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Vorlesung: Prof. Dr.

Gerhard Minnameier
Übung und Mentorien: Tim Bonowski, Dr. Tim-Philipp Bruns, Philipp Hey

Wirtschaftsethik (BWET) –
Sommersemester 2021
Organisatorisches

Vorlesung: Di, 16 Uhr s.t., Beginn 13.04.2021


(online auf OLAT [Videos werden dort verlinkt] + Forum)
Übung: Mi, 18 Uhr s.t., unger. Wochen, Beginn 28.04.2021
(Video u.a. Materialien sowie Forum auf OLAT)
Mentorien: (s. OLAT: textbasiert)
Prüfung: 90-minütige Klausur (Inhalte aus Vorlesung, Übung und Mentorien)
→ Vorlesung: ca. 60%, Übung/Mentorien: ca. 40%
→ Anmeldung/Rücktritt über QIS bis 11. Juni 2021
Tutorial: For foreign students ONLY:
Tutor: Jana Riepenhausen, E-Mail: riepenhausen@soz.uni-frankfurt.de
“If you feel you need some support, send an email so we can arrange an
online meeting.”

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Qualifikationsziele und Kompetenzen (BPO)

Die Studierenden…
besitzen fundiertes Wissen über das Verhältnis von Ethik und
Ökonomik (im Lichte jeweils verschiedener Konzeptionen).
können wirtschaftliche Probleme unter ethischen Aspekten an-
gemessen reflektieren.
erkennen die Relevanz der Ökonomik und der Betriebswirt-
schaftslehre für die Lösung ethischer Probleme.
können Problemstellungen unter individual-, unternehmens- und
ordnungsethischen Aspekten differenziert analysieren.
können entsprechend ethisch und ökonomisch verantwortungs-
voll entscheiden und handeln.

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Principles of Responsible Management Education
(PRME; www.unprme.org)
P 1 | Purpose: We will develop the capabilities of students to be future generators of
sustainable value for business and society at large and to work for an inclusive and
sustainable global economy.
P 2 | Values: We will incorporate into our academic activities and curricula the values of global
social responsibility as portrayed in international initiatives such as the United Nations
Global Compact.
P 3 | Method: We will create educational frameworks, materials, processes and environments
that enable effective learning experiences for responsible leadership.
P 4 | Research: We will engage in conceptual and empirical research that advances our
understanding about the role, dynamics, and impact of corporations in the creation of
sustainable social, environmental and economic value.
P 5 | Partnership: We will interact with managers of business corporations to extend our
knowledge of their challenges in meeting social and environmental responsibilities and to
explore jointly effective approaches to meeting these challenges.
P 6 | Dialogue: We will facilitate and support dialog and debate among educators, students,
business, government, consumers, media, civil society organisations and other interested
groups and stakeholders on critical issues related to global social responsibility and
sustainability.
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Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Datum Thema
13.04. 1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
20.04. 2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
27.04. 3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
04.05. 4. Theorien der Wirtschaftsethik
11.05. 5. CSR I: Grundlagen
18.05. 6. CSR II: Business Case for CSR
25.05. 7. CSR III: Beyond the win-win?
01.06. 8. Ordonomik: Moral und Institutionen
08.06. 9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
15.06. 10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
22.06. 11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
29.06. 12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
06.07. 13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
13.07. 14. Klausurvorbereitung: Fragen

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Ethik und Ökonomik – Moral und Profit

1. Wirtschaft und Ethik – eine pragmatische Annäherung


1. Wirtschaftsethik – ein Oxymoron?
2. Wirtschaftsethik in Zahlen

2. Gewinnstreben und Ethik


1. Gerechte Preise und rechtmäßige Gewinne
2. Profitstreben im marktwirtschaftlichen Kontext

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1.1. „Wirtschaftsethik“ – ein Oxymoron?

„Sie wollen Wirtschaftsethik studieren? –


Dann entscheiden Sie sich für das eine
oder das andere!“
Karl Kraus
(1874-1936)

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2011

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Ethik Ökonomik

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1.2. Wirtschaftsethik in Zahlen
Daten aus dem „Atlas of Sustainable Development Goals 2019“ der Weltbank:

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Menschen, die von < 1,90 $
am Tag leben (Mio.) (PPP 2011)

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Unterentwicklung von Kindern

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Entwicklung der Weltbevölkerungszahl von Christi Geburt bis zum Jahr 2020 (in
Milliarden)*
Entwicklung der Weltbevölkerungszahl von Christi Geburt bis 2020

8 7,63 7,71 7,79


7,38 7,46 7,55
6,96
7 6,54
Weltbevölkerung in Milliarden

6,14
6
5,33
5
4,46

4 3,7
3,03
3 2,54

2 1,65
1,26
0,98
1 0,79
0,4 0,5
0,3 0,31
0
0 1000 1250 1500 1750 1800 1850 1900 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2005 2010 2015 2016 2017 2018 2019 2020
M2

Weltweites Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen von 1980 bis 2018 und
Prognosen bis 2024 (in Billionen US-Dollar)
Weltweites Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2024

120 111,57
105,79
Bruttoinlandsprodukt in Billionen US-Dollar

100,41
100 95,35
90,52
86,6
84,93
78,94 80,26
76,84
74,69 75,82
74,78
80 73,31
63,78 66,07
58,16 60,44
60 51,54
47,57
43,91
39
40 33,86
32,78 34,74
33,61
31,88
31,02 31,81
31,67
27,83
25,88
25,2
24,36
23,52
20
16,8919
14,68
20 11,16
11,42 11,51
11,21 12,45
11,91

0
1980
1981
1982
1983
1984
1985
1986
1987
1988
1989
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019*
2020*
2021*
2022*
2023*
2024*
Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Wirtschaftswachstum

 1980 bis 2024: Doppelt so viele Menschen produzieren zehnmal so viel.


Folie 16

M2 Minnameier; 07.04.2020
Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2013): Fertilität und Geburtenentwicklung

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Einkommensungleichheit im internationalen
Vergleich (Gini-Koeffizient)

Quelle OECD (Daten 2014)


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Relative Einkommensentwicklung in Deutschland

OECD-Daten D

Jahr Gini
1985 0,26
2000 0,27
2005 0,26
2006 0,27
2007 0,30
2008 0,30
2009 0,29
2010 0,29
2011 0,29
2012 0,28
2013 0,30
2014 0,31

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Entwicklung der Armutsrisikoquote und des Gini-Koeff.

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Durchschnittliche verfügbare Einkommen in Dtschl.

IMK Report 129, September 2017

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Entwicklung der mittleren Einkommensschicht in D.

IMK Report 129, September 2017


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2. Gewinnstreben und Ethik
2.1. Gerechte Preise und rechtmäßige Gewinne
Aristoteles‘ Unterscheidung zwischen rechter und unrechter Erwerbskunst:

Ökonomik Chrematistik

… erklärt Kauf und


…erklärt den vernünf-
Tausch; ist auf den
tigen Gebrauch und die
Tauschwert der Güter,
richtige Verwaltung von
nicht auf deren Verwen-
Besitz und Haus
dung ausgerichtet.

Rechte Erwerbskunst: um Falsche Erwerbskunst:


der Versorgung willen um des Profits willen
(Politik, 1256 a 3 ff.)
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2. Gewinnstreben und Ethik
2.2. Profitstreben im marktwirtschaftlichen Kontext

„Der Athener Demades verurteilte einen Bürger seiner


Stadt, dessen Metier es war, die für Bestattungen not-
wendigen Dinge zu verkaufen, mit der Begründung,
daß er einen zu hohen Preis dafür fordre, den er ohne
den Tod so vieler Leute niemals erzielen würde. Dieses
Urteil scheint mir verfehlt, da man Profite allein auf Ko-
sten anderer erzielt und demnach jede Art von Gewinn
verurteilt werden müsste. Der Kaufmann kann nur durch
die Verschwendungssucht der Jugend gute Geschäfte
machen, der Bauer nur durch die Getreideteuerung, der Architekt nur durch
den Einsturz der Häuser, und die Richter und Advokaten leben von den Pro-
zessen und Streitigkeiten der Leute; sogar Ansehen und Amt der Diener
Gottes verdanken sich unseren Lastern und unserm Tod“ (Montaigne,1580-
1588/1998, 60 [Essais,1. Buch, 22. Essay]).

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2. Gewinnstreben und Ethik
2.2. Profitstreben im marktwirtschaftlichen Kontext

„Eine Ratte ist eine widerliche Sache; allerdings ist


während der Besetzung von Casalino aus Gründen
der Knappheit eine für zweihundert Florentiner ver-
kauft worden, wobei der Preis dafür nicht teuer war,
denn derjenige, der sie verkaufte, ist gestorben, und
derjenige, der sie kaufte, konnte dem Tod entfliehen“
(Davanzati, 1588 [Lezione delle monete] zit. n. Koch
1995, 184).

Koch, C. (1995): Die ökonomische Werttheorie aus philosophischer Perspektive. Aachen: Shaker.

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2. Gewinnstreben und Ethik
2.2. Profitstreben im marktwirtschaftlichen Kontext

Antike/
Moderne
Mittelalter
rechtmäßiger Ge- Gewinn als Anreiz
winn als normatives für Innovation und
Konzept Investition

Hohe Gewinne  Hohe Gewinne 


Wohltätigkeit Steuerung

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2. Gewinnstreben und Ethik
2.2. Profitstreben im marktwirtschaftlichen Kontext
1. In der Marktwirtschaft ist Wettbewerb kein „Betriebsunfall“!
2. Wettbewerb im modernen Sinn meint nicht nur das (natürliche) Motiv, sich mit
anderen zu messen. Es geht um einen Systemimperativ, dem sich alle stellen
müssen, ob man will oder nicht. (→ Funktionslogik moderner Marktwirtschaften)
3. Ursache-Wirkungsbeziehungen:

Ursache → Wirkung Eingeninter. Hdln. als U. bzw. W.

Vorteilsstreben → Wettbewerb primär vormoderne Sichtweise

Wettbewerb → Vorteilsstreben moderne Sichtweise

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Smiths „Unsichtbare Hand“

„Nicht vom Wohlwollen des Metzgers,


Brauers und Bäckers erwarten wir das,
was wir zum Essen brauchen, sondern
davon, dass sie ihre eigenen Interessen
wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an
ihre Menschen- sondern an ihre Eigen-
liebe, und wir erwähnen nicht die eige-
nen Bedürfnisse, sondern sprechen von
ihrem Vorteil“ (WN,1776/1974, 17).

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Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft (Bsp.)
Preisträger Begründung Preisträger Begründung
R. Thaler (2017) Für seine Beiträge zur Daniel Kahneman „Für das Einführen von Einsichten der
Verhaltensökonomik (2002) psychologischen Forschung in die
Wirtschaftswissenschaft …“
O. Hart/ Für ihre Beiträge zur Amartya Sen „Für seine grundlegenden theoretischen
B. Holström Vertragstheorie (1998) Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie, u. a.
(2016) in Entw.-ländern“
A. Deaton (2015) Für seine Analysen von Konsum, J. Harsanyi/ „Für ihre grundlegende Analyse des
Armut und Wohlfahrt J.F. Nash/ Gleichgewichts in nicht-kooperativer
R. Selten (1994) Spieltheorie“
J. Tirole „Für seine Analyse der Macht und G. S. Becker „Für seine Ausdehnung der mikro-
(2014) der Regulierung der Märkte“ (1992) ökonomischen Theorie auf einen weiten
Bereich menschlichen Verhaltens …“
E. Ostrom „Für ihre Analyse ökonomischen J. M. Buchanan „Für die Entwicklung der kontrakt-
(2009) Handelns im Bereich (1986) theoretischen und konstitutionellen
Gemeinschaftsgüter“ Grundlagen der ökonomischen und
politischen Beschlussfassung“
R.Aumann/ „Für ihre grundlegenden Beiträge F. A. v. Hayek/ „Für … ihre tiefgründigen Analysen der
T. Schelling zur Spieltheorie und zum besseren G. Myrdal wechselseitigen Abhängigk. v. wirtsch.,
(2005) Verständn. v. Konflikt u. Kooperat.“ soz. und institutionellen Verhältnissen“
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 29
Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

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Moral, Ethik und Ökonomik –
Begriffliche Grundlagen

1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1. Kritischer Rationalismus als Ausgangspunkt
2. Kritischer Realismus und Covering Law Model
3. Methodologischer Falsifikationismus
4. Wertfreiheitspostulat

2. Konzepte der Ethik


1. Moral, Ethik, Metaethik
2. Moral und Moralurteile
3. Strukturen moralischen Denkens

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1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.1. Kritischer Rationalismus als Ausgangspunkt

Der Kritische Rationalismus geht zurück auf Karl Popper und Hans Albert und
kann auch heute noch als das zentrale wissenschaftstheoretische Paradigma
angesehen werden, nach dem in den Wirtschaftswissenschaften und in der
Wirtschaftspädagogik Forschung betrieben wird.

Grundlegend sind folgende Elemente:

I. Kritischer Realismus
II. Methodologischer Falsifikationismus
III. Wertfreiheitsprinzip

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1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.2. Kritischer Realismus und Covering Law Model

Kritischer Realismus bedeutet:

1. Es gibt eine von unserer Wahrnehmung unabhängige objektive Realität.

Ontologie Epistemologie
2. Diese Realität besteht in Form von Tatsachen, insbes. Ursache-Wirkungsbezie-
hungen zwischen Objekten/Entitäten. (Wertungen u. Normen zählen nicht dazu!)
3. Die objektive Realität ist für uns nicht direkt erkennbar. Wir bilden (bzw. erfin-
den) „kühne Hypothesen“, die an der Realität scheitern können (müssen).
4. Deshalb müssen Theorien empirisch prüfbar sein.
5. Theorien haben die Form allgemeiner Gesetzesaussagen mit WENN-DANN-
Struktur: ∀𝑥 𝐹𝑥 → 𝐺𝑥 , z.B.:
„Alle Schwäne sind weiß.“
„Je höher das Einkommen eines Menschen, desto mehr gibt er für Konsum aus.“
„Je höher das Einkommen e. M., desto geringer ist der Anteil der Konsumausgaben.“

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1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.2. Kritischer Realismus und Covering Law Model

Covering Law Model:


L: „Je höher das Einkommen eines Menschen, desto mehr gibt er für Konsum aus.“
C: „Das Einkommen von Liesel Müller ist gegenüber dem Vorjahr real um 5% gestiegen.“
E: „Liesel Müllers Konsumausgaben sind gegenüber dem Vorjahr real um 3% gestiegen.“

𝐶1 , 𝐶2 , … , 𝐶𝑘 Antecedensbedingungen
Explanans
Logische 𝐿1 , 𝐿2 , … , 𝐿𝑟 Allgemeine Gesetze
Deduktion
𝐸 Beschreibung des zu Explanandum
erklärenden Phänomens
 
Hempel, C. G., & Oppenheim, P. (1948). Studies in the logic of explanation.
Philosophy of Science 15 (2), 135-175, S. 138.

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1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.2. Kritischer Realismus und Covering Law Model

Pragmatischer Aspekt von Theorien (Anwendung) in kritisch-rat. Sicht:

Prognose Erklärung Technologie


P1: Allg. Gesetz A→B A→B A→B

P2: Gegebenes a b b!

K: Konklusion b a a!

Nota bene:
 Nur die „Prognose“ ist deduktionslogisch gültig!
 „Technologie“ enthält eine normative Prämisse, die exogen vorgegeben sein muss!

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1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.3. Methodologischer Falsifikationismus

(1) Wie gesagt, erkennen wir die Welt nicht, wie sie ist (s.o.). Wir erfinden
theoretische Konzepte („Intelligenz“, „Inflation“, „Kapital“), die wir nicht
einfach vorfinden.

(2) Auch noch so geniale Theorien haben sich im Nachhinein als falsch bzw.
nicht umfassend gültig erwiesen. Auch die aktuellen sind vermutlich
früher oder später überholt.

(3) Die Induktion wird deshalb sowohl als Methode der Theorieentwicklung
(Entdeckungszusammenhang) als auch als Methode zum Beweis ihrer
Wahrheit (Begründungszusammenhang) als unzulänglich abgelehnt.
( Poppers Induktionskritik).

(4) Daraus resultiert: Theorien lassen sich nicht verifizieren! – Aber …

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 36


1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.3. Methodologischer Falsifikationismus

(5) Theorien lassen sich nach KR Auffassung jedoch falsifizieren!

(6) Deshalb ist nach solchen empirischen Fällen bzw. Situationen Ausschau
zu halten, welche die Theorie widerlegen könnten (z.B. Suche nach
theoriewidrigen schwarzen Schwänen als nach bestätigenden weißen.)

(7) Theorien, die viele ernsthafte Falsifikationsversuche überstanden haben,


gelten nicht als „wahr“, sondern als (vorläufig) „bewährt“.

(8) Dies führt philosophisch zur Aufgabe des Letztbegründungsanspruchs.


Alle Versuche in dieser Richtung enden im sog. Münchhausentrilemma:
- infiniter Begründungsregress,
- logischer Zirkelschluss oder
- pragmatischer Begründungsabbruch.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 37


1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.4. Wertfreiheitspostulat

Gemäß KR haben wissenschaftliche Theorien die Welt zu erklären, wie sie ist.
Wissenschaft in diesem Sinn beschränkt sich auf positive Erkenntnis.

 Normen und Wertungen können selbst nicht Anspruch auf


Wissenschaftlichkeit in diesem Sinne erheben.

 Normen und Wertungen können dennoch Bestandteil oder Gegenstand


von Theorien sein.
 Bestandteil: z.B. „Inequity Aversion“ (Fehr & Schmidt) als Ansatz im Bereich Theorien
sozialer Präferenzen  Normative Fakten

 Gegenstand: z.B. „Steuerflucht/-optimierung“ als Gegenstand  Erklärung und


entsprechende Generierung potentieller Lösungen.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 38


1. Wissenschaftstheoretische Einordnung
1.4. Wertfreiheitspostulat

Metatheoretischer Bereich
Sprachanalytische

(Wissenschaftstheorie)
Differenzierung

Wissenschaftliche Theorien wertfrei!

Objektbereich

 Welcher Platz bleibt für (Wirtschafts-)Ethik und normative Fragen?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 39


2. Konzepte der Ethik

1. Moral, Ethik, Metaethik

2. Moral und Moralurteile

3. Strukturen moralischen Denkens

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 40


2.1. Moral, Ethik, Metaethik

Metaethik

Ethik

Moral
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 41
Ethik als Theorie der Moral

zwei Hauptdenk-
richtungen

Deontologische Ethik Konsequentialistische E.

Ableitung konkreter Bestimmung konkreter


Handlungsnormen aus Handlungsnormen aus
grundlegenden den absehbaren
Pflichten (z.B. KI) Handlungsfolgen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 42


Deontologische und konsequentialistische Ethik

Handlungs-
Handlungsfolgen
alternativen
H1: Produktion mit F11 F12 … F1n
Kinderarbeit
H2: Produktion F21 F22 … F2n
ohne Kinderarbeit
… … … … …
Hn Fn1 Fn2 … Fnn

Deontol. Konsequential.
Ethik Ethik
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 43
Metaethik

„Metaethics is the attempt to understand the metaphysical, epistemological,


semantic, and psychological, presuppositions and commitments of moral
thought, talk, and practice. As such, it counts within its domain a broad range
of questions and puzzles, including: Is morality more a matter of taste than
truth? Are moral standards culturally relative? Are there moral facts? If there
are moral facts, what is their origin? How is it that they set an appropriate
standard for our behavior? How might moral facts be related to other facts
(about psychology, happiness, human conventions…)? And how do we learn
about the moral facts, if there are any? These questions lead naturally to
puzzles about the meaning of moral claims as well as about moral truth and
the justification of our moral commitments” (Sayre-McCord, 2014).

