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aware Magazin für Psychologie / FS12

Die Kunst des Verführens


Master of Science in Angewandter
Psychologie FHNW
Psychologie studieren mit Praxisbezug

Schwerpunkt Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie


- Arbeit und Gesundheit
- Personalpsychologie
- Human Factors
- Organisations- und Medienpsychologie

Praxis- und Forschungsorientierung


Betriebspraktikum, Forschungswerkstatt und Master-Thesis werden mit Partnern beispielsweise aus
der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen und der Verwaltung bearbeitet. Unsere Studierenden erwer-
ben vertieftes Wissen in angewandter, empirischer Forschung und profitieren von den Kontakten zu
Unternehmen.

Besuchen Sie unsere Informationsabende


jeweils 17.15 Uhr - 19.00 Uhr
Dienstag, 6. März 2012
Dienstag, 3. April 2012
Mittwoch, 9. Mai 2012
Montag, 4. Juni 2012
Dienstag, 3. Juli 2012

Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW


Riggenbachstrasse 16, 4600 Olten, Schweiz, T +41 62 286 00 12, info.aps@fhnw.ch

www.fhnw.ch/aps/master
EDITORIAL/IMPRESSUM FS12 aware 3

Liebe Leserin, lieber Leser

aware
Die Kunst des Verführens ist der Leitspruch der vor dir liegenden Ausgabe.
Nicht nur die Redaktionsleitung ist der Verführung erlegen, sondern auch
Brigitte Boothe, die, vom Thema begeistert, sich spontan zu einem Beitrag
entschloss. Für diese Bereicherung danken wir herzlich.

Der Mensch ist des Menschen Verführer. Und wo es Verführerinnen und


Verführer gibt, sind Verführte nicht weit. Die Handlungen, zu denen wir
verleiten und uns verleiten lassen, reichen von unnötigem Konsum über allzu
leichte Preisgabe von Geheimnissen hin zum Liebesverrat. Die Universität
lockt als Tummelplatz von naschlustigen, trink-, tratsch- und flirtfreudigen
Studierenden sowie auch als Wirelesslieferant. In der virtuellen Welt
vervielfältigt sich die Versuchung und mit ihr die Zahl jener, die nicht mehr
widerstehen können. Die einen amüsieren sich mit Hilfe von Facebook,
anstatt zu lernen und riskieren, die Prüfungen nicht zu bestehen. Andere
wiederum stürzen sich, trotz bestehender Partnerschaft, in virtuelle oder
fleischliche Liebesabenteuer. Die Konsequenzen davon sind nicht immer
erfreulich.
Mit den Trümmern des eigenen Tuns konfrontiert, kann man zu selbstwert-
dienlichen Attributionen greifen, sich mit Schuldfragen quälen, oder aber
man verinnerlicht sich Lessings Lied aus dem Spanischen

Gestern liebt’ ich,


Heute leid’ ich,
Morgen sterb’ ich;
Dennoch denk’ ich
Heut’ und Morgen
Gern an gestern.

und sagt es sich in Zeiten der Not auf.

Vergnügtes Blättern, Schauen und Lesen wünscht dir


deine Redaktion

PS: Magst du aware? Dann steuere der nächsten Ausgabe einen Text oder
eine Illustration bei. Magst du aware nicht? Dann komm und mach es besser!

Impressum
Herausgeber: Psychologiestudierende der Universität Zürich, Verein aware | Chefredaktion: Thekla Schulze (UZH), Homayun Sobhani (UZH), Dragica Stojković (UZH) und
Corina Winzer (UZH) | Gestaltung: Adrian Oesch (UZH) | Inserate und Marketing: Fabienne Meier (UZH), inserate@aware-magazin.ch, Katharina Szybalski (UZH) |
Autoren: Sabrina Brüstle (UZH), lic. phil. Simone Eberhart, Fabienne Meier (UZH), Melanie Contró Prado (UZH), Moritz Pohlmann (UniBE), Prof. Dr. Brigitte Boothe, Antje
Stahnke (UniBE), Kristin Möllering (UZH), Juliana Graf (UZH), Simon Lang (UZH), Stefan Rohrer (UZH), Viviane Molitor (UniBE), Manuel Merkofer (UZH), Ferdinand Denzinger
(FAPS), Mirjam Zeiter (psyCH) | Illustratoren: Laura Basso (UZH), Juliana Graf (UZH), Barbara Antoinette Haegi (UZH), Timo Honegger, lic. phil. Sandy Krammer, Amir Moye
(UniBE), Ronny Peiser (ronnypeiser.de), Stefan Rohrer (UZH), Stefanie Umbricht (UZH) | Druck: Offsetdruck Goetz AG | Auflage: 2000 Exemplare, erscheint jedes Semester |
Redaktionsadresse: aware – Magazin für Psychologie, c/o Fachverein Psychologie, Binzmühlestr. 14/29, 8050 Zürich | www.aware-magazin.ch, info@aware-magazin.ch

Gönner
Titelbild: Edvard Munch, Madonna 1893–94
© Munch Museum/Munch-Ellingsen Group 2012
Die SKJP - der gesamtschweizerische Fachverband der Kinder- und
Jugendpsychologen/-innen mit über 700 Mitgliedern
- engagiert sich für die Kinder- und Jugendpsychologie in Praxis, Lehre und Forschung
- ist Herausgeberin der Zeitschrift ‚P&E Psychologie und Erziehung’
- bietet das Curriculum zur Erlangung des Fachtitels ‚Fachpsychologe/-in für Kinder- und Jugendpsychologie FSP’ an
- unterhält eine Homepage mit Stellenvermittlung
- verleiht einen Förderpreis für herausragende Masterarbeiten mit kinder- und jugendpsychologischen Fragestellungen
- verleiht einen Anerkennungspreis an Personen mit besonderen Leistungen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychologie
- die Mitglieder der SKJP sind bei öffentlichen Stellen und in privaten Praxen tätig. Sie arbeiten als Schulpsychologen/-innen oder
Erziehungsberater/-innen, Psychotherapeuten/-innen für Kinder und Jugendliche, Heimpsychologen oder im klinischen Bereich

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Kontakt und Infos: SKJP - Postfach 4138 - 6002 Luzern - Telefon 041 420 03 03 - info@skjp.ch - www.skjp.ch - www.facebook.com/skjp.ch

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Fachhochschule oder Höhere Fachschule). Kein Rabatt auf Spiel & Therapie-Produkte sowie Aboprodukte.
INHALTSVERZEICHNIS FS12 aware 5

Inhalt

Untreue: Die verlockende 07 FORSCHUNG AUS ALLER WELT


• Körperhaltung beeinflusst Denken

Verführung im Internet 10 WISSENSCHAFTLICHES SCHREIBEN


Online fremdgehen – mit diesem Phänomen beschäftigte sich Sabrina Brüstle in ih-
• Ich, wir oder man?
rer Masterarbeit. Hier bietet sie einen aktuellen Forschungsüberblick zur Thematik,
verweist auf die hohen Prävalenzraten von Untreue im Internet und nennt begünsti-
gende sowie assoziierte Faktoren. Die Forschung zeigt: Es hüte sich, wer virtuell 11 UNI LIFE

08
• «Wir haben den Zugang zur Blackbox
verführerisch lebt und damit gegen partnerschaftliche Regeln verstösst.
geknackt»

12 TITELTHEMA
• Die Kunst des Verführens

Meine geliebte Frau, meine grösste 17 PSYCHOLOGIE & KULTUR


Rivalin • Evas sündige Verführung
«Liebling, mein Paper wurde angenommen!», • Verführung: Ein Netz aus unscheinbaren
Fäden
schreit sie, zu Hause ankommend, ihrem Freund
zu. Der bringt jedoch kaum ein Lächeln über’s Ge-
sicht und klagt innerlich bitter über die Ungerech- 21 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT
tigkeit der Welt! Er fragt sich auch, ob seine Freun- • Das bio-psycho-soziale Modell konsequent
verfolgt
din wohl mit den Redakteuren der Zeitschrift schläft
• I don’t know how she does it
oder ob sich die ganze Welt gegen ihn verschwo-
ren hat. Schliesslich werden seine Papers öfters ab-
gelehnt. Zerfressender Neid stellt eine Partnerschaft 28 FELDER DER PSYCHOLOGIE
• Neuroökonomie – Ein Gehirn für
auf die Probe. Moritz Pohlmann beschreibt die He-
Wirtschaftswissenschaftler!
rausforderungen, die Neid zwischen Liebenden mit • «Oh Gott!» – Ein Handbuch «Psychologie
sich bringt, stellt theoretische Bezüge her und geht
Bildquelle: Laura Basso

der Spiritualität»?
auf die Psychodynamik des Neides ein. Herausgear- • Träume ans therapeutische Tageslicht
beitet wird, dass Neid – wie jede andere Herausfor- bringen?

21
derung auch – nicht nur Gefahren, son-
dern auch Chancen birgt. 37 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG
• Nehmen wir an, Karl liebt Anna …
• Warum ist Liebe vergänglich?
• Wieso wir anderen die Schuld geben sollten
Das Geheimnis der Stehaufmännchen
Oft genug befassen wir uns mit Negativi- 42 ERFAHRUNGSBERICHT
• XVI. Workshop Aggression
tät, Misere und Krankheit. Dabei verges-
sen wir schnell, dass es Menschen gibt,
die sich von klein auf antrainiert haben, 45 STÖRUNGSBILD
auch in düstersten Lebensumständen • Vom Traum zum Trauma
Hoffnung zu hegen und sich nach ihr zu
richten. Antje Stahnke führt in das Thema 48 HISTORISCHES
Bildquelle: Adrian Oesch

Resilienz ein und verknüpft theoretisches • Nietzsche über die Last der Vergangenheit
Wissen und empirische Erkenntnisse mit
der Lebensgeschichte einer jungen Frau, 51 INSTITUTIONEN

28
die den Namen Stehauffrauchen • Die nackte Wahrheit
mehr als verdient hat. • Schwups die wups – ausgebucht …
rosige
Berufs-
aussichten ?
Wie weiter nach der Uni? Durchstarten, aber wohin?
Und wie funktioniert das auf dem Arbeitsmarkt?

Der Einstieg ins Berufsleben ist nicht leicht, gerade für PsychologInnen!
Dein Berufsverband kann helfen. Mit Informationen, Kontakten, Tipps und
konkreten Angeboten für den Berufseinstieg.

Dein Berufsverband ist der ZüPP, das Zürcher Zugangstor zur FSP.

Sonneggstrasse 26, 8006 Zürich, 044 350 53 53, info@zuepp.ch, www.zuepp.ch

Weiterbildung Systemische Therapie und Beratung


Anerkennung durch die Berufsverbände FSP, FMH, SBAP, systemis.ch
Leitung Christina Marty-Spirig
Beginn 20. September 2012, Infoabende siehe HP
Zielgruppe PsychologInnen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen u.a.
Berufsgruppen mit vergleichbarer Vorbildung

Weiterbildung Systemische Mediation


Anerkennung durch die Berufsverbände
Leitung Erika Ruggle
Beginn Herbst 2012
Zielgruppe PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, FamilientherapeutInnen/-beraterInnen, und
anderweitig beraterisch Tätige, RechtsanwältInnen, RichterInnen JuristInnen u.a.

Systemisches Elterncoaching
Fortbildung für Fachleute die Eltern in Erziehungs- und Konfliktsituationen beraten und unterstützen.
Innovative Konzepte nach Haim Omer, Maria Aarts, Heiner Krabbe u.a.
Leitung Anna Flury Sorgo
Beginn 2 x jährlich

Kinderschutz durch Elternarbeit


Gewalttätige Familiendynamik verstehen und
Informationen/Anmeldungen: verändern.
www.ief-zh.ch
Leitung Anna Flury Sorgo
Datum 10.-11. September 2012

Informationen/Anmeldungen: www.ief-zh.ch
IEF, Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung
Voltastrasse 27, 8044 Zürich, 044 362 84 84, ief@ief-zh.ch
FORSCHUNG AUS ALLER WELT FS12 aware 7

Körperhaltung beeinflusst Denken

Von Thekla Schulze Körperhaltung beeinflusst Denken


Etwas mehr nach links, etwas mehr nach rechts: Menschen in körperlicher
Warum «darüber schlafen» nicht immer eine gute Idee ist Schieflage sehen die Welt mit etwas anderen Augen. In einer niederlän-
«Schlaf erst einmal darüber, morgen sieht die Welt schon ganz anders dischen Studie wurden Teilnehmende unbewusst aus der aufrechten Hal-
aus.» Dieser Rat ist zumindest bei schlimmeren Erlebnissen eher kontrapro- tung nach links gekippt. Dabei schätzten sie den Eiffelturm kleiner ein als
duktiv. Denn entgegen bisheriger Vermutungen fanden amerikanische bei einer leichten Schieflage nach rechts. Nach Eerland und Kollegen von
Wissenschaftler heraus, dass sich traumatische Erlebnisse deutlich stärker der Erasmus-Universität Rotterdam könnte dies an unserem mentalen Zah-
im Gedächtnis verankern, wenn man danach schläft, als wenn man wach lenstrahl liegen. Laut diesem Konzept sortieren Menschen kleinere Zahlen
bleibt. Nach den Forschungsergebnissen von Bengi Baran, Rebecca Spencer vor ihrem geistigen Auge eher links ein und grössere Zahlen eher rechts.
und ihrem Team der University of Massachusetts in Amherst werden Ge- Insgesamt nahmen 91 Studierende an diesem Experiment teil, wobei sie
fühle, die ein Mensch bei negativen Erlebnissen hat, stärker an seine Erin- auf einer Druckmessplatte standen. Das Gerät wurde jedoch so manipu-
nerungen geknüpft, wenn er kurz darauf ins Bett geht. 68 Frauen und 38 liert, dass die Teilnehmenden, um ihre Balance zu halten, unwissentlich
Männern wurden Bilder mit verschiedenen Situationen vorgelegt und eines ihrer Beine zwei Prozent stärker belasten mussten als das andere.
sollten nach ihrem emotionalen Wert geratet werden. Nach zwölf Stunden Daraufhin beantworteten sie eine Reihe von Schätzfragen wie z. B. die
bekamen sie die Bilder zum Teil noch einmal zu sehen, gemischt mit neuen Höhe des Eiffelturms. Insgesamt nannten die Studierenden bei einer Schief-
Motiven. Die Teilnehmenden sollten danach angeben, ob sie die Bilder be- lage nach links kleinere Schätzwerte als bei aufrechter Stellung und bei ei-
reits kannten, und sie erneut bewerten. 34 Personen bekamen die Bilder ner Schieflage nach rechts.
morgens und wiederholt abends gezeigt. Im Schnitt bewerteten sie diese  Quelle: www.scienceticker.info

positiver als beim ersten Betrachten. Die anderen 82 Teilnehmenden sahen


die Bilder abends und am nächsten Morgen. Sie empfanden die Bilder
durchschnittlich genauso negativ wie beim ersten Betrachten. Das For-
schungsteam schliesst daraus, dass der Schlaf die emotionale Intensität
konserviert und dies vor allem auch bei posttraumatischen Belastungsstö-
rungen eine grosse Rolle spielen könnte.
 Quelle: www.wissenschaft.de

Bildquelle: Popular Science Monthly Volume 42


Gute Absichten zeigen Wirkung
Gute Absichten bleiben nach Kurt Gray und Kollegen nicht ohne Folgen.
Sie können die subjektive Wahrnehmung des Empfängers verändern, sei
es, um Schmerzen zu lindern oder den Geschmack einer Speise zu verbes-
sern. In einem Experiment erhielten Teilnehmende leichte Elektroschocks,
während sie die Hand des Partners hielten. Ein Drittel dachte, dass diese
nichts davon wüssten, einem weiteren Drittel wurde mitgeteilt, dass sie
Stromstösse erhalten, jedoch ohne weitere Erläuterungen, und dem letzten
Drittel wurden die Stromstösse ebenfalls erklärt, aber mit einem guten
Grund. Bei der letzten Gruppe verursachten die Elektroschocks den gering- Macht macht (subjektiv) grösser
sten Schmerz, wenn diese erkannten, welche gute Absicht sich dahinter Goncalo und Duguid haben in einer Reihe von Studien bewiesen, dass sich
verbarg. mächtigere Menschen auch körperlich grösser fühlen. In unterschiedlichen
In einer weiteren Studie wurde untersucht, ob sich eine gute Absicht auch Situationen wurden Teilnehmende in eine gewisse Position gebracht, in der
auf den Geschmack auswirken kann. Dabei erhielten die Teilnehmenden sie sich entweder selbst einer anderen Person bemächtigen konnten oder
Süssigkeiten. Bei einer Hälfte wurde eine kleine Nachricht hinzugefügt: in der von einer anderen Person Macht auf sie ausgeübt wurde. Dabei
«Die habe ich extra für dich ausgesucht. Ich hoffe, sie machen dich glück- sollten sie jeweils ihre Körpergrösse im Verhältnis zu einem Mast einschät-
lich!» Die andere Gruppe bekam lediglich eine neutrale Botschaft. Auch zen, der immer 50 cm grösser war als er/sie selbst. Während sich die Mäch-
hier zeigte sich, dass die Süssigkeiten den Teilnehmenden mit der positiven tigen überschätzten, machten sich die Machtlosen stets viel kleiner, als sie
Botschaft besser schmeckten als den anderen. sind.
 Quelle: science.orf.at  Quelle: science.orf.at
8 aware FS12 UNI FORSCHUNG

Untreue: Die verlockende Verführung im Internet


Die Beliebtheit der virtuellen Welt steigt eine Affäre (Mileham, 2007). Allein auf der chen neuer Bekanntschaften bietet die Anonymi-
– und mit ihr das Phänomen der Untreue Webseite von Ashely Madison sind bereits tät im Internet den Vorteil, dass man seine Identität
im Internet. Was versteht man darunter? über 14 Millionen Menschen registriert – und verbergen kann. Im wahren Leben eher zurück-
Wer geht fremd und warum? es werden ständig mehr. Die Vermittlung einer haltende, schüchterne Individuen können so zum
Aussenbeziehung via Internet scheint somit Don Juan des Internets mutieren. Menschen, die
Von Sabrina Brüstle ein aktueller Trend zu sein. sich als wenig attraktiv einstufen, können das Pro-
filbild einer unbekannten Schönheit verwenden
In unserer heutigen Gesellschaft stellt das In- Prävalenz von Untreue im Internet oder ihr Äusseres mit Bildbearbeitungsprogram-
ternet ein allgegenwärtiges Medium dar. Lap- In unserer westlichen Kultur gilt Treue in men aufpolieren, um so online schneller Kontakte
tops und die neuste Handytechnik ermöglichen Paarbeziehungen als wichtiger Wert. Emotio- zu knüpfen.
uns, nicht nur zu Hause, sondern auch unter- nale und sexuelle Exklusivität des Partners Bei Aussenbeziehungen, die via Internet einge-
wegs stets online zu sein. Rund 80 Prozent der werden dabei von den meisten Menschen er- gangen und gepflegt werden, besteht ein geringes
Schweizerinnen und Schweizer besitzen einen wartet (Allen, Atkins, Baucom, Snyder, Gor- Risiko, dass sie vom primären Partner entdeckt
Zugang zum Internet, und es werden immer don & Glass, 2005; Buss & Shackelford, werden. In Sekundenschnelle kann die Liebschaft
mehr. In den letzten elf Jahren nahm die Zahl 1997). Umso erstaunlicher erscheinen daher per Mausklick «an- und abgeschaltet» und so ver-
der Internetnutzenden weltweit um 480 Pro- die hohen Prävalenzraten von untreuem Ver- heimlicht werden. «Never before has it been so
zent zu (Internet World Stats, 2011). Diese halten im Internet. In einer Studie von Maheu easy to enjoy both the stability of marriage and the
vermehrte Nutzung des Internets sowie die (2001; zitiert nach Henline et al., 2007) gaben thrills of the dating scene at the same time» (Mile-
ständig wachsende Anzahl an Chaträumen und 72 Prozent der Teilnehmenden an, dass sie je- ham, 2007, S. 12). Doch wer lässt sich auf ein sol-
sozialen Netzwerken begünstigen untreue Ver- manden kennen, der eine Cyberaffäre führt. In ches Abenteuer im Internet ein? Was zeichnet jene
haltensweisen (Henline, Lamke & Howard, einer Studie von Aviram und Amichai-Ham- Menschen aus, die im virtuellen Raum untreue
2007). Das Internet wird von vielen Menschen burger (2005) gaben 39 Prozent der Teilneh- Verhaltensweisen zeigen?
als effektives, sicheres Medium zur Interakti- menden an, sich in ihrer Vergangenheit auf
on und Vergrösserung des eigenen Bekannten- eine Onlinebeziehung eingelassen zu haben. Assoziierte Faktoren
kreises angesehen (McCown, Fischer, Page & 21 Prozent gaben zusätzlich an, diese Aussen- Forschende gehen davon aus, dass es mehrere
Homant, 2001). Freundschaften und Bezie- beziehung aktuell aufrechtzuerhalten. Was Faktoren gibt, die mit untreuem Verhalten asso-
hungen werden immer häufiger via Internet bringt Menschen dazu, den Vorsatz von «Treue ziiert sind. Eine geringe partnerschaftliche oder
aufgebaut (Hertlein & Pierdy, 2006; Mileham, und Exklusivität» über Bord zu werfen und sexuelle Zufriedenheit spielen dabei eine grosse
2007). «Das Leben ist kurz. Gönn‘ Dir eine sich auf ein Abenteuer im Internet einzulas- Rolle (Plack, Kröger, Allen, Baucom & Hahl-
Affäre.» Getreu diesem Werbeslogan auf www. sen? weg, 2010). Ein Internetforums-Nutzer formu-
ashleymadison.com suchen nicht nur Allein- liert dies folgendermassen: «Bisher bin ich mei-
stehende online nach einem Partner, sondern Begünstigende Faktoren ner jetzigen Lebensgefährtin zwei Mal
auch viele Verheiratete beginnen im Internet Das Internet bietet einige Vorzüge, welche un- fremdgegangen. Grund dafür war zum einen je-
treue Verhaltensweisen begünstigen. Nach weils die Gelegenheit an sich und zum anderen,
Definition «Online-Untreue» Cooper (2002) sind dies ein leichter Zugang, Er- dass wir in der Zeit öfter mal Streitigkeiten hat-
Online-Untreue bezieht sich auf Verhaltens- schwinglichkeit und Anonymität. Dank Internet ten und ich mich unfair behandelt fühlte. Das
weisen, die via Internet initiiert werden. Ein haben Menschen die Möglichkeit, sich 24 Stun- war quasi eine Form der Rache für mich, die ich
Verhalten wird dann als Online-Untreue de- den am Tag mit anderen Individuen auch über ihr aber bisher nie gebeichtet habe» (Forums-
finiert, wenn es a) vor dem Partner geheim grosse räumliche Distanzen hinweg auszutau- Nutzer, 30.01.2011). Untreue als Form der Ra-
gehalten wird oder b) der Partner über das schen. Flatrates sowie immer preiswertere Tech- che. Wie kommt es dazu? Das austauschtheore-
Verhalten informiert wird, dieser aber nicht nologien lassen das Internet zu einer günstigen tische Scheidungsmodell von Lewis und Spanier
damit einverstanden ist und das Ver- Alternative werden, soziale Kontakte zu pflegen. (1979) liefert eine mögliche Erklärung. In die-
halten somit gegen die dyadischen Normen Musste man früher noch stundenlang im Auto sem Modell werden zwei Dimensionen einer Be-
verstösst. Diese können eine emotionale oder Flugzeug sitzen, um Freunde und Bekannte ziehung genauer betrachtet: die extra- und die
und/oder sexuelle Komponente beinhalten aus anderen Ländern zu sehen, so kann man dies intradyadische Dimension. Die intradyadische
(Brüstle, 2011). heute mit nur wenigen Mausklicks und einer Web- Dimension stellt das Verhältnis von Kosten und
cam bequem von daheim aus erledigen. Beim Su- Nutzen in einer Beziehung dar. Nach Auffassung
UNI FORSCHUNG FS12 aware 9

aufgrund ihres virtuellen Charakters wenige Aus-


wirkungen auf primäre Beziehungen haben. Doch
Altern- aktuelle Studien beweisen das Gegenteil. Das Be-
IV. hohe Partner- nativen I. niedrige Partner- kanntwerden einer Online-Beziehung führt auf
schaftszufriedenheit schaftszufriedenheit Seiten des betrogenen Partners zu Gefühlen der
Verletzung und Verärgerung (Whitty, 2005). Auch
niedrige Stabilität Extradyadische
Dimension
niedrige Stabilität Erniedrigung, Kränkung, Scham, Einsamkeit, Ei-
fersucht und Ärger sind Emotionen, welche von
Betroffenen genannt werden (Schneider, 2000).
Die primäre Beziehung leidet unter der Aussenbe-
ziehung – auch dann, wenn diese nur im Internet
ausgelebt wird. Weniger gemeinsame Zeit, gerin-
Nutzen Ehedyade Kosten gere partnerschaftliche Intimität und sinkendes
Intradyadische
sexuelles Interesse sind Konsequenzen, die sich
Dimension
aus dem untreuen Verhalten eines Partners erge-
ben. Das partnerschaftliche Commitment nimmt
ab. 22.3 Prozent der Paare trennen sich infolge
untreuer Verhaltensweisen im Internet; weitere
III. hohe Partner- II. niedrige Partner- Paare erwägen eine Trennung.
schaftszufriedenheit schaftszufriedenheit
Fazit
hohe Stabilität Barrieren
hohe Stabilität Es gibt mehrere Faktoren im Internet, welche
Untreue begünstigen, vor allem dann, wenn
Paare mit ihrer Beziehung unzufrieden sind.
Trotz negativer Konsequenzen können viele
Das austauschtheoretische Scheidungsmodell von Lewis und Spanier (1979). Aus: Bodenmann (2004), S. 29. Menschen der verlockenden Verführung im In-
ternet nicht widerstehen.
der Forscher wägen Paare ab, welchen Nutzen Auch die wahrgenommene Verhaltenskontrolle Der deutsche Dichter Johann Gottfried Seume
ihnen die Beziehung auf der einen Seite bringt gehört zu den Faktoren, welche mit Untreue asso- schrieb einst: «Betrügen und betrogen werden,
(Liebe, Nähe, Zuneigung etc.) und welche Ko- ziiert sind. Nach dem Modell des geplanten Ver- nichts ist gewöhnlicher auf Erden.» Wir alle
sten sie auf der anderen Seite investieren müssen haltens von Ajzen (1991) erhöht die wahrgenom- können selbst entscheiden, ob er mit diesem
(Zeit, Auseinandersetzungen, Streitigkeiten mene Verhaltenskontrolle – die subjektive Sprichwort Recht behalten soll.
usw.). Überwiegen die Kosten den Nutzen in ei- Einschätzung einer Person, Kontrolle über die
ner Beziehung, sinkt die Partnerschaftszufrie- Ausführung eines Verhaltens zu haben – die Ab-
denheit. Nun kommt die extradyadische Dimen- sicht, dieses Verhalten zu zeigen, und auch das Zum Weiterlesen
sion ins Spiel. Sie stellt das Verhältnis von tatsächliche Ausführen dieses Verhaltens. Je mehr Bodenmann, G. (2005). Beziehungskrisen:
vorhandenen Alternativen und Barrieren dar. Personen also davon ausgehen, dass sie ungestört erkennen, verstehen und bewältigen. Bern:
Paare wägen ab, welche Barrieren eine Trennung im Internet surfen und ihre Aktivitäten vor ihrem Huber.
bzw. in unserem Fall untreues Verhalten er- primären Partner geheim halten können und je si- Clement, U. (2010). Wenn Liebe fremd-
schweren (z. B. Religiosität) und ob Alternativen cherer sie sich sind, im Internet ein Gegenüber für geht: Vom richtigen Umgang mit Affären.
zur aktuellen Beziehung (potenzielle neue Part- untreue Aktivitäten zu finden, desto häufiger zei- Berlin: Ullstein.
ner oder Flirtbekanntschaften) bestehen. Sind gen sie untreue Verhaltensweisen. Plack, K., Kröger, C., Allen, E. S., Baucom,
wenige Barrieren vorhanden und Alternativen D. H. & Hahlweg, K. (2010). Risikofaktoren
zur primären Beziehung verfügbar, sinkt die Be- Konsequenzen für Untreue – warum Partner fremdgehen.
ziehungsstabilität, und die Bereitschaft zu un- Man könnte davon ausgehen, dass untreue Verhal- Zeitschrift für Klinische Psychologie und
treuen Verhaltensweisen, die bis hin zur Tren- tensweisen im Internet wie Chatten über emotio- Psychotherapie, 39, 189–199.
nung führen können, steigt. nale/sexuelle Themen oder Pornografiekonsum
10 aware FS12 WISSENSCHAFTLICHES SCHREIBEN

Ich, wir oder man?


