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KD IV/1

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§ 57
DAS WERK GOTTES DES VERSÖHNERS

Der Gegenstand, Ursprung und Inhalt der von der christlichen Gemeinde vernommenen
und verkündigten Botschaft ist in seiner Mitte die freie Tat der Treue Gottes, in der er die
verlorene Sache des Menschen, der ihn als seinen Schöpfer verleugnet und damit sich
selbst als sein Geschöpf ins Verderben gestürzt hat, in Jesus Christus zu seiner eigenen
Sache macht, zu ihrem Ziele führt und eben damit seine eigene Ehre in der Welt behauptet
und anzeigt.

1. GOTT MIT UNS

Wir betreten den Bereich christlicher Erkenntnis, in welchem wir es mit der Mitte der von der
christlichen Gemeinde empfangenen und ihr aufgetragenen Botschaft und darum auch mit der
der kirchlichen Dogmatik zu tun bekommen. Gemeint ist: mit der Mitte ihres Gegenstandes,
ihres Ursprungs und Inhalts. Sie hat auch einen Umkreis: die Lehre von der Schöpfung und
die Lehre von den «letzten Dingen», von der Erlösung und Vollendung. Der im Werk der
Versöhnung erfüllte Bund aber ist ihre Mitte. Man muß und kann von hier aus auch einen
Umkreis sehen. Man sieht ihn aber nur von hier aus. Verkehrte oder fehlende Erkenntnis hier
würde ihre Verkehrung oder ihr Fehlen im Ganzen bedeuten: Ausfall oder Verfinsterung der
Botschaft, des Bekenntnisses, der Dogmatik als solcher. Von hier aus ist Alles hell, wahr,
heilsam oder es ist es gar nicht, nirgends. Das bedeutet höchste Verantwortlichkeit des jetzt
vor uns stehenden Unternehmens.

Es wäre auch möglich und richtig, den im Werk der Versöhnung erfüllten Bund als die Mitte
des Gegenstandes des christlichen Glaubens, des Ursprungs der christlichen Liebe, des Inhalts
der christlichen Hoffnung zu bezeichnen. Aber der Glaube, die Liebe und die Hoffnung der
christlichen Gemeinde und der in ihr versammelten Christen leben von der von ihnen
empfangenen und ihnen aufgetragenen Botschaft und nicht umgekehrt. Und wir müßten auch
dann, wenn wir sie hier in den Vordergrund rücken wollten, mit Nachdruck von ihrem
Gegenstand, Ursprung

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und Inhalt reden, der ihnen nicht etwa immanent ist, der auch nicht in ihnen aufgeht. Denn der
christliche Glaube ist Glaube an, die christliche Liebe ist Liebe durch, die christliche
Hoffnung ist Hoffnung auf Gott den Vater, den Sohn, den Heiligen Geist; da ist jedenfalls ein
Erstes, Fremdes, Anderes außer ihnen, das ihnen begegnet, da ist Gott, dem sie begegnen, von
dem sie her sind, den sie gerade nur erfassen, aber nicht begreifen, nicht erschöpfen können.
Nicht einmal die Botschaft, von der der Glaube, die Liebe, die Hoffnung lebt, kann das, und
so auch nicht das Bekenntnis, mit dem die Gemeinde auf die Botschaft Antwort gibt, und so
auch nicht die Dogmatik, in der sie sich über die Botschaft, über ihre Antwort und schließlich
über ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung als solche Rechenschaft gibt. Wir müßten also
auch, wenn wir von Glaube, Liebe und Hoffnung ausgehen wollten, auf jenes freie,
überlegene Gegenüber rekurrieren, in welchem sie ihren Grund haben. Und eben im Blick auf
dieses wäre dann auch von ihnen zu sagen, daß wir es in ihrer Mitte mit dem im Werk der
Versöhnung erfüllten Bund zu tun haben, daß auch sie in ihrer Ausrichtung auf ihn gewiß
oder ungewiß, kräftig oder ohnmächtig, echt oder unecht sind.

Wir versuchen es zunächst, diese christliche Mitte in einer ersten allgemeinsten Annäherung
zu umschreiben. Die Überschrift «Gott mit uns» will als allgemeinster Prospekt über den
ganzen jetzt vor uns liegenden Komplex christlicher Erkenntnis und Lehre verstanden sein.

Die christliche Botschaft ist in jener Mitte eine gemeinsame Aussage bestimmter, nämlich der
in der christlichen Gemeinde versammelten Menschen. Sie schließt in sich eine
Selbstaussage: eine Aussage über die eigene Existenz dieser Menschen in ihrer Zeit und
Situation. Und es ist ihr wesentlich, daß sie das tut. Aber sie schließt sie doch nur in sich. Und
es ist ihr ebenso wesentlich, daß sie sie nur eben in sich schließt. Denn sie ist primär eine
Aussage über Gott: daß er der ist, der als Gott mit ihnen ist. Nur mit ihnen, die diese Aussage
wagen, als Empfänger und Träger der christlichen Botschaft, als Glieder der christlichen
Gemeinde wagen müssen? Mit ihnen, sofern sie die sind, die es schon wissen, daß dem so ist:
Gott mit uns! Sie wagen diese Aussage darauf hin, daß sie selbst Empfänger der Botschaft
werden durften und immer aufs Neue werden möchten. Gott mit euch! Gott mit dir und dir!
hieß es zuerst, und sie sind, was sie sind, indem sie das wieder und wieder hören. Aber nun
sind sie ja als Empfänger auch Träger der Botschaft. Nun gilt sie also gerade nicht nur ihnen.
Nun wagen sie ja die Aussage: daß Gott der ist, der als Gott mit ihnen ist, inmitten von
Menschen, die das noch nicht wissen. Nun richten sie sie ja an diese. Nun wollen sie sie also
mit ihrem «uns» nicht aus-, sondern einschließen. Nun soll es ihnen, diesen Anderen, ja eben
das anzeigen, was sie zwar noch nicht wissen, aber auch wissen dürfen und

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sollen. Was? Etwas über sich selbst, über ihre eigene Existenz in ihrer Zeit und Situation?
Sicher auch! Sicher kommt viel darauf an, daß sie zu wisser bekommen, daß es sie selbst
angeht. Aber sicher kommt zunächst Alles darauf an, daß sie zu wissen bekommen, wie es
sich mit Gott verhält: daß eben Gott der ist, der als Gott auch mit ihnen ist. Denn eben das
geht sie selbst an. «Gott mit uns» als Kern der christlichen Botschaft, als die entscheidende
gemeinsame Aussage der christlichen Gemeinde, darf also wohl interpretiert werden: «Gott
mit uns Menschen!», aber in der klaren Unterscheidung: mit uns Menschen, die wir das
wissen, aber auch selbst immer wieder lernen dürfen – und als Wort unserer Anzeige an alle
Anderen und also: auch mit «uns» anderen Menschen, die wir das neu lernen müssen, weil
wir es noch nicht wissen, aber auch wissen dürfen. In dieser Bewegung aus einer engeren in
eine weitere Gemeinsamkeit ist die Aussage «Gott mit uns» die Mitte der christlichen
Botschaft – und immer so, daß sie primär eine Aussage über Gott und dann und daraufhin
eine Aussage über uns Menschen selber ist.

Wir werden die damit in der gröbsten Kontur bezeichnete Sache genauer ins Auge fassen
müssen, um sie schon in dieser ersten Grundlegung richtig zu verstehen.

Es mag dazu lehrreich sein, uns ins Bewußtsein zu rufen, daß dieses «Gott mit uns» die
Übersetzung des merkwürdigen Namens Immanuel ist, der Jes. 7, 14; 8, 8. 10 dreimal
auftaucht, um dann nach Matth. 1, 21 f. im Namen Jesu seine «Erfüllung» zu finden.

Die drei jesajanischen Stellen scheinen je selbständig überlieferten Sprüchen anzugehören:


von der Redaktion des Jesajabuches alle auf jene merkwürdige Zeit (vgl. Martin Noth,
Geschichte Israels 1950 S. 218 f.) bezogen, in der Assur zur Großmachtstellung überzugehen
und darum zunächst auf Syrien und Palästina überzugreifen begann: ein Vorgang, den die
Propheten, Jesaja voran, als eine aller politischen und auch religiösen Überlieferung Israels
zuwiderlaufende Wende im Verhältnis Gottes zu seinem Volk – nicht als seinen Bruch mit
ihm, wohl aber als das Hereinbrechen seines Gerichtes über seine Untreue, als den Übergang
vom Ja zum Nein seiner Gnade gedeutet haben. Die letzte Gestalt dieser Untreue ist die
Weigerung des jerusalemischen Königs Achas, gegenüber den Königen Rezin von Damaskus
und Pekach von Samaria, die ihn, selber in Illusionen befangen, zu einem Bündnis gegen
Assur zwingen wollen, seine Zuversicht auf Jahve zu setzen und also Mut zu beweisen und
Widerstand zu leisten. Demgegenüber kündigt Jesaja (7, 14 f.) das Gotteszeichen an,
Verheißung und Drohung, Zeichen der Gnade und des Gerichtes zugleich: Ein Kind wird jetzt
gezeugt und einst geboren werden. Der alte Streit darüber, ob die Bezeichnung seiner Mutter
als «junge Frau» oder als «Jungfrau» zu verstehen ist, trägt für den Sinn der Sache nichts ab.
Wichtig im Sinn des Textes ist dies, daß man diesem Kind nach seiner Geburt, in weniger als
Jahresfrist also, indem Gott sein Volk dann aus der Bedrohung durch Rezin und Pekach
errettet haben wird, der Güte Gottes noch einmal froh, den Namen Immanuel geben wird. Das
ist des Zeichens eine Seite. Aber nun die andere: noch bevor das Kind Gut und Böse
unterscheiden können wird, wenige Jahre darauf also, wird es sich von Milch und Honig, der
Speise der Nomaden, nähren müssen; das eigentliche, das assyrische Unheil wird dann
nämlich hereingebrochen sein; Immanuel wird da sein, aber nun eben so: in der Wüste da sein:
unter dem Zorne Gottes. Jes. 8, 6 f. sagt in der Sache (im Sinn dieser andern Seite des
Immanuelzeichens) dasselbe: «Weil dieses Volk die sanft rinnenden