Sayre-McCord, Geoff, "Metaethics", The Stanford Encyclopedia of


Philosophy (Summer 2014 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL =
<https://plato.stanford.edu/archives/sum2014/entries/metaethics/>.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 44


Anerkannte metaethische Prinzipien

Hume‘sches Gesetz:
 Von einem Sein kann nicht auf ein Sollen geschlossen werden.
(Logische [syntaktische] These zur Struktur ethischer Begründungen)
Zum Beispiel kann man nicht von der Tatsache, dass wir in einer Marktwirtschaft leben,
darauf schließen, dass dies auch so sein solle. (ohne norm. Präm., keine norm. Konkl.!)

Naturalistischer Fehlschluss (G. E. Moore, 1903):


 Aus dem Vorliegen einer Tatsache kann nicht darauf geschlossen
werden, dass sie auch ethisch gerechtfertigt sei.
(Semantische These zur Nicht-Reduzierbarkeit der Bedeutung von „gut“ auf
naturalistische Begriffe, d.h. dass Fakten keine Normen innewohnen)
Zum Beispiel kann man nicht von der Tatsache, dass die meisten Gesellschaften
marktwirtschaftliche Prinzipien implementiert haben, schließen, dass diese auch ethisch
gerechtfertigt seien. Ebenso wenig kann man vom – evolutionstheoretisch begründeten –
„Recht des Stärkeren“ darauf schließen, dass dies auch normativ verbindlich sei.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 45


2.2. Moral und Moralurteile
Was ist Moral?

(kulturell bedingtes)
positiv Regelwerk sozialer
Normen
Moral
Moralischer
Begründung und Skeptizismus
normativ Rechtfertigung
sozialer Normen Moralischer
Realismus

Gert, B., & Gert, J. (2017), "The Definition of Morality", The Stanford
Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL
= <https://plato.stanford.edu/archives/fall2017/entries/morality-
definition/>.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 46
2.2. Moral und Moralurteile
Wie bestimmt man den Bereich des Moralischen?

Drei
Möglichkeiten

moralische moralische moralische


Sprechweisen Emotionen Sanktionen

„gut“, „richtig“ Empörung, Verachtung,


gerechter Zorn, gesetzliche
„sollen“, „müssen“ Gewissensbisse Strafen

Vgl. Birnbacher, D. (2007). Analytische Einführung in die Ethik. (2. Aufl.). Berlin: de Gruyter

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 47


2.2. Moral und Moralurteile
Was ist ein moralisches Urteil?

a) „Traurig, aber wahr: Alljährlich richten Wirbelstürme allein in den


USA einen Schaden von 1,8 Mrd. Dollar an!“

b) „Wir müssen mehr in CSR punkten und ein Wertemanagement-


system aufsetzen, sonst läuft uns die Konkurrenz davon!“

c) „Die einen sind für den Mindestlohn, die anderen dagegen. Ich
jedenfalls bin dafür!“

d) „Die Klimaziele haben höchste Priorität, außer wenn es um die


heimische Braunkohle geht!“

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 48


2.2. Moral und Moralurteile
Was sind moralische Urteile?
Moralische
Urteile

Handlungs- intersubjektive Universalisier-


Kategorizität
bezug Verbindlichkeit barkeit

Willens- Moralische
gesteuertes Prinzipien sind Andere sollten
Selbstzweck Rückführung auf
Tun oder zustimmen; keine Kriterien, die
Unterlassen bloße Frage unabhängig von
(Subjekt pers. Meinungen Personen oder
entscheidet) Situationen sind.

Vgl. Birnbacher, D. (2013). Analytische Einführung in die Ethik. (3. Aufl.). Berlin: de Gruyter
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 49
2.2. Moral und Moralurteile
Moralität versus Klugheit
Moral- Klugheits-
Urteile urteile

Normen … Normen …

im Interesse aller Betroffenen im Interesse des Adressaten

auf Basis von


auf Basis ethischer/
Sachzusammenhängen
moralischer Prinzipien
(vgl. technologische Theorien)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 50


2.2. Moral und Moralurteile
Drei Grundarten von Aussagen

Aussagen

Deskriptionen Normen Wertungen

wahr/falsch richtig/falsch angenehm/ unangen.

Fragen des Seins Fragen des Sollens Fragen d. subj. Empf.

objektiv, wahrheitsf. intersubj., konsensf. intra-subjektiv

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 51


2.3. Strukturen moralischen Denkens
Kohlbergstufen

Postkonventionell (Ebene III)


6. Universelle Prinzipien
5. Sozialvertrag/Menschenrechte

Konventionell (Ebene II)


4. Systemperspektive
3. Orientierung an sozialen Normen/Goldene Regel

Präkonventionell (Ebene I)
2. Austauschgerechtigkeit
1. Autorität/Gehorsam

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 52


2.3. Strukturen moralischen Denkens
Neo-Kohlberg‘sche Moraltheorie

TRANS

INTER

INTRA

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 53


2.3. Strukturen moralischen Denkens
Neo-Kohlberg‘sche Moralstufen
Stufe Unterst. Prinzip (Bsp.)
3 C Recht; (staatliche) Autorität
B Kulturelle Normen (Sitte und Anstand)
A Gruppenperspektive (Familie; Unternehmen)
2 C Goldene Regel (einfache Form: „Was du nicht willst, …“)
B Vertrag/Versprechen (Aushandlung gem. Interessen)
A Subjektive Interessen (egoistische und altruistische)
1 C Bedarfs- und leistungsgerechtes Teilen (Equity)
B Striktes Teilen/Abwechseln
A Anerkennung legitimer Besitzansprüche

Minnameier, G. (2000). Strukturgenese moralischen Denkens - Eine Rekonstruktion der Piagetschen Entwicklungslogik
und ihre moraltheoretischen Folgen. Münster: Waxmann
Minnameier, G. (2014). Moral aspects of professions and professional practice. In S. Billet, C. Harteis & H. Gruber
(Eds.), International handbook of research in professional and practice-based learning (pp. 57-77). Berlin: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 54


2.3. Strukturen moralischen Denkens
Neo-Kohlberg‘sche Moralstufen (Fortsetzung)
Ebene Stufe Unter-
Stufen
III 9 A, B, C
8 A, B, C Metaethik
7 A, B, C
II 6 A, B, C
5 A, B, C Ethik
4 A, B, C
I 3 A, B, C
2 A, B, C Moral
1 A, B, C
Minnameier, G. (2000). Strukturgenese moralischen Denkens - Eine Rekonstruktion der Piagetschen Entwicklungslogik
und ihre moraltheoretischen Folgen. Münster: Waxmann
Minnameier, G. (2014). Moral aspects of professions and professional practice. In S. Billet, C. Harteis & H. Gruber
(Eds.), International handbook of research in professional and practice-based learning (pp. 57-77). Berlin: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 55


Antike versus moderne Ethik:
Bsp. Naturrecht – alt und neu

Für beide Konzeption gilt, dass „Naturrecht“ vom positiven Recht


unterschieden wird.

Antikes (u. mittelalterl.) Naturrecht Neuzeitliches Naturrecht

Kosmische, auf Zwecke ausgerich- Menschliche Vernunft, die Situation


tete Vernunft, die der Mensch des Einzelnen in der (sozialen) Welt
nachzuvollziehen versucht. analysierend.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 56


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 57


Wohlfahrtsökonomik und Ethik

1. Wohlfahrtsökonomik
1. Erster Hauptsatz
2. Zweiter Hauptsatz
3. Dritter Hauptsatz

2. John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit


1. Ausgangssituation
2. Urzustand
3. Gerechtigkeitsprinzipien
4. Überlegungsgleichgewicht

3. Rawls-Kritik
1. Kommunitaristische Kritik
2. Moderner Kosmopolitismus

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 58


Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik

1. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes Wettbewerbsgleichgewicht stellt ein simultanes Pareto-
Optimum in Güterproduktion und Gütertausch dar.

2. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes (theoretisch) denkbare Pareto-Optimum ist prinzipiell auch
realisierbar (durch Umverteilungsmaßnahmen).

3. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Es lässt sich kein Optimum optimorum ableiten.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 59


Edgeworth-Box und Pareto-Optimum

xA
2
B
x1B

x1A
A
xB2

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 60


Starkes und schwaches Paretoprinzip

 Schwaches Pareto-Prinzip:
Eine Gruppe von Individuen präferiert Zustand B
gegenüber Zustand A, wenn alle Individuen in B einen
höheren Nutzen haben.
 Starkes Pareto-Prinzip:
Eine Gruppe von Individuen präferiert Zustand B
gegenüber Zustand A, wenn zumindest ein Individuum in
B einen höheren Nutzen hat und niemand in B schlechter
gestellt ist als in A.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 61


Kontraktkurve
(Gleichgewichte
A
auf dem Gütermarkt)
x2
B
x1B

x1A
A
xB2

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 62


Produktion zweier Güter (X1 und X2) mit zwei
Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital)
KX1
X2
AX2

AX1
X1
KX2
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 63
Kurve effizienter Produktion
(Gleichgewichte auf dem Faktormarkt)
KX1
X2
AX2

AX1
X1
KX2
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 64
Transformationskurve (Punkte auf der Kurve effizienter Produktion,
übertragen in ein Diagramm mit den Mengen von X1 und X2 als Achsen)
X2
T

X1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 65


Produktionsmöglichkeiten und gesellschaftliche
Indifferenzkurve
X2
T

I
P

X1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 66


Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik

1. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes Wettbewerbsgleichgewicht stellt ein simultanes Pareto-
Optimum in Güterproduktion und Gütertausch dar.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 67


Problem

“Da die gesellschaftlichen Indifferenzkurven zu gegebenen Anfangs-


verteilungen von Gütern und Nutzen korrespondieren, kann jede
Transformationskurve von beliebig vielen gesellschaftlichen In-
differenzkurven tangiert werden, wenn man die Ausgangsver-
teilungen umverteilt. Somit gibt es prinzipiell beliebig viele Wettbe-
werbsgleichgewichte” (Klump, 2006, 232, Hervorh. G.M.).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 68


Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik

1. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes Wettbewerbsgleichgewicht stellt ein simultanes Pareto-
Optimum in Güterproduktion und Gütertausch dar.
2. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:
Jedes (theoretisch) denkbare Pareto-Optimum ist prinzipiell auch
realisierbar (durch Umverteilungsmaßnahmen)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 69


Von der Kontraktkurve zur Nutzenverteilungskurve
• Betrachten wir noch einmal die Kontraktkurve. Zugrunde
liegt ein bestimmtes Güterbündel. Die Punkte auf der
P2 P3 Kontraktkurve markieren effiziente Allokationen auf die
P1 Haushalte gemäß Paretokriterium.
• Jeder Punkt steht dabei für eine bestimmte Nutzenvertei-
lung, aus der wir eine Nutzenverteilungskurve konstruie-
ren können (deren Werte allerdings nur ordinal zu inter-
P1 pretieren sind).
uB
P2 • Die Nutzenverteilungskurve bildet die auf Basis dieses
Q Güterbündels möglichen Nutzenverteilungen ab.
P3 • Sie entspricht damit lediglich einem Punkt der Transfor-
mationskurve.
• Entsprechend gibt es für jeden Punkt auf (und unter-
halb) der Transformationskurve eine Nutzenverteilungs-
Q kurve.
uA
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 70
Nutzenmöglichkeitskurven
uB

Q1

Q2

Q3

Q3 Q1 Q2

uA
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 71
Wohlstandsgrenze
uB
G

Q1 R1

Q2

Q3
R2

G
Q3 Q1 Q2

uA
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 72
Wohlfahrtsoptimum (auf Basis einer allgemein
zustimmungsfähigen Verteilung)?
uA

G
uB

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 73


Hauptsätze der Wohlfahrtsökonomik

1. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes Wettbewerbsgleichgewicht stellt ein simultanes Pareto-
Optimum in Güterproduktion und Gütertausch dar.

2. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Jedes (theoretisch) denkbare Pareto-Optimum ist prinzipiell auch
realisierbar (durch Umverteilungsmaßnahmen).

3. Hauptsatz der Wohlfahrtsökonomik:


Es lässt sich kein Optimum optimorum ableiten.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 74


Wahlverfahren und Unmöglichkeitstheorem (Arrow)

Abstimmungsregel (analog zum Paretokriterium):


 Forderung nach Einstimmigkeit (für jeden zustimmungsfähig)
 Wahlparadoxon (Condorcet als Bsp.):
 Drei Wähler (A, B, C); drei Optionen (x, y, z); drei Präferenzniveaus (h, m, n)

Präferenzen Wähler A Wähler B Wähler C


hoch x z y
mittel y x z
niedrig z y x

Mehrheiten:
Keine gesellschaftliche Präferenz-
x ≻ y (A; B)  C müsste überstimmt werden
ordnung, die gleichzeitig…
y ≻ z (A; C)  B müsste überstimmt werden o transitiv ist
z ≻ x (B; C)  A müsste überstimmt werden o niemanden überstimmt
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 75
Wahlverfahren und Unmöglichkeitstheorem

Bedingungen der Unmöglichkeit einer Sozialwahl:


1. Präferenzenpluralismus: Jedes Individuum ist frei, seine jeweilige
Präferenzordnung zu formen
2. Paretoeffizienz des gewählten Zustands (niemand darf Anlass
haben, davon abzuweichen)
3. Unabhängigkeit konkreter Entscheidungen zwischen zwei
Zuständen von dafür irrelevanten Alternativen (gegen strategisches
Wahlverhalten)
4. Nicht-Diktatur (kein Einzelner darf die Sozialwahl vornehmen)

Notwendigkeit einer normativen Entscheidung!

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 76


Wohlfahrtsökonomik und Ethik

1. Wohlfahrtsökonomik
1. Erster Hauptsatz
2. Zweiter Hauptsatz
3. Dritter Hauptsatz

2. John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit


1. Ausgangssituation
2. Urzustand
3. Gerechtigkeitsprinzipien
4. Überlegungsgleichgewicht

3. Rawls-Kritik
1. Kommunitaristische Kritik
2. Moderner Kosmopolitismus

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 77


2. John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit
2.1. Ausgangssituation
• Eine Theorie der Gerechtigkeit
(A theory of justice, 1971)
• Die Idee des politischen Liberalismus
Aufsätze 1978 – 1989 (übers. u. hrsg.
von W. Hinsch, 1994)
• Politischer Liberalismus
(Political Liberalism, 1993)
• Das Recht der Völker
(The law of peoples, 1999)
• Gerechtigkeit als Fairneß: Ein Neuentwurf
(Justice as fairness: A restatement,
2001)

* 1921 † 2002

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 78


2.1. Ausgangssituation

Ausgangssituation:
 Philosophische Ethik als „politische Philosophie“ in einem etwa 100-
jährigen Dornröschenschlaf
 Trennung zwischen wahrheitsfähigen Aussagen (Deskriptionen)
und anderen Aussagen (Normen und Werturteile)
 Ethischer Skeptizismus und methodischer Individualismus
 Utilitarismuskritik  Gerechtigkeit als Fairness
 Kontraktualismus auf „konstruktivistischer“ Basis, d.h. ethische
Prinzipienbildung auf Basis der Reflexion subjektiver Vorstellungen
vom Guten, ausgehend von Gedankenexperimenten
Kersting (2008). John Rawls zur Einführung. Hamburg Junius.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 79


2.2. Urzustand

Die Rawlsschen Vertragspartner umgeben sich mit einem „Schleier des Nichtwis-
sens“. Das bedeutet,
• „daß niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen
Status,
• ebensowenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder
Körperkraft, …
• daß die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psycholo-
gischen Neigungen nicht kennen“ (TG, 29)

„Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens
(„veil of ignorance“) festgelegt. (…) Da sich alle in der gleichen Lage befinden und
niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhält-
nisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen
Übereinkunft“ (ebd.).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 80


Soziale Grundgüter

„Dinge von denen man annimmt, dass sie ein vernünftiger Mensch
haben möchte, was auch immer er sonst noch haben möchte. (…) Die
wichtigsten Arten der gesellschaftlichen Grundgüter sind Rechte,
Freiheiten und Chancen sowie Einkommen und Vermögen. (…) Es
sind gesellschaftliche Güter, da sie mit der Grundstruktur
zusammenhängen; Freiheiten und Chancen werden durch die
wichtigeren Institutionen festgelegt, ebenso die Einkommens- und
Vermögensverteilung“ (TG, 112-113).
→ Es geht nur um grundlegende Institutionen/Verfassungswahl!
→ Subjektive Werte bilden die Basis, spielen aber keine Rolle mehr!

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 81


2.3. Gerechtigkeitsprinzipien (GF, 78)

Gleichheit Differenz
rechtlich-politisch sozio-ökonomisch

„Jede Person hat den gleichen „Soziale und ökonomische


unabdingbaren Anspruch auf ein völlig Ungleichheiten müssen zwei
adäquates System gleicher Bedingungen erfüllen:
Grundfreiheiten, das mit demselben erstens müssen sie mit Positionen und
System von Freiheiten für alle vereinbar Ämtern verbunden sein, die unter
ist.“ Bedingungen fairer Chancengleichheit
allen offenstehen;
und zweitens müssen sie den am
wenigsten begünstigten Angehörigen der
Gesellschaft den größten Vorteil bringen“.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 82
2.4. Überlegungsgleichgewicht

Gleichheit/
Urzustand Vertrag
Differenz

Wie wird der Urzustand selbst gerechtfertigt? Wovon leitet er sich ab?
→ Kontraktualistisch unmöglich, weil U. erst die Vertragsbedingungen
bestimmt.
→ Infiniter Regress („Metavertragsbedingungen“ etc.)!
→ Notwendigkeit einer kohärenztheoretischen Rechtfertigung des U.!
→ TG auf Stützung durch Common Sense angewiesen; muss die Ge-
rechtigkeitsvorstellungen der jeweiligen Zeit bzw. Gesellschaft bün-
deln und widerspiegeln, kann sie aber nicht selbst hervorbringen!

