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Begleitveröffentlichung zum wissenschaftlichen Film CT 1364 der BHWK

Allerheiligenstriezel aus Stroh — Ein Burschenbrauch im Wein-


viertel, Niederösterreich
Helmut Paul FIELHAUER, Institut für Volkskunde der Universität Wien

Filminhalt
Im niederösterreichischen Weinviertel werfen die Dorfburschen im Rekrutierungs-
alter zu Allerheiligen aus Stroh und Blumen geflochtene Zöpfe („Strohstriezel") auf
das Dach heiratsfähiger Mädchen. Zur gleichen Zeit werden an bestimmten
Stellen des Ortes meterlange, geflochtene Strohgirlanden über die Straße ge-
spannt. Vor den Fenstern einiger Ortsbewohner werden Strohpuppen angebracht.
Der Brauch galt früher als burschenschaftliches Rügerecht. Im Film sind die Vor-
bereitungen und der Brauch selbst in einer Weinviertler Ortschaft im Jahre 1969
dokumentiert.

Allgemeine Vorbemerkungen
Mitte der sechziger Jahre fiel mir bei Feldforschungen im ostniederösterreichischen
Weinviertel zu Allerheiligen ein Brauch durch seine betonte Öffentlichkeit auf: Aus
Stroh geflochtene Zöpfe, häufig reich mit Herbstblumen durchwirkt, überspannten
an markanten Stellen vieler Ortschaften die Straßen. Kürzere lagen frontseitig auf
den Dächern einiger Wohnhäuser. Die regionale Brauchliteratur vermittelte nur
spärliche Einsichten in den Sinn des Geschehenenl); sie stellt bloß übereinstim-

Daten zum Film CT 1364 der BHWK


CT 1364 Allerheiligenstriezel aus Stroh — Ein Burschenbrauch im Weinviertel, Niederösterreich.
16-mm-Film, Magnetton, schwarz-weiß, 23 Minuten, deutscher Kommentar.
Dieser Film ist zur Verwendung in Forschung und Universitätsunterricht bestimmt.
Institut: Institut für Volkskunde der Universität Wien.
Wissenschaftlicher Autor: Dr. H. Fielhauer.
Hergestellt durch die Bundesstaatliche Hauptstelle für Wissenschaftliche Kinematographie,
Wien. Aufgenommen 1969, veröffentlicht 1981. Kamera: E. Pavlousek, Schnitt: M. Edquisth,
Bearbeitung: Dr. E. Maletschek.

Zitierform
Fielhauer, H.: Allerheiligenstriezel aus Stroh — Ein Burschenbrauch im Weinviertel, Nieder-
österreich. Film CT 1364 der BHWK. Wien: Bundesstaatliche Hauptstelle für Wissenschaftliche
Kinematographie 1981.
Begleitveröffentlichung von H. Fielhauer, in: Wiss. Film Nr. 27, 1981, S. 43-53.

') Die Literatur ist zusammengefaßt in meinem Aufsatz: Allerheiligenstriezel aus Stroh. Bei-
träge zum burschenschaftlichen Jahresbrauchtum im Weinviertel. In: Volkskundliche Bei-
träge, hrsg. von Helmut Fielhauer und Ingrid Kretschmer. Wien 1966. S. 21 (Veröffentlichungen
d. Instituts f. Volkskunde d. Universität Wien, Bd. 1). Dazu ergänzend WEYRICH, Edgar: Der
politische Bezirk Floridsdorf-Umgebung. Ein Heimatbuch, Wien 1924, S. 127.


