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Kultur

Deutsche Protestantische Republik


Mentalität Luther ist einer von uns. Er prägt bis heute Politik und Moral, Mode und Kultur – und sogar
die Essgewohnheiten. Von Tobias Becker

D
as vereinte Deutschland ist in sei- die Journalistin Christine Eichel 2015 in nach Italien, Spanien, Frankreich flüchten
ner Substanz kein christlich gepräg- ihrem Buch „Deutschland, Lutherland“. (für Hamburger tut es manchmal schon ein
tes Land, es ist weder katholisch Hat der Protestantismus im Lutherjahr Wochenendtrip nach München). Es geht
noch protestantisch“, schrieb ein Autor also überhaupt noch Einfluss auf unsere nicht bloß ums Wetter, es geht um Urlaub
1991 im SPIEGEL – und fügte an: „Christ- Gesellschaft? vom Protestantismus.
lich ist allein die Kirchensteuer.“ Es war „Das Wörtchen noch stört mich“, sagt Diese Geschichte erklärt, wieso das kein
ein begnadeter Sarkast, sein Name Rudolf der Zeithistoriker Paul Nolte, der auch Prä- Zufall ist: dass die Pfarrerstochter Angela
Augstein, der Hausheilige des SPIEGEL, sident der Evangelischen Akademie zu Merkel dieses Land regiert. Dass sie dabei
und Hausheilige irren nie, erst recht nicht Berlin ist. „Deutschland ist protestanti- die immer gleichen uniformartigen Bla-
in Fragen der Religion. Oder doch? scher geworden in den vergangenen zwei, zer trägt. Dass Finanzminister Wolfgang
Von heute aus betrachtet ist Augsteins drei Jahrzehnten.“ Schäuble der oberste Sparkommissar in der
Aussage zunächst noch einleuchtender als Ist das plausibel, in einer zunehmend Europäischen Union ist. Dass Deutschland
damals: Die katholische Kirche hat seit der säkularen Gesellschaft? der Welt den Discounter beschert hat, also
Wende mehr als 3,5 Millionen Menschen „So säkular wie oft angenommen ist ein Supermarktkonzept mit kleinen Prei-
verloren, die evangelische Kirche gar über unsere Gesellschaft nicht“, sagt der evan- sen, aber auch kleiner Auswahl und schlich-
5 Millionen. Nicht einmal zwei Drittel der gelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf ter Präsentation. Dass Deutsche, wenn sie
Deutschen sind noch Mitglied in einer und verweist auf annähernd 1,3 Millionen doch mal viel Geld für Lebensmittel aus-
Kirche. Und die, die es noch sind, gehen Menschen, die in Deutschland haupt- geben, dies eher nicht in Feinkostläden tun,
sonntags seltener hin. Ja, sogar der Anteil amtlich für die Kirchen und ihre Sozial- sondern in Reformhäusern und Biosuper-
derer sinkt, die sich kirchlich bestatten werke arbeiten, für Diakonie und Caritas. märkten, in Läden also, die ökonomische
lassen, die also wenigstens im „Die Kirchen haben großen po- Verschwendung und moralische Vernunft
Angesicht des Todes Halt su- litischen Einfluss, allein schon versöhnen. Dass die grüne Partei bei uns
chen im christlichen Glauben SPIEGEL-Serie (V) weil sie die zentralen Akteure so bedeutend ist wie in keinem anderen
und im kirchlichen Ritus. Das Jahr 2017 im Sozialstaatssystem sind.“ europäischen Land. Dass Deutsche den
Die Lutherstadt Wittenberg, steht im Zeichen Noch entscheidender sei aber Müll vorbildlich trennen und das Rauchen
im Lutherjahr so etwas wie ein des Reformations- dies: „Wer austritt, behält oft ein vielerorts verbieten. Dass Deutsche so viel
evangelischer Wallfahrtsort, ist jubiläums. Der protestantisches Selbstverständ- Wasser sparen, dass die Kanalisation zu
eine der säkularsten Städte SPIEGEL berichtet nis.“ Ganz im Sinne des ver- wenig durchgespült wird. Dass der Buch-
des Kontinents: Nur ungefähr in einer fünfteiligen storbenen Publizisten Klaus markt in Deutschland der zweitgrößte der
15 Prozent der Bewohner sind Serie über Martin Harpprecht: „Ich bin mir nicht Welt ist und die Buchmesse in Frankfurt
Christen. Man könnte glauben, Luther, seine Zeit ganz sicher, ob ich ein Christ am Main die größte überhaupt. Dass deut-
im Lutherjahr feiere sich eine und die Geschichte bin“, sagte der. „Dass ich Pro- sches Theater oft politisch und gern päda-
sterbende Institution. des deutschen testant bin, das weiß ich aller- gogisch ist, nicht erst seit der Flüchtlings-
Die großen Kulturkämpfe Protestantismus. dings!“ Protestantismus nicht als krise. Dass allerorten Askese herrscht,
zwischen Protestanten und Ka- Glaubens-, sondern als Geistes- selbst in mancher Kunstausstellung.