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 83


2.4. Überlegungsgleichgewicht

Kohärenzprinzip:
Rechtfertigung der Urzustandskonstruktion durch Übereinstimmung mit
unseren sonstigen wohlerwogenen Gerechtigkeitsauffassungen, so dass
letztere die Urzustandskonstruktion stützen und umgekehrt.
Konsequenz:
1. Ausgehen von unseren moralischen Alltagsurteilen.
2. Rationale Prüfung: Aussonderung irrationaler, emotional verzerrter Urteile.
3. Suche nach vereinheitlichenden übergreifenden Prinzipien, in denen die
nach (2) verbleibenden Urteile aufgehoben sind.
4. Analyse und systematische Verortung der nach (2) verbleibenden Urteile
unter den gem. (3) gewonnenen normativen Prinzipien.
→ Normative Prinzipien müssen den wohlbedachten Alltagsurteilen
Kohärenz verleihen (Rückkopplung: „Überlegungsgleichgewicht“)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 84


2.4. Überlegungsgleichgewicht

Moral-
urteil

Moral-
urteil
Urzustand +
abgeleitete
Prinzipien

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 85


2.4. Überlegungsgleichgewicht

Rawls meint (trotz der kohärentistischen Begründung des Urzustands und der
Vertragssituation) mit seiner TG einen archimedischen Punkt gefunden zu
haben, der außerhalb einer jeden Gesellschaft und außerhalb der Geschichte
liegt:
„Jede Seite des Urzustands läßt sich begründen. Es wird also in einem Begriff
die Gesamtheit der Bedingungen zusammengefaßt, die man bei angemesse-
ner Überlegung für unser Verhalten gegeneinander als vernünftig anzuerken-
nen bereit ist. Hat man diese Vorstellung einmal erfaßt, so kann man die so-
ziale Welt jederzeit unter dem erforderlichen Blickwinkel betrachten … Unsere
Stellung in der Gesellschaft unter diesem Blickwinkel sehen heißt also sie sub
specie aeternitatis sehen: Es bedeutet, daß die Situation des Menschen nicht
nur unter allen gesellschaftlichen Gesichtspunkten, sondern von allen Zeiten
her gesehen wird“ (TG, 637).
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 86
3. Rawls-Kritik
3.1. Kommunitaristische Kritik

Der Liberalismus rawlsscher Prägung geht von einer


kulturell ungebundenen Individualität aus, so als wäre
jeder Mensch „seiner eigenen Werte Schmied“!
→ sinnvoll? plausibel?
→ kommunitaristische Kritik!
→ vgl. z.B.: Honneth, A. (Hrsg.) (1995). Kommunitarismus – Eine Debatte über
die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, 3. Aufl., Frankfurt a. M.:
Campus.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 87


3.1. Kommunitaristische Kritik
(hier: Michael Sandel)
1. Kritik des ungebundenen Selbst): 2. Sandels eigene Position :
- Menschen als isolierte Individuen ohne + Identität gibt es nicht ohne Einbindung in
soziale Bezüge konkrete Lebenszusammenhänge.
- Das individuelle Recht des Einzelnen + Die Gemeinschaft hat als Quelle von
wird bei Rawls dem gemeinschaftlich Identität und
Guten vorgezogen. Werten Vorrang vor dem Individuum.

http://www.bbc.co.uk/radio
4/features/the-reith-
lectures/about-michael-
sandel/
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 88
3.2. Moderner Kosmopolitismus
1. „Dichte“ und „dünne“ Moral
• Singuläre moralische Überzeugungen als Ausdruck bzw.

Bild: https://revistaidees.cat/en/autors/michael-walzer/
Ergebnis einer „dichten“ und mehr oder weniger hoch inte-
grierten, kulturell geprägten Gesamtstruktur von Werten
• Keine ‚Resozialisierung‘ archaischer oder vormoderner
Gesellschaften, sondern „radikale Pluralisierung der Demo-
kratie“ bzw. eine „Vielfalt von ‚Demokratien‘“ (S. 10)

2. „Dünne“ Moral und ethische Minimalprinzipien


• Prinzip der wechselseitigen immanenten Kritik als
kommunikative Basis Michael Walzer
• Möglichkeiten für übergreifenden Konsens im Sinne von
Prinzipien, auf die man sich bi- oder multilateral einigen kann.
• Kein prä-existenter universeller „gemeinsamer Nenner“ (sensu Rawls), sondern
„Gemeinsamkeit an der Endstation eines Weges ansiedeln, welcher mit der Differenz
beginnt“ (S. 30)

Walzer, M. (1996). Lokale Kritik – globale Standards: zwei Formen moralischer


Auseinandersetzung. Hamburg: Rotbuch-Verlag..
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 89
Vertreter ähnlicher Versionen

Anthony Kwame Appiah (2006):

Cosmopolitanism: Ethics in a World of


Strangers.

Bild: University of North Carolina: Parr Center for Ethics

Amartya Sen (2010):

The Idea of Justice.

Bild: Daily Mail

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 90


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 91


Übersicht
0. Drei Ebenen der Wirtschaftsethik
1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1. Ausgangspunkte
2. Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft
3. (Wirtschafts-)Ethik einer lebensdienlichen Gesellschaft
4. Bestimmung der Orte der Moral des Wirtschaftens
2. Karl Homann: Ethik mit ökonomischer Methode
1. Das Problem dualistischer Konzeptionen
2. (Wirtschafts-)Ethik, ökonomisch rekonstruiert
3. Das Problem der Ausbeutbarkeit
4. Anreizkompatibilität moralischen Handelns
3. Autonome und naturalistische Ethik
1. Sollen und Können
2. Die Grundfigur des praktischen Syllogismus
3. Die beiden Hauptdenkrichtungen
4. Integration beider Ansätze?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 92


0. Drei Ebenen der Wirtschaftsethik

Ordnungsethik

Unternehmensethik

Individualethik

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 93


1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.1. Ausgangspunkte
Leben:
• * 1948 in Bern
• Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
• seit 1987 erster Inhaber des Lehrstuhls für Wirt-
schaftsethik an der Universität St. Gallen)
• 2009 emeritiert.

Hauptwerke:
• Integrative Wirtschaftsethik: Grundlagen einer lebensdienlichen
Ökonomie (4. Aufl.). Bern: Haupt 2008.
• Der entzauberte Markt: Eine wirtschaftsethische Orientierung. Freiburg:
Herder 2002.
• Zivilisierte Marktwirtschaft: Eine wirtschaftsethische Orientierung.
Freiburg: Herder 2005.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 94
1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.1. Ausgangspunkte

„Wirtschaften“ Entfremdung der Wiederankoppelung


ursprünglich Wirtschaftstheorie der wirtschaftlichen
lebensdienliches von ihren philosophi- Eigengesetzlichkeit
Haushalten schen Fundamenten an die Lebenswelt

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 95


1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.1. Ausgangspunkte

1. Kritik an der "reinen" ökonomischen Vernunft


(Ökonomismus)
 Ansetzen an der (impliziten oder expliziten) Normativität der
„normalen“ ökonomischen Sachlogik
2. Klärung der ethischen Gesichtspunkte einer
lebensdienlichen Wirtschaft
 Bestimmung alternativer Normativität
3. Bestimmung der "Orte" der Moral des Wirtschaftens
 Frage nach der wirtschaftsethischen Handlungsrelevanz in
spezifischen Kontexten

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 96


Zwei-Welten-Konzeption

ökonomische lebensweltl.
Rationalität Moralität

→ Integrationsanspruch
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 97
1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.2. Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft

Forderung: Effizienzorientierte Denkweise in umfassenden


Vernunftbegriff einbetten.
1. Schritt: Kritik der utilitaristischen, auf den Individualnutzen
ausgerichteten ökonomischen Rationalität

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 98


1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.2. Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft
Homo oeconomicus
 bildhafter Ausdruck für das Rationalitätsparadigma der
Disziplin
 symbolische Form der Abkopplung der ökonomischen
Rationalität von der Lebenswelt
 ausgerichtet auf Eigeninteresse

„Reine“ Ökonomie = utilitaristische


Entscheidungslogik!
 Zirkularität: Zweck des Wirt-
schaftens auf rein ökonom.
Kriterien zurückgeführt.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 99
1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.3 (Wirtschafts-)Ethik einer lebensdienlichen Gesellschaft

Frage nach der Lebensdienlichkeit, dem Sinn!


„Sinn ist, was das menschliche Leben mit Bedeutsamkeit erfüllt, indem er dieses auf
das für unser Leben Wesentliche ausrichtet, nämlich auf das, was wir im Leben als
Ganzes wollen“ (IWE, 207).
 durchbricht den ökonomischen Zirkel!
 Ökonomie in den Dienst höherer Zwecke stellen!
 In den Kontext einer kulturell gewollten Lebensform!

Daraus folgt:
2. Schritt: Klärung der ethischen Aspekte einer lebensdienlichen
Gesellschaft!
Aber auf welcher Grundlage? …

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 100


1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.3 (Wirtschafts-)Ethik einer lebensdienlichen Gesellschaft

• Wendung vom Utilitarismus zur kommunikativen Ethik


(Diskursethik)  verständigungsorientierter Austausch
• Idee des Konsenses aller Betroffenen, soweit sie
unvoreingenommen und vernünftig sind
• Kommunikative Ethik als Basis einer solidarischen
Weltgemeinschaft über alle interkulturellen Gegensätze hinweg
 Ideale Komm.-gemeinschaft („herrschaftsfreier Diskurs“)
 Habermas: „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981)
 Normfindung als Resultat immanenter Kritik (entspr. in etwa
dem Rawls‘schen Konstruktivismus)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 101


1. Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik
1.4. Bestimmung der Orte der Moral des Wirtschaftens
3. Schritt: Bestimmung von Ebenen wirtschaftsethischen Handelns;
Vermittlung zwischen ethischen Ansprüchen einerseits und
ökonomischen Funktions- und Sachzwängen andererseits?

Drei Handlungsebenen:
1. Wirtschaftsbürgerethik (Individualethik, Mikroethik)
 Berufs- und Privatleben des Einzelnen als Ort moralischer Selbstbindung;
individuelle Handlungsethik
2. Unternehmensethik (Ethik von Organisationen, Mesoethik)
 Umgang mit Stakeholdern und der kritischen Öffentlichkeit;
ordnungspolitische Mitverantwortung von Unternehmen
3. Wirtschaftsethik (Ethik der Rahmenordnung, Makroethik)
 ethisch verantwortungsvolle und funktionale Gestaltung der
Rahmenordnung (Gesetze und andere formale Institutionen)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 102


Wirtschaftsbürgerethik
(Organisationsbürger, reflektierter Konsument, kritischer
Kapitalanleger)
„Organisationsbürger“:
Als (Berufs-)Rollenträger haben Menschen „eine organisatorisch eingegrenzte Teilverant-
wortung. Eine derartige organisatorische Teil- oder Rollenverantwortung kann nun aber in
bestimmten Situationen mit der prinzipiell unbegrenzten ethischen Bürgerverantwortung des
Rollenträgers für die gesamten Folgen … seines Tuns in Konflikt geraten.
Die Bürgerverantwortung ist unteilbar. Republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger sollen
ihrem Arbeitgeber gegenüber im Rahmen ihrer vertraglich vereinbarten Aufgabe gewiss
loyal sein. Wo hingegen die Gefahr besteht, dass durch die ‚blinde‘ innerbetriebliche Pflicht-
erfüllung moralische Rechte von Menschen missachtet werden oder die republikanische
Mitverantwortung für das Gemeinwohl in erheblicher Weise verletzt wird, kommt es gemäss
dem republikanischen Prinzip darauf an, der umfassenderen Bürgerverantwortung vor der
eingeschränkten Rollenverantwortung der Vorrang zu geben“ (IWE, S. 351).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 103


Wirtschaftsbürgerethik
(Organisationsbürger, reflektierter Konsument, kritischer
Kapitalanleger)
„Reflektierter Konsument“:
“Wer es sich als republikanisch gesinnter Staats- und Wirtschaftsbürger zur Gewohnheit
gemacht hat, im öffentlichen Vernunftgebrauch seine Meinungen und Präferenzen kritisch
zu hinterfragen und sich nicht vorschnell festzulegen, wird auch seine Präferenzen im ‚pri-
vaten‘ Konsumverhalten kritisch reflektieren, und zwar in zweifacher Hinsicht: einerseits in
Bezug auf ihren Sinn im Hinblick auf das eigene gute Leben (Authentizität der Bedürfnis-
se), und andererseits in Bezug auf ihre Legitimität in sozialer und ökologischer Hinsicht (…)
(I)n beiden Dimensionen geht es zentral um die selbstkritische Reflexionskompetenz und
um den Willen zur vernünftigen Selbstbindung an jene Formen und jenes Mass an Kon-
sum, das den eigenen authentischen Bedürfnissen und den Gesichtspunkten einer verall-
gemeinerungsfähigen Lebensweise gerecht wird. Zentrales Moment ist die Integration der
eigenen Konsumbedürfnisse und Präferenzen in das Selbstkonzept einer autonomen und
sozial eingebundenen Persönlichkeit“ (IWE, S. 351).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 104


2. Karl Homann: Ethik mit ökonomischer Methode

Leben:

• * 1943
• Studium der Philosophie, Germanistik und
Katholischen Theologie + Promotion (Dr. phil.)
• Studium der VWL und Promotion (Dr. rer. pol.)
• Habilitation in Philosophie
• 1986 – 1990 Professor für VWL und Philosophie (Witten/Herdecke)
• 1990 – 1999 Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik
(Katholische Universität Eichstätt; Wiwi-Fakultät in Ingolstadt)
• 1999 2008 Professor für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der
philosophischen und ethischen Grundlagen der Ökonomik)

Literatur für die folgende Darstellung: Homann, K. (2015). Wirtschaftsethik: Ethik, rekonstruiert
mit ökonomischer Methode. In D. van Aaken & P. Schreck (Hrsg.), Theorien der Wirtschafts-
und Unternehmensethik (S. 23-49). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 105
2. Homanns Ethik mit ökonomischer Methode
2.1. Das Problem dualistischer Konzeptionen
Die klassische Sichtweise stützt sich auf Kant und
a) folgendes Schema: Einsicht – Motivation – Handeln sowie
b) einen Dualismus von Ethik und Ökonomik (mit Vorrang der Ethik):

Ethik Soziale Normativität (Fragen den Moral)

Ökonomik Individuelle Normativität (Fragen der Klugheit)

Primat der Ethik ⟹ Durchbrechung, Bändigung, der ökonomischen Logik!

 Ablösung von ethischer und ökonomischer Rationalität ist widersinnig!


Warum?
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 106
2. Homanns Ethik mit ökonomischer Methode
2.1. Das Problem dualistischer Konzeptionen
Problem: Individuelles Moralversagen
 Kostengünstig einkaufen (statt ökol. u. sozial optimal)
 Fliegen, trotz hoher CO2-Emissionen
 Korruption, obwohl alle dagegen sind.
 …

„So wenig man mit Moral die naturwissenschaftlichen Gesetze überwinden


kann, so wenig kann man mit dem »guten Willen« Kants allein die grundle-
genden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen. Positiv for-
muliert: Moral lässt sich im Alltag nicht gegen, sondern nur in und mit den
ökonomischen Gesetzmäßigkeiten realisieren und stabil halten“ (Homann,
2015, 24).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 107


2.2. (Wirtschafts-)Ethik, ökonomisch rekonstruiert

Wirtschaftsethik Ethik für die Wirtschaft! Homann versteht sie vielmehr als eine
„allgemeine traditionell philosophische Ethik, die mit der ökonomischen Methode, also
mit der individuellen Vorteils-/Nachteils-Grammatik, rekonstruiert wird“ (ebd.).
 „Die Bezeichnung ökonomische Ethik wird für die Konzeption abgelehnt, weil sie
insinuiert, es gebe weitere, inhaltlich und systematisch davon unterschiedene
Ethiken wie eine philosophische, eine biologische, eine psychologische oder eine
soziologische Ethik“ (ebd.).
 „Der spezielle Vorteil einer ökonomisch rekonstruierten Ethik liegt darin, dass sie
in der Lage ist, … über ein bloßes Sollen hinauszukommen und das Problem der
Implementation moralischer Sollensforderungen unter den systemischen
Bedingungen der Moderne erfolgreich anzugehen“ (ebd.).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 108


2.3. Das Problem der Ausbeutbarkeit

Gefangenendilemma: Kooperieren?
Alter
Nein (Defektieren) Ja (Kooperieren)
IV I
Ja 1, 4 3, 3
Ego
III II
Nein 2, 2 4, 1

 Paretoeffizienz: (3, 3)

 Nash-Gleichgewicht: (2, 2)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 109


2.3. Das Problem der Ausbeutbarkeit

• Angesichts systemischer Handlungsrestriktionen gilt:


„Solange keine besonderen Vorkehrungen getroffen werden, bestehen für
jeden Einzelnen massive Anreize zu defektieren – vielleicht nicht so sehr,
um dadurch andere auszubeuten (Gier), sondern eher um sich gegen eine
drohende Ausbeutung durch andere zu schützen“ (Homann, 2015, 31). ⟹
Selbstschutz!

• „Und diese Logik der Selbstverteidigung gilt präventiv: Wer die Problem-
struktur erkannt hat, muss sich dieser Logik gemäß präventiv aufs Defek-
tieren verlegen, solange das Kooperieren der Anderen nicht durch beson-
dere Vorkehrungen (hinreichend) sichergestellt ist“ (ebd.).
⟹ Präventive Gegendefektion!

→ Und wo bleibt die Moral?


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 110
2.4. Anreizkompatibilität moralischen Handelns
a) eine Problemstruktur, zwei Stoßrichtungen

Wettbewerb Gemeinschaftsgüter

Dilemmastrukturen Dilemmastrukturen
etablieren und sichern überwinden

z. B. Wettbewerbsrecht, z. B. Umweltschutz,
Kartellamt, Drückebergertum,
Monopolkommission Lohndumping

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 111


2.4. Anreizkompatibilität moralischen Handelns
b) „Rationalität“ als Heuristik
Im Anschluss an Gary S. Becker:
 Weiter Vorteilsbegriff und „Rationalität“ als Heuristik

Ökonomik
Lebenswelt:
„Irrationalität“, „subjektive
Präferenzen“, „Altruismus“

Wissenschaft:
HO-Prinzip

 Verhaltenserklärungen über (subj.) Präferenzen und (subj.) Restriktionen


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 112
2.4. Anreizkompatibilität moralischen Handelns
c) Handlungen und Handlungsbedingungen

„Spielzüge“ „Spielregeln“
(Handlungen) (Institutionen)
Handlungs- Handlungs-
entscheidungen bedingungen

Individual und
Unternehmensethik Ordnungsethik

 „Der systematische Ort der Moral in der Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung“
Homann, K. (1993/2002). Wider die Erosion der Moral durch Moralisieren. In ders.: Vorteile und Anreize (S. 3-
20). Tübingen: Mohr.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 113
2.4. Anreizkompatibilität moralischen Handelns
d) Implikationen

1. Dissoziation von Motivation und Wirkung!

2. Bestimmte Formen von Wettbewerb, die Machtpositionen


implizieren, eliminieren; produktiven Wettbewerb um Preise,
Qualität etc. entfesseln!

3. Allg.: Unvollständigkeit von Verträgen → gilt auch für Regeln im


ordnungsethischen Sinne ⟹

4. „… Unternehmensethik immer wichtiger. Sie übernimmt


gewissermaßen die Führungsrolle in der Entwicklung weltweiter
Moralstandards“ (Homann, 2015, 38).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 114


3. Autonome und naturalistische Ethik
3.1. Sollen und Können
Ethische Grundfrage: „Was soll ich tun?“

Zwei Komponenten

Normativität Implementation

Vernunftprinzip: „Sollen impliziert Können!“ (Ultra posse nemo obligatur!)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 115


3. Autonome und naturalistische Ethik
3.2. Die Grundfigur des praktischen Syllogismus

Imple-
Norma- menta- Homann, K. (2014). Sollen
tivität tion
und Können: Grenzen und
Bedingungen der Indivi-
dualmoral. Wien: Ibera.

