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Leseprobe aus: Kriz, Grundkonzepte der Psychotherapie, ISBN 978-3-621-28097-6

© 2014 Beltz Verlag, Weinheim Basel


http://www.beltz.de/de/nc/verlagsgruppe-beltz/gesamtprogramm.html?isbn=978-3-621-28097-6
Leseprobe aus: Kriz, Grundkonzepte der Psychotherapie, ISBN 978-3-621-28097-6
© 2014 Beltz Verlag, Weinheim Basel

2 Psychoanalyse

2.1 Der Begriff Psychoanalyse


Kritik an Freud. Modifikation und Weiterentwicklung.
2.2 Entstehung der psychoanalytischen Theorie
Die Traumatheorie. Vom Libidokonzept zur Neurosenlehre. Entdeckung des Ichs.
Darstellung psychoanalytischer Grundkonzepte.
2.3 Das Strukturmodell der Persönlichkeit
Psychischer Apparat. Das Bewusstsein.
2.4 Trieblehre
Eros. Libido. Thanatos.
2.5 Phasen psychosexueller Entwicklung
Infantile Phasen der Libido. Der Ödipuskomplex. Objektbeziehungen und Narzissmus.
2.6 Konflikt, Symptombildung und Neurose
Konflikt. Persönlichkeitstypen und ihre Abwehrmechanismen. Bedeutung frühkindlicher Konflikte.
2.7 Die therapeutische Situation
Therapeutisches Bündnis. Das Setting. Interventionen in der Psychoanalyse.
2.8 Traum und Deutung
Traumbildung. Der Traum als »Hüter des Schlafes«.
2.9 Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung
Funktion des Widerstands. Übertragung. Gegenübertragung.
2.10 Zusammenfassung
2.11 Verständnisfragen

2.1 Der Begriff Psychoanalyse Drei Bereiche der Psychoanalyse


Freud verstand unter »Psychoanalyse« keineswegs
Selbst wenn man den Begriff »Psychoanalyse« nur auf nur eine psychotherapeutische Konzeption, sondern
jene Konzepte beschränkt, die von Freud selbst stam- dieser Begriff umfasst nach seinem eigenen Verständ-
men, erscheint es fraglich, ob überhaupt sinnvoll von nis mindestens drei abgrenzbare Bereiche:
»der« Psychoanalyse gesprochen werden kann: Nach (1) Eine allgemeine psychologische Theorie des
der ersten umfangreichen Darstellung seiner Theorie menschlichen Erlebens und Handelns. Dazu
(»Traumdeutung«, 1900) hat Freud noch rund vier Jahr- gehören Freuds Trieblehre (speziell die Libido-
zehnte an seiner Konzeption weitergearbeitet. Daher ist theorie), seine Persönlichkeitstheorie (speziell
es eigentlich selbstverständlich, dass über einen so lan- das Strukturmodell des psychischen Appara-
gen Zeitraum bestimmte Aspekte immer wieder modi- tes), seine Entwicklungspsychologie (speziell
fiziert und um weitere Gesichtspunkte ergänzt wurden. das Phasenmodell) und seine Neurosenlehre
Und obwohl Freud bemüht war, seine Theorie gegen (alle Begriffe werden später erläutert). Die rein
allzu starke Veränderungen abzuschirmen – weshalb es theoretischen (letztlich fiktiven und nicht durch
auch zum Ausschluss von Adler, Jung, Reich u. a. aus der Erfahrung begründbaren) Aspekte dieser An-
Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft kam – hat er sätze bezeichnet Freud als Metapsychologie (in
selbst mehrmals neue Schwerpunkte gesetzt. Dies gilt Analogie zur Metaphysik).
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besonders für seine Theorie(n) der Angst.

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Rate nicht niedriger war. Wie weit allerdings der reale


(2) Eine Methode zur Erforschung psychischer
Kenntnisstand und Motive von Freud (»Täterschutz«)
Vorgänge; diese Methode ist an das psychoana-
von dieser Kritik angemessen erfasst werden, ist kaum
lytische »Setting« gebunden (s. Abschn. 2.7), zu
2 dessen Kernen u. a. freie Assoziation und
zu beurteilen.
Traumdeutung gehören. Modifikation und Weiterentwicklung
(3) Ein Verfahren zur Behandlung psychischer Im Folgenden sollen die sozialwissenschaftlichen und
Störungen, das ebenfalls mit dem »Setting« zu- ethnologischen Aspekte unberücksichtigt bleiben und
sammenhängt und zu dessen Kernen u. a. Über- nur Konzepte dargestellt werden, die für Psychotherapie
tragungs- und Gegenübertragungsphänomene, im engeren Sinne bedeutsam sind. Auch diese sind teil-
Widerstandsanalysen und Deutungstechniken weise recht umstritten. Einige Annahmen sind heute
gehören. nicht mehr haltbar – dazu zählen bestimmte anthro-
pologische und entwicklungspsychologische Annah-
Kritik an Freud men, die Bedeutung der Libidotheorie etc.
Das außerordentlich umfangreiche Werk Freuds er- Eine Reihe von Konzepten wurde, wie schon gesagt,
streckt sich somit vom engen Bereich psychopathologi- von Freud selbst, andere von seinen »Schülern« modifi-
scher Überlegungen – vor allem als Neurosen- und ziert. Manche wurden aber auch, nachdem Freud sie
Krankheitslehre – über die Konzipierung eines Behand- verändert hatte, von anderen in der früheren Form
lungsmodells bis hin zu sehr allgemein psychologischen wieder aufgegriffen. Das gilt z. B. für bestimmte energe-
Aussagen. Zu diesen gehören Werke, die bis in den tische Aspekte, die dann in den Körpertherapien – etwa
ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Bereich bei Reich und Lowen – eine wichtige Rolle zu spielen
hineinreichen. Hier wurde später von anderen z. B. die begannen, wenn auch in einer konzeptionell veränder-
»Universalität des Ödipuskomplexes« (s. Abschn. 2.5) ten Form (s. Kap. 5).
kritisiert, wie sie sich etwa in »Totem und Tabu« (1913) Gerade deshalb erscheint es notwendig und sinnvoll,
niederschlägt. zunächst die Entstehungsgeschichte einiger zentraler
Ferner wurde Freud vorgeworfen, dass er historische Konzepte nachzuverfolgen.
und gesellschaftliche Prozesse zu wenig beachtet habe
und zum Teil einem Psychologismus verfallen sei, d. h.,
er habe letztlich sozioökonomische Verhältnisse sowie 2.2 Entstehung der
Macht- und Herrschaftsstrukturen zu sehr auf »Trieb- psychoanalytischen Theorie
geschichte« reduziert. Dies wird allerdings von manchen
Freud-Exegeten ganz anders gesehen, indem diese ex- Die theoretische Konzipierung der Psychoanalyse ist
plizit versuchen, seine diesbezüglichen Schriften (z. B. eng mit Freuds praktischer Tätigkeit und seinen per-
»Massenpsychologie und Ich-Analyse«, 1921, oder »Das sönlichen Erfahrungen verbunden. Es wurde bereits im
Unbehagen an der Kultur«, 1930) wieder stärker als letzten Kapitel dargestellt, dass Freud ab 1887 zunächst –
fruchtbare Beiträge zur Sozialwissenschaft zu reinter- als unmittelbare Auswirkung seiner Arbeit bei Charcot –
pretieren (vgl. Erdheim & Nadig, 1983). zusammen mit Breuer Hypnoseverfahren einsetzte. Vor
Ein weiterer Kritikpunkt zielt darauf, dass Freud sein seinem Paris-Aufenthalt hatte Freud sogar für kurze Zeit
Wissen um den real vorkommenden sexuellen Miss- die damals üblichen Verfahren wie Wassertherapie,
brauch in der Wiener Gesellschaft kaschierte und ver- elektrische Reizung, Ruhekur, Massage usw. angewandt.
leugnete, indem er die von Patienten berichteten Ver- Mit der Hypnose wurde versucht, den Patienten das
führungs- und Inzesterlebnisse als reine Phantasiepro- Verschwinden ihrer Symptome zu suggerieren.
dukte interpretierte (s. Abschn. 2.2) und damit, so der Es gab aber auch Gründe, die gegen die Hypnose als
Vorwurf, letztlich die Täter schützte. Diese Kritik ist therapeutisches Grundverfahren sprachen: So zeigte
sicher insofern berechtigt, als gerade in den letzten Jahr- sich, dass Patienten, bei denen die Hypnose eher mit
zehnten das große Ausmaß sexuellen Missbrauchs in- suggestiver Beeinflussung der Symptome gekoppelt
nerhalb von Familien deutlich geworden ist – und als es wurde, zwar anfänglich eine Veränderung in der Krank-
plausibel ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese heit aufwiesen, doch kamen einige später mit anderen