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Wasser Siloahs verachtet, weil es verzagt vor Rezin und dem Sohne Remaljahs, darum, siehe,
läßt der Herr über sie emporsteigen die starken und großen Wasser des (Euphrat-) Stromes.
Der wird steigen über alle seine Kanäle und über alle seine Ufer treten und wird eindringen in
Juda, wird überschwemmen und überfluten, bis er an den Hals reicht, und seine ausgespannten
Flügel werden die Weite deines Landes füllen, Immanuel!» Dagegen blickt Jes. 8, 9 f. bereits
wieder in die entgegengesetzte Richtung, offenbar auch über das vorläufig übermächtig
aufsteigende Assur hinweg (was vielleicht doch kein notwendiger Grund sein dürfte, die Stelle
dem Jesaja selbst abzusprechen): «Tobet, ihr Völker, und erschrecket! Horchet auf, alle Fernen
der Erde! Rüstet euch und erschrecket, ja rüstet euch und erschrecket! Plant einen Plan – er
geht in die Brüche! Beschließt einen Beschluß – er wird nicht bestehen! Denn: Immanuel!»

Wer ist «Immanuel»? Schwerlich eine geschichtliche Figur jener Zeit. Vielleicht eine
überlieferte oder vom Propheten gewählte Bezeichnung des erwarteten Heilskönigs der
Endzeit, dem dann an dieser Stelle eine Art Präexistenz zugeschrieben wäre. Vielleicht auch
die personifizierende Bezeichnung dessen, als was das Rest-Israel von Juda seinen Gott und
darum sich selbst verstanden hat, oder nach den Propheten verstehen sollte. Vielleicht beides
zugleich?! Sicher ein eigentümlicher Schlüssel zu dem in guten und bösen Tagen, unter der
segnenden und unter der strafenden Hand Gottes perennierenden Geheimnis der Geschichte
dieses Volkes. «Gott mit uns» ist wahr, wenn das Volk Frieden hat, wird wahr auch darin, daß
der Feind sein Land einnimmt und verheert. bleibt wahr trotz allen und in allen, auch den
übermächtigsten Bewegungen der Weltgeschichte, weil und sofern in dem Allem das gnädige
Handeln Gottes an seinem Volk sich darstellt. An wen oder was immer in jenen Stellen
konkret gedacht sein mag, das machen sie deutlich: Immanuel ist der Inbegriff der Erkenntnis,
in der der Gott Israels sich in allen seinen Taten und Anordnungen offenbar macht: er ist der
Gott, der nicht ohne sein Volk, sondern als sein Gott und darum als seine Hoffnung mit ihm
ist, wirkt und handelt.

Wenn Matth. 1, 21 f. an diesen merkwürdigen Namen erinnert wird, so steht – offenbar als
Ziel und Rekapitulation aller Taten des Gottes Israels verstanden – eine einzige, die letzte und
abschließende Tat dieses Gottes im Blickfeld. Aber das hat diese eine Tat, die Geburt und
Namengebung Jesu mit den Ereignissen in den Tagen des Königs Achas gemeinsam: wieder
ist im Verhältnis Gottes zu seinem Volk eine Wende eingetreten – die große Wende im Sinne
des Evangelisten zu der nach seiner Sicht das damals Geschehene nur ein gewaltiges
Präludium gewesen war – nur daß sie jetzt die ebenso unerwartete Wende vom Verderben zum
Heil, von einem viele Jahrhunderte lang lastenden Gericht zu neuer und nun endgültiger
Begnadigung ist. Und das hat auch das Immanuelszeichen von damals mit dem Jesusnamen
jetzt gemeinsam, daß auch dieser – nur in umgekehrter Richtung – Doppelzeichen für Beides
ist: ein Zeichen «zum Fall und zum Auferstehen Vieler in Israel» ( Luk. 2, 34), Zeichen
höchster von Gott verfügter Bedrängnis (wie Jes. 8, 6 f.) und höchster von Gott verfügter
Bewahrung und Errettung (wie Jes. 8, 9 f.) zugleich. Über und in beiden gilt: Immanuel, «Gott
mit uns» und nun also (ίνα πληρωθῇ τὸ ρηθὲν ύπὸ κυρίου διὰ τοῦ προφήτου λέγοντος) Jesus,
Jehoschuah, «Gott hilft».

1. Wir gehen davon aus, daß das «Gott mit uns» in der Mitte der christlichen Botschaft die
Beschreibung einer Tat Gottes, oder besser: Gottes in dieser seiner Tat ist. Es ist ein Bericht
und also nicht die auf Grund einer allgemeinen Beobachtung oder Erwägung gemachte
Feststellung eines Sachverhaltes. «Gott mit uns» bzw. das, was diese drei Worte bezeichnen,
ist nicht Gegenstand allgemeiner Empirie oder Theorie, ist also kein Zustand, sondern ein
Ereignis. Gott ist freilich und das wesentlich

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ursprünglich, eigentlich: so, daß Alles, was sonst ist, seinem Sein völlig unvergleichlich, nur
durch ihn, nur im Verhältnis zu ihm, nur von ihm her und zu ihm hin sein kann. Auch indem
er «mit uns» ist, ist er das, was er ist und so, wie er ist; und alle Kraft und Wahrheit seines
Seins «mit uns» ist die Kraft und die Wahrheit seines unvergleichlichen, ihm und nur ihm
eigenen Seins, seines Gottseins. Er ist aber, indem er in Ewigkeit in sich selber und indem er
als Schöpfer auch in der Zeit der von ihm geschaffenen Welt lebt: durch und in sich selber
und eben so dann auch über und in dieserWelt und nun also laut der Mitte der christlichen
Botschaft «mit uns» Menschen. Und er ist, der er ist, er lebt als das, was er ist, indem er tut,
was er tut. Wie würde der Gott erkennen, dem sein Sein unbekannt, dunkel oder gleichgültig
wäre? Aber wie würde ihn der erkennen, der nicht eben sein Sein in seinem Leben und sein
Leben in seiner Tat als wahr und kräftig entdeckt hätte? Um Gott weiß der und nur der, der –
und wäre es auch noch so entfernt und bescheiden – Zeuge seiner Tat ist. Und von Gott redet
der und nur der, der es als – und wäre es noch so mangelhafter – Berichterstatter von seiner
Tat tun kann! «Gott mit uns» im Sinn der Mitte der christlichen Botschaft ist Zeugnis und
Bericht von Gottes Leben und Tat als der Seiende.

Geht es uns aber an, daß Gott mit uns ist – und die Botschaft der christlichen Gemeinde
rechnet damit, daß das uns Menschen tatsächlich angehe – dann setzt das voraus, daß auch wir
Menschen in unserer ganz anderen – dem Sein Gottes unvergleichlichen, aber auf Grund des
göttlichen Seins, Lebens und Tuns wirklichen – Weise sind und daß auch wir sind, indem wir
in unserer Zeit leben, und leben, indem wir in unseren Taten uns selbst tun. Ist dies, daß Gott
mit uns ist, ein Bericht von Gottes Sein, Leben und Tat mit uns, dann steht dieses Berichtete
von Haus aus in einer Beziehung zu unserem eigenen Sein, Leben und Tun. Auch ein Bericht
über uns selbst ist dann in jenem Bericht über Gott eingeschlossen. Wir können ihn dann nicht
zur Kenntnis nehmen, mehr oder weniger bestaunen und schließlich übergehen als den
Bericht von einem Geschehen in einem anderen Kreise, in dem wir uns nicht befinden. Er gibt
uns dann vielmehr auch darüber Bescheid, daß wir selbst uns im Kreise Gottes befinden. Er
geht uns also in der Weise an, daß er uns von einer Geschichte berichtet, die Gott mit uns
gemeinsam haben will und also von einem Einschlag in unsere eigene Geschichte – ja, weil
unsere Geschichte durch ihn, von ihm her und zu ihm hin ist, gerade vom Eigentlichen
unserer eigenen Geschichte. Eben mit unserem eigenen Sein, Leben und Tun ereignet sich das
göttliche und eben indem das göttliche geschieht, geschieht unser eigenes. Das ist, in der
einfachsten Weise bezeichnet, das Einigende zwischen Gott und uns Menschen: daß er nicht
ohne uns Gott sein will, daß er es vielmehr schafft, sein unvergleichliches Sein, Leben und
Tun mit uns und also mit unserem Sein. Leben und Tun zusammen zu haben, daß er seine
Geschichte

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nicht nur die seinige und unsere Geschichte nicht nur unsere eigene sein, daß er beide als eine
gemeinsame Geschichte geschehen läßt. Das ist das Besondere, was die christliche Botschaft
in ihrer Mitte zu sagen hat.

