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18/2/2021 Corona-Krise: Was die italienische Regierung tun kann

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Wirtschaft Konjunktur Corona-Krise: Was die italienische Regierung tun kann

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CORONA-KRISE

Was Italien tun kann


EIN KOMMENTAR VON TOBIAS PILLER, ROM - AKTUALISIERT AM 11.05.2020 - 14:25

Die italienische Regierung möchte die große Umverteilung von Geld in Europa.
Allerdings wäre sie glaubwürdiger, wenn sie einen langfristigen Reformplan für
„Italien 2030“ hätte.

I talien fordert viel Geld – aus irgendeiner europäischen Quelle, möglichst gemeinsamen
Eurobonds aller Mitgliedsländer der Europäischen Union, ersatzweise aus dem EU-Haushalt.
Auf jeden Fall nicht als Kredit, sondern als Zuwendung, die nicht zurückgezahlt werden muss.
Das jüngste Argument: Für den Neustart nach der Corona-Krise müsse es gleiche
Ausgangsbedingungen für alle geben, daher müssten die anderen EU-Länder Italiens Problem
der hohen Staatsschulden ausgleichen.

Die Forderungen aus Rom werden verbunden mit dem Wunsch nach Solidarität in der EU.
Dieses Prinzip sollte den europäischen Partnern wichtig sein. Dabei dürfen sie einerseits fragen,
ob Italien als drittgrößtes Land der EU in einer Krise, die alle Länder tri t, auch einen Beitrag zu
deren Überwindung leisten sollte, statt nur zu fragen, was zu bekommen ist. Andererseits darf
berücksichtigt werden, dass Italien als erstes EU-Land von der Pandemie getro en wurde und
dazu noch besonders schwer.

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18/2/2021 Corona-Krise: Was die italienische Regierung tun kann

Manche der italienischen Vorstellungen von Solidarität könnten zu fragwürdigen Konsequenzen


führen. In Italien wird die Illusion genährt, dass es möglich wäre, riesige Summen Geldes über
das Land regnen zu lassen. Zudem gibt es auch einen Wettbewerb der Forderungen, um Wähler
zu bedienen. Doch die große Umverteilung von Geld in Europa, wie sie in Rom verlangt wird,
setzte falsche Anreize: Sollte Italiens Wirtschaft stagnieren, wäre die Schlussfolgerung nicht,
dass die italienische Regierung Fehler gemacht hätte. Die römische Antwort würde wohl lauten,
dass die Gelder aus Brüssel nicht genug gewesen seien und noch mehr werden müssten. Richtig
bleibt, dass Italien neue Schulden machen muss, um seine Wirtschaft in der Krise zu
unterstützen. Doch sollte sich ein Rettungsprogramm auf das Essentielle konzentrieren und
nicht Wahlgeschenke oder Klientelpolitik einkalkulieren.

Italiens Politiker denken zu kurzfristig

Für den Fall, dass die erho ten Summen nicht über Eurobonds oder aus EU-Kassen kommen,
gibt es noch eine andere fragwürdige Forderung: Alles sei ganz einfach, wenn die Europäische
Zentralbank unbegrenzt neue, riesige Schulden aufkaufe. Dafür sei doch eine Zentralbank da,
sie sei der Garant der letzten Instanz für die Staatshaushalte, predigt etwa Silvio Berlusconi
schon seit Jahren. Da werden Fakten verdreht, denn Zentralbanken sollen die Liquidität des
Bankensystems garantieren, nicht die Staatskasse. Vielen römischen Politikern ist aber jedes
Mittel recht, um Ausgabenwünsche zu finanzieren. Da stehen sie in der Kontinuität der
italienischen Politik der siebziger und achtziger Jahre, als der Schatzminister die Politik der
Zentralbank vorgab. Dies hatte Inflation von mehr als 20 Prozent erzeugt, die Glaubwürdigkeit
der eigenen Währung und die Planungssicherheit der Unternehmer untergraben. Aber das
spielt heute keine Rolle, dafür denken italienische Politiker zu kurzfristig.

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Bei Gründung der Währungsunion war aber klar, warum Italiens Vertragspartner nicht das
traditionelle italienische Modell der Zentralbank und der Geldpolitik als Vorbild für den Euro
wollten. Warum sollten nun kurzfristig wegen der Viruskrise alle auf langfristigen Erfahrungen
beruhenden Regeln und Verträge weggeworfen werden?

Was Italiener für den wichtigsten politischen Trumpf halten, ist das Argument, ein Ausscheiden
Italiens aus der Währungsunion oder ein finanzieller Kollaps Italiens würden auch das Ende des
Euros bedeuten. Wer Erpressungsversuchen dieser Art nachgibt, ist Italien langfristig
ausgeliefert. Wenn sich Roms Politiker mit derartigen Methoden durchsetzen, haben sie Anreiz
genug, noch mehr Forderungen zu stellen.

Was sind die mittelfristigen Pläne?

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18/2/2021 Corona-Krise: Was die italienische Regierung tun kann

Wichtig für Italien wäre es, die Verantwortung für die eigenen Probleme nicht auf die EU
abzuladen. Italiens Regierung wäre glaubwürdiger, wenn sie einen langfristigen Reformplan für
„Italien 2030“ hätte mit einer Stärkung der privaten unternehmerischen Initiative und damit
auch der Wachstumskräfte im Land. Einzelne, klar definierte Projekte aus einem Zukunftsplan
können sicher auch mit europäischen Solidaritätsbeiträgen finanziert werden.

Entscheidend für die Zukunft Italiens ist jedoch ein anderer Faktor: Die Regierungen sollten
damit beginnen, vor den internationalen Finanzmärkten – und damit vor den Käufern
italienischer Staatsanleihen – Rechenschaft abzugeben über ihre mittelfristigen Pläne und
deren Einhaltung. Wenn Verantwortungsbewusstsein und das Wachstumspotential von
Reformplänen o enbar werden, wird es kein Problem sein, die wachsenden Schulden der
Krisenzeit aus eigener Kraft zu finanzieren, auch ohne Eurobonds. Eine Beschränkung auf
Forderungen gegenüber EU und Brüssel birgt dagegen das Risiko, dass Italien bald als
Bittsteller dasteht – und danach als Krisenland.

Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

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