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Symptomen erneut zur Behandlung – ein Zeichen dafür, zu ersetzen. Dabei übte er mit den Daumen einen Druck
dass die Ursache der Krankheit nicht erfasst worden war. auf die Stirn des Patienten aus. Letztlich ging er aber
Zudem stellte sich heraus, dass einige Patienten nicht dazu über, die Methode der freien Assoziation ganz
hypnotisierbar waren. Bei den anderen bestand die außerhalb der Hypnose zu verwenden.
Gefahr, dass sie durch die Hypnose in eine starke Ab- Mit der Methode der freien Assoziation, bei der der
hängigkeit vom Therapeuten geraten könnten. Beson- Patient auf der Couch liegt (also in einer sowohl regres-
ders aufgrund Breuers Erfahrungen mit dem Fall der siven als auch entspannten Haltung) und alles, was und
»Anna O.« wurde diese hypnotische Arbeit allerdings wie es ihm in den Sinn kommt, möglichst ohne jede
schon bald modifiziert. Zensur ausspricht, war einer der Grundpfeiler der psy-
choanalytischen Behandlungsmethode gefunden, der
Die Traumatheorie auch heute noch weitgehend seine Bedeutung hat (zu-
Mit »Anna O.« hatte Breuer eine Patientin mit beson- mindest in der »großen Psychoanalyse«).
ders schweren hysterischen Symptomen. Nachdem eine Selbstanalyse. Diese Methode wurde aber nicht nur in
Reihe von anderen Behandlungsversuchen in diesem der Behandlung von Patienten erprobt und entwickelt,
Fall gescheitert war, wozu auch das hypnotische Unter- sondern spielte auch eine große Rolle in Freuds Selbst-
drücken der Symptome gehörte, ging Breuer dazu über, analyse, die er im Briefwechsel mit Wilhelm Fließ vor-
der in Hypnose in englischer Sprache vor sich hin nahm. Durch freie Assoziation, Analyse seiner Träume
Assoziierenden einfach zuzuhören. Dieses assoziative und seines Verhaltens befreite Freud sich selbst von
Hervorbringen einer großen Fülle von Material, von hysterischen Symptomen. Er entdeckte dabei seine se-
der Patientin selbst als »talking cure« oder »chimney xuellen Wünsche gegenüber seiner Mutter – was für den
sweeping« bezeichnet, führte in der Regel zu kurzfristi- späteren zentralen Stellenwert des Ödipuskomplexes in
gem Verschwinden der Symptome oder zumindest zu seiner Theorie (s. Abschn. 2.5) sicher von hoher Bedeu-
Erleichterungen. (Es gibt allerdings unterschiedliche tung war.
Versionen darüber, wie Breuer und seine Patientin letzt- Phantasie statt Realität. Die vielen intim-sexuellen In-
lich zu dieser Form gemeinsamer Arbeit fanden.) halte in den Assoziationen einiger seiner Patienten
Katharsis. Für Breuer war damit klar, dass die pro- machten Freud nicht nur die wichtige Rolle der Bezie-
duzierten Assoziationen mit der Krankheit in Zusam- hung des Patienten zum Therapeuten deutlich, sondern
menhang standen. Und es lag nahe, die Ursache der führten ihn darüber hinaus zu den ersten Ansätzen
Symptome in einem frühen Trauma (also einer see- seiner Libidotheorie (ab ca. 1900).
lischen Verletzung) zu suchen. Zusammen mit Freud Dabei erklärte Freud (im Gegensatz zu Breuer) die
entwickelte Breuer die Theorie der Katharsis, in deren abgespaltenen Affekte durch frühe sexuelle Erlebnisse
Mittelpunkt die Annahme stand, dass die eigentliche und Traumatisierungen. Zunächst hielt er die Traumen,
Ursache der therapeutischen Wirkung das Erinnern die nach dieser Theorie der Hysterie zugrunde lagen, für
und Wiedererleben von traumatischen Erfahrungen reale sexuelle Verführungen in früher Kindheit. Er ver-
sei. Auf diese Weise, so die Annahme, könne der fehlge- mutete, das Symptom spiegle den Konflikt zwischen
leitete und »eingeklemmte« Affekt (Freud) auf norma- Erinnerung und Abwehr dieses Traumas wider. Nach
lem Wege abreagiert werden. 1897 ließ er diese Annahme jedoch fallen: Statt realer
Doch auch mit dieser »kathartischen Methode« war sexueller Verführungserlebnisse nahm er nun an, die
Freud bald unzufrieden (während das Konzept der Ka- Patientinnen würden diese Erlebnisse lediglich phanta-
tharsis selbst durchaus noch seine Berechtigung in der sieren.
Psychoanalyse behielt). Freud empfand einen zu starken
Widerspruch zwischen der Hypnose, als einer eher zu- Sexualität und Phantasie
deckenden Methode, und dem Erinnern und Ausagie- Die Abkehr von der Annahme realer sexueller Erfah-
ren der Affekte, als einer aufdeckenden Methode. rungen zugunsten einer Interpretation als »Phanta-
Freie Assoziation. In dem Bemühen, eine bessere Me- sie«-Gebilde wird gewöhnlich als entscheidender
thode als die hypnotische Katharsis zu finden, um an das Schritt für den Beginn der Psychoanalyse gewertet:
Verdrängte heranzukommen, versuchte Freud zu- Statt des passiven Erleidens (der Verführung) wurde
nächst, die Hypnose durch eine Konzentrationstechnik nun ein aktives Erleben frühkindlicher Sexualität als
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stand der Aspekt von psychischer Energie aus physiolo-