2. Aber nun sagten wir, und so ist es in der christlichen Botschaft gemeint: es geht um ein
Ereignis, eine Tat Gottes. Ein Tun ist das ganze Sein und Leben Gottes: in seiner Ewigkeit
und in der Zeit der Welt, in sich selber als Vater, Sohn und Heiliger Geist und in seinem
Verhältnis zum Menschen und in seiner ganzen Kreatur. Aber was Gott in sich selber und was
er als Schöpfer und Regent des Menschen tut, das zielt auf eine einzige, besondere Tat, hat in
ihr seine Mitte und seinen Sinn. Und es hat Alles, was Gott will, auch schon seinen Grund
und Ursprung in dem, was in dieser einen Tat als sein Wille offenbar wird. Sie ist also nicht
nur eines seiner Schöpfer- und Regentenwerke unter anderen. Als solches, auf der Linie des
allgemeinen Willens und Wirkens Gottes kann und muß sie freilich auch verstanden werden.
Aber inmitten dieses äußeren bildet sie einen inneren Kreis. Indem der eine Gott Alles will
und wirkt, will und wirkt er hier ein Besonderes: nicht ein Anderes neben jenem, sondern
dieses Besondere als das, um deswillen er auch alles Andere will und wirkt. Diese eine ist als
eine unter anderen zugleich das Telos aller göttlichen Taten: des ewigen Tuns, in welchem er
Gott ist in sich selber und in der Geschichte seiner Taten in der von ihm geschaffenen Welt.
Sie ist gemeint mit dem «Gott mit uns».

Und so meint das «Gott mit uns», auch auf uns Menschen gesehen, nicht nur im Allgemeinen
des Menschen Existenz als geschöpf licher Gegenstand des Willens und Wirkens seines
Herrn. Es meint das auch, es schließt das in sich: des Menschen Sein, Leben und Tun ist und
bleibt ja auch einfach seine Geschichte in der Beziehung zum Sein, Leben und Tun seines
Schöpfers, so wie das auch von allen anderen Kreaturen zu sagen ist. Aber es ist mehr als das:
so gewiß ja Gott selbst in seinem Sein, Leben und Tun als Schöpfer inmitten des Allgemeinen
und über dieses hinaus ein Besonderes will und wirkt, so gewiß sein ganzes Tun in einer
einzigen Tat seine Mitte und Spitze hat. In und aus der allgemeinen Geschichte, die der
Mensch mit dem seienden, lebendigen und tätigen Gott gemeinsam haben darf wie alle
Kreaturen, hebt sich also diese Tat Gottes und das, was ihr in des Menschen eigenem Sein,
Leben und Tun entspricht, heraus als eine qualifizierte, seine eigentümliche Geschichte. Und
wenn das «Gott mit uns» in der Mitte der christlichen Botschaft jenes Einigende zwischen
Gott und Mensch meint, so meint es eben damit ein spezifisches Zusammensein Beider:
dieses durchaus nicht immer und überall, sondern in bestimmter Tragweite für alle Zeiten und
Räume einzige und einzigartige, in einem hic et nunc sondergleichen sich ereignende
Geschehen.

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3. Es besteht aber das Besondere dieses Geschehens – zunächst auf seinen Sinn gesehen –
darin, daß es sich dabei um des Menschen Heil handelt, daß da die allgemeine, Gott und dem
Menschen, Gott und der ganzen Kreatur gemeinsame Geschichte in ihrer Mitte und Spitze zur
Heilsgeschichte wird. Heil ist mehr als Sein. Heil ist Erfüllung u. zw. höchste, genugsame,
endgültige und unverlierbare Erfüllung des Seins. Heil ist das dem geschaffenen Sein als
solchem nicht eigene, sondern zukünftige vollkommerie Sein. Das geschaffene Sein als
solches bedarf des Heils, es entbehrt es aber auch; es kann ihm nur entgegensehen. Das Heil
ist insofern sein «Eschaton». Heil, Erfüllung, vollkommenes Sein hieße – und das ist es, was
das geschaffene Sein nicht in sich selber hat – ein Sein in der Teilnahme am Sein Gottes, von
dem es her, zu dem es hin ist: nicht ein vergöttlichtes, wohl aber ein in Gott geborgenes – in
diesem (Gott selbst gegenüber distanzierten, sekundären) Sinn ein ewiges Sein. Da das Heil
dem geschaffenen Sein als solchen nicht eigen ist, kann es ihm nur zukommen u. zw. weil es
in der Teilnahme am Sein Gottes besteht, von Gott zukommen. Dieses Zukommen des Heils
ist – das Wort in seinem engeren und eigentlichsten Sinn gebraucht – die Gnade Gottes. Im
weiteren Sinn verstanden ist auch schon die Schöpfung, Erhaltung und Regierung der Welt
und des Menschen Gnade. Ist doch dem geschaffenen Sein schon das nicht zu eigen, kann ihm
doch schon das nur zukommen u. zw. von Gott als dem ursprünglich und wahrhaft Seienden
zukommen, daß auch es seiend ist, daß es ist und nicht nicht ist. Und eben damit ist ihm ja
immerhin die Gelegenheit zum Heil geboten: die Anwartschaft auf das Sein in der
Vollkommenheit in der Teilnahme am göttlichen Sein. Das «Gott mit uns» in der Mitte der
christlichen Botschaft meint aber nicht diese allgemeine Gnade, es meint – und das macht, auf
die Sache gesehen, das Besondere des damit bezeichneten Ereignisses aus, das hebt dieses
Ereignis in der Mitte der sonstigen Geschichte des Zusammenseins von Gott und Mensch
hervor – Gottes Heilsgnade: nicht nur sein Schaffen, Erhalten und Regieren des geschaffenen
Seins, nicht nur die Schaffung einer Gelegenheit für das Heil, sondern das, daß es ihm
wirklich zukommt, nämlich daß Gott selbst es ihm gibt. Gott schenkt ihm, was ihm nur
geschenkt und nur von ihm geschenkt werden kann. Und er schenkt es ihm wirklich: Nimm
hin, was mein ist: dieses Letzte, Höchste, Unüberbietbare, nimm hin, es soll dein sein! Schon
daß es darum geht, macht das mit dem «Gott mit uns» beschriebene Tun Gottes einzig und
einzigartig und so auch den mit dem «Gott mit uns» beschriebenen Einschlag in die
Geschichte unseres eigenen, des menschlichen Seins, Lebens und Tuns: macht einzig und
einzigartig den ganzen Kreis Gottes, in welchem wir uns laut jener Mitte der christlichen
Botschaft befinden. Uns bleibt auch die allgemeine Schöpfungs-, Erhaltungs- und
Regierungsgnade Gottes. Nochmals: schon sie ist Gnade. Eben das wird uns freilich

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bestimmt erst damit erkennbar werden, daß wir Gott und uns selbst in dem inneren,
besonderen Kreis seines Willens und Wirkens, im Lichte dieser einen und einzigartigen, der
Heilstat Gottes erkennen. Bestimmt erst von hier aus kann und wird uns auch jene allgemeine
Gnade des Seins und der uns damit gebotenen Gelegenheit zum Gegenstand echter
Dankbarkeit, zur Quelle ernstlicher Verpflichtung werden. Hier aber geht es darum, daß uns
jene Gelegenheit nicht umsonst geboten ist, daß sie wahrgenommen u. zw. von Gott selbst
wahrgenommen wird. Hier geht es eben um Gottes Heilsgnade und insofern um das, was
mehr, was größer ist als jene.

4. Aber wir müssen die Konturen jenes besonderen Geschehens gerade von hier aus noch
schärfer zu sehen versuchen. «Gott mit uns» meint im Sinn der christlichen Botschaft: Gott
mit dem Menschen, dem das Heil als solchem, indem er von Gott als Mensch geschaffen ist,
erhalten und regiert wird, zugedacht und bestimmt ist. Nicht als ob die Anwartschaft darauf
zu seinem geschaffenen Sein gehörte, nicht als ob er also so etwas wie einen eigenen
Anspruch darauf hätte. Es gibt keine Verpflichtung Gottes, uns an seinem göttlichen Sein
teilnehmen zu lassen. Es könnte für uns bei jener allgemeinen Gnade des Seins – sie ist als
solche groß genug – gut und gerne sein Bewenden haben. Aber wo keine Verpflichtung
Gottes und kein Anspruch des Menschen ist, da ist umso gewaltiger der Wille, der Plan, die
Verheißung Gottes. Sie greift hinaus über seinen Willen und sein Wirken als Schöpfer,
vielmehr: sie geht diesem voran. Sie muß also von ihm unterschieden u. zw. eben: als ein
Erstes, das ihm vorangeht, unterschieden werden. Es ist die Bestimmung des Heils für den
Menschen und des Menschen für das Heil Gottes Ur- und Grundwille, der Sinn und Grund
seines Schöpferwillens. Er will und wirkt also nicht zuerst das Sein der Welt und des
Menschen, um diesen dann auch noch zum Heil zu bestimmen. Sondern damit es ein für das
Heil, zu einem vollkommenen Sein, zur Teilnahme an seinem eigenen Sein bestimmtes, von
ihm verschiedenes Wesen gebe, weil er als der in Freiheit Liebende beschlossen hat,
Heilsgnade zu üben – und um dieser seiner Heilsgnade einen Gegenstand, um sich selbst als
deren Empfänger einen Partner zu geben, darum, zum vornherein mit diesem Ziel und in
dieser Absicht schafft, erhält und regiert Gott den Menschen. «Gott mit uns» – das ist das
weitere, was zur Charakterisierung des damit bezeichneten Ereignisses zu sagen ist – heißt,
fern von aller Zufälligkeit, gerade als Heilsgeschehen Offenbarung und Bestätigung des
ursprünglichsten, nämlich des von Gott selbst ewig, bevor ein geschaffenes Sein war, in
Freiheit beschlossenen Verhältnisses zwischen ihm und dem Menschen. Indem der Mensch ist
und Mensch ist, ist er – nicht weil Gott es ihm schuldig wäre und nicht kraft einer Anlage
oder eines Vermögens seines eigenen Seins und