Dos und Don’ts beim wissenschaftlichen Schreiben

Wissenschaftliche Texte müssen Informatio- auch eine Kombination mit Schrägstrich wir, nämlich dann, wenn die Verfasserinnen
nen liefern, und zwar schnell. Unklarheiten (Patient/-in) oder eine Klammerlösung und Verfasser des Textes gemeint sind. Anson-
haben keinen Platz. Sich beim Schreiben an möglich (Patient(in)). Aber aufgepasst: sten sollte die Gruppe benannt oder zumindest
der Leserschaft zu orientieren, ist daher die *Patienten/-innen ist nicht korrekt, da sich, das wir expliziert werden: «Psychologinnen
Grundregel. wie es Duden beschreibt, in der ausgetausch-
ten Endung «der Vokal ändert». «Darüber hi-
«I or we is perfectly acceptable in
Von Simone Eberhart naus soll sich ein grammatisch korrektes und
APA Style!» – APA
leicht lesbares Wort ergeben, wenn der Schräg-
Die American Psychological Association strich weggelassen wird.» Die Schreibung mit
(APA) bezeichnet in ihrem «Publication Ma- dem «Binnen-I» bzw. «Emanzipations-I», wie und Psychologen kategorisieren depressive
nual» (sechste Auflage) klare Kommunikation etwa in *AnfängerInnen, verletzt die amtlichen Störungen…» oder «Als Psychologen katego-
als wichtigstes Kriterium für wissenschaft- Regeln genauso. risieren wir depressive Störungen…».
liches Schreiben. Was macht einen Text aber
verständlich? Eigentlich einfach: Ein klarer Zum Ich-Tabu Kurz gesagt: Ich und wir sind erwünscht – ins-
Aufbau, ein roter Faden, prägnante Sätze und Vom Menschen unabhängig Wissen in den besondere wenn sie Mehrdeutigkeit reduzieren
aussagekräftige Wörter. Auf ein paar heiss dis- Raum zu stellen, klingt zwar seriös-objektiv, –, müssen aber erläutert werden, falls neue
kutierte Problempunkte sei aber dennoch ge- faktisch sind aber die Ideen, die Vernetzung Unklarheiten aufkommen. Auf Biegen und
nauer eingegangen. des Wissens und die Schlüsse aus den Ergeb- Brechen aktiv zu formulieren, ist jedoch auch
nissen sehr wohl an den Urheber oder die Ur- nicht nötig, gerade dann nicht, wenn ein neuer
Immer Präsens? heberin gebunden – sonst müsste man nicht so Konflikt lauert – etwa mit dem geschlechter-
Während im Internet primär das Gebot «Nie- viel Aufhebens um geistiges Eigentum ma- gerechten Formulieren («Es wurde unter-
mals Vergangenheit!» kursiert, gibt die APA chen. Die APA sagt daher: «I or we is perfectly sucht…» ist trotz allem verständlicher als «Die
ganz klar eine andere Empfehlung ab: Disku- acceptable in APA Style!» Mit ich und wir um- Versuchsleiterinnen und Versuchsleiter unter-
tiert man Ergebnisse anderer Wissenschaftle- geht man aber nicht nur diese Pseudoobjektivi- suchten…»). Also: Es gibt kein Richtig oder
rinnen und Wissenschaftler, so ist die Vergan- tät, sondern unter Umständen auch konkrete Falsch. Der Schreiber oder die Schreiberin
genheitsform zu wählen. Ansonsten muss sich Missverständnisse: «Meier und Müller (2012) muss nach eigenem Gutdünken zwischen Ge-
der Schreiber oder die Schreiberin allerdings konnten zeigen, dass subjektive Müdigkeit nauigkeit und Lesbarkeit abwägen. Denn der
selbst eine Strategie zurechtlegen. Wirklich nicht mit Sauerstoffgehalt in der Luft korre- Leser ist König – und die Leserin Königin.
entscheidend dabei ist, dass die Zeitformen liert. Die Autoren replizierten dieses Ergeb-
konsequent verwendet werden. nis.» Sind mit «Die Autoren» nun Meier und Alle beschriebenen Empfehlungen sind mit den
Müller oder die Verfasser der Sätze gemeint? Richtlinien der APA vereinbar.
Emanzipations-I Ein wir wäre hier klarer.
Beinhaltet die Leser auch die weiblichen Le-
senden? Linguisten beantworten diese Frage Alternative Passiv
anders als Politikerinnen und Politiker. Will Im Namen der Objektivität werden oft fol-
man aber leserorientiert schreiben, bedeutet gende Optionen gewählt: die Passivform und
das auch, die Wünsche der Angesprochenen zu die Formulierung mit man. Beides unter-
respektieren – und dementsprechend beide schlägt, wer genau die Handlung ausführt, und
Formen zu nennen. Der Verständlichkeit steht ist somit unpräzise. Probleme bereitet dies je-
dies aber leider sehr zuwider. Mit Pronomen doch nur, wenn die Inhalte missdeutet werden
zu arbeiten, ist eine Lösung. Synonyme oder können: In einem Satz wie «Es wird angenom- Dies ist eine Serie. In jeder Ausgabe wird
zusammenfassende Substantive wie etwa Le- men, dass …» ist unklar, ob als Akteur die Au- eine andere Facette des wissenschaftlichen
serschaft oder Lehrpersonen zu verwenden, toren, die Gesellschaft oder die Wissenschaft Schreibens beleuchtet. Letztes Mal: Überar-
eine andere. Diese Gratwanderung zwischen gemeint ist. Genauso kann aber eine Formulie- beiten erlaubt! Nächstes Mal: Digital Object
Präzision und Einfachheit erfordert also vor rung mit wir verwirren: «Wir kategorisieren Identifier (DOI) und andere elektronische
allem eins: viel Kreativität. Neben der Doppel- depressive Störungen…» Die APA empfiehlt Neuheiten.
nennung (Patientin und Patient) sind übrigens deswegen eine ganz gezielte Anwendung von
FS12 aware
UNI LIFE 11

«Wir haben den Zugang zur Blackbox geknackt»


Abschiedsinterview mit Herrn Prof. Dr. Friedrich Wilkening

Professor Wilkening, Inhaber des Lehrstuhls Wo sehen Sie die positiven Veränderungen der rere Informationen verarbeiten können. Und diese
für Allgemeine und Entwicklungspsycholo- letzten 40 Jahre? Verknüpfung findet nach ganz systematischen Re-
gie, begrüsst mich mit ganz kalten Händen. Die Vorlesungen sind besser geworden. Sie müs- geln statt, als würden sie addieren oder multipli-
Draussen schneit es, und ob ihr es glaubt sen sich vorstellen, wir hatten Psychologie-Vorle- zieren. Dann kam die Entdeckung, dass das noch
oder nicht, er war in dieser Eiseskälte sungen ohne jegliche Visualisierung. Der Profes- viel mehr bedeuten könnte. Wenn wir akzeptieren,
rudern, und zwar ohne Handschuhe. Das sor stand da und las aus seinem Buch vor, ohne dass Kinder die Informationsintegration nach ein-
nenne ich echte Leidenschaft. Wüsste ich es dass man irgendwo Zugang zum Text gehabt hät- fachen algebraischen Regeln vornehmen und das
nicht besser, ich würde nicht darauf kom- te. Oft wussten wir gar nicht, wie die Fremdwörter auf einer Skala wiedergeben können, dann haben
men, dass dieser aktive Mann vor mir zu schreiben sind. wir auf einmal die Möglichkeit, die Jahrhundert-
bereits dieses Jahr emeritiert. Mit 32 Jahren Frage der Psychologie zu beantworten. Nämlich:
ist er Professor geworden. Exakt sein halbes Sie waren ja an sehr vielen Stationen in Deutsch- Wie kommt das Aussen ins Innen? Damit ist die
Leben und 65 Semester lang übte er diesen land und auch in den USA. Am längsten sind Sie Blackbox geknackt.
Beruf aus. aber an der UZH geblieben. Was ist so besonders
an Zürich? Sie emeritieren noch dieses Jahr. Wie geht es für
Von Fabienne Meier Das ganz Besondere hier am Psychologischen In- Sie weiter?
stitut ist die grosse Harmonie. Das habe ich sonst Erst einmal muss ich aufräumen. Dann bin ich in
Fabienne  Meier: nirgendswo in der Art erlebt. Auch die Stadt ist zwei oder drei Jahren vielleicht in der Lage, alles
Herr Wilkening, wie wohl die schönste, in der ich war. Es gibt aber in ein Buch zu packen. Aber zuerst will ich das ein
blicken Sie auf die auch viele interessante andere Orte. San Diego hat bisschen sacken lassen und bei Wanderungen
vergangenen 40 mich zum Beispiel sehr geprägt mit dem amerika- noch einmal darüber nachdenken. Ich bin jetzt
Jahre zurück? nischen Optimismus und Forschergeist. Das sage auch Grossvater geworden.
Prof.  Dr. Wilke- ich als Motivation, um die Schweizerinnen und Ausserdem rudere ich schon seit fünfzig Jahren.
ning: Es hat sich Schweizer zu bewegen, auch mal was anderes Es ist schon auch hart, frühmorgens aufzustehen
viel verändert. kennenzulernen. Das ist der grosse Nachteil von und bei Temperaturen um den Nullpunkt auf dem
Jetzt fühle ich mich Zürich, dass niemand hier weg will. Zürichsee zu rudern. Für mich ist es ein Mittel-
in der Rolle des al- ding zwischen Lustgewinn und Masochismus.
ten Mannes. Es gab früher z. B. keine Textverar- Welche Frage hat Sie inhaltlich am meisten be- Das Rudern beschert mir Flow-Erlebnisse und
beitung, kein Word. Ich musste meine Manu- schäftigt in Ihrem Leben? bringt mir die Erinnerungen an die Jugend zurück.
skripte mit einer Schreibmaschine selbst tippen. In meiner Doktorarbeit behandelte ich die Rela-
Und wenn dann ein Satz nicht passte, dann muss- tivität der Wahrnehmung. Später bin ich dann in Was würden Sie der neuen Generation von Psy-
te man das Ganze nochmals von vorne abtippen die Entwicklungspsychologie gerutscht. Aber für chologiestudierenden gerne mitgeben?
ohne Korrekturmöglichkeiten. Es gab auch kein Entwicklungspsychologen und Entwicklungs- Erst einmal eine Offenheit für das Fach. Ich war
SPSS. Ich habe mit einem kleinen Programm auf psychologinnen war ich kein richtiger Entwick- einige Jahre lang Editor einer ganz allgemeinen
dem Taschenrechner selber individuelle Varianz- lungspsychologe und für die Allgemeine Psycho- Zeitschrift, und jetzt bin ich beim Nationalfonds
analysen für jedes Kind gerechnet. logie war ich kein Allgemeiner Psychologe. Ich einer von zwei Forschungsräten für die Psycholo-
Früher hätte ich gesagt, wir brauchen so etwas stand so zwischen diesen beiden Gefällen, und gie. Darum kann ich aus Erfahrung sagen, dass
wie Bologna. Aber leider ist damit verloren ge- das war sehr fruchtbar. auf den zweiten Blick alles interessant ist. Das
gangen, was früher die Universität ausgemacht Durch Zufall habe ich dann etwas herausgefun- wäre meine Botschaft. Und man sollte nicht von
hat: die Freiheit. Die grösser werdende Einen- den, von dem ich gar nicht wusste, wie sensatio- Anfang an eine Professorenlaufbahn ausschlies-
gung würde ich als eine der grössten Verände- nell es war. Mich hat interessiert, wie wir ver- sen. Das ist ein spannender Beruf. Ich bin froh,
rungen seit 1979 betrachten. Ich habe die Um- schiedene Einzeleindrücke zu einem Gesamt- dass ich das geworden bin. Diese Motivation
wälzungen 1968 als Student miterlebt. Wir haben eindruck verbinden. Unsere Entscheidungen ba- muss bei den Schweizerinnen und Schweizern in-
gegen das alte Ordinariensystem protestiert, also sieren ja immer auf mehreren Informationen. Bei tensiviert werden. Sie haben ja an der Universität
gegen die Leute, wie ich es jetzt bin. Ich habe meiner Re-Lektüre fiel mir auf, dass Kinder nach Zürich den Vorteil, dass sie hier an einem Spitzen-
drei Jahrzehnte ohne Rituale erlebt. Und jetzt Piaget immer nur eine Information verarbeiten institut im internationalen Feld sind, wahrschein-
geht es zurück zum Konservativen und Regle- können. Ich habe dann aber herausgefunden, dass lich sogar am besten Psychologischen Institut im
mentierten. sie sehr wohl schon weit unter sieben Jahren meh- deutschsprachigen Raum.
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Die Kunst des Verführens

Wie wir sie uns aneignen, weshalb und wie verwendet. Erreichen wir Begehrtes nicht, ver- sich gerade vorgenommen hat, mit dem Rau-
wir sie anwenden und wozu sie gut sein kümmern jene Verhaltensweisen, die wir für chen aufzuhören. Endgültig. Die Torte hat aber
könnte – ein Streifzug durch die Verfüh- eigenes Versagen verantwortlich machen – noch nie so süss ausgesehen, nie zuvor klang
rungskunst. Skinner (1953) und seine Box lassen grüssen. der Titel eines Buches so vielversprechend, und
Andererseits steigern wir unser Verführungs- wie fein die Zigarette zwischen den Fingern
Von Dragica Stojković und Melanie Contró Prado können dadurch, dass wir Anderen beim Ver- liegt, wäre es nicht schandhaft, sie nicht anzu-
führen zuschauen und uns das eine oder andere zünden? Das Verbotene wird so zum verlo-
So, jetzt gehen wir noch in die Stadt, Mami und abschauen. Modelllernen würden wir dieses ckenden Genuss, dem man sich hingeben muss,
ihr süsser Fratz, wo wir es uns gut gehen las- Phänomen in Banduras (1977) Sprache nen- ja, dem man sich sogar hingeben will. Der Ver-
sen. Mami wird sich diese Tasche kaufen, die nen. Die ganz Ausgeklügelten unter uns wer- suchung zu widerstehen wäre geradezu dumm,
sie schon so lange will, und dir, Liebling, wird den sich auch Ratgeber zu Gemüte führen und denn zu gross wäre das Versäumnis. Und ei-
sie ein neues Käppchen kaufen, und deinen sich Tipps und Tricks von Leuten holen, die gentlich sind wir ja sonst so brav, so diszipli-
Lieblingssaft wird Mami auch mitnehmen, so sich im Gebiet der Verführung zu Expertinnen niert – man soll sich doch von Zeit zu Zeit et-
dass wir uns nachher an den See setzen und die und Experten ernannt haben – ist dies nicht was gönnen! So wird auch die von Festinger
Sonne geniessen können. Ja, so machen wir eine Form von präventiver Psychoedukation (1957) beschriebene kognitive Dissonanz aus
das, nicht wahr? Aber Papi sagen wir nichts, gegen frustriertes Liebesleben? Wer aber die der Welt geschafft und die letzte Barriere auf
gell! Papi will nämlich nicht, dass Mami sich Verführungsmacht von Sprache am eigenen dem Weg hin zum Verbotenen frei. Dies ist die
schöne Taschen kauft. Leib bereits erfahren hat, wird wahrscheinlich Kunst der Verführung, denn sie fordert nicht
keine Ratgeber konsultieren, sondern sich fik- nur die Bejahung der verbotenen Tat, sondern
Dies sind Worte, wie sie so manch eine Mutter an tiven Verführungsszenen hingeben, wie sie auch die leidenschaftliche Bejahung und Glori-
ihren Säugling richten könnte. Mit dieser nied- von Baudelaire, Goethe, Hawthorne, Tolstoi, fizierung des gelegentlichen Vergehens. Eine
lichen und sich harmlos gebenden Rede wird das Gertrud Kolmar und vielen weiteren erschaf- Kunst, die – «richtig» eingesetzt – so manch
Kind zum Komplizen gemacht: Es beteiligt sich fen wurden. Rat lässt sich aber auch in der Ly- einen Tag im Leben vergnüglicher gestalten und
nicht nur am eigentlich verbotenen Ausflug, son- rik finden, z. B. in Ovids Lehrgedicht Ars die Lebenslust und Lebensqualität steigern
dern auch daran, diesen Ausflug nachher zu ver- amatoria, das auf kunstvoll gestaltete und kann.
schweigen. Bemerkenswert ist an dem fiktiven amüsante Art die Möglichkeit bietet, die eige-
Beispiel, dass die Mutter das Kind zum Kompli- nen Liebeskünste aufzupäppeln. Die interpersonelle Verführungssituation
zen macht, bevor es überhaupt reden und plap- Menschen sind nicht nur verführbar und selbst-
pern könnte, und dem Kind so Fähigkeiten unter- Selbstverführung: Die internalisierte verführerisch, sie wenden sich auch als Ver-
stellt, die es noch gar nicht hat, ihm sozusagen Verführung führende in eigener Mission an ein Gegenüber.
Kredit gibt (vgl. Boothe, 2005). Dieser, so lässt Gut, dass wir unsere Verführungskünste an uns Wer verführt, versteht es, eine Vielzahl von
sich vermuten, ist für die Entwicklung des Kin- selbst erproben und verbessern können! Selbst- Ausdrucksmöglichkeiten zu instrumentalisie-
des von essenzieller Bedeutung. Solche Szenen verführungen sind Zückerchen des Alltags, ren: Kleidung, Schmuck, Körperbewegungen,
mögen sich im Säuglings- und später im Kindes- Fluchtorte inmitten bedrückender Terminlast, Körperduft, auch die eigene Sprache sollen
alter immer wieder ereignen, so dass das Kind Rebellionsmöglichkeiten gegen Verpflich- Begehren wecken und dem Verführten eine be-
nicht nur ein «Verführungsskript» erstellen kann, tungen und Strenge, ob fremde oder eigene. In stimmte Fantasie schmackhaft machen, so dass
sondern qua Internalisierung dazu befähigt wird, Momenten, in denen man eigentlich der eigenen er sich willentlich der Mission des Verführen-
sich und andere liebevoll zum genussvollen Versuchung widerstehen müsste, erscheint sie, den hingibt.
Mini- oder Maxivergehen zu verführen. Eine diese innere Stimme – leise, aber dringlich – Vereinfacht kann die dyadische Verführungssitu-
Kunst, die uns ein Leben lang bereichert. und flüstert uns zu, nur einmal solle man es wa- ation als eine Interaktion zwischen zwei Ak-
gen, Konsequenzen werde es sicher keine haben teuren beschrieben werden: Den aktiveren Part
Mit der Zeit elaborieren wir unsere Verfüh- und, ach, wenn auch, gelohnt hätte es sich trotz- nennen wir den Verführer, den passiveren Part
rungsskripte und Verführungsfähigkeiten. Ei- dem! Dies mag sich vor einem unsagbar verlo- den Verführten. Die aktive Person ist bemüht da-
nerseits, indem wir unser Können erproben ckenden Stück Torte ereignen, wenn das Abend- rum, die passivere Person für ein eigenes Vorha-
und durch Reaktionen unserer Umwelt konditi- essen bald anstünde, vor einem guten Buch, ben zu gewinnen, sie im Dienste des eigenen
oniert werden. Was in wünschenswerter wenn dringendst die Uniarbeiten erledigt wer- Projekts zum Co-Akteur zu machen. Ausgeklü-
Richtung wirkt, wird verstärkt und wieder- den sollten, oder vor einer Zigarette, wenn man gelte Verführerinnen und Verführer bringen ihr
TITELTHEMA FS12 aware 13

Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Verführung


auf ein Schema zu reduzieren, in dem eine Per-
son eine andere für eigene Zwecke manipuliert
und täuscht. Die Rollenaufteilung bezüglich des
aktiven und passiven Verhaltens muss keines-
wegs stabil sein. Leicht ist vorstellbar, wie In-
teragierende sich in ihren Rollen als Verführen-
de und Verführte abwechseln, ganz ähnlich wie
in der Beanspruchung des Rederechts, wenn wir
mit anderen kommunizieren. Dies mag einer-
seits der Fall sein, wenn der Verführende hin-
sichtlich seines Vorhabens Skrupel hat, unsicher
und zögerlich ist und selbst erst noch überzeugt
werden muss – oder wenn zwei Menschen auf-
einandertreffen, die beide etwas im Schilde füh-
ren, mag es auch dasselbe sein. Besonders
schwierig ist die eindeutige Zuschreibung der
Handlungsinitiative dann, wenn sich Verführer
als Verführte geben, dabei aber insgeheim spie-
lerisch oder gar intrigant passiv verführen.

Verführt wird nicht ohne Voraussetzungen


Was zeichnet gekonnte Verführerinnen und Ver-
führer aus psychologischer Perspektive aus? Im
Folgenden werden einige vermutbare Vorausset-
zungen aufgezählt.
Um eine Verführung zu initiieren, darf es an
Selbstbewusstsein nicht mangeln. Für eine be-
sonders wirkungsvolle Verführung füge man das
Vertrauen, mit dem eigenen Werben Erfolg zu
verzeichnen, hinzu. Letzteres wird im Psycholo-
giejargon Selbstwirksamkeit (Bandura, 1997)
genannt. Des Weiteren muss der oder die Ver-
führende sich zügeln und geduldig warten kön-
nen, die Fähigkeit des Belohnungsaufschubs
(vgl. Mischel, Shoda & Rodriguez, 1989) besit-
Bildquelle: Barbara Antoinette Haegi

zen. Und weil Verführungen risikoträchtige Un-


ternehmen sind, sollte die verführende Person
zudem mit Mut und genügend Angsttoleranz
ausgestattet sein. Eine weitere Voraussetzung
lässt sich Brigitte Boothes Text in dieser Ausga-
be (S. 37) entnehmen: soziale Intelligenz. Sozi-
aler Intelligenz bedarf der oder die Verführende,
Gegenüber dazu, das Vorhaben zu bejahen, auch Ein zwielichtiges Unternehmen, das nicht ge- um aufzuspüren, bei wem er wie mit seinem
wenn zum Zeitpunkt der Einwilligung nur geahnt fahrlos denkbar ist – verführt wird, der Worther- Werben erfolgreich sein und, basaler noch,
werden kann, worauf man sich einlässt, denn wer kunft nach, ab vom rechten Weg (lat. se-ducere: welches Gegenüber verführbar ist und welches
verführt, gibt sein Ziel nicht unkaschiert preis. wegführen). nicht. Auch die zu Verführenden müssen ge-
14 aware FS12 TITELSTHEMA

wisse Voraussetzungen erfüllen, wie z. B. Anti-


zipationsvermögen und die Fähigkeit, Unsicher-
heit und Aufregung zu ertragen und zu geniessen.
Ferner sollten sie über genügend Vertrauen ver-
fügen, um sich der Lenkung einer anderen Per-
son hingeben zu können.
In Sören Kierkegaards Tagebuch des Verführers
wird eine weitere Voraussetzung benannt: Wer
verführt, muss die «Macht des Wortes» besitzen,
und sein oder ihr Interesse gilt nicht dem Ziel
der Verführung, sondern dem Wie, der Methode
des Verführens. Diese Voraussetzung bringt
Kierkegaard zur Aussage, Don Juan sei kein
richtiger Verführer, denn er mache von Sprach-
macht keinen Gebrauch.

Auch wir wollen uns im Folgenden – wie Thekla


Schulze (S. 20) – an de Laclos Briefroman Ge-
fährliche Liebschaften orientieren, um einerseits
die Frage, was Verführung auszeichnet, anhand
eines Beispiels zu illustrieren und andererseits
die Schrift als Medium der Verführung näher zu
beleuchten.

Die Verführung in der Literatur des 18.


Jahrhunderts: «Les Liasons dangereuses»
Gefährliche Liebschaften ist ein vierteiliger
Roman in Briefform von Pierre Choderlos de
Laclos. Der Briefroman war zu dieser Zeit eine
der populärsten Formen literarischer Publika-
tionen, man denke nur an Die Leiden des jun-

Bildquelle: Stefanie Umbricht


gen Werther von Goethe. Im Vorwort von
Briefromanen des 18. Jahrhunderts wird ge-
wöhnlich darauf hingewiesen, dass es sich
nicht um fiktive Briefe handle – man mag sie
z. B. in einem alten Schrank im Landhaus ge-
funden, sorgfältig zusammengetragen und un-
ter Abänderung der Namen der Öffentlichkeit Akteure, die Briefe schreiben und erhalten: Fünf Öffentlichkeit ein falsches Bild von sich zu ge-
zugänglich gemacht haben. Wir Lesenden las- Hauptfiguren und einige Nebenfiguren tauschen ben. Sie versteckt sich hinter dem Bild der ru-
sen uns nur allzu gerne durch diese Floskeln untereinander Briefe aus. Valmont, die männ- higen Witwe, die sich in der Gesellschaft zu be-
verführen, möchten wir doch glauben, dass wir liche Hauptfigur, geniesst seinen adligen Status nehmen weiss, wobei sie im Geheimen als
einen wahren Skandal lesen, der sich womög- im Paris vor der Revolution und lebt vom Ver- Femme fatale die Männer manipuliert und ver-
lich noch vor unseren Augen zugetragen haben gnügen, eine Frau nach der anderen zu verfüh- führt. Gemeinsam verfolgen die beiden zu Be-
könnte. ren. Allerdings langweilt er sich unterdessen, ginn befreundeten, am Ende aber verstrittenen
denn die Frauen machen es ihm zu einfach. Sei- Hauptfiguren zwei Ziele: Valmont möchte Ma-
Das Einzigartige am Roman von de Laclos ist ne weibliche Gegenfigur, die Marquise de Mer- dame de Tourvel verführen, eine verheiratete
nicht die Briefform an sich, sondern die Anzahl teuil, ist eine junge Witwe, die es versteht, der und sehr religiöse Frau, die nur Gott und ihrem
TITELTHEMA FS12 aware 15

Mann ergeben ist und als Beispiel der Tugend Als Valmont bemerkt, dass Madame de Tourvel briefe fein konstruiert sein, denn kleinste Lü-
gilt, während Merteuil sich an einem ehema- seine Briefe gar nicht mehr liest, sondern unge- cken und Widersprüche führen zu Misstrauen
ligen Geliebten rächen möchte. Dazu benötigt öffnet zurückschickt, lässt er ihr dauernd den beim Empfänger (Seylaz, 1998). Valmont
sie jedoch Valmonts Hilfe, der die zukünftige gleichen Brief in einem neuen Umschlag zu- schreibt seine Briefe immer auf zweideutige Art
Frau des ehemaligen Geliebten noch vor der kommen und verleiht ihr so den Eindruck, dass und Weise, um einerseits den direkten Empfän-
Hochzeit entjungfern und schwängern und ihr er sich die Mühe macht, immer wieder von Neu- ger anzusprechen und andererseits seine eventu-
damit ein ganz besonderes Geschenk zur Hoch- em seine Gefühle zu Papier zu bringen. ellen Mitlesenden. Das wohl bekannteste Bei-
zeit bescheren soll. Der Brief wird aber auch dann benutzt, wenn spiel für diese Doppeldeutigkeit ist der Brief,
äusserste Vorsicht geboten ist und man sich zwar den Valmont an Madame de Tourvel schreibt,
treffen kann, aber nur im Beisein anderer. Die während er noch mit der Prostituierten Emilie
«Der Brief ist und bleibt ein unver-
Zeilen im Brief teilen mit, wann man sich heim- zusammen ist und deren Rücken als Schreibun-
gleichliches Mittel, auf ein junges
lich treffen kann, wobei bereits die Übergabe terlage braucht. Jeder Satz, den Valmont
Mädchen Eindruck zu machen; der
des Briefes auf raffinierte Art und Weise ge- schreibt, wird Madame de Tourvel als Ausdruck
tote Buchstabe wirkt oft stärker als
schieht. So findet eine Nebenfigur, die Harfen- seiner Gefühle für sie verstehen. Die Lesenden
das lebendige Wort.»
spielerin, die Briefe ihres Liebhabers im Instru- hingegen, denen die Episode mit Emilie bekannt
– Kierkegaard
mentenkoffer und legt ihre Antworten jeweils ist, verstehen den gesamten Brief um eine Be-
dorthin zurück. deutungsebene reicher.
Der Brief als Verführungsmittel So gefährlich die Schriftlichkeit für Merteuil
Dadurch, dass der Roman Gefährliche Lieb- Die Gefahr der Schriftlichkeit und schliesslich ebenfalls für Valmont sein mag,
schaften in Briefform geschrieben ist, finden Der Streit zwischen Valmont und Merteuil muss so wichtig ist sie für den Verführenden, dessen
wir zwei Arten der Verführung wieder: Einer- im historischen Kontext gelesen werden. Val-
seits gibt es die direkte Verführung, bei der die mont ist ein Mann, Merteuil eine Frau. Valmont
Vom klassichen und modernen Don
beiden Personen gegenwärtig sind und die hat das Recht, ein Don Juan zu sein, wird insge-
Juan
Handlungen des Verführers sowie die Reakti- heim sogar dafür bewundert. Merteuil hingegen
Es ist nicht erstaunlich, dass einer der wich-
onen des Verführten im Mittelpunkt stehen. darf keine Femme fatale sein, denn im 18. Jahr-
tigsten Verführer zu Beginn der Neuzeit
Andererseits findet die Verführung durch das hundert war es äusserst verpönt, wenn eine Frau
entstanden ist. Don Juan taucht erstmals im
Medium der Schrift statt, wobei der oder die Geliebte hatte. Also muss Merteuil immer auf
16. Jahrhundert in einem Theaterstück des
Schreibende verführt, während jene Person, der Hut sein und andere Verführungsstrategien
spanischen Mönchs und Autors Tirso de
die den Brief empfängt, dem Geschriebenen anwenden als Valmont. Beispielsweise muss sie
Molina auf. Es handelt sich bei Don Juan
gegenüber eine ablehnende oder zustimmende jeden ihrer Geliebten zum Stillschweigen brin-
um eine fiktive Figur, erfunden, um den Zu-
Haltung einnehmen kann. gen – dies vollbringt die Dame auf eine nicht
schauerinnen und Zuschauern ein abschre-
Im ersten Teil des Romans entbricht ein Streit ganz feine Art. Im Fall von Prévan z. B. macht
ckendes Beispiel dafür zu geben, was pas-
zwischen Merteuil und Valmont über diese sie ihm gegenüber eindeutige Avancen und lädt sieren kann, wenn man die Regeln der
beiden Verführungsstrategien, wobei Merteuil ihn ein, nachts nach einem Fest noch bei ihr zu Kirche missachtet und stattdessen reihen-
die Meinung vertritt, dass Schreiben völlig bleiben. Nachdem Merteuil ihr Vergnügen hatte, weise Frauen verführt und Gott verspottet.
zwecklos sei, da die zu verführende Person gar schreit sie um Hilfe, als wäre sie soeben gegen Don Juan nimmt ein tragisches Ende und
nicht anwesend ist und der oder die Verführen- ihren Willen von Prévan überfallen worden. So fährt im letzten Akt unter Getöse und vielen
de so nicht die Früchte seiner Arbeit ernten kann sie ihren guten Ruf bewahren. Merteuil ist Spezialeffekten in die Hölle. Zahlreiche Au-
könne. Valmont hingegen ist der Ansicht, dass also ständig auf der Hut, keinen Beweis über ihr toren nahmen die Figur des Don Juans wie-
der Brief eine langsamere und dafür umso ef- Tun zu hinterlassen. Deshalb kann sie auch kei- der auf und schrieben andere Versionen
fektivere Verführungsmethode darstellt. Aus- ne Briefe an ihre Liebhaber schicken, denn dies seiner Geschichte, so auch Max Frisch. Sein
serdem stellt der Brief zusätzlich zu seiner wäre eine zu grosse Gefahr. Don Juan ist ein wissbegieriger Intellektuel-
Rolle als schriftlicher Dialog immer auch ein Valmont hingegen kann den grossen Nutzen der ler und Frauenheld wider Willen, dessen
Objekt dar, das aufbewahrt oder zurückgege- Briefe ausschöpfen, denn der Schreibakt lässt Hölle am Schluss des Stücks darin besteht,
ben, ans Herz gedrückt oder zerrissen werden Überlegungen und Entwürfe zu und eignet sich auf ewig mit derselben Frau zusammenzu-
kann. Als solches verleitet er den Empfänger daher besser für ausgeklügelte Strategien als leben und Vater zu werden.
zur Handlung. eine direkte Avance. Doch müssen Verführungs-
16 aware FS12 TITELTHEMA

Grösse grundsätzlich davon lebt, dass über seine


Eroberungen und Verführungskünste berichtet
wird. Soll sein Ruf ihm vorauseilen, müssen seine
Taten zu anderen als nur den Verführten gelangen,
indem z. B. die Verführungskünste in einem Brief
rapportiert werden oder man am nächsten Tag in
der Oper ausgiebig darüber spricht (Goldzink,
2001). Valmont lebt vom Kommentar über sein
Verführungsgenie, bis er schliesslich daran unter-
geht. Als sich die Handlung verstrickt und eine
Intrige um die andere nach sich zieht, steht Val-
mont vor den Trümmern seines Tuns: Madame de
Tourvel hat sich ihm ergeben, aber sie geht auf
Valmonts Verrat hin, der sie verlässt, weil Mer-

