Sie sind auf Seite 1von 27

lOMoARcPSD|5880283

Ausgearbeiteter Fragenkatalog Europarecht

FÜM I Modulprüfung (Universität Wien)

StuDocu wird von keiner Universität gesponsert oder unterstützt.


Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)
lOMoARcPSD|5880283

Europarecht

1. Kapitel: Eingrenzung des Europarechts


a) Warum ist der Begriff Verfassung für das Europarecht weder völlig geeignet noch
völlig ungeeignet?

Der Begriff Europa kann unterschiedlich definiert werden:


 Geografisch (exklusiv)
 Kulturell-historisch (exklusiv)
 Politisch (inklusiv)
Die politische Definition blickt auf den status quo des gemeinsamen Wertesubstrats
und versteht Europa als Wertegemeinschaft. Soweit diese gemeinsamen Werte in
einer Verfassung oder in sonstigem Recht höchster Stufe niedergelegt sind, spricht
man daher auch von sog. „Verfassungspatriotismus“. Ist aber die Verfassung der
Anknüpfungspunkt, so stellt sich die Frage, welche Verfassung gemeint ist. In der
Staatstheorie ist die Verfassung der zentrale Rechtsbestand einer staatlichen Einheit
und politischen Ordnung.

Bezogen auf Europa ist der Verfassungsbegriff problematisch, weil er auf eine
staatliche Einheit hinweist und somit die Staatswerdung als Integrationsziel impliziert.
Ob dieses Ziel jedoch tatsächlich besteht ist fraglich, und erscheint seit dem
Scheitern des Europäischen Verfassungsvertrages (2005) unwahrscheinlich.

Ausgehend von der RS van Gend & Loos (1963) hat jedoch eine zunehmende
Konstitutionalisierung der EU stattgefunden, es bildeten sich staatentypische
Merkmale auf vertikaler (Supranationalität) und horizontaler (Unionsmethode) Ebene
heraus. Diese Merkmale sind im Primärrecht verankert, obwohl dieses nicht als
„Verfassung“ bezeichnet wird.

b) Was ist damit gemeint, dass es in Europa viele parallele Integrationswege gibt?
Inwieweit unterscheiden sich diese von der EU?

Diese „parallelen Integrationswege“ („Integration“ = enger werdende


Zusammenarbeit der Länder) können auch „zwischenstaatliche
Kooperationsmodelle“ („Kooperation“ = Zusammenarbeit) genannt werden. Jedes
dieser Modelle schafft einen überstaatlichen Rechtsbestand, der einen
Anknüpfungspunkt für eine offenere, politische Eingrenzung des Europabegriffs
bilden kann. Beispiele sind:
 Europarat  Forum für Debatten über allg. europäische Fragen
 OSZE  Friedenssicherung
 EFTA  Europäische Freihandelszone
 NATO  Militärbündnis
Diese Modelle überschneiden und überlappen sich teilweise (bspw. EU und NATO,
Schengen und EFTA). Die EU ist lediglich eines dieser Integrationsmodelle, auch
wenn es sich durch seine besondere Integrationshöhe (hohe Dichte des
Seite 1 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

gemeinsamen Rechtsbestandes der teilnehmenden Staaten) auszeichnet und sie die


Schöpferin für weitere, andere Integrations- und Kooperationsmodelle (wie
Schengen) ist.

c) Ist das EU-Recht Völkerrecht? Was spricht dafür, was dagegen, und welchen
Unterschied macht die Einstufung?

Die dogmatische Einordnung vom Europarecht ist umstritten, da das Europarecht


sowohl völkerrechtliche, als auch staatsrechtliche Merkmale aufweist. Der EuGH hat
jedoch schon in der RS van Gend & Loos (1963) klargestellt, dass das Europarecht
eine Rechtsordnung sui generis ist.

Völkerrechtliche Elemente:
 Europarecht basiert auf VR-Verträgen
 Europäische Politik und Gesetzgebung sind sichtbar von multilateralen
Methoden geprägt (GASP, Einstimmigkeitserfordernisse & Konsensmethode
sowie Sperrminoritäts-Kompromiss im Rat)
 Protokolle und Erklärungen zu EUV / AEUV

Elemente die für eine eigene Materie sprechen:


 Europarecht hat sich über das VR hinausentwickelt
 „Konstitutionalisierungsprozess“: Annäherung an staatentypische Merkmale
o Rechtsqualität und Rechtswirkung: Supranationalität statt Souveränität
o Institutionell/prozedural: Unionsmethode

Der wohl größte Unterschied in der Einordnung liegt darin, dass EU-Recht vor den
nationalen Behörden und Gerichten geltend gemacht werden und von diesen
selbstständig geprüft werden kann. Durch die Unionsmethode und Supranationalität
hat das EU-Recht daher einen ungleich höheren verbindlichen Charakter als VR.

d) Was ist der Zusammenhang zwischen der Legitimität der Union und ihren
Zukunftsaussichten?

Betrachtet man die EU aus der Utilitaristischen Perspektive betrachtet lässt sich
folgender Satz definieren: „Europa funktioniert weil und solange es nützlich ist“.
Die Idee der EU wurde unter dein Eindrücken des Zweiten Weltkrieges geboren und
bis heute ist die Stabilisierung des Friedens und der politischen Verhältnisse der
Legitimationsfaktor der europäischen Einigungs- und Erweiterungspolitik.
Weitere Legitimationsfaktoren sind:
 Europa als Machthebel des politischen Einflusses (gerade für kleinere MS,
sowohl EU extern, als auch intern)
 Marktopportunität
 Soziale Komponente (Kohäsionspolitik ( Nettoempfänger) im Zielekatalog
abgesichertes europäisches Sozialmodell)
Diese alle zeigen die NÜTZLICHKEIT der EU. Solange die EU von den MS als
nützlich empfunden wird, hat sie stabile Bestandsaussichten. Walter Hallstein (1.
Präsident der Kommission 1958-1967): „théorie de la bicyclette“  funktionsmaxime
der EU  so wie ein Fahrrad umfällt, wenn nicht andauernd in die Pedale getreten
wird, kollabiert auch eine EU, die integrationspolitisch zum Stillstand kommt.
e) Nennen und erklären Sie die zentralen Merkmale supranationalen Charakters
 AUTONOMIE des Unionsrechts

Seite 2 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Wie im Urteil der RS van Gend & Loos (1963) grundgelegt, ist das
Unionsrecht eine Rechtsordnung sui generis. Sie ist somit sowohl gegenüber
VR, als auch nationalem Recht, eigenständig, sie hat einen autonomen
Geltungsanspruch.

 UNMITTELLBARE GELTUNG des Unionsrechts


Folge der Autonomie ist, dass das das Unionsrecht einen eigenständigen
Geltungsanspruch hat. Das Unionsrecht gilt ohne zutun der MS und muss
nicht mit nationalem Recht kohärieren oder von diesem abgeleitet werden. Die
Geltung ist unmittelbar, weil sie mit der Rechtserzeugung eintritt und nicht erst
nach Zustimmung ( keine Abänderungsmöglichkeit durch die MS)

 DIREKTWIRKUNG des Unionsrechts


Vgl. RS van Gend & Loos (1963)
Es folgt eine unmittelbare Rechtsverleihung durch das Unionsrecht ohne dass
ein Zutun nationalen Rechts erforderlich ist (=unmittelbare individuelle
Berechtigung des Einzelnen). Eine Folge dieser unmittelbaren
Rechtsverleihung ist, dass sei taugliche Anspruchsgrundlagen der
Rechtsdurchsetzung vor den nationalen Gerichten sind und so von den
Berechtigten selbst durchgesetzt werden können.

 VORRANG des Unionsrechts


Für den Fall, dass nationales und EU-Recht einander wiedersprechen braucht
es eine Konfliktlösungsregel  RS Simmenthal (1978)
Das Unionsrecht geht dem nationalen Recht bei der Anwendung vor
(=Anwendungsvorrang). Das nationale Recht wird vom Unionsrecht
überlagert, es findet jedoch keine derogation statt. Der Anwendungsvorrang
gilt für das Unionsrecht jeder Stufe und gegenüber nationalem Recht jeder
Stufe und ohne, dass das nationale Gesetz (davor) für ungültig erklärt werden
muss.

 STAATSHAFTUNG
Die MS haften gegenüber Einzelnen für Schäden aufgrund von staatlichen
Verstößen gegen Garantien des Unionsrechts. Geht der primäre
unionsrechtliche Anspruch mangels Direktwirkung ins Leere, bleibt dem
Einzelnen die Möglichkeit subsidiär von öffentlicher Hand Schadenersatz zu
erlangen. RS Francovich (1990)

e) Nennen und erklären Sie die zentralen Merkmale der Unionsmethode


Früher: Gemeinschaftsmethode
Bezeichnet ein Bündel von Eigenheiten des Europarechts im Bereich der
Ausgestaltung seiner handlungsbefugten Organe und Verfahren. Sie fördern die
Effizienz der Arbeitsweise, speisen demokratische und gewaltenteilende
Gesichtspunkte ein, und machen das erzeugte Recht effektiv.