tholiken sind überwunden: Wel- haltung, als Art zu fühlen, zu Der Reformator Luther, das zeigt diese
che Konfession ihr Nachbar denken, zu leben. Geschichte, ist noch immer einer von uns.
oder ihr Kollege hat, ist den Auch bei Katholiken findet Er prägt bis heute die deutsche Politik und
meisten schnuppe. Nicht mal sie sich, selbst bei Atheisten, die deutsche Moral, die deutsche Psyche
die Mischehe schreckt noch: besonders in Deutschland. Das und den deutschen Geschmack, die Mode
Etwa ein Drittel der deutschen protestantische Ideal verant- und die Esskultur, die Kunst, die Literatur,
Paare, die kirchlich heiraten, ge- wortungsvoller, pflichtbewusster das Theater.
hört verschiedenen Kirchen an.
Es ist mehr als 40 Jahre her, 500 Lebensführung, fußend auf frei- Denn die Reformation, das war nicht
Jahre en, individuellen Entscheidun- einfach eine Kirchenreform, das war eine
dass der Sozialpsychologe Ger- Reformation gen, habe im Land Luthers ei- Kulturrevolution: „Angesichts der Folgen
hard Schmidtchen Verhaltens- nen Menschentypus geformt, der Reformation ist zu konstatieren, dass
weisen ermittelte, die typisch schreibt Eichel: den Deutschen. die Reformidee für die deutsche Gesell-
waren für die Angehörigen der unter- Was heute als typisch deutsch gilt, das sei schaft von größerer Bedeutung war als für
schiedlichen Konfessionen. Protestanten früher typisch protestantisch gewesen: die Kirche“, schreiben die Schriftsteller
führten eher Haushaltsbücher als Katho- Fleiß, Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit, Af- Thea Dorn und Richard Wagner im Buch
liken, hielten mehr Ordnung, nahmen fektkontrolle, Rationalität, Leselust, Mu- „Die deutsche Seele“.
die Körperhygiene ernster, machten hö- sikbegeisterung. Von innen muss man sich diese deutsche
here Bildungsabschlüsse, lasen und ar- Die Deutsche Protestantische Republik. Seele vorstellen wie eine evangelische Kir-
beiteten mehr, begingen häufiger Selbst- Auf Luther und die anderen Reformato- che: schlicht und aufgeräumt, keine Extra-
mord. ren des 16. Jahrhunderts lässt sich vieles vaganzen, keine überflüssigen Ornamente.
Ähnlich grundlegende Untersuchungen zurückführen: die Tugenden, auf die die Der Katholizismus kennt den Karneval
neueren Datums scheint es nicht zu geben, Deutschen stolz sind, aber auch die Zwän- und die Fastenzeit, eine Zeit des Frusts
„die konfessionellen Unterschiede haben ge, die ihnen peinlich sind – und vor denen nach übertriebener Freude, der Buße nach
sich im Alltagsleben verwischt“, schrieb sie im Urlaub gern mal für zwei Wochen exzessiver Sünde; ein ritualisierter Kater.
