries.
Leiste« bedeutet. Dieses wurde aus ital. baken), das als Lehnwort im ganzen Nord- u. Ost-
bacchetta »Stock, Stab« übernommen, einer Ver- seebereich auftritt: niederl. baak, norw. båke,
kleinerungsbildung zu ital. bacchio »Stab«, das finn. paakku. Die mniederd. Form bake(n) wurde
zu gleichbed. lat. baculum gehört. im 17. Jh. ins Hochd. übernommen. Gemeinsam
bähen »feucht erhitzen«, (südd., österr.:) »(Brot) ist allen Sprachen die Bed. »Seezeichen, Leucht-
leicht rösten«: Mhd. bæ  hen, ahd. baen »wärmen, feuer«. Verwandt sind asächs. bokan (entspre-
mit erweichenden Umschlägen heilen« gehört chend afränk. * bokan in ↑ Boje), ahd. bouhhan,
zur idg. Wurzel * bhe-, * bho- »wärmen, rösten«,
 mhd. bouchen »Zeichen« (in bad. mundartl. Bau-
die mit t-Suffix auch in ↑ Bad und mit g erweitert che »[Bodensee]boje«) u. engl. beacon »Zeichen,
in ↑ backen (s. auch ↑ Batzen) fortwirkt. Leuchtturm«. Das Wort geht vielleicht auf eine
Bahn: Das auf das dt. und niederl. Sprachgebiet be- Abl. der Wurzel * bha- »leuchten« zurück.
schränkte Wort (mhd. ban[e], mniederd. bane, Bakterie »einzelliges Kleinstlebewesen, Spaltpilz
niederl. baan) gehört wahrscheinlich zu der (oft als Krankheitserreger)«: Das medizinische
germ. Wortgruppe von got. banja »Schlag; Fachwort wurde im frühen 19. Jh. über lat. bacte-
Wunde« (vgl. dazu ahd. bano »Scharfrichter«) rium aus griech. baktérion, bakterı́a »Stab, Stock«
und bedeutete demnach ursprünglich etwa entlehnt. Die Bakterie ist also nach ihrer Stab-
»Waldschlag, Durchhau im Walde«. Man beachte form benannt. – Das griech. Wort gehört zu einer
dazu das zu schneiden gehörige Schneise und die idg. Wurzel * bak- »Stab, Stock«, zu der auch lat.
Wendung (sich) Bahn brechen. Weiter bezeichnet baculum (vgl. ↑ Bazillus) gehört.
Bahn als »glatter, vorgezeichneter Weg« eine Balance »Gleichgewicht«: Das Substantiv wurde in
Lauf- oder Rennstrecke, den Weg der Gestirne der Artistensprache des 17. Jh.s aus franz. ba-
oder eines Geschosses und dgl.; als »gerade Stre- lance entlehnt, das wie ↑ Bilanz auf vulgärlat. * bi-
cke« bezeichnet es breite Tuch- oder Papierstrei- lancia zurückgeht. Abl.: balancieren »(sich) im
fen (nach gleichbedeutend niederl. baan). Bahn Gleichgewicht halten« (17. Jh.; aus gleichbed.
heißt auch kurz die Eisen- und die Straßenbahn. franz. balancer).
145 bald – Ballast
1
bald: Das westgerm. Adverb mhd. balde, ahd. Ball »kugelförmiger, meist mit Luft aufgeblasener
baldo, mniederl. boude, aengl. bealde gehört zu Gegenstand«: Das Substantiv mhd., ahd. bal
einer germ. Adjektivbildung mit der Bedeutung
»kühn« (vgl. mhd. balt, ahd. bald »kühn«, niederl.
boud »dreist, verwegen, keck«, engl. bold »kühn«,
»Ball, Kugel«, niederl. bal »Ball« (engl. ball »Ball,
Kugel« ist Lehnwort aus franz. balle »Kugel«, das
selbst wieder aus dem Afränk. stammt) gehört
M
B
schwed. båld »stolz, kühn«), die im Sinne von
»aufgeschwellt, hochfahrend« zu der unter ↑ 1 Ball
mit dem anders gebildeten schwed. boll »Ball«
und dem weitergebildeten engl. ballock »Hoden«
M
Ball
genannten idg. Wurzel zu stellen ist. Zu der germ. (eigentlich »Bällchen«) zu der idg. Wurzel * bhel-
Adjektivbildung gehören auch Personennamen »schwellen, strotzen, auf blasen, quellen, spru-
wie Balduin, Leopold, Theobald, die ihrerseits deln«; es bedeutet also eigentlich »Geschwolle-
zum Muster namenartiger Schelten wie Rauf- nes, Aufgeblasenes«. – Zu der vielfach weiterge-
bold, Trunkenbold, Witzbold wurden, wobei -bold bildeten und erweiterten Wurzel * bhel- gehören
zu einem leeren Suffix erstarrte. Der Bedeu- ferner die Wörter ↑ bald (dessen zugehöriges Ad-
tungsübergang von »kühn« über »beherzte Ent- jektiv die Grundbedeutung »aufgeschwellt,
schlossenheit« zu »schnell, eilig« fällt in die mhd. hochfahrend« hatte), ↑ Balg (eigentlich abgezo-
Zeit (vgl. die gleiche Entwicklung bei ↑ schnell). gene Haut, die durch Füllung prall wird), wohl
Im Nhd. wandelt sich der Sinn zu »in kurzer Zeit, auch ↑ Balken »dickes, langes Vierkantholz«, das
bald darauf«. – Abl.: Bälde (nur in: in Bälde, Substantiv ↑ Ballon (das zu der ins Roman. ge-
17. Jh.); baldig (spätmhd. baldec). langten Wortgruppe um 1 Ball gehört), sicher
Baldachin: Die Bezeichnung für »prunkvolle ber- auch ↑ Bohle »dickes Brett«, ↑ 1 Bulle (der nach sei-
dachung aus Stoff, Thron-, Traghimmel« wurde nem Zeugungsglied benannt ist) und schließlich
Anfang des 17. Jh.s aus gleichbed. ital. bal- im außergerm. Bereich z. B. griech. phallós
dacchino entlehnt. Das ital. Wort gehört zu Bal- »männliches Glied«, aus dem gleichbedeutendes
dacco, einer älteren Form des ital. Namens für Phallus entlehnt ist. Auf einem Bedeutungsüber-
Bagdad, das früher wegen seiner kostbaren (Sei- gang zu »knospen, sprießen« beruht die Wort-
den)stoffe berühmt war. Baldachin bedeutet also gruppe um ↑ blühen mit ↑ Blume, ↑ Blüte (eigent-
»Stoff aus Bagdad«. lich »Zustand des Blühens«) und ↑ Blatt (eigent-
Balg: Das gemeingerm. Wort bezeichnete die als lich [Aus]geblühtes) sowie lat. f los »Blume«
Ganzes abgezogene Haut kleinerer Säugetiere (↑ 1 Flor »Blumenfülle«) und lat. folium »Blatt«
(nhd. auch von Vögeln), die als Lederbeutel, Luft- (↑ Folie). Zur Bedeutung »blasen« stellt sich die
sack u. a. diente. Mhd. balc, ahd. balg, got. balgs, Wortgruppe um ↑ blähen mit ↑ blasen und ↑ Blat-
aengl. bielg »Ledersack« (engl. belly »Bauch«, bel- ter »Pocke, Bläschen«, zur Bedeutung »quellen,
lows »Blasebalg«), schwed. bälg »Balg« entspre- sprudeln« ↑ Blut (eigentlich »Fließendes«). Eine
chen außergerm. Wörtern wie gall. bulga »Leder- Nebenform zu Ball ist ↑ Ballen.
2
sack« (↑ Budget) und pers. baleš »Kissen« (vgl. Ball »Tanzfest«: Das Wort wurde im 17. Jh. aus
↑ 1 Ball). Eng verwandt ist im germ. Sprachraum franz. bal entlehnt. Das franz. Substantiv gehört
das unter ↑ Polster behandelte Wort. – Abwer- zu einem ausgestorbenen Verb afranz. baller
tend wird Balg auch für »(unartiges, schlecht er- »tanzen«, das über gleichbed. spätlat. ballare auf
zogenes) Kind« gebraucht (schon mhd. balc steht griech. bállein »werfen, schleudern« (vgl. ↑ Ballis-
verächtlich für »Leib«, s. auch Wechselbalg unter tik) zurückgeht. Auf spätlat. ballare beruht auch
↑ Wechsel; die Menschenhaut wird als etwas Ver- port. bailar »tanzen«; dazu gehört port. baila-
ächtliches abgetan). deira »Tänzerin«, ferner ital. ballare »tanzen«, zu
Balken: Das westgerm. Substantiv mhd. balke, ahd. dem ballerina »Tänzerin« – daraus entlehnt Bal-
balko, niederl. balk, engl. balk steht im Ablaut zu lerina »Balletttänzerin« – und die unter ↑ Ballade
der nord. Wortfamilie von schwed. bjälke »Bal- und ↑ Ballett behandelten Wörter gehören. Siehe
ken«. Aus dem Germ. (Langob.) entlehnt ist ital. auch ↑ Ballade.
balcone »gestützter Gebäudevorbau« (↑ Balkon). Ballade »episch-dramatisches Gedicht«: Das Wort
Außergerm. ist z. B. verwandt griech. phálanx wurde im späten 16. Jh. – zunächst in der Bed.
»Balken; Stamm; Schlachtreihe« (↑ Phalanx). »Tanzlied« – aus franz. ballade entlehnt, das sei-
Diese Wörter gehören wohl mit dem unter nerseits aus ital. ballata stammt und über apro-
↑ Bohle behandelten Wort zu der idg. Wortgruppe venz. balada auf lat. ballare zurückgeht. Die seit
von ↑ 1 Ball. – Abl.: Gebälk (frühnhd. gebelke dem 18. Jh. bezeugte heutige Bedeutung bildete
»Stockwerk im Fachwerkbau«). sich unter dem Einfluss von engl. ballad (< franz.
Balkon »nicht überdachter Vorbau an einem ballade) heraus, das eine volkstümliche Erzäh-
Haus«: Das Substantiv wurde Ende des 17. Jh.s lung in Liedform bezeichnet. ber weitere Zu-
aus franz. balcon entlehnt, das seinerseits aus sammenhänge vgl. ↑ 2 Ball.
ital. balcone stammt. Das ital. Wort selbst ist Ballast »tote Last; berflüssiges«: Das im 16. Jh.
germ. Ursprungs und gehört wohl im Sinne von aus dem Niederd. ins Hochd. aufgenommene
»Balkengerüst« zu dem unter ↑ Balken behandel- Wort war ursprünglich ein Seefahrtsausdruck
ten germ. Wort (ahd. balko = langob. * balko). und bezeichnete die Sandlast, die zur Erhaltung
Ballen – Banause 146
des Gleichgewichts in den untersten Raum des mal im Zusammenhang mit der neu entstehen-
Schiffes geladen wurde. Mniederd. ballast wurde den Luftschifffahrt neu entlehnt aus gleichbed.
MB Ende des 14. Jh.s aus schwed. barlast, ballast ent-
lehnt. Zusammen mit niederl. ballast, engl. bal-
last, schwed. ballast gehen sie auf eine Zusam-
franz. ballon, das seinerseits auf ital. ballone zu-
rückgeht. Das Wort ist germ. Ursprungs
(< langob. * palla) und gehört zu dem unter ↑ 1 Ball
MBall mensetzung mit dem unter ↑ Last behandelten
Substantiv zurück, deren erstes Glied nicht si-
behandelten germ. Wort.
Balsam »Linderung(smittel), Labsal«: Mhd. bal-
cher gedeutet ist. Es könnte mit dem Adjektiv sam(e), balsem, ahd. balsamo sind aus lat. bal-
↑ bar identisch sein. Die ursprüngliche Bedeu- samum »Balsamstrauch (bzw. der aus ihm ge-
tung von Ballast wäre dann »bloße, reine Last wonnene heilende, harzige Saft)« entlehnt. Das
(ohne Handelswert)«. lat. Wort geht auf griech. bálsamon, hebr. basam,
Ballen: Das Wort mhd. balle, ahd. ballo ist die arab. bašam »Balsamstaude; Wohlgeruch« zu-
schwach flektierte Nebenform von ↑ 1 Ball, von rück. Unmittelbar verwandt ist ↑ Bisam.
dem es sich in der Bedeutung gelöst hat. Es wird Balz »Liebesspiele bestimmter Vögel während der
heute gewöhnlich im Sinne von »Muskelpolster, Paarungszeit«: Das im germ. Sprachraum nur im
Rundung und Schwielenpartie an Händen und Dt. gebräuchliche Wort (mhd. balz, valz) ist
Füßen« und im Sinne von »zusammengeschnür- dunklen Ursprungs. Da es erst spät bezeugt ist,
tes größeres Frachtstück, Packen« verwendet. handelt es sich vielleicht um ein Lehnwort, und
Ballerina ↑ 2 Ball. zwar dann aus lat. ballatio »Tanz«. Abl.: balzen
ballern ↑ poltern. »um das Weibchen werben, sich paaren« (16. Jh.,
Ballett »Bühnentanz; Tanzgruppe«: Das Wort in der Form falzen).
wurde Anfang des 17. Jh.s aus ital. balletto ent- Bambus »tropisches Rohrgras«: Das Wort wurde
lehnt, das eine Verkleinerungsbildung zu ital. im 17. Jh. über niederl. bamboes aus malai. bambu
ballo »rhythmische Körperbewegung, Tanz« ist. entlehnt.
Das zugrunde liegende Verb ital. ballare ent- Bammel: Die Herkunft des ugs. Ausdrucks für
spricht afranz. baller in ↑ 2 Ball. – Abl.: Balletteuse »Angst« (Mitte 19. Jh.) ist nicht sicher geklärt.
»Balletttänzerin« (französierende Bildung des Vielleicht gehört er im Sinne von »(inneres)
20. Jh.s). Schwanken« zu dem unter ↑ bammeln behandel-
Ballistik »Lehre von der Bewegung geschleuderter ten Verb. Möglich ist auch Einfluss des ähnlich
oder geschossener Körper«: Das seit Ende des klingenden jidd. baal emoh »Furchtsamer«.
18. Jh.s bezeugte Substantiv ist eine Abl. von bammeln (ugs. für:) »baumeln«: Das Verb (mnie-
frühnhd. balliste »hölzernes Wurfgeschoss«, das derd. bammeln, md. mundartl. bambeln, pam-
aus gleichbed. mlat. ballista entlehnt wurde. peln) bezeichnet eigentlich die Bewegung des
Dazu stellt sich das Adjektiv ballistisch »die Flug- Glockenschwengels und gehört damit zu der
bahn der Körper betreffend« (Mitte 19. Jh.). – Zu- lautmalenden Reihe bim, bam, bum!, die auch die
grunde liegt das griech. Verb bállein »werfen, Verben ↑ bimmeln und ↑ bummeln ergeben hat
schleudern usw.«, dessen etymologische Zugehö- (vgl. ↑ Bombe).
rigkeit nicht sicher zu ermitteln ist. – Die Wort- banal »alltäglich, unbedeutend«: Das Wort wurde
familie von griech. bállein ist – außer in den unter Ende des 18. Jh.s aus franz. banal entlehnt. Dies
↑ 2 Ball behandelten Wörtern – in unserem Lehn- ist eine Ableitung aus afranz. ban »Bann« und be-
wortschatz mit zahlreichen Ableitungen und Zu- deutete zunächst so viel wie »gemeinnützig«,
sammensetzungen vertreten. Dazu gehören und zwar hinsichtlich der Sachen, die in einem
griech. dia-bállein »durcheinander werfen« in Gerichtsbezirk allen gehörten. Aus der Bedeu-
↑ diabolisch und im Lehnwort ↑ Teufel (teuf lisch tung »allgemein« entwickelte sich über die Be-
usw.); griech. em-bállein »hineinwerfen« in ↑ Em- deutung »ohne besonderen Eigenwert« der heu-
blem; griech. para-bállein »neben etwas hinwer- tige Sinn. Afranz. ban ist Lehnwort aus afränk.
fen; vergleichen; sich nähern« in ↑ Parabel, ↑ par- * ban, der Entsprechung von ahd. ban in ↑ Bann.
lieren, ↑ Parlament, ↑ Parlamentär, Parlamenta- Abl.: Banalität »Gemeinplatz« (2. Hälfte 19. Jh.;
rier, parlamentarisch, ↑ Parole, ↑ Polier, ↑ Palaver, nach franz. banalité).
palavern; griech. sym-bállein »zusammenwerfen, Banane: Die Bezeichnung dieser tropischen Süd-
vergleichen; übereinkommen, vereinbaren« frucht entstammt der Sprache der Ureinwohner
(↑ Symbol); griech. pro-bállein »vorwerfen, hin- des ehemaligen Portugiesisch-Guineas in West-
werfen; aufwerfen« (↑ Problem); schließlich noch afrika und wurde durch die Portugiesen (port.
die hybride Bildung lat. arcu-ballista »Bogen- banana) den anderen Europäern vermittelt. –
schleuder« im Lehnwort ↑ Armbrust. Dazu Bananenrepublik als abwertende Bezeich-
Ballon »mit Gas oder Luft gefüllter Ball; Glaskol- nung für »kleines Land in den tropischen Gebie-
ben«: Das Wort wurde in der 2. Hälfte des 16. Jh.s ten Amerikas, das besonders vom Bananenex-
aus ital. ballone, pallone »großer Ball« entlehnt, port lebt« (Mitte des 20. Jh.s, Lehnübersetzung
einer Vergrößerungsform zu ital. palla »Kugel, von engl. banana republic).
Ball«. Im späten 18. Jh. wurde das Wort noch ein- Banause »Mensch ohne Verständnis für etwas Hö-
147 Band – Bank
heres, Geistiges, Künstlerisches«: Das Wort ckelte sich durch sekundären Anschluss an die
wurde im späten 18. Jh. aus griech. bánausos Wortfamilie des unverwandten Verbs ↑ binden.

1
»Handwerker; gemein, niedrig« entlehnt. Abl.:
banausisch (Ende 18. Jh.).
Band (im Sinne von »[Gewebe]streifen« und »Fes-
bändigen »zähmen, abrichten«: Das seit dem
17. Jh. bezeugte Verb ist abgeleitet von dem Ad-
jektiv frühnhd. bändig »(am Bande) festgebun-
M
B
sel« Neutrum, im Sinne von »Buch« Maskuli-
num): Mhd., ahd. bant »Band, Fessel«, niederl.
den, leitbar«, von Hunden (mhd. bendec; vgl.
↑ 1 Band). Dieses Adjektiv ist im heutigen Sprach-
M
Bank
band »Streifen, (Ein)band, Reifen«, schwed. band gebrauch bewahrt in unbändig (mhd. unbendec
»Streifen, Schlinge, (Ein)band« wie auch die an- »durch kein Band gehalten«, von Hunden).
ders gebildeten got. bandi »Band, Fessel« und Bandit: Der Ausdruck für »(Straßen)räuber, Gau-
aengl. bend »Band, Binde, Fessel« gehören zu ner« wurde Anfang des 16. Jh.s aus ital. bandito
dem unter ↑ binden behandelten Verb. Für die (eigentlich »Geächteter«) entlehnt, das zu ital.
Bed. »Fessel« und »Bindung, enge Beziehung« bandire »verbannen« gehört, einer Kreuzung
gilt der Plural Bande, sonst ist die Pluralform wohl von gleichbed. afränk. * bannjan (zur Wort-
Bänder gebräuchlich. Seit dem 17. Jh. ist Band familie von ↑ Bann) und einem roman. Fortsetzer
auch für »Einband«, dann für »Eingebundenes, des in ↑ 2 Bande vorliegenden germ. * bandwon,
Buch« bezeugt. In dieser Bedeutung hat es die got. bandwa »(Feld)zeichen«.
Pluralform Bände. Zu Band stellen sich die Ablei- bang(e) »ängstlich«: Das Wort ist aus be-ange ent-
tungen ↑ Bändel und ↑ bändigen. standen. Mhd. ange, ahd. ango ist altes Adverb zu
2
Band: Die Bezeichnung für »Gruppe von Musi- dem unter ↑ eng behandelten Adjektiv. Bang(e)
kern, die vorzugsweise moderne Musik, Jazz, bedeutet also so viel wie »beengt«. Das Wort war
Beat, Rock spielen« wurde Mitte des 19. Jh.s aus ursprünglich nur im Niederd. und im Md. behei-
gleichbed. engl.-amerik. band entlehnt, das ei- matet. Seit Luthers Bibelübersetzung geht es in
gentlich »Verbindung, Vereinigung (von Perso- die Schriftsprache ein, und zwar zunächst nur als
nen)« bedeutet und selbst auf franz. bande zu- Adverb, seit dem 17. Jh. auch als Adjektiv. – Abl.:
rückgeht (vgl. ↑ 1 Bande). Bange »Angst« (z. B. in: keine Bange haben; mhd.
1
Bande »Rand, Einfassung«: Das Wort wurde im bange); bangen »ängstlich sein« (18. Jh.; zuvor
18. Jh. aus gleichbed. franz. bande (afranz. bende) schon mhd. bangen Ȋngstlich werden; in die
entlehnt, das eigentlich »Band, Binde« bedeutet Enge treiben«).
1
und seinerseits aus einem westgerm. * binda (zur Bank: Das agerm. Wort für »(Sitz)bank« (mhd.,
Wortfamilie von nhd. ↑ binden) stammt. Zur sel- ahd. banc, niederl. bank, engl. bench, schwed.
ben Gruppen gehört Bandage (Anfang 18. Jh., aus bänk) ist wohl eng verwandt mit der nord. Wort-
gleichbed. franz. bandage). familie von aisl. bakki »Erhöhung, Hügel, Fluss-
2
Bande »Gruppe von Kriminellen«: Das Wort ufer« und bedeutet demnach ursprünglich wahr-
wurde im 15. Jh. aus franz. bande »Truppe, Schar« scheinlich »Erhöhung«. – Eine Ableitung von
(< aprovenz. banda) entlehnt, das vielleicht auf Bank im Sinne von »Schlaf bank« ist ↑ Bankert.
got. bandwa »Feldzeichen« zurückgeht. Es Siehe auch ↑ 2 Bank und ↑ Bänkelsänger.
2
würde dann also eigentlich diejenigen bezeich- Bank »Geldinstitut«: Italienische Geldwechsler
nen, die sich unter einem gemeinsamen Zeichen und Kaufleute standen an der Wiege des moder-
(Fahne) zusammenfinden. Die Bedeutungsver- nen europäischen Bankwesens. Viele seit dem
schlechterung im Dt. wohl unter Einfluss von 15. Jh. aus Italien kommende Fachwörter legen da-
↑ Bandit. Näher verwandt sind ↑ Banner und von Zeugnis ab. Aus der großen Zahl dieser Wör-
↑ Banderole. ter seien genannt: ↑ Kasse, ↑ Prokura, ↑ Konto,
Bändel »schmales Bändchen, Schnur«: Mhd. ben- ↑ Saldo, ↑ Bilanz, ↑ Diskont, ↑ Skonto; ↑ brutto,
del, ahd. bentil »Band, Binde« ist eine Verkleine- ↑ netto. Auch 2 Bank »Geldinstitut« gehört zu die-
rungsbildung zu dem unter ↑ 1 Band behandelten ser Reihe. Es ist seinem Ursprung nach identisch
Wort (zur Bildung beachte man das Verhältnis mit 1 Bank »Sitzbank«, dessen germ. Vorformen
von Stängel zu Stange). Zu der besonders in der früh ins Roman. entlehnt wurden (ital. banca,
Schweiz schon länger gebräuchlichen Schreibung banco). Aus dem Italienischen wurde das Wort mit
Bändel stellt sich anbändeln ugs. für »mit jeman- der dort entwickelten Bedeutung »langer Tisch
dem Streit oder eine Liebesbeziehung anfangen« des Geldwechslers« im 15. Jh. rückentlehnt, einer
(19. Jh.). Bedeutung, die noch in mhd. wehselbanc vorliegt.
Banderole: Die Bezeichnung für »Klebe- oder Ver- Die Schreibung schwankte anfangs zwischen For-
schlussband mit einem Steuerzeichen« wurde men wie banc, bancho, bancko. Erst im 17./18. Jh.
Anfang des 17. Jh.s in der Bedeutung »Fähnchen« bildete sich die endgültige Form heraus, nicht zu-
aus gleichbed. franz. banderole entlehnt. Das letzt unter dem Einfluss von franz. banque (wo-
französische Wort geht zurück auf ital. bande- raus engl. bank entstand), das auch für den Ge-
ruola, eine Verkleinerungsform von bandiera, nuswechsel des Wortes bestimmend war. – Franz.
das zu dem unter ↑ Banner genannten roman. Einfluss zeigt auch die im 18. Jh. aufkommende
* bandiere gehört. Die heutige Bedeutung entwi- Bedeutung »Spielbank«. – Zu Bank gehören die
Bank – Bann 148
Bildungen ↑ Bankier, ↑ Banker und ↑ Bankrott. aus franz. banquette »Fußsteig« entlehnt, einer
Zus.: Banknote »von einer Notenbank ausgegebe- zuerst im Norm. bezeugten Ableitung von franz.
MB ner Geldschein« (18. Jh.; zuerst im Engl. als bank-
note bezeugt). Unter engl. Einfluss tritt das Sub-
stantiv seit der Mitte des 20. Jh.s auch als Grund-
banc »Bank«. Die ursprüngliche Bedeutung von
banquette ist demnach »bankartiger Erdaufwurf
(als Einfassung)«. Franz. banc geht auf afränk.
MBank wort in Zusammensetzungen wie Samenbank,
Blutbank, Datenbank mit der Bedeutung »Einrich-
* bank zurück, das mit ahd. bank in ↑ 1 Bank »Sitz-
bank« identisch ist.
tung, die der Lagerung, Sammlung von etw. dient« Bankier »Bankinhaber; Bankkaufmann«: Das
auf. ber weitere Zusammenhänge vgl. ↑ 1 Bank. Wort wurde im frühen 17. Jh. aus gleichbed. franz.
banquier entlehnt und löst älteres frühnhd. ban-
Bank ker ab. In der 1. Hälfte des 20. Jh.s wurde dann
noch aus engl. banker (zu engl. bank) Banker
etwas auf die lange Bank schieben
»Bankfachmann« entlehnt. ber weitere Zusam-
(ugs.) »etwas nicht gleich erledigen, aufschie-
menhänge vgl. ↑ 2 Bank.
ben«
Banknote ↑ 2 Bank.
Die Wendung bezieht sich darauf, dass früher bei
Bankrott: Die Bezeichnung für »finanzieller Zu-
den Gerichten die Akten nicht in Schränken, son-
sammenbruch, Zahlungsunfähigkeit« wurde
dern in langen bankähnlichen Truhen auf be-
Mitte des 15. Jh.s aus ital. banca rotta (banco
wahrt wurden. Was dorthin kam, blieb lange un-
rotto) entlehnt, das eigentlich »zerbrochener
erledigt liegen, während die Akten, die auf dem
Tisch (des Geldwechslers)« bedeutet, wohl aber
Tisch des Richters blieben, schneller bearbeitet
eher bildlich als konkret zu verstehen ist (dass
wurden.
dem zahlungsunfähigen Geldwechsler der Wech-
durch die Bank seltisch öffentlich zerschlagen wurde, ist nir-
(ugs.) »durchweg, alle ohne Ausnahme« gends bezeugt). Dazu das Adjektiv bankrott
Die Wendung drückte ursprünglich aus, dass alle, »zahlungsunfähig« (15. Jh.). – ber ital. banca
die auf einer Bank sitzen, sozial gleichgestellt vgl. ↑ 2 Bank; das Adjektiv ital. rotta (rotto) geht
sind und keiner irgendwelche Vorteile genießt. auf lat. rupta (ruptus) zurück (vgl. ↑ Rotte).
Bann »Ausschluss aus der (kirchlichen) Gemein-
Bänkelsänger: Das seit dem 18. Jh. gebräuchliche schaft«, (früher auch:) »Gerichtsbarkeit, Rechts-
Wort enthält als 1. Bestandteil eine mundartl. bezirk«: Das agerm. Wort (mhd., ahd. ban »Ge-
Verkleinerungsbildung zu ↑ 1 Bank (neben Bän- bot, Aufgebot«, niederl. ban, engl. ban, schwed.
kelsänger war auch Bänkleinsänger gebräuch- bann) gehört zu dem starken Verb ahd. bannan,
lich). Es ist vielleicht eine Lehnbildung nach ital. mhd. bannen »unter Strafandrohung ge- oder
cantambanco (canta in banco »singe auf der verbieten« (s. u.). Dies ist mit aind. bhánati
Bank«) und bezieht sich darauf, dass umherzie- »spricht«, mit griech. phánai und lat. fari »(feier-
hende Sänger die ersten fliegenden Blätter, die lich) sagen, sprechen« verwandt. Zugrunde liegt
Vorläufer unserer Zeitung, auf einer kleinen die idg. Wurzel * bha- »sprechen«. Das im Ablaut
Bank stehend dem Publikum erläuterten. zu griech. phánai (in ↑ Prophet und ↑ Blasphemie,
Banker ↑ Bankier. ↑ blamieren) stehende Substantiv griech. phoné
Bankert (veraltet, noch verächtlich für:) »uneheli- »Stimme« ist Ausgangspunkt für die Lehnwörter
ches Kind«: Frühnhd. bankart, mhd. banchart um ↑ Phonetik. Lat. fari erscheint in den Wort-
meint eigentlich das auf der Schlaf bank der gruppen um ↑ fatal (besonders famos, Fabel, Fee,
Magd (vgl. ↑ 1 Bank), nicht im Ehebett des Haus- infantil, Konfession, Professor). Auf dem germ.
herrn gezeugte Kind. Der im Nhd. abgeschliffene Wort wiederum beruhen die über das Franz. zu
zweite Wortteil ist das in vielen Personennamen uns gekommenen Wörter ↑ banal und ↑ Banner
auftretende Element -hard (vgl. ↑ hart), das auch und das aus dem Ital. entliehene Substantiv
sonst als bloße Endung verwandt wird und hier ↑ Bandit. – Im dt. Mittelalter war Bann ein wich-
wohl in Anlehnung an das Lehnwort ↑ Bastard tiges Rechtswort. Aus den Bedeutungen »Gebot«
fest wurde. und »Verbot« entwickelte sich die des »Aufge-
1
Bankett »Festmahl«: Das Substantiv wurde Ende bots« zu Gericht und Krieg (z. B. Heerbann), der
des 15. Jh.s aus ital. banchetto entlehnt, das die »Gerichtsbarkeit« (z. B. Blutbann) und der
kleinen Beisetztische bezeichnete, die bei einem »grundherrlichen Gewalt« in einem bestimmten
festlichen Diner um die Tafel herum aufgestellt Bezirk (z. B. Wildbann »königliches Jagdrecht«);
wurden und dem Festmahl selbst den Namen ga- auch der Bezirk selbst konnte Bann heißen. Von
ben. Ital. banchetto ist eine Verkleinerungsform alledem ist in der Neuzeit fast allein der Begriff
zu dem unter ↑ 2 Bank genannten ital. banco und des Kirchenbanns übrig geblieben, der mit dem
bedeutet eigentlich »kleine Bank«. ber weitere Wort seit ahd. Zeit verbunden ist. Er beruht auf
Zusammenhänge vgl. ↑ 1 Bank. der obrigkeitlichen Strafgewalt. Die Formel in
2
Bankett: Die Bezeichnung für »erhöhter (befestig- Acht und Bann (↑ 1 Acht) bedeutet den vollständi-
ter) Randstreifen einer Straße« wurde im 17. Jh. gen Ausschluss aus der weltlichen und kirchli-
149 bannen – Bär
chen Gemeinschaft. Die katholische Kirche hat steht es nur aussagend), dazu die Ableitung bar-
das Wort Bann jedoch durch Exkommunikation füßig (mhd. barvüeic).
(s. d.) ersetzt. Von den Zusammensetzungen sind
heute noch wichtig: Bannmeile »Schutzbezirk
um ein öffentliches Gebäude« (mhd. banmı̄le war
...bar: Zu ahd. beran »tragen, bringen« (vgl. ↑ gebä-
ren) gehört das nur in Zusammensetzungen vor-
kommende Adjektiv ahd. -bari, mhd. -bare (ad-
M
B
der auf 1 Meile im Umkreis ausgedehnte Bezirk,
in dem das Markt- und Zunftrecht einer Stadt
verbial -bare), dem aengl. -bare und das selbst-
ständige aisl. barr »tragfähig« entsprechen.
M
Bär
galt; ↑ Weichbild); Bannwald »Schutzwald gegen Seine Grundbedeutung »tragend, fähig zu tra-
Lawinen« (in dem kein Holz geschlagen werden gen« ließ es ursprünglich nur zu Substantiven
darf; mhd. banwalt war »Herrschaftswald«). treten (z. B. fruchtbar »Frucht tragend«); es
bannen: Das unter ↑ Bann genannte früher starke wurde aber bald Suffix (z. B. in offenbar, sonder-
Verb erscheint seit dem 15. Jh. in schwacher Beu- bar) und bildet seit dem Spätmhd. vor allem Ad-
gung, weil es als Ableitung von Bann empfunden jektive zu Verben (hörbar »was gehört werden
wurde. Es bedeutete zunächst in rechtlichem Sin- kann«, ersetzbar »was ersetzt werden kann«).
1
ne »in den (Kirchen)bann tun«, dann »durch Zau- Bar: Die Benennung der Maßeinheit des Luftdru-
berkraft vertreiben oder festhalten«; dabei wirkt ckes ist eine gelehrte Bildung zu griech. báros
die alte Bed. von Bann »feierliches Gebot« nach. »Schwere, Gewicht« (s. auch ↑ baro... , Baro...).
Dazu das Präfixverb verbannen (mhd. verbannen Das zugrunde liegende Adjektiv griech. barýs
»ge- oder verbieten; durch Bann verstoßen, ver- »schwer«, das auch in ↑ Bariton vorliegt, ist urver-
fluchen«, ahd. farbannan »ächten«; nhd. nur in wandt mit lat. gravis »schwer« (vgl. ↑ gravitätisch).
2
der Bed. »verstoßen, des Landes verweisen«). Bar »(Nacht)lokal, Räumlichkeit mit hohem
Banner »Heerfahne«: Mhd. banier(e) ist aus Schanktisch und Barhockern«: Das Wort wurde
(a)franz. bannière entlehnt, das unter Einfluss im 19. Jh. aus engl. bar entlehnt, das wie das vo-
von afranz. banier »öffentlich ankündigen« (zur rausliegende afranz. (= franz.) barre zunächst
Wortfamilie von ↑ Bann) über eine roman. Vor- nur »Stange« bedeutete, dann eine aus mehreren
form * bandiere »Ort, wo die Fahne aufgestellt Stangen bestehende »Schranke« bezeichnete,
wird« auf germ. * bandwon »(Feld)zeichen« wie sie z. B. in Wirtsstuben charakteristisch war,
(↑ 2 Bande) zurückgeht. Als Nebenform von mhd. um Gastraum und Schankraum zu trennen. ber
banier(e) kam im 15. Jh. panier auf, auf dem Panier afranz. barre vgl. ↑ Barre.
»Banner, Heerzeichen; Wahlspruch« beruht. Seit
jüngster Zeit findet sich Banner auch im Sinne Bär
von »Werbung im Internet«; eine Bedeutung, die
da ist der Bär los/geht der Bär ab
von engl. banner entlehnt wurde.
Bannmeile, Bannwald ↑ Bann.
(ugs.) »da ist etwas los, herrscht Stimmung, kann
Baptist »Anhänger einer christlichen Freikirche,
man viel erleben«
die nur die Erwachsenentaufe zulässt«: Das Wort Die Wendung bezieht sich wohl auf den Tanzbä-
ist aus gleichbed. engl. baptist entlehnt, das über ren auf Jahrmärkten oder den Bären, der im Zir-
kirchenlat. baptista auf griech. baptistés »Täufer« kus Kunststücke vollbringt.
zurückgeht. Das zuerst im frühen 13. Jh. aus bap- jmdm. einen Bären aufbinden
tista entlehnte mhd. baptiste in der Bed. »Täufer« »jmdm. mit heimlicher Freude etwas Unwahres
ist heute untergegangen. Das griech. Wort gehört so erzählen, dass er es auch glaubt; jmdm. etw.
zu griech. baptı́zein »taufen«, einer Bildung zu vormachen«
báptein »(ein)tauchen« (in der alten Christenge- Die Wendung – früher auch in der Form jmdm. ei-
meinde wurde der Täufling noch mit seinem gan- nen Bären anbinden – entstand im 17. Jh. als
zen Körper ins Wasser getaucht). Lehnbildung zu lat. imponere »weismachen«.
bar »unbedeckt, bloß, nackt; offenkundig, deut-
lich; entblößt, frei von; sofort verfügbar (von
Geld)«: Das agerm. Adjektiv für »unbedeckt, Bär: Die germ. Bezeichnung für den Bären mhd.
nackt« mhd., ahd. bar, niederl. ba(a)r, engl. bare, ber, ahd. bero, niederl. beer, engl. bear, aisl. bjorn,
schwed. bar beruht mit verwandten Wörtern in schwed. björn (auch im norw. Ortsnamen Björn- ˛
anderen idg. Sprachen auf idg. * bhoso- »nackt«, dal »Bärental«), daneben aisl. berin der Zusam-
vgl. z. B. die baltoslaw. Wortfamilie von russ. bosoj mensetzung ↑ Berserker bedeutet eigentlich »der
»barfüßig«. – Im Sinne von »sofort verfügbar; in Braune«. Vermutlich aus der Furcht heraus, das
Geldmünzen« wird das Adjektiv im Dt. seit mhd. gefährliche Tier durch die Nennung seines wah-
Zeit verwendet. Diese Bedeutung, an die sich die ren Namens herbeizurufen, ersetzten die Germa-
Bildung Barschaft (14. Jh.) anschließt, ist wohl als nen den alten idg. Bärennamen (↑ arktisch) durch
»offen, frei daliegend« zu verstehen. – Zus.: bar- einen verhüllenden Ausdruck. Im Russ. gilt das
fuß (mhd. barvuo, entsprechend engl. barefoot; Tabuwort medvéd’ »Honigesser«. Die Häufigkeit
eigentlich ein adjektivisch gebrauchtes Substan- des Bären in älteren Zeiten, seine Beliebtheit als
tiv, das »bloße Füße besitzend« bedeutet; heute Jagdbeute und seine Stellung als König der Wäl-
Baracke – baro..., Baro... 150
der spiegeln sich sprachlich in zahlreichen Orts- Barett: Die Bezeichnung für eine (besonders als
und Personennamen wider. Auch im Volksglau- Amtstracht getragene) flache Kopf bedeckung
MB ben, im Märchen, in Sprichwörtern und Redens-
arten spielt der Bär eine Rolle. Im Tiermärchen
heißt der Bär Braun, auch Meister Petz (Kose-
wurde im 15. Jh. aus mlat. barretum, birretum ent-
lehnt. Es gehört zu lat. birrus »kurzer Umhang
mit Kapuze«, das wahrscheinlich gall. Herkunft
MBara form des männlichen Personennamens Bern-
hard). Gemäß griech.-röm. Tradition wird das
ist.
barfuß, barfüßig ↑ bar.
