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DER STURM UND DRANG (1770-1790)

Merkmale der Strömung:

Der Sturm und Drang entsteht als Reaktion auf die Aufklärung und erstreckt sich von 1770 bis etwa 1790.
Die Strömung wurde nach einem Drama des Autors Maximilian Klinger benannt und wird auch noch als
„Geniezeit“ bezeichnet.

Diese Strömung ist wesentlich eine literarische Bewegung der jungen Generation, die sich gegen Ende der
Aufklärung von der starren Ideologie des Rationalismus distanziert und in einer Rebellion auf künstlerischer
Ebene eigene Wege des literarischen Ausdrucks sucht. Die Stürmer und Dränger entstammen dem gebildeten
Bürgertum, sind vom Geiste der Aufklärung geprägt und rebellieren sowohl gegen die gesellschaftlichen
Zustände, als auch gegen den Regelzwang und die rigide gewordenen Vorbilder auf künstlerischer Ebene.
Von der Aufklärung übernehmen sie die Idee der Freiheit, die sie jedoch konsequenter weiterführen und zum
Ideal einer freien Persönlichkeit ausweiten, die sich keinem Regelzwang unterwirft, selbstbewußt sein Recht
auf eigene Gestaltung seines Lebens verteidigt und bereit ist, für seine persönliche Freiheit zu kämpfen. Das
in jeder Hinsicht freie Individuum wird als Originalgenie bezeichnet und soll nicht nur für seine persönliche
Freiheit kämpfen, sondern auch im Dienste der Menschheit schöpferisch tätig sein. Der wesentliche
Unterschied zur Aufklärung äußert sich in der Abwendung von der Vernunft und der Überbetonung des
Gefühls. Das Originalgenie wird von Instinkt und Gefühl getrieben, nicht von Vernunft, Herz und Trieb
werden über den kritischen Geist gestellt. Von einem starken Gerechtigkeitssinn beherrscht, erkennen die
Stürmer und Dränger die Missstände der zeitgenössischen, absolutistisch regierten Gesellschaft und üben in
ihren Werken eine scharfe Kritik an die Ungerechtigkeiten, der Willkür und der Unmenschlichkeit dieser
sozialen Ordnung. Sie sind bereit, für die Rechte der Unterdrückten und gegen die Privilegien des Adels zu
kämpfen und richten sich gegen den Despotismus in dem sie eine Hemmung des Genies sehen. In den
Werken des Sturm und Drang werden die Zustände in den deutschen Fürstentümern realistisch dargestellt,
häufig werden Kindsmord, Soldatenhandel, Ungerechtigkeit oder Adelswillkür thematisiert. Die Revolte der
Stürmer und Dränger richtet sich nicht nur gegen die als ungerecht empfundenen Regeln und Normen der
Gesellschaft, sondern auch gegen jegliche Zwänge auf künstlerischer Ebene. Sie erkennen keine Vorbilder
mehr an und streben nach Originalität und Neuem in ihren literarischen Werken. Die Literatur wird nicht
mehr nur als Erziehungs- und Bildungsmittel gesehen wie in der Aufklärung, sondern vor allem als
Offenbarung. Für die Stürmer und Dränger übernimmt die Literatur beinahe die Rolle einer Religion, welche
die Menschen zu einer reinen Humanität führen soll. In ihrer Dichtung gehen sie von individuellen
Erlebnissen und von subjektiven Empfindungen aus.
Wenn wir die beiden Strömungen im Vergleich betrachten, so können wir sagen, dass der Sturm und Drang
sowohl eine Fortsetzung der Aufklärung, als auch deren Gegenströmung ist. Beide Strömungen erkennen die
Mängel der Gesellschaft ihrer Zeit und streben nach einer besseren Ordnung der Welt und der Verbesserung
und Humanisierung des Individuums. Aufklärer und Stürmer und Dränger erkennen die weite Kluft zwischen
der Realität und ihren Idealen. Sie unterscheiden sich jedoch in der Art und Weise, in der sie diese Kluft zu
überbrücken suchen: während die Aufklärer die Vernunft als wichtigstes Mittel zur Verbesserung des
Menschen und der Welt sehen, glauben die Stürmer und Dränger an die Macht des Gefühls.