„Praktischer Syollogismus“:
(1) Normative Prinzipien/Ideale/Werte
(2) Empirische Bedingungen (z.B. Knappheit, Wettbewerb)
(3) Normative Urteile

 „Präferenzen“ (1) und „Restriktionen“ (2)


 Beschränkung auf (1): → Fundamentalismus
 Beschränkung auf (2): → Sachzwangslogik

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 116


3.3. Die beiden Hauptdenkrichtungen

„Autonome „Naturalistische
Ethik“ Ethik“

Eher deontologisch orientiert Eher konsequentialistisch und


und auf grundlegende, an einzelwissenschaftlichen
philosophische Prinzipien hin Erkenntnissen (Ökon., Soziol.,
ausgerichtet Psychol.) orientiert

Wohlfahrtsökonomik,
Kantische Ethik,
Soziobiologie,
Diskursethik, Rawls‘sche
Verhaltensökonomik,
Sozialvertragsethik
Moralpsychologie
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 117
Vorbehalte der „autonomen Ethik“ gegenüber der
„naturalistischen Ethik“

1. NE-Ansätze verfehlen den „moral point of view“.

2. NE-Ansätze verfehlen das moralische Selbstverständnis der


Menschen.

3. NE-Ansätze sind reduktionistisch.

4. NE-Ansätze unterstellen ein verkürztes Menschenbild (homo


oeconomicus)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 118


Vorbehalte der „naturalistischen Ethik“ gegenüber
der „autonomen Ethik“

1. AE-Ansätze sind „idealistisch“ i.S.v. realitätsfremd (Formulierung


von Prinzipien, auf die sich alle vernünftigen Gesellschaftsmitglieder
einigen können müssten).

2. Normative Vorstellungen von AE-Ansätzen sind im Alltag moderner


Gesellschaften nicht implementierbar. NE-Ansätze formulieren
faktische Restriktionen, über die sich die AE nicht hinwegsetzen
kann.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 119


3.4. Integration beider Ansätze?

Wechselseitig inkompatible Ansätze → weder „goldener Mittelweg“ noch


„additives Zusammenfügen“ möglich!

Integration NE → AE: „Bindestrich-Ethiken“

Integration AE → NE: AE als normative Faktizität

 Sollensforderungen als normative Fakten


 Fakten als Restriktionen
 Normative Ethik i.S. normativer Theorien zur Lösung normativer Probleme
 Konsequente Erweiterung der Individualethik um die Unternehmensethik
und die Ordnungsethik

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 120


3.4. Integration beider Ansätze?

Wechselseitig inkompatible Ansätze → weder „goldener Mittelweg“ noch


„additives Zusammenfügen“ möglich!

Integration NE → AE: „Bindestrich-Ethiken“

Integration AE → NE: AE als normative Faktizität

 Sollensforderungen als normative Fakten


 Fakten als Restriktionen
 Normative Ethik i.S. normativer Theorien zur Lösung normativer Probleme
 Konsequente Erweiterung der Individualethik um die Unternehmensethik
und die Ordnungsethik

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 121


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 122


Corporate Social Responsibility I: Grundlagen

1. Zum Verantwortungskonzept
2. Friedmans Shareholder-Ansatz
3. Freemans Stakeholder-Ansatz
4. CSR – ein Überblick
5. Carrolls Stufen der CSR

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 123


1. Zum Verantwortungskonzept

1. Mehrstelliger Relationen- bzw. Strukturbegriff mit folgenden Elementen:


a) Jemand – Verantwortungssubjekt: Personen, Korporationen –
b) ist für etwas – Handlungen, Handlungsfolgen, Zustände, Aufgaben usw. – ,
c) gegenüber einem Adressaten,
d) vor einer Sanktions-, Urteilsinstanz
e) in Bezug auf ein normatives Kriterium
f) im Rahmen eines Verantwortungs-, Handlungsbereiches (ggf. in (b) enthalten)
verantwortlich.

2. Formen von Verantwortlichkeit nach H. L. A. Hart:


a) Kausalitätsverantwortlichkeit: Ereignis = Ursache einer Wirkung
b) Rollenverantwortlichkeit: Aufgabengebiete, Tätigkeitsbeschreibungen
c) Fähigkeitsverantwortlichkeit: „Wer (helfen) kann, der soll (helfen)!“
d) Haftbarkeit: V., auch wenn man den betreffenden Schaden nicht verursacht hat.

Lenk, H., & Maring, M. (2001). Verantwortung II, in: J. Ritter et al. (Hg.), Historisches Wörterbuch der
Philosophie. Bd. 11 (Sp. 569 – 575), Darmstadt, Sp. 570.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 124
Beispiel Fußball (Kroos als Spielmacher)

Variable Werte
Subjekt Toni Kroos
Gegenstand Spiel nach vorne gestalten, Bälle verteilen
Adressat(en) Mitspieler (Untergebene), Publikum
Sanktionsinstanz Trainer
Normatives Kriterium Trainervorgaben/State of the Art

Angenommen, die Mannschaft spielt schlecht und bringt kaum Angriffe zustande. Inwiefern ist
Reus verantwortlich?

K R F H
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 125
Und wie sind die folgenden Fälle/Personen im
Hinblick auf ihre Verantwortung zu beurteilen?
Die Mannschaft spielt schlecht ...
1. Kroos ist verletzt! Welche Verantwortung hat er?
K R F H
2. Angenommen, Löw nominiert Gündoğan, der es eigentlich kann, aber weit hinter den Erwartungen
zurückbleibt und schlecht spielt. Welche Verantwortung hat Gündoğan?
K R F H
3. Welche Verantwortung hat der Trainer bezüglich der Spielerleistung?
K R F H
4. Sagen wir, ein Gegenspieler schießt ein unglückliches Eigentor, und Deutschland gewinnt. Welche
Verantwortung hat dieser Spieler für den deutschen Sieg?
K R F H
5. Angenommen, Goretzka übernimmt spontan die Rolle des schwachen Gündoğan; er spielt
makellos und die deutsche Mannschaft gewinnt. Welche Verantwortung hat Goretzka hier?
K R F H
6. Angenommen, Löw nominiert den (dafür ungeeigneten) Sané auf der 10er Position. Deutschland
verliert (erwartungsgemäß). Welche Verantwortung hat der Trainer?
K R F H
 Welches Verantwortungskonzept entspricht eigentlich der Unternehmensverantwortung?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 126


Übersicht Verantwortungstypen und Beispiele

Sachverhalt Prinzip Fußball Korruption/Unternehmen

K Vom Akteur Ursache/ Eigentor des Anti-Korruptionsgesetze;


nicht intendierter Wirkung Gegenspielers; Wirkung bei Unternehmen:
Effekt D gewinnt Weniger Korruption

R Aufgabe, den Sollen Rollenkonformes Spiel; Compliance Manager sorgt


Effekt herbei- impliziert D gewinnt durch CM für Eindämmung
zuführen Können von Korruption

F Möglichkeit, den Aus Können Kein rollenkonformes Mitarbeiter setzen sich aus
Effekt herbeizu- folgt Sollen Spiel, aber Einspringen Eigeninitiative gg. Korrupt.
führen anderer; D gewinnt ein (z.B. Whistleblower).

H Keine Möglich- Für Konse- Schlechtes Spiel; D Korruption findet (dennoch)


keit, den Effekt quenzen gewinnt nicht; Haftg. statt. Vorstand tritt ab.
herbeizuführen einstehen durch Rücktritt

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 127


2. Friedmans Shareholder-Ansatz

 Prinzipale und Agenten

Informations-
asymmetrien

P A
Eigen- beauftragt Eigen-
inte- inte-
resse resse
leistet

 Management: Prinzipal oder Agent?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 128


2. Friedmans Shareholder-Ansatz

Prämissen:
P1: Unternehmen haben keine eigenständige Verantwortung.
Nur Menschen haben Verantwortung.
P2: Aktionäre sind die Eigentümer einer Unternehmung. Sie sind die
„Prinzipale“, das Unternehmen und die Mitarbeiter sind die
„Agenten“, die von den Eigentümern beauftragt sind, in ihrem
besten Interesse zu bearbeiten, und d.h. Profit zu erwirtschaften.
P3: Moralische Konflikte und soziale Fragen als solche sind Sache
des Staats bzw. der Gesellschaft, nicht die von Managern.
Konklusion:
K: „The social responsibility of business is to increase its profits.“
Friedman, M. (1970). The social responsibility of business is to increase its profits. The
New York Times Magazine, September 13, 122-126.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 129
Allerdings sind wir heute weiter …

Markt-
Markt! Staat!
versagen

Staats-
CSR?
versagen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 130


3. Freemans Stakeholder-Ansatz

Stakeholder:= (Gruppen von)


Personen, die bestimmte
Ansprüche an die Firma haben.
(Abb.: Primäre Stakeholder, Kunden
von denen das U. vital abhängt.)

Lokale
Liefe-
Gemein-
ranten
schaft
Unter-
nehmen

Beschäf-
Aktionäre
tigte
Unternehmen als
Corporate Citizen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 131


Primäre und sekundäre
Stakeholder Regierung

Kunden
Konkur-
Medien
Lokale
Liefe-
renten
Gemein-
ranten

U
schaft

Aktionäre Beschäf-
tigte

Freeman et al. (2010).


Verbrau-
Stakeholder theory: Interessen-
The state of the art. chervereini
gruppen
Cambridge, UK: -gungen
Cambridge University
Press.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 132
CSR im Sinne von Friedman und Freeman –
ein Vergleich

Friedman Freeman
Agency U. als Agent der U. als Prinzipal i.S. eines
Shareholder Corporate Citizen bzw. als
Agent aller Stakeholder
Verantwortung Rollenverantwortung als Fähigkeitsverantwortung
Agent als Corporate Citizen
Motivation Beachtung von Beachtung von
Stakeholdern aus Stakeholdern um ihrer
strategischen Gründen selbst willen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 133


4. CSR – ein Überblick

 Globalisierung
→ Transnationales Unternehmertum (Standort und Gewinnverlagerung)
→ Veränderungen der weltweiten sozialen Gefüge
→ Verschärfung globaler Umweltprobleme
→ Zunehmender Verlust nationalstaatlicher Autonomie

 Global Compact (UN, 1999):


Prinzipien gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen
→ Menschenrechte
→ Arbeitsnormen
→ Umweltschutz
→ Korruptionsbekämpfung

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 134


UN „Global Compact“ – 10 Prinzipien

Menschen- Arbeits- Umwelt- Korruptions-


rechte normen schutz bekämpfung

3.Vereinigungs- 7. Vorsorgender
1. Menschen- freiheit und Recht Ansatz im Umgang 10. Eintreten
rechte auf Kollektivver- mit Umweltproblemen gegen alle
unterstützen und handlungen
achten Arten von
Korruption,
8. Initiativen zur inkl. Er-
4. Beseitigung aller Erzeugung eines
Formen der pressung und
größeren Verant- Bestechung
2. Sich nicht an Zwangsarbeit wortungsbewusst-
Men- seins
schenrechts- 5. Abschaffung der
verletzungen Kinderarbeit
mitschuldig 9. Entwicklung und
machen Verbreitung
6. Beseitigung von umweltfreundlicher
Diskriminierung bei Technologien fördern
Beschäftigung

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 135


Nachhaltigkeit: „Triple-Bottom-Line“

viable environ-
economic
mental
(profit)
(planet)
sustain-
able
equitable bearable

social
(people)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 136


ESG-Faktoren

Environment – Social – Governance


Die United Nations Environment Programme Finance Initiative (UNEP FI)
beauftragt 2005 die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer
ein Rechtsgutachten zu ESG-Fak-
toren (für D, F, I, ES, UK, US, JP).
Ergebnis: Es ist nicht nur zulässig,
dass ESG-Faktoren bei der Unter-
nehmensbewertung Berücksichti-
gung finden, sondern das ent-
spräche sogar der treuhänderi-
schen Pflicht institutioneller Inves-
toren.
(VW-Konzernlagebericht 2018, S. 113)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 137


DIN ISO 26000 (nicht zertifizierungsfähig) (2010)

: 7 Grundsätze
• Rechenschaftspflicht
• Transparenz
• Ethisches Verhalten
• Achtung der Interessen von Anspruchsgruppen
• Achtung der Rechtsstaatlichkeit
• Achtung internationaler Verhaltensstandards
• Achtung der Menschenrechte
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 138
Im Weiteren …

2011: OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen


2011: UN-Leitprinzipien für Wirtschafts- und Menschenrechte
2013: EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichtserstattung
2017: Gesetz zur CSR-Berichtspflicht
• > 500 Mitarbeiter
• > 20 Mio. Bilanzsumme oder > 40 Mio. Umsatzerlöse

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 139


1.5. Carrolls vier Stufen von CSR

Philanthropische Verantwortung

Soziale Verantwortung ethischer Natur

Soziale Verantwortung rechtlicher Natur

Soziale Verantwortung ökonomischer Natur

Carroll, A. B. (1999). Corporate Social Responsibility: Evolution of a definitional


construct. Business & Society, 38, 268-295.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 140
Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 141


Der Business Case for CSR

1. CSR-Konzepte auf dem Prüfstand


2. Der Business Case in Theorie und Empirie

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 142


2.1. CSR-Konzepte auf dem Prüfstand

“To qualify as socially responsible corporate


action, a business expenditure or activity must
be one for which the marginal returns to the
corporation are less than the returns available
from some alternative expenditure, must be
purely voluntary, ...”
Manne, H.G. & H. C. Wallich (1972). The Modern Corporation and Social Responsibility. Washington
D.C.: American Enterprise Institute for Public Policy Research, pp. 4-6.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 143


Carrolls vier Stufen von CSR

Philanthropische Verantwortung

Soziale Verantwortung ethischer Natur

Soziale Verantwortung rechtlicher Natur

Soziale Verantwortung ökonomischer Natur

Carroll, A. B. (1999). Corporate Social Responsibility: Evolution of a definitional


construct. Business & Society, 38, 268-295.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 144
Kann es eine wirtschafts-
ethische Verantwortung
über die ökonomische
Verantwortung hinaus
geben?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 145


ISO 26000

“The perception and reality of an organization's performance on social responsibility can


influence, among other things:
 its competitive advantage;
 its reputation;
 its ability to attract and retain workers or members, customers, clients or users;
 the maintenance of employees' morale, commitment and productivity;
 the view of investors, owners, donors, sponsors and the financial community; and
 its relationship with companies, governments, the media, suppliers, peers,
customers and the community in which it operates.”

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 146


2. Der Business Case

„The social responsibility


of business is to increase
its profits.“
Milton Friedman

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 147


Markt-
Markt! Staat!
versagen

Staats-
CSR Aber wie?
versagen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 148


Normative Begründung für den
Business Case for CSR

CSR Profit

Unternehmen Mittel Ziel

Gesellschaft Ziel Mittel

Konsequenzen:
 Gesellschaftliche Legitimität von Handlungen spielt für U. keine direkte Rolle
(Normativität)
 Unternehmen verantworten die Umsetzung gesellschaftlicher Ziele (Implementation)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 149


Der Business Case für CSR in der Praxis

„It is estimated that U.S. and European markets have over 2 trillion
USD and 300 billion EURO in certified socially responsible assets
(Social Investment Forum 2006). (…) CSR has also become a high
profile public issue. An extensive global survey found that two-thirds of
people reported that they would like companies to contribute to social
goals beyond shareholder wealth (Environics International 1999).
Another survey found that 52 percent of respondents seek information
about companies’ CSR records (Fleishman-Hillard 2007). More than
half of American consumers say that a company’s social reputation
influenced purchase decisions, and 70 percent of U.K. consumers state
that they are willing to pay more for a product that they perceive as
ethically superior (Ipsos MORI 2003).“

Kitzmueller, M., & Shimshack (2012). Economic Perspectives on Corporate Social Responsibility. Journal of
Economic Literature, 50 (1), 51-84.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 150
Corporate Social Performance (CSP) und
Corporate Financial Performance (CFP)

CSP CFP
Frage: Wie misst man den Zusammenhang von CSP und CFP?
Antwort: 1. Man expliziert die theoretischen Konstrukte.
2. Man operationalisiert die theoretischen Konstrukte.
Problem: 1. Unklar, was CSR bzw. CSP genau sein soll!
2. Viele verschiedene Aspekte von CSR!
3. Operationalisierungsproblematik!

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 151


Was ist CSR?

Win-win Delegated Corporate


philanthropy philanthropy
Vision 1

Vision 2

Vision 3
langfristiges Stakeholder- von Managern
Denken orientierungen initiiert
aufgreifen

Problem: Positiver Zusammenhang zwischen CSP und CFP (V1 und V2)?
Negativer Zusammenhang zwischen CSP und CFP (V3)?

Bénabou, R., & Tirole, J. (2010). Individual and corporate social responsibility. Economia, 77, 1-19.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 152


Der CSP-/CFP-Zusammenhang

Orlitzky, M., Schmidt, F. L., & Rynes, S. L. (2003). Corporate Social and Financial Performance: A
Meta-Analysis. Organization Studies, 24, : 403-441.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 153


Zum Problem kausaler Inferenzen

“On the causal-inference front, SRB and profitability are clearly both endogenous
variables, raising the usual issue of what are the exogenous drivers (equivalently,
what would be appropriate instruments) underlying the observed correlation patterns.
• If managers differ exogenously in their individual time horizons, for instance, a
positive correlation is to be expected (from vision 1).
• If they differ in the private value they derive from being associated with a firm
known to act well toward its employees, consumers or the environment, then (from
vision 3), one might expect a negative relationship.
There could also be reverse causation, for instance if the most profitable firms are the
best able to afford the cost of CSR or, as suggested by Margolis et al. (2007, 2009),
have the most incentive to engage in it.”

Bénabou, R., & Tirole, J. (2010). Individual and corporate social responsibility. Economia, 77, 1-19.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 154


Der CSP-/CFP-Zusammenhang

Orlitzky, M., Schmidt, F. L., & Rynes, S. L. (2003). Corporate Social and Financial Performance: A Meta-
Analysis. Organization Studies, 24, : 403-441.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 155
Neuere Erkenntnisse:
CSP hat positive kausale Wirkungen
Krüger (2015) hat geprüft, inwiefern sich CSP-relevante Ereignisse den
Shareholder-Value beeinflussen:
 Investoren reagieren stark negativ auf CSP-negative Ereignisse und
schwach negativ auf CSP-positive Ereignisse.
 Letzteres liegt offenbar an Agency-Problemen (i.S. von „Vision 3“).
Entsprechend zeigt sich das vor allem bei CSR-Aktionen im
Umweltbereich und mit Bezug zur lokalen Community.
 Investoren reagieren positiv auf remediale Reaktionen von Firmen auf
negative CSP, sog. „offsetting CSR“.

Krüger, P. (2015). Corporate goodness and shareholder wealth. Journal of


Financial Economics, 115, 304-329.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 156


Bezugsrahmen zur differenzierten Analyse des
CSP-/CFP-Zusammenhangs

(Quelle: Schreck, P (2015). Der Business Case for Corporate Social Responsiibility. In A. Schneider & R. Schmidtpeter (Hg.), Corporate Social
Responsibility (S. 71-88), Berlin: Springer, S. 76.
Vgl. auch Grewatsch, S., & Kleindienst, I. (2017). When does it pay to be good? Moderators and mediators in the corporate sustainability–
corporate financial performance relationship: A critical review. Journal of Business Ethics, 145, 383-416.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 157
Institutionelle Investoren beeinflussen die
ökologische und soziale (E&S) Performanz
“Investors increase firms’ E&S performance following shocks that reveal financial bene-
fits to E&S improvements. In cross section, investors increase firms’ E&S performance
when they come from countries with a strong community belief in the importance of
E&S issues, but not otherwise. As such, these institutional investors transplant their
social norms regarding E&S issues around the world.”

