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IMAGINÄRE NEUORDNUNG DER GESELLSCHAFT

Die imaginäre Neuordnung


der Gesellschaft:
Literarische Utopien, Anti-Utopien
und Dystopien als Elemente einer
spekulativen Soziologie
Konzeptionelle Begriffsbestimmung und Illustration anhand
der Kurzgeschichte „The Machine Stops“ von E. M. Forster 61

von Luise Maria Stoltenberg

Die Soziologin Ruth Levitas versteht Utopien als Methode einer imaginären
Neuordnung der Gesellschaft. Damit wird die Utopie zu einem Prozess, der
sich konkreten Diskussionen und politischen Institutionen zuwendet und so-
mit unweigerlich auch in die Soziologie integriert werden kann. Doch was ist
eine Utopie? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stolpert man
unweigerlich nicht nur über eine Vielzahl von Antwortmöglichkeiten, son-
abstract

dern trifft ebenfalls auf Anti-Utopien und Dystopien.


Der nachfolgende Artikel liefert eine klare Begriffsbestimmung zu diesen drei
Phänomenen und zeigt darüber hinaus ihre individuelle Bedeutung für die
soziologische Praxis auf. Die gewonnenen Erkenntnisse werden anhand der
Kurzgeschichte The Machine Stops von Edward Morgan Forster anschließend
noch einmal veranschaulicht. Es zeigt sich, dass Utopien, Anti-Utopien und
Dystopien als Elemente einer spekulativen Soziologie zu verstehen sind.

SOZIOLOGIEMAGAZIN Utopien und Realitäten


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Utopie und Soziologie stellt: „I think, in fact, that the creation of


Utopias – and their exhaustive criticism
Was ist eine Utopie? Die Beantwortung – is the proper and distinctive method
dieser Frage eröffnet eine Vielfalt an Deu- of sociology“ (Wells 2014 [1914]). Wells
tungsmöglichkeiten und generiert dement- konstatiert nicht nur einen Zusammen-
sprechend auch in der wissenschaftlichen hang zwischen Utopien und Soziologie; er
Debatte keinen Konsens (vgl. Sitter-Liver definiert den Mehrwert utopischer Ansätze
2007: XVIf.). Dennoch gibt es einen Kern- darüber hinaus primär über ihre kritische
aspekt, der den meisten Definitions- Funktion. Für ihn wird die Kreation von
versuchen gemein ist: Die Utopie wird Utopien und die untrennbar damit ver-
als „social dreaming“ (Sargent 2005: 11) bundene kritische Auseinandersetzung
verstanden, als fiktiver Gesellschaftsent- mit deren Inhalten und Entwürfen zur
wurf. Von diesem allgemeinen Verständnis strukturierenden Methode der Soziologie.
62 ausgehend variieren die Spezifika bei der Dieser Grundannahme folgend sind sozio-
Definition der Utopie je nach Urheber. logische Arbeiten stets im- oder explizit
Zudem zieht die umfassende Ausein- mit utopischen Elementen durchdrungen.
andersetzung mit der Begriffsarbeit zur Mehr noch: „[…] Wells also construes
Utopie zwei weitere Begriffe nach sich, sociology as utopia and utopia as socio-
die ein ebenso facettenreiches Interpre- logy“ (Levitas 2010: 536). Die (partielle)
tationsspektrum aufweisen: Anti-Utopie Kongruenz von Soziologie und Utopie
und Dystopie (vgl. Claeys 2013: 147). Dass ergibt sich aus dem exponierten Kritikan-
diese drei Begriffe eng zusammenhängen, spruch, den diese konkrete Wissenschaft
suggeriert bereits ihre morphologische mit dem fiktiven Gesellschaftsentwurf teilt
und phonologische Ähnlichkeit. Doch (Levitas 2013: 98f.). Diese Parallele wird
wie sie konkret zueinanderstehen, darü- dadurch weiter gestärkt, dass es Möglich-
ber herrscht Uneinigkeit (vgl. Baccolini/ keiten der reziproken Einflussnahme gibt.
Moylan 2003: 7; Schölderle 2012: 137f.). Eingängig wird dies am Beispiel von uto-
Bevor die Definitionsproblematik weiter pischer, anti-utopischer und dystopischer
ausgebreitet werden kann, ist es zunächst Literatur: Sie kann als Inspirationsquelle
erforderlich zu klären, wieso diesen drei für soziologische Überlegungen fungieren,
Begriffen überhaupt eine besondere Re- sobald sie Ausdrucksmittel für subjektiv
levanz in der Soziologie zukommt. Einen wahrgenommene soziale Realitäten ist (vgl.
essenziellen Anhaltspunkt bietet hier der Petersen/Jacobsen 2012: 112). Mit diesem
englische Schriftsteller Herbert George Verständnis können Utopien, Anti-Utopien
Wells, der im Zuge einer Überlegung zur und Dystopien als Ausdrucksformen einer
Revision der Soziologie schließlich fest- spekulativen Soziologie charakterisiert wer-

