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Die Teilung Britisch-Indiens 1947

Blutiger Weg in die Unabhängigkeit (Michael Mann)

Das Ende der britischen Kolonialherrschaft besiegelte im August 1947 die Teilung des
indischen Subkontinents in die unabhängigen Staaten Indien und Pakistan. Für mehr
als zehn Millionen Menschen auf beiden Seiten der neuen Grenze war das
gleichbedeutend mit Umsiedlung, Flucht und Vertreibung. Der gigantische
Bevölkerungsaustausch ging mit Gewaltexzessen einher, denen mehr als eine Million
Menschen zum Opfer fielen. Bis heute sind die Wunden der Teilung in vielen Bereichen
spürbar, bis heute prägt sie die Politik in Südasien.

Der Vizepräsident der indischen Interimsregierung, Pandit Jawaharlal Nehru, der Berater des
Vizekönigs, Lord Ismay, der Vizekönig von Indien, Lord Louis Mountbatton und der
Präsident der Moslembewegung, Mohammad Ali Dschinnah beschlossen auf der im Juni
1947 in Neu Delhi abgehaltenen Konferenz die Teilung Indiens. (© picture-alliance/dpa, dpa -
Bildarchiv)

Seit Ende des Ersten Weltkrieges glaubten die indischen Nationalisten, es sei nur noch eine
Frage der Zeit, bis Britisch-Indien in die Unabhängigkeit entlassen werden würde. Die Briten
dachten jedoch zu keiner Zeit an eine Unabhängigkeit für ihre Kronkolonie. Bestenfalls – so
die Annahme – würde der künftige Status Britisch-Indiens verändert und dem eines Dominion
gleichen, wie Australien oder Kanada.

Mit dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges spitzten sich die Positionen weiter zu. Auf das
Debakel der mit mangelhaften Kompetenzen ausgestatteten "Cripps-Mission", die Fragen der
Unabhängigkeit nach dem Krieg erörtern sollte, reagierten die Mitglieder des Indischen
Nationalkongresses (Indian National Congress, INC) am 8. August 1942 mit der so genannten
Quit-India-Resolution (Resolution "Raus aus Indien"). Unter dem Motto Do or Die (Jetzt oder
Nie) brachen landesweit und durch alle Schichten der Bevölkerung gehend Unruhen aus, die
die Briten nur mit massivem Militäreinsatz niederschlagen konnten.

Die Lage geriet für die Briten immer weiter außer Kontrolle. Als nach Ende des Krieges eine
Interimsregierung gebildet wurde, die bis zur endgültigen Regelung der Unabhängigkeit
amtieren sollte, weigerte sich der Führer der Muslim-Liga, Mohammad Ali Jinnah, ihr
anzugehören. Da sie nun nur aus Mitgliedern des INC bestand, rief Jinnah für den 16. August
1946 zu einem nicht näher bezeichneten "Tag der direkten Aktion" auf. In Kalkutta (heute
Kolkata) brachen daraufhin schwere Unruhen zwischen Hindus und Muslimen aus, bei denen
nach offiziellen Angaben 4000 Menschen – überwiegend Hindus – getötet wurden.
Politischer 'Hinduismus' und Zwei-Nationen-Theorie

Dass es überhaupt zu einer solchen Eskalation zwischen zwei Religionsgruppen kommen


konnte, hing mit der britischen Wahrnehmung der südasiatischen Gesellschaften zusammen.
Die Kolonialbürokratie hatte sie in den vorausgegangenen Jahrzehnten auf Religionsgruppen
reduziert. Unter Hindus subsumierten die Briten alle, die nicht Christ, Jude, Buddhist oder
Muslim waren. So entstand allmählich ein mehr oder weniger homogener 'Hinduismus', nicht
zuletzt in der gezielten Abgrenzung zu den protestantischen Missionsgesellschaften, die ab
1813 in Britisch-Indien tätig wurden.

Im Zuge der Bildung der indischen Nation am ausgehenden 19. Jahrhundert


instrumentalisierten einzelne indische Politiker Symbole und Figuren dessen, was als bald als
'Hinduismus' galt, auch politisch. Einer der wohl prominentesten Agitatoren war dabei
sicherlich Bal Gangadhar Tilak. Zur selben Zeit redeten auch Schriftsteller wie Bankim
Chattopadhyay und (Re-)Former des 'Hinduismus' wie Dayanand Saraswati einer Hindu-
Nation das Wort, die die Muslime nicht erwähnte oder offen ausgrenzte.

