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Die Zeugen Jehovas

Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft

Bearbeitet und herausgegeben von Manfred Gebhard


Verlag Hubert Freistühler Schwerte/Ruhr
1. Auflage 1971
Lizenzausgabe für die Bundesrepublik Deutschland und Westberlin
Copyright 1970 by Urania- Verlag Leipzig1JenalBerlin
Verlag für populärwissenschaftliche Literatur
Alle Rechte vorbehalten
Printed in the German Democratic Republic
ISBN 3 87237 015 4
Inhalt
Vorwort
Die Watch Tower ß Bible and Tract Society
Die Illusion von der Gegenwart als Zeit des Endes der Nationen
Was die Bibel über ein Weltende sagt
Beginn der sogenannten »Zeit des Endes«
Der »König des Nordens«
Die »Wiederkunft Christi«
Obrigkeitliche Gewalten
Die »Fürsten«-Deutungen
Das apokalyptische wilde Tier
Der »Krieg von Harmagedon«
Ein Hasardspiel
Im Dienste der psychologischen Kriegführung
Frühe WTG-Bibeldeutungen im Interesse des Kapitals
Vom Großkapital gekauft
Weshalb die Unterstützung des Zionismus?
Transaktionen mit dem amerikanischen Großkapital
Neue Bindungen an das Kapital
Ein USA-Staatsanwalt reißt die Macht an sich
Was verbarg sich hinter der Übertretung des Spionagegesetzes?
Die mysteriöse Funkanlage im WTG-Hauptbüro in Brooklyn, New York
Die WTG und das USA-State Department 118
Eine ständige Verbindung Brooklyn-Washington
Die politische Rolle des deutschen WTG-Zweiges in der Weimarer Republik
Um das amerikanische Kapital im deutschen WTG-Zweig
Die Rettung der WTG-Zentrale in Bern
Mit Hilfe der amerikanischen Militärregierung in Wiesbaden
Die WTG-Führer und der Hitlerfaschismus
Antifaschisten ausgeschlossen
Das Buhlen der WTG-Führung um die Gunst der Nazis
Fritz Winkler
Erich Frost
Konrad Franke
Nicht nur die höchsten WTG-Führer
Todeskandidaten
Was hatte der »Reichsführer SS« Himmler mit den Zeugen Jehovas vor?
Die Konzeption zum Einsatz in den »Ostgebieten«
Himmlers Ideen leben weiter
Die Neugründung des deutschen WTG-Zweiges ein großangelegter Betrug
Die jüngste politische Rolle der WTG
Der Wiederaufbau des WTG-Informationsdienstes
Ein besonderer »Kirchlicher Nachrichtendienst«
Erneut psychologisch in die Offensive
Das Verbot
Weiter als Untergrundorganisation
Das »Ostbüro« in Westberlin
Der organisierte Geldschmuggel
Die Untergrundbewegung in der DDR
Politisches Verhalten im Spannungsjahr 1953
War es mit der Wiedererlangung der Legalität in Osteuropa ernst gemeint?
Zeugen Jehovas als »politische Flüchtlinge«
Welche Rolle ist den Zeugen Jehovas von der WTG als Staatsbürger zugedacht?
Rückschau
Der Christ und seine soziale Verantwortung
Anmerkungen
Namen- und Sachregister

Vorwort
Das vorliegende Werk befasst sich - um durch Selbsterkenntnis zu helfen - mit einer religiösen
"Verlagsanstalt", die als leitendes Organ einer Religionsgemeinschaft von ihren Anfängen an
bestrebt ist, eine führende Rolle im religiösen Leben zu spielen, und die sich besonders durch
eine aggressive Aktivität kennzeichnet. Diese WATCH TOWER BIBLE AND TRACT
SOCIETY OF PENNSYLVANIA, USA, (Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft von
Pennsylvania, USA abgekürzt WTG) ist die leitende Körperschaft der international als Zeugen
Jehovas (früher Bibelforscher) auftretenden Gemeinschaft.
Aufgabe dieser Abhandlung ist es, eine Einschätzung und Wertung der gesellschaftlichen
Bedeutung und ihrer Leitung zu geben, wobei dies freilich nur geschehen kann, wenn auch die
politischen Aspekte beleuchtet werden. Der Grund für diese besondere Aufgabenstellung ist,
dass die WTG und damit die Zeugen Jehovas eine Religionsgemeinschaft darstellen ,die -
wenngleich verbrämt mit Zitaten aus der Bibel - in ihrer religiösen Tätigkeit zugleich in
schärfster Form politisch auftritt. Dabei macht sie sich den Gottesglauben vieler religiöser
Menschen zunutze, ausgehend von der intoleranten, dogmatischen Grundlage, das die WTG
»alleiniger Vertreter wahrer Gottesanbetung« sei.
Die vorliegende Arbeit stützt sich in der Hauptsache auf die WTG-Tätigkeit in Europa bzw.
Deutschland und quellenmäßig auf die deutschsprachige WTG-Literatur sowie auf Werke und
Dokumente, die in deutschsprachigen Ländern erschienen sind oder bekannt wurden. Die
Mitarbeiter dieser Dokumentation sagen auf diesem Wege all denen Dank, die es ermöglichten,
Einblicke in die einschlägigen Unterlagen zu erhalten. So konnte ein auf Tatsachenmaterial
aufbauendes Werk entstehen, das es gestattet, sich einen Überblick über die religiös-politischen
Zusammenhänge zu, verschaffen, die - soweit sie die WTG betreffen - bewusst im verborgenen
gehalten werden um ihr wirkliches Wesen zuu verschleiern.
Aus der Fülle der vorliegenden Fakten konnten in dieser Arbeit nur die wesentlichen Beachtung
finden, nämlich solche, die eindeutig den Charakter der WTG sowohl vom religiösen als auch
vom politischen Aspekt aus erhellen. Das verwendete Material ist jedoch so reichhaltig, dass es
dem Leser die Möglichkeit bietet, sich ein umfassendes Bild von der Tätigkeit der
Wachtturmgesellschaft zu machen und diese richtig zu beurteilen. Und wenn die Betrachtungen
über die WTG mit einigen praktischen Konsequenzen schließen, so sollen diese gleichzeitig ein
Wegweiser für Christen sein und ganz besonders für jene, deren Glaubensbereitschaft bislang
von der WTG missbraucht wurde.
Der Herausgeber.

Die Watch Tower Bible and Tract Society


In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand in vorwiegend kleinbürgerlichreligiösen
Kreisen der USA aus einer Splittergruppe der Adventisten eine neue religiöse
Gemeinschaft, die sich den Namen »Ernste Bibelforscher« gab. Ihr Gründer war der
amerikanische Textitgroßhändler und Kaufmann Charles Taze Russell, genannt »Pastor
Russell«, obwohl er von keiner Kirche ordiniert war. Charles T. Russell war vorher Angehöriger
der Inneren Mission der amerikanischen Kongregationalistenkirche sowie Mitglied des
amerikanischen Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) gewesen. Als Gründungsort wählte
man Pittsburgh-Allegheny im USA-Staat Pennsylvania. In Europa wurde diese Gemeinschaft
zuerst unter dem Namen »Internationale Bibelforscher-Vereinigung« (IBV) bekannt. 1931 nahm
sie den Namen "Jehovas Zeugen« an. In mühsamem Wachstum wurde im Laufe eines
Jahrhunderts - von 1870 bis in die Gegenwart - aus der einstigen Bibelforschergruppe schließlich
eine internationale Gemeinschaft mit etwa eineinhalb Millionen Anhängern in etwa 200 Ländern
und Gebieten der Erde, d. h. zahlenmäßig blieb sie nur eine kleine religiöse Gruppe in den
jeweiligen Ländern, obwohl sie alles versucht, stark in Erscheinung zu treten.
Für die Herstellung und den Vertrieb der Literatur der Gemeinschaft organisierte Russell im
Jahre 1881 in Pittsburgh eine Geschäftsfirma mit der Bezeichnung »Zions Watch Tower Tract
Society« (Zions Wachtturm-Traktat-Gesellschaft). Im Laufe der Zeit wurde dieser
Geschäftsbetrieb dann unter dem Namen »Watch Tower Bible and Tract Society« (WTG) das
organisatorische und geistige Zentrum, die leitende Körperschaft der internationalen
Bibelforscher oder »Zeugen Jehovas«. Während sie ursprünglich aus Tausenden von
eingetragenen Mitgliedern bestand, zählte sie nach dem Stand von 1967 nur 435 eingetragene
Mitglieder, vorwiegend Amerikaner. Diese eingetragenen Mitglieder wählen aus ihren Reihen
für die WTG alle drei Jahre ein sogenanntes Direktorium (Board of Directors) aus sieben
Personen, dem nur Amerikaner angehören. Der hierbei gebrauchte Wahlmodus geht aus dem
1960 im deutschen Zweigbüro der WTG herausgegebenen Buch »Jehovas Zeugen in Gottes
Vorhaben«, S. 64, hervor.
Das heißt, dass die Wahl der sieben Direktoren von den begüterten Mitgliedern der Körperschaft
abhängig ist. Die so gewählten WTG-Direktoren, die aus ihrer Mitte wiederum den
WTGPräsidenten
wählen, sind schließlich die eigentliche Führungsgruppe der Organisation. Das Amt
des Präsidenten gilt auf Lebenszeit, die laufende Wiederwahl ist nur formal. Zu Präsidenten
werden nur solche Mitglieder gewählt, die amerikanische Bürger sind, so
Charles Taze Russell, 1881 bis 1916
Joseph Fränkin Rutherford, 1917 bis 1942
Nathan Homer Knorr, 1942 bis in die Gegenwart.
(Zitat aus: JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
"JOHANNES: In jenen Tagen war es so, dass jeder, der der Gesellschaft einen Beitrag von zehn
Dollar leistete, das Anrecht auf eine Stimme erhielt. Somit hatte Pastor Russell zuvor bei den
meisten dieser Versammlungen der Körperschaft 25 000 Stimmen. Zu seinen Lebzeiten hatte er
Beiträge von etwa 250 000 Dollar geleistet Als er starb, erloschen nach dem Gesetz natürlich
seine Stimmen mit ihm. Die 150 000 Stimmen, die für die Versammlung des Jahres 1917
insgesamt vorhanden waren, zeigten an, dass ihre Besitzer irgendwann der Gesellschaft für ihr
Predigtwerk 1 500 000 Dollar gegeben hatten. Diese Methode der Abstimmung wurde im Jahre
1944 gesetzlich geändert, indem man diese Art und Weise, das Stimmrecht zu erhalten, ganz
abschaffte. Jetzt hat jedes Glied dieser Körperschaft nur noch eine Stimme."
Amtssitz des Präsidenten sowie des Direktoriums ist die internationale Zentrale der Zeugen
Jehovas »Bethel«, das Hauptbüro der WTG in Brooklyn, New York, USA. Dieses Büro in
Brooklyn leitet über 92 ausländische Zweigbüros die gesamte Tätigkeit der Zeugen Jehovas in
allen Ländern. Die örtlichen Gemeinden oder Versammlungen stehen in der Regel unter der
direkten Anleitung und Kontrolle des jeweils zuständigen Zweigbüros.
Mit Ausnahme der WTG-Führungsspitze, des Direktoriums, das sich durch selbst bestätigt und
ergänzt, werden sämtliche Funktionen der internationalen Organisation administrativ und
autoritär, d. h. durch Entscheid der WTG-Büros besetzt. Dabei gibt es keinerlei demokratische
Kritik- oder Kontrollrechte der Anhängerschaft. Alle Funktionen werden nur mit Personen
besetzt, die der WTG im wesentlichen kritiklos gehorsam sind. Das WTG-Regime bis hinunter
in die örtlichen Versammlungen ist ein Herrschaftssystem, das jedes innerdemokratische Leben
niederhält und nur von oben durch die Weisungen der WTG und ihrer Beauftragten -
Zweigdiener, Bezirksdiener, Kreisdiener und Versammlungsdiener - funktioniert.
Das entscheidende Mittel, mit dem die WTG sowohl ihr autoritäres Regime über die Zeugen
Jehovas aufrechterhält als auch ihre Bibelauslegungen, Lehren und sonstigen religiösen und
politischen Thesen durchsetzt, ist das Glaubensdogma, sie sei als Körperschaft der unantastbare
»Vertreter Gottes auf Erden«. Die Herrschaft der WTG sei der Ausdruck von Theokratie
(Gottesherrschaft), die Einsetzung der Verantwortlichen erfolge somit »von Gott«, und was
durch die WTG-Organisation verkündigt wird, sei der »Wille Gottes«, da sie selbst nur der
willenlose »Sklave Gottes« sei. Die WTG-Schriften müssten deshalb als »Kanal Gottes«
angesehen werden. Der Rat, der hierin gegeben wird, komme folglich von Gott, und ihn, zu
missachten sei schließlich lebensgefährlich. Die folgenden Auszüge aus dem WTG-Buch
»Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben« (S. 148/49) und aus der WTG-Zeitschrift »Der
Wachtturm« (vom 1. November 1948, 1. August 1956 und 15. September 1965) dokumentieren
diese intoleranten Ansprüche:
Zitat aus: JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
"dass die Vollmacht zur Ernennung von Dienern in Versammlungen der heutigen Gesellschaft
der Zeugen Jehovas zu Recht auf der leitenden Körperschaft der Klasse des 'treuen und
verständigen Sklaven' ruht, die von Christus Jesus vom Tempel Jehovas aus geleitet wird.
Es wurde deshalb vorgeschlagen, dass die Brüder in den verschiedenen Versammlungen der
ganzen Welt eine Resolution, wie sie Der Wachtturm darlegte, in Betracht ziehen sollten,
Die Resolution lautete:
Wir, die Gruppe des Volkes Gottes, das für seinen Namen herausgenommen worden ist und sich
nun in ........... befindet, anerkennen, dass Gottes Regierung eine reine Gottesherrschaft ist, dass
Christus Jesus sich im Tempel befindet und den vollen Befehl und die volle Gewalt über die
sichtbare Organisation Jehovas wie auch über die unsichtbare innehat und dass DIE
GESELLSCHAFT' der sichtbare Vertreter des Herrn auf Erden ist."
Zitat aus:
1. November 1948 Der WACHTTURM
"So wisse, dass jene, die sich wider Jehovas theokratische Anordnungen und Anweisungen für
sein organisiertes Volk auflehnen, dem Beispiel Korahs, des Rebellen, folgen und ebenso
bestimmt umkommen werden wie er und seine Schar. Wehe ihnen!"
Zitat aus: 1. August 1956 Der WACHTTURM
" Da dem 'treuen und verständigen Sklave' alle Güter des Meisters anvertraut worden sind, lasst
uns mit dem richtigen geistigen Wahrnehmungsvermögen die Sache so ansehen, dass was immer
der 'treue Sklave' tut, zu unserem Guten gereicht. Der Sklave erfüllt dadurch seine eigene Pflicht
vor Jehova, dass er das Werk Jehovas tut. Daher ist der Wille des Sklaven der Wille Jehovas.
Rebellion gegen den Sklaven ist Rebellion gegen Gott."
Zitat aus: 15. September 1965 Der WACHTTURM
"Jehova gibt uns auch durch seine irdische Organisation Rat. Da sein heiliger Geist auf die
leitende Körperschaft einwirkt, stimmt deren Rat mit seinem Willen überein."
Die WTG-Hauptorgane sind die beiden Zeitschriften »Der Wachtturm«, zur Zeit in einer
halbmonatlichen bzw. monatlichen Auflage von 4 750 000 Exemplaren, und »Erwachet!«, in
gleicher Weise mit einer Auflage von 4 450 000 Exemplaren. Dazu kommen laufend zahlreiche
Bücher und Broschüren in ebenfalls hohen Auflagen. Auf Grund des sogenannten theokratischen
Autoritätsdogmas der WTG werden sämtliche Lehren als sogenannte göttliche Wahrheiten
ausgegeben, als geistiges »Licht von Jehova«. Die ständigen Irrtümer und Haltlosigkeiten
übertüncht man einfach mit der Erklärung, Jehova gebe eben nach und nach »immer helleres
Licht«, mit dem man Schritt halten müsse, wenn man nicht umkommen will. Wer dieses
»Fortschreiten« unter der WTG-Führung nicht mit dem Glauben an einen wahren, unfehlbaren
und nichtirrenden Gott vereinbaren kann, wird in der Endkonsequenz als »Rebell gegen Gott«
aus der Anhängerschaft ausgeschlossen.
Zur Veranschaulichung lese man die folgende von der WTG aufgesetzte
Verpflichtungserklärung für Personen, die aus der Anhängerschaft als Mitarbeiter herangezogen
werden. Man beachte besonders die als Gottesdienst dargestellte bedingungslose Unterordnung
des Betreffenden in geistiger und materieller Hinsicht unter die von der WTG ausgeübte
sogenannte Theokratie, verbunden mit einer völligen Rechtlosigkeit solcher Mitarbeiter, deren
persönlicher Gottesglaube hier ausgenutzt wird .
Zitat:
"Magdeburg, den 17. Nov. 1945.
An die
Wachtturm Bibel und Traktat-Gesellschaft,
Brooklyn New York, USA,
Deutsches Zweigbüro
Magdeburg
Der Unterzeichnete erklärt hiermit:
1. Ich erkenne die Watch Tower Bible and Tract Society, Brooklyn (Wachtturm Bibel und
Traktat-Gesellschaft) als Dienerin und legale Verwalterin der Körperschaft der als Zeugen
Jehovas auf der ganzen Welt bekannten christlichen Leute an, die den Zweck verfolgt, das
Evangelium vom Königreiches Gottes unter Christus Jesus allen Nationen als ein Zeugnis für
den Namen, das Wort und die Oberhoheit Gottes, des Allmächtigen, Jehova zu predigen.
2. Mir ist bekannt, dass die Watch Tower Bible and Tract Society - Wachtturm Bibel und
Traktat-Gesellschaft - keine Gewinnabsichten verfolgt, sondern eine erzieherische, christliche,
gemeinnützige und philanthropische Organisation ist.
3. Aus reiner Liebe zu Jehova Gott und seiner Theokratie habe ich den Wunsch, an dem Wirken
der Gesellschaft zur Ehre Jehovas und zum wahren Nutzen des Volkes teilzunehmen und
betrachte es als großes Vorrecht, dies tun zu dürfen, und meinen Dienst nicht als der Gesellschaft
geleistet, sondern als meinen wahren und schriftgemäßen Gottesdienst.
4. Meine Mitarbeit ist eine völlig freiwillige und, den Grundsätzen der Gesellschaft
entsprechend, eine unentgeltliche, auch dann, wenn meine Arbeitskraft und -Zeit weit über das in
weltlichen Arbeitsabkommen üblicherweise geforderte Maß hinaus beansprucht wird. Alle
Zuwendungen der Gesellschaft für meinen notwendigen Lebensunterhalt, Wohnung, Kleidung
und sonstige Auslagen stehen im Ermessen der Gesellschaft. Ein Rechtsanspruch meinerseits
wird durch solche Zuwendungen, auch wenn sie laufend erfolgen, nicht begründet. Ich erkenne
an, keinerlei Ansprüche an die Gesellschaft zu haben und verzichte, auch für die Zukunft,
ausdrücklich darauf, irgendwelche Ansprüche aus meinem Anstellungs-, bezw. Arbeitsverhältnis
herzuleiten oder geltend zu machen. Es steht mir jederzeit frei, meine Mitarbeit bei der
Gesellschaft zu beenden.
Wilhelm Schumann."
Dabei wird jedem angedroht, in die verteufelte Welt zurückgestoßen zu werden, wenn er sich
»wider Jehovas theokratische Anordnungen« auflehnt, die die WTG allein zum Ausdruck bringe.
Am Ende stehe die Vernichtung, wie einst die gegen Mose rebellierende Rotte Korah vernichtet
worden sei. So wird jeder vor die Wahl gestellt, entweder der WTG als »Jehovas Organisation«
zu folgen oder wieder mit »Verwirrung des Herzens« geschlagen zu werden, »im Finstern«
tappend ohne einen Weg zu finden. Voll Grauen soll der Zeuge Jehovas daran denken, dass für
ihn, in die »Finsternis« zurückgestoßen, nur das Umkommen im »Harmagedon«-Weltende
bleibe, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Der Schauder vor der völligen Verdammnis soll dazu
bewegen, sich um so fester an die WTG zu klammern. Auf diese vielfältige Art erhält die WTG
ihr Regime über ihre Anhängerschaft, die Zeugen Jehovas, aufrecht und treibt so mit ihnen und
durch sie ihre hintergründige Politik.
Auch in den sozialistischen Ländern findet man Gruppen von WTG-Anhängern, wobei es sich
vielfach um Menschen handelt, die die durch Tod, Leid, Krankheit oder andere seelische
Depressionen für trost- und endzeitverheißende Lehren und Anschauungen besonders leicht
ansprechbar sind, die durch das eigene und zuweilen auch durch das gesellschaftliche
Fehlverhalten anderer zu Randsiedlern des gesellschaftlichen Lebens geworden sind und die sich
deshalb in ihrer Umgebung unverstanden, mißverstanden und benachteiligt fühlen, wobei nicht
zuletzt auch eine mangelhafte und einseitige Bildung als Erbe des kapitalistischen Systems
wesentlichen Anteil hat. Kommen solche Menschen nun mit den Zeugen Jehovas in Berührung
und hören von "dieser Welt" als von einer bösen, satanischen Welt, so öffnen sie leicht ihr Ohr
den Einflüsterungen, die von der WTG kommen, finden sie doch in dem Gehörten die
Bestätigung dafür, dass sie nicht selbst an ihrem Jammer schuld seien, sondern jene "böse Welt",
die sie umgibt.
Schließlich muss in diesem Zusammenhang festgestellt werden, was die WTG im Unterschied zu
allen anderen Religionsgemeinschaften im eigentlichen charakterisiert. Das sind jene
Vorstellungen, Lehren und Bibelauslegungen, die sie in religiöser, weltanschaulicher Hinsicht
entwickelt hat. Es ist ein System von Lehren und Dogmen über eine angeblich in "dieser
Generation" herbeigekommene "Zeit des Endes der Welt", worin die WTG die Hauptrolle spiele.
Diese Endzeitlehren sind das eigentliche Fundament, die eigentliche ideologische Grundlage der
gesamten WTG-Organisation. Sie sind die Fahne oder das Panier, das alles zusammenhält und
alles Hintergründige verdecken soll. Darum müssen zunächst diese Lehren erörtert und
untersucht werden.

Die Illusion von der Gegenwart als Zeit des Endes der Nationen

Was die Bibel über ein Weltende sagt


Ursprünglich war die Auffassung der WTG-Bibelforscher des vergangenen Jahrhunderts vom
Ende dieser Welt einem zwar einfältigen, aber aufrichtigen Gottesglauben entsprungen als
Weiterentwicklung der adventistischen Lehre von der Zeit des Endes. So lehrte der ehemalige
Adventist und spätere WTG-Präsident Charles T. Russell, dass die ganze kapitalistische Welt in
einem Chaos enden werde, und dann käme das Reich Gottes auf Erden. Als Zeitpunkt nannte er
das Jahr 1914. Diese Lehre war zeitbedingt und hat ihre gesellschaftlichen Ursachen in der
beginnenden Auseinandersetzung zwischen dem wachsenden Kapital und der wachsenden
Klasse der Arbeiter, die viele religiöse kleinbürgerliche Kreise in Unruhe und Sorge versetzte.
Sie befürchteten, der »ungeheuerliche« Kampf der Arbeiter um bessere Lebensbedingungen, um
eine neue, gerechte Ordnung würde die Welt aus den Angeln heben und in Anarchie enden. Was
aber dann? Die Zukunft erschien ihnen ausweglos. Da schien es nur das eine zu geben: als Christ
auf Gott zu hoffen! Charles T. Russell - als Textilgroßhändler Angehöriger der besitzenden
Klasse - wurde ja selbst von diesen Ereignissen unmittelbar berührt. Sie gaben seiner Lehre das
politische Gepräge, wodurch die WTG geistig auf die Seite der Kapitalisten geführt wurde.
Was aber zu Anfang einem einfältigen religiösen Denken entsprang, wurde dann zu einer
Spekulation, eigens zu dem Zweck betrieben, die Anhänger der WTG zusammenzuhalten und
die Herrschaft über sie zu festigen und so lange als möglich zu sichern. Immer wieder wurden zu
diesem Zweck neue Auslegungen, der einmal zitierten Bibelstellen gefunden oder genauer
erdacht, jeweils den politischen Ereignissen, dem Entwicklungsstand der gesellschaftlichen
Kräfte angepasst, wobei sie trotz allem den politischen und gesellschaftlichen Vorgängen
nachhinkten. Und immer das stereotype: Das Ende der Welt ist nahe! Nur der Termin wurde von
Mal zu Mal hinausgeschoben: 1799, 1914, 1925, 1942, 1975. Aber die Welt steht heute noch.
Alle Spekulationen und Thesen wurden von der Wirklichkeit widerlegt.
Worauf stützt sich die Lehre der Zeugen Jehovas von der »Zeit des Endes«? Generell fußt sie auf
der Annahme, dass die verschiedenen Stellen in der Bibel, die von einem Ende der Welt, von der
Errichtung der Herrschaft Christi und von dem Reiche Gottes sprechen, sich auf die
gegenwärtige Zeit beziehen. Anzunehmen, diese Bibelstellen bezögen sich auf die Gegenwart
und seien »Vorbilder« für heute und müssten sich heute »erfüllen«, ist in Wirklichkeit jedoch ein
fundamentaler Irrtum.
Um dies nachzuweisen, sollen einige ausschlaggebende Bibelstellen näher betrachtet werden. (
Dieser Bibelbetrachtung liegt zweckmäßigerweise die WTG-eigene Bibelübersetzung "Neue
Welt Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften" (deutsch) zugrunde. Jedoch geht aus
jeder anderen Übersetzung das gleiche hervor.) Da wäre als erstes Matthäus, Kapitel 24. Wer die
Einleitung zu diesem Kapitel, Matthäus 23:36 bis 24:3, aufmerksam durchliest, erkennt, dass hier
von nichts anderem die Rede ist als von der Stadt Jerusalem und dem jüdischen »System der
Dinge« mit dem Tempeldienst als Mittelpunkt. Das alles sollte während »dieser Generation«
zugrunde gehen (Matthäus 24:34). Die Worte »diese Generation« sind eindeutig an die damalige
Generation gerichtet. Es ist eine Rede Jesu an seine Zeitgenossen, nicht an Menschen des 19.
oder 20. Jahrhunderts. Auch aus Markus 9:1 geht das unzweideutig hervor. Hier lässt der
Evangelist Jesus sagen, das Gottesreich werde noch zur Lebzeit einiger sein Zeitgenossen
kommen. Ein weiterer Beweis ist 1. Thessalonicher 4:15. Hier wird gesagt, dass die damals
Lebenden die »Gegenwart des Herrn« oder die »Wiederkunft des Herrn« (Menge-Übersetzung)
noch erleben würden, dies sei »Jehovas Wort«. Schließlich zeigen auch Hebräer 1:2 und 9:25,26,
dass die Rede vom »Ende dieser Tage« oder vom »Abschluss des Systems der Dinge« sich
ausschließlich auf die urchristliche Zeit bezieht und nicht auf die heutige Zeitperiode, auf keine
Generation der heutigen Zeit. Auch das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung,
zeigt das, denn der Schreiber berichtet dort ebenfalls nicht über eine Jahrtausende ferne Zukunft,
sondern will Dinge sagen, »die in kurzem geschehen sollen« (1:1).
Nimmt man also die Dinge so, wie sie in der Bibel aufgezeichnet sind, muss man ganz
unmissverständlich zu dem Schluss kommen, dass die Bibel nur eine »Zeit des Endes« in
urchristlicher Zeit kennt. Bemerkenswert ist auch, dass Jesus selbst gemäß dem Lukas-
Evangelium berichtet (Lukas 17:20,21): Das Königreich Gottes komme nicht in auffallender
Weise, so dass man es beobachten könne, sondern es sei schon in ihrer (der Urchristen) Mitte,
durch Jesus selbst. Auch der christliche Apostel Johannes, der die Offenbarung verfasste, vertrat
in seinen Briefen die Auffassung, dass die »letzte Stunde« schon da sei, zu seinen Lebzeiten also
(l. Johannes 2:18), womit erwiesen ist, dass die diesbezüglichen WTG-Lehren im Widerspruch
zur Bibel stehen. Alle anderen Auslegungen entfernen sich von der Bibel und werden zu
Spekulationen, deren Hintergründe aufzudecken sind. Es ist freilich auch der WTG nicht
möglich, die Tatsache völlig zu übergehen, dass die endzeitlichen Bibelaussagen als solche keine
Bedeutung für die heutige Zeit haben, weil sie an die Adresse der urchristlichen Generation bzw.
der Juden im damaligen römischen Reich gerichtet sind. So muss die WTG einräumen, dass es in
der urchristlichen Zeit entsprechend den verschiedenen Bibelaussagen die »Vollendung einer
Welt« gegeben hat. Das sei eingetreten, als das jüdische »System der Dinge« im Jahre 70 durch
die Römer vernichtet wurde. (Der Wachtturm, 15. Januar 1947; Die Ernte, das Ende der Welt,
und Der Wachtturm, 1. Januar 1951, Neue Systeme der Ding (deutsch)). Um sich aber nun nicht
selbst den weltanschaulichen Boden unter den Füßen wegzuziehen, behauptet die WTG dann,
dass sei nur die erste Erfüllung dieser Bibelweissagungen gewesen, eine »Erfüllung im kleinen«.
Die endgültige Erfüllung, die »Erfüllung im großen«, vollziehe sich an der gegenwärtigen
Generation, an den gegenwärtigen gesellschaftlichen »Systemen der Dinge«, die allerdings
weder Jesus, noch die Apostel im Sinn gehabt haben, wenn man bei dem bleibt, was wirklich in
den Evangelien aufgezeichnet ist.
Charles T. Russell berechnete die Wiederkunft Christi und damit den Beginn des sogenannten
Endgerichtes für das Jahr 1874 und den Beginn der angeblich endgültigen »Zeit des Endes« für
das Jahr 1799. Was die nachfolgenden Führer der WTG seit dem Zusammenbruch dieser
Berechnungen weiter betrieben und noch heute tun, ist jedoch nichts weiter als willkürliche
Auslegung der fraglichen Bibelstellen um zu beweisen, dass der von Russell falsch berechnete
Termin für die angebliche »Zeit des Endes« aber jetzt herangekommen sei und dass es sich
lohne, darauf zu warten und sich innerlich darauf einzustellen. Sie benötigen das, weil es der
tragende Pfeiler ihrer Lehre ist, der die Anhänger zusammenhält und sie zum Gehorsam
gegenüber der WTG zwingt.
Im folgenden soll die Haltlosigkeit der Bibelauslegung durch die WTG und die Willkür, mit der
dabei verfahren wird, anhand des WTG-eigenen Schrifttums bewiesen werden. Gibt es eine
solche »Zeit des Endes« heute, wie die WTG behauptet, dann müssen sich die hierzu
verkündigten »Erfüllungen im großen«, »Zeichen der Zeit« oder sonstigen Dinge, die diese
Endzeit beweisen sollen, als zuverlässige und unanfechtbare Tatsachen, als Wahrheit erweisen.
Ist das jedoch nicht der Fall, erweisen sie sich als unglaubwürdig, dann handelt es sich bei der
WTG-Weltanschauung folgerichtig um menschliche Phantasie und religiös-politischen Trug. Es
wäre dann bestätigt, dass die herangezogenen Bibelstellen keine Bedeutung für die heutige Zeit
haben und dass man es nur mit einer zweckdienlichen Spekulation zu tun hat. Damit wären auch
die Behauptungen der WTG, die fraglichen Auslegungen seien nicht die ihren, sondern Lehren
Gottes, die er nur durch die WTG seinen Kindern gebe, ad absurdum geführt. Dann hat auch die
Behauptung, »was auch immer die leitende Körperschaft der WTG tue, stimme mit dem Willen
Gottes überein, und ihr Wille sei nur der Wille Gottes", wogegen sich ein »Kind Gottes« nicht
aufzulehnen habe, für jeden Anhänger der WTG und andere Christen ihre Bedeutung verloren.
Es ist ferner notwendig zu beachten, ob der von der WTG herangezogene Ausspruch Jesu, »diese
Generation wird nicht vergehen, bis sich alles erfüllt hat«, tatsächlich auf die Jetztzeit zutrifft
und ob alle von der WTG zitierten »Erfüllungen« innerhalb der Zeit einer heutigen Generation
stattfinden.

Beginn der sogenannten »Zeit des Endes"


Die erste festumrissene Vorstellung von einer angeblichen »Zeit des Endes« in der Neuzeit
verkündete die WTG in ihrem einstigen siebenbändigen Standardwerk »Schriftstudien«. Es hatte
den Rang eines »Schlüssels zur Bibel«. Im 3. Band dieses Werkes wurde erklärt, dass Jahr 1799
mit dem Ägyptenfeldzug des französischen Kaisers Napoleon sei der göttlich verbriefte »Anfang
des Zeitabschnittes, der als die Zeit des Endes bekannt ist«.(Schriftstudien Band 3. WTG 1890,
deutsch 1926, Magdeburg, S. 34-37) Eine neuere Fassung dieser Lehre findet sich in dem 1922
veröffentlichten WTG-Lehrbuch »Die Harfe Gottes«. Es handelt sich hier um eine
Zusammenfassung der in den »Schriftstudien« enthaltenen Lehren unter Weglassung jener
Stellen, die durch die inzwischen eingetretenen Ereignisse der Weltgeschichte haltlos geworden
waren und der angemaßten göttlichen Autorität der WTG einen empfindlichen Stoß versetzt
hatten, so z. B. die Harmagedon-Deutungen aus dem 4. Band. Später sah man sich gezwungen,
auch die Lehren, die man in dem Buch »Die Harfe Gottes« popularisiert hatte, wieder in
Vergessenheit geraten zu lassen, obwohl man im Absatz 25 geschrieben hatte: »Diese
Aufzeichnungen enthüllen die Absicht Gottes mit Bezug auf den Menschen.« Die Festlegung des
Beginns der »Zeit des Endes« auf das Jahr 1799 unter Berufung auf die Bibel ist darin auf Seite
229/230 nachzulesen
Zitat:
"Die Harfe Gottes.
Verlagsrecht 1922
Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
Magdeburg
Unseres Herrn Wiederkunft
Napoleon begann diesen ägyptischen Feldzug im Jahre 1798, führte ihn zu Ende und kehrte am
1. Oktober 1799 nach Frankreich zurück. Der Feldzug ist kurz aber anschaulich in dieser
Prophezeiung Vers 40-44 beschrieben, und da dieser Feldzug 1799 zu Ende ging, so bezeichnet
er, nach den eigenen Worten des Propheten, den Beginn der "Zeit des Endes".
Zitat (Reklameexposee):
"Schriftstudien
Ein wunderbares Werk in 7 Bänden, benannt:
Der Schlüssel zur Bibel
Band 1: Der Göttliche Plan der Zeitalter
Band 2: Die Zeit ist herbeigekommen
Band 3: Dein Königreich komme
Band 4: Der Krieg von Harmagedon
Band 5: Die Versöhnung des Menschen mit Gott
Band 6: Die Neue Schöpfung
Band 7: Das Vollendete Geheimnis
Die Harfe Gottes
Dies ist der Titel eines Buches, das in geordneter Uebersicht den ganzen Plan Gottes enthält mit
den Abschnitten über Schöpfung
Offenbarte Gerechtigkeit
Abrahamische Verheißung
Geburt Jesu
Lösegeld
Auferstehung
Geoffenbartes Geheimnis
Unseres Herrn Wiederkunft
Verherrlichung der Kirche
Wiederherstellung
als zehn Saiten der Harfe Gottes, der Bibel
brosch. 0,50 Mk.
Zu beziehen von der
Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher
Magdeburg
Leipziger Straße 11/12"
Es braucht nicht näher darauf eingegangen zu werden, dass 1799 als Datum des sogenannten
neuzeitlichen Endzeitbeginns durch die gesellschaftliche Entwicklung widerlegt - von der WTG
selbst längst verworfen werden musste und heute allgemein das Jahr 1914 als dieser
Endzeitbeginn gepredigt wird. Dabei wurde der neue Zeitpunkt auf der gleichen haltlosen und
willkürlichen Grundlage berechnet wie der frühere, nun verworfene Zeitpunkt. Um auf 1799 zu
kommen, hatte die WTG unter völlig willkürlicher Heranziehung von Worten des Propheten
Hesekiel, die mit einer Endzeitberechnung nicht das geringste zu tun haben, eine bestimmte
Anzahl von Tagen einfach in Jahre verwandelt wie der Auszug aus dem Buch "Die Harfe
Gottes« von 1922, S. 231, zeigt:
Zitat:
"Unseres Herrn Wiederkunft S. 231
Jeder Tag wird als ein Jahr gerechnet, wie der Prophet sagt: "Je einen Tag für ein Jahr habe ich
dir auferlegt". (Hesekiel 4:6). Es sind hier somit dreieinhalb Zeiten zu je 360 prophetischen
Tagen gemeint oder eine Gesamtzahl von 1260 prophetischen Tagen - 1260 Jahren gleich. Dem
Propheten wurde dann gezeigt, dass die 1260 Jahre den Beginn der Zeit dieser tierischen
Ordnung bezeichnen würde. Zwölfhundertsechzig Jahre von 539 nach Chr. bringen uns zum
Jahre 1799 - ein weiterer Beweis, dass das Jahr 1799 genau den Beginn der "Zeit des Endes"
bezeichnet."
Die Willkür dieser Berechnungsmethode ist inzwischen durch die Haltlosigkeit der Jahreszahl
1799 offenbar geworden. Um nun auf 1914 zu kommen, hat man den gleichen Willkürakt
wiederholt, nur zeitlich verschoben, wie der folgende Auszug aus dem Buch »Gott bleibt
wahrhaftig«, 2. Auflage, S. 270, zeigt.
Zitat:
"Gott bleibt wahrhaftig"
Veröffentlicht in Englisch 1946, in Deutsch 1948
Revidiert in Englisch 1952, in Deutsch 1958
von der WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
In Offenbarung 12: 6, 14 (Lu) werden 1260 Tage erwähnt und als "eine Zeit und zwei Zeiten und
eine halbe Zeit" oder 3 ½ Zeiten beschrieben. Sieben Zeiten sind 2 mal 1260, also 2520 Tage.
Durch seinen treuen Propheten Hesekiel sagte Jehova: "Je einen Tag für ein Jahr habe ich dir
auferlegt." (Hesekiel 4:6) Wenn diese göttliche Regel angewandt wird, bedeuten die 2520 Tage
2520 Jahre. Da Gottes Vorbild-Königreich mit seiner Hauptstadt Jerusalem im Herbst des Jahres
607 v. Chr. zu bestehen aufhörte, bringen uns die 2520 Jahre, wenn wir die bestimmten Zeiten
von da an rechnen, zum Herbst des Jahres 1914."
Um 1914 wie 1799 waren kriegerische Zeiten, und so war es ein leichtes, auch wieder
entsprechende »Zeichen der Zeit« zu konstruieren. Bezeichnend an der ganzen Geschichte ist,
dass die letzte deutschsprachige Auflage der »Schriftstudien" im Jahre 1926 erfolgte. Das heißt,.
bis 1926 predigte man noch die haltlose Jahreszahl 1799 als Beginn der sogenannten
neuzeitlichen Endzeit, obwohl man andererseits erklärt, ab 1919 erfolge die endgültige
»Ausgießung des Geistes Jehovas«, was die WTG insbesondere auf sich bezieht. (Dein Name
werde geheiligt. WTG Wiesbaden 1963, S. 310/11). Wie kann man da trotzdem noch fast ein
Jahrzehnt lang die durch die Tatsachen widerlegte 1799-Lehre im Namen Gottes weiterpredigen?
Die Fragwürdigkeit des ganzen Zahlenspiels ist somit von der Weltgeschichte widerlegt und zur
Unglaubwürdigkeit verurteilt worden.

Der »König des Nordens«


Zur Stützung ihrer Theorie vom »Ende der Welt« hatte die WTG u. a. auch Prophezeiungen des
Propheten Daniel aus dem Alten Testament (Daniel 11:40,41) herangezogen. Es handelt sich hier
um die aufgezeichnete Geschichte von einem Zusammenstoß zwischen einem »König des
Südens« und einem »König des Nordens«. Die erste »göttliche« Auslegung dieser Geschichte
durch die WTG in »Die Harfe Gottes« (1922), S. 21, 229, 230, besagte:
Zitat
"Die Harfe Gottes
Diese Aufzeichnungen enthüllen die Absicht Gottes mit Bezug auf den Menschen.
"Und zur Zeit des Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstoßen, und der König
des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und
er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten. Und er wird in
das Land der Zierde eindringen, und viele Länder werden zu Fall kommen." - Daniel 11: 40, 41.
Die Erfüllung dieser Prophezeiung stellt den Beginn der "Zeit des Endes" fest, weil die
Prophezeiung dies bestimmt erklärt. Der Feldzug des großen Feldherrn Napoleon Bonaparte ist
eine klare Erfüllung dieser Prophezeiung, wie aus den historischen Ereignissen dieses Feldzuges
deutlich hervorgeht. Der "König des Südens", von welchem in dieser Prophezeiung die Rede ist,
bezeichnet Ägypten; der König des Nordens bedeutet Großbritannien, welches damals ein
selbständiger Teil des römischen Reiches war.
Napoleon begann diesen ägyptischen Feldzug im Jahre 1798, führte ihn zu Ende und kehrte am
1. Oktober 1799 nach Frankreich zurück. Der Feldzug ist kurz aber anschaulich in dieser
Prophezeiung Vers 40-44 beschrieben, und da dieser Feldzug 1799 zu Ende ging, so bezeichnet
er, nach den eigenen Worten des Propheten, den Beginn der "Zeit des Endes."
Wenn man das, was in Daniel 11 über die fraglichen »Könige« geschrieben steht nüchtern
betrachtet, so erkennt man, dass es sich lediglich um die Geschichte der Rivalitäten zwischen den
syrischen und ägyptischen Königen in vorchristlicher Zeit handelt. Nirgends sind hier »eigene
Worte des Propheten« Daniel zu lesen, die in Neuzeit auf Napoleon hinweisen bzw. aus denen
man das »Ende der Welt« gar in der heutigen Zeit entnehmen kann, wie die WTG behauptete.
Die gesellschaftliche Entwicklung zwang die WTG dann auch, diese Daniel-Auslegung selbst zu
liquidieren. Im Buch »Dein Wille geschehe auf Erden« (1960) werden die 1799-Auslegungen
völlig fallengelassen, als hätte es sie niemals gegeben. Die einstige Erklärung, damit »Absichten
Gottes« enthüllt zu haben, war also Trug und Falschdeutung der Bibel. 1942 folgte darum eine
neue Ausslegung der Bibelstelle Daniel 11:40,41 in dem Buch »Die Neue Welt« (S. 339, 340,
347 ff.). Wie nachzulesen ist wird die Zeit um 140 Jahre verschoben. Aus Napoleon wird Hitler.
Aus dem ägyptischen Feldzug Napoleons wird die brutale Niederknüppelung Polens, die
Unterjochung der Völker des Balkans und die Unterwerfung Frankreichs durch die nazistische
deutsche Wehrmacht. Aber sonst ändert sich nicht.
Zitat:
"DIE NEUE WELT
Können wir bestimmt wissen, dass die Welt ihrem endgültigen Ende nahe ist, wie es Jehovas
Zeugen so zuversichtlich erklären? Man beachte ferner die Prophezeiung: "Und zur Zeit des
Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstoßen (ihn stoßen -- engl. B.), und der
König des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen
Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten."
Daniel 11: 40
Der demokratische, liberale "König des Südens" folgte einer erniedrigenden
Besänftigungspolitik gegenüber den Forderungen und Angriffen des 'Nordkönigs', gebot jedoch
im August 1939 Halt. Beim nächsten Gewaltakt seines Rivalen ergriff er am 3. September 1939
Maßnahmen gegen ihn. Die Welt weiß heute, was darauf folgte. Ein Blitzkrieg durch den "König
des Nordens"
In noch mehr Länder wird eingedrungen, noch weitere werden überflutet: Russland,
Die erstaunliche Prophezeiung, die vor langem über den "König des Nordens" und den "König
des Südens" ausgesprochen worden ist, erfüllt, sich jetzt, ja steht vor ihrer Enderfüllung, was
beweist, dass wir dem endgültigen Ende dieser alten Welt der Bosheit nahe sind. Der große
Urheber aller wahren Prophezeiung erleuchtet jetzt den forschenden Sinn, damit er Neues sehe
Seine Taten und sein Verfahren sind erhaben über alle Zensur, die Geschöpfe ausüben mögen,
und verdienen nicht, dass man sich darüber beschwere, selbst wenn man sie nicht verstünde."
Unterwerfung Frankreichs durch die nazistische deutsche Wehrmacht. Aber sonst ändert sich
nichts. Diese alte Pseudoweisheit in neuem Gewande wurde den Zeugen Jehovas anlässlich ihres
Kongresses 1942 in Zürich (Schweiz) vorgesetzt, also zu einer Zeit in der Hunderttausende auf
den Schlachtfeldern Hitlers gemordet und sinnlos geopfert wurden, zu einer Zeit in der Millionen
Menschen von unsagbarem Leid getroffen wurden. Die WTG-Anhänger hatten eine menschlich
unverständliche Freude über dieses »Zeichen der Zeit«, wie aus einem in der Zeitschrift »Trost«
vom 15. Mai 1942 abgedruckten Brief hervorgeht:
Zitat:
"Consolation German edition
Semi-monthly - Halbmonat
Bern 15. Mai 1942
Vol. XX, Nr. 472
Die Nummer :20 Rp.
… Wir möchten es nicht unterlassen, für die gesegneten Tage, die wir anlässlich der großen
theokratischen Hauptversammlung in Zürich erleben durften, nebst Jehova Gott, dem großen
Schöpfer, dem in erster Linie aller Dank und alle Ehre gebührt, auch Euch unsern herzlichsten
Dank und unsere Freude zum Ausdruck zu bringen.
Unsere Gruppe hatte das Vorrecht, fast vollzählig an diesem, Feste teilzunehmen und man hört
von jedem einzelnen die gleiche Bestätigung: "Es war die schönste und die gesegnetste
theokratische Hauptversammlung, die wir bisher miterleben durften." Es wäre schwer zu sagen
welches der schönste Tag gewesen sei, denn jeder einzelne war reichlich gesegnet.
Hocherfreut waren wir alle am Samstagabend, als aber die Prophezeiung Daniels gesprochen und
ihre gegenwärtige Erfüllung gezeigt wurde. Man konnte wahrnehmen, wie Jehova die Schleusen
des Himmels öffnete, um seinem Volke ein Verständnis über diese wunderbare Prophezeiung zu
geben. Jetzt sehen wir ganz klar und dürfen voller Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft
blicken."
Das war jedoch nur ein kurzer Taumel der Einfalt und Blindgläubigkeit den die neue Auslegung
der fraglichen Bibelstelle auslöste. Unmittelbar darauf widerlegte die Geschichte diese haltlosen
Thesen. Alles kam anders, als es angeblich Jehova »aus den Schleusen des Himmels« 1941/42
durch das WTG-Buch »Die Neue Welt« zu verstehen gegeben hatte. Es wurde nicht »Russland
überflutet«, sondern der nazistische Aggressor wurde durch die Sowjetunion und ihre
Verbündeten vernichtet.
Wie war es zu dieser zweiten Version der Auslegung des Propheten Daniel gekommen? Die
Notwendigkeit, die ursprüngliche Lehre aufzugeben, ist bereits dargelegt worden. Mit dem
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verlor die WTG-Organisation faktisch ihre weltanschauliche
Orientierung für ihre These von der »Zeit des Endes«. Es musste etwas geschehen, sollte nicht
das Häuflein der Zeugen Jehovas auseinanderlaufen wie eine führerlose Schar. Die inzwischen in
der WTG neu herangewachsene Generation war nicht mehr mit der alten Anschauung, dass
Napoleon der »König des Nordens« sei und die »Zeit des Endes« 1799 begonnen habe, belastet.
Sie hatte nicht mehr die Theorien der »Schriftstudien« über die »Zeit des Endes« und speziell
über Daniel 11 in sich aufnehmen müssen. Sie war deshalb auch bereit, bedenkenlos die 1942
verkündete neue Offenbarung über die »Zeit des Endes« hinzunehmen.
Es soll hier nicht näher darauf eingegangen werden, dass bestimmte wirtschaftliche Kräfte und
Militärs hinter dem Krieg der Nazis standen, dass also die Auffassung der Zeugen Jehovas von
der Triebfeder kriegerischer Auseinandersetzungen kapitalistischer Staaten einen primitiven
Dilettantismus verrät. Peinlich für die WTG ist aber, dass der »große Zeitbestimmer, der das
einmal von ihm Festgesetzte nicht abändert«, es sich scheinbar doch anders überlegt hatte und
nun Dinge eintraten, die den 1942 von der WTG verkündeten »Wahrheiten« aufs neue
widersprachen, auch wenn diese als »Tat und Verfahren Jehovas« und »erhaben über alle
Zensur, die Geschöpfe ausüben mögen,« deklariert wurden. Und daran ändert sich auch nichts,
wenn die WTG erklärt, »niemand habe ein Recht, sich darüber zu beschweren, selbst wenn man
sie (die Auslegung der Bibelstelle d. V.) nicht verstünde«. Damit wollte die WTG lediglich jede
Kritik und Bedenklichkeit von vornherein unterbinden. Denn die Daniel-Endzeitdeutungen
erwiesen sich ein zweites Mal als Fehleinschätzung der gesellschaftspolitischen Entwicklung, als
trügerisches Hinterherhinken. 1958, nachdem alte WTG-Hoffnungen auf Vernichtung des
Kommunismus zusammengebrochen waren, war es wieder soweit. Eine neue Orientierung war
notwendig, wollte man die Organisation durch die Endzeitvorstellungen zusammenhalten Die
sozialistische Entwicklung durfte nicht länger ignoriert werden, wie man es bisher getan hatte.
Man brachte eine dritte Daniel-Auslegung, wieder als »Wille Gottes« deklariert. Das
Wesentliche dieser neuen Auffassung ist folgendem Text (»Dein Wille geschehe auf Erden« S.
277, 297) zu entnehmen:
Zitat:
"DEIN WILLE geschehe auf Erden"
Veröffentlicht in Englisch 1958
Veröffentlicht in Deutsch 1960
von der
WATCH TOWER BIBLE TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
Indem Russland auf der Seite der westlichen Demokratien kämpfte, trug es dazu bei,
NaziDeutschland
zu schlagen und die Stellung des totalitären, diktatorischen Königs des Nordens zu
übernehmen.
Zur bestimmen Zeit so sagt es die Prophezeiung, wird Gott, der Allmächtige, in den Reihen aller
irdischen Gegner seiner universellen Souveränität Verwirrung anrichten, so dass sich schließlich
eines jeden Hand gegen seinen Nächsten erheben wird. - Hesekiel 38:21.
Von diesem Gesichtspunkt aus lese man die weiteren Worte des Engels Jehovas: "Und zur Zeit
des Endes wird der König des Südens mit ihm zusammenstoßen [gegen ihn vorstoßen Le], und
der König des Nordens ,wird gegen ihn anstürmen [wie ein Sturmwind gegen ihn kommen, Le]
mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und er wird in die [in einige, Le] Länder
eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten [durchziehen, RegensburgerBibel]."
(Daniel 11:40) Bis hinab zur "Zeit des Endes" in Harmagedon wird eine rivalisierende
Koexistenz zwischen den "beiden Königen" bestehen. Irgendwie muss der König des Südens
handeln, ergreife er nun Präventiv- oder Schutzmaßnahmen"
Aus den Erfahrungen der Vergangenheit vorsichtiger geworden, interpretiert man nun eine
angebliche Vielgestaltigkeit des »Königs des Nordens«. Damit versucht man zu retten, was noch
zu retten ist. Die Rolle, die man erst Hitlerdeutschland zugedacht hatte, wird jetzt den
sozialistischen Staaten zugeschoben. Dabei werden diese Länder als »Angriffsstreitkräfte des
Teufels«, als erbarmungslos aggressiv, totalitär und abscheulich hingestellt. Man lese folgenden
Auszug aus dem bereits zitierten Buch »Dein Wille geschehe auf Erden«, S. 286, 300:
Zitat:
"DEIN WILLE geschehe auf Erden"
Wenn der Teufel in seiner Rolle als Gog von Magog "vom äußersten Norden her" zu seinem
letzten Angriff übergeht, wobei er alle seine Kräfte aufbietet, wird der kommunistische König
des Nordens zu seinen Angriffsstreitkräften gehören.
Jehovas Engel sagte voraus, dass von Seiten des kommunistischen Königs des Nordens weitere
Aggressionen folgen werden, ehe sein Ende in Harmagedon kommt."
Diese dritte Daniel-Version liegt nun schon wieder fast ein Jahrzehnt zurück. Die WTG glaubt
zwar, mit ihrer Orientierung auf die sogenannte »rivalisierende Koexistenz« mit einem
»aggressiven Kommunismus« als angeblich neuzeitlichsten »König des Nordens« eine Lösung
gefunden zu haben, die nun nicht mehr revidiert zu werden braucht, die sich nicht wieder als
haltlos erweist - wurde doch wieder beteuert, die Geschehnisse, »die der Prophezeiung
entsprechen«, würden zeigen, »mit welcher Genauigkeit Jehova, Gott, die Dinge voraussieht«.
(Dein Wille geschehe auf Erde. WTG Wiesbaden 1960, S. 223)
Schon zeigt sich indessen die Haltlosigkeit auch der dritten Daniel-Endzeitdeutung. Die
Geschehnisse passen wieder nicht zur angeblichen göttlichen Voraussicht. »Jehovas Engel sagte
voraus, dass von seiten des kommunistischen Königs des Nordens weitere Aggressionen folgen
werden, ehe sein Ende in Harmagedon kommt«, heißt es in »Dein Wille geschehe auf Erden«, S.
300. Abgesehen davon, dass nirgends in der Bibel eine Aussage eines »Engels Jehovas« über die
sozialistischen Länder steht, muss man feststellen, dass von dem sogenannten »kommunistischen
König des Nordens« bisher keine kriegerischen Handlungen ausgegangen sind. Der
aufmerksame Beobachter der politischen Lage kommt vielmehr zu dem Schluss, dass nicht die
sozialistischen Länder der permanente Aggressor sind, sondern die imperialistischen
Westmächte, die schon 1917 bis 1922 mit Konterrevolution und Intervention über das damalige
Sowjetrussland herfielen. Die Aggression der USA, des mächtigsten imperialistischen Staates
der Welt, gegen das kleine vietnamesische Volk beweist, dass sich an dieser Sachlage bis heute
nichts geändert hat. Dagegen ist die Sowjetunion seit Lenins Dekret über den Frieden von 1917
bemüht, militärische Konflikte zu verhindern. Die Erkenntnis, dass von; seiten der Sowjetunion
dem Frieden keine Gefahr droht, bewog beispielsweise Frankreich, sich nach Abwägung aller
Fragen aus der NATO zurückzuziehen. All diese Fakten verweisen natürlich auch die dritte
Auslegung der fraglichen Danielworte in das Reich der Illusionen. Und es ist nur eine Frage der
Zeit, wann sich die WTG gezwungen sieht, auch diese Nordkönig-Deutung als haltlos
fallenzulassen, ungeachtet aller Berufung auf Jehova.
Man überblicke nun die gesamte neuzeitliche Daniel-Deuterei der WTG, die Hauptorientierung
der Zeugen Jehovas für den weiteren Verlauf der sogenannten heutigen Endzeit. Von 1799 bis in
die Gegenwart umfasst sie bald zwei Jahrhunderte der Neuzeit. Keine Deutung erweist sich als
»von Gott«, als zuverlässig, glaubhaft oder unanfechtbar. Jede wird von der sich gesetzmäßig
weiterentwickelnden gesellschaftlichen Wirklichkeit widerlegt. Es ist ein haltloses Einhertreiben
hinter der gesellschaftlichen Entwicklung, schon mehrere Generationen lang. Das zeigt, dass
auch die Daniel-Geschichten keinerlei sogenannte prophetische Endzeitbedeutung im Sinne der
WTG-Vorstellungen für die Neuzeit haben. Aber eines dokumentieren die Auslegungen der
WTG, nämlich, dass sie die Zeugen Jehovas eindeutig in einer bestimmten Richtung festlegen.
Ausdrücke, wie »kommunistische Aggressoren«, »kommunistische Marionetten« oder
»Satelliten«, die in dem Vokabularium einer ausschließlich religiösen Glaubensgemeinschaft, die
ernstgenommen werden will, nichts zu suchen haben, beweisen, dass die WTG für eine der
gegenwärtigen gesellschaftlichen Hauptrichtungen Partei ergreift und die andere in unchristlicher
Weise schmäht.

Die Wiederkunft Christi


Die Bibelauslegungen über eine Wiederkunft Christi im 20. Jahrhundert gehören ebenfalls zum
Fundament des von der WTG konstruierten Gebäudes ihrer Endzeitlehren Aber auch die
diesbezüglichen Bibelstellen beziehen sich nicht auf eine Jahrtausende ferne Zukunft, d. h. auf
die heutige Zeit, sondern wieder einzig und allein auf die urchristliche Generation. Zum Beweis
sei eine einschlägige Bibelstelle zitiert:
»15 Denn dies sagen wir euch durch Jehovas Wort, dass wir, die Lebenden, die bis zur
Gegenwart (Wiederkunft) des Herrn am Leben bleiben, denen keineswegs zuvorkommen
werden, die (im Tode) entschlafen sind, 16 denn der Herr selbst wird vom Himmel
herabkommen … 17 Danach werden wir, die Lebenden, mit ihnen zusammen in Wolken
entrückt werden zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft, und so werden wir allezeit bei dem
Herrn sein« (l. Thessalonicher 4:15-17 NW, Menge).
Nach Auffassung der WTG schrieb der Apostel Paulus seinen ersten Brief an die Thessalonicher
mit dem zitierten Inhalt ums Jahr 50 n. Chr. Geht man nicht über das hinaus, was dort
geschrieben steht, so ist klar, dass Paulus den Christen in Thessalonich ums Jahr 50 »durch
Jehovas Wort« eine himmlische Wiederkunft Christi zu ihren Lebzeiten verkündigte. Hier ist
von keiner zweitausend Jahre fernen Zukunft die Rede.
Bis auf den heutigen Tag hat es, besonders in Krisenzeiten, natürlich immer wieder einfache
Menschen und Gruppen gegeben, die die Zeitgebundenheit jener Bibelaussagen nicht beachteten,
darüber hinausgingen und glaubten, für sie und ihre Zeit seien jene Bibelaussagen geschrieben.
Die Tragik dieser Menschen bestand darin, dass sie mit ganzem Herzen an solchen haltlosen
Auslegungen hingen und oft seelisch zerbrachen, wenn ihre Hoffnungen und Erwartungen in ein
Nichts zerstoben. So gab es um 1475 eine endzeitliche Bewegung unter dem russischen Juden
Zacharias. Zur Zeit der Reformation, 1538, wandte sich Dr. Martin Luther gegen eine Gruppe,
die von Mähren aus eine bevorstehende Wiederkunft Christi verkündete.(Religion in Geschichte
und Gegenwart, Bd. V. Tübingen 1913, S. 118) Während der Dreißigjährige Krieg 1618 bis 1648
über Europa tobte, trat in Kleinasien ein Jude namens Sabbathai Zwi auf und verkündete für das
Jahr 1648 das Erscheinen des Messias. 1666 gab er sich schließlich selbst als solcher aus. 1676
starb er in Albanien in der Verbannung. (Geschichte der Juden und ihrer Literatur. Breslau
1901,S. 360-365).
Heute ist es unter den kleinen Religionsgemeinschaften in der Hauptsache die WTGOrganisation,
die diesen Wiederkunfts- und Endzeittrug fortsetzt. Sie hatte erstmalig eine
angebliche Wiederkunft Christi für das Jahr 1874 ausgerechnet, wie aus dem folgenden Abdruck
aus dem WTG-Buch »Die Harfe Gottes« (1922) S. 231, ersichtlich ist:
Zitat:
"Die Harfe Gottes
Die wichtigste Sache, auf welcher alle Prophezeiungen hinweisen und worauf die Apostel
erwartungsvoll vorausblickten, ist das zweite Kommen des Herrn gewesen. Es wird von den
Propheten als eine gesegnete Zeit beschrieben. Daniel sagt darum: "Glückselig der, welcher harrt
und tausenddreihundertundfünfzig (1335) Tage erreicht". (Daniel 12: 12). Die Wächter hier sind
ohne Frage diejenigen, die von dem Herrn belehrt wurden, auf seine Wiederkunft acht zu geben.
Dieses Datum würde deshalb, wenn richtig verstanden, mit Bestimmtheit die Zeit festsetzen, wo
das zweiter Erscheinen des Herrn fällig ist. Indem wir also dieselbe Regel, ein Tag für ein Jahr
anwenden, bringen und 1335 Tage nach Chr. zum Jahr 1874, zu welcher Zeit, gemäß biblischer
Chronologie des Herrn zweite Gegenwart fällig war."
Diese Berechnungen hatte C. T. Russell direkt von den Adventisten übernommen, denen er
damals angehörte. 50 Jahre später, im Jahre 1925, setzte die WTG dann ein neues Datum für die
angebliche Wiederkunft Christi in der Neuzeit fest, das Jahr 1914. (Der Wachtturm, 15. März
1925. Die Geburt der Nation). Alle Erfüllungen, die für die Wiederkunft von 1874 konstruiert
waren, wurden nun für die Zeit nach 1914 etwas abgewandelt und noch einmal durchgespielt. Im
WTG-Lehrbuch »Dinge, in denen es unmöglich ist, dass Gott lügt«, wird das Datum von 1914
wie folgt behauptet (S. 329, 336):
Zitat:
"DINGE, IN DENEN ES UNMÖGLICH IST, DASS GOTT LÜGT"
Veröffentlicht in Englisch 1965
Veröffentlicht in Deutsch 1965
von der
WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
Das würde die Zeit der Wiederherstellung des Königreiches Gottes bedeuten, dessen König aus
der Linie der Familie Davids stammt, und diese Zeit war am Ende der 'bestimmten Zeiten der
Nationen', im Jahre 1914, gekommen. Kehrte Jesus Christus in jenem Jahre zurück? Begann
damals seine Gegenwar'?
Vor neunzehn Jahrhunderten, während der leiblichen Gegenwart des Messias oder Christus auf
unserer Erde, war die Zeit noch nicht gekommen, in der sich diese prophetische Vision erfüllen
sollte. Doch am Ende der Heidenzeiten, im Jahre 1914 u. Z., war die Zeit für die Erfüllung der
Vision Daniels wirklich gekommen; und das bestätigen 'die vielen Merkmale des Zeichens' der
zweiten Gegenwar' oder parousia Christi, die sich erfüllt haben.
Bemerkenswert ist, dass man dabei die Wiederkunftslehre von 1874 sorgfältig verschweigt,
desgleichen im WTG-Geschichtsbuch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben« (1960). Die
Haltlosigkeit der Berechnung des Jahres 1914 ist im Zusammenhang mit dem angeblichen
Beginn der Endzeit bereits nachgewiesen worden. Dies und die offen auf der Hand liegenden
Manipulierungen und Zeitverschiebungen in der Wiederkunftsfrage beweisen die
Unglaubwürdigkeit auch dieser WTG-Lehre. Es geht der WTG hier nicht anders als den
Endzeitgruppen vor ihr. Alle entscheidenden »Merkmale« einer heutigen Endzeit erweisen sich
als haltlos, wie das schon am Beispiel des »Königs des Nordens« nachgewiesen wurde.

Obrigkeitliche Gewalten
Bei der WTG-Lehre über die obrigkeitlichen Gewalten geht es um die Anwendung der Worte
Paulus in seinem Brief an die römische Gemeinde der Christen im ersten Jahrhundert, in dem er
ihnen Verhaltensregeln gibt, wie sie sich dem Staat gegenüber zu verhalten haben. (Die Bibel,
Römer 13: 1-9) Das besonders Schwerwiegende dieser WTG-Lehre besteht darin, dass sie
Richtschnur für das Verhältnis der WTG-Anhänger zur staatlichen Ordnungsmacht sein soll, also
Anleitung zum politischen Verhalten dem Staat gegenüber in der sogenannten heutigen »Zeit des
Endes« ist. Wenn man daran denkt, dass von der Einstellung zu Staat und Regierung mitunter
sogar buchstäblich Freiheit und Leben abhängen können, so gehört es zu den ernstesten Dingen,
hier Weisungen zu erteilen.
Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass die WTG bis zum Jahre 1929 in der Obrigkeitsfrage,
d. h. in der Erklärung der biblischen Weisungen über richtiges Verhalten zur staatlichen
Regierung, auf dem Standpunkt der anderen christlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften
stand. Sie lehrte ebenfalls, natürlich »im Namen Jehovas«, dass die im Brief an die Römer
beschriebenen Obrigkeiten, denen Christen untertan zu sein haben, die jeweiligen politischen
Regierungen der verschiedenen Nationen sind. Ab 1929 wurde das, wieder »im Namen
Jehovas«, direkt auf den Kopf gestellt, 34 Jahre lang. Die wahre Ursache hierfür war allerdings
nicht »Jehova«, sondern die Notwendigkeit für die WTG, ihre besonders durch die Irrlehren von
1925 erschütterte Autorität nicht nur weitgehend wiederherzustellen, sondern sich darüber hinaus
mit einer größtmöglichen religiösen Bemäntelung für die Zukunft gegenüber jeder Kritik zu
sichern, ja unantastbar zu machen. Das erfolgte wider besseres Wissen um die wahre Bedeutung
der Worte Paulus an die Römer. Es sei vorweggenommen, dass die Auslegung gerade jener
Bibelstellen eine unglaubliche Willkür und Skrupellosigkeit der WTG darstellt, die allein im
Interesse der Erhaltung der Macht über die Anhänger geschah, ohne Rücksicht auf die sehr
ernsten Konsequenzen, die aus der Befolgung der WTG-Lehren entstehen mussten.
Im Juli 1929 brachte die WTG in ihrem Organ »Der Wachtturm«, dem sogenannten »Kanal
Jehovas«, einen Artikel, betitelt »Die höheren Gewalten«. Damit begann, was dann vielen
tausend unschuldigen und einfachen WTG-Anhängern zum Verhängnis werden sollte. Das neue
»göttliche Licht« der WTG »leuchtet« aus folgendem Abdruck aus dem Buch »Jehovas Zeugen
in Gottes Vorhaben», S. 124:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
DER "OBRIGKEIT' UNTERTAN
JOHANNES: Nun, im Juli 1929 brachte DerWachtturm einen Artikel, betitelt "Die höheren
Gewalten", der in zwei Teilen erschien.
Ist es nicht klar, dass die Worte des Apostels Paulus ganz entschieden verkehrt ausgelegt worden
sind, wenn rnan sie auf die Regierungen dieser Welt anwandte? Wenn er sagt: "Diese
[obrigkeitlichen Gewalten], welche sind, sind von Gott verordnet", bezieht er sich da irgendwie
auf die Nationen der Erde? Ist es nicht vernünftiger, anzunehmen, dass Gott seine Worte
ausschließlich an jene obrigkeitlichen Gewalten richtet, die in der Organisation Gottes bestehen
und funktionieren, und nicht an die Gewalten in der Organisation Satans?
Viele Schrifttexte und weitere Argumente folgten um diese Forderung zu stützen.
Dieser neue Gesichtspunkt vom Verhältnis des Christen zu den Regierungen dieser Welt erfüllte
Jehovas Zeugen mit neuem Eifer und befähigte sie, bei Angriffen in den Kämpfen vor Gericht
standzuhalten, die nun wie eine Flut über sie hereinbrachen. Angesichts dieser tapferen
Stellungnahme der Zeugen Jehovas, was ihre Unterwerfung unter Jehova Gott und Christus
Jesus, die wahren "höheren Obrigkeite", betrifft, verhärteten sich ihre Gegner gegen den
inthronisierten König der Regierung Gottes nur noch mehr."
Als weitere Stütze zieht man die Worte des Apostels Petrus aus seinem ersten Brief (l. Petrus
2:13-14) heran (Abdruck aus »Der Wachtturm« vom 1. Juli 1957):
Zitat:
"1. Juli 1957 Der WACHTTURM
Wenn die Einheit der Organisation bewahrt werden soll, ist es wichtig, dass die leitende
Körperschaft anerkannt und wegen der Stellung, die sie unter Gottes Volk heute einnimmt,
respektiert wird. Diesem Laufe folgen die Zweigorganisationen in der ganzen Welt.
Eines der hervorragenden Erfordernisse, die an wahre Aufseher gestellt werden, ist Demut. So
gereicht es denn zu unserer persönlichen wie auch zur vereinten theokratischen Förderung, wenn
wir befolgen was Petrus schrieb. "Um des Herrn willen unterwerfe euch jeder menschlichen
Schöpfung: ob nun einem König [d. h. Christus Jesus] als Oberherrn oder den Regenten [d. h.
seinen sichtbaren Vertretern, den "Fürsten"] als denjenigen, die von ihm zur Bestrafung der
Übeltäter entsandt werden, aber denen, die Gutes tun, Lob spenden." - 1. Pet. 2:13, 14, NW.
17. Weshalb ist die richtige Unterwürfigkeit für den theokratischen Diener so wichtig?"
Im »Wachtturm« vom 15. August 1952 kommt das Machtstreben der WTG Organisation mittels
einer entsprechenden Auslegung der Obrigkeitslehre unverhüllt zum Ausdruck, wie in einem
getarnten Sonderdruck für die illegale WTG-Tätigkeit in der DDR nachzulesen ist.
Zitat:
HÖHEREN OBRIGKEITEN UNTERTAN
"UNTERTAN DEN HÖHEREN OBRIGKEITEN"
Der Apostel Paulus, der von Beruf Rechtsgelehrter war, ehe er ein eifriger christlicher
Evangeliumsdiener wurde, weist machtvoll auf die hervorragende Stellung wahrer höherer
Obrigkeiten in Gottes Regierung über seine Diener hin. Paulus schreibt: "Jede Seele sei untertan
den höheren Obrigkeiten, denn da ist keine Obrigkeit ausser von Gott." (Röm. 13: 1, NW) Diese
letzten Worte: "denn da ist keine Obrigkeit außer von Gott" sind ein schlagender Beweis, dass
die "höheren Obrigkeiten", von denen Paulus spricht, sich nicht auf die politischen Mächte der
Cäsar-Regierungen beziehen können.
Christen in unserm zwanzigsten Jahrhundert sind rasch bereit, als Untergeordnete, ihre Knie zu
beugen zur Anerkennung, dem Jehova und Christus Jesus die göttlichen Obrigkeiten sind, denen
sie sich in erster Linie unterwerfen und die das Recht haben, ihnen Aufgaben und Pflichten
aufzuerlegen. Paulus sagt weiter: "Die bestehenden Obrigkeiten sind durch Gott in ihre
bezüglichen Stellungen gesetzt» (Röm. 13: 1, NW) Hier haben wir wiederum den Beweis, dass
diese die"theokratischen höheren Obrigkeiten" sind
Diesen theokratischen höheren Obrigkeiten ist große Macht zu Strafsanktionen anvertraut. Sie
haben die Macht, das Gericht an allen Gegnern zu vollziehen.
Wahrlich, als Untergeordneter unter Gottes theokratische Organisation gebracht zu werden,
bedeutet ein äusserst ernstes Verhältnis. Nie darf vergessen werden, dass Übeltun, grobe Untreue
und Widerstand gegen Gottes theokratische Regierungsobrigkeiten furchtbare Folgen nach sich
ziehen.
Die oben angeführten Worte aus dem Briefe des Paulus an die Römer könnten nie auf die
politischen Mächte der Welt des Cäsars angewandt werden, wie die Geistlichkeit der
Christenheit dies fälschlich behauptet."
Die hier abgedruckten Texte sind eindeutig. Demnach gibt es keine andere Obrigkeit auf Erden
als die Führer der WTG-Organisation, die bei dieser Deutung schließlich allein in Betracht
kommen.
Die fraglichen Bibelstellen lauten indessen nach der Elberfelder Bibelübersetzung:
»1 Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten, denn es ist keine Obrigkeit außer
von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet. 2 Wer sich daher der Obrigkeit
widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes, die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich
bringen. 3 Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse.
Willst du dich aber vor der Obrigkeit nicht fürchten, so übe das Gute, und du wirst Lob von ihr
haben, denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. 4 Wenn du aber das Böse übst, so fürchte
dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur
Strafe für den, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein der Strafe
wegen, sondern auch des Gewissens wegen. 6 Denn dieserhalb entrichtet ihr auch Steuern, denn
sie sind Gottes Beamte, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind. 7 Gebet allen, was ihnen
gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre,
dem die Ehre gebührt« (Römer 13:1-7).
Es bedarf keiner weiteren Erläuterungen, dass mit den Obrigkeiten hier nichts anderes gemeint
war und ist als die politischen Regierungen. Die WTG hatte das selbst bis 1929 anerkannt und
lässt das seit 1962/63 wieder gelten, wie noch zu sehen sein wird. Damit ist erwiesen, dass sie
jahrzehntelang diese entscheidenden Bibelstellen verdrehte und durch Einschiebungen in den
Text entstellte, wie es deutlich im »Wachtturm«-Zitat vom 1. Juli 1957 zuvor gezeigt wurde. Die
Absicht der WTG war, sich selbst in der Autorität politischer Herrscher und
Regentendarzustellen um ihr Regime über die Anhänger wieder zuu festigen.
Das war um so gefährlicher und skrupellosen, weil die Anhänger der WTG auf diese Weise in
eine Ausnahmestellung gegenüber Staat, Gesetz und Regierung manövriert wurden - das
Gegenteil von dem, was die Bibel in dieser Sache fordert. Die Folgen waren ernste Konflikte mit
Behörden und Gerichten. Es war in der Tat so, wie die WTG es darstellte - »wie eine Flut« brach
es über die Zeugen Jehovas herein, ein bibelwidriges und sinnlos heraufbeschworenem
Martyrium.
Doch nicht alle waren bereit, sich dem WTG-Obrigkeitswahn seit 1929 zu opfern. Mit
Zuckerbrot und Peitsche ging die WTG deshalb daran, die Widerspenstigen »im Namen
Jehovas« zu unterwerfen. Auf der einen Seite predigte sie dazu Demut und loyale, liebende
Untertänigkeit als die »hervorragenden Erfordernisse« für die Anhänger. Auf der anderen Seite
operierte sie mit unnachsichtigem psychologischemTerror um jeden Widerstand zuu brechen.
Wer nicht »rasch bereit« war, das »Knie zu beugen« zur Anerkennung der WTG als
obrigkeitliche Gewalt, wurde mit »Strafsanktionen« und »furchtbaren Folgen« bedroht. Die
»Wachtturm«-Auszüge von 1929, 1952 und 1957 zeigten das. Das waren keine leeren Worte.
Die widerspenstigen örtlichen Ältesten wurden zunächst diffamiert.
Man lese folgenden Auszug aus dem WTG-Buch »Rechtfertigung« II (1932), S. 232:
Zitat:
"RECHTFERTIGUNG
Der Name und das Wort des ewigen Gottes bewahrheitet und gerechtfertigt durch
Hesekiels Prophezeiung
offenbarend, was eilends über die Nationen der Welt kommen muss.
Kommentare von J. F. Rutherford
Verfasser von "Schöpfung", "Befreiung", "Versöhnung", "Regierung", "Prophezeiung", "Licht"
und anderen Büchern
Band II."
Zitat:
"232 Rechtfertigung Hes. 34
Es gibt auch unter der Schar des Volkes Gottes einige Älteste, die immer noch meinen und
lehren, die von dem Apostel (Römer 13: 1-4) erwähnten "höheren Gewalten" wären die
Regierungen oder herrschenden Mächte dieser Welt. Durch diese Ansicht und Lehre tun sie
ebenfalls dem Worte Gottes und seinem Volke Gewalt an, versprengen Gottes Volk und machen
es den tierischen Regierungen der Organisation Satans zur Speise."
Die "Strafsanktionen" der WTG ließen nicht lange auf sich warten. In dem Buch "Bewahrung"
(S. 31) erklärte Präsident Rutherford 1932 über jene, die ihre Knie nicht vor der WTG als
Obrigkeit beugten:
Zitat:
"Vorwort
Das Buch Esther ist ein Teil der Bibel, der jetzt fällig ist verstanden zu werden und ist eine
treffende Veranschaulichung des Schutzes und der Fürsorge, die Jehova denen angedeihen lässt,
die der Gerechtigkeit unerschütterlich ergeben sind und Gott mit reinem Herzen dienen. Das
Buch Esther ist die Aufzeichnung eines prophetischen, von Jehova geleiteten Dramas, das seinen
treuen Zeugen zur Zeit des Endes der Welt zeigen soll, welche Vorkehrung er zu ihrem Schutze
und zu ihrer gänzlichen Bewahrung getroffen hat, und ist darum eine Ermutigung für sie alle.
Herausgeber
WACHTTURM Bibel und Traktat-Gesellschaft
Brooklyn, New York, U. S. A.
Zweigbüros London, Toronto, Strahtfield, Kapstadt und in anderen Ländern.
Copyrighted 1932
by J. F. Rutherford
Preservation -German."
Zitat:
"BEWAHRUNG
Esther 31
Sie wurden zum Königreich berufen, wurden Anwärter auf einen Platz im Königreich und hatten
die Gelegenheit, ewige Träger der himmlischen Krone zu werden. Sie erklärten, Glieder des
Leibes des Christus und daher die Braut oder Königin zu sein. Aber anstatt gehorsam zu sein,
bestanden sie auf dem persönlichen Recht, nach ihrer Weise frei und unbehindert zu wandeln.
Sie weigerten sich, sich der Ordnung zu fügen und das Hochzeitskleid anzuziehen. Sie lehnten es
ab, das Werk des Herrn auf die von ihm bestimmte Weise zu tun, und sie bestanden darauf, es
auf ihre eigene Weise zu betreiben. Sie folgten der Berufung zum Königreich, aber aus
eigennützigen Beweggrunde. Sie weigerten sich, der "Obrigkeit" in Gottes Organisation
untertänig zu sein, indem sie sogar daran festhielten, dass sich die betreffende Schriftstelle auf
die irdischen Regenten bezöge. (Römer 13:1; Offenbarung 19:9) Weil sie nicht festgehalten
hatten, was sie besaßen, wurde ihnen die Krone weggenommen."
Die »Strafsanktionen«, den Widerspenstigen »die Krone« wegzunehmen, besagten, dass sie
angeblich ihrer gesamten christlichen Hoffnung verlustig gingen. Das betraf speziell eine große
Anzahl der »Überrestglieder«, d. h. der geistlichen Elite der Zeugen Jehovas, die sich für die
»Krone des Lebens« in Ewigkeit und Unsterblichkeit »im Himmel« berufen fühlte. Die
Sanktionen bedeuteten also ein furchtbares geistliches Urteil für einen Gläubigen.
WTG-Präsident Rutherford beschreibt das Ende aller Widerspenstigen, die seine
Obrigkeitsanmaßungen nicht akzeptierten, in dem Buch »Licht« Band II im Jahre 1930 mit den
Worten (S. 7, 60):
Zitat:
"Licht
Kapitel 9
Sein Gericht (Urteilsspruch) wird offenbar
(Offenbarung, Kapitel 15 und 16)
Jehova bewahrt seine Geheimnisse, bis der rechte Zeitpunkt kommt, sie offenbar zu machen.
Dann tut er sein Vorhaben zunächst denen kund, die sich fürchten, ihm zu missfallen und ihn
also lieben und ihm in treuer, selbstloser Weise dienen.
So folgte dem Ausgießen der siebenten Schale, wie prophezeit ein "Erdbeben" oder eine
Erschütterung.
Aber auch solche, die erklären, in einem Bundesverhältnis mit Gott zu stehen, sind gleichzeitig
in den Bereich der Erschütterung gekommen. Gottes Blitze haben seine Wahrheit und sein
Vorhaben klarer als je zuvor offenbart. Die Erleuchtung über die "höheren Gewalten" (Römer
13), über die "Pyramide zu Giseh" (Jesaja 19: 19), über das Buch Hiob, über die Prophezeiungen
Daniels (Daniel 12) und die Erleuchtung andrer Prophezeiungen hat viel Getöse und Schütteln
verursacht, und es sind viele hinausgeschüttelt worden."
Die andere Auswirkung der neuen Obrigkeitsdogmen war eine maßlose Fanatisierung der
hörigen WTG-Anhänger gegenüber Staat und Regierung allenthalben. Der Grad von
Fanatisierung mag deutlich werden, wenn man die von diesem Obrigkeitsdogma geprägte
WTGVerkündigung
betrachtet. So gab man z. B. am 8. November 1949 in Millionen Exemplaren eine
»Erwachet!«-Ausgabe (Awake) heraus mit folgenden Schlagzeilen:
Zitat:
"Gangster in Amt und Würden
Überzeugender Beweis dafür, dass Politiker nicht die "von Gott verordneten obrigkeitlichen
Gewalten" sind
Bern, 8. November 1949 - Vol. XXVII Nr. 21
"Awake!" - German Edition - Halbmonatlich."
Der deutsche WTG-Bezirksdiener Ernst Pietzko aus Weimar vertrat dazu u. a. die Ansicht: »Für
mich sind alle Regierungen Cliquen von Gangstern und Verbrechern.« Uneingeschränkt
bestimmte dieser fanatische politische Tenor besonders den nach 1945 wieder auflebenden
Kampf der WTG gegen die sozialistischen Staaten, während man sich bezüglich der westlichen
Regierungen immer im Rahmen der zugestandenen Selbstkritik hält, um die WTG-Zentrale dort
nicht in ihrer Existenz zu gefährden.
Nicht durch »helleres Licht« von Gott, sondern angesichts der veränderten politischen Lage nach
den Ereignissen des Jahres 1961 (Sicherung der DDR-Staatsgrenze) und auf Grund der
Notwendigkeit, von westlicher Seite den Realitäten in Europa schließlich Rechnung zu tragen,
musste die WTG im Jahre 1962 - nach 34 Jahren - die Obrigkeitserleuchtungen, die man 1929
angeblich »von Jehova« erhalten haben wollte, wieder liquidieren. Die Opfer dieser über drei
Jahrzehnte währenden politischen Irrlehre wurden dabei allerdings weder erwähnt noch
rehabilitiert. Wieder angeblich »von Jehova gelehrt«, erklärte man jetzt in ausführlichen
»Wachtturm«-Artikeln im Januar und Februar 1963 (deutsch) als ob es kaum anders gewesen sei
die politischen Regierungen der Nationen seien für Christen selbstverständlich Obrigkeiten von
Gott, gemäß den genannten Bibelstellen. Nicht mit einem einzigen Wort wird der dreißig Jahre
lange Bibelmißbrauch in dieser Frage zugegeben, keine der sinnlosen Leiden und Opfer dieses
Fanatismus werden erwähnt. Folgender »Wachtturm«-Auszug vom 1. Januar 1963
veranschaulicht den damaligen Obrigkeitskurswechsel der WTG:
Zitat:
"1. Januar 1963 Der WACHTTURM
Wen hat Paulus mit dem Ausdruck "Obrigkeit" und "Behörden" gemeint, denen die Christen
untertan sein oder denen sie sich unterordnen sollen? Hat er jene innerhalb der
Christenversammlung gemeint? Oder sind damit die politischen Obrigkeiten oder Regierungen
und Behörden außerhalb der Christenversammlung, damals jene unter der Herschaft den
kaiserlichen Rom, gemeint? Wem untertan zu sein, sollte Titus den kretischen Versammlungen
einschärfen?
Offenbar den politischen Obrigkeiten oder Regierungen und Behörden dieser Welt."
Wenn man nun diese verschiedenen Obrigkeitsauslegungen miteinander vergleicht, so kommt
man zwangsläufig zu dem Schluss, dass solche Deutungen der WTG nicht auf göttliche
Erleuchtungen zurückzuführen sind. Jeweilige Situationen und Interessen sind die Triebfeder.
Das Schlimme dabei ist, dass durch den geistigen Terror, den die WTG ausübt, durch ihre
»Warnungen« oder Drohungen Tausende von Menschen Opfer dieser »Erkenntnisse« und
Lehren wurden und sich für eine sinnlose Sache opferten. Das ist unter den kleinen
Religionsgemeinschaften beispiellos und einmalig. Damit sind auch in einer der ernstesten
Fragen für Christen, in der Obrigkeitsfrage, die Willkür und Unglaubwürdigkeit der
Bibeldeutungen der WTG erwiesen.

Die »Fürsten«-Deutungen

Ein weiteres Kriterium für die Endzeitanschauungen der WTG ist auch ihre Lehre von den
vorchristlichen oder jüdischen Gotteszeugen Abraham, Isaak, Jakob, David usw., die als
»alttestamentliche Überwinder« bezeichnet werden und die angeblich zur Zeit des sogenannten
Endes, also heutzutage, von den Toten auferstehen sollen, um als irdische Regierungschefs oder
»Fürsten« die »neue Welt«, das »neue System der Dinge« oder »Gottes neue Ordnung« auf
Erden, wie die WTG ihr zukünftiges Reich Gottes auf Erden entsprechend ihrer Weltanschauung
nennt, aufzurichten. Einige Stellen aus dem Alten Testament der Bibel, besonders der 45. Psalm
und das 32. Jesaja-Kapitel, wurden dafür zurecht gedeutet.
Liest man diese Stellen allerdings in ihrem biblischen Zusammenhang, so ist da natürlich von
keiner heutigen Endzeit die Rede. Der 45. Psalm ist ein Lied für eine israelitische
Königshochzeit, und das 32. Jesaja-Kapitel spricht von einem erneuerten Gemeinwesen des
israelitischen Volkes in jener Zeit. »Erfüllungen« heute daraus zu konstruieren muss deshalb
ebenfalls zum Fiasko werden. Die WTG hat denn auch schon vier verschiedene »Erfüllungs«-
Versionen in dieser Sache ausdenken müssen, weil eine nach der anderen haltlos wurde.
Die erste Version besagte, dass die »alttestamentlichen Fürsten« in den Monaten Oktober bis
Dezember des Jahres 1914 auferstehen und »mit der Herrscherwürde bekleidet sein« werden. Es
heißt darüber in Band 4 der »Schriftstudien« von 1916, S.325, unter dem Titel »Der Krieg von
Harmagedon«
Zitat:
"Der Krieg von Harmagedon
"Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur
Tageshöhe."
Aufrichtung des Königreichs.

Einsetzung der irdischen Regenten.


die Einsetzung der irdischen Regenten aber dürfen wir nicht vor Ablauf der "Zeiten der Heiden",
Nationen, im Okt. 1914 erwarten. Darin liegt keine Abweichung von Gottes unabänderlichem
Plan. Diese Regenten werden gemäß dem Bunde Gottes mit Abraham und seinem irdischen
Samen Israeliten sein.
Zu Beginn des Reiches, am Ende des Jahres 1914, werden also, soweit wir es verstehen, einzig
die auferstandenen Heiligen des alten Bundes von Johannes dem Täufer rückwärts bis zu Abel,
Abraham, Isaak, Jakob und alle Propheten, mit der Herrscherwürde bekleidet sein. (Vergleiche
Matth. 11: 11; Luk. 13:28; Hebr. 11: 39, 40).
INTERNATIONALE VEREINIGUNG ERNSTER BIBELFORSCHER
BROOKLYN; N. Y. V. S. A. ,
UND BARMEN, DEUTSCHLAND
Auch: London, Melbourne, Örebro, Kristiania, Kopenhagen und Genf.
1916."
Doch weder die »Aufrichtung des Königreiches« noch die »Einsetzung der irdischen Regenten«
erfolgte 1914. Die WTG sah sich gezwungen, eine neue Version in die Welt zu setzen, denn man
konnte diese Lehren schwerlich fallenlassen, ohne die gesamten Endzeitvorstellungen zu
gefährden. Fürstenauferstehung und Kommen des Königreiches wurden auf 1925 festgesetzt
(»Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben«, S. 104):
Zitat:
"Wir haben, wie zuvor dargelegt, überzeugende Beweise dafür, dass die alte Ordnung der Dinge,
die alte Welt, zu Ende geht und deshalb gänzlich vergehen wird; dass die neue Ordnung
hereinbricht, und dass das Jahr 1925
104 Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben
Zeuge der Auferstehung der altestamentlichen Überwinder und des Beginns eines Wiederaufbaus
der zertrümmerten Weltordnung sein wird; und gestützt auf diese Beweise ergibt sich der
vernunftgemäße Schluss, dass Millionen von Menschen, die jetzt auf der Erde leben, im Jahre
1925 noch auf Erden sein werden. Somit müssen wir, gestützt auf die Verheißungen, die in dem
Worte Gottes niedergelegt sind, zu dem positiven und unanfechtbaren Schluss kommen, dass
Millionen jetzt lebender Menschen niemals sterben werden.
Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher
Verlagsrecht 1920"
Mit diesem Zitat ist zugleich der ursprüngliche Sinn des auch heute noch von der WTG zitierten
Schlagwortes »Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben» zu erkennen, wobei
man den Bezug auf 1925 natürlich weglässt.
Das Jahr 1925 wurde für die WTG zu einer Katastrophe. Tausende Anhänger erwachten aus
ihrer Einfalt und begriffen, dass die WTG nur weltanschauliche Illusionen verkündigt. Auch
höchste WTG-Führer machten nicht mehr mit. Sie fühlten sich vor der Öffentlichkeit
kompromittiert. Zu ihnen gehörte u. a. der Leiter des Zentraleuropäischen WTG-Büros in der
Schweiz, der Amerikaner C. C. Binkele, der noch 1924 zusammen mit Präsident Rutherford, mit
dem kanadischen Zweigdiener Salter und dem deutschen Zweigdiener Balzereit auf einer
WTGGeneralversammlung in Magdeburg die 1925-Irrlehren eifrig öffentlich verfochten hatte.
Mit den sensationellen Naherwartungen von sogenannten Erfüllungen, festgelegt auf bestimmte
Jahreszahlen, musste man jetzt Schluss machen. Dabei konnte man sich ja um Kopf und Kragen
predigen und den ganzen Zusammenhalt der WTG-Organisation verspielen. Völlig aufgeben
durfte man diese »Fürsten«-Lehren jedoch nicht das gäbe eine zu große Erschütterung. War mit
ihnen doch die Hoffnung auf die Verwirklichung des gepredigten Gottesreiches auf Erden zu eng
verbunden worden. Die ganzen Endzeitvorstellungen könnten bei den Anhängern ins Wanken
geraten. Man entschärfte darum diese Lehren, indem man die in ihnen enthaltenen Zeitangaben
so abänderte, dass sie im Grunde genommen unkontrollierbar wurden. Das Ergebnis war eine
dritte Version.
Die Erschütterungen von 1925 müssen jedoch so schwer gewesen sein, dass Rutherford mit
neuen Versprechungen und Voraussagen in dieser Sache nicht mehr durchzukommen glaubte. Er
sah sich gezwungen, Tatsachen zu schaffen, die trotz des bisherigen Fiaskos einen
unerschütterlichen Glauben an jene Fürsten und ihr Kommen demonstrieren sollten. Er ließ
darum im Jahre 1930 in San Diego, Kalifornien, USA, eine Villa bauen, in die jene Fürsten nach
ihrer Auferstehung angeblich einziehen würden. Die WTG berichtet darüber 1942 in ihrem Buch
»Die Neue Welt«, S. 104:
Zitat:
"Die NEUE WELT
In dieser Erwartung ist im Jahre 1930 in San Diego, Kalifornien, ein Haus gebaut worden, über
welches die religiösen Feinde in der breiten Öffentlichkeit böswillig vieles geredet haben. Es
trägt den Namen "Beth-Sarim", was "Haus der Fürsten" bedeutet. Zur Zeit wird es als
Wohnstätte für die zurückkehrenden Fürsten verwaltet. Die jüngsten Geschehnisse zeigen, dass
die Religionisten der gegenwärtigen, dem Untergang geweihten Welt wegen des Zeugnisses, das
durch dieses "Haus der Fürsten" für die neue Welt gegeben wird, mit den 'Zähnen knirschen'.
Diese Religionisten und ihre Bundesgenossen wird es nicht freuen, dass jene treuen Menschen
der alten Zeit zurückkehren um nach Recht und Gerechtigkeit über das Volk zu herrschen. Den
Menschen "guten Willens" aber, von denen die Engel gesungen haben, wird dies ein Anlass zu
grenzenlosem Jubel sein, und sie werden sich um jene fürstlichen Vertreter des Reiches der
Himmel scharen."
Man darf die psychologische Wirkung auf die leichtgläubigen WTG-Anhänger nicht
unterschätzen, wenn ihre »gottvertretenden« Führer darangehen, ein Haus zu bauen, dass für jene
Glaubensheiden des Alten Testaments als erste Wohnstätte gedacht ist. Dann muss es ja wirklich
nicht mehr weit sein bis »Harmagedon« und zur Auferstehung jener alttestamentlichen
Überwinder, trotz allem! So wurde der Hoffnung neue Nahrung gegeben, und die Anhänger
erwarteten voller Spannung die kommenden Ereignisse, in Wirklichkeit jedoch die Erfüllung der
dritten Version. Im WTG-Buch »Die Wahrheit wird euch freimachen« wurde diese dritte
Fürstendeutung schließlich öffentlich gepredigt.
Zitat:
"DIE WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN"
28. Kapitel
FÜRSTEN EINER FREIEN ERDE
Einige Bibelaussagen und prophetische Dramen deuten an, dass sie noch vor der Schlacht von
Harmagedon zum Leben erweckt werden, mit dem treuen geistlichen Überrest zusammentreffen
und mit ihm die gewaltige Schlacht und den herrlichen Sieg sehen, wovon sie weissagten."
Offenbar wurde es für die WTG zu einem unerträglichen Problem, die Anhänger mit der dritten
Version dennoch in Ungewissheit darüber zu halten, wann die »Fürsten« denn nun konkret
kommen würden. Man hatte doch inzwischen auch gepredigt, der Zweite Weltkrieg würde in
»Harmagedon« und damit ins Weltende übergehen - da wären die »Fürsten« nämlich längst
fällig gewesen. Nichts dergleichen war jedoch eingetreten, und so schwebte die Fürstenfrage seit
Ende des Zweiten Weltkrieges wieder problematisch in der Luft. Rutherfords Nachfolger, N. H.
Knorr, ließ sie deshalb ein für allemal aus der Welt schaffen. Er verkaufte die Villa in San Diego,
in der in Wirklichkeit Rutherford bis zu seinem Tode gewohnt hatte, und erklärte 1952 - wieder
»von Jehova gelehrt« - im »Wachtturm«, vor "Harmagedon" könne es keine Fürstenauferstehung
mehr geben, sie seien längst auferstanden. Die ganze Sache habe sich schon seit 1919 erfüllt - die
seit 1919 in der WTG-Organisation amtierenden Diener oder Funktionäre seien jene "Fürsten"
Zitat:
"Der WACHTTURM 1. März 1952 S. 41
IN DER ZEIT DER WIEDERHERSTELLUNG
Sollen wir aus dem Umstand, dass Christus Jesus zur Zeit der Geburt des Königreiches im Jahre
1914 zu regieren begonnen hat, folgern, dass seine Fürsten seither in Gerechtigkeit sichtbar auf
Erden geherrscht haben? Jawohl, doch vom Jahre 1919 an.
Der König regiert nun in Gerechtigkeit über sie. Im Interesse des Friedens unter ihnen und um
der Gerechtigkeit willen hat er eine sichtbare Einrichtung unter ihnen geschaffen, um die
Prophezeiung, dass "Fürsten nach Recht herrschen" werden, zu erfüllen. Diese Prophezeiung
stellt für solche "Fürsten" den Maßstab für ihr Benehmen im Amte auf, damit die Organisation
auf Erden rein und gerecht erhalten bleibe. Jene, die auf theokratische Weise zu Dienern in der
Organisation gemacht worden sind, müssen nach Recht und Unparteilichkeit und mit
himmlischer Weisheit handeln."
Mit anderen Worten, das Regime der WTG-Diener sei die von Jesaja vorausgesagte Herrschaft
der "Fürsten in Gerechtigkeit." Man braucht indessen nur in Betracht zu ziehen, wie diese
»Fürsten« in der WTG-Organisation seit 1919 in der angemaßten Autorität zu den
»obrigkeitlichen Gewalten« zu gehören, Tausende ihrer Mitdiener, die jene Obrigkeitsanrnaßung
ablehnten, rücksichtslos davonjagten und eine Flut sinnloser Gerichtsprozesse und Leiden für die
Hörigen heraufbeschwörten. Damit ist gekennzeichnet, was für ein ausgemachter Trug auch die
vierte Version von den angeblich »in Gerechtigkeit herrschenden Fürsten» innerhalb der
WTGOrganisation
in Wirklichkeit ist, die man jetzt als sogenannte Endzeiterfüllung predigt. Abraham,
Isaak, Jakob und die anderen alttestamentlichen Gotteszeugen hat man sich dabei für einen
weiteren Verlauf der »Zeit des Endes" heute vom Halse geschafft, indem ihr Kommen auf die
Zeit nach »Harmagedon« verschoben wurde.
Zusammengefasst sieht man auch am Beispiel der WTG-Fürsten-Lehren die bereits getroffene
Feststellung bestätigt, dass jedes Ausdeuten der Bibel im Sinne einer heutigen »Zeit des Endes«
zum Scheitern verurteilt ist. Es bleibt ein endloses Verschieben und Umdeuten, weil diese
Bibelstellen eben nicht im Hinblick auf die heutige Zeit verfasst worden sind.

Das apokalyptische wilde Tier


Eine weitere Hauptstütze für die WTG-Anschauung von einer sogenannten heutigen Endzeit ist
die Auslegung des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung. Es ist natürlich unmöglich, hier
die gesamte Offenbarungsdeutung der WTG vorzustellen, hat sie sich doch schon dreimal im
Laufe ihrer Geschichte daran gemacht, die Offenbarung zu deuten, was jedesmal rund 700
Buchseiten füllte. Es genügt, das Wesentliche aus diesen drei Deutungsversuchen darzulegen
und kritisch zu untersuchen.
Die erste umfassende Offenbarungsauslegung im Sinne einer heutigen Endzeit wurde 1917 im
Auftrage von Präsident Rutherford vorgenommen. Das Ergebnis veröffentlichte die WTG 1917
in Gestalt des 7. Bandes der »Schriftstudien«, betitelt »Das vollendete Geheimnis«. Man erklärte
dazu, »die richtige Zeit der Entsiegelung des ganzen Buches« der Offenbarung sei gekommen,
die Zeit, wo "die Deutung und Auslegung nicht mehr bestritten und widerlegt werden" könne.
Die Auslegung stehe "mit dem göttlichen Plan in Einklang", und das sei der "Beweis für das
Überwalten dieser Angelegenheit durch den Herrn". Man lese einen Auszug aus dem 7. Band der
"Schriftstudien":
Zitat:
"Schriftstudien
"Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur
Tageshöhe."
Serie 7.
Das Vollendete Geheimnis
Verlagsrecht 1917
Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Brooklyn, N. Y., U. S. A.
Vorwort der Herausgeber
Es schien dem Herrn wohlgefällig zu sein, dass die Brüder C. J. Woodworth und George H.
Fisher den siebenten Band unter der Anweisung der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
schreiben sollten. Obschon beide in derselben Stadt wohnten, so haben sie doch ein jeder
selbständig für sich und ganz getrennt gearbeitet und nicht einmal Zwiesprache über ihre Arbeit
miteinander gehalten. Der Leser wird beurteilen können, wie völlig trotzdem das Werk des einen
mit dem des anderen und mit dem göttlichen Plan in Einklang steht, was ein weiterer Beweis für
das Überwalten dieser Angelegenheit durch den Herrn ist."
Von der gesellschaftspolitischen Entwicklung widerlegt, ist dieses angeblich »vom Herrn
überwaltete« und »vollendete Geheimnis« längst auf den Müllhaufen der neuzeitlichen
Geschichte gefegt worden. Den einen Verfasser des auch noch in anderer Weise
verhängnisvollen 7. Bandes der »Schriftstudien«, George H. Fisher, WTG-Direktor und -
Redakteur, verjagte WTG-Präsident Rutherford später persönlich aus »Amt und Versammlung«.
(Fisher hatte sich Anfang der zwanziger Jahre gegen die Sittenskandale in der damaligen
WTGFührung
gewandt, was durch die 1926 veröffentlichte Korrespondenz zwischen Fisher und
seinem Freund und ehemaligen WTG-Mitarbeiter, W. Niemann, Magdeburg, der Öffentlichkeit
bekannt wurde.)
Das »Licht der Erkenntnis« sei heller geworden, begründete man die bis 1930 endgültig
vollzogene Liquidierung des einst »vollendeten Geheimnisses«. Die Wahrheit war, dass man mit
der »endzeitlichen« Offenbarungsdeutung unwiderruflich den ersten Schiffbruch erlitten hatte.
Was blieb weiter übrig, als eine neue Offenbarungsdeutung vorzunehmen? Es war schließlich ein
Ding der Unmöglichkeit, das letzte Buch der Bibel nun nicht mehr anzurühren. Im Jahre 1930
legte Rutherford eine zweibändige neue endzeitliche Deutung in seinem Buch »Licht« vor. Die
einst als unbestreitbar und unwiderlegbar - weil »vom Herrn überwalltet« - bezeichneten
Auslegungen von 1917 übergeht Rutherford einfach (»Licht«, Band 1, S. 5, 6)
Zitat:
"Licht
Eine Darlegung wahrnehmbarer Tatsachen in Erfüllung
der Offenbarung
die Gott Jesus Christus gab, um sie seinen Knechten kundzutun
In zwei Bänden
Kommentare von J. F. Rutherford
Verfasser von
"Schöpfung", "Die Harfe Gottes" "Versöhnung", "Regierung", "Befreiung" "Prophezeiung"
"Leben" und andren Büchern
Band 2
1. Auflage 1 200 000 Exemplare
Light. German - Made in Germany
Verlagsrecht 1930
J. F. Rutherford
Made in Germany
Herausgeber
Internationale Bibelforscher-Vereinigung
Wachtturm Bibel- u. Traktat-Gesellschaft
Magdeburg Brooklyn, New York, U. S. A. - Bern
London, Toronto, Sydney, Kapstadt, Wien, Brünn u. in andren Ländern."
Zitat
"Vorwort
Mit dankbarem Herzen Gott gegenüber veröffentlichen wir nun "Licht", worin der Text der
Offenbarung und eine kurze Aufzeichnung der Geschehnisse, die die Erfüllung dieser herrlichen
Prophetie beweisen, vorgelegt werden. Der Bequemlichkeit halber wird "Licht" in zwei Bänden
herausgegeben. Für das, was hierin veröffentlicht wird, ist keinem Menschen irgendwelche Ehre
oder Verdienst zuzuschreiben. Die Offenbarung gehört Gott, und er hat sie seinen geliebten
Sohne zum Nutzen seiner Knechte gesandt.
Jedoch ist vor 1930 keine befriedigende Erläuterung der Offenbarung veröffentlicht worden, und
zwar aus dem offensichtlichen Grund, weil Gottes Zeit noch nicht gekommen war, um seinen
Knechten das Verständnis zu eröffnen."
Aber auch die zweite Deutung der Offenbarung für eine angeblich heutige »Zeit des Endes«
wurde infolge der gesellschaftlichen Entwicklung haltlos.
30 Jahre nach dem Erscheinen der beiden Bände »Licht« liegt nun die dritte, angeblich
endgültige WTG-Offenbarungsdeutung in dem Buch »Babylon die Große ist gefallen« (1963)
vor. Die einstmals als »von Gott« gegebenen Offenbarungserklärungen in »Schriftstudien« Band
7 und »Licht« I und II fertigt man ab als »erste Kommentare« und »neuzeitlichere Erklärungen«
(S. 678), wobei man verschweigt, dass sie einst als unbestreitbar und unwiderlegbar der
Weltöffentlichkeit präsentiert. wurden. Das zuzugeben, würde nämlich als Eingeständnis
angemaßter Unfehlbarkeit und des Missbrauchs des Vertrauens der WTG-Anhänger aufgefasst
werden müssen, als Irreführung der Öffentlichkeit. Trotz allem setzt man aber auch die dritte
Offenbarungsdeutung unter der unglaubwürdigen Formel in die Welt, Gott gäbe wieder neues
Licht der Erkenntnis. Im einleitenden Kapitel zum »Babylon«-Buch »Vor Enthüllung eines
Geheimnisses« - ist das auf Seite 8 wie folgt zu lesen:
Zitat:
"BABYLON DIE GROSSE IST GEFALLEN!"
Veröffentlicht in Englisch 1963
Veröffentlicht in Deutsch 1965
von der
WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
Das letzte Buch der Bibel gibt uns viele Anhaltspunkte die uns helfen, diese internationale
"Hure" zu kennzeichnen. Diese Anhaltspunkte sind jedoch von prophetischer Art. Aus diesem
Grund müssen wir in die Blätter der Geschichte Einblick nehmen und dem Geschichtsbericht die
biblische Prophetie gegenüberstellen, um genau herauszufinden, wer das vorhergesagte Babylon
ist. Auf diese Weise können wir bestimmt erfahren, wie Gott das Geheimnis Babylons, das er in
sein Wort, die Bibel, hineingelegt hat, enthüllt."
Ein drittes Mal also verschanzt man sich in dieser widerspruchsvollen Sache hinter Gott. Wieder
werden Leichtgläubigkeit und Einfalt der WTG-Anhänger ausgenutzt, um sie mit
pseudohistorischen Vergleichen, die einen Anschein von Wissenschaftlichkeit vortäuschen
sollen, weiterhin willig und hörig zu halten.
Die hier allgemein dargelegte Haltlosigkeit auch der gesamten endzeitlichen
Offenbarungsdeutung der WTG soll nun an einem charakteristischen Beispiel veranschaulicht
werden.
In Offenbarung 17:8 ist in Bildersprache von einem Tier die Rede, »das war, nicht ist und wieder
da sein wird«. Man wird sogleich sehen, dass diese Tierdeutung eine zentrale Bedeutung in der
politischen Endzeitorientierung der WTG-Anhängerschaft hat. In der ersten »göttlichen«
Deutung, die angeblich nicht mehr zu bestreiten und zu widerlegen war, stellte dieses Tier in
Übereinstimmung mit der 1799-Endzeitirriehre das als Antichrist bezeichnete Papsttum dar. Es
hieß darüber in Band 7 der »Schriftstudien«, S. 358.
Zitat:
"358 Das Vollendete Geheimnis Off. 17
die Entsiegelung des ganzen Buches
und dass er nicht versuchen würde, dies zu tun, bevor die richtige Zeit gekommen sei, wo die
Deutung und Auslegung nicht mehr bestritten und widerlegt werden könne." Diese Zeit ist jetzt
offenbar gekommen.
17: 8 Das Tier, welches du sahest: Der Antichrist.
War: Übte tatsächliche Herrschaft bis 1799 n. Chr. aus.
Und ist nicht: Hat nicht einmal eine Spur weltlicher Macht seit 1870 gehabt. Seitdem ist es im
Zustande der Vergessenheit, dem "Abgrunde", gewesen.
Und wird aus dem Abgrunde heraufsteigen: "Aus dem Vatikan eingetroffene Privatbriefe, die an
Dr. A. Palmieri, der zum Beamtenstabe der Kongreßbibliothek gehört,
Werden sich verwundern: Erstaunt sein, erschreckt und bestürzt "über das Wiedererscheinen des
Tieres." - Cook
Wenn sie das Tier sehen, dass es war und nicht ist und WIEDER da sein wird: Das päpstliche
Reich wiederhergestellt."
In der zweiten Deutung dieser Bibelstelle, entsprechend dem "Licht von Gott" in den WTGBüchern
"Licht" von 1930, war dieses Tier nicht das Papsttum, sondern das Haager Weltgericht
seit 1899. Es heißt in "Licht", Band II, S. 103, 104:
"Und das Tier, welches war und nicht ist, er ist auch ein achter und ist von den sieben und geht
ins Verderben." (Vers 11) Das achte "Tier" ist 1899 als das "Haager Weltgericht" ins Dasein
gekommen. Es ist ein 'königfarbenes Tier', weil es aus den Herrschern der Welt
zusammengesetzt ist. Es ging 1914 in den Abgrund und 'war nicht' und kam nach dem Kriege
wieder hervor. Es entstammt der siebenten Weltmacht, da es der britische Gesandte war, der bei
der Haager Konferenz die Führung bei der Schaffung des Weltgerichts innehatte, und da es das
Britische Weltreich war, (wovon Amerika ein Bestandteil ist, und mit dem zusammen es das
'zweigehörnte Tier'
104 Licht Offbg. 17
ausmacht), das das achte "Tier" in der Gestalt der Völkerliga aus dem Abgrund hervorgebracht
hat."
Nachdem nun auch diese Tierdeutung infolge der politischen Entwicklung haltlos geworden war,
verschwieg man die Deutungen als Papsttum und Haager Weltgericht und verschob die ganze
Tierauslegung nach 1945 auf die Vereinten Nationen (UN). Man lese diese dritte Version im
"Babylon"-Buch der WTG von 1965, S. 586:
Zitat:
"586 "BABYLON DIE GROSSE IST GEFALLEN!" Offenbarung 17: 7, 8
als damals der katholische Nazi-Diktator Hitler im September 1939 den Zweiten Weltkrieg
entfachte.
Damals ging der Völkerbund tatsächlich in dem bis dahin umfassendsten Krieg der Welt in den
Abgrund einer rasenden, aufbrausenden Menschheit. Er war sozusagen vorübergehend aus dem
Leben ausgeschieden. Der Engel Gottes äußerte sich dem Apostel Johannes gegenüber so, als sei
damit das scharlachfarbene Tier im Abgrund; und doch sei es im Begriff, aus dem Abgrund
heraufzusteigen. Mit verblüffender Übereinstimmung damit erkannten Jehovas Zeugen im Jahre
1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, dass dieses internationale Tier gleichsam im Abgrund
war, und sie wiesen auf Offenbarung 17:8 hin, wo die Voraussage enthalten war, dass das Tier
nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Abgrund heraufsteigen werde.
die Vereinten Nationen. Die erste Vollversammlung wurde am 10. Januar 1946 in London,
England (das zu der Doppelweltmacht gehört), abgehalten. Der Sicherheitsrat tagte sieben Tage
später.
Jehovas Zeugen erkannten sogleich, dass das scharlachfarbene wilde Tier nun aus dem Abgrund
heraufgestiegen war."
Ein weiteres Mal hatte die WTG damit ihre Offenbarungsdeutung der politischen Lage
angepasst, was man vor der Anhängerschaft jedoch wieder prompt als »Licht von Gott«
hinstellte. Allzu deutlich ist dies aber immer wieder nur ein Anpassen an die imperialistische
Politik und deren Globalstrategie, um die illusionistischen Endzeitvorstellungen weiter glaubhaft
erscheinen zu lassen.
So zeigt auch die Offenbarungsdeutung der WTG im allgemeinen wie im einzelnen, dass es ein
zum Scheitern verurteiltes Unterfangen ist, die Bibel im Sinne einer heutigen »Zeit des Endes«
deuten zu wollen. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann die WTG zu einer vierten Deutung
der Offenbarung gezwungen sein wird.

