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Arbeitsunterlagen Religion

Quelle: RINOPAED @ ZUM.DE


Thema: Welt- und Erlebnisgesellschaft
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Weltgesellschaft und Erlebnisgesellschaft.


Zwei zentrale Konzepte heutiger Soziologie und ihre Auswirkungen auf menschliches Selbstverständnis
Von Karl Vörckel

Die Begriffe Globalisierung und Spaßgesellschaft haben sich durchgesetzt;


viele glauben zu wissen, was damit gemeint sei. Interessanterweise waren
es vor allem die Kritiker, die für die Popularität der Begriffe sorgten, seit
Attac anlässlich der G-7-Konferenz von Genua 2001 die Furcht vor der
unvermeidlichen Globalisierung schürte und seit Peter Scholl-Latour am
11. 9. 2001 das Ende der Spaßgesellschaft ansagte. Diese Apercus sind
vielfach abgeschrieben worden, aber kaum jemand macht sich klar, welche
soziologischen Konzepte hinter den Begriffen stehen: Der Begriff Globa-
lisierung spiegelt Niklas Luhmanns Analyse der Weltgesellschaft, und die
Spaßgesellschaft heißt eigentlich Erlebnisgesellschaft und ist als solche
von Gerhard Schulze eingehend untersucht worden.
• Luhmanns These ist, dass eine weltweite Gesellschaft anders kommt
und schon gekommen ist als erwartet: Man erwartete eine
„Weltherrschaft“ oder wenigstens weltweite politische Institutionen
(etwa die UNO), gekommen ist eine weltweite Vernetzung, zuerst in
Wissenschaft und Wirtschaft, erst sekundär in der Politik.
• Schulze fragte sich, wie Menschen sich gruppieren, Milieus bilden, die
dadurch gekennzeichnet sind, dass Menschen innerhalb eines Milieus
deutlich mehr Kontakte haben als über Milieugrenzen hinweg. Er fand
heraus, dass die Konfessionen und selbst die Eigentumsklassen als
milieubildende Gegebenheiten an Bedeutung verlieren; es sind die
Erlebniserwartungen, die Menschen veranlassen, sich – vor allem in
ihrer Freizeit - miteinander zu beschäftigen.

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Luhmanns theoretische Grundlage: Systemtheorie
Jeder – selbst der primitivste – Gegenstand enthält mehr Information als man in
einem langen Leben registrieren könnte. Im Geografiebuch steht, dass die belgische
Küste 90 Kilometer lang sei; aber das ist eine Frage der Auflösung: Umfährt man
jede Bucht, jede Bodenwelle, jedes Sandkorn, jedes Molekül oder gar jedes
Elementarteilchen auf der Grenzfläche zwischen Land und Wasser, kommt man auf
eine möglicherweise unendliche Küstenlänge. Im Ozean der Information bilden und
stabilisieren sich Systeme. Beispiele sind das Darmbakterium Escherischia coli, die
Waldfichte, der Flohkrebs, der Blauwahl, die Haubenlerche, Frau Professor Doktor
Angela Merkel, das Bundesfinanzministerium, die Ökosphäre der Erde, die
Milchstraße, na ja, und du und ich natürlich auch. Systeme sind an einer Grenze
erkennbar, die zwischen „innen“ und „außen“ gezogen; sie sind daran erkennbar,
dass man einen Unterschied erkennen kann, welche Informationen das System aus
seiner Umwelt aufnimmt (Input) und welche Informationen das System an seine
Umwelt abgibt (Output) An Art und Verlauf der Innen-Außen-Grenze und an den
Input- und Outputmustern sind Systeme wieder erkennbar. Damit die Information
überhaupt gemanagt werden kann, muss sie ausgewählt (reduziert) werden. Zum
Beispiel interessieren den Schmetterling wenige Moleküle eines Pestizids im Nektar
seiner Nahrungspflanze nicht; sie wirken sich auf sein Verhalten nicht aus. Aber
wenige Moleküle des Lockstoffs seiner Sexualpartnerin bewegen ihn dazu, die
Nahrungsaufnahme zu unterbrechen und der Geliebten hinterherzufliegen.
Eine besondere Sorte von Systemen sind diejenigen, die wissen, dass sie Systeme
sind, also wir Menschen und die von uns gebildeten Gruppen, Firmen, Institutionen.
Luhmann nennt diese sinnkonstituierende Systeme.

