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Zusätzliche Fallbeispiele

Obligationenrecht
Zusätzliche Fallbeispiele Obligationenrecht

1. Lex specialis derogat legi generali

In Kapitel 3 Allgemeine Vertragslehre haben Sie Regeln kennengelernt, welche auf verschiedene
Vertragsarten anwendbar sind. Diese sind in den Artikeln 1 bis 40f und 68 bis 183 OR geregelt. Ab
Art. 184 OR beginnt der sogenannte besondere Teil des OR. Hier sind einzelne Vertragsverhältnisse
wie Kauf und Tausch, der Arbeitsvertrag usw. geregelt. Diese Vertragsverhältnisse werden speziell
geregelt, da bei der einen Vertragsart viele Rechtsfragen auftreten, die für eine andere Vertragsart
keine Rolle spielen. Beispiel: Regelungen zur Überstundenarbeit sind im Arbeitsrecht sehr wichtig,
für Kaufverträge spielen sie aber überhaupt keine Rolle.

a) Verschaffen Sie sich anhand des Inhaltsverzeichnisses einen Überblick über die einzelnen Ver-
tragsverhältnisse und suchen sie mindestens drei Regelungen, welche beim einen Vertragsver-
hältnis wichtig sind, bei einem anderen aber kaum eine Rolle spielen.

b) Es gibt Fälle, in denen sich die Regelungen der allgemeinen Vertragslehre und des besonderen
Teils des OR widersprechen. Welche Regelung gilt in einem solchen Fall? Begründen Sie Ihre
Antwort und suchen Sie Beispiele dazu.

c) Wie Sie bereits aus Kapitel 3 Allgemeine Vertragslehre wissen, kann gemäss Art.  19 OR (Ver-
tragsfreiheit) der Inhalt des Vertrages innerhalb der Schranken des Gesetzes frei gewählt wer-
den. Das bedeutet, nicht alle Vertragsarten sind ausdrücklich im OR geregelt. Überlegen Sie,
welche Vertragsarten nicht im OR geregelt sind und nennen Sie ein Beispiel.

d) Wie würden Sie als Richterin oder Richter vorgehen bei einer Streitigkeit über einen Vertrag,
der nicht im OR geregelt ist?

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2. Missbräuchlicher Mietzins

Lesen Sie den Zeitungsartikel auf https://www.srf.ch/news/abstimmung-27-september-2020/kanton-


luzern-umstrittener-nutzen-des-neuen-luzerner-mietformulars genau durch, und beantworten Sie
die anschliessenden Fragen.

a) Noch vor der Abstimmung über das neue Mietformular zieht Lukas Homberger in eine neue
Wohnung. Da die Vormieterin eine Bekannte von ihm war, weiss Lukas sehr wohl, dass der
Vermieter den Mietzins um rund CHF 500.- erhöht hat. Dies, obwohl die Wohnung auch
schon davor deutlich teurer war als vergleichbare Wohnungen in dieser Gegend. Da Lukas die
Wohnung aber unbedingt will, unterschreibt er den Mietvertrag mit dem neuen Mietzins, ohne
etwas zu sagen.
Kaum ist er eingezogen, meldet er sich beim Vermieter und verlangt, dass der Mietzins herun-
tergesetzt wird. Der Vermieter weigert sich und führt an, dass Lukas schliesslich den Vertrag
unterschrieben habe. Wie sind Lukas’ Chancen?

b) Zählen Sie die Argumente der Befürworter und der Gegner der neuen Regelung im Kanton
Luzern auf und diskutieren Sie diese.

c) Vergleichen Sie die Initiative mit den Bestimmungen des OR. Welche Neuerungen würde die
Annahme der Initiative mit sich bringen?

d) Lukas Homberger hat mit seiner Herabsetzungsklage Erfolg. Die Freude ist aber nur von kurzer
Dauer. Zwei Monate später erhält er auf dem dafür vorgesehen Formular die Kündigung, da das
Vertrauen zwischen Vermieter und Mieter zerstört sei. Welche Möglichkeiten hat Lukas, um
sich dagegen zu wehren?

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3. Arbeitsausfall

Corinna Berger arbeitet als Putzfrau in verschiedenen Privathaushalten im Stundenlohn.