Wort ferner als Name des Sternbildes verwen- Bariton: Die Bezeichnung für die »mittlere Män-
det. – Zus.: bärbeißig »grimmig, verdrießlich« nerstimme« wurde im frühen 17. Jh. aus ital. ba-
(17. Jh.; eigentlich »bissig wie der Bärenbeißer« ritono entlehnt, das als substantiviertes Adjektiv
[ein zur Bärenjagd gebrauchter Hund]); Bärlapp auf griech. barýtonos »volltönend« zurückgeht
(eine Farnart; 16. Jh.; eigentlich »Bärentatze«; der und die Stimmlage zwischen Bass und Tenor be-
zweite Wortteil geht auf ahd. lappo »flache Hand, zeichnet. Griech. barýtonos gehört zu griech. ba-
Tatze« zurück; vgl. ↑ Luv). rýs »schwer« und tónos »Spannung; Ton«; vgl.
Baracke »behelfsmäßiger Holzbau«: Das Wort ↑ 1 Bar und ↑ 1 Ton.
wurde im 17. Jh. als »Feldhütte der Soldaten« aus Bark ↑ Barke.
franz. baraque, span. barraca entlehnt. Die wei- Barkarole ↑ Barke.
tere Herkunft ist ungeklärt. Wenn es sich ur- Barkasse ↑ Barke.
sprünglich um Lehmhütten handelt, gehört es zu Barke »kleines Boot ohne Mast«: Mhd. barke geht
span. barro »Lehm«; wenn das Baumaterial Stan- über mniederl. barke und afranz., pik. barque,
gen waren, zu provenzal., span. barra »Quer- aprovenz. barca auf lat. barca zurück. Das lat.
stange«. Wort (Vorform * barica) gehört – wenn nicht zu
Barbar »ungesitteter Rohling«: Das Substantiv ↑ Barre – vielleicht zu griech. baris, das seiner-
(spätmhd. barbar) ist aus lat. barbarus < griech. seits aus kopt. barı̄ »Nachen, Floß« entlehnt ist.
bárbaros entlehnt. Das griech. Wort bezeichnet In nhd. Zeit wird das Wort über engl.-niederl.
wie aind. barbarah »stammelnd« ursprünglich bark als Bark neu entlehnt, und zwar diesmal als
˙
den fremden Ausländer, der mit der einheimi- Bezeichnung für ein mehrmastiges Segelschiff. –
schen Sprache und Gesittung nicht vertraut war Auf lat. barca beruht ital. barca, zu dem als Ver-
und darum als »roh und ungebildet« galt. – Abl.: größerungsform barcaccia »großes, flaches
barbarisch »unmenschlich« (seit dem 16. Jh., vor- Boot« gehört; auf dieses Wort geht über niederl.
her »fremd, ausländisch; falschsprechend«). barkas und span. barcaza nhd. Barkasse »Bei-
Barbe: Die Bezeichnung des karpfenartigen Fi- boot auf Kriegsschiffen; kleines Hafenboot«
sches (mhd. barbe, ahd. barbo) ist aus lat. barbus (18. Jh.) zurück. Zu ital. barca gehört auch barca-
entlehnt, das zu lat. barba »Bart« gehört. Der rolo »Gondoliere«, zu dem sich ital. barcarola
Fisch ist nach den vier Bartfäden am Maul als »Gondellied« stellt, auf das über franz. barcarole
»der Bärtige« benannt. nhd. Barkarole (18. Jh.) zurückgeht.
bärbeißig ↑ Bär. Bärlapp ↑ Bär.
Barbier »Bartpfleger« (veraltet): Mhd. barbier Bärme (nordd. für:) »(Bier)hefe«: Das im 17. Jh.
(spätmhd. barbierer) geht durch roman. Vermitt- aus dem Niederd. aufgenommene Wort ist ein
lung (ital. barbiere, franz. barbier) auf mlat. bar- westgerm. Substantiv (mniederd. berme,
barius »Bartscherer« zurück, einer Ableitung von barm[e], älter niederl. berm[e], engl. barm
lat. barba »Bart« (urverwandt mit dt. ↑ Bart). »Hefe«) und beruht wie lat. fermentum »Gä-
Barde: Die Bezeichnung für den altkeltischen Sän- rungsstoff, Sauerteig« (↑ Ferment) auf einer Wei-
ger und Dichter wurde im frühen 16. Jh. aus franz. terbildung der idg. Wurzel * bher- »tragen, he-
barde oder lat. bardus entlehnt, das auf gleich- ben« (s. auch ↑ Hefe).
bed. kelt. * bardo zurückgeht. barmen ↑ erbarmen.
barmherzig: Mhd. barmherze(c), ahd. barmherzi
sind in Anlehnung an ahd. ir-barmen (↑ erbar-
Bärendienst
men) umgebildet aus ahd. armherz(ı̄g) (vgl. ↑ arm
jmdm. einen Bärendienst erweisen und ↑ Herz). Dies stammt aus got. armahaı́rts, ei-
(ugs.) »jmdm. einen schlechten Dienst erweisen, ner Lehnübersetzung der got. Kirchensprache
jmdm. mehr schaden als nutzen« von lat. misericors »mitleidig« (eigentlich »je-
Die Wendung geht von der Fabel Der Bär und der mand, der ein Herz für die Unglücklichen hat«).
Gartenliebhaber von La Fontaine aus. In dieser Abl.: Barmherzigkeit (mhd. barmherzekeit für äl-
Fabel zerschmettert der Bär, der dem Gärtner im- teres barmherze, ahd. armherzı̄, got. armahaı́rtei,
mer treue Dienste leistet, eine lästige Fliege, die nach lat. misericordia).
sich auf der Nasenspitze seines schlafenden Barmixer ↑ mixen.
Herrn niedergelassen hat, mit einem Stein. Zwar baro..., Baro...: Das in zahlreichen Wortbildungen
ist nun die Fliege tot, der Gärtner aber auch. auftretende Element mit der Bedeutung
»Schwere« ist aus griech. báros »Schwere« gebil-
151 barock – Bart
det, das zu griech. barýs »schwer« gehört; vgl. Barrique: Das Wort mit der Bedeutung »(früheres)
↑ 1 Bar. franz. Weinmaß; Weinfass aus Eichenholz«
barock »von verschwenderisch gestalteter For-
menfülle (den Kunststil des 17. und 18. Jh.s be-
treffend)«: Das Wort wurde im 18. Jh. aus gleich-
wurde in der 2. Hälfte des 20. Jh.s aus gleichbed.
franz. barrique übernommen.
barsch: Das im 16. Jh. aus dem Niederd. ins Hochd.
M
B
bed. franz. baroque (eigentlich »schief, unregel-
mäßig«) entlehnt. Das franz. Wort hat die Bedeu-
übernommene Adjektiv geht zurück auf mnie-
derd. barsch »scharf, streng (vom Geschmack),
M
Bart
tung »im Stil des Barocks« von dem ital. Adjektiv ranzig«, das im Sinne von »scharf, spitz« zu der
barocco übernommen. Beide Wörter gehen auf Wortgruppe von ↑ Barsch gehört. Seit dem 18. Jh.
port. barroco zurück, das ursprünglich nur zur wird barsch übertragen im Sinne von »unfreund-
Charakterisierung einer unregelmäßigen Perlen- lich, grob« verwendet.
oberfläche diente. Von hier aus nahm es die all- Barsch: Die westgerm. Fischbezeichnung mhd.,
gemeine Bed. »schief, unregelmäßig« an. – Dazu ahd. bars, niederl. baars, engl. barse gehört mit
stellt sich das seit dem 19. Jh. bezeugte Substan- verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen zu
tiv Barock. der vielfach weitergebildeten und erweiterten
Barometer: Die seit dem Anfang des 18. Jh.s be- idg. Wurzel * bhar- »Spitze, Stachel, Borste, starr
zeugte Bezeichnung für »Luftdruckmesser« ist Emporstehendes«. Der Fisch ist also nach seinen
aus engl. barometer entlehnt. Das engl. Wort ist auffallend stachligen Flossen benannt. Zu dieser
eine gelehrte Neubildung (1665) des englischen idg. Wurzel gehören auch die Wortfamilien von
Physikers R. Boyle (1627–1691) für das von Tor- ↑ Borste und ↑ Bürste und wahrscheinlich das un-
ricelli 1643 erfundene Gerät zu griech. báros ter ↑ Bart behandelte Wort, ferner aus dem germ.
»Schwere« (barýs »schwer«) und griech. métron Sprachraum das Adjektiv ↑ barsch, vgl. dazu aisl.
»Maß« (vgl. ↑ 1 Bar und ↑ Meter). barr »rau, scharf« und ahd. barrenti »starr aufge-
Baron »Freiherr«: Das Wort wurde zunächst als richtet, eigensinnig«.
mhd. barun »geistlicher oder weltlicher Herr« Barschaft ↑ bar.
aus franz. baron entlehnt, das auf afränk. * baro
»Lehnsmann, streitbarer Mann« zurückgeht. Bart
Dies gehört mit aisl. berja »schlagen, töten«, ber-
jetzt ist der Bart ab!
jask »sich schlagen, kämpfen« zur germ. Wortfa-
(ugs.) »nun ist Schluss! ; nun ist’s aber genug!«
milie von ↑ bohren. Das mhd. Wort ist dann im Dt.
Der Ursprung der Redensart ist nicht sicher ge-
untergegangen, im 15. Jh. wurde baron erneut aus
klärt. Sie kann Ende des 19. Jh.s aufgekommen
dem Franz. als Adelstitel entlehnt. Abl.: Baro-
sein, als auf den Vollbart Wilhelms I. und Fried-
nesse »Freifräulein« (aus franz. baronnesse »Ba-
richs III. der Schnurrbart Wilhelms II. folgte; sie
ronin«, 18. Jh.); Baronin »Freifrau« (Ende 18. Jh.).
kann aber auch ursprünglich den abgebrochenen
Barras: Der soldatensprachliche Ausdruck für
Bart des Schlüssels gemeint haben.
»Militär; Militärdienst« ist seit dem 19. Jh. be-
zeugt, zunächst in der Bed. »Militärbrot« (vgl. streiten/das ist ein Streit um des Kaisers Bart
↑ Kommiss). Er ist eine Entlehnung aus jidd. ba- (ugs.) »um etw. Belangloses streiten/das ist ein
ras »Fladenbrot«. überflüssiger Streit um Nichtigkeiten«
Barre »(Quer)stange, Riegel«: Das seit mhd. Zeit Des Kaisers Bart ist vermutlich entstellt und um-
bezeugte Substantiv stammt aus franz. barre und gedeutet aus Geiß(en)haar (= Ziegenhaar), vgl.
weiter aus galloroman. * barra »Stange, Balken«, die lateinische Redensart de lana caprina rixari,
das auch den Entlehnungen ↑ Barriere, ↑ Embargo eigentlich »um Ziegenwolle, d. h. um nichts,
zugrunde liegt. – Abl.: Barren (schon frühnhd. be- streiten«. Die Wendung wurde dann auf die Strei-
zeugt mit der Bed. »Stange, Metallstange«, seit tereien von Gelehrten bezogen, in denen es da-
Jahn Bezeichnung eines Turngerätes und später rum ging, ob bestimmte deutsche Kaiser einen
auch der handelsüblichen Stangenform von Edel- Bart getragen hatten oder nicht, vgl. auch die
metallen). Scherzfrage, ob Kaiser Barbarossas Bart inzwi-
Barriere »Schranke, Sperre, Schlagbaum«: Das schen weiß geworden sei.
Substantiv wurde im späten 16. Jh. aus franz. bar-
rière, einer Kollektivbildung zu barre »Stange«,
entlehnt (vgl. ↑ Barre). Es bedeutet also eigentlich Bart: Das westgerm. Wort mhd., ahd. bart, niederl.
»Gestänge«. baard, engl. beard ist verwandt mit lat. barba
Barrikade »(Straßen)sperre«: Das Wort wurde An- »Bart« (↑ Barbier) und mit der baltoslaw. Wortfa-
fang des 17. Jh.s aus franz. barricade entlehnt und milie um russ. boroda »Bart, Kinn«. Es gehört
geht auf gleichbed. ital. barricata, einer Abl. von wahrscheinlich im Sinne von »Borste(n)« zu der
ital. barricare »versperren, verrammeln«, zu- idg. Wortgruppe um ↑ Barsch. – Im übertragenen
rück. Es gehört zur Wortfamilie von ↑ Barre. Gebrauch bezeichnet das Wort Dinge, die mit ei-
Durch die Revolution von 1848 wird es in der Bed. nem Bart Ähnlichkeit haben, man beachte z. B.
»Straßensperre« populär. die Zusammensetzung Schlüsselbart und die Ab-
Basalt – Bast 152
1
leitung Barte »Beil« (mhd. barte, ahd. barta), die men urverwandten Verbs griech. baı́nein »gehen,
auch als Grundwort in ↑ Hellebarde steckt. Auf treten« und bedeutet eigentlich »etwas, auf das
MB die Ähnlichkeit der aus Fischbein bestehenden
Hornplatten im Oberkiefer der Bartenwale mit
Barthaaren bezieht sich 2 Barte »Fischbein«, das
man treten kann, worauf etwas stehen kann«. Die
früher (wohl unter dem Einfluss von franz. base)
gebräuchliche Nebenform Base wird heute nur
MBasa aber wahrscheinlich aus dem Niederl. stammt,
vgl. niederl. baard, Plural baarden »Bart; Fisch-
noch in der Fachsprache der Chemie als Bezeich-
nung für Metallhydroxide verwendet, die als die
bein«. Abl.: bärtig (für älteres bärticht, mhd. bar- Grundlage für die Säuren bei der Bildung von Sal-
toht). zen angesehen wurden; dazu das Adjektiv ba-
Basalt: 1546 prägt Georg Agricola unter Rückgriff sisch (19. Jh.). Abl.: basieren »sich gründen auf,
auf eine Formulierung in der Naturgeschichte des beruhen auf« (19. Jh.; nach gleichbed. franz. ba-
Plinius die lat. Bezeichnung basaltes, die Alexan- ser).
der von Humboldt 1790 ins Dt. einführt. Dieses Basketball: Die Bezeichnung des Mannschafts-
Wort beruht aber auf einem Schreibfehler für das spiels, das um 1920 von Amerika nach Europa ge-
bei Isidor von Sevilla richtig überlieferte lat. ba- langte und nach der Olympiade von 1936 in
sanites, das aus griech. basanites »harter Probier- Deutschland an Bedeutung gewann, ist aus engl.
stein« entlehnt ist. Zugrunde liegt gleichbed. basketball entlehnt, einer Zusammensetzung aus
griech. básanos, ein wohl ägyptisches Fremdwort engl. basket »Korb« und ball »Ball«.
(ägypt. bahan bezeichnet ein sehr hartes und bass (veraltet für:) »besser, weiter; sehr«: Die Kom-
deshalb zur˘ Goldprüfung verwendetes Schiefer- parativbildung mhd., ahd. ba gehört zusammen
gestein), das den Griechen durch die Lyder ver- mit aengl. bet und aisl. betr zu der idg. Wurzel
mittelt wurde. Zur Bezeichnung der vulkani- * bhăd- »gut« und ist der Form nach die umlaut-
schen Gesteinsart hat sich das eigentlich falsche lose Adverbbildung zu dem ebenfalls komparati-
Wort bis heute erhalten. vischen umgelauteten Adjektiv ↑ besser. Bass ist
Basar »Händlerviertel in orientalischen Städten«; unregelmäßiger Komparativ zu dem Adverb
Die Bed. »Warenverkauf auf Wohltätigkeitsver- ↑ wohl, wie besser unregelmäßiger Komparativ zu
anstaltungen« gilt seit dem frühen 19. Jh. nach dem Adjektiv ↑ gut ist. In den germ. Sprachen gibt
franz./engl. Vorbild: Das Wort wurde Ende des es zahlreiche Verwandte dieses Wortes, z. B. aisl.
16. Jh.s – wohl über gleichbed. franz. bazar und bati »Besserung, Nutzen«, mniederd. bate »Vor-
türk. bazar – aus pers. bazar »Markt« entlehnt. teil, Nutzen«, aengl. batian »besser werden, hei-
1
Base »Kusine«: Das auf das dt. Sprachgebiet be- len«, niederl. baten »nützen«. Ablautend gehören
schränkte Wort (mhd. base, ahd. basa) stammt – ↑ Buße und ↑ büßen zur gleichen Familie. Heute
wie auch gleichbed. md., niederd. wase – wahr- noch in fürbass »besser fort, weiter«.
scheinlich aus der Lallsprache der Kinder. Zu der Bass: Die musikalische Bezeichnung der »tiefsten
ursprünglichen Bedeutung »Vaterschwester« Stimmlage« stammt wie ↑ 2 Tenor, ↑ Bariton, ↑ Alt,
tritt im 15. Jh. »Mutterschwester«; später wird ↑ Sopran, ↑ Falsett aus dem Italienischen. Sie
die Bezeichnung, ähnlich der Entwicklung bei wurde im frühen 16. Jh. aus ital. basso »tief« über-
Vetter (s. d.), auf alle entfernten weiblichen Ver- nommen, dem ein undurchsichtiges spätlat. Ad-
wandten ausgedehnt. jektiv bassus »dick; niedrig« vorausliegt. – Abl.:
2
Base ↑ Basis. Bassist »Sänger mit Bassstimme« (16. Jh.), heute
basieren ↑ Basis. meist »Spieler der Bassgitarre«.
Basilika: Die Bezeichnung für »Kirche mit über- Bassin »Wasserbecken«: Das seit Mitte des 17. Jh.s
höhtem Mittelschiff« wurde im späten 15. Jh. aus bezeugte Substantiv gehört zu einer Reihe von
lat. basilica »Hauptkirche; Markt-, Gerichts- Fachwörtern der Gartenbaukunst, die teils aus
halle« entlehnt, das seinerseits aus griech. basi- dem Franz. (wie ↑ Fontäne, ↑ Allee, ↑ Kaskade),
liké (stoá) »Säulenhalle« stammt. Das griech. teils aus dem Ital. (wie ↑ Grotte), teils auch durch
Wort bedeutet eigentlich »königliche (Halle)« niederl. Vermittlung (wie Rabatte, vgl. ↑ Rabatt)
und gehört zu griech. basileús »König«. Dazu entlehnt wurden. Bassin stammt aus franz. bas-
stellt sich auch die Pflanzenbezeichnung Basili- sin (< afranz. bacin), das seinerseits auf vulgärlat.
kum, mhd. bası̄lie, die aus mlat. basilicum ent- * baccinum zurückgeht. Siehe auch ↑ Becken.
lehnt ist, einer Substantivierung von lat. basilicus Bast: Das agerm. Substantiv mhd., ahd. bast, nie-
(< griech. basilikós) »königlich, fürstlich«. Die derl. bast, engl. bast, schwed. bast ist dunklen Ur-
Pflanze ist nach dem edlen Duft als »die Königli- sprungs; es ist wohl verwandt mit lat. fascis
che« benannt. »Bund, Bündel«, fascia »Binde, Band« und mir.
Basis »Grundlage; Ausgangspunkt«: Das Wort, ur- basc »Halsband«. Der Bast ist die innere Schicht
sprünglich ein Terminus der Geometrie und der der Pflanzenrinde. In alter Zeit dienten beson-
Baukunst, wurde im frühen 15. Jh. aus lat. basis ders der Linden- und Ulmenbast zum Flechten
»Grundlinie; Sockel, Fundament« entlehnt. und Nähen. In der Jägersprache bezeichnet Bast
Griech. básis »Schritt; Gang; Grund, Boden« ge- die samtartige Haut um das werdende Hirschge-
hört als Substantiv zum Stamm des mit ↑ kom- weih oder Rehgehörn.
153 basta – bauen
basta: Der ugs. Ausdruck für »genug!, Schluss!« wurde. Daher rührt die Bed. »Stromquelle«.
wurde im 17. Jh. aus ital. basta »es ist genug« (zu Ebenfalls aus dem Engl. stammt die seit der
ital. bastare »genug sein, hinreichen«) entlehnt.
Bastard »uneheliches Kind«: Das seit mhd. Zeit be-
legte Substantiv mhd. bast(h)art beruht auf
2. Hälfte des 20. Jh.s belegte Lehnbedeutung
»große Anzahl von gleichartigen Dingen«, wie
z. B. eine Batterie von Gläsern.
M
B
gleichbed. afranz. bastard (= franz. bâtard), das
neben gleichbed. afranz. fils (bzw. fille) de bast
Batzen »Klumpen; frühere Münze, (schweiz. noch
für:) Zehnrappenstück«: Das Substantiv
M
baue
steht. Das franz. Wort selbst, dessen weitere Her- frühnhd. batze(n) »Klumpen« ist eine Bildung zu
kunft nicht gesichert ist, war ursprünglich ein dem heute veralteten Verb batzen »klebrig, weich
fester Terminus des Feudalwesens zur Bezeich- sein, zusammenkleben«. Es ist möglich, dass die-
nung für das von einem Adligen in außereheli- ses Verb über * back(e)zen aus ↑ backen (in der
cher Verbindung gezeugte, aber von ihm recht- Bed. »kleben«) entstanden ist. Der Name der
lich anerkannte Kind. Münze geht auf die Bezeichnung der Dickpfen-
Bastei »Bollwerk«: Der Ausdruck des Festungs- nige (↑ Groschen) zurück, die zuerst im 15. Jh. in
baus (spätmhd. bastı̄e) stammt aus gleichbed. Salzburg und Bern geprägt und nach ihrem Aus-
ital. bastia, zu dem als Vergrößerungsbildung sehen benannt wurden. Abl.: patzig (s. d.).
ital. bastione (↑ Bastion) gehört. Quelle des ital. Bau: Das agerm. Wort mhd., ahd. bu, niederl. bouw,
Wortes ist vermutlich ein afranz. Substantiv aengl. bu, schwed. bo »Bau, Nest, Horst« gehört
* bastie, das zu afranz. bastir »herrichten, fertig zu der unter ↑ bauen dargestellten idg. Wort-
stellen« (= franz. bâtir »bauen«) gebildet ist. gruppe. Die Grundbedeutung aller genannten
basteln: Das Verb erscheint erst seit dem 18. Jh. in Formen ist »Wohnung, Wohnstätte«, die heute
der Schriftsprache, ist aber in oberd. und md. noch in den Zusammensetzungen Fuchs-, Dachs-
Mundarten seit Langem verbreitet und zuerst im bau lebendig ist. Die Bed. »Feldbau, Bestellung«
15. Jh. als bayr. pästlen bezeugt. Es bedeutet ist schon ahd., vgl. auch die Zusammensetzungen
»kleine Handarbeiten machen, ohne Handwer- Ackerbau, Gartenbau, Weinbau. Seit mhd. Zeit
ker zu sein« und meinte früher besonders die un- wird es als Verbalsubstantiv des transitiven Ver-
zünftige Handwerksarbeit. Das Wort gehört ver- bums ↑ bauen empfunden und bedeutet sowohl
mutlich zu dem von ↑ Bast abgeleiteten Verb »das Bauen (eines Hauses)« wie das in Arbeit be-
mhd. besten »schnüren, binden«. findliche und fertige Gebäude; vgl. die Zusam-
Bastion »Bollwerk«: Das Wort wurde in der mensetzungen Einbau, Ausbau, Hausbau, Ma-
1. Hälfte des 16. Jh.s über franz. bastion aus ital. schinenbau. Der Plural Bauten (für älteres Baue,
bastione entlehnt, einer Vergrößerungsbildung Bäue) gehört zu dem veralteten Kanzleiwort
zu ital. bastia (↑ Bastei). Baute, das im 18. Jh. aus niederd., mniederd.
Bataillon: Die Bezeichnung der militärischen Ein- bu(we)te »Bebauung; Bau« übernommen
heit wurde Ende des 16. Jh.s aus franz. bataillon wurde. – Zus.: Bergbau (s. ↑ Berg); Raubbau (s.
entlehnt, das seinerseits aus ital. battaglione, ei- ↑ Raub).
ner Vergrößerungsform von ital. battaglia Bauch: Die agerm. Körperteilbezeichnung mhd.
(= franz. bataille) »Schlacht; Schlachthaufen«, buch, ahd. buh, niederl. buik, aengl. buc, schwed.
stammt. Voraus liegen vulgärlat. battalia, lat. buk gehört wahrscheinlich im Sinne von »Ge-
battualia »Fechtübungen«, die zu lat. battuere schwollener« zu der unter ↑ Beule dargestellten
(battere) »schlagen, klopfen« gehören. Es ist idg. Wortgruppe. Abl.: bauchig »bauchartig ge-
noch in den Lehnwörtern ↑ Batterie, ↑ debattie- wölbt« (17. Jh. für mhd. bucheht); bäuchlings »auf
ren, ↑ Rabatt (usw.) vertreten. dem Bauch liegend« (mhd. biuchelingen).
Batist: Die Bezeichnung für das feine (Baum- bauen: Das agerm. Verb mhd. buwen, ahd. buan,
woll)gewebe wurde im 18. Jh. aus franz. batiste niederl. bouwen, aengl. buan, schwed. bo gehört
entlehnt. Das franz. Wort gehört wahrscheinlich mit dem ablautenden got. bauan und verwand-
im Sinne von »gewalktes (Tuch)« zu franz. battre ten Wörtern in anderen idg. Sprachen zu der
»schlagen« (vgl. ↑ Batterie). idg. Wurzel * bheu- »wachsen, gedeihen, entste-
Batterie: Das seit dem Anfang des 16. Jh.s bezeugte hen, werden, sein, wohnen«, vgl. z. B. griech.
Wort hat die Bedeutung »mit mehreren Geschüt- phýesthai »werden, wachsen«, griech. phýsis
zen bestückte militärische Grundeinheit; aus »Natur« (vgl. die Fremdwörter ↑ Physik, ↑ phy-
mehreren zusammengeschalteten Elementen be- sisch), lat. fuisse »gewesen sein«, lat. futurus
stehende Stromquelle«. Es ist aus franz. batterie »künftig« (↑ Futur), aind. bhávati »ist, wird«, lit.
entlehnt, das eine Bildung zu franz. battre »schla- buti »sein«, russ. byt »sein«. Im germ. Sprach-
gen« ist und eigentlich »Schlagen« bedeutet. raum sind verwandt die unter ↑ Bau, ↑ 2 Bauer
Franz. battre geht über vulgärlat. battere auf lat. und ↑ 3 Bauer (vgl. ↑ Nachbar) behandelten Sub-
battuere zurück (vgl. ↑ Bataillon). Aus franz. bat- stantive sowie die Einzahlformen bin und bist
terie stammt auch engl. battery, das von Benja- des Hilfsverbs ↑ sein. Die oben genannte idg.
min Franklin als Bezeichnung für eine Kombina- Wurzel war ursprünglich wahrscheinlich iden-
tion mehrerer Leydener Flaschen gebraucht tisch mit der unter ↑ Beule dargestellten idg.
Bauer – Bausch 154
Wurzel. Die Bed. »wachsen, gedeihen, entste- schaft »Gesamtheit der Bauern« (mhd. bur-
hen, werden, sein, wohnen« haben sich dem- schaft).
MB nach aus der Bed. »schwellen, strotzen« entwi-
ckelt. – Die alte Bed. »wohnen« reichte im Dt.
zwar mit bestimmten Wendungen bis ins 18. Jh.,
Bäuerchen: Der familiäre Ausdruck für »Rülpser«
wird als eine Verkleinerungsform zu ↑ 3 Bauer auf-
gefasst und bedeutet dann »kleiner Bauer«. Er
MBaue wurde aber seit mhd. Zeit verdrängt durch die
Bed. »bestellen« (z. B. den Acker bauen), »an-
geht von der Anschauung aus, dass sich Bauern
unfein benehmen und aufstoßen. Vielleicht han-
pflanzen, anbauen« (z. B. Korn, Gemüse, Wein delt es sich aber ursprünglich nur um eine laut-
bauen) und »errichten, anlegen« (z. B. Häuser, nachahmende Bildung.
Brücken, Städte bauen). Dann konnten auch baulich, Baulichkeit ↑ bauen.
Schränke, Geigen, Schiffe, Maschinen u. a. ge- Baum: Das westgerm. Wort mhd., ahd. boum, nie-
baut werden, und ugs. kann man heute auch derl. boom, engl. beam bezeichnete sowohl das le-
sein Examen oder einen Unfall bauen. Die über- bende Gewächs wie den zu mancherlei Zwecken
tragenen Wendungen auf jmdn. bauen, auf Sand (als Schranke, Deichsel, Stange am Webstuhl
bauen sind biblischen Ursprungs. Um das einfa- usw.) einzeln verwendeten Baumstamm. Die wei-
che Verb gruppieren sich die Präfixverben be-, tere Herkunft des Wortes ist ungeklärt. (Die idg.
er-, verbauen (vgl. ↑ erbauen) und mehrere zu- Bezeichnung für Baum ist unter ↑ Teer behan-
sammengesetzte Verben, z. T. mit reicher Be- delt). – Abl.: bäumen, (auch:) aufbäumen, sich
deutungsentfaltung wie abbauen »(Erze) för- »sich aufrichten« (ursprünglich wohl als Jäger-
dern; senken, herabsetzen; (in der Leistung) wort vom Bären, der sich am Baum aufrichtet, ge-
nachlassen«, aufbauen »gestalten, schaffen, her- braucht, dann auch vom Pferd; so schon mhd.
vorbringen« bzw. »auf eine Aufgabe vorberei- sich boumen). Zus.: Baumkrone (↑ Krone); Baum-
ten« (Lehnübersetzung von engl. to build up; schule »Pflanzgarten« (17. Jh.); Baumwolle (mhd.
20. Jh.) oder vorbauen »Vorsorge treffen« (ei- boumwolle; wohl nach der berlieferung Hero-
gentlich »vor etwas zur Abwehr einen schützen- dots von Wolle tragenden indischen Bäumen; in
den Bau errichten«). – Abl.: 1 Bauer »Erbauer« Wirklichkeit ist die Pflanze ein Strauch; andere
(heute nur in Zusammensetzungen wie Acker- Ausdrücke s. unter ↑ Bombast und ↑ Kattun);
bauer, Geigenbauer; mhd. buwæ  re »Pflüger; Er- Schlagbaum (mhd. slahboum »bewegliche
bauer«); baulich (spätmhd. bulich »zum Bauen Schranke«); Stammbaum (↑ Stamm).
geeignet«, buwelich »fest gebaut«; heute vom Baumeister ↑ bauen.
Sprachgefühl meist zu ↑ Bau gezogen), dazu Bau- baumeln: Das seit dem 17. Jh. bezeugte Verb ist
lichkeit »Gebäude« (um 1800); Gebäude (s. d.). entweder von ↑ Baum abgeleitet und bedeutet
Zus.: Baumeister (spätmhd. bumeister »beamte- dann eigentlich »an einem Baum hängend sich
ter Leiter der städtischen Bauten«). hin- und herbewegen«, oder es beruht auf der
1
Bauer ↑ bauen. sächs.-thüring. Nebenform baumeln des ur-
2
Bauer »Käfig«: Zu der unter ↑ bauen dargestellten sprünglich lautmalenden Verbs ↑ bammeln ugs.
Wortgruppe gehört das agerm. Substantiv mhd. für »schaukeln«.
bur »Vogelkäfig«, ahd. bur »Haus; Kammer; Baumschule, Baumwolle ↑ Baum.
Zelle«, engl. bower »Laube; Gemach«, schwed.
bur »Arrest(zelle); Käfig; Kasten«. Es erscheint Bausch
noch mit verschiedenen Nebenformen in dt.
in Bausch und Bogen
Ortsnamen wie Buren, Wesselburen, Benedikt-
»ganz und gar, im Ganzen genommen«
beuren und ist auch in den Wörtern ↑ 3 Bauer und
Die Wendung stammt aus der Rechts- und Kauf-
↑ Nachbar enthalten. In mhd. bur »Vogelkäfig« ist
mannssprache. Sie meinte ursprünglich beim
das Substantiv bereits auf seine heutige Bedeu-
Kauf oder Verkauf von Grundstücken die Abmes-
tung eingeschränkt.
3 sung eines Grundstücks ohne Berücksichtigung
Bauer »Landmann, Landwirt«: Das Substantiv ist
einzelner Abweichungen im Grenzverlauf.
nicht vom Verb bauen abgeleitet, sondern gehört
Bausch bezeichnete bei einer Grenze die nach au-
zu ahd. bur »Haus« (vgl. ↑ 2 Bauer). Mhd. bur(e), ge-
ßen gehende, Bogen die nach innen gehende Bie-
bur(e), ahd. geburo bedeuteten zunächst »Mitbe-
gung, dafür im 14. bis 18. Jh. im Bausch »im Gan-
wohner, Nachbar, Dorfgenosse« (vgl. ↑ Nachbar).
zen genommen« (vgl. ↑ Pauschale).
Erst die soziale Entwicklung im Mittelalter
machte Bauer zur Berufs- und Standesbezeich-
nung und ließ in der Anschauung der anderen Bausch »lockerer Knäuel, Wulstiges«: Mhd. busch
Stände (besonders Adel und Bürgertum) den Ne- »Knüttel, Knüttelschlag (der Beulen gibt);
bensinn »grober, dummer Mensch« entstehen. In Wulst« gehört mit den unter ↑ Busen, ↑ böse,
der ländlichen Sozialordnung bezeichnet Bauer ↑ Pausback und ↑ pusten behandelten Wörtern zu
den vollberechtigten Hof besitzer im Gegensatz der idg. Wortgruppe von ↑ Beule. Abl.: bauschen,
zum Häusler oder Kätner. Abl.: bäuerlich (mhd. sich »aufschwellen« (mhd. biuschen, buschen
gebiurlich, burlich »bauernmäßig«); Bauern- »schlagen, klopfen«; in der jetzigen Bedeutung
155 Bazillus – bedingen
wohl durch das frühnhd., heute untergegangene geht zurück auf beat »Schlag« und bezeichnete
Verb bausen »schwellen« stark beeinflusst), dazu zunächst im Jazz eine »gleichmäßige Reihenfolge
aufbauschen »auf blähen, übertreiben« (Anfang
des 19. Jh.s); bauschig (19. Jh.; bauschecht).
Bazillus: Die häufig als Krankheitserreger auftre-
betonter Taktteile«. Dieser gleichmäßige Grund-
schlag wurde namengebend für eine in den Sech-
zigerjahren in England entstandene Musikrich-
M
B
tende Bakterie wurde seit 1872 von dem Medizi-
ner F. Cohn nach ihrer Stabform mit lat. bacillus
tung, die Beatmusik, auch kurz Beat genannt.
beaufsichtigen ↑ sehen.
M
bedi
(bacillum) »Stäbchen« benannt, einer Verkleine- beauftragen ↑ tragen.
rungsbildung zu lat. baculum »Stock, Stab«. Als beben: Die germ. Verben mhd. biben, ahd. biben,
Rückbildung aus dem Plural Bazillen gilt heute asächs. bibon, aengl. bı¯˘fian, aisl. bı¯˘fa beruhen auf
meist Bazille. ber weitere Zusammenhänge vgl. einer reduplizierenden Präsensbildung, als deren
↑ Bakterie. Grundlage idg. * bhei - »sich fürchten« angese-
be... : Mhd. be-, ahd. bi- sind die zum tonlosen Ver- hen wird ; vgl. aind. bibheti und bhayate »fürchtet
balpräfix gewordene Präposition ↑ bei. Ihnen ent- sich«. Das e der nhd. Form dringt im 16. Jh. durch
sprechen got. bi-, niederl. be-, engl. be-. Daneben Luthers Bibelübersetzung durch; es ist vermut-
bestand ahd. ein betontes Präfix bi- bei Substan- lich niederd. Ursprungs (mniederd. beven). Von
tiven und Adjektiven (↑ Beichte, ↑ bieder). Das den mundartl., bes. niederd. Iterativbildungen
Verbalpräfix bezeichnete zunächst rein räumlich bebern, belbern, bibbern ist bibbern in die hochd.
die Richtung eines Vorgangs, z. B. befallen (ahd. Umgangssprache gedrungen (19. Jh.).
bifallan bedeutet »hinfallen«), dann allgemeiner Becher: Das Wort (mhd. becher, ahd. behhari) ist
die (zeitlich begrenzte) Einwirkung auf eine Sa- wie auch andere Gefäßbezeichnungen, z. B. Bütte,
che oder Person, z. B. begießen, bemalen, begei- Kanne, Kelch, ein Lehnwort. Es stammt aus mlat.
fern, beschimpfen, belachen. Diese kann bis zur bicarium »Becher, Kelch, Hohlmaß«, das wohl
vollen Bewältigung gehen, z. B. bedecken, bestei- auf griech. bı̄kos »Gefäß mit Henkeln« zurück-
gen. Damit wurde be- zu einem auch heute noch geht. Das griech. Wort ist wahrscheinlich aus
oft gebrauchten Präfix, um aus intransitiven Ver- dem Ägyptischen entlehnt. Abl.: bechern ugs. für
ben transitive zu machen, vgl. z. B. beleuchten, be- »zechen« (18. Jh.).
drängen, bekämpfen. Ferner drückt be- das Ver- Becken: Mhd. becken, ahd. beckı̄n ist aus vulgärlat.
sehen mit einer Sache oder das Zuwenden einer * baccinum »Becken« (s. ↑ Bassin) entlehnt, das
Fähigkeit aus, z. B. bekleiden, beaufsichtigen (zu vermutlich kelt. Ursprungs ist. Das Wort be-
den Substantiven Kleid, Aufsicht), auch das Be- zeichnete zunächst ein flaches, offenes
wirken eines Zustandes, z. B. beengen, bereichern, (Wasch)gefäß, dann das aus Messing geschla-
besänftigen (zu den Adjektiven eng, reich, sanft). gene Handwerkszeug der Barbiere und das aus
In vielen Fällen hat sich die Bedeutung der Ver- zwei tellerförmigen Metallscheiben bestehende
ben von der ihrer Grundwörter stark entfernt; Musikinstrument. In übertragenem Sinne heißt
teilweise sind diese auch untergegangen (↑ begin- Becken in der Erdkunde ein weites Tal (z. B. das
nen, ↑ beleidigen u. a.). Einige Bildungen mit be- Neuwieder Becken) und in der Anatomie der
in der Form des 2. Partizips gehören zu Substan- Knochengürtel im unteren Teil des Rumpfes.
tiven, z. B. begütert, bejahrt, bebrillt, behaart, be- Siehe auch ↑ Pickelhaube.
helmt. In ↑ bleiben und ↑ bang(e) ist der Vokal des Beckmesser: Der Ausdruck für »kleinlicher Kriti-
Präfixes ausgefallen. ker, Nörgler« geht auf den Nürnberger Meister-
beabsichtigen ↑ sehen. singer (Sixtus) Beckmesser zurück, der in Ri-
beachten, beachtlich ↑ 2 Acht. chard Wagners Oper »Die Meistersinger« als
Beamer: In der Bed. »Gerät, mit dem elektronisch kleinlicher Kunstrichter dargestellt wird.
gespeicherte Bilder auf eine Leinwand projiziert Bedacht »Bedenken, berlegung«: Mhd. bedaht ist
werden« wurde das Substantiv im Dt. zu dem Verbalsubstantiv zu mhd. bedenken »über etwas
Markennamen »Advent VideoBeam 1000« eines nachdenken« (vgl. ↑ denken). Abl.: bedächtig
Videoprojektors gebildet. Zugrunde liegt engl. »überlegend, langsam« (mhd. bedæ  htic); be-
beam »Strahl« zu dem Verb to beam »strahlen«. dachtsam (16. Jh.).