Bildquelle: Dragica Stojković


teuil ihm vorwirft, von der tugendhaften Dame
abhängig geworden zu sein, voller Scham und
Trauer in ein Kloster. Valmont muss erkennen,
dass er nur das Opfer einer Intrige von Merteuil
war und schliesslich mit der Abreise von Madame
de Tourvel die einzige Frau verliert, die er je ge-
liebt hat. Valmont hinterlässt Madame de Tourvel
alle Briefe, die er von Merteuil erhalten und in Fassen wir zusammen: Die beiden Hauptverfüh- Kunst, wie sie in de Laclos Valmont oder Kier-
denen sie ihm ausführlich ihr Tun beschrieben hat. renden, Valmont und Merteuil, zeichnen sich kegaards Johannes (Tagebuch des Verführers)
So gibt er ihr die Macht über die Femme fatale. durch Doppeldeutigkeit aus, die sich in Mer- zum Zuge kommt. Das Verführungsgeschehen
Kurz darauf stirbt Valmont in einem von Merteuil teuils Fall in ihrem Doppelleben als gesell- vertreibt Langeweile und kann reich an Skan-
provozierten Duell. Für Merteuil trifft nun die Si- schaftlich angesehene Witwe und versteckte dalen, Dramen und Aufregungspotenzial sein.
tuation ein, vor der sie sich immer bewahren Femme fatale zeigt, während sich in Valmonts Verführung kann tragisch werden, tödlich en-
wollte: Sie wird öffentlich blossgestellt und muss Fall die Doppeldeutigkeit in seinem Schreiben den, aber auch ohne Tod zieht sie nicht selten
das Land verlassen. Als sie auch noch an Pocken entfaltet. Beide sind bereitwillig intrigant, Leere und Sinnlosigkeit sowie die qualvolle
erkrankt und im ganzen Gesicht entstellt wird, schamlos und gnadenlos im Verfolgen von Ei- Frage «Wieso bloss habe ich das getan?» nach
verliert sie nicht nur ihren Reiz, sondern auch ihr geninteressen und legen grossen Wert auf Unab- sich (vgl. Kasten Vom klassischen und moder-
Gesicht vor der Welt. hängigkeit. Das Objekt der eigenen Verführung nen Don Juan). Dem Risiko zum Trotz schau-
Die Schriftlichkeit birgt also eine Gefahr, jedoch zum geliebten Subjekt zu machen, wird deswe- en wir ab und an listig zur Seite und nehmen
auch eine Verlockung, denn was in den Briefen gen als Eigenverrat aufgefasst. Wer um der Ver- den einen oder anderen Schritt ab vom rechten
zwischen Valmont und Merteuil steht, ist für die führung Willen verführt, darf sich demnach Weg: eines heissen Fangs oder der Ästhetik
Gesellschaft äusserst interessant zu lesen. Auf die nicht der Liebe hingeben – zumindest nicht je- des Vergehens wegen.
gleiche Weise ist der Roman von de Laclos einer- ner für den verführten Anderen.
seits schockierend für die Gesellschaft dieser Zeit Zum Weiterlesen
und entging nur knapp der Zensur. Andererseits Weshalb wir verführen Frisch, M. (2006). Don Juan oder Die Liebe
reissen sich die Leserinnen und Leser geradezu Was motiviert uns zum Akt der Verführung? zur Geometrie. Berlin: Suhrkamp.
um das Buch und es wurde innert kürzester Zeit Sicherlich kann der Zweck der Verführung lu- Kierkegaard, S. (1983). Tagebuch des Ver-
zu einem Beststeller. Man erzählt sich, dass sogar krativ sein, wie z. B. die Tasche für die Mutter, führers. Frankfurt a. M.: Insel Verlag.
die Königin, Marie Antoinette, ein Exemplar da- Anna für Karl oder, wie in Merteuils Fall, die Ovid. (1992). Ars amatoria – Liebeskunst.
von besass, jedoch mit einem anderen, unverfäng- Aussicht auf Rache. Mindestens so motivie- Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und heraus-
lichen Umschlag, so dass von aussen nicht jeder rend kann aber auch der Akt des Verführens an gegeben von Michael von Albrecht. Stuttg-
sehen konnte, mit welcher Lektüre sie sich die sich sein: die Erprobung der eigenen Wir- art: Reclam.
Zeit vertrieb. kungsmacht und die Verfeinerung der eigenen
PSYCHOLOGIE & KULTUR FS12 aware 17

Evas sündige Verführung


Zur biblischen Urgeschichte zwischen Individuation und Erotismus

In mythischen Bildern erzählt die Bibel, wie «Verführung zum Bewusstsein» später im Text als Geburt der Söhne Adam und
die Frau dem Mann die verbotene Frucht Genesis 2 – 3 Evas beschrieben wird) fähig ist. Durch das Be-
brachte und dabei die Menschheit zum 2, 7 Da formte Gott der Herr den Menschen aus wusstwerden der inneren Anima kann der Mann
ephemeren, leidenden Dasein verdammte. der Erde vom Ackerboden und blies in seine zu sich selbst kommen. Die Einsicht in die eige-
Die Tiefenpsychologie sieht in der Ursünde Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu nen weiblichen Anteile verhilft dem Menschen,
die Geburt des Bewusstseins, die Kunst einem lebendigen Wesen. […] aus seiner Unbewusstheit herauszutreten. Dies
entdeckt in ihr die erotische Figuration vom Nach Kassel steht zuerst der bewusstlose Urzu- schafft er nur, wenn er die Ursprungseinheit mit
Verborgenen. stand des Menschen, welcher als archaisch-para- der «Grossen Mutter» auflöst: Durch das Verlas-
diesische Harmonie beschrieben wird, in der das sen von «Vater und Mutter», den primären Be-
Von Homayun Sobhani Leben ewig ist, «ohne Werden und Vergehen, zugspersonen und Liebesobjekten, kann der
blosses Da-Sein ohne Geschichte» (ebd., S. 67). Mensch seiner Subjektwerdung als geschlecht-
Die Sündenfallgeschichte gehört nicht nur zu Entsprechend der Ontogenese des Säuglings aus lich-bewusste Einheit gerecht werden (vgl. ebd.,
den berühmtesten Stücken biblischer Überliefe- der Einheit mit der Mutter, so Kassel, nehme die S. 66–70).
rung, sie dient seit jeher der Kunst, Literatur und Menschheit ihren Anfang aus der «Alleinheit mit 2, 17 … doch vom Baum der Erkenntnis von Gut
Geisteswissenschaft als mächtige Inspirations- dem Seienden», aus der Einheit mit der «Mutter und Böse darfst du nicht essen; denn wenn du
quelle und wurde über Jahrtausende hinweg zu Erde», dem Archetypus der «Grossen Mutter». davon isst, wirst du sterben. […] 3, 6 Da sah die
einer komplexen menschlichen Thematik von Sein Werden entreisst ihn der Natur, der unbe- Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu
universellem Interesse. Dieses manifestiert sich wussten Einheit mit der Umwelt, wobei hier Gott essen, dass der Baum eine Augenweide war und
besonders in der Figur der Eva, welche in der als das Individuationsprinzip wirkt. dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von
kirchlich-theologischen, maskulin-kanonischen 2, 21 Da liess Gott der Herr eine Ohnmacht auf seinen Früchten und ass; sie gab auch ihrem
Wirkungsgeschichte als der Ursprung des Bösen den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm Mann, der bei ihr war, und auch er ass.
in der Welt verteufelt wurde. So wurde ihr Ima- eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Im Begehen der Ursünde sieht Kassel das eigent-
go zur Ursache für das Elend der Frau und zum Fleisch. 2, 22 Gott der Herr baute aus der Rippe, liche Triebwerk des Geschehens: das Werden des
Petrefakt ihrer aufgezwungenen Fremdeinschät- die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau Menschen. Der Sündenfall sei kein Zeugnis für
zung im judäo-christlichen Patriarchat. Doch die und führte sie dem Menschen zu. […] 2, 24 Da- eine moralische Sachlage, sondern für eine on-
Gestalt Evas war für die anthropologische Neu- rum verlässt der Mann Vater und Mutter und bin- tische. Es ist gerade der Abfall von Gott, welcher
gier Anlass zu verschiedensten Exegesen, al- det sich an seine Frau, und sie werden ein den Menschen zu einer ethischen Handlung be-
len voran die Tiefenpsychologie beugte sich Fleisch. fähigt. Dabei versteht Kassel den Sündenfall als
ihrer ungebrochenen Verführungskraft. Maria Ein weiterer Schritt zur Bewusstseinswerdung eine weitere Ausdifferenzierung des Unbewuss-
Kassel, Dozentin für tiefenpsychologisch-fe- des Menschen ist die geschlechtliche Prägung. ten und seiner bewussten Erschliessung. Für die-
ministische Theologie, versucht, die Figur der Zuerst der mythischen Vorstellung entsprechend sen Prozess ist natürlich die Entwicklung spezi-
Eva in ein positives Licht zu rücken. Dabei als androgyn aufgefasst, wird Adam seiner Ani- fisch menschlicher Eigenschaften, konkret das
greift sie auf das Animus-Anima-Konzept von ma, dem «weiblichen Anteil» seiner Psyche, an- Vermögen zur bewussten Wahl und Unterschei-
C. G. Jung (1990) zurück, welches besagt, sichtig und durch diese Differenzierung zum dung, von unumgänglicher Bedeutsamkeit. Die-
dass jedem Subjekt stereotypische psychische Mann; erst jetzt wird dadurch überhaupt seine sem Vermögen geht a priori die Freiheit voraus,
Anteile des anderen Geschlechts innewohnen. männliche Identität möglich. Aus jenem Tief- und diese findet der Mensch in seiner Loslösung
Bei ihrer Deutung geht Kassel von der Sün- schlaf, einer Versunkenheit in den tiefsten aus der symbiotischen Umklammerung der Na-
denfallgeschichte als archetypische Mensch- Schichten des Unbewussten gleichkommend, tur, der «Grossen Mutter»: Aus der Verführung
heitsgeschichte aus, welche die Psychogenese wird im Prozess der Selbst-Werdung die femi- wird Aufklärung zur Mündigkeit, aus der Hybris
der Gattung «Mensch» repräsentiert. Nach nine Seite des Mannes heraufbeschwört, was ei- der Wunsch nach vollkommener Autonomie des
Sigmund Freud rekapituliere die Ontogenese ner Ausdifferenzierung seiner eigenen Psyche bewussten Subjekts.
die Phylogenese. So parallelisiert Kassel das entspricht. Die Drastik des Rippenbildes impli- So wie der Erschliessung der Anima die Be-
Werden des Menschen mit der biblischen Er- ziert die Schmerzhaftigkeit des Bewusstwer- wusstwerdung des Mangels eines Gegenübers
zählung, welche sie als Darstellung des Indivi- dens: Zum Menschen tritt nun etwas Eigenes in vorangestellt wird, «so wird das Verlassen des
duationsprozesses, des Übergangs vom infan- Spannung, die als eine schöpferisch-kreative Paradieses, eines unbewussten Lebens angestos-
tilen, unbewussten Zustand in den des gereiften Spannung verstanden wird, da er erst durch die sen durch den von einem Baum gespiegelten
Bewusstseins, interpretiert (Kassel, 1993). Polarität der Psyche zu neuen Geburten (was Mangel an Erkenntnis» (ebd., S. 70), also an Be-
18 aware FS12 PSYCHOLOGIE & KULTUR

fähigung zum bewussten Leben. Wider die ge- choanalytischen Kunde über die Zivilisation als
meine Vorstellung vom Paradies als dem Ort Produkt der Verdrängung und Sublimierung des
ungetrübten Glücks sieht Kassel das Vergehen Unbewussten (vgl. Freud, 1930/1994), seine
des Menschen, sprich seinen Drang nach Sub- Entblössung vor der Natur durch kulturelle Leis-
jektwerdung und Wandel, als Konsequenz der tungen zu kompensieren.
offensichtlichen Unerträglichkeit des Zustands Trotz der positiven Bewertung des Verführungs-
«psychischen Stillstands» des Paradieses. motivs bleibt Kassels Exegese jedoch eindimensi-
Hauptsächlich die Anima des Mannes nimmt onal aus männlicher Psychologie dargestellt, der
die Unmündigkeit im Unbewussten wahr, sie androzentrische Akzent ist nicht zu überhören.
hat in dieser Szene eindeutig den aktiven Part Die Frau wird bei Kassel entgegen der kirchlich-
inne. Hier gebraucht der Mensch nicht Funkti- patriarchalen Auslegung von der Schuldhaftigkeit
onen des Logos und der Vernunft, die im Rah- am irdischen Übel freigesprochen. Doch schafft
men des Animus-Anima-Konzeptes als «männ- sie es mit dem Gebrauch des problematischen,
liche» verstanden werden. Bewusstsein und trotz ihrer progressiven Anwendung immer noch
Erkenntnis erlangt der Mann über seine weib- obsolet wirkendenden Animus-Anima-Konzeptes
liche, «irrationale» und «emotive» Seite, über nicht, Eva als autonomes Subjekt anzuerkennen,
die Neugier seiner Anima, ihre Unschwere, Re- geschweige am Fossil der geschlechtlichen Di-
geln zu brechen und ihren Wunsch, ihr darge- chotomie zu kratzen. Der Sündenfall wird als
legte Möglichkeiten auszuprobieren. Werden des bewussten Menschen gelesen, dieser
3, 7 Da gingen beiden die Augen auf, und sie er- ist aber ein Mann, die Frau blosse Projektionsflä-
kannten, dass sie nackt waren. […] 3, 23 Gott che. Als wissenschaftliche Untersuchung propa-
der Herr schickte ihn aus dem Garten von Eden giert Kassel trotz kritischem Blick und feministi-
weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem schem Anspruch dennoch einseitiges Menschsein,
er genommen war. […] 3, 19 [Gott sprach zu was partiell der misogynen, manifesten Textebene
Adam:] Mit Schweiss im Angesicht wirst du dein und der mit männlicher Einäugigkeit erfassten
Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden. Methode der freudschen Psychoanalyse zu Schul-
Von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist den kommt, welcher sie sich bei ihrer Auslege be-
du, zum Staub musst du zurück. […] 3, 22 Dann dient. Weiter sieht sie beim Menschen eine ange-
sprach Gott der Herr: Seht, der Mensch ist ge- borene Tendenz zur Erneuerung und Entwicklung
worden wie wir; er erkennt Gut und Böse. […] als vorausgesetzt. Diese wird in ihrem Text an
So zeigt sich die Anima des Mannes als seine keiner Stelle nur ansatzweise wissenschaftlich un-
Gier nach Fortschritt und Änderung. Adam wird termauert. Nach ihr drängt es den Menschen
verführt, nicht zum Bösen, sondern zum Be- förmlich zur Ruhelosigkeit und Produktion. Hier
wusstsein: «Der Sturz des Mannes ist entspre- wird aber ein promethisches, leistungsorientiertes
chend dem gigantischen Aufschwung tief, aber Menschenbild unreflektiert imitiert.
heilsam.» (ebd., S. 70) Für ihn war es notwendig,
das paradiesische Gesetz zu brechen, um sich «Erotismus als Erkundungsmittel»
seiner Selbst bewusst zu werden. Aber mit jener Eine ästhetische Betrachtung jedoch, welche die
Erkenntnis über sich und sein Leben ist die Sündenfallgeschichte nicht auf der analytischen
menschliche Erfahrung des Leidens und der Not Ebene der bewussten und unbewussten Mittei-
unumgänglich. Dem Menschen gehen die Augen lungen, sondern mehr auf der sinnlichen Bilde-
auf, und er sieht sich ohne Bekleidung nackt, als bene liest, könnte exegetisch möglicherweise auf-
schwaches Wesen, das nicht mehr von der «Mut- zeigen, dass die Grenze zwischen den
ter Natur» behütet wird: Je mehr Bewusstheit er Geschlechtern, welche die erste Voraussetzung
erlangt, desto stärker erscheint ihm die Über- Painting Palace. Gustav Klimt „Adam und Eva“.
aller geschlechtlichen Diffamierung schafft, «in-
macht der Natur und seine Abhängigkeit von ihr. [On-line]. Available: stabil ist und stets sich zu verflüssigen droht»
Er macht sich also daran, gemäss der alten, psy- http://www.painting-palace.com/de/paintings/25895 (Bronfen, 2002, S. 145) .
PSYCHOLOGIE & KULTUR FS12 aware 19

Keinem entgeht wohl die erotisch aufgeladene Sündenfallgeschichte. Zum Beispiel erscheint in dichtet. Jene als Schutzdichtung tätige Darstel-
Struktur des Sündenfalls, welche sich v. a. in der träumender Sinnlichkeit das Urbild des ersten lung deutet dabei auf eine nicht zu tilgende Diffe-
Verführung zum Verbotenen und Unbekannten Menschenpaares im Gemälde «Adam und Eva» renz zwischen Signifikant und Signifikat hin: Die
deutlich äussert. Während sich die klerikale Exe- von Gustav Klimt (1917) und bezeugt im Klang eigentliche Abwesenheit von etwas bezeugt des-
gese mit der Moralbotschaft, die wissenschaft- der Jugendstil-Ästhetik jenen Erotismus, die Ver- sen Anwesenheit. Dies bringt uns zum Begriff des
liche mit der chiffrierten Anthropogenese und so- führung Evas, als die Demarkationslinie, an wel- Fetischs, «jener kulturell tradierten weltlichen
zialhistorischen Implikation beschäftigte, führte cher der biblische Text die Sünde der Erkenntnis Transsubstantiation, die dazu dient, erotisch auf-
die darstellende Kunst jene bezeichnende Erotik nachzeichnete. Das Motiv der Erkenntnis ver- geladene Gegenstände mit der wahrhaften Anwe-
in den Mittelpunkt der diversen Abbildungen der schmilzt im Klimts Werk anschaulich mit jenem senheit eines abwesenden Körpers gleichzuset-
der Verführung: Erotik und Erkenntnis als zwei zen, dabei aber auch auf den Mangel hinzuweisen,
Das psychoanalytische Interesse an der Seiten ein und derselben Medaille. der sich zwischen der Verkörperung und dem an-
jahwistischen Urgeschichte Für Klimt bedeutete Erotik immer auch die Anzie- gedeuteten Körperteil ergibt» (ebd., S. 146). Für
Den Ursprung der Neurose sah Freud in der hungskraft des anderen Geschlechts. In dieser An- Freud war der Fetisch ein Ersatz für den mütter-
«Modifikation» der affektiven frühkind- ziehungskraft könnte man vielmehr aber auch den lichen Phallus, von dessen Vorhandensein der
lichen Beziehungen zu den Eltern bzw. pri- Wunsch des männlichen Künstlers sehen, sich Knabe zuerst ausging und aus Angst vor dem Ver-
mären Bezugspersonen (Richter, 1963, dem Femininen anzunähern, sich dessen Anders- lust des eigenen Penis in seiner Fantasie nicht ver-
S.  83), sprich in der unbewussten Erinne- artigkeit zuzulegen und für sich anzunehmen, zichten wollte. So überträgt er dessen Bedeutung
rung an einer dem kindlichen Triebwunsch «um das Fremde im eigenen Ich in eine visuelle auf Kompensationsobjekte oder ganze Verklei-
entgegenwirkenden Störung jener Bin- Formalisierung zu überführen». Denn wie Marcel dungen, welche für den absenten Körperteil her-
dung. Besonders hebt Freud die Beziehung Duchamp gesagt hat: «[Erotik] ist […] das einzige halten (vgl. Freud, 1948, S. 313).
zum Vater hervor. So lässt sich die Neurose
Mittel, um Verborgenes ans Licht zu bringen, um Demnach erscheint die Sinnlichkeit, der verfüh-
wesentlich als eine psychische Fehlentwick-
gewisse Dinge […] aufzudecken» (ebd., S. 145). rerische Körper des Anderen, ähnlich wie im
lung verstehen, in deren Zentrum das Ver-
Klimts Eva steht deutlich im Vordergrund des Ge- Phänomen des inszenierten Cross-Dressings, als
hältnis zum Vater steht. Weiter war er da-
mäldes, hinter ihr Adam. Diese Komposition eine fremde Verhüllung, in die der Künstler ein-
von überzeugt, dass die psychische
zeigt, wie sich der Künstler bzw. der männliche dringen kann, um durch sie zu sprechen. Evas
Entwicklung des Menschen der phylogene-
Blick des weiblichen Körpers als Schutzmaske Sinnlichkeit wird somit zur Schutzmaske, deren
tischen Entwicklung der gesamten Mensch-
bedient. So macht es durchaus Sinn, um die tie- Fetischismus eine erotische Transsubstantiation
heit gleich kommt. Die individuelle Psycho-
fenpsychologische Referenz beizubehalten, diese ermöglicht, die zwischen Wahrnehmung und
genese wiederholt demnach die
Darstellung von Erotismus als Mittel zur Aufde- Fantasie oszilliert.
prähistorischen Entwicklungsstadien der
ckung mit Freuds Terminus der Schutzdichtung zu Erotismus zum Erkundungsmittel zu erklären,
Phylogenese (Freud, 1982/1905). Damit ist
verbinden. Damit meinte Freud gewisse Phanta- führt also zur ästhetischen Verwischung jener
auch auf zwei wichtige strukturelle Merk-
sien, die verdrängtes, traumatisches Wissen auf Grenze zwischen Geschlechtern. Nicht einer In-
male der Sündenfallgeschichte hingewie-
sen: Die jahwistische Urgeschichte begreift
verzerrte Weise zum Ausdruck bringen. Das ver- differenz dem Geschlechterunterschied gegen-
sich als Menschheitsgeschichte, als Archety- borgene Wissen im Unbewussten wird, um in die über gleichkommend, welche die verhängnisvolle
pus phylogenetischer Grunderfahrung im bewusste Dimension zu gelangen und dabei für Diskrepanz zwischen Männlichkeit und Weiblich-
kollektiven Unbewusstsein der Menschheit. das Ich erträglich zu sein, in Dichtung transfor- keit komplett aufhebt, aber «im Sinne eines Wech-
Ferner sind die Entfremdung von Gott und miert. Also wird jenes Wissen zum Schutze des selspiels, eines steten Hin-und-her-Pendelns zwi-
das grosse Leiden am irdischen Elend zen- Subjekts chiffriert. Demnach wird im Gemälde schen dem Anderen im Selbst und dem Selbst im
trale Punkte. So kann man die Urgeschichte Klimts mit dem Ausdruck des erotischen Form- Anderen» (Bronfen, 2002, S. 145).
als unbewusst kollektiven Erinnerungsrest, drangs etwas aufgedeckt, doch nur, indem eine
«als Rekapitulation der Menschheitsent- neue Form der Verhüllung wieder eingeführt wird. Zum Weiterlesen
wicklung […] verstehen und zugleich diese Die Erotik der Eva im Bild, ihre verführerische Drewermann, E. (1977). Strukturen des Bö-
Entwicklung als eine Fehlentwicklung [...] Haltung wird zur visualisierten Implikation des sen. Die jahwistische Urgeschichte in exe-
betrachten», in deren Mittelpunkt das ge- Verborgenen, jenem Wissen, das der Verzehr des getischer, psychoanalytischer und philoso-
störte Verhältnis zum (Gottes-)Vater steht Apfels nur ermöglicht. Das verborgene Wissen, phischer Sicht, in drei Bänden. Paderborn:
(Drewermann, 1977, S. 1–9). symbolisiert im Baum der Erkenntnis, wird nicht Verlag Ferdinand Schönigh.
entmystifiziert, sondern im sinnlichen Körper ver-
20 aware FS12 PSYCHOLOGIE & KULTUR

Verführung: Ein Netz aus unscheinbaren Fäden

Verführung – ein Wort, drei Silben, doch ein tragisches Ende. Auch wenn dieses Ende für spinnt, in den sich andere verfangen können. Es
nur eine Bedeutung? Jeder weiss, was die heutige Zeit eher selten zutrifft, lässt es einen gibt keine allmächtige Technik. Selbst wenn die
damit gemeint ist, doch beschreiben lässt dennoch erkennen, wie geschickt die Manipulati- gleiche Person mehrere Male verführt wird, so ist
es sich nur schwer. Was steht hinter diesem on durch die Verführung wirkt und welches Aus- jede Situation und jedes Gefühl anders. Ein Ge-
bedeckten Wort und wie wird es verwen- mass sie annehmen kann. heimrezept, welches immer funktioniert, existiert
det? Ist das Verführen und das Verführt- Der Schlüssel des Erfolgs beim Verführen ist je- nicht. Ich denke, dass es schwerer ist, eine Frau zu
werden ein spannendes Spiel ohne nen- doch nach wie vor das Eingehen auf die individu- verführen als einen Mann. Frauen möchten um-
nenswerte Gefahren? Welche Unterschiede elle Psyche eines Menschen. Sehnsüchte und Be- garnt werden. Es ist eine Art Machtspiel, welches
kommen zwischen Männern und Frauen dürfnisse einer Person müssen erkannt und sie austragen. Männer geben sich hingegen mit
zum Tragen und was sagen Studierende zu befriedigt werden – das ist die wahre Kunst des einer weniger intensiven Aufmerksamkeit zufrie-
diesem Thema? Verführens. Inwiefern beide Geschlechter damit den, so dass der Aufwand der Verführung eher ab-
umgehen können, darüber gehen die Meinungen schätzbar ist.»
Von Thekla Schulze auseinander.
Alex, 26
Die Verführung und die Manipulation Studierende über das Thema Verführung «Verführung ist etwas Spannendes, da der Gedan-
Die Handlung des Romans Les liaisons dange- Wir haben einzelne Studierende befragt, welche ke, bis die Entscheidung feststeht, ob man sich
reuses (auf Deutsch: Gefährliche Liebschaften) Bedeutung sie hinter dem Wort «Verführung» se- überhaupt verführen lassen möchte, einen Reiz
von Pierre Ambroise François Choderlos de Lac- hen, ob es eine wahrhaftige «Verführungstechnik» und eine Herausforderung hervorbringt. Es ist wie
los spielt in Frankreich kurz vor der französischen gibt und welche Unterschiede sie aufgrund ihrer ein gewisses Machtspiel, in dem man eine Rolle
Revolution. Die Marquise de Merteuil schlägt Sé- Erfahrungen in weiblichen und männlichen Arten einnimmt. Als Erstes spielt sich die Verführung im
bastien de Valmont vor, die Braut – Cécile de Vo- der Verführung feststellen können. Im Folgenden Kopf ab, bevor es Wirklichkeit wird. Eine allge-
langes – ihres früheren Geliebten noch vor der werden einige Antworten zitiert: meine Verführungstechnik gibt es meiner Mei-
Hochzeitsnacht zu verführen. Für eine weitere nung nach nicht. Es kommt auf die momentane
Verführung der verheirateten Marie de Tourvel Melanie, 27 Situation an. Eine Anziehung muss bestehen, die
verspricht sie ihm sogar eine Liebesnacht. «Für mich bedeutet Verführung, einen anderen rein subjektiv von der Person abhängt. Beide Ge-
Wie man hier bereits erkennen kann, ist die Ver- Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun, was er schlechter suchen zwar eine Bestätigung hinter
führung ein durchaus verlockendes, wenn auch von sich aus vielleicht nicht machen würde. Wenn dem Verführen, verhalten sich diesbezüglich aber
manipulatives Spiel. Sie bringt das «Opfer» dazu, es in eine positive Richtung gelenkt wird, dann anders. Ich bin davon überzeugt, dass Frauen et-
etwas zu tun, was es eigentlich gar nicht will und finde ich es spannend und interessant, ob die an- was weiter denken als Männer. Frauen erscheinen
lässt den oder die Verführte ohne grosse Überle- dere Person mich überhaupt dazu bringen könnte, weniger spontan und denken mehr über die Kon-
gung und Rationalität handeln. Die Verführung etwas zu tun, was ich eigentlich nicht beabsichtigt sequenzen nach, wohingegen Männer sich noch
umgarnt uns wie ein Netz aus unscheinbaren Fä- hatte. Es handelt sich um eine gewisse Manipula- nicht genau Gedanken gemacht haben. Sie han-
den. Dabei manipuliert die verführende Person tion, sei es eine gute oder schlechte, wobei ich der deln eher instinktiv.»
den Verführten oder die Verführte. Es kann sich Meinung bin, dass jeder selbst über das Ausmass
um ein Objekt oder einen Menschen handeln, de- der Verführung entscheiden kann. Eine univer- Wie man erkennen kann, zeigt sich uns die
nen wir nur schwer widerstehen können oder de- selle Verführungstechnik gibt es nicht, denn jeder Verführung in verschiedensten Gewändern. In
nen wir manchmal auch gar nicht widerstehen Mensch ist anders und reagiert auf andere Dinge. dem einen oder anderen Kleid wird sie jeden
wollen. Die, der oder das Verführende fordert uns Was bei einigen wirkt, ist bei anderen wirkungs- von uns betören. Wie einst Julius Cäsar sagte:
heraus und verlangt Tribut. Das soll aber nicht los. Die verschiedenen Techniken sollten auf die «Wer ist so fest, den nichts verführen kann?»
heissen, dass wir als Verführte gar keinen Einfluss Situation abgestimmt sein. Männer verführen ger- Wohl keiner!
nehmen können. Stellt sich die verführte Person ne mit einer gewissen Provokation, Frauen spielen
bewusst der Situation und ihrem Verführer bzw. hingegen eher mit ihren Reizen.» Zum Weiterlesen
ihrer Verführerin, gerät die manipulative Macht De Laclos, P. A. F. C. (2005). Les liaisons dan-
des Anderen ins Wanken. So auch in dem Buch Martin, 24 gereuses. France: Librairie Generale Française.
von de Laclos. Nachdem die Machenschaften der «Verführung ist eine machtvolle Kunst, eine ande- Levine, R. (2003). Die grosse Verführung. Psy-
Marquise de Merteuil aufgedeckt werden, nimmt re Person mit Reiz und Charme um den Finger zu chologie der Manipulation. Piper: München.
die Geschichte durch den Tod der Hauptfiguren wickeln. Sie ist wie eine Spinne, die ihr Netz
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT FS12 aware 21

Meine geliebte Frau, meine grösste Rivalin


Die Herausforderung des Neides in Liebesbeziehungen

Der Neid ist eine geächtete Emotion. Mit wirklichkeiten resultiert daraus eine psychische eine weitere Voraussetzung des Neides zu sein,
Liebe scheint er unvereinbar. Doch könnte Herausforderung, denen klassische Modelle müssen wir uns machtlos fühlen, das Gut, das
der Neid auf die/den Geliebte(n) eine durch eine stärkere Trennung von Leistungsni- der andere (uns voraus-) hat, in eigener Anstren-
zunehmende Herausforderung für moder- schen (vgl. Beach & Tesser, 1996) vorbeugten: gung selbst erlangen zu können. Durch die Nähe
ne Liebesbeziehungen sein. Trotz des mit ansehen zu müssen, wie das Gehalt der Ge- zum Beneideten einerseits wird uns ein eigener
destruktiven Potenzials, das ihn kennzeich- liebten in die Höhe schnellt, während meines Wunsch, ein eigener Traum, ein mögliches eige-
net, könnte eine Beziehung reifen, wenn stagniert; sie im Nebenzimmer flüssig tippen zu nes Werden vorgehalten: «Du hättest es auch
sie sich dem stellt, womit der Neid kon- hören, kurz davor stehend, ihre Doktorarbeit haben/erreichen können.» Durch die erlebte
frontiert. nach zweieinhalb Jahren abzuschliessen, wäh- Machtlosigkeit andererseits wird dieser Wunsch
rend ich im dritten Jahr meiner Arbeit immer im gleichen Atemzug erstickt, gewürgt, ver-
Von Moritz Pohlmann noch die Hälfte vor mir habe; den Anruf entge- höhnt. Dies beschämt, frustriert und wird als
gennehmen zu müssen, in dem sie schon wieder existentielle Ungerechtigkeit erlebt. (Warum
Die künstlerisch begabte und unkonventionelle zu einem Vortrag angefragt wird, während von er/sie? Warum ich nicht!) In Beziehungen dürfte
Zelda und der Schriftsteller Scott Fitzgerald mir keine Öffentlichkeit der Welt etwas wissen noch das Gefühl der Bedrohung hinzukommen,
galten als das amerikanische Traumpaar der will. «Du freust dich doch auch für mich?!» Die der andere werde sich nun nicht mehr zu einem
20er Jahre. Als Zelda nach 13 Ehejahren jedoch zunehmende Überlappung von Zielbereichen herunterbeugen und sich demnächst einen ande-
ernst damit machte, ihre eigenen schriftstelle- konfrontiert damit, dass Geliebte sich verstärkt ren auf Augenhöhe suchen. Auf der Grundlage
rischen Fähigkeiten zu demonstrieren und selbst einem Emotionskomplex ausgeliefert fühlen von Scham, Frustration, Ungerechtigkeits- und
einen Roman zu veröffentlichen, beschrieb könnten, der es unmöglich macht, sich mit dem
Scott in einem Tagebucheintrag, mit welcher anderen zu freuen. Der im Gegenteil dazu treibt,
Konkurrenz in Paarbeziehungen und die
Strategie er darauf reagieren würde: den anderen zu beschädigen.
Selbstwertaufrechterhaltungstheorie
Ein sozialpsychologischer Ansatz, der als
Neid
«Attack on all grounds. Play paradigmatisch zur Untersuchung sozialer
Es ist diese Feindseligkeit, gemischt mit Min-
(suppress), novel (delay), pictures Vergleichsprozesse gilt, ist die Selbstwert-
derwertigkeitsgefühl und Groll, die den Neid
(suppress), character (showers), aufrechterhaltungstheorie (z. B. Beach,
ausmacht (vgl. Smith & Kim, 2007). Zwar wird
child (detach), schedule (disori- Tesser et al., 1996). Die Theorie geht davon
der Neid umgangssprachlich auch mit Bewun-
ent to cause trouble), no typing. aus, dass in Abhängigkeit des Bereichs, in
derung gleichgesetzt; doch auch wenn er sich
Probable result – new breakdown.» dem sie stattfindet, eine überlegene Lei-
häufig nach aussen hin so äussern kann, kenn-
– Tagebucheintrag von Scott Fitzgerald stung des Partners eher Stolz bzw. Bedro-
zeichnet seine psychische Erfahrungsrealität
in Reaktion auf die schriftstellerischen hungsgefühle auslösen kann. In Leistungs-
nicht so sehr ein positives Streben nach dem be-
Pläne seiner Ehefrau. bereichen, die für uns nicht selbstwert-
gehrten Gut, sondern primär eine Aversion, ein
definitorisch sind, macht uns die gute Lei-
«nid» (altdeutsch: u. a. Feindseligkeit, Erbitte- stung des anderen/der anderen stolz. Be-
Während Liebe als das höchste Gefühl gilt, gilt rung, vgl. Haubl, 2001) gegen die Person, die sticht er/sie uns jedoch auf «unserem Feld»,
Neid als das niederste. Als Ursprung des Bösen das Gut besitzt: Dadurch erscheint der Neid irra- bedroht uns das. Die Theorie nimmt an,
ist er bezeichnet worden. Im Christentum ist er tional-böse, gänzlich inkompatibel mit der Vor- dass die Relation zwischen selbstwertstär-
eine der sieben Todsünden. Neid wirkt wie eine stellung eines solidarischen Zusammenlebens kenden und selbstwertbedrohlichen Ver-
hässliche, unvereinbare Dissonanz zur Liebe. jeder Art, vor allem aber mit derjenigen einer gleichsprozessen in Beziehungen positiv ist,
Jedoch könnten Neid- und Rivalitätsprozesse Beziehung von zwei Liebenden. in denen die Partner unterschiedliche Lei-
eine zunehmende Bedeutung für moderne Lie- stungsnischen für sich beanspruchen. Über-
besbeziehungen einnehmen. Eine Annäherung an die Psychodynamik lappungen von Leistungsdomänen sollen
des Neides hingegen zu Spannungen führen. Als einen
Neid zwischen Partnern als wachsende Was den Neid so hässlich-unsolidarisch erschei- Weg, diese Spannungen zu lösen, sieht die
Herausforderung nen lässt, ist gleichzeitig seine Entstehungsvo- Theorie eine stärkere Differenzierung der
Denn die Bereiche, die für Männer und Frauen raussetzung: Die Person, die wir beneiden, müs- Partner durch eine Neu-Definition selbst-
definitorisch sind, überlappen sich zunehmend. sen wir ähnlich wie uns selbst wahrnehmen. wertrelevanter Domänen vor.
Gut so! Natürlich. Aber für die Beziehungs- Zugleich, das scheint neben der Ähnlichkeit
22 aware FS12 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