Der »Krieg von Harmagedon«


Die Übersicht und Wertung der ausschlaggebenden WTG-Lehren von einer angeblichen
heutigen »Zeit des Endes« soll mit einer Untersuchung der Bibelauslegungen abschließen, die als
Höhepunkt dieser vermeintlichen Endzeit gepredigt wurden und werden. Es ist die WTG-Lehre
vom Weltende in der sogenannten »Schlacht von Harmagedon«, dem »Universalkrieg Gottes«,
in dem alle gegenwärtigen Gesellschaftsordnungen vernichtet werden sollen. Jenseits dieser
Vernichtung der heute lebenden Menschheit mit Ausnahme der WTG-Anhänger soll dann das
ewige irdische Paradies der Überlebenden beginnen, die Zeit der Belohnung für die
WTGGläubigen,
das endzeitliche Gottesreich auf Erden. In dieser Vernichtungslehre gipfelt
schließlich die WTG-Endzeit-Weltanschauung.
Sie baut auf verschiedenen Schriftstellen des Alten Testaments auf, in denen von.
»vernichtenden Strafgerichten Gottes« die Rede ist und stützt sich im Neuen Testament
besonders auf das 16. Kapitel der Offenbarung, wo der Begriff »Harmagedon« das einzige Mal
in der ganzen Bibel erscheint, allerdings nicht im Sinne der WTG-Vorstellungen. Diese
Bibelstellen werden nun in der bereits mehrfach geschilderten Weise zweckgerichtet
kommentiert und ausgelegt, so dass schließlich eine Lehre daraus entsteht die schrecklicher ist
als die grausamen Höllendarstellungen der großen Glaubensfanatiker des Mittelalters. Sie ist eine
der Geißeln, die die WTG über ihre Anhänger schwingt um sie in Gehorsam zu halten. Über die
sogenannte Schlacht von Harmagedon als Abschluss der angeblichen »Zeit des Endes« liegen
bisher schon fünf verschiedene und sich widersprechende Bibelauslegungen vor, jede jedoch als
»Licht von Gott« verbreitet. Die erste Auslegung besagte, dass »Harmagedon« 1914 zu Ende sei.
Man lese die folgenden Auszüge aus Band 1 und 2 der »Schriftstudien«, betitelt »Der göttliche
Plan der Zeitalter« von 1886 und »Die Zeit ist herbeigekommen« von 1889 (Band 2, S. 97; Band
1. S. 317, 319. 320):
Zitat:
"Der Göttliche Plan der Zeitalter"
Eine Rechtfertigung des Charakters und Walten Gottes. Eine Darstellung unter Berücksichtigung
und im Einklange mit der ganzen Heiligen Schrift
Die Anstrengungen der Massen, sich aus der Herrschaft des Kapitals und der Maschinen zu
befreien, wird eine zu v o r z e i t i g e sein; Pläne und Vorkehrungen werden noch unvollständig
und ungenügend sein, wenn sie von Zeit zu Zeit ihren Weg erzwingen und die engen Bande von
"Angebot und Nachfrage" sprengen wollen. Jeder erfolglose Versuch wird die Zuversicht des
Kapitals auf seine Fähigkeit, die bestehende Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten, stärken, bis
endlich die zurückhaltende Macht der Organisationen und Regierungen ihre äußerste Grenze
erreicht hat, und die Bande des gesellschaftlichen Organismus zerreißen werden. Gesetz und
Ordnung sind dann dahin; und Anarchie wird weit und breit a l l e s das herbeiführen, was die
Propheten über diese Drangsal vorausgesagt haben, eine "Drangsal", dergleichen von Anfang der
Welt bis jetzt nicht gewesen ist" - und Gott sei Dank für die hinzugefügte Zusicherung - "noch je
wieder sein wird."
Sie wird alle überzeugen, dass der einzig ausführbare Weg, die Schwierigkeiten zu überwinden,
der ist, eine starke und gerechte Regierung aufzurichten, die alle Klassen unterwerfen und die
Grundsätze der Gerechtigkeit erzwingen wird, bis nach und nach die steinern, harten Herzen der
Menschen unter günstigen Einflüssen dem ursprünglichen Bilde Gottes den Platz einräumen. Das
hat Gott durch die Millenium-Herrschaft Christi zum Besten aller verheißen."
Zitat:
"Die Zeit ist herbeigekommen.
Zeiten der Nationen
Man verwundere sich daher nicht, wenn wir in den nachfolgenden Kapiteln Beweise beibringen,
dass das Aufrichten des Königreiches Gottes schon begonnen habe, dass in der Prophezeiung
aufgezeichnet stehe, dass das Jahr 1878 die Zeit sei, da die Ausübung seiner Macht beginnen
sollte, und dass der "Krieg des großen Tages Gottes des Allmächtigen" (Offb. 16:14), der im
Jahre 1914 zu Ende gehen soll, bereits angefangen ist."
Im Unterschied zu den jüngsten Versionen über »Harmagedon« wurde hier jedoch noch nicht die
barbarische Ausrottung aller Nichtzeugen Jehovas verkündigt, sondern eine Umerziehung der
Menschen in ihrer Geisteshaltung in jener »Millenniumsherrschaft«, dem Tausendjahrreich
Gottes. Nur die gesellschaftliche Ordnung sollte untergehen.
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges 1917/18 brach die internationale Organisation und Tätigkeit
der WTG vollkommen zusammen. Nicht etwa, weil man es unterlassen hätte, den Anhängern
christliche Tugenden und Bruderliebe zu predigen, oder weil man den Glauben an Gott zerstört
hätte - das ist ja nicht der eigentliche Zusammenhalt der WTG-Anhänger. Die WTGOrganisation
brach zusammen, lag »wie ein Leichnam auf der Straße«, weil der
weltanschauliche Zusammenhalt, die endzeitliche Ausrichtung, in die Brüche gegangen war:
1914 war weder »Harmagedon« zu Ende gegangen, noch waren die »Fürsten« auferstanden,
noch hatte das »Millennium Christi« auf Erden begonnen. Die gesellschaftliche Entwicklung
hatte hier sämtliche »im Namen Jehovas« gepredigten "Erfüllungen« als Illusionen
hinweggefegt.
Dessenungeachtet war die Zahl der verstörten, aber verbliebenen Anhänger und der durch den
Krieg Geschlagenen und Verzweifelten groß genug um erneut leichtgläubige Ohren zu finden.
Das Risiko, eine neue grundsätzliche Endzeitorientierung zusammenzuzimmern, schien der
WTG nicht zu groß.
Zu den neuen Deutungen gehörte auch eine neue Harmagedon-Version, die zweite. Sie stand im
Zusammenhang mit der sensationellen Verkündigung von 1920 - »Millionen jetzt lebender
Menschen werden niemals sterben!« -, die bei der Erörterung der »Fürsten«-Deutungen für 1925
erwähnt wurde. »Harmagedon« sollte jetzt ebenfalls 1925 zu Ende sein. Man vergleiche hierzu
den Text im Abschnitt über die »Fürsten«, wo es hieß: »Wir haben, wie zuvor dargelegt,
überzeugende Beweise dafür, dass die alte Ordnung der Dinge, die alte Welt, zu Ende geht und
deshalb gänzlich vergehen wird, und dass die neue Ordnung hereinbricht, und dass das Jahr 1925
Zeuge der Auferstehung der alttestamentlichen Überwinder und des Beginns eines
Wiederaufbaus der zertrümmerten Weltordnung sein wird.«(Millionenbroschüre. WTG 1920, S.
103/104)
Auch diese zweite Harmagedon-Version wurde schließlich von der gesellschaftlichen
Entwicklung auf den Müllhaufen der religiösen Irrlehren gefegt. In den neuesten Darstellungen
der WTG sind diese kompromittierenden Dinge nicht mehr enthalten. So wird man in dem Buch
»Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, das eine wahre Darstellung der geschichtlichen
Entwicklung der WTG und ihrer Lehren sein soll, kein Wort mehr über die »Fürsten«- und
»Harmagedon«-Hoffnungen von 1925 finden. Ganz nebenbei nur heißt es über die fragliche Zeit
auf S. 110:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Während der Jahre 1922 bis 1925 half Jehova Gott seinem Volke, zu warten oder auszuharren
und das Werk der Verkündigung seines Königreiches in immer größerem Umfang
durchzuführen.
Offensichtlich gab es jedoch einige, die nicht mit dem treuen Überrest des Herrn "warteten". im
Jahre 1926 wurde ein Absinken der Teilnehmerzahl gemeldet, denn am 27. März nahmen nur
noch 89 278 Personen am Abendmahl des Herrn teil. Besonders das Jahr 1925 erwies sich für
viele Glieder des Volkes Jehovas als ein Jahr großer Prüfungen. Einige gaben das Warten auf
und gingen mit der Welt. Jene aber, die diese kritische Zeit überstanden, wurden durch die
Segnungen, die Jehova vom Mai 1926 an für sie bereithielt, in der Tat glücklich gemacht."
Kein Wort von den nicht auferstandenen »Fürsten«. Und von denen, die auf Grund der nicht
erfüllten Prophezeiung den Bibelforschern den Rücken kehrten, sagt man fälschlicherweise, dass
sie nicht warten konnten und deshalb »mit der Welt gingen«. Das peinliche Nichterscheinen
derjenigen, die aufzuerstehen hatten, umschreibt man mit dem Ausdruck »ein Jahr großer
Prüfungen«. So wird die wirkliche Geschichte der WTG für die Nachwelt systematisch entstellt.
Da die weltanschauliche Orientierung der Zeugen Jehovas auf die Gegenwart als Endzeit, in der
die »Schlacht von Harmagedon« stattfinden soll, eine Existenzfrage ist, weil sie die Anhänger
der WTG zusammenhält, mussten anstelle der 1925 Harmagedon-Irrlehren unbedingt neue
derartige Zukunftsvisionen proklamiert werden. Eine neue sogenannte Harmagedon-Erfüllung
wurde erdacht, die dritte. Die sich verschärfende internationale Situation nach dem Machtantritt
des Faschismus in Deutschland, die auch die WTG-Tätigkeit immer mehr erschwerte (alle
WTGKompromisse
mit dem Hitlerfaschismus waren fehlgeschlagen, wie noch gezeigt wird), machte
es immer dringlicher, die seit 1925 fälligen neuen Endzeitorientierungen herauszubringen, wenn
die Anhängerschaft nicht wie im Ersten Weltkrieg der Desorientierung preisgegeben werden
sollte. Die WTG veranstaltete deshalb 1938 in London einen großen Kongress - es sollte der
letzte dieser Art vor dem Zweiten Weltkrieg in Europa sein. Um den Hauptvortrag des
Präsidenten Rutherford so weit wie möglich zu Gehör zu bringen, arrangierte man Radio- und
Telefonverbindungen zu 50 Städten der USA, Kanadas, Englands, Australiens, Neuseelands und
Tasmaniens, in denen Parallelkongresse stattfanden. Von den USA strahlten außerdem 118
Radiostationen diesen Vortrag aus, der die neue weltanschauliche Orientierung geben sollte. Er
stand unter dem sensationellen Thema: »Schau den Tatsachen ins Auge und erkenne den
einzigen Weg des Entrinnens!« Gott selbst, »der unmöglich lügen kann«, habe sie enthüllt. Über
das Arrangement dieser Kongresse und deren Bedeutung heißt es in einer Drucklegung des
Hauptvortrages im Vorwort:
Zitat:
WAS SIND DIE TATSACHEN?
Das, was Gott der Allmächtige, der unmöglich lügen kann, selbst enthüllt und nicht das, was
irgendeine Untersuchungskommission voreingenommener, parteiischer Männer zu Tage fördern
mag. Richter Rutherford führt sie dir klar vor Augen.
Die Tatsachen sind von solcher Wichtigkeit, dass Richter Rutherfords Vortrag in der Royal
Albert Hall in London durch Radio und direkte Telefonlinien einen Zuhörerkreis von insgesamt
150 000 Menschen erreichte, die sich in mehr als 50 Städten der Vereinigten Staaten, Kanadas,
Großbritannien, Australiens, Neuseelands und Tasmaniens zu einer Hauptversammlung
zusammengefunden hatten. Gleichzeitig wurde der Vortrag durch eine Kette von 118
Radiostationen der Vereinigten Staaten über den ganzen Kontinent ausgestrahlt.
Er wird jetzt veröffentlicht, damit weitere Millionen ihn lesen, den Tatsachen richtig ins Auge
schauen und dauernde Segnungen empfangen können.
Verlagsrecht 1938
Herausgeber:
WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY
Brooklyn, N. Y. , USA
Bern - Paris"
Diese Neuorientierung gipfelte in der Aufforderung aller WTG-Anhänger, jetzt mehr denn je
aktiv zu sein. «Harmagedon« stehe ganz nahe vor der Tür, die Jugendlichen der Zeugen Jehovas,
die »Jonadabe«, sollten sogar das Heiraten zurückstellen bis nach "Harmagedon" verkündete
Rutherford in »Schau den Tatsachen ins Auge".
Zitat:
"SCHAU DEN TATSACHEN INS AUGE!
Jonadabe, die jetzt ans Heiraten denken würden, wie es scheinen will, besser tun, einige wenige
Jahre zu warten, bis der feurige Sturm Harmagedon vorüber ist, und dann die ehelichen
Beziehungen aufzunehmen und die Segnungen zu genießen, die mit einer Anteilnahme am
Füllen der Erde mit gerechten und vollkommenen Kindern verbunden sind."
Die Harmagedon-Proklamationen von 1938 waren selbstverständlich wiederum alles andere als
»von Gott dem Allmächtigen enthüllt«. Sie hatten rein gesellschaftspolitische Ursachen. Die
WTG-Führung stand damals unter den durch das Aufkommen der faschistischen Gefahr in der
kapitalistischen Welt verursachten Depressionen, die im WTG-Fall zu jener Bibelauslegung
benutzt wurden, die Politik des 1933 zur Macht gekommenen Hitlerfaschismus, der auch die
WTG bedrohte, münde in den »Schlusskampf« Gottes, in die »Schlacht von Harmagedon«. Man
findet das in folgendem Rückblick im WTG-Buch »Dein Name werde geheiligt« (1963, S. 319)
bestätigt. (In einer "endzeitlichen" Auslegung von 2. Könige Kap. 2 (AT) betrachtet sich die
WTG mit ihrem hörigen Anhang u. a. als "gegenbildlicherer" Elia bzw. Elisa oder als
"Eliaklasse" bzw. "Elisaklasse". Elia und Elisa waren alttestamentliche Propheten, die einander
ablösten. Dieser Ablösung gab die WTG das erste Mal eine "endzeitliche" Bedeutung im
Wechsel der WTG-Präsidentschaft Russell/Rutherford 1917, das zweite Mal im Wechsel
Rutherford/Knorr 1942, womit auch die Unglaubwürdigkeit dieser Endzeitlehre erwiesen ist:
Zitat:
"Dein Name werde geheiligt'
Veröffentlicht in Englisch 1961
Veröffentlicht in Deutsch 1963
von der
WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
INTERNATIONAL BIBLE STUDENTS ASSOCIATION
Brooklyn, New York, U. S. A.
In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg war das Werk der Elia-Klasse viel länger weitergegangen
als nach menschlichen Erwartungen angenommen worden war. Man hatte geglaubt, dass das
Werk in nicht allzu ferner Zukunft zu Ende gehen werde. Zum Beispiel erhielt Präsident
Rutherford am 26. April 1933 ein Telegramm, das besagte, dass die Hitlerbehörden das
Zweigbüro der Watch Tower Society in Magdeburg beschlagnahmt hatten. Am gleichen Tage
wies Rutherford die Familie im Hauptbüro in Brooklyn, New York, auf die Möglichkeit hin dass,
wennn damit das Werk in Deutschland zu Ende wäre, der große Schlusskampf zwischen Jehova
Gott und der Organisation Satans des Teufels nahe wäre."
Als dann der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde den Zeugen Jehovas von der WTG sofort im
Sinne der 1938 aufgestellten Thesen suggeriert, dieser Krieg werde in die »Schlacht von
Harmagedon« übergehen, denn - wie zitiert - »das Werk in Deutschland sei zu Ende«. Hiermit
bestätigt die WTG zugleich, dass ihr Werk in Deutschland, in Mitteleuropa, tatsächlich ihr
entscheidendes Werk ist, wie einleitend bei der Charakterisierung der Bedeutung der WTGTätigkeit
in Europa hervorgehoben wurde.
Aber auch der Zweite Weltkrieg fand sein gesetzmäßiges Ende, und »Harmagedon« zerstob
wieder in Rauch und Schall. Was man als »Enthüllungen von Gott« aus gegeben hatte, »der
unmöglich lügen kann«, war der der politischen Kurzsichtigkeit der WTG-Führung unter dem
nun altersschwachen, kranken und starrköpfigen Präsidenten Rutherford entsprungen, als sich
der Faschismus in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg politisch und in den ersten zwei
Kriegsjahren auch militärisch noch auf dem Siegeszug durch die kapitalistische Welt befand.
Es war der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, der die WTG 1942 aus ihrer dritten
Harmagedon-Endzeit-Illusion aufschreckte und auch diese als Vergewaltigung der Bibel für die
heutige Zeit als angebliche Endzeit offenbar machte. Man begriff in der WTG-Zentrale in
Brooklyn, dass Rutherfords Auslegungen nicht mehr zu halten waren und in Kürze eine ähnliche
Situation entstehen musste, wie man sie 1925 erlebt hatte, wenn man nicht schnellstens eine
andere Erklärung anstelle der dritten Harmagedon-Version brachte, die eine neue Orientierung
gab und die Zeugen Jehovas weiterhin in Botmäßigkeit der WTG hielt. Denn es zeichnete sich in
der Perspektive eine friedliche Nachkriegszeit ab, die Welt würde weiterbestehen. Aber die
nachdrängende WTG-Führungsgruppe unter dem jüngeren N. H. Knorr musste erst den Tod des
starrköpfigen Rutherford abwarten, der sich auf den Zweiten Weltkrieg als Beginn
»Harmagedons« festgelegt hatte. Nachdem Rutherford am 8. Januar 1942 gestorben und am 25.
April beerdigt worden war (die Leiche Rutherfords blieb ein Vierteljahr unbeerdigt, weil die
WTG-Führung das Villengrundstück "Beth Sarim" in San Diego zur Begräbnisstätte machen
wollte, was die Behörden von Kalifornien jedoch nicht zuließen.), arrangierte sein Nachfolger N.
H. Knorr im September 1992 in Cleveland, Ohio, USA, einen großen Kongress, der die neue
Orientierung gab. Es heißt darüber im WTG- Buch »Dein Name werde geheiligt« (1963) auf, S.
329:
Zitat:
"Dein Name werde geheiligt"
Der öffentliche Vortrag des Präsidenten stand unter dem Thema Weltfriede - ist er von Bestand?'
Er verscheuchte alle Gedanken daran, dass der 2. Weltkrieg in dem universellen Krieg von
Harmagedon enden würde. Der Krieg, in den Amerika kürzlich eingetreten war, sollte von einem
Frieden abgelöst werden, in welchem der Völkerbund aus seinem Abgrund der Hilflosigkeit
wieder hervorkäme"
Dass Knorr hier verscheuchte, was einst »Gott der Allmächtige, der unmöglich lügen kann«
1938 »selbst enthüllte«, wie die dritte Harmagedon-Version einst begründet worden war, sagte
man auf dem Kongress natürlich nicht. Man sieht auch an diesem Beispiel, dass die
WTGBerufungen
auf Gott nur religiöse Täuschungen sind.
Das Problem bestand für die WTG jetzt darin, eine vierte Harmagedon-Endzeitdeutung zu
finden, mit der der Abschluss der sogenannten Endzeit erneut in die Zukunft verschoben werden
konnte. Denn mit der Kriegsentwicklung 1941/42 - Überfall der Nazis auf die Sowjetunion,
Erhebung der Sowjetvölker gegen die faschistische Aggression und Bildung der
Antihitlerkoalition einschließlich den USA - war klar, dass es keinen Sieg des Faschismus geben
würde. So würde auch die WTG überleben! Ihr erster Akt war also, sich erst einmal rund 20
Jahre Weiterexistenz chronologisch »biblisch« einzuräumen, wie ihre nach folgenden
Zeitrechnungen von 1889 und 1943 zeigen (»Schriftstudien«, Band 2, S. 50, »Die Wahrheit wird
euch freimachen«, S. 152):
Zitat:
"50 Die Zeit ist herbeigekommen
In diesem Kapitel bringen wir den Schriftbeweis für die Tatsache, dass mit dem Jahre 1872
sechstausend Jahre seit der Erschaffung Adams verflossen sind, und dass wir daher, seit dem
Jahre 1872, der Chronologie oder Zeitrechnung gemäß, in das siebente Jahrtausend oder ins
Millenium eingetreten sind.
Von der Erschaffung Adams
bis zur Sintflut 1656 Jahre
Von da bis zum Bunde mit Abraham 427
Von da bis zum Auszug Israels und zur
Gesetzgebung 430
Von da bis zur Teilung Kanaans 46
Die Periode der Richter 450
Die Periode der Könige 513
Periode der Verödung Palästinas 70
Von da bis zum Jahre 1 536
Von da bis zum Jahre 1873 n. Chr. 1872
Summa 6000"
Zitat:
"152 "DIE WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN"
Vom Beginn des Jahres 1 n. Chr. bis zum Beginn des Jahres 1944 n. Chr. sind es volle 1943
Jahre, die zusammen mit der obigen Aufstellung das Zeitmaß von Adams Erschaffung an bis
heute ergeben.
Von der Erschaffung Adams bis zum Ende des Jahres 1 v. Chr. waren es 4028 Jahre
vom Beginn des Jahres 1 n. Chr. bis zum Ende des Jahres 1943 sind es 1943 Jahre
Von der Erschaffung Adams bis zum Ende des Jahres 1943 n. Chr. sind es 5971 Jahre
Wir sind daher nahe am Ende einer sechstausendjährigen Menschheitsgeschichte."
Hatte nach der alten Zeitrechnung in dem Buch »Die Zeit ist herbeigekommen« von 1889
(»Schriftstudien«, Band 2) die sogenannte Tausendjahrherrschaft Christi schon 1873/74
begonnen (das »Millennium«), so begann es nach der neuen im Buche »Die Wahrheit wird euch
freimachen« (1943) erst 1972, wie sich jeder leicht ausrechnen konnte - ein Zeitpunkt, mit dem
sich jetzt auch das Ende der »Schlacht von Harmagedon« verband. Auf dem »Theokratischen
Kongress« der WTG 1945 in Zürich, dem ersten auf dem europäischen Kontinent nach dem
Kriege, wurde sodann begonnen, auch unter den europäischen Anhängern, die während des
Krieges von der Verbindung mit dem WTG-Hauptbüro in den USA zum größten Teil
abgeschnitten waren, das »göttliche» Harmagedon-Licht von 1938 zu verscheuchen. Mit einem
gestellten öffentlichen Kongressgespräch brachte man den Versammelten bei, sich mindestens
noch auf 10 bis 20 Jahre Warten auf »Harmagedon« einzurichten. Es ist äußerst interessant, wie
geschickt man der einfachen Anhängerschaft diese neue Zeitverschiebung wieder aufzudrängen
suchte. Man lese den Kongressbericht der WTG-Zeitschrift »Trost« (Erwachet!) vom 1. Juni
1945
Zitat:
"Trost
SEMI-MONTHLY HALBMONATLICH
CONSOLATION GERMAN EDITION
BERN 1. Juni 1945 BERN
Vol. XXIII. Nr. 343
BERICHTE VOM THEOKRATISCHEN KONGRESS IN ZÜRICH
Harmagedon ist nahe
In einem Gespräch, an dem sich vier Zeugen Jehovas beteiligten, wurde die Frage besprochen:
"Ist Harmagedon nahe?" Wer hat wohl recht, jene, die sagen, Harmagedon komme sehr bald,
oder jene, die meinen, es komme noch nicht so bald?
Es wurde ausgeführt, dass wir weder Tag noch Stunde kennen, dass aber die Bibel uns
versichert: "Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles geschehen ist." (Matthäus 24: 34)
Es ist daher belanglos, ob man nun sagt ."bald" oder "nicht so bald". Selbst wenn die
Schlußabrechnung von Harmagedon noch um zehn oder zwanzig Jahre verziehen sollte - es
wurde nicht gesagt, dass es wirklich so sein wird - so muss doch des Evangelium mit aller Kraft
allen Nationen verkündigt werden, so wirksam als nur möglich.
Man sollte sich den Erfolg recht lebhaft vor Augen halten: Stellen wir uns vor, dass es durch
Gottes Langmut oder scheinbaren Verzug möglich wird, alle Gutgesinnten aller Nationen für
Jehova und sein Reich zu gewinnen, so dass sie alle in seiner Organisation versammelt sind.
Wäre dieses Ergebnis, so wurden wir gefragt, nicht noch zehn oder sogar zwanzig Jahre tüchtiger
Arbeit wert?
Dauert es jemand zu lange, dann sei daran erinnert, dass Zeit niemals lang wird, wenn man alle
Hände voll zu tun hat. Haben wir etwa nichts mehr zu tun?
Die Errichtung der Theokratie ist etwas so Wunderbares, dass man leicht. ein ganzes Leben lang
darauf wartete kann.
Bist du im Königreichsdienst vielleicht über deine Kräfte gegangen, weil du die Zeitspanne zu
knapp eingeschätzt hast? Dann sei dein Trost, dass, wenn auch deine - Kräfte dahin sein mögen,
dein Lohn doch nicht dahin ist."
Dies ist nun der Gipfel an Unverfrorenheit gegenüber denen, die den größten Teil ihres Lebens
der Sache der WTG gewidmet hatten und ihre Kräfte im Dienste dieser Institution aufzehrten.
Nicht sie, sondern die WTG war es doch, die den Beginn von »Harmagedon«, d. h. die
Zeitspanne, immer wieder neu einschätzte. Ihre Anhänger glaubten lediglich blindlings - und das
ist allerdings ihre Schuld so, dass die WTG mit ihren Neueinschätzungen die Erwartungen
immer wieder hochpeitschen und die Zeugen Jehovas zu letzten Kraftanstrengungen antreiben
konnte. Nun, da die Eifrigsten im WTG-Dienst alt und grau geworden sind, werden sie
abgespeist mit Worten, die einer Verhöhnung gleichkommen, als seien sie allein an ihrem Elend
schuld, wenn sie 1972 nicht mehr erleben sollten. Der »scheinbare Verzug durch Gottes
Langmut« - die gängige Bemäntelung der Zeitverschiebetaktik der WTG - näherte sich wieder
seinem Ende. Je näher 1972 kommt, desto mehr Fragen erheben sich unter den Anhängern, zum
Ärger der WTG, die mit der 1972-Berechnung nichts mehr im Sinn hat. Unter anderem den
Apostel Paulus vorspannend, ging sie mit psychologischem Terror gegen die aufkommende
Unruhe vor, jeden mit dem Verlust des Lebens bedrohend, der die »unnütze Streitfrage« nach
»Harmagedon« nicht aufgeben wollte. Folgender Auszug aus dem »Wachtturm« vom 1. August
1962 zeigt das:
Zitat:
"1. August 1962 Der WACHTTURM
VERMEIDE unnütze Streitfragen
Hast du schon bemerkt, wie oft der Apostel Paulus Christen ermahnte, sich vor Spekulation und
unnützen Streitfragen zu hüten? Ebensoviel wertvolle Zeit könnte man verschwenden, um über
die Zukunft nachzugrübeln. Man könnte fragen: In welchem Jahr kommt Harmagedon?
DIE GEFAHREN
Uns mit unnützen Streitfragen auseinanderzusetzen beraubt uns aber nicht nur unserer Zeit, es
kann uns sogar das Leben kosten."
Man war sich in Brooklyn jedoch durchaus klar darüber, dass man es nicht mit der
Unterdrückung der aufkommenden Diskussion bewenden lassen konnte. Die 1945 eingeschätzte
Zeitspanne ging unerbittlich zu Ende, und es musste etwas geschehen. Es ist einfach nicht
möglich, der Anhängerschaft, in der die älteren Jahrgänge in der Überzahl sind, noch einmal
einige Jahrzehnte Wartezeit zu predigen. Im Hinblick auf die Anwendung der These »Diese
Generation wird nicht vergehen« war man tatsächlich an der äußersten Grenze der Zeit
angekommen. Ungeachtet der warnenden Beispiele von 1914 und 1925 ging man erneut aufs
Ganze. Indem man die 1972-Versprechung ignorierte, verkündigte man deshalb auf den
internationalen WTG-Kongressen 1966 eine fünfte Harmagedon-Version mit dem Inhalt, im
Jahre 1975 sei »Harmagedon« aller Wahrscheinlichkeit nach endgültig vorüber - eine
Proklamation, die einem Ausverkauf gleichkommt, die die Anhängerschaft seitdem elektrisiert
und offensichtlich noch einmal in einen Endspurt treiben soll, wobei man die Sache jedoch
bewusst so formulierte, dass die mit Sicherheit zu erwartende Enttäuschung von 1975 »einzig
und allein« als »Schuld« derjenigen ausgelegt werden kann, die daran glaubten, während sich die
WTG die Hände in »Unschuld« wäscht. Der »Wachtturm« vom 1. Januar 1967 berichtet über
diese Proklamation, in der WTG-Vizepräsident Fred W. Franz, der Hauptbibeldeuter, als
Wortführer auftritt, u. a. wie folgt:
Zitat:
"1. Januar 1967 Der WACHTTURM
DAS JAHR 1975
Auf der Versammlung in Baltimore gab Bruder Franz in seinen Schlussworten einige
interessante Kommentare über das Jahr 1975. Er begann beiläufig damit, indem er sagte: 'Gerade
bevor ich auf das Podium ging, kam ein junger Mann zu mir und sagte: Sag, was bedeutet dieses
Jahr 1975? Bedeutet es dieses oder jenes oder noch irgend etwas anderes?' Auszugsweise
wiedergegeben, fuhr Bruder Franz fort zu sagen: 'Ihr werdet die Tabelle [auf den Seiten 31-35 in
dem Buch Life Everlasting - in Freedom of the Sons of God] gesehen haben. Sie zeigt, dass 6000
Jahre menschlicher Geschichte im Jahre 1975, in ungefähr neun Jahren, enden werden. Was
bedeutet dass? - Bedeutet es, dass Gottes Ruhetag 4026 v. u. Z. begann? Es könnte so gewesen
sein. Das Buch Life Everlasting sagt nicht, dass es nicht so war. Das Buch gibt lediglich die
Chronologie an. Ihr könnt sie annehmen oder ablehnen. Wenn es sich jedoch so verhält, was
bedeutet das für uns? [Er ging ausführlich auf Einzelheiten ein und zeigte, wie begründet das
Jahr 4026 v. u. Z. als Datum für den Anfang des Ruhetages Gottes ist.]
Was ist nun mit dem Jahr 1975? Was wird es bedeuten, liebe Freunde?' fragte Bruder Franz.
'Bedeutet es, dass Harmagedon dann vorüber und Satan bis zum Jahre 1975 gebunden ist? Es
könnte das bedeuten! Es könnte das bedeuten! Alle Dinge sind bei Gott möglich. Bedeutet es,
dass Babylon die Große bis 1975 beseitigt ist? Es könnte das bedeuten. Bedeutet es, dass der
Angriff Gogs von Magog auf Jehovas Zeugen stattfinden wird um sie zu vernichten, und dass
Gog dann selbst außer Tätigkeit gesetzt wird? Es könnte das bedeuten. Doch wir sagen das nicht.
Alle Dinge sind bei Gott möglich. Doch wir sagen das nicht. Und möge auch niemand von euch
sich irgendwie bestimmt äußern und etwas sagen, was zwischen der Gegenwart und dem Jahr
1975 vor sich gehen soll. Doch der wichtige Gedanke bei all diesem, liebe Freunde, ist der: Die
Zeit ist kurz. Die Zeit läuft ab, darüber besteht keine Frage."
In Wirklichkeit bedeutet 1975 jedoch nichts weiter als einen neuen Trug im Rahmen der
illusionistischen Harmagedon-Deuterei, wie die Beispiele von 1914, 1925, 1938, 1942 und 1972
zur Genüge beweisen.
Ob die WTG viele Anhänger für eine neue Version dieser Bibeldeutungen findet? Die bisherigen
fünf verschiedenen und immer wieder haltlosen Harmagedon Auslegungen als Abschluss einer
angeblichen »Zeit des Endes« in unseren Tagen dürften die Unglaubwürdigkeit der gesamten
Endzeitlehren hinreichend charakterisiert haben.
Indes soll das strittige Problem noch von einer anderen Seite untersucht werden. Die WTG lässt
es sich angelegen sein, ihre Harmagedon-Versionen insbesondere Staatsmännern, Politikern und
Regierungen zu verkündigen. Können aber diese Bibelauslegungen von
verantwortungsbewussten Menschen ernstgenommen werden ?
Die WTG fordert alle »Weltherrscher« in vollem Ernst auf, ihre staatliche Macht und
Souveränität an den nach heutigen WTG-Vorstellungen 1914 im Himmel zur Macht
gekommenen »König« Christus Jesus als »einzigen rechtmäßigen Herrscher der Erde«
abzutreten. Anderenfalls würden sie in »Harmagedon« vernichtet. Man lese, was die WTG am
Beispiel des deutschen Kaisers Wilhelm II. in ihrem Buch »Dein Wille geschehe auf Erden« seit
1958 millionenfach verbreitet (S. 268):
Zitat:
"268 "DEIN WILLE GESCHEHE AUF ERDEN"
Kaiser Wilhelm wie auch die anderen Weltherrscher behandelten die Botschaft der
Heiligtumsklasse Jehovas bezüglich des Jahre 1914 fälligen Endes der Heidenzeiten mit
Geringschätzung. Die Watch Tower Bible & Tract Society hatte jedoch seit dem Jahre 1903 ein
Zweigbüro in Barmen-Elberfeld, Deutschland, in dem eine rege Tätigkeit herrschte. Das Herz
des germanischen Königs des Nordens war unleugbar gegen den heiligen Königreichsbund
Jehovas, Gottes, gerichtet. Der Kaiser beabsichtigte nicht, seine kaiserliche Souveränität Jesus
Christus abzutreten, zu der Zeit, da dieser im Jahre 1914 im Himmel auf dem; Thron kommen
sollte, denn dadurch hätte der Kaiser ihn als den rechtmäßigen Erben des Königtums über die
ganze Erde anerkannt. So "handelte" er denn, indem er sich wieder seinen eigenen Plänen, der
Ausübung der Herrschaft über die Erde durch ihn selbst, den deutschen Kaiser, zuwandte."
Es fällt schwer, bei der Betrachtung dieser Kaisergeschichte ernst zu bleiben. Die WTG wirft
dem Hohenzollern Wilhelm II. vor, er habe seit 1903 die WTG-Endzeitbotschaft missachtet und
sich stattdessen der Verwirklichung seiner eigenen Pläne gewidmet, ohne 1914 seine Herrschaft
an Christus im Himmel abzutreten. Folgendes sind indessen die Tatsachen. Die WTG predigte
bis 1925 die erst dann als Irrlehre erkannte These, Christus sei schon 1874 im Himmel
wiedergekommen. Diese angebliche Wiederkunft Christi stellte man jedoch nicht dar als
Verneinung des Herrschaftsrechtes der staatlichen Regierungen. Im Gegenteil, die WTGAnhänger
konnten sich sogar an der politischen Wahl der jeweiligen Regierungen beteiligen und
in deren Armeen Dienst tun. (Die Neue Schöpfung (Schriftstudien Band 6). WTG 1926, S.
590/91). Die angebliche Wiederkunft Christi 1874 wurde also nicht so verkündigt, dass die
Staatsmänner ihre Macht an diesen Christus abtreten sollten. Andererseits regierte Wilhelm II.
nur bis November 1918. Zu dieser Zeit lag die WTG zusammengebrochen am Boden, sowohl
theoretisch als auch organisatorisch - »wie ein Leichnam auf der Straße« nach
WTGSelbstdarstellung.
Erst 1925 »erkannte« man schließlich in Brooklyn, dass Christus nicht 1874,
sondern 1914 wiedergekommen und im Himmel auf den Thron gestiegen sei. (Der Wachtturm.
15. April 1925. Die Geburt der Nation). Konnte der 1918 abgedankte Kaiser Wilhelm II. da
irgendwie auf Grund der WTG-Verkündigung seine Macht an Christus abtreten? Die
nachträglichen Vorwürfe gegen ihn stellvertretend für alle Weltherrscher, erhoben in dem 1958
verbreiteten Buch »Dein Wille geschehe auf Erden«, sind also ein als »Wille Gottes«
dargestellter politischer Unsinn.
Es gehört wirklich eine gewaltige Portion Einfalt dazu, diese absurden religiös politischen
Theorien der WTG ernst zu nehmen. Die Verantwortung für das gesellschaftliche und staatliche
Leben, für Sicherheit und Ordnung, Handel und Wandel, Produktion und Wirtschaft, Kultur und
Wissenschaft, für Recht und Gesetz usw., die auf der Regierung einer jeden Nation ruht, ist viel
zu ernst, als dass man das, was die WTG laufend an politischen Bibeldeutungen und sogenannten
Endzeitauslegungen den Staatsmännern verkündigt, auch nur im geringsten zur Richtschnur des
Handelns machen könnte. Die Kaiser-Wilhelm-Geschichte gehört bezeichnenderweise zur
dritten Auflage der WTG-Nordkönigsauslegungen. Sie ist ein treffendes Beispiel dafür, was für
ein religiös-politischer Scharlatan die WTG in Wirklichkeit ist.
Einige humanistische Überlegungen sollen die Untersuchung der WTG-Endzeitanschauungen
abschließen. Die Einzelheiten zeigten, dass man hier nichts weiter als unglaubhafte Erfindungen
menschlichen Geistes und willkürlich fabrizierte Bibelauslegungen vor sich hat. Es bleibt noch,
sich zum Schluss ihren moralischen Wert vor Augen zu führen.
Neuerdings verkündigt die WTG das sogenannte Harmagedon-Weltende in Wort und Bild in
ihrem Buch »Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies«
Zitat:
"Wie diese Welt enden wird
Die Vernichtung, die die Engel Christi über alle Gegner des Reiches Gottes und seiner
Königreichszeugen bringen werden, wird schrecklich sein. Viele werden das Opfer einer Plage
werden, durch die ihr Fleisch verwesen wird. Jehova sagt: "Ihr Fleisch wird verwesen, während
sie noch auf ihren Füßen stehen, ihre Augen werden verwesen in ihren Höhlen, und ihre Zunge
wird in ihrem Munde verwesen." (Sacharja 14: 12, RS) Verwesen wird die Zunge derer, die über
die Warnung von Harmagedon gespottet und gelacht haben! Verwesen werden die Augen derer,
die das Zeichen der "Zeit des Endes" nicht sehen wollten! Verwesen wird das Fleisch derer, die
nicht begreifen wollten, dass der lebendige und wahre Gott Jehova heißt! Ja, verwesen werden
sie, während sie auf ihren Füßen stehen.
Vom verlorenen zum wiedererlangten Paradies
Veröffentlicht in Englisch 1958
Veröffentlicht in Deutsch 1959
von der WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA"
Es muss festgestellt werden, dass man zur Zeit, als Russell die ersten endzeitlichen
Bibeldeutungen schrieb, durchaus noch von einer aufrichtigen religiösen Einfalt, mit der die
Sache betrieben wurde, sprechen kann, ungeachtet dessen, dass sich schon die ersten Deutungen
als Irrlehre erwiesen. Bemerkenswert ist dabei, dass man damals keine Ausrottung aller
Nichtzeugen Jehovas predigte, wie es heute geschieht. Die Gesellschaftssysteme sollten
untergehen, die von ihnen bedruckten Menschen dagegen unter der »Millenniumsherrschaft«
Christi umerzogen werden. Die Menschheitsvernichtungslehren wurden erst im Verlaufe der
Umdeutung der mit dem Tode Russells im Ersten Weltkrieg zusammengebrochenen
Endzeitschau aufgestellt. Es war das Werk des zweiten WTG-Präsidenten Rutherford, der jene
ursprüngliche Lehre von der Befreiung der Menschen von den bisherigen herrschenden
Gesellschaftssystemen in eine Menschheitsvernichtungslehre umwandelte. Was für eine Art
religiösen Glaubens und religiös-moralischer Einstellung spiegelt diese Vernichtungslehre
wider?
Zusammengefasst besagen die »von Gott inspirierten« Ausrottungspläne, dass alle Menschen
vernichtet werden sollen, die - ungeachtet persönlicher Aufrichtigkeit - angeblich falsche Formen
der Religion wie Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Mohammedanismus,
Buddhismus, Judentum u. a. pflegen, obwohl die Zeugen Jehovas kundgemacht hätten, dass
diese Anschauungen vom Teufel seien und die WTG-Endzeitlehren dagegen die »einzig wahre
Religion« darstellen. Ertrinken, von der sich auftuenden Erde verschlungen werden, bei
lebendigem Leibe verwesen usw. sollen alle diese »falschen Religionisten«, die die »Zeichen der
Zeit des Endes« nicht anerkennen. In gleicher Weise wird ein Bibelbericht über die Ermordung
der Einwohner Jerusalems aus Hesekiel 9 ausgelegt, wie die Fragenbeantwortung laut
»Wachtturm« vom 1. April 1951 zeigt.
Zitat:
"Werden Kinder, die das Alter der Verantwortlichkeit nicht erreichten und in Harmagedon
sterben, eine Auferstehung erfahren? - Leser aus Ohio.
Wir können in dieser Sache nicht dogmatisch sein, weil Gott der Richter ist. Wenn indes Jehova
Gott wider gewisse Personen einen Schuldspruch fällt und ihn durch seinen König Christus Jesus
in Harmagedon zum Ausdruck bringt, muss Gottes Entscheidung gewissermaßen endgültig sein.
Wenn dem so ist, werden jene, die durch das Gericht Gottes in der Schlacht von Harmagedon
umkommen, tatsächlich vernichtet sein. Hesekiel, Kapitel 9, scheint sich auf Harmagedon zu
beziehen, und wir lesen im 6. Vers: "Mordet bis zur Vertilgung Greise, Jünglinge und Jungfrauen
und Kinder und Weiber! aber nahet euch niemand, an welchem das Zeichen ist." Jene, die nicht
das Zeichen einer günstigen Aufnahme der göttlichen Warnung tragen, erhalten von Gott keine
Barmherzigkeit."
In Wahrheit gibt es keinerlei biblischen Hinweis dafür, diese Mordgeschichte aus Hesekiel in
eine Menschheitsvernichtungslehre umzudeuten. Doch die WTG kennt da keine Hemmungen.
Alle Menschen, vom Säugling bis zum Greis, die nicht den Glauben annehmen, den die WTG für
richtig hält, sollen umgebracht und ermordet werden. Es soll ein Hinschlachten und Hinrichten
aller Andersdenkenden sein. Mit diesen in den dreißiger Jahren von Rutherford entwickelten
Vernichtungslehren sind das Denken und der Geist der mittelalterlichen Inquisition unter den
Zeugen Jehovas eingezogen. Um das zu erkennen, lese man den folgenden WTG-Bericht über
die mittelalterliche Inquisition (»Wachtturm« vom 1. August 1956; »Erwachet« vom 22. August
1956).
Zitat:
1. August 1956 Der WACHTTURM
Während der spanischen Inquisition wandte man gegen die Juden weithin öffentliche
Verbrennungen an, die man Autodafe, das heißt "Glaubensakt", nannte. Ein Historiker schreibt:
"Mehr als drei Jahrhunderte sah man das entsetzliche Schauspiel, wie der Rauch verkohlter
Unschuldiger zum Himmel stieg." Tausende von Juden starben auf diese Weise. und dieser
teuflische Schrecken wurde als Akt des Glaubens verübt! Welche Art eines religiösen Glaubens
würde solche Taten verlangen ?
Doch die Geschichte des Mittelalters ist ein ekelerregendes Gemetzel, das an Unschuldigen
verübt wurde, und zwar von jenen, die behaupteten, dadurch Jesus zu dienen!
In einem seiner Werke nannte Martin Luther die Juden 'Lügner, Bluthunde, giftige Ottern,
gehässige Schlangen, Kinder Satans' und erklärte, dass er, wenn er die Macht dazu besäße, die
Gelehrten versammeln und sie 'unter Androhung, ihnen die Zungen aus den Kehlen zu reißen',
zwingen würde, sich zur christlichen Lehre zu bekennen.Es ist abstoßend, von solch
menschlicher Verderbtheit zu lesen und unser Geist taumelt und schwankt beim Zusammenprall
mit so teuflischer Unmenschlichkeit."
Zitat
ERWACHET! 22. August 1956
Oberst Lemanouski und seine französischen Truppen, die dem Wirken der Inquisition bei
Madrid im Jahre 1809 ein Ende machten, fanden in Verliesen nicht nur die Leichen von Opfern
der Inquisition, noch in Ketten gefesselt, sondern auch "noch lebende Gefangene jeden Alters,
beiderlei Geschlechts, vom Jüngling bis zu 70 Jahren alten Greisen, alle splitternackt."
Wenn man alle angeführten Textproben über »Harmagedon« in ihrer ganzen Bedeutung
überdenkt, so drängt sich die furchtbare Erkenntnis auf, dass das WTG-Harmagedon die
Inquisition des Mittelalters noch weit übertrifft. Man hätte es hier mit einem Autodafe zu tun,
aus dessen Flammen der Rauch von Milliarden Menschen, einschließlich Jünglingen, Mädchen,
Kindern und Greisen, zum Himmel steigen würde, ermordet wie die Juden und Ketzer im
Mittelalter, allein um ihres anderen Glaubens willen! Die WTG-Anhänger würden daran
unbeteiligt sein? Auch die Inquisitoren mordeten nicht selbst. Sie überließen das dem Arm des
Staates. Jehova würde dieses Morden in »Harmagedon« durchfuhren, und darum sei das gerecht?
Es wurde indessen gezeigt, dass keine der WTG-Endzeitlehren »von Jehova« stammt. Es sind
die Geistesprodukte der WTG, Ausdruck einer unmenschlichen Gesinnung dieser Organisation,
deren Wesen darin besteht, dass das, was im höchsten Grade menschliche Verderbtheit ist,
nämlich Menschen um anderen Glaubens willen zu vernichten, bei Gott Gerechtigkeit sein soll.
Ohne Zweifel predigten auch die Inquisitoren, wenn sie auf der einen Seite Folter, Verwesung
und Tod für richtig hielten, auf der anderen Seite christliche Nächstenliebe und andere
Tugenden. Doch wie kann man aus Nächstenliebe, die sogar Feindesliebe einschließen soll, allen
Andersdenkenden Ermordung und Verwesung als gerechten Lohn verkündigen?
Man sieht, an die WTG-Vernichtungslehren zu glauben und sie zu predigen offenbart nicht nur
bedenkliche religiöse Einfalt, sondern auch eine unmenschliche und antihumanistische
Einstellung, die zugleich auch jede bewusste gesellschaftliche Mitarbeit zur Verhinderung
barbarischer Kriege, für Frieden und soziale Gerechtigkeit verneint.

Ein Hasardspiel
Aus der dargelegten Geschichte der WTG-Endzeitlehren soll nun eine Bilanz gezogen werden.
Es wurden die wichtigsten und ausschlaggebenden Lehren untersucht, so dass eine hinreichende
Grundlage für ein zutreffendes Urteil vorhanden ist.
Vom angeblichen Beginn einer sogenannten heutigen "Zeit des Endes" liegen bereits zwei
Versionen vor. Von den sich speziell auf die gesellschaftspolitische Entwicklung beziehenden
»König-des-Nordens«-Auslegungen hat die WTG schon die dritte Version ausarbeiten müssen.
Von einer »Wiederkunft Christi« in der heutigen Zeit gibt es ebenfalls zwei sich
widersprechende Deutungen. Die verhängnisvollen endzeitlichen Obrigkeitsauslegungen
existieren in der dritten Fassung. Die »Fürsten«-Auferstehung wurde schon viermal anders
gedeutet, die Offenbarung der Bibel inzwischen dreimal. Der Abschluss der »Zeit des Endes«,
die »Schlacht von Harmagedon«, wurde bereits viermal verschoben. Sämtliche Versionen
wurden jedoch jedesmal nicht als »private Auslegungen«, sondern als »Licht von Gott«
dargestellt, dem bedingungslos Glauben zu schenken sei.
Zeitlich gesehen geht das längst über die Periode einer Generation hinaus, die man entsprechend
dem biblisch überlieferten Beginn des Wirkens Jesu und dem Ende des jüdischen Systems der
Dinge im Jahre 70 n. Chr. als Muster für heute auf einen ähnlichen Zeitraum von 40 Jahren
ansetzen müsste, wollte man eine derartige Endzeitdeutung vornehmen. Denn die von der WTG
gepredigten sogenannten Endzeitzeichen, beginnend 1799 mit Napoleon, umfassen nun schon
einen Zeitraum von fast 170 Jahren und werden faktisch bereits auf die vierte heutige Generation
angewandt. Und das geschieht immer wieder unter Missbrauch der nur an die urchristliche
Generation gerichteten Worte Jesu: »Diese Generation wird nicht vergehen«, mit der er lediglich
sagte, dass seine Zeitgenossen das Ende des jüdischen Systems der Dinge von damals erleben
würden, was dann nach der Überlieferung auch eintrat. Was die WTG dagegen analog als
Zeichen einer heutigen Endzeit »im großen« konstruiert, erweist sich laufend in allen
entscheidenden Punkten als unhaltbar.
Man sieht, dass es keine glaubwürdige und unanfechtbare »Zeit des Endes« heute im Sinne der
WTG-Vorstellungen gibt und geben kann. Die dargelegten Endzeitauffassungen der WTG haben
durch ihre Haltlosigkeit die eingangs getroffene Feststellung über die heutige
Bedeutungslosigkeit der endzeitlichen Bibelaussagen vollauf bestätigt. Diese Bibelaussagen sind
nicht im Hinblick auf die heutige Zeit oder für eine jetzige Generation verfasst. Sie haben also
auch für die heutige Zeit keinerlei prophetische Bedeutung. Jede Auslegung im Sinne einer
heutigen »Erfüllung im großen« muss sich demnach früher oder später als unhaltbar erweisen.
Das war der Fall bei allen Bewegungen, die sich vor der WTG als »Christen der letzten Tage«
ausgaben, und man kann das heute an der Entwicklung der WTG Endzeitlehren ständig weiter
beobachten.
Wären die WTG-Führer ehrlich, so hätten sie allein schon aus diesen Gründen längst ihren
weltanschaulichen Bankrott erklären müssen. Sie tun es aber nicht. Was mag der Grund dafür
sein? Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Noch nie hat eine der bisherigen sogenannten
Endzeitbewegungen die Sache freiwillig aufgegeben. Das liegt in der Natur solcher
Bewegungen. Meist zerfielen sie, nachdem infolge der gesellschaftspolitischen Entwicklung
wirklich nichts mehr aufrechtzuerhalten war und auch der Gutgläubigste stutzig wurde. Die
Zählbigkeit der WTG indes hat andere Ursachen.
Es drängt sich von der einmal errichteten internationalen WTG-Organisation her schon förmlich
die Notwendigkeit auf, die ganze Sache immer weiterzutreiben, denn was sollte wohl mit dem
gewaltigen internationalen Apparat, den Zweigbüros, Druckereien, Besitzungen und Kapitalien
geschehen, wenn sie ihren geistigen Bankrott erklärt und die Haltlosigkeit ihrer Endzeitlehren
eingesteht? Das ist schließlich auch eine Frage der materiellen Existenz eines ganzen Stabes von
Mitarbeitern mit gesichertem Lebensunterhalt. Das darf man nicht unterschätzen. So greift man
zum Naheliegenden, und das ist die Fortsetzung des einmal eingeschlagenen Weges. Werden die
tragenden und zusammenhaltenden Anschauungen, ohne die es ja nicht geht, brüchig und haltlos,
dann muss man eben neue oder abgeänderte Auslegungen verkündigen und unter den Anhängern
rechtzeitig durchsetzen. Sind sie nicht manipulierbar? Sollte man sie in der Mehrzahl nicht
immer wieder umorientieren können? Das muss nur vorsichtig und unmerklich genug
bewerkstelligt werden, schrittweise, allmählich um die Gutgläubigkeit zu erhalten. Wer dennoch
stutzig wird, die Rolle der WTG-Führer als »einzige Vertreter Gottes« ernsthaft in Frage zu
stellen beginnt und Neigungen zeigt, aus der geistigen Gefangenschaft auszubrechen, bekommt
den psychologischen Terror der Bedrohung mit der Harmagedon-Vernichtung zu spüren. Das hat
bisher in den meisten Fällen geholfen so, dass man alle bisherigen Krisen überstehen konnte.
Ein weiterer Grund, immer wieder irgendwie weiterzumachen, liegt in dem nicht eingestandenen
Herrschaftsbedürfnis und Machtstreben der WTG-Führer. Man könnte hier den Apostel Paulus
zitieren, der in 1. Korinther 4:8 die Machtgelüste einiger geistlicher Führer bloßstellt.
Der dritte Grund und offenbar der schwierigste dafür, dass die WTG-Führer immer wieder neue
Endzeitversionen ersinnen, liegt in der politischen Rolle, die die WTG besonders seit dem
Ersten, Weltkrieg für bestimmte imperialistische Machtinteressen auf religiösem Gebiet spielt.
Man hat die WTG-Führung genauso gekauft, wie, dies der Schweizer Professor Adolf Keller in
seiner Arbeit »Amerikanisches Christentum heute« feststellt, wenn er bemerkt, dass es bei den
amerikanischen Großindustriellen zum guten Ton gehöre, u. a. gewaltige Stiftungen kirchlicher
Art anzulegen, die Führer der Kirchen und Glaubensgemeinschaften durch ihre Bindungen zu
Klassenkirchenvertretern zu machen, die die Interessen ihrer finanziell starken Gönner mehr oder
minder vertreten. (Keller, Adolf: Amerikanisches Christentum heute. Evang. Verlag A. G.
Zollikon-Zürich 1943) Die ständig neuen WTG-Endzeitversionen, aufgebaut auf allgemeinem
Bibel- und Gottesglauben, sind nur Mittel zum Zweck.
Die WTG hat sich damit allerdings in ein Spiel eingelassen, das bereits genauso verloren ist wie
ihre Endzeittheorien. Ihre Chance liegt allein darin, dass den Anhängern die Haltlosigkeit ihrer
gesamten Endzeitschau und die politische Zielsetzung, die man damit verfolgt, noch nicht zum
Bewusstsein gekommen ist und sie deshalb immer wieder mit neuen Theorien hingehalten
werden konnten. Aber wie lange noch? Die WTG-Führer befinden sich auf diese Weise in der
Rolle eines Hasardeurs, der mit vollem Einsatz immer weiterspielt, ungeachtet der Gefahr, früher
oder später mit Sicherheit alles zu verlieren. Die Aufmerksamkeit soll sich nun der politischen
Rolle der WTG zuwenden.

Im Dienste der psychologischen Kriegführung

Zur Koordinierung ihrer Aktionen in der weltweiten Auseinandersetzung zwischen


Imperialismus und Sozialismus bemühen sich die imperialistischen Hauptmächte im Rahmen der
Globalstrategie, die historisch gesetzmäßige Entwicklung der Demokratie und des Sozialismus
zu verhindern, ihre derzeitigen Positionen zu halten und verlorengegangene nach Möglichkeit
wiederzugewinnen.
Eine der Hauptsäulen der Globalstrategie des lmperialismus ist die »psychologische
Kriegsführung« als spezifische Form des ideologischen Kampfes gegen alle Kräfte des Friedens
und des Fortschritts in der Welt, als gegenwärtige Hauptmethode im Kampf gegen die
sozialistischen Länder.
Das Ziel der psychologischen Kriegsführung besteht darin, Bevölkerung und Streitkräfte der
imperialistischen Staaten für Aggressionshandlungen gegen die sozialistischen Länder, gegen die
revolutionären und demokratischen Volksbewegungen ideologisch vorzubereiten und die Völker
neutraler Länder zur Duldung der Aggressionshandlungen zu bewegen. Zugleich verfolgt sie das
Ziel, die politisch-moralische Einheit der Bevölkerung in den sozialistischen Ländern zu
untergraben und die Einheit der für Frieden, Demokratie und Sozialismus kämpfenden
weltweiten Bewegung zu spalten. So dient auch die ideologische Diversion durch Infiltration
bürgerlicher Ideologien ausschließlich dem Zweck, Zweifel über die sozialistische Perspektive
zu verbreiten.
Der hauptsächliche Inhalt der psychologischen Kriegsführung, die von staatlichen, zivilen und
militärischen Organen der imperialistischen Länder organisiert, finanziert und gelenkt wird, ist
demzufolge der Antikommunismus, den bekanntlich der deutsche Schriftsteller Thomas Mann
als die Grundtorheit unserer Epoche bezeichnet hat.
Freilich muß nicht jeder psychologische Kampf in direkter, sofort augenscheinlicher Beziehung
zu den politischen Auseinandersetzungen stehen, obwohl letztlich jedes menschliche Verhalten
seine politische Bedeutung und Auswirkung hat; denn der Mensch ist von Natur her ein soziales
und damit ein politisches Wesen. Es wurde schon eingangs darauf hingewiesen, dass vor allem in
den USA bestimmte Kreise bestrebt sind, mit Hilfe finanzieller Mittel Einfluss auf religiöse
Gemeinschaften zu gewinnen, sie an sich zu binden, um sie eigenen Interessen dienstbar zu
machen. Das heißt aber nichts anderes, als dass in solchen Fällen die Gemeinschaften, in den
psychologischen Kampf einbezogen werden, um bestimmte politische und auch militärische
Ziele leichter zu erreichen. Wenn jetzt die politische Geschichte der WTG untersucht wird, so
geht aus den nachfolgenden grundsätzlichen politischen Äußerungen unmissverständlich hervor,
auf welche Seite der gegenwärtigen ideologischen Auseinandersetzungen sich die WTG
prinzipiell eingereiht hat.
Seit 1879 schon zählt sich die WTG zu den Kräften des Antikommunismus, wie das Zitat aus
dem »Wachtturm« vom 1. Januar 1962 beweist:
Zitat
"1. Januar 1962 Der WACHTTURM
Heute ist der Name "Kommunismus" das Schreckgespenst, vor dem sich die ganze Welt fürchtet,
besonders die Christenheit oder ihre einflussreichen politischen, religiösen, wirtschaftlichen und
industriellen Führer. Bereits 1879 brachte die Zeitschrift Der Wachtturm (in Englisch) in ihrer
September-Ausgabe - der dritten Ausgabe nach ihrem Erscheinen - einen Artikel, betitelt "Der
Tag des Herrn", in dem sie die Christenheit vor der Gefahr des Kommunismus warnte.
Inzwischen ist ein Block kommunistischer Nationen gebildet worden, der ein Drittel der ganzen
Erde umspannt, und die Christenheit rüstet sich gewaltig gegen ihn. Aus Furcht vor den Folgen,
die ein Atomkrieg haben könnte, tobt heute noch ein "kalter Krieg" zwischen der Christenheit
und dem aggressiven kommunistischen Block."
Mit ihren Kongressen und Versammlungen will die WTG öffentlich antikommunistisch wirken,
»Bollwerke gegen Kommunismus« errichten, wie ein WTG-Sprecher dem »Westdeutschen
Tageblatt« am 26. Juli 1960 anlässlich eines WTG-Kongresses in Dortmund erklärte:
Zitat:
"Bollwerke gegen den Materialismus
Viertägiger Kongress der Zeugen Jehovas in der Westfalenhalle
"Die Kongresse der Zeugen Jehovas sind Bollwerke gegen Kommunismus und Materialismus"
erklärte Herr Amann von der Pressestelle der Zeugen Jehovas."
Schließlich sieht es die WTG als ihre Aufgabe an, religiös umschrieben dazu beizutragen, dass
der »Kommunismus besiegt« werde (»Der Wachtturm« vom 15. September 1961 ):
Zitat:
15. September 1961 Der WACHTTURM
"IN DER KRAFT JEHOVAS DEN KOMMUNISMUS BESIEGT
In diesem Kampf gegen gottlose totalitäre Elemente schöpft Jehovas Volk seine Kraft beständig
aus dem himmlischen Quell."
Diese grundsätzlichen Äußerungen der WTG zeigen, dass ihr geistiger oder psychologischer
Kampf alles andere ist als ein ausschließlich religiöser, der nur »gegen die bösen Geister im
Himmel« gerichtet sei. Es ist vielmehr recht deutlich die Sprache der imperialistischen Kräfte in
der Welt, die hier zum Vorschein kommt, auch wenn sie mit religiösen Formulierungen
bemäntelt wird. Diese politischen Äußerungen zeigen, dass die Führer der Zeugen Jehovas sich
entgegen ihren sonstigen Behauptungen in die großen gesellschaftspolitischen
Auseinandersetzungen der Gegenwart von Anbeginn an eingereiht haben. Sie haben Partei
ergriffen und sprechen die Sprache der imperialistischen Politik, die den politischen Grundton
ihrer religiösen Verkündigung bestimmt.
Selbstverständlich wird diese Parteinahme der WTG nicht direkt ausgesprochen. Das wäre zu
plump und würde nur dazu führen, dass sich viele Anhänger, die wirklich nur Christen sein
wollen, angewidert zurückziehen. Aber in Verbindung mit entsprechenden Auslegungen der
Bibel lässt sich manches sagen, was sonst abstoßen würde. Man kann Leichtgläubigen auf diese
Weise eine politische Meinung und Haltung beibringen, ohne dass ihnen das zu Bewusstsein
kommt, da es ihnen scheint, als sei alles nur rein religiös und biblisch.
Der Blick soll sich nun im einzelnen auf die politische Rolle und Funktion richten, die die WTG
seit ihrem Entstehen zu erfüllen hat. Es sollen die verdeckten und geheimen Zusammenhänge um
die WTG beleuchtet werden, die schließlich außer dem persönlichen Machtstreben der WTGFührer
und der zweckdienlichen Fortführung und Weiternutzung der WTG-Organisation der
Antrieb dafür sind, die Anhänger mit immer neuen illusionistischen Endzeitversionen zu
betrügen. Mit anderen Worten, die Aufmerksamkeit gilt nun den politischen Hintergründen des
Endzeit-Hasardspiels der WTG.

Frühe WTG-Bibeldeutungen im Interesse des Kapitals

Die WTG erklärte zu ihrer politischen Rolle, dass sie schon seit der dritten Ausgabe ihres Organs
»Der Wachtturm« im Jahre 1879 »vor der Gefahr des Kommunismus warnt«, mit anderen
Worten, die revolutionäre Bewegung unter den Arbeitern bekämpft. Damit ist die
Aufmerksamkeit auf den Ort und die Zeit gelenkt, wo und wann die WTG mit ihrer Tätigkeit
begann.
Pittsburgh im USA-Staate Pennsylvania, der Ort, an dem die W'TG gegründet wurde, war
damals schon eine gewaltige Industriestadt, ein Kohle- und Stahlzentrum der USA, das
amerikanische »Ruhrgebiet«. Dieser Ort war damit zugleich eine Stätte größter
Zusammenballung von Arbeitern und dadurch ein Gebiet erbitterter Klassenkämpfe zwischen
Arbeitern und Kapitalisten, heraufbeschworen durch die Machtkämpfe des späteren
Ölgewaltigen John D. Rockefeller, der Pennsylvania Railroad (Eisenbahngesellschaft) und des
USA-Stahlkönigs und Bankiers Andrew Carnegie, deren Arbeiterausbeutung sich hier
konzentrierte. Folgende zeitgenössische Darstellung vermittelt ein Bild davon: Millionen
Arbeitslose in den großen Städten des Ostens der USA, zu denen auch Pittsburgh gehörte,
forderten billigeres Brot. Sie waren nicht einmal in der Lage, sich Petroleum für ihre Lampen in
den armseligen Löchern, in denen sie hausen mussten, zu kaufen. Ständig neue Entlassungen und
Lohnkürzungen kamen dazu. Der Präsident der Pennsylvania Railroad in Pittsburgh z. B.
erzwang Lohnkürzungen und gleichzeitige Verlängerung der Güterzüge von 18 auf 36 Waggons.
Die Armut und das Elend der Arbeiter erreichten unvorstellbare Ausmaße. So schlossen sie sich
auch in Pittsburgh zusammen wie schon in Baltimore, wo bereits eine Lohnkürzung um 10%
erfolgt war und die Arbeiter zum Streik getrieben hatte. Es kam zu dem berühmten Kampf um
das Pittsburgher Heizhaus im Juli 1877, der wie in Baltimore mit Toten und Schwerverletzten
bei den Arbeitern endete. 10 Tote und 30 Schwerverletzte in Baltimore, 25 Tote und 50
Schwerverletzte - darunter 10 Kinder - in Pittsburgh, während der Ölkönig John D. Rockefeller
in jenem Jahr seiner jungen Frau Celista sagen konnte: »Mein schönster Traum hat sich erfüllt.
Dieses Jahr kann unsere gute Standard (die Ölgesellschaft, d. V.) 50% Dividenden zahlen. Danke
dem Herrn im Gebet, Celly! Der Allmächtige ist auf der Seite der Frommen.« (Wille, Hermann
Heinz: Die goldene Woge. Verlag Neues Leben, Berlin 1961, S. 47-54)
Wie stellte sich die WTG zu diesen Auseinandersetzungen, zu dem Kampf der Arbeiter um ein
menschenwürdiges Dasein? In der zitierten »Wachtturm«-Ausgabe vom 1. Januar 1962 brüstete
sie sich damit, dass sie bereits 1879, also nur kurz nach den eben geschilderten Vorgängen in
Pittsburgh und in Zusammenhang damit vor der »Gefahr des Kommunismus« gewarnt habe.
Was man da im »Wachtturm«, nur zwei Jahre nach den Blutbädern von 1877 in Pittsburgh
veröffentlichte, mag in den Ohren des »frommen« Ölkönigs Rockefeller in der Tat wie Musik zu
seiner Ausbeutungspolitik geklungen haben. Es erscheint darum als wesentlich, die frühe
politische Wirksamkeit der WTG in einem der Hauptzentren der Arbeiterschaft in den USA, in
Pennsylvania, näher zu untersuchen, um die politischen Hintergründe von Start und Aufstieg der
WTG zu erfassen.
In Band 4 der »Schriftstudien«, herausgegeben unter dem Titel »Der Krieg von Harmagedon«
(1897), verfasst vom ersten WTG-Präsidenten C. T. Russell, findet sich eine Zusammenstellung
der damals von der WTG vertretenen politischen Ansichten und Verkündigungen zur
Arbeiterfrage, wie sie sich in jener Zeit in den USA ergab. Zweifellos ist in dieser Sache
allgemeingültig, was der westdeutsche Historiker Karl Theo Humbach im Hinblick auf die
Religionsgemeinschaften feststellte, nämlich, dass sich seinerzeit auch die Ideen des
amerikanischen Sektenwesens »quer durch die Interessen des Proletariats« zogen, um die
Entwicklung der revolutionären Bewegung aufzuhalten." (Humbach, Karl Theo: Kommunismus,
Sozialismus und Arbeiterschaft in den USA. Sonderdruck Saekulum XII, Heft 1, Jahrbuch für
Universalgeschichte (1962)) Die WTG liefert dafür das klassische Beispiel. Um das zu
veranschaulichen, sollen die wichtigsten Einzelheiten dazu aus dem 4. Band der »Schriftstudien«
herausgegriffen werden.
Grundsätzlich predigte die WTG den ausgebeuteten Arbeitern (S. 190, 191)
Zitat:
"Es ist wahr, diese Kapitalistenverbände haben große Unternehmungen ins Leben gerufen,
welche einzelne Männer weder so rasch hätten verwirklichen noch so nützlich hätten gestalten
können, haben Risicos auf sich genommen, welche die Völker den Regierungen, die sie in ihrem
Namen hätten übernehmen wollen, schwer verargt hätten. Wir sind nicht der Meinung, dass die
Vereinigung des Kapitals als solche verwerflich ist, wir machen nur darauf aufmerksam, dass
dieselbe die Macht des Kapitals von Jahr zu Jahr steigert und damit die Interessen, ja die Freiheit
des Volkes gefährdet. Jedermann sagt: "Es
Zubereitung der Elemente. 191
muss etwas in Sachen gethan werden"; aber niemand weiß, was. So steht die Menschheit hülflos
jenen Riesenauswüchsen unseres ökonomischen Systems gegenüber, und die einzige Hoffnung
ist - Gott.
Es ist wahr, an der Spitze jener Riesenunternehmungen stehen vielfach Leute, die ihre Macht mit
Mäßigung zu gebrauchen scheinen.
Es ist weder weise noch gerecht, dem Kapital daraus einen Vorwurf zu machen, dass es handelt
wie die Arbeiter, dass es auch seinen Vorteil sucht. Unter den Armen sind viele nicht minder
herzlos als unter den Reichen und würden, im Besitze von Reichtümern grausamer und weniger
freigebig sein als ihre gegenwärtigen Beherrscher. Lasst uns daher nicht die Reichen hassen oder
brandmarken, wohl aber die Selbstsucht und den Eigennutz im allgemeinen, der an allem
gegenwärtigen Uebel schuld ist. Und laßt uns den Entschluss fassen, durch die Gnade Gottes alle
unsere eigene Selbstsucht zu töten, und den Geist der Nächstenliebe in uns mächtig werden zu
lassen, damit wir dem Bilde von Gottes liebem Sohne, unseres Herrn und Erlösers immer
ähnlicher werden."
Solche Darlegungen sind angesichts der Toten und Schwerverletzten allein von Baltimore und
Pittsburgh aus dem Mund eines Christen schwer zu verstehen. Rockefeller, Carnegie, Thomas A.
Scott, der Präsident der Pennsylvania Railroad, und die anderen Geldmagnaten mögen diese
Predigten Russells für ihre Arbeiter mit Wohlwollen aufgenommen haben. Doch Russell ergriff
noch weiter für jene Kapitalisten Partei (S. 179):
Zitat:
"Zubereitung der Elemente 179
Oder wenn ein Farmer sich vornehmen würde, seine Knechte statt 12 Stunden täglich um 30
Dollars monatlich nur 8 Stunden täglich um 60 Dollars arbeiten zu lassen wie die Arbeiter in den
Städten, er wäre bald tief verschuldet. Ja, wenn a l l e Farmer so handeln und ihr Getreide nicht
anders als teuer verkaufen wollten, würden sie ihre Scheunen nicht leeren können, und Russland,
Indien und Süd Amerika würden in der Union billiges Getreide verkaufen.
Die große Kapitalbedürftigkeit der Union zur Zeit des Eisenbahnbaus in der Industrie verschaffte
vielen Millionen in Europa nutzbringende Anlagen, und diese Millionen schufen die Blüte der
Union. Aber ihre Blütezeit ist vorbei; sie steigt langsam herab, und nichts als ein Krieg oder
andere schwere Kalamitäten kann der Industrie wieder aufhelfen, indem er den friedlichen
Nationen viel Arbeit verschafft. So hat z. B. der Japanisch-Chinesische Krieg die beiden Staaten
zu großen Abnehmern von Kriegsmaterial gemacht, und jetzt verwendet Japan die chinesische
Kriegsentschädigung zum Bau großer Kriegsschiffe, was die andern Mächte veranlasste,
ebenfalls ihre Flotten zu vermehren. Das gibt Arbeit und Verdienst, und so sehr wir den Krieg
verabscheuen, wir sehen diese Rüstungen lieber, als den Arbeitsmangel, der Menschen
aushungert."
Eine bessere Rechtfertigung ihres profitgierigen Handelns hätten Carnegie und seinesgleichen
gar nicht finden können. Und im gleichen Maße, wie die WTG hier entschuldigt und Verständnis
zeigt für die »gegenwärtigen Beherrscher« der Arbeiter, versucht sie von jeder Auflehnung
gegen die sozialen Missstände und vom Kampf um soziale Gerechtigkeit abzuhalten. So kann
man in den »Schriftstudien« schließlich lesen (S. 178):
Zitat:
"178 Der Tag der Rache.
Sie wähnen mit Vereinen, Streiken, Boykottierungen, & den Preis der Arbeit auf einzelnen
Gebieten zwei- oder dreimal so hoch festhalten zu können als auf andern und bemerken dabei
nicht, dass heutzutage eine Arbeit viel rascher gelernt wird als früher, dass Schule und Presse
jedem Kenntnisse vermittelt, die die Massen befähigen zu erlernen, was früher nur einzelne
konnten, dass das Massenarbeitsangebot, nachdem es auf einem Gebiet die Löhne unter das
Niveau des Notwendigen herunterdrückt, sich auf noch "gute" Gebiete wirft und diese damit
ebenfalls ruiniert. Dann müssen Massen von Männern entweder müßig sein und hungern und
ihre Familien darben lassen, oder Arbeit um die Hälfte oder den Drittel des früher erzielten
Lohnes annehmen.
Die Vereine haben, solange die Nachfrage das Angebot überstieg, ihren Mitgliedern vielen
Nutzen gebracht, indem sie gute Löhne, mäßige Arbeitszeit und Abwehr der
gesundheitsschädlichen Einflüsse erzielten; aber gegen das eiserne Gesetz von Angebot und
Nachfrage vermögen sie gar nichts. Die Arbeiter haben nur von e i n e r Seite Hilfe zu erwarten,
v o n G o t t , und nicht von Fleisch und Blut."
Auf einen einfachen Nenner gebracht, besagt diese politische Predigt an die Adresse der
Arbeiterschaft, die Verhältnisse seien zweifellos schlimm, aber wer sie verbessern wolle durch
irgendwelchen organisierten Kampf mache sie nur noch schlimmer. Darum nehme man die
Dinge so hin, wie sie liegen. Jedes Aufbegehren gegen die bestehenden Verhältnisse sei
zwecklos, da die Menschen die Dinge nicht ändern könnten, sondern nur Gott.
Diese Lehren eines passiven Verhaltens zur Umwelt haben aber weitgehende gesellschaftliche
Konsequenzen. Es ist festzustellen, dass jegliche menschliche Ordnung nur durch aktive
gesellschaftliche bzw. politische Betätigung ihrer Mitglieder aufrechterhalten oder
weiterentwickelt wurde. Jedes passive Verhalten würde bei entsprechendem Ausmaß zu
Rückgang und Untergang führen und ist daher im buchstäblichen Sinne des Wortes reaktionär.
Von dieser Warte aus betrachtet, ist die Auffassung der WTG für die Besitzlosen, Armen und
Hungernden gleichbedeutend mit weiterer Verdammung ins Elend. Mit der Verbreitung ihrer
Passivitätslehren besonders unter den Arbeitern versucht die WTG, die Kampfkraft der
Arbeiterklasse zu untergraben, und trägt so dazu bei, jeglichen sozialen Fortschritt zu sabotieren.
Im Hinblick auf die Rechtfertigung der kapitalistischen Kriegs- und Rüstungspolitik durch die
WTG, wie sie aus dem Band 4 der »Schriftstudien«, S. 179, ersichtlich ist, kann man nur sagen:
Gar selten liest man eine offenere Verteidigung der kapitalistischen Wolfsmoral des Verdienstes
an Leid und Tränen, Blut und Tod der in den Krieg Getriebenen, und das noch dazu aus der
Feder des Präsidenten der angeblich einzigen »Vertreter Gottes« auf Erden. Es ist erstaunlich,
was für barbarische Theorien der immer als sanftmütig geschilderte Russell hier entwickelte.
Es ist der gleiche Geist, der heute aus den WTG-Harmagedon-Vernichtungstheorien spricht.
Nach wie vor gibt es eben auch eine Pervertierung christlicher Gesinnung, eine Verderbnis
christlichen Geistes. Kreuzzüge, Inquisition, Antisemitismus und ähnliche fanatische und
intolerante religiöse bzw. politische Extreme waren ebenfalls Ausdruck solcher Erscheinung.
Daran ändert nichts, dass die Vertreter dieser barbarischen Ideen selbst ohnmächtig werden
mögen, müssten sie den ersten Tropfen Blut der von ihnen verteidigten Kriegsmetzeleien sehen.
Bemerkenswert ist schließlich auch, was die WTG direkt auf die kommunistischen Forderungen
der damaligen Zeit zu antworten hatte. Es, heißt in Band 4 der »Schriftstudien«, S. 244:
Zitat:
" 244 Der Tag der Rache.
Wäre das tausendjährige Reich auf Erden aufgerichtet, hätten die für diese Zeit verheißenen
göttlichen Regenten ihre Herrschaft angetreten, würden s i e gemäß unfehlbarer göttlicher
Weisheit ihre volle Macht ausüben und nicht durch den Beifall der Mehrheit, sondern durch
Gerechtigkeit als wie mit eiserner Rute regieren, dann könnte der Kommunismus gedeihen; dann
wäre es wohl die beste Gesellschaftsform, und wenn ja, dann wird ihn sicher der König der
Könige zu seiner Methode machen. Aber auf das w a r t e n wir. Uns geht die Weisheit und
Macht solch theokratischer Regierung ab, und darum b e t e n wir bloß: "Dein Reich komme,
dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel."
Da man die kommunistischen Ideale schlecht leugnen kann, wurde die Sache ins Unmögliche
verkehrt. Katholische Kreise haben diese WTG-Äußerungen wiederholt zu der Anklage
umgemünzt, die WTG betreibe kommunistische Propaganda und hetze gegen den
kapitalistischen Staat. (Jung, Alois: Zeugen Jehovas. Winfried-Werk Augsburg 1950). Zu einem
solchen Schluss kann man nur bei oberflächlicher Beurteilung der Dinge kommen. In
Wirklichkeit war es doch so, dass mit dieser Darlegung versucht wurde, zu beweisen, dass
Menschen keinen Kommunismus aufbauen könnten, und wäre er noch so ideal. Darum sei es
unsinnig, sich solchen Dingen zu widmen. Damit wurde der Kommunismus als
Gesellschaftsform in das Reich der Utopie verwiesen. Warum sollten die Kapitalisten wie
Carnegie und andere in Pittsburgh oder sonst irgendwo etwas gegen diese WTG-Theorien
haben? Dass Gott durch Aufrichtung des Kommunismus ihrer kapitalistischen Herrschaft ein
Ende mache, war sowieso Illusion. Gefährlich war allein die revolutionäre kommunistische
Gesinnung unter den Arbeitern, und die wurde ja mit dieser Theorie bekämpft.
Man sieht, dass sich die WTG schon in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens politisch
eindeutig für das Kapital festlegte. Sie war ein durchaus brauchbares Instrument gegen das
Aufbegehren der hungernden Massen und all derer, die aus den kapitalistischen Raubkriegen als
Geschlagene zurückkehrten, wären sie doch die ersten, die von der barbarischen Konkurrenz
erdrückt oder arbeitslos auf die Straße geworfen wurden. Unter ihnen gärte es am meisten. Ihnen
gegenüber war die Passivitätspolitik der WTG hervorragend geeignet, entstehende revolutionäre
Strömungen und Bewegungen ersticken zu helfen oder in ungefährliche Bahnen abzulenken, in
ein sozialpolitisch tatenloses Hoffen auf die Verwirklichung der WTG-Illusionen. Wer in ihren
psychologischen Einflussbereich geriet, der unterließ alsbald jedes Aufbegehren und wurde zu
einem vergeblichen Harren auf göttliche Hilfe verurteilt.
So zeigte sich schon in der Frühzeit der WTG, dass sie in der psychologischen Kriegführung eine
nicht unbedeutende Rolle spielte. Im Laufe der Jahre stellte sich die WTG jedoch in immer
stärkerem Maße durch Verknüpfung von religiösen mit politischen Dingen in den Dienst des
Großkapitals.
Vom Großkapital gekauft

Weshalb die Unterstützung des Zionismus?


Neben der antikommunistischen Betätigung verfolgte die WTG in ihrer religiösen Verkündigung
ungefähr vier Jahrzehnte lang - den gleichen Kräften des Kapitals dienlich - noch ein anderes
politisches Ziel. Sie wurde von etwa 1890 bis gegen 1930 zum Verfechter des politischen
Zionismus. Die Fakten machen es möglich, die kapitalistischen Kräfte hinter der WTG im
einzelnen zu erkennen.
Um die Rolle der WTG in dieser Frage zu verstehen, ist es angebracht, zuerst einen Blick auf das
Wesen, die Triebkräfte und Ziele des politischen Zionismus zu werfen. Das ist um so wichtiger,
da dies von der WTG zur Verdunkelung ihrer politischen Bindungen völlig entstellt bzw.
vertuscht wird.
Der Zionismus ist eine nationalistische Strömung innerhalb des jüdischen Großbürgertums mit
dem Ziel, in »Zion«, in Palästina, dem Heimatland der Juden oder Israeliten des biblischen
Altertums, wieder einen jüdischen Staat zu errichten, ein Ziel, das mit der Gründung des Staates
Israel im Jahre 1948 erreicht wurde. Der Zionismus ist somit eine politische Bewegung einer
bestimmten Gruppe Juden und daher weder mit dem Judentum insgesamt noch mit allen Juden
oder jüdischen Religionsgemeinschaften gleichzusetzen. Die Mehrheit aller Juden hat mit dem
Zionismus nichts zu tun, sondern fühlt sich nach wie vor als Staatsbürger der Nationen, in denen
sie geboren wurden und leben. Sie denken nicht daran, Zionisten zu werden und nach Palästina
auszuwandern. Das trifft kurioserweise sogar auf die amerikanischen Führer des Zionismus zu,
die zwar eifrig für die Palästinabewegung auftraten, selbst jedoch nicht im geringsten daran
interessiert sind, nach Palästina zu gehen. Es gibt also unter den Juden selbst zahlreiche Gegner
und Kritiker dieser Bewegung.
Der zionistischen Strömung lagen zwei Haupttriebkräfte zugrunde: einerseits die international
betriebene Judenverfolgung und zum anderen das wirtschaftspolitische Interesse
großkapitalistischer Kreise vor allem in den USA, den Orient mit seinen Erdölquellen unter ihre
Herrschaft zu bringen.
Judenverfolgungen gab es in fast allen Ländern des Abendlandes und zu den verschiedensten
Zeiten. Immer dann, wenn in irgendeinem Lande wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten
auftraten, wurde mit Hilfe nationalistischer Ideologien der Rassenhass geschürt, wurden die
arbeitenden Menschen von den wahren Ursachen ihres Elends abgelenkt. Ihr Zorn sollte sich
gegen die mit ihnen zusammenlebenden Juden richten, während in Wirklichkeit die
gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gier der herrschenden Schicht nach Macht und Profit die
Ursachen waren. Gleichzeitig diente die Vertreibung und oft auch die Ermordung jüdischer
Bürger der persönlichen Bereicherung derjenigen, die die Judenprogrome anzettelten. Das
klassische Beispiel hierfür haben schließlich die Herrscher des »nationalsozialistischen«
Deutschlands und ihre Schergen, die SA- und SS-Leute, gegeben.
Die Folge der Judenpogrome in der Neuzeit und sonstiger antisemitischer Ausschreitungen war
eine immer stärker werdende Flucht der Juden aus den einzelnen Ländern Europas, wobei man
anfangs weniger in Palästina als vielmehr in den USA Zuflucht suchte, eine Folge, die im
Interesse des gegen Ende des 19. Jahrhunderts sich entwickelnden nordamerikanischen
lmperialismus nicht zweckmäßig erschien, der sein Augenmerk, wie schon erwähnt, auf den
Orient gerichtet hatte. So begann man, die jüdischen Flüchtlinge mehr und mehr nach Palästina
zu lenken. Die Hauptförderer dieses Unternehmens waren vor allem die Finanzkapitalisten der
Bankiersgruppe Rothschild, Hirsch, Montefior, Kuhn, Loeb, Warburg und Rockefeller. Sie
sorgten insbesondere für die politische, psychologische und finanzielle Unterstützung der nun
auflebenden zionistischen Bewegung.
Es handelt sich also beim Zionismus insgesamt um Bestrebungen im Zusammenhang mit der
imperialistischen Expansion der USA seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Nachdem - ohne dass die Palästinafrage völkerrechtlich endgültig geklärt worden wäre - 1948
unter dem Druck der bis dahin geschaffenen Tatsachen die Staatsgründung Israels mit
Mehrheitsbeschluss der Vereinten Nationen vollzogen war, sieht man Rockefeller 1961 als
Teilhaber der Ölaktien in Irak und als Partner der israelischen Ölgesellschaft SONOL.
Geld, Pläne und schließlich Abkommen oder Beschlüsse waren wohl die
wichtigstenBedingungen um das zionistische Ziel zu erreichen. Der Zionismus war jedoch
wenig populär. So musste von Anfang an viel getan werden um auch die öffentliche Meinung zu
gewinnen. Jede Stimme für den Zionismus war dabei wichtig bzw. wurde gefördert. So war z. B.
Theodor Herzl, der erste Zionistenführer, in großer Not und musste viel Mühe aufwenden um bei
den europäischen Regierungen Unterstützung zuu erlangen. Diese Situation war mitbestimmend,
als 1903 in Deutschland das erste WTG-Zweigbüro eröffnet wurde um auch den Zionismus
psychologisch zu unterstützen. Der Schweizer Geschichtsforscher S. Reinhard bestätigt in
seinem Werk »Spanischer Sommer« 1948 die treibende Funktion der Finanzkapitalisten Kuhn,
Loeb, Warburg und Co. hinter der »psychologischen Vorarbeit«, die überall für die »Errichtung
des jüdischen Staates in Palästina« geleistet werden musste. (Reinhard, S. ; Spanischer Sommer,
Affoltern/Schweiz 1948)
Als WTG-Präsident Russell im Jahre 1886 die ersten Versionen und Visionen über eine
angeblich heutige »Zeit des Endes« im ersten Band seiner »Schriftstudien« als »göttlichen Plan
der Zeitalter« zusammenfasste, hatte er nicht im geringsten im Sinn, in die Endzeitschau den
Zionismus irgendwie einzubeziehen, obwohl diese Bewegung mehr oder weniger schon seit
1881 im Gange war. »Wir erachten es nicht für wichtig, uns auf eine Erörterung darüber
einzulassen, wo wohl die ,verlorenen Stämme' Israels zu suchen seien«, bemerkte Russell zu der
Frage, ob man sich mit dem Judentum und seinen Bestrebungen heute irgendwie zu befassen
habe, seine Endzeitschau als »Darstellung unter Berücksichtigung und im Einklang mit der
ganzen Heiligen Schrift« ausgebend. (Schriftstudien Band 1, WTG 1886, Magdeburg 1926, S.
281) Die WTG-Ansicht in dieser Frage änderte sich erst, als den USA gegen Ende der achtziger
Jahre im Zuge der Judenverfolgungen eine riesige Einwanderungswelle bevorstand, die dort
große Unruhe auslöste. Man rechnete mit rund 2 Mill. Emigranten. Diese Tatsachen waren es,
die jene aus Konkurrenzsorgen mit der Aufteilung der Welt befassten Finanzkapitalisten
Rothschild, Rockefeller und ihre Partner zu dem Entschluss kommen ließen, die verfolgten Juden
in Zukunft nach Palästina zu lenken mit dem Endziel der Schaffung einer Stätte nationaler
Sammlung und Gründung eines eigenen Staates in diesem Land, von dem aus der Orient mit
seinen Erdölquellen in amerikanisches Einflussgebiet verwandelt werden sollte.
Zur Gewährleistung der psychologischen Vorarbeit für dieses politische Unternehmen zog man
schließlich auch die »hervorragenden Männer aller Glaubensbekenntnisse« in den USA heran,
war doch die öffentliche Meinung ein wichtiger Faktor. Wie die Tatsachen zeigen, gehörte dazu
auch die WTG. Bis jetzt - 1890 war ihre Tätigkeit im wesentlichen auf den Osten der USA
beschränkt geblieben. Nach Kanada und England hatte sie noch einige Beziehungen geknüpft.
Mit dem Einsatz für den politischen Zionismus jedoch konnte sie erstmalig weltweit auf den
Schauplatz treten. Ihre große Stunde internationaler Ausdehnung schlug also mit dem Erwachen
westlicher Machtinteressen für Palästina im politischen Dienste der Rothschild, Hirsch, Warburg
und Rockefeller.
Das erste, was die WTG tat, war die Einbeziehung der zionistischen Bewegung in ihre »Zeichen
der Zeit des Endes«, in ihre, Endzeitdeutungen. Das fand seinen Ausdruck in den nächsten
beiden Bänden der »Schriftstudien« (Band 2 und 3), die 1889 und 1891 veröffentlicht wurden,
genau zu der Zeit, als in den USA das Problem der jüdischen Emigranten aus Osteuropa auf der
Tagesordnung stand. Mit diesen beiden Bänden begann die WTG ihre öffentliche psychologische
Arbeit für den politischen Zionismus, natürlich »im Namen Jehovas«. Im Band 2 von 1889
wurde demgemäß verkündigt, mit dem Berliner Kongress europäischer Regierungen von 1878
unter dem Vorsitz des deutschen Kaisers und den Kongressbeschlüssen auch zugunsten der
Juden im Orient sei die »Rückkehr der Gnade Gottes zu Israel« eingetreten. (Schriftstudien Band
2. WTG 1889, Magdeburg 1926, S. 218/19) In Wirklichkeit waren diese Beschlüsse durch ein
Spiel hinter den Kulissen zustande gekommen, an dem der Bankier und Zionismusförderer
Baron Hirsch einen entscheidenden Anteil hatte. (Weltsch, R.: Deutsches Judentum - Aufstieg
und Krise. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1963, S. 235)
Mit dem Band 3 von 1891 wurde dann die erste große psychologische Schlacht für den
Zionismus geschlagen. Unter dem Motto: »Die Wiederherstellung Israels in Palästina, ein in
dieser Erntezeit (Endzeit, d. V.) zu erwartendes Ereignis« begann die WTG, die bisherige
Palästina-Bewegung international populär zu machen und damit psychologisch zu unterstützen
und zu fördern. Äußerungen einflussreicher politischer Tageszeitungen wie »New York Herald«,
»Jewish World« u. a. wurden ausgewertet. Maßgebliche Politiker wie der englische Lord
Shaftesbury wurden zitiert, die sich dafür einsetzten, die verfolgten Juden nach Palästina zu
lenken. »Palästina kann nur von Russland aus wirksam kolonisiert werden, wo es an drei
Millionen Juden gibt, die für ihr Leben und Eigentum zittern, und die übrigen würden folgen«,
zitiert die WTG ein englisches Blatt. (Schriftstudien Band 3, WTG 1891, Magdeburg 1926, S.
261) In diesem Zusammenhang wird ganz besonders die damalige südrussische Palästina-
Bewegung unter ihrem Leiter Joseph Rabinowitsch unterstützt, die ihr Zentrum in Kitschinew
(Kischinijow), der heutigen Hauptstadt der Moldauischen Sowjetrepublik, hatte, wie folgender
Auszug aus »Schriftstudien« Band 3 von 1891 (deutsch 1926) zeigt:
Zitat:
"Studie 8.
Die Wiederherstellung Israels
Die Wiederherstellung Israels in Palästina ein in dieser Erntezeit zu erwartendes Ereignis.
In dieser Richtung sind die Zeichen der Zeit wahrlich überraschend. Die bemerkenswerte
religiöse Bewegung unter den Juden im südlichen Russland bringt Tausende jenes Volkes zur
Anerkennung Jesu Christi als des lange verheißenen Messias und zum Zugeständnis ihrer
Nationalsünde in seiner Verwerfung und Kreuzigung. Und dies ist in keinem Sinne das Resultat
christlicher Missionstätigkeit. Es ist eine unabhängige Bewegung, gänzlich aus jüdischen Boden
entspringend. Der Leiter der Bewegung ist ein Jude, Joseph Rabinowitsch, früher ein Kaufmann,
und später ein Advokat.
Energischen Charakters, und begierig, seine eigene Ausbildung sowie die politische, soziale und
moralische Hebung seines Volkes zu fördern, war Rabinowitsch schon vor Jahren als ein eifriger
Reformfreund unter den Juden des Ostens bekannt.
Diesen Bruch zu heilen, ist das ideale Ziel des Kitschinew Reformers, indem er da wieder aufs
neue einsetzt, wo das erwählte Volk zuerst in einen irrtümlichen Pfad nationaler Entwicklung
eingetreten ist. Im Jahre 1880 veröffentlichte er ein Programm, in dem er eine vollständige
Reorganisation des rabbinischen Systems vertrat. Er war früher in der Arbeit einer Gesellschaft
für die Förderung des Ackerbaues unter den Juden Südrusslands tätig; und während der Zeit der
Verfolgung im Jahre 1882 trat er ernstlich für die Rückkehr seines Volkes nach Palästina ein."
WTG-Präsident Russell selbst fuhr 1891 nach Kitschinew, nachdem die »hervorragenden
Männer aller Glaubensbekenntnisse« im Frühjahr 1891 in Chicago, USA, auf einer Konferenz
begonnen hatten, ihre Stimme für den Zionismus zu erheben.
Die Popularisierung der Dokumente dieser Chicago-Konferenz von 1891 wurde sodann zum
Hauptinhalt der psychologischen Tätigkeit der WTG für den Zionismus in der nachfolgenden
Zeit. Das besondere Mittel dazu war Band 3 der »Schriftstudien« mit dem Titel »Dein
Königreich komme«. Man lese folgenden Auszug
Zitat:
"278 Dein Königreich komme
Ein jüdisches Reich vorgeschlagen.
Washington, D. C., den 5. März 1891.
"William E. Blackstone von Chicago, besuchte heute den Präsidenten der Vereinigten Staaten in
Begleitung des Sekretär Blaine und überreichte folgende Denkschrift inbetreffs der russischen
Juden.
"Er erklärte, dass die Denkschrift das Resultat einer Konferenz von Christen und Juden sei,
welche kürzlich in Chicago abgehalten wurde, und lenkte die besondere Aufmerksamkeit auf den
Umstand, dass sie nicht gegen Russland streite, sondern versuche, den Juden die Herrschaft über
ihre alte Heimat - Palästina - auf einem friedlichen Wege zuzuwenden.
Die Denkschrift.
Die Denkschrift lautet: "Was soll für die russischen Juden getan werden? Es wäre sowohl unklug
als auch nutzlos, Russland inbezug auf seine inneren Angelegenheiten etwas diktieren zu wollen.
Die Juden haben jahrhundertelang als Fremdlinge in Russland gewohnt, und Russland glaubt
völlig, dass die Juden eine Last für die Bezugsquellen und dem Wohle seiner Landbevölkerung
nachteilig sind, und man wird ihnen nicht gestatten zu bleiben. Russland ist entschlossen, dass
die Juden gehen müssen. Folglich müssen diese Aschkenasim (deutsche Juden) gleich wie die
Sephardim (spanischen Juden) auswandern. Doch wohin sollen 2 Millionen solcher armer Leute
gehen? Sollen sie nach Amerika kommen? Das wäre eine ungeheure Aufgabe und würde Jahre in
Anspruch nehmen.
"Warum ihnen nicht Palästina zurückgeben?
"Zu dem Zwecke ersuchen wir ehrfurchtsvoll Seine Exzellenz, Benjamin Harrison, Präsident der
Vereinigten Staaten, und J. G. Blaine, Staatssekretär, ihre guten Ämter und ihren Einfluss bei
den Regierungen ihrer kaiserlichen Majestäten Alexanders des Dritten, Zaren von Russland,
Viktoria, Königin von Groß-Britannien und Kaiserin von Indien, Wilhelms des Zweiten, Kaisers
von Deutschland, Franz Joseph, Kaisers von Österreich-Ungarn, Abdul Hamids des Zweiten,
Sultans der Türkei, Ihrer königlichen Majestät Marie Christine von Spanien, bei der Republik
Frankreich und den Regierungen Belgiens, Hollands, Dänemarks, Schwedens, Portugals,
Rumäniens, Serbiens, Bulgariens und Griechenlands zu gebrauchen, um sobald wie möglich die
Abhaltung einer internationalen Konferenz zu sichern, um die Lage der Israeliten und ihre
Ansprüche auf Palästina als ihre alte Heimat zu betrachten und in jeder gerechten und geeigneten
Weise die Linderung ihres leidenden Zustandes zu fördern."
(Die Denkschrift ist von hervorragenden Männern aller Berufsarten und
Glaubensgemeinschaften von Chicago, Boston, New York, Philadelphia, Baltimore und
Washington unterzeichnet.)
Wie aus dieser Denkschrift zu ersehen ist, hatte sich die Konferenz an den amerikanischen
Präsidenten Harrison gewandt, eine Einwanderung der Millionen jüdischer Osteuropa-
Emigranten nach den USA als »ungeheure Aufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen würde«,
abgelehnt und verlangt, die USA-Regierung solle diplomatisch und auf jede andere Weise dafür
sorgen, dass Palästina für die Juden geöffnet werde. Insbesondere sollten die USA politische
Schritte bei all den Regierungen unternehmen, die in der Palästinafrage zuständig waren bzw.
Druck ausüben konnten. Damit schlug dann im eigentlichen die schon erwähnte große Stunde für
die WTG. Ihr Präsident Russell wurde dazu ausersehen, die geforderte USA-Regierungsinitiative
durch eine abgestimmte lnformations- und Propagandaweltreise zu unterstützen. Eine
Hauptaufgabe bestand darin, Kontakt mit der südrussischen Zionistenbewegung des Joseph
Rabinowitsch aufzunehmen. Nach heutiger WTG-Darstellung unternahm Russell diese Weltreise
im Jahre 1891, »um das Bibelstudium außerhalb der Vereinigten Staaten und Kanada zu
fördern«. Der Kommentar in dem Buch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S. 32 (1960)
lautet dazu:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Wegen des zunehmenden Interesses entschloss man sich im Jahre 1891, dass Russell als
Präsident der Gesellschaft seine erste Reise ins Ausland unternehme um dieses Interesse zu
fördern und das Werk außerhalb der Vereinigten Staaten und Kanada auszudehnen. Seine Reise
sollte zwei Monate dauern.
Seine Reise führte ihn nach Russland und bis hinab in die Türkei und nach Ägypten, ehe er nach
New York weiterreiste.
Russell besuchte auf seiner Reise folgende Orte: Kopenhagen, Dänemark; Berlin und Leipzig,
Deutschland; Wien, Österreich; Kischinew, Russland; Konstantinopel, Türkei; Athen,
Griechenland; Jerusalem, Palästina; Kairo, Ägypten; wo er die Pyramiden besichtigte; Rom,
Italien; Bern, Schweiz; Paris, Frankreich; Brüssel, Belgien; Amsterdam, Holland; London und
Liverpool, England, wo Russell in jeder der beiden Städte zu 150 Personen sprach, ehe er nach
New York zurückkehrte. (w 1891, S. 95, 148). In bezug auf Russells persönliche Beobachtungen
über protestantische Missionen im Ausland siehe w 1892, S. 3-7; w 1891, S. 148."
Natürlich gehörte auch die Förderung des Interesses für die sonstige WTG-Tätigkeit zu Russells
Weltreiseaufgaben, war aber nicht der Hauptzweck. Das wird offenbar, wenn man vergleicht,
welche Länder und Regierungen in der Denkschrift der Chicago-Konferenz von 1891 für
politische Schritte der USA-Regierung vorgeschlagen wurden und welche Länder und
Regierungen Russell daraufhin besuchte. Man sieht, dass er genau die Länder bereiste, die in der
Chicago-Denkschrift genannt sind, und dass er schließlich im Zentrum des südrussischen
Zionismus, in Kitschinew, auftauchte. Russells Weltreise von 1891 stand daher in Wirklichkeit
im Zusammenhang mit den Forderungen der Chicago-Konferenz gleichen Jahres; sie war eine
Informations-, Beobachtungs- und Propagandareise im Interesse der Palästinapläne der im
Hintergrund stehenden Kreise des amerikanischen Finanzkapitals und ihres erwachten Interesses
für das »Heilige Land« im Orient.
Während von nun an im Rahmen der internationalen WTG-Verkündigung der Zionismus als
Gotteswerk popularisiert wurde, entsandte die WTG auch Vertreter, die an den zionistischen
Kongressen und Tagungen teilnahmen. So nahm laut »Wachtturm« Nr. 8 vom August 1914
(deutsch) als WTG-Beauftragter Otto Dathe, Leipzig, an der zionistischen Delegiertenkonferenz
vom 14. bis 16. Juni 1914 in Leipzig teil. Dathe schrieb anschließend im genannten
»Wachtturm«: »Jetzt können wir um so besser verstehen, wie unser himmlischer Vater die
Drangsal Jakobs zulässt, um allen Israeliten zu zeigen, dass er es ist, der sie in ihr Land
zurückbringt.« Nicht nur der Zionismus sollte demnach Gottes Werk sein, sondern auch die
Judenverfolgungen gehörten in Gottes Plan!
Der Zionismus als »Zeichen der Zeit des Endes« sollte den Zusammenbruch der
WTGEndzeitanschauungen
im Ersten Weltkrieg überleben. Er gehörte sogar zu den
»Endzeitbeweisen«, mit denen der Nachfolger Russells, J. F. Rutherford, die in Untätigkeit
versunkene Anhängerschaft nach dem Ersten Weltkrieg unter dem aufreizenden Schlagwort
»Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben!« aus ihrer Lethargie zu neuer
Aktivität für die WTG herausriss Dieser Feldzug dauerte bis etwa 1925. Das Hauptmittel war ein
Buch des WTG-Präsidenten Rutherford mit diesem »Millionen«-Schlagwort als Titel, das, in
vierzehn Sprachen verbreitet, zum ersten WTG-Schlager nach dem Kriege wurde. Das
aufreizende Titelblatt der seit 1920 verbreiteten zionistischen »Millionen«-Broschüre, deren
wirklicher Inhalt von der WTG heute weitgehend verschwiegen wird.
Zitat:
"Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben!!
Dieses Buch ist gewidmet den jetzt auf der Erde lebenden Menschen die sich sehnen nach Leben,
Freiheit und Glück
J. F. Rutherford
Veröffentlicht von der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher
124 Columbia Heights Brooklyn, New York, U. S. A.
Deutsche Korrespondenz adressiere man an die deutsche Abteilung, wie folgt:
Der Wacht Turm P. O. Box 122, Brooklyn, N. Y."
Seitenlang versucht man in diesem Buch zu beweisen, dass alles, was in dem neuen jüdischen
Staat errichtet wird, allein Gottes Werk sei, denn es sei eine endzeitliche Erfüllung des Propheten
Jesaja (65:21-23). Wie sehr die WTG dabei ihrer Phantasie die Zügel schießen lässt, mag
folgender Auszug aus dieser Jesaja-Deutung zeigen:
Zitat:
"Sie werden Häuser bauen."
In einer Sitzung des Exekutivausschusses des Zionistenbundes, die am 16. Februar 1920 in
London stattfand, machte Dr. Ruppin im Verlauf der Debatte den Vorschlag, eine große
Gesellschaft ins Leben zu rufen, die so schnell wie möglich damit beginnen solle, in Palästina
Häuser für Arbeiter zu bauen. Und sogar jetzt schon wird in verschiedenen Teilen Palästinas
eifrigst am Bau von Häusern gearbeitet, die so schnell wie möglich hergerichtet werden, um dem
fortwährenden Strom jüdischer Volksmassen, die nach dem Lande Palästinas zurückkehren, als
Heim zu dienen. Wiederum erkennen wir hierin die klare Erfüllung einer Prophezeiung, die vor
langen Zeiten in der Absicht geschrieben wurde, den Juden Hoffnung und Mut einzuflößen um
Glauben an die Verheißungen Gottes zu haben. Die jetzt in Palästina emporschießenden Häuser
dienen keiner gewinnbringenden Spekulation, noch auch werden die Unternehmer dieser
Häuserbauten die in ihnen wohnenden Juden bedrücken dürfen, sondern die Eigentümer, denen
diese Häuser zufallen, werden in
Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben
ihnen als in ihren eigenen Heimstätten wohnen, wie der Prophet des Herrn geweissagt hat."
Wie anders sah es indessen in der jüdischen Heimstatt Palästina aus. Man spekulierte mit
Häusern und Land; Trusts, Konzerne und Monopole entstanden oder setzten sich fest wie in
anderen kapitalistischen Ländern. Und die aus dem Untergrund entstehende zionistische Armee,
die Haganah, entwickelte sich zu einem äußerst rücksichtslosen Kriegsinstrument. Von dem Idyll
des Jesaja war in Palästina nie etwas vorhanden. Ungeachtet dessen stellt die WTG in ihrem
»Millionen«- Buch die Behauptung auf, die jüdischen Palästinabestrebungen seien ein
endgültiges »Zeichen der Zeit des Endes«:
Zitat:
"Millionen jetzt lebender Menschen werden niemals sterben
Somit stellt das Zeugnis der Schrift endgültig die Tatsache fest, dass Gottes Gunst zu den Juden
zurückgekehrt ist; dass die Parallele sich erfüllt hat; dass der Feigenbaum seine Blätter
hervorbringt, gemäß der Verheißung - was alles, wie Jesus sagte, am Ende des Zeitalters, am
Ende der Welt eintreffen werde."
Die zionistische Propaganda der WTG wurde von den herrschenden kapitalistischen Kreisen in
den USA sogar für so nützlich erachtet, dass sie ihr die Möglichkeit einräumten, sie auch über
den amerikanischen Rundfunk zu verbreiten. Als das Jahr 1925 herankam - für die WTG heute
ein Jahr unseligsten Gedankens -, fasste Rutherford seine zionistischen Rundfunkreden als »erste
unparteiische Darstellung dieser Frage vom Standpunkt der Heiligen Schrift» aus in einem Buch
unter dem Titel »Trost für die Juden« zusammen. Man lese das Vorwort dieses Buches:
Zitat:
"TROST FÜR DIE JUDEN
Vorwort der Herausgeber.
Der Wiederaufbau Palästinas nimmt die Aufmerksamkeit der Juden auf der ganzen Erde in
Anspruch. Einige Weltmächte unterstützen dem äußeren Anschein nach diese Bewegung, aber
offenbar nur aus selbstsüchtigen Gründen.
R i c h t e r R u t h e r f o r d , der in der ganzen Welt als uneigennütziger Freund des jüdischen
Volkes bekannt ist, unterstützt den Anspruch der Juden auf das heilige Land in tatkräftiger
Weise. Er ist gegen die sogenannte Bekehrung der Juden und vertritt die Ansicht, dass sie nicht
nur verkehrt, sondern sogar schriftwidrig ist. Seine vor großen Versammlungen gehaltenen
Vorträge über das Thema "Rückkehr der Juden nach Palästina", die auch durch Radiovorträge
über die ganze Welt gefunkt wurden, haben reges Interesse wachgerufen.
Dauernde Nachfrage nach den Vorträgen veranlassten ihn, sie in erweiterter Form als Buch
erscheinen zu lassen. Dieses Buch ist für Juden und Nicht-Juden von großem Interesse. Es gibt
die unparteiische Darstellung dieser Frage vom Standpunkte der Heiligen Schrift, die je gedruckt
wurde.
Die Herausgeber veröffentlichen dieses Buch in der Zuversicht, dass es viel Gutes stiften wird.
Oktober 1925.
Die Herausgeber.
Von J. F. Rutherford
Verfasser von DIE HARFE GOTTES MILLIONEN JETZT LEBENDER WERDEN NIEMALS
STERBEN."
Als dann im Frühjahr 1925 von den Zionisten und ihren finanzkapitalistischen Förderern die
erste Dampferlinie von New York nach Palästina eröffnet wurde, gehörte WTG-Präsident
Rutherford zu den 350 prominenten Passagieren, die das Vorrecht erhielten, an der
Eröffnungsfahrt teilzunehmen. Man lese die Ausführungen Rutherfords hierüber in seinem Buch
»Trost für die Juden«, S. 70, 71:
Zitat:
" 70 Trost für die Juden
Im Anfang des Frühjahrs 1925 nahm eine von den Juden der Stadt New York eingerichtete
Dampferlinie mit einer direkten Route zwischen New York und Palästina den Verkehr auf. Die
erste Reise wurde von dem Dampfer "President Arthur" gemacht, der am 12. März 1925 den
Hafen von New York verließ. Schätzungsweise waren mehr als 125 000 Juden am Dock
versammelt, um denen, die die erste Reise unternahmen, ein Lebewohl zuzurufen. Es war für
mich auf diesem Schiffe eine Kabine reserviert worden, und da ich bereits früher zweimal in
Palästina war, so freute ich mich darauf, wiederum das Land zu besuchen und die inzwischen
gemachten Fortschritte näher zu betrachten. Umstände machten es indessen unmöglich für mich,
diese Reise anzutreten, und ich ersuchte Herrn A. H. Macmillan von New York, diese Reise für
mich zu unternehmen. Er tat dies, und ich führe aus dem von Herrn Macmillan gegebenen
Bericht folgendes an:
Am Mittag des 31. März 1925 sichtete der Dampfer "President Arthur" den Hafen, in dem wir
landeten. Das Schiff hatte etwa 350 Passagiere, die fast alle Juden waren.
Am Sonntag, den 1. April 1925, wurde die Universität eingeweiht.
Herr Macmillan berichtet weiter:
Um drei Uhr nachmittags begann die Einweihungsfeier an der östlichen Seite des Berges Scopus.
Innerhalb der Einfriedung waren die etwa für 8 000 Personen vorgesehenen Sitze besetzt, und
Tausende standen noch außerhalb an günstig gelegenen Punkten. Die hervorragenden
Persönlichkeiten auf der Tribüne waren Lord Balfour, Sir Herbert Samuel, General Allenby, Dr.
Weizmann, Dr. Magnus, Oberst Kisch, Dr. Ruppin, Dr. Levy und andere.
Wir besuchten darauf Rishon le Zion. Diese Niederlassung wurde vor verschiedenen Jahren von
Baron Edmund Rothschild gegründet."
Aus diesen Aufzeichnungen Rutherfords ist ersichtlich, welch enge persönlichen Beziehungen
zwischen ihm als WTG-Präsident und den großkapitalistischen Zionistenführern in New York
bestanden, so dass sie ihn als einen der wenigen Nichtjuden zur Eröffnung der zionistischen
Dampferlinie New York-Palästina, zur Einweihung der ersten Universität und zur Besichtigung
der Rothschild-Gründungen in Palästina hinzuzogen. Der Vertreter Rutherfords in dieser Sache,
A. H. Macmillan, gehörte ebenfalls (bis 1964) zum WTG-Direktorium. (Jahrbuch der Zeugen
Jehovas 1964, S. 77. Sonderdienstliste. Diese Liste ist seither aus den Jahrbüchern entfernt um
eine öffentliche Kontrolle der leitenden WTG-Mitarbeiter zu verhindern).
Die Ursache dafür, dass es zu jenem Höhepunkt von 1925 im Einsatz der WTG für den
Zionismus kam, war selbstverständlich nicht der »himmlische Vater« oder ähnliches. Es waren
eher die Anzeichen für neue Judenverfolgungen. Mitte der zwanziger Jahre, besonders in Polen,
und die dadurch ausgelöste vierte Palästina-Einwanderungswelle.
Die letzte psychologische Kampagne der WTG für den politischen Zionismus begann 1929 mit
dem Buch »Leben«, das in weiten Passagen sogar wörtlich nur eine Wiedergabe des Inhalts von
»Trost für die Juden« (1925) war. »Leben« wurde wieder als »unfehlbarer Beweis« propagiert.
Man sehe sich den wesentlichen Inhalt dieser »unfehlbaren Beweise« näher an, die diesmal in
einer Auslegung der alttestamentlichen Weissagungen des Propheten Hesekiel über ein »Tal der
verdorrten Gebeine« (Kapitel 37, S. 156, 177, 178) bestehen:
Zitat:
"Leben
Der unfehlbare Beweis aus dem Worte des Schöpfers, dass er für den Menschen den Weg schuf,
sich ewiges Lebens auf Erden zu erfreuen, und dass die Erde in ein Paradies verwandelt werden
wird
Von J. F. Rutherford
Organisierung des Zionismus
Bevor die zionistische Organisation wirksam tätig sein konnte, musste sie tatkräftige Männer und
Geld haben, im Bilde dargestellt durch das Fleisch und die Sehen; sie musste ferner in den
Augen der Juden der Welt ein richtiges und anziehendes Ansehen bekommen. Niemand weiß
besser, als die Zionisten selbst, wie schwer sie kämpfen mussten um andre in ihre Reihen zu
bringen und dafür zu wirken, die Bewegung zum Wiederaufbau Palästinas in wirksamer Weise
öffentlich bekanntzumachen und so den Zionismus in den Augen des jüdischen Volkes
anziehend und wohlgefällig zu machen.
Daher stellt das Zusammenbringen der Gebeine passenderweise die Bildung des Gerippes einer
Organisation dar.
Man beachte nun die tatsächlichen Geschehnisse und wie sie die Erfüllung dieser Prophezeiung
beweisen.
Herzl sagte: "Die Judennot" war "die treibende Kraft" zum Entwurf des Zionismus-Planes. Der
Lärm und die Aufrüttelung durch die Verfolgungen und Verhetzungen veranlassten die Gebeine
oder die Juden, zusammenzurücken und das Gerippe einer die Heimkehr nach Palästina und die
Wiederherstellung ihres Heimatlandes bezweckenden Organisation zu bilden. Ein menschliches
Skelett besteht aus 206 Knochen. Der Zionismus wurde im Jahre 1897 in Basel, Schweiz, zu
einer Körperschaft organisiert; und an jenem Kongress der die Organisation vollendete, waren
genau 206 Delegierte anwesend, genau die Zahl wie die Zahl der Knochen des
Menschenskelettes. Das war kein bloßer Zufall, sondern eine augenscheinlich von dem Herrn
angeordnete Tatsache, und zeigt, dass der Herr auch die kleinsten Dinge in Verbindung mit der
Wiederherstellung der Juden und ihrer Wiederbringung zu Gott überwaltet. Das sollte die
Hoffnung der Juden beleben und ihnen Trost bringen."
Das Buch »Leben« war von Rutherford direkt zur Beeinflussung der Juden für den Zionismus
geschrieben worden, wie die Einleitung, eine Diskussion mit einem Juden, veranschaulicht und
im »Wachtturm« vom 1. April 1966, S. 214, bestätigt wird.