Zum Verb gebildet ist beamen für eine fiktive, Bedarf ↑ bedürfen.
technisch realisierte »Teleportation« von Perso- bedauerlich, bedauern ↑ 2 dauern.
nen und Gegenständen aus der Fernsehserie bedenken, Bedenken, bedenklich ↑ denken.
»Raumschiff Enterprise«. bedeppert: Der ugs. Ausdruck für »verwirrt, rat-
Beamte ↑ Amt. los« gehört wohl als entrundete Form zu älter
beanstanden ↑ Anstand. nhd. betöbern »betäuben, bedrücken« (vgl.
beantragen ↑ tragen. ↑ taub).
beantworten ↑ Antwort. bedeuten, bedeutend, Bedeutung, ↑ deuten.
Beat: Die Bezeichnung Beat wurde wie andere Na- bedienen, Bedienstete, Bedienung ↑ dienen.
men für moderne Musikrichtungen, vgl. ↑ Jazz, bedingen: Das Präfixverb hatte ursprünglich die-
↑ Rock, ↑ Pop, aus dem Engl. übernommen. Sie selbe Bedeutung wie das einfache Verb ↑ dingen
bedrücken – befinden 156
(vgl. ↑ Ding; mhd. bedingen »werben, durch Ver- dem es ursprünglich identisch war: mhd. bette,
handlung gewinnen«), später die von »vereinba- ahd. betti bedeutet sowohl »Liegestatt« wie
MB ren, bestimmen«, wofür heute sich ausbedingen
gilt (schon mhd. ubedingen). Aus der Rechts-
sprache gehört hierher noch die bedingte, d. h.
»Feld- oder Gartenbeet«. In oberd. Mundarten
gilt Bett bis heute für »Beet«. Auch niederl. bed
und engl. bed vereinen beide Bedeutungen. Der
Mbedr durch rechtliche Bedingungen eingeschränkte
Strafaussetzung; in übertragenem Sinne können
Vergleich des aufgelockerten, erhöhten Landstü-
ckes mit einem Polsterlager war Anlass zu der Be-
auch Lob und Zustimmung bedingt sein. Sonst deutungsübertragung.
aber bedeutet bedingen »zur Folge haben« und Beete ↑ Bete.
bedingt sein »von Voraussetzungen abhängig befähigen ↑ fähig.
sein«; dieser zuerst in der philosophischen Fach- befangen: Das 2. Partizip zu dem heute veralteten
sprache des 18. Jh.s auftretende Sinn ist von der Präfixverb befangen »umfassen, umzäunen, ein-
entsprechenden Bedeutungsentwicklung bei Be- engen« (mhd. bevahen, ahd. bifahan; vgl. ↑ fan-
dingung beeinflusst. Dieses Verbalsubstantiv er- gen) wird in der mhd. Klassik als Adjektiv über-
scheint im 16. Jh. als »rechtliche Abmachung; tragen gebraucht für »ergriffen, erfasst«; in der
Vereinbarung«, später auch als »Voraussetzung« neueren Rechtssprache bedeutet es danach
und als »Gegebenheit, Umstand«. Auch unbe- »nicht frei, voreingenommen«. Dazu Befangen-
dingt ist aus dem rechtlichen über den philoso- heit (18. Jh.); unbefangen »ungezwungen, unpar-
phischen in den allgemeinen Sprachgebrauch teilich, frei« (18. Jh.); Unbefangenheit (18. Jh.).
übergegangen, es bedeutete zunächst »ohne Vor- befehlen: Das Präfixverb mhd. bevelhen »überge-
behalt, unangefochten«, dann »absolut, unbe- ben, anvertrauen, übertragen«, ahd. bifelahan
schränkt«, schließlich »unter allen Umständen«. »übergeben, anvertrauen, begraben« enthält ein
bedrücken ↑ drücken. heute untergegangenes einfaches Verb, das in
bedürfen: Das Verb mhd. bedürfen, bedurfen, ahd. got. filhan »verbergen« und aisl. fela »verbergen,
bidurfan »nötig haben« hat die Grundbedeutung übergeben« erhalten ist und auch dem Präfixverb
des einfachen ↑ dürfen bis heute bewahrt. – Abl.: ↑ empfehlen zugrunde liegt. Es gehört zu der un-
Bedürfnis »Verlangen, Wunsch; Benötigtes« ter ↑ Fell behandelten idg. Wurzel und bedeutete
(15. Jh. bedurfnusse; es bedeutete früher auch ursprünglich »der Erde übergeben, anvertrauen,
»Mangel, Dürftigkeit« und wird wie Notdurft begraben«, dann allgemeiner »zum Schutz an-
[↑ Not] auch verhüllend gebraucht); bedürftig vertrauen, übergeben«. Aus mhd. Wendungen
»materielle Hilfe benötigend, arm« (spätmhd. wie ein amt bevelhen »ein Amt anvertrauen, über-
bedurftic, Ableitung eines erst im 16. Jh. bezeug- tragen« hat sich erst im Nhd. der heutige Sinn
ten Substantivs bedurft »Bedürfnis«); Bedarf »gebieten« entwickelt, anfänglich in höflicher
»Benötigtes, Gewünschtes; Nachfrage« (im Sprache wie auftragen. Nur im religiösen Bereich
17. Jh. aus mniederd. bedarf, bederf »Notdurft, ist der Sinn »anvertrauen« erhalten: seine Seele
Mangel«, einer Bildung zum Präsensstamm von Gott befehlen. – Abl.: Befehl (spätmhd. bevel[ch]
bedürfen). – Siehe auch ↑ bieder, ↑ unbedarft. »bergebung, Obhut« folgt der Bedeutungsent-
beduselt ↑ Dusel. wicklung des Verbs), dazu befehligen (18. Jh.,
beeinträchtigen ↑ tragen. nach oberd. befelch, befehlich »Befehl«) und Be-
beenden, beendigen ↑ Ende. fehlshaber (spätmhd. bevelhhaber »Bevollmäch-
beengen ↑ eng. tigter«, so noch im 18. Jh. neben der jüngeren Bed.
beerben ↑ 1 Erbe. »Kommandeur«).
beerdigen ↑ Erde. Beffchen »Halsbinde mit zwei steifen, schmalen
Beere: Mhd. bere, auf dem die nhd. Form beruht, Leinenstreifen vorn am Halsausschnitt von
ist eigentlich eine md. starke Pluralform zu dem (geistlichen) Amtstrachten«: Das im 18. Jh. auf-
Singular da ber, die im 16. Jh. nicht mehr als sol- tretende nordd. Wort, heute im ganzen dt.
che verstanden und – wie ↑ Träne – als Singular Sprachgebiet verbreitet, ist eine Verkleinerungs-
aufgefasst wurde. Zu dieser Form wurde dann im bildung zu mniederd. beffe »Chorhut und Chor-
17. Jh. ein neuer schwacher Plural Beeren gebildet. rock des Priesters«, das wohl aus mlat. biffa
Mhd. ber, ahd. beri, engl. berry, schwed. bär zei- »berwurf, Mantel«, afranz. biffe »gestreifter
gen r-Formen, die zu s-Formen wie got. weina- Stoff« entlehnt ist. Eine ähnliche Bedeutungsent-
basi »Weinbeere«, niederl. bes »Beere«, niederd. wicklung nahm ↑ Kappe.
mundartl. Besing »Heidelbeere« in grammati- befinden: Das Präfixverb mhd. bevinden, ahd. bi-
schem Wechsel stehen. Diese germ. Wörter für findan wurde wie auch das einfache Verb ↑ finden
»Beere« gehören vielleicht zu aengl. basu »pur- schon früh für geistiges Finden im Sinne von »er-
purn«, das mit allerdings schlecht bezeugtem fahren, kennenlernen, (be)merken, wahrneh-
mir. basc »rot« verwandt sein kann. Demnach men« gebraucht. Daran schließt sich die Verwen-
wäre die Beere als »die Rote« benannt worden. dung im Sinne von »in bestimmter Weise ein-
Beet: Das Wort wird im Schriftdeutschen erst seit schätzen, für etwas halten« (etwas für gut befin-
dem 16. Jh. formal von ↑ Bett unterschieden, mit den) an (vgl. ↑ Befund). Reflexives sich befinden
157 befleißen – behelligen
bedeutet eigentlich »bemerken, dass man an ei- begreifen, begreiflich ↑ greifen.
ner Stelle ist«, jetzt nur noch »anwesend sein« begrenzen ↑ Grenze.
(wie franz. se trouver).
befleißen, beflissen ↑ Fleiß.
beflügeln ↑ Flügel.
Begriff, begriffsstutzig ↑ greifen.
begründen ↑ Grund.
begünstigen ↑ Gunst.
M
B
befolgen ↑ folgen.
befördern ↑ fördern.
begütert, begütigen ↑ gut.
behäbig: Das um 1800 in Gebrauch gekommene
M
behe
befreien ↑ frei. Adjektiv trat an die Stelle von älterem (ge)häbig,
befremden, Befremden, befremdlich ↑ fremd. einer Ableitung von Habe »Besitz« (vgl. ↑ haben).
befreunden ↑ Freund. Es bedeutete zunächst »wohlhabend« (so noch
befrieden, befriedigen ↑ Friede(n). schweiz.), dann »wohlbeleibt« und »schwerfäl-
befruchten ↑ Frucht. lig«.
Befugnis, befugt ↑ fügen. behaftet: Das im heutigen Sprachgefühl auf haften
Befund ↑ befinden. bezogene Wort ist eigentlich das 2. Part. des un-
befürworten: Das seit dem 19. Jh. bezeugte Wort tergegangenen Verbs mhd. be-heften, ahd. bi-hef-
ist eine kanzleisprachliche Bildung, die zu einem ten »zusammenheften, einschließen, festhalten«
jetzt nicht mehr gebräuchlichen Substantiv Für- (vgl. ↑ heften). Spätmhd. behaftet hat älteres be-
wort »gutes Wort zu jemandes Gunsten« (17. Jh.; haft, ahd. bihaft – daneben auch beheftet – er-
heute Fürsprache) gebildet wurde. setzt.
begaben, begabt, Begabung ↑ Gabe. behagen: Mhd. (be)hagen »gefallen, behagen«,
begeben, Begebenheit ↑ geben. niederl. behagen »gefallen, behagen«, aengl. ge-,
begegnen, Begegnung ↑ gegen. onhagian »gefallen, passen«, aisl. hagar »es
begehen ↑ gehen. passt, ziemt sich« gehören zu einem starken
begehren: Mhd. (be)gern, ahd. geron ist abgeleitet germ. Verb * hagan »schützen, hegen«, das auch
von dem Adjektiv mhd., ahd. ger »begehrend, ver- ahd. im 2. Part. gihagin »gehegt, gepflegt« und
langend« (vgl. ↑ gern[e] und ↑ Gier). mhd. im 2. Part. behagen »frisch, freudig« be-
begeistern, Begeisterung ↑ Geist. wahrt ist. Vielleicht gehört es zur Wortfamilie
Begier(de): Die Substantivbildung mhd. (be)girde, um Hag, hegen. Die Grundbedeutung wäre dem-
ahd. girida gehört zu dem im Nhd. untergegange- nach »sich geschützt fühlen«.
nen Adjektiv mhd., ahd. ger, daneben mhd. gir, behalten, Behälter, Behältnis ↑ halten.
ahd. giri »begehrend, verlangend« (vgl. ↑ Gier und behände: Das mhd. Adjektiv behende »passend,
↑ gern[e]). geschickt, schnell« war ursprünglich Adverb und
beginnen: Die westgerm. Präfixbildung mhd. be- entstand aus bı̄ hende »bei der Hand« (vgl.
ginnen, ahd. biginnan, niederl. beginnen, engl. to ↑ Hand); ähnlich heißt es noch nhd. schnell bei der
begin enthält ein im germ. Sprachbereich nur in Hand.
Zusammensetzungen gebräuchliches agerm. behandeln ↑ handeln.
Verb, dessen Herkunft dunkel ist, vgl. got. dugin- beharren ↑ harren.
nan »beginnen«, aengl. onginnan »beginnen«, behaupten: Zu mhd. houbet in seiner Bed. »Ober-
niederl. ontginnen »urbar machen«. Abl.: Beginn haupt, Herr« (vgl. ↑ Haupt) gehört mhd. (sich)
(mhd. begin, ahd. bigin). houbeten »als Oberhaupt, Herrn anerkennen;
beglaubigen ↑ glauben. sich als Oberhaupt, Herr ansehen«. Dazu tritt
begleichen ↑ gleich. spätmhd. behoubeten »bewahrheiten, bekräfti-
begleiten: In dem in dieser Form zuerst im 17. Jh. gen«, ein Wort der Gerichtssprache, das eigent-
bezeugten Verb sind vielleicht zwei ältere Verb- lich »sich als Herr einer Sache erweisen« bedeu-
formen zusammengeflossen: 1. mhd. begleiten, tet. Seit dem 17. Jh. erscheint die heutige abge-
ahd. bileiten »leiten, führen« (im 17. Jh. ausster- schwächte Bed. »eine Meinung aussprechen«.
bend); 2. geleiten, mhd. geleiten, ahd. gileiten (vgl. Abl.: Behauptung (Ende 16. Jh.).
↑ leiten). Die niederl. Form begeleiden lässt auf Behausung ↑ Haus.
eine Vorform * begeleiten schließen. Die alte Bed. Behelf, behelfen ↑ helfen.
»führen« ist abgeschwächt zu »mitgehen« (in der behelligen: In dem seit dem 17. Jh. gebräuchlichen
Musik zu »ergänzend mitspielen«, entsprechend Verb steckt das mhd. Adjektiv hel »schwach,
dem franz. accompagner, ital. accompagnare). matt«, das eigtl. »ausgetrocknet« bedeutet. Es
Dazu Begleiter, Begleitung (beide 18. Jh.). gehört wie griech. skeletós »ausgetrocknet« (vgl.
begnaden, begnadet, begnadigen ↑ Gnade. ↑ Skelett) zu der unter ↑ schal behandelten idg.
begnügen ↑ genug. Wortfamilie. Von mhd. hel abgeleitet ist mhd.
Begonie: Die Zierpflanze wurde von dem franz. hellec »ermüdet, erschöpft« und davon das Verb
Botaniker Plumier im 17. Jh. entdeckt und zu Eh- helligen »ermüden«, das dann durch die Präfix-
ren des damaligen Generalgouverneurs von San bildung ›behelligen‹ ersetzt wurde. Die Bedeu-
Domingo, Bégon, benannt und aus franz. bégonia tung »ermüden, beschwerlich fallen« ist heute zu
entlehnt. »stören, belästigen« abgeschwächt.
beherrschen – Bein 158
beherrschen ↑ herrschen. mung« ist wohl als Gegenwort zu Abfall gebildet
beherzigen, beherzt ↑ Herz. (vgl. ↑ fallen) und setzt älteres mniederd. bı̄val
MB behexen ↑ Hexe.
behilflich ↑ Hilfe.
Behörde: Das seit dem 17. Jh. bezeugte Kanzlei-
»Hilfe, Zustimmung« fort. Abl.: beifällig »zu-
stimmend« (Ende 15. Jh.).
Beifuß: Die Pflanzenbezeichnung geht zurück auf
Mbehe wort gehört zu älter nhd. behören, mhd. behœ
»zugehören, zukommen« (vgl. ↑ hören) und be-
ren mhd. bı̄vuo, das eine volksetymologische Umge-
staltung von mhd., ahd. bı̄bo nach vuo »Fuß«
deutete ursprünglich »das (Zu)gehörige«, später ist, und zwar nach dem Volksglauben, dass der
»Ort, (Amts)stelle, wohin etwas zuständigkeits- Wanderer nicht ermüdet, der sich die Pflanze an
halber gehört«. den Fuß bindet. Der 2. Bestandteil -bo gehört zu
behüten, behutsam s. hüten (unter ↑ 2 Hut). dem unter ↑ Amboss behandelten Verb mhd. bo-
bei: Das agerm. Wort (Adverb, Präposition) mhd., en, ahd. bo an »schlagen, stoßen«; auf welche
ahd. bı̄, got. bi, niederl. bij, engl. by geht zurück Vorstellung er sich bezieht, ist unklar.
auf idg. * bhi, das aus * ambhi, * mbhi »um - he- beige »sandfarben«: Das Adjektiv wurde um 1900
rum« entstanden ist (vgl. ↑ um). Wie ˚ in bei so ist aus franz. beige entlehnt und bezeichnet ur-
auch in ↑ beide der erste Teil des idg. Wortes ab- sprünglich wohl gemischte Stoffe und Farben.
gefallen. In ↑ be... ist das Wort tonloses Präfix ge- Daher gehört es vielleicht zu lat. bijugus, bigus
worden. Im Dt. ist bei eigentlich Adverb mit der »zusammengespannt, doppelt«. Sonst eine Her-
Bed. »nahe«, tritt aber als solches schon seit dem kunftsbezeichnung zu lat. baetica (eine Provinz
Ahd. fast nur in Zusammensetzungen (z. B. da- in Südspanien).
bei, herbei, nebenbei, vorbei, beisammen) und in beigeben ↑ geben.
unfest zusammengesetzten Verben (beilegen, Beil: Das auf das dt. und niederl. Sprachgebiet be-
beikommen, beistehen u. a.) auf. Als Präposition schränkte Wort mhd. bı̄hel, zusammengezogen
bezeichnet bei zunächst die räumliche Nähe (bei bı̄l, ahd. bı̄hal, niederl. bijl ist im germ. Sprach-
Tisch, bei der Stadt), dann die begleitenden Um- raum verwandt mit aisl. bı̄ldr »Pfeilspitze, Ader-
stände, oft mit finalem, konditionalem, kausa- lassmesser«, schwed. plogbill »Pflugschar«, im
lem o. ä. Nebensinn (bei guter Gesundheit, bei Außergerm. z. B. mit air. biail »Beil«, russ. bit’
Glatteis, bei solchem Lärm, bei aller Verehrung). »schlagen« (↑ Peitsche), griech. phithrós »Stamm,
In Schwüren (bei Gott!, bei meiner Ehre!) wird ur- Holzscheit«. Zugrunde liegt eine idg. Wurzel mit
sprünglich die Gottheit als anwesend gedachter der Bed. »schlagen«, zu der wohl auch die Wort-
Zeuge gerufen. familie von ↑ beißen gehört.
beibringen ↑ bringen. Beilage, beilegen ↑ legen.
Beichte: Die nhd. Form Beichte hat sich über mhd. Beileid ↑ leid.
bigiht, zusammengezogen bı̄ht(e), aus ahd. bigiht,
bijiht entwickelt, das mit dem Nominalpräfix Bein
ahd. bi- (vgl.↑ be...) und ahd. jiht »Aussage, Be-
kein Bein auf die Erde kriegen
kenntnis« (vgl. ↑ Gicht) gebildet ist. Das ahd. Sub-
(ugs.) »nicht zum Zuge kommen«
stantiv jiht ist eine Nominalbildung zum Verb
Die Wendung stammt wahrscheinlich aus der
ahd. jehan, mhd. jehen, asächs. gehan »sagen, be-
Ringersprache und meint eigentlich, dass jemand
kennen« (aus dem über afranz. gehir ↑ genieren
ständig ausgehoben und geworfen wird.
stammt). Das innerhalb des germ. Sprachraums
nur im Dt. bezeugte Verb ist verwandt mit aind. jmdm., sich etw. ans Bein binden
yácati »fleht, fordert« und lat. iocus (ugs.) »jmdm., sich etw. auf bürden«
»Scherz(rede)« (↑ Jux). Diese Wendung nimmt darauf Bezug, dass dem
beide: Mhd., ahd. beide, bede, niederl. beide, engl. Vieh auf nicht eingezäunter Weide die Vorder-
both, schwed. båda sind zusammengerückt aus beine zusammengebunden werden und ein Holz-
einem einsilbigen Wort mit der Bedeutung klotz an die Beine gebunden wird, um es in seiner
»beide« (aengl. ba, bu, got. bai, ba »beide«) und Bewegungsfreiheit einzuschränken. Auch Gefan-
dem Demonstrativpronomen (späteren Artikel). gene schmiedete man früher an einen Klotz, um
Ahd. bede ist aus * be de, beidiu aus * bei diu ent- ihnen die Bewegungsfreiheit zu nehmen.
standen; die Formen haben sich dann später ver-
mischt. Der erste Bestandteil geht zurück auf idg.
* bho(u)-, das aus * ambho(u) »beide« entstanden Bein: Die Herkunft des agerm. Wortes für »Kno-
ist, worauf z. B. griech. ámpho »beide« und lat. chen« (mhd., ahd. bein, niederl. been, engl. bone,
ambo »beide« beruhen (vgl. ↑ um). Die neutrale schwed. ben) ist dunkel. – In Wendungen wie
Singularform beides (mhd. beide) wird erst durch Mark und Bein, Stein und Bein (↑ Stein) ist
frühnhd. häufiger. die alte Bed. »Knochen« erhalten, ebenso in vie-
beidrehen ↑ drehen. len, besonders anatomischen Zusammensetzun-
Beifall: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Wort mit der gen, z. B. Nasen-, Hüft-, Jochbein. Die jüngere Bed.
Bedeutung »Anschluss an eine Partei; Zustim- »Ober- und Unterschenkel« ist schon ahd. be-
159 beinah(e) – beklommen
zeugt. In einigen Mundarten, z. B. im Schwäb., bait »weiden lassen, das Pferd unterwegs füttern,
heißt das Bein allerdings Fuß, umgekehrt wird einkehren«, schwed. beta »weiden, grasen« ist
z. B. im Ostmd. der Fuß Bein genannt. Abl.: Ge-
bein »Gesamtheit von Knochen« (mhd. gebeine,
ahd. gibeini). Zus.: Eisbein (s. d.); Elfenbein (s. d.);
Kausativ zu ↑ beißen. Die ursprüngliche Bedeu-
tung ist also »beißen lassen, beißen machen«.
Auch die heute kaum miteinander zu vereinen-
M
B
Fischbein (↑ Fisch); berbein (s. d.). Siehe auch
Raubein unter ↑ rau.
den Bedeutungen »mit dem Greifvogel jagen«
und »mit scharfer Flüssigkeit behandeln« gehen
M
bekl
beinah(e) ↑ nah(e). darauf zurück. Beizen als Jagdausdruck bezog
beipflichten ↑ Pflicht. sich auf die Beizjagd mit Falken und anderen
beisammen ↑ zusammen. Greifvögeln, die in Mitteleuropa seit dem 7. Jh.
Beischlaf ↑ Schlaf. bekannt war. Eigentlich war es der jagende Vogel,
beisetzen, Beisetzung ↑ setzen. den man das Wild »beißen ließ«, später beizte
Beispiel: Mhd., ahd. bı̄-spel »belehrende Erzäh- man mit dem Falken (auf) Vögel. Den gleichen
lung, Gleichnis, Sprichwort« ist gebildet aus Wechsel des syntaktischen Objekts zeigt das
mhd., ahd. bı̄ (vgl. ↑ bei) und mhd., ahd. spel »Er- Verb im Sprachgebrauch der mittelalterlichen
zählung« und bedeutet eigtl. »nebenbei Erzähl- Färberei. Zunächst war es das Beizmittel das
tes«. Das Wort ist volksetymologisch an ↑ Spiel man »beißen ließ«, dann beizte man mit Alaun,
angelehnt worden, zuerst in spätmhd. bı̄spil. Un- mit Lauge einen Stoff.
ter dem Einfluss von ↑ Exempel hat Beispiel seit bejahen ↑ ja.
dem 16. Jh. die heutige Bed. »Muster, Vorbild; bekannt: Das heutige Adjektiv ist eigentlich das
Einzelfall als Erklärung für eine bestimmte Er- 2. Part. von mhd. bekennen »(er)kennen« (↑ be-
scheinung« entwickelt. Das gemeingerm. Grund- kennen) und bedeutet dann zunächst »von vie-
wort ist ein alter Fachausdruck der Dichtkunst len, von allen gekannt«. In der jungen Wendung
und meinte die bedeutungsvolle Rede: got. spill mit jmdm. (persönlich) bekannt sein ist die gegen-
»Sage, Fabel«, aengl. spell, aisl. spjall »Erzählung, seitige Kenntnis zweier Personen voneinander
Rede« (engl. spell bedeutet wie auch das aisl. gemeint, danach die Vertrautheit. Getrennt od.
Wort »Zauberspruch«, gospel aus aengl. godspell zusammengeschrieben werden bekannt geben/
»gute Botschaft, Evangelium«). bekanntgeben »öffentlich verbreiten«, dazu Be-
beispringen ↑ springen. kanntgabe, und bekannt machen/bekanntma-
beißen: Das gemeingerm. Verb mhd. bı̄en, ahd. chen »öffentlich kundgeben, verbreiten«, dazu
bı̄()an, got. beitan, engl. to bite, schwed. bita Bekanntmachung (17. Jh.). Abl.: Bekannte
»beißen; schneiden, verwunden« gehört mit ver- (frühnhd. Substantivierung wie Verwandte); Be-
wandten Wörtern in anderen idg. Sprachen zu kanntheit (18. Jh.); Bekanntschaft (17. Jh.; auch als
idg. * bheid- »spalten, trennen«, einer Erweite- Kollektivum gebraucht); bekanntlich (mhd. be-
rung von der unter ↑ Beil dargestellten idg. Wur- kantlich »erkennbar«; im heutigen Sinn aus der
zel, vgl. z. B. aind. bhinátti »spaltet«, lat. findere nhd. Kanzleisprache).
»spalten«. Zu dem gemeingerm. Verb gehören bekehren: Das Präfixverb mhd. bekeren, ahd. bike-
das Kausativ ↑ beizen (eigentlich »beißen ma- ren (vgl. ↑ bei und ↑ 1 kehren »wenden«) ist Lehn-
chen«) und das Adjektiv ↑ bitter (eigentlich »bei- übersetzung von lat. convertere »umwenden, um-
ßend«). Siehe auch ↑ Boot. – Abl.: Biss »das kehren« (↑ Konvertit). Es wurde zunächst auch
(Zu)beißen; Bisswunde« (mhd. bi, biz, ahd. biz); im kirchlichen Sprachgebrauch ganz konkret als
bissig »zum Beißen neigend; scharf« (frühnhd. »jemanden umkehren« verstanden (entspre-
für mhd. bı̄ec, das noch in bärbeißig fortlebt, chend ist schwed. omvända »bekehren« eigent-
↑ Bär); Bissen »abgebissenes Stück, Happen«, ei- lich »umwenden«). Die bertragung auf weltli-
gentlich »was man auf einmal abbeißt« (mhd. che Sinnesänderung beginnt schon im Mhd.
bie, ahd. bio, entsprechend engl. bit, schwed. bekennen: Die Präfixbildung mhd. bekennen, ahd.
beta); dazu bisschen, landsch. bissel »ein wenig« bikennan bedeutete ursprünglich »(er)kennen«
(eigentlich »kleiner Bissen«; 16. Jh.); Gebiss (s. d.); (vgl. ↑ kennen), wovon noch das Adjektiv ↑ be-
Imbiss (s. d.). kannt zeugt. Der heute allein gültige Sinn »geste-
Beißzange ↑ Zange. hen, als berzeugung aussprechen«, eigentlich
Beistand, beistehen ↑ stehen. »zur Kenntnis geben, öffentlich kundgeben«,
Beisteuer, beisteuern ↑ 1 Steuer. geht von der mittelalterlichen Rechtssprache aus
beistimmen ↑ Stimme. und ist von den Mystikern im 14. Jh. in religiösem
Beistrich: Die Bezeichnung des Interpunktionszei- Sinn (wie lat. confiteri, ↑ Konfession) ausgeprägt
chens wurde – zuerst in der Form Beystrichlein – worden.
von dem Grammatiker G. Schottelius 1641 als Er- beklagen ↑ klagen.
satzwort für ↑ Komma gebraucht, ist aber erst seit beklemmen ↑ klemmen.
dem 19. Jh. üblicher (vgl. ↑ Strich). beklommen »ängstlich, bedrückt«: Das Wort ist ei-
beizen: Das agerm. Verb mhd. beien, beizen, ahd. gentlich das in adjektivischen Gebrauch überge-
beizen, mniederl. be(i)ten »absteigen«, engl. to gangene 2. Partizip des untergegangenen starken
beknackt – Bemme 160
Verbs mhd. beklimmen »umklammern« (vgl. lihha, belihho. Damit verwandt sind lat. fulica, fu-
↑ klimmen). Die mhd. Form lautete beklummen; lix »Blesshuhn« und griech. phalerı́s »Bless-
MB im älteren Nhd. trat beklemmt an die Stelle; be-
klommen wurde seit dem 18. Jh. gebräuchlich.
Dazu gehört das Kausativ beklemmen (vgl.
huhn«. Den einzelsprachlichen Bildungen liegt
die idg. Wurzel * bhel- »(weiß, bläulich, rötlich)
schimmern(d), leuchten(d), glänzen(d)« zu-
Mbekn ↑ klemmen)
beknackt ↑ Knacks.
grunde. Der schwarze Wasservogel ist nach sei-
ner weithin sichtbaren weißen Stirnplatte be-
bekommen: Das Verb mhd. bekomen, ahd. bique- nannt. So heißen auch zwei Berge im Schwarz-
man, got. biquiman »überfallen«, niederl. beko- wald und in den Vogesen nach ihrem kahlen, hel-
men »bekommen, erhalten«, aengl. becuman »zu len Gipfel Belchen. – Die idg. Wurzel erscheint in
etwas kommen, gelangen« ist eine agerm. Präfix- fast allen idg. Sprachen, so in griech. phalós
bildung aus ↑ be... und ↑ kommen, die vielfältige »weiß«, lit. bãlas »weiß«, russ. bjelyj »weiß« (vgl.
Bedeutungen entwickelt hat. Im Dt. entwickelte die slaw. Ortsnamen Belgrad und Białystok).
sich über »hervorkommen, wachsen« die Bedeu- Beleg, belegen, Belegschaft ↑ legen.
tung »gedeihen, anschlagen, jemandem zuträg- belehnen ↑ 2 lehnen.
lich sein« (vgl. den Trinkspruch ›Wohl be- beleibt ↑ Leib.
komms!‹), im Engl. die Bedeutung »werden« (to beleidigen ↑ leid.
become). Die heutige Bed. »erhalten« hat das belesen ↑ lesen.
Verb zuerst im Mhd. – Zu bekommen stellen sich beleuchten ↑ leuchten.
die auch übertragen gebrauchten Zusammenset- beleumdet, beleumundet ↑ Leumund.
zungen abbekommen und herausbekommen. Abl.: belfern »kläffen, bellen«: Das seit dem 16. Jh. ge-
bekömmlich (erst im 19. Jh. für »zuträglich«; älte- bräuchliche Verb ist wohl eine lautmalende Bil-
res bekommlich, mhd. bekom[en]lich war »zu- dung im Anschluss an ↑ bellen.
kommend, passend, bequem«). Siehe auch ↑ be- belichten ↑ licht.
quem. belieben: Das Verb ist eine Präfixbildung des
bekotzen ↑ kotzen. 15. Jh.s zu lieben (↑ lieb), die dann in höflicher
bekräftigen ↑ Kraft. Sprache für »Gefallen finden, mögen« gebraucht
bekritteln ↑ kritteln. wurde. Dazu das verselbstständigte Part. beliebt.
bekümmern ↑ Kummer. Abl.: beliebig (im 17. Jh. »angenehm«, später zu
bekunden ↑ kund. dem substantivierten Belieben »Neigung, Gefal-
belagern ↑ Lager. len« gestellt).
belämmert: Der nach neuer Rechtschreibung mit ä bellen: Mhd. bellen, ahd. bellan (starkes Verb)
geschriebene ugs. Ausdruck für »niedergedrückt, »bellen (vom Hund)«, engl. to bell »röhren (vom
betreten; übel, schlimm« wurde im 18. Jh. aus Hirsch)«, aisl. belja »brüllen (von Kühen)«, norw.
dem Niederd. übernommen. Er ist eigentlich das belje »brüllen, schreien« sind wohl lautnachah-
2. Partizip von (m)niederd. belemmer(e)n »hin- menden Ursprungs und z. B. (elementar)ver-
dern; hemmen; beschädigen«, das im 18. Jh. auch wandt mit lit. bildé˙ti »dröhnen, klopfen, poltern«
»verlegen machen« bedeutete. Das Verb ist eine und russ. boltat »pochen, klopfen; schwatzen«.
Iterativbildung zu mniederd. belemmen »läh- Man beachte auch die unter ↑ poltern und ↑ böl-
men« (↑ lahm). Der volksetymologische An- ken behandelten ähnlichen Lautnachahmungen.
schluss an Lamm führte zur Änderung der Recht- Belletrist »Unterhaltungsschriftsteller«: Das Wort
schreibung. ist eine Bildung des späten 18. Jh.s zu franz.
belangen: Das Verb mhd. belangen, ahd. bilangen belles-lettres »schön(geistig)e Literatur« (aus
ist eine Präfixbildung zu dem unter langen be- franz. belle »schön« und lettre »Literatur«). Abl.:
handelten Verb (↑ lang). Es bedeutete zunächst Belletristik »schöngeistige Literatur«; belletris-
»erreichen, sich erstrecken«, dann »betreffen«, tisch »die Belletristik betreffend«.
wofür heute anbelangen steht (entsprechend nie- belobigen ↑ loben.
derl. [aan]belangen, engl. to belong). Die juristi- belügen ↑ lügen.
sche Bed. »jemanden vor Gericht bringen, verkla- belustigen ↑ lustig.
gen« (eigentlich »mit der Klage erreichen«) er- bemächtigen, sich ↑ Macht.
scheint im 15. Jh. – Aus dem Verb rückgebildet ist bemängeln ↑ 2 mangeln.
Belang »Bedeutung, Interessen«, das im 18. Jh. in bemannen ↑ Mann.
die nhd. Kanzleisprache eindringt. bemänteln ↑ Mantel.
belasten ↑ Last. bemerken, Bemerkung ↑ merken.
belästigen ↑ lästig. bemittelt ↑ mittel.
belauben ↑ Laub. Bemme: Die Herkunft des ostmd. Ausdrucks für
belaufen ↑ laufen. »bestrichene (und belegte) Brotschnitte«
Belche (landsch. für:) »Blesshuhn«: Die vor allem (frühnhd. [butter]bamme, [butter]pomme) ist
am Bodensee gebräuchliche Bezeichnung des nicht sicher geklärt. Vermutlich handelt es sich
Blesshuhns geht zurück auf mhd. belche, ahd. be- um eine Entlehnung aus sorb. pomazka »Butter-
161 bemühen – Berg
schnitte« (zu sorb. pomazać »beschmieren, be- »zukommend, passend, tauglich« (wie in got. ga-
streichen«) und wurde zunächst als Bemmchen qimiÞ »es ziemt sich«, s. auch das nah verwandte
verdeutscht.
bemühen ↑ mühen.
bemuttern ↑ Mutter.
↑ bekommen). Die heutigen Bedeutungen »ange-
nehm« (eigentlich »keine Schwierigkeiten berei-
tend«) und »träge, faul« haben sich erst seit dem
M
B
benachrichtigen ↑ Nachricht.
benachteiligen ↑ Teil.
18. Jh. entwickelt.
berappen: Die Herkunft des ugs. Ausdrucks für
M
Berg
benebeln ↑ Nebel. »bezahlen«, der aus der Studentensprache in den
benedeien: Der kirchliche Ausdruck für »segnen, allgemeinen Sprachgebrauch gelangte, ist nicht
lobpreisen« geht zurück auf mhd. benedı̄(g)en, sicher. Er ist nicht von der Münzbezeichnung
das aus gleichbed. kirchenlat. benedicere (aus lat. Rappen abgeleitet, sondern vielleicht rotw. Ur-
bene »gut, wohl« und dicere »sagen«) stammt. sprungs und gehört dann wohl zu berabbeln, das
Benefiz: Das Lehnwort bedeutete zunächst »Wohl- zu Rebes »Zins, Ertrag, Gewinn« gebildet ist.
tat«. Es ist im 18. Jh. wohl unter Einfluss von beratschlagen ↑ Rat.
gleichbed. franz. bénéfice als Verkürzung einer beräuchern ↑ Rauch.
bereits im 14. Jh. belegten Form Benefizium auf- berauschen ↑ rauschen.
gekommen. Diese geht über das mlat. beneficium berechnen, Rechnung ↑ rechnen.
»Lohn, Darlehen, Lehngut« zurück auf lat. bene- beredsam, Beredsamkeit, beredt ↑ Rede.
ficium »Gunst, Verdienst, Wohltat« (aus bene Bereich ↑ reichen.
»gut« und facere »machen«). Benefiz bezeichnet bereichern ↑ reich.
heute eine Wohltätigkeitsveranstaltung und fin- bereifen, Bereifung ↑ 1 Reif.
det sich besonders häufig als Bestimmungswort bereinigen ↑ rein.
in Zusammensetzungen wie Benefizkonzert, Be- bereit: Die auf das Dt. beschränkte Adjektivbil-
nefizvorstellung. dung mhd. bereit(e) »bereit, fertig, bereitwillig«,
benehmen, Benehmen ↑ nehmen. ahd. bireiti »gerüstet, fertig« gehört wohl zu dem
beneiden ↑ Neid. unter ↑ reiten behandelten Verb in dessen alter
benennen ↑ nennen. Bedeutung »fahren«. Es bedeutete ursprünglich
benetzen ↑ netzen. »zur Fahrt gerüstet« (ähnlich steht fertig neben
Bengel »(ungezogener) Junge«, (landsch. auch:) fahren). Verwandt sind mit anderem Präfix z. B.