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mend fest, daß die Burschen des Ortes den mißliebigen und verlassenen Mädchen
zu diesem Termin einen „(Aller-)Heiligenstriezel" — ein ansonsten festliches
Zopfgebäck, hier jedoch anstelle von Teig aus Stroh verfertigt — präsentieren2).
Demzufolge handelt es sich offenbar um einen sogenannten Rügebrauch. Seine
Form und Zeichensprache wird gewöhnlich Jahr für Jahr von einem Burschen-
jahrgang auf den anderen — oft unter Beiziehung älterer, erfahrener Burschen —
vermittelt; damit ist er auch praktisch der ganzen Gemeinde verständlich. Die
strohernen Allerheiligenstriezel sind Ausdruck sozialer Kontrolle: Sie drohen unter
Umständen folgenschwere Maßnahmen gegen das abweichende Verhalten ein-
zelner Mädchen und Frauen an (oder bewirken dies bereits) und wollen damit
nach einem vermeintlichen Normenkonflikt die Wiederherstellung, Verfestigung
und Fortführung der herrschenden Ordnung herbeiführen3). Rügebräuche sind
also deswegen von gesteigertem Interesse, weil sie in besonderem Maße Auf-
schlüsse zur gesellschaftlichen Kernfrage nach der „Kultur der menschlichen
Beziehungen"4) und somit nach der Lebensweise, dem persönlichen Verhalten, den
Gewohnheiten und insbesondere den Moralvorstellungen in einer Gemeinde bie-
ten. Wenn derartige Bräuche überdies von Jugendlichen geübt werden, lassen sie
teilweise den Vorgang der Einübung und Aneignung gesellschaftlicher Regel-
systeme erkennen: In gewissen Bereichen der Öffentlichkeit Ordnungshüter sein
zu dürfen, wird von der Jugend als lustvoll und unterhaltsam empfunden; damit
verinnerlichen sie aber selbst bestimmte Normens).
Die Erkenntnis, derzufolge innerhalb gegensätzlicher Gesellschaften das herr-
schende Recht das Recht der Herrschenden sei6), gilt zwar für viele noch immer
als Ideologie, läßt sich aber auch in unserem Zusammenhang als erwiesen be-
trachten. Denn in den von uns ins Auge gefaßten Gemeinden gibt es offenkundig
genauso Leute, die das Reden haben und solche, die das, was recht sein soll,
erleiden. Rügebräuche mit Strafandrohungen als Form der Machtausübung gibt es
wohl nur in hierarchischen Gesellschaftsformationen; in gewissermaßen offenen,
demokratischen Gesellschaften scheinen sie an Bedeutung zu verlieren.
Zwar zielt eine derart aufrechterhaltene Ordnung auf Dauer ab, doch zeigt sich
offenbar auch in unserem Themenbereich, daß der tonangebende sittliche Überbau
einem gewissen Wandel im Laufe der Zeit zu unterliegen scheint, wenn sich die
Arbeits- und Lebensumstände derart verändern, wie wir sie in unserer Landschaft
für den Übergang vom bäuerlichen Spätfeudalismus zur kapitalistischen Lohn-
arbeit feststellen können2): Mehrere Angaben legen nahe, daß der Brauch in den
letzten hundert Jahren (weiter läßt er sich gegenwärtig nicht zurückverfolgen) seine
strenge Verbindlichkeit verloren haben dürfte und in seiner Wertigkeit umschlug.

2) Vereinzelt ist dieser Brauch auch zu Neujahr und Dreikönig üblich.


3) Zur Einführung s. d. Kapitel „Sitte" von BAUSINGER, Hermann: Volkskunde. Von der
Altertumsforschung zur Kulturanalyse. Berlin und Darmstadt, o. J., S. 124 f.
°) Nach: WEISSEL, Bernhard, STROHBACH, Hermann, JACOBEIT, Wolfgang und Autoren-
kollektiv: Zur Geschichte der Kultur und Lebensweise der werktätigen Klassen und Schich-
ten des deutschen Volkes vom 11. Jahrhundert bis 1945. Ein Abriß. Berlin 1972. S. 15
(Deutsche Historikergesellschaft: Wissenschaftl. Mitteilungen 1972'1-111).
5) SCHARFE, Martin: Zum Rügebrauch. In: Hessische BII. f. Volkskunde. Gießen 1970. Bd. 61,
S. 45 ff.
6) Siehe d. Schlagwort „Recht" in: KLAUS, Georg und BUHR, Manfred (Hrsg.): Philoso-
phisches Wörterbuch. Bd. 2. Berlin 1974.11. Aufl. S. 1019 ff.
') Hiezu grundsätzlich: BAUSINGER, Hermann: Volkskultur in der technischen Welt. Stutt-
gart 1961.

