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Woyzeck – Vorläufer der Moderne

1836 geschrieben, 1879 zum ersten Mal veröffentlicht und 1913 uraufgeführt, beginnt
die Rezeptionsgeschichte des Woyzeck erst im 20. Jahrhundert. Trotzdem gehört es zu den
einflussreichsten Texten des vorigen Jahrhunderts für die moderne Dramengeschichte. Die
Naturalisten sahen es als ihr Vorbild an, wegen des niederen Milieus und der naturalistischen
Sprache. Die Expressionisten lernten an diesem Stück den schnellen Perspektivenwechsel
durch ständig neue Szenen und bewunderten die suggestive Kraft der Sprachbilder. Die ein-
fache Reihung von unverbundenen Szenen und die realistische Bestandaufnahme sollten auch
das “epische” Theater Brechts anregen. Zugleich wird durch den “passiven” Held, Woyzeck,
und durch die absurd-zynische Darstellung des Doktors die moderne Groteske
vorweggenommen.
Im Folgenden werden wir einige Elemente erwähnen, die die Modernität und
Aktualität des Woyzeck charakterisieren:

 Die Handlung spielt ausschließlich im Milieu des vierten Standes

Das klassische Theater hatte einen strengen Aufbau, es musste die drei aristotelischen
Ein-heiten (Ort, Zeit und Handlung) bewahren.
Das Trauerspiel, die Tragödie, war Standespersonen vorbehalten; die niederen Stände
tauchten nur in den Komödien auf;
Im Dramen-Fragment Woyzeck ist der Held ein Angehöriger des vierten Standes, ein
Lohnabhängiger.

 Die Struktur

Die Welt ist zertrümmert.


Der Held ist ohnmächtiges Subjekt, das Wirklichkeit nicht gestaltet, sondern nur
erduldet. So werden nur Bruchstücke, Ausschnitte von Szenen gezeigt, die die Zerstörung
Woy-zecks markieren. Es war eine Technik, die erst der Film voll ausgestalten konnte.
Szene reiht sich an Szene ohne kausale Verknüpfung (wie im klassischen Drama),
sondern als Reihung von Ausschnitten aus der Erfahrung. Beschreibung oder
Dokumentation eines Befundes in immer neuen Einstellungen.

 Der “offene” Schluss


Das Drama hat einen “offenen” Schluss: Maries Leiche wird gefunden. Ob Woyzeck der
Tat verdächtigt oder gar überführt wird, bleibt offen. Es gibt zwar Andeutungen, z.B.:

 Der Kauf des Messers beim Juden,


 Woyzecks Panik, als man an ihm Blutflecken entdeckt und er sich in Widersprüchen
verstrickt,
 Woyzecks Angst, dass die Tatwaffe gefunden werden könnte,

Aber sie werden nicht weiter ausgeführt.


Woyzeck wird als missbrauchtes Opfer und Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse
dargestellt.
Die sozial-kritische Analyse verdrängt steckenweise den Kriminalfall.
Woyzeck ist als Opfer dargestellt.
Auch die partielle Geistegestörtheit Woyzecks sieht Büchner als Folgeerscheinung eines
geschundeten und missbrauchten Menschen.

 Der Antiheld

Als Titelheld des Dramas würde man eine aktive Dramenfigur erwarten. Woyzeck ist es
nicht. Er ist eine von allen getretene Kreatur, die am Ende aus Verzweiflung in den
einzigen Menschen, den er liebt (Marie), sich selbst tötet. Woyzeck ist der “passive” Held
des modernen Dramas.

 Das Antimärchen

Die Absage Büchners an die klassische Dramenform zeigt sich auch darin, dass
entscheidende Aussagen nicht in Dialogen oder Monologen ausgesprochen werden.
Bedeutsame Textstelle ist das Märchen der Grossmutter, eine moderne Version des
Sterntalermärchens. Es zeichnet Visionen der Hoffnungslosigkeit, wie sich erst wieder bei
Kafka finden.

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