»kurzes Holzstück, Knüppel«: Mhd. bengel »der- mniederd. gerede »bereit, fertig«, got. garaiÞs
ber Stock, Knüppel« (entsprechend mniederl. »angeordnet« sowie die präfixlosen Formen
benghel und engl. mundartl. bangle »Knoten- engl. ready »bereit, fertig« und aisl. reiðr »fahr-
stock«) ist als »Stock zum Schlagen« von einem bar, bereit«; in außergerm. Sprachen ir. reid
ahd. und mhd. nicht bezeugten Verb abgeleitet, »eben« (eigentlich »fahrbar«) und kymr. rhwydd
das als niederd. bangen, engl. to bang, aisl. banga »leicht, frei« (eigentlich »fahrtbereit«). Es schei-
»klopfen« erscheint und wohl lautmalenden Ur- nen sich aber schon früh unterschiedliche laut-
sprungs ist. Die Verwendung im Sinne von »(un- ähnliche Wortstämme miteinander vermischt zu
gezogener) Junge« hat sich seit frühnhd. Zeit he- haben. – Abl.: bereiten (mhd. bereiten »bereitma-
rausgebildet. chen, rüsten«); bereits (17. Jh.; für älteres adver-
benommen ↑ nehmen. bielles bereit, das im Spätmhd. aufgetreten war;
Benzin »Gemisch aus gesättigten Kohlenwasser- das s trat in Analogie zu f lugs, rechts hinzu); Be-
stoffen, das als Treibstoff und als Lösungs- und reitschaft (mhd. bereitschaft »Ausrüstung, Ge-
Reinigungsmittel verwendet wird«: Das Wort, rätschaft«; die Bedeutung »Bereitsein« ist erst
das 1833 von dem Chemiker E. Mitscherlich gebil- nhd., ganz jung der kollektive Sinn »Polizeiabtei-
det wurde, bezeichnete zunächst das aus dem lung«).
Benzoeharz gewonnene Destillat. J. Liebig über- berennen ↑ rennen.
trug 1834 die Bezeichnung auf das Erdöldestillat bereuen ↑ Reue.
und prägte Benzol neu als Bezeichnung für die- Berg: Das gemeingerm. Wort mhd. berc, ahd. berg
sen Kohlenwasserstoff. – Auszugehen ist von (got. in baı́rgahei »Gebirgsgegend«), engl. barrow
Benzoe, dem Namen eines ostindischen Harzes. »(Grab)hügel«, schwed. berg »Hügel, Berg« be-
Er geht auf span., katal. benjuı́ zurück, das aus ruht mit verwandten Wörtern in anderen idg.
arab. luban ǧawı̄ (unter Ausfall der Anfangssilbe) Sprachen auf idg. * bhergos- »Berg«, vgl. z. B. ar-
hervorgegangen ist. Das arab. Wort bedeutet »ja- men. berj- »Höhe« und russ. bereg »Küste, Ufer«.
vanischer Weihrauch«. Das idg. Substantiv gehört zu der Wurzelform
beobachten ↑ 1 ob. * bheregh- »hoch, erhaben«, einer Erweiterung
beordern ↑ Order. der unter ↑ gebären dargestellten idg. Wurzel. Zu
bequem: Mhd. bequæ  me, ahd. biquami, ähnlich der genannten Wurzelform gehören z. B. noch
aengl. gecwœ me, ist Verbaladjektiv zu dem unter aind. brhánt- »hoch, groß, erhaben, hehr«, lat.
↑ kommen behandelten Verb und hat dessen al- ˚
fortis »kräftig, tapfer«, eigentlich »hoch gewach-
ten kw-Anlaut bewahrt. Die Grundbedeutung ist sen« (s. die Wortgruppe um ↑ Fort), ferner air. Bri-
Berg – berücken 162
git (Name einer Heiligen und Frauenname, ei- »Berg« und mhd. vride »Schutz, Sicherheit« ent-
gentlich »die Hohe, die Erhabene«; beachte den wickelt. Sie ist vermutlich aus griech. pýrgos, per-
MB weiblichen Personennamen Brigitte) und Orts-
namen wie Bregenz und Burgund (»die Hochra-
gende«, ältester Name von Bornholm, dem
gos »Belagerungsturm« entlehnt.
bergig, Bergmann, Bergsteiger, bergsteigen, Berg-
werk ↑ Berg.
MBerg Stammland der ostgermanischen Burgunden).
Im Ablaut zu Berg steht das unter ↑ Burg behan-
berichten: Mhd. berihten »recht machen, in Ord-
nung bringen; einrichten; belehren, unterwei-
delte Wort. – Berg tritt in vielen Ortsnamen auf sen« gehört zu dem unter ↑ richten behandelten
und ist dabei von den Namen mit Burg (s. d.) oft Verb. Die heutige Bed. »Kunde von etwas geben,
nicht zu trennen. Es spielt eine besondere Rolle in mündlich oder schriftlich darlegen« hat sich aus
der Sprache des Bergbaus (s. u.), weil nach Kohle »unterweisen, unterrichten« entwickelt.
und Erzen zunächst nur in Bergen gegraben berichtigen ↑ richtig.
wurde. Richtungsangaben mit Berg sind bergab, beritten ↑ reiten.
bergan, bergauf, vgl. auch die Zusammensetzung Bernstein: Das in frühnhd. Zeit aus dem Niederd.
Bergfahrt »Fahrt eines Schiffes stromauf- übernommene Wort geht auf mniederd.
wärts«. – Abl.: bergig »reich an Bergen« (mhd. bern(e)stein (13. Jh.) zurück, das zu mniederd.
bergeht); Gebirge (s. d.). Zus.: Bergbau »Gewin- bernen »brennen« gehört und demnach eigent-
nung von Bodenschätzen« (im 17. Jh. für älteres lich »Brennstein« bedeutet (vgl. ↑ brennen). Das
Bergwerk, s. u.); Bergfried (s. d.); Bergmann »Ar- an den deutschen Küsten, besonders im ostpreu-
beiter im Tage- oder Untertagebau« (im 14. Jh. ßischen Samland gefundene tertiärzeitliche
bercman); Bergsteiger »jemand, der sportlich Baumharz fiel durch seine Brennbarkeit auf und
klettert, Hochgebirgstouren unternimmt« (um wurde als Räucherwerk verwendet. Es war im
1800, zu der Fügung ›auf den Berg steigen‹), dazu Norden seit der Steinzeit als Schmuckstein be-
das Verb bergsteigen (19. Jh.); Bergwerk »Anlage kannt und gelangte durch den Handel seit dem
zur Gewinnung von Bodenschätzen« (mhd. 3. Jahrtausend v. Chr. in den europäischen Süden.
bercwerc »Tätigkeit im Berg und das dazu nötige Seine griech. Bezeichnung élektron ist in ↑ elek-
Bauwerk unter Tage«). trisch enthalten, die germ. Bezeichnung * glasaz
in dt. ↑ 1 Glas.
Berg Berserker »wilder, unverwundbarer Krieger«: Das
im späten 18. Jh. aus dem Altisländischen (aisl.
mit etw. hinter dem/hinterm Berg halten
berserker) entlehnte Wort ist wohl eine Zusam-
(ugs.) »etw. absichtlich noch nicht mitteilen, aus
mensetzung aus aisl. ber- »Bär« und serkr
taktischen Gründen für sich behalten«
»Hemd, Gewand«. Es bedeutete also zunächst
Die Wendung nimmt darauf Bezug, dass man frü-
»Bärenfell«, dann »Krieger im Bärenfell«.
her bei Gefechten oft Truppenteile hinter Anhö-
bersten: Mniederd., md. bersten »brechen« ge-
hen oder Hügeln verbarg, um dem Gegner nicht
langte durch Luthers Bibelübersetzung in die
gleich die militärische Stärke zu zeigen und um
Hochsprache. Es hat sich – wie gleichbed. niederl.
ihn immer wieder überraschend anzugreifen
barsten, engl. to burst, mit Umstellung des r ne-
oder zu beschießen.
ben mhd. bresten, ahd., asächs. brestan – erhalten
in Gebresten »Gebrechen« (16. Jh.), zu mhd. ge-
bergen »in Sicherheit bringen«: Das gemeingerm. bresten, ahd. gibrestan »Mangel haben«. Zur Be-
Verb mhd. bergen, ahd. bergan, got. baı́rgan, deutungsentwicklung vgl. Gebrechen unter ↑ bre-
aengl. beorgan, schwed. bärga ist verwandt mit chen, schwed. brista. Außergerm. Beziehungen
lit. bı̀rginti »sparen« und der slaw. Wortfamilie sind nicht gesichert.
um russ. beregu »hüte, bewahre«. Es ist auf das berüchtigt »in schlechtem Rufe stehend«: Das Ad-
Balt., Slaw. und Germ. beschränkt, die Verbin- jektiv ist eigentlich das 2. Part. des im 17. Jh. un-
dung mit Berg ist volksetymologisch. Im Ablaut tergegangenen Verbs berüchtigen »in üblen Ruf
zu bergen steht die Sippe von ↑ borgen. Präfixbil- bringen, verklagen«, das in die frühnhd. Ge-
dung: verbergen (mhd. verbergen, ahd. firbergan richtssprache aus mniederd. berüchtigen »ein
»verstecken«, dann »verheimlichen«). In der Zu- Geschrei über jemanden erheben« (↑ Gerücht)
sammensetzung ↑ Herberge ist ein von bergen ab- übernommen wurde. Die genannten Wörter ge-
geleitetes, nur in Zusammensetzungen erhalte- hören zu dem unter ↑ anrüchig behandelten
nes Substantiv mhd. -berge, ahd. -berga »schüt- Wort. Siehe auch ↑ ruchbar.
zender Ort« enthalten. berücken: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Verb
Bergfried »Hauptturm einer mittelalterlichen stammt aus der Sprache der Fischer und Vogel-
Burg«: Die älteste bezeugte Bed. für mhd. perfrit, steller und bedeutet eigentlich »mit einem Netz
bervrit, bercvrit ist »hölzerner Belagerungs- über das zu fangende Tier rücken, mit einem
turm«. Die heutige Bed. ist im Mhd. noch selten Ruck das Netz zuziehen« (vgl. ↑ rücken). Aus der
und hat sich wahrscheinlich schon damals durch Bed. »(listig) fangen« entwickelte sich in der Ba-
volksetymologische Anlehnung an mhd. berc rockzeit die Bed. »betören, bezaubern«.
163 berücksichtigen – beschweren
berücksichtigen ↑ Rücken. sprache (z. B. jemanden abschlägig bescheiden),
berufen: Die Präfixbildung (mhd. beruofen) zu sie meint eigtl. die Mitteilung eines richterlichen
dem unter ↑ rufen behandelten Verb bedeutete
zunächst »herbei-, zusammenrufen, zu etwas ru-
fen« (daher z. B. jmdn. in ein Amt berufen, eine
Entscheids; daran schließt sich die Verwendung
im Sinne von »belehren, unterweisen« an. Das
reflexive sich bescheiden »zufrieden sein, sich
M
B
Versammlung [ein]berufen, vgl. auch zu etwas be-
rufen sein). In dieser Bedeutung verwendet Lu-
zufrieden geben, sich begnügen« bedeutete ur-
sprünglich »sich vom Richter bescheiden las-
M
besc
ther das Wort in der Bibel, wenn vom Ruf Gottes sen«. Das ehemalige starke Part. 2 bescheiden
an den Menschen die Rede ist (siehe unten Be- entwickelte sich in der Bedeutung entsprechend
ruf). Aus der Gerichtssprache stammt die Ver- dem Verb: Ursprünglich bedeutete es »(vom
wendung im Sinne von »sich (zur Rechtferti- Richter) bestimmt, zugeteilt, festgesetzt«, dann
gung, zum Beweis) auf jemanden oder etwas be- wurde es von Personen gebraucht, die sich be-
ziehen«, eigentlich »appellieren«, wofür heute scheiden ließen, sich zu bescheiden wussten und
Berufung einlegen gilt. Aus der Verwendung im deshalb als »einsichtsvoll, erfahren, verständig,
Sinne von »viel über jemanden oder etwas re- klug« galten. Heute wird es im Sinne von »genüg-
den« entwickelte sich wie bei beschreien die Bed. sam, einfach, anspruchslos« verwendet. Dazu
»zu viel über etwas reden, sodass es aus aber- Bescheidenheit, das im Mhd. noch »Verstand,
gläubischer Vorstellung misslingt oder nicht in Verständigkeit« war. Eine Rückbildung zu 1 be-
Erfüllung geht« – dazu stellt sich das verneinte scheiden ist Bescheid (mhd. bescheit, bescheide
Part. unberufen. – Abl.: Beruf (mhd. beruof »Leu- »Bestimmung, Bedingung«), heute fast nur in
mund«; die nhd. Bedeutung hat Luther geprägt, Bescheid geben, wissen und in Bescheid tun ge-
der es in der Bibel zunächst als »Berufung« bräuchlich.
durch Gott für griech. klesis, lat. vocatio ge- bescheinigen ↑ scheinen.
brauchte, dann auch für Stand und Amt des bescheißen ↑ scheißen.
Menschen in der Welt, die schon Meister Eckart bescheren »zu Weihnachten schenken«: Das nur
als göttlichen Auftrag erkannt hatte. Dieser ethi- im Dt. gebräuchliche Wort (mhd. beschern »zu-
sche Zusammenhang von Berufung und Beruf ist teilen, verhängen«) wurde früher meist von Gott
bis heute wirksam geblieben, wenn das Wort und dem Schicksal gesagt (z. B. mhd. e ist mir be-
jetzt auch gewöhnlich nur die bloße Erwerbstä- schert) und gehört zur Wortfamilie von ↑ scheren.
tigkeit meint). Der heutige Sinn (seit dem 18. Jh.) ergab sich, weil
beruhigen ↑ Ruhe. die Weihnachtsgeschenke den Kindern als Gaben
berühmt ↑ Ruhm. des Christkinds dargestellt wurden.
berühren ↑ rühren. Beschiss ↑ scheißen.
Beryll ↑ Brille. beschlafen ↑ Schlaf.
besagen ↑ sagen. Beschlag, beschlagen, Beschlagnahme ↑ schlagen.
besaiten, besaitet ↑ Saite. beschleunigen, Beschleunigung ↑ schleunig.
Besatz, Besatzung ↑ setzen. beschließen: Mhd. beslieen, ahd. bislio an bedeu-
besaufen ↑ saufen. tete ursprünglich »zu-, ver-, einschließen« (vgl.
beschädigen ↑ Schaden. ↑ schließen; dazu noch Beschließer »Aufseher«),
beschaffen »geartet«: Das Adjektiv ist eigentlich dann auch »beenden«. Daraus entwickelte sich
das in adjektivischen Gebrauch übergegangene schon mhd. die heutige Bed. »festsetzen«, eigtl.
2. Part. (mhd. beschaffen »vorhanden; befind- »zum Schluss der Gedanken kommen« (s. auch
lich«) zu dem starken mhd. Verb beschaffen »er- ↑ entschließen). – Abl.: Beschluss (mhd. beslu
schaffen« (vgl. ↑ schaffen). »Ab-, Verschluss, Ende«; die heute vorherr-
beschäftigen: Das seit dem 17. Jh. bezeugte Verb schende Bedeutung »Entscheidung« ist seit dem
enthält ein Adjektiv, das in der md. Form scheftic 15. Jh. bezeugt).
»geschäftig, tätig, emsig« (gleichbed. mniederd. beschneiden ↑ schneiden.
bescheftig) belegt ist und zu ↑ schaffen »arbeiten« beschönigen ↑ schön.
gehört. beschottern ↑ Schotter.
beschälen ↑ Schälhengst. beschränken, beschränkt ↑ schränken.
beschämen ↑ Scham. beschreiben, Beschreibung ↑ schreiben.
beschatten ↑ Schatten. beschreien ↑ schreien.
beschauen, Beschauer, beschaulich ↑ schauen. beschuldigen ↑ Schuld.
1
bescheiden: Das zu ↑ scheiden »trennen« gebil- beschummeln ↑ schummeln.
dete Präfixverb (mhd. bescheiden) entwickelte in beschweren: Das Präfixverb mhd. beswæ  ren, ahd.
der mittelalterlichen Rechtssprache die Bedeu- biswaren »schwerer machen, belasten; drücken,
tungen »zuteilen« und »Bescheid geben«. Zur belästigen, betrüben« gehört zu dem unter
ersten gehört die Wendung mein bescheidener ↑ schwer behandelten Adjektiv. Reflexiv bedeu-
Anteil, die heute als »geringer Anteil« verstan- tet es seit dem 14. Jh. »sich (über Drückendes)
den wird. Die zweite lebt noch in der Kanzlei- beklagen«. Abl.: Beschwerde (mhd. [be]swæ  rde
beschwichtigen – bestimmen 164
»Bedrückung, Betrübnis«; ahd. swarida »drü- besser
ckende Last«; seit dem 15. Jh. Rechtswort für etwas zum Besten geben
MB »Klage, Berufung«; der Plural Beschwerden be-
zeichnet nhd. auch körperliche Schmerzen und
Störungen).
»etwas zur Unterhaltung vortragen«
Mit das Beste war ursprünglich der Siegpreis ge-

Mbesc beschwichtigen: Das Ende des 18. Jh.s ins Hochd.


übernommene niederd. beswichtigen, älter
meint. Die Wendung bedeutete eigentlich »etwas
als Preis für den Sieger in einem Spiel oder Wett-
bewerb aussetzen«, dann »etwas als (wichtigs-
(be)swichten »zum Schweigen bringen« ent- ten) Beitrag zu einer Unterhaltung beisteuern«.
spricht (mit niederd. -cht- für hochd. -ft-) mhd.
(be)swiften »stillen, dämpfen«, ahd. giswifton jmdn. zum Besten haben/halten
»still werden«. Das vorausliegende Adjektiv »jmdn. necken, anführen«
mhd. swifte »ruhig« ist vielleicht verwandt mit Die Wendung hat ihren Ursprung darin, dass
got. sweiban »aufhören« und aisl. svı̄fask »sich man jemanden zum Spaß so behandelt, als ob er
fern halten«. Aus derselben Wurzel wohl der Beste wäre.
↑ schweigen.
beschwingt ↑ schwingen. Besserwisser ↑ wissen.
beschwören ↑ schwören. bestallen »in ein Amt einsetzen«: Das Verb ist zu
beseitigen ↑ Seite. mhd. bestalt, dem erstarrten 2. Part. von mhd. be-
beseligen ↑ selig. stellen »einweisen, einsetzen« (vgl. ↑ stellen), neu
Besen: Die Herkunft des westgerm. Wortes mhd. gebildet.
bes(e)me, besem, ahd. bes(a)mo, niederl. bezem, Bestand, beständig, Bestandteil ↑ stehen.
engl. besom ist unklar. – Im Dt. wird Besen seit bestätigen: Das Verb mhd. bestæ  tigen »festma-
dem 16. Jh. auch übertragen und abwertend ge- chen, bekräftigen« gehört zu dem unter ↑ stet be-
braucht, zunächst für eine Magd, dann für ein handelten Adjektiv stetig (vgl. ahd. statigon).
einfaches Mädchen und schließlich auch für eine bestatten: Mhd. bestaten ist verstärktes einfaches
zänkische oder boshafte Frau. mhd. staten »an seinen Ort bringen« (von mhd.
besessen ↑ sitzen. stat »Ort, Stelle, Stätte«, vgl. ↑ Statt) und wird be-
besetzen ↑ setzen. reits verhüllend für »begraben« gebraucht.
besichtigen, Besichtigung ↑ Sicht. bestäuben ↑ Staub.
besiedeln ↑ siedeln. bestechen: Die Präfixbildung zu ↑ stechen (mhd.
besiegeln ↑ Siegel. bestechen) war zunächst Fachwort der Bergleute
besinnen, besinnlich, Besinnung ↑ sinnen. und wurde im Sinne von »(durch Hineinstechen
Besitz, Besitzer, Besitzung ↑ sitzen. mit einem spitzen Werkzeug) untersuchen, prü-
besoffen ↑ saufen. fen« verwendet. Davon leitet sich wohl unsere
besohlen ↑ Sohle. heutige Bedeutung »jemanden durch Geld, Ge-
besolden ↑ Sold. schenke für seine eigenen Interessen gewinnen«
besonder: Das mhd. Adjektiv sunder »abgeson- her (eigentlich »jemanden mit Gaben prüfen, auf
dert, eigen, ausgezeichnet« (vgl. ↑ sonder) wird die Probe stellen«). Der übertragene Gebrauch
seit spätmhd. Zeit durch die Zusammensetzung von bestechen im Sinne von »für sich einneh-
besunder, nhd. besonder abgelöst, die nur attri- men« ist seit dem 18. Jh. bezeugt.
butiv gebraucht wird (z. B. ein besonderes Merk- Besteck, bestecken ↑ stecken.
mal, ein besonderer Wein). Auf die Bildung dieser bestehen ↑ stehen.
Zusammensetzung hat das ältere Adverb mhd. bestellen, Bestellung ↑ stellen.
besunder eingewirkt, das aus bı̄ (= bei) sunder besteuern ↑ 1 Steuer.
entstanden ist und seit dem 16. Jh. mit genitivi- Bestie »wildes Tier; Unmensch«: Mhd. bestie
schem -s besonders lautet. Abl.: Besonderheit stammt wie franz. bête (afranz. beste) aus gleich-
(15. Jh.). bed. lat. bestia, das ohne überzeugende Anknüp-
besonnen ↑ sinnen. fung ist. – Die im Niederd. seit dem Ende des
besorgen, Besorgnis, besorgt ↑ Sorge. 16. Jh.s bezeugte Form Beest »Untier«, die auf
bespitzeln ↑ spitz. afranz. beste zurückgeht, liegt Biest zugrunde.
besprechen, Besprechung ↑ sprechen. Dies wird heute im Sinne von »lästiges, unange-
besprengen ↑ sprengen. nehmes Tier; gemeiner Mensch« gebraucht.
bespringen ↑ springen. bestimmen: Die Grundbedeutung des Verbs mhd.
besser (Komparativ), beste (Superlativ): Die Ver- bestimmen war »mit der Stimme (be)nennen,
gleichsformen von gut werden in allen germ. durch die Stimme festsetzen« (vgl. stimmen
Sprachen mit Wörtern des unter ↑ bass behan- [↑ Stimme]). Daraus entwickelte sich schon früh
delten Stammes gebildet: mhd. beer, best (be- die Bedeutung »anordnen«. Die Verwendung im
ist), ahd. beiro, beisto, got. batiza, batista, Sinne von »nach Merkmalen abgrenzen, definie-
engl. better, best (↑ Bestseller), schwed. bättre, ren« stammt aus der philos. Fachsprache des
bäst. 18. Jh.s. Verselbstständigt hat sich das 2. Partizip
165 bestrafen – Bettel
bestimmt, das auch adverbiell für »ganz gewiss« als Bitumen »natürlicher Asphalt« fort. – Abl.: be-
gebraucht wird; dazu Bestimmtheit. Abl.: Bestim- tonieren (spätes 19. Jh.; aus franz. bétonner).
mung (17. Jh.).
bestrafen ↑ strafen.
bestreiten ↑ Streit.
betonen ↑ 2 Ton.
betören ↑ 2 Tor.
betrachten: Die Präfixbildung mhd. betrahten, ahd.
M
B
bestricken: Das Verb (mhd. bestricken, ahd. bi-
stricchen) war ursprünglich ein Jagdausdruck
bitrahton bedeutete wie das einfache Verb ↑ trach-
ten zunächst »bedenken, erwägen, streben«. Erst
M
Bett
und bedeutet eigentlich »mit Stricken oder in ei- in frühnhd. Zeit entwickelte sich über »nach-
nem Strick fangen« (vgl. ↑ Strick). Aus der Bed. denklich ansehen« die heute übliche Bedeutung
»fangen, fassen« entwickelte sich dann in mhd. »ansehen, beschauen« (s. aber unten Betrach-
Zeit die heute übliche Bed. »betören, bezaubern« tung). Abl.: Betracht (nur noch in Verbindungen
(vgl. zur Bedeutungsgeschichte ↑ berücken). wie in Betracht kommen, ziehen, außer Betracht
Bestseller »Verkaufsschlager (meist von Bü- bleiben; Kanzleiwort des 18. Jh.s wie gleichzeitiges
chern)«: Das Wort wurde im 20. Jh. aus gleichbed. in Anbetracht); beträchtlich (im 15. Jh. in der Be-
engl. best-seller (eigentlich »was sich am besten deutung »mit berlegung«, im 16. Jh. »was Beach-
verkauft«) entlehnt. Engl. best entspricht nhd. tung verdient«; die heutige Bedeutung »erheb-
best (vgl. ↑ besser), während seller von engl. to sell lich« seit dem 18. Jh.); Betrachtung (mhd. betrah-
»verkaufen« abgeleitet ist. tunge »Trachten nach etwas; berlegung«).
bestücken ↑ Stück. Betrag, betragen ↑ tragen.
bestürzen: Das Verb (mhd. bestürzen, ahd. bistur- betrauen ↑ trauen.
zen) ist eine Präfixbildung zu ↑ stürzen und be- betreffen ↑ treffen.
deutete ursprünglich »umstürzen; umwenden; betreiben ↑ treiben.
bedecken«. Daraus entwickelte sich die übertra- betreten ↑ treten.
gene Bedeutung »außer Fassung bringen, verwir- betreuen ↑ treu.
ren«. Abl.: Bestürzung (17. Jh.). Betrieb, betriebsam ↑ treiben.
Besuch, besuchen, Besucher ↑ suchen. betrinken ↑ trinken.
betagt ↑ Tag. betroffen ↑ treffen.
betätigen ↑ Tat. betrüben, betrüblich ↑ trüb(e).
betäuben ↑ taub. Betrug, betrügen ↑ trügen.
Bete »Rote Rübe«: Die Bezeichnung für das Wur- Betschwester ↑ Schwester.
zelgemüse geht auf lat. beta »Bete« zurück, das Bett: Das gemeingerm. Wort für »Lagerstatt,
früh in die germ. Sprachen gelangte (man be- Schlafstelle« mhd. bet(te), ahd. betti, got. badi,
achte ahd. bie a, mhd. biee, entsprechend nie- engl. bed, schwed. bädd beruht auf germ. * badja
derd. bete, niederl. biet, engl. beet und schwed. »Bett« (eigentlich vielleicht »Polster«, vgl. das
beta). Die heutige, seit dem 17. Jh. gebräuchliche finn. Lehnwort patja »Polster«). Es bezeichnete,
Form des Wortes ist niederd. da den Germanen die heutige Form des Bettes
beteiligen ↑ Teil. unbekannt war, die sogenannte »Erdbank«, das
beten: Die Germanen kannten das Beten nicht. mit Stroh und Fellen gepolsterte Lager entlang
Seit der Christianisierung wurde der Begriff den Wänden. Der Gebrauch des beweglichen Bet-
durch das vorhandene Verb ↑ bitten gedeckt. Nur tes der Mittelmeervölker verbreitete sich bei den
das Deutsche hat durch Ableitung von ahd. beta germanischen Völkern erst im Mittelalter. Doch
»Bitte« einen Unterschied für den neuen religiö- hatte man über dem Stroh schon früh Tücher und
sen Gehalt geschaffen: ahd. beton, mhd. beten, Federbetten (ahd. bettiwat, fedarbetti), sodass
mniederd. beden. das Wort seit alters auch die Federkissen be-
beteuern: Das Verb (mhd. betiuren »zu kostbar zeichnen kann. – Bett wird im Dt. auch übertra-
dünken; schätzen«) ist von dem unter ↑ teuer gen gebraucht, beachte z. B. die Zusammenset-
behandelten Adjektiv abgeleitet. An die Ver- zungen Flussbett und Nagelbett.
wendung von teuer in Versicherungen und Be-
schwörungsformeln schließt sich die Bedeutung
Bettel
»mit Nachdruck erklären, versichern« an, ei-
gentlich »sagen, dass etwas jmdm. (hoch und) (jmdm.) den (ganzen) Bettel hinschmeißen/hin-
teuer ist«. werfen/vor die Füße schmeißen/vor die Füße wer-
Beton: Das aus lat. bitumen »Erdharz, Erdpech« fen
stammende franz. Substantiv béton, das dann (ugs.) »seiner Arbeit o. Ä. überdrüssig sein, ab-
einen fest bindenden, harten Baustoff (ein Ge- rupt aufhören, für jmdn. zu arbeiten (und ihm
misch aus Zement, Wasser und Sand) bezeichne- dies in drastischer Form zu erkennen geben)«
te, wurde im späten 18. Jh. ins Deutsche über- Bettel gehört zum Verb betteln, es bedeutete zu-
nommen. Daneben lebt lat. bitumen, das wahr- nächst »Bettelei, Zusammengebetteltes«, dann
scheinlich ein kelt. Lehnwort ist und zur Wort- auch »Kram, Plunder«.
gruppe um ↑ Kitt gehört, in unveränderter Form
betteln – bewegen 166
betteln: Das dt. und niederl. Verb (mhd. betelen, und seit dem 14. Jh. in das Mittel- und Oberd., nun
ahd. betalon, niederl. bedelen) ist wohl eine Itera- meist auf Krieg und Plünderung bezogen (mhd.
MB tivbildung zu dem unter ↑ bitten behandelten
Verb und bedeutet dann eigentlich »wiederholt
bitten«. Abl.: Bettler (mhd. betelæ  re, ahd. beta-
biuten »Kriegsbeute machen, rauben«). Das Verb
lebt im Nhd. fort in erbeuten »als Beute erringen«
(im 16. Jh. schweiz.) und ausbeuten »abbauen,
Mbett lari).
Bettstelle ↑ stellen.
fördern; wirtschaftlich nutzen; ausnutzen«
(16. Jh.), dazu das gleich alte Ausbeute »Ertrag«
betucht: Der ugs. Ausdruck für »wohlhabend«, der und im 19. Jh. das politische Schlagwort Ausbeu-
nach dem heutigen Sprachgefühl als Ableitung ter. – Hierher gehört auch Freibeuter »Seeräuber«
von Tuch aufgefasst wird, geht zurück auf jidd. (mniederd. vrı̄buter »Schiffsführer mit Voll-
betuch »sicher; vertrauenswert« (< hebr. batuah). macht zum Kapern; Seeräuber«, zu vrı̄bute »frei-
betulich ↑ tun. ˙ ˙ gegebene Kriegsbeute«; entsprechend niederl.
betupfen ↑ tupfen. vrijbuiter).
beugen: Das agerm. Verb mhd. böugen, ahd. bou- Beutel: Mhd. biutel, ahd. butil, niederl. bui(de)l
gen, mniederl. bogen, aengl. bı̄egan, schwed. böja »Beutel, Tasche, (kleiner) Sack« sind eng ver-
ist das Kausativ zu dem unter ↑ biegen behandel- wandt mit isländ. budda »(Geld)beutel« und
ten Verb und bedeutet demnach eigentlich »bie- engl. bud »Knospe« und gehören mit diesen im
gen machen«. Es ist im dt. Sprachgebrauch von Sinne von »Aufgeschwollenes« zu der unter
biegen nicht klar geschieden und hat meist die ↑ Beule dargestellten Wortgruppe. – Der Geld-
Bed. »herunterbiegen«, reflexiv »sich unterwer- beutel war ursprünglich ein Säckchen. In der mit-
fen«. In der Grammatik verdeutscht es seit dem telalterlichen Tracht diente der Beutel als Gürtel-
17. Jh. das Fachwort f lektieren (wie Beugung das tasche wie später der militärische Brotbeutel.
Fachwort Flexion). Beutel heißt auch das Mehlsieb des Müllers
Beule: Das westgerm. Wort mhd. biule, ahd. bulla, (schon mhd.), der Hodensack mancher Tiere (vgl.
niederl. buil, aengl. byle bedeutete ursprünglich Bocksbeutel unter ↑ Bock) und die taschenartige
»Schwellung« und bezeichnete demzufolge zu- Hautfalte bei manchen Tieren, vgl. die Bezeich-
nächst eine durch Schlag, Stoß oder Entzündung nung Beuteltier, Beutler für eine urtümliche Säu-
erzeugte Schwellung. bertragen wird das Wort getierart.
im Dt. auch im Sinne von »Schlagstelle im Metall, bevölkern, Bevölkerung ↑ Volk.
Delle« verwendet, man beachte dazu die Verben bevor: Die Konjunktion ist wahrscheinlich aus der
ausbeulen und verbeulen. Im Ablaut zu dem west- mhd. Fügung ... (be)vor, e ... »(es geschah) vorher,
germ. Wort stehen isländ. beyla »Buckel, Hö- ehe ...« entstanden, indem bevor in den Neben-
cker« und got. uf bauljan »auf blasen«. Die ge- satz übertrat und ehe verdrängte. Im 17. Jh. heißt
nannte germ. Wortgruppe gehört zu der vielfach es noch ehe und bevor ihr fahren werdet. Als Ad-
weitergebildeten und erweiterten, ursprünglich verb ist mhd. bevor, ahd. bifora aus bı̄ fora »vorn,
lautnachahmenden idg. Wurzel * bh(e)u-, * b(e)u- voraus« zusammengerückt (ähnlich asächs. bifo-
»(auf)blasen, schwellen«, zu der sich aus dem au- ran, engl. before; vgl. ↑ bei und ↑ vor).
ßergerm. Sprachbereich z. B. lat. bucca »aufgebla- bevormunden ↑ Vormund.
sene Backe« stellt (vgl. das Lehnwort ↑ Buckel). bewachen ↑ wachen.
Aus dem germ. Sprachbereich gehören ferner zu bewaffnen ↑ Waffe.
dieser Wurzel ↑ Beutel »Säckchen«, ↑ Pocke »Blat- bewähren ↑ wahr.
ter« und wahrscheinlich auch ↑ Bauch; dann bewältigen ↑ Gewalt.
↑ Pausback, ↑ böse (eigentlich »aufgeblasen«), bewandert ↑ wandern.
↑ pusten, ↑ Bausch (mit ↑ Pauschale), ↑ Busen und bewandt, Bewandtnis ↑ bewenden.
1
wohl auch ↑ Busch (mit ↑ Böschung). bewegen »veranlassen«: Die Präfixbildung mhd.
beurkunden ↑ Urkunde. bewegen »bewegen«, mhd. sich bewegen »sich zu
beurlauben ↑ Urlaub. etwas entschließen«, ahd. biwegan »bewegen, ab-
beurteilen ↑ Urteil. wägen« gehört zu dem starken Verb mhd. wegen
Beute: Die nhd. Form geht auf mhd. biute »Beute« »sich bewegen; Gewicht haben«, ahd. wegan »be-
zurück, das aus dem Mniederd. übernommen ist. wegen, wiegen«, das im Nhd. mit anderer Bedeu-
Mniederd. bute »Tausch, Wechsel; Verteilung; tung in ↑ wägen (s. d. über erwägen, verwegen,
Anteil, Beute« war ein Ausdruck des mittelalter- wiegen, Gewicht, Wucht, Waage, wagen) bewahrt
lichen Handels; es ist eine Bildung zu mniederd. ist. Diesem einfachen starken Verb entsprechen
buten »Tauschhandel treiben; fortnehmen; ver- im germ. Sprachbereich got. (ga)wigan »bewe-
teilen«. Dieses Verb gehört wohl als * bi-utian gen«, aengl. wegan »bewegen; wägen, messen«
»herausgeben« zu ↑ aus (man beachte mniederd. (engl. to weigh »wiegen, wägen«), aisl. vega
uten »ausgeben«, ahd. uzon »ausschließen«). Es »schwingen, heben; wiegen«. Sie beruhen mit
gelangte mit dem Substantiv in die nord. Spra- verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen
chen (aisl. byta, schwed. byta »tauschen, wech- auf der idg. Wurzel *uegh- »sich bewegen,
seln«, aisl. byti »gegenseitige Schuldforderung«) schwingen, fahren, ziehen«,  vgl. z. B. aind. váhati
167 Beweis – Bibel
»er fährt, zieht, führt heim«, aind. vahı́tra-m »nicht bewusst, nicht ins Bewusstsein tretend«),
»Fahrzeug, Schiff«, lat. vehere »fahren, führen« Unterbewusstsein (im 19. Jh. als Begriff der Psy-
und lat. vehiculum »Wagen« (s. die Wortgruppe
um ↑ Vehikel). Aus dem germ. Sprachbereich stel-
len sich zu dieser Wurzel ferner die unter ↑ Weg,
chologie gebildet), vgl. auch selbstbewusst,
Selbstbewusstsein (18. Jh.) und schuldbewusst
(18. Jh.). Seit der 2. Hälfte des 20. Jh.s begegnet
M
B
↑ Woge, ↑ Wagen und ↑ Wiege behandelten Wör-
ter. Zu dem oben genannten gemeingerm. star-
bewusst häufig als erster Bestandteil von Zu-
sammensetzungen mit Substantiven, wie z. B.
M
Bibe
ken Verb gehört als schwach flektiertes Kausativ modebewusst, umweltbewusst. Diese Bildungen
mhd. wegen, ahd. wegen »in Bewegung setzen«, sind wahrscheinlich nach dem Vorbild von engl.
got. wag jan »schütteln«, aengl. wecgan »(sich) conscious entstanden.
bewegen, treiben« und – als Präfixbildung – 2 be- bezahlen ↑ Zahl.
wegen »die Lage von etwas oder jemandem än- bezaubern ↑ Zauber.
dern; (übertragen:) geistig oder seelisch erre- bezeichnen, Bezeichnung ↑ zeichnen.
gen«. Die Verben 1 bewegen und 2 bewegen laufen bezeigen ↑ zeigen.
schon seit ahd. Zeit ohne scharfe Trennung ne- bezeugen ↑ Zeuge.
beneinander her. Erst im Nhd. wird die heutige bezichtigen »beschuldigen«: Das seit dem 16. Jh. –
Differenzierung erreicht. Die Grundbedeutung neben heute veraltetem bezichten – bezeugte
der Bewegung enthalten auch die dt. Iterative Verb gehört zu mhd. beziht, biziht »Beschuldi-
↑ wackeln, ↑ watscheln und ↑ aufwiegeln. – Abl.: gung«, ahd. biziht »Verdachtszeichen«, einer Bil-
beweglich (mhd. bewegelich, zu 2 bewegen). Siehe dung zu mhd. bezı̄hen, ahd. bizı̄han »beschuldi-
auch ↑ unentwegt; Bewegung (mhd. bewegunge, gen« (↑ zeihen).
zu 2 bewegen). beziehen, Beziehung ↑ ziehen.
Beweis, beweisen ↑ weisen. Bezirk »(Verwaltungs)gebiet«: Das seit frühnhd.
bewenden: Von der Präfixbildung mhd. bewenden, Zeit bezeugte Substantiv bezirc »Umkreis, Be-
ahd. biwenten »hin-, um-, anwenden« (vgl. ↑ wen- zirk« trat als Präfixbildung an die Stelle des älte-
den) ist heute nur noch der Infinitiv gebräuch- ren Substantivs mhd. zirc »(Um)kreis, Bezirk«,
lich, und zwar in den Fügungen es bei/mit etwas das (bereits in ahd. Zeit) aus lat. circus »Kreis,
bewenden lassen und – substantiviert – in Es mag Kreislinie, Kreisbahn« (vgl. ↑ Zirkus) entlehnt
dabei sein Bewenden haben. Veraltet ist das wurde.