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Solche Erwägungen müssen vorausgeschickt werden; denn unsere rund ein-
hundert Angaben zum Brauch8) lassen zwar durchaus gewisse Regelhaftigkeiten
erkennen, doch bleibt ein grundsätzlicher Widerspruch nicht anders als durch
einen Wandel in den Einstellungen zu erklären. Denn einerseits wird der Brauch
— vor allem von älteren Gewährsleuten und Belegen — als Warnung und Schande
verstanden, von den Jugendlichen heute hingegen weitgehend als Unterhaltung
und Anerkennung. Der dialektische Doppelsinn des Wortes „Achtung" zeigt aller-
dings schon, daß der Schritt von der Ver-Achtung zur Be-Achtung gar nicht so
groß ist, zumal auch Sinnbilder in sich schon zweideutig sein können. Außerdem
sind Bräuche bei weiterer Verbreitung, längerer Dauer und einem Wandel der
Trägerschichten selten etwas Starres9); sie bestehen (dies sei festgestellt, ohne
auf die ausführliche Diskussion einzugehen, was denn nun überhaupt ein Brauch
sei) aus Zeichen- und Handlungselementen, die sich bei verschiedenen Anlässen
und unter neuen Bedingungen zu variablen Sinnzusammenhängen reihen lassen.
So beinhaltet unser Allerheiligenbrauch auch Züge von den burschenschaftlichen
„Unruhnächten")) (die eine gewisse Verwandtschaft zu den Rügebräuchen haben
können, aber hier nicht unbedingt das weibliche Geschlecht betreffen müssen),
ferner Erinnerungen an einstige Heischegänge und Bewirtungen der männlichen
Jugend sowie Schenksitten. Letztlich deutet manches auf einen Untergrund im
einstigen Erntefestkreis hin.
Jedenfalls hat die eine Seite unseres Brauches, zu Allerheiligen Mädchen oder
ledigen Frauen einen „strebernen" Striezel oder „Zopf" zu „verehren", einen
verneinenden Charakter. Verurteilt wird damit etwas, was jedoch wiederum in sich
nicht einheitlich ist: Auf der einen Seite geht es in Extremfällen gegen die Schwan-
gerschaft Lediger ebenso, wie gegen die Kinderlosigkeit durchaus ehrenwerter, aber
als „überständig" deklarierter „Jungfern". Aber auch harmloser erscheinende Ver-
haltensweisen entsprechen nicht der Rollenerwartung seitens der Burschen gegen-
über dem weiblichen Geschlecht. Sind die einen zu „schmissig", „heikel", arrogant,
leichtfertig oder gar untreu, so gelten andere als langweilig, humorlos, abweisend
und altmodisch. Was wollen die Jungmänner jetzt eigentlich? Die Schlußfolgerung
ist klar: Es wird alles abgelehnt, was in gewissermaßen beiden möglichen Rich-
tungen von einer Art verbindlich erwünschter Durchschnittsnorm abweicht.
Verstärkt wird die Ablehnung oft durch die zeichenhaft unmißverständliche Bei-
fügung welker Rübenblätter und entkernter Maiskolben. Stroh hat an sich schon
die Materialgeltung von „wertlos", „unfruchtbar" und „alt" — der stroherne Aller-
heiligenstriezel ist das Gegenteil vom wohlschmeckenden Zopfgebäck, das sich
Liebende (wie zu Ostern ein Osterei) üblicherweise geschenkt zu haben scheinen,
bevor das Mürbgebäck nahezu zur Alltags- oder zumindest Allsonntagsspeise
wurde.
Auf der anderen Seite unseres Brauches steht die Meinung, daß die Strohstriezel
für die Mädchen eine Anerkennung, Ehre und Freude darstellen. Als Zielgruppe
sind dabei freilich nur mehr die jungen, feschen, begehrten Mädchen im allmäh-
lichen Heiratsalter gemeint. Wenn also z. B. ein kaum der Pflichtschule entwach-
senes Mädchen am Morgen des Allerheiligentages einen Strohzopf in der Dach-
8) Eigene und studentische Aufzeichnungen sowie eine schriftliche Umfrage 1966.
8) Zum Problem der „Kontinuität" s.: BAUSINGER, Hermann: Zur Algebra der Kontinuität. In:
BAUSINGER, Hermann und BRÜCKNER, Wolfgang (Hrsg.): Kontinuität? Geschichtlichkeit
und Dauer als volkskundliches Problem. Berlin 1969. S. 9 ff.
19 Allgemein hiezu: HABERLANDT, Arthur: Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs.
2. Bd. Wien 1959. S. 116.

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Abb. 1. Stroherner Allerheiligenstriezel auf einem Dach in Kautendorf (1964).


Foto: Helmut Fielhauer.

Abb. 2. Stroherner Allerheiligenstriezel über eine Straße in Großkrut (1964).


Foto: Helmut Fielhauer.


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rinne oder auf der Stromleitung vor dem Hause findet, „weiß sie, daß sich die
Burschen schon für sie interessieren". Allerdings beeilen sich die Mädchen immer
wieder, dieses Zeichen der Anerkennung noch vor dem Erwachen der Eltern oder
Nachbarn wegen der Vorwürfe oder des Geredes zu entfernen; es ist ja auch ihre
Zeit der ersten sexuellen Erfahrungen, die deswegen so problematisiert werden,
weil sie offenbar verschiedene Erwartungen der Eltern und Gemeinde in Frage
stellen.
Daß nun dasselbe Material Stroh eine positive Wertigkeit erhält, muß kein Wider-
spruch sein; denn jetzt ist es liebevoll mit Blüten und Maschen geschmückt (vor
allem wenn das Geflecht unmittelbar von einem Verehrer stammt). Der Striezel
kann aber noch immer eine leise, eher gutgemeinte Mahnung sein, sich bei Zeiten
um einen Freund umzusehen.
Um hier bei Folkloristen das Aufkommen allzu idyllischer Empfindungen zu ver-
hindern, wird wohl gesagt werden müssen, daß unser Brauch markante Züge des
Sexismus trägt. Dieser wird hier — dem Rassismus vergleichbar — im Sinne der
Annahme verstanden, daß zwischen Mann und Frau ein natürlicher Unterschied
bestehe, welcher (in unserem Falle) eine für Frauen nachteilige Rollenerwartung
seitens der Männer rechtfertige"). Die Geschlechtspositionen sind in unserem
Brauch nicht umkehrbar: Was Mädchen und Frauen in den Augen künftiger
Männer eben erst verrufen gemacht hat, gereicht Letzteren oft genug erst recht
zur Ehre12).
Es besteht zweifellos ein innerer Zusammenhang darin, daß sich die Verbreitung
unseres Brauches im Nordosten Niederösterreichs weitgehend mit jener der ur-
sprünglich wahrscheinlich am ständischen Zunftwesen orientierten Altersklassen-
organisationen von vormals überwiegend besitzbäuerlichen Burschen deckt. Unter
Wahrung ziemlich strenger Gruppennormen gehört diese Jungmannschaft ge-
wöhnlich zwischen Assentierungsalter und Verehelichung diesen „Irten" (Orte —
mhd. Zeche), „Komitees", „Kirchtags-" und „Robischburschen", Rekrutenjahrgän-
gen und wie sie sonst noch heißen13) an. Eine ihrer öffentlichen Hauptaufgaben
besteht noch heute in der Gestaltung bestimmter Feste, vor allem des Faschings
und der „heiligen Zeit" im Weinland, des Kirchweihfestes. Aber so wie das Auf-
stellen von Maibäumen nicht bloß eine Ehrung der Honoratioren bedeutet, sondern
auch Liebe zu einem Mädchen ausdrückt (mit der Entsprechung von Schandmaien
bei unbeliebten), haben diese Festformen nicht nur mit Unterhaltung, sondern ganz
wesentlich mit der Partnerwahl zu tun. Gerade Fasching und Kirtag waren früher
immer wieder Anlaß für die Dorfbourgeoisie, vor allem unter dem Gesichtspunkt
der Besitzwahrung und -mehrung zu beurteilen, welcher Bursch zu welchem
Mädchen passe"). Und hier schließt sich nun ein Bogen von unserem Allerheiligen-
brauch als Teil ländlicher Jugendkultur zur nächsten Altersstufe: Denn mit der
nach einst mehrjähriger Militärdienstzeit in Aussicht stehenden Hochzeit wird von

