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_27~

Jeden Monat
38 000 Exemplare
fiir Lüdenscheid, Brügge,
Herscheld und Heeclfeld

~~ LOCKEN OHNE SCHMERZEN ~~


.EINE SEGENSREICHE ERFINDUNG
ERINNERUNGEN
EINES LÜDENSCHEIDERS AN
DEN WELTBERÜHMTEN VATER:

FRISEUR JOSEF MAYER


In der Wohnung des Ehepaares
Mayer an der Alsenstraße finden
sich viele Raritäten aus längst ver-
gangenen Zeiten: Auf dem Wohn-
zimmertisch liegen zahllose Zei-
tungsausschnitte, an den Faltstel-
len brüchig und schon ganz abge-
griffen. Daneben längst vergilbte
Fotos und alte Dokumente. Jedes
einzelne Schriftstück, jede dieser
Aufnahmen hat Reinhold Mayer
(72) hundertfach in der Hand ge-
halten. Für ihn sind das nicht bloß
Dokumente, sondern lebendige
Erinnerungen, Erinnerungen an
den 1952 verstorbenen Vater Jo-

Spritztour: Josef Mayer am Steuer seines


Beifahrersitz Sohn Reinhold
sef, einst weltbekannt und unvor- An all dies muß Reinhold Mayer
stellbar reich: Er war der Erfinder denken, wenn er in den alten Un- am eigenen Leib: Sein Vater, in
der modernen Dauerwelle - eine terlagen blättert. Durch den Zwei- dessen Karlsbader Betrieb heute. »Mein Vater tobte. Und ich
bahnbrechende Entdeckung, die ten Weltkrieg wurde Mayer jun. (»Realistic-Werk«) er beschäftigt war entlassen.« Der Junior wurde
bald in allen Ländern bekannt war: von seiner Familie getrennt. Erst war, warf ihn hinaus, weil er eine »strafversetzt« - nach Prag, wo
eine Neuheit, von der die Welt Ende der 40er Jahre sahen sich Pause nicht pünktlich beendet er eine Filiale des väterlichen Un-
sprach. Vater und Sohn wieder. Reinhold hatte. »Wir spielten gerade Fuß- ternehmens leitete. Das Vater-
Zeitungen und Fachpresse wa- Mayer lebte inzwischen in Lüden- ball«, erinnert sich der Sohn Sohn-Verhältnis renkte sich aber
ren voller lobeshymnen. Ein scheid, wo er später einen Auto- schnell wieder ein: Positive Ab-
neuer Industriezweig entstand, in handel an der Alsenstraße eröff- schlußbilanzen stimmten den Se-
Europa und in Übersee. Tau- nete, der Vater zunächst in Bad nior bald versöhnlich.
. sende fanden eine Beschäftigung Kissingen, danach in Darmstadt.
und Mayer avancierte in seiner Dort starb er im Januar 1952 - to- Dessen Lebenslauf liest sich
Karlsbader Wahlheimat, zum tal verarmt und von der Welt ver- wie ein Bestseller-Roman: 1881
»gefeierten Liebling der Frauen- gessen. »Ja, mein Apparat blieb wurde er in Ungarn geboren, als
köpfe der Welt«. berühmt«, soll er einmal gesagt uneheliches Kind einer Bauern-
Das Fachorgan des Friseur- haben, »allerdings im Gegensatz magd. In Vukowar (Hauptstadt
handwerks - »Friseurberuf« - zu mir... « von Sirmien) besuchte er die
jubelte in der Juni-Ausgabe des Sein Vater, sagt Reinhold Volksschule und erlernte den
Jahres 1950: »( ... ) diese Erfin- Mayer, sei ein bewunderswerter »Raseurberuf«. Doch es reichte
dung war wohl die umwälzendste Mann gewesen, außergewöhnlich ihm nicht, Zöpfe zu flechten und
und für unsere Kundinnen die se- intelligent und gewandt (er be- Bauernwangen »über den Löffel
gensreichste; erfüllte sie doch den herrschte sieben Sprachen), zu balbieren«. Er reiste nach Bu-
Wunsch aller Frauen, ihr von der ideenreich, immer aktiv und in sei- dapest, Wien, Nizza, Paris und
Natur weniger günstig bedachtes nen Beurteilungen anderen Men- London, gewann Preise und
