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Diskursbeitrag

Ursachen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit


im Kontext öffentlicher Schuldzuweisung und Ausgrenzung
mit Blick auf persönliche Ressourcen

Autor: Milan Ammel, BA


Inhalt

1. Einleitung .............................................................................................................. 2

2. Wohnungslosigkeit & Obdachlosigkeit .............................................................. 2


2.1 Begriffsbestimmung ........................................................................................... 2
2.2 ETHOS-Typologie ............................................................................................. 4
2.3 Statistiken .......................................................................................................... 5

3. Wahrnehmung im Alltag, Ausgrenzung und Schuldzuweisung ....................... 7


3.1 Sin-Talk ............................................................................................................. 8
3.2 Sick-Talk ......................................................................................................... 10
3.3 Life-Event-Hypothese ...................................................................................... 10
3.4 Mediale Berichterstattung ................................................................................ 10
3.5 Deklassifizierung, Entsolidarisierung und Ausgrenzung .................................. 11

4. Ursachen, Auslöser und Mehrfachbelastung ................................................... 12


4.1 Ursachen von Wohnungslosigkeit ................................................................... 12
4.2 Hilfsangebote suchen, finden, nutzen ............................................................. 16
4.3 Mehrfachbelastung und Selbsthilfekräfte ........................................................ 17
4.3 Obdachlosigkeit ............................................................................................... 18

5. Housing First ...................................................................................................... 20

6. Schluss ................................................................................................................ 20

7. Literaturverzeichnis ........................................................................................... 22

8. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis .............................................................. 24

-1-
1. Einleitung
Vorliegender Beitrag stellt die Frage nach den Ursachen von Wohnungs- und
Obdachlosigkeit. Dies erfolgt im ersten Schritt durch Begriffsbestimmungen sowie
einen kurzen Blick auf die Zahl betroffener in Österreich und der EU. Anschließend
werden häufige, stereotype Redensarten (wie sie in der Öffentlichkeit oft Anwendung
finden) als auch häufige Wege in den Wohnungsverlust dargestellt. Darauffolgend
identifizieren wir die unterschiedlichen Ursachen, Auslöser und Mehrfach-
belastungen, untermauern sie mit Zitaten aus Fallbeispielen, wodurch letztlich ein
hoher Anspruch an die Selbsthilfekräfte der betroffenen Personen offenbart wird. Zum
Abschluss erfolgt eine kurze Darstellung des Housing First-Modells als aktuelles Best-
Practice-Modell der Obdach- & Wohnungslosenhilfe.

2. Wohnungslosigkeit & Obdachlosigkeit


2.1 Begriffsbestimmung
Eine allgemein gültige und eindeutige Definition von Obdachlosigkeit scheint es auf
den ersten Blick nicht zu geben. Im medialen und fachlichen Diskurs werden
Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit oft synonym verwendet.1 Vor allem bei der
Lektüre (älterer) Statistiken zeigt sich, dass eine deutliche Unterscheidung schwierig
ist. Die Gründe dafür sind vielfältig: Eine Vielzahl unterschiedlicher Organisationen
sorgen sich um spezifische Problemfelder auf dem Feld der Wohnungslosenhilfe, von
ambulanter Unterkunft bis hin zum Angebot von längerfristigem Wohnraum.
Entsprechend liefern sie auch Zahlen, die sich später in diversen Statistiken
wiederfinden aber anfällig für Verzerrungen aufgrund von strikten Kategorisierungen
sind. Als Beispiel sei die statistische Erfassung des deutschen Bundeslandes NRW
erwähnt, der „administrative Begriff Obdachlose erfaßte nicht die Wohnungslosen auf
der Straße […] und im weiteren Sinne Menschen in Wohnungsnot.“2
In Österreich können sich obdachlose Personen eine Hauptwohnsitz-
bestätigung für obdachlose Menschen ausstellen lassen. „Dazu muss der obdachlose
Mensch eine Kontaktstelle im Gebiet der Stadt […] nennen, die von ihm regelmäßig
aufgesucht wird (z. B.: private Kontaktadresse, Obdachloseneinrichtungen).“3 Dadurch

1
Vgl. Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias (2019): Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäres Wohnen.
Ausmass, Profil und Bedarf in der Region Basel, Basel: LIVES Working Paper, S. 14
2
Paegelow, Claus (2012): Handbuch Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Bremen: Selbstverlag Paegelow, S. 26
3
URL: https://www.graz.at/cms/beitrag/10028240/7744229/Hauptwohnsitz_Bestaetigung_fuer_Obdachlose.html [abfgerufen am
09.07.2021]

-2-
taucht die Person wiederum in den Statistiken von Bund und Ländern auf, andernfalls
wird Sie Teil der Dunkelziffer. Viele jüngere Autor*innen erwähnen, dass sich die
statistische Erfassung auf dem Wege der Besserung befindet, kritisieren jedoch
weiterhin die angewendeten Methoden (Stichtag, eingebundene Institutionen, politisch
motivierte Manipulation) sowie die Ergebnisse, da sie den Eindruck niedriger
Dunkelziffern vermitteln.
Alternativ lässt sich Obdachlosigkeit als „Zustand [bezeichnen], kein Dach über
dem Kopf zu haben und Tag und Nacht auf der Straße zubringen zu müssen.“4 Andere
Autor*innen verstehen darunter „Personen, die ohne Wohnung sind und nicht in einem
Heim, einer Anstalt usw. untergebracht sind […]“5. - Zugleich erkennen wir durch jene
Formulierung eine Schwierigkeit: Menschen, die auf der Straße leben, allerdings
temporär in Notunterkünften oder über Nacht in Schlafunterkünften unterkommen,
springen in diesen Kategorisierungen umher. An dieser Stelle könnte man das
Kriterium der fehlenden Überdachung einführen: „Obdachlos sind Personen demnach,
wenn sie auf offener Straße schlafen, was Wohnungslose nicht zwingend machen.“6
Eine basale Definition von Wohnungslosigkeit basiert somit auf dem Umstand,
dass die betroffenen Personen über keine Wohnung verfügen. Der Begriff Wohnung
ist entsprechend breit gefächert und kann vieles bedeuten: Zum Beispiel ein Zimmer
in einer Wohngemeinschaft zur Untermiete, eine kleine Wohnung zur Hauptmiete, der
Besitz eines Eigenheims. Der Fokus liegt letztlich auf dem Umstand, dass
wohnungslose Menschen „keine eigene Wohnung haben, aber bei Bekannten,
städtischen Übernachtungsstellen oder anderen Formen unterkommen können, und
somit ein Obdach haben.“7
Diese Angebote sind eine große Hilfe, hingegen dürfen wir nicht vergessen,
dass es sich dabei um „unfreiwillige[s] Übernachten“8 handelt. D.h. Personen aus
unterschiedlich prekären Wohnverhältnissen nehmen solche Angebote aus der Not
heraus in Anspruch und keineswegs (wie es bspw. in der Belletristik geschieht9) wegen
romantischer Vorstellungen oder Schmarotzertum. Vielmehr verfügen die Personen
aufgrund ihrer Situation u.a. über keinerlei Besitzrechte und -schutz, Schutz der

4
Paegelow, a.a.O., S. 26
5
Ebd.
6
Sonnenberg, Tim (2021): Wohnungslosigkeit - Eine phänomenologische Analyse. In: Borstel et al (Hrsg.) (2021): Die
„Unsichtbaren“ im Schatten der Gesellschaft - Forschungen zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit am Beispiel Dortmund.
Wiesbaden: Springer, S.23
7
Sonnenberg, a.a.O.,S. 22
8
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 14
9
Vgl. Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O. S. 15

-3-
eigenen Personen als auch ihrer Privatheit, können dadurch vor allem soziale
Beziehungen nicht mehr leicht aufrecht erhalten und sind mit Mechanismen
gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert.