11) JANSSEN-JURREIT, Marielouise: Sexismus. Über die Abtreibung der Frauenfrage. Mün-
chen und Wien 1978. 3. Aufl.
12) Bloß ein einziger, wohl zu vernachlässigender Ort gibt an, daß sich auch die Mädchen
bei den Burschen mit strohernen Allerheiligenstriezeln „revanchiert" hätten.
13) Zu den Burschenschaften Ostniederösterreichs s. d. kenntnis- und materialreiche Dis-
sertation v. GALLER, Werner: Die Burschenschaften des östlichen und mittleren Weinviertels.
Ihre Erscheinung im 20. Jahrhundert. Wien (Manuskr.) 1971. Ich verdanke Herrn Dr. Galler
auch die Vorbereitungen zu diesem Filmdokument.
14) Zum Burschenfasching z. B.: GRIESHOFER, Franz: Faschingsbrauchtum. Kommentar zum
österr. Volkskundeatlas. 5. Lfg., 1974, BI. 90.

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der künftigen Ehefrau erwartet, daß sie sich die ihr auferlegte Rollenerwartung zu
eigen gemacht hat. Gerade im Hochzeitsbrauch gibt es hiezu zahlreiche regulierte
„Prüfungen", wie Aufkehren mit einem scheinbar zufällig in den Weg gelegten
Besen, Wiege schaukeln, einer Puppe senfbeschmierte Windeln wechseln usw.,
nebst nochmaligen, zutiefst konservativen Ehestandslehren und den sinnigen
Haushalts-Hochzeitsgeschenken15). Diese Dorfburschenschaften sind also im wahr-
sten Sinne die Erben einer patriarchalischen Bauerngesellschaft, in denen die

Verbreitung der strohernen Allerheiligenstriezel in Niederösterreich (nebst den Sonderformen


stroherner Neujahrsstriezel und stroherner Dreikönigsstern).
«1111› stroherner Allerheiligenstriezel
stroherner Neujahrsstriezel

stroherner Dreikönigsstern
X zwischen 1963 und 1965 konnten keine Nachweise stroherner Striezel erbracht werden
Erhebungen (1963-1965) und Entwurf: Helmut Fielhauer.
") FIELHAUER, Helmut Paul: Hochzeitsmasken in Niederösterreich. In: Heimatkundl. Jahr-
buch des Waldviertler Heimatbundes. 1. Bd. Krems 1977. S. 7 ff. Vgl.: ILIEN, Albert und
JEGGLE, Utz: Leben auf dem Dorf. Zur Sozialgeschichte des Dorfes und Sozialpsychologie