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Gläubige in Sankt Peter-Ording: Das ganze Leben ist ein Gottesdienst

Er kennt die Beichte, ein Ritual mit reini- nungsreligion“, die hohe ethische Ansprü- orientierter als katholische Gemeinwesen,
gender Kraft, er kannte den Ablasshandel, che an den Einzelnen stellt. Der Protes- ein Habitus rationaler Selbstdisziplinie-
also das Freikaufen von Sündenstrafen. tantismus: eine Individualisierungsmaschi- rung machte sich breit, den der Soziologe
All das hat Luther den Leuten ausge- ne mit höllischen Folgen. Max Weber „innerweltliche Askese“ nann-
trieben. Luther lehnte die sogenannte Zweistu- te. In seiner berühmten Studie „Die pro-
Regiert seit Luther das schlechte Ge- fenethik ab, laut der Kleriker moralischer testantische Ethik und der ‚Geist‘ des Ka-
wissen? zu sein hatten als normale Christen. Die pitalismus“ zielte Weber zwar vor allem
Der Psychoanalytiker C. G. Jung fand: Folge war eine doppelte, erklärt der Theo- auf die Lehren des Calvinismus und des
ja. „Der Protestant ist Gott allein anheim- loge Friedrich Wilhelm Graf: „Die Welt Pietismus. Aber auch Luther rühmte die
gegeben“, schrieb Jung, der selbst Sohn wurde einerseits entklerikalisiert, von Arbeit und geißelte die Faulheit: „Von
eines Pfarrers war, „er muss seine Sünden kirchlicher Fremdbestimmung befreit, an- Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig-
allein verdauen.“ Dieser Tatsache sei es dererseits religiös aufgewertet.“ Den wah- und Müßiggehen kommen die Leute um
zu verdanken, „dass das protestantische ren Gottesdienst sah Luther nun nicht Leib und Leben; denn der Mensch ist
Gewissen wachsam geworden ist, und die- mehr in heiligen Handlungen, vollführt zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum
ses schlechte Gewissen hat die unangeneh- von geweihten Zeremonienmeistern, son- Fliegen.“
men Eigenschaften einer schleichenden dern in der Erfüllung alltäglicher Pflichten, Protestantische Gelehrte präsentierten
Krankheit“. besonders im Beruf. Das ganze Leben ein sich seit dem 18. Jahrhundert gern als
Theologen haben den Protestantismus Gottesdienst. selbstmächtige Subjekte, die ihre Triebe
eine „Gewissensreligion“ genannt, eine Protestantisch geprägte bürgerliche Mi- im Griff haben. Den Katholiken und be-
„persönliche Überzeugungs- und Gesin- lieus waren laut Graf daher bald leistungs- sonders dem katholischen Klerus warfen
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Kultur

sie Lüsternheit vor, zeichneten Bilder sitt-


lichen Verfalls für katholisch geprägte Län-
der wie Italien, Spanien, Frankreich.
Darin angelegt war schon das, was man
Protestanten bis heute gern vorwirft: Prin-
zipienreiterei und Selbstgerechtigkeit.
„Alltagsprotestantismus kann manchmal
ganz schön anstrengend sein – der Hang
nämlich, einander ungefragt zu erziehen“,
schreibt Eichel. Es ist der Hang, der heute
in sozialen Netzwerken einen idealen Ka-
nal hat: Twitter und Facebook, das sind
Paradiese für Menschen, die mit erhobe-
nem Zeigefinger durchs Leben laufen.
„Widerrufen will ich nicht. Gott helfe
mir“, sagte Luther und machte die unbe-
dingte Überzeugung zur Leitlinie deut-
scher Politik. Indem er kirchliche Institu-
tionen theologisch abwertete, wertete er
politische Institutionen religiös-moralisch
auf. „Das Moralisieren ist auf jeden Fall
sehr protestantisch, die Bewertung von
Politik unter ethischen Gesichtspunkten“,
sagt der Zeithistoriker Nolte. „Auch ande-
re Länder haben ihre Grenzwerte für Luft-
verschmutzung, aber sie verhandeln das
JÖRG GLÄSCHER

viel nüchterner, nicht mit einer solch mo-


ralischen Emphase wie wir.“ Es sei kein
Zufall, dass die neuen sozialen Bewegun-
gen der Achtzigerjahre in Deutschland be- Protestantisches Jugendfestival in Karlsruhe: „Überzeugungs- und Gesinnungsreligion“
sonders stark gewesen seien. „Die Frie-
densbewegung, die Anti-Atomkraft-Pro- bilder der besonderen Bildungsnähe des die Musik auf, angenehme Zerstreuung
teste, die ökologische Wende: Das waren evangelischen Christentums haben vor al- oder frommes Begleitgeräusch zu sein“,
Einfallstore für einen neuen protestanti- lem in Deutschland eine lange Tradition“, schreiben Dorn und Wagner. Es war der
schen Geist in unserer Kultur.“ Diesem berichtet der Theologe Graf. Im 18. Jahr- Beginn der typisch deutschen Unterschei-
Geist hat es die Partei der Grünen zu ver- hundert diente Protestantismus vielen Auf- dung von E und U, Ernst und Unterhal-
danken, dass sie hierzulande so bedeutend klärern als Leitbegriff für eine Lebensfüh- tung. Ernste Musik, das ist die Logik, soll
werden konnte wie in fast keinem anderen rung, die sich bildungsbürgerlichen Werten wirklich ernst genommen werden. Sie hat
Land: „Die Grünen verkörpern eine Poli- verpflichtet wusste: Mündigkeit, Denkfrei- eine quasireligiöse Bedeutung.