2. Part. bewandt (mhd. [so] bewant »[so] beschaf- bezirzen: Der seit der Mitte des 20. Jh.s bezeugte
fen«), dazu Bewandtnis (17. Jh.), nur noch in: da- ugs. Ausdruck für »betören, verführen« ist von
mit hat es folgende, seine eigene Bewandtnis. Circe (griech. Kı́rke) abgeleitet, dem Namen einer
bewerben ↑ werben. griechischen Zauberin, die die Männer betörte.
bewerkstelligen ↑ Werk. Bezug, bezüglich ↑ ziehen.
bewerten ↑ wert. bezwecken ↑ Zweck.
bewilligen ↑ Wille. bezweifeln ↑ Zweifel.
bewirken ↑ wirken. bezwingen ↑ zwingen.
bewirten ↑ Wirt. bi..., Bi...: Das Wortbildungselement mit der Bed.
bewölken, Bewölkung ↑ Wolke. »zwei, doppel(t)« stammt aus gleichbed. lat. bi...
bewusst: Das seit dem 16. Jh. bezeugte Adjektiv ist (alat. dui...), das auf idg. * dui- »zwei« (vgl. ↑ Duo)
eigentlich das 2. Part. der heute nicht mehr ge- zurückgeht. 
brauchten Präfixbildung frühnhd. bewissen bibbern ↑ beben.
»sich zurechtfinden«, mniederd. beweten »auf Bibel »die Heilige Schrift«: Der aus der ägypti-
etwas sinnen, um etwas wissen«. Die md. und schen Papyrusstaude gewonnene und zu Papier-
mniederd. Form bewust hat sich gegenüber der rollen verarbeitete Papyrusbast wurde im alten
regulären Form bewist durch Luthers Bibelüber- Griechenland vornehmlich aus der phönizischen
setzung durchgesetzt. Dazu stellen sich Be- Hafenstadt Byblos (heute Dschubail im Libanon)
wusstheit »das Geleitetsein durch das klare Be- importiert. Nach ihr nannten die Griechen das
wusstsein« (19. Jh.), Bewusstsein »deutliches verarbeitete Rohmaterial selbst býblos. Das da-
Wissen von etwas; Zustand geistiger Klarheit; von abgeleitete byblı́on, dessen -y- an das -i- der
Gesamtheit der psychischen Vorgänge, durch die folgenden Silbe assimiliert wurde zu biblı́on »Pa-
sich der Mensch der Außenwelt und seiner pierrolle, Buch« (nach diesem Vorbild entstand
selbst bewusst wird« (im 18. Jh. zunächst philo- klass.-griech. bı́blos), wurde im Plural biblı́a »Bü-
sophisch, dann als Gegenwort zu Ohnmacht cher« ins Kirchenlat. zur Bezeichnung der »Hei-
auch allgemein gebraucht), bewusstlos »ohne ligen Bücher (des Alten und Neuen Testaments)«
Bewusstsein« (Ende 18. Jh., zu dem heute veral- entlehnt. Die eigenartige Betonung auf der vor-
teten Substantiv frühnhd. bewusst »Wissen, letzten Silbe bewirkte dann, dass das Wort (ur-
Kenntnis«, also eigentlich »ohne [sein] Wis- sprünglich ein Neutr. Plur.) bei der bernahme
sen«); unbewusst (frühnhd. unbewist, mniederd. ins Mhd. als Fem. Sing. gefasst wurde (mhd. bi-
unbewust »unbekannt, nicht wissend«, dann blie, später: bibel): die Bibel als »das Buch«.
Biber – Bier 168
Biber: Die agerm. Bezeichnung des im Wasser le- det; seit den 90er-Jahren Bezeichnung des gedie-
benden Nagetieres mhd. biber, ahd. bibar, niederl. gen-bürgerlichen Stils der Vormärzjahre).
MB bever, engl. beaver, aisl. bjorr ist z. B. verwandt mit
lat. fiber »Biber« und russ. bobr »Biber« und be-
ruht mit diesen auf idg. * bhebhru- »Biber«, einem
biegen: Mhd. biegen, ahd. biogan, got. biugan ste-
hen im Ablaut zu gleichbed. niederl. buigen, engl.
to bow, schwed. buga und gehören mit diesen zu
MBibe substantivierten Adjektiv mit der Bedeutung
»glänzend, hellbraun«, vgl. aind. babhrú- »rot-
der idg. Wurzel * bheug(h)- »biegen«. In anderen
idg. Sprachen sind z. B. verwandt aind. bhujáti »er
braun« (vgl. ↑ braun). Der Biber ist also nach sei- biegt, schiebt weg« und air. fid-bocc »hölzerner
ner Farbe als der »Braune« benannt worden. Auf Bogen«. Aus dem germ. Sprachraum gehören
die frühere Verbreitung des heute in Deutschland hierher auch die unter ↑ Bogen, ↑ Bügel und
fast ausgerotteten Pelztieres weisen zahlreiche ↑ Bucht behandelten Wörter. Das Kausativ zu bie-
Orts- und Flussnamen hin, z. B. gall. Bibracte, dt. gen ist ↑ beugen (eigentlich »biegen machen«);
Biberach, Bebra, Bever, slaw. Bober (poln. Bobr). eine Intensivbildung ist ↑ bücken.
biblio..., Biblio...: Das Wortbildungselement mit Biene: Die germ. Bezeichnungen der Biene mhd.
der Bedeutung »Buch« stammt aus gleichbed. bin(e), ahd. bini, niederl. bij, engl. bee, schwed. bi
griech. biblı́on (vgl. ↑ Bibel). sind z. B. verwandt mit air. bech »Biene«, russ.
Bibliografie »Bücher-, Schriftenverzeichnis; Bü- pčela »Biene«, lit. bı̀tė »Biene«. Die starken Ab-
cherkunde«: Das Wort stammt aus griech. biblio- weichungen dieser Formen – auch der germ. For-
graphı́a »Bücherschreiben« und wurde Anfang men untereinander – beruhen vermutlich nicht
des 18. Jh.s unter Einfluss von gleichbed. franz. nur auf verschiedener Stammbildung, sondern
bibliographie, engl. bibliography ins Deutsche auch auf tabuistischen Entstellungen. Die Biene
entlehnt. ber weitere Zusammenhänge vgl. ↑ bi- war früher ein wichtiges Jagdtier, das wegen des
blio... , Biblio... und ↑ Grafik. – Abl.: Bibliograf Honigs sehr geschätzt war und durch Nennung
(Mitte 18. Jh.; griech. biblio-gráphos »Bücher- des richtigen Namens nicht gestört werden
schreiber«); bibliografisch (Ende 18. Jh.; »Bücher durfte. Möglich ist aber auch eine Entlehnung
schreibend; bücherkundlich«). aus einer nicht idg. Sprache. Die Bedeutung der
Bibliothek »Bücherei«: Das Wort (frühnhd. biblio- Bienenwirtschaft in früheren Zeiten spiegelt sich
thec) wurde aus lat. bibliotheca entlehnt, das sei- in der Ausbildung einer Imkersprache wider, aus
nerseits auf griech. bibliothéke »Büchersamm- der Wörter wie ↑ Imme, ↑ Drohne, ↑ Wabe, ↑ Wei-
lung« (eigentlich: »Büchergestell«) zurückgeht. sel allgemein bekannt sind. Zus.: Bienenkorb
ber weitere Zusammenhänge vgl. ↑ biblio... , Bi- (mhd. binen-, bı̄nkorp ist vielleicht Umbildung
blio... und ↑ Theke. – Dazu: Bibliothekar »(wis- des älteren bı̄nenkar, ahd. binikar, ↑ Kar); Bienen-
senschaftlicher) Verwalter einer Bücherei« (An- stich »Stich einer Biene; Kuchen mit einem Belag
fang des 16. Jh.s; aus gleichbed. lat. bibliotheca- aus zerkleinerten Mandeln, Butter und Zucker«
rius). (das Benennungsmotiv für das Gebäck ist unklar,
bieder, (altertümelnd auch:) biderb: Das auf das vielleicht war es ursprünglich mit Honig gefüllt);
dt. Sprachgebiet beschränkte Adjektiv mhd. bi- Bienenstock (frühnhd. binestoc ist eigentlich der
der, biderbe, ahd. bitherbi ist aus dem Präfix ↑ be... ausgehöhlte Klotz des Waldbienenzüchters,
und dem Stamm des unter ↑ dürfen behandelten ↑ Stock).
Verbs gebildet. Aus der Grundbedeutung »dem Biennale: Die Bezeichnung für »zweijährliche Ver-
Bedürfnis entsprechend« wurde »brauchbar, anstaltung« wurde im frühen 20. Jh. aus ital. bien-
nützlich«, von Personen »tüchtig, brav, wacker«. nale entlehnt, das auf lat. biennalis (biennale) –
Im Nhd. erst im 17./18. Jh. wieder aufgenommen, zu lat. biennium »Zeitraum von zwei Jahren« –
wird das Adjektiv heute fast nur noch abwertend zurückgeht; zu lat. bi- »zwei« (vgl. ↑ bi... , Bi...)
im Sinne von »auf beschränkte Weise rechtschaf- und lat. annus »Jahr« (vgl. ↑ Annalen).
fen, einfältig« gebraucht. Abl.: anbiedern, sich
»plump um Vertrauen werben« (19. Jh.). Zus.: Bie- Bier
dermann (mhd. biderb man, biderman »unbe-
das ist (nicht) mein Bier
scholtener Mann, Ehrenmann«; es blieb im Ge-
(ugs.) »das ist (nicht) meine Angelegenheit«
gensatz zum Adjektiv auch nhd. stets gebräuch-
Bier ist in dieser Wendung eine volksetymologi-
lich, wird aber seit dem 19. Jh. fast nur abwertend
sche Umgestaltung einer Mundartform von
gebraucht); Biedermeier »(Kunst)stil der Zeit
Birne, vgl. kölnisch dat sönd ding Beäre net (»das
1815 bis 1848« (nach dem Schulmeister Gottlieb
geht dich nichts an«).
Biedermaier, einer Figur aus Ludwig Eichrodts
[und seines Freundes Adolf Kußmaul] Gedichten
in den »Münchener Fliegenden Blättern« Bier: Die Herkunft des westgerm. Wortes mhd.
[1855–1857], einem treuherzigen, philiströsen bier, ahd. bior, niederl. bier, engl. beer ist dunkel.
und beschränkten Menschen mit später als zeit- Möglicherweise handelt es sich um ein Lehnwort,
typisch empfundenen Charakterzügen, in Anleh- das zur Wortfamilie um lat. bibere »trinken« ge-
nung an den Familiennamen Biedermann gebil- hört. Unser heutiges mit Hopfen gebrautes Bier
169 Biest – Bild
wurde um 600 zuerst in den Klöstern hergestellt Kombination der Assoziationen Südsee und Ex-
und hat das ungehopfte germ. Bier (vgl. engl. ale) plosion gesehen.
verdrängt. Mit der neuen Brauweise kann auch
das neue Wort aufgekommen sein. Aus dem Dt.
stammt ital. birra, aus dem Niederl. ist franz.
Bilanz »vergleichende Gegenüberstellung von Ge-
winn und Verlust; Schlussabrechnung«: Das Wort
der Kaufmannssprache wurde Ende des 15. Jh.s
M
B
bière entlehnt.
Biest ↑ Bestie.
aus gleichbedeutend ital. bilancio entlehnt. Es ist
wahrscheinlich zu ital. bilanciare »abwägen, ab-
M
Bild
bieten: Das gemeingerm. Verb mhd. bieten schätzen; im Gleichgewicht halten« gebildet, das
»(an)bieten, darreichen; gebieten«, ahd. biotan seinerseits von ital. bilancia »Waage« abgeleitet
»bekannt machen; entgegenhalten, darreichen; ist. Dies geht wie entsprechend franz. balance
erzeigen, erweisen«, got. (ana-, faúr)biudan (↑ Balance) auf vulgärlat. * bilancia (zu lat. bilanx
»(ent-, ver)bieten«, aengl. beodan »bieten, dar- »zwei Waagschalen habend«) zurück. Dessen
bieten, ankündigen, zeigen«, schwed. bjuda Grundwort lat. lanx »Schüssel; (Waag)schale«
»(an)bieten, antragen; gewähren« beruht mit (ursprünglich »ausgebogener Gegenstand«) ge-
verwandten Wörtern in anderen idg. Sprachen hört zur idg. Wortfamilie um ↑ Elle.
auf der idg. Wurzel * bheudh- »erwachen, bemer- Bild: Die Herkunft des nur dt. und niederl. Wortes
ken, geistig rege sein, aufmerksam machen, war- ist unklar. Mhd. bilde »Bild; Gestalt; Beispiel«,
nen, gebieten«. Außergerm. sind z. B. verwandt ahd. bilidi »Nachbildung, Abbild; Muster, Bei-
aind. bódhati »er erwacht« (dazu der Name spiel, Vorlage; Gestalt, Gebilde«, niederl. beeld
Buddhas, des »Erweckten«), griech. pynthánes- »Gemälde, Bild(säule), Figur« hängen wohl zu-
thai »erfahren, wahrnehmen«, lit. bùdinti »we- sammen mit den unter ↑ billig und ↑ Unbill behan-
cken«. Zu der idg. Wurzel gehören aus dem germ. delten Wörtern sowie vielleicht mit dem nur
Sprachbereich noch die unter ↑ Bote und ↑ Büttel noch landsch. gebräuchlichen Bilwiss »Kobold,
behandelten Wörter. – Zusammensetzungen und Zauberer« (mhd. bilwi, eigentlich »Wundersa-
Präfixbildungen: anbieten (mhd. anebieten), mes wissend«) und gehen mit diesen von einem
dazu Angebot »Kaufangebot, Offerte; angebo- germ. Stamm * bil- »Wunderkraft, Wunderzei-
tene Waren; Vorschlag«; aufbieten (mhd. uf bie- chen« aus. Die ursprüngliche Bedeutung wäre
ten »[zeigend] in die Höhe heben, bekannt ma- dann im asächs. biliði »Wunder(zeichen)« be-
chen«, auch »[zur Heeresfolge] auffordern«), wahrt. Die Bed. »Gestalt« lebt verdunkelt noch in
dazu Aufgebot »öffentliche Bekanntmachung« den Zusammensetzungen Mannsbild und Weibs-
(z. B. eines Brautpaares; 16. Jh., für mhd. uf bot); bild (mhd. mannes, wı̄bes bilde). Meist bezeich-
entbieten (besonders in ›Grüße entbieten‹; mhd. net Bild jetzt das Werk des Malers und Grafikers,
enbieten, ahd. inbiotan »wissen lassen«); gebie- seltener des Bildhauers (s. u.). – Abl.: bilden (s. d.);
ten (mhd. gebieten, ahd. gibiotan, verstärkt einfa- bildhaft »wie ein Bild, anschaulich« (19. Jh.); bild-
ches bieten, das ebenfalls »befehlen« bedeuten lich (mhd. bildelich »bildlich; wahrnehmbar«,
konnte), dazu Gebiet (s. d.) und Gebot (s. d.); ver- ahd. bildlı̄cho »entsprechend«); Bildnis (mhd.
bieten (mhd. verbieten, ahd. farbiotan; vgl. got. bildnisse); Gebilde (mhd. gebilde »äußere Gestalt,
faúrbiudan, engl. to forbid), dazu Verbot (mhd. Sternbild«, ahd. gebilide, ein altes Kollektiv zu
verbot). Bild; das Wort wurde im 18. Jh. in der Bed.
Bigamie »Doppelehe«: Das Wort wurde im späten »[Ab]bild« wieder aufgenommen, seitdem aber
15. Jh. aus mlat. bigamia entlehnt, das zum Ad- mehr an bilden angelehnt). Zus.: Bildhauer (im
jektiv kirchenlat. bi-gamus »zweifach verheira- 15. Jh. bildhower, nach mhd. ein bilde houwen
tet« gehört. Dies ist eine Mischbildung aus dem »eine Plastik gestalten«); bildschön (im 18. Jh. zu-
gleichbed. griech. Adjektiv dı́-gamos und lat. bi- erst oberd. ugs.; eigentlich »schön wie ein Heili-
»zwei« (↑ bi... , Bi...). Das Grundwort gehört zu genbild«, hat es älteres engelschön verdrängt),
griech. gameı̄n »heiraten«. – Dazu Bigamist »je- danach im 19. Jh. bildhübsch; Urbild (im 17. Jh.
mand, der eine Doppelehe führt«. Lehnübertragung für griech.-lat. archetypus,
bigott »übertrieben fromm; scheinheilig«: Das Ad- später Ersatzwort für Original, Idee, Ideal); Vor-
jektiv wurde Anfang des 18. Jh.s aus gleichbed. bild (mhd. vorbilde, ahd. forebilde).
franz. bigot entlehnt, dessen Herkunft umstritten
ist. Voraus liegt vielleicht aengl. bı̄ god (entspre-
Bild
chend nhd. bei Gott), eine alte engl. Schwurfor-
mel. Abl.: Bigotterie »abgöttische Frömmigkeit; (über etw.) im Bilde sein
Scheinheiligkeit« (17. Jh.; aus franz. bigoterie). »(über etw.) Bescheid wissen«
Bikini: Der zweiteilige Badeanzug für Damen ist Die Herkunft der Wendung ist unklar. Da sie im
nach dem gleichnamigen Südseeatoll benannt, Militärwesen aufkam, hängt sie kaum mit dem
das zur Zeit des Aufkommens dieses Badeanzugs Fotografieren zusammen. Vielleicht knüpft sie
durch die dort erfolgten Atombombenversuche an Bild im Sinne von »gedankliches Bild, Vorstel-
der USA (1946-1958) weltbekannt wurde. Das Be- lung« an.
nennungsmotiv des Herstellers wird in einer
bilden – binden 170
bilden: Als Ableitung von dem unter ↑ Bild behan- wohl zu dem unter ↑ Bild behandelten Stamm
delten Substantiv erscheinen ahd. biliden »einer und bedeutete danach ursprünglich etwa »wun-
MB Sache Gestalt und Wesen geben« und ahd. bili-
don »eine Gestalt nachbilden«. Mhd. bilden ver-
einigt beide Bedeutungen und gilt besonders von
derkräftig, wirksam«, woraus sich dann die Bed.
»recht, passend, angemessen, gemäß« entwi-
ckelte. Man beachte dazu mhd. un-bil »unge-
Mbild handwerklicher und künstlerischer Arbeit (dazu
nhd. ›die bildenden Künste‹), aber auch von Gott
mäß« (s. ↑ Unbill). Im 17. Jh. wurde das Wort in
der Endung an die Adjektive auf -ig angeglichen.
als Schöpfer wie später vom Schaffen der Natur In der Verbindung recht und billig bedeutet recht,
und (reflexiv) vom Werden natürlicher Formen. was durch Gesetze begründet ist, billig, was nach
Als pädagogische Begriffe treten bilden und Bil- natürlichem Rechtsempfinden »angemessen«
dung (s. u.) erst im 18. Jh. auf, jedoch vorbereitet ist. Dazu stellt sich die Verneinung unbillig (mhd.
durch die mittelalterliche Mystik (↑ einbilden, unbillich »unrecht, unschicklich, gewalttätig«).
↑ ausbilden); dazu gehört das verselbstständigte Die heutige Bed. »nicht teuer, niedrig im Preis«
Partizip gebildet, substantiviert der Gebildete entstand im 18. Jh. aus »dem Wert angemessen«;
(18. Jh.). – Abl.: Bildner (älter auch Bilder; mhd. ein billiger Preis war ein »dem Wert der Ware an-
bildenæ  re, bildæ re, ahd. bilidari »schaffender gemessener Preis«. Da billige Ware oft minder-
Künstler«; heute z. B. in Maskenbildner); bildsam wertige Ware ist, konnte billig auch gleichbed.
(im 18. Jh. für »plastisch, formbar«); Bildung mit »minderwertig« werden. – Abl.: billigen
(mhd. bildunge, ahd. bildunga »Schöpfung, Ver- (mhd. billichen »für angemessen erklären«), dazu
fertigung«, auch »Bildnis, Gestalt«; im 18. Jh. die Zus. zubilligen »zugestehen« und missbilli-
folgt das Wort der Entwicklung von bilden zum gen »tadeln« (17. Jh.) und die Präfixbildung ver-
pädagogischen Begriff, verflacht aber vielfach billigen »billiger machen« (19. Jh.).
zur Bezeichnung bloßen Formalwissens). Zus.: Billion ↑ Million.
ausbilden (spätmhd. in der Mystik ubilden »zu Bilwiss ↑ Bild.
einem Bild ausprägen«, nhd. im Anschluss an bil- bimmeln: Das seit dem 17. Jh. im Hochd. bezeugte
den »durch Unterricht technisch oder körperlich Verb (im Niederd. schon mniederd. bimmelen) ist
vervollkommnen«); einbilden (mhd. ı̄nbilden lautmalenden Ursprungs und ahmt den hellen
»[in die Seele] hineinprägen«, ebenfalls ein Mys- Ton kleiner Glocken nach, beachte das Schall-
tikerwort, dann »vorstellen«, im Nhd. reflexiv als wort bim! und die Nachahmung des Glockenge-
»sich vorstellen, wähnen«), dazu eingebildet läuts bim, bam(, bum)!. Dazu gehört der ugs. Aus-
»sich selbst überschätzend« (18. Jh., eigentlich ruf heiliger Bimbam!.
2. Part.), Einbildung (mhd. ı̄nbildunge »Einprä- Bimsstein: Das seit dem 16. Jh. gebräuchliche Wort
gung, Fantasie«, nhd. »irrige Vorstellung«), Ein- ist eine verdeutlichende Zusammensetzung für
bildungskraft »Fantasie« (im 17. Jh. Lehnübertra- das einfache Bims (mhd. büme, ahd. bumi), das
gung für lat. vis imaginationis, es hat bis heute aus lat. pumex (Genitiv pumicis) »helles, schau-
den positiven Sinn von einbilden bewahrt). miges vulkanisches Gestein« entlehnt ist. Das lat.
Bildfläche, bildhaft, Bildhauer, bildhübsch, bild- Wort bedeutet eigentlich »Schaumstein« und ge-
lich, Bildnis, bildschön ↑ Bild. hört zu lat. spuma »Schaum« (vgl. ↑ abgefeimt). –
Abl.: bimsen, eigentlich »mit Bimsstein glätten,
Bildfläche reiben« (z. B. Pergament, Holz), in der Soldaten-
sprache für »putzen, schleifen, scharf exerzie-
auf der Bildfläche erscheinen
ren«, ugs. für »prügeln« und »beschlafen«.
(ugs.) »plötzlich herbeikommen, auftreten«
binden: Das gemeingerm. Verb mhd. binden, ahd.
Die Wendung knüpft an Bildf läche als alten tech-
bintan, got. bindan, engl. to bind, schwed. binda
nischen Ausdruck der Fotografie an und meinte
beruht mit verwandten Wörtern in anderen idg.
ursprünglich das Erscheinen des Bildes beim
Sprachen auf der idg. Wurzel * bhendh- »binden«,
Entwickeln der Platte.
vgl. z. B. aind. badhnáti, bandhati »er bindet, fes-
selt«. Zu dem gemeingerm. Verb gehören auch
Billett: Der veraltende Ausdruck für »Fahrkarte; die alten Bildungen ↑ 1 Band und ↑ Bund sowie das
Eintrittskarte; Briefchen« wurde Mitte des Lehnwort ↑ 1 Bande »(Rand)streifen« (s. auch
16. Jh.s zunächst in der Militärsprache als ↑ 2 Band »Musikkapelle«). Die Bedeutung des
»(Quartier)schein« aus franz. billet (de logement) Umwindens, Zusammenfügens, Zusammenhal-
entlehnt. Das vorausliegende afranz. billette ist tens und Befestigens wird in Zusammensetzun-
ein durch bille »Kugel« entstelltes afranz. bullette gen wie an-, auf-, ein-, um-, vor-, zu-, fest-, losbin-
»Beglaubigungsschein«. Dies gehört als Ablei- den näher bestimmt. – Abl.: Binde (mhd. binde,
tung von bulle »Wasserblase; Siegelkapsel« zu lat. ahd. binta; eigentlich »Bindendes«; z. B. Leib-,
bulla mit der in ↑ 2 Bulle angedeuteten Bedeu- Arm-, Halsbinde; dazu die ugs. Wendung einen
tungsentwicklung. In Deutschland wird Billett hinter die Binde gießen für »Alkohol trinken«);
Ende des 19. Jh.s amtlich durch Fahrkarte ersetzt. Binder (mhd. binder »Fassbinder, Böttcher, Bütt-
billig: Das Adjektiv mhd. billich, ahd. billı̄h gehört ner«; heute Bezeichnung für Geräte wie Mähbin-
171 binnen – Birne
der, für einen quer liegenden Mauerstein und für völlig glatten Binse suchen«, d. h. »Schwierigkei-
eine Krawatte); Bindung (mhd. bindunge »Ver- ten suchen, wo es keine gibt«).
knüpfung«; heute auch in Skibindung; Leinen-,
Köper-, Atlasbindung usw.). – Zusammensetzun-
gen und Präfixbildungen: abbinden (mhd. abe-
Binse M
B
binden »[den Helm] losbinden«; dann auch
»durch Binden unterbrechen, abschnüren«, »[ein
in die Binsen gehen
(ugs.) »verloren gehen, zunichtegemacht wer-
den«
M
Birn
Kalb] entwöhnen«, fachsprachlich u. a. auch
Die aus dem 19. Jh. stammende Redensart be-
»eine Verbindung eingehen und hart werden
zieht sich wohl auf die Entenjagd. Die Binse be-
[von Beton]«); anbinden (mhd. anebinden, ahd.
zeichnete landsch. auch das Schilfrohr; im Schilf
anabintan; die nhd. Redensart mit einem anbin-
findet der Jagdhund die getroffene Wildente
den für »Streit anfangen« kommt vielleicht aus
nicht.
der Fechtersprache: die Klingen werden gebun-
den, d. h. gekreuzt; gleicher Herkunft mag kurz
angebunden für »barsch, abweisend« sein), dazu bio... , Bio...: Das in zahlreichen modernen Wort-
Angebinde »Geschenk« (17. Jh.; es wurde früher bildungen auftretende Element geht zurück auf
dem Beschenkten an den Arm gebunden); auf- gleichbed. griech. bı́os, das zur idg. Wortgruppe
binden (mhd. uf binden; die Bed. »einem etwas um ↑ keck gehört. In der Bed. »Leben« erscheint
weismachen«, eigentlich »eine Last aufdrän- es besonders in Entlehnungen aus dem Lateini-
gen«, vgl. die Redensart jmdm. einen Bären auf- schen oder gelehrten Neubildungen (↑ Biografie,
binden ↑ Bär); Ausbund (s. d.); einbinden »gehef- ↑ Biologie). Jünger (seit der 1. Hälfte des 20. Jh.s)
tete Blätter mit einem Einband versehen« (mhd. sind Zusammensetzungen, in denen bio-, Bio-
ı̄nbinden »in etwas binden; einschärfen«), dazu eine Beziehung zu organischem Leben, mit Lebe-
Einband; entbinden (mhd. enbinden, ahd. intbin- wesen ausdrückt (bioklimatisch, Biotechnologie).
tan »losbinden; befreien«, so noch in den Fügun- Seit der 2. Hälfte des 20. Jh.s hat das Element auch
gen vom Eid, von einer Pf licht entbinden; der Aus- die Bed. »mit Natürlichem, Naturgemäßem in Be-
druck entbunden werden für »gebären« ist schon ziehung stehend« (Biobauer, Biogemüse). Als
mhd. und bezieht sich auf das Abbinden der Na- Grundwort erscheint bı́os in ↑ Amphibie.
belschnur des Neugeborenen); unterbinden Biograf »Verfasser einer Lebensbeschreibung«:
»durch Binden unterbrechen, abschnüren; ver- Das Wort ist eine Bildung des frühen 18. Jh.s –
hindern« (mhd. underbinden); verbinden (mhd. vermutlich unter dem Einfluss von franz. biogra-
verbinden »fest-, zusammenbinden, Wunden zu- phe – zu griech. bı́os »Leben« (vgl. ↑ bio... , Bio...)
binden«, ahd. farbintan); dazu Verbindung und gráphein »schreiben« (vgl. ↑ Grafik). Das
(spätmhd. verbindunge; heute auch »studenti- Substantiv Biografie »Lebensbeschreibung«
sche Korporation«); verbindlich (16. Jh.; heute (frühes 18. Jh.) geht dagegen auf gleichbed. spät-
meist für »höflich«, doch haben Wendungen wie griech. biographı́a zurück. Dazu stellt sich das
verbindliche [= bindende] Zusage den alten Sinn Adjektiv biografisch.
»verpflichten« bewahrt, ebenso die Verneinung Biologie »Lehre von der belebten Natur«: Die Be-
unverbindlich [18. Jh., für älteres unverbündlich]), zeichnung wurde 1802 von dem dt. Naturwissen-
dazu Verbindlichkeit »verbindliches Wesen, Höf- schaftler Gottfried Treviranus aus griech. bı́os
lichkeit; bindender, verpflichtender Charakter »Leben« (vgl. ↑ bio... , Bio...) und griech. lógos
einer Sache; Verpflichtung, kleinere Schuld«; »Wort; Wissenschaft« (vgl. ↑ ...loge) gebildet. –
Verband (im 18. Jh. zuerst als »Wundverband« Dazu Biologe (frühes 19. Jh.), biologisch (spätes
und im Schiffsbau für »tragendes, stützendes 19. Jh.).
Bauteil«; erst im 19. Jh. für »Organisation, Kör- Birke: Die germ. Benennungen der Birke mhd.
perschaft«). birke, ahd. birihha, niederl. berk, engl. birch,
binnen: Mhd. (md.), mniederd. binnen ist aus * bı̄ schwed. björk sind z. B. verwandt mit aind.
innen »innerhalb« entstanden (vgl. ↑ bei und ↑ in- bhurjá- »eine Art Birke« und russ. berëza »Birke«
nen). Es erscheint als Raumadverb noch in Zu- (man beachte den historisch bekannten Flussna-
sammensetzungen wie Binnenland und Binnen- men Beresina, eigentlich »Birkenfluss«). Diese
see. Als Präposition wird es nur noch zeitlich ge- Wörter gehören wohl zu der Wurzelform
braucht: binnen kurzem, binnen weniger Tage. * bher()g- »glänzen, leuchten; glänzend, leuch-
Binse: Der westgerm. Name der grasähnlichen tend« (↑ braun), vgl. z. B. ahd. beraht, mhd. berht
Sumpfpflanze mhd. bin(e), ahd. binu, asächs. »glänzend«, got. baı́rhts »hell, glänzend«, engl.
binut, engl. bent(grass) ist dunklen Ursprungs. bright »strahlend, leuchtend«, schwed. bjärt
Die heutige Singularform ist aus dem frühnhd. »grell«. Die Birke ist dann nach ihrer leuchtend
Plural bintze, bintzen entstanden. Zus.: Binsen- weißen Rinde benannt.
wahrheit »Selbstverständliches« (eigentlich Birne: Im Gegensatz zur Bezeichnung des Apfels
»binsenglatte« Wahrheit; im 19. Jh. wohl nach lat. ist der germ. Ausdruck für die Birne nicht be-
nodum in scirpo quaerere »einen Knoten an der wahrt: Mhd. bir(e), ahd. bira beruht auf vulgärlat.
bis – Blackout 172
pira, das erst nach der hochd. Lautverschiebung fordern«, got. baidjan »zwingen«, aengl. bæ  dan
von Mönchen in Süddeutschland übernommen »zwingen, bedrängen, verlangen«, aisl. beiða
MB wurde und auf lat. pirum »Birne« zurückgeht.
Der Nordwesten des germ. Sprachgebiets über-
nahm dagegen schon zur Römerzeit das vulgär-
»nötigen, zwingen«. Diese germ. Wortgruppe ist
verwandt mit griech. peı́thesthai »sich überreden
lassen«, lat. fidere »vertrauen« (↑ fidel), lat. foe-
M bis lat. Wort; das zeigen niederl. peer, engl. pear.
Franz. poire und ital. pera gehen ebenfalls auf das
dus »Bündnis« (↑ Föderation), abulgar. běditi
»zwingen« und gehört wahrscheinlich im Sinne
vulgärlat. Wort zurück. Das n der schwach ge- von »jemanden oder sich selbst (durch ein Ver-
beugten Pluralform (mhd. bir[e]n) trat im 17. Jh. sprechen, einen Vertrag und dgl.) binden« zu ei-
in den Nominativ über (birn), das auslautende e ner Wurzel * bheidh- »binden, winden, flechten«,
ist sekundär. zu der z. B. auch lat. fiscus »Geldkorb, Kasse«, ei-
bis: Die nhd. Form geht auf mhd. bi (bitze) zurück, gentlich »geflochtener Korb« (↑ Fiskus), gehört.
das wahrscheinlich aus ahd. bı̄ ze »dabei zu« (vgl. Um bitten gruppieren sich im Dt. die Bildungen
↑ bei und ↑ zu) entstanden ist. Ursprünglich stand ↑ beten, ↑ Gebet und ↑ betteln. – Abl.: bitte (bei
das Wort als Adverb neben Präpositionen, die höflicher Aufforderung in nhd. Zeit verkürzt aus
eine Richtung bezeichnen, wie z. B. in nhd. bis zu ich bitte); Bitte (spätmhd. bitte steht für mhd.
oder bis an. Durch Ausfall der zweiten Wörter bete »Bitte, Gebet, Befehl« wie ahd. bita neben
wurde es selbst Präposition mit dem Akkusativ. häufigerem beta [↑ beten]; got. entsprechend
Als Konjunktion ist es aus der Fügung bis dass bida »Gebet, Aufforderung«; der religiöse Sinn
hervorgegangen. Zus.: bislang bes. nordd. für: des dt. Wortes erscheint z. B. in den Bitten des Va-
»bisher, bis jetzt« (gekürzt aus älter nhd. bisso- terunsers), dazu Fürbitte (mhd. vürbete, -bite, be-
lang, bis so lange); bisweilen »manchmal« (16. Jh.; sonders in der katholischen Heiligenverehrung).
vielleicht wurden gleichbed. mhd. bı̄ wı̄len und ze Zus.: Bittgang (19. Jh., auch für Prozession, mhd.
wı̄len zu * bı̄zwı̄len vermischt; vgl. ↑ Weile). dafür bite vart, bete vart); Bittschrift (17. Jh., für
Bisam: Die ältere Bezeichnung für ↑ Moschus lat. supplicatio); Bittsteller (18. Jh., Ersatzwort
(mhd. bisem, ahd. bisamo) stammt aus mlat. bi- für: Supplikant).
samum, das auf hebr. bośem (vgl. ↑ Balsam) zu- bitter: Das agerm. Adjektiv mhd. bitter, ahd. bittar,
rückgeht. Das Wort wird auf ˛ verschiedene Wohl- niederl. bitter, engl. bitter, schwed. bitter steht im
gerüche und stark riechende Tiere übertagen. Ablaut zu got. baitrs »bitter« und gehört mit die-
Bischof: Die den germ. Sprachen gemeinsame Be- sem zu der Wortgruppe um ↑ beißen. Die Adjek-
zeichnung des kirchlichen Würdenträgers (mhd. tivbildung bedeutete demnach ursprünglich
bischof, ahd. biscof, niederl. bisschop, engl. bi- »beißend, scharf (vom Geschmack)«. Abl.: Bitter-
shop, schwed. biskop) beruht auf einer frühen keit (mhd. bitterkeit); bitterlich (mhd. bitterlich,
Entlehnung aus kirchenlat. episcopus »Aufseher; Adjektiv, und bitterliche, Adv.); Bitternis (19. Jh.);
Bischof«. Die germ. Formen (mit Abfall des an- erbittern (mhd. erbittern als Ersatz für einfaches
lautenden e- und Erweichung des p- zu b-) weisen mhd. bittern »bitter sein; bitter machen«, nur
auf roman. Vermittlung hin (man beachte z. B. übertragen gebraucht als »mit Groll erfüllen, in
entsprechend ital. vescovo, afranz. vesque gegen- Zorn versetzen«), dazu Erbitterung (17. Jh., als
über afranz. evesque > franz. évêque), während vorübergehender Gemütszustand); verbittern
got. aı́piskaúpus unmittelbar aus griech. epı́-sko- (spätmhd. verbittern, heute nur übertragen »mit
pos »Aufseher«; (im N. T.:) »geistlicher Leiter ei- bleibendem Groll erfüllen; vergällen«), dazu Ver-
ner Gemeinde, Bischof« stammt, das auch die bitterung (16. Jh.; ursprünglich »Erbitterung«,
Quelle des kirchenlat. Wortes ist. ber weitere dann entsprechend dem Verb als dauernder Ge-
etymologische Zusammenhänge vgl. ↑ Skepsis. – mütszustand).
Abl.: bischöflich (mhd. bischof lich). Zus.: Erzbi- Bitumen ↑ Beton.
schof (mhd. erze-bischof, ahd. erzibiscof, entspre- Biwak »Feld(nacht)lager«: Das Wort wurde Ende
chend z. B. engl. archbishop), aus kirchenlat. ar- des 18. Jh.s aus franz. bivouac, bivac entlehnt, das
chiepiscopus »Erzbischof« (über das Bestim- ursprünglich »Nachtwache« bedeutete und sei-
mungswort vgl. ↑ Erz...); Bistum »Sprengel, Di- nerseits aus niederl. bijwacht »Beiwache«
özese; Amtsbezirk eines Bischofs« (mhd. stammt. Die Beiwache, die im Freien kampierte,
bis[ch]tuom für bischoftuom, ahd. biscoftuom). ergänzte die in einem Wachhäuschen unterge-
bislang ↑ bis. brachte Hauptwache.
Bison ↑ Wisent. bizarr »seltsam; wirrförmig«: Das seit dem 17. Jh.
Biss, bisschen, bissel, Bissen, bissig ↑ beißen. bezeugte Adjektiv stammt aus franz. bizarre, das
Bistum ↑ Bischof. seinerseits aus ital. bizarro entlehnt ist. Der Ur-
bisweilen ↑ bis. sprung des ital. Wortes ist dunkel, vielleicht ist es
bitten: Die Herkunft des gemeingerm. Verbs mhd., aus ahd. baga »Streit« entlehnt.
ahd. bitten, got. bidjan, aengl. biddan, schwed. Blackout: Das Substantiv wurde in der 2. Hälfte des
bedja ist unsicher. Es hängt vielleicht zusammen 20. Jh.s aus dem Engl. übernommen, wo es zu-
mit mhd. beiten, ahd. beitten »zwingen, drängen, nächst in der Bedeutung »Verdunkelung, beson-
173 blaffen – Blatt
ders als Maßnahme gegen Luftangriffe« (zu black blanko »leer, unbeschrieben«, besonders in Zu-
»schwarz« und out »völlig, total«) gebräuchlich sammensetzungen wie Blankoscheck, Blanko-
ist. In der Luft- und Raumfahrttechnik steht der
Blackout heute für »Unterbrechung des Funk-
kontaktes«; in der Theatersprache für »plötzli-
vollmacht »unbeschränkte Vollmacht«: Das
Wort des Geld- und Rechnungswesens wurde im
späten 17. Jh. aus ital. bianco (vgl. ↑ blank) ent-
M
B
che Verdunkelung am Szenenschluss«. Das Bild
der Verdunkelung dürfte wohl auch entschei-
lehnt und in der Form an das Adjektiv blank an-
geglichen.