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künftige Ehefrau zur gehorsamen Haushälterin sowie Gebärerin von Stamm-
haltern und Arbeitskräften instrumentalisiert wurde.
Man wird an dieser Stelle noch kurz auf ein anderes Detail eingehen dürfen, weil
es in unserem Film angedeutet ist. Die Burschen führen Schlagwaffen mit sich, die
in solchen Gruppen durchaus üblich sind. An anderer Stelle taucht unvermittelt ein
fremder „Allerheiligenstriezel" auf, der allerdings in Ermangelung von Schabstroh
schon aus Buchsbaum und Blumendraht verfertigt ist. Im Triumph wird er — so
wie man in der Mainacht fremde Maibäume zu stehlen trachtet — vor dem Stamm-
wirtshaus aufgehängt. Das ist Schande und Herausforderung für die betroffene
Burschenschaft einer anderen Gemeinde, und es kommt noch heute gerne zu den
„traditionellen" Schlägereien. Zwischen Weinviertler Orten bzw. ihren Burschen
bestehen seit alters her bekannte, jedoch gewöhnlich nicht mehr — oder nur vor-
wandsweise — begründete Rivalitäten, die in zahlreichen Spottnamen ihren Aus-
druck finden.
Diese Rauflust wurde von der spätromantischen Männerbundliteratur im Sinne
ihres zeitgenössischen Imperialismus ungemein idealisiert, ohne sie anders als
„natürlich" erklären zu können. Mag sie historisch vielleicht auch etwas mit Wehr-
ertüchtigung zu tun haben, so wird sie in unserem Zusammenhang (ohne jetzt alles
Altersgemäße um jeden Preis bloß auf Erziehungsweisen zurückführen zu wollen) in
obigem Sinne doch viel vernünftiger als eine Art Schule der Männlichkeit aufzu-
fassen sein. Da wirkt denn doch mehr mit als Imponiergehaben und gelegentliches
Wunschberserkertum. In einer Landschaft, in der das männliche Ideal tatsächlich
bloß das „Anschaffen" war, ging der Weg zur Bauernherrlichkeit zunächst über
eine wahrhaftige Burschenherrlichkeit; mit ihr lernte man Selbst- und Ortsbewußt-
sein, Zusammengehörigkeitsgefühl, Ansehen, Ehrgeiz, Leistungswettbewerb und
die Abwehrbereitschaft gegenüber Fremden") — aber eben auch das, was man
heute mit dem Wort Machismo als ideologische Übersteigerung der Männlichkeit
bezeichnet.
Welche dieser Erziehungsideale mit all ihren Folgen (bis etwa zum tödlichen
Verkehrsunfall) noch zeitgemäß sind, werden letztlich die Burschen selbst zu ent-
scheiden haben. Daß aber diese Rollenverteilung zwischen Mann und Frau nicht
mehr ganz in die Gegenwart paßt, merken die Jugendlichen selbst recht gut.
Früher konnte unser konkreter Rügebrauch dem Vernehmen nach tatsächlich
bewirken, daß sich eine junge Frau total den Erwartungen anpassen mußte. Bekam
früher ein Mädchen — so ein Beleg, in dem anstelle des Strohzopfes sinnverwandt
eine Strohpuppe erwähnt wird — ein solches Schandmal auf das Dach, so konnte
es sein, daß sie im Ort keinen Freund und Ehepartner mehr fand. Heute haben
sich die Lebensbedingungen zum Teil recht grundsätzlich verändert"). Ein Großteil
der aufgeweckten jungen Frauen will bekanntlich nicht mehr Bäuerin werden,
sondern strebt nach Arbeitsplätzen, welche die Kleingemeinden nicht mehr zu
bieten vermögen. Stadtnahe Abwanderungs- und Pendlerlandschaften — zu denen
große Teile des Weinviertels gehören — sind nach der Einschätzung junger männ-

seiner Bewohner. Opladen 1978; bzw. JEGGLE, Utz: Kiebingen — eine Heimatgeschichte.
Zum Prozeß der Zivilisation in einem schwäbischen Dorf. Tübingen 1977 (Untersuchungen d.
Ludw.-Uhland-Instituts d. Universität Tübingen, 44. Bd.).
16) Ähnliche Überlegungen schon bei: SCHWEDT, Herbert; Kulturstile kleiner Gemeinden.
Tübingen 1968. S. 106, 125 ff und 140 ff.
") Einen guten Überblick bietet: PEVETZ, Werner: Stand und Entwicklungstendenzen der
ländlichen Sozialforschung in Österreich, 1960-1972. Wien 1974 (Agrarwissensch. Institut d.
Bundesministeriums f. Land- u. Forstwirtschaft, Schriftenreihe Nr. 20).