tik des schlechten Gewissens. Sie sind eine heit, Kritikbereitschaft. Noch in den Sech- Die katholische Kirche mit ihren Heili-
ungemein protestantische Partei.“ zigerjahren des 20. Jahrhunderts ermittelte genbildern und Reliquienschreinen hatte
Luther ist der Religion mit Rationalität das Meinungsforschungsinstitut Allens- den Geist für die magische Kraft von Kunst
begegnet, er hat die Bibel ins Deutsche bach, dass Protestanten deutlich mehr Bü- gefördert, für das Geheimnisvolle, Rätsel-
übersetzt und für mehr Menschen lesbar cher kauften als Katholiken. Und heute? hafte, das sich nicht auf eine Botschaft re-
gemacht, er hat die katholischen Gottes- Fest steht, dass die Deutschen fleißige Le- duzieren lässt, für das oberflächlich Schö-
dienstrituale und die Heiligenmagie, die ser sind: Deutschland ist das Land mit dem ne auch, den puren Genuss. Die drei gro-
bunten Bilder und prächtigen Gewänder, zweitgrößten Buchmarkt der Welt, obwohl ßen Reformatoren des 16. Jahrhunderts
das Gold und den Weihrauch, durch eine es nach Einwohnern nur auf Platz 16 steht. waren hingegen bilderskeptisch bis bilder-
Kultur des Wortes ersetzt, im Zentrum die Interessanterweise haben sich Protestan- feindlich: In Zürich und Genf fanden Hul-
Predigt. Vernunft vor Spiritualität, Sinn ten lange schwergetan mit dem Genre des drych Zwingli und Johannes Calvin, dass
vor Sinnlichkeit: Das war das Programm. Romans. Als er im 18. Jahrhundert aufkam, Kunstwerke in Kirchen nichts verloren
Der Schriftsteller Botho Strauß ätzte ein- beäugten sie ihn kritisch: zu unterhaltsam, hätten. Dem Wittenberger Luther waren
mal: „Eine protestantische Predigt, das zu wenig mühsam. Ihnen ging es um die Bilder zwar willkommen, aber sie sollten
ist in den meisten Fällen, als spräche ein Moral von der Geschichte, nicht so sehr unmissverständlich im Dienste Gottes ste-
Materialprüfer vom TÜV über den Heili- ums Lesevergnügen. Die Romantiker stell- hen – oder in dem der Reformation, so
gen Gral.“ ten dem Roman daher die Novelle entge- wie die Bilder seines Freundes und Trau-
Luther verband Glauben und Bildung; gen, ein Genre mit protestantischen Tu- zeugen Lucas Cranach. Propaganda mit
den höchsten Titel, den er für sich selbst genden: strenge Form, hartnäckige Bot- den Mitteln der Kunst.
gelten ließ, war der eines „Doktors der schaft. „Welcher Deutsche lässt sich schon Gute Kunst muss in Deutschland poli-
Heiligen Schrift“. In der lateinischen Messe gern sagen, dass er ein Buch liest, allein tisch sein, mehr als schöner Schein, gute
hatte das Textgemurmel der Gemeinde um sich zu unterhalten? Der deutsche Le- Kunst ist Kunst mit Botschaft – eine Vor-
rituellen Charakter, im protestantischen ser liest zwar nicht mit dem Bleistift in der stellung, die heute womöglich verbreiteter
Gottesdienst ging es plötzlich darum, das Hand, aber im Geist macht er sich Noti- ist denn je. Das Kunstpublikum wolle viel
Gesagte rational zu verstehen und auch zen“, schreiben Dorn und Wagner. lieber seine überlegene Moral beweisen
einmal in Zweifel zu ziehen. Luther erfand den deutschsprachigen als seinen guten Geschmack, lästert der
Das führte dazu, dass Bildung zu einer Gemeindegesang, machte ihn zum Sprach- Philosoph Robert Pfaller: „Die bildende
Art profaner Religion aufstieg. „Selbst- rohr der Verkündigung: „Mit Luther hörte Kunst ist in den letzten beiden Jahrzehn-
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seit Beginn des 18. Jahrhunderts, ein Who’s
who der deutschen Kultur: die Komponis-
ten Michael Praetorius und Georg Philipp
Telemann, die Schriftsteller Matthias Clau-
dius, Johann Christoph Gottsched, Gott-
hold Ephraim Lessing, Georg Christoph
Lichtenberg, Jean Paul und Hermann Hes-
se, der Philosoph Friedrich Nietzsche, der
Historiker Theodor Mommsen, der Archäo-
loge Heinrich Schliemann, der Architekt
Karl Friedrich Schinkel, der Geologe Al-
fred Wegener, der Psychologe C. G. Jung.