Gesellschaftliche Kommunikation
Systeme, die von sich selbst wissen, dass sie Systeme sind, und die mit anderen
Systemen in ihrer Umgebung rechnen, haben vier Grundprobleme:
• Wie kann ich meinen Input, meine Wahrnehmung erweitern, indem ich die
Wahrnehmungen meiner Mitmenschen nutze? – Das Problem des Wissens, der
Forschung, der Nachricht.

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• Wie kann ich meinen Output, mein Handeln erweitern, indem ich andere
veranlasse, meine Entscheidungen wie ihre eigenen umzusetzen? – Das Problem
des Könnens, der Macht, der Politik.
• Wie kann ich mit meinem Handeln die Wahrnehmung der anderen verändern? –
Das Problem des Habens in der Wirtschaft oder der Kunst (geistiges
Eigentum).
• Wie kann ich mit meinem Input, meinem Erleben, das Handeln meiner
Mitmenschen beeinflussen? – Das Problem des Liebens.
In allen vier Bereichen haben die Menschen verschiedene mehr oder weniger
erfolgreiche Einrichtungen geschaffen: Unsere Wissbegier bedienen heute
Universitäten und Schulen, Zeitungen, Fernsehen; die Macht wurde bis zum Zeitalter
der Revolutionen von großen Familien verwaltet; seit der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung hat sich die Idee durchgesetzt, dass das Recht über der
konkreten Machtausübung stehen soll, was durch ein verwickeltes System von
Verfahren auch gegen Machtansprüche einzelner oder einzelner Gruppen abgesichert
wird; was die Liebe angeht, so sind wir alle zur Zeit Versuchskaninchen eines
soziologischen Großversuches, Menschen in ihren Intimbeziehungen einfach ohne
Stützung durch moralische Regeln aufeinander loszulassen – Freier Fuchs in freiem
Hühnerstall (James Joyce) -; das Haben schließlich wird geregelt durch ein univer-
sales Medium, das Geld, welches gleichsam alles in alles umtauschbar gemacht hat.
Was aber bewegt die Menschen, die genannten Kommunikationssysteme ernst zu
nehmen, sich darin zu engagieren? Die folgende Tabelle gibt darüber Auskunft:

Medium Biologische Grundlage Differenz Exklusion

Macht Gewalt Sieger und Besiegte Verbannung

Wissen Wahrnehmung Beobachter und Objekte Desinteresse

Haben Bedürfnis Produzenten und Konsumenten Marginalisierung

Liebe Sexualität Liebende und Geliebte Vereinsamung

Jede Kommunikationsart (jedes Medium) hat also in unserer biologischen Natur einen
Grundlage, es verteilt angenehme und weniger angenehme Rollen (schafft Differenz
zwischen den Menschen), und man kann schließlich aus dem Kommunikationsnetz

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auch rausfliegen (Exklusion). Daraus lassen sich leicht die Motive ableiten, in den
verschiedenen Kommunikationsnetzen seinen Platz zu erobern und mehr oder
weniger aktiv mitzumischen.