 INITIATIVMONOPOL der Kommission


Nicht die Staaten, sondern eine von Staaten unabhängige und den Interessen
der Union verpflichtete Einrichtung, gibt Anstoß dafür, welches Recht in der
EU gesetzt wird. Die MS können lediglich Rechtsetzungsinitiativen
unverbindlich anregen.
 QUALIFIZIERTE MEHRHEIT im Rat

Seite 3 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Die Abkehr vom älteren Merkmal der Einstimmigkeit von Beschlüssen


bedeutet die Aufgabe staatlicher Souveränität bei der Rechtserzeugung: MS
können von anderen Staate überstimmt werden und müssen die
Mehrheitsmeinung rechtsverbindlich gegen sich gelten lassen. Gleichzeitig ist
mit diesem Souveränitätsverlust auch ein Souveränitätsgewinn verbunden:
jeder MS kann mittelbar Einfluss auf das Rechtsgefüge der Partnerstaaten
nehmen.

 AUFWERTUNG DES PARLAMENTS zum KO-GESETZGEBER


Diese Aufwertung erfolgte in den Vertragsreformen sukzessive und wurde erst
mit der jüngsten Vertragsreform (Lissabonvertrag, in Kraft seit 1.12.2009)
nahezu komplettiert. Sie stärkt die demokratische Legitimität des erzeugten
Rechts

 UNMITTELBARE VOLLZUGSEIGNUNG
Ist Folge der unmittelbaren Geltung des EU-Rechts. Im Bezug auf die Geltung
des Rechts haben die MS keine Wahlfreiheit und es bedarf keiner Ratifikation,
stattdessen ist das vom EU-Gesetzgeber erzeugte Recht unmittelbar von
seinen Adressaten zu vollziehen. Im Regelfall erfolgt der Vollzug dezentral
über nationale Behörden und Gerichte, in einzelnen Bereichen (bspw.
Wettbewerbsrecht), wird aber auch die Kommission unmittelbar im Vollzug
tätig.

 BESTEHEN EINER VOLLWERTIGEN GERICHTLICHEN KONTROLLE


Wird vom EuGH und EuG ausgeübt.
Rechtsbehelfe, für die teils nationale Gerichte, teils Unionsgerichte, zuständig
sind, gewährleisten die Richtigkeit der Anwendung des Unionsrechts durch
MS und Organe der EU. Die europäischen Gerichte stehen dabei nicht nur
den EU-Organen und MS offen, sondern auch dem Einzelnen. An der Spitze
dieses Systems steht der EuGH, dem das alleinige Recht zur verbindlichen
Auslegung von Unionsrecht und zur Beurteilung seiner Gültigkeit zukommt
und dessen Urteile in den betreffenden Verfahren unmittelbar
rechtsverbindlich und gegebenenfalls vollstreckbar sind.

Seite 4 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

2. Kapitel: Geschichtlicher Abriss


II. WK- Mitte 60er 1965 – Mitte 80er 1989 bis 200 2005 bis
heute
Die Anfänge Konsoldierung Vertiefung und Euphorie
Krisenphase

a) Was ist die EGKS, gibt es sie noch, und was ist ihre integrationspolitische
Bedeutung?
EGKS = Europäische Gemeinschaft von Kohle und Stahl
Die EGKS baut auf dem Schumann-Plan von 1950 auf und verfolgte das Ziel unter
der Aufsicht einer überstaatlichen Einrichtung (Hohe Behörde) den Gründerstaaten
gemeinsamen, freien Zugang zur Produktion von Kohle und Stahl zu sichern und
zwischen den Gründerstaaten einen gemeinsamen Markt zu schaffen, in dem Kohle
und Stahl unabhängig vom Produktionsort frei zirkulieren können. Dazu waren
Freiverkehrs-, Wettbewerbsregeln und Regeln zur Preistransparenz notwendig.

Der praktische Erfolg des EGKS-Vertrags führte zum Entschluss, das


Freiverkehrsmodell auf weitere Wirtschaftsbereiche (Warenverkehr insgesamt,
Dienstleistungen, Personen, Unternehmen, Kapital) auszudehnen. Vereinbart wurde
dies im EWG-Vertrag, der 1957 in Rom (Römische Verträge) geschlossen wurde.

Der EWG-Vertrag und seine Marktregeln bilden heute das Rückgrat der
europäischen Integration: Die zunächst aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte
Öffnung der Märkte entwickelte eine ungeahnte Eigendynamik, zu der auch der
EuGH einen wesentlichen Beitrag leistete, indem er beginnend mit der RS Van Gend
& Looss (1963) über Jahrzehnte eine kompromisslos integrationsfreundliche
Rechtsprechung verfolgte. Auf dieser Basis der Wirtschaftsintegration als ersten
Schritt hin zu einer wechselseitigen Verflechtung der MS wurde es überhaupt erst
möglich, über größere Ziele der EU nachzudenken.

Von den Gründungsverträgen EGKS, EWG und Euratom besteht heute nur noch der
Euratom-Vertrag, der EGKS Vertrag war auf 50 Jahre befristet, lief daher 2002 aus
und wurde in den EG-Vertrag integriert.

b) Inwieweit sind der Fusionsvertrag und der Eigenmittelvertrag für die faktischen
Handlungsmöglichkeiten der EU bedeutend?

Der Fusionsvertrag von 1965 (in Kraft seit 1967) führte die bis dahin getrennten
Organe der drei Gründungsverträge zusammen. Er war damit die Geburtsstunde der
Kommission. In weiterer Folge hatte der Fusionsvertrag neben einer wirtschaftlichen
Verwaltung auch eine deutliche Stärkung der Organe im Verhältnis zu den MS zur
Folge.

22. April 1970, Eigenmittelvertrag: Vertrag zur schrittweisen Finanzierung der EGW
durch Eigenmittel neben den Beiträgen der Staaten (Zölle, MWST-Anteil, Bußen),
korrespondierend Erweiterung der Kontrollbefugnisse des Europäischen Parlaments

Seite 5 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

c) Erklären und bewerten Sie den historischen Emanzipationsprozess des


Europäischen Parlaments im europäischen Rechtsgefüge. Ist er abgeschlossen und
warum (nicht)?

Das EP wurde 1952 gegründet, als der EGKS-Vertrag in Kraft trat, und war zunächst
eine beratende Versammlung von Vertretern der nationalen Parlamente. Erst 1979
bekam das EP durch die Direktwahl eine Legitimation, seither können Unionsbürger
alle 5 Jahre ihre Abgeordneten selbst unmittelbar bestimmen. Durch diverse
Vertragsreformen hat das EP immer weiteren Kompetenzzuwachs erfahren,
insbesondere die Legislativfunktion wurde gestärkt:

 1987: Einheitliche Europäische Akte: war die erste grundlegende Reform der
Gründungsverträge. Ihre Hauptziele waren die Schaffung der legistischen
Grundlagen für einen vollständigen Binnenmarkt und Änderungen bei
Institutionen und Zuständigkeiten. Zu diesen Änderungen gehörte auch die
Stärkung des Parlaments durch Einführung des Verfahrens der
Zusammenarbeit.

 Durch den Vertrag von Maastricht (1992 und 1993) wurden die Befugnisse
das EP um das Mitentscheidungsverfahren erweitert, was dazu führte, dass
das Parlament erstmals ein vollwertiges Mitspracherecht (Vetorecht) in der
Gesetzgebung hatte.

d) Inwiefern ist der EuGH ein Motor der Integration? Was halten Sie von dieser
Rolle?

Der EuGH verfolgt ausgehend von der RS Van Gend & Loos (1963) eine
kompromisslos integrationsfreundliche Rechtsprechung und war damit entscheidend
für die Eigendynamik, die die Öffnung der Märkte im Zuge des EWG-Vertrages
hervorrief.

e) Bewerten Sie die beiden folgenden Aussagen: 1. Der Vertrag von Maastricht hat
die ursprünglichen Ziele des EWG-Vertrages gesprengt, 2. Der Vertrag von
Maastricht ist eine logische Folge der ursprünglichen Ziele des EWG-Vertrages.

Der Vertrag von Maastricht skizzierte ein Dreisäulenmodell und fasste die bisherigen
drei Gemeinschaften (EWG, EGKS und Euratom) in der ersten Säule zusammen. Die
Institutionalisierung der politischen Zusammenarbeit in den Bereichen Außen- und
Verteidigungspolitik bildeten die zweite Säule, die der Bereiche Polizei und Justiz die
dritte Säule. Es ist also mA nicht richtig von einer „Sprengung“ der Ziele zu reden, da
der Vertrag von Maastricht lediglich die ursprünglichen Ziele in einem Bereich (EWG)
mit weiteren Zielen zusammenführte. Ebenso wenig war der Vertrag von Maastricht
jedoch eine logische Folge. Vielmehr war die Entwicklung nicht vorherzusehen und
ist im zeitlichen Kontext und einhergehend mit den Erfolgen/Misserfolgen der
früheren Jahre zu verstehen. 1992, als der Vertrag von Maastricht in Kraft waren
befand die Europäische Gemeinschaft sich in einer Phase der Euphorie, durch die
weitere integrationspolitische Prozesse möglich wurden.

Seite 6 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

f) Wofür waren die Kopenhagener Kriterien gedacht? In welchem historischen


Kontext stehen sie, und haben sie sich Ihrer Meinung nach bewährt?

1993, Kopenhagener Kriterien – heute: Art. 2 EUV


Der Fall der Berliner Mauer (1989) und das Ende des Kalten Krieges bilden eine
weitere Zäsur im europäischen Einigungsprozess: Mit der scheinbaren Überwindung
der Teilung Europas entstand eine Aufbruchsstimmung, die eine vollständige,
politische Einigung des Kontinents als realistische Option erschienen ließ. Diese
Euphorie fand neben dem Vertrag von Maastricht ihren Ausdruck in den
Kopenhagener Kriterien (der Osterweiterung). Diese formulierten demokratische und
rechtsstaatliche Reife als politisch Grundlage einer Erweiterung um die Staaten des
ehemaligen Warschauer Pakts.