M
Blat
dend für die bertragung auf den medizinischen blasen: Das gemeingerm. Verb mhd. blasen, ahd.
Bereich gewesen sein, wo Blackout heute auch blasan »blasen, hauchen, schnauben«, got.
ugs. im Sinne einer »plötzlichen Bewusstseins- (uf)blesan »(auf)blasen«, niederl. blazen »blasen,
verminderung bzw. Erinnerungslücke« verwen- anfachen«, schwed. blåsa »blasen« ist eng ver-
det wird. wandt mit den unter ↑ blähen und ↑ Blatter be-
blaffen, bläffen: Das seit frühnhd. Zeit bezeugte handelten Wörtern und gehört zu der Wort-
Verb ist – wie auch gleichbed. mniederd. blaffen, gruppe von ↑ 1 Ball. Abl.: Blase (mhd. blase, ahd.
niederl. blaffen – lautnachahmenden Ursprungs; blasa »Harnblase«); Gebläse (s. d.).
man beachte die Interjektion blaff !, die den Knall blasiert »hochnäsig, uninteressiert«: Das Adjektiv
eines Gewehres nachahmt. Gebräuchlich ist in wurde Ende des 18. Jh.s aus franz. blasé »abge-
der Umgangssprache anblaffen im Sinne von stumpft« entlehnt, eigentlich »(von Flüssigkei-
»anfahren, zurechtweisen«. ten) übersättigt«. Das zugrunde liegende Verb
blähen: Das westgerm. Verb mhd. blæ  jen, ahd. bla- franz. blaser »abstumpfen; übersättigen«, ei-
jan »blasen, (auf)blähen«, engl. to blow »blasen, gentlich »aufquellen; schwellen« ist vielleicht
wehen« ist eng verwandt mit den unter ↑ blasen aus niederl. blazen »blasen« (vgl. ↑ blasen) ent-
und ↑ Blatter behandelten Wörtern und gehört lehnt.
mit diesen zu der unter ↑ 1 Ball dargestellten Blasphemie: Der Ausdruck für »(Gottes)läste-
Wortgruppe. Außergerm. ist z. B. lat. f lare »bla- rung« wurde um 1500 aus lat. blasphemia, griech.
sen« eng verwandt. blasphemı́a »Schmähung« entlehnt. Das zu-
blaken »schwelen, rußen«: Das um 1800 in die grunde liegende Verb griech. blasphemeı̄n
hochd. Schriftsprache übernommene niederd. »schmähen, lästern«, das auch die Quelle für
blaken »glühen; flackern, qualmen« gehört zu franz. blâmer (↑ blamieren) ist, gehört – bei un-
der Wortgruppe von ↑ blecken. Im Niederl. ent- klarem Bestimmungswort – zur Wortfamilie von
spricht blaken »versengen, glühen«. griech. phánai »sagen, reden« (vgl. ↑ Phonetik).
blamieren »bloßstellen, beschämen«, auch reflexiv blass: Das auf das dt. Sprachgebiet beschränkte
gebraucht: Das Verb wurde im frühen 17. Jh. aus Adjektiv (mhd. blas »kahl; gering, nichtig«,
franz. blâmer »tadeln« entlehnt, das über vulgär- asächs. blas »weiß«) gehört mit den unter
lat. blastemare auf lat. blasphemare »lästern, ↑ Blesse behandelten Wörtern zu der vielfach
schmähen« < griech. blasphemeı̄n zurückgeht weitergebildeten und erweiterten idg. Wurzel
(vgl. ↑ Blasphemie). – Dazu: blamabel »beschä- * bhel- »leuchten(d), glänzen(d)« (vgl. ↑ Belche).
mend« (frühes 18. Jh.; aus franz. blâmable); Bla- Es bedeutete demnach ursprünglich »blank«.
mage »Beschämung; Schande« (französierende Die heutige Bed. »bleich« ist seit dem 14. Jh. all-
Neubildung des späten 18. Jh.s). gemein geworden. Dazu stellen sich die nhd. Ver-
blank: Mhd. blanc »blinkend, weiß glänzend, ben erblassen und verblassen und das Substan-
schön«, ahd. blanch »blank«, niederl. blank tiv Blässe »Blassheit« (17. Jh.). Vgl. Blesshuhn un-
»blank, glänzend, weiß«, schwed. black »fahl« ge- ter ↑ Blesse.
hören mit den unter ↑ blinken behandelten Wör-
tern zu der Wortgruppe von ↑ blecken. Das Adjek- Blatt
tiv wurde mit anderen Farbbezeichnungen wie
das Blatt hat sich gewendet
blau, blond, braun (s. d.) ins Roman. entlehnt, vgl.
(ugs.) »die Situation hat sich verändert, es ist ein
franz. blanc »weiß; rein, sauber« (daraus engl.
Umschwung eingetreten«
blank) und ital. bianco »weiß, blank, hell; unbe-
Der Ursprung der Wendung lässt sich nicht sicher
schrieben« (↑ blanko). Im Nhd. wird blank auch
deuten. Man kann an das Blatt beim Kartenspie-
im Sinne von »sauber, rein« und »bloß, entblößt«
len anknüpfen und davon ausgehen, dass jmd.,
gebraucht, beachte die ugs. Wendung blank sein
der lange Zeit gute Karten hatte, plötzlich
»ohne Geld sein«. Dazu die Zusammensetzung
schlechte bekommt (und umgekehrt).
Blankvers »reimloser fünffüßiger Jambus« (nach
engl. blank verse »reiner [reimloser] Reim«). Das
Substantiv Blank mit der Bedeutung »Leerschritt Blatt: Das agerm. Wort mhd., ahd. blat, niederl.
in der Textverarbeitung« gehört zur selben Wort- blad, engl. blade, schwed. blad gehört im Sinne
familie. Das engl. blank, von dem es entlehnt von »Aufgeblühtes« zu der unter ↑ blühen darge-
wurde, steht elliptisch für blank space »leerer, stellten Wortgruppe. Die schon mhd. bezeugte
unbeschriebener Raum«. Bed. »Blatt im Buch« ist von lat. folium beein-
Blatter – Blech 174
flusst (↑ Folio). Das Wort bezeichnet auch andere blau
dünne und flache Dinge, so die Klinge bei blauer Brief
MB Schwert, Messer, Axt, Säge usw. , weidmännisch
die Gegend des Schulterblatts beim Wild, an
diese Bedeutung schließt sich Blattschuss
1. (ugs.) »Kündigungsschreiben«
2. (ugs.) »Mahnbrief an die Eltern eines Schülers,

MBlat (19. Jh.) an. – Abl.: blättern »Blätter bilden (von


Schiefer, Teig u. Ä.); Papierblätter umschlagen«
dessen Versetzung gefährdet ist«
Der blaue Brief hat seinen Namen von den blauen
Umschlägen preußischer Kabinettsschreiben im
(mhd. bleteren). Man beachte auch die Zusam- 19. Jh., mit denen auch Offiziere aufgefordert
mensetzungen Blättermagen »dritter Magen der wurden, ihren Abschied zu nehmen.
Wiederkäuer« (nach den blattartigen Falten) und
Blätterteig. Vgl. auch Blattgold unter ↑ Gold. blauer Montag
Blatter »Pocke« (meist Plural: »Pockenkrank- (ugs.) »Montag, an dem man der Arbeit fern-
heit«): Mhd. blatere, ahd. blat(t)ara »Wasser-, bleibt«
Harnblase; Pocke«, niederl. blaar »Blatter«, engl. Der blaue Montag war ursprünglich wohl der
bladder »(Harn)blase, Blatter«, älter schwed. Montag vor dem Fasten und ist dann nach der an
bläddra »Blase« sind eng verwandt mit den unter diesem Tage vorgeschriebenen liturgischen
↑ blasen und ↑ blähen behandelten Wörtern und Farbe benannt. Später ging diese Bezeichnung
gehören zu der unter ↑ 1 Ball dargestellten Wort- auf den Montag über, an dem die Gesellen nach
gruppe. altem Handwerksbrauch freihatten. Da sich die
blau: Das agerm. Farbadjektiv mhd. bla, ahd. blao, Handwerksburschen an dem freien Montag zu
niederl. blauw, aengl. * blæ w (in blæ
 hæ
 wen »hell- bezechen pflegten, wurde blau später im Sinne
blau«), schwed. blå ist z. B. eng verwandt mit lat. von »betrunken« aufgefasst, vgl. auch den ugs.
f lavus »goldgelb, blond« und gehört mit anderen Ausdruck blaumachen »der Arbeit fernbleiben,
verwandten Wörtern zu der unter ↑ Belche darge- bummeln«.
stellten idg. Wurzel * bhel- »schimmern(d), blau sein wie ein Veilchen/wie eine Frostbeule/
leuchten(d), glänzen(d)«. Blau ist wie andere wie eine (Strand)haubitze/wie eine Strandkano-
germ. Farbenbezeichnungen in die roman. Spra- ne/wie (zehn)tausend Mann u. Ä.
chen entlehnt worden: ital. biavo »blau«, franz. (ugs.) »völlig betrunken sein«
bleu »blau« (daraus engl. blue; s. ↑ blümerant, Die scherzhaften Vergleiche und bersteigerun-
↑ Bluejeans, ↑ Blues). – Die heutige Farbvorstel- gen sollen den hohen Grad der Trunkenheit aus-
lung blau hat sich erst im Germ. herausgebildet; drücken. Die Bedeutung »betrunken« rührt wohl
selbst ahd. blao kann gelegentlich noch lat. f lavus von dem Schwindelgefühl des Betrunkenen her,
»gelb« übersetzen. Die Abstufungen der Farbe der einen [blauen] Schleier vor Augen zu haben
werden im Dt. durch Zusammensetzungen näher glaubt, daher sagte man früher auch es wird mir
bestimmt wie hell-, dunkel-, schwarz-, grau-, him- blau (heute: schwarz) vor Augen, wenn man ohn-
mel-, wasser-, veilchen-, stahlblau u. a. In übertra- mächtig zu werden drohte.
genem Sinne meint blau die unbestimmte Ferne
(ins Blaue träumen, reisen), einen geheimnisvol-
2
len Zauber (blaue Blume) und das Betrunken- bläuen (ugs. für:) »schlagen«: Das vom Sprachge-
sein. – Abl.: 1 bläuen »blau färben« (mhd. blæ  wen; fühl irrigerweise meist zu blau gestellte Verb, zu
vgl. aber 2 bläuen). Zus.: Blaubart »Frauenmör- dem verbläuen »verprügeln« und einbläuen
der« (um 1800 nach dem franz. Märchen des »(durch Schläge) beibringen« gehören, hat mit
17. Jh.s vom Ritter Barbe-Bleue); Blaubuch »doku- blauen Flecken nichts zu tun. Es handelt sich
mentarische Darstellung zur auswärtigen Poli- vielmehr um ein germ. Verb mhd. bliuwen, ahd.
tik« (um 1850 nach engl. blue book, das seit dem bliuwan »schlagen«, got. bliggwan »schlagen,
17. Jh. alle Parlamentsdrucksachen nach der prügeln«, niederl. blouwen »Flachs brechen, die
Farbe ihrer Umschläge bezeichnete; in Deutsch- Arme umeinander schlagen, um warm zu wer-
land ist das Weißbuch häufiger); blaumachen den«.
»feiern« (eigentlich »den blauen Montag feiern«, Blazer: Der Ausdruck für das »sportliche Sakko«
↑ Montag); Blaustrumpf scherzhaft-abwertend wurde in der 2. Hälfte des 20. Jh.s aus dem Engl.
für »gelehrte Frau (ohne weiblichen Charme)« übernommen. Dort bedeutet Blazer zunächst
(im 18. Jh. als Lehnübersetzung für engl. bluesto- nur »blaue Klubjacke für Herren (mit Abzei-
cking, den Spottnamen für die Teilnehmerinnen chen)«. Das Wort ist eine Ableitung des engl.
eines Londoner schöngeistigen Zirkels um 1750, Verbs to blaze »leuchten, glänzen«. Der Blazer ist
in dem der Botaniker B. Stillingfleet und dann also nach seiner ursprünglich leuchtend blauen
auch die Frauen in blauen Garnstrümpfen – die Farbe benannt.
als Teil der Arbeitskleidung galten – statt der üb- Blech: Die Bezeichnung für die aus Metallen her-
lichen schwarzseidenen erschienen. Der dt. Aus- gestellten (dünnen) Platten (mhd. blech, ahd.
druck wurde erst um 1830 durch die Schriftsteller bleh) bedeutet eigentlich »Glänzendes« und ge-
des Jungen Deutschlands populär). hört mit den eng verwandten Wortgruppen von
175 blecken – Blick
blicken (↑ Blick) und ↑ bleich zu den unter ↑ Blei sprünglich die Bed. »glänzend«. Diese Bedeutung
dargestellten Wörtern. Ursprünglich bezeich- ist noch im Aengl. bewahrt. Das Wort ist eng ver-
nete Blech demnach wahrscheinlich das Gold-
blech, während es im heutigen Sprachgebrauch
gewöhnlich im Sinne von »Eisenblech« verwen-
wandt mit dem agerm. starken Verb, das in ↑ ver-
bleichen und ↑ erbleichen bewahrt, aber sonst un-
tergegangen ist, sowie mit den unter ↑ Blech (ei-
M
B
det wird. Schon im Mhd. überwiegt die Vorstel-
lung des Dünnen, Flachgehämmerten. Rotw.
gentlich »Glänzendes«) und blicken (↑ Blick; ur-
sprünglich »leuchten, anstrahlen«) behandelten
M
Blic
blech »Geld« erscheint um 1500 als Bezeichnung Wörtern und gehört mit diesen zu der unter ↑ Blei
kleiner Münzen. Dazu das ugs. Verb blechen dargestellten idg. Wurzelform.
»zahlen« (im 18. Jh. studentisch). Die Bed. »Un- blenden: Das westgerm. Verb mhd. blenden, ahd.
sinn, dummes Gerede« (19. Jh.) geht von der blenten, mniederl. blenden, aengl. blendan ist das
Wertlosigkeit des Eisenblechs aus. Faktitivum zu dem unter ↑ blind behandelten Ad-
blecken (in der Wendung ›die Zähne blecken‹): Das jektiv und bedeutet demnach eigentlich »blind
nur dt. Verb mhd. blecken, ahd. blecchen »(sich) machen«. Es bezeichnete ursprünglich die alte
entblößen; sehen lassen« bedeutet eigentlich Strafe des Augenausstechens, heute meist das vo-
»glänzen machen« und ist das Kausativ zu einem rübergehende Blindmachen durch übermäßige
urgerm. * blikan »glänzen« (vgl. auch ↑ blaken). Lichteinwirkung; übertragen wird es im Sinne
Dazu stellen sich im germ. Sprachbereich die na- von »beeindrucken; für sich einnehmen« ver-
salierten Formen ↑ blinken und ↑ blank. Außer- wendet, vgl. dazu blendend »herrlich, ausge-
germ. sind z. B. verwandt griech. phlégein »bren- zeichnet« und Blender (s. d.). – Abl.: Blende
nen« (↑ Phlegma und ↑ Phlox) und lat. f lagrare (16. Jh., in der Bed. »trügerisch glänzendes Mine-
»flammen« (↑ Flamme). Die ganze Wortgruppe ral ohne Erzgehalt«, dann »Vorrichtung zum Ab-
gehört zu der unter ↑ Belche dargestellten idg. blenden einer Lampe oder einer optischen Linse;
Wurzel * bhel- »schimmern(d), leuchten(d), glän- Nische, Attrappe«), dazu die bergmännischen
zen(d)«. Zusammensetzungen Horn-, Pech-, Zinkblende
Blei: Die germ. Bezeichnungen des weichen u. a.; Blender »jemand, der andere zu beeindru-
Schwermetalls (mhd. blı̄, ahd. blı̄o, mniederl. blı̄, cken, für sich einzunehmen (und über seine ne-
schwed. bly) beruhen vielleicht auf einer substan- gativen Eigenschaften hinwegzutäuschen) ver-
tivierten Adjektivbildung zu der idg. Wurzelform sucht« (19. Jh., zuerst von Rennpferden mit trü-
* bhleˇi- »schimmern, leuchten, glänzen«. Das Me- gerischen äußeren Vorzügen). Zus.: abblenden
tall wäre dann als »das (bläulich) Glänzende« be- »mit einer Blende bedecken« (Ende 19. Jh.); ver-
nannt worden, weil es an seinen Schnittstellen blenden »Geist oder Sinne trüben«, auch »(Mau-
bläulich-weiß glänzt. Zu dieser Wurzelform ge- erwerk) verkleiden« (mhd. verblenden).
hören auch die unter ↑ bleich (eigentlich »glän- Blesse »weißer (Stirn)fleck bei Tieren; Tier mit sol-
zend«), ↑ Blech (eigentlich »Glänzendes«), bli- chem Fleck«: Die heute übliche Form trat an die
cken (↑ Blick ; eigentlich »leuchten, anstrahlen«) Stelle der nicht umgelauteten Form frühnhd.,
und ↑ blitzen (eigentlich »schnell oder wiederholt mhd. blasse, ahd. blassa »weißer Stirnfleck«, vgl.
aufleuchten«) behandelten Wörter. Man verglei- mniederd. bles(se) »Blesse« und weiterhin nie-
che auch ↑ Belche, ↑ Lot und ↑ Plombe. Diese Ver- derl. bles »Blesse«, schwed. bläs »Blesse«. Diese
bindung kann aber volksetymologisch sein. Wörter sind eng verwandt mit dem unter ↑ blass
Wahrscheinlicher ist bei Metallbezeichnungen behandelten Adjektiv. – Bei der Zusammenset-
eine Entlehnung aus dem Kelt. oder einer nicht zung Blesshuhn ist auch die etymologisierende
idg. Sprache. Schreibung mit ä (Blässhuhn) gebräuchlich. Siehe
bleiben: Das Verb mhd. belı̄ben, ahd. bilı̄ban, got. auch ↑ Belche.
bileiban, aengl. belı̄fan ist eine alte Präfixbildung Blessur: Der ursprünglich soldatensprachliche
zu einem im germ. Sprachbereich untergegange- Ausdruck mit der Bedeutung »Verwundung, Ver-
nen starken Verb * lı̄ban »haften, klebrig sein«, letzung« wurde im 17. Jh. im Gefolge des Dreißig-
das zu der unter ↑ Leim dargestellten idg. Wurzel jährigen Krieges aus gleichbed. franz. bléssure
gehört. Bleiben bedeutet also eigentlich »kleben entlehnt. Heute wird das Wort häufig auf über-
bleiben, haften«. Die Präfixbildung wird im Nhd. tragene Sachverhalte bezogen und im Sinne von
nicht mehr als solche empfunden, da das e der »Kränkung, seelische Verletzung« verwendet.
mhd. Form geschwunden ist. Im germ. Sprachbe- Bleuel: Dieses Substantiv ist eine Ableitung von
reich sind ferner verwandt die Wortfamilie von ↑ 2 bläuen. Es steht veraltet für: »hölzerner (Wä-
↑ leben und der zweite Bestandteil der Zahlwör- sche)schlägel« (mhd. bliuwel, ahd. bliuwil), dazu
ter ↑ elf, ↑ zwölf und die Personennamen Detlef mit hyperkorrektem p Pleuel, Pleuelstange
und Olaf. – Abl.: Bleibe »Aufenthaltsort, Her- »Schub- oder Kolbenstange bei Motoren und
berge« (seit 1900 besonders in der Jugendbewe- Dampfmaschinen« (19. Jh.).
gung). Blick: Das heute im Sinne von »kurzes Hinsehen;
bleich: Das agerm. Adjektiv mhd. bleich, ahd. bleih, Augenausdruck« verwendete Wort bedeutete ur-
niederl. bleek, aengl. blac, schwed. blek hatte ur- sprünglich »Aufleuchten, heller Lichtstrahl«.
blind – blöd(e) 176
Mhd. blic »Glanz, Blitz; Blick der Augen«, ahd. leuchten«. – Abl.: Blitz (mhd. blitze, blicz[e], bli-
blic »schnelles Glanzlicht, Blitz«, niederl. blik kize ersetzt das ältere blic »Blitz, Blick« in der ers-
MB »Blick«; (älter:) »Lichtstrahl« gehören zu dem
Verb blicken, mhd. blicken »glänzen; einen Blick
tun«, ahd. blicken »glänzen, strahlen«, niederl.
ten Bedeutung), dazu Blitzableiter (18. Jh.), Blitz-
licht (Fotografie; 20. Jh.). Zus.: abblitzen ugs. für
»abgewiesen werden« (18. Jh.; bildlich seit der
Mblin blikken »glänzen, funkeln; blicken«. Die heutige
Bedeutung »sehen, schauen« hat sich demnach
1. Hälfte des 19. Jh.s; ursprünglich vom wirkungs-
losen Abbrennen des Pulvers auf der Pfanne bei
aus »leuchten, (an)strahlen« entwickelt. Das alten Gewehren).
Verb ist eng verwandt mit den unter ↑ bleich (ur- Block: Die heute übliche Form stammt aus dem
sprünglich »glänzend«) und ↑ Blech (eigentlich Niederd. und geht zurück auf mniederd. blok
»Glänzendes«) behandelten Wörtern (vgl. ↑ Blei). »Holzklotz oder -stamm; Kloben des Flaschen-
blind: Das gemeingerm. Adjektiv mhd., ahd. blı̄nt, zugs«. Sie hat sich seit dem 17. Jh. gegenüber der
got. blinds, engl. blind, schwed. blind bedeutete nur noch oberd. mundartl. bewahrten Form
ursprünglich wohl »undeutlich schimmernd, Bloch (mhd. bloch, ahd. bloh[h] »Klotz, Bohle«)
fahl« und gehört wahrscheinlich zu der vielfach durchgesetzt. Im germ. Sprachbereich entspre-
weitergebildeten und erweiterten idg. Wurzel chen mniederl. bloc »Block, Balken, Klotz, Klum-
* bhel- »schimmernd, leuchtend, glänzend« (vgl. pen« (daraus entlehnt franz. bloc »Klotz«, vgl.
↑ Belche). Außergerm. ist z. B. eng verwandt die ↑ blockieren) und schwed. block »Klotz, Block«.
baltoslaw. Wortgruppe von lit. blandùs »unrein, Die weiteren außergerm. Beziehungen sind un-
trüb, düster«. – Zu dem gemeingerm. Adjektiv klar, doch gehört Block wohl zur gleichen Wort-
gehört das Faktitivum ↑ blenden (eigentlich gruppe wie ↑ Balken und ↑ Bohle. – In der alten
»blind machen«). Das Adjektiv bedeutete früher Rechtssprache bezeichnete das Wort den Block
auch »versteckt, nicht zu sehen«. An diese Be- des Scharfrichters und den zweiteiligen Block, in
deutung schließt sich die Fügung ›blinder Passa- den die Füße Gefangener geschlossen wurden.
gier‹ an. – Abl.: blindlings (17. Jh., vgl. mniederd. Jung gegenüber »Klotz, Quader« ist die Bed. »Pa-
blindelinge, ahd. blindilingon). Zus.: Blinddarm pierblock«, vgl. die Zusammensetzungen Zei-
(frühnhd. Lehnübersetzung für mlat. intestinum chen-, Notiz-, Fahrscheinblock usw. Die Bed. »ein
caecum, wobei blind »ohne Öffnung« bedeutet, Quadrat bildende Gruppe von Wohnhäusern,
wie in blinde Tasche, blinde Tür; das Wort be- Häuserblock« wurde im 19. Jh. aus dem amerik.
zeichnet meist nicht den eigentlichen Blind- Engl. entlehnt. bertragen bezeichnet Block eine
darm, sondern den Wurmfortsatz oder Appen- in sich geschlossene Gruppe von Kräften, einen
dix); Blindschleiche »fußlose Eidechsenart mit festen Zweckverband von politischen Parteien
sehr kleinen Augen« (mhd. blintslı̄che, ahd. oder von Staaten, vgl. dazu die Zusammenset-
blintslı̄hho, eigtl. »blinder Schleicher«; vgl. zungen blockfrei und Blockstaaten. – Zus.: Block-
↑ schleichen). flöte (mniederd. blokf loite, -pı̄pe bezeichnete
blinken »glänzen, funkeln«: Das im 16. Jh. aus dem eine einteilige, unzerlegbare Flöte; das heutige
Niederd. übernommene Verb geht zurück auf Instrument ist wohl nach dem im Mundstück
mniederd. blinken »glänzen«, das verwandt ist eingelassenen scharfkantigen Block benannt);
mit niederl. blinken »schimmern, blinken«, engl. Blockhaus (mniederd. blok-, spätmhd. blochhus
to blink »blinken; blinzeln, schimmern«, schwed. »militärisches Vorwerk aus Baumstämmen«; im
blinka »schimmern; blinzeln«. Das Verb gehört 19. Jh. als Bezeichnung des nordamerikanischen
mit dem unter ↑ blank behandelten Adjektiv zu Siedlerhauses neu aufgenommen aus engl. block-
der Wortgruppe von ↑ blecken. Siehe auch ↑ blin- house; s. a. ↑ blockieren).
zeln. – Abl.: Blinker »Blinklicht an Fahrzeugen; Blockade »Sperre, Einschließung«: Das Substantiv
metallener Köderfisch« (20. Jh.), davon blinkern wurde Mitte des 17. Jh.s mit roman. Endung zu
»unruhig blinken; mit dem Blinker angeln« ↑ blockieren gebildet.
(20. Jh.). blockieren »(ab)sperren«: Das Verb wurde im frü-
blinzeln: Das auf das dt. Sprachgebiet beschränkte hen 17. Jh. aus franz. bloquer (zu bloc »Klotz«)
Verb (mniederd. blinzeln) ist eine Iterativbildung entlehnt, aber wegen seiner Grundbedeutung
zu dem im 19. Jh. veralteten gleichbedeutenden »mit einer Befestigungsanlage versehen« wohl
blinzen (mhd. blinzen »zwinkern«), das wahr- stark von blocus »Festung« beeinflusst (das über
scheinlich im Sinne von »schimmern, flimmern« eine mundartl. Zwischenstufe blocquehuis auf
mit der Wortfamilie von ↑ blinken zusammen- mniederl. blochuus »Blockhaus« zurückgeht).
hängt. Franz. bloc selbst ist Lehnwort aus mniederl. bloc
blitzen: Das auf das dt. Sprachgebiet beschränkte »Klumpen, Klotz«, der Entsprechung von mhd.
Verb mhd. blitzen, bliczen, ahd. blecchazzen ge- bloch, mniederd. blok (vgl. ↑ Block). Siehe auch
hört zu der unter ↑ Blei (eigentlich »[bläulich] ↑ Blockade.
Glänzendes«) dargestellten Wortgruppe. Es ist blöd(e): Mhd. blœ de »gebrechlich, schwach, zart,
eine Intensiviterativbildung und bedeutet dem- zaghaft«, ahd. blodi »unwissend, scheu, furcht-
nach eigentlich »schnell oder wiederholt auf- sam«, älter niederl. blood »schüchtern, feige«,
177 Blog – Blume
aengl. blead »sanft, furchtsam, schlaff«, schwed. amerik. blue jeans entlehnt. ber das engl. Adjek-
blöd(ig) »weich, empfindsam« gehören wohl zu tiv blue »blau« vgl. dt. ↑ blau. Das Grundwort
der unter ↑ 1 bloß dargestellten Wortgruppe, doch
sind die genaueren Zusammenhänge unklar. Die
Bedeutung des Adjektivs ist erst im Nhd. auf
engl. jean »Baumwolle« geht vermutlich auf
franz. Gênes, den Namen der norditalienischen
Stadt Genua zurück, die zu den Hauptausfuhrhä-
M
B
»geistig behindert« und »dumm, albern, unsin-
nig« eingeengt worden. – Abl.: blödeln ugs. für
fen für Baumwolle gehörte. – Gebräuchlicher als
Bluejeans ist heute die Kürzung Jeans.
M
Blum
»blöde tun oder reden« (19. Jh.); entblöden, sich Blues »schwermütiges Volkslied der nordamerika-
(17. Jh., im Sinne von »die Scheu abtun, sich er- nischen Schwarzen (zum Jazz entwickelt); lang-
kühnen«; daneben schon die heute allein gültige samer Tanz im Jazzrhythmus«: Das Substantiv,
Form sich nicht entblöden mit verstärkter, dop- das im 20. Jh. aus amerik. blues entlehnt wurde,
pelter Verneinung); verblöden »eine geistige Be- ist vermutlich eine Kurzform von blue devils, was
hinderung erwerben; stumpfsinnig werden« eigentlich »blaue Teufel« bedeutet und die dämo-
(mhd. verblœ den »einschüchtern«). nischen Gaukelbilder benennt, die einem Men-
Blog: Eine Wortkreuzung aus World Wide Web und schen in ekstatischer Verzücktheit oder bei ei-
Logbuch (engl. logbook) für ein auf einer Webseite nem Anfall von Schwermut erscheinen. Gleich-
geführtes Tagebuch oder Journal, belegt seit wohl scheint für die moderne Bedeutung von
1997, ist Weblog. Dafür gilt als Kurzform heute blues nicht zuletzt auch die Vorstellung von einer
Blog. – Abl.: bloggen. »blauen (= sentimentalen) Stunde« eine Rolle zu
blöken: Das im 17. Jh. ins Hochd. übernommene spielen.
niederd. blöken (mniederd. bleken) ist lautnach- Bluff »Irreführung, Täuschung«: Das Anfang des
ahmenden Ursprungs, vgl. die (elementar)ver- 20. Jh.s aus dem Engl. ins Dt. und andere europäi-
wandten Nachahmungen des Schaflautes griech. sche Sprachen übernommene Substantiv geht
blechasthai »blöken« und russ. blekotat »blö- zurück auf engl. bluff »Irreführung, Täuschung«,
ken«. eine Bildung zu engl. to bluff »einschüchtern, ir-
blond »goldgelb« (besonders von der Haarfarbe): remachen, verblüffen, (im Poker:) täuschen«. Die
Das Adjektiv wurde im 17. Jh. aus gleichbed. letztere Bedeutung, die für unser Wort aus-
franz. blond (= ital. biondo) entlehnt, das auf vul- schlaggebend geworden ist, stammt aus dem
gärlat. blundus zurückgeht und vielleicht zu idg. amerik. Englisch. Das engl. Verb gehört zu der
* meli-t »Honig« gehört. Blond ist aber vereinzelt unter ↑ verblüffen behandelten Wortgruppe. –
schon im Mhd. und Mniederd. als blunt bezeugt. Abl.: bluffen »täuschen« (20. Jh.).
Wegen der zahlreichen franz. Farbadjektive, die blühen: Die westgerm. Verben mhd. blüejen, blüen,
germ. Ursprungs sind (man beachte z. B. franz. ahd. bluojan, bluowen, niederl. bloeien, engl.
blanc, bleu, gris, brun = dt. blank, blau, grau, (starkes Verb:) to blow gehören mit den unter
braun), ist auch bei franz. blond Entlehnung aus ↑ Blatt, ↑ Blume und ↑ Blüte behandelten Wörtern
dem Germ. möglich. zu der unter ↑ 1 Ball dargestellten, vielfach weiter-
1
bloß (Adj.): Mhd. blo »nackt, unbedeckt; unbe- gebildeten und erweiterten idg. Wurzel * bhel- in
waffnet; unvermischt, rein, ausschließlich«, ahd. der Bedeutungswendung »schwellen, knospen,
blo »stolz«, niederl. bloot »nackt, bloß«, aengl. blühen«. Außergerm. ist z. B. eng verwandt lat.
bleat »elend, armselig«, schwed. blöt »weich, auf- f los »Blume«, lat. f lorere »blühen« (s. die Wort-
geweicht, nass« sind vermutlich mit griech. phly- gruppe um ↑ 1 Flor), lat. folium »Blatt« (↑ Folie).
darós »matschig« und lat. f luere »fließen, strö- Blume: Das gemeingerm. Wort mhd. bluome, ahd.
men« verwandt. Die ursprüngliche Bed. »feucht, bluoma, bluomo, got. bloma, niederl. bloem,
nass, aufgeweicht« wäre demnach im Nord. be- schwed. blomma gehört zu der unter ↑ blühen
wahrt, während sich in den anderen germ. Spra- dargestellten Wortgruppe. Zur Bildung vgl. z. B.
chen über »weich(lich), schwach« die Bedeutun- das Verhältnis von Same zu säen. Das Wort steckt
gen »elend, nackt usw.« entwickelten. Mit bloß in zahlreichen zusammengesetzten Pflanzenbe-
ist wohl das unter ↑ blöd(e) behandelte Adjektiv zeichnungen, man beachte z. B. Sonnen-, Ringel-
verwandt, das ursprünglich »schwach« bedeu- blume. In übertragenem Gebrauch wird Blume im
tete. – Das seit dem 15. Jh. bezeugte Adverb 2 bloß Sinne von »Duft, Bukett des Weines« verwendet.
»nur« hat sich aus der Verwendung des Adjektivs Die Bed. »Bierschaum im vollen Glas« erklärt
im Sinne von »rein, ausschließlich« entwickelt. sich wohl aus einem alten Trinkbrauch, der den
Abl.: Blöße »Nacktheit, bloße Stelle; Waldlich- Schaum bei geschicktem Austrinken als Flocken
tung« (mhd. blœ  e; die Wendung sich eine Blöße oder Blümchen im Glase hängen ließ. Abl.: ge-
geben stammt aus der Fechtersprache); entblö- blümt (2. Part. zu älterem blümen, mhd. blüemen
ßen (verstärkend neben älter nhd. blößen, mhd. »mit Blumen schmücken« [z. B. geblümtes Tuch],
[en]blœ  en). übertragen als geblümter Stil der Rede unter Ein-
Bluejeans: Die Bezeichnung für »(eng anliegende) fluss von lat. f losculus »[Rede]blümchen«; ↑ Flos-
Hose aus festem Baumwollgewebe von verwa- kel); verblümt (16. Jh., »was ›durch die Blume‹,
schener blauer Farbe« wurde im 20. Jh. aus engl.- also in bildlichen Andeutungen gesagt wird«;
Blume – Bock 178
Ggs.: unverblümt »geradeheraus«; 16. Jh.). Zus.: Blüte: Die heutige Form hat sich im 17. Jh. aus dem
Blumenkohl (↑ Karfiol); Blumenkorso (↑ Korso). Plural (mhd. blüete) von mhd., ahd. bluot »Blü-
MB Blume
hen; Blüte« entwickelt, das zu der unter ↑ blühen
dargestellten Wortgruppe gehört. Zur Bildung
beachte man z. B. das Verhältnis von Saat zu säen.
MBlum durch die Blume
»andeutungsweise, verhüllt«
Die Wendung knüpft an Blume im Sinne von
Das Wort bezeichnete ursprünglich den Zustand
des Blühens (z. B. in Baumblüte), dann die blü-
henden Pflanzenteile, besonders an Bäumen und
»rednerische Ausschmückung« an, vgl. mhd. re-
Sträuchern. bertragen wird es auf Glanzzeiten
debluome »Redeschmuck«. Sie meint also ur-
kulturellen und wirtschaftlichen Lebens ange-
sprünglich »etwas in Floskeln, nicht mit direkten
wandt (etwa in der Zusammensetzung Blütezeit).
Worten sagen«.
Wie sich der ugs. Gebrauch von Blüte im Sinne
von »gefälschte Banknote« herausgebildet hat,
blümerant »schwindelig, flau« (ugs.): Das Adjektiv ist nicht sicher geklärt, er stammt vermutlich aus
wurde im 17. Jh. aus franz. bleu mourant »hinster- dem Rotw.
bendes (= blasses) Blau« entlehnt. Aus der Wen- Blutegel, bluten, Bluter, blutig, blutjung, Blutra-
dung blümerant vor den Augen (gemeint ist der che, blutrot ↑ Blut.
schillernde Farbschleier, der sich bei Schwindel- blutrünstig »blutgierig, schauerlich«: Die nhd.
anfällen über die Augen legt) entwickelte sich die Form hat sich über spätmhd. blutrünstec aus
heutige Bedeutung. mhd. bluotruns(ic) »blutig wund« entwickelt.