Evolution
Es ist zu erwarten, dass im Laufe der Zeit die Systeme sich durchsetzen, die mit der
Grundaufgabe, durch Reduktion der Information ihre Identität zu erhalten, besser
zurechtkommen. Besser zurechtkommen sollte bedeuten, mit mehr und
unterschiedlicheren Situationen so umgehen zu können, dass das System nicht
draufgeht, (der Körper nicht getötet wird, die Firma oder Haushaltung nicht pleite
macht, der Forscher seine Ergebnisse nicht für den Papierkorb produziert, die
Intimbeziehung nicht im Zerwürfnis endet). Dabei unterscheidet Niklas Luhmann
zwei grundsätzlich unterschiedene Strategien das zu erreichen:
• Der normative Erwartungsstil geht in die Kommunikation mit festen Prinzipien
herein, die das System mit allen Mitteln durchzusetzen versucht. In diesem Fall
versucht also das System die Umwelt an seine Erwartungen anzupassen – im
Grenzfall bis zur Selbstaufgabe.
• Der lernbereite Erwartungsstil geht mit der Bereitschaft in die
Kommunikation, seine Prinzipien veränderten Bedingungen anzupassen. In
diesem Fall wird das System sein Verhalten an die Umweltbedingungen anpassen.
Die Schule ist ein schönes Kommunikationsfeld, um den Unterschied zu erläutern.
Der prinzipientreue Lehrer wird auf das Fehlverhalten oder auf Fehlleistungen der
Klasse so reagieren, dass er an seinen Vorstellungen festhält und das davon
abweichende Verhalten der Schüler durch Strafen, schlechte Noten, zeitliche
Ausdehnung der Ausbildung oder andere Sanktionen zu verändern. Der lernbereite
Lehrer wird andere Fragen stellen, etwa ob der Lehrplan noch zeitgemäß sei, ob es
ihm gelungen ist, die Schüler durch seine Methoden zu erreichen, ob man durch
andere Kommunikationstechniken mehr Motivation erreichen kann, usw.
Mit diesen Begriffen kann man nun die eigentliche Voraussage Luhmanns
verstehen: Nach seiner Auffassung wurde in der Vergangenheit die Weltgesellschaft
in einer Form erwartet, in der sie nicht kommen wird und kommen kann: Etwa als
eine Art Weltstaat. Ein politisches System muss aber immer Normen setzen;

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ungeregelte Gewalt ist Faustrecht, Herrschaft kleiner Banden und Warlords, nicht
gerade ein Idealbild gesellschaftlicher Evolution. Aber Wirtschaftssysteme – etwa
Großunternehmen - können sehr weitgehend durch lernbereiten Erwartungsstil
geprägt sein, wie etwa die BILD-Zeitung im Laufe der Zeit ihre Grundhaltung der
Prüderie aufgab, sodass inzwischen das Anmach-Bildchen zum festen Bestand der
Titelseite gehört. Das Wissenschaftssystem hat die Lernbereitschaft mit den
Wissenschaftsphilosophien von Karl Popper und Paul Feyerabend geradezu zur Norm
erhoben. Und beide Systeme haben weltweite Netzwerke aufgebaut und auf diese
Weise eine Weltgesellschaft gebildet, die aber eben nicht als politisches System
funktioniert mit einer Weltherrschaft oder einem Weltrechtssystem, sondern einfach
darin besteht, dass wirtschaftlich und wissenschaftlich relevante Ereignisse mit
Lichtgeschwindigkeit transportiert werden und sofort weltweite Auswirkungen haben:
Wenn in Silicon Valley eine neue Prozessorengeneration auf den Markt gebracht wird,
dann steigt binnen Sekunden an der Tokyoter Börse der Kurs der Toshiba-Aktie,
wenn man für Toshiba-Laptops mit dem neuen Prozessor bessere Verkaufsaussichten
erwartet.
In diesen schnellen Prozessen können nur noch Systeme mithalten, die schnell und
lernbereit entscheiden aufgrund einer gut organisierten weltweiten Wissensbeschaf-
fung. Die Politik gerät insgesamt ins Hintertreffen: Ihre klassischen Zielvorstellungen
– z.B. Gerechtigkeit – können nicht mehr als Orientierung an starren Normen
durchgesetzt werden, sondern – zum Beispiel im Sinne des Planspiels nach John
Rawls - als Interessenausgleich. Die normative Idee des edlen Friedens, der auf die
legitimen Bedürfnisse aller Beteiligten Rücksicht nimmt, ist unter der Hand
ausgetauscht worden durch die die Idee der Sicherheit, von der es je nach Aufwand
ein Mehr oder Weniger geben kann (ein Restrisiko bleibt immer!) und die sich
lernbereit mit immer ausgefeilteren waffen- und sozialtechnischen Methoden
herstellen lässt.