2.2 ETHOS-Typologie
Im europäischen Raum setzt sich vermehrt die ETHOS-Definition durch. Diese im Jahr
2005 eingeführte Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und
prekäre Wohnversorgung versucht der von uns beschriebenen Komplexität von den
individuellen Umständen als auch der Definitionen Achtung zu schenken. Ihre 13
operativen Kategorien sollen es erleichtern, die individuellen Situationen jener
Personen auszuloten, entsprechend Möglichkeiten und Handlungsfelder besser zu
spezifizieren. D.h. es wird die Form der (bestehenden bzw. drohenden) Wohnungs-
losigkeit, ihre Entwicklung und Begleitung zu international greifbaren Formulierungen
definiert, auch um die Qualität offizieller Kennzahlen, sozialarbeitswissenschaftlicher
Diskurse, damit verbundener Statistiken und den Erfolg von Hilfsangeboten zu
erhöhen.
Unser Weg durch die Definitionen und ein erster Blick auf die ETHOS-Typologie
erweckt allerdings den Eindruck, als wäre Obdachlosigkeit eine logische Folge von
Wohnungslosigkeit. Dass dies jedoch zu kurz gegriffen ist, wird sich letztlich in unserer
Betrachtung der Ursachen, Auslöser und Selbsthilferessourcen der Betroffenen
zeigen. Die unterschiedlichen Wohnsituationen weisen uns auch auf mögliche
Ursachen für die Wohnsitatuion hin und verdeutlichen uns, dass „die Grenzen des
Über-gangs von einer zu anderen Wohnformen fliessend sein [können]“.10

10
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 14

-4-
Tabelle 1 - ETHOS - Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit & prekäre Wohnversorgung

2.3 Statistiken
Das österreichische Bundesministerium greift für seine Erfassung ebenfalls auf die
ETHOS-Typologie zurück. Im Jahr 2019 waren in Österreich 22.038 Menschen als
obdach- oder wohnungslos registriert. Registrierung bedeutet in diesem Falle, dass
die Personen im ZMR (Zentrales Melderegister) eingetragen waren oder sich in
dezidierten Einrichtungen registriert haben. Mit dieser Definition wurden im Jahr 2019

-5-
11.254 obdachlose und 12.241 wohnungslose Personen gezählt. Im gleichen Bericht
geht das Ministerium davon aus, dass ein leichter Abwärtstrend in diesen Zahlen
erkennbar ist. Grund dafür ist das Steigen von Wohnungslosen, welche sich in
Einrichtungen befinden und dem gleichzeitigen Sinken der Anzahl von obdachlos
gemeldeten Personen, also letztlich einer Steigerung von Unterbringungen in
entsprechenden Einrichtungen.11

Abbildung 1 - Statistik Austria, Statistik des Bevölkerungsstandes, Aus: BMSGPK


Kennzahlen zu Lebensbedingungen 2019

Anmerkungen zu Dunkelziffern finden sich in diesem Bericht leider nicht. Es wird


allerdings davon ausgegangen, dass besonders in Wien die Dunkelziffer nochmals
einen ähnlichen Wert aufweist wie die offiziellen Zahlen. Ebenfalls darf die Versteckte
Wohnungslosigkeit nicht vergessen werden, worunter Personen zu verstehen sind,
welche bei Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern usw. temporär untergekommen
sind.
Im Jahr 2019 waren von 1,91 Millionen Menschen in Wien 112.300 Kund*innen
des FSW (Fonds Soziales Wien), die mit seinen Kooperationspartner*innen
Beratungs- und Betreuungsangebote sowie Aufenthalts-, Schlaf- und Wohnplätze zur
Verfügung stellt. 12.590 jener Kund*innen waren ohne Obdach oder Wohnung, davon
32% Frauen.

11
Vgl. Glaser, Thomas & Blüher, Marlene (2021): Kennzahlen zu Lebensbedingungen 2019, Bundesministerium für Soziales,
Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK). Wien: BMSGPK, S. 26f

-6-
Abbildung 2 - Kund*innen des FSW und ihrer Kooperationspartner*innen im Zeitraum des Jahres 2019

Aktuellere Zahlen lagen während des Verfassens dieser Arbeit noch nicht vor. In
Anbetracht der Corona-Pandemie, die ab dem Frühjahr 2020 globale Ausmaße
annahm, wird jedoch von einem starken Zuwachs ausgegangen, da Mietstundungen
und finanzielle Unterstützungen auslaufen. Statistiken vermitteln oft den Eindruck einer
greifbaren und kontrollierten Situation, wir dürfen trotzdem nicht vergessen:
„Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnsituationen sind keine
statistischen Zustände.“12

3. Wahrnehmung im Alltag, Ausgrenzung und Schuldzuweisung


Die meisten Menschen in Österreich und Deutschland werden mit der Thematik
Obdach- und Wohnungslosigkeit im Alltag eher nebenbei konfrontiert. Dies
überwiegend im öffentlichen Raum, vor allem an stark frequentierten Orten wie
Bahnhöfen, Parks und größeren Plätzen. Unterbrechen wir an solchen Orten unseren
täglichen Transitmodus und lassen unseren Blick schweifen, wird uns schnell die
Anwesenheit von obdachlosen Personen bewusst, die sich auf Bänken und Böden
aufhalten. Manche haben ein Pappschild vor sich liegen, mit der Bitte um eine Spende,
andere betreiben aktive Ansprache von Mitmenschen, bitten um Geld oder Zigaretten.
Letzteres wird im Volksmund meist als aktives Betteln bezeichnet und ist für
Passanten, welche gerade von A nach B unterwegs sind, eine spontane Unter-
brechung ihrer momentanen Zielsetzung und Gedankenwelt. Da sie von einer ihnen
fremden Person auf einer existentiellen Ebene konfrontiert werden und jeder Mensch
anders darauf reagiert, entstehen unterschiedliche Reaktionen auf diese Konfron-
tationen. Aus den dabei gewonnenen Erfahrungen entwickeln sich Muster, wie

12
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 23

-7-
zukünftig mit derlei Situationen umgegangen wird und ganz unterschiedlich sein kann:
In einem Spektrum aus schlichten Ignorieren und Weitergehen, überreichen von
Bargeld oder auch einem kurzen Gespräch bis hin zu negativen Äußerungen,
Vertreibung oder gar gewalttätigen Handlungen kann im Grunde alles passieren.
Da dieses Aufeinandertreffen oft die empirische und emotionale Grundlage für
die Bildung einer eigenen Meinung zum Thema Obdachlosigkeit darstellt und mit der
eigenen Sozialisierung kontextualisiert wird, ist es relevant, die drei häufigsten
gesellschaftlichen Redensarten, die wiederum auf Obdachlose (und Menschen, die als
solche wahrgenommen werden) Anwendung finden, bewusst zu machen. Dadurch
lässt sich vor allem verstehen, welche ausgrenzende Wirkungen solche Ansichten und
Handlungen haben. Diese Redensarten werden nicht exklusiv auf Obdachlose
angewendet, sondern gelten oft auch für Migrant*innen und Menschen, die aufgrund
unterschiedlichster persönlicher Umstände, Eigenschaften und Klischees
gesellschaftlich als auch wirtschaftlich in ihrer Teilhabe eingeschränkt werden.