Bluse: Die im frühen 19. Jh. aufgekommene Be- Dieses Adjektiv ist abgeleitet von mhd. bluot-
zeichnung für das weibliche Kleidungsstück ist runs(t) »Blutfluss, blutende Wunde«, eigentlich
aus dem Franz. entlehnt worden. Franz. blouse, »Rinnen des Blutes«. Der zweite Bestandteil ge-
dessen Herkunft nicht gesichert ist, begegnet zu- hört zu dem unter ↑ rinnen behandelten Verb.
erst während der Französischen Julirevolution Blutschande, Blutschuld, blutsverwandt, Blutsver-
1830 mit der auch heute noch gültigen eigentli- wandtschaft ↑ Blut.
chen Bed. »(Fuhrmanns)kittel, Arbeiterkleid«. Bö »heftiger Windstoß, Schauer«: Niederl. bui er-
Blut: Das gemeingerm. Wort mhd., ahd. bluot, got. scheint seit dem 17. Jh. als niederd. bui, buy, mit
bloÞ, engl. blood, schwed. blod gehört wahr- eingedeutschter Schreibung böi und wird im
scheinlich im Sinne von »Fließendes« zu der un- 19. Jh. in der jungen niederd. Form bö hoch-
ter ↑ 1 Ball behandelten idg. Wurzel und ersetzt als deutsch. Die weitere Herkunft des niederl. Wor-
Tabuwort die alten idg. Wörter für Blut (lat. cruor, tes ist unklar, vermutlich gehört sie zu der unter
aser). – Nach altem Glauben ist das Blut der Sitz ↑ Beule dargestellten Wortgruppe. Abl.: böig
des Lebens, beachte z. B. die Zusammensetzun- (19. Jh.).
gen Blutrache (17. Jh.) und Blutschuld (16. Jh.), so- Bock: Das agerm. Wort mhd., ahd. boc, niederl. bok,
wie Träger des Temperaments (beachte z. B. hei- engl. buck, schwed. bock ist eng verwandt mit der
ßes, kaltes Blut) und der ethnischen Zugehörig- kelt. Sippe von ir. boc »Ziegenbock« und weiter-
keit, beachte z. B. die Zusammensetzung bluts- hin z. B. mit pers. buz »Ziege(nbock)«. Die Bezie-
verwandt (16. Jh.), dazu Blutsverwandtschaft, fer- hung dieser Wörter untereinander ist nicht klar,
ner Blutschande (16. Jh.), Vollblut und Halbblut vielleicht handelt es sich um ein Lehnwort aus ei-
(s. d.). Der übertragene Gebrauch des Wortes be- ner nicht idg. Sprache. Ursprünglich bezeichnete
zieht sich meist auf die Farbe, beachte z. B. Blut- das Wort also den Ziegenbock, dann auch das
buche (18. Jh.) und blutrot (mhd. bluotrot). Das Männchen anderer Tiere, beachte z. B. Schaf-,
Wort wird auch verstärkend gebraucht, beachte Rehbock. Im übertragenen Gebrauch bezeichnet
z. B. blutjung (18. Jh.). – Abl.: bluten (mhd. bluoten, Bock ein vierbeiniges Gestell, seit dem 18. Jh. auch
ahd. bluoten), dazu Bluter »jemand, der zu schwer den erhöhten Kutschersitz, seit dem 19. Jh. ein
stillbaren Blutungen neigt« (19. Jh.); blutig (mhd. Turngerät (man beachte Bockspringen). Erst nhd.
bluotec, ahd. bluotag); Geblüt (s. d.). Zus.: Blutegel ist die Bed. »Fehler«, die wohl auf einen alten
(↑ Egel); blutrünstig (s. d.). Schützenbrauch zurückgeht (Bock als Trostpreis
für den schlechtesten Schützen, daher einen Bock
schießen). Auf den Ziegenbock, seine störrische
Blut
Art und seine Geilheit, beziehen sich auch Bock
blaues Blut in den Adern haben als Schimpfwort für »geiler Mann« und die Wen-
»adliger Abkunft sein« dungen einen Bock haben (= störrisch, wider-
Die Wendung ist spanischen Ursprungs (span. spenstig sein) und (keinen) Bock auf etwas haben
sangre azul) und bezog sich ursprünglich auf die (= [keine] Lust auf etwas haben), null Bock
westgotischen Adligen, durch deren helle Haut – (= keine Lust) u. a. Zu Bock gehören die Bildun-
im Gegensatz zu der dunkelfarbigen Haut der gen ↑ 2 Bückling (nach dem Geruch) und Buxe
Mauren – die Adern bläulich durchschimmerten. nordd., westmd. für »Hose« (mniederd. bükse,
zusammengezogen aus * buckhose »Hose aus
179 Bockbier – bohnern
Bockleder«). – Abl.: bocken »bockig sein« (mhd. (Fuß-, Heu-, Dachboden im Haus, dazu Boden-
bocken »stoßen wie ein Bock«); bockig »trotzig, kammer), an die sich vielleicht ↑ Bühne anschlie-
störrisch, widerspenstig«, (von Ziegen auch:)
»nach dem Bock verlangend« (älter nhd. bo-
ckicht, böckisch). Zus.: Bockbier (s. d.); Bocksbeu-
ßen lässt. Zus.: bodenlos (mhd. bodem-, ahd. bo-
domelos; meist übertragen für »unermesslich«:
bodenlose Gemeinheit); bodenständig (im 17. Jh.
M
B
tel (17. Jh. »Hodensack eines Bockes«; die heutige
Bed. »bauchig-breite Flasche für Frankenwein«
»am Boden stehend«, heute übertragen für »fest
verwurzelt, einheimisch«).
M
bohn
nach der Ähnlichkeit mit dem Hodensack). Body: Das in der 1. Hälfte des 20. Jh.s aus gleichbed.
Bockbier »Starkbier mit hohem Gehalt an Stamm- engl. body »Körper« entlehnte Wort tritt im
würze«: Im 19. Jh. wurde älteres bayr. Aimbock, Deutschen besonders häufig als Bestimmungs-
Oambock zu Bock gekürzt. Das Mundartwort ist wort von Zusammensetzungen auf, wie z. B. Bo-
eine Umdeutung der Herkunftsbezeichnung Ain- dybuilding »gezieltes Muskeltraining mit beson-
bzw. Einbeckisch Bier (16. Jh.), ampokhisch pier deren Geräten«; Bodycheck »erlaubtes Rempeln
(17. Jh.). Die Stadt Einbeck in Niedersachsen des Gegners beim Eishockey«; Bodyguard »Leib-
führte seit dem späten Mittelalter ein berühmtes wächter«.
Hopfenbier aus, das später auch in Bayern ge- Bofist ↑ Bovist.
trunken wurde. – Zus.: Bockwurst (19. Jh., ur- Bogen: Das agerm. Wort mhd. boge, ahd. bogo, nie-
sprünglich eine in München zur Bockbierzeit um derl. boog, engl. bow, schwed. båge gehört zu dem
Fronleichnam verzehrte Wurst). unter ↑ biegen behandelten Verb und bedeutet
bocken, bockig, Bocksbeutel, Bockshorn ↑ Bock. demnach eigentlich »Biegung, Gebogenes«. Vgl.
auch die Zusammensetzung Regenbogen und
Bockshorn ↑ Bausch.
Boheme: Das Wort für »ungezwungenes Künstler-
sich nicht ins Bockshorn jagen lassen
leben« wurde Mitte des 19. Jh.s aus franz. bohème
(ugs.) »sich nicht einschüchtern lassen«
entlehnt, das seinerseits auf mlat. bohemus
Der Ursprung der seit dem 15. Jh. bezeugten Wen-
»Böhme« zurückgeht. Das mlat. Wort bezeich-
dung ist nicht sicher geklärt. (Bockshorn war im
nete auch die früher Zigeuner genannten Perso-
Mhd. eine Pflanzenbezeichnung, wie nhd. Bocks-
nen, weil man Böhmen für die Heimat dieser
hornklee). Vielleicht hängt sie mit dem Haber-
Volksgruppe in Europa hielt. Das Bohemeleben
feldtreiben (eigentlich »Ziegenfelltreiben«) zu-
der Pariser Künstler wird schließlich für eine un-
sammen, einem früher üblichen (nächtlichen)
gebundene Lebenshaltung, für ein unkonventio-
Rügegericht, bei dem der beltäter in ein Ziegen-
nelles Milieu bezeichnend. Dazu: Bohemien »An-
fell gesteckt und umhergetrieben wurde; -horn
gehöriger der Boheme« (aus franz. bohémien).
wäre dann aus unverstandenem mhd. hame
Bohle: Frühnhd. bole »Brett«, mniederd. bole, bolle
»Hülle« in ahd. * bockes hamo »Bocksfell« umge-
»dickes Brett«, mniederl. bolle »Baumstamm«,
deutet, vgl. ↑ Hemd.
schwed. bål »Rumpf« sind wohl mit dem unter
↑ Balken behandelten Wort verwandt und gehö-
Bodden ↑ Boden. ren im Sinne von »dickes Brett« zu der Wort-
gruppe von ↑ 2 Ball. Vgl. auch ↑ Bollwerk.
Boden Bohne: Die Herkunft der agerm. Bezeichnung der
Nutzpflanze mhd. bone, ahd. bona, niederl. boon,
am Boden zerstört sein
engl. bean, schwed. böna ist nicht sicher geklärt.
(ugs.) »völlig erschöpft, deprimiert sein«
Vielleicht gehört sie zu der unter ↑ Beule darge-
Die Wendung stammt aus der Sprache der
stellten idg. Wurzel * bh(e)u- »(auf)blasen,
Kriegsberichterstattung und bezog sich zunächst
schwellen«, es kann sich aber auch um eine Ent-
auf Flugzeuge, die durch Bomben zerstört wur-
lehnung aus einer nicht idg. Sprache handeln. Er
den, noch bevor sie zum Einsatz kamen.
bezeichnete bis zum 16. Jh. die dicke Bohne
(Puff-, Saubohne), die demnach nach dem äuße-
Boden: Die germ. Bildungen mhd. bodem, ahd. bo- ren Eindruck der Aufgeblasenheit, Geschwollen-
dam, niederl. bodem, engl. bottom, schwed. botten heit benannt worden wäre. Die Gartenbohne
beruhen mit verwandten Wörtern in anderen idg. (grüne Bohne) kam erst im 16. Jh. aus Amerika zu
Sprachen auf idg. * bhudhm(e)n »Boden«, vgl. z. B. uns.
aind. budhná- »Grund, Boden«, griech. pythmén Bohnenstroh s. Kasten
»Boden, Fuß eines Gefäßes« und lat. fundus »Bo- bohnern: Das ursprünglich nordostd. Verb ist eine
den eines Gefäßes, Grund« (s. die Wortgruppe Iterativbildung zu gleichbed. (mittel)niederd. bo-
um ↑ Fundus). Dazu stellt sich Bodden »flacher nen, beachte gleichbed. nordwestd. bohnen. Das
Strandsee, Meeresbucht« mit der ursprünglichen mniederd. Verb, dem niederl. boenen »bohnern;
Bedeutung »Grund eines (flachen) Gewässers«. scheuern« entspricht, bedeutet eigentlich »glän-
Nur dt. ist die vom bebauten Erdboden her über- zend machen« und gehört mit verwandten Wör-
tragene Bed. »auf Stützen erhöhte Bretterlage« tern in anderen idg. Sprachen zu der Wortfamilie
bohren – Bombe 180
2
Bohnenstroh runden Sombrero (vgl. ↑ Bulle); oder span. vuelo
dumm wie Bohnenstroh
»Flug« nach den Sprüngen des Tänzers. Das Wort
MB (ugs.) »sehr dumm sein«
Der Vergleich mit Bohnenstroh geht auf das ältere
bezeichnete dann auch das kurze, offen getra-
gene Herrenjäckchen der spanischen National-
tracht, schließlich ein kurzes Jäckchen generell.
Mbohr grob wie Bohnenstroh zurück. Arme, ungebildete
Menschen konnten ihre Schlafstatt nicht auf
Stroh bereiten, sondern mussten mit dem härte-
bölken »schreien, brüllen« (besonders von Rin-
dern): Das dem Oberd. ursprünglich fremde Verb
ren, gröberen Kraut der Futterbohne vorliebneh- (md. bülken 15. Jh., mniederd. bolken) ist laut-
men. nachahmenden Ursprungs, vgl. die (elemen-
tar)verwandten Wörter niederl. balken
»schreien« (vom Esel), bulken »schreien, blöken«,
um aind. bháti »leuchtet«, aind. bhána-m »das engl. to belch »rülpsen, aufstoßen«. Man beachte
Leuchten«, griech. phaı́nesthai »leuchten, auch die unter ↑ bellen und ↑ poltern behandelten
(er)scheinen« (s. die Wortgruppe um ↑ Phänomen ähnlichen Lautnachahmungen.
mit ↑ Fantasie usw. , ↑ Fanal), griech. phásis »Er- Bolle ↑ Bowle.
scheinung; Aufgang eines Gestirns« (↑ Phase), Bollwerk: Mhd. bolwerc, mniederd. bolwerk, mnie-
griech. phos »Licht, Helle« (↑ Phosphor und die derl. bolwerc ist eine Zusammensetzung aus dem
unter ↑ foto... , Foto... genannten Wörter). unter ↑ Bohle behandelten Wort und dem Sub-
bohren: Das agerm. Verb mhd. born, ahd. boron, stantiv Werk. Es bezeichnete also einen aus star-
niederl. boren, engl. to bore, schwed. borra ge- ken Bohlen errichteten Schutzbau. Aus dem Nie-
hört mit verwandten Wörtern aus anderen idg. derl. entlehnt ist franz. boulevard »breite
Sprachen zu der idg. Wurzel * bher- »mit schar- (Ring)straße« (↑ Boulevard).
fem oder spitzem Werkzeug bearbeiten«, vgl. Bolz(en) »Pflock; kurzer, dicker Pfeil«: Das agerm.
z. B. griech. pharóein »pflügen« und lat. forare Wort mhd., ahd. bolz, niederl. bout, engl. bolt,
»bohren« (vgl. auch ↑ perforieren). Zu dieser schwed. bult ist wohl verwandt mit der balt.
Wurzel stellt sich auch die germ. Wortgruppe Wortfamilie um lit. bélsti »pochen, klopfen«, bal-
von aisl. berja »schlagen, dreschen; töten« (↑ Ba- das »Stößel« und mit dieser lautnachahmenden
ron, eigentlich »kämpfender, streitbarer Ursprungs. – Dazu im 20. Jh. bolzen »kraftvoll,
Mann«), die näher verwandt ist mit lat. ferire aber planlos Fußball spielen«.
»schlagen, stoßen« und russ. borot »bezwin- Bombast: Der Ausdruck für »(Rede)schwulst,
gen, überwältigen«. Auf die zahlreichen Weiter- Wortschwall« wurde im 18. Jh. aus engl. bombast
bildungen und Erweiterungen dieser Wurzel entlehnt, das zunächst ein zum Auswattieren
geht lat. friare »zerreiben« (↑ frivol) zurück; im von Jacketts verwendetes Baumwollgewebe be-
germ. Sprachbereich die Wortgruppe um ↑ Brett zeichnete. Die Bedeutungsübertragung auf über-
(s. d. über Bord, Bordell, Pritsche u. a.), eigentlich trieben umständliches und schwülstiges Spre-
»(aus einem Stamm) Geschnittenes«. – Abl.: chen geht denn auch von der Vorstellung einer
Bohrer (15. Jh.); verbohrt »starrköpfig« (19. Jh.; aufgebauschten Jacke aus. – Voraus liegen afranz.
2. Part. des Zimmermannsworts verbohren bombace, spätlat. bombax (bambagium), griech.
»falsch bohren«). pámbax (bambákion), pers. panbak, panbah , alle
böig ↑ Bö. mit der Bed. »Baumwolle«. – Gleicher Herkunft
Boiler: Das Substantiv wurde in der 1. Hälfte des ist das Lehnwort ↑ Wams.
19. Jh.s in der Bed. »Dampfkessel«, dann im 20. Jh. Bombe »Sprengkörper«: Das Wort wurde im 17. Jh.
als »Warmwasserspeicher« aus engl. boiler ent- über franz. bombe aus gleichbed. ital. bomba ent-
lehnt. Dies gehört zu engl. to boil »aufwallen ma- lehnt, das auf lat. bombus »dumpfes Geräusch«,
chen; erhitzen«, das über mengl. boilen auf griech. bómbos zurückgeht. Das griech. Wort ist
afranz. boillir (= franz. bouillir) < lat. bullire zu- schallnachahmenden Ursprungs und hat zahlrei-
rückgeht; Stammwort ist lat. bulla »Wasser- che Entsprechungen in anderen idg. Sprachen,
blase«. z. B. in den Schallwörtern bim, bam, bum, zu
Boje »verankerter Schwimmkörper (als Seezei- denen auch die Verben ↑ bimmeln, ↑ bummeln
chen)«: Das Substantiv wurde im 16. Jh. aus nie- und ↑ baumeln gehören. – Um Bombe gruppieren
derd. boye übernommen, das zu mniederl. sich die Bildungen Bomber »Bombenflugzeug«
bo(e)ye, afranz. boie (= franz. bouée) gehört. Das (20. Jh.) und bomben »bombardieren; mit Wucht
afranz. Wort kann aus afränk. * bokan »Zeichen« schießen« (20. Jh.), beachte auch ausbomben und
entlehnt sein und dann zur Wortfamilie von zerbomben »durch einen Bombenangriff zerstö-
↑ Bake gehören. ren« (20. Jh.). Als Inbegriff des »Wirkungsvollen
Bolero: Das Substantiv ist aus span. bolero ent- und Gewaltigen« erscheint Bombe in den Ablei-
lehnt, das zunächst den (Bolero)tänzer bezeich- tungen und verstärkenden Zusammensetzungen
nete, dann den Tanz selbst, der sich durch scharfe bombig, bombensicher, bombenfest, Bombener-
rhythmische Drehungen auszeichnet. Zugrunde folg, Bombenstimmung, Sexbombe, die alle im
liegt span. bola »Kugel« (< lat. bulla) nach dem 20. Jh. entstanden sind.
181 Bon – Borke
Bon »Gutschein«: Das Wort wurde Ende des Internet, Laptop, Scanner) wurde auch das Verb
18. Jh.s als kaufmännischer Terminus aus gleich- booten mit der Bedeutung »einen Computer neu
bed. franz. bon entlehnt, dem substantivierten
Adjektiv franz. bon »gut«, das seinerseits auf
gleichbed. lat. bonus beruht. Auf das lat. Wort
starten« aus dem Engl. übernommen. Das gleich-
bed. engl. Verb to boot ist abgeleitet von dem Sub-
stantiv boot, einer Kurzform für bootstrap »Lade-
M
B
geht über engl. bonus unser Bonus »Vergütung;
(Schadenfreiheits)rabatt; Ausgleich« (Ende
programm«, eigentlich der »Riemen am Stiefel,
der das Anziehen erleichtert« (aus boot »Stiefel«
M
Bork
18. Jh.) zurück. und strap »Riemen, Band«).
Bonbon »Süßigkeit, Zuckerzeug«: Das Wort wurde Bor (chem. Grundstoff): Pers. burah »borsaures
im 18. Jh. aus franz. bonbon entlehnt, einer der Natron« wurde über arab. bauraq ins Mlat. als bo-
Kindersprache entstammenden Wiederholungs- rax entlehnt. Dies lebt zum einen in unveränder-
form von bon »gut« (vgl. ↑ Bon). ter Form in Borax, der Bezeichnung eines als
Bonmot: Der Ausdruck für »treffende, geistreiche Waschmittel benutzten borhaltigen Minerals,
Wendung« wurde im späten 17. Jh. aus franz. bon weiter; zum anderen entwickelte sich daraus
mot entlehnt, eine Fügung aus franz. bon »gut« über spätmhd. buras und frühnhd. borros unser
(vgl. ↑ Bon) und franz. mot »Wort«. Wort Bor.
1
Bonus ↑ Bon. Bord »(Wand-, Bücher)brett«: Mniederd. bort,
Bonze »höherer Partei- oder Gewerkschaftsfunk- asächs. bord »Brett, Tisch« ist in der niederd.
tionär« (mit verächtlichem Nebensinn): Der Aus- Form Bord hochd. geworden. Ihm entsprechen
druck wurde im 16. Jh. über franz. bonze, port. got. ( fotu)baúrd »(Fuß)bank«, engl. board »Brett,
bonzo aus jap. bozu »Priester« entlehnt und be- Tisch«, schwed. bord »Tisch«. Das gemeingerm.
zeichnet zunächst den buddhistischen Priester Wort steht im Ablaut zu ↑ Brett. Vgl. ↑ Bordell.
2
in China und Japan, im 18. Jh. bigotte Priester ei- Bord »(Schiffs)rand; Deck; das Innere eines Au-
nes jeden Glaubensbekenntnisses. tos, Flugzeugs, (Raum)schiffs«: Das agerm. Wort
Boom: Der seit dem Ende des 19. Jh. gebräuchliche mhd., ahd. bort, niederl. boord, engl. board,
Ausdruck für »Wirtschaftsaufschwung, Hoch- schwed. bord war ursprünglich identisch mit dem
konjunktur« stammt aus gleichbed. engl.-ame- unter ↑ 1 Bord behandelten Substantiv, ver-
rik. boom, das im Sinne von »Summen, Brausen, mischte sich aber früh mit nicht verwandtem
geschäftiges Treiben« zu engl. to boom »summen, ahd. brort, aengl. breord »Rand«. Schweiz. bedeu-
brausen« gehört. Hierzu das Verb boomen tet Bord »Rand, (Ufer)böschung«; hierzu Bord-
(2. Hälfte des 20. Jh.s) und die Zusammensetzung stein. Verwandt sind ↑ Borte und ↑ bordieren. –
Babyboom (2. Hälfte des 20. Jh.s, aus gleichbed. Zus.: Backbord (s. d.); Dollbord (↑ Dolle); Steuer-
engl. baby boom). bord (↑ 2 Steuer).
Bordell »Dirnenhaus«: Das Wort wurde um 1500
Boot aus mniederl. bordeel entlehnt, das auf franz. bor-
del und ital. bordello zurückgeht. Die roman.
im gleichen/in einem Boot sitzen
Wörter, die ursprünglich »Bretterhüttchen« be-
»gemeinsam eine schwierige Situation bewälti-
deuteten, gehören als Verkleinerungsformen zu
gen müssen«
einem in afranz. borde, aprovenz. borda und
Die Wendung ist entlehnt aus engl. to be in the
span. borda bewahrten Wort mit der Bedeutung
same boat und meint, dass diejenigen, die auf See
»Hütte; Bauernhof«, das seinerseits auf das unter
in einem Boot sind, dasselbe Schicksal teilen und
↑ 1 Bord behandelte germ. Wort zurückgeht.
aufeinander angewiesen sind.
bordieren »einfassen; mit einer Borte versehen«:
Das Verb wurde im 16. Jh. entlehnt aus franz. bor-
Boot: Das im 16. Jh. aus der niederd. Seemanns- der »umranden, einfassen«, zu bord »Rand,
sprache übernommene Wort geht zurück auf Borte«, das aus afränk. * bord »Rand« stammt
mniederd. bot, das – wie auch niederl. boot – aus (vgl. ↑ 2 Bord). Dazu: Bordüre (Anfang des 18. Jh.s;
mengl. bot entlehnt ist (vgl. engl. boat). Voraus aus franz. bordure).
liegt aengl. bat »Boot, Schiff«, dem vielleicht die borgen: Das agerm. Wort mhd. borgen, ahd. bor-
gleichbedeutenden aisl. beit, batr, schwed. båt gen, niederl. borgen, engl. to borrow, schwed.
entsprechen. Das Wort gehört möglicherweise zu borga steht im Ablaut zu dem unter ↑ bergen be-
der unter ↑ beißen behandelten Wortgruppe, so- handelten Verb. Es bedeutete ursprünglich »auf
dass als Grundbedeutung dann »ausgehauener etwas Acht haben, schonen; jemandem eine
Stamm« anzunehmen ist. Die gleiche Bedeu- Zahlung ersparen«. Zu borgen gebildet ist
tungsentwicklung zeigen die Wörter ↑ Schiff und ↑ Bürge.
↑ Nachen. Abl.: ausbooten »mit dem Boot von Borke »raue Baumrinde«: Das Wort ist Anfang des
Bord bringen«, ugs. für: »aus einer Stellung oder 17. Jh.s aus dem Niederd. ins Hochd. gelangt.
Gemeinschaft entfernen« (19. Jh.). Mniederd. borke – im Ablaut dazu die nord.
booten: Wie viele andere Ausdrücke aus der EDV Gruppe von schwed. bark, aus der engl. bark
(z. B. chatten, Cursor, einloggen, E-Mail, Hacker, stammt – kann im Sinne von »Raues, Rissiges« zu
Born – Bottich 182
einer g-Erweiterung der unter ↑ Barsch behandel- schung gehört danach zu alemann. Bosch(en)
ten idg. Wurzel gehören. Vielleicht ist es aber ein »Strauch« aus mhd. bosch (vgl. ↑ Busch).
MB älteres vorgerm. Reliktwort.
Born ↑ Brunnen.
borniert »geistig beschränkt«: Das Adjektiv wurde
böse: Mhd. bœ se »gering, wertlos; schlecht,
schlimm, böse«, ahd. bosi »hinfällig, nichtig, ge-
ring, wertlos, böse«, niederl. boos »böse, schlecht,
MBorn im 18. Jh. aus dem Part. Perf. von franz. borner
»beschränken« (eigentlich »mit Grenzzeichen
schlimm« sind im germ. Sprachbereich eng ver-
wandt mit der nord. Wortfamilie um norw. baus
versehen«) entlehnt. Dies ist abgeleitet von franz. »stolz, heftig« (eigentlich »aufgeblasen, ge-
borne (< afranz. bosne, bodne) »Grenzstein« schwollen«) und weiterhin mit den unter
(wozu auch franz. abonner in ↑ abonnieren ge- ↑ Bausch, ↑ Busen, ↑ Pausback und ↑ pusten be-
hört), das vielleicht gall. Ursprungs ist. Abl.: Bor- handelten Wörtern (vgl. ↑ Beule). Das Adjektiv
niertheit »Beschränktheit«. böse bedeutete demnach ursprünglich etwa »auf-
1
Börse: Die Bezeichnung für »Geldbeutel« wurde geblasen, geschwollen«. Die semantischen ber-
im 18. Jh. aus niederl. (geld)beurs entlehnt, das gänge sind im Einzelnen aber unklar. – Abl.: erbo-
wie franz. bourse auf spätlat. bursa (< griech. sen »erzürnen« (mhd. [er]bosen »schlecht wer-
býrsa) »Fell, Ledersack« zurückgeht. ber wei- den oder handeln«, ahd. boson »gotteslästerlich
tere Zusammenhänge vgl. ↑ Bursch(e). reden«); boshaft (16. Jh., für älteres boshaftig);
2
Börse »Markt für Wertpapiere, Handelsplatz«: Bosheit (mhd., ahd. bosheit bedeutet auch »Wert-
Das Wort wurde Mitte des 15. Jh.s, zunächst in losigkeit«). Zus.: Bösewicht (mhd. bœ sewiht, zu-
der Form börs, aus niederl. beurs entlehnt, das ur- sammengerückt aus der bœ se wiht, ahd. pose
sprünglich ein Gebäude bezeichnete, in dem sich wiht; vgl. ↑ Wicht).
Kaufleute zu Geschäftszwecken regelmäßig tra- Boss: Der ugs. Ausdruck für »Chef« wurde Ende
fen. Die ersten Zusammenkünfte dieser Art sol- des 19. Jh.s aus engl.-amerik. boss entlehnt, das
len vor dem Haus einer angesehenen Brügger seinerseits aus niederl. baas »Meister« stammt.
Kaufmannsfamilie namens van der Burse statt- Botanik: Die Bezeichnung für »Pflanzenkunde«
gefunden haben. Diesen Namen führt man wegen wurde im 17. Jh. aus nlat. (scientia) botanica <
dreier im Hauswappen der Familie erscheinender griech. botaniké (epistéme) entlehnt. Das griech.
»Geldbeutel« auf das unter ↑ 1 Börse (s. o.) ge- Adjektiv botanikós »pflanzlich« ist von botáne
nannte niederl. beurs zurück. Der Bedeutungs- »Weide, Futterpflanze« abgeleitet. – Abl.: bota-
übergang von »Geldbeutel« zu »Handelsplatz« nisch »pflanzenkundlich« (frühes 18. Jh.; nach
begegnet aber vereinzelt auch schon früher. – griech. botanikós); Botaniker »Pflanzenkundler«
Abl.: Börsianer »Börsenspekulant« (19. Jh.; mit (18./19. Jh.; für älteres Botanicus bzw. Botanist);
lat. Endung gebildet). botanisieren »Pflanzen sammeln« (18. Jh.; nach
Borste: Die heutige weibliche Form geht über mhd. gleichbed. griech. botanı́zein).
borste zurück auf ahd. bursta. Diese Form – wie Bote: Das agerm. Wort mhd. bote, ahd. boto, nie-
auch das gleichbedeutende bursti (↑ Bürste) – ist derl. bode, aengl. boda, aisl. boði »Bote, Verkün-
eine Nebenform des starken Maskulinums (Neu- der, Herold« ist eine Bildung zu dem unter ↑ bie-
trums) mhd. borst, ahd. burst, dem aengl. byrst ten behandelten Verb in dessen Bedeutung »wis-
und schwed. borst entsprechen. Das Wort gehört sen lassen, befehlen«. Abl.: Botschaft (mhd.
im Sinne von »Emporstehendes« mit verwandten bot[e]schaft, ahd. botoscaft; im 16./17. Jh. auch für
Wörtern in anderen idg. Sprachen zu der unter »Gesandter«), dazu Botschafter (im 16. Jh.
↑ Barsch dargestellten idg. Wurzel, vgl. z. B. aind. »Bote«, dann »Leiter einer Gesandtschaft«; seit
bhrstı́h »Zacke, Ecke, Kante« und russ. boršč dem 18. Jh. Titel des Staatsgesandten als berset-
˚˙˙ ˙
»Rote-Rüben-Suppe« (ursprünglich Bezeichnung zung von franz. ambassadeur).
der spitzblättrigen Pflanze Bärenklau). – Dazu: Böttcher: Der besonders nordd. Ausdruck wurde
widerborstig (im 15. Jh. wider borstig, mniederd. erst vom nhd. Sprachgefühl mit dem in Nord-
wedderborstich, eigentlich »struppig« [von Tie- deutschland ursprünglich nicht heimischen
ren], dann übertragen für »störrisch, wider- Wort ↑ Bottich verknüpft. Mniederd. bödeker,
spenstig«). böddeker ist wahrscheinlich mit dem früher bei
Borte: Mhd. borte, ahd. borto »Rand, Besatz« ist niederd. Handwerkerbezeichnungen auftreten-
wie gleichbed. aengl. borda schwache Nebenform den -ker-Suffix abgeleitet aus mniederd. böde,
zu dem unter ↑ 2 Bord behandelten Wort. Siehe bödde »hölzerne Wanne«, das dem hochd. ↑ Bütte
auch ↑ bordieren. entspricht.
Böschung »Abhang, Abschrägung im Gelände«: Bottich: In dem zunächst nur süddeutschen Wort
Das Fachwort der Festungsbaukunst, das zuerst mhd. botech(e), botige, ahd. botega haben sich ver-
im 16. Jh. auftritt, bezeichnete ursprünglich die mutlich roman. Abkömmlinge von griech.-lat.
mit dicht und niedrig gehaltenem Strauchwerk apotheca »Abstellraum, Magazin« (vgl. z. B. mlat.
befestigten Abhänge mittelalterlicher Festungs- potecha »Abstellraum, Vorratslager« und span.
wälle, die selbst Kanonenschüsse aushalten bodega »Weinkeller«) und vulgärlat. buttis
konnten, dann schräge Flächen aller Art. Bö- »Fass« (vgl. z. B. mlat. butica und ital. botte
183 Bouillon – brackig
»Fass«) miteinander vermischt. Siehe auch wurde im 18. Jh. aus gleichbed. engl. to box ent-
↑ Böttcher und ↑ Bütte. lehnt. Eine weitere Anknüpfung ist unsicher. –
Bouillon »Fleischbrühe«: Das Wort wurde im
18. Jh. aus franz. bouillon entlehnt. Das zugrunde
liegende Verb franz. bouillir »wallen, sieden«
Abl.: Boxen »Faustkampf«; Boxer »Faustkämp-
fer« (Ende 18. Jh.), auch übertragen gebraucht als
Name einer Hunderasse (19. Jh.).
M
B
geht auf gleichbed. lat. bullire (eigentlich »Blasen
werfen«) zurück, das seinerseits von lat. bulla
Boykott Ȁchtung; Abbruch bestehender (wirt-
schaftl.) Beziehungen«: Der Ausdruck wurde im
M
brac
»Blase« abgeleitet ist. 19. Jh. aus gleichbed. engl. boycott entlehnt. Hin-
Boulevard: Die Bezeichnung für »breite ter diesem Wort steht der zur Gattungsbezeich-
(Ring)straße« wurde im späten 16. Jh. aus gleich- nung gewordene Name eines britischen Haupt-
bed. franz. boulevard entlehnt. Dies stammt sei- manns und Gutsverwalters, der wegen seiner
nerseits aus mniederl. bolwerc, das dt. ↑ Bollwerk Härte gegen die Bauern von der irischen Landliga
entspricht. – Die Ringstraßen verlaufen oft im geächtet wurde. – Das entsprechende Verb engl.
Zuge alter Stadtbefestigungen. to boycott ist die Quelle für unser Verb boykottie-
Bourgeoisie »(wohlhabendes) Bürgertum«: Das ren »ächten, in Verruf erklären« (Ende 19. Jh.).
Wort wurde im späten 18. Jh. aus franz. bourgeoi- Brache »unbestellter Acker«: Das Substantiv mhd.
sie entlehnt, einer Bildung zu franz. bourgeois brache, ahd. brahha ist wohl eine Bildung zu dem
»Bürger«. Seit Marx und Engels ist es im Dt. ein unter ↑ brechen behandelten Verb und bedeutete
abwertend gemeinter gesellschaftswissenschaft- dann ursprünglich »das Brechen«, dann speziell
licher Terminus im Sinne von »kapitalistische »erstes Umbrechen des Bodens«, vgl. mniederl.
Ausbeuterklasse«. Das zugrunde liegende Sub- brake »Stück, Brocken; Bruch; Brechwerkzeug«
stantiv franz. bourg »Burg; Marktflecken« und aengl. bræ  c »Bruch; Zerstörung; Streifen un-
stammt aus afränk. * burg, das zu dem unter gepflügten Landes«. In der alten Dreifelderwirt-
↑ Burg behandelten germ. Wort gehört. schaft blieb ein Drittel der Flur nach der Ernte
Bouteille ↑ Buddel. des Sommerkorns als Stoppelweide liegen und
Bovist, (auch:) Bofist: Der Name des Bauchpilzes, wurde erst im folgenden Juni gepflügt und zur
dessen reife Sporen unter einem Fußtritt stäu- Aufnahme der Winterfrucht vorbereitet. Der Juni
bend entweichen, bedeutet eigentlich »Füchsin- heißt deshalb auch Brachet, Brachmonat, Brach-
furz«. Der erste Bestandteil von spätmhd. vohen- mond (ahd. brachod, mhd. brachot, eigentlich
vist ist mhd. vohe »Füchsin« (man beachte Fähe »Zeit des Brachens«, mhd., ahd. brachmanot).
[↑ Fuchs] weidmännisch für »Füchsin«), der Das Pflügen hieß früher brachen (mhd. brachen,
zweite Bestandteil ist mhd. vist »Bauchwind«. ahd. brahhon), das Feld nennt man heute Brache
Das spätmhd. vohenvist wurde md. und niederd. oder Brachfeld (ahd. brachvelt, mhd. brachvelt).
dissimiliert zu bo-, povist, die landsch. zu Buben- Aus der mhd. Fügung in brache ligen hat sich das
oder Pfauenfist umgedeutet und wegen der alten Adjektiv brach »unbenutzt, unbebaut« entwi-
v-Schreibung als Lehnwort missverstanden wur- ckelt (17. Jh.), das in brachliegen auch übertragen
den. Gleichbed. niederl. wolfsveest stimmt zu gebraucht wird. Der Brachvogel (mhd. brachvo-
franz. vesse-de-loup, span. pedo de lobo u. a. ro- gel, ahd. brahfogal, eine Art Schnepfenvogel) ist
man. Namen; vgl. auch die nlat. wissenschaftl. so benannt, weil er sich gerne auf Brachen auf-
Bezeichnung Lycoperdon, eigentlich »Wolfsfurz«. hält.
Bowle: Die Bezeichnung für ein »Getränk aus Brachialgewalt »rohe Gewalt«: Das Bestimmungs-
Wein, Schaumwein, Früchten oder aromatischen wort dieser seit Ende des 19. Jh.s belegten Zusam-
Pflanzen (und Zucker)« wurde im 18. Jh. aus engl. mensetzung ist das von lat. bracchium »Arm« ab-
bowl »(Punsch)napf« entlehnt, das auf aengl. geleitete Adjektiv lat. bracchialis »den Arm be-
bolla »Schale« zurückgeht. Verwandt damit sind treffend«. Das Wort meint also eigentlich »Ge-
ahd. bolla, mhd. bolle »Schale, bügelförmiges Ge- waltanwendung unter Zuhilfenahme der Arme«.
fäß; Knospe, Fruchtknoten«, nhd. Bolle »Zwie- ber lat. bracchium vgl. ↑ Brezel.
bel«, schwed. bulle »Brötchen«. brachliegen, Brachmonat, Brachmond ↑ Brache.
Box: Das im Sinne von »Behälter; Unterstellraum; Brachse oder Brachsen »ein karpfenartiger Fisch«:
Pferdestand« gebräuchliche Wort wurde Mitte Mhd. brahsem, ahd. brahsema, brahsa gehören
des 19. Jh.s aus engl. (aengl.) box entlehnt, das auf mit nordd. Brasse, Brassen (ein Seefisch), mnie-
vulgärlat. buxis (= lat. pyxis) »(aus Buchsbaum- derd. brassem, niederl. brasem, schwed. braxen
holz hergestellte) Büchse« (vgl. ↑ Buchs) zurück- zu der Wortgruppe von mhd. brehen »plötzlich
geht und somit formal und in der Bedeutung un- aufleuchten« (vgl. ↑ Braue). Der Fisch ist also
serem Lehnwort ↑ Büchse entspricht. – Zus.: nach den glänzenden Schuppen benannt.
Mailbox »elektronischer Briefkasten für den Brachvogel ↑ Brache.
Austausch von Nachrichten in Computersyste- brackig »mit Seewasser gemischt, salzhaltig«: Das
men« (aus gleichbed. engl. mail box, vgl. seit dem 19. Jh. bezeugte Adjektiv steht für älteres
↑ E-Mail). gleichbedeutendes brack, mniederd. brak, nie-
boxen »mit den Fäusten kämpfen«: Das Verb derl. brak, brakkig, dessen Herkunft unklar ist
Branche – brauchen 184
(vielleicht zu der unter ↑ morsch behandelten hört – mit im Einzelnen unklaren Entwicklungs-
Wortgruppe). Dazu Brackwasser »Gemisch von stufen – zu den unter ↑ brühen oder unter ↑ bren-
MB Salz- und Süßwasser« (17. Jh.).
Branche: Die Bezeichnung für einen »Wirtschafts-
oder Geschäftszweig« wurde im 18. Jh. aus gleich-
nen behandelten Wörtern. Eng verwandt sind
z. B. lat. fretum »Wallung, Hitze«, lat. fretale
»Bratpfanne« und aisl. bræ  da »schmelzen, tee-
MBran bed. franz. branche entlehnt. Das Wort bedeutet
im Franz. eigentlich »Ast, Zweig«. Dieses geht zu-
ren«. Nicht verwandt ist das Substantiv ↑ Bra-
1
ten. – Zus.: Bratspieß (↑ Spieß).
rück auf vulgärlat. branca »Pranke, Pfote«, des- Braten: Die Herkunft des agerm. Substantivs mhd.
sen Herkunft dunkel, möglicherweise keltisch brate, ahd. brato »schieres Fleisch, Weichteile«,
ist. mniederl. brade »Wade, Muskel, Faser«, aengl.