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licher Gesprächspartner „sexuelle Notstandsgebiete" geworden. Viele soziale und
kulturelle Aktivitäten der Jugend haben sich auf gewöhnlich zentralere Orte ver-
lagert. Das heißt letztlich: Man kann sich den Kontrollen und Sanktionen durch die
einstmals stark geschlossene Kleingemeinde leichter entziehen (mögen auch
Kulturpessimisten wieder einmal den Sittenverfall heraufbeschwören). Und kehren
die jungen Frauen überwiegend nach der Eheschließung und Geburt von Kindern
wieder in die Dörfer zurück, so hat doch zumindest die letzte Frauengeneration
wenn schon nicht die Gleichberechtigung, so doch liberalere Leitbilder gewonnen
(diese haben allerdings noch selten etwas am Wesentlichen verändert, sondern
werden gewöhnlich sehr bald aufgrund der neuen Abhängigkeiten aufgegeben).
Selbstverständlich haben sich auch die Dorfburschenschaften angesichts der neuen
Lebens- und Arbeitsbedingungen gewandelt. Formell haben sie sich trotz Abwan-
derung und Sinken der Geburtenrate (zum Teil fielen fast ganze Jahrgänge aus)
recht gut zu halten vermocht. Aber die Verbliebenen sind genauso mehrheitlich
lohnabhängige Pendler-Lehrlinge geworden, für die das eigene Dorf zumeist nur
mehr Reproduktionsstätte und noch viel weniger Freizeitraum geblieben ist.
Moped und Auto sind die Zeichen der neuen Mobilität. Für viele, einst selbstver-
ständliche Gruppenaktionen bleibt kaum mehr Zeit — und Interesse.
Zweifellos hat die große Wende unserem Brauch viel von seinem sexistischen
Zwangscharakter genommen und ihn damit entschärft, wenn eben nicht sogar in
seiner Sinngebung umgewandelt. Die einstmals „brutalen Beschützer"") sind im
allgemeinen zahmer geworden, ohne daß sich jedoch ihre ererbte Einstellung zum
anderen Geschlecht allzu sehr geändert hätte. Denn das hieße für sie eine durch
altes Herkommen und „Natur" bequem zu rechtfertigende Vormachtstellung zu
prüfen und gegebenenfalls aufzugeben, die jahrhundertelang wesentlicher Be-
standteil ihrer eingelernten Identität war.
Es bleiben im Hinblick auf die didaktisch-exemplarisch verstandene Filmdokumen-
tation noch ein paar andere Einzelheiten zu erläutern. Die über die Straßen ge-
spannten langen Strohzöpfe werden — zumindest im Aufnahmeort — nicht den
Mädchen, sondern gewissermaßen der ganzen Gemeinde zugedacht. Heutzutage
scheinen sie keinen recht verbindlichen Sinn mehr zu haben — „man soll wissen,
daß Allerheiligen ist", heißt es gelegentlich. Mag sein, daß sie früher die Gegen-
leistung für das übliche Recht eines Heischeganges um wirkliche Allerheiligen-
gebäcke waren. Da dies nicht gesichert ist, erübrigt sich hier die Überlegung, ob
die Jugendlichen dabei im Sinne alter kirchlicher Vorstellungen um die „Seelen-
spende" tatsächlich als die Vertreter der "Armen Seelen" galten. Aber unmittel-
bare Zusammenhänge mit unserem Brauch — etwa in der von mir einst geäußerten
Meinung, daß die Burschen anstelle der Toten nach der Erhaltung von Recht und
Ordnung sähen — kann ich heute nicht mehr erkennen").
Eher würde ich nochmals darauf hinweisen, daß in vielen Landschaften Stroh-
gebilde als Schankzeichen gelten, und wenige Tage nach Allerheiligen, zu Martini
(11. November), der Wein als ausgegoren galt. Wenn Burschen beim Wirtshaus
einen Strohzopf anbrachten, wurden sie bewirtet, heißt es gelegentlich. Man wird
da gewiß nicht leichtfertig über große Entfernungen hinweg vergleichen dürfen,
aber vielleicht zeigt sich doch ein gangbarer Weg der Deutung, wenn wir auf das
ähnliche Aufstecken von Strohzöpfen am Wirtshaus im südwestdeutschen Baden
aufmerksam machen; hier geschieht es in Erwartung des Erntefestes"). Im übrigen
18) Bezeichnung nach: JANNSSEN-JURREIT: Sexismus, 26. Kapitel.
19) Im Vergleich zu meinem in Anm. 1 zitierten Aufsatz von 1966.
20) JAROSCH, Günther: Erntebrauch und Erntedank. Jena 1939. S. 81 f.

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sind ja die kulturellen Beziehungen unseres Donauraumes mit jenem deutschen
Südwesten mehrfach historisch nachweisbar, nicht zuletzt durch die habsburgische
Hausmachtpolitik und die Nachbesiedlungen des Südostens der österreichischen
Monarchie. Dies jedoch nur am Rande. Wichtiger bleibt im Hinblick auf deutungs-
mäßige Zusammenhänge eine leider bloß vereinzelte Nachricht aus dem nörd-
lichen Weinviertel: Schöne, mit Maschen aufgeputzte Strohzöpfe habe man für die
beliebten und häßliche für die unbeliebten Mädchen nicht nur beim Drusch, son-
dern überhaupt im Herbst an die Türschnallen gehängt.
Auch die in unserem Film festgehaltenen Strohpuppen sind keineswegs für den
Allerheiligentermin sehr typisch; man möchte sie in dieser Jahreszeit lieber der
naheliegenden Ernte- und Drescherarbeit zuordnen21 ), wo sie regelmäßig zu den
Rüge- und Hänselbräuchen gehören. Es bleibt also nach diesen Andeutungen doch
zu erwägen, ob der Allerheiligentermin im Weinviertel nicht ältere Ernte- und
Dreschergewohnheiten auf sich vereinigt hat, so wie er hier auch als Unruhnacht
der Burschen gilt. Dieses „Stück legaler Anarchie"22), das sich gerne an das Ende
großer landwirtschaftlicher Arbeiten anhing, wird mit dem Tore-Aushängen, Wagen-
auf-das-Dach-Versetzen und dergleichen meist als Spaß und Kraftprotzerei ver-
standen, kann sich aber wiederum mißbilligend gegen einzelne Ortsbewohner
wenden. In unserem Film ist es die Verspottung des kinderlosen und in Anspielung
auf den Namen eines Wiener Großkaufhauses als „Gerne-Groß" verulkten Greiß-
lers. Allerdings hatte diese Szene - weshalb der Ort nicht genannt sei - für unsere
Burschen ein gerichtliches Nachspiel. Tatsächlich ist ja die Handlungsweise
unserer jugendlichen Brauchvollstrecker nicht gerade mit bürgerlichem Takt-
empfinden oder gar modernem Gesellschaftsverständnis in Einklang zu bringen.
Aber auch ein anderer, gewissermaßen formtechnischer Hinweis läßt uns nochmals
an Beziehungen von strohernen Allerheiligenstriezeln und Erntearbeit denken. Im
benachbarten nördlichen Waldviertel23), einer Landschaft, die unseren Brauch
sonst nicht kennt, soll man früher auch unbeliebten Mädchen zur Schande Stroh-
bänder auf das Dach geworfen haben; daß dies allerdings in der Nacht zum 1. Mai
geschah, in der die Burschen zugleich zwischen den Häusern der Liebespaare ihre
weitum üblichen „Mai-Steige" mittels Kalk und anderem Zeug ziehen (wie wir es
schon aus Goethes „Faust"-Szene am Brunnen kennen), besagt im Grunde wenig.
Zur formalen Herkunft unserer strohernen Allerheiligenstriezel ist die Vergleich-
barkeit mit diesen Strohbändern von Interesse: Sie wurden dort in Winterarbeit
verfertigt, um damit bei der Ernte die Garben zu binden, meinte der Gewährsmann
spontan. Mit dem Ausdreschen waren sie offenbar wertlos und somit sinngemäß
für den Spott verfügbar geworden.
Hier bliebe noch manche Einzelheit zu klären: Nicht nur das rein Realienkund-
Iiche24), sondern auch Rechtsgeschichtliches und die Verbreitungsfrage. In alten