Das Pfarrhaus habe „einen ganz be-
stimmten Typus von Begabungen gezüch-
tet“, behauptete der Schriftsteller Gottfried
Benn, selbst ein Pfarrerssohn, im Jahr 1934.
Dort konnte jener „Typ des Denkers ent-
stehen, der zugleich Dichter oder des Dich-
ters, der zugleich Philosoph und Gelehrter
ist“. Benn hielt das für typisch deutsch.
In ihrem Buch „Das deutsche Pfarrhaus“
sprach Christine Eichel von einem „kultu-
rellen Leuchtturm“. Es gibt sie bis heute,
die bekannten Pfarrhauskinder: die Schrift-
steller Friedrich Christian Delius, Christoph
Hein und Gabriele Wohmann, die Schau-

JÖRG GLÄSCHER
spieler Peter Lohmeyer und Franz Dinda,
den Fernsehregisseur und „Lindenstraßen“-
Erfinder Hans Wilhelm Geißendörfer. Und
Staatsakt in Hamburg*: Deutschland, Lutherland natürlich Spitzenpolitiker wie Sachsen-An-
halts ehemaligen Ministerpräsidenten Rein-
ten weitgehend asketisch, moralistisch, fad entschlüsselbare Botschaft. Die Basis des hard Höppner, Thüringens ehemalige Mi-
und oberlehrerhaft geworden. Es gibt viel deutschsprachigen Stadttheaters ist seither nisterpräsidentin Christine Lieberknecht
weniger extravagantes, verrücktes, buntes protestantisch. Wobei es natürlich bis heu- und Kanzlerin Angela Merkel.
Zeug – und dafür viel mehr Konzentration te regional unterschiedliche Traditionen Bevor sich Protestanten nun allzu selig
auf das Wort.“ gibt: mehr Pomp in München und Wien, fühlen: Auch der Nazi Horst Wessel wuchs
Schon Luther empfahl, Bildern stets mehr Diskurs in Hamburg und Berlin. in einem Pfarrhaus auf. Und Gudrun Enss-
schriftliche Erklärungen und Kommentare Wenn Matthias Lilienthal, einer der ge- lin, Mitglied der RAF.
beizufügen, um ihren Sinn festzuschreiben, scheitesten Theaterdenker der Republik, Es gibt dieses deutsche Sprichwort:
um sie rational lesbar zu machen, statt sie ein Star der Bühnenwelt, an den Münchner „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten sel-
nur andächtig zu verehren. Der Interpret Kammerspielen zu scheitern droht, weil ten oder nie. Wenn dann doch mal eins
ist, geistesgeschichtlich gesehen, ein Pro- Zuschauer fehlende Schauwerte beklagen, gerät, ist’s von erlesener Qualität.“ Der
testant. „In Deutschland ist das Museum weil die „Süddeutsche Zeitung“ von „Pipi- Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Bar-
deshalb vor allem eine Bildungsstätte“, fax-Theater“ schreibt, vom „Anspruch, er- re, selbst ein Pfarrerssohn, hat es für sich
schreibt die Buchautorin Eichel. „Lern- klärend, belehrend und gerne auch migra- einmal so formuliert: „Als Pfarrerskind
effekte sind beabsichtigt.“ tionshintergründig sozial, global und poli- wird man entweder Terrorist oder Kanzle-
Dass das auch für andere Kulturgenres tisch korrekt zu sein“, dann handelt es sich rin. Schriftsteller liegt vermutlich irgendwo
gilt, wurde im vergangenen Jahr deutlich, auch um den Konflikt zwischen einer ka- dazwischen.“
als gefühlt auch noch das letzte Theater tholisch geprägten Stadtgesellschaft und Was ist der Grund für diese auffallende
meinte, politische Botschaften zur Flücht- einem kulturellen Protestanten, der sein Häufung großer Pfarrhaus-Persönlich-
lingsproblematik von der Bühne senden zu Abitur auf Berlins ältestem Gymnasium keiten?
