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Der Nutzen der Philosophiegeschichte[Bearbeiten 

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Die Aufgabenstellung der Philosophie ist eine ganz andere als in den positiven Wissenschaften,
seien es Naturwissenschaften oder Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, in denen schrittweise
Wissen angesammelt, korrigiert und fortwährend durch bessere, differenziertere oder grundsätzlich
neue Theorien ersetzt wird. Die Philosophie versucht hingegen, Antworten auf ganz allgemeine
Fragen zu geben, mit denen die Zusammenhänge in der Welt erklärt werden können. Berühmt sind
die Fragen Immanuel Kants: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist
der Mensch? (KrV B 833; Vorlesungen über Logik VIII) Diese oder alle daraus abgeleiteten Fragen
stellen sich im Verlaufe der Geschichte immer wieder neu, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse,
aber auch das Wissen über die Natur sich immer weiter entwickeln. Man spricht deshalb von
einer Philosophia perennis, einer immerwährenden Philosophie. Hegel meinte, dass die Philosophie
ihre Zeit in Gedanken fasst.[6] Weil die alten Fragen bestehen bleiben und im Zeitablauf bestenfalls
differenziert und systematisiert wurden, hat es den Anschein, als gäbe es in der Philosophie keinen
Fortschritt. In diesem Sinne wird oftmals auch die Äußerung Whiteheads zitiert, dass die ganze
europäische Philosophiegeschichte nur aus Fußnoten zu Platon bestünde.[7] Whitehead wollte
allerdings nur den Gedankenreichtum Platons hervorheben, ohne dessen Nachfolgern Abbruch zu
tun. Kant sprach sogar von einem „Herumtappen“ und von philosophischen „Nomaden“ (KrV B VII),
weil in der Geschichte vielfältige, oftmals widersprüchliche und gegensätzliche Auffassungen die
Debatte beherrschten. Ulrich Johannes Schneider spricht von einem „Stimmengewirr der
Legenden“[8] Drastisch ist die Bestandsaufnahme bei Wilhelm Dilthey: „Grenzenlos, chaotisch liegt
die Mannigfaltigkeit der philosophischen Systeme hinter uns […] wir blicken zurück auf ein
unermeßliches Trümmerfeld religiöser Traditionen, metaphysischer Behauptungen, demonstrierter
Systeme: Möglichkeiten aller Art […] hat der Menschengeist durch viele Jahrhunderte versucht und
durchgeprobt, und die methodische, kritische Geschichtsforschung erforscht jedes Bruchstück,
jeden Rest dieser langen Arbeit unseres Geschlechts. Eins dieser Systeme schließt das andere aus,
eins widerlegt das andere, keines vermag sich zu beweisen.“[9]
Es stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Nutzen der Beschäftigung mit der
Philosophiegeschichte. Man könnte doch versuchen, anhand eines fortzuschreibenden Kanons die
Fragen unmittelbar aus dem Wissen der Gegenwart abzuleiten und die Antworten in einem
Kompendium zusammenzufassen, das einer Erneuerung entsprechend dem Fortschritt der
Wissenschaften durch jeweilige Neuauflagen Rechnung trägt. Man würde mit einem solchen
Vorgehen allerdings darauf verzichten, auf die vielen klugen Antworten zuzugreifen, die frühere
Philosophen bereits erarbeitet hatten. Die Erfahrungsbasis der Philosophie liegt nicht in empirischen
Tatsachen, sondern in den in ihrer Geschichte entwickelten Theorien.[10] Man würde vor allem
ignorieren, dass man sich dem vollen Gehalt einer Frage erst im breiten Diskurs der Philosophen
annähern kann. Jede philosophische Theorie muss sich von alternativen Theorien kritisch
abgrenzen und hierzu gehören auch die maßgeblichen Theorien der Vergangenheit. Das
Wesentliche der Antworten Kants auf seine Fragen ist, dass der Mensch in seinen Fähigkeiten
begrenzt ist und sich ihm die philosophischen Fragen immer wieder neu stellen.