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den. Sie sind spielerische Versuche, mög- ernde Diskussion um die Bedeutung und
liche gesellschaftliche Zukunftsszenarien Definition von Utopien geebnet.
theoretisch zu proben und zu beurteilen Für die Soziologie besonders relevant
(vgl. Levitas 2010: 542). Auf diese Weise sind dabei die Begriffsinterpretationen
sind sie sogar in der Lage, auf politischer Karl Mannheims. So definiert Mannheim
Ebene Veränderungen anzustoßen und die Utopie in Abgrenzung zur Ideologie
somit Grundlage für tatsächliche Hand- als eine „‚wirklichkeitstranszendente‘
lungen zu werden (vgl. Sargisson 2007: 32). Orientierung, [...] die, in das Handeln
Gemeinsam mit der Soziologie strukturie- übergehend, die jeweils bestehende Seins-
ren die verschiedenen Arten des fiktiven ordnung zugleich teilweise oder ganz
Gesellschaftsentwurfs die Wahrnehmung sprengt“ (Mannheim 1986 [1928]: 265).
und Vorstellung von Gesellschaft (vgl. Le- Für Mannheim gibt es folglich ein utopi-
vitas 2013: 83) und übernehmen demnach sches Bewusstsein, das in seiner prakti-
„eine unverzichtbare Rolle im gesellschaft- schen Ausübung die Fähigkeit besitzt, die 63
lichen Prozess“ (Schölderle 2011: 489). bestehende soziale Ordnung umzuwälzen.
Ein „Möglichkeitsdenken“ (Vosskamp
2013: 22), wie es Mannheim konstatiert,
Theoretische Fundierung wird auch in den drei folgenden Defini-
tionen als Voraussetzung für utopisches
Der Begriff „Utopie“ wurde maßgeblich Denken vorausgesetzt. Doch wurde bei
durch Thomas Morus und sein Werk Uto- der Ausarbeitung der hier vorgestellten
pia (1516) geprägt und etabliert (vgl. z.B. Begriffserklärungen vor allem auf einen
Schölderle 2011: 15). Schon der Untertitel möglichst praktischen Bezug Wert gelegt,
Über die beste Staatsordnung zeigt, dass sodass die Relevanz der Utopie für die
es sich um die Darlegung einer visionä- Soziologie besonders augenscheinlich wird.
ren Gesellschaftskonstitution handelt. Im Schon vor diesem Hintergrund zeichnet
Zentrum steht in Morus’ Beschreibung sich ab, weshalb die folgenden Definitionen
eine von anderen Gesellschaften isolierte von (1) Utopie, (2) Anti-Utopie und (3)
Kommune (vgl. Morus 2011 [1516]: 59), Dystopie als Elemente einer spekulativen
die sich in ihrem Kern vor allem durch Soziologie verstanden werden können.
absolut zweckrationales Denken und ein
streng instrumentelles Verhältnis zur Natur
auszeichnet (vgl. Saage 1997: 136). Mit
seinem Werk hat Morus nicht nur den
Grundstein für die Utopie gelegt, er hat
gleichzeitig auch den Weg für eine andau-

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(1) Utopie als imaginäre Neuordnung wissenschaftlicher Arbeit und steht hier im
der Gesellschaft Fokus, da auf der Grundlage eines solchen
Wie bereits deutlich wurde, ist die Utopie Utopieverständnisses die soziologische
eng mit der Hoffnung auf ein besseres und politische Bedeutung von derartigen
Leben sowie mit dem Streben nach einem Visionen und Wunschbildern aufgezeigt
solchen verknüpft (vgl. Sargent 2006: 11). werden kann.
Auf diese Weise verwendet, werden harmo- Levitas fasst Utopien als Methode einer
nische zwischenmenschliche Beziehungen imaginären Neuordnung der Gesellschaft
zu zentralen utopischen Themen, drückt (Imaginary Reconstitution of Society, kurz:
sich doch in diesem einvernehmlichen Ver- IROS). Damit deutet sie die Utopie wesent-
hältnis ein hohes Maß an Wertschätzung lich um, verliert sie doch ihre Charakte-
und Egalität aus (vgl. Claeys 2013: 155f.). risierung als tatsächlich anzustrebendes
Damit konform geht auch der Ansatz von Ziel (vgl. Levitas 2010: 542) und erscheint
64 Ruth Levitas, allerdings stattdessen als ein Pro-
geht sie in ihrem Uto- zess, der von abstrakten
pieverständnis noch Utopien
„ Prinzipien abrückt und
weiter und plädiert [...] als sich konkreten Diskus-
dafür, Utopien nicht Methode , sionen und politischen
als Ziel zu begreifen,
die sich mit Institutionen zuwen-
sondern vielmehr als
Methode, die sich mit
den Möglichkeiten det (vgl. Levitas 2007a:
300). Der IROS-Ansatz
den Möglichkeiten und und zeichnet sich durch
Bedingungen einer bes- Bedingungen insgesamt drei Modi
seren Welt auseinander- einer aus, die jeweils unter-
setzt (vgl. Levitas 2013: besseren Welt schiedliche Aspekte der
149). Mit diesem Ver- auseinandersetzt.“ Utopie betonen: der ar-
ständnis einhergehend chäologische Modus,
und im Zuge einer kriti- der architektonische
schen Auseinandersetzung mit Mannheims Modus und der ontologische Modus.
Utopiebegriff bewertet Levitas Utopien Im Mittelpunkt des archäologischen Mo-
nicht anhand ihres Realisierungspotenzi- dus steht die genaue Überprüfung von
als. Stattdessen beurteilt sie Utopien nach politischen Diskursen, die sich mit Mo-
ihrem Zweck, einen bestimmten gesell- dellen einer guten Gesellschaftsordnung
schaftlichen Zustand zu erreichen (vgl. beschäftigen (vgl. Levitas 2010: 543). Diese
Levitas 1979: 22). Dieses Postulat markiert Diskurse werden in der Utopie zu einem
einen essenziellen Bestandteil in Levitas’ kohärenten Gesamtbild zusammengesetzt,