Kriterien:
1. Funktionsfähige Marktwirtschaft
2. Fähigkeit dem Wettbewerbsdruck innerhalb des Binnenmarktes standzuhalten
3. Offenheit der Märkte gegenüber dem Ausland
4. Die Fähigkeit Verpflichtungen und Ziele einer EU-Mitgliedschaft zu erfüllen
(Acquis communautair)
5. Anerkennung des Binenmarktes
6. Beitritt zur Wirtschafts- und Währungsunion
7. Anerkennung der Menschenrechte
8. EU muss aufnahmefähig sein

g) Inwiefern ist der Kompromiss von Ionnina symptomatisch für die


Entscheidungsfindung in der EU?
Als Kompromiss von Ionnina wird eine Regelung zum Schutz von Minderheiten
bezeichnet, die bei Abstimmungen im Rat der Europäischen Union angewandt
werden kann. Diese Vereinbarung zum Ionnina Kompromiss wurde 1994 getroffen,
ursprünglich in Vorbereitung auf den Beitritt Österreichs und anderer MS, und erlaubt
es einer Sperrminorität eine Beschlussfassung aufzuschieben und eine Fortsetzung
der Verhandlungen zu verlangen.

Dieser alte Kompromiss wird mit Erklärung Nr. 7 wieder aufgegriffen:


Mitglieder des Rates im Umfang einer halben Sperrminorität (= 55% der MS oder
55% der Bevölkerung der eigentlichen Sperrminorität.  eigentliche Sperrminorität:
13 MS, oder Repräsentierte Bevölkerung von 35% +1, mindestens aber 4 MS)
können erklären, dass die Annahme eines bestimmten Rechtsaktes ablehnen. Bis
31.3.2017 gelten erhöhte Quoren.

Wird das Quorum erreicht, so ist der Rat verpflichtet allles in seiner Macht stehende
zu tun, um eine zufriedenstellende Lösung zu finden.

Der Ionnina-Kompromiss gibt daher den Minderheiten kein permanentes Vetorecht


und keine endgültige Blockademöglichkeit. Die Regel verzögert aber die
Beschlussfassung und soll die Kompromissbildung fördern, indem einzelne MS der
Mehrheit signalisieren können, dass ein bestimmter Beschluss ihre vitalen Interessen
negativ berührt. Dies ist mit Blick auf die nachhaltige Sicherung der Konsensfähigkeit
des Rates bedeutsam.

Seite 7 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

h) Mit welchem früheren vermeintlichen Dogma des EUV (bzw. schon EWG-Vertrag)
räumt die Brexit-Debatte auf?
Viele Jahre lang wurde der Inhalt des Art. 1 EUV als Diktum hingenommen, nachdem
die Integration die Verwirklichung einer immer engeren Union der Völker Europas
anstrebt. Mit der Brexit-Debatte stellte erstmals ein MS den Mehrwert seiner
Beteiligung am Integrationsprozess zur Debatte. Erst im Vertrag von Lissabon befand
sich erstmals eine Austrittsklausel.
i) Was ist das sog. Dreisäulenmodell? Was ist Inhalt der drei Säulen, und warum
wurden sie errichtet? Existiert dieses Modell heute noch?

Der Vertrag von Maastricht wurde 1992 unterzeichnet und trat 1993 in Kraft. Die
Errichtung des drei Säulen Modells ist im historischen Kontext zu sehen, wonach der
Vertrag in einer Zeit der Euphorie und des europäischen Auftrags geschaffen wurde.
Aufbauend auf den Erfolgen der EWG, EGKS und Euratom sollten weitere Bereiche
in den europäischen Integrationsprozess miteinbezogen werden. Während diese drei
Gemeinschaften die erste, wirtschaftliche Säule, bildeten, wurde die neue
Europäische Union ebenso von einer GASP und Zusammenarbeit zwischen Polizei
und Justiz getragen.

Seit dem Vertrag von Maastricht tritt der ursprünglich rein wirtschaftliche Zweck der
Gemeinschaft, nämlich die Vollendung eines gemeinsamen Marktes, gegenüber
ihrem neuen politischen Auftrag eindeutig in den Hintergrund.
Mit dem Vertrag von Maastricht werden somit fünf Hauptziele verfolgt:
• Stärkung der demokratischen Legitimität der Organe;
• bessere Funktionsfähigkeit der Organe;
• Einführung einer Wirtschafts- und Währungsunion;
• Entwicklung einer sozialen Dimension der Gemeinschaft;
• Einführung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.

j) Was ist „moral hazard“, und inwiefern spielt er in der Finanz- und Wirtschaftskrise
und ihrer Bewältigung eine Rolle? Stimmt die Aussage, die Griechenland-Rettung
verstärke den moral hazard in der staatlichen Wirtschafts- und Haushaltspolitik?

Moral hazard = moralisches Risiko


Ab 2007 bricht die Subprime-Krise aus, eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise,
die sich sukzessive zu einer Euro-Krise auswächst, da die Staatsschulden
explodieren. Der Moral hazard ist in Wirtschaftskrisen bedeutsam, weil er zu
risikoreichem Verhalten von einzelnen Regierungen führen kann, die darauf

Seite 8 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

vertrauen, dass ihnen geholfen werden muss. Im Falle von Griechenland war die EU
gezwungen mit Geld auszuhelfen, damit Griechenland nicht durch Ansteckung die
gesamte europäische Wirtschaft mit sich reißt.

3. Kapitel : Rechtsquellen
a) Was ist Primärrecht, was Sekundärrecht und welche Einzelkomponenten fallen
jeweils darunter?

Das Primärrecht bildet das Recht höchster Stufe in der Europarechtsordnung. Es


umfasst:
 Gründungsverträge (EUV, AEUV) in der jeweils aktuellen Fassung (zuletzt
Lissabon)
 Beitrittsverträge
 Allgemeine Rechtsgrundsätze (VR und gemeinsame Rechtstraditionen der
MS)
 Charta der Grundrechte
 Protokolle und Anhänge zu den Verträgen (NICHT Erklärungen)

Sekundärrecht ist das vom Primärrecht abgeleitete Recht. Es hängt in seinem


Bestand (Legalität) daher vom sachlichen Umfang der zugrunde liegenden
Rechtsetzungsermächtigung sowie von der Einhaltung des zugehörigen
Rechtserzeugungsverfahrens ab.
 Internes Recht: Art. 288 AEUV
 VO
 RL
 Beschluss
Dieses Recht wird entsprechend der Anordnung einer spezifischen
Rechtsgrundlage im Rahmen eines dort bezeichneten Verfahrens erzeugt. (
„Typische“ Rechtsakte)

o Atypische Rechtsakte
 Mitteilungen
 Rahmen
 Leitlinien
Auf sie greifen die Institutionen in der Praxis zurück, ihre Rechtswirkungen
unterscheiden sich im Einzelfall, ungeachtet der unterschiedlichen
Verbindlichkeitsstufen sind sie Sekundärrecht.
 sowohl drittverbindliches Recht, als auch Recht mit bloßer Selbstbindungswirkung
gehören zum Sekundärrecht

 Externes Recht: Art. 218 AEUV (Art. 216 AEUV)


 von der EU geschlossene VR-Verträge
 interinstitutionelle Vereinbarungen zwischen den Organen
 sowohl einseitiges, als auch zweiseitiges Recht gehört zum Sekundärrecht

Seite 9 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

b) Erläutern Sie den Stufenbau der Europarechtsordnung. Kann man von einem
solchen Stufenbau überhaupt sprechen bzw. was sind die Vorbehalte gegen die
Übernahme dieses national gedachten Modells auf die europarechtliche Ebene?

Der Begriff Stufenbau der Rechtsordnung ist im nationalen öffentlichen Recht stark
dogmatisch besetzt und lässt sich im europarechtlichen Kontext nur mit
entsprechendem Vorbehalt verwenden. So ist etwa ein Stufenbau nach dem
Erzeugungszusammenhang oder dem Derogationszusammenhang im Europarecht
nur eingeschränkt sinnvoll.

Undogmatisch verwendet ist der Begriff des Stufenbaus für das Verständnis des
Europarechts wertvoll, soweit er sich darauf beschränkt abzubilden, welche
Rechtsebene der Maßstab der Prüfung der Rechtsgültigkeit für eine andere
Rechtsebene ist.

(Baugsetetze des B-VG? "Solange-Doktrin")

Primärrecht

VölkerR-Abk. der EU

Allgemeines SekundärR
(interne Hierarchie: GesetzesR vor
DurchführungsR)

Sämtliches Recht der MS


(interne Hierarchie: Allg. VerfR, VölkerR,
GesetzesR, MinisterialV, Bescheide,..)

c) Sind Urteile der Unionsgerichte Rechtsquellen?

Ja

d) Wie verhält sich der EUV zum AEUV? Wie verhält sich der AEUV zu den
Protokollen?

EUV und AEUV sind gleichrangig und unterscheiden sich nur dadurch, dass der
(kürzere) EUV Grundlagen- und Rahmenbestimmungen enthält, deren Details im
(umfangreicheren) AEUV ausgeführt sind.