Transaktionen mit dem amerikanischen Großkapital


Alle im WTG-Buch »Leben« von 1929 und in den sonstigen »Wachtturm«schriften bisher
dargelegten »Beweise«, dass der Zionismus von Jehova bis ins kleinste »überwaltet« wird, d. h.
ein Gotteswerk ist, mussten 1932 von der WTG selbst als Betrug bezeichnet werden. Die WTG
musste die psychologische Unterstützung für den politischen Zionismus aufgeben, was zur Folge
hatte, dass auch die entsprechenden Endzeitversionen wieder geändert wurden.
Selbstverständlich wurde den Anhängern auch das als »von Jehova gelehrt« serviert (»Der
Wachtturm« vom 15. Juli 1955):
Zitat:
"15. Juli 1955 Der WACHTTURM
Die Wiederherstellung der echten Anbetung des lebendigen Gottes im Jahre 1919 bedeutete nicht
den Versammeln großer Mengen gebürtiger oder natürlicher "orthodoxer" Juden in ein
sogenanntes "Heiliges Land" (Palästina) unter dem Schlagwort "Zionismus" (Joh. 4: 21-23) In
der Tat. in bezug auf ein so lange erwartetes und allgemein bekanntgemachtes Ereignis
erkannten die ernsten Erforscher der Bibel im Jahr 1932, dass es nicht Jehovas Weg, sondern nur
der Weg sich selbst dienender Menschen ist, die auf schlaue Weise zu menschlichen Zwecken
und Vorteilen zur Tat aufgerüttelt worden sind. Durch die Veröffentlichung von Band 2 des
Buches Rechtfertigung in jenem Jahre erkannten Jehovas, dass eine solche "Zurück -nach-
Palästina"-Bewegung vom Geiste des Erzfeindes Jehovas in die Wege geleitet wurde, von Satan,
der die ganze bewohnte Erde betrogen hat."
Demnach hätte Satan, der Teufel, die Zeugen Jehovas, die Juden und die Weltöffentlichkeit 40
Jahre lang durch die WTG mit dem politischen Zionismus betrogen. Die Purzelbäume der WTG
sind wahrlich grotesk, sie spielt in der Tat auf der Bibel die widersprechendsten Lieder.
Wichtiger ist indessen, auch in dieser Sache hinter die Kulissen zu schauen.
Wie für die Entstehung der WTG-Zionismuspropaganda, so war auch für deren Liquidierung
1932 das Interesse kapitalistischer Kreise in den USA ausschlaggebend. Offensichtlich war
hierin ein Wandel eingetreten. Seit 1929 wurde das kapitalistische Wirtschaftssystem von einer
von den USA ausgehenden internationalen Krise erfasst, bekannt als die Weltwirtschaftskrise
von 1929 bis 1932. Deutschland wurde besonders in Mitleidenschaft gezogen, da die deutsche
Wirtschaft durch amerikanischen Kapitalexport seit 1923 eng mit dem USA-Finanzkapital
verflochten war. Fünf Milliarden Dollar waren durch die Krise eingefroren. Fabriken und
Banken machten Konkurs und brachen zusammen.
Die Arbeitslosigkeit nahm ungeheure Ausmaße an. Erwerbslose führten unter der Leitung der
Arbeiterparteien Massendemonstrationen durch, Hunderttausende von Arbeitern streikten.
Auch die WTG blieb nicht verschont. Das Leipziger Bankhaus Kölbel & Levy, das für sie in
Deutschland arbeitete, geriet ebenfalls in den Strudel des allgemeinen Zusammenbruchs, wobei
die WTG ihr gesamtes dort deponiertes amerikanisches Kapital verlor. Die Wirtschaftskrise
schlug schnell in eine politische Krise um. Die revolutionäre Arbeiterbewegung trat auf den
Plan. Jetzt sahen die herrschenden Kreise des amerikanischen und die mit ihnen liierten Kreise
des deutschen Finanzkapitals keinen anderen Ausweg mehr, als die Lage radikal zu ihren
Gunsten zu ändern. Sie setzten auf den seit 1923 in Deutschland zur Macht strebenden
antisemitischen Hitlerfaschismus.
Zu den Finanzkapitalisten, die nun den Nazis in den Sattel halfen, gehörte auch die
deutschamerikanische
Gruppe Hirsch, Rothschild, Kühn, Loeb, Warburg, Rockefeller. Die Rettung des
kapitalistischen Systems durch die einzig hierfür noch brauchbare Kraft in Mitteleuropa, den
judenfeindlichen Hitlerfaschismus, schien den zum Teil selbst jüdischen deutsch-amerikanischen
Finanzkapitalisten wichtiger als alles andere, auch wichtiger als eine weitere Förderung des
zionistischen Werkes in Europa bzw. Deutschland. Im höheren Interesse der Erhaltung des
Kapitalismus räumte man daher der Hitlerbewegung auch den zionistischen Stein des Anstoßes
aus dem Wege. Reinhard gibt in seinem Buch »Spanischer Sommer« (Affoltern, Schweiz, 1948,
S. 174) einen anschaulichen Bericht:
Zitat:
"Die amerikanische Finanzierung Hitlers
Es war im Juli 1929 als unter den Bankiers von Wallstreet eine beklemmende Stimmung Einzug
zu halten begann. Zwar lief die Spekulation in Amerika noch auf Hochtouren und nur Paul M.
Warburg erhob warnend seine Stimme, als müsse dieser besinnungslose Tanz um das goldene
Kalb ein drastisches Ende nehmen. Unter der Führung des Leiters der Guaranty Trust Company,
Mr. Carter fanden sich die Direktoren der fünf Federal Reservebanken zu einer Besprechung ein,
bei welcher auch Rockefeller Junior und Mc. Glean als Vertreter der Oelinteressen teilnahmen.
Selbst den Magnaten der Hochfinanz erschien die Lage bedrohlich, als sich ergab, dass über 5
Milliarden Dollars von 8 ½ Milliarden, die in Mitteleuropa investiert waren, eingefroren waren
und weder Zinsen noch Abzahlungen eintrugen.
Die Finanzleute waren sich darüber einig, dass eine Aenderung auf politischem Gebiet
herbeigeführt werden müsse, nachdem sich die wirtschaftliche und finanzielle Möglichkeit dafür
nicht mehr ergab. es erhob sich die Notwendigkeit, in Deutschland einen Mann zu finden, der
imstande war, der revolutionären Entwicklung des Bolschewismus zuvorzukommen und eine
nationale Politik zu betreiben, welche auf Frankreich beängstigend wirken sollte.
Mit allerhöchsten Empfehlungen ausgestattet, reiste Warburg nach Deutschland. Er traf sich bald
darauf mit Hitler in München.
Es dauerte nicht lange, bis Warburg auf seinen Kabelbericht die Ermächtigung bekam, Hitler
zunächst 15 Millionen Dollar, also 60 Millionen Mark auszuhändigen. Die Transaktion vollzog
sich in Amsterdam.
Warburgs Nachrichten waren ermunternd und Hitler bekam noch einmal eine saftige Zulage von
10 Millionen Dollars, welche die geheimen Zuwendungen aus dem Rheinisch-westfälischen
Syndikat ergänzten. Die Rhenania in Düsseldorf vermittelte ihm dazu auch die Beiträge des
holländischen Oelmagnaten Deterding, der es den Russen übel genommen hatte, dass sie ihm die
Oelquellen von Baku vorenthielten.
Ueberweisung der letzten Summe von sieben Millionen Dollars.
Warburg ließ diesmal das Geld an die Rhenania nach Düsseldorf kommen, wo es an Dr.
Goebbels ausbezahlt wurde.
Eine wachsende Beunruhigung muss die Brüder Warburg ergriffen haben, als die Saat ihrer
"deutschen Unternehmung" aufzugehen begann. Die auf Seite der Allierten wirkenden
Verwandten versuchten, den überlauten Eifer der zionistischen Feinde Hitlers möglichst zu
dämpfen und ein amerikanischer Rabbi, Morris Lazaron, aus Baltimore, griff im Auftrag der
Warburgfamilie vermittelnd ein, um vor allem die unbändige Hetze des wortgewaltigen Rabbi
Stephan S. Wise, der an der Spitze aller nazifeindlichen Organisationen in Amerika stand und
mächtige Entrüstungswellen gegen die Deutschen entfesselte, abzustoppen, damit das Werk Max
M. Warburgs in Deutschland nicht gefährdet und er selber durch vorzeitige Enthüllung seiner
geheimen Mission den Nationalsozialisten ausgeliefert würde."
In seinen Memoiren »erinnert« sich Warburg dieser Zeit mit der Bemerkung, er müsse gestehen;
dass er im Jahre 1933 die Folgen des faschistischen Umsturzes auch nicht im mindesten
übersehen habe. Er habe nicht daran geglaubt, dass Hitler zum Alleinherrscher Deutschlands
werden könne. (Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer
Republik, S. 20. Wissenschaftliche Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts, J. C. B. Mohr,
Tübingen 1966).
Dieser politische Kurswechsel des internationalen Finanzkapitals mit dem Ziel, den Antisemiten
Hitler an die Macht zu bringen, war der politische Hintergrund, der auch die WTG zwang, ihre
zionistische Verkündigung abzustoppen und damit überhaupt abzubrechen. Während die Zeugen
Jehovas in aller Welt noch die »unfehlbaren Beweise« für die »göttliche Überwaltung« des
Zionismus von Haus zu Haus trugen, schön in rotes Kaliko gebunden, brütete WTG-Präsident
Rutherford unter dem Druck der gesellschaftspolitischen Veränderungen über seiner
»Rechtfertigung« für die bevorstehende Liquidierung des psychologischen WTG-Einsatzes für
den Zionismus. 1932 war es vollbracht. Zur gleichen Zeit, als Warburgs Dollars in Hitlers
Taschen rollten, konnte die WTG ihren Anhängern in Gestalt von drei Büchern
(»Rechtfertigung«, 1931 und 1932) die neue Orientierung in die Hand drücken, natürlich wieder
»vom Standpunkt der Schrift« aus, wonach der Zionismus nun Teufelswerk war. Daran konnten
sich die Nazis nicht mehr stoßen.
Verständlicherweise vollzog die WTG diese Wandlung ihrer sogenannten Endzeit-
Beweisführung nicht freiwillig, denn die Sache war schließlich ein riesiges geistiges und
materielles Verlustgeschäft. Nicht nur barg das die Gefahr einer Erschütterung der
Glaubwürdigkeit der WTG-Führung in sich. Die millionenfach verbreiteten Bücher »Leben«
waren angesichts dieser radikalen Wandlung keinen Pfifferling mehr wert. Man konnte sie nur
noch einstampfen. Die Sache war also ärgerlich genug. Die Folgen müssen schwerwiegende
interne Auseinandersetzungen in der WTG-Führung über die Verbindungen mit dem
amerikanischen Großkapital gewesen sein, denn Rutherford sah sich gezwungen, in seiner
»Rechtfertigung« darüber zu sprechen. Faktisch bestätigte er dabei das gesamte bisherige
Zusammenspiel der WTG-Führung mit dem deutsch-amerikanischen Finanzkapital. Man lese die
etwas religiös verklausulierten Äußerungen Rutherfords in Band 2 der »Rechtfertigung«, S. 74,
75, 126, 127:
Zitat:
Rechtfertigung
Der Name und das Wort des ewigen Gottes bewahrheitet und gerechtfertigt durch
Hesekiels Prophezeiung
offenbarend, was eilends über die Nationen kommen muss.
Kommentare von J. F. Rutherford
Etliche der Gottgeweihten in der Gegenwart sind durch ihre Geldinteressen in Transaktionen mit
dem Großgeschäft hineingezogen worden, was für die, die nach dem Wohlgefallen des Herrn
trachten, in geistlicher Hinsicht stets nachteilig ist.
Die Gott lieben, werden sich nun vom Großgeschäft fernhalten, sich ausschließlich dem
Königreich widmen und nur dieses "eine" tun.
Wer mit dem Herrn einen Bund eingegangen ist, dann aber diesen Bund vernachlässigt und im
Großgeschäft verwickelt wird, wird mehr Ursache zum Weinen und Wehklagen haben als die
weltlichen Kaufleute.
Jehova hat niemals seinen Segen zu irgendeinem Versuch seines Volkes gegeben, die Methoden
des Großgeschäfts anzuwenden um Geld für sein Zeugniswerk zu gewinnen.
Zur bestimmten Zeit wird Jehova auch diese Männer des Großgeschäfts davon überzeugen, dass
er sein Werk ohne sie ausführen kann;
Niemand vom Volke Gottes darf sich auf irgendein Geschöpf der Organisation Satans stützen.
Diese Lektion muss sowohl dem Großgeschäft als auch denen, die Gottes Volk zu sein erklären,
beigebracht werden. Jehovas Zeugen haben durch die Gnade des Herrn diese Lektion gelernt.
Der Herr ruft sein Volk aus den kommerziellen Berufen heraus und ladet es ein, in den Dienst
der Veröffentlichung seines großen Namens und der Verkündigung von seinem Königreich
einzutreten.
Wir dachten einmal, der Herr würde vielleicht die Herzen einiger weltlich Reichen berühren, und
sie würden eine Menge Geld beisteuern und so die finanzielle Kraft zur Ausbreitung seiner
Botschaft der Wahrheit mächtig vergrößern. Nun aber sieht Gottes Volk, dass eine solche
Erwartung unrichtig war."
Allgemein muss man zu diesen Äußerungen Rutherfords sagen, dass sie ausgewählte
Formulierungen zur Verdunkelung des Sachverhalts um die Transaktionen der WTG mit dem
Finanzkapital darstellen. Dass er überhaupt diese Äußerungen machte, zeugt davon, wie bedrängt
die WTG in jener Zeit war. Rutherford tut so, als ob es allein darauf ankomme, die
Anhängerschaft, ob jener Transaktionen zu ermahnen, zu rügen und zu kritisieren. Das ist jedoch
nichts anderes als Demagogie. Die einfachen Anhänger brauchten nie überzeugt zu werden, dass
sie sich nicht auf das Großkapital stützen dürfen, gehörten sie doch in der Regel zu den
unbemittelten Kreisen, zu den Ärmsten im Volke, die kaum mehr als ihr Scherflein an Geld zur
Verfügung hatten. Rutherford praktiziert hier die üble Methode, »Haltet den Dieb!« zu schreien,
während es in Wahrheit allein die WTG-Führung selbst ist, um die es hier geht. Es sollen nun die
einzelnen Geständnisse Rutherfords beleuchtet werden.
Rutherford gibt zu, dass die WTG »durch ihre Geldinteressen in Transaktionen mit dem
Großgeschäft hineingezogen« wurde. Wenn er sagt, man »werde sich nun vom Großgeschäft
fernhalten«, so ist damit bewiesen, dass man sich bisher nicht davon ferngehalten, sondern mit
ihm zusammengearbeitet hatte. Wenn er weiter sagt, Jehova habe keinen Segen dazu gegeben,
durch »Methoden des Großgeschäfts Geld zu gewinnen«, so ist das nur eine religiöse
Umschreibung dessen, dass die finanzielle Zusammenarbeit mit dem Großkapital nunmehr
zusammengebrochen war. Auch die Äußerung, Jehova würde die Männer des Großgeschäfts,
also die Finanzkapitalisten, überzeugen, dass er »sein Werk« - gemeint ist das WTGUnternehmen
- »ohne sie ausfahren kann«, beweist, dass das WTG-Werk bisher mit den Geldern
dieser Kapitalisten durchgeführt wurde. Das gleiche besagen auch Rutherfords Worte: »Der Herr
ruft sein Volk« - gemeint sind die Zeugen Jehovas - »aus den kommerziellen Berufen heraus«.
Das müsste richtiger heißen, die WTG muss ihre bisherigen Kapitalverbindungen aufgeben, denn
die einfachen Anhänger, auf die Rutherford hier geschickt ablenkt sind nie in solche Dinge
verwickelt gewesen. Ihnen wurde nicht einmal gesagt, dass solche Verbindungen bestehen, die
nun mit dem Zionismus-Debakel zum Vorschein kamen. Eine demagogische Verdrehung des
Sachverhalts ist es schließlich, wenn Rutherford behauptet, »wir dachten einmal, die Reichen . . .
würden eine Menge Geld beisteuern und so die finanzielle Kraft« der WTG darstellen, wo er
doch zuvor bemerkt hatte, man werde sich »nun vom Großgeschäft fernhalten«, und weiter: »n u
n aber sieht Gottes Volk« - gemeint sind die WTG-Anhänger »dass solche Erwartung unrichtig
war«. Vorher waren diese Erwartungen also nicht unrichtig, sondern sie wurden erfüllt, die
Reichen haben Geld beigesteuert. Erst von nun an sollten sie überzeugt werden, »dass Jehova
sein Werk ohne sie ausfahren kann«. Damit kann als erwiesen und von der WTG selbst bestätigt
angesehen werden, dass sie bis zum Zeitpunkt der Liquidierung ihrer zionistischen Propaganda
um 1932 mit bestimmten Kreisen des Finanzkapitals finanziell zusammengearbeitet hat.
Dass auch heute noch WTG-fremde Gönner oder Geldgeber im Hintergrund stehen die man
anonym hält, beweist die Erklärung der WTG in Form eines Zwiegesprächs im »Wachtturm«
vom 1. Juli 1962, Wiesbaden.
Zitat:
"Wer trägt die Kosten?
WOHER DAS GELD KOMMT
ZEUGE: Es ist kein Geheimnis, wie die, Watch Tower Society, Jehovas Zeugen als juristische
Person dient zu ihrem Geld kommt. Wäre sie ein geschäftliches Unternehmen, stiege die Frage,
wie sie finanziert wird, gar nicht auf. Da sie aber eine gemeinnützige Organisation ist und nicht
wie die Kirchen der Christenheit durch Kollekten oder Zehntenabgabe zu ihrem Geld kommt,
hört man immer wieder die Frage: Wie kommt die Gesellschaft zu ihrem Geld? Wie wird sie
unterstützt?
WOHNUNGSINHABER: Ja, woher erhält sie nun das nötige Geld?
ZEUGE: Von Personen, die es freiwillig, ungezwungen und unaufgefordert spenden. Sie tragen
zur Unterstützung des Werkes bei, wie es ihnen ihre Verhältnisse erlauben.
WOHNUNGSINHABER: Wer sind diese Spender?
ZEUGE: Größtenteils Zeugen Jehovas,"
Diese Erklärung ist in Wirklichkeit eine geschickte Irreführung und Täuschung darüber, woher
das Geld der WTG kommt, denn Zeugen Jehovas sollen nur »größtenteils« die Spender sein. Der
andere Teil der Geldgeber wird nicht genannt. Was in dieser Frage noch festzustellen bleibt, ist,
in welchen Kreisen des Großkapitals jene Geldgeber namentlich zu suchen sind, von denen
Präsident Rutherford sprach. Er gab eine Finanzierung durch das »Großgeschäft« zwar zu,
erwähnte aber keine Namen. Wenn man der Logik der Tatsachen und Zusammenhänge folgt, die
bisher dargelegt wurden, so ist eigentlich schon ersichtlich, um, welche Kapitalistenkreise es sich
allein handeln kann. Es kommen jene in Frage, die hinter dem politischen Zionismus gestanden
haben bzw. stehen, nämlich die Gruppe Rothschild, Hirsch, Warburg, Kuhn, Loeb und
Rockefeller. Man findet das von einer ganz anderen Seite her bestätigt. Indes hat die Sache eine
kleine Vorgeschichte, die hier berichtet werden muss.
Seitdem die Öffentlichkeitsarbeit der WTG nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland wieder
angelaufen war, erhob sich alsbald die Frage nach der Finanzierung dieser Tätigkeit. Angelpunkt
wurden die kostspieligen Gratisveranstaltungen für die Öffentlichkeit, sowie die gleichfalls
kostspielige Gratisverteilung großer Mengen WTG-Literatur. Vor allem führende Kreise der
katholischen Kirche in Südwestdeutschland warfen diese Frage auf, war doch die
WTGVerkündigung
nicht nur antikommunistisch und zionistisch, sondern auch in schärfster Form
antikatholisch ausgerichtet. In den Auseinandersetzungen, die damals zwischen der WTG und
jenen katholischen Kreisen geführt wurden, kamen die Dinge schließlich ans Licht.
Eine der katholischen Enthüllungen stand in Verbindung mit einem sogenannten
Freimaurerbrief. Am 18. Mai 1923 veröffentlichte die katholische Zeitung »Der Morgen« in
Olten, Schweiz, den Brief eines deutschen Freimaurers namens von Bomsdorff-Bergen. Der
Brief besagte u. a., die WTG erhalte in den USA auf indirektem Wege viel Geld von
Freimaurern. Als Grund hierfür wurde angegeben, dass der antikatholische Kampf der WTG den
Zielen der Freimaurer dienlich sei, die ebenfalls den Katholizismus bekämpften. (Die Freimaurer
sind ein internationaler Männerbund im Interesse des privatkapitalistischen Besitzbürgertums mit
religiöser Grundhaltung).
Die WTG setzte alle Mittel ein, diesen Brief als ein Lügendokument zu erklären, und führte
verschiedene Prozesse gegen Personen, die es wagten, darauf öffentlich Bezug zu nehmen.
Angeblich ist dieser Brief jedoch bei einem ersten Vergleich der WTG ausgehändigt worden, so
das niemand mehr gegen sie Beweis führen konnte.
Wie die wirklichen Zusammenhänge zeigen, zielten die katholischen Enthüllungen jedoch am
Kern der Sache vorbei, denn das Freimaurertum war keineswegs Haupttriebkraft hinter der
WTG, obwohl es mit im Spiel gewesen sein mag, war doch USA-Präsident Warren G. Harding,
in dessen Amtszeit die Aktivierung der WTG seit 1921 fiel, selbst Freimaurer. Er gehörte seit
1901 der amerikanischen Marion-Freimaurerloge Nr. 70 an. (Vereinigte Großloge. Nr. 4/5.
Frankfurt (Main) 1956/57, S. 102.)
Zudem muss man hier auch die enge Verbindung Rutherfords zu amerikanischen
Regierungsmitgliedern sehen. Und schließlich hatte sich die WTG nach der Gründungsurkunde
von 1884 das Recht vorbehalten, »alle Arten persönlichen Eigentums oder Gelder
entgegenzunehmen«. Das schloss Freimaurergelder nicht aus. Nichtsdestoweniger bleibt diese
Schlussfolgerung eine Annahme.
Anders ist es mit den Feststellungen, die sich auf Grund der Nachforschungen des katholischen
Publizisten Fritz Schlegel ergaben, die 1922 unter Kontrolle des Erzbischöflichen Ordinariats
Freiburg der katholischen Kirche Deutschlands veröffentlicht wurden mit dem Titel »Die
Wahrheit über die Ernsten Bibelforscher«. Schlegel stellte fest:
Zitat:
"Fritz Schlegel.
"Jüdischen Bankaus Hirsch in Newyork".
"Von diesem Bankhaus wird die ganze I. V. E. B. (Internationale Vereinigung Ernster
Bibelforscher) mit den reichsten Geldmitteln versorgt.
Erzbischöfliches Ordinariat. Nr. 13 868.
Freiburg i. B., 1. Dez. 1922.
1922 Druck u. Verlag Wilh. Eckmann Kehl."
Bei dem hier als Geldgeber der WTG festgestellten New Yorker Bankhaus Hirsch handelt es sich
um jenen Kapitalisten, den WTG-Präsident Russell im Band 2 der »Schriftstudien«, S. 256, mit
den »Montefior-, Hirsch- und Rothschild-Kapitalien« als Finanzmacht hinter dem Zionismus
nannte. Es war derselbe Baron und Bankier Hirsch, der seinerzeit die zionistische Emigration aus
Südrussland organisierte, wobei Russell anlässlich seiner ersten Weltreise 1891 schon eine Rolle
spielte. Hirsch war, wie schon gezeigt, verbunden mit Rothschild, Kuhn, Loeb, Warburg und
Rockefeller. Damit sind jene Finanzkapitalisten aus dem amerikanischen Großgeschäft genannt,
deren Namen WTG-Präsident Rutherford 1932 in dem Eingeständnis, dass die WTG vom
amerikanischen Großkapital finanziert wurde, verschwieg. Die WTG versuchte erst gar nicht,
gegen diese Enthüllungen ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Spricht die Wahrheit gegen sie, so
ist es ihr Prinzip, die Dinge ihrerseits einfach totzuschweigen.
Zusammengefasst lässt sich nun folgendes sagen: Wenn die WTG rund vierzig Jahre lang neben
ihrem ständigen Antikommunismus die zionistische Bewegung der jüdischen Großbourgeoisie
unterstützte und als sogenanntes »Zeichen der Zeit des Endes« propagierte, so ist das auf Grund
der festgestellten Beziehungen der WTG zu den Finanzkapitalisten hinter dem Zionismus
Ausdruck der Tatsache, dass die WTG von diesen Finanzkreisen für ihre politischen Ziele
gekauft worden ist. Auf diese Weise hat die WTG in großem Maße dazu beigetragen, dass die
Zionisten in Palästina ihre selbstmörderische Aggressivität entfalten konnten, die sich u. a. in den
antiarabischen Eroberungskriegen der unversöhnlichen Führungskreise der Zionisten Israels
1948, 1956 und 1967 ausdrückt. Die WTG hat damit auch eine große historische Kriegsschuld
auf sich geladen.
Die Nazis verdrehten in ihrer verbrecherischen antisemitischen Ideologie mit einem mysteriösen
»Weltjudentum« oder »Alljuda« als Popanz die Tatsache des Einsatzes der WTG für den
Zionismus - was nichts mit einem Bekenntnis zu Judentum oder jüdischer Religion zu tun hatte,
sondern politischen Zwecken diente - zu der Anklage, die WTG-Anhänger oder Zeugen Jehovas
seien »Bolschewiken des internationalen Judentums« und stünden im »Kampf um die Errichtung
einer jüdischen Weltherrschaft«, und zu ähnlichem, für die WTG aber gefährlichem Unsinn.
Dadurch verfiel die WTG jedoch in das Extrem, nach der Liquidierung ihrer zionistischen
Tätigkeit auf die antisemitischen Positionen der Nazis überzugehen Es war der Versuch, durch
einen ideologischen Kompromiss die nazistische Gefahr für die WTG abzuwenden.
Mit der Abkehr vom politischen Zionismus war jedoch keine Abkehr, kein grundsätzliches
Freiwerden der WTG von der politischen Unterordnung unter die Ziele des amerikanischen
Imperialismus Oberhaupt vollzogen. Man hatte die WTG lediglich auf den neuen und
profaschistischen Kurs in der amerikanischen Deutschland- bzw. Europapolitik zu Beginn der
dreißiger Jahre gezwungen.
Die Verbindung mit dem amerikanischen Großkapital wird durch den Nachfolger Rutherfords,
N. H. Knorr, fortgesetzt, so dass die politische Linie der WTG gesichert bleibt. Wer ist Nathan
Homer Knorr? Ursprünglich war er dazu bestimmt, als Großkaufmann in das
finanzkapitalistische Großgeschäft der USA einzusteigen, wie er selbst 1961 einem Hamburger
»Bildzeitungs«-Korrespondenten erklärte:
Zitat:
"Seite 4 BILD Hamburg, 22. Juli 1961
Nummer 1 beim Zeugen-Kongress
von Janos Bardi
Hamburg, 22. Juli
Der internationale Kongress der Zeugen Jehovas im Stadtpark geht seinem Ende und einem
weiteren Höhepunkt entgegen.
BILD unterhielt sich mit dem "Chef" der Zeugen Jehovas, einem Amerikaner, der die
biblischklassischen
Vornamen Nathan-Homer und den echt deutschen Nachnamen Knorr hat.
Nathan-Homer Knorr (56) und seine Frau Audrey, die ihn auf seinen Reisen immer begleitet,
widmeten ihr Leben dem Gedanken, der die Zeugen Jehovas erfüllt.
Als 18-jähriger wollte er noch Großkaufmann werden."
Diese Berufspläne wurden jedoch, abgebrochen und er stieg als Achtzehnjähriger 1923 nicht in
das kapitalistische Großgeschäft ein, sondern wurde hauptamtlicher Mitarbeiter der WTGZentrale
in Brooklyn, New York. Hier machte er auf außergewöhnliche Weise Karriere. Er hatte
in sehr kurzer Zeit und ziemlich jung und bevorzugt gegenüber allen anderen WTG-Direktoren,
die ihm vor allem in geistiger Hinsicht weit überlegen waren, noch unter Präsident Rutherford
die Schalthebel der Macht in der Organisation erreicht. Man lese zunächst die biographischen
Angaben über N. H. Knorr in dem Buch »Jehovas Zeugen« des amerikanischen Reporters
Marley Cole (deutsch 1956, Pyramidenverlag Frankfurt (Main), der in Absprache mit der WTG
Knorrs Laufbahn wie folgt schildert:
Zitat:
"MARLEY COLE
Anhang: Biographie Knorr
NATHAN HOMER KNORR
Nathan Homer Knorr ist der Mann, der als Nachfolger J. F. Rutherfords der dritte Präsident der
Wachtturm-Gesellschaft und der ihr angegliederten Körperschaften wurde.
Mr. Knorr wurde am 23. April 1905 in Bethlehem, Pennsylvania, geboren. Er promovierte 1923
an der Hochschule von Allentown in Pennsylvania.
Im gleichen Jahr wurde der junge Knorr aufgefordert, Mitglied der Arbeitsfamilie zu Brooklyn,
New York, zu werden. Das ist das Hauptquartier und die zentrale Druckereianlage der Zeugen
Jehovas. Knorr wurde zuerst dem Dienst in der Versand-Abteilung zugeteilt. Dann wurde er
beauftragt, den Druckereibetrieb in der Anlage der Gesellschaft den Erfordernissen anzupassen.
Er zeigte eine besondere Begabung, zu organisieren und die Dinge in Gang zu bringen. Neun
Jahre nachdem er ins Bethel-Heim gekommen war, wurde der 27-jährige Nathan Knorr
Generaldirektor des Verlages und der Druckerei. Das war im Jahr 1932.
Zwei Jahre später wurde er zum Direktor der Volks-Kanzelvereinigung (jetzt Wachtturm-, Bibelund
Traktat-Gesellschaft, e. V., in New York) gewählt. Ein Jahr darauf wurde er Vize-Präsident.
Im Jahre 1940 wurde er Direktor und Vizepräsident der Pennsylvania-Körperschaft, der
Wachtturm-, Bibel- und Traktat-Gesellschaft.
Nach dem Tode Richter Rutherfords wählte das Direktorium Mr. Knorr einstimmig zum
Präsidenten beider amerikanischer Körperschaften, sowie der Internationalen
Bibelforschervereinigung in England. Die Ernennung zu diesen Ämtern gilt auf Lebenszeit.
Mr. Knorr wuchs in der Geschäftsabteilung der Organisation heran;"
Diese Biographie beginnt schon mit einer Hochstapelei. Wenn Knorr 1923 an der Hochschule in
Allentown promovierte, so bedeutet dies, dass ihm hier mit achtzehn Jahren die Doktorwürde
verliehen wurde. Bestenfalls hat er aber an dieser »Hochschule« als Achtzehnjähriger den
Reifegrad eines Abiturs erlangt. Von einer Promotion, also der Verleihung einer Doktorwürde,
kann nicht im entferntesten die Rede sein. Offensichtlich will die WTG mit dieser Darstellung
ihrem Präsidenten in der deutschen Öffentlichkeit eine Art Gelehrtennimbus verleihen eine sehr
fragwürdige Aufwertung.
Knorrs Start in der Geschäftsabteilung der WTG zeigt, dass er systematisch darauf vorbereitet
wurde, einmal die höchste Kommando- und Machtposition in der WTG einzunehmen, die
geschäftliche bzw. finanzielle Verwaltung. Sein ursprüngliches Berufsvorhaben lässt erkennen,
dass er aus den Kreisen des Großkapitals stammt, zu diesem Milieu gehörte und darin seine
Zukunft sah. Und hier liegt auch die Ursache seines Überwechselns in die WTG und seines
Aufstiegs in die Befehlsgewalt über diese Organisation. Denn nur ein Angehöriger und
Vertrauensmann des Großkapitals durfte einmal die Nachfolge Rutherfords antreten, wollte man
die WTG politisch in der Hand behalten. Diese Bedingungen sind mit N. H. Knorr gegeben. Er
ist verwandt mit der südwestdeutschen Konzernfamilie C. H. Knorr in Heilbronn, die er u. a.
1951 gelegentlich des WTG-Kongresses »Reine Anbetung« in Frankfurt (Main) aufsuchte. Die
C. H. Knorr AG in Heilbronn untersteht dem Konzern Deutsche Maizena AG. Dieser wiederum
ist eine Niederlassung des amerikanischen Konzerns Corn Product Refining. Die Deutsche
Maizena AG wurde 1922 in Hamburg, Sitz des Stammhauses der Bankiers Warburg, errichtet.
Der USA-Konzern Corn Product Refining ist verbunden mit der deutsch-amerikanischen
Bankiersgruppe Kuhn, Loeb, Warburg, die ihrerseits in Kapitalverflechtung mit dem Ölkönig
Rockefeller steht. (Baumann: Atlantikpakt der Konzerne. Die internationale Kapitalverflechtung
in Westdeutschland, Berlin 1952, S. 33 ff)
So befindet sich auch mit N. H. Knorr ein Gewährsmann jener an der politischen Ausnutzung
von Kirchen und Religionsgemeinschaften interessierten USA Finanzkapitalisten an der Spitze
der WTG bzw. Zeugen Jehovas. Der Antikommunismus, den auch N. H. Knorr in immer neuen
Varianten und Versionen in der illusionistischen Endzeitverkündigung fortsetzt, weist ihn
politisch als Gehilfen der psychologischen Kriegführung des Imperialismus aus

Neue Bindungen an das Kapital

Ein USA-Staatsanwalt reißt die Macht an sich


Bei der Betrachtung der illusionistischen Endzeitlehren der WTG ist zum Ausdruck gekommen,
dass das Jahr 1914 darin ein außerordentlich gekennzeichnetes Jahr ist. Es war faktisch der
Höhepunkt, dem die erste Generation der Zeugen Jehovas entgegenfieberte. Hatte die WTG doch
»im Namen Jehovas« vierzig Jahre lang gepredigt, zu diesem Zeitpunkt eben 1914, breche die
gesamte Welt unter dem Zusammenprall zwischen Arbeit und Kapital zusammen, was den
Abschluss der »Zeit des Endes« in der »Schlacht von Harmagedon« bedeute. Zur gleichen Zeit
stünden die »Fürsten« von den Toten auf und führten das ewige irdische Gottesreich auf Erden
ein.
Für jeden denkenden Beobachter und somit auch für die herrschenden Kreise der USA, die sich
mit der WTG befassten, musste mit dem Näherrücken dieses Jahres klar sein, dass die WTG
einer gefährlichen Krise entgegenging, möglicherweise ihrem Zusammenbruch. Der
weltanschauliche Zusammenhalt durch die Endzeitideen musste zerbrechen, und Tausende
würden erkennen, dass sie einer Illusion nachgelaufen waren.
Eine solch nützliche Organisation wie die WTG überläßt man jedoch nicht einfach ihrem
Schicksal. Die Frage wurde schon erörtert, dass es töricht wäre, den gewaltigen internationalen
Apparat und die Verbindungen der W'TG nicht weiter zu nützen, und dass es naheliegt, dies in
zweckmäßiger Fortführung des einmal Begonnenen zu tun. Die politischen Hintermänner der
WTG, die sich die unvermeidliche Katastrophe an ihren zehn Fingern ausrechnen konnten,
begannen deshalb frühzeitig, für eine Fortführung des WTG-Werkes über das Jahr 1914 hinaus
zu sorgen.
Der Kern dieser Pläne war, die eigentlichen Schlüssel- und Machtpositionen in der WTG mit
Hilfe einer geeigneten Person in die Hand zu bekommen. Auf dieses Ziel steuerten jene
Hintermänner los. Sie fanden den geeigneten Mann in dem amerikanischen Advokaten und
Staatsanwalt Joseph Franklin Rutherford aus Missouri. Er wurde Vertrauensmann der
USARegierung
für das Vorhaben, die WTG über ihre herannahende weltanschauliche und damit
existentielle Krise hinwegzubringen und für künftige Aufgaben psychologischer Kriegführung
auf religiösem Gebiet zu erhalten. Als zweiter Präsident der WTG, genannt »Richter
Rutherford«, sollte er somit in ihre Geschichte eingehen.
Im WTG-Geschichtsbuch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S. 65, wird die staatspolitische
Laufbahn Rutherfords, bevor er mit der Organisation in Verbindung kam, geschildert.
Zitat:
"J. F. RUTHERFORDS VERGANGENHEIT
Johannes: Nun gut. Joseph Franklin Rutherford wurde am 8. November 1869 auf einer Farm in
Morgan County, Missouri, geboren.
Nach vollendeter akademischer Ausbildung arbeitete er zwei Jahre unter der Aufsicht von
Richter E. L. Edwards, und schließlich wurde er im Alter von zwanzig Jahren amtlicher
Berichterstatter für die Gerichte des vierzehnten Judicial Circuit (Gerichtskreises) in Missouri.
Mit zweiundzwanzig wurde er als Advokat im Staate Missouri zugelassen, und er begann als
Rechtsanwalt seine Praxis in Booneville, Missouri, wo er Prozeßanwalt der Firma Draffen und
Wright wurde. Später diente er vier Jahre als Staatsanwalt für Booneville und noch später als
Sonderrichter in demselben vierzehnten Gerichtsdistrikt von Missouri.
Richter Rutherford verbrachte fünfzehn Jahre als Jurist im Staate Missouri. Er hatte eine
erfolgreiche Praxis und wurde später als Sonderanwalt anerkannt, der befugt war, Rechtsfälle vor
dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Washington, D. C., zu führen. Im Jahre
1894 kam Rutherford mit Vertretern der Watch Tower Society in Berührung."
Im Hinblick auf Rutherfords später zutage getretene Verbindungen ist bemerkenswert, dass
solche Anwaltsfirmen wie Draffen & Wright zumeist politische Agenturen von Konzernen und
Trusts waren, die durch sie ihre Interessen in politischen und staatlichen Institutionen, in der
Presse und in Parteien verfechten ließen. Indes enthält auch der Bericht über Rutherfords
Vergangenheit eine Hochstapelei, denn dieser Darstellung zufolge hätte Rutherford als
Achtzehnjähriger eine »vollendete akademische Ausbildung« als Jurist gehabt. In Wirklichkeit
war das nur eine College-Ausbildung, eine Art Oberschulbildung, die ihn vorerst nur dazu
befähigte, Gerichtsverhandlungen in Kurzschrift mitzuschreiben. So wird auch er in den
WTGDarstellungen
auf unehrliche Weise aufgewertet.
Bei seinem ersten Kontakt mit der WTG im Jahre 1894 hatte sich Rutherford brieflich einige
WTG-Bücher bestellt. Obwohl sein Brief des Lobes voll war, ob ihres angeblichen Wertes und er
beteuerte, sie hätten seine »irdischen Bestrebungen ganz über den Haufen geworfen«, (Jehovas
Zeugen in Gottes Vorhaben. WTG 1960, S. 34) kümmerte er sich in den nächsten zwölf Jahren
überhaupt nicht mehr um die WTG. Das entscheidende Treffen zwischen ihm und dem
damaligen Präsidenten Russell fand erst im Jahre 1906 bei einem Essen im Midland Hotel in
Kansas City statt. Der amerikanische Reporter Marley Cole schildert in seinem bereits erwähnten
Buch »Jehovas Zeugen« (Frankfurt/Main 1956) auf S. 219, 220 den Eintritt Rutherfords in die
WTG auf folgende Weise:
Zitat:
"MARLEY COLE / JEHOVAS ZEUGEN
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traf Richter Rutherford mit Pastor Russell zusammen. Er
bewunderte des Pastors Lehren. Eines Tages lud er den Pastor ein, mit ihm im Midland Hotel in
Kansas City, Missouri, zu speisen. Der Pastor war von dem Richter beeindruckt. "Warum
schreiben Sie nicht etwas über die göttliche Vorsehung vom Standpunkt eines Anwalts?" schlug
er vor.
Damals begriff Mr. Rutherford noch nicht einmal, was es heißt, ein frommer Christ zu sein. Aber
es gefiel ihm, was Pastor Russell predigte. Es gefiel ihm, was er ihm von der Bibel erzählte Und
später brachte er auf Drängen des Pastors ein Buch heraus, betitelt "Die Errettung des Menschen
vom Standpunkt eines Anwalts."
Die Arbeit an diesem Buch veranlasste den Richter zu einem tiefschürfenden Studium, das für
sein Leben entscheidend wurde. "Diese Bibellehre muss wahr sein, und wenn sie wahr ist, dann
ist sie das Heilmittel für alle menschlichen Leiden." folgerte er. "Von nun an will ich mein Leben
diesem Werk verschreiben."
Im darauffolgenden Jahr, 1907, forderte ihn Pastor Russell auf, sich mit ihm in das Amt des
Predigens zu teilen. Um die Jahresmitte wurde er selbständig auf eine Vortragsreise durch den
ganzen Mttelwesten entsandt. Von dieser Zeit an befasste er sich mit seinem Anwaltsberuf nur
noch, wenn er für einen Freund einen Fall übernahm oder Pastor Russell und die
Wachtturmgesellschaft vor Gericht vertrat.
Im gleichen Jahr, 1907, verteidigte Richter Rutherford in mehreren Fällen den Pastor und die
Gesellschaft und rollte in des Pastors Abwesenheit die ganze Streitfrage so erfolgreich auf, dass
ihm der Pastor daraufhin sämtliche Rechtsangelegenheiten, sowohl persönliche als auch die der
Gesellschaft zuwies.
Um 1907 unternahm er weite Reisen, kam nach Ägypten und Palästina und hielt in Deutschland,
Finnland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Großbritannien Vorträge."
Offenbar war 1906 der Zeitpunkt für Rutherfords Mission und Aufgabe gekommen, in die
Schlüsselpositionen der WTG einzusteigen. Auch wurde Russell mit zunehmendem Alter immer
kränklicher. Er sollte keine zehn Jahre mehr zu leben haben. Der Zeitpunkt war also gut
abgepasst. Binnen Jahresfrist hatte Rutherford sein Ziel erreicht: Rechtswahrer aller WTGSachen,
also die höchste juristische Gewalt über die Organisation, und Vertreter Russells. Bereits
ein Jahr später inspizierte er selbständig die wichtigsten Auslandsverbindungen der WTG in
Ägypten, Palästina, Deutschland, Finnland, Dänemark, Norwegen, Schweden und
Großbritannien. Sein Aufstieg innerhalb eines Jahres von einem Menschen, der noch nicht
einmal wusste, was es heißt, ein frommer Christ zu sein, der also noch nicht einmal die Anfänge
des Christentums begriffen hatte, zum höchsten organisatorischen, administrativen und
geistlichen Amt in der WTG neben Russell war selbstverständlich alles andere als eine
glaubwürdige christliche Bekehrung. Das sollte den alten, erfahrenen und wirklich noch ernsten
Bibelforschern im WTG-Direktorium alsbald zum Bewusstsein kommen. Er schaffte es
jedenfalls, die gesamte gläubige Anhängerschaft hinters Licht zu führen, was die wahren Grunde
betraf, deretwegen er sich dem WTG-Werk verschrieb.
Wenn nicht die politischen Hintermänner Rutherfords bekannt wären, so könnte man ihn mit
dem Abenteurer Peregrinus zu Lebzeiten der Urchristen in Syrien vergleichen, über den der
klassische Historiker des Altertums, Lucian von Samosata, berichtet: »Und da geschah es, dass
er auch die wundersame Weisheit der Christianer kennenlernte. Und in kurzer Zeit brachte er es
so weit, dass seine Lehrer nur Kinder gegen ihn zu sein schienen. Er ward Prophet,
Gemeindeältester, Synagogenmeister, kurz alles in allem, legte ihre Schriften aus und schrieb
selbst welche in großer Zahl, so dass sie am Ende ein höheres Wesen in ihm zu sehen glaubten,
sich Gesetze von ihm geben ließen und ihn zu ihrem Vorsteher ernannten … Die Gutmütigkeit
der Christianer genügte, welche ihm überall zur Bedeckung dienten und es ihm an nichts
gebrechen ließen.« Von Zeit und Umständen abgesehen, wird man unschwer Parallelen zu
Rutherfords Karriere feststellen. Doch er ging noch weiter. Alle, die ihn zu durchschauen
begannen und dadurch zu seinen Gegnern in der WTG-Führung wurden, brachte er schließlich
mit rücksichtsloser Härte und advokatischer Verschlagenheit zur Strecke und schloss sie aus der
WTG aus.
Rutherfords politische Dirigierung durch die USA-Regierung trat sehr bald in Erscheinung.
Hinter ihm standen Mitglieder des USA-Senats und des USA-Kongresses, die ihn u. a. bei seinen
öffentlichen Vorträgen »einführten«. Er pflegte auch Verbindungen zu hohen amerikanischen
Militärs, die ihn einluden. Man lese, was Marley Cole darüber berichtet (»Jehovas Zeugen«, S.
220):
Zitat:
MARLEY COLE/ JEHOVAS ZEUGEN
JOSEPH FRÄKLIN RUTHERFORD
An einem Tag sprach er zweimal an der Universität von Oregon. Als die Offiziere der Marine-
Akademie der Vereinigten Staaten ihn zu einem Vortrag einluden, berichtete die Zeitung
"Evening Capitol" in Annapolis, Maryland, dass "der Vortrag gut aufgenommen wurde und die
gesamte Zuhörerschaft lebhaften Beifall spendete". Bei einer Gelegenheit führte US Senator
George L. Wellington den Richter ein, und über seine Ansprache berichtete die Zeitung
"Evening Times" in Cumberland, Maryland: "Mr. Rutherford wurde seinem Ruf als Redner und
Bibelgelehrter völlig gerecht und vertrat seinen Standpunkt mit kraftvoller Beredsamkeit."
Die Zeitung "Register" in Wheeling, West Virginia, lieferte ihren Lesern eine lebendige
Schilderung des Richters, nachdem sie berichtet hatte, wie er durch Kongressmitglied B. B.
Dovener eingeführt worden war:"
Man sieht auf diese Weise deutlich die Hand der amerikanischen Regierung hinter Rutherford.
Im Jahre 1909, zwei Jahre nach seiner »Bekehrung« schon, legte Rutherford den Grund für seine
spätere Alleinherrschaft über die WTG auf Lebenszeit, Ansprüche, die dem biederen Russell
nicht im Schlafe eingefallen wären. Zu diesem Zweck wurde auf Rutherfords Initiative neben der
WTG-Zentrale in Pittsburgh eine zweite Zentrale in New York geschaffen, die vorerst den
Namen »Volkskanzel-Vereinigung« erhielt. Sie wurde später ebenfalls als WTG bezeichnet. In
den Statuten dieser New Yorker Zentrale legte Rutherford fest, dass ihr Präsident - noch war es
ebenfalls Russell - die absolute Macht und Kontrolle auf Lebenszeit innehaben sollte. Russell
überredete er zur Billigung eines solchen Statuts der Unantastbarkeit des Präsidenten, indem er
vorgab, ihn zeitlebens vor einigen Opponenten in der WTG sichern zu müssen. (Rutherford:
Erntesichtungen (Harvest Stiftings), 1. 8. 1917) Einmal angenommen, würde dieses Statut
Rutherford später auf Lebenszeit die absolute Vollmacht über die WTG garantieren, da er die
New Yorker Zentrale nach und nach zur Hauptzentrale entwickeln wollte.
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Als die Gesellschaft im Jahre 1909 ihr Hauptbüro nach New York verlegte, wurde - wie ihr euch
entsinnen werdet - Richter Rutherford beauftragt, diese Angelegenheit zu erledigen. Um dies tun
zu können, stellte er den Antrag, als Rechtsanwalt vor den Gerichten des Staates New York
anerkannt zu werden, was ihm auch bewilligt wurde."
Auch seinen Wohnsitz verlegte Rutherford 1909 nach New York. Angeblich um die Gründung
der dortigen WTG-Zentrale vornehmen zu können, wurde er im gleichen Jahre auch Mitglied der
New Yorker Staatsanwaltschaft. Man lese darüber in »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S.
65, 66, ferner in der Rutherford-Biographie, die Marley Cole im Einvernehmen mit der WTG
veröffentlichte (»Jehovas Zeugen«, S. 219):
Zitat:
"Anhang: Biographie Rutherford 219
Hierauf ging er 15 Jahre lang von Boonville aus an alle Gerichtshöfe in Missouri. Er erschien als
Advokat in den Bundes-Kreisgerichten. In der gleichen Eigenschaft erschien er auch vor dem
Obersten Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten. 1909 wurde er Mitglied der New Yorker
Staatsanwaltschaft und übte bis zu seinem Tod in New York seine Praxis aus."
Auch hier wird Rutherfords politisches Doppelspiel sichtbar. Zur Gründung einer religiösen
Vereinigung brauchte er ebensowenig Mitglied einer Staatsanwaltschaft zu sein, wie das Russell
war. Es verbarg sich demnach hinter seinen politischen Schritten in New York etwas anderes.
Offenbar ging es ihm darum, seine besonderen staatlichen Beziehungen weiterhin beruflich
abzudecken. Bekanntlich ist ein Staatsanwalt ein sehr realer politischer Teil »dieser Welt«, um
auf die WTG-Gaukelei einzugehen, man habe mit Politik nichts zu tun. Rutherford erfüllte
jedoch seine politischen Verpflichtungen als Mitglied der amerikanischen Staatsanwaltschaft bis
zu seinem Tode 1942.
Inzwischen fieberte die WTG-Organisation dem Jahre 1914 entgegen. Es kam, wie es kommen
musste. Die Nichterfüllung der für dieses Jahr gepredigten Erwartungen wurde zur Katastrophe.
Enttäuschung, Verwirrung und Lähmung erfasste die Anhängerschaft. Dazu prasselte von allen
Seiten Hohn und Spott hernieder, vor allem von den religiösen Gegnern. In den WTG-Zentralen
Pittsburgh und New York entstanden Spannungen, Rivalitäten und Spaltungen. Mitten in dieser
Krise, 1916, starb Präsident Russell.
Jetzt brach ein offener Machtkampf um die Präsidentschaft aus. Zwischen Rutherford und den
anderen Direktoren hatte nie ein echtes Vertrauensverhältnis bestanden. Sie fürchteten diesen
Emporkömmling, der schwer zu durchschauen war. Russell hatten sie sich freiwillig
untergeordnet. Angesichts der Krise und des Niedergangs der WTG, in die man nun geraten war,
wollten sie sich jedoch keiner Alleinherrschaft einer einzelnen Person wieder unterordnen. Da
Rutherford die WTG verwaltungsmäßig und juristisch schon unter Russell zu leiten begonnen
hatte, wurde er zwar als neuer Präsident gewählt - er hatte ja die Organisation faktisch
vollkommen in der Hand, einschließlich Russells WTG-Aktien -, doch er sollte vom Vorstand
bzw. vom Direktorium abhängig sein. Rutherford wollte freilich das Gegenteil. Er wollte
absolute Macht und Kontrolle über die WTG. So kam es zur Rebellion gegen ihn. Die Mehrheit
des Direktoriums, vier von sieben Direktoren, lehnten seine Machtansprüche ab und schickten
sich an, ihn zu stürzen. Doch Rutherford holte seinerseits zu einem Todesstoß aus und warf alle
Opponenten mit vorgeplanten advokatischen Schachzügen aus der WTG hinaus, insgesamt 31
leitende Mitarbeiter. Seine vier Gegner im Vorstand überrumpelte er, indem er hinter ihrem
Rücken einfach vier andere, ihm Hörige, zu Direktoren ernannte, ein formales Versäumnis
Russells ausnutzend. Anschließend ließ er sich durch eine vorbereitete Abstimmung unter den
Anhängern in den USA seine Präsidentschaft zusätzlich "demokratisch" bestätigen bzw.
sanktionieren. Der folgende Bericht des amerikanischen Reporters Marley Cole gibt ein
anschauliches Bild von diesem Machtkampf Rutherfords um die WTG-Führung (»Jehovas
Zeugen«, S. 89):
Zitat:
"Als sie Rutherford stürzen wollten, mussten die vier Direktoriumsmitglieder die Erfahrung
machen, dass sie vier Flaschenkorken glichen, die gegen den Felsen von Gibraltar sprangen.
Rutherford war ein Mann von gefürchteter persönlicher Macht.
Damit die Gesellschaft auch in New York ausüben könne, waren das ganze Eigentum und die
Geschäfte der pennsylvanischen Körperschaft der New Yorker Körperschaft übertragen worden.
Und jene Bestimmung in den Satzungen lautete wie folgt:
Besagte Körperschaft wird folgende Funktionäre haben:
Einen Präsidenten, der auf der ersten Versammlung dieser Körperschaft gewählt und sein Amt
lebenslänglich ausüben wird und dessen Pflicht es sein wird, den Versammlungen der
Körperschaft oder des Direktoriums vorzusitzen, die gesamte Überwachung und Kontrolle
durchzuführen, sowie die geschäftlichen und übrigen Angelegenheiten besagter Körperschaft zu
leiten.
(Dass der Präsident der Gesellschaft danach fortfuhr, sein Amt in so unumschränkter Freiheit
auszuüben, geht aus folgendem Bericht über N. H. Knorrs Tätigkeit bei der Herausgabe einer
neuen Bibelübersetzung hervor)
Das war den vier widerspenstigen Direktoren nicht recht. Sie versuchten eine Sitzung des
Vorstandes zu erzwingen. Da fuhr Rutherford in seiner Sachkenntnis als Anwalt mit schwerem
Geschütz auf.
Es ist euch entgangen, Brüder, sagte er, dass ihr alle vier Mitglieder der pennsylvanischen
Körperschaft seid. Die Satzungen dieser Körperschaft besagen, dass ihr im Staate Pennsylvania
gewählt werden müsst. Seid ihr dort gewählt worden?
Nein, antworteten sie.
Ihr wurdet im Staate New York gewählt. Wollt ihr nun streng sachlich werden, dann sage ich
euch streng sachlich, dass ihr vor allem keine legalen Mitglieder seid.
Und warum wurde keine legale Wahl vorgenommen? fragten sie. Der Pastor ließ einige Jahre die
Wahlen im Staate New York abhalten. Bisher hat deshalb niemand Schwierigkeiten gemacht,
erwiderte er. Wir kamen gut miteinander aus, bis ihr anfingt, euch aufzulehnen.
Nur drei Mitglieder des Aufsichtsrates - Pierson, Van Amburgh und Rutherford selbst - waren
ordnungsgemäß in Pennsylvanien gewählt worden, betonte er. Dann holte er zum Todesstoß aus.
Da ihr vier keine legalen Mitglieder seid und die dreißig Tage längst vorbei sind, seit legale
Ernennungen vorgenommen wurden, werde ich euch sagen, was ich getan habe, fuhr er fort. Ich
habe in Pennsylvanien vier legal eingesetzte Mitglieder in den Vorstand ernannt. Sie nehmen
eure Stellen ein, schloss er.
Am 17. Juli 1917, dem Tag des Erscheinens des Siebenten Bandes, gab Rutherford die
Ernennungen von Dr. W. E. Spill, J. A. Bohnet, George H. Fisher und des umstrittenen A. Hugh
Macmillan in den Vorstand bekannt. Sie ersetzten die vier Unzufriedenen, R. H. Hirsh, J. D.
Wright, A. I Ritchie und I. F. Hoskins.
Im Brooklyner Bethel wurden die enthobenen Direktionsmitglieder und noch einige andere
"unglückliche Ankläger" ersucht, auszutreten. Ehe das "Sichten der Ernte" im Bethel vorüber
war, hatte man 31 Mitglieder ausgeschlossen.
Dann stellte Rutherford die Vertrauensfrage. Alle Zeugengemeinden wurden aufgefordert sich
daran zu beteiligen. Am 13. Dezember 1917 verzeichneten 813 amerikanische Zeugengemeinden
folgendes Abstimmungsresultat:
Kandidat, Direktor, Präsident, Vize-Präs., 2. Kassierer
J. F. Rutherford, 10 900, 10 869, 14, 3.
W. E. Van Amburg, 10 909, 14, 418, 10 700.
G. H. Fisher, 10 333, 4, 395, 30."

Was verbarg sich hinter der Übertretung des Spionagegesetzes?


Kaum war Rutherford Präsident geworden, machte sich auch schon eine neue politische Linie in
der Haltung der WTG bemerkbar, die sich in einer ausgesprochenen Deutschfreundlichkeit
ausdrückte, und das mitten im Ersten Weltkrieg. In einem weiteren Brief an Hitler, abgesandt
vom Juni-Kongreß der WTG 1933 in Berlin, wird das rückblickend wie folgt festgestellt.
Zitat:
"WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
Publishers of the Bible Students Association
General Offices:
117 Adams Street
Brooklyn
New York, U. S. A.
German Branch:
Wachtturmstr. 1-19
Magdeburg
Postsch. K. Magdeburg 4082
Telephone: Magdeburg 40886, 40887, 40888
Radio and Cable Address: Watchtower Magdeburg
Kopie
Sehr verehrter H e r r R e i c h s k a n z l e r
Die Watch Tower Bible and Tract Society ist die organisierende Missionszentrale der
Bibelforscher (für Deutschland: Sitz Magdeburg)
Das Brooklyner Präsidium der Watch Tower-Gesellschaft ist und war seit jeher in
hervorragendem Masse deutschfreundlich. Aus diesem Grunde wurden im Jahre 1918 der
Präsident der Gesellschaft und die sieben Glieder des Direktoriums in Amerika zu 80 Jahren
Zuchthaus verurteilt, weil der Präsident sich weigerte, zwei von ihm in Amerika geleitete
Zeitschriften zur Kriegspropaganda gegen Deutschland zu gebrauchen. Diese zwei Zeitschriften
"The Watch Tower" und "Bible Students" waren die beiden einzigen Zeitschriften Amerikas, die
eine Kriegspropaganda gegen Deutschland verweigerten und darum während des Krieges in
Amerika auch verboten und unterdrückt wurden."
Eine nähere Untersuchung dieser Deutschfreundlichkeit im Ersten Weltkrieg fördert ein weiteres
Beispiel dafür ans Licht wie die WTG politisch hintergründig in ihrer religiösen Tätigkeit
kapitalistischen Interessen dient. Gleichzeitig wird dadurch veranschaulicht, wie sich die WTG
nach dem Zusammenbruch ihrer Verkündigung für 1914 die zweckmäßigste Fortführung ihrer
Arbeit vorstellte, welche Neuorientierung sie zu geben gedachte, um auch der Politik ihrer
amerikanischen Hintermänner von größtem Nutzen zu sein. Dabei sparte sie nicht mit neuen
Versionen ihrer sogenannten »Zeit des Endes«, um den Charakter einer Religionsgemeinschaft
zu wahren.
Die neue, deutschfreundliche politische Linie in der WTG-Tätigkeit seit 1917 stand
hauptsächlich in Zusammenhang mit dem Band 7 der »Schriftstudien«, den Rutherford heimlich
verfassen ließ, so dass seine Gegner in der WTG-Führung völlig überrascht waren und die
Freigabe dieses Bandes wie eine Bombe wirkte. Die Verfasser waren die beiden Rutherford
hörigen WTG-Direktoren C. J. Woodworth und G. H. Fisher. Letzteren vertrieb Rutherford
jedoch später ebenfalls aus der WTG-Führung.
Mit dem 7. Band der »Schriftstudien« unter dem Titel »Das vollendete Geheimnis«, die erste
komplette WTG-Auslegung der Offenbarung, des letzten Buches der Bibel, verfolgte Rutherford
das Ziel, die ganze WTG-Verkündigung den damaligen politischen Interessen seiner
Hintermänner aus der USA-Regierung entsprechend kriegsfeindlich und pazifistisch
auszurichten. Das war bisher nämlich keineswegs der Fall. Laut »Wachtturm« Nr. 11 von 1915
standen z. B. zu dieser Zeit 350 deutsche WTG-Anhänger als Soldaten im Felde. Im
»Wachtturm« wurden laufend Soldatenbriefe veröffentlicht. Die Nr. 9 von 1915 enthielt z. B. die
Todesanzeige: »Unser Bruder Max Nitzsche aus Reichenbach i. V. ist am 15. Juli 1915 bei
einem Sturmangriff in Russland gefallen.« Auch die WTG-Führer waren Soldaten, sofern sie im
Wehrdienstalter standen. So wurde u. a. der Vorsitzende der Norddeutschen Bibelforscher-
Vereinigung, Hero von Ahlften, 1913 Teilnehmer an der WTG-Hauptversammlung in Barmen
und später Bezirksdienstleiter für Nordwestdeutschland, 1915 zur kaiserlichen deutschen Armee
eingezogen. Im Band 6 der »Schriftstudien« hatte WTG-Präsident Russell in Übereinstimmung
mit der urchristlichen Haltung - Cornelius blieb römischer Soldat und Offizier, und auch die
Jünger Jesu waren bewaffnet - festgelegt, dass dem »Befehl zum Dienst in der Linie (Front) zu
gehorchen« sei. (Schriftstudien Band 6. WTG 1904, deutsch, Magdeburg, S. 591)
Der Band 7 der »Schriftstudien« hob 1917 diese Grundsätze auf.
Aus dem Umstand, dass Rutherford diesen Band heimlich verfassen ließ, ergibt sich die Tatsache
einer wohlüberlegten Planung. Die Sache wäre gut gegangen, wenn nicht die USA am 6. April
1917 scheinbar plötzlich in den Krieg gegen Deutschland eingetreten wären. Rutherford hatte im
Auftrage jener politischen Kräfte des USA-Finanzkapitals gehandelt, die in den innenpolitischen
Auseinandersetzungen in den USA 1917 besiegt wurden. Um die politischen Hintergründe um
den 7. Band, von der WTG »Bombe« genannt, zu klären, muss ein Blick auf die amerikanische
Innenpolitik im Ersten Weltkrieg geworfen werden bzw. auf die damit verknüpfte
Deutschlandpolitik, denn darauf bezieht sich die WTG, wenn sie 1933 in ihrem Brief an Hitler
von Deutschfreundlichkeit spricht.
Hinter der offiziellen Neutralität der USA im Ersten Weltkrieg bis April 1917 hatten in
Wirklichkeit erbitterte Kämpfe zwischen den beiden größten USA-Finanzgruppen Morgan und
Warburg und ihren Verbündeten getobt. Sie vertraten unterschiedliche Standpunkte im Verhalten
zu den kriegführenden Staaten in Europa. Morgen war Englandfreundlich. Seit Ausbruch des
Krieges schon war dieses Bankhaus darauf aus, große Kriegsgeschäfte zu tätigen. Man drängte
deshalb die USA-Regierung unter Präsident Wilson, England und Frankreich gegen Deutschland
u. a. mit Munitionslieferungen und einer Anleihe von 500 Millionen Dollar zu unterstützen,
wovon Morgan große Profite erhoffte. (Tansill, C. C.: Amerika geht in den Krieg. Stuttgart 1939,
S. 84 ff)
Die amerikanische Bankwelt um Warburg wandte sich gegen diese Politik Morgans. Paul
Warburg war zu der Zeit Leiter des USA-Bundesreservats und faktisch der maßgebende
Finanzdirektor. Aus dieser Position heraus versuchte er, die Morgan-Politik zu verhindern.
Warburg war Deutschamerikaner. Das Stammhaus der Warburgs befindet sich in Hamburg, wo
sein Bruder Max Warburg residierte. Ein anderer Bruder, Otto Warburg, war Leiter der
zionistischen Weltorganisation in Berlin, und ein vierter Warburg war Leiter des kaiserlichen
deutschen Spionagedienstes. Über diese Deutschlandbeziehungen der Warburgs in New York,
ihre deutschfreundliche Politik und die daraus resultierenden innenpolitischen Konflikte in den
USA besagen historische Aufzeichnungen unter anderem:
"Woodrow Wilsons inoffizieller Bote und Vertrauter während seiner ganzen Regierungszeit war
Oberst House . . . House wirkte mehrere Jahre als Wilsons Privatgesandter für Europa und hielt
die herzlichsten Beziehungen zwischen Felix und Paul Warburg von Kuhn, Loeb Co., New
York, und der übrigen Familie von M. M. Warburg Co., Amsterdam und Hamburg, aufrecht,
einschließlich des Bruders, der Chef des deutschen Spionage- und Nachrichtendienstes war . . .
In Hinsicht auf seine militärische Bedeutung für die Vereinigten Staaten während der Kriegszeit
besagte folgender Bericht des Geheimdienstes der Marine der Vereinigten Staaten vom 12.
Dezember 1918 über Warburg: Warburg, Paul, New York, Stadt … wurde 1912 durch den
Kaiser ausgezeichnet, war stellvertretender Vorsitzender des Federal Reserverates … Er hatte
einen Bruder, welcher Leiter des deutschen Spionagedienstes ist.« (Mullins:
Bankierverschwörung von Jekil Island. Oberammergau/Oberbayern 1956, S. 64, 71).
»Warburg, der mit Kuhn, Loeb und Schiff nahe verwandt und ein Bruder des wohlbekannten
Warburg von Hamburg, des Teilhabers Ballins ist, ist Mitglied des Bundesreserverates oder
vielmehr d a s Mitglied. Praktisch kontrolliert er die Finanzpolitik der (USA-)Regierung …
Natürlich war das gleichbedeutend mit einer Unterhandlung mit Deutschland. Jedes Wort war
von Deutschland inspiriert. Die Folge war, dass die Abmachungen als vorteilhaft für die
deutschen Banken angesehen wurden, und die christlichen Banken waren eifersüchtig und
aufgebracht.« (Tansill, C. C.: Amerika geht in den Krieg. Stuttgart 1939, S. 84).
Morgan war ein Hauptvertreter dieser »christlichen Banken«, die es darauf angelegt hatten,
durch Lieferungen und Anleihen am Krieg gegen Deutschland zu verdienen, hatten, wie bereits
erwähnt wurde. Ihr Druck auf die USA-Regierung hatte das Ziel, den Bundesreserverat »von
seinen prodeutschen Mitgliedern zu säubern«, d. h. Paul Warburg zum Rücktritt zu zwingen.
Aber nicht nur das. Morgen drängte darauf, die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland
abzubrechen, was einer Kriegserklärung gleichkam, »und sofort Vorkehrungen ruf Vernichtung
des deutschen Kreditmarktes zu treffen. « (Ebenda S. 365)
Dieser Kampf tobte jedoch nicht nur zwischen den verschiedenen Bankierspalästen und
Regierungsämtern, sondern auch in der amerikanischen Öffentlichkeit. Jeder suchte auch die
öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Jeder mobilisierte seine Beziehungen, Kräfte und
Verbündeten: die »christlichen Banken« um Morgan für den Krieg gegen Deutschland, die mit
Deutschland verbundenen Banken um Warburg gegen den Krieg. Jede Seite zog dazu auch die
ihr nahestehenden Kirchen und Religionsgemeinschaften heran. Um die zum Krieg gegen
Deutschland drängenden »christlichen Banken« scharten sich große Kreise der Geistlichkeit der
christlichen Kirchen. Für die finanzkapitalistischen Gruppen wie Warburg, die an keinem Krieg
gegen Deutschland interessiert waren, trat u. a. die WTG auf den Plan mit der Aufgabenstellung,
gegen jene christlichen Kirchen öffentlich aufzutreten, die zum Krieg gegen Deutschland trieben.
So entstand das, was die WTG in ihrem Brief 1933 an Hitler ihre deutschfreundliche Politik im
Ersten Weltkrieg nannte.
Das Mittel dazu, die religiöse Grundlage, war jener bereits erwähnte Band 7 der
»Schriftstudien«. In ihm wurden die Angriffe gegen die kriegerische Geistlichkeit in den
amerikanischen Kirchen vorgetragen. Die WTG verglich sie mit unersättlichen Huren. Sie wurde
angeklagt, Millionen Frauen zu Witwen gemacht zu haben, weil sie die Männer in den Krieg
gepredigt habe. Die Geistlichen seien reißende Wölfe in Schafskleidern, die Blut vergießen und
das Volk belügen und betrügen, um Geld zusammenzuraffen. Die katholische Kirche wurde
angeklagt, sie erlaube ihren Priestern, Diebstahl zu begehen, zu morden und Verbrecher zu
werden, sie rechtfertige Hurerei zwischen Nonnen und Priestern und Klosterbrüdern. Jeder
Priester sei ein Spion intimster Familienangelegenheiten, des inneren Getriebes von Handel und
Finanz und aller vertraulichen Dinge in der Verwaltung von Stadt, Staat, Provinz und Nation.
Auf der ganzen Erde habe die Geistlichkeit Millionen Männer zu Kanonenfutter für blutrünstige
Kaiser, Zaren, Könige und Herrscher gemacht. (Schriftstudien Band 7. WTG 1917, deutsch
1925, S. 600, 639f., 703ff, 715ff)
Die Zeugen Jehovas zogen daraus die Konsequenz: Sie verweigerten den Kriegsdienst.
Die heimliche Vorbereitung des 7. Bandes mit dieser Offensive gegen die Geistlichkeit und ihre
Kriegstreiberei war von Rutherford offensichtlich im Vertrauen auf die Überlegenheit der
gegenwärtig an keinem Krieg mit Deutschland interessierten amerikanischen Finanzkreise um
Warburg erfolgt, »war dieses Buch doch geschrieben worden und vorbereitet, ehe die
Vereinigten Staaten am 6. April 1917 in den Krieg eintraten«. (Jehovas Zeugen in Gottes
Vorhaben. WTG 1960, S. 74) Die innenpolitische Niederlage dieser Finanzkreise wurde damit
auch zur Katastrophe für die WTG.
Trotz dieser Entwicklung der Dinge gab es für Rutherford kein Zurück. Die Geistlichkeit hatte er
zwar mit den Anklagen im 7. Band der »Schriftstudien« zur Weißglut gebracht. Aber ohne
gesetzliche Handhabe konnte sie ihrerseits nicht mehr tun, als publizistisch gegen die WTG
vorzugehen. Wenn deren Anhänger hierdurch in Konflikte gerieten, so war das nur nützlich,
denn so konnten sie aus ihrer Lähmung, Verwirrung und klagenden Selbstbetrachtung angesichts
des Zusammenbruchs der Erwartungen von 1914 herausgerissen werden. Sie wurden in äußeren
Kampf gestürzt und damit von den inneren WTG-Problemen abgelenkt eine Chance, sie wieder
zusammenzuschweißen. Die Sache konnte also ruhig in eine Verfolgung der WTG-Anhänger
ausarten, an den Märtyrern würde man sie wieder aufrichten. So stellte Rutherford die
Vorbereitung seiner »Bombe« auch nach dem Kriegseintritt der USA nicht ein.
Vier Wochen vor der geplanten Freigabe des 7. Bandes, die auf den 17. Juli 1917 angesetzt war,
wurde die Lage gefährlich. Am 15. Juni wurde ein Gesetz erlassen, das sogenannte
USASpionagegesetz,
das jegliche Tätigkeit unterbinden sollte, die sich gegen die nun vorherrschende
Linie der Kriegspolitik in den USA richtete. Doch Rutherford vertraute weiter auf seine
politischen Hintermänner. Ein heutiger, offensichtlich jedoch frisierter WTG-Bericht in dem
Buch »Jehovas Zeugen. in Gottes Vorhaben«, S. 79, besagt darüber:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
In einem Bericht, den Richter Rutherford in späteren Jahren schrieb, gab er eine Bemerkung
wieder, die General James Franklin Bell, Kommandant von Camp Upton, Long Island; New
York, ihm gegenüber gemacht hatte. Bell hatte Rutherford von einer im Jahre 1917 erfolgten
Konferenz von Geistlichen in Philadelphia, Pennsylvanien, erzählt, die ein Komitee ernannt
hatte, das nach Washington, D. C. gehensollte um eine ihnen genehme Änderung des
Spionagegesetzes zuu erwirken. Wenn diesem stattgegeben worden wäre, wären alle Fälle gegen
das Spionagegesetz vor einem Militärgericht behandelt worden und hätten als Strafe, dassss
Todesurteil zur Folge gehabt."
Die Geistlichen kamen in Washington bei Präsident Wilson jedoch nicht durch, der keine
Änderung des Spionagegesetzes zuließ und somit die Gegner einer amerikanischen
Kriegsbeteiligung vor der Vernichtung bewahrte, also auch die WTG. Zuvor war die enge
Verbindung zwischen USA-Präsident Wilson über Oberst House zu Warburg hergestellt worden.
So ließ Rutherford seine »Bombe« platzen. Es heißt darüber in »Jehovas Zeugen in Gottes
Vorhaben«, S. 70:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
DIE FREIGABE DES BUCHES "DAS VOLLENDETE GEHEIMNIS" WIRKT WIE EINE
BOMBE
Am 17. Juli 1917 wurde mittags bei Tisch im Speisesaal des Bethels dieses Buch freigegeben.
Wie einst Bruder Russell gehandelt hatte, so auch Bruder Rutherford, der jedem einzelnen Glied
der Bethelfamilie ein Exemplar davon als Geschenk überreichte. Das wirkte wie eine Bombe.
Von der Freigabe dieses Buches völlig überrascht, nahmen; die gegnerischen
Direktionsmitglieder die Gelegenheit sogleich wahr und begannen eine Auseinandersetzung
bezüglich der Leitung der Dinge der Gesellschaft, die fünf Stunden dauern sollte."
Das Ende dieser Auseinandersetzung war die bereits geschilderte Vertreibung aller Opponenten
aus dem WTG-Direktorium. Dann, begann mit dem 7. Band der »Schriftstudien« die öffentliche
Kampagne gegen die amerikanische Kriegsbeteiligung.
Doch im Frühjahr 1918 hatte sich die Politik der Kreise um Morgen, die die USA zum Eintritt in
den Krieg gegen Deutschland gedrängt hatten, durchgesetzt. Die Vorherrschaft der
Finanzkapitalisten um Warburg in der amerikanischen Regierung wurde gebrochen, ihre
politische und geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Deutschland aufgerollt und zerschlagen.
Im Ergebnis wurde Paul Warburg als oberster USA-Finanzdirektor gezwungen, sein Amt
niederzulegen, und zwar auf Grund seiner geheimdienstlichen und sonstigen Verbindungen zu
Deutschland. Im Mai 1918 trat Warburg zurück. Unter Leitung von USA-Richter Howe wurde
gegen die Agenten der deutsch-amerikanischen Spionage gerichtlich vorgegangen. So lieferte
man u. a. den von Richter Howe wegen Spionagetätigkeit für Deutschland verurteilten
Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Schiffahrtslinie, Dr. Bünz, im April 1918 ins Zuchthaus
Atlanta, USA, ein. (Falcke: Vor dem Eintritt Amerikas in den Weltkrieg. Dresden 1928)
Paul Warburgs Bruder in Hamburg, Max M. Warburg, saß auf deutscher Seite im Aufsichtsrat
der Hamburg-Amerika-Schiffahrtslinie.
Mit dem Zusammenbruch der Vorherrschaft der deutsch-amerikanischen Finanzkapitalisten in
den USA brach auch das WTG-Werk in den USA zusammen. Während man Warburg
entmachtete, ging man auch gegen die WTG vor; zur gleichen Zeit, als Warburg zurücktrat,
wurden Rutherford und sechs weitere WTG-Leitungsmitglieder verhaftet, und zwar am 8. Mai
1918. Zuvor hatte der amerikanische Armee-Geheimdienst im Februar 1918 durch
Beschlagnahme eines Funkgeräts in der New Yorker Zentrale der WTG deren geheime
Nachrichtentätigkeit für jene deutsch-amerikanischen Finanzkapitalisten zerschlagen. Es half
nichts, dass die WTG danach umschwenkte und am 15. März und 15. April 1918 sich zu
politischen, Kompromissen mit der nun herrschenden Kriegspartei in den USA bereit erklärte,
den Kriegseintritt der USA anerkannte, die kriegsfeindlichen Seiten aus dem 7. Band der
»Schriftstudien« herausriss und für den Sieg der amerikanischen Waffen zum Gebet aufrief, wie
aus folgenden Auszügen aus dem WTG-Buch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben« hervorgeht
(S. 77, 91, 92):
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
In bezug auf die militärische Aushebung in den Vereinigten Staaten erschien jedoch folgende
Erklärung:
Wir anerkennen, dass die Regierung der Vereinigten Staaten als politische und wirtschaftliche
Institution gemäß ihrem Grundgesetz die Macht und Autorität besitzt, einen Krieg zu erklären
und ihre Bürger zum Militärdienst einzuberufen. Wir haben nicht die Absicht, der Aushebung
oder dem Krieg in irgendeiner Weise entgegenzuarbeiten.
dass sie einen Kompromiss eingegangen waren, als sie die Seiten 247 bis 253 aus dem Buche
Das vollendete Geheimnis (engl. Ausgabe) herausschnitten um den Wünschen derer zu
entsprechen, die sich die Stellung, eines Zensors angemaßt hatten. Ein weiterer Kompromiss war
jener, der aus dem englischen Wachtturm vom 1. Juni 1918 hervorgeht.
In Übereinstimmung mit der vom Kongress am 2. April gefassten Resolution und der
Proklamation des Präsidenten der Vereinigten Staaten vom 11. Mai wird angeregt, dass das Volk
des Herrn allenthalben den 30. Mai zu einem Tag des Gebets und Flehens mache.
Die Worte, die dieser Bekanntmachung folgten,
Möge Gott Lob und Dank dargebracht werden für den verheißenen wunderbaren Ausgang des
Krieges, für das Sprengen der Fesseln der Autokratie, für die Befreiung der Gefangenen (Jes. 61:
1) und dafür, dass es für das gewöhnliche Volk in der Welt Sicherheit geben soll alles -
Segnungen, die der Bevölkerung dieses Landes und der ganzen Menschenwelt durch Gottes
Wort verheißen worden sind."
Rutherford und die anderen WTG-Führer wurden vor Gericht gestellt. Die Anklage ist in dem
Buch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S. 79, wiedergegeben.
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Vergehen gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zu beteiligen, nämlich an dem Vergehen
der ungesetzlichen, böswilligen und willentlichen Anstiftung zu Insubordination, Untreue und
willentliche Anstiftung zu Insubordination, Untreue und Verweigerung der Dienstpflicht in den
Militär- und Flottenstreitkräften der Vereinigten Staaten von Amerika, und dies zu einer Zeit, da
sich diese im Kriegszustand befanden … [und zwar] durch persönliche Aufforderungen, Briefe,
veröffentlichte Reden und indem sie überall in den Vereinigten Staaten von Amerika öffentlich
ein gewisses Buch, betitelt "Volume VII, Bible Studies. The Finished Mystery [Band 7,
Schriftstudien, Das vollendete Geheimnis], und gewisse Artikel, die in Druckschriften, betitelt
"Bible Student's Monthly" [Schriftforscher, Monatsheft], "Watch Tower" [Wachtturm],
"Kingdom News" [Königreichs-Nachrichten], und in anderen, nicht genannten Flugschriften
erschienen sind, verbreitet und überall in den Vereinigten Staaten öffentlich in Umlauf gesetzt
haben."
Das Urteil gegen die WTG-Führer - es lautete für alle, bis auf einen, je zwanzig Jahre Zuchthaus
- wurde bezeichnenderweise von dem gleichen Gericht gefällt, das zuvor Dr. Bünz auf Grund
von Spionagetätigkeit in Verbindung mit der Hamburg-Amerika-Schiffahrtslinie, an der
Warburg beteiligt war, verurteilte, und zwar ebenfalls unter Richter Howe. Dr. Bünz starb im
Zuchthaus Atlanta.
Die WTG berichtete über die Verurteilung Rutherfords in ihrem Buch »Jehovas Zeugen in
Gottes Vorhaben« auf Seite 80:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Die New Yorker Tribune vom 22. Juni 1918 berichtete ebenfalls aber dieses Urteil und sagte:
"Joseph F. Rutherford und sechs von den anderen "Russelliten", der Übertretung des
Spionagegesetze schuldig erklärt, wurden gestern durch Richter Howe zu zwanzig Jahren Haft
verurteilt, die sie in der Strafanstalt Atlanta verbüßen werden."
Damit war die Politik der WTG im Interesse der deutschen Bourgeoisie im Ersten Weltkrieg, die
man 1933 in einem Brief an Hitler beschwor, zu Ende. Wie man erkennen kann, handelte es sich
um keine Verfolgung um des christlichen Glaubens willen, wie die WTG die Dinge seither
darstellt. Es war vielmehr das Scheitern der politischen Hilfe für die damals neutralistischen oder
pazifistischen Kreise des USA-Finanzkapitals, mit denen die WTG nun schon traditionell
verbunden war. Auch in ihrer gesamten Selbstdarstellung verschweigt die WTG, dass sie selbst
der politische Provokateur ihrer Schwierigkeiten von 1918 war.
Zu der Politik der WTG im Ersten Weltkrieg gehört aber nicht nur die psychologische Aktivität
für die genannten neutralistischen Finanzkapitalisten der USA. Zu ihr gehört auch ein handfestes
Engagement der WTG-Führung im Nachrichten- bzw. Geheimdienst im Interesse der
deutschamerikanischen
Beziehungen des Bankhauses Warburg. Dieser Seite ist der folgende Abschnitt
gewidmet.
Die mysteriöse Funkanlage im WTG-Hauptbüro in Brooklyn, New York
Von 1915 bis 1918 arbeitete im WTG-Hauptbüro in Brooklyn, New York, eine Funkanlage für
die Übermittlung chiffrierter oder verschlüsselter Nachrichten ein äußerst erstaunliches
Phänomen für eine Religionsgemeinschaft wie die WTG, die nicht müde wird, immer wieder
ihren angeblich unpolitischen und neutralen Charakter zu beteuern, und die somit nichts »mit
dieser Welt« zu tun habe. Zunächst ist es jedoch zweckmäßig zu lesen, was die WTG selbst in
dieser Sache zu sagen hat (»Der Wachtturm« vom 15. Juni 1955):
Zitat:
"Der WACHTTURM 15. Juni 1955
SPÄTER, im Februar 1918, leitete der geheime Armee-Nachrichtendienst der Vereinigten
Staaten in New-York-Stadt eine Untersuchung ein über die Zentrale der Watch Tower Society in
Brooklyn. Falsche Berichte waren in Umlauf, gemäß denen die Gesellschaft auf dem Bethelheim
eine starke Funkstation installiert gehabt hätte, die Botschaften über den Atlantik senden könnte
und dazu benutzt worden sei, mit dem Feinde in Deutschland zu verkehren. Tatsache ist, dass
Pastor Russell zu seinen Lebzeiten von einem Bruder einen kleinen Empfänger für drahtlose
'Telegrafie geschenkt erhalten hatte. Ein Sender war nicht vorhanden. Niemals wurde irgendeine
Botschaft vom Bethelheim durch drahtlose Telegrafie gesendet. Dies, war m Jahre 1915
gewesen, vor der Zeit des Rundfunks, als die drahtlose Telegrafie noch in ihren Kinderschuhen
steckte. Im Jahre 1918, als zwei Beamte vom geheimen Armee-Nachrichtendienst durchs Bethel
gingen, wurden sie auf das Dach geführt, und es wurde ihnen das Schutzdach gezeigt, unter dem
der drahtlose Empfangsapparat gewesen war, und darauf, in einem Lagerraum unten, zeigte man
ihnen das wohlversorgte Instrument selbst. Mit unserer Zustimmung wurde der Empfangsapparat
von diesen Militärpersonen fortgenommen."
1959/60 geht die WTG wieder auf diese Angelegenheit ein: in ihrem Geschichtsbuch »Jehovas
Zeugen in Gottes Vorhaben«, S. 76.
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Der geheime US-Armee-Nachrichtendienst in der Stadt New York führte eine Untersuchung des
Hauptbüros der Gesellschaft durch. Es war ihm angezeigt worden, die Gesellschaft sei
aufrührerisch und sie stehe unter Verdacht, mit dem Feind in Deutschland Kontakt zu haben. Da
sich die Vereinigten Staaten mit Deutschland und den Mittelmächten damals im Kriegszustand
befanden, war dies eine schwerwiegende Anklage. Der Regierung der Vereinigten Staaten war
die Falschmeldung gemacht worden. dass das Hauptbüro im Brooklyner Bethel eine Zentrale zur
Nachrichtenübermittlung an die deutsche Regierung sei.
LOIS: Auf welche Weise? Durch einen internationalen Spionagering?
JOHANNES: Nein, die Anschuldigung war sogar noch lächerlicherer. Wie du weißt, waren bis
zum Jahre 1918, also vier volle Jahre vor der Zeit der Radiosendungen, in der ganzen westlichen
Welt Fernsprechverbindungen und ein Telegraphendienst eingerichtet worden, und mit dem Jahr
1915 hatte man angefangen, mit drahtlosen Nachrichtenübertragungen zu experimentieren Aber
diese waren nicht zuverlässig, und drahtlose, verschlüsselte Nachrichten konnten noch nicht auf
größere Entfernungen gesandt werden. Im Jahre 1915 hatte jemand Bruder Russell ein kleines
Empfangsgerät gegeben, obwohl er selbst nicht sehr daran interessiert war, hatten doch andere
Personen im Hauptbüro im Bethel eine kleine Antenne auf dem Dach des Bethels angebracht um
zu versuchen, Botschaften aufzufangen, doch ohne viel Erfolg. Im Jahre 1918 wurde das
Empfangsgerät in einem Schrank abgestellt. Zu keiner Zeit wurden Botschaften vom Bethel
ausgesandt. Als im Jahre 1918 zwei Leute vom Armeegeheimdienst durch das Bethel gingen,
nahm man sie mit auf das Dach und zeigte ihnen den Ort, wo der Empfänger gestanden hatte.
Dann zeigte man ihnen das Empfangsgerät selbst, das verpackt weggestellt worden war. Die
Brüder, waren sogleich einverstanden, dass die Armeeleute den Empfänger mitnahmen und die
Antenne beseitigten. Es war offenkundig, dass keiner dieser beiden Gegenstände lange Zeit
benutzt worden war."
Wenn man unbefangen diese Erklärungen liest, könnte man der Funkgeschichte zunächst gar
keine besondere Bedeutung beimessen, wenn es auch verwunderlich erscheint, dass sich in der
Pionierzeit des Funkwesens auch eine Religionsgemeinschaft schon mit der Installierung und
Benutzung einer solchen Anlage beschäftigte. So könnte man aus den Darstellungen der WTG
annehmen, dass es sich lediglich um ein harmloses Hobby ihres Präsidenten handelte, das zu
nichts besonderem getaugt habe und schon gar nicht den Zwecken dienen konnte, die der
USArmeegeheimdienst
verfolgte.
Stutzig wird man aber, wenn Fachexperten die Darstellungen der WTG in ganz bestimmten
Punkten widerlegen. Man lese, was der ehemalige Chef des amerikanischen Geheimdienstes,
Allen Welsh Dulles, in seinem Buch »Im Geheimdienst« (The Craft of Intelligence, 1963), S. 42,
über das Aufkommen derartiger Funkgeräte im Ersten Weltkrieg schreibt:
Zitat:
"Der Erste Weltkrieg brachte jedoch eine Reihe von Neuerungen auf dem Gebiet der Spionage.
Eine davon war der Gebrauch von Radiosignalen zur Nachrichtenübermittlung in Kriegszeiten;
damit bot sich die Möglichkeit, Nachrichten von ungeheurer taktischer und wohl auch
strategischer Tragweite zu erlangen, indem man die Radiosignale auffing und die geheimen
Codes und Chiffren entschlüsselte."
Genau ein solches Gerät hatte die WTG 1915 in ihrem Hauptbüro in New York installiert.
Weiter ist es Tatsache, dass zu jener Zeit in den USA zwei Funkstationen existierten, die mit
Deutschland Verbindung unterhielten, eine in Sayville, Long Island, und die andere in
Tuckerton, New Jersey. Über die Station in Sayville stand der deutsche Botschafter in den USA,
Graf Bernstorff, schon 1915 mit der Reichsregierung in Berlin in Verbindung, deutscherseits
über die Großfunkanlage in Nauen bei Berlin. Die Anlage in Tuckerton hatte Verbindung mit der
Anlage in Eilvese bei Hannover, und zwar für Amerikaner, die mit Deutschland in
»Geschäftsverbindung« standen. (Ebenda S. 27, 28; Tansill, C. C. Amerika geht in den Krieg.
Stuttgart 1939, S. 480) Das waren in der Hauptsache die deutsch-amerikanischen
Finanzkapitalisten bzw. das amerikanische Großkapital um Warburg und Co. Angesichts dieser
Tatsachen, die die WTG-Angaben über die 1915 eingeführten Funkanlagen und ihre Reichweite
widerlegen, wird man skeptisch und betrachtet die Einlassungen in dieser Sache genauer.
Die WTG hebt hervor, dass sie niemals irgendwelche Botschaften mit dieser Anlage gesendet
habe, womit sie davon ablenken will, dass es nicht ums Senden, sondern ums Empfangen von
Nachrichten ging. Man bedenke: Die neueste Entwicklung für Nachrichtenübermittlung in
Kriegszeiten, wie Dulles es beschreibt, kaum technisch fertiggestellt, wird schon 1915 im
WTGHauptbüro
aufgestellt. Damit dürfte klar sein, was hier gespielt wurde. Die WTG lässt
durchblicken, dass ihr Präsident Russell »nicht sehr daran interessiert« gewesen sei. Russell war
1915 ein alter, kranker Mann, der nur noch ein Jahr zu leben hatte. Zweifellos wurde er von
Rutherford auch in dieser Sache überrumpelt.
Es bleibt nun noch die Frage zu klären, wie es dazu kam, dass man im WTG-Hauptbüro eine
solche Nachrichtenanlage installierte, und wer hinter dieser Sache stand, worüber die WTG
natürlich ebenfalls schweigt. Dazu muss man wieder einen Blick auf den Konkurrenzkampf der
herrschenden amerikanischen Finanzkapitalisten werfen, auf ihre Europa bzw.
Deutschlandpolitik. Die Anzeige war gemacht worden, die WTG stehe unter Verdacht, »mit dem
Feind in Deutschland Kontakt zu haben«.
Es wurde bereits erwähnt, dass es Morgans Kriegsgeschäft war, England im Krieg gegen
Deutschland zu unterstützen. Im Gegensatz dazu wünschte die Gruppe um Warburg »ein
siegreiches, aber nicht zu siegreiches Deutsches Reich«, wie Jakob Schiff vom Bankhaus
Warburg, ein gebürtiger Deutscher aus Frankfurt (Mein), dem Sitz des Stammhauses der
Rothschilds, in einem Interview mit der amerikanischen Zeitung "New York Times« im
November 1914 erklärte. (Falcke: Vor dem Eintritt Amerikas in den Weltkrieg. Dresden 1928, S.
56) Angeblich, »um eine völlige Neutralität sicherzustellen«, beschlagnahmte die USARegierung
im Jahre 1915 jedoch die beiden Funkstationen in Sayville und Tuckerton. Wie aus
der diplomatischen Korrespondenz des deutschen Botschafters Graf Bernstorff an Oberst House,
USA-Präsident Wilsons Sekretär, vom 15. Oktober 1916 hervorgeht, waren die beiden
Funkstationen die einzigen für unkontrollierte Verbindung zwischen den USA und Deutschland
gewesen. (Tansill, C. C.: Amerika geht in den Krieg. Stuttgart 1939, S. 480) Mit anderen
Worten, die Finanzkapitalisten um Warburg hatten seit 1915 keine unkontrollierte
Funkverbindung mehr für ihre »Geschäftsinteressen« mit Deutschland, wo einer der Gebrüder
Warburg Geheimdienstchef war.
Da auf einmal »schenkt« man - den Namen des »Schenkenden« verschweigt die WTG - ihrem
Präsidenten Russell eine Funkanlage neuester Entwicklung und baut sie im Hauptbüro der WTG
in Brooklyn, New York, unter dem Dachboden auf, und das im gleichen Jahre 1915. Diese
Tatsache führt zu der Schlussfolgerung, dass es sich hier um eine Fortsetzung der von der
USARegierung
unerwünschten unkontrollierten Nachrichtenübermittlung handelte, deretwegen die
beiden einzigen derartigen Stationen in Sayville und Tuckerton beschlagnahmt worden waren.
Es erhebt sich nun die Frage, woher die WTG über die in ihrem Hauptbüro seit 1915 installierte
Funkanlage Nachrichten »aufgefangen« oder empfangen hat. Kein damaliges WTG-Zweigbüro
und schon gar nicht das deutsche in Barmen verfügte über eine Parallelfunkstation, mit der das
Hauptbüro in Brooklyn über Funk hätte in Verbindung stehen können. Was man daher mit der
Funkanlage im Hauptbüro auffing, war und konnte nichts anderes sein als das, was die
Funkanlagen des deutschen Nachrichtendienstes in Eilvese bzw. Nauen nach den USA
ausstrahlten. Und die WTG gibt zu, »Botschaften« aufgefangen zu haben! Das ging bis zum
Frühjahr 1918, als der amerikanische Armeegeheimdienst davon erfuhr und die WTGFunkanlage
dann sofort beschlagnahmte. Zu jener Zeit wurde die neutralistische Finanzgruppe in
der USA-Regierung entmachtet, und ihr Haupt, Paul Warburg, musste zurücktreten, während
man die WTG-Führung unter Rutherford verhaftete und der ganzen Politik, der die WTG diente,
in den USA ein Ende bereitete.
Damit wäre einiges Licht in das Dunkel um das Phänomen gebracht, das die Installierung einer
solchen geheimen Funkanlage im WTG-Hauptbüro in Brooklyn, New York, ohne Zweifel
darstellt, wenn man die WTG nur als eine normale religiöse Organisation betrachtet. Auf Grund
der hier aufgezeigten Zusammenhänge und Hintergründe kann man mit Recht sagen, dass die
WTG auf diese Weise auch in letzter Konsequenz den herrschenden imperialistischen Kräften in
den USA dienstbar geworden ist.