Milieutheorie
Zwischen Niklas Luhmann und Gerhard Schulze muss man keinen Gegensatz
konstruieren (auch wenn sich Luhmann über Schulze ziemlich abfällig geäußert hat),
sondern es sind einfach sehr unterschiedliche Interessen und Einstellungen zum Fach
Soziologie und zu dessen Thema, der Gesellschaft. Während Luhmann letztlich die

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Grundprinzipien gesellschaftlicher Entwicklung verstehen will, die er aus einem sehr
abstrakten systemtheoretischen Ansatz ableiten zu können glaubt, ist Schulze daran
interessiert, wofür sich die Menschen selbst interessieren, aus welchen Motiven sie es
mit bestimmten Mitmenschen „können“ und mit anderen nichts zu tun haben wollen.
Dafür setzt Schulze dann auch in sich lernfähige empirische Methoden der Umfrage
ein, was Luhmann ja nie gemacht hat.
Was Schulze empirisch gemessen hat, sind zunächst einmal zwei negative
Feststellungen:
• Deutschland ist keine Klassengesellschaft. Der Unterschied zwischen arm und
reich taugt nicht als milieu-bildende Gegebenheit. Ein reicher Stardirigent könnte
in seinem Freundeskreis den relativ armen Professor haben, bei dem er als
Student Musikgeschichte gehört hat, während er mit dem ähnlich reichen
Bauunternehmer, der ihm sein luxuriöses Eigenheim errichtet, über die
Geschäftskontakte hinaus keinen Umgang pflegen möchte.
• Die Religion hat als milieubildende Kraft ausgedient. Die Zeiten, als Katholiken in
einem Gebiet mit mehrheitlich evangelischer Bevölkerung den weiten Weg zum
katholischen Bäcker in Kauf nahmen, um bei ihm ihre Brötchen zu kaufen, sind
passé. In mancher Geburtstagsgesellschaft wissen die miteinander Feiernden
voneinander gar nicht, welcher Religion sie angehören, und wenn das Gespräch
auf ein religiöses Thema kommt, gibt es merkwürdige Überraschungen: Was, du
bist Zeugin Jehowahs, da hatte ich aber wirklich nichts von gemerkt...

Erlebniserwartungen
Menschen geben sich miteinander ab aufgrund der Erlebnisse, die mit dem anderen
zu erwarten sind. Die Kommunikation, die diese Erlebniserwartungen abklärt, ist
rasch, wortlos, interessiert an der Körperlichkeit des in Frage kommenden Erlebnis-
partners. Man fragt nicht Sag mal, bist Du ein Typ, den man mit in die Disco nehmen
kann? So etwas nimmt man mit einem Blick, einem Aufhorchen oder gar mit einem
Schnuppern unmittelbar und intuitiv wahr.
Welche erlebnisrelevanten Eigenschaften strahlt der andere aber in kurzer Zeit und
ganz offenbar aus? – Was kann man dem Habitus eines Menschen – also der Art wie
er sich dem Auge präsentiert, wie er redet, riecht, sich bewegt, usw. – sofort und
ohne den geringsten Zweifel entnehmen? – Nach Schulzes Forschungen vor allem

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zweierlei. Das Alter und den Bildungsgrad. Dabei fand Schulze 1993 eine
soziologisch fassbare Altersschwelle bei 40 Jahren; aus seinen damaligen
Untersuchungen konnte keine Entscheidung abgeleitet werden, ob diese
Altersschwelle „mitwächst“ (also 2003 bei 50 Jahren liegt) oder ob die Zahl „40“
einen Übergang im individuellen Leben markiert (Lebensmitte, mid-life-crisis..).
In der Phase „unter vierzig“ fand er zwei nach Bildungsniveau unterscheidbare
Milieus, in der Phase „jenseits der vierzig“ drei Milieus. Darüber gibt das folgende
Tableau Aufschluss:

Unter 40 Ab 40 Alter
Bildungsgrad 
Selbstverwirklichungsmilieu Niveaumilieu Universitätsabschluss
Integrationsmilieu Abitur, Universitäts-
Fachhochschulabschluss
Unterhaltungsmilieu Harmoniemilieu Realschule, Hauptschule,
kein Abschluss

Langeweile als gemeinsames Feindbild


Weltgesellschaft und Erlebnisgesellschaft haben ein gemeinsames Feindbild: Die
Langeweile. Diesen Begriff hat es bis zum 19. Jahrhundert nicht gegeben. Freie
Zeit, Muße, Zeit für Besinnung, Kultur und Gottesdienst galt selbstverständlich als
etwas Positives. Aber da die Weltgesellschaft einer evolutionären Theorie entstammt,
ist ihr die Idee eingepflanzt, dass es gelte im Wettlauf um knappe Ressourcen mitzu-
halten. Wer das nicht bringt, der ist zu langweilig, steht am Rand, wird mar-
ginalisiert. Knapp ist nun auf keinen Fall die Information als solche; die ist im
Überfluss vorhanden. Knapp ist die Aufmerksamkeit, die der relevanten Information
zugewendet werden kann. Es gilt also relevante Information so zu platzieren, dass
damit die Aufmerksamkeit der anderen auf mich als Träger der Information gerichtet
wird. Ebenfalls nicht knapp sind die Mittel, die wir zur Befriedigung unserer
biologischen Bedürfnisse wirklich brauchen: Für jeden Menschen wird ausreichend
Getreide geerntet, für alle ist im Überfluss Wasser, Luft und alles andere

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Lebensnotwendige vorhanden. Knappheit ist etwas Künstliches; sie entsteht, indem
dem anderen suggeriert wird, dass es noch ein anderes Brauchen gibt als das
Brauchen des Lebensnotwendigen: Das MMS fähige X-Y- Handy muss ich haben!
Für einen anderen ist es vielleicht ein Bild Van Goghs, das er haben muss und das er
sich 50 Millionen € kosten lässt. Dass die Machtpositionen knapp sein müssen,
ebenso wie die Position, dass andere aus Liebe zu mir alles tun würden, ohne von
mir entsprechende Gegenliebe zu erwarten, ist dann vergleichsweise trivial. Durch
die künstliche Verknappung entstehen Wettläufe um Sympathie, Macht, Luxus,
Aufmerksamkeit; es entsteht die Differenz zwischen denen, die noch im Rennen sind,
und den Langweilern, die abgeschlagen zurückbleiben und für die sich niemand
interessiert - nicht einmal Luhmanns Theorie, die spätestens hier als eine elitäre
Theorie entlarvt werden kann.
In der Erlebnisgesellschaft ist Langeweile die – vielleicht erzwungene – Teilnahme an
Veranstaltungen, die dem eigenen Genussstil nicht entsprechen. Da nun
Veranstaltungen wie Schulunterricht, Staatsakte, Ehrungen für andere, Gottesdienste
und andere Highlights früherer Zeiten in keines der Genussschemata der
Erlebnisgesellschaften hineinpassen, nimmt dort nur teil, wer muss oder zu müssen
meint. In diesen Veranstaltungen wird aber das Selbstverständnis des Ganzen, des
Volkes, der Sprachgemeinschaft, der Nation, nicht zuletzt das Verhältnis der Welt zur
Transzendenz gepflegt und reproduziert.
Diese Reflexion sei mit einigen Fragen abgeschlossen, die die eigene Verstickung in
die Welt- und Erlebnisgesellschaft betreffen und auch die Frage ausarbeiten, wie
wohl oder unwohl man sich in deren Zusammenhang fühlt:

1. In welchem Maß habe ich Furcht vor Langeweile? Wie sehr bin ich darum bemüht
nichts zu verpassen oder wie oft habe iches auch als ärgerlich erfahren etwas
verpasst zu haben?
2. Ist der Wettlauf um etwas, was knapp (siehe Überlegung dazu im Text) ist, für
mich ein relevantes Thema? Nehme ich die ständige Beschleunigung der Welt um
mich her wahr, der Verdichtung der Informationsverarbeitung?
3. Suche ich mir Aktionspartner nach Erlebniserwartungen aus? Was gewinne ich
dabei und was geht mir möglicherweise verloren?

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