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Psychologische Besonderheiten der Kardiochirurgischen Patienten.

Die Herzerkrankungen werden unter anderem als Antwort auf einen starken
dauerhaften Stress gesehen. Im Laufe der Zeit entwickeln sie sich selbst zu
einem Stressor und schließen den Kreis, aus dem es keinen andren Weg geben
kann, als zu einer Herzoperation. Und damit wird der Patient wieder in eine
Stresssituation gebracht. Wie fühlt sich der Mensch und was denkt er, wie
handelt er schließlich unter diesen Umständen? Auf diese Fragen versuchen wir
zu antworten, in dem wir die psychologischen Besonderheiten der
kardiochirurgischen Patienten unter die Lupe nehmen wollen.

Alle Patienten, die in die Herzchirurgie aufgenommen werden, können auf den
ersten Blick in 3 Kategorien aufgeteilt werden:

1. die ängstlichen, im panischen Zustand, die am liebsten wegrennen


würden;

2. die fröhlichen, zufriedenen, dass sie es endlich erreicht haben,


aufgenommen zu werden und am liebsten gleich operiert werden wollen;

3. und die geistig abwesenden, denen schon alles egal ist, Hauptsache, es
passiert was, was ihnen endlich gut tut.

Die letzten in dieser Liste bezeichnen die Mediziner als Notfälle. Sie kommen in
einem gesundheitlich sehr schweren Zustand. Ihre ganzen Gedanken und
Gefühle sind auf den Schmerz konzentriert und sind des Öfteren mit Wut und
Zorn auf sich selbst, die ganze Welt und insbesondere auf die unfähigen Ärzte
gepaart. Als Regel haben diese Patienten einen langen erfolglosen Aufenthalt in
anderen Krankenhäusern hinter sich, sind erschöpft von den medizinischen
Einrichtungen, Prozeduren und Personal. Eigentlich sind sie fast entschlossen zu
sterben, aber dann bitte schön zu Hause in den eigenen vier Wänden. Die
Überweisung in die Herzchirurgie empfinden sie nicht als rettende Möglichkeit,
wieder ins normale Leben zu kommen, sondern als noch eine ausgeklügelte Art
der Verspottung der eigenen Person. Solche Patienten sind meistens
verschlossen und lassen keinen an sich ran, denn sie sind zutiefst enttäuscht von
dem ganzen bisherigen Ablauf der Behandlung und der Tatsache, dass ihnen
wirklich nichts erspart bleiben kann und nur das Schlimmste, das Grausamste,
was man sich vorstellen kann, als der letzte Rettungsring angeboten wird. Ob das
noch was bringt? Das ist die Frage, die vor allem im Kopf rumschwirrt. Meistens
unter dem Druck der nächsten Verwandten willigen sie die Operation ein,
pessimistisch und ungläubig in Bezug auf den Erfolg der chirurgischen
Intervention. Dafür ist das Leiden zu groß und dauert zu lange. Die Bereitschaft
gesund zu werden, die Hoffnung, alles positiv zu überstehen, und der Glaube an
sich selbst sind einfach zu niedrig, um die Persönlichkeit noch aufrecht zu
erhalten. Für solche Patienten sind die Anteilnahme und der Glaube der nächsten
Verwandten sowie des medizinischen Personals besonders wichtig. Die
Zuversicht in den Augen und in der Stimme des behandelnden Arztes, des
Anästhesisten, der Schwestern – das ist das einzige, was diesem Patienten noch

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helfen kann, die OP als letzte Hürde zu nehmen und zu überstehen. Die Hoffnung
stirbt zuletzt, und die sollte man kräftig unterstützen. Das ist das einzige, was ein
Psychologe bei solchen Notfällen machen kann, denn sie werden ja auf Grund
ihres Zustandes sehr schnell operiert und es bleibt keine Zeit für psychologische
Behandlung, außer einer Beratungsstunde, wenn der Zustand es erlaubt. Sonst
kann man nur Empathie schenken, Anteilnahme zeigen und ein paar
aufmunternde Worte sagen.