Die bedeutendsten Vertreter des Sturm und Drang sind Johann Wolfgang Goethe, dessen Jugendwerke
„Prometheus“, „Die Leiden des jungen Werther“ oder „Willkommen und Abschied“ repräsentativ für die
Strömung sind, und Friedrich Schiller, dessen Gestalt Ferdinand aus dem Drama „Kabale und Liebe“ als
Musterbeispiel des Originalgenies gilt; bedeutende Stürmer und Dränger sind auch Jakob Reinhold Michael
Lenz, Autor der Dramen „Die Soldaten“ und „Der Hofmeister“, und Gottfried August Bürger mit seinen
Balladen.

Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (1784)

Das Drama „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller gehört zu den herausragenden Werken des Sturm und
Drang. Es wurde 1784 uraufgeführt und ist ein bürgerliches Trauerspiel, gehört also zu einer Form der
Tragödie, die von Lessing geprägt wurde und in deren Mittelpunkt nicht mehr nur Adelige, sondern auch
Vertreter des Bürgertums stehen. Die Ständeklausel ist nicht mehr gültig. Thematisiert wird der Konflikt
zwischen Adel und Bürgertum, soziale und politische Missstände werden offen kritisiert.

Zusammenfassung des Inhalts:

Im Mittelpunkt des Dramas steht die Liebesbeziehung des adligen Ferdinand von Walter zur bürgerlichen
Luise, Tochter des Stadtmusikanten Miller. Die gesellschaftlichen Konventionen lassen eine Ehe zwischen
einem Adeligen und einer Bürgerlichen nicht zu und außerdem stellen sich auch die Väter der beiden gegen
diese Verbindung. Der Präsident von Walter will seinen Sohn mit der Mätresse des Fürsten, Lady Milford,
verheiraten um seine Position am Hofe zu stärken. Ferdinand stellt sich jedoch gegen die Pläne des Vaters
und ist bereit, für seine Liebe und sein Recht auf Selbstbestimmung zu kämpfen. Er droht seinem Vater, den
Mord an dessen Vorgänger publik zu machen. Um das zu verhindern, intrigiert der Präsident mit seinem
Sekretär Wurm: sie lassen Luises Eltern grundlos verhaften und zwingen Luise, einen falschen Liebesbrief an
den Hofmarschall von Kalb zu schreiben, andernfalls sollen ihre Eltern getötet werden. Luise muss außerdem
schwören, das Geheimnis zu wahren. Der Brief wird Ferdinand zugespielt, dieser wird von Eifersucht
überwältigt und vergiftet Luise. Im Sterben sagt sie ihm die Wahrheit, worauf Ferdinand Selbstmord begeht,
vorher jedoch noch seinem Vater verzeiht. Der Präsident bereut seine Taten und stellt sich dem Gericht.

Eingliederung des Werks in die Strömung und Charakterisierung Ferdinands:

„Kabale und Liebe“ weist eine Fülle von Merkmalen des Sturm und Drang auf, so dass es als eines der
wichtigsten Werke dieser Strömung gilt. Ferdinand verkörpert das Originalgenie, dessen Streben nach
persönlicher Freiheit im Mittelpunkt der Handlung steht. Das Drama äußert eine scharfe Kritik an den
bestehenden sozialen Verhältnissen, das Thema einer Verbindung zwischen einem Adligen und einer
Bürgerlichen ist ein beliebtes Motiv des Sturm und Drang und auch in Sprache und Form lassen sich
Neuerungen im Sinne des Sturm und Drang feststellen.