Brand: Das agerm. Wort mhd., ahd. brant, niederl. bræ d »Fleisch«, aisl. brað »Fleisch« ist unge-
brand, engl. brand, schwed. brand ist eine Bil- klärt. Das Wort hat nichts mit ↑ braten zu tun, er-
dung zu dem im Nhd. untergegangenen starken hielt aber im Mhd. durch Anlehnung an dieses
Verb mhd. brinnen, ahd. brinnan (vgl. ↑ brennen). Verb die Bedeutung »gebratenes Fleisch«. In
Es bedeutete zunächst »Feuerbrand, Feuers- Wildbret (↑ wild) ist die ursprüngliche Bedeu-
brunst«, dann »das Brennen von Tonwaren, Kalk, tung noch bewahrt; dagegen ist die Zusammen-
Ziegeln«, auch »Brandzeichen« (z. B. bei Pferden) setzung Bratwurst (mhd., ahd. bratwurst, eigent-
und entwickelte zahlreiche übertragene Bedeu- lich »Fleischwurst«) wieder an braten angelehnt.
tungen, z. B. als Bezeichnung einer Pflanzen- Das n der nhd. Form Braten ist aus den schwach
krankheit. Zus.: brandmarken (eigentlich »ein gebeugten obliquen Kasus in den Nominativ
[schändendes] Zeichen einbrennen«, heute übergetreten.
meist übertragen für »öffentlich bloßstellen, an- Bratsche: Die Bezeichnung für das Streichinstru-
prangern« gebraucht; im 17. Jh. zu älterem brand- ment ist seit dem 17. Jh. bezeugt. Sie ist gekürzt
merk, -mark »Brandmal« gebildet); brandschat- aus Bratschgeige, das aus ital. viola da braccio
zen »(durch Branddrohung) erpressen« (im »Armgeige« entlehnt ist (entsprechend ital. viola
14. Jh. brantschatzen; vgl. ↑ Schatz), dazu Brand- da gamba in ↑ Gambe). ber das vorausliegende
schatzung »Zahlung zum Loskauf von Plünde- Substantiv lat. bra(c)chium »Arm« vgl. ↑ Brezel.
rung und Brand« (14. Jh.); Brandsohle (18. Jh.; die ber ital. viola s. ↑ Violine. – Abl.: Bratscher, Brat-
innere Schuhsohle wird aus geringerem Leder ge- schist »Bratschenspieler«.
macht, in dem meist das Brandzeichen der Tiere Bratspieß ↑ 1 Spieß.
sitzt). – Das Adjektiv brandneu ist eine Lehnüber- Bratwurst ↑ Braten.
setzung von engl. brand-new, eigentlich »frisch brauchen: Das agerm. Verb mhd. bruchen, ahd.
vom Feuer« (20. Jh.). Siehe auch ↑ Brandung. bruhhan, got. brukjan, mniederl. bruken, aengl.
branden ↑ Brandung. brucan ist verwandt mit lat. frui »genießen«, lat.
Brandung: Die heutige Form ist im 18. Jh. zum ers- fructus »Ertrag, (Acker)frucht« (↑ Frucht) und
ten Mal bezeugt und steht für älteres Branding lat. frux, -gis »(Feld)frucht« (↑ frugal). Die Grund-
(17. Jh.), das aus dem Niederl. (niederl. branding) bedeutung ist »Nahrung aufnehmen«, aus der
entlehnt ist. Dieses Substantiv ist abgeleitet von sich die allgemeineren Bedeutungen »genießen,
dem niederl. Verb branden »brennen«, das eine in Genuss von etwas sein, an etwas teilhaben;
unter dem Einfluss des Substantivs mniederl. nutzen, anwenden, verwenden« und schließlich
brant »Brand, Feuer« gebildete Nebenform zu die Bedeutung »benötigen, nötig haben« entwi-
dem unter ↑ brennen behandelten Verb ist. Die ckelten, an die sich die Verwendung von brau-
Brandung wird also mit der Bewegung der Flam- chen als Modalverb anschließt. – Abl.: Brauch
men oder mit einer kochenden Masse verglichen. (mhd. bruch, ahd. bruh »Nutzen, Gebrauch«, seit
Vermutlich zu Brandung erst gebildet ist bran- dem 16. Jh. besonders »Sitte, Gewohnheit [einer
den, das im 18. Jh. zuerst in dichterischer Sprache Gemeinschaft]«), dazu Brauchtum (volkskundli-
von den Meereswellen und später auch übertra- ches Fachwort des 20. Jh.s) und Nießbrauch (↑ ge-
gen gebraucht wird. nießen); brauchbar »tauglich« (17. Jh.). Zusam-
Branntwein: Die zuerst aus Wein und Weinrück- mensetzungen und Präfixbildungen: gebrauchen
ständen, dann auch aus Getreide destillierte (mhd. gebruchen, ahd. gibruhhan verstärkte ein-
Flüssigkeit heißt mhd. gebranter wı̄n, im 16. Jh. faches brauchen »verwenden« und hat es jetzt
zusammengerückt brantewein (aus entspr. mnie- weitgehend ersetzt), dazu Gebrauch (mhd. ge-
derd. brandewı̄n, niederl. brandewijn stammt bruch, nhd. zeitweise auch für »Gewohnheit«)
engl. brandy). Brennen (s. d.) bedeutet hier und gebräuchlich (im 18. Jh. für älteres bräuch-
»durch Erhitzen verdampfen«. Anfänglich war lich); missbrauchen »falsch oder böse gebrau-
der Branntwein nur äußerlich angewandtes Heil- chen« (mhd. missebruchen, ahd. misbruhhan; vgl.
mittel; s. auch Weinbrand (↑ Wein). ↑ miss...), dazu Missbrauch (16. Jh.); missbräuch-
Brasse, Brassen ↑ Brachse. lich (17. Jh.); verbrauchen »zu Ende (ge)brau-
braten: Das westgerm. starke Verb mhd. braten, chen« (frühmhd. verbruchen, dann aber erst seit
ahd. bratan, niederl. braden, aengl. bræ  dan ge- dem 15. Jh. wieder bezeugt), dazu Verbrauch und
185 Braue – brechen
Verbraucher (im 18./19. Jh. für Konsumtion und »Lärm«; vgl. niederl. bruis »Schaum; Gischt«; vgl.
Konsument). Saus unter ↑ sausen); Brause »Wasserverteiler der
Braue: Mhd. bra »Braue, Wimper«, ahd. bra(wa)
»Braue, Wimper, Lid«, asächs. braha »Braue«
aengl. bræ w »Braue, Augenlid«, aisl. bra »Wim-
Gießkanne, Dusche« (im 17. Jh. aus niederd.
bruse übernommen; in der Bedeutung »Limo-
nade« aus Brauselimonade gekürzt, 20. Jh.).
M
B
per« hängen mit got. brahva in in brahva augins
»im Augenblick«, eigentlich »im Aufleuchten der
Braut: Das gemeingerm. Wort mhd., ahd. brut, got.
bruÞs (»Schwiegertochter«), engl. bride, schwed.
M
brec
Augen« zusammen. Verwandt sind im germ. brud ist dunklen Ursprungs. Im Dt. wurde es seit
Sprachbereich z. B. mhd. brehen »plötzlich und dem 16. Jh. auch im Sinne von »Verlobte« ge-
stark aufleuchten, funkeln« und aisl. braga bräuchlich und verdrängte mhd. gemahel aus
»glänzen, flimmern«. Die gesamte germ. Wort- dieser Bedeutung (↑ Gemahl). Ugs. wird es auch
gruppe gehört zu der unter ↑ braun dargestellten im Sinne von »Freundin, Mädchen« verwendet. –
idg. Wurzel. Die ursprüngliche Bedeutung von Abl.: bräutlich (mhd. brutlich, ahd. brutlı̄h). Die
Braue lässt sich nicht mit Sicherheit ermitteln, zahlreichen Zusammensetzungen beziehen sich
weil bereits in den älteren Sprachstadien die Be- vor allem auf die Vermählung (Brautmesse,
deutungen »Braue« und »Lid (mit Wimpern)« -kranz, -schleier, -stuhl, -bett, -nacht usw.), dann
nebeneinander hergehen. Schon das Ahd. unter- auch auf die Verlobungszeit (Brautschau, -stand,
schied darum die ubarbra »(obere) Braue« von -zeit).
der unter- oder wintbra (↑ Wimper). Wahrschein- Bräutigam: Die agerm. Zusammensetzung mhd.
lich bezeichnete das Wort ursprünglich das Lid briutegome, ahd. brutigomo, niederl. bruidegom,
als »das Zwinkernde, Blinzelnde«. aengl. brydguma (engl. bridegroom nach groom
brauen: Mhd. briuwen, bruwen, ahd. briuwan, bru- »Jüngling«), schwed. brudgum enthält als ersten
wan, niederl. brouwen, engl. to brew, schwed. Bestandteil das unter ↑ Braut behandelte Wort,
brygga »brauen« sind germ. Verbbildungen zu der zweite Bestandteil ist das im Nhd. unterge-
der unter ↑ Bärme »Bierhefe« genannten idg. gangene gemeingerm. Wort für »Mann«: mhd.
Wurzelform * bher()- »aufwallen«, die vielfach gome, ahd. gomo (verwandt z. B. mit lat. homo
in Bezeichnungen des Gärens und gegorener »Mann, Mensch«; ↑ Humus). Bräutigam bezeich-
Speisen und von Getränken erscheint. Vgl. z. B. net heute den Verlobten am Hochzeitstag und in
lat. defrutum »eingekochter Most« und thrak. der Zeit davor.
brytos »Gerstenbier«, weiterhin die unter ↑ Brot brav »artig, folgsam, redlich«: Das Adjektiv wurde
und ↑ brodeln genannten germ. Wörter. Da zum Anfang des 16. Jh.s aus franz. brave »tapfer« ent-
Bierbrauen würzende Zutaten (besonders Hop- lehnt, das seinerseits aus ital. bravo (= span.
fen) gehören, wird das Verb brauen schon in mhd. bravo) »wacker, unbändig, wild« stammt (s. auch
Zeit auch auf die Herstellung anderer Getränke ↑ bravo!, ↑ Bravour, ↑ bravourös). Das ital. Wort
übertragen (heute ugs. z. B. bei Punsch, Kaffee, geht auf vulgärlat. * brabus (lat. barbarus)
Arzneien). Abl.: Brauer (mhd. brouwer); Brauerei »fremd; ungesittet« zurück. ber weitere Zu-
»Bierherstellung, Brauhaus« (17. Jh.). sammenhänge vgl. ↑ Barbar.
braun: Das agerm. Farbadjektiv mhd., ahd. brun, bravo! »trefflich!«, bravissimo! »ausgezeichnet!«:
niederl. bruin, engl. brown, schwed. brun beruht Das unter ↑ brav genannte Adjektiv ital. bravo
auf einer Bildung zu der idg. Wurzel * bher- wurde – wie auch das superlativische bravis-
»(weiß, rötlich, braun) schimmern(d), leuch- simo – in der ital. Oper zum stürmischen Beifalls-
ten(d), glänzen(d)«, vgl. griech. phrýne »Kröte«, ruf der Zuschauer an die gefeierten Sänger. Von
eigentlich »die Braune«. Zu dieser vielfach wei- daher in die Allgemeinsprache übernommen, ge-
tergebildeten und erweiterten idg. Wurzel gehö- langten die beiden Wörter im 18. Jh. ins Deut-
ren ferner die Tierbezeichnungen ↑ Bär und ↑ Bi- sche.
ber (beide eigentlich »der Braune«), die Baumbe- Bravour »Schneid« (besonders auch in Zusam-
zeichnung ↑ Birke (nach der leuchtend weißen mensetzungen wie Bravourstück »Glanzleis-
Rinde), die Fischbezeichnung ↑ Brachse(n), Bras- tung«): Das Wort wurde im späten 18. Jh. aus
se(n) (nach den glänzenden Schuppen), der Per- gleichbed. franz. bravoure entlehnt, das seiner-
sonenname Bruno und das unter ↑ Braue (eigent- seits aus ital. bravura »Tüchtigkeit, Tapferkeit«
lich »das Zwinkernde, Blinzelnde«) behandelte übernommen ist. ber das zugrunde liegende
Wort. Das agerm. Adjektiv wurde früh ins Ro- Adjektiv ital. bravo vgl. ↑ brav. – Abl.: bravourös
man. entlehnt, vgl. franz. brun, ital., span. bruno »schneidig, meisterhaft« (Anfang 20. Jh.).
(↑ brünett). brechen: Das agerm. starke Verb mhd. brechen,
brausen: Das auf das dt. und niederl. Sprachgebiet ahd. brehhan, got. brikan, niederl. breken, engl. to
beschränkte Verb mhd. brusen, niederl. bruisen break gehört mit verwandten Wörtern in ande-
ist entweder lautnachahmenden Ursprungs oder ren idg. Sprachen zu der idg. Wurzel * bhreğ-
gehört zu der Wortgruppe von ↑ brauen. Abl.: »brechen, krachen«, vgl. z. B. lat. frangere
Braus nur noch in der Wendung in Saus und »(zer)brechen« (s. die Lehnwortgruppe um
Braus (= verschwenderisch) leben (mhd. brus ↑ Fragment). Um das Verb brechen gruppieren
Brei – brennen 186
1
sich die ablautenden Substantive ↑ Bruch, ↑ Bro- Breite (mhd. breite, ahd. breitı̄, vgl. got. braidei;
cken und ↑ Brache und wahrscheinlich das unter seit mhd. Zeit auch für »Ackerfläche«; die geo-
MB ↑ prägen behandelte Verb. Aus einem im Hochd.
untergegangenen ablautenden Verb stammt
↑ Pracht. Schließlich gehört als alte Entlehnung
grafische Bed. »Polhöhe eines Ortes« geht von
der Vorstellung der – auf den Karten waagerech-
ten – Breitenkreise aus, die die Erdkugel sozu-
MBrei ins Roman. auch ↑ Bresche hierher. – Das starke
Verb war ursprünglich transitiv, wurde dann
sagen »der Breite nach« teilen); breiten »aus-
einanderdehnen« (mhd., ahd. breiten, vgl. got.
auch intransitiv gebräuchlich und erscheint in usbraidjan), heute meist durch ausbreiten und
bekannten Redensarten, wie z. B. eine Lanze für verbreiten ersetzt (verbreitern dagegen ist »brei-
jemanden brechen (eigentlich beim Turnier), ter machen«), dazu unterbreiten »(ein Schrift-
Streit (eigentlich eine Latte) vom Zaun brechen, stück) vorlegen« (19. Jh., aus der österr. Kanzlei-
etwas (voreilig, ohne Sorgfalt) übers Knie bre- sprache). Zus.: Breitseite (eines Schiffes, danach
chen. Vom Magen wird (sich er)brechen seit dem das zusammengefasste Feuer der Geschütze ei-
14. Jh. gesagt. Vgl. auch ↑ radebrechen. – Abl.: Bre- ner Schiffsseite; 19. Jh.).
cher »Sturzsee« (19. Jh.; Lehnübersetzung von Breme ↑ 2 Bremse.
1
engl. breaker, älter ist niederd. bräcker). – Zu- Bremse »Hemmvorrichtung«: Die heutige Form
sammensetzungen und Präfixbildungen: aufbre- geht zurück auf spätmhd. bremse »Nasen-
chen (mhd. uf brechen; die Bed. »sich erheben, klemme«, das aus dem Mniederd. (mniederd.
fortgehen« meint eigentlich »das Lager auf bre- premese »Nasenklemme«) entlehnt ist. Das
chen«, ähnlich wie das bildliche seine Zelte ab- mniederd. Wort gehört zu mniederd. prame
brechen), dazu Aufbruch (mhd. uf bruch); ausbre- »Zwang, Druck«, pramen »drücken«, deren Her-
chen (mhd. ubrechen, ahd. ubrehhan); einbre- kunft ungeklärt ist. Bremse bezeichnete zu-
chen (mhd. ı̄nbrechen, ahd. ı̄nbrehhan), dazu Ein- nächst eine Vorrichtung zum Klemmen, speziell
brecher (16. Jh.) und Einbruch (mhd. ı̄nbruch die Nasenklemme zur Bändigung störrischer
»Eingriff, Eindringen, Einbruch«); Gebrechen Pferde, seit dem 17. Jh. auch eine Vorrichtung
»(körperlicher) Mangel« (mhd. gebrechen für äl- zum Hemmen in Bergwerken und Mühlen. Seit
teres gebreche); gebrechlich »hinfällig« (mhd. ge- dem 19. Jh. verbindet man mit dem Wort meist
brechlich); verbrechen (mhd. verbrechen, ahd. die Radbremse an Pferde-, Eisenbahn- und Kraft-
farbrechan, eigentlich wie zerbrechen ein ver- wagen.
2
stärktes brechen mit der Bed. »zerstören, ver- Bremse: Die Bezeichnung für »Stechfliege« wurde
nichten«; in der Rechtssprache wurde es vom im 17. Jh. aus dem Niederd. ins Hochd. übernom-
Brechen des Friedens, eines Eides oder Gesetzes men. Niederd. bremse, ahd. brimissa, niederl.
gebraucht, seit dem 18. Jh. nur noch mit allgemei- brems, schwed. broms gehören zu dem im Nhd.
nem Objekt: etwas verbrechen; scherzhafte untergegangenen starken Verb mhd. bremen,
bertragungen wie ein Gedicht verbrechen sind ahd. breman »brummen« (vgl. ↑ brummen). Zu
ganz jung), dazu Verbrechen »(schweres) Verge- diesem Verb gebildet ist auch ahd. bremo, mhd.
hen« (17. Jh.), Verbrecher (mhd. verbrecher; beide breme »Stechfliege«, das oberd. und md. mund-
Wörter wurden früher auch bei leichten bertre- artl. als Breme bewahrt ist. Das Insekt ist also
tungen gebraucht), verbrecherisch (18. Jh.); s. a. nach dem brummenden Geräusch benannt, das
unverbrüchlich unter ↑ 1 Bruch; zerbrechen (mhd. es beim Fliegen verursacht.
zerbrechen, ahd. zibrehhan), dazu zerbrechlich brennen: Das gemeingerm. Verb mhd. brennen,
(18. Jh.). ahd. brennan, mniederd. (mit r-Umstellung) ber-
Brei: Das westgerm. Wort mhd. brı̄(e), ahd. brı̄o, nen (↑ Bernstein), got. (in-, ga)brannjan, engl. to
niederl. brij, aengl. brı̄w gehört im Sinne von burn, schwed. bränna ist das Kausativ zu dem im
»Sud, Gekochtes« zu der unter ↑ brennen darge- Nhd. untergegangenen starken Verb mhd. brin-
stellten idg. Wurzel. nen, ahd. brinnan »brennen, leuchten«, got. brin-
breit: Das gemeingerm. Adjektiv mhd., ahd. breit, nan »brennen«, aengl. beornan, schwed. brinna
got. braiÞs, engl. broad, schwed. bred ist dunklen »brennen«. Im Nhd. hat brennen, um das sich die
Ursprungs. Es bezeichnete ursprünglich ganz all- Präfixbildungen entbrennen und verbrennen so-
gemein die Ausdehnung (so noch in weit und wie ab-, an-, auf-, aus-, durch-, einbrennen grup-
breit, bildlich in der Wendung die breite Masse), pieren, die Bedeutungen des starken Verbs mit
dann die Querausdehnung eines Gegenstandes übernommen. Das gemeingerm. starke Verb, zu
(breite Straße). In den oft zusammengeschriebe- dem die unter ↑ Brand und ↑ Brunst behandelten
nen formelhaften Maßbezeichnungen eine Wörter gebildet sind, gehört zu der idg. Wurzel
Handbreit, einen Fingerbreit u. Ä. stand es früher * bher()- »quellen, (auf)wallen, sieden« und be-
mit dem Genitiv (z. B. mhd. eines hares breit). zeichnet demnach eigentlich das heftige Züngeln
Jung sind die ugs. Ausdrücke sich breitmachen der Flammen. Abl.: brenzeln (s. d.). – Zus.: abge-
»anmaßend sein«, breittreten »wortreich darle- brannt (16. Jh., »wem das Haus abgebrannt ist«,
gen oder verbreiten«, breitschlagen »überreden« danach gaunersprachlich und studentisch für
(dies wohl aus der Metallverarbeitung). – Abl.: »verarmt, ohne Geld«; 2. Partizip von abbrennen);
187 brenzeln – Brief
durchbrennen (eigentlich von hindurchdringen- nung der Bühne als Bretter); brettern (Adj.,
dem Feuer; in der Bed. »[den Gläubigern] davon- 15. Jh.).
laufen« um 1840 studentisch); Branntwein (s. d.);
Brennnessel (16. Jh., für mhd. eiterneel, eigent-
lich »Giftnessel«; vgl. ↑ Nessel); Brennpunkt (einer
Brevier »Gebetbuch (katholischer Geistlicher);
Sammlung bedeutsamer Buchstellen«: Das Wort
wurde im 15. Jh. in der Form breviere aus mlat.
M
B
optischen Linse; 17. Jh., Lehnübersetzung für lat.
punctum ustionis).
breviarium »kurzes Verzeichnis, Auszug« ent-
lehnt. ber das zugrunde liegende Adjektiv lat.
M
Brie
brenzeln »verbrannt riechen«: Das seit dem 16. Jh. brevis »kurz« vgl. das Lehnwort ↑ Brief.
bezeugte Verb ist eine Verkleinerungsbildung zu Brezel: Mhd. prezel, prezile, brezel, ahd. brezzila,
frühnhd. brenzen »verbrannt riechen«, das von brezzitel(la) gehen wahrscheinlich auf eine Ver-
dem unter ↑ brennen behandelten Verb abgeleitet kleinerungsbildung zu lat. bracchium »(Un-
ist. Abl.: brenzlig »angebrannt«, ugs. für »ver- ter)arm« zurück, dessen roman. Folgeform etwa
dächtig, bedenklich« (im 17. Jh. in der Form bren- in ital. bracciatello »Brezel« fassbar wird. Diese
zelicht). Herleitung wird vom Sachlichen her durch die
Bresche: Das seit etwa 1600 bezeugte Substantiv Form der Brezel gestützt, die an verschlungene
ist eigentlich ein militärisches Fachwort des Fes- Arme erinnert. – Lat. bracchium, das auch den
tungs- und Belagerungskampfes. Es bezeichnete Lehnwörtern ↑ Brachialgewalt und ↑ Bratsche zu-
ursprünglich die aus einer Festungsmauer he- grunde liegt, ist selbst Lehnwort aus griech. bra-
rausgeschossene Öffnung, als Ersatzwort für chı́on »(Ober)arm«. Dies ist vielleicht Kompara-
frühnhd. lucke. Heute wird das Wort vorwiegend tivform von dem mit lat. brevis »kurz« (↑ Brief,
übertragen gebraucht im Sinne von »gewaltsam ↑ Brevier usw.) urverwandten Adjektiv griech.
gebrochene Lücke; Durchbruch« (militärisch brachýs »kurz« und bedeutet dann eigentlich
und allgemein). Man beachte dazu die Redewen- »kürzeres Stück (des Armes)«. – Dazu: aufbre-
dungen eine Bresche schlagen und in die Bresche zeln »sich herausputzen«. Weil Brot und Brezel
springen. Quelle des Wortes ist franz. brèche frisch besonders wohlschmeckend sind, werden
»Bresche«, das seinerseits aus dem Germ. ältere Backwaren aufgebacken, besonders wirk-
stammt und wohl auf einem zur Wortfamilie von sam ist dies bei Brezeln. Daraus erklärt sich die
dt. ↑ brechen gehörenden afränk. * breka »Bruch« Wendung auf backen wie eine Brezel. Nach dem
beruht. Muster von auftakeln, aufgetakelt wird im 20. Jh.
auf brezeln, aufgebrezelt gebildet und auf deut-
Brett lich sichtbar herausgeputzte Menschen ange-
wendet.
ein Brett vor dem Kopf haben
Brief: Mit der Buchstabenschrift, die die Germa-
(ugs.) »begriffsstutzig sein«
nen durch die Römer kennenlernten – die kultur-
Die Wendung geht darauf zurück, dass man frü-
geschichtlichen Zusammenhänge sind unter
her einem störrischen Ochsen bei der Arbeit die
↑ schreiben aufgezeigt –, strömte eine Fülle von
Augen mit einem Brett verdeckte.
fremden Bezeichnungen aus dem Lat. in unseren
bei jmdm. einen Stein im Brett haben Sprachbereich. Auch das Lehnwort Brief gehört
(ugs.) »bei jmdm. (große) Sympathien genießen« in diesen Zusammenhang. Mhd., ahd. brief, briaf
Diese Wendung schließt an die Verwendung von gehen mit entsprechend asächs., afries., aisl. bref
Brett für »Spielplatte«. Sie geht auf das Trick- zurück auf vulgärlat. breve (scriptum) »kurzes
trackspiel zurück, bei dem es darauf ankommt, (Schreiben), Urkunde«, das für klass.-lat. breve –
die Spielsteine gut auf dem Brett zu platzieren. Neutrum von brevis »kurz« – steht. Lange Zeit
Wer einen (guten) Stein im Brett hat, hat Aus- lebte das Wort vorwiegend in der Kanzleisprache
sichten auf Erfolg. und galt dort in der ursprünglichen Bedeutung
von »Schreiben, offizielle schriftliche Mitteilung,
Urkunde«, wie sie noch heute erhalten ist in den
Brett: Das westgerm. Wort mhd., ahd. bret, asächs. Zusammensetzungen Schuldbrief, Freibrief,
bred, aengl. bred gehört im Sinne von »(aus einem Frachtbrief, in dem Kompositum verbriefen »ur-
Stamm) Geschnittenes« zu der unter ↑ bohren be- kundlich garantieren« und in der Wendung Brief
handelten Wortgruppe. Eng verwandt sind und Siegel geben. Die heute übliche gemein-
↑ 1 Bord (dazu Bordell) und ↑ 2 Bord (dazu bordie- sprachliche Bedeutung entwickelte sich in mhd.
ren, Borte). Eine alte Ableitung ist ↑ Pritsche. Das Zeit, ausgehend von der schon älteren Zusam-
Schwarze Brett bezeichnete zunächst im Wirts- mensetzung Sendbrief. Von den zahlreichen mit
haus die Schuldtafel, wo angekreidet wurde Brief (in moderner Bedeutung) gebildeten Wör-
(s. ↑ Kreide), in den Hochschulen seit dem 17. Jh. tern seien erwähnt: Briefschaften (18. Jh.), Brief-
dann auch die Anschlagtafel. – Der Plural Bretter kasten (19. Jh.; aber schon frühnhd. im Sinne von
wird im Sinne von »Skier« gebraucht, vgl. dazu »Archiv«), Briefmarke (19. Jh.), Brieftaube
oberd. Brett(e)l »Ski«. Abl.: Brettl »Kleinkunst- (18. Jh.), Briefträger (18. Jh.; aber schon im 14. Jh.
bühne« (Ende des 19. Jh.s, wohl nach der Bezeich- mit der Bed. »Gerichtsdiener, der amtliche Briefe
Briefing – Brise 188
zustellt«), Briefwechsel (16. Jh.). Die Ableitung rück. Er wurde den Europäern durch lat. beryl-
brieflich stammt aus dem 17. Jh. (ohne Verbin- lus < griech. béryllos (< mind. veruliya < veluriya)
˙
MB dung zu ahd. briaf lı̄h »schriftlich«). – ber die
etymologischen Zusammenhänge von lat. brevis,
das auch ↑ Brevier und ↑ Brimborium zugrunde
vermittelt.
brillieren »glänzen, sich hervortun«: Das Verb
wurde im 18. Jh. aus gleichbed. franz. briller ent-
MBrie liegt, vgl. ↑ Brezel.
Briefing: Das in der 2. Hälfte des 20. Jh.s aus dem
lehnt, das seinerseits aus ital. brillare übernom-
men ist. Das ital. Wort gehört wahrscheinlich mit
Engl. übernommene Wort steht für ein »kurzes einer ursprünglichen Bed. »glänzen wie ein Be-
Informationsgespräch«. Es geht zurück auf ryll« zu lat. beryllus »Beryll«. ber weitere Zu-
gleichbed. engl. briefing, einer von dem Adjektiv sammenhänge vgl. ↑ Brille. – Aus dem Part. Präs.
brief »kurz« abgeleiteten Substantivierung des von franz. briller stammt unser brillant »glän-
Verbes to brief »unterweisen, unterrichten«. Das zend, hervorragend« (18. Jh.), das substantiviert
Adjektiv brief hat sich über das mfranz. bref aus zur Bezeichnung des »geschliffenen Diamanten«
lat. brevis entwickelt und ist über dieses mit dem (schon im Franz.) wird: Brillant (spätes 17. Jh.).
deutschen Substantiv ↑ Brief verwandt. – Abl.: Zur gleichen Wortfamilie gehören noch: Brillanz
briefen »jmdn. über einen Sachverhalt informie- »Glanz; Feinheit« (19. Jh.); Brillantine »Haarpo-
ren«. made« (Ende 19. Jh.; aus franz. brillantine »die
Bries, Briesel, Brieschen »Brustdrüse (Thymus) [dem Haar] Glanz Verleihende«).
des Kalbes; Gericht aus Kalbsbries«: Das erst Brimborium »überflüssiges Drumherum; unnötig
nhd. bezeugte Wort, mit dem gleichbed. norw. großer Aufwand«: Das seit dem späten 18. Jh. ge-
bris, dän. brissel, schwed. (kalv)bräss zu verglei- bräuchliche Wort ist eine latinisierte Form von
chen sind, ist vermutlich mit Brosame (eigentlich franz. brimborion. Das franz. Wort – beeinflusst
»Zerriebenes, Zerbröckeltes«) verwandt und von franz. bribe, brimbe »Gesprächsfetzen«,
nach dem bröseligen Aussehen benannt. Die brimber »betteln« – geht über mfranz. breborion
markartige, als Kinder- und Krankenkost be- »gemurmeltes Gebet, Zauberformel« auf lat. bre-
liebte Drüse bröselt beim Backen. viarium (↑ Brevier) zurück.
Brigade: Die Bezeichnung für »größere Truppen- bringen: Die Herkunft des agerm. Verbs mhd. brin-
abteilung« wurde Anfang des 17. Jh.s aus franz. gen, ahd. bringan, got. briggan, engl. to bring ist
brigade entlehnt, das seinerseits aus ital. brigata nicht sicher geklärt. Vielleicht ist es mit der kelt.
»streitbarer (Heer)haufen« stammt. Das zu- Wortgruppe von kymr. he-brwng »bringen, gelei-
grunde liegende Substantiv ital. briga »Streit« ist ten, führen« verwandt und weiter an * bher »tra-
ohne sichere Deutung. In der Sprache der DDR er- gen« anzuschließen (↑ gebären). Um das einfache
scheint das Wort als »Arbeitsgruppe« durch russ. Verb gruppieren sich mit reicher Bedeutungsent-
Vermittlung. Abl.: Brigadier »Befehlshaber einer faltung die präfigierten und zusammengesetzten
Brigade« (spätes 17. Jh.). Verben abbringen »veranlassen, von etwas abzu-
Brikett: Das Wort für »geformte Presskohle« gehen oder abzulassen«, anbringen »anschlep-
wurde im 19. Jh. aus gleichbed. franz. briquette pen, herbeibringen; anmontieren, befestigen«
entlehnt, einer Ableitung von franz. brique »Zie- (mhd. anebringen), aufbringen »beschaffen; in
gelstein«, dem das Brikett in seiner äußeren Umlauf setzen; erzürnen; ein Schiff stoppen und
Form gleicht. Voraus liegt mniederl. bricke, das kontrollieren« (mhd. uf bringen), beibringen
eigentlich »abgebrochenes Stück« bedeutet und »herbeischaffen, vorlegen; lehren, übermitteln;
zur Wortfamilie von dt. ↑ brechen gehört. von etwas unterrichten«, durchbringen »durch-
brillant, Brillant, Brillantine, Brillanz ↑ brillieren. setzen; am Leben erhalten, ernähren; vergeu-
Brille: Für die Linsen der ersten um 1300 entwi- den«, umbringen »töten« (mhd. umbebringen
ckelten Brillen verwandte man geschliffene Be- »abwenden; verderben lassen, ums Leben brin-
rylle (mhd. berille, barille), nachdem man deren gen«), verbringen »Zeit auf etwas verwenden;
optische Eigenschaft, Gegenstände stark zu ver- verweilen, sich aufhalten« (mhd. verbringen),
größern, erkannt hatte. Danach nannte man zu- vorbringen »vortragen; von sich geben« und zu-
nächst das einzelne Augenglas frühnhd. bringen »verbringen« (mhd. zuobringen). – Abl.:
b(e)rille. Aus der gleichlautenden Pluralform Mitbringsel »kleines Reisegeschenk« (19. Jh.; zu
wurde dann der Singular zur Bezeichnung der mitbringen).
beiden Augengläser zurückgebildet. Das Wort brisant »hochexplosiv; Zündstoff für eine Diskus-
wurde auch beibehalten, als man später dazu sion enthaltend, äußerst aktuell«: Das Adjektiv
überging, die Linsen aus Bergkristall bzw. aus wurde im späten 19. Jh. aus gleichbed. franz. bri-
dem wesentlich billigeren Glas zu schleifen. – sant, dem Part. Präs. von briser »zerbrechen, zer-
Der Ausdruck für den meergrünen Halbedel- trümmern« (aus vulgärlat. brisare »zerquet-
stein Beryll, der wahrscheinlich auch franz. bril- schen«, das seinerseits gall. Ursprungs ist), ent-
ler »glänzen (wie ein Beryll)« zugrunde liegt lehnt. Dazu Brisanz.
(↑ brillieren), geht vermutlich auf den Namen Brise: Der Ausdruck für »Fahrwind, Lüftchen«
der südindischen Stadt Belur (früher: Velur) zu- wurde im 18. Jh. als Seemannswort aus franz.
189 Brocken – Bruch
brise entlehnt, einem in allen roman. und germ. Bronnen ↑ Brunnen.
Sprachen verbreiteten Wort, dessen Ursprung Bronze: Die Bezeichnung für »Legierung aus Kup-
dunkel ist.
Brocken: Das auf das dt. und niederl. Sprachgebiet
beschränkte Substantiv (mhd. brocke, ahd. bro-
fer und Zinn von gelblich brauner Farbe« wurde
im 17. Jh. in der Form Bronzo aus gleichbed. ital.
bronzo entlehnt, später über entsprechend franz.
M
B
cko, niederl. brok) ist eine Bildung zu dem unter
↑ brechen behandelten Verb und bedeutet eigent-
bronze neu entlehnt. Die Vorgeschichte des ro-
man. Wortes ist dunkel, da die Kenntnis der
M
Bruc
lich »Abgebrochenes«. Bronzeherstellung wohl aus dem Orient nach
brodeln »aufwallen, sieden«: Das nur im Dt. be- Italien kommt, vielleicht aus pers. birinğ »Mes-
zeugte Verb (spätmhd. brodelen) ist abgeleitet sing«.
von mhd., ahd. brod »Brühe« (vgl. engl. broth Brosche: Das Wort für »Anstecknadel« wurde im
»Suppe, Brühe« und aisl. broð »Brühe«). Ver- 19. Jh. aus franz. broche »Spieß, Nadel« entlehnt.
wandt sind die unter ↑ brauen und ↑ Brot behan- Voraus liegt galloroman. * brocca »Spitze« –
delten Wörter; s. auch ↑ brutzeln. Eine andere wozu auch ital. broccare »durchwirken« in ↑ Bro-
Bed. »aufwühlen« zeigt brodeln in der Ableitung kat gehört. Das Wort ist gall. Ursprungs (gall.
Aschenbrödel (↑ Asche). * brokkos »Spitze«). – Dazu gehören noch: bro-
Broiler: Das vor allem in Ostdeutschland verwen- schieren »durch Rückstich heften, in Papier bin-
dete Wort für »Hähnchen zum Grillen« ist eine den« (18. Jh.; aus franz. brocher »aufspießen;
Entlehnung aus gleichbed. engl. broiler, einer Ab- durchstechen«); broschiert »geheftet, gebun-
leitung des Verbs to broil »braten«, das wahr- den«; Broschur »Tätigkeit des Broschierens«,
scheinlich auf franz. brûler »brennen, rösten« auch »Broschüre« (20. Jh.); Broschüre »broschier-
zurückgeht. Möglicherweise sind Wort und Sa- tes Schriftwerk (geringeren Umfangs)« (18. Jh.;
che von Bulgarien aus nach Ostdeutschland ge- aus gleichbed. franz. brochure).
langt. Brot: Das agerm. Wort mhd. brot, ahd. prot, nie-
Brokat: Die Bezeichnung für »mit Gold- oder Sil- derl. brood, engl. bread, schwed. bröd bezeich-
berfäden durchwirktes Seidengewebe« wurde am nete zunächst nur die durch ein Treibmittel (Sau-
Ende des 16. Jh.s aus gleichbed. ital. broccato ent- erteig, Hefe) aufgelockerte Form des Nahrungs-
lehnt. Das zugrunde liegende Verb ital. broccare mittels »Brot«, wie sie in Europa seit der Eisen-
»durchwirken« (eigentlich »hervorstechen ma- zeit bekannt ist. Germ. * brauða- »Brot« gehört
chen«) gehört zu dem unter ↑ Brosche genannten wohl zu der unter ↑ brauen behandelten idg.
galloroman. * brocca »Dorn, Spitze«. Wortgruppe und ist dann eng verwandt mit ahd.
Broker: Die Berufsbezeichnung für den Wertpa- brod »Brühe« und engl. broth »Brühe« (↑ bro-
pierhändler findet sich im Dt. seit der 2. Hälfte deln). Es bedeutet demnach eigentlich »Gegore-
des 20. Jh.s belegt. Sie stammt aus dem gleichbed. nes« und bezog sich ursprünglich wohl auf den
engl. Substantiv broker. Dieses geht zurück auf durch die warme Sauerteiggärung getriebenen
anglonorm. brocour, broggour und bedeutete ei- Teig. Schon im Ahd. wurde aber die Bezeichnung
gentlich »Weinhändler«. Brot auch auf die ältere (bereits jungsteinzeitli-
Brom: Das im 1826 von dem franz. Chemiker Ba- che) Form der Brotnahrung übertragen, auf den
lard entdeckte Element wurde seines scharfen, festen Fladen aus ungesäuertem Teig. Für ihn
erstickenden Geruchs wegen nach griech. bro- hatte ursprünglich das unter ↑ Laib behandelte
mos (> lat. bromus) »Gestank« benannt. gemeingerm. Wort gegolten, das nun von Brot zu-
Brombeere: Mhd. bramber, ahd. bramberi ist zu- rückgedrängt wurde. In weiterem Sinne bedeutet
sammengesetzt aus einem im Nhd. untergegan- Brot überhaupt »Nahrung, Lebensunterhalt«
genen Substantiv mhd. brame, ahd. brama (man beachte Wendungen wie sein Brot verdie-
»Dornstrauch« und dem Substantiv ↑ Beere. Der nen, das Gnadenbrot essen und das Adjektiv brot-
erste Teil der Zusammensetzung ist noch leben- los »ohne Lebensunterhalt; nichts einbringend«,
dig in niederd. mundartl. Bram »(Besen)ginster«, 18. Jh.).
ihm entsprechen niederl. braam »Brombeere«, Browser: Das Substantiv mit der Bedeutung »Soft-
engl. broom »Ginster, Besen«. Das Wort bezeich- ware zum Verwalten, Finden und Ansehen von
nete ursprünglich wohl den Stechginster. Dateien« ist eine seit der 2. Hälfte des 20. Jh.s be-
Bronchien: Die medizinische Bezeichnung der legte Entlehnung aus gleichbed. engl. browser, ei-
Luftröhrenäste ist aus gleichbed. lat. bronchia (< ner Ableitung des Verbs to browse »(in etw.) blät-
griech. brógchia) entlehnt. Zugrunde liegt das tern, sich umsehen«. – Abl.: browsen »in Daten-
etymologisch nicht sicher gedeutete Substantiv banken nach etw. suchen«.
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griech. brógchos »Luftröhre, Kehle«. Dazu gehö-