Seit Januar 2020 putzt sie auch bei Familie Karic. Sie kommt einmal die Woche und arbeitet, je nach
Aufwand zwischen fünf und sechs Stunden. Im Juni 2020 wird Frau Berger überraschend krank und
muss sich einer Operation unterziehen. Dadurch fällt sie während 9 Wochen aus. Weder Familie
Karic noch Corinna haben eine Versicherung gegen Arbeitsverhinderung abgeschlossen.

a) Die Familie Karic geht davon aus, dass sie für diese Zeit keinen Lohn zu bezahlen hat, da Corin-
na Berger ja nur im Stundenlohn angestellt ist und keine einzige Stunde gearbeitet hat. Wie ist
die Rechtslage, falls der Sachverhalt nach den Regelungen des ORs gelöst werden würde?

b) Oftmals gilt ein sogenannter Normalarbeitsvertrag (NAV), der arbeitsrechtliche Fragen für
eine ganze Branche regelt. Corinna wohnt und arbeitet im Kanton Solothurn. Suchen Sie den
Normalarbeitsvertrag (NAV Hauswirtschaft) des Kantons Solothurn und beantworten Sie die
folgenden Fragen:

1. Findet der NAV Anwendung auf Corinnas Arbeitsverhältnis?

2. Gilt die Arbeit von Corinna überhaupt als hauswirtschaftliche Tätigkeit im Sinne dieses Geset-
zes?

3. Verbessert oder verschlechtert sich Corinnas Situation durch die Regelungen im NAV im Ver-
gleich zum OR?

4. Corinnas Situation verbessert sich noch mehr, wenn § 21 NAV Hauswirtschaft zur Anwendung
kommt.
Analysieren Sie §  21 NAV Hauswirtschaft und geben Sie an, was sich an Corinnas Situation
ändert.

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4. Entschädigung für privates Zimmer beim Homeoffice

Gerade während des sogenannten Lockdowns aufgrund der Covid-19-Pandemie waren viele Arbeit-
nehmerinnen und Arbeitnehmer gezwungen, von zu Hause aus zu arbeiten. Viele Unternehmun-
gen haben sich auch nach dem Lockdown entschieden, diese Arbeitsform, zumindest teilweise,
weiter zu führen. Homeoffice wirft allerdings einige rechtlichen Fragen auf. Lesen Sie den Artikel
auf https://www.arbeitsrecht-aktuell.ch/de/2019/05/20/entschaedigung-fuer-privates-zimmer-beim-
homeoffice/ und beantworten Sie die folgenden Fragen:

a) Das Bundesgericht bestätigt also den Entschädigungsanspruch des Arbeitnehmers im Homeof-


fice. Wie begründet das Bundesgericht seinen Entscheid?

b) Frank Kusters Arbeitgeber ordnet an, dass seine Angestellten jeweils drei von fünf Tagen im
Homeoffice arbeiten sollen. Er bezahlt allen Angestellten pauschal CHF  550.- pro Monat für
die Benutzung des Homeoffice. Frank Kuster hat aber kaum Auslagen für das Homeoffice und
erreicht die Pauschale bei weitem nicht. Ein Arbeitskollege sagt Frank nun, dass er das zu viel
erhaltene Geld zurückzahlen müsse. Wie ist die Rechtslage?

c) Amélie Colomb, eine Arbeitskollegin von Frank Kuster, braucht für ihre Arbeit im Homeoffice
teure Analysegeräte. Die Kosten übersteigen die Pauschale deutlich. Als sie dies dem Arbeitge-
ber mitteilt, sagt dieser es tue ihm leid, aber da es sich um eine Pauschale handle, könnten die
zusätzlichen Kosten nicht übernommen werden. Wie ist die Rechtslage?

d) Als Sanjin Momić, ein Bekannter von Amélie, davon erfährt, regt er sich fürchterlich auf. Er
sagt, in seinem Arbeitsvertrag stehe, dass der Arbeitnehmer die notwendigen Auslagen selbst
zu übernehmen habe. Dies sei in seinem Betrieb schon immer so gewesen. Ist eine solche Ver-
einbarung gültig?