Es gibt Philosophen wie Karl Jaspers, die die Auseinandersetzung mit historischen Positionen als
ein intellektuelles Gespräch betrachten, das das eigene Denken befördert.[11] Nur so – so Hans
Georg Gadamer – ist es möglich, dass eine „Wahrheit erkannt wird, die auf anderem Wege nicht
erreichbar ist.“ Die Auseinandersetzung mit den großen Denkern wird selbst zu einer „Weise des
Philosophierens“[12] Ähnlich betonte Whitehead, dass gerade die Unstimmigkeiten und ungelösten
Fragen vergangener Positionen Ansätze für die Weiterentwicklung neuer Theorien
und Spekulationen geben. Gerade hierin liegt der Motor des Fortschritts.[13] Andere, wie Hegel,
sehen in der Geschichte der Philosophie eine Denkentwicklung, so dass man das Denken der
Gegenwart nur verstehen kann, wenn man seine Entstehung versteht. Erst dann kann man
Prinzipien und Leitgedanken entwickeln, die auch systematisch für die Antworten der Philosophie
grundlegend sind. Hier wird die Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte ein originäres
Philosophieren und nicht bloß die Wiedergabe von historischen Lehrmeinungen (Doxographie).
Entsprechend fordert Wolfgang Röd eine „philosophierenden Geschichte der Philosophie“[14] Die
Erzählung der Geschichte beruht dann nicht mehr allein auf dokumentarischen, sondern auch auf
begrifflichen Beweisen, die der Interpretation des philosophierenden Historikers zugrunde liegen.
[15]
 Arthur Schopenhauer hielt hingegen den Zugang zur Philosophiegeschichte anhand von deren
Darstellung durch Philosophieprofessoren für wenig sinnvoll, weil hierdurch der Gehalt verkürzt und
verzerrt werde. „Statt der selbsteigenen Werke der Philosophen allerlei Darlegungen ihrer Lehren,
oder überhaupt Geschichte der Philosophie zu lesen, ist wie wenn man sein Essen von einem
Anderen kauen lassen wollte.“[16] Statt einer Darstellung würde eine Sammlung wichtiger
Textauszüge viel hilfreicher sein. Nur durch das Studium der originären Schriften könne man sich
dem Denken der historischen Vorbilder wirklich nähern. Schopenhauer betonte dann, dass seine
Ausführungen das eigene Denken aufgrund des Studiums von Originalwerken darstellen. Diese
Sicht wurde etwa auch von Fritz Mauthner betont: „Die beiden Umstände, die eine ernsthafte
Philosophiegeschichte nicht zulassen, beziehen sich auf den festen Standpunkt des Darstellers und
auf die Undarstellbarkeit des Darzustellenden. Wie wenn ein Photograph die Luftbewegung auf die
Platte bringen wollte, besäße aber kein Stativ für seinen Apparat und keine für die Luft empfindliche
Platte.“[17]
Dagegen steht die Auffassung, dass es in der Philosophiegeschichte das Wesentliche und
Überdauernde zu finden gilt. Martin Heidegger bemerkte hierzu: „Wir mögen noch so fleißig
zusammenscharren, was Frühere schon gesagt haben, es hilft uns nichts, wenn wir nicht die Kraft
der Einfachheit des Wesensblickes aufbringen.“[18] Nicolai Hartmann, der allerdings eine
reine Historiographie für wertlos hielt, stimmte dem zu: „Was wir brauchen, das ist der Historiker, der
zugleich Systematiker auf der Höhe seiner Zeit ist – der Historiker, der um die Aufgabe des
Wiedererkennens weiß und für sie die Voraussetzung systematischer Fühlung mit den Problemen
mitbringt.“[19] Victor Kraft hat dem entgegen bestritten, dass die Beschäftigung mit der
Philosophiegeschichte überhaupt einen wesentlichen Ertrag bringen kann: „So besteht nun ein
großer Teil der Philosophie, wie sie öffentlich gelehrt wird, in Übersichten ihrer eigenen
Vergangenheit. Und diese bieten nun fast ausnahmslos dieses selbe Bild. Denker um Denker
erscheint auf der Bühne, jeder wird in liebevoller mitgehender Darstellung vorgeführt, man stellt sich
ganz auf seinen Standpunkt, baut Metaphysik mit dem Metaphysiker, wird skeptisch mit dem
Skeptiker und kritisch mit dem Kritizisten, und, wenn die Fülle der Gestalten vorüber gewandelt ist,
so steht nicht ein Bau da, groß und gewaltig, an dem sie alle gearbeitet haben, sondern es bleibt nur
die Erinnerung ihres Zwiespalts, und ihrer Unvereinbarkeit und ihrer verwirrenden Fülle.“[20] Vittorio
Hösle fordert stattdessen „einen Mittelweg zwischen einer Philosophie ohne das Bewußtsein der
eigenen Geschichtlichkeit und einer in Gelehrsamkeit ohne systematische Perspektive versinkenden
Philosophiehistorie“.[21] Hösle wendet sich gegen alle Spielarten des Relativismus, seien es
der Historismus, ein Pluralismus oder ein Skeptizismus. Jede Position, auch eine relativistische,
kann am Ende nur ernsthaft vorgetragen werden, wenn sie einen Anspruch auf Wahrheit erhebt.