wesentliches Moment gesehen – der Schritt von der
gischen Quellen noch ganz im Mittelpunkt der Betrach-
Vergewaltigung durch den Vater hin zum »Ödipus-
tungen. Freud hatte ja zuvor im physiologischen Labor
konflikt« (s. Abschn. 2.5). Es sei allerdings daran
2 erinnert, dass diese Wende von anderen (speziell im
bei Ernst von Brücke gearbeitet und war stark von
Theodor Meynert beeinflusst – beides Wiener Ordina-
Bereich der feministischen Diskussion) mit dem Ar-
rien, die den Physikalismus von Helmholtz und Mach
gument kritisiert wird, Freud habe damals mit dieser
vertraten. Zudem hatte Freud selbst physiologische Ar-
Neuinterpretation seine Kenntnisse über das Aus-
beiten publiziert. Die oben erwähnte »Abfuhr des fehl-
maß des realen sexuellen Missbrauchs verschwiegen,
geleiteten und eingeklemmten Affektes«, mit der Freud
um die Täter zu schützen.
den Erfolg der Katharsis erklärte, zeigt den engen kon-
zeptionellen Zusammenhang von psychischer Krank-
Vom Libidokonzept zur Neurosenlehre heit und affektiven Energien in Freuds früher Theorie.
In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Diese affektive Energie wurde als »Erregungsquantität«
entwickelte Freud die Kernstücke des psychoanaly- bezeichnet, die er als »etwas« bestimmte, »das der Ver-
tischen Theoriengebäudes. Mit der »Traumdeutung« größerung, Verminderung, der Verschiebung und der
(1900) entstand das erste umfassende Werk, in dessen Abfuhr fähig ist und sich über die Gedächtnisspuren der
letztem Kapitel auch bereits das erste topische Modell Vorstellung verbreitet, etwa wie eine elektrische Ladung
des psychischen Apparates (Differenzierung in Teilsys- über die Oberfläche der Körper. Man kann diese
teme) dargestellt wurde. (In Briefen an Fließ und im Hypothese … in demselben Sinn verwenden, wie es die
»Entwurf einer Psychologie«, 1895, ist davon ansatz- Physiker mit der Annahme des strömenden elektrischen
weise aber auch schon früher die Rede). Freud unter- Fluidums tun« (1894, Ges. Werke I/74).
scheidet hier zwischen »unbewusst«, »vorbewusst« und Libido. In seinen Arbeiten über die Hysterie und dann
»bewusst« – wobei, grob gesagt (genauer Abschn. 2.3), über die Angstneurose arbeitete Freud dann immer
das Vorbewusste praktisch jederzeit ins Bewusstsein deutlicher die sexuelle Herkunft dieser Erregungsener-
geholt werden kann. Der Zugriff auf das Unbewusste ist gie heraus (wobei »sexuell« allerdings nicht – wie in der
hingegen üblicherweise verwehrt. Diesen Zugang zu Alltagssprache – auf den Genitalbereich beschränkt ist –
ermöglichen, ist vielmehr gerade die Aufgabe der psy- s. u.). Diese Energie des Sexualtriebes nannte er »Libi-
choanalytischen Technik. do«. Die Libido durchläuft in der kindlichen Entwick-
Neue Instrumente der Psychoanalyse. Damit verbunden lung ganz bestimmte Phasen (s. u.), wobei unbewältigte
wurden (neben der freien Assoziation) auch die anderen Konflikte in diesen Phasen und eine Störung in der
wesentlichen Grundkonzepte der psychoanalytischen Ökonomie der Libido von Freud als Ursachen der Neu-
Behandlungsmethode herausgearbeitet: Ein zentrales rosen angenommen wurden. Eine besondere Bedeutung
Konzept in der psychoanalytischen Arbeit wurde der maß er hier dem Konzept des Ödipuskonfliktes
»Widerstand« eines Patienten gegen die Bewusst- (s. Abschn. 2.5) bei, das wesentlich für die Libidotheorie
machung und Auseinandersetzung mit dem Unbewuss- und für sein späteres Strukturmodell des psychischen
ten im psychoanalytischen Prozess. Die Bearbeitung Apparates wurde.
dieser Widerstände rückte zunehmend in den Vorder- Formulierung der Neurosenlehre. In diesem Zusam-
grund der Behandlung. Als weiteres Konzept wurde die menhang traf Freud eine (zunächst) wichtige Unter-
»Übertragung« frühkindlicher affektiver Erlebnisse und scheidung zwischen Aktualneurosen und Psychoneuro-
Verhaltensmuster des Klienten auf den Therapeuten, die sen, die oft als Kern von Freuds erster Angsttheorie
anfangs als ein Nachteil angesehen wurde, zum Kern- betrachtet wird: Aktualneurosen (Angstneurose, Neu-
instrument der psychoanalytischen Arbeit. Ähnliches rasthenie) haben danach eine somatische Ätiologie, ihre
gilt für das Konzept der »Gegenübertragung«, d. h. der Ursache ist nämlich die mangelnde bzw. inadäquate
gefühlsmäßigen Reaktion des Therapeuten auf die (d. h. mittels Masturbation erreichte) Abfuhr sexueller
Übertragung des Klienten (alle drei Konzepte werden Energie. Die Anhäufung sexueller Erregung wird ohne
später genauer erläutert). psychische Vermittlung direkt in Symptome – beson-
Psychische Energie. Einer besonders starken Verände- ders in Angst – umgewandelt. Freud glaubte dabei an
rung war Freuds Energiekonzept unterworfen: Vor 1900 eine Intoxikation durch die Stoffwechselprodukte sexu-

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eller Substanzen. Im Gegensatz dazu ist die Symptom- vollzogen – Freud führte darin aus, dass die Beschäfti-
bildung bei den Psychoneurosen (Hysterie, Zwangsneu- gung mit der Frage, aus welchem Stoff die Angst ge-
rose) symbolischer Ausdruck frühkindlicher Konflikte macht wird, nun an Interesse verloren habe. Selbst die
im Zusammenhang mit der Libidoentwicklung. Die Bedeutung des Ödipuskonfliktes wurde nun stark re-
Ursachen liegen also hier nicht (direkt) im somatischen, lativiert, wenn auch nicht völlig verworfen.
sondern im psychischen Bereich. Es sei jetzt schon Ungeklärte Fragen der Libidotheorie. Über die Gründe
bemerkt, dass Freud diese Theorie zur Neurosenentste- für diesen Umschwung lässt sich viel spekulieren. Boa-
hung später weitgehend wieder verworfen hat (s. u.), della (1983) weist darauf hin, dass es drei grundlegende
dass Aspekte davon aber von Wilhelm Reich weiterent- Probleme gab, die Freud im Rahmen seiner Libidotheo-
wickelt wurden. rie nicht zu klären vermocht hatte:
(1) die Beziehung zwischen Sexualspannung und Lust-
Entdeckung des Ichs erleben,
Freuds Abkehr von diesem naturwissenschaftlich-ener- (2) die biologischen Vorgänge, in denen das Wesen der
getisch orientierten Libidokonzept vollzog sich etwa Sexualität besteht,
zwischen 1920 und 1926. Zunächst wurde in »Jenseits (3) die Beziehung von sexueller Erregung und Angst-
des Lustprinzips« (1920) dem Sexualtrieb der Todes- neurose (bzw. – in Freuds Terminologie – zwischen
trieb (s. Abschn. 2.4) zur Seite gestellt. Dann wurde Aktualneurose und Psychoneurose).
durch die Herausarbeitung eines strukturellen Persön- »Es wäre denkbar«, resümiert Boadella (1983, S. 17),
lichkeitsmodells – Freuds zweites topisches Modell – das »dass eine Kapitulation vor diesen Problemen seine
Ich in das Zentrum der psychoanalytischen Betrach- spätere Entscheidung beeinflusste, sich von seiner frü-
tungsweisen gerückt: Neurosen wurden nun auf den hen Trieblehre abzuwenden und sich auf die Ich-Psy-
Konflikt zwischen psychischen »Provinzen« (oder »In- chologie hin zu orientieren.«
stanzen«) des seelischen Apparates zurückgeführt: dem Es ist bemerkenswert, dass Wilhelm Reich, der 1920
Es, dem Ich und dem Überich (s. Abschn. 2.3). Damit zu Freud stieß, gerade die von Freud mehr und mehr
wurde das Anliegen der Psychoanalyse von Freud nun aufgegebenen energetischen Aspekte in den Vorder-
wie folgt gekennzeichnet: »Wo Es war, soll Ich werden«. grund seiner Arbeit stellte und dabei u. a. Antworten
Umformulierung der Angsttheorie. Bezogen auf das auf die drei eben genannten Probleme fand. So setzte
energetische Konzept, bedeutet dies die Aufgabe der Reich in gewissem Sinne Freuds ursprüngliche For-
früheren Angsttheorie: schungsrichtung gradlinig fort, während Freud und die
meisten anderen Psychoanalytiker den Schwenk zur
Angst als Ursache von Verdrängung Ich-Psychologie vollzogen (vgl. auch Abschn. 5.2 Reich
In Freuds erster Konzeption wurde Angst als umge- versus Freud).
wandelte, nicht abgeführte Libido gesehen – d. h. Konzentration auf Funktionen des Ichs. Noch eine an-
letztlich als ein Ergebnis der Verdrängung ins Unbe- dere Verschiebung in der Zentrierung der Aufmerksam-
wusste. In der Neuformulierung der Angsttheorie keit psychoanalytischer Arbeit hat Freud vor seinem
wurde die Angst hingegen als Ursache der Verdrän- Tode zumindest eingeleitet: Von der Betrachtung des
gung aufgefasst. Das Ich, das zwischen Triebwün- Ichs als dem Zentrum der innerpsychischen Konflikte
schen aus dem Es und den (Gewissens-)Ansprüchen zwischen den drei Instanzen (Es, Ich, Überich) ging die
aus dem Überich vermitteln und eine Anpassung an Aufmerksamkeit primär zu den Funktionen des Ichs.
die Realität leisten muss, stand seitdem in der psy- Hierzu gehören Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken,
choanalytischen Theorie im Mittelpunkt der Angst. Sprache, Intention, Planung, Abwehrmechanismen,
Selbstkontrolle, Frustrations- und Affekttoleranz,
Dieser Schritt weg von der Energie und hin zur psy- Selbst-Objekt-Differenzierungen usw. – Funktionen al-
chischen Struktur als Zentrum der Betrachtung, weg so, die dem Individuum eine adäquate Lebensführung
von der Klärung der (physiologischen und psychologi- und Problembewältigung ermöglichen.
schen) Ursachen der Angst und hin zur Beschäftigung Die von Freud schon begonnene Relativierung des
mit ihren Symptomen, war praktisch 1926 mit der Ödipuskonfliktes wurde weiter fortgesetzt: Die frühe
Schrift »Hemmung, Symptom und Angst« endgültig Mutter-Kind-Beziehung gewann zunehmend mehr an