3.1 Sin-Talk
Sin-Talk bezeichnet in diesem Kontext ein Erklärungsmodell mit der Prämisse, dass
obdachlose Menschen aus vermeidlichen Gründen in diese prekäre Situation geraten
sind. Sie tragen selbst Schuld daran, denn niemand muss obdachlos sein. Die
eigentlichen Gründe sind für Verterer*innen dieser Position nicht relevant. Im
Gegenteil: Ganz nach der Redensart Jede*r ist des eigenen Glückes Schmied*in
erfolgt eine Zuschreibung bedürftiger Personen als für die Gesellschaft „»unnützlich«
und »überflüssig«“13. Dadurch tritt auch ein etabliertes Gedankenmodell unserer
Sozialgesellschaft zu Tage: Nützlich sind nur Menschen, die arbeiten und nicht auf
staatliche Unterstützung angewiesen sind. Egal ob vererbte Armut, Krisen, Jobverlust,
Suchterkrankungen oder Multiproblemlagen vorliegen, letztlich wird die Person
sicherlich selbst für ihre Misere verantwortlich sein. Es lässt sich gar behaupten, dass
die Konfrontation mit obdachlosen Menschen als ein Menetekel empfunden wird, dass
man selbst sicherlich niemals in solch eine Lage kommen wird. Ähnliche Schuld-
zuweisungen, „dass Menschen sich zunächst aus freien Stücken nicht melden“14,

13
Wolf, S., & Kunz, S. (2017): Die Schuldfrage der Obdachlosigkeit im gesellschaftlichen Diskurs. Hamburger Journal für
Kulturanthropologie (HJK), (6), 111-126. URL: https://journals.sub.uni-hamburg.de/hjk/article/view/1081, [abgerufen am
25.06.2021] S. 115
14
Busch-Geertsema, Volker & Henke, Jutta & Steffen, Axel. (2019): Forschungsbericht Entstehung, Verlauf und Struktur von
Wohnungslosigkeit und Strategien zu ihrer Vermeidung und Behebung - Ergebnisbericht - 534. Berlin: Bundesministerium für
Arbeit und Soziales, S. 156 - An dieser Studie wird angemerkt, dass eine bewertungsfreie Formulierung für die Arbeit mit

-8-
können mitunter bei VertreterInnen kommunaler Präventionsstellen für Wohnungs-
losigkeit ausfindig gemacht werden.
Diese Form der Abwertung findet ebenfalls in Bezug auf langzeitarbeitlose,
behinderte Menschen und Zuwander*innen statt. Als strukturelle Ursache dieser
Desintegration dient die Hypothese, „dass angesichts von krisenhaften Entwicklungen
ökonomische Kriterien zunehmend auf die soziale Lebenswelt übertragen […] und als
Maßstab für die Beurteilung von Personen und Personengruppen herangezogen
werden.“15 Die eigene Gedankenwelt kreist also um die Beurteilung des menschlichen
Gegenübers, es im gesellschaftlich-ökonomischen Kontext zu bewerten, und mit der
eigenen Identität zu vergleichen. Entsprechend leicht fällt es dann, das unbekannte
Gegenüber als Wirtschaftsflüchtlinge oder Sozialtourist*innen zu bezeichnen.
Man könnte behaupten, dass jene Beschreibung auf Pensionist*innen auch
zutrifft, allerdings haben jene sich die Pension durch harte Arbeit regelrecht verdient.16
Dass diese in ihrem Lebensabend dennoch vermehrt als verarmt bezeichnet werden
müssten und auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, wird hingegen
ausgeblendet. - Obwohl dadurch offensichtlich ist, dass sozio-ökonomische Nütz-
lichkeit nicht automatisch Sicherheit bis an das Lebensende bedeutet, sondern im
Gegenteil Ausdruck einer Strukturkrise ist. Mit dieser Krise „geht eine Verschärfung
der sozialen Ungleichheit [,…] eine soziale Spaltung und eine Polarisierung an den
Rändern der Gesellschaft einher […]“, von der auch Obdachlose betroffen sind.17 Dies
ist letztlich Zündstoff für potentielle Diskriminierung und Ausgrenzung, die andereseits
auch in relevanten Institutionen stattfinden können. Dadurch wird das Phänomen
Obdachlosigkeit in eine Randerscheinung umgemünzt und die betroffenen Personen
(so wie sie von öffentlichen Plätzen verwiesen werden) nicht nur aus der öffentlichen
Wahrnehmung, sondern buchstäblichen an den gesellschaftlichen Rand getrieben.

Menschen in Wohnungsnotlagen ungemein wichtig ist. Ganz zu schweigen von der Notwendigkeit, diese Menschen auf
bestehende Hilfesysteme aufmerksam zu machen, wenn ihre Selbsthilfekräfte bereits erschöpft sind.
15
Mansel, J., & Endrikat, K. (2007): Die Abwertung von "Überflüssigen" und "Nutzlosen" als Folge der Ökonomisierung der
Lebenswelt: Langzeitarbeitslose, Behinderte und Obdachlose als Störfaktor. Soziale Probleme, 18(2), 163-185. URL: https://nbn-
resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-246056 [abgerufen am 25.06.2021], S. 163
16
In diesem Kontext werden im amerikanischen Diskurs häufig auch die Begriffe deserving poor (verdiente Armut) und
undeserving poor (unverdiente Armut) im Sinne einer Schuldzuweisung verwendet. Der Pensionist wäre in diesem Falle auf den
ersten Blick unverdient Arm. Stellt sich jedoch heraus, dass er gar kein fleißiges Mitglied der Gesellschaft war, drängt sich schnell
eine Umkehrung der Zuschreibung auf.
17
Vgl. Tadelbaum, Lucius (2013): Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Münster: Unrast, S. 15ff

-9-
3.2 Sick-Talk
Eine weitere Art der Schuldzuweisung findet mittels Sick-Talk statt: Hier werden
„mentale Erkrankungen und/oder Suchtmittelabhängigkeiten einer Person […]
verantwortlich gemacht.“18 Eine Bewertung dieser Art kann in Kombination mit Sin-
Talk erfolgen. Dies hängt beispielsweise bei Alkoholkonsum davon ab, ob Alkohol von
der Person lediglich als Genussmittel verstanden wird und eine Bagatellisierung von
Alkoholabhängigkeit vorliegt – vor allem wenn dies tagsüber an öffentlichen Plätzen
geschieht und dadurch ein möglicherweise vorhandenes Bild der unnützen
Sozialschmarotzer stärkt. Im besten Falle wird der obdachlosen Person eine
Erkrankung zugestanden, aber wird in Kombination mit Sin-Talk wird ihr abermals die
eigentliche Schuld zugeschrieben und Eigenverantwortung, als einziges Merkmal der
Ursache sowie der möglichen Lösung, ausgemacht. Dadurch wird die Schuldfrage
individualisiert und auf Erklärungsmodelle, welche strukturelle Gründe beschreiben,
verzichtet.19

3.3 Life-Event-Hypothese
Auf den ersten Blick scheint unser nächster Ansatz der Live-Event-Hypothese
strukturelle Ursachen für Obdachlosigkeit verantwortlich zu machen. Schuld trägt hier
ein auslösendes, kritisches Lebensereignis. Es ist oft traumatisierend und
„Ausgangspunkt eines Teufelskreises, aus dem sich Betroffene aus einer Kraft nicht
mehr befreien können.“20 Der Verlust des Arbeitsplatzes und sozialer Kontakte,
plötzliche Verarmung und Prekarisierung, Anhäufen von Schulden, psychische und
gesundheitliche Erkrankungen, werden als Folgen des Ereignisses wahrgenommen
und zugestanden. Allerdings werden diese abermals mit der Eigenverantwortung der
Betroffenen und ihrem scheinbar offensichtlichem „inviduelle[m] (Fehl-) Verhalten und
[…] (Fehl-) Entscheidungen“21 erklärt und führen am eigentlichen Ziel vorbei.