„Dass aber trotz Geschichtlichkeit Wahrheit möglich sein muss, hat sich als Bedingung der
Möglichkeit einer jeden Theorie gezeigt. Selbstteleologiesierung ist daher für eine jede Philosophie
notwendig.“[22]
Friedrich Nietzsche, für den als Philologen die Auseinandersetzung mit der Antike Ausgangspunkt
des philosophischen Denkens war, hat sich in seiner frühen Schrift Vom Nutzen und Nachteil der
Historie für das Leben ausführlich mit dem Sinn der Philosophiegeschichte auseinandergesetzt.
Nietzsches Verhältnis zur Geschichte der Philosophie war zwiespältig. Zum einen ermöglicht sie
Einsichten: „Nun sind philosophische Systeme nur für ihre Gründer ganz wahr: für alle späteren
Philosophen gewöhnlich Ein großer Fehler, für die schwächeren Köpfe eine Summe von Fehlern
und Wahrheiten. Als höchstes Ziel jedenfalls aber ein Irrthum, insofern verwerflich. Deshalb
mißbilligen viele Menschen jeden Philosophen, weil sein Ziel nicht das ihre ist; es sind die
Fernestehenden. Wer dagegen an großen Menschen überhaupt seine Freude hat, hat auch seine
Freude an solchen Systemen, seien sie auch ganz irrthümlich: sie haben doch einen Punkt an sich,
der ganz unwiderleglich ist, eine persönliche Stimmung, Farbe, man kann sie benutzen, um das Bild
des Philosophen zu gewinnen: wie man vom Gewächse an einem Orte auf den Boden schließen
kann.“[23] Zum anderen ist es gefährlich, Vergangenes mit gedanklichen Konstruktionen in ein Korsett
zu zwängen und so „Begriffsgespinste“ zu erzeugen: „Nach ihnen greifend wähnt er [der Gebildete]
die Philosophie zu haben, nach ihnen zu suchen klettert er an der sogenannten Geschichte der
Philosophie herum — und wenn er sich endlich eine ganze Wolke von solchen Abstraktionen und
Schablonen zusammengesucht und aufgethürmt hat — so mag es ihm begegnen, daß ein wahrer
Denker ihm in den Weg tritt und sie — wegbläst.“[24]
Auch für Henri Bergson war der Zugang zur Philosophie über ihre Geschichte problematisch. Den
Zugang zum Wahren erhält der Philosoph über seine philosophische Intuition. Dieses Wissen aus
der Intuition, der einfache und tiefe Grundgedanke, ist das, was alle zeitgeschichtlichen
Perspektiven überdauert. „Gewiss haben wir damit nicht ganz Unrecht, denn eine Philosophie
gleicht mehr einem Organismus als einem Agglomerat. […] Aber abgesehen davon, daß dieser
neue Vergleich der Geschichte des Denkens eine größere Kontinuität zuschreibt, als ihr wirklich
innewohnt, ist er auch insofern unpassend, als er unsere Aufmerksamkeit auf die äußere
Komplikation des Systems und auf das richtet, was in seiner oberflächlichen Form ableitbar
erscheint, anstatt die Neuheit und Einfachheit des Grundes hervortreten zu lassen.“[25]

Zugänge zur Philosophiegeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Orientierung auf das eigene Denken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Der Umgang mit der eigenen Geschichte hat in der Philosophie selbst eine lange Tradition. Bereits
bei Aristoteles finden sich in dessen Metaphysik ausführliche Darlegungen zu den Gedanken seiner
Vorläufer. Dabei ist offensichtlich, dass es Aristoteles nicht um eine philologische Aufarbeitung ging.