EUV:

Seite 10 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

 gemeinsame Bestimmungen betreffend die Werte und Ziele der EU,


einschließlich deren Schutz, Grundprinzipen des Handelns von Organen und
MS (Loyalität, Subsidiarität, begrenzte Einzelermächtigung,...)
 Grundlagen der differenzierten Integration (verstärkte Zusammenarbeit)
 Auflistung der Organe und ihre Strukturellen Grundzüge

AEUV:
 Politiken der EU:
o Unionsbürgerschaft
o Binnenmarkt
o Wettbewerb
o Justizielle und polizeiliche Zusammenarbeit
o Asylpolitik
o Wirtschafts- und Währungspolitik
o Außenhandelspolitik

 Kompetenzkatalog
 Bestimmungen zur Struktur und internen/gemeinsamen Verfahren der Organe

e) Was bezeichnet der Begriff Legalität von Rechtsakten, welches Problem ist damit
angesprochen? Wann ist der Legalität Genüge getan?

Die Legalität von Rechtsakten bezeichnet die Gültigkeit von Rechtsakten. Sie hängt
vom sachlichen Umfang der zugrunde liegenden Rechtsetzungsermächtigung sowie
von der Einhaltung des zugehörigen Rechtserzeugungsverfahrens ab. Vgl.
Kompetenzkatalog und Bestimmungen zur Struktur und internen/gemeinsamen
Verfahren der Organe im AEUV.

4. Kapitel: Organe
a) Nennen Sie die wichtigsten Grundsätze des organschaftlichen Handelns. Sind
diese Grundsätze justiziabel?

Art. 13 Abs 1 und 2 EUV


 Gebot der Kohärenz des erzeugten Rechts
 Effizienz der Abläufe und Strukturen der Organe
 Kontinuität der Politik
 Legalität
 Grundsatz des institutionellen Gleichgewichts
 Loyalitätsgebot

Ja, vgl. Vertragsverletzungsverfahren

b) Welche unterschiedlichen Dimensionen hat das Loyalitätsgebot?

Das Loyalitätsgebot ist sowohl vertikal, als auch horizontal im EUV verankert.
Seite 11 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Art. 13 Abs 2 EUV: „Die Organe arbeiten loyal zusammen“  gegenseitige proaktive
Unterstützung bei der Erfüllung von Aufgaben und insbesondere Nichtobstruktion.
Art. 4 Abs 3 EUV  loyale Zusammenarbeit der EU und MS
c) Wirkt das Parlament an der Wahrnehmung der Außenhandelszuständigkeit der EU
mit und wenn ja, wie? Hat es im Bereich der GASP Kompetenzen, und was ist der
Unterschied zwischen GASP und allgemeinem Außenhandeln im Rahmen des
AUEV?

Zur Gesetzgebung im weiteren Sinne gehört auch die Entscheidung über die
Zustimmung zur Inkraftsetzung internationaler Abkommen (Ratifikation)

d) Beschreiben Sie das Haushaltssystem der EU

Das Parlament ist gemeinsam mit dem Rat für die Erstellung des min. fünfjährigen
Finanzrahmens der Union und der einzelnen Jahreshaushaltspläne verantwortlich
(Art. 312 Abs 2 und 314 AEUV).

Das Parlament kontrolliert die tatsächliche Mittelverwendung und erteilt oder


verweigert der Kommission jährlich die Entlastung bei ihrer Ausführung des
Haushaltsplans.

Der EU-Haushalt finanziert sich aus unterschiedlichen Quellen, die im


Eigenmittelbeschluss (Art. 311 AEUV) festgelegt sind:

Eigenmittel

Beiträge der MS 69%


Außenzoll und Zucker-
abgaben 12% /(

;
;

Eigene Steuern kann die EU nicht einheben, ebenso dar Sie keine Schulden/Defizite
machen. Gleichzeitig ist im mehrjährigen Finanzrahmen eine Eigenmittel-Obergrenze
festgelegt: Die Einnahmen dürfen einen bestimmten Höchstsatz nicht überschreiten.
Run sie es doch (Bspw höhere Zolleinnahmen), reduzieren sich die Beiträge der MS
automatisch.

e) Was ist der Unterschied zwischen dem Europäischen Rat, Rat und Europarat?

Der Europarat wurde 1949 gegründet und ist damit älter als die EU. Er verharrt
anders als die EU in der klassischen Völkerrechtsmethode und ist (anders als die

Seite 12 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

anderen beiden Räte) kein Organ der EU, sondern eine selbstständige Institution. Er
hat seinen Sitz in Straßburg, besondere Errungenschaften sind die EMRK und das
dazugehörige Gericht.
Der Rat ist der Ministerrat (Art. 16 EUV). Er hat seinen sitz in Brüssel und setzt sich
aus den Fachministern der nationalen Regierungen zusammen, er tagt in derzeit 10
verschiedenen Zusammensetzungen und ist ein Organ der EU. Der Rat ist v.a. im
Bereich der Gesetzgebung und Administrativrechtsetzung tätig.

Der Europäische Rat (Art. 15 EUV) ist das jüngste Organ der EU und setzt sich aus
den Staats- und Regierungschefs der MS zusammen, ebenso wie aus den (nicht
stimmberechtigten) Kommissionspräsidenten, der hohen Vertreterin und dem
Ständigen Ratspräsidenten. Seine Aufgabe besteht im Wesentlichen aus der
Setzung politischer Impulse für die Union als Ganzes und die Formulierung von
Zielvorstellungen und Prioritäten, die von den übrigen Organen aufzunehmen und
Umzusetzen sind.

f) Welches Gericht ist gemeint, wenn vom Straßburger Gerichtshof die Rede ist?
Können Sie als Einzelperson dorthin gelangen?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der kein Gerichtshof der
EU, sondern des Europäischen Rates ist. Der Gerichtshof der EU, mit seinen
zugehörigen Gerichten, hat seinen Sitz in Luxemburg.

In der Praxis stellt die Individualbeschwerde nach Art. 34 EMRK das bedeutendste
Instrument des Menschenrechtsschutzes vor dem EGMR dar. Allen natürlichen
Personen und nichtstaatlichen Organisationen sowie Personengruppen wird das
Recht gewährt, den EGMR mit der Behauptung anzurufen, in einem Recht aus der
Konvention verletzt zu sein.

g) Wer ist der EU-Gesetzgeber, wer die EU-Verwaltung? Lassen sich diese Bereiche
scharf voneinander trennen? Geben Sie Beispiele aus den Aufgaben der Organe.

h) Erklären Sie den Begriff doppelte Mehrheit. Wo ist die doppelte Mehrheit
anzuwenden, und welche Ausnahmen von der doppelten Mehrheit gibt es?

Art. 16 abs. 4 EUV: Die qualifizierte Mehrheit zur Beschlussfassung im Rat erfordert
das Erreichen von Mehrheiten auf zwei Ebenen (deshalb doppelte Mehrheit).

Zum einen müssen 55% der Mitglieder des Rates (16 von 28) für „Ja“ stimmen, zum
anderen müssen sie gleichzeitig 65% der EU-Bevölkerung repräsentieren.

Wird das Quorum von 65% nicht erreicht, verhindert eine Sperrminorität von min. 4
Staaten, die gegen den Beschluss stimmen die Beschlussfassung. Stimmen weniger
als 4 Staaten gegen den Beschluss gilt die qualifizierte Mehrheit auch ohne die 65%
als erreicht.

Übergangsregel bis 31.3.2017: Mit dem Vertrag von Lissabon gibt es keine
Stimmgewichtung mehr, jedes Ratsmitglied zählt eine Stimme. Um den kleineren MS
die Abkehr von diesem System zu erleichtern, siecht die Übergangsregel vor, dass
jeder MS eine Abstimmung nach alten Regeln verlangen kann.

Seite 13 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Ionnina-Kompromiss und Notbremse-Mechanismus

i) Welche beiden zentralen Grundsätze des Unionsrechts lassen sich an Art. 19 EUV
festmachen?

 Grundsatz des Auslegungsmonopols des EuGH:


Das Auslegungsmonopol ist das Rückgrat der Autonomie der
Unionsrechtsordnung gegenüber drittem Recht. Die Wahrung der Autonomie
verlangt es, dass sämtliche Fragen der Auslegung und Anwendung von
Unionsrecht auf irgendeinem Verfahrensweg zu einem der Unionsgerichte
gelangen können.

 Grundsatz der Verfahrensautonomie der MS:


Die Anwendung des Unionsrechts erfolgt im Regelfall durch die MS bzw. vor
den nationalen Gerichten und Behörden. Der Art 19. EUV formuliert eine
Pflicht der MS zur Schaffung der erforderlichen Rechtsbehelfe für die
Durchsetzung des Unionsrechts. Dem Korrektiv der Verfahrensautonomie wird
somit die Erfordernis der Grundsätze der Äquivalenz und Effektivität zu
Grunde gelegt: Unionsrechtliche Ansprüche dürfen demnach nicht
schlechteren Voraussetzungen der Durchsetzung unterliegen, als
vergleichbare Ansprüche auf Basis nationalen Rechts.

 In der Dualität der Formulierung des Art. 19 EUV, kommt die


Komplementarität des Unionsrechtlichen Rechtsschutzsystems zum Ausdruck:
Der Unionsrechtsschutz besteht in seiner Gesamtheit aus zwei einander
ergänzenden Komponenten, den Aufgaben der unionseigenen Gerichte und
den Aufgaben der nationalen Gerichte.
Erst in der wechselseitigen Ergänzung ist das System vollständig in dem Sinn,
dass jeder unionsrechtlich begründete Anspruch auf der einen oder anderen
Seite des dualen Systems einer gerichtlichen Überprüfung zugänglich ist
( Grundsatz der Vollständigkeit des Systems der Rechtsbehelfe)

j) An welchen Klagearten und Verfahren vor den Unionsgerichten können Sie als
Einzelperson (bzw. Ihre Prozessvertreter) unmittelbar beteiligt sein? Geben Sie
jeweils ein Beispiel, wie Sie bzw. Ihr Fall dorthin gelangt.