Bildquelle: Laura Basso


PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT FS12 aware 23

Bedrohungsempfindungen entstehen dann Min- und es gegen sie verwenden. Wenn sie sich un- das unerfüllte Begehren, das ihm der Neid an-
derwertigkeitsgefühl, Feindseligkeit und Groll. terwirft und selbst sabotiert, wird der Neider ihr zeigt, möglich wird.
Warum Feindseligkeit? Verschiedene Erklä- weiter misstrauen. Und wenn sie sich selbst zu- Welche Lebensvorstellungen hatte ich einmal?
rungsansätze liegen vor. rücknimmt, kann es sein, dass sich die Benei- Wie lebe ich sie jetzt? Welche Projekte nicht ge-
Beispielseise wird die Feindseligkeit als quasi- dete diese Konzession für den Neider nicht ver- wagt zu haben, bereue ich? Wie könnte ich
reflexhafte, evolutionär verstehbare Reaktion gibt. Am Rande sei hier erwähnt, dass Zelda einem verschütteten Ziel wieder mehr Raum in
auf Frustration und ein subjektives Ungerechtig- Fitzgerald, auch nachdem sie vom Schreiben meinem Leben geben? Was brauche ich (mehr)
keitsempfinden verstanden (vgl. Smith & Kim, abgelassen hatte, immer häufiger psychiatrisch von ihr/ihm dafür? Was ist es genau, das mir
2007). Als Reaktion auf ein Unterlegenheits- hospitalisiert wurde und schliesslich bei einem den Stich versetzt? Wollte ich mit ihr/ihm tau-
empfinden motiviert sie zur kompensatorischen Psychiatriebrand ums Leben kam. schen? Wäre ich bereit, all den Aufwand auf
Selbstaufwertung durch Abwertung des anderen mich zu nehmen, den sie/er erbracht hat, um
(vgl. Beck, 1999). In der Feindseligkeit gegen Der Neid als Chance dorthin zu kommen? Worin unterscheiden wir
den anderen wird auch eine Projektionslogik ge- Ist ein Ausstieg aus der Dynamik des Neides uns eigentlich? Was war mir immer wichtig(er)?
sehen (Montaldi, 1999): Indem es mich treibt, möglich? Enthält der so pozentiell-destruktive Ist es tatsächlich ihr/sein Erfolg in diesem Ge-
den anderen zu attackieren, zerschlage ich das Neid auch ein positives Potenzial? Kann eine biet, den ich mir wünschen würde oder sind es
Spiegelbild, indem ich mich als einen Versager Beziehung gar reifen, wenn sie sich dem Neid ihre/seine Beziehungen oder vielleicht ihre/sei-
anblinzele. stellt? ne Fähigkeit, sich über die eigenen Erfolge zu
Befasst man sich mit dem Neid, mag man zur freuen, was ich nie konnte, auch wenn ich sie
Destruktion und Entwicklungshemmung Feststellung kommen: Der (blanke) Neid ist un- hatte?
Der Neid kann dann eine destruktive Dynamik vereinbar mit der Vorstellung einer solida- Führt die Erfahrung des Neides zu einer solchen
einleiten. Dies geschieht in der Regel maskiert. rischen Verbundenheit zwischen zwei Lie- Selbstbefragung, kann sie als Entwicklungs-
Der Neid gilt als geächtete, letzte Emotion, die benden. Vielleicht bietet die scheinbar konträre schub wirken. Für den Neidenden, aber auch für
Menschen anderen, aber auch sich selbst einge- These aber einen besseren Zugang: Der Neider die Beziehung. Die zwei Partner können dann
stehen (vgl. Schoeck, 1982). In der depressiv- versucht auf eine tragisch-destruktive Weise, zu einer neuen Art der Begegnung kommen. Die
gelähmten Variante (vgl. Haubl, 2001) können eine romantisch wirkende und immer noch po- kann auch zu einer Entscheidung für eine Tren-
wir den Blick vom Vorteil des anderen, vom ei- puläre Beziehungsvorstellung zu verteidigen, nung führen. Es kann aber auch ein neues, reife-
genen Verlust, nicht wegnehmen. Wir ziehen die vor allem den Gleichschritt, die Stabilität res Miteinander aufscheinen, das die grundsätz-
uns zurück, können aber nicht loslassen. Den und die Symbiose hervorhebt. Dem Neider of- liche und ultimativ nie aufhebbare Differenz
anderen attackieren wir nicht direkt, etablieren fenbart sich eine dazu unvereinbar scheinende zwischen beiden nicht verleugnet, sondern tole-
aber doch ein Gleichgewicht: Indem ich ihr Wirklichkeitserfahrung des Abgehängt-Seins, rieren und nutzen kann.
stumme Vorwürfe mache, mich ihr entziehe und der Isolation, der Diskontinuität: Plötzlich fliegt
sie ins Leere laufen lasse, behalte ich zumindest sie, während ich an den Boden genagelt bin. Er
Zum Weiterlesen
eine Restkontrolle über ihre Stimmungen und läuft, ich humple. Sie entwickelt sich, ich sta- Beach, S. R. H., Tesser, A. et al. (1996). Self
lasse sie moralisch schlecht aussehen. gniere. Man könnte sagen: Der Neider kämpft Evaluation Maintenance in Marriages: To-
In der aggressiveren Variante hingegen wird das gegen dieses Erleben an, indem er exzessiv Ver- ward a performance ecology of the marital
Ungerechtigkeitsempfinden stärker rationali- bundenheit schafft. Anfänglich ist es die Ver- relationship. Journal of Family Psychology,
siert. Aus dem Zusammenkommen ihres Erfolgs bundenheitskonstruktion «Was sie erreicht hat, 10(4), 379–396.
und meines eigenen Misserfolgs schmiede ich das hätte ich auch gewollt», die den Neid auf- Haubl, R. (2001). Neidisch sind immer nur
einen kausalen Zusammenhang: Weil sie erfolg- keimen lässt; anschliessend ist es die Konstruk- die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrie-
reich ist, bin ich erfolglos. Ich entwerte sie, tion der schicksalhaften Verbundenheit, dass den zu sein. München: C. H. Beck.
spreche zynisch über ihren Erfolg, demorali- «ihr Vorteil mein Nachteil sein muss», durch Smith, R. H., & Kim, S. H. (2007). Compre-
siere, sabotiere sie. die Neid sich fortspinnt und rationalisiert. hending envy. Psychological Bulletin,
Der Partner oder die Partnerin kann es dem Nei- Damit liegt ein Ausstieg aus dem Teufelskreis 133(1), 46–64.
der dabei tendenziell nie recht machen. Wenn des Neides nahe: Daer Neider muss sich der Er- Zimmermann, T. (2004). Schön für dich …
sie dem Neider «helfen» will, fühlt der sich zu- fahrung des Getrennt-Seins und der Isolation Neid und Konkurrenz in der Liebesbezie-
sätzlich herabgesetzt. Wenn sie zu ihm auf Di- stellen. Er muss sich einen Schutzraum suchen, hung. Frankfurt: mvg Verlag.
stanz geht, wird der Neider sich bestätigt fühlen in dem ihm ein Einlassen auf den Mangel, auf
24 aware FS12 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

Das bio-psycho-soziale Modell konsequent verfolgt


Ein Gespräch mit Gerhard Dammann

Die ruhige und bedachte Stimme Gerhard Was mich so beeindruckt, ist, dass Sie Medizin, dizin und der Psychologie, die prägen einen.
Dammanns hätte fast darüber hinwegge- Psychologie und Soziologie studiert haben. Was Mit anderen Worten: Ich glaube nicht, dass je-
täuscht, dass vor mir ein Freund der hat Sie motiviert, diese drei Studiengänge zu ab- mand, der beides studiert hat, am Ende ein bes-
Neugier und der Spannung sitzt, der zudem solvieren? serer Arzt oder besserer Psychologe sein wird,
mit reichlich Ehrgeiz ausgestattet ist. Ich muss zuerst meine Leistung etwas ein- aber er hat durch diese unterschiedlichen Zu-
schränken. Zu meiner Zeit war das Studium we- gänge möglicherweise ein breiteres Reflexions-
Von Dragica Stojković sentlich weniger verschult und es war durchaus spektrum.
möglich, ein Doppelstudium zeitlich hinzube-
Dragica Stojković: Als Erstes möchte ich Sie kommen. Heute wäre das vielleicht sehr viel Ist es nicht auch eine andere Sozialisation, die
bitten, sich für unsere Leserinnen und Leser vor- schwieriger. man durchläuft? Wovon sind Sie stärker geprägt
zustellen. Ursprünglich wollte ich eigentlich gerne eine und mit welcher Berufsgruppe sind Sie stärker
Gerhard Dammann: Ich bin Psychiater und Psy- Geisteswissenschaft studieren, Philosophie, Re- identifiziert?
choanalytiker und bin seit fünf Jahren ärztlicher ligionswissenschaft oder etwas in diese Rich- Es hängt ein bisschen davon ab, was man zu-
Direktor der Psychiatrischen Dienste Münster- tung. Ich hatte aber damals ein gutes Abitur und erst studiert hat, würde ich sagen. Es gibt eine
lingen, dazu gehört auch die Psychiatrische Kli- es war die Zeit des strengen Numerus Clausus in kleinere Gruppe, die zuerst Psychologie und
nik Münsterlingen im Kanton Thurgau. Deutschland, so dass mir alle sagten, ich solle dann Medizin studiert haben und die sind in
Mein Schwerpunkt von wissenschaftlicher Sei- Medizin studieren. Dann habe ich mich fast wi- ihrem Selbstverständnis stärker von der Psy-
te ist die Diagnostik und Behandlung von Pati- derwillig beworben und bekam einen Studien- chologie geprägt. Die grössere Gruppe, und da
entinnen und Patienten mit schweren Persön- platz. Ich begann in Tübingen Medizin zu stu- würde ich mich dazurechnen, sind eher Ärzte,
lichkeitsstörungen, insbesondere die dieren und mir war dann relativ schnell klar, die auch Psychologie studiert haben, die aber
Borderline-Persönlichkeitsstörungen und die dass ich, wenn ich Arzt werden wollte, in Rich- stärker durch das Ärztliche geprägt sind.
narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Zuvor tung Psychiatrie gehen würde. Weil ich mir eine Ich würde keinen meiner Studiengänge missen
arbeitete ich als Arzt an den Universitätsklinken gute Ausbildung wünschte, begann ich noch das wollen. Das Medizinstudium ist eigentlich in
Basel, Strassburg, Freiburg im Breisgau und Studium der Psychologie. Später habe ich mich mancher Hinsicht mit Künstlerisch-Mu-
München. zusätzlich für das Soziologiestudium entschie- sischem verwandt. Es ist, so glaube ich, kein
den, um das bio-psycho-soziale Dreieck zu ver-
vollständigen.
Steckbrief Publikationsauswahl
Zudem muss ich anfügen, dass ich aus Neugier
Gerhard Dammann, geboren 1963 in Brand-Claussen, B., Dammann, G. & Röske,
gerne scheinbar entgegengesetzte Materien stu-
Oran/Algerien, studierte Medizin, Psycholo- T. (Hrsg.). (2006). Wahnsinn sammeln: Out-
diert habe, z. B. absolvierte ich vor meiner psy-
gie und Soziologie in Tübingen, Paris, Basel sider Art aus der Sammlung Dammann.
choanalytischen Ausbildung eine verhaltensthe-
und Frankfurt am Main. Er ist Fachpsycholo- Heidelberg: Wunderhorn.
rapeutische Weiterbildung.
ge für Klinische Psychologie FSP, Facharzt Dammann, G. & Janssen, P. L. (Hrsg.).
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, (2007). Psychotherapie der Borderline-Stö-
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Finden Sie es generell empfehlenswert, mehrere rungen: Krankheitsmodelle und Thera-
Psychoanalytiker DPV/IPV. Seit fünf Jahren Studiengänge abzuschliessen? piepraxis – störungsspezifisch und schulen-
ist er Chefarzt und Spitaldirektor der Psychi- Grundsätzlich ist es meines Erachtens schon übergreifend (2., überarb. u. erw. Aufl.).
atrischen Klinik Münsterlingen und der Psy- eine gute Erfahrung. Vor allem bei Studiengän- Stuttgart: Georg Thieme.
chiatrischen Dienste Thurgau und beschäf- gen, die doch nicht so nahe beieinander liegen Dammann, G. (2007). Narzissten, Egoma-
tigt sich klinisch sowie wissenschaftlich – und dies scheint mir bei der Kombination Psy- nen, Psychopathen in der Führungsetage:
schwerpunktmässig mit der Diagnostik und chologie und Medizin der Fall zu sein. Das Wis- Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirk-
Behandlung von schweren Persönlichkeits- sen kann man sich z. T. auch gut autodidaktisch sames Management. Bern: Haupt.
störungen. aneignen. Ich würde z. B. sagen, dass am Ende Dammann, G. & Meng, T. (Hrsg.). (2010).
Gerhard Dammann ist verheiratet, hat vier ein ärztlicher und psychologischer Psychothera- Spiegelprozesse in Psychotherapie und
Töchter und ist der Kunstszene aufgrund peut relativ Ähnliches tun und sich in ihren Fä- Kunsttherapie. Das progressive therapeu-
einer Art-Brut-Sammlung zusammen mit higkeiten und ihrem Berufsbild kaum unter- tische Spiegelbild – eine Methode im Dia-
seiner Frau bekannt. scheiden. Aber gerade die unterschiedlichen log. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
wissenschaftstheoretischen Prämissen der Me-
PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT FS12 aware 25

Ein Praktikum in der Psychiatrischen


Klinik Münsterlingen absolvieren?
Im Sommer 2011 war ich als Praktikantin
für drei Monate auf der Abteilung für
schwere Persönlichkeitsstörungen ange-
stellt und erhielt einen breiten Einblick in
verschiedene therapeutische Tätigkeiten.
Am eindrücklichsten habe ich die zeitlich
grosszügig gestalteten Fallbesprechungen
in Erinnerung, in welchen das Team ge-
meinsam die Diagnose sowie den thera-
peutischen Fokus für den Patienten oder
die Patientin festlegt. Auf dieser Basis
werden individuelle Therapiepläne zu-
sammengestellt, die aus Gesprächen mit
Bildquelle: Gerhard Dammann

Pflegebezugspersonen, der analytischen


Einzel- sowie Gruppentherapie, der
Kunst-, Körper- und Musiktherapie im
Gruppen- und manchmal zusätzlich auch
im Einzelsetting sowie Elementen der Dia-
lektisch-Behavioralen Therapie (DBT), wie
z. B. der Achtsamkeit oder dem Skillstrai-
Zufall, dass so viele berühmte Schriftsteller nischen Berufsgruppe in der Psychiatrischen ning, bestehen. Bei finanziellen Fragen
wie Tschechow, Döblin oder Schiller Ärzte Klinik Münsterlingen. Können Sie zum Schluss oder Wiedereingliederungaspekten u. ä.
waren. Was im Medizinstudium im Gegensatz dazu noch etwas sagen? haben Patientinnen und Patienten zudem
zum Psychologiestudium fehlt, sind Seminare, Wir haben in unserer Klinik eine Reihe von die Möglichkeit, Probleme gemeinsam mit
in denen diskutiert wird. Die Medizin ist sozu- Psychologen, drei Stationen werden sogar von der Sozialarbeiterin anzuschauen und sich
sagen ein antiintellektuelles Fach. Die Psycho- Psychologen bzw. Psychologinnen geleitet: Die beraten zu lassen.
logen werden zudem methodisch besser ge- Abteilungen für schwere Persönlichkeitsstö- Mein Praktikum war des Weiteren durch
schult und lernen, systematisch vorzugehen. rungen, für Adoleszentenpsychotherapie und Gespräche mit Patientinnen und Pati-
Als Klinikchef merke ich das z. B. wenn es die stark neuropsychologisch geprägte Memo- enten, lehrreiche Protokollerstellungen,
darum geht, organisiert ein Projekt anzugehen, ry-Klinik für Demenzpatienten. Mit Ausnahme stellvertretende therapeutische Tätig-
worin das ärztliche Personal sich meist weni- genuin ärztlicher Aufgaben sind diese drei Mit- keiten sowie den Besuch von Weiterbil-
ger strukturiert zeigt. arbeitenden in ihrer Rolle als therapeutische dungsangeboten und klinikübergreifen-
Ein weiterer Unterschied, den ich noch erwäh- Stationsleitung der Stellung eines Oberarztes den Fallvortstellungen bereichert. Betreut
nen möchte, ist, dass Psychologen i. d. R. kei- gleichgesetzt. wurde ich durch die therapeutische Lei-
ne Dienste machen. Und was es bedeutet, dass Es gibt Klinken, die aufgrund des Ärzte- tung, der Psychoanalytikerin Christiane
jemand als junger Arzt mitten in der Nacht ge- mangels ärztliche Stellen mit Psychologen be- Rösch. Aus den Gesprächen mit ihr, aber
rufen wird und dann schnell entscheiden und setzen. Dies ist für die Klinik sogar ökono- auch mit anderen Teammitgliedern, habe
handeln muss – das prägt das ärztliche Selbst- misch günstiger, doch ich selber möchte das ich viel für meinen zukünftigen Weg mit-
verständnis, auch in der Psychiatrie. Psycholo- aus verschiedenen, auch berufspolitischen nehmen könnnen.
gen hingegen fühlen sich oft im Diskurs, im Gründen nicht. Denn ich glaube die Gefahr be-
systematischen Nachdenken über einen Fall, steht, wie böse Zungen behaupten, dass das Interessierte melden sich für weitere In-
wohler. Berufsbild des Psychiaters dann zum Fach- formationen bei mir (dragica.stojkovic@
arzt für chronische Schizophrenie verküm- aware-magazin.ch) oder direkt bei Frau
Sie sprechen etwas Spannendes an: Die Zusam- mert, der nur noch medikamentöse Verord- Liesner (angela.liesner@stgag.ch).
menarbeit der psychologischen und medizi- nungen macht.
26 aware FS12 PSYCHOLOGIE & GESELLSCHAFT

I don’t know how she does it


Vom Karriere kriegen und Kinder machen

Karriere, Familie, Kinder, Hobby, Freunde, Prof. Dr. Ulrike Ehlert, renommierte Stressfor- entlastend erscheint, ist die Haushaltshilfe. Sie
Ehe: unvereinbare Ziele? Und doch gibt es scherin an der Universität Zürich, gibt zu beden- schafft Zeit und mindert das Konfliktpotenzial in
sie, die Allrounder, die Karrieremütter, die ken, dass «zufriedenstellende Karrieren extrem der Familie. Diese doch etwas kostspieligere In-
Hausfrauen in Kaderpositionen. Ich habe unterschiedliche Bedeutungen haben können. vestition scheint sich durchaus zu lohnen, wenn
mit Frauen gesprochen, die den Spagat Grundsätzlich sollte man die Arbeit gerne ma- man betrachtet, dass der Haushalt doch grössten-
zwischen Mutter-Rolle und Business-Lady chen, eine sinngebende Wirkung daraus ziehen teils Frauensache geblieben ist: Auch bei stei-
gewagt haben. Ziel des Artikels ist eine können und sie sollte in einer Ausgewogenheit zu gender Bildung und unkonventioneller Bildungs-
Darstellung der positiven Seiten einer anderen Lebensbereichen stehen.» Und was ist relation findet hier kein Umkehrprozess statt
parallelen Verwirklichung beruflicher und eine gute Mutter? Ehlert betont die spezifische (Schulz & Blossfeld, 2010). Hinzu kommt, dass
familiärer Ziele sowie der sich dafür Bindung zwischen Mutter und Kind. Dabei mit zunehmender Ehedauer ein Traditionalisie-
anbietenden Lösungsmöglichkeiten. kommt es aber nicht allein auf die Zeit an, die eine rungsprozess einhergeht, wie das Bamberger-Ehe-
Mutter pro Tag mit dem Kind verbringt. Wiese Panel (Vaskovics et al., 2002) zeigen konnte. An-
Von Fabienne Meier führt ausserdem an, dass die Entwicklung des gesichts der aktuellen Scheidungsquote von über
Kindes nicht nur von der Rolle der Mutter ab- 50 Prozent (BfS, 2011) betont Ehlert: «Man muss
Ist es möglich, Kind und Karriere gut zu hängt, sondern auch von einer Reihe anderer Fak- sich schon vor der Schwangerschaft seiner lebens-
vereinen? toren. Aus einem Ratgeber zum Thema «Sichere langen, transgenerationalen Verantwortung be-
Gleich zu Beginn muss etwas klargestellt werden: Bindung und Entwicklung» der Universität Zü- wusst sein und Vertrauen in sich haben, das zur
Es gibt unterschiedliche Frauen und Männer mit rich von Behrends und Bodenmann geht hervor, Not auch alleine hinzukriegen.»
unterschiedlichen Zielen. Menschen leben in ver- dass «eine berufstätige Mutter, der es gut geht,
schiedenen Familien- und Beschäftigungsverhält- auch für ihr Kind einen günstigen Entwicklungs- Das egalitäre System
nissen, und diese können je nach Umfeld, Einstel- kontext schafft». Hier kommen wir zu einem sehr interessanten As-
lung, Situation und wirtschaftlichen Begeben- pekt der Fragestellung: der Rolle des Partners.
heiten variieren. Die freie Wahl des Individuums Lösungsmöglichkeiten Beiden meiner Gesprächspartnerinnen erscheint
soll in jedem Fall respektiert werden. Hier gehen Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, die einem das 50:50-Modell (beide Partner arbeiten im
wir aber von euch aus, liebe Mitstudierende, die ambitionierten Elternpaar offenstehen, wenn es Halbzeitpensum und kümmern sich jeweils zu
ihr bereits am Aufbau eurer Karriere arbeitet und darum geht, einen egalitären Umgang mit den gleichen Teilen um Haushalt und Kinder) weder
euch vorstellen könnt, diesen Lebensbereich eines Karrieren beider Partner zu finden. Einige sollen beziehungstechnisch noch aus wirtschaftlicher
Tages gegebenenfalls egalitär mit der Familien- hier dargestellt werden. Die externe Kinderbetreu- Sicht realistisch zu sein. «Am Ende», so Ulrike
gründung zu vereinbaren. ung ist einer der unverzichtbaren Schlüsselfak- Ehlert, «verpufft man seine Energie für Klein-
toren für arbeitende Mütter. Dabei existieren un- kriege und die Kontrolle, ob der Partner tatsäch-
Zunächst müssen wir definieren, was eine Karrie- terschiedliche Möglichkeiten mit jeweiligen lich die Hälfte erledigt». Was aber nach Bettina
re und eine gute Mutter überhaupt sind. Objektive Vor- und Nachteilen. Der optimale Betreuungs- Wiese Zukunft haben könnte, ist die Teilzeitar-
und subjektive Kriterien müssen getrennt betrach- start liegt bei Kindern nach Abschluss der pri- beit, die relativ nah an das Vollzeitniveau heran-
tet werden. «In unserem Sprachverständnis», so mären Bindungsprozesse beim Alter von etwa kommt, also ab einem 75-Prozent-Pensum und
Dr. Bettina Wiese, Professorin für Personal- und zwei Jahren. Dieses Ergebnis aus dem Bindungs- aufwärts. Das sei vermutlich das einzige Modell,
Organisationspsychologie der RWTH Aachen, ratgeber von Behrends und Bodenmann lässt sich das auch für Männer und ihr Arbeitsumfeld ak-
«bezeichnet die objektive Karriere als einen verti- gut überbrücken mit einem «sanften Wiederein- zeptabel sein könnte. Ausserdem dürften die Kar-
kalen Aufstieg, der an Einkommen sowie Perso- stieg», wie ihn Wiese nennt. Aus humankapital- riereeinbussen wahrscheinlich geringer sein als
nal- und Budgetverantwortung festmachbar ist». theoretischer Sicht sollte die berufliche Auszeit beim einem 50-Prozent-Pensum.
Dabei befindet man sich in einem hoch kompeti- nach der Geburt möglichst kurz gehalten werden. Einen weiteren interessanten Vorschlag bringt
tiven Feld, in dem das Erlangen von Humankapi- Daher bietet es sich an, rasch mit einem kleineren Wiese in ihrem Buch Mama startet durch: Man
tal notwendig ist. Das heisst, man muss Know- Pensum wieder einzusteigen und dieses dann ste- kann sich Tage aufteilen, an dem jeweils ein Part-
how und professionelle Netzwerke sammeln. tig zu erhöhen. Ausserdem ist es wichtig, sich vor ner für Notfälle, also Krankheit des Kindes und
Die Vereinbarung zwischen Familie und Karriere der Schwangerschaft seiner Prioritäten bewusst zu Ähnliches, zuständig ist. Ist man beispielsweise
müsste für Frauen möglich sein, so Wiese, «wenn werden und diese möglichst früh dem Personal- montags verantwortlich, sollte man wichtige Ter-
man die Rahmenbedingungen so schafft, dass ein verantwortlichen zu kommunizieren. mine nicht auf diesen Tag legen, sondern auf ei-
ausgewogenes zeitliches Investment möglich ist». Eine externe Unterstützung, die vielen Frauen als nen, an dem der andere «Notfalldienst» hat. Diese
PSYCHOLOIGE & GESELLSCHAFT FS12 aware 27

Strategie wird auch rechtlich unterstützt. Männer


und Frauen haben nämlich gleichermassen die
Möglichkeit, Freistellung für Krankheitsfälle der
Kinder einzufordern. Aktuell führt Wiese eine
Studie durch, bei der die Qualität der Absprachen
mit dem Partner und den Peers betrachtet wird. Es
wird angenommen, dass ein präziser und inten-
siver Austausch über Bedürfnisse noch während
der Schwangerschaft förderlich ist. Einen weite-
ren wichtigen Aspekt machen auch die gemein-
samen Mahlzeiten, so Ulrike Ehlert aus eigener
Erfahrung. Aber auch das konsequente Abschal-
ten und Erholen in der Freizeit oder in den Ferien
ist ein wichtiger Energielieferant.

