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HABERMAS 2004: IST DIE HERAUSBILDUNG EINER

EUROPÄ ISCHEN IDENTITÄ T NÖ TIG UND IST SIE MÖ GLICH?

I
68: Verlauf europä ischer Einigung tauchten immer wieder so schien es unlö sbare Probleme auf,
dennoch ging die Integration ohne eine erkennbare Lö sung immer weiter. Funktionalisten
fü hlten sich daher in ihrer Annahme bestä rkt, dass die Herstellung eines einheitlichen
Wirtschafts- und Währungsraumes funktionale Zwä nge erzeugt, deren intelligente Verarbeitung
quasi von selbst ein immer dichteres Netz grenzü berschreitender Interdependenzen auch in
anderen Bereichen zur Folge hat. Zu einer ä hnlichen Schlussfolgerung gelangt das Argument der
Pfadabhä ngigkeit – Entscheidungsmodus, der den Spielraum kü nftiger Alternativen zunehmend
einengt.

69: Unter der Annahme einer Union, die als Selbstlä ufer gilt, kann man am rein
intergouvernementalen Entscheidungsprozess natü rlich festhalten und braucht sich nicht um
eine normative Integration bemü hen, die gemeinsame Zielsetzungen ü ber Grenzen hinweg erst
ermö glichen wü rden. Funktionalismus und Pfadabhä ngigkeit scheinen ein gemeinsames
europä ischen Bewusstsein unnö tig zu machen. Habermas argumentiert nun zunä chst warum
man die EU-Identitä t braucht und dann wie man sie kriegt….

70: QMV wä hlen steigert die Legtimitationskosten – Minderheiten lassen sich nur ü berstimmen,
wenn ein Vertrauensverhä ltnis zur Mehrheit besteht, Bewusstsein einer gemeinsamen
Mitgliedschaft erzeugt dies erst.

Auch Reicht Output Legitimation der EU nicht mehr aus – gerade bei Entscheidungen die mit
Verteilungskonflikten um knappe Ressourcen zu tun haben – Nettozahler/Empfä nger, aber auch
Frage der Wohlfahrtsstaaten/Sozialpolitik braucht es mehr.

72: Frage einer europä ischen Identitä t muss sich letztlich auch mit Finalitä tsdebatte befassen.
Frage nach politischen Struktur der Gemeinschaft – welches Europa wollen wir und nach
geographischer Identitä t.

II 75FF ….NUN WAS ZUR IDENTITÄ TSBILDUNG


76: Verfassung gescheitert weil das verfassungsgebend Subjekt fehlt? Da es kein europä isches
Volk gibt kann sich auch keine politische Gemeinschaft bilden? Kann so eine Gemeinschaft nur
auf Basis einer Nation, die durch gemeinsame Sprache, Tradition und Geschichte verbunden ist
entstehen? Dies scheint zwar von Geschichte bestä tigt zu werden, aber falsch – Habermas geht
es vor allem um eine staatsbü rgerliche Solidaritä t die Grenzen ü berwindet.

77: Nationales Bewusst sein ist eine durch und durch moderne Bewusstseinsformation, auch
wenn es den Anschein hat ganz naturwü chsig zu sein. Habermas geht davon aus, dass ö ffentliche
Diskurse die Identitä tsbildung begü nstigen.

78: Staatsbü rgerliche Solidaritä t ist heute insgesamt schwächer geworden – heute Zahlen
Bü rger Steuern…kein Mensch wü rde fü r Brü ssel sterben wollen, aber auch fü r Berlin ist kaum
jemand zum heroischen Einsatz seines Lebens bereit.

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Verfassung gilt in BRD als historische Errungenschaft, gerade durch die Gedächtnispolitk haben
sich Bü rger ihre Prinzipien zu eigen gemacht. Nationalbewusstsein kristallisiere sich um einen
Staat. Solidaritä t von Staatsbü rgern dagegen erwachse aus der Mitgliedschaft in einer
demokratisch verfassten politischen Gemeinschaft von Freien und Gleichen. Im Mittelpunkt
steht nicht mehr Selbstbehauptung des Kollektivs nach Außen, sondern Bewahrung der
liberalen Ordnung. Identifikation mit Staat hat sich in eine Orientierung an Verfassung
verwandelt.

79: Gerade eine starker Verfassungspatriotismus bringt hä ufig eine graduelle Entkopplung der
Verfassung vom Staat mit. Historische gesehen sind Nationalstaaten aus rev. Situationen
entstanden, in denen Bü rger ihre Freiheit gegen eine repressive Staatsgewalt erkä mpft haben.
Postnationalen Verfassungen fehlt dieser Pathos. Heute sehen sich Staaten den Risiken einer
zunehmend interdependenten Weltgesellschaft ausgesetzt und antworten darauf mit Schaffung
supranationaler Ordnungen ergeben sich in Formen von Verfassungen oder Vertragswerken,
ohne dadurch schon staatlichen Charakter zu gewinnen(UNO, EU kein Mittel legitimer
Gewaltandwendung).

80: Im Bezug auf die Erweiterung Staatsbü rgerliche Solidaritä t ü ber Grenzen des
Nationalstaates hinaus gibt es natü rlich Unterschiede zwischen UNO und EU. Im UN Systeml das
sich auf Menschenrechtspolitik und Friedenssicherung beschrä nkt genü gt eine Solidaritä t unter
Weltbü rgern d.h. es reicht die ü bereinstimmende moralische Entrü stung ü ber evidente
Verletzungen des Gewaltverbotes und massiven Menschenrechtsverstö ßen.

Das reicht fü r die EU nicht, die Handlungsfä higkeit nach Außen und Innen an den Tag legen
muss

81: Nationalbewusstsein Konstruktion – Frage nicht ob es europä ische Identitä t gibt, sondern ob
die nationalen Arenen so fü reinander geö ffnet werden kö nnen, das sich ü ber nationale Grenzen
hinweg die Eigendynamik einer gemeinsamen politischen Meinungs- und Willensbildung ü ber
europä ische Themen entfalten kann. Aber Zirkel – wachsendes Vertrauen ist nicht nur Folge
gemeinsamer politischen Meinungs- und Willensbildung, sondern auch eine Voraussetzung 82
Eine politische Identitä t der Bü rger, ohne die Europa keine Handlungsfä higkeit gewinnen kann,
bildet sich nur in transnationalem ö ffentlichen Raum. Diese Bewusstseinsbildung entzieht sich
dem elitä ren Zugriff von oben und lä sst sich nicht durch administrative Entscheidungen
herstellen.