EuG: ( „Verwaltungsgericht der EU“)


 Nichtigkeitsklage (Art. 263 AEUV)
 Untätigkeitsklage (Art. 265 AEUV)
 Schadenersatzklage gegen die Union (Art. 268 AEUV)
 Klagen aufgrund von Schiedsklauseln (Art. 270 AEUV) und
Dienstrechtssachen (Art 272 AEUV)

 Rechtsmittelgericht gegenüber Fachgerichten

 VAV, sobald eine solche Zuständigkeit erteilt wurde

Seite 14 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Die Zuweisung dieser Klagearten an das EuG ist an sich unabhängig von der
Eigenschaft des Klägers. Es gelangen somit diese Klagen alle vor das EuG,
unabhängig davon ob sie ein MS oder ein Einzelner einbringt.

EuGH: als Einzelperson nur im Falle einer VAV oder Rechtsmittel gegen Urteile des
EuG, wobei letzteres auf Rechtsfragen beschränkt ist.

5. Kapitel: Kompetenzen und Rechtsetzung


a) Erklären Sie den Kompetenzenkatalog des AEUV. Wie verhält er sich zu den
Rechtsetzungsgrundlagen im AEUV? Was ist der Unterschied zwischen beidem?

Kompetenzkatalog: Art. 2ff. AEUV


Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit den der EU von den MS übertragenen
Zuständigkeiten ist das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung nach Art. 5 Abs. 2
AUEV. Es stellt klar, dass die Union nach wie vor nicht über das Recht bzw. die
Zuständigkeit verfügt, ihre Zuständigkeitsbereiche selbst zu definieren oder nach
Belieben zu erweitern (keine Kompetenz-Kompetenz). Jedes Handeln der EU hat
daher auf eine schon bestehende primärrechtliche Ermächtigung rückführbar zu sein.

Diese Ermächtigung findet sich einerseits im Kompetenzkatalog, andererseits in den


einzelnen Kapiteln des AEUV, die konkrete Handlungsermächtigungen bzw.
Rechtsetzungsgrundlagen je Materie enthalten.

Erst eine Zusammenschau von Kompetenzkatalog und konkreter


materienspezifischer Rechtsetzungsgrundlage verschaffen Klarheit über den
tatsächlichen Umfang der Unionszuständigkeit. Insofern lässt sich auch von einem
rein bekräftigenden bzw. deklarativen Charakter des vertikalen Kompetenzkatalogs
sprechen.

b) Betrifft der Kompetenzenkatalog die vertikale oder die horizontale


Kompetenzenverteilung? Wo ist die jeweils andere Kategorie geregelt, wenn nicht im
Kompetenzenkatalog selbst?

Vertikale Kompetenzenverteilung = Ausgangspunkt der Legalitätsprüfung eines


Unionsrechtsaktes

Horizontale Kompetenzverteilung = konkrete Rechtsgrundlage über die dort


vorgesehenen Handlungsermächtigungen des vorgegebenen
Rechtserzeugungsverfahrens im Bezug auf eine konkrete Maßnahme

Der Kompetenzkatalog ist der horizontalen Kompetenzverteilung zuzuordnen und


prüft zunächst, ob überhaupt eine Ermächtigung der EU durch die MS vorliegt, um in
dem betroffenen Bereich gesetzgeberisch tätig zu werden.

Die horizontale Kompetenzverteilung ist in der spezifischen Rechtsgrundlage zu


finden. Das ordentliche Gesetzgebungsverfahren ist in Art. 294 AEUV festgehalten.

Seite 15 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

c) Was ist mit der Aussage gemeint, Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit seien
Kompetenzsausübungs- nicht Kompetenzzuweisungsnormen?

Die Ausübung der dem Unionsgesetzgeber im Rahmen des Kompetenzenkatalogs


zugewiesenen Kompetenzen ist im konkreten Einzelfall eines
Gesetzgebungsvorhabens gem. Art. 5 Abs3 und 4 EUV durch die Grundsätze der
Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit den dort genannten Voraussetzungen
unterworfen.

Subsidiaritätsprinzip: Der Unionsgesetzgeber darf nur unter der Voraussetzung tätig


werden, dass das gemeinsame Handeln auf EU-ebene bessere Ergebnisse
verspricht als einzelstaatliche Regelungen der MS. Dies läuft i.W. auf eine Pflicht zur
Begründung des jeweiligen Rechtsakts hinaus, inwieweit der Unionsgesetzgeber
aufgrund der in den Erwägungsgründen gemachten Angaben davon ausgehen
konnte, dass sein Handeln bessere Ergebnisse verspricht. Das Subsidiaritätsprinzip
als Schranke der Kompetenzausübung gilt nur bei Vorhaben, die eine geteilte
Zuständigkeit betreffen. Bei ausschließlichen Kompetenzen fehlt ihm schon der
logische Anwendungsbereich, da die MS von vorneherein nicht zur Rechtssetzung
zuständig sein.

Verhältnismäßigkeitsprinzip: Art und Inhalt eines in Ausübung einer dem


Unionsgesetzgeber grundsätzlich zugewiesenen vertikalen Kompetenz müssen auf
das beschränkt bleiben, was zur Erreichung der Ziele notwendig ist.
Prüfungskriterien:
1. Geeignetheit
2. Erforderlichkeit
3. Angemessenheit
Auch die Verhältnismäßigkeit läuft i.W. auf eine Begründungspflicht hinsichtlich Art
und Inhalt des Rechtsaktes hinaus. Diese Verhältnismäßigkeit ist aber leichter als die
Subsidiarität von den Unionsgerichten zu prüfen, somit einfacher jusitziabel. Das
Verhältnismäßigkeitsprinzip gilt für alle Kompetenzarten.

Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit machen also Vorgaben dahin, wie die in der
Union an sich zugewiesenen Kompetenzen auszuüben sind. Dies betrifft neben der
Entscheidung über den eigentlichen Regelungsgegenstand auch die Frage, mit
welchem Rechtsakttyp vorzugehen ist. Insbesondere geht es dabei um die Wahl
zwischen Verordnungen und Richtlinien. Ist der Rachtsakttyp in der Rechtsgrundlage
nicht ausdrücklich vorgegeben, so gebietet es v.a. die Verhältnismäßigkeit, bei
gleicher Effektivität das eingriffsschwächere Instrument zu wählen.

d) Sprengt Art. 352 AEUV den Kompetenzenkatalog?

Art. 352 AEUV ist eigentlich eine Rechtsetzungsgrundlage, keine


Kompetzenzzuweisungsnorm.

Der Artikel geht vom bestehen der vertikalen Kompetenzverteilung aus und will
davon, insbesondere vom Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung, keine
Ausnahme machen.

Allerdings ist die Handlungsermächtigung des Art. 352 nicht an einzelne Politikkapitel
des Vertrages gebunden, sondern geht bewusst über diese Kapitel hinaus: Wo die

Seite 16 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Rechtsgrundlagen in den Politikkapiteln zu eng gefasst sind, um eines der Ziele der
Union zu verwirklichen, stellt Art. 352 eine diese Politiken sprengende, ergänzende
Handlungsgrundlage bereit.

Dies gilt insbesondere mit Hinblick darauf, dass Art. 3 EUV die Ziele der Union, und
damit die Grenze der Handlungsbefugnis nach Art. 352, eher allgemein formuliert.
Lediglich in Politikbereichen, für die das Primärrecht Harmonisierungen ausdrücklich
ausschließt, kann diese Grenze auch nicht über Art. 352 überwunden werden.

Art. 352 ermächtigt damit zur vertragsimmanenten Fortentwicklung des Unionsrechts


hart unterhalb der Grenze der Vertragsänderung nach Art 48 EUV. Auch nach Art 352
bleibt die Kompetenz-Kompetenz bei den MS, die der Union mit Art. 352 aber ein
weitreichendes Instrument in die Hand gegeben haben.

e) Was sind Gesetzgebungsakte, was typische Rechtsakte und wie verhalten sich
diese Begriffe zueinander?

Die typischen Rechtsakte sind in Art. 288 AEUV angeführt:


Verbindliche Instrumente:
 Verordnung
 Richtlinie
 Beschluss
Nicht verbindliche Instrumente:
 Empfehlung
 Stellungnahme

Aus Art. 288 AEUV ergibt sich keine Unterscheidung zwischen Gesetzgebungsakten
und Rechtsakten ohne Gesetzgebungscharakter: eine VO kann daher je nach
Rechtsgrundlage und Verfahren ein Gesetzgebungsakt sein oder nur ein
Ausführungsrechtsakt ohne Gesetzgebungscharakter. Rechtsakte ohne
Gesetzescharakter werden nicht in einem Gesetzgebungsverfahren angenommen.
Rechtsakte ohne Gesetzgebungscharakter werden nur auf Vorschlag der
Kommission erlassen, wenn dies in den Verträgen ausdrücklich so vorgesehen ist.

f) Was ist tertiäre Rechtsetzung?

Art. 290 und 291 AEUV regeln den Erlass von Rechtsakten mit allgemeiner Geltung
im Nahbereich zum allgemeinen Verwaltungsvollzug. Die Bestimmungen
unterscheiden zwischen deligierter Rechtssetzung und Durchführungsrechtssetzung.