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auf dessen Grundlage Kritik geübt werden zwischen Gegenwart (archäologischer


kann (vgl. Levitas 2007a: 300). Aufgrund Modus) und naher oder ferner Zukunft
dieser prüfenden und begutachtenden (architektonischer Modus) bewegt. Au-
Funktion spricht Levitas vom analytischen ßerdem erfolgt eine permanente Über-
Modus (vgl. Levitas 2007b: 47). arbeitung und Neujustierung der Utopie,
Der architektonische Modus hingegen da sie mithilfe der Vorstellungskraft ihrer
widmet sich holistischen Modellen, die Urheber veränderten Ausgangssituationen
Alternativen zu den Ergebnissen und Be- und Bedingungen angepasst werden muss
funden des ersten Modus vorstellen – „it (ontologischer Modus). Daraus ergibt sich
involves the construction of alternative der dynamische und hochflexible Cha-
models of how society might be“ (Levitas rakter der Utopie, der vor allem aus der
2007a: 300). Konkret lassen sich unter raum-/zeitlichen Verortung zwischen dem
diesem Punkt Fragen nach tatsächlichen gelebten Moment und der imaginierten
gesellschaftlichen Entwicklungspoten- besseren Welt folgt (vgl. Levitas 2013: 149). 65
zialen unter der Berücksichtigung von Eine hohe kontextuale Abhängigkeit ist die
ökologischen, politischen, sozialen und Folge (vgl. Levitas 1979: 31).
ökonomischen Einflüssen subsumieren Die auf Basis dieser Überlegungen entwi-
(vgl. Levitas 2010: 543). ckelte IROS-Methode dient vor allem der
Abgerundet werden diese beiden Aspekte Ausübung von Kritik an gegenwärtigen
durch den ontologischen Modus. Er liegt sozialen und kulturellen Prozessen, damit
den beiden erstgenannten Modi zugrunde, auf dieser Grundlage Veränderungen an-
da er sich durch die essenzielle Fähigkeit geregt werden können (vgl. Levitas 2007b:
begründet, die imaginäre Neuordnung von 47). Wird Utopie mithilfe von Levitas’
Gesellschaft überhaupt leisten zu können. IROS-Ansatz verstanden, so kann sie in-
Diese Abstraktion erfordert laut Levitas terdisziplinär für die Wissenschaft nutzbar
jedoch keine außergewöhnliche Kraftan- gemacht werden, da sie Erkenntnisse gene-
strengung, sondern vollzieht sich bereits im riert, die beispielsweise für die Soziologie
alltäglichen Leben: „Imagining ourselves relevant sein können. Dieses Potenzial der
otherwise is not an impossible project; we Utopie speist sich insbesondere aus der
do it all the time. We play routinely with Fähigkeit der kritischen Evaluation von
narratives of self that place us in other gegenwärtigen sozialen und politischen
relationships, with better bodies and more Missständen (vgl. Levitas/Sargisson 2003:
money, in smarter houses, as more effective 14; vgl. Sargisson 2007: 36). An dieser
operators in the world“ (Levitas 2010: 544). Stelle treten die Parallelen zur Soziologie
Die drei Modi verdeutlichen, dass sich deutlich hervor. Doch im Gegensatz zu
die Utopie zeitlich stets in einem Raum einer objektiven, auf tatsächlichen Daten

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beruhenden Wissenschaft, gibt sich die verhandelt und prüft somit die Grenzen
Utopie gesellschaftlichen Spekulationen der Hoffnung auf ein besseres Leben und
hin. Da sie nichtsdestotrotz in ihrer He- stützt sich deswegen inhaltlich eher auf die
rangehensweise und ihrer geübten Kritik Bestätigung des Status quo (vgl. Moylan
markante Analogien zur Soziologie auf- 2000: 131).
weist, kann sie als spekulative Soziologie Krishan Kumar hat in seinem Werk Utopia
beschrieben werden. and Anti-Utopia in Modern Times (1987) eine
Die von Levitas entwickelte IROS-Methode Definition der Anti-Utopie herausgearbeitet,
weist nicht nur Anknüpfungspunkte für die sich zwar primär auf die literarischen
die nun folgende Definitionsarbeit auf Kontexte dieses Phänomens bezieht, jedoch
– mehr noch, sie ermöglicht als Funda- gerade auf Grundlage der zuvor dargelegten
ment dieser anderen Begriffsklärungen ein IROS-Methode von Levitas auch für den
umfassendes Verständnis der besonderen soziologischen Gebrauch kultiviert wer-
66 Relevanz von utopischen Vorstellungen den kann. Prägnant wird hierbei die enge
für die Soziologie. Verzahnung von Utopie und Anti-Utopie
aufgezeigt:
(2) Anti-Utopie:
„mocking doppelgänger“ der Utopie The anti-utopia is formed by utopia,
Die Anti-Utopie (auch: Gegenutopie) gilt and feeds parasitically on it. [...] It is
als Antwort auf die Utopie (vgl. Moylan utopia that provides the positive content
2000: 130). Überspitzt ausgedrückt ist sie to which anti-utopia makes the negative
ihr „mocking doppelgänger“ (Kumar 2005: response. Anti-utopia draws its mate-
25). Sie ist in ihrer Grundstruktur der rial from utopia and reassembles it in
Utopie sehr ähnlich, denn beide vollziehen a manner that denies the affirmation
den imaginären Versuch der kritischen of utopia. (Kumar 1987: 100)
Auseinandersetzung mit der Welt (vgl.
Huntington 1982: 123). Doch ist der Ge- Die Anti-Utopie ist die negative Antwort
genstand, auf den sich die examinieren- auf die positiven Vorstellungen und ima-
de Fähigkeit der Anti-Utopie richtet, ein ginären Konzepte einer besseren Gesell-
anderer: Es ist die Utopie selbst. Dabei schaft (vgl. Claeys 2013: 60). Mitunter wird
kann sich die Anti-Utopie sowohl gegen dadurch die Bedeutung der subjektiven
eine ganz konkrete vorherrschende Utopie Perspektive noch einmal hervorgehoben.
richten – also auch das utopische Denken Ausgedrückt wird außerdem die Befürch-
in seinem historischen Kontext generell tung, dass utopische Versprechen entwe-
attackieren (vgl. Sargent 2005: 11; vgl. der aufgrund ihrer inneren Struktur oder
Balasopouls 2011: 60). Die Anti-Utopie aufgrund des menschlichen Unvermögens