3.4 Mediale Berichterstattung


Da traditionelle als auch Online-Medien Quellen für die Meinungsbildung der
Bevölkerung darstellen, dürfen sie an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben. Oft stehen

18
Wolf, S., & Kunz, a.a.O., S. 116
19
Unter dem Stichwort Sozialdarwinismus finden wir ein diffamierendes und deklassierendes Phänomen, welches seinen
Höhepunkt auch gegen Obdachlose richtet. Da sie über keinen geeigneten Rückzugsort bzw. Schutzraum verfügen, sind sie
regelmäßig auch Opfer von physischen Attacken.
20
Wolf, S., & Kunz, a.a.O., S. 114
21
Wolf, S., & Kunz, a.a.O., S. 115

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Berichte über Obdachlose vor der Herausforderung, Ursachen im gesellschaftlichen
Kontext darzustellen und andererseits die Biografie von Betroffenen zu transportieren.
Dies kann dazu führen, dass der Zweck von Informationsvermittlung bzw.
Sensibilisierung in Betroffenheitsgeschichten oder Sozialvoyeurismus mündet, da es
das Interesse der Leser*innen affiziert. Oft geschieht es durch die Darstellung der
Biografie obdachloser Personen, ihrer dramatischen Wegmarken, Krisen,
verschiedener Formen von Missbrauch, ihrem Leiden, Verständnis von Gesellschaft
und letztlich Erwartungen an ihr restliches Leben. In den kälteren Jahreszeiten häufen
sich derlei Berichterstattungen, u.a. aus dem einfachen Grund, dass Obdachlosigkeit
im öffentlichen Raum sichtbarer wird, durch christlich geprägte Feiertage für einen
gewissen Zeitraum Themen wie Nächstenliebe und Fürsorge aktiver thematisiert
werden und die soziale Organisationen aktiv darauf hinweisen.22 Dies wird jedoch oft
als temporäres Phänomen wahrgenommen und es bleibt dahingestellt, ob die oben
erwähnten Redensarten bzw. Erklärungsmodelle, welche mit Schuldzuweisungen
arbeiten, dadurch aufgeweicht werden und zu einem aufgeklärterem Verständnis
führen.

3.5 Deklassifizierung, Entsolidarisierung und Ausgrenzung


Kombinieren wir nun die genannten Phänomene, lässt sich folgendes Zwischenfazit
ziehen: Die vorherrschenden Bilder einer Leistungsgesellschaft, deren Katalysator die
Segregation von Bürger*innen ist, wenden ihre Logik auch auf obdachlose Menschen
an. Neben den psychosozialen, psychischen und körperlichen Folgen ihrer Situation
als auch der andauernden Herausforderung, die existentiellen Grundbedürfnisse
befriedigen zu können, kommt es im gesellschaftlichen Kontext zum Ausschluss an
gesellschaftlicher Teilhabe, d.h. Ausgrenzung. Diese Entwürdigung beinhaltet auch,
„ökonomisch deklassiert zu sein“23, was als einzige Möglichkeit der Rückkehr zur
Teilhabe und Umgang mit der erfahrenen Entsolidarisierung nur eine Sache als
mögliches Mittel erscheinen lässt: Arbeit. Auch wenn es im dargestellten Kontext
zynisch erscheint (unterstützt diese Sicht doch die kritisierte ökonomische Pers-
pektive), bedeutet die Aussicht auf Erwerbsarbeit für vielerlei obdach- und
wohnunglose Personen, „die eigene Selbstachtung, Identität und Respektabilität zu

22
Vgl. https://www.derstandard.at/story/2000123296307/kaelteeinbruch-sorgt-fuer-grossen-andrang-in-obdachlosen-
notquartieren-in-wien [abgerufen am 01.07.2021]
23
Teichler, Nils & Wimmer, Christoph (2021): Die im Dunkeln. In: Tagebuch Magazin. URL: https://tagebuch.at/politik/die-im-
dunkeln/ [abgerufen am 02.07.2021]

- 11 -
verteidigen. Arbeit heißt, nicht von der Hilfe anderer abhängig zu sein, sondern sich
selbst versorgen zu können.“24 Der Verlust des Arbeitsplatzes ist ein wichtiger
Auslöser von Obdach- und Wohnungslosigkeit. Ihn als einzig wichtigen anzusehen und
dabei weitere Auslöser als auch deren Ursachen zu ignorieren, untermauert jedoch die
ökonomische Perspektive. Entsprechend wichtig ist es daher, das breite Spektrum
dieser Gründe zu verstehen und darzustellen. Denn das „[…] (Nicht-) Wissen über die
Ursachen von Obdachlosigkeit hat einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von
obdachlosen Personen im städtischen Alltag.“25

4. Ursachen, Auslöser und Mehrfachbelastung


Das zweite Kapitel deutete bereits an, dass als Grund für Wohnungs- und
Obdachlosigkeit stets der Verlust des eigenen Wohnraums angegeben wird. Da dies
allerdings keine ausreichende Erklärung darstellt, blicken wir nun auf weitere Gründe,
die diesem Verlust vorausgehen. Dabei unterscheiden wir zwischen unterschiedlichen
Ursachen von Wohnungslosigkeit, welche auch als konkrete Auslöser in Erscheinung
treten können, stellen sie dar und setzen anschließend das Phänomen Obdachlos-
igkeit mit diesen in Kontext.

4.1 Ursachen von Wohnungslosigkeit


Als häufigste Ursache für Wohnungsverlust werden finanzielle Probleme genannt.26
Diesen gehen oft prekäre Lebensumstände voraus, d.h. die betroffenen Personen
befinden sich bereits vorab in herausfordernden Situationen, von denen Sie vor allem
psychisch herausgefordert werden. Das monatlich zur Verfügung stehende Budget ist
knapp und es besteht regelmäßig die Angst vor dem Abrutschen in untere Milieus. Die
Abhängigkeit von subsidiären Zahlungen und ihrem plötzlichen Ausfall durch
Fehlverhalten, Versäumnis oder Gesetzesänderungen erhöhen bereits vorhandene
Ängste, welche bei langanhaltender Armut entstehen. Die finanziellen Probleme
spitzen sich vor allem zu, wenn die Haupteinnahmequelle versiegt, meist durch den
Verlust des Arbeitsplatzes. Dies kann aus eigenem Verschulden oder
Fremdverschulden eintreten, bspw. durch Konkurs des Unternehmens, Sucht oder
Krankheit. Vor allem im Metier unqualifizierter Anstellungen oder Schwarzarbeit sind

24
Ebd.
25
Wolf, S., & Kunz, a.a.O., S. 122
26
Vgl. Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 150

- 12 -
die (finanziellen) Einbußen häufig intensiv, die Konsequenzen erschwerend und die
(psychischen) Belastungen hoch. Dadurch entsteht schnell eine ökonomische
Notlage, deren Konsequenz das Auslassen von Mietzahlungen darstellt. Besonders
für einkommensschwache Haushalte ist es dann schwierig, alternativen Wohnraum zu
finden. Grund dafür sind fehlende Rücklagen aber auch der Umstand, dass das
Angebot an leistbarem Wohnraum, vor allem im urbanen Bereich, immer seltener
wird. In dieser Phase der Wohnungsnot, des konkret drohenden Wohnungsverlusts,
sind die betroffenen Personen gefordert, einen Ausweg zu finden, mit jeder
ausbleibenden Zahlung erhöht sich der Druck. (In)offizielle Kredite bei Freunden oder
Familienmitgliedern können dabei eine Zwischenlösung darstellen. Verbessert sich
jedoch die Situation nicht, werden diese Verpflichtungen letztlich Teil des Problems
und es droht eine Überschuldung.
Je mehr Zahlungsaufforderungen eintreffen und je mehr dabei die Zeit
verstreicht, umso höher wird die Belastung. Meist werden dann die Mietverhältnisse
vonseiten der Vermieter*innen aufgekündigt, mit einer Räumungsklage gedroht und
(sofern nötig) letztlich auch umgesetzt. In dieser letzten Phase, der Aufkündigung bzw.
angedrohten Räumungsklage, ist es bereits zu spät, sich um etwaige Hilfe zu
bemühen. Beratungsstellen für drohenden Wohnungsverlust oder Schuldnerberatung
sind dann nicht mehr in der Lage, die Person beim Abwenden des Wohnungsnotfalls
effizient zu unterstützen. - Diese Entwicklung gilt quasi als klassisches Beispiel und
die erwähnten Stationen finden sich in einer Vielzahl der Biografien von Wohnungs-
und Obdachlosen.