In beiden Fällen handelt es sich um die Erzeugung von Rechtsakten ohne


Gesetzescharakter, also unterhalb der Ebene der Gesetzgebung iSd. Art 289 AEUV.

Delegierte Rechtsetzung: echte Rechtsetzungsbefugnisse, einschließlich eines


gewissen Regelungsermessens (Bestimmung der legislativen Details) werden
delegiert  schaffen aufgrund des quasilegistischen Charakters der Befugnisse eine
Art „Tertiärrecht“;
EuGH: Art. 290: Übertragung der Befugnis zum Erlass von Rechtsakten ohne
Gesetzescharakter mit allgemeiner Geltung, um die nicht wesentlichen Elemente des
Basisrechtsaktes zu ergänzen. Die Befugnisübertragung erfolgt mir
Gesetzgebungsakt und kann ausschließlich an die Kommission erfolgen. Über den

Seite 17 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Erlass der delegierten Rechtsakte entscheidet diese alleine, eine weitere Sub-
Übertragung ist unzulässig.

Deligierte Rechtsakte erlauben die Festlegung legistischer Details, die Expertise


erforden. Sie haben zudem den Vorteil einer gewissen Flexibilität bei markt- oder
techniknaher Gesetzgebung, um diese rasch an ein dynamisches Umfeld
anzupassen. Der Gesetzgeber kann sich zudem auf die politische
Grundsatzentscheidung konzentrieren, ohne sich auf technische Details einzulassen.

Die Bedingungen und den Umfang der Delegation legt der Basisrechtsakt fest.
Gegen die delegierte Rechtsetzung besteht ein allgemeines Widerspruchsrecht: Der
Rechtsakt tritt nur in Kraft, wenn das Parlament oder der rat nicht binnen Frist
widersprechen. Der Widerspruch bedarf keiner Angabe von Gründen. Auch die
zeitliche Begrenzung der Delegation ist im Basisrechtsakt möglich. So erzeugte
Rechtsakte tragen die Kennzeichnung „delegiert“ im Titel.

Durchführungsrechtssetzung: bloßer Verwaltungsvollzug von Unionsrechtsakten mit


nur wenig, bzw. ohne eigenes Vollzugsermessen.  Verwaltungsvollzug im engeren
Sinn

g) Was hat die Verstärkte Zusammenarbeit mit dem Bereich Rechtsetzung zu tun?

Art. 20 EUV
Die verstärkte Zusammenarbeit ermöglicht es einzelnen Mitgliedsstaaten, die ihre
wechselseitige Integration in einem in die Zuständigkeiten der EU fallenden Bereich
vertiefen wollen, dafür im Rat aber keine breite Mehrheit finden, miteinander
voranzuschreiten.
Kern der Verstärkten Zusammenarbeit ist es, dass Rechtsetzung in der EU nach
einem geordneten Verfahren ausnahmsweise auch auf eine Gruppe von MS
beschränkt werden kann.

Die Begründung einer Verstärkten Zusammenarbeit ist nur in Materien außerhalb der
ausschließlichen Zuständigkeiten der Union zulässig. Die Ermächtigung wird vom
Rat und Parlament auf Initiative der Kommission erteilt, an die interessierte MS einen
Antrag richten können. Voraussetzung ist, dass sich zumindest neun MS daran
beteiligen wollen, die für das Vorhaben im Rat keine Mehrheit gefunden haben und
die Zusammenarbeit somit als letztes Mittel zur Realisierung des Vorhabens
notwendig ist. Die Verstärkte Zusammenarbeit muss zudem den Integrationsprozess
stärken und sämtlichen anderen MS zur späteren Teilnahme offen stehen.

Es besteht daher ungeachtet der Bereitstellung des Mechanismus der Verstärkten


Zusammenarbeit eine klare Präferenz für eine gleichförmige
Integrationsgeschwindigkeit. Lediglich wenn dies nicht möglich ist, soll die
weitergehende Integrationsfähigkeit oder Integrationswilligkeit einzelner MS nicht
durch die übrigen MS behindert werden. Die Idee ist, dass eine Avantgarde
vorprescht und später die anderen nachfolgen.
Daher will die Verstärkte Zusammenarbeit auch lediglich ein zeitlich versetztes
Voranschreiten ermöglichen, zu dem mittelfristig wieder alle MS aufholen können.

h) Betreibt der EuGH Harmonisierung? Wie verhält sich der Begriff Harmonisierung
zu den Begriffspaaren Positivintegration und Negativintegration?

Seite 18 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Der Begriff Harmonisierung bezeichnet die Vereinheitlichung der Rechtsvorschriften


der MS durch einheitliche (Sekundär-)Rechtsetzung auf EU-Ebene. An die Stelle
unterschiedlicher Regelungen der MS tritt ein einheitliches Regime für alle MS. Diese
Vereinheitlichung schafft einen gemeinsamen Rechtsbestand, im Hinblick auf
welchen die Hoheitsgrenzen zwischen den MS immer weniger praktische Bedeutung
haben, weil die Rechtsvorschriften beiderseits der Grenzen gleich sind.
Im Kern meint Harmonisierung also die Gleichschaltung vorbestehenden Rechts in
den MS, zB die Angleichung von ABGB, BGB, Code Civil, usw.

Abweichungen des nationalen Rechts nach erfolgter Harmonisierung sind im Grunde


unzulässig: Wird Sekundärrecht nicht ordnungsgemäß umgesetzt oder befolgt,
handelt es sich um eine Vertragsverletzung, gegen die im Rahmen des
Vertragsverletzungsverfahrens nach Art. 258 AEUV vorgegangen werden kann. Der
EuGH kann also Harmonisierung nur im Sinne dieser Verfahren betreiben.

Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Integration basiert auf den
folgenden Aspekten: Negative Integration hat die Marktintegration (Marktschaffung,
Marktöffnung und Herstellung von Wettbewerbsgleichheit) zum Ziel und versucht
diese durch das Verbot all jener nationaler Regelungen zu erreichen, die dem
Funktionieren eines gemeinsamen Marktes hinderlich sein könnten. Sie setzt der
Regelungskapazität der Nationalstaaten Grenzen. Es kommt zu einer Deregulierung
nicht marktkonformer Regelungen.
Positive Integration dagegen beschreibt eine gemeinsame europäische Regulierung
des Marktes mittels neuer, einheitlicher und gemeinsam gesetzter Regeln.
Wichtigstes Ziel der positiven Integration ist nicht die Marktschaffung, sondern die
Marktkorrektur.

i) Was haben Grundreche und der sog. Integrationsfeste Kern rechtlich und
geschichtlich miteinander zu tun?
Ursprünglich verfügte die EU über keinen positivierten Grundrechtekatalog. Der
EuGH zählte in seinen ganz frühen Entscheidungen die Grundrechte zum Recht der
MS und lehnte damit implizit eine Grundrechtsbindung der EWG selbst ab.
Erst ab Ende der 1960er Jahre legte der EuGH erste Grundlagen des EU-
Grundrechtsschutzes fest, indem er die Beachtung der Grundrechte als
ungeschriebenen Rechtsgrundsatz festlegte, der sich aus den gemeinsamen
Verfassungstraditionen der MS ergebe. RS Internationale Handelsgesellschaft 1970

Der Schwenk des EuGH erfolgte vor dem Hintergrund eines schwelenden Konflikts
mit den nationalen Verfassungsgerichten, die der extensiven Judikatur des EuGH zur
Vorrangwirkung von EU-Recht gegenüber nationalem Recht jeder Stufe die
Gefolgschaft zu verweigern drohten: Bereiche, die der nationale Gesetzgeber der
EU gar nicht übertragen konnte, weil sie zum unveräußerlichen Kern der
Verfassungsordnung gehörten, könne die Vorrangwirkung des EU-Rechts nicht
erfassen.

Bekannt wurde dieser europarechtlich unberührte Teil des nationalen


Verfassungsrechts als sog. Integrationsfester Kern. Neben den Bauprinzipien der
Verfassung gehören dazu auch die Grundrechte.

Seite 19 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Ausdruck dieser drohenden Verweigerung der Anerkennung des


Anwendungsvorrangs für den Fall, dass unveräußerliche Garantien des nationalen
Verfassungsrechts verletzt würden, ist das Solange I Urteil des dt. BVerfG aus 1974:
Solange das Gemeinschaftsrecht keinen ausreichenden Grundrechtsschutz
gewährleiste, behalte sich das BVerfG eine eigene Nachprüfung von EU-
Rechtsakten auf Grundrechtskonformität vor.

Die EWG verstärkte als Reaktion ab Mitte der 70er Jahre ihre Bemühungen im
Bereich des Grundrechtsschutzes, sowohl auf politischer Ebene als auch durch den
Ausbau der seit damals st. Rsp. des EuGH zum Grundrechtsschutz als Maßstab der
EMRK als Grundsatz des EU-Rechts. Im Jahr 1986 erklärte das dt. BVerfG. Im Urteil
Solang II, dass es die Bemühungen mittlerweile für ausreichend erachte um seine
Nachprüfungskompetenz nicht auszuüben.

j) Wer ist der „Primärrechtsgesetzgeber“, und welche Beispiele für


„Primärrechtsgesetzgebung“ fallen Ihnen ein?

Die MS sind die „Herren der Verträge“, sie entscheiden daher insbesondere darüber
welche Ziele der EU vorgegeben werden, welche Zuständigkeiten übertragen werden
und wie diese im horizontalen Verhältnis auszuüben sind.