Ferdinand, die Hauptgestalt des Dramas, weist fast alle Merkmale des Originalgenies auf. Der
zwanzigjährige Sohn des Präsidenten von Walter ist Major in der Armee und hat außerdem die Akademie
besucht, wurde also im Geiste der Aufklärung erzogen. Ferdinand gehört zwar zum Adel, setzt sich jedoch
für persönliche und soziale Freiheit und für das elementare Menschenrecht auf Liebe ein. Auf ein Leben bei
Hof ist er bereit, zu verzichten weil er die Intrigen und die Betrügereien, die dort herrschen, verachten. Er
mißachtet die Konventionen und Normen der Gesellschaft, die ihm eine Ehe mit einer Bürgerlichen verbieten
und ist bereit, für seine Liebe zu Luise zu kämpfen. Vom Geiste der Aufklärung geprägt, glaubt er
bedingungslos an das Recht auf absolute Liebe, für die er alles zu opfern bereit ist. Er scheut sich nicht, mit
seinem Vater in einen offenen Konflikt zu treten zu treten und gegen dessen Autorität, die gleichzeitig auch
die Autorität des absolutistischen Staates repräsentiert, zu rebellieren. Er weigert sich, die Mätresse des
Fürsten zu heiraten, obwohl sein Vater auf diese Verbindung besteht und sich davon weitere Vorteile bei
Hofe erhofft. Ferdinand beurteilt die Menschen nicht nach deren sozialen Herkunft, sondern nach deren
Charakter, deswegen hat er auch ein gutes Verhältnis zu Luises Eltern. Doch seine Herkunft kann er nicht
ganz verleugnen, immer wieder kommen Merkmale seiner Herkunft zum Vorschein: er erteilt Befehle und
erwartet, dass diese befolgt werden, akzeptiert keinen Widerspruch und als zum Beispiel Luise seinen
Fluchtplan ablehnt, reagiert er heftig und verdächtigt sie der Untreue. Leidenschaftlich und impulsiv, handelt
Ferdinand als typisches Originalgenie ausschließlich gefühlsgetrieben; dabei übersieht er, dass Luise nicht
wie er für die gemeinsame Liebe zu kämpfen bereit ist weil sie einerseits realistisch genug ist, um
einzusehen, dass die Beziehung kaum Aussichten hat und weil sie anderseits zu sehr an ihrer Familie hängt
um die Eltern zu verlassen. Luise verkörpert für ihn das Ideal der Natürlichkeit und Menschlichkeit, die in
der Epoche mit dem Bürgertum verbunden wurden. In der Liebe ist Ferdinand besitzergreifend und
egoistisch, was nicht schadet, solange er von Luises Treue und Liebe überzeugt ist. Seine Leidenschaft kehrt
sich in Eifersucht um als er den falschen Liebesbrief bekommt. Hier wird auf tragische Weise ersichtlich,
dass Ferdinand sich nur von seinen Gefühlen leiten läßt und überhaupt nicht von Vernunft. Er ist beinahe
sofort von Luises Untreue überzeugt und übernimmt die Rolle des Rächers. Es kommt zur Tragödie an der
Ferdinand durch seinen Egoismus und seine Festgefahrenheit auf sein Ideal auch seine Schuld trägt. Vor
seinem Tod zeigt sich noch einmal seine Großherzigkeit: nachdem er von der sterbenden Luise die Wahrheit
erfahren hat, reicht er seinem Vater die Hand und verzeiht ihm.