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also wirklich völlig anspruchslos – als solcher von Gott zum Heil ausersehen, ist ihm von
Gott jenes Eschaton vorgegeben. Was in jener besonderen, der Heilsgeschichte, zwischen
Gott und dem Menschen geschieht, das ist also auch insofern Erfüllung, als Gott – nämlich
der ewige Wille Gottes mit dem Menschen – in ihm zu seinem Rechte kommt, als die ewige
Gerechtigkeit seiner Gnade wirksam und offenbar wird, in und mit dem göttlichen Recht, aber
auch das Recht, das er dem Menschen, indem er Solches über ihn beschloß, in Freiheit
verliehen und zugeschrieben hat. Es gehört also zum Charakter jenes Ereignisses, zu seiner
Besonderheit auch das, daß es mit dem Ziel auch den Grund und. Anfang aller Dinge offenbar
macht: die Ehre Gottes, die die seiner freien Liebe ist und eben mit ihr – tief unter ihr, aber
durch sie ewig begründet – die Würde des Menschen, d. h. die Würde, mit der er den
Menschen, dem sie wahrlich nicht eigen ist, bekleiden wollte.

5. Aber wiederum müssen wir fortfahren: «Gott mit uns» im Sinn der christlichen Botschaft
heißt: Gott mit uns Menschen, die wir das uns bestimmte Heil verwirkt u. zw. unter letzter,
höchster Gefährdung auch unseres geschöpflichen Seins verwirkt haben. Es ist die Linie des
Weges, der von jenem Anfang in Gott zu jenem Ziel des Menschen bei Gott führt, so wie
dieser Weg in diesem besonderen Ereignis sichtbar wird, keine gerade, sondern eine radikal,
eine – wenn Gott nicht als Hoffnung auf dem Plan wäre, – hoffnungslos gebrochene Linie.
Das ist ja die Situation des Menschen in diesem Ereignis: Er steht ganz anderswo als da, wo
er nach dem, was Gott ihm zugedacht hat, stehen müßte. Er verhält sich gerade nicht als der
Partner, den Gott sich als Empfänger seiner Heilsgnade gegeben hat. Er hat sich seiner
Bestimmung zum Heil widersetzt. Er hat dem ihm tatsächlich zukommenden Heil den Rücken
zugekehrt. Er meint und sucht statt der Erfüllung seines Seins in der Teilnahme am Sein
Gottes durch Gottes Geschenk ein anderes, ein im Raum seines geschaffenen Seins zu
entdeckendes und durch ihn selbst zu erwirkendes Heil. Er meint sich selbst erfüllen zu
können und zu sollen. Er ist sich selbst Eschaton geworden. Es ist dieser Mensch, mit dem
Gott es in jener besonderen, der Heilsgeschichte, zu tun hat: der Mensch, der sich gerade der
Heilsgnade Gottes gegenüber selbst unmöglich gemacht hat. Und nun eben: der Mensch, der
damit auch in seinem geschaffenen Sein als Mensch unmöglich geworden ist, den Boden
unter den Füßen, seine raison d'être verloren hat. Was soll er vor Gott, da er sich für das,
wozu ihn Gott geschaffen, als ganz und gar untüchtig, unbrauchbar, ungeeignet erwiesen, sich
selbst in dieser Sache ausgeschaltet hat? Was soll sein Sein, sein Menschsein, nachdem er
sein Ziel und eben damit auch seinen Anfang und also seinen Sinn verneint hat und nun in
dieser Verneinung Gott gegenübersteht? Indem er die Würde, mit der ihn Gott bekleidete,

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verachtete, hat er sich offenbar auch des ihm als Gottes Geschöpf verliehenen und
zugeschriebenen Rechtes begeben. Nochmals: es ist dieser als verlorener Sohn in die Fremde,
ins Elend gezogene und nun im Elend existierende Mensch, mit dem Gott es gerade im
Heilsgeschehen zu tun hat. Und gerade in diesem wird der Riß, wird das offenbar, daß es
zwischen Gott und Mensch so steht, diese Inadaequatheit der Partner, dieser tote Punkt in
ihrem Verhältnis. Man kann zur Not über ihn hinwegsehen, wenn man nicht an das
Heilsgeschehen als an die Mitte und Spitze ihrer Beziehung denkt, wenn man sie abstrakt als
die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf auffaßt. Man kann gewiß auch diesen
Gegensatz sehr ernst nehmen; man kann ihn aber – und es gibt gute Gründe dafür – als einen
jedenfalls überbrückbaren Gegensatz denken. Er schließt als solcher keinen Bruch, keinen
Riß, keine Feindschaft hin und her, kein Gericht und keine Strafe Gottes und kein Elend des
Menschen in sich. Eben das Alles ist aber in dem mit dem «Gott mit uns» gemeinten
Heilsgeschehen unmöglich zu übersehen. Das konstituiert vielmehr die Eigentümlichkeit
dieses Geschehens, daß es als Heilsgeschehen, als Erfüllung des gnädigen Willens Gottes, als
Wiederherstellung seines und unseres Rechtes nur (wirklich nur!) in Gestalt eines Dennoch!
und Trotzdem! begreiflich, d. h. aber auch immer aufs neue unbegreiflich ist. Hat der Mensch
sein Heil verwirkt, was ist in diesem Geschehen zu begreifen als eben das Unbegreifliche: daß
es ihm dennoch geschenkt wird? Hat er eben damit auch sein geschöpfliches Sein verspielt,
was ist auch da zu begreifen als das andere Unbegreifliche: daß er trotzdem nicht verloren
sein soll? Ist es nicht so, daß auch die Gnade jetzt erst, im Lichte des Gegensatzes, der hier
offen ist und den sie hier überwindet, als Gnade – nämlich als freie Gnade, als schiere, lautere
Barmherzigkeit, als factum purum, das seinen Grund nur in sich selber, nur darin, daß es von
Gott gesetzt ist, haben kann, erkennbar wird? Wer weiß denn, was Gnade ist, bevor er sie hier
am Werk gesehen hat: als Gnade für den Menschen, wo sie, weil der Mensch vor Gott ganz
und gar ein Sünder ist, nur gegen ihn sein könnte, und in der Tat, indem sie für ihn ist, als
Ankläger und Richter immer auch gegen ihn ist, ihn als unfähig erklärt, Gott und sich selbst
genug zu tun. Und blicken wir nochmals zurück: Eben Gottes Gnade in ihrem Charakter als
schiere, lautere Barmherzigkeit, als reines Dennoch und Trotzdem – offenbart, und eben an
ihr ist zu ermessen, wie es mit dem Menschen steht, dem sie zuteil wird. Sie – keine
eigenmächtige Reflexion des Menschen und auch kein abstraktes «Gesetz» deckt auf, u. zw.
unwidersprechlich auf, daß der Mensch sein Heil verwirkt, und damit sein geschöpfliches
Sein tödlich gefährdet hat: seine Sünde und das ihr folgende Elend. Aus der Errettung, die
hier geschieht, ist zu entnehmen, aus was und von was der Mensch hier errettet wird, aus dem
factum purum des dem Menschen ohne und wider sein Verdienst

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widerfahrenden Heils die Erkenntnis des factum brutum, das er seinerseits Gott
entgegenzustellen wagt. Gerade weil es sich in dem «Gott mit uns» in der Mitte der
christlichen Botschaft um jenes factum purum der göttlichen Barmherzigkeit handelt, sollte
man nicht verkennen, sondern ohne Abstrich anerkennen: wir, mit denen, für die Gott laut
dieser Botschaft ist, sind die, die ihm unsererseits nichts als das Bekenntnis dieses factum
brutum entgegenzubringen haben: «Vater, ich habe gesündigt».
6. Wenn nun aber das christliche «Gott mit uns» dennoch und trotzdem nicht von einem
Versagen, sondern vom Vollzug des Heilswillens Gottes in jenem Ereignis redet, so meint es
damit – wie unbegreiflich uns das sein mag, was hier zu begreifen ist – alles Andere als das
blinde Paradox eines Willküraktes göttlicher Gnadenallmacht. Wir stehen hier vor der
Bestimmung jenes Ereignisses, in der seine Einzigartigkeit unter allen anderen Taten Gottes
darin unzweideutig ans Licht tritt, daß sie ein schlechthin einzigartiges Sein, Verhalten und
Handeln Gottes sichtbar macht. «Gott mit uns» meint hier mehr als Gott über und bei uns, vor
und hinter uns, mehr als sein Gottsein in der ihm auch sonst eigentümlichen, intimsten tätigen
Beziehung zu unserem Menschsein. «Gott mit uns» meint hier, in der Mitte der christlichen
Botschaft im Blick auf das Ereignis, von dem sie redet, daß Gott sich selbst zum Vollstrecker
seines Heilswillens gemacht hat. Es meint, daß er selber, in eigener Person – auf seine
eigenen Kosten, aber auch in seiner eigenen Überlegenheit – das unbegreifliche Dennoch! und
Trotzdem! dieses Geschehens, aber eben damit auch sein klares, wohlbegründetes und
legitimes, sein wahres, heiliges und gerechtes Darum! geworden ist. Es meint, daß Gott
Mensch geworden ist, um sich als solcher, aber in göttlicher Souveränität, unserer Sache
anzunehmen. Was in diesem Werk unbegreiflicher Barmherzigkeit geschieht, ist also wohl
Gottes freies Verfügen, es ist aber kein willkürliches Übersehen und Offenlassen und auch
kein künstliches Überbrücken, Verkleistern oder Verschleiern des von uns verschuldeten
Bruches, Risses und Abgrunds zwischen Gott und uns, sondern dessen reale Schließung. Gott
schließt ihn durch sich selber: er wird und ist der Mensch, in welchem der Friede Tatsache ist.
Genau da, wo wir versagen und ausfallen, indem wir Gott beleidigen und erzürnen, uns vor
ihm unmöglich machen und damit unsere eigene Bestimmung versäumen, unsere Würde mit
Füßen treten, unser Recht verlieren, unser Heil verwirken und damit unser geschöpfliches
Sein hoffnungslos kompromittieren – genau da tritt als dieser Mensch Gott selbst auf den
Plan. Weil er Gott ist, darum ist er fähig, nicht nur Gott, sondern auch dieser Mensch zu sein.
Weil er Gott ist, darum ist es ihm notwendig, ganz anders Mensch zu sein als wir Anderen
Alle: zu tun, was wir Alle unterlassen, und zu unterlassen, was wir Alle tun. Weil er Gott ist,
darum handelt er in der Vollmacht, an unser Aller