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Bedeutung. Eines der grundlegenden Werke dieser als machte sich aber z. B. über Ferenczi lustig, dass dieser
Ich-Psychologie zu kennzeichnenden Orientierung der seine Patienten wie kleine Kinder »hätscheln« würde.
Psychoanalyse wurde von Freuds Tochter Anna unter
2 dem Titel »Das Ich und die Abwehrmechanismen« 1936, Darstellung psychoanalytischer Grundkonzepte
also noch zu Freuds Lebzeiten, publiziert. Einige Grundkonzepte der freudschen Psychoanalyse
Ich-Funktionen und Ich-Psychologie. Diese Entwick- sollen im Folgenden näher erörtert werden. Dabei er-
lung setzte sich nach Freuds Tod fort, mit einer weiteren folgt die Orientierung eher an dessen späteren Darstel-
Veränderung (oder vielleicht besser: Erweiterung) der lungen – besonders an dem kurz vor seinem Tode
psychoanalytischen Betrachtungsweise: Zunehmend begonnenen (1938) und Fragment gebliebenen »Abriss
wurde den strukturellen Deformationen innerhalb der der Psychoanalyse«. Ein zentraler Gedanke dieser
Ich-Funktionen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt – Theorie lautet, dass psychische Störungen mit ungelös-
Deformationen also, welche das Ich bereits in allerfrü- ten Konflikten aus ganz bestimmten Stufen bzw. Pha-
hester Kindheit gar nicht erst zu einer angemessenen sen der menschlichen Entwicklung zusammenhängen.
Entwicklung kommen lassen. Hiermit versucht man in Für jede Phase gibt es eine spezifische Auseinanderset-
der neueren Entwicklung der Psychoanalyse einige For- zung zwischen dem psychischen Apparat, den biologi-
men von Psychose, Schizophrenie, Borderline-Syn- schen Trieben und der Umwelt. Aus diesem Grunde
drome und eine Reihe psychosomatischer Störungen sollen zunächst das Strukturmodell und die Triebe,
zu erklären. danach das Phasenmodell und zuletzt einige zentrale
Die Ich-Psychologie war ca. von 1940 bis 1980 die Konzepte der psychoanalytischen Therapie behandelt
vorherrschende Richtung psychoanalytischen Denkens. werden.
Hier spielten Mahlers Konzepte der Trennungs- und Probleme der Terminologie. Die besondere Problematik
Individuationsprozesse eine zentrale Rolle: Nach einer der Darstellung liegt darin, dass manche Konzepte zu
frühen »autistischen Phase« des Säuglings (bis zum verschiedenen Zeiten jeweils andere Bedeutungen hat-
1. Lebensmonat) ist demnach eine symbiotische Bin- ten und die Terminologie weder bei Freud noch bei
dung an die Mutter unabdinglich für das Wohlergehen seinen Adepten sehr klar ist oder einheitlich verwendet
des Kindes. In diesem Entwicklungsstadium gibt es noch wird. Nimmt man z. B. den folgenden typischen »psy-
kein Ich, das von einem Nicht-Ich unterschieden wäre – choanalytischen« Satz: »Wenn man den Unterschied
Innenwelt und Außenwelt werden somit erst langsam, zwischen einem Zustand, in dem die Sexualtriebe sich
in der »Differenzierungsphase«, als unterschiedlich unabhängig voneinander auf anarchistische Weise be-
wahrgenommen (Mahler, Pine & Bergman, 1980). Die friedigen, und dem Narzißmus, bei dem das ganze Ich
neuere Säuglingsforschung hat allerdings Mahlers An- zum Liebesobjekt genommen wird, beibehalten will,
nahme einer autistischen Phase deutlich widerlegt (vgl. dann wird man annehmen müssen, daß die Prädomi-
Stern, 1992, 1995; Petzold, 1995). nanz des infantilen Narzißmus mit den ichbildenden
Die von manchen als zunehmend eingestufte Ten- Momenten koinzidiert« (Laplanche & Pontalis, 1972,
denz von Störungen der Ich-Funktionen wird übrigens S. 318). Hier wird deutlich, dass die genaue Bedeutung
mit gesellschaftlichen Entwicklungen in Zusammen- der einzelnen Begriffe nur wechselseitig definiert ist –
hang gebracht, welche das Entstehen eines Verlusttrau- d. h., eine solche Aussage lässt sich nur bedingt in eine
mas bereits in allerfrühester Kindheit begünstigen (vgl. Sprache mit weniger begrifflichen Voraussetzungen
z. B. Kohut, 1979; Kernberg, 1981). Der Psychoanalyti- transformieren.
ker übernimmt bei solchen Störungen insbesondere Auseinandersetzung mit der gesamten Person. Die fol-
auch eine stützende Funktion, durch die das defor- gende Darstellung als Abfolge einzelner Aspekte zerglie-
mierte Ich erst einmal Gelegenheit zum Wachsen be- dert den Gesamtzusammenhang und die Vernetzung
kommt. Dies geht weit über das hinaus, was die Psycho- dieser Begriffe wegen der Kürze noch stärker, als es bei
analyse ursprünglich mit ihrer deutenden bis konfron- Freud trotz seiner mechanistisch-naturwissenschaftli-
tativen Arbeit an den Widerständen des Klienten chen Modellvorstellungen und seinem Hang zur An-
thematisierte, wurde allerdings schon relativ früh von thropomorphisierung (Vermenschlichung) angelegt ist:
der Ungarischen Schule – u. a. Sandor Ferenczi, Durch Freuds anschauliche Beispiele wirken z. B. die
Michael Balint, Melanie Klein – praktiziert. Freud Instanzen bisweilen wie eigenständige, miteinander

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kämpfende Personen, statt wie Momente einer Ganz- Dabei setzt das Gewissen, das ja nicht Bestandteil der
heit. Außen-, sondern der Innenwelt ist, solche Aufgaben
Gerade deshalb sei hier explizit auf die Forderung fort, die zunächst allein Personen der Außenwelt (v. a.
Freuds verwiesen, der Therapeut habe sich bei der Be- den Eltern) zukamen: insbesondere die dem Es ent-
handlung eines Patienten mit dessen gesamter Person springenden Aktivitäten zu steuern oder zu überwachen
auseinander zu setzen; keinesfalls dürfe bei der Betrach- und bei Verstoß gegen die Normen zu strafen etc. Oft –
tung einer Person diese in verschiedene Elemente aus- und besonders bei Neurotikern – ist dabei das Überich
einander gebrochen werden. als Gewissen in Vertretung bzw. Ergänzung und Fort-
Auch hob Freud die Eingebundenheit der in der führung dieser Funktion von Erziehungspersonen noch
Psychoanalyse erarbeiteten Konfliktgeschichten in ei- strenger, als es die realen Vorbilder waren. Konflikte mit
nen bestimmten soziokulturellen Kontext hervor. Da- realen Personen werden hier also ggf. verinnerlicht und
her ist der freudsche Begriff »psychisch« zwar nicht im überakzentuiert.
heutigen Sinne systemisch zu verstehen; er ist dennoch Das Ich als Entscheidungsinstanz. Zwischen beiden
ganzheitlicher und stärker in soziale Kontexte einge- Instanzen hat das Ich eine Synthese in Form eines
bunden, als es die folgende Kurzdarstellung einzelner Kompromisses herzustellen, indem es einerseits den
Konzepte wiedergeben kann. emotionalen Grundbedürfnissen und triebhaften Im-
pulsen zu einer realitätsangepassten Befriedigung bzw.
Verwirklichung verhilft, gleichzeitig aber die Ein-
2.3 Das Strukturmodell schränkungen aus dem Überich zu berücksichtigen
der Persönlichkeit hat und somit Sorge trägt, dass die Person mit den
Normen der Umwelt nicht zu sehr in Konflikt gerät.
Psychischer Apparat Das Ich hat also als zentrale Entscheidungsinstanz und
Der psychische Apparat ist nach der Theorie Freuds in als Verwalter des bewussten Handelns in Form von
drei Bereiche (Instanzen oder psychische Provinzen) Selbstkontrolle zwischen den ungestümen Wünschen
unterteilt: das Es, das Ich und das Überich. des Es und den normativen Einschränkungen des
Das Es. Im Es wirken die ursprünglichen biologischen Überichs die Verbindung zur Realität aufrechtzuerhal-
Triebe in animalischer, nicht sozialisierter Form. Es ten.
handelt sich also um die nicht mehr auflösbaren, basalen Für die Beziehung zwischen Ich und Es wird dabei
Grundbedürfnisse und primären Impulse. Sowohl in gern das Bild eines Reiters auf seinem Pferd gewählt: Die
der individuellen als auch in der stammesgeschicht- Energie und Kraft des Tieres ist durchaus positiv zu
lichen Entwicklung ist das Es daher die älteste Instanz, werten und dient dem Vorankommen, sofern der Reiter
was nicht zuletzt auch seine Wichtigkeit für das Wesen die Zügel fest in der Hand behält. Für die Beziehung
eines Menschen das gesamte Leben hindurch erklärt. Da zwischen Ich und Überich ist bemerkenswert, dass das
das Es seine Energie aus den inneren Organen bezieht Überich in der bereits erwähnten übertriebenen Strenge
und keinen direkten Verkehr mit der Außenwelt hat, das Ich nicht nur für Taten, sondern ggf. auch schon für
drängen die basalen Bedürfnisse auf unverzügliche und Gedanken und unausgeführte Handlungen zur Rechen-
rücksichtslose Befriedigung, die ohne die Korrektur der schaft ziehen kann.
beiden anderen Instanzen ständig zu lebensbedrohli-
chen Konflikten mit der Außenwelt führen würde. Das Bewusstsein
Das Überich. Das Überich repräsentiert hingegen die Im Zusammenhang mit den drei psychischen Provinzen
moralischen und ethischen Wertvorstellungen, die Nor- (die oben als Bestandteile des zweiten topischen Modells
men der Gesellschaft (bzw. zunächst der Eltern). Es gekennzeichnet wurden) unterscheidet Freud auch drei
umfasst somit den normativen Bereich der Gebote und Bereiche des Bewusstseins, nämlich das Bewusste, das
Verbote und hat Gewissensfunktion. Diese Normen und Vorbewusste und das Unbewusste (also die Bestandteile
Werte gehören zunächst zweifellos ausschließlich der des ersten topischen Modells: Freud hat dieses Modell
Außenwelt an, werden aber nach wenigen Lebensjahren also nicht verworfen, sondern versucht, beide miteinan-
als neue psychische Instanz – eben als Überich – zum der in Einklang zu bringen). Die Aufgabe des Ichs,
Bestandteil der Innenwelt. zwischen den Anforderungen des Es und denen des