Die WTG und das USA-State Department

Eine ständige Verbindung Brooklyn-Washington


Es besteht ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen der amerikanischen Deutschlandpolitik
seit dem Ersten Weltkrieg und der Entwicklung der WTG-Tätigkeit seit dieser Zeit in
Deutschland. Während Deutschland zu einem Schwerpunkt der amerikanischen Außenpolitik
wurde, entwickelte man den deutschen Zweig der amerikanischen WTG-Organisation zu ihrem
stärksten Auslandszweig. Der Grund dafür war die Zielsetzung des USA-Finanzkapitals seit
1917, die Auswirkungen der revolutionären Entwicklung in Russland auf das weitere Europa und
speziell auf Deutschland zunichte zu machen. War das doch eine Aufgabe, bei der es neben
wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen in entscheidendem Maße auf jede Art von
antikommunistischer und antisowjetischer Volksbeeinflussung ankam.
Es ist wieder ein Angehöriger der finanzkapitalistischen Gruppe Warburg, der hier als
maßgeblicher Wortführer in Erscheinung tritt, nämlich James Paul Warburg, im Zweiten
Weltkrieg als Leiter in der Deutschlandabteilung des USA-Kriegsinformationsdienstes tätig, der
Sohn des bereits mehrmals genannten Chefs im USABundesreserverat bis 1918, Paul Warburg.
In seinem Buch über die amerikanische Deutschlandpolitik nach den beiden Weltkriegen,
»Deutschland - Brücke oder Schlachtfeld«, schreibt James P. Warburg, dass das neue Ziel der
USA-Politik seit dem Ersten Weltkrieg der »Sturz des bolschewistischen Regimes« sei. In
Deutschland gehe es dabei um die Erhaltung »der alten sozialen und wirtschaftlichen Ordnung«,
um zu verhindern, dass auch Deutschland ein sozialistischer Staat werde. Das bedeute,
Deutschland zu einem »Damm gegen das sowjetische Sozialisierungsstreben« zu entwickeln.
»Deshalb ist die deutsche Frage für uns Amerikaner ein Problem, das an Wichtigkeit hinter
keinem Problem der amerikanischen Innenpolitik zurücksteht«, kommentiert Warburg. Das gelte
sowohl für die Zeit nach dem Ersten wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Und die
Religionsgemeinschaften und Kirchen hätten dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Demzufolge
habe »die alliierte Besetzung den Kirchen in Deutschland eine mächtigere Stellung eingeräumt,
als sie jemals in den Jahren der Weimarer Republik innehatte" (Warburg, James Paul:
Deutschland - Brücke oder Schlachtfeld, Franz-Mittelbach-Verlag, Stuttgart 1949).
Das Nervensystem dieser Politik stellten die imperialistischen Nachrichtendienste dar. Sie hatten
auf allen Gebieten zu signalisieren und die Dinge voranzutreiben. Hier interessiert nun im
besonderen die Rolle, die die WTG als kirchliche oder religiöse Organisation in den Plänen der
USA, die sozialistische Entwicklung in Europa »einzudämmen«, zugewiesen erhalten hat, eine
Rolle, die wieder in erster Linie auf psychologischem Gebiet ihren sichtbaren Ausdruck finden
musste.
Zunächst wurden Rutherford und die anderen verhafteten WTG-Führer im Mai 1919 auf freien
Fuß gesetzt. Am 5. Mai 1920 wurde auf Befehl des USA-Justiz-Ministers die Widerrufung der
Strafverfolgung und der Verurteilung der WTG-Führung offiziell bekanntgegeben, und zwar auf
Initiative der USA-Regierung. (Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben. WTG 1960, S. 86) War
doch die antikommunistische und pazifistische WTG-Verkündigung jetzt in der revolutionären
Nachkriegszeit höchst zweckmäßig und dienlich. Nach der heutigen Darstellung seitens der
WTG handelte es sich damals allerdings um ein Fehlurteil. Die WTG-Führung sei völlig
unschuldig gewesen, obwohl sie zugeben muss, dass sie »auf irgendeine Weise formell gegen
das Gesetz verstoßen« habe. Die Wahrheit ist, dass Rutherford genau wusste, worum es
angesichts seiner Beziehungen zu General James Franklin Bell in der Geheimfunkaffäre ging.
(Ebenda, S. 85, 97)
Nun musste der WTG die Tätigkeit im Ausland gesichert werden. Deshalb bekam Rutherford
bereits wenige Monate nach der Aufhebung der Strafverfolgung am 12. August 1920 vom
USAState
Department (Außenministerium) Visa für eine Auslandsreise. Ziele waren Europa und der
Orient, beides zugleich Brennpunkte der amerikanischen Außenpolitik; der Orient im Hinblick
auf den politischen Zionismus und das Erdöl, Europa wegen der dortigen revolutionären
Entwicklungen. Zwecks ständiger Nachrichtenverbindung in den Orient errichtete Rutherford ein
WTG-Zweigbüro in Ramallah bei Jerusalem. In Europa wurde eine gründliche Neuorganisierung
vorgenommen. In Zürich wurde ein Zentraleuropäisches Büro eröffnet, mit dessen Leitung
Rutherford der amerikanischen WTG-Mitarbeiter C. C. Binkele beauftragte. Ihm unterstand das
WTG-Werk in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Österreich und
Deutschland. Am 1. April 1925 wurde dieses Büro von Zürich nach Bern verlegt. ((Binkele
wandte sich nach dem Zusammenbruch der Endzeitillusionen von 1925 mit großem Anhang von
der WTG ab.
Nach der Reorganisation des WTG-Werkes in Deutschland durch die Maßnahmen Rutherfords
von 1920 richtete das deutsche Zweigbüro in Barmen am 23. September 1921 die Forderung an
das damalige Reichsministerium des Innern in Berlin, nunmehr der WTG in Deutschland
Rechtsfähigkeit zuzuerkennen. In einem Schreiben vom 7. Dezember 1921 teilte das
Innenministerium daraufhin dem Zweigbüro in Barmen einen Beschluss des Reichsrates mit, der
diese Anerkennung aussprach. Damit war der Grundstein für die Errichtung eines »Bollwerkes
gegen den Kommunismus« in Verfolg der USA-Politik, Deutschland zu einem »Damm gegen
das sowjetische Sozialisierungsstreben« zu machen, im WTG-Fall auch staatsrechtlich gelegt
und abgesichert.
Von seiner Reorganisationsreise erfolgreich nach den USA zurückgekehrt, begann Rutherford
Verhandlungen mit dem USA-State Department in Washington. Das erstaunliche Ziel war, die
WTG, deren Führung man soeben noch durch jahrelange Zuchthausstrafen vernichten wollte,
unter die Fittiche der amerikanischen Regierung zu nehmen, speziell die Deutschlandarbeit der
WTG, die nun anlaufen sollte. Es wurde festgelegt, die Tätigkeit in Deutschland, die jetzt zur
Hauptaufgabe der gesamten internationalen WTG-Organisation wurde, in die staatlichen
Verträge einzubeziehen, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen der USA-Regierung und der
deutschen Regierung abgeschlossen werden sollten. Es handelte sich um den
deutschamerikanischen
»Freundschafts-, Handels- und Konsularvertrag« von 1923, der in seiner ersten
Fixierung am 25. August 1921 in der Amtszeit des USA-Präsidenten und Freimaurers Warren G.
Harding vorbereitet wurde. Der Beschluss des deutschen Reichsrates betreffs Rechtsfähigkeit der
WTG basierte auf den in diesem Zusammenhang geführten Verhandlungen zwischen der
deutschen und der amerikanischen Regierung. Diese Tatsachen sind einer Eingabe des deutschen
WTG-Zweiges vom 19. Dezember 1934 an das nazistische Ministerium des Innern in Berlin zu
entnehmen. Man überprüfe die entsprechenden Auszüge.
Zitat:
"(Von Hans Dollinger am 20. 03. 1935 persönlich übergeben.
III P 3233/10 XI
WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
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GENERAL OFFICES:
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BROOKLYN
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Radio and Cable Addres:
Watchtower Magdeburg
Magdeburg, den 19. 12. 34
Sekte ZJ
An das Reichs- und Preußische Ministerium des Innern
Abteilung III Berlin
Betrifft: Grundsätzliche Erklärung der "Watch Tower Bible and Tract Society", Brooklyn N. Y.
Amerika, german branch Magdeburg.
WATCH TOWER
Bible an Tract Society
Brooklyn N. Y.
German branch
Magdeburg
Balzereit, Hans Dollinger."
Zitat:
V. Deutsch-amerikanischer Handelsvertrag von 1923.
Die nach den Gesetzen des Staates Pennsylvania U. S. A. gegründete und inkorporierte"Watch
Tower Bible and Tract Society" mit Sitz in Brooklyn, N. Y. ist in Deutschland nach
Artikel XII des
"Freundschafts-Handels-und Konsularvertrages" von 1923, ratifiziert 1925 gleicherweise
berechtigt, tätig zu sein, wie deutsche Gesellschaften (mit oder ohne Gewinnzweck, religiöse
oder wirtschaftliche) nach den Grundsätzen der Reziprozität auf dem Gebiet der "Vereinigten
Staaten von Amerika" tätig sein dürfen.
Deshalb wurde die "Watch Tower Society" im Jahre 1921 auf Grund des Artikels XII des
"Freundschafts-Handels-und Konsularvertrages" von 1923, ratifiziert 1925 (RGBl. II Nr. 38 v.
22. 8. 25 S. 79 795) in Deutschland auf Grund der Satzungen der Gesellschaft zugelassen und
mit Rechtsfähigkeit nach Art. 10 des EG. zum BGB. bekleidet.
3.) Die Gesellschaft war in Deutschland schon vor dem Kriege tätig und hatte ihr ständiges Büro
in Barmen, Unterdörnerstrasse 76. Die Zulassung im Jahre 1921 stellt sich praktisch dar als
Resultat geführter Verhandlungen zwischen den Regierungen Deutschlands und der Vereinigten
Staaten. Diese Verhandlungen "zur Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen" fanden
zunächst ihren Abschluss im Vertrag vom 25. August 1921, welcher Vertrag durch den oben
erwähnten Handelsvertrag von 1923 ergänzt wurde.
Demnach ist die Gesellschaft im Jahre 1921, und nachdem sie bereits früher in Deutschland tätig
war, ausdrücklich mit der Rechtsfähigkeit bekleidet worden.
4.) Auf Grund dieser Rechtstatsachen hat, - 1921 beginnend, - die amerikanische "Watch Tower
Society" fortgesetzt Kapitalien in Deutschland zu Händen ihrer Zweigniederlassung investiert,
die ungefähr eine Höhe von Mk. 4 000 000,- insgesamt ausmachen."
Durch die Einbeziehung des deutschen WTG-Zweiges in die staatspolitischen Abkommen
zwischen Deutschland und den USA nach 1918 wurde die Arbeit der WTG in Deutschland
faktisch ein Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik Sogar Hitlers Gestapo (Geheime
Staatspolizei) kam anfangs nicht umhin, das zu respektieren.
Es blieb jedoch nicht nur bei der Einbeziehung der WTG-Tätigkeit in die deutschamerikanischen
Staatsverträge. Es wurde eine ständige Zusammenarbeit zwischen dem WTG-Hauptbüro in
Brooklyn, New York und dem USA-State Department in Washington beschlossen. Zu diesem
Zweck wurde »ein ständiger Vertreter« der WTG nach Washington an den Sitz der USARegierung
entsandt. In der zitierten Eingabe des deutschen WTG-Zweigbüros vom 19.
Dezember 1934 an das nazistische Innenministerium wird das in Abschnitt VI wie folgt
bestätigt:
Zitat:
VI. Feststellungsklage beim Schiedsgericht im Haag.
1.) Im November 1933 wurde die deutsche Verbal-Antwortnote der Botschaft der United States
in Berlin überreicht. Die Note wurde dem State Department in Washington weitergeleitet.
2.) Die "Watch Tower Society", Brooklyn, N. Y. hat in Washington einen ständigen Vertreter,
der die Verbindung zwischen dem State Department und der Gesellschaft in Brooklyn darstellt.
Ausserdem ist ein ständiger Rechtsanwalt, der zu den ersten Juristen der Vereinigten Staaten
gehört und der in Washington wohnt, laufend mit der Wahrnehmung der anfallenden
Angelegenheiten der "Watch Tower" betraut."
Unter den »anfallenden Angelegenheiten der Watch Tower«, der WTG, sind natürlich weniger
die rein religiösen Dinge zuverstehen, sondern vielmehr das, was in politischer Hinsicht damit
erreicht werden sollte.
Die Pläne für die Nachkriegsaufgaben der WTG in religiöser wie in politischer Hinsicht wurden
schon gefasst, als sich die WTG-Führung noch in den Händen der USA- Behörden im Zuchthaus
Atlanta befand. Es ist in diesem Zusammenhang notwendig, zunächst die Rolle des USA-State
Departments in der amerikanischen psychologischen Kriegführung zu erklären. Das USA-State
Department ist unter Einbeziehung der amerikanischen Botschaften und der Geheimdienste
dieses Ministeriums hauptverantwortlich u. a. für die gesamte Diversions- und
Untergrundtätigkeit in den sozialistischen Ländern. Darüber hinaus dirigiert es die gesamte
Informations- und Nachrichtentätigkeit der USA, indem es Nachrichten aller Art einsieht, bevor
diese ihre rechtmäßigen Empfänger erreichen, eine Praxis, die auch auf die WTG angewandt
wird.
Angesichts der Verbindung zwischen dem WTG-Hauptbüro in Brooklyn und dem State
Department in Washington und dessen nachrichtendienstlicher Praxis beachte man nun, was,
WTG-Präsident Rutherford 1918/19 im Zuchthaus Atlanta in diesbezüglicher Hinsicht beschloss.
Der amerikanische Reporter Marley Cola schreibt darüber in seinem Buch »Jehovas Zeugen«,
1956, S. 97, im Einvernehmen mit der WTG:
Zitat:
"J. F. Rutherford - Das Königreich ist hier!' 97
Irgendwie konnte "Der Wachtturm" weitererscheinen - seit seinem Geburtstag im Jahre 1879 war
noch keine Nummer unterblieben. Diejenigen, die treu geblieben waren, fuhren, obgleich
verschreckt, trotz allem fort, sich selbst und der Welt zu sagen, dass "das Königreich hier sei".
Dies sei eine Zeit der "Erprobung im Feuer". Es war das Gericht, das mit dem "Hause Gottes"
begann und sich auf die ganze Menschheit erstreckte.
Kaum hatten Rutherford und seine sechs Mithäftlinge ihre Strafe angetreten, als sie auf den
Gedanken kamen, eine neue Zeitschrift ins Leben zu rufen. Sie sollte eine Gefährtin des
Wachtturms werden. Sie sollte eine "Zeitung der Tatsachenberichte, der Hoffnung und des
Mutes" werden. Sie sollte als Umschlagplatz für alle Arten von Material dienen. Vor allem
würde sie Berichte über laufende Ereignisse bringen, die dazu beitrugen, das große
zusammengesetzte "Zeichen" dafür zu bilden, dass der "Beginn der Leiden" über die Welt
gekommen sei: Kriege, Hungersnöte, Krankheiten und Seuchen, Erdbeben, Not und Verwirrung,
aber auch ermutigende Nachrichten über das Königreich. Jesu Prophezeiung über das Ende der
Welt im Matthäus Evangelium 24 gibt einen verständlichen Hinweis, auf die journalistische
Reichweite der beabsichtigten Veröffentlichung.
Sie beschlossen, das neue Blatt "Das Goldene Zeitalter" zu nennen. Später wurde es umbenannt
in "Trost". 1946 wurde der Name wieder geändert auf "Erwachet!" Geboren in einer Kerkerzelle
der Strafanstalt Atlanta, hatte es 1955 bereits eine Auflage von 1 525 000 erreicht."
Rutherford hatte somit beschlossen, im Rahmen der Organisation der Ernsten Bibelforscher oder
Zeugen Jehovas unter Leitung der WTG einen Informationsdienst aufzubauen, der sogenannte
»Zeichen« für die neue Endzeitorientierung liefern sollte. Zugleich sollte ein »Umschlagplatz für
alle Arten von Material" geschaffen werden, also eine Sammelstelle für Nachrichten aller Art aus
der Welt. Für den Nachrichtendienst der Zeitschriften »Das Goldene Zeitalter«, »Trost« bzw.
»Erwachet« wurden schließlich in allen Teilen der Erde, in die die WTG vorgedrungen war,
Sonderkorrespondenten eingesetzt, die unzensierte, an Ort und Stelle abgefasste Nachrichten an
die WTG zu senden hatten. In der Zweckerklärung jeder »Erwachet«-Ausgabe wurde das bis
1964 wie folgt dargestellt:
Zitat:
"Die Zeitschrift "Erwachet!" benutzt die üblichen Pressemeldungen, ist aber nicht von ihnen
abhängig. Sie hat in allen Erdteilen, in Dutzenden von Ländern, ihre Korrespondenten. Von
überallher werden ihnen durch diese Spalten unzensierte, an Ort und Stelle abgefasste Berichte
übermittelt. Diese Zeitschrift hat keinen engen, sondern einen internationalen Gesichtskreis. Sie
wird in vielen Ländern und in vielen Sprachen von jung und alt gelesen. Sie behandelt Themen
aus vielen Wissensgebieten - Staatswesen, Handel, Religion, Geschichte, Geographie,
Naturwissenschaft - sowie soziale Zustände und Naturwunder. So weit wie die Erde und so hoch
wie der Himmel ist das Gebiet, das sie umfasst.
Erscheint halbmonatlich
Verlag und Druck: Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
Deutscher Zweig e. V., Wiesbaden
Verantwortliche Redaktion: Erich Frost, Wiesbaden."
Hierzu ist jedoch zu bemerken, dass die Formulierung »unzensiert, an Ort und Stelle abgefasst«
seit der Ausgabe vom 22. Februar 1964 (deutsch) weggelassen wird. Ließ das doch durchblicken,
dass man die internationale Informationstätigkeit offensichtlich ohne Rücksicht etwa auf
Staatsgeheimnisse, behördliche Nachrichtensperre oder andere gesetzliche Bestimmungen
durchfuhren würde. Für wen hatte diese Art Nachrichtensammeln Bedeutung? Nur für die WTG?
Zweifelsohne ist der Anteil, den die WTG für ihre Zeitschriften benötigt, nur gering. Für diesen
Zweck genügten die üblichen internationalen Pressemeldungen, da man sich bei der
Konstruktion der sogenannten »Zeichen der Zeit des Endes« schließlich auf bestätigte Dinge
stützen muss, will man glaubwürdig erscheinen. Weiß man jedoch um die Verbindung des
WTG-Hauptbüros, wo alle die geforderten Nachrichten zusammenfließen, mit dem USA-State
Department in Washington und kennt man die Informationsbedürfnisse und Praxis dieser
Institution, sowie ihre Rolle in der psychologischen Kriegführung gegen alle revolutionären
Entwicklungen in der Welt, dann wird klar, welchen höheren politischen Zwecken die WTG hier
dienstbar gemacht worden ist. Die Tatsachen zeigen, dass sie zu einem idealen internen
Informations- und Testinstrument und Organ für psychologische Kriegführung auf religiösem
Gebiet für das USA-State Department wurde.

Die politische Rolle des deutschen WTG-Zweiges in der Weimarer


Republik
Zur Charakterisierung des religiösen und besonders des politischen Wesens der WTG ist es
unerlässlich, sich eingehend mit den jeweiligen Führern dieser Organisation zu befassen, wie
dies schon mit den Präsidenten Russell, Rutherford und Knorr geschehen ist. Denn angesichts
des autoritären und faktisch diktatorischen Regimes sind Person und Handlungsweise der
WTGFührer
bestimmender Faktor der Gemeinschaft, selbstverständlich in Abhängigkeit von den
jeweiligen Verhältnissen und Gebundenheiten. In religiöser Hinsicht besteht die Bedeutung einer
realistischen Auseinandersetzung mit den WTG-Führern darin, dass man die Haltlosigkeit ihrer
Ansprüche, Gottesvertreter zu sein und ein Gotteswerk zu betreiben, erkennt. In politischer
Hinsicht lassen sich auf diese Weise ebenfalls wesentliche Taktiken der psychologischen
Kriegführung der herrschenden Kreise des Großkapitals unter Missbrauch des religiösen
Glaubens feststellen und unwirksam machen. Daher steht nun im Vordergrund, welche
besonderen politischen Vorgänge deutschen WTG-Zweig nach dem Ersten Weltkrieg bis zur
nazistischen Periode kennzeichnen.
Für die Durchführung des religiösen und politischen Kurses der WTG nach dem Ersten
Weltkrieg unter Berücksichtigung der Interessen des USA-State Departments und des
amerikanischen Großkapitals bedurfte es örtlicher und regionaler Funktionäre in Deutschland,
die dem WTG-Hauptbüro bzw. dem WTG-Präsidenten Rutherford gegenüber grundsätzlich
gehorsam und außerstande waren, hinter die Kulissen der WTG-Führung in Brooklyn zu
schauen. Es ist bezeichnend für die ganze Amtszeit Rutherfords von 1917 bis 1942, dass sein
Hauptaugenmerk auf die Errichtung der sogenannten Theokratie (Gottesherrschaft) über die
WTG-Anhänger oder Zeugen Jehovas gerichtet war oder, anders gesagt, auf die endgültige
Durchsetzung des diktatorischen Prinzips in der Führung dieser internationalen Organisation.
Verbunden damit war eine immer stärker werdende Undurchsichtigkeit dieses Regimes,
teilweise auch für höhere WTG-Funktionäre. Außenstehende Beobachter kamen gar zu der
Feststellung, dass die WTG »in wachsendem Maße den Charakter einer Geheimgesellschaft
bekommen hat«. (Stroup, H. H.: Jehovas Witnesses, New York 1945, S. 22) Rutherfords
Grundsatz war es darum, nur solche Personen, mit Funktionen zu betrauen, von denen er
annahm, dass sie sowohl religiös wie psychologisch in Abhängigkeit zu halten waren.
Der erste deutsche WTG-Zweigdiener war Otto Albert Koetitz aus Kranichfeld in Thüringen. Er
war nach den USA ausgewandert, hatte dort Russell und seine Bibelforscherbewegung
kennengelernt und wurde 1903 als Vertrauensmann Russells zurück nach Deutschland gesandt
um in Barmen das erste deutsche Zweigbüro zu übernehmen. (Interessanterweise erinnert man
sich unter den alten Russell-Anhängern in Westdeutschland (1966) im Zusammenhang mit O. A.
Koetitz an das Bankhaus Warburg). Verbleib und Ende von Koetitz lässt die WTG in ihrer
geschichtlichen Selbstdarstellung im dunkeln.
Als es nach dem Ersten Weltkrieg notwendig wurde, das Werk der WTG in Deutschland zu
reorganisieren und einen neuen deutschen Zweigdiener einzusetzen, fand Rutherford einen
seinen Zielen dienlichen Hörigen in dem jungen und brillanten Redner Paul Balzereit aus der
Gruppe der WTG-Anhänger in Kiel. Der sozialen Herkunft nach war Balzereit Nieter und
Arbeiter auf der Germania-Werft in Kiel. Eine höhere Bildung besaß er nicht. Angesichts der
dargelegten politischen Zusammenarbeit zwischen der WTG und der amerikanischen Regierung
besteht Grund für die Annahme, dass auch Balzereit nicht ohne Zustimmung des amerikanischen
Nachrichtendienstes bzw. des USA-State Departments von Rutherford zum deutschen
Zweigdiener bestimmt wurde. Im Hinblick auf die Rolle, die die WTG in den kirchenpolitischen
Nachkriegsplänen der USA spielen sollte, konnte es Washington nicht gleichgültig sein, wer an
die Spitze der WTG in Deutschland kam. Offenbar war Balzereit nicht in der Lage, diese
politischen Zusammenhänge zu durchschauen. Aber nur derart einfältige Menschen konnte die
WTG hier gebrauchen. Von psychologischer Bedeutung war dabei, an die Spitze der WTG in
Deutschland einen Menschen zu stellen, der aus einfachsten Arbeiterkreisen kam. Damit war
sowohl die Abhängigkeit von Rutherford gesichert, der ein erfahrener Advokat war, als auch ein
Aushängeschild dafür, dass die WTG die einfachen und bedrückten arbeitenden Menschen
vertrete, worauf es in Deutschland jetzt ganz besonders ankam. (Gegner der WTG behaupteten,
Balzereit habe in den Revolutionstagen 1918 in Kiel dem Arbeiter- und Soldatenrat angehört,
was die WTG bestreitet. Balzereit habe aber bekannt, damals in Kiel in der Kriegshilfe
(Unterstützungsamt) tätig gewesen zu sein. Bekanntlich waren die Arbeiter- und Soldatenräte in
Deutschland Hauptziele der westalliierten Nachrichtendienste.)
Als Rutherford dann seinen Günstling unter den damaligen deutschen WTG-Führern, den
»Pilgerbrüdern«, formell zur Wahl stellte, wäre sein Vorhaben beinahe gescheitert, denn
Balzereit erwies sich als unbeliebt. Rutherford hatte zwei »Pilgerbrüder« zur Wahl zugelassen:
Balzereit und einen zweiten, namens Buchholz Die Abstimmung fiel jedoch für Buchholz aus.
Um seinen Kandidaten zu retten, fälschte Rutherford einfach das Abstimmungsergebnis. Der
Leiter der »Christlichen Mission unter Jehovas Zeugen«, W. J. Schnell, Florida, USA, ein
früherer WTG-Mitarbeiter, enthüllte das in einem »Offenen Brief an Jehovas Zeugen« .
Die Übersetzung des englischen Textes lautet:
»Dieser Brief bringt nur eine Tatsache. Einer meiner Jugendfreunde, Bruder Buchholz, diente als
Pilgerbruder in Deutschland viele Jahre, bis er in ein Nazikonzentrationslager gebracht wurde.
Einmal erzählte mir Bruder Buchholz, dass kurz nach dem Ersten Weltkrieg Richter Rutherford
nach Deutschland kam um den deutschen Zweig der Wachtturmgesellschaft zu reorganisieren. Er
berief eine Zusammenkunft von sieben Pilgerbrüdern ein und beauftragte sie, einen neuen
Zweigdiener zu nennen und zu wählen. Zwei Brüder, Balzereit und Buchholz, wurden nominiert.
Das Ergebnis war, dass Bruder Balzereit gewählt wurde, und das Ergebnis wurde von den
Brüdern als der Wille Gottes anerkannt. Einige Tage später jedoch traten fünf der Pilgerbrüder
an Bruder Buchholz heran und unterrichteten ihn von der Tatsache, dass sie alle für ihn gestimmt
hatten und dass sie nicht verstehen könnten, wie Balzereit mit einem Stimmenverhältnis 6 zu 1
gewählt werden konnte.
Zufällig kam mir das wieder in Erinnerung durch einen Brief vom 11. Januar 1957 (den ich in
meinen Dokumenten habe), von einem Mann, der einst eine hohe Funktion in der Gesellschaft
innehatte. Unter anderem schrieb dieser Bruder: Du wirst weiter interessiert sein daran, dass
Richter Rutherford mich 1924 informierte, wie die Berufung von Bruder Balzereit zustande kam.
Er sagte, dass er (Rutherford) eine Wahl abgehalten habe, um zwischen Balzereit und einem
anderen Bruder für das Amt wählen zu lassen, dass er die Auszählung der Wahlzettel
vorgenommen habe und dass er selbst, der Vorsitzende, auszahlte. Das Ergebnis war nicht
zugunsten von Balzereit gewesen, der andere Bruder hatte die Mehrheit (ich kann mich nicht
mehr an den Namen des Bruders erinnern). Jedoch Rutherford dachte, Bruder Balzereit wäre ein
besserer Mann, und so erklärte er ihn als gewählt. Er fühlte sich dazu berechtigt um des Werkes
willen. Ich denke nicht, dass viele diese Sache kennen, aber ich war eng mit dem Richter
verbunden und reiste mit ihm in zahllosen Gelegenheiten viele Jahre zu Kongressen in den
Staaten, in Kanada und Europa.«
(Es handelt sich um den früheren WTG-Zweigdiener von Kanada, W. F. Salter, der laut
"Mitteilungsblatt der deutschen Verbreitungsstelle des WT" vom Juli 1942 sowie "Drama der
Rechtfertigung, 6. Teil, Salter und Genossen" wegen Opposition gegen die WTG-Bibelauslegung
aus der WTG ausgeschlossen wurde).
Mit diesem Bericht wird bestätigt, dass Rutherford in der Bestimmung des neuen deutschen
Zweigdieners bei seinem Deutschlandbesuch 1920 unter höherem Zwang stand und unbedingt
Balzereit durchzubringen hatte, wenn nötig, mit einer Wahlfälschung.
Von der Balzereit-Administration sind über diesen Wahlbetrug hinaus auch andere unter den
WTG-Anhängern anstößige Handlungen bezeugt. Die »Wahrheitsfreunde«, 1922 von Franz
Egle, Ewald Vorsteher und anderen Mitarbeitern des Zweigbüros Barmen gegründet, erhoben
Anklage, dass Balzereit sich jetzt »in seidene Hemden kleide, in herrliche Sportanzüge, zweiter
Klasse auf der Eisenbahn fahre, sich ein Automobil angeschafft habe, worauf man Kreuz und
Krone malte, wie ein Fürst« herumkutschiere, der »Titelsucht, gotteslästerlicher Lehren, der
Lüge, Frechheit und finanziellen Ausbeutung der Anhänger« verfallen sei. (Abwehrblätter.
Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Nr. 23/24. Berlin, 20. Dezember
1925, S. 121)
Als nächstes sollen die juristischen Berater Balzereits bzw. des deutschen Zweigbüros vorgestellt
werden, Personen, die die WTG erst dann öffentlich nannte, als ihr in Deutschland die
nazistische Flut schon bis an den Hals reichte. Angesichts der polizeilichen Durchsuchung des
Magdeburger Zweigbüros 1933 war in einer »Öffentlichen Erklärung« der WTG in ihrer
Zeitschrift "Das Goldene Zeitalter« vom 15. Mai 1933 eine erstaunliche Mitteilung zu lesen.
Zitat:
"Das Goldene Zeitalter.
Nr. 10 15. Mai 1933
Das Auge der Welt
Foto: Werner Gaebel
Öffentliche Erklärung
der "Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft"
und der "Bibelforscher-Vereinigung"
1.) Die inzwischen wieder beendete Durchsuchung und Besetzung der Grundstücke der
"Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft" ist - wie wir von zuständiger amtlicher Seite
erfuhren - erfolgt, weil Anklagen erhoben worden sind, dass die beiden oben genannten
Gesellschaften sich kommunistisch betätigten.
2.) Seit Jahren ist Rechtsbeistand der "Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft" das Mitglied
der Deutschnationalen Partei, Herr Justizrat Karl Kohl, Rechtsanwalt in München, seit ca. vier
Jahren auch das Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei, Herr
Rechtsanwalt Horst Kohl, München. Dass auch der ehemalige Magdeburger Polizeipräsident,
Herr Rechtsanwalt Dr. Bärensprung, als"
Demnach war seit etwa 1929 ein Mitglied der Nazipartei, Rechtsanwalt Horst Kohl, München,
Sachwalter der »anfallenden Angelegenheiten« der WTG in Deutschland. Wie war das zu
erklären? Dazu muss man, wieder eine Brücke zur Entwicklung der politischen Lage schlagen.
Zu jener Zeit, im Juli 1929, begannen sich die Herren des Großkapitals in der New Yorker
Wallstreet angesichts der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise ernste Sorgen um die
Entwicklung in Deutschland zu machen. Es war klar, dass mit der Krise ein Erstarken der
revolutionären Arbeiterbewegung verbunden sein würde. Deshalb galt es, faschistische
Organisationen und die Hitlerpartei stark zu machen und die Organisationen der Arbeiterschaft
durch den Faschismus zu zerschlagen. Für die psychologische Rolle, die der WTG im Hinblick
auf die Beeinflussung der Bevölkerung zugedacht war, würde es ratsam sein, entsprechende
Sachwalter in Erscheinung treten zu lassen.
Noch interessanter ist, wer der andere Rechtsbeistand Balzereits war, nämlich Justizrat Karl
Kohl, München, Mitglied der Deutschnationalen Partei, der schon »seit Jahren«, offensichtlich
lange vor seinem nazistischen Kollegen für die »anfallenden Angelegenheiten der Watch Tower«
zuständig war. Justizrat Karl Kohl war kein Geringerer als der Verteidiger des Nazidiktators
Adolf Hitler, nachdem dessen erster Putsch 1923 in München zusammengebrochen und Hitler
anschließend vor Gericht gestellt worden war.
Natürlich hat die WTG diese erstaunliche Tatsache niemals selbst veröffentlicht. Sie ist einer
letzten Eingabe des deutschen WTG-Zweigbüros in Magdeburg vom 5. Januar 1935 an Hitler
persönlich zu entnehmen. Die Eingabe hatte den Zweck, die endgültig bevorstehende Auflösung
des Zweigbüros in letzter Minute zu verhindern. Unterzeichner war Hans Dollinger, Syndikus
des Zweigdieners Balzereit.
Zitat:
"Hans Dollinger, Magdeburg
Magdeburg, den 5. Januar 1935
Am Fuchsberg 4/5
Kanzlei der Führers der N. S. D. A. P.
004403 7. Jan. 1935
An die
Privatkanzlei der Führers
Herrn Adolf Hitler
Berlin W 8
Wilhelmstrasse 55.
Beiliegendes Gesuch bitte ich, ergebenst, dem Führer persönlich vorlegen zu wollen.
Mit Deutschem Gruß!
Hans Dollinger."
Zitat:
Hans Dollinger. Magdeburg
Magdeburg, den 5. Januar 1935.
Am Fuchsberg 4/5.
An den
Führer und Reichskanzler
Herrn Adolf Hitler
Berlin.
Persönlich.
Sehr geehrter Herr Reichskanzler!
Seit fast zwei Jahren ist die "Bibelforschervereinigung" verboten,
wiederholt, - das letztemal vor einem Jahr, - bitte ich ergebenst, eine Deputation empfangen zu
wollen, die einen Bericht über diese bedauerlichen Tatsachen vortragen könnte. Diese
Deputation würde bestehen aus den Herren:
1) Justizrat Karl Kohl, München (Hitlerverteidiger 1924)
2) Dollinger Hans, Syndikus, Magdeburg,
3) Balzereit Paul, Direktor, Magdeburg,
4) Nikolaus Freiherr von Tornow, Gutsbesitzer, Kottbus-Saspow
Mit der ausdrücklichen Versicherung meiner großen Wertschätzung und Ergebenheit, zeichne
ich mit herzlichen Dank im Voraus
Mit Deutschem Gruß!
Hans Dollinger
Bisher. Generalbevollmächtigter der Bibelforschervereinigung."
Tornow war einer der verkrachten Adligen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg der WTG in
Deutschland anschlossen. Schon 1924 war er »Pilgerbruder« und fahrender Redner, 1931
WTGBezirksdienstleiter
für das Gebiet Niederlausitz, wo sein Gut lag.
Man erinnere sich, dass die amerikanischen Finanzkapitalisten um Warburg nach 1929 zur
Rettung und Erhaltung des kapitalistischen Systems in Deutschland offen auf den
Hitlerfaschismus setzten. Die jahrelange Zusammenarbeit der WTG mit dem Hitler-Verteidiger
von 1924, Karl Kohl, der die Hitlerbewegung sehr gut kennen musste, deutet angesichts des
Zusammenspiels zwischen der WTG-Führung und dem USA-State Department darauf hin, dass
die WTG durch ihren Nachrichtenapparat wesentlich dazu beitrug, dass sich das USA-Kapital
auf Hitler orientieren konnte. Es hatte also für die USA-Regierung einen sehr handfesten Grund,
wenn sie nach 1921 den deutschen WTG-Zweig in die deutsch-amerikanischen Staatsverträge
mit einbezog, waren doch die »anfallenden Angelegenheiten der Watch Tower« politisch
hochinteressant, wie man sieht.
Ein anderer Fall, der die Aufgabe der WTG als Informationsapparat für politische Zwecke ins
Licht rückt, ist folgender. Politischer Beobachter für den Nachrichtendienst des »Goldenen
Zeitalters« in Ungarn, seit 1928 dem deutschen Zweigdiener Balzereit unterstellt, war 1931 »ein
uns (d. h. der WTG, d. V.) bekannter Rechtsanwalt in Budapest«. Er berichtete der WTG u. a.
über das damalige ungarische Wahlsystem und schon im voraus über den Ausgang der
bevorstehenden Wahlen (Das Goldene Zeitalter, Nr. 16, Magdeburg, 15. August 1931, S. 242)
desgleichen in Jugoslawien. 1930 hatte die WTG einen jugoslawischen Politiker »bekehrt«,
einen »Mann von politischem Einfluss, ein persönlicher Freund des Königs« von Jugoslawien.
Er sei getauft worden und verrichte »unter der Leitung der Gesellschaft (der WTG, d. V.) einen
guten Dienst«. Damit habe sich in Jugoslawien das Tor für die WTG geöffnet. (Jahrbuch der
WTG 1931. Magdeburg, S. 104) Hier steht also wieder ein »Mann mit politischem Einfluss« im
Mittelpunkt, diesmal in der jugoslawischen Regierung, ohne Zweifel zugleich ein interessanter
Fall für das USA-State Department. In Deutschland hatte die WTG unter Balzereit u. a. geheime
Mittelsmänner in den bayrischen Verwaltungsbehörden, die Geheimerlasse und andere wichtige
Unterlagen des Bayrischen Innenministers entwendeten und für die WT kopierten Ein Fall wurde
bekannt, und zwar das Kopieren der Geheimerlasse, die zu einer Einschränkung der WTGTätigkeit
in Bayern führen sollten. Die WTG deckte in einem Flugblatt »An alle Menschen«, das
1932/33 verbreitet wurde selbst die Karten auf:
Zitat:
"An alle Menschen!
Warum aber gab der Herr Bayrische Innenminister in Geheimerlassen an die
Verwaltungsbehörden Anweisungen heraus, wie man versuchen solle die Tätigkeit der
Bibelforscher zu unterbinden? Wir haben auf einem Wege, den wir hier nicht zu erörtern
brauchen, von diesen internen Verfügungen Kenntnis bekommen und besitzen Photographien
des Originals.
Wichtig für alle:
Befreiung, - Die Harfe Gottes (je 70 Pf.), - Schöpfung, - Versöhnung, - Regierung, - Leben, -
Prophezeiung (je 80 Pf.), - Licht Bände I und II, zusammen 1,50 RM,- Neun Bücher nur 6, 40
RM!
Bibelhaus Magdeburg, Wachtturmstraße
Druck und Verlag: Wachtturm, Magdeburg."
Die Sache hatte folgenden politischen Hintergrund. Mitte der zwanziger Jahre begann die WTG
in Deutschland eine Propagandakampagne gegen den Abschluss eines Konkordats zwischen dem
Deutschen Reich und dem Vatikan. 1924 war bereits ein Konkordat mit dem Land Bayern
zustande gekommen. Mit aufreizenden Schlagzeilen warf sich die WTG in ihrem
Nachrichtenblatt »Das Goldene Zeitalter«, das schon damals eine Massenauflage von 230 000
Exemplaren hatte, in den politischen Kampf. Man lese folgende Auszüge:
»Ein Konkordat mit dem Reich?
Deutsches Volk, halte die Augen auf, solche Verträge gebären Scheiterhaufen denen, die den
Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Wenn einmal das Recht, gegen religiöse Ungereimtheiten zu
protestieren durch Gegenseitigkeits-Verträge genommen ist, dann, deutscher Protestantismus, ist
im Grabe des Protestrechtes auch dein Grab. Aufgepasst, ihr alle, die es angeht! In Bayern haben
berufene Vertreter des Protestantismus ihr Ja gegeben zum oben Angedeuteten die Folgen dieses
Konkordates werden sie in Bälde schmecken. Aufgepasst! Schon greift des Sensenmannes
Knochenhand nach dem Totenglöcklein; er möchte so gerne dem Recht der freien
Meinungsäußerung das Sterbeliedlein singen.
Deutscher Protestantismus, willst du sterben?« (Das Goldene Zeitalter, Nr. 11. Magdeburg, 1.
Juni 1925)
Dieses publizistische Vorgehen der WTG war eine eindeutige Einmischung in die damaligen
kirchenpolitischen Fragen. Wenn Balzereit auch für diese Propaganda in Deutschland
verantwortlich zeichnete, so war er freilich nur der Strohmann für eine Politik, die in Brooklyn
und Washington bestimmt wurde.
Unter dem deutschen Reichskanzler Brüning, einem Katholiken (1930-1932), begann der
deutsche katholische Episkopat (Bischofsvereinigung) schließlich darauf zu drängen, die WTG
zu verbieten. Es war jedoch nur das Bayrische Innenministerium, dass in dieser Zeit Maßnahmen
einleitete und Geheimerlasse herausgab, derer sich die WTG dann durch ihre Mittelsmänner
bemächtigte. Den Zeugen Jehovas gaukelte man die Folgen auch dieser Einmischung in
politische Machtkämpfe als Leiden um Christi willen vor, wie immer, wenn es wegen der
Handlangerei der WTG für ihre politischen Hintermänner zu Bedrängnissen für die Anhänger
kam.
Die propagandistische und psychologische politische Haupttendenz der WTG-Tätigkeit in der
Weimarer Republik war nicht bloß die Fortsetzung der alten antikommunistischen Politik,
eingefügt in die verschiedenen religiösen Lehren. Die
drei vorherrschenden Leitlinien - Liebedienerei dem Kapitalismus gegenüber, offensive
Bekämpfung des Kommunismus und Ablenken in sozialpolitisch tatenloses Hoffen auf die
Endzeitillusionen - wurden unter den Bedingungen der Einbeziehung von Kirchen und
Religionsgemeinschaften in die antikommunistische USA-Politik seit dem Ersten Weltkrieg
rigoros verschärft. Ein Hauptmittel dazu war das von Rutherford 1928 verfasste Buch
»Regierung«, das man in einer Gesamtauflage von 1 250 000 Exemplaren auf den Markt warf.
Einige Auszüge daraus veranschaulichen diese proamerikanische, illusionistische und
verschärfte antikommunistische Politik in der WTG-Verkündigung.
Zitat:
Regierung
(Ausriss)
Der unbestreitbare Nachweis
Man sagt, dass von allen Regierungen auf der Erde die der Vereinigten Staaten von Amerika
einer idealen Regierung am nächsten komme. Kein ehrlicher Mensch, der die Verhältnisse in den
Vereinigten Staaten kennt, kann aber behaupten, dass ihre Regierung eine zufriedenstellende
wäre.
Dies sind nur einige der unbefriedigenden Zustände in den Vereinigten Staaten. Es gibt aber
noch viel schlimmere Dinge.
Ein Mitglied des Senats der Vereinigten Staaten rief öffentlich aus:
"Die wichtigste Frage, die an das amerikanische Volk herantritt besteht darin, die Regierung den
Händen des Packes von Schwindlern, käuflichen Beamten und gewerbsmäßigen Bestechern der
Volksvertreter zu entreißen und in die Hände des Volkes zu legen."
Es könnte zugegeben werden, dass die Vereinigten Staaten, wie behauptet wird, die beste
Regierung auf der Erde hätten. Aber wenn das wahr wäre, obgleich sie schon so unbefriedigend
ist, was müsste dann erst von anderen Regierungen, die sich der Volksinteressen noch weniger
annehmen gehalten werden?
In der jetzigen Zeit der Bedrängnis und Ratlosigkeit, wo das Volk unter den Lasten ungerechter
Menschenherrschaft leidet und nicht weiß, wohin es sich wenden soll, ist den wahren
Nachfolgern Jesu eine beispiellose, gesegnete Gelegenheit geboten, das Volk auf den Weg der
Gerechtigkeit zu leiten, indem es auf Gottes Königreich hingewiesen wird. Nur diese gerechte
Regierung allein vermag der Menschheit Hilfe und ewige Freude zu bringen.
Die in der Geschichte der Menschheit aufgezeichneten zahllosen leidvollen Erfahrungen vieler
Jahrhunderte sollten allen Menschen, die bessere Zustände herbeiwünschen, unvergängliche
Lehren erteilen. Eine dieser Lehren ist, dass selbst die größten Anstrengungen unvollkommener
Menschen, irgendeinem Lande eine ehrliche und gerechte Regierung zu geben, von vornherein
zum Misserfolg verurteilt sind. Gott hat verheißen, Gerechtigkeit aufzurichten, damit das Volk
sich einer gerechten Regierung erfreuen könne. Die Zeit ist gekommen, wo Gottes gerechte
Regierung beginnt. Warum sollte man da den kraft- und fruchtlosen Lehren und Bemühungen
der Menschen weitere Aufmerksamkeit zuwenden?
Gleichzeitig mit dem Weltkriege und hernach brachen Revolutionen aus, die eine Kundgebung
des Verlangens der Völker nach besseren und liberaleren Regierungen waren. Selbstsüchtige
Revolutionäre haben gewöhnlich die Lage des Volkes verschlimmert, anstatt verbessert. Etliche
Nationen werden vom Bolschewismus regiert, der insbesondere einen Protest gegen die
Regierung, unter der sie früher leben mussten, darstellt. Jedermann, der die Entwicklung der
Dinge ruhig und nüchtern beobachtet, weiß wohl, dass der Bolschewismus niemals eine
zufriedenstellende Regierung für das Volk beschaffen kann. Der Bolschewismus ist zum
sicheren und vollständigen Misserfolg verurteilt. Dasselbe muss auch über den Kommunismus
gesagt werden. Solche radikalen Bewegungen zur Aufrichtung einer Volksregierung können den
Völkern niemals Frieden, Wohlstand und Glück bringen. Viele andre Nationen der Welt fürchten
sich sehr vor dem Bolschewismus, und das mit Recht. Irgendeine Regierungsform, die die
Rechte und Vorrechte eines Volksteiles verneint, andren aber besondere Begünstigungen
einräumt, wird sicherlich ein unglückliches Ende nehmen. Monarchien sind gegen das Volk hart,
grausam und tyrannisch gewesen, aber Bolschewismus und Kommunismus sind noch schlimmer
Einführung
Wenn Sie sich jemals für Politik interessiert haben, wird dieses Buch Ihre Aufmerksamkeit
fesseln.
Verlagsrecht 1928
J. F. Rutherford
Internationale Bibelforscher-Vereinigung
Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
Brooklyn, New York, U. S. A.
Bern, Magdeburg, London, Melbourne, Cape Town etc."
Verfolgte Russell im Prinzip noch die Taktik, Kommunismus zwar als eine ideale Sache, aber
von Menschen undurchführbar und somit als Illusion hinzustellen, so beginnt Rutherford - wie
die vorstehenden Auszüge zeigen - einen fanatischen Antikommunismus in der WTGVerkündigung
aufzuziehen. Er stimmt nunmehr ein in den Chor der kapitalistischen Wahrsager
und Propheten, die die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaftsordnung seit 1917 in
Russland bzw. Osteuropa ständig zusammenbrechen sehen und entsprechenden
antikommunistischen Hass schüren. Verbunden mit der Propaganda, die Regierung des Kapitals
in den USA sei trotz allem doch »die beste Regierung auf Erden« und alle »Bemühungen der
Menschen« um soziale Gerechtigkeit seien »kraft- und fruchtlos«, also sinnlos, reiht sich die
WTG auf diese Weise ein in die »Dammbildung gegen Sozialisierung« im Sinne der von
Warburg formulierten antikommunistischen USA-Politik, mit dem Ziel, in ihrem Einflussbereich
durch Bibelstudien, Versammlungen, Vorträge, Kongresse und massenhafte Literaturverbreitung
jede revolutionäre Gesinnung auszurotten.
Um das amerikanische Kapital im deutschen WTG-Zweig
Nachdem die Hitlerregierung die WTG-Tätigkeit im Juni 1933 verboten hatte, trat das USAState
Department offiziell zum Schutz der WTG in Deutschland auf den Plan, um wenigstens das
in den deutschen Zweig gesteckte amerikanische Kapital nutzbringend zu erhalten.
Das Verbot der Zeugen Jehovas hatte folgende Vorgeschichte. Als Hitler im Januar 1933 die
Macht übernahm, erhob der deutsche katholische Episkopat erneut die Forderung, die WTG in
Deutschland aufzulösen. Hierüber ist folgender Bericht veröffentlicht:
»Die Auflösung der Sekte, die in Deutschland bereits damals festen Fuß gefasst hatte, erfolgte
nicht unter Brüning, obwohl die katholische Kirche in der Brüningschen Zeit darauf drängte. Der
allerkatholische Reichskanzler Brüning antworte aber, dass er kein Gesetz hätte, das ihn
ermächtigte, die Sekte der Ernsten Bibelforscher aufzulösen.
Als Adolf Hitler an die Macht gekommen war und der deutsche Episkopat seine Bitte
wiederholte, sagte Hitler: Diese sogenannten Ernsten Bibelforscher sind Unruhestifter, sie stören
das harmonische Zusammenleben der Deutschen, ich betrachte sie als Kurpfuscher, ich dulde
nicht, dass die deutschen Katholiken durch diesen amerikanischen Richter Rutherford auf eine
derartige Weise beschmutzt werden, ich löse die Ernsten Bibelforscher in Deutschland auf, ihr
Vermögen stelle ich der Volkswohlfahrt zur Verfügung, ich lasse ihre sämtlichen Schriften
beschlagnahmen.« (Deutscher Weg, 29. Mai 1938, zitiert nach: Schau den Tatsachen ins Auge.
WTG-Broschüre, deutsch 1938)
Hitler hatte sich zur innen- und außenpolitischen Aufwertung seines Regimes in seiner
Reichstagsrede am 23. März 1933 zu »freundschaftlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhl«
bereit erklärt, die sodann im Reichskonkordat mit dem Vatikan vom 20. Juli 1933 ihren
Niederschlag fanden. Es ist bereits dargelegt worden, wie sich die WTG in den politischen
Kampf gegen das Konkordat eingeschaltet hatte. Noch vor dessen Abschluss machte Hitler seine
Worte wahr: Am 24. Juni 1933 wurde die Tätigkeit der WTG oder Zeugen Jehovas verboten. Die
Gunst der mächtigen katholischen Kirche musste hier auf jeden Fall den Vorrang haben, der die
WTG zu opfern war, mochte sie sich sonst gebärden wie sie wollte.
Da die WTG jedoch längst auf den Machtantritt durch den Hitlerfaschismus vorbereitet war und
deshalb keinerlei politische Handhabe mehr bot, konstruierten die Nazis auf der Grundlage eines
Berichtes des Polizeipräsidenten von Wuppertal politische Falschanklagen:
»… Die internationalen Bibelforscher sehen naturgemäß ihren Kampfzielen entsprechend den
aus der nationalen Erhebung hervorgegangenen christlichnationalen Staat als einen besonders
markanten Gegner an, demgegenüber sie die Methoden ihres Kampfes radikal verschärft haben.
Dies beweisen die verschiedensten gehässigen Angriffe von führenden Funktionären, die in Wort
und Schrift gegen den Nationalsozialismus und seine maßgebenden Vertreter in jüngster Zeit
vorgetragen worden sind. (Vgl. Bericht des Polizeipräsidenten von Wuppertal vom 31. 5. 1933 -
I Ad. 1 60 001)
In Vertretung: gez. Grauert« ((Zürcher, Franz: Kreuzzug gegen das Christentum. Europa-Verlag,
Zürich/New York 1938, S. 77)
In Wirklichkeit war die WTG tatsächlich unschuldig, was den Kampf gegen den Nazismus
betraf. Man hatte ihr die antifaschistische Tätigkeit einer Gruppe untergeschoben, mit der sie
nicht das Geringste zu tun hatte: die Tätigkeit der "Wahrheitsfreunde« unter Franz Egle und
Ewald Vorsteher, die sich von der WTG getrennt hatten. Natürlich versuchte die WTG sofort, in
einem Verwaltungsrechtsprozeß vor dem Oberverwaltungsgericht in Magdeburg die
Unrechtmäßigkeit des Verbots nachzuweisen. Die Nazis ließen es jedoch zu keinem Verfahren
kommen. Der 3. Senat des Magdeburger Gerichts (Staatsminister Dr. Drews) erklärte, gegen die
Verbotsanordnung sei kein Verwaltungsstreitverfahren möglich. Das war am 15. Juli 1933.
Jetzt schaltete sich das USA-State Department zugunsten der WTG ein. Martin C. Harbeck, der
Leiter des Zentraleuropäischen Büros der WTG in Bern, der in Verbindung zum State
Department stand, wies in einem Schreiben vom 28. August 1933 alle deutschen WTGOrtsgruppen
an, Ruhe zu bewahren, keine Schriften weiter zu verbreiten, keine Versammlungen
abzuhalten und das Verbot vorerst zu respektieren. »Wir wollen gute Bürger des Landes sein«,
schrieb Harbeck. Wenn man später, als man einen Sündenbock brauchte, Zweigdiener Paul
Balzereit dafür verantwortlich machte, dass die WTG sich diesem Verbot zunächst fügte, so ist
das eine Entstellung der Tatsachen, denn diese Weisungen kamen von Rutherfords Beauftragten
M. C. Harbeck. Offensichtlich wollte das USA-State Department keine Aktionen aus den Reihen
der WTG-Anhänger angesichts der bevorstehenden diplomatischen Schritte zugunsten der WTG.
Dies erfolgte am 20. September 1933 in Form einer Protestnote, vom amerikanischen
Botschafter in Berlin dem nazistischen Auswärtigen Amt überreicht (Verbalnote Nr. 61 an das
Auswärtige Amt vom 20. 9. 33). Die Note stützte sich auf den deutsch-amerikanischen
»Freundschafts-, Handels- und Konsularvertrag« von 1923, Artikel XII, nach dem der WTG in
Deutschland Verteidigungsrechte zustanden, die ihr mit dem Entscheid des Magdeburger
Oberverwaltungsgerichts verweigert worden waren. Die Antwortnote der Hitlerregierung vom
13. November 1933 (Ausw. Amt II A 3495) bestritt jedoch eine Verletzung der
deutschamerikanischen
Staatsverträge indieser Sache. Jetzt geriet man in Washington in Harnisch. M. C.
Harbeck als Mittelsmann und Sonderbevollmächtigter wurde beauftragt, Tatsachenmaterial für
eine Klage der USA-Regierung vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag gegen
das Deutsche Reich herbeizuschaffen. In der Eingabe des deutschen WTG-Zweigbüros an das
nazistische Innenministerium vom 19. Dezember 1934 heißt es darüber unter »VI.
Feststellungsklage beim Schiedsgericht im Haag«, Ziffer 3:
Zitat:
3.) Noch im Laufe des letzten Monats 1933 gelangte von drüben an einen ständig in Europa
weilenden Sonderbevollmächtigten, der amerikanischer Staatsbürger ist, die Anforderung, auf
Wunsch des State Departments in Washington das erforderliche Tatsachenmaterial
zusammenzustellen, da von der Regierung der United States beabsichtigt sei, beim
Schiedsgerichtshof im Haag eine Klage gegen das Deutsche Reich anhängig zu machen.
Daraufhin übermittelte das USA-State Department am 17. Juli 1934 der Hitlerregierung eine
weitere Note mit der Forderung, die amerikanischen Kapitalien und das Vermögen der WTG in
Magdeburg freizugeben. Jetzt gab die Hitlerregierung nach. Das nazistische Innenministerium
erließ am 13. September 1934 eine Verfügung, derzufolge die WTG in Magdeburg
weiterarbeiten konnte. Die Gestapo musste das Feld räumen. Allerdings wurde nur gestattet,
Bibeln und sonstige »unbedenkliche Schriften« zu drucken und zu vertreiben. Es ging dem State
Department nur noch um das amerikanische Kapital, das man im deutschen Zweig investiert
hatte. Wie die WTG jetzt weiterarbeiten würde, war zweitrangig geworden Man hatte sie als
psychologisches Instrument in Deutschland geopfert, denn sie war durch die Machtergreifung
des Hitlerfaschismus und den dadurch ausgelösten Terror gegen alle demokratischen Kräfte
bedeutungslos geworden. Man konnte auf sie in dieser Sache verzichten. Nachrichtendienstlich
würde man sie jedoch so lange nutzen, wie das irgend möglich sein sollte.
Die Intervention der USA-Regierung, um das amerikanische Kapital im deutschen WTGZweigbüro
freizubekommen, wird in einer Aufzeichnung des State Departments, Konsulardienst
Berlin, vom 26. März 1935 wie folgt festgestellt:
Zitat:
AMERICAN CONSULAR SERVICE
Berlin, den 26. Maerz 1935.
AUFZEICHNUNG
Die Internationale Bibelforscher Vereinigung ist eine der Wachturm Bibel und
Traktatgesellschaft in Magdeburg angegliederte Organisation. Die letztere Gesellschaft ist
ausschließlich von amerikanischem Kapital in Deutschland gegruendet worden, um Bibeln,
Traktate und andere religioese Schriften zu drucken.
Die Frage der Taetigkeit der Wachtturm Gesellschaft wurde voriges Jahr in Anbetracht der
großen Investierungen von amerikanischem Kapital in Magdeburg wieder akut. Das Ministerium
des Innern hat entgegenkommenderweise am 13. September 1934 der Gesellschaft erlaubt,
Bibeln und andere unbedenkliche Schriften zu drucken und zu verteilen. Es wurde damals vom
Ministerium des Innern und vom Generalkonsulat geglaubt, dass dies leicht moeglich sei und die
Gesellschaft in die Lage versetzen wuerde, ihre Anlagen und Kapitalinvestitionen hier nutzbar zu
machen. Das Ministerium des Innern ist jetzt der Ansicht, dass dieser Plan nicht durchführbar ist
und will an Hand von Dokumenten beweisen, dass die Gesellschaft das ihr eingeraeumte Recht
missbraucht und versucht hat, die Taetigkeit der in Deutschland verbotenen Bibelforscher
Vereinigung zu unterstuetzen."
Auf diese Weise ergab sich, dass das WTG-Zweigbüro in Magdeburg noch bis Mai 1935 legal
weiter tätig war, während die in der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (IBV)
zusammengefasste WTG-Anhängerschaft in Deutschland seit Juni 1933 unter Verbot stand.
Mit dieser letzten inoffiziellen Intervention des USA-State Departments für die WTG wird
zugleich die WTG-Propagandalüge bezüglich ihrer Finanzierung widerlegt Bevor Rutherford
1932 in seiner »Rechtfertigung« jene verschleierten Eingeständnisse über die Zusammenarbeit
der WTG mit den genannten Vertretern des amerikanischen Großkapitals machte, hatte man ein
Jahrzehnt lang die Öffentlichkeit dreist hinters Licht geführt (siehe den Abdruck aus dem Buch
»Die Harfe Gottes«, WTG-Zweigbüro Barmen, 1922).
Zitat:
"Woher nehmen Bibelforscher das Geld, da ihre Veranstaltungen alle unentgeltlich sind?
Solche, die uns nicht kennen und die Wahrheit nicht lieben, sagen: "Sie bekommen es aus
Amerika, oder sie bekommen es von den Juden" usw., das alles ist Unwahrheit! Wir erklären
hiermit öffentlich, dass alle Personen, Zeitungen und Zeitschriften, die solche Nachrichten
verbreiten, mit Unwahrheiten operieren; ihr Beweggrund ist nur, die V. E. B. zu bekämpfen, und
weil sie es mit Gottes Wort nicht können, tun sie es mit fleischlichen Waffen der Unwahrheit. (2.
Kor. 10, 4-5.) Aber Wahrheit ist, dass Tausende deutscher Bibelforscher - Arbeiter,
Dienstmädchen, Beamte, kurz Angehörige aller Stände - ihr übriges Geld nicht für Theater,
Vergnügen und Putz verschwenden, sondern für die Verbreitung der Wahrheit uns übergeben.
Eine weitere ausführlichere Schrift über Wesen und Zweck der V. E. B. steht zur Verfügung.
Was will die Vereinigung Ernster Bibelforscher?
Sie will nur eins: Gottes Wort erforschen und verkünden, um so allen, die wollen, zum Glauben
zurückzuverhelfen. Deshalb verkündet sie die Wahrheit um jeden Preis, selbst wenn man sie
dafür verleumdet und verfolgt."
Dem steht die Aufzeichnung des USA-State Departments entgegen, wonach die WTG in
Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg »ausschließlich von amerikanischem Kapital«
gegründet wurde.
In der Eingabe der WTG an das nazistische Innenministerium vom 19. Dezember 1934 wird die
Summe dieser amerikanischen Kapitalien mit 4 000 000 Mark beziffert. Ihre Freigabe durch den
Erlass vom 13. September 1934 währte jedoch kaum ein Jahr. 1935 - in diesem Jahr lief auch der
deutsch-amerikanische »Freundschafts-, Handels- und Konsularvertrag« aus - wurde das
Vermögen mit der Auflösung des Zweigbüros in Magdeburg endgültig beschlagnahmt. Im
gleichen Jahr unternahm die Hitlerregierung mit der Erklärung der »Wehrhoheit« und der
Wehrpflichteinführung auch die ersten größeren Schritte zur Verwirklichung der eigenen
aggressiven, räuberischen Pläne. Die WTG musste in diesem Konkurrenzkampf in Deutschland
auf der Strecke bleiben.
Interessant ist die ideologische Auswirkung der Auflösung des deutschen Zweiges und des
Verlustes seiner Kapitalien auf die WTG-Führung in Brooklyn, New York. Man geriet in eine
förmliche Weltuntergangsstimmung, wie die Äußerungen des alternden Rutherfords zeigen. Er
vertrat nämlich die Auffassung, dass, wenn mit dem Verbot »das Werk in Deutschland zu Ende
wäre, der große Schlusskampf zwischen Jehova Gott und der Organisation Satans des Teufels
nahe wäre«. (Dein Name werde geheiligt. WTG Wiesbaden 1963, S. 319) Diese Auffassung
wurde bereits bei der Erörterung der Deutung von »Harmagedon« in der dritten Version
behandelt. Das Ende der WTG in Deutschland stützte sie somit in eine neue existentielle
weltanschauliche Krise.
Die WTG hatte damit zum zweiten Mal zu spüren bekommen, dass ihre Existenz fast
ausschließlich von den Kräften abhängig geworden war, denen sie sich politisch verschrieben
hatte. Die Kreise in den USA, die ihr aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen nach dem Ersten
Weltkrieg ein Wiederaufleben in Deutschland ermöglicht hatten, ließen sie sofort wieder fallen,
als ihr Ziel, Kräfte gegen die erstarkende Arbeiterschaft in Deutschland zu mobilisieren, erreicht
war. Es lag in der Konsequenz der Sache, dass der deutsche WTG-Zweig dem Hitlerfaschismus,
dessen Terror genügend Sicherheit gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung zu bieten schien,
geopferte wurde, so dass man schließlich nur noch um das amerikanische Kapital, das hier
investiert war, handelte.
Wie die WTG in diesem Zusammenhang vom USA-State Department nachrichtendienstlich
genutzt wurde, mag an den folgenden Einzelheiten deutlich werden.
Die Vorgänge um den deutschen WTG-Zweig in den Jahren 1934/35 machen sichtbar, dass die
WTG auch in ihren ausländischen Zweigstellen Verbindung zum USA-State Department hat,
denen von dort Weisungen erteilt werden. Ein solcher Mann war Martin C. Harbeck, ein
Amerikaner, Leiter des Zentraleuropäischen WTG-Büros in Bern. Hier ist seine vom Hauptbüro
in Brooklyn ausgefertigte Visitenkarte:
Zitat:
"M. C. HARBECK
General Representative
WATCH TOWER BIBLE & TRACT SOCIETY
Head Office:
Brooklyn, N. Y., U. S. A.
Central European Office:
Allmendstr. 39 - Tel. 24034
Berne, Switzerland"
Harbeck war mehr als nur WTG-Diener. Er wurde z. B. vom State Department beauftragt, im
Hinblick auf den Ablauf des deutsch-amerikanischen »Freundschafts-, Handels- und
Konsularvertrages« und etwaige neue deutsch-amerikanische Regierungsverhandlungen
politische Informationen einzuziehen und nach Washington zu übermitteln. Man lese den
folgenden Auszug aus der Eingabe des deutschen WTG-Zweigbüros an das nazistische
Innenministerium vom 19. Dezember 1934:
Zitat:
"VII. Neue Vertragsverhandlungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten.
1.) Der deutsch-amerikanische "Freundschafts- Handels- und Konsularvertrag" von 1923 wurde
im Jahre 1925 ratifiziert. (RGBL II Nr. 38/1925 S. 795).
4.) Zweifellos haben beide Regierungen aber den Wunsch, neue Vertragsabmachungen zu
schließen und zieht in allen konkreten Fällen die U. S. A.-Regierung offenbar für neue
Vertragsverhandlungen Informationen ein. Wir entnehmen dies einer an den amerikanischen
Sonderbevollmächtigten unserer Gesellschaft gerichteten Aufforderung unserer Vertretung in
Washington, genaue Feststellungen über die augenblicklichen Tätigkeitsmöglichkeiten der
Gesellschaft in Deutschland und der Rechte auf Tätigkeit, die der Gesellschaft eingeräumt sind,
zu übermitteln unter besonderer Berücksichtigung des Art. XII des deutsch-amerikanischen
Handels- und Konsularvertrages.
5.) Jedenfalls haben wir aus dieser Erkundigung und dem Umstand, dass dieselbe dem
Sonderbevollmächtigten nicht vom Sitz des Präsidiums unserer Gesellschaft von Brooklyn,
sondern von Washington aus zuging, entnommen, dass man vielleicht in Washington
Informationen wünscht über Verhältnisse, wie sie hinsichtlich der in Deutschland tätigen
Gesellschaften amerikanischer Provenienz vorliegen und glauben wir uns verpflichtet, die
deutsche Regierung hiervon in Kenntnis zu setzen.
Hier zeigt sich die WTG eindeutig als Informant eines staatlichen Organs in Washington; die
Informationen betreffen die nazistische Innenpolitik und Möglichkeiten des Abschlusses neuer
Staatsverträge zwischen den USA und Hitlerdeutschland, ein im höchsten Maße weltliches
Engagement im Interesse der USA-Politik. Allerdings war das jetzt umsonst, denn
Hitlerdeutschland hatte begonnen, alle für die eigenen imperialistischen Pläne hinderlichen
internationalen Bindungen abzuschütteln. Das hatte die WTG ja direkt zu spüren bekommen.
Aber so einfach gaben die USA ihre Positionen in Deutschland nicht auf, auch nicht die
WTGPosition,
hatte man doch durch sie z. B. sogar zu dem Hitlerverteidiger von 1924 einen Kontakt.
Man musste nur die Arbeit der WTG und der von ihr geleiteten Zeugen Jehovas auf Illegalität
umstellen. Hier könnten sich bei geschicktem Operieren sogar neue Möglichkeiten für das
Nachrichteninteresse der USA-Stellen ergeben. Und das würde zudem billiger sein als mit
bezahlten Verbindungsleuten, wenn man an die Spendenbereitschaft unter den Zeugen Jehovas
für die ihnen vorgesetzten »Diener« denkt. Dazu kommt der Vorteil, dass das WTG-Werk von
unten her auf nahezu bedenkenlosem Gehorsam gegenüber diesen »Dienern« beruht, bedingt
durch deren religiöse Autoritätsansprüche. Wie die Erfahrung zeigte, konnte man auf diese
Weise ahnungslos gehaltene Menschen zu vielem missbrauchen, von der einfachen
Nachrichtenübermittlung bis zur Gehorsamsverweigerung gegenüber der staatlichen
Rechtsordnung man musste nur die Bibel entsprechend zurechtdeuten. Den praktischen Beweis
liefern die Obrigkeitsbibeldeutungen der WTG. Und sie hatte es bisher geschickt verstanden, die
politischen Hintergründe, der Verfolgungen ihrer Anhänger stets zu verschleiern und diese
glauben zu machen, sie litten »um des Evangeliums willen«. Auf diese Weise würde man jetzt
auch in Deutschland verfahren und die Anhänger bis zur Selbstaufgabe im Einsatz für die WTG
anspornen. Die bedauerliche Gutgläubigkeit der Anhängerschaft, gepaart mit der traditionellen
deutschen Gründlichkeit, sollte hier zu tragischen Ergebnissen führen.
Die Sicherung der Interessen des USA-State Departments bei der illegalen Fortführung des
deutschen WTG-Zweiges wurde indessen wie folgt gewährleistet. Nach dem die deutsche
WTGLeitung-
Paul Balzereit, Hans Dollinger und andere im Mai 1935 verhaftet worden war, setzte der
Sonderbevollmächtigte Rutherfords, M. C. Harbeck, den Berliner Bezirksdienstleiter Fritz
Winkler als neuen WTG-Vertreter in Deutschland ein. Harbeck war nach der Verhaftung
Balzereits sofort nach Brooklyn, New York, gefahren um die Neuregelung zu arrangieren. Im
Juli 1935 kam er wieder zurück, setzte Winkler ein und beauftragte ihn, sämtliche Berichte,
Nachrichten und Informationen aus der illegalen deutschen WTG-Organisation nunmehr der
Zweigstelle des USA-State Departments in Deutschland, dem amerikanischen Konsulat in
Berlin, zur Weiterleitung über Bern nach den USA zuzustellen. In einem Dokument der
nazistischen Geheimen Staatspolizei vom 28. August 1936 mit der Vernehmungsniederschrift
des Winkler vom 24. August 1936 wird dieses Zusammenspiel der WTG mit dem
amerikanischen Konsulat bestätigt.
Zitat:
"Preußische Geheime Staatspolizei
Geheimes Staatspolizeiamt
Der Politische Polizeikommandeur der Länder
II I B I - S 1035/36
Berlin, den 28. August 1936.
1483
An alle Staatspolizeistellen und Politischen Polizeien der Länder
- nachrichtlich den Herren Regierungspräsidenten und Oberpräsidenten in Preußen.
Betr.: Internationale Bibelforschervereinigung.
Anl.: 2 Blattsammlungen und 2 Pausskizzen sowie einige rote und grüne Gutscheine.
In der Anlage übersende ich zur Kenntnisnahme Abschrift der Vernehmungsniederschrift des
IBV-Mitgliedes Winkler v. 24. 8. 1936
Über das Ergebnis ist fortlaufend und ausführlich unter Beifügung der wesentlichen
Vernehmungsniederschriften zu berichten.
In Vertretung: gez. …
Geh. Staatspolizei. Geheimes Staatspolizeiamt
Beglaubigt: Kanzleiangestellte.
Harbeck wünscht, dass ich ständig mit den deutschen BDL. in Verbindung bleibe. Außerdem
sollte ich aus ganz Deutschland etwa alle Vierteljahre einen Bericht über den Umsatz an
Literatur, über eingegangene Gelder und besonders bemerkenswerte Angelegenheiten anfertigen.
Um die Berichte in die Hände des Harbeck gelangen zu lassen, wurde ich beauftragt, diese über
das Amerikanische Konsulat gehen zu lassen. Ich habe die Berichte in einem verschlossenen
Briefumschlag eingelegt und diesen wiederum mit einem Umschlag versehen. Auf diesen schrieb
ich:
Herrn oder Mr. Jenkins Amerikanisches Konsulat,
B e r l i n W., Bellevuestr. 8,
mit der Bitte, den inliegenden Brief in Sachen Watch Tower nach Bern weiterzuleiten.
Ich nehme bestimmt an, dass die Briefe im Bibelhaus angekommen sind, denn sie sind nie
reklamiert worden."
Die Aussagen Winklers beweisen, dass Harbeck nicht nur in Brooklyn war, um die
Neuregelungen für die Illegalität in Deutschland festzulegen. Denn die Einbeziehung des
amerikanischen Konsulats in Berlin zur Sicherung der WTG-Nachrichtenübermittlung aus
Deutschland konnte nicht ohne Weisung des USA-State Departments erfolgen. Man hat die
ganze Sache also in erster Linie mit der USA Regierung in Washington ausgehandelt. Auf diese
Weise konnten die Berichte des illegalen deutschen WTG-Zweiges Deutschland verlassen, der
für das State Department interessante Teil nach Washington weitergeleitet werden und der rein
die Organisation der Zeugen Jehovas betreffende Teil ungefährdet nach Bern bzw. Brooklyn,
New York, gelangen, da die diplomatischen Wege der USA-Regierung aus Deutschland für die
Nazis unzugänglich waren.
Dieser Verbindungsweg konnte bis zur Verhaftung Fritz Winklers im August 1936 genutzt
werden. Zu dieser Zeit begann die erste große Aktion der Gestapo zur Zerschlagung der illegalen
WTG-Organisation in Hitlerdeutschland. Das zog sich bis 1937 hin. Damit brachte die Gestapo
der WTG empfindliche Schläge bei, aber nicht nur dieser, sondern auch dem Nachrichtennetz
des State Departments in Washington. Der illegale Apparat der WTG musste mühselig
wiederaufgebaut werden, was nur teilweise bzw. immer nur für Teilgebiete Deutschlands gelang.
Die Rettung der WTG -Zentrale in Bern
Hauptstützpunkt des WTG-Hauptbüros in Brooklyn, New York, auf dem europäischen Festland
blieb die ganze Nazizeit hindurch das Zentraleuropäische Büro in Bern, Schweiz, das mit der
USA-Botschaft in Bern in Verbindung stand, wie die Berichtsübermittlung aus Deutschland seit
1935 über das amerikanische Konsulat in Berlin nach Bern und den USA deutlich macht.
1942/43 jedoch geriet auch dieser Stützpunkt der WTG in ernstliche Gefahr. Ein Überfall
Hitlers, der inzwischen fast ganz Europa militärisch besetzt hatte, schien auch die Schweiz zu
bedrohen. In dieser Situation war die Schweiz gezwungen, die militärischen Kräfte des Landes
bis aufs äußerste anzuspannen. Das schloss selbstverständlich ein, jede Schwächung der
Wehrkraft des Volkes zu unterbinden. Eine der ersten Organisationen, gegen die Maßnahmen
ergriffen wurden, war die WTG und ihr Zentraleuropäisches Büro in Bern; gehörte doch zu den
verkündigten WTG Grundsätzen unter anderem auch absolute Wehr- und
Militärdienstverweigerung. Das musste jetzt für die Schweiz angesichts der faschistischen
Bedrohung untragbaren und staatsgefährdenden Charakter annehmen. Der Verantwortliche für
die WTG in der Schweiz, Franz Zürcher, seit 1940 Nachfolger von M. C. Harbeck, wurde
deshalb der »Untergrabung der militärischen Disziplin« und der »Zuwiderhandlung gegen das
Verbot staatsgefährdender Propaganda« angeklagt und am 16. April 1943 zu einem Jahr
Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Das hätte das Ende der WTG in der Schweiz
bedeutet. Doch der neue WTG-Präsident in Brooklyn, N. H. Knorr, wies Zürcher an, politische
Kompromisse zu schließen, um die Zentrale in Bern unter allen Umständen zu erhalten. Zürcher
schreibt in einem Bericht im »Wachtturm« vom 1. März 1966 darüber:
Zitat
"1. März 1966 Der WACHTTURM
Vorwärts im Dienste Jehovas
Von Franz Zürcher erzählt
Mir werden vier Delikte zur Last gelegt.
Zwei der Anklagen lauten auf "Untergrabung der militärischen Disziplin und Zuwiderhandlung
gegen das Verbot staatsgefährlicher Propaganda".
Mein Urteil lautet auf zwei Jahre Zuchthaus. Unser Anwalt legt jedoch unverzüglich Berufung
ein, und am 16. April 1943 fällt das Berufungsgericht den Entscheid. Mein Urteil lautet nun auf
ein Jahr Zuchthaus bedingt und auf fünf Jahre Aberkennung gewisser bürgerlicher Ehrenrechte.
Der Ausgang dieses Prozesses wirkt sich günstig aus, und es gelingt uns zu vermeiden. dass das
Werk verboten wird.
Bruder N. H. Knorr, der neue Präsident der Gesellschaft, hat mir schon vorher geschrieben, ich
solle mein möglichstes tun, um das Werk in unserem Land aufrechtzuerhalten, damit nach
Kriegsschluss die Verbindung mit unseren Brüdern auf dem Festland rasch wieder aufgenommen
werden könne."
Zürcher verschweigt jedoch, was sein »Möglichstes« war um die WTG damals zu retten - es war
die Preisgabe des Grundsatzes der Militärdienstverweigerung. Man lese die folgende Erklärung
des Berner WTG-Büros vom 15. September 1943 nach der Verurteilung Zürchers in der
Zeitschrift »Trost« (früher »Das Goldene Zeitalter«, jetzt »Erwachet«) vom 1. Oktober 1943, Nr.
505.
Zitat
Trost
Erklärung
Jeder Krieg bringt namenloses Leid über die Menschheit. Jeder Krieg bringt Tausende, ja
Millionen von Menschen in schwere Gewissensnot. Das gilt besonders auch vom jetzigen Krieg,
der keinen Erdteil verschont und in der Luft, zu Wasser und zu Lande ausgetragen wird. Es ist
unvermeidlich, dass in solchen Zeiten nicht nur einzelne Menschen, sondern auch
Gemeinschaften aller Art ungewollt verkannt oder auch bewusst falsch verdächtigt werden.
Auch uns Zeugen Jehovas ist dieses Schicksal nicht erspart geblieben. Wir werden als eine
Vereinigung hingestellt, die bezwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sei, "die militärische
Disziplin zu untergraben, insbesondere Dienstpflichtige zum Ungehorsam gegen militärische
Befehle, zur Dienstverletzung, zur Dienstverweigerung oder zum Ausreißen zu bewegen oder zu
verleiten."
Eine solche Auffassung kann nur vertreten, wer Geist und Wirken unserer Gemeinschaft völlig
verkennt oder sie wider besseres Wissen böswillig entstellt.
Wir stellen ausdrücklich fest, dass unsere Vereinigung weder gebietet noch empfiehlt, noch sonst
in irgendeiner Weise nahelegt, gegen militärische Vorschriften zu handeln. Derartige Fragen
werden weder in unseren Versammlungen noch in den von der Vereinigung herausgebenen
Schriften behandelt. Wir beschäftigen uns überhaupt nicht mit solchen Fragen. Wir erblicken
unsere Aufgabe darin, für Jehova Gott Zeugnis abzulegen und allen Menschen die biblische
Wahrheit zu verkündigen. Hunderte unserer Mitglieder und Glaubensfreunde haben ihre
militärischen Pflichten erfüllt und erfüllen sie weiterhin.
Wir haben uns nie angemaßt und werden uns nie anmaßen, in dieser militärischen
Pflichterfüllung eine Zuwiderhandlung gegen die Grundsätze und Bestrebungen der Vereinigung
Jehovas Zeugen, wie sie in ihren Statuten niedergelegt sind, zu erblicken. Wir bitten alle unsere
Mitglieder und Glaubensfreunde, bei der Verkündigung der Botschaft vom Königreiche Gottes
(Matthäus 24: 14) sich nach wie vor streng auf die Verkündigung der biblischen Wahrheiten zu
beschränken und alles zu vermeiden, was Anlass zu Missverständnis geben oder gar als
Aufforderung zum Ungehorsam gegen militärische Vorschriften missdeutet werden könnte.
Vereinigung Jehovas Zeugen der Schweiz
Der Präsident: Ad. Gammenthaler
Der Sekretär: D. Wiedemann
Bern, den 15. September 1943.
Consolation - German edition
Semi-monthly - Halbmonatlich
Vol. XXI, Nr. 505
Die Nummer: 20 Rp.
Bern 1. Oktober 1943."
Diese WTG-Erklärung bewirkte, dass die Schweizer Zentrale in Bern nicht aufgelöst wurde. Der
von Zürcher angegebene Hauptgrund für die gemäß den Weisungen Präsident N. H. Knorrs
vollzogene Preisgabe der Grundsätze der Militärdienstverweigerung, nach dem Kriege die
Verbindungen zu den Zeugen Jehovas in den anderen Ländern schnell wiederherstellen zu
können, ist völlig unglaubwürdig. Natürlich war auch der WTG daran gelegen, ihr Werk in der
Schweiz zu erhalten. Aber war das Werk in Deutschland nicht bedeutender gewesen, und hatte
man hier die Grundsätze der Militärdienstverweigerung preisgegeben? Im Gegenteil, die WTG
ließ es zu, dass zahlreiche ihrer Anhänger in Hitlerdeutschland als Militärdienstverweigerer
hingerichtet wurden. In der Schweiz tat man das nicht. Es gab da noch einige politische
Hintergründe.
Das WTG-Zentralbüro in Bern wurde offenbar vom USA-State Department in Washington
weiter als Nachrichtenquelle in Europa gebraucht und durfte deswegen unter keinen Umständen
auch noch geopfert werden, war es doch der letzte Stützpunkt dieser Art inmitten des vom
Faschismus beherrschten Westeuropa. Im November 1942 war als Chef des amerikanischen
Geheimdienstes »Office of Strategic Services« (OSS) Allan Welsh Dulles mit seiner Dienststelle
in die Schweiz gekommen. Er wurde dem amerikanischen Gesandten in der Schweiz als
persönlicher Mitarbeiter zugeteilt. Seine Hauptaufgabe indes war die Verbindung mit den in
Hitlerdeutschland wirkenden Untergrundorganisationen auch religiöser Art, so dass es am Ende
kaum noch etwas gab, was Dulles in dieser Hinsicht nicht betrieb. (Dulles, Allan W.: Im
Geheimdienst. Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1963, S. 17, 43, 62f.) Das Zusammenspiel der
WTG mit der amerikanischen Gesandtschaft in, Bern und ihrem diplomatischen Dienst wurde
durch die Verbindung Fritz Winklers als erstem Leiter der deutschen WTGUntergrundorganisation
zur Dienststelle des USA-State Departments in Berlin veranschaulicht.
Bezeichnend ist, wie Präsident N. H. Knorr nach dem Kriege seine Verantwortung für die
Kriegsdiensterklärung des Schweizer Büros von 1943 auf die einfachen WTG-Anhänger
abwälzte. Man lese den folgenden Bericht im »Wachtturm« vom 15. Januar 1948 über den ersten
Kongress der WTG mit N. H. Knorr in der Schweiz 1947:
Zitat:
"Sie werden wissen, dass ich Jehova bin"
Hesekiel 35:15
Der WACHTTURM
51. Jahrgang
Magdeburg 15. Januar 1948 Nr. 2
Zum Beispiel nahm es das Schweizer Büro auf sich, in der Ausgabe des Trost vom 1. Oktober
1943 (Schweizer Ausgabe von Consolation), also während der zunehmenden Bedrängnis des
letzten Weltkrieges, als die politische Neutralität der Schweiz bedroht zu sein schien, eine
Erklärung zu veröffentlichen, in welcher ein Satz wie folgt lautete: "Hunderte unserer Mitglieder
und Glaubensfreunde haben ihre militärischen Pflichten erfüllt und erfüllen sie weiterhin." Diese
einlullende Erklärung hatte sowohl in der Schweiz als auch in gewissen Teilen Frankreichs
Beunruhigung hervorgerufen. Unter herzlichem Beifall legte nun Bruder Knorr als Präsident
mutig dar, dass diese Worte der Erklärung abgelehnt werden, weil sie nicht die Stellung der
Gesellschaft dartun und nicht in Harmonie sind mit den christlichen Grundsätzen, wie sie in der
Bibel deutlich enthalten sind. Jetzt war die Zeit für die Schweizer Geschwister gekommen, vor
Gott und seinem Christus ein Bekenntnis abzulegen, und als Antwort auf Bruder Knorrs
Einladung, sich zu äußern, erhoben viele Geschwister die Hand um alle Zuschauenden wissen zu
lassen, dass sie ihre stillschweigende Zustimmung zu dieser Erklärung von 1943 zurückziehen
und diese in keiner Weise mehr zu unterstützen wünschen."
Offenbar erhoben nicht alle die Hand in diesem nachträglichen Reinwaschungsschauspiel des
WTG-Präsidenten, hätte man doch in Wirklichkeit das Hauptbüro der WTG in Brooklyn der
»stillschweigenden Zustimmung«, mehr noch, der Hauptverantwortung anklagen müssen, war es
doch N. H. Knorr selbst gewesen, der den Leiter des Berner Büros, Franz Zürcher, anwies, das
»Möglichste« zu tun, um das Büro vor einer Auflösung durch die Schweizer Behörden zu
bewahren. Statt dessen spielt sich Knorr hier als »mutiger« Kläger und Richter über die
offensichtlich unschuldigen Anhänger auf, die in dem undemokratischen System der
sogenannten theokratischen WTG-Ordnung im Prinzip nicht das geringste zu entscheiden haben,
was die Lehren und Grundsätze der WTG betrifft. Das ist hinreichend bewiesen.
Warum hat N. H. Knorr nicht sofort die fragliche Erklärung von 1943 als »einlullend«
zurückgewiesen, sondern sie bis Kriegsende gelten lassen? Weil es damals für die WTG
zweckmäßiger war, wenn ihre wehrpflichtigen Anhänger Militärdienst leisteten und so ihr Leben
riskierten. Man sieht, wie das Leben ihrer Anhänger im Grunde genommen nur ein Spielball im
politischen Auf und Ab der WTG-Tätigkeit ist.

Mit Hilfe der amerikanischen Militärregierung in Wiesbaden


Zu Beginn dieses Kapitels wurde unter anderem der Deutschlandexperte der USA-Regierung,
James Paul Warburg, zitiert, und zwar seine maßgeblichen Äußerungen über die Einbeziehung
von Kirchen und Religionsgemeinschaften in die Pläne der »Dammbildung gegen das
sowjetische Sozialisierungsstreben«. Es soll nun gezeigt werden, dass die WTG nach 1945 im
Rahmen dieser USA-Politik in Deutschland, das wieder zu einem Brennpunkt der Weltpolitik
wurde, eine noch mächtigere Stellung erhielt, als es in der Weimarer Republik der Fall war, eine
Stellung, die nur auf dem Wert der Tätigkeit der WTG für amerikanische Interessen beruhen
konnte.
Im September 1945 versammelten sich in Magdeburg einige deutsche »Beamte« der WTG - wie
sie ihre leitenden Mitarbeiter auch bezeichnet, die die nazistische Verfolgung überlebt hatten und
aus den Konzentrationslagern befreit worden waren. Ihre Aufgabe war, den deutschen WTGZweig
wieder ins Leben zu rufen. Sie bildeten ein Komitee von sieben Personen unter Leitung
von Erich Frost, dem letzten nach der Verhaftung Fritz Winklers 1936 von WTG-Präsident
Rutherford in Luzern, Schweiz, eingesetzten deutschen Zweigdiener bzw. »Reichsdiener«.
Nachdem man in Magdeburg, Otto-von-Guerickestr. 50, ein provisorisches Büro eingerichtet
hatte, ging Frost sofort nach Westdeutschland und errichtete in Zusammenarbeit mit der
amerikanischen Militärregierung in Wiesbaden ein weiteres Büro in Wiesbaden-Dotzheim, das
in der Folgezeit das eigentliche deutsche Zweigbüro wurde. Frost nahm auch sofort Verbindung
mit dem Hauptbüro in Brooklyn auf und erhielt noch 1945 über das Berner WTG-Büro eine
provisorische Vollmacht von Präsident Knorr zur Leitung der neu anlaufenden WTG-Tätigkeit in
ganz Deutschland.
Auf den ersten Blick sieht die Zusammenarbeit mit der amerikanischen Militärregierung
inWiesbaden um das WTG-Werk in Deutschland wiedererrichten zu können, harmlos aus, denn
schließlich musste das, wie überall, unter Konsultierung der zuständigen Behörden vor sich
gehen. In Magdeburg ließ Frost demzufolge mit der sowjetischen Besatzungsmacht zwecks
Wiedereröffnung des ehemaligen Zweigbüros verhandeln. Der Unterschied bestand nur darin,
dass die WTG über die amerikanische Militärregierung in Wiesbaden wieder unter die Fittiche
des USA-State Departments genommen wurde, während man die sowjetischen
Besatzungsbehörden hinsichtlich der politischen Pläne und Absichten der WTG hinters Licht zu
führen suchte.
Zunächst soll dargelegt werden, was Frost mit Hilfe der amerikanischen Militärregierung
zustande brachte, soweit es aus seinem ersten Bericht im WTG-Jahrbuch 1947 hervorgeht. Frost
schreibt:
»Am 13. Januar 1946 durfte ich am Sender Stuttgart den ersten Rundfunkvortrag halten …
Der Münchener Sender folgte rasch nach. Dort sprach ich am 14. Februar zum ersten Male …
Wenn wir bedenken, dass München die Hochburg des Bayrischen Katholizismus ist und dass wir
zudem in der Vergangenheit in Deutschland nie Gelegenheit hatten, über Rundfunk zu sprechen,
so bedeutet das einen gewaltigen Sieg der Wahrheit über die Bollwerke der Religion in diesem
Lande.
Am 14. Februar überreichte man mir das von der amerikanischen Militärregierung ausgestellte
Dokument für die Druck- und Verlagslizenz … Anlässlich eines Besuches bei der
Militärregierung erfuhr ich, dass amerikanische Offiziere eine Druckerei für die Watch Tower
suchten. Und wenige Tage später durfte ich mit einigen Brüdern nach Karlsruhe fahren und
daselbst eine den Nazis weggenommene Druckerei in kommissarische Verwaltung übernehmen.
Was hatte der Herr in diesen wenigen Wochen für uns getan! Wie machtvoll hatte er sein Werk
vorangetrieben!« (Jahrbuch 1947 der Zeugen Jehovas. WTG Bern, S. 112ff)
In der Tat, die USA-Militärbehörden erfüllten Warburgs Worte auch in diesem Falle vorbildlich.
Sogar der Rundfunk wurde der WTG in Westdeutschland zur Verfügung gestellt, eine
Möglichkeit, die es in der Weimarer Republik nie gab, wie Frost in Erinnerung an die
Auseinandersetzungen mit dem Bayrischen Katholizismus überheblich und triumphierend
feststellt.
Frosts Schwärmerei, »der Herr« habe das WTG-Werk »machtvoll vorangetrieben« ist jedoch
nichts weiter als eine auf die Mentalität der Zeugen Jehovas zugeschnittene Ablenkung von den
eigentlichen Kräften, die der WTG nach 1945 in Westdeutschland die Wege bahnten, weil sie
sich davon wieder einen politischen Nutzen versprachen. Und im übrigen entsprachen Frosts
Phrasen gar nicht der Wahrheit, denn auch andere Religionsgemeinschaften blühten nach 1945
mit Hilfe der amerikanischen Besatzungsmacht wieder auf, so dass es religiöser Unsinn ist, hier
von einer besonderen »Gunst des Herrn« zu sprechen. Es war die Gunst des USA-State
Departments im Rahmen der von Warburg umrissenen amerikanischen Religionspolitik in
Deutschland, die Frost emporhob und amerikanische Offiziere nach einer Druckerei »für die
Watch Tower« suchen ließ.
Das State Department trat jetzt auch selbst wieder in Erscheinung. Offenbar versuchte Frost
schon 1945, mit Präsident N. H. Knorr zusammenzutreffen. »Du weißt und kennst die Umstände,
welche eintraten um das zu verhindern«, schreibt Frost an Knorr darüber. Offensichtlich hatte
man sich in Washington noch nicht entschieden. Erst am 25. Juni 1946 unterzeichnete das State
Department die von WTG-Präsident N. H. Knorr ausgefertigte endgültige Vollmacht für das Amt
des neuen deutschen Zweigdieners in der Person Erich Frosts. Frost berichtet darüber in seinem
behördlichen Lebenslauf:
Zitat:
"Erich F r o s t
Magdeburg, Leipzigerstr. 16
Lebenslauf
Als Sohn des Buchdruckers und Schriftsetzers Hugo Julius Frost wurde
ich Erich Hugo F r o s t
am 22. Dezember 1900 in Leipzig geboren
Nach fast 9-jähriger Gefangenschaft aus dem Konzentrationslager befreit nahm ich unverzüglich
meine Tätigkeit als Zeuge Jehovas wieder auf und wurde durch den gegenwärtigen Präsidenten
N. H. Knorr, Brooklyn USA, zunächst durch eine Schweizer Vollmacht vom Jahre 1945, später
jedoch durch eine von der amerikanischen Regierung in Washington beglaubigte Original-
Vollmacht vom 25. Juni 1946 zum Bevollmächtigten der Watch Tower Bible and Tract Society
und ihrer gesamten Tätigkeit für alle vier Besatzungszonen Deutschlands ernannt."
Damit war der deutsche WTG-Zweig wie früher dem USA-State Department in Washington
unterstellt, und das alte Zusammenspiel konnte wieder seinen Lauf nehmen. Nachdem unter
Leitung von Frost und mit Hilfe der USA-Besatzungsmacht das WTG-Werk in Deutschland
wieder auf die Beine gestellt war, gestattete das State Department der Brooklyner WTG-Leitung
den ersten Nachkriegsbesuch in Westeuropa. Es geschah im Verlauf dieser Reise, dass Knorr in
der Schweiz die Kriegsdiensterklärung von 1943 widerrufen ließ. Im Mai 1947traf er daraufhin
mit seinem Sekretär M. G. Henschel und dem juristischen Berater des WTG-Hauptbüros H. C.
Covington, Mitglied der Staatsanwaltschaft von Texas und des New Yorker
Staatsanwaltschaftsverbandes, in Westdeutschland ein. (H. C. Covington ist seit 1964 auf Grund
von Differenzen mit Präsident N. H. Knorr aus der WTG ausgeschlossen (Listen der ordinierten
WTG-Sonderdiener, Jahrbücher 1963 und 1964). Der Besuch stand unter strenger Kontrolle der
amerikanischen Militärregierung. Die Besucher mussten sich im Quartierbüro der
USAHeeresluftwaffe
anmelden und erhielten von dort ihre Quartiere in einem Wiesbadener Hotel für
amerikanische Heeresoffiziere. Normalerweise hätten sie bei irgendwelchen Glaubensbrüdern
wohnen müssen. Im Reisebericht: des »Wachtturm« vom 1. Februar 1948 kann man darüber
folgendem lesen.
Zitat:
"Sie werden wissen dass ich Jehova bin"
Der WACHTTURM
41. Jahrgang Halbmonatlich Nr. 3
1. Februar 1948
MAGDEBURG
Zentraleuropa
Die drei Amerikaner, N .H. Knorr, Präsident der Watch Tower Bible & Tract Society, sein
Sekretär, M. G. Henschel, und der Rechtsberater der Gesellschaft, H. C. Covington, sahen ihrer
Ankunft in Frankfurt, wo das Flugzeug die erste und einzige Landung in Deutschland vornahm,
erwartungsvoll entgegen. Seit 1933 hatte kein amerikanischer Beamter. der Gesellschaft die
deutschen Geschwister mehr besucht.
Gleich nach Ankunft im Zentrum Wiesbadens meldeten sieh die drei Reisenden im (Besucherund)
Quartierbüro der Heeres-Luftwaffe an. Dort wurde ihnen ihr Ouartier zugewiesen. Sie
kamen in ein Hotel für Heeresoffiziere, in das Hotel "Zum Schwarzen Bock". Ferner wurde
ihnen das Vorrecht eingeräumt, in der Offiziers-Kantine des Hotels zu essen.
Bruder Covington wurde von Bruder Wauer von der Rechtsabteilung des Magdeburger Büros
der Gesellschaft und einem Dolmetscher am Bahnhof begrüßt. Nachdem er sich auf dem Militär-
Reisebüro in Berlin angemeldet hatte, erhielt der Reisende in einem Hotel, das von der Armee
der Vereinigten Staaten geleitet wird, seine Quartieranweisung."
Für die Zeugen Jehovas wurden zu diesem Besuch die üblichen großen Kongresse veranstaltet.
Eine interne Hauptaufgabe der drei Besucher aus den USA neben Inspektion und weiteren
Anleitung fürden deutschen WTG-Zweig war indessen, im Rahmen der wieder anlaufenden
WTG-Tätigkeit in Deutschland auch den Nachrichtendienst wieder aufzubauen, der durch die
nazistische Verfolgung zerschlagen worden war. Zu diesem Zweck nahm H. C. Covington mit
den amerikanischen Armee-Nachrichtendienststellen in Wiesbaden und Frankfurt (Main)
Verhandlungen auf. Es wurde vereinbart, die gesamte WTG-Berichterstattung aus Deutschland
für das Hauptbüro in Brooklyn über die amerikanische »Militärpost«, d. h. durch den Militär-
Nachrichtendienst und damit durch den amerikanischen Geheimdienst nach den USA zu
übermitteln. Im »Wachtturm« Bericht vom 15. Februar 1948 heißt es über die diesbezüglichen
Verhandlungen Covingtons: mit den Dienststellen der US-Armee:
Zitat:
"Sie werden wissen, dass ich Jehova bin".
Hesekiel 35:15
53. Jahrgang Halbmonatlich
BERN 15. Februar 1948 Nr. 4
Zentraluropa (Fortsetzung und Schluss) 60
Zentraleuropa
Es wurde über das Recht verhandelt, auf schnellerem Wege die Korrespondenz durch die
Militärpost nach Brooklyn befördern zu können sowie über die Benutzung der Kabellinien
zwecks Telegrammen nach dem amerikanischen Hauptbüro. Vereinbarungen, die mit den
Militärbehörden in Wiesbaden und Frankfurt getroffen worden waren, wurden bestätigt, dazu
auch die Bewilligung, deutschsprachige Bücher einzuführen."
Der WACHTTURM"
Darüber hinaus konnten im Verlauf der Verhandlungen mit Unterstützung des befehlshabenden
US-Offiziers bei den Wohnungsämtern in Westberlin noch Vorrechtsstellungen für die
Westberliner WTG-Funktionäre erlangt werden, die sonst nur Amerikanern eingeräumt wurden.
Covington versuchte ferner Verbindungen in die osteuropäischen Länder Ungarn, Rumänien und
Jugoslawien herzustellen, doch wurde ihm die Einreise verweigert. Es gelang ihm aber, die
sowjetischen Besatzungsbehörden zu täuschen und sich illegal in die damalige Ostzone nach
Magdeburg zu begeben, abgeschirmt durch einen geheimen WTG Sicherheitsdienst.
Mit dem Abschluss der Verhandlungen zwischen der WTG-Führung und den USAMilitärbehörden
in Westdeutschland waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, den
deutschen WTG-Zweig wieder voll und ganz für die Ziele der amerikanischen
Deutschlandpolitik wirken zu lassen.
In den bisherigen Ausführungen wurden die Beziehungen der WTG zum USA State Department
in der Hauptsache am Beispiel des deutschen WTG-Zweiges erläutert. Das heißt aber nicht, dass
dies nicht auch auf die anderen Zweige der internationalen Organisation zutrifft. Man kann das
von folgendem Beispiel ableiten.
Da die portugiesische Regierung im Jahre 1964 in einer Anzahl von Fällen die katholische
Bevölkerung ihres Landes gegen die Angriffe der WTG in deren Publikationen in Schutz nahm
und schließlich dazu überging, die Literatur der WTG in Portugal zu beschlagnahmen und
Versammlungen der Zeugen Jehovas zu verbieten, löste die WTG eine internationale Kampagne
gegen die portugiesische Regierung aus. Das hatte zur Folge, dass die portugiesische
Gesandtschaft in den USA sich veranlasst sah, in Washington zu den Maßnahmen ihrer
Regierung Stellung zu nehmen.
Das Interessante dabei ist nun, dass die portugiesische Gesandtschaft ihre Stellungnahme sowohl
an den verantwortlichen Herausgeber der WTG-Zeitschrift »Erwachet«, Grant Suiter, WTGDirektor
in Brooklyn, als auch an den Verbindungsmann der WTG zum USA-State Department
in Washington, WTG-Mitarbeiter Anton Koerber, sandte, wie die Adressierung dieser
Stellungnahme laut »Erwachet« vom 8. November 1964 bestätigt:
Zitat:
"ERWACHET!
"Die Stunde ist nun da, … zu erwachen" -
Römer 13:11, Perk
Vol. XLV Wiesbaden, 8. November 1964 Nummer 21
PROC. 4, 26
Nr. 395
AN DEN HERAUSGEBER
DER ZEITSCHRIFT "AWAKE!"
117 ADAMS STREET
BROOKLYN, NEW YORK, 11201
SEHR GEEHRTER HERR!
PORTUGIESISCHE GESANDSCHAFT
WASHINGTON
16. JUNI 1964
Hochachtungsvoll
J. de Menezes Rosa (Unterschrift)
J. DE MENEZES ROSE GESANDSCHAFTSRAT
Abschrift an HERRN GRANT SUITER
"WATCH TOWER"
124 COLUMBIA HEIGHTS
BROOKLYN 1, NEW YORK
HERRN ANTON KOERBER
VERTRETER DER
"WATCH TOWER"
IN WASHINGTON
Erwachet!"
Wenn sich die portugiesische Regierung über ihre Gesandtschaft nicht nur an Grant Suiter in der
WTG-Zentrale in Brooklyn wandte, sondern auch an den WTG-Vertreter Anton Koerber beim
State Department in Washington, dann war ihr sehr wohl die Beziehung der WTG in politischen
Fragen zum USA-State Department bekannt. Offenbar hatte Koerber von Anfang an in dieser
Sache die Funktion eines Mittelmannes zum State Department innegehabt.
So ist bis in die Gegenwart bezeugt und bewiesen, dass die WTG in allen Angelegenheiten, die
irgendwie von politischer Bedeutung sind, gleich welches Land sie betreffen, mit der
amerikanischen Regierung zusammenarbeitet, für sie politische Weisungen erfüllt und ihr
andererseits Nachrichten aller Art zugänglich macht. Das ist der Zweck des »ständigen,
Vertreters« der WTG in Washington, der die »Verbindung zwischen dem State Department und
der Gesellschaft" in Brooklyn darstellt.

Die WTG-Führer und der Hitlerfaschismus

Antifaschisten ausgeschlossen
Bis in die Gegenwart stellt die WTG ihr Verhalten in den Jahren der Herrschaft des
Hitlerfaschismus als ein einziges antifaschistisches Ruhmesblatt ihrer Geschichte dar. Die
Wahrheit sieht jedoch anders aus. Sie ist eine vernichtende Anklage gegen die amerikanische
und deutsche WTG-Führung und ihre »theokratischen« Ansprüche, »Stellvertreter Gottes auf
Erden« zu sein.
Es wurde schon erwähnt, dass dem Verbot der WTG-Tätigkeit vom 24. Juni 1933 eine politische
Fälschung seitens der Nazis zugrunde lag. Der Sachverhalt war folgender. Im Mai 1933 war die
Gestapo bei Haussuchungen auf Schriften gestoßen, die schonungslos die antisemitischen und
antikommunistischen Verbrechen der Nazis anprangerten. Es hieß darin, die Nazis bedienten
sich der gemeinsten Verlogenheiten, die je eine Partei angewandt habe, Hitler, Göring und Frick
seien blutrünstig schnaubende Naziminister, Nero-Charaktere, deren Absicht es sei,
Kommunisten, Sozialisten und Pazifisten abzuschlachten. Hitlerdeutschland halte 150 000
Unschuldige in den Gefängnissen, gemeine Mordtaten wurden als Patriotismus verherrlicht,
Juden, Kommunisten, Marxisten und Pazifisten geknechtet und verfolgt. Niemals könnte die
Abscheulichkeit der Judendrangsale in der Auslandspresse zu groß aufgemacht werden
angesichts dessen, wie anständige Menschen von Gewalttätern entrechtet werden, Die
Reichstagsbrandstiftung sei ein Naziverbrechen.
Verfasser dieser antifaschistischen Schriften war jedoch nicht die WTG, sondern der Leiter der
»Wahrheitsfreunde«, Ewald Vorsteher aus Wuppertal-Barmen.
Er war 1921/22 Mitarbeiter des WTG-Zweigbüros in Barmen und wurde 1923 ausgeschlossen,
weil er den religiös-politischen Kurs Rutherfords ablehnte. Die Nazis hatten die antifaschistische
Tätigkeit Vorstehers einfach auf das Konto der WTG geschoben um einen Verbotsgrund zu
haben. Diesen Zusammenhängen auf den Grund gekommen, stellten der
WTGSonderbevollmächtigte
M. C. Harbeck und der Magdeburger WTG-Syndikus Hans Dollinger bei
einer Besprechung im Polizeipräsidium in Wuppertal am 2. Oktober 1933 eindeutig klar, dass
die WTG nicht das geringste mit der antifaschistischen Tätigkeit Vorstehers gemein hat. Man
lese die Aufzeichnung Dollingers, die er persönlich im Nazi-Innenministerium übergab.
Zitat:
"Wichtig.
Betrifft: Bibelforschervereinigung.
III P 3233/10
Von Dollinger persönlich übergeben
Die Ursache des Verbotserlasses vom 24. 6. 33 (II 1316 a/23. 6. 33) und der einzige konkrete
Vorfall, den der Erlass zu Unrecht anführt, ist der
Bericht des Pol.Präs. v. Wuppertal v. 31. 5. 33 I Ad I 60001
Dieser Bericht ist irrtümlich erfolgt, wie das Pol. Präs. Wuppertal einräumt.
Der Bericht des Pol. Präs. in Wuppertal ist unter der Annahme abgegeben worden, dass der in
Frage stehende Vorfall auf die "Bibelforschervereinigung" Anwendung findet. Nachträglich
wurde dieser Irrtum eingesehen.
I. Der Unterfertigte und der amerikanische Staatsbürger M. C. Harbeck, Brooklyn, waren am 2.
10. 1933 in Wuppertal beim Polizeipräsidium vorstellig, die Besprechung fand unter
Herbeiziehung der Akten beim Leiter der politischen Abteilung (Beine) statt.
Hierbei wurde festgestellt:
II.
Der vom Pol. Präs. berichtete Vorfall, der schließlich zum Verbot der Vereinigung führte,
bestand darin, dass ein gewisser Ewald Vorsteher aus Barmen am 31. Mai 33 gehässige Angriffe
auf den Reichskanzler gerichtet hatte und hierbei verhaftet wurde. Vorsteher war bis 1923
Bibelforscher, trennte sich 1923 von dieser Vereinigung und gründete eine eigene Bewegung,
Gesellschaft der Wahrheitsfreunde genannt, deren Hauptaufgabe darin bestand, die
Bibelforschervereinigung zu bekämpfen. Seine 1923 herausgegebene Zeitschrift wurde 1925
oder 1926 mangels Leser eingestellt. Er hat nach 1923 mit der Bibelforscherbewegung keinerlei
Beziehung mehr unterhalten, die Vereinigung ihrerseits hatte ihn offiziell ausgeschlossen. (1923)
III.
Vorsteher wurde in Düsseldorf wegen Beleidigung der Regierung zu längerer Gefängnisstrafe
verurteilt. (Aktenzeichen: 16 b KM 45/33 St. A. Düsseldorf.)
Die Gerichtsakten dürften diese unsere Erklärung ergänzen.
IV.
Das Polizeipräsidium in Wuppertal weiß, dass der seinerzeitige Bericht falsch ist. Dieses wurde
mir im Polizeipräsidium anlässlich des erwähnten Besuches am 1. 10. 33 auf meine Frage hin
ausdrücklich vom Leiter der politischen Abteilung bestätigt (Beine).
Letzterer hat uns gesagt, dass er weiß, dass Vorsteher kein "Bibelforscher" sei, sondern ein
"Wahrheitsfreund".
IV.
Auf meine Frage, ob ihm bekannt ist, dass die "Wahrheitsfreunde" mit der
Bibelforscherbewegung weder identisch sind, noch mit derselben Beziehungen unterhalten,
wurde bejahend geantwortet.
Auf meine Bitte, den Vorfall dem preuß. Innenministerium zu berichten, legte uns dieser Beamte
nahe, das Innenministerium zu bitten, einen Bericht anzufordern, den er dann geben wird. Er
sagte wörtlich: "Sie müssen veranlassen, dass das Ministerium einen Bericht in der Sache
anfordert, dann werden wir die Angelegenheit nach den inzwischen getroffenen Feststellungen
richtigstellen."
V.
Die Angelegenheit wurde am 5. 10. 33 dem preuß. Innenministerium (Min. Dir. Fischer)
vorgetragen und es wurde gebeten, den Bericht von Wuppertal anzufordern.
VI.
Diese Sache ist das einzige konkrete Material, das zum Verbot Veranlassung gab.
28. I. 35 Hans Dollinger."
In einem anschließenden Schreiben an Regierungsrat Dr. Lang im nazistischen Innenministerium
legte Dollinger dar, was die grundsätzliche Haltung der WTG-Führung »auch für das gesamte
Ausland«, also auch das Hauptbüro in Brooklyn, zur Machtergreifung des Hitlerfaschismus war.
Zitat:
"Hans Dollinger
Magdeburg
Watch Tower Society.
z. Zt. Berlin, den 29. Januar 1935.
III P 3239/10 XXXII 2 Anl.
Herrn
Regierungsrat Dr. Lang
Berlin
Reichs- u. preuß. Ministerium des Innern.
Sehr geehrter Herr Regierungsrat!
Versprechensgemäss überreiche ich ergebenst in der Anlage die Abschrift; des Berichtes des
Herrn Polizeipräsidenten in Wuppertal.
Bei der Abschrift dieses Berichtes ist mir in besonders eindringlicher Weise das Ungeheuerliche
des Tuns dieses Mannes namens Vorsteher zum Bewusstsein gekommen. Ich verstehe es
durchaus, dass der nationalsozialistische Staat sich Derartiges nicht bieten lässt. Das würde kein
Staat der Erde sich bieten lassen.
Schmerzlich empfinde ich es, dass diese Wahnsinnshandlung eines verdrehten Menschen, der
seine "Erzeugnisse" wahllos an jede Adresse, der er habhaft werden konnte, versandt zu haben
scheint, als Grundlage für das Verbot einer wirklich tiefreligiösen christlichen
Religionsgemeinschaft, der "Bibelforschervereinigung", dienen musste.
Ich bin davon überzeugt, dass bei den Behörden sicherlich nicht genügend Einblick in die
Tatsache, dass die "Wahrheitsfreunde" mit der "Bibelforschervereinigung" in keinerlei Konnex
standen, vorhanden war und nur darauf das Bibelforscherverbot zurückzuführen ist.
Die "Bibelforschervereinigung" hat niemals in allen den Jahren, in welchen der
Nationalsozialismus im Kampfe um Deutschland stand, versucht, diesen Kampf zu
beeinträchtigen.
In keinem Vortrag, in keiner Schrift und auch nicht im Gesamtverhalten der Vereinigung wurde
gegen den Nationalsozialismus in irgendeiner Form Stellung genommen. Dies trifft sowohl für
Deutschland, auch für die Hunderttausende unserer inländischen Glaubensfreunde, - als auch für
das gesamte Ausland zu.
Wir müssen es entschieden ablehnen, für das, was dieser Vorsteher getan hat, die Verantwortung
tragen zu müssen.
Vorsteher ist ein Eigenbrötler, der von uns 1922 oder 1923 deshalb ausgeschlossen wurde, weil
derselbe die von der Vereinigung beachteten und mit den Gesetzen in Uebereinstimmung
befindlichen Richtlinien nicht einhalten wollte.
Es muss doch für die Vereinigung sprechen, dass sie unter keinen Umständen duldete, dass in
Fragen des gesetzmäßigen Handelns einzelne nach dem eigenen Kopfe marschierten. Diese
jederzeit unnachsichtlich gehandhabte Konsequenz gibt doch allein der Behörde die Gewähr,
dass keinerlei zweifelhafte Elemente geduldet wurden und nicht einzelne nach eigenen Ideen
tätige Menschen die Vereinigung nur als Sprungbrett und Plattform benutzen durften.
Hierauf haben wir alle die Jahre das größte Gewicht gelegt und es gibt keinen Fall, dass
Angehörige der Vereinigung entweder selbst in einen Konflikt mit dem Gesetz kamen oder die
Vereinigung in einen solchen hineinzogen.
Es kann daher nur als tragisch bezeichnet werden, dass der Fall, der dem Willen zur streng
gesetzmäßigen Tätigkeit der Vereinigung beweist, durch Umstände, die wir nicht zu
verantworten haben, der Vereinigung zum Verhängnis werden sollte.
Ich hoffe und bitte, dass eines Tages die Dinge nachgeprüft werden und wir eine Gelegenheit
erhalten, Rechenschaft abzulegen, - dann wird ohne Zweifel die ungeheure seelische Not meiner
Glaubensbrüder durch eine völlige Rehabilitierung von Amts wegen zu Ende gebracht werden.
Mit deutschem Gruß!
Hans Dollinger."
Es wurde schon gezeigt, wie selbst die Mehrheit des WTG-Direktoriums 1917 »gegen den
Felsen von Gibraltar« sprang, als sie Rutherfords Regime der persönlichen Macht verhindern
wollte. In der Tat war es Rutherfords Stärke, jeden unnachsichtig auszuschließen, der sich ihm
nicht bedingungslos beugte. Davor blieb selbst der WTG-Direktor George H. Fisher,
Mitverfasser des berüchtigten 7. Bandes der »Schriftstudien« (»Das vollendete Geheimnis«)
nicht bewahrt nachdem er Rutherfords Handlungsweise als falsch erkannte und ihn deswegen
kritisierte. Am Beispiel Vorstehers sieht man erneut, wie unnachsichtig jeder aus der WTG
ausgeschlossen wurde, der eigene oder andere Wege ging. Rücksicht auf Wahrheit oder
Richtigkeit der Sache gab und gibt es für die WTG dabei nicht.
Dass Vorsteher sich nicht scheute, selbst nach der Machtergreifung der Nazis Hitlers wahres
Gesicht schonungslos zu zeigen, war der WTG besonders unangenehm; denn Vorsteher gehörte
einst zu deren Organisation. Die buhlte jetzt aber um die Gunst der Nazis. Vorstehers Tätigkeit
konnte darum äußerst verhängnisvoll für die WTG werden, wenn diese sich nicht radikal von
ihm distanzierte. Um so ärger verleumdete und diffamierte sie Vorstehers antifaschistische
Tätigkeit als »Wahnhandlung eines verdrehten Menschen«. Antifaschisten, die sich gegen die
Machtergreifung des Hitlerfaschismus wandten und die Nazis bekämpften, hatten somit in der
WTG-Organisation keinen Platz! Sie wurden mit unnachsichtiger Konsequenz ausgeschlossen.
Fatal war angesichts dessen, dass gerade die, Kampfansage Vorstehers an Hitler die WTG in
Deutschland zu Fall brachte, ungeachtet der Tatsache, dass Rutherfords Sonderbevollmächtigter
und Leiter des Zentraleuropäischen WTG-Büros in Bern, Martin C. Harbeck, persönlich die
Distanzierung der WTG von jedem Antifaschismus vor dem zuständigen nazistischen
Polizeipräsidium in Wuppertal bekundete.