1. Allgemeine Vertragsänderung – Art. 48 EUV


Es werden zwei Verfahrensarten unterschieden:
Ordentliches Änderungsverfahren, Abs. 2 – 5
Vereinfachtes Änderungsverfahren, Abs. 6 (im wesentlichen interne Politiken)
Das Initiativrecht liegt jeweils bei den MS, Parlament und Kommission. Es liegt somit
kein Initiativmonopol der Kommission vor.
Die Änderungen der beiden Verfahren können erst nach Ratifikation der Staaten in
Kraft treten, weshalb in jedem Fall ein Vetorecht bei den MS verbleibt.

Eine Veränderung der Zuständigkeitszuteilung der EU hat jedenfalls im ordentlichen


Gesetzgebungsverfahren zu erfolgen.

2. Beitritt (Art. 49) und Austritt (Art.50)


Beitreten kann jeder europäische Staat, der die Werte der Union achtet, wobei der
Schwerpunkt der Beurteilung der Beitrittsfähigkeit auf der Beachtung der Werte liegt.
Die Beitrittsvoraussetzungen werden vom Europäischen rat als Leitlinien festgelegt,
die formale Annahme erfolgt durch einstimmigen Ratsbeschluss mit
Parlamentszustimmung. Die Kommission wird angehört.

Der Austritt ist seit dem Vertrag von Lissabon geregelt. Materiellrechtlich ist der
Austritt spiegelbildlich zum Beitritt geregelt: der Staat teilt dem Rat seine Absicht mir,
dieser entwirft Leitlinien für die Verhandlungen, die mit einem Abkommen beendet
werden (Austrittsvertrag  VR Vertrag nach Art. 216 AUEV)

k) Der Unionsgesetzgeber will die Rahmenbedingungen in der EU harmonisieren,


unter denen vor den nationalen Gerichten Schadenersatz für Kartellverstöße verlangt
werden kann. Wie wäre dazu vorzugehen, welche Rechtsgrundlage ist einschlägig,
was sind deren Vorgaben?

Seite 20 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

1. In welche Materie fällt das Vorhaben nach Ziel und Inhalt?

Wettbewerbsrecht

2. Vertikale Kompetenzverteilung: Sind der EU im Bereich Wettbewerbsrecht von


den MS Kompetenzen übertragen?

Nach dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung (Art. 5 Abs. 2 EUV) darf
die EU nur dann tätig werden, wenn ausdrückliche Ermächtigung dazu
besteht. Ob im Bereich Wettbewerbsrecht eine solche Ermächtigung besteht,
beantwortet der Kompetenzkatalog des AEUV (Art.. 2ff. AEUV).
In Art. 3 Abs. 1 lit. b AEUV ist dort die „Festlegung der für das Funktionieren
des Binnenmarkts erforderlichen Wettbewerbsregeln“ als ausschließliche
Kompetenz genannt.  Die EU darf im Bereich Wettbewerbsrecht
rechtsetzend tätig werden, und sie hat dazu sogar die alleinige Befugnis
(ausschließliche Kompetenz)

3. Horizontale Kompetenzverteilung: Welches Organ der EU ist für die Ausübung


der so übertragenen Befugnisse zuständig, und wie sind sie auszuüben?

Durch einen Blick in das Kapitel Wettbewerb lässt sich die konkrete
Rechtsgrundlage der Wettbewerbsrechtsetzung aufspüren. Sie gibt an, welche
Maßnahmen in Ausübung der von den MS übertragenen Zuständigkeiten von
welchen Organen in welchen Verfahren zu erlassen sind.
Art. 103 Abs. 1 AEUV: Zur Rechtsetzung sind Kommission, Rat und Parlament
ermächtigt. Diese Organe sind alle am Zustandekommen der Maßnahme
beteiligt, doch kommen ihnen unterschiedliche Funktionen zu. Die Rollen sind
in Form des vorgegebenen Rechtsetzungsverfahrens festgelegt. Die Wahrung
der in der Rechtsetzungsgrundlage festgeschriebenen Beteiligungsrechte ist
Ausdruck der Grundsätze des institutionellen Gleichgewichts und der Loyalität
iSd. Art 13 EUV.

Die Rechtsetzungsgrundlage nennt auch die Maßnahmen, zu deren Erlass die


EU befugt ist. Im Fall des Art. 103 AEUV sind dies RL oder VO. Welche davon
zu wählen ist richtet sich nach sich nach der Angemessenheit bzw.
Verhältnismäßigkeit der gewählten Eingriffsintensität im Hinblick auf das
verfolgte Ziel. Verhältnismäßigkeit und Subsidiarität schreiben eine Präferenz
der RL vor, es sei denn, der Erlass als RL verspricht im Hinblick auf die
Zielerreichung nicht effektiv genug zu sein. Bei geteilter Zuständigkeit ist auch
das Subsidiaritätsprinzip zu beachten.

Berührt ein Gesetzgebungsvorhaben mehrere Materien, so ist das Vorhaben


auf die Rechtsetzungsgrundlagen aller betroffenen Bereiche zu stützen.
Sehen diese unterschiedliche Verfahren vor, so werden diese kombiniert und
es gilt jeweils der strengere Maßstab.

4. Vollzug: Was passiert, wenn die Maßnahme (hier SchadenersatzRL) erlassen


ist?
Die weiteren Schritte nach Erlass hängen von der Maßnahme ab.
Bei der RL besteht zunächst Umsetzungsbedarf binnen einer vorgegebenen
Umsetzungsfrist. Erfolgt eine Umsetzung ist das nationale Recht anzuwenden.

Seite 21 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Erfolgt keine Umsetzung oder eine Falschumsetzung und ist die fragliche
Bestimmung der RL direktwirkungsgeeignet, kann allenfalls eine RL-
Bestimmung direkt angewandt werden.

Bei VO und Beschlüssen besteht dagegen kein Umsetzungsbedarf, sie sind


unmittelbar anzuwenden.

Vorzunehmen ist die Anwendung im Regelfall von den nationalen Behörden


und Gerichten. Art. 291 AEUV  Grundsatz des dezentralen Vollzugs von
Unionsrecht
Gegebenenfalls können sich die Gerichte bei dieser Anwendung im Wege der
VAV vom EuGH anleiten lassen.
Ist der Vollzug unzureichend, droht möglicherweise ein
Vertragsverletzungsverfahren. Die Vertragsverletzung besteht dann in der
Missachtung des Gebots des effektiven Vollzugs von Unionsrecht.
Eine andere mögliche Rechtsfolge bei Vollzugsdefiziten ist die
Geltendmachung von Staatshaftung durch jene Einzelnen, denen das Defizit
einen hinreichend schwerwiegenden und kausalen Schaden zugefügt hat.

6. Kapitel: Verhältnis von EU-Recht und nationalem Recht


a) Was sind die Grundannahmen an der Schnittstelle von EU-Recht und nationalem
Recht, und was ist mit dem Begriff Grundannahmen gemeint?

Die Grundannahmen wurden in der RS van Gend & Loos und Costa/ENEL
festgestellt: das EU-Recht ist eine Rechtsordnung sui generis und besteht daher
autonom neben den nationalen Rechtsordnungen.
Aus diesen beiden Grundannahmen folgen die Prinzipien der unmittelbaren Geltung,
der unmittelbaren Anwendbarkeit und des Anwendungsvorrangs des EU-Rechts

b) Nennen und erörtern Sie kurz die grundlegenden Urteile des EuGH, deren
Rechtssätze das Verhältnis von EU-Recht und nationalem Recht prägen.

Van Gend & Loos, 1963:


Das Unternehmen importierte Chemikalien von Deutschland in die Niederlande und
musste dafür Zoll bezahlen. Der EWG-Vertrag sah für einen Übergangszeitraum die
Stillhaltung von Zöllen vor. Van Gend behauptete, dass entgegen den Vertrag die
Zölle erhöht worden seien. Frage: Kann sich van Gend auf eine Bestimmung des
EWG-Vertrages berufen?
Antwort: Aus der Präambel des Vertrages, der Schaffung von Organen und
Institutionen ist zu schließen, dass die Gemeinschaft eine neue Rechtsordnung des
Völkerrechts darstellt, zu deren Gunsten die Staaten ihre Souveränitätsrechte
eingeschränkt haben. Die Rechtssubjekte dieser Rechtsordnung sind nicht nur
Mitgliedsstaaten, sondern auch der Einzelne.

Seite 22 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Costa/ENEL, 1964:
Hr. Costa wehrte sich mit der Stromrechnung des Energieversorgers ENEL gegen
das ital. Gesetz zur Verstaatlichung von Stromerzeugungsunternehmen. Argument
war die Unvereinbarkeit mit verschiedenen Artikeln des EWG-Vertrags. Frage: ist das
Vorabentscheidungsersuchen überhaupt zulässig?
Antwort: Italien trug vor, dass seine staatlichen Gerichte ital. Recht und nicht
Unionsrecht anzuwenden haben. Der EuGH kam zu dem Erkenntnis, dass der EWG-
Vertrag eine eigene Rechtsordnung geschaffen hat, die bei seinem Inkrafttreten in
die Rechtsordnung der MS aufgenommen und von ihren Gerichten anzuwenden ist.
Die MS hätten ihre Souveränität beschränkt und so einen Rechtskörper geschaffen,
der für ihre Angehörigen und sie selbst verbindlich ist. Dem vom Vertrag
geschaffenen Recht könnten also keine wie auch immer gearteten innerstaatlichen
Rechtvorschriften vorgehen, wenn nicht die Rechtsgrundlage der Gemeinschaft
selbst in Frage gestellt werden soll.