Die 2. Kategorie der Patienten freut sich darüber, dass sie die hohen Auflagen für
die Aufnahme in die Herzklinik erfüllt haben und nun endlich behandelt werden.
Sie sind moralisch darauf vorbereitet, haben sich informiert und positiv
eingestellt. Meistens haben sie auch viele ansträngende und schmerzhafte Gänge
zum Hauskardiologen hinter sich, mehrwöchige Krankenhausaufenthalte,
komplizierte und unangenehme Untersuchungen. Doch vor allem haben sie einen
wochenlangen, manchmal sogar monate- und jahrelangen Zweifel überwunden
und sich entschlossen, unters Messer zu legen. Nachdem sie nun in einem
meistens sehr schweren gesundheitlichen Zustand die notwendigen medizinisch-
bürokratischen Unterlagen alle beisammen hatten, mussten sie noch 10
Freiwillige finden und überzeugen, für sie eine Blutspende zu machen. Endlich
war auch das erledigt, endlich sind sie in ihrem Krankenzimmer und freuen sich
auf die OP. Sie kann gleich morgen stattfinden. Diese Patienten haben keine
Angst vor der Operation, sie haben ehe Angst, dass sie nicht operiert werden
oder dass es zu spät sein wird, sie werden es nicht erleben. Mit jedem Tag zu viel
auf der Station verflüchtigt ihre gute Laune, die Freude sinkt, der Frust kommt
und mit ihm auch die unangenehmen pessimistischen Gedanken: Was ist, wenn
es doch nicht so gut abläuft? Ob ich es überlebe? Ob ich danach noch laufen
kann? Je länger die Wartezeit, umso stärker die Angst und die Depression. Solche
Patienten müssen beobachtet werden und spätestens eine Woche, nach ihrer
Aufnahme sollten sie psychologische Unterstützung bekommen. Am nötigsten
haben sie es dann, wenn alle ihre Zimmergenossen schon operiert wurden und
sie immer noch nicht. Die Aufregung kommt aber erst, wenn der Tag der OP
bekannt gegeben wird. Dann vermischen sich die Gefühle der Freude mit denen
der Angst und Besorgnis. Nachdem ersten Gedanken „Na, endlich!“ kommt sofort
die Frage „Ob es noch nicht zu spät ist? Nutzt es noch was?“ und dann der
Zweifel „Ob ich mich danach wirklich besser fühlen werde? Wann kann ich wohl
wieder ein normales Leben führen?“ Da müsste der Psychologe den Beistand
leisten. Wenn er am Anfang nicht erwünscht war, denn der Patient behauptete, er
habe keine Angst und er brauche keinen Psychologen. So freut er sich umso
mehr über die Möglichkeit eines Gesprächs, wo er seine Sorgen und Ängste
aussprechen kann. Meistens fühlt er sich danach viel besser, aber die verdrängte
Angst kann er nicht ganz überwinden. Denn die Zeit vor der OP ist nun knapp.

Die erste Gruppe der Patienten kommt meistens überraschend schnell zu einer
Operation, d.h. die Diagnose und die Überweisung kommen für sie wie aus dem
heiteren Himmel und sie konnten sich noch nicht mit der Idee befreunden, dass
die OP die beste Lösung ist. Natürlich verstehen sie, dass es so weiter nicht mehr
gehen kann, aber es gibt noch einen Funken Hoffnung, dass es alles nur ein

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schlechter Traum ist. Sie können kaum glauben, dass sie hier gelandet sind.
Diese Patienten möchten am liebsten weg. Die OP ist für sie das Schlimmste und
Schrecklichste, was es gibt. Sie fühlen sich ausgeliefert, zum Schafott oder
Scheiterhaufen geschickt, das Leben wird in diesem OP-Saal sein Ende nehmen
und sie können keinen Einfluss nehmen, nichts ändern oder unternehmen. Die
erste Woche ist eine Tortur. Man fühlt sich ausgesetzt auf einer Insel der
Kranken, zu denen man nicht gehört, aber doch aus irgendeinem Grunde
zugeschrieben wurde. Man glaubt selber nicht, was man alles machen muss,
macht es aber trotzdem mit, lebt sich allmählich in den Alltag der Station ein und
schließt neue Kontakte und Freundschaften. Man sieht die anderen Patienten
nach der Operation im Flur spazieren gehen, keuchend, schleppend, sich an die
Brust haltend, aber lebendig und mit jedem Tag immer munterer, und in 2
Wochen ist man schon so weit, dass die OP gar keine schlechte Idee war.
„Vielleicht auch besser so, wenn auch ich in 10 Tagen danach nach Hause gehen
kann und mein Leben wie immer, nein, viel besser als bisher führen kann.“ Mit
jedem Tag fassen solche Patienten immer mehr Mut und überwinden ihre Angst
und Depression, ersetzen sie mit den positiven Gedanken an die Zukunft und
bauen Pläne für die Zeit danach. Mit ein wenig psychologischer Unterstützung
kommen sie leicht hinweg über die Aufregung, die natürlich auch in diesem Fall
direkt vor der Operation entsteht, aber mit weniger Zweifel verbunden ist als in
der 2. Kategorie der Patienten.