21)Man vergleiche auch aus weiterer Entfernung - ohne hier „gemeingermanische Kon-
tinuitäten nationalromantischer Art ins Spiel bringen zu wollen - die Strohgebilde und
-puppen im skandinavischen Julbrauch - HAGBERG, Louise: Julhalm och Juldocker. Sonder-
abdruck aus RIG 1921. S. 33 ff.
22)WOLFRAM, Richard: Burschenschaftsbrauchtum - termingebundene Unruhnächte. Bd. 46
des isterr. Volkskundeatlas. 3. Lfg. Wien 1968 mit Kommentar.
23)Gemeinde Griesbach b. Waidhofen a. d. Thaya.
24)Wie etwa diese Strohbänder genau aussahen. - Wenn solche verwendet wurden, liegt
das Flechten nahe. Für welches Getreide? Der Gewährsmann meinte für Hafer, der üblicher-
weise heute nicht in Garben gebunden wurde.

Wiss. Film Nr. 27, Oktober 1981 51


Weistümern werden nämlich oft Strohzöpfe und -kränze zur Kennzeichnung der Einige Burschen f
verschiedentlich Verurteilten genannt. Und die Anfertigung von Strohbrezen zu einen von der do
Neujahr und Dreikönig (Termine, die auch unser Brauch kennt) im schon genann- heiligenstriezel" zu
ten Baden und dem benachbarten Elsaß für untreue und sitzengebliebene Mädchen gelung von Stroh
erweisen, daß man diese zeichenhaften Mahnungen auch anderswo verstand 25). Triumphes wird er
Da müßte man eigentlich auch sinngemäß derartige mit Farbe aufgemalte Schand- schaft wollte ihn
zeichen, wie die an die hölzerne Halsgeige bei Prangerstrafen gemahnende Scheinwerfer weiter
Fiedel" oder die „Reiter" (das Sieb als Bildsprache des „Durchfallens") in Süd- Man zögert also ai
tirol, in die Betrachtung einbeziehen26). Doch das Dargebotene müßte fürs erste gegen Morgen hina
reichen, um im Wege eines Jahresbrauches gewisse Einblicke in die bisher viel Schlagring (den m
zu wenig ernsthaft beachtete Kulturgeschichte der Moral zu gewinnen. mitführt) zur Nacht
man noch spontan
Filmbeschreibung gehört im Weinland
Am letzten Wochenende vor Allerheiligen kommen die Burschen wie gewöhnlich Formen der Gesell
in ihrem Stammwirtshaus zusammen. Doch diesmal beraten sie, für wen sie schen legen sich r
heuer Allerheiligenstriezel aus Stroh flechten sollen und wo sie das Material wachen.
- ungebrochenes Schaubenstroh - finden. Solches Stroh zu bekommen war früher Erst in den letzten
kein Problem; nach dem Handschnitt gab es genug davon, währenddessen heute benen, eigentlichen
die Mähdrescher das Stroh brechen und zu Ballen pressen. Nur einige Weinbauern bei beliebten Mädc
schlagen noch händisch Garben aus, um mit den Halmen die Reben aufzubinden. blieben sie besser 1
Aber so wie es hier bereits Kunststoffbänder gibt, sind auch in den letzten Jahren begibt sich zu der
rasch die letzten Strohdächer verschwunden (aus denen man früher gelegentlich einen Kinderwagen
bei Mißliebigen den „Rohstoff" unseres Brauches einfach herausriß). Da zu erwar- von dem die Bursch
ten ist, daß die Bauern böse sind, wenn man ihnen das wenige Schaubenstroh aus Der Ort erwacht alIr
den am Ortsrand freistehenden Scheunen stiehlt, gehen die Burschen dement- Feiertages: Einige
sprechend vorsichtig zu Werk. Das erhöht freilich den Reiz des Unternehmens: etwas mehr aufgebt
Angesichts der Kamera spielen sie vorerst die „Helden'.
Das erbeutete Stroh wird im elterlichen Anwesen eines der Burschen einige Tage
in einem Trog eingeweicht, damit es zum Flechten geschmeidig wird.
In den folgenden Tagen werden des nachts - sehr zum Ärger der Hausfrauen -
aus Vorgärten und Weinbergen Blumen gestohlen, die nicht nur als Hausschmuck,
sondern besonders zur Gräberschmückung zu Allerheiligen-Allerseelen gepflanzt
wurden.
Am Abend vor Allerheiligen beginnen die Burschen zunächst, einfache, viele
Meter lange Strohzöpfe zu flechten, welche über die Straße gespannt werden
sollen: Einer beim Weg zur Kirche und einer beim Milchkühlhaus. Für ersteren
verfertigen die Burschen überdies ein schönes Kreuz aus Blumen; auf den anderen
wird ein schon vorgefertigtes, aus einem Brett geschnittenes Herz gehängt, auf
dem zu lesen ist. „Alter Wein und junge Weiber sind des Burschen Zeitvertreib";
auf der Rückseite sind die Geburtsjahrgänge der „Rekruten"-Burschen festgehal-
ten (im Aufnahmejahr waren es wegen der niedrigen Geburtenziffer deren zwei).
Sodann werden mehrere, etwa über ein Meter lange Strohstriezel vorbereitet, die
jedoch dicht mit Blumen durchwirkt sind. Beim Striezelflechten hilft ein älterer
Bursche, der nicht mehr zum „Jahrgang" gehört. Aus dem alten Gewand werden
Strohpuppen gestaltet.