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nicht langfristig eingelöst werden können tion überhaupt erst ermöglicht. Utopie
(vgl. Kumar 2005: 25). Die tatsächliche und Anti-Utopie befinden sich folglich in
Realisierung der Utopie zieht dabei alb- einer Art Wettbewerbssituation, die eine
traumhafte Konsequenzen nach sich, die reziproke Weiterentwicklung verursacht:
das gesellschaftliche Zusammenleben be- „Response follows challenge, becoming it-
drohen (vgl. Kumar 1987: 102). self a fresh challenge that demands further
Durch die starke Kopplung an die Uto- response“ (Kumar 2005: 26). Somit wird die
pie muss es auch in der Definition der Anti-Utopie zur Konsequenz und zu einem
Anti-Utopie eine Möglichkeit geben, das Teil der Utopie, sie fungiert als kreative
Postulat von Levitas anzuwenden. Wenn Ressource (vgl. Moylan 2000: 126). Als
die Utopie als Methode zur imaginären Ausdruck einer spekulativen Soziologie
Neuordnung der Gesellschaft essenzielle dient sie dazu, Schwächen und Risiken
Diskurse zum gesellschaftlichen Wandel der Utopie aufzuzeigen.
hervorrufen kann, welchen Zweck erfüllt 67
dann die Anti-Utopie? (3) Dystopie: „Utopia’s evil twin“
Sie kann als weitere Facette gewertet Die dritte Definition greift ebenfalls auf
werden, die zur umfassenden Analyse elementare Kennzeichen der Utopie zu-
innerhalb der IROS-Methodik beiträgt. rück. Schon in den 1990er Jahren erlebten
Schließlich dient sie einer expliziten und Vorstellungen dystopischer Gesellschafts-
intensiven Auseinandersetzung mit der ordnungen steigende Popularität, sodass
Utopie. Levitas selbst räumt ein, dass ihr von einem „dystopischen Turn“ gesprochen
Ansatz angereichert werden müsse und werden kann, der sich im 20. Jahrhundert
eine derartige Erweiterung bereits in der manifestierte (vgl. Moylan 2000: 139).
IROS-Methode selbst angelegt sei (vgl. Auch die Dystopie arbeitet sich an utopi-
Levitas 2005: 304). Die Anti-Utopie stellt schen Elementen ab, jedoch richtet sich
solch eine Bereicherung dar; mehr noch, ihre Kritik außerdem auf Aspekte der Anti-
sie lässt sich nahtlos in die IROS-Methodik Utopie (vgl. Baccolini/Moylan 2003: 6).
integrieren. Dabei prüft der archäologische Die Dystopie kann als „utopia’s evil twin“
Modus die Befunde und Ergebnisse der (Claeys 2013: 155) charakterisiert wer-
Utopie und lehnt diese ab. Aus diesem den. Auch sie übernimmt die Aufgabe,
Grund beinhaltet der architektonische eine Gesellschaftsvision zu artikulieren,
Modus keine Alternativen, sondern be- doch die Zuschreibung „evil“ begründet
schränkt sich eher auf die Bestätigung sich durch ihre negative Themenwahl.
des gegenwärtigen sozialen Zustandes. Dystopien handeln mitunter von tragi-
Dieser Prozess vollzieht sich auf Basis des schem menschlichen Versagen, autoritärer
ontologischen Modus, der diese Evalua- Repression, katastrophalen Ereignissen