Dyck, A., et al. (2019). Do institutional investors drive corporate social responsibility?
International evidence. Journal of Financial Economics, 131, 693-714.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 158


“These results are not only statistically significant, but also economically meaning-
ful. To illustrate, a one standard deviation change in total institutional ownership
(0.168) is associated with a 4.5% increase in environmental performance (calculated as 0.168 ×0.268)
and a 2.1% increase in social performance (calculated as 0.168 ×0.124)” (p. 698).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 159


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 160
.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 161


Klassisches versus modernes CSR

Klassisches CSR Modernes CSR

Fokus Risiken Chancen

Motive Firmen-/Markenimage, öffentliche Märkte, Produkte, auch soziale und


Akzeptanz ökologische Performanz

Akteure (Philanthropische) Unternehmung Unternehmen und Stakeholder-


Netzwerke

Bezug zum Kein direkter Beitrag Integrales Ziel: CSR als Teil der
Kerngesch. Wertschöpfung

Handlungs- reaktiv proaktiv


aspekt

Motto CSR „aufgesetzt“ CSR „eingebaut“

(nach Crane, Matten & Spence, 2013)


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 162
Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 163


CSR III: Beyond the win-win?

1. Beyond the win-win


2. Beyond beyond the win-win

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 164


Zur Bedeutung richtig verstandenen CSRs

“Capitalism is under siege …


Diminished trust in business is
causing political leaders to set
policies that sap economic
growth …”
(Porter, M.E. & Kramer, M.R. (2011). Creating shared
value: How to reinvent capitalism – and unleash a wave
of innovation and growth. Harvard Business Review, 89,
62-77)

http://ztk2006.deviantart.com/art/Capitalism-Doesn-t-Work-337629917

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 165


Kritik am Window-Dressing

“Many CSR efforts are little more


than PR campaigns designed to
promote corporate brands—by
creating the appearance of being
“good corporate citizens.”
Result?
CSR investments that deepen
public cynicism and fail to
generate real social change.
Equally important, they’re not
enabling companies to profit from
their good works.“

(Porter & Kramer, 2006, 16, hervorh. G.M.)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 166


Shared Value

“The concept of shared value can be defined as policies and


operating practices that enhance the competitiveness of a
company while simultaneously advancing the economic and
social conditions in the communities in which it operates.
Shared value creation focuses on identifying and expanding
the connections between societal and economic progress.”
(Porter & Kramer, 2011, 77; Hervorh. G.M.)

→ Business Case!
→ Rückgewinnung/Erhalt von Legitimität

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 167


Drei zentrale „Tools“

1. Enabling cluster development

2. Redefining productivity in the value chain

3. Reconceiving products and markets

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 168


Enabling Cluster Development

YARAs Engagement in Tansania und Mosambique


(Millenium Goals 1, 4, 5)  Problem: Fehlende Infrastruktur
1: Eradicate Extreme Hunger and Poverty hindert afrikanische Bauern am
4: Reduce Child Mortality effektiven Zugang zu Düngemitteln
5: Improve Maternal Health) und zu Absatzmärkten.
 Lösung: Gemeinschaftsprojekt zus.
mit den lokalen Regierungen und
der norwegischen Regierung ($60
Mio) zum Ausbau von Straßen und
Häfen → Wachstumskorridor
 Allein in Mosambique sollen mehr
als 200.000 Kleinbauern profitieren
und 350.000 Arbeitsplätze
entstehen.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 169


Redefining Productivity in the Value Chain

Nestlé: Nespresso

 Problem: Produktion von Premium-Kaffee


 Die meisten der Hersteller sind Kleinbauern in verarmten ländlichen
Gegenden Afrikas und Lateinamerikas.
 Teufelskreis von geringer Produktivität, geringer Qualität und
Umweltzerstörung
 Lösung: Zusammenarbeit mit den Herstellern (Anbaumethoden;
Kreditgewährung, Zugang zu Dünge- und Pflanzenschutzmitteln)
 Qualitätsmanagement vor Ort, sodass hohe Qualität direkt beim
Produzenten höhere Preise ermöglicht.

(Porter & Kramer, 2011, 70)


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 170
Reconceiving Products and Markets

Nestlé: Maggi Masala Magic • Unter-/Mangelernährung


(Millenium Goals 4, 5)
→ neues Produkt
4: Reduce Child Mortality
5: Improve Maternal Health • Indien: 70% der Kinder unter 3
Jahren und 57% der Frauen leiden
ernährungsbedingt an Anämie.
• Entwicklung von Maggi Masala
Magic: Gewürz mit Zusatz von
Eisen, Iod und B-Vitaminen
• Preissegment für arme
Bevölkerungsschichten

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 171


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 172
Beyond the “Win-Win”?

Crane, A., Palazzo, G., Spence, L.J., & Matten, D. (2014a). Contesting the value of
“Creating Shared Value”. California Management Review, 56 (2), 130-149.
Porter, M.E., & Kramer, M.R. (2014). A response to Andrew Crane et al.’s article by
Michael E. Porter and Mark R. Kramer. California Management Review, 56 (2), 149-
151.
Crane, A., Palazzo, G., Spence, L.J., & Matten, D. (2014b). Andrew Crane, Guido
Palazzo, Laura J. Spence, and Dirk Matten reply. California Management Review, 56
(2), 151-53.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 173


Contesting the Value of CSV

Crane et al. finden, CSV …


 “… is unoriginal;
 It ignores the tensions inherent to responsible
business activity;
 it is naïve about business compliance;
 and it is based on a shallow conception of the
corporation’s role in society” (S. 130).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 174


Beyond the “Win-Win”?
Crane, A., Palazzo, G., Spence, L.J., & Matten, D. (2014a). Contesting the value of
“Creating Shared Value”. California Management Review, 56 (2), 130-149.
Porter, M.E., & Kramer, M.R. (2014). A response to Andrew Crane et al.’s article by
Michael E. Porter and Mark R. Kramer. California Management Review, 56 (2), 149-
151.
Crane, A., Palazzo, G., Spence, L.J., & Matten, D. (2014b). Andrew Crane, Guido
Palazzo, Laura J. Spence, and Dirk Matten reply. California Management Review, 56
(2), 151-53.
de los Reyes, G., Scholz, M., & Smith, N.C. (2017). Beyond the “win-win”: Creating
shared value requires ethical frameworks. California Management Review, 59 (2), 142-
167.  Siehe auch: Scholz, M., de los Reyes, G., & Smith, N.C. (2019). The Enduring
Potential of Justified Hypernorms. Business Ethics Quarterly, 29, online first:
doi.org/10.1017/beq.2018.42

→ “From A-cases to B-cases”


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 175
A-Cases and B-Cases

Gesellschaftlich erwünscht
Nein Ja
I IV
Wirtschaftlich

Ja Profitabel, aber gesellschaft- Business Case for CSR


sinnvoll

lich unerwünscht

II III
Nein Gesellschaftlich unerwünscht Gesellschaftlich erwünscht,
und unprofitabel aber unprofitabel

A-cases (win-win)
B-cases (win-lose, lose-win)
C-cases (lose-lose)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 176


CSV+ = CSV + Norm Taking + Norm Making

Quelle: de los Reyes,


Scholz & Smith (2017)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 177


CSV+ = CSV + Norm Taking + Norm Making

Integrative Social Contracts Theory (ISCT)


(Donaldson & Dunfee)

Norm Taking Norm Making

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 178


CSR III: Beyond the win-win?

1. Beyond the win-win


2. Beyon beyond the win-win

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 179


Norm Making: The When and How

When is it time to break out of business as usual in order to revise and update
the industry’s governing norms? The generic answer, already introduced, is
that managers should look beyond the existing rules of the game when those
rules do not clearly enjoy legitimacy—when they give no good answer to the
business and society issue at hand (norms are missing or too general) or bad
answers (norms are obsolete). When the HIV crisis exploded in sub-Saharan
Africa, the existing rules of the game did not speak to the dynamics of the
case—a life-threatening epidemic that patented drugs had proven capable of
fighting off, but with little prospect of generating economic return in this market.
Whether this is seen as a case of missing norms or obsolete norms does not
matter for purposes of the “when” framework. The conclusion is the same: it
was time to move beyond existing legal rights and non-legal norms to adapt
the rules of the game to a new reality.
(de los Reyes, Scholz & Smith, 2017)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 180


Meta-Kritik an Norm-Making-Ansätzen

“In terms of positive analysis, a conceptualization of corporate citizenship and new governance
needs to be able to explain why companies would engage in tasks such as rule-making and the
administration of rights in situations where state-centric governance is ineffective. Scherer and
Palazzo (2008, p. 414) may be right when they argue that “in as much as the state apparatus
does not work perfectly, there is a demand for business to be socially responsible,” but simply
identifying this societal demand does not explain why individual companies would step in to meet
it (see also Boatright 2009, p. 7). In fact, the literature on public goods is rife with examples of
societal demands that have not been addressed, by corporations or anyone else. The critical
issue here would appear to be one of incentives and yet, in at least some of the literature, there
is a certain normativistic tendency to simply call for extended responsibility on the part of the
business community without acknowledging the role of incentives and the issue of
implementation. But, as van Oosterhout (2005, p. 678) points out, “why should [corporations] . . .
assume such extensive responsibilities if there is nothing in it for them?” This is a question that
any positive theory of new governance and corporate citizenship needs to take seriously: Since
companies do engage in new governance processes, a theoretical conceptualization must be
able to explain why“ (Pies, Beckmann & Hielscher, 2011, 173-174).
Pies, I., Beckmann, M., & Hielscher, S. (2011). Competitive markets, corporate firms, and new governance – An ordonomic conceptuali-
zation. In I. Pies & P. Koslowski (Eds.), Corporate citizenship and new governance (pp. 171-188), Dordrecht: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 181


Unternehmensverantwortung im „ordonomischen“ Rahmen

Pies, I., Beckmann, M., & Hielscher, S. (2011). Competitive markets, corporate firms, and new governance – An ordonomic conceptuali-
zation. In I. Pies & P. Koslowski (Eds.), Corporate citizenship and new governance (pp. 171-188), Dordrecht: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 182


Gesellschaftliche Verantwortung von
Unternehmen jenseits des Business Case?

Diskursverantwortung

Ordnungsverantwortung

Erweiterte Hdlg.-verantw.
Goldschmidt, N. & Homann, K. (2011). Die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen.
Theoretische Grundlagen für eine praxistaugliche Konzeption. München: Roman-Herzog-Institut.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 183
Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 184


Ordonomik: Moral und Institutionen (Ingo Pies)
1. Beispiel Mindestlohndebatte
1. DGB: 10 Argumente für Mindestlohn
2. Ordnomisches Drei-Ebenen-Modell und These des Diskursversagens
3. Ordonomische Problemanalyse
2. Ordonomischer Lösungsansatz
1. Das Gefangenendilemma als Basisparadigma
2. Trade-off und „orthogonale Positionierung“
3. Zwei Seiten einer Medaille
3. Beispiel „Korruption“
1. Korruptionsproblem und Lösungsansatz der AE und NE
2. Belastungskorruption und Entlastungskorruption
3. Konsequenzen für die Wirtschaftsethik
4. Exkurs: Kartelle und Whistleblower

Literatur:
Pies, I. (2015). Der ordonomische Ansatz. In D. van Aaken & P Schreck (Hrsg.), Theorien der Wirtschafts-
und Unternehmensethik (S. 79-112). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Homann, K. (2014). Sollen und Können: Grenzen und Bedingungen der Individualmoral. Wien: Ibera.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 185
1.1. DGB: 10 Argumente für Mindestlohn
http://www.dgb.de/schwerpunkt/mindestlohn/hintergrund/argumente

1. Mindestlöhne verhindern Lohnarmut. Mindestlöhne stellen sicher, dass Menschen von ihrer Arbeit leben
können und keine weitere Unterstützung vom Staat benötigen.
2. Mindestlöhne sorgen vor. Niedriglöhne heute heißt Altersarmut morgen.
3. Mindestlöhne entlasten den Staatshaushalt. Es ist Aufgabe der Unternehmen und nicht des Staates, für
Existenz sichernde Einkommen zu sorgen.
4. Mindestlöhne schaffen würdigere Arbeitsbedingungen. Existenz sichernde Einkommen sind ein
Zeichen des Respekts für getane Arbeit.
5. Mindestlöhne schaffen fairen Wettbewerb. Durch Lohndumping verschaffen Unternehmen sich unfaire
Wettbewerbsvorteile zulasten ihrer eigenen Beschäftigten.
6. Mindestlöhne sorgen für Gerechtigkeit. Mindestlöhne stoppen die Abwärtsspirale der Löhne, unter der
immer häufiger auch Beschäftigte mit Berufsausbildung oder Studium leiden.
7. Mindestlöhne fördern Gleichberechtigung. Mindestlöhne schützen Frauen, die besonders oft von
Niedriglöhnen betroffen sind, vor Lohnarmut und Abhängigkeit.
8. Mindestlöhne kurbeln die Binnenwirtschaft an. Mindestlöhne sorgen für mehr Nachfrage und wirken
sich somit positiv auf die Konjunktur aus.
9. 21 von 28 EU-Staaten verfügten bereits vor 2015 über Mindestlöhne. Europaweit ist die Notwendigkeit
von Mindestlöhnen unumstritten. Deutschland hat nun endlich nachgezogen und den gesetzlichen
Mindestlohn zum 01.01. 2015 auch eingeführt.
10. Mindestlöhne schaffen Klarheit. Mit Mindestlöhnen wissen Arbeitnehmer, was ihnen an Lohn zusteht.
Sie werden nicht gezwungen, aus Unwissenheit Jobs anzunehmen, deren Bezahlung unterhalb des
Branchenstandards oder gar unterhalb des Existenzminimums liegt.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 186
1.3. Ordonomische Problemanalyse
a) Wahrnehmung als Interessenkonflikt

Interessen U Arg. 5: „Durch Lohndumping ver-


schaffen Unternehmen sich unfaire
Wettbewerbsvorteile zulasten ihrer
eigenen Beschäftigten.“

Arg. 3: “Es ist Aufgabe der Unter-


nehmen und nicht des Staates, für
Existenz sichernde Einkommen zu
Status sorgen.“
quo

Interessen B
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 187
1.3. Ordonomische Problemanalyse
b) Anpassungen auf dem Arbeitsmarkt
Lohn

Arbeitsangebot
UB
Mindest-
Lohn (ML) P2 P3

Markt-
Lohn
P1

Arbeitsnachfrage2

Arbeitsnachfrage1
Beschäftigung
 Reduzierte Arbeitsnachfrage durch ML
 Erhöhtes Arbeitsangebot durch ML

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 188


Übersicht Mindestlohn – Vergleich Länder und
Bundesländer

Caliendo, M., Schröder, C., & Neumark, D.


(2019). The causal effects of the minimum
wage introduction in Germany – An overview.
German Economic Review, 20(3), 257-292.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 189


Kritische Aspekte

1. Aus theoretischer Perspektive Wirkung von Mindestlöhnen uneindeutig.


2. Nach Einführung des Bildung einer starken Lohngruppe am oder knapp
oberhalb des ML.  geringere Lohndifferenzierung am unteren Ende.
3. Für 2016: 750 Tsd. bis 1,8 Mio unter ML beschäftigt (teils aufgrund von
Ausnahmen, teils wegen mangelnder Umsetzung). Später ähnlich.
4. Zahl der „Aufstocker*innen“ nur geringfügig zurückgegangen. (Nur 3%
der ML-Empfänger sind alleinstehend und in Vollzeitbeschäftigung.)
5. Durch Anpassung der Stunden Monatseinkommen weitgehend konstant.
6. Zunehmende Beschäftigung, Reduktion nur bei Minijobs.
7. Gewinne stiegen 2015 und danach. Allerding in vom ML betroffenen
Betrieben um 9% weniger als in nicht betroffenen Betrieben.
8. Preissteigerung in stark betroffenen Betrieben wie z.B. Restaurants.
Mindestlohn-Kommission: Zweiter Bericht zu den Auswirkung des gesetzlichen Mindestlohns
(26.06.2018). https://www.mindestlohn-
kommission.de/DE/Bericht/pdf/Bericht2018.html?nn=7081728
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 190
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET)
Stundenlohn, Monatslohn und Beschäftigung

Mindestlohn-Kommission: Zweiter Bericht zu den Auswirkung des gesetzlichen


Mindestlohns (26.06.2018).
https://www.mindestlohn-kommission.de/DE/Bericht/pdf/Bericht2018.html?nn=7081728
191
Die Situation bei ausschließlich geringfügig
Beschäftigten

Mindestlohn-Kommission: Zweiter Bericht zu den Auswirkung des gesetzlichen Mindestlohns


(26.06.2018). https://www.mindestlohn-
kommission.de/DE/Bericht/pdf/Bericht2018.html?nn=7081728
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 192
Verstöße gegen den Mindestlohn

• “Die meisten Arbeitgeber halten sich an Recht und Ordnung, aber


es gibt leider eine Vielzahl schwarzer Schafe, die ihren Beschäftig-
ten nicht einmal das gesetzlich Mindeste zahlen”, heißt es in der
DGB-Analyse. “Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsfor-
schung (DIW) belegen, dass rund 2,4 Millionen Beschäftigte den
gesetzlichen Mindestlohn nicht erhalten, obwohl er ihnen zusteht.”
Mindestlohnverstöße seien “kein Kavaliersdelikt”.
• “Der Gesamtverlust aufgrund von Mindestlohnverstößen, also die
Summe aus geringerer Kaufkraft, Steuerausfällen und geringeren
Einzahlungen in die Sozialversicherungen, summiert sich somit seit
Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015 auf über 25
Milliarden Euro.”(Redaktionsnetzwerk Deutschland, 23.05.2020)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 193


1.2. Ordnonomisches Drei-Ebenen-Modell und
These des Diskursversagens
Meta- • 3. Ebene : Diskursversagen
Metaspiel

Metaspiel • 2. Ebene: Politikversagen

Basisspiel • 1. Ebene: Marktversagen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 194


1.3. Ordonomische Problemanalyse
c) Politikversagen als Folge des Diskursversagens
 Angenommen, ein politischer Akteur (PA) sei aus den erörterten Gründen gegen den ML.
Der ML ist aber in der Bevölkerung populär.
 Wie sehen angesichts der Popularität des ML die Auszahlungen in politischer Währung
aus? Sollen der PA und die politische Konkurrenz (PK) den ML ablehnen – ja oder nein?

PK
nein ja

ja 1, 4 3, 3
PA
nein 2, 2 4, 1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 195


1.3. Ordonomische Problemanalyse
d) Marktversagen als Folge des Politikversagens
 Angenommen, ein unternehmerischer Akteur (UA) möchte aus sozialen Gründen keinen
Personalabbau betreiben, ist aber mit der Lohnerhöhung durch den ML konfrontiert.
 Wie sehen die Auszahlungen in dieser Situation aus? Sollen der UA und die unternehme-
rische Konkurrenz (UK) das Beschäftigungsniveau aufrechterhalten – ja oder nein?