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Stelle, uns Allen zugute dieser andere, und so ganz anders, Mensch zu sein. Weil er Gott ist,
darum hat und übt er die Kraft, als dieser Mensch die Folge unserer Übertretung, den Zorn
und die Strafe, die uns treffen mußten, für uns Alle zu erleiden und so sich selber uns
gegenüber genug zu tun. Und wieder weil er Gott ist, hat und übt er auch die Kraft, als dieser
Mensch an unser Aller Stelle sein eigener Partner zu sein, der der Bestimmung des Menschen
zum Heil, der wir Alle widersprechen, in freiem Gehorsam gerecht wird und so auch uns
genug d. h. auch das für uns positiv Genügende zu tun. Das ist das schlechthin einzigartige
Sein, Verhalten und Handeln Gottes, das mit dem «Gott mit uns» in der Mitte der christlichen
Botschaft gemeint ist. Es meint den Frieden, den Gott selbst in diesem Menschen zwischen
sich selbst und uns Allen gestiftet hat.

Man erkennt den Ernst und die Gewalt des göttlichen Heilswillens daran, daß es ihm nicht zu
wenig und auch nicht zu viel ist, den Frieden zwischen ihm und uns so zu stiften: indem er
sich selbst dazu hergibt, indem er, der Schöpfer, es nicht verschmäht – im Gegenteil: darin
seine Ehre sucht, verteidigt und zum Siege führt – daß er selbst Geschöpf wird, Mensch wie
wir, um als solcher zu leiden und zu tun, was zu unserem Heil gelitten und getan werden muß.
Und ferner: man erkennt, was von unserer Seite verkehrt und verdorben – man erkennt, was
unser Frevel und unsere Not ist, daran, daß (weil Gott nichts Unnötiges tut) offenbar gerade
nur dieses Höchste, gerade nur sein eigenes Eintreten als Mensch an unser aller Stelle genug
ist, um das hier bös Gemachte gut zu machen. So finster ist unser aller Ort, daß Gott selbst ihn
betreten und einnehmen muß, damit es daselbst hell werde. Ohne tiefstes Staunen über die
Herrlichkeit der göttlichen Gnade und ohne tiefstes Entsetzen über unser eigenes Elend wird
es also bei der Erkenntnis des christlichen «Gott mit uns» nicht abgehen.

Aber nun ist ja damit, daß wir das Eintreten Gottes für uns in seiner Menschwerdung als die
Stiftung des Friedens zwischen ihm und uns verstehen, das Entscheidende über dieses sein
Tun noch gar nicht gesagt. Was er damit, daß er Mensch – für uns Alle Mensch – wird,
schafft, wirkt und offenbart, das ist ja viel mehr als die Wiederherstellung des status quo ante:
die Beseitigung unseres durch unsere Übertretung angerichteten Unheils und unsere
Wiedereinsetzung in den Stand der Verheißung und Erwartung des uns bestimmten Heils.
Gott, der sich selbst zum Mittel seines Heilswillens macht, ist offenbar mehr als dieses Mittel.
Und indem er durch sich selbst jenen Frieden stiftet, gibt er uns offenbar mehr als diesen
Frieden, d. h. aber mehr als eine restitutio ad integrum, mehr also als das, daß uns unser
geschöpfliches Sein und dieses als unsere Gelegenheit zum Heil durch ihn erhalten und
gesichert wird. Sondern eben indem Gott sich selbst zum Mittel seines Heilswillens uns
gegenüber macht, kommt dieser zugleich mit uns zu seinem Ziele. Was zunächst

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nur Gottes gnädige Antwort auf unser Vergehen, Gottes gnädige Hilfe in unserem Elend, und
als das schon groß und wunderbar genug ist – das ist doch, indem Gott selbst hier Antwort
und Hilfe ist, zugleich seine Teilnahme an unserem Sein, Leben und Tun und damit offenbar
unsere Teilnahme an dem seinigen – und also nicht mehr und nicht weniger als das Kommen
des Heils selbst: die Gegenwart des Eschaton in seiner ganzen Fülle. Der Mensch, in welchem
Gott selbst für uns auf den Plan tritt, für uns leidet und handelt, als unser Stellvertreter, in
unserem Namen und uns zugute den Abgrund zwischen ihm und uns schließt – dieser Mensch
ist nicht nur die Bestätigung und Gewähr unseres Heils, sondern, weil er Gott ist, ist er das
Heil, unser Heil. Er ist nicht nur der Erretter unseres Seins. sondern als solcher der Schenker
und selber das Geschenk seiner Erfüllung und so das Ziel und Ende des Weges Gottes. Und
das eben, indem er der Friedensstifter und Erretter ist! Indem dieses Große geschieht,
geschieht das noch Größere. In dem «Gott mit uns» der christlichen Botschaft, sofern sie von
Gottes Dazwischentreten und Menschsein für uns redet, ist jenes Große – aber in diesem
Großen sofort auch dieses noch Größere, ja Größte, beschlossen.

7. Eben von da aus kann und muß nun auch einsichtig werden, daß das «Gott mit uns» allen
Ernstes auch ein «Wir mit Gott» in sich schließt: daß wir selbst in unserem Sein, Leben und
Tun hier dabei sind.

Man meint das auf den ersten Blick nicht sehen zu können. Wer sind denn wir? Wir hörten
(1): wir sind zwar solche, deren Geschichte einbezogen ist in die Geschichte der Taten Gottes,
und (2): beteiligt gerade an dem Geschehen, das die Mitte und die Spitze aller göttlichen
Taten bildet, und (3): eben so teilhaftig der Gnade, in der Gott dem Menschen sein Heil
wirklich zuwendet, und (4) das als solche, die Gott eben dazu von Ewigkeit her bestimmt hat
– aber nun leider (5): solche, die sich gerade seinem Heil verweigert und dadurch ihre eigene
Bestimmung verleugnet und damit ihr Sein, Leben und Tun verkehrt und verwüstet,
hoffnungslos kompromittiert haben, die sich also als Teilnehmer an jenem Geschehen
disqualifiziert und beiseite geschoben finden müssen, die als solche ihrerseits nicht mehr in
Betracht kommen – und nun darüber hinaus und gewissermaßen abschließend (6): solche, an
deren Stelle nun ein ganz anderer getreten ist, der für sie lebt, leidet und handelt, für sie gut
macht, was sie böse gemacht, der selbst – für sie, aber eigentlich ohne sie, ja gegen sie – ihr
Heil ist. Dies sind wir. Was bleibt uns da? Wo bleiben da wir selbst, wenn wir solche sind,
wenn es so um uns steht? Inwiefern ist die Geschichte der Taten Gottes gerade in dieser ihrer
Spitze und Mitte auch unsere eigene Geschichte? Sind wir nun nicht doch geschichtslos, zu
bloßen Objekten gemacht, in eine merkwürdige Verantwortungslosigkeit verwiesen, in eine
reine Zuschauerstellung gedrängt? Ist unser Sein nun nicht doch ein

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lebloses und tatloses, oder ist es nicht jedenfalls gerade als unser Leben und Tun
bedeutungslos geworden? «Gott mit uns» – das möchte uns auch unter diesen Umständen ein
Stück weit verständlich erscheinen. Wie aber soll es unter diesen Umständen ein «Wir mit
Gott» in sich schließen? Und wenn es ein solches nicht in sich schließt, wie soll es uns dann
auch als «Gott mit uns» wirklich verständlich sein?