2.3 Das Strukturmodell der Persönlichkeit 43


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Überichs eine realitätsangepasste Synthese zu finden, als Liebestrieb oder Selbsterhaltungstrieb gekennzeich-
gehört zum Bewusstsein, da sich das Ich dabei der will- net. Ziel des Eros ist es, durch Bindungen immer größere
kürlichen Bewegungen, der Wahrnehmung, des Ge- Einheiten herzustellen und diese zu erhalten. Der an-
2 dächtnisses usw. bedient. dere, Thanatos, der von Freud erst sehr viel später
Das Unbewusste. Ebenfalls bewusst sind Teile des Gefü- eingeführt wurde (s. u.), verfolgt hingegen das Ziel,
ges aus normativen Geboten und moralischen Wertvor- Zusammenhänge aufzulösen und so die Dinge zu zer-
stellungen, die ja dem Überich angehören. Dennoch gibt stören – Freud spricht daher auch vom Todestrieb bzw.
es auch solche Wertvorstellungen und soziale Anforde- Destruktionstrieb. Diese beiden Grundtriebe wirken
rungen, die schon in frühester Kindheit übernommen gegeneinander und führen in unterschiedlichen Kom-
wurden und die von Person zu Person in unterschiedli- binationen – und in der Form von verschiedenen
chem Ausmaß jeweils nicht bewusst sind – ja, die sogar untergeordneten Partialtrieben – zur Vielfalt der Le-
verleugnet werden, obwohl die Person konkret danach benserscheinungen.
handelt. Unbewusst ist insbesondere das gesamte Es mit
seinen vitalen Triebansprüchen. Libido
Das Vorbewusste. Als Vorbewusstes bezeichnet Freud Die dem Eros zugrunde liegende Energie heißt Libido.
solches Material, das zwar nicht ständig bewusst ist, aber Sie macht im Laufe der Entwicklung eines Menschen
nahezu beliebig reproduziert und erinnert werden kann. Veränderungen durch: Während anfänglich, im absolu-
Es ist dies somit »bewusstseinsfähiges Material«, das ten primären Narzissmus (s. Abschn. 2.5), die gesamte
nicht verdrängt wurde, sondern das derzeit nur gerade Libido auf das eigene Ich gerichtet ist, beginnt das Ich
aus dem aktuellen Bewusstsein zurückgetreten ist, um später, die Vorstellung von Objekten (meist andere
damit die Funktionstüchtigkeit des Organismus zu er- Personen, manchmal aber auch Gegenstände) mit Li-
höhen. bido zu besetzen; d. h., die narzisstische Libido wird nun
Die Inhalte des Unbewussten hingegen, insbesondere in Objektlibido transformiert – ein Vorgang, der »Beset-
die primitiven animalischen Strebungen im Es, werden zung« heißt. Typisch für die Libidobesetzung der Ob-
ganz gezielt vom Organismus aus dem Bewusstsein fern jekte ist nach Freud die große Beweglichkeit, mit der
gehalten, weil das Ausmaß der Triebansprüche das Be- diese Libido von einem Objekt auf das andere übergeht;
wusstsein allzu sehr erschrecken würde. Solche Inhalte doch gibt es auch Fixierungen der Libido an ganz be-
haben keinen so leichten Zugang zum Bewusstsein wie stimmte Objekte, die oft ein ganzes Leben lang anhalten.
das Vorbewusste, sondern müssen z. B. erschlossen und Sublimierung. Auch wenn manche Libidobesetzungen
erraten werden und können in der psychoanalytischen verdrängt werden, weil sie mit der Moral in Konflikt
Arbeit oft nur durch die Überwindung erheblicher Wi- geraten (z. B. die Fixierung auf einen Fetisch), behält die
derstände bewusst gemacht werden. Libido ihre ursprüngliche Energie bei. Im positiven Fall
kommt es dann zu einer Umsetzung auf geistigem oder
künstlerischem Gebiet, der Sublimierung. Im ungüns-
2.4 Trieblehre tigen Fall erzeugt sie unterschiedliche Symptome, die
sich z. B. psychisch in Form von Neurosen oder körper-
Eros lich in konvertierter Form zeigen.
Der Kern unseres Wesens, sagt Freud, liegt also im Es, Erogene Zonen. Eng verbunden mit dem Konzept der
dem es darum geht, seine Bedürfnisse, die konstitutio- Libidoentwicklung ist auch das folgende Phasenmodell:
nell mit der Geburt festgelegt sind, möglichst unmittel- Quellen der Libido sind nämlich verschiedene Organe
bar zu befriedigen. Die Kräfte, die hinter den Bedürf- und Körperstellen; diese Körperstellen sind für einen
nisspannungen des Es angenommen werden, nennt Teilbereich der Libido, der als Sexualerregung bezeich-
Freud die Triebe – deren Energie letztlich auf Quellen net werden kann, die sog. »erogenen Zonen« – wobei
physiologischer Natur zurückgeht. Freud betont, dass eigentlich der ganze Körper eine
Man kann zwar eine große Zahl von Trieben unter- solche erogene Zone sei. In der Entwicklung des Kindes
scheiden, doch lassen sich alle auf zwei Grundtriebe sind nach Freud ganz typische Phasen zu beobachten,
zurückführen: Der eine, Eros, verkörpert das Lustprin- die in einer bestimmten, bei allen Menschen gleichen
zip. Dieser dient auch der Fortpflanzung und wird u. a. Reihenfolge durchlaufen werden, und die nach der Vor-