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„Die Dystopie pocht auf das ´right to be unhappy ´.“

und nihilistischen Zukunftsvisionen (vgl. sich auch der Zusammenhang zwischen


Balasopoulos 2011: 64f.). Mithilfe dieses Utopie und Dystopie beschreiben. Denn
inhaltlichen Spektrums übt die Dystopie der dynamische Charakter der Utopie birgt
Kritik an gegenwärtigen Normen und so- das Potenzial, ins Dystopische abzugleiten.
zialen, technologischen und politischen Die potenzielle Verkehrung ins Gegenteil
Standards. Sie kann somit wie die Uto- ermöglicht eine Dynamik, die sich durch
pie als ein Diskurs verstanden werden „ein dauerndes Oszillieren zwischen Apo-
(vgl. Claeys 2013: 146), der jedoch – und kalyptischem und Utopischem bzw. Utopi-
hier liegt der zentrale Unterschied zur schem und Apokalyptischem“ auszeichnet
68 Utopie – von anderen Grundannahmen (Vosskamp 2013: 17). Hieran wird auch
beherrscht wird: die besondere temporale und räumliche
Abhängigkeit von Utopien und Dystopien
[...] [U]topias function chiefly as mo- deutlich: Durch äußere Veränderungen
dels which demonstrate a society based kann sich die Rezeption ihrer Inhalte wan-
upon enhanced friendship and trust, deln (vgl. Claeys 2013: 172). Analog gilt
while dystopias alienate individuals dies natürlich ebenso für Anti-Utopien.
from each other, and destroy ‘society’ Festzuhalten ist, dass Dystopien und Anti-
by undermining institutions of mutual Utopien in einem ständigen Austausch mit
support. (Claeys 2013: 156) Utopien stehen – ein Austausch, der auf
beide Arten der imaginären Neuordnung
Strebt die Utopie nach sozialer Perfek- rückwirkt. Die Dystopie erscheint damit
tion, widersetzt sich die Dystopie diesem zwar lediglich als extremer Fall der Anti-
Idealismus und pocht auf das „right to Utopie (vgl. Moylan 2000: 138). Doch da
be unhappy“ (Newman 1993: 174). Trotz sie auch die Anti-Utopie in ihre Kritik
dieser Unterschiede stehen Utopien und miteinbezieht, übernimmt sie eine au-
Dystopien in einem engen Verhältnis zu- ßerordentliche Funktion. Als imaginärer
einander. Ähnlich wie die reziproke Ein- Gesellschaftsentwurf zählt sie zu einer
flussnahme von Utopie und Anti-Utopie, spekulativen Soziologie, die sich umfas-
die bedingt durch ihre enge Verzahnung send mit potenziellen Bedrohungen und
der unterschiedlichen Kritikschwerpunkte der Erosion gesellschaftlicher Wertsysteme
zur Modifizierung der imaginären Neu- auseinandersetzt. Im Rahmen der IROS-
ordnung der Gesellschaft beiträgt, lässt Methode stellt die Dystopie aufgrund dieser

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Fähigkeit eine Bereicherung dar, weil sie die Praxisbeispiel:


beiden bisher vorgestellten Perspektiven The Machine Stops
durch eine dritte erweitert. Anhand der
drei Modi lässt sich die Dystopie somit Die Kurzgeschichte The Machine Stops
folgendermaßen kennzeichnen: Ihr ar- (im Folgenden TMS) wurde 1909 von Ed-
chäologischer Modus evaluiert nicht nur ward Morgan Forster veröffentlicht. Sie
Konzepte und Vorstellungen einer besseren beschreibt eine stark technologisierte und
Gesellschaftsordnung, sondern integriert mechanisierte Welt, in der die Menschen
zusätzlich mögliche negative Potenziale voneinander abgeschottet unter der Erd-
sowie generelle pessimistische Tendenzen oberfläche in einzelnen Waben leben. Die
und Annahmen. Diese werden im Zuge Leser_innen lernen diese besondere Welt
des architektonischen Modus zu einer um- durch die beiden Protagonisten Vashti und
fangreichen Sozialvision synthetisiert, die Kuno kennen. Es soll zunächst kurz der
sich der Schilderung von Katastrophen und historische Kontext von TMS aufgezeigt 69
Unheil bedient, um ihre Kritik zu entfalten. werden, gerade weil innerhalb der Defini-
Analog zur Utopie und Anti-Utopie errich- tionsarbeit die Abhängigkeit der Utopie/
tet der ontologische Modus das Fundament, Anti-Utopie/Dystopie vom temporalen
auf dem derartige Prozesse vollzogen wer- und räumlichen Rahmen hervorgehoben
den können. Demzufolge übt die Dystopie wurde.
eine radikale Negativkritik an bestehenden Forster beschreibt seine Geschichte als eine
Gesellschaftsverhältnissen und leistet gerade „reaction to one of the earlier heavens of H.
durch diesen Ansatz einen wesentlichen G. Wells“ (Forster 1954: 6). Eine Analogie,
Beitrag für extensive Überlegungen zur die schon während des Schreibprozesses
imaginären Neuordnung der Gesellschaft. bewusst initiiert wurde (vgl. Stone 1997:
Um die Dimensionen dieser theoretischen 66). Herbert George Wells wurde bereits
Grundlagen noch besser zu verdeutlichen, einleitend erwähnt; bekannt wurde er un-
erfahren die Definitionen von Utopie, Anti- ter anderem für A Modern Utopia (1905).
Utopie und Dystopie im Folgenden anhand Dieses ist eine essenzielle Referenzgröße
eines Beispiels praktische Anwendung. für TMS (vgl. Newman 1993: 168), da sich
Ausgewählt wurden dafür Textabschnitte Forster gegen die von Wells positiv konno-
aus der Kurzgeschichte The Machine Stops. tierten Beschreibungen von Technik und
Schon die Wahl des Beispiels zeigt, dass Globalität wendet (vgl. Kumar 1987: 205).
kulturelle Erzeugnisse durchaus Zugänge In den nächsten Abschnitten werden
zur spekulativen Soziologie eröffnen kön- jeweils ein utopisches, anti-utopisches
nen (vgl. Fuhse 2003: 236ff.). und dystopisches Element in der Kurz-
geschichte TMS identifiziert. Dabei ist