„Ja, die Wohnungslosigkeit kam wegen Arbeit verloren. Die Firma ist insolvent gegangen. Ich war
fünfundzwanzig Jahre da. Dann ging alles bergab. Die Wohnung konnte ich mir nicht mehr leisten,
weil, 700 Euro kostete die Wohnung. Ich habe ja gut verdient da. Und dann ging es weiter bergab.
(Alleinstehender Mann, Fall 18)“27

Bei näherer Betrachtung stoßen wir auf weitere Faktoren und Gründe, deren
katalysatorische Wirkung nicht vernachlässigt werden darf, auch wenn sie nicht

27
Busch-Geertsema, Volker & Henke, Jutta & Steffen, Axel, a.a.O., S. 150

- 13 -
allgemein auf alle Personen zutreffen. In einer groß angelegten Untersuchung in der
Region Basel erhalten wir beispielsweise einen Einblick in derlei Entwicklungen:

„Dann die Scheidung, Alimente, Schulden. Er sei sehr sparsam, aber das habe er nicht geschafft;
sein Chef merkte seine neuerlichen Unzuverlässigkeiten. Seit er die Stelle verlor, lebt er bei Freunden
und Freundinnen, sein Gepäck ist bei ihnen verteilt, manchmal geht er in die Notschlafstelle, auch
wenn es ihm dort am wenigsten gut geht.“28

Obiges Fallbeispiel macht nicht allein den Verlust der Arbeitsstelle für den
Wohnungsnotfall verantwortlich, sondern zeigt auch, dass Krisen-Situationen wie
Scheidung, daraus resultierendes Zahlen von Alimenten und dem Anhäufen von
Schulden neben finanziellen vor allem auch psychische Belastungen darstellen.
Zudem sehen wir hier den Sprung durch die Typologie: Untergekommen bei
Freund*innen sowie als Besucher einer Notschlafstelle springt er in den ETHOS-
Kategorien hin und her.

„Du fliegst überall raus, aus der Erinnerung der ehemaligen Freunde, aus der Wohnung, wo Du Dich
auf einmal nicht mehr traust, den Wasserhahn aufzudrehen oder den Stecker in die Dose zu stecken.
Überall glaubst Du zu hören: »Verpiss Dich, Du stinkender Verbraucher! Hau ab hier, Du nutzloser
Parasit!«““29

Auch Beziehungsprobleme werden oft als Auslöser für den Wohnungsverlust


genannt bzw. als Konsequenz von entsprechenden Konflikten als auch
Abhängigkeitsverhältnissen. Dies betrifft auch das Thema häuslicher Gewalt und
sexuellem Missbrauch, in welchen (in den allermeisten Fällen) Frauen mit ihrem
Nachwuchs bei Freund*innen oder Frauenhäusern Zuflucht suchen, kann aber auch
als der unvorhergesehene, gescheiterte Versuch des Zusammenziehens auftreten.
Dies ist ein kurzer, schlichter Satz, um herauszufinden, ob Sie diese Arbeit gelesen
haben. Vor allem bei Jugendlichen führen Konflikte mit den Eltern nicht selten zum
kurzfristigem Abhauen und Unterkommen bei Freund*innen, was zu Kontakt mit dem

28
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 23
29
Sanatanas, Robert Lucas (2016): Obdachlos - Porträts vom Leben auf der Straße. Freiburg im Breisgau: Herder, S. 75

- 14 -
Leben auf der Straße und im gravierendsten Fall zu einer scheinbar frei gewählten
Wohnungslosigkeit führen kann. Besteht bereits eine Abhängigkeit von Alkohol oder
illegalen Drogen, führt die akut-prekäre Situation zu einem deutlich erhöhtem Risiko,
dass der Konsum gesteigert wird und sich Teufelskreise entwickeln. „Etwa jeder dritte
Obdachlose leidet […] an einer Alkoholabhängigkeit.30
Liegen andere bzw. weitere schwerwiegende, gesundheitliche Probleme vor,
können sie zum Verlust der Erwerbsarbeit führen oder zur Verstärkung der Belastung
beitragen. Diese sind psychischer oder körperlicher Natur und bei Eintreten der
Wohnungslosigkeit werden sie oftmals verstärkt. Entlassungen nach einem längeren
Krankenhaus- oder Gefängnisaufenthalt setzen voraus, dass die Personen in ihre
ursprüngliche Unterkunft zurückkehren. Manchmal wurde sie jedoch durch Dritte
aufgelöst, etwa bedingt durch ausbleibende Mietzahlungen oder aufgrund fehlerhafter
Kommunikation aller Beteiligter.

„Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht. Da war ich fix und fertig, dass ich ins Gefängnis rein
muss. Da war ich erstmal fertig. Da habe ich gar nicht an die Wohnung gedacht oder sonst irgendwas.
[Mit dem Sozialarbeiter] habe ich dann auch gesprochen und so. […] Und irgendwann kam er mal an
und sagte, ist alles zu spät. Der Vermieter will, dass ich ausziehe.“ (Alleinstehender Mann, Fall 21)“ 31

Der als Europäische Flüchtlings- bzw. Migrationskrise bezeichnete Anstieg von


Asylbewerber*innen zwischen 2015 und 2016 hat uns weitere Auslöser vor Augen
geführt, die unserer Gesellschaft eher fremd sind: Neben Naturkatastrophen ist es
hier vor allem die Flucht vor Krieg und Gewalt, welche die Menschen zwingt, ihre
Heimat zu verlassen. Besonders als Drittstaatenangehörige sind sie mit einer Vielzahl
an Herausforderungen und Bedrohungen konfrontiert, sind per se wohnungslos, als
menschenunwürdig beschriebenen Bedingungen ausgesetzt und zeigen eine hohe
Anfälligkeit zu einem Leben auf der Straße. Wenn u.a. Asylgesuche nicht positiv
ausfallen, Traumata nicht viabel verarbeitet werden können oder Versuche und
Angebote zur Integration bzw. Inklusion als gescheitert empfunden.

30
URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/59224/Alkoholismus-bei-Obdachlosen-beginnt-oft-schon-in-der-Kindheit,
[abgerufen am 09.07.2021]
31
Busch-Geertsema, Volker & Henke, Jutta & Steffen, Axel, a.a.O., S. 157

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4.2 Hilfsangebote suchen, finden, nutzen
Anhand der oben erwähnten Zahlen des FSW wird deutlich, dass verschiedene
Formen der Unterstützung für Wohnungsnotfälle und Personen, die in die
Wohnungslosigkeit abzugleiten drohen, existieren. Dazu lässt sich u.a. die Arbeit von
Streetworker*innen, Suppenbussen, Wärmestuben, Lebensmittelspenden, Notunter-
künften, Schlafplätzen, temporären als auch längerfristigen Wohnangeboten zählen.
Oben erwähnte Beispiele lassen erkennen, dass ein Kontakt zu Hilfsangeboten oft
(zu) spät erfolgt oder auch gänzlich ausbleibt.