Das Buhlen der WTG-Führung um die Gunst der Nazis


Nicht umsonst war seit dem Zeitpunkt, als die an Deutschland interessierten
USAFinanzkapitalisten auf Hitler als ihren »starken Mann« setzten, in der deutschen WTGFührung
ein nazistischer Rechtsbeistand, Horst Kohl aus München, aufgetaucht, nachdem schon
jahrelang kein Geringerer als Hitlers persönlicher Verteidiger nach dem gescheiterten
Putschversuch von 1923 Rechtsbeistand des deutschen WTG-Zweiges war.
In seinem ersten Jahresbericht von 1947 unternimmt es der neue deutsche Zweigdiener Erich
Frost, die Begünstigung der Machtergreifung des Hitlerfaschismus, soweit es die WTG betrifft,
der damaligen deutschen WTG-Führung unter Balzereit und Dollinger in die Schuhe zu
schieben, die 1936 vom WTG-Hauptbüro zum Sündenbock gemacht wurden. Frost spricht von
ihnen als von Verrätern, die in den Dienst der Nazis getreten seien um ihre Haut zu retten.
(Jahrbuch 1947 der Zeugen Jehovas. WTG Bern, S. 113) Dollingers Erklärung, dass die WTG
auch im Ausland Hitlers »Kampf um Deutschland« nicht beeinträchtigt habe, und das
Auftauchen von Rutherfords Sonderbevollmächtigtem M. C. Harbeck im Polizeipräsidium in
Wuppertal beweisen, dass in Wirklichkeit das Hauptbüro in Brooklyn hinter der Haltung der
deutschen WTG-Führer stand. Die folgenden Einzelheiten dieser profaschistischen Haltung und
Begünstigung der Nazis durch die WTG zeigen, dass es letzten Endes Präsident Rutherford und
der jetzige Präsident Knorr waren, die den WTG-Kurs der Buhlerei um die Gunst der Nazis
bestimmten.
Da wäre als erste das Verhalten der WTG zur faschistischen Reichstagsbrandstiftung.
Bekanntlich ließ Hitlers Polizeichef Göring am 27. Februar 1933 das Reichstagsgebäude in
Berlin in Brand setzen, um einen Vorwand für das Verbot der Kommunistischen Partei
Deutschlands zu schaffen, nachdem er ihr dieses Verbrechen in die Schuhe geschoben hatte. Wie
schilderte nun die WTG in ihrer Zeitschrift »Das Goldene Zeitalter« den Reichstagsbrand?
Stellte sie die nazistischen Brandstifter bloß? Deckte sie die »verhüllte Gefahr« des Faschismus
auf, da jetzt über Deutschland hereinbrach? Verteidigte sie die »Freiheit für aller, die jetzt
unschuldig in die Gefängnisse und Konzentrationslager der Nazis getrieben wurden? Behauptete
die WTG doch in ihrem Geschichtsbuch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, was im Auszug
nachzulesen ist.
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Gottes Volk erkannte im Jahre 1919 kaum die wichtige Rolle, die dieses neue Mittel, Das
Goldene Zeitalter, bei der Bloßstellung des unheiligen Nazi-faschistisch-katholischen
Zusammenschlusses bilden sollte. In den folgenden Jahren wurden durch Artikel und
Karikaturen, die in dieser mutigen Zeitschrift erschienen, diesem Zusammenschluss zahlreiche
kräftigere, ja verheerende Schläge versetzt."
Das Gegenteil war 1933 der Fall. Unter der ablenkenden Schlagzeile »Wohin treibt Amerika?«
heißt es im »Goldenen Zeitalter« vom 1. April 1933, eingeklemmt zwischen anderen kleinen
Tagesmeldungen:
Zitat:
"Das Goldene Zeitalter
1. April 1933
Wohin treibt Amerika?
In der amerikanischen Zeitung "The New Outlook" (Der neue Ausblick) erschien vor kurzem ein
Artikel unter der Überschrift: "Was ist Technokratie?" Er glich in etwa dem Artikel: "Das
Rennen zwischen Mensch und Maschine", den das "Gol…
Dann denke man an die Zigarettenfabrikation. Man hat kürzlich Maschinen eingeführt, die in
einer Minute 2500 bis 2600 Zigaretten herstellen, während man bisher 500-600 Stück in der
Minute herstellte. Die Tabakfabriken verwenden …
polizeilich geschlossen worden. Die letzte Zählung der Rundfunkhörer in Deutschland ergab 4
307 722.
25. 2. Verschärfung der Bankenkrise in den Vereinigten Staaten, überall werden Bankfeiertage
erklärt.
27. 2. Das Reichstagsgebäude in Berlin ist in Brand gesteckt worden. Die Sitzungssäle sind
ausgebrannt. Am Brandort wurde ein Täter verhaftet, der seinen Angaben nach ein holländischer
Kommunist ist. Daraufhin sind im Reiche mehrere tausend kommunistische Führer verhaftet
worden. In Preußen sind alle kommunistischen Zeitungen, Zeitschriften, Flugblätter und Plakate
auf einen Monat, alle sozialdemokratischen auf 14 Tage verboten.
Die Japaner haben in Jehol die beiden Städte Tschaujang und Kailu in Trümmer gelegt und
dringen weiter vor.
Die Vickers-Armstrong-Werke (Fabriken für Kriegsmaterial) in England melden
Hochkonjunktur. Die hauptsächlichsten Lieferungen gehen nach Siam (und wie vermutet wird,
von dort nach Japan)."
Diese WTG-Notiz über den Reichstagsbrand entspricht auf die Silbe genau der Sprachregelung
des Goebbels-Propagandaapparates zur Vertuschung der Schuld der Nazis an der Brandstiftung
und zur Abwälzung dieses Verbrechens auf Kommunisten. Redaktionell verantwortlich für diese
profaschistische Propaganda zeichnete neben Paul Balzereit WTG-Präsident Rutherford
persönlich als Hauptverantwortlicher für »Das Goldene Zeitalter«.
Ein weiterer Akt der Begünstigung der nazistischen Machtergreifung durch die WTG-Führung
kommt in einem Bekenntnis zum Ausdruck, das 1933 in Form eines Briefes an den
faschistischen Diktator gerichtet wurde. Dieses Bekenntnis war neben einer Erklärung das
Ergebnis einer Konferenz aller führenden Vertreter der Zeugen Jehovas in Deutschland, die am
25. Juni 1933 - einen Tag nach dem Verbot vom 24. Juni 1933 - in Berlin-Wilmersdorf unter
Beteiligung von Präsident J. F. Rutherford und N. H. Knorr, damals WTG-Generaldirektor,
abgehalten wurde. An der Konferenz nahmen 5000 WTG-Funktionäre teil. Zweck der Konferenz
war, angesichts des erfolgten Verbots demonstrativ zu bekunden, dass sich die WTG
vorbehaltlich ihrer religiösen Anschauungen in völliger Übereinstimmung mit dem Nazistaat
befand und ihn unterstützte. Es gehört etwas Überwindung dazu, den Stil, in dem der Brief
gehalten ist, über sich ergehen zu lassen. Aber es kommt auf den Inhalt an. Eindeutiger konnte
das Eingeständnis der WTG-Führung jedenfalls nicht sein.
Von besonderer Bedeutung ist in diesem Brief auf der zweiten Seite der Abschnitt, in dem die
WTG erklärt, sogar gegen die sogenannte ausländische Greuelpropaganda gegen
Hitlerdeutschland Stellung genommen zu haben. Damit ist gemeint, dass die WTG gegen die
antifaschistische Propaganda Stellung bezog, die vom Ausland gegen die antisemitische
Nazidiktatur vorgetragen wurde. Besonders interessant ist der Schluss des Briefes, in dem die
WTG den Punkt 24 des Programms der NSDAP zitiert und auf sich angewendet wissen will.
Dieser Programmpunkt war die nazistische Kriegserklärung gegen die Menschen jüdischer
Abstammung und jüdischen Glaubens.
Der im Namen der Brooklyner und Magdeburger WTG-Führung an Hitler gerichtete Brief im
vollen Wortlaut wiedergegeben.
Zitat:
"WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
PUBLISHERS OF THE BIBLE STUDENTS ASSOCIATION
General Offices:
117 Adams Street
Brooklyn
New York, U. S. A.
German Branch:
Wachtturmstr. 1-19
Magdeburg
Postsch. K. Magdeburg 4042
Telephone: Magdeburg 40556, 40557, 40558
Radio and Cable Address: Watchtower Magdeburg
Kopie
Sehr verehrter H e r r R e i c h s k a n z l e r !
Am 25. Juni 1933 tagte in Berlin in der Sporthalle Wilmersdorf eine ca. 5000 Personen
umfassende und mehrere Millionen Deutscher repräsentierende Vertreterkonferenz der
Bibelforscher Deutschlands (Zeugen Jehovas), welche bereits seit vielen Jahren Freunde und
Anhänger dieser Bewegung sind. Der Zweck dieser, von den Abgeordneten der einzelnen
Bibelforschergemeinden Deutschlands besuchten Tagung war, Mittel und Wege zu finden, um
dem Herrn Reichskanzler und den übrigen hohen Regierungsbeamten des Deutschen Reiches
sowohl, als allen Länderregierungen Kenntnis zu geben von folgendem:
Gegen eine auf dem Boden positiven Christentums stehende Vereinigung ernster, christlicher
Männer und Frauen wurden und werden in einzelnen Landesteilen Maßnahmen ergriffen, die in
ihrem Ursprung lediglich als die Verfolgung von Christen durch andere Christen anzusprechen
sind, weil die - diese Maßnahmen auslösenden - gegen uns erhobenen Anschuldigungen meistens
von klerikaler, besonders katholischer Seite aus erhoben wurden und unwahr sind.
Absolut überzeugt von der völligen Objektivität der die Angelegenheit bearbeitenden
Regierungsstellen und Beamten, ersehen wir trotz allem, dass - einerseits wohl wegen starker
Inanspruchnahme der betreffenden Sachbearbeiter - der Inhalt unserer Literatur und der Sinn
unserer Bewegung größtenteils falsch beurteilt wird, und zwar nach dem, was unsere religiösen
Gegner - Vorurteil bewirkend - gegen uns vorbringen.
Darum ist das auf dieser Konferenz Besprochene in beigefügter Erklärung der Watch Tower
Bible and Tract Society niedergelegt, um es Ihnen, Herr Reichskanzler, sowie den hohen
Regierungsstellen des Deutschen Reiches und der Länder zu überreichen als Dokumentierung
der Tatsache, dass die Bibelforscher Deutschlands als einziges Ziel ihrer Arbeit nur
beabsichtigen, die Menschen zu Gott zurückzuführen und den Namen Jehovas, des
Allerhöchsten, des Vaters unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, auf Erden zu bezeugen und
zu ehren. Wir wissen bestimmt, dass Sie, Herr Reichskanzler, solche Tätigkeit nicht stören lassen
werden.
Die Bibelforschergemeinden Deutschlands und ihre Glieder sind allgemein bekannt als Hort
wahrhaftiger Ehrfurcht vor dem Allerhöchsten und als eifrige Pfleger sorgsamer Bibelforschung.
Örtliche Polizeibehörden werden immer bestätigen müssen, dass Bibelforscher absolut zu den
ordnungsliebenden und -erhaltenden Elementen des Landes und Volkes zu zählen sind. Ihre
einzige Mission ist Werbung der Menschenherzen für Gott.
Die Watch Tower Bible and Tract Society ist die organisierende Missionszentrale der
Bibelforscher (für Deutschland: Sitz Magdeburg).
Das Brooklyner Präsidium der Watch Tower-Gesellschaft ist und war seit jeher in
hervorragendem Masse deutschfreundlich. Aus diesem Grunde wurden im Jahre 1918 der
Präsident der Gesellschaft und die sieben Glieder des Direktoriums in Amerika zu 80 Jahren
Zuchthaus verurteilt, weil der Präsident sich weigerte, zwei von ihm in Amerika geleitete
Zeitschriften zur Kriegspropaganda gegen Deutschland zu gebrauchen. Diese zwei Zeitschriften
"The Watch Tower" und "Bible Students" waren die beiden einzigen Zeitschriften Amerikas, die
eine Kriegspropaganda gegen Deutschland verweigerten und darum während des Krieges in
Amerika auch verboten und unterdrückt wurden.
In gleicher Weise hat sich das Präsidium unserer Gesellschaft in den letzten Monaten nicht nur
geweigert, an der Greuelpropaganda gegen Deutschland teilzunehmen, sondern hat sogar
dagegen Stellung genommen, wie dies auch in der beigefügten Erklärung unterstrichen wird
durch den Hinweis, dass die Kreise, welche diese Greuelpropaganda in Amerika leiteten
(Geschäftsjuden und Katholiken), dort auch die rigorosesten Verfolger der Arbeit unserer
Gesellschaft und ihres Präsidiums sind. Durch diese und andere in der Erklärung enthaltenen
Feststellungen soll die Zurückweisung der Verleumdung, Bibelforscher würden durch die Juden
unterstützt, erfolgen.
Die Vertreterkonferenz dieser fünftausend Delegierten nahm mit großer Befriedigung Kenntnis
von der durch den Herrn Regierungspräsidenten zu Magdeburg erfolgten Feststellung, dass die
von unseren kirchlichen Gegnern behauptete Beziehung zwischen Bibelforschern und
Kommunisten oder Marxisten nicht erweisbar sei (also auch eine Verleumdung ist). Ein
diesbezüglicher Pressebericht, enthalten in der Magdeburger Tageszeitung Nr. 104 vom 5. Mai
1933, lautet:
Eine Erklärung der Regierung zur Besetzung des Bibelforscher-Hauses - Die Pressestelle der
Regierung teilt mit: "Die polizeiliche Besetzung der Grundstücke der "Vereinigung der ernsten
Bibelforscher" in Magdeburg ist am 29. April aufgehoben worden, weil kein belastendes
Material hinsichtlich der behaupteten kommunistischen Betätigung gefunden worden ist."
Ferner: Magdeburger Tageszeitung Nr. 102 vom 3. Mai 1933:
"Vom Büro der Bibelforschervereinigung wird uns mitgeteilt, dass die Aktion, die von der
Polizei gegen die Wachtturmgesellschaft und Bibelforschervereinigung eingeleitet wurde,
inzwischen gänzlich aufgehoben worden ist. Ferner werde alles freigegeben, da die sorgfältig
durchgeführte Durchsuchung ergab, dass sich die Gesellschaft weder in politischer noch in
krimineller Hinsicht irgend etwas zuschulden kommen ließen, und weil weiter festgestellt wurde,
dass die beiden Gesellschaften absolut unpolitisch und streng religiös sind. -
Von der Regierung wurde uns auf Anfrage die Richtigkeit dieser Angaben bestätigt."
Die Vertreterkonferenz dieser fünftausend Delegierten betonte, dass sie es nach dieser Sachlage
unter ihrer Würde halte, sich fernerhin überhaupt noch gegen die verächtliche Verdächtigung
marxistischer oder gar kommunistischer Betätigung verteidigen zu müssen. Diese widerlegten
Verleumdungen unserer religiösen Gegner tragen eindeutig das Signum religiöser Konkurrenz,
die einen ehrlichen Mahner statt mit Gottes Wort, mit dem wenig schönen Mittel der
Verleumdung erdrosseln möchte.
Weiter wurde auf dieser Konferenz der fünftausend Delegierten - wie in der Erklärung
ausgedrückt - festgestellt, dass die Bibelforscher Deutschlands für dieselben hohen ethischen
Ziele und Ideale kämpfen, welche die nationale Regierung des Deutschen Reiches bezüglich des
Verhältnisses des Menschen zu Gott proklamierte, nämlich: Ehrlichkeit des Geschöpfes
gegenüber dem Schöpfer!
Auf der Konferenz wurde festgestellt, dass in dem Verhältnis der Bibelforscher Deutschlands zur
nationalen Regierung des Deutschen Reiches keinerlei Gegensätze vorliegen, sondern dass im
Gegenteil - bezüglich der rein religiösen, unpolitischen Ziele und Bestrebungen der
Bibelforscher - zu sagen ist, dass diese in völliger Übereinstimmung mit den gleichlaufenden
Zielen der nationalen Regierung des Deutschen Reiches sind.
Unter Berufung auf die angeblich harte Sprache unserer Literatur erfolgten einige Verbote
unserer Bücher. Die Konferenz der fünftausend Delegierten verwies dazu auf den Umstand, dass
der beanstandete Inhalt der Bücher doch nur Bezug nimmt auf Zustände und Handlungen im
Anglo-Amerikanischen Weltreich, und dass dieses - speziell England - doch für den Völkerbund
und die auf Deutschland gelegten ungerechten Verträge und Lasten verantwortlich zu machen
ist. Das im obigen Sinne unserer Literatur Gesagte richtet sich also doch - einerlei, ob in
finanzieller, politischer oder ultramontaner Beziehung - gegen die Bedrücker des deutschen
Volkes und Landes, aber doch nicht gegen das sich gegen diese Lasten sträubende Deutschland,
so dass die erfolgten Verbote absolut unverständlich sind.
Für diejenigen deutschen Ländergruppen, in denen sogar Verbote der Bibelforscher-
Gottesdienste, Verbote ihrer Gebetsversammlungen usw. vorliegen, und die seit vielen Wochen
auf eine gerechte Lösung dieses, ihr religiöses Leben knebelnden Zustandes warten, wurde
folgendes ausgedrückt:
Wir wollen auch weiterhin den erlassenen Verbotsanordnungen Folge leisten; denn wir sind
gewiss, dass der Herr Reichskanzler bzw. die einzelnen hohen Landesregierungen diese
Maßnahmen - durch welche Zehntausende christliche Männer und Frauen schließlich einem dem
Urchristen-Leiden vergleichbaren Märtyrertum verfallen müssten - nach Kenntnis der wirklichen
Sachlage aufheben werden.
Endlich bekundete diese Konferenz der fünftausend Delegierten, dass die Bibelforscher- bzw.
die Watch-Tower-Organisation eintritt für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit
des Staates, sowie für die Förderung der vorerwähnten, auf religiösem Gebiet liegenden hohen
Ideale der nationalen Regierung. Um hiervon vor allen Dingen dem Herrn Reichskanzler, als
dem Führer des Volkes, und den übrigen hohen Regierungsbeamten des Deutschen Reiches und
der Länder Kenntnis zu geben, wurde das vorstehend kurz Gesagte in anliegender Erklärung
ausführlich niedergelegt.
Diese beigefügte Erklärung wurde vom Sekretär der fünftausend Delegierten der
Bibelforscherkonferenz vorgelesen und von dieser einstimmig gebilligt und angenommen mit
dem Auftrag, je ein Exemplar dieser Erklärung zusammen mit diesem Versammlungsbericht
dem Herrn Reichskanzler und den übrigen hohen Regierungsbeamten und der Länder zu
überreichen.
Dies geschieht hierdurch mit der ergebenen Bitte, dem in der Erklärung zum Ausdruck
gebrachten Ansuchen geneigtest entsprechen zu wollen:
Nämlich, einer Kommission aus unserer Mitte Gelegenheit zu geben zur verantwortlichen
Darlegung des wahren Sachverhalts vor dem Herrn Reichskanzler oder dem Herrn
Reichsminister des Innern persönlich. Andernfalls wolle der Herr Reichskanzler eine
Kommission von Männern bestimmen, die nicht durch religiöse Vorurteile gegen uns
eingenommen sind, also von Männern, die selbst nicht beruflich religiös interessiert sind,
sondern die wirklich nur - den für solche Fälle geltenden und vom Herrn Reichskanzler selbst
aufgestellten Grundsätzen entsprechen - unsere Angelegenheit vorurteilslos prüfen werden. Mit
diesen Grundsätzen meinen wir das in Punkt 24 des Programms der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei Gesagte:
"Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand
gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.
Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums ohne sich
konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdischmaterialistischen
Geist in und außer uns und ist überzeugt, dass eine dauernde Genesung unseres
Volkes nur erfolgen kann von innen heraus …"
Wir sind fest überzeugt, dass - wenn man uns religiös vorurteilslos erstens nur nach Gottes Wort
und zweitens diesem angeführten Programmpunkten nach beurteilt - die nationale Regierung
Deutschlands keinerlei Ursache finden wird, unsere Gottesdienste oder unsere Missionstätigkeit
zu hindern.
In Erwartung einer baldigen gütigen Zusage, und mit der Versicherung unserer allergrößten
Hochachtung, sind wir, sehr verehrter Herr Reichskanzler,
ergebenst
Watch Tower Bible and Tract Society
Magdeburg"
Um die antisemitische Tendenz und Haltung der in Berlin versammelten 5000 Zeugen Jehovas
oder Bibelforscher mit J. F. Rutherford und N. H. Knorr aus Brooklyn besonders hervorzuheben,
wurde von der Konferenz noch eine öffentliche Erklärung verabschiedet - für die »hohen
Regierungsbeamten« und »allgemein zu verbreiten«. Man lese folgenden Auszug:
Zitat:
"Erklärung
Dieser Kongress deutscher Männer und Frauen, friedlicher und ordnungsliebender Bürger aus
allen Teilen des Landes, die alle miteinander ernsthaft an dem höchsten Wohl des deutschen
Volkes mitarbeiten, hat sich heute, den 25. Juni 1933, offiziell in Berlin versammelt und erklärt
freudig seine völlige Ergebenheit gegenüber Jehova Gott,
Als Jesus zu den Juden kam, um ihnen die Wahrheit kundzutun, war es die jüdische
Geistlichkeit, das heißt die Pharisäer und Priester, die ihn heftig bekämpfte,
Juden
Wenn in unserer Literatur der Ausdruck "Geistlichkeit" gebraucht wird, so bezieht sich dieser
Ausdruck auf solche angeblichen Religionslehrer, Priester und Jesuiten, die unrechtmäßige
politische Mittel anwenden um ihre Zwecke zu erreichen, und die sogar ihre Kräfte verbinden
mit solchen, die Gott und den Herrn Jesus Christus verleugnen. Das ist dieselbe Klasse, die Jesus
als seine Verfolger bezeichnete. Wir üben keine Kritik an aufrichtigen Religionslehrern.
Das Anglo-Amerikanische Weltreich ist die größte und bedrückendste Herrschaft auf Erden.
Hiermit ist das Britische Weltreich, wovon die Vereinigten Staaten Amerikas nur einen Teil
bilden, gemeint. Es sind die Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreichs, die das
Großgeschäft aufgebaut und benutzt haben als ein Mittel der Ausbeutung und der Bedrückung
vieler Völker. Diese Tatsache bezieht sich insonderheit auf die Städte London und New York als
Hauptstützpunkte des Großgeschäfts. Dies ist in Amerika so offenbar, dass es in bezug auf die
Stadt New York ein Sprichwort gibt, das heißt: "Den Juden gehört die Stadt, die irischen
Katholiken beherrschen sie, und die Amerikaner müssen zahlen."
Es wird hierdurch beschlossen, je ein Exemplar dieser Erklärung den hohen Regierungsbeamten
ergebenst zu überreichen und sie allgemein zu verbreiten, damit der Name Jehovas immer mehr
bekannt gemacht werde.
Watch Tower Bible and Tract Society,
Magdeburg"
Diese Dokumente von 1933 beweisen: Die WTG ist mitschuldig an der allgemeinen Verbreitung
des antisemitischen Giftes, der allgemeinen Diskriminierung der Juden nicht nur in Deutschland.
Auch gegen die Auslandspropaganda zur Aufdeckung der verbrecherischen judenfeindlichen
Politik Hitlers hat die WTG nach eigenen Zeugnissen Front gemacht. Der Höhepunkt ist ohne
Zweifel das Bekenntnis der »Vertreterkonferenz der Bibelforscher Deutschlands, der Zeugen
Jehovas«, mit dem Naziparteiprogramm Punkt 24 und dem hierin erklärten Kampf gegen
jüdischen Geist in völliger Übereinstimmung zu sein, sowie die Forderung an Hitler, diese,
Nazirichtlinien als Maßstab an die WTG und die Zeugen Jehovas anzulegen um zu ersehen, dass
keinerlei Gegensätze zum Hitlerstaat bestanden. Die WTG bestätigt selbst, dass diese
»Vertreterkonferenz« 1933 in Berlin von dem damaligen Präsidenten Rutherford und dem
heutigen Präsidenten Knorr inszeniert wurde, die sich zum 25. Juni 1933 nach Berlin begaben,
»um zu sehen, was getan werden könnte«. ((Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben. WTG
Wiesbaden 1960, S. 130) Doch kein Bekenntnis zu »germanischem Rassegefühl«, zu
Antisemitismus und Naziparteiprogramm sollte der WTG-Führung mehr helfen.
Am 9. Februar 1934, also rund ein dreiviertel Jahr später, wandte sich Rutherford aus seiner
Fürstenvilla in San Diego, Kalifornien, erneut an Hitler. Er beschwor noch einmal den Kongress
von 1933 in Berlin und die dort gefassten antisemitischen und profaschistischen Bekenntnisse
und Erklärungen, von denen »Millionen unter demVolke verbreitet wurden«, wie er beteuerte.
Dieser jetzige Brief sei nun »sowohl eine freundliche Mitteilung als auch eine Warnung«. Wenn
bis zum 24. März» 1934 auf dieses ernstliche Begehren keine Antwort erfolgt, seitens Ihrer
Regierung nichts getan wird, um obigen erwähnten Zeugen Jehovas in Deutschland
Erleichterung zu gewähren«, würde die WTG mit der »Veröffentlichung der Tatsachen über
Deutschlands ungerechte Behandlung« der WTG-Anhänger beginnen, drohte Rutherford. (Cole,
Marley: Jehovas Zeugen, Frankfurt (Main) 1956, S. 194). Doch der 24. März verging, und
Rutherford tat nichts; denn inzwischen war das USA-State Department am Werke mit dem
Erfolg, dass das nazistische Innenministerium jenen Erlass vom 13. September 1934 herausgab,
der der WTG in Magdeburg aus Rücksicht auf die dort investierten amerikanischen Kapitalien
eine beschränkte Fortsetzung der Tätigkeit erlaubte, die Tätigkeit der Zeugen Jehovas jedoch
weiter unter Verbot hielt - eine zum Scheitern verurteilte Lösung.
Rutherford musste einsehen, dass die nun schon seit vier Jahren offen praktizierte Begünstigung
des nazistischen Machtkampfes nicht honoriert wurde. Weder die Abkehr vom Zionismus noch
die Haltung zum Reichstagsbrandverbrechen, weder das Bekenntnis zum Naziparteiprogramm
noch die antisemitische Schützenhilfe für die Nazis im In- und Ausland hatten etwas genützt. Die
ganze hierdurch eingehandelte Mitschuld am Aufkommen des Hitlerfaschismus war umsonst. Es
gab offensichtlich für die WTG keinen anderen Weg in Hitlerdeutschland, als unterzugehen oder
Widerstand zu leisten. Hitler blieb bei seinem Versprechen an den katholischen deutschen
Episkopat, die WTG in Deutschland aufzulösen. Es gehörte zu Hitlers Programm, mit einer
ganzen Reihe kleiner Religionsgemeinschaften und anderer weltanschaulicher Gruppen
aufzuräumen, ohne Rücksicht darauf, ob sie ihm bei seiner Machtergreifung geholfen und
gedient hatten und sich sonst zu ihm bekannten oder nicht. Mit der WTG und den Zeugen
Jehovas machte er den Anfang.
So ordnete die WTG schließlich für den 7. Oktober 1934 an, die Unterordnung unter das Verbot
in Deutschland aufzugeben. Korbweise kamen an diesem Tage bei der Hitlerregierung in Berlin
Telegramme an, in denen gegen die Behandlung der WTG-Anhänger protestiert wurde, Hitler
und seiner Partei die Vernichtung durch Gott androhend, wenn die Verfolgung der Zeugen
Jehovas nicht eingestellt würde. Diese organisierte Telegrammaktion wird heute von der WTG
als ein Hauptbeweisstück für ihre angeblich konsequente antifaschistische Haltung hingestellt.
Die Aktion war aber weder ein Protest gegen den Nazistaat noch gegen die Nazipartei, noch
gegen deren faschistisches Programm. Es war allein ein Protest gegen die Verfolgung der
WTGAnhänger.
Der Hitlerfaschismus sollte durchaus weiterbestehen, wenn die WTG ihre Freiheit
wieder erhielte. Keinen anderen Sinn hatten die Proteste.
Damit ist zugleich erwiesen, wie die WTG-Führung von einer politischen Skrupellosigkeit in die
andere verfiel. Wurde bis eben noch alles getan um mit den Nazis politisch zu einem
Kompromiss zu kommen, so wurde jetzt die Nazipartei bis zur Weißglut provoziert, vernichtend
gegen die WTG-Anhänger vorzugehen. Mit anderen Worten: Nachdem es nichts genützt hatte,
dass man die gesamten »Bibelforscher-Vertreter« Deutschlands mit antikommunistischer,
antisemitischer und profaschistischer Schuld belastete, warf man sie in den »Feuerofen« einer
vernichtenden Verfolgung. Die Ankündigung, Gott werde die Nazipartei vernichten, wenn sie
das WTG-Verbot nicht aufhebe, war nichts weiter als provokatorischer Unsinn, mit dem
Rutherford gleichzeitig das Ziel verfolgte, die Anhänger religiös zu fanatisieren, die eigene
profaschistische Politik aber für die Zukunft zu übertünchen.
Wäre die WTG-Führung von echtem christlichem Geist beseelt und benutzte sie das Predigen
christlicher Tugenden nicht nur als Mittel, um ihre Anhängerschaft in Willfährigkeit,
Einsatzbereitschaft, Abhängigkeit und Hörigkeit zu halten und ihre sonstigen nichtchristlichen
Bestrebungen zu verdecken dann hätte sie nach 1945 ein Schuldgeständnis ablegen müssen, wie
es manche Kirchen auch getan haben. Aber nichts dergleichen geschah. Mit Lügen, Fälschungen
und Entstellungen ist sie vielmehr bemüht, ihre antisemitische und profaschistische Haltung in
jeder Weise zu vertuschen. So macht WTG-Präsident Knorr aus seiner verbrecherischen
Unterstützung der antisemitischen Hitlerpolitik auf der Konferenz vom 25,. Juni 1933 in Berlin
in der neuzeitlichen WTG-Geschichtsschreibung skrupellos einen antifaschistischen Protest.
Man lese den entsprechenden Auszug aus dem Buch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S.
130:
Zitat
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
Richter Rutherford hatte die Lage in Deutschland fortwährend genau beobachtet und war mit
ihrer Entwicklung, soweit sie das Zeugniswerk betraf, gut vertraut. Bei dieser ernsten Wendung
der Dinge verlor er keine Zeit und begab sich in Begleitung von N. H. Knorr nach Deutschland,
um zu sehen, was getan werden könnte. Am 25. Juni, an demselben Tage, der für die wiederholte
Sendung des Vortrags "Wirkung des Heiligen Jahres auf Frieden und Wohlfahrt" über 158
Radiostationen in den Vereinigten Staaten angesetzt war, wurde ein Kongress in Berlin
einberufen. Dort wurde den 7 000 Anwesenden eine vorbereitete Erklärung der Tatsachen als
Protest gegen die Hitler-Regierung wegen ihrer anmaßenden Einmischung in das Zeugniswerk
der Gesellschaft vorgelegt, die einstimmig angenommen wurde. Die Erklärung wurde dann
jedem höheren Regierungsbeamten, vom Präsidenten abwärts bis zu den Reichstagsmitgliedern,
zugesandt, und 2 500 000 Exemplare wurden öffentlich verbreitet."
Ein einziger Blick auf den Brief an Hitler, der am 25. Juni 1933 von jenem Kongress abgesandt
wurde, zeigt, dass die WTG-Geschichtsschreibung in dieser Sache eine gewissenlose Fälschung
des wahren Sachverhalts ist.
Die Tatsachen beweisen, dass die WTG-Führung den Hitlerfaschismus nicht bekämpfen wollte.
Im Gegenteil, die Hitlerregierung hätte in ihr sogar einen Bundesgenossen haben können! Trotz
allem versuchte die WTG deshalb 1937/38 noch einmal, den faschistischen Diktator davon zu
überzeugen, dass man nichts gegen Hitler und seinen Staat, sondern eher vieles mit ihm
gemeinsam habe in einem Brief, den Rutherford 1937 veröffentlichen ließ.
Zitat:
"15. März 1945
Trost
Verantwortliche Redaktion:
H. Steinemann, Bern
Herausgeber:
Vereinigung "Jehovas Zeugen"
Druck und Verlag:
WATCH TOWER, Allmendstr. 39, Bern

Persönlicher Brief an Adolf Hitler


Angesichts der Kriegsereignisse erhalten manche Gedanken dieses persönlichen Briefes an den
Führer des deutschen Reiches vermehrte Bedeutung. Er wurde von einem der vielen aus
Glaubens- und Gewissensgründen Bedrängten geschrieben und bereits im Jahre 1937 in unserer
Zeitschrift veröffentlicht.
den 11. Januar 1937
An den Führer und Reichskanzler
Herrn Adolf Hitler.
Wenn ich nach reiflicher Überlegung endlich zu dem Entschluss gekommen bin, mich an Sie
persönlich zu wenden, so ist die Veranlassung hierzu nur der aufrichtige Wunsch, einem
schwerbedrängten Teil meiner Volksgenossen, und damit eigentlich dem ganzen deutschen
Volke selbst, einen Dienst zu erweisen. Das wiederholte Studium Ihres Buches "Mein Kampf"
bestärkte mich in diesem Entschluss; denn ich sagte mir, dieses Buch zeugt von einem
geschichtlichen Wissen, dass der Schreiber desselben meine Ausführungen unbedingt verstehen
Mus. Es handelt sich um die Sache der "Zeugen Jehovas", auch "Ernste Bibelforscher" genannt,
denen ich angehörte.
Gleich im Anfang der Machtübernahme wurde gegen uns ein Verbot erlassen.
Und doch ist der Zeuge Jehovas durchaus nicht ein grundsätzlicher Bekämpfer des Staates an
sich, wie so oft behauptet wird - so wenig dies Jesus war. Was wir von jeher bekämpft haben,
waren vor allem die falschen Lehren der Kirchen, die vielfach im Widerspruch zum Wort Gottes
stehen. Dieser Kampf hat uns im kirchlichen Lager viele Feinde gemacht. Inzwischen ist aber
auch der Staat zu der Erkenntnis gekommen, dass in den Kirchen vieles nicht stimmt. In seinen
diesbezüglichen Schriften greift Rosenberg die Kirchen deshalb in einer allerdings oft viel
weniger sachlichen Weise an. Wir wurden dafür schon früher vor die Gerichte gestellt.
Wenn wir in den letzten Jahren in eine gewisse Opposition dem Staate gegenüber gedrängt
worden sind, so geschah dies, weil eben Verschiedenes verlangt wurde, worunter wir uns aus
Gewissensgründen - nur aus solchen - nicht beugen konnten.
Aus den beiliegenden Abschriften von Veröffentlichungen in der Schweiz sind unsere
Hauptsünden ersichtlich. Ich möchte nicht mehr viel hinzufügen. Zum deutschen Gruß möchte
ich nur dies bemerken: Wie oft hört man einfache Leute sagen: "Nicht einmal Friedrich der
Große oder Napoleon hat das verlangt!…" "Ich tu's, weil ich muß!…" "Mit den Wölfen muss
man heulen! .." Wir teilen diese Ansicht nicht. Wir beten zu Gott: "Geheiligt werde dein Name!"
Und wir können dies Heil nicht gleichzeitig mit dem Namen eines Menschen in Verbindung
bringen. Wir sehen in Menschen nur Werkzeuge zur Hinausführung des göttlichen Ratschlusses,
nicht mehr. 'Es ist in keinem Namen das Heil als in Jesus Christus'. Dies Schriftwort ist für uns
maßgebend. Wir werden diesen Gruß nie leisten, obwohl wir deshalb oft gepeinigt werden. Es
macht nichts. Die Forderung dieses Grußes macht viele Deutsche zu Heuchlern. Ist das Ihre
Absicht? Gewiss nicht! Schaffen Sie schon deshalb diesen Gruß ab! Große Menschen sind
immer bescheiden zurückgetreten.
Nein, wir werden diesen Gruß nie leisten, nicht weil wir gegen Ihre Person wären, sondern weil
wir jeden Personenkult als für beide Teile gefährlich erachten und auf Grund der Kenntnis der
menschlichen Natur ablehnen müssen. Auch für uns bleibt der Mensch eben immer nur ein
Mensch, mag er ein noch so hervorragendes Werkzeug sein - wir wissen, dass gerade solche in
größter Gefahr sind.
Sie selbst sagen in "Mein Kampf", dass Sie in Ihrer schwersten Zeit am meisten gelernt haben.
Genau so ergeht es auch uns. Und doch müssen wir in Ihrem höchsten Interesse und im Interesse
des Volkes bitten: Heben Sie diese ungerechten Verbote auf und geben Sie den Menschen, die
doch nur nach dem eigenen Gewissen und nach Gottes Wort leben wollen, endlich die Freiheit!"
Auch diese eindringlichen Vorstellungen und Bündnisangebote an die Nazis, z. B. zum Kampf
gegen die Kirchen, blieben erfolglos. Selbst verhaftete deutsche WTG-Führer, namentlich aus
Sachsen, erklärten sich 1938 mit den Nazis gegen die Kirchen solidarisch, wie aus einem
Lagebericht des nazistischen Generalstaatsanwaltes von Naumburg vom Januar 1938 zu ersehen
ist. Auch das war freilich vergeblich.
Zitat:
"Herrn MinRat. Dr. Mettgenberg.
Herr Staatssekretär Dr. Freisler entnimmt aus dem Gesamtlagebericht über die Berichte der
Generalstaatsanwälte zum 1. 2. 1938:
Im Bezirk Naumburg ist eine größere Bibelforscher-Organisation (etwa 1 000 Mitglieder)
aufgedeckt worden. Der GStA. hält in diesem Zusammenhange eine Steigerung der Aufklärung
in der Presse für notwendig. (S. 11 des Gesamtlageberichts).
Herr Staatssekretär bittet um Vortrag.
22. 3. 38
Auszug aus dem Lagebericht des GenStA Naumburg (Saale) vom 31. 1. 1938:
Die Stapostellen der Provinz Sachsen haben eine neue IBV-Organisation aufgedeckt, die
schätzungsweise 1 000 Mitglieder umfasst. Die Einlassung führender Mitglieder dieser
Organisation geht neuerdings dahin, dass sie sich, seit sie erkannt hätten, dass der Staat die
bestehenden Kirchen "niederringen" wolle, mit dem Staat in diesem Kampfe solidarisch fühlten.
Meiner Ansicht nach dürften auch die Tageszeitungen ihre aufklärende Tätigkeit in dieser
Hinsicht noch erheblich steigern und nachdrücklicher gestalten.
IIIg 2307 38"
Ein letzter Akt der WTG-Buhlerei um die Gunst der Nazis vollzog sich im Sommer 1938, just
bevor die Nazis am 9. November 1938 ihre Kristallnacht veranstalteten, eine Nacht grausamer
Verbrechen an der deutschen jüdischen Bevölkerung. Die braunen Horden setzten Synagogen in
Brand, demolierten und raubten jüdische Geschäfte aus, ermordeten zahllose Juden oder
schleppten sie in Konzentrationslager Am Vorabend dieses Pogroms veröffentlichte das WTGBüro
in Bern am 15. Juli 1938 in der WTG-Zeitschrift »Trost« (»Erwachet«) einen Artikel über
die Juden, worin diese in Bausch und Bogen als »Bundesgenossen in des Teufels Organisation«
diffamiert wurden, die ihre Verfolgung allenthalben verdient hätten:
Zitat:
"Trost
15. Juli 1938
Die Juden in Palästina
Deshalb sind auch ihre Augen blind und die Ohren taub gegenüber Gottes Wahrheit. Was Gott
vor alters durch seine Propheten einem abtrünnigen Volke sagen ließ, ist heute sehr zeitgemäß.
So wie man sich vor Jahrtausenden auf den "Stab Ägypten" stützte, anstatt auf Jehova, so stützt
man sich auf England. Englische Juden suchen mit aller Beredsamkeit die englische Regierung
zu überzeugen, wie sehr England einen jüdischen Staat in Palästina aus englischimperialistischen
Gründen benötige, und wie loyal die Juden dem englischen Weltreich
gegenüber seien, und dass sie auch heute wieder bereit wären, für dieses Reich ihr Blut zu
vergießen.
So geht dieses Volk auch hier in seinem ehemaligen Heimatland einen Weg ohne Erkenntnis
Jehovas und seines gesalbten König Jesus, des Messias. Mit menschlichen Mitteln und
menschlichen Gedanken sucht man in den Besitz dieses Landes zu kommen und sieht nicht, wie
Jehova "die Räder des Wagens schwer macht", damit er nicht sein selbstgestecktes Ziel erreicht.
Man schreit nach mehr "Religiosität", wie die anderen Bundesgenossen in des Teufels
Organisation. Blind sind die Juden auch dafür, dass das "alte Weib" in Rom alles daransetzt, zu
verhindern, dass die Juden hier selbständig werden. Seine Priester sind die größten Hetzer; ihre
"heiligen Stätten" seien gefährdet, sollten die Juden zahlreicher werden! so schreien sie. Deshalb
muss auch England in seiner Abmachung mit Italien "die berechtigten italienischen (lies:
katholischen) Interessen" garantieren, d. h. das Recht, dass das "alte Weib" fernerhin durch seine
Schulen und Klöster das arme Volk verdummen darf, um es dann auszusaugen.
Die Juden sind ein lebendiges Bild dafür, wie furchtbar es ist, den Segen Jehovas nicht zu
besitzen. Abgeschnitten von der Gunst Gottes, sind sie auch hier ohne Ruhe. Wind säend, ernten
sie Sturm! Wie lange noch?
G. R."
»Auch hier« in Palästina, d. h. wie in Deutschland und anderswo, seien die Schwierigkeiten und
Drangsale der Juden gerecht, da »Jehova die Räder ihres Wagens schwer macht«, verkündet die
WTG. Wer von dieser religiös verbrämten antisemitischen Hetze infiziert war, musste die
Kristallnacht wie auch andere nazistische Judenverfolgungen, die viele Juden nach Palästina
trieben, zwar als furchtbar empfinden, doch was hilft's: Die Juden haben Wind gesät, und nun
bringt Jehova ihren Wagen in den Sturm der Verfolgungen! Jeder Protest, jede Empörung über
die verbrecherische faschistische Judenpolitik musste in dieser WTG-Verkündigung ersticken.
Und sie erstickte, selbst im Konzentrationslager im Angesicht der Massenvernichtung von Juden.
So vermerkt der KZ-Kommandant von Auschwitz, SS-Sturmbannführer Rudolf Höß, in seinen
Aufzeichnungen kurz vor seiner Hinrichtung 1947 in Polen mit Verwunderung, dass die
WTGHäftlinge
der Ansicht waren, die Juden hätten in den KZ »gerechterweise zu leiden und zu
sterben «. (Kommandant in Auschwitz. Autobiografische Aufzeichnungen von Rudolf Höß.
Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1958, S. 113)
Die redaktionelle Verantwortung für die allgemeine Judendiffamierung durch die WTG in
Europa im Kristallnachtjahr 1938 trägt Franz Zürcher vom WTG-Büro in Bern, der 1940
Nachfolger von M. C. Harbeck wurde. Im »Wachtturm« vom 1. März 1966 (deutsch)
veröffentlichte er unter dem Titel »Vorwärts im Dienste Jehovas« seine bisherige Laufbahn als
WTG-Führer. Reuelos verschweigt auch er - wie die Führung der Organisation insgesamt - die
antisemitische WTG-Politik in der Nazizeit.
Wenn die WTG-Führung später ihre Ansichten über die faschistische Judenverfolgung geändert
hat und diese verurteilt, so besagt das nicht, dass sie grundsätzlich Reue empfindet. Sie passt sich
nur der neuen politischen Situation an. Selbst ein Himmler, seines Zeichens »Reichsführer SS«,
wollte 1944 sein antisemitisches Kriegsbeil begraben. So bleibt die Schuld der Mittäterschaft der
WTG-Führung bei der geistigen Vergiftung der meisten Deutschen durch Antisemitismus, bei
der geistigen Vorbereitung der nazistischen Verbrechen an den Juden bestehen. Erst im zweiten
Halbjahr 1938 ging die WTG zu offener antifaschistischer Grundhaltung über. Rutherford war
im September 1938 anlässlich eines WTG-Kongresses in London mit den noch freien
westeuropäischen Zweigdienern zusammengetroffen um sich über die Lage zu informieren.
Nach den USA zurückgekehrt, veranstaltete er im 2. Oktober 1938 in New York eine
Kundgebung. Die Rede, die er dort hielt, »Faschismus oder Freiheit«, war das entscheidende
Zeichen für den neuen politischen Kurswechsel. Zuvor hatte er noch die Broschüre »Schau den
Tatsachen ins Auge« und das Buch »Kreuzzug gegen das Christentum« veröffentlichen lassen.
Erst damit war die endgültige Distanzierung der WTG-Führung vom Hitlerfaschismus vollzogen,
nachdem alle Versuche, Angebote und Leistungen, mit Hitler auf der Grundlage der
Anerkennung seines faschistischen Regimes und der Unterstützung seiner verbrecherischen
Politik in den genannten Fragen zu einem politischen Kompromiss zu gelangen, erfolglos
geblieben waren.
Vor diesem Hintergrund muss man die Rolle sehen, welche die insbesondere in den Jahren 1936
bis 1938 verhafteten deutschen höheren WTG-Führer Fritz Winkler, Erich Frost, Konrad Franke
und andere in den Händen der Gestapo gespielt haben.

Fritz Winkler
Nachdem Zweigdiener Paul Balzereit zusammen mit Hans Dollinger und anderen im Frühjahr
1935 verhaftet worden war, wurde der Leiter des Berliner Büros der WTG in der Potsdamer
Straße und spätere Bezirksdiener für Brandenburg und Schlesien, Fritz Winkler aus Berlin, von
M. C. Harbeck, Bern, zum Nachfolger für Balzereit eingesetzt. Zuvor hatte Harbeck in Brooklyn
und Washington die neue Methode der illegalen Berichterstattung aus Deutschland über die
Dienststelle des USA-State Departments in Berlin abgesprochen, wobei Winkler, wie bereits
dargelegt, eine entscheidende Rolle spielte.
Winkler wurde am 24. August 1936 von der Gestapo ebenfalls verhaftet. Mit ihm begann eine
Kette der direkten Gestapo-Handlangerei der hauptverantwortlichen deutschen WTG-Führer, der
nach und nach zahllose andere WTG-Funktionäre und auch einfache Anhänger zum Opfer fielen.
Es begann ein massenweiser Verrat der eigenen Glaubensbrüder an die Gestapo.
Was Fritz Winkler betrifft, so lese man den nachfolgenden Bericht der Geheimen Staatspolizei
Berlin vom 28. August 1936 an die untergeordneten Dienststellen der Gestapo und der
Politischen Polizei der deutschen Länder:
Zitat:
"Preußische Geheime Staatspolizei
Geheimes Staatspolizeiamt
Der Politische Polizeikommandeur
der Länder
Berlin, den 28. August 1936.
II I B I - S 1035/36
1483
An
alle Staatspolizeistellen und Politischen Polizeien der Länder
- nachrichtlich den Herren Regierungspräsidenten und Oberpräsidenten in Preußen.
Betr.: Internationale Bibelforschervereinigung.
Anl.: 2 Blattsammlungen und 2 Pausskizzen sowie einige rote und grüne Gutscheine.
In der Anlage übersende ich zur Kenntnisnahme Abschrift der Vernehmungsniederschrift des
IBV-Mitgliedes Winkler v. 24. 8. 1936 sowie eine Aufstellung über die von der IBV in
Deutschland verteilten Grammophonapparate nebst Zubehörteilen und Schallplatten und ferner
eine Skizze über den Aufbau der illegalen IBV in Deutschland und eine Sonderskizze für das
Gebiet Berlin. Weiterhin füge ich einige der roten und grünen, auf Seite 21 der eben genannten
Abschrift erwähnten Gutscheine bei.
Winkler hatte die oberste Leitung der IBV in Deutschland. Aus seinen Aussagen sind im
einzelnen der Aufbau, die Hauptfunktionäre, die Arbeitsweise, insbesondere die Art der
Nachrichtenübermittlung, des Buchvertriebes, die Verteilung von Grammophonapparaten u.
Schallplatten sowie des Geldverkehrs zu ersehen. Im Zuge einer größeren Aktion ist bereits die
gesamte Zentralleitung der IBV ausgehoben worden.
Ich ersuche nunmehr, auf Grund der anliegenden für den jeweiligen Bezirk in Betracht
kommenden Unterlagen, in den einzelnen Bezirken die weiteren Maßnahmen zu treffen. In erster
Linie sind die von Winkler angegebenen Bezirksdienstleiter festzunehmen. Durch ihre
anschließende Vernehmung sind die ihnen unterstellten Dienstleiter, Postanlaufstellen,
Bücherlager,
W. T.-Hersteller, Literaturanlaufstellen usw. festzustellen. Die Untergliederung bei den dortigen
Bezirksdienstleitern muss in den übrigen Bezirken der aus der zweiten Skizze ersichtlichen
Untergliederung des Berliner- und des Brandenburgisch-Schlesischen Bezirks entsprechen. Die
süddeutschen BDL haben möglicherweise die Literatur über die Schweizer bezw. französische
Grenze erhalten.
Mit Rücksicht darauf, dass voraussichtlich an der am 4. 9. 1936 in Luzern (nicht wie auf Seite 21
der Vernehmung Winklers angegeben) beginnenden Tagung auch deutsche Funktionäre
teilnehmen werden, ersuche ich, die Maßnahmen einheitlich am 31. 8. 1936 einzuleiten. Über
das Ergebnis ist fortlaufend und ausführlich unter Beifügung der wesentlichen
Vernehmungsniederschriften zu berichten.
In Vertretung:
gez. …
Beglaubigt: Kanzleiangestellte. K.
Geh. Staatspolizei.
Geheimes Staatspolizeiamt".

Erich Frost
Nachfolger Fritz Winklers wurde 1936 der damalige Bezirksdienstleiter Erich Frost aus Leipzig.
Frost war früher von Beruf Tanzmusiker. In Leipzig hatte er dann die Funktion eines örtlichen
Dienstleiters der WTG inne. Er wurde 1936 auf einem WTG-Kongress in Luzern/Schweiz, an
dem er illegal teilnahm, von Präsident Rutherford persönlich zum deutschen »Reichsdiener«
ernannt. Am 21. März 1937 wurde er von der Gestapo verhaftet. Aus Rache dafür, dass ihn der
ihm unterstellte Bezirksdiener Georg Rabe der Gestapo verraten hatte, lieferte er alle ihm
bekannten WTG-Funktionäre der Gestapo aus. Neue Massenverhaftungen waren die Folge. Das
authentische Material über diese Gestapodienste Frosts ist zu umfangreich um es hier ganz zu
veröffentlichen. Es kann nur das Wesentliche unterbreitet werden, das jedoch für die
Urteilsbildung völlig ausreicht Man lese zunächst die folgenden Gestapoberichte:
Zitat:
"Eilt sehr
2. Juli 1937
II 1134 - VA. 1541 C.
Kp.- Nr. 409/37.
36364 II 113
Chef der Sicherheitspolizei
Adjudantur
Eing. 6. 4. 1937
Nr. 2501
C. vorlegen 5. 4. 37
Betr.: Aktion gegen die illegale Bibelforschervereinigung.
Vorg.: diess. Schreiben VA. 1541 - Nr. 410/37 vom 22. 3. 1937.
Im August 1936 wurde die erste Aktion gegen die illegale I. B. V. vom Geheimen
Staatspolizeiamt in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Referenten des SD-Hauptamtes
durchgeführt. Mit Ausnahme der nach der Schweiz (Luzern) gereisten Bezirksdienstleiter R a b
e, D i t s c h i, F r o s t und W a n d r e s konnten sämtliche Hauptfunktionäre festgenommen
werden.
Durch die am 12. 12. 36 veranstaltete Flugblattaktion der I. B. V. wurde offenbar, dass bereits
eine zweite illegale Organisation der I. B. V. im Reich bestand. Durch die Festnahme des BDL.
R a b e und durch dessen Aussagen konnte mit der zweiten Aktion gegen die I. B. V. begonnen
werden. Diese führte zur Festnahme der Bezirksdiener D a u t, S i e b e n e i c h l e r,
N a w r o t h und des Reichsdieners F r o s t. Die Bezirksdiener D i t s c h i, W a n d r e s, F e h s
t, S t i c h e l und F r i e s e befinden sich noch auf freiem Fuß. Sie leben illegal.
Der Erfolg dieser Aktion ist z. Zt. durch die Personaländerung im zuständigen Dezernat II B 2
des Gestapa in Frage gestellt. Nach hiesiger Ansicht muss auch diese Aktion als gescheitert
angesehen werden, wenn sie nicht mit allen Mitteln und mit aller Energie durchgeführt wird.
Solange noch ein Hauptfunktionär der illegalen I. B. V. auf freiem Fuß ist, muss mit der
sofortigen Neuorganisation der I. B. V. gerechnet werden.
Es wird daher zur erfolgreichen Bekämpfung der I. B. V. vorgeschlagen, aus den einzelnen
Stapostellen sachkundige Beamten zu einem Sonderkommando zusammenzustellen und diesem
einige mit der Materie vertraute Sachbearbeiter der SD-Oberabschnitte zur Verfügung zu stellen.
Die Erfahrung aus den beiden Aktionen hat gezeigt, dass Beamte, die keine Sachkenntnis auf
diesem Gebiete haben, für derartige Aktionen ungeeignet sind,
I. an Stbf. mit der Bitte um Kenntnisnahme und Entscheidung über Vorlage bei C.
II. Wiedervorlage bei II 1134 sofort.
Stbf. II I1 II1 II11 II 113 II 1134
2. April 1937."
Zitat:
"Ad. II B 261/37 S.
Berlin, den 16. 4. 37
1034
Bericht.
Betrifft: Die "Internationale Bibelforscher-Vereinigung"
Über die staatsgefährdende Organisation der "Internationalen Bibelforscher-Vereinigung" ist
bereits eingehend berichtet worden, so dass von einer näheren Erläuterung über Zweck und Ziel
der IBV Abstand genommen wird.
Bemerkt wird, dass gegen 14 der oben benannten festgenommenen Personen bereits richterlicher
Haftbefehl erlassen worden ist.
Die Neu-Organisierung der illegalen IBV und deren Arbeitsweise konnte durch die Aussagen der
festgenommenen IBV-Funktionäre S i e b e n e i c h l e r, R a b e, D a u t und F r o s t aufgedeckt
werden.
Fest steht, dass alle Hauptfunktionäre sich illegal in Deutschland aufhalten bzw. aufhielten, im
Besitze von gefälschten und falschen Ausweisen sind und nicht nur bei Glaubensgeschwistern,
sondern auch bei alten Leuten Unterschlupf gefunden haben. Sämtliche Funktionäre sind ferner
im Besitze von Netzkarten der Reichseisenbahn für das gesamte Reichsgebiet, oder für
Teilbezirke.
Grundsätzlich wurden aber weit höhere Beträge gegeben und der Überschuss als "Gute-
Hoffnungs"-Beiträge abgeführt.
Durch die Festnahme von S i e b e n e i c h l e r und R a b e ist die Aufrollung ihrer Bezirke
(Bayern und Ostpreußen) möglich geworden. Desgleichen trifft dies für den Bezirk D a u t
(Berlin und Umgebung) zu. Daut hat in seiner Vernehmung vom 13. 4. 37 alle seine
Gruppendiener genannt, mit deren Inschutzhaftnahme durch die Stapoleitstelle Berlin in nächster
Zeit zu rechnen ist. Berlin war in 19 Gruppen eingeteilt. Unter Zugrundelegung der für Berlin
angefertigten Wt.-Exemplare von 240 Stück und unter Berücksichtigung, dass jede Zelle 4 bis 6
Personen umfasst, ist die Zahl der heute im Berliner Bezirk wohnenden Bibelforscher auf 1000
bis 1200 Personen zu schätzen."
Zitat:
"Ad. II B
Berlin, den 2. April 1937.
Verhandelt!
Vorgeführt erscheint Erich Frost, geboren 22. 12. 00 zu Leipzig, ohne festen Wohnsitz, und
erklärt:
Ich stehe jetzt im 36. Lebensjahr und bin seit 1922 Zeuge Jehovas. Die diesbezügliche Taufe
habe ich am 4. März 1922 erhalten. Wer mich getauft hat, kann ich heute nicht mehr angeben.
Ich will hierbei bemerken, dass auch meine Eltern bereits um diese Zeit Bibelforscher, wie wir
uns früher nannten, waren.
Nachdem Balzereit, festgenommen war und an seiner Stelle der Glaubensbruder Winkler das
deutsche Werk der Zeugen Jehovas leitete, befand ich mich in der Tschechoslowakei, wo ich das
Schöpfungsdrama aufführte. An dem Luzerner Kongress im September 1936 habe ich
teilgenommen und wurde vom Richter Rutherford an Stelle des festgenommenen Winkler mit
der Leitung des deutschen Werkes unter Anlehnung an das Prager Büro, dem der Bruder D w e n
g e r vorsteht, beauftragt. In Luzern fand daraufhin eine Konferenz statt, die sich lediglich mit
der Weiterführung des deutschen Werkes befasste. Es fand eine Neueinteilung der Bezirke in
Deutschland statt, die von folgenden Brüdern übernommen wurde.
Georg R a b e. Bezirksdiener für
1. Ostpreußen
2. Westpreußen
3. Pommern
4. Mecklenburg.
Artur N a w r o t h. Bezirksdiener für
1. Ostschlesien
2. Grenzmark.
August Fehst. Bezirksdiener für
1. Westsachsen
2. Sachsen (östlich der Elbe), nach der Festnahme des Bezirksdieners Wilhelm E n g e l,
festgenommen im Dezember 36 oder Januar 37.
Otto D a u t h, Bezirksdiener für
1. Berlin
2. Mark Brandenburg.
Fred M e i e r. Bezirksdiener für
1. Westsachsen bis einschließlich Anhalt.
Walther F r i e s e. Bezirksdiener für
1. Thüringen
2. Harzgebiet
3. Hannover.
Heinrich D i t s c h i. Bezirksdiener für
1. Schleswig-Holstein
2. Oldenburg
3. Ruhrgebiet, Westfalen.
Albert W a n d r e s. Bezirksdiener für
1. Rheinland
2. Baden
3. Württemberg.
Kurt S i e b e n e i c h l e r . Bezirksdiener für
1. Bayern.
Über eine direkte Einteilung der Bezirke in sogenannte Unterbezirke bin ich nicht genau
orientiert. Bekannt ist mir lediglich, dass in den großen Bezirken von D i t s c h i und W a n d r e
s Mitarbeiter bezw. sogenannte Unterbezirksdiener tätig waren.
Für D i t s c h i kommen hierfür in Frage:
1. L ü d e n s c h l o ß, Vorname vermutlich Ernst.
2. F e n n h o f e n, die Schreibweise seines Namens und sein Vorname sind mir nicht bekannt; er
heißt mit Vornamen vermutlich Erich: Ditschi sprach immer von einem Erich.
Für W a n d r e s kommen hierfür in Frage:
1. S c h l ö m e r, vermutlich Hermann.
2. S t i c k e l, Ludwig.
Soweit in den einzelnen Bezirken keine Unterbezirke eingerichtet waren, wurde diese einzelnen
Bezirke organisatorisch in Gruppen und diese wiederum in Zellen eingeteilt."
Dann machte Frost Angaben über seine Mitarbeiter im einzelnen. Über den damals noch illegal
arbeitenden Bezirksdienstleiter oder Bezirksdiener August Fehst sagte er aus:
Zitat:
"Den Bezirksdiener August F e h s t kenne ich seit dem Jahre 1931. Ich war früher mit ihm in der
Tschechoslowakei als Bibelforscher tätig. Seine Wohnung ist mir nicht bekannt. In Deutschland
muss er sich mindestens 1 Jahr lang ohne feste Wohnung aufhalten. Auch er war mit in Luzern,
seit dieser Zeit ist er der Bezirksdiener für Westschlesien und Ostsachsen.
F e h s t lieferte bei den bekannten Treffs in Berlin wenig oder überhaupt kein Geld ab, im
Gegenteil, er ließ sich von mir noch größere Beträge aushändigen, die er zur Bezahlung der
Schmuggler, welche ihm verbotene Literatur der illegalen IBV aus der Tschechoslowakei nach
Deutschland brachten, benötigte. Außerdem benötigte er viel Geld zur Versendung dieses
Schriftmaterials an die Deckadressen der einzelnen Bezirksdiener. Nur in einem Falle in Berlin
am 6. März 37 übergab mir
F e h s t einen Betrag von ca. 500.-- RM. Quittungen über alle mir ausgehändigten Gelder
wurden nichtausgestellt. Das trifft in jedem Falle zu. Fehst selbst verschaffte sich die Literatur
aus der Tschechoslowakei durch den Glaubensbruder W a g n e r aus Warnsdorf/CSR. Durch
Wagner stand Fehst in ständiger Verbindung mit dem Zweigbüro der IBV in Prag wegen
Belieferung von IBV-Literatur. Schätzungsweise sind durch Wagner 40 000 Bücher und
Broschüren der IBV über die Grenze bei Spindlersmühle im Riesengebirge, sowie bei Warnsdorf
(Zittauer Gebirge) gebracht worden. F e h s t übernahm diese Sendungen und verschickte sie an
die einzelnen Deckadressen der anderen 6 Bezirksdiener. Einen Teil der Literatur hielt Fehst für
seinen Bezirk zurück. Insgesamt enthielten die Sendungen folgende Bücher und Broschüren:
1.) Das Buch "Reichtum", etwa 900 Exemplare,
2. Die Broschüre "Entscheidung", etwa 35 000 Exemplare,
3.) Die Broschüre "Oberherrschaft", etwa 2000 Exemplare,
4.) Die Broschüren "Gesundheit und Leben", "Schlusskampf", "Frohe Botschaft" u. a. mehr,
etwa 2 bis 3000.
Außerdem wurden noch in der Zeit von 6 Monaten etwa 3 bis 4000 "Goldene Zeitalter" aus der
Tschechoslowakei durch
W a g n e r über die Grenze geschmuggelt. Diese Zeitschriften brachte F e h s t mit zu den Treffs
in Berlin, wo sie an die einzelnen Bezirksdiener verteilt wurden. Die gesamte Literatur ist in
Bern/Schweiz gedruckt worden, von dort aus wurde es unentgeltlich nach Prag an das Zweigbüro
der IBV geliefert. Auch wir in Deutschland erhielten diese Literatur ohne Bezahlung. F e h s t
hatte lediglich eine Vergütung für die Schmuggler zu zahlen, die ihm von mir aus ausgehändigt
wurde."
August Fehst hielt u. a. auch noch die Verbindung mit dem WTG-Büro in dar Schweiz aufrecht.
Er muss im Sommer 1939 verhaftet worden sein.
Aus Berlin überlieferte Frost der Gestapo u. a. die Herstellerin der illegalen WTG-Literatur, Ida
Strauß. Auch ihren Decknamen nannte er:
Zitat:
"Bei meinen häufigen Zusammenkünften mit Daut befand sich die Glaubensschwester Ida
Strauss, die den Decknamen
"M o r i t z " führte. Von Daut habe ich erfahren, dass die Strauss die Vervielfältigungen des
Wachtturms herstellt."
Dem noch in Freiheit lebenden Bezirksdiener Albert Wandres setzte Frost die Gestapo mit
folgenden Angaben auf die Spur:
Zitat:
Bezirksdiener W a n d r e s.
Meine Angaben auf Blatt 9 in der Vernehmung vom 15. 4. 37 habe ich wie folgt zu ergänzen:
Mit Wandres traf ich in Stuttgart 2 mal zusammen. Der erste Treff lag im November oder
Dezember 1936. Wir trafen uns am Bahnhof und suchten die Wohnung einer Glaubensschwester
auf. Den Namen der Glaubensschwester kann ich nicht angeben. Die Wohnung befindet sich
schräg rüber vom Café "Olga" und zwar in der Straße, die die Olgastr. schneidet. Die
Hausnummer selbst kann ich nicht angeben. Die Wohnung ist aber im 2. Stockwerk gelegen.
Soweit ich mich entsinnen kann sind in diesem Grundstück keine Geschäfte untergebracht. Es
handelt sich um ein reines Wohngrundstück. In der Wohnung, zugegen waren: Bezirksdiener
Wandres, sein Unterbezirksdiener Ludwig S t i c k e l aus Pforzheim, ich selbst, unterhielten wir
uns über die Wahrheit und erörterten Fragen des Glaubens. Organisatorische Fragen,
insbesondere, ob im Bezirk alles in Ordnung sei wurden schon auf dem Wege zu dieser
Wohnung behandelt.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich folgendes bemerken:
Gelegentlich des Haupttreffs im Januar d. Js. in Berlin teilte mir W a n d r e s mit, dass er zur
Vervielfältigung eine Schreibmaschine gekauft habe. Er legte mir eine Abrechnung vor, wonach
er für 240,-- RM eine neue Schreibmaschine, Marke unbekannt, gekauft habe. Den Lieferanten
sowie den Lieferort vermag ich nicht anzugeben, da wir uns darüber nicht unterhalten haben. Ich
vermute aber, dass Wandres die fragliche Schreibmaschine in Süddeutschland gekauft hat."
Über Heinrich Ditschi, der von WTG-Präsident Rutherford 1936 in Luzern zum Nachfolger für
Frost bestimmt worden war, falls dieser verhaftet wird, machte er folgende Angaben, die von der
Gestapo sofort unterbrochen wurden, als er Ditschis Verbindungen nach Holland nannte,
offenbar um sogleich Fahndungen einzuleiten:
Zitat:
Bezirksdiener D i t s c h i
Zu meinen am 15. 4. 37 über den Bezirksdiener Heinrich D i t s c h i gemachten Angaben
ergänze ich noch folgendes: Mit Ditschi war ich im Oktober 1936 und dann noch einmal im
Dezember 1936 in Dortmund zusammen. Wir trafen uns beide Male vorerst auf dem
Hauptbahnhof in Dortmund und gingen dann zusammen nach der Wohnung o. g.
Glaubensbruders B e i k e oder P e i k e in der Uhlandstr., Nr. unbekannt. Beike muss Inhaber
einer im gleichen Grundstück gelegenen Stickerei sein, die sich im Erdgeschoss befindet. In
beiden Fällen waren bei diesen Treffs anwesend: W a n d r e s, D i t s c h i, sowie der
Unterbezirksdiener L ü n e n s c h l o s s vom Bezirk Ditschi und ich selbst. Bei diesen Treffs
behandelten wir die Auslegung der Bibel und unterhielten uns über die Wahrheit. Der
Wohnungsinhaber war nicht zugegen. Ich muss an dieser Stelle hervorheben, dass ich außer den
abgehaltenen Andachten mich immer überzeugen wollte, ob und wie die verschiedenen
Bezirksdiener überhaupt noch für die IBV arbeiten. Es konnte ja möglich sein, dass in einigen
Fällen Verhaftungen vorgenommen waren und der Bezirk dann ohne Leitung gewesen wäre. In
solchen Fällen war es meine Aufgabe, einen neuen Bezirksdiener zu finden und einzusetzen.
D i t s c h i war bereits in Luzern als mein Nachfolger in dem Falle vorgeschlagen und bestimmt
worden, wo ich als Reichsdiener verhaftet werde. Im Falle meiner Verhaftung hat sich Ditschi
sofort in das Zweigbüro in Prag zu wenden, um weitere Weisungen entgegenzunehmen.
Nebenher möchte ich noch erwähnen, dass Ditschi nach seinen Äußerungen Beziehungen zu
Glaubensgeschwistern in Holland hat und mit diesen in ständiger Verbindung steht. Näheres
hierüber weiß ich nicht anzugeben. Mir ist nur bekannt, dass Ditschi wiederholt mit
Glaubensgeschwistern über Sterkrade mit Holland in Verbindung steht. Ich halte es für sehr
wahrscheinlich, dass Ditschi wiederholt in Sterkrade war.
Die Vernehmung wird abgebrochen."
Aus München überlieferte Frost der Gestapo insbesondere die aktiv illegal arbeitende Elfriede
Löhr, die später zusammen mit Frosts Mitarbeiterin Ilse Unterdörfer ins Konzentrationslager
Ravensbrück kam. Frost machte folgende, betont freimütigen Angaben in dieser Sache:
Zitat:
"Ad. II B
Berlin, den 26. April 1937.
Verhandelt.
Vorgeführt erscheint Erich F r o s t , Personalien bereits aktenkundig, und erklärt:
Am 6. März 1937, also am Tage des letzten Haupttreffs in Berlin, war Siebeneichler nicht
zugegen. Weil wir über ihn besorgt waren, schickte ich die Ilse U n t e r d ö r f e r sofort nach
München, um über Siebeneichler Erkundigungen einzuziehen. Ich übergab der Unterdörfer eine
mir von Siebeneichler genannte Münchener Telefonnummer. Nach Anruf beim Inhaber dieser
Nummer traf sich die Unterdörfer in München mit einer mir unbekannten Glaubensschwester,
die mit Vornamen "Gertrud" hieß. Mir ist in Erinnerung, dass die Gertrud personengleich ist mit
der Elfriede L ö h r aus München. Ich vermute das wenigstens so, eine nähere Begründung habe
ich allerdings hier nicht."
Als Frost nach 1945 durch Verschweigen seiner Gestapodienste wieder auf den Posten des
deutschen Zweigdieners gelangt war, sandte er Ilse Unterdörfer und Elfriede Löhr, die beide das
Konzentrationslager überlebt hatten, als erste deutsche Absolventinnen 1950 zur »Gilead«-
Missionarsschule der WTG in die USA.
Sie folgten wiederum ahnungslos ihrem Henkersknecht den sie von Gott eingesetzt wähnten.
Der Auszug aus dem Register von Frosts Kollaboration mit der Gestapo soll abgeschlossen
werden mit seinen Angaben über den damaligen WTG-Zweigdiener von Prag, Heinrich
Dwenger, und dessen Mitarbeiter Joseph Bahner. Diese Angaben waren im Hinblick auf die
Eroberungspläne Hitlerdeutschlands, in denen die Tschechoslowakei eines der ersten Opfer sein
sollte, besonders bedeutsam. Liquidierte die Gestapo doch auch in allen Ländern, die die
Hitlerwehrmacht besetzte, die WTG-Zentralen. Frosts Angaben bei der Gestapo über das
»Zweigbüro der IBV«.
Zitat:
"Der in Prag im Zweigbüro der IVB tätige B a h n e r, Josef, ist Sudetendeutscher,
schätzungsweise 34 Jahre alt, Bahner befindet sich für die IBV dauernd auf Reisen in der
Tschechoslowakei, sein Wohnort ist Brünn, in der CSR., Straße unbekannt. Bahner war früher
Offizier im Heere der CSR, er ist etwa 1,63 m groß, hat blasses Aussehen, blondes Haar. Bahner
muss früher zeitweilig im Bibelhaus der Wachtturmgesellschaft in Magdeburg beschäftigt
gewesen sein. Von Beruf ist er m. W. Kaufmann.
Heinrich D w e n g e r ist der frühere Leiter der Dienstabteilung der W. T.-Gesellschaft in
Magdeburg gewesen. Er war dort viele Jahre tätig und ist Reichsdeutscher. Ich schätze ihn auf 45
Jahre, er wird 1,70 m groß sein, trägt kurzgeschnittenen Schnurrbart, hat Haare von bräunlicher
Farbe, gescheitelt. Dwenger ist unverheiratet und in seiner Art ein Sonderling.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich angeben, dass die bei mir gefundenen Schweizer Francs, es
können etwa über 50 gewesen sein, von dem Bezirksdiener W a n d r e s stammen, der sie mir im
Februar dieses Jahres beim Haupttreff übergeben hatte. Wandres erhielt diese Francs von
süddeutschen Glaubensgeschwistern, die zum Kongress in Luzern waren und das Geld nicht
restlos verbraucht hatten. Die Francs hatten die Glaubensgeschwister als G. H.-Gelder dem
Deutschen Werke zur Verfügung gestellt. Wenn ich nicht verhaftet worden wäre, hätte ich die
Francs bei der Reichsbank eingetauscht. Bisher hatte ich dazu noch keine Gelegenheit gefunden.
v. g. u.
Erich Frost
geschlossen."
Der von Frost zusätzlich als »unverheirateter Sonderling« diffamierte Heinrich Dwenger ist laut
Jahrbuch 1964 der WTG seit 1945 wieder »ordinierter Sonderdiener« in ahnungslosem
Einvernehmen mit dem, der ihn der Gestapo auslieferte. Ein weiteres Mal enthüllt sich hier der
Trug der sogenannten theokratischen Überwaltung oder göttlichen Führung der WTGOrganisation.
Am 29. Oktober 1937 wurde Frost vom nazistischen Sondergericht in Berlin zu 3 Jahren und 6
Monaten Gefängnis verurteilt. Am 29. Oktober 1940 wurde er dann der Gestapo in Berlin, Abt.
11 B 11 des »Reichssicherheitshauptamtes« (Himmler) aus »besonderen Gründen« zugeführt. Er
kam u. a. in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er außergewöhnlich bevorzugt wurde.
Er unterrichtete den Sohn des KZ-Kommandanten im Klavierspielen und musizierte bei
SSVergnügen
als »musikalischer Gesellschafter des Lageroffiziers«, wie die WTG es darstellt. (Der
Wachtturm, 15. April 1956, WTG Wiesbaden, S. 247)
Es soll hier nun gleich das Ende der WTG-Laufbahn Frosts vorweggenommen werden. Zum
internationalen Kongress der WTG im Juli 1961 in Hamburg vollbrachte er als deutscher
WTGRedakteur
seinen letzten großen und öffentlichen Betrug. Raffiniert politisch aufgemacht - vor
rotem Untergrund mit der Vokabel »totalitär« -, stellte er sich in einem »Wachtturm«-Bericht,
betitelt »Befreiung von totalitärer Inquisition durch Glauben an Gott«, wie ein »Daniel in der
Löwengrube« vor. »Das Schlimmste« habe er im Konzentrationslager erlebt, das zu Papier zu
bringen »sich die Feder sträubt«. Nur durch Glauben an Gott sei auch er noch am Leben und
könne »die Geschichte erzählen«.
An der Brutalität und Bestialität von SS und Gestapo besteht kein Zweifel, aber im Falle Frost
sieht es gänzlich anders aus. Angesichts dessen, was er laut Gestapodokumenten alles berichtet
hat, ist völlig unglaubwürdig, was er im »Wachtturm« vom 1. Juli 1961 von unablässigen Rufen
zu Jehova und Schweigen um der Brüder willen schreibt.
Zitat:
"1. Juli 1961
Der WACHTTURM
BEFREIUNG von TOTALITÄRER INQUISITION
Von Erich Frost erzählt
UNTER NAZI-DÄCHERN
Am 27. März 1937 sollte die jährliche Feier zum Gedächtnis an Christi Tod stattfinden Ich hatte
mich mit zehn Brüdern verabredet um die Untergrundtätigkeit zu besprechen, doch sollte es
anders kommen. Am 21. März, um zwei Uhr morgens, dröhnen heftige Schläge und Fußtritte
gegen die Wohnungstür. Binnen weniger Sekunden lasse ich ein dünnes Papierröllchen mit
wichtigen Aufzeichnungen in der Matratze der Bettcouch verschwinden, und schon treten zehn
Mann der Geheimen Staatspolizei ein: "So, ziehen Sie sich an, Frost. Das Spiel ist aus!" Ich
betete zu Jehova und begann mich anzuziehen, während sie das gastliche Zimmer zu einer
Räuberhöhle machten. Das Papierröllchen wurde nie gefunden.
Alles wickelte sich nun sehr schnell ab. Die Gestapo hatte Kenntnis von unserem Plan, uns an
jenem Freitag zur Gedächtnismahlfeier zu treffen, doch wusste sie nicht, wo. Mehr als einmal
schlug man mich, bis ich bewusstlos war, überschüttete mich dann mit Wasser um mich wieder
zum Bewusstsein zu bringen. Bald konnte ich nicht mehr liegen und nicht mehr sitzen. Von
Freitag bis Montag aß und trank ich kaum etwas, rief aber unablässig Jehova um Hilfe an, damit
ich um der Brüder willen schweigen könnte. Als ich wieder vor die Gestapo-Meute geführt
wurde, dachte ich an Daniel in der Löwengrube. Ihr zorniger Wortschwall verriet mir, was ich
hören wollte: Die Brüder waren nicht in das Netz geraten, das die Polizei gelegt hatte. Meine
Freude war unbeschreiblich."
Die Wahrheit ist vielmehr die: Frost hat nicht nur nicht geschwiegen, sondern er hat ohne jede
sichtliche Veranlassung durch die Gestapo, geschweige denn durch Schläge, aus eigenem
Antrieb ausgepackt, bis hin zu solchen persönlichen Bemerkungen wie, der Leiter des
WTGZweigbüros
in Prag, Heinrich Dwenger, sei ein »unverheirateter Sonderling«. Nicht nur die
vorliegenden Aufzeichnungen über Frosts Berichte an die Gestapo beweisen, dass sein
»Wachtturm«-Artikel ein skandalöser öffentlicher Betrug ist, zugleich bezeichnend für die
"Wachtturm«Zeitschrift als angeblicher göttlicher Kanal für die Zeugen Jehovas. Bei einem
Gespräch im Juli 1956 in Wiesbaden hat Frost offen und reuelos zugegeben, dass er aus Rache
an seinen Mitarbeitern, die ihn verraten haben, das ganze WTG-Werk in Deutschland 1937
»hochgehen« ließ.
Ebenfalls aus Anlass des internationalen WTG-Kongresses im Juli 1961 in Hamburg und unter
Bezug auf Frosts Bericht im »Wachtturm« vom 1. Juli 1961 veröffentlichte das Hamburger
Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« am 19. Juli 1961 einen zweiseitigen illustrierten Artikel mit
dem Titel »Väterchen Frost«, in dem die wahre Rolle des Frost in der Nazizeit als
Gestapohandlanger öffentlich bekanntgemacht wurde. Der Bericht hat folgenden Wortlaut:
Zitat:
"DER SPIEGEL
DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN
19. Juli 1961 Nr. 30
SEKTEN
ZEUGEN JEHOVAS

Väterchen Frost
Tausende Zimmerleute, Installateure und Erdarbeiter - sämtlich freiwillige unbezahlte Helfer -
verwandeln in diesen Tagen die große Festwiese des Hamburger Stadtparks in einen
"Königreichssaal unter freiem Himmel".
In diesem windigen Lokal will eine religiöse Sekte tagen, die insgesamt über 700 000 Mitglieder
zählt, in der zivilisierten Welt aber nicht auftreten kann ohne belächelt oder verfolgt zu werden:
die Zeugen Jehovas.
Missionseifrig predigen die in Amerika heimischen Sektierer, dass sich Gott vor der Welt
rechtfertigen müsse, weil er Luzifer erlaubt habe, Menschen, Staaten und Kirchen, einschließlich
des Papstes in Rom, zu vergiften.
In dem hansestädtischen Saal ohne Dach wollen die Zeugen vom 18. bis zum 23. Juli einen
internationalen Kongress mit Delegierten aus 50 Ländern abhalten. Für die Tage der Erbauung
werden 75 000 Stühle aufgestellt, Proviant-Zelte errichtet und 12 000 Blumen eingepflanzt.
Inmitten dieser Bühnenflora wird sich dem Jehova-Publikum eine Dreieinigkeit darbieten,
bestehend aus dem Chef der weltweiten Organisation, Mister Nathan Homer Knorr aus
Brooklyn (New York) dem Chef des deutschen Zeugen-Jehovas-Zweiges, "Zweigdiener" Konrad
Franke aus Wiesbaden, und dem Vorgänger Frankes, Erich Frost.
Der sechzigjährige Frost gilt in diesem Triumvirat als ideologische Autorität: Er leitet die
Wiesbadener Wachtturm-, Bibel- und Traktat-Gesellschaft, die geistige Zentrale der deutschen
Zeugen Jehovas, und ist außerdem verantwortlicher Redakteur des "Wachtturms".
Väterchen Frost, wie er wegen seiner Leutseligkeit in vertrautem Kreis genannt wird, will den
würdigen Rahmen unter anderem nutzen, um der 2000 Opfer aus der Zeit des Hitler-Regimes zu
gedenken, die seine Sekte zu beklagen hat.
Die Rolle, die Frost selbst auf diesem Leidensweg der Zeugen Jehovas gespielt hat, wird
allerdings in überlieferten Gestapo-Akten anders dargestellt, als in einem Aufsatz, der der
frühere Cafehaus-Musikus Frost noch vor dem Hamburger Kongress im "Wachtturm" unter dem
Titel "Befreiung von totalitärer Inquisition durch Glauben an Gott" veröffentlichte.
(Jehovas Reichsdiener Frost
Inquisition im Wachtturm)
Frost bekleidete in der NS-Zeit, als die Zeugen Jehovas in Deutschland nur untergründig wirken
konnten, das Amt des sogenannten Reichsdieners. Der Reichsdiener war der oberste Jehova-
Funktionär; ihm unterstanden die Bezirksdiener, diesen wiederum die Kreis- und Ortsdiener.
Da die Diener Jehovas sich tapfer gegen das Dritte Reich auflehnten und behaupteten, auch
Hitler-Deutschland sei Luzifers Werk, ereilte sie nach 1933 des Führers Auflösungs-Dekret:
Büros und Traktat-Druckereien wurden geschlossen, die Vereinsgelder der NS-Volkswohlfahrt
übereignet und sämtliche Schriften beschlagnahmt.
Die Zeugen ließen sich aber durch derartige Schikanen nicht unterkriegen. Als 1936 ein Jehova-
Kongreß in Luzern beschloss, in Deutschland eine große Flugblatt-Aktion wider das Verbot der
Sekte zu starten, konnte Frost alsbald den prompten Vollzug melden. Am 12. September 1936
zwischen 17 und 19 Uhr, wurden in fast allen größeren Städten des Reiches die Flugblätter mit
der sogenannten Luzerner Resolution - insgesamt 300 000 Exemplare - unbemerkt in Briefkästen
und Türschlitze gesteckt. Außerdem schickten die ausländischen Zeugen Jehovas 20 000 Protest-
Telegramme an "Exzellenz Hitler, Deutschland".
Die Jehova-Zeugen verweigerten im Hitler-Deutschland - wie auch weniger gefahrvoll in allen
anderen Staaten - den Militärdienst, und zwar sogar in Friedenszeiten und als Sanitäter.
Die aus den USA und aus der Tschechoslowakei ferngesteuerten deutschen Bibelforscher
enthielten sich überdies couragiert des Deutschen Grußes. Die Folge: Viele Zeugen Jehovas
wanderten im Dritten Reich in die Gefängnisse und Konzentrationslager.
Aber selbst nach einer großen Verhaftungswelle im Jahre 1936 arbeitete die Organisation noch
exakt, weil der oberste Funktionärskörper nach wie vor anonym blieb. Das änderte sich erst,
nachdem es der Geheimen Staatspolizei 1937 gelungen war, des Reichsdieners Frost habhaft zu
werden. Erinnert sich Frost:
Am 21. März, um 2 Uhr morgens, dröhnen heftige Schläge und Fußtritte gegen die
Wohnungstür. Binnen weniger Sekunden lasse ich ein dünnes Papierröllchen mit wichtigen
Aufzeichnungen in der Matratze der Bettcouch verschwinden, und schon treten zehn Mann der
Geheimen Staatspolizei ein: "So, ziehen Sie sich an, Frost. Das Spiel ist aus!"
Nach dieser drehbuchreifen Story seiner Sistierung ist es Frost damals gelungen, die Liste seiner
Getreuen vor der Gestapo zu verstecken. Als Frost später vernommen wurde, habe er am
"zornigen Wortschall" der Inquisitoren erkannt, dass "die Brüder … nicht in das Netz geraten
(waren), das die Polizei gelegt hatte".
Frost flehte damals, wie er jetzt im "Wachtturm" schildert, tagelang Jehova um Hilfe an, "damit
ich um der Brüder willen schweigen könnte". In seiner Leidensgeschichte erweckt Frost denn
auch den Eindruck, dass er seinen Vernehmern tatsächlich "wie Daniel in der Löwengrube"
widerstand.
Im Haftbuch Nr. 292 des Geheimen Staatspolizeiamtes in Berlin, Dienststelle II B 2, steht es
freilich anders. Nach den noch vorhandenen Verhör-Protokollen, die von Frost unterschrieben
sind, hat nämlich der Jehova-Reichsdiener am 2., 15., 20., 21., 24., 26., und 29. April 1937
ausführlich über seine Gefolgsleute berichtet.
Frost schilderte - laut Verhör-Protokoll - detailliert die Tätigkeit seiner Organisation und verriet
auch zwei Treffpunkte seiner Funktionäre: "der (Berliner) Stadtbahnsteig Alexanderplatz" und
"bei Reiche in Zeuthen-Niersdorf, Lange Straße 5."
Schließlich nannte er - laut Verhörprotokoll - den Gestapo-Leuten auch noch die Namen seiner
Bezirksdiener.
• Arthur Nawroth (Ostschlesien, Grenzmark)
• August Fehst (Westschlesien, Teile Sachsens),
• Otto Dauth (Berlin, Mark Brandenburg),
• Fred Meier (Westsachsen, Anhalt),
• Walter Friese (Thüringen, Harzgebiet, Hannover),
• Heinrich Ditschi (Schleswig-Holstein, Oldenburg, Westfalen, Ruhrgebiet),
• Albert Wandres (Rheinland, Baden und Württemberg) und
• Karl Siebeneichler (Bayern).
Frost selbst durfte nach seinen Verhören durch die Gestapo die Haftzelle mit einer
Zwangsarbeitsstelle im Emslandmoor vertauschen, wurde entlassen, kam im Krieg
zeitweilig in das Konzentrationslager Sachsenhausen, und "schließlich landeten wir als
… SS-Baubrigade auf der (Frankreich vorgelagerten) Felseninsel Alderney".
Auf dieser Kanal-Insel, so schreibt Frost jetzt in seinem "Wachtturm"-Artikel,
beobachtete er "in einer sternklaren Nacht … die Invasion der Alliierten".
Zum Schluss des Frost-Berichts - die "Wachtturm"-Ausgabe wird jedem Teilnehmer des
Hamburger Kongresses zum besseren Verständnis der Frost-Gedanken in die Hand
gedrückt - zitiert der ehemalige Reichsdiener unvermittelt den schwedischen Journalisten
Björn Hallström, der über die Leiden der Jehova-Zeugen unter Hitler sagte: "Durch ihren
Glauben an Gott gelang es ihnen besser als allen anderen, die Dinge zu überleben."
Ein Bericht des »Parlamentarisch-politischen Pressedienstes« in Bonn vom 6. Juli 1961,
Nr. 76, unterstützte diese Veröffentlichung im »Spiegel«. Damit begann das Ende der
WTG-Laufbahn Frosts. Man konnte ihn der Öffentlichkeit nicht mehr länger als
Repräsentanten der Organisation vorsetzen.
Natürlich hat die WTG seine üble Rolle während der Nazizeit niemals zugegeben. Das
würde die »theokratische« Fassade ernstlich gefährden. Vor allem durfte er nicht sofort
zurücktreten, denn damit wären die Enthüllungen über ihn bestätigt worden. An einen
Prozess wegen Verleumdung war nicht zu denken. Schweigen, ablenken und Zeit
verstreichen lassen - die Menschen sind vergesslich Unzufriedene unter den Anhängern
betörte man, »der Teufel« sei am Werk, der »verräterische böse Sklave« trete auf mit
Verleumdungen und Lügen, um »Personen, die eine besondere Verantwortung tragen, die
Säulen, aus ihren Stellungen zu verdrängen«. (Der Wachtturm, 15. Februar 1962, WTG
Wiesbaden, S. 123)
Das war zugleich allerschwerstes Geschütz auf die eigenen Reihen. Wehe dem, der die
Enthüllungen über Frost aufgriff und weitergab - »böse Sklaven« fallen dem »lebendigen
Gott« in die Hände zur ewigen Verdammnis.
Im Juni 1964 schließlich trat Frost unauffällig und stillschweigend von seinem letzten
öffentlichen Posten in der WTG zurück. Seine Stelle als »Wachtturm«Redakteur am
»Kanal Jehovas« nahm der in den USA an der »Gilead«-Schule der WTG ausgebildete
»Sonderdiener« Günter Künz in Wiesbaden ein. Wo sich missmutige Geister regten,
wurde unmissverständlich gedroht: »Sich aufzuregen und die Organisation zu kritisieren
lohnt sich nicht". (Der Wachtturm, 15. September 1964, WTG Wiesbaden, S. 563) Frost
tauchte schließlich in einer kleinen WTG-Versammlung in einem Ort
Südwestdeutschlands unter.

Konrad Franke
Erich Frost blieb deutscher Zweigdiener bis 1955. In diesem Jahr musste er von Präsident
Knorr im Zusammenhang mit Unterschlagungen und Personalausweisfälschungen im
Ostbüro der WTG in Westberlin seines Postens enthoben werden. An seine Stelle trat der
Leiter der Dienstabteilung im Zweigbüro in Wiesbaden, Konrad Franke. Als
»Wachtturm«-Redakteur blieb Frost aber noch bis zum 1. Juli 1964 der geistige Kopf des
deutschen WTG-Zweiges.
Der Name Konrad Franke taucht in den Annalen der WTG bereits 1933 in besonderer
Weise auf. Franke war damals noch Dienstleiter (Versammlungsdiener) in Mainz. Er
nahm in dieser Funktion an dem antisemitischen und profaschistischen Kongress der
WTG vom 25. Juni 1933 mit Rutherford und Knorr in Berlin-Wilmersdorf teil. In einem
»Wachtturm«-Bericht über seine angeblich konsequente antifaschistische Haltung in der
Nazizeit ist er sogar noch stolz auf das »Vorrecht«, an jenem berechtigten Kongress und
dessen politischen Beschlüssen mitgewirkt zu haben, d. h. an der Verbreitung des
antisemitischen Giftes. Sich selbst, wie es auch Frost getan hat, als einen Daniel in der
Löwengrube darstellend, schrieb er darüber im »Wachtturm« vom 1. Juni 1963.
Zitat:
"1. Juni 1963 Der "WACHTTURM
"Jehova ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln"
Erzählt von Konrad Franke
In demselben Jahr war es mein Vorrecht, an dem denkwürdigen Kongress in Berlin
teilzunehmen, wo einstimmig eine Erklärung angenommen und beschlossen wurde, sie an
alle höheren Regierungsbeamten zu senden. Wieder nach Hause zurückgekehrt, sandte
ich über 50 Briefe an die höchsten Beamten unseres Gebietes."
Über den Inhalt der Briefe und Erklärungen schreibt Franke jedoch kein einziges Wort.
Wieder sieht man, wie die WTG-Führer ihre Anhänger über die von ihnen in
Wirklichkeit betriebene Politik systematisch in Unwissenheit halten. Aber auch bei
Franke war »Jehova« alles andere als »sein Hirte«. Auch er wurde ein Handlanger der
Gestapo.
Franke wurde Ende August 1936 offenbar auf Grund der Angaben Fritz Winklers durch
die Gestapo verhaftet. Es begannen »neun Jahre einer schweren Lauterkeitsprüfung«,
schreibt er in seinem »Wachtturm«-Bericht. Das erweckt ohne Zweifel die Vorstellung
von einem großen Märtyrer. Die überlieferten Dokumente besagen jedoch etwas anderes.
Laut Vernehmungsprotokoll vom 9. 9. 1936 fing es bei der Gestapo in Darmstadt so an:
Zitat:
"Abschrift
Geheimes Staatspolizeiamt
Darmstadt
Darmstadt, den 9. 9. 36
1) A5 2) b427
97
Aus der Schutzhaft vorgeführt erklärt
F r a n k e, Konrad
zur Wahrheit ermahnt folgendes:
Ich sehe ein, dass ein weiteres Leugnen keinen Zweck hat. Ich bin bereit, die volle
Wahrheit zu sagen, insbesondere nachdem mir Reichsleiter Winkler (z. S. in Berlin in
Haft) einen Brief hat zugehen lassen, in welchem er mich auffordert, die Wahrheit zu
sagen, da die Polizeibehörden über meine Tätigkeit völlig informiert ist.
Ich bin Zeuge Jehovas seit längerer Zeit, wie das in meiner Vernehmung vom 31. 8. und
1. 9. 1936 vor der Staatspolizeistelle Mainz angegeben ist. Auf diese Vernehmungen
nehme ich auch hinsichtlich meiner Einstellung dem Staat gegenüber Bezug.
Mit der Organisation meines Bezirkes bin ich noch nicht mehr weit durchgekommen, da
ich außerhalb Mainz und Wiesbaden bei den Geschwistern unbekannt war und mich erst
von einem anderen bei ihnen einführen musste. Ich habe bisher in meinem Bezirk mit
folgenden Dienstleitern in Verbindung gestanden:
1.) Frankfurt/Main S t e i n b a c h, Valentin, Schwarzburgstr. 26
2.) Mannheim Karl H a a s, Luisenring 54
3.) Karlsruhe M ü h l h ä u s e r , Vorname? Grenzstr. 4
4.) Offenburg Albert K e r n, Lindenplatz 12
5.) Singen Erich Arnold, Hauptstr. 12
6.) Speyer S a n d, (Vorname u. Anschrift unbekannt) Mit diesem habe ich mich nur
in Mannheim getroffen.
7.) Mainz Diesen Bezirk habe ich selbst bearbeitet.
Diese Dienstleiter habe ich etwa monatlich einmal besucht. Die Auslagen für die
Bahnfahrten habe ich mit den eingenommenen Geldern verrechnet.
Die Wachtturm (W. T.) Abschriftenherstellung war zur der Zeit als ich den Bezirk
übernahm bereits eingerichtet. Die Original W. T. wurden an den Dienstleiter (D. L.)
Mühlhäuser gesandt. Absender war meines Wissens das Bibelhaus Bern/Schweiz. Die
Herstellung der Abschriften wurde durch Mühlhäuser besorgt."
So packte Franke aus. Von »Lauterkeit« keine Spur. Einen besonderen Dienst erwies er
schließlich der Gestapo mit seinen Angaben über, Willy Ruhnau aus Danzig, den
Verbindungsmann zwischen M. C. Harbeck und Fritz Winkler, nach dem sie noch immer
fahndete. Franke ließ es sich angelegen sein, Ruhnau der Gestapo bis auf die ungefähre
Größe in Zentimetern zu beschreiben:
Zitat:
"Bei dem letzten Treffen mit Winkler am 1. 8. 1936 erfuhr ich, dass in der Zeit vom 4.
bis 7. 9. 36 eine Hauptversammlung in Luzern stattfinden sollte. Für diese Versammlung
sollten Sonderberichte über Verhaftungen, Misshandlungen usw. von Zeugen Jehovas
gegeben werden. Derartige Fälle sollten in den einzelnen Bezirken gesammelt werden.
Die Berichte hierüber sollten an
Rubau, Danzig
gegeben werden, der eine Woche nach Winkler die einzelnen B. D. L. besuchen wollte. Rubau
kam dann auch wie verabredet auf der Durchreise nach Mainz. Hier übergab ich ihm mehrere
Zettel mit Meldungen verschiedener Geschwister darüber, dass Geschwister zur Wahl angehalten
worden sind. Rubau hatte ich bei einer Zusammenkunft der B. D. L. in Berlin kennengelernt. Er
ist etwa 1.65 m groß, hagere Gestalt, schmales Gesicht, bartlos und trägt meines Wissens eine
Brille. Er ist meiner Schätzung nach 35 Jahre alt.
Rubau brachte mir bei dieser Gelegenheit auch ein Päckchen von den Gutscheinen zu M
10,- und M 5,- mit, die für die Reise der Geschwister zu der Hauptversammlung nach
Luzern dienen sollten. Ich hatte daher auch schon vor dem ersten August Reisegelder von
den Geschwistern, die nach Luzern fahren wollten, eingenommen. Es hatten an mich
H a a s , Mannheim
K e r n , Offenburg
insgesamt gegen M 200,-- aus ihren Bezirken abgeliefert, die ich am 1. 8. an Winkler
weiterleitete.
Ich habe die volle Wahrheit gesagt und bin auch bereit bei etwaigen Unstimmigkeiten
Aufklärung zu geben.
Selbst gelesen, genehmigt und unterschrieben
gez. Konrad F r a n k e
Reg. Assessor Gestapa Berlin
gez. L i s c h k a"
Daraufhin konnte die Gestapo auch in dem Bezirk von Franke erfolgreich zuschlagen,
wie ein Bericht an das Reichssicherheitshauptamt des »Reichsführers SS« vom 22.
September 1936 beweist:
Zitat:
"Sicherheitsdienst
des
Reichsführers-SS
SD-Oberabschnitt Rhein
II 113 V. 494/35
Frankfurt/M., d. 22. Sep. 1936
561
1426
1461
2. BI/
1) C 42I2
2) A 5
An das
Sicherheitshauptamt RFSS
Abteilung II 113
Berlin S. W. 68
Betrifft: Internationale Bibelforschervereinigung.
Vorgang: dort. FS Nr. 29068 v. 29. 8. 36
" Schr. I/112 21-6 v. 3. 9. 36
Im Verfolg der von dort aus angeordneten Aufrollung der Internationalen
Bibelforschervereinigung werden als 'Zwischenbericht' folgende Ermittlungen nach dort
gemeldet:
1. Der in dem Protokoll Winkler genannte Bezirksleiter Franke, Konrad, Mainz , wurde
festgenommen. Bei ihm wurde ein Sprechapparat mit Platten der Bibelforscher
vorgefunden. Nach anfänglichem Leugnen war Franke geständig, illegal für die
Bibelforschervereinigung gearbeitet zu haben. Die näheren Einzelheiten über seine
Betätigung ergeben sich aus dem in Anlage 1 beiliegendem Vernehmungsprotokoll.
2. Auf Grund der Angaben des Franke wurde in Frankfurt/M. der Reisevertreter S t e i n
b a c h festgenommen, der laut Aussage des Franke als Dienstleiter für Frankfurt a. M.
tätig gewesen sein soll. Steinbach bestreitet Winkler zu kennen und will sich seit dem
Verbot nicht mehr beteiligt haben. Weitere Ermittlungen laufen in dieser Sache noch.
5846
SD-Hauptamt
55001
24. Sep 1936.
15417
II 1 "
Gegen seinen Dienstleiter Adam Sand aus Speyer trat Franke sodann zusammen mit dem
Nazi-Kriminalhauptwachtmeister Friedrich Kling aus Ludwigshafen als Belastungszeuge
vor Gericht auf, wie folgende Auszüge aus Dokumenten des Reichsjustizministeriums
vom 4. November 1936 beweist.
Zitat:
"Nr. 0 js. 633, 558/36.
Frankenthal (Pfalz), den 28. Oktober 1936
Der Oberstaatsanwalt
bei dem Landgerichte
Fernsprecher Nr. 2421 u. 2422
Durch den
Herrn Generalstaatsanwalt in Zweibrücken
an den
Herrn Reichsminister der Justiz
in Berlin W 8
Betreff:
Die Behandlung wichtiger Strafsachen (AV. d. RJM
Reichsjustizministerium
- 4. Nov 1936
Abt. II
Haft
Eing. 31 Okt 193
11692
Zweibrücken
Gegen SAND Adam u. 12 andere
vom 18. XII. 1934 Nr. IIIa 25371): wurde die schriftlich beiliegende Anklage erhoben
SAND Adam und 12 andere, alle aus Speyer
wegen Verg. g. d. Verbot der Ernsten Bibelforscher
Hinzolt
Zur Aburteilung ist nach §§ 7, 8 RStPO, in Verbindung mit der VO. über die
Zuständigkeit der Sondergerichte vom 20. 12. 1934 das Sondergericht bei dem
Landgericht Frankenthal zuständig.
Ich erhebe deshalb die öffentliche Klage zum Sondergerichte und beantrage:
a) die Bestimmung eines Termins zur Hauptverhandlung;
b) die Bestellung von Pflichtverteidigern;
c) die Anordnung der Fortdauer der Untersuchungshaft der Angeklagten, da die
Haftgründe fortbestehen.
Als Beweismittel bezeichne ich:
I. Zeugen:
ZIMMER Wilhelm, Fabrikarbeiter von Mannheim, z. Zt. dort in Untersuchungshaft
FRANKE Konrad, zuletzt Bezirksdienstleiter in Mainz, z. Zt. in Darmstadt in
Untersuchungshaft;
SPAHN Ernst, kaufm. Angestellter in Mannheim, Feuerbachstr. 17;
KLING Friedrich, Krm. Hptwchtmstr. in Ludwigshafen/Rh."
Willy Ruhnau (in Frankes Vernehmungsprotokoll liegt eine falsche Schreibweise des
Namens vor) wurde einige Wochen nach den Hinweisen, die Franke der Gestapo über ihn
gab, in Danzig-Zoppot verhaftet. WTG-Zweigdiener Franz Zürcher schreibt darüber in
seinem Buch »Kreuzzug gegen das Christentum« (1938), S. 197 und 201:
Zitat:
"FRANZ ZÜRCHER
KREUZZUG GEGEN DAS CHRISTENTUM
Europa-Verlag Zürich-New York
Petition an den Völkerbund
Dem sehr geehrten Herrn Generalsekretär Avenol unterbreitet durch Richter J. F.
Rutherford, New York (U. S. A.), durch M. C. Harbeck, Bern (Schweiz), für Jehovas
Zeugen in Danzig und in der ganzen Welt.
Menschenraub durch deutsche Gestapo
Am 25. September 1936 wurde Herr Wilhelm Ruhnau, 809, Adolf Hitlerstraße, Zoppot,
während er mit seiner Frau spazierenging, durch die Danziger Polizei von der Straße weg
verhaftet. Herr Ruhnau ist der Unterzeichner der obenerwähnten, in Beilage Nr. 3
aufgeführten Eingabe an den Herrn Senatspräsidenten vom 23. Februar 1936.
Niemandem wurde gestattet, Ruhnau zu besuchen, nicht einmal seine Frau oder seinem
Vater. Nach wochenlanger Ungewissheit gab die Polizei schließlich zu, dass Ruhnau
mehrere Tage im Polizeigefängnis von Danzig festgehalten worden sei. Kriminalrat Claß
erteilte den Bescheid, dass Ruhnau auf Geheiß der deutschen Geheimen Polizei (Gestapo)
verhaftet wurde."
Willy Ruhnau blieb seitdem verschollen. Er wurde offensichtlich von der Gestapo
ermordet. In einer Flugschrift, »Offener Brief« genannt, machte dies die WTG nach 1938
international bekannt:
Zitat:
"OFFENER BRIEF
An das bibelgläubige und Christus liebende Volk Deutschlands!
Der biblische Name für den allmächtigen Gott ist JEHOVA; er hat in seinem Wort der
Bibel, welches Christus die Wahrheit nannte, sein Vorhaben mit allen Menschen guten
Willens geoffenbart.
Reichsminister Rudolf Hess und der Chef der Geheimen Staatspolizei, Himmler.
Die grausamen Misshandlungen und die gewaltsame Verschleppung von Willy Ruhnau,
wohnhaft gewesen in Zoppot, Adolf Hitlerstraße 809, ist bereits als Petition dem
Völkerbundsrat unterbreitet und in der Weltpresse bekanntgemacht worden. Die Danziger
Polizei weigert sich, irgendwelche Auskunft über den Verbleib Ruhnaus mitzuteilen.
Ruhnau ist ohne Zweifel von der Danziger Polizei verschleppt und nachher getötet
worden.
Zur Rechtfertigung Jehovas und im Namen Christi, gemäß seinem Gebot in Matthäus 24:
14, wird zu deinem persönlichen Nutzen dir trotz Lebensgefahr diese Botschaft
übermittelt von
JEHOVAS ZEUGEN IN DEUTSCHLAND"
Dass Konrad Franke schließlich neun Jahre in Haft bleiben musste und als KZ-Häftling
auf der Insel Wight zusammen mit Erich Frost einem »Weltmenschen«, einem
schwedischen Arzt sogar das Leben gerettet haben soll, wie Robert A. Winkler vom
niederländischen WTG-Zweigbüro in einem »Wachtturm«-Bericht schreibt (Der
Wachtturm, 15. Juni 1967, WTG Wiesbaden) löscht Frankes Schuld nicht aus, sich als
willfähriges Werkzeug der Gestapo und ihrer Mordtaten betätigt zu haben. Andere
WTGFunktionäre
wurden nach Ableistung ihrer Handlangerdienste sogar aufs Schafott
gebracht. Alles in allem zeigen die Dokumente, dass auch der Zweigdiener Konrad
Franke, Wiesbaden, durch seine Zustimmung zum WTG-Antisemitismus von 1933 und
durch seine folgenschwere Gestapohilfe von 1936 auf das schwerste kriminell belastet ist.
Dass er die Tatsachen in seinem »Wachtturm«-Bericht von 1963 über sein Verhalten in
der Nazizeit vorsätzlich vertuscht, macht ihn überdies zu einem potentiellen politischen
Hochstapler. Wohl predigen diese höheren und höchsten WTG-Führer von christlicher
Reue, Buße und Sündenbekenntnis, doch sie haben das nur auf den Lippen; ihr Sinn ist
weit entfernt davon, ihre Schuld zu bekennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.
(Franke verlor nach letzten Berichten im Oktober 1969 seinen Posten als Zweigdiener auf
Grund von Differenzen über die 1975-These. Er vertritt die Ansicht, 1975 sei mit
Harmagedon identisch, während die Brooklyner Leitung sich offiziell dazu nicht
bekennen will. Seine schon früher bekannt gewordenen Gestapodienste werden diesen
Entschluss gefördert haben.)