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zu beachten, dass es sich explizit um aus- von Forsters Erzählung zeigt: „The room,
gewählte und isolierte Textkomponenten though it contained nothing, was in touch
handelt, deren Zuschreibung (utopisch/ with all that she cared for in the world“
anti-utopisch/dystopisch) bei Berück- (Forster 2014 [1909]: 4).
sichtigung der gesamten Kurzgeschichte Die Verwendung von Technik und digita-
umgedeutet werden kann. Dieser Einwand len Programmen zur Erleichterung des all-
verdeutlicht wiederholt die starke Pers- täglichen Lebens in einem solchen Ausmaß
pektiven- und Kontextabhängigkeit, die hat durchaus eine utopische Komponente
eine Kategorisierung von fiktiven Gesell- (vgl. Berthoud 2007: 295). Am Beispiel
schaftsentwürfen fortwährend begleitet. von Vashti wird deutlich, dass Technik
Um diese Problematik abzuschwächen, (die Maschine) nicht nur als unterstüt-
erfolgt jeweils eine prägnante Begründung zendes Instrument Verwendung findet,
für die getroffene Zuschreibung. Darüber sondern darüber hinaus essenziell wird
70 hinaus beziehen sich die vorgenommenen für die Verbindung zu denjenigen Perso-
Zuordnungen keineswegs auf die Kurzge- nen, Freizeitbeschäftigungen und Dingen,
schichte als Ganzes, sondern ausschließ- die Vashti am Herzen liegen. Zudem lässt
lich auf die präsentierten Textpassagen. die Maschine jede Art der körperlichen
Arbeit überflüssig werden und verschafft
Bedürfnisbefriedigung auf Knopfdruck allen Menschen denselben Zugang zu ih-
(utopisches Element) rer Bedürfnisbefriedigung – zwei weitere
Die Technik, die das gesamte Alltagsleben Vorteile, die durch die den technischen
bestimmt, wird von den Menschen in TMS Fortschritt möglich geworden sind. Somit
nur „die Maschine“ genannt. Sie erfüllt kann die Inklusion der Maschine in das
jeden Wunsch und sämtliche Bedürfnis- tägliche Leben der Menschen zunächst als
se, die von den Wabenbewohner_innen positives Element in Forsters Geschichte
artikuliert werden. Dies wird dadurch begriffen werden (vgl. Caporaletti 1997:
bewerkstelligt, dass die wabenförmigen 37). Da Utopie mit Levitas als Methode zur
Einzelkabinen vollkommen durchtech- imaginären Neuordnung der Gesellschaft
nisiert sind und somit per Knopfdruck beschrieben wurde, ist nun zu fragen, in-
bestimmbar ist, welche Sehnsüchte und wiefern hier der Wunsch nach einem bes-
Bedürfnisse gerade befriedigt werden sol- seren Leben artikuliert wird (vgl. Levitas
len. Vashti, die Mutter von Kuno, nimmt 2007b: 53) und wie sich diese Vorstellung
die Dienste der Maschine in großem Um- von einer Verbindung von Mensch und
fang in Anspruch und profitiert von dieser Technik in den Kritikanspruch der IROS-
Entwicklung, was sich bei der Beschrei- Methode einfügt.
bung ihrer persönlichen Wabe am Anfang Diese Zuordnung fällt leicht, birgt das

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„Die einsetzende Degeneration der Maschine gipfelt


letzten Endes in der allmählichen Zerstörung
der Lebenswelt .“

gewählte Beispiel doch den Entwurf einer Zuge dessen sie sich – mit Unterstützung
Gesellschaft, die sich mithilfe der erfolg- der technikbegeisterten Wabenbewoh-
reichen Inklusion technischer Mittel von ner_innen – der Welt bemächtigt hat und
sämtlichen physischen Anstrengungen schließlich wie eine Gottheit angebetet
befreien konnte und zudem ein hierarchie- wird (vgl. Forster 2014 [1909]: 19). Da-
loses Zusammenleben ohne Diskriminie- bei fungiert das Benutzerhandbuch der
rung erreicht hat. Somit richtet sich die hier Maschine als Bibel, es wird schlicht „the
geübte Kritik an diejenigen Gesellschaften, book“ genannt (ebd.). Doch am Ende die- 71
die einen derartigen Status noch nicht ser Wandlung treten vermehrt Mängel und
erwirken konnten. Fehlfunktionen zu Tage, schließlich versagt
sogar der automatische Reparaturmecha-
Verlust der Handlungsfähigkeit nismus (vgl. ebd.: 22). Anfangs arrangiert
durch Mechanisierung sich Vashti stoisch mit diesen in ihr Leben
(anti-utopisches Element) eindringenden Veränderungen. Doch die
Mit Hinblick auf die Kohärenz der gege- einsetzende Degeneration der Maschine
benen Definitionen und der ausgewähl- gipfelt letzten Endes in der allmählichen
ten Beispiele wendet sich der folgende Zerstörung der Lebenswelt von Vashti
Textabschnitt direkt gegen das zuvor als und den anderen Wabenbewohner_innen.
utopisch bestimmte Element der absoluten Selbst im Angesicht dieser Katastrophe ist
Mechanisierung und seiner Konsequenzen. Vashti zunächst nicht in der Lage, sich auf
Tatsächlich zeigen sich im Verlauf von ihre eigene, autonome Handlungsfähigkeit
Forsters Geschichte schädliche Nebenef- zu besinnen. Statt aus der Wabe zu flüchten,
fekte des vollkommenen Vertrauens auf die verharrt sie panisch und hilflos in ihrer
technischen Möglichkeiten und die damit Kabine. Verzweifelt sucht sie Schutz in
verbundene Unterstützung – „the negation der Technik und der religiösen Verehrung
of utopia’s promise“ (Kumar 1987: 109) der Maschine:
entfaltet sich. Die ausgewählte Textstelle
ist relativ nah am Ende von TMS verortet. She [...] sat down to wait for the end.
Die Maschine hat zu diesem Zeitpunkt The disintegration went on, accompa-
einen beachtlichen Prozess durchlaufen, im nied by horrible cracks and rumbling.