UK
nein ja

ja 1, 4 3, 3
UA
nein 2, 2 4, 1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 196


2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.1. Das Gefangenendilemma als Basisparadigma

 Kooperieren – ja oder nein?


Alter
Nein (Defektieren) Ja (Kooperieren)
IV I
Ja 1, 4 3, 3
Ego
III II
Nein 2, 2 4, 1

 Paretoeffizienz: (3, 3)

 Nash-Gleichgewicht: (2, 2)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 197


2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.1. Das Gefangenendilemma als Basisparadigma

 Kooperieren – ja oder nein?


Alter
Nein (Defektieren) Ja (Kooperieren)
IV I

Ja 1, 4 3, 3

Ego
III II

Nein 2, 2 4, 1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 198


Trade-off und „orthogonale Positionierung“

Ethik Defektieren Kooperieren

Ökologie

Alter
1, 4 3, 3 Kooperieren

soz. Gerecht.

ges. Interesse

2, 2 4, 1 Defektieren

NGG

Unt.-Interesse ökon. Eff. Ego Ökonomie Ökonomik


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 199
Gerhard Minnameier Wirtschaftsethik (BWET) 199
2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.2. Trade-off und „orthogonale Positionierung“
Schelling, T. (1960). The strategy of
conflict. Cambridge, MA: Harvard
Univ. Press.
Pies, I. (2009). Moral als Heuristik:
Ordonomische Schriften zur Wirt-
schaftsethik. Berlin: wvb

a) Kooperations- bzw.
Mixed-Motives-Spiele

b) Koordinationsspiele c) Nullsummenspiele

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 200


2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.3. Zwei Seiten einer Medaille
Soll in eine neue Technologie investiert werden, die zum Umweltschutz beiträgt?
 „Unsichtbare Hand“ und „unsichtbare Faust“!

In Umweltschutz investieren? In Umweltschutz investieren?


B B
Nein Ja Nein Ja
(Defektieren) (Kooperieren) (Defektieren) (Kooperieren)
IV I IV I
Ja 4, 1 3, 3 Ja 1, 4 3, 3
A A
III II III II
Nein 2, 2 1, 4 Nein 2, 2 4, 1

a) Sichere Eigentumsrechte an b) Keine sicheren Eigentumsrechte an


Umweltressourcen Umweltressourcen
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 201
2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.3. Zwei Seiten einer Medaille

Gefangenendilemma und Wettbewerbsprinzip: Verhinderung der Kooperation von Akteuren auf


derselben Marktseite (Anbieter/Anbieter bzw. Nachfrager/Nachfrager) zum Wohle aller und zur
Realisierung von Kooperationsgewinnen auf gesellschaftlicher Ebene!

Auszahlungsmatrix
B
Defektieren Kooperieren
IV I 
Kooperieren 1, 4 3/3
(Kartell)
A
III  II
Defektieren 2, 2 4, 1
(Wettbewerb)
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 202
2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.3. Zwei Seiten einer Medaille
 Die Kronzeugenregel aus Sicht der Gefangenen und aus Sicht der Gesellschaft …

Kooperation („Dicht halten“)? Kriminalität/Korruption?


B C+D
Nein Ja Ja Nein
(Defektieren) (Kooperieren) (Defektieren) (Kooperieren)
IV I IV I
Ja 1, 4 3, 3 Nein 1+3, 4-3 3, 3
A
A +
III II B III II
Nein 2, 2 4, 1 Ja 2, 2 4-3, 1+3

a) Sicht der „Gefangenen“ im GD b) Sicht der Gesellschaft (Modifikation


durch Kronzeugenregel)
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 203
2. Ordonomischer Lösungsansatz
2.5. Von Kooperations- zu Koordinationsspielen

Modifikation der Auszahlungen durch Institutionen und entspr. Sanktion(sandrohung)en:

 Kooperationsspiel → Koordinationsspiel!

B
Defektieren Kooperieren
IV I
Kooperieren 1, 4-3 3, 3

A
III IÍ
Defektieren 2, 2 4-3, 1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 204


3. Beispiel „Korruption“
3.1. Korruptionsproblem und Lösungsansatz der AE und NE

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 205


3. Beispiel „Korruption“
3.1. Korruptionsproblem und Lösungsansatz der AE und NE

AE:
 Erörterung von Nutzen bzw. Schädlichkeit der Korruption vor dem Hintergrund
der Frage, worauf sich vernünftige Menschen einigen können (müssten).
 normative Lösungsorientierung
 Appell: Vernünftige (moralische) Menschen sind – bei Strafe des
Selbstwiderspruchs – aufgefordert, dem Guten und Richtigen zur Geltung zu
verhelfen und (moralisches) Vorbild zu sein.

NE:
 Erörterung von Nutzen bzw. Schädlichkeit der Korruption vor dem Hintergrund
der Frage, ob sie ein gesellschaftliches Problem darstellt.
 normative Problemorientierung
 Erörterung der faktischen (Beweg-)Gründe für Korruption
 Ansätze zur anreizgesteuerten Therapie

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 206


3. Beispiel „Korruption“
3.2. Belastungs- und Entlastungskorruption

Fall 1: Ein Beamter lässt sich die Erteilung einer Genehmigung mit
Schmiergeld bezahlen. Der Nachfrager zahlt einen erhöhten
Preis.
 Belastungskorruption ( Interessenskonflikt)

Fall 2: Ein Bürokrat erteilt einen Auftrag für die Reparatur einer Straße,
die nicht oder nur minimal reparaturbedürftig ist. Das beauftragte
Unternehmen spart an den Kosten, rechnet aber voll ab (und teilt
sich den Erlös mit dem Beamten).
 Entlastungskorruption (Interessensharmonie)

Pies, I. (2008). Wie bekämpft man Korruption?: Lektionen der Wirtschafts- und
Unternehmensethik für eine ‚Ordnungspolitik zweiter Ordnung‘‚ Berlin: wvb.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 207


Belastungskorruption

 Anbieter verhalten sich wie Monopolisten (Machtposition)


 Grundmodell einer Sozialistischen Bürokratie
Preis
W = Wohlfahrtsoptimierende Preis-Mengen-Kombination
PAF C = Realisierte Preis-Mengen-Kombination
 Offizieller Preis P + inoffizieller Preis C-P)
C
GK
W

Menge
GE
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 208
Entlastungskorruption (1): EK als Tausch

 Korrupter Agent (A) und bestechender Klient (K) kooperieren zum


beiderseitigen Vorteil
 Entlastungskorruption als Tausch: Leistung und Gegenleistung
(gestrichelte Linie)

A K

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 209


Entlastungskorruption (2): EK als Vertragsbruch
 Prinzipal des A ist im Falle eines Bürokraten die Bevölkerung B.
 Die Bindung von A durch B erfolgt zum einen durch einen Arbeitsvertrag (vert. Linie)
 Und sie erfolgt weiterhin durch die Organisationsverfassung, die Kompetenzen und
Aufgaben staatlicher Institutionen festlegt (Oval).

A K

Geschädigt sind die Prinzipale (B),


B denen gegenüber A vertragsbrüchig
wird, weil es seine Pflichten verletzt.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 210


Entlastungskorruption (3): Informationsverteilung

 K ist typischerweise selbst Agent (als Angestellter/Manager) eines Prinzipals P.


 Es gibt Mitwisser, denn K finanziert die Bestechung nicht aus privaten Mitteln.
 Der Kasten markiert (etwas vereinfachend) die Informationsverteilung.

A K P

Trotz Geheimhaltung gibt es mindestens


B drei Personen, die vom Korruptionsge-
schäft wissen: A, K und P.

 Es gilt jedoch auch: P verfügt im Unterschied zu B nicht nur über die Information, die
man braucht, um Korruption zu bekämpfen, sondern auch über die Mittel!

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 211


Entlastungskorruption (4): EK und Konkurrenz

 Zwischen Korruptionsnachfragern kann ein Wettbewerb entstehen (Bsp. FIFA).


 Im Wettbewerb schwinden deren Vorteile (pareto-inferiores Nash-Gleichgewicht).

A K1 P1

K2 P2

B K3 P3

 Hier hätte P nicht nur die Information und die Mittel zur Korruptionsbekämpfung an
der Hand, sondern hätte auch ein Motiv, den Korruptionswettbewerb zu beenden.
 ABER: Wie kann man aussteigen?
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 212
3.3. Konsequenzen für die Wirtschaftsethik
1. Einsicht und Appelle reichen vermutlich ebenso wenig, wie allgemein anerkannte
Richtlinien (z.B. Global Compact). Sonst gäbe es schon längst keine K. mehr.
2. Klienten befinden sich in charakteristischen Anreizsituationen (bei BK oder EK).
3. Korruption hat nicht nur mit Eigeninteressiertheit und „Unmoral“ zu tun, sondern
es werden Pakte geschlossen, es entstehen teilwiese tiefe Vertrauensbeziehun-
gen und (wahrgenommene) Loyalitätspflichten!
(vgl. Dungan, J., Waytz A. & Young, L. (2014). Corruption in the context of moral trade-offs. Journal of
Interdisciplinary Economics, 26 (1&2), 97-188.)

4. Anreizstrukturen müssen – aus Sicht der NE – erkannt und aufgebrochen werden.


5. Zwei Möglichkeiten für unternehmensinterne Steuerung:
a) informelle Institutionen: Unternehmenskultur, Verhaltenskodizes
b) formelle Regelungen: Compliance-Regeln (z.B. Whistleblowing)
6. Externe (rechtliche) Sanktionierung
a) ex ante: undifferenziert (hohe) Strafen
b) ex post: differenzierte Strafen (Kronzeugenregel)
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 213
4. Exkurs: Kartelle und Whistleblower

Kartell := freiwilliger Zusammenschluss von Konkurrenten


(Kooperation auf derselben Marktseite)

Problem: Schädigung der jeweils anderen Marktseite

Beispiele: 124 Mio. Euro gegen gegen 4 Schienenhersteller (2012)


338 Mio. Euro gegen 21 Wursthersteller (2014)
338 Mio. Euro gegen 11 Bierbrauer (2013/2014)
280 Mio. Euro gegen 3 Zuckerhersteller (2014)
(Quelle: Bundeskartellamt)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 214


Handelsblatt,
19.07.2016

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 215


Daimler soll VW mit Selbstanzeige
zuvorgekommen sein
„Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR hat sich der in Stuttgart
ansässige Daimler-Konzern deutlich früher als VW an die Behörden gewandt. (…) Daimler
könnte darauf hoffen, ohne Strafe davonzukommen, sollte die Brüsseler EU-Kommission
Geldbußen wegen verbotener Absprachen verhängen.

Nach den EU-Bestimmungen wäre für VW dann noch ein Strafnachlass in Höhe von maximal
50 Prozent möglich. Und das auch nur dann, falls VW zusätzlich zu den von Daimler
eingereichten Unterlagen weitere "Beweismittel mit erheblichem Mehrwert" vorgelegt hätte. (…)

Die Selbstanzeige von Volkswagen wegen möglicher Kartellverstöße stammt vom Juli 2016.
Daimler soll sich nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Insider deutlich früher an die
Wettbewerbsbehörden gewandt haben. Der schwäbische Hersteller hatte von 2011 an, als das
Lkw-Kartell aufgeflogen war, seine Geschäftspolitik nach und nach geändert.

In den Folgejahren zog sich Daimler zumindest teilweise aus jenen Arbeitskreisen der fünf
großen deutschen Autohersteller zurück, die heute als mögliches Kartell gelten.“

(Spiegel online, 24.07.2017)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 216


EU-Kommission: BMW, Daimler, VW trafen
illegale Absprachen
• „…BMW, Daimler und VW … droht eine Strafe in Milliardenhöhe. Im Einzelnen sollen sich
nach den Erkenntnissen der EU-Kommission die Autobauer bei der Einführung von SCR-
Katalysatoren für Dieselmotoren und von Feinstaub-Partikelfiltern für Benzinmotoren (OPF)
unerlaubterweise abgesprochen haben. Diese Absprachen seien bei Treffen der
Automobilhersteller in den sogenannten 5er-Kreisen getroffen worden.
• Die Unternehmen hätten den Innovationswettbewerb in Europa bei diesen beiden
Abgasreinigungssystemen eingeschränkt und den Verbrauchern somit die Möglichkeit
verwehrt, umweltfreundlichere Fahrzeuge zu kaufen - obwohl sie über die entsprechende
Technologie verfügten, teilten die Wettbewerbshüter weiter mit. Sollte sich der Verdacht
endgültig bestätigen, wäre es ein Verstoß gegen europäisches Kartellrecht - auch wenn es
sich nicht um Preisabsprachen handele.
• Daimler rechnet trotz der Vorwürfe nicht damit, ein Bußgeld zahlen zu müssen. «Daimler
hat frühzeitig und umfassend mit der Europäischen Kommission als Kronzeuge kooperiert
und erwartet in dieser Sache deshalb kein Bußgeld», teilte der Autobauer am Freitag mit.“
(Quelle: ZEIT-online vom 5. April 2019)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 217


Whistleblower –
gegen Korruption, Kartelle, Steuerbetrug, Datenklau …

Aufklärung

Denunziation

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 218


Vorschlag der Europ. Kommission für eine
EU-Richtilinie vom 23.04.2018, ergänzt 16.12.2019

1. Dreistufiges Verfahren:

Öffentlichkeit
Behörden
Unternehmens-
interne Stellen/
Kanäle

2. Beweislastumkehr: Bei einer Sanktion gegen einen Hinweisgeber muss der


AG beweisen, dass es sich nicht um eine Vergeltungsmaßnahme handelt.
3. Richtlinie (EU) 2019/1937: Einigung nach Streit zwischen Vertretern der
Staaten und dem EU-Parlament: Mehr Wahlfreiheit bei den Kanälen!
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 219
Bottroper Apotheken-Whistleblower wechselt
zu Krankenkasse
Karlsruhe - 19.10.2018, 09:00 Uhr
Quelle:
Deutsche
Apotheker
Zeitung

Nachdem er gegen seinen früheren Chef Anzeige erstattet hatte, bekam Martin
Porwoll zwar einen Preis, hatte aber zunächst keinen Job. (m / Foto: hfd)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 220


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 221


Öffentliche Güter

Def.: Güter, die durch Nicht-Ausschließbarkeit (NA) und Nicht-Rivalität (NR) im


Konsum gekennzeichnet sind (z.B. Deiche, Frieden, Saubere Luft)

Einschränkung: Es gibt Güter, die wir allgemein als ÖG bezeichnen, bei denen aber
die Nicht-Rivalitätsbedingung verletzt ist (Bsp. Straßen [ohne Maut], Parkanlagen,
Allmendeweiden). Hier spricht man im Unterschied zu „Public Goods“ auch von
„Common Pool Resources“

rein unrein
Öffentliche G. (NA, NR) Deiche, Frieden, saubere Luft, Allmende (Common-Pool
Geld, öff. Bildungswesen Resources)
Klubgüter (A, NR) Angebote von Vereinen, Pay- Sportgeräte im Fitnessklub
TV, Musik-Streaming-Dienste
Privatgüter (A, R) … Häuserfassade, gepflegte
Vorgärten

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 222


Öffentliche Güter als ökonomisches und
ethisches Problem
1. G. Hardin: The Tragedy of the Commons
2. E. Ostrom: Revisiting the Commons
3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter: Public Goods and Free Riding
4. J. Greene: The Tragedy of Commonsense Morality
5. K. Homann: Ethik als Implementation von Normativität

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 223


1. G. Hardin: The Tragedy of the Commons
(oder: „Unsichtbare Faust“, zweiter Teil …)

Hardin, G. (1968). The tragedy of the commons. Science, 162, 1243-1248.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 224


1. G. Hardin: The Tragedy of the Commons

“Perhaps the simplest summary of this analysis of man‘s population problems


is this: the commons, if justifiable at all, is justifiable only under conditions of
low population density. As the human population has increased, the commons
had to be abandoned in one aspect after another.
First we abandoned the commons in food gathering, enclosing farm land and
restricting pastures and hunting and fishing areas. These restrictions are still
not complete throughout the world.
Somewhat later we saw that the commons as a place for waste disposal would
also have to be abandoned (…)
The most important aspect of necessity that we must now recognize, is the
necessity of abandoning the commons in breeding. No technical solution can
rescue us from the misery of overpopulation. Freedom to breed will bring ruin
to all” (p. 1248)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 225


2. E. Ostrom: Revisiting the Commons

“Although the number and importance of commons problems at local or regional


scales will not decrease, the need for effective approaches to commons prob-
lems that are global in scale will certainly increase. Here, we examine this need
in the context of an analysis of the nature of common-pool resources and the
history of successful and unsuccessful institutions for ensuring fair access and
sustained availability to them. Some experience from smaller systems transfers
directly to global systems, but global commons introduce a range of new issues,
due largely to extreme size and complexity“ (p. 278).
“Solving CPR problems involves two distinct elements: restricting access and
creating incentives (…) for users to invest in the resource instead of
overexploiting it“ (p. 279).

Ostrom, G. (1999). Revisiting the commons. Science, 284, 278-282.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 226


2. E. Ostrom: Revisiting the Commons
Eigentumsrechte als evolutionär entstandene soziale Normen (p. 279):

“Evolved norms, however, are not always sufficient to prevent overexploitation.


Participants or external authorities must deliberately devise (and then monitor
and enforce) rules that limit who can use a CPR, specify how much and when
that use will be allowed, create and finance formal monitoring arrangements,
and establish sanctions for nonconformance. (…) Perceived costs are higher
when the resource is large and complex, users lack a common understanding of
resource dynamics, and users have substantially diverse interests (p. 279-280).
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 227
2. E. Ostrom: Revisiting the Commons

(p. 280)
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 228
2. E. Ostrom: Revisiting the Commons

Challenges of Global Commons (pp. 281-282):


 Scaling-up problem

 Cultural diversity challenge

 Complications of interlinked CPRs

 Accelerating rates of change

 Requirement of unanimous agreement as a collective-choice rule

 We have only one globe with which to experiment

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 229


3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding

Bsp.: Lineares Public Good Game (Endowment 20; Multiplikator 1,6)

Szenario Anna Tina Tim Tom ∑(PG)


A Beiträge 20 20 20 20 80
Payoff 32 32 32 32 128
B Beiträge 19 20 20 20 79
Payoff 32.6 31.6 31.6 31.6 126.4
C Beiträge 20 20 20 0 60
Payoff 24 24 24 44 96
D Beiträge 19 20 20 0 59
Payoff 24.6 23.6 23.6 43.6 94.4

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 230


3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding

Fehr, E. & Gächter, S. (2000). Cooperation and punishment in public goods experiments.
American Economic Review, 90, 980-994.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 231


3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding

Fehr, E. & Gächter, S. (2000). Cooperation and punishment in public goods experiments.
American Economic Review, 90, 980-994.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 232


3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding
 2 Sessions mit je 12 Spielern, aufgeteilt in 3 Gruppen à 4 Spieler
 Auszahlungsfunktion für Spieler 𝑖:

𝜋 20 𝑔 0,4 𝑔

 2 Arten von Experimenten:


 P-Experiment („preferences“): Angabe des eigenen Beitrags in Abhängigkeit des
durchschnittlichen ganzzahligen Beitrags der anderen Spieler (21 Mgl.: 0, …, 20)
 C-Experiment („contribution choices“): 10 Runden eines echten PGG mit jeweils neuer
zufälliger Gruppenzuordnung. Hier mussten zusätzlich zur eigenen Entscheidung auch
„Beliefs“ zum erwarteten durchschnittlichen Beitrag der drei anderen Spieler
angegeben werden.
 2 Treatments, um Reihenfolgeeffekte zu kontrollieren:
 P-C; C-P
Fischbacher, U. & Gächter, S. (2010). Social preferences. beliefs, and the dynamics of free riding in public
goods experiments. American Economic Review, 100, 551-556.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 233
3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 234


3. E. Fehr, U. Fischbacher & S. Gächter:
Public Goods and Free Riding
PGG mit Bestrafungsmöglichkeit  überraschend: pro- und antisoz. Bestrafung

Herrmann, B., Thöni, C. & Gächter, S. (2008) Antisocial punishment across societies. Science, 319 (5868),
1362-1367.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 235
4. J. Greene: The Tragedy of Commonsense
Morality

• Kulturelle Diversität: Verschiedene Gemeinschaften haben


verschiedene Formen des Zusammenlebens und der
Bewirtschaftung Ihre Gemeinschaftsgüter entwickelt.
• Mit anderen Worten: Das Problem ist gar nicht, dass es
keine Institutionen bzw. keine Moral gibt, sondern eher,
dass es Konflikte zwischen den Kulturen gibt.

