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Das Bleibende[Bearbeiten 

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Die Geschichte der Philosophie kann auch in Hinblick auf die bleibenden Einsichten großer
Philosophen betrachtet werden. Bei allen finden sich Beiträge, die von ihren Nachfolgern verworfen
wurden und dennoch hat ihr Denken Einfluss auf alle Epigonen. Diese Auffassung hat zum
Beispiel Leibniz vertreten: „Es zeigt sich nämlich sowohl, dass die reformierte Philosophie mit der
aristotelischen sich versöhnen kann, und ihr nicht entgegengesetzt ist, als auch weiter, dass die eine
durch die andere nicht nur erklärt werden kann, sondern auch muss. Ja sogar die Prinzipien selbst,
die von Erneuerern so prahlend ausgeworfen worden sind, kommen aus den Prinzipien des
Aristoteles. Die erste Weise verschafft die Möglichkeit der Versöhnung und die letzte deren
Notwendigkeit.“[115]
Eine solche Skizze findet sich auch bei Friedrich Adolf Trendelenburg:
„Plato’s Ideenlehre ist gefallen, sofern sie das Allgemeine in einem regungslosen Urbilde
isolirte, und hat dem schöpferischen, individuellen Begriff des Aristoteles das Feld geräumt.
Aber Plato’s künstlerische Anschauung der Welt, Plato’s gedankenerregende Kunst und jene
Gesinnung, welche die Erkenntnis verklärt, ist für alle Zeiten geblieben. Spinozas großartige,
aber mathematisch starre Ansicht der Einen Substanz und seine geometrischen
Demonstrationen sind einer lebendigeren ‚Auffassung’ und einer entwickelnden Methode
gewichen. Aber sein in dem System auf die Einheit gerichteter Blick bleibt ein großes
Vorbild, und manche Partien seiner Schriften, z. B. seine einfache Darstellung der
Leidenschaften, behalten für die Wissenschaft ihre Bedeutung. Kants kritische Ergebnisse
werden aufgegeben und die Erkenntnis verzweifelt nicht mehr an dem Ding an sich. Aber es
bleibt die Weise, wie er die letzten Probleme stellte, ein Vorbild. Und es bleiben die
scharfsinnigen Behandlungen, mit denen Kant einzelne Begriffe wie mit dem Blitze des
Geistes beleuchtete, z. B. die Untersuchung des Zweckbegriffs, des Dynamischen, des
Eudaemonismus, ein Eigenthum der Wissenschaft. Fichte's weltschaffende That des Ich ist
verklungen; aber der in sich gegründete Charakter des Geistes steht als ein selbsterrichtetes
Denkmal da und wird immerdar jeden Beschauenden auf die eigene Kraft und Würde
verweisen. Schellings Constructionen der intellectualen Anschauung sind in ihm selbst einer
positiveren Betrachtung gewichen; aber der Schwung seiner Gedanken und die
künstlerische Schönheit seiner Darstellung ist dazu bestimmt, das Leben der gesamten
Erkenntnis immer wieder zu erneuern, wenn es bald von der Masse des Einzelnen zu
ersticken, bald vor spitzfindigen Abstraktionen zu vertrocknen droht. Auf dieselbe Weise wird
sich auch in Hegels System Vergängliches und bleibendes scheiden. Zwar ist die
dialektische Methode die einförmige Verpuppung aller seiner Gedanken; aber der freiere
Geist, der darin ist, wird das Gespinst zerreissen und die Form überdauern.“[116]
Ganz ähnliche Betrachtungen stellte Nicolai Hartmann an. Jeder Systemdenker ist auf seine
eigenen Grundgedanken fixiert und übersieht dabei, dass er zum Gesamtertrag der Philosophie
einen Beitrag leistet, durch den der Erkenntnis ein weiterer Baustein hinzugefügt wird. „Weder
Heraklit noch Parmenides hatten im Ganzen recht, aber beide sahen einen Teil der Wahrheit,
die sich erhalten hat. Demokrit und Platon lehrten Entgegengesetztes, Atome haben keine
Ähnlichkeit mit Ideen; aber beide suchen nach den λόγοι [logoi = Vernunftprinzipien] und beide
fanden sie im gleichen Rückschluß auf die Voraussetzungen. Thomas und Duns suchten das
Prinzip der Individuation in durchaus entgegengesetzter Richtung; aber was sie fanden, ähnelte
sich trotzdem – die qualitativ bestimmte Materie und die hochdifferenzierte Form (materia
signata [bestimmter Stoff] und haecceitas [Diesheit]) –, beides ergänzt sich ohne Zwang; aber
weder sie selbst noch ihre Nachfolger haben das erkannt. Locke und Leibniz sahen je eine Seite
des Erkenntnisgefüges; sie setzten sich ins Unrecht, indem sie zu extremen Konsequenzen –
zum absoluten Sensualismus und zum absoluten Apriorismus – fortschritten; diese
Konsequenzen lagen in unheilbarem Widerstreit. Was aber der eine wie der andere ursprünglich
gesehen, vertrug sich nicht nur, sondern hat sich hernach – bei Kant – als miteinander und
durcheinander möglich erwiesen. Man kann hier auch noch das Beispiel Hegels