Nicht nur die höchsten WTG- Führer


Auch auf den unteren Ebenen der WTG-Organisation regieren vielfach charakterlose und
politisch gewissenlose »Diener« oder Funktionäre, wie Knorr, Franke, Frost es sind, »im
Namen Jehovas« die einfache Anhängerschaft. Ein Beispiel dafür ist der im Kreisdienst
in Westberlin tätige Julius Riffel. Er wurde 1938 Nachfolger des von Erich Frost bei der
Gestapo ebenfalls denunzierten Bezirksdienstleiters (BDL) Ludwig Stickel aus
Pforzheim.
Wie aus einem Bericht der Gestapo aus dem »SS-Oberabschnitt Süd-West« in Stuttgart
vom 20. Mai 1938 hervorgeht konnte sie damals durch Riffels Hinweise zahlreiche
Verhaftungen in Südwestdeutschland vornehmen.
Zitat:
"Der Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS
Der SD-Führer des SD-Oberabschnitts Süd-West
Stuttgart, den 20. Mai 1938.
II 113 4 - 100 33
C 422 - 2
Pb./III.
II 1134-1003
84222
1396
An das
Sicherheitshauptamt
Zentralabteilung II 1
Berlin
SD-Hauptamt
72189 25. Mai 1938
II 1134
27. Mai 1938
IBV
Betr.: Illegale Betätigung für die IBV - Julius Riffel - Protokolleauszüge
Vorg.: ohne.
Anlg.: keine.
Im Zusammenhang mit den Aussagen des zur Zeit in Haft befindlichen Funktionärs der
IBV Julius R i f f e l (s. Protokoll, Anlage zu Hies Schreiben vom 7. 4. 1938) wurden
weitere Verhaftungen bzw. Vernehmungen durchge
So hat Julius Riffel angegeben, auch eine Familie W e l s c h in Esslingen aufgesucht zu
haben, die ihm als Bibelforscher angegeben worden sei. Es wurde darauf am 6. April in
der Wohnung der Eheleute Welsch eine Haussuchung vorgenommen, die jedoch ziemlich
ergebnislos verlief. Vorgefunden wurde lediglich ein Notizbuch und verschiedene
Schriftstücke. Welsch selbst wurde wegen dringenden Verdachts illegaler Betätigung für
die IBV festgenommen.
W e l s c h, Hermann, geb. 20. 10. 99 in Plielingen, verh. Korbmacher, wohn. Esslingen,
Hindenburgstr. 40."
Auch Riffel versuchte seine Gestapodienste und wurde nach 1945 vom Zweigbüro in
Wiesbaden wieder als verantwortlicher Funktionär in der, Organisation eingesetzt. Auf
der WTG-Bezirksversammlung vom 19. bis 22. Juli 1956 im Westberliner Olympia-
Stadion übertrug man ihm sogar die Leitung einer öffentlichen
»Musterpredigtdienstschule«.
Zitat:
BEZIRKSVERSAMMLUNG
der ZEUGEN JEHOVAS,
PROGRAMM
19., 20., 21., 22. Juli 1956
Olympia-Stadion
Olympischer Platz
Berlin-Charlottenburg
19. Juli 1956
L. Bischoff
H. Katins
O. Thiele
R. Stenzel
K. Eder
18. 45 Predigtdienstschule (Muster) J. Riffel
19.45 Glücklich jene, die sich ihres geistigen Mangels bewusst sind! L. Göbel"
Riffel ist eher ein Muster für die Haltlosigkeit des WTG-Dogmas, »Gott selbst« setze die
Glieder der WTG-Organisation in ihre Ämter ein. Hinter der sogenannten theokratischen
Fassade, die keinerlei Überprüfung, Kontrolle und Kritik von unten zulässt und die
WTG-Führer zu keiner ehrlichen Rechenschaft verpflichtet, ist es nicht schwer,
Gewissenlosigkeiten aller Art zu betreiben. Es ist bei der herrschenden Entmündigung
und Entrechtung der Anhängerschaft nicht zu erwarten, dass jemals alle Nazi- und
Gestapodiener unter den WTG-Führern erkannt werden können. Die Gewährung der
notwendigen demokratischen Rechte würde ja die Auflösung des »theokratischen«
Regimes bedeuten, und sie wird daher von der WTG-Führung mit allen Mitteln
verhindert.

Todeskandidaten
Zur Verteidigung ihrer sektiererischen Ansprüche, die einzig richtige Form christlicher
Religion zu vertreten, weisen die WTG-Führer auch immer wieder auf ihre sogenannten
Blutzeugen hin, auf jene aus ihrer Anhängerschaft, die besonders in der Nazizeit zum
Tode verurteilt und hingerichtet oder sonstwie getötet wurden. Hier sei echtes christliches
Märtyrertum bezeugt und die WTG als eine lautere christliche Organisation erwiesen
worden.
Hierzu ist zunächst zu bemerken, dass es bisher alle WTG-Präsidenten verstanden haben,
für sich persönlich jedes Martyrium um ihrer Sache willen zu vermeiden. Aufs Schafott
haben sie immer nur ihre Untergebenen gehen lassen. Neben denen, die sich so im guten
Glauben an die vermeintlich richtige Sache opferten, gibt es jedoch auch andere
Todeskandidaten, deren Geschichte die WTG-Führung lieber ungeschrieben lassen
würde.
Im Frühjahr 1943 deckte die Gestapo eine WTG-Neuorganisation auf, die sich von Essen
im Ruhrgebiet bis auf die Städte Bochum, Oberhausen, Mühlheim, Karlsruhe, Bruchsal,
Mannheim, Speyer, Mainz, München, Innsbruck, Freiberg, Zwickau und Dresden
ausdehnte. Im anschließenden Prozess am 2. Juni 1944 wurden von den Verhafteten eine
ganze Reihe zum Tode verurteilt. Dazu gehörten Wilhelm Bischoff, Theodor Hölter,
Johann Hörstgen, Friedrich Stoffels, Auguste Hetkamp u. a. Das Hauptwerkzeug der
Gestapo war hierbei offensichtlich Johann Hörstgen gewesen. Man lese sein
Gnadengesuch:
Potsdam den 3. Juni 1944
»An den
Herrn Senats-Präsident
des Volksgerichtshof 6. Senat
Gnadengesuch:
Bin am 2. Juni vom 6. Senat des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt worden und
bitte den Herrn Senats-Präsident, die Todesstrafe in eine angemessene Zuchthausstrafe
mildern oder begnadigen zu wollen.
Wenn ich Sie, Herrn Senats-Präsident, bitten dürfte, doch bei der Geheimen Staatspolizei
in Essen mal nachfragen zu wollen, in wie weit ich mich für den Deutschen Staat
eingesetzt habe, wie ich selbst bei der Geheimen Staatspolizei zur Ermittlung weitere
Festnahme von Bibelforscher geholfen habe und wie ich selbst beim einsetz mit der
Gestapo meinen Dienst am Deutschen Volk gezeicht habe. Dieser Bogen wäre zu klein,
um alle Einzelheiten aufzufahren, was ich zugunsten des Deutschen Volkes getan habe
… Ich bitte ganz Gehorsams mein Gnadengesuch genehmigen zu wollen.
Johann Hörstgen«
Erich Frost, Konrad Franke und andere blieben trotz ihrer Gestapodienste in Haft bzw.
wanderten in Konzentrationslager. Johann Hörstgen wurde trotz seiner Mithilfe bei
weiteren Verhaftungen, denen fast mit Sicherheit die Todesstrafe für die Ergriffenen
folgte, zum Tode verurteilt und hingerichtet:
Zitat:
"Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof
Brandenburg (Havel)-Görden, den 11. Aug. 1944
7(8) J 191/43
Vollstreckung des Todesurteils
gegen
Johann H ö r s t g e n
Gegenwärtig:
als Vollstreckungsleiter:
EStA Nöbel
als Beamter der Geschäftsstelle:
Justizangestellter K a r p e
Um 11. 58 wurde der Verurteilte, die Hände auf dem Rücken gefesselt, durch zwei
Gefängnisbeamte vorgeführt. Der Scharfrichter R ö t t g e r aus B e r l i n stand mit
seinen drei Gehilfen bereit.
Anwesend war ferner:
der Anstaltsarzt Reg. Med. Rat Dr. M ü l l e r.
Nach Feststellung der Personengleichheit des Vorgeführten mit dem Verurteilten
beauftragte der Vollstreckungsleiter den Scharfrichter mit der Vollstreckung. Der
Verurteilte, der ruhig und gefasst war, ließ sich ohne Widerstreben auf das Fallbeilgerät
legen, worauf der Scharfrichter die Enthauptung mit dem Fallbeil ausführte und sodann
meldete, dass das Urteil vollstreckt sei.
Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 7 Sekunden."
Zwei weitere Todeskandidaten entkamen dem Fallbeil und wurden nach 1945 zum
besonderen antifaschistischen Aushängeschild der WTG in Deutschland. Es handelt sich
um Wilhelm Schumann und Johannes Schindler. Beide waren langjährige Mitarbeiter des
deutschen Zweigbüros in Magdeburg gewesen.
Schumann war von 1924 bis 1933 Leiter der Reproduktions- und chemigraphischen
Abteilung des Magdeburger Zweigbüros. Von 1933 bis 1934 war er Mitarbeiter im
Zentraleuropäischen Büro der WTG in Bern. Von 1935 an betrieb er in Magdeburg eine
Chiropraxis (Handheilkunde). 1942 begann er in seinen Patientenkreisen einen Vertrieb
vervielfältigter Abschriften solcher WTG-Literatur, die er für »unpolitisch«, d. h. nicht
offen gegen das Naziregime gerichtet, hielt. Daraus entwickelte sich in kurzer Zeit eine
Organisation, die sich bis nach Berlin, Dresden und München erstreckte. Die Sache hat in
Verbindung mit der Gestapo schließlich noch eine besondere Bewandtnis, auf die noch
näher eingegangen wird. In Berlin hielt Schumann u. a. Kontakt mit dem dortigen Leiter
Franz Fritsche, den er ebenfalls aus früherer Arbeit im Magdeburger Zweigbüro kannte.
Der Hauptmitarbeiter in Magdeburg war Johannes Schindler.
Im Januar/Februar 1944 wurde die Gruppe Schumann, Schindler, Fritsche und andere
von der Gestapo verhaftet. Der faschistische »Volksgerichtshof« in Berlin erhob Anklage
gegen 76 Personen. (Zipfel, Friedrich: Kirchenkampf in Deutschland 1933 bis 1945.
Walter de Gruyter & Co., (West-)Berlin 1965, Seite 199)
Schumann, Schindler und Fritsche wurden zum Tode verurteilt, Schumann und Schindler
jedoch nicht hingerichtet. Offenbar hatte sich Fritsche als einziger von den Führern dieser
Gruppe konsequent antifaschistisch verhalten. Wie es um Schumann und Schindler stand,
zeigen ebenfalls ihre Gnadengesuche aus dem Zuchthaus Brandenburg (Havel)-Görden.
Schumann schrieb darin am 22. Oktober 1944:
"An den 3. Senat des Volksgerichtshofes zu Berlin
Hoher Senat !
Mit Vorliegendem erlaube ich mir höflichst die Bitte um Befürwortung meiner
Begnadigung von der Todesstrafe vorzutragen …
… war es mir möglich, in den vergangenen zehn Jahren Tausende deutscher
Volksgenossen, Angehörige der Landwirtschaft, der Rüstungsindustrie u. der
Wehrmacht, darunter führende Männer der Partei und der Wirtschaft - der schaffenden
und wehrhaften Front wieder zuzuführen …
Es lag mir fern, irgendeine politische Wirkung oder gar wehrkraftzersetzende Tätigkeit,
wie sie mir in der Anklage vorgeworfen wird, zu betreiben …
Ich muss bekennen, dass ich durch die Schriften der IBV dazu verleitet worden bin zu
glauben, der Wille des Führers, die deutsche Nation vor dem Untergang durch den
Bolschewismus zu retten, sei ein Trug, es handele sich vielmehr um die Unterstützung
der Weltmachtinteressen der katholischen Hierarchie. Heute jedoch, wo der Kampf
unseres völkischen Lebens auf Sein oder Nichtsein vor die deutschen Grenzen getragen
wird, sehe ich und muss ich leider zu spät erkennen, dass alle politische Wahrsagerei der
Bibelforscher Phantasie und Irrlehren sind, die nur diejenigen schaden, die schon darüber
nachdenken. Schon Mitte des Jahres war mir durch die belehrenden Unterhaltungen
meines Sachbearbeiters bei d. Gestapo, Herrn Rabold klar geworden, dass ich anstatt der
Volksgemeinschaft zu nützen, durch dieses wahnsinnige Unternehmen nur geschadet
habe und zudem meine Familie in namenloses Unglück gestürzt habe. Mein Wunsch ist
es, dass Gott mir noch einmal die Gelegenheit geben möge, am Kampf unseres Volkes
und damit auch meiner Familie, einen Anteil zu nehmen, sei es wo es sei, und wo ich
hingestellt werde, will ich meine Pflicht als Deutscher tun. Dies sei mein Gebet! Wilhelm
Schumann«
Schumann sollte Gelegenheit erhalten, der Gestapo bis fünf Minuten vor zwölf zu dienen,
»sei es wo es sei«, und später seinen »antibolschewistischen« Ambitionen im
psychologischen Einsatz für die WTG hinreichend nachzugehen.
Schindler schrieb in ähnlichem Geist um Gnade:
»An den III. Senat des Volksgerichtshofes
betr. Gnadengesuch
Ich bin am 17. 10. 44 vom III. Senat des Volksgerichtshofes wegen weiterleitens
verbotener Bibelforscherschriften zum Tode verurteilt worden. Ich möchte den hohen
Gerichtshof bitten … Als 1939 der Krieg ausbrach, meldete ich mich sofort freiwillig der
Rüstungsindustrie und ich wurde am 12. September 1939 als Mobilmachungsersatz in
eines der kriegswichtigsten Abteilung der Fa. S. u. B. Magdeburgs verpflichtet. Ich
schälte mich im Laufe der Zeit als Oberkontrolleur heraus und hatte nur noch die
Schlußkontrolle über Einzelteile, die für automatische Regelung an Flugzeugmotoren die
überaus genau funktionieren mussten. Meine Untergebenen, die für diese Teile
Vorkontrollen ausführten, spornte ich tägl. zur Gewissenhaftigkeit an, indem ich immer
zu verstehen gab, an jeden Fehler, den wir übersehen, hängen Menschenleben ab. Durch
mein Pflichtbewusstsein und meine außerordentliche Gewissenhaftigkeit entstand ein
hoher Prozentsatz Ausschuss, aber die Guten waren einwandfrei, was der Firma
Anerkennung vom Luftfahrtministerium einbrachte Nun kam ich 1942 mit Schumann
zusammen und es war wiederum ein Akt meiner Gutmütigkeit, dass ich das Tragen der
gedruckten Schriften nach Berlin übernahm. Wie ich schon immer zum Ausdruck
gebracht habe, habe ich nur Interesse an rein bibl. oder christlichen Abhandlungen. Ich
bekenne, dass ich mich innerlich völlig von der IBV gelöst habe und habe die mit
politischem Inhalt durchsetzten Schriften verworfen.
Johannes Schindler«
Die Menschenleben, die von den faschistischen Flugzeugen vernichtet wurden.
kümmerten Schindler in seiner »außerordentlichen Gewissenhaftigkeit« offensichtlich
nicht. Man sieht auch hier ein würdeloses Buhlen um die Gunst der faschistischen
Henker.
Schumann und Schindler überlebten die Nazizeit und spielten nach 1945 unter Leitung
von Erich Frost bei der Neugründung des deutschen WTG-Zweiges in Magdeburg vor
den Behörden, der Öffentlichkeit und der WTG-Anhängerschaft die Rolle
antifaschistischer Paradepferde. In seinem Lebenslauf für den Neueintritt in das
Magdeburger Zweigbüro beschreibt Schumann 1946 dieses Überleben u. a. auf folgende
Weise:
»Dass ich am Leben blieb, verdanke ich zunächst dem Umstand, dass die Gestapo
glaubte, auf mich als Hauptzeugen in vielen weiteren Verhandlungen nicht verzichten zu
können.«Die Wahrheit jedoch, dass er sich zu einem Werkzeug der Gestapo gemacht
hatte, »sei es wo es sei«, verschweigt er. »Als die Russen in Küstrin einrückten, kamen
wir ins Zuchthaus nach Halle, wobei unterwegs unsere Akten verlorengingen, und von
wo aus ich am 22. April 1945 von amerikanischen Truppen durch des Herrn gütige
Überwaltung befreit wurde.« Mit diesen Worten beendet Schumann seine Story des
Überlebens.
Pech für die WTG, dass auch diese Akten nicht verlorengegangen sind, so dass es
möglich ist, den religiösen und politischen Betrug aufzudecken, mit dem nach 1945 der
gesamte deutsche WTG-Zweig wiederaufgebaut wurde, ein Betrug, der unter den
Religionsgemeinschaften bisher keine Parallele hat.
Man überblicke nun noch einmal das hier dargestellte Verhalten der WTG-Führung
während der Nazizeit. Joseph F. Rutherford, Nathan H. Knorr, Martin C. Harbeck, Paul
Balzereit mit seinen Naziberatern, Hans Dollinger, Fritz Winkler, Erich Frost, Konrad
Franke, Wilhelm Schumann, Johannes Schindler und all die anderen, die hier ungenannt
bleiben müssen, die »theokratischen« Häupter der beiden Hauptbollwerke des
internationalen WTG-Werkes, des amerikanischen und des deutschen Zweiges, die
Repräsentanten für die Öffentlichkeit - sie sind bei genauem Hinsehen alles andere als die
lauteren christlichen Persönlichkeiten, die sie zu sein vorgeben. Ihre Rolle in der Nazizeit
weist sie allesamt nicht als »Vertreter Gottes auf Erden« aus, sondern als faschistisch
kompromittierte religiös-politische Abenteurer, die voller Prophetenarroganz ihr
endzeitlich-illusionistisches Hasardspiel für sich und ihre politischen Hintermänner
treiben, solange sie dafür Gutgläubige und Leichtgläubige finden.

Was hatte der »Reichsführer SS« Himmler mit den Zeugen Jehova vor

Die Konzeption zum Einsatz in den »Ostgebieten«


Bevor auf die Rolle eingegangen wird, die die WTG heute in der Auseinandersetzung zwischen
Ost und West spielt, ist es notwendig, einige Vorgänge zu beleuchten, die sich im Hinblick auf
die imperialistische psychologische Kriegführung insbesondere gegen die Sowjetunion noch in
der Nazizeit abspielten. Kein Geringerer insbesondere als der »Reichsführer SS« Himmler hat
sich schließlich mit der Frage beschäftigt, wie man sich die Zeugen Jehovas nützlich machen und
vor allem im Kampf gegen die Sowjetunion auf psychologischem Gebiet einsetzen könnte. Eine
der Hauptsorgen Himmlers war, wie das riesige Gebiet der Sowjetunion nach dem erhofften
faschistischen Sieg niedergehalten und jeder Widerstand oder gar Aufstand gegen die Nazi-
Besatzungsmacht von vornherein unterbunden werden könnte. Hier verfiel er u. a. auf die
WTGAnhängerschaft, auf die Zeugen Jehovas. Sie sollten eine der Hauptrollen dabei spielen.
Einzelheiten über diese Pläne Himmlers wurden erstmalig 1965 in Band 11 der
Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin beim FriedrichMeinecke-Institut der
Freien Universität Berlin (Westberlin), betitelt »Kirchenkampf in Deutschland 1933 bis 1945«,
von Dr. Friedrich Zipfel publiziert. Zipfel veröffentlicht hierin einen Brief Himmlers vom 21.
Juli 1944 an seinen Sicherheitsdienstchef Kaltenbrunner, worin er über seine Entdeckung der
WTG-Anhänger oder Bibelforscher für die nazistische Eroberungspolitik gegenüber der
Sowjetunion folgendes schreibt:
» … Einige Erfahrungen und Erkenntnisse haben mich zu Erwägungen und Absichten geführt,
die ich Ihnen bekanntgeben will. Es handelt sich um die Bibelforscher, um die Kosakenfrage und
im Zusammenhang damit um die Wlassowfrage, Ferner betreffen meine Überlegungen den
gesamten Fragenkomplex wie wollen wir Russland beherrschen und befrieden, wenn wir - was
im Laufe der nächsten Jahre bestimmt erfolgen wird - große Flächen des russischen Landes
nächsten wieder erobert haben … Wir müssen aber noch mehr tun, um das Volk im Hinterland
(gemeint sind die eroberten sowjetischen Gebiete, d. V.) in eine friedliche und uns gegenüber
waffenlose Form zu bringen. Jeder Gedanke, eine Art Nationalsozialismus einzuführen, ist
Wahnsinn. Die Menschen müssen jedoch eine Religion oder Weltanschauung haben. Die
Orthodoxe Kirche zu unterstützen und wieder aufleben zu lassen wäre falsch, da sie immer
wieder die Organisation der nationalen Sammlung sein wird. Die Katholische Kirche
hereinzulassen wäre mindestens ebenso falsch. Es erübrigt sich jedes Wort zur Begründung
dieser Ansicht.
4) Es muss von uns jede Religionsform und Sekte unterstützt werden, die pazifizierend wirkt.
Bei allen Turkvölkern kommt die buddhistische Glaubenslehre in Betracht, bei allen anderen
Völkern die Lehre der Bibelforscher. Die Bibelforscher haben bekanntlich folgende für uns
unerhört positive Eigenschaften: Abgesehen davon, dass sie den Kriegsdienst und die Arbeit für
den Krieg, also den Einsatz für irgendeine - wie sie es bezeichnen - abbauende Betätigung,
verweigern, sind sie schärfstens gegen die Juden und gegen die katholische Kirche und den Papst
eingestellt. Ferner sind sie unerhört nüchtern, trinken und rauchen nicht, sind von emsigem Fleiß
und von großer Ehrlichkeit, sie halten das gegebene Wort. Weiter sind sie ausgezeichnete
Viehzüchter und Landarbeiter. Sie sind nicht auf Reichtum und Wohlhabenheit aus, weil ihnen
das für das ewige Leben schadet. Das sind insgesamt alles ideale Eigenschaften, wie überhaupt
festzustellen ist, dass die wirklich überzeugten, idealistischen Bibelforscher ähnlich wie die
Mennoniten, beneidenswert gute Eigenschaften haben.«
Nachdem Himmler dann eine Überprüfung der verhafteten WTG-Anhänger angeordnet hat, fährt
er fort:
»Es ist damit auch die Möglichkeit gegeben, die echten Bibelforscher in den KL
(Konzentrationslagern, d. V.) in allen Vertrauensstellungen, die einer geldlichen oder sonst
materiellen Belastung ausgesetzt sind, zu verwenden und besonders gut zu behandeln. Damit
schaffen wir uns die Ausgangsbasis zum Einsatz dieser Bibelforscher in Russland in kommenden
Zeiten und haben damit die Emissäre mit denen wir das russische Volk durch Verbreitung der
Bibelforscherlehre pazifizieren können .«(Zipfel, Friedrich: Kirchenkampf in Deutschland 1933
bis 1945. Walter de Gruyter & Co., (West-) Berlin 1965 S. 199, 200)
Es ist hierbei äußerst bemerkenswert, dass Himmler sich noch 1944 am Antisemitismus, an der
Judenfeindlichkeit der WTG-Anhänger, Bibelforscher oder Zeugen Jehovas begeisterte. Wieso
er von ihrer Einstellung zur Arbeit so fasziniert war, mögen einige andere Kommentare
veranschaulichen.
Der Psychoanalytiker Dr. Bruno Baum, der selbst in den Konzentrationslagern Sachsenhausen
und Buchenwald inhaftiert war, schreibt in seinem Buch über diese Zeit, dass die WTGAnhänger
in den Lagern wegen »ihrer gewissenhaften Arbeit oft als Vorarbeiter« eingesetzt
wurden. »Als Vorarbeiter, die einen Auftrag von der SS empfangen hatten, bestanden sie darauf,
dass die Gefangenen ihre Arbeit gut und in der vorgeschriebenen Zeit ausführten.« (Der
Wachtturm, 1. Oktober 1963, WTG Wiesbaden, S. 600) Himmlers Plan, sich eine
»Ausgangsbasis zum Einsatz dieser Bibelforscher in der Sowjetunion« zu schaffen, sollte
tatsächlich reale Gestalt annehmen. Er begann damit im Konzentrationslager Ravensbrück und
auf dem SS-Gut Hartzwalde das seinem Leibarzt Felix Kersten gehörte. Beide Orte waren nicht
weit von seinem Hauptquartier in Hohenlychen bei Fürstenberg (Havel) entfernt.
Auf dem SS-Gut Hartzwalde wurden u. a. WTG-Anhänger aus den Konzentrationslagern
Ravensbrück, Sachsenhausen und Buchenwald zusammengezogen. Hier sammelte Himmler
seine »Erfahrungen und Erkenntnisse« über die Zeugen Jehovas, die er am 21. Juni l944 dem
Chef seines Sicherheitsdienstes, Kaltenbrunner, mitteilte. Himmler nahm auch persönlich mit
führenden WTG-Häftlingen in Hartzwalde Verbindung auf. In den Aussagen des zum Tode
verurteilten Wilhelm Schumann 1944 bei der Gestapo spiegelt sich das wie folgt wider:
»Am Sonntag nach diesem Besuch der Gertrud besuchte mich der mir von seiner früheren
Tätigkeit im Bibelhaus her bekannte Monteur Franz Fritsche, wohnhaft in Berlin . . .
Fritsche erzählte mir, dass er durch Frau Gertrud von meiner Tätigkeit erfahren habe und dass er
eine große Gruppe unter sich habe, die er mit Material beliefern wolle . . .
Die 'Gertrud' machte weiter Angaben über eine bestehende Organisation ohne nähere Angabe
von Personen. Über die Tätigkeit dieser Organisation führte sie aus, dass der Reichsminister
Himmler seine Einstellung zu den Zeugen Jehovas geändert habe. Reichsminister Himmler hätte
einen Mann in seiner Umgebung, der ihm das Wesen und die unpolitische Wirksamkeit der IBV
vor Augen geführt habe. Bei diesem Vortrag der Gewährsperson soll insbesondere zur Sprache
gekommen sein, dass die IBV eine starke Kampfstellung gegen die Römische Hierarchie
bezogen habe. Der Reichsminister habe daraufhin mit verschiedenen kompetenten Häftlingen der
IBV eine Aussprache herbeigeführt und darauf entschieden, dass die Zeugen Jehovas nicht mehr
misshandelt werden dürften, auch wenn sie von ihrer Einstellung zu Gott nicht ablassen wollen.
Die 'Gertrud' erzählte weiter, dass man die in den KL sitzenden Bibelforscher jetzt als
Aufsichtspersonen über ausländische Arbeiter eingesetzt habe. Diese Kenntnis will die 'Gertrud'
auf einem Gut erfahren haben, wo Bibelforscher vom KL aus zur Arbeit abgestellt worden seien.
Die 'Gertrud' fügte hinzu, es würde nicht mehr lange dauern, dann würde Rom, die politische
Hure und der Greuel der Erde, von den vereinigten 10 Hörnern (Offenbarung Joh.), d. h. von den
totalitär gewordenen Staaten Europas gestürzt werden. Denn, wenn diese große Feindin der
Zeugen Jehovas (die kath. Kirche) aus dem Wege geräumt sei, würden die Tore geöffnet und die
Zeugen Jehovas könnten die geistige Führung der bibelgläubigen Bevölkerung übernehmen. Das
war dem Sinne nach der Inhalt ihrer mir gemachten Mitteilungen …
Die Gertrud gab bei ihrem dritten Besuch an, aus Litzmannstadt zu kommen, wo die Leitung der
Organisation sei. Sie wolle dann nach Westfalen weiterfahren.«
Mit dem Mann in der Umgebung Himmlers ist Felix Kersten gemeint. Das erwähnte Gut war das
SS-Gut Hartzwalde. Man sieht, dass Himmler seine Pläne, die »Bibelforscherlehre« zur
führenden Religion in der Sowjetunion zu machen, in Andeutungen hatte durchblicken lassen.
Die »Gertrud« war offenbar eine Beauftragte im Sinne der Himmler-Konzeption. Sie hieß
Gertrud Grunewald. Ihr Mann, Walter Grunewald, Berlin, wurde 1943 als WTG-Anhänger und
Kriegsdienstverweigerer erschossen, wie sie Schumann erklärte. Für ihre Mittlerrolle im
Zusammenhang mit Himmlers Plänen spricht der Umstand, dass sie vom SS-Gut Hartzwalde
kam, Kenntnis von den Plänen hatte und dann Himmlers Ideen unter den WTG-Anhängern in
Berlin, Magdeburg, Westfalen und bis ins faschistisch besetzte Polen hinein nach Litzmannstadt
(Lodz) verbreitete.
In Magdeburg konnte die Grunewald als Emissär Himmlers offenbar Anfangserfolge beim
Aufbau einer Bibelforschergruppe im politischen Geiste Himmlers erzielen, denn Schumann, der
Leiter der Magdeburger Gruppe, erklärte später vor der Gestapo:
»Ich erwähnte, dass auch die Grunewald und die zu ihr stehenden Anhänger die Parolen der IBV
nicht befolgen und deshalb sich gegen die Verbreitung von Schriften politischen Inhalts
wandten. Wenn mir vorgehalten wird, dass wir die Organisation der IBV, wie sie
Wehrkraftzersetzend im Ausland betrieben wird, fortgesetzt und dadurch ihre (unseren früheren
Anhängern bekannten Parolen) stillschweigend übernahmen und als Bindungen fortsetzten, so
habe ich nicht die Absicht gehabt, die Passivität unserer Anhänger gegenüber den
Verpflichtungen des Dritten Reiches zu stärken oder zu beeinflussen. Mir lag lediglich daran,
eine Reformation der bibelforscherischen Gedanken vorzunehmen und die Parolen lediglich auf
die religiöse Seite zu beschränken. Im Grunde wollten wir den Kampf gegen Rom führen, wie es
uns auch die Grunewald angedeutet hatte. Wenn mir vorgehalten wird, dass die Fortsetzung einer
Organisation wie die IBV und die Verbreitung ihrer politischen Schriften wie 'Fischer und Jäger
und Trost für Versprengte' tatsächlich eine Unterstützung der Wehrkraftzersetzung der IBV
darstellt, so kann ich dies nicht bestreiten. Ich möchte aber betonen, dass ich nicht gegen das
Dritte Reich eingestellt gewesen bin und dass ich lediglich durch die Zusammenarbeit mit
Fritsche hierzu gekommen bin.
V. g. u. Wilhelm Schumann«
Franz Fritsche, der Leiter der Gruppe in Berlin, hat die politische Linie der Grunewald
abgelehnt. Er erklärte, sie reise im Lande umher und stifte Verwirrung. Nachdem er über die
Grunewald Verbindung mit Schumann in Magdeburg aufgenommen hatte, brachte er ihn
ebenfalls von dieser Linie ab, offenbar wider dessen Willen. Damit war das Schicksal der
Gruppen in Berlin und Magdeburg besiegelt. Über das Ende von Schumann und Fritsche ist
schon berichtet worden. Was die »Ausgangsbasis« für Himmlers Pläne, das SS-Gut Hartzwalde,
betrifft, so sagten ehemalige WTG-Häftlinge aus, dass Kersten, der im Auftrage Himmlers über
Schweden Verbindungen zu den Westmächten aufnahm, die Zeugen Jehovas auf jenem Gut mit
WTG-Literatur aus Schweden versorgte. Kersten soll auch WTG-Anhänger von Hartzwalde mit
nach Schweden genommen haben.
Im Konzentrationslager Ravensbrück begann Himmler mit der Schaffung einer »Ausgangsbasis«
für den »Einsatz der Bibelforscherlehre in der Sowjetunion« auf folgende Weise. In Ravensbrück
befanden sich vor allem aus der Sowjetunion zwangsverschleppte Frauen und Mädchen. Man
organisierte es nun so, dass Arbeitskolonnen dieser Frauen und Mädchen unter das Kommando
von KZ-Vorarbeiterinnen kamen, die WTG-Anhänger waren. Hier bestätigt sich genau, was die
Grunewald berichtete. In dem einfältigen Glauben, diese Arrangements Himmlers seien eine
»von Jehova« gegebene Möglichkeit des »Zeugnisgebens« im Hinblick auf eine künftige
Verbreitung der »frohen Botschaft« in der Sowjetunion, begannen die Vorarbeiterinnen eine
eifrige Bekehrungsarbeit, angesichts der physischen und seelischen Zwangslage und Isoliertheit
jener Frauen und Mädchen nicht ohne Erfolg. »Durch dieses furchtlose Zeugnisgeben wurden
300 junge Russinnen in jenem Lager Zeugen Jehovas«, schreibt der Gestapohandlanger Erich
Frost in seinem biographischen »Wachtturm«-Artikel. (Der Wachtturm, 1. Juli 1961, WTG
Wiesbaden, S. 412) Auch »russische Kriegsgefangene in Konzentrationslagern« seien auf
ähnliche Weise gewonnen worden, berichtet die WTG dazu. (Jehovas Zeugen in Gottes
Vorhaben. WTG Wiesbaden 1960, S. 280)
Offensichtlich handelte es sich hierbei zumeist um Menschen mit religiöser Familientradition.
Sie alle gingen zwar, wie von Himmler vorgesehen, eines Tages zurück in die Sowjetunion um
dort die WTG-Lehren zu verbreiten, jedoch nicht unter einem siegreichen Himmler, der vielmehr
nach seiner Festnahme 1945 durch die Alliierten mit einer Giftkapsel Selbstmord beging.
Dennoch waren auf diese Weise wesentliche »Ausgangsbasen« für ein Vordringen der WTG in
die Sowjetunion geschaffen. Hinzu kamen noch Reste von WTG-Anhängern in den baltischen
Sowjetrepubliken aus der vorsowjetischen Zeit.

Himmlers Ideen leben weiter


Das Regime des Hitlerfaschismus und der Gestapo ist zwar vernichtet, doch Himmlers Ideen,
»das russische Volk durch Verbreitung der Bibelforscherlehren pazifizieren« zu können, in eine
»waffenlose Form« zu bringen, d. h. imperialistischen westlichen Machtinteressen unterwerfen
zu können, leben weiter.
Die Gedanken Himmlers über einen Einsatz der Zeugen Jehovas bei der »Befriedung« und
Entwaffnung der Bevölkerung der Sowjetunion hatten aber nicht nur für ein faschistisches
Weltreich Bedeutung. Das spiegelt sich in Verlautbarungen der WTG und anderer westlicher
Kommentatoren zur Aufgabe und Rolle der WTG »hinter dem Eisernen Vorhang«, also in der
Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern, deutlich wider. Man leugnet dabei zwar
verständlicherweise, dass die WTG Bewegung politisch von reaktionären Elementen der USA
unterstützt wird und in deren Dienst steht. Allerdings gibt man zu, dass die »Prawda«, das Organ
der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, »doch nicht ganz so im Irrtum« ist, was diese
Fragen anbetrifft. Aus dem WTG-Geschichtsbuch »Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben«, S.
280/281, sei hierzu folgendes abgedruckt:
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN IN GOTTES VORHABEN
DIE RUSSISCHEN ZEUGEN BEWAHREN DEN GLAUBEN, DEN SIE GEFUNDEN
HABEN
Hört nur, was in folgendem Leitartikel Gesagt wird, der in der Washington Post unter der
vielsagenden Oberschrift "Eine Wolke von Zeugen" erschien
Es scheint, dass die Zeugen in der« ganzen Sowjetunion Anhänger gefunden haben selbst in
entfernten Gebieten wie Sibirien und Kurgan, und dass sie nun eine vorzügliche
Untergrundbewegung bilden, die der Regierung Widerstand leistet.
Die Redakteure der Prawda glauben annehmen zu müssen, dass die ganze Bewegung von "den
reaktionärsten Elementen des amerikanischen Kapitalismus" unterstützt werde und bezwecke,
die Masse der Sowjetbürger mit einem Geist der Sanftmut und Resignation anzustecken,
wodurch der weltweite Triumph des revolutionären Proletariats vereitelt oder aufgehalten werde.
Die Organisatoren der Bewegung werden als "ehemalige Kriegsverbrecher, faschistische
Kollaborateure und Gestapospitzel" bezeichnet, die in den deutschen Konzentrationslagern für
ihre Arbeit unterwiesen und geschult worden seien.
Die Behauptung, sie seien in den Konzentrationslagern unterwiesen worden, mag nicht ohne ein
Körnchen Wahrheit sein.
LOIS [unterbricht]: Das stimmt doch nicht, oder? Ihr habt uns doch viele Berichte vorgelesen,
die zeigen, dass russische Kriegsgefangene in Konzentrationslagern durch deutsche Zeugen die
Wahrheit kennenlernten.
JOHANNES: Ganz recht. Das wird durch diesen Bericht offensichtlich bestätigt.
In einer Wilmingtoner (Delaware, USA) Zeitung, die über diesen Prawda-Artikel einen
Leitartikel brachte, wurde dazu geschickt bemerkt:
In Russland ist eine solche Lehre kein Opium für das Volk. Aber sie ist zumindest eine
Aufforderung an den Einzelnen, den Gehorsam zu verweigern. Sie könnte auf die Bedrückten
eine gewaltigere Wirkung haben, als es sich seine Herren Minister träumen lassen. Die Prawda,
die unter jedem Bett Kapitalisten sieht, muss die Bewegung als eine unheimliche Schöpfung der
Wall Street betrachten; doch wenn auch das Wall-Street-Gespenst Unsinn ist, so mag die Prawda
doch nicht so ganz im Irrtum sein, wenn sie in dieser partikularistischen Religion eine mögliche
Gefahr für den unvergänglichen Sowjetsaat sieht."
»Die ganze Masse der Sowjetbürger mit einem Geist der Sanftmut und Resignation anzustecken«
und sie dann dazu zu bringen, »den Gehorsam zu verweigern«, d. h. politischen Widerstand
gegen den Sowjetstaat zu leisten, genau darauf kommt es den Strategen der psychologischen
Kriegführung an. Die WTG lässt sich hier von den zitierten amerikanischen Zeitungen klipp und
klar ihre Obereinstimmung mit dieser imperialistischen Strategie bescheinigen. Es ist in der Tat
im Wesen das gleiche, was Himmler mit den Zeugen Jehovas in der Sowjetunion vorhatte.
Einer der Hauptfunktionäre, der nach 1945 von Klaipeda (früher Memel) aus die WTG-Lehren in
die Sowjetunion hineintrug, war der frühere deutsche Bezirksdiener (BDL) von Ostpreußen,
Georg Rabe. Er war es gewesen, der der Gestapo 1937 die zweite große Verhaftungswelle
ermöglichte, bei der auch der Reichsdiener Erich Frost verhaftet wurde. Rabe trat schon 1923 für
die WTG öffentlich als »Pilgerbruder« auf. Wie der »Wachtturm« vom 1. April 1923 berichtete,
hielt Rabe bereits damals aufreizende antikommunistische Reden, so dass die Sicherheitspolizei
bei einer seiner Predigten am 1.- Februar 1923 in Insterburg, Ostpreußen, mit 20 Beamten als
»Sicherheit gegen Kommunisten« aufmarschierte eine eindeutige Kennzeichnung der politischen
Rolle der WTG.
Rabe berichtet über seinen weiteren Verbleib, nachdem er 1937 der Gestapo geholfen hatte, die
ganze WTG-Organisation in Ostpreußen »aufzurollen«, im »Wachtturm« vom 15. Mai 1956.
Zitat:
"Ich lebte als Verbannter in Sibirien
Der Wachtturm
Vol. XLIX 15. Mai 1956
Als deutscher Staatsangehöriger konnte ich im November 1955 nach 4 ½ähriger Verbannung in
Sibirien in mein Geburtsland zurückkehren.
Während verschiedene Teile Deutschlands von den russischen Streitkräften besetzt wurden,
befand ich mich in Ostpreußen (im Memelland). Unter dem Hitleregime hatte ich als Zeuge
Jehovas bereits über sechs Jahre in verschiedenen Gefängnissen und anderen Einrichtungen
gelitten. Als das Memelland [jetzt Klaipeda genannt] auf Befehl Hitlers geräumt werden musste,
flüchteten die meisten Bewohner dieses Gebietes nach dem Innern Deutschlands. An dieser
Flucht nahm ich nicht teil, denn ich konnte es mit meiner Auffassung nicht vereinbaren, unter
dem Hitler-Regime Zuflucht zu suchen, das Jehovas Zeugen so unsagbares Leid zugefügt hatte."
Rabe war demnach 1944 nicht in einem Konzentrationslager wie die anderen verhafteten
WTGBezirksdiener,
sondern in Freiheit im Memelland. Er wohnte dort in Heidekrug. In seinem
Bericht verschweigt er natürlich, wie das zu jener Zeit möglich war. Es gab indes nur eine
Möglichkeit für WTG-Funktionäre, nach ihrer Gefängnishaft nicht in ein Konzentrationslager
gebracht zu werden: Sie mussten sich ihre Freiheit durch unterschriftliche Verpflichtungen bei
der Gestapo erkaufen. Erst recht betraf dies die höchsten WTG-Funktionäre, zu denen Rabe
zählte.
Rabe sagt auch die Unwahrheit, wenn er behauptet, an der Flucht nach Deutschland nicht
teilgenommen zu haben, weil er unter dem Hitlerregime aus Gewissensgründen nicht »Zuflucht«
nehmen könnte. Angesichts dessen, dass er sich schon 1937 zum Gestapowerkzeug machte, ist
das völlig unglaubwürdig. Es besteht vielmehr Berechtigung zu der Annahme, dass er von der
Gestapo vorgesehen war, in Verwirklichung der Pläne Himmlers bezüglich des Einsatzes der
»Bibelforscherlehre in Russland« von Ostpreußen aus eines Tages in Erscheinung zu treten, hatte
die Gestapo ihn doch auf Grund seiner Dienste für sie völlig in der Hand. Jetzt, da alles anders
gekommen war und das Naziregime seiner Vernichtung entgegenging, hatte er offenbar Furcht,
dass seine Gestapodienste nach dem Zusammenbruch des Faschismus ans Licht kommen
könnten. So blieb er im fernen Ostpreußen bzw. Memelland, das nun zur Sowjetunion gehörte,
um wenn auch unter anderen Umständen - die Tätigkeit für die WTG wieder aufzunehmen. Noch
1949 veranstaltete er dort öffentliche Versammlungen mit bis zu 300 Zuhörern. Als in dieser Zeit
die antikommunistische Hetze in der WTG-Verkündigung im Gleichklang mit der Verschärfung
der internationalen Lage immer mehr zunahm, wurde er von den sowjetischen
Sicherheitsorganen verhaftet. Es gelang ihm jedoch, die Behörden zu täuschen und sich als
Antifaschist auszugeben. Erst 1951, auf dem Höhepunkt der damaligen antikommunistischen
Propaganda der WTG gegen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder, wurde er
schließlich verurteilt, 1955 aber nach Westdeutschland entlassen. Hier empfing ihn
WTGZweigdiener
Erich Frost, den er 1937 ebenfalls der Gestapo überliefert hatte. Über seine
Erlebnisse in der Sowjetunion verfasste er sogleich einen mehrseitigen Artikel, der 1956 unter
der Redaktion von Frost im »Wachtturm« veröffentlicht wurde. Der Titel lautete: »Ich lebte als
Verbannter in Sibirien.« Die WTG zog es allerdings vor, diese Entstellung der Wahrheit über
Rabe anonym erscheinen zu lassen.
Jüngste Verlautbarungen der WTG zeigen an, dass sie die Sowjetunion zu einem Schwerpunkt
ihrer psychologischen Arbeit zu machen gedenkt. »Der russische Zweig der Zeugen Jehovas
kann als der stärkste in der ganzen Welt angesehen werden« und er sei die »ideologisch
wirksamste und verbreitetste illegale Organisation, die je unter sowjetischer Herrschaft
bestanden hat«, lässt" sich die WTG 1965 in den USA bescheinigen. (Der Wachtturm, 15.
November 1965, WTG Wiesbaden, S. 689) Man will wieder die Ideen des amerikanischen
Sektenwesens »quer durch die Interessen des Proletariats legen«, um mit dem bereits genannten
westdeutschen Historiker Karl-Theo Humbach zu sprechen, d. h. jede revolutionäre Bewegung
psychologisch entwaffnen.
Himmlers »Ausgangsbasen«, die in den faschistischen Konzentrationslagern im Sinne der WTG
bekehrten »jungen Russinnen« und »russischen Kriegsgefangenen«, waren der Ausdruck dieser
Politik im Interesse der antisowjetischen Ziele des Hitlerfaschismus. Mit ihren diesbezüglichen
»Wachtturm«-Berichten gibt die WTG zu, dass diese »Basen« nun zu Ausgangspositionen für
den antikommunistischen psychologischen Krieg gegen die bestehende Ordnung in der
Sowjetunion wurden, jetzt allerdings unter der Regie von Brooklyn und Washington. Mögen
diese Verlautbarungen zunächst nur Spekulation und Propaganda sein, um eine neue
Hauptrichtung der internationalen WTG-Tätigkeit hochzuspielen, so zeigen sie aber an, dass man
im USA-State Department Himmlers Schöpfungen ausgezeichnet zu nutzen weiß.
Bei der Charakterisierung der WTG-Organisation wurde dargelegt, dass der eigentliche
Zusammenhalt ihrer Anhängerschaft zu allen Zeiten durch die illusionistischen
weltanschaulichen bzw. endzeitlichen Bibelauslegungen bewerkstelligt wird, wobei man stets
auf dem zumeist vorhandenen Gottesglauben aufbaut und ihn so missbraucht. Bei dem
Bestreben, sich jetzt mehr auf das Weltzentrum des Sozialismus, auf die Sowjetunion, zu
konzentrieren, auf ihre religiöse Bevölkerung, käme der WTG entgegen, dass hier faktisch erst
nach dem Zweitenn Weltkrieg mit der Tätigkeit begonnen wurde. Das bedeutet, dass ihre
haltlose Endzeitbibeldeuterei hier nahezu unbekannt ist. Die gegenwärtigen Anschauungen der
WTG würden somit nicht schon von vornherein durch die Kenntnis ihrer Vorgeschichte
unglaubwürdig sein. Es wäre jedenfalls schwierig, die Vergangenheit und politischen
Hintergründe der WTG aufzudecken und das religiös-politische Hasardspiel für ihre
imperialistischen Hintermänner zu enthüllen. Daher räumt man westlicherseits der WTG in der
Sowjetunion allerlei Chancen ein. Ein westdeutscher Kommentator meinte 1966, die
russischorthodoxe
Kirche habe kaum noch eine Chance, auf die Sowjetbürger entscheidend einzuwirken.
Sie sei durch ihre Zusammenarbeit mit dem Zarismus und dessen Geheimdienst in früherer Zeit
zu sehr kompromittiert; nicht so jedoch die im Untergrund wirkenden Sekten wie die Zeugen
Jehova. (Frankfurter Rundschau, 19. 9. 1966)
Die gesellschaftlich negative und antikommunistische Verkündigungs- und Nachrichtentätigkeit
der WTG am Gängelband imperialistischer Kräfte dürfte die Perspektive der geistigen Himmler-
Erben als einer Art religiös-politischer 5. Kolonne in der Sowjetunion jedoch völlig aussichtslos
machen.

Die Neugründung des deutschen WTG-Zweiges - ein großangelegter


Betrug

Mit der Neugründung des deutschen WTG-Zweiges als antikommunistisches "Bollwerk«


1945/46 wurde der Öffentlichkeit ein ungeheuerliches Trugwerk vorgesetzt, ein Werk der
Täuschung und Irreführung der gutgläubigen Anhängerschaft, gekennzeichnet durch bewusstes
Lügen. Im folgenden soll dieser Betrug enthüllt werden, einmal um den gewissenlosen
Vertrauensmissbrauch zu beweisen, den die WTG-Führung betreibt, und zum anderen um an
dem wohl gravierendsten Beispiel zu zeigen, dass die obersten WTG-Führer nichts anderes sind
als Abenteurer in religiösem Gewande.
Schon Anfang Juni 1945 fand sich der frühere Reichsdiener Erich Frost mit einer Gruppe
weiterer WTG-Funktionäre, die die Nazizeit überstanden hatten, auf dem Grundstück des
deutschen Zweigbüros in Magdeburg wieder ein. Eine Inbesitznahme der Gebäude war jedoch
wegen zu großer Kriegsbeschädigungen und der neu zu klärenden Rechtslage noch nicht
möglich. Außerdem wohnte auf dem Grundstück noch der frühere Zweigdiener Paul Balzereit,
der die Nazizeit auch überlebt hatte und noch im Besitz seiner früheren Zweigdienervollmacht
war. Deshalb richtete Frost das erste Büro für den neu zu gründenden deutschen W'G-Zweig
zunächst in den Räumen der Chiropraxis des ebenfalls zurückgekehrten Wilhelm Schumann in
Magdeburg, Otto-v.-Guericke-Str. 50 ein. Frost berichtet darüber im Jahrbuch 1947 der Zeugen
Jehovas mit Bezug auf Schumanns sogenanntes Märtyrertum: »In der geräumigen Praxis eines
Bruders, der zur gleichen Zeit mit mir aus dem Gefängnis nach Hause gekommen war (er war
zum Tode verurteilt, aber den Händen des Scharfrichters entschlüpft), richteten wir zunächst ein
Büro ein.« (Jahrbuch 1947 der Zeugen Jehovas. WTG Bern, S. 114)
Am 9. September versammelte Frost sodann unter seiner Regie ein Komitee von sieben
Personen, um die WTG bzw. IBV als Körperschaft des öffentlichen Rechts, für ganz
Deutschland erneut offiziell zu gründen. Jeder der sieben zahlte 500 RM zu einem
Gründungskapital in eine gemeinsame Kasse.
Das Gründungsprotokoll, das an jenem 9. September 1945 verfasst und zusammen mit den
neuaufgestellten Statuten dem Polizeipräsidenten der Stadt Magdeburg überreicht wurde, hat
folgenden Wortlaut:
»Gründungsprotokoll
Wir, die diese Urkunde unterzeichnenden Personen, haben den Wunsch, die unter dem Terror-
Regime des Nationalsozialismus zwangsweise aufgelöste Internationale Bibelforscher-
Vereinigung, Deutscher Zweig, eingetragener Verein - Vereinsregister beim Amtsgericht
Magdeburg, Bd. V Nr. 466 wieder ins Leben zu rufen und im Wege der Wiedergutmachung
erneut in das Vereinsregister eintragen zu lassen.
Auf Grund unseres langjährigen, ununterbrochenen Kampfes gegen Willkürdiktatur und
imperialistisches Weltmachtstreben für die von Gott gebilligte Freiheit des Glaubens und der
wahren Gottesanbetung, des unverfälschten Gottesdienstes auf biblischer Grundlage, und im
Interesse Tausender freiwilliger, als Jehovas Zeugen bekanntgewordener Missionsarbeiter der
Internationalen Bibelforscher-Vereinigung in ganz Deutschland, die gleich uns unter der
Naziherrschaft lange Jahre die grausame Tortur der Konzentrationslager, Zuchthäuser und
Gefängnisse erduldet haben, und nicht zuletzt im Namen vieler Hunderter, die um ihres
christlichen Glaubens willen und ihrer Treue willen in der Zeit der Terrorherrschaft enthauptet,
gehängt, erschossen und erschlagen worden sind, fühlen wir uns verpflichtet, das Werk der
genannten Vereinigung in ihrem alten, unveränderten Geiste wieder aufzunehmen und
fortzusetzen und der Allgemeinheit dienstbar zu machen.
Wir erkennen eine weitere Verpflichtung dahingehend, Personen, die früher der Vereinigung
angehört haben, die aber in der Zeit der Verfolgung der Hitlerdiktatur und ihrer Gestapo-Agenten
offensichtlich versagt, ihren Glauben verleugnet, die Vereinigung oder ihre Mitarbeiter verraten,
bekämpft oder sich dazu bereit erklärt haben oder die sonstwie ihren statutenmäßigen Pflichten
der Vereinigung gegenüber verstoßen und sich dadurch zu Werkzeugen der Nazis gemacht
haben, aus unseren Reihen zu entfernen und fern zu halten.
Deswegen ersetzen wir einige frühere Mitglieder durch solche freiwilligen und langjährigen
Mitarbeiter der Vereinigung (§ 4,4 und § 5,4 der Satzung), die ausnahmslos ihre Treue und
Beständigkeit dadurch unter Beweis gestellt haben, dass sie selbst viele Jahre in Gefängnissen
und Konzentrationslagern ausharrten oder zum Tode verurteilt waren und nur durch den
Zusammenbruch der Naziherrschaft frei geworden sind.
Dagegen soll denjenigen früheren Mitgliedern, die den statutenmäßigen Anforderungen
entsprechen und gegen die keine Gründe vorliegen, nach denen sie auf Grund des § 18
ausgeschlossen werden können, sofern sie infolge Auslandsaufenthalt oder aus anderen triftigen
Gründen der Wiedergründungsversammlung der Vereinigung nicht beiwohnen können, das
Recht zustehen, ihre Mitgliedschaft zu erneuern. Eine diesbezügliche Bestimmung wurde im §
16 der Satzung verankert.
Wir bilden eine Vereinigung zu dem alleinigen Zwecke der Wiederaufnahme der Tätigkeit der
Internationalen Bibelforscher-Vereinigung auf Grund der auf den Seiten 1-9 vorstehenden
Statuten der Vereinigung. Wir vereinbaren weiterhin, dass jeder der Unterzeichneten zum
Gründungskapital der Vereinigung seinen Teil in der Höhe des neben seinem Namen
eingesetzten Betrages zu tragen hat.
Magdeburg, den 9. September 1945
gez. Otto Dathe
gez. Erich Frost
gez. Johannes Schindler
gez. Wilhelm Schumann
gez. Erwin Schwafert
gez. Ernst Wauer«
gez. Ernst Seliger
(Als abschriftliche Anlage zu den Statuten vom 9. September 1945 am 6. Juli 1946 an das
Polizeipräsidium in Magdeburg)
Wilhelm Schumann empfahl sich dazu in seinem Lebenslauf zum »Fragebogen für
Bibelhausmitarbeiter« vom 7. März 1946.
Zitat:
"M e i n L e b e n
Am ersten Juli 1900 wurde ich Gustav Emil Wilhelm Schumann als erster Sohn des Tischlers
Wilhelm Schumann und dessen Ehefrau
Dadurch, dass ich in Freiheit blieb, schenkte der Herr mir die Möglichkeit, in den nachfolgenden
Jahren in Verbindung mit anderen Brüdern in Berlin und Dresden eine über das ganze Reich neu
organisierte Zeugnistätigkeit zu entfalten, wobei wir in Magdeburg unter Mithilfe meiner beiden
Söhne und anderer Geschwister allein 194 Tausend Seiten Druckschriften im
Handabzugsverfahren herstellten und an die Gruppen weiterleiteten. Am 9. Febr. 1944 wurde ich
verhaftet und am 17. Okt. 44 vom Volksgerichtshof Berlin zum Tode verurteilt. Von dieser Zeit
an bis zu unserer Evakuierung am 9. Februar 1945 habe ich - Tag und Nacht in Fesseln liegend -
auf meine Hinrichtung gewartet. Dass ich am Leben blieb, verdanke ich zunächst dem
Umstände, dass die Gestapo glaubte, auf mich als Hauptzeugen in vielen weiteren
Verhandlungen nicht verzichten zu können.
Als die Russen in Küstrin einrückten, kamen wir ins Zuchthaus nach Halle, wobei unterwegs
unsere Akten verloren gingen und von wo aus ich am 22. April 1945 von den amerikanischen
Truppen durch des Herrn gütige Überwaltung befreit wurde.
Der Herr hat mich in all den Jahren des Kampfes nicht nur am Leben erhalten, sondern er hat
auch meine Familie stark werden lassen, unter seiner Erziehung und seinem väterlichen Schutze
zu kämpfen für die Hoheit Seines Namens und Seiner Theokratie. Nach meiner Rückkehr aus der
Gefangenschaft haben wir uns dann trotz anfänglicher Opposition einiger gutmeinender Brüder
und des Verbotes der Besatzungstruppen an das Vervielfältigen unserer Schriften gemacht und
diese an die Gruppen weitergeleitet. Der Herr hat wie immer, wenn man furchtlos ist, unsre
Bemühungen gesegnet, indem er uns mit den mit der Leitung des Werkes von ihm betrauten
Brüdern in Verbindung brachte.
So war es mein schönstes Geschenk, dass ich das Vorrecht hat meine Praxisräume in der Ottovon-
Guericke-Straße 50 dem Bruder Frost und seinen Mitarbeitern für die Uranfänge der
Reorganisation des Zeugniswerkes und den Wiederaufbau des Bibelhauses zur Ehre des Namens
des Höchsten zur Verfügung stellen zu können.
Mit stolzer Dankbarkeit werden ich und meine Familie und später - wenn die Theokratie auch in
diesem Lande groß sein wird - mit Freuden der Tage zurückerinnern, wo wir
Bibelhausmitarbeitern, auf ihrem Wege aus dem Konzentrationslager kommend, in unseren
Räumen eine Stätte des ersten Sammelns bieten konnten.
Eines habe ich von Jehova erbeten; weiterhin in Gemeinschaft mit treuen Brüdern für die Ehre
seines Namens zu wirken, ganz gleich, wo der Herr mich hinstellt.
Magdeburg, den 7. März 1946
Wilhelm Schumann."
Erich Frost versicherte in seinem amtlichen Lebenslauf 1946 den Behörden: »Meine und meiner
Mitarbeiter langjährige Gefangenschaft in der Nazizeit und die dort um demokratischer
Grundsätze der Glaubens- und Gewissensfreiheit willen erlittenen schwersten Verfolgungen und
Schädigungen an Leben und Gesundheit bietet die Gewähr für eine anhaltende konsequente
Stellung gegenüber jeder faschistischen oder undemokratischen Geistesregung.«
Ist die »theokratische« Einstellung der WTG-Führer nicht eine einzige undemokratische
Geisteshaltung? Man beachte indessen besonders die Schlussworte Schumanns in seinem Bericht
»Mein Leben«! Die Worte »ganz gleich, wo der Herr mich hinstellt«, ähneln zu sehr den Worten
»sei es, wo es sei und wo ich hingestellt werde« in seinem Gnadengesuch, mit dem er sich der
Gestapo verpflichtete Wenn man diese beiden Dokumente gegenüberstellt, dann erkennt man
sofort, dass die ganze Erklärung Schumanns vom März 1946 heuchlerisch und verlogen ist. Man
betrachte auch die Abschnitte 3 bis 5 des Gründungsprotokolls vom 9. September 1945. Jeder
rechtschaffene Mensch fragt sich, woher mögen Frost, Schumann und Schindler angesichts ihrer
Vergangenheit die Unverfrorenheit nehmen, ein solches Protokoll zu unterschreiben bzw.
solchen Lebenslauf zu verfassen, wo doch ihr Verhalten in der Nazizeit dem Hohn spricht? Nur
Menschen ohne Skrupel oder Hochstapler sind solcher Handlungen fähig.
Man überlege weiter. Ausgerechnet Schumann, der im Geiste Himmlers die WTG-Lehren
revidieren wollte und sich der Gestapo »sei es, wo es sei« zur Verfügung stellte, sollte »vom
Herrn gesegnet« sein, den »Wiederaufbau des Bibelhauses zur Ehre des Namens des Höchsten«
zu ermöglichen? Und Frost baute auf dieser Grundlage das deutsche WTG-Werk wieder auf!
Doch nicht nur das. Im Gründungsprotokoll ist zu lesen, dass er die beiden zum Tode
verurteilten Gestapohandlanger Schumann und Schindler ausdrücklich in die WTGMitgliedschaft
einbezieht um ein antifaschistisches Märtyrer-Aushängeschild zuu haben. Und
Frost selbst als der dritte oder erste in diesem Bunde, angeblich »vom Herrn mit der Leitung
betraut«, war - wie nachgewiesen wurde - eines der ersten und größten Gestapowerkzeuge. Man
braucht seine Nazidienste nicht noch einmal aufzuzählen.
Der Gipfel dieses Gaunerstücks von WTG-Neugründung »im Namen Jehovas« ist schließlich
das Gründungsprotokoll selbst, in dem die drei Hauptakteure, Frost, Schumann und Schindler,
sich selbst, den betrogenen Mitgliedern und Anhängern sowie den deutschen und sowjetischen
Verwaltungsbehörden versichern, jeden aus ihren Reihen auszuschließen, dem sie auch nur das
Geringste an Nazidienst nachweisen könnten, und dies im Namen aller toten und überlebenden
WTG-Opfer des Naziregimes, die sie selbst durch ihre persönliche Kollaboration mit der
Gestapo in Gefängnisse, Konzentrationslager oder aufs Schafott bringen halfen!
Offenbar fürchtete man jedoch, dass nicht immer alles gut gehen könnte. Besonders in
juristischer und politischer Hinsicht sah man besorgt drein, war man sich doch der
antidemokratischen und antikommunistischen Grundhaltung der WTG sehr wohl bewusst. In
dem Magdeburger Rechtsanwalt Fritz Olaf 1 gedachte Frost einen juristischen und politischen
Bundesgenossen zu finden. Jedes Geschenk, das die WTG diesem Rechtsanwalt im Laufe der
Zeit machte, wurde in einer Akte sorgsam registriert. Man lese die Durchschrift eines
Begleitschreibens zu einer Gemüse- und Obstgabe der WTG an Olaf vom 24. September 1946:
Zitat:
"24. September 1946
Wachtturmstr. 17-19
Fernruf: 31841 B/G
Herrn
Rechtsanwalt Olaf I
Notar
Magdeburg
Otto von Guericke Str. 59
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Wir gestatten uns, Ihnen mit diesem einen kleinen Anteil unserer Ernte zu übersenden und
verbleiben mit
freundlichen Grüßen
Watch Tower B. & T. Society"
Mit einem Schreiben war der Leiter der Rechtsabteilung im Magdeburger Zweigbüro, Ernst
Wauer, am 12. Februar 1946 an Olaf herangetreten um ihn zur der Verteidigung der WTGPolitik
zu gewinnen.
Zitat:
"WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
General Offices
117 Adam Street
Brooklyn New York
Deutsches Zweigbüro
MAGDEBURG
Postscheck-Konto
Nr. ..... Magdeburg
Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
den 12. Februar 1946
Otto von Guerickestr. 50
W/B.
Herrn
Rechtsanwalt u. Notar
OlafI
Magdeburg
Otto von Guerickestr. 59
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Mit diesem Schreiben möchten wir an Sie die Frage stellen, ob Sie in Fällen der
Beeinträchtigung der geistigen Freiheit und Unabhängigkeit aus innerer Überzeugung bereit
sind, die Verteidigung dieser durch jede wirkliche Demokratie gewährleisteten Rechte in
wahrhaft kämpferischer Weise im Rahmen der geltenden Gesetze zu übernehmen. Wir fragen
Sie deswegen ausdrücklich, weil es nicht jedem Menschen liegt, sich für eine solche Sache auch
dann konsequent einzusetzen, wenn er Gefahr läuft, sich dadurch gelegentlich zu amtlichen
Stellen oder politischen Kreisen in Gegensatz zu bringen.
Wir bitten Sie um eine kurze Stellungnahme und begrüßen Sie
hochachtungsvoll
WATCH TOWER
Bible an Tract Society
Brooklyn N. Y.
German branch
Magdeburg"
Beim nächsten Gaunerstück hat Olaf dem Gestapohandlanger Frost tatsächlich geholfen,
allerdings in gutem Glauben und in völliger Unkenntnis des wahren Sachverhalts, nämlich dabei,
Paul Balzereit, den früheren deutschen Zweigdiener, vom Magdeburger WTG-Grundstück zu
vertreiben. Auf Weisung von WTG-Präsident Knorr über Zweigdiener Frost beauftragte Ernst
Wauer am 18. Februar 1946 mit Schreiben und Information Fritz Olaf, gerichtlich gegen
Balzereit vorzugehen. Wauer schrieb zur Begründung an Olaf: »Der Präsident der Gesellschaft
hat neuerdings nochmals die Anweisung gegeben, Balzereit unbedingt von dem Grundstück zu
entfernen, weil sein weiteres Verbleiben daselbst mit der Reinheit des von der Gesellschaft
betriebenen Evangelisationswerkes unvereinbar ist. Es kann Jehovas Zeugen nach jahrelangem
Kampf gegen nazistischen Terror für die geistige Freiheit nicht zugemutet werden, noch länger
auf ihrem Grundstück einen Menschen zu dulden, dessen ganze Handlungsweise ihn eindeutig
als einen Verräter brandmarkt.«
Der Auftrag der WTG an Olaf hatte folgenden Wortlaut:
Zitat:
"Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft
den 18. Februar 1946
Otto von Guerickestr. 50
W/B.
Herrn Rechtsanwalt u. Notar
OlafI
Magdeburg
Otto von Guerickestr. 59
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Unter Bezugnahme auf unsere heutige Besprechung in Sachen Balzereit überreichen wir Ihnen
1. Eine Information,
2. Korrespondenz bestehend aus 10 Blatt.
Wir bitten, wenn Sie dies für aussichtsreich halten, die Prozessführung vorzubereiten und
zunächst ein Schreiben an Balzereit zu senden.
Wir bitten, wie besprochen, uns vor Absenden des Schreibens den Entwurf zwecks
Stellungnahme zugehen zu lassen.
Hochachtungsvoll
WATCH TOWER
Bible and Tract Society
Brooklyn N Y
German branch
Magdeburg
Anlagen"
Balzereit musste angeblich vertrieben werden, um die politische »Reinheit« der WTGVerkündigung
zu gewährleisten und weil man auf dem WTG-Grundstück keinen »Verräter« aus
der Nazizeit dulden könne. Es ist inzwischen hinreichend bewiesen, dass für den
profaschistischen Kurs der WTG seit dem Emporkommen der Nazis das Hauptbüro in Brooklyn
selbst die Hauptverantwortung trägt. Man denke an die Umfälschung der antisemitischen und
profaschistischen WTG-Buhlerei auf dem Berliner Kongress 1933 durch Präsident Knorr in
einen antifaschistischen Protest! Balzereit ist im wesentlichen stets nur ausführendes Organ
gewesen ohne die WTG-Politik je zu durchschauen. Und was die politische »Reinheit« der
Organisation betrifft, so zogen nach Balzereit mit Frost, Schumann, Schindler Franke und
anderen wohl die skrupellosesten Nazidiener in das WTG-Grundstück ein. Aber das konnte Olaf
alles nicht wissen - man ihn hinters Licht geführt. Es kam jedoch zu keinem Prozess gegen
Balzereit. Schon nach den ersten Schritten Olafs übergab er seine alten Vollmachten an Frost
und verließ das Grundstück. Den nächsten großen Betrug vollführte Frost gegenüber den
damaligen sowjetischen Verwaltungsbehörden in Magdeburg. Man lese zunächst folgende
Auszüge aus Berichten Frosts im »Wachtturm« vom 1. Juli 1961 und im Jahrbuch 1947 der
Zeugen Jehovas, S. 116:
Zitat:
"1. Juli 1961 Der WACHTURM
Befreiung von totalitärer Inquisition
von Erich Frost erzählt
Wiederaufbau
Jehovas Geist spornte uns zur Tat an. Viele von uns dachten nicht daran, heimzukehren, obwohl
wir noch ein Heim hatten. Unsere erste Sorge galt dem Eigentum der Gesellschaft in Magdeburg.
Dort stand man gerade im Begriffe, das Gebäude in ein Hotel für die Russen zu verwandeln. Den
sowjetischen Offizieren verständlich zu machen, wer Jehovas Zeugen sind, erwies sich als eine
zermürbende Aufgabe. Unsere Arbeit in der Ostzone wäre wahrscheinlich nie in Fluss
gekommen, wenn wir nicht tagtäglich betont hätten, dass im Magdeburg früher die Zentrale
unserer Organisation gewesen sei und wir die Absicht hegten, von diesem Büro aus auch
weiterhin unsere Organisation in allen vier Zonen zu leiten. Schließlich gab man nach, und das
Werk ging in der kommunistischen Zone wie anderswo weiter.
JAHRBUCH 1947 DER ZEUGEN JEHOVAS
mit dem Bericht über das Dienstjahr
Nachdem ich zwei treue Brüder und Mitarbeiter im Bibelhaus Magdeburg mit Vollmachten
versehen hatte, ging ich nach Westdeutschland um dort die Organisation zu befestigen und die
Geschwister zu ermuntern. Wir errichteten in Wiesbaden, einer Stadt in der amerikanischen
Zone; ein eigenes Büro für den Westen unseres Landes.
Watch Tower Bible & Tract Society
Watchtower Bible and Tract Society, Inc.
International Bible Students Association
Vereinigung Jehovas Zeugen der Schweiz
Brooklyn 2, N. Y., USA - Bern, Allmendstr. 39
Zweigbüros siehe letzte Seite."
Die vorstehenden Auszüge beweisen, dass Frost niemals die Absicht hatte, das gesamte WTGWerk
in Deutschland von Magdeburg aus zu leiten. In Wirklichkeit wartete er auf seine
Zweigdienervollmacht vom Hauptbüro in Brooklyn und dem USA-State Department in
Washington, um nicht von Magdeburg, sondern von Wiesbaden aus das WTG-Werk in allen vier
Zonen Deutschlands zu leiten.
Auch die rechtlichen Ansprüche der WTG auf das Grundstück in Magdeburg, von dem man
Balzereit vertrieben hatte, waren fragwürdig.
Im März 1941 hatte man nämlich in Verhandlungen zwischen dem WTG-Hauptbüro in
Brooklyn, vertreten durch die amerikanische Handelskammer in Berlin - Bevollmächtigter
Arthur Dunning, Berlin, Unter den Linden 38 -, und dem faschistischen »Kommando des
Rüstungsbereichs Magdeburg« das Eigentum der WTG in Magdeburg dieser faschistischen
Kriegsinstitution für 178 300 RM zum Kauf überlassen. Frost erklärte dazu im Jahrbuch 1947
der Zeugen Jehovas, S. 114, die »deutsche Wehrmacht« habe sich das Grundstück in Magdeburg
»zu eigen gemacht. Es bestand somit auf Grund dieses Geschäfts mit den Nazis an dem
Magdeburger Grundstück überhaupt kein eindeutiges Eigentumsrecht der WTG an dem
Magdeburger Grundstück, während man von den deutschen und sowjetischen Behörden seine
Überlassung forderte. Man betrachte dazu die folgenden dokumentarischen Angaben über die
Verhandlungen zwischen dem Rüstungskommando und der WTG:
Zitat:
"Anschrift des Eigentümers
Wachturm Bibel- u. Traktat-Ges. Magdeburg
Bevollm. Arthur Dunning, Amerikanische Handelskammer in Deutschland, Berlin, Unter den
Linden 38
Vermerk … Betrifft das bebaute Grundstück, Mietergrundstück Saarstraße 17 u. 19 Magdeburg
Flurstück …
Verfügung für Nachfeststellungen. 1. 1. 39 178300, RM
Bisheriger Einheitswertbogen
Einheitswert der neuen Einheit auf den 1. 1. 1939 nach der Berechnung …"
Der WTG-Beschluss, das deutsche Zweigbüro 1941 an die Nazis zu verkaufen, ist mehrfach
bemerkenswert. Dahinter standen in religiöser Hinsicht die Irrlehren des alternden Rutherford,
mit dem Ende des WTG-Werkes in Deutschland im Zweiten Weltkrieg käme sowie
»Harmagedon« und alles wäre zu Ende. Das war die letzte »Harmagedon«-Version Rutherfords,
der 1942 starb. Zum anderen wird durch diesen Verkauf der von der WTG nach 1945 erhobene
Anspruch auf Wiedergutmachung fragwürdig. Denn wenn man an die Nazis verkaufte, kann man
ehrlicherweise hinterher keine Rückgabe im Rahmen einer Wiedergutmachung fordern, wie die
WTG es nach 1945 allenthalben tat.
Mit der Verlagerung der Leitung des WTG-Werkes in ganz Deutschland unter Bruch der
Erklärungen gegenüber den damaligen sowjetischen Behörden nach Wiesbaden wurde die
westdeutsche Zentrale mit der Zeit immer mehr zuständig für die unmittelbare Anleitung der
WTG-Tätigkeit in allen osteuropäischen Ländern einschließlich der Sowjetunion. Leiter der
wichtigsten Abteilung dieser Zentrale, der Dienstabteilung unter Oberaufsicht von Erich Frost,
wurde der schon genannte Gestapokollaborateur Konrad Franke, dessen Mutter sich in der
Nazizeit aus Verzweiflung erhängt hatte.
Angesichts all dieser Tatsachen, die mit der Gründung und Leitung des deutschen WTG-Zweiges
zusammenhängen, ergibt sich in bezug auf den religiösen Charakter der WTG-Führung
zwangsläufig folgende Feststellung: Abgesehen von den Illusionen, den antisemitischen,
profaschistischen und bisherigen antikommunistischen Machenschaften der WTG hat man es bei
der Neugründung des zweitgrößten WTG-»Bollwerkes gegen den Kommunismus« 1945/46,
eben dem deutschen Zweig, mit einem solchen Betrugsmanöver zu tun, dass sämtliche
sogenannten theokratischen Ansprüche der WTG-Führung ein für allemal zunichte werden.
Auch nicht der kleinste Anschein bleibt davon übrig. Wie einst jener blutbefleckte Peregrinus -
er hatte seinen Vater ermordet - sich die »wundersame Weisheit der Christianer« für seine
Abenteuer zunutze machte, ging die WTG - das Gewissen voller Nazidienste - 1945 aufs Neue
darauf aus, ihr Werk unter Missbrauch von Christentum und Gottesglauben leichtgläubiger
Menschen weiterzuführen.
Zitat:
"Kommando des Rüstungsbereichs
Magdeburg
Nr. 4209f / 41 Z/Wi
Magdeburg, den 28. 3. 1941
Otto-von-Guericke-Str. 65
Fernruf: 43151/57
Hausapparat: 84
An das
Finanzamt Magdeburg-Süd
Bewertungsstelle
Magdeburg-B.
Sternstr.
Finanzamt
Magdeburg-Süd
Eing. 29. Mrz 1941
Bezug: Heutiges Ferngespräch
Betr.: Einheitswert.
Unter Bezugnahme auf das heutige Ferngespräch bittet das Kommando um Bekanntgabe des
Einheitswertes der Grundstücke, eingetragen im Grundbuch von Magdeburg-S. Band 42 Blatt
1727 und Band 43 Blatt 1773, Kartenblatt 3 Parzelle 3075/104 und Kartenblatt 3 Parzelle
3076/104 Hausgrundstücke Saarstr. 17, 19 und Leipziger-Str.16.
Das Kommando steht mit der Eigentümerin dieser Grundstücke in Kaufverhandlung und
versichert, dass es von dem Bevollmächtigten der Eigentümerin berechtigt ist, die Einheitswerte
einzusehen.
Dr. R./So.
Finanzamt-Süd
Bewertungsstelle
Süd 15a III 269
Süd 15b III
Magdeburg 20. 3. 1941
Kanzlei-Eingang am 31. März 1941
Gefertigt 31. 3. 41 Bo
Verglichen 31. 3. 41
1.) Zu Schreiben an das Kommando des Rüstungsbereichs Magdeburg
Magdeburg
Otto v. Guericke Str. 65
Betr. Grundstücke Saarstr. 17 u. 19 und
Leipziger Str. 16
Schreiben vom 28. 3. 41 Nr. 42094/41
Der Einheitswert beträgt a) für das Grundstück Saarstr. 17 u. 19 = 178 300,-
b) Grundstück Leipziger Str. 16 = 117 300,-...."