Darauf ist zu antworten: Eben damit werden wir unmittelbar aufgerufen, auf die Füße gestellt,
zu unserem eigentlichsten Sein als Leben und Tat erweckt und in Bewegung gesetzt, daß Gott
sich in jenem einen Menschen zum Stifter des Friedens zwischen ihm und uns und zum
Schenker und Geschenk unseres Heils macht. Eben damit werden wir für ihn frei gemacht.
Eben damit werden wir nämlich an den uns zukommenden Ort versetzt, wo uns unser Heil
(wirklich unser Heil!) von ihm (wirklich von ihm!) zukommen kann. Eben diese
Verwirklichung seines Heilswillens durch ihn selber eröffnet uns die einzige, die wahre
Möglichkeit unseres eigenen Seins. In der Tat: was uns angesichts dieser Verwirklichung
seines Heilswillens durch ihn selber zu leben und zu tun übrig bleibt, das kann nur noch Eines
sein. Dieses Eine aber bedeutet kein Erlöschen unserer Menschlichkeit, sondern ihre
Begründung, ist kein Geringes, sondern das Größte, für uns kein passives Dabeisein und
Zuschauen, sondern unsere eigentliche und höchste Aktivierung: ganz schlicht der Lobpreis
seiner Gnade nämlich, die darin aufs Höchste und Tiefste groß ist, daß Gott sich selbst zu
unserem Mitmenschen macht, um unsere Sache als die seinige zu behandeln, um sie als die
seinige dem Verderben zu entnehmen und zum Siege zu führen. Dazu Ja sagen, Gott darin
Recht geben, ihm dafür dankbar sein, sich an die uns damit gegebene Verheißung und an das
uns damit gegebene Gebot halten, als die Gemeinde und verantwortlich in der Gemeinde
derer existieren, die wissen, daß uns nur das übrig bleibt, daß uns aber eben das offen steht
und daß für uns Menschen Alles darauf ankommt, daß eben das geschehe – das ist
menschliches Sein als echtes Leben und Tun, das heißt «Wir mit Gott». Und eben dieses «Wir
mit Gott» meint die christliche Botschaft in ihrem zentralen «Gott mit uns», mit ihrer
Verkündigung, daß Gott selbst an unsere Stelle getreten ist, den Frieden zwischen sich und
uns selbst geschlossen, unser Heil, d. h. unsere Teilnahme an seinem Sein durch sich selbst
verwirklicht hat.

Dieses «Wir mit Gott», das in dem «Gott mit uns» eingeschlossen ist, ist der christliche
Glaube, die christliche Liebe, die christliche Hoffnung. Sie sind der uns übrig bleibende –
aber eben als das eigentlich Menschliche, eben als das Größte, als Aktion im wahrhaftesten
Sinn des Wortes übrig bleibende – Lobpreis der Gnade Gottes. Wir vergessen nicht: es geht
um den Lobpreis Gottes aus der Tiefe, e profundis. Er kann ja nur unser Lobpreis als der der
Übertreter und Verleugner sein, die wir sind: die ihre Bestimmung verfehlt, die ihr Sein,
Leben und Tun verkehrt und

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verwüstet haben. Es kann also unser Lobpreis Gottes seine Wahrheit und seine Kraft nicht in
sich selbst, sondern nur in Gott und also in jenem einen Menschen, in welchem Gott für uns
ist, der unser Friede und unser Heil ist, suchen, finden und haben. Es kann also unser Glaube
nur Glaube an ihn sein und ganz und gar von ihm als seinem Gegenstand leben, unsere Liebe
nur durch ihn und ganz nur aus ihm als ihrem Grunde stark sein, unsere Hoffnung nur auf ihn
gerichtet und ganz nur in ihm als ihrem Inhalt gewisse Hoffnung sein. Unser Glaube, unsere
Liebe und unsere Hoffnung und wir selbst leben – und wenn wir noch so gewaltig glaubten,
liebten und hofften – von dem, was wir damit weder schaffen, noch setzen, weder erwecken
noch verdienen können. Und unser Glauben, Lieben und Hoffen selbst und als solches sind
wohl in uns, aber nicht aus uns, sind von ihrem Gegenstand, Grund und Inhalt, sind von Gott
her, der in jenem einen Menschen nicht nur bei sich selbst für uns, sondern auch bei uns für
sich selbst gut steht, der uns auch das in Freiheit schenkt, daß wir glauben, lieben und hoffen
dürfen: offene Augen, Ohren und Herzen für ihn und sein Werk, Erkenntnis uns Toren,
Gehorsam uns Widerspenstigen, Freiheit uns Gebundenen, Leben uns dem Tode Verfallenen
– Alles so, daß auch die Ehre unseres eigenen Seins, Lebens und Tuns die seinige bleibt, von
uns nur als die seinige geschätzt, gerühmt und hochgehalten werden kann, aber das Alles nun
doch so, daß in und mit seiner Ehre tatsächlich auch wir zu Ehren kommen: weil wir gerade in
der Tiefe, in der wir nur ihm die Ehre geben können, an unserem eigentlichen und rechten
Orte sind. So und in diesem Sinn verkündigt die christliche Gemeinde: «Wir mit Gott», indem
sie «Gott mit uns» verkündigt.

__________

Wir haben in diesen sieben Punkten in großen Zügen – viele nötige Umschreibungen,
Erläuterungen und Präzisierungen vorbehalten – zunächst Alles gesagt, was über das «Gott
mit uns» als den im Werk der Versöhnung erfüllten Bund zwischen Gott und uns Menschen
zu sagen ist. Wir haben es aber noch immer nicht so konkret gesagt, wie es in der Mitte der
Botschaft der christlichen Gemeinde, wie es auch in der Mitte (im 2. Artikel!) des
Glaubensbekenntnisses gesagt ist und wie es auch in der Mitte der Dogmatik gesagt werden
muß: auch im kürzesten Abriß, wenn da nicht mißverständlich oder falsch geredet werden
soll.

Woher ist denn dieses «Gott mit uns» gewußt und gesagt von der Gemeinde, die diese
Botschaft auszurichten hat? Und wohin weist sie denn die, an die sie sich mit dieser Botschaft
wendet? Inwiefern kann und muß dieses «Gott mit uns», der ganze Bericht von dem
Geschehen, das seinen Sinn und seinen Gehalt ausmacht, in Wahrheit ausgesprochen und
vernommen werden? Wie kommen Menschen dazu, dort zu stehen, wo man

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offenbar stehen muß – in jenem innern Kreis des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch –
um diesen Bericht zu wagen als Aussage von Wirklichkeit? Und wie kommen andere
Menschen dazu, diesen Bericht so zu hören, daß er auch ihnen Bericht von Wirklichkeit ist,
und so, daß sie sich dann auch selber aufgefordert und befähigt finden, ihn an Dritte
weiterzugeben? Wie kommen sie also mit jenen Ersten, mit der christlichen Gemeinde an
denselben Ort zu stehen? Mit andern Worten: wie kommt es unter uns Menschen zu einer
Kommunikation dieses «Gott mit uns», dieses Berichtes, mehr noch: dessen, was hier
berichtet wird? Das ist die Frage, auf die wir nur antworten können, indem wir das Ganze
jetzt noch einmal konkret so sagen, wie es in der Mitte der christlichen Botschaft gesagt ist.
Eben an ihrer konkreten Aussage als solcher hängt hier nämlich Alles: die ganze Wahrheit
und Wirklichkeit ihres Berichtes und also auch das ganze Geheimnis der Kommunikation
dieser Sache.
Wir müssen uns jetzt vergegenwärtigen, daß die christliche Botschaft in ihrer Mitte keinen
Begriff und keine Idee ausspricht und auch nicht von einer anonymen, in Begriffen und Ideen
als Wahrheit und Wirklichkeit aufzufangenden Geschichte Bericht erstattet. Wohl von einer
inklusiven Geschichte, d. h. von einer solchen, die das ganze Geschehen des «Gott mit uns»
und insofern die Geschichte Aller derer, die das «Gott mit uns» angeht, in sich schließt. Aber
eben von dieser Geschichte und ihrer inkludierenden Kraft und Bedeutung berichtet sie in der
Weise, daß sie einen Namen ausspricht und die von ihr berichtete Geschichte strikt und
unauflöslich mit diesem Namen verknüpft, als die Geschichte des Trägers dieses Namens
darstellt. Wobei alle in diesem Bericht verwendeten Begriffe und Ideen (Gott, Mensch, Welt,
Ewigkeit, Zeit, aber auch Heil, Gnade, Bund, Übertretung und Versöhnung und was da sonst
in Frage kommen mag) ihren Sinn gerade nur von dem Träger dieses Namens und seiner
Geschichte her empfangen können und nicht umgekehrt, eine selbständige, von einem
anderweitigen Vorverständnis her begründete Bedeutung und Rolle hier also nicht haben, in
keiner Einzelinterpretation und in keiner Zusammenstellung für sich, abstrahiert von jenem
Namen das sagen können, was hier zu sagen ist. Sie können gerade nur der Umschreibung
dieses Namens dienen: des Namens Jesus Christus.