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herrschaft bestimmter erogener Zonen bezeichnet sind Begriffe sehr scharf. Er fasst das Sexualleben wesentlich
(s. Abschn. 2.5). weiter, nämlich als die gesamte Funktion des Lustge-
winns aus den Körperzonen. Diese Funktion wird erst
Thanatos nachträglich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt.
Das Konzept des Todes- bzw. Destruktionstriebes hatte »Sexualität« umfasst somit die gesamte Organisation
Freud unter dem starken Eindruck des Ersten Welt- der Libido.
krieges, speziell aufgrund der Erfahrungen mit der
Behandlung von Soldaten entwickelt: Soldaten mit Infantile Phasen der Libido
Schockerlebnissen neigten dazu, diese negativen Erleb- Das Phasenmodell postuliert nun, dass nacheinander
nisse immer und immer wieder in Träumen, Erzäh- unterschiedliche Organe in einer ganz bestimmten Rei-
lungen usw. zu rekapitulieren. Ähnliches fand Freud henfolge als erogene Zonen dienen, nämlich zuerst der
dann auch bei anderen Personen mit traumatischen Mund (orale Phase), dann der After (anale Phase), dann
Erlebnissen. Dies führte einerseits zum Konzept des das (männliche) Genital (phallische Phase), und nach
Todestriebes, andererseits zum Konzept des Wieder- einer Latenzphase schließlich in der Pubertät die
holungszwanges, als einer unbewusst gewählten Pro- (männlichen und weiblichen) Genitalien (genitale Pha-
blemlösungsstrategie (s. Abschn. 2.9). se). In jeder Phase konzentriert sich der Lustgewinn auf
Der Thanatos äußert sich in der Tendenz nach einer ganz bestimmte Arten (z. B. im Zusammenhang mit
vollkommenen Auflösung jeglicher Spannung, d. h. bestimmten Objekten), die als Fixierungen bezeichnet
letztlich darin, ein Lebewesen wieder in den anorgani- werden. Auf diese Fixierungen wird ggf. später, beson-
schen Zustand zurückzuführen. Er macht im Laufe der ders in Krisensituationen, zurückgegriffen – man nennt
Entwicklung eines Menschen Veränderungen durch: solche Rückgriffe Regressionen (s. Abschn. 2.6). Parallel
Von dem zunächst rein selbstzerstörerischen Trieb, der zu diesen Phasen wird der Ödipuskomplex erlebt – eine
letztendlich zum Tod führen würde, wird ein Teil der spezifische Auseinandersetzung mit dem gleich- und
Energie nach außen gewendet, um das Individuum zu dem gegengeschlechtlichen Elternteil (s. u.) –, der seinen
erhalten. deutlichen Höhepunkt aber in der phallischen Phase
Diese nach außen gerichtete destruktive Energie äu- hat.
ßert sich als Aggression und Destruktion. »Zurückhal- Orale Phase. Die orale Phase erstreckt sich etwa über das
tung von Aggression ist überhaupt ungesund, wirkt erste Lebensjahr. Erogene Zone ist der Mund, und die
krankmachend« (Freud, 1972a, S. 13). Wird ein zu Befriedigung ist anfangs vorwiegend mit der Nahrungs-
großer Anteil dieser Energie durch das Überich im aufnahme (insbesondere dem Saugen, aber auch Lut-
Innern des Ich fixiert, so wirkt diese Energie dort selbst- schen an der Mutterbrust) verbunden. Hierbei wird
zerstörerisch. Ein anderer Teil der Energie wird ggf. auch schon die erste Objektbeziehung ausgebildet. Ab
kanalisiert und neuen Zielen zugeführt. der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres werden diese
Für diese Energie des Thanatos gibt es allerdings oralen Triebäußerungen stärker autonom und können
keinen Begriff, der der Libido beim Eros äquivalent dann auch autoerotisch (z. B. durch Daumenlutschen)
wäre. Dies erklärt sich daraus, dass mit der Einführung befriedigt werden. Entsprechend den beiden Aktivitäten
des Thanatos, um 1920, energetische Fragen für Freud Saugen und Beißen wird auch eine frühe orale Phase
ohnedies eher in den Hintergrund rückten. (Saugen) und eine oralsadistische Phase (Beißen) unter-
schieden.
Anale Phase. In der analen (auch: analsadistischen)
Phase, die dem zweiten bis dritten Lebensjahr zugeord-
2.5 Phasen psychosexueller net ist, geht es um die Funktion der Ausscheidung und
Entwicklung die Befriedigung der Aggressionen. Sadismus wird hier
als eine Triebmischung von Eros und Thanatos gesehen.
»Das Sexualleben beginnt nicht erst mit der Pubertät, In dieser Phase geht es auch um den Kampf um die
sondern setzt bald nach der Geburt mit deutlichen Exkretionen bzw. um das Reinlichkeitstraining: Der mit
Äußerungen ein« (Freud, 1972a, S. 15). Während in der Reinlichkeitserziehung verbundenen Ausübung von
der Umgangssprache allerdings »sexuell« weitgehend Macht der Eltern steht auch das Erleben eigener Macht
mit »genital« gleichgesetzt wird, trennt Freud diese gegenüber, denn das Kind kann geben oder verweigern.

2.5 Phasen psychosexueller Entwicklung 45


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Phallische Phase. An der phallischen Phase, etwa vom libidinöse Bindung an die Mutter hat (s. o.), während er
vierten bis zum sechsten Lebensjahr, ist besonders be- sich zunächst des Vaters durch Identifizierung bemäch-
merkenswert, dass hier nach Freud mehr das männliche tigt. Der Ödipuskomplex entwickelt sich, indem durch
2 Genital (der Phallus) eine Rolle spielt. Freuds Auffas- eine Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mut-
sung, dass das weibliche Genital lange Zeit unbekannt ter und die Erkenntnis, dass der Vater dem entgegen-
bleibt und das Mädchen »in seinem Versuch, die sexu- steht, die Vateridentifizierung eine feindselige Tönung
ellen Vorgänge zu verstehen, der ehrwürdigen Kloaken- annimmt. Es entsteht »der Wunsch, den Vater zu besei-
theorie« (Freud, 1972a, S. 16) huldigt, ist heute aller- tigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen« und seine
dings besonders umstritten. So haben schon Karen »zärtliche Objektstrebung« realisieren zu können. Auf-
Horney, Melanie Klein, Ernest Jones u. a. auch dem grund der erwähnten Kastrationsängste und der Erfolg-
Mädchen von vornherein eine spezifische Sexualität losigkeit der ödipalen Wünsche löst sich der Ödipus-
zugesprochen. Von feministischer Seite wird in diesem komplex zunächst auf (bzw. er »geht unter« – was den
Zusammenhang besonders kritisiert, dass die Psycho- Charakter der Verdrängung besser kennzeichnet), um
analyse, indem sie sich allein auf den Penis als Sexual- dann in der Pubertät wieder belebt zu werden.
organ konzentriert, Bereiche typisch weiblicher Sexuali- Ödipuskomplex beim Mädchen. Freud hat seine Kon-
tät, wie Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und zeption des Ödipuskomplexes beim Mädchen im Laufe
Stillen, weitgehend vernachlässigt hat (vgl. z. B. Irigaray, der Zeit wesentlich verändert: Noch bis Mitte der 20er
1980; Hacker, 1983). Jahre wurde dieser Komplex analog zum Knaben gese-
Latenzphase. In der Latenzphase, die diesen drei infan- hen – feminine, libidinöse Einstellung zum Vater und
tilen psychosexuellen Phasen folgt, spielen die sexuellen der Wunsch, die Mutter zu ersetzen. Später wurden die
Impulse kaum eine Rolle; stattdessen werden eher so- Prozesse im Zusammenhang mit dem weiblichen Ödi-
ziale Antriebe ausgebildet. Erst in der genitalen Phase, puskomplex wesentlich komplizierter formuliert (vgl.
die mit der Pubertät beginnt, wird das Sexualleben z. B. »Einige Folgen des anatomischen Geschlechts-
wieder voll aktiviert; es richtet sich dann aber im unterschiedes«, 1925, oder »Über die weibliche Sexuali-
üblichen Falle an einen gegengeschlechtlichen Partner tät«, 1931). Den Begriff »Komplex« entnahm Freud
außerhalb der Familie. übrigens der Terminologie C. G. Jungs; doch dessen
Vorschlag, beim Mädchen von einem »Elektrakomplex«
Der Ödipuskomplex zu sprechen – das »Gegenstück« zu Ödipus in der grie-
Freuds Annahme, dass der Penis das einzige genitale chischen Sage – lehnte Freud strikt ab.
Organ in der phallischen Phase darstellt, ist für klassi- Die anthropologisch-ethnologische Allgemeingültig-
sche psychoanalytische Erklärungsansätze sehr wesent- keit, die Freud dem Ödipuskomplex gab (in »Totem
lich: Indem nämlich die beiden Geschlechter von der und Tabu«, 1913, entwickelt er z. B. die Vorstellung vom
Voraussetzung des »Allvorkommens eines Penis« aus- Vatermord in der Urhorde) ist heute sicher umstritten –
gehen, erlebt das Mädchen ihren »Penismangel« (bzw. dass dieser Stellenwert vielleicht nicht ganz unabhängig
ihre Klitorisminderwertigkeit) und entwickelt einen von Freuds Entdeckung seiner eigenen libidinösen
»Penisneid«. Der Knabe entwickelt Kastrationsängste: Wünsche an seine Mutter in seiner Selbstanalyse ist,
»Er beginnt die manuelle Betätigung am Penis mit wurde zudem oben schon erwähnt. Dennoch machen
gleichzeitigen Phantasien von irgendeiner sexuellen Be- zumindest viele »klassische« (freudsche) Psychoanalyti-
tätigung desselben an der Mutter, bis er durch Zusam- ker den Ödipuskomplex und die jeweiligen Formen
menwirken einer Kastrationsdrohung und des Anblicks seiner Lösung (bzw. Verdrängung) auch heute noch zu
der weiblichen Penislosigkeit das größte Trauma seines einem wesentlichen Bezugspunkt der Psychopathologie.
Lebens erfährt« (Freud, 1972a, S. 16).
Identifikation mit dem Vater. In diesem Zusammen- Objektbeziehungen und Narzissmus
hang steht der Ödipuskomplex. Er ist benannt nach Die oben dargestellten infantilen Phasen der Libidoor-
dem König Ödipus, dem Titelhelden in Sophokles’ ganisation sind durch die jeweils vorherrschende ero-
Tragödie »Ödipus Rex«, der unwissentlich seinen Vater gene Zone gekennzeichnet. Auf ähnliche Weise lässt sich
erschlug und seine Mutter heiratete. Freud geht davon auch die jeweilige Objektbeziehung in den Vordergrund
aus, dass der Knabe schon gleich nach der Geburt eine der Betrachtungen stellen. Es geht dabei also um das