Greene, J. (2012). Moral tribes: Emotion, reason, and the gap between us and them.
New York: Penguin.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 236


The Tragedy of
Commonsense
Morality
https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2016-12/arabische-welt-paolo-pellegrin-fotografien-krieg-flucht-fs
EMBA MZ: Wirtschaftsethik und Management by Morals 237
Beispiel: Moral Machine (Online-Plattform)

Awad, E., Dsouza, S, Kim, R., Schulz, J., Henrich, J., Shariff, A., Bonnefon, J.-F., &
Rahwan, I. (2018). The Moral Machine experiment. Nature, 563, 59-79.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 238
5. K. Homann: Ethik durch Implementation
von Normativität
Es resultieren beim heutigen Stand zwei zentrale Probleme aus
ethischer – nicht nur wirtschaftsethischer (!) – Sicht:
1. Wie gelingt es unter den Bedingungen einer modernen Großge-
sellschaft, prinzipiell konsensfähige Normen auch zu implemen-
tieren?
2. Wie gelingt es im Bereich jener Normen über die sog. „dünne
Moral“ und über bloße Minimalkonsense (wie z.B. Menschen-
rechte) hinauszukommen?

Homann, K. (2014). Sollen und Können: Grenzen und Bedingungen der


Individualmoral. Wien: Ibera. ( Kap. 2)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 239


5. K. Homann: Ethik durch Implementation
von Normativität
Interaktionsökonomischer Ansatz:
 Differenzierung von Handlungen und Handlungsbedingungen
 Handlungen erster, zweiter, dritter Ordnung usf.

Implementation
Normativit
ät

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 240


5. K. Homann: Ethik durch Implementation
von Normativität
Interaktionsökonomischer Ansatz
• Beschränkungen (Restriktionen!) auf
oberster Ebene: Fragen, in denen es
keinen Konsens im diskursethischen
Normativitä

Implementation
oder irgendeinem anderen Sinne gibt.
• Bsp. Klimaschutz; Eurokrise u.v.a.m.
 Lösungen durch Druck, nicht durch
Konsens!
t

• „Ethik wird so zur Heuristik der


Ökonomik“ (Homann 2001, 103).

Homann, K. (2001). Ökonomik: Fortsetzung der Ethik mit anderen Mitteln. In G. Siebeck (Hrsg.), Artibus
ingenuis – Beiträge zu Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft (S. 85-110).
Tübingen: Mohr Siebeck.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 241
Beispiel: Moral Machine

• Über 40 Mio. Entscheidungen von Millionen von Menschen in 233


Ländern bzw. Territorien wurden erfasst.

• Es gibt inter-individuelle und inter-kulturelle Unterschiede, die mit


modernen Institutionen und tief verankerten kulturellen Eigenheiten
verbunden sind.

• Welche ethischen Algorithmen sind akzeptabel (sowohl für potentielle


Käufer autonomer Fahrzeuge als auch alle Verkehrsteilnehmer und damit
die Bevölkerung/en)? (Oder es bleibt einfach beim Status quo.)

• Wie sollten demnach Maschinen potentielle moralische Konflikte lösen?

• Und wie kommen wir zu solchen Lösungen?


Awad, E., Dsouza, S, Kim, R., Schulz, J., Henrich, J., Shariff, A., Bonnefon, J.-F., &
Rahwan, I. (2018). The Moral Machine experiment. Nature, 563, 59-79.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 242
Neun untersuchte Entscheidungsaspekte

X vs. Y
Menschen Haustiere
Kurs halten Abdrehen
Insassen Passanten
mehr Leben weniger Leben
Männer Frauen
Jung Alt
Legale Straßenüberqu. Illegale Straßenüberqu.
Gesunde Kranke
Hörerer Sozialstatus Niedrigere Sozialstatus

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 243


Ergebnisse: Globale Präferenzen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 244


Drei kulturelle Cluster

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 245


Drei kulturelle Cluster

Western: Inaktivität (Unterlassen) besonders starkt bevorzugt


Eastern: Gesetzestreue und Fußgänger besonders bevorzugt
Southern: Höherer Status, Frauen und Junge besonders bevorzugt

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 246


Fazit

• Will man ethisches Algorithmen durchsetzen, muss man die faktischen


Werte der Menschen berücksichtigen (sonst nicht implementierbar).
• Präferenzen der Bürger (gleich woher, gleich von welchem Status oder
Bildungshintergrund)
• Analogie zum Wettbewerb in der Marktwirtschaft, in der die individuellen
Präferenzen durchschlagen.
• Präferenzen der Menschen müssen nicht sakrosankt sein (keine
kategoriale ethische Vorzugswürdigkeit der einfachen Moral der Leute),
sondern Ansatz für Diskurse und Entwicklungen
• Zu jedem Zeitpunkt in diesem Prozess bilden diese Präferenzen aber die
Grundlage und die Bedingungen der Möglichkeit von Verträgen und
Beschlüssen (hier zur Implementation der fraglichen Maschinen).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 247


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 248


1. Regeln in und für moderne(n) Großgesellschaften?
1.3. Und wo bleibt die Moral?
„It‘s for the orphans …“

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 249


Moralität und Rationalität I:
Präferenzen und Restriktionen
1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1. Das neo-klassische Grundmodell des HO
2. HO – Kritik und Gegenkritik
3. G. Becker: HO als Analysemodell
2. HO als Mensch – dead or alive?
1. Ultimatum- und Diktatorspiel
2. HO-Zombies?
3. Happy Vicimizer und moralische Motivation
1. Das Happy-Victimizer-Phänomen (HVP) und die klassische Erklärung
2. Aktualgenese der Moral und das Problem der moralischen Motivation
4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
1. Moral und Inferenzen – Präferenzen und Restriktionen
2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?
3. Empirische Befunde zu Rationalität und Moral
Minnameier, G. (2016). Rationalität und Moralität: Zum systematischen Ort der Moral im Kontext von
Präferenzen und Restriktionen. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 17 (2), 259-285.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 250
1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.1. Das neo-klassische Grundmodell des HO

Verhaltens-
annahmen

Rein Partiell Rein


egoistisch egoistisch altruistisch

Vollständig Unvollständig
rational rational

Auch immat.
Interessen

Nur materielle
Interessen
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 251
1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.2. Kritik und Gegenkritik

Intuitionismus: Bsp. Trolley-Problem:

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 252


Moral dilemma

Joshua D. Greene Science 2016;352:1514-1515

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 253


What people think …

Bonnefon, J.-F., Shariff,


A., & I. Rahwan (2016).
The social dilemma of
autonomous vehicles.
Science, 352 (6293), pp.
1573-1576.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 254


1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.2. Kritik und Gegenkritik

„Satisficing“* (Herbert Simon, Nobelpreis 1977):


• Wie viele Geschäfte klappert man ab, bevor man kauft?
• Wie viele Bewerbungen prüft man, bevor man jemanden einstellt?
• Wie lange prüft man, bis man sich für eine Geldanlage entscheidet?
• …

→ Man gibt sich also mit einer hinreichenden Bedürfnisbefriedung bzw.


Nutzenstiftung zufrieden und bricht die Suche dann ab.

*Models of bounded rationality and other topics in economics (1982)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 255


1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.2. Kritik und Gegenkritik

„Bounded rationality“* (Herbert Simon, Nobelpreis 1977):

Entscheidungen sind stets mit Unsicherheit behaftet


(Investment; Kauf eines Gebrauchtwagens oder Hauses;
Annahme einer Arbeitsstelle/eines Bewerbers; Heirat …)
 Wir können nie vollständig rational entscheiden!
 Wir haben auch nie unbegrenzt Zeit bzw. unendliche
Reaktionsgeschwindigkeiten in Entscheidungsprozessen

Models of bounded rationality and other topics in economics (1982)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 256


1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.2. Kritik und Gegenkritik

Angenommen es gibt ein fürchterliches Gewitter, just an dem Abend, an dem


Sie zu einem Open-Air-Konzert gehen wollen. Hat es einen Einfluss,
 ob Sie die Karten geschenkt bekommen oder
 ob Sie sie gekauft haben?

Natürlich! Geschenkte Karten lässt man viel eher verfallen, obwohl der
Vermögensverlust der gleiche ist!
 Anomalien der Rationalitätsannahme

Kahneman, D. & Tversky, A. (1981). The Framing of Decisions and


the Psychology of Choice. Science, 211, 453-458.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 257


1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.2. Kritik und Gegenkritik
1. Intuitionismus: Unser Gefühl muss nicht irrational sein!
• Trolley-Problem: Wer handelt, macht sich persönlich schuldig, wer nicht handelt,
akzeptiert das Schicksal.
2. „Satisficing“  sog. „Transaktionskosten“ nicht berücksichtigt!
• „Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach!“
• Die Kosten für die Informationsbeschaffung bzw. Optimierung sind (vermutlich)
höher als der zu erwartende Grenznutzen einer weiteren Suche …
3. „Bounded rationality“  Und?
• Die Annahme unendlichen Wissens und unendlicher schneller (und kostenloser)
Informationsverarbeitung ist ersichtlich falsch!
• ABER: Die Frage ist doch, wie man mit diesen faktischen Restriktionen „rational“
umgehen kann!! ( z.B. Portfoliomanagement, Kontrollinstrumente)
4. Anomalien der Rationalitätsannahme  „versteckte“ Rationalität?
• Wirklich irrational? Zumindest nicht zufällig!  Gründe!
• Theaterkarten  z.B.: Investment und Return; Scheidung  „Rache“
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 258
1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.3. G. Becker: HO als Analysemodell

Prinzipien der ökonomischen Analyse menschlichen Verhaltens:

1. Methodologischer Individualismus:
 Nur Individuen handeln! Handlungen müssen (letztlich) aus individueller Sicht
rational sein.

2. Rationalitätsprinzip:
 Individuen haben (evtl. implizite) Intentionen und versuchen ihren Nutzen zu
maximieren.

3. Präferenzen (Inhalt)
 Monetäre Auszahlung ≠ Nutzen!

4. Restriktionen (Handlungsbedingungen)
 Subjektiv wahrgenommene Restriktionen („Beliefs“)!
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 259
1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.3. G. Becker: HO als Analysemodell

“So we assume “that individuals


maximize welfare as they con-
ceive it, whether they be selfish,
altruistic, loyal, spiteful, or maso-
chistic” (Becker, 1993, 386).
Becker, G. (1993). Nobel Lecture: The Economic Way of Looking at
Behavior. Journal of Political Economy, 101, pp. 385-409

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 260


1. Homo Oeconomicus (HO) – Mensch oder Modell?
1.3. G. Becker: HO als Analysemodell

Gary Becker: Weiter Vorteilsbegriff und „Rationalität als Heuristik“:

Ökonomik Physik
Lebenswelt: Lebenswelt:
„Irrationalität“, „subjektive „unterschiedliche
Präferenzen“, „Altruismus“ Fallgeschwindigkeiten“

Wissenschaft: Wissenschaft:
HO-Prinzip Fallgesetz (Galilei)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 261


2. HO als Mensch – dead or alive?
2.1. Ultimatum- und Diktatorspiel

Ultimatumspiel
• Spiele A („proposer“) bekommt einen
bestimmten Betrag und muss entscheiden, wie
viel er oder sie Spieler B („responder“) anbietet.
• B kann das Angebot akzeptieren oder ablehnen.
• Akzeptiert B, erhält jedes die entsprechende
Auszahlung. Lehnt B ab, verfällt das gesamte
Budget, und keiner erhält etwas.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 262
2. HO als Mensch – dead or alive?
2.1. Ultimatum- und Diktatorspiel

Diktatorspiel
• Spieler A („proposer“) bekommt einen
bestimmten Betrag und muss entscheiden, wie
er oder sie das Geld zwischen sich und einem
zweiten Spieler B („responder“) aufteilen
möchte.
• B bekommt schlicht, was A ihm oder ihr gibt.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 263


2. HO als Mensch – dead or alive?
2.1. Ultimatum- und Diktatorspiel
WENN die Spieler einzig und allein ihre materielle Auszahlung
maximieren wollen, dann …
1. … gibt es für sie eine dominante Strategie.
2. … ist diese Strategie klar zu und leicht verständlich.

DS: A behält alles, B geht leer aus.


US: A bietet den kleinstmöglichen Betrag;
B akzeptiert diesen Betrag.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 264


Was passiert im Ultimatumspiel?

 Die meisten Personen (ca. 70%) bieten Halbe-Halbe an.


 Die Verteilung wird nicht durch die Höhe des Betrags beeinflusst.
Experimente wurden mit Budgets zwischen $5 to $1.500 durchgeführt.
 Die Neigung abzulehnen nimmt bei den Respondern allerdings mit der
Höhe des Gesamtbudgets ab.
 Angebote unterhalb der 50%-Marke werden oft abgewiesen. Bei 20% oder
weniger wird die Hälfte der Angebote abgelehnt.
 Responder halten Angebote unter 50% für unfair!
 Proposer scheinen das zu erkennen. Daher kann ihr Verhalten auch als
Profitmaximierung erklärt werden.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 265


Was passiert im Diktatorspiel?

Standardbedingung: Teilnehmern werden $10 zugeteilt Sie müssen


entscheiden, wie sie diese $10 aufteilen wollen.

Häufigkeiten in %
35
30
25
20
15
10
5
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Forsythe, R., Horowitz, J,. Savin, N., & Sefton, M. (1994). Fairness in simple bargaining
experiments. Games and Economic Behavior, 6, 347-369.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 266


DS und US im Vergleich

% 80
70
60
50
40 Dictator
30 Ultimatum

20
10
0
0 1 2 3 4 5 6 $ (max.= 10)

Forsythe, R., Horowitz, J,. Savin, N., & Sefton, M. (1994). Fairness in simple bargaining
experiments. Games and Economic Behavior, 6, 347-369.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 267


Ergebnisse einer Metastudie
(129 Einzelstudien, 616 versch. Treatments, >40K Pbn)

Engel, C. (2011). Dictator games: A meta study. Experimental Economics, 14 (4), 583-610.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 268


Ergebnisse einer Metastudie
(129 Einzelstudien, 616 versch. Treatments, >40K Pbn)

0.2918

Engel, C. (2011). Dictator games: A meta study. Experimental Economics, 14 (4), 583-610.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 269


Ergebnisse einer Metastudie
(129 Einzelstudien, 616 versch. Treatments, >40K Pbn)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 270


2. HO als Mensch – dead or alive?
2.2. HO-Zombies?

 Nicht nur inter-individuelle Unterschiede

 Auch intra-individuelle Unterschiede!

 Beobachtete Moralität nur aufgesetzt???

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 271


Kumulierte Abgegebene
FHSS-R: Replikat. Forsythe et al.
Beträge im DS
120 FHSS-V: Keine “Moralsprache”
(“aufteilen”)

100
SB 2: Proposer teilen Versuchsl.
Angebote mit. Urne mit ver-schlossenen
Umschlägen, aus der Responder einen
80 ziehen.
SB 1: Versuschsl. schreiben auf.
60
DB 2: Proposer stecken Umschläge in
Box, bevor Versuchs-leiter die Angebote
40 notiert.
DB 1: Student. Hilfskräfte notieren
20
Angebote, und es gibt zwei Dummy-
Umschläge ohne Geld.

0 Hoffman, E., McCabe, K., & Smith, V.


0 1 2 3 4 5 (1996). Social distance and other-regarding
behavior. American Economic Review, 86,
FHSS-R FHSS-V SB 2 SB 1 DB 2 DB 1 653-660.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 272


Ergebnisse einer Metastudie
(129 Einzelstudien, 616 versch. Treatments, >40K Pbn)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 273


Was wäre wenn …?

• … Sie ein Diktator wären, dem $20 aus Ausstattung gegeben


werden.
• … der Computer mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit p an Ihrer
Stelle die Entscheidung trifft und dem Ihnen in diesem Fall $20, dem
Rezpienten dagegen $0 zuweist. Angenommen p = 0.5.
• Ihre Entscheidung würde entsprechend zu 50% (1-p) umgesetzt.
Wie würden Sie entscheiden?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 274


Wenn ein Computer mit einer bestimmten Wahrschein-
lichkeit dem Rezipienten $0 zuweist …

Andreoni, J., & Bernheim, D. (2009). The 50–50 norm: A theoretical and experimental analysis of audience
effects. Econometrica, 77 (5), 1607-1636.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 275
2. HO als Mensch – dead or alive?
2.2. HO-Zombies?
Dana, J., Weber, R. A., & Kuang, J. X. (2007). Exploiting
moral wiggle room: experiments demonstrating an illusory
preference for fairness. Economic theory, 33, 67-80.
 Ähnliche Resultate!
 “Rather than having a preference for a fair outcome,
people may conform to situational pressures to give in
certain contexts, but may also try to exploit situational
justifications for behaving selfishly” (Dana, Weber &
Kuang, 2007, 69).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 276


Was bzw. wie ist nun „der Mensch“?

Aristoteles Hobbes
homo homini
zoon politicon
lupus

Der Mensch „Der Mensch ist


als „soziales dem Menschen
Tier“ ein Wolf“
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 277
HO - Wolf im Schafspelz oder Schaf im Wolfspelz?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 278


3. Happy Vicimizer und moralische Motivation
3.1. Das Happy-Victimizer-Phänomen (HVP) und die klassische Erklärung

FRÜHE
MORAL HVP
1 2 3 4 5 6 7 8 9 … Alter

1. S kennt moralische Regeln.


2. S akzeptiert moralische Regeln.
3. S beobachtet einen Regenverstoß.
4. S schreibt dem Regelbrecher (ausschließl.) positive Emotionen zu.