Er ist zunächst die Antwort auf die vorhin aufgeworfene Frage. Ein anderes Woher und
Wohin als das mit seinem Namen bezeichnete kommt bei dem christlichen «Gott mit uns»
nicht in Frage. Anders als in diesem Namen – etwa auf Grund der Notwendigkeit und
Überzeugungskraft seines gedanklich-begrifflichen Zusammenhangs – kann und will es nicht
Wahrheit sein: weder im Mund derer, die es aussprechen, noch in den Ohren und Herzen
derer, die es vernehmen. Ohne diesen Namen ist es ungesichert, ungeschützt, jedem Verdacht,
es möchte ein Postulat, eine freie Spekulation, ein Mythus sein, ohne weiteres ausgesetzt. Von

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diesem Namen her gesagt und als Verweis auf ihn ist es Wahrheit: so allein. Wo stehen die
Menschen, die diese Botschaft ausrichten? Antwort: im Bereich der Herrschaft dessen, der
diesen Namen trägt, im Licht und unter der bewegenden Macht seines Geistes, in der von ihm
versammelten, erhaltenen und regierten Gemeinde. Nicht sie haben sich, sondern er hat sie
dahingestellt, und indem sie durch ihn daselbst stehen, ist ihr Bericht Bericht von
Wirklichkeit. Und wo werden die Anderen stehen, an die sie sich mit ihrem Bericht und
Zeugnis wenden, die ihn aufnehmen und selber, in eigener Verantwortlichkeit, weitergeben
werden? Antwort: auch sie im Bereich der nun auch auf sie übergreifenden Herrschaft dessen,
der jenen Namen trägt, seines Geistes, des nun auch an sie ergehenden Rufes zu seiner
Gemeinde. Auch sie werden sich nicht selbst dahin gestellt haben. Und das werden auch die,
die ihnen sagten: «Gott mit uns» nicht fertig gebracht haben. Sondern wieder wird er selbst,
der jenen Namen trägt, sie dahin gerufen, geführt, gezogen haben und eben damit wird es
auch ihnen gegeben sein, ihren Bericht von Wirklichkeit als solchen auch an Dritte
weiterzugeben. Also: der hier zeigt, überredet, überzeugt, offenbart, von Mensch zu Mensch
kommuniziert, daß es so ist: «Gott mit uns», das ist der, der jenen Namen trägt, Jesus
Christus, kein Anderer, nichts sonst. So meint es die Botschaft der christlichen Gemeinde,
wenn sie in ihrer Mitte eben diesen Namen ausspricht. Wäre er ein Prinzip und nicht ein
Name, der eine Person bezeichnet, so müßte man sagen: er ist schon das Erkenntnisprinzip
dieser Botschaft. Wo es zwischen Mensch und Mensch tatsächlich zur Kommunikation des
Berichtes von dem in ihm und durch ihn Geschehenen kommt, da ist er selber auf dem Plan
und in Aktion, da macht er sich selbst erkennbar und bekannt. Die christliche Botschaft von
ihm wird – oder sie ist nicht die christliche Botschaft – in der Zuversicht ausgerichtet, daß er
für sie verantwortlich ist, daß er als Wahrheit durch sie redet und in ihr vernommen wird, daß,
indem sie ihm dient, er selbst als Wirklichkeit gegenwärtig, sein eigener Zeuge ist. Er selbst
durch seinen Geist ihr Bürge, er selbst der Begründer, Erhalter und Regent der Gemeinde, die
sie empfangen hat und der sie aufgetragen ist – er selbst die Macht ihrer Verteidigung und
ihres Angriffs nach außen – er selbst die Hoffnung auf Befreiung und Erleuchtung der Vielen,
die sie noch nicht vernommen und aufgenommen haben – er selbst vor allem auch der Trost,
aber auch die Unruhe, aber auch die aufrichtende Kraft in der Schwachheit ihres eigenen
Dienstes! Mit einem Wort: die christliche Botschaft lebt schon als solche aus dem und zu dem
hin, der in ihrer Mitte den Namen Jesus Christus trägt. Sie lautet in dem Maß schwach und
undeutlich, als sie auch noch von anderen Kräften leben zu müssen meint. Und sie lautet in
dem Maß stark und deutlich, als sie allein in der Zuversicht auf sein herrschaftliches Werk,
ausgeübt durch seinen Geist, ausgerichtet wird – in dem Maß, als sie auf alle anderen
denkbaren Stützen und

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Motore verzichtet, sich daran genügen läßt, seinen Befehl und Auftrag für ihre Stärke und
Garantie zu halten. Er, Jesus Christus, ist Immanuel, der «Gott mit uns». Wie sollte er anders
verkündigt werden, denn als der, der sich selbst verkündigt? Und wie sollte menschliches
Tun, Reden und Hören in seinem Dienst anders wirksam sein können als im Gebet und in der
Erwartung, daß er das immer wieder tun möchte?

Der Name Jesus Christus bezeichnet nun aber darum die ganze Kraft der christlichen
Botschaft, weil eben er auch ihren ganzen Inhalt bezeichnet, weil sie in ihrer Mitte, die auch
für ihren Umkreis maßgebend ist, Botschaft eben von ihm, und so die Botschaft von dem
Geschehen jenes «Gott mit uns» ist.

Sie meint also Jesus Christus, wenn sie (1) mit diesem «Gott mit uns» eine Tat Gottes,
vielmehr Gottes Sein in seinem Leben und Tun beschreibt. Ist sie als Aussage über Gott ein
Bericht über ein Ereignis (und nicht Feststellung eines Sachverhaltes) und Bericht von einer
Geschichte, an der wir mit unserem Sein, Leben und Tun Anteil haben, die Gott mit uns
gemeinsam hat, die, von ihm inauguriert, unsere eigene Geschichte ist, so ist sie das, weil und
indem sie Bericht von Jesus Christus ist: von ihm als dem tätigen Einiger des göttlichen Seins,
Lebens und Tuns mit dem unsrigen.

Sie meint wieder Jesus Christus, wenn sie (2) das «Gott mit uns» als eine Tat Gottes, inmitten
des allgemeinen als ein besonderes, einmaliges und einzigartiges Geschehen beschreibt. Sie
ist Bericht von diesem einen und nur von diesem Ereignis, von seinem Sinn und von seiner
Tragweite für uns Alle, für die Menschen aller Zeiten und Räume, weil und indem sie Bericht
von ihm als der in seiner Existenz und in seinem Werk schlechterdings einmaligen und gerade
so universal bedeutsamen und wirksamen Person ist; sie meint das Gott und den Menschen
einigende Geschehen, das sich in ihm und nur in ihm zugetragen hat, dessen Subjekt er ist,
nur er ist und an dem wir durch ihn und nur durch ihn beteiligt sind.

Sie meint wieder Jesus Christus, wenn sie das Geschehen des «Gott mit uns» (3) als
Heilsgeschehen beschreibt: als die dem Menschen durch Gottes Gnade zukommende
Erfüllung seines Seins durch seine Teilnahme am göttlichen Sein. Sie ist Heilsbotschaft und
also Botschaft von dem Letzten, Höchsten, Unüberbietbaren, das dem Menschen von Gott
widerfahren kann und tatsächlich widerfährt, von dem ihm gemachten Geschenk ewigen
Lebens, weil und indem sie Botschaft von Jesus Christus ist: von ihm als von dem, der, selber
Gott, auch Mensch ist, und so Gottes Heil für uns andere Menschen war, ist und sein wird, in
einer Person der das Heil schenkende Gott und der mit ihm beschenkte, sich von ihm
beschenken lassende Mensch und als solcher die Kraft und das Zeugnis des
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Eschaton schon in menschlicher Gegenwart – menschlicher Gegenwart, die schon im


Eschaton ist.

Die christliche Botschaft meint aber wieder Jesus Christus, wenn sie (4) durch das
Heilsgeschehen des «Gott mit uns» wie durch ein Transparent hindurch auf den Grund und
Anfang aller Dinge, der Welt und des Menschen in Gott blickt: auf die ursprüngliche
Bestimmung des Menschen für das Heil und des Heils für den Menschen als den Sinn und
Grund schon des göttlichen Schöpferwillens. Sie hat das eigentümliche Gefälle und das
spezifische Gewicht eines Urwortes, das alle anderen Worte begründet und umfaßt, neben
dem es kein anderes Wort von selbständiger Bedeutung geben kann, sie hat als ein
geschichtlicher Bericht wie andere gerade nichts von der Zufälligkeit einer Nachricht über
eine Geschichtstatsache unter vielen anderen, weil und indem sie Botschaft von Jesus Christus
ist: von ihm als von dem, der nach Gottes freiem gnädigem Willen selber das ewige Heil, wie
der Letzte so auch der Erste ist: Er unser ewiges Gestern in Gott, derselbe, der er heute und in
Ewigkeit ist.

Sie meint aber wieder ihn, wenn sie (5) uns Menschen, mit denen Gott ist, sieht und
voraussetzt als die, die das ihnen von Ewigkeit her zugedachte Heil verwirkt, ihre Gelegenheit
dafür versäumt und damit dann auch ihr geschöpfliches Sein tödlich gefährdet haben, wäre
Gott nicht Gott und also ihre Hoffnung, schon an das Nichts verloren hätten. Es ist kein
Pessimismus, aus dem heraus sie den Menschen so sieht und versteht. Eben als Botschaft von
Jesus Christus kann sie nicht anders. Dieser Name ist eben wirklich das Immanuelszeichen
und also – wenn auch in umgekehrter Richtung als Jes. 7, 14 – das Doppelzeichen, das von
Gottes Gericht und von Gottes Gnade in seinem Handeln mit seinem Volk redet. Auch und
zuerst das Gerichtszeichen also! Auch Gottes wohlbegründetes und unwidersprechliches
Urteil über den Menschen, auch Gottes Zorn und Strafe ist in Jesus Christus auf dem Plan und
in ihm offenbar. Und gerade die völlige Freiheit und Unverdientheit, in welcher auch Gottes
Gnade als factum purum in ihm auf dem Plan ist, macht erst recht sichtbar, was es mit dem
Menschen, dem sie in ihm zuteil wird, in seinem Verhältnis zu Gott auf sich hat, um welches
factum brutum es sich auf seiner Seite handelt.

Und nun ist es erst recht klar: die christliche Botschaft meint Jesus Christus, sie muß seinen
Namen nennen und kennt dafür keinen anderen, wenn sie (6) sagt, daß Gott sich selbst zum
Vollstrecker seines Heilswillens gemacht hat, für uns Mensch geworden ist, um sich in der
Kraft seiner Gottheit unserer Sache an unserer Stelle anzunehmen. Jesus Christus ist der
Mann, in welchem Gott angesichts unserer Übertretung sich selbst und angesichts unseres
Elends doch auch uns genug tut. Sie sagt Jesus Christus, wenn sie von diesem schlechthin
einzigartigen Sein, Verhalten und Tun Gottes, von dem durch ihn zwischen sich und uns

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geschaffenen Frieden redet – und weil von dem so, durch Gott als Mensch unter uns
Menschen geschaffenen Frieden, weil von diesem Großen darum sofort auch von dem
Größeren und Größten, dem Heil selbst, das in und mit der in Jesus Christus wieder
hergestellten Gelegenheit zum Heil schon zu uns gekommen, uns schon geschenkt, schon
unser Heil geworden ist.