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Objekt (= Person oder Gegenstand), auf das die Libido 2.6 Konflikt, Symptombildung
gerichtet ist. Auch hier ist leider die Verwendung der
Begriffe und Konzepte unter den Psychoanalytikern und
und Neurose
selbst in Freuds Werk sehr uneinheitlich.
Die einzelnen Phasen in der Entwicklung der Sexual-
Autoerotismus. So wird mit »Autoerotismus« gewöhn-
funktionen lösen einander nicht nahtlos ab, sondern sie
lich die allererste Phase bezeichnet (parallel zur frühen
überlagern sich und bestehen nebeneinander. Zudem
oralen Phase): Die Libido ist auf den eigenen Körper
vollzieht sich dieser Entwicklungsprozess nicht immer
gerichtet und findet in der erogenen Zone selbst (hier
reibungslos. Ein zentrales Konzept für die Neurosen-
also: dem Mund) Befriedigung, ohne dass es eines äuße-
theorie der Psychoanalyse ist in diesem Zusammenhang
ren Objektes bedürfte. Weiter gefasst ist Autoerotismus
der »Konflikt«.
aber auch eine vom Objekt unabhängige Selbst-Befrie-
digung – in späteren Phasen auch: »Organlust« (typi- Konflikt
sches Beispiel ist die Masturbation). Dieser Autoerotis- Den Kern eines Konfliktes bilden grundsätzlich zwei
mus verwandelt sich (bei gesunder Entwicklung) mehr oder mehr gegensätzliche Forderungen bzw. Strebungen
und mehr in eine Objektliebe, indem sich die Libido unterschiedlicher Bereiche im Inneren des Individu-
bestimmten Objekten zuwendet – in der Regel zunächst ums. So können Konflikte (je nach Perspektive) u. a.
einmal der Mutter, am Ende dann dem heterosexuellen auftreten: zwischen den Trieben oder zwischen den
Partner. Instanzen des psychischen Apparates (s. Abschn. 2.3)
Narzissmus. Zwischen Autoerotismus und Objektliebe bzw. zwischen Wunsch und Abwehr. Abwehr ist dabei
schiebt Freud zunächst als Entwicklungsphase den Nar- als Gesamtheit aller psychischen und physischen Le-
zissmus. (Narziss war in der griechischen Sage ein Jüng- bensvorgänge zu verstehen, die zu dem Zwecke einge-
ling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte). Die setzt werden, die Integrität und das Selbstwertgefühl des
Libido ist hier ganz auf die eigene Person gerichtet, und Individuums möglichst wenig zu gefährden – dies ge-
zwar auf das eigene Ich. Im Gegensatz zum Autoero- schieht allerdings meist unbewusst.
tismus, wo dieses Ich noch gar nicht ausgebildet ist, Neurotisches Symptom als Abwehr. Bei zu großen Kon-
sondern die Libido sich nur auf die eigene erogene flikten und/oder einer missglückten Abwehrdynamik
Zone bezieht (daher: »Organlust«), handelt es sich hier äußert sich das Abgewehrte in entstellter Form als neu-
also um »Ich-Libido«, d. h. um die Besetzung des eige- rotisches Symptom. Die Symptombildung ist somit
nen Ichs mit Libido. gewissermaßen als spezifischer Selbstheilungsprozess
Primärer und sekundärer Narzissmus. Im späteren Werk aufzufassen, als Wiederherstellung eines Gleichgewichts
Freuds (etwa ab Mitte der 20er Jahre) wird die Unter- der Kräfte – allerdings auf einem reduzierten Niveau
scheidung »Autoerotismus – Narzissmus« weitgehend und mit letztlich unbefriedigendem Ergebnis. Grund-
durch die Unterscheidung »primärer – sekundärer Nar- sätzlich werden also Neurosen und ihre einzelnen
zissmus« ersetzt. Mit »primärem Narzissmus« wird nun Symptome in der Psychoanalyse als Ergebnisse von
ein vor der Bildung des Ichs gelegener Zustand der Versuchen der Kompromissbildung verstanden. (Auf
Entwicklung bezeichnet, dessen Urbild das intrauterine die Sonderform der Aktualneurosen – mit somatischer
Leben, die totale Geborgenheit im Mutterleib, ist. Nach Ätiologie – wurde in Abschnitt 2.2 bereits verwiesen.)
Laplanche und Pontalis (1972) ȟberwiegt heute ge- Entwicklungshemmungen und Abwehr. Die Formen
wöhnlich im psychoanalytischen Denken … die Bedeu- der Abwehr hängen unmittelbar mit der psychosexuel-
tung (des primären Narzissmus als) … ein streng ›ob- len Entwicklung zusammen: Hemmungen in dieser Ent-
jektloser‹ oder mindestens undifferenzierter Zustand, wicklung bewirken später Fixierungen der Libido an
ohne Spaltung zwischen einem Subjekt und seiner Au- Zustände früherer Phasen, welche dann die allgemeine
ßenwelt«. Was den sekundären Narzissmus betrifft, so Persönlichkeitsstruktur und die Art der aktuellen Kri-
bezeichnete Freud damit nun die von der Objektbeset- senbewältigung entscheidend bestimmen. Statt einer
zung zurückgezogene Libido. Sekundärer Narzissmus Entwicklungshemmung kann aber auch die Libido
kennzeichnet somit bereits bestimmte Regressions- durch mangelhaft gelöste Konflikte in einer bestimmten
zustände (s. Abschn. 2.6). Phase später dazu neigen, bei realen Schwierigkeiten zu
früheren prägenitalen Besetzungen zurückzukehren