25)SARTORI, Paul: Sitte und Brauch. Leipzig 1910 ff. III. Teil, S.56 und 65, Fn. 49 (Hand-
bücher zur Volkskunde, Bde. V—VIII). Anschrift des Verlasse
26)Brezen in Ölfarbe zu Silvester, Karfreitag und Walpurgisnacht s.: WALTER, Paul: Schwä- Univ.-Prof. Dr. Helmut
bische Volkskunde. Leipzig 1929. S. 137. Südtirol nach eigenen Beobachtungen. gasse 3, 1010 Wien.

52 Wiss. Film Nr. 27, Oktober 1981 Wiss. Film Nr. 27, Oktober
Einige Burschen fahren inzwischen in einen Nachbarort, um nach Möglichkeit
einen von der dortigen Burschenschaft vielleicht schon ausgehängten „Aller-
heiligenstriezel" zu erbeuten. Tatsächlich gelingt es; dieser ist übrigens in Erman-
gelung von Stroh schon aus Buchsbaum und Draht verfertigt. Zum Zeichen des
Triumphes wird er vor dem eigenen Gasthaus aufgehängt. (Die Nachbarburschen-
schaft wollte ihn später zurückholen, fuhr jedoch angesichts der Kamera und
Scheinwerfer weiter).
Man zögert also aus Erfahrung das Aushängen der Strohstriezel möglichst lange
gegen Morgen hinaus. Es wird noch ein parodistisches Geschäftsschild gemalt, ein
Schlagring (den man wegen der zu erwartenden Rauferei nebst Ochsenziemern
mitführt) zur Nachmachung kopiert. Zum Abschluß der Vorarbeiten unternimmt
man noch spontan eine „Kellerpartie" in einen der elterlichen Weinkeller. Das
gehört im Weinland schon bei den kaum Pflichtschulentlassenen zu den beliebten
Formen der Geselligkeit - und erhöht das Ansehen des Spenders. Einige Bur-
schen legen sich noch ein wenig ins Stroh, nicht zuletzt, um die Zöpfe zu be-
wachen.
Erst in den letzten Morgenstunden des Allerheiligentages ziehen die übriggeblie-
benen, eigentlichen Rekrutenburschen los. Die kurzen, schönen „Striezel' werden
bei beliebten Mädchen auf das Dach geworfen (auf den einstigen Strohdächern
blieben sie besser liegen), die langen für die Öffentlichkeit aufgehängt. Eine Gruppe
begibt sich zu dem nicht geschätzten Kaufmann, um das erwähnte Schild und
einen Kinderwagen am Hause anzubringen. Eine Strohpuppe gilt einem Mädchen,
von dem die Burschen meinen, daß es zu sehr behütet werde.
Der Ort erwacht allmählich. Aber nicht überall herrscht die Stille des anbrechenden
Feiertages: Einige Betroffene zeigen - gewiß auch wiederum durch die Kamera
etwas mehr aufgebracht - sichtliche Empörung .

Anschrift des Verfassers


Univ.-Prof. Dr. Helmut Paul Fielhauer, Institut für Volkskunde der Universität Wien, Hanusch-
gasse 3, 1010 Wien.

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