Die jüngste Politische Rolle der WTG

Der Wiederaufbau des WTG-Informationsdienstes


Es wurde bereits dargelegt, wie sehr die Tätigkeit der Zeugen Jehovas unter Leitung der WTG
von der Politik der USA abhängig ist. Den Kern der amerikanischen Kirchenpolitik stellte seit
1945 insbesondere die Warburg-Doktrin dar, in der festgelegt wurde, dass in die »Dammbildung
gegen das sowjetische Sozialisierungsstreben« auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften
einzubeziehen sind. Diese Bemühungen waren schon nach dem Ersten Weltkrieg sichtbar. Nach
dem Zweiten Weltkrieg nun wurden sie verstärkt. Die Zeugen Jehovas sind das drastische
Beispiel.
Konkrete Formen nahm diese Politik unter dem amerikanischen Präsidenten Truman an. Die
1947 von ihm verkündete Doktrin besagte, dass nach der zeitweiligen Zusammenarbeit zwischen
den USA und der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges nunmehr wieder "dem
Kommunismus ideologisch und geographisch der Krieg zu erklären« sei. Es sei also erneut zum
Kampf gegen die Sowjetunion und den Sozialismus überzugehen. Für Deutschland bedeutete das
speziell, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges rückgängig zu machen und die Deutsche
Demokratische Republik zu liquidieren, Den Kirchen und Religionsgemeinschaften wurden im
Zusammenhang damit »dem Evangelium fremde ideologische Gesichtspunkte für Verkündigung
und Dienst" aufgezwungen, wie auf der ständigen Allchristlichen Friedenskonferenz in Prag
1964 rückblickend konstatiert wurde. Die Konferenz lehnte diese Bindungen und diese Ideologie
als politische Norm ihrer Verkündigung des Evangeliums ab. (Materialien der Prager
Allchristlichen Friedenskonferenz 1964. Arbeitsgruppe Friede und Kalter Krieg)
Zu denen, die gegen einen solchen psychologischen Missbrauch der religiösen Tätigkeit Stellung
nahmen, gehörten Vertreter fast aller großen christlichen Kirchen und Gemeinschaften
bezeichnenderweise aber nicht die WTG oder Zeugen Jehovas. Sie wurden im
Nachkriegsdeutschland mit Schwerpunkt in den Westzonen wieder straff und einheitlich unter
die Regie von Brooklyn und Washington genommen, wie die vom USA State Department in
Washington unterzeichnete Vollmacht für den WTG-Zweigdiener Erich Frost und die
Verhandlungen und Abmachungen mit dem amerikanischen Militärnachrichtendienst nach 1945
beweisen. Wie bei kaum einer anderen Gemeinschaft lebte auf Grund dieser Bindungen in den
Reden und Schriften der WTG die »dem Evangelium fremde Ideologie« des Antikommunismus
gegen die sozialistische Entwicklung wieder auf. Sie wurde in politischer Hinsicht ganz auf die
Pläne der Erhaltung bzw. Wiederherstellung der alten kapitalistischen Verhältnisse in
Deutschland und anderswo ausgerichtet.
Neben dem organisatorischen Aufbau kam es der WTG-Führung in Brooklyn vor allem auch
darauf an, ihr von der Gestapo zerschlagenes Informationsnetz in Deutschland wieder auf und
auszubauen. Die Nachkriegsverhältnisse unter den Bedingungen der amerikanischen
Besatzungsmacht, die ihre Spezialisten für religiöse Fragen mitgebracht hatte - für
protestantische Fragen Dr. F. H. Littell als Hauptberater des USA-Hochkommissars für
Deutschland -, bewirkten sogleich eine enge Zusammenarbeit mit den amerikanischen
Militärdienststellen, in deren Interesse letztlich ebenfalls ein schnell funktionierendes
WTGNachrichtennetz
lag. Die Erörterung der Zusammenarbeit der WTG mit dem USA-State
Department hat diese Interessenverflechtung und deren Hintergründe deutlich gemacht. Wie
dargelegt wurde, hatte der WTG-Rechtsvertreter H. C. Covington diese Sache mit den
zuständigen USA-Militärs 1947 in Westdeutschland geregelt.
Nun beauftragte der Präsident der WTG, N. H. Knorr, den inzwischen vom USA-State
Department akzeptierten deutschen Zweigdiener Erich Frost, intern geeignete Mitarbeiter unter
den deutschen WTG-Funktionären für die Informationstätigkeit auszusuchen und einzusetzen. Es
wurden vor allem solche Personen ausgesucht, die sich durch ihre berufliche und
gesellschaftliche Stellung gut über politische und staatliche Angelegenheiten informieren
konnten. In der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands zog Frost unter anderem
den WTG-Funktionär Georg Bär aus Dresden heran, der von Beruf Techniker und Mitglied des
Landesschiedsausschusses für Opfer des Faschismus war um an interessante Informationsquellen
zu gelangen.
Aus den von Frost zu diesem Zweck versandten Schreiben geht hervor, dass es sich eindeutig um
eine politische Nachrichtentätigkeit handelte, die wieder in Angriff genommen werden sollte.
Man lese den Abdruck eines solchen Schreibens mit den wesentlichen Fakten und
Aufgabenstellungen:
Zitat:
"WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
General Offices
117 Adams Street
Brooklyn New York
Deutsches Zweigbüro
Magdeburg
Postscheck Magdeburg …
WESTDEUTSCHES BÜRO
Postscheck Frankfurt 145761, Hannover 99280, Freiburg 2953
(16) Wiesbaden, 24. 12. 47
Wilhelminenstr. 42
Telefon 25203
Eingang, am 14. 1. 48
Erledigt am
BETRIFFT: Mitarbeit am "AWAKE!"
Lieber Bruder!
Bruder KNORR hat mich als Zweigdiener zum Korrespondenten für die Zeitschrift AWAKE!
bestellt und erwartet regelmäßige Beiträge aus Deutschland, die für die Leser unserer Zeitschrift
in aller Welt von Interesse und voll Spannung sind.
Es werden alljährlich zwei Haupt- und zwei Nebenartikel verlangt. Diese zu liefern, erfordert
gute Beobachtungsgabe über die Geschehnisse unserer Tage und in unserem Lande. Da ich bei
der überreichen Arbeitszuteilung nicht in der Lage sein werde, dieser Aufgabe immer gerecht zu
werden, bitte ich Dich um Mitteilung, ob Du Freude daran hast und bereit bist, hierbei
mitzuarbeiten. Es wird nur in seltenen Fällen geschehen, dass ein abgeschlossener Artikel oder
Beitrag, wie Du ihn einsenden wirst, nach Brooklyn abgeht, da ich noch einige andere Brüder um
ihre Mitwirkung bitten werde. Jedoch werde ich große Wertschätzung dafür haben, wenn mir
Beiträge folgenden Charakters und Inhaltes zugehen werden, die ich dann, je nach Eignung,
geschlossen oder mit anderen Beiträgen zusammengestellt, unter Umständen auch nach völliger
Umarbeitung der Hauptredaktion in Brooklyn übersenden kann.
A. Die Themen oder Beiträge, wie sie von AWAKE! gewünscht werden, können Politik,
Religion, Handel, Geographie oder andere Wissenschaften betreffen; in der Tat, alle Themen, die
in Awake! erscheinen, sollen dem Leser eine gute Vorstellung geben, wie umfassend seine
Grundlage ist und was die Zeitschrift will! Es gibt immer etwas, was sich in unserem Lande
ereignet, das von weltweiter Bedeutung ist.
B. Außerdem gilt es, plötzliche Vorkommnisse, wir politische Aufstände, Wahlen, religiöse
Störungen oder Verwirrungen, Auseinandersetzungen, Revolutionen, Katastrophen, Flugzeuge
und Fliegerei, Berge, Landschaften, Wunder des Landes, Tiere, Erdbeben, Verfolgungen,
Opposition gegen die Wahrheit u. a. festzuhalten, kurz irgendetwas, von dem man glaubt, dass es
für einen über die ganze Erde verbreiteten Leserkreis von Interesse ist. Es muss wichtig genug
sein. Die Streitfragen "Freiheit der Predigt" und "Freiheit der Presse" z. B. sind wichtiger als es
gerade Erfahrungen von JEHOVAS ZEUGEN sind.
Grundsätzlich muss alles, was an A W A K E ! eingesandt wird, Tatsache und Wahrheit sein.
Das Material muss einwandfrei sein! Die unter A angeführten gewünschten Beiträge sind
periodisch und sollten immer bis zum 15. Februar und 15. August im Büro der Gesellschaft
eingehen. Lasse diese Beiträge jeweils etwa 3 Schreibmaschinenseiten lang (DIN A 4, mit
doppeltem Zeilenabstand), jedoch nicht länger als 5 Seiten sein. Sende je ein Exemplar und das
Bibelhaus WIESBADEN und MAGDEBURG mit dem Vermerk. FÜR AWAKE!
Die unter B angeführten Nachrichten können j e d e r z e i t in kürzester, jedoch genügend
deutlichen Form auf gleichen Bogen und mit gleichem Zeilenabstand gesandt werden. Sie m ü s
s e n NEU und AKTUELL sein.
A W A K E ! in Brooklyn hat großes Interesse an Vorgängen und Berichten aus Deutschland.
Das ist begreiflich, weil die Augen aller Welt auf Deutschland gerichtet sind. Überlege, welchen
großen Wert gute Berichte aus unserem Lande haben, wenn sie durch AWAKE! in vielen
Ländern und Sprachen bekannt werden, da wir selbst in Deutschland aus Gründen der
Papierknappheit noch keine eigene Ausgabe des AWAKE! herausgeben können.
Ich bitte Dich also, mir umgehend Deinen Bescheid betreffs Mitarbeit in diesem neuen Zweig
der theokratischen Verkündigerorganisation zukommen zu lassen und sende Dir mit vielen guten
Wünschen recht herzliche Grüße.
Dein Bruder und Mitdiener
Erich Frost"
Die Skala der Gebiete, in denen unter dem Motto »ständige Wachsamkeit über die Geschehnisse
unserer Tage und in unserem Land« herumspioniert werden sollte, erfasste einfach alles, was
zugleich der Verschleierung des politischen Hauptinteresses diente.
Wie bereits im Zusammenhang mit dem Beschluss Rutherfords im Zuchthaus Atlanta 1918/19
über den Aufbau eines WTG-Nachrichtendienstes dargelegt wurde, hatte die Beschaffung der
Nachrichten »unzensiert und an Ort und Stelle abgefasst«, also ohne jede Rücksicht auf
Staatsgeheimnisse, auf Nachrichten strategischen Charakters oder auf Nachrichtenverbot bzw.
Nachrichtensperre zu erfolgen. Wozu brauchte die WTG z. B. Berichte über die »Fliegerei«,
über das Flugwesen in der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands? Es gab zu
dieser Zeit dort kein anderes als das sowjetische Militärflugwesen! Allenfalls konnten die
WTGWeisungen
noch auf eine vermutete geheime Neuentwicklung auf diesem Gebiet gerichtet sein.
Was Frost von seinen Mitarbeitern hier verlangte, grenzte bereits an sehr gefährliche
Handlungen und kam einer Militärspionage gleich. Das musste Frost auf Grund seiner eigenen
früheren Erfahrungen sehr wohl wissen. Dass man dabei auch Berichte über Naturwunder, Tiere
und Landschaften haben wollte, änderte an dem politischen Charakter dieser Tätigkeit nichts,
sondern diente höchstens der Verschleierung.
Die Sache schließlich als »neuen Zweig der theokratischen Verkündiger-Organisation«
hinzustellen ist offensichtlich religiöse Bemäntelung und Anwendung von Gewissenszwang.
Denn wer von den gutgläubigen Anhängern würde sich »theokratischen« Weisungen
widersetzen? Als »theokratisch« wurde bisher alles deklariert, was die WTG unternommen hatte,
von der ersten Bibelauslegung bis zum Betrug der WTG-Neugründung 1945/46 in Magdeburg,
und das geht weiter so.
Wichtig ist indessen zu erkennen, dass das, was die WTG an Berichten und Nachrichten fordert,
auch für politische Kreise von großer Bedeutung ist und dass die speziellen politischen
Bindungen und Beziehungen der WTG eine entsprechende Auswertung aller Informationen
gewährleisten.
Ein besonderer »Kirchlicher Nachrichtendienst«
Der in Verbindung mit der Zeitschrift »Ewachet« (»Das Goldene Zeitalter« bzw. »Trost«) in
Deutschland nach 1945 wiedererrichtete WTG-Nachrichtendienst, der ähnlich in allen Ländern
organisiert wurde, in denen die WTG tätig ist, war jedoch nur ein Mittel zur
lnformationsbeschaffung.
Unter der irreführenden Bezeichnung »Kirchlicher Nachrichtendienst« (KND) - die WTG
betrachtet sich in Wirklichkeit nicht als Kirche im bekannten Sinne - wurde im Frühjahr 1948
vom Zweigbüro in Magdeburg ein weiteres Nachrichtennetz errichtet, das speziell in der
damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands wirken sollte. Zugleich wurden durch
dieses Nachrichtennetz alle Informationen geschleust, die für die WTG-Organisation in der
»Ostzone« bestimmt waren und deren Kenntnisnahme durch staatliche Stellen gefürchtet wurde.
Jeden Postweg meidend, funktionierte dieser Nachrichtendienst nur über ausgewählte und sogar
vor der Masse der Anhängerschaft geheimgehaltene Kuriere. Eingeweiht wurde grundsätzlich
nur der jeweils örtliche Vertreter der Organisation oder »Gruppendiener« (GD). Nicht einmal das
mitverantwortliche »Drei-Brüder-Komitee« wurde hierüber vollständig informiert. Die WTG
bestimmte zudem genau, welche Informationen der Ortsversammlung bekanntgegeben werden
durften, welche das Komitee zu erfahren hatte und welche nur der GD zu kennen brauchte. Auf
diese Weise hatten die einfachen Anhänger nicht den geringsten Einblick in die Tätigkeit ihrer
Führung und deren Absichten.
Organisiert wurde der KND im Mai 1948, als es sich herausgestellt hatte, dass die inzwischen
angelaufene Infiltration antikommunistischen politischen Gedankengutes in die religiöse
WTGVerkündigung
der Nachkriegszeit behördlicherseits nicht unbeachtet und ohne Folgen blieb. Ein
erster Höhepunkt dieser Infiltration war Frosts »Erwachet«-Bericht vom Dezember 1947
»Deutschland unter russischer Herrschaft« gewesen. Das war der Anlass für die damaligen
Behörden, die von ihnen zugelassene Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die sich doch
selbst als politisch völlig neutral ausgegeben hatte, näher zu beachten. Man sah sich veranlasst,
den Charakter dieser Gemeinschaft zu ergründen und sich vom Wesen der WTG ein klares Bild
zu verschaffen. Um dem so weit wie möglich zu entgehen und jede behördliche Einsichtnahme
in das interne WTG-Getriebe auszuschalten, baute man dann jenen KND. auf, der unter
Missbrauch religiöser Bindungen und Gefühle vor allem die örtlichen »Gruppendiener« dazu
anhielt, jede Weisung der WTG in diesem Zusammenhang bedingungslos auszufahren und die
Behörden zu missachten und zu ignorieren.
Zur Charakterisierung des KND folgen einige Auszüge aus der ersten, im gewöhnlichen
Abzugsverfahren vervielfältigten Ausgabe vom 15. Mai 1948:
WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
Deutsches Zweigbüro
(1 9 b) Magdeburg, den 15. Mai 19
Wachtturmstr. 17/19
Fernruf: 31871, 31841
Streng vertraulich 1
»Kirchlicher Nachrichtendienst« für die GD
(K. N. D.)
Lieber Bruder!
In dem uns aufgezwungenen Kampf um die Freiheit des Gottesdienstes macht es sich notwendig,
Dir infolge Deiner Verantwortung als GD ab und zu verschiedene Mitteilungen zu machen oder
Ratschläge zu geben, die nicht zur Bekanntmachung in der Dienstversammlung bestimmt sind.
Du willst dieses Schreiben vertraulich behandeln und die einzelnen Punkte, soweit dies
notwendig ist, allein im Drei-Brüder-Ausschuß erörtern. Im übrigen mögest Du besorgt sein, die
gegebenen Anweisungen gewissenhaft und entschieden zur Durchführung zu bringen. … Es
wurden Polizeibeamte beauftragt, zu kontrollieren, ob auch nur dies und nichts anderes zur
Betrachtung käme … man darf es den Widersachern der Wahrheit nicht bereitwillig gestatten,
die freie Anbetung Jehovas in Geist und Wahrheit irgendwie zu beeinträchtigen … Zur
Begründung behauptet man, dass wir 'politisch' redeten …
Es darf kein Zurück geben, sondern es sollte stets versucht werden, im Falle eines Angriffs der
Feinde der Wahrheit das zu tun, was Euch möglich ist, um das Werk nun erst recht
voranzutreiben …
Gruppenakten: Sämtliche Gruppenakten sollten grundsätzlich nicht beim Gruppendiener
aufbewahrt werden, sondern beim HGD (Hilfsgruppendiener, d. V.) oder einem anderen
zuverlässigen Verkündiger, in dessen Haushalt sich keine wahrheitsfremden Personen befinden.
Nehmt auch keine Akten, besonders die Informationen der Gesellschaft (WTG, d. V.) und dgl.
mit zu den Behörden, sondern höchstens solche Schriftstücke, die Ihr dort unbedingt vorlegen
müsst. Wenn Ihr aus einer Information der Gesellschaft etwas für die Verhandlung benötigt,
schreibt Euch dies auf, wenn Ihr es Euch nicht merken könnt! …"
Besonders bemerkenswert ist der befehlshaberische Ton am Schluss dieser Anweisungen. Man
beachte auch die Überheblichkeit, die darin liegt, jeden Andersdenkenden als »wahrheitsfremd«
und die Behörden grundsätzlich als »Feinde der Wahrheit« zu bezeichnen. Diese Überheblichkeit
kommt den WTG-Anhängern schon gar nicht mehr zum Bewusstsein.
Die Weisungen, ihre Organisation sorgfältig vor den Behörden abzuschirmen, mussten die
Zeugen Jehovas nur noch verdächtiger machen. Und es gab tatsächlich »kein Zurück« - die
örtlichen Gruppen der Zeugen Jehovas wurden immer weiter auf dem politischen Wege der
WTG vorangetrieben.
Um das Bild abzurunden, sei auch eine der letzten derartigen Weisungen der WTG zitiert, bevor
der »Kirchliche Nachrichtendienst« 1950 eingestellt werden musste. Im KND vom 12. Juli 1950
verlangte das Magdeburger Zweigbüro von hierfür beauftragten WTG-Anhängern politische
Berichte über innerbetriebliche Schulungen in volkseigenen Betrieben und Behörden der DDR.
Diese Weisungen wurden im Auftrage der WTG von Willy Heinicke verfasst, einem Mitarbeiter
des Leiters der juristischen Abteilung des Magdeburger Zweigbüros Ernst Wauer. Man lese den
folgenden Auszug aus dem genannten KND vom 12. Juli 1950:
Zitat:
"WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
Deutsches Zweigbüro
(19b) Magdeburg, den 12. Juli 1950
Fernruf: 31817, 31841
ab 14. 7. 50: 8724 und 8728
Kirchlicher Nachrichtendienst für die GD (KND)
Liebe Brüder!
Betrifft: Innerbetriebliche Schulungen. Was innerbetriebliche Schulungen betrifft, welche
insbesondere während der Arbeitszeit stattfinden, möchten die Geschwister, die hierfür in
Betracht kommen, über den Verlauf solcher Schulungen kurze Informationen durch den GD an
uns einsenden. Diese schließen die Mitteilung ein, ob bei den regelmäßigen Schulungen für
jeden Teilnehmer im Rahmen einer Diskussion hinreichend Gelegenheit gegeben wird, seine
Stellungnahme vorzutragen, und inwieweit die betreffenden Geschwister vom christlichen
Standpunkt aus zum vermehrten Zeugnis für die Wahrheit davon Gebrauch machen.
Betrifft: Bezirksversammlung. Hierzu wird vertraulich mitgeteilt, dass diese vom 28. September
bis 1. Oktober d. Js. geplant ist.
Es soll dies aber nirgends publiziert werden. Auch ist es möglich, dass die Verhältnisse eine
Änderung des Programms notwendig machen. Doch sollten die Geschwister über das Datum
privat informiert werden um zeitlich disponieren zu können.
Indem wir mit allen Treuen im Lande vereint "Gott das zahlen, was Gott gebührt", verbleiben
wir mit herzlichen Grüßen
Eure Brüder
WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY
Der Abschnitt: Innerbetriebliche Schulungen wurde von mir verfasst.
Willi Heinicke."
Dieses Verlangen einer angeblich rein religiösen Gemeinschaft ist doch mehr als sonderbar.
Innerbetriebliche Schulungen, wie sie in Betrieben der sozialistischen Länder durchgeführt
werden, haben betriebliche und politische Fragen zum Inhalt. Das ist allgemein bekannt. Was
will die WTG also damit? Wenn sie nach dem Verlauf solcher Schulungen fragt will sie
demnach wissen, wie es in den Betrieben aussieht und wie sich die Menschen politisch verhalten.
Man erinnere sich, mit welchen Kräften die WTG auf oberer Ebene in Verbindung steht und was
für eine Rolle Kirchen und Religionsgemeinschaften in deren Plänen gegen die »Sozialisierung«
spielen sollen!
Schließlich versuchte die WTG auch, über den KND eine Erfassung von verantwortlichen
Personen in Polizei, Justiz und sonstigen Behörden einschließlich sowjetischer Militär- und
Sicherheitsorgane zu erreichen, die unter der Bezeichnung »Adressensammelaktion« lief. Als
Grund wurde den Zeugen Jehovas angegeben, WT-Schriften »zum Zeugnis« versenden zu
wollen. Natürlich tat man das auch. Es war eine geschickte Methode, in den Besitz
staatspolitisch bedeutsamer Personalkarteien zu gelangen, die in der damaligen Situation des
psychologischen Krieges gegen die sozialistische Entwicklung unter Einbeziehung von
Religionsgemeinschaften nicht ohne Interesse waren.
Mit dem Wiederaufbau des WTG-Nachrichtennetzes und dem KND für die »Ostzone« glaubte
die WTG-Führung offensichtlich, nun auch in Deutschland wieder voll einsatzfähig zu sein, war
doch damit das Nervensystem für ihre psychologische Funktion im Rahmen der amerikanischen
Kirchenpolitik in Richtung Osten wieder geschaffen. Die Zentrale dafür war zunächst das
Zweigbüro in Magdeburg, das vom WTG-Hauptbüro in Brooklyn über den zwischengeschalteten
amerikanischen Militärnachrichtendienst und das Zweigbüro in Wiesbaden angeleitet wurde, wo
der Vertrauensmann des USA-State Departments, Erich Frost, seinen Hauptsitz hatte.
Erneut psychologisch in die Offensive
Nachdem 1947 die Verhandlungen zwischen der amerikanischen WTG-Führung (Knorr,
Covington, Henschel) mit dem Militärnachrichtendienst der USA abgeschlossen waren und
Zweigdiener Erich Frost daraufhin vom WTG-Präsidenten Knorr »zum Korrespondenten für die
Zeitschrift AWAKE! bestellt« worden war, wie es in dem schon erörterten Schreiben Frosts vom
24. Dezember 1947 heißt (mit dem er Mitarbeiter für den WTG-Informationsdienst warb und in
dem er durchblicken ließ, dass er der deutsche Chef dieses Nachrichtendienstes ist), ging man in
die Offensive. Es begann wieder eine systematische Infiltration von antisowjetischer und
antikommunistischer Politik in die WTG-Verkündigung, die sich bis in lautstarke öffentliche
Kundgebungen voll Hass und Fanatismus steigerte.
Bereits in seinem ersten politischen Propagandabericht, der vom 22. Dezember 1947 stammt,
ließ Frost erkennen, dass er seinen Auftrag richtig verstanden hatte und gewillt war, seinen
Auftraggebern mit »deutscher Gründlichkeit« zu dienen. Dieser Bericht ist in politischer
Hinsicht völlig im Stil der nun auflebenden psychologischen Kriegführung der USA, des
»ideologischen Krieges gegen den Kommunismus« geschrieben. Der nachstehende Auszug zeigt
das (»Erwachet«, 22. Dezember 1947).
Zitat:
"ERWACHET!
"Die Stunde ist nun da, … zu erwachen" - Römer 13:11 - Perk
Bern, 22. Dezember 1947
Deutschland unter russischer Herrschaft
Seither hat sich für das deutsche Volk in politischer Hinsicht nicht viel gebessert, und die
wirtschaftliche Lage hat sich sehr verschlechtert. Zwar ist der Schrecken der Luftangriffe
verblasst, dafür sind Hunger und Seuchen da. Zwar existieren die Konzentrationslager der
Gestapo nicht mehr, doch fühlt sich die breite Volksmasse hier in der östlichen Zone im
allgemeinen nicht viel freier als zur Nazi-Zeit. Eine weitgehende Kontrolle wird auf allen
Gebieten ausgeübt, und die angewandten Methoden ähneln oft den nazistischen.
Die Meinung ist vorherrschend, dass die Russen unbedingt verschwinden müssen, weil es
solange keine wirklich freiheitliche Entwicklung gibt.
Immer wieder werden verzweifelte Versuche, die Wirtschaft in Ordnung zu bringen, durch die
kurzsichtige Haltung der Militärverwaltung vereitelt. Viele meinen, die Weltlage treibe einer
neuen, noch größeren Katastrophe entgegen.
Von unserem "Erwachet!"-Korrespondenten in Deutschland."
Kurz zuvor hatte Frost in seinem ersten Jahresbericht (1946) noch gesagt, man könne »in keiner
Weise Klage führen über die russischen Militärbehörden«. Jetzt aber behauptete er
verleumderisch, die sowjetischen Behörden glichen den Nazis und der Gestapo, die Propaganda
aufgreifend, »dass die Russen unbedingt verschwinden müssen«. Diese Verleumdungen wurden
in allen Sprachen, in denen die WTG-Zeitschrift »Erwachet« erscheint, abgedruckt.
Von diesem Zeitpunkt an trat auch der deutsche WTG-Zweig wieder als »Bollwerk gegen den
Kommunismus« in Aktion. Immer schärfer, provokatorischer und aggressiver wurde die
politische Ausrichtung der WTG-Tätigkeit, bis man 1950, als mit dem Koreakrieg ein dritter
Weltkrieg vor der Tür stand, den Kampf gegen Sozialismus und Kommunismus zum
»theokratischen« Glaubensdogma erhob und ihn damit zur grundsätzlichen politischen
Hauptaufgabe in der religiösen Verkündigung machte. Fortan gilt es als eine religiöse
Gewissenspflicht für die Zeugen Jehovas, die antikommunistische Hetze mitzubetreiben. Im
folgenden sollen nun die wesentlichsten politischen Aktionen der WTG in dieser Hinsicht bis
1950 dargestellt werden, Tatsachen, die die WTG bewusst entstellt oder verschweigt um die
Behauptung aufrechterhalten zuu können, das Verbot der WTG in den sozialistischen Ländern
sei Christenverfolgung.
Die nächste größere politische WTG-Aktion seit dem Auftakt 1947 war eine im August 1948
gestartete internationale Verleumdungskampagne unter der verlogenen Schlagzeile »Die
Sowjetunion, eine sachliche Betrachtung von Land und Leuten«. Man überzeuge sich von der in
Wirklichkeit gehässigen antisowjetischen Tendenz dieser Betrachtung an Hand eines Auszuges
aus »Erwachet« vom 22. August 1948, Schweizer Ausgabe.
Zitat:
"Bern, 22. August 1948
Die Sowjetunion
Eine sachliche Betrachtung von Land und Leuten
Was den Sowjetkoloß für seine Gegner so furchterregend macht, ist das Ansteigen des
Kommunismus in Europa und anderen Erdteilen. Mindestens elf Millionen organisierte
Kommunisten in Frankreich und Italien! Machtübernahme durch die Kommunisten in Rumänien,
Ungarn, der Tschechoslowakei! Kommunistische Regierungen auch in Polen, Jugoslawien,
Bulgarien und Albanien! Werden diese für den Bestand der anderen lebensgefährlichen Manöver
nicht alle von der Moskauer Sowjetzentrale aus gelenkt? Welche Mittel können die anderen
gefräßigen Reiche dieser Welt anwenden, um dem knurrenden russischen Bären kräftig auf die
ausgestreckten Tatzen zu klopfen?"
Kaum waren die Hetztiraden verklungen, ging schon die nächste Kampagne dieser Art über die
Bühne, diesmal ganz im Stil eines Joseph Goebbels gehalten. Man lese aus »Erwachet« vom 8.
Dezember 1948:
Zitat:
"Die Menschheit am Scheidewege
Bern, 8. Dezember 1948 - Vol. XXVI
"Awake!" - German Edition - Halbmonatlich
Die Bedrängnis der Nationen
In der einen Hälfte des europäischen Kontinents sitzen die politischen, militärischen und
revolutionären Kräfte des kommunistischen Russlands im Sattel. So leben nicht nur 192 000 000
Russen im unheilkündenden Schatten des Kremls, sondern auch die osteuropäischen Völker bis
zum Eisernen Vorhang. Anderswo, wie in Frankreich, Italien und Griechenland, macht sich der
Einfluss der Bolschewisten immer hartnäckiger bemerkbar, und sie warten nur auf einen
günstigen Moment um sich mit vernichtender Gewalt zu Herren ganz Europas aufzuschwingen."
Auf Grund der immer stärker anschwellenden politischen Hetze der WTG kam es zu ersten
einschränkenden Maßnahmen der Behörden in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands.
An etlichen Orten wurden öffentliche WTG-Vorträge verboten. Schriften mit derart
aufhetzendem Inhalt wurden beschlagnahmt und auch einzelne Verhaftungen vorgenommen.
Trotzdem konnte die WTG insgesamt noch weiterarbeiten.
Die WTG dachte jedoch in keiner Weise daran, ihre Politik zu ändern. Im Gegenteil, sie
verstärkte sie noch mehr, besonders nachdem die Watch Tower in den USA im Juni 1949
fälschlicherweise auf die Liste der Organisationen geraten war, die der »Verbindung mit dem
Kommunismus« angeklagt wurden. (Das Marinekorps der USA hatte in einem Memorandum
vom 6. 6. 1949 die WTG zu den Organisationen gezählt, die als kommunistisch verbunden zu
bekämpfen seien. Mit Schreiben vom 15. 12. 1949 an die WTG hat das Marinekorps diese
Festellung widerrufen, nachdem die WTG überall antikommunistisch mobil gemacht hatte. - Der
Wachtturm, 1. November 1949, S. 329 ff (deutsch))
Offenbar handelte es sich hier jedoch um eine politische Provokation, um die WTG zum
Äußersten in ihrer antikommunistischen Tätigkeit zu veranlassen, was in der Folge dann auch
prompt in internationalem Maßstab eintrat. Um jene fälschlichen Anklagen zu widerlegen,
machte die WTG nämlich ihre Anhängerschaft einheitlich in allen Ländern antikommunistisch
mobil.
In Deutschland wurde speziell für die WTG-Anhänger in der sowjetischen Besatzungszone vom
29. bis 31. Juli 1949 in der Westberliner Waldbühne ein Kongress veranstaltet. Die
einschränkenden Maßnahmen der deutschen und sowjetischen Behörden gegen die zunehmende
politische Hetze und Verleumdung durch die Zeugen Jehovas wurden - ausgerechnet von dem
Gestapokollaborateur Frost in seiner Eigenart als deutscher WTG-Zweigdiener - zum Anlass
genommen, um unter den Zeugen Jehovas nicht nur in beiden Teilen Deutschlands, sondern
international eine Welle des Hasses gegen die sowjetischen und ostdeutschen Behörden
auszulösen. Mit demagogischen Mitteln und prahlerischen Phrasen versuchte er die
leichtgläubige Menge zu einem fanatischen Antikommunismus aufzupeitschen und sie in eine
Hysterie zu treiben, die alles von der WTG bisher Getriebene in den Schatten stellte. Frosts
Hetztiraden wurden im »Wachtturm« vom 1. April 1950 (deutsch) abgedruckt. Man lese die
folgenden hauptsächlichen Passagen, dabei im Sinn behaltend, dass die WTG politisch völlig
unparteiisch und neutral sein will und nur ein Bestreben habe, nämlich Jehova zu dienen:
Zitat:
"Der WACHTTURM
1. April 1950
Deutsche Bezirksversammlungen 1949
Im britischen Sektor Berlins liegt die schöne "Waldbühne", und dort sollte die
Bezirksversammlung stattfinden. Die Umstände in der russischen Zone gestatteten es nicht, eine
größere Versammlung dort abzuhalten, und so war es nötig, alle Vorbereitungen so still und
geräuschlos wie möglich zu treffen. Hatten nicht boshafte Handlungen, verursacht von der SED
(Sozialistische Einheitspartei von Deutschland), zu einer Einmischung in die freie
Gottesanbetung in gewissen Gegenden in der Ostzone geführt?
Ist der Bolschewismus schöner als andere Systeme? Glauben die Kommunisten, dass das, was
Hitler begonnen hat, von ihnen vollendet werden müsse? Wir fürchten die Kommunisten genau
sowenig, wie wir die Nazi gefürchtet haben!" Mit diesen packenden Worten begegnete der
Wortführer der in Berlin versammelten Zeugen Jehovas der Herausforderung gewisser roter
Extremisten der Ostzone. Diese wenigen Worte sprechen Bände.
… Welch jämmerlichen Misserfolg hat doch Hitler, der katholische Diktator, gehabt! Und jetzt
suchen rote Totalitäre das zu vollenden, was die Braunhemden nicht tun konnten? Wenn ja, so ist
ihnen unverblümt gesagt worden, dass die mutigen Zeugen Jehovas in Deutschland sich vor
ihnen genau sowenig fürchten wie vor den Nazi."
Diesen hasserfüllten und schmutzigen Anwürfen und politischen Prahlereien muss man die
»Entschließung« zur Seite stellen, die auf dem Waldbühnen-Kongress angenommen wurde.
Allein friedliebende Menschen hätten sich da versammelt, unschuldig bedrängt, die nicht das
geringste mit dem »Weltstreit zwischen dem Osten und dem Westen« zu tun hätten. Nachstehend
der Hauptinhalt der »Entschließung« gemäß »Wachtturm« vom 1. April 1950 (deutsch).
Zitat:
"Der WACHTTURM
Am Samstagabend las der Zweigdiener der Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland, Erich Frost,
den versammelten Tausenden folgende Resolution vor:
ENTSCHLIESSUNG
Achtzehntausend Zeugen Jehovas aus allen Gebieten der östlichen Besatzungszone Deutschlands
sind in der Waldbühne Berlin zusammengekommen, um den Namen Jehovas, ihres Gottes, zu
erheben und ihn zu preisen. Sie erheben ihre Stimme wie ein Mann, um die gottgewollte und
durch die unveräußerlichen Rechte freien Menschentums verbürgte, in allen freiheitlichen
Verfassungen demokratischer Staatswesen fest verankerte Freiheit der Anbetung Gottes und der
freien Religionsausübung zu fordern und zu verteidigen.
Sie erheben Protest gegen die undemokratischen und verfassungswidrigen Verbote und
Einschränkungen ihrer Gottesdienste in Sachsen und die Beschlagnahme der hierfür benutzten
Räume;
Sie protestieren gegen die brutale, gewaltsame Sprengung ihrer gottesdienstlichen
Zusammenkünfte durch ungesetzliche Polizeiaktionen, wie sie im Kreise Bautzen vorkommen;
Sie protestieren gegen die von intoleranten fanatisierten Gegnern entfachte politische und
religiöse Hetze, die sich nicht scheut, den Spuren einer vergangenen Schmutzpresse nach Art
eines "Stürmers" und eines "Schwarzen Korps" (frühere fanatische Naziblätter) zu folgen, und
eine christliche Gemeinschaft aufrichtig gläubiger Männer und Frauen als eine "Mord-
Organisation" zu bezeichnen und für vogelfrei zu erklären.
Sie protestieren in aller Entschiedenheit dagegen, in bewusst verleumderischer Weise als
Kriegshetzer und Feinde des Friedens bezeichnet zu werden, und weisen darauf hin, dass sie die
einzige Organisation friedliebender Menschen sind, deren Angehörige nahezu hundertprozentig
den Kriegsdienst in jeder Form verweigert haben.
Sie protestieren in aller Entschiedenheit gegen die unbegründeten freiheitsfeindlichen
Willkürmaßnahmen der Eisenbahn-Direktion der Ostzone unter ihrem Generaldirektor
Kreikemeyer, durch welche seit langem fest zugesagte und bereits voll bezahlte Sonderzüge für
Jehovas Zeugen vor der Abfahrt abgesagt wurden; Tausenden ist die Teilnahme an der Berliner
Bezirksversammlung durch die kontraktbrüchige Haltung der Eisenbahnverwaltung unmöglich
gemacht worden.
Jehovas Zeugen setzen ihr Leben für den Frieden ein und verharren in der durch Gottes Gesetz
festgelegten Neutralität allen politischen und weltanschaulichen Streitigkeiten dieser Welt
gegenüber, von der Gottes Reich nach den Worten Jesu nicht ist. Jehovas Zeugen geben in jedem
Lande, in welchem sie Bürgerrecht haben, willig dem Staate, was des Staates ist, aber sie
weigern sich ganz entschieden, dem Staate auch das zu geben, was Gott gebührt. Unter keinen
Umständen, selbst nicht unter dem Druck diktatorischer Maßnahmen, werden sich Jehovas
Zeugen in den Wettstreit zwischen dem Osten und dem Westen einmischen. Jehovas Zeugen
leben sowohl im Osten als auch im Westen. Wir nehmen nicht für einen Weltblock gegen den
anderen Partei, weil wir dadurch Gottes Gesetz verletzen und die göttlichen Grundsätze des
Friedens und der Einheit verleugnen würden. Wir sind und bleiben Jehova und Christus Jesus,
dem König der neuen Welt, völlig ergeben und bezeugen allen Menschen guten Willens, dass
ohne Gottes Führung und ohne Beachtung seines vollkommenen Gesetzes kein Aufbau möglich
ist, wie in Psalm 127:1 geschrieben steht: "Wenn Jehova das Haus nicht baut, vergeblich arbeiten
daran die Bauleute; wenn Jehova die Stadt nicht bewacht, vergeblich wacht der Wächter."
Wir legen die Entscheidung auch in dieser Sache Glaubens voll in die Hand Jehovas, des
höchsten Richters, vor dem jeder für sein Tun verantwortlich ist.
Ihm allein verdanken wir Hilfe und Befreiung nach einem zwölfjährigen Kampfe der Lüge und
des Terrors gegen Wahrheit und Gerechtigkeit und wir zweifeln nicht einen Augenblick, dass er
noch einmal und immer wieder sein Wort der Verheißung an uns erfüllen wird: "Schauen wirst
du es mit deinen Augen, und wirst sehen die Vergeltung der Gesetzlosen." - Psalm 91:8.
Es ist die Verantwortung der ordentlichen Behörden, die Freiheit der Religion und des Glaubens,
die Freiheit der Gottesanbetung allein nach dem eigenen Gewissen zu schützen und zu
garantieren. Ihre Beeinträchtigung widerspricht den demokratischen Grundsätzen ebenso sehr
wie den von Gott verliehenen Grundrechten aller Menschen, dem Recht auf Freiheit, Wahrheit
und Gerechtigkeit. Wer diese Grundsätze verletzt, macht sich zum Feinde Gottes und aller
aufrichtigen Recht und Freiheit liebenden Menschen und wird die Verantwortung tragen.
Was immer auch geschehen mag, wir geloben aufs neue Jehova unserem großen Gott und
ewigen König Treue bis in den Tod. Wir werden nicht aufhören, die frohe Botschaft vom Reiche
Gottes zu verkündigen, wie er geboten hat. Allen Anstrengungen, uns in diesem Gottesdienst
durch Verbote, Verordnungen und ungesetzliche Maßnahmen zu beeinträchtigen, setzen wir
entschlossen entgegen: "Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen!"
Jehovas Zeugen
Berlin, den 30. Juli 1949
Diese Resolution wurde durch den amerikanischen Sender RIAS in Berlin am gleichen Abend
bekanntgegeben und drang anscheinend bis nach Amerika, denn am folgenden Sonntagmittag
fanden sich Dutzende von Zeitungsreportern in der "Waldbühne" ein, darunter auch Wagen von
"Funk und Bild", und man betonte ausdrücklich, von New York über München veranlasst
worden zu sein, für die Presse Bilder von der öffentlichen Versammlung aufzunehmen. Es war
ein wunderbarer Tag. Die Begeisterung kannte keine Grenzen."
Entsprach es der hier wieder proklamierten politischen Neutralität, was Frost in seiner
Eröffnungsrede desselben Kongresses, der diese »Entschließung« annahm, hasserfüllt
verkündete? Entsprach es politischer Neutralität, was seit 1947 in der WTG-Verkündigung
politisch wieder in Erscheinung trat? Wenn die Presse des Landes den Hetzartikeln der WTG
entgegentritt, dann sei das eine »Schmutzpresse« nach Art des faschistischen »Stürmers« oder
»Schwarzen Korps«? Frost stellt die Wahrheit skrupellos auf den Kopf. Wer fordert denn die
Presse gegen die Zeugen Jehovas und die WTG heraus? Und welche Regierung, welcher Staat
lässt sich laufend in den Schmutz treten und beschimpfen, wie es in den Publikationen der WTG
geschieht ohne darauf zu reagieren? Was die behauptete Friedensliebe bzw.
Kriegsdienstverweigerung betrifft, so sei nur an das Verhalten der WTG im Ersten Weltkrieg
und an ihre Kriegsdiensterklärung in der Schweiz von 1943 erinnert. Und zu dem »zwölfjährigen
Kampf« der WTG in der Nazizeit möchte man fragen: Hatte nicht derselbe Frost, der hier
Brandreden hält, in denen er die WTG als unschuldig verfolgtes Lamm hinstellt, um die Gunst
der SS und Gestapo gebuhlt und die ganze deutsche WTG-Organisation »hochgehen« lassen?
Man erinnere sich schließlich an das Verhalten der WTG-Führung zum »Kampf um die Macht«
der Hitlerfaschisten. Was das Geschrei über die behördlichen Maßnahmen gegen die Zeugen
Jehovas betrifft, führte man die Behörden nicht spätestens seit Gründung des, KND systematisch
hinters Licht? Und waren für den Waldbühnenkongress nicht »alle Vorbereitungen so still und
geräuschlos wie möglich« getroffen worden? In diesen Methoden war die WTG ja schließlich
Meister ihres Fachs, wenn man nur an die Neugründung ihres deutschen Zweiges 1945/46 denkt.
Die im Lande allenthalben von den WTG-Vortragsrednern betriebene religiös bemäntelte Hetze
gegen den demokratischen Neuaufbau bestätigte Frost schließlich mit den Worten, »dass ohne
Gottes Führung und ohne Beachtung seines vollkommenen Gesetzes kein Aufbau möglich ist«,
wie in Psalm 127:1 geschrieben stehe: "Wenn Jehova das Haus nicht baut, vergeblich arbeiten
daran die Bau »laute.« Da Jehova den Neuaufbau in der »Ostzone« nicht führt, sei jede
Beteiligung daran also vergeblich - eine der üblen Bibelverdrehungen der WTG, denn der
Psalmist spricht ein Wallfahrtslied vom Aufbau des Gotteshauses oder Tempels unter König
Salomo im biblischen Altertum! Das hat mit dem Neuaufbau des gesellschaftlichen Lebens in
der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands überhaupt nichts zu tun. Es handelt
sich hier eindeutig um einen Bibelmissbrauch im Sinne der Warburg-Doktrin zum Kampf gegen
die soziale Neuordnung nach 1945, gegen die auch die WTG im Rahmen ihrer Verkündigung zu
Felde ziehen sollte.
Wenn Frost schließlich darauf pocht, dass die Behörden die Pflicht hätten, die Freiheit der
Gottesanbetung zu schützen, dann ging es der WTG in Wirklichkeit gar nicht um
Glaubensfreiheit, die ja gegeben war, wie Frost selbst im Jahresbericht 1946 bestätigte. Es ging
um eine andere Freiheit. Die WTG wollte Freiheit für ihre staatsfeindliche Tätigkeit, die sie mehr
oder minder geschickt in bestimmte religiöse Formen kleidete. Denn diese Tätigkeit gehörte zu
ihrer Aufgabe als »Bollwerk gegen den Kommunismus«.
Es dauerte nicht lange, bis Frost den Waldbühnenkongress mit seinen maßlosen politischen
Verleumdungen und dramatischen antikommunistischen Herausforderungen völlig fanatisiert
hatte, so dass er den Versammelten das Gelöbnis abnehmen konnte, »Jehova unserem Gott« -
über die WTG selbstverständlich »Treue bis in den Tod« zu halten, wenn sie nun in die
»Ostzone« zurückkehren würden.
Mit Eifer stürzten sich die Westberliner und westdeutsche Presse, sowie der amerikanische
Sender RIAS in Westberlin auf diesen antikommunistischen Waldbühnen-Hexenkessel Die
Frage ist, ob Frost derartige antikommunistische Verleumdungen und Provokationen auch dann
losgelassen hätte, wenn er anstatt nach Wiesbaden nach Magdeburg hätte zurückgehen müssen.
Er hätte das mit Sicherheit nicht getan! Die Frage ist weiter, warum dieser Kongress in
Westberlin veranstaltet wurde. Die Behauptung, in der »Ostzone« wäre kein Kongress möglich
gewesen, stimmt nicht. Schon 1946 konnte die WTG in Magdeburg einen Kongress mit mehr als
6500 Teilnehmern durchfuhren. Und wäre der WTG wirklich an einer sachlichen Klärung der
Streitfragen gelegen gewesen, so hätte sie dies vom Sitz des Zweigbüros in Magdeburg aus tun
können und müssen. Westberlin war hier nicht im geringsten zuständig. Aber man wollte ja gar
keine sachliche Klärung irgendwelchen Schwierigkeiten. Frosts Hetzrede zeigte deutlich, wohin
der Kurs zu gehen hatte. Man vertraute auf den Sieg der USA-Konzeption zum »Zurückrollen
des Kommunismus« in Deutschland, auf die Truman-Doktrin einer amerikanischen »Befreiung
der Ostzone«, auf einen Erfolg der imperialistischen psychologischen und subversiven
Kriegführung in Deutschland. Dazu hatte die WTG ihren Anteil zu leisten. Aus diesem Grunde
war der ganze Waldbühnenkongress politisch ausschließlich beherrscht von Protesten, Anklagen,
Drohungen, Hetztiraden und unnachgiebiger Feindseligkeit gegenüber den ostdeutschen
Behörden, die als »Feinde Gottes« gebrandmarkt wurden. Mit »Feinden Gottes« aber spricht und
verhandelt man nicht, sie werden nach WTG-Auffassung vernichtet. Frosts Tiraden, die
»Ostzonenbehörden« würden eine »Vergeltung der Gesetzlosen« erleben wie die Nazis, nehmen
jeden Zweifel. Die Parole war, sich auf nichts einzulassen, sondern den Osten unnachsichtig zu
brandmarken, zu diffamieren und zu verleumden. Und das nicht nur in der »Ostzone«, d. h. in
der DDR. Der Kurs richtete sich gegen alle Länder, die den Sozialismus aufbauten. Die in
Brooklyn beschlossene politische Linie lautete: »gegen die Flut des Kommunismus aus dem
Osten«. Noch einmal wurde sie kurz vor dem Waldbühnenkongress öffentlich proklamiert, wie
»Erwachet« vom 22. Juli 1949 beweist:
Zitat:
"ERWACHET!
"Die Stunde ist nun da, … zu erwachen" - Römer 13:11 - Perk
Bern, 22. Juli 1949
Die letzte Verteidigungslinie der Religion
Düsteres Sturmesgewölk ballt sich im Osten zusammen. Mit jedem Tag türmt es sich,
unheildrohend, höher empor und senkt sich tiefer, drückender auf die Menschheit herab. Es ist
nur noch eine Frage der Zeit, bis aufzuckende Blitzstrahlen in dieses Wolkenmeer die Löcher
reißen, aus denen ein Sturm der Vernichtung herniederprasseln wird. Hiervon haben die
Religionen der Christenheit am meisten zu befürchten. Sie werden bald in die letzte
Verteidigungslinie gedrängt sein. Schon jetzt steht die Religion vor einer Krise, durch die
kommunistische Flut aus dem Osten heraufbeschworen. Wird sie das überleben? Wird sie, um
sich zu decken, die Nationen durch ihre Schutzmächte in den Wahnsinn eines dritten Weltkrieges
hineinpeitschen können?"
Damit waren auch für den Waldbühnenkongress die politischen Akzente gesetzt. Er war nicht
dazu bestimmt, die Lage zu entspannen, sondern durch rücksichtsloses Verleumden des
Kommunismus einen neuen Höhepunkt in der psychologischen Kriegführung der WTG im
Interesse der amerikanischen Nachkriegspolitik (Warburg) zu schaffen. Ȇber drei bis vier
Wochen erstreckte sich die Zeitspanne der Publizität in der Westpresse«, kommentierte die
WTG. (Der Wachtturm, 1. April 1950, S. 111 (deutsch))
Trotz allem blieben die Behörden mit den Zeugen Jehovas geduldig, die in ihrer Masse
schließlich aufgeputscht und irregeführt waren. Die Hauptdrahtzieher saßen im Westen fern jeder
Verantwortung. In ihrer politischen Verblendung legte die WTG-Führung die Nachsicht der
Behörden jedoch als Schwäche aus und startete im März 1950 eine weitere internationale
Hetzkampagne. Man hatte inzwischen einen als Geschäftsmann getarnten »Erwachet«-
Korrespondenten auf eine Reise durch die osteuropäischen Länder geschickt, der das Material
für diese Kampagne zu besorgen hatte. Man lese folgende Auszüge aus »Erwachet« vom 22.
März 1950:
Zitat:
ERWACHET!
"Die Stunde ist nun da, … zu erwachen" - Römer 13:11 - Perk
Bern, 22. März 1950
Einblicke ins kommunistische Europa
Der nachstehende Artikel ist recht aufschlussreich. Er wurde geschrieben von einem
Geschäftsmann, der sich neutral verhält gegenüber den politischen Ismen, die die Welt
aufspalten. Seinem Bericht liegen also keine Propaganda-Absichten zugrunde, weder für den
Osten noch für den Westen. Er schildert einfach das, was er bei seinem kürzlichen Besuch der
internationalen Messen in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien hörte und sah. Diese
unparteiische Schilderung, geschrieben am 18. Oktober 1949 und "Erwachet!" zur Verfügung
gestellt, gestattet uns einen Blick hinter dem "Eisernen Vorhang". Lies das Folgende um
informiert zu sein!
"Gehört das Geschäft immer noch ihnen?", fragte ich einen Herrn in Prag.
Er warf einen misstrauischen Blick in eine Ladenecke, wo mein Begleiter Platz genommen hatte,
und fragte im Wisperton, der seine innere Unruhe verriet: "Wer ist der Herr, den Sie bei sich
haben?" Ich versicherte ihm, dass er nicht befürchten müsse, von diesem Herrn, einem Freund
von mir, bei der kommunistischen Gestapo denunziert zu werden.
So ist die Lage all jener Tschechoslowaken, die ein Geschäft oder ein Gewerbe haben oder
hatten.
Steigerung der Arbeitszeit um ein Fünftel und Herabsetzung des Lohnes um ein Fünftel, das ist,
was manchen widerfuhr, die den neuen Leistungsmaßstäben der kommunistischen Antreiber
nicht zu entsprechen vermochten.
Wie es scheint, stehen die kommunistischen Fronvögte in nichts den Kapitalisten nach, wenn es
gilt, über den Werktätigen die Peitsche zu schwingen. Es ist keine Zufriedenheit eingekehrt.
Auf solche Weise sucht der Teufel den Sinn der Menschen mehr und mehr von dem
allmächtigen Gott abzulenken, und solch eine Missachtung des Höchsten von Seiten
menschlicher Knirpse wird den Untergang der Völker, die sich dessen schuldig machen,
beschleunigen.
Tatsächlich steht Harmagedon, die Schlacht des großen Tages Gottes des Allmächtigen, nahe
bevor."
Zusätzlich zu dieser Hetzkampagne wurde am 13. Februar 1950 von dem damaligen
WTGBezirksdiener
Friedrich Adler ein Telegramm an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto
Grotewohl, und am 19. Mai 1950 ein Brief an das Ministerium des Innern der DDR gesandt,
worin Adler u. a. höhnte, die Verfassung der DDR sei »ein Fetzen Papier«, die polizeilichen
Einschränkungen der WTG-Hetze seien »parteidiktatorischer Terror«, und die Regierung der
DDR habe eine »parteipolitische Brille« auf. Adler verlangte im gleichen Atemzuge nicht mehr
und nicht weniger, als mit der Regierung der DDR über die ungehinderte Freiheit, für die
politische WTG-Hetze zu verhandeln. (Aus den Akten des Obersten Gerichts der DDR) Nach
dem Vorangegangenen war das eine neue unerhörte Herausforderung. Aber noch immer ließ
man die WTG gewähren.
Von Fanatismus geblendet startete die WTG als Antwort auf die Duldsamkeit der Organe der
DDR die nächste Provokation. Am 10. Juli 1950 sandte das WTG-Ostbüro in Westberlin, das
nach Auslagerung der wichtigsten Akten aus dem Zweigbüro Magdeburg inzwischen die
Hauptanleitung der Zeugen Jehovas in der DDR übernommen hatte, eine sogenannte Petition, in
der man nicht bat, sondern Forderungen stellte, an alle Behörden der DDR. Gutgläubig und
aufgehetzt durchschaute denn auch kaum ein Zeuge Jehovas das betrügerische Spiel. Der
Wortlaut der Petition.
Zitat:
"JEHOVAS ZEUGEN
Büro Berlin
Berlin, den 10. Juli 1950
An
Behörden, Organisationen und Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens!
Namens und in Vollmacht sämtlicher im Gebiete der Deutschen Demokratischen Republik
lebenden Zeugen Jehovas, wurde der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zu
Händen des Herrn Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, die nachstehende Protestschrift nebst
Petition überreicht. Die wegen fortgesetzter Beeinträchtigungen unserer Gottesdienste von
unserer Kirchenverwaltung in Magdeburg wiederholt gemachten Anstrengungen und bei den
höchsten Regierungsstellen der Deutschen Demokratischen Republik eingereichten Anträge um
Einstellung der ungesetzlichen Maßnahmen von Polizei u. a. Behörden blieben nicht nur
ergebnislos, sondern es erfolgten weiterhin fortgesetzt widerrechtliche Auflösungen von
Gottesdiensten, Verhaftungen und Beschlagnahmungen. Aus diesem Grunde erhoben nunmehr
sämtliche Gemeinden von Jehovas Zeugen in der Deutschen Demokratischen Republik durch
einmütige Abstimmung entschiedenen Protest in der nachstehenden Beschwerdeschrift und
Petition.
Petition
von Jehovas Zeugen in Ost-Deutschland
an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik.
Wir, Zeugen Jehovas, fassen unsere Beschwerden und Proteste wie folgt zusammen:
1. Wir erklären, dass die fanatische Geistlichkeit und intolerante SED-Funktionäre eine
Zweckpropaganda inszeniert haben, die religiösen Hass gegen Jehovas Zeugen entfacht und
uns durch falsche Behauptungen verdächtigt, eine amerikanische Sekte zu sein, die im
Interesse imperialistischer Politiker und Monopolkapitalisten arbeite und diese in der
Kriegshetze unterstütze und gegen den demokratischen Aufbau des Friedens und des Staates
kämpfe. Diese Behauptungen gegen die wir nachdrücklichst protestieren, sind sämtlich
unwahr und verstoßen gegen den Artikel 6 der Verfassung für die Deutsche Demokratische
Republik, der u. a. wie folgt lautet:
2. Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen
demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristische
Propaganda, sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die
Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches. Ausübung
demokratischer Rechte im Sinne der Verfassung ist keine Boykotthetze."
Wir erklären, dass staatliche und kommunale Behörden Jehovas Zeugen Rechtsgleichheit
verweigert und es abgelehnt haben, unseren vollberuflich tätigen Predigern die gleichen Vorteile
zu gewähren, die die Geistlichkeit unter dem Gesetz genießt, wogegen wir nachdrücklichst
protestieren, weil es gegen den Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen
Republik verstößt, der wie folgt lautet:
"Alle Bürger sind vor dem Gesetze gleichberechtigt. Boykotthetze gegen demokratische
Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von
Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle
sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne
des Strafgesetzbuches. Ausübung demokratischer Rechte im Sinne der Verfassung ist keine
Boykotthetze."
3. Wir, Jehovas Zeugen, erklären, dass uns im Gegensatz zu anderen Organisationen, die
Benutzung von Schulräumen und kommunalen Sälen als Versammlungsorte verweigert werden
oder uns in gesetzwidriger Weise entzogen wurden, wogegen wir nachdrücklichst protestieren,
da es gegen den Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik verstößt, der
wie folgt lautet:
"Alle Bürger sind vor dem Gesetze gleichberechtigt. Boykotthetze gegen demokratische
Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von
Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle
sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne
des Strafgesetzbuches. Ausübung demokratischer Rechte im Sinne der Verfassung ist keine
Boykotthetze."
4. Wir erklären, dass Bibelstudien in Privatwohnungen, die von Jehovas Zeugen in
verschiedenen Teilen des Landes abgehalten wurden, v e r b o t e n worden sind, was alles
ungesetzlich ist und wogegen wir nachdrücklichst protestieren, da es gegen den Artikel 8 der
Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik verstößt, der wie folgt lautet:
"Persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Postgeheimnis und das Recht, sich an
einen beliebigen Ort niederzulassen, sind gewährleistet. Die Staatsgewalt kann diese Freiheiten
nur auf Grund der für alle Bürger geltenden Gesetze einschränken oder entziehen."
Es verstößt ferner gegen Artikel 43 der Verfassung für die Deutsche Demokratische Republik,
welcher u. a. wie folgt lautet:
"Es besteht keine Staatskirche. Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgemeinschaften wird
gewährleistet. Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten
selbstständig, nach Maßgabe der für alle geltenden Gesetze."
5. Wir erklären, dass die gedruckten Wachtturm-Predigten, Bibeln und bibelerklärenden
Schriften, welche für den Gottesdienst für Jehovas Zeugen unerlässlich sind, durch Beamte in
gesetzwidriger Weise beschlagnahmt wurden und dass wir gegen diese gesetzwidrigen
Polizeimaßnahmen nachdrücklichst protestieren, da sie gegen Artikel 9 der Verfassung der
Deutschen Demokratischen Republik verstoßen, welcher wie folgt lautet:
"Alle Bürger haben das Recht, innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze ihre
Meinung frei und öffentlich zu äußern und sich zu diesem Zweck friedlich und unbewaffnet zu
versammeln. Diese Freiheit wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt; niemand
darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht. Eine Pressezensur findet
nicht statt.
6. Wir erklären, dass Jehovas Zeugen gesetzwidrig aus Stellungen und Diensten in staatlichen
und kommunalen Behörden, aus volkseigenen oder anderen der Öffentlichkeit gehörenden
Betrieben, wie auch aus privaten Betrieben und Arbeitsstätten entlassen worden sind, weil sie
sich weigerten, die Anbetung des allmächtigen Gottes Jehova aufzugeben, wogegen wir
nachdrücklichst protestieren, weil es gegen den Artikel 15 der Verfassung der Deutschen
Demokratischen Republik verstößt, welcher lautet:
"Die Arbeitskraft wird vom Staat geschützt. Das Recht auf Arbeit wird verbürgt. Der Staat
sichert durch Wirtschaftslenkung jedem Bürger Arbeit und Lebensunterhalt. Soweit dem Bürger
angemessene Arbeitsgelegenheit nicht nachgewiesen werden kann, wird für seinen notwendigen
Unterhalt gesorgt."
Rechtswidrige Entlassungen solcher Art verstoßen auch gegen Artikel 42 der Verfassung der
Deutschen Demokratischen Republik, welcher in den beiden ersten Absätzen wie folgt lautet:
"Private oder staatsbürgerliche Rechte und Pflichten werden durch die Religionsausübung
weder bedingt noch beschränkt. Die Ausübung privater oder staatsbürgerlicher Rechte oder die
Zulassung zum öffentlichen Dienst sind unabhängig von dem religiösen Bekenntnis."
Sollten diese Erklärungen und dieser Protest abgelehnt werden oder unbeachtet bleiben und
sollten solche Vorkommnisse Seiten einer intoleranten Geistlichkeit und extremer politischer
Funktionäre weiterhin zugelassen werden ohne dagegen Maßnahmen zu ergreifen, so wird die
unausbleibliche Folge dieser verabscheuungswürdigen Vorkommnisse die sein, dass der
gesetzwidrige Hass gegen Jehovas Zeugen weiter gefördert und zu einer lodernden Flamme der
offenen Verfolgung derselben angefacht wird, nur weil sie sich weigern, ihren Glauben
aufzugeben.
Wir haben keine Furcht vor tyrannischen Menschen, die sich uns entgegenstellen, und wir
schrecken nicht davor zurück, für die Wahrheit auch als Märtyrer und treue Nachfolger Christi
einzustehen. Wenn dieser Terror mit seiner Verfolgung gegen uns zugelassen wird, so wird es
der Weltöffentlichkeit offenbar werden, dass eine demokratische Ordnung innerhalb der
Deutschen Demokratischen Republik nicht errichtet worden und dass auch die letzte Spur von
Freiheit dort verschwunden ist. Die Missstände, gegen die wir Beschwerde erheben, zeigen ein
Wiederaufleben von Nazimethoden, die zu unterbinden und abzuschaffen freiheitsliebende
Nationen im vergangenen Kriege gekämpft haben. Die Fortsetzung der geschilderten
Verfolgungen und Tyrannei würde die Absicht zeigen, eine Diktatur zu errichten, was durch das
biblische Beispiel der Misshandlung von Jehovas Zeugen durch den Diktator von Ägypten,
Pharao, gezeigt. Er spottete Mose gegenüber und höhnte: "Wer ist Jehova, auf dessen Stimme ich
hören soll…?" (2. Mose 5:2). Seine Verfolgung der Zeugen Jehovas stürzten ihn und sein Heer
in das feuchte Grab des Roten Meeres. Dagegen gibt es andere Beispiele in der Bibel, welche
zeigen, dass Beamte mit Jehovas Zeugen freundlich verfahren sind, was ihnen eine andere
Behandlung von Seiten Gottes eintrug, als jener tyrannische Herrscher von Ägypten sie erfuhr.
Jehova behütete, beschützte und befreite solche Beamte wegen des 'Glases kalten Wassers' der
Hilfe, das sie seinen Zeugen reichten. Wir hoffen, dass die Beamten der Deutschen
Demokratischen Republik nach der Gunst Jehovas trachten werden, indem sie Jehovas Zeugen
gerecht behandeln. Tun sie dies, so mögen sie sich freuen, wenn sie feststellen, dass sie sich "zur
Rechten" von Christus Jesus gestellt und in die "Schaf"-Klasse der Menschen eingereiht worden
sind, die für die Segnungen Jehovas bereitstehen.
In der jüngsten Vergangenheit war die ganze Welt Zeuge des Zusammenbruches des
nazifaschistischen Terrorsystems, das sich unter der Leitung der römisch-katholischen Hierarchie
angemaßt hatte, Jehovas Zeugen in Deutschland und in anderen Teilen der Welt auszurotten. Die
falsche Proklamierung einer tausendjährigen Herrschaft durch Adolf Hitler und das Dritte Reich,
den Verfolgern von Jehovas Zeugen, hatte anstatt 1000 nur 12 klägliche Jahre bestanden. Wir
möchten, dass dem deutschen Volke weitere Erschütterungen, Drangsale und Enttäuschungen
ähnlicher Art erspart bleiben. Im Namen Jehovas und in seiner Autorität erheben wir hiermit
unsere Stimme zur Verteidigung der von ihm kommenden Grundsätze des Friedens, der Freiheit
und der Gerechtigkeit und appellieren an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik
und ihre Amtsstellen, diese Beschwerde anzunehmen und ihre Ursachen zu beseitigen.
Wir überreichen daher der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik im Geiste der
Verfassung nach der die Freiheit und die Rechte der Menschen verbürgt, soziale Gerechtigkeit
gestaltet, dem gesellschaftlichen Fortschritt gedient, die Freundschaft mit allen Völkern gefordert
und der Friede gesichert werden solle, folgende
Petition
1. Wir ersuchen, sofort entscheidende Maßnahmen zu ergreifen, durch welche die Glaubenshetze
gegen Jehovas Zeugen seitens politischer und religiöser Organe in Presse und Rundfunk
unterbunden werden.
2. Wir ersuchen, Schritte zu unternehmen, dass den vollberuflichen Predigern von Jehovas
Zeugen durch die zuständigen Regierungs- und Kommunalbehörden die gleichen gesetzlichen
Rechte und Vorteile gewährleistet werden, wie sie den Geistlichen und Predigern anderer
religiöser Organisationen eingeräumt und von diesen in Anspruch genommen werden, handle es
sich um Körperschaften öffentlichen Rechts oder nicht.
3. Wir ersuchen, für Jehovas Zeugen die uneingeschränkte Rechtsgleichheit gegenüber anderen
religiösen Organisationen wiederherzustellen, damit uns der Gebrauch von Schulräumen und
kommunalen Sälen für öffentliche gottesdienstliche Versammlungen in derselben Weise wie
allen anderen Organisationen gewährt wird, seien diese religiös oder nicht.
4. Wir ersuchen, durch klare und eindeutige Anweisung an alle Polizeiorgane die Freiheit des
Gottesdienstes sofort und durchgreifend wiederherzustellen, damit die Verbote von
Gottesdiensten in Privatwohnungen und in öffentlichen Räumen unverzüglich aufgehoben
werden und die fortgesetzten ehr- und gesetzlosen Sprengungen von Gottesdiensten durch
Polizeiorgane aufhören.
5. Wir ersuchen, sofortige und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um weitere
Beschlagnahmungen der Wachtturm-Predigten und anderer biblischer Literatur zu verhindern
und um die von der Polizei bereits beschlagnahmten und sichergestellten Exemplare freizugeben.
6. Wir ersuchen, die nötigen Schritte zu tun, um weitere Entlassungen von Jehovas Zeugen
wegen ihrer politischen Neutralität und Glaubenseinstellung aus Staats- oder
Kommunalbetrieben, Fabriken etc. vorzubeugen und dass alle Zeugen Jehovas, die aus obigen
Gründen bereits entlassen wurden, in ihre Stellungen sofort wieder eingesetzt werden und das
geschehene Unrecht auf die beste mögliche Weise wieder gutgemacht wird.
7. Wir ersuchen, alle sonstigen notwendigen Schritte zu tun, um Jehovas Zeugen die gleiche
hohe Stellung, die andere religiöse Organisationen und ihre Geistlichkeit unter dem Gesetz
genießen, zurückzugeben und uns den gleichen Schutz der Gesetze in Verbindung mit völliger
Versammlungs-, Rede-, Presse- und Gottesdienstfreiheit zu sichern, die durch das Grundgesetz
des Landes garantiert ist, die einseitige und tyrannische Entziehung dieser Grundrechte zu
beseitigen und damit Schritte zu tun, die Gunst Jehovas zu erlangen.
Hiermit wird bestätigt, dass vorstehende Protestschreiben mit der angefügten Petition allen
Gemeinden von Jehovas Zeugen in der Deutschen Demokratischen Republik vorgelegt wurde
und dass darüber abgestimmt und sie einstimmig von allen diesen Gruppen und allen Zeugen
Jehovas in Ost-Deutschland angenommen wurde.
JEHOVAS ZEUGEN
Büro Berlin
Schöndruck Reinikendorf"
Die dargelegten Tatsachen über die nachrichtendienstliche und politische Neuentfaltung der
WTG nach 1945 in Fortsetzung der antikommunistischen Traditionen, denen sie seit 1879
verpflichtet ist, beweisen, dass diese sogenannte Petition ein Machwerk übelster Verdrehung und
Falschdarstellung der Sachlage ist. Das politische Verhalten der WTG seit 1947 genügt, die in
der sogenannten Petition zitierten Artikel der Verfassung der DDR von 1949 Punkt für Punkt
gegen die WTG selbst anzuwenden. Nicht eine »fanatische Geistlichkeit und intolerante
SEDFunktionäre
« hatten den Streit entfacht, sondern die WTG auf Grund ihrer religiösen und
politischen Aufgabenstellung - die Geschichte dokumentiert das hinreichend. Sollte man die
WTG-Führer dafür obendrein noch Pfarrern und Bischöfen gleichsetzen? Die politische Haltung
der WTG war beim besten Willen nicht mit einer verantwortungsvollen Position im
wirtschaftlichen und sozialen Neuaufbau der gesellschaftlichen Verhältnisse vereinbar. Die
Sache jedoch so hinzustellen, als sei von den WTG-Funktionären verlangt worden, die
»Anbetung des allmächtigen Gottes aufzugeben«, ist eine Entstellung der Tatsachen, es sei denn,
man betrachtet die von der WTG betriebene staatsfeindliche Tätigkeit als »Anbetung Jehovas«.
Wenn es für die irregeleiteten WTG-Anhänger nicht so tragisch wäre, könnte man sagen, die
ganze Geschichte ist nichts weiter als politische Gaukelei eines Scharlatans. Zitierte Frost doch
selbst Artikel 9 der Verfassung der DDR von 1949, wonach die verlangten Freiheiten im
Rahmen der für alle geltenden Gesetze zu verstehen sind, also das Grundgesetz nach Artikel 6
nicht verletzten dürfen. Begriff er nicht, dass die WTG-Politik aber genau jenes Grundgesetz
verletzte?
In Wirklichkeit ging es überhaupt nicht um die WTG-Verkündigung schlechthin, sondern um die
Ausrichtung dieser Verkündigung im Sinne der amerikanischen psychologischen Kriegführung.
Frost begriff das nur zu gut. Darum wird auch mit keiner Silbe in der sogenannten Petition auf
die Gesetzesverletzungen der WTG eingegangen. Statt dessen soll man den Eindruck erhalten,
als sei die WTG die verfassungstreueste Organisation, die es in der DDR geben könnte.
Angesichts dieser Tatsachen fragt man sich, was die sogenannte Petition in Wirklichkeit
bezwecken sollte, denn die WTG wusste doch von vornherein, dass sie keinen Freibrief für ihre
DDR-feindliche Tätigkeit erhalten würde. Die Petition war ein heuchlerisches Manöver
gegenüber den WTG-Anhängern, die einer von ihrer Führung provozierten »Christenverfolgung«
in der DDR geopfert werden sollten. Das war jetzt die Aufgabe im psychologischen Krieg gegen
die DDR, nachdem man die Spannung mit einer Kampagne nach der anderen immer mehr
aufgeladen hatte. Man brauchte in der DDR eine »Christenverfolgung« dramatischster Art, und
keine religiöse Gruppe war da leichter zu fanatisieren und zu missbrauchen als die Zeugen
Jehovas. Frosts Aufgabe war es, die Regierung der DDR mit jener Petition herauszufordern. Das
beweisen seine Worte: "Wir haben keine Furcht vor tyrannischen Menschen, die sich uns
entgegenstellen, und wir schrecken nicht davor zurück, für die Wahrheit auch als Märtyrer und
treue Nachfolger Christi einzustehen. Wenn dieser Terror mit seiner Verfolgung gegen uns
zugelassen wird, so wird es der Weltöffentlichkeit offenbar werden, dass eine demokratische
Ordnung der Freiheit innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik nicht errichtet worden
ist und dass auch die letzte Spur von Freiheit dort verschwunden ist.«
Der »Weltöffentlichkeit offenbar« zu machen, dass in der DDR »die letzte Spur von Freiheit
verschwunden« sei - in der Tat, darauf kam es an! Stand doch die »Befreiung der Ostzone«
vielleicht nahe bevor. Man muss dabei die allgemeine politische Situation von 1950 beachten. Im
Fernen Osten hatten die USA den Koreakrieg heraufbeschworen, der möglicherweise den
Auftakt zum »Zurückrollen des Kommunismus« auch in Europa bilden konnte. Es ist bekannt,
dass die imperialistischen Kräfte Westdeutschlands die Verschärfung der internationalen Lage
dazu benutzten, ihre Pläne der Remilitarisierung bzw. Wiederaufrüstung weiter voranzutreiben.
Um diese Ziele durchzusetzen, musste auch in Deutschland der Popanz der »kommunistischen
Bedrohung« herhalten, auch auf religiösem Gebiet. »Lodernde Flammen« einer
»Christenverfolgung« würden diesem Bestreben in bester Weise dienen. Die WTGAnhängerschaft
war in ihrer traditionellen Manipulierbarkeit und Leichtgläubigkeit ein ideales
Objekt hierfür.
Konnte diese Entwicklung der Dinge abgewendet werden? Sie konnte, aber sie sollte nicht. Ein
Wink des USA-State Departments oder der amerikanischen Militärregierung in Wiesbaden hätte
genügt, den politischen Kurs der WTG zu ändern. Hatte sie doch schon viele Male auf Wink
oder Druck ihrer Hintermänner den Kurs geändert, im Ersten Weltkrieg oder in der Frage des
Zionismus beispielsweise. Nichts war hier von Gott. Ein Beispiel war auch der Fall des
WTGBeauftragten
August Sekt in der britischen Besatzungszone. Sekt hatte eine Vortragskampagne
gegen die katholische Kirche begonnen unter dem Titel »Der Papst als Steigbügelhalter des
Faschismus«. Kaum hatte die britische Militärregierung in Westdeutschland davon Kenntnis
erhalten, schritt sie ein, verhaftete Sekt und unterband dessen Propaganda. Die WTG erhielt die
Auflage, die Kampagne sofort zu stoppen, was auch, prompt geschah. Eine
»Christenverfolgung« in der Ostzone« dagegen würde ausgezeichnet in die Strategie der
antikommunistischen psychologischen Kriegführung passen. Die Petition an die Behörden der
DDR machte klar, dass nicht ein Jota von der Tätigkeit der WTG gegen die DDR abgestrichen
werden sollte. Im Gegenteil, die WTG-Propaganda wurde immer herausfordernder.
Was schließlich die Äußerung Frosts in der Petition betrifft, man habe keine Furcht vor denen,
die sich der WTG entgegenstellen, so sei folgendes gesagt: Nie hat sich die WTG-Führung
ehrlich der Wahrheit gestellt. Warum eilten Präsident Knorr und Frost nicht herbei, um als
Hauptverantwortliche für ihre Anhänger einzustehen, wenn sie nichts anderes als unschuldige
Nachfolger Christi wären? Predigten sie nicht laufend, »der gute Hirte lässt sein Leben für die
Schafe«? Sie konnten sich an ihren zehn Fingern abzählen, was ihnen die Regierung der DDR an
Beweisen staatsfeindlicher Tätigkeit vorlegen würde. Sollten das also die Anhänger ausbaden,
die ohnehin nur die Schachfiguren sind. Sie mussten in allen Ortsgruppen über die Petition
»abstimmen«, als ob sie die Verantwortung hätten. Die Wahrheit dagegen ist, dass die Petition
von den Zeugen, Jehovas weder frei erörtert noch frei beschlossen wurde. Kein einziger WTG
Anhänger hatte und hat je darüber zu befinden, welchen religiösen oder politischen Kurs das
Hauptbüro bzw. das Zweigbüro steuert. Haben Knorr und Frost die Zeugen Jehovas etwa
abstimmen lassen, ob man 1947 den alten politischen Kurs im Fahrwasser der imperialistischen
psychologischen Kriegführung wieder aufnehmen sollte oder nicht? Nie haben sie ihre Anhänger
danach gefragt. Ihr diktatorisches »theokratisches« Regime, duldet in Wahrheit keinerlei echte
demokratische Entscheidung oder Abstimmung.
Es war allerdings vorauszusehen, dass ohne eine »biblische« Begründung der politische Kurs der
WTG auch den Anhängern gegenüber auf die Dauer nicht als politische Neutralität hingestellt
werden konnte. Man durfte ihre Gutgläubigkeit nicht zu sehr strapazieren. Möglicherweise hatte
auch Knorr von Washington den »Rat« erhalten, nicht so naiv zu sein und auf eine kurzfristige
»Abrechnung mit den Kommunisten« zu hoffen, die politische Propaganda der WTG also
zweckentsprechend und geschickter zu gestalten. Während man unter den Zeugen Jehovas in der
DDR insbesondere die Erwartung einer baldigen »Befreiung der Ostzone« verbreitete -
Hinhalten mit Naherwartungen ist ja eine Hauptmethode WTG -, brüteten Präsident Knorr und
sein Vizepräsident Fred W. Franz als der Chefdogmatiker über einer neuen Bibelauslegung.
Durch sie sollte der zu verschärfende Kurs gegen die sozialistischen Länder »neutralisiert« und
als ein »unpolitisches«, rein religiöses Anliegen bemäntelt werden. Es sollte ein Dogma sein, das
den Anhängern das Glaubensgefühl gibt, trotz aller antikommunistischen Hetze mit Politik nichts
zu tun zu haben.
Die Methode, den Kampf der WTG gegen die Ordnung der sozialistischen Länder "unpolitisch"
zu machen, bestand darin, dass man den Kommunismus einfach zu einer Religion stempelte.
»Von Jehova gelehrt« war das bewährte große Zauberwort, mit dem man schon viele begangene
Fehlspekulationen übertüncht hatte.
Dieses Mal setzte sich die WTG mit dem Begriff »Religion« auseinander. Bisher galt es als
unantastbare »göttliche Wahrheit«, dass die Zeugen Jehovas nichts mit Religion zu tun hätten.
Das geht deutlich aus der Definition hervor, die noch 1950 in dem WTG-Buch »Theokratische
Hilfe für Königreichsverkündiger« gegeben wird:
Zitat:
"THEOKRATISCHE HILFE FÜR KÖNIGREICHSVERKÜNDIGER
Theokratische Hilfe für Königreichsverkündiger
Veröffentlicht in Englisch 1945
Veröffentlicht in Deutsch 1950
von der
WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY
International Bible Students Association
Wiesbaden, Deutschland
RELIGION
"Religion" ist jedes Tun, das Jehovas Willen widerspricht. Für Ohren, die auf die Begriffe der
religiösen "Christenheit" abgestimmt sind, klingt diese Worterklärung zweifellos höchst seltsam.
Die Lehrstücke des vorliegenden Teils bringen aber eben doch eine Anhäufung beweiskräftigen
Materials gegen die Religion, durch Rückschau auf ihre Geschichte. Ihre Geschichte ist
gekennzeichnet von Blutvergießen und Unterdrückung, Spaltung und Zwistigkeiten in den
eigenen Reihen und erbittertem Hass gegen Jehovas treue Knechte, die von der Religion verfolgt
wurden. Übrigens zeigt sich ihre Abweichung vom Worte Gottes und ihre Stellungnahme gegen
die Bibel ganz deutlich in den unbestreitbaren Tatsachen, deren Aufdeckung erfolgt ist. Letzten
Endes wird Jehova Gott jedoch durch seine völlige Rechtfertigung über die Religion siegen, und
an diesem herrlichen Werk der Gerechtigkeit sind fähige, geschulte Königreichsverkündiger auf
der Erde beteiligt. Auf diesen frohgestimmten Ton klingt die Theokratische Hilfe für
Königreichsverkündiger aus."
Jahrzehntelang hatten die WTG und die Zeugen Jehovas auf diese Weise Kirchen und
Religionsgemeinschaften aller anderen Richtungen und deren Pfarrer und Geistliche als
»Religionisten« verächtlich gemacht und diffamiert. Religion war »Gimpelfang«, »Erpressung«,
»Hurerei« und anderes mehr. Es gab nichts Schlimmeres als Religion.
Auf dem großen internationalen Kongress der WTG vom 30. Juli bis 6. August 1950 in New
York wurde diese »göttliche Wahrheit« wieder liquidiert. Der Geist Gottes habe jetzt offenbart,
dass das Wort Religion nicht den Sinn von Teufelskult oder ähnlichem habe, sondern es bedeute
nichts weiter als »Form der Anbetung«, die richtig oder falsch sein könne. Der Begriff schließe
die WTG- Form der Gottesanbetung ein, die jedoch als die allein richtige zu betrachten sei. In
geschickt entfachtem Massentaumel von Begeisterung wurde dieses neue Dogma im
Zusammenhang mit der ersten WTG-eigenen Bibelübersetzung auf dem New Yorker Kongress
zur kritiklosen Annahme gebracht.
Mit dem neuen New Yorker Religionsdogma wurde der Kommunismus als »rote Religion« unter
die sogenannten falschen Religionen eingereiht. Siehe den Auszug aus dem WTG-Buch »Was
hat die Religion der Menschheit gebracht?«
Zitat:
"Was hat die Religion der Menschheit gebracht?
Was hat die Religion der Menschheit gebracht?
Veröffentlicht in Englisch 1951
Veröffentlicht in Deutsch 1953
Nach der einfachsten Erklärung bedeutet das Wort "Religion", so wie es gebraucht wird, ein
System der Verehrung, eine Form der Anbetung, sei es nun wahre oder falsche Anbetung. Dies
stimmt mit dem Sinn des dafür gebrauchten hebräischen Wortes a-boh-dàh überein, das
buchstäblich "Dienst" bedeutet, ungeachtet, wem er dargebracht werde.
WAS HAT DIE RELIGION DER MENSCHHEIT GEBRACHT?
ROTE RELIGION UND DER "MENSCH DER GESETZLOSIGKEIT" 343
Wenn wir uns jedoch der in Kapitel 1 des Buches gegebenen Definition des Wortes "Religion"
erinnern, wonach damit "eine Form oder ein System der Anbetung" bezeichnet wird, müssen wir
folgern, dass auch die Kommunisten religiös sind und sich gemäß dem Glaubensbekenntnis ihrer
Partei einem Kult hingegeben. Wenn man bedenkt, dass Satan der Teufel, Jesus politische Macht
in dieser Welt zu geben versprach, sofern er ihn als "Herrscher dieser Welt" anbete, dann können
die Kommunisten ihre politische Machtstellung nur durch den "Herrscher dieser Welt", Satan
den Teufel, für die Anbetung, die sie ihm darbringen, erlangt haben."
Summa summarum: Auch der Kommunismus gehört nach den neuesten WTG »Erkenntnissen«
zu den falschen Religionen, die wie Protestantismus, Katholizismus und andere von den Zeugen
Jehovas bekämpft werden müssen - eine ausschließlich religiöse, »unpolitische« Sache. So wie
die WTG-Anhänger in ihrer Leichtgläubigkeit »im Namen Jehovas« bisher alle Andersgläubigen
als »Religionisten« diffamierten und jede Religion als Teufelsanbetung anprangerten, so jubelten
sie nun in gleicher Leichtgläubigkeit der neuen »Wahrheit« über Religion zu, die den
Kommunismus einschloss. Bald war der ganze Kongress antikommunistisch fanatisiert. »Zeugen
erklären sich gegen Kommunismus« (Witnesses declare against Communism) und »Eine
Resolution gegen den Kommunismus« (Resolution against Communism), »enthusiastisch
bejubelt« (enthusiasti cally hailed), so lauteten die Schlagzeilen im Kongressbericht:
Zitat:
"- REPORT -
OF INTERNATIONAL ASSEMBLY OF
JEHOVAH'S WITNESSES
Yankee Stadium New York City August 6, 1950
2 Report of International Assembly of Jehovah's Witnesses
RESOLUTION AGAINST COMMUNISM
Enthusiastically Hailed, Adopted by 84,950
commision as Jehovah's witmesses to the end of this world
Isaiah 43: 10-12. Am. Stan."
Die »Resolution gegen den Kommunismus« wurde sogleich in englischer und deutscher Sprache
gedruckt und umgehend auch in der DDR verbreitet. Damit hatte der New Yorker Kongress die
Teilnahme der WTG an der antikommunistischen psychologischen Kriegführung zum religiösen
Glaubensdogma erhoben.
Ein »Erwachet«-Artikei, mit dem gleichzeitig die DDR-feindliche Hetz- und
Verleumdungspropaganda der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU), einer
Westberliner Agenten- und Terrororganisation, weiterverbreitet wurde, dokumentiert die
politische Zielsetzung der New Yorker Religionsdoktrin vom 3. August 1950 wie folgt:
Zitat:
ERWACHET!
Die Stunde ist nu da
Bern, 22. Oktober 1950
RUSSLANDS ROTE RELIGION
Beweise dafür dass der Kommunismus auch nur eine falsche Religion ist
Die Hungerlager in Ostdeutschland
Dr. Hildebrandt vom antikommunistischen Verband der "Kämpfer gegen Unmenschlichkeit"
erklärte, in den meisten ostdeutschen Konzentrationslagern brauchten die Häftlinge nicht zu
arbeiten. Dagegen lasse die Verwaltung sie langsam verhungern durch allmähliche Kürzung der
täglichen"
Besonderen Ausdruck fand der neue politische WTG-Kurs im Vorgehen gegen die Volkswahlen
in der DDR, die seit dem Sommer 1950 für den 15. Oktober 1950 vorbereitet wurden. Die
örtlichen WTG-Funktionäre wurden angeleitet, öffentliche Hetz- und Brandreden gegen die
Wahlen zu halten. Die Bestätigung dieser Hetze in der Wahlvorbereitungszeit durch die
westdeutsche Presse wurde. von der WTG ausdrücklich aufgegriffen und im »Wachtturm« vom
1. Februar 1951 publiziert:
Zitat:
1. Februar 1951
Der WACHTTURM
"HANNOVER, 17. Sept - (ST)
Die Prediger der Sekte haben nie gezögert, offen zu sagen, was sie vom Kommunistenregime
halten. Sie haben die Wahlen in der Ostzone als einen Trug gebrandmarkt und das
kommunistische Regime als 'eine satanische Herschaft'."
Während diese Hetze und Verleumdung in den Monaten Juli und August 1950 ihren Höhepunkt
erreichte, war die WTG von ihrem Westberliner Büro aus eifrig dabei, die Organisation in der
DDR auf eine illegale Tätigkeit umzustellen. Man war sicher, dass nach dieser Steigerung des
politischen Vorgehens gegen die DDR ein Verbot kommen würde. Alle wesentlichen Unterlagen
waren von Magdeburg nach Wiesbaden bzw. in das Westberliner Büro verlagert worden, das
nunmehr den Charakter eines Ostbüro der WTG hatte. Die künftigen illegalen Hauptfunktionäre
- Kreisdiener, Bezirksdiener - wurden hier stationiert.
Einer dieser Kreisdiener - er sollte später im Zusammenhang mit dem von der WTG
organisierten Geldschmuggel aus der DDR eine besondere Rolle spielen - war Oskar Thiele aus
Leipzig. Die Kreisdiener hatten die Vorbereitung auf die Illegalität in der DDR im Einzelnenn zu
organisieren. Hier folgt die Wiedergabe eines Briefes des Kreisdieners Thiele an die
Gruppendiener (GD) im Bezirk Cottbus zwecks Umstellung auf Illegalität. Mit dem »Fest«, von
dem Thiele zum Schluss schreibt, war eine WTG-Bezirksversammlung in Westberlin gemeint
mit der die Ergebnisse und Resolutionen des New Yorker Kongresses vom Juli/August 1950
auch in der DDR proklamiert und zur Anwendung gebracht werden sollten:
Zitat:
Oskar Thiele
Berlin, den 21. 8. 1950
Abschrift
V e r t r a u l i c h !!!
An alle GD des Kreises 25
Liebe Brüder!
Aus zwingenden organisatorischen Gründen, können bis zum 15. 10. 50 keine regulären
KDBesuche
mehr erfolgen. Sollte ich mich bis zu diesem Zeitpunkt schon bei Euch angemeldet
haben, so nimm bitte zur Kenntnis, dass diese Anmeldung hinfällig ist. Falls Du es schon der
Gruppe bekanntgegeben hast, musst Du den Verk. mitteilen, dass mein Besuch entfällt.
Ich werde Dich aber persönlich besuchen, zwecks einer Besprechung. Wenn es irgend möglich
ist, so mach Dich bitte einen ganzen Tag frei, damit Du diese Zeit mir ganz zur Verfügung stehst,
da wir sehr wichtige und dringende Angelegenheiten besprechen müssen.
Mein Besuch ist wie folgt geplant: Am 26. August ein Tag.
Ankunft: Am 26. früh mit dem Fahrrad von Forst
Abfahrt: Am 27. mit Autobus Richtung Berlin
Du möchtest bitte in dieser Zeit eine Verkündiger-Geschwister-Versammlung einberufen, dabei
musst folgendes genau beachten:
1. Diese Zusammenkunft findet privat statt und darf nicht angemeldet werden. Sollten es auf
einmal zuviel werden, kann die Versammlung geteilt und zweimal durchgeführt werden.
2. Mache diese Zusammenkunft auf keinen Fall in der Versammlung öffentlich bekannt, sondern
setze die Geschwister, die dafür infrag kommen, privat davon in Kenntnis. Die Geschwister
sollen auch nicht mit anderen darüber sprechen.
3. Es sollen nur getaufte Verkündiger eingeladen werden. Unregelmäßige und unzuverlässige
Geschwister werden, selbst wenn sie getauft sind, nicht davon in Kenntnis gesetzt.
4. Du brauchst nicht zu sagen, dass ich komme und keinerlei Reklame zu machen. Sag den
Betreffenden nur, dass D u ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen hast und dass diese Versammlung
von größter Bedeutung ist.
5. Sorge bitte dafür, dass mir sämtliche Gruppenunterlagen, besondere Korrespondenz und
Gruppenakten, zur Verfügung stehen.
6. Plane auch eine Besprechung mit sämtlichen Dienern, auch Studienleiter sollten dabei
anwesend sein
7. Zu Deiner Orientierung möchte ich Dir mitteilen, dass, wenn alles klappt, die Besprechung mit
Dir persönlich etwa 3 Std., die Verkündiger-Versammlung etwa 2 Std. und die Besprechung mit
den Dienern etwa 1 Std. dauern wird.
Bezirks-Versammlungen
Du bekommst mit dieser Post die Anmeldungs-Formulare für die BV. Fülle sie so aus, dass sie
spätestens am 7. 9. 50 fertig sind. Wenn sie am 3. September nicht abgeholt werden, so schicke
sie unbedingt am 5. September durch Kurier an Adresse: Frau Auguste Röstel, (1) Berl
Baumschulenweg, Ernststr. 15 ptr.
Du trägst als GD die Verantwortung vor dem Herrn, dass die hier gegebenen Anweisungen auf
alle Fälle beachtet werden.
Bitte beachte, dass dieser Brief für Dich persönlich bestimmt ist und v e r t r a u l i c h ist.
Möchte Jehova, der Quelle aller Kraft und Stärke, Dich mit Weisheit und Umsicht ausrüsten,
damit Du alles in der rechten Weise vorbereiten kannst.
In der frohen Erwartung des Festes, dass Jehova seinem Volke hier bereiten will, verbleibe ich,
im "Predigen des Wortes" mit Dir
Dein Bruder und Diener durch Gottes
Gnade
gez. Oskar Thiele."
Nach den Erfahrungen mit dem Waldbühnenkongress vom Juli 1949 und mit der Petition vom
10. Juli 1950 sowie der Erklärung des Kommunismus zu einer falschen Religion war mit dem
geplanten »Fest« der WTG im September 1950 in Westberlin eine antikommunistische und
DDR-feindliche Aufpeitschung ihrer Anhänger zu erwarten, die alles Bisherige überschreiten
würde. Es muss daher als maßlose Überheblichkeit angesehen werden, dass Präsident Knorr in
dieser Situation anwies, WTG-Führer aus der DDR sollten mit den Behörden Verhandlungen
führen mit dem Ziel, uneingeschränkte Freiheit für ihre Tätigkeit in der DDR zu sichern.
Angesichts der rücksichtslosen Verschärfung der Hetze und Verleumdung seitens der WTG war
das von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die WTG hatte alle Grenzen überschritten.
Das Verbot
Selbstverständlich hatten die Behörden der DDR die politische Entwicklung der WTG
beobachtet. Auch die Vorbereitungen auf die Illegalität waren nicht verborgen geblieben, obwohl
die WTG dabei in »theokratischer Kriegslist« Gesetze und Verfassung der DDR nach bestem
Vermögen hintergangen hatte. In den frühen Morgenstunden des 30. August 1950 wurde das
Zweigbüro in Magdeburg geschlossen, wobei die für die staatsfeindliche Tätigkeit gegen die
DDR verantwortlichen WTG-Führer verhaftet wurden, soweit sie sich nicht der Verantwortung
durch die Flucht entzogen hatten, wie z. B. Ernst Wauer, der in letzter Minute in einer
abenteuerlichen Fahrt im PKW mit seinem Chauffeur Horst Ritt nach Westberlin flüchtete. So
erwiesen sich alle Phrasen von Furchtlosigkeit gegenüber den »kommunistischen Marionetten«,
wie man die DDR-Behörden verhöhnt hatte, als feige und verlogen. Mit, der Schließung des
Magdeburger Zweigbüros wurde vom Ministerium des Innern der DDR das Verbot jeglicher
WTG-Tätigkeit ausgesprochen:
»Die Tätigkeit der Zeugen Jehovas in den letzten 10 Monaten hat klar bewiesen, dass diese den
Namen einer Religionsgemeinschaft fortgesetzt für verfassungswidrige Zwecke missbrauchen.
Sie haben im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und in Großberlin eine
systematische Hetze gegen die bestehende demokratische Ordnung und deren Gesetze unter dem
Deckmantel religiöser Veranstaltungen betrieben. Außerdem haben sie fortgesetzt illegales
Schriftenmaterial eingeführt und verbreitet, dessen Inhalt sowohl gegen die Verfassung der
Deutschen Demokratischen Republik als auch gegen die Bestrebungen zur Erhaltung des
Friedens verstößt … «
Nachdem man im WTG-Zweigbüro in Wiesbaden glaubte, sich hinreichend über die neue
Situation informiert zu haben, richtete Zweigdiener Erich Frost folgendes Protestschreiben an die
Regierung der DDR:
Zitat:
"Head Office
Administration
124 Columbia
Heights
Publishing
117 Adams Street
Brooklyn N. Y. USA.
Deutsches
Zweigbüro
Ruf …
Telegrammadresse
Wachtower
Wiesbaden
Eing. 4. Oktober 1950
A 4853 M
WATCH TOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY
Dieses Königreich muss verkündigt werden
Wiesbaden-Dotzheim, Am Kohlheck
9. September 1950
Weitergeleitet 16. 9. 50
An die
Regierung
der Deutschen Demokratischen Republik
z. Hd. des Herrn Ministerpräsidenten
Berlin-W8
Prinz-Albrecht-Straße 3-4
Einschreiben
Zeugen Jehovas
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
In den frühen Morgenstunden des 30. August 1950 sind Beamte der Volkspolizei bezw. des
Staatssicherheitsdienstes in unser Verwaltungsgebäude in Magdeburg, Wachtturmstraße 17-19,
gewaltsam eingedrungen, haben das Grundstück polizeilich besetzt und alle männlichen
Mitarbeiter unserer Gesellschaft zwangsweise abgeführt. Das gesamte weibliche Personal wurde
einige Tage später buchstäblich aus dem Hause gejagt. Wir erfahren ferner, dass eine
Durchsuchung des ganzen Gebäudekomplexes stattgefunden hat und dabei schwere
Beschädigungen der Einrichtung vorgekommen sind.
Frost
Das Grundstück mit den aufstehenden Gebäuden und allen Einrichtungen ist Eigentum unserer
Gesellschaft, d. h. amerikanisches Eigentum.
Die Maßnahme der Polizeibehörde, für welche die Regierung der Deutschen Demokratischen
Republik die volle Verantwortung trägt, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Jeder aufrichtige
Mensch in der Welt und auch in der deutschen Ostzone weiß, dass die Beschuldigungen gegen
Jehovas Zeugen völlig aus der Luft gegriffen sind und sie des geringsten Scheines von Wahrheit
entbehren. Wir verweisen auf unser Schreiben vom 15. 3. und auf
WATCH TOWER
Bible and Tract Society
Seite 2
zum Schreiben an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik,
z. Hd. des Herrn Ministerpräsidenten
vom 9. Sept. 1950
die Petition von Jehovas Zeugen, die Ihnen kürzlich überreicht wurde. Das Vorgehen Ihrer
Beamten ist ein völkerrechtswidriger Gewaltakt gegen ausländisches Eigentum und ein offener
Bruch der Verfassung des eigenen Landes. Wir erheben hiermit Protest gegen die ungesetzliche
Handlungsweise Ihrer Organe und ersuchen Sie um eine sofortige Anweisung an die
verantwortlichen Stellen, unser Eigentum unverzüglich freizugeben und alle gegen unsere
Gesellschaft gerichteten Repressalien aufzuheben. Wir werden gezwungen sein, die Regierung
der Deutschen Demokratischen Republik für jeden Schaden verantwortlich zu machen, der uns
durch die gesetzwidrigen Handlungen Ihrer Beamten entstanden ist.
Über die Vorgänge in Magdeburg haben wir unserem Zentralbüro in Brooklyn/New York, sowie
der Interalliierten Hohen Kommission für Deutschland Bericht erstattet.
WATCH TOWER
Bible and Tract Society
Deutscher Zweig
Frost"
Dieses Schreiben Frosts im Auftrage der WTG ist eine weitere Anmaßung und Herausforderung.
Es zeigt, dass man in Wiesbaden auch jetzt keine Entspannung der Lage will denn man tischt
neue dreiste Lügen auf mit der Behauptung, »jeder aufrichtige Mensch in der Welt« wisse, dass
die Beschuldigungen gegen die WTG »völlig aus der Luft gegriffen« seien und nicht das
geringste daran wahr sei. Hatte Frost seine Waldbühnenreden etwa vergessen? Als
»Wachtturm«- und »Erwachet«-Redakteur kannte er wohl den politischen Sinn der WTGSchriften
nur zu genau. Die Absicht der WTG, die Lage immer weiter zu verschärfen, tritt
alsbald zutage. In hellen Flammen lässt sie ihre antikommunistische Wut international lodern.
Rasende Schlagzeilen werden in die Welt gesetzt wie: »Verfolgungen wüten in
Sowjetdeutschland - die tollwütigen Kommunisten versuchen das zu erreichen, was den
dämonisierten Nazis versagt blieb!« Die WTG-Führung weiß vor Wut nicht, wie sie sich
verhalten soll. Man lese den folgenden »Erwachet«Auszug vom 8. Juli 1951:
Zitat:
"ERWACHET!
8. Juli 1951
VERFOLGUNGEN WÜTEN IN
Sowjetdeutschland
Lügen, die Zeugen seien eine amerikanische Organisation und verrichten im Interesse des
Imperialismus Spionagedienst, hetzen das Volk gegen die kommunistische Volksrepublik auf
und stellen daher eine Bedrohung für das soziale Wiederaufbauprogramm Deutschlands dar.
Eine Unmenge solcher Lügen wurden ausgestreut, um die politischen Gewalten auf die Zeugen
loszuhetzen. Leider vermochten sie ihre schändliche Absicht zu verwirklichen."
Die Beschuldigungen gegen die WTG seien »völlig aus der Luft gegriffen ohne den geringsten
Schein von Wahrheit«? Die Verlogenheit dieser Äußerung ist wahrlich grotesk. Arbeitete sie
WTG etwa nicht mit dem USA-State Department zusammen? Gab es 1947 etwa keine
Abmachungen mit dem amerikanischen Militärnachrichtendienst in Wiesbaden? Hat Frost etwa
keinen Nachrichtendienst zur vorrangigen Sammlung politischer Informationen bis hin zur
Erkundung des Flugwesens in der damaligen sowjetischen Besatzungszone eingerichtet? Hat er
etwa keinen geheimen »KND« zur Abschirmung der auflebenden antikommunistischen
WTGTätigkeit
und zur Sammlung von Informationen über Volkspolizei, Justiz, Sicherheitsorgane und
sowjetische Militäreinrichtungen und ihre Personen geschaffen? Und was waren die jüngsten
Verleumdungen, die verantwortlichen Politiker der DDR seien »kommunistische Gestapo,
Fronvögte und Marionetten«, ihre Wahl sei »Trug und ihre Herrschaft eine satanische«? Nichts
anderes als die zügelloseste Hetze des lmperialismus. Doch was galt der WTG die Wahrheit Sie
sah und sieht in Kommunisten nur »Verseuchte« und »wilde Tiere«, »Ungeziefer«, das wert ist,
vernichtet und ausgerottet zu werden. In seiner Verblendung schleuderte der verhaftete
Bezirksdiener-Ost, Friedrich Adler, dem Obersten Gericht der DDR ins Gesicht, als er die Höhe
seines Urteils vernahm:.
»Meine Herren, Sie meinen wohl ein Jahr!«
Die WTG hat seitdem nichts unterlassen, die Ursachen des Verbots zu vertuschen und dabei eine
Unwahrheit an die andere zu reihen. Die Tatsachen zeigen jedoch eindeutig, dass es sich um
keine Verfolgung um des Glaubens willen handelt. Es handelt sich um die Strafverfolgung von
Menschen, die von der WTG unter Ausnutzung religiöser Gefühle zu Verleumdungen,
antidemokratischer Hetze, feindlicher Nachrichtentätigkeit und politischem Missbrauch von
Bibelreligiosität benutzt werden und deswegen staatsfeindliche Handlungen begehen. Selbst die
Bibel überantwortet Glieder einer christlichen Gemeinschaft oder Kirche, die sich des
Diebstahls, des Mordes oder anderer Missetaten schuldig gemacht haben, der staatlichen
Obrigkeit zur Aburteilung (l. Petrus 4:15). Schließlich erklärt auch die WTG - allerdings nicht im
Hinblick auf dieses Verbot -, dass »die Christenversammlung kein Glied, das ein Dieb,
Schmuggler, Bigamist, Mörder, Verleumder oder Betrüger ist, vor Bestrafung schützen kann. Sie
muss zulassen, dass solche Glieder von der weltlichen Obrigkeit bestraft werden. Sie haben das
Gesetz des Landes übertreten«. (Der Wachtturm, 15. Januar 1963, WTG Wiesbaden, S. 49).

Weiter als Untergrundorganisation

Das »Ostbüro« in Westberlin


Im Zuge der Abwehr gegen die psychologische Kriegführung der westlichen Staaten war die
WTG-Tätigkeit nicht nur in der Deutschen Demokratischen Republik, sondern auch in Polen, der
Tschechoslowakei, der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern verboten worden. Die
WTG hörte allerdings nicht auf, der imperialistischen Politik auf religiösem Gebiet zu dienen.
Wie die Vorbereitung der illegalen Weiterarbeit durch das Ostbüro in Westberlin zeigte, hatte
man längst die Fortsetzung der Tätigkeit als Untergrundbewegung organisiert, wobei das
Westberliner Ostbüro der WTG zu einem Zentrum für die illegale Tätigkeit sowohl in der DDR
als auch in Polen und in der Sowjetunion wurde.
In den Ausführungen über den Wiederaufbau der WTG-Organisation nach 1945 in Deutschland
war dargelegt worden, wie ihre ganze Tätigkeit erneut in die Strategie der »Dammbildung gegen
Sozialisierung« (Warburg) bzw. des »Zurückrollens des Kommunismus« (Truman-Doktrin)
eingeordnet worden war. Bei der Einschätzung und Wertung, der antikommunistischen
Untergrundtätigkeit der WTG seit 1950 sollen zunächst die Richtlinien und Regeln dargelegt
werden, die generell von US-Militärspezialisten für subversive, zerstörende und umstürzlerische
Untergrundtätigkeit in den sozialistischen Ländern entwickelt wurden. Das betrifft insbesondere
die psychologische westliche Infiltration, die eine unbedingte Voraussetzung für die
imperialistische Kriegführung ist. 1953 ließen sich einige Experten der amerikanischen
Ostpolitik darüber wie folgt aus:
Es handele sich dabei um die »geplante Anwendung von Propaganda und damit
zusammenhängende Nachrichtenmaßnahmen, die gegen feindliche Gruppen gerichtet sind, um
die Meinung, Gefühle, Einstellung und das Verhalten in solch einer Weise zu beeinflussen, dass
die Politik und die Ziele der Nation, die sie einsetzt (in diesem Falle die USA, d. V.), geschätzt
werden«. (Dictionary of US Army Terms, 1953). In der Zeitschrift der Generalstabsschule der
US-Armee »Military Review« vom Februar 1957 wurde die amerikanische Ostpolitik mit den
Worten erläutert: »Verwirrung der Ansichten, Verwirrung der Gefühle, Organisierung von
Unentschlossenheit und Panik, das sind unsere Waffen«. Ein Sprecher des westdeutschen
Generalstabes, Alfons Dalmar, erklärte bezüglich der DDR, hierfür bedürfe es »entsprechender
politischer, ökonomischer, propagandistischer und nicht zuletzt organisatorischer und
subversiver Vorbereitungen des Westens«. (Münchener Merkur, 24. /25. Juni 1961) Laut Robert
Grimm, einem Bonner Kommentator, ist es dabei Aufgabe der Westmächte, »alle Mittel des
Krieges, des Nervenkrieges und des Schießkrieges, anzuwenden. Dazu gehören nicht nur
herkömmliche Streitkräfte und Rüstungen, sondern auch Unterwühlung, das Anheizen des
inneren Widerstandes, die Arbeit im Untergrund, die Zersetzung der Ordnung, die Störung von
Verkehr und Wirtschaft, der Ungehorsam, der Aufruhr«. (Bonner Rundschau, 9. Juli 1961)
Bei Betrachtung der in religiösen Formen vorgetragenen Ostpolitik der WTG tritt zutage, dass
diese in bestimmten Passagen genau den hier skizzierten Forderungen amerikanischer Experten
für Ostpolitik entspricht. Verhinderung bzw. Verwirrung politisch richtiger Ansichten über den
Staat, Beeinflussung des Verhaltens der Menschen in den sozialistischen Ländern in der Weise,
dass sie gegen die Ordnung verstoßen, und somit innerer Widerstand und Arbeit im Untergrund,
alles das entspricht genau jenen Forderungen für psychologische Kriegführung gegen den
»Ostblock«. Natürlich ist es nicht Aufgabe der WTG, militärisch oder direkt umstürzlerische
Aktionen durchzuführen. Sie erfüllt mit ihrer Verkündigung die Forderung nach
antikommunistischer Hetze und Propaganda, nach Organisierung politischer Unentschlossenheit,
nach Arbeit im Untergrund und passivem Widerstand, wobei der Schwerpunkt auf der
Vernichtung des Vertrauens zur sozialistischen Ordnung liegt, auf der psychologischen
»Besiegung des Kommunismus« und dem »Kampf gegen totalitäre Elemente«, wie das in der
Ausdrucksweise der WTG heißt. (Der Wachtturm, 15. September 191, WTG Wiesbaden, S. 563)
Selbstverständlich ist die WTG bemüht, diese politische Einflussnahme nicht zu sehr in den
Vordergrund treten zu lassen. Das wäre nicht zweckmäßig, sondern würde auch den
leichtgläubigsten Zeugen Jehovas stutzig werden lassen, ganz zu schweigen von anderen
Menschen. Darum steht immer die Propagierung der endzeitlichen und sonstigen religiösen
Lehren im Vordergrund. Das neue Dogma von 1950, auch der Kommunismus sei eine Religion,
gewährleistet jedoch, dass der Kampf gegen die sozialistische bzw. kommunistische
Gesellschaftsordnung grundsätzlich in alle religiösen Betrachtungen einbezogen bleibt. Nach
dem Prinzip» steter Tropfen höhlt den Stein« hat die WTG auf diese Weise dazu beizutragen,
vornehmlich unter religiösen Menschen eine Haltung gegenüber Sozialismus und Kommunismus
zu erzeugen, die den Zielen der USA-Politik dienlich ist. Die Praxis dieser psychologischen
Untergrundtätigkeit der WTG verläuft faktisch nach allen zweckdienlichen Regeln der
Geheimdienste der westlichen Welt, nur dass sie von einer Religionsgemeinschaft angewendet
werden. Dazu gehören Arbeit mit Deckadressen, Tarnbezeichnungen, geheime Kuriere, Codeund
Chiffre-Verfahren, Urkundenfälschung und alle Arten von Irreführung der Polizei und der
Behörden.
Um die Anhängerschaft dazu zu bringen, diese Methoden mitzumachen, hat die WTG das
Dogma der »theokratischen Kriegslist« aufgestellt. Danach seien die Zeugen Jehovas genauso
befugt, Spionage, Betrug, Lüge und Täuschung anzuwenden, wie dies die israelitischen Könige,
Fürsten und Heerführer laut Bibel einst auch getan haben. (Der Wachtturm, 15. April 1956,
Wiesbaden, S. 240f. Hier weist die WTG u. a. besonders auf den Fall zweier israelitischer Spione
hin, die von einer Hure namens Rahab in "vorbildlicher" Weise verborgen wurden). Natürlich ist
auch diese Bibelauslegung ein Betrug, hier zu dem Zweck, religiösen Gewissenszwang ausüben
zu können. Denn die Kriegslist, von der im Alten Testament der Bibel die Rede ist, hat durch das
Neue Testament der Bibel wie vieles andere eine Aufhebung oder Beendigung gefunden, so dass
es für Christen nicht anwendbar oder verbindlich ist. Demgemäß gebietet das Neue Testament,
dass Christen »nicht mit List wandeln« dürfen. (2. Korinther 4:2 (NW) Doch die WTG-Hörigkeit
steht bei den Zeugen Jehovas über dem echten Bibelglauben.
Die nun folgenden Einzelheiten über die politische und illegale Tätigkeit der WTG, insbesondere
über deren Ostbüro in Westberlin sind mehr oder weniger. symptomatisch für die WTGTätigkeit
in allen Ländern, die nicht im politischen und wirtschaftlichen Schlepptau der USA
liegen bzw. in denen es darauf ankommt, im Interesse des Kapitalismus revolutionäre
Entwicklungen unter Einbeziehung von Kirchen und Religionsgemeinschaften zu verhindern
oder ihnen entgegenzuwirken.
Die Errichtung des WTG-Ostbüros in Westberlin steht im Zusammenhang mit der besonderen
Rolle Berlins. Nach dem Zusammenbruch des Hitlerfaschismus erhielt Berlin entsprechend den
Abkommen der Siegermächte eine gemeinsame alliierte Verwaltung. Die Stadt wurde in vier
Sektoren aufgeteilt. Den Bürgern war es gestattet, sich ungeachtet der Sektorengrenzen in der
ganzen Stadt frei zu bewegen. Das blieb auch so nach der Entstehung der beiden deutschen
Staaten, so dass Westberlin seither ein offenes Tor in die DDR darstellte. Eine Änderung trat erst
ein, seitdem Westberlin immer mehr zu einem »Brückenkopf« und zu einer »Frontstadt« der
imperialistischen psychologischen Kriegführung gegen die sozialistischen Länder ausgebaut
wurde, was schließlich zur Spaltung der Stadt führte. Zunächst war es jedoch noch ohne
besondere Schwierigkeiten möglich, von Westberlin aus Leute »jenseits des Eisernen
Vorhanges« zu schicken, d. h. in die sozialistischen Länder, um bestimmte Aufträge
auszuführen. Umgekehrt bestand über Berlin die Möglichkeit leicht Informationen aller Art aus
der DDR und den benachbarten Ländern zu erhalten. Diese Situation forderte geradezu die
Konzentrierung imperialistischer Spionage- und Geheimdienste und sonstiger Institutionen in
Westberlin heraus, die auf irgendeine Weise illegal in der DDR und in anderen sozialistischen
Ländern arbeiten wollten. Dazu gehörte auch die WTG. 1959 voll in dieser Sache engagiert,
schätzte sie die politische Bedeutung Westberlins im allgemeinen und für die WTG-Tätigkeit im
Besonderen in »Erwachet« vom 22. Juli 1959 wie folgt ein:
Zitat:
"Berlin - ein Bärenfell
ERWACHET!
Heute gibt es wohl kaum eine Stadt in der Welt, die in den Nachrichten des Rundfunks oder der
Zeitungen so oft genannt wird wie Berlin, und für viele unserer Zeitgenossen, ganz gleich, auf
welchem Kontinent sie leben, ist Berlin nicht nur irgendein Punkt auf der Landkarte, sondern der
vorgeschobene Posten der westlichen Welt schlechthin. Zufolge ihrer Lage hat sie engste
"Tuchfühlung" mit der östlichen Welt.
22. Juli 1959 Nr. 14"
Es lag in der Konsequenz der politischen Bedeutung Westberlins, dass sich auch die WTG zur
illegalen Fortführung ihres Werkes besonders in der DDR als ein »Zeitgenosse« im Getümmel
dieses »vorgeschobenen Postens der westlichen Welt« mit einem »Ostbüro« ansiedelte, um
»engste Tuchfühlung mit der östlichen Welt« zu halten.
Dieses Ostbüro war auf folgende Weise entstanden. Neben der Wiedereröffnung des früheren
gesamtdeutschen Zweigbüros in Magdeburg und der Errichtung eines Zweigbüros in Wiesbaden
wurde nach 1945 ein Büro der WTG mit Anlaufstellen geschaffen. Zunächst war es nur für die
Anleitung und Kontrolle der Zeugen Jehovas in Berlin verantwortlich, die in enger
Zusammenarbeit mit dem Magdeburger Zweigbüro erfolgte. Leiter war Ernst Wauer, der unter
der Oberaufsicht von Erich Frost Wiesbaden, auch für das Magdeburger Büro verantwortlich
war.
Zunehmende Bedeutung erhielt das Büro in Westberlin, als die Tätigkeit der WTG besonders seit
1947 erneut gegen die sozialistische Entwicklung ausgerichtet wurde. Seit 1949 wurden alle
bedeutenden Aktionen dieser Art, so die Waldbühnen-Hetzveranstaltung von 1949 und die
Petitionsaktion von 1950, von dem Büro in Westberlin vorbereitet und gelenkt.
Mit dem Verbot der WTG in der DDR gewann das Westberliner Büro erhöhte Bedeutung, da es
auf Grund der günstigen Lage in der »Frontstadt«, im »Vorposten der westlichen Welt«, am
besten geeignet war, die nun illegale Tätigkeit der Zeugen Jehovas in der DDR zu leiten. Es
wurde 1956 in ein selbständiges Zweigbüro umgewandelt, das zwar mit dem Zweigbüro in
Wiesbaden noch zusammenarbeitete, sonst aber direkt dem Hauptbüro in Brooklyn unterstellt
war. Politisch hatte es indessen den Charakter eines Ostbüros angenommen. Wichtige
Mitarbeiter des Leiters Ernst Wauer waren u. a. Oskar Thiele, Kurt Hille, Horst Ritt, Heinz
Szewczyk und Günther Uhlig.
Zunächst galt es, die Organisation der Zeugen Jehovas in der DDR in die Illegalität zu retten und
die Anleitung für Verhalten und Tätigkeit zu sichern. Kreis und Bezirksdiener wurden von Ernst
Wauer mit gefälschten DDR-Personalausweisen versehen und in Westberlin stationiert, was
ohne Abdeckung durch zuständige Dienststellen schwerlich möglich war. Derart gefälschte
Ausweise erhielten u. a. der Bezirksdiener Ernst Pietzko aus Weimar und der Kreisdiener Holdi
Quandt aus Grünhainichen. Ein ausgedehntes Netz von Geheimkurieren wurde geschaffen, die
regelmäßig aus der DDR im Ostbüro anliefen, um Informationen sowie Anweisungen und
WTGLiteratur
in die DDR zu schleusen
Das Ostbüro stellte diese Literatur in getarnten Sonderdrucken zur Verfügung, damit sie auf den
ersten Blick nicht erkennbar wäre. Im Ostbüro wurden spezielle Räumlichkeiten hergerichtet, in
denen die Geheimkuriere in strenger Isolierung voneinander die zur Schleusung bestimmten
Materialien so verbergen konnten, dass sie hoffen durften, mit Erfolg zu erwartende Kontrollen
passieren zu können. Entsprechende Anleitung und Hinweise erhielten sie im Ostbüro, indem sie
dort mit dem Erfahrungsschatz bewährter Verbindungsleute vertraut gemacht wurden. Keine
Methode blieb unversucht. Die Untersuchungen der DDR-Behörden haben das dann auch
bestätigt. Oftmals wurden Körperbehinderte benutzt, weil sie unverdächtiger sind und durch ihr
Gebrechen die Kontrollorgane leichter hinters Licht führen können, da sie Kontrollen bei ihnen
durch das Mitleid, das sie bei Passanten oder Mitreisenden erwecken, erschweren. Zur
Hauptaufgabe der Geheimkuriere gehörte ferner ein umfangreicher Geldschmuggel aus der DDR
nach Westberlin unter Ausnutzung des inoffiziellen Ost-West-Kurses, was insgesamt eine
wirtschaftliche Schädigung der DDR um Millionen Mark zur Folge hatte. Schwerpunkt war
außerdem die Organisierung von Republikflucht aus der DDR in Zusammenarbeit mit der
Politischen Polizei Westdeutschland. Desgleichen bestanden auch Verbindungen in Westberlin
und zwischen dem Ostbüro der WTG und in Westberlin stationierten Geheimdiensten. So
unterhielt Willy Pohl, Mitarbeiter und späterer Leiter des Ostbüros, im Rahmen seiner
Verkündigungstätigkeit Kontakte mit der Dienststelle des englischen Geheimdienstes im
Olympia-Stadion in Westberlin. Enge Zusammenarbeit erfolgte auch zwischen dem Ostbüro der
WTG und der amerikanischen Militärpolizei. Wiederholt sprachen leitende Mitarbeiter des
Ostbüros die Drohung aus, sie würden Personen, die »im Auftrag des Ostens« kämen,
unverzüglich der amerikanischen Militärpolizei übergeben.
Das Ostbüro der WTG war auch eine Zentrale zur Schaffung und Aufrechterhaltung geheimer
Verbindungen nach Polen und in die Sowjetunion. Umgekehrt übermittelte der Leiter der
WTGUntergrundorganisation
in Polen, Wilhelm Scheidter bzw. sein Vertreter, bei dem die
Verbindungen aus der Sowjetunion zusammenliefen, Nachrichten und Materialien über
Geheimkuriere an das Westberliner Ostbüro - eine Verbindung, die ab Westdeutschland
bekanntlich über den amerikanischen Militärnachrichtendienst lief.
1955 erfolgte ein Wechsel in der Leitung des Ostbüros. WTG-Präsident N. H. Knorr sah sich
gezwungen, sowohl den Zweigdiener in Wiesbaden, Erich Frost, als auch den Leiter des
Ostbüros, Ernst Wauer, ihrer Posten zu entheben. Die von Wauer durchgeführte Praxis
gefälschter DDR-Personalausweise für die Hauptverbindungsleute in die DDR und die
Unterschlagung von 10 000 Mark aus der DDR geschmuggelter Gelder durch den Ostbüro-
Kassenleiter Kurt Hille waren öffentlich ruchbar geworden. Natürlich passierte allen dreien
nichts Ernsthaftes. Hille wurde zwar abgesetzt, aber es wurde nicht bekannt, ob man ihn zur
Aburteilung der Justiz übergab. Solche Vorkommnisse werden, wenn es geht, vertuscht. Wauer
wurde lediglich in den Kreisdienst der WTG nach Stuttgart versetzt. Frost musste zwar seinen
Zweigdienerposten an den bisherigen Leiter des Wiesbadener Büros, an den Gestapohandlanger
Konrad Franke abtreten, konnte aber seine zweite Funktion als Redakteur der gesamten
WTGLiteratur
in deutscher Sprache behalten. Die ganze Geschichte war nichts weiter als eine
Fassadenreinigung.
Zum Nachfolger von Ernst Wauer wurde als neuer Leiter des Ostbüros in Westberlin Will
Charles Pohl, ein Deutsch-Amerikaner, eingesetzt. Seine Eltern leben heute noch in
Westdeutschland als Bürger der Bundesrepublik. Ihr Sohn Willi heute Will Charles - nahm die
amerikanische Staatsbürgerschaft an. In seiner Eigenschaft als Leiter des Ostbüros in Westberlin
und heute in Wiesbaden übt Will Charles Pohl, allgemein als Willi Pohl bekannt, die Funktion
des Zonendieners für die osteuropäischen sozialistischen Staaten aus.
Durch die amerikanische Staatsbürgerschaft des Pohl sicherte sich das Hauptbüro in
Brooklyn/USA den unmittelbaren Einfluss zur Durchsetzung ihrer Politik in seinem
Einflussbereich. Als persönlicher Sonderbeauftragter des WTG-Präsidenten Knorr fungierte L.
L. Turner in Westberlin.
Die nach geheimdienstlichen Regeln aufgezogene Untergrundtätigkeit des Ostbüros ging nach
wie vor weiter, ebenfalls der Geldschmuggel aus der DDR. Knorr ordnete lediglich an, die
Fälschung von DDR-Personalausweisen einzustellen. Solange das geheim geblieben war, konnte
man sich diesen Schritt erlauben, war es doch im Prinzip gleich, ob man in »theokratischer
Kriegslist« in Wort oder Schrift falsch aussagte. Öffentlich bekannt geworden, wären das freilich
die ersten Fakten gewesen um das Ostbüro als kriminell und korrupt zu kompromittieren. Das
aber konnte man sich als religiöse Organisation nicht leisten. Hatte man doch just das Beispiel
der politisch verwandten antikommunistischen Agenten- und Terrororganisation »Kampfgruppe
gegen Unmenschlichkeit« (KgU) vor Augen. Deren kriminelles Treiben hatte in der
Öffentlichkeit derart unliebsames Aufsehen erregt, dass die amerikanische Militärregierung trotz
ihrer geheimen Zusammenarbeit mit der KgU diese offiziell auflösen musste.
Das WTG-Ostbüro in Westberlin setzte seine Tätigkeit bis zum 13. August 1961 fort. Durch die
Sicherung der bis zu diesem Tage offenen Grenze der DDR zu Westberlin verlor es seinen Wert
für die illegale Tätigkeit in der DDR und Osteuropa. Seither erfolgt die unmittelbare Anleitung
und Organisierung der WTG-Untergrundtätigkeit in diesen Ländern durch die Ostbüro-
Mitarbeiter, insbesondere durch Pohl, vom westdeutschen Zweigbüro in Wiesbaden aus.
Der organisierte Geldschmuggel
Der Aufbau und die Unterhaltung einer illegalen Organisation verlangen nicht unbedeutende
Geldsummen. Diese Mittel wurden zum Teil von der WTG aufgebracht, sowie auch von ihren
»Gönnern«, die sie namentlich nicht nennt: Eine andere Quelle waren die Gelder, die in Form
von Spenden oder aus dem Umsatz der Literatur in der DDR der illegalen Organisation
zuflossen. Doch blieb dieses Geld nicht in den Händen der illegal arbeitenden Mitarbeiter der
WTG in der DDR. Es wurde vielmehr entweder an das Ostbüro in Westberlin oder an das
Zweigbüro in Wiesbaden abgeführt, um von dort aus nach den jeweiligen Erfordernissen der
illegalen Tätigkeit verwendet zu werden. Insgesamt wurden bis 1961 mehrere Millionen Mark
aus der DDR geschmuggelt. Dieses Geld wurde dann zum inoffiziellen Wechselkurs im Rahmen
des Wirtschaftskrieges gegen die DDR »drüben« umgetauscht um in die WTG-Kasse zu
wandern.
Dass ein derartiger Geldtransport ungesetzlich ist, liegt auf der Hand. Jeder Staat wehrt sich
gegen Maßnahmen, die einer Ausplünderung seiner Wirtschaft gleichkommen, und erlässt
Gesetze, die ein solches Tun unter Strafe stellen.
Um den Geldschmuggel möglichst risikolos durchfuhren zu können, wurden bis 1961 die
leitenden WTG-Funktionäre aus der DDR vor allem zu Feiertagen nach Westberlin beordert, wo
sie spezielle Anweisungen erhielten, wie sie zu verfahren hatten. Schwerpunktmäßig betraf das
die Chiffrierung der Berichte und Informationen, die persönliche Tarnung und die Methoden
eines unauffälligen Geldtransports nach Westberlin bzw. nach Westdeutschland. Vor allem
wurden die Betreffenden geschult, wie sie sich bei eventuellen Verhaftungen den Behörden
gegenüber zu verhalten hätten. Als oberster Grundsatz gelte es, kein Zugeständnis zu machen, da
das sofort beweisen würde, dass die Verhafteten Agenten und Spione sind - denn der
Geldschmuggel sei nach den in allen Ländern geltenden Bestimmungen in der Tat strafbar.
Deshalb habe das vorgefundene Geld in jedem Falle als persönliches Eigentum des
Festgenommenen zu gelten. Die Organisation sei in jedem Falle abzuschirmen.
Dass bei der Übertragung der Verantwortung für den Geldtransport auf den einzelnen Kurier
bzw. Funktionär immer öfter die Frage auftauchte, ob denn die WTG in dieser Sache richtig
handele, war nur folgerichtig. Bedenken wurden erhoben, man müsse die Finanzgesetze der
DDR unabhängig von allen anderen Fragen respektieren. Der massenhafte Geldschmuggel nach
dem Westen, sei ein kriminelles Vergehen. Ließe sich denn eine solche Handlungsweise mit dem
Gewissen eines Zeugen Jehovas vereinbaren?
Das Ostbüro gab daraufhin konkrete schriftliche Weisungen heraus um die Bedenken zu
ersticken. Die Kuriere hatten diese Weisungen im Ostbüro aus sogenannten Bezirksmappen oder
Informationsmappen zur Kenntnis zu nehmen und weiterzuleiten. So hieß es in der Information
Nr. 135 zur Frage des Geldschmuggels, nicht der Geldtransport nach Westberlin sei illegal,
sondern das Verbot der WTG in der DDR. Die Information Nr. 148 bedeutete in ähnlicher
Weise, man solle sich als Untergrundorganisation in der »Ostzone« keine Gedanken zu der
Geldfrage machen. Die Regierung sei selber schuldig. Hätte sie das Bibelhaus (WTGZweigbüro)
in Magdeburg nicht geschlossen und beschlagnahmt, brauchten keine Gelder nach
dem Westen geschafft zu werden. Eindringliche Entgegnungen wies der amerikanische
Sonderbeauftragte L. Turner persönlich mit dem Bemerken zurück, man sollte sich nicht bei der
WTG beschweren, sondern bei der »Ostzonenregierung«. Es wurde jedoch strengste Weisung
gegeben, diese Angelegenheit niemals bei den öffentlichen WTG-Kreis- und
Bezirksversammlungen in Westberlin, an denen die Untergrundfunktionäre aus der DDR meist
teilnahmen, zur Sprache zu bringen. Man war sich des kriminellen Charakters und der
juristischen Haltlosigkeit des Geldschmuggels, der ein nackter Racheakt war, also sehr wohl
bewusst! Denn als religiöse christliche Gemeinschaft müsste sich die WTG gemäß den
einschlägigen biblischen Grundsätzen, dem »Cäsar zu geben, was des Cäsars ist«, bedingungslos
und unabhängig von allen anderen Fragen der Finanzgesetzgebung eines jeden Staates
unterordnen bzw. anpassen.
Die vom WTG-Ostbüro gegebenen Anweisungen und Informationen besagten jedoch
unzweideutig, dass die WTG den ganzen Geldschmuggel nach dem Westen einmal als Racheund
Vergeltungsakt für das Verbot in der DDR durchführte, zum anderen aber auch, weil die mit
dem Geldschmuggel verbundene Schädigung der Wirtschaft unmittelbar zum Programm des
kalten und psychologischen Krieges der USA gegen die sozialistischen Länder gehörte, und
schließlich konnten mit diesen Geldern weitere illegale Aktionen in der DDR finanziert werden.
Die zu jener Zeit geltende WTG-Irrlehre, Regierung und Staat seien überhaupt keine von
Christen anzuerkennende Obrigkeit von Gott, fanatisierte die Anhänger zusätzlich und gab dem
Schmuggel eine Art religiöse Sanktion.
Die biblischen Bedenken, man müsse die Finanzgesetze der DDR unabhängig von allen anderen
Fragen respektieren, waren also vollauf berechtigt. Die Mehrheit der Zeugen Jehovas befolgte
jedoch gedankenlos und leichtsinnig und in gewissen Sinne sogar verantwortungslos die
rechtswidrigen Anweisungen des Ostbüros auch in dieser Angelegenheit. Vor der Öffentlichkeit
war die WTG allerdings ständig darauf bedacht, den Eindruck christlicher Ehrbarkeit und
Gesetzestreue - und das besonders in Geldsachen - zu erwecken. So heißt es z. B. auf der zweiten
Seite einer jeden Ausgabe der »Wachtturm«-Zeitschrift: »Geldüberweisungen werden in
Wiesbaden aus Ländern angenommen, in denen kein Zweigbüro besteht, jedoch nur durch
internationale Geldanweisung.« Der Geldschmuggel aus der DDR straft diese öffentliche
Erklärung Lügen.
Es ist offensichtlich. dass von der WTG-Führung angesichts ihrer bisherigen Haltung auch
hierbei nichts anderes zu erwarten ist als Heuchelei. Doch wie ist es zu erklären, dass auch die
Mehrheit ihrer Anhänger das recht- und gesetzlose finanzielle Treiben gegen die DDR
mitmachte? Als eine erste Ursache ist ohne Zweifel die völlige Entrechtung der WTG-Anhänger
zu nennen, verbunden mit dem Prinzip des unbedingten Gehorsams, des bedenkenlosen
Glaubens, dass alles, was die WTG anordne, »theokratisch«, also der Wille Gottes sei. Auf
dieser Grundlage wurde sodann in den Köpfen vor allem der Untergrundfunktionäre ein
religiöspolitischer
Fanatismus gezüchtet, der ohne Beispiel ist. Aus der antikommunistischen Hetze und
der Behauptung, Regierungen seien keine Obrigkeiten von Gott, sie seien vor Gott illegal, sowie
ähnlichen Lehren erwuchs insgesamt eine Missachtung, Verachtung und Verhöhnung von Staat,
Regierung und Gesetzgebung der DDR, in der die Verletzung der Finanzgesetze völlig
unbedeutend erscheinen musste, ein Fanatismus, der für die Vernunft vollkommen unzugänglich
wurde. War doch der ganze Staat für die WTG verwerflich und dem Untergang geweiht!
Seitdem durch die Sicherung der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin der Geldschmuggel in der
bisherigen Form unmöglich wurde, die WTG aber nach wie vor Geldmittel für die illegale
Organisation in der DDR benötigt, begann man u. a. die verwandtschaftlichen Beziehungen der
Zeugen Jehovas in Ost und West auszunutzen. So zahlt z. B. irgendein WTG-Anhänger beim
Zweigbüro in Wiesbaden eine beliebige Summe ein, um einen Bekannten, der in der DDR Zeuge
Jehovas ist, finanziell zu unterstützen. Das eingezahlte Geld verbucht die WTG in Wiesbaden
jedoch für sich. Sodann ergeht eine Geheimmitteilung an die Untergrundorganisation in der
DDR, die aus den in der DDR illegal gesammelten Geldern diesem genannten Bekannten oder
Verwandten eine Summe entsprechend dem in Wiesbaden eingezahlten Geld auszuzahlen hat -
natürlich entsprechend dem jeweiligen Ost-West-Kurs, anfangs 1:5, dann 1:3. Der Trug bei
diesem Verfahren besteht darin, dass die WTG in Westdeutschland an ihre Anhänger appelliert,
»armen Verwandten in der Ostzone« doch zu helfen, das Geld aber selbst einstreicht und dafür
die Untergrundorganisation in der DDR zahlen lässt. Entartete die Untergrundbewegung zuerst
in kriminellen Geldschmuggel, so wurde sie nun auch zu einem Institut zur persönlichen
Bereicherung für diejenigen, die in Westdeutschland wohlhabende Verwandte haben. Die
Hauptsache war, die WTG kam dabei zu Geld. Die ganze Sache florierte, schließlich so gut, dass
Untergrundfunktionäre begannen, diese Geldquelle auch für Personen zu erschließen, die keine
WTG-Anhänger sind.
Andere Methoden bestanden darin, Geld über Deckadressen und Mittelspersonen in Westberlin
möglichst in großen Scheinen direkt nach Wiesbaden zu übermitteln Hier folgt eine Bestätigung
eines solchen Schmuggels in Höhe von 100 Mark von einem WTG-Untergrundfunktionär in der
Hauptstadt der DDR, Berlin, vom 3. April 1963, zugleich ein direkter Beweis für die
Verlogenheit der ständigen Geldüberweisungserklärungen im »Wachtturm« (zweite Seite jeder
Ausgabe). Durch einen Schwall christlich aufgemachten Lobes und Dankes versucht die WTG,
jede Bedenklichkeit gegenüber ihren Methoden auszuschalten.
Zitat:
"WACHTTURM
BIBEL- UND TRAKTAT-GESELLSCHAFT
Deutscher Zweig e. V.
62 Wiesbaden-Dotzheim, Am Kohlheck, Postfach 13025
Fernsprecher
40891/ 40892
41937
Telegramme
Wachtturm
3. April 1963
Herrn …
1 Berlin 18
Friedenstr. …
DM 100.00
Lieber Bruder
"Ein jeder, wie er sich in seinem Herzen versetzt: nicht mit Verdruss oder aus Zwang, denn einen
fröhlichen Geber liebt Gott." (2. Kor. 9:7)
Da wir uns bewusst sind, dass diese Gabe in oben angegebener Höhe nicht widerwillig oder
unter Zwang gegeben ist, freuen wir uns, sie zu bestätigen und mit aufrichtiger Wertschätzung
anzunehmen.
Für Christen ist es ein wunderbares Vorrecht zu geben. Ja, wir haben etwas zu geben! Wie
kostbar ist der Name Jehovas! Wie wertvoll die Erkenntnis seiner Vorsätze! Wie wunderbar, dies
mit anderen zu teilen! Jehovas Liebe und seine Segnungen für solche fröhlichen Geber sind
heute offenbar. Wegen dieses guten Herzenszustandes haben viele von seinen Vorsätzen erfahren
und sind auch in der Lage, dies zu schätzen und zu sagen: "Gott sei Dank für seine
unaussprechliche Gabe!"-
Sei sicher, dass Deine materielle Gabe verwendet werden wird um vielen weiteren zu helfen, die
guten Dinge Gottes kennenzulernen, wie auch in der Ausdehnung und in der Tätigkeit der
Neuen-Welt-Gesellschaft. Wir möchten noch einmal unserer Wertschätzung Ausdruck verleihen
und freuen uns mit Dir, da wir wissen, dass Gott mächtig ist, "jede Gnade gegen euch
überströmen zu lassen, auf dass ihr in allem, allezeit alle Genüge habend, überströmend seid zu
jedem guten Werke." - 2. Kor. 9:8.
Im fröhlichen Geben zur Ehre Gottes mit Dir verbunden,
Wachtturm B. & T. Gesellschaft
Deutscher Zweig e. V."
Es ist der WTG indessen noch nie schwergefallen, die Bibel auf jene Art und Weise zu zitieren,
wie sie es braucht um die Anhänger willfährig zu halten. Ihre in der vorliegenden
Dokumentation dargestellte religiöse und politische Geschichte beweist das hinreichend.
Die Untergrundbewegung in der DDR
Für die illegale Organisation der WTG in der DDR war bis 1961 das Ostbüro in Westberlin
zuständig. Bis zu dessen Auflösung wurde es vom Zweigbüro in Wiesbaden gesteuert. Zunächst
war das Ostbüro für die Ausbildung und den Einsatz von Mitarbeitern in der
Untergrundorganisation in der DDR verantwortlich, deren Struktur laufend der gegebenen
Situation angepasst wurde. Das heißt, erkannte illegale Methoden wurden ständig verändert, um
sich dem Zugriff der Behörden der DDR solange wie möglich zu entziehen. 1956 wurde eine
Neuorganisierung des illegalen Apparates vorgenommen. Danach wurden die bisherigen
Bezeichnungen der Dienstämter der Zeugen Jehovas, wie Gruppendiener und
Hilfsgruppendiener, aufgehoben und durch Tarnbezeichnungen ersetzt. Gleichzeitig erfolgte eine
Zusammenfassung in Ortsgebieten, denen Ortsgebietsdiener vorgesetzt wurden. Die
Versammlungen erhielten neue Schlüsselnummern, unter denen sie Berichte und Informationen
zu liefern hatten. Auch die monatliche Berichterstattung wurde nach einem neuen
Verschlüsselungssystem vorgenommen. Die Berichterstattung an das Ostbüro erfolgte jedoch
nicht direkt, sondern über Deckadressen. Dazu gehörten u. a.
Charlotte Fischer, (West-)Berlin-Charlottenburg, Christstr. 27,
Max Trepte, (West-)Berlin-Charlottenburg, Suarezstr. 38,
Postschließfach 62, (West-)Berlin-Charlottenburg.
Ab 1961 war folgende Struktur zur Aufrechterhaltung der illegalen Tätigkeit gebräuchlich: An
der Spitze stand ein Leitungsgremium, bestehend aus drei Personen, die unter einer
Tarnbezeichnung mit der Zentrale in Verbindung traten. Diesem Gremium unterstanden
Bezirksdiener mit ihren Stellvertretern, wobei erstere die Tarnbezeichnung »Umgegenddiener«
trugen. Das Territorium der DDR war in mehrere Bezirke aufgeteilt. Die Bezirke waren in Kreise
oder »Gegenden« gegliedert, denen wiederum die entsprechenden Diener vorstanden. Zum
besseren Verständnis werden in den weiteren Darlegungen nicht die Tarnbezeichnungen,
sondern die geläufigen, wie Bezirks- und Kreisdiener, benutzt. Ein Kreis war in mehrere
»Gebiete« mit den entsprechenden Dienern und Stellvertretern aufgeteilt. Ein Gebiet umfasste
die geografisch oder verkehrsmäßig günstig verbundenen illegalen Versammlungen. Die
Versammlungsdiener nannte man »Einer«, die Stellvertreter »Andere«. Jede Versammlung setzte
sich aus Studiengruppen zusammen, die wöchentlich einmal in Privatwohnungen Treffen
abhielten, wo sie Anleitung erhielten und die nächsten Aufgaben besprachen und festlegten.
Durch die straff von oben nach unten organisierte Anleitung wurde im wesentlichen ein
einheitliches Verhalten und Vorgehen der illegalen Organisation insgesamt gewährleistet.
Als die Anleitung durch das Ostbüro infolge der Sicherung der DDR-Staatsgrenze nicht mehr
möglich war, trat das WTG-Zweigbüro in Wiesbaden selbst in Aktion. Dieser Wechsel in der
Anleitung im Jahre 1961 hat seine besondere Bewandtnis, da er im Zusammenhang mit den
politischen Ereignissen jenes Jahres steht.
Bekanntlich waren die Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR in Berlin am 13. August 1961 eine
Durchkreuzung imperialistischer Vorbereitungen auf einen größeren Konfliktfall in Deutschland,
in deren Endergebnis man die DDR wieder einmal zu beseitigen gedachte. Wie später das
westdeutsche Nachrichten-Magazin »Der Spiegel«, Hamburg, berichtete, fand bereits im Februar
1961 in Washington ein Gespräch zwischen dem westdeutschen Propagandachef und
Zeitungskönig Axel Springer und Vertretern des CIA (amerikanischer Geheimdienst) statt. Sie
konstatierten, dass die in jener Zeit von der westdeutschen Propaganda immer mehr angeheizte
Republikflucht aus der DDR eine Bewegung großen Ausmaßes und damit einen Aufstand in der
DDR auslösen müsste, wobei die Westdeutschen dann nicht tatenlos zusehen würden. Es müsste
damit gerechnet werden, dass »die Bundeswehr über die Zonengrenze vorstößt«. Die DDR
müsste wahrscheinlich die Grenzen schließen um das zu verhindern. Dann stände das Problem
der gewaltsamen Aufbrechung der Grenze in Berlin. (Der Spiegel, Hamburg, Ausgabe vom 15.
August 1966)
Angesichts der Zusammenarbeit der Zusammenarbeit der WTG mit dem USA-State Department
und dem amerikanischen Militärnachrichtendienst nimmt es nicht wunder, dass ebenfalls sich die
WTG schon im Frühjahr 1961 auf einen derartigen Konflikt in Deutschland vorbereitete. Ein
solcher Fall würde bedeuten, dass das Ostbüro in Westberlin nicht mehr in der Lage sein würde,
die Untergrundorganisation in DDR zu steuern, wie es bisher durch die offene Grenze nach
Westberlin möglich war. Die illegale Arbeit in der DDR müsste also auf eigene Füße gestellt
werden, etwa in Gestalt eines eigenen Zweiges, natürlich unter Berücksichtigung der besonderen
Bedingungen. Ostern 1961 wurden demgemäß im WTG-Ostbüro in Westberlin
Untergrundfunktionäre aus der DDR zusarnmengeholt, die für eine selbständige
Leitungshierarchie in der DDR geeignet und vorgesehen waren, und mit ihren neuen Funktionen,
Arbeits- und Tarnmethoden für jenen »Ernstfall« vertraut gemacht. Zur Aufrechterhaltung der
Verbindung nach Wiesbaden wurde eine geheime Sonderkurierverbindung vorbereitet. Der neue
Apparat sollte jedoch erst in Aktion treten und die Untergrundorganisation übernehmen, wenn
der »Ernstfall« eingetreten wäre. Bis dahin behielt das Ostbüro die Leitung weiter in der Hand.
Die letzten Maßnahmen wurden in einer Sonderzusammenkunft anlässlich des internationalen
WTG-Kongresses im Juli 1961 in Hamburg getroffen. Hier waren u. a. auch Präsident Knorr,
sein amerikanischer Sekretär, M. G. Henschel, und die Wiesbadener WTG-Führung mit den
Gestapohandlangern Frost und Franke anwesend, um den aus der DDR illegal erschienenen
künftigen Untergrundfunktionären die letzten Weisungen zu geben. Zu einem
Erfahrungsaustausch hatte man sogar einige Untergrundfunktionäre aus Jugoslawien, Polen und
Ungarn herbeigeholt. Ein Hauptpunkt der Weisungen war die künftige Anwendung der schon
erwähnten »theokratischen Kriegslist« zur Tarnung der Untergrundtätigkeit durch Lüge und
Täuschung gegenüber den Behörden. Besonders Willi Pohl, der Leiter des Westberliner
Ostbüros, verfocht mit aller Härte die Weisungen von WTG-Präsident Knorr, jede Täuschung
und Lüge sei »theokratisch«, d. h. von Gott gebilligt, wenn sie der WTG diene. Die Kritiker, die
darauf hinwiesen, dass die WTG als Religionsgemeinschaft doch verpflichtet wäre, ihre
Tätigkeit und Verkündigung so zu gestalten, dass sie den Grundsätzen des Evangeliums, »nicht
mit List zu wandeln« (2. Kor. 4:2 NW), entspricht, wurden mundtot gemacht. Die
organisatorischen Vorbereitungen auf einen Konfliktfall wurden durch eine besondere politische
Propagandakampagne unterstützt. So wurde seit April 1961 unter den WTG-Anhängern und in
der Öffentlichkeit eine »Erwachet«-Ausgabe mit der Schlagzeile »Kommunistische
Gehirnwäsche - Schreckgespenst oder Tatsache?« verbreitet. Der Zweck war, durch
Entstellungen, Greuelgeschichten und Verleumdungen, die man im Zusammenhang mit dem
Koreakrieg fabrizierte, Furcht, Panik und Hass gegenüber Sozialismus und Kommunismus zu
erzeugen und zu vertiefen, so dass jeder Zeuge Jehovas oder sonstige Leser dieser Propaganda
von unüberwindlichem antikommunistischem Abscheu erfüllt wird. Es war ein öffentlicher
Beitrag dazu, in jenem spannungsreichen Jahr 1961 unter Christen aller Art und den eigenen
Anhängern jede politische Vernunft in antikommunistischer Fanatisierung zu ertränken. Man
lese dazu den folgenden »Erwachet«-Auszug vom 22. April 1961:
Zitat:
"Kommunistische Gehirnwäsche - Schreckgespenst oder Tatsache?
Deutscher Zweig e. V., Wiesbaden
22. April 1961 Nr. 8
unterlagen jenem anscheinenden Bann der Gehirnwäsche. Amerikanische Piloten legten vor
kommunistischen Gerichten haarsträubende Geständnisse über eine bakteriologische
Kriegführung gegen Rotchina ab. Untersuchungen über das Verhalten amerikanischer Soldaten,
die während des Koreakrieges in kommunistische Gefangenschaft gerieten, ergaben die
überraschende Feststellung, dass etwa ein Drittel aller in Gefangenschaft geratenen Männer
irgendwie geistig in das Lager der chinesischen Kommunisten hinübergewechselt war, 47 von
ihnen mussten sogar nach ihrer Rückkehr wegen krassester Kollaboration vor Gericht gestellt
werden, und 21 weigerten sich überhaupt, die kommunistische Welt zu verlassen und nach
Amerika, in ihre Heimat zurückzukehren.
Gehirnwäsche ist weder ein schlaues Propagandamätzchen der Kommunisten, das sie
hintenherum verbreiten, um das Kaninchen gelähmt auf die Schlange starren zu lassen, noch die
Erfindung der überhitzen Phantasie nervenschwacher Opfer der kommunistischen Zwangsjustiz,
sondern eine ausgeklügelte Methode zur systematischen Zerstörung der Persönlichkeit eines
Menschen, die die gewünschten Erfolge bringen kann."
Wie man sieht, hielt man es für nötig, jetzt nicht nur mit antikommunistischen Einträufelungen in
die WTG-Studienmaterialien zu wirken. Jetzt musste wieder massiv und ohne große biblische
Bemäntelung vorgegangen werden. Mit »Kraft und Sicherheit« sollte das antikommunistische
Gift eingeimpft werden, damit es gründlich wirkt. Wie das Kaninchen vor der Schlange sollte
jeder vom Schrecken vor dem Kommunismus gepackt werden - das typische Vorgehen von
Fanatikern in Ermangelung überzeugender Argumente.
Der Hamburger WTG-Kongress vom Juli 1961 sollte auch einer letzten direkten
psychologischen Stärkung der Untergrundorganisation in der DDR dienen, wenn der »Ernstfall«
käme. Man organisierte in Zusammenarbeit mit der Westberliner Politischen Polizei eine illegale
Ausreise von Zeugen Jehovas aus der DDR über Westberlin nach Hamburg, ein Unternehmen,
das unter rücksichtsloser Missachtung der Pass- und Ausreiseordnung der DDR durchgeführt
wurde. Besondere Weisungen galten dem Verhalten auf der Reise. Den Teilnehmern gaukelte
man vor, »Jehova« halte seine »schützende Hand« über allem. Die besonderen Anweisungen des
Ostbüros der WTG vom 10. Juli 1961 zu dieser illegalen Ausreise.
Zitat:
"Liebe Brüder!
Nun ist es soweit. Die Kongresszeit ist herbeigekommen, und Ihr seid hier glücklich
angekommen, um den letzten Sprung auf dem Wege nach Hamburg zu machen, Jehova hat seine
schützende Hand über allen Vorbereitungen gehalten und wir blicken voll Dankbarkeit zu ihm
auf. Der diesjährige Kongress steht unter dem Motto "Vereinte Anbeter", und wir dürfen
erwarten, dass Jehova seinem gehorsamen Volke auf der ganzen Erde besondere Anweisungen
geben wird. Wir sehen dem Fest mit großer Freude entgegen. Mit diesem Schreiben geben wir
Euch nun letzte diesbezügliche Hinweise, damit alles einen reibungslosen Verlauf nehmen kann.
Behandelt die Mitteilungen als vertraulich und nur für Euch persönlich bestimmt.
HINWEISE FÜR DIE REISE: Alle Maschinen starten in Berlin vom Zentralflughafen
Tempelhof. Findet Euch pünktlich eine Stunde vor der Abfahrt Eurer Maschine in der
Abfahrthalle ein. Der Zugang ist Haupteinfahrt Tempelhofer Damm in der Nähe des Platzes der
Luftbrücke. Begebt Euch als einzelne private Reisende zu den Abfertigungsschalter der
betreffenden Luftfahrtgesellschaft, die für den Flug in Eurem Flugschein angegeben ist. (PA =
Pan American World Airways, BE = British European Airways, OAL = Overseas Aviation
Limited. Wenn Ihr nun auch als private Reisende auftretet, trifft es nach wie vor zu, dass
niemand seinen Flug selbst bezahlt, sondern nur als Delegierte der Versammlung die
Reisemöglichkeit erhalten hat. Für die OAL hat die Europa-Flug G.m.b.H. einen Sonderschalter
in der Haupthalle in Benutzung, an dem zeitweilig auch ein Mitarbeiter der Gesellschaft tätig
sein wird). Legt am Schalter Euren Flugschein vor und gebt Euer Gepäck ab, das bis zu 20 kg.
wiegen darf. Sodann begebt Ihr Euch durch die Pass- und Zollkontrolle, wo Ihr noch einmal
Euren Flugschein und Euren Personalausweis vorlegen müsst, zur Tür nach der Maschine. Die
vorgeschriebene Registrierung als Reisende aus Ostdeutschland haben wir bereits am Tage vor
dem Abflug bei der Polizeibehörde erledigt, nachdem Ihr Euch rechtzeitig eingefunden, das
Meldeformular ausgefüllt und mit Eurem Personalausweis abgegeben habt. Brüder, die zu spät
kommen, müssten die Anmeldung selbst vornehmen. Das Polizeibüro ist gleich die erste Tür
rechts, wenn man zum Haupteingang der Abfahrthalle hereinkommt.
VERHALTEN WÄHREND DER REISE: Sowohl während der Hinfahrt und ebenso auch
während der Rückfahrt solltet Ihr alle Gespräche und jedes Benehmen vermeiden, das offenbaren
würde, dass Ihr Zeugen Jehovas seid.
Helft Euch hierbei gegenseitig und nehmt diese Sache sehr ernst. Einige Verkündiger mögen
denken, dies sei nicht nötig, weil sie mit dem Flugzeug fliegen oder weil alle Reisenden Zeugen
Jehovas sind, wie es bei einigen Reisegruppen der Fall sein mag. Sie sollten jedoch daran
denken, dass es zur Sicherheit der nach ihnen kommenden Brüder und zur eigenen sicheren
Rückkehr wichtig ist, dass selbst das Personal auf den Flugplätzen und in den Maschinen nicht
erfährt, dass es sich um Reisen von Zeugen Jehovas in Verbindung mit dem Hamburger
Kongress handelt. Benehmt Euch bitte alle wie private Urlauber, bis Ihr auf dem
Kongressgelände seid. Dort und auch in Euren Unterkünften vermeidet, Eure genaue Herkunft
ins Gespräch zu bringen; Ihr seid als Delegierte von Westberliner Versammlungen nach
Hamburg gesandt worden. Merkt Euch die Versammlung, sowie die Westberliner Adresse, unter
der Ihr registriert seid. Aber seid selbst in Bezug auf Eure Reisevorkehrungen als Westberliner
verschwiegen um dem Feind keine unnötigen Fingerzeige zu geben. Ein nicht einmal
bösgemeintes Wort eines Weltmenschen, der die Probleme der Werkes nicht kennt, mag große
Schwierigkeiten auslösen.
Der Rückflug erfolgt von Hamburg-Fuhlsbüttel. Da wir Euch nicht mehr erreichen, ist es nötig,
dass Ihr ganz selbstständig handelt. Es ist sehr wichtig, dass Ihr Euch zu den Flügen pünktlich
einfindet, damit Ihr nicht durch unvorhergesehene Verzögerung, die Ihr auf dem Wege haben
mögt, die Zeit verpasst und der Platz verfällt. Findet Euch eine Stunde vor dem Abflug ein und
meldet Euch beim Schalter der betreffenden Fluggesellschaft. Vergewissert Euch genau, für
welchen Rückflugtermin Ihr eingeteilt seid, d. h. welche Daten, Uhrzeiten und Fluggesellschaft
vorgesehen sind. In Hamburg hat die Europa-Flug G.m.b.H. gleichfalls für die Overseas
Aviation Limited einen Sonderschalter zur Abfertigung, an dem zeitweilig ein Mitarbeiter der
Gesellschaft tätig sein wird. Wenn Ihr Euch auf die Rückfahrt begebt, vergesst nicht, das
Kongressabzeichen abzunehmen und entfernt auch alle Kongress-Ausweie, Mitteilungen,
Papiere und Notizen aus Euren Taschen, die Euch bei der Rückkehr in die Zone Schwierigkeiten
bereiten könnten. Seid hierin wachsam. Haltet Euch auf dem Rückflug an die Anweisung, jedes
Sicherkennengeben als Zeuge Jehovas zu vermeiden, auch wenn Ihr meint, nur mit Brüdern
Zusammenzusein. Auch nachdem Ihr wieder gut Zuhause angekommen seid, lasst in Euer
Wachsamkeit nicht nach. Falls der SSD den Versuch machen sollte, Euch durch raffinierte
Verhöre zur Preisgabe dessen, was Ihr wisst, und zu Eurer Selbstbelastung zu bewegen, geht
nicht auf die Dinge ein und lasst Euch nicht verblüffen, wenn man Euch gewisse Einzelheiten
vorhält, die zutreffend sein mögen. Seid völlig unwissend. Solange Ihr nichts "bestätigt", wissen
sie nichts von Euch und können Euch nichts zur Last legen. Ihr selbst würdet ihnen erst die
Beweise in die Hand geben, die sie benötigen.
Solltet Ihr in Hamburg irgendein dringendes Problem in Verbindung mit dem Besuch des
Kongresses haben, versucht bitte, ob man Euch in dem durch den Globus gemachten Zelt helfen
kann. Sprecht dort mit dem Kennwort "Tante Maria" vor. Wir wünschen Euch nun eine gute
Reise und gesegnete Festtage unter Jehovas vereinten Anbetern. Denkt daran, dass es Euer
Vorrecht ist, all die guten Eindrücke mit nach Hause zu nehmen und sie in Eurer Versammlung
weiterzugeben, soweit die verantwortlichen Brüder dies für gut befinden und Euch
entsprechende Aufträge erteilen.
Mit Euch in der Schaustellung der Einheit verbunden, grüßen Euch
Eure Brüder und Mitdiener
Wachtturm B. & T. Gesellschaft
Deutscher Zweig e. V.
Berlin, den 10. Juli 1961"
Am 13. August 1961 wurde die Staatsgrenze in Berlin seitens der DDR unter Kontrolle
genommen. Ein Eingreifen der Bundeswehr fand jedoch nicht statt. Für die WTG aber war der
»Ernstfall« eingetreten. Es galt jetzt, die vorbereitete illegale Organisationsform in Aktion treten
zu lassen. Das Ostbüro hatte seinen Wert verloren. Es blieb nur noch für die Westberliner
Angelegenheiten der WTG zuständig.
In der Meinung, der neue Untergrundapparat sei trotz der Grenzsicherungsmaßnahmen
unaufhaltsam angelaufen, höhnte die WTG im Frühjahr 1962, ihre Anhänger mit gefräßigen
Heuschrecken vergleichend (»Der Wachtturm«, 1. März 1962):
Zitat:
"1. März 1962 Der WACHTTURM
Man mochte noch so hohe gesetzliche Schranken oder "Mauern" errichten, hinter denen man
sich verschanzte, diese Heuschrecken erklommen sie, selbst wenn sie, bis an die höchsten
Gerichte des Landes gelangen mussten. Sie stiegen über solche Mauern hinweg und rückten
weiter vor. Die Mauern, die der Nationalsozialismus, der Faschismus und die Katholische Aktion
zum Schutze der Christenheit errichteten, und auch die Mauern, die der russische Kommunismus
errichtete, konnten Jehovas symbolischen Heuschreckenheer an seinem Vormarsch nicht
hindern.
Zu den Feinden, die sich der Verkündigung der Gerichtsbotschaft widersetzen, sagen die
"unterirdisch" und "überirdisch" wirkenden Zeugen Jehovas: "Wir müssen Gott, dem gehorchen
als den Menschen"
46. Nützten die Mauern, die man zum Schutz vor dieser Invasion errichtete?"
Aber man begeiferte nicht nur die Grenzsicherungsmaßnahmen in Berlin, man höhnte nicht nur,
sondern schuf sich auch ein buchstäbliches »Loch in der Mauer«, um von Westberlin aus
Materialien für die »unterirdische« Tätigkeit in der DDR einzuschleusen. Eine ganze Reihe von
Maßnahmen liefen nun an, um die Verbindung zwischen der Untergrundorganisation in der DDR
und dem Zweigbüro in Wiesbaden zu sichern. Treffs wurden unter bestimmten
Tarnbezeichnungen organisiert. In Interzonenzügen glaubte man unauffällig tote Briefkästen
einrichten zu können, die in Westdeutschland mit Originalmaterial oder Filmen gefüllt wurden
und dann auf dem Gebiet der DDR durch Kuriere zu leeren waren. Man verlegte sich auf den
Missbrauch der durch die Passierscheinabkommen zwischen der Regierung der DDR und dem
Westberliner Senat ermöglichten Verwandtenbesuche in Berlin, der Hauptstadt der DDR. Als die
Regierung der DDR die Möglichkeiten schuf, dass Rentner nach Westdeutschland reisen können,
wurde auch das für geheime Nachrichten- und Kuriertätigkeit im Interesse der
Untergrundorganisation ausgenutzt. Ein Schwerpunkt war ferner die getarnte Materialschleusung
auf dem Postwege. Äußerlich harmlose Geschenksendungen mit Kinderspielzeug und
Genussmitteln enthielten in Wirklichkeit WTG-Literatur, Bücher und sonstige Materialien für
die Untergrundtätigkeit. Das Material, das in die DDR gelangte, wurde dort vervielfältigt.
Hierfür waren auf diese Weise zumeist die »Kreis«- oder »Gebietsdiener« verantwortlich, bei
denen mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen Einrichtungen für Filmmaterial, Kopieren
usw. geschaffen wurden.
Man organisierte schließlich sogar sogenannte Testreisen in die Sowjetunion, z. B. nach
Leningrad und Moskau, um über die Untergrundorganisation in der DDR das illegale Eindringen
in die Sowjetunion zu forcieren. Alles geschah in der Illusion, die Behörden in den
sozialistischen Ländern seien »von Jehova mit Blindheit geschlagen« und man brauche in den
Zentralen der WTG dafür ja nicht die Haut zu Markte zu tragen.
Bei der Gewinnung neuer Anhänger unter den Bedingungen der Illegalität wird wie folgt
vorgegangen. Unter Verheimlichung seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas hat der
WTGVerkündiger
angesprochene Personen erst gründlich zu testen, vor allem was die politische
Einstellung betrifft. Dann erfolgt eine Einschätzung und Überprüfung im Hinblick auf die
Einbeziehung in die Untergrundorganisation und Tätigkeit. Verläuft das im WTG-Sinne positiv,
so geht man von gelegentlichem Ansprechen zu regelmäßigen Hausbesuchen und Einbeziehung
in die illegalen Studiengruppen über. Dies ist eine Methode, labile Menschen zu »jagen und
fischen« und zu binden, bis sie keinen Rückweg mehr sehen.
Die Gewinnung von neuen Anhängern obliegt besonders sogenannten Pionieren. Das sind
Zeugen Jehovas, die beruflich nur Arbeitsverhältnisse mit verkürzter Arbeitszeit eingehen. Ihr
Ziel ist: monatlich 100 Stunden im WTG-Einsatz. Sogenannte Ferienpioniere verwenden ihren
Jahresurlaub für diese Zwecke. Unter den Bedingungen der Illegalität sind solche Methoden
freilich nur beschränkt möglich, aber sie werden praktiziert.
Ein besonderer Schwerpunkt ist schließlich die laufende Schulung der Untergrundfunktionäre in
den Methoden und Mitteln der Abdeckung und Tarnung, sowie in der religiösen und politischen
Anleitung der einfachen Anhänger. Hierfür wurden sogenannte Königreichsdienstschulen
eingerichtet. Bis 1961 befand sich diese Schule für Untergrundfunktionäre aus der DDR und
anderen sozialistischen Ländern im WTG-Ostbüro in Westberlin. Seitdem werden solche
Schulungen je nach den Umständen in der DDR in Privatwohnungen oder auch auf Zeitplätzen
und dergleichen organisiert.
Damit hat die illegale WTG-Organisation in der DDR und anderen sozialistischen Ländern mit
ihren Tarnmethoden, Schlüsselsystemen, Deckadressen, Kurierverbindungen usw. einen
Charakter angenommen, wie ihn Spionage- und sonstige Untergrundorganisationen auch haben
um ihre Tätigkeit zu sichern. Den WTG Anhängern wird jedoch laufend eingeredet, Jehova,
Gott, halte die sichernde und schätzende Hand über diese Tätigkeit, wofür man beten und danken
müsse. Die Tatsachen offenbaren indessen die Haltlosigkeit aller derartigen Vorstellungen.
Politisches Verhalten im Spannungsjahr 1953
Nachdem im Juli 1952 der Aufbau des Sozialismus in der DDR beschlossen worden war,
versuchten die imperialistischen Kreise des Westens, diese Entwicklung am 17. Juni 1953 durch
den Sturz der Arbeiter-und-Bauern-Macht zu verhindern. Die Hauptdrahtzieher im Hintergrund
waren dabei ohne Zweifel die westlichen Geheimdienste.
Aber auch die WTG war in der Zeit, die jenem Tag X »der Liquidierung der DDR« vorausging,
psychologisch und politisch auf besondere Weise mit dabei. In ihren Publikationen, die
öffentlich und über die Untergrundorganisation verbreitet wurden, schürte sie Hass und
Feindschaft gegenüber der sozialistischen Gesellschaftsordnung und gegenüber der Sowjetunion,
wobei sie in den Ausdrucksformen die übelsten Tiraden übertraf, die je von kapitalistischer und
faschistischer Seite gegen Sozialismus und Kommunismus vorgetragen wurden. Die folgenden
Auszüge veranschaulichen diese WTG-Propaganda im Einzelnen.
Im Sommer 1952 wurde mit der »Wachtturm«-Ausgabe vom 1. Juni 1952 - für die DDR als
getarnter Sonderdruck aus Wiesbaden ohne die üblichen Herkunftsangaben - unter der
Schlagzeile »Ist Gott für die Weltbedrängnis verantwortlich?« fanatisierende
antikommunistische Propaganda unter die christliche Bevölkerung geworfen
Zitat:
"IST GOTT FÜR DIE WELTBEDRÄNGNIS VERANTWORTLICH?
Der Kommunismus wurde mittels verderbter Religion und erbarmungsloser Politik durch Satan,
den Teufel gezeugt, genährt und zur Reife gebracht. Ob die Groszen Religionen der Welt es gern
hören oder nicht, besonders jene, die sich christlich zu sein bekennen, sind sie doch für den
Sprössling Kommunismus verantwortlich. Er ist ihr Sprössling - diese christuslose,
gottentehrende und teuflischste Religion von allen. Ja, ihr eigener Sprössling, der nun aufsteht
um sie zu vernichten.
Welches Rettungssystem sucht denn der Kommunismus der ganzen Erde aufzuwingen und das
Volk zu dessen Sklaven zu machen? Den befremdenden, unsinnigen Wahn, dass eine gottlose,
christuslose, materialistische Gesellschaftsordnung, die den Schöpfer unseres Planeten und die
von ihm festgelegten Gesetze zur Leitung seiner Geschöpfe völlig außer acht lässt, dem Volke
Frieden, Sicherheit und Rettung bringen könne. Gleich ungezügelten wilden Tieren zwingen sie
dem Volke hinter dem Eisernen Vorhang ihre Ideen und wilden Träume auf. Und die andern
Nationen und Völker der Erde haben damit zu kämpfen.
Hitler war von einem ähnlichen Wahnsinn besessen.
Im Frühjahr 1953 setzte man diese Hetze konzentriert auf die DDR in »Wachtturm«-
Nachdrucken über »Ostdeutschland« öffentlich fort (»Jahrbuch« 1953):
Zitat:
"Berichte aus dem Jahrbuch 1953 der Zeugen Jehovas
Ostdeutschland
In Ostdeutschland ist der Eiserne Vorhang der Unfreiheit tief heruntergelassen. Die
Überwachung durch den Staat erfasst alle öffentlichen Einrichtungen. Fabriken, Geschäftsfirmen
und Verkehrsmittel. Der Staat dringt direkt in den engeren Familienkreis ein, und bestimmt
erfüllen sich heute in diesem Lande und in vielen anderen die Worte von Matthäus 10:36 (NW):
"In der Tat, eines Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein." Ein grausames
Terror-Regime in dem von den Kommunisten beherrschten Ostdeutschland hält die Bevölkerung
vom Staate abhängig und in völliger Sklaverei und dauernder Furcht"
Druck und Verlag: Watch Tower. Wiesbaden."
Zur gleichen Zeit wurde mit der »Erwachet«-Ausgabe vom 8. April 1953 unter Schlagzeile
"Hammer und Sichel über Brasilien" eine antikommunistische Hetze im internationalen Maßstab
öffentlich vorbereitet:
Zitat:
"Hammer und Sichel über Brasilien
Die Regierung unterdrückt kommunistisches Feuer.
Wiesbaden, 8. April 1953
ERWACHET!
Seitdem die Partido Comunistia verboten wurde, haben die Roten in Brasilien eine
Schmierkampagne großen Stils durchgeführt, indem sie im ganzen Lande auf Wände,
Bürgersteige und Zäune Schlagwörter und Zeichnungen mit Pech und weißer schmierten. Einige
dieser Schlagwörter lauten zum Beispiel: "Schickt eure Söhne nicht nach Korea!" "Herunter mit
den hohen Lebenskosten!", "Hinaus mit den Yankee-Imperialisten!"
Der "Hammer-und-Sichel"-Gefolgschaft ist schwer beizukommen gewesen, weil sie sich hinter
freiheitsliebende demokratische Führer stellte und die unterstützte, die willens waren, mit ihnen
zusammen zu gehen, um die Wählermassen für sich zu gewinnen.
Rote Führer ausgehoben
Einige von diesen bekleideten hohe Ämter, wie zum Beispiel Major Julio Sergio.
Es zeigte sich, dass, wo immer man im Staatsapparat einen Stein wegwälzte, die "roten Käfer"
des Kommunismus davonflitzten um Deckung zu suchen. Aber man ist allgemein der Ansicht,
dass es noch mehr Steine wegzuwälzen gibt, ehe man all die rotgefärbten "Genossen" gefunden
haben wird, die sich in der ganzen brasilianischen Verwaltung eingenistet haben.
Kampf den "Röteln"
Der Kreuzzug gegen den Kommunismus fand natürlich am meisten Unterstützung bei der
Römisch-katholischen Kirche, die die rote Plage am stärksten fürchtet. Auch protestantische
Organisationen warnten ihre Gläubigen davor, dem rötelnkranken Säugling nahe zu kommen.
Und die Zeitung O Globo (7. Oktober 1952) schrieb, dass die Roten auf Calixto einen
verborgenen Flughafen besitzen. Calixto ist eine 162 ha große Insel mitten im Rio Grande, der
zwischen Minas und Sao Paulo durch die kommunistenverseuchte Gegend von Triangulo
Mineiro fließt."
Das Niveau dieser »Erwachet«-Verkündigung gleicht völlig dem der antikommunistischen
Nazipropaganda. Ein unüberbietbarer politischer Hass spricht aus diesen WTG-Publikationen,
das Beste, was sich die imperialistischen Strategen im Hinblick auf ihre Umsturzpläne im Jahre
1953 zur Verbreitung unter der religiösen Bevölkerung in der DDR und anderswo nur wünschen
konnten.
Schließlich kam zur gleichen Zeit auch noch das WTG-Buch »Was hat die Religion der
Menschheit gebracht?« in deutscher Sprache heraus. Darin wurde die gesamte
antikommunistische Hetz- und Verleumdungspropaganda der WTG auf Grund ihres neuen
Dogmas über Religion vom Juli 1950 zu einer ausschließlich religiösen Betätigung erklärt, ein
Trug, der bereits erörtert wurde. Das Buch gipfelte in politisch verleumderischen Aussagen über
Kommunisten und Kommunismus.
Zitat:
"Was hat die Religion der Menschheit gebracht?
Kapitel 1
Die Religion ist universell. Ungeachtet, wie laut die roten Faschisten oder Kommunisten
behaupten mögen, gottlos zu sein, üben selbst sie Religion aus,
Kapitel XXV
Die Rote Religion und der "Mensch der Gesetzlosigkeit"
Was hat die Religion der Menschheit gebracht?
Veröffentlicht in Englisch 1951
Veröffentlicht in Deutsch 1953
von der
Watch Tower Bible & Tract Society
International Bible Students Association
Brooklyn 1, N. Y., U.S.A. - Wiesbaden"
Es liegt in der Konsequenz der Bindungen an die herrschenden Kreise des USA-Finanzkapitals,
dass die WTG ausgerechnet in der Zeit vor 1953 mit dieser maßlosen politischen Hetze unter der
religiösen Bevölkerung in Erscheinung trat. Es dürfte jedoch zweckmäßig sein, über den
moralischen Unwert dieser Hetz- und Verleumdungskampagnen der WTG zu jener Zeit etwas
weiter nachzudenken.
Die abgedruckten Beispiele zeigen, dass man es bei der WTG-Führung mit religiös-politisch
verbohrten Fanatikern zu tun hat deren politische Denkweise bisher nur eine Parallele hat: die
Gesinnung der Himmlerschen SS-Schergen. Der Unterschied ist lediglich der, dass die SS ihre
unmenschliche und barbarische Denkweise mittels Einsatzkommandos und
Genickschußkolonnen bzw. Gaskammern in die verbrecherische Praxis umsetzte, während für
die Zeugen Jehovas laut WTG Jehova die endgültige Komrnunistenausrottung vollziehen soll.
Was sind das aber für Christen, deren politische Denkweise hier im Prinzip nicht von der
Gesinnung der Gestapo und SS zu unterscheiden ist?
War es mit der Wiedererlangung der Legalität in Osteuropa ernst gemeint?
Während man die in der DDR noch tätigen Zeugen Jehovas weiter in dem Glauben hielt, bald
wäre die "Ostzone befreit" und das "Regime" - gemeint war die DDR - könne sich unmöglich so
lange halten wie einst die Nazis, begann man offensichtlich im WTG-Hauptbüro in Brooklyn zu
begreifen, dass es sinnlos sei, auf ein kurzfristiges "Zurückrollen des Kommunismus" zu hoffen
und die Verkündigung darauf wie bisher festzulegen. Das Juni-Abenteuer von 1953 in der DDR
war gescheitert. Die Stärke und Geschlossenheit der sozialistischen Länder, insbesondere der
Sowjetunion wurden immer mehr zum bestimmenden Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung.
Damit sanken auch alle WTG-Spekulationen auf eine baldige Änderung der Lage in Osteuropa
zugunsten des Kapitalismus in sich zusammen. Angesichts dessen schien das Verbot der WTG in
den sozialistischen Ländern von unabsehbarer Dauer zu sein.
Im Jahre 1956 hielt die WTG den Zeitpunkt für gekommen, einen Versuch zu unternehmen, um
die Aufhebung des Verbots der Zeugen Jehovas in den sozialistischen Ländern zu erreichen. Das
Zweigbüro in Wiesbaden spielte dabei mit dem Gedanken, auch in der DDR die WTGOrganisation
legal wiedererstehen zu lassen, »auf einer loyalen Grundlage, nicht wie bisher als
Kampfmittel gegen den Staat«, wie sich Erich Frost äußerte. Die Wiedererlangung der Legalität
hätte allerdings erfordert, jeglichen Kampf gegen die sozialistischen Staaten aufzugeben und sich
tatsächlich nicht mehr als »Kampfmittel gegen den Staat« einsetzen zu lassen - übrigens ein
bezeichnendes Eingeständnis der bisherigen politischen Rolle der WTG. Nur so könnte eine
loyale Grundlage geschaffen werden.
Was die WTG-Führung jedoch in diesem Zusammenhang unternahm, zeigt, dass sie nicht an
eine wirkliche Umstellung dachte, wie es vom westdeutschen Zweigbüro offensichtlich in
Unkenntnis der Gesamtkonzeption und Taktik des Hauptbüros in Brooklyn ins Auge gefasst war.
So sollte sich das vom Zweigbüro in Wiesbaden entwickelte Vorhaben, in Zukunft gegenüber
der DDR loyal zu sein, nur als ein Manöver erweisen. Am Prinzip änderte sich nichts, Die Taktik
des Hauptbüros war, die Situation auszunutzen, ohne auch nur im geringsten die alten Ziele
aufzugeben.
In der Zeit vom Juli 1956 bis etwa Februar 1957 wurde deshalb von 199 Bezirksversammlungen
der Zeugen Jehovas, »die in der ganzen Welt stattfanden«, eine Petition an die Sowjetregierung
gesandt, in der Legalität für die WTG-Tätigkeit und die Zeugen Jehovas in den sozialistischen
Ländern gefordert wurde. Besonders beachtenswert in dieser Petition sind die Erklärungen, die
die WTG über die politische Haltung und Tätigkeit ihrer Anhänger, der Zeugen Jehovas, abgibt.
Man wird dabei an ihre Petition vom 10. Juli 1950 an die Regierung der DDR erinnert.
Die erste Petition dieser Art wurde am 30. Juni 1956 von Kemi (Finnland) aus an die Regierung
der Sowjetunion abgeschickt. Man lese die darin enthaltenen politischen Behauptungen der
WTG an die Adresse der Sowjetregierung ( »Wachtturm« vom 15. April 1957).
Zitat:
"An die Kommunistenführer eingereichte Petition
15. April 1957
Der WACHTTURM
Die angenommene Petition
An den Herrn Ministerpräsidenten
Nikolai A. Bulganin,
Vorsitzender des Ministerrates der Sowjetunion
Moskau, UdSSR
PETITION
Eine objektive Untersuchung der Sache der Zeugen Jehovas wird offenbaren, dass sie es nie
verdienten, eingesperrt, deportiert und in Straflager gesandt zu werden. Darum erachten wir es
jetzt als höchst zeitgemäß, an Ihre Regierung eine PETITION zu richten mit dem Ersuchen, diese
aufrichtigen Christen, die sich durch ihre glühende Liebe zur Gerechtigkeit, zur Wahrheit und
zum Frieden auszeichnen, (a) freizulassen und (b) sie zu ermächtigen sich zu christlichen
Versammlungen zu organisieren, ferner zu Kreisen und Bezirken, die alle diese Versammlungen
im ganzen Lande umfassen, wobei ihnen verantwortliche Prediger und Diener gemäß demselben
Muster dienen, dem in allen anderen Ländern gefolgt wird; (c) sie zu autorisieren, reguläre
Beziehungen mit der christlichen leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in Brooklyn, New
York, Vereinigte Staaten von Amerika, aufzunehmen und (d) sie zu ermächtigen, die Zeitschrift
Der Wachtturm in Russisch, Ukrainisch und , je nach Bedarf, in anderen Sprachen zu empfangen
und zu veröffentlichen, desgleichen weitere biblische Schriften, wie sie von Jehovas Zeugen in
der ganzen Welt verwendet werden.
Zum römischen Statthalter Pontius Pilatus sagte Jesus Christus: "Mein Königreich ist nicht von
dieser Welt", wodurch er zeigte, dass das Römische Reich, dessen Vertreter Pilatus in Palästina
war, wegen seiner religiösen Tätigkeit nicht beunruhigt zu sein brauchte. Er bekämpfte die
machthabende politische Regierung nicht. Er verfolgte keine politischen Interessen und Ziele.
Jehovas Zeugen schaden niemandem. Sie bleiben neutral gegenüber den Streitigkeiten dieser
Welt. Sie befassen sich weder mit irgendeiner umstürzlerischen Tätigkeit noch mit Spionage. Sie
sind nicht Nationalisten, nicht selbstsüchtige Kapitalisten, nicht Imperialisten. Als wahre
Christen können sie das gar nicht sein, noch könnten sie für irgendwelche politischen Lehren
oder Ideologien kämpfen, seien diese nun kommunistisch, demokratisch oder kapitalistisch.
Sie erfüllen ihre richtigen Pflichten als Bürger des Landes, in dem sie leben. Sie sind intelligente
Menschen, die nicht daran glauben, dass all die Bedrückung und die unrichtige Unterweisung
durch falsche Religionen Erfolg haben. Sie stehlen nicht und betrinken sich nicht, wodurch der
Produktionsgang verlangsamt werden könnte, und sie beteiligen sich niemals an irgendwelchen
Sabotagehandlungen. Sie folgen den Lehren der Heiligen Schrift, deren Drucklegung und
Verbreitung in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken die Regierung der UdSSR vor
kurzem genehmigt hat.
VORSCHLAG ZU EINER BESPRECHUNG
Es würde uns sehr freuen, die Angelegenheit durch Vertreter unserer leitenden Körperschaft, der
Watch Tower Bible and Tract Society, mit Ihnen weiter besprechen zu können, sei es nun durch
Ihren ersten Vertreter in den Vereinigten Staaten von Amerika oder direkt mit Ihrer Regierung in
Moskau.
Einstimmig angenommen durch die Bezirksversammlung in Kemi, wie bestätigt durch Väino
Pallari, Pressebeamter am 30. Juni 1956 in Kemi, Lappland (Finnland)."
Im Grunde genommen bringt die Petition nichts Neues. Das Schreiben enthält die gleichen
Forderungen und unehrlichen Beteuerungen, wie sie schon bei anderen Gelegenheiten gemacht
wurden. Die gesamte politische WTG-Praxis straft auch diese Petition Lügen. Wie wenig die
ganze Aktion ernst und ehrlich gemeint war, zeigte nicht nur die maßlose antikommunistische
Hetze der WTG in den Jahren zuvor. Skrupellos ließ man auch 1956/57 die antikommunistische
psychologische Kriegführung gegen Sozialismus und Kommunismus in der WTG-Verkündigung
mit unverminderter Heftigkeit weiterlaufen.
Den Abschluss der Petitionsaktion bildete ein Schreiben des WTG-Direktoriums in Brooklyn,
New York, an den damaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin vom 1. März 1957.
Das Schreiben enthielt die gleichen unehrlichen Beteuerungen über eine angeblich völlige
politische Unschuld der WTG-Anhänger.
Zitat:
"15. April 1957 Der WACHTTURM
am 1. März 1957 folgende gemeinsame Petition an die Kommunistenführer
An den Herrn Ministerpräsidenten
Nikolai A. Bulganin
Vorsitzender des Ministerrates der Sowjetunion
Moskau, UdSSR
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Hiermit wendet sich die leitende Körperschaft der in der ganzen Welt wirkenden Gruppe von
Christen, Jehovas Zeugen genannt, an Sie.
Unter der Leitung der Watch Tower Bible and Tract Society von Pennsylvanien, einer
fortwährend zunehmenden Organisation christlicher Prediger, unterrichten Jehovas Zeugen in
162 Ländern, Republiken und Kolonien auf der ganzen Erde die Menschen über das Wort des
allmächtigen Gottes, Jehovas, des Schöpfers des Universums. Sie sind wahre Christen, die sich
in ihrer echten Anbetung Gottes, Jehovas, von den in der Heiligen Schrift niedergelegten
gerechten Maßstäben und Grundsätzen leiten lassen.
Innerhalb der Grenzen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken befinden sich Tausende
dieser Zeugen Jehovas. Sie bemühen sich treulich, dem höchsten Gott, Jehova, unter
prüfungsvollen Umständen zu dienen. Viele von ihnen wurden verhaftet und ins Gefängnis
gesteckt. Andere sind von ihren Wohnstätten weit weg in die Verbannung nach Sibirien
geschickt worden. Dies geschah nicht etwa, weil sie irgendein Verbrechen begangen oder sich in
irgendeiner Weise politisch betätigt hätten. Jehovas Zeugen sind die friedlichste, gesetzestreueste
Gruppe Menschen auf Erden. Sie sind einzig und allein deshalb bestraft worden, weil sie Gott
hingegebene Christen sind, die sich aufrichtig bemühen, den Anforderungen Jesu Christi
nachzukommen. Sie trachten allerdings in erster Linie nach dem Königreich Gottes und seiner
Gerechtigkeit, weil Christus, laut Matthäus 6: 33, alle Christen anwies, dies zu tun. Dabei
befolgen sie auch alle Gesetze des Landes, in dem sie leben, ausgenommen, es werde ein Gesetz
erlassen, das im Widerspruch mit dem höchsten Gesetz des Schöpfers steht. Sie sind
gewissenhaft und achten sorgfältig darauf, "Cäsars Dinge dem Cäsar zurückzuzahlen, Gottes
Dinge aber Gott". - Matthäus 22:21 NW.
Als leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt sind wir ermächtigt, Ihnen
hiermit eine gemeinsame Petition bezüglich der Probleme der Zeugen Jehovas in der
Sowjetunion zu unterbreiten.
Unterbreitet von den Direktionsmitgliedern:
WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA
N. H. Knorr, Präsident
F. W. Franz, Vizepräsident
Grant Suiter, Sekretär-Kassier
H. H. Riemer, stellvertretender Sekretär-Kassier
T. J. Sullivan, Direktionsmitglied
L. A. Swingle, Direktionsmitglied
M. G. Henschel, Direktionsmitglied"
Während die WTG-Führung hier also beteuert, ihre Anhänger, die Zeugen Jehovas, würden
völlig unschuldig bestraft, sie hätten sich nie in irgendeiner Weise politisch betätigt, sie wären
vielmehr politisch völlig neutral, nehme man die folgenden Auszüge aus der WTG- Politik zur
Kenntnis, die man zur gleichen Zeit betrieb, als man mit jenen Unschuldsbeteuerungen an die
Sowjetregierung herantrat. In der gleichen »Wachtturm«-Ausgabe vom 15. April 1957, die die
Petition veröffentlichte, höhnte die WTG über die Sowjetunion:
Zitat:
"STREIFLICHTER AUS DEM ROTEN PARADIES
Der WACHTTURM
15. April 1957 Nr. 8
Halbmonatlich
Wenn alle Menschen wieder einen Gott anbeten
Geistiger Hunger in der Christenheit
Streiflichter aus dem roten Paradies
An die Kommunistenführer eingereichte Petition"
In der parallel laufenden »Erwachet«-Ausgabe vom 22. April 1957 proklamierte die WTG dazu
offen die Vernichtung der Sowjetunion und des Kommunismus, wie die beigefügte Karikatur des
zertrümmerten Staatssymbols der Sowjetunion veranschaulicht.
Zitat:
"GOTTES WORT TRIUMPHIERT ÜBER DEN KOMMUNISMUS
Wahre Christen werden von kommunistischen Führern misshandelt, aber ihr Glaube an Gottes
Wort hält sie aufrecht. Lesen Sie den ergreifenden Bericht "Streiflichter aus dem Roten Paradies"
in der Zeitschrift Der Wachtturm vom 15. April 1957. Er wird Ihren Glauben an die Bibel
stärken. Senden Sie den nachstehenden Abschnitt ein. Wenn Sie diese Zeitschrift gelesen haben,
wünschen Sie bestimmt auch einen Anteil an der Verbreitung der 10 000 000 Exemplare zu
haben, die von dieser Ausgabe gedruckt worden sind. Bestellen Sie außerdem einige Exemplare
der vorliegenden Ausgabe von Erwachet! Bestellen Sie noch heute.
Geben Sie diese aufrüttelnde Botschaft auch an Ihre Freunde weiter
30 Exemplare von Der Wachtturm oder Erwachet!
oder ja 15 Exemplare von beiden für 4 DM (Schweiz 5 Fr.)
WACHTTURM-GESELLSCHAFT (16) WIESBADEN-DOTZHEIM AM KOHLHECK"
Ebenfalls 1957 erschien der religiös-politische Leitfaden für die WTG-Verkündigung
»Vergewissert euch über alle Dinge« in deutsch, worin gegen die sozialistische bzw.
kommunistische Staats- und Gesellschaftsordnung vorgegangen wurde.
Zitat:
"VERGEWISSERT EUCH ÜBER ALLE DINGE"
Der Kommunismus wird untergehen, weil er Jehovas Zeugen bekämpft
Röm. 13: 2, 3 "Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die
aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen."
Kommunismus
Definition
Eine Theorie oder ein System sozialer Organisation, das sich auf den Gedanken stützt, dass aller
Besitz Gemeinbesitz sei, indem das tatsächliche Eigentumsrecht dem Gemeinwesen als Ganzem
zugeschrieben wird. In der Praxis ist es heute ein System, in welchem alle wirtschaftliche,
religiöse und politische Tätigkeit von einem totalitären Staate gelenkt oder geleitet wird, welcher
von einer einzigen politischen Partei beherrscht wird, die sich selbst an der Macht erhält. Der
Staat als der Höhere neigt dazu, seine Untertanen als Untergeordnete vom Staat vollständig
abhängig zu machen. Obwohl Gottlosigkeit vorgegeben wird, werden in gewissen Fällen
Religionen zugelassen, damit sie dem Staate unterwürfig dienen. Der Kommunismus selbst ist zu
einer falschen Religion geworden, die in der ganzen Welt gepredigt wird, und dies, weil er sich
Befugnisse anmaßt, die Gott gehören und dadurch das Volk veranlasst, zum Staate zur Rettung
aufzublicken und ihn zu verehren statt Gott.
"Vergewissert euch über alle Dinge"
Veröffentlicht in Englisch 1953
Veröffentlicht in Deutsch 1957
von der
WATCHTOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY
OF NEW YORK, NC.
International Bible STUDENTS Association
Brooklyn, New York, U. S. A."
Diese politische Hetze stand zudem noch im Zeichen der erst 1962/63 von der WTG selbst
verworfenen Obrigkeitslehre, die Regierungen seien unrechtmäßig. Nicht im geringsten kann
daher von Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt der WTG und ihrer Anhänger, »Cäsars Dinge dem
Cäsar zurückzuzahlen«, die Rede sein, wie zum Schluss der Eingabe an die Sowjetregierung
behauptet wird. Besagte doch diese Lehre, auch die Sowjetregierung sei keine rechtmäßige
Obrigkeit für Christen. Es war also nicht Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, sondern krasse
Provokation und sinnlose Spannung, die zu der feindseligen politischen WTG-Propaganda
hinzukam.
Gegründet auf eine unwahre Darstellung des politischen Tatbestandes und auf den Vorsatz, im
Kampf gegen Sozialismus und Kommunismus unbedingt fortzufahren, musste der Versuch, in
den sozialistischen Ländern wieder Legalität zu erlangen, folgerichtig scheitern. Es war ein
unehrliches, ja heuchlerisches Unternehmen.
Zeugen Jehovas als »politische Flüchtlinge«
Die religiös-politische Zielsetzung der WTG erfordert, dass möglichst viele Zeugen Jehovas in
den sozialistischen Ländern und vor allem in der DDR wirken, ungeachtet der
nervenaufreibenden Bedingungen der Illegalität. Darum war und ist die WTG gar nicht so sehr
daran interessiert, in akute Gefahr geratene Untergrundmitarbeiter sogleich nach dem Westen in
Sicherheit zu bringen. Die WTG-Anhänger sind in erster Linie dazu da, die »theokratischen«
Weisungen, d. h. die Befehle ihrer Organisation auszuführen und dafür unter Umständen zu
leiden, nicht aber den Leiden aus dem Wege zu gehen. In der Praxis betrifft das jedoch zumeist
nur die einfachen Anhänger. Anders ist es mit solchen Funktionären, die für die WTG von
Wichtigkeit sind. Bei allen Mitarbeitern, die Schlüsselpositionen in der Untergrundorganisation
in der DDR innehatten oder sonstwie in wichtigen Diensten standen und mit deren Festnahme zu
rechnen war, wurde eine Flucht nach Westberlin oder Westdeutschland unterstützt.
Die WTG-Büros in Westberlin und Wiesbaden hatten zu diesem Zweck auf Grund bestimmter
Abkommen mit der Politischen Polizei in Westberlin und Westdeutschland die Befugnis
erhalten, eigenverantwortlich Bescheinigungen auszustellen, die den aus der DDR geflüchteten
WTG-Mitarbeitern bestätigten, dass sie »politische Flüchtlinge« seien und auf Grund dessen sie
alle materiellen Vergünstigungen zu erhalten hätten, die die Bundesrepublik aus politischen
Erwägungen heraus gewährte. Mit der Einräumung des Rechtes, solche Bescheinigungen zur
Anerkennung als »politischer Flüchtling« auszustellen, wird von staatlicher Seite - in diesem
Falle von den westdeutschen Behörden - bestätigt, dass die WTG und ihre Anhänger eindeutig
auch politisch tätig sind, und zwar im Sinne einer DDR-feindlichen Politik. Zugleich erweist sich
damit aufs Neue die Unwahrhaftigkeit jener »Entschließung« auf dem Westberliner
Waldbühnenkongress vom 30. Juli 1949, das Verhältnis der WTG-Anhänger zur DDR
betreffend, »Jehovas Zeugen … verharren in der durch Gottes Gesetz festgelegten Neutralität
allen politischen und weltanschaulichen Streitigkeiten dieser Weit gegenüber«. Die Zuerkennung
des Prädikats »politische Flüchtlinge« an die aus dem WTG-Untergrund in der DDR nach dem
Westen Geflüchteten durch die westdeutschen Behörden bestätigt es damit sozusagen von Amts
wegen, was die gesamte bisherige Geschichte der WTG laufend beweist, nämlich, dass alle
Neutralitätsbeteuerungen der WTG unehrlich und unwahr sind.
Manchem geflüchteten Untergrundmitarbeiter mag die politische Bedeutung seiner
Handlungsweise erst nach und nach in vollem Umfange zum Bewusstsein gekommen sein und
gar mancher wurde durch die materiellen Vergünstigungen geblendet, die er nach
»Bundesnotaufnahrneverfahren« und Anerkennung als politischer Flüchtling« erhielt. Wie die
persönliche Auffassung der Sachlage seitens der WTG-Anhänger auch immer sein mag - die
ganze Angelegenheit zeigt eindeutig, dass die WTG-Untergrundorganisation in der DDR von
den militaristischen und imperialistischen Kreisen des Westens in ihrer politischen Bedeutung
anerkannt und begünstigt wird und somit eine wichtige Rolle in der psychologischen
Kriegführung auf religiösem Gebiet gegen die DDR spielt.
Die Zuerkennung des Prädikats »Politische Flüchtlinge« für Zeugen Jehovas aus der DDR
erfolgte auf Grund des hier wiedergegebenen und vom Ostbüro der WTG in Westberlin
ausgestellten Fragebogens:
Zitat:
"Watch Tower Bible and Tract Society
of Pennsylvania
Berlin-Charlottenburg 9
Bayernallee 49/50
Berlin, den …
Ich habe mich entschlossen, als Flüchtling aus der Sowjetzone Deutschlands nach Westberlin
bzw. Westdeutschland zu gehen. Ich bin am … in meiner Heimatversammlung abgereist und am
… in Berlin eingetroffen. Hierüber mache ich folgende Angaben: (Bitte alle Namen und
Anschriften in Blockschrift schreiben. Nichtzutreffendes bitte durchstreichen.)
Mein voller Name lautet … (Vor- und Zuname, Frauen auch Geburtsname)
geboren am … in … Familienstand … Beruf …
Meine letzte Anschrift in Ostdeutschland lautete: …
Versammlung … getauft am … Dienstamt …
Vor meiner Abreise habe ich mit … Rücksprache genommen und ihn über mein Vorhaben
informiert und alle von mir verwalteten Versammlungsangelegenheiten übergeben.
Zu meinem Haushalt gehören:
Ehefrau/Ehemann … getauft am …
Kinder oder sonstige Angehörige (Name, Alter, ggf. Taufdatum) …
Sie befinden sich bei mir in Berlin Ja/Nein
Falls noch in der Zone verblieben, warum? …
Ich selbst befand mich vom: … bis … in Haft
Höhe der Strafe bei der Verurteilung …
Folgende Angehörige befinden sich noch in Haft: …
Der Anlass zu meinem Entschluss ist folgender: …
Ich habe - bereits - noch nicht - bei den Bundesnotaufnahme-Behörden meinen Antrag auf
Anerkennung als Flüchtling eingereicht.
Erkundigung über mich könnt ihr bei folgenden Brüdern in Ostdeutschland einziehen: (voller
Name) … (Anschrift …
Nachdem Ihr über meinen Fall jene notwendigen Auskünfte erhaltet, bitte ich Euch, mir eine
Bescheinigung für das Bundesnotaufnahmeverfahren auszustellen, in der bestätigt wird, dass ich
bis zu meiner Abreise mit der Organisation von Jehovas Zeugen im aktiven Sinne verbunden
war. … (Unterschrift)
Meine vorläufige Adresse in Berlin lautet: ...."
Die Anerkennung der aus der DDR geflohenen Zeugen Jehovas als »politische Flüchtlinge« war
die eine Seite. Die andere war, dass solche Personen außerdem durch, sogenannte
Sichtungsstellen, d. h. durch die Dienststellen der westlichen Geheimdienste gingen, die mittels
Befragung der Flüchtlinge Spionagematerial über die DDR sammelten. Diese Tatsache erweckte
natürlich Unruhe unter den Geflohenen, und es kam zu einer Befragung des amerikanischen
Beraters im WTG-Ostbüro, des persönlichen Sonderbeauftragten von Präsident Knorr, L. Turner,
was eigentlich das Ostbüro mit dem amerikanischen Geheimdienst CIC zu tun habe. Turner
antwortete, natürlich sei es der Fall, dass jeder aus der »Ostzone« geflüchtete WTG-Anhänger
sich beim CIC vorstellen müsse. Doch stehe es jedem frei, die gestellten Fragen zu beantworten.
Von Seiten des Ostbüros gebe es hierzu keinerlei Bedenken. Selbstverständlich könne das
Ostbüro keine Verantwortung für die gemachten Aussagen übernehmen. Man müsse verstehen,
dass das jedem einzelnen selbst überlassen bleibe.
So wurden die Zeugen Jehovas, ob sie es begriffen oder nicht, auch auf diese Weise neben der
Verbreitung ihrer verleumderischen politischen Propaganda im Rahmen der psychologischen
Kriegführung zur Schädigung der DDR ausgenutzt. Mögen viele einfache Zeugen Jehovas diese
Zusammenhänge nicht erkannt haben, die WTG-Führung wusste von Anfang an um die
politische Bedeutung ihrer Tätigkeit, wie das Eingeständnis von Zweigdiener Erich Frost, die
Zeugen Jehovas bildeten eine »Kampforganisation gegen den Staat«, beweist.

Welche Rolle ist den Zeugen Jehovas von der WTG als Staatsbürger
zugedacht?

Der europäische Kontinent hatte durch den Zweiten Weltkrieg große Verwüstungen erfahren.
Überall waren die Menschen darum bemüht, die Trümmer zu beseitigen und das wirtschaftliche
und gesellschaftliche Leben wieder in Gang zu bringen. Es galt dabei zugleich auch
Vorkehrungen zu treffen, dass speziell von Deutschland nie wieder ein Krieg ausgehen kann.
Auch die WTG-Anhänger gehörten in verhältnismäßig großer Anzahl zu denen, die durch die
faschistische Kriegspolitik viel erleiden mussten. Hunderttausende packten nach dem Kriege
freiwillig zu, um alle Kriegswunden nach bestem Vermögen zu heilen. Hier durfte kein
anständiger Mensch abseits stehen - auch ein Zeuge Jehovas nicht.
Die Notwendigkeit des wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Wiederaufbaus im
zerstörten Nachkriegseuropa ist jedoch nur ein, wenn auch entscheidendes Beispiel. Überall steht
um des physischen Daseins willen seit eh und je die Aufgabe vor den Menschen, ihre
wirtschaftliche, soziale und damit politische Existenz gemeinsam zu gewährleisten. Das ist völlig
unabhängig von jeder religiösen Auffassung, weil es naturbedingt ist, dass die Menschen vor
allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Religion treiben
können. Die WTG hat diese einfache Tatsache allerdings mit ihren zahlreichen haltlosen
ideologischen Überwucherungen und Theorien überdeckt, so dass es die Anhänger schwer
haben, zu einer echten existentiellen Besinnung zu kommen.
Was lehrt denn die WTG angesichts dieser unaufgebbaren sozialpolitischen Aufgaben aller
Menschen, Christen wie Nichtchristen? Die grundsätzliche Lehre für ihre Anhänger, wie für alle
anderen Menschen besagt laut »Wachtturm« vom 15. September 1963:
Zitat:
"15. September 1963 Der WACHTTURM
Wer seine Kräfte darauf konzentriert, in einer Welt, die Gott wegen ihrer Bosheit vernichten
wird, etwas aufzubauen, wird bitter enttäuscht werden. Wieviel besser, wieviel lohnender, ja
wieviel ermutigender ist es, doch, sein Leben dem Dienste Gottes zu widmen, wenn möglich als
Vollzeit-Pionierprediger!"
Besonders wendet sich die WTG in diesem Zusammenhang gegen die Wahrnehmung der
allgemeinen sozialpolitischen Pflichten des Menschen aus christlicher Verantwortung, dabei mit
»Harmagedon« drohend (»Der Wachtturm«, 1. November 1960):
Zitat:
1. November 1960 Der WACHTTURM
Wer sich an den Weltverbesserungsprogrammen dieser Welt beteiligt, also das "soziale
Evangelium" statt der guten Botschaft vom Königreich predigt, zieht sich die Feindschaft Gottes
zu. Sich das "soziale Evangelium" statt der in der Bibel beschriebenen reinen Anbetung als
Religion zu wählen führt zu Nichtigkeit und Verderben. Bald wird nun Gott in Harmagedon 'die
verderben, welche die Erde verderbe' Das "soziale Evangelium" kann weder Gottes Beschluss
umstürzen noch in Harmagedon Leben retten. Off. 11:18."
In dem von der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft herausgegebenen Buch "Neue
Himmel und eine neue Erde" heißt es dabei auf Seite 326:
Zitat:
"Auf Erden ist heute die Neue-Welt-Gesellschaft die einzige Bewegung, die wahre Aufbauarbeit
tut. Alle anderen die ein Teil dieser Welt sind und an ihren Plänen, Programmen und Werken
teilhaben, werden ihr Schicksal mit jenen teilen, die die Erde verderben. Sie betreiben eine
Tätigkeit, die mit Gottes aufgerichtetem Königreich außer Harmonie ist und durch die sie sich
Ruin und Verderben zuziehen am Tage des Zornes Gottes in Harmagedon.'"
"Der Wachtturm« vom 15. März 1962 hebt die antikommunistische Hauptangriffsrichtung der
WTG noch einmal hervor (mit dem »Überrest« wird die geistige Elite der WTG-Anhänger und
Führer bezeichnet ).
Zitat:
"15. März 1962 Der WACHTTURM
"Verstärkung
Bis dahin konzentriert sich der Überrest des geistigen Israel (oder Jakob) aber nicht nur auf den
Angriff auf die Bollwerke des Totalitarismus, der die reine Anbetung Jehovas auf Erden mit
allen Mitteln auszurotten versucht. Er führt auch das ihm von Gott aufgetragene Aufbauwerk
durch, das das bedeutendste Werk ist, das heute auf Erden getan wird."
Das besonders Verwerfliche an diesen Lehrsätzen ist, dass die WTG damit ihre Anhänger unter
Anwendung religiöser Drohungen, also religiösen Gewissenszwanges, in eine Situation
hineinbringt, die sie faktisch zu Außenseitern der Gesellschaft werden lässt; denn eine
grundsätzliche Verneinung politischer Verantwortung ist Nihilismus.
Wie das die WTG im konkreten Fall meint, geht aus folgender Stellungnahme zur Politik hervor
("Der Wachtturm", 1. Januar 1957):
Zitat:
"Der WACHTTURM
1. Januar 1957
WIE WAHRE CHRISTEN DIE POLITIK ANSEHEN
Laut der Bibel geht die Antwort dahin, dass wahre Christen weder die Demokratie, den
Sozialismus, Kommunismus noch irgendeine andere menschliche Regierungsform als Heilmittel
für die Weltbedrängnisse befürworten oder predigen. Was Christen predigen, ist eine himmlische
Herrschaft, das Königreich Gottes, und dieses Reich ist kein Teil dieser Welt.
Die Urchristen waren sorgsam darauf bedacht, sich nicht in Politik einzumischen. Sie wussten,
dass Gottes Königreich dazu bestimmt ist, alle politischen Herrschaften zu vernichten, und dass
jene, die Politik treiben, Feinde Gottes sind und dadurch zur Vernichtung in Betracht kommen.
Ungeachtet wie viele Stimmen für die Herrscher dieses bösen Systems der Dinge abgegeben
werden, ist es zum Untergang verurteilt. Kein noch so großer politischer Feldzug, keine Zahl der
Namenschristen, die sich mit Politik befassen, und keine der vielen Gebete für diese Welt, die
Geistliche oder Politiker sprechen mögen, wird sie vor der sicheren Vernichtung bewahren.
Heute halten sich die christlichen Zeugen Jehovas, so wie die Zeugen Jehovas in den frühen
Tagen des Christentums, von der Welt unbefleckt. Aus Gewissensgründen stehen sie davon ab,
an der Politik dieser Welt teilzunehmen, ja selbst an Wahlen. Sie wissen, dass die politische
Beteiligung nicht nur zu nichts führen würde, sondern ihnen sogar Gottes Missbilligung
eintrüge."
Das heißt also: Fernhalten von jeglicher Politik! Keine rnenschliche Ordnung ist zu befürworten.
Wer zur Wahl geht bzw. sich an Wahlen beteiligt, macht sich zum Feinde Gottes. Wer ein
öffentliches Amt bekleidet, zieht sich Gottes Missbilligung zu. Wer versucht die
Lebensverhältnisse zu verbessern muss damit rechnen, dass er von Jehova vernichtet wird.
Natürlich ist das in Wirklichkeit alles reichlich inkonsequent, wenn man an die Politik denkt, die
die WTG-Führung faktisch betreibt und die darauf hinausläuft, revolutionäre Denk- und
Handlungsweise in ihrem Einflussbereich zu ersticken.
Es fällt auf, dass die WTG hierbei in der Hauptsache mit den Urchristen und dem "Königreich
Gottes" argumentiert. Bevor darauf näher eingegangen wird, soll jedoch angesichts der von der
WTG gestifteten politischen Verwirrung die Frage beantwortet werden, was denn Politik
eigentlich ist. Die WTG gibt sich vor ihren Anhängern den Anschein, als ob der Mensch oder
Christ ohne Politik existieren könnte und müsste.
Der Begriff »Politik« leitet sich her von dem griechischen Wort »polis«, die Bezeichnung für die
Stadt im alten Griechenland. Politik war damit die Kunst, das Bezeichnung für gemeinsame
Leben der Stadtbewohner, das sich aus den natürlichen materiellen und geistigen Bedürfnissen
zwangsläufig ergab, zu ordnen und zu regeln, also eine ganz natürliche Sache, an der jeder
Mensch interessiert ist, geht es doch um die notwendige Einordnung seiner persönlichen
Angelegenheiten. Er müsste aufhören zu essen, zu trinken, zu wohnen und zu arbeiten, ja zu
atmen, wollte er Politik vermeiden oder aus seinem Leben verbannen. So macht oder verursacht
jeder Mensch zwangsläufig Politik, ob er will oder nicht, sogar ein unnormaler, weil seine
Angelegenheiten trotzdem mitgeregelt und mitgeordnet werden müssen. Von der »polis«, der
Stadt, übertrug sich das zwangsläufig auf jede größere Gemeinschaft, die die Arbeitsteilung unter
den Menschen im Laufe der Zeit mit sich brachte, so dass man heute Politik im nationalen und
im internationalen Maßstab betreiben muss. Natürlich wird die Politik damit komplizierter und
weitreichender, aber am Sinn der Sache ändert sich nichts. Sie bleibt der natürlichste Ausdruck
individueller und gemeinschaftlicher menschlicher Existenz. Der Gegenstand der Politik
veranschaulicht das. So muss man Regelungen schaffen und Ordnung halten - also Politik treiben
- in Familienfragen, in Schulfragen, in Finanzfragen, in Wirtschaftsfragen, in Rechtsfragen, in
Kirchenfragen, im Arbeitsleben usw. Wie sollte sonst das Leben in einem Dorf, in einer Stadt
oder in einem Land möglich sein?
Im Grunde genommen sind das alles Binsenwahrheiten und einfachste Tatsachen, die
natürlicherweise jedem Menschen einleuchten und ihn seine politische Mitverantwortung im
gesellschaftlichen Leben erkennen lassen. Es muss allerdings eingeräumt werden, dass im Laufe
der Zeit auch viel falsche, schädliche und verbrecherische Politik getrieben worden ist. Doch nur,
wer dadurch die Übersicht verloren hat, verwirrt wurde oder scheiterte, kann nun das Kind mit
dem Bade ausschütten und alle Politik verwerfen, aber trotzdem weiter, essen, trinken, wohnen,
arbeiten und atmen wollen. Denn das Leben geht weiter. Man muss dann eben die Dinge richtig
regeln und ordnen, also richtige Politik treiben. Aber hier hakt die WTG mit weiterer Verwirrung
und falscher, ja verbrecherischer Politik ein, wie ihre politische Geschichte beweist. Darum gilt
es, die Politik der WTG zu durchschauen, um die eigene, natürlich bedingte politische
Mitverantwortung zu erkennen.
Zur Argumentation der WTG, auch die Urchristen hätten sich nicht mit Politik befasst, muss
festgestellt werden, dass die WTG hier ebenfalls die Unwahrheit verbreitet. Die Evangelien der
Bibel sagen etwas ganz anderes bezüglich der Stellung der Christen zu Staat und politischer
Verantwortung.
Auch zur Zeit des Urchristentums trugen Christen politische Mitverantwortung im Staate. So war
z. B. der Hofbeamte, politische Würdenträger und Schatzmeister der äthiopischen Königin ein
getaufter Christ. Der von Apostel Petrus getaufte Hauptmann Cornelius war zugleich
Kommandeur einer römischen Militärabteilung in Cäsarea. Auch der römische Statthalter
Sergius Paulus war Christ, desgleichen der Stadtkämmerer oder Kommunalpolitiker Erastus.
(Apostelgeschichte 8: 26-39, 10: 1-48, 13: 4-12, Römer 16:23) So haben sich die Urchristen also
sehr wohl mit Politik befasst und politische und militärische Ämter bekleidet, denn in der Bibel
ist das »Königreich Gottes« oder »Königreich der Himmel« nicht in Gegensatz zur irdischen
Staatsordnung gesetzt, so dass Christen Feinde des Staates und Feinde politischer Verantwortung
sein müssten. Auch Cornelius, Sergius Paulus und Erastus waren, ungeachtet ihrer politischen
Funktionen nach dem Evangelium »Bürger« des »Königreichs der Himmel«. (Philipper 3:20) Sie
waren laut Bibel mit ihrem »himmlischen Bürgertum« nicht im Widerspruch zu ihrer
staatsbürgerlichen Verantwortung.
Auch WTG-Präsident Russell ließ diese christlichen Grundsätze gelten. So konnten die Zeugen
Jehovas oder Bibelforscher zu seiner Zeit sich sowohl an Wahlen beteiligen als auch
Militärdienst leisten. (Schriftstudien Band 6, Die Neue Schöpfung, WTG 1904, Magdeburg
1926, S. 590, 591) Die Feindschaft gegenüber politischer Mitverantwortung der Zeugen Jehovas
im gesellschaftlichen Leben kam erst durch die Irrlehren des WTG-Präsidenten Rutherford
hinsichtlich der Obrigkeiten sowie durch die Lehre auf, seit der angeblichen Wiederkunft Christi
1914 »im Himmel« - womit das »Königreich der Himmel« aufgerichtet sei - sei keine politische
Ordnung oder Regierung mehr rechtmäßig vor Gott in Amt und Funktion. Damit setzt sich die
WTG jedoch über den biblischen Grundsatz hinweg, nicht über das Urchristentum
hinauszugehen. (1. Korinther 4:6) Es gehörte - wie bereits dargelegt wurde - zu Rutherfords
politischer Aufgabe, die Bibel so auszulegen, dass der christliche Bürger weitestgehend politisch
unmündig wird oder bleibt um zu helfen, die revolutionären demokratischen Entwicklungen seit
dem Ersten Weltkrieg »einzudämmen« (Warburg).
Der Hauptangriff der verantwortungslosen staatsbürgerlichen WTG-Propaganda richtet sich
schließlich entsprechend der Rolle der WTG in der imperialistischen psychologischen
Kriegführung unter den Christen gegen die politische Mitverantwortung des Christen als
Staatsbürger in der DDR und den anderen sozialistischen Ländern. So wird den Propagandisten
oder Verkündigern der WTG z. B. beigebracht, der Kommunismus tarne sich nur als ein soziales
und politisches System, er sei aber in Wirklichkeit eine zu bekämpfende falsche Religion. (»Der
Wachtturm«, 1. Oktober 1960):
Zitat:
"Der Kommunismus - eine falsche Religion
Der WACHTTURM
1. Oktober 1960
eine Hierarchie von Priestern und Funktionären, die mit den zeremoniellen Riten und
Protokollen betraut sind, eine Reihe von Mysterien und Einweihungsriten - all das und noch
mehr vervollständigt das Bild unverkennbar und lässt das, was als ein soziales und politisches
System getarnt wird, in Wirklichkeit als eine mit allen Einzelheiten ausgestattete Bona-fide-
Religion erkennen. Wenn wir diesen wahren Charakter des Kommunismus kennenlernen und
Punkt für Punkt seine Übereinstimmung
VERLAG UND DRUCK: WACHTTURM BIBEL- UND TRAKTAT-GESELLSCHAFT
Deutscher Zweig e. V., Wiesbaden
Verantwortliche Redaktion: Erich Frost, Wiesbaden
"Sie werden alle von Jehova gelehrt sein." - Johannes 6:45, NW; Jesaja 54:13"
So wird von vornherein bei den angesprochenen Menschen unter Missbrauch religiöser
Bindungen jede gesellschaftliche Mitverantwortung in der sozialistischen und kommunistischen
Gesellschaftsordnung zu verhindern versucht. Wo sie vorhanden ist, wirkt die WTGVerkündigung
auf deren Zerstörung hin.
Eine andere Methode ist die Entstellung der Zielsetzung der revolutionären sozialen
Veränderungen, so dass sich jedermann angewidert und voll Furcht von ihnen fernhält ( z. B. der
Auszug aus dem »Wachtturm« vom 15. Januar 1964).
Zitat:
"15. Januar 1964 Der WACHTTURM
Radikale Gruppen sind entstanden, die mit den Verhältnissen auf Erden, wie sie in den
vergangenen Jahrtausenden unter den traditionellen, von der Religion beeinflussten politischen
Regierungen geherrscht haben, unzufrieden waren. Diese brandeten an die scheinbar sicheren
Regierungen wie wilde Meereswogen an felsige Küsten oder Landzungen. Seit dem Jahre 1914
n. Chr. haben sie gewaltige Revolutionen, große politische Umstürze herbeigeführt, und jetzt
drohen sie, die Weltherrschaft zu erringen. Sie integrieren erfolgreich, um die Weltverhältnisse
in einem wirren, unsicheren, besorgniserregenden Zustand zu erhalten, aber Leben können sie
den Menschen nicht geben. Es ist eine politische Bewegung des Todes, so leblos wie das Blut
eines Toten, das ausgeflossen und geronnen ist. Jeder, der von dieser politischen Bewegung
mitgerissen wird, stirbt. - Offb. 16: 3 NW."
Ein Höhepunkt der politisch verantwortungslosen WTG-Verkündigung im Jahre 1965 war eine
Rechtfertigung und Verteidigung des verbrecherischen Krieges der USA gegen das
vietnamesische Volk. Unter der Oberschrift »Vietnam, ein gefährliches Pulverfass« nahm die
WTG in »Erwachet« vom 22. September 1965 in ihrer bewährten »neutralen« Art zu den
Gründen der USA-Intervention Stellung: »Jetzt gehört zu den Verbindlichkeiten der Amerikaner
ein ständig wachsender Anteil an dem Krieg gegen die Rebellen, die von den Südvietnamesen
missbilligend als Vietcong bezeichnet werden …
Die Furcht davor, dass sich der Kommunismus über Asien ausbreiten wird, ist der Hauptgrund,
aus dem sich die Vereinigten Staaten so weit in den Vietnamkonflikt eingelassen haben …
Eine wirkliche Bedrohung ist die Ausbreitung des Kommunismus in Ländern, die unbeliebte,
korrupte Regierungen haben und deren Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Das ist in Vietnam
ein Problem gewesen … Die Vereinigten Staaten sind entschlossen zu verhindern, dass
Südvietnam kommunistisch wird, und sie sind bereit, die dafür erforderlichen Truppen dorthin zu
schicken …
Das Vietnamproblem hat bestimmt zwei Seiten. Es ist gut, sie beide zu kennen. Ungeachtet,
welche Ansicht jemand in dieser Sache vertreten mag, bleibt die schreckliche Tatsache bestehen,
dass der Krieg in Vietnam wie eine Flamme an der Zündschnur eines Pulverfasses ist, dessen
Explosion die Welt vernichten könnte."«
Wo steht die WTG-Führung in diesem Krieg? Zwar ist sie militärisch unbeteiligt, aber politisch
hat sie eindeutig Partei ergriffen. Die Einheiten der nationalen Befreiungsbewegung
Südvietnams als »Rebellen« zu bezeichnen, das ist auch der Standpunkt der USA-Regierung. Die
WTG spricht weiter von einer »wirklichen Bedrohung« durch die »Ausbreitung des
Kommunismus«. Damit steht sie ebenfalls mit der USA-Regierung auf dem gleichen
Standpunkt. Schließlich wären es doch die USA-Truppen in Südvietnam, die es der WTG durch
einen militärischen Sieg ermöglichen würden, dort weiter ihre antikommunistische
Verkündigung zu betreiben. Die WTG-Anhänger in Südvietnam müssten es demgemäß geradezu
als eine »Überwaltung« oder als »Befreiungsakt« Jehovas betrachten, dass die USA entschlossen
sind, ihre Truppen in Vietnam zu belassen. Kein Wort des Protestes findet die WTG-Führung
gegen diesen Mordfeldzug der USA, der in der modernen Geschichte ohne Beispiel ist, während
inzwischen die ganze humanistische Weltöffentlichkeit ihre Stimme erhoben hat, auch in den
USA, wo z. B. der Negergeistliche und Bürgerrechtskämpfer Dr. Martin Luther King, der am 4.
April 1968 in Memphis, USA, ermordet wurde, an der Spitze einer solchen Protestbewegung
stand. Die WTG aber führte ihre Anhänger politisch an die Seite der amerikanischen
Aggressoren, wie ihre Stellungnahme beweist. Bei ihrer schon 1879 proklamierten Politik, vor
der »Gefahr des Kommunismus« zu warnen, muss sie zwangsläufig auf die verbrecherischen,
den Volkswillen missachtenden Positionen der USA-Politik in Vietnam absinken.
Hier folgt ein entsprechender Auszug aus der Stellungnahme der WTG in »Erwachet« vom 22.
September 1965, zur illegalen Verbreitung in der DDR als Fotokopie vervielfältigt:
Zitat:
"VIETNAM ein gefährliches Pulverfass
22. September 1965 Nr. 18
Die Rolle der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten begannen sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die Probleme in
Vietnam zu interessieren, als die Franzosen versuchten, die kommunistischen Vietminh zu
bekämpfen. Durch die Franzosen leisteten sie den Südvietnamesen militärische und
wirtschaftliche Hilfe. Als dann die Franzosen abzogen, setzten die Vereinigten Staaten ihre Hilfe
fort und erweiterten ständig ihren Einfluss im Lande. Jetzt gehört zu den Verbindlichkeiten der
Amerikaner ein ständig wachsender Anteil an dem Krieg gegen die Rebellen, die von den
Südvietnamesen missbilligend als Vietcong bezeichnet werden.
Über diese Frage der Beliebtheit berichtet Drew Pearson in dem in Honolulu erscheinenden Star-
Bulletin vom 24. August 1965: "Als man Sergeant Eddie Anderson aus Kansas-City, der in
Vietnam verwundet wurde die Frage stellte, was dort die grundlegende Schwierigkeit sei,
antwortete er: "Ich denke, die Vietcong sind beim Volk des Landes beliebter als die unsrigen."
Das ist seit langem so ziemlich das offenste Urteil aus Südostasien, das abgegeben wurde.
Andere bruchstückartige Informationen zeigen an, dass es die Wahrheit ist.
Die Furcht davor, dass sich der Kommunismus über Asien ausbreiten wird, ist der Hauptgrund,
aus dem die Vereinigten Staaten so weit in den Vietnamkonflikt eingelassen haben.
Eine wirkliche Bedrohung ist die Ausbreitung des Kommunismus in Ländern, die unbeliebte,
korrupte Regierungen haben und deren Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Das ist in Vietnam
ein Problem gewesen. Die Zeitschrift U. S. News & World Report vom 11. Januar 1965
bemerkte, dass eines der Probleme in Asien die "Armut" ist, "eine Armut, die nirgendwo in der
Welt ihresgleichen hat, eine Armut, die so bedrückend ist, dass Statistiken über das
Familieneinkommen bedeutungslos sind … Wenn wir keinen Weg ausfindig machen, um den
Asiaten wirklich zu helfen, geraten wir in eine Schwierigkeit schlimmster Art. Wir werden
immer reicher und sie immer ärmer."
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen zu verhindern, dass Südvietnam kommunistisch wird,
und sie sind bereit, die dafür erforderlichen Truppen dorthin zu schicken.
Das Vietnamproblem hat bestimmt zwei Seiten. Es ist gut, sie beide zu kennen. Ungeachtet,
welche Ansicht jemand in dieser Sache vertreten mag, bleibt die schreckliche Tatsache bestehen,
dass der Krieg in Vietnam wie eine Flamme an der Zündschnur eines Pulverfasses ist, dessen
Explosion die Welt vernichten könnte."
ERWACHET!"
Insgesamt konzentriert sich die WTG-Politik der systematischen Untergrabung des Vertrauens
und der Mitarbeit im Rahmen der sozialistischen Gesellschaft in besonderer Weise nach wie vor
auf die DDR. In fanatischem Antikommunismus sucht die WTG in ihrem Einflussbereich unter
den Christen jede normale staatsbürgerliche Haltung und jede bewusste Mitarbeit beim Aufbau
der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu verhindern oder zu unterbinden, indem sie offen
propagiert, man solle die Vernichtung der DDR-Regierung abwarten. Man lese folgenden
Auszug aus dem »Wachtturm« vom 15. Februar 1 965, S. 110:
Zitat:
"WACHTTURM
15. Februar 1965 Nr. 4
Halbmonatlich
Wie David mögen aber auch sie jahrelang warten müssen. Die Zeugen Jehovas in
Ostdeutschland mussten zuerst auf das Ende der Naziherrschaft Hitlers warten, und jetzt müssen
sie das Ende der neuen totalitären Regierung abwarten, die die Naziregierung ablöste, das Ende
der kommunistischen Regierung, die von dem zur Zeit von Breschnew beherrschten
Sowjetrussland abhängig ist. Wie lange sie noch auf ihre Befreiung warten müssen, wissen wir
nicht, aber sie sind entschlossen, zu warten, bis Jehova sie befreit."
Der Hinweis auf das Ende des Nazisystems in diesem Zusammenhang zeigt, dass, die WTG auf
eine militärische Vernichtung der DDR hofft, ihre Hoffnung also auf den westdeutschen
Militarismus gerichtet ist und seine Unterstützung durch die USA. Es würde die WTG lediglich
eine neue Bibelauslegung kosten, eine »Befreiung der Ostzone« und ihrer illegalen Organisation
als »Überwaltung durch Jehova« oder ähnliches hinzustellen, wie das in der Vergangenheit
schon oft geschah.
Die Propaganda der WTG macht klar, dass diese Organisation zu den reaktionärsten religiösen
Gruppen gehört, die nach wie vor auf die Strategie der imperialistischen psychologischen
Kriegführung setzen, die sozialistische Entwicklung in Mitteleuropa eines Tages doch noch
»zurückrollen« zu können. Das ist der politische Inhalt der »staatsbürgerlichen« Erziehung, die
die WTG im Rahmen ihrer religiösen Verkündigung betreibt und die darauf hinausläuft, jeden
Widerstand gegen die imperialistische Politik in ihrem Einflussbereich zu untergraben.
Nach dem Willen der WTG-Führung und ihrer politischen Hintermänner in den herrschenden
Kreisen der USA, die sich darin einig scheinen, auf das »Ende der kommunistischen Regierung
Ostdeutschlands« oder auf »das sichere Ende der Zonenmachthaber« zu harren und hinzuwirken,
soll es bei der erklärten Rolle ihrer Anhängerschaft als Untergrundorganisation in der DDR und
den anderen sozialistischen Ländern bleiben, in Verbindung mit den sogenannten Endzeitlehren
»Bollwerke gegen den Kommunismus« zu errichten. Es ist dies ein politischer Missbrauch des
religiösen Glaubens, der als ein warnendes Beispiel unter den christlichen Kirchen und
Religionsgemeinschaften dasteht. Die WTG hat sich auf diese Weise zu ihrem eigenen
Verhängnis in die Front der Feinde des gesellschaftlichen Fortschritts eingereiht. Fährt sie fort,
der imperialistischen Ostpolitik willfährig zu sein, so wird es nichts anderes geben, als dass sie
samt ihrer religiös-politischen Endzeitillusionen eines Tages auf dem Müllhaufen der Geschichte
endet wie zahlreiche Bewegungen ähnlicher Art vor ihr - die geschichtliche Entwicklung ist
unaufhaltsam.

Rückschau

Wer die Vergangenheit nicht kennt kann die Gegenwart nicht begreifen und die Zukunft nicht
gestalten; das ist ein Erfahrungsgrundsatz für das ganze Leben und für alle Entscheidungen. Da
das Thema der vorliegenden Studie, die Rolle der WTG, in hohem Maße gesellschaftspolitischen
Charakter hat gilt dieser Grundsatz auch für die Entscheidungen, die im Falle der WTG getroffen
werden müssen. Nur wenn man ihre Vergangenheit kennt, ist es möglich, ihre gegenwärtige
Tätigkeit richtig einzuschätzen und zu beurteilen.
Um es zu erleichtern, aus den dargelegten Tatsachen und Zusammenhängen um die WTG die
richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, sollen zum Abschluss noch einmal die Schwerpunkte
der vorliegenden Untersuchung vor Augen geführt werden, gleichsam als Rückblick auf das
verantwortungslose religiöse und politische Werk der WTG, das nicht die geringste
Unterstützung eines aufrichtigen Christen verdient. Zunächst die wesentlichen, mehr oder
weniger religiösen Gesichtspunkte.
Die Endzeitaussagen der Bibel sind nicht im Hinblick auf Erfüllung in einer Generation der
heutigen Zeit geschrieben, sondem ausschließlich für die urchristliche Generation vor
neunzehnhundert Jahren. Jede Behauptung einer biblisch begründeten »Zeit des Endes« heute
muss sich darum früher oder später als Illusion erweisen. Die WTG-Geschichte ist ein Beweis
dafür. Die beiden bisherigen WTG-Berechnungen einer angeblichen Zeit des Endes heute - 1799
und 1914 - wurden demgemäß durch willkürliche Anwendung eines Tag-Jahr-Gleichnisses der
Bibel erstellt.
Die Nordköniggeschichte aus dem Buch Daniel der Bibel wurde von der WTG schon dreimal
haltlos ausgelegt neuerdings antikommunistisch, wobei man die erste Auslegung auf Napoleon
verschweigt um die Unglaubwürdigkeit zu vertuschen.
Eine angebliche Wiederkunft Christi wurde von der WTG schon zweimal errechnet 1874 und
1914, wobei wieder Bibelstellen zitiert werden, die mit derartigen Berechnungen nichts zu tun
haben.
Wider besseres Wissen hat die WTG sodann durch eine Falschauslegung der Bibellehren über
die Obrigkeiten das Verhalten der Zeugen Jehovas zu Staat und Regierungen jahrzehntelang auf
krasseste Weise sinnlos fanatisiert und vergiftet und unsinnige Leiden über viele gebracht einzig
und allein aus eigenen, Machtgelüsten, selbst Obrigkeit sein zu wollen.
Das sogenannte Fürsten-Zeichen der Zeit liegt bereits in der vierten Fassung vor und
veranschaulicht ebenfalls die völlige Unglaubwürdigkeit der WTG-Endzeitvorstellungen.
Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, wurde schon dreimal in völlig sich
widersprechender Weise endzeitlich gedeutet jedesmal angeblich unter Leitung Gottes. Damit ist
ersichtlich, dass auch dieses Bibelbuch keine Voraussage Gottes auf heutige gesellschaftliche
Verhältnisse enthält.
Über den Ausbruch des sogenannten Krieges von Harmagedon als Abschluss der angeblichen
heutigen Endzeit liegt schon die fünfte Bibelauslegung vor, jetzt auf 1975 orientiert. Hiermit
offenbart die WTG zugleich eine barbarische und unmenschliche Gesinnung der Intoleranz
Andersdenkenden Menschen gegenüber, was an die Inquisition des Mittelalters erinnert.
Trotz dieser Tatsachen versucht die WTG immer wieder aufs Neue, das religiöspolitische
Endzeitspiel fortzusetzen, das faktisch zu einem Hasardspiel geworden ist, womit schließlich nur
noch äußerst leichtgläubige Menschen zu täuschen sind.
Aber nicht nur die ausschlaggebenden Bibelauslegungen erwiesen sich als unhaltbar,
illusionistisch und verwerflich. Das gleiche gilt auch für das politische Treiben der WTG. Die
politischen Zusammenhänge enthüllten, dass das Endzeitspiel in erster Linie um politischer
Interessen willen weitergespielt wird, die sich auf die Beeinflussung religiöser
Bevölkerungskreise im Sinne der imperialistischen psychologischen Kriegführung richten. Dabei
spielt jedoch auch die Eigendynamik, des einmal errichteten Machtapparates der WTGOrganisation
keine unwesentliche Rolle.
Die Politik der WTG in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens war sehr nützlich gegen das
Aufbegehren hungernder und durch die kapitalistische Ausbeutung ruinierter Menschen. Sie war
hervorragend geeignet, revolutionäre Strömungen besonders unter Christen ersticken zu helfen
oder in ungefährliche Bahnen abzulenken, in tatenloses Hoffen und Harren auf die
WTGEndzeitillusionen.
Dann kam die große Zeit der WTG im Dienste des politischen Zionismus, jene Woge, die die
WTG international emporhob, rund vierzig Jahre lang für die behauptete Endzeit das angeblich
wichtigste »Zeichen der Zeit«. Man denke an die 206 Knochen und die Teilnahme des
WTGDirektors
A. H. Macmillan in Vertretung von WTG-Präsident Rutherford an der ersten
Dampferfahrt nach Palästina im Jahre 1925. In dieser Sache trat zutage, wie die WTG-Führung
von bestimmten Kreisen des amerikanischen Großkapitals gekauft worden war.
Der skrupellose Kampf des ehemaligen amerikanischen Staatsanwalts J. F. Rutherford um die
Macht in der WTG offenbarte die völlige Unglaubwürdigkeit ihrer Dogmen von der angeblich
göttlichen Leitung und Überwaltung der WTG-Organisation. Rutherford entpuppte sich als ein
Vertrauensmann der USA-Regierung, um die WTG im Ersten Weltkrieg vor dem
Zusammenbruch zu bewahren und künftig endgültig den Zielen der psychologischen
Kriegführung der USA dienstbar zu machen.
Die Enthüllungen über die Funkanlage im WTG-Hauptbüro in New York während des Ersten
Weltkrieges zeigten, dass die WTG auch in das Spionagesystem des imperialistischen
Großkapitals einbezogen worden ist.
Dann wurde die Zusammenarbeit der WTG mit dem USA-State Department (Außenministerium)
in Washington aufgedeckt. Schwerpunkt dabei war der psychologische Einsatz der WTG
zusammen mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften gegen die revolutionäre
Entwicklung speziell in Deutschland, aber auch die Orientierung des USA-Kapitals auf Hitler.
Man denke an den Hitlerverteidiger von 1924 als Rechtswahrer des deutschen WTG-Zweigbüros
in Magdeburg. Das USA-State Department ist eine Hauptinstitution für Nachrichtentätigkeit und
psychologische Kriegführung.
Ein besonderer Ausdruck der politischen Gewissenlosigkeit der WTG war die Begünstigung der
nazistischen Machtergreifung 1933 in Deutschland, verbunden mit einer profaschistischen und
antisemitischen Haltung und Propaganda. Dabei traten die WTG-Präsidenten Rutherford und
Knorr hauptverantwortlich in Erscheinung. Der Betrug, die Führung der Zeugen Jehovas in den
USA sei die Vertretung Gottes auf Erden, kam in ganz besonderer Weise in eben dieser Haltung
zur faschistischen Machtergreifung und in der Rolle der deutschen WTG Führer als Werkzeug
der Gestapo in der Nazizeit zum Ausdruck.
Erschreckend trat sodann die Manipulierbarkeit der Zeugen Jehovas bis hin zur Ausnutzung für
verbrecherische politische Ziele zutage. Das zeigte sich in der Einfalt, mit der WTG-Anhänger
im Konzentrationslager Ravensbrück z. B. die Pläne des SS- und Gestapo-Chefs Himmler zu
verwirklichen begannen, Ausgangsbasen zu schaffen, um später die faschistische
Besatzungspolitik in einer eroberten Sowjetunion sichern zu helfen. Es wurde gezeigt, in weicher
Weise diese Einfalt heute in Richtung Osten ausgenutzt wird.
Dann kam die Neugründung des deutschen WTG-Zweiges als »Bollwerk gegen den
Kommunismus« 1945/46 in Magdeburg, verbunden mit Irreführung, Verlogenheit und Betrug
sowohl gegenüber den WTG-Anhängern selbst als auch gegenüber den damaligen deutschen und
sowjetischen Behörden.
Ein Höhepunkt des Missbrauchs religiöser Einsatzbereitschaft war die Neuerrichtung des
Nachrichtenwesens der WTG nach 1945 in Zusammenarbeit mit der amerikanischen
Militärregierung in Westdeutschland. Die als »theokratisch« hingestellten WTG-Anweisungen
reichten hier bis in das Gebiet der Sammlung von Nachrichten. Wieder trat zutage, wie die WTG
ihre Anhänger in Dinge verwickelt, deren verbrecherische Tragweite von ihnen überhaupt nicht
zu überschauen ist, während sich die WTG-Führer im Machtbereich ihrer politischen
Hintermänner in Sicherheit halten.
Dann wurde aufgezeigt, wie die WTG erneut in die amerikanische Strategie, in den
psychologischen »Krieg gegen den Kommunismus« einbezogen und wie die WTGVerkündigung
gleichlaufend mit der Verschärfung dieser amerikanischen Kriegführung immer
aggressiver antikommunistisch ausgerichtet wurde. Bei der Einsetzung des neuen deutschen
WTG-Zweigdieners sah man im Hintergrund erneut die Hand des USA-State Departments.
Höhepunkt dieser Entwicklung war 1950 die Änderung des WTG-Dogmas über Religion, um die
antikommunistische Politik und Hetze religiös bemänteln zu können.
Schließlich kam es 1950 zum Verbot der WTG und Zeugen Jehovas in der DDR, eine
Entwicklung der Dinge, die hätte abgewendet werden können. Aber im Interesse der
imperialistischen Pläne zur »Befreiung der Ostzone« schien eine »Christenverfolgung« in der
DDR zweckmäßiger um diese international zu diffamieren. Es wurde erörtert, wie man die
Zeugen Jehovas dafür opferte, sie aber bis heute in dem Glauben hält, sie würden allein verfolgt
»um ihres Glaubens willen«, um sie weiter für die DDR-feindliche WTG-Politik zu
missbrauchen. Die politische Raserei der WTG-Führung nach dem Verbot bestätigte diese
Tatsache. Nun beginnt die nach Methoden westlicher Geheimdienste organisierte
WTGUntergrundtätigkeit
in der DDR und anderen sozialistischen Ländern. Unter Mißachtung auch
der Bibel, die dem Christen derartige Hinterhältigkeiten, derartigen »Wandel in List« verbietet
die vielmehr gebietet, sich der gesellschaftlichen Ordnung einzugliedern, werden die
verschiedensten gesetzwidrigen und betrügerischen Methoden angewandt um die Tätigkeit
fortsetzen zu können. Ihr politischer Ausdruck wurde immer schärferer Hass, immer
skrupellosere Verleumdung.
Mit ihren Diffamierungen ist die WTG schließlich bis auf das Niveau der verbrecherischen
Propaganda der SS-Schergen gesunken. Berechtigterweise wurde die Frage gestellt, was das für
Christen sind, deren politische Denkweise kaum von der Gesinnung der faschistischen SS und
Gestapo zu unterscheiden ist.
Zu dem gesetzwidrigen Treiben der WTG-Untergrundbewegung gehörte auch der organisierte
Geldschmuggel aus der DDR nach dem Westen. Das war nicht nur Ausdruck der unchristlichen
Rachsucht der WTG, die sie selbst eingestand. Sie beteiligte sich damit auch an den
Schädigungen und Ausplünderungsmethoden im Zuge des westlichen Wirtschaftskrieges gegen
die DDR und leistete auf ihre Weise den revanchistischen Alleinvertretungsansprüchen der
westdeutschen Regierung Vorschub. Der Geldschmuggel veranschaulichte auch, wie die
Bibelauslegungen der WTG kriminelle Handlungen begünstigen. Wurde doch dieser Schmuggel
u. a. durch die bis 1962/63 gepredigte WTG-Lehre sanktioniert, die politische Regierung des
Landes sei keine im Sinne der Bibel zu respektierende Obrigkeit.
Die Versuche der WTG-Führung in den Jahren 1956/57, wieder Legalität in den sozialistischen
Ländern zu erlangen, während sie ihre psychologische Kriegführung unvermindert ja verschärft
fortsetzte, enthüllten ein weiteres Mal das heuchlerische Menschenwerk der sogenannten
Vertreter Gottes auf Erden. Während man beteuerte, in keiner Weise politisch zu sein,
proklamierte man u. a. mit einem zerbrochenen Symbol von Hammer und Sichel zugleich die
Vernichtung der Sowjetregierung und des Kommunismus - eine antisowjetische Hetze, die man
für so zugkräftig hielt, dass man davon eine Auflage von 10 Millionen Exemplaren druckte.
Die Aufmerksamkeit galt sodann einem besonderen Politikum, der Anerkennung der aus der
DDR nach Westdeutschland geflüchteten WTG-Untergrundarbeiter als »politische Flüchtlinge«.
Damit ist auch westlicherseits von Amts wegen erwiesen, dass die WTG in den sozialistischen
Ländern in der Hauptsache politische Bedeutung hat, und zwar im Rahmen der
antikommunistischen psychologischen Kriegführung.
Die Rückschau sei beendet mit einem Blick auf die Rolle, die die WTG-Anhänger schließlich in
staatsbürgerlicher Hinsicht in der Praxis spielen. Es wurde gezeigt, in welch heuchlerischer
Weise die WTG ihre Anhänger davon abzuhalten versucht, sich, ihrer natürlichen politischen
Mitverantwortung im gesellschaftlichen Leben als Staatsbürger bewusst zu werden und sich
ehrlich und überzeugt für die Schaffung und Erhaltung demokratischer und sozialistischer
Lebensverhältnisse einzusetzen, wie sie versucht, systematisch sind immer aufs Neue das
Vertrauen in die demokratische und sozialistische Staatsordnung zu untergraben und zu
zerstören. Die WTG-Verkündigung insbesondere seit 1966, die Zeugen Jehovas in
»Ostdeutschland« sollten um ihrer »Befreiung« willen das »Ende der totalitären
kommunistischen Regierung« abwarten, beweist, dass die WTG auch weiterhin politisch im
Dienste der reaktionärsten imperialistischen Kreise steht die ihre Absicht, den Sozialismus in
Deutschland zu vernichten, noch immer nicht aufgegeben haben.
Mit dem wider alle imperialistischen Pläne fortschreitenden Aufbau des Sozialismus dagegen
sind alle Kirchen und Religionsgemeinschaften hineingestellt in einen sozialen Umbruch von
historischer Tragweite. Eine Neuorientierung der Christen geht allenthalben vonstatten. Viele
Traditionen und Bindungen, müssen da abgebrochen werden. Auch die WTG und ihre Anhänger,
die Zeugen Jehovas, stehen in diesem Umbruch. Aber sie haben in der sozialistischen
Gesellschaft nur eine Zukunft, wenn sie sich aus der Unterwerfung unter die Interessen des
Kapitalismus lösen und so wahrhaft frei würden. Diesen Weg will oder kann die WTG-Führung
offensichtlich nicht gehen. Doch die Entwicklung erzwingt die Entscheidung. Der Ausweg für
die Zeugen Jehovas angesichts der WTG-Illusionen und der damit verbundenen verwerflichen
Politik besteht allein in der Besinnung auf die eigene Verantwortung und auf die Möglichkeiten
christlichen Lebens in der sozialistischen Gesellschaft.

Der Christ und seine soziale Verantwortung

Die Geschichte der WTG hat in religiös-weltanschaulicher wie in politischer Hinsicht in dem
was die Zeugen Jehovas im eigentlichen charakterisiert, ein völlig unglaubwürdiges und
haltloses Menschenwerk offenbart, das man politisch zu einem Instrument antikommunistischer
psychologischer Kriegführung gemacht hat. Der religiöse Inhalt ihrer Lehren bleibt
demgegenüber von untergeordneter Bedeutung. Nicht die Religion, sondern die politische
Konzeption bildet das Wesen dieser Gemeinschaft. Aus der Unhaltbarkeit der WTGAnschauungen
und der Verantwortungslosigkeit der WTG-Politik ergibt sich für jeden
aufrichtigen Christen die grundsätzliche Erkenntnis, dass man die WTG und ihr Werk unmöglich
als ein Werk Gottes oder auch nur als eine ernst zu nehmende echte Religionsgemeinschaft
ansehen kann. Das Christentum wird hier missbraucht.
Es ist in Wirklichkeit nie anders gewesen, als dass der Mensch, ungeachtet seines religiösen
Glaubens ein Teil der Gesellschaft ist und aktiv an deren Gestaltung teilnimmt. Das ist auch bei
uns so. Die Haltlosigkeit aller bisherigen Bibeldeutungen insbesondere derjenigen der WTG,
bestätigt das im Blick auf das Christentum, in drastischer Weise. Was wäre z. B. geschehen,
hätten die verantwortlichen Politiker auf die von der WTG seit 1874 in die Welt gesetzten
Weltende-Theorien gehört und es unterlassen, das gesellschaftliche und soziale Leben zu
gestalten, zu verändern oder zu verbessern? Der Mensch ist seiner Natur nach ein soziales und
damit politisches Wesen. Es ist unnötig, zu betonen, dass das auch auf jeden Christen zutrifft.
Die sozialen Bedürfnisse des Menschen, seine materiellen und geistigen Bedürfnisse - Nahrung,
Kleidung, Obdach, Arbeit Handel, Wirtschaft, Volksbildung, Wissenschaft, Forschung,
Gesundheitswesen, Gesetz und Ordnung lassen es einfach nicht zu, die Hände in den Schoß zu
legen und auf ein Weltende oder göttliches Eingreifen zu warten. Täten das alle, so würde jedes
gesellschaftlich Leben als Volk, Staat und Nation zusammenbrechen und in Anarchie versinken.
Natürlich kann eine Minderheit, wie etwa die WTG-Anhängerschaft, eine Zeitlang diese
Selbstverständlichkeit leugnen und die grundsätzliche Mitverantwortung jedes einzelnen im
gesellschaftlichen Leben verneinen und so die Dinge für sich auf den Kopf stellen. Denn die
Mehrheit sorgt schließlich für die Aufrechterhaltung und Fortentwicklung des gesellschaftlichen
Lebens, auch zum Nutzen jener politisch kopfstehenden Minderheit. Es kann aber weder
hingenommen noch akzeptiert werden, das gesellschaftliche Leben mit solchen nihilistischen
Doktrinen zu durchsetzen. Das wäre nicht nur politisch verantwortungslos, sondern auch
unchristlich. Nur Narren können darauf vertrauen, dass vom Himmel her die sozialen Fragen auf
Erden gelöst werden.
Allerdings besteht ein Interesse an der Verbreitung der nihilistischen WTG-Doktrinen,
denenzufolge jede politische Mitverantwortung abzulehnen ist. Diese Interessenten sind die
Feinde jeglichen Fortschritts, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, die Vertreter des
internationalen Monopolkapitals, die das Volk überall beherrschen und manipulieren möchten.
Nur ihnen ist die WTG-Tätigkeit untergeordnet und deshalb nützlich, niemandem sonst. Das
Zusammenspiel der WTG mit diesen Kreisen wurde hinreichend aufgezeigt.
Es ist der unvermeidliche Gang der gesellschaftlichen Entwicklung, dass die Arbeiterklasse zur
führenden Kraft aller revolutionären, demokratischen und fortschrittlichen Aktionen geworden
ist und in der Erfüllung ihrer historischen Mission zur Befreiung der Menschheit von
kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung eine neue, humanistische, sozialistische
Menschengemeinschaft schafft. Allerdings müssen die Zeugen Jehovas durch die Politik der
WTG-Führung mit dieser Entwicklung in Konflikt geraten. Mit der bisher aufgezeigten Politik
der WTG-Führung verwirklicht sie den Auftrag des US-Imperialismus, ihre Anhänger in die
Kampffront gegen jeden gesellschaftlichen Fortschritt einzureihen.
Wie dargelegt wurde, zeigt die Bibel jedoch am Beispiel der Urchristen, dass es nicht im
Widerspruch zum Christentum steht politisch mitverantwortlich im gesellschaftlichen Leben zu
stehen und zu handeln. Der christliche Auftrag, »aller menschlichen Ordnung um des Herrn
willen untertan zu sein« (1. Petrus 2:13) bedeutet Anerkennung und Aktivität auch für die
sozialistische Gesellschaftsordnung. Der Christ wird dies in der Kraft des Glaubens an Gott tun.
Die Bibel enthält keinen christlichen Kampfauftrag gegen die sozialistische oder
kommunistische Ordnung, ist doch das Christentum in keiner Weise dem Kapitalismus
verpflichtet. Als es entstand und geprägt wurde, gab es überhaupt noch keinen Kapitalismus.
Alle derartigen Verpflichtungen und Bindungen widersprechen dem Wesen des Christentums.
Der Christ ist also grundsätzlich frei für die fortschreitende soziale Entwicklung.
Die grundsätzlichen Gesichtspunkte von sozialistischer Seite zu diesen Fragen sind in einer
Reihe maßgeblicher Dokumente und Erklärungen dargelegt worden. In der Programmatischen
Erklärung des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, vor der Volkskammer der
DDR am 4. Oktober 1960 wurde als Aufgabe umrissen, dass die Grundfrage aller Bürger der
sozialistischen Gesellschaft die Befriedigung der materiellen und geistigen Interessen, nicht im
Kampf aller gegen alle, nicht auf Kosten des anderen, sondern gemeinsam mit den anderen durch
gemeinschaftliches Zusammenwirken zum Nutzen aller und des Einzelnen gelöst und
verwirklicht wird, nicht im unproduktiven, egoistischen Gegeneinander, sondern im
schöpferischen Miteinander und Füreinander - eine wahrhaft humanistische Aufgabe. Diese
humanistischen Ziele des Sozialismus und des Christentums, heißt es weiter in der Erklärung,
sind keine Gegensätze. (Schriftenreihe des Staatsrates der DDR Nr. 2/1960) In Erläuterung
dieser Programmatischen Erklärung führte Walter Ulbricht im historischen Gespräch vom 9.
Februar 1961 im Amtssitz des Staatsrates der DDR in Berlin mit Theologen, kirchlichen
Amtsträgern und christlichen Bürgern aus, was die humanistischen Ideale und Ziele sind, die
Christen und Nichtchristen miteinander verbinden. Es ist das Streben nach Frieden und
Menschlichkeit nach gegenseitiger Achtung, nach Glück und Wohlstand aller ehrlich arbeitenden
Menschen. Ein Christ, der seine humanistischen und sozialen Ideale ernst nimmt, sollte sich mit
dem Sozialismus vereinen. (Schriftenreihe des Staatsrates der DDR, Nr. 5/1961)
Diese Übereinstimmung zwischen Christentum und Sozialismus findet in den Grundfragen der
Politik von Partei und Regierung stetig seinen konkreten Ausdruck.
Höhepunkte dieser Politik ist das vom VI. Parteitag der SED verkündete Programm zur
Vollendung des sozialistischen Aufbaus.
Vom VII. Parteitag wurde das Programm der SED folgerichtig entsprechend dem Stand der
erreichten Entwicklung kontinuierlich weiterentwickelt und beschlossen, das entwickelte
gesellschaftliche System des Sozialismus zu gestalten. Im Mittelpunkt aller Aufgaben sieht die
Herausbildung einer wahren humanistischen sozialistischen Menschengemeinschaft in der alle
Ideale und Ziele der Menschheit Wirklichkeit werden.
Das Volk der DDR gab sich durch einen Volksentscheid seine sozialistische Verfassung vom 6.
April 1968, in der der Wille des Volkes zum obersten Gesetz erhoben wurde. Die sozialistische
Verfassung, die das Gundgesetz der DDR ist, fordert von jedem Bürger der DDR, nach dem
Grundsatz »Arbeite mit, plane mit, regiere mit« zu handeln.
Die entwickelte sozialistische Menschengemeinschaft kann nur das Werk aller sein. Das
erfordert eine Zusammenarbeit aller Christen und Nichtchristen. Die dargelegte Geschichte der
WTG ist demgegenüber ein signalisierendes wie lehrreiches Beispiel für den politischen
Missbrauch des Christentums durch die imperialistischen Kräfte gegen die Schaffung einer
solchen sozialistischen Gemeinschaft. Die Erkenntnis, sein Leben durch illusionistische, zur
Enttäuschung führende Hoffnungen geprägt zu haben - mit allen sich daraus ergebenden
Konsequenzen sollte der Anstoß zu einer echten Neubesinnung auf die humanistischen Werte
des Christentums sein - denn nur so wird sich für den Einzelnen eine reale Perspektive eröffnen,
seine Fähigkeiten und seinen guten Willen zu einer wirklichen positiven Sache gestalten zu
können.
Man vergleiche (als im sachlichen Zusammenhang stehend) auch:
Oberstes Gericht der DDR Aus der Urteilsbegründung im Zeugen Jehovas-Prozess (1950)