und Schopenhauers anführen, die beide einen einheitlichen Weltgrund meinten; der eine als
absolute Vernunft, der andere als absolute Unvernunft; doch hier ist die Höhe der Spekulation
zu groß und die Ungleichwertigkeit der Durchführung zu auffallend, um ein einheitliches Bild zu
ergeben. Immerhin aber dürfte der aufweisbare Sinngehalt der wirklichen Welt auf einer
mittleren Linie zwischen den Extremen liegen.“[117]
Einen Fortschritt in der philosophischen Entwicklung, ein jeweils verbessertes Niveau der
Einsichten, aber ohne die Erwartung eines Abschlusses dieses Prozesses sieht Nicholas
Rescher: „Alte Doktrinen in der Philosophie sterben nie aus; sie treten lediglich in neuer
Aufmachung wieder auf. Sie werden lediglich zunehmend komplexer und raffinierter, um den
Anforderungen durch neue Bedingungen und Umstände gerecht zu werden. Im Laufe des
dialektischen Fortschritts der philosophischen Entwicklung werden ständig komplexere Fragen,
verfeinerte Begriffe und subtilere Unterscheidungen eingeführt. Indem neue Theorien eingeführt
werden, um die aporetischen Inkonsistenzen vorheriger Festlegungen zu lösen, kommt es nicht
nur zu einem zunehmenden Raffinement in der begrifflichen Maschinerie, sondern auch zu einer
fortlaufenden Erweiterung des Problemhorizonts der jeweiligen umstrittenen Doktrin.“[118]

Die Anfänge der Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Zur Bestimmung der Ursprünge der Philosophie gibt es eine Reihe von Theorien, die jeweils
auch von dem abhängen, was als Philosophie bestimmt wird. Der Doxograf Diogenes
Laertios schreibt dazu im 3. Jahrhundert v. Chr.: „Nach der Meinung einiger hat die Philosophie
bei den Ungriechen ihren Ursprung genommen, denn die Perser hatten ihre Magier, die
Babylonier und Assyrer ihre Chaldäer, und die Inder ihre Gymnosofisten. Bei den Kelten und
Galliern waren die sogenannten Druiden und Semnotheen, wie Aristoteles und Sotin […] sagen.
Überdem wird noch der Föniker Ochus, der Thraker Zamolxis und der Libyer Atlas genannt. Die
Aegypter nennen Hefästus, einen Sohn des Nils, als Schöpfer der Philosophie, deren Lehrer
ihre Priester und Profeten sind.“[119] Schon Aristoteles zählte Thales zu den ersten, „welche vor
uns das Seiende erforscht und über die Wahrheit philosophiert haben (philosophêsantes peri tês
alêtheias)“.[120]
In den Darstellungen zur abendländischen Philosophiegeschichte wird der Anfang der
Philosophie üblicherweise in der Naturphilosophie der griechischen Kolonien um 600-500 v. Chr.
gesehen. Diese Zeit wird als „Übergang vom Mythos zum Logos“ beschrieben.[121] Man suchte
die Erklärung für die Phänomene der Welt nicht mehr in willkürlichen Handlungen der Götter –
wie etwa in der Astronomie Mesopotamiens –, sondern in Gesetzen und Mechanismen, mit
denen man Ereignisse vorherbestimmen kann. Als wichtiges Ereignis in diesem Sinn wird die
Vorhersage einer Sonnenfinsternis durch Thales von Milet im Jahr 585 v. Chr. gesehen.[122]
Hegel entwickelte um 1805 eine Theorie, nach der es eine Denkentwicklung gibt, die von
despotischen asiatischen Staaten, insbesondere von China über Indien nach Persien sowie im
Weiteren fortschreitet zu den aristokratischen Gesellschaften Griechenlands und des römischen
Reichs und schließlich in den modernen Verfassungsstaaten des Abendlandes endet. Die
Philosophiegeschichte wird bei ihm zu einer Fortschrittsgeschichte der zunehmenden
Selbstentfaltung des Denkens und daraus resultierend der zunehmenden Freiheit des
Einzelnen.[123]
Karl Jaspers meinte zur Frage des Anfangs: „Die Geschichte der Philosophie als methodisches
Denken hat ihre Anfänge vor zweieinhalb Jahrtausenden, als mythisches Denken aber viel
früher.“[124] Jaspers unterscheidet zwischen historischen Anfängen und den Ursprüngen der
Philosophie. Zu den Ursprüngen zählt er Staunen, Zweifel sowie das Bewusstsein der
Verlorenheit, das auf der Kontingenz der Welt und den dadurch
hervorgerufenen Grenzsituationen beruht.[125] Im Gegensatz zu Hegel sah er in
der Achsenzeit eine in verschiedenen Kulturkreisen in etwa gleichzeitig entstandene
Aufbruchbewegung, die eine „Vergeistigung“ der menschlichen Kultur zur Folge hatte.
Die moderne interkulturelle Philosophie geht über Jaspers hinaus und betont die zu allen Zeiten
gegebene Verflechtung des Denkens zwischen den Kulturkreisen, so dass eine Unterscheidung
zwischen okzidentaler und orientaler Philosophie, wie sie Jaspers noch getroffen hatte, als
überholt gilt. Heinz Kimmerle zählt Philosophieren ebenso wie die Kunst zu den eigentümlichen
Attributen der Menschheit, die von der jeweiligen ku