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Die Sekem Schule – ein nachhaltiger Beitrag zur Entwicklung Ägyptens

Das staatliche ägyptische Schulwesen beruht auf dem Erlernen vorgegebener Schulbuchinhalte.
Obwohl es theoretisch kostenlos ist, können viele Kinder die Schule nicht besuchen, weil die Eltern
nicht in der Lage sind, die Kosten für Schulkleidung, Hefte und Schulbücher aufzubringen. Da die
Bücher in der Unterstufe als Arbeitsbücher angelegt sind, in die jeweils die Ergebnisse der
Aufgaben eingetragen werden, kann das erste Kind einer Familie seine Schulbücher nicht an
nachfolgende Geschwister weitergeben. Zusätzliche Kosten fallen an, weil das Klassenziel kaum
ohne Nachhilfestunden erreicht werden kann. Wegen der miserablen Gehälter sind die Lehrer auf
Einnahmen aus Nachhilfestunden oder anderen Zweitjobs angewiesen und haben daher nur geringes
Interesse, die Schüler im regulären Unterricht zu fördern. Das Ganze bewegt sich also in einem
Teufelskreis; seit Jahren wird über dringend nötige Reformen gesprochen, aber nichts geschieht.
Nicht von ungefähr hat im Februar das Religionsministerium „Logisches Denken und
Wissenschaft“ als Thema für die Freitagspredigten verordnet.
Bei alldem hat aber Bildung bei der Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Familien sind bereit,
große Opfer zu bringen, um einem Kind eine gute Bildung zu ermöglichen. So ist eine große Zahl
teurer privater Schulen, Sprachschulen und Hochschulen unterschiedlichster Qualität entstanden,
die jedoch entweder das staatliche System in effizienterer Form praktizieren, oder auf Abschlüsse
europäischer Länder, der USA oder Japans hinarbeiten. Grundsätzlich neue pädagogische Konzepte
sucht man vergebens.

Vor diesem Hintergrund war Ibrahim Abouleish und dem SEKEM Team von Anfang an klar, dass
die Zukunft Ägyptens enscheidend von neuen Bildungsimpulsen abhängt. Parallel zum Aufbau der
Landwirtschaft und der Wirtschaftsbetriebe entstand auf der Farm ein eigener Schulorganismus. Er
umfasst vom Kindergarten an alle Stufen über Schule, Berufsschule, Klassen für Kinder mit
Behinderungen, Akademie bis zur Heliopolis Universität als jüngstem Glied. Als eine einmalige
Besonderheit sind die „Kamillekinder“ zu nennen. Es sind Kinder aus armen Familien der
Umgebung, die zuhause als Mitverdiener gebraucht werden oder aus anderen Gründen keine Schule
besuchen können. Sie werden auf der Farm mit leichten Arbeiten wie dem Pflücken von Kamille-
oder Arnikablüten beschäftigt und dafür entlohnt, zusätzlich erhalten sie Unterricht in den
Grundfächern.

Während in den Kindergartengruppen weitgehend auf der Grundlage der Waldorfpädagogik


gearbeitet werden kann, muss sich die Schule in den Rahmen der staatlichen Vorgaben und in das
islamische Umfeld einfügen. Besucher aus Europa werden aber lauter vertrauten Elementen aus der
Waldorfschule begegnen. So gibt es Epochenunterricht, aber vor allem ist es die ausgeprägte
künstlerische und handwerkliche Komponente, die allen Unterricht durchzieht: Musik, Malen,
Plastizieren, Rezitation und Drama gehören ebenso dazu, wie Eurythmie und die wöchentliche
Schulfeier mit Darbietungen aus den Klassen. Dass die Feier mit einer Koranrezitation beginnt und
viele Mädchen ein Kopftuch tragen wirkt als selbstverständlicher Bestandteil ägyptischen Lebens.

Die Lehrer der SEKEM Schule haben in der Regel die staatliche Ausbildung durchlaufen, nehmen
dann aber an der kontinuierlichen Fortbildung in SEKEM teil, um die sich insbesondere Evelyne
Schindler große Verdienste erworben hat1. Sie richtet sich zunächst auf eine Schulung
grundlegender Fähigkeiten wie Selbständigkeit in der Unterrichtsvorbereitung und methodische
Effizienz, umfasst sodann aber neben Sprachschulung die verschiedensten künstlerischen,
handwerklichen und allgemeinbildenden Bereiche, darunter auch die Beschäftigung mit der
altägyptischen Kultur, die an Regelschulen sehr im Argen liegt. Die Fortbildung führt zu einem
SEKEM ZERTIFIKAT für Lehrer und hat einen zwiespältigen Nebeneffekt, indem solchermaßen
gebildete Lehrerinnen und Lehrer auch von staatlichen Schulen und anderen Einrichtungen gerne
übernommen werden. So erfreulich das für die eine Seite ist, so aufwändig ist es für die SEKEM

1 Dazu ausführlich: E.Schindler, in SEKEM insight, Dezember 2012


Schule, solche Abwanderungsverluste wieder auszugleichen.
Durchaus erfreulich ist dagegen das Bild bei den abgehenden Schülern und den Absolventen der
SEKEM Berufsschule. Sie haben optimale Chancen für ihr berufliches Fortkommen in einem von
hoher Arbeitslosigkeit geprägten Umfeld. Inzwischen haben auch die ersten Abiturientinnen und
Abiturienten ihr Studium an der Heliopolis Universität und anderen Hochschulen aufgenommen
und wir können hoffnungsvoll ihren Beitrag zur Entwicklung Ägypten erwarten.

Obwohl SEKEM als Oase gesehen werden kann, steht es in mannigfaltigen Wechselwirkungen.
Kooperationsverträge mit einer ganzen Reihe ägyptischer und internationaler Hochschulen sind im
Forschungsbereich bereits wirksam und sollen in Zukunft durch ein Austauschprogramm für
Studenten und Dozenten erweitert werden2.
Bruno Sandkühler

2 http://www.hu.edu.eg/interRelations