Diese Marginalisierung der Muslime bot Jinnah und seiner Muslim-Liga im Jahr 1940
schließlich die Möglichkeit, von einer Zwei-Nationen-Theorie zu sprechen. Jinnah
argumentierte, dass Muslime und Hindus historisch-kulturell zwei völlig verschiedenen
Nationen angehörten. Ein Ausweg aus dem Dilemma war seiner Ansicht nach deshalb die
Teilung des indischen Subkontinents in zwei separaten Territorien.

Im Jahr 1946 entsandte die britische Regierung Lord Louis Mountbatten nach Indien, der dort
als letzter Vizekönig die Unabhängigkeit zuwege bringen sollte. Um die indischen
Verhandlungspartner unter Druck zu setzen, verlegte er den anvisierten Zeitpunkt des
britischen Abzugs um ein Jahr vor – auf den 15. August 1947. Eine Einigung zwischen der
Muslim-Liga, die inzwischen das alleinige Sprachrohr der Muslime in Britisch-Indien
geworden war, und dem INC brachte Mountbatten nicht mehr zustande. Nachdem die
führenden Mitglieder des INC schließlich resigniert der Teilung zugestimmt hatten, setzte
Mountbatten das Verfahren fest.

Ein weltweit nie da gewesener Bevölkerungsaustausch

Gandhi und Mohammed Ali Jinnah in Bombay, September 1944.

In den bevölkerungsreichen Provinzen Punjab und Bengalen sollte Britisch-Indien entlang


religiöser Mehrheiten und auf der Ebene von Verwaltungsdistrikten geteilt werden. Danach
würde der künftige muslimische Staat aus zwei Landeshälften bestehen: West- und Ost-
Pakistan. Den über 500 Monarchen, Maharajas, Rajas, Sultanen und den vielen
"Duodezfürsten" (Herrscher eines Zwergstaates) stand es frei, welchem Staat sie sich
anschließen oder ob sie unabhängig bleiben wollten.

Ohne um die Einzelheiten der Teilung zu wissen, gab es in den besagten Gebieten schon in
den Monaten davor Unruhen. Vor allem den Sikhs im Punjab wurde mehr und mehr bewusst,
dass sie bei einer Teilung ihrer Provinz am stärksten betroffen sein würden.

Der Grenzverlauf der neuen Staaten wurde schließlich erst einen Tag nach der offiziellen
Unabhängigkeit bekannt gegeben. Juristisch hatten sich die Briten damit der Verantwortung
entzogen, moralisch freilich nicht, denn die Folgen waren verheerend.

Dorfgemeinschaften und Familien wurden auseinandergerissen, als sich im neuen West-


Pakistan Hindus und Sikhs auf den Weg in die Indische Union machten und Muslime nach
West-Pakistan auswanderten. Die Metropole Amritsar, wo der Goldene Tempel der Sikhs
steht, verlor nicht nur sein fruchtbares agrarisches Hinterland, sondern mit Lahore ein
weiteres wichtiges urbanes Zentrum. In Bengalen verlor Kalkutta sein agrarisches Hinterland
und Ost-Pakistan seine ehemalige Kultur- und Handelsmetropole.

Zwischen 1947 und 1950 wanderten nach Schätzungen mehr als 10 Millionen Menschen über
die neuen Grenzen – ein weltweit nie da gewesener Bevölkerungsaustausch.

Mehr als eine Million Tote

Der auf beiden Seiten politisch geschürte Hass entlud sich im Zuge der Teilung entlang
religiöser Trennlinien. In den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit fielen der Gewalt
mehr als eine Million Menschen zum Opfer. Die Folgen dieses Risses durch den
südasiatischen Subkontinent sind bis heute in vielen Bereichen der Gesellschaft zu spüren, vor
allem aber der Politik zwischen der Indischen Union und der Islamischen Republik Pakistan.

Flüchtlinge nach der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan 1947.

Auch die Literatur hat sich dem Trauma der Teilung immer wieder angenommen. Kushwant
Singh etwa ist es in seinem Roman "Train to Pakistan" (Zug nach Pakistan) in wohl
einzigartiger und beeindruckender Weise gelungen, die politische, kulturelle und
gesellschaftliche Katastrophe widerzugeben. Er hat eingefangen, was sich an Unfassbarem
abspielte, an Gräueln in Dorfgemeinschaften, die bislang friedlich zusammenlebten, und unter
Menschen auf dem Weg in ein Land, in das niemand wollte.

Besonders tragisch waren die Folgen der Teilung im Punjab. Vor allem bewahrheiteten sich
hier die Befürchtungen der Sikhs, die bei dem Teilungsplan nicht berücksichtigt worden
waren. Bei ihrem Abgang von der kolonialen Bühne reduzierten die Briten ein letztes Mal die
indische Gesellschaft auf gerade einmal zwei Religionsgruppen. Nahezu alle Sikhs verließen
daraufhin den pakistanischen Teil des Punjab, denn sie wollten nicht in einem muslimisch
definierten Staat leben. Für immer verloren ging durch die Teilung des Punjab dessen
kulturelle Identität.

Im indischen Teil des Punjab litt Delhi, das an der Ostgrenze der Provinz lag, unter dem
Exodus von 330.000 muslimischen Einwohnern – nur wenige Tausend Muslime blieben in
der Stadt. Gleichzeitig strömten über 500.000 Sikhs und Hindus aus dem pakistanischen
Punjab in die Metropole. Noch weit bis in die 1950er Jahre befanden sich Flüchtlingslager im
Zentrum der indischen Hauptstadt. Angesichts der dramatischen Zuwandererzahlen im
Großraum Delhi meisterte die Regierung die Probleme recht gut, indem sie unkompliziert
Wohnsiedlungen errichten ließ. Diese prägen heute noch die städtische Geografie Delhis und
erinnern an die Teilung.

In Pakistan werden bis in die Gegenwart die insgesamt 7,5 Millionen muslimischen
Flüchtlinge, die seit der Teilung aus den nordindischen Städten geflohen oder abgewandert
sind, als eine eigene Gruppe wahrgenommen und als Muhajirs (Migranten) bezeichnet. Sie
ließen sich meist in den Städten der Provinz Sindh am Unterlauf des Indus nieder, vor allem
in Karachi, wo sie bald zur stärksten Bevölkerungsgruppe wurden, eine eigene Identität
entwickelten und nach politischer Repräsentanz verlangten.

Im Unterschied zu Indien, wo überwiegend Flüchtlinge aus dem ländlichen Raum in die


urbanen Zentren Nordindiens wanderten, fanden in Pakistan städtische Auswanderer in einer
strukturell eher vertrauten Umgebung Zuflucht. In begrenztem Rahmen existierten Optionen,
die sich aus dem Umstand individueller oder kollektiver Vorgeschichten ergaben – vielen
Flüchtlingen eröffneten sich solche Chancen freilich nicht.

Fehlende territoriale Einheit des neues Staates Pakistan

Die fehlende territoriale Einheit versprach nichts Gutes für den neuen Staat Pakistan, zu
heterogen waren seine Landesteile im Westen und im Osten. Ohnehin betrachtete sich
Bengalen als eine kulturell und wirtschaftlich eigenständige Region. Die politische Führung,
die sich aus den Eliten West-Pakistans rekrutierte, sah das freilich ganz anders. An der Frage
nach kultureller und sprachlicher Identität – die Mehrheitssprache war im gesamten Staat
Bengali, Amtssprache aber nur das von einer kleinen Minderheit gesprochene Urdu West-
Pakistans – sollte sich der Konflikt 1951 erstmals entzünden.

Zwei Jahrzehnte später eskalierte der Konflikt und mündete 1971 in der Teilung Pakistans. Im
Jahr zuvor hatte das pakistanische Militär geputscht und die vorausgegangenen Wahlen
annulliert, bei denen eine bengalische Regionalpartei die absolute Mehrheit der
Parlamentssitze errungen hatte. Als daraufhin in Ost-Pakistan Unruhen ausbrachen, entsandte
West-Pakistan Truppen, um den Widerstand zu brechen. Innerhalb eines knappen Jahres
fanden zwischen einer und drei Millionen Menschen den Tod. Erst als Indien militärisch
intervenierte, war der Weg frei für die Gründung des Staates Bangladesch.

Kaschmir als Zankapfel der südasiatischen Atommächte

Auch in Kaschmir sind die politischen Folgen der Teilung Britisch-Indiens bis in die
Gegenwart zu spüren. Das Königreich Kashmir, dessen Bevölkerung überwiegend
muslimisch ist, dessen Maharaja jedoch dem Hindu-Glauben anhing, erklärte erst nach
langem Zögern seinen Beitritt zur Indischen Union. Lange hatte der Maharaja mit dem
Gedanken eines unabhängigen Himalaya-Staates gespielt, mit Grenzen zur Afghanistan,
Pakistan, Indien und China. Wegen der demografischen Konstellation erhob jedoch auch
Pakistan Anspruch auf das Territorium Kaschmirs. Von beiden Seiten nahm daher der Druck
auf den Maharaja zu, sich für den Anschluss an den einen oder anderen Staat zu entscheiden.

Als die indische Regierung 1948 Truppen nach Kaschmir entsandte, um einem vermuteten
Präventivschlag Pakistans zuvor zu kommen, brach der erste Krieg zwischen den beiden
Nachfolgestaaten Britisch-Indiens aus. Auf Vermittlung der Vereinten Nationen kam ein
Waffenstillstand zustande. Ein zweiter Krieg um Kaschmir folgte 1965. Seit 1972 trennt eine
"Line of Control" genannte Waffenstillstandslinie die Himalayaregion, ohne dass das
Konfliktpotential dadurch gemindert werden konnte.

Das von den Vereinten Nationen festgelegte Referendum über den Verbleib Kaschmirs lehnt
die indische Regierung ab. Bei den gegenwärtigen demografischen Verhältnissen befürchtet
sie nicht zu unrecht, haushoch zu unterliegen. Stattdessen betrachtet sie den Konflikt als eine
innere Angelegenheit der beiden betroffenen Staaten und verbittet sich jegliche Einmischung
Dritter.

In nicht zu unterschätzendem Maße definiert sich über Kaschmir das nationale


Selbstverständnis der beiden großen südasiatischen Staaten. Ein einseitiger Verzicht auf die
Region käme einem politischen Selbstmord gleich – oder der tatsächlichen Ermordung des
jeweiligen politischen Entscheidungsträgers.

Die Terrorangriffe auf New York und Washington am 11. September 2001 haben auch dem
Konflikt in Kaschmir eine internationale Dimension gegeben. In Indien gab es davor und auch
danach immer wieder spektakuläre Anschläge mit mutmaßlich pakistanisch-islamistischem
Hintergrund – etwa der Angriff auf das indische Parlamentsgebäude im Dezember 2001 und
die Terrorserie von Mumbai (Bombay), bei der im November 2008 mehr als 170 Menschen
ums Leben kamen.

Aufgrund der verfahrenen politischen Situation tauchen inzwischen wieder Forderungen nach
einem unabhängigen Staat Kaschmir auf. Im Jahr 2010 kam es zu einer Serie von Unruhen,
die im (indischen) Kaschmir-Tal vom "Quit Jammu Kashmir Movement" (Raus aus Kaschmir
und Jammu Bewegung) gelenkt wurden. Nur mit Waffengewalt, der über 100 Menschen zum
Opfer fielen, gelang es der indischen Regierung, die Unruhen zu unterdrücken.

Das Atomwaffenarsenal, über das beide Staaten seit 1998 verfügen, birgt zudem die Gefahr,
dass der Krisenherd sich je nach Weltlage auch zu einem überregionalen Konflikt ausweiten
könnte. Das hat sich besonders beim Kargil-Konflikt in Kaschmir 1999 gezeigt, der nur durch
massive Intervention der USA beendet werden konnte. Diese haben sich jedoch unter der
Regierung von Barack Obama als Mediator zurückgezogen. Die Gesprächsbereitschaft
zwischen Pakistan und Indien ist momentan nicht sehr ausgeprägt, was belegt, wie schwelend
die Wunden noch sind, die die Teilung Britisch-Indiens 1947 geschlagen haben.

Quelle: http://www.bpb.de/internationales/asien/indien/44402/die-teilung-britisch-indiens