glattes Haar durch unsere Hilfe schen gegenüber streng aber ge- wurde sogar Professor.
wellen und locken zu lassen.« recht. Das erfuhr der Sohn auch Fortsetzung auf Seite 4
•--'"T"l<'ll:r-,,---··---T----r.r,IT_l_fLT_H_I_M_A aufklärende Entschuldigung«, er-
1904 eröffnete · er in Karlsbad
ein eigenes Geschäft. Zu einer für innerte sich Mayer, »rettete die Si·
Mayer schicksalhaften Begeg- tuation.«
nung kam es 1909 in Frankfurt.
Auf der Luftfahrtausstellung traf er
Karl Nestler alias Charles Nestle.
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MAYER REALHTIC
Der Siegeszug der Realistic-
Dauerwelle ließ aber noch ein
Weilchen auf sich warten. Mayers
Der hatte bereits 1905 ein beson- komische Apparatur wurde allent-
deres Verfahren entwickelt, daß halben verlacht, niemand nahm
die Brennschere ablösen sollte: ihn ernst - bis zum ersten lnter-
Es handelte sich um die erste nationalen-Haardauerwellenwett•
· heiße Dauerwelle mit Spiralwick- bewerb in Dresden. Die Organisa-
lung. Ein Verfahren mit Macken. toren hatten ihm einen Platz in der
Jedenfalls berichtete oben ge- hintersten Ecke zugewiesen, am
nanntes Fachblatt 1950 - eher Wettbewerb durfte er ohnehin
verharmlosend - von einigen nicht teilnehmen. Doch auf einmal
»Kinderkrankheiten«: »Durch die (»Ich weiß auch nicht, wie es dazu
hermetische Abschließung der kam«) war er von Menschenmas•
Heizkörper suchte der sich sam- sen umringt. Seine Erfindung er-
melnde heiße Dampf erruptions- wies sich als absoluter Knüllet
artig einen Ausweg. Als Folge da- Und selbst für solche Kollegen,
von waren tiefe Verbrennungen die ihn vorher als Spinner ver-
der Kopfhaut und der Stirn keine höhnt hatten, war er von nun an
Seltenheit.• Die »Krause« hielt »unser Mayer...
-zwar lange, doch der Preis war
hoch - 300 Goldmark waren zu
zahlen, Brandwunden und
Schmerzenstränen unvermeid-
bar. Vielleicht stammt aus dieser
Zeit das Sprichwort: »Wer will sein
fein, der muß leiden Pein.• Auf je-
den Fall mußten die eitlen Damen
jener Zeit nicht nur die Zähne zu-
sammenbeißen, sondern sich
auch in Geduld üben können.
Denn fast acht (!) Stunden dau-
erte die Prozedur. Einziges
Trostpflaster sei ein »frugales, im
Preis inbegriffenes Frühstück«
gewesen, schrieb die Zeitschrift
»Die Freundin« 1953 in einem
Rückblick.
Wie also die Kopfhaut, die
Haare vo~ der Verdampfung
schützen? »Es ließ mir keine
Ruhe« , bekannte Josef Mayer
später. Fünfzehn Jahre lang Innerhalb weniger Jahre wurde
suchte er nach einem praktika- Josef Mayer zum Millionär. Ihm
blen Verfahren, betrieb nach eige- gehörten eine prächtige Villa di•
nem Bekunden »rastlose Stu- rekt neben dem feudalen Hotel
dien« »Imperial« in Karlsbad, acht Au-
Eine Schutzvorrichtung mußte tos, eine moderne Fabrik, drei ele-
gefunden werden. In einem Inter- gante Salons. Der Karlsbader
view, daß Mayer 1949 mit dem be- Kurdirektor Joseph Gerschon
rühmten Journalisten Egon Jame- widmete ihm einen Dauerwellen•
son (Berlin) führte, erzählte der Step-Schlager; in Connecticut,
Erfinder, wie er des Rätsels Lö- USA, wurde eine Straße nach ihm
sung fand: »Eine Briefklammer benannt. Ehrungen, Diplome und
spendete mir die Idee. Nach ihr Professuren hagelten nur so auf
konstruierte ich die Haarklammer. auf Mayer nieder: Der einfach Ra•
seur wurde zum Weltmann.