Kompetenztransfer
Eine andere Herangehensweise, die nach Mei-
nung der Autorin Potenzial haben könnte, ist die
Betrachtung positiver Spill-Over- oder Enhance-
ment-Effekte. Sprich: Eine Arbeitnehmerin, die
Mutter ist, könnte Vorteile für den Betrieb bringen
und eine Mutter, die arbeitet, Vorteile für die Fa-
milie. Dies insofern, als Kompetenzen, die in
einem Bereich erarbeitet wurden, im anderen ver-
wendet werden können. Wiese und Mitarbeitende
haben eine Studie (2010) durchgeführt, aus der
hervorgeht, dass der wahrgenommene Kompeten-

Bildquelle: Sandy Krammer


zerwerb in der Familie für den Beruf mit einer
höheren Familienzufriedenheit einhergeht. Aus-
serdem kann Selbstkomplexität und eine grössere
Anzahl an vorhandenen Lebensbereichen als Puf-
fer für Rückschläge dienen: Die Aufmerksamkeit
wird nicht nur (nach dem Konzept der symbo- (BSV) haben im Jahr 2004 ein interessantes Pa- ren die gleichen Werte erreichen würden wie die-
lischen Selbstergänzung von Wickl und Gollwit- pier zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie he- jenigen der Männer, würde dies allein zu einer
zer, 1982) auf die positiven Aspekte desselben rausgegeben. Daraus geht hervor, dass familien- jährlichen Steigerung des schweizerischen BIP
Lebensbereichs gelenkt, sondern auch auf einen freundliche Massnahmen durchaus volkswirt- um 0.3 Prozent führen.» (2004, S. 45–46).
schönen anderen Lebensbereich. Oder wie es Eh- schaftlich von Vorteil sind. Sehen Eltern sich in Liebe Mitstudierende, ihr seht, es gibt Lösungs-
lert prägnant formuliert hat: «Beim Arbeiten er- der Balance zwischen Arbeit und Familie beein- ansätze dazu, seine Träume in zweierlei Le-
hole ich mich von meiner Familie und bei meiner trächtigt, bremst das die wirtschaftliche Entwick- bensbereichen zu verwirklichen. Natürlich ist
Familie erhole ich mich von der Arbeit.» lung und schränkt das Arbeitskräfteangebot ein. dieses Unterfangen mit Einschränkungen sowie
Diese Tatsache ist besonders bedenklich, wenn hohen Anforderungen an Organisation und
Vorteile für alle man die zunehmende Alterung der Gesellschaft Zeitmanagement verbunden, doch es ist mach-
Abschliessend sollen auch die gesellschaftspoli- bei gleichzeitiger Stagnation des Geburtenüber- bar. Ich möchte gerne mit einem Ratschlag von
tischen und wirtschaftlichen Vorteile arbeitender, schusses im Auge behält. Seco und BSV geben in Ulrike Ehlert schliessen: «Wer das wirklich im
aufstrebender Mütter zur Sprache gebracht wer- ihrem Papier positive Zukunftsaussichten: «Wenn Innersten will, der wird Wege und Mittel finden,
den. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) sowohl die Erwerbsquote als auch die Wochenar- das hinzukriegen. Was ich raten würde? Ganz
und das Bundesamt für Sozialversicherungen beitszeit der Frauen in den nächsten fünfzig Jah- einfach: Just do it!»
28 aware FS12 FELDER DER PSYCHOLOGIE

Das Geheimnis der Stehaufmännchen

Resiliente Menschen faszinieren, da sie Wegbereiterin der Resilienzforschung Kirchengemeinde. Im Erwachsenenalter haben
schwere Schicksalsschläge, an denen Pionierin auf dem Gebiet der Resilienzfor- die resilienten Personen in der Regel eine hohe
andere zerbrechen würden, scheinbar schung ist die US-Amerikanische Entwick- Selbstwirksamkeitsüberzeugung und ein posi-
mühelos und meist aus eigener Kraft lungspsychologin Emmy Werner. Sie untersuchte tives Selbstkonzept. Ihre Lebensumstände un-
überwinden. Was steckt hinter diesen in einer gross angelegten Längsschnittstudie eine terscheiden sich zum letzten Messzeitpunkt, im
Persönlichkeiten? Spezielle Gene, ein Kohorte von knapp 700 Kindern, welche 1955 Alter von etwa 32 Jahren, kaum von denen der
positives Umfeld oder einfach der Glaube auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren Probanden, welche in stabilen Verhältnissen
an sich selbst? Und kann man Resilienz wurden, über einen Zeitraum von mehr als 30 aufgewachsen sind, und stehen in krassem Ge-
lernen? Jahren (Werner et al., 2001). Mehr als zwei Drit- gensatz zu dem Umfeld, aus dem sie selbst ent-
tel dieser Kinder haben das Glück, in einem po- stammen (Werner et al., 2001).
Von Antje Stahnke sitiven Umfeld aufzuwachsen, und somit nach Diese Beobachtungen von Emmy Werner (2001)
Werner ein geringes Risiko haben, später einmal decken sich auch mit Annas Erlebnissen: «Als
Der Begriff Resilienz leitet sich ab von dem la- psychische Probleme zu bekommen oder delin- Kind hatte ich immer ein Lächeln auf den Lip-
teinischen Wort «resilire», was «abprallen» be- quent zu werden. Interessant ist jedoch vor pen. Es gibt kein Foto, auf dem ich nicht strahle,
deutet. Genau das scheint die Bewältigungs- allem die Gruppe von etwa 200 Kindern, welche selbst wenn man auf den zweiten Blick sieht,
strategie von Anna zu sein, wenn es um in desolate Familienverhältnisse geboren wer- wie mein Körper mit blauen Flecken übersät
belastende Ereignisse in ihrem Leben geht: Sie den. Psychische Probleme der Eltern, Armut
lässt sie anscheinend einfach an sich abprallen, oder pränataler Stress sind dafür verantwortlich,
statt sich davon unterkriegen zu lassen. Anna dass man diesen Kindern eine schlechte Progno- Gibt es ein Resilienz-Gen?
wächst in denkbar schlechten Verhältnissen se für ihr späteres Leben gibt. Diese erfüllt sich Die frühen Unterschiede zwischen resili-
enten und vulnerablen Kindern legt die Ver-
auf. Ihre Mutter stirbt, als Anna vier Jahre alt auch bei etwa zwei Dritteln der Kinder, die
mutung nahe, dass es eine genetische Prä-
ist, ihr arbeitsloser Vater gibt das knappe Fa- schwierigen Verhältnissen entstammen: Sie ent-
disposition für dieses Phänomen gibt. Diese
milieneinkommen für Alkohol aus, schlägt wickeln Lernstörungen, psychische Probleme,
Hypothese untersuchte das Team um Avs-
Anna und ihre Schwester und missbraucht die werden kriminell und so weiter. Doch ein Drittel
halom Caspi in verschiedenen Studien. Da-
beiden Mädchen sexuell. Doch Anna ist eine dieser Kinder erweist sich als äusserst robust ge-
bei fanden sie einen Erbfaktor namens
Kämpfernatur. Sie baut sich ihre eigene Welt, genüber den widrigen Umständen, in denen sie
5-HTTLPR, der den Serotoninmetabolismus
sucht Kontakt zu Menschen, die sie fördern aufwachsen (Werner & Smith, 2001).
im Gehirn reguliert (Caspi et al., 2003). Von
und denen sie vertrauen kann, sie lernt viel, um
diesem Faktor existieren eine kurze und
eines Tages ein anderes Leben führen zu kön- Resilienz im Lebensverlauf
eine lange Version. Letztere sorgt dafür,
nen – und sie schafft es. Heute ist Anna 29 und Schon als Kleinkinder unterschieden sich gemä-
dass im Gehirn mehr Serotonin zur Verfü-
steht kurz vor der Promotion. Sie ist seit fünf ss Werner (2001) die resilienten stark von den
gung steht, wodurch die Personen besser
Jahren glücklich verheiratet und erwartet im vulnerablen Kindern. Sie sind fröhlich und of-
mit belastenden Lebensereignissen umge-
Sommer ihr erstes Kind. Zu ihrem Vater hat sie fen, haben ein einfaches Temperament, explo- hen können.
keinen Kontakt mehr. Ihre psychische Robust- rieren neugierig ihre Umwelt und sind ihren Al- In einer weiteren Untersuchung zeigten
heit angesichts der vielen belastenden Ereig- tersgenossen in puncto sprachlicher und Caspi und Mitarbeitende die Bedeutung
nisse ist für Aussenstehende erstaunlich, für motorischer Entwicklung oft voraus. In der spä- des Gens, welches die Herstellung des En-
Anna selbst scheint das weniger der Fall zu teren Kindheit und Jugend haben sie nach zyms Monoaminioxidase-A beeinflusst
sein: «Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute Werner gute Schulleistungen, engagieren sich (Caspi et al., 2002). Dieses Enzym ist unter
sich auf ihrer schweren Kindheit ausruhen und oft gemeinnützig, haben ein festes soziales anderem für den Abbau von Noradrenalin
diese als Legitimation für alles nehmen, was Netzwerk und sind optimistische, zielstrebige verantwortlich. Ist es nicht in ausreichenden
sie in ihrem Leben nicht auf die Reihe bekom- Persönlichkeiten. Nicht selten fliehen sie früh Mengen vorhanden, führt der erhöhte Spie-
men», so Anna. Und mehr noch: «Ich bereue aus ihren schwierigen Familienverhältnissen. gel des Stresshormons zu Verhaltensauffäl-
nichts, was mir passiert ist. Alles, was ich er- Über die gesamte Entwicklungsspanne haben ligkeiten. Wie so oft ist es aber vermutlich
lebt habe, hat mich stark gemacht, und wenn die resilienten Kinder meist mindestens eine Be- die Kombination aus genetischer Prädispo-
Leute nicht an mich geglaubt haben, hat mich zugsperson, die sie fördert und unterstützt. Die sition und Umwelteinflüssen, welche das
das nur noch mehr angespornt.» Anna ist ein kann beispielsweise ein Familienmitglied sein, Phänomen Resilienz erklärt.
Paradebeispiel für Resilienz. aber auch eine Lehrperson oder jemand aus der
FELDER DER PSYCHOLOGIE FS12 aware 29

nismässig selten auf und können oft besser und


aus eigenem Antrieb bewältigt werden, so
Emmy Werner.

Resilienztraining
Kann man diese beeindruckende Eigenschaft na-
mens Resilienz lernen, um sich so für negative
Lebensereignisse zu wappnen? Viele namenhafte
Forscherinnen und Forscher sind mittlerweile
überzeugt, dass man diese psychische Robustheit
zumindest bis zu einem gewissen Grad erlernen
kann. Die American Psychological Association
(APA) gibt in ihrer Broschüre «The Road to Res-
ilience» Tipps, wie man Resilienz trainieren
kann. Von besonderer Bedeutung ist es gemäss
den Autorinnen und Autoren, sich Problemen zu
stellen und diese in einen breiteren Kontext zu
setzen, um daraus zu lernen und so zu etwas Po-
sitivem zu machen. Auch Anna konnte ihren trau-
matischen Erfahrungen mit etwas Abstand etwas
Positives abgewinnen und als Teil ihres Lebens
und ihrer Persönlichkeit annehmen. Weiterhin
Bildquelle: Adrian Oesch

empfehlen die Autorinnen und Autoren dieses


Leitfadens, in sich hineinzuhören, um seinen ei-
genen Zielen und damit dem eigenen Wohlbefin-
den näherzukommen, sich weiterzuentwickeln
sowie sich selbst zu akzeptieren. Auch Dinge wie
ist.» Familienmitglieder, ehemalige Nachbarn Resilienz als Allheilmittel? soziale Beziehungen oder Spiritualität können
und Lehrerinnen beschreiben die kleine Anna «Es gab auch Zeiten, in denen es mir richtig hilfreich sein. Daraus konnte Anna ebenfalls ihre
als ausgeglichen, lebendig, neugierig und hilfs- schlecht ging und in denen ich zum Beispiel viel Kraft schöpfen. Zudem können Eltern und Lehr-
bereit. Niemand ahnt, durch welches Martyrium zu viel trank. Manchmal verletzte ich mich in personen die Resilienz ihrer Schützlinge gezielt
das Mädchen tagtäglich ging. Sie hatte nie viele meiner Jugendzeit sogar selbst. Doch dann kam fördern. Im ebenfalls von der APA herausgege-
Freunde, sagt, dass es ihr schwer fällt, anderen immer wieder ein Schlüsselmoment, in dem ich benen «Guide to Resilience for Parents and Tea-
zu vertrauen, doch ihre zwei besten Freundinnen mir bewusst wurde, dass ich so nicht leben möch- chers» werden Anregungen dazu gegeben. So
und ihr bester Freund weichen ihr schon seit der te. Das gibt mir dann immer die Energie, mich aus sollte man Kinder beispielsweise vor allem zu
Primarschulzeit nicht mehr von der Seite. Anna eigener Kraft wieder aufzurappeln, mich auf das Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erzie-
war eine gute Schülerin und leitete als Jugendli- zu besinnen, was mir wirklich wichtig ist, und da- hen, sie anregen, sich für andere einzusetzen,
che den Kinderchor ihrer Kirchgemeinde. Heute nach bin ich dann stärker als je zuvor», so Anna. aber auch selbst Hilfe anzunehmen, neugierig zu
sagt sie, dies seien ihre Zufluchtsorte gewesen. Selbstverständlich sind auch resiliente Personen sein und ein positives Bild von sich zu haben.
Hier habe sie gemerkt, dass sie selbst verant- nicht vor psychischen Erkrankungen wie De- Letztendlich sollten wir uns wohl nicht als Opfer
wortlich ist für das, was einmal aus ihr wird, pressionen gefeit. Häufig leiden sie auch im Er- unseres Schicksals oder unserer Gene sehen, son-
dass sie etwas bewegen kann und andere sie wachsenenalter unter psychosomatischen dern uns das Zitat des schottischen Schriftsellers
schätzen. «Noch mehr als andere Jugendliche Erkrankungen, wie stressbedingten Spannungs- Robert Louis Stevenson (1850–1894) zu Herzen
fieberte ich meinem 18. Geburtstag entgegen. kopfschmerzen, und haben häufig Schwierig- nehmen, das Anna sich zum Lebensmotto ge-
Das war der Tag, an dem ich mich endgültig aus keiten mit Beziehungen. Doch in Relation zu macht hat: «Im Leben kommt es nicht darauf an,
meiner persönlichen Hölle befreien konnte», ihren Erlebnissen und im Vergleich zu nichtresi- ein gutes Blatt in der Hand zu haben, sondern mit
sagt Anna nicht ohne einen gewissen Stolz. lienten Personen treten diese Probleme verhält- schlechten Karten gut zu spielen.»
30 aware FS12 FELDER DER PSYCHOLOGE

Neuroökonomie – Ein Gehirn für


Wirtschaftswissenschaftler!
Der Mensch ist ein rational handelnder viduen Verluste stärker bewerten als Gewinne in die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin (all-
Homo Oeconomicus. Diese Ansicht galt derselben Höhe (Kahneman & Tversky, 1979). gemein bekannt als Glückshormon) verantwort-
lange Zeit in den Wirtschaftswissenschaf- Man ärgert sich folglich mehr über den Verlust lich. Aufgrund dieser Funktion ist der Nucleus
ten als unumstössliche Prämisse des von 100 Franken, als man sich über den Gewinn Accumbens auch in der Entwicklung von Sucht-
Erkenntnisgewinns. Zeitgleich lassen uns von 100 Franken freut. verhalten involviert. Bildgebende fMRT-Studi-
alltägliche Schlagzeilen bezüglich der Doch lassen sich auch innerhalb der Neuroöko- en haben gezeigt, dass das Belohnungszentrum
Wirtschafts- und Finanzkrise an dieser nomie ähnliche Resultate finden? Das heisst: durch den Gewinn bzw. bereits durch die Erwar-
Grundannahme zweifeln. Was stimmt also? Sind spezifische Hirnareale bei dem Erleben tung des Gewinns von Geldbeträgen aktiviert
Erklärungen liefert die Neuroökonomie. eines Verlusts stärker aktiviert als bei dem Erle- wird – und dies umso stärker, je höher der Be-
ben eines Gewinns? Die Antwort liefern zahl- trag ist (Knutson et al., 2004). Geld scheint folg-
Von Kristin Möllering reiche Forschungsergebnisse aus fMRT-Studien: lich als eine Art direkter Verstärker zu fungie-
Sowohl bei dem unmittelbaren Erwarten als ren, der eine signifikante Belohnungsreaktion
Seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts eta- auch bei dem Erleben von Verlustsituationen im menschlichen Nervensystem auslöst, die
bliert sich die Neuroökonomie als ernst zu neh- (nicht aber bei Gewinnsituationen) zeigen sich nicht ohne Suchtpotenzial ist (Breiter et al.,
mende wissenschaftliche Disziplin, die an der bei menschlichen Probanden signifikante Akti- 2001). Doch kann der Nucleus Accumbens als
Schnittstelle zwischen Wirtschaftswissenschaft, vitätssteigerungen der Amygdala (Hsu et al., «Geldareal» des Gehirns bezeichnet werden?
Psychologie und Neurowissenschaft neueste Er- 2005; Kahn et al., 2002). Dieses Hirngebiet Mehrere Studien verneinen diese Vermutung.
kenntnisse zur Analyse menschlichen Verhal- (umgangssprachlich auch als Mandelkern be- Denn der Nucleus Accumbens reagiert nicht nur
tens in ökonomischen Entscheidungssituationen zeichnet) ist in der neurokognitiven Psychologie auf monetäre Verstärker: Aktivierungen er-
liefert. Unterstützt wird die Neuroökonomie da- v. a. für die emotionale Bewertung von Gefah- folgten ebenso bei der Darbietung von wohl-
bei von der naturwissenschaftlichen Methodik rensituationen bekannt. Die Amygdala ist somit schmeckenden Speisen, Sportwagen, erotischen
der Neurowissenschaften, die durch bildgebende wesentlich an der Entstehung von Angst betei- Fotografien und attraktiven Geschlechtspartnern
Verfahren (wie z. B. fMRT und PET) aufzeigt, ligt und beeinflusst unser Entscheidungsverhal-
welche spezifischen Hirngebiete bei einer be- ten unbewusst, aber effizient. So sind Personen,
Homo Oeconomicus
stimmten Entscheidungssituation aktiviert sind. denen die Amygdala operativ entfernt wurde,
Der Homo Oeconomicus (lat. = «wirtschaf-
Durch diese Interdisziplinarität gelingt es ihr, nicht mehr in der Lage, jegliche Form der Angst
tender Mensch») bezeichnet ein Men-
ein präziseres Verständnis für die Vorgänge und zu spüren oder Angst in den Gesichtern anderer
schenbild, welches von wirtschaftswissen-
Prozesse innerhalb der behavioristischen «Black Menschen zu erkennen (Adolphs et al., 1995).
schaftlichen Disziplinen geschaffen wurde,
Box» des menschlichen Gehirns zu erlangen Ebenso lernen sie in risikobehafteten Spielen
um das menschliche Verhalten in ökono-
und kann auf diese Weise zur Erklärung von nicht, eine sichere Spielstrategie anzuwenden
mischen Kontexten darzustellen. Es be-
Kauf-, Investitions- oder Managemententschei- (Bechara et al., 1999). Zahlreiche neurowissen-
herrscht seit den 1970er Jahren, implizit
dungen beitragen. schaftliche Studien lassen also auf die wichtige
oder explizit, die theoretische Modellbil-
Im Fokus der Forschung steht dabei stets die Rolle der Amygdala in ökonomischen Situati- dung der Wirtschaftswissenschaften und
Fragestellung, ob der Mensch in ökonomischen onen schliessen – ihre Aktivität hängt mit Furcht stellt damit eine ihrer wichtigsten Grund-
Situationen tatsächlich als vernünftig kalkulie- vor potenziellem Verlust zusammen. annahmen dar. Der Homo Oeconomicus
render Homo Oeconomicus auftritt oder ob er Nicht nur die Tatsache der Amygdalabeteiligung handelt als egoistischer Nutzenmaximierer
sich vielmehr von emotionalen und teilweise un- rüttelt am Konzept des Homo Oeconomicus. stets streng nach dem ökonomischen Prin-
bewussten Prozessen oder persönlichen Präfe- Verschiedene andere Hirnareale konnten inner- zip: Er reagiert nur auf materielle Anreize,
renzen (und dies sogar zu seinem eigenem halb des letzten Jahrzehnts durch die Neuroöko- berücksichtigt in seinen wirtschaftlichen
Nachteil!) verführen lässt. nomie als «Entscheidungshelfer» identifiziert Entscheidungen keine persönlichen Präfe-
Bereits in den 1970er Jahren und damit weit vor werden. So sind ebenso das sogenannte ventrale renzen oder Emotionen und besitzt weiter-
Entstehung der Neuroökonomie liessen verhal- Stratium und insbesondere eine seiner Unter- hin eine allumfassende Information über
tenswissenschaftliche Forschungen Kritik an der strukturen, der Nucleus Accumbens, von äus- die Marktsituation. Aufgrund der offen-
Theorie des Homo Oeconomicus aufkommen: serster Wichtigkeit in ökonomischen Entschei- sichtlichen Realitätsferne, wird die Korrekt-
So zeigte der Psychologe und Wirtschaftsnobel- dungssituationen. Letzterer wird insbesondere heit dieser anthropologischen Modellan-
preisträger Daniel Kahnemann anhand des soge- in Belohnungssituationen aktiviert und ist zu- nahme zunehmend kritisiert.
nannten Prinzips der Verlustaversion, dass Indi- sammen mit anderen neuronalen Systemen für
FELDER DER PSYCHOLOGIE FS12 aware 31

gisch risikoaversiv. Viele der Mechanismen, die


unsere Gefühle steuern, sind eigentlich nicht
wirklich gut an unser modernes Leben ange-
passt.» Unser Gehirn scheint folglich nicht für
den modernen Geldhandel «gemacht» zu sein.
Wenn es um die ökonomische Entscheidungsfin-
dung bei Wertpapierspekulationen, Finanzinve-
stitionen usw. geht, sind Menschen aufgrund ih-
rer evolutionär bedingten neuronalen
Beschaffenheiten zu rein rationalem Denken und
Bildquelle: BodyParts3D/Anatomography - CC-BY-SA-2.1-jp creativecommons.com

Verhalten nicht fähig. Es überwiegen deutlich


die automatisierten, unbewussten und basal ge-
steuerten Reaktionen.
Welche Empfehlungen können nun aufgrund
dieser Überlegungen ausgesprochen werden?
Zum einen scheint der Abschied vom Homo Oe-
conomicus unumgänglich. Vielmehr muss die
Beteiligung emotionaler und basaler kognitiver
Prozesse berücksichtigt werden, wenn es um die
Erklärung oder gar um die Prognose menschli-
chen Verhaltens geht. Nur so kann sich den aktu-
ellen Wirtschaftskrisen von einem wissenschaft-
lich fundierten Standpunkt aus genähert werden.
Zum anderen sollten die neuesten Erkenntnisse
der Neuroökonomie insbesondere für die Wirt-
schaftswissenschaften einen Ansatzpunkt für die
Die Amygdala spielte eine zentrale Rolle in den frühen Studien der Neuroökonomie. Überarbeitung ihrer Modelle darstellen. Denn
diese fussen grösstenteils noch immer auf der
(Aharon et al., 2001; O´Doherty et al., 2003). niert als universell informierter und streng nach Idee des Homo Oeconomicus. Nicht nur kon-
(Ein Forschungsergebnis, das den Neologismus dem Prinzip der Nutzenmaximierung ausge- stante Forschung, sondern auch die Integration
«Geldgeilheit» als Ausdruck massiven Strebens richteter Egoist, existiert nicht. Es ist nichts des erforschten Wissens ist nötig, um effiziente
nach finanziellem Gütererwerb in einem ande- weiter als ein theoretisches Modell, das wissen- Lösungsansätze in Zeiten der Wirtschafts- und
ren, wenn auch noch immer nicht nachvollzieh- schaftlich längst überholt ist und mit äusserster Finanzkrisen zu entwickeln.
baren Licht erscheinen lässt.) Dringlichkeit revidiert werden sollte. Viel eher
Die bisher zusammengetragenen Forschungser- fällen wir unsere ökonomischen Entschei-
Zum Weiterlesen
gebnisse weisen auf eine grundlegende Er- dungen basierend auf einem orchestrierenden
Glimcher, P., Camerer, C., Fehr, E. &
kenntnis hin: Emotionale und v. a. unbewusst Zusammenspiel mehrerer Hirngebiete, das uns Poldrack, R. (2008). Neuroeconomics: Deci-
ablaufende Prozesse beeinflussen den Men- unbewusst beeinflusst und grösstenteils noch sion Making and the Brain. London: Acade-
schen in den unterschiedlichsten ökonomischen unverstanden ist. mic Press.
Entscheidungssituationen. Egal, ob es um die Letztlich bleibt die Frage, warum sich der Reimann, M. & Weber, B. (2011). Neuroö-
Transaktion von tausenden Billionen von US- Mensch eher von seinen Emotionen als von sei- konomie. Grundlagen – Methoden – An-
Dollar in globalen Wirtschaftssystemen oder ner Vernunft leiten lässt? Eine Antwort liefern wendungen. Wiesbaden: Gabler.
um mikaroökonomische Entscheidungen des evolutionspsychologische Überlegungen. Geor- Camerer, C., Loewenstein, G. & Prelec, D.
Individuums beim alltäglichen Konsumverhal- ge Loewenstein, Professor an der Carnegie Mel- (2004). Neuroeconomics: Why economics
ten («Kaufe ich ’ne Coke oder ’ne Pepsi?») lon University in Pittsburgh, äusserte sich fol- needs brains. Scandinavian Journal of Eco-
geht: Es ist keineswegs eine rational kalkulierte gendermassen: «Im Pleistozän gab es einfach nomics, 106(3), 555–579.
Entscheidung. Der Homo Oeconomicus, defi- keine Dinge wie Aktien. Menschen sind patholo-
32 aware FS12 FELDER DER PSYCHOLOGIE

«Oh Gott!» – Ein Handbuch «Psychologie


der Spiritualität»?
«Was ist das denn?» Skepsis und Argwohn gegenüber einem Handbuch zur Psychologie der vements) – der spirituelle Markt und die Sinn-
Spiritualität ist nicht nur von Seiten der Psychologie zu erwarten. Denn das Wort «spirituell» suche-Kultur werden immer grösser, so der So-
wird alltagssprachlich genauso kontrovers wie häufig verwendet. Kann – oder vielleicht ziologe Roof (2000) und der Religions-
sogar muss – die «Spiritualität» auch Gegenstand wissenschaftlichen Interesses sein? wissenschaftler Gladigow (1995).
Laut einer soziologischen Studie (Roof, 1993;
Von Juliana Graf Sein inflationärer, alltagssprachlicher Gebrauch 2000) bezeichnet sich in den USA jeder Siebte
zeugt von seiner vagen Bestimmtheit: Ist damit als weder religiös noch spirituell. Die Zahl der
Es folgt ein Einblick in das 2007 erschienene eine übernatürliche oder magische Erfahrung «nur» Spirituellen (nicht Religiösen) steigt je-
Buch von Anton A. Bucher, der an der Universi- gemeint? Oder ein höheres Bewusstsein jenseits doch nicht nur in den USA (schätzungsweise 20
tät Salzburg Professor im Fachbereich Prak- rein materieller Weltanschauung? Wie ist er von Prozent), sondern vor allem im stärker säkulari-
tische Theologie und Religionspädagogik ist. «Religiosität» zu unterscheiden? Hilfreich ist sierten Mitteleuropa. In einer nicht repräsenta-
Dies soll aus einer religionswissenschaftlichen auch die sprachgeschichtliche Entstehung eines tiven Studie mit ausschliesslich Studierenden
Perspektive (siehe Infokasten) geschehen, in der schwierig fassbaren Begriffs zu verfolgen. Dem- fand Bucher (2007) heraus, dass die «nur» Spiri-
Hoffnung, dass diese Wissenschaft das öde nach kommt «Spiritualität» vom lateinischen tuellen sogar in dieser Stichprobe die grösste
Sperrgebiet zwischen Theologie und Psycholo- «spiritus», was sowohl Luft, Atem, Seele, Geist Gruppe bilden.
gie fruchtbarer machen kann. als auch Mut, Sinn und Begeisterung bedeuten Dahinter steht häufig die Assoziation, dass Spi-
kann. ritualität vom freiheitlichen Suchen und Aus-
Problematik des Begriffs «Spiritualität» wählen des Individuums aus verschiedenen
Der Religionswissenschaftler Richard King «Spiritualität» liegt im Trend Weltanschauungsangeboten geprägt ist. Im Ge-
(2005) sieht die Handhabung von «Spiritualität» Eben weil Spiritualität in seinen vielfältigen gensatz dazu wird Religiosität mit Dogmatik,
als wissenschaftlichen Begriff problematisch. Ausprägungen boomt, besteht nach Meinung Traditionalismus und Institutionsgebundenheit
von Bucher, aber auch des renommierten Ent- in Zusammenhang gesetzt, was eine spirituelle
wicklungspsychologen Rolf Oerter, der das Ge- Religiosität aber nicht ausschliesst.
Religionswissenschaft
leitwort verfasst hat, die Notwendigkeit psycho-
Religionswissenschaft versteht sich als Kul-
logischer Erforschung. Wie kann man «Spiritualität» wissenschaft-
turwissenschaft, die sowohl mit histo-
Ob Yoga, TCM (Traditionelle chinesische Medi- lich fassbar machen?
rischen, philologischen als auch sozialwis-
zin), Zen-Meditation, Selbstfindungs-Ratgeber Buchers «Psychologie der Spiritualität» be-
senschaftlichen Methoden arbeitet. Unter-
oder eine der vielen NRMs (New Religious Mo- kommt seinen Handbuch-Charakter durch die
suchungsgegenstand können nicht nur
verschiedene religiöse Traditionen sein,
sondern auch allgemein Sinn- und Orien-
tierungsangebote (z. B. westliche Yoga-
zentren, Vegetarismus als alternative Le-
bensweise) (von Brück, 2007).
Im Unterschied zur Theologie wird in den
Teildisziplinen Religionssoziologie, -ethnolo-
gie, -geschichte und -psychologie der Glau-
be, also Vorstellungen innerhalb von Religi-
onen, nur deskriptiv, nicht normativ
behandelt. Das konstruktivistische Paradig-
ma fordert dazu auf, subjektive Wirklich-
keiten und das daraus resultierende Han-
Bildquelle: Juliana Graf

deln zu analysieren. Ein objektiver Beweis


von etwas «Heiligem» oder «Übernatür-
lichem» kann nicht angestrebt werden,
trotzdem werden religiöse Erfahrungen als
psychische Realität anerkannt. Sonderausstellung «Mystik» im Museum Rietberg in Zürich. Themenwahl und grosser Besucherzustrom bezeu-
gen die Popularität von «Spiritualität».
FELDER DER PSYCHOLOGIE FS12 aware 33

umfassende Zusammenstellung wichtiger Studi- Entwicklung von Spiritualität in den einzelnen


en und aktueller Ergebnisse, die v. a. aus dem Lebensphasen vorweisen können.
angelsächsischen Raum stammen. Unter erstere fällt zum Beispiel der Gedanke von
Zuerst wird ein Überblick über die qualitativen den «30 Sprossen der Himmelsleiter», der von
Studien gegeben. Im Einzelnen wurden unter- dem als heilig verehrten Johannes Klimakos aus
schiedliche Personengruppen (u. a. Krebskranke, dem siebten Jahrhundert stammte. Auch aussereu-
Palliativmediziner, Umweltaktivisten und Pensi- ropäische Theorien, wie jene im Yoga, werden zu
onisten) interviewt, wobei sehr unterschiedliche den spekulativen Theorien gezählt.
Konzepte von Spiritualität entwickelt wurden: Ken Wilber, der ein bekannter Vertreter der inte-

Bildquelle: Juliana Graf


Beispiele sind «Spiritualität als Selbsttranszen- gralen und transpersonalen Psychologie ist, entwi-
denz» (Niederman, 1999) oder «Spiritualität als ckelte das Stufenmodell der individuellen Bewusst-
Verbundensein mit der Natur» (McDonald, seinsentwicklung (2002), das an die kognitiven
2003). Als Kern aller Konzepte sieht Bucher den Entwicklungsstufen von Piaget anknüpft, aber in
Begriff «connectedness»: Spirituelle Menschen spekulativen Höhen eines Überbewusstseins und
seien sich ihrer Verbundenheit mit einer höheren einer Transpersonalität mündet. Es folgen Entwick- Ein Automat, der spirituelle Erfahrungen für die Erleb-
nisgesellschaft produziert. Persingers «God Helmet»
Kraft (z. B. Gott), mit ihren Mitmenschen und lungsmodelle zur Spiritualität in Kindheit, Adoles- (2002) veranlasste die Verfasserin dieses Artikels zu
der Natur sicher. zenz, Erwachsenenalter und hohem Erwachsenen- der etwas irrwitzigen Idee, eine lukrative Marktlücke
Auch in die Vielzahl von quantitativen Studien alter, die sowohl auf genetische und gender- zu erschliessen.
gibt Bucher Einblick. Eingegangen wird zum spezifische Faktoren als auch auf Krisenbewälti-
Beispiel auf die «Mystizismus»-Skala von Hood gungsstrategien eingehen. Nach Piedmont (1999) Das Buch führt mit seiner gesellschaftlich ak-
(1975) sowie den neuen «Index zum spirituellen sei Spiritualität ein weiteres eigenständiges Persön- tuellen Thematik und seiner transparenten po-
Wohlbefinden» (Daaleman & Frey, 2004). lichkeitsmerkmal neben den «Big Five». sitiven Einstellung gegenüber Spiritualität wie
auch seiner Offenheit für Kritik und kontro-
Neurologische, molekular-biologische und Effekte von Spiritualität versen Psychologen, Psychotherapeuten und
evolutionäre Erklärungsansätze Was die Auswirkungen einer spirituellen Denk- Theologen zusammen. Im interdisziplinären
Bucher referiert auch das nicht unumstrittene und Lebensweise betrifft, sind in den letzten Dialog könnte die Religionswissenschaft
neuropsychologische Experiment von Michael Jahren die positiven Effekte mehr in den Vorder- durch Hinzugabe ihrer deskriptiven Begriff-
Persinger (2002), in dem der Schläfenlappen von grund geraten, wie zum Beispiel gesteigertes lichkeiten, dem konstruktivistischen Paradig-
Versuchspersonen in Form eines Helms elektro- Wohlbefinden, erhöhte Lebenserwartung, ver- ma und ihrer kultur- und geschichtsspezi-
magnetisch stimuliert wurde und diese danach ringertes Risiko für kardiovaskuläre Erkran- fischen Denkweise einen vermittelnden und
u. a. von «Out-of-body-Erfahrungen» oder «Got- kungen (Doster et al., 2002). Andererseits neutralisierenden Einfluss ausüben. Letzteres
teserfahrungen» berichteten. Auch die «Entde- kommt Bucher aber auch auf die möglichen ne- wirkt vor allem einer Universalisierung und
ckung» des «Gottesgens» (2004) durch den Mo- gativen und sogar pathogenen Auswirkungen zu Generalisierung von der Spiritualität als Phä-
lekularbiologen Dean Hammer, der die Spiritua- sprechen: Realitätsverlust bis hin zu Depersona- nomen entgegen. Denn jede spirituelle Erfah-
lität als angeborenen Instinkt enthüllt haben will, lisation durch Meditation (Heise, 2005). rung – sei sie auch biologisch erklärbar – steht
wird vorgestellt. Letztlich wird auch noch die in einem spezifischen kulturellen Umfeld. Und
Evolutionspsychologie herangezogen, die dem Bedeutung von Spiritualität im Bereich diese gilt es schliesslich zu verstehen.
Merkmal «Spiritualität» als «angeborenem Sinn Psychotherapie
für Optimismus» einen Selektionsvorteil zu- Im Feld der Klinischen Psychologie und Psy- Zum Weiterlesen
spricht (Alper, 2002). chotherapie ist die religionskritische Haltung Bucher, A. A. (2007). Psychologie der Spiri-
und Pathologisierung religiöser und spiritueller tualität. Handbuch. Weinheim, Basel: Beltz.
Spiritualität: Entwicklung und Persönlich- Erfahrungen zurückgegangen. Es existieren so- Henning, C., Murken, S. & Nestler, E. (Hrsg.).
keit wohl einige Studien zur Rolle der spirituellen (2003). Einführung in die Religionspsycho-
Bei den Entwicklungsmodellen, die eine spiritu- Haltung des Therapierenden und des Patienten logie. Paderborn: Schöning.
elle Entwicklung des Menschen zu erklären ver- (Jordahl, 1990) als auch zum Einsatz spiritueller Webseite der Arbeitsgruppe Religionspsy-
suchen, unterscheidet Bucher zwischen spekula- Elemente in der Therapie, wie Achtsamkeit (Ro- chologie: http://psychology-of-religion.de/
tiven und solchen, die empirische Fakten zur senthal, 1990).
34 aware FS12 FELDER DER PSYCHOLOGIE

Träume ans therapeutische Tageslicht bringen?