müssen. Das Selbstverständnis deutscher machte: dem Evangelischen Gymnasium Vor allem auf dem Land waren Pfarrer
Stadttheater ist geprägt von zwei evange- zum Grauen Kloster, einer Schule in Trä- lange die einzigen Akademiker neben Ärz-
lischen Pfarrerssöhnen, die im 18. Jahr- gerschaft der Kirche. ten und Lehrern. Ein Bildungsbürger-
hundert nacheinander Theaterreformen Die größte Revolution, die auf Luther milieu, wie es bildungsbürgerlicher nicht
anstrengten. Johann Christoph Gottsched zurückgeht, zumindest die Revolution mit sein konnte. Eichel, selbst Pfarrerstochter,
ging es um Nützlichkeit statt Unterhal- den größten Folgen für die deutsche Ge- erinnert sich an Ferienreisen im VW Käfer,
tung, um rationale Inhalte in schlichter schichte, war die Abschaffung des Zölibats. auf denen Eltern und Kinder stundenlang
Form. Gotthold Ephraim Lessing forderte Indem Luther es Pastoren erlaubte, zu hei- gemeinsam sangen – oder das Choralquiz
von Theatertexten sittliche Läuterung, raten und Kinder zu bekommen, sorgte er spielten: Sie ordneten den Autokennzei-
nannte die Bühne seine „Kanzel“, auf der dafür, dass sie ihre Predigten fortan auch chen vorüberfahrender Wagen die Lied-
er „predige“. dort hielten, wo pädagogische Predigten nummern im Kirchengesangbuch zu.
Gottsched und Lessing rückten die Spra- traditionell die größte Durchschlagskraft Man hat Luther und seine Frau, die ehe-
che und den Logos ins Zentrum, eine klar entfalten: in der Familie. Das Pfarrhaus als malige Nonne Katharina von Bora, die
Keimzelle der gottgefälligen Gesellschaft. First Family des Protestantismus genannt:
* Bei der Trauerfeier für Helmut Schmidt im November Auffallend viele Dichter und Denker gin- ein Paar, das das gute, das richtige Leben
2015. gen aus Pfarrersfamilien hervor, vor allem vorlebte. Pfarrersleute wurden zu Kultur-
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in Deutschland, die Grünen-Fraktionsvor-
sitzende Katrin Göring-Eckardt, einst
Theologiestudentin, war jahrelang deren
Vorsitzende. Außenminister Frank-Walter
Steinmeier war bis vor Kurzem designier-
ter Präsident des Evangelischen Kirchen-
tags 2019, nun wird er stattdessen Bun-
despräsident – als Nachfolger des Pastors
Joachim Gauck.
„Es ist sehr aufschlussreich, wohin sich
das Amt des Bundespräsidenten entwickelt
hat“, sagt Zeithistoriker Nolte. Gustav Hei-
nemann, Richard von Weizsäcker, Roman
Herzog, Johannes Rau, Joachim Gauck
und nun Frank-Walter Steinmeier: alles
Protestanten. Nur Heinrich Lübke und der
krachend gescheiterte Christian Wulff wa-
ren Katholiken. Der Bundespräsident, sagt
Nolte, sei „so etwas wie ein protestanti-
scher Säkularbischof, der uns pflichtgemä-
ße Lebenshaltung vorführt“.
In Zeiten der Wirtschaftskrisen stehen
protestantische Tugenden hoch im Kurs:
Fleiß, Sparsamkeit, Bescheidenheit. Es

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geht zwar niemand mehr in die Kirche,
aber wer hingeht, bekommt einen Vertrau-
ensvorschuss.
Lutherfigur bei Wittenberg: Gute Kunst ist Kunst mit Botschaft In katholisch geprägten Ländern wie
Frankreich und Italien sind gutes Essen
trägern und Welterklärern, zu „Life einen Schub. Am Ort der Arbeit wohnen: und schicke Mode nationale Kulturgüter,
Coaches“, schreibt Eichel, „sie hatten auf Das müssen sonst nur Berufssoldaten. in Deutschland Sünde. Zumindest für öf-
fast alles eine Antwort“. So wie heute der Pfarrhäuser sind Familienunternehmen, fentliche Amtsträger. „Wer unter Luxus-
Bestsellerautor Werner Tiki Küstenmacher, in denen meist auch die Kinder Aufgaben verdacht steht, riskiert seine politische Bo-
ein ehemaliger Pfarrer, der das Buch „Sim- und Verantwortung übernehmen: das Ge- nität“, schreibt Eichel. Denken wir an den
plify your life“ millionenfach verkaufte. meindeblatt austragen, bei Gemeindefes- Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der
Der Protestantismus habe seine Ratgeber- ten musizieren, Kinder- und Jugendkreise sich im Wahlkampf 2013 über das zu mick-
philosophie schon ein bisschen geprägt, leiten. „Hilfesuchende, Bettler, Kranke, rige Kanzlergehalt mokierte und bekannte,
sagt er: „Luther wollte, dass jeder Christ Studenten, unglückliche Eheleute, alle klin- ein Pinot grigio, der nur fünf Euro koste,
selbst in der Bibel lesen kann, dass er an gelten in ihrer Not beim Pfarrer, und alle komme ihm nicht ins Glas. Steinbrück ver-
sich und seinem Leben arbeitet.“ Leider wurden eingelassen, und wenn weder er lor gegen Merkel, die Pfarrerstochter.