„Zehn Jahre hat Sándor auf der Straße verbracht. Die meiste Zeit schlief er auch dort, nur im Winter
teilte er sich manchmal mit Bekannten ein Zimmer in einem der Notquartiere. Getrunken hat er jeden
Tag zehn bis 15 Bier im Durchschnitt. […] Hinter sich gelassen hat er nicht nur den Krieg, sondern
auch seine Familie: Der Vater war Alkoholiker und medikamentenabhängig. […] Als Jugendlicher
begann er eine Ausbildung als Koch, die er aber nicht abgeschlossen hat. […] Die Arbeit war hart,
die Umstände auch […]. Dann ging ein Restaurant in Konkurs, er verlor seine Arbeit, dann die
Wohnung. […] Dass er keine Sozialleistungen bezog, scheiterte zum Teil daran, dass er keinen
Anspruch hatte – er war bei seinen Arbeitgebern zumeist nicht offiziell angemeldet -, und zum Teil an
behördlichen Hürden und Unwissen.“32

„Häufig kommt es zu Problemen in der Zuständigkeit der Hilfeangebote“33, was


nicht den Eindruck vermitteln soll, dass diese schlechte Arbeit leisten - im Gegenteil.
Allerdings kommt es auch hier oft zu den typischen Problemen bürokratischer Arbeit:
Zuständigkeiten sind klar abgegrenzt, finanzielle wie zeitliche Ressourcen sind knapp.
Klassisches Casemanagement kann oftmals nicht angewendet werden, geht es doch
häufig darum, die Menschen ehestmöglich durch die Nacht oder den Tag zu bringen
bzw. sie mit basalen Informationen und Dingen zu versorgen.
Ein längerfristiger Weg aus der Wohnungslosigkeit erfordert einen intensiven
Austausch zwischen mehreren Institutionen und Mitarbeit der Betreffenden.
Bekanntlich mahlen die bürokratischen Mühlen langsam, stellen Forderungen und
verweisen auf Zuständigkeiten, während die entscheidenden Fragen nicht
ausreichend beachtet werden können: Wie kann das Eintreten des Wohnungsverlusts

32
URL: https://www.derstandard.at/story/2000103687273/zehn-jahre-auf-der-strasse-wie-sandor-b-sich-zurueckkaempfte
[abgerufen am 07.07.2021]
33
Paegelow, Claus, a.a.O., S. 58

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kurzfristig verhindert werden? Wie geht es zurück zu einem eigenen Wohnraum? Und
wenn dies nicht möglich ist: Wie kann und soll die Zukunft aussehen?

„Ich hätte mich mehr darum kümmern müssen, natürlich. Jeder hat wahrscheinlich mal schwierige
Zeiten. […] Also im Prinzip ist es mein eigener Fehler [sic!] gewesen. […] Das Einzige, was man halt
machen könnte, ist, dass mehr Unterstützung geboten wird, für Menschen, die halt mal Probleme
haben, oder so. […] Und da sind die Hilfen halt sehr bescheiden. (Alleinerziehende Mutter, Fall 23)“34

4.3 Mehrfachbelastung und Selbsthilfekräfte


Die meisten von uns zitierten Fallbeispiele haben gemeinsam, dass sie in auf eine
Mehrfachbelastung bzw. komplexen Problemlagen aufmerksam machen. Im
Kontext einer Biographiearbeit treten Bedingungen hervor, welche als partielle
Ursachen bezeichnet werden können. Entsprechend lassen sich konkrete Situationen
(Auslöser) feststellen, mit welchen die Wohnungslosigkeit eingetreten ist. - Die plural-
istischen und heterogenen Ursachen tragen jedoch ausdrücklich dazu bei. „Knapp
die Hälfte der von Wohnungsverlust betroffenen Menschen gibt mehrere Gründe für
den Wohnungsverlust an. […] Unter den 156 Personen, die einen einzigen Grund für
den Wohnungsverlust nennen, sticht die finanzielle Problematik hervor.“ 35 In
Anbetracht dessen offenbaren sich die Herausforderungen gegenüber den
Hilfsangeboten für wohnungs- & obdachlose Personen: Die (oft weiterhin
bestehenden) individuellen Ursachen erfordern passende, individuelle Hilfestellungen.
Kontextualisieren wir die im dritten Kapitel erwähnte Segregation unserer Gesellschaft
sowie den neoliberalen Duktus der Selbstverantwortung mit diesen Problemfeldern,
wird deutlich, dass die Personen vor allem in den akuten Phasen auf ihre
Selbsthilfekräfte angewiesen sind.
Es gilt also Phänomenen, denen Schuldzuweisungen via Sin- & Sick-Talk
innewohnen, anders zu begegnen und das Ausmaß jener persönlichen Krisen zu
verstehen. Dies geschieht, indem wir einsehen, dass es sich bei besagten
Selbsthilfekräften um Ressourcen handelt, welche bereits aufgrund der
vorangegangenen Ursachen deutlich gefordert wurden und in der entscheidenden

34
Busch-Geertsema, Volker & Henke, Jutta & Steffen, Axel, a.a.O., S. 156
35
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 26

- 17 -
Phase erschöpft sind. Außerdem birgt finanzielle Not auch immer psychische
Belastung, gelegentlich auch vice versa.36 Temporär bei Freund*innen
unterzukommen ist kein Ausweg, sondern wird eher als ein Schritt eines Abstiegs
empfunden. Notunterkünfte oder Schlafstellen sind keine Herbergen, welche Hotels
gleichen, sondern fordern die betroffenen Personen zusätzlich heraus. Temporär oder
längerfristig ohne sicheren, privaten Rückzugsort zu sein, bedeutet, sich unbekannten
Gefahren auszusetzen. Während die erste Krise nicht im resilienten Sinne gemeistert
wird, bahnen sich bereits weitere an. „Bei den meisten Formen der Wohnungslosigkeit
zeigen sich Hygiene, Sicherheit, Konstanz und Privatsphäre überhaupt nicht
gegeben.“37
In Anbetracht medial vermittelter, romantisierter Erfolgsgeschichten über
männliche, weiße, ältere Männer mit fließendsprechendem Deutsch, werden
Personen, welche zuweilen als Randgruppen bezeichnet werden, gerne vergessen:
„AusländerInnen [sind] häufiger von Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und
prekärem Wohnen betroffen als es ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung entspricht.“38
„In anderen Formen der Wohnungs-losigkeit prostituieren sich, überwiegend
weibliche, Wohnungslose und bekommen einen Schlafplatz als Gegenleistung für Sex
[…] und stehen somit in massiven Abhängigkeitsverhältnissen, um nicht auf der Straße
zu schlafen.“39 „Viele Frauen fügen sich lieber ungesunden Abhängigkeits-
beziehungen, als auf der Straße zu schlafen, und landen damit in der sogenannten
verdeckten Wohnungslosigkeit.“40 Das Entwickeln von Bewältigungshandlungen bzw.
Coping-Strategien fällt dementsprech-end nicht leicht und ihr Misserfolg beinhaltet
größtenteils einen zusätzlichen, negativen Effekt.