Er war kein Historiker. Er nutzte vielmehr die Überlieferungen als Fundament seines eigenen
Gedankengebäudes und man gewinnt den Eindruck, dass alles Denken vor ihm auf seine eigene
Philosophie zuläuft, die damit zur Fortentwicklung der bisherigen Philosophie und zu ihrem
Höhepunkt wird.[26] Bei Aristoteles bedeutet Auseinandersetzung mit Philosophiegeschichte ihre
Interpretation und Transformation.[27] Es ist ein erstes Konzept, die Geschichte der Philosophie als
Fortschritt zu denken.[28] Auch Kants Bemühen, mit seinem kritischen Ansatz in der Kritik der reinen
Vernunft, dem Dogmatismus und Skeptizismus eine Absage zu erteilen und einen Mittelweg
zwischen Empirismus und Rationalismus zu finden, liegt ein Entwicklungsdenken hin zur eigenen
Philosophie zugrunde.[29] „Hegels begriffliche Virtuosität hat sich nicht zuletzt darin gezeigt, die
Geschichte der Philosophie insgesamt so zu schreiben, daß sie als ein universaler, zu Hegels
eigenem System hinführender Lernprozeß verstanden werden kann“, so Jürgen Habermas.[30] Auch
Jaspers kritisierte, dass Hegel zum Teil ausgelassen habe, „was anderen Denkern gerade das
Wesentliche war“.[31]
Aristoteles verwendete außerdem die Lehren seiner Vorgänger ganz im Sinne einer
modernen Topologie zur phänomenologischen Erfassung des Feldes an Problemen, Ideen und
Argumenten, die es aus seiner Sicht galt, von Irrtümern zu befreien oder weiterzuentwickeln.
Entsprechende dialektische Einführungen in ein Thema finden sich etwa in Physik I über die Zahl
und die Natur der Prinzipien, in Physik IV über die Zeit, in De anima über die Seele und in
der Metaphysik A zur Analyse der Ursachen.[32] Bei Platon gibt es eine überblickshafte
Zusammenstellung vergangener Positionen nur im Sophistes (241b – 247d) in Hinblick auf die Zahl
und die Natur des Seienden.
Ein ganz ähnliches Vorgehen findet sich im 20. Jahrhundert bei Martin Heidegger oder Whitehead,
der in Prozess und Realität bestimmte Ideen einer bestimmten Gruppe großer Philosophen (Platon,
Aristoteles, Newton, Locke, Leibniz, Hume und Kant) als Spiegel für die Entwicklung seiner eigenen
Gedanken nutzte.[33] Ähnlich war Kant für Charles S. Peirce ein wichtiger Ideengeber, obwohl dieser
ganz eigenständige Positionen entwickelte.[34] Insbesondere Heidegger benutzte die Geschichte im
negativen Sinn, indem ihm die Metaphysik und ihre großen geschichtlichen Vertreter als
Ausgangspunkt dienten, seine eigenen kritischen Gedanken zu entwickeln. Die metaphysischen
Konzepte waren ihm „Etappen der fortschreitenden Seinsvergessenheit“, die er zurückband auf die
Ursprünge des Seinsdenkens bei Parmenides und Heraklit.[35] Heidegger entzog sich dem Anspruch,
historische Positionen hermeneutisch lediglich nachzuvollziehen, sondern benutzte etwa Platon,
Aristoteles, Kant oder Hegel zur Entfaltung seiner eigenen Fragestellung.[36] „[…]; verstehen. das
heißt nicht lediglich zur konstatierenden Kenntnis nehmen, sondern das Verstandene im Sinne der
eigensten Situation und für diese ursprünglich wiederholen. […] Verstehende Vorbildnahme, der es
um sich selbst geht, wird von Grund aus die Vorbilder in die schärfste Kritik stellen und zu einer
möglichen fruchtbaren Gegnerschaft ausbilden.“[37] Ähnlich sind die Vorlesungen zur Geschichte der
Moralphilosophie[38] von John Rawls eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen von
Hume, Leibniz, Kant und Hegel in Hinblick auf das eigene Konzept einer Theorie der Gerechtigkeit.
Subjektive Verzerrungen können aber auch problematisch sein, so Nicolai Hartmann: „Ein
Schulbeispiel dafür ist Eduard v. Hartmann in seiner 'Geschichte der Metaphysik', dgl. Natorp in
seiner Auslegung von Descartes, Platon, Kant u. a.; jener sucht die ganze Geschichte auf das
'Unbewußte' hin ab, dieser macht aus den großen Denkern der Vorzeit unvollständige Neukantianer.