Die Arbeit mit Träumen hatte in den Auslegung hingegen könnte lauten: In den Spuren Die Entdeckung des REM-Schlafes
klassischen analytischen Therapien einen von Träumen können wir einen Zugang zum Ei- Eine der massgeblichen Entdeckungen der
zentralen Stellenwert. Seitdem hat die gensten des/der Träumenden finden, das ihm/ihr Traum- und Schlafforschung war, dass Träume
Bedeutung der Arbeit mit Träumen in und uns als Therapierenden im Wachleben anson- – überwiegend, wenngleich nicht ausschliess-
Psychotherapien eher abgenommen. sten verborgen bleibt. In diesem Sinne wurde der lich – im REM-Stadium (REM = rapid eye mo-
Gleichzeitig hat die empirische Traumfor- Traum u. a. in den berühmten Traumkonzeptionen vement) stattfinden (Hill, 1996). Das REM-
schung an Zulauf genommen. Lässt sich aus von Freud und Jung verstanden. Freud (2010/1924) Stadium wird pro Nacht vier bis sechs Mal
ihren Befunden ein genuiner Nutzen betonte dabei die Maskierung unbewusster, häufig durchlaufen. Wenn man den Träumenden aller-
ableiten, der dafür spricht, Träume wieder sexueller Wünsche, die in der Analyse durch freie dings weckt, sobald er in den REM-Schlaf zu
ans therapeutische Tageslicht zu bringen? Assoziationen überwunden werden müsse, um sinken droht, versucht er immer wieder in ihn
zum latenten Traum und seinen Komplexen vor- zurückzukehren. Bis zu 30 Mal kann er dann
Von Moritz Pohlmann dringen zu können. Jung (2001) fasste den Traum das REM-Stadium immer wieder erneut an-
stärker als Gleichnis auf, das die Gegenwart, aber steuern (Cartwright & Lamberg, 1992). Die
Von Heraklit ist der Satz überliefert: «Die Men- auch die Zukunft offenbart und uns kompensato- Entdeckung des REM-Schlafes impliziert da-
schen im wachen Zustand haben eine einzige risch auf die nichtgelebten Aspekte unserer Per- mit zwei Schlussfolgerungen: Wir träumen
Welt, die ihnen allen gemeinsam ist. Im Schlaf son aufmerksam machen will. Heute spielen Träu- noch mehr (Träume), als wir in der Regel beim
wendet sich jeder seiner eigenen Welt zu.» In sei- me – auch in tiefenpsychologischen Therapien Aufwachen erinnern. Und: Wir scheinen ein
ner strengen Auslegung verweist der Spruch auf – eine geringere Bedeutung. Zugleich floriert die unbändiges, triebhaftes Bedürfnis nach dem
eine ultimative Grenze: Wachen und Träumen fin- empirische Traumforschung. Lässt sich aus ihren Stadium zu haben, in dem wir träumen. Zu
den in verschiedenen Welten statt. Zur Traumwelt Befunden ein spezifisches Rationale für die Arbeit träumen, könnte man meinen, scheint ein
hat man im Wachen keinen Zugang. Eine offenere mit Träumen ableiten? Grundbedürfnis zu sein.

Bildquelle: Timo Honegger


FELDER DER PSYCHOLOGIE FS12 aware 35

Emotionalisierung und Lockerung der Frauen in den 60er Jahren (Hill, 1996). Einen ren Eingang in Träume scheinen Erfahrungen zu
Assoziationen eindrucksvollen Beleg für die Kontinuität von finden, die am Tag als emotional belastet erlebt
Untersuchungen, in denen Träumer aus dem Wach- und Traumerfahrungen bietet auch ein worden waren (Hill, 1996). Versuchen Personen
REM- bzw. Non-REM-Schlaf (NREM) geweckt neueres Experiment an Mäusen, die am Tage zudem die negativen Affekte, die mit belasten-
und zu Träumen befragt wurden, offenbaren ausführlich am Bart stimuliert worden waren: den Wacherfahrungen verbunden waren, vor
qualitative Unterschiede zwischen den zwei Sta- Im Traum replizierten sie das Erregungsmuster, dem Einschlafen zu unterdrücken, treten sie im
das bei der Bart-Stimulation am Tage erfasst Traum nochmals verstärkt auf (Rodenbeck et
worden war (Rodenbeck et al., 2006). Besonde- al., 2004). Träume scheinen uns darauf zu ver-
«Dreams are especially helpful
[…] because they use images,
metaphors, and stories that are Hills Modell in der Praxis
idiosyncratic and provide a Hills Modell der Traumarbeit besteht aus vor, wobei wenigstens zwei konsequent ver-
window into the person’s way of acht Unterschritten, die sich auf drei Phasen folgt werden sollten. Auf der Ebene der ei-
constructing his or her reality verteilen: 1. Exploration, 2. Deutung, 3. Ver- gentlichen Traumerfahrung können Leitfra-
[…] Dreams often provide gra- halten. In der Explorationsphase ist der gen sein: Was zeigt mir meine Erfahrung im
phic illustrations of our difficul- erste Schritt, den Traum zu erzählen bzw. Traum? (z. B. dass ich sehr schnell und kör-
ties in living.» – Clara Hill. aufzuschreiben, bevorzugt im Präsens, als ob perlich war, was ich mir normalerweise nicht
er gerade passiere, Beispiel: «Ich laufe durch zustehe). Auf der Ebene kürzlich zurücklie-
einen dunklen Wald. Äste reissen an meinen gender Erfahrungen wird gefragt: Erkannte
dien: Nicht nur träumen wir im REM-Schlaf fast Kleidern. Ich bin ausser Atem und voller ich etwas wieder, was mich im Wachleben
immer und im NREM-Schlaf seltener; auch sind Angst, aber ich weiss nicht, warum ich ren- beschäftigt? Was zeigt mir der Traum in Be-
diese Träume bizarrer, emotionaler, bildhafter. ne». Im zweiten Schritt sollen die wichtigsten zug auf diese Erfahrungen? Hilfsfragen für
Neurobiologisch scheint der Übergang vom Elemente (Hill nennt eine Höchstzahl von 14 die Deutung auf der Ebene vergangener Er-
NREM- ins REM-Stadium mit einer Deaktivie- Elementen) gekennzeichnet werden, also fahrungen können sein: Wie beeinflussten
rung aminerger (noradrenerger und serotoner- z. B. «laufen», «dunkler Wald», «reissende Erfahrungen aus der Vergangenheit meinen
ger) und der Aktivierung cholinerger Erregungs- Äste», «ausser Atem», «voll Angst», «nicht Traum? Wie scheinen diese Erfahrungen
muster einherzugehen (Rodenbeck, wissen warum». Zu jedem Element sollen im miteinander verbunden zu sein? Als vierte
Gruber-Rüther & Rüther, 2006). Die Aktivie- dritten Schritt Sinneswahrnehmungen und Ebene wird eine Deutung auf Subjektstufe-
rung des serotonergen Systems geht mit kogni- Gefühle nochmals genauer exploriert wer- nebene vorgesehen: Welche Anteile von mir
tiver Kontrollierung, Strukturierung und Hem- den: Erinnere ich mich an Gerüche oder Far- zeigen sich in den einzelnen Elementen
mung einher. Seine De-Aktivierung lässt ben beim Laufen? Was fühlte ich beim Lau- (z. B. in den Ästen, die an meinen Kleidern
Gedanken, Bildern und Gefühlen hingegen frei- fen? Im vierten Schritt wird zu jedem Element rissen)? Auf die Einsichtsphase folgt die
en Lauf. Es kommt zu einer Lockerung von As- frei assoziiert. Hilfsfragen können sein: Was Handlungsphase. Hill sieht zwei Verände-
soziationen. Durch freiere Erregungsausbrei- kommt mir als Erstes in den Sinn, wenn ich rungsoptionen vor, a) auf Ebene des Traums,
tung werden Netzwerkmuster erreicht, die ans Rennen denke? Woran erinnert mich b) auf Ebene des Wachlebens. a) Wenn ich
ansonsten gehemmt werden und deswegen ver- Rennen? Wie geht es mir, wenn ich ans Ren- den Traum ändern könnte, wie würde ich
borgen bleiben (Rodenbeck et al., 2006). nen denken? Nachfolgend werden im fünf- ihn ändern? b) Gibt es etwas in meinem
ten Schritt Bezüge a) zum Wachleben und b) Wachleben, das ich ändern sollte? Als letz-
Kontinuitätshypothese zu Erinnerungen gesucht. a) Gibt es etwas in ten optionalen Schritt schlägt Hill eine fort-
Dass es Erfahrungsspuren des Wachlebens sind, meinem Wachleben, das den Details, Gefüh- gesetzte Arbeit am Traum vor. Diese kann
die in den REM-Schlaf einfliessen, darauf weist len und Assoziationen zu den Traumele- beinhalten: das Aufschreiben des Traumes
eine Vielzahl von Befunden hin: Menschen z. menten ähnelt? b) Erinnern mich die Gefühle in einem Traumtagebuch, einen Austausch
B, die mehr Auto fahren, berichten mehr Träume oder Bilder, die mit den Elementen verbun- mit einem anderen über den Traum oder die
vom Autofahren (Schredl, 2006). Einhergehend den sind, an irgendetwas, das ich in der Ver- Durchführung eines Rituals (z. B. ein
mit der Veränderung von Rollenbildern und ge- gangenheit erlebt habe? Nach der Explorati- schwimmbares Gefäss in einen Fluss lassen,
schlechtstypischen Aktivitäten veränderten sich on beginnt die Phase der Deutung (6. um damit das Loslassen von einer Bezie-
die Träume amerikanischer Frauen der 80er Jah- Schritt). Hill schlägt vier Deutungsebenen hung zu symbolisieren).
re im Vergleich zu den Träumen amerikanischer
36 aware FS12 FELDER DER PSYCHOLOGIE

weisen, was uns beschäftigt, und negativ erlebte


Träume verweisen uns darauf, womit wir uns
bewusst nicht beschäftigen mögen.
Dabei nehmen Forscher wie Hill (1996) und
Cartwright (1992) an, dass Träume Wach-Erfah-
rungen nicht einfach repräsentieren, sondern ei-
nen aktiven Prozess darstellen, diese Erfah-
rungen in unsere vorhandenen Erfahrungsmuster
einzugliedern, sie also zu assimilieren versu-
chen. Autoren wie Rodenbeck und Mitarbeiten-
de (2006) gehen dabei von einem spielerischen
Erproben neuer Affektmuster während des
Traumes aus, das auch zu Neu-Lernprozessen
während des Träumens führen kann. Wiederkeh-
rende Alpträume werden in diesem Sinne als
Überforderung der Traumfunktion verstanden,
Wacherfahrungen zu assimilieren bzw. die aus
dem Wachleben übernommenen Affekte im

Bildquelle: Stefanie Umbricht


Traum erfolgreich zu regulieren.

Therapeutische Nutzung und empirische


Bewährung
Aus diesen Grundannahmen einer aktiven Wei-
terverarbeitung werden unterschiedliche thera-
peutische Modelle abgeleitet. Das Modell von bei Patienten führen kann. Auch konnten posi- Bedeutung davon abhängt, wie wir mit ihnen
Hill (siehe Kasten) sieht dabei vor, Träume vor tive Effekte im Selbstverstehen, nicht aber im umgehen und was wir aus ihnen machen. He-
allem zur Klärungsarbeit zu nutzen. Durch die Beschwerdeindex oder Selbstwertgefühl gemes- raklit verwies bereits darauf, dass der Träu-
Traumarbeit könne häufig ein direkterer Zugang sen werden. Sitzungen mit Traumarbeit waren mende in einer anderen Welt sei: In seiner ei-
zu Problemzusammenhängen von Patienten ge- problemstrukturierten oder unstrukturierten Sit- genen, gänzlich subjektiven. Vielleicht können
schaffen werden, um sie in der Therapie an- zungen ebenbürtig, wenngleich nicht überlegen. wir daraus eine spezifisch therapeutische Be-
schliessend bearbeiten zu können. deutung der Arbeit mit Träumen ableiten: Dass
Andere Modelle (Cartwrigth & Lamberg, 1992; Ein genuiner Nutzen? der Träumende sich in einer Erlebnisdimensi-
Rodenbeck et al., 2006) empfehlen verschiedene Gibt es einen spezifischen therapeutischen on reiner Subjektivität wahrzunehmen lernt,
Arten von «Trainingsstrategien», um es Träu- Nutzen der Arbeit mit Träumen? Auch neuere eine Lebensrealität, die wissenschaftlich nie
men zu erleichtern, ihre assimilative bzw. af- Ansätze legen nahe: Die Arbeit mit Träumen ganz dingfest zu machen sein wird.
fektregulierende Funktion wieder erfolgreich zu kann einen besseren Zugang zum Patienten
erfüllen. Beispielsweise sollen hier Patienten schaffen. Dies muss jedoch keine Zwangsläu- Zum Weiterlesen
lernen, ihre negativen Träume zu stoppen und figkeit sein: die Bedeutung des Traumes steht Gehring, P. (2008). Traum und Wirklichkeit.
imaginativ zu verändern. Oder Patienten werden als solche nie von Anfang an fest. Sie muss im Zur Geschichte einer Unterscheidung.
angehalten, sich vor dem Einschlafen belastende therapeutischen Prozess jeweils neu geschaf- Frankfurt a. M.: Campus.
Affekte einzugestehen, damit diese den Träumer fen werden. Deswegen ist es auch plausibel, Hill, C. (1996). Working with dreams in psy-
im Schlaf nicht mehr überfordern. dass in Wirksamkeitsstudien bisher keine spe- chotherapy. New York: The Guilford Press.
Einige Effektivitätsstudien liegen vor allem zum zifischen Effekte der Arbeit mit Träumen ge- Wiegand, M. H., von Spreti, F. & Förstl, H.
Modell von Hill vor. Die Befunde deuten darauf funden worden sind. Damit stossen wir an die (Hrsg.). (2006). Schlaf & Traum. Neurobiolo-
hin, dass (für Übersicht Hill, 1996 und Schredl, Grenzen der objektiven Erforschbarkeit von gie, Psychologie, Therapie. Stuttgart:
2006) die Einbeziehung von Träumen in die Träumen und der Arbeit mit ihnen. Immer nur Schattauer.
Therapie zu einer höheren Verarbeitungstiefe haben wir es mit Erinnerungen zu tun, deren
PSYCHOLOGIE IM ALLTAG FS12 aware 37

Nehmen wir an, Karl liebt Anna …

… aber Anna weiss es noch nicht. Im


Gegenteil, mehr als ein beiläufiges Kopfni-
cken hat sie für Karl nicht übrig. Dagegen
ist sie häufig mit Fritz oder Franz unter-
wegs.

Von Brigitte Boothe

Anna sitzt zwischen den Psychologievorle-


sungen manchmal in der Cafeteria. Einmal
kommt Karl und bringt ihr ein Lehrbuch, das sie
im Hörsaal vergessen hat. «Mir macht es auch
keinen Spass, das zu lesen», sagt er lächelnd.
Und sie antwortet: «Ja, ich wollte es wohl los-
werden.» Die Gelegenheit ist da, ein paar
Scherze zu machen; Karl zeigt Witz, Anna
scheint amüsiert. Er lässt dann durchblicken,
dass er mit ein paar Leuten aus seiner Lerngrup-
pe zur Psycho-Party geht. Ob sie auch kommt?

Bildquelle: Amir Moye


Ja, sie kommt auch, mit Fritz, Franz und Ilse.
«Eine gute Band kommt», erwähnt Karl, der
sich vornimmt, mit Anna zu tanzen, sie zum La-
chen zu bringen und erfolgreich aus dem Fritz-
Franz-Ilse-Nest zu locken. sierungsentrée: Karl lockt mit der Einladung, (2) Er präsentiert sich mit Vorzügen der eigenen
Das Locken. Das Verführen. Die eigene Person für eine bestimmte Abneigung Verständnis auf- Person, die für die Präferenzen und Relevanzen
für das Gegenüber interessant machen, geht nur zubringen, sie sogar zu teilen. Ein dyadisches der geliebten Person hoffentlich bedeutsam
durch Locken. Karl lockt Anna erst einmal mit Komplott gegen saure Pflicht zugunsten sorg- sind.
seinem Engagement für ihre Angelegenheiten. loser Lust. Diese Botschaft ist eine charmante (3) Er würzt den Kontakt mit Vergnügen.
Dass er Anna das vergessene Buch bringt, zeigt «Verlockungsprämie» in der Verführung zur (4) Er kommuniziert eine Intimisierungsofferte,
Einsatz zu ihren Gunsten. Dann wagt er sich Liebe, um eine Wortschöpfung Freuds zu nut- eine Verlockung dyadischer Verschworenheit,
hervor mit einer Bemerkung über ihre Pflicht- zen. Der Übergang zu weiteren Lustbarkeiten die im Hintergrund bleiben oder bei passender
vergessenheit durch Lese-Abneigung. Doch ist zwanglos. Als Erstes zeigt Karl Prachtgefie- Gelegenheit deutlich werden kann.
nennt er nicht Anna vergesslich und unlustig, der in Form von Witz und Scherz, sein Kopf (5) Er weckt Appetit auf seine Person, verrät
sondern er selbst hat «keinen Spass, das zu le- taugt also, soll Anna merken, nicht nur fürs aber die Ingredienzien der Speise nicht. Nach
sen». Er inszeniert geschickt Verlegenheitser- «Chrampfe» und «Hirne», sondern auch als gei- dem Abschied aus der Cafeteria soll gleichsam
sparnis für die Vergessliche, wenn er sich selbst stiges Potenzial im weiteren und unterhaltenden ein Köder gelegt sein, eine geheimnisvolle Erin-
an ihrer statt ins Spiel bringt und eigene Lektü- Sinn. Und man könnte sich ja demnächst im nerungsspur, die Anna diesmal nicht vergisst.
reunlust formuliert: Ich, Karl, bin es, der an die- Fest- und Tanzambiente treffen, da kann man Der Fünferpack des Liebeszaubers hat Zusatz-
sem Lehrbuch kein Vergnügen hat; ich, Karl, testen, ob das Kopf-und-Körper-Vergnügen wert: Er verbessert soziale Intelligenz. Wer um
würde gut verstehen, wenn es dir ähnlich geht. mehr als zehn Minuten lustig bleibt und sogar den Anderen wirbt, muss geistig so fit werden,
Kein Wunder also, wenn das Buch im Hörsaal neue Überraschungen bietet. dass er die Angelegenheiten des Anderen erkennt
liegen blieb. Karl lächelt, das macht seine Of- Karl als der Verführungsinitiator, der um eine und sich ein brauchbares Bild macht. Er leistet
ferte einer Komplizenschaft zum Spiel. Jetzt geliebte Person wirbt, setzt ein prototypisches Manipulationsverzicht. Er achtet das Recht der
lässt sich Anna frei von Verlegenheit auf die Repertoire ein, den Fünferpack des Liebeszau- geliebten Person, ihn zurückzuweisen und ande-
Anspielung einer Freud‘schen Fehlleistung ein: bers: re vorzuziehen. Er mobilisiert Courage, um Nie-
Ja, ich wollte es wohl loswerden. (1) Er engagiert sich für die Relevanzen und derlagen einzustecken. Er lässt sich etwas einfal-
So wird das triviale Kleinereignis zum Intimi- Präferenzen der Geliebten. len, wenn es grad nicht weitergeht.
38 aware FS12 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG

Warum ist Liebe vergänglich?

Was bedeutet Liebe und warum scheitern Gefühle sie/er in uns auslöst. Wenn Glücksge- verfügt. Wir können das Entstehen und Abklin-
so viele Beziehungen? Diesen Fragen fühle, Wärme, Geborgenheit, sexuelle Erregung gen von Leidenschaft gar nicht oder nur sehr
widmet sich der folgende Artikel unter der etc. dabei erweckt werden, wird der/die Ge- schwer kontrollieren. Am meisten könne man
Betrachtung von Sternbergs Dreieck-Modell fragte diese Frage höchst wahrscheinlich beja- die Bindung kontrollieren, weil diese Kompo-
(1986) sowie dem Liebeskonzept des hen. Wenn keine positiven Gefühle vorhanden nente eine kognitive Entscheidung benötigt.
jüdischen Philosophen und Rabbiner sind, wird man sich wohl eingestehen müssen, Sternbergs Text ist des Weiteren zu entnehmen,
Dessler (1996). dass man den anderen nicht mehr liebt. die Komponente Vertrautheit werde umso unbe-
Nach diesem Beispiel ist man zum Schluss ge- deutender, je länger die Beziehung dauert.
Von Simon Lang neigt, dass Liebe eine versteckte Manifestation In diesem Artikel ist es mir ein Anliegen, zwi-
von Selbstliebe bzw. Selbstgefälligkeit ist: Es schen der «romantischen Liebe» und dem, was
«Die Liebe» – ein grosses Wort, das mit eupho- existiert jemand (die geliebte Person) oder etwas in der jüdischen Philosophie unter der «wahren
rischen Glücksgefühlen, Geborgenheit, Wärme, (Emotionen), der oder das bewirkt, dass wir uns Liebe» verstanden wird, zu unterscheiden. In
Zweisamkeit, Partnerschaft, aber auch mit gut fühlen. Überspitzt formuliert kann behauptet Letzterem beziehe ich mich auf Rabbiner Eliya-
Schmerz und Trauer assoziiert wird. Die Liebe werden, dass dieses Verständnis von Liebe stets hu Eliezer Desslers Werk «Michtav me»-Eliya-
ist das Thema sowohl im Alltag als auch in der durch Egoismus entsteht. Es geht uns um das ei- hu (engl. Strive for truth) und Rabbiner Dr. Aki-
Kunst und Wissenschaft. Mit Anspannung, Inte- gene Wohlbefinden, um die Frage «Wie fühle ich va Tatzs «Living Inspired». Die romantische
resse und Neugier verfolgen wir, wie unsere mich?». Wenn die oben erwähnten, positiven Ge- Liebe beinhaltet die Eigenschaften wohltuender
Liebesbeziehung, die Liebesbeziehung von fühle vorhanden sind, dann sind wir der Über- Emotionen. Gemäss dem Modell von Sternberg
Freundinnen und Freunden und auch die von zeugung, den Partner/die Partnerin zu lieben, wären die Komponenten Leidenschaft und zum
Prominenten entstehen und wie schnell sie wie- aber die eigentliche Wahrheit ist, so gesehen, Teil auch die Vertrautheit die Schwerpunkte der
der auseinanderfallen. Auch im Bereich der dass sie/er mir gut tut, mir etwas gibt. Dies ist romantischen Liebe. Wahre Liebe hingegen er-
Emotionen beobachten wir, wie mächtig die aber bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit, gibt sich nach Dessler hauptsächlich durch die
Liebesgefühle am Anfang sind, aber dennoch Liebe zu konzeptualisieren. Fähigkeit zur Bindung.
nach einer gewissen Zeit der Beziehung schein- Romantische Liebe ist jener Teil der Beziehung,
bar unvermeidlich verschwinden. bei dem das eigene Ego hinsichtlich wohltuen-
«Du und ich: Wir sind eins. Ich
Warum schwinden die Gefühle? Haben wir uns der und aufregender Gefühle am meisten profi-
kann dir nicht wehtun, ohne mich
einen falschen Partner ausgesucht? Lieben wir tiert. Die Emotionen sind überwältigend, ver-
zu verletzen.» – Mahatma Gandhi
die Person nicht mehr? Können wir kontrollie- schwinden aber auch sehr schnell wieder.
ren, in wen wir uns verlieben? Kann man uns Gefährlich ist, wenn das als die einzig mögliche
einen Vorwurf machen, wenn wir uns in jemand Nach dem berühmten Dreieck-Modell von Liebe missverstanden wird und Menschen ent-
anderen verlieben und dann fremdgehen? Im Sternberg (1986) wird die Liebe in drei Kompo- täuscht von einer Beziehung zur anderen hüp-
Englischen gibt es die Redewendung «falling in nenten aufgeteilt: Intimacy (Vertrautheit), Passi- fen, um auch diese bald wieder zu verlassen. Die
love»: Haben wir wirklich gar keine Kontrolle on (Leidenschaft) und Decision/Commitment romantische Liebe klingt mit der Zeit ab und
darüber, wo unsere Gefühle «hinfallen»? Wel- (Festlegung/Bindung). Sternberg behauptet, unsere Vorstellung bringt uns zum Schluss, dass
che Gründe gibt es dafür, dass 54 Prozent der jede Beziehung besitze diese drei Elemente, der wir die Partnerin/den Partner nicht mehr lieben.
Ehen in der Schweiz nicht durch den Tod, son- Unterschied läge nur in der Ausprägung der ein- Aber es gibt noch die Festlegungskomponente
dern durch den Richter geschieden werden (BfS, zelnen Komponenten. Eine Beziehung zu Ge- und die wird massiv unterschätzt. Gerade bei äl-
2010)? schwistern hat einen hohen Anteil an Vertraut- teren Paaren, kann davon ausgegangen werden,
Wie verstehen wir das Wort Liebe? Wenn man heit, die Liebe zu einem Kind hat ein sehr hohes dass die Komponenten Vertrautheit und Festle-
nach einer Definition gefragt wird, fallen schnell Mass an Festlegung. Die Beziehung zum Partner gung an mehr Bedeutung gewinnen als die lei-
klischeehafte Beschreibungen: Der Partner sei hingegen hat eine grössere Komponente an Lei- denschaftliche Komponente. Die verschiedenen
für einen da, man könne schöne Zeiten zusam- denschaft. Gemäss dem Dreiecksmodell müssen Komponenten sind nicht disjunkt, sondern grei-
men erleben, man denke konstant an den ande- die Beziehungen kein gleichschenkliges Drei- fen ineinander über. Jedes Dreieck besteht aus
ren und der Partner würde einen verstehen. eck bilden. Jede Beziehung hat eine oder zwei allen drei Seiten.
Werden wir gefragt, ob wir die Partnerin/den Achsen, die etwas länger sind. In der hebräischen Sprache ist das Wort für Lie-
Partner lieben, so mögen wir reflektieren, was Sternberg schrieb auch, dass man über die Kom- be «Ahava». Eine weitere Bedeutung des Wort-
sie/er momentan für uns bedeutet und welche ponente Leidenschaft am wenigsten Kontrolle stamms ist mit dem Verb «geben» übersetzbar.
PSYCHOLOGIE IM ALLTAG FS12 aware 39

Mit der romantischen Liebe verhält es sich


ähnlich. Anfangs existieren überwältigende,
berauschende Emotionen, man möchte die
ganze Welt umarmen und sieht sie durch eine
rosarote Brille. Aus Perspektive der jüdischen
Philosophie, wie sie von Dessler (1996) ver-
treten wurde, ist romantische Liebe gottgege-
ben, und zwar nur für kurze Zeit. Dann ist es
die Aufgabe des Menschen, die gleiche Inten-
sität der Gefühle durch seine eigene Kraft wie-
derzuerlangen – wie beim Phänomen der In-
spiration. Die schwindende romantische Liebe
hinterlässt so einen Raum, in dem nun die
wahre Liebe Platz einnehmen kann. Diese
wahre Liebe entwickelt sich langsam und über
eine längere Zeit, bis eine vergleichbare Inten-
sität von Emotionen vorhanden ist, wie sie
einst zu Beginn der Beziehung bestand. Sollte
dieser Level der Gefühle wieder erreicht wer-
den, wird aus Perspektive der jüdischen Philo-
sophie angenommen, dass diese Emotionen
Bildquelle: Adrian Oesch

von deutlich mehr Stabilität und Tiefe gekenn-


zeichnet sind.
Warum also zerbrechen so viele Beziehungen
nach relativ kurzer Zeit? Die jüdische Philoso-
phie antwortet uns damit, dass wir als roman-
Der hebräischen Wortbedeutung nach ist wahre stiger, sondern auch tiefer und solider ist. tisch Verliebte Selbstliebe mit wahrer Liebe
Liebe eng an den Akt des Gebens geknüpft. Die Viele haben es erlebt: Die Maturitätsprüfung ist für den anderen verwechseln. Letztere wird als
romantischen Aspekte von Liebe, die vor allem abgeschlossen, man entscheidet sich für einen menschliche Eigenleistung, die aus wieder-
für das eigene Ego wohltuend sind, sind dem- Studiengang an der Universität und lässt sich für holtem Geben besteht, gesehen (Dessler,
nach nicht die Liebesessenz. eine Fachrichtung einschreiben. Bei der Aus- 1996). Sobald die positiven Emotionen der ro-
Romantische Liebe eröffnet den Raum für starke wahl des Studiums und bei Semesterbeginn mantischen Beziehung sich in Luft auflösen,
Emotionen, die nach ihrem Abklingen ein Vaku- stellt man sich vor, wie man das Studium eines kommen wir fälschlicherweise zum Schluss,
um hinterlassen. Das Ziel ist, gemäss Rabbiner Tages bestehen, den entsprechenden Titel be- dass wir unseren Partner nicht mehr lieben.
Dessler (1996), mit unseren eigenen Mitteln, kommen und später in diesem Gebiet arbeiten Leider unterschätzen und vernachlässigen wir
mit Investition und Selbstlosigkeit, eine ähn- wird. Viele Studierende sind zu Beginn des er- viel zu oft die einzige Komponente, die wir
liche Gefühlsintensität wiederzuerlangen oder sten Semesters hoch motiviert. Diese positiven kontrollieren können – die Festlegung.
sie gar zu steigern. Gefühle verwandeln sich schnell in Stress,
Dieses Konzept wird verständlicher, wenn wir Druck und Angst vor Prüfungen oder Versagen. Zum Weiterlesen
uns mit dem Phänomen der Inspiration befassen. Die wohltuende und berauschende Begeisterung Dessler, E. (1999). Strive for truth! Bd. 1. Je-
Inspiration funktioniert ähnlich: Zuerst ist ein verschwindet und hinterlässt Leere. Wenn aber rusalem: Feldheim Publ.
hohes Mass an Impulsivität, Verlangen und Be- die Schlussprüfung bestanden ist, kommen Sternberg, J. S. (1986). A Triangular Theory
gehren vorhanden. Mit der Zeit wird der Impuls Stolz, Befriedigung, Genugtuung und ein er- of Love. Psychological Review: 93(2),
aber immer kleiner, bis er am Schluss ganz ver- höhtes Selbstwertgefühl auf – Gefühle, die viel 119–135 .
schwindet. Auch in diesem Zusammenhang liegt tiefer und stabiler sein können als die inten- Tatz, A. (1993). Living Inspired. Feldheim:
es an uns und unserer Investition, wieder ein siven, dennoch fragilen Emotionen der Inspirati- Targum Press.
Gefühl herbeizuführen, das nicht nur langfri- onsphase.
40 aware FS12 PSYCHOLOGIE IM ALLTAG