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[...] And at last the final horror ap- der Gesellschaft durch die Warnung vor
proached – light began to ebb, and she einer absoluten und unbewussten Tech-
knew that civilization’s long day was nikbegeisterung.
closing. She whirled around, praying to
be saved from this, at any rate, kissing Die Maschine versagt
the Book, pressing button after button (dystopisches Element)
(ebd.: 24). Der folgende ausgewählte Textabschnitt
befindet sich am Ende von Forsters Er-
An dieser Stelle verkehren sich die posi- zählung und gipfelt in der vollkommenen
tiven und unterstützenden Fähigkeiten Zerstörung der Wabenwelt. Die Anfänge
der Technik in ihr Gegenteil: Sie werfen dieser Entwicklung wurden im vorherigen
den Menschen auf sich selbst zurück, der Abschnitt als anti-utopisch charakterisiert,
aufgrund seiner unkritischen Zuversicht in ihr Endergebnis enthält allerdings dystopi-
72 das utopische Technikversprechen hilflos sche Züge. Noch einmal sei darauf hinge-
seinem Schicksal ausgeliefert ist. Vashti wiesen, dass die ausgewählten Abschnitte
dient als Beispiel für die Unfähigkeit, eige- hier isoliert betrachtet werden und als Ver-
ne Entscheidungen ohne die Unterstützung anschaulichung möglicher Dimensionen
der Maschine zu treffen. Diese hat die einer spekulativen Soziologie zu verstehen
Herrschaft über die Menschen ergriffen, sind. Somit stellen sie Interpretationen dar,
hat sie abhängig von der Technik gemacht, die durchaus auch andere Lesarten und
sodass sie ihr widerstandslos ausgeliefert Perspektiven zulassen und gerade auf diese
sind (vgl. Beauchamp 1986: 57). Mit Blick Weise die Diskussion um gesellschaftliche
auf die vorangegangene Definitionsarbeit Entwicklungen bereichern können.
kann diese Textstelle als anti-utopisches In der hier gewählten Passage trifft Vashti
Element interpretiert werden. Sie richtet auf ihren Sohn Kuno, der bereits am An-
sich klar und deutlich gegen den zuvor als fang der Geschichte Skepsis gegenüber der
erstrebenswert dargestellten technischen totalen Technisierung seiner Lebenswelt
Fortschritt. Die realisierte Utopie verkehrt gezeigt hatte. Sein Argwohn wird bestä-
sich in ihr Gegenteil. Im Zuge der IROS- tigt: Der Ausfall der Maschine verursacht
Methode ergänzt sie die positive Konno- schließlich den Tod sämtlicher Waben-
tation des utopischen Elements, indem sie bewohner_innen. TMS endet mit einer
mögliche negative Konsequenzen einer partiellen Apokalypse; die Welt von Kuno
unkritischen Adaption der technischen und Vashti ist zerstört und beide sterben
Errungenschaften aufzeigt. Auf diese Weise (vgl. Forster 2014 [1909]: 25).
bereichert das anti-utopische Element die Was als Anti-Utopie zunächst ein Auf-
Diskussion um die imaginäre Neuordnung zeigen von negativen Aspekten der Uto-