Das ist mit Recht gerügt und bekämpft worden.“[39] Es gibt eine Unzahl von relativ kurzen, ein- oder
zweibändigen Einführungen in die Philosophiegeschichte. Dies hat zwei Gründe. Zum einen fassen
Philosophen hier ihre eigene Auseinandersetzung mit der Geschichte zusammen. Zum anderen sind
sie das Material, anhand dessen Philosophen ihre eigenen Schüler in das philosophische Denken
einführen. Zu den Klassikern zählen hier die Schriften Ernst von Asters oder Wilhelm Windelbands,
aber auch Bertrand Russells Philosophie des Abendlandes. Ihnen gemeinsam ist, dass in ihrer
Darstellung die Geschichte zu einer ineinander greifenden Denkentwicklung wird. Kurt
Wuchterl[40] und ebenso Kurt Flasch[41] weisen hingegen darauf hin, dass die Philosophiegeschichte
auch der Ort vielfältiger Kontroversen und ungelöster Probleme ist. Ähnlich bezeichnete schon Kant
die Metaphysik als „Kampfplatz endloser Streitigkeiten“[42] oder als „Bühne des Streits“.[43] Nicholas
Rescher spricht vom „Streit der Systeme“[44] und Franz Kröner betrachtete die unübersichtliche
Vielfalt als „Die Anarchie der philosophischen Systeme“.[45]

Der Weg der Vernunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Eine neue Perspektive auf die Geschichte überhaupt entwarf Giambattista Vico in der „Scienza
nuova“ mit der These, dass sich Gottes Vorsehung nicht nur in der Natur, sondern auch in der
politischen Welt als der Welt des intersubjektiven Geistes niederschlägt. Dabei ist die Allmacht
Gottes als immanent in der Welt anzusehen, so dass es keine Durchbrechung der Kausalordnung
gibt. Vico interpretierte die Geschichte der menschlichen Kultur als „ein allmähliches Zu-Sich-
Kommen“ der Vernunft.[46] Geschichte in dieser Betrachtung ist nicht zufällig (kontingent), sondern
hat eine Richtung, ein Ziel (Telos) der Entwicklung. Das Denken über Geschichte wird
zur Geschichtsphilosophie.
In diesem Sinne – jedoch ohne eine theologische Begründung – sah auch Immanuel Kant eine
Naturabsicht als treibende Kraft in der Geschichte, wobei die kulturelle Welt – bei allen immer wieder
auftretenden Rückschlägen – auf dem Weg zu einem vernünftigen „Weltstand“ ist, so Kants
geschichtsphilosophische Auffassung in der „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in
weltbürgerlicher Absicht“. Der Träger dieser allgemeinen, „sich aus Begriffen entwickelnden
Vernunft“[47] ist nicht das Individuum, sondern die Gattung. Das teleologische Ziel der Geschichte ist
die regulative Idee eines republikanischen Staats im ewigen Frieden. Naturzwecke sind nicht
empirisch fassbar, sondern nur moralisch praktisch zu formulieren.[48] In Hinblick auf die
Philosophiegeschichte im Besonderen muss man bei Kant auf den Nachlass zurückgreifen. Er
unterschied die historische Philosophiegeschichte als Erzählung des empirisch erfassbaren
Materials von der rationalen, die a priori möglich ist. „Denn ob sie gleich Facta der Vernunft aufstellt
[also nicht beweisbar ist] so entlehnt sie solche nicht von der Geschichtserzählung, sondern zieht sie
aus der Natur der menschlichen Vernunft als philosophische Archäologie.“[49] Das Problem liegt für
Kant darin, dass die endliche Vernunft des Menschen das Absolute nicht erkennen kann, mithin
auch niemand mit Sicherheit weiß, inwieweit die praktischen Ideen dem „Übersinnlichen“ [Gott, dem
„Transzendenten“, dem „Absoluten“] angenähert sind. „Die Philosophie ist hier gleich als
Vernunftgenius anzusehen von dem man verlangt zu kennen was er hat lehren sollen u. ob er das
geleistet hat.“[47] Der reinen Historiographie stand Kant kritisch gegenüber, zumindest war sie ihm
kein Weg zum Philosophieren selbst: „Es gibt Gelehrte, denen die Geschichte der Philosophie […]