2.6 Konflikt, Symptombildung und Neurose 47


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(Regression). Dies gilt auch für Personen, welche die Störung unterschieden werden. Primäre Narzissten nei-
volle genitale Organisation erreicht haben. gen zu schizoidem Verhalten, unklaren Ich-Grenzen,
Durch solche Fixierungen bzw. Regressionen werden Idealisierungen der Bezugspersonen – die, wenn sie
2 nun eine ganze Reihe von psychischen Störungen er- enttäuscht werden, in Resignation, Hass oder Zynismus
klärt, so z. B. Hysterie und Angstneurose als Regression umschlagen oder sogar zu Depression und Depersona-
auf die phallische Phase, Verfolgungs- und Zwangsneu- lisation führen. Sekundäre Narzissten fallen durch
rose als Regression auf die anale Phase, Depression als Oberflächlichkeit in Beziehungen auf: Angeberei, phal-
Regression auf die spätere orale Phase und Schizophre- lisch-exhibitionistische Tendenz, Geltungssucht.
nie auf die frühorale (primär narzisstische) Phase. Ausbildung der Abwehrorganisation. Die skizzierten
Konfliktsituationen – wobei die ödipale Konstellation
Persönlichkeitstypen und ihre Abwehrmechanismen in der Entwicklung eine besondere Stellung einnimmt –
Entsprechend der Fixierung an bestimmte Phasen lassen erfordern vom Ich eine Abwehrorganisation, in der
sich folgende (Ideal-)Typen in der Persönlichkeitsstruk- charakteristische Abwehrhaltungen und Abwehr-
tur und in der Art der Krisenbewältigung (nur kurz und mechanismen (von Wilhelm Reich und Anna Freud
schlagwortartig) unterscheiden: weiter expliziert – s. u.) mobilisiert werden. Heute wird
" Der orale Typ hat eine fordernde, triebhafte Haltung,
dem ödipalen Konflikt allerdings in der obigen Form
die kaum zu befriedigen ist. Orale Aktivitäten, be- nicht mehr eine solche zentrale Stellung eingeräumt.
sonders Essen, Trinken, Rauchen, aber auch auffäl- Vielmehr wurde Freuds psychosexuelles Konzept auf
lige Sprechweisen oder manieristische Mundbewe- die gesamte Beziehung des Kindes zu den Eltern er-
gungen, treten in ungewöhnlichem Ausmaß auf. weitert. Auch Aspekte wie Abhängigkeit/Autonomie,
Mangelndes Selbstwertgefühl, geringe Frustrations- Selbstwert, Verwöhnung/Versagung usw. wurden später
toleranz, fordernde Passivität sind weitere Kennzei- mit einbezogen.
chen.
" Der anale Typ hat ein zwanghaftes Reinlichkeitsver- Bedeutung frühkindlicher Konflikte
halten und einen übertriebenen Ordnungssinn. Er ist Es liegt an der noch schwachen und erst in der Entwick-
pedantisch, überbetont den materiellen Besitz, redet lung begriffenen Ich-Struktur, dass gerade die frühe
weitschweifig und mit belanglosen Einzelheiten und Kindheit als Keim für die Entstehung der Neurosen
verbirgt hinter seiner nur oberflächlichen Anpassung angesehen wird, obwohl selbstverständlich auch im Er-
passiven Widerstand und versteckte Feindseligkeit wachsenenalter oft Konflikte z. B. zwischen den drei
gegen Einmischung von außen. Trotz Strebens nach psychischen Instanzen vorkommen. »Es ist nicht zu
Autonomie und Herrschaft über andere ist er von verwundern, dass das Ich, solange es schwach, unfertig
deren Anerkennung stark abhängig. und unwiderstandsfähig ist, an der Bewältigung von
" Der phallische Typ zeichnet sich durch Ehrgeiz sowie Aufgaben scheitert, die es späterhin spielend erledigen
waghalsige und impulsive Aktivität aus. Mit dem könnte« (Freud, 1972a, S. 42).
Draufgängertum versucht er, seine Furcht vor diesen Infantile Konflikte führen zu einer Schwächung des
Aktivitäten zu verbergen. Aus einer ungünstigen Be- Ich, zu den charakteristischen Abwehrhaltungen und
wältigung des Ödipuskomplexes, der ja in der phal- Verdrängungen und werden bei der neurotischen
lischen Phase seinen Höhepunkt hatte, können Ab- Symptombildung reaktiviert. Darum steht in der Psy-
wendung von der Sexualität oder »Verwirrung des choanalyse als Behandlungstechnik die Abwehrarbeit
sexuellen Rollenverhaltens (z. B. Homosexualität des Ich im Zentrum der Therapie – und damit auch das
oder, beim Mädchen, ein Zug zur Männlichkeit)« Verdrängte und der Widerstand gegen das Erinnern des
folgen. Verdrängten.
Nach dieser Differenzierung muss beim narzisstischen
Typ zwischen primärer und sekundärer narzisstischer

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Abwehrmechanismen des Ichs


Anna Freud hat 1936 zehn Abwehrmechanismen des lungen und Ritualen entgegengesetzter Bedeutung
Ichs zusammengestellt und beschrieben. Diese sollen (z. B. Waschzwang).
hier erläutert werden – wobei die ersten beiden bereits " Projektion: Verlagerung eigener Gefühle, Wünsche,
oben ausführlich erörtert wurden (vgl. A. Freud, Gedanken auf andere (z. B. »er hasst mich«).
1964): " Introjektion: Gegenteil von Projektion; Einverlei-
" Verdrängung ben von Objekten, fremden Gedanken usw.
" Regression " Wendung gegen die eigene Person: Ersetzung eines
" Reaktionsbildung: Verhalten, das eine Reaktion auf fremden Objektes durch die eigene Person (z. B.
einen verdrängten Wunsch entgegengesetzter Be- Aggression gegen sich selbst).
deutung darstellt (z. B. Scham als Reaktion auf " Verkehrung ins Gegenteil: Verwandlung des Zieles
exhibitionistische Wünsche). eines Triebes in sein Gegenteil mit Umkehrung von
" Isolierung: Abtrennung vom Denken oder Verhal- Aktivität und Passivität (z. B. Wendung des Sadis-
ten von der übrigen Person. mus in Masochismus).
" Ungeschehenmachen: So tun, als ob bestimmte " Sublimierung: Verschiebung von Wünschen oder
Gedanken, Wünsche, Handlungen usw. nicht ge- Erinnerungen auf andere Objekte.
schehen wären – oft verbunden mit Zwangshand-

2.7 Die therapeutische Situation mache – und damit eine strikte Auslegung der Abs-
tinenzregel – aufgegeben.
Intaktes Ich als Voraussetzung. Es ist unmittelbar ein-
Therapeutisches Bündnis
leuchtend, dass für die im therapeutischen Bündnis
Entscheidendes Kennzeichen der Psychoanalyse ist
getroffene Abmachung das Ich trotz aller Beeinträchti-
nach Freud, dass sich der Therapeut mit dem durch Es
gungen zumindest hinreichend intakt sein muss, sodass
und Überich geschwächten Ich des Patienten verbün-
von ihm die Einhaltung dieses Vertrages erwartet wer-
det, um das Verdrängte freizulegen. Dies führt zu
den kann. Dies ist auch der Grund, weshalb Freud die
einem Therapievertrag in Form der sog. »Grundregel«:
Analyse nur zur Behandlung von Neurotikern für taug-
Kernpunkt dieses Vertrages, den der Therapeut mit
lich hielt. Für Psychotiker sei hingegen die Analyse nicht
dem Ich des Patienten schließt, ist die Forderung, dass
geeignet: Bei diesen sei das Ich zu stark deformiert, um
der Patient alles so, wie es ihm in den Sinn kommt,
als Partner des Therapeuten fungieren zu können.
äußern soll – gleichgültig, ob es unwichtig, sinnlos,
Es wurde allerdings bereits oben darauf hingewiesen,
peinlich oder wie immer erscheinen mag, ob sich die
dass heute durchaus auch Psychotiker im Rahmen der
Inhalte auf die Therapiesituation selbst, vergangene
Psychoanalyse behandelt werden. Dabei kommt dem
Erlebnisse, zukünftige Befürchtungen usw. beziehen
Therapeuten als zusätzliche Aufgabe die Stützung des
mögen. Selbstverständlich sichert der Therapeut – wie
deformierten Ichs zu (sog. »Nachsozialisation«). Zu-
bei jeder anderen Therapieform auch – strengste Dis-
sätzlich muss der Analytiker bis zum erfolgreichen
kretion zu.
Wachstum die Übernahme bestimmter Ich-Funktionen
Abstinenzregel. Die Abstinenzregel fordert vom Thera-
gewährleisten. In diesem Fall kann der Therapeut dann
peuten, dass er dem »Hunger und dem Verlangen nach
auch einzelne Aspekte der Abstinenzregel durchbre-
libidinöser Befriedigung« (Freud) unter keinen Um-
chen.
ständen nachkommen darf. Weiter gefasst versteht man
darunter auch, sich aller agierenden, wertenden Stel- Das Setting
lungnahmen gegenüber dem Patienten zu enthalten – Der Patient liegt beim typischen Setting auf einer
und zwar besonders auch der indirekten, wie Trösten, Couch, der Analytiker sitzt hinter ihm. Dadurch, dass
Beschwichtigen, Beraten, Belehren usw. In jüngerer Zeit der Patient den Analytiker nicht sehen kann und sich in
haben Psychoanalytiker allerdings Freuds Annahme, einer entspannten, dem Kleinkind ähnlichen Lage be-
dass die Frustration libidinöser Triebe diese bewusst findet, sollen regressive Tendenzen, das Erinnern ent-

2.7 Die therapeutische Situation 49

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