4.3 Obdachlosigkeit
Auf die Frage nach Ursache und Verantwortlichkeit für Wohnungslosigkeit „gibt es
[daher] weder eine richtige noch eine eindeutige Antwort. Obdachlosigkeit ist die
Konsequenz aus einem hoch komplexen Ursachenkonglomerat, dessen einzelne
Bestandteile sich nur schwer voneinander trennen lassen. Einfache Ursache-

36
Vgl. URL: https://www.derstandard.at/story/2000105470867/psychisch-krank-und-wohnungslos-ein-leben-am-aeussersten-
rand [abgerufen am 07.07.2021]
37
Sonnenberg, Tim, a.a.O., S. 23
38
Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias, a.a.O., S. 19
39
Sonnenberg, Tim, a.a.O., S. 23
40
URL: https://www.derstandard.at/story/2000112106053/von-einem-tag-auf-den-anderen-ohne-wohnung [abgerufen am
01.07.2021]

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Wirkungs-Modelle haben deshalb nur einen geringen Erklärungswert.“41 Während
Wohnungslose sich in verschiedenen Wohnsituationen wie bspw. Übergangs-
wohnheimen, Krankhäusern, Aufnahmeeinrichtungen, Jugendheimen und Frauen-
häusern befinden, existiert für obdachlose Menschen in ihrem Leben auf der Straße
keine vergleichbare Situation, die man als Wohnen bezeichnen könnte. Die
Weltfinanzkrise, welche 2007 ihren Anfang nahm, ließ die Preisblase am amerika-
nischen Immobilienmarkt platzen, schickte tausende Amerikaner*innen auf die Straße,
in Notunterkünfte und Zeltstädte.
Leistbarer Wohnraum ist knapp, Löhne sind zu niedrig, prekäres Leben in
Armut, Arbeitslosigkeit und die Soziale Frage offenbaren, dass (für den Staat)
kostspielige Antworten unausweichlich sind um strukturelle Gründe zu mindern.42 Mit
der Corona-Pandemie waren mehr Menschen mit der Möglichkeit des Wohnungs-
verlustes konfrontiert und mit dem Auslaufen von Corona-Hilfen sowie Mietstundungen
wird erneut mit einer Welle an Delogierungen und Wohnungsnotfällen gerechnet. Dass
solche akuten Situationen jedoch auch bereits vor der Pandemie immer häufiger
wurden, zeigen abermals die Zahlen: Im Jahr 2010 gaben von 26.635 befragten
Europäer*innen 533 Personen an, dass sie es für sehr bzw. ziemlich wahrscheinlich
halten, selbst irgendwann obdachlos zu werden – das sind fast 2 Prozent!43 Zu diesem
Zeitpunkt lag die Zahl registrierter obdachloser Personen in Österreich bei 0,2% der
Gesamtbevölkerung. Als konkrete Antwort auf Wohnungs- und Obdachlosigkeit kann
als viables Mittel letztlich nur Wohnraum, Ausbau der Betreuung, Sozialleistungen als
auch der Hilfsangebote definiert werden.
Seit 2010 hat sich die Zahl EU-weit um 70% erhöht, momentan sind es ca.
700.000 Menschen, die als obdach- oder wohnungslos in offiziellen Zahlen Erwähnung
finden. Der Altersdurchschnitt obdachloser Personen sinkt und es ist ein bedrohliches
Wachstum jugendlicher Obdachloser wahrzunehmen. Die europäische Union hat im
Juni 2021 verkündet, „die Obdachlosigkeit in der EU bis 2030 zu beenden [sic!].“ 44
Internationale Zusammenarbeit soll vertieft, Best-Practice-Beispiele ausgebaut,
finanzielle Hilfen erleichtert werden.

41
Wolf, S., & Kunz S., a.a.O., S. 115
42
„Strukturelle Gründe für Obdachlosigkeit sind zum Beispiel der Rückzug des […] Staates aus der sozialen
Wohnraumversorgung, das Auseinanderbrechen sozialer Netzwerke durch steigende Mobilitätsanforderungen, der Mangel an
bezahlbarem Wohnraum, die allgemeine Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse oder eine fehlerhafte Sozialgesetzgebung.
Ergänzt werden diese Gegebenheiten von systematischen Diskriminierungen.“ In: Wolf, S. & Kunz, S., a.a.O., S. 117
43
Vgl. Special Eurobarometer 355 - Armut und soziale Ausgrenzung, Erhebung durch TNS. In: Special Eurobarometer 355,
Anhang Tabellen, S. 118. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/183356/umfrage/meinung-zur-wahrscheinlichkeit-
von-obdachlosigkeit/ [abgerufen am 01.07.2021]
44
URL: https://www.derstandard.at/story/2000127601664/eu-will-bis-2030-obdachlosigkeit-beenden [abgerufen am 08.07.2021]

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Das österreichische Sozialministerium kündigte an, Projekte der Initiative Wohnungs-
sicherung mit 24 Millionen Euro unterstützen zu wollen.45 Dass dadurch Obdach-
losigkeit beendet wird, erscheint nach unserer Auseinandersetzung offensichtlich
fragwürdig, fehlt es doch an einem längerfristigem Konzept und vermehrter öffentlicher
Wahrnehmung, so geht beispielsweise „[…] hervor, dass nur vier Prozent der
Deutschen persönliche Kontakte zu obdachlosen Menschen haben.“46

5. Housing First
Bei einem der erwähnten Best-Practice-Beispiele handelt es sich um das Prinzip
Housing First, welches Ende 1999 in den USA entwickelt wurde. Erfahrungen mit den
Mehrfachbelastungen und besonders dem steten Wechsel zwischen den temporären
Wohn- bzw. Unterbringungsformen haben zu dieser alternativen Form geführt. Dabei
stehen nicht Hilfsleistungen und Unterstützungsangebote als erstes im Vordergrund,
sondern das Bereitstellen einer leistbaren Wohnung - und zwar so zeitnah wie möglich.
Die betroffenen Personen schließen nach Aufnahmegesprächen, Durchsichtung der
Unterlagen und Feststellung der finanziellen Möglichkeiten sowie Verpflichtungen
einen Mietvertrag ab. Darüber hinaus haben sie auch gewisse Pflichten, werden
allerdings auch individuell betreut. In Wien wurde es von der neunerhaus GmbH
zwischen 2012 und 2015 in Form eines Pilotprojekts erprobt und ausgebaut. Da es
sich als Erfolgsmodell herausgestellt hat, bieten auch andere, u.a. durch den FSW
geförderte, Institutionen (bspw. Caritas und Volkshilfe) bieten diese Form der Hilfe
bereits an 47

6. Schluss
Unser Streifzug durch Definitionen, Statistiken, öffentlicher Wahrnehmung und
potenzieller Ursachen hat gezeigt, dass jede Person ohne eigenem Dach über dem
Kopf individuelle Gründe aufweist und Angebote entsprechend handeln bzw.
angeboten werden müssen. Da wir in einer ökonomisch geprägten Gesellschaft leben,
ist dies stets mit Ressourcen verbunden - mit jenen der betroffenen Personen aber

45
Vgl. Ebd.
46
Wolf, S. & Kunz, S., a.a.O., S. 118
47
URL https://www.neunerhaus.at/konzepte/wohnangebote/neunerhaus-housing-first/ [abgerufen am 10.07.2021], URL:
https://www.caritas-wien.at/hilfe-angebote/obdach-wohnen/mobile-wohnbetreuung/wohnbetreuunghome/housing-first
[abgerufen am 10.07.2021], URL: https://www.volkshilfe-wien.at/soziale-arbeit/wohnungslosenhilfe/mobiles-betreutes-
wohnen/housing-first/ [abgerufen am 10.07.2021], Vgl. https://www.derstandard.at/story/2000105117711/wie-wien-
obdachlosigkeit-drastisch-reduzieren-soll [abgerufen am 08.07.2021]

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auch mit denen der Hilfsangebote. Auslöser lassen sich schnell identifizieren, die
dahinterliegenden, unterschiedlichen Ursachen gilt es jedoch auch zu ergründen. -
Ansonsten führen Aus-wege und Lösungen längerfristig erneut in die Wohnungsnot.
Ungeachtet dessen sind die betroffenen Personen nicht von der Pflicht befreit,
mitzuarbeiten, Empowerment-Motivationen zuzulassen und in Anspruch zu nehmen.
Warum dies allerdings gerade in persönlichen Krisen und in Anbetracht der
Segregation unserer Gesellschaft nicht unbedingt leicht fällt, sehen wir an ihren
Selbsthilfekräften. Diese sind zu einem Zeitpunkt gefordert, wo sie bereits
aufgebraucht sind. Mit einem Dach über dem Kopf wird die Möglichkeit gegeben, diese
Kräfte erneut zu aktivieren, Selbstachtung zu vermitteln und ebenfalls die Bereitschaft
gegenüber Verpflichtungen zu motivieren.