selbst ihre Philosophie ist, für diese sind gegenwärtige Prolegomena nicht geschrieben. Sie müssen
warten, bis diejenigen, die aus den Quellen der Vernunft selbst zu schöpfen bemüht sind, ihre Sache
werden ausgemacht haben, und alsdann wird an ihnen die Reihe sein, von dem Geschehenen der
Welt Nachricht zu geben.“[50] Die reine Nacherzählung ist für (den späten) Kant unergiebig. Erst die
philosophische Auseinandersetzung ermöglicht, den eigentlichen vernunftgemäßen Gehalt zu
erfassen. Dies erfordert aber ein bereits vorhandenes philosophisches Wissen. „Eine Geschichte der
Philosophie ist von so besonderer Art dass darin nicht von dem erzählt werden kann ohne vorher zu
wissen was hätte geschehen sollen mithin auch was geschehen kann.“[47] Die eigene kritische
Philosophie wird zum Maßstab des Philosophiehistorikers. Kant war damit für Hermann Lübbe der
erste Denker, der die Vernunft „als das Produkt ihrer eigenen Genese“ verstanden hat.[51]
Wissen ist nicht alles – so die Kurzformel der Kritik der Romantiker an der Aufklärung. Vernunft ist
eine Dimension, die die Ganzheitlichkeit der Welt alleine nicht beschreiben kann. Die Geschichte
kann man nicht richtig erfassen, wenn man ihr nicht auch poetisch und intuitiv begegnet und
versucht, auch die Gefühlswelt der betrachteten Zeit nachzuempfinden. Die Konzentration auf das
Rationale verpasst das Organische, das bereits bei Platon im Phaidon (70e ff) als Kreislauf
thematisierte Werden und Vergehen in einer geschichtlichen Kultur. Diese
von Hamann (Sokratische Denkwürdigkeiten) und Herder (Auch eine Philosophie der Geschichte
zur Bildung der Menschheit) in die Debatte eingebrachten Gedanken wurden in der Romantik
aufgenommen und neben anderen von Novalis (Blüthenstaub) und Schlegel erneut formuliert.
„Wenn die Geschichte die einzige Wissenschaft ist, könnte man fragen, wie verhält sich
denn die Philosophie zu derselben? Die Philosophie selbst muß dem Geiste nach historisch,
ihre Denk- und Vorstellungsart überall genetisch und synthetisch seyn; dies ist auch das Ziel,
welches wir uns bei unserer Untersuchung vorgesetzt haben.“[52]
Schlegel ergänzte das Konzept des Werdens, einer organischen Geschichte der Philosophie,
um den Gedanken des Kreislaufs:
„Philosophisch kann man als allgemeines Gesetz für die Geschichte aufstellen, daß die
einzelnen Entwicklungen gemäß dem für sie geltenden Gesetze des Ueberspringens in das
Gegentheil Gegensätze bilden, in Epochen, Perioden zerfallen, das Ganze der Entwicklung
aber einen Kreislauf bildet, in den Anfang zurückkehrt; ein Gesetz, welches allein auf
Totalitäten anwendbar ist.“[53]
Ganz wie die Romantiker ging auch Schelling von einer organischen Entwicklung in der
Philosophiegeschichte aus. Zudem hob er die Einheit der Philosophie, die aus den
verschiedenen Systemen geformt wird, hervor. Während Kant die Vernunft als Struktur
analysierte, betrachtete Schelling sie als niemals abgeschlossenen Entwicklungsprozess,
an dem die einzelnen philosophischen Systeme teilhaben. Die Philosophie wird zur
lebendigen Wissenschaft, die unablässig neue, ineinander greifende Formen erzeugt. Die
Philosophie als Ganzes bildet selbst ein zusammenhängendes System: „Das System also,
das zum Mittelpunkt einer Geschichte der Philosophie dienen soll, muß selbst einer
Entwicklung fähig seyn. In ihm muß ein organisierender Geist herrschen.“[54] Geschichte war
für Schelling allerdings nur eine Zugangsweise zur Philosophie. Im gleichen Recht steht
auch die Philosophie der Natur und beide sind durch eine Philosophie der Kunst zu
ergänzen, in der Natur und Freiheit zusammentreten.