Inzwischen weiß man, dass es auch aus der Perspektive der ersten
Person funktioniert (bei etwa der Hälfte der Kinder im betr. Alter).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 279


3. Happy Vicimizer und moralische Motivation
3.1. Das Happy-Victimizer-Phänomen (HVP) und die klassische Erklärung

FRÜHE
MORAL HVP
1 2 3 4 5 6 7 8 9 … Age

Moralisches Wissen Moralische Motivation

Nunner-Winkler, G. (2007). Development of moral motivation from childhood


to early adulthood, Journal of Moral Education, 36 (4), 399-414

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 280


3. Happy Vicimizer und moralische Motivation
3.2. Aktualgenese der Moral und das Problem der moralischen Motivation

Moral Moral Moral Moral


sensitivity judgment motivation character

S R

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 281


Crane & Matten (2010). Business Ethics, S. 145

Individual factors

Moral Moral Moral Moral


sensitivity judgment motivation character

Situational factors
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 282
3. Happy Vicimizer und moralische Motivation
3.2. Aktualgenese der Moral und das Problem der moralischen Motivation

Moral Moral Moral Moral


sensitivity judgment motivation character
“To interpret “To formulate “To select “To execute
the situation in what a moral among com- and implement
terms of how course of peting value what one
one’s actions action would outcomes of intends to do”
affect the be; to identify ideals the one to (ibid.).
welfare of the moral ideal act on; deciding
others” in a specific whether or not
situation” to try to fulfill
one’s moral
ideal”

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 283


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.1. Moral und Inferenzen – Präferenzen und Restriktionen

Präferenzen Restriktionen
Person Situation
(Prinzipien, (pos. und neg.
Mor. Selbst) Restriktionen)

Situationales
Moralurteil
Orientierung an einem Prinzip aus
persönlich verfügbarem Spektrum

1 2 3 4 5 …
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 284
4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?

100%
90%
80%
70%
60%
50% Defect
40%
Cooperate
30%
20%
10%
0%
Prisoner's
Dilemma

Ledyard, J. (1995). Public goods: A survey of experimental research. In J. Kagel & A. Roth, A. (Eds.): Handbook of
experimental economics (pp. 253-279), Princeton: Princeton University Press.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 285


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?

100%
90%
80%
70%
60%
50% Defect
40%
Cooperate
30%
20%
10%
0%
Prisoner's PD (one-shot)
Dilemma 10th trial

Ledyard, J. (1995). Public goods: A survey of experimental research. In J. Kagel & A. Roth, A. (Eds.): Handbook of
experimental economics (pp. 253-279), Princeton: Princeton University Press.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 286


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?

100%
90%
80%
70%
60%
50% Defect
40%
Cooperate
30%
20%
10%
0%
Prisoner's PD (one-shot) Wall Street Game Community Game
Dilemma 10th trial

Ledyard, J. (1995). Public goods: A survey of experimental research. In J. Kagel & A. Roth, A. (Eds.): Handbook of
experimental economics (pp. 253-279), Princeton: Princeton University Press.
Liberman, V., Samuels, S. M., & Ross, L. (2004). The Name of the Game: predictive power of Reputations versus situational
labels in determining prisoner's dilemma game moves. Personality and Social Psychology Bulletin, 30, 1175-1185.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 287


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?

100%
90%
80%
70%
60%
50% Defect
40% Cooperate
30%
20%
10%
0%
Prisoner's Dilemma Stock Market Game Community Game

Ledyard, J. (1995). Public goods: A survey of experimental research. In J. Kagel & A. Roth, A. (Eds.): Handbook of
experimental economics (pp. 253-279), Princeton: Princeton University Press.
Ellingsen, T., Johannesson, M., Mollerstrom, J., & Munkhammar, S. (2012). Social framing effects: Preferences or beliefs?
Games and Economic Behavior, 76, 117-130.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 288


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.2. Framing-Effekte: Präferenzen oder Restriktionen?
50

45

40

35

30

25

20

15

10

0
1st mover cooperation 2nd mover coop (1st C) 2nd mover coop (1st D)

Stock Market Community

Ellingsen, T., Johannesson, M., Mollerstrom, J., & Munkhammar, S. (2012). Social framing effects: Preferences or beliefs?
Games and Economic Behavior, 76, 117-130.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 289


4. Moral im Kontext von Präferenzen und Restriktionen
4.3. Empirische Befunde zu Rationalität und Moral

N = 481 Studierende (Frankfurt und Bamberg), davon


• Wiwi: 54,3 %
• Wipäd: 13,7 %
• Lehramt: 32,0 %
• Altersdurchschnitt: 22,4 Jahre
• Geschlecht: m 39,7%, w 60,3 %

GD in zwei Frames: Wall Street Game vs. Community Game


• Entscheidung (A = Kooperation/B = Defektion)
• Begründung (offen)
• Gefühl (4-stufige Likert-Skala)
• Begründung (offen)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 290


Framing-Effekte

Studiengang Framing Defektion Kooperation Einfluss

Wirtschafts- CG 55,3% 44,7%


n.s.
wissenschaften WG 55,8% 44,2%
CG 44,8% 55,2%
Wirtschaftspädagogik n.s.
WG 40,5% 59,5%
CG 19,3% 80,7%
Lehramt p=.03
WG 37,1% 62,9%
Gesamt CG 44,9% 55,1%
n.s.
WG 46,5% 53,5%

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 291


Handlungstypen

• Wiwi: → HV
• Lehramt: → HM
• Wipäd: → dazwischen
• Wenige „unhappy“, und wenn,
dann bei Wiwi bzw. Wipäd

„H“: eher gut/sehr gut


„U“: eher schlecht/sehr schlecht

χ2 = 26,094, df = 6, n = 337, p = 0,000) (exakter Test nach Fisher). Bei Kontrolle


des Geschlechts: für „männlich“ χ2 = 11,016, df = 6, n = 130, p = 0,044
(einseitig); für „weiblich“ χ2 = 12,052, df = 6, n = 204, p = 0,026 (einseitig)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 292


Moralstufen

• Hauptdifferenz
zwischen 1C und 2A
• Wipäd zwischen Wiwi
und Lehramt
• Keine sign.
Unterschiede
hinsichtlich 2C

𝜒 = 29,548, df = 4, n = 338, p = 0,000. Bei differenzierter Betrachtung gilt der


Effekt allerdings nur für weibliche Probanden (𝜒 = 17,653, df = 4, n = 205, p <
0,001 (einseitig); männl.: 𝜒 = 7,648, df = 4, n = 130, p = 0,053 (einseitig)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 293


„Happy Victimizer“ vs. „Strategic Moralist“ (2A)

70%

60%

50%

40% Strategic Moralist

30%

20%
Happy Victimizer
i.e.S.
10%

00%

Wirtschafts- Wirtschafts- Lehramt


wissenschaften pädagogik

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 294


Fazit zum Happy Victimizer und ähnlichen Problemen

• HV-Paradoxie:
HV auch im Erwachsenenalter! 
• MM-Paradoxie:
Innere Widersprüchlichkeit! 
• Lösung:
Moralität und Rationalität – Präf. und Restr.! 
Minnameier, G. (2016). Moralische Motivation und ökonomische Rationalität – eine Verhältnisbestimmung.
In ders. (Hrsg.), Ethik und Beruf – Interdisziplinäre Zugänge (S. 73-90). Bielefeld: W. Bertelsmann
Verlag.
Minnameier, G. (2016). Rationalität und Moralität – Zum systematischen Ort der Moral im Kontext von
Präferenzen und Restriktionen. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 17 (2), 259-285.
Minnameier et al. (2016). Sozialkompetenz als Moralkompetenz – Theoretische und empirische Analysen.
Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 112 (4), 636-666.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 295


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 296


Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral

1. Was ist … Ökonomik? … Moral?

2. Moralität im Sinne von Werten/sozialen Präferenzen


(entscheidungstheoretische Perspektive)

3. Moralität im Sinne von Spielregeln


(spieltheoretische Perspektive)

4. Hierarchien moralischer Spiele


(institutionenökonomische Perspektive)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 297


1a) Womit beschäftigt sich Ökonomik?

Jacob Viner:
 „Economics is what economists do.“

Frank Knight:
 „Economists are those who do economics.“

Lionel Robbins (1932): An Essay on the Nature and Significance of Economic Science
 “Economics is a science which studies human behavior as a relationship between ends and
scarce means which have alternative uses.”

Buchanan (1979): What should economists do?


- Solve problems of using scarce means? – No.
- „I am simply proposing … that economists concentrate attention on the institutions, the
relationships among individuals as they participate in volutarily organized activities, in trade
or exchange, broadly considered.“

Buchanan, J. M. (1979). What should economists do? Indianapolis: Liberty Press.


Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 298
1b) Was ist Moral?

1. „a normative system in which evaluative judgments … are made …


from the point of view of a consideration of the effects of actions,
motives, traits, etc. on the lives of persons or sentient beings as
such, including the lives of others besides the person acting, being
judged, or judging“ (Frankena, 1980, p. 26).
2. Prescriptive judgments “about welfare, justice, and rights … that
involve concern with dignity, worth, freedom, and treatment of
persons” (Turiel, 2006, p. 10).
3. “interlocking sets of values, virtues, norms, practices, identities,
institutions, technologies, and evolved psychological mechanisms
that work together to suppress or regulate self-interest and make
cooperative societies possible” (Haidt, 2012, p. 270).

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 299


1. Moralität im Sinne von Werten/sozialen Präferenzen
(entscheidungstheoretische Perspektive)

Präferenzen (Gründe) Restriktionen (Beliefs)

Person Situation
(moralische (pos. and neg.
Prinzipien) Restriktionen)

Situationales
Moralurteil
Handlungsentscheidung (explizit oder implizit)

(Stufen-
0 1 2 3 4 … prinzipien)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 300


1. Moralität im Sinne von Werten/sozialen Präferenzen
(entscheidungstheoretische Perspektive)

Moralprinzip
(Rationale)

Abduktion Deduktion

Start: Mor. Problem Konsequenzen (abge-


Stop: Intention/Hdlg. Induktion leitete Hdlgs.-entwürfe)

Minnameier, G. (2017). Forms of Abduction and an Inferential Taxonomy. In L. Magnani & T. Bertolotti
(Eds.) Springer Handbook of Model-Based Science (pp. 175-195), Berlin: Springer.
Minnameier, G. (2016). Rationalität und Moralität. – Zum systematischen Ort der Moral im Kontext von
Präferenzen und Restriktionen. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, 17 (2), 259-285
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 301
2. Moralität im Sinne von Spielregeln
(spieltheoretische Perspektive)

Entscheidungs- Spiel-
theorie theorie

„Spiele gegen „Spiele gegen


die Natur“ rat. Akteure“

Präferenzen + (Nash)
Restriktionen Gleichgewichte

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 302


2. Moralität im Sinne von Spielregeln
(spieltheoretische Perspektive)

Nullsummen- Mixed-Motive- Koordinations-


Spiele Spiele Spiele

Gemeinsame und
reine
reiner Konflikt konkurrierende
Koordination
Interessen

Verkehrsregeln,
Lotterien, Sportl. Gefangenen-
Sprachen,
Wettbew. dilemma
Geldwirtschaft

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 303


5. Moralprinzipien als Lösungen für Kooperationsprobleme

a) Kooperations- bzw.
Mixed-Motives-Spiele

b) Koordinationsspiele c) Nullsummenspiele

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 304


Beispiel

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 305


Beispiel

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 306


Beispiel

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 307


Hawk and Dove
H D

H: Kampf bis man entweder verletzt ist oder


D 0, v v/2, v/2
der andere aufgibt.

D: Signalisierung von Feindseligkeiten, aberH (v-c)/2, (v-c)/2 v, 0


Rückzug, bevor es ggf. ernst wird.

v = Wert der Ressource H D


c = Kosten einer Verletzung
D 0, 20 10, 10
v = 20; c = 40
Annahme:
- Gleiche Stärke H -10, -10 20, 0

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 308


Hawk-Dove-Property (Payoffs des Zeilenspielers)

H: Kampf bis man entweder H D P


verletzt ist oder der andere
P (v-c)/4 3v/4 v/2
aufgibt.

D: Signalisierung von Feind- D 0 v/2 v/4


seligkeiten, aber Rückzug,
bevor es ggf. ernst wird. H (v-c)/2 v 3v/4 – c/4

P: Spiele H, wenn erster,


ansonsten spiele D. H D P

P -5 15 10
v = 20; c = 40

Annahmen: D 0 10 5
- Gleiche Stärke
- Gleiche Chance, als erster H -10 20 5
die Ressource zu erreichen.
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 309
2. Moralität im Sinne von Spielregeln
(spieltheoretische Perspektive)

Koordinationsspiel Mixed-Motive-Spiel
Korrelierte (Kleiderordnung): (Gefangenendilemma):

GG Formal Casual Defekt. Koop.

Casual 0, 0 2, 2 Koop. 1, 4 3, 3

Formal 1, 1 0, 0 Defekt. 2, 2 4, 1

Nash-GG in
reinen „Konventionen“ „soz. Normen“
Strategien
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 310
3. Hierarchien moralischer Spiele
(institutionenökonomische Perspektive)

 Gefangenendilemma → Nash-GG: 2, 2; Korr.-GG: 3, 3

 (Moralische) Norm: Versprechen/Vertrag

 Mixed-Motive-Spiel → Koordinationsspiel

Defect Cooperate
IV I
Cooperate 1, 4-3 3, 3

III II
Defect 2, 2 4-3, 1

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 311


3. Hierarchien moralischer Spiele
(institutionenökonomische Perspektive)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 312


Zeitplan Vorlesung Wirtschaftsethik

Thema
1. Ethik und Ökonomik – Moral und Profit
2. Moral, Ethik und Ökonomik: Begriffliche Grundlagen
3. Wohlfahrtsökonomik und Ethik
4. Theorien der Wirtschaftsethik
5. CSR I: Grundlagen
6. CSR II: Business Case for CSR
7. CSR III: Beyond the win-win?
8. Ordonomik: Moral und Institutionen
9. Öffentliche Güter als ökonomisches und ethisches Problem
10. Moralität und Rationalität I: Präferenzen und Restriktionen
11. Moralität und Rationalität II: Institutionen und Moral
12. Moralität und Rationalität III: Moralische Spiele (und Epilog)
13. Diskussion zu Themen der Vorlesung
14. Klausurvorbereitung: Fragen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 313


Das Gefangendilemma als Beispiel für
Mixed-Motive-Spiele

u1

c 1, 4 3, 3

d 2, 2 4, 1

d c u2

Minnameier & Bonowski - LMU München, 24.01.2020


Das durch ein belastbares Versprechen
modifiziertes Gefangenendilemma

→ Jetzt ein Koordinationsspiel!


→ Sanktionen in moralischer Währung: „Respekt“
u1

c 1, 4-3 3, 3

d 2, 2 4-3, 1

d c u2

Minnameier & Bonowski - LMU München, 24.01.2020


Ein Dilemma höherer Ordnung

u1

c 1, 4-3 3, 3

d 2, 2 4-3, 1

d c u2

316

Minnameier & Bonowski - LMU München, 24.01.2020


Ein Dilemma höherer Ordnung

u1

c 2, 5 4, 4

d 1, 4-3 3, 3 5, 2

2, 2 4-3, 1

d c u2

317

Minnameier & Bonowski - LMU München, 24.01.2020


Das durch die „goldene Regel“ modifizierte Spiel

→ Respekt: a) Für Vertrauen


b) Für Vertrauenswürdigkeit
u1

c 2, 5-3 4, 4

d 1, 4-3 3, 3 5-3, 2

2, 2 4-3, 1

d c u2

318

Minnameier & Bonowski - LMU München, 24.01.2020


3. Hierarchien moralischer Spiele
(institutionenökonomische Perspektive)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 319


3. Hierarchien moralischer Spiele
(institutionenökonomische Perspektive)

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 320


Ethik und Ökonomik - ein Epilog

Abschließende Probleme:
• Moral hat immer noch mit Normen zu tun? Wie soll man es mit dem
Wertfreiheitspostulat nun halten?
• Wenn Moralprinzipien Institutionen sind, was ist dann mit der
Unterscheidung zwischen Fragen der Moral und solchen der Klugheit?
• Ist Ökonomik eine positive bzw. explanatorische Wissenschaft?
• Wie soll man Ökonomik von Ethik unterscheiden (gerade vor dem
Hintergrund der zuletzt besprochenen ökonomischen Theorie der Moral?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 321


Ethik, Ökonomik und Sozialwissenschaften

1. Rückblick Wertfreiheitspostulat
2. Pragmatistische Wissenschaftstheorie
(in der Peirce-Tradition)
3. Aristotelische Klassifikation von Wissenschaften
4. Vorschlag für eine Taxonomie von
Sozialwissenschaften

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 322


1. Rückblick Wertfreiheitspostulat

Metatheoretischer Bereich
Sprachanalytische

(Wissenschaftstheorie)
Differenzierung

Wissenschaftliche Theorien wertfrei!

Objektbereich

 Welcher Platz bleibt für (Wirtschafts-)Ethik und normative Fragen?

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 323


2. Pragmatistische Wissenschaftstheorie
a) Rückblick: Moralität und Rationalität
Moralprinzip
(Hdlg.-
Rationale)

Abduktion Deduktion

Start: Mor. Problem Handlung(splan)


Ende: Mor. Lösung/Hdlg. Induktion

Minnameier, G. (2017): Forms of Abduction and an Inferential Taxonomy. In L. Magnani & T.


Bertolotti (Eds.) Springer Handbook of Model-Based Science. Berlin: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 324


2. Pragmatistische Wissenschaftstheorie
b) Vom Problem zur „Wahrheit“

Theorie

Abduktion Deduktion

Start: Überrasch. Tats. Abgel. emprische


Ende: Lösung Induktion Konsequenzen

Minnameier, G. (2017): Forms of Abduction and an Inferential Taxonomy. In L. Magnani & T.


Bertolotti (Eds.) Springer Handbook of Model-Based Science. Berlin: Springer.

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 325


3. Aristotelische Klassifikation von Wissenschaften

Einteilung nach Aristoteles:

theoretische poietische praktische

INHALT: INHALT:
INHALT:
Erkenntnis von Erkenntnis der
Erkenntnis (des
Mittel-Zweck- richtigen
Notwendigen)
Zusammenhängen Entscheidung

ZIEL:
ZIEL:
Erklärung der ZIEL:
Herstellungs-
Natur bzw. alles richtiges Handeln
verfahren
ewig Gültigen

Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 326


3. Aristotelische Klassifikation von Wissenschaften

Moderner formuliert …:

Explanatorische Technologische Ethische


Theorien Theorien Theorien

INHALT:
INHALT: INHALT:
Fragen des
Erklärung/ Zweck-Mittel-
Geboten- und
Beschreibung Fragen
Erlaubtseins

ZIEL: ZIEL:
ZIEL:
Effektivität/ Gutes Leben/
Wahrheit
Effizienz Gerechtigkeit

Minnameier, G. (2015). Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik als technologische Disziplin. In B. Ziegler
(Hrsg.), Verallgemeinerung des Beruflichen – Verberuflichung des Allgemeinen? (S. 149-168), Bielefeld:
W. Bertelsmann Verlag
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 327
4. Vorschlag für eine Taxonomie von
Sozialwissenschaften

DT: Decision Theory; GT: Game Theory; SST: Social Systems Theory
Gerhard Minnameier - Wirtschaftsethik (BWET) 328