„Ich hatte alles. Motorrad, ein Restaurant, immer Ausflüge und Reisen. Richtig High Life und so. Ich
glaub ich war richtig glücklich, das kannste dir nicht vorstellen. […] Schluss war dann ganz einfach:
Nachts mit dem Motorrad total besoffen gegen den Baum. Kein Gehen für Monate, keine Freunde,
die sind alle weg, das waren keine richtigen Freunde. Bestimmt 10 Mal operiert. […] Der Laden? Na
weg, Freundin auch weg, Wohnung weg, kein Geld, Ich war ja blöde. Sozialhilfe oder so hab ich nicht
gekriegt, ich bin ja Drittstaat. Meine Eltern auch tot, da war keiner, nix, aus, Schluss. […] Hab
organisiert und so. Jeder kam immer zu mir, hey mach doch mal, hilf doch mal. […] Schlafquartier
und so wollte ich nicht, da gab’s Stress, war laut und ich hab da keine Luft gekriegt. Jeder kennt mich.
[…] Aber der ganze Scheiß, wenn dann die Leute sterben oder du hörst die haben einen angezündet,
da denkste dir, scheiße, wir Menschen sind doch alle krank im Kopf und das sind wir auch irgendwie.
[…] Ich hab’s jetzt geschafft. Ich hab ne Wohnung, das mit dem Saufen ist besser geworden aber ich
krieg’s nicht weg. Das dauert. […] Ich arbeite in einer Küche, jeden Tag ein paar Stunden und dann
komm ich da zurück in mein Zimmer, so meine eigenen vier Wände und so. Es ist immer noch nicht
leicht, ist manchmal auch komisch, da drückt’s mich richtig runter. […] Aber dass ich da bin wo ich
jetzt bin, das hätt‘ ich nie gedacht.“ 48

48
◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼◼

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7. Literaturverzeichnis

7.1 Primärliteratur
Busch-Geertsema, Volker & Henke, Jutta & Steffen, Axel. (2019): Forschungsbericht
Entstehung, Verlauf und Struktur von Wohnungslosigkeit und Strategien zu ihrer
Vermeidung und Behebung - Ergebnisbericht - 534. Berlin: Bundesministerium für
Arbeit und Soziales

Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias (2019): Obdachlosigkeit,
Wohnungslosigkeit und prekäres Wohnen. Ausmass, Profil und Bedarf in der Region
Basel, Basel: LIVES Working Paper

Glaser, Thomas & Blüher, Marlene (2021): Kennzahlen zu Lebensbedingungen 2019,


Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz
(BMSGPK). Wien: BMSGPK

Huser, Ernst-Urlich & Boeck, Jürgen & Mogge-Grothjahn, Hildegard (Hrsg.) (2008):
Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung. Wiesbaden: VS Verlag

Mauch, Uwe (2016): Die Armen von Wien. Wien: ÖGB Verlag

Mansel, J., & Endrikat, K. (2007): Die Abwertung von "Überflüssigen" und "Nutzlosen"
als Folge der Ökonomisierung der Lebenswelt: Langzeitarbeitslose, Behinderte und
Obdachlose als Störfaktor. Soziale Probleme, 18(2), 163-185. URL: https://nbn-
resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-246056 [abgerufen am 25.06.2021]

Paegelow, Claus (2012): Handbuch Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Bremen:


Selbstverlag Paegelow

Roidl, Sabine (2020): Ohne Dach, ohne Ofen, ohne Bett. München: Allitera

Sanatanas, Robert Lucas (2016): Obdachlos - Porträts vom Leben auf der Straße.
Freiburg im Breisgau: Herder

- 22 -
Sonnenberg, Tim (2021): Wohnungslosigkeit - Eine phänomenologische Analyse. In:
Borstel et al (Hrsg.) (2021): Die „Unsichtbaren“ im Schatten der Gesellschaft -
Forschungen zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit am Beispiel Dortmund. Wiesbaden:
Springer

Tadelbaum, Lucius (2013): Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Münster:


Unrast

Teichler, Nils & Wimmer, Christoph (2021): Die im Dunkeln. In: Tagebuch Magazin.
URL: https://tagebuch.at/politik/die-im-dunkeln/ [abgerufen am 02.07.2021]

Wolf, S., & Kunz, S. (2017): Die Schuldfrage der Obdachlosigkeit im gesellschaftlichen
Diskurs. Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK), (6), 111-126. URL:
https://journals.sub.uni-hamburg.de/hjk/article/view/1081, [abgerufen am 25.06.2021]

7.2 Zeitungsartikel
URL: https://www.derstandard.at/story/2000123296307/kaelteeinbruch-sorgt-fuer-
grossen-andrang-in-obdachlosen-notquartieren-in-wien [abgerufen am 01.07.2021]

URL: https://www.derstandard.at/story/2000112106053/von-einem-tag-auf-den-
anderen-ohne-wohnung [abgerufen am 01.07.2021]

URL: https://www.derstandard.at/story/2000103687273/zehn-jahre-auf-der-strasse-
wie-sandor-b-sich-zurueckkaempfte [abgerufen am 07.07.2021]

URL: https://www.derstandard.at/story/2000105470867/psychisch-krank-und-
wohnungslos-ein-leben-am-aeussersten-rand [abgerufen am 07.07.2021]

URL: https://www.derstandard.at/story/2000127601664/eu-will-bis-2030-
obdachlosigkeit-beenden [abgerufen am 08.07.2021]

- 23 -
URL: https://www.derstandard.at/story/2000105117711/wie-wien-obdachlosigkeit-
drastisch-reduzieren-soll [abgerufen am 08.07.2021]

URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/59224/Alkoholismus-bei-Obdachlosen-
beginnt-oft-schon-in-der-Kindheit, [abgerufen am 09.07.2021]

8. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis


Tabelle 3 - ETHOS - Europäische Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit
& prekäre Wohnversorgung. In: Drilling, Matthias & Dittmann, Joerg & Bischoff, Tobias
(2019): Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäres Wohnen. Ausmass, Profil
und Bedarf in der Region Basel, Basel: LIVES Working Paper, S. 16, ................... S. 6

Abbildung 1 - Statistik Austria, Statistik des Bevölkerungsstandes, Aus: BMSGPK


Kennzahlen zu Lebensbedingungen 2019. In: Glaser, Thomas & Blüher, Marlene
(2021): Kennzahlen zu Lebensbedingungen 2019, Bundesministerium für Soziales,
Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK). Wien: BMSGPK, ........... S.7

Abbildung 4 - Kund*innen des FSW und ihrer Kooperationspartner*innen im Zeitraum


des Jahres 2019. In: Fonds Soziales Wien (Hrsg.) (2020): Wohnungslosenhilfe in
Wien. Grafiken und Daten zu KundInnen, Leistungen & Partnerorganisationen. URL:
https://www.fsw.at/downloads/ueber-den-FSW/zahlen-daten-
fakten/fakten/factsheet_Wohnungslosenhilfe.pdf [abgerufen am 02.07.2021] ....... S.8

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