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Rheinisches Ärzteblatt Praxis

Arzt und Recht – Folge 45

Der Facharztstandard Medizin zum Zeitpunkt der Behandlung.


Ein Behandlungsfehler kann dem Arzt
nur vorgeworfen werden, wenn er das
versäumt hat, was nach dem Stand der
Medizin im Zeitpunkt der Behandlung
Ärzte müssen bei der Patientenbehand- Übernahmeverschulden geboten war. Der Arzt hat sich durch die
lung den Facharztstandard gewährleis- Lektüre von Fachzeitschriften zumindest
ten: Sie sind verpflichtet, nach dem Begibt sich der Arzt mit der Behand- in seinem Fachgebiet auf dem Laufenden
anerkannten und gesicherten Standard lung auf ein anderes Fachgebiet, muss er zu halten. Die Anwendung neuer Be-
der medizinischen Wissenschaft zu dessen Standard garantieren, sonst trifft handlungsmethoden wird ist erst erfor-
behandeln und die jeweilige Behand- ihn ein so genanntes Übernahmeverschul- derlich, wenn die neue Methode risikoär-
lung so vorzunehmen wie ein sorgfältig den. Auch der in Weiterbildung befindli- mer und für den Patienten weniger belas-
arbeitender Facharzt. Das gilt auch che Arzt muss den Standard eines sorgfäl- tend ist oder bessere Heilungschancen
bei (noch) nicht vorhandener Facharzt- tig arbeitenden Facharztes gewährleisten. verspricht. Die neue Behandlungsmetho-
anerkennung. Genügen die Kenntnisse oder Fertigkeiten de muss zudem im Wesentlichen unum-
des behandelnden Arztes nicht dem Fach- stritten sein und deshalb von einem sorg-
von Dirk Schulenburg arztstandard auf diesem Gebiet, so hat er fältigen Arzt verantwortet werden kön-
einen entsprechenden Facharzt hinzuzu- nen.
ziehen oder den Patienten zu einem Fach-

J eder Arzt schuldet dem Patienten eine


Behandlung, die dem Standard eines
sorgfältig arbeitenden Facharztes in
der Situation des behandelnden Arztes
arzt zu überweisen. Ein Behandlungsfeh-
ler liegt immer vor, wenn der Arzt vor der
Behandlung nicht erkannt hat, dass diese
die Grenzen seines Fachgebietes, seiner
Leitlinien und Richtlinien

Leitlinien können den aktuellen medi-


zinischen Standard abbilden. Leitlinien
entsprechen muss. Einen Behandlungs- persönlichen Fähigkeiten oder der ihm sind Orientierungshilfen im Sinne von
oder Heilerfolg schuldet der Arzt dage- zur Verfügung stehenden apparativen Handlungs- und Entscheidungskorrido-
gen nicht. Ein Behandlungsmisserfolg Ausstattung überschreitet. ren, von denen in begründeten Fällen ab-
begründet deshalb auch noch keinen Be- gewichen werden kann oder sogar muss.
handlungsfehler. Der Arzt ist verpflich- Sachverständigengutachten Das Abweichen von einer Leitlinie ist
tet, den Patienten nach dem anerkann- nicht gleichbedeutend mit einer Pflicht-
ten und gesicherten Standard der medi- Im Streitfall sind die Gerichte gehalten, verletzung. Leitlinien oder Empfehlungen
zinischen Wissenschaft zu behandeln. die Einhaltung des Facharztstandards mit können sich jedoch zum medizinischen
Verstößt er gegen die Regeln und Stan- Hilfe eines medizinischen Sachverständi- Standard eines jeweiligen Fachgebietes
dards der ärztlichen Wissenschaft, liegt gen festzustellen. Das Gericht darf das entwickeln. Entsprechendes gilt für Richt-
ein Behandlungsfehler vor. Die Einhal- Vorliegen eines medizinischen Sorgfalts- linien: Auch hier indiziert die Nichtein-
tung des Behandlungsstandards und mit pflichtverstoßes nicht allein aufgrund ei- haltung nicht per se das Vorliegen eines
Hilfe eines medizinischen Sachverstän- gener Kenntnis feststellen. Den Sachver- Behandlungsfehlers, bedarf aber einer be-
digen festgestellt. Dem Sachverständi- ständigen hat das Gericht aus dem Fach- sonderen medizinischen Rechtfertigung.
gen kommt damit eine erhebliche Be- gebiet des beklagten Arztes auszuwählen. Insgesamt erhalten Leitlinien und Richtli-
deutung zu. Der Sachverständige hat dabei auch die nien eine immer größere Bedeutung für
Frage zu beantworten, ob ein Gutachter das ärztliche Haftungsrecht. Abschließend
Objektiver Maßstab aus einem anderen Fachgebiet hinzugezo- ist ihre rechtliche Wirkung aber noch
gen werden muss. nicht geklärt.
Es gilt ein objektivierter Sorgfalts-
maßstab: Die erforderliche Sorgfalt ist Maßgebender Zeitpunkt
die des besonnenen und gewissenhaf-
ten Arztes des jeweiligen Fachgebiets. Der ärztliche Sorgfaltsmaßstab beur- Dr. iur. Dirk Schulenburg ist Justitiar der
Auf individuelle Besonderheiten des teilt sich nach dem Erkenntnisstand der Ärztekammer Nordrhein
Arztes oder die Situation, in der er sich
zum Zeitpunkt der Behandlung befun-
den hat, kommt es nicht an. Mangelnde
Ausbildung und Erfahrung, personelle
oder instrumentelle Schwierigkeiten
vor Ort entlasten den Arzt oder das
Krankenhaus grundsätzlich nicht. Der
Arzt haftet somit zivilrechtlich auch für
ein aus seiner Lage subjektiv entschuld-
bares, dem objektiven medizinischen
Standard aber nicht entsprechendes
Verhalten.

Rheinisches Ärzteblatt 4/2008 13