Utopien und Realitäten SOZIOLOGIEMAGAZIN


IMAGINÄRE NEUORDNUNG DER GESELLSCHAFT

pie war, mündet hier in einer deutlichen Bewertung und Diskussion von sozialen
Dystopie, die über die bloße Utopiekritik Normen und Gesellschaftsentwürfen (vgl.
hinausgeht, da sie nicht nur die negati- Levitas 2007b: 64).
ven Aspekte der Technisierung darlegt,
sondern Tod und Zerstörung als unaus-
weichlichen Endpunkt dieser Entwicklung Die imaginäre Neuordnung
vorgibt. Hier werden die Grundannahmen der Gesellschaft
der Technikutopie überschritten; die Ka-
tastrophe am Ende ist eine radikale sozi- Am Anfang dieses Artikels stand die Forde-
ale Veränderung, die sogar den Tod der rung nach einer klaren Begriffsabgrenzung
Wabenbewohner_innen vorsieht. Zudem der drei Worte Utopie, Anti-Utopie und
wird an dieser Stelle das mögliche Um- Dystopie. Diese wurde durch die Relevanz
schlagen eines utopischen Entwurfs in ein dieser Begriffe als Inspirationsquelle und
dystopisches Szenario veranschaulicht: Die Kritikressource innerhalb der Soziologie 73
Erweiterung der technischen Möglichkei- legitimiert. Ausdruck findet diese Relevanz
ten erscheint zunächst als Ausdehnung der in Ruth Levitas’ Konzept der imaginären
menschlichen Fähigkeiten, jedoch führt die Neuordnung der Gesellschaft (IROS).
unreflektierte Adaption des technischen Grundsätzlich dient diese Methode der
Fortschritts zusammen mit den daraus diskursiven Annäherung an zukünftige
resultierenden Konsequenzen, wie zum Entwicklungsprozesse der Gesellschaft, um
Beispiel der Verlust von Individualität darauf aufbauend mögliche Zielvorgaben
durch absolute Homogenisierung (vgl. für diese zu entwickeln (vgl. Levitas 2007b:
March-Russell 2005: 59), zum Tod der 57). Utopie, Anti-Utopie und Dystopie
Wabenbewohner_innen. konnten im Zuge der Definitionsarbeit als
Durch diese Erklärungen ist auch die Funk- wesentliche Komponenten der IROS-Me-
tion des dystopischen Textabschnitts für thode beschrieben werden. Alle drei setzen
die IROS-Methode offensichtlich: Es wird unterschiedliche Kritikschwerpunkte und
eine dritte, völlig neue Perspektive einge- nehmen dadurch divergente Perspektiven
bracht, die zwar auch mit den Potenzia- ein, die jedoch zusammengenommen ei-
len einer Gesellschaft spielt, diese jedoch nen umfangreichen Erkenntnisaustausch
nicht enthusiastisch feiert, sondern ihnen im Rahmen der IROS-Methode ermög-
in hohem Maße skeptisch gegenübertritt lichen und somit als Ausdrucksformen
(vgl. Caporaletti 1997: 37). Somit erfüllt einer spekulativen Soziologie begriffen
das dystopische, ebenso wie das utopische werden können.
und anti-utopische Element, die Kern- Demnach wurden Utopien als prozessuale
funktionen der IROS-Methode: kritische Gedankenspiele definiert, die sich auf die

SOZIOLOGIEMAGAZIN Utopien und Realitäten


IMAGINÄRE NEUORDNUNG DER GESELLSCHAFT

Möglichkeiten und Bedingungen eines ten auf die Frage nach den Grenzen und
besseren Lebens, einer besseren Gesell- Chancen der Integration von Technik in
schaft richten. Implizit wird dabei Kritik die Gesellschaft vorgestellt wurden. Je
an gegenwärtigen sozialen Normen und nach Schwerpunktsetzung und Bewer-
Standards geübt, weswegen für Utopien tung der utopischen, anti-utopischen und
ein stark ausgeprägter temporaler und dystopischen Perspektive können hieraus
historischer Bezug konstatiert wurde. Handlungsanweisungen erwachsen, wie
Die Stoßrichtung der Anti-Utopie hingegen mit dem technischen Fortschritt in Bezug
weicht davon ab. Sie wendet sich primär auf Gesellschaft umgegangen werden soll.
gegen die Utopie und übt ihre Kritik so- Die hier herausgearbeiteten Definitionen
mit an den in den Utopien artikulierten und Blickwinkel können als Inspiration
Wunschvorstellungen. Anti-Utopien stel- für die Grundlage derartiger Handlungs-
len die als erstrebenswert dargestellten anweisungen fungieren, weswegen sie als
74 sozialen Transformationsprozesse der Elemente einer spekulativen Soziologie
Utopien infrage. beschrieben wurden.
Demgegenüber weist die Dystopie meist Dabei ist zu beachten, dass der gewählte
einen apokalyptischen Inhalt auf, den sie thematische Schwerpunkt, die Vereinbar-
nutzt, um sublim die Bedingungen für eine keit von Technik und Gesellschaft, einen
bessere Gesellschaft anzudeuten. Ihrem signifikanten Aktualitätsbezug aufweist,
Kern nach fungiert sie als doppelte War- der abermals die Verschränkung von wis-
nung: Als Warnung vor gegenwärtigen senschaftlichen Disziplinen mit (literari-
sozialen Entwicklungstendenzen und als schen) utopischen Visionen unterstreicht.
Warnung vor utopischen Vorstellungen Die vollkommene Technisierung der Welt,
(und damit verbunden ebenfalls anti- wie sie Forster in seiner Geschichte be-
utopischen Vorstellungen). schreibt, erscheint im 21. Jahrhundert eher
Auf diese Weise zeigt sich deutlich, wie wie eine Prognose, die sich in Ansätzen
Utopien, Anti-Utopien und Dystopien bereits verwirklicht hat (vgl. Caporaletti
als Variationen einer spekulativen Sozio- 1997: 42). Das Web 2.0 weist deutliche
logie wirken. Jede dieser Variationen ist Parallelen zum globalen technischen Netz-
„an attempt to explore and predict what werk der Maschine auf – auch hier ist Be-
might be, and to expose it to judgement“ dürfnisbefriedigung mit ein paar Klicks
(Levitas 2010: 542). garantiert. Forsters Erzählung verfügt über
Am Beispiel der Kurzgeschichte The Ma- erstaunliche Gemeinsamkeiten mit den
chine Stops (TMS) konnte das Potenzial Charakteristiken der global vernetzten und
einer spekulativen Soziologie aufgezeigt virtuellen Gesellschaft (vgl. Seabury 1997:
werden, indem drei Antwortmöglichkei- 66), wie sie derzeit auch in aktuelleren wis-

Utopien und Realitäten SOZIOLOGIEMAGAZIN


IMAGINÄRE NEUORDNUNG DER GESELLSCHAFT

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