RS Internationale Handelsgesellschaft
Der Anwendungsvorrang gilt gegenüber nationalem Recht jeder Stufe, also auch
gegenüber Verfassungsrecht und für Unionsrecht jeder Stufe

RS Simmenthal
Jedes entgegenstehend nationale Recht wird schon alleine durch das Inkrafttreten
von Unionsrecht unanwendbar

c) Was ist die Direktwirkung, was unterscheidet sie von unmittelbarer Geltung, und
welche Normen des Unionsrechts haben Direktwirkung? Illustrieren Sie Ihre
Antworten durch Beispiele

Die Unmittelbare Geltung des Unionsrechts bedeutet, dass es für die Gültigkeit
keiner weiteren Zustimmung der MS bedarf. Wie aus Van Gend & Loos hervorgeht ist
für die Anspruchsdurchsetzung in Form der Berufung Einzelner auf Bestimmungen
des Unionsrechts die Anspruchsentstehung Voraussetzung.  vgl. Schutzzweck der
Norm im Zivilrecht (= entstandener Schaden hätte gerade durch die verletzte Norm
vermieden werden sollen)

Dementsprechend ist die Justiziabilität der Unionrechtsnorm entscheidend: Maßstab


ist die Frage ob das zuständige Gericht den geltend gemachten Anspruch in der
zugehörigen Unionsrechtsnorm in allen entscheidungserheblichen Punkten so
vollständig wiederfinden kann, dass es seine Entscheidung auf die Norm stützen und
über den Anspruch nach Art und Umfang eindeutig absprechen kann. 
Unionsrechtsnorm muss klar, präzise und uneingeschränkt (ohne weitere Bedingung)
sein

Somit haben alle Unionsnormen unmittelbare Geltung, aber nicht alle Direktwirkung.
Das Auslegungsmonopol hat der EuGH

1. Primärrechtsnomen des Binnenmarkt- und Wettbewerbsrechts


Direktwirkung kann im horizontalen Rechtsverhältnis (P-P) gesperrt sein
bspw: Grundfreiheiten, RS Angonese
Richten sie sich nach Wortlaut und Zweck gerade an Private, kommt es auch
zur horizontalen Anwendung (RS Defrenne II)

Seite 23 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

2. Sekundärrecht

Verordnungen sind immer direktwirkungstauglich. Die Direktwirkung ergibt sich


bereits aus Art. 288 AEUV
Sie unterliegen auch keiner Einschränkung im horizontalen Durchsetzungsverhältnis

Bei Beschlüssen hängt die Direktwirkung wesentlich davon ab, ob es sich um


Beschlüsse mit oder ohne Adressaten (sui generis) handelt

Völkerrechtliche Abkommen der EU mit Drittstaaten  Justiziabilität: Wenn Wortlaut


und Ziel für die behauptete Berechtigung sprechen

Richtlinien: Gem. Art 288 im Normalfall keine Direktwirkung.


Aber dann, wenn (RS Ratti)
1. Vorliegen eines Umsetzungsfehlers
2. Ablauf der Umsetzungsfrist
3. Justiziabilität
4. Nur Zugunsten Einzelner im Vertikalen Verhältnis (RS Kolpinghuis, Faccini
Dori)

d) In welchen Fällen ist die unmittelbare Anwendbarkeit einer Unionsrechtsnorm


gesperrt, obwohl die Norm selbst grundsätzlich justiziabel wäre? Welche Normen
bzw. Rechtsakttypen betrifft dies typischerweise?

- siehe c

e) Was sind die Voraussetzungen der Direktwirkung von Richtlinien und in welchen
Punkten unterscheiden sich diese Voraussetzungen von jenen, die für das übrige
Unionsrecht gelten?

- siehe c

f) Erörtern Sie das Begriffspaar Ausschlusswirkung vs. Substitutionswirkung

Die Berufung auf eine Richtlinie ist auch im horizontalen Rechtsverhältnis möglich,
wenn die Folge eine reine Ausschlusswirkung ist. Beruft sich demnach eine Partei
auf eine (fehlerhaft) umgesetzte RL bloß deshalb, um entgegengesetztes nationales
Recht auszuschließen, so kann dies zulässig sein.

Unzulässig ist damit nur die Substitution nationalen Rechts durch die Bestimmung
einer Richtlinie im horizontalen Verhältnis.

g) Was ist unionsrechtskonforme Anwendung, wie verhält sie sich zur Direktwirkung
und welchen Grenzen unterliegt sie? Welche Möglichkeiten haben Einzelne, wenn
sie an diese Grenzen stoßen?

Die unionsrechtskonforme Auslegung ist eines der drei Korrektive der fehlenden
Direktwirkung.
Man versteht darunter die Verpflichtung jedes Nationalen Gerichts, das
innerstaatliche Recht so weit wie möglich anhand des Wortlauts und des Zwecks
unionsrechtlicher Vorgaben auszulegen (= unionsrechtskonforme Interpretation)

Seite 24 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

Diese Verpflichtung zur unionsrechtskonformen Auslegung verlangt von den


nationalen Gerichten im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten das von ihnen
anzuwendende Recht unter Anwendung ihrer Auslegungsmethoden, nach
Möglichkeit so auszulegen, dass das nationale Recht in unionsrechtskonformer
Weise zur Anwendung gelangt. RS Pfeiffer

h) Inwiefern ist der Staatsbegriff des Europarechts weit und warum lässt er sich als
Substitut fehlender Direktwirkung sehen?

Die Direktwirkung scheitert häufig zum einen an fehlender Justiziabilität, zum


anderen am horizontalen Verhältnis. Um die praktische Wirksamkeit des
Unionsrechts (effet utile) zu stärken werden daher Substitute der fehlenden
Direktwirkung der berufenden Partei an die Hand gegeben:

Hinter dem weiten Staatsbegriff des EUR steht eine wirkungsorientierte


Betrachtungsweise: die MS sollen nicht durch formale Maßnahmen der
Umorganisation der Verwaltung die Möglichkeit haben sich ihrer unionsrechtlichen
Verpflichtungen zu entziehen.

Demnach erfasst der Begriff Staat im Unionsrecht nicht nur sämtliche Träger der
Hoheitsverwaltung, sondern darüber hinaus auch jede Einrichtung, über die ein
Träger der Hoheitsverwaltung Kontrolle ausübt oder der die öffentliche Hand
besondere Rechte (Monopol) verliehen hat. Insbesondere fallen öffentliche
Unternehmen in diesen weiten Staatsbegriff.

i) Erläutern Sie die Voraussetzungen der Staatshaftung nach Franchovic. Worin


gleichen sie jenen nach Art. 340 AEUV, worin unterscheiden sie sich von diesen?

1. die fragliche Rechtsnorm verleiht dem Einzelnen ein konkretes (verletztes)


Recht
2. der Inhalt ist klar bestimmbar
3. der Verstoß ist kausal für den eingetretenen Schaden
4. hinreichend qualifizierter Vertsoß

Art. 340: EU haftet für rechtswidrig verursachte Schäden; die Haftung der EU geht
über jene der MS hinaus, ihre Organe haften voll.

j) Beschreiben Sie den Grundsatz der Verfahrensautonomie und seine Korrektive.


Gilt der Grundsatz auch im Wettbewerbsrecht und warum könnten daran Zweifel
bestehen?

Der Grundsatz der Verfahrensautonomie ist der der Grundsatz des dezentralen
Vollzugs von Unionsrecht durch die MS. Demnach richten sich die Bedingungen zur
Durchsetzung von Unionsrecht nach dem herkömmlichen Verfahrensrecht der MS.
Die Durchsetzung darf aber nicht ungünstiger bzw. schwerer zu erreichen sein, als
vergleichbare national basierte Ansprüche (Äquivalenz) und es muss eine faktische
wirksame Durchsetzung des Anspruchs gewährleistet werden (Effektivität).

Korrektive: Parallelverfahren und Verfahrensaussetzung


Im Wettbewerbsrecht besteht nach Rsp. eine Aussetzungspflicht, wenn Verfahren
nach Art 101/102 AEUV anhängig sind und die Gefahr besteht, dass es zu

Seite 25 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)


lOMoARcPSD|5880283

widersprüchlichen Entscheidungen kommt. Grund für die weiterreichende


Aussetzungspflicht ist die spezifische Aufgabenverteilung zwischen Kommission und
nationalen Behören beim Kartell- und Missbrauchsverbot nach der VO 1/2003, die
der Zuständigkeit der Kommission Vorrang einräumt.

7. Kapitel: Unionsrechtsschutz
a) Inwiefern bilden die Klagen und Verfahren des Unionsrechtsschutzes auch den
Grundsatz der Verfahrensautonomie ab, bzw entsprechen diesem?

b) Was ist das Problem, dem Einzelne bei der Erhebung der Nichtigkeitsklage
begegnen? In welchen Fällen ist ein Unternehmen in einer Wettbewerbssache nach
einem Beschluss der Kommission berechtigt, Nichtigkeitsklage zu erheben?

c) Was ist die erga-omnes-Wirkung von EuGH-Urteilen und wie erklärt sie sich?
Welche Folgen drohen, wenn sie ignoriert wird?

d) Inwiefern ist das Vorabentscheidungsverfahren ein Dialog zwischen Gerichten und


was ist der Konnex zwischen Art. 267 AEUV und Art 19. EUV?

e) Gibt es in allen Verfahren vor den Unionsgerichten Schlussanträge? Wen nein – in


welchen nicht und warum?

Seite 26 von 26

Heruntergeladen durch Alexandra Pichler (apichler98@gmail.com)