Wieso wir anderen die Schuld geben sollten

Tag für Tag suchen wir nicht nur für das rungen werden weiter unten im Artikel behandelt. Kovariationsprinzip und Konfigurationstheorie
Verhalten Fremder, sondern auch für unser Gemäss dieser Theorie können wir auf verschie- Kelly (1967) hat eine Theorie formuliert, in deren
eigenes Erklärungen. Je nach Wahrnehmung dene Objekte attribuieren – uns selbst, andere und Zentrum das Kovariationsprinzip steht. Es wird
unterliegen diese jedoch Verzerrungen. Im Entitäten, wobei das Ziel der Attributionstheorie postuliert, dass Personen ein Verhalten nach ge-
Folgenden zeige ich auf, wie wir nach ist, «die Erklärung, die Beobachter/-innen für das wissen Kriterien resp. anhand zur Verfügung ste-
Ursachen suchen und weshalb uns nie eine Verhalten anderer finden» (Werth & Mayer, 2008, henden Informationen beurteilen und so zu einer
Schuld trifft … oder doch? S. 135), zu erklären und zu verstehen. systematisch fundierten Attribution gelangen
(Herkner, 1993, S. 16). Genauer gesagt heisst
Von Stefan Rohner Weiterführende Theorien dies, dass ein Ereignis (resp. ein Verhalten in einer
Basierend auf der Attributionstheorie, die disposi- gewissen Situation) auf diejenige seiner mög-
Grundlegende Theorie tionale Schlussfolgerungen als grundlegend po- lichen Ursachen zurückgeführt wird, mit welcher
Die Attributionstheorien bestehen aus einer An- stuliert, haben verschiedene Forschende ihre Kon- es über die Zeit kovariiert (Herkner, 1993, S. 16).
sammlung von Ideen und Konzepten, die sich mit zepte formuliert. Im Folgenden soll zuerst auf die Somit werden Kausalbeziehungen gebildet und
der Frage beschäftigen, wie sich Menschen Ver- Konzepte des Kovariationsprinzips und der Konfi- ein Ereignis erklärt.
halten erklären – sei es ihr eigenes oder das ihrer gurationstheorie sowie der Theorie der korre- Die Informationen, welche gegeben sein müssen,
Mitmenschen. Gemäss Fritz Heider, der allgemein spondierenden Schlussfolgerungen eingegangen sind Distinktheit, Konsensus und Konsistenz (Her-
als Begründer dieser Theorie gilt, ist der Mensch werden und dann auf das für uns wichtige Kon- kner, 1993, S. 17). Diese Variablen haben jeweils
stark dazu motiviert, die persönlichen Dispositi- zept der leistungsbezogenen Attribution. dichotome Ausprägungen und aus der Zusam-
onen seiner Mitmenschen herauszufinden, die de- mensetzung resp. der Kombination der Stärke-
ren Verhalten erklären (J onas, Stroebe & Theorie der korrespondierenden Schlussfol- graden dieser Variablen kann folglich zwischen
Hewstone, 2007, S. 76). gerungen Personen-, Kontext- oder Entitätsattribution so-
Also bilden wir uns im Alltag Kausalzusammen- Jones und Davis haben in ihrer Theorie der korre- wie Attribution auf Interaktion zwischen Person
hänge, indem wir versuchen, genau jene Disposi- spondierenden Inferenzen (Jones & Davis, 1965) und Entität unterschieden werden (Jonas, Stroebe
tionen zu ergründen. Was möglicherweise jedoch postuliert, dass «einer der wichtigsten Faktoren & Hewstone, 2007, S. 81).
ausser Acht gelassen wird, ist, dass das Verhalten bei der Attribution die Bewertung der Intentiona- Das Kovariationsprinzip stösst allerdings an seine
der beobachteten Person nicht dispositional, son- lität» ist (zit. nach Hayes, 1993, S. 31). Demzufol- Grenzen, wenn nicht alle Informationen verarbei-
dern in der Situation verankert ist – das heisst ge zwängt sich die Theorie jedoch selbst in einen tet werden können, also eine vollständige Attribu-
also, dass wir den erschlossenen Dispositionen relativ kleinen Anwendungsbereich, nämlich den tion nicht stattfindet, weil es an Motivation oder
viel mehr Gewicht zuschreiben als der Situation der Personenattribution, da Entitäten keine Ab- Zeit mangelt.
in Bezug auf die Handlung. Diese Verzerrung sichten oder Dispositionen zugeordnet werden An dieser Stelle knüpft die Konfigurationstheorie
wird in der Literatur als fundamentaler Attributi- können (Witte, 1994, S. 309). an, welche besagt, dass in solchen Fällen auf kau-
onsfehler bezeichnet. Diverse andere Verzer- Gemäss ihrer Theorie schliessen Beobachter aus sale Schemata zurückgegriffen wird, um eine At-
Verhalten auf Dispositionen, weil «diese mit den tribution vorzunehmen. Diese kausalen Schemata
Distinktheit charakteristischen Merkmalen des Verhaltens kor- – gelernte Annahmen über mögliche Ursachen
Informationen darüber, wie ein Handelnder respondieren, ihnen also entsprechen» (Jonas, eines bestimmen Ereignisses – sind relativ kom-
unter ähnlichen Umständen auf unter- Stroebe & Hewstone, 2007, S. 77). Beispielsweise plex und postulieren meistens eine Beziehung
schiedliche Entitäten reagiert. attribuieren wir den Kauf einer Kamera durch die zwischen multiplen Ursachen, da in den meisten
Kollegin auf ihre Disposition, Freude an Fotogra- Fällen mehrere Ursachen für ein Verhalten verant-
Konsensus
fie zu haben. wortlich sind (Herkner, 1993, S. 20–22).
Informationen darüber, wie sich unter-
Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass die Wahlfreiheit Man mag sich jetzt fragen, wie all die oben ge-
schiedliche Handelnde gegenüber einer En-
der beobachteten Person zu jeder Zeit gegeben sein nannten Theorien – plakativ gesprochen – dafür
tität verhalten.
muss, denn ist sie es nicht, so können wir nicht, so «sorgen» sollen, dass wir anderen die Schuld ge-
Konsistenz wie die Theorie postuliert, korrespondierende Dis- ben können. Tatsache ist, dass sie keine Berechti-
Informationen darüber, ob sich das Verhal- positionen ergründen, da wir nicht sicher sein kön- gung geben, irgendwem irgendwas in die Schuhe
ten des Handelnden gegenüber einer Entität nen, dass sie tatsächlich korrespondieren resp. dem zu schieben. Denn Schuldzuschreibung ist ein
in verschiedenen Situationen unterscheidet. Verhalten entsprechen (Witte, 1994, S. 309–310; Prozess, der sich jenseits jeglicher Attribution ab-
Jonas, Stroebe & Hewstone, 2007, S. 78). spielt, da eine Schuldzuschreibung ein aktiver
PSYCHOLOGIE IM ALLTAG FS12 aware 41

tung geändert? Bei den Theorien zur korrespon-


dieren Schlussfolgerung und dem Kovariations-
prinzip resp. der Konfigurationstheorie war es
für uns immer möglich zu beobachten – also
eine konkrete Rollenverteilung zwischen Beo-
bachter und Beobachtetem. Im Falle der lei-
stungsbezogenen Attribution ist diese Teilung
nicht mehr möglich, denn dort verlassen wir
unsere Position als «naive Wissenschaftler»
und sind selbst Beobachter und Beobachtete zu-
gleich! Somit wird für uns das Ergebnis der
Bildquelle: Stefan Rohner

Handlung von Bedeutung (sogenannte Ernstsi-


tuation), da wir selbst zutiefst darin involviert
sind (Witte, 1994, S. 309).
In diesem Zusammenhang ist zu sagen, dass
wir, in Bezug auf die ‹Schuldfrage› resp. der
Prozess ist und Attributionen automatisch stattfin- Tabelle 1 gemäss Witte (1994) Schuldzuweisung, dazu neigen, in leistungsbe-
det. Aber dennoch wollen wir die Theorien be- Kombination der Ausprägungen ergeben vier Ur- zogenen Ernstsituationen die Ursachenerklä-
trachten, die, falls wir doch einen «Schuldigen» sachenerklärungen rungen so zu modifizieren, «dass z. B. Erfolge
haben wollen, uns Rückhalt bieten. Lokalität Stabilität Kontrollier- eher auf die stabilen Fähigkeiten der eigenen
Person» und «Misserfolge dagegen auf die vari-
barkeit

able Bereitschaft» attribuiert werden (Witte,


Fähigkeit Intern Hoch Keine
Leistungsbezogene Attribution
Basierend auf Heiders grundlegender Attributi- Anstrengung Intern Gering Grosse
1994, S. 309). Dieses Prinzip der flexiblen
onstheorie (1958) hat Weiner eine Theorie ent- Aufgabenschwierigk. Extern Hoch Keine
Grenzziehung (auch bekannt als self-serving
worfen, welche sich spezifisch mit der Attribution Glück Extern Gering Keine bias) hat einen enormen Einfluss auf die Be-
in Leistungssituationen im Zusammenhang mit Um dies anschaulich zu beschreiben, folgt hier ein trachtung von Attributionen, in denen eine klare
Erfolg und Misserfolg auseinandersetzt. Er postu- Beispiel: Rollenverteilung gegeben ist.
liert in seiner Theorie der leistungsbezogenen At- Sie haben soeben eine schwierige Prüfung abge- Der grosse Aha-Moment liegt darin, dass eine
tribution, dass «unsere Schlussfolgerungen über legt, für die Sie viel gelernt haben, und die Klau- selbstwertschützende und selbstwerterhöhende
die Ursachen von Erfolg und Misserfolg einen sur «mit einem guten Gefühl» abgegeben. «Schuldzuschreibung» für das Individuum
unmittelbaren Einfluss auf künftige Erwartungen, Gehen wir vom Erfolg aus: die Prüfung wurde be- durchaus von Vorteil ist, sich aber nachteilig
Motivationen und Emotionen haben» (Jonas, standen. Je nach Attributionsstil schliesst die Per- auf den zwischenmenschlichen Kontakt aus-
Stroebe & Hewstone, 2007, S. 85). Laut dieser son auf andere Erfolgsursachen. Meint die Person wirkt (Witte, 1994, S. 309).
Theorie werden vier verschiedene Ursachen für beispielsweise, der Prüfungserfolg ginge auf ei-
Erfolg resp. Misserfolg in Betracht gezogen: Fä- nen externen, instabilen und unkontrollierbaren Fazit
higkeit, Anstrengung, Aufgabenschwierigkeit und Faktor zurück, dann wird sie davon überzeugt Summa summarum lässt sich sagen, dass Attri-
Glück. Im Zusammenhang mit den drei Informati- sein, einfach nur Glück gehabt zu haben und sich butionstheorien Schuldzuschreibungen erklären
onsdimensionen (Lokation, Stabilität, Kontrollier- in Zukunft in allen Lernbereichen stärker anstren- und «im Namen» des Selbstwertschutzes und der
barkeit), welche diese Ursachenklärung beeinflus- gen zu müssen. Hat sie allerdings die Prüfung Selbstwerterhöhung sogar rechtfertigen. Dies le-
sen, tritt je nach Person ein bestimmtes nicht bestanden, könnte sie beispielsweise mei- gitimiert uns aber selbstverständlich nicht dazu,
Attributionsmuster über die Zeit auf, welches, wie nen, der Misserfolg sei an einem internen, stabilen alles den anderen in die Schuhe zu schieben.
oben erwähnt, einen Einfluss auf künftige Motiva- und unkontrollierbaren Faktor gelegen. Die Kon- Auch nicht, wenn wir am Abend vor der Prüfung
tionen, Emotionen und Erwartungen haben kann. sequenz des Gedankens wäre der Glaube, dass die noch bis spät in die Nacht in einem Club waren.
Die Kombination der dichotomen Ausprägungen Prüfung hinsichtlich der eigenen Begabung viel- Dann sind wir selber schuld und nicht der Club-
der Informationsdimensionen ergibt dann die vier leicht doch zu schwierig war (Witte, 1994, S. 309; besitzer, der es versäumt hat, den Club beizeiten
verschiedenen Ursachen, welche in Tabelle 1 Jonas, Stroebe & Hewstone, S. 85). zu schliessen, so dass der seriöse Student noch
sichtbar sind (Witte, 1994, S. 307). Inwiefern hat sich jetzt etwas in der Betrach- früh genug ins Bett kommt.
42 aware FS12 ERFAHRUNGSBERICHT

XVI. Workshop Aggression

Im November 2011 fand an der Philipps gungsort war von der Länge her genau richtig: Autoren ihre Arbeit kurz vorstellen, nur leider
Universität Marburg/Deutschland der XVI. Er reichte aus, um erste Eindrücke der schönen waren einige von ihnen nicht an Ort und Stelle.
Workshop Aggression statt. Ein Erlebnisbe- Stadt Marburg bei Tageslicht zu sammeln, Es wurde daher beschlossen, dass die Teilneh-
richt einer Psychologiestudentin über drei ohne aber zu ermüden. menden sich selbst ein Bild der Arbeiten ma-
spannende Tage rund um das Thema chen und anschliessend individuell Fragen
Aggression. Der offizielle Teil der Tagung wurde durch die stellen können. Demnach bildete sich ein Ge-
Begrüssung der beiden Organisatoren, Mario tümmel vor den Postern, so dass die Konzen-
Von Viviane Molitor Gollwitzer und Ulrich Wagner, eröffnet. An- tration bei mir zu schwinden begann. Die
schliessend folgte der Vortrag einer Gastredne- nächsten Vorträge liessen nicht lange auf sich
Bei dem diesjährigen Workshop Aggression rin. Ich musste mich sehr anstrengen, um ihrem warten. Diesmal entschied ich mich für die
war auch ich mit von der Partie. Die Ergeb- Beitrag in englischer Sprache und so ganz ohne Beiträge zum Thema «Media Violence», die
nisse meiner Bachelorarbeit wurden vorge- Power-Point-Folien folgen zu können. Schnell bis 19:00 Uhr andauerten. Anschliessend fand
stellt und es erfüllte mich mit Stolz, meinen merkte ich, dass ich wohl doch noch nicht so ein gemeinsames Abendessen in einem nahe-
Namen als Co-Autorin eines Beitrages im Ta- wach war. Nach der ersten Pause mit Kaffee gelegenen Lokal statt.
gungsprogramm lesen zu dürfen. Zugleich hat- und Kuchen verbesserte sich die Lage jedoch.
te ich aber auch etwas Bammel vor möglicher Es fanden anschliessend jeweils zwei Sessions Der zweite und letzte Tag startete bereits um
Kritik und Fragen von anderen Teilnehmenden. à drei Vorträge parallel statt. Da die Beiträge 9:00 Uhr. Heute war auch meine Arbeit an der
Immerhin waren unter ihnen auch Forscher jedoch thematisch sehr gut geordnet waren, fiel Reihe. Obwohl ich nicht selbst vortragen
und Forscherinnen, die sich bereits einen Na- es, mit wenigen Ausnahmen, nicht schwer, sich musste, war mir vor Aufregung an diesem
men gemacht haben. Glücklicherweise über- für eine der beiden Sessions zu entscheiden. Es Morgen überhaupt nicht wohl. Vom ersten Bei-
nahm der Betreuer meiner Bachelorarbeit die gab verschiedene Beiträge zu den Themen «Se- trag habe ich daher nicht viel mitbekommen.
Aufgabe, die Ergebnisse vorzutragen. Ich xual Aggression», «Person-Situation Interac- Meine Aufregung besserte sich im Laufe des
konnte mir demnach als «stille Beobachterin» tion» sowie «Intergroup Processes». Ich ent- Vormittags, erreichte dann aber doch ihren Hö-
ein Bild von der Lage verschaffen und erste schied mich für die beiden letzten hepunkt kurz vor Beginn unseres Vortrages.
Erfahrungen und Eindrücke in der Welt der Ta- Themengebiete. Obwohl ich mich anfangs an Ich versuchte mir nochmal alle Fakten und Er-
gungen sammeln. die sehr kurze Vortragsdauer von nur 15 Minu- gebnisse meiner Arbeit ins Gedächtnis zu ru-
ten gewöhnen musste, konnte ich den meisten fen, um für alle potenziellen Fragen gewapp-
Der erste Abend meiner Ankunft startete in in- Vorträgen ohne Schwierigkeiten folgen. Nach net zu sein. Mein Betreuer hingegen schien
formellem Beisammensein. Da viele erst am den jeweiligen Redebeiträgen blieb genug Zeit geringere Probleme mit der Aufregung zu ha-
zweiten Tag angereist sind, war die Gruppe für Fragen und Kritik. Für mich als Neuling war ben und hielt den Vortrag in seiner gewohnt
sehr überschaubar. Die meisten Anwesenden es sehr interessant zu sehen, welche Fragen ge- lockeren Art und Weise. Es war sehr spannend
kannten sich bereits von vorherigen Tagungen. stellt werden und v. a. wie die Referierenden und ich musste mir nochmal vor Augen führen,
Mein erster Eindruck erwies sich als sehr posi- versuchen, angemessen darauf zu reagieren. dass das, was dort präsentiert wurde, tatsäch-
tiv: Es herrschte eine sehr lockere Atmosphä- lich die Ergebnisse meiner Arbeit sind. Die 15
re. Auch waren sehr viele junge Leute anwe- Nach der zweiten Session beschloss ich, mich Minuten Vortragsdauer vergingen wie im Flug
send. Nach dem gemeinsamen Essen beschloss in mein Hotelzimmer zurückzuziehen. Nach und ausser wenigen Anmerkungen seitens der
ein Grossteil der Gruppe, das Beisammensein sechs Beiträgen hintereinander hätte ich nur Anwesenden blieben die von mir gefürchteten
im nächstgelegenen Café fortzusetzen. Nach noch mit Mühe aufmerksam zuhören können. unangenehmen Fragen glücklicherweise aus.
einem langen aber sehr lustigen Abend ging es Ausserdem wollte ich ausgeruht sein für den Erleichtert konnte ich mich auf die letzten Vor-
nach Mitternacht (wenn auch nicht für alle) letzten Beitrag sowie das anschliessende ge- träge des Tages zum Thema «Aggression in
Richtung Hotel. meinsame Abendessen. Adolescence» freuen.

Der offizielle Tagungsbeginn am nächsten Pünktlich für die Postersession war ich wieder Langsam neigte sich die Tagung dem Ende zu.
Morgen war glücklicherweise erst für 10:30 im Tagungsgebäude. Nach einiger Zeit be- Gegen 15 Uhr erfolgte die Verabschiedung
Uhr geplant. Man hatte demnach genug Zeit, schloss ich aber, mich doch eher dem Kaffee durch die Organisatoren des Workshops. Sie
bei einem ausgiebigen Frühstück erst einmal als den Postern zu widmen. Geplant war ei- bedankten sich bei allen Anwesenden für die
wach zu werden. Der Weg vom Hotel zum Ta- gentlich, dass die jeweiligen Autorinnen und interessanten Vorträge und die anregenden
ERFAHRUNGSBERICHT FS12 aware 43

Diskussionsrunden. Bei der Gelegenheit


machte André Melzer von der Universität
Luxemburg die Teilnehmenden auf den näch-
sten Workshop Aggression aufmerksam, der in
Luxemburg stattfinden wird. Nach der Verab-
schiedung und dem Datum für das nächste
Treffen im Gepäck, begaben sich die Teilneh-
menden nach und nach auf die Heimreise.
Trotz der zwei anstrengenden Tage überkam
mich eine leichte Traurigkeit, dass der Work-
shop und die schönen Tage in Marburg so
schnell zu Ende gingen.

Mein Fazit: Der Workshop Aggression hat sich


für mich voll und ganz gelohnt und ich bin sehr
dankbar dafür, dass ich dabei sein durfte. Der
übersichtliche Charakter, die lockere Atmo-
sphäre sowie die interessanten Beiträge, mach-
ten den Workshop zu einem spannenden Erleb-
nis. Daneben war es interessant, Forscher und
Forscherinnen, deren Namen mir durch das Le-
sen von Literatur bereits bekannt waren, per-
sönlich erleben zu dürfen. Ich kann den Work-
shop daher jedem empfehlen, der zum Thema
Aggression forscht und/oder sich für dieses
Themengebiet interessiert. Wer also vom 15.–
17. Juli 2012 noch nichts geplant hat, sollte sich
den Workshop Aggression in Luxemburg auf
keinen Fall entgehen lassen.

Der Workshop Aggression wird seit


1997 von unterschiedlichen Universi-
täten aus verschiedenen Ländern, da-
runter u. a. Deutschland, Luxemburg
und die Schweiz, organisiert. Ziel ist es,
Forscher und Forscherinnen eine Platt-
form zur Diskussion aktueller For-
schungsarbeiten rund um das Thema
Aggression zu bieten.

Der nächste Workshop findet vom 15.–


Bildquelle: Timo Honegger

17. Juli 2012 an der Universität Luxem-


burg statt.
http://www.workshop-aggression.uni.lu
Kontakt: workshop-aggression@uni.lu
4jährige postgraduale

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Körperpsychotherapie IBP
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STöRUNGSBILD FS12 aware 45

Vom Traum zum Trauma

Die Geburt eines Kindes ist wohl eines der Mütter – auch solche, die eine vergleichsweise Karin möchte ihren Traum von der Wasserge-
wichtigsten Erlebnisse im Leben einer Frau. unbeschwerte Schwangerschaft hinter sich ha- burt wahr werden lassen und steigt in die Ge-
Oft ist dieses Erlebnis von absolutem ben – nach zwei bis fünf Tagen den Babyblues, burtswanne. Dort werden die Schmerzen noch
Glücksgefühl begleitet. Jedoch gibt es die sogenannten «Heultage». Bei den meisten schlimmer, also muss sie wieder heraus. Die
immer wieder junge Mütter, für die der von ihnen ist der Spuk nach ein paar Stunden Enttäuschung ist gross. Später bekommt sie ein
Traum nach der Geburt zerplatzt und die oder Tagen so schnell vorbei, wie er gekommen Schmerzmittel, doch die wirkliche Erleichte-
mit einer Postpartalen Depression zu ist. Nun gibt es aber Frauen, bei denen ein Stim- rung kommt erst mit der Periduralanästhesie
kämpfen haben. mungstief erst zwei Wochen oder sogar noch (PDA). Endlich sind die Schmerzen weg, Ka-
später nach der Geburt eintritt oder sich rasant rin kann etwas durchatmen. Als die Geburt
Von Melanie Contró Prado verschlimmert. In diesem Fall handelt es sich endlich so weit fortgeschritten ist, dass der
um eine Postpartale Depression (PPD), eine Kleine seinen Weg sucht, kann Karin wegen
Werdende Mütter sind, so stellen wir es uns «psychische oder Verhaltensstörung im Wo- der PDA nicht mitpressen. Der Arzt macht da-
meist vor, glücklich und voller Vorfreude auf chenbett». raufhin einen Dammschnitt und hilft mit der
das Neugeborene, das ihren Alltag bald auf Saugglocke nach.
den Kopf stellen wird. Dass die morgendliche Enttäuschungen Als das Kind da ist, ist es bereits später Abend.
Übelkeit nicht am Mittag aufhört, der wach- Karin (Name geändert) ist 24 Jahre alt, als sie Der erste Schrei – doch das Glücksgefühl bleibt
sende Bauch die Beweglichkeit einschränkt den positiven Schwangerschaftstest in der Hand weg. Karin sieht ihren Sohn nur von Weitem,
und Wassereinlagerungen in den Füssen ver- hält. Sie ist glücklich verheiratet, steht mit bei- die Ärzte müssen ihn beatmen. Karin liegt wie
hindern, dass die zukünftige Mama etwas An- den Beinen im Berufsleben: Die Umstände für in Trance da, fühlt sich erschöpft und ausgelie-
deres als Crocs oder Flipflops über ihre Füsse die Schwangerschaft scheinen perfekt. Diese fert. Erst nach einer Stunde kann sie ihren Sohn
bringt, weiss man zwar vielleicht vom Hören- verläuft auch problemlos, abgesehen von ein zum ersten Mal halten. Nun können sich Mutter
sagen. Dennoch lässt man sich leicht vom ro- paar Wehwehchen wie Rückenschmerzen und und Sohn endlich kennenlernen, und die junge
mantischen Bild der immer lächelnden und Wassereinlagerungen. Am Morgen der Geburt Familie wird bis zum nächsten Morgen alleine
verzückt ihren Bauch tätschelnden Schwange- im Geburtszimmer gelassen.
ren beeinflussen.
«Ich konnte beim Stillen keine
Sicher: Ein Grossteil der Schwangerschaften Schwieriger Start
Freude empfinden. Die Nähe zu
verläuft tatsächlich ohne grössere Beeinträch- Am Morgen nach der Geburt kämpft Karin ge-
meinem Sohn war mir zu viel.»
tigungen. Mit Ankunft des neuen Erdenbürgers gen eine starke Erschöpfung. Sie fühlt sich un-
sind die Schmerzen der Geburt und die unan- wohl und völlig kraftlos. Ausserdem leidet sie
genehmen Seiten der Schwangerschaft verges- geht sie glücklich ins Spital. Endlich hat sie We- unter den Nachwirkungen der PDA und kann
sen oder rücken zumindest in den Hintergrund. hen und ist aufgeregt über die bevorstehende Ge- deshalb ihre Beine nicht bewegen. Ihr Sohn ist
Gut so, würde man sich denn sonst noch frei- burt. Sie ist nun ihrem Traum von einer Wasser- hauptsächlich bei seinem Papa. Karin möchte
willig auf dieses Abenteuer einlassen? geburt ganz nah. ihn so gerne halten und sich um ihn kümmern.
Die ersten Tage nach der Geburt sind nun ganz Nun erlebt sie aber die erste Enttäuschung: Die Weil sie immer noch sehr schwach ist, wird Ka-
der Eingewöhnung an die neue Situation ge- Wehen sind zu schwach, man schickt sie mit rin den ganzen Tag und auch die Nacht darauf im
widmet. Der stolze Papa lernt, wie man Win- einem Medikamentencocktail wieder nach Hause. Geburtszimmer gelassen, Besuch wird ihr verbo-
deln wechselt und das schreiende Baby beru- Die lange Warterei soll also weitergehen. Tapfer ten. Die folgende Nacht ist sehr schwierig für
higt, die stolze Mama ist mit Stillen und der trinkt Karin das Gemisch aus Cognac, Orangen- sie. Sie fühlt sich alleine, immer noch am Ort des
Säuglingspflege beschäftigt. saft und Rizinusöl. Nach einem Spaziergang wer- Geschehens, im Nebenzimmer schreit eine gebä-
Für die nicht wenigen Leidgeplagten aber kann den die Wehen plötzlich schmerzhafter, Karin rende Frau. Die nächsten Tage verbringt sie end-
die Vorfreude auf das Kind durch die zahlreichen fährt mit ihrem Mann zurück ins Spital. Es ist frü- lich in einem Zweierzimmer, bloss teilt sie ihr
körperlichen Veränderungen leicht getrübt wer- her Nachmittag, und Karin hat plötzlich keine ent- Zimmer mit einer fremdsprachigen Frau, die
den. Nach der Geburt kommen plötzlicher spannenden Wehenpausen mehr, sondern ringt Verständigung funktioniert nicht. Wieder fühlt
Schlafmangel und all die Gefühle, die durch die pausenlos mit dem Schmerz. Nach einer Untersu- sich Karin alleine. Sie kann nun zwar Besuch
Geburt und die neue Verantwortung ausgelöst chung erfährt sie, dass die Geburt immer noch empfangen, aber sie fühlt sich zu schwach, um
werden, hinzu. Zusammen mit den hormonellen nicht weiter vorangeschritten ist als am Morgen. diesen wirklich zu geniessen. Eigentlich möchte
Veränderungen erfährt ein Grossteil der jungen Wozu dienen dann die Schmerzen? sie nur nach Hause. Nachdem noch Stillpro-
46 aware FS12 STöRUNGSBILD

bleme dazu kommen, sucht Karin das Gespräch Diagnose PPD Die Symptome einer PPD sind die gleichen wie
mit der Hebamme. Zur Antwort bekommt sie nur: Die Mutterrolle nimmt Karin sehr ernst. Sie be- bei anderen Depressionen: Antriebsschwierig-
«Tun Sie doch nicht so, Sie hatten eine ganz nor- zeichnet sich selbst als Perfektionistin im Haus- keiten, Schlafstörungen, Angst- und Panikzu-
male Geburt.» halt. Sie möchte, dass keine Spielsachen herum- stände etc. Dazu kommen zwei wichtige As-
Als Karin endlich nach Hause kann, lebt sie liegen und dass alle sehen können, wie gut sie pekte im Zusammenhang mit dem
wieder etwas auf. Doch dann werden die Still- alles im Griff hat. So setzt sie sich selber immer Neugeborenen: Die Gefühle der Mutter gegen-
probleme ernster, Karin hat plötzlich hohes Fie- wieder unter Druck, um die eigenen und frem- über ihrem Neugeborenen erschweren eine si-
ber und eine Brustentzündung. Sie beschliesst den Erwartungen zu erfüllen. chere Bindung zwischen den beiden, entweder
drei Wochen nach der Geburt abzustillen, und Als ihr Sohn neun Monate alt ist, erlebt die jun- weil die Mutter ihrem Kind die Schuld an ihrer
ist froh, dass sie endlich nicht mehr stillen ge Familie einen Todesfall in der Verwandt- Situation gibt oder weil sie gar keine Gefühle
muss. Freude konnte sie dabei keine empfinden. schaft. Kurz darauf zeigen sich bei Karin erste zu ihm entwickeln kann. Auch kommt es vor,
Die Nähe zu ihrem Sohn war ihr zu viel: Sie Symptome einer Depression: Übelkeit, Müdig- dass die Mutter sich aufgrund der Depression
fühlte sich immer im Stress, ihr Baby nicht ge- keit, Lustlosigkeit. Ein starker Eisenmangel nicht um ihr Baby kümmern kann, was wiede-
nügend ernähren zu können. wird diagnostiziert, die darauffolgende Infusion rum ein schlechtes Gewissen bei ihr auslöst und
Die Schmerzen des Dammschnitts begleiten hält jedoch nicht lange hin. Karin und ihr Mann die Depression vertieft (Brisch & Helbrügge,
Karin noch ein halbes Jahr, dann geht plötzlich beschliessen, eine Woche Ferien zu machen. Es 2008; Riecher-Rössler & Hofecker Fallahpour,
alles viel besser. Der Kleine schlief bereits mit sind die ersten Familienferien, ihr Sohn ist elf 2003).
acht Wochen durch, Karins Schmerzen sind Monate alt. Als Karin in den Ferien plötzlich Pa- Die Symptome einer PPD nehmen Einfluss auf
weg und sie hat sich langsam an ihre Rolle als nikattacken erleidet und hyperventiliert, fahren die Mutter-Kind-Beziehung und damit auch auf
Mutter gewöhnt. sie früher als geplant nach Hause und von dort die Entwicklung des Kindes. Bowlbys (1988)
direkt zum Hausarzt. Diagnose: PPD. Karin be- Bindungstheorie zeigt, dass die ersten Monate
kommt ein Antidepressivum, nimmt es drei Tage wichtig für die Entwicklung der Beziehung
Die Postpartale Depression
lang und hört dann wieder auf, weil sie sich da- zwischen Kind und Bezugsperson sind. In die-
Die Postpartale Depression (PPD; um-
mit noch schlechter fühlt. ser Zeit entwickelt sich die Mutter-Kind-Bezie-
gangssprachlich auch Postnatale Depression
Karin hat Mühe, mit der Diagnose umzugehen. hung über einen gegenseitigen, durch Mutter
genannt) ist nicht mit dem Babyblues zu
Sie schämt sich dafür und möchte sich nur ver- und Kind gestalteten Ablauf, in dem die Mutter
verwechseln, welcher bereits ein paar Tage
kriechen. Durch die hinzukommenden Angstzu- das Kind spiegelt und das Kind wiederum die
nach der Geburt auftritt und von dem ca. 50
stände und Schlafstörungen endet sie in einen Mutter. Reagiert die Mutter nicht oder auf un-
Prozent der Frauen betroffen sind. Diese ty-
Teufelskreis. Sie kann nicht mehr aufstehen, berechenbare Art und Weise auf die Bedürfnisse
pischen «Heultage» sind vor allem mit der
Anpassung an die Situation nach der Geburt
sich nicht mehr um ihr nun über ein Jahr altes des Kindes, so entsteht eine unsichere Bindung
verbunden und dauern in der Regel zwei bis Kind kümmern, nicht alleine zu Hause sein. (Reck, 2007).
höchstens zehn Tage. Dagegen tritt die PPD Dank der Unterstützung der Familie und der Fa- Heute weiss man, dass das sogenannte Bonding
später auf und dauert mehrere Wochen bis milienentlastung ist sie nie alleine mit ihrem direkt nach der Geburt ein wichtiger Bestand-
Monate an. 10 bis 15 Prozent der Mütter Sohn zu Hause. Zu diesem Zeitpunkt sucht sie teil der Eltern-Kind-Bindung ist (Brisch &
leiden in den ersten Monaten nach der Ge- die Hilfe einer Psychologin. Hellbrügge, 2008). Initiiert wird es, indem das
burt darunter, die Symptome treten etwa Neugeborene sofort nach der Geburt auf den
zwei Wochen post partum auf, können ver- Die PPD aus bindungstheoretischer Sicht Bauch der Mutter gelegt wird. Ausserdem wer-
zögert aber auch bis zu einem Jahr nach der 10 bis 15 Prozent der Mütter leiden nach der Ge- den die Neugeborenen nicht mehr wie im letz-
Geburt erscheinen. Seltener ist die Postpar- burt an einer PPD. Es werden diverse Ursachen ten Jahrhundert auf der Säuglingsstation unter-
tale Psychose. Weniger als ein Prozent der dafür genannt: Komplikationen während gebracht, sondern sie verbringen das
jungen Mütter sind davon betroffen. Diese Schwangerschaft oder Geburt, hohe Erwar- Wochenbett gemeinsam mit ihrer Mutter: Man
schwere Form einer Postpartalen psychi- tungen der Mutter an sich selber, fehlende Un- spricht von Rooming-in. Trotzdem gibt es im-
schen Störung geht mit starken Persönlich- terstützung, Probleme in der Partnerbeziehung, mer wieder Umstände, die ein sofortiges Bon-
keitsveränderungen einher (vgl. Oddo et al., vorangehende Depressionen und eigene trauma- ding verunmöglichen. So musste beispielsweise
2008; Reck, 2007, Riecher-Rössler & Hofe- tische Erlebnisse in der Kindheit (Oddo et al., Karins Sohn direkt nach der Geburt beatmet
cker Fallahpour, 2003). 2008; Reck, 2007; Riecher-Rössler & Hofecker werden und Karin selber war in einem völlig
Fallahpour, 2003). gefühllosen, abwesenden Zustand. Sie erzählt,
STöRUNGSBILD FS12 aware 47

dass sie in diesem Moment gar nicht fühlen


konnte, dass sie ein Kind geboren hatte. Erst
Tage später hatte Karin genug Energie, um eine
Bindung zu ihrem Sohn aufzubauen. Karins Be-
wältigungsschwierigkeiten in ihrer neuen Rolle
begleiteten sie auch weiterhin und mündeten
schliesslich in eine PPD.