Zum Schluß: Wie sollte (7) die Umkehrung möglich und legitim, das «Wir mit Gott» in dem
«Gott mit uns» tatsächlich enthalten und beschlossen, wahr und wirklich sein, wenn nicht
auch damit Jesus Christus gemeint wäre? Es geschieht im Blick auf ihn, wenn die christliche
Botschaft es allem entgegenstehenden Schein zum Trotz wagt, auch den Menschen als
handelndes Subjekt im Heilsgeschehen anzureden, wenn zu dessen Inhalt auch das der Gnade
Gottes von uns e profundis darzubringende Lob, auch des Menschen eigener Glaube, seine
eigene Liebe, seine eigene Hoffnung gehören dürfen. Wir sahen, in welchem Sinn auch dieses
so gar nicht Selbstverständliche wahr ist, inwiefern also auch wir Anderen Alle, die wir nicht
jener Eine sind, in das Heilsgeschehen hinein gehören: insofern nämlich, als unser
menschliches Sein, Leben und Tun als Lob Gottes, als Glaube, Liebe und Hoffnung lebt von
seinem Gegenstand, Grund und Inhalt, sofern es uns von dorther gegeben ist, ihn loben,
glauben, lieben und hoffen zu dürfen. Von dorther meint aber: von Jesus Christus her, in der
von ihm, durch seinen Geist geschaffenen Gemeinschaft zwischen ihm und uns, kraft unseres
Seins, Lebens und Tuns in dem seinigen, des seinigen in dem unsrigen. Christen – auch
prospektive Christen – und also Teilnehmer an seinem Sein, Leben und Tun, sind wir anderen
Menschen, sofern Jesus Christus uns dazu macht und uns als solche erhalten und regieren
will. Christliche Gemeinde in ihrer Auszeichnung und mit ihrem Dienst gibt es insofern, als
Jesus Christus durch seinen Geist sie versammelt und mitten unter ihr ist. So steht und fällt
auch dieses Letzte, das zum Inhalt der christlichen Botschaft gehört, mit ihm – seine
Bezeichnung und Beschreibung mit der Nennung seines Namens.

Eine Anmerkung als letzte Abgrenzung und Sicherung. Die christliche Botschaft meint (mit ihrem
ganzen Inhalt) Jesus Christus, haben wir nun immer wieder formuliert. Es geht ihr also bei der
Aussprache und Entfaltung aller ihrer Inhalte um ihn. Es ist ihr also sein Name kein beiläufiges, kein
bloß der Vollständigkeit oder der Dekoration halber auszusprechendes, sondern gerade in dieser ihrer
Mitte noch einmal ihr zentrales, ihr entscheidendes Wort: das Wort, das ihr bei allen anderen Worten
vor Augen steht und auf das sie auch immer wieder zurückkommen muß. Denn indem sie seinen
Namen ausspricht, sagt sie, daß sie ihn selber meint und eben damit das, worauf sie es eigentlich
abgesehen hat. Sie will nicht etwas, nicht dies und das, sie will ihn sagen, anzeigen, verkündigen,
lehren. Eben um ihn zu sagen, darf und muß sie freilich Vieles sagen. Aber dieses Viele ist doch nur
das Seinige, das nur im Rückblick und Ausblick auf ihn recht gesagt werden, mit dessen Aussprache
doch nur auf ihn selbst verwiesen werden kann. Die christliche Botschaft ist Dienst und der, dem sie
dient, ist in allen Stücken Jesus Christus selbst. Daß er selbst ist, lebt, regiert, handelt, wahrer Gott und
wahrer Mensch, der Friede und das Heil ist, das sagt sie in ihrer Mitte als Lehre von

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der Versöhnung. Er selbst ist das Ganze und in allem Einzelnen das Eine, das sie zur Sprache bringt,
die Wahrheit alles dessen, was sie als wahr, die Wirklichkeit alles dessen, was sie als wirklich bezeugt
und verkündigt. Sie kann nicht schweigen, indem sie seines Namens gedenkt und ihn ausspricht. Sie
darf und muß ihn sofort auslegen. Sie darf und muß in und mit seinem Namen sofort seine Sache zur
Aussprache bringen: aber eben ganz und gar nur in und mit seinem Namen und also ganz und gar als
seine Sache. Diese seine Sache hat ja außer und neben ihm selbst keine Eigenexistenz, kein
Eigenleben, keine Eigengeltung. Sie ist von ihm nicht zu unterscheiden, geschweige denn zu trennen.
Alles Reden von ihr ist daran gemessen, ob es ihn treulich widerspiegelt, ob es, indirekt, aber deutlich
ihn meint, ihn anzeigt, ihn vor Augen malt, ihn groß und wichtig macht. Es ist also nicht an dem, daß
die christliche Botschaft eigentlich und im Grunde doch auf seine Sache zielte, ihn selbst doch nur als
deren Träger namhaft machte. Um diesen Eindruck zu vermeiden, haben wir hier zunächst den Weg
der Klimax gewählt, die konkrete Gestalt des christlichen «Gott mit uns» als Botschaft von Jesus
Christus nicht zuerst, sondern zuletzt sichtbar gemacht. Eben dahin zielt eben Alles, denn eben damit
steht und fällt Alles: daß sie Botschaft von Jesus Christus ist.

Es ist darum kein Streit um Worte, ob man sie nur als «Evangelium Jesu Christi» oder – und gerade
als solches – als Evangelium von Jesus Christus versteht. Natürlich ist sie auch Evangelium Jesu
Christi; wir haben alles Gewicht darauf gelegt; er selbst ist hier schon «Erkenntnisprinzip». Aber man
sehe wohl zu: wo man ihn nur als das versteht, da entartet die christliche Botschaft sofort zur
Selbstverkündigung einer zwar von ihm gestifteten, nun aber in sich selbst ruhenden und bewegten
kirchlichen Heilsanstalt, oder auch einer zwar von ihm gelehrten, aber in sich selbst gerechten, sich
selbst genügenden Frömmigkeit und Moral, oder auch einer in der Geschichte zwar in ausgezeichneter
Weise von ihm vollzogenen, aber entscheidend doch von ihrem eigenen Licht lebenden
Existenzerhellung. Es ist dann vorbei damit, daß die christliche Botschaft als solche dem Menschen
etwas Eigenes, Neues, Substantielles zu sagen hätte. Was sie ihm dann noch zu sagen hat, ist insofern
eigentlich nicht mehr der Rede wert, als er es sich letztlich und im Grunde auch selbst sagen könnte.
Sie ist dann so oder so zur Rezitation eines Mythus geworden. Die christliche Botschaft redet aber
darum eigenartig, neu und substantiell, weil sie nicht mythisch, sondern konkret redet, weil sie neben
und außer Jesus Christus kein Anderes, weil sie Alles nur als das Seinige kennt und verkündigt. Sie
kennt und verkündigt ihn also gerade nicht als den Vertreter und Exponenten eines solchen Anderen.
Es gibt für sie gar kein Anderes neben und außer ihm. Es gibt für sie kein Nennenswertes, das nicht als
solches das Seinige wäre. Was sie als nennenswert kennt und verkündigt, das kennt und verkündigt sie
gerade als das Seinige.

Sie hängt ihm also, indem sie den Namen Jesu Christi nennt, nicht bloß eine Etikette an, sie meint mit
diesem Namen nicht bloß ein Symbol oder Siglum, das aus historischen Gründen seine gewisse
Notwendigkeit haben, und aus psychologisch-pädagogischen Gründen zweckvoll sein möchte, an das
bei dem, was sie eigentlich meint und zu sagen hat, anzuknüpfen, das der Anschaulichkeit halber
auszulegen empfehlenswert sein dürfte. Ihr ist sein Name gerade nicht bloß eine Chiffre, unter der das,
was sie eigentlich meint und sagt, sein eigenes Leben führte, seine eigene Wahrheit und Wirklichkeit
hätte, um seiner selbst willen verkündigt zu werden der Mühe wert wäre: eine Chiffre, die, ohne daß
dieses eigentlich Gemeinte und Gesagte davon berührt würde, allenfalls auch fehlen, an deren Stelle
zu anderer Zeit, unter anderen Himmelsstrichen und Umständen allenfalls auch eine andere Chiffre
treten könnte. Die christliche Botschaft meint also, indem sie konkret redet, indem sie den Namen
Jesus Christus ausspricht, nicht die besondere Gestalt eines Allgemeinen, die als solche auch
auswechselbar wäre – mit Lessing zu reden: nicht etwa eine «zufällige Geschichtstatsache» als bloßes
«Vehikel» einer «ewigen Vernunftwahrheit». Der Friede zwischen Gott und uns Menschen und das
uns Menschen zukommende Heil ist hier kein Allgemeines, sondern dieses Besondere als solches: das
Konkrete, das mit dem Namen Jesu Christi und mit keinem anderen Namen anzuzeigen

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ist. Denn er, der diesen Namen trägt, ist selbst der Friede, ist selbst das Heil. Der Friede und das Heil
können also gerade nur in ihm erkannt und darum nur unter seinem Namen verkündigt werden.

Soviel über das «Gott mit uns» als allgemeinste Umschreibung unseres Themas.