Ein wichtiges Element des Sturm und Drang ist die Sozialkritik. Schiller zeichnet in seinem Drama die
zeitgenössische Gesellschaft mit dem Konflikt zwischen Adel und Bürgertum, der am Beispiel der beiden
Liebenden und deren unglücklichem Schicksal dargestellt wird. Deutlich wird eine Gesellschaftsordnung, die
auf Standesprivilegien und Unmenschlichkeit gegründet ist. Der Adel wird vom Präsidenten von Walter
verkörpert, einem skrupellosen Machtmenschen. Er hat sein Amt durch einen Mord an seinem Vorgänger
erhalten und ordnet alles seinem Ehrgeiz und seinen machtpolitischen Plänen unter. Für ihn ist Liebe nur eine
alberne Schwärmerei, eine Ehe soll politische Ziele verfolgen. Dafür ist er bereit, das Glück seines Sohnes zu
opfern, den er mit der Mätresse des Fürsten verheiraten will, um seine Position am Hof zu stärken. Um
Ferdinand von Luise zu trennen, greift er auf eine Intrige zurück und läßt Luises unschuldige Eltern verhaften
und mit dem Tode bedrohen, um die Tochter zu erpressen.

Schiller äußert jedoch Kritik auch am Bürgertum, und zwar in der Gestalt von Luises Eltern. Der
Stadtmusikus Miller ist ein aufrechter Mann, der sich seiner Stellung innerhalb seines Standes durchaus
bewußt ist. Er beweist Mut und Stolz als er dem Präsidenten entgegentritt und von seinem Hausrecht
Gebrauch macht. Seiner Tochter will er keinen Ehemann aufzwingen, sie soll ihn frei wählen können, jedoch
nur innerhalb ihres sozialen Standes. Miller stellt sich gegen Luises Verbindung mit Ferdinand genau wie der
Präsident von Walter, einerseits weil er die höfische Welt als unmoralisch betrachtet, hauptsächlich aber weil
er die Gesellschaftsordnung als gottgegeben ansieht und keinen Grund findet, sich gegen sie zu stellen.
Schiller kritisiert in der Person Millers die Passivität des Bürgertums, das sich dem Adel nicht entgegenstellt.

Ein anderes wichtiges Moment der Kritik an den bestehenden sozialen Zuständen ist die
Kammerdienerszene. Lady Milford wird von einem alten Kammerdiener ein kostbares Geschenk des Fürsten
überbracht. Sie erfährt, dass die Edelsteine von dem Geld gekauft wurden, das der Fürst im Soldatenhandel
bekommen hat. Junge Männer werden nach England verkauft, um in Amerika in den britischen
Kolonialkriegen zu kämpfen. Der Soldatenhandel wird von Schiller offen angeprangert als Beispiel der
menschenverachtenden Praktiken eines absolutistisch regierten Staates.

1. Form und Sprache


Die Stürmer und Dränger haben wichtige Neuerungen auch in der Form und der Sprache durchgesetzt. Die
traditionelle 5 Akte Struktur wird zwar beibehalten, wie auch die 5 Handlungsmomente, die den Grundstein
der Gliederung bilden, trotzdem sieht man die vom Sturm und Drang geforderte künstlerische Freiheit auch
in Schillers Drama. Innerhalb der Akte findet ein häufiger Szenenwechsel statt und die einzelnen Szenen sind
teilweise sehr kurz. Die Ständeklausel gilt nicht mehr, mit Luise steht eine Bürgerliche als eine der
Hauptgestalten auf der Bühne. Die Sprache ist nicht mehr einheitlich wie zum Beispiel in Lessings Nathan
der Weise. Schillers Gestalten sprechen unterschiedlich, ihrem sozialen Stand und ihrem Bildungsstand
entsprechend, und die Sprache dient als Mittel der indirekten Charakterisierung. Ferdinand und der Präsident
von Walter, beispielsweise, sprechen ein kultiviertes Deutsch weil sie zum Adel gehören, Luises Sprache ist
ebenso gepflegt weil sie viel liest. Ihr Vater, der Stadtmusikant Miller, drückt sich etwas derb aus und seine
Frau, Luises Mutter, verwendet französische Wörter, die sie jedoch falsch ausspricht, weil sie gebildeter
scheinen will als sie ist.

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