Anpassen an die Realität


Als Karin merkt, dass sie sich nicht angemessen
um ihren mehr als einjährigen Sohn sorgen
kann, sucht sie Hilfe. Sie schöpft alle möglichen
Therapieformen aus: medikamentöse Therapie,
Komplementärmedizin, Psychotherapie und
schliesslich einen fünfwöchigen Klinikaufent-
halt in der Mutter-Kind-Station des Kantonsspi-
tals Affoltern. Letzteres erweist sich als sehr
gute Entscheidung. Nach diesem Aufenthalt
kommt Karin gestärkt nach Hause.
Rückblickend sagt Karin, dass sie vor allem die
Geburt verarbeiten und sich in ihrer neuen Rolle
als Mutter finden musste. Ausserdem sei es nötig
gewesen zu lernen, mit ihrer Krankheit offen
umzugehen und sich nicht dafür zu schämen.
Heute spricht sie problemlos über die PPD, z. B.
auf dem Spielplatz, wo sie andere Mütter trifft.
Dabei merkt sie, dass auch viele andere Frauen
von der Problematik betroffen sind und dass die-
se sich anfangs genauso sehr schämen, wie sie
es selber tat.
Nach einem Jahr Psychotherapie und medika-
mentöser Behandlung fühlt sich Karin heute
ganz gesund. Nur zwei Sachen wünscht sie sich:
mehr Verständnis für die Betroffenen und mehr
unterstützende Angebote. Mitten in der Depres-
sion, sagt Karin, könne man nicht auch noch um
Hilfe kämpfen.

Zum Weiterlesen
Brisch, K. H. & Hellbrügge, T. (Hrsg.). (2008).
Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung.
Schwangerschaft, Geburt und Psychothera-
Bildquelle: Ronny Peiser

pie (2. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.


Shields, B. (2006). Ich würde dich so gerne
lieben. Über die grosse Traurigkeit nach der
Geburt. Berlin: Ullstein.
48 aware FS12 HISTORISCHES

Nietzsche über die Last der Vergangenheit

Was steckt hinter dem Ausdruck «Last der schen Vorstellung eines Weltprozesses, in wel- Glücksmomenten eben unhistorisch denkt und
Vergangenheit»? Der Philosoph, Philologe chem die Welt auf ein Endziel hinsteuert, im Moment verharrt.
und ehemaliger Professor der Universität welches sich zudem nur am Ende offenbart,
Basel Friedrich Nietzsche nimmt eine folgt die wahrgenommene eigene Bedeutungslo- Nur kurz geht Nietzsche auch auf kurative Mit-
kritische Haltung gegenüber der Historie sigkeit. Denn in diesem Kontext schrumpft der tel ein. Dabei fordert er eine künstlerische Um-
ein und weist sie in die Schranken, weil er Einzelne in seinem Wirken zum Epigonen der gestaltung der Historie. Die Historie soll nicht
das Leben selbst durch sie bedroht sieht. Menschengeschichte. im Alleingang, sondern gemeinsam mit Kunst
Wer zu grosse Mengen an historischem Wissen und Religion auf die Entwicklung einer Kultur
Von Manuel Merkofer aufnimmt, kann dieses nicht mehr ordnen und hinwirken. Denn diese pflegen einen ehrlicheren
schleppt es als eine unverdauliche, unzusam- Umgang mit den menschlichen Bedürfnissen
«Ich habe mich bestrebt, eine Empfindung zu menhängende Masse mit sich herum. So bleibt und sind somit enger mit dem Leben verbunden.
schildern, die mich oft genug gequält hat …» dem Übersättigten nichts anderes übrig, als das Im Buch Die fröhliche Wissenschaft schildert
(Nietzsche, 1984, S. 6). Aufgenommene gleich wieder unverarbeitet Nietzsche (2001/1882) die Kunst als Weg zur
auszustossen oder zu beseitigen. Dies führt zu
Durch die unzähligen Zeitzeugnisse, die uns zur einer indifferenten Haltung auch gegenüber dem
Verfügung stehen, können wir uns lange und in- Wirklichen und Bestehenden. Monumentalische, antiquarische und
tensiv mit der Vergangenheit beschäftigen. Kul- Nietzsche vergleicht den modernen Menschen kritische Art der Historie
turelle Parameter wie Sprache, Sitten und An- seiner Zeit in diesem Zusammenhang mit einer Gemäss Nietzsche zeigen sich drei verschie-
schauungsweisen werden einem Kind bereits in wandelnden Enzyklopädie. Diese hat zwar einen dene Arten, wie mit der Geschichte umge-
die Krippe gelegt. gangen wird, von welchen alle nur bedingt
riesigen Inhalt, doch kann sie selbst nichts damit
geeignet sind.
Nun stellt sich die Frage, wie wir mit dem wach- anfangen. Diese Nichtübereinstimmung zwi-
Die monumentalische Historie begutachtet
senden Berg an historischem Wissen umgehen schen Inhalt und Form, Innerem und Äusserem
die menschlichen Errungenschaften und Kul-
sollten. Geläufig in diesem Zusammenhang mag ist die Ursache für eine «schwache Persönlich-
turgüter der Vergangenheit, zeigt, dass
die Behauptung sein, ein Grossteil der Historio- keit».
grosse Taten möglich sind und ermutigt so
graphie sei nutzlos und in der heutigen Zeit irre- So kann sich der «historische Mensch» nicht
die Tätigen und Strebsamen. Es besteht aber
levant. mehr zu echtem, das heisst Veränderung brin-
die Gefahr, dass das ewig Grosse idealisiert
gendem Handeln durchringen und ist darum un-
und mystifiziert wird, wodurch die Vergan-
In eine andere Richtung geht die Kritik von fähig, selber kreativ in die Geschichte einzu-
genheit verfälscht wird. Den Bewahrer und
Friedrich Nietzsche. In seiner viel rezipierten greifen. Im Extremfall sieht er überall nur noch
Verehrer subsumiert Nietzsche hingegen un-
Abhandlung Vom Nutzen und Nachteil der Hi- ein Werden, nichts Beständiges. Er glaubt
ter die antiquarische Historie. Er will die Um-
storie für das Leben von 1873 stellt er die These schliesslich nicht einmal mehr an sich selbst und
stände seiner eigenen Existenz bewahren
auf, ein Übermass der Historie sei schädlich für flüchtet in eine ironische oder gar zynische, je-
und erhält so gleichzeitig das Leben, kann
den betroffenen Menschen oder die entspre- denfalls untätige Haltung. Leicht fällt es ihm aber auch im gewohnten Horizont verhar-
chende Kultur. Historie ist aber nicht an sich hingegen, mit seinem historischen Wissen Kritik ren. Die kritische Historie schliesslich dient
schlecht, eher braucht der Mensch ein Gleichge- an Neuem zu üben. dem Leben selbst, sie richtet gnaden- und
wicht zwischen dem Unhistorischen und Histo- Folgerichtig setzt Nietzsche eine unhistorische pietätlos über die Vergangenheit. So kann
rischen. Mit «Historie» meint Nietzsche dabei Denkweise an den Beginn jeder echten Hand- sie das Alte überwinden und ist ein wirk-
wohl im weiteren Sinn das Erinnern und im en- lung oder kulturellen Veränderung: sames, aber gefährliches Mittel gegen über-
geren die Geschichtsschreibung. mässige monumentalische und antiqua-
Er entwickelt darin die Ätiologie einer Krank- «… und kein Künstler wird sein Bild, kein Feld- rische Historie. Denn die kritische Historie
heit, welche er bei seinen Zeitgenossen feststellt herr seinen Sieg, kein Volk seine Freiheit errei- beraubt das Leben seiner Wurzeln, so dass
und als wesentliche Bedrohung für die deutsche chen, ohne sie in einem derartig unhistorischen neue Lebensadern geschaffen werden müs-
Kultur ansieht. Das breite geschichtliche Be- Zustande vorher begehrt und erstrebt zu haben» sen. Zudem sind wir als Kinder vergangener
wusstsein führt nach Nietzsche zur Abwertung (Nietzsche, 1984, S. 14). Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer
des Neuen, da es mit alten Massstäben und im immer auch abhängig und können uns
Lichte der Unbeständigkeit eines historischen Auch macht sich der historische Mensch nach ebendieser Tatsache nicht erwehren.
Weltprozesses betrachtet wird. Aus der hegel- Nietzsche unglücklich. Da man in reinen
HISTORISCHES FS12 aware 49

als ob es in wenig Jahren möglich sei, die höch- bekannteste Beispiel ist der Savant Kim Peek,
sten und merkwürdigsten Erfahrungen alter der im Film Rain Men porträtiert wird. Interes-
Zeiten […] in sich zu summieren» (Nietzsche, sant ist auch das Schicksal des Journalisten So-
1984, S. 100). lomon Shereshevsky, welcher ein unglaubliches
Gedächtnis hatte, aber Schwierigkeiten beim Fol-
Man stellt fest, dass Nietzsche den Fokus auf die gen einer Geschichte und Verstehen abstrakter
Nachteile der Historie setzt. Dies vermutlich mit Konzepte bekundete (Kupferschmidt, 2011). Die
der Absicht, seine Zeitgenossen zu einer kriti- Gedächtniskünstler zeigen, dass eine stark er-
scheren Haltung zu bewegen. Wohlwissend, da- höhte Merkfähigkeit und damit ein grosses Wis-
mit den verbreiteten bürgerlichen Stolz auf die sen nicht immer nur Vorteile mit sich bringen.
Bildung zu treffen, und der erwarteten zeitge-
nössischen Unpopularität zum Trotz ordnete er Die von Nietzsche geschilderte unhistorische
die Schrift in eine Reihe von vier kulturkri- Denkweise erinnert mich an einige Merkmale
tischen Betrachtungen ein. So ist sie auch als des Flow-Gefühls, wie es von Csikszentmihalyi
«Zweite unzeitgemässe Betrachtung» bekannt. beschrieben wird. Flow bezeichnet den Zustand
Bildquelle: Manuel Merkofer

Auch schildert er als historisches Beispiel die der «völligen Vertiefung» in einer bestimmten
Assimilation der Römer der Kaiserzeit, welche Tätigkeit. Dieser ist begünstigt durch ein opti-
als Herrscher über ein riesiges Gebiet zu Be- males Anspruchsniveau, welches zwischen
trachtern fremder Kulturen sowie Nachahmer Über- und Unterforderung liegt. Dazu gehören
deren Sitten geworden sind und an eigener Iden- die verzerrte zeitliche Wahrnehmung, die Pro-
tität einbüssten. Demgegenüber lobt er die anti- duktivität und Kreativität, die gehobene Stim-
Reflexion. In ihrem Feld können wir übermütig, ke griechische Kultur für ihren Umgang mit der mung, erhöhte Motivation sowie das Verschmel-
kindisch und spottend sein und uns so aus einer Historie, das heisst dafür, dass sie sich jederzeit zen von Handeln und Bewusstsein
künstlerischen Ferne betrachten. Dadurch finden einen unhistorischen Sinn bewahrt haben. (Csikszentmihalyi, 1997).
wir einen anderen Zugang zu Irrtum, Unwahr- Es lassen sich also Zusammenhänge zu heute un-
heit und Verlogenheit. Die «Zweite unzeitgemässe Betrachtung» hat tersuchten Phänomenen feststellen. Nietzsches
Um einem Auftreten der geschilderten Sympto- prophetischen Charakter. Ihr fehlt manche Be- Ausführungen deswegen abschliessend zu ver-
matik entgegenzutreten, schlägt er ferner vor, gründung für die obigen Zusammenhänge und werfen oder ihm Recht zu geben wäre aber vor-
die Bildung mehr in den Dienst des Lebens, das Nietzsche versucht stattdessen eher mit sprach- eilig. Auch in der heutigen Zeit noch handelt es
heisst der Gegenwart und Zukunft zu stellen und gewaltigen Beispielen zu überzeugen. Ein Teil sich um eine ungewohnt kritische Sicht auf die
direkt an dieses anzuknüpfen. Nietzsche ist folg- der Rechtfertigung erschliesst sich für ihn aus Historie. Umso wichtiger ist es, sie dennoch zu
lich nicht gegen Bildung an sich, sondern gegen der Beobachtung heraus, dass die geschilderten thematisieren. Mit dem wissenschaftlichen Fort-
die moderne «Gebildetheit». Er betont die läh- Symptome unter seinen Zeitgenossen weit ver- schritt hat jedenfalls die Frage, wie wir mit dem
mende Wirkung einer rein wissenschaftlichen breitet sind. Die Gegenüberstellung der duch riesigen Fundus an Informationen umgehen
Betrachtungsweise der Historie. Nietzsche beobachteten und erklärten Symp- sollten, an Aktualität hinzugewonnen. Und
tome zu modernen Erkenntnissen ist nicht un- schenken wir Nietzsche Glauben, so sind wir
«Und zwar wird dieses Wissen um die Bildung proplematisch, trotzdem seien einige Parallelen heute wohl viel mehr gefährdet als seine Zeitge-
als historisches Wissen dem Jüngling eingeflösst genannt. Dazu gehört die auffällige Symptoma- nossen es waren.
oder eingerührt; das heisst, sein Kopf wird mit tik des erläuterten Krankheitsbilds: Antriebsstö-
einer ungeheuren Anzahl von Begriffen ange- rungen, Grübeln und Resignation werden auch Zum Weiterlesen
füllt, die aus der höchst mittelbaren Kenntnis heute zur Beschreibung von verbreiteten psychi- Csikszentmihalyi, M. (1997). Happiness and
vergangener Zeiten und Völker, nicht aus der schen Störungen, wie der Depression, genutzt. Creativity. Going with the Flow. Futurist, 59,
unmittelbaren Anschauung des Lebens abgezo- Weiter fällt auf, dass die seltenen Fälle von Ge- 8–12.
gen sind. Seine Begierde, selbst etwas zu erfah- dächtniskünstlerinnen und Gedächtniskünstler Nietzsche, F. (1984). Vom Nutzen und Nach-
ren und ein zusammenhängend lebendig System oft gleichzeitig klinische Fälle sind und die Be- teil der Historie für das Leben. Zürich: Dio-
von eigenen Erfahrungen in sich wachsen zu troffenen Probleme damit aufweisen, ein selbst- genes
fühlen – eine solche Begierde wird betäubt […] ständiges Leben zu führen. Wahrscheinlich das
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INSTITUTIONEN FS12 aware 51

Die nackte Wahrheit

Sind die Hörsäle wirklich überfüllt? Fallen haben insgesamt 448 Studierende mit dem Masterstudium
tatsächlich so viele Psychologiestudierende Psychologiestudium begonnen. Auch in den Im Herbstsemester 2011 starteten 175 Studie-
durch? Sind die Durchfallquoten von letzten Jahren lag diese Zahl immer bei etwa rende ins Masterstudium. Darunter befanden
vornherein festgelegt? Objektive Zahlen 450. In der Regel kommen noch etwa 50-100 sich 30 Studierende aus anderen Schweizer
bringen Licht ins Dunkel. Nebenfachstudierende dazu. Zählt man dazu Hochschulen und 21 Studierende aus auslän-
aber noch die Wiederholenden, die ihre Prü- dischen Hochschulen. Nach wie vor vertiefen
Von Ferdinand Denzinger, FAPS fungen nicht bestanden haben, kann man tat- die meisten Studierenden (48 Prozent) in der
sächlich von einer leichten «Überbevölke- Klinischen Psychologie und Gesundheitspsy-
Viele Psychologiestudierende der Universität rung» der Hörsäle ausgehen. Die chologie (HEA). Im Vergleich zum Vorjahr
Zürich sprechen darüber – fast jeden interessiert Durchfallquote der beiden Assessmentprü- und zu anderen Fachrichtungen hat in diesem
es, doch niemand weiss Genaueres. So manche fungen ist wesentlich geringer, als es die hart- Bereich die Studierendenzahl aber etwas abge-
Gerüchte tummeln sich daher in den Hörsälen. näckigen Gerüchte prophezeien. Keine Frage nommen. In der Sozial-, Organisations- und
Es wird gemunkelt, dass die Durchfallquote im – die Prüfungen sind schwer, doch sind es Wirtschaftspsychologie (SOB) vertiefen 27
Assessmentjahr bei über 70 Prozent liegt, auch «nur» etwas weniger als 50 Prozent der Stu- Prozent. Während es in der kognitiven Psycho-
im Aufbaustudium eiskalt ausgesiebt wird und dierenden, die es beim ersten Mal nicht schaf- logie und kognitiven Neurowissenschaft
die Hörsäle mit Hundertschaften von Studieren- fen. Für den zweiten Versuch sehen die Zah- (COG) noch 18 Prozent sind, entscheiden sich
den überbevölkert sind. Angeblich steckt in je- len wesentlich optimistischer aus: 75–80 nur 6 Prozent der Masterstudierenden für den
dem Gerücht auch immer ein Fünkchen Wahr- Prozent bestehen die Prüfungen im zweiten Schwerpunkt Entwicklungs- und Differentielle
heit. Was ist also an diesen Horrorgeschichten Anlauf. Die Durchfallquote stieg übrigens nie Psychologie (DEV).
dran? Der FAPS hat nachgeforscht und bringt mit der Zeit an. Schon vor 20 Jahren, an den
dabei interessante Tatsachen ans Tageslicht. In Zwischenprüfungen des Liz-Systems, lag die- Wir bleiben dran!
diesem Artikel wird mit vielen Gerüchten aufge- se bei ca. 50 Prozent und hat sich im Laufe
räumt und mit Unterstützung der Studienbera- der Jahre nicht wesentlich verändert. Auch Die Zahlen auf einen Blick
tung harte Fakten auf den Tisch gelegt. die Bologna-Reform konnte daran nicht rüt-
Proz. Pers.
teln.
Psychologiestudierende gesamt: 1842
Allgemeines
Im Herbstsemester 2011 studierten insgesamt Aufbaustudium Nebenfachstudierende gesamt: 337

1365 Bachelor- und 477 Masterstudierende an Das Psychologische Institut rechnet damit, Frauenanteil gesamt: 77 %
der Universität Zürich Psychologie. Der Frau- dass jedes Jahr ca. 280 Studierende ins Auf- Ausländeranteil gesamt: < 15 %
enanteil liegt bei knapp 77 Prozent. Der Aus- baustudium eintreten. Da die Module flexibel Bachelor
länderanteil ist mit weniger als 15 Prozent re- gebucht werden können, ist eine differenzierte Bachelorstudierende gesamt: 1365
lativ gering. Die beliebtesten Nebenfächer der Unterscheidung der Semester nicht mehr ge- Erstsemesterstudierende: 448
Psychologiestudierenden sind Erziehungswis- nau möglich. Auch im Aufbaustudium hält Neueintritte Aufbaustudium: ≈ 280
senschaften, Rechtswissenschaften, Biologie, sich wacker das Gerücht, dass bei jeder Prü-
Durchfallquote Assessment: 50 %
Wirtschaftswissenschaften und Soziologie. fung genau 10 Prozent der Studierenden durch-
Durchfallquote Aufbaust.: 5-10 %
Laut einer Umfrage des Instituts im Jahr 2009 fallen. Dies ist falsch. Tatsächlich ist die Quo-
Master
finden sich im Psychologiestudium ca. 35 Pro- te variabel und liegt durchschnittlich zwischen
zent Teilzeitstudierende vor. Zusätzlich be- fünf und zehn Prozent. Viele gehen davon aus, Masterstudierende gesamt: 477

legten in diesem Semester 337 Studierende dass die Durchfallquoten und die Notenspan- Neueintritte HS 2011: 175
anderer Fachrichtungen Psychologie im Ne- nen bereits vorher festgelegt sind. Dies ist aber Aus and. Hochschulen (CH): 17 % 30
benfach. ein Trugschluss, da alle Prüfungen und die ein- Aus ausländ. Hochschulen: 12 % 21
zelnen Fragen einer genauen Analyse unterzo- Vertiefung HEA:* 48 % 84
Assessmentstudium gen werden, und erst dann, anhand der gewon- Vertiefung SOB:* 27 % 48
Befinden sich in den Hörsälen der Assess- nenen Daten, die zum Bestehen notwendigen Vertiefung COG:* 18 % 32
mentvorlesungen wirklich über 700 Erstse- Punkte bestimmt werden. Daher macht es auch Vertiefung DEV:* 6% 11
mesterstudierende? Nein, diese Zahl ist doch wenig Sinn, sich an dem Cut-Off-Wert der
leicht übertrieben. Im Herbstsemester 2011 letzten Jahre zu orientieren. *Angaben in Bezug auf die Master-Neueintritte 2011.
Das Hochschulforum im FS 2012 zum Thema:

MENSCH IM BILDWie setze ich mich ins Bild und wo erschaffe ich eigene Bild-, Denk- und Freiräume?

Gesucht: Einblick in digitale Bildarchive/Bildtagebücher


von Studierenden

Gib anderen einen Einblick und erzähle, worum es Dir beim alltäglichen Bildersammeln in Studium und/oder
Freizeit geht. Mehr dazu: www.hochschulforum.ch

Fokus Islam
Von Bildern und Blicken

Gender- und bildtheoretischer Workshop zum Thema «Mensch im Bild». Sensibilisierung für das Performative von
Bild und Sprache anhand von gemeinsamen Bildbefragungen und Reflexionen.
Leitung: Sarah Farag, lic. phil., M.A und Alice Thaler-Battistini, lic. Phil
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Ausstellung
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Vernissage mit Apéro: Freitag, 30. März 2012, 18.00
Ausstellung: 30. März – 6. April, je 12.00 – 13.00 oder auf Anfrage
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Schwups die wups – ausgebucht …


News vom Studentischen Dachverband Psychologie Schweiz (psyCH)

WOW, war das eine Überraschung, als am «Mind the body» uns tolle Events und Treffen planen möchten.
15. Dezember die 120 Plätze für den Schon wieder ein Kongress, genau – auch der Aktuell suchen wir u. a. jemanden, der uns hilft,
Nationalen Psychologiekongress (psyKo) nächste EFPSA (European Federation of Psycho- die Praktikumsplattform psyPra.ch aufzufri-
für Studierende nach nur drei Tagen logy Students) steht schon bald an. Das Thema ist schen. Hast du Interesse? Dann melde dich bei
ausgebucht waren. Was sonst noch im dieses Jahr «Mind the body» und findet auf einer uns: psyCH@psyNet.ch.
letzten Semester bei psyCH lief und laufen entzückenden dänischen Insel im April statt. Beim
wird, erfahrt ihr hier. einwöchigen Kongress wird eifrig über Sport-, psyLive – Vorurteile, Veränderung und
Gesundheits- und Achtsamkeitspsychologie dis- Vielfalt – Entdecke die moderne Psychologie!
Von Mirjam Zeiter (psyCH) kutiert und natürlich dürfen auch die internationa- Leider gibt es in diesem Newsletter auch eine
len Kontakte nicht vernachlässigt werden. Wie traurige Nachricht. Der psyLive Event «Entde-
psyKo‘12 üblich werden die sozialen Aktivitäten in Däne- cke die moderne Psychologie» für die Schwei-
Ende März wird er endlich wieder stattfinden: der mark auch nicht zu kurz kommen. Zudem wird zer Bevölkerung musste schweren Herzens
neunte psyKo! Wie letztes Jahr kann man sich zu eine Besichtigung der Meerjungfrau in Kopenha- abgesagt werden. Das studentische Engage-
Beginn durch diverse Infostände schlängeln und gen sicher Pflicht sein. ment reicht nicht immer aus – gerade bei die-
einen Apéro geniessen. Vorträge gibt es dieses Du weisst nicht, dass es für Psychologie–Studie- sem Event fehlte es stark an akademischer und
Jahr zu Entwicklungspsychologie, Sprachpsycho- rende ein eigenes Travel Network gibt: Wie wär’s finanzieller Unterstützung. Nach wie vor sind
logie und «Every day things» sowie diverse Vor- mal mit einer Surfrunde auf der Website des Euro- wir sehr überzeugt von diesem tollen Projekt,
träge von Studierenden. Da ja auch das Praktische päischen Psychologieverbands: www.efpsa.org. doch reichte die Energie schlussendlich nicht
nicht zu kurz kommen soll, kann man sich in di- mehr aus …
versen Workshops zu Themen wie Counseling, psyCH Wir möchten uns ganz herzlich für das riesige
Smartphone im Modern Assessment, Sicherheit Wuh – schon fast ist das aktuelle Mandat wie- Engagement und Herzblut des Teams bedanken.
am Arbeitsplatz, Hypnotherapie, Mediation oder der zu Ende. Die Zeit vergeht oft viel zu schnell Ihr habt einen super Job gemacht, Danke!
Führung üben. Des Weiteren wird es auch Gele- – wahrscheinlich nicht nur für uns psyCHler.
genheit geben, die Umgebung zu erkunden und zu Im Herbstsemester gab es ein psyCH Board Infokits
feiern. Am Samstagabend gibt es ein Konzert von Meeting, wo diverse Themen besprochen wur- Vielleicht hast du im Herbst auch ein psyCH In-
Šuma Čovjek Orkestar und anschliessend wird DJ den. Beim Treffen der Vertreterinnen und Ver- fokit erhalten. Das p-team hat an allen Universi-
Soul Riot dem Studierendenvolk einheizen. Lei- treter der Fachschaften der Schweizer Psycho- täten Kurzpräsentation über psyCH, psyKo,
der gibt es mittlerweile eine ziemlich lange Warte- logiedepartemente, dem sogenannten local org. EFPSA etc. gemacht und insgesamt mehr als
liste. Falls du dich trotzdem noch anmelden Meeting, konnte man einmal mehr über die 2000 Infokits an Studierende verteilt. Ein rie-
möchtest, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Teil- Vielfältigkeit und Vielfalt der Aktivitäten der siges MERCI an alle, die uns geholfen haben mit
nahme, wenn du einen Vortrag hältst. jeweiligen Universitäten staunen und inspiriert den jeweiligen Professorinnen und Professoren
Wir danken jetzt schon allen Teilnehmenden für werden. Das p-Team nahm auch an der FSP- in Kontakt zu kommen und uns die Zimmerver-
das rege Interesse, dem psyKo-Team vom letzten Präsidialkonferenz und der Mitgliederver- teilung ihrer Unis erklärt haben.
Jahr für die gute Publicity, natürlich auch dem ak- sammlung des Aktionsbündnisses Schweiz so- Fürs Frühlingssemester wünschen wir euch Zeit
tuellen Team und allen, die dazu beigetragen ha- wie an einem Treffen mit SBAP. teil. Wie du für euch selbst, denn vergesst nicht – Studium ist
ben, den psyKo bekannter zu machen. Wir sind siehst, gibt es viele spannende Ereignisse bei nicht alles.
jetzt schon sehr gespannt darauf. Mehr Infos zum psyCH. Immer wenn ein neues Semester an- Vielleicht schon bis bald im schönen Schüpfheim
Programm: www.psyKo.ch fängt, sind wir um aktive Leute bemüht, die mit oder an einem psyCH-Treffen.
Bild: psyCH

psyKo team 2012 (es fehlen Antje, Eva und Felix)


«The grand essentials of happiness are: something to do, something to love, and something to hope for.» – Allan K. Chalmers
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Illustration: Gabi Kopp
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