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Xin Xin Ming

Verse über den Geist der Gelassenheit

Jianzhi Sengcan (China 6. Jahrhundert)

Alle Ziele sind schon erreicht, wenn man mit dem zufrieden ist, was ist.Wenn es
weder Liebe noch Hass gibt, ist alles einfach und klar.Aber wenn man den kleinsten
Unterschied macht, entsteht eine Trennung wie zwischen Himmel und Erde.Wenn man das
eine dem anderen vorzieht, sieht man nicht, was man vor Augen hat.Der Konflikt
zwischen Verlangen und Abneigung ist die Krankheit des Geistes.Weil die
ursprüngliche Einheit aller Dinge nicht gesehen wird, ist der Frieden des Geistes
gestört.Alles ist vollkommen wie der blaue Himmel.Es fehlt an nichts und es ist
nichts zu viel.Nur weil wir das eine annehmen und das andere ablehnen, entstehen
Probleme.Hänge weder an den Dingen der Welt noch an einer nihilistischen
Vorstellung.Nimm alles, wie es ist, dann verschwinden solche Gewohnheiten von
selbst.Wenn man versucht Unruhe los zu werden, um Ruhe zu finden, wird dadurch die
Unruhe nur umso größer.Solange man die eine oder die andere Seite bevorzugt, sieht
man nicht, dass alles eins ist und findet weder mit dem einen noch mit dem anderen
Zufriedenheit.Wenn man das Sein erfassen will, entzieht es sich jeder Fassbarkeit.
Wenn man Nicht-Sein wahrnimmt, ist es kein Nicht-Sein.Je mehr man redet und denkt,
umso größer ist die Verwirrung.Wenn man zum Ursprung zurückkehrt, an dem es noch
keine Begriffe und Bedeutungen gab, wird alles durchschaut.Wenn man Objekten und
Ideen hinterherläuft, geht die ursprüngliche Freiheit verloren.Auch nur diese
Freiheit erfassen zu wollen, vertreibt sie schon.Alle Objekte und Ideen sind
Illusionen.Suche daher nicht nach der Wahrheit, sondern gib nur alle Meinungen auf.
Bleibe nicht in Sichtweisen gefangen und höre auf, nach etwas zu suchen.Gibt es
auch nur die kleinste Spur von richtig oder falsch, ist der Geist in einem
Labyrinth verloren.Die Zwei gibt es nur, weil es die Eins gibt, aber auch das Eine
sollte man nicht festhalten.Wenn das unterscheidende Denken nicht auftaucht, ist
alles unschuldig und fehlerlos und es gibt keine Probleme.Wenn nichts auftaucht,
ist da auch kein Geist.Wenn alle Objekte verschwinden, verschwindet auch das
Subjekt, das sie wahrnimmt.Was der Geist nicht wahrnimmt, hört auf zu existieren.
Objekte existieren nur, wenn ein Subjekt sie wahrnimmt.Wenn man die gegenseitige
Abhängigkeit der beiden versteht, sieht man, dass es keine objektive Realität gibt.
Subjekt und Objekt sind nicht unterscheidbar, weil alles was wahrgenommen wird, das
eigene Bewußtsein ist.Wenn man nicht zwischen gut und schlecht unterscheidet,
verfällt man nicht in Einseitigkeit und Vorurteile.Gelassenheit ist nicht schwer,
aber Menschen, die ihren kleinen Wünschen nachhängen, sind unzufrieden und voller
Ehrgeiz.Je mehr sie wollen, umso weniger geht es.Wenn man an irgendetwas festhält,
verfehlt man den Weg.Wenn man loslässt, ist alles so, wie es sein soll – in
ständiger unaufhörlicher Veränderung.Alles dem Lauf der Dinge zu überlassen, ist
der Weg der Gelassenheit.Vor einem weiten Horizont verschwinden alle Sorgen und
Nöte.Es ist die Natur des Denkens, frei zu fließen.In Meditation zu versinken,
führt zu nichts und ist vergebliche Mühe.Was nützt es, dem einen hinterherzulaufen
und das Andere zu meiden? Gelassenheit bedeutet, auch die Welt der Sinne und
Gedanken nicht abzulehnen.Akzeptiere auch die Sinne und Gedanken so wie sie sind.
Der Weise versucht nichts zu erreichen.Der Dumme bindet sich selbst.Das Universum
kennt keine Diskriminierung, aber wir klammern uns an dieses und jenes.Mit dem
Denken das Denken kontrollieren zu wollen, ist allergrößter Unsinn.Aus der
Verwirrung des Geistes entstehen Himmel und Hölle.Sich aus der Verwirrung zu
befreien, heißt frei von Vorlieben und Abneigungen zu sein.Alle Ideen sind nichts
als selbstgemachte Fantasiegebilde.Wie Seifenblasen – Unsinn sie fangen zu wollen.
Verlust und Gewinn, richtig und falsch, wirf das alles auf einmal weg.Wenn man
immer wach ist, verschwinden alle Träume von selbst.Wenn das unterscheidende
Bewusstsein nicht auftaucht, ist alles so, wie es ist.So, wie es ist – das ist das
tiefste Mysterium.Es bedeutet, augenblicklich alles zu vergessen.Wenn man alles mit
den gleichen Augen sieht, kehrt man zum Sosein zurück.Wenn man nicht urteilt, kann
man auch nichts vergleichen.Bewegung kommt zur Ruhe, daher ist es keine absolute
Bewegung.Aus Ruhe wird Bewegung, daher ist es nur relative Ruhe.Das Eine beinhaltet
schon das andere und beide können nicht getrennt voneinander existieren.Konsequent
zu Ende gedacht, kann man nichts definieren.Keine Theorie erfasst die Realität.Wenn
man mit allem eins ist, hört alles Tun auf.Unzufriedenheit und Angst verschwinden
und totales Vertrauen ist möglich.Augenblicklich ist man vollkommen frei, hängt an
nichts und alles geschieht gemäß seiner natürlichen Funktion.Intelligenz, Wissen,
Erkenntnisse und Erfahrungen sind dann bedeutungslos.In der Welt des Soseins gibt
es weder Selbst noch Anderes.Um direkt in diese Welt einzutreten, sage einfach:
„Nicht Zwei“.Wenn es nicht zwei gibt, ist alles gleich und nichts ist
ausgeschlossen.Die Weisen aller Zeiten haben das als Ursprung der Dinge erkannt.Der
Ursprung der Dinge hat nichts mit Zeit zu tun – ein einzelner Gedanke ist tausend
Jahre.Er hat nichts mit nah oder fern zu tun – alles liegt direkt vor unseren
Augen.Das winzig Kleine ist groß, wenn es keine Definitionen gibt.Das Riesengroße
ist klein, wenn man keine Grenzen sieht.Sein ist Nichtsein; Nichtsein ist Sein.Hör
auf, an intellektuellem Verstehen festzuhalten.Das Eine enthält alle Erscheinungen.
Alle Erscheinungen sind eins.Wenn man alles lässt, wie es ist, braucht man sich
nicht über Unvollkommenheit zu sorgen.Der Geist der Gelassenheit ist nicht
dualistisch.„Nicht Zwei“ ist der Geist der Gelassenheit.Alle Worte verfehlen das,
was nicht in Raum und Zeit ist.

(Dirk Aleksic)