würden viele „Simplify your life“ als stren- noch sie im Hause war, saßen wie selbst- Im Buch „Die deutsche Seele“ ist ein
ge Anleitung lesen, „wie eine Art welt- verständlich wir Kinder da und hörten uns eigenes Kapitel dem Abendbrot gewidmet,
lichen Katechismus“, ihm wäre es lieber, traurige Geschichten an und versuchten der traditionsdeutschen Stulle mit Wurst
„sie täten es mit der heiteren Gelassenheit zu trösten und weinten manchmal mit“, und Käse und gern noch einem Gürkchen
des Glaubens, die ich von meinen katholi- berichtet Elke Heidenreich, die mit 15 als obendrauf. „Es ist karg, es ist ein wenig
schen Freunden gelernt habe“. Pflegetochter in eine Pfarrersfamilie kam. pedantisch“, schreiben Dorn und Wagner,
Bis heute stehen evangelische Pastoren Das Festhalten am Zölibat dürfte die ka- und doch sei das Abendbrot einst sogar in
und Pastorinnen in der Tradition Luthers tholische Kirche in Deutschland eine Men- den Salons der deutschen Aufklärer ge-
und Katharina von Boras. Vorbilder für ge Macht und Einfluss gekostet haben, ver- reicht worden. „Man wollte sich bewusst
ihre Kinder, aber auch für ihre Gemeinden. stärkt dadurch, dass katholische Priester absetzen von den Abendschlemmereien
Wer nicht vorbildlich lebt, muss zumindest seit einigen Jahrzehnten keine parteipoli- in katholischen Ländern.“
so tun. Es gilt, die Affekte zu kontrollieren tischen Ämter oder Mandate mehr über- Inzwischen ist Verzicht in Deutschland
und die Fassade zu wahren. Was umso nehmen dürfen, anders als ihre Kollegen längst wieder zur Modetugend geworden:
schwieriger ist, da das Pfarrhaus traditio- Protestanten. So ist der evangelische Pas- Vegetarismus, Veganismus, die Trends des
nell ein offenes Haus ist, klingeln er- tor Peter Hintze (CDU) zurzeit Vizepräsi- sogenannten Clean Eating, dazu die Selbst-
wünscht. Oft ist das Gemeindebüro im sel- dent des Deutschen Bundestags, ein Amt, vermessung und Selbstoptimierung per
ben Gebäude untergebracht, ebenso ein das von 1994 bis 2005 auch die Pastorin Smartphone-App, das Rauchverbot. Diese
Versammlungssaal, manchmal probt der Antje Vollmer (Grüne) innehatte. „Verfemung unserer Genüsse“, sagt der
Kirchenchor auch gleich im Wohnzimmer, Im ersten Kabinett Konrad Adenauers Philosoph Robert Pfaller, die „unvernünf-
so wie im Elternhaus des Schriftstellers nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch tig große Vernunft“, die den Tod mehr
Stuckrad-Barre. 10 von 14 Ministern katholisch. Heute ist fürchte als das schlechte Leben, entspringe
Bei Pfarrersleuten waren Berufs- und das anders, heute regiert Luther. einem religiösen Geist: „Die Feindseligkeit
Privatleben schon vermischt, bevor der di- Innenminister Thomas de Maizière liest gegen das Magische, das Bezaubernde un-
gitale Kapitalismus das von allen anderen täglich Bibelverse und ist Mitglied im Prä- serer kleinen Freuden kommt nicht aus
verlangte. Das gab dem Leistungsethos sidium des Evangelischen Kirchentags, Ge- der Wissenschaft oder der Philosophie,
und dem Pflichtbewusstsein, das der Pro- sundheitsminister Hermann Gröhe ist Mit- sondern ist begründet in der Magiefeind-
testantismus ohnehin fördert, noch einmal glied der Synode der Evangelischen Kirche lichkeit der christlichen Religion.“
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Kultur

Nach allem, was man weiß, war Luther nunft und ihr Glück grundsätzlich in der gen habe Rituale durch Verbote ersetzt,
wohl ein Sinnenmensch, die anderen Verinnerlichung“. positive Kulte durch negative: „Nur wenn
Reformatoren des 16. Jahrhunderts eher Schon die 68er-Bewegung sei stark von man so gut wie nie feiert, kann man eine
nicht. Um 1700 trieb der Pietist August diesem „Sei ganz du selbst!“ geprägt ge- von sich selbst so überzeugte Innerlichkeit
Hermann Francke dem Protestantismus wesen. Inzwischen führe die Verinner- aufbauen.“
den letzten Rest Lebenslust aus. Ein offi- lichung zu einer Verfemung jeglicher Ma- Wenn sich die Karnevalisten in den
zielles Abendessen in der Reichsstadt terialität, deren Folgen deutlich würden, katholisch geprägten Städten Köln oder
Schwäbisch Hall soll er verlassen haben, wenn man in nicht protestantische Länder Mainz nicht um den Verstand trinken,
weil ihm die Tafel zu üppig gedeckt er- schaue: „Die siegreiche französische Bour- dann winken sie sich um den Verstand.