Hegel betrachtete ebenfalls die Philosophiegeschichte nicht als Sammlung zufälliger
Meinungen, sondern als notwendigen Zusammenhang.[55] Ziel der Geschichte ist die
Entfaltung von Vernunft und Freiheit. Das Befassen mit Philosophiegeschichte ist für Hegel
ein Prozess der Selbsterkenntnis der Vernunft.[56] Im Gegensatz zu Kant wies Hegel der
Geschichte eine objektive Realität zu, weil Vernunft als Ausdruck des Absoluten und
Wirklichkeit für ihn eine Einheit bilden. Nur so hat Geschichte eine erkenntnisleitende Kraft.
„Die Taten der Geschichte der Philosophie sind keine Abenteuer – sowenig die
Weltgeschichte nur romantisch ist –, nicht nur eine Sammlung von zufälligen Begebenheiten,
Fahrten irrender Ritter, die sich für sich herumschlagen, absichtslos abmühen und deren
Wirksamkeit spurlos verschwunden ist.
Ebensowenig hat sich hier einer etwas ausgeklügelt, dort ein anderer nach Willkür, sondern
in der Bewegung des denkenden Geistes ist wesentlich Zusammenhang. Es geht vernünftig
zu. Mit diesem Glauben an den Weltgeist müssen wir an die Geschichte und insbesondere
an die Geschichte der Philosophie gehen.“[57]
Geschichte der Philosophie ist für Hegel die Entwicklung des Weltgeistes, wie er in
der Gegenwart zu sich kommt. Geschichte ist nicht als Vergangenes zu denken,
sondern als Bild der Vergangenheit in der Gegenwart. Im Denken nimmt der
absolute Geist die vergangenen Systeme in sich auf. „Die Entwicklung des Geistes
ist Herausgehen, Sichauseinanderlegen und zugleich Zusichkommen.“[58] In das
systematische Verstehen der philosophischen Fragen geht die historische
Entwicklung ein und wird hier vereint zu einem gegenwärtigen Bild der Wahrheit, die
selbst nicht geschichtlich ist. „Idee ist dann auch das Wahre und allein das Wahre.
Wesentlich ist es nun die Natur der Idee, sich zu entwickeln und nur durch die
Entwicklung sich zu erfassen, zu werden, was sie ist.“[59] Aus dem
Entwicklungsgedanken wird die Geschichte der Philosophie zur Philosophie selbst,
denn diese „ist nun für sich das Erkennen dieser Entwicklung und ist als
begreifendes Denken selbst diese denkende Entwicklung. Je weiter diese
Entwicklung gediehen, desto vollkommener ist die Philosophie.“[60] Hegel betont so
den Fortschritt der Philosophie auf dem Weg zur Wahrheit in einer systematischen
(dialektischen) Entwicklung. Die konkrete faktische Geschichte der Philosophie ist
historischer Ausdruck, wie die selbst überzeitliche Philosophie in ihrer jeweiligen
Zeit auf den Begriff gebracht wurde. Die Dialektik erfordert die Einsicht, dass jede
Philosophie ihre Vorgänger notwendig voraussetzt. In ihrer Geschichte kommt die
Philosophie als Ganzheit zum Ausdruck. Sie ist „ein organisches System, eine
Totalität, welche einen Reichtum von Stufen und Momenten in sich enthält.“[60]
Der Historismus verstand sich als Gegenbewegung zur Romantik und zum
Idealismus. Mit der alleinigen Norm, historische Ereignisse „wertfrei“ zu erfassen,
wurde auf eine philosophische Metatheorie verzichtet. Historische Urteile sollen sich
unparteilich und ohne Voraussetzungen ausschließlich auf empirische Faktizität
richten. Bei Johann Gustav Droysen verband sich diese „realistische“ Methodik mit
der Hermeneutik Schleiermachers.[61] Kant und Hegel wollten zeigen, wie sich ihr
(jeweils unterschiedlicher) Begriff der „wahren Philosophie“ historisch realisiert hat.
Die Historik sucht das Allgemeine, die Strukturmerkmale, in der Geschichte und
konzentriert sich so auf das empirisch Gegebene, an dem sich historische
Erzählung bewähren muss. Geschichtsschreibung ist so ein verstehendes
Anschauen des mit wissenschaftlichen Mitteln Freigelegten. Zugleich wird
Philosophie notwendig auch ein Verstehen der Geschichte, so Friedrich
Schleiermacher: