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№ 112 100 Seiten EM & Spielplan

EM–Spezialausgabe 6,50 €
7,50 (D), SFr. 12 (CH)

P.b.b. Ballesterer Zeitschriftenverlag GmbH,


Porzellangasse 11/9, 1090 Wien, Plus.Zeitung 11Z038956P Juni / Juli 2016 9120073490025 00112
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Editorial 112

Werte
Lesergemeinde,

1
als sich die österreichische Nationalmannschaft zum
letzten Mal sportlich für ein internationales Großturnier
qualifizierte, gab es den ballesterer noch nicht. Der
Großteil der heutigen Redaktion war damals noch nicht
wahlberechtigt, so mancher steckte sogar noch im
Kindergarten. Kein Wunder also, dass wir der bevor­
stehenden Europameisterschaft in Frankreich mit einer

1
Mischung aus ungläubigem Staunen und kindlicher
Vorfreude entgegenblicken. Ganz besonders freut sich
unser Redakteur Benjamin Schacherl, er hat Französisch­
nachhilfe genommen, Flugtickets nach Paris gebucht
und so ziemlich alles herausgefunden, was es zum öster­
reichischen Nationalteam zu sagen gibt. Die Recherche­
ergebnisse unseres EM-Korrespondenten findet ihr
im Schwerpunkt dieser Ausgabe ab Seite 14.

2
Im Ausnahmezustand ist aber nicht nur die
ballesterer-Redaktion, sondern auch das Gastgeber-­
land Frankreich – und das nicht nur im übertragenen
Sinn. In der Mitte dieser Ausgabe findet ihr einen
16-seitigen Spezialteil, der sich dem Fußball und der
Politik Frankreichs in Zeiten von Terrorwarnungen
widmet. Für unser Extra hat Moritz Ablinger zudem
ein Porträt der UEFA geschrieben, schließlich befindet
sich der Kontinentalverband rechtzeitig zur EM in
einer der schwersten Krisen seiner Geschichte.
Abseits der Schwerpunkte stellen wir die rest­
lichen EM-Teilnehmer vor. Wir porträtieren Trainer
und Spieler, analysieren Taktik und Nachwuchsarbeit,
be­­fassen uns mit nationalen Identitäten und Grenz­
ziehungen und werfen einen Blick zurück in unsere
persönlichen Turniererinnerungen.
Wir legen jetzt eine kurze EM-Pause ein, der
nächste ballesterer erscheint, wenn mit dem Start der
Bundesliga wieder der Alltag einkehrt.

Eure ballesterer-Redaktion

112 Editorial
BALLESTERER № 112

STANDARDS
7 ANSTOSS

8 ÜBER UNS

9 KURZPASS

AUTRICHE
14 TURNIERE IN ZAHLEN
Platzverweise und schnelle Tore

16 DER MANN IM TOR


Robert Almer im Interview

20 DIE FANS AUF DER TRIBÜNE


Der Nationalteam-Fanklub „Hurricanes“

24 DIE EX-TEAMCHEFS
Mit Hickersberger & Prohaska im
Schweizerhaus

FRANCE
52 WOLKEN ÜBER NYON
Die UEFA in Not

56 ZWISCHEN RADSPORT UND RUGBY


Der Fußball in Frankreich

58 NACH DEN ANSCHLÄGEN


90 KRAFTWERK Das Turnier und der Terror

92 BILDERSTRECKE TSCHUTTI HEFTLI 60 AUGE UM AUGE


Die Lage der Ligafans
94 ÖSTERREICH GEGEN UNGARN 1914
62 ENTTÄUSCHT VON PLATINI
96 REZENSIONEN Daniel Cohn-Bendit im Interview

98 DIE NOTFALLAMBULANZ 66 DIE EM-STADIEN


Von Lille bis Marseille

BALLESTERER № 112
BALLESTERER № 112

GRUPPE A GRUPPE E
30 FRANKREICH 76 BELGIEN
Hatem Ben Arfas EM-Chancen Vor oder nach dem Höhepunkt?

31 TOUR DE FRANCE: PARIS 77 EM-RANDNOTIZ: ITALIEN

32 SCHWEIZ 78 IRLAND
Die silberne Zwischenkriegszeit Jonathan Walters im Porträt

34 ALBANIEN & SCHWEIZ 79 SCHWEDEN


Mehr als eine Heimat Zlatans letzter Streich

GRUPPE B GRUPPE F
38 WALES 82 PORTUGAL
Aufstieg einer Rugbynation Die ewigen Hoffnungsträger

39 EM-RANDNOTIZ: ENGLAND 84 ISLAND


Mit Geduld und Stabilität
40 SLOWAKEI
Jan Novota hofft auf eine EM-Teilnahme 86 UNGARN
Arbeit am Trauma

88 ÖSTERREICH

GRUPPE C Zur richtigen Zeit das richtige Team

44 DEUTSCHLAND
Autor Jürgen Roth über Fußball vom Reißbrett

45 EM-RANDNOTIZ: DEUTSCHLAND

47 NORDIRLAND
Allmähliche Annäherung

48 POLEN
Vom Lebemann zum harten Hund

GRUPPE D
70 SPANIEN
Gerard Pique ist online

71 EM-RANDNOTIZ: KROATIEN

72 TÜRKEI
Teamchef Terim wird geliebt und gefürchtet

BALLESTERER № 112
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UNSERE ABOAKTIONEN
VORSPIEL

Panik und Party

„Präsident Francois Hollande


sieht sein Land im Krieg.
Ausgerechnet jetzt soll Platz für ein
riesiges Freizeitevent sein?“
Daniel Shaked

Beleg dafür, dass Fans aus Angst vor Terroranschlägen auf


Ein Anstoß von ihre Frankreich-Reise verzichten. Dabei ist das nur eine
Jakob Rosenberg von vielen möglichen Erklärungen. Eine andere wäre,
dass sich die Verkäufer vor Monaten einfach auf gut Glück
um eine Karte beworben haben, rund um den Spieltag
nun aber doch arbeiten müssen. Oder dass aus dem
geplanten Ausflug im Freundeskreis nichts wird, weil die
Ticketlotterie der UEFA bei den einen zwar Karten für ein 7

W as haben Südafrika, die Ukraine, Brasilien und


Frankreich gemeinsam? Es handelt sich nicht nur
um die Austragungsländer der letzten Welt- und Europa­
Spiel in Bordeaux ausgespuckt hat, bei den anderen aber
nur Tickets in Lyon und so aus der gemeinsamen Reise
nichts wird. Und dann soll es ja auch noch die Leute
meisterschaften, sondern offenbar um Orte zum Fürchten. geben, die sich Karten kaufen, weil sie sich vom Weiter­
Zumindest wenn man den Reisewarnungen in vielen verkauf einen Gewinn erhoffen.
Medien glaubt. Die Gründe zur Sorge sind freilich sehr
unterschiedlich: 2010 war es die Kriminalität, 2012 die
Inhaftierung der Oppositionspolitikerin Julija Tymo­
schenko, 2014 die sozialen Proteste im Land und bei der
D ominierte die Sicherheitsdebatte auch bei vor­herigen
Großereignissen vor Turnierbeginn die Bericht­
erstattung, trat sie mit Anpfiff zuverlässig in den Hinter­
kommenden Europameisterschaft ist es die Terrorgefahr. grund – dann ging es um vergebene Chancen, erzielte
Tore und Feierlaune in den Fanzonen. Vermutlich wird

E igentlich ist es ja etwas Positives, wenn sich Medien


im Vorfeld eines Großturniers mit den politischen
Rahmenbedingungen, der sozialen Lage der Bevölkerung
das auch in Frankreich der Fall sein. Das Umschalten
von Panik auf Party ist im Fall der EM besonders brisant,
denn es bildet den Spagat ab, den der französische Staat
und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen aus­ vollzieht. Präsident Francois Hollande sieht sein Land im
einandersetzen. Wäre da nicht dieser eigenartige Reflex – Krieg, seit November gilt der Ausnahmezustand, der die
denn all diese Themen werden meist nicht unter dem Aufhebung von Verfassungsrechten erlaubt. Und ausge­
Gesichtspunkt der tatsächlich Betroffenen diskutiert, viel­ rechnet in dieser brenzligen Situation soll Platz für ein
mehr wird eine Betroffenheit für die anreisenden Touristen riesiges Freizeitevent sein?
hergestellt. So vielfältig die Probleme in den jeweiligen
Ländern sein mögen, das Fazit lautet: Dort seid ihr nicht
sicher, fahrt nicht hin! D och die Regierung ging noch einen Schritt weiter. Sie
begründete im April die Verlängerung des Ausnahme­
zustands sogar mit der nahenden EM. Diese Erklärung

H at sich das Sicherheitsproblem zur Beschreibung


eines Veranstalterlandes einmal durchgesetzt, wird
es schnell als einzige Erklärung jeglichen Phänomens
führt nicht nur das Turnier als friedliches Fußballfest ad
absurdum, streng genommen hebelt sie den Ausnahmezu­
stand selbst aus. Denn dieses Instrument ist dazu gedacht,
herangezogen. Im aktuellen Fall gelten EM-Tickets, die eine existenzielle Bedrohung des Staats abzuwehren, nicht
auf eBay und ähnlichen Plattformen gehandelt werden, als um ein Sportereignis gut über die Bühne zu bringen.

LEITARTIKEL
VORSPIEL

Teamkader Die Prognose  Zeremonienmeister: Klaus Federmair

Immer wieder fällt die ballesterer-Redaktion ihr Urteil zum Ausgang großer
Turniere. Wir haben uns auch heuer selbst befragt, welchen Teams Sym- und
Antipathien zufliegen – und wer letztlich auf dem Rasen triumphieren wird.

Stefan Salcher
Benjamin Schacherl
wird die Europameisterschaft für den Ein Herz für Außenseiter
ballesterer in Frankreich begleiten. Als
Reisevorbereitung hat er sich aus ganz Die alte ballesterer-Liebe England muss sich mit gestellt, der sich erstmals auf sportlichem Weg
unterschiedlichen Perspektiven mit der Platz zwei begnügen. Sie wird von dem sympathi- qualifiziert hat. Italien konnte den dritten Platz
österreichischen Nationalmannschaft aus­ schen Newcomer aus den Alpen in den Schatten knapp vor Island und Belgien behaupten.
einandergesetzt. Er hat mit Robert Almer
die aktuelle Nummer eins zum Interview
getroffen, den Fanklub „Hurricanes Öster­ Österreich 
❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤
reich“ porträtiert und sich von den ehema­ ❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤
ligen Teamchefs Josef Hickersberger und England ❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤
Herbert Prohaska ihre Erlebnisse bei
Italien ❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤
früheren Großereignissen erzählen lassen.
Island ❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤
Belgien ❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤❤

Der ewige Schmerz


Privat

Schieben wir es auf die Minderwertigkeits­ mit dem besten Spieler Europas antritt, ist unfair.
8 Hardy Grüne komplexe: Dem nördlichen Nachbarn gönnen wir Die Spanier sind uns zu elegant, und Russland ist
ist Autor, Fußballfan und Radfahrer. nicht gleich den nächsten Titel. Dass Portugal viel zu groß.
Die Kombination dieser Eigenschaften
ergibt zahlreiche Bücher und Artikel zur

Deutschland 
Geschichte des Fußballs und Radrennen

in aller Welt. Seit dem vergangenen Jahr
gibt er zudem gemeinsam mit Frank Willig Portugal 
das vierteljährlich erscheinende Fußball­ Russland 
magazin Zeitspiel heraus. Im EM-Extra Spanien 
dieser Ausgabe stellt er das Fußballland Frankreich 
Frankreich vor.

Das sagen die Experten

ballesterer-Vorhersagen brauchen den Vergleich besiegen. Und England ist dieses Mal wirklich im
Stefan Salcher

mit einer Wahlprognose nicht zu scheuen. engsten Favoritenkreis, das hat mit Sympathien
Frankreich wird Deutschland im Finale knapp nichts zu tun.

Michael Graswald Frankreich 


studiert Kommunikationswissenschaft, 
jobbt nebenbei als Security in der Bundes­ 
liga und ist Fußballfan. Alles perfekte
Voraussetzungen, um für den ballesterer 
Deutschland 

zu schreiben. Den April verbrachte er als 


Praktikant in der Redaktion, bei der EM-­ 
Ausgabe hat er sich gleich mehr­fach aus­ England 
gezeichnet – durch vielfältige Recherche­ Belgien 
arbeit, Interviews und das Porträt des Spanien 
portugiesischen Teams.

ÜBER UNS
VORSPIEL

Sebastian Wolsing,
Mathematik­student
Von den 24 EM-Teilnehmern kommen die Erst- und Zweitplatzierten
sowie die vier besten Gruppendritten ins Achtelfinale. Teams, die
als Drittplatzierte aufsteigen, treten gegen die Ersten der Gruppen
A bis D an. Der Schwede Sebastian Wolsing hat nachgerechnet und

Privat
festgestellt: Dieses System ist kompliziert und unfair.

ballesterer: Wie kommt man darauf, die Was ist denn unfair an diesem Modus? Hätte es denn eine mathematisch fairere
möglichen Paarungen der K.-o.-Phase der Die Teams in Gruppe E haben es Variante gegeben?
EM mathematisch zu untersuchen? am schwersten, mathematisch gesehen. Mit 24 Teams ist es schwierig,
Sebastian Wolsing: Ich war Und das sage ich nicht, weil Schweden dort weil die Symmetrie fehlt. Eine Möglichkeit
immer schon an solchen Systemen interes­ spielt. Der Sieger der Gruppe trifft auf wäre, nach der Gruppenphase eine Rang­
siert. Sie folgen im Normalfall einer einen Gruppenzweiten, der Zweite auf liste zu erstellen und dann den besten
gewissen Symmetrie. Doch wenn von 24 einen Gruppenersten und ein möglicher Gruppensieger gegen den schlechtesten
Mannschafen 16 aufsteigen, wird es mathe­ Dritter auch auf einen Gruppenersten. Aus der aufgestiegenen Gruppendritten spielen
matisch kompliziert. Ich habe etwa sieben, mathematischer Sicht ist es am unwahr­ zu lassen. Das klingt auch kompliziert, wäre
acht Stunden daran gerechnet. Zunächst scheinlichsten, dass ein Team aus Gruppe aber fairer. Nur wüssten die Fans vorher
habe ich noch gedacht, dass ein System E das Turnier gewinnt. Aber genau ist so gar nicht mehr, wann ihr Team wo spielen
dahinterstecken muss. Aber der Turnier­ etwas nicht vorherzusagen. Im Fußball wird. Mein Rat als Mathematiker wäre,
modus ist einfach nicht fair. lässt sich ja nicht alles berechnen. 20 Teams in vier Gruppen aufzuteilen.

4.590 bis 5.040 1996


1976 1988 2000
1972 1980 2012 2016

0 EM Spiel minuten 5.040


9
1960 1992 2004
1964 1984 2008
1968

So viele Minuten werden bei der EM in Frankreich Fußball gespielt – je nachdem, wie viele der 15 K.-o.-Spiele in die
Verlängerung gehen. Beim auf 24 Teilnehmer aufgestockten Turnier kommen dadurch mehr als elfmal so viele Spiel­
minuten zusammen wie bei der ersten EM 1960 in Frankreich oder anders ausgedrückt: Es ist länger als die ersten
sechs Turniere zusammengenommen. Das bisher längste Turnier fand mit 2.915 Spielminuten in England statt. Selbst
wenn diesen Sommer keine Partie in die Verlängerung gehen sollte, wäre die EM 2016 um 1.675 Minuten, also fast
28 Spielstunden, länger.

Pfiffe und Applaus

FREE ANNA RUHESTÖRUNG DON’T SING MY SONG

Kurz vor EM-Start drängen Tiergärten ihre Beruhigende Nachrichten aus dem Der für die Pflege der französischen
Insassen ins Rampenlicht, um als Turnier­ Nachbarland: Der deutsche Staat hält Sprache zuständige Staatssekretär Andre
orakel zu fungieren. So berichten Medien seine schützende Hand über die feiernde Vallini beschwert sich über die Wahl
über Anna, eine im Konstanzer Aquarium Bevölkerung. Umweltministerin Barbara des offiziellen französischen EM-Songs:
gehaltene Krake, die so schlau sei, dass sie Hendricks hat für die EM eine Verordnung Mit „I Was Made For Lovin’ You, My
Einmachgläser mit ihren Tentakeln öffnen für Ausnahmeregelungen vom Lärmschutz Team“ präsentiert die Band „Skip the Use“
und sicher auch Fußballspiele vorhersagen auf den Weg durch die Institutionen ge­ die Coverversion eines „Kiss“-Klassikers.
könne. Gut möglich, dass Anna sich diesem schickt. Damit dürfen auch die um 21 Uhr In­­akzeptabel sei es, erklärte Vallini, dass
Schicksal entzieht, indem sie dem Vorbild beginnenden Spiele im Freien gezeigt der Fußballverband sich für ein englisch­
eines Artgenossen in Neuseeland folgt. werden, zumindest wenn die Abwägung sprachiges Lied entschieden habe, schließ­
Krake Inky gelang die Flucht aus dem von Publikumsinteresse und Turnierverlauf lich sei die EM eine Gelegenheit, der Welt
Wassertank in die Freiheit. dies angemessen erscheinen lässt. die Kultur des Gastgebers zu präsentieren.

KURZPASS
VORSPIEL

UEFA
ÖFB

em-2016.at
FANARTIKELVERBOT SIEGERTYP TOP-BLASMUSIK
Zur EM ist das Sortiment im ÖFB-Fanshop Das offizielle Turniersymbol „Super Victor“ Keine Karten für Österreich gegen Ungarn
erweitert worden. Neu auf Lager sind schließt an den Trend zur Vermenschli­ bekommen, Frankreich ist zu teuer und
etwa Fächer mit der Aufschrift „Österreich chung der Maskottchen an. Statt auf einen Fußball eh nicht euer Ding? – Das bedeutet
stürmt“ und der praktische Bildschirm­ Hahn, Frosch oder gar eine sympathische nicht, dass ihr deswegen ganz auf eine
vergrößerer fürs Smartphone fürs mobile Weinbergschnecke zurückzugreifen, setzen Europameisterschaft verzichten müsst.
Public Viewing. Aber Fanartikel lassen die französischen Gastgeber auf einen Vom 13. bis 15. Mai messen sich in
sich auch eigenhändig produzieren, Tipps einfältigen Bub und steckten ihn in einen Brand-Nagelberg im Waldviertel 24 Blas­
liefert die Häkel-Website myboshi.net. Superheldenumhang. Immerhin einen musikkapellen aus Mitteleuropa. Statt
Wen Anweisungen wie „Luftmaschenkette Vorteil hat „Victor“ gegenüber seinen Vor­ um Pressing, Flügelspiel und Mittelfeld­
mit 100 Luftmaschen anschlagen“ nicht gängern „Slavek & Slavo“ und „Trix & raute geht es drei Tage lang um Polka,
schrecken, kann sich etwa eine Außen­ Flix“. Anders als die Maskottchen der von Marsch und Oberkrainer-Melodien.
spiegelverkleidung fürs Auto häkeln, von zwei Gastgebern ausgerichteten Turniere Wichtig fürs Fachgespräch im Festzelt:
rot-weiß-roten Hauben und Schals ganz zu gibt es ihn nur einmal. Bei der letztjährigen EM in Kerkrade in
schweigen. Anders als der ÖFB-Rucksack den Niederlanden konnten die „Don
oder das rot-weiß-rote Konfetti fallen Bosco Musikanten“ aus Deutschland und
all diese Artikel nicht in die Kategorie der
Imago
„Lublaska“ aus der Schweiz die Titel in
laut UEFA-Stadionordnung verbotenen der Ober- und der Höchststufe gewinnen.
Gegenstände.
1
0

Ingo Thiel
Panini

NUR FÜR MITGLIEDER SERVICE FÜR FANS


DOPPEL-FUCHS Vor die Bewerbung um EM-Tickets für Sie heißen zwar Botschaften, doch konsula­
Spiele des deutschen Nationalteams hatte rische Dienste bieten die „Fans’ Embassies“
„Alle Sticker werden gleich oft gedruckt“, der DFB hohe Hürden gesetzt, nämlich die bei der EM in Frankreich nicht an. Bei
erklärte Herrmann Paul, der Deutsch­ Mitgliedschaft im „Fan Club Nationalmann­ verlorenen Pässen wissen sie trotzdem
land-Chef von Panini im Interview mit schaft“. Die ist mit 30 Euro Jahresbeitrag ebenso Rat wie bei der Suche nach einer
der Kleinen Zeitung. Alles andere sei und zehn Euro Aufnahmegebühr teurer als Unterkunft oder dem kürzesten Weg zum
produktionstechnisch gar nicht möglich. das günstigste EM-Ticket um 25 Euro. Stadion. Das Netzwerk „Football Supporters
Sammler wissen es besser. Bei den Im Februar leitete das Bundeskartellamt Europe“ koordiniert mit Unterstützung
Pickerln des österreichischen National­ deswegen ein Verfahren wegen Missbrauchs der UEFA diese internationalen Fan­
teams etwa ist Christian Fuchs öfter ge­ einer marktbeherrschenden Stellung ein. botschafts­teams, die in den Spielorten
druckt worden als Jakob Jantscher, anders Der DFB machte inzwischen ein Zugeständ­ ansprechbar sind, Informationen verteilen
sind die Gesuche und Gebote der Tausch­ nis: Wer keine Karten erhalten hat, darf und schnell und unbürokratisch für Hilfe
börsen nicht erklärbar. Laut des Portals austreten und bekommt den Mitgliedsbei­ sorgen. Das genaue Engagement des ÖFB
mystickerbook.at insgesamt am meisten trag rückerstattet. „Ein Alibiangebot“, sagte stand zu Redaktionsschluss noch nicht
gesucht wird übrigens das deutsche Team­ der Jurist Mark Orth im Deutschlandfunk. fest, doch Fans aus Österreich sind an den
bild – da sind nach dem Druck wohl Er rechnet mit Entschädigungszahlungen zentralen Anlaufpunkten der Fanbotschaften
einfach welche unter den Tisch gefallen. und einer Geldstrafe für den DFB. in den Ausrichterstädten willkommen.

KURZPASS
VORSPIEL

DERB Was haben Sie sich


Seine emotionale Ausdrucksweise hat
Giovanni Trapattoni Kultstatus dabei gedacht?
beschert, könnte ihn aber jetzt den Job
als Co-Kommentator beim italienischen Karim de Kool, Workshopleiter
Sender RAI kosten. Er habe zu viele
Kraftausdrücke verwendet, so die Als die niederländische Mannschaft die Qualifikation
Kritik. Trapattonis Antwort: „Mir egal, für die EM verpasste, war die Frustration bei den
dort verdiene ich eh nur zwei Euro.“ Fans groß. Einige von ihnen wollten sich davon aber
die Vorfreude nicht verderben lassen. Sie schulen um
auf den Support des Nachbarlandes Belgien.

Privat
QUIS CUSTODIET
Zusätzliche Kontrollen, Videokameras Herr de Kool, Sie veranstalten Workshops für Niederländer, die
und Bewachung rund um die Uhr – die Belgien unterstützen wollen. Was haben Sie sich dabei gedacht?
Kosten für die Fanzonen in den Die ganze Geschichte ist aus einem Witz heraus entstanden.
EM-Spielorten haben sich von 12 auf 24 Ich habe bei Facebook eine Veranstaltung „So wird man Belgien-­
Millionen Euro verdoppelt. Mehr Ordner Fan“ angekündigt, und plötzlich waren 100.000 Leute dabei. Dann
werden benötigt, doch es bleibt kaum habe ich begonnen, das ernsthaft zu planen. Die Idee ist super auf­
Zeit für den Sicherheitscheck. genommen worden, vor allem in Belgien. Die freuen sich, dass wir
sie unterstützen. Bei den Workshops geht es einfach darum, Spaß an
dem Turnier zu haben, auch wenn unsere Mannschaft nicht dabei
VORBEREITET ist. Wir werden orangene Shirts rot anmalen, die Spiele gemeinsam
Auch für die 18 Schiedsrichterteams schauen und Partys mit Künstlern aus den Niederlanden und Belgien
gibt es bei der EM erstmals eine feiern. Wenn 2.000 Leute daran teilnehmen sollten, hätte sich der
Gegnervorbereitung. Vor jeder Partie Aufwand schon gelohnt.
werden sie ausführlich über die Teams
und deren Eigenheiten informiert.
Warnungen vor Provokateuren und
Schauspielern inklusive.

TEUER
Vor 44 Jahren 1
1
Stellt euch vor, Spanien wird wieder
Europameister, und niemand sieht es.
Anfang Mai steht noch nicht fest, ob und
wo im spanischen Fernsehen die Spiele
gezeigt werden. Der bisherige Anbieter
Mediaset hat sich zurückgezogen, die
Forderungen der UEFA seien zu hoch.

NACHHALTIG
Das war ein Aufatmen, als die UEFA das
Design der EM-Tickets vorstellte und
dabei auf das Papier mit Umwelt­
zertifizierung hinwies. Ob es wohl aus
Bäumen gewonnen wurde, die für den
Bau eines EM-Stadions gefällt wurden?
Imago

ATOMKRAFTGEGNER 18. Juni 1972


Löcher möchte Marc Janko nur im Käse Sie haben das EM-Finale verloren. Umringt von jubelnden Fans der
akzeptieren, nicht in Atomreaktoren. westdeutschen Mannschaft bleibt den sowjetischen Spielern bei der
Diese Einschätzung twitterte der Siegerehrung nach der 0:3-Niederlage nur die Zuschauerrolle. Das
Stürmer nach einer Greenpeace-Aktion Team der UdSSR hatte an den bisherigen vier EM-Turnieren teil­
gegen das Schweizer AKW Beznau. genommen und dreimal das Finale erreicht. Doch mit der Niederlage
Fehleranfällige Reaktoren gehörten im Brüsseler Heysel-Stadion ging vorerst auch die große Zeit des sow­
abgeschaltet, er wolle schließlich nicht jetischen Fußballs zu Ende. Erst 16 Jahre später erreichte die Sowjet­
aus Europa auswandern. union noch einmal ein EM-Finale – und verlor gegen die Niederlande.

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VORSPIEL

Impressum
ballesterer – Magazin zur
offensiven Erweiterung des

Ankündigung Fußballhorizonts

Chefredakteur Jakob Rosenberg


Stv. Chefredakteurin Nicole Selmer
Ständige Mit­arbeiter Moritz Ablinger,
Marc Eder, Hans Georg Egerer,
„Zlatan – Ihr redet, ich spiele“ Klaus Federmair, Wolfgang Federmair,
Robert Florencio, David Forster,
Thomas Gaßler, Christoph
Der schwedische Stürmer ist einer der Stars der Europameisterschaft in Frankreich.
Heshmatpour, Johannes Hofer,
Wie seine Karriere begann und aus dem talentierten Malmö-Kicker einer der best­ Alexander Juraske, Stefan Kraft,
bezahlten Fußballer Europas wurde, erzählt der Dokumentarfilm der schwedischen Reinhard ­Krennhuber, Benjamin
Kuëss, Edgar Lopez, Wenzel Müller,
Filmemacher Fredrik und Magnus Gertten. Die Österreich-Premiere findet am 18. Mai
Christian Nell, Wolfgang Pennwieser,
um 20.15 Uhr im Filmcasino Wien statt. Eric Phillipp, Benjamin Schacherl,
Der Film blickt hinter die Kulissen des Profisports, zeigt Aufnahmen und Clemens S ­ chotola, Martin Schreiner,
Mario ­Sonnberger, Georg ­Spitaler,
Interviews des Teenagers Zlatan sowie Gespräche mit Mitspielern, Trainern und
­Emanuel Van den Nest, Radoslaw Zak,
Freunden. „Zlatan – Ihr redet, ich spiele“ war ein Publikumserfolg in Schweden und Clemens Zavarsky
läuft rechtzeitig vor der EM auch in Österreich an. Das Filmcasino Wien präsentiert Team Text Dario Brentin, James
Carew, Nino Duit, Hannes Gaisberger,
die Österreich-Premiere gemeinsam mit dem ballesterer. Eine Besprechung des Films
Volker Goll, Michael Graswald,
lest ihr in dieser Ausgabe auf Seite 79. Clemens Gröbner, Hardy Grüne,
Aleksandar Holiga, Tobias Müller,
Friedemann Pitschak, Daniel Raecke,
Ruben Schönenberger, Dietrich
„Zlatan. Ihr redet – ich spiele“ Schulze-Marmeling
von Fredrik und Magnus Gertten Grafikdesign­LWZ – Stefan ­Salcher,
Tobias Schererbauer ­(wearelwz.com)
Premiere am 18. Mai & Manuel Radde (manuelradde.com);
Benjamin Kuëss
20.15 Uhr Filmcasino Wien
Fotochef ­Dieter Brasch
Eintritt: 9 Euro (dieterbrasch.at)
Reservierungen auf filmcasino.at Team Foto Robert Florencio,
Stefan Reichmann, Stefan Salcher,
Daniel Shaked, Ingo Thiel
Makrotypografie Lift Type
Cover LWZ
Ab 20. Mai läuft der Film österreichweit in den Kinos Coverfotos Getty Images (2), Imago (2)
Infos zu weiteren Vorführungen in Österreich unter zlatanderfilm.at 1
Medieninhaber ballesterer 3
Zeitschriftenverlag GmbH,
Porzellangasse 11/9, 1090 Wien
Offenlegung ­ballesterer.at/ueber-uns/
impressum/impressum.html
Anzeigen anzeigen@ballesterer.at
Aboverwaltung Christoph Altenburger
Rechts­beratung Daniel Ennöckl

Herstellung & Druck


Niederösterreich­isches Pressehaus –

Wappenkammerl Druck- und Verlagsgesellschaft mbH


Vertrieb Österreich
Morawa Pressevertrieb GmbH
Vertrieb Deutschland
Football Association IPS International GmbH
of Wales ISSN 1681-973X

Herausgeber ballesterer – Verein zur


Archiviert von Christian Nell offensiven Erweiterung des
Fußballhorizonts, Porzellangasse 11/9
1090 Wien

Der ballesterer erscheint zehnmal


jährlich. Namentlich ­gekennzeichnete
Artikel spiegeln nicht notwendiger­
weise die ­Redaktionsmeinung wider.
Gegründet wurde die Football Association of Im Verbandswappen befindet sich mit dem roten
Wales 1876 in Wrexham – mit 140 Jahren ist sie Drachen das Symbol von Wales, das auch in
damit nach der englischen und schottischen FA der grün-weißen Flagge zu sehen ist. Um den
der drittälteste Fußballverband der Welt. Ihren Ursprung des Drachen ranken sich unterschied­
größten Erfolg feierte die walisische National­ liche Legenden: Eine besagt, dass der rote Drache
mannschaft bei der einzigen WM-Teilnahme 1958 der Kelten letztlich erfolgreich gegen den weißen
in Schweden, als sie im Viertelfinale 0:1 am Drachen der Angelsachsen gekämpft habe. Das
späteren Weltmeister Brasilien scheiterte. 2016 walisische Verbandsmotto bedeutet in etwa: „Das
nimmt Wales erstmals an einer EM teil. beste Spiel ist das gemeinsame.“

KURZPASS
THEMA

Zahlenspiele
Die österreichische
­Turniergeschichte bei WM- und
EM-Endrunden ist lang. Unser
Blick auf die Statistiken seit
1934 zeigt Licht, Schatten und
Kuriositäten.
Erstes EM-Spiel: 08.06.2008 Erstes WM-Spiel: 27.05.1934

1
4

autr
Bilanz von
Teamchef
In der Ewigen
Endrunden­
Marcel Koller: tabelle belegt
20 ( Siege ) Österreich
7 ( Remis ) momentan den
10 ( Niederlagen ) vorletzten
63:38 ( Tore ) Platz vor
1,86 ( Schnitt ) ­Lettland.
ÖSTERREICH
THEMA

Der Elfmeter
EM-bilanz: für Kroatien im Ivica Vastic
0 (Siege) Gruppenspiel hält den
2008 gegen
Rekord als
1 (remis) Österreich
war der bisher ältester EM-­
2 (Niederlagen) schnellste in
einer Gruppen- Torschütze,
1:3 (Tore) phase. 2008 war er
bei seinem
WM 1934

WM 1954

WM 1990
WM 1998
EM 2008
WM 1958

WM 1982
WM 1938

WM 1978
Tor gegen
niere:

Polen 38
Tur­

Jahre und
257 Tage alt.

iche
Spieler, die schon 2008 im Kader
standen: Fuchs, Garics, Harnik,
1
5

Özcan & Prödl


Länderspielbilanz: Josef Hickersberger
war 2008 gemeinsam
306 ( Siege ) mit seinem Kollegen
161 ( remis ) Joachim Löw der erste
Trainer, der bei einer
277 ( Niederlagen ) EM auf die Tribüne
1336:1189 ( Tore ) geschickt wurde.
ÖSTERREICH
THEMA

Der realistische
Träumer Interview: Benjamin Schacherl & Mario Sonnberger
Foto: Daniel Shaked

Robert Almer ist seit Marcel Kollers Amtsantritt Österreichs


Nummer eins. Im Interview spricht er über die Perspektiven der
Nationalmannschaft, das Selbstverständnis moderner Tormänner
und die Vermeidung der Kasperlrolle.

D
rei Tage nach der 0:2-Heimniederlage der Austria scheidung. Ich habe in der Zeit in Düsseldorf den
gegen Grödig nimmt Robert Almer im Viola Pub Sprung ins Nationalteam geschafft und für meine
1 Platz zum Interview. Medienerfahrung sammelt Entwicklung sehr viel mitgenommen.
6 der 32-Jährige in der Zeit vor der EM fast täglich. „Es ist
ja schön, wenn sich die Leute für einen interessieren“, In Hannover haben Sie 2014 mit Ron-Robert Zieler
sagt er und bestellt einen Caffé Latte. einen unumstrittenen Stammtormann vor sich gehabt.
Wären Sie auch ohne den Rückhalt von Marcel Koller
ballesterer: In dieser Saison haben Sie zum ersten dorthin gewechselt?
Mal in Ihrer Karriere regelmäßig Spielpraxis. Ich habe von Marcel Koller das Vertrauen
Genießen Sie das? bekommen, das ich zuvor in meiner Karriere oft ver­
Robert Almer: Sehr. Ich kann die tägliche misst habe. Daher habe ich den Wechsel mit ihm bespro­
Trainingsarbeit jetzt am Wochenende umsetzen. Das chen. Ich wollte unbedingt in einem sehr professionellen
macht es auch in Bezug aufs Nationalteam einfacher, Umfeld arbeiten. Ich bin nach Hannover gegangen,
früher hat es immer geheißen: „Warum spielt der eigent­ obwohl ich gewusst habe, dass ich nicht spielen werde.
lich?“ Diese Frage hat sich jetzt erübrigt. Davor habe Das ist leichter gewesen als in der zweiten Saison in
ich gewusst, dass ich mir keinen Fehler erlauben Düsseldorf, wo ich in der Vorbereitung alles gegeben
darf, sonst wäre ich wahrscheinlich weg vom Fenster habe, dann aber nur die Nummer zwei war. Es ist ein­
gewesen. facher, wenn die Fronten abgesteckt sind.

Haben Sie diesen Druck auch in der Mannschaft Modernes Tormannspiel bedeutet heute aktives
gespürt? Mitspielen. Ist das eine Modeerscheinung oder eine
Druck macht man sich selbst genug. Ich will ja bleibende Veränderung?
im Tor bleiben. Marc Janko und Christian Fuchs waren Das kommt auf die Ausrichtung der Mann­
in ähnlichen Situationen, als sie bei ihren Vereinen nicht schaft an. Es heißt ja gern, Manuel Neuer habe das Tor­
gespielt haben. Wie die beiden habe ich immer das Ver­ wartspiel geprägt, aber das liegt auch an der Spielweise
trauen vom Trainerteam bekommen. des FC Bayern. Die Bayern pressen in der Offensive
immer an, da muss der Tormann höher stehen, um die
Sie sind 2011 von der Austria weggegangen. Warum? Bälle des Gegners in die Tiefe abfangen zu können. Eine
Die sportliche Perspektive hat nicht gepasst, defensive Mannschaft braucht keinen mitspielenden
ich war die Nummer zwei, manchmal nur die Nummer Tormann. Du wirst kaum Bälle zum Ablaufen bekommen,
drei. Im Nachhinein war es die absolut richtige Ent­ sondern die meisten Aktionen mit den Händen haben. 

ROBERT ALMER
THEMA

1
7

Robert Almer (32) spielt nach Engagements bei Fortuna der Steirer unter Marcel Koller im österreichischen National-
Düsseldorf, Energie Cottbus und Hannover 96 seit team, in der abgelaufenen EM-Qualifikation absolvierte der
Sommer 2015 wieder beim FK Austria. 2011 debütierte Tormann alle Spiele über die volle Distanz.

ROBERT ALMER
THEMA

Sie wirken immer sehr ruhig. Bringt Sie nichts aus welchen Kindereien dabei. Ich führe lieber gemütlich
der Fassung? und in aller Ruhe Gespräche mit den anderen. Auch
Bei der Niederlage gegen Grödig bin ich das Karten­spielen oder die Playstation waren nie so
schon ausgezuckt, sonst bin ich aber sehr ruhig. Es gibt meines. Da lese ich lieber ein Sachbuch oder schaue
auch international nur noch wenige Tormänner, die ein mir Dokumentationen an.
bisschen verrückt sind. Das war eher früher so.
Wer macht das noch?
Können sich Fußballer dieses Image nicht mehr Keine Ahnung, ich habe ein Einzelzimmer.
erlauben?
Das glaube ich nicht. Es ist einfach wichtig, Das ist doch eher die Ausnahme, oder?
dass du als Tormann ein gewisses Maß an Intelligenz Das hält sich in etwa die Waage. Bis vor zwei
hast. Du musst ein Spiel lesen und die Taktik des Jahren hab ich mir noch ein Zimmer mit dem Christian
Trainers verstehen können. Da muss man ruhig und Fuchs geteilt. Aber der hat ja Frau und Kinder in den
sachlich sein. USA und führt seine Telefonate meistens tief in der
Nacht. Deswegen hab ich beschlossen, mir ein Einzel­
zimmer zu nehmen.

Was kann Österreich bei der EM erreichen?


„Früher haben wir auswärts immer Wir wollen nicht nur dabei sein. Wir wollen
die Gruppenphase überstehen, aber die wird alles
eher geschaut, dass wir nicht verlieren, andere als ein Selbstläufer. Island, Portugal und Ungarn
jetzt versuchen wir zu gewinnen.“ sind auch keine Nasenbohrer. Man hat das auch gegen
die Türkei und gegen Albanien gesehen: Wenn du nicht
bei jedem Spiel 100 Prozent gibst, kann das ins Auge
gehen.

Haben Sie ein persönliches Ziel?


Haben Sie sich das bewusst angeeignet? Ich würde gerne zu null spielen. Aber mir ist
Nein, das ist mein Naturell. Vielleicht hat das auch wieder lieber, wir gewinnen ein Spiel, als es geht
in der Vergangenheit manchem Trainer vom alten Schlag 0:0 aus.
nicht gepasst, und ich habe deswegen seltener das Ver­
1 trauen bekommen. Ein Großturnier kann auch ein Karrieresprung­­­-
8 ­brett sein.
Wie oft denken Sie schon an die EM? Jeder will in einer großen Liga spielen. Ich
Man denkt natürlich schon daran, alles andere habe in Deutschland gesehen, wie es ist, wenn du Woche
wäre gelogen. Aber jetzt haben wir noch Saison. Dann für Woche in einem Riesenstadion spielst. Wenn sich
gibt es Ende Mai das Trainingslager und die Testspiele etwas ergeben würde, muss ich sagen: „Ja, auf alle Fälle.“
gegen die Niederlande und Malta. Richtig angekommen Aber da spricht dann der Verein auch noch ein Wört­
sind wir erst, wenn wir in Frankreich aus dem Flieger chen mit.
steigen.
ÖFB-Konditionstrainer Roger Spry hat uns in
Sie werden mit dem Team wochenlang im Quartier einem Interview gesagt, Österreich brauche sich
sein. Wie geht es Ihnen damit? keine Grenzen setzen. Gehört das auch zu dem
Das wird sicher intensiv. Wenn man wirklich Spirit des Teams?
vier Wochen aufeinander pickt, muss man schon auf­ Jede Mannschaft fährt zur EM, um zu
passen, dass man seine innere Ruhe behält. Wichtig wird ge­­winnen. Aber es gibt viele gute Mannschaften, und
sein, dass wir die Stimmung im Team aufrechterhalten. Deutschland, Spanien und Frankreich etwa haben
außergewöhnliche Spieler. Natürlich würde ich gern
Die gute Stimmung wird von allen Spielern und Europameister werden, träumen darf man ja, aber man
Betreuern immer wieder betont. sollte schon auch realistisch sein. In der Qualifikation
Wir sind wie eine Familie. Und in der Familie haben wir jedoch gesehen, dass wir auswärts andere
kann man ja auch nicht so einfach einen Lagerkoller Mannschaften dominieren können. Früher haben wir
bekommen. Wir versuchen, dass alle 23 Spieler sich immer eher geschaut, dass wir nicht verlieren, jetzt
gegenseitig pushen. Da gibt es kein böses Blut. Wenn wer versuchen wir zu gewinnen. Wir brauchen vor keinem
einen Fehler macht, versucht ein anderer, den wieder­ Gegner Angst haben.
gutzumachen. Das ist unser Erfolgsrezept.
Stellt man sich als Spieler vor, wie es wäre, den Pokal
Wie sehen Sie Ihre Rolle im Teamgefüge? hochzustemmen?
Ich bin nicht der, der Stimmung macht. Ich Nein, an so etwas denkt man überhaupt nicht.
bin doch schon einer der Ältesten und nicht bei irgend­ Wir haben das auch in der Qualifikation so gehandhabt:

ROBERT ALMER
THEMA

Wir schauen von Spiel zu Spiel. Wir versuchen, jedes Machen Sie so etwas wie Psychospielchen?
Mal unsere Leistung zu bringen, uns auf jeden Gegner Nein. Der Ronaldo hat so viel Selbstvertrauen –
zu hundert Prozent vorzubereiten. so wie der am Platz steht, glaube ich nicht, dass man da
etwas machen kann. Vielleicht kann man so etwas einmal
Bereiten Sie sich dann auch auf einzelne Gegen­­­­­ bei einem Elfmeterschießen probieren. Da muss man aber
spieler vor? auch aufpassen. Jerzy Dudek von Liverpool hätte beim
Nein. Zlatan Ibrahimovic kennt jeder, jeder Champions-League-Finale 2005 auch als Kasperl rüber­
weiß, wie er tickt, wie er agiert. Sich da speziell vor­ kommen können, wenn er keinen Elfer gehalten hätte.
zubereiten, macht keinen Sinn. Am Ende kann es eine
Standardsituation geben, und dann köpfelt ein anderer Im Vorfeld des Turniers ist ja auch die Sicherheit ein
aufs Tor. Das Wichtigste ist die Analyse des gesamten großes Thema. Haben Sie ein mulmiges Gefühl?
gegnerischen Teams. Dann versucht man sich auf die Das hat man natürlich schon im Hinterkopf.
eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Und wenn der Aber es kann immer passieren, auch heute in Wien oder
Ibrahimovic da ist, wird eben der aus dem Weg geräumt. irgendwo sonst in Europa. In vielen Ländern, ob jetzt in
Asien oder in Afrika, leben die Menschen täglich mit
Das bevorstehende Duell mit Cristiano Ronaldo ist der Gefahr von Terroranschlägen. Das ist jetzt auch nach
also auch nichts Besonderes? Europa gekommen und wird sich wohl nicht so bald
Ich konzentriere mich auf so etwas nicht. ändern. Das Ministerium macht vermutlich auch alles,
Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir ihn um uns zu schützen. Als Sportler kannst du auf so etwas
irgendwie unter Kontrolle haben. aber sowieso keinen Einfluss nehmen. 

Während Nationalcoach Marcel Koller in Frank- eine absolute Sensation, von der aber nur die einen derartigen Risikotipp erhalten Mutige im
reich seinen Mann steht, haben die restlichen Fans träumen dürfen. Marcel Koller hört solche Falle des Falles bei € 5,- Einsatz einen Gewinn
8 Millionen Teamchefs zu Hause die Chance zu Spekulationen bekanntermaßen nicht so gerne. von € 1.500,-. Zuletzt gab es eine vergleichbare
zeigen, was sie als Fußball-Experten so drauf tipp3 wird ihm somit erst nach der Endrunde Überraschung 2004 in Portugal, wo Otto Reha-
haben. Bei einer Europameisterschaft hat näm- verraten, wie viele Österreicher letztlich auf ei- kles seine Griechen zum unerwarteten Triumph
lich auch immer das Wetten Hochsaison. Wer nen rotweißroten Europameister gesetzt haben. führte und somit für hohe Auszahlungen in den
wird Europameister? Wer kann seine Gruppe Annahmestellen sorgte. So etwas passiert aber
für sich entscheiden? Wie weit kommt Öster- nicht alle Tage. Weit öfter schaffen es die Ita-
reich? Das sind alles Fragen, die mit dem rich- liener den Pokal zu stemmen. Für die Squadra
tigen Riecher zu einem satten Gewinn führen Azzurra gibt es trotzdem immerhin eine Quo-
können. Außerdem werden alle Spiele der EM te von 15,00. Der letzte Titel gelang 2006 in
als Einzelwetten angeboten. Einer spannenden Deutschland. Aus dieser Mannschaft immer
Endrunde in Frankreich steht somit Nichts mehr noch dabei ist Tormannlegende Gianluigi Buf-
im Wege. fon. Insgesamt rittern 24 Mannschaften um den
Thron in Europa. Echte Teamchefs haben ihre
Favoriten bereits gefunden und bringen ihre
QUOTEN FÜR PATRIOTEN!
Überzeugung mit einem tipp3-Tipp zum Aus-
Favoriten auf den Europameistertitel sind druck. Mit der richtigen Quittung in der Hand
Deutschland (Quote 4,30) und Gastgeber Frank- kann man dann mit Fug und Recht behaupten:
reich (4,00), gefolgt von Spanien (6,00) und Foto: Christoph Meissner „Ich hab’s schon vorher gewusst!“
England (10,00). Wer auf einen Sieg unserer
Elf setzt, gewinnt 30-fachen Einsatz, freilich Als größte Außenseiter sehen die Buchmacher tipp3-Wetten können in über 3.300 Annahme-
nur wenn Alaba & Co am 10.Juli im Stade de Österreichs Gruppengegner Ungarn (Quote stellen in ganz Österreich, online auf tipp3.at
France als Sieger vom Platz gehen. Das wäre 300,00) sowie Albanien und Nordirland. Für oder auch mobil abgegeben werden.
THEMA

Windstärke zwölf
Text: Benjamin Schacherl
Fotos: Daniel Shaked

Vierzig offizielle Fanklubs zählt das österreichische Nationalteam,


den Ton in der Kurve geben zwei Brüder aus Schwechat an. 2010
haben sie die „Hurricanes“ gegründet.

D
as österreichische Nationalteam bestreitet gegen mit einem „Immer wieder Österreich“ anzuheizen. Ein
die Türkei seinen drittletzten Test vor der Europa­ Mann reckt einen Schal mit der Aufschrift „Ski-WM
meisterschaft. Während sich die Ränge langsam Schladming 2013“ in die Höhe.
füllen, singen und hüpfen noch einige türkische Fans am
Stadionvorplatz. Im österreichischen Fansektor schwört WEHENDE FAHNEN, FLIEGENDE HOTDOGS
der Vorsänger die Kurve auf ein schweres Spiel ein. „Aufgrund von Fanaktivitäten kann es zu Sichtbehinde­
Schließlich seien viele Gästefans im Stadion. Zu Spiel­ rungen kommen“, steht am Eingang zum ersten Rang
beginn kommen Doppelhalter und große Fahnen zum der Fankurve im Ernst-Happel-Stadion. Der ÖFB bringt
Einsatz. In den umliegenden Bereichen werden die von diesen Warnhinweis an, weil sich in der Vergangenheit
einem ÖFB-Sponsor vorbereiteten Fähnchen geschwenkt. immer wieder Zuschauer über den Einsatz von Fahnen
Stadionsprecher Andy Marek versucht die Stimmung beschwert hatten. Sie würden einen ungestörten Blick

2
0

ÖFB-FANKLUB „HURRICANES“
THEMA

aufs Spielgeschehen verhindern. „Früher haben uns die


Leute beschimpft und sogar mit ihren Hotdogs beworfen“,
sagt Stephan Wastyn dem ballesterer einige Tage nach
dem Spiel. Der 23-Jährige hat 2010 gemeinsam mit
seinem um vier Jahre älteren Bruder Bernhard den Fan­
klub „Hurricanes Österreich“ gegründet. „Anfangs haben
wir noch zurückgeschimpft, dann haben wir diese
Ausbrüche einfach über uns ergehen lassen“, sagt Bern­
hard. Seit 2013 koordiniert er als Vorsänger den aktiven
Support hinter dem Tor in den Sektoren C und D.

„Natürlich ist bei uns auch Nationalstolz


dabei, sonst hätte das Ganze ja keinen
Sinn. Aber es ist nicht so, dass wir uns
jetzt als die ur Österreicher sehen.“

Bernhard Wastyn, „Hurricanes“

Schon lange vor den Wastyns stand Martin


Mairhofer dort. Er ist Obmann des 65 Mitglieder starken
Fanklubs „Oed-Zeillern“ und besucht seit mehr als 30
Jahren die Spiele des Nationalteams. „Wir sind sehr
froh, dass die Jungen den Support übernommen haben.
Früher hat es den in dieser Form nicht gegeben“, sagt
der 48-Jährige zum Engagement der „Hurricanes“. 2
Gemeinsam mit den Fanklubs „Pielachtal“ und der „Blut­ 1
gruppe Rot-Weiß-Rot“ seien sie für die stark verbesserte
Stimmung verantwortlich. Mittlerweile haben sich die
meisten Stadionbesucher auch an die Fahnen gewöhnt. dabei. Capo Bernhard musste nur das Auswärtsspiel auf
„Die gehören für uns einfach dazu“, sagt Bernhard. „Bevor den Färöer auslassen. „Das ist sich mit der Ausbildung
wir eingestiegen sind, hat es fast keine Fahnen in der nicht ausgegangen“, sagt er. Der 27-Jährige ist wie sein
Kurve gegeben.“ Eingestiegen sind die „Hurricanes“ vor Bruder Stephan angehender Lehrer. Wie sich das aktive
mehr als fünf Jahren bei einem Testspiel gegen Griechen­ Fanleben mit der späteren Berufsrealität vereinbaren
land. „Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Das war ziem­ lässt, darüber sind sich beide noch nicht im Klaren.
lich peinlich. Wir hatten ja überhaupt keine Ahnung „Wenn wir einmal arbeiten, sind die Spiele hoffentlich am
vom Fandasein“, sagt Bernhard. Wochenende“, sagt Stephan. Aber man habe die Berufs­
wahl eben nicht nach den Aktivitäten bei den „Hurricanes“
ZWISCHEN KURVE UND KLASSENZIMMER ausgelegt. Bernhard gibt derzeit Nachhilfe, um sich die
Die Brüder aus Schwechat haben die „Hurricanes“ im Auswärtsreisen leisten zu können. Dass er einmal in
Freundes- und Bekanntenkreis gegründet. „Wir wollten die Lage gerät, in der Kurve per Megafon einen seiner
einfach nicht hinnehmen, dass die Stimmung bei Schüler zum Mitsingen aufzufordern, hält er für unwahr­
Österreich-Spielen so schlecht sein muss“, sagt Bern­ scheinlich. Auch in der Familie habe es keinerlei Vorbe­
hard. Den Support zu koordinieren sei dabei gar nicht halte gegeben, als die beiden Brüder den Fanklub gründe­
geplant gewesen. Doch als sich mit den „Patriots Öster­ ten. „Nur die Mama ist nicht so glücklich, weil wir die
reich“ die zuvor tonangebende Gruppe zurück­gezogen ganzen Utensilien bei den Eltern im Keller lagern“,
hatte, übernahmen die „Hurricanes“ 2013 die Führung. erzählt Stephan. „Und das Auto müssen wir uns auch oft
Ein Anspruch, der auch von anderen akzeptiert und ausborgen.“ Zur Europameisterschaft in Frankreich wer­
beim folgenden Fanklubtreffen offiziell beschlossen den die „Hurricanes“ pendeln. Flüge nach Bordeaux und
wurde. „Wir waren immer präsent und haben uns das zurück sind gebucht, zu den Spielen in Paris wird die
Vertrauen der anderen erarbeitet“, sagt Bernhard. Gruppe mit Bussen anreisen. „Es ist nicht so leicht. Die
Heute hat die Gruppe mehr als 100 Mitglieder. Vorrunde fällt genau in die Prüfungszeit an der Uni.
Seit dem Amtsantritt von Teamchef Marcel Koller im Und es kann sich auch nicht jeder Arbeitnehmer Urlaub
November 2011 waren die „Hurricanes“ bei jedem Spiel nehmen“, sagt Bernhard. 

ÖFB-FANKLUB „HURRICANES“
THEMA

MAUE STIMMUNG „Die Zusammenarbeit ist in jeder Hinsicht angenehm


Im Happel-Stadion gleicht die Türkei kurz vor der Halb­ und konfliktfrei“, sagt Barbara Kontner, die für die ÖFB-­
zeit aus, tausende Fans feiern lautstark ihre Mannschaft. Fanbetreuung zuständig ist. „Wir sind sehr froh, mit den
Die Stimmung im Österreich-Sektor wird schlechter. ‚Hurricanes Österreich‘ einen sehr verlässlichen Partner
„Das ist eine Blamage! Reißen wir uns zusammen! Unser in der Kurve zu haben.“ Im Jahr 2012 kam es dennoch
Job ist es, die Mannschaft nach vorne zu peitschen“, zum Streit. Auslöser waren Sponsorenfähnchen, die der
schreit Bernhard durch das Megafon. Doch seine Versu­ ÖFB seit einigen Jahren bei den Spielen an jedem Sitz­
che, möglichst viele Fans mitzureißen, sind am heutigen platz hinterlegen lässt. Nachdem sich die „Hurricanes“
Abend nur selten von Erfolg gekrönt. Bei der Nachbe­ in einem Onlinetext kritisch darüber geäußert hatten,
trachtung glauben die Brüder den Grund zu kennen. wurden sie vom ÖFB zu einer schriftlichen Rechtferti­
„Der Durchschnittsösterreicher gibt ja immer gleich auf, gung aufgefordert. „Wir waren zu dieser Zeit gerade in
wenn wir gegen Länder wie die Türkei oder Albanien Kasachstan, um die Mannschaft zu unterstützen. Ich habe
spielen“, sagt Bernhard. „Der sagt sich: Das ist ohnehin erst von zu Hause antworten können“, sagt Bernhard.
ein Auswärtsspiel.“ Dabei seien gerade Spiele gegen Zu spät. Nach vier Tagen erhielten die „Hurricanes“ eine
Teams mit lautstarken Fans besonders interessant. „Es weitere Nachricht vom ÖFB: Der Status als offizieller
ist fad, wenn wir keine Konkurrenz haben.“ Fans aus Fanklub sei ihnen aberkannt worden, weil noch keine
Südosteuropa würden in der Regel bessere Stimmung Stellungnahme erfolgt war. „Beim Freundschaftsspiel
machen, weil sie mehr Nationalstolz hätten, glaubt gegen die Elfenbeinküste haben wir unser Transparent
Bernhard. Ist es für die Stimmung also wichtig, beson­ aus Protest dann kopfüber gehängt“, sagt Bernhard.
ders patriotisch zu sein? „Das ist schwer zu sagen. Natür­ Ihren Fanklubstatus haben die „Hurricanes“ nach
lich ist bei uns auch Nationalstolz dabei, sonst hätte Gesprächen mit dem ÖFB wieder, doch in der Fahnen-­
das Ganze ja keinen Sinn. Aber es ist nicht so, dass wir Causa bleibt der Verband hart. „Wir haben darum ge­beten,
uns jetzt als die ur Österreicher sehen“, sagt Bernhard. dass die kleinen Sponsorfahnen in der Kurve nicht bereit
gelegt werden, damit wir eine eigene Fahnenchoreo
machen können“, sagt Bernhard. „Das erlaubt uns der
ÖFB leider nicht.“
2012 kam es zum Streit. Nachdem 2012 hat der ÖFB unter dem Namen „Immer
wieder Österreich“ seinen eigenen offiziellen National­
sich die „Hurricanes“ kritisch über team-Fanklub gegründet. Die Mitgliedschaft wird mit der
die Sponsorenfähnchen geäußert Aussicht beworben, Teil einer neuen Fankultur werden
zu können – und mit Fotos aus der Kurve. Tatsächlich
2
hatten, wurden sie vom ÖFB zu einer finden sich die Mitglieder von „Immer wieder Österreich“
2 Rechtfertigung aufgefordert. im Ernst-Happel-Stadion jedoch auf der Längsseite im
Sektor E wieder. „Die Leute sind dann enttäuscht, dass
dort alle nur still herumsitzen, und kommen zu uns“,
sagt Bernhard.
Die Unterstützung der Mannschaft ist den
„Hurricanes“ wichtiger als Schimpfgesänge gegen den GESETZE DER KURVE
Gegner. Beim Qualifikationsspiel gegen Deutschland in Kurz nachdem Arda Turan die Türkei im Happel-Stadion
München schallte im September 2013 dennoch „Schwuler in Führung bringt, steht auch ORF-Journalist Hanno
DFB“ durch das Stadion. „Gegen Deutschland fängt Settele direkt beim Vorsängerpodium. Seine zwei Beglei­
immer irgendwer damit an. Ich stimme das nicht an, aber ter filmen mit ihren iPhones die trommelnden, singenden
ich kann es auch nicht verbieten“, sagt Bernhard. Der
ÖFB musste für die homophoben Gesänge 30.000 Euro
Strafe zahlen. Für Martin Mairhofer vom Fanklub
„Oed-Zeillern“ nicht ganz nachvollziehbar, wie er dem
ballesterer sagt: „Die Leute vom ÖFB haben zu uns
gesagt, dass sie die Strafe lächerlich finden. 99,9 Prozent
der Österreich-Fans sind sicher nicht homophob.“ Wel­
che Gesänge würde Bernhard als Vorsänger zu unter­
binden versuchen? „Rassistische Äußerungen sind bei
den ‚Hurricanes‘ noch nie passiert. Bei einmaligen
Äußerungen würde ich wahrscheinlich drüber hinweg­
schauen“, sagt Bernhard. Er könne nicht für alle die
Verantwortung tragen, und man nehme ohnehin nicht
„jeden Vollkoffer“ auf.

DIE FÄHNCHENFRAGE
Das Verhältnis mit dem ÖFB sei grundsätzlich gut, sagen
die „Hurricanes“. Das sieht man auch beim Verband so.

ÖFB-FANKLUB „HURRICANES“
THEMA

2
3
und klatschenden Fans. Für die Fans kein Problem, Irland. In einem Pub in Dublin gerieten im März 2013
auch der ballesterer wurde freundlich empfangen. „Wir Fans des LASK, der SV Ried und von Austria Salzburg
nehmen nicht alle Anfragen an“, sagt Bernhard. Dem ORF aneinander. „Wir haben das zufälligerweise beobachtet.
hat man einmalig erlaubt, in der Kurve zu filmen. Rück­ Es ist traurig, wenn so etwas dann in den Medien ist.
blickend ist dem Vorsänger nicht ganz wohl dabei. „Man Gerade auswärts repräsentiert man doch sein Land“,
kann so etwas ja schnell ins Lächerliche ziehen. Und viele sagt Bernhard.
Journalisten wissen nicht, wie eine Kurve funktioniert.“
Einerseits hoffen die Brüder, so zu mehr Verständnis VERSCHMÄHTE SAMMLERSTÜCKE
beizutragen, andererseits befürchten sie, dass es insbe­ Österreich liegt kurz vor Spielende immer noch 1:2
sondere in den Fanszenen der Bundesliga-Vereine nicht zurück. Die türkischen Anhänger auf der gegenüber­
gut ankommt, dass Medienvertreter so großzügig im liegenden Seite feiern. Bernhard gibt per Megafon die
Fanblock toleriert werden. Forderung nach dem Ausgleich vor. „Na geh, gebt die
Die organisierten Fanszenen vieler Bundes­ Hände rauf“, sagt Martin von der „Blutgruppe Rot-Weiß-
ligisten würden den Nationalteam-Support ohnehin Rot“ in Zimmerlautstärke zu den Mitgliedern seines
zwiespältig sehen, glaubt Bernhard. Er und sein Bruder Fanklubs. Die Motivation schwindet. Der Schiedsrichter
gehen zu Spielen von Rapid, mitunter waren sie aber pfeift ab, das Spiel ist verloren, die Fans packen zusam­
auch bei anderen Klubs, um Vergleiche ziehen zu können. men. Der Fanklubbanner wird abgehängt, das Podium
Unter den „Hurricanes“-Mitgliedern seien die verschie­ am Tag nach dem Spiel abgebaut. „Da habt ihr heute ein
densten Vereinszugehörigkeiten vertreten. „Es gibt bei schlechtes Spiel erwischt“, sagt Bernhard nach dem
uns aber keine Rivalitäten. Nur vor einem Derby ver­ Abpfiff. Er meint damit nicht die Leistung des Teams,
arschen wir uns hier und da“, sagt Bernhard. In der sondern die Stimmung im Stadion.
Fankurve würden sich die Mitglieder ohnehin so positi­ Während sich die meisten Anhänger schon
onieren, dass die Fans konkurrierender Vereine nicht auf den Heimweg gemacht haben, sammeln ein paar
nebeneinander stehen. „Viele sagen sich: Ich muss jetzt noch zurückgelassene Fähnchen des ÖFB-Sponsors ein,
nicht plötzlich neben einem bestimmten Fan stehen – um sie mit nach Hause zu nehmen. Im Bereich der
nur weil es um das Nationalteam geht.“ Probleme gebe „Hurricanes“ liegen die Fähnchen zwischen leeren Trink­
es damit keine geben – abgesehen vom Auswärtsspiel in bechern und Essensresten unbenutzt am Boden. 

ÖFB-FANKLUB „HURRICANES“
THEMA

„Auch der Beste


braucht einmal Glück“
Interview: Michael Graswald,
Clemens Gröbner & Benjamin Schacherl
Fotos: Stefan Reichmann

Sie sind die letzten Teamchefs, die Österreich bei Großturnieren


betreut haben: Josef Hickersberger und Herbert Prohaska. Im Interview
sprechen die beiden über unehrliche Spieler, mediale Einflussversuche
und verpasste Karrierechancen.

A
m frühen Nachmittag sind im Gastgarten des Herzog gesagt: „Andi, du kannst nicht spielen, du ziehst
Schweizerhauses im Wiener Prater fast alle den Fuß hinter dir her, und jeder sieht es.“ Aber er hat
Tische besetzt. Die drei Tassen Kaffee am mir gesagt, dass er mit einer Spritze eh spielen könne.
ballesterer-Tisch irritieren Herbert Prohaska, als er Was machst du da?
zum Interviewtermin kommt. „Sind wir auf einer Hickersberger: Man kennt das eh selber,
Konferenz?“, fragt er unter Gelächter an den Neben­ ich hab in Argentinien auch gespielt, obwohl ich eine
tischen. Das Bier für Prohaska wird schon zum Tisch Zerrung gehabt habe.
gebracht, während er noch mit den Kellnern am Prohaska: So ist das halt: Du wünschst dir auf
Ein­­­­­­gang plaudert. Mit etwas weniger Getöse aber der einen Seite, dass die Spieler ehrlich sind, weißt aber
ebenso gut gelaunt erscheint Josef Hickersberger, der auch, dass sie spielen wollen.
sich ein Krügerl, gefolgt von Kaffee und Apfelstrudel, Hickersberger: Willst du jetzt sagen, ich war
2 bestellt. Prohaska wählt Bierfleisch: „Aber bitte keine nicht ehrlich?
4 große Portion!“ Prohaska: Bei dir ist es gut gegangen, wir sind
ja weitergekommen.
ballesterer: Ende Mai müssen die Teamchefs
ihre EM-Kader benennen. Wie trifft man diese Ent- Herr Hickersberger, Sie haben vor der EM 2008 ja
scheidungen? viele Spieler im Blick gehabt.
Prohaska: Zu entscheiden, wen man zu Hause Hickersberger: Zu viele, vielleicht habe ich
lässt, ist wirklich schwierig. Ich habe alle Spieler ange­ den Überblick verloren.
rufen. Du weißt natürlich, dass sie auf dich böse sind,
wenn sie nicht dabei sind. Ich habe auf die aktuelle Form Ist die Qualität der Spieler heute höher als damals?
gesetzt. Hickersberger: Ja. Diejenigen, die jetzt
Hickersberger: Wenn die Entscheidungen auf den Sprung in den EM-Kader knapp verpassen, wären
rein fachlichen Kriterien beruhen, ist es ja noch relativ bei mir Stammspieler gewesen.
einfach. Wenn man aber welche treffen muss, die schwer Prohaska: Der Marcel Koller braucht sich
zu begründen sind, kann man die eine oder andere keine Gedanken machen, mit wem er hinfährt, weil das
Nacht nicht gut schlafen. für ihn längst feststeht. Dadurch erspart er sich auch die
Diskussionen in den Medien. Mir wollten sie den
Wann war das so? Alexander Manninger als dritten Tormann reindrücken.
Hickersberger: Bei der Qualifikation für Darüber hätte ich mir also Gedanken machen sollen –
1990 war die Wahl zwischen Bruno Pezzey und Heribert wer als dritter Tormann mitfährt?
Weber schwierig. Ich habe mich damals für den Weber Hickersberger: Dafür habe ich den Manninger
entschieden, der hat dann aber beim letzten Qualifikati­ 2008 mitgenommen.
onsspiel nicht spielen können. Da wir dieses Match Prohaska: Eben, der war 1998 in einem Alter,
gewonnen haben, habe ich mich bei der WM für seinen wo ich gewusst habe, dass er noch fünfmal die Chance
Ersatzmann, den Ernst Aigner, entschieden. Man kann hat, sich zu qualifizieren.
natürlich darüber diskutieren, ob es nicht eine bessere Hickersberger: Diese Einflussversuche wären
Lösung gegeben hätte. bei mir völlig verkehrt gewesen, ich hätte garantiert den
Prohaska: Man hat auch das Problem, dass anderen mitgenommen. Ich lasse mir doch meinen
die Spieler nicht ehrlich zu sich sind. 1998 habe ich dem Kader nicht diktieren.

JOSEF HICKERSBERGER & HERBERT PROHASKA


THEMA

2
5

Haben Sie ein Autoritätsproblem? 1990 hat Österreich vor der WM gute Ergebnisse
Hickersberger: Nein, ich habe nur erlebt, wie gegen Spitzenteams erzielt. War die Erwartungshal-
das ist, wenn ein Teamchef auf Zurufe von Zeitungen mit tung damals ähnlich wie bei der diesjährigen EM?
großer Auflage reagiert. Hickersberger: Das ist sicher vergleichbar.
Prohaska: Daran kann sich vielleicht nicht Eine zu hohe Erwartungshaltung kann zu einem Problem
mehr jeder erinnern. Unter Teamchef Branko Elsner hat werden. Du brauchst nur dein Eröffnungsspiel nicht
sich der Hans Krankl beschwert, weil er nicht gespielt gewinnen und bist schon gewaltig unter Druck. Nur
hat. Die Krone ist dann eingestiegen. Am Matchtag hat glaube ich, dass diese Mannschaft so viel Qualität und
der Elsner dann gesagt, dass der Krankl statt dem Pepi Erfahrung hat, dass sie damit umgehen kann.
spielen würde, woraufhin der Pepi heimgefahren ist. Prohaska: Dieses Mal sollte die Gruppe zu
Hickersberger: Ich möchte erwähnen, dass schaffen sein, obwohl auch Ungarn und Island auf keinen
ich dem Elsner trotzdem unglaublich viel verdanke. Er Fall leichte Gegner sind. Bei uns glauben alle, dass
hat mich später als Assistenten zum Nationalteam geholt, uns die Euphorie bei der EM tragen wird. Nur haben
da hat meine Trainerkarriere begonnen. die Ungarn und die Isländer diese Euphorie auch. 

JOSEF HICKERSBERGER & HERBERT PROHASKA


THEMA

Hickersberger: Wahrscheinlich war auch ich Hickersberger: Gut, er stellt sein Licht ein
1990 von den Resultaten in der Vorbereitung geblendet. wenig unter den Scheffel. Brauchbare Spieler spielen
Wir haben zu Hause gegen die Niederlande plötzlich 3:0 nicht bei Inter und Roma und gewinnen dort etwas.
geführt. Ich habe mir nie in meiner Karriere so sehr Das sind schon außergewöhnlich gute.
gewünscht, dass der Gegner Tore macht. Denn nach so Prohaska: Auch als erfolgreicher Spieler
einem Spiel erwarten die Leute plötzlich, dass du bei hast du in Italien keine Garantie, dass du Trainer wirst.
der WM ins Semifinale kommst. Wir haben das erste Italienische Trainer sind zwar taktisch super, denken
Spiel gegen Italien gehabt – in Italien. Der Herbert war aber immer gleich. Offensivfußball gibt es nicht. Ich
lang genug dort, der kennt sich aus. Dort kannst du hätte dort gerne etwas verändert.
eigentlich nicht gewinnen. Sei ehrlich, Herbert.
Prohaska: Vor allem gegen die Mannschaft, Ihre Teamchefkarrieren waren nach den Großereignis-
die Italien damals gehabt hat. sen bald beendet. 1990 folgte das 0:1 gegen die Färöer,
1999 das 0:9 gegen Spanien.
Prohaska: Es gibt Ergebnisse, die dich im Vor­
feld enorm schlecht beeinflussen. Kurz vor dem Spiel in
Valencia hat Spanien auf Zypern 2:3 verloren. Wir haben
„Ich war 1990 alleine in Italien und habe dort 3:0 gewonnen und gedacht, dass wir in Spanien
keine Angst haben müssen. Ich war dann der Einzige,
das Quartier sorgfältig ausgewählt. der keine Angst gehabt hat – aber auch nur fünf Minuten,
Ich war über Nacht in den jeweiligen dann ist die Welt zusammengebrochen.
Hickersberger: Ich bin damals total entgeistert
Hotels, um den Lärmpegel zu studieren vorm Fernseher gesessen. Ich habe mich gefragt, was
und in den Betten Probe zu liegen.“ besser ist, gegen die Färöer zu verlieren oder so leiden
zu müssen. Gegen die Färöer habe ich mir nach 75
Minuten keine Hoffnungen mehr gemacht, dass wir ein
Tor schießen. Aber so etwas ist schon hart, du musst
hoffen, dass du nicht zehn bekommst. Ich hab mit dem
Braucht man bei einer Endrunde besonders viel Herbert mitgelitten, das hat einfach wehgetan.
Glück? Prohaska: Das war sicher meine peinlichste,
Hickersberger: Ich will nicht sagen, dass aber nicht die schlimmste Niederlage. Da war es zehn­
wir Glück brauchen, aber Pech dürfen wir keines haben, mal schlimmer, mit der Austria das Europacupfinale 0:4
2 obwohl wir wirklich eine tolle Mannschaft haben. zu verlieren. Bei 0:1 oder 0:9 geht es ja nur um das
6 Prohaska: Österreich muss immer Glück Ergebnis, von den Punkten her ist das kein Unterschied.
haben, Deutschland oder Barcelona brauchen das nicht,
weil die alles haben, um zu gewinnen. Glück gehört halt Im Vorfeld eines Turniers ist die Quartiersuche
dazu, das ist viel besser als Können. eine der wichtigsten Aufgaben. Wie haben Sie das
Hickersberger: Na ja, nein. gehandhabt?
Prohaska: Der Krankl hat einmal zu mir Prohaska: Wir sind nach Frankreich geflogen
gesagt, dass ich bei meinen Titeln immer nur Glück und dann einfach herumgefahren. Die Kriterien sind,
gehabt hätte. Da habe ich geantwortet: „Hansi, wenn ich dass du deine Ruhe hast, es einen gewissen Komfort gibt
wählen könnte zwischen glücklichster und bester Trainer und der Trainingsplatz nicht weit weg ist. Irgendwann
der Welt, nehme ich immer glücklichster.“ Auch der Beste habe ich mich für ein Quartier entschieden, unserem
braucht einmal Glück. Generalsekretär, dem Gigi Ludwig, war es aber zu teuer.
Er hat ein Hotel der gleichen Klasse zu einem günstigeren
Was nimmt man als Trainer von so einem Turnier mit? Preis gefunden. Ich habe ihm gesagt, dass er dann die
Hickersberger: Man sieht, ob man auf diesem Verantwortung übernehmen müsse, wenn sich die Spieler
Niveau wettbewerbsfähig ist. Sei es als Spieler oder als beschweren. Dann haben wir meines genommen.
Trainer. Und es ist gut für den Lebenslauf.
Prohaska: Ich habe 1998 meine Chance 1990 war die Mannschaft mitten in den Weinbergen in
ge­­sehen, über die WM als Trainer nach Italien zu der Nähe von Florenz untergebracht.
kommen. Aber nach der Niederlage gegen die Italiener Hickersberger: Da war der Trainingsplatz in
habe ich gewusst, dass ich meine Pläne erst einmal unmittelbarer Nähe. Ich war alleine in Italien und habe
begraben kann. Dann kannst du halt Teamchef bleiben das Quartier sorgfältig ausgewählt. Ich war über Nacht
oder Klubtrainer in Österreich werden. in den jeweiligen Hotels, um den Lärmpegel zu studieren
und in den Betten Probe zu liegen. Ich habe damals auch
Ist der Teamchefposten auch eine Karrierebremse? den Weinkeller besichtigt. Auf den Preis habe ich nicht
Prohaska: Ich war in Italien ein brauchbarer geschaut. Um das jetzt deutlich zu sagen: Am Quartier
Spieler und auch relativ beliebt. Aber deshalb wirst du sind wir 1990 nicht gescheitert.
dort noch lange nicht Trainer. Du musst also schon was Prohaska: Nein, wir 1998 in Bordeaux sicher
vorweisen können, und das konnte ich halt nicht. auch nicht, obwohl der Wein dort noch besser war.

JOSEF HICKERSBERGER & HERBERT PROHASKA


THEMA

Wie strikt waren dort die Regeln, etwa der Wie haben Sie verhindert, dass ein Lagerkoller
Ernährungsplan? entsteht? 2
Prohaska: Wenn du nicht gut spielen kannst, Prohaska: Jede Mannschaft, die fünf Matches 7
hilft dir auch die beste Ernährung nichts. Aber klar, die in Folge gewinnt, ist eine super Familie. Und bei jeder,
Spieler heute ernähren sich bewusster, ich habe noch die fünf Matches in Folge verliert, kracht es hinten und
Spieler wie den Toni Polster gehabt. Wir haben in einem vorne.
Vortrag gehört, dass zum Frühstück fast alles erlaubt ist,
nur solle man die Eiergerichte weglassen. Die erste Teambuilding-Maßnahmen sind also überflüssig?
Bestellung vom Polster beim Frühstück war Ham and Prohaska: Natürlich. Es ist ganz normal, dass
Eggs, da hat es mich aus dem Sessel gefedert. die Spieler jetzt sagen, dass alles super ist. Schwierig
wird es erst, wenn die Spieler öffentlich darüber reden,
Ist während der WM 1998 geraucht worden? warum sie nicht eingesetzt werden. Mit dem Misserfolg
Prohaska: Ja, aber nicht viel. Ich habe gesagt, steigt die Gefahr für einen Lagerkoller.
dass im Bus und beim Essen nicht geraucht werden darf. Hickersberger: Wenn man nicht gewinnt, ist
Vielleicht ist das überheblich oder revolutionär, aber ich man aber eh nicht so lange zusammen. 
hätte mir das als Spieler auch nicht verbieten lassen. Bei
der Roma haben wir nach jedem Match in der Kabine
geraucht – und sind Meister geworden. Josef Hickersberger (68) betreute Österreich
bei der WM 1990 und der EM 2008. Als Spieler
Das wäre heute wohl kein Diskussionspunkt mehr. wurde er mit der Austria und Rapid Meister, im
Prohaska: Damals war das noch anders. Mit Nationalteam kam er auf 39 Einsätze. Als Trainer
dem Johan Cruyff, Gott hab ihn selig, habe ich beim gewann er mit Rapid, Al-Ahli und Al-Ittihad die
Abschiedsspiel vom Rainer Bonhof gespielt. In der Halb­ Meisterschaft, zweimal war er Teamchef Bahrains.
zeit hat der Johan unseren Trainer, den Jupp Heynckes,
gefragt: „Macht es etwas, wenn ich mir eine anzünde?“ Herbert Prohaska (60) war von 1993 bis 1999
Der Heynckes hat gesagt, dass er es einfach machen soll. österreichischer Teamchef. Als Spieler bestritt
Hickersberger: Wichtig ist nur, dass man er 84 Länderspiele, gewann mit der Austria
gewisse Regeln aufstellt, an die sich alle halten müssen. siebenmal die Meisterschaft, 1982 wurde er mit
Prohaska: Ja. Wenn du etwas durchgehen Inter Cupsieger, 1983 mit der Roma Meister. Als
lässt, fällt das ja auf dich zurück. Austria-Trainer gewann er zwei Meisterschaften.

JOSEF HICKERSBERGER & HERBERT PROHASKA


A
  1984, 2000
  1960, 1984, 1992, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012

  21
   Didier Deschamps (seit 2012)

    Paul Pogba (Juventus, 65 Mio.)

     Olympique Marseille (3 Spieler)


01. 05. 1904 Belgien – Frankreich 3:3
12-2-9

Frankreich

Freitag, 10. Juni um 21.00 Uhr in Saint-Denis Mittwoch, 15. Juni um 21.00 Uhr in Marseille

Frankreich – Rumänien : Frankreich – Albanien :

Samstag, 11. Juni um 15.00 Uhr in Lens Sonntag, 19. Juni um 21.00 Uhr in Lille

Schweiz – Albanien : Frankreich – Schweiz :

Mittwoch, 15. Juni um 18.00 Uhr in Paris Sonntag, 19. Juni um 21.00 Uhr in Lyon

Schweiz – Rumänien : Rumänien – Albanien :

Rumänien

  –
  1984, 1996, 2000, 2008

  19
   Anghel Iordanescu (seit 2014)

    Vlad Chiriches (SSC Napoli, 6 Mio.)

     Steaua Bukarest (4 Spieler)


08. 06. 1922 Jugoslawien – Rumänien 1:2
1-5-2
A
  –
  1996, 2004, 2008

  14
   Vladimir Petkovic (seit 2014)

    Ricardo Rodriguez (VfL Wolfsburg, 28 Mio.)

     Borussia M’gladbach, Hamburger SV ( je 2 Spieler)


12. 02. 1905 Frankreich – Schweiz 1:0
1-5-2

Schweiz

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose

Albanien

  –
  –
  45
   Giovanni De Biasi (ITA, seit 2011)

    Elseid Hysaj (SSC Napoli, 9 Mio.)

     FC Nantes, HNK Rijeka ( je 2 Spieler)


07. 10. 1946 Albanien – Jugoslawien 2:3
0-0-7
GRUPPE A

Der Schwierige
Text: Christoph Heshmatpour

Hatem Ben Arfa hat seine Karriere zwischendurch schon einmal


beendet, doch rechtzeitig vor der Europameisterschaft im eigenen
Land wird der französische Mittelfeldspieler seinem Talent
gerecht.

V
or einem Jahr hätte kaum wer etwas darauf an der EM teilzunehmen. Das war nach dem Heimspiel
gewettet, dass Hatem Ben Arfa überhaupt noch gegen Rennes im April, in dem er beim 3:0-Sieg alle drei
eine Chance erhalten würde, im französischen Tore geschossen hatte, und eine ungewöhnlich demütige
Kader für die Europameisterschaft zu stehen. Doch Äußerung. Bisher war Ben Arfa hauptsächlich dafür
gerade noch rechtzeitig vor dem Herbst seiner Karriere bekannt, seine Trainer zu beschimpfen, wenn ihn diese
spielt der 29-Jährige beim OGC Nice die Saison seines auf die Bank setzen.
Lebens. In der Torschützenliste der Ligue 1 liegt Ben Das große Talent von Hatem Ben Arfa stand
Arfa hinter Zlatan Ibrahimovic auf Rang zwei. Und er nie infrage. Schon im Alter von 15 Jahren war er
schießt im Gegensatz zu Ibrahimovic seine Tore nicht Olympique Lyon 150.000 Euro wert, damit er vom
für den alles dominierenden Spitzenreiter aus Paris, Amateurklub Clairefontaine in die Nachwuchsabteilung
sondern für das Kleinstadtteam aus Nizza, das er wohl des Erstligisten wechselte. Mit der U17-Nationalmann­
quasi im Alleingang in den Europacup führen wird. schaft wurde er 2004 Europameister, mit 17 debütierte
er in der Kampfmannschaft von Lyon und wurde viermal
VIEL TALENT in Folge französischer Meister. „Er ist der begabteste
„Ich werde auf dem Platz alles geben. Solange Hoffnung Spieler, der jemals bei Olympique Lyon ausgebildet
besteht, glaube ich daran“, sagte Ben Arfa im Interview worden ist. Neben Karim Benzema und Juninho war er
3 mit der Sporttageszeitung L’Equipe über seine Chancen, der Spieler, der am stärksten beeindruckt hat. Er hat
0

Hatem Ben Arfa hofft


auf Teamchef
Deschamps’ Milde
Imago

FRANKREICH
GRUPPE A

08
eine natürliche Qualität, die phänomenal ist“, wird
der ehemalige Lyon-Trainer Bernard Lacombe auf der
Vereinswebsite zitiert.

WENIG TEAMGEIST
te
Letz
Die Frage ist jedoch, ob Ben Arfa wirklich für den Profi­
fußball gemacht ist. Sein Talent blitzte immer wieder
in Slalomdribblings und spektakulären Toren auf, doch

a r i s
zugleich standen ihm sein Temperament und schwere
Verletzungen im Weg. In Lyon prügelte er sich im Trai­
ning mit seinem Teamkollegen Sebastien Squillaci und
P IM
vergaß beim Abschied in Richtung Marseille einen zwi­ SPERRGEBIET
schen schmutziger Fußballwäsche zusammengeknüllten
von Christoph Heshmatpour
Prämienscheck über 90.000 Euro im Handschuhfach
des Dienstwagens. Als er in Marseille im Oktober 2008 Wie es sich für eine echte Frankreich-
beim Match gegen Paris Saint-Germain nur auf der Bank Rundfahrt gehört, führt die letzte
saß, weigerte er sich, mit Aufwärmübungen zu beginnen. Etappe nach Paris, Heimat von gleich zwei
Ein Jahr später beging Ben Arfa den vielleicht schwersten EM-Spielorten, dem Stade de France in
Fehler seiner Karriere, als er seinen damaligen Trainer Saint-Denis und dem Parc des Princes
Didier Deschamps beleidigte. Frustriert über seinen Status im 16. Arrondissement.
Die beiden Stadien sind so etwas
als Ersatzspieler warf er ihm an den Kopf: „Du gehst
wie ungleiche Brüder. Auf der einen Seite
mir auf die Eier.“ der Parc des Princes, ein enges und zeit­
Heute ist Deschamps Teamchef der franzö­ los modernes Fußballstadion, das mitten
sischen Nationalmannschaft, und Ben Arfas Chancen im städtischen Leben an der Grenze
auf eine EM-Nominierung hängen wohl auch davon ab, zwischen Paris und dem Vorort Boulogne
wie nachtragend er ist. Deschamps berief Ben Arfa im gebaut wurde. Auf der anderen Seite das
vergangenen November nach starken Leistungen in Stade de France, ein weitläufiges Multi­
funktionsnationalstadion, das anlässlich
Nizza zwar erstmals wieder in den Teamkader, in den
der WM 1998 mitsamt einem Business-
letzten Tests vor der Europameisterschaft zog er ihm und Shoppingcenterkomplex in die Vor­
im offensiven Mittelfeld aber Dimitri Payet von West stadt zwischen Autobahndrehkreuz, zwei
Ham vor. Auch in der Nationalmannschaft hat Ben Arfa S-Bahn-Stationen und Bettenburgen
eher den Ruf, ein schwieriger Charakter zu sein. Bei geklatscht wurde. Das 16. Pariser Arron­ 3
der EM 2012 ließ er den damaligen Teamchef Laurent dissement gilt als das allerbürgerlichste 1
Blanc nach der 0:2-Niederlage im Gruppenspiel gegen Viertel einer an bürgerlichen Vierteln
nicht armen Stadt. Saint-Denis hingegen,
Schweden wissen, dass er nicht glücklich über seine
die Heimat so ziemlich aller berühmten
Auswechslung gewesen sei: „Es waren schlechtere als französischen Gangsta-Rapper, ist über
ich auf dem Platz.“ die Grenzen Frankreichs hinaus berüch­
tigt für seine Drogenmafia und die hohe
OFFENE TÜR FÜR PSG Kriminalitätsrate.
Nach glücklosen Gastspielen in Newcastle und Hull Das österreichische Nationalteam
scheiterte Ben Arfas Wechsel zum OGC Nice im Jänner darf gleich in beiden Stadien spielen.
Für die Fußballtouristen deshalb ein paar
2015 an einem Formalfehler. Daraufhin ließ er über
Hinweise: Rund ums Stade de France gibt
seinen Anwalt verlautbaren, dass er nun seine Karriere es nichts zu sehen, außer man will den
beenden werde. Nach einer sechsmonatigen Stehzeit Paris-Aufenthalt für Laufschuh-Shopping
kehrte er im Sommer 2015 aber doch zurück und spielt nutzen, denn direkt neben das Stadion hat
seither in Nizza. Der Start verlief unglücklich: Der Spott die Sportwarenkette Decathlon eine riesige
in den sozialen Netzwerken war groß, als ein Foto von Filiale gestellt. Interessanter ist da die
einem Vorbereitungsspiel gegen Lausanne zirkulierte, Umgebung des Parc des Princes. Aufgrund
der Sicherheitsvorkehrungen werden die
auf dem Ben Arfa stark übergewichtig schien – dabei
abgesperrten Sektoren rund ums Stadion
hatte er in dem Test nur einen GPS-Gürtel am Ober­ in das umgebende Wohngebiet hinein­
körper getragen. reichen. Eine kleine Bar, das Les Deux
Nach Ablauf seines Vertrags in Nizza in diesem Stades, befindet sich an der Ecke Rue
Sommer wird Ben Arfa in jedem Fall sportlich aufsteigen. Lecomte du Nouy und Avenue du General
Wohin es ihn verschlägt, hängt wohl auch davon ab, ob Sarrail direkt gegenüber der Tribüne
er zur EM fahren darf. Die Vereine mit dem großen Geld Auteuil. Sie wird also innerhalb der äuße­
ren Sicherheitsringe liegen, aber außer­
haben jedenfalls schon einmal angeklopft: Paris Saint-­
halb des Einflusses der Veranstalter stehen.
Germain soll seine Wunschadresse sein, dem Fußball­ Vielleicht kann dieser Ort eine Oase sein,
magazin Onze Mondial sagte er: „Die Tür steht für PSG an der es innerhalb des Sperrgebiets
immer offen.“ Chelsea, Atletico Madrid und Lyon sollen noch etwas anderes zu trinken gibt als
ebenfalls im Rennen sein.  das Sponsorenbier. Tchin-tchin!

FRANKREICH
GRUPPE A

Die Silberne Generation


Text: Ruben Schönenberger

Der Schweizer Fußball boomte in der Zwischenkriegszeit. Ihre wichtigsten sportlichen und
politischen Erfolge feierte die Nationalmannschaft in Frankreich – bei den olympischen Spielen
1924 und der Weltmeisterschaft 1938.

D
ie Schweiz spielt im Fußball eine wichtige Rolle. OLYMPISCHER EUROPAMEISTER
Sowohl die FIFA als auch die UEFA haben dort Das war nicht immer so. Als sich der Fußball in England
ihren Sitz, und im FIFA-Präsidium folgte ein langsam zum Massensport entwickelte, spielte die
Schweizer auf den anderen. Auch die Schweizer Politik Schweiz in seiner Verbreitung im restlichen Europa eine
mischt fleißig mit, indem sie recht wenig gegen die wichtige Rolle. Früh gründeten sich Vereine, die oft
Korruption bei den ansässigen Verbänden unternimmt. von Engländern getragen wurden, die Schweizer Privat­
Was die Nationalmannschaft zeigt, wird hingegen schulen besuchten. Mit dem FC Sankt Gallen kommt
weniger beachtet, auch wenn sie zuletzt einige Erfolge der älteste noch existierende Fußballklub Kontinental­
verzeichnen konnte. Die Schweiz qualifiziert sich zwar europas aus der Schweiz. Auch in anderen europäischen
regelmäßig für große Turniere, kommt dort aber ebenso Länder prägten Schweizer die Entwicklung des Spiels,
regelmäßig über Achtungserfolge kaum hinaus. Im das wohl prominenteste Beispiel ist Hans Gamper, der
Vereinsfußball sieht es nicht anders aus, höchstens der am 29. November 1899 den FC Barcelona gründete. In
FC Basel sorgt mit seinen Europacup-Auftritten inter­ der Zwischenkriegszeit boomte der Schweizer Fußball,
national für Aufmerksamkeit. Kurzum: Der Schweizer Fabian Brändle und Christian Koller bezeichnen diese
Fußball interessiert primär in der Schweiz. Phase in ihrem Buch „4 zu 2“ sogar als die Goldene Zeit.

3
2 Jubel in Paris – die Schweiz gewinnt bei den Olympischen Spielen 1924 Silber
GRUPPE A

Imago (3)
Handschlag mit dem der ersten Runde Deutschland zugelost worden war. Der
nationalsozialistischen Zweite Weltkrieg sollte zwar erst 1939 beginnen, doch
Nachbarn die expansive Politik der Nationalsozialisten führte in
der Schweiz schon zu einem großen Unbehagen. Insbe­
sondere der „Anschluss“ Österreichs wenige Wochen
vor Turnierbeginn nährte die Angst, die Schweiz könnte
ihre Unabhängigkeit verlieren.
Zur Wahrung vermeintlich schweizerischer
Werte propagierten Politiker, Künstler und Intellektuelle
in den 1930er Jahren die „Geistige Landesverteidigung“,
das recht schwammige Motto sollte auch in seiner
Umsetzung variabel bleiben: So wurde sowohl unter
einer linken Perspektive gegen den Faschismus gekämpft
als auch unter Zuhilfenahme von völkischem Gedanken­
gut gegen links. Zunächst wurde die „Geistige Landes­
verteidigung“ gegen den Nationalsozialismus in Stellung
gebracht, nach dem Zweiten Weltkrieg gegen den
Kommunismus.

SYMBOLISCHER SIEG
Das erste WM-Spiel 1938 gegen das nationalsozialistische
Auch die Nationalmannschaft gehörte damals Deutschland war jedenfalls aufgeladen. Die Tatsache,
zu den besten Europas. Zwei Auftritte bei Großereignis­ dass Deutschland mit fünf Spielern aus der „Ostmark“
sen in Frankreich sollten bleibende Erinnerungen hin­ auflief, verlieh der Sorge der Schweizer um die Zukunft
terlassen – einmal in sportlicher, einmal in politischer zusätzliches Gewicht, wie Brändle und Koller betonen.
Hinsicht. Der sportliche Höhepunkt ereignete sich bei Nachdem im ersten Spiel auch nach Verlängerung keine
den olympischen Spielen in Paris 1924. Schon in ihrem Entscheidung gefallen war, kam es zum Wiederholungs­
Eröffnungsspiel gegen Litauen feierte die Schweiz mit spiel. Nach 22 Minuten lag die deutsche Mannschaft im
dem 9:0 ihren bis heute höchsten Sieg. Im Achtelfinale Parc des Princes schon 2:0 vorne, alles schien entschie­
gegen die Tschechoslowakei musste die Mannschaft den. Doch die Schweiz drehte das Match und gewann
schließlich 4:2.
In der nächsten Runde scheiterten die 3
Schweizer an der Tschechoslowakei, dennoch hatte der 3
Die olympische Silbermedaille ist bis Erfolg gegen Deutschland hohe symbolische Bedeutung.
In den Augen der Medien war es der Sieg eines kleinen,
heute der größte Erfolg der Schweiz, aufopferungsvoll kämpfenden Volkes gegen ein über­
nach der Final­niederlage durfte sie sich mächtiges Regime. Die Schweiz habe den „Unbesiegbar­
keitsfimmel der braunen Bataillone gestoppt“, schrieb die
zudem als Europameister bezeichnen. Basler Arbeiter-Zeitung. Der Schweizer Riegel, wie das von
Teamchef Karl Rappan entwickelte, kompakte Abwehr­
verhalten jener Zeit genannt wurde, wurde zum Symbol
der Selbstverteidigung. Was machte es da schon, dass der
zwar nach dem 1:1 ein Wiederholungsspiel bestreiten, Wiener Rappan selbst Mitglied der NSDAP war. 
gewann dieses aber 1:0. Im Viertelfinale folgte ein 2:1-
Sieg gegen Italien, im Halbfinale setzte sich die Schweiz
gegen Schweden ebenfalls 2:1 durch. Im Finale war Tor für die Schweiz – und die Landesverteidigung
Uruguay dann aber zu stark und gewann 3:0. Die olympi­
sche Silbermedaille ist bis heute der größte Erfolg einer
Schweizer Nationalmannschaft, nach der Finalnieder­
lage durfte sich die Schweiz zudem als Europameister
bezeichnen. Welt- und Europameisterschaften wurden
damals noch nicht ausgetragen.

SCHWAMMIGE VERTEIDIGUNG
14 Jahre später waren die Weltmeisterschaften schon
etabliert, im Juni 1938 fanden sich die besten National­
mannschaften in Frankreich zur bereits dritten End­
runde ein. Wie schon 1934 hatte sich die Schweiz quali­
fiziert, die Stimmung wurde 1938 aber noch stärker von
politischen Fragen dominiert – auch weil der Schweiz in

SCHWEIZ
GRUPPE A

Die Identitätsfalle
Text: Dario Brentin

Geburtsort, Herkunftsland der Eltern, gefühlte Heimat und gewählte


Mannschaft – die Fragen von nationaler Zugehörigkeit und Identität
werden in Albanien und der Schweiz heftig diskutiert.

Unter Rechtfertigungsdruck:
Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka
beim Spiel gegen Albanien

3
4

F
ür die Teams aus Albanien und der Schweiz
beginnt die EM vermutlich mit einem Bruderduell.
Granit Xhaka in den Reihen der Schweizer
Nationalmannschaft tritt gegen seinen um ein Jahr älte­
ren Bruder Taulant im albanischen Team an. Beide sind
in der Schweiz geboren und Kinder kosovarischer Eltern,
die in den 1980er Jahren emigriert sind. Die Biografien
der Xhakas sind kein Einzelfall. Im Kader beider Mann­
schaften steht eine große Anzahl von Spielern, die
in Albanien oder dem Kosovo geboren wurden oder mit
einem solchen Migrationshintergrund in der Schweiz
Kicken gelernt haben. In beiden Ländern sind damit Dis­
kussionen verbunden, die weit über den Fußball hinaus­
gehen und sich um nationale Identität, Loyalität und
die Grenzen von Multikulturalität drehen. los. Nachdem Teamchef Vladimir Petkovic im März
2015 Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler für ein
LOYALITÄTSFRAGEN EM-Qualifikationsspiel nicht nominiert hatte, beklagte
Als die Schweiz 2009 die U17 Weltmeisterschaft gewann, sich der Juventus-Rechtsverteidiger darüber bei einem
galt der Fußball als Vorbild für eine multikulturell ge­ Medientermin. Es ginge ihm nicht um eine Debatte über
prägte Gesellschaft. Schließlich hatten die 21 Spieler aus richtige und andere Schweizer, doch solche Entschei­
dem damaligen Kader Wurzeln in zwölf Ländern. Einige dungen könnten dazu führen, dass sich die Schweizer
der Junioren-Weltmeister waren auch 2014 in Brasilien mit ihrer Nationalmannschaft nicht identifizieren könnten.
dabei, bei der WM hatten 15 der 23 Schweizer Spieler Es folgte eine öffentliche Debatte über die Rolle der
Migrationshintergrund – ein Rekordwert bei diesem so­genannten Secondos, also in der Schweiz geborene
Turnier. Doch nicht alle begrüßen diese Entwicklung. Kinder von Einwanderern. Im besonderen Fokus: Spieler
So trat Stephan Lichtsteiner vergangenes Jahr eine mit familiären Wurzeln am Balkan wie Xhaka, Xherdan
Debatte über die Zusammensetzung des Nationalteams Shaqiri und Valon Behrami.

ALBANIEN & SCHWEIZ


GRUPPE A

Schnell entwickelte sich die Debatte zu Fragen Identifikation komplex ist – Albanien als Heimat, die
gesellschaftlicher Veränderungen – und der Angst Schweiz als Wahl. Doch so viel Raum für Grauzonen
davor. Fußball stellt eine der wenigen Möglichkeiten lassen öffentliche Debatten selten. Wenn sich ein Spieler
für Jugendliche aus migrantischen Milieus dar, wirtschaft­ als Zugehöriger einer Nation versteht, habe er das auch
lichen Erfolg und soziale Anerkennung zu erlangen. durch die Wahl der Nationalmannschaft zu verkörpern,
Auch das mag ein Grund dafür sein, dass die Secondos so erlebt es Granit Xhaka. „In der Schweiz bin ich für
im Schweizer Team heute die Mehrheit stellen, obwohl einige der Ausländer, in Albanien bin ich der Schweizer“,
sie im Rest der Gesellschaft eine Minderheit sind. Es sagte er.
habe eine soziale Umschichtung stattgefunden, schrieb
Flurin Clalüna in der Neuen Zürcher Zeitung. Er wies
zugleich darauf hin, dass der Druck auf diesen Spielern
besonders groß sei: „Von ihnen wird eine besondere
Anpassungsleistung verlangt, eine Art unverbrüchlicher Als die Schweiz 2009 die
Beweis ihrer Loyalität.“ Solange die Nationalmannschaft U17-WM gewann, galt der Fußball
als Vorbild für eine
multikulturelle Gesellschaft.

Durch die erste Teilnahme an einem großen Turnier ist


die Stimmung in Albanien an einem nationalistischen
Höhepunkt. Doch die ohnehin schon emotional geführte
Debatte wird durch eine zusätzliche Komponente noch
komplizierter: die Möglichkeit einer kosovarischen
Nationalmannschaft. Denn der Kosovo bemühte sich
geraume Zeit um eine Mitgliedschaft bei der UEFA und
der FIFA. Gebürtige Kosovaren, die in anderen National­
mannschaften spielen, könnten sich neu entscheiden,
sie wären für ein solches Team spielberechtigt. Anfang
Mai wurde beim UEFA-Kongress der Mitgliedsantrag 3
angenommen, in den nächsten Wochen soll nun auch 5
die FIFA-Mitgliedschaft erreicht werden.
Noch ist die nationale Identifikation in den
albanischen Communities grenzüberschreitend. Ein
Freundschaftsspiel zwischen Albanien und Kosovo im
November 2015 war etwa von teamübergreifendem
nationalen Pathos geprägt – und endete passenderweise
mit einem Unentschieden. Die Frage ist jedoch, ob diese
Brüderlichkeit auch so zelebriert werden wird, wenn
es um die Rekrutierung neuer Talente geht oder sich
offizielle Teams in einer Wettbewerbssituation treffen.
Imago

EINFACHE WAHL
Wenn die Brüder Xhaka am 11. Juni in Lens aufeinander­
treffen, wird es um drei Punkte und den Erfolg beim
in ihrer momentanen Konstellation Erfolg hat, überwiegt Turnier gehen, doch auch um gesellschaftliche Realitäten
die Freude daran. Ein Ausbleiben des Erfolgs könnte das und Veränderungen. Bei all diesen Debatten um Kader­
schnell ändern. zusammensetzungen und den Entscheidungen für oder
gegen ein Nationalteam sollte nicht vergessen werden,
KOMPLIZIERTE HEIMAT dass es im professionellen Fußball häufig nur ums richtige
Auch in Albanien verläuft die Diskussion um Identität Timing geht. Im Nachhinein mögen solche Entscheidungen
und Loyalität nicht konfliktfrei. Das Nationalteam als patriotisch und emotional beschrieben werden, doch
traf bereits in der Qualifikation zur WM 2014 auf die oft sind die Gründe einfach professioneller oder gar
Schweiz. Damals, im September 2012, sagte Granit finanzieller Natur. Granit Xhaka sagte über seine eigene
Xhaka im Gespräch mit dem Tagesanzeiger: „Die Leute Wahl des Nationalteams und die seines Bruders Taulant:
in der Heimat nennen uns Verräter, weil wir uns für die „Das ist ganz einfach: Bei mir war es so, dass Albanien
Schweiz entschieden haben.“ Xhakas Wortwahl ver­ kein Interesse hatte an mir, die Schweiz aber schon.
deutlichte, dass die Frage nach gelebter und gefühlter Und bei Taulant war es umgekehrt.“ 

ALBANIEN & SCHWEIZ


B
  –
  1968, 1980, 1988, 1992, 1996, 2000, 2004, 2012

  10
   Roy Hodgson (seit 2012)

    Wayne Rooney (Manchester United, 40 Mio.)

     Liverpool FC, Arsenal, Manchester U. ( je 4 Spieler)


30. 11. 1872 Schottland – England 0:0
10-4-4

England

Samstag, 11. Juni um 18.00 Uhr in Bordeaux Donnerstag, 16. Juni um 15.00 Uhr in Lens

Slowakei – Wales : England – Wales :

Samstag, 11. Juni um 21.00 Uhr in Marseille Montag, 20. Juni um 21.00 Uhr in Saint-Etienne

England – Russland : England – Slowakei :

Mittwoch, 15. Juni um 15.00 Uhr in Lille Montag, 20. Juni um 21.00 Uhr in Toulouse

Russland – Slowakei : Russland – Wales :

Slowakei

  –
  –
  32
   Jan Kozak (seit 2013)

    Marek Hamsik (SSC Napoli, 35 Mio.)

     Viktoria Pilsen (3 Spieler)


27. 08. 1939 Slowakei – Deutsches Reich 2:0
1-1-1
B
  19604
  1960, 1964, 1968, 1972, 1988, 1992, 1996, 2004, 2008, 2012 5

  27
   Leonid Sluzki (seit 2015)

    Alan Dsagojew (ZSKA Moskau, 16 Mio.)

     ZSKA Moskau, Zenit St. Petersburg ( je 6 Spieler)


30. 06. 1912 Finnland – Russland 2:1
8-4-6

Russland

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose
4
Als UdSSR 5 Von 1960 bis 1988 als UdSSR, 1992 als GUS

Wales

  –
  –
  24
   Chris Coleman (seit 2012)

    Gareth Bale (Real Madrid, 80 Mio.)

     Crystal Palace, Swansea City, Reading FC ( je 2 Spieler)


25. 03. 1876 Schottland – Wales 4:0
2-1-5
GRUPPE B

Big Britain Text: Daniel Raecke

58 Jahre nach der Weltmeisterschaft in Schweden nimmt


wieder eine Mannschaft aus Wales an einem Großturnier
teil – als einer von drei Verbänden aus Großbritannien.

E
r verdient im Jahr geschätzte 25 Millionen Euro Für Wales ist es die erste Teilnahme an einem
bei Real Madrid, hinzu kommen zahlreiche Werbe­ Großturnier seit der WM 1958. Damals qualifizierten sich
verträge. Er gilt als der teuerste Fußballer der Welt sogar alle vier britischen Nationalteams, Wales allerdings
– und bezeichnet die Teilnahme an der EM als größten unter besonderen Umständen – und streng genommen
Erfolg seiner Karriere. Das mag nicht sehr glaubwürdig als Vertreter der afrikanischen und asiatischen Verbände.
klingen, aber Gareth Bale war es wohl ernst damit, als er Eigentlich war das Team in der europäischen Qualifikation
nach der Qualifikation im Oktober 2015 sagte: „Ganz ehr­ gescheitert, doch die FIFA setzte nachträglich ein Ent­
lich, es ist auf einem Level mit dem Gewinn der Cham­ scheidungsspiel gegen Israel an, das durch die Qualifi­
pions League.“ Bale muss es wissen, schließlich hat er ein kation gekommen war, ohne ein Spiel auszutragen. Im
Jahr zuvor in der Verlängerung des Champions-League-­ Zuge des Nahostkonflikts war das Land von zahlreichen
Finales das 2:1 für Real Madrid gegen Atletico erzielt. Gegnern boykottiert worden. Auf diesem Umweg kam
ein europäischer Vertreter zu einer zweiten Chance, das
KRISENPROFITEURE Los fiel auf Wales, das sich gegen Israel klar durchsetzte.
Bale war damit der zweite Waliser, der in den letzten Bei der WM überstand die Mannschaft mit drei Unent­
Jahren entscheidenden Anteil am Gewinn der Champions schieden und einem Entscheidungsspiel gegen Ungarn
League hatte. Ryan Giggs konnte den Titel mit Manchester die Vorrunde und scheiterte erst im Viertelfinale am
United sogar zweimal gewinnen, an einer EM oder WM späteren Weltmeister Brasilien.
nahm er aber ebenso wenig teil wie eine andere United-­
Legende, der Nordire George Best. An der EM in EIN STAAT, VIER TEAMS
3 Frankreich werden hingegen erstmals seit der WM 1986 Dass es überhaupt vier Verbände aus Großbritannien gibt,
8 wieder drei Teams aus Großbritannien teilnehmen: die der FIFA angehören und im IFAB, dem Gremium, das
England, Nordirland und Wales, nur Schottland scheiterte
in der Qualifikation.
Hochseilakt – Wales hat die Weltspitze erreicht

Getty Images

WALES
GRUPPE B

Rand
die Fußballregeln entwickelt, vertreten sind, hat
historische Gründe – immerhin ist der Sport im Ver­
einigten Königreich entstanden. Das trifft sich aber auch
mit dem britischen Verständnis von Nationalität, wonach

notizen
politische und kulturelle Identität nicht als deckungs­
gleich betrachtet werden. Auch in anderen Sportarten
wird Nationalität nicht als britisch, sondern als englisch
oder schottisch, walisisch oder irisch begriffen. Das
gilt neben Golf, Snooker und Kricket insbesondere für
Rugby, wo sogar Spieler aus der Republik Irland und
der britischen Provinz Ulster gemeinsam als irisches SUMMER OF 96
Team antreten.
von Thomas Gaßler
Nicht immer läuft dieses Nebeneinander
von Staatsangehörigkeit und Verbandszugehörigkeit
Das lange Warten sollte endlich ein Ende
reibungslos ab. So wird gerade darüber diskutiert, ob haben. „Football Is Coming Home“, ver­
das englische Fußballteam weiter unter den Klängen von sprach der Refrain des englischen Europa­
„God Save the Queen“ antreten sollte, ist dies doch die meisterschaftssongs „Three Lions“. Nicht
Nationalhymne Großbritanniens und nicht Englands. nur der Sport, sondern am besten auch
Schotten und Waliser sind es gewohnt, vor dem Anpfiff gleich der Pokal sollten 30 Jahre nach
„Flower of Scotland“ beziehungsweise „Hen Wlad Fy dem WM-Titel ins Mutterland des Fußballs
geholt werden. Ich verbrachte den Sommer
Nhadau“ zu singen. Nordirland setzt ebenfalls auf „God
1996 als Au-Pair-Bub in London, eigentlich
Save the Queen“, was wiederum aus anderen Gründen um mein Englisch zu verbessern, entdeckt
umstritten ist. Schließlich gilt die britische Hymne als habe ich dort aber vor allem meine Liebe
unionistisches Symbol und spricht so eher den protes­ zum englischen Nationalteam.
tantischen Bevölkerungsteil an als den katholischen. In Selten habe ich ein Land in
Nordirland werden solche Fragen vor dem Hintergrund einem derartigen Ausnahmezustand erlebt
des jahrzehntelangen Bürgerkriegs diskutiert. So blutig wie England in den Wochen vor und wäh­
rend der EM. Der Alltag war komplett von
ist es in Schottland nicht. Dennoch hat das 2014 nur
einem Thema bestimmt – vom Business­
knapp gescheiterte Unabhängigkeitsreferendum gezeigt, man in der City bis zum pakistanischen
dass Nationalgefühl sich nicht auf Sport und Kultur Greißler um die Ecke, vom Taxifahrer bis
beschränkt. zum Englischlehrer, alle packten ihre
Löwenherzen aus. 6
WALISISCHER AUFSTIEG Vor dem Halbfinale gegen 1
Anders als Schottland war Wales nie ein selbstständiger Deutschland standen die Zeichen auf
Sturm. Der englische Boulevard ließ in
Staat. Die Forderung nach politischer Unabhängigkeit
seiner Rhetorik den Zweiten Weltkrieg
von Großbritannien existiert dort zwar auch, ist aber wieder aufleben und rief zum Boykott
weit davon entfernt, mehrheitsfähig zu sein. Selbst die in von deutschen Produkten auf. An Karten
den vergangenen Jahrzehnten verstärkte Förderung der für dieses Spiel zu kommen, war fast un­
walisischen Sprache findet vor allem im ländlichen möglich, so zog es mich wie zehntausende
Norden Unterstützung, während in den großen Industrie­ andere Fans in eines der Pubs rund um
städten Cardiff und Swansea weiter Englisch dominiert. den Trafalgar Square.
Nach bangen 120 Minuten
Welshness beschränkt sich zumeist darauf, die walisische
war für England wieder einmal Endstation
Rugbymannschaft zu unterstützen, die zu den besten im Elfmeterschießen. Der Ausnahme­
der Welt zählt. zustand verlegte sich auf die Straße. Zuerst
Im Fußball hat die Mannschaft unter Teamchef wurde am Trafalgar Square gefeiert, als
Chris Coleman ebenfalls zur Spitze aufgeschlossen, wäre England nicht ausgeschieden, son­
derzeit liegt sie auf Platz 24 der FIFA-Weltrangliste. Zu dern hätte gerade das Turnier gewonnen.
verdanken ist der Aufstieg auch seinem Vorgänger Gary Danach zogen Horden von Hooligans
randalierend durch die Straßen Londons.
Speed. „Er hat die Art verändert, wie wir spielen, und
Der EM-Titel ging vier Tage später an
unsere ganze Mentalität. Wir werden in seinem Sinne Deutschland, Oliver Bierhoff schoss das
weitermachen“, sagte Gareth Bale über den Mann, der Golden Goal gegen Tschechien.
das Traineramt nur ein knappes Jahr innehatte. Der Wenn die Europameisterschaft
Anlass dieser Würdigung war ein trauriger: Im November in Frankreich angepfiffen wird, werden die
2011 nahm sich Gary Speed das Leben. Als sich Wales Engländer immer noch auf ihren zweiten
im Oktober für die EM qualifizierte, sagte Teamchef Titel hoffen. Abgesehen davon wird das
Turnier mit dem Fußball von vor 20 Jahren
Coleman: „Gary Speed mag zwar nicht mehr unter uns
nichts gemeinsam haben.
sein, aber er wird immer in unseren Gedanken bleiben.
Es war eine fantastische Qualifikation – und Gary Speed Thomas Gaßler ist ballesterer-Kolumnist
hatte daran seinen Anteil, ich bin sicher, dass er heute und doziert als Professor Gaßler über
lächelt.“  Fanthemen.

WALES England
GRUPPE B

„Wir sind gerne Außenseiter“


Interview: Moritz Ablinger Bei Rapid ist Tormann Jan Novota derzeit Ersatz, dennoch
& Benjamin Schacherl könnte er als einziger Legionär der Bundesliga zur EM fahren.
Foto: Dieter Brasch Im Interview spricht er über die Chancen der Slowakei, Napoli-­
Star Marek Hamsik und seinen komplizierten Patriotismus.

Ballträger – Jan Novota will als


dritter Tormann zur EM

4
0

D
as Vormittagstraining bei Rapid ist vorbei. der Steffen scherzhaft zu mir gesagt: ‚Du hast schon
Jan Novota ist als einziger Spieler noch am Trai­ wieder den Artikel verwechselt, du Depp.‘ Mir macht
ningsplatz. Nach einer fünfmonatigen Zwangs­ das Spaß, und es hilft mir auch.“
pause genießt es der Slowake offensichtlich, wieder
Fußball zu spielen. Eine Viertelstunde später nimmt er ballesterer: Wie geht es Ihrer Schulter?
frisch geduscht auf der Bierbank des Stadionimbisses Jan Novota: Schon viel besser. Ich bin zwar
Platz. Interviews gibt Novota schon lange problemlos auf noch in Behandlung, kann sie aber schon wieder voll
Deutsch, der Verein hat ihm eine Sprachlehrerin organi­ bewegen – nur wenn ich drauffliege, tut es noch ein biss­
siert und falls er doch noch Fehler mache, so erzählt chen weh. Ich will auch nichts überstürzen. Wenn ich
Novota, korrigiere ihn Mannschaftskapitän Steffen Hof­ am Feld stehe, will ich das einfach nicht mehr im Hinter­
mann. „Letztes Jahr hat mich der Schiedsrichter einmal kopf haben. So weit bin ich noch nicht, aber das wird
im Kabinengang etwas gefragt, nach meiner Antwort hat nicht mehr lange dauern.

SLOWAKEI
GRUPPE B

Was heißt das in Hinblick auf Ihre mögliche EM-­ Welche Rolle spielen Sie?
Teilnahme? Ich weiß schon, wo ich stehe. Ich bin dritter
Es schaut nicht so schlecht aus. Obwohl ich Tormann – das war ich auch während der ganzen Quali­
nicht voll einsatzfähig war, habe ich im März zu einem fikation. Da muss ich mich dann auch nicht wichtigma­
Trainingslager mitfahren dürfen. Das hat mich über­ chen. Natürlich wünsche ich mir, dass ich in Frankreich
rascht, aber es war super. Das Trainerteam steht voll spielen kann, aber ich bin Realist. Ich genieße einfach
hinter mir und hat mir gesagt, dass ich mir keinen Stress jeden Tag und jedes Training, bei dem ich bei der
machen soll. Nationalmannschaft sein kann.

Was ist der Slowakei bei der EM zuzutrauen? Haben Sie als Tormann ein Vorbild?
Es war schon ein großer Erfolg, dass wir uns Gianluigi Buffon. Nicht nur, weil er unglaub­
qualifiziert haben. Trotzdem wollen wir natürlich nicht liche Leistungen bringt, sondern auch weil er für seine
zum Urlauben nach Frankreich fahren. Wir wissen, dass Vorderleute eine Papa-Figur ist. Die Verteidiger haben
wir in einer sehr schweren Gruppe sind, aber wir finden keine Angst, dass er ihnen den Kopf abreißt, wenn sie
einen Fehler machen.

Ihr Teamchef Jan Kozak ist außerhalb der Slowakei


relativ unbekannt. Welchen Anteil hat er an der
„In der Kabine ist Marek Hamsik Qualifikation?
ganz leise und redet nur, wenn er Er ist 64 Jahre alt und sehr erfahren. Als
Spieler war er in Frankreich und Belgien, er hat aber
gefragt wird.“ nie eine Mannschaft im Ausland trainiert. Er war lange
Trainer in Kosice, wo er viel mit jungen Spielern ge­­
arbeitet hat. Seine Mannschaft war immer ein Außen­
seiter, er hat also Erfahrung mit dieser Rolle. Kozak ist
die Gruppe cool. England und Wales sind von der Insel, kein Schreihals, sondern schaut sich die Dinge in aller
das wird Spaß machen. Russland können wir schlagen. Ruhe an. Wir vertrauen ihm, und er vertraut uns. Er
Wir haben 2014 das letzte Mal gegen sie gespielt und nur ist auch nicht streng: Wenn man nicht pünktlich zum
0:1 verloren. Insgesamt sind wir zwar nur Außenseiter, Essen kommt, ist das nicht so schlimm. Hauptsache, du
aber diese Rolle liegt uns. bist im Training bereit.

Was ist das Ziel der Mannschaft? Die Slowakei ist erst seit 1993 ein eigenständiger 4
Wir wollen ins Achtelfinale aufsteigen. Da Staat. Sind Sie ein Patriot? 1
kommt es uns sicher entgegen, dass auch der Gruppen­ Das ist etwas kompliziert, weil ich eigentlich
dritte noch Chancen hat. Das ist jetzt natürlich spekula­ Ungar bin. Meine Muttersprache ist ungarisch, und ich
tiv, aber vielleicht ist es auch ein Vorteil, dass wir das rede auch mit meiner Familie ungarisch. Ich komme aus
letzte Gruppenspiel gegen England haben – eventuell der Südslowakei, dort gibt es eine ungarische Minder­
können die dann schon Spieler schonen. heit. Auch im Nationalteam gibt es vier oder fünf Spieler
mit ungarischen Wurzeln.
Mit Marek Hamsik von Napoli gibt es einen großen
Star in Ihrer Mannschaft. Wie funktioniert das Ist das teamintern ein Thema?
Mannschaftsgefüge? Nein, überhaupt nicht – auch nicht von den
Ich war selbst überrascht, wie bodenständig Tribünen. Ich habe ja auch vollsten Respekt für die
Hamsik ist. Wenn du ihn am Platz siehst, glaubst du, Slowakei. Ich bin in dem Land geboren worden und
er ist ein Tier, das alle zerstört. Aber in der Kabine ist er habe den Großteil meines Lebens dort gespielt. Früher
ganz leise und redet nur, wenn er gefragt wird. Das ist war das schon noch ein größeres Thema. Ich habe bei
einfach sein Charakter. Aber im Training und bei Spielen Dunajska Strada in der Südslowakei gespielt, da waren
schaltet er dann um, da übernimmt er die Führungsrolle die Spiele gegen Slovan Bratislava wie ein Krieg. 
und gibt alles für die Mannschaft. In den entscheidenden
Momenten ist er da.

Und Liverpool-Innenverteidiger Martin Skrtel?


Den stellt man sich ja schon anders vor.
Der redet schon mehr und ist auch gerne
einmal lauter. Er spricht aber auch viel mit den jüngeren Jan Novota (32) wechselte 2011 von Dunajska
Spielern, die erst wenig Länderspielerfahrung haben. Streda zu Rapid. Im Mai 2014 wurde er erstmals in
Er gibt allen das Gefühl, dass sie dazugehören. Es ist das slowakische Nationalteam einberufen. Während
nicht selbstverständlich, dass so ein Spieler so zugäng­ der EM-Qualifikation stand er bei jedem Spiel im
lich ist. Ich glaube, dass er dem Team enorm hilft, eine Kader, kam bisher allerdings nur bei zwei Freund-
Einheit zu werden. schaftsspielen zum Einsatz.

SLOWAKEI
C
  1972, 1980, 1996
  1972, 1976, 1980, 1984, 1988, 1992, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012

  5
   Joachim Löw (seit 2006)

    Thomas Müller (Bayern München, 75 Mio.)

     Borussia Dortmund (5 Spieler)


05. 04. 1908 Schweiz – Deutschland 5:3
25-6-8

Deutschland

Sonntag, 12. Juni um 18.00 Uhr in Nizza Donnerstag, 16. Juni um 21.00 Uhr in Saint-Denis

Polen – Nordirland : Deutschland – Polen :

Sonntag, 12. Juni um 21.00 Uhr in Lille Dienstag, 21. Juni um 18.00 Uhr in Marseille

Deutschland – Ukraine : Ukraine – Polen :

Donnerstag, 16. Juni um 18.00 Uhr in Lyon Dienstag, 21. Juni um 18.00 Uhr in Paris

Ukraine – Nordirland : Deutschland – Nordirland :

Polen

  –
  1960, 2008, 2012

  31
   Adam Nawalka (seit 2013)

    Robert Lewandowski (Bayern München, 70 Mio.)

     Legia Warschau (3 Spieler)


18. 12. 1921 Ungarn – Polen 1:0
4-1-3
C
  –
  2012
  22
   Michail Fomenko (seit 2012)

    Jewhen Konopljanka (FC Sevilla), Andrij Jarmolenko


(Dynamo Kiew), jeweils 25 Mio.

     Dynamo Kiew (6 Spieler)


29. 04. 1992 Ukraine – Ungarn 1:3
1-0-1
Ukraine

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose
4
Bis in die 1920er Jahre als gemeinsamer irischer Verband

Nordirland

  –
  –
  26
   Michael O’Neill (seit 2012)

    Jonny Evans (West Bromwich, 6 Mio.)

     West Bromwich Albion (3 Spieler)


18. 02. 1882 Irland 4 – England 0:13
4-3-2
GRUPPE C

„Klinsmann ist ein Interview: Nicole Selmer

Waschmittelverkäufer“
Zu laut, zu schematisch und zu präsent – kaum ein gutes Haar lässt der
deutsche Schriftsteller Jürgen Roth am großen Fußball. Anlass zu einem
milderen Urteil geben allenfalls Thomas Müller und die Tatsache, dass
beim Fußball noch Bier getrunken werden kann.

Imago
4
4

Gegen Gummitwistübungen: Jürgen Roth hat genug vom mechanisierten Fußball

DEUTSCHLAND
GRUPPE C

J Rand
ürgen Roth ist Autor von rund 50 Büchern, ein
Dutzend davon beschäftigt sich mit Fußball. Den
Anfang machte 1995 „So werde ich Heribert Faß­
bender“, eine satirische Auseinandersetzung mit der

notizen
Reportersprache. Sprache, Fußball und Bier – das sind
drei Themen, um die das schriftstellerische Schaffen des
Frankfurters kreist. Bei einem davon hat sich bei Roth
mittlerweile jedoch ein Gefühl des Überdrusses ein­
gestellt. „Ich bin in einer Weise übersättigt von diesem
Sport, dass ich ihn nur noch am Rande wahrnehme“, LENS 1998
sagt er gleich zu Beginn des Interviews. von Volker Goll

ballesterer: Sie schreiben Bücher über Fußball, Alles hätte so schön werden können in Lens.
Viele Einwohner der kleinen Bergarbeiter­
aber ins Stadion gehen Sie nach eigener Aussage
stadt im Norden Frankreichs hatten sich auf
nicht. Warum? die Weltmeisterschaft 1998 gefreut, ihre
Jürgen Roth: Manchmal bin ich beim FSV Fenster und Vorgärten liebevoll geschmückt.
Frankfurt, einem Verein, den kein Mensch kennt und Den WM-Touristen boten sich nette Begeg­
der jetzt vielleicht auch in die dritte Liga absteigt. Der nungen und Eindrücke. Das durfte ich selbst
FSV ist sympathisch aus dem einfachen Grund, dass erleben, als ich im deutschen Fanbetreuungs­
er kein Geld hat. Das Stadion ist angenehm altmodisch, team der Koordinationsstelle Fanprojekte
vor Ort war.
die Fans sind überwiegend geerdet, das Bier bezahlt
Doch uns – und viele Fans –
man in bar, das ist alles sehr wohltuend. Vor einiger Zeit beschäftigten an den Tagen vor dem zweiten
hat mich Stefan Erhardt vom Tödlichen Pass in die so­­ Spieltag, an dem Deutschland auf Jugoslawien
genannte Commerzbank-Arena in Frankfurt mitgenom­ traf, andere Sorgen: die Tickets. Die Nach­
men. Der im Gegensatz zur früheren Bezeichnung, Wald­­ frage überstieg das Angebot bei Weitem, der
stadion, scheußliche Name wäre allein schon Grund genug Schwarzmarkt boomte. Wie wir damals ahn­
gewesen, das nicht zu tun. Ich habe ein nostalgisches ten und heute wissen, wurde eine Vielzahl
dieser Tickets auf dem internen Schwarz­
Verhältnis zum Fußball, zu den alten Betonschüsseln,
markt der Verbände und Sponsoren ver­
den sozialdemokratischen Zweckbauten, in denen man geben. Im Kontrast zu den vielen Fans ohne
sich richtig in die Sache hineingekniet hat. Heute ist das Tickets standen die im Stadtbild sehr präsen­
eher ein unverfänglicher Samstagnachmittagsausflug für ten Sponsorengruppen. Scharenweise zogen
die Familie. Und wenn ich mir Bier und Bratwurst nur Menschen mit stolz um den Hals baumeln­
mit einer Bezahlkarte kaufen kann, ist das einfach eine den Eintrittskarten durch die Austragungs­
Unverschämtheit. Am großen Fußball stört mich auch städte. Wir hatten vorgeschlagen, den vielen
Fans ohne Tickets eine öffentliche Über­
schon diese architektonische Geste – diese großen Tem­
tragung des Spiels anzubieten. Die Idee
pel, die aufschneiderisch in die Gegend geknallt werden. wurde von den Behörden leider in den Wind
geschlagen. Die ohnehin schlechte Stim­
Bei der EM ist der Fußball ja noch größer. Wie werden mung wurde am Vorabend des Spiels weiter
Sie das Turnier verfolgen? angeheizt. Zahlreiche deutsche Fans zogen
Mit distanziertem Interesse. Vor zehn Jahren durch die engen Gassen der Stadt und skan­
hat sich bei mir vor solchen Großereignissen noch eine dierten rechtsradikale Parolen: „Wir sind
wieder einmarschiert!“ Wir dokumentierten
kindliche Freude aufgebaut, da habe ich mir Sonder­
diese Beobachtungen, die Medien und
hefte besorgt und sie studiert wie früher den Kicker. Turnierverantwortlichen interessierten sich
Aber das ist vorbei. Es gibt einfach zu viel Fußball, wie jedoch nicht für politische Hintergründe.
es ja von allem zu viel gibt, zu viel Kunst, zu viele Mei­ Die Aufmerksamkeit richtete sich vornehm­
nungen. Das ist Überdruss, nicht nur wegen der Quantität, lich auf geworfene Biergläser und umge­
sondern auch wegen der Protagonisten und der Art, stürzte Bistrostühle.
wie der geldschaufelnde Fußball organisiert ist. Bayern-­ Wir hatten zwar mit Problemen
rund um das Spiel gerechnet, aber nicht in
Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hat einmal gesagt,
der Dimension, wie sie dann am Spieltag
Menschen kämen nicht wegen der Pinakothek nach auf­traten. Deutsche Hooligans prügelten den
München, sondern wegen des FC Bayern. Darin drückt Gendarmen Daniel Nivel, der mit anderen
sich ja alles aus, man hält sich mittlerweile für kultur­ Kollegen zur Sicherung der Polizeifahrzeuge
maßstabsetzend. eingesetzt war, ins Koma. Nivel erlitt lebens­
gefährliche Verletzungen, lag sechs Wochen
Vor 20 Jahren war es ja eine wichtige Veränderung im Koma und ist für den Rest seines Lebens
schwerbehindert. Eine furchtbare Sache,
der Sicht auf den Fußball, ihn als Teil der Kultur zu
Lens hätte so schön werden können.
betrachten. Das passt Ihnen nicht?
Ja, ich habe in dieser Zeit auch angefangen, Volker Goll ist stellvertretender Leiter der
über Fußball zu schreiben und mich schon damals da­­ Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt
rüber mokiert. Die Allzuständigkeit, die man dem Fußball am Main und war seit 2004 bei jeder EM.

DEUTSCHLAND Deutschland
GRUPPE C

zugeschrieben hat, ist schlichtweg an den Haaren Proletarische und Eigensinnige ist den Spielern systema­
herbeigezogen. Die Alltäglichkeit, in der er so präsent tisch ausgetrieben worden. Sie sind besser ge­­bildet oder
geworden ist, ist furchtbar. Ich kann kaum noch in zumindest ausgebildet, rhetorisch gewandter, geschliffen,
meine Stammkneipe gehen, ohne dass dort Fußball läuft. aber eben auch abgeschliffen.
Und in der Sommerpause wissen die Leute nicht mehr,
was sie ohne Fußball tun sollen. Ist das nicht die klassische kulturpessimistische Klage,
dass früher alles besser war?
Wie stehen Sie zum deutschen Nationalteam, das ja Man läuft immer Gefahr, so zu klingen, aber
immerhin heute schöner spielt als vor 20 Jahren? ich versuche es ja zu begründen. Das Früher war nicht
Spielerisch hat sich der Fußball unglaublich in jeder Hinsicht besser und nicht, weil es früher war,
entwickelt. Das ist ein Verdienst von Jogi Löw, nicht von sondern weil es gelassenere Zeiten waren – mit mehr
Jürgen Klinsmann. Der ist ein Waschmittelverkäufer, Leerlauf und mehr Muße. Der Fußball war so etwas wie
kein Fußballtrainer. Diese Verbesserung ist zu begrüßen, ein kleiner Festtag, eine Kerbe, die man in die Zeit
geschlagen hat. Heute ist er stetiger Begleiter, ständiges
Hintergrundgeräusch.

Trost bietet da ein weiteres Ihrer Buchthemen: Bier.


„Es hat in der Geschichte viele Das offizielle Bier der EM ist Carlsberg. Was lässt sich
darüber sagen?
Bierrevolten gegeben, wenn das Bier Es wird Bier genannt, es ist untrinkbar.
nicht mehr als selbstverständliches
Warum ist Bier überhaupt das Fußballgetränk
Mittel der Entspannung zu Verfügung schlechthin?
gestanden ist.“ Das sind noch Restbestände, die den Fußball
mit einer bestimmten Klasse verbinden. Die Beiläufigkeit,
das Unspektakuläre dieses Getränks passt zum Fußball.
Bier ist ein Rauschmittel, das man gut kontrollieren
kann, es kann zu einem Granatenrausch führen, einer
genauso Spieler wie Mesut Özil und Thomas Müller, eher stillen Beseligung oder einer milden Form von
wobei man sich Müller auch in den 1970er Jahren vor­ Melancholie. Das bildet die Gefühlswelt eines Fußball­
stellen könnte. Aber diese Tendenz zur Verwissenschaft­ fans sehr gut ab. Schnaps ist ein reiner Aufputscher, Wein
4 lichung und Überformalisierung des Spiels ist ja nicht ein Tafelgetränk, aber Bier kann man auch im Stehen,
6 von der Hand zu weisen. im Regen und im Matsch trinken. Dass beim Fußball
noch Bier getrunken werden kann, halte ich ihm zugute.
Was meinen Sie damit?
Ich habe mir mit einem Freund das Länder­ Noch?
spiel Deutschland gegen Italien angeschaut und war Ja, die Ernüchterung der Gesellschaft zeichnet
entschlossen, nicht zu meckern. Aber mein Freund, sich ab. Vielleicht kommt es dann ja auch zu einem Auf­
der ausgesprochen fußballbegeistert ist, hat dann sehr stand, es hat in der Geschichte viele Bierrevolten gegeben,
schnell gesagt: „Ich kann das nicht mehr sehen, die wenn das Bier nicht mehr als selbstverständliches
Siele sind alle vom Reißbrett.“ Und ich musste ihm Mittel der Entspannung und des Rausches zu Verfügung
zustimmen. Den in der Gesellschaft so weit verbreiteten gestanden ist. Bier erinnert in seiner Schlichtheit daran,
Gedanken der Selbstoptimierung finden Sie auch im dass im Leben noch andere Dinge zählen als Leistungs­
Fußball, er bildet sich im Spiel und in den Spielern ab. wahn und Ellbogengesinnung. 
Es hat eine Schematisierung stattgefunden, in der der
Zufall verloren geht. Spiele geraten nur noch selten aus
den Fugen und werden dadurch aufregend, 95 Prozent
der Topspiele sind in ihrer Kunstfertigkeit vollkommen
mechanisiert. Eine Ausnahme im Nationalteam ist viel­
leicht noch Mario Gomez, der mitunter hölzern wirkt.
Privat

Ist er eine Erinnerung an vergangene Tage?


Ja. Früher hat es ganz verschiedene Laufstile Jürgen Roth (48) lebt als freier Autor
gegeben, ich könnte heute noch Uli Stielike, Felix in Frankfurt am Main. Er schreibt
Magath und Pierre Littbarski erkennen, die hatten eine über ein breites Themenspektrum.
läuferischere Identität. Inzwischen ist es viel normierter, Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen
das mag an irgendwelchen Gummitwistübungen und gehören „Die Poesie des Biers“, „Nur
dem Koordinationstraining liegen. Vielleicht ist die Fein­ noch Fußball“ sowie der gemeinsam
motorik so gut trainiert, dass individuelle Merkmale und mit Stefan Gärtner verfasste Band
Ungelenkigkeiten nivelliert werden. Das Rabaukenhaft-­ „Benehmt euch“.

DEUTSCHLAND
GRUPPE C

Das grüne Meer Text: Dietrich Schulze-Marmeling

Morddrohungen, diskriminierende Gesänge und emigrierende Profis – lange bestimmte der


Bürgerkrieg das Schicksal der nordirischen Nationalmannschaft. Diese Zeiten sollen nun vorbei
sein, Nordirland fährt mit einem gemischten Team zur EM.

Getty Images
1998
beendete das Karfreitags-­ WINDSOR PARK FÜR ALLE
Abkommen den Bürgerkrieg in Veränderung erfolgte nur langsam, eine treibende Kraft 4
Nordirland. Die Waffen schwie­ dahinter war der Belfaster Protestant Michael Boyd, 7
gen nun weitgehend, es gab eine Regierung aus Republi­ der 2008 die „Sea of Green“-Kampagne startete: Anstatt
kanern und Unionisten, doch im Fußball änderte sich sich in Union Jacks oder die nordirische Flagge ein­
zunächst nichts. Im Belfaster Windsor Park, der Heim­ zuhüllen, sollten die Fans im grünen Trikot der National­
stätte des Nationalteams, regierte unverändert die anti­ mannschaft im Stadion erscheinen. Wurden loyalistische
katholische Stimmung der Loyalisten. Im August 2002 Songs angestimmt, gingen Boyd und seine Mitstreiter
sollte Neil Lennon, Katholik und Spieler von Celtic Glas­ dazu über, diese mit Chants wie „We’re not Brazil, We’re
gow, dort bei einem Freundschaftsspiel die Kapitänsbinde Northern Ireland“ zu übertönen. Die Atmosphäre im
tragen. Dazu kam es nicht. Nach Morddrohungen von Windsor Park entspannte sich.2011 wurde mit Michael
Paramilitärs trat Lennon aus dem Nationalteam zurück. O’Neill zum ersten Mal seit fast 50 Jahren wieder ein
Katholik Teamchef. Mittlerweile sind 40 Prozent der
SPIELEN FÜR DIE REPUBLIK IFA-Mitarbeiter Katholiken, auch das Nationalteam ist
Der Vorfall brachte für den Verband, die Irish Football gemischt. Liam Boyce und Conor McLaughlin stammen
Association, einen herben Imageschaden. Lange war aus dem katholischen West Belfast, in der Vergangenheit
der IFA vorgehalten worden, zu wenig gegen die dis­ wurden Spieler aus dieser ehemaligen IRA-Hochburg
kriminierende Stimmung zu unternehmen. Nun musste immer wieder Opfer von Schmähungen.
sie befürchten, dass ihr katholische Spieler die kalte Die Zahl katholischer Fans ist jedoch kaum
Schulter zeigen würden. Angesichts der demografischen gestiegen, sie machen nur rund fünf Prozent der
Entwicklung – rund 45 Prozent der nordirischen Bevöl­ Besucher im Windsor Park aus. Bei der EM wird die
kerung sind katholisch, Tendenz steigend – wäre das große Mehrheit der nordirischen Katholiken das Team
sportlich schwer zu verkraften. der Republik unterstützen, doch die Ablehnung der
Vor der EM 2012 entschied sich Sunderlands Mannschaft Nordirlands ist bei Weitem nicht mehr so
Linksaußen James McClean für das Team der Republik vehement wie noch vor einigen Jahren. Die Entwicklung
Irland. Angesichts der vielen britischen Fahnen und des nordirischen Fußballs, so sagte Duncan Morrow,
der antikatholischen Gesänge im Windsor Park fühle er Politikwissenschafter an der Queens University, kürzlich
sich im nordirischen Team nicht wohl, erklärte er. Auch in der Irish Times, sei eine wenig beachtete, aber große
andere katholische Kicker wie Shane Duffy zogen diese symbolische Erfolgsgeschichte der Jahre seit dem
Option. Friedensabkommen. 

NORDIRLAND
GRUPPE C

Der elegante Hardliner


Text: Radoslaw Zak

Galt er in jungen Jahren noch als lebensfroher Playboy, führt


Adam Nawalka als polnischer Teamchef ein strenges Regime.
Spielerische Leichtigkeit soll durch Einsatz, Pünktlichkeit und
Getty Images Disziplin entstehen.

Pedant – Adam
Nawalka schaut genau
auf die Uhr

4
8

N
ew York, 1985: In schwindelerregenden Höhen chen für eine erfolgreiche Zukunft. Auf dem Feld hielt
muss Adam Nawalka beim Sägen von Baumästen der Spieler von Wisla Krakow dem künftigen Weltstar im
nicht nur auf Stromleitungen, sondern auch auf Mittelfeld den Rücken frei. Boniek sollte vier Jahre später
einen sicheren Stand auf der Hebebühne achten, um WM-Dritter werden und 1985 mit Juventus den Meister­
nicht dutzende Meter in die Tiefe zu fallen. Sieben Jahre cup gewinnen. Die Nationalteamkarriere von Nawalka war
zuvor hatte er noch für Polen bei der WM in Argentinien zu diesem Zeitpunkt schon lange beendet, 1980 bestritt
gespielt. Gemeinsam mit dem heutigen Verbandschef er sein letztes Ländermatch und kämpfte wegen zahl­
Zbigniew Boniek galt der damals 21-Jährige als Verspre­ reicher Verletzungen um seine Karriere als Fußballprofi.

POLEN
GRUPPE C

Als es nicht mehr ging, entschloss er sich ÄPFEL UND BIRNEN


zur Emigration in die USA. Von Montag bis Freitag Doch schnell wurde in Kattowitz allen klar, dass
sägte er Äste, am Wochenende schnürte er die Schuhe Nawalka nicht zu Scherzen aufgelegt war. Er führte
für den Amateurverein Eagle Yonkers. Als seine Hüfte die Mannschaft mit eiserner Hand und forderte
diese Kraftanstrengung verweigerte, machten ihn seine bedingungslose Disziplin. Lukasz Olkowicz, der seine
Kollegen zum Trainer. „Diese schwierige Etappe in Biografie „Droga do perfekcji“, Weg zur Perfektion,
meinem Leben lehrte mich, Arbeit wertzuschätzen“, verfasste, zitiert den heutigen Teamchef mit den
sagte Nawalka im polnischen Fernsehen über diese Zeit. Worten: „Ich mag Spieler, die hart arbeiten wollen.
Sie sollte ihn prägen. Ihr Charakter darf sich nicht offenbaren, indem sie
am lautesten klagen. Das zerstört die Mannschaft, und
MANNSCHAFTSTERMIN UM 13.36 UHR man muss diese Spieler wie faule Äpfel aus dem Korb
1990 kehrte Nawalka in sein ehemals realsozialistisches ent­fernen, sonst vergiften sie die anderen.“ Die Resul­
Heimatland zurück, Anpassungsprobleme an das neue tate ließen nicht lange auf sich warten. GKS zeigte
kapitalistische System hatte er keine. In Krakau eröffnete sich kampf­stärker und spielerisch verbessert, statt auf
er ein Jeansgeschäft und importierte Autos der Marke Konter wurde auf Kurzpassspiel gesetzt. Am Ende der
Trabant aus der ehemaligen DDR. Die Liebe zum Fußball Saison konnte der Klub die Klasse halten, der Trainer
war ein gefragter Mann. In der nächsten Winterpause
wechselte Nawalka zu Gornik aus dem nicht weit
entfernten Zabrze.
Und wieder durchlebte seine Mannschaft eine
spielerische Evolution, Nawalka führte den Rekordmeister
Nawalkas strenges Regime kam zurück in die Ekstraklasa. Sein strenges Regime und das
Credo „Schmerz, Blut und Schweiß“ kam nicht nur auf
nicht nur auf den Tribünen gut an, den Tribünen der Bergarbeiterstadt gut an, sondern auch
sondern auch bei den Schiedsrichtern, bei den Schiedsrichtern, schließlich hatten Nawalkas
Spieler absolutes Diskussionsverbot mit ihnen. Auch
schließlich hatten seine Spieler durften sie nach dem Pausenpfiff nicht einfach in die
absolutes Diskussionsverbot mit ihnen. Kabine traben, sondern hatten sich hinter dem Trainer
zu versammeln, um geordnet den Weg zum Pausentee
anzutreten. Vier Jahre trainierte Nawalka Gornik und
formte mit geringen Mitteln eine Truppe, die um die
Meisterschaft spielte. 4
9
rostete in all den Jahren nicht, Nawalka machte den ALAIN DELON VON KRAKAU
Trainerschein. Seine erste Anstellung fand er 1996 beim Nawalkas pedantische Art verwundert in Polen viele,
viertklassigen Swit Krzeszowice. Weder dort noch bei denn in jungen Jahren ließ sich der Mittelfeldspieler auf
seinen weiteren Stationen in unterklassigen Ligen den Rhythmus des nächtlichen Krakau ein. Gemeinsam
konnte er nennenswerte Erfolge feiern. Einzig mit Wisla, mit seinen Mitspielern war er häufig in Bars anzutreffen.
wo er in den 2000er Jahren dreimal interimistisch ein­ Doch während seine Teamkollegen einmal volltrunken
sprang, gelang ihm der Gewinn der Meisterschaft. Bei mit einem FIAT 125p in die Marienkirche donnerten,
der EM 2008 assistierte er Teamchef Leo Beenhakker. war der wegen seines gepflegten Aussehens und elegan­
Danach kam sein Durchbruch. Der oberschlesische GKS ten Kleidungsstils spöttisch mit Alain Delon verglichene
Katowice war auf der Suche nach einem Trainer, der die Nawalka auf Frauenbekanntschaften aus. Im Buch von
Mannschaft in der zweithöchsten Spielklasse halten Olkowicz erinnert sich Weggefährte Andrzej Iwan:
könnte und nicht zu teuer war. Um umgerechnet 1.500 „Wir haben Monate durchgefeiert. Das Gros hat Wodka
Euro im Monat nahm Nawalka die Herausforderung an. getrunken, aber Adam hat immer Sekt oder Wein
„90 Prozent der Fans waren am Anfang gegen ihn“, sagt bestellt. Von allen ist er bei Frauen am besten ange­
Piotr Koszecki, Vorsitzender des Fandachverbands „SK kommen.“
1964“. „Wir haben gedacht, es kommt jemand mit einem Nach der erfolglosen Qualifikation für die WM
großen Namen, aber kein guter Trainer.“ 2014 wurde Nawalka von Boniek zum Teamchef bestellt.
Die Fans sollten schnell eines Besseren belehrt Seinen Platz in den Annalen des polnischen Fußballs hat
werden, mit Nawalka wurde der finanziell strauchelnde er schon vor EM-Beginn sicher. Als erstem Teamchef
Klub professionalisiert. Die Spieler mussten sich an gelang es ihm, Deutschland zu schlagen – neben dem
einen Ernährungsplan halten, ein Fitnessraum wurde symbolischen Wert war der 2:0-Sieg im Oktober 2014
eingerichtet, die Trainingseinheiten hatte Nawalka ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg nach Frankreich.
schon Wochen zuvor minutiös geplant. „Viele Spieler In der Heimat Alain Delons wird Polen in der Vorrunde
haben es für einen Scherz gehalten, dass sie sich um erneut auf den Weltmeister treffen. Dann wird auch
13.36 Uhr versammeln sollten und sieben Minuten später der Kleidungsstil beider Trainer im Fokus stehen: Wie
mit den Einheiten begonnen wird“, sagt Koszecki im Joachim Löw trägt Adam Nawalka gerne einen Schal
ballesterer-Gespräch. zum Sakko. 

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Der Notverband
Die UEFA in der Krise��������������������������������������������������������������� 52

Im Windschatten
Fußball in Frankreich����������������������������������������������������������������� 56

Von der Ausnahme zur Regel


Notverordnung schlägt Freiheit������������������������������������������������� 58

Leben wie ein Fan in Frankreich


Zur Lage der Liga����������������������������������������������������������������������� 60

„Wir sind ja alle schizophren“


Daniel Cohn-Bendit im Interview��������������������������������������������� 62

Die EM-Stadien
Von Lille bis Marseille��������������������������������������������������������������� 66
Frankreich

Der Notverband

Mit Gianni Infantino steht ein Mann der UEFA an


der Spitze der FIFA, dennoch ist der europäische
Verband durch Korruptionsvorwürfe und renitente
Klubfunktionäre gehörig unter Druck.
Text: Moritz Ablinger

Am 26. Februar wurde Gianni Infantino in Zürich zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt.
Bereits im zweiten Wahlgang hatte er die notwendigen 50 Prozent der Stimmen der 209 Ver-
bände auf sich vereint. Nach seiner Wahl kündigte der Schweizer eine neue Ära im Verband
und im Weltfußball an. Infantino war von der UEFA für die Wahl vorgeschlagen worden.
Einstimmig hatte das Exekutivkomitee seine Unterstützungserklärung für ihn abgegeben, er
war der offizielle Kandidat des europäischen Verbands. Doch anstatt über den Weltfußball zu
bestimmen, steckt die UEFA nur wenige Wochen nach der Wahl in einer handfesten Krise.
Aktuell beraten Vertreter der europäischen Topklubs öffentlich über das Ende der
Champions League und die Loslösung von der UEFA. Enthüllungen im Zuge der Veröffent­
lichung der „Panama Papers“ werfen ein schlechtes Licht auf den ganzen Kontinentalverband.
Dazu kommt, dass die UEFA nach der Wahl Infantinos ihren Generalsekretär ersetzen musste
und keinen handlungsfähigen Präsidenten zur Verfügung hat. Die Krise der UEFA hat nicht
nur viele Gesichter, sie ist auch die Krise eines zunehmend
gesichtslosen Verbands.

Das Loch beginnt am Kopf


Die auffälligste Lücke klafft seit dem vergangenen Herbst an
der Spitze. Am 8. Oktober beantragte die Ethikkommission
der FIFA, Michel Platini von allen Fußballaktivitäten zu
52
Frankreich
suspendieren. Die zunächst 90-tägige Sperre wurde im Dezember auf acht Jahre verlängert und
im Februar 2016 auf sechs Jahre reduziert. Offiziell ist Platini noch immer Präsident der UEFA,
er darf in dieser Funktion allerdings weder sein Büro noch ein Fußballstadion betreten. Grund
für die Sperre ist eine Zahlung aus dem Jahr 2011. Zwei Millionen Franken hatte Platini da-
mals erhalten, gezahlt hatte die FIFA, angeblich für eine Beratertätigkeit, die er zwischen 1998
und 2001 erfüllt habe. Vier Monate nach der Zahlung wurde Joseph Blatter als FIFA-Präsident
wiedergewählt, die UEFA hatte ihn den ganzen Wahlkampf hindurch unterstützt. Schon vor
Bekanntwerden der Zahlung war Kritik an Platini laut geworden, so zum Beispiel als sein Sohn
Laurent wenige Wochen nach der Vergabe der WM nach Katar im Dezember 2010 einen Job
bei Qatar Sports Investment fand. „Platini hat die Kultur der UEFA verändert“, sagt Journalist
und UEFA-Kenner Thomas Kistner. „Davor waren die Präsidenten unscheinbare Typen – mit
Platini war das plötzlich anders.“
Gewählt worden war Michel Platini 2007. Zuvor war der Schwede Lennart Johansson
der UEFA 17 Jahre lang vorgestanden. „Zum Schluss war Johansson kaum noch in Nyon“,
sagt Kistner. „Er war gesundheitlich schwer angeschlagen. Die UEFA wurde von den Haupt­
amtlichen geführt.“ Dennoch war die Wahl Platinis alles andere als ein Selbstläufer. Sie sorgte
für einen Richtungsstreit zwischen den alten europäischen Eliten um DFB und FA und den
kleinen aufstrebenden Ländern. Seit dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens war die
UEFA von 32 auf 54 Verbände angewachsen. Platini wusste dies auszunutzen. Er versprach,
die EM auf 24 Teilnehmer aufzustocken und in der Champions League auch den Meistern
kleinerer Länder Plätze einzuräumen. „Das war ein Wahlkampf, wie ihn Blatter immer geführt
hat“, sagt Kistner. „Die beiden funktionieren sehr ähnlich.“

Traumteam Blatini
Tatsächlich hatte der damalige FIFA-Präsident Platini offen
unterstützt, Johansson hingegen war Blatter stets ein Dorn
im Auge. Als er 1998 zum ersten Mal zum FIFA-Präsiden-
ten gewählt wurde, war Johansson sein einziger Konkurrent.
Auch 2002, als erstmals Vorwürfe des Amtsmissbrauchs
und der Misswirtschaft gegen Blatter auftauchten, war es der
Schwede, der einen Rücktritt des Präsidenten forderte. Doch
Blatter konnte sich der Unterstützung der kleinen Länder immer sicher sein, Johansson konnte
ihn nie ernsthaft gefährden. Schließlich waren es auch die kleineren Verbände, die Platini ins
Amt hoben. Mit 27 zu 23 Stimmen setzte sich der Franzose durch. Blatter erklärte: „Der neue
Präsident ist installiert. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“
Die Zusammenarbeit endete für beide Präsidenten mit demselben Urteil. Gleichzeitig
mit Platini wurde letztes Jahr auch Blatter von der FIFA-Ethikkommission suspendiert. Beide
haben vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS Berufung gegen ihre Strafen eingelegt,
wie dieser entscheiden wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. „Der CAS weiß um
seinen Ruf als funktionärsfreundliches Gericht“, sagt Kistner. „Ich kann mir wirklich nicht vor-
stellen, dass er in diesem prominenten Fall zugunsten Platinis und Blatters entscheidet.“ Der-
zeit wird der Verband vor allem von den hauptamtlichen Mitarbeitern im Sitz in Nyon geleitet.
„Wir arbeiten weiterhin sehr gut und effizient“, heißt es auf Anfrage des ballesterer. Viel zu tun
haben sie auf alle Fälle, immerhin stehen nicht nur das größte EM-Turnier der Geschichte vor
der Tür, sondern auch interne Konflikte. 
53
Frankreich
Alternativen zur Champions League

Bildnachweis: Getty Images (3)


Denn jene Eliten, die 2007 mit der Wahl Platinis an
Einfluss in der UEFA verloren haben, wollen ihn zurück.
Bereits im Jänner forderte Karl-Heinz Rummenigge, Vor-
standsvorsitzender des FC Bayern und Präsident des europa­
weiten Klubdachverbandes ECA, die Einführung einer
Superliga. Die 20 besten Mannschaften Europas sollten in
einer eigenen Liga spielen, das nationale Geschäft den schwächeren Teams überlassen werden.
Die Spiele sollen dann nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Asien stattfinden,
fordert Rummenigge. „Solche Fantasien hegt er schon lange“, sagt Kistner. „Wie aber ein Spiel
zwischen Bayern München und Schachtjor Donezk dauerhaft Leute anziehen soll, ist mir
schleierhaft.“
Dennoch kommen auch aus England ähnliche Forderungen. Laut Berichten der Tages-
zeitung The Sun trafen sich Anfang März Vertreter von fünf Premier-League-Teams, um über
einen Alternativwettbewerb zur Champions League zu diskutieren. Dieser müsse nicht von der
UEFA veranstaltet werden, sondern könnte auch privat organisiert werden. Auch in Spanien
werden Konkurrenzbewerbe zur Champions League diskutiert, allen voran von Vertretern Real
Madrids und des FC Barcelona. „Wir brauchen ein europäisches Turnier, in dem die Klubs die
Kontrolle haben“, sagte Barcelona-Vizepräsidentin Susana Monja im März der katalanischen
Zeitung La Vanguardia. „Zurzeit sind wir von der UEFA abhängig.“

Der größte Schatz der UEFA


Die Frage ist, ob die Klubvertreter lediglich Druck auf die UEFA aufbauen wollen, um ihre
Position zu verbessern, oder ob tatsächlich ein Bruch bevorsteht. Noch in diesem Jahr muss
die UEFA in Zusammenarbeit mit der ECA entscheiden, wie die Klubbewerbe zwischen 2018
und 2021 aussehen werden. Und dabei geht es um viel Geld. Bereits 2012 war die Champions
League für die UEFA fast so ertragreich wie die EM. Im Geschäftsjahr 2013/14 erzielte der
Verband einen Umsatz von 1,73 Milliarden Euro, 82 Prozent davon generierte die Champions
League. Alleine 1,34 Milliarden Euro brachte der Verkauf von Übertragungsrechten. Nicht
überraschend, dass die UEFA an einer grundlegenden Reform, gar einer Umverteilung der
Gelder, nicht interessiert ist. „Es gibt zurzeit keine konkreten Vorschläge zur Umgestaltung
des Wettbewerbes“, heißt es aus Nyon. Zuletzt berichtete der englische Guardian mit Verweis
auf anonyme Quellen, dass die UEFA durchaus zu Zugeständnissen bereit wäre. Demzufolge
diskutiere man eine Reduzierung der Champions League auf 16 Teams, die in zwei Achter-
gruppen jeweils zweimal gegeneinander spielen würden. Die beiden Gruppensieger würden
dann ins Finale einziehen.
Der Zeitpunkt, Forderungen zu stellen, ist für die Topklubs günstig. „Der Ruf der
UEFA hat unter der Ära Platini gelitten“, sagt Journalist Kistner. Der Verband steht ohne
Führungsfiguren da, Korruptionsvorwürfe haben das Image nachhaltig beschädigt. Die EM-­
Vergabe nach Polen und in die Ukraine ist hartnäckig von Gerüchten um illegale Geldflüsse
umrankt. „Das ist allerdings nur ein Teil der Geschichte“, sagt Kistner. Es war in erster Linie
der zypriotische Fußballfunktionär Spiros Marangos, der immer wieder von Zahlungen im
Zusammenhang mit der Vergabe sprach. Fast zehn Millionen Euro hätten vier verschiedene
Funktionäre erhalten, um für ein Turnier in Polen und der Ukraine zu stimmen, behauptete
Marangos. Er verfüge über Dokumente, die dies belegen. Doch angehört wurde er von der
54
Frankreich
UEFA nie, schließlich erstattete der Verband sogar Anzeige gegen den Zyprioten. „Wenn man
wirklich an Aufklärung interessiert ist, agiert man anders“, sagt Kistner.

Die Panama-Connection
In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Name Gianni Infantino, der ab 2009
Generalsekretär der UEFA war. „Platini und Infantino haben die UEFA gemeinsam regiert“,
sagt Kistner. „Am Beispiel Marangos sieht man, wie sie das gemacht haben.“ Zuletzt tauch-
ten weitere Vorwürfe gegen Infantino auf: In den zuletzt enthüllten „Panama Papers“, in der
vertrauliche Unterlagen tausender Briefkastenfirmen öffentlich wurden, steht sein Name.
Dokumente sollen belegen, dass er als Direktor der Rechtsabteilung einen Vertrag mit den
TV-Rechtehändlern Hugo und Mariano Jinkis unterschrieb. Gegenstand war die Übertragung
der Champions League, des UEFA-Cup und des Super-Cup zwischen 2006 und 2009. Ins-
gesamt zahlten Vater und Sohn Jinkis dafür 139.000 Dollar. Kurze Zeit später verkauften sie
die Rechte weiter – um fast 440.000 Dollar. „Entweder ist der Verantwortliche beim Verband
so inkompetent, dass er gefeuert werden müsste, oder man könnte vermuten, dass es Abreden
gab“, wird der ehemalige Sportvermarkter Dominik Schmid in der Süddeutschen Zeitung
zitiert. Dazu kommt, dass die Jinkis keine Unbekannten sind. Auch im Zuge der Ermittlungen
gegen FIFA-Funktionäre tauchten ihre Namen auf: Sie hätten Fußballfunktionäre bestochen
und im Gegenzug unterdotierte Übertragungsrechte bekommen.
Am Tag, nachdem die Süddeutsche Zeitung die Vorwürfe veröffentlichte, führte die
Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft eine Razzia im Sitz der UEFA durch. „Die Behörden
müssen schon in eine ähnliche Richtung ermittelt haben“, sagt Kistner, der an dem Artikel
mitarbeitete. „Innerhalb eines Tages kann man keine Razzia organisieren.“ Nach anfänglichem
Zögern hatte Infantino den Behörden seine Kooperation versprochen. Das Gleiche gelte auch
für die UEFA, wie es auf Anfrage des ballesterer heißt. Vorerst gibt es noch keine Anzeigen,
doch die Behörden ermitteln weiter.

Selbstverliebte Funktionäre
Um den neuen FIFA-Präsidenten Infantino selbst ist es etwas ruhiger geworden. Anfang
März erzählte ÖFB-Präsident Leo Windtner auf einer Podiumsdiskussion im Sportministerium,
er sei bei der Wahl des Schweizers begeistert in die Höhe gesprungen. „Infantino ist einer der
ganz wenigen, die eine neue Ära in der FIFA einleiten können“, sagte Windtner damals. Heute
will er sich zu ihm und dieser Causa nicht mehr äußern, für Anfragen zu internen Angelegen-
heiten der UEFA stehe der ÖFB-Präsident nicht zur Verfügung, wurde dem ballesterer
beschieden.
Die neue Ära, die Infantino für die FIFA proklamiert hatte, steht auch der UEFA bevor.
Doch um die Widersprüche und Konflikte, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben,
zu seinen Gunsten zu lösen, scheinen dem europäischen Fußballverband derzeit sowohl die
Persönlichkeiten als auch das moralische Gewicht zu fehlen. Und dann steht noch die größte
Europameisterschaft der Fußballgeschichte vor der Tür. „Das können die Leute in Nyon auch
ohne selbstverliebte Funktionäre organisieren“, sagt Kistner. „Es kann der UEFA auch gut tun,
dass die Riege um Platini und Infantino nicht mehr da ist.“

55
Frankreich

Im Windschatten

Der Fußball in Frankreich muss schon lange um den


Rang als populärste Sportart des Landes kämpfen.
Text: Hardy Grüne

Michel Platini holte die EM schon einmal nach Frankreich. Damals, 1984, gehörte der Enkel
italienischer Einwanderer gemeinsam mit Alain Giresse und Jean Tigana zu den Spielern, die
nicht nur einen spektakulären Fußball zeigten, sondern erstmals auch Erfolge mit der franzö-
sischen Nationalmannschaft feiern konnten. Ein typisches Fußballland ist der EM-Gastgeber
trotzdem nicht. Dafür steht der Sport selbst in seiner Glamourvariante zu stark in Konkurrenz
mit anderen Disziplinen. Für eine spannende Etappe der Tour de France würden viele Franzosen
so manches Fußballspiel sausen lassen. Wenn das nationale Rugbyteam aufläuft, stehen gerade
im Süden schon einmal sämtliche Räder still. Und dann ist da noch Boule, das am Wochen­
ende mit weltentrückter Hingabe von Jung wie Alt selbst in den winzigsten Weilern gespielt wird.
Mit anderen Worten: In Frankreich ist der Fußball zwar hipper geworden, doch er bleibt eine
von mehreren Massensportarten.

Späte Amateure, frühe Profis


Die Gründe dafür sind vielschichtig – und nicht zuletzt historisch. Als der Fußball in Kontinental­
europa aufkam, war Frankreich noch mit der Bewältigung seiner Kriegsniederlage 1870/1871
gegen Deutschland beschäftigt. Im Sport half dabei das Radfahren. Das in Frankreich ent­
wickelte Fortbewegungsmittel erlebte einen enormen Aufschwung. Als Henri Desgrange 1903
die Tour de France aus der Taufe hob, war Radfahren längst Nationalsport. Nicht zufällig waren
viele Fußballstadien einst Velodrome, so wie in Marseille, Bordeaux und dem Pariser Parc
des Princes. Ebenfalls frühzeitig populär war Rugby – in Paris strömten schon vor dem Ersten
Weltkrieg bis zu 30.000 Besucher zu den Spielen.
Der Fußball war zu dieser Zeit in einen Streit zweiter Sportorganisationen verwickelt:
die von Olympia-Begründer Pierre de Coubertin angeführte USFSA und die von Charles
Simon gelenkte FGSPF. Ihr Konflikt symbolisierte die ideologische Zerrissenheit des modernen
Frankreich. Die USFSA folgte der 1905 festgelegten Trennung zwischen Kirche und Staat und
repräsentierte die Oberschicht. Sie war in erster Linie ein Rugbyverband, der die Entwicklung
des Fußballs eher bremste als förderte. Für die katholische FGSPF wiederum diente der Sport –
und vor allem der Fußball – dem Patriotismus und war Mittel einer gesellschaftlichen Militari-
sierung. Erst 1919 entstand mit der Federation Francaise de Football Association ein nationaler
Fußballverband, damit hinkte Frankreich anderen europäischen Ländern weit hinterher. Als
der Verband 1925 rund 100.000 Mitglieder in 2.917 Vereinen verzeichnete, steuerte etwa der
Deutsche Fußball-Bund schon auf die Millionengrenze zu.
56
Frankreich
Das nächste Problem war die Organisation einer Meisterschaft. Erst nachdem die Peugeot-­
Werke in Sochaux 1930 eine private Nationalliga ins Leben riefen, schuf der Verband 1932 die
von Beginn an professionelle Division 1. Aus dem rückständigen Amateurland wurde ein Vor-
reiter für das Profitum, das renommierte Spieler wie Rudolf Hiden vom Wiener AC und Oskar
Rohr von Bayern München anlockte. Auch aus den nordafrikanischen Departements tauchten
verstärkt Akteure auf, darunter mit Larbi Ben Barek ein späterer französischer Teamspieler.

Provinzmeister
Lange spielten Kleinstädte wie Sochaux und Roubaix die zentrale Rolle im Ligabetrieb, 1934
kam mit dem FC Sete auch der erste Doublegewinner aus einer Kleinstadt. Mit Olympique
Marseille und dem Pariser Aristokratenklub Racing konnten nur zwei Großstadtklubs mit der
Provinz mithalten. Dabei blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als Mannschaften wie
OGC Nizza, Stade Reims, AS Saint-Etienne und FC Nantes die Meisterschaft dominierten.
1950 sorgten 61.722 Zuschauer beim Cupfinale im Olympiastadion in Colombes zwischen
Stade Reims und Racing Paris für einen bis zur Eröffnung des Stade de France 1998 gültigen
Besucherrekord. Im Ligabetrieb waren bis weit in die 1990er Jahre Durchschnittszahlen von
deutlich unter 10.000 Alltag.
Die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Fußballs leitete in den 1960er Jahren
einen Umbruch ein. Frühe Hochburgen büßten an Bedeutung ein, von Gemeinden oder Unter-
nehmern unterstützte Klubs wie Saint-Etienne und Nantes strebten nach oben. Paris drohte
unterdessen, zur Hauptstadt ohne Erstligist zu werden. Die Antwort war 1969 die Gründung
des Paris FC, aus dem später Paris Saint-Germain hervorging – ein Retortenverein, der 1986
erstmals die Meisterschaft gewann. Seit 2013 geht der Ligatitel regelmäßig an PSG, die wirt-
schaftliche Diskrepanz zwischen den 20 Erstligisten ist mittlerweile gewaltig. Aktuell verfügt
PSG über ein Budget von 490 Millionen Euro, Aufsteiger Gazelec FC Ajaccio muss mit
13,8 Millionen auskommen. Sportlich wie wirtschaftlich sind die Hauptstädter dem einzigen
französischen Champions-League-Sieger Olympique Marseille ebenso enteilt wie dem Serien-
meister der 2000er Jahre, Olympique Lyon.

Nationaler Schulterschluss
Den größten Popularitätsschub erhielt der französische Fußball aber durch seine National­
mannschaft. Die WM 1998 stürzte das Land in eine nie zuvor erlebte Begeisterung. Die
zeitgleich unter Dopingskandalen leidende Tour de France musste sich mit einem Platz im
Schatten des Fußballs bescheiden. Zusätzlich positiv besetzt wurde der Titelgewinn durch
die Zusammensetzung des Teams, das die Bevölkerungsstruktur widerspiegelte. „Black, blanc,
beur“ wurde zum Schlagwort einer multikulturellen Gesellschaft. Die symbolische Vereinigung
währte angesichts der sozialen Spannungen im Land jedoch nur kurz.
Die Anschläge des vergangenen Jahres haben dem rechtsextremen Front National zu
einem Aufschwung verholfen. Marion Marechal-Le Pen, Enkelin von Parteigründer Jean-Marie
und Nichte der heutigen Vorsitzenden Marine, erklärte, ihr Frankreich sei nicht schwarz, weiß,
arabisch, sondern blau, weiß, rot. Dass unter diesen Farben aber seit jeher die Mannschaft eines
Einwanderungslands antritt, verrät ein Blick in die Geschichtsbücher: Als Frankreich 1958 bei
der WM in Schweden den dritten Platz erreichte, gehörten mit Raymond Kopa der Sohn eines
polnischen Migranten und mit Just Fontaine ein aus Casablanca stammender Algerienfranzose
zu den Leistungsträgern.
57
Frankreich

Von der Ausnahme zur Regel

Die EM wird in einem Land stattfinden, das ganz


offiziell im Ausnahmezustand ist. Individuelle
Freiheiten sind eingeschränkt, doch der Einfluss
aufs Geschäft soll so gering wie möglich sein.
Text: Christoph Heshmatpour

Zur Europameisterschaft wird Paris das offizielle Public Viewing vor dem Eiffelturm einrichten.
Das ist durchaus überraschend. Die Stadt hat im Jahr 2015 im Abstand von elf Monaten zwei
terroristisch motivierte Gewaltverbrechen erlebt: Im Jänner starb ein großer Teil der Redaktion
des Satiremagazins Charlie Hebdo bei einem Angriff, im November forderten konzertierte
Anschläge auf das Stade de France und Pariser Ausgehviertel weit mehr als hundert Todes­
opfer. Der über das Land im Anschluss an die Anschläge vom November verhängte Ausnahme-
zustand ist bereits bis nach der Europameisterschaft verlängert.

Kommerz sticht
Und dennoch entschied der Pariser Stadtrat Ende März, das Gelände vor dem Eiffelturm im
Zeitraum der EM an die Sportrechtevermarktungsgruppe Lagardere Sports zu verpachten.
Bürgermeisterin Anne Hidalgo rechtfertigte den Beschluss damit, dass es viel sicherer sei,
eine eingezäunte Hochsicherheitszone dort einzurichten, wo es von den Besuchern erwartet
wird, anstatt die Fans mangels offiziellen Angebots frei durch die ganze Stadt spazieren zu
lassen. Es werden in und um die Fanzone jedenfalls staatliche wie private Sicherheitsleute
samt Bewaffnung und Hundestaffeln im Einsatz sein, es wird doppelte Einlasskontrollen und
Videoüberwachung geben.
Die aktuelle Gemengelage in Frankreich macht deutlich, wessen Anliegen Vorrang
bekommen, wenn die Lage unsicher ist und ein diffuses Bedrohungsszenario über der anste-
henden Großveranstaltung schwebt. Kommerzielle Interessen stechen alles, sogar die Bedürf-
nisse des staatlichen Systems nach öffentlicher Ordnung. Anders ist nicht zu erklären, dass
es trotz einer Situation, die einen Ausnahmezustand nötig macht, ein Public Viewing vor dem
Eiffelturm geben wird. Die Pariser Stadtverwaltung hat den wohl berühmtesten Ort des Landes
um nur 150.000 Euro an Lagardere abgegeben, es ist davon auszugehen, dass dort sehr viel
Geld gemacht wird. Dabei kommen auch die wirtschaftlichen Interessen der Stadt ins Spiel:
Bei Umsätzen, die über sechs Millionen Euro hinausgehen, ist diese zur Hälfte beteiligt.
58
Frankreich
Gegen den Aufstand
Nachdem die Bedürfnisse der Geschäftswelt befriedigt sind, kann der Sicherheitsapparat
für die Herstellung dessen sorgen, was er für öffentliche Ordnung hält. Das dafür eingesetzte
Werkzeug erzählt sehr viel. Im Ausnahmezustand sieht sich der Staat in seiner Existenz so
bedroht, dass er von der Verfassung abweichen darf. In Frankreich stammt die gesetzliche
Grundlage für den Ausnahmezustand, der Stunden nach den Anschlägen im November 2015
verhängt wurde, aus den 1950er Jahren. Das Instrument wurde aufgrund der Aufstände in der
damaligen Kolonie Algerien geschaffen. So konnte in Algerien hart vorgegangen werden, ohne
dass Frankreich den Krieg erklären musste. Es entstanden mehrere Internierungslager, doch
die Gefangenen waren keine Kriegsgefangenen und standen damit nicht unter dem Schutz der
Genfer Konventionen.
Bis zur aktuellen Situation wurde der Ausnahmezustand fünfmal verhängt: dreimal in
Algerien, einmal 1985 in Neukaledonien, nachdem dort die Auseinandersetzungen um eine
mögliche Unabhängig­keit eskaliert waren, und einmal anlässlich der Aufstände in den französi-
schen Vorstädten im Jahr 2005, die mit ihren sozialen Brennpunkten für den Staat bisweilen
auch so etwas wie eine ferne Kolonie sind.
Der Ausnahmezustand ist in seiner Idee und seiner Anwendung also ein Repressions-
werkzeug, um eine aufständische Bevölkerung niederzuhalten. In den Tagen und Wochen nach
den Terrorattentaten wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass dies ein Anschlag auf unsere
westlichen Werte, auf unsere Freiheit gewesen sei und wir deshalb die Art, wie wir leben, auf
keinen Fall ändern sollten. In der Praxis wurde die seit Monaten angekündigte Demonstration
anlässlich des Weltklimagipfels in Paris zwei Wochen nach den Anschlägen des 13. November
untersagt. Als dennoch Demonstranten für eine klimafreundliche Politik auf die Straße gehen
wollten, ging die Polizei mit dem Schlagstock gegen sie vor.

Nachrangige Freiheit
Im Fußball werden Auswärtsfahrten seit der Verhängung des Ausnahmenzustands systema-
tisch verboten. Die Begründung ist stets, dass reisende Fans die Polizei belasten würden, diese
hätte Wichtigeres zu tun. Das stört nicht nur die Fans. „Auch wenn wir das Verbot von Aus-
wärtsfahrten nach Lyon und Paris im Ausnahmezustand nachvollziehen können, verstehen wir
nicht, warum die Maßnahme so systematisch eingesetzt wird“, sagte Bernard Caiazzo, Auf-
sichtsratspräsident der AS Saint-Etienne, in einem Interview mit der Tageszeitung Le Monde.
„Angesichts der kommenden Europameisterschaft ist das gänzlich unverständlich. Es wäre
konsequent gewesen, diese Veranstaltung gar nicht durchzuführen, bei der tausende Fußball-
fans, die noch viel schwerer zu kontrollieren sind als unsere Anhänger, in den Stadien sein
werden.“
Doch eine Absage der EM wäre ein finanzielles Desaster gewesen, und Geschäft schlägt
Sicherheit. Hat sich der Staat letztlich kraft machtvoller Instrumente seine Ordnung verschafft,
kommt erst an dritter Stelle die Freiheit des Individuums, kommen all die Werte, die in den
Reden des Präsidenten und diverser weiterer staatlicher Repräsentanten ständig beschworen
werden.
Auf den Ablauf bei der Europameisterschaft wird der Ausnahmezustand vermutlich
sowieso keine Auswirkungen haben. Die Sicherheitsvorkehrungen bei derartigen Ereignissen
sind mittlerweile so massiv, dass noch einmal ein paar tausend Polizisten und dutzende
Straßensperren mehr keinen großen Unterschied machen.
59
Frankreich

Leben wie ein Fan in Frankreich

Gummigeschosse, Gesetzesverschärfungen, Gäste­


verbote – Fans in Frankreich haben derzeit viele
Probleme. Polizei und Behörden wissen mit ihnen
nichts anzufangen, Dialog gibt es keinen.
Text: Edgar Lopez

5. März 2016. Vor dem Spiel des SC Bastia gegen FC Lorient betritt ein junger Mann den
Rasen des Stade Armand Cesari. Er hält eine Rede und verkündet: „Unser Kampf vor Gericht
hat gerade erst begonnen!“ Sein linkes Auge wird von einer durchsichtigen Plastikschale
bedeckt. Damit sieht er aus wie aus einem Science-Fiction-Film. Doch sein Schicksal ist alles
andere als erfunden. Er heißt Maxime Beux, die Plastikkappe trägt der Bastia-Fan, um den
Heilungsprozess an seinem Auge zu schützen. Das ist seit dem Auswärtsspiel beim SC
Reims Mitte Februar schwer verletzt. Trotz Notoperation wird Beux auf dem Auge wohl blind
bleiben. Ein Schwerverletzter am Rande eines Fußballspiels, ein halbes Jahr vor der EM. Das
Ver­hältnis zwischen Fans und der Polizei in Frankreich ist angespannt.

Vorsicht, Flashballs
Beux’ Verletzung ist eine Tatsache. Auch, dass er den Sieg seiner Mannschaft in der Reimser
Innenstadt feiern wollte. Ebenso, dass es zwischen den Bastia-Fans und der Polizei darauf­­­­hin
zu Auseinandersetzungen gekommen ist, weil letztere die Fans nicht in der Stadt haben
wollte. Die Erklärungen zur Verletzungsursache weichen hingegen stark voneinander ab. Die
Staatsanwaltschaft behauptet, Beux sei gestolpert und habe sich dabei verletzt. Die Bastia-Fans
sagen, dass Beux aus nächster Nähe von einem Polizisten mit einem Flashball getroffen
worden sei.
Seit Jahren steht die französische Polizei für den übermäßigen Einsatz dieser Hartgummi­
geschosse in der Kritik. Immer wieder verlieren Personen durch die Waffen ihr Augenlicht, 2010
wurde ein Mann in Marseille sogar durch ein solches Geschoss getötet. Auch im Fußball forder-
ten Flashballs schon Opfer, 2012 verlor der Montpellier-Ultra Florent Castineira sein rechtes
Auge. Weil der verantwortliche Polizist nicht eindeutig identifiziert werden konnte, wurde im
darauffolgenden Prozess niemand verurteilt. In Bastia wollte man erst gar keinen Prozess ab-
warten. Am Tag nach dem Spiel in Reims schlug die Empörung über Beux’ Schicksal in Gewalt
um. Wütende Ultras griffen eine Polizeistation mit bengalischen Fackeln und Molotow-­Cocktails
an. Daraufhin wurde erst einmal das Heimspiel Bastias gegen Nantes verschoben.
Wie kommt es, dass zwei Menschen am Rande von Fußballspielen im Konflikt mit
der Polizei schwere Verletzungen davontragen, das aber außerhalb der Fanszene keine breite
öffentliche Diskussion entfacht? Nicolas Hourcade, Soziologe an der Universität Lyon, sagt:
60
Frankreich
„In der französischen Gesellschaft haben Fußballfans ein sehr schlechtes Image.“ Und das,
obwohl es mit Ausnahme von Paris historisch betrachtet, kein nennenswertes Problem mit
Hooligans gäbe. Hinzu kämen Sicherheitskräfte, die nicht im Umgang mit Fans geschult seien.
„Vor allem Auswärtsfans werden als Problem angesehen. Die Polizei fände es einfacher, wenn
es gar keine gäbe", sagt Hourcade.

Allzweckmittel Ausnahmezustand
Eine derartige Situation ist nicht mehr weit entfernt. Seit der Verhängung des Ausnahmezustands
nach den Terroranschlägen im November 2015 wurden bis zum Wochenende des 1. Mai quer
durch alle Ligen über 200 Gästeverbote gezählt. „Meistens werden sie damit begründet, dass
die Gästefans die öffentliche Ordnung stören würden und nicht genügend Polizisten für deren
Aufrechterhaltung zu Verfügung stehen“, sagt Pierre Barthelemy. Er ist Anwalt der „Association
Nationale des Supporters“, die sich für Fanrechte und den Dialog zwischen Fans und Behörden
einsetzt.
Die Notstandsgesetzgebung werde zusehends als Allzweckmittel eingesetzt, sagt
Barthelemy, selbst wenn nicht einmal die leiseste Anschlagsgefahr bestünde. Vor dem Spiel
zwischen Troyes und Rennes im Jänner etwa hätten die Behörden sogar den Heimfans ver­
boten, sich an einem zentralen Ort zu treffen. Begründung: Man müsse dafür sorgen, dass der
Ausverkauf in den zahlreichen Factory Outlets der Stadt reibungslos ablaufe.
Dabei bräuchte es gar keine Notverordnungen, um Gästefans auszuschließen, schließ-
lich besteht die gesetzliche Möglichkeit dazu auch in Friedenszeiten schon seit 2011. Die Zahl
der Ausschlüsse ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Von anfänglich drei Gäste-
verboten in der Saison 2011/12 auf durchschnittlich 30 in den vergangenen Spielzeiten. Betrof-
fen sind vor allem Vereine mit starkem Fanaufkommen wie Olympique Marseille, AS Saint
Etienne, Paris Saint-Germain und Olympique Lyon.

Stadionverbot an der Supermarktkassa


Dem Gesetzgeber reichten die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten dennoch nicht aus, Ende
April wurde im Parlament ein neues Gesetz verabschiedet. Das nach seinem Urheber, dem
konservativen Politiker Guillaume Larrive, benannte Gesetz besteht aus zwei Teilen. Einer be-
inhaltet repressive Maßnahmen gegen Fans. So können Vereine Fans auch ohne Stadionverbot
das Ticket verwehren, wenn diese nach ihrem Ermessen gegen die Stadionordnung verstoßen
haben. Auch die elektronische Weitergabe ihrer Daten an das französische Kartenkaufsystem
ist nunmehr erlaubt. Damit wird die Maßnahme zu einer Vorstufe des Stadionverbots, schließ-
lich werden Karten auch dezentral in Supermarktketten verkauft. Wer von einem Verein für
den Ticketkauf gesperrt ist, wird wohl auch von keinem anderen eine Karte bekommen. Bis-
lang wurden Stadionverbote nur von den Behörden und der Justiz vergeben, doch auch hier
gibt es Änderungen. Die Dauer der behördlich ausgesprochenen Stadionverbote wird auf zwei,
in Wiederholungsfällen auf drei Jahre erhöht. Die maximale Dauer eines gerichtlich aus­­­ge­
sprochenen Stadionverbotes bleibt bei fünf Jahren.
Auf der anderen Seite sieht das Gesetz auch die Einrichtung von Dialogstrukturen
zwischen Fans, Behörden, Vereinen und Verbänden vor. So sollen in den Vereinen Fan-
­­­­­b­eauftrage eingesetzt werden. Um das zerrüttete Verhältnis zwischen Polizei und Fans zu
verbessern, könnte diese Maßnahme jedoch zu spät kommen – und auch für Maxime Beux’
Augenlicht.
61
Frankreich

„Wir sind ja alle schizophren“

Der frühere Europaparlamentarier Daniel Cohn-­


Bendit hat ein Faible für Fußball. Im Interview
spricht er über fehlende Vorbilder, zu viel Geld im
Spiel und seinen Wetteinsatz für die EM.
Interview und Foto: Robert Florencio

„Ich bin seit frühester Kindheit mit dem Fußball verbunden.


Meine Alphabetisierung hat eigentlich dadurch begonnen,
dass ich immer wissen wollte, was unter den Bildern der
Sportzeitung L’Equipe steht“, sagt Daniel Cohn-Bendit beim
ballesterer -Gespräch in einem französischen Bistro in
Frankfurt am Main. Tatsächlich hat er schon ein Interview
mit dem brasilianischen Star Socrates geführt, Diskussions-
runden auf ARTE zu Fußballthemen geleitet und während der WM 2014 Dokus in Brasilien
gedreht. Bekannt geworden ist Cohn-Bendit aber nicht als Fußballjournalist, sondern als führender
Aktivist bei den Studentenprotesten im Pariser Mai 1968 und als Kommunal- und Europa­
politiker der deutschen und französischen Grünen. Zum Interview kommt er leicht verspätet,
seine trotz Politpension noch immer zahlreichen Termine, die er mittels zweier Handys zu
koordinieren versucht, halten ihn auf Trab.

Es ist immer wieder von der Terrorgefahr bei der EM die Rede. Sollte man als Besucher
besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen oder besser gar nicht kommen?
Ich weiß es nicht. Die Gefahr eines Anschlags ist gegeben. Ob tatsächlich etwas passiert,
hängt von vielen Faktoren ab: Da spielt die Qualität der Zusammenarbeit der europäischen
Sicherheitsbehörden eine Rolle, aber auch der Zufall. Ich verstehe das Unbehagen der Fans, aber
man sollte nicht vergessen, dass auch abseits dieses Events immer etwas passieren kann: Sie
steigen jetzt in den ICE nach Wien und haben nicht die Gewissheit, dass Sie gut am Ziel an-
kommen. In Europa müssen wir lernen, mit dieser Situation zu leben. Man sollte sich aber nicht
einschüchtern lassen und sein Leben ganz normal weiterführen.

Sehen Sie die französischen Behörden gut aufgestellt, um möglichen Bedrohungen


entgegenzuwirken?
Ich habe keinen Einblick in die Geheimdienstaktivitäten, ich möchte in der aktuellen
Lage aber keinesfalls Innenminister sein. Es gibt ja nur zwei Ausgänge: Passiert nichts, waren
die Vorbereitungen gut, passiert etwas, muss er die Verantwortung tragen.
62
Frankreich
Im FIFA-Museum in Zürich wird der WM-Titel Frankreichs von 1998 unter zwei gesell-
schaftspolitischen Aspekten dargestellt. Der erste ist die Akzeptanz des Sports auch bei den
kritischen Intellektuellen.
Es hat immer schon solche und solche Intellektuelle gegeben. Ich möchte hier auf Albert
Camus verweisen, der schon Jahrzehnte vorher gemeint hat, dass er alles, was er über Moral
wisse, auf dem Fußballplatz gelernt habe.

Und zweitens die Schlagwörter black, blanc, beur. Also die Versöhnung der drei großen
Bevölkerungsgruppen, der Schwarzen, Weißen und Maghrebiner. Glauben Sie, dass ein
neuerlicher Titelgewinn die Atmosphäre von damals wiederholen könnte?
1998 waren unter den zwei Millionen Feiernden auf dem Champs-Elysees tatsächlich
alle Gesellschaftsschichten dabei, bei der ebenfalls sehr großen Demo nach den Anschlägen
auf Charlie Hebdo im Vorjahr waren die Banlieues nicht vertreten. Heute ist die Situation für
viele Menschen noch viel härter, zudem ist die Lage seit den Attentaten angespannter. Ob sich
ein kollektives Freudengefühl wiederholen lässt, ist fraglich. Wenn die Nationalmannschaft toll
aufspielt, würde ich es aber auch nicht ausschließen.

Beziehen die französischen Nationalspieler zu politischen Themen Stellung?


Da fällt mir natürlich zuallererst Lilian Thuram ein, der ja eine ganz starke antirassistische
Intervention macht. Dann gibt es noch Vikash Dhorasoo, der sich viel um benachteiligte Kids aus
den Banlieues kümmert, und Emmanuel Petit, der schon öfters sozialpolitische Statements abge-
geben hat. Aber diese Spieler sind Ausnahmen – und sie haben ihre Karrieren allesamt beendet.

Aber würde das überhaupt funktionieren, wenn sich jemand wie Karim Benzema für die
Banlieues engagieren würde?
Wenn er was anderes in der Birne hätte, ja. Man sollte von Fußballern nicht zu viel
verlangen, aber ich wünsche mir, dass sie sich sozial engagieren. Mit dem ganzen Geld, das sie
verdienen, könnten sie etwas gesellschaftlich Wertvolles auf die Beine stellen.

Frankreich richtet nach der EM 1984, der WM 1998 und der Rugby-WM 2007 bereits das
vierte sportliche Großereignis innerhalb von 32 Jahren aus. Gibt es hier keine Finanzierungs-
probleme? Und wie sieht es bei den Neubauten mit der Nachhaltigkeit aus?
Die Regierung hat wieder zwei Milliarden für den Neubau und die Adaptierung beste-
hender Stadien ausgegeben. Das ist eine hohe Summe, aber die Franzosen nehmen es mit der
Fiskaldisziplin nicht so streng wie die Deutschen. Der Nachhaltigkeitsaspekt hat bei der EM
keine Rolle gespielt, erst jetzt bei der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 hat die Pariser
Bürgermeisterin grüne Spiele versprochen und ein brauchbares ökologisches Konzept vorgelegt.

In anderen europäischen Ländern gibt es zunehmend Widerstand gegen solche Sportevents.


Sind die Franzosen sportfreundlicher und weniger ökobewusst?
Von beidem wahrscheinlich ein bisschen etwas, aber es gibt auch in Frankreich Proteste.
Die Grünen haben in Lyon gegen den Stadionneubau am Stadtrand protestiert, wo auch eine
Menge Bäume gefällt werden mussten. Ebenso hat sich eine Bürgerinitiative in Paris zur
Erhaltung eines Parks formiert, der im Zuge der Ausbauarbeiten des Tennisstadions Roland
Garros in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber es stimmt schon: Würde man in Frankreich
63
Frankreich
Volksabstimmungen machen, würde sich die Mehrheit vermutlich für Sportveranstaltungen
entscheiden – egal ob es jetzt eine EM oder Olympische Spiele sind.

In der französischen Meisterschaft scheint Paris Saint-Germain auf Jahre uneinholbar, auch
dank der Gelder aus Katar. Wie kann man da gegensteuern?
Wenn Sie sich die großen Ligen anschauen, sehen Sie, dass wir im europäischen Fußball
ein Geldproblem haben. Sagen wir es doch mal so: Wir sind alle schizophren. Wenn ich über
das geschäftliche Umfeld im Fußball nachdenke, ist es grauenhaft. Allein schon die Idee, eine
WM nach Katar zu vergeben, ist ein Skandal. Russland in seinem aktuellen Zustand ist genauso
ein Skandal. Und was die nationalen Meisterschaften betrifft: Wenn es keine Begrenzungsregeln
für ausländische Investoren gibt, wird der Verein, der unbeschränkt aus dem Vollen schöpfen
kann, Dauerabonnent auf den Titel. Der Fußball wird vom Geld regelrecht aufgefressen. Das
hat auch Auswirkungen auf die Psyche der Spieler, wenn man sich die diversen Eskapaden
anschaut. Die verlieren bei den verdienten Summen ja komplett den Bezug zum realen Leben.
Es ist daher verständlich, wenn man als Unbeteiligter seine Zeit nicht mehr mit dieser surrealen
Welt vergeuden will. Das ist die eine Seite.

Und die andere?


Es gibt eben immer wieder Spiele von einer ungeheuren Qualität und Dramatik – wie
zuletzt die Begegnungen zwischen Bayern und Juventus. Davon ist man fasziniert. Und obwohl
man weiß, dass Lionel Messi und Neymar weiter steuerlich bescheißen wollen und Luis Suarez
den Gegenspieler beißen möchte, bleibt man von Barcelonas Traumsturm fasziniert. Das ist die
Schizophrenie, in der wir leben.

Kommen wir zur Sportpolitik. Die FIFA hat einen neuen Präsidenten, die UEFA wird noch
dieses Jahr einen wählen müssen. Wie beurteilen Sie die diversen Skandale?
Die WM 2006 war gekauft, das steht fest. Franz Beckenbauer hat sich in der Sache sehr
ungeschickt verhalten. Hätte er gleich gesagt, dass man aufgrund der korrupten Strukturen in der
FIFA eine WM ohne Bestechung gar nicht erhalten hätte, wäre er noch immer der Held. Aber dieses
permanente Lügen hat ihn in eine komplizierte Lage manövriert. Was ich besonders schrecklich
finde, sind die Verträge, die die FIFA den Veranstalterländern aufzwingt: Der FIFA-Präsident
muss wie ein Staatsgast behandelt werden. Dann gibt es das FIFA-Land, also die Bannmeile um
die Stadien, in der nicht die staatlichen Gesetze, sondern die der FIFA gelten. Das zeigt, welche
Macht sich dieser Sportverband dank seiner TV- und Sponsorengelder anmaßt. Das ist absurd.

Michel Platini ist tief in den Korruptionssumpf verstrickt. Wie sehen Sie seine Rolle?
Michel Platini hat mich enttäuscht. Er ist als großer Reformer angetreten, hat den Weg
für die kleineren Vereine in die Champions League erleichtert und das Financial Fair Play
eingeführt. Das sind alles Dinge, die einem Beckenbauer nie in den Sinn gekommen wären. Am
Beispiel Platini sieht man sehr gut: Wenn du in einem System bist, das Korruption ermöglicht,
wirst du leicht davon erfasst.

Haben Sie Ideen, wie man gegensteuern kann?


Ich hatte im Vorfeld der EM ein Gespräch mit der damaligen Sportministerin und habe
ihr vorgeschlagen, eine Ticketkategorie für benachteiligte Schichten zu ermöglichen. Ganz
64
Frankreich
generell müsste man im Fußballbusiness eine Geldbremse einziehen. Da würde ich zunächst
bei den TV-Verträgen ansetzen. Die Free-TV-Sender sollten wieder alle Spiele übertragen dürfen,
weiters sollten Deckelungen der Summen für TV-Übertragungsrechte und dann in weiterer Folge
auch bei Spielergehältern eingeführt werden. Auch bei der Ausbildung der Jugendlichen sollte
es einen Investitionsschutz geben. Man muss viel klarer regulierend eingreifen.

Was kann man tun, um die Schere zwischen den vielen mittelgroßen und kleineren Teams und
den etwa 20 Spitzenvereinen, die in der Champions League Stammgast sind, zu schließen?
Ich fürchte, da sind wir zu spät dran. Die Großen haben sich Vorteile im finanziellen
und sportlichen Bereich verschafft, die nicht mehr aufzuholen sind. Ich wäre aber dafür, dass
alle Landesmeister eine fairere Chance bekommen, an der Champions League teilzunehmen.
Es bleibt uns das Hoffen auf Überraschungen, wie sie auch immer noch vorkommen, wenn wir
uns das Beispiel Leicester in England anschauen.

Was erwarten Sie sportlich von der EM? Wie sehen Sie die Titelchancen Frankreichs?
Die letzten beiden Heimturniere wurden ja gewonnen.
Sie haben natürlich eine Chance, aber es wird nicht einfach. Die Spiele ab dem Achtel-
finale sind sehr eng, da ist alles möglich. Wenn ich mich an 1998 zurückerinnere, fällt mir ein,
dass wir gegen Paraguay mit Müh und Not in der Verlängerung gewonnen haben. Das beste
Spiel war das Finale. Insgesamt war da schon eine gehörige Portion Glück dabei, ohne Glück
gewinnst du kein Turnier.

Und Deutschland? Joachim Löw hat ja gemeint, die EM sei nur ein Zwischenschritt auf dem
Weg zur WM in Russland.
Er ist Realist und sieht, dass seine Mannschaft im Moment nicht so stark ist. Philipp
Lahm ist weg, Bastian Schweinsteiger ist verletzt, Mesut Özil ist ein Mysterium, manchmal ist er
da, manchmal nicht, Ilkay Gündogan ist nicht in Bestform. Dazu kommen noch Probleme links
und rechts in der Defensive. Es wird nicht leicht für sie werden, aber sie sind ja bekanntlich eine
Turniermannschaft.

Wen haben Sie noch auf Ihrer Liste als Titelaspiranten?


Die Spanier, wobei man schauen muss, wie sie den Umbau in der Mannschaft nach der
schlechten WM verkraften. Dann die Engländer, die jetzt nach langer Zeit wieder eine wirklich
gute Mannschaft haben. Auch den Belgiern ist einiges zuzutrauen. Wenn ich 1.000 Euro Wett­
kapital hätte, würde ich es auf viele Mannschaften verteilen.

Wie sehen Sie die Chancen des österreichischen Teams?


Im Normalfall hat es alle Chancen, Gruppenzweiter hinter Portugal zu werden. Dann
erscheint das Viertelfinale möglich. Außerdem kann sich die Mannschaft ja an Dänemark und
Griechenland orientieren, die schon einmal bewiesen haben, dass bei so einem Turnier alles
möglich ist.

Daniel Cohn-Bendit (71) war und ist als Aktivist, Politiker, Publizist, Moderator, Schauspieler, Literaturkritiker und Kindergarten-
betreuer tätig. Der in Montauban geborene deutsch-französische Doppelstaatsbürger wird während der EM für einen Pariser
Radiosender allmorgendlich seine Kommentare zu den Spielen abgeben.

65
Frankreich
Parc des Princes; Paris
Die EM-Stadien Kapazität: 45.000
Eröffnet: 1972; zuletzt saniert: 2014/15
Heimverein: Paris Saint-Germain
Stade de France; Saint Denis
Kapazität: 80.000
Eröffnet: 1998; zuletzt saniert: 2015
Heimverein: –
Stade de Bordeaux; Bordeaux
Kapazität: 42.000
Eröffnet: 2015
Heimverein: Girondins Bordeaux
Stade Felix Bollaert-Delelis; Lens
Kapazität: 35.000
Eröffnet: 1933; zuletzt saniert: 2015
Heimverein: RC Lens
Stade Pierre Mauroy; Lille / Villeneuve d’Ascq
Kapazität: 50.000
Eröffnet: 2012
Heimverein: OSC Lille
Stade de Lyon; Lyon
Kapazität: 59.000
Eröffnet: 2016
Heimverein: Olympique Lyon
Stade Velodrome; Marseille
Kapazität: 67.000
Eröffnet: 1937; zuletzt saniert: 2014
Heimverein: Olympique Marseille
Stade de Nice; Nizza
Kapazität: 35.000
Eröffnet: 2013
Heimverein: OGC Nizza
Stade Geoffroy Guichard; Saint-Etienne
Kapazität: 42.000
Eröffnet: 1931; zuletzt saniert: 2014
Heimverein: AS Saint-Etienne
Stadium de Toulouse; Toulouse
Kapazität: 33.000
Eröffnet: 1937; zuletzt saniert: 2015
Heimverein: FC Toulouse

66
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D
  1964, 2008, 2012
  1960, 1964, 1980, 1984, 1988, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012

  6
   Vicente del Bosque (seit 2008)

    Sergio Busquets (FC Barcelona), Koke (Atletico Madrid) jeweils 50 Mio.

     FC Barcelona (5 Spieler)
28. 08. 1920 Spanien – Dänemark 1:0
9-3-4

Spanien

Sonntag, 12. Juni um 15.00 Uhr in Paris Freitag, 17. Juni um 21.00 Uhr in Nizza

Kroatien – Türkei : Spanien – Türkei :

Montag, 13. Juni um 15.00 Uhr in Toulouse Dienstag, 21. Juni um 21.00 Uhr in Bordeaux

Spanien – Tschechien : Spanien – Kroatien :

Freitag, 17. Juni um 18.00 Uhr in Saint-Etienne Dienstag, 21. Juni um 21.00 Uhr in Lens

Kroatien – Tschechien : Tschechien – Türkei :

Tschechien

  1976 
4

  1960, 1976, 1980, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012 5

  29
   Pavel Vrba (seit 2014)

    Petr Cech (FC Arsenal, 12 Mio.)

     Viktoria Pilsen, Sparta Prag ( je 3 Spieler)


28. 08. 1920 Tschechoslowakei – Jugoslawien 7:0
2-1-2
D
  –
  1996, 2004, 2008, 2012

  18
   Ante Cacic (seit 2015)

    Luka Modric (Real Madrid, 50 Mio.)

     AS Monaco, Dinamo Zagreb, FC Internazionale, Fiorentina, Real Madrid ( je 2 Spieler)


02. 04. 1940 Banovina Kroatien – Schweiz 4:0
5-0-0

Kroatien

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose
4
Als Tschechoslowakei 5 Von 1960 bis 1980 als Tschechoslowakei

Türkei

  –
  1996, 2000, 2008

  13
   Fatih Terim (seit 2013)

    Arda Turan (FC Barcelona, 35 Mio.)

     Fenerbahce (5 Spieler)
26. 10. 1923 Türkei – Rumänien 2:2
7-1-8
GRUPPE D

Webmeister Pique
Text: Hannes Gaisberger

Gerard Pique ist wegen frecher Posts bei den Fans der eigenen
Nationalmannschaft in Ungnade gefallen. Meist jedoch weiß der
spanische Innenverteidiger die Vorteile von Twitter & Co. für
sich zu nutzen.

Getty Images
7
0

Immer erreichbar – Gerard Pique weiß, wie Kommunikation funktioniert

G
erard Pique fühlt sich wohl in den sozialen Netz­ Mutter Neurochirurgin, der Großvater war einst im
werken. Der Katalane feuert dort aus mehreren Präsidium des FC Barcelona. Den Wunsch, in Zukunft
Kanälen und lässt kein noch so banales Geplänkel das Präsidentenamt seines Vereins zu bekleiden, hat der
mit ähnlich onlineaffinen Konkurrenten aus Madrid wie Enkel schon mehrmals öffentlich deponiert. Sein Online­
Alvaro Arbeloa und Jose Maria Guti aus. Man könnte das verhalten mag nicht immer präsidial sein, aber es könnte
als harmlose Rivalitäten abtun, die sich nun eben auch ihm letztlich helfen, das nötige Kleingeld für den Job
auf Twitter, Facebook und Instagram ausbreiten. Doch in einzusammeln.
der Offline-Welt ist etwas hängen geblieben. Trotz meist
tadelloser Leistungen im Teamdress wurde Pique zuletzt BURGER UND BYTES
mehrmals vom eigenen Publikum ausgepfiffen, denn das Pique ist nämlich nicht nur Teilhaber einer Firma, die
hält nicht selten auch zu Real Madrid. Am Ende wurde hochpreisige Hamburgerlaibchen produziert, sondern er
sogar über Piques Rückzug aus der Nationalmannschaft hat seit 2011 sein eigenes Start-up, Kerad Games. Darüber
diskutiert. Und das wegen ein paar schnöder Posts und informierte er auch seine Online-Follower: „Wisst ihr,
Bilder. Wieso tut er sich das an? dass ich eine Videospielfirma mit dem Namen Kerad
Mangelnde Intelligenz dürfte nicht das Games gegründet habe? Wir brauchen Game Designer,
Problem sein. Piques IQ soll jenseits der 140 liegen – das Q&A, Scrum Master, Programmierer … wenn du dein
behauptete zumindest sein Vater im Jänner gegenüber Talent und deinen Enthusiasmus einbringen willst, schick
der Zeitschrift El Economista. Damit würde er 98 Prozent mir deinen CV.“ Auf die Ausschreibung meldeten sich
der Bevölkerung abhängen. Der Vater ist Anwalt, die laut der Tageszeitung El Pais in wenigen Stunden an die

SPANIEN
GRUPPE D

Rand
10.000 Interessenten. Die Auswahl traf schließlich doch
nicht der Chef persönlich auf Facebook, sondern eine
Personalfirma. Bei einem Medientermin mit El Pais
präsentierte sich Pique ganz als Silicon-Valley-Chef, der

notizen
Mitarbeiter beim Namen nennt, sich nach dem Wohl­
befinden und den Kinder erkundigt. „Man muss für ein
gutes Ambiente sorgen“, sagte er. „Ich lerne gerne alle
kennen und bin mir auch nicht zu gut, jeden einzelnen
Mitarbeiter zu grüßen.“ Sein Input geht aber über Auf­ NICHT ZU REPARIEREN
munterung und Freundlichkeit hinaus. von Aleksandar Holiga
Alberto Guerrero ist der Chef vom Dienst
bei Kerad. Als er hörte, dass ihn Pique für ein Projekt In den 1980er Jahren verdiente Ante Cacic
kontaktieren wolle, sei er zuerst skeptisch gewesen: „Ich seinen Lebensunterhalt mit der Reparatur
von Fernsehgeräten, dann startete er eine
habe mir gedacht: ‚Kicker, ist mit Shakira zusammen …
farblose Trainerkarriere. Er coachte kleine
schauen wir mal, was er zu erzählen hat.‘“, sagte er El kroatische Klubs und einmal die U21 von
Pais. „Dann habe ich noch am selben Tag ein Mail mit Libyen. 2011 hatte er sich nach vier Jahren
einem 40-seitigen Dokument erhalten, in dem die Funkti­ ohne Engagement schon damit abgefunden,
onsweise des Spiels genau erklärt war, dazu Bilder und dass aus der Karriere im Fußball wohl
Beispiele.“ Das eigentliche Produkt der Firma ist eine nichts mehr werden würde. Er führte ein
Fußballsimulation, die mittlerweile millionenfach gespielt ruhiges Leben und betrieb ein Kaffeehaus
in der Zagreber Innenstadt, doch dann
wird, von Piques Sponsoren unterstützt wird und auf
kam ein Anruf von Zdravko Mamic.
Facebook eingebettet werden kann. Dessen Gründer Der Dinamo-Zagreb-Boss gilt
Mark Zuckerberg hat Pique im März 2015 in Barcelona als der Strippenzieher im kroatischen
zum Essen getroffen. Mit dabei war auch Popstar Shakira, Fußball, er engagierte Cacic für das Dinamo-­
die Partnerin des Verteidigers. Gemeinsam sind sie eines Farmteam NK Lokomotiva. Nach vier
der zugkräftigsten Prominentenpärchen – und bemüht, Spiele im Amt wurde er schon zum Chef­
ihre Prominenz selbst zu kontrollieren. Die Zeitschrift trainer von Dinamo befördert. Nicht einmal
ein Jahr später wurde er zwar wieder
Gol schreibt über Pique: „Er hat als Erster die Beziehung
gefeuert, doch seine Amtszeit ist aus zwei
Fußballer-Journalist geändert. Er hat die Veröffentli­ Gründen in Erinnerung geblieben: wegen
chung von Bildern, die seine Beziehung mit Shakira des Mangels an Disziplin in der Mannschaft
bestätigen sollten, gebremst. Die ersten gemeinsamen und dank Cacics zahlreicher taktischer
Fotos erschienen auf ihren persönlichen Seiten in den Experimente und ständiger Positions­
sozialen Netzwerken.“ wechsel, die so manches Talent ruinierten.
Heute ist Cacic Teamchef – Mamic
installierte ihn im Vorjahr als jemanden,
LANGE LEINE
den er leicht kontrollieren konnte. Die Team­
Wenn Fußballer wie Pique in den sozialen Medien spieler, die ihn aus der Zeit bei Dinamo
Geld und Meinung machen und so mitunter auch die kennen, haben keine besonders guten Erin­
Atmosphäre aufheizen, stellt sich die Frage, ob und wie nerungen an Cacic. Andrej Kramaric wurde
Vereine und Verbände handeln sollen. Im spanischen sofort an Lokomotiva verliehen, der höchst
Verband gibt man sich dazu noch entspannt. Auf der talentierte Mateo Kovacic gezwungen,
Pressekonferenz vor dem Freundschaftsspiel gegen im defensiven Mittelfeld zu spielen. Sime
Vrsaljko und Marcelo Brozovic wurden
Rumänien hat Teamchef Vicente del Bosque seinen
kaum eingesetzt. Als Cacic einmal seine
Innenverteidiger in Schutz genommen. „Wenn es gute Autorität unter Beweis stellen wollte, ließ
Stimmung macht oder informativ ist, habe ich kein Prob­ er Domagoj Vida öffentlich demütigen und
lem damit.“ Thomas Wieser, Geschäftsführer der Wiener mit einer Geldstrafe belegen, weil er im
Medienanalyseagentur United Synergies, plädiert dem Mannschaftsbus ein Bier getrunken hatte.
ballesterer gegenüber ebenfalls für eine Laissez-faire-­ Dass zeitgleich andere Spieler, teilweise
Politik. „Eine ständige Kontrolle dieser Kanäle würde unter Alkoholeinfluss, direkt aus der Disco
zum Training kamen, störte ihn weniger.
zu weit führen. Wer kein Gefühl dafür entwickeln kann,
Spieler wie Luka Modric, Ivan
was passt und was nicht, ist dann eben ein Fall für ein Rakitic und Mario Mandzukic, die Cacic
Medientraining.“ nicht von früher kennen, haben noch weni­
Das benötigt Pique nicht. Zuletzt hat er sich ger Respekt vor dem Mann, dessen einzige
vor allem mit der App Periscope auseinandergesetzt, die Qualifikation darin besteht, Mamic genehm
es ermöglicht, kurze Videos live zu streamen. Mehrere zu sein. Vor Kurzem wurde Cacic gefragt,
Wochen waren die Meldungen über seine Videos fixer ob er einen Flatscreen-Fernseher reparieren
könnte. „Ich fürchte, das übersteigt meine
Bestandteil der Sportberichterstattung. Einen besseren
Fähigkeiten“, antwortete er. Über seinen
Markenbotschafter hätte sich das zu Twitter gehörende Job als Teamchef könnte er dasselbe sagen.
Unternehmen nicht wünschen können. Selbst Vicente del
Bosque hat angekündigt, sich während der EM einmal Aleksandar Holiga lebt und arbeitet als freier
vor Piques Kamera setzen zu wollen.  Sportjournalist in Zagreb.

SPANIEN Kroatien
GRUPPE D

Erdogans
Imperator
Text: Friedemann Pitschak

Das türkische Nationalteam ist seit fast zwei Jahren ungeschlagen,


das verdankt es auch Teamchef Fatih Terim. Vor der EM richtet
sich die Aufmerksamkeit aber nicht nur auf die sportlichen
Rekorde Terims, sondern auch auf die Politik seines Freundes
Tayyip Erdogan.

E
in Monat nach der erfolgreichen EM-Qualifikation Seine Trainerkarriere im Nationalteam begann
traf das türkische Team im letzten November auf der ehemalige Libero von Galatasaray 1990 als Assistent
Griechenland. Das Freundschaftsspiel, das 0:0 von Sepp Piontek. 1993 wurde er dessen Nachfolger,
endete, fand in einem Stadion im Istanbuler Stadtteil 1996 gelang die erste EM-Qualifikation, die Türkei schied
Basaksehir statt, das nach dem Mann auf der türkischen beim Turnier jedoch sieglos aus. Im selben Sommer
Trainerbank benannt ist: Fatih Terim. übernahm Terim den Trainerposten bei Galatasaray, wo
Terim absolviert gerade seine dritte Amtszeit er vier Meisterschaften in Folge sowie 2000 den ersten
als Teamchef, und die Erwartungshaltung vor dem Tur­ Europacup-Titel einer türkischen Mannschaft feiern
nier ist groß. In der FIFA-Weltrangliste steht die Türkei konnte. Eine zweite Zeit als Teamchef folgte nach kurzen
auf Platz 13 und ist mit 14 Spielen ohne Niederlage nur Intermezzi bei der Fiorentina und Milan sowie einer
7 noch drei Spiele von einem Rekord entfernt. „Mir soll es erneuten Station bei Galatasaray. Bei der EM 2008
2 recht sein, dass der Rekord ein Thema ist. Es muss zur schied die Türkei erst im Halbfinale gegen Deutschland
Gewohnheit werden, Länderspiele zu gewinnen“, sagte aus, scheiterte anschließend jedoch an der Qualifikation
Terim, wegen seines autoritären Führungsstils auch zur WM. Terim warf 2011 das Handtuch und wurde
Imperator genannt, auf der Pressekonferenz nach dem erneut Trainer bei seinem alten Klub. Mit Galatasaray
gewonnenen Freundschaftsspiel gegen Österreich Ende wurde er zwar noch einmal Meister, ein Jahr später aber
März in Wien. entlassen. Seit 2013 ist er wieder Teamchef.

ZUM ERSTEN, ZUM ZWEITEN … TEAM ERDOGAN


Im Nationalteam setzt Terim zum einen auf die einge­ Nicht nur werden Stadien nach Terim benannt, mit
spielten Spieler von Besiktas und Fenerbahce, zum einem geschätzten Jahreseinkommen von rund 3,5 Millio­
anderen auf die richtige Mischung aus Routiniers wie nen Euro gehört er zu den absoluten Topverdienern
Selcuk Inan und Mehmet Topal, Talenten wie Hakan unter den Teamchefs. Neben dem Platz sonnt er sich
Calhanoglu und dem Star und Kapitän Arda Turan vom gerne auf der ganz großen Bühne. Bei der Stadioneröff­
FC Barcelona. Doch es bleiben einige Unruheherde. nung in Basaksehir im Juli 2014 zeichnete ihn der dama­
So flog Tormann Volkan Demirel von Fenerbahce im lige Premierminister und heutige Staatspräsident Tayyip
November 2014 aus der Mannschaft. Nach Pfiffen – mut­ Erdogan höchstpersönlich für sein Lebenswerk aus.
maßlich von Galatasaray-Fans – vor dem Spiel gegen Terim bedankte sich für die innige Freundschaft, ehe der
Kasachstan zeigte er den Anhängern den Mittelfinger Premier fünf Treffer zum 9:5-Sieg des Team Erdogan im
und verließ das Stadion. Terim forderte eine Entschuldi­ Eröffnungsspiel beisteuerte.
gung. Doch die kam bis heute nicht. Kurz vor der EM Aus seiner guten Beziehung zu Erdogan macht
häufen sich Fragen nach dem Tormann. „Was soll mit Terim keinen Hehl, er kennt die politischen Verhältnisse
Volkan sein?“, fuhr Terim kürzlich einen Journalisten der Türkei. „In diesem Land ist Fußball nicht nur ein
an. „Ich liste nicht auf, weshalb ich welchen Spieler nicht Spiel, sondern ein Ort, an dem man profitieren kann“,
nominiert habe, tut mir leid!“ Einmischungen in seine schrieb Müslüm Gülhan in der Tageszeitung Birgün.
Arbeit verträgt der Teamchef nicht. Schon mehrere „Terim kommt trotz seiner mangelhaften Fähigkeiten
Journalisten bekamen seinen Zorn zu spüren. Die Tages­ durch Beziehungen weiter.“ Während der EM könnte
zeitung Vatan entließ sogar eine Mitarbeiterin, die sich Terim auf sein politisches Gespür dringend angewiesen
negativ über Terim geäußert hatte. sein, die Voraussetzungen sind brisant. „Wir sind ein

TÜRKEI
GRUPPE D

Imago
7
3

Hüpfen für Erdogan – Fatih Terim weiß, was dem Staatspräsidenten gefällt

moslemisches Land. Aber noch davor sind wir ein religiös aufgeladenen Repertoire türkischer Fußballfans.
europäisches Land. Wir sind ein Teil dieses Kontinents“, Aus den Vorfällen eine Sympathie für den „Islamischen
sagte er mit Blick auf das Turnier. Doch die Spiele der Staat“ abzulesen, ist verfehlt, wie Deniz Yücel in der
Türkei könnten zu einem Politikum werden. Nationalis­ Welt schreibt. Sie seien Ausdruck der Polarisierung der
tische Fans von Paris Saint-Germain posierten mit dem Gesellschaft, die die paranoide Rhetorik der Regierungs­
Spruchband „Euro 2016 – Turkish Fans Not Welcome!“ partei AKP vorangetrieben habe: „In ihrer Welt ist die
und mobilisierten für den Besuch eines Handballspiels Türkei umzingelt von lauter inneren und äußeren Feinden.“
zwischen PSG und Besiktas im Februar mit Aufrufen zur Bereits im Oktober 2015 gab es beim Qualifi­
„Türkenjagd“. kationsspiel gegen Island in Konya ähnliche Vorfälle. Die
Schweigeminute für die Opfer des Selbstmordanschlags
UMZINGELT auf eine linke Friedensdemo in Ankara wurde von Pfiffen
Vorangegangen war diesem Transparent jenes Testspiel gestört. Die Fans aus Konya werden dennoch landauf,
der Türkei gegen Griechenland im Fatih-Terim-Stadion – landab für ihre tolle Stimmung gelobt. Das neue Stadion
vier Tage nach den Anschlägen von Paris. Die Schweige­ in der AKP-Hochburg war Austragungsort der letzten
minute wurde von tausenden Fans niedergepfiffen und drei Qualifikationsspiele. Teilen der Konya-Fans werden
durch „Allahu Ekber“-Rufe gestört. Während die Pfiffe gute Beziehungen zur AKP nachgesagt, sie haben zudem
vom anwesenden Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu die Nationalmannschaft für sich entdeckt, die sie zur
ignoriert wurden, verurteilte sie zumindest Terim. „Kön­ EM begleiten werden. Wenn Terim und sein Team nach
nen wir nicht einmal eine Minute ruhig sein?“, sagte er. Frankreich reisen, werden sie die politischen Konflikte
Die Parole „Allahu Ekber“ gehört zum nationalistisch wie der Türkei mit im Gepäck haben. 

TÜRKEI
E
  –
  1972, 1980, 1984, 2000

  2
   Marc Wilmots (seit 2012)

    Eden Hazard (Chelsea FC, 70 Mio.)

     Tottenham Hotspur (4 Spieler)


01. 05. 1904 Belgien – Frankreich 3:3
2-3-9

Belgien

Montag, 13. Juni um 18.00 Uhr in Saint-Denis Samstag, 18. Juni um 15.00 Uhr in Bordeaux

Schweden – Irland : Belgien – Irland :

Montag, 13. Juni um 21.00 Uhr in Lyon Mittwoch, 22. Juni um 21.00 Uhr in Lille

Belgien – Italien : Italien – Irland :

Freitag, 17. Juni um 15.00 Uhr in Toulouse Mittwoch, 22. Juni um 21.00 Uhr in Nizza

Italien – Schweden : Spanien – Schweden :

Schweden

  –
  1992, 2000, 2004, 2008, 2012

  36
   Erik Hamren (seit 2009)

    Zlatan Ibrahimovic (Paris Saint-Germain, 15 Mio.)

     FC Kopenhagen (2 Spieler)
12. 07. 1908 Schweden – Norwegen 11:3
13-6-17
E
  1968
  1968, 1980, 1988, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012

  15
   Antonio Conte (seit 2014)

    Marco Verratti (Paris Saint-Germain, 40 Mio.)

     Juventus (5 Spieler)
15. 10. 1910 Italien – Frankreich 6:2
17-8-12

Italien

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose
4
Bis in die 1920er Jahre als gemeinsamer irischer Verband

Irland

  –
  1988, 2012

  31
   Martin O’Neill (NIR, seit 2012)

    Seamus Coleman (Everton FC, 19 Mio.)

     Stoke City (4 Spieler)


18. 02. 1882 Irland 4 – England 0:13
2-3-9
GRUPPE E

Ein langes Versprechen


Text: Tobias Müller

Vor zwei Jahren als Geheimfavorit gehandelt, sollte Belgiens Goldene


Generation spätestens bei der EM ihren Zenit erreichen. Derzeit wirft
das mit Stars besetzte Team einige Fragezeichen auf.

B
elgien liegt an der Spitze. Zwar nicht mehr in der Ausputzer von einst noch nie gesehen hatte. Die Experten
offiziellen Weltrangliste der FIFA, da ist Argenti­ überschlugen sich vor Erwartungen, beim Turnier aller­
nien im April vorbeigezogen. Doch was die Prämie dings ließen die mehrheitlich in der Premier League
für den Titel betrifft, kann niemand mit den Kickern des beschäftigten Spieler ihr Potenzial bis ins Viertelfinale
belgischen Verbands mithalten. Je 704.000 Euro brutto nur gelegentlich sehen.
streichen sie im Erfolgsfall ein, mehr als doppelt so viel Dass aber nun, kurz vor dem vermeintlichen
wie Weltmeister Deutschland. In Belgien gibt es einigen Gipfelsturm, niemand im Land ernsthaft vom EM-Titel
Unmut über die Höhe der Prämie, ausgehandelt unter redet, liegt an der enttäuschenden Qualifikation. In
dem ehemaligen Verbandschef Steven Martens. Doch einer Gruppe mit Bosnien-Herzegowina, Israel, Zypern,
gibt es für diese Sorge überhaupt einen Anlass? Andorra und Wales setzte sich Belgien unangefochten,
aber weitgehend glanzlos durch. Manchmal schien es
UNGENUTZTES POTENZIAL gar, als läge der vielbeschriebene Höhepunkt bereits
Vor zwei Jahren, als das Land sich erstmals seit 2002 hinter dem Team. So richtig weiß derzeit also niemand,
wieder für ein Turnier qualifizierte, hätte man das im wo Belgien genau steht – nicht die Fans, die sich mit dem
schwer euphorisierten Belgien glatt bejaht. 2016, so hieß Vorbestellen von Tickets auffällig viel Zeit ließen, nicht
es damals, würde das Team auf dem Höhepunkt seiner die Experten, vielleicht nicht einmal das Team selbst.
7 Entwicklung sein. Zur WM nahm eine hochtourige Die Fragezeichen rund um das Team sind
6 Brandingmaschine Fahrt auf, das Team wurde in einem durchaus auch personeller Natur, und sie betreffen
Ausmaß gehypt, das man im Land der knochentrockenen einige der wichtigsten Spieler. Das größte steht wohl

„Alle schwören wir dir: Du wirst leben!“ – Das Nationalteam demonstriert belgische Einheit

Getty Images
GRUPPE E

Rand
hinter Kapitän Vincent Kompany, dessen EM-Teilnahme
nach vier Wadenverletzungen in dieser Saison immer
wieder wackelte. Ein anderes Sorgenkind ist Eden
Hazard: Vor einem Jahr noch umjubelter Spieler des

notizen
Jahres in England, bereitet sein aktueller Absturz
Chelsea-Coach Guus Hiddink Kopfzerbrechen. Auch
Tormann Thibaut Courtois ist bei Chelsea nicht mehr
unangefochten, ebenso wenig wie Christian Benteke in
Liverpool und Marouane Fellaini bei Manchester United. OHNE BUFFON UND CATENACCIO
Rechtzeitig wieder gefunden hat sich nach
seiner Verletzungspause hingegen Kevin De Bruyne, von Martin Schreiner
der bei Manchester City auftrumpft. Einen Lauf haben
auch Stürmer Romelu Lukaku bei Everton und Im Sommer 2000 war es selbst dem letzten
Zweifler klar. Der Weltuntergang zur Jahr­
tausendwende war ausgeblieben. Ich nutzte
die Gunst der Stunde und schloss mein Stu­
dium ab. Jetzt, so war ich mir sicher, stand
So richtig weiß derzeit niemand, mir ein Fenster in der Geschichte offen. Ich
blickte hindurch und sah Teamchef Dino Zoff.
wo Belgien genau steht – nicht die Der hatte allen Unkenrufen aus Nord­italien
zum Trotz eine Nationalmannschaft um den
Fans, nicht die Experten, vielleicht nicht jungen Römer Francesco Totti zur Europa­
einmal das Team selbst. meisterschaft geschickt. Sie tat beim Turnier
in Belgien und den Niederlanden zwei für
italienische Nationalteams ungewöhnliche
Dinge. Sie spielte ohne Gianluigi Buffon im
Tor und ohne Catenaccio im System.
Tottenham-­Verteidiger Toby Alderweireld. Außer Frage Totti führte seine Mannschaft
steht eigentlich, dass Belgien über einen der stärksten mit drei Siegen in der Vorrunde auf den
ersten Platz. Als sie dann im Viertelfinale
Kader verfügt. Allerdings hat die Kritik am vermeintlich
Rumänien eliminierte, war ich voller Hoff­
fehlenden Konzept und den taktischen Fähigkeiten von nung und fragte mich „Wird mein Fenster
Trainer Marc Wilmots durch die holprige Qualifikation der Geschichte auch im Halbfinale offen
zugenommen. bleiben?“ Tatsächlich entwickelte sich das
Spiel gegen Gastgeber Niederlande zum Elf­ 7
NATIONALTEAM ALS KITT meterdrama, Buffon-Ersatzmann Francesco 7
Ungeachtet dessen bereitet sich Belgien auf die zweite Toldo wurde zum Helden. Italien bestritt das
Spiel ab der dritten Minute zu zehnt, Toldo
Turnierteilnahme in Folge vor, und alles wirkt schon
parierte einen Elfmeter von Frank De Boer,
ein wenig selbstverständlicher. Die Porträts der Kicker Patrick Kluivert vergab einen weiteren.
auf den Jupiler-Bierdosen, Marketingslogans wie Nach dem 0:0 kam es zum Elfmeterschießen,
das „Tous ensemble“ einer Supermarktkette und auch Toldo hielt zweimal. Italien stieg auf.
die bereits 2014 allgegenwärtige belgische Trikolore, Im Finale überraschte Italien
die im Erfolgssog des Nationalteams tatsächlich sexy Weltmeister Frankreich durch aggressives
geworden ist. Offensivspiel. Nach einem Fersler von
Totti schoss Marco Delvecchio das 1:0. Die
Denn ein interessanter Nebenaspekt des belgi­
Italiener waren die bessere Mannschaft
schen EM-Auftritts dürfte wieder einmal die politische und ich mir bis zur 94. Minute sicher, mein
Dimension sein. Schon 2014 hatte das Nationalteam als Studienabschluss würde sie zum Europa­
Kitt zwischen den Sprach- und Bevölkerungsgruppen meistertitel führen. In diesem Moment
fungiert. Kapitän Kompany und Trainer Wilmots sind schoss Sylvain Wiltord das 1:1 und Frank­
erklärte Befürworter der belgischen Einheit, das reich damit in die Verlängerung. Als neun
Schwenken schwarz-gelb-roter Fahnen war von Teilen Minuten später David Trezeguet mit seinem
Golden Goal Toldo keine Chance ließ,
der Fans auch als klare Absage an die flämisch-nationa­
krachte mein Fenster zu.
listische Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie gemeint. In der Italien weinte. Ich auch. Dino Zoff
Welt jenseits des Stadions gewann diese im Mai 2014 die trat als Teamchef zurück. Oppositionsführer
Wahlen, und während die Fußballer sich nach Brasilien Silvio Berlusconi hatte ihn öffentlich belei­
begaben, wurde in Brüssel an einer Mitte-Rechts-Regie­ digt. Der wiedergenese Gianluigi Buffon
rung geschraubt, die von den Nationalisten dominiert übernahm das Einserleiberl. Auf Zoff folgten
wird. Aktuell kommen die Spannungen zwischen dem Giovanni Trapattoni und sein Catenaccio.
Die erneuernde Wirkung meines Studien­
flämischen und dem frankophonen Landesteil wieder
abschlusses dauerte nicht einmal ein Monat.
deutlicher zum Vorschein – Spannungen, deren ersten
Widerschein Fußballfans wahrnehmen, wenn sie Pickerl ballesterer-Redakteur Martin Schreiner ist
mit der zweisprachigen Aufschrift „Belgique – Belgie“ dem italienischen Fußball spätestens seit seinem
in ihr Album kleben.  Studienaufenthalt in Catania verfallen.

BELGIEN Italien
GRUPPE E

Das Herz von Irland Text: James Carew

Er hat die entscheidenden Tore in der Qualifikation geschossen, wurde


zu Irlands Spieler des Jahres gewählt und wird von den Fans ähnlich
wie Nationalheld Michael Collins verehrt. Jonathan Walters im Porträt.

Getty Images
Kämpfen wie Michael Collins:
Jonathan Walters wird von den
Fans verehrt

J
onathan Walters, Sie haben sich gerade für die verstellen: Als Walters ihn im Sommer 2010 über seine
7 Europameisterschaft qualifiziert. Wie fühlt sich das Wechselabsichten informierte, soll es zwischen den
8 an?“, fragt der Fernsehreporter. Der Stürmer von beiden zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen
Stoke City, der Irland mit seinen zwei Toren im Play-off sein. Drei Jahre später, als Keane Assistent von Martin
gegen Bosnien zur EM geschossen hat, ringt für einen O’Neill wurde, trafen sie sich im Nationalteam wieder.
Moment um Worte. Seine Mitspieler und die Fans auf „Ich habe ihn um eine kurze Aussprache gebeten, wir
den Rängen sind dafür umso lauter. haben drüber gelacht, und es war vergessen“, berichtete
Walters im Independent-Interview.
RINGEN MIT ROY KEANE
Während der EM-Qualifikation hatte der irische Team­ POSIEREN WIE MICHAEL COLLINS
chef Martin O’Neill bei einer Pressekonferenz gesagt: Im November 2010 debütierte Walters unter Teamchef
„Jon Walters ist das Herz unseres Klubs.“ Schnell fügte er Giovanni Trapattoni für Irland, seitdem hat er in fast
hinzu, dass das Nationalteam eben eine Mentalität wie 40 Spielen zehn Tore geschossen, darunter zwei in der
ein Klub habe. Auch viele Fans betrachten das National­ WM-Qualifikation gegen Österreich. Bei Irlands EM-­
team als ihren Herzensverein. Und niemand verkörpert Auftritt 2012 stand Walters in allen drei – verlorenen –
das mehr als der 32-jährige Walters. Shane Long hat Spielen am Platz, wurde jedoch jeweils nur eingewechselt.
sich mit seinem Tor zum 1:0-Sieg gegen Deutschland Unter den Anhängern genießt er dennoch Legenden­
einen Platz in der Fußballgeschichte gesichert, aber status, eine Fahne im Fanblock zeigt Walters gar in
Walters’ Kampfgeist ist zum Markenzeichen des Teams Pose und Uniform von Michael Collins, dem Anführer
geworden. des irischen Unabhängigkeitskampfes zu Beginn des
Walters wuchs in Wirral bei Liverpool auf, in 20. Jahrhunderts.
einem Arbeiterbezirk mit einer großen irischen Commu­ Walters postete ein Foto der Fahne auf seinem
nity. Als Teenager kam er zu den Blackburn Rovers Twitter-Account, zusammen mit dem Zitat des irischen
und debütierte später für die Bolton Wanderers in der Martial-Arts-Kämpfers Conor McGregor: „Wir wollen
Premier League, doch es folgten einige Jahre bei weni­ nicht einfach nur dabei sein, wir wollen gewinnen.“ Ob
ger prominenten Klubs in verschiedenen Ligen. 2007 Walters in Frankreich überhaupt dabei sein kann, ist
landete er bei Zweitligist Ipswich Town, wo er in 136 derzeit allerdings fraglich. Ende März – nur wenige Tage
Spielen 30 Tore schoss und die Aufmerksamkeit von nach der Wahl zu Irlands Spieler des Jahres – musste er
Stoke City weckte. Doch den Weg zurück in die Premier sich einer Knieoperation unterziehen, die Pause beträgt
League wollte ihm sein damaliger Trainer Roy Keane voraussichtlich vier bis sechs Wochen. 

IRLAND
GRUPPE E

Immer schon Zlatan Text: Nicole Selmer

Der Star des schwedischen Nationalteams nähert sich dem


Herbst seiner Karriere. Eine neue Dokumentation über Zlatan
Ibrahimovic zeichnet den Weg des Teenagers aus Malmö in
den Profifußball nach.
WG Film, Per-Anders Jorgensen

Filmtipp
Fredrik und Magnus Gertten
„Zlatan. Ihr redet –
ich spiele“ (WG Film, 2015)
Österreich-Premiere am
18. Mai im Filmcasino Wien

W
enn es nach ihm geht, wird die Europameister­ EINSAM BEIM IKEA
schaft besser als die letzte Weltmeisterschaft. Ibrahimovics breites Grinsen verschwindet mit dem 7
„Eine WM ohne mich ist es nicht wert, dass Erfolg. Einen Einblick in den Konkurrenzkampf und die 9
man sie anschaut“, hatte Zlatan Ibrahimovic erklärt, Einsamkeit des Fußballers im Profibetrieb geben die ehe­
als das schwedische Team in den Play-offs zur WM in maligen Teamkollegen bei Ajax, Andy van der Meyde und
Brasilien ausgeschieden war. In Frankreich ist Schweden Mido: Training, Pressetermine, Playstation, lange Tele­
dabei, und es wird vermutlich das letzte große Turnier fonate nach Hause und dazwischen immer die Frage, ob
für den 34-jährigen Stürmer sein. Wie Ibrahimovic zum der Trainer dich aufstellt. Erst nach großen Schwierig­
Star wurde, lässt sich jetzt in der Dokumentation „Zlatan. keiten setzt sich Ibrahimovic in Amsterdam durch – und
Ihr redet – ich spiele“ sehen. wechselt dann in die Serie A. Am Ende des Films kehrt
er nach Rosengard zurück, um einen Fußballplatz zu
MALMÖS STAR eröffnen, mit einem Grinsen im Gesicht. „Zlatan hat sich
Der Film der Brüder Fredrik und Magnus Gertten wirft nicht groß verändert“, sagt Teamkollege Mido. „Er ist
einen Blick zurück auf die Anfänge von Ibrahimovics schon immer Zlatan gewesen.“
Karriere. Zu Beginn des Films reist der junge Zlatan mit Der Film zeigt jedoch, wie aus dem jungen
Hasse Borg, dem Sportdirektor seines Heimatklubs Zlatan bei Ajax der Profi Ibrahimovic geworden ist, und
Malmö FF, nach Amsterdam, wo der Wechsel zu Ajax ein­ das ganz buchstäblich. In der zweiten Saison lässt er die
gefädelt wird. Er solle sich entspannen, rät Ibrahimovic Trikotbeflockung von Zlatan auf Ibrahimovic ändern.
dem Funktionär, und die Dinge genießen. „Zlatan spielt Gewünscht hat sich das sein Vater. Das schwierige Ver­
nicht für Tore, sondern zum Spaß“, wird später Fabio hältnis zu ihm wird im Film vor allem in den Erzählungen
Capello sagen, Ibrahimovics Trainer bei Juventus. van der Meydes deutlich. In einem der alten Filmaus­
Die Gerttens haben in ihrer Doku auf Material schnitte sagt der Teenager Zlatan, was sein Vater ihm
zurückgegriffen, das sie vor 15 Jahren für einen Film eingeprägt habe: „Du bist niemand, solange du es nicht
über Malmö FF gedreht haben. Damals war der Klub in Europa geschafft hast.“ Bei Juventus schafft er es, wird
gerade abgestiegen und Ibrahimovic ein unbekannter auf Anhieb Stammspieler und Meister. Die Einsamkeit
Teenager aus dem Stadtteil Rosengard. Ein Teenager, des Profis verschwindet jedoch nicht ganz. Ein italieni­
der die Schule schwänzte und Mitspielern, Gegnern und scher Freund erzählt, dass er Ibrahimovic öfter beim
Funktionären gleichermaßen den Nerv raubte. Diese Seite IKEA getroffen habe, wo er allein im Restaurant gegessen
von Ibrahimovic wird ebenso deutlich wie sein großes habe. 
Talent und sein vielleicht noch größeres Mundwerk.

SCHWEDEN
F
  –
  1984, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012

  8
   Fernando Santos (seit 2014)

    Cristiano Ronaldo (Real Madrid, 110 Mio.)

     AS Monaco (4 Spieler)
18. 12. 1921 Spanien – Portugal 3:1
2-5-3

Portugal

Dienstag, 14. Juni um 18.00 Uhr in Bordeaux Samstag, 18. Juni um 21.00 Uhr in Paris

Österreich – Ungarn : Portugal – Österreich :

Dienstag, 14. Juni um 21.00 Uhr in Saint-Etienne Mittwoch, 22. Juni um 18.00 Uhr in Lyon

Portugal – Island : Portugal – Ungarn :

Samstag, 18. Juni um 18.00 Uhr in Marseille Mittwoch, 22. Juni um 18.00 Uhr in Saint-Denis

Ungarn – Island : Österreich – Island :

Ungarn

  –
  1964, 1972

  18
   Bernd Storck (GER, seit 2015)

    Balazs Dzsudzsak (Bursaspor, 6 Mio.)

     Ferencvaros (4 Spieler)
12. 10. 1902 Österreich – Ungarn 5:0
65-31-40
F
  –
  2008
  11
   Marcel Koller (SUI, seit 2011)

    David Alaba (Bayern München, 45 Mio.)

     FC Ingolstadt, RB Leipzig, VfB Stuttgart ( je 2 Spieler)


12. 10. 1902 Österreich – Ungarn 5:0

Österreich

  EM-Titel
  EM-Teilnahmen
  Position in der FIFA-Weltrangliste 1
   Trainer
    Wertvollster Spieler 2

     Dominierendes Klubteam 3
Erstes Länderspiel
Bilanz gegen Österreich

1
Stand 07.04.2016 (Quelle: fifa.com) 2 Laut transfermarkt.at 3 Laut Panini-Prognose

Island

  –
  –
  35
   Lars Lagerbäck (SWE, seit 2011)

    Gylfi Sigurdsson (Swansea City, 11 Mio.)

     Malmö FF, Hammarby IF ( je 2 Spieler)


17. 07. 1946 Island – Dänemark 0:3
0-2-1
GRUPPE F

Neue Helden Text: Michael Graswald

braucht das Land


In Portugal wächst eine neue Generation von Topspielern heran –
wieder einmal. Trainer Fernando Santos steht vor der Aufgabe, aus
Talenten Titelkandidaten zu machen.

Action Images
8
2

Hoffnung für die Zukunft – Sportings William Carvalho vergibt im Finale der U21-EM den letzten Elfmeter

V
ier Jahre hatte Paulo Bentos Teamchefkarriere mehrt Routiniers ein. Die Resultate gaben ihm recht –
gedauert, 2012 erreichte er mit Portugal sogar das Portugal gewann die sieben verbleibenden Spiele und
EM-Halbfinale, doch dann kam Albanien. Nach qualifizierte sich als Gruppensieger für die EM. Doch
der 0:1-Niederlage im ersten Qualifikationsspiel für die seine Mannschaft ist in die Jahre gekommen, speziell
EM 2016 im September 2014 wurde er durch Fernando in der Innenverteidigung hat der Teamchef mit dem
Santos ersetzt. Der neue Teamchef vertraute zunächst 32-jährigen Pepe und dem 37-jährigen Ricardo Carvalho
auf alte Stützen und berief für die folgenden Partien ver­ ein Altersproblem.

PORTUGAL
GRUPPE F

VIELE TALENTE, WENIG ERTRAG Leistungen zu Nominierungen führen würden. Nichts­


Das weiß auch Santos, seit seinem Amtsantritt hat er 50 desto­trotz wird Santos nicht umhin kommen, künftig
Spieler getestet, der Generationswechsel wird sich nicht schwere Entscheidungen zu treffen. Nicht jeder Spieler
mehr lange aufschieben lassen. Und eigentlich sollte das wird ihm den Gefallen tun und von sich aus aufhören.
auch kein großes Problem sein, schließlich ist das Land
für seine erfolgreiche Jugendarbeit bekannt. Träumt die SYSTEMWECHSEL
Kampfmannschaft immer noch vom ersten Titel, erlebten Dass Santos Tabubrüche begehen kann, hat er allerdings
die Nachwuchsteams in den letzten 30 Jahren eine regel­ schon mit der Wahl seines Systems bewiesen. Jahrelang
rechte Titelflut: Portugal war zweimal U20-Weltmeister, schien das 4-3-3 als Grundstruktur in Stein gemeißelt
zweimal U18-Europameister, einmal U17-Europameister zu sein – sowohl die großen Mannschaften in der Liga als
und viermal U16-Europameister. Die meisten Titel holten auch die Nachwuchsmannschaften praktizieren dieses
die Portugiesen in den 1990er Jahren. Die sogenannte System. Nach dem Sieg im Freundschaftsspiel gegen
Goldene Generation um Luis Figo, Rui Costa und Nuno Belgien im März sagte Santos gegenüber soccerway.com
Gomes erreichte in der Kampfmannschaft das EM-Finale hingegen, dass das 4-4-2 für die Art von Spielern, die er
2004 im eigenen Land und verlor dort gegen Griechen­ zur Verfügung habe, perfekt sei. Bei seiner Variante dieser
land. „Manche sprechen heute schon von einer neuen Formation sollen Ronaldo und Nani ihre Schnelligkeit
Goldenen Generation“, sagt Tom Kundert vom Internet­ einsetzen und über die Flügel angreifen. Der Teamchef
portal portugoal.net. „Wenn Joao Mario, William Carvalho,

Getty Images
Danilo, Andre Gomes und Bernardo Silva sich richtig
entwickeln, können sie bei allen großen Klubs der Welt
spielen.“
Der Erfolg des Nachwuchses lässt sich wohl am
ehesten mit der auf Technik spezialisierten Jugendarbeit
der großen drei Vereine erklären. Fast alle Jugendnational­
teamspieler stehen beim FC Porto, Benfica Lissabon oder
Sporting Lissabon unter Vertrag. Die Klubs pflegen ihre
Talente und bemühen sich, sie so lange wie möglich zu
halten. Sporting hat in der aktuellen Saison nicht nur elf
Akademieabsolventen im Kader, diese zählen auch zu den
Leistungsträgern des Tabellenzweiten.

UMBRUCH AUF RATEN 8


Das aktuelle U21-Team hat es immerhin auch schon in ein 3
EM-Finale geschafft. Im vergangenen Sommer verlor die
Mannschaft dort gegen Schweden im Elfmeterschießen.
Aus dieser Mannschaft könnte Fernando Santos nun also
ein neues Team rund um Cristiano Ronaldo aufbauen.
„William Carvalho, Joao Mario, Bernardo Silva und
Raphael Guerreiro werden wohl den Sprung nach Frank­
reich schaffen“, sagt Kundert. Ihre Kollegen aus dem
letztjährigen U21-Team dürfen sich Hoffnungen auf eine
Nominierung in den Kader für die Olympischen Spiele Fernando Santos denkt an neue Spieler und Systeme
im August machen. Es gibt aber noch mehr Talente im
portugiesischen Fußball. Bei Benfica schaffte der beschreitet mit dieser neuen Taktik einen ganz anderen
18-­jährige Renato Sanches in dieser Saison den Durch­ Weg als viele Nationalteams und Vereine, die auf eine
bruch. Für eine Berufung in den EM-Kader dürfte es einheitliche Philosophie von der Jugend- bis zur Kampf­
indes noch nicht reichen. „Ich glaube, die Konkurrenz mannschaft setzen. Auch der für das portugiesische Spiel
im Mittelfeld ist zu groß“, sagt Kundert. lange charakteristische Offensivdrang ist unter Santos in
Die Chance, dass sich in Santos’ Aufgebot für den Hintergrund getreten. Zehn der elf Siege in seiner
Frankreich Überraschungen finden, ist gering. Die jungen Amtszeit holte Portugal mit einem Tor Unterschied, mehr
Spieler werden noch ein wenig Geduld aufbringen müs­ als zwei Treffer erzielte das Team nur beim 3:2-Sieg in
sen. So ein Umbruch ist ein langwieriger Prozess. Nach der EM-Qualifikation gegen Armenien.
der EM werden einige arrivierte Spieler wohl nicht mehr Diese defensive Anlage könnte bei der EM zu
zur Verfügung stehen, die jüngeren in der Lage sein, ihre einem Problem werden. Portugal gilt als Favorit in seiner
Positionen zu übernehmen. Mit diesem schrittweisen Gruppe, die Hoffnungen ruhen dabei wieder einmal auf
Generationswechsel nimmt der Trainer auch ein wenig den Einfällen des dreimaligen Weltfußballers Ronaldo.
den Druck von den jungen Spielern. Sie können an der Seine Erben werden wenige Wochen nach dem Ende der
Seite der Erfahrenen auf diesem Niveau Fuß fassen. Auch EM versuchen, bei den Olympischen Spielen in Rio zu
die Kommunikation habe sich unter Santos verbessert, beweisen, dass der portugiesische Weg auch zu Titeln
sagt Kundert. Die Nachwuchsspieler wüssten nun, dass führen kann. Zumindest im Nachwuchs. 

PORTUGAL
GRUPPE F

Abwartende Isländer
Text: Emanuel Van den Nest

In Island spielen zwar nur Amateure, dafür sind Nachwuchsarbeit und


Infrastruktur höchst professionell. In den letzten Jahren hat sich das
Nationalteam zu einer stabilen Mannschaft entwickelt, die trotz ihrer
abwartenden Ausrichtung für Überraschungsmomente sorgen kann.

I
sland gilt als Land der Literatur. Viele Schriftsteller HÖCHSTE TRAINERDICHTE
wie der Krimiautor Arnaldur Indridason haben es zu Reykjavik am 6. September 2015: Das isländische National­
internationaler Bekanntheit gebracht. Vielleicht ist das team ist weitgehend ideenlos, es kann die wenigen Tor­
dadurch zu erklären, dass das Land von langen und chancen nicht nutzen, Kapitän Aron Gunnarsson kassiert
dunklen Wintern geprägt wird, in denen genug Zeit sogar einen Platzverweis. Trotz des mäßigen 0:0 in
bleibt, um Geschichten zu schreiben. Auch die jüngste der Partie gegen Kasachstan dürfen er und seine Mann­
Erfolgsgeschichte des isländischen Nationalteams schaftskollegen jedoch am Ende mit den Fans ausgiebig
beginnt im Winter – oder genauer: in der Überwindung feiern. Denn dieser Tag geht in die Geschichte ein: Die
des rauen Klimas. Denn Island schuf in den vergangenen isländischen Fußballer qualifizieren sich erstmals für ein
Jahren professionelle Bedingungen für einen ganz­ großes Turnier.
jährigen Fußballbetrieb. 2013 scheiterte das isländische Ein Pfeiler des Erfolgs ist die Errichtung von
Team erst in der Relegation an der Qualifikation für Hallen mit Kunstrasenplätzen. Zählte man im Jahr 2002
die WM in Brasilien, für die EM in Frankreich konnte nur einen derartigen Platz, gibt es landesweit mittler­
sich die Mannschaft jedoch schon frühzeitig qualifizieren. weile sieben große und vier etwas kleinere davon.
Dabei konnten die Isländer aufgrund ihrer Stabilität, Darüber hinaus verfügen auch zahlreiche Schulen über
Geradlinigkeit und taktischen Flexibilität Gegner wie überdachte Fußballplätze, die ein wetterunabhängiges
die Türkei und die Niederlande hinter sich lassen. Training ermöglichen. Trotz dieser verbesserten Bedin­
8
4

23 8

6 8
11

10

20

14

Im Angriffsspiel setzt Island auf weite hohe Bälle und ist damit ausrechenbar

ISLAND
GRUPPE F

Getty Images
Überraschung in der Quali:
Jubelnde Isländer, geschlagene
Niederländer

gungen ist es bemerkenswert, dass ein Land mit etwas besitz hält die Mannschaft sehr große Abstände zwischen
mehr als 300.000 Einwohnern ein derart konkurrenz­ den Spielern, das liegt daran, dass Island vor allem mit
fähiges Team auf die Beine stellen konnte. Das liegt an weiten und hohen Bällen nach vorne spielt. Im Spiel­
einem zweiten Pfeiler des Erfolgs: Island nutzte die neue aufbau lässt sich dafür ein Stürmer, etwa Finnbogason,
Infrastruktur in den letzten Jahren, um die Nachwuchs­ zurückfallen, um Raum zu schaffen und Mitspieler in
arbeit zu professionalisieren. Obwohl keiner der rund Szene zu setzen.
20.000 registrierten Fußballer in Island einen Profi­ Die insgesamt eher schlichte Spielweise
vertrag besitzt, werden sie von einer Vielzahl an gut ergänzt das Team mit komplexen taktischen Mitteln wie
ausgebildeten Trainern betreut. Gemessen an der Ein­ Positionswechseln. So auch im Spiel gegen Lettland, als
wohnerzahl besitzt Island die meisten lizensierten Johann Gudmundsson sich einmal vom rechten Flügel in
Fußballtrainer der Welt: 165 von ihnen haben die UEFA- die Mitte freiläuft, dort den Ball erhält, zur linken Seite
A-Lizenz, 563 die B-Lizenz. dribbelt, abspielt und einige Minuten seine Position behält.
Ziel der Amateurklubs ist es, talentierte Kicker Oft weicht auch Mittelstürmer Sigthorrson auf die linke
früh ins Ausland zu transferieren. Die Erlöse daraus Seite aus, während der linke Flügel Bjarnason in die 8
werden in den Nachwuchs investiert. Diese Strategie 5
trägt längst Früchte. Der Spielmacher von Swansea City
Gylfi Sigurdsson ist Islands offensiver Regisseur und
zählt – wie auch Mittelstürmer Kolbeinn Sigthorsson Gemessen an der Einwohnerzahl
vom FC Nantes – zu den Stützen des Kaders. Viele
Teamspieler haben zudem Stärken im Dribbling, wie
besitzt Island die meisten lizensierten
der von Rapid umworbene Arnor Traustason vom IFK Fußballtrainer der Welt:
Norrköping. Die beiden Teamchefs Lars Lagerbäck und
Heimir Hallgrimsson mögen zwar im internationalen
165 von ihnen haben die UEFA-A-­
Vergleich nur über einen individuell eher durchschnitt­ Lizenz, 563 die B-Lizenz.
lichen Kader verfügen, dessen Stärke liegt aber ohnehin
im kollektiven Zusammenwirken.

STABILITÄT UND WEITE BÄLLE Mitte zieht, um der gegnerischen Deckung zu entkommen.
Reykjavik am 10. Oktober 2015: Island empfängt Lett­ Modern gestaltet sich auch das Verhalten der Viererkette,
land, die Partie endet 2:2. Bereits in der ersten Minute die gut antizipiert und gegnerische Pässe früh­zeitig
offenbaren sich die Muster des isländischen Spiels. abfängt. Wie die gesamte Mannschaft zeichnet die Ver­
Innenverteidiger Kari Arnason (14) rückt mit dem Ball teidiger aber insbesondere ihre Zweikampfstärke aus.
etwas vor und schlägt eine hohe Flanke auf den robusten Die Isländer haben sich in der Qualifikation
Stürmer Alfred Finnbogason (11). Dieser versucht, per gegen spielstärkere Teams profiliert, weil sie ihre
Kopf auf den eingerückten linken Flügelspieler Birkir taktische Ausrichtung stark an den Gegner anpassen,
Bjarnason (8) weiterzuleiten. Island nimmt in dieser stabil und abwartend agieren und weniger, aber umso
Szene den Ballverlust in Kauf, denn taktisch ist das Team effizienter Initiative zeigen. Gegen schwächere Gegner
grundsätzlich abwartend und auf Stabilität ausgerichtet. wie Kasachstan bekommt das sonst so vorrausschau­
Pressing betreibt die Mannschaft nur in wenigen Situati­ ende Team aufgrund seiner berechenbaren Muster im
onen, etwa direkt nach Ballverlusten in der gegnerischen Angriffsspiel Probleme. In solchen Begegnungen versu­
Hälfte. Augenscheinlich wird in der beschriebenen Szene chen die Isländer, von überraschenden Einzelaktionen
auch das 4-4-2-System, in dem Island agiert. Bei Ball­ wie Dribblings und Weitschüssen zu profitieren. 

ISLAND
GRUPPE F

Das Wunder
von Bernd
Text: Nino Duit

Mitten in der EM-Qualifikation übernahm Bernd Storck in


Ungarn als Teamchef – und fährt jetzt nach Frankreich.
Er will die Strukturen im Verband modernisieren und bei
der Überwindung des nationalen Traumas helfen.

E
igentlich müsste Bernd Storck einen Dankesbrief Richtung zweiter Liga zu coachen, dürfte Storck noch
an die Adresse von Jos Luhukay schicken. Der nicht geahnt haben, welche Auswirkungen dessen
Ex-Trainer der Berliner Hertha ist gewissermaßen Schicksal auf seine eigene Zukunft haben wird.
der Grund dafür, dass Storck nach einer über weite Am 5. Februar 2015 geriet der Stein ins Rollen.
Strecken trostlosen Trainerkarriere nun zur Europa­ Die Hertha-Verantwortlichen feuerten Luhukay und
meisterschaft fahren darf. Als Luhukay vor anderthalb ersetzten ihn durch die Vereinslegende Pal Dardai.
Jahren gerade dabei war, Hertha BSC zielsicher in Dieser war aber eigentlich schon ziemlich beschäftigt,

8 Gewonnene Wette – Laszlo Kleinheisler bedankt sich bei Teamchef Bernd Storck für seinen Einsatz
6

GEPA

UNGARN
GRUPPE F

er war nämlich gerade dabei, Ungarn zur ersten EM- dass man einfach mutig sein muss“, sagte Storck der
Teilnahme seit 1972 zu führen. Die Aufgabe bei der Hertha Welt. Die Personalie Kleinheisler steht exemplarisch für
war ihm aber ebenfalls eine Herzensangelegenheit. Eine seine Arbeit als Trainer. Storck gewichtet den Faktor
Weile brachte Dardai beides unter einen Hut – dann Talent höher als einen bekannten Namen. Kleinheisler,
wurde er vor die Wahl gestellt: Hertha oder Heimat? seit Jänner bei Werder Bremen unter Vertrag, gilt heute
als Versprechen für die Zukunft. Damals kickte er auf
Vereinsebene aber nur für die zweite Mannschaft des FC
Videoton. Keine 26 Minuten lief er bei seinem Debüt
über den Platz, ehe Kleinheisler sein Team in Norwegen
Denn noch mehr als verpasste 1:0 in Führung schoss. Der Vorsprung hielt, das Rück­
spiel in Budapest gewann Ungarn 2:1.
WM-Titel schadete dem ungarischen Nach den ersten Jubelstürmen hoben die
Fußball die damals geweckte Spieler Bernd Storck auf dem Feld in die Höhe und
schmissen ihn durch die Luft – in etwa so wie Ferenc
Erwartungshaltung, die wohl nicht zu Puskas, Nandor Hidegkuti und Kollegen 1954 gerne
erfüllen ist: Spielergeneration um Gusztav Sebes in Bern in die Höhe geworfen hätten.
Dem WM-Finalgegner Deutschland war damals aber
Generation wird an der Goldenen Elf nach Wunder zumute, er bescherte Ungarn sein
der 1950er Jahre gemessen. nationales Trauma.
Denn noch mehr als der verpasste WM-­­­­­­­Titel
schadete dem ungarischen Fußball die damals geweckte
Erwartungshaltung, die wohl nicht zu erfüllen ist:
Spielergeneration um Generation wird an der Goldenen
STABILITÄT UND EIN WELTMEISTER Elf der 1950er Jahre gemessen. Und scheitert daran.
Dardai entschied sich im Juli für erstere Option. Und Die tragischen Helden von damals sind laut Storck
Storck, zu diesem Zeitpunkt Sportdirektor des ungari­ immer noch allgegenwärtig, wie er im Welt-Interview
schen Verbands, wurde auf einmal Teamchef. Die Trainer­ sagte: „Das finde ich sehr schade. Die Jungen hätten
laufbahn des heute 53-jährigen Deutschen bot wenig eine faire Chance verdient, sich ohne Druck weiter zu
Spektakuläres. Er war Co-Trainer in der deutschen Bun­ entwickeln.“
desliga, beim VfL Wolfsburg etwa und auch bei Borussia
Dortmund. Er betreute das Nationalteam von Kasachstan DER UNGARN-TOPF
und nebenher den FK Kairat Almaty, danach den Nach­ Der enorme Druck und die hohe Erwartungshaltung 8
wuchs von Olympiakos Piräus. Als er die ungarische mögen sich auch 62 Jahre nach der Niederlage im 7
Mannschaft übernahm, waren in der Qualifikation noch WM-Finale halten, über die Jahrzehnte hinweg verloren
vier Spiele zu absolvieren. Das Team konnte den dritten gegangen sind hingegen die professionellen Strukturen
Platz halten und erreichte das Play-off. Unter widrigen im Verband. Mitte der 1950er Jahre zählte der ungarische
Umständen. „Ich hatte keine Zeit, die Mannschaft Fußball zu den fortschrittlichsten Europas, wenn nicht
ordentlich vorzubereiten und ich hatte keinen richtigen der Welt. Als sich die Goldene Elf aber Stück um Stück in
Trainerstab“, sagte er damals gegenüber Sport1. „Ich den Ruhestand verabschiedete, stagnierte die Entwick­
war auf mich allein gestellt.“ lung. Erst in den vergangenen Monaten ging es wieder
Sandor Csanyi, der Präsident des ungarischen aufwärts. Auch dank Storck, der Anfang 2015 zum
Verbands, war trotzdem von Storcks Arbeit angetan. Sportdirektor des Verbands bestellt wurde. „Wir haben
Der neue Teamchef habe Stabilität und Ordnung in die ganz neue Strukturen im rundum erneuerten Leistungs­
Mannschaft gebracht, sagte er. Storck setzte auf Profes­ zentrum in Telki aufgebaut“, sagte er gegenüber fifa.com.
sionalisierung auf allen Ebenen, die wichtigste betraf Derartige Strukturen, die in anderen Ländern längst
den Trainerstab, der bisher aus Teilzeitcoaches bestanden Standard sind, werden in Ungarn gerade erst aufgebaut.
hatte. Vor den Play-off-Spielen gegen Norwegen enga­ Zudem wurden Stützpunkttrainings für
gierte Storck zwei Landsleute, die ihm seither zur Seite Jugendnationalteams eingeführt, und auch auf der Ver­
stehen: Tormanntrainer Holger Gehrke und Co-Trainer einsebene will sich der Verband auf die Zukunft vorbe­
Andreas Möller. Ähnlich wie Storck hat auch Möller als reiten. Ein Bonussystem, das Klubs belohnt, die junge
Übungsleiter noch keine nennenswerten Spuren hinter­ Ungarn einsetzen, soll dafür sorgen, dass die National­
lassen. Doch der Weltmeister von 1990 kenne den Erfolg, mannschaft mit talentierten Arbeitskräften versorgt
wie Storck Möllers Anstellung begründete. wird. Bei der EM wird aber immer noch der 37-jährige
Zoltan Gera die Kommandos im Mittelfeld geben, im Tor
DAS TRAUMA der 40-jährige Gabor Kiraly seine graue Jogginghose
In den Play-offs bewies Storck Mut – und wurde dafür verdrecken. Zumindest bis 2018 soll Storck die National­
belohnt. Ausgerechnet im wichtigsten Spiel der ungari­ mannschaft anleiten, nach der EM-Qualifikation wurden
schen Nationalmannschaft seit Jahrzehnten verhalf er die Verträge mit ihm und seinem Team verlängert. Dass
dem damals 21-jährigen Mittelfeldspieler Laszlo Klein­ sie es tatsächlich nach Frankreich geschafft haben,
heisler zum Teamdebüt. „Ich wollte den Leuten zeigen, nennt Storck ein Wunder. 

UNGARN
GRUPPE F

Im Hoch Text: Mario Sonnberger

Die letzte sportliche Qualifikation Österreichs zu einem Großturnier


liegt lange zurück. Doch anders als bei der WM 1998 und der
EM 2008 scheint Marcel Koller das richtige Team zur richtigen
Zeit zu haben.

GEPA (2)
8
8
Starfaktor – Alaba, Arnautovic und Junuzovic glänzen auch bei ihren Teams

D
eutscher Meister. Englischer Meister. Schweizer geholt hatten. Das mit einem Durchschnittsalter von
Meister. Ukrainischer Meister. Hinzu kommen rund 25 Jahren relativ junge Team scheiterte erst in der
einige Champions-League-Teilnehmer. Das Zwischenrunde.
österreichische Nationalteam mag über keine Stars von
Weltformat verfügen, ein gewisses Renommee wird es DIE ROUTINE VON 1998
in Frankreich dennoch vorweisen können. Mit einem Anders sah es bei der bisher letzten WM-Teilnahme
Durchschnittsalter von 27 Jahren sind viele Spieler am 1998 aus. Nach acht mageren Jahren hatte sich Teamchef
Höhepunkt ihrer Karriere. Und mag die Stärke der Herbert Prohaska mit einer routinierten Truppe für die
Mannschaft im Kollektiv liegen – es gab schon deutlich WM in Frankreich qualifiziert. Dort stellte Österreich
weniger Glanz in der Nationalmannschaft. mit einem Durchschnittsalter von über 28 Jahren das
Tatsächlich muss man 34 Jahre zurückgehen, zweitälteste Team, neun Spieler hatten den 30. Geburts­
um einen ähnlichen Starfaktor zu finden. In eine Zeit, tag schon hinter sich. Die Stammverteidigung mit Peter
in der Legionäre in den Kadern der Spitzenklubs noch Schöttel, Wolfgang Feiersinger und Anton Pfeffer war im
rar waren. So viele Spieler, die in der Blüte ihrer Jahre Schnitt sogar 32 Jahre alt. Im Kader des späteren Welt­
Leistungsträger bei großen Klubs waren, umfasste das meisters Frankreich hingegen waren mit Abwehrchef
österreichische Aufgebot zuletzt bei der WM 1982 in Laurent Blanc und Ersatztormann Bernard Lama nur
Spanien. Da gab es den 28-jährigen Bruno Pezzey, Herz zwei Spieler in diesem Alter.
und Hirn der Abwehr des deutschen Cupsiegers von Dass die meisten Akteure des ÖFB-Teams
1981, Eintracht Frankfurt. Den wenige Monate jüngeren schon lange im Geschäft waren, zeigten nicht nur die
Herbert Prohaska, Regisseur von Inter Mailand, und Spielerpässe. Auch am Feld verließ man sich auf Alt­
Walter Schachner von der AC Cesena. Dazu kamen Hans bewährtes. War die WM 1998 eine Machtdemonstration
Krankl und Heribert Weber, die mit Rapid den Titel des 4-4-2 mit aktiven, spielstarken Flügeln, versprühte

ÖSTERREICH
GRUPPE F

Österreich hingegen noch das Flair der WM 1990. einer allzu verlässlich aufs Verteidigen getrimmten
Das Team setzte auf eine Mischung aus robusten Ver­ Mannschaft kam das spielerische Element zu kurz. In
teidigern und bissigen Mittelfeldspielern. Doch Routine der Vorbereitung waren Niederlagen gegen Ungarn, die
allein konnte die Mannschaft nicht weit tragen. Die Schweiz und Chile die Folge. Erst im Frühjahr 2008
Euphorie der Qualifikation war verflogen, wichtige ging das Offensivspiel besser auf, Österreich hielt auch
Spieler wie Feiersinger und Andreas Herzog lange ver­ gegen die Niederlande und Deutschland mit. Die EM
letzt. Man habe zu viel Respekt gehabt, sollte Kapitän war nach knappen Niederlagen gegen Deutschland und
Toni Polster später dem ballesterer sagen. Mit zwei Kroatien sowie einem Unentschieden gegen Polen jedoch
Punkten schied die Mannschaft in der Vorrunde aus. schnell beendet.

DER MANGEL VON 2008 DIE EFFIZIENZ VON 2016


Es folgte die längste Durststrecke seit den 1970er Spieler, die ein wirkungsvolles Angriffsspiel aufziehen
Jahren, erst 2008 spielte das Nationalteam wieder konnten, sollten erst später ins Team drängen. Heute
bei einem Turnier: als Gastgeber der Europameister­ kann sich Marcel Koller auf sie verlassen. Die U19 von
schaft. Zur Talenteförderung rief der ÖFB Projekte wie 2007 stellt mit Rubin Okotie, Markus Suttner, Sebastian
die „Challenge 2008“ ins Leben, Teamchef Josef Prödl, Martin Harnik und Zlatko Junuzovic immer
Hickersberger bastelte ab Amtsantritt 2005 an seiner noch wichtige Spieler. Dazu kommen Stammspieler, die
Turniermannschaft. Er konnte dabei nicht auf einen nach 2008 im Ausland spielten wie Christian Fuchs und
bewährten Stamm setzen, und auch die erhoffte neue Marko Arnautovic. Überhaupt erhöht sich die Legionärs­
Generation ließ auf sich warten. dichte sukzessive. Koller kann auf immer mehr Spieler
Die U19-EM 2003 und die U20-WM 2007, bei zurückgreifen, die seine laufintensive Spielweise aus
denen Österreich jeweils ins Halbfinale gekommen war, dem Klub gewohnt sind. Nach langer Aufbauarbeit hat
sollten letztlich dennoch die Perspektivspieler hervor­ sich nun eine kompakte und höchst effiziente National­
bringen, die Hickersberger für ein zeitgemäßes System mannschaft geformt, die im Block verteidigen und
benötigte. Das Nationalteam der EM 2008 basierte auf angreifen kann.
einer breiten Defensive mit aktiven Außenspielern. Der prominenteste Teamspieler bleibt David
Christian Fuchs und György Garics setzten Impulse Alaba, doch wenige Wochen vor der EM trägt er die
nach vorne und verstärkten bei Bedarf die Verteidigung. Last des Ruhms nicht mehr allein. Christian Fuchs
Ein kompaktes defensives Mittelfeld mit Jürgen Säumel erlebt den Sensationslauf von Leicester als Stammspieler
und Rene Aufhauser stärkte Spielmacher Andreas Ivan­ mit – dicht gefolgt von Kevin Wimmer, der seinen Anteil
schitz den Rücken – doch hier kam Sand ins Getriebe. zu Tottenhams bester Saison seit Jahrzehnten beiträgt.
Weder mit Roland Linz noch Roman Kienast konnte Dazu befinden sich Marc Janko und Robert Almer auf 8
genügend Offensivdruck aufgebaut werden. Für Gefahr einem späten Karrierehöhepunkt. Stars im besten Alter, 9
sorgten hauptsächlich die dribbelstarken Flügelstürmer Legionäre und ein modernes Spielsystem – ausnahms­
Ümit Korkmaz und Martin Harnik. Hickersberger hatte weise könnte ein Turnier für das ÖFB-Team wirklich
dem Aufbau der Defensive viel Zeit gegeben, doch in gerade richtig kommen. 

Robuste Verteidigung – Österreich setzte bei der WM 1998 auf Routiniers

ÖSTERREICH
KRAFTWERK

A S WA R DI E
•D •

EUROPA
MEISTERSCHAFT
2016
2016

Fotos: Michael Schilling, CCAS 3.0; Wild + Team Agentur - UNI Salzburg, CCAS 3.0; Anders Vindegg, CCAS 3.; GEPA (2), Getty Images (2); Fotomontagen: ballesterer (4)
9
0

Au revoir, Froschies! Was hatten wir nicht für eine


bonbon temps! Das Kraftwerk-Team blickt zurück
auf vier Wochen maßloser Spannung, geheimer
Spielabsprachen und drogenschwangerer Sponsoren­
partys. Und als Deutschland Europameister
wurde, blieb kein Auge trocken.

SATIRE
KRAFTWERK

FREITAG
10. JUNI

D
ie Europameisterschaft beginnt mit FREITAG,
einer fulminanten Eröffnungsfeier. Per 24. JUNI

A
Videobotschaft wendet sich Gefängnis- m spielfreien Tag treffen sich die
insasse Michel Platini an die Besucher: MITTWOCH, UEFA-Funktionäre mit den Vertretern
„Die erste Regel: Ihr verliert kein Wort 15. JUNI der Teilnehmerländer. Themen der Sitzung:

G
über die UEFA.“ Dann zeigt er, was er in roßdemonstrationen im Zentrum von „Panama scheidet aus – Wohin mit dem
der Haft gebastelt hat. Die Menge im Stade Paris. Tausende wütender Panini- Geld?“, „Lachen über die Niederlande“ und
de France tobt. Sammler gehen unter dem Motto „Wir „Datenleaks – Warum die Themen dieser
haben voll“ auf die Straße. Ein Teilnehmer Sitzung nicht an die Öffentlichkeit gelangen
★ sagt zur Agence France-Presse: „Wir sind ja dürfen“.
schon gewohnt, dass die Alben alle zwei
SAMSTAG, Jahr hässlicher werden. Aber mit den hal­ ★
11. JUNI bierten Stickern bei der EM 2016 haben die

D
ie Veranstalter haben ein kaum über­ Verrückten aus Modena eine Grenze über­ SAMSTAG,
schaubares Rahmenprogramm organi­ schritten.“ Bei der Schlusskundgebung ver­ 25. JUNI

P
siert. In Marseille führt die Mafia durch brennen die Demonstranten ihre Doppelten. eter Handke sorgt für den ersten gro­
ihre Viertel, in Nizza führt die Oberschicht ßen Eklat der EM. Auf seinem Haus­
durch ihre Viertel, nur in Lens gibt es ★ boot in Paris inszeniert er eine szenische
beim besten Willen nichts zu besichtigen. Lesung von „Die Angst des Tormanns beim
Auf den Champs-Elysees findet die Europa­ DONNERSTAG, Elfmeter“ und beschimpft anschließend das
meisterschaft des Kabaretts statt. Das 16. JUNI versammelte Publikum (einen Kulturjour­

D
Teilnehmerfeld ist bunt gemischt, aus Öster­ eutschland gegen Polen in Saint-Denis. nalisten der Süddeutschen, Botschafterin
reich ist Witzekönig und Gaudimax Harald Der DFB hat sich dafür etwas Beson­ Ursula Plassnik, zwei Clochards). Botschaf­
Prünster angereist, Deutschland ist mit den deres einfallen lassen: Alle deutschen Fans terin Plassnik zur APA: „Ich habe gar
Spaßmachern Jan Böhmermann und Mike erhalten einen Schal mit der Aufschrift „Je nichts verstanden.“
Krüger vertreten. Die Kategorien des muti­ suis Schal“. Die Bundesanwaltschaft in
gen Wettbewerbs lauten: „Erdogan-Witze“, ermittelt wegen irgendetwas. ★
„Putin-Imitationen“ und „Lieder über Kim
Jong-un“. Der Überraschungssieger aus ★ SONNTAG, 9
Dänemark in der Sparte „Erlaubte Satire“ 3. JULI 1

D
zeichnet eine Mohammed-Karikatur in SAMSTAG, as letzte Mitglied des Österreich-
unter fünf Sekunden und wird dafür vom 18. JUNI Fanklubs „Pinzgauer Patrioten“

Z
Europäischen Parlament ausgezeichnet. um Gruppenspiel der österreichischen erwacht aus seinem Rotweinrausch und
Nationalmannschaft gegen Portugal ist tritt die Heimreise an. Bekleidet ist er
★ auch der frisch gewählte Präsident Richard ausschließlich mit einer rot-weiß-roten
Lugner angereist. In der Ehrenloge des Perücke und einer Stiegl-Toga.
DIENSTAG, Parc des Princes wird er von einem
14. JUNI ATV-Kamerateam dabei gefilmt, wie er ★
G
roße Beliebtheit im Heimatland mehrere Semmeln mit einem scharfen
schlägt wieder einmal dem ORF- Liptauer von Wojnar bestreicht. Vor dem SONNTAG,
Studio bei der diesjährigen EM entgegen. Schlusspfiff verlässt er eilig das Stadion. 10. JULI

H
Auf 1.500 Höhenmetern hat das erfahrene Seine Frau Spatzi zur Kamera: „Der geht erzschlagfinale Deutschland gegen
Reporterteam seine Zelte aufgeschlagen. sicher wieder zu die ehschowissen.“ England. Zweikämpfe, Pässe, der Ball
Aus Meribel berichten täglich Rainer marschiert durch die eigenen Reihen,
Pariasek, Katrin Zettel und Peter Wirns­ ★ Abspielfehler, Eckbälle, Abstöße, Out-Ein­
berger vor einem lodernden Kamin über würfe, Chancen hüben wie drüben,
die wichtigsten Ereignisse des Tages. MITTWOCH, Schlusspfiff (Ergebnis im Internet, suchen
Neben Fußball erfährt man alles Wissens­ 22. JUNI nach „Ergebnis Finale EM 2016 torrent“).

Ö
werte über den neuen Modus beim Matten­ sterreich verliert auch sein letztes
springen, die neuen Skischuhe von Marcel Gruppenspiel gegen Island. Marko
Hirscher und die neuen Motoren in der Arnautovic leitet mit einem Eigentor die
Formel 1. Niederlage ein. Der anwesende Reporter
der Kronen Zeitung titelt: „Marko, jetzt bist
du ein echter Tschusch.“ In der Redaktion
wird die Schlagzeile später auf „Schiff­
bruch vor Island! Die Lava rollte über
unser Nationalteam“ geändert.

SATIRE
NACHSPIELZEIT

Die vielen Gesichter


der EM Illustrationen: tschuttiheft.li

Zur Europameisterschaft 2016 erscheint das tschutti heftli erstmals


auch in Österreich. Das Sammelalbum aus der Schweiz funktioniert
nach dem bekannten Prinzip – mit zwei Unterschieden: Die Teams
wurde von verschiedenen Künstlern gestaltet und haben damit
ganz eigene Gesichter, und mit den Einnahmen aus dem Pickerl­
verkauf werden wohltätige Zwecke unterstützt.

9
2

GU–DJOHNSEN GYLFI SIGUR–DSSON LAGERBÄCK


by Peter Bräm by Peter Bräm by Peter Bräm

DJIMSITI CANA MEMUSHAJ


by David Egli by David Egli by David Egli

SAMMELALBUM
NACHSPIELZEIT

COLEMAN RAMSEY BALE


by Jens Rassmus by Jens Rassmus by Jens Rassmus

9
3

SAGNA SCHNEIDERLIN EVRA


by Manuel Alhambra by Manuel Alhambra by Manuel Alhambra

PYATOV JARMOLENKO FEDETSKIY


by Benedikt Notter by Benedikt Notter by Benedikt Notter

SAMMELALBUM
NACHSPIELZEIT

Das allererste Text: Clemens Zavarsky

Wunderteam

Am 3. Mai 1914 besiegte das österreichische Team nach drei


sieglosen Jahren Ungarn 2:0. Das Team von damals ließ Österreich
von einer glorreichen Fußballzukunft träumen, doch die wurde
durch den Ersten Weltkrieg schnell beendet.

Privatarchiv Clemens Zavarsky


9
4

Schwarz-Gelb Österreich – das einzige Wunderteam der Monarchie

W
enn Österreich und Ungarn am schnell die Oberhand gewann. Ab 1911 zahlreiche Briefe mit Mannschaftsaufstel­
14. Juni in Bordeaux aufeinan­ konnte Österreich keinen Sieg mehr lungen und recht gutgemeinten Ratschlä­
dertreffen, ist das bereits die erringen – bis zum 3. Mai 1914. gen erhalten.“ Und fast alle Zusendungen
137. Begegnung der beiden Länder. Einzig stimmten in der Wunschaufstellung über­
die Paarung Argentinien gegen Uruguay TRAUM VOM STADION ein: Heinrich Phlak im Tor, Braunsteiner,
wurde bisher öfter ausgetragen. Das Schon im Vorfeld der Partie herrschte Brandstätter, Tekusch II und Gustav
erste Mal begegneten sich die beiden am bei den Österreichern vorsichtiger Opti­ Chrenka als Läuferreihe, Franz Urban und
12. Oktober 1902, tituliert wurde das mismus. Grund dafür waren hervorra­ Tekusch I als Backs und vorne Fischera,
Match damals noch als Städtespiel zwi­ gende Spieler wie Karl Braunsteiner, die Jan Studnicka, Merz und Rigo Kuthan.
schen Wien und Budapest. Die Wiener Tekusch-Brüder Karl und Felix, Josef Kurz vor der Begegnung ver­
gewannen zwar 5:0, doch die Entwicklung Brandstätter, Adolf Fischera und Robert letzten sich in der letzten Meisterschafts­
des Fußballs schritt in Ungarn schneller Merz. Wenige Tage vor dem 25. Aufeinan­ runde Stammspieler wie Studnicka,
voran. Ab 1901 gab es dort bereits eine dertreffen zwischen Ungarn und Öster­ Kuthan und Eduard Bauer. Braunsteiner
Meisterschaft, Österreich folgte erst zehn reich schrieb das Illustrierte Sportblatt: musste deswegen auf die ungewohnte
Jahre später. Kein Wunder, dass Ungarn „Wie alljährlich haben wir auch diesmal Mittelstürmerposition ausweichen, weil

ÖSTERREICH – UNGARN 1914


NACHSPIELZEIT

DER GROSSE KRIEG


Rund um Fischera und die Offensivspieler
Das Team sollte in dieser Form nur ein Robert Merz und Karl Braunsteiner sollte
eine schlagkräftige Mannschaft aufgebaut
einziges Mal auflaufen. Wenige Wochen werden. Willy Schmieger schrieb über
nach dem 2:0-Sieg gegen Ungarn den Sport-Club-Spieler Braunsteiner: „Er
war der beste Spieler, den Wien bis dahin
begann der Erste Weltkrieg, aus dem hervorgebracht hat. Es gab im Felde keinen
Posten, auf dem dieser Spieler nicht hervor­
viele Fußballer nicht zurückkehrten. ragendes geleistet hätte. Seine Eleganz
und Balltechnik war bewundernswert.
Er hatte eine glänzende, aber leider nur
kurze Laufbahn.“
Denn das allererste „Wunder­
team“ sollte in dieser Form nur ein einziges
Mal auflaufen. Wenige Wochen nach dem
2:0-Sieg gegen Ungarn begann der Erste
Weltkrieg, aus dem viele Fußballer nicht
zurückkehrten. Merz fiel in den ersten
„man ihm am ehesten zutraute, die Schlusspfiff auf den Platz und trug die Kriegswochen an der Ostfront, Urban
Angriffsreihe zu koordinieren“, wie das Spieler auf den Schultern in die Kabine“, wenig später. Felix Tekusch starb an der
Sport­blatt schrieb. Doch das neu zusammen­ schrieb Willy Schmieger elf Jahre später Italien-Front, Braunsteiner kam 1916 in
gewürfelte Team begeisterte die 22.000 über das Spiel in seinem Buch „Der Fuß­ russischer Kriegsgefangenschaft um.
Zuschauer am WAC-Platz im Prater. ball in Österreich“. Das Bild von Neumann Chrenka und Fischera kehrten schwer
„Schon nach wenigen Tagen waren alle auf den Schultern der Menge zierte auch verwundet aus dem Krieg zurück. Hans
Sitzplätze ausverkauft“, heißt es im Sport- die Titelseite des Illustrierten Sportblatt Neumann und Karl Tekusch hängten die
blatt. Selbst ein Notbehelf von 200 zusätz­ am 7. Mai. Vater des Erfolgs war aber Fußballschuhe nach dem Krieg an den
lichen Sesseln musste eingerichtet wer­ Doppel­torschütze Adolf Fischera. „Seine Nagel und wurden Lehrer. Der Legende
den. Bereits um die Mittagszeit waren raffinierte Ballbehandlung, das Täuschen nach sollen Eltern ihre Kinder mit folgen­
1.000 Besucher vor dem Eingang, um sich des Gegners, dieses blitzschnelle Umge­ den Worten zum fleißigen Mitarbeiten in
einen guten Platz zu sichern. „Um halb hen durch eine Körperwendung machen der Schule angeregt haben: „Folgt dem
zwei war das Gedränge so groß, dass das Fischera zu einer Spezialität unter den Neumann und dem Tekusch. Die waren
Gittertor nachgab und die Menge in den österreichischen Stürmern“, schrieb das im 14er-Jahr dabei, als wir die Ungarn 2:0
Platz strömte.“ Nach einer Stunde waren Sportblatt. geschlagen haben.“ 
alle Restkarten weg. Man hätte auch 9
mehr als 30.000 Zuschauer unterbringen
5
können, wie das Sportblatt schrieb. „Das
Länderwettspiel war eine eindrucksvolle

Illustriertes Sportblatt, 7. Mai 1914


Demonstration dafür, dass die Errichtung Die Fans feiern
eines österreichischen Stadions durchaus Stürmer Hans
nicht mehr der Traum einzelner Sport­ Neumann auf dem
fanatiker, sondern geradezu Bedürfnis eines WAC-Platz
großen Teil der Bevölkerung Wiens und
Umgebung ist.“ Erste Überlegungen für ein
großes Stadion im Prater waren die Folge.

PLATZSTURM NACH DEM SIEG


Die Presse zeigte sich nach dem 2:0-Sieg
überrascht, im Sportblatt hieß es: „Diese
verblüffende Zusammenarbeit dieser elf
Einzelspieler, dieses gegenseitige Sich­
verstehen, wie sie schwerlich jemals von
einem österreichischen Team und wohl
auch selten von einer gut eingespielten
Klubmannschaft gezeigt wurde.“ Es war
eine hochklassige Partie, die Österreich
durch Tore von Adolf Fischera in der 19.
und 32. Minute schon in der ersten Halb­
zeit für sich entschied. Beim 1:0 übernahm
DFC-Prag-Spieler Merz eine Flanke von
Studnicka-Ersatzmann Hans Neumann
und legte für den besser positionierten
WAF-Stürmer auf. Beim zweiten Treffer
stieß Fischera nach einem Gedränge mit
dem ungarischen Tormann zusammen und
drückte den Ball liegend über die Linie.
„Die enthusiasmierte Menge stürmte nach

ÖSTERREICH – UNGARN 1914


NACHSPIELZEIT

Fußball der Kindheit


Er wolle den Fußball nicht intellektualisieren, sagt Jean-Philippe
Toussaint. Ihm geht es darum, die Emotionen des Fußballs und
das kindliche Entzücken daran einzufangen.

Katrin Roßnick
„Vive La France. Das Kochbuch
zur Fußball-EM 2016”
„Ich komme aus einem (Die Werkstatt 2015)
kleinen Land „Weißwein und Austern
und schreibe in einer kaufen Asterix und Obelix im
Großen Asterix-Band VI ‚Tour
großen Sprache.“ de France‘ in Bordeaux. Die
beiden Freunde haben mit
Caesars Generalinspekteur
Lucius Nichtsalsverdrus
gewettet, dass sie unbehelligt
Sie halten sich von Debatten über von der römischen Armee
Fußball als soziales oder politisches durch Gallien reisen können.“
Phänomen fern. Warum? Neben den EM-Spielorten dient
Ich will den Fußball nicht Katrin Roßnick ein Comic-Klas­
intellektualisieren, ich argumentiere nicht siker als Orientierungshilfe. Die
als Soziologe oder Experte. Als Schrift­ Rezepte – vom flämischen Bier­
Jean-Philippe Toussaint steller interessiere ich mich für Emotionen. fleisch bis zur provenzalischen
„Fußball“ Dem Fußball der Erwachsenen mit seinen Fischsuppe – machen Hunger.
(Frankfurter Verlagsanstalt 2016) mitunter unangenehmen Seiten – Gewalt,
Rassismus, Geld, die FIFA – stelle ich
Jean-Philippe Toussaint ist in Belgien den Fußball der Kindheit gegenüber, der
und Frankreich aufgewachsen, er lebt in für mich idealisiert ist. Das Entzücken, das
9 Brüssel und auf Korsika. Er ist Schriftstel­ ich als Kind für den Fußball empfunden
ler, Filmregisseur und Fotograf – und liebt habe, ist bis heute nicht völlig ausgelöscht.
6
den Fußball. 2007 erschien der Band
„Zidanes Melancholie“, sein neues Buch Sie bekennen sich zu einem fußball­
ist nach den WM-Jahren und -Orten seit spezifischen ironischen Chauvinismus.
1998 gegliedert, doch Toussaint versucht Wäre dieser Zugang für einen Deutschen
sich nicht als Fußballfachmann. Er erzählt oder Franzosen genauso empfehlenswert?
Geschichten, beschreibt Erinnerungen Das ist für die Belgier, Iren
und Emotionen, die in den Weltmeister­ und Österreicher einfacher. Wir haben
schaften wurzeln. Poesie eben. eine schräge Position in Bezug auf unsere
Der Autor stellt dem Buch großen Nachbarn. Auf unseren Schultern
die Behauptung voran, es werde nieman­ lastet nicht das symbolische, manchmal
dem gefallen, weil es Fußballliebhaber sehr schwere Gewicht der Nation. Als Fan Holger Stromberg
zu intellektuell finden und Intellektuelle bin ich Belgier, aber als Schriftsteller „Das Kochbuch der
sich nicht für Fußball interessieren fühle ich mich europäisch. Wie die öster­ Nationalmannschaft“
würden. Tatsächlich jedoch werden sich reichischen Schriftsteller, die Deutsch (Edel 2016)
wohl Leser aus beiden Gruppen darin schreiben, oder die irischen, die Englisch
wiederfinden. schreiben, komme ich aus einem kleinen „Während die Fans nach
Land und schreibe in einer großen Herzenslust die Küche des
ballesterer: In Ihrem Buch wird Sprache. Gastlandes probieren und sich
deutlich, dass Sie die letzten beiden an Exotischem gütlich tun
Weltmeisterschaften relativ erfolgreich Die bevorstehende EM mit Frankreich können, bekommen die Spieler
ignoriert haben. Warum jetzt dennoch als Gastgeber und Belgien als Mitfavorit das, was ihnen schmeckt und
diese Hommage an den Fußball? sollte Ihnen besonders am Herzen liegen. ihnen gut tut.“ Der deutsche
Jean-Philippe Toussaint: Ich hoffe, dass ich am Final­ Fernsehkoch Holger Stromberg
Ob man ihn liebt oder ablehnt, der Fußball abend meine Belgien-Kappe tragen muss. hat einen Ernährungsratgeber
hat einen zentralen Platz in unseren Jedenfalls werde ich bei der EM auch mit zahlreichen gesunden
Gesellschaften. Er ist einer der sinnbild­ im Stadion sein. Ich habe Karten für Rezepten geschrieben. Die
lichsten Aspekte unserer Zeit geworden. ein Spiel in Bordeaux und zwei in Paris ständigen Moralpredigen und
Für einen Schriftsteller, der gegenüber ergattert, darunter Deutschland gegen Lesehilfen für Fußballfans –
der Welt, die ihn umgibt, aufmerksam ist, Polen, eine der schönsten Begegnungen „Die orientalischen Kartoffeln
ist es also nur natürlich, sich für Fußball der Vorrunde. sind einfach Weltklasse!“ –
zu interessieren. (Klaus Federmair) nerven allerdings.

REZENSIONEN
EM-Fieber
NACHSPIELZEIT

Das große Buch


zum Turnier in
Frankreich. Mit
spannenden Re-
portagen, tollen
Fotos und einem
umfangreichen
Statistikteil. Er-
scheint vier
Tage nach dem
Endspiel!
160 S., A4,
Taktiktafel Legendenbildung Hardcover, Fotos
ISBN 978-3-7307-0245-1,
17,40 €

Tobias Escher Markus Geisler, Anton Huemer


„Vom Libero zur Doppelsechs“ „Frankreich, wir kommen! –
(Rowohlt 2016) das offizielle ÖFB-Buch“
Das große Fan-
(Pichler 2016) buch zum mehrfa-
chen Weltfußballer,
Champions-League-
Wenn heutzutage häufig vom „falschen „Dies ist die Geschichte einer besonderen Sieger – und bald
Neuner“ oder dem „abkippenden Achter“ Mannschaft“, heißt es im Vorwort von vielleicht auch
die Rede ist, verstehen wohl nur die „Frankreich, wir kommen!“, und so geht es Europameister?
wenigsten, was damit wirklich gemeint ist. auch weiter. Die Sportjournalisten Markus 64 S., Großformat,
Tobias Escher will mit seinem Buch „Vom Geisler und Toni Huemer haben eine Hardcover, Fotos
ISBN 978-3-7307-0238-3,
Libero zur Doppelsechs“ Licht in das Huldigung an die aktuelle österreichische 13,30 €
Dunkel bringen und Fußballtaktiken ver­ Nationalmannschaft geschrieben. Sie lassen
ständlich darstellen. die Spiele der EM-Qualifikation auf jeweils
Der Mitbegründer des Taktik­ zwei Seiten und mit vielen Fotos noch ein­
blogs spielverlagerung.de gibt einen Über­ mal Revue passieren. Die Nacherzählungen
blick über die Taktikgeschichte im deut­ werden ergänzt von Kommentaren der
schen Fußball. Er geht dabei sowohl auf Spieler zu Schlüsselszenen der jeweiligen
große Klubmannschaften als auch auf die Partie. Da wird Marc Jankos Fallrückzieher-­ Einfach
Nationalmannschaft ein. Veranschaulicht Tor gegen Russland zum „Gemälde von „zlatanisch“: das
werden die Formationen mit Grafiken Moskau“ und auf eine Ebene mit „Prohaskas erste Jugendbuch
über das schwe-
von Aufstellungen entscheidender Spiele. Spitz von Izmir“ und „Herzogs Hammer dische Enfant
Hinzu kommen Infokästen, in denen gegen Schweden“ gehoben. terrible Zlatan
beispielsweise der Unterschied zwischen Im zweiten Teil des Buchs Ibrahimović.
Pressing und Gegenpressing erklärt wird. stellt Kapitän Christian Fuchs mit kurzen 64 S., Großformat,
Escher geht aber nicht nur auf Glanztage Anekdoten die Mannschaft vor. Über Hardcover, Fotos
des deutschen Fußballs ein, sondern setzt Verteidiger Hinteregger etwa schreibt ISBN 978-3-7307-0239-0,
13,30 €
sich auch kritisch mit Versäumnissen aus­ er: „Martin hat den lustigsten Lacher,
einander und zeigt, warum das National­ den ich kenne.“ In der Buchmitte findet
team erst in den letzten Jahren eine Vor­ sich ein längeres Doppelinterview mit
reiterrolle eingenommen hat. Herbert Prohaska und Marcel Koller,
Escher gelingt es, Fußball­ die laut letzterem auf einer Wellenlänge
taktiken sehr verständlich darzustellen, lägen. Generaldirektor Alfred Ludwig wird
geht für manche jedoch vielleicht nicht ebenso porträtiert wie Sportdirektor
genug ins Detail. Gerade modernere takti­ Willibald Ruttensteiner, auch Verband­
sche Ausprägungen werden zu sehr ver­ spräsident Leopold Windtner bekommt in
einfacht. Vieles davon hat man schon ein­ einem eigenen Interview Platz. Kurzum:
mal gelesen oder gehört und ist nach der Das Werk hält, was es im Titel verspricht –
Lektüre dennoch nicht wirklich schlauer. es ist das offizielle Buch des ÖFB.
VERLAG DIE WERKSTATT

(Michael Graswald) (Benjamin Schacherl)

Anekdoten Arbeiterklasse Bayern Deutschland Enzyklopädie


Der kulinarische Reiseführer zur
Fankultur Fotos Geschichte Gewalt Großbritannien Italien Klubs EM: für EM-Touristen ebenso wie
Legionäre Nationalsozialismus Nostalgie Österreich Politik Schweiz für die TV-Party zuhause.
96 S., Hardcover, Fotos
Spieler Stil Taktik Trainer Welt Wien-Döbling Wien-Dornbach ISBN 978-3-7307-0217-8, 13,30 €
Wien-Favoriten Wien-Hütteldorf Wirtschaft Wissenschaft

REZENSIONEN
www.werkstatt-verlag.de
www.facebook.com/verlagdiewerkstatt
Dr. Pennwiesers Notfallambulanz

Gefährliche Kopfbälle
Was wäre eine EM ohne Tore per Kopf? Doch das Hirn will
geschützt sein. Das lernt man schon im Kindergarten. Daher haben

Dieter Brasch
alle Kinder einen Helm auf, wenn sie Ski oder Fahrrad fahren.

Wolfgang Pennwieser ist Facharzt für Psychiatrie


und Psychotherapeutische Medizin in Wien

Imago
Der Charisteas
passieren muss. Etwa unabhängige
Angelos hat
Mediziner an den Spielfeldrand
hoffentlich nicht
schicken, die ähnlich wie im Box­
zu viel üben
sport darüber entscheiden, ob ein
müssen, um
Fußballer weiterspielen darf. Oder
mit dem Kopf
auch Trainer, vor allem im Jugend­
zu treffen
bereich, darauf hinweisen, das
Kopfballtraining zu dosieren. Es ist
nämlich eine natürliche Reaktion,
wenn ein Kind mit dem Kopf aus­
weicht, wenn der Ball auf es zu­
kommt. Es schützt sich. Die Trainer
versuchen, das den Kindern aus­
zutreiben.
Kopfbälle gehören
9 Als der Charisteas Angelos 2004 sind. Doch als der Kramer Christoph nicht abgeschafft. Die Frage ist,
8 Griechenland zum Europameister vor zwei Jahren im Spiel gefragt ab welchem Alter man Kopfbälle
köpfelte, dachte wohl keiner daran, hat: „Ist das hier das WM-Finale?“, trainieren soll. Das kann man regeln,
dass ihm das vielleicht einmal leid­ lachte die ganze Welt, als sie die dafür braucht es ein Bewusstsein,
tun könnte. Doch das Kopfballspiel Geschichte erfuhr. Nach einem dass das Hirn nicht auf Bäumen
birgt einige Gefahren, wie kanadi­ Zusammenstoß war ihm die Orien­ wächst. Schäden in diesem Bereich
sche Forscher herausgefunden tierung abhandengekommen, er sind oft nicht wiedergutzumachen.
haben. Ihre Erkenntnis: Viele konnte sich an seinen Einsatz nicht Eine Elterninitiative in den USA
Kopfbälle sind ungesund. Über­ mehr erinnern. klagte daher im Sommer 2014 die
spitzt könnte man auch sagen, sie Amnesie nennt man FIFA und einige US-Verbände. Die
machen dumm. das, sie kommt bei Gehirnerschüt­ Sportgremien würden fahrlässig
Die Studie wurde an terungen vor. „Meistens klingen die mit dem Schutz junger Spieler
Amateurfußballern durchgeführt Beschwerden nach ein bis zwei umgehen. Im Prinzip bräuchte es
und kam zu dem Ergebnis, dass man Wochen wieder ab, dennoch befin­ dafür kein Gericht, sondern nur den
nicht mehr als 1.300 Kopfbälle pro det sich das Gehirn in dieser Zeit oft zitierten Hausverstand. Wer sich
Jahr spielen soll. Als könnte man in einer vulnerablen Phase“, sagt an die eigene Kindheit erinnert,
da mitzählen. Bei Fußballern mit die Wiener Sportneuropsychologin weiß, wie viel Überwindung es
einer höheren Anzahl zeigten sich Heigl Sylvia dem ballesterer. In gekostet hat, den schweren Ball mit
Veränderungen in der Weißen Sub­ dieser Phase sei das allgemeine dem Kopf zu spielen. In einer Welt,
stanz des Gehirns. Das führte zur Verletzungsrisiko um das Drei- bis in der es im Fußball ein Bewusst­
Verschlechterung des Gedächtnis­ Sechsfache erhöht, mit neuro­ sein dafür gibt, können weiterhin
ses. Die Kicker schnitten bei Tests, psychologischen Tests könne man Tore per Kopf erzielt werden. Das
die Gedächtnisleistung, Rechen- herausfinden, ab wann bei einem Training dafür würde nur später
und Verarbeitungsgeschwindigkeit Spieler die vulnerable Phase zu Ende beginnen und niemand müsste
prüften, schlechter ab. ist und der Fußballer wieder ein­ irgendjemanden verklagen. In die­
satzfähig wäre, so die Psychologin. ser Welt würden wir uns weiterhin
ERHÖHTES RISIKO über Kopfballtore freuen, ganz
Es ist also amtlich: Häufiges Kopf­ SPÄTES TRAINING besonders, wenn sie vom Janko
ballspielen ist schädlich. Genauso Das heißt, man könnte bereits Marc kommen und Österreich
wie Kopfverletzungen ungesund jetzt reagieren, bevor etwas Arges dadurch Europameister wird. 

DER NÄCHSTE BALLESTERER ERSCHEINT AM 21. JULI 2016


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