schien. geoisie hat sich die gediegene Küche des Ein Hamburger, heißt es, winke fremden
Ob das die neuen Asketen wissen? Adels und auch noch einige andere seiner Menschen höchstens zu, wenn die auf
„Asketische Programme werden heute lustvollen Praktiken anzueignen vermocht, einem Schiff stehen, das im Hafen ablegt.
oft von Leuten betrieben, die meinen, mit zum Beispiel seine eleganten Umgangs- Und ein Berliner? In Berlin stellte der
Religion nichts am Hut zu haben“, sagt formen. Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, ein
Pfaller. Aber der Protestantismus sei nun In der jungen Sowjetunion erreichten frommer evangelisch-reformierter Vorzei-
mal ein Kulturphänomen: „Es gibt einen die Frauen gleiche Löhne, wurden Trak- geprotestant, den Karneval einst unter
säkularen Protestantismus, der gar nicht torfahrerinnen und Pilotinnen, anstatt sich Strafe. Das Fest erholte sich davon nie
weiß, dass er einer ist.“ Die staatliche Be- den Verzicht auf Stöckelschuhe als Befrei- wieder.
vormundung bei den Rauchverboten erin- ung einreden zu lassen.“ Was all das wohl für das Lutherjahr
nere ihn an klassisches Pfarrergehabe, Wer als Hamburger nach München reist, bedeutet und für die Feierlichkeiten zu
„derselbe fanatische Moralismus zeigt sich dem ist schon mal so, als läge dort Weih- 500 Jahren Protestantismus? Gibt es die
auch in Bezug auf den Gebrauch schmut- rauch in der Luft. Das Essen ist besser, Chance auf ein rauschendes Fest?
ziger Worte, anstößiger Bilder, das Essen auch das Angebot in Bäckereien. Zur Mit- Martin Luther liebte üppiges Essen,
von Fleisch“. tagszeit staunt der Hamburger, wenn er gesellige Gelage und das selbst gebraute
Luther habe den Apparaten des Katho- Anzugträger beobachtet, die bei einer hal- Bier seiner Frau, von Diäten hielt er über-
lizismus „ein Programm der Verinnerli- ben Maß zusammenhocken: Oha, Alkohol haupt nichts.
chung“ entgegengesetzt, sagt Pfaller. „Das während der Arbeitszeit! „Der Katholizis- Aber Luther war auch noch katholisch
mag damals sinnvoll gewesen sein, seither mus war gnadenlos mit den Häretikern“, sozialisiert.
aber ist daraus ein Reflex entstanden, und sagt Pfaller, „aber er war stets milde mit
so suchen viele nun ihre Freiheit, ihre Ver- den Sündern.“ Der Protestantismus hinge- ENDE

MIT IHRER HILFE RETTET


ÄRZTE OHNE GRENZEN LEBEN.
WIE DAS DER SCHWANGEREN PATIENTIN YANESI FULAKISON:
Nach einer Flutkatastrophe in der Region Makhanga
in Malawi brauchen viele Menschen medizinische Hilfe.
ärzte ohne grenzen startet einen Noteinsatz. Unser Team
bringt die hochschwangere Frau per Helikopter ins Kranken-
haus, denn das Leben von Mutter und Baby sind in akuter
Gefahr. Schließlich rettet ein Kaiserschnitt beiden das Leben.
Wir hören nicht auf zu helfen. Hören Sie nicht auf zu spenden.

SPENDENKONTO
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IBAN: DE 72 3702 0500 0009 7097 00
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MALAWI © Luca Sola