Super-Perfelit
Und mein Apparat war fertig.« -
Die Geburtsstunde der Mayer-Re- In Gottesgab im Erzgebirge er-
alistic-Dauerwelle, im Jahr 1924. richtete er ein Erholungsheim für
notleidende Friseure, mit Sport•
Mit der Spiralwicklung a la Nest-
platz und Skihütte.
ler mußte Schluß sein. Das stand
für Mayer spätestens fest, seit die der führende Dauerwellapparat nach dem Prominente Besucher gaben
Baronin Riede! von Riedelstein weltbewährten System sich in seinem Betrieb (circa 300
Anfang 1924 in seinem Karlsba- Mitarbeiter) die Türklinke in die
der Salon eine schallende Ohr- JfaJJer-ßealfstie Karlsbad Hand. 1932 besuchte ihn zum
Beispiel die Königinmutter von
feige erhalten hatte. Zu ihrem ei- Luster und Aufhängevorrichtung sind hochglanz vernickelt,
genen Besten, versteht sich. Rumänien, Königin Marie von Ju-
Apparat und Zubehör stehen fachl ich und technisch auf goslawien.
Denn durch einen Kurzschluß
der Höhe der Zeit. Mayers Stern verblaßte, als
hatte die Schutzwalle am Ohr der
Baronin Feuer gefangen. Mayer 1 Dazu unsere vorzüglichen Mayco-Dauerwellösunren, 1938 deutsche Truppen die
sah eine mächtige Stichflamme - nach Haararten individuell abgestuft. Tschechei besetzten. Nur mit
und seine Gehilfin Mitzi. Geistes- Glück konnte er dem Attentat ei•
gegenwärtig verpaßte diese der Der SUPER-PERFEKT ist ein modernes elegantes Ge- nes SS-Fanatikers entgehen. Er,
adligen Kundin besagte Ohrfeige rät; er gereicht jedem Salon zur Zierde und bedeutet für der Weltbürger, wurde mit einem
und löschte so - auf einen jeden Friseur eine ständ ige Einnahm squelle. Mal als »Tschechenfreund« be-
Schlag - die Flammen. » Eine Fortsetzung auf Seil'
TITllLTHIMA .

Reinhold Mayer (links) und sein Vater Josef: Nach dem Zweiten Weltkrieg
sahen sie sich in Kissingen wieder.
Die Dauerwelle
Lied von Joseph Gerschon
Mit 20 Mark und fünf 1. Wie häßlich war doch mancher Frauenkopf,
ein wirrer Schopf mit falschem Zopf.
Handkoffern geflüchtet Und auch manch' überkultureller Staat
und Burokrat den Zopf noch hat.
Drum fort damit wir brauchen keine Zöpfe mehr,
schimpft. Seine Welt brach end- schlupf. Vor allem mit Unterstüt-
gültig zusammen, als 1945 die selbst die Chinesen gaben ihre Zöpfe her
zung ausländischer Freunde hielt
Rote Armee in Karlsbad ein- und wollen statt den Zopf
er sich über Wasser. Aus Chicago
'nen Realistic-Dauerwellen-Flapperkopf.
rückte. Mayers Vermögen wurde wurde ihm eine Jacke zugesandt,
beschlagnahmt, weil er Deutscher aus Texas eine Hose, und aus
Refrain: Wie schön ist anzuschau'n
war. London kamen Schuhe und Klei-
ein Lockenkopf von Frau'n
Er landete zunächst im Gefäng- der für seine Frau und die Kinder.
mit Mayers Dauerwelle,
nis und dann als einfacher Arbei- Das Blatt schien sich noch ein- die siegreich und schnelle
ter in seinem eigenen Betrieb. mal zu wenden, als ihm ein Deut- erobert hat die Welt. '
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In Mayers Lebenslauf heißt es: sches Unternehmen (»Wella«) in Und jede kluge Frau,
»Ich als Schöpfer und ehemaliger Darmstadt die Möglichkeit bot, die weiß es ganz genau, j
Besitzer der Realistic-Betriebe eine eigene Firma zu gründen - daB sie mit ihn,n Locken l
bekam mit meiner Familie 2500 zu spät. Josef Mayer starb am 5. die Männer kann locken
Kronen; der Nationalverwalter be- Januar 1952, kurz vor seinem 71. und treu sich erhält.
zog ein Monatsgehalt von 14 000 Geburtstag.
Kronen:« Reinhold Mayer ist vor allem 2. Was Woronoff und Steinach hat erdacht
Es - blieb nur die Flucht. Im eine Begegnung mit dem Vater in und alle Welt erzittern macht,
Herbst 1948 betrat Familie Mayer Erinnerung geblieben. Es war das »Verjüngung« leider nur beim alten Mann,
deutschen Boden. Von dem Mil- erste Wiedersehen nach dem ihr lieben Frau'n wär't übel dran,
lionenvermögen und Mayers Le- Krieg in Kissingen. Damals habe gäb es nicht auch ein Mittel welches garantiert
benswerk war kaum etwas übrig er seinem Vater, der einmal alles »Verjüngung ohne Schmerzen«, und deshalb riskiert
geblieben: 20 Mark und fünf besessen hatte, was man für ·Geld ihr eu'ren alten Zopf
Handkoffer, das war alles. Auf ei- kaufen konnte, mit einem kleinen für'n Realistic-Dauerwellen-Flapperkopf
nem halbverfallenen Bauernhof Präsent große Freude bereitet:
bei Kissingen fand Mayer Unter- » Ich schenkte ihm ein Radio.« Refr